UnterkaktimgMntt »ur ^Ängsliiirger Postzeilmig." Nr. 100. Samstag, 15. December 1883. Der Gpalririg. Roman aus dem Englischen von E. C. (Fortsetzung.) Fünfunddreitz igstes Eapiret. Bertha raffte all' ihren Muth zusammen, um der armen Mutter die schreckliche Nachricht mitzutheilen. Sie war daher nicht wenig erstaunt, Mrs. Dalton ganz vergnügt anzmreffen, obgleich sie bereits von Allem in Kenntniß gesetzt war. Die Zeit, welche ihr nach dem Besuche Sir Stephan's bis zur Zurückkauft ihrer Töchter blieb, hatte sie zu reiflichem Nachdenken benutzt und sich die ganze Angelegenheit gemüthlich nach ihrem Geschmacke zurccht gelegt. „Die Hochzeit brauchte nur einige Wochen hinausgeschoben zu werden", meinte sie. „Es ist wirklich eine Fügung der Vorsehung, das; Alles so gekommen. Bei dem ersten Mr. Faucourt wäre Lena als vernünftiges Mädchen genöthigt gewesen, die Mängel ihres Gatten zu übersehen, aber jetzt ist an dem Manne selbst ebenso wenig auszusetzen wie an seiner Stellung und beides vereinigt ist natürlich vorzuziehen." Und dann besann sie sich auf die Entschnldignngsgrnnde, w^he sie ihren Bekannten über die Verzögerung der Hochzeit und den Wechsel des Bräutigams anführen könne. Freilich war es ein wenig beschämend, eingcstehcn zu müssen, daß der frühere Schwiegersohn, mit dem sie so paradirt, ein Betrüger sei, aber ihren intimsten Freunden konnte sie ja anvertrauen, wie sie im letzten Momente entdeckt, daß ihre theure Lena St. Lawrence liebe — dadurch wäre ja Alles entschuldigt. Schade, daß sie es nicht schon erfahren, ehe sie das Frühstück bestellt und nun fing sie an auszurechnen, wie lange sich wohl der Hochzeitsknchcn aufheben lasse und ob er nicht schließlich doch noch demselben Zwecke dienen könne. Von diesen Entschließungen sagte sie jedoch Bertha nichts, da es fraglich erschien, wie die sie aufnehmen werde. „Bertha hat so sonderbare Ideen", sagte sie bei sich und deshalb gab sie ihrer Tochter nur durch Andeutungen zu verstehen, daß sie eine wunderbare Entdeckung gemacht und Alles in Nichtigkeit sei. „Du wirst nie errathen, wer der richtige Erbe ist; ich will rasch hinaufgehen und es Lena sagen. Wie glücklich wird sie darüber sein!" Sie eilte aus dem Zimmer, ohne Bertha's Warnung zu beachten, daß Lena sehr angegriffen sei. „Ich weiß schon, mein Kind", erwiderte sie vergnügt nickend, „das wird schon bald vorübergehen." Und fort war sie. Bertha, welche nicht im mindesten verstand, worauf ihre Mutter anspielte, blieb bestürzt allein. Nach nicht allzu langer Zeit kam Mrs. Dalton fassungslos und ganz verwirrt die Treppe herunter und rief: „Was fehlt nur der Lena? Ich glaubte, meine Neuigkeit werde sie vollständig wiederherstellen nud glücklich machen; anstatt dessen sitzt sie wie eine Statue vor dem Feuer und sagt kein Wort. Ich weis; nicht einmal, ob sie mich wirklich verstanden hat. Willst Du nicht zu ihr hingehen, Bertha; vielleicht spricht sie mit Dir." Bertha stürzte hinauf und fand ihre Schwester, einem Marmorbilde ähnlich, am Kamin sitzen. Sie kniete vor ihr nieder und ihr in's Gesicht blickend, gewahrte sie den Ausdruck solch' grenzenloser Verzweiflung, daß sie entsetzt zurückfuhr. Sie ergriff die kalte Hand der Schwester und sagte: „Meine liebe Lena, ich weiß, wie hart der Schlag ist, der Dich getroffen, aber ich bitte Dich, suche Dich zu beruhigen, der Mensch ist nicht werth, daß Du Dich so härmst." Noch immer sprach Lena nicht; Bertha's Liebkosungen und Bitten waren vergeblich, sie erhielt keine Antwort. Die alte Martha erschien mit einer Tasse Thee und einem Kuchen, den sie eigens für ihre jungen Damen gebacken. Da sie kein Mittagessen gehabt, gab sich Bertha alle erdenkliche Mühe, Lena zu bereden, etwas zu sich zu nehmen. — Diese schüttelte den Kopf, sie konnte nicht schlucken. Nur eine Tasse Thee trank sie und ließ sich dann von ihrer Schwester und Martha zu Bette bringen. Tiefsenfzend legte sie ihren Kopf auf's Kissen und wandte das Gesicht der Wand zu. Bertha setzte sich an den Kamin; sie wollte Lena nicht allein lassen, ogleich noch Vieles zu besorgen war. Die geladenen Gäste mußten znrückbestellt und die Vorbereitungen Zur Hochzeit gänzlich beseitigt werden, damit morgen nichts mehr dem Auge der Schwester begegne. Ungefähr eine Stunde saß sie dort, als sie das Herannahen eines Besuchers zu vernehmen glaubte. Ihre Gedanken hatten sich natürlich mit St. Lawrence beschäftigt, sie sehnte sich nach ihm, sie verlangte darnach, ihm Alles anzuvertrauen, sie bedurfte seines Rathes, seiner kräftigen Stütze. Die feste Zuversicht tröstete sie, daß ihre Mutter jetzt St. Lawrence, den sie ja immer gern gehabt, willig aufnehmen werde, da der angebliche Mr. Fanconrt entlarvt war. Sie wird nichts mehr von dem glauben, was dieser Schurke gegen ihn geäußert hat, und später können wir noch alle miteinander glücklich werden, wenn die arme Lena den ersten Schrecken überwunden und eingesehen hat, welchem Unglück sie entronnen. Auf Reichthum braucht wohl keiner von uns zu rechnen, aber was liegt daran?" Diese Träumereien wurden durch Martha unterbrochen, welche ihr mit geheimnißvoller Miene zuflüsterte: „In dem Eßzimmer ist Jemand, der Sie zu sprechen wünscht, liebe Miß Bertha. Bitte, gehen Sie, ich bleibe so lang bei Miß Lena." Bertha eilte mit klopfendem Herzen die Stiegen hinunter. Um das Eßzimmer zu erreichen, mußte sie dnrch's Frühstückzimmcr gehen — dort blieb sie stehen, sie ward verlegen und schämte sich, St. Lawrence ihre Freude über sein Erscheinen zu zeigen. Hatte sie ihn doch seit dem Tage, wo sie ihm ihre Treue gelobt, nicht mehr wieder gesehen. Sie zögerte noch einige Augenblicke, um ihr stürmisches Herz znr Ruhe zu bringen. Aber das Ohr eines liebenden ist scharf. St. Lawrence hatte ihren leichten Schritt, vielleicht sogar den leisen Seufzer vernommen und ehe sie selbst recht wußte, wie es geschehen, fand sie sich in seinen Armen wieder. „Mein liebes, süßes Herzt" sagte er zärtlich. „Ist es nicht traurig, daß ich Dich nicht auffordern darf, Theil an meinem Glücke zu nehmen, tvcil ich weiß, welcher Art Deine Gefühle in Betreff der armen Lena sind?" „So hast Du schon gehört, was sich ereignet hat?" frug Bertha sich sanft von ihm losmachend. ^Gehört?" lautete seine erstaunte Frage. „Ja, ich meine, ob Du schon weißt, daß der Mensch, welcher sich Fanconrt 805 nannte, ein Schwindler oder noch etwas Schlimmeres ist. Sir Stephan Langlcy war hier und theilte es der Mama mit." „Ist das Alles, Bertha? Sagte Sir Stephan nichts weiter?" frug er lächelnd in ihr besorgtes Antlitz blickend. „Noch mehr?" rief sie erschreckt aus. „Gibt es noch mehr zu hören?" „Schaue mich an, Gcliebtestc! Schau mich an! Sehe ich wohl aus, als ob das „Mehr" so sehr schrecklich und erregend sei." Bei diesen Worten zog er sie von Neuem in seine Arme. Bertha erhob die Augen zum Gesichte ihres Bräutigams. Lebhaftes Noth verbreitete sich über ihre Wangen, indem sie eifrigst sagte: „Es ist etwas, was Dich persönlich betrifft. Das Geheimniß, wovon Du mir sagtest, ist es zu Ende?" „Ja, mein holdes Lieb, für immer und ewig zu Ende. Erzählte Sir Stephan Deiner Mutter nicht, daß Lord Alphington den wirklichen Erben aufgefunden habe?" „Ich weiß es nicht, Mama sagte mir nichts davon; wahrscheinlich hat sie es nicht verstanden." „Und doch ist es nicht schwer zu begreifen. Eustace Sedley ist mein Vetter. Den Zufall, daß er meinen Namen trägt, in gleichem Alter mit mir ist, und' meine Vergangenheit kennt, benutzte er dazu, sich unrechtmäßiger Weise meine Rechte anzueignen. Dein alter Bekannter aus dem Omnibusse stahl mir aus seine Veranlassung die Beweise meiner Geburt, welche ich mit nach England gebracht hatte. Und nun ist es Eustace Fanconrt, der Dich bittet, das Versprechen zu erneuern, welches Du Eustace St. Lawrence gegeben hast; er ist zu Dir gekommen, um den Schwur de^Treue zu wiederholen, den Du von dein armen Landschaftsmaler in Empfang genommen." Bertha schaute ihren Verlobten groß an und erbleichte. Er führte sie zu einem Stuhle, kniete vor ihr nieder und ergriff ihre beiden Hände: „Meine theuerste Bertha, was ist Dir? Was befürchtest Du?" Aber statt aller Antwort lehnte sie den Kopf an seine Schulter und brach in Thränen aus. Die vielen und heftigen Gemüthsbewegungen der letzten vierundzwanzig Stunden, waren zu viel für sie gewesen und nun verließ sie die Kraft, bei diesem plötzlichen unerwarteten Glück. Ihres Geliebten wegen freute sie sich, dem Einflüsse, den diese Veränderung auf sie ausüben werde, schenkte sie keinen Gedanken. St. Lawrence suchte sie mit den zärtlichsten Worten zu beruhigen und stellte ihr vor, wie freudig Lord Alphington sie in seinen: Hause willkommen heiße. Dann malte er ihr aus, wie sie beide vereint Alles aufbieten wollten, ihm sein Alter zu versüßen, bis Bertha aufblickte und ihn durch die Thränen anlächelte. Allmählich tauchte eine Erinnerung nach der anderen in ihrem Geiste auf. Purpurröthe stieg bis zu ihrer Stirn hinauf und ihr Antlitz an seine Brust verbergend, rief sie aus: „Und ich erzählte Dir die Prophczeihnng über den Ring! Aber ich ahnte dies wirklich nicht!" „Nein, das thatest Du nicht; aber ich wußte es", erwiderte er lächelnd. „Damals hatte ich freilich nicht die leiseste Hoffnung, daß sie je in Erfüllung gehen werde, denn ich wähnte, Du würdest Douglas glücklich machen und nicht mich." Sie waren so sehr mit sich beschäftigt, daß sie die sich nahenden Fußtritte überhörten, und ehe Bertha antworten konnte, wurde die Thüre geöffnet und Mrs. Dalton erschien in derselben. Ein Ausruf der Bestürzung entfuhr ihr, als sie St. Lawrence Hand in Hand mit Bertha da sitzen sah, Ersterer erhob sich und ging ihr entgegen, da sie wie versteinert stehen blieb. „Darf ich hoffen, daß das strenge Verbot aufgehoben ist, Dirs. Dalton? Wollen Sie mir zur Versöhnung die Hand reichen und eine Bitte, die ich an Sie richten werde, günstig aufnehmen?" „O, Mr. St. Lawrence — Mr. Faucourt meine ich — wie freue ich mich für Sie", antwortete die verwirrte Dame, endlich ihrer Sprache wieder mächtig. „Ich habe Sie immer gern gehabt und Mr. Fancourt — d. h. Mr. Scdley nie. Die arme, theure Lena, es ist eine wahre Erlösung für sie. Vermuthlich theilten Sie es eben Bertha mit." „Ja, sie wußte noch nicht, wie schmählich Sedlcy mich hintcrgangen. Habe ich Sie recht verstanden? Sieht Miß Dalton die Auflösung ihrer Verlobung von diesem Gesichtspunkte an? Diese Nachricht freut mich von Herzen." „Das glaube ich Ihnen gern", bestätigte Mrs. Dalton und ließ sich auf den Stuhl, von welchem Bertha sich erhoben, nieder. „Sie werden Lena leider für heute Abend entschuldigen müssen, da sie sehr angegriffen ist und sich zur Ruhe begeben hat." „Eustace bat, Miß Dalton seinetwegen nicht stören zu wollen — es befremdete ihn, wie man annehmen könne, er wünsche sie zu sprechen. Bertha benutzte diese Gelegenheit und schlüpfte aus dem Zimmer. Ihre Mutter fühlte sich durch den kühlen Ton des jungen Mannes einigermaßen entnüchtcrt. Sie hatte erwartet, ihn bei dem Gedanken, Lena sei wieder frei, außer sich vor Entzücken zu finden. Unbehaglich und nicht recht wissend, was sie sagen solle, begann sie ihrer Gewohnheit gemäß die Falten des Kleides glatt zu streichen. „Es war meine Absicht, Sie heute um eine Unterredung zu bitten, Mrs. Dalton", hub St. Lawrence, vor ihr stehen bleibend, an. „Jetzt kommt es", dachte sie, ihre Hände auf dem Schooße faltend und sich räuspernd, um mit geziemender Würde zuhören zu können. „Ich liebe Ihre Tochter schon lange", fuhr er fort, für den Augenblick vollständig vergessend, daß außer Bertha noch sonst Jemand auf der Welt sei, „und ich bin stolz darauf, sagen zu können, daß ich die Versicherung ihrer Gegenliebe erhalten habe. Ihrer Zustimmung bedarf es noch, um mich zum glücklichsten der Menschen zu machen. Lord Alphington kennt und billigt meine Wahl." „Diese Mittheilung, Mr. St. Lawrence — Mr. Fancourt meine ich, macht mich äußerst glücklich, doch bin ich erstaunt zu hören, daß Sie von meiner Tochter das Geständniß der Gegenliebe schon in Empfang genommen haben und — und — wäre es nicht besser, noch einige Tage zu warten? Sie ist vielleicht kaum darauf vorbereitet — so plötzlich, wissen Sie." Erröthcnd hielt sie inne. Die Nachricht, St. Lawrence sei zu Titel und Reichthum gelangt, war von Lena nicht so freudig aufgenommen worden, wie ihre Mutter es erwartet — vielmehr hatte sie wie ein Bild der Verzweiflung ausgesehen und da St. Lawrence schon heute auf eine Antwort drängte, so war es fraglich, wie Lena seine Werbung aufnehmen werde. „Sie müssen es der Ungeduld eines Liebenden verzeihen, verehrte Frau", erwiderte er lächelnd. „Wie hätte ich von Bertha fern bleiben können und zugeben, daß sie von Andern erfuhr, was sich ereignete." Mrs. Dalton blickte ihn abermals verwirrt an. „Es ist sehr freundlich von Ihnen, an Bertha zu denken. Sie ist ein liebes, gutes Mädchen, obschon sie ihrer Schwester nicht gleicht." „Nein, Gott sei Dank nicht", war das heimliche Stoßgebet und laut fuhr er fort: „So habe ich also Ihre Einwilligung. Sie wollen mich zu Ihrem Sohne annehmen und alle Zweifel sind gehoben?" „Zweifel? O, deren gibt es keine mehr. Meiner Ueberzeugung nach hätte es gar nicht besser kommen können. Nicht wahr, Sie finden doch auch, daß die Hochzeit nicht lange aufgeschoben zu werden braucht!" „Gewiß, weshalb sollte es nöthig sein. Nehmen Sie meinen besten Dank, verehrte Mrs. Dalton. Lord Alphington bat mich, Ihnen zu sagen, er werde Sie noch 807 Vor seiner Abreise besuchen. Ich soll ihn nach Alphington Park begleiten, hoffe jedoch, daß unser Aufenthalt in London noch um einige Tage verlängert wird." Er reichte Mrs. Dalton die Hand und da Bertha nicht mehr erschien, empfahl er sich mit dein Bemerken, daß er Morgen früh wieder vorsprechen werde. (Schluß folgt.) Der deutsche Wandertrieb. An der Hand der Geschichte und ihrer geistigen Erzeugnisse läßt sich der Nachweis führen, daß fast alle Nationen eine Wanderperiode hinter sich haben, bevor sie sich auf der Scholle niederlassen, auf welcher sie ihrer geschichtlichen Entwickelung ent- gegengereift. So hat die griechische Geschichte ihre dorische Wanderung, so beginnt die römische Geschichte mit den Irrfahrten des Acueas, dem Gegenstück der Abenteuer des Odhsscus; so stehen an der Schwelle der Geschichte des heiligen Volkes die vierzig Jahre der Wanderung in der Wüste und selbst in den Geschichten der ostasiatischcn Völker kommen in den Jngcndepochcn Jahre der Wanderung, wie bei den einzelnen Menschen, beispielsweise Arndt, Iahn, Senme Stein, Herder n> A. —; aber ein derartiges Jahrhunderte langes Wandern, wie bei den germanischen Völkcrstämmcn, so daß die halbe Welt dadurch erschüttert wird, treffen wir nirgends mehr an. Es hängt dies zusammen mit dem innerlichen Wanderzngc, der das tiefiuuerste Wesen unseres Volkes ausmacht. Er wird bei Vielen zur Flucht in die Stille und aus der Dampswolken-Atmo- sphäre heraus, um reine Lnfr zu athmen und an dem grünen Kleide der Natur das Auge bei ungetrübterem Sonnenlichte zu weiden. Er regt sich bei den fröhlichen Tnrnfahrtcn der Jugend; er regt sich bei dem poetischen Zngastcgehen des Studenten von Familie zu Familie, von Onkel zu Onkel; er thut sich kund in den frohen Liedern des Wanderburschen mit dem Stäbe in der Hand und in dem Jubel der heimziehenden Scholaren, wenn die großen Ferien beginnen. Das innerlich Treibende bei all' diesen Erscheinungen ist, wenn auch oft unbewußt, die deutsche Wanderlust und die Romantik deutscher Naturliebe. Wer hat sich nicht gefreut an der Verherrlichung dieser großartigen Wanderzügc in der Frilhjofssage, die der Schwede Tcgner so wunderschön poetisch bearbeitet und der deutsche Mohnickc so schön in unsere Muttersprache übertragen hat! Das Meer ist des Witingcr's wahre, dauernde Hcimath, das Meerschiff sein fortbranscnder Drache. Es schwimmt in angeborener germanischer Wanderlust des Wikinger auf dem blauen, schäumenden Meere hahiu, von Küste zu Küste. Immer muß es von ihm heißen: „Hin zu den blauen Meercswogcn, aia, auf, mein Drache gut! Bade Dir die Brust, die schwarze, wieder in der salz'gen Flulh! Schwing' die Flügel in den Wolken, zischend reiß die Wellen auf! Flieg', so weit die Dlerne leiten, als Dich trägt der Wogen Lauf! Laß' mich hören Sturmesbransen, Donncrschall sei meine Lust; Wenn Getöse mich umlärmet, bann ist's still in meiner Brust!" Diese Wanderlust ist auch zum Theile mit der Schlüssel, welcher uns so manche der seltsamen und folgenreichen Ereignisse und Institutionen des mittelalterlichen Lebens erschließt. Die immer neuen Nömerznge der deutschen Kaiser in's Land, wo die Citronen blühen; die Wanderfahrten der Hansa bis zu Tieflands fernen Küsten; die wunderbaren, Jahrhunderte lang andauernden Pilgcrzüge der Kreuzfahrer in das heilige Land mit seinen denkwürdigen Stätten, und als Kehrseite dieser großartigen Gcrmanenzüge alle die „fahrenden" Leute des Mittelaltcrs: fahrende Ritter, fahrende Mönche, fahrende Sänger, Schüler, Gauner, die das Land vagabundirend durchschwärmten, bis herab zum Till Enlcnspiegcl und all' den Handwerksbnrscheu, die ordnungsmäßig nach den Regeln der Zunft eine Zeit laug wandern mußten: es hat das im tiefsten Grunde alles seine Entstehung und findet seine Erklärung in dem Wandertriebe des deutschen Geistes, der auch dem Repräsentanten deuischcu Volksthums, dem hehrcu Siegfried, iunewohnte, und von dem der Dichter sagt: „Wollt rosten nicht in VatcrS Hn»S, Wollt wandern in alle Welt hinaus!" Wer aber die Poesie des Reifens und Wandcrns genießen will, der darf sich nicht dein Dampfroß anvertrauen, der muß im eigentlichsten Sinne des Wortes wandern, und zwar womöglich allein. Nicht dem Touristen modernen Zuschnitts, nur dem schlichten Wanderer nach altdeutschem Branche erschließt sich die Wnnderwclt draußen; nur ihm pochen Andacht und Liebe bei seinem Wandern an's Herz, in ihrer stillen Weise, bis sich's erschließt und bis die Liebe überfließt von lautem, jubelndem Preise. Man kann nur von Herzen wünschen, daß alles Wandern ein deutsches Wandern seilt möge, ein Wandern, verklärt durch deutsche Gemüthsticsc, die in aller Naturschönheit nur den Saum des Kleides des Schöpfers bewundert, des Schöpfers, aus dessen Odem hcrströmt die reinste und ursprünglichste Fülle aller Poesie. Möge allen, Jungen und Alten, auch Denen, die mit vollen Masten in den Ocean schifften und auf mühsam gerettetem Boot dem Hafen zusteuern, der Quellpnnkt deutschen Gemüthslebcns im Innern frisch und gesund bleiben, aus dem der beseligende Schnsuchtstrieb in die Ferne immer neue Nahrung zieht. Und welches Wandern ist wohl das schönste und beliebteste? — Offenbar das Wandern zur lieben Heimath, wenn man wiederkehrt aus der Fremde, „das Haar bestäubt und das Antlitz verbrannt." „Es ist so schön, wenn vom fernen Strande Die Bahnen fuhren znni Hcimathlnndc, Wo der Rauch aufsteigt am cig'ncn Herd, lind die Kindheitswclt Dir ist ewig Werth." l)r. D. Ueber die Himmclserschcimmgcii am 27., 28. und 29. November läßt sich der Göttingcr Professor Klinkerfueß im „Hannovcr'schcn Kurier" folgendermaßen aus: Die wahrscheinlichste Erklärung schien mir die durch ein Zodiakallicht, das heißt durch eine im Welträume schwebende Wolke von Meteorsteinen, gleichsam von Weltcnstanb zu sein, der, von der Sonne erleuchtet, durch einen gewissen Gesammteffckt uns sichtbar wird, ganz so, wie es bei dem Zimmcrstaube der Fall ist. Verschiedene Wahrnehmungen, die auf der hiesigen Sternwarte gemacht worden sind, haben mich noch in meiner Ansicht bestärkt. Zwar ist das Zodiakallicht oder Thierkreislicht (so genannt, weil es im Zodiakus oder Thicrkrcis erscheint) im November gewöhnlich nur am Morgcnhimmcl sichtbar, aber im December auch schon am Abcndhimmcl und erscheint nicht selten um diese Jahreszeit, nachdem es am Abendhimmcl sich gezeigt hat, in der Frühe auch am Morgenhimmcl, wie auch dies mal; der Monat December stand ja schon vor der Thür. In der Regel ist das Zodiakal- licht bei uns weißlich, aber der vor etwa zwei Jahren verstorbene Professor Heiß, der die darauf bezügliche Literatur gründlich kannte, bemerkte schon, es solle zuweilen auch gelblich und bei sehr klarer Luft sogar röthlich sein. Westphal, der in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts das Thierkrcislicht in Aegypten oft beobachtet hat, sagt davon, es habe dort immer das Aussehen eines entfernten Brandes. Das in Rede stehende Phänomen war diesmal von anderen merkwürdigen Erscheinungen begleitet, welche ganz geeignet sind, der vorhergehenden Erklärung einen festen Halt zu geben. Auffallend war da zunächst, daß während eines großen Theils der Nacht über den Himmel sich ein matter Lichtschimmer ausbreitete, von der Art, wie er schon im Kosmos erwähnt, am häufigsten aber in Verbindung mit Stcrnschnnppenfällen bemerkt wird, wie beispielsweise bei dem großen Sternschnuppenfall in der Nacht vom 13. auf den 14. November 1866, ebenso bei dem vom 27. November 1872, der bekanntlich durch den 809 Kometen von Biela veranlaßt wurde. Bei der ersteren Gelegenheit war es Professor Borgen, welcher anf die sonderbare Helligkeit des ganzen Himinelsgrnndes bei völliger Abwesenheit von Mondschein nnd Dämmcrnng anfmerksam machte. In der Beziehung war mir aber die größte Ueberraschung für die Nenjahrsnacht von 1872/73 aufbewahrt. Auch in dieser war ein solches Dämmerlicht über den ganzen Himmel verbreitet, und ich sah mich deshalb zu der Bemerkung veranlaßt: „Da sollte man ja wohl einen Sternschnnppcnfall erwarten", aber ein solcher schien nicht kommen zu wollen; weiteres Warten wurde als hoffnungslos aufgegeben. Man kann sich also meine Ucber- raschung denken, als mir ein Herr, dem ich noch gar keine Mittheilung von meiner Wahrnehmung gemacht hatte, erzählte, er sei des Morgens mit seiner Gattin von einer Feier zurückgekehrt und aus dem Wagen heraus sei um 6 Uhr ein Sternschnnppenfall zu beobachten gewesen, der an Glanz nnd Fülle dem vom 27. November 1872 kaum nachgegeben habe, aber von kürzerer Dauer gewesen sei. Aus den Antworten anf meine Fragen ging noch unzweideutig hervor, daß der sogenannte Radiant oder Ansstrahlungs- punkt im Sternbilde des großen Hundes gelegen haben müsse. In der That ist zwischen den Stenuen ä nnd - Oauis inagoris ein solcher Punkt bekannt. Das eben erwähnte Zusammentreffen von Hellem Himmclshintcrgrnnde mit Stcrn- schnuppenfällen kann aber gar nicht befremden. Denn nicht jedes Theilchcn Wcltenstaub (denen man ein durchschnittliches Gewicht von 8 § zuzuschreiben geneigt ist) gcräth in die Atmosphäre der Erde, wird glühend nnd also sclbstlenchtend, d. h. zur Sternschnuppe. Die weit größere Mehrzahl kommt der Erde nur nahe, aber nicht mit ihr in Berührung und verursacht, von der Sonne beschienen, einen Lichtschein, vergleichbar, wie gesagt, den Stanbthcilchcn, die in einem Zimmer schweben. So ist wahrscheinlich auch das Zodiakallicht, wenigstens in seinen Grnndzügen, wie ich demnächst ausführlicher nachzuweisen gedenke. Daß unser Phänomen gerade in die Tage fiel, in denen die Erde durch die Bahn des Kometen von Biela hindurchgeht oder ihr sehr nahe ist, erregte gleich anfangs meine Aufmerksamkeit. Damit dies Aehnliches verursacht, wie die beobachtete Erscheinung ist durchaus nicht erforderlich, daß der Komet selbst in der Nähe sei, es genügt vielmehr vollständig eine dichte Staubwolke in dem von dem Kometen bekanntlich gebildeten Sternschnnppen-Ning. Auch diesmal ist hier wieder das erwähnte diffuse Licht des Himmelshintergrnndcs aufgefallen. Sowie die Erde nnd die Stanbmasse sich von einander entfernen, mnß die erleuchtete Fläche kleiner werden, zugleich aber auch schärfer begrenzt, nnd sie muß in den ersten Tagen einem Punkte zustreben, der, eine Beziehung zum Kometen von Biela vorausgesetzt, wiederum l> Osntauri an der südlichen Halbkugel sein müßte. Es ist nun anf der Göttingcr Sternwarte folgende wcrkwürdige, vollkommen zu verbürgende Wahrnehmung gemacht worden. In der Nacht vom 29. anf den 30. November gegen 11^ Uhr bemerkte der Kalkulator Hcidorn nnd anf dessen absichtlich allgemein gehaltene Frage, ob nichts Auffallendes am Himmel zu sehen sei, auch die Praktikanten der Astronomie, die Herren Wickmann und von Glünicr, im Süd- westen ein etwa 20" hohes matt leuchtendes Segment, durch welches Sterne hindurch zu sehen waren nnd das nach der Versicherung der Beobachter eine gewöhnliche Wolke oder Trübung nicht gewesen ist. In der Nähe stehen die Sterne st nnd g Osti. Daß dieses Segment eine schon weit nach Süden fortgeschrittene Metcorwolkc gewesen sei, ist leider nicht festzustellen. Erst am 2. d. M. erfuhr ich, daß das sogenannte Abend- und Morgenroth auch in England, in der Schweiz nnd sogar in Rom aufgefallen ist. Unter solchen Umständen ist es kaum noch möglich, die kosmische Natur des Phänomens in Abrede stellen zu wollen. 810 M i s e e l l e n. (Als eine der größten Jagdmerkwürdigkeitcn) wird erzählt, daß der Oberförster Wallot zu Meschede ein ti» Frühjahr dieses Jahres gefangenes junges Wildschwein (Frischling) aufgezogen und gezähmt hat, so daß es seinen Herrn bei den Spazier- gängen jetzt wie ein Hund begleitet. Mit dem Hühnerhunde seines Herrn hat es ganz intime Freundschaft geschlossen, da derselbe es bei den Ansgängcn, als es noch ganz klein war, sorgfältig hütete und gegen jeden Angriff zu schützen pflegte. Beide weichen einander auf den Wegen nicht von der Seite. (Ein unerwartetes Impromptu.) Professor der Magic: „Meine Herrschaften, Sie sehen, der Thaler ist fort. Nun werde ich ihn sogleich wieder herbeischaffen. Heda, Sie biederer Landbewohner, greifen Sie doch einmal in Ihre Rocktasche! Ich wette, daß sie den Thaler haben." — Bauer: „Nein, ich hab' nur 27^ Neugroschen l Da sind sie!" — Professor: „Das ist nicht möglich! Einen Thaler müssen Sie haben!" — Bauer: „Freilich war's ein Thaler, was mir vorhin der Herr heimlich in die Tasche gesteckt hat. Aber ich hab' mir unterdessen ein Glas Bier davon gekauft." (Anzüglich.) Der Graf von Girardin „stotterte etwas bedenklich mit den Augen", oder nms gradeheraus zu sagen: er schielte entsetzlich. In einer Hofgesellschaft näherte er sich einst dem Fürsten Talleyrand und fragte mit zutraulicher Aufdringlichkeit: „Nun, mein Fürst, wie gehen die Geschäfte?" „Wie Sie sehen, Herr Graf — schief!" entgcgnete mit „penetranter" Höflichkeit der berühmte Diplomat. (In einer Gesellschaft) überkommt den kleinen Fritz der Schlaf, er reißt sein Mänlchcn auf, so weit er kann, und gähnt den Anwesenden ins Gesicht. Seine junge Mama ist ganz entsetzt über diese Ungezogenheit ihres Erstlings und ruft in verweisendem Tone: „Aber Fritz, so gähnt man doch nicht vor allen Leuten!" Worauf Fritz wißbegierig erwidert: „Und wie gähnt man denn, Mama?" (Kinder und Narren.) Man fragt den kleinen Oscar nach dem Bräutigam seiner reizenden — neunzehnjährigen Schwester. „Wie alt ist er?" — „Ich weiß es nicht." — „Aber doch! Ist er jung?" -- „Ich glaube wohl — er hat noch keine Haare." (Etwas Nettes!) In einer Berl. Ztg. findet sich eine Anzeige, welche lautet: „Ein netter Wirth mit nettem Geschäft und nettem Vermögen sucht eine nette Frau, die entweder Fi,- Bab-, Jean- oder Nannctte heißen muß." (Zureichender Grund.) „Wie, Nachbarin, am hellen Tage in den Federn? Sind Sie krank?" — „Ach nein, aber ich muß das Bett hüten." — „Mein Gott, warum denn?" — „Weil es mein Mann sonst in's Pfandhans trägt." N ii t Das Erste seht man oft dem Haupt Und auch dem Fuße vor, Wenn uus der Sturm die Mühe raubt, Wenn sich der Strumpf verlor. DaS Zweite seht Dir oft als Gast Des Abends vor der Wirth, Doch halte Maß, damit zur Last Dir nicht der Maßkrug wird. Zumal die Juge Mit Hals und l Nothwendig Doch Damen — s e l. Das Ganze eilt schon früh am Tag Einher mit schnellem Schritt, Es führt zu Stich und Schnitt und Schlag Die schärfsten Waffen mit. Auch lenkt es au der Nase Dich, Wohin cS ihm beliebt, Indeß es Dir ein säuberlich, Gefällig Ausseh'u gibt. ! hält ihm gern >pen Stich, ist's den alten Herrn, fürchterlich. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von l)r. Max Huttler.