Nr. 101. 1883 . tunnsökttl »ur „Ältgsl!arger Postzeitnng." Mittwoch, 19. December Der Gpalring. Roman aus dem Englischen von E. C. (Schluß.) Sechsunddrcißigstes Capitel. Mrs. Dalton begab sich zu Lena's Zimmer; Bertha war dort. Als sie ihre Mutter erblickte, sprang sie von dem niedrigen Stuhl, auf welchem sie an dem Kamin gesessen, in die Höhe und fiel ihr um den Hals. „Eustace hat Dir alles gesagt, Mama, nicht wahr?" flüsterte sie. „Bitte, verzeihe mir, daß ich Dir unsere Verlobung verheimlichte, es sollte ja nur für einige Tage sein! —" „Deine Verlobung? Kind, wovon sprichst Du eigentlich? Hast Du den Verstand verloren?" „So hat er es Dir nicht mitgetheilt?" frug Bertha, indem sie ihre Arme loslöste und die Mutter forschend anblickte. Das glücklich erröthende Gesicht ihrer Tochter, sowie der Gedanke an die trauliche Stellung, in welcher sie diese mit St. Lawrence angetroffen, machte sie stutzig. Sie rief sich ihre Unterredung mit dem jungen Manne in's Gedächtniß zurück und da fiel ihr ein, daß er Lena's Namen gar nicht genannt habe. Aber noch immer sträubte sie sich dagegen. „Du, Bertha?" sagte sie mit bebender Stimme und auf einen Stuhl sinkend — „Du Gräfin von Alphington? Das ist unmöglich!" „O stille, Mama", warnte Bertha, nach dem Bette hindeutend, wo ihre Schwester lag. „Lies diesen Bries — er wird Dir Alles erklären." Sie zog das Schreiben ihres Bräutigams aus der Tasche und reichte es der Mutter. Lena wandte den Kopf unruhig zur Seite und stöhnte leise. — Bertha eilte zu ihr hin. „Mein Kopf", hauchte sie, ihre Hand gegen die Stirne pressend. Diese glühte fieberhaft und das Athmen schien ihr Mühe zu verursachen. Mrs. Dalton hatte endlich eingesehen, in welch' großem Irrthum sie befangen gewesen war, obgleich sie den Brief noch nicht zu Ende gelesen. Ihrer Meinung nach waren Beide, Eustace sowohl wie Bertha zu tadeln, da es viel besser gewesen, wenn die ganze Sache den von ihr geplanten Verlauf genommen hätte. „Nun muß wieder eine neue Aussteuer angefertigt werden", klagte sie. Aber Bertha, die zukünftige Gräfin, wurde sofort eine ganz andere Persönlichkeit in den Augen der Mrs. Dalton als die Musiklehrerin Bertha, die folgsame Tochter, welcher sie die Hauptsorge des Haushalts aufgebürdet. Und obschon sie ihrem Aerger Luft machte, daß die Menschen nie die Dinge von der vernünftigen Seite, d. h. von der Seite auffaßten wie sie, würde sie sich doch mit der größten Bereitwilligkeit in ein 812 weitläufiges Gespräch über die Aussichten Bertha's eingelassen haben, hätte diese sie nicht der Schwester wegen unterbrochen. Lena war wirklich krank. Am folgenden Morgen mußte der Arzt gerufen werden. Man befürchtete eine Gehirnentzündung und die äußerste Ruhe wurde angeordnet. Anstatt der Hochzcitsfestlichkeiten sah man ein stilles Haus und ernstlich besorgte Gesichter. Lord Alphington, Sir Stephan und Lady Langtet) schoben ihre Abreise auf, bis Lena außer Gefahr war. Jedwede Aufmerksamkeit, welche Theilnahme und Freundschaft nur ersinnen konnte, wurde der unglücklichen Patientin zu Theil. Krank zu werden war das Vernünftigste, was Lena thun konnte; denn dadurch wurde alles Mißfallen in Bedauern umgewandelt. Bertha wachte beständig an dem Bette der Schwester. Die täglichen Besuche des Geliebten waren ihr einziger Trost. Vor der Genesung Lena's wollte sie kein Wort über die Hochzeit hören und Eustace achtete ihr Zartgefühl und drang nicht weiter in sie. Während des folgenden Monates fand die gerichtliche Untersuchung gegen Sedlcy und die beiden Lemont's statt — denn Mrs. Leinont starb nicht, blieb aber für immer kränklich. Es war eine unangenehme Zeit für Alle. Eustace konnte die Verwandtschaft nicht vergessen und besuchte seinen Vetter mehrere Male im Gefängnisse. Lord Alphington berührte es peinlich, seinen Namen mit dieser Angelegenheit in Verbindung gebracht zu sehen; allein der Gerechtigkeit mußte freier Lauf gelassen werden. Sedley wurde zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurthcilt; er vernahm diesen Spruch mit derselben finstern Miene, welche er seit seiner Verhaftung beständig zeigte. Mrs. Sedley, die auf Veranlassung ihres Mannes gehandelt, ward freigesprochen und Mr. Pierre Lemont erhielt sieben Jahre Zuchthaus. Er flehte laut um Gnade; wie es schien, hatte er geglaubt, durch ein offenes Geständnis; der Strafe entgehen zu können. Er habe den Opalring nur deshalb, aus der Schatulle genommen, um ein Mittel ii; Händen zu haben, wodurch er Sedlcy zwingen könne, ihm die versprochene Jahresrente auszuzahlen. Er würde noch Manches aus dessen früherem Leben an's Licht gezogen haben, wenn der Gerichtshof dieses geduldet hätte. Sein hartes Schicksal laut beweinend, wurde er hinweggeführt, nachdem er zuvor seiner Schwester versichert, daß er sich ihrer nach Ablauf der sieben Jahre erinnern werde. Als Mrs. Sedley aus der Haft entlassen war, suchte St. Lawrence sie auf, um ihr seine Hülfe anzubieten. Sie hatte viel gesündigt, aber auch schwer gebüßt und die Leiden schienen sie auf einen besseren Weg geführt zu haben. Sie drückte den Wunsch aus, in ihr Vaterland zurückzukehren, um dort ein zurückgezogenes Leben zu führen. Damit ihr dieses möglich sei, setzte St. Lawrence mit Genehmigung Lord Alphington's eine kleine jährliche Rente für sie fest und schon bald nach der Gerichtsverhandlung reiste sie ab. Lena Daltou erholte sich langsam, aber ihre Schönheit war dahin. Sie hatte ihre frischen Farben verloren und dunkle Linien zogen sich unter den Augen hin. Das kurz abgeschnittene Haar kleidete ihr schlecht und es war sehr zweifelhaft, ob sie je wieder im Stande sein werde, sich mit einer Krone goldener Flechten zu schmücken. Bleich und muthlos schlich sie umher, ein Schatten ihres fcühreren Ichs. Der Arzt rieth Luftveränderung und für den Winter ein südlicheres Klima an. Mrs. Daltou war herzlich froh, den vielen Fragen und Beileidsbezeugungen ihrer sogenannten „Freunde" entrinnen zu können. Deshalb wurde bestimmt, Joy Cottage zu schließen und nebst der alten Martha nach Italien überzusiedeln. Bertha bot sich au, sie zu begleiten, denn sie sah zoraus, daß Lena sich, allein mit der Mutter, unmöglich kräftigen und beruhigen werde, da diese sie fortwährend mit ihren Klagen, um nicht Vorwürfen zu sagen, plagte. Aber nicht allein Eustace, sondern auch Lord Alphington und die Langley's legten entschiedenen Protest dagegen ein, so daß Bertha genöthigt war, nachzugeben. Zufällig suchte die Tochter eines benachbarten Geistlichen eine Stelle als Gesell- 813 schafterin. Cate Medhurst war ein Liebling der Laby Langley und diese wünschte schon lange für das junge Mädchen eine passende Gelegenheit, um sich weiter auszubilden. Deshalb kam sie auf die vorzügliche Idee, Cate Medhurst könne Mrs. Daltou und Lena nach Rom begleiten. Sie war ein durchaus verständiges und gebildetes Mädchen, dazu sehr lebhaft und entschieden, so daß sie unfehlbar von wohlthuendem Einflüsse auf Lena sein werde. Dieser Vorschlag gefiel allen Bctheiligten. Cate Medhurst willigte unter der Bedingung ein, daß sie keinerlei Auslagen habe und mit zur Familie rechne und Mrs. Dalton freute sich, wieder Jemanden um sich zu haben, dem sie alle Arbeiten und Beschwerden aufbürden könne. Bcrtha's Hochzeit fand an dem Tage vor der Abreise ihrer Mutter und Schwester statt. Man hatte ihrem ganz besonderen Wunsche willfahrt, in aller Stille zu heirathen und keine großartigen Festlichkeiten zu begehen, welche die Vergangenheit zu sehr in's Gedächtniß rufen würden. Als sie nach der Trauung nach Hause zurückkehrten, steckte Lord Alphingtou den Opalring an den Finger der Braut und sagte: „Die Prophczeihung ist in Erfüllung gegangen und nie kann der Ring die Hand einer Frau zieren, die würdiger wäre, Gräfin von Alphington zu werden." »Ich hoffe zu Gott, daß mir dieser Titel für viele, viele Jahre noch nicht zukommt", erwiderte Bertha, seine Hand ehrfurchtsvoll mit ihren Lippen berührend. „Alles zu seiner Zeit, mein liebes Kind. Wenn es der Wille der Vorsehung ist, mich noch für einige Jahre am Leben zu erhalten, so wird mich dies um so mehr freuen, da ich dann Zeuge Eures Glückes sein darf." Bei diesen Worten nahm er die Hand seines Enkels und vereinigte sie mit der Bertha's. Dann segnete er beide aus vollem Herzen. Sir Stephan Langley räusperte sich und schien eine Minute lang etwas im Auge zu haben. Er liebte Bertha Fancourt, wie wir sie jetzt nennen müssen, als ob sie seine eigene Tochter wäre. Air. und Mrs. Faucourt begaben sich nach der kurzen Hochzeitsreise zu ihrem Großvater nach Alphington Park, um die Weihnachtszeit bei ihm zuzubringen. Später nahmen sie ihren Wohnsitz auf einem andern Gute des Earls, bis Magnus Sguare zu ihrem Empfange eingerichtet war. Wenn Jemand dort Einlaß wünschte, so begegnete er einem alten Bekannten. Pcrkin's war auf Veranlassung Riggs als Portier dort angestellt worden; es ist nn- nöthig hinzuzufügen, daß er diesen Posten mit großen: Selbstgefühl versah. In seinen Augen war Riggs ein ganz außergewöhnlicher Mensch, dem er keinen Groll nachtragen durfte; aber er hatte durch ihn eine gute Lehre erhalten und war in Zukunft vorsichtig und vermied es, bei einen: Glase Punsch offenherzig zu werde». Der ehrenwerthe Mr. Faucourt war noch nicht mit seiner Gemahlin in der Stadt angekommen, als interessante Neuigkeiten aus Rom anlangten. Douglas hatte beiden, Eustace sowohl wie Bertha, seine herzlichste,: Glückwünsche übersandt und aus den folgenden Briefen ersahen sie, daß sein früherer frischer Humor wiedergekehrt war. Nun, so schrieb er, wolle er sie mit einer Nachricht überraschen. Er werde sich nächstens verheiraten. Zuerst habe ihn Cate Medhurst durch ihre scheinbare Aehnlichkeit mit Bertha angezogen, aber schon bald sei sie ihn: ihrer selbst wegen lieb und theuer geworden. Während des Winters habe er sehr fleißig gearbeitet und viel Geld verdient. Daß seine Braut kein Vermögen besitze, mache also kein Hinderniß aus. „Sie ist ihr eigenes Gewicht in Gold werth", .betheuerte der begeisterte Bäutigam. Miß Medhurst werde mit Mrs. Dalton uud Lena nach England zurückreisen und er dorthin folgen, wo sie Alle hoffentlich ein freudiges Wiedersehen erwarte. 814 „O wie schön!" rief Bertha aus. „Das allein fehlte noch, um mein Glück vollkommen zu machen." „Wie eifersüchtig ich damals war", sagte Eustace, seine Frau zärtlich umarmend, „als ich fürchtete, die Prophezeihuug werde sich nicht bewahrheiten. Doch nun hat sich Alles zum Besten gewendet. Douglas scheint die rechte Frau gefunden zu haben und meine Bertha trägt den Opalring!" Goldkörner. Aller Anfang sei mit Gott! Fleh' um seinen Segen! Schon auf halbem Wege dann Kommt er dir entgegen. Doch er thut dies, merk' es wohl! Nur bei guten Dingen; Nur dem guten Vorsatz schenkt Gott auch das Gelingen. Fühlst du dich auf rechter Bahn, Lcg's in Gottes Hände! Frisch gewagt ist halb gethan, Und er führt's zu Ende! Beherrsche deine Zunge! Sei bereit Zum Reden wie zum Schweigen, wenn es Zeit; Gar Manchen hat in großes Leid gebracht, Was er zur Unzeit sprach und unbedacht. Denk' nicht beim Sprechen erst; es bringt dir Schmach, Hinkt der Gedanke deinem Worte nach. Du gleichst dem Schützen sonst, der Pfeile viel Abschießt, bevor er noch gewahrt das Ziel. Blick in dein Jun'res, ob es hell und klar, Dann sprich, was löblich, heilsam, gut und wahr! Christ zu sein, o freue dich! Solltest nie vergessen, Welche hohe Würde Dir Gott hat zugemessen! Darfst als Kind im Vaterhaus Dich getrost bekennen Und der Auscrwähltcn Schaar Mitgenoß dich nennen! Darfst es, wenn in Wahrheit du Zeigest durch dein Leben, Daß du grünst als frischer Zweig An dein Stock der Reben. Große Rechte wurden dir, Doch auch schwere Pflichten; Und ob du sie treu erfüllt, Wird der Herr einst richten! F. Bcck. Das Wiener Kaffeehaus. Es ist für Geist und Seele des Menschen vom Heil, wenn er sich zuweilen — den alltäglichen Sorgm und Angelegenheiten entfliehend — mit einem jener ewigen Probleme beschäftigt, deren Lösung schon die besten Köpfe, wenn auch bisher vergebens, angestrengt hat. Mit diesein alten Erfahrnngssatze mag es entschuldigt sein, daß ich in weihevollen Stunden darüber nachdenke, schreibt Ferd. Groß im „Deutschen .Heim", worin Reiz und Anziehungskraft des Wiener Kaffeehauses liegen. O, der Gegenstand ist ein üefernster, er gehört mit zur Cultnrgeschichte der Gegenwart, und nur oberflächliche Betrachter können ihn, wie es landläufig heißt, auf die leichte Achsel nehmen. Wer den 815 Dingen nicht auf den Grund geht, wird in seiner Urtheilslosigkcit Gast- und Kaffeehaus in einen Topf werfen mid letzteres hinwieder, ob es nun in Wien oder in Potsdam liegt, für ein und dieselbe Sache erklären. Leute, die so wenig Einsicht zeigen, verdienen gar nicht, das; man sich mit ihnen in eine Discnssion einläßt. Ja freilich — ein Local, in dem man Bockbier, eines, in dem man Rheinwein, und eines, in dem man schwarzen Kaffee einschänkt, ist dasselbe — der Unternehmer will seine Waare verkaufen, seine Kunden finden sich ein, das ist immer das Gleiche! Wer solche Schlußfolgerungen zieht, ist ein Barbar, den ich bitte, diese Zeilen nicht zu lesen. Ihn zu bekehren, wäre ein wenig schwer. Machen Sie einem taub Geborenen die Gewalt einer Bcethov'schen Sonate begreiflich! Zeigen Sie einem Blinden eine Rafael'sche Madonna! Also wer selbst die eingehendste Monographie des Wiener Kaffeehauses schriebe, der durfte sich, wenn er nicht ein mehrbändiges Werk pnbliciren wollte, gar nicht darauf einlassen, die inneren Unterschiede zwischen dem Kaffeehause und allen anderen Verkaufsstellen von Speisen und Getränken zu erörtern. Jn's Gasthaus geht man, um zu essen oder zu trinken, in's Kaffeehaus dagegen — ja, du lieber Himmel, wie soll Einer auf eng zugemessenem Raume sagen, wozu man in's Kaffeehaus geht? Wozu man nicht hingeht, ist leichter zu erklären: um Kaffee zu trinken, um Hunger oder Durst zu löschen, Wie sehr ich mit dieser Behauptung Recht habe, geht schon daraus hervor, daß in einzelnen Wiener Kaffeehäusern fast gar nichts „genommen" wird. Es gibt mindestens ein Dutzend, in denen man die Gäste selten etwas verzehren sieht: dabei halten die Leute sich halbe Tage lang daselbst auf, thun, als ob sie zu Hause wären, und mit besonderer Verehrung werden die Stammgäste behandelt, die sich nur zum Mittagessen entfernen, denen es aber nicht im Traum einfällt, eine Zeche zu machen. Nun sollte man glauben, daß die Eigenthümer solcher Localc endlich der öffentlichen Wohlthätigkeit zur Last fallen müssen; in Wirklichkeit werden sie in der Regel sehr reich und ziehen sich noch bei voller Rüstigkeit in ein wohlbestalltes Privatleben zurück. Das ist eines der Räthsel des Wicnerthums. . . . Also, der Kaffee lockt wahrlich nicht in's Kaffeehaus. Man könnte ihn zu Hause, im Kreise der Familie oder im Restaurant trinken. Aber nein, zu Hanse behagt dem richtigen Wiener der leibhaftige Mokka nicht. Auch in den Conditorcicn bekommt mau Kaffee — es soll einmal Jemand ernstlich einem Wiener den Antrag stellen, seine „Melange" beim Zuckerbäcker zu trinken, er würde sich die größten Unannehmlichkeiten zuziehen! Nebenbei bemerkt, ist das, was in einzelnen Kaffeehäusern als Mokka verabreicht wird, ein Höllcngebräu, aber das thut nichts; der gewohnte Gast kommt doch täglich um dieselbe Stunde, setzt sich auf denselben Stuhl, raisonnirt über den Inhalt seiner Tasse oder seines Glases, und wenn er im Sommer in die Berge geht, denkt er manchmal mit tiefen Seufzern an die geliebte Stätte, wo der Tabakqualm emporsieht zur Decke und man Stunden lang warten muß, bis die Zeitung, die man verlangt hat, „frei" ist. . . . In München geht eine Sage um, daß manche Säuglinge nicht bei Milch, sondern bei „Hosbräu" aufgezogen werden. In Wien sollen Kinder bald nach der Geburt in's Kaffeehans gebracht werden, um sich frühzeitig an die Atmosphäre desselben zu gewöhnen. Nur so ist es erklärlich, daß in Wien immer neues Kaffeehans-Pnblicnm in geradezu verblüffender Weise aus der Erde wächst. In dem Momente, als ein Kaffeehaus eröffnet wird. hat es auch schon Besucher; woher diese kommen, hat noch Niemand ergründet. Es ist eben, wie gesagt, bei dem Wiener Kaffeehanswcsen viel Mystisches in; Spiele. Man bedenke nur, welcher geheimnißvolle Zug darin liegt, daß man ein Kaffeehans blos zweimal zu besuchen braucht, um von den Marqueurs erkannt zu sein. Der Marqueur ist eine ganz andere Menschcngaitung als sein Verwandter, der Gasthaus-Kellner. Dieser sieht Jemanden wochenlang, ohne zu wissen, wer er ist. Aber Du frühstückst Sonntag und Montag in einem Kaffeehause, und am Dienstag ist das Jncognito schon gelüftet, der Zahlmarqucur nennt Dich beim Namen, und zum Beweise, daß er noch mehr über Dich weiß, gibt er Dir den ent- — 81 b sprechenden Titel: „Herr von*, wenn Du Kaufmann, Banquier, Borscnbesucher, Schauspieler, Photograph, — „Herr Doctor", wenn Du Journalist, Advokat, Arzt, Privat- gelehrter bist. Wenn er sich im Unklaren über Deine Beschäftigung befindet, dann zieht er den „Herrn Doctor" vor, namentlich wenn Du Augengläser trägst. Dabei ist zu bemerken, daß es specielle Kaffcchaus-Doctoren gibt, welche den Marqueurs imponiren, und von denen man in dem ganzen Local nur im Flüstertöne scheuer Verehrung spricht. Dieser Doctor gehört ebenfalls zu den gchcimnißvollen Seiten des Wiener Kaffeehauses. Man denkt da manchmal geradezu an die „vierte Tinicnsion". ... Er schreibt im Kaffeehause, empfängt dort Besuche und zeigt den Marqueurs in verschiedenen großen Blättern anonyme Artikel, die er verfaßt hat. Leider zahlt namentlich die „Times" so unpünktlich, daß er die verschiedenen „Schwarzen", „Capucincr" und „mehr" weiß, die er tagsüber zu sich nimmt — er muß sich für die geistige Arbeit anregen — längere Perioden hindurch unbezahlt läßt. In der Regel macht er der Kaffeehaus-Cassiererin achtungsvoll den Hof. Diese, die, Inaus a, non Inaeoäo, ihren Titel führt, weil sie nichts eincassirt, ist meistens schwärmerisch angelegt und interessirt sich für den „Doctor", dem man die besondere Begabung schon an den langen Haaren ansieht. Ist die Kassiererin eines der Elemente, welche die Anziehungskraft des Wiener Kaffeehauses erklären? Vielleicht und vielleicht auch nicht. Die meisten Gäste werfen der Kassiererin wohl einen flüchtigen Gruß oder Blick zu, aber nur vereinzelte Besucher fassen längere Zeit Posto vor der „Credenz". Man behauptet — aber es ist durch nichts erwiesen —, daß Kaffeehaus-Cassicrerinncn von der „Credenz" weg „ihr Glück" gemacht haben. Aus meiner Praxis kenne ich eine Mutter, die ein Kaffeehaus führte und ihre sechs Töchtern abwcchseud den Casscdicust versehen ließ. Da saßen sie nun, die Früchte einer liebevollen Ehe und producirten sich in weiblichen Handarbeiten, abwechselnd etwas strickend, häkelnd und eine „Melange", einen „Kümmel mit Rum" oder Aehnliches verbuchend. Die jüngste Tochter hatte die Strickwuth; sie strickte unerschütterlich, aber immer einen Strumpf, der zur Farbe ihrer Toilette paßte, im Frühling in der Regel einen blauen — es war zu poetisch! Leider blieben sie Alle unvcrheirathet und sind deshalb später nach Graz übersiedelt. . . . Also, die Eiumengnng holder Weiblichkeit gibt keine genügende Motivirnng für die Beliebtheit des Wiener Kaffeehauses. Jst's die treffliche Bedienung? Allerdings darf der Wiener Marqueur als ein Muster gelten; der norddeutsche ist indolent, er thut gewissenhaft seine Pflicht, aber nicht um ein Jota mehr; der Pariser ist anmaßend, voll frecher Witze, er macht über den Gast, der ihm nicht gefüllt, mit lauter Stimme Bemerkungen. Der Wiener Marqueur tritt zu dem Gaste in ein Herzensverhältniß. Er lauscht ihm ab, wie er den Kaffee gern trinkt: mehr schwarz, keine „Haut", etwas „Schlagobers", in einer Thcctasse. Man sagt ihm das ein einziges Mal, und er behält es im Gedächtniß für die Dauer eines Menschenlebens; man bleibt ein halbes Jahr lang aus, man kommt wieder, und er weiß es noch immer; mehr schwarz, keine „Haut", etwas „Schlagobers", in einer Theetasse. . . . Man bestellt eine Zeitung, und er bringt die übrigen, die mit der bestellten irgendwie harmo- niren. Der eine Gast ist konservativ, der andere liberal, der eine lacht gern, der andere will sich belehren — das Alles hat der Marqueur sehr bald weg, und der Demokrat darf darüber beruhigt sein, daß ihm nicht die Lcctüre einer feudalen Zeitung wird zn- gcmuthet werden. Gewisse Plätze werden für gewisse Gäste reservirt, und zwar mit Anwendung aller erdenklichen Kuusttitclchen, um Unberufene von dem Heiligthume fern zu halten. Ein bekannter Cafvtier in der Leopoldstadt ließ es sich, als er schon ein sehr reicher Mann war, nicht nehmen, mit seiner Serviette den eintretenden Gästen den Staub von den Schuhen zu wischen. Jeder hat eben seine Passion. . . . Aus einem Wiener Gasthanse wird man unter Umständen hinausgeworfen; aus einem Kaffeehause nie. Da herrscht sogar gegen Diejenigen Höflichkeit, die dem Unternehmer nie etwas zu verdienen geben. Stört ein Marqncnr einen der Gratisclientcn in seiner Gemächlichkeit, 817 so wird dieser unangenehm; er gibt hier und da seinen Ueberrock oder seinen Regenschirm in Aufbewahrung, und wehe dem Kaffeehause, wenn irgend ein Verstoß vorkommt. So macht die Bedienung den Kaffeehauszauber aus? Nur zum Theile, denn diese herrscht auch dort, wo — keine Regel ohne Ausnahme — der Dienst Manches zu wünschen übrig läßt. Ein Königreich für einen zureichenden Grund! Wie kommt es, daß man in Wien ein lustiges nächtliches Beisammensein erst dann für etwas Vollkommenes hält, wenn mau zur Krönung des Gebäudes in einem Kaffeehause war? daß sogar die Wienerinnen solche Kaffeehausabschlüsse über Alles lieben? daß man nach Soireen und Bällen noch ein Viertelstündchcu im Kaffeehause verbringt? Fragen, Fragen und keine Antwort. Wo ist der Oedipus, um deffen Willen die Kaffeehaussphiux sieb in den Abgrund stürzt? Leute, die in ihrem bequemen Heim mit aller Behaglichkeit Karten spielen könnten, thun das principiell nur im Kaffeehause. „Der Henker weiß: wärmn?" wie es in „Blaubart" heißt. Dieselben Franc», die ihren Männern sonst nicht die geringste Freiheit gewähren, finden es natürlich, daß Letztere etliche Stunden in einem Kaffeehause verbringen. Vor der Allmacht dieses Wortes beugen sie ihr Knie. Der Mann muß thun, was die Frau will, aber der Kaffechausbesuch ist sein geheiligtes Recht. Dagegen kommt nicht einmal weibliche Autorität auf. Man kann auch im Gasthause spielen, aber das schmeckt lange nicht so gut. Auch herrscht im Gasthause nicht so bedingungslos wie in dem Kaffeehause der Gebrauch, in Hemdsärmelu zu tarockeu. Was aber ein „Jud", in Hemdsärmelu gemacht, au intimem Reiz in sich hat — das läßt sich ahnen, fühlen, jedoch nimmermehr beschreiben. Sogar das „Kibitzen" ist nur in: Kaffeehause angenehm. Im Cafö W. sah ich Jahre lang einen beliebten Sänger mit seinen ständigen Partnern Piguet spielen. Auch ein ständiger „Kibitz" war da. In der Regel — wir Alle wissen ein Lied davon zu singen — ist der „Kibitz" eines der schrecklichsten Geschöpfe auf Erden. Speciell der hier in Rede stehende Vertreter dieser Mcnscheugattung benahm sich so bescheiden und gesittet, daß er gern gesehen war. Er mengte sich nie in das Spiel, verfolgte aber dessen Verlauf mit gespanntester Aufmerksamkeit. Eines Tages wollte der Säuger ihn für seine bewiesene Discrction auszeichnen und fragte ihn um Rath: „Was soll ich jetzt ausspielen?" — „Entschuldigen Sie", antwortete Jener verschämt, „ich kaun nicht Piguet spielen." . . . Vielleicht hat das Wiener Kaffeehaus seine Zaubcrmacht den: Unistande zu verdanken, daß es au Lesestoff geradezu Unglaubliches bietet. Alan kann Tage lang Zeitungen verschlingen, und der Marqueur schleppt noch immer neue herbei. In den kleinsten Vorstadt-Kaffeehäusern verlangen Gäste wie etwas Selbstverständliches die „Revue de deux Mondes" oder das Meycr'schc Eonversationslexicon — es wird noch so weit kommen, daß man bestellen wird: „Einen Thee mit Ruhm und „Schopenhauer's Welt als Wille und Vorstellung." Es ist erstaunlich, wie viel Lcctüre einzelne Menschen vertragen. Ich habe schwächliche Leute dreißig Zeitungen nacheinander lesen gesehen. . . . Also die Menge des angehäuften Lesestoffes wäre eine Erklärung. Oder ist diese in den Bequemlichkeiten zu suchen, welche das Wiener Kaffeehaus bietet? Man kaun dort Briefe schreiben und sich welche dahin adressiren lassen; man kann dort ungestört sein Nach- mittagschläfchcn machen und sich, im Falle besonderer Protection, zum Abendessen etwas zubereiten lassen. Club und häuslicher Herd, Rendezvousplatz und Kauzlei, das Alles und noch mehr ist im Wiener Kaffeehause zu finden, natürlich nur für den Stammgast, der nebenbei im Zahlmarquenr auch eine immer disponible Quelle für Darlehen findet. Zahlmarqncurs und Schneider borgen immer. . . . Also Erklärungen genug, und doch keine erschöpfende. Die Wiener Kaffeehäuser sind in Deutschland imitirt worden. Ich habe diese Imitationen in Berlin, Köln, Frankfurt, Mainz u. s. w. stndirt mit heißem Bemühen und bin zur Erkenntniß gelangt, daß das Wiener Kaffeehaus am Wiener Erdboden haftet. Exportirt, gemahnt es an die norddeutschen Komiker, die wienerisch 818 zu reden glauben, wenn sie möglichst oft „holtcr" sagen. . . . Wir nähern uns dem Osten, und vielleicht documentirt unsere Verwandtschaft mit dem Orient sich in der Art unserer Kaffeehäuser. Wir machen es wie die Araber und Türken, die beim schwarzen Kaffee, den Tschibnk im Munde, sitzen und träumen oder einem Märchenerzähler lauschen. Der Märchenerzähler ist für uns der Stammgastcollege, der das Neueste berichtet, was sich in der Welt begeben hat. Nirgends lassen die Zeitereignisse sich bequemer erörtern, als im Kaffeehause. Man gcräth in eine interessante Discnssion, in die sich zuweilen ein Fremder mengt — mit der höfllichcn Bitte, ihn zu entschuldigen — ein uns bisher persönlich Unbekannter, der bis dahin lange Zeit täglich in unserer Nähe saß, ohne den Mund zu öffnen. ... Ich will nicht ausführlich werden, sonst müßte ich die Species aufzählen: das Militär-Kaffeehaus, in welchem jeder Civillist über die Achsel angesehen wird; das Medicincr-Kaffcehaus, bei dessen Zahlmarquenr Dutzende Hyrtl's verpfändet sind u. s. w. Meine Absicht war, zu ergründen, was den unsagbaren Zauber des Wiener Kaffeehauses ausmacht. Vergebliches Vorhaben! Ich fürchte, daß ich in die Grube fahren werde, ohne eine Antwort zu wissen, auk die Frage, die ich hier aufgeworfen. M i s c e l l e i«. (Die Frau Professorin.) Eine junge Engländerin, Miß Alice Gardncr, Verfasserin einer Broschüre: „Die Ansicht des Kaisers Julian über das Christenthum," ist zum Professor der Geschichte am Bedford-Kollcgium in London ernannt worden. Zwanzig Profcssnrs-Kandidatcn die sich um die Stelle beworben, wußten der jungen Dame weichen. (Wiener Hausherrnlogik.) Miether: „Aber einiger Höflichkeit dürften Sie sich schon gegen Ihre Parteien befleißigen." — Hausherr: „Was Höflichkeit? Dös brancht's bei mir nöt; — dös is überhaupt blos au Artigkeit von mir, wenn i mit Jhna höflich bin." (Für Advokaten.) Einer der farbigen Advokaten, die in Brcnham, Texas, praktizieren, machte die Beobachtung, daß viele seiner weißen Kollegen Glatzen haben und ließ sich, um auch seiner Person ein so würdiges Air zu verleihen den Schädel rasiren. (Eine verunglückte Mahnung.) Landrath: „Ihr seid sonderbare Leute, warum sträubt Ihr Euch noch immer hartnäckig gegen die Anordnungen der Regierung? Ihr könnt fest versichert sein, dieselbe will ja doch stets nur Euer Bestes.' — Antwort: „Ei, ja, das ist's grad, Herr Landrath, das wolle mer ja grad nit hergebe." Die Gelehrten und das Wunder. „Wunder geziemt Gott nicht; denn er darf die Natur nicht verändern, Sonst corrigirt er sich selbst, weil die Natur er gemacht!" So der Gelehrte; doch schlagt ihm der Blitz in die Bücher und Schriften, Nnst er: „Es ist kein Gott! weil er kein Wunder hier wirkt!" Zeigst du die Wunder des Herrn, dann bläht er sich auf wie ein Trnthahn; MIeS, was er nicht gesch'n, darf auch geschehen nicht sein. Laß ihn nur schwätzen! . Der Herr regiert doch Himmel und Erde: Aber er sieht mit Geduld, wie sich entwickelt die Saat. Weizen und Distel gedeihen bei Regen und Sonne des Himmels; Aber wenn reif ist die Saat, wirft er die Distel ins Fcn'r. Fragt da wohl an demüthig der Herr bei den hohen Gelehrten, Ob'er bewegen sich darf, ihnen zu sperre» das Maul?! Niedel. Auslösung des Räthsels in Nr. 100: „Barbier." Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Liternrischen Instituts von vr. Max Huttler.