Nr. 102. 1883 , M „Äugslmrger Pojheitimg." Samstag, 22. December M e L h rr n ch 1 s - I L e d. Wcihnachtskerzenschein Glänzt in's Herz hinein — Warme Wcihnachtslnst Pacht an nns're Brust; Dach wer glücklich ist Nnr zu leicht vergißt, Daß nicht alle Welt Dieses Licht erhellt. Und weil's frommer Branch, Daß der Armen anch Liebreich wird gedacht, Jetzt, wo Alles lacht, Drmn vergesset nicht, Daß kein frohes Licht Hin zu Denen scheint, Deren Auge weint! — Auch zu ihnen geht, Die Ihr trauern seht — Wißt auch sie sind arm, Lichtlos ist ihr Harm. Spendet Kcrzcnschein In ihr Herz hinein, Denkt der Armen All', Ihrer Erdenqual, Daß durch jede Brust Ziehe Weihnachtslust. Und im Erdenlauf Blickt hinauf, hinauf, — Daß für Euch und Alle Frieden von dort walle, Daß sich Aller Armen Wolle Gott erbarmen, Und des Christkinds Schwingen Jedem Freude bringen! — Klara Reichner. Der Taimeirbanili. Ein Weihnachtsmärchen von Klara Reichner. Der Tannenbanm stand draußen im Walde, im grünen Walde, der dann gelb i.nd endlich weiß wurde. Das heißt, dort wurzelte der Tannenbanm, dort war er zu Hause, doch die Heimath ist meist erst eine schöne Sache, wenn man keine mehr besitzt, und so ging es auch dem Tannenbanm. „Hier geht man zu Grunde!" murrte er. Alles ist so eng, so klein, gar keine Abwechslung!" „Freue Dich doch Deines Lebens im heimathlichen Boden!" lehrte die goldene Sonne, mahnte der silberne Mond, predigten die schimmernden Sterne, doch der Tannen- baum verstand sie nicht. „Dtan muß doch seine Freiheit haben!" meinte er. „Und die ist nur in der Welt zu finden. Ich bin so anders wie die Andern! Höher hinauf geht mein Ziel!" Was und wo aber eigentlich die Welt und diese Freiheit ivar, das wußte er selber nicht genau, und er vergaß, daß seine schönste, seine beste Welt und Hcimath draußen im stillen Walde sei. So gar still war der Wald freilich auch nicht immer! Manch' zierlich Reh huschte dnrch's Gezweig, wohl manches nmnterc Häslein ließ sich blicken, und die vielen, vielen Vögcl, die dort wohnten! Und zuweilen kamen auch fremde Wandervögcl, kamen auch fröhliche und traurige, lustige und einsame Menschen in den Wald. Aber das war dem Tanncnbanm mit der Zeit Alles nicht genug! Er wollte Wechsel haben — gerade wie die Menschen — der arme Thor! Und glaubte doch, er sei so anders wie die Andern! So versäumte er die schöne, heimathliche Gegenwart und sehnte sich hinaus. — Wohin? „Wohin zieht Ihr?" fragte er die Wolken. Sie aber gaben keine Antwort; sie schwebten viel zu hoch, hoch oben über ihm und Allem. Sie wußten Nichts vom Sehnen, den: thörichten, eines so kleinen Nadelbaums auf Erden. „Wo kommt Ihr her?" fragte er die fremden Vogel und was sich sonst noch blicken ließ. „Kommt Ihr aus der Welt, wo die Freiheit wohnt?" „Ja", sprach ein naseweiser Spatz. „Aber da ist nicht viel zu holen; da hackt man Dich zu Holz!" Dem Bänmlein schandert's, daß es förmlich Nadelweh bekam. Zu Holz gehackt! Das klang nicht vielversprechend, im Grunde aber glaubte doch der Baum, daß dies ihm nicht geschehen könnte. Er wollte ja höher, so hoch hinaus! Und er war so anders, so ganz anders wie die anderen Bäume, meinte er; — und was man wünscht, das glaubt man gern und meint man auch zu können. Und da kam einmal ein Tag, da ward sein Wunsch erfüllt! Das ist nicht immer gut, doch der Tannenbanm meinte, es sei der glücklichste Tag in seinem ganzen Leben, denn nun sollte er ja in die Welt! — Der erste Schmerz geschah ihm freilich jetzt! Ein Schlag, daß er zu Boden stürzte, und nun war er von der heimathlichen Erde abgetrennt — das schmerzt doch ein wenig. — Aber jetzt war's zn spät, und er überwand den Schlag, oder — er glaubte wenigstens, daß er es that. Sein Liebltngs- wunsch war ja erfüllt — er sollte fort — hinaus — fort in die Welt! Was für ein Glück! — Schon die Reise, die er nun zn Wagen mit manchem andern grünen Nadelbaum zn machen hatte, war so lustig! Was sah man Alles, wieviel Neues, Ungeahntes und auch Schönes, und als man endlich in die große Stadt kam, meinte der Baum, nun sei er in der Welt! Und jetzt begann er sich auch wieder mit seiner Zukunft zn beschäftigen. „Was wohl nun mit mir geschieht?" fragte er sich. „Ob ich auch so aufgestellt werde, wie die großen Baume hier in den Straßen, unter denen die Kinder jubeln und spielen, oder ob ich gar hoch hinauf anf'S Dach komme, fast so hoch bis znm Himmel, wie der kleine Tannenbanm dort oben auf dem Hanse, der so hübsch und stattlich mit bunten Bändern aufgeputzt ist? Wie stolz er dasteht, und wie lustig seine bunten Bänder im Winde flattern! Ob wohl der Baum da oben festwächst? —" Armer Tannenbanm! Was wußte er davon, daß der stolze Baum da droben auf dem Dache nicht viel länger auf dem hohen, luft'gen Sitze thronen werde, als der Richtspruch und der Richtschmaus dauern, die er feiern hilft, um dann den Weg alles Irdischen zn wandeln — hin zn Staub und Asche! Wohin überkam nun unser Tannenbaum? Das werden wir gleich sehen! Er kam mit all' den andern Bäumen in einen großen Hofraum, wo sie alle abgeladen und anfgespeichcrr wurden. Mancher erhielt sogar ein hölzernes, künstliches Fußgcstell, statt seiner alten Wnrzelfüße, so daß er wieder auf eigenen Füßen stehen konnte, Andere aber — und darunter auch unser Tannenbaum, lagen am Boden durcheinander, gerade wie sie der Zufall hatte hinfallen lassen. 821 „Ist das mein Schicksal?" fragte sich der Baum etwas bestürzt, dein die Sache viel zu langsam ging. „Ist Alles schon zu Ende? Soll das hier meine Zukunft sein? Bin ich darum so anders wie die Andern? — Da war es ja im Wald noch besser — in der .heimath!" Und der Baum begann nachdenklich zn werden. Warum? Weil er enttäuscht war, und ein unbestimmtes Gefühl empfand, das er sonst noch nie gekannt, — es war daÄ Heimweh nach der wahren Heimath! Ach wo war sie? Ferne! ferne! Verloren! Und er hatte doch so hoch hinauf, so weit hinaus gewollt! Es ist nicht nur der Baum, dem es so geht. Wer lebt, der hofft indessen, und darum hoffte auch der Baum, gerade wie die Menschen, denn noch fühlte er ja das Leben in sich strömen, und darum hoffte er, wenn er auch durchaus nicht wußte, worauf er eigentlich denn hoffte. Und nun kam das Christfest. Auch in den großen Hofranm, wo die Bäume lagen, kam es, und da erst recht, denn dahin kamen ja die vielen Leute, die Christbäume holen wollten für den Weihnachtstisch; doch der Baum verstand das nicht, wie hätte er es sollen? — aber eine Ahnung wie von etwas Wunderbarem, das kommen würde, durchzuckte ihn. Und nun schlug auch seine Stunde! Endlich — endlich kam sie! Er fühlte sich erfaßt und fortgetragen. Wohin kam er wohl jetzt — wohin? Mau trug ihn vorbei an vielen, großen Häusern, wo schon die ersten Kerzen der brennenden Christbäume durch die Fenster schimmerten. War das eine Pracht! Den Tannenbaum durchschanerte es seltsam, wie bange Wonne. War das auch sein Loos? Da sah er drinnen grüne, frische Waldbäume, geschmückt mit Gold und Silber und reich behängt mit buntem, glänzendem Schmuck, wie in eine Fluth von Licht getaucht, zn sich hinansschimmcrn. Gott, war das schön und herrlich! Sie schienen ihm zn winken, ihn zn grüßen! Sie wuchsen wohl da fest, und wurzelten in jenen großen, schönen Häusern, und alle Tage spielten dann die Kinder unter ihren immergrünen, gold- und silbcrbcladencu Zweigen, an denen rothe Aepfel und schimmernde Nüsse hingen, und die Kinder jubelten so hell, wie er es jetzt bis hinaus auf die Straße hören konnte, und Alt und Jung erfreute sich daran! Und er war ja noch ganz anders als die Andern. Was konnte erst mit ihm geschehen? Doch gewiß etwas Besonderes! ganz Besonderes! Vielleicht kam er geschmückt und leuchtend oben, hoch oben auf ein Haus, wie jener kleine Baum, den er gesehen, nur, viel höher und viel schöner noch, und strahlend hell von vielen, vielen Kerzen, wie die Bäume drinnen in den Zimmern? Ach, wie sehnt er sich so hoch hinauf, zum Himmel hoch, bis in die Wolken, die so hoch und stolz über ihm dahinzogen! Ja, er wollte hoch hinaus, der kleine Baum, der gar nicht war wie alle Andern, und doch so thöricht war, so klein, wie all' die Andern! Wo kam er hin? Er kannte nicht den Ort, wo man ihn niederlegte und dann aufstellte. Es war fast wie im Walde dort, so still so weißverschncit, so friedlich. — Halb heimathlich, halb traurig wehte es ihn an. Wo war er denn? Sollte er nun geschmückt werden und Licht ausströmen? War das hier die Welt, die Freiheit, die er suchte?" Armer Baum! Wo wohnt die Freiheit? Doch nicht in der Welt, ivic Du es glaubst? Es war so still und dunkel — es wurde ihm so sonderbar zn Muth! Da — plötzlich — was war das? Es flammte auf, es blitzte, leuchtete um ihn herum von vielen hellen Kerzen, und ringsum schimmerts grün und freundlich aus dem Schnee, und was so leuchtet, war er selber, er allein, doch Niemand freute sich darüber! Nicht einmal er 822 selbst! denn seine Strahlen warfen ja ihr Licht auf einen Grabhügel und auf die dunkle Gestalt, die dicht daneben lehnte. Es war ein Mensch, — ein einsamer Mensch, in dessen Auge es nicht minder glänzte, als in des Baumes Zweigen. „Nimm hin das Licht, das ich im Leben Dir versagte", flüsterte der Mann am Grabe. „Als ich die Welt, die Freiheit wählte, gingst Du von mir, meine Heimath, mein Alles. Und nun bin ich allein und heimathlos — entwurzelt, wie der sonst so immergrüne Baum, der Dir heut' leuchten soll!" Und er sah zur Erde nieder und zum Himmel auf, wo unser Aller Heimath ist. „Gewiß wir sehen uns wieder dort in der ewigen Heimath, wo allein die Freiheit wohnt. Durch Finsterniß und Erdenstaub zum ewigen Licht!" Und sonderbar! Der Baum verstand, was'der Mensch, der einsame, dort sagte, und durch die Kerzen schicn's mit Flammenschrift zu schimmern: „Warum opfert ihr den Todten? Hättet Ihr es ihnen lieber Doch im Leben schon geboten!" «nd er dachte nicht mehr an sich selber, der Tannenbaum, der auch gemeint hatte, anders zu sein, als wie die Andern. Die Kerzen brannten nieder, und der Mann am Grabe denkt darüber nach, daß der Tod wohl nicht die schlimmste Trennung ist — das Leben trennt noch schlimmer. Darüber denkt er nach und vergißt dabei die Gegenwart, und darüber verlöschen nun die Lichter, und es wird finster, ganz finster um ihn her. „Herr bleibe bei mir, denn es will Abend werden!" Doch das Licht des Christbaums auf dem Grabe brannte weiter und leuchtete den Pfad des Einsamen voran, seinem irrenden Fuß die Spur zu weisen, und er fand sie — hin zu den Armen und Elenden, denen kein Licht am Weihnachtsabend leuchten wollte durch die Dunkelheit. — Und der Tannenbanm? — Der wußte jetzt, was Heimath ist, und daß die Freiheit nicht in dieser Welt zu finden ist, und daß man doch ist wie die Andern, wenn man's auch nicht glauben will; — er fühlt, daß auch er bald Frieden finden wird, und daß er hoch gestiegen war, viel höher als der Baum da droben auf dem Hause, und als die dort in den großen Häusern. Er wußte -auch jetzt, daß er sterben mußte und vergehen, ferne von der Heimath, aus der er sich einst fortgesehnt, und die er nun verloren, — er wußte aber jetzt auch, daß der Himmel Aller Heimath ist auf Erden, und das Christkind huschte leise durch die Zweige und segnete den stillen Ort, wo Jene schlummern, die erst das rechte Christfest feiern. — Womit Du sündigst, damit rvirst Du gestraft. Aus dem Englischen der Mrs. Mary Cccil Hay, übersetzt von Alice Salzbrnnn. (Nachdruck dcrdoten.) Das unbewohnte Landhaus war von einer reizenden Landschaft umgeben, aber dennoch hätte ich mir keinen Begriff von einem so verödeten, gespensterhaften unheimlichen Wohnsitz machen können, bevor ich es gesehen. Ich hatte Schloßruinen gesehen, und war durch manchen verwilderten, vernachlässigten und vergessenen Park gegangen, aber hier schien die Vereinsamung und Verödung anderer Art zu sein. Ich sagte das dem Pfarrer, welcher mich um das Haus herum führte und mir die Ueberreste vergangener Schönheit zeigte, die sogar unter dem Mehlthau des langsamen Verfalles noch »sichtbar war. „Ja, Sie müssen dieses Haus nicht mit eigentlichen Ruinen vergleichen," sagte er, „nicht etwa mit der malerischen alten Abtei, welche Sie in unserer Nachbarschaft gesehen haben. Dieses Gebäude bröckelt nicht unter den langsamen Schlägen der Zeit. Das — 823 Haus steht hier eingerichtet und verschönert — das klingt absurd, nicht wahr? — für seinen Bewohner, einen feinen, luxuriösen Bewohner, aber über den schönen, dauerhaften Wohnsitz würde die Vereinsamung und Verlassenheit verhängt, wenn Sie es so nennen wollen. Jetzt fällt die Besitzung als herrenloses Gut der Krone zu." Ich sah hinauf zu den zerbrochenen, mit dickem Staub und Spinncnwcben bedeckten F nstern und dann auf die stillen, nnbctrctcnen Windungen des Parkes. „Ich könnte glauben," sagte ich, „daß möglicherweise ein Fluch auf dieses Hans gefallen ist." „Im westlichen Flügel," sagte der Pfarrer, indem er meine Bemerkung unbeantwortet ließ, „ist eine Thür, welche ich mit einiger Gcschicklichkeit und Kraftanstrengnng öffnen kann. Möchten Sie das Haus von innen sehen? So weit Sie können, meine ich, denn die Thüre führt nur zu drei Zimmern." Ich folgte ihm langsam. Eigentlich wollte ich das Hans nicht betreten; und obgleich meine Ncngierde zu stark war, um mich zu weigern, wünschte ich, daß der gütige alte Pfarrer den Vorschlag nicht gemacht hätte. Ich sah mich vergeblich nach einer Thüre um, als wir den westlichen Flügel erreichten. In der langen Reihe zerbrochener Fenster sah man nur an einer Stelle eine Menge dichter Epheurankcn, ein riesiger Auswuchs auf der Mauer. Der Pfarrer zog die Ranken mit der Krücke seines Spazicr- stockes auseinander. „Der Eschen wuchert so üppig über den Steinstnfen," sagte er, „daß ich fürchte, Sie werden nicht hinaufsteigen können. Sehen Sie, die Thüre ist auf ersten Stock, und wir können sie nur erreichen, wenn wir diese verborgene Treppe hinaufsteigen." „Ich komme hinauf," sagte ich. '„Man kann hier sicher über den Eschen klettern: aber, bitte, reichen Sie mir Ihre Hand." Das Hinaufsteigen war wirklich schwierig, sogar gefährlich, denn die Stufen waren an vielen Stellen zerbröckelt; aber endlich erreichten wir die Thüre; der Pfarrer streckte seinen Arm durch das zerbrochene Holzgctäfcl, zog innen den Riegel zurück und öffnete. „Ich sah nie ein Herrenhaus mit einem so seltsamen Eingang," sagte ich, jedoch der Pfarrer ging weiter und hörte meine Worte vielleicht nicht. Die Thür führte in ein kleines Vorzimmer, so klein, das; ein Schlafsophn, ein Tisch, ein Stuhl mit verblichenen Büchern es ganz ausfüllten. Der Pfarrer öffnete eine zweite Thüre gegenüber derjenigen, durch welche wir eingetreten, und ich folgte ihm in ein großes luftiges Schlafzimmer; die schweren Damastvorhünge des Bettes mochten einst von brillanter Scharlachfarbe gewesen sein, aber sie waren jetzt in ein Gelbbraun verblichen; sie hingen in Fetzen an den Stellen, wo die Hände des Bewohners sie zurückgezogen oder aufgehoben hatten und waren von oben bis nuten von Myriaden Motten durchlöchert. In diesem Zimmer sah ich einen Eßtisch, wcrthvolle, hübsche Zicrathe und Bücher, und die Wände waren von so schönen, gnterhaltenen Gemälden bedeckt, daß dieselben der alten wurmstichigen Möbel zu spotten schienen. „Schönere Gemälde als diese sind sogar nicht in der Gcmäldegalleric," sagte ich zu dem Pfarrer, als er eine andere wieder unserem Eingang gegenüber befindliche Thüre ausschloß. „Nein; es sind die schönsten, welche aus der Gallcrie ausgewählt wurden; in diesem Zimmer sind die ausgezeichnetsten Portraits. Kommen Sie." Er hatte die Thür gcöffntet und schob die schwere, faltenreiche Draperie derselben bei Seite; ich betrat ein Zimmer, dessen Größe und Form diejenige des Schlafzimmers war, dessen Einrichtung jedoch ein Wohnzimmer, eine Bibliothek und einen Mnsiksaal Alles in Einem zeigte. Trotz des Zahns der Zeit sah ich die Schönheit und den Luxus der Einrichtung, sowie eine Seltsamkeit, als ob hundert Geschmacksrich- timgeil thätig gewesen wären, oder vielleicht ein von Jahr zn Jahr ruhelos veränderter Geschmack. „Dies sind die besten Familicnportraits," sagte der Pfarrer, auf die mit Bildern oehangcncn Wände deutend, „eigentlich sollte ich sagen, die Portraits aus der neuesten Zeit. Die Ritter und Damen früherer Jahrhunderte hängen unten in einer langen, modrigen Gallcrie. Diese Portraits stammen aus über hundert Jahren vor dem Tode des letzten Bewohners dieser Räume. Bitte, betrachten Sie dieses Gemälde; es ist der letzte Sgnire." Das Bild, welches der Pfarrer mir zeigte, war kleiner als die anderen und vielleicht noch schöner, obgleich die Schönheit nicht selten unter diesen stolzen, ruhigen Gesichtern war. Es stellte einen jungen Mann von drei- oder viernndzwanzig Jahren in Hofklcidung dar: ein Gesicht von merkwürdiger, obgleich etwas weiblicher Schönheit, aber es war von ausgezeichneter Feinheit und deutete klar auf eine hohe Geburt und Herkunft; sogar als der Pfarrer seine Meinung ausgesprochen, konnte ich keinen Stolz in diesen schönen, furchtlosen Augen und keine Anmaßung in den edlen, kühngcschwnngencn Lippen sehen. „Ich sah nie ein schöneres Gesicht," sagte ich ganz leise, obgleich ich nicht wußte, warum ich flüsterte. „Und er war der letzte Sgnire? Er war also nie vcrheirathct?" „Nein." „Starb er jung?" „N'--ein." „Wollen Sie mir seine Geschichte erzählen?" „Hier nicht," sagte der Pfarrer und ging sogleich zu anderen Portraits, von denen er etwas hastig sprach. Auch in diesem Zimmer befanden sich zwei Thüren einander gegenüber, wie in den beiden ersten Stuben der Reihenfolge, und hier hingen vor beiden Thüren die faltenreichen Sammctgardincn. Der Pfarrer schob dieselben bei Seite und zeigte mir, daß die unserem Eingang gegenüber stehende Thüre verschlossen, und daß der Schlüssel abgezogen war. „Ich sagte Ihnen, wir würden nnr in drei Zimmer gelangen können," sagte er, „und jetzt haben Sie wohl Alles gesehen, was ich Ihnen zeigen kann." „Aber ehe wir zurückgehen," bat ich dringend, indem ich mich auf einen verblichenen Sessel vor dem Portrait des letzten Sguires setzte, „erzählen Sie mir die Geschichte dieses verödeten Ortes." „Ich will Ihnen dieselbe auf dem Heimwege erzählen," antwortete der Pfarrer. Als er jedoch sah, wie müde ich war, und daß wir wirklich ausruhen mußten, nahm er einen Stuhl, schlug den dicken Staub und die Spinnweben etwas ab, setzte sich und begann die Erzählung in einem leisen, unruhigen Ton, welcher mich bald so nervös machte, daß ich fast fürchtete mich umzusehen. „Lndolph Warwick erbte als sehr junger Mann seines Vaters Bcsitzthnm; er war sehr schön, wie Sie hier sehen, und hoch- müthig; sein Stolz war leicht verletzt und trotz seines feinen Wesens unbeugsam. Daß solch' ein Alaun, ein reicher Grundbesitzer von vornehmer Geburt und so gebildet wie wenige Landedellente seiner Zeit, ein Liebling in jedem Londoner Salon wurde, ist sicherlich nicht erstaunlich; und daß solch' ein Mann, geschickt in allen ritterlichen Beschäftigungen und freigicbig bei seinem Reichthum, ein bevorzugter Gast in jedem ländlichen Herrenhaus unserer Grafschaft wurde, ist ebenfalls nicht erstaunlich. In der Frcndc über seine glänzende linterhaltuugsgabe bemerkten Wenige die Abwesenheit einer edclmüthigcn Sympathie oder die kalte Gleichgültigkeit gegen diejenigen, welche dem magischen Kreise der feinsten und ausgezeichnetsten Gesellschaft nicht angehörten. Wenige sahen bei der Bewunderung seiner regelmäßigen schönen Züge, daß der hohe, kühne Ge- sichtsansdruck nnr ein kalter, grausamer Stolz war. Er bewohnte diesen Landsitz jeden 825 Sommer, während ungefähr acht Wochen, hatte dann das Hans voll Gäste und zeigte eine verschwenderische Pracht. Außer diesen Sommerbesuchen genoß er ein angenehmes Leben in seinem schönen Londoner Hanse, in seinem schottischen Jagdschloß, im Anstand oder als Gast anderer Landedcllente. Er war der Zielpunkt der Blicke und Gedanken der Mütter, das Ideal ihrer Töchter und der anerkannte Liebling der Gesellschaft. Eines Tages, als Sir Lndolph sich mit einem Schwärm fröhlicher, vornehmer Gäste hier aufhielt, versuchten ein paar Strolche einen Einbruch in sein Hans. Ich glaube, der Sgnire selbst entdeckte es; jedenfalls wurden sie überrascht, ehe sie noch in das Hans eingedrungen waren, und nur ein kleiner Knabe, welchen die Schurken durch ein erbrochenes Gitterfenster geschoben, damit er ihnen die Thüre öffne, wurde gefangen. Dieser Knabe war das einzige Kind einer Frau, der ruhigen, einsamen Bewohnerin eines kleinen Häuschens, welches ihr, wie mau sagte, von dem verstorbenen Sgnire geschenkt worden war. Sie war eine Spanierin, eine schöne, schwarzäugige Frau, mit dunklem klaren Teint, und obgleich sie so nahe dem reichen Manne lebte, welcher sie aus ihrer fernen Heimath hinweggelockt hatte, hatte man nie gehört, daß sie seinen Namen erwähnte; das stille, zurückgezogene Leben dieser Frau concentrirte sich in demjenigen ihres Kindes. Als sie hörte, daß der Sgnire ihren Knaben eingesperrt habe und die Polizeibeamten holen lasse, kam sie zum ersten Mal in das Landhaus, seitdem des Sguire's Vater sich stolz von ihren Bitten hinwcggewendct. Mit brennenden Thränen sagte sie dem jungen Sgnire, daß er sich ihres Knaben erbarmen solle, weil derselbe sein Bruder, seines Vaters rechtmäßiger Sohn sei. Er lächelte in seiner schönen, kalten Weise und rieth ihr ruhig, wenn sie lüge, so solle sie nicht zu ihrer eigenen Schande lügen. Sie zeigte ihm ihren in Spanien ausgestellten Trauschein und sagte, der katholische Bischof in unserer Nachbarstadt könne die Echtheit desselben bestätigen. Er antwortete ihr lachend, die' katholische Trauung sei ungültig im protestantischen England. Als die Polizisten kamen und den Knaben hinwegführten, welcher seine Arme nach der Mutter ausstreckte, stand sie mit bleichen, festgcschlossencn Lippen im großen Vestibül dieses Hauses und folgte ihrem Kinde nicht einmal mit den Augen, denn sie sah unverwandt in das schöne Gesicht des jungen Sgnire. Ihr Knabe, ein hübsches, schüchternes Kind von kaum zwölf Jahren, wurde vor die Richter gestellt und erzählte sein Erlebnis; i,nter vielen Thränen. Er ging am vorhergehenden Abend ruhig nach Hause, als zivei Männer ihm nach kamen und mit ihm gingen. Sie sprachen viel mit einander, obgleich gar nicht mit ihm; aber als er am Schlagbanm die Landstraße verlassen und den Feldweg nach Hanse einschlagen wollte, baten sie ihn, noch etwas weiter mit ihnen zu gehen nnkl versprachen ihm ein Geschenk für seine Mutter. Er ging weiter — eine lange Strecke, glaubte er, — und dann führten sie ihn in ein leeres Banernhans, schlössen die Thüre und behielten ihn dort, bis es ganz dunkel war. Sie trugen ihn bis zum Herrenhaus, denn er hätte den Weg im Dunkeln nicht finden können; sie schoben ihn durch eine kleine zerbrochene Fensterscheibe und befahlen ihm, eine Thüre, welche er dicht neben dem Fenster finden würde, aufzuriegeln; sonst müsse er dort immer im Dunkeln bleiben. Das war Alles, was der Knabe erzählte; man sah deutlich, wie sehr er durch die Drohungen der beiden Böscwichte geängstigt worden war. Ich glaube, einer der Richter sagte, die entsetzliche Furcht, welche der Knabe ausgestanden habe, sei eine hinreichende Strafe für ihn gewesen; aber man lächelte verächtlich über diese Idee. Das Kind wurde zur Einzelnhaft auf zivei Jahre vernrtheilt — ja, obgleich die schöne Spanierin vor dem Sgnire auf ihren Knieen lag und ihn bei dem Andenken an seine Eltern und bei seiner Hoffnung aus Gottes Gnade um Erbarmen anflehte. Ehe die Strafzeit halb verflossen war, ließ der Arzt den Knaben in das Hospital bringen. „Dieser einsame Kerker ist sehr verderblich für einen schwächlichen, wachsenden Jungen," sagte er mit ernstem Kopfschüttclu, „wenn er nicht stirbt, wird er für den Rest seines Lebens unheilbar blödsinnig sein." Dieses schlimmere Schicksal blieb ihm erspart, er starb; die Nachricht gab seiner Mutter den Todesstoß und ihr Geist wurde nmnachtct; sie schleppte sich mühsam zum Herrenhaus und verlangte den Sgnirc zu sprechen. Als seine Diener es ihm sagten, lächelte er in seiner ruhigen Weise. „Gebt ihr dieses Geld," sagte er, „weiter ist Nichts nöthig für solche Weiber." Sie blickte geistesabwesend auf die angebotene Summe, dann trat sie einige Schritte zurück, erhob die Hände feierlich gen Himmel und rief das Gericht Gottes auf den Herrn des Hauses herab; sie flehte, daß die Strafe, welche er über ihren Sohn verhängt, ihn heimsuchen möge. Und der in seinem Kreise stets geschmeichelte, gefeierte Herr dieses Hauses sah aus dem Fenster und lächelte über diesen Auftritt der armen Verzweifelten. Sie starb einige Monate darauf. Fünf Jahre vergingen, und Ludolph Warwick führte noch sein luxuriöses, glänzendes Leben, geschmeichelt, bewundert und überall gesucht. Er beging keinen der Fehltritte seines leichtfertigen, genußsüchtigen, aber warmherzigen Vaters, sondern lebte nur in stolzer, kalter, mitleidloser Selbstbefriedigung. Aber als diese fünf Jahre vergangen waren, kam er einmal unerwartet und ganz allein in seinem Londoner Hanse an. Er fuhr am Morgen nach seiner Ankunft in einem Miethwagen aus, und sein Gesicht war von einem weißseidenen großen Halstuch Halb bedeckt; nach einer langen geheimen Unterredung mit einem berühmten Arzt, kehrte er zurück und befahl, daß sein Haus wieder abgeschlossen werde, da er auf das Land reise. Er kam sogleich hierher, und ehe er seinen Ucbcrrock und das weiße verhüllende Tuch abgelegt, rief er vier alte Diener zu sich, welche während seiner ganzen Lebenszeit hier gewohnt hatten. Sie kamen in dieses Zimmer, und er stand dort am Kamin und sprach mit halb abgewandtem Gesicht zu ihnen. Sie waren über seine unerwartete, alleinige Ankunft sehr erstaunt gewesen, denn er pflegte stets mit Equipage und Dienern zu kommen, nachdem alle Zimmer des Hauses für ihn und die Gäste, welche mit ihm oder bald nach ihm kamen, bereit standen. Aber welch' eine viel größere Uebcrraschung erwartete sie! (Schluß folgt.) Goldkörner. Flieh' Musst gang! Uuthütigkeit erschlafft lind »nicht dich muthlos; Arbeit stählt die Kraft. Dir wird durch sie, was du vermagst, bewußt; Leicht wird die Bürde, und die Müh' zur Lust! Gehorche willig, Kind! Gehorsam ist Der Keim, aus dem dir jede Tugend sprießt, Der in sich birgt sie alle im Verein! Du bist ein Pslänzlcin noch, gar schwach und klein, Das sich nicht schützen kaun, das treu gehegt, Von seiner Eltern Sorge wird gepflegt, Gleichwie ein Gärtner schirmt vor Frost und Wind Die Lcuzeskindcr, die ihm theuer sind. Begreifst du auch noch nicht, wie und warum Die Hand dich hält und führt, gehorche stumm! Wie hart dir das Gebot auch scheinen mag, O glaube, kommen wird die Zeit, der Tag, Wo du erkennen wirst, daß nie die Liebe ließ Von dir, ob sie dich thun, ob lassen hieß! F. Beck. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Dr. Max Huttler.