Nr. 103. 1883. postMuilg Montag, 24. December Immer — nimmer! Weihnnchts-Erinnerung einer Uhr von Klnra Reichner. „So stand die Uhr in Lust und Leid, Bei Todtenklag und KindstnufSfrcud'; Was dort im Lauf der Zeit geschehen, Die Uhr hat es mit angesehen! In jedem Wechsel fort und fort, Die Gleiche stets mit gleichem Wort: Immer — nimmer! Immer — nimmer!" Longfellow. Weihnachtsabend war's. Im Zimmer war es still und dämmerig; nur zwei Wesen weilten darin, welche Spuren von Leben verriethen: eine alte Frau und eine alte Uhr. Die alte Frau saß auf einem großen Sorgenstuhl, aber es war ein weichgepolsterter Sorgenstuhl; die alte Uhr stand in der Ecke, so fest stand sie auf ihren beiden Säulen, als ob sie nicht schon viele, viele Jahre durchwandert hätte, Tag für Tag, Stunde nur Stunde, Minute für Minute. In Freud' und Leid Vergeht die Zeit! Die alte Frau wußte das auch recht gut, denn oft nickte sie der alten Freundin in der Ecke zu, als wollte sie sagen: „Ja! du und ich! Wir Zweien haben schon manche Stunde, gute und auch trübe, mitsammen durchgemacht. Wie viele Stunden werden wir wohl noch beisammen bleiben?" „Immer — nimmer! Immer — nimmer!" tönte es aus der Ecke zurück. Und die alte Frau nickte wieder, weil sie ganz gut verstand, was die Uhr damit sagen wollte. Früher hatte sie es nicht so gut verstanden. Weihnachtsabend war's, und ein Jeder weiß es, was das für ein Abend ist, was für ein gesegneter, ein schöner Abend für die ganze Christenheit auf Erden. Die Dämmerstunde war gekommen — da war's lebendig überall — auch in der stillen Stube bei der alten Frau. Draußen auf den Gassen mehrte sich das Laufen und der Lärm, und wer noch keinen Weihnachtsbaum im Hause hatte, nahm ihn geschwind jetzt mit unterwegs. Es kommt ja nur ein Mal der schönste Tag vom ganzen Jahr! Drinnen bei der alten Frau ward's auch lebendig. Allerlei Gestalten, allerlei Bilder tauchten auf — buntfarbige und auch recht graue. Helle, lichte, — Andere in Nebelschleier eingehüllt, und mancher Weihnachtsbaum verflossener Jahre streckte die stacheligen, lichtstrahlenden Zweige in's dämmernde Zimmer hinein. „Immer — nimmer! Immer — nimmer!" — 828 — sagte die alte Uhr in der Ecke, und sie hatte auch ganz Recht. Immer — nimmer kamen sie wieder, dieser Tag, diese Bäume! Der erste, allererste Weihnachtsbaum! An den freilich konnte die alte Frau sich gar nicht mehr erinnern, das wird ein Jeder gerne glauben, da war die alte Frau ja noch ein kleines, kleines Kind, wenn man auch kaum meinen sollte, daß so alte Leute auch einmal so klein und jung gewesen, nun man sie so fix und fertig alt sieht. Aber später hat man es ihr oft erzählt, wie sie dem ersten Christbaum zugejauchzt, und so verlangend die kleinen Aermchen nach ihm ausgebreitet — dem Licht entgegen. Und die Jahre kamen und vergingen! Licht und lichter ward es auch in der kleinen Mcnschenseele, und der grüne, lichterglünzende Baum kam Jahr für Jahr in's Haus, und stets mit ininierglcichcni Jubel wurde er begrüßt. „Ich habe dich so schrecklich lieb!" Das war der höchste Ausruf von Wonne, den das kleine Mädchen damals kannte, und darum sagte sie es auch, wie oft, mit dankerfülltem, kleinem Herzen zu der guten Mutter, die damals noch lächelnd neben dem grünen Baume stand. „Ja — wie lieb denn?" -- „O so hoch — so hoch wie unser Christbaum, nein, noch viel höher — so hoch, — bis zum Himmel hinauf!" „Immer — nimmer, immer — nimmer!" tönte es leise aus der dunkeln Ecke, und die alte Frau verstand es wieder, denn sie wußte, daß auch diese Zeit zu Ende ging, und daß sie später — wie oft — in jugendlichem Unbedacht die beste aller Mütter wie sehr gekränkt! Und die Jahre gingen weiter, und das Leben auch, so pfeilgeschwind und doch so hübsch allmählig, daß man es kaum merkte, wenigstens nicht eher, als bis die Gegenwart vorüber und die Zeit entflohen war, die so rasch und treulos davoneilte, wie alles Andere sonst, was irdisch ist. Doch die alte Uhr war desto treuer als die Zeit, welcher sie diente, und treuer als das Glück und als die Menschen! Oftmals war sie auch eine gar treue Warnerin gewesen, wenn ihr Pendel so stillgeschäftig sich hin- und hcrbewegte, und der Zeiger so unerbittlich weiter rückic, von Stunde zu Stunde. Immer neue Minuten folgten ja den abgelaufenen, doch nimmer waren es dieselben — immer andere, und nimmer kamen sie wieder die verflossenen — nimmer. Das predigt die Uhr mit ihrem steten, stetigen: „Immer -- nimmer, immer — nimmer!" nur daß die alte Frau es nicht so gut zu hören verstanden, einst, als sie noch jung gewesen! Die frohe Kinderzeit verflog — es kamen andere Tage, andere Zeiten, doch auch sie waren gut und schön und glücklich, voll von Spnncuschcin und Liebe! — Wohl mahnte die alte Uhr und predigte Vergänglichkeit, doch Niemand achtete auf sie, wenn sie erzählte, daß Lieb' und Jugendzeit und Glück verwehen, wie ein Blatt im Winde! Wer mag an Sturm und trübe Wetterwolken und au graue Nebel glauben, wenn am blauen, heiteren Himmel die helle, goldene Sonne lacht? Und die jugcndfrischc Rose und die bräutlich-grnuc Myrthc wanden sich znm Kranz die Braut zu schmücken, die glückliche, die hoffnungsreiche, überreiche Braut! Freundlich zu nickte sie der alten Uhr, der treuen Freundin ihrer Kinderzeit und Mädcheujahrc, deren rastlosen Pendel- und Stundcnschlag sie — ach so oft gelauscht, voll Lust und Ungeduld und Freude. „Immer — nimmer, immer — nimmer!" sagte die Uhr, und ihr klang es wie ein Gruß. Ja, das war es auch, doch durch den Gruß klang es wie eine ernste Freundes-Stimme: „Für immer gehst du, und wie es war ivird's nimmer!" Und es ward auch nicht mehr so. Der Schritt aus dem Elternhaus war der in's Leben, und das Leben will gezahlt sein — Jeder muß es zahlen — früher oder später. 829 Wohl schielte noch der Sonnenschein auf grünen Blättern, doch hier und da begann das Laub sich gelb zu färben und dürres Reisig sich zu zeigen, aus dem kein Grün meh7 sprossen wollte. Ist die kurze Blüthcnpracht des Frühlings um, so folgen ihm des Jahres andere Zeiten — so will's Natur und Leben. Engel der Freude und der Trauer zogen ein und aus, und die alte Uhr nahm ihren Theil an Allem. „Immer — nimmer," sagte sie, „immer — nimmer!" und das klang wie ein Gebet. So zogen die Jahre wie die Wolken droben am Himmel, sichtbar, immer nahe, und doch fern und wechselnd, und mit ihnen zog die Jugend, zog gar Manches, das nicht wiederkehrte, zog ein Christfest nach dem andern Jahr für Jahr, als wie ein Zeitmesser für Glück und Leid. Gar treu sind seine grünen Boten, mit ihren immergrünen Blättern, aber diese Blätter sind Nadeln, und Nadeln haben ihren Stachel. Wo sind sie hin, sie Alle, auf die einst der helle Kerzenschein die frohen Weih- nachtsstrahlcn warf — wohin? Erloschen ist ihr Licht, nur das Gedächtniß stirbt nicht. Das lebt immergrün im Herzen. „Immer — nimmer, immer — nimmer!" sagte traurig die alte Uhr, die immer dieselbe geblieben war, ob auch alles Andere sich geändert hatte. Und nun war's Winter, schuec-weißer, kalter Winter, und wieder war's Weihnachten, und das Haar der Frau, die einst ein frühlingsfrisches Kind gewesen, war auch weiß geworden, doch kalt war's nicht im Herzen drinnen, o nein, recht warm sogar und auch recht Hoffnungsgrün — wie Veilchen unter Schnee. Wohl fühlte sie den Winter und die Einsamkeit, die alte, stille Frau, doch eine treue Freundin war ja bei ihr: die alte Uhr, und jetzt verstand sie ja weit besser, was die Uhr erzählte. Von alter Zeit, von schönen, frohen Stunden sprach sie, so gut wie von den traurigen und ernsten. Sie lächelte mit ihr und weinte, sie klagte, tröstete. „Immer — nimmer, immer — nimmer!" lehrte sie, und die alte Frau wußte nun, daß Alles ein Ende hat und daß doch die Hoffnung den Menschen von der Wiege bis znm Grab als gute Fee geleitet. Weihnachtsabend war's. Im Zimmer war es still und dämmerig; nur zwei Wesen weilten ja darin, die Spuren von Leben verriethen: eine alte Frau und eine alte Uhr. Der alten Frau war's wehmüthig zu Sinn — die alten Zeiten wurden am Christabend so neu, und sie war so allein. Ach! Wo waren sie Alle? Wo? Die Eltern, Geschwister, Kinder, Gatte, Freunde! die einst das Christfest mit gefeiert, mitsammen unter dem grünen, immergrünen Tannen- banm? Wie hatte da der Lichterglauz gestrahlt! Und nun? Zerstreut! Sie Alle, Alle durch das Leben, durch den Tod, verweht die frohen, hellen Weihnachtstage, längst verweht. Und die alte Uhr stand in der Ecke, so fest auf ihren beiden Säulen, als wenn sie nicht schon viele, viele Jahre durchwandert hätte, Tag für Tag, Stunde uin Stunde Minute für Minute. „Immer — nimmer, immer — nimmer!" sprach sie unerschütterlich. Und die alte Frau verstand sie gut, und fühlte aus den dürren Reisern frischen Frühling sprossen, der unvergänglich, unverwelklich war, so unvergänglich, wie die Uhr der Ewigkeit, die auch in jeder Spanne Zeit uns mahnt, daß Alle, die das Leben einst zerstreut, ein schöneres Christfest wieder eint, dort oben, wo sie sich alle wiederfinden, znm ewigen Wiedersehen, das kein Tod und keine Trennung stört! — „Immer dort — doch nimmer hier sagt die alte Uhr. — Fröhliche Weihnachten allen Einsamen! Womit Du sündigst, damit wirst Du gestraft. AuS dem Englischen der Mrs. Mary Cecil Hay, übersetzt von Alice Salzbrunn (Schluß.) Er sagte ihnen, daß alle seine Diener entlassen werden sollten, ausgenommen sie selbst; daß Jeder von ihnen, der eine Einwendung dagegen mache oder ihm in seinen Befehlen nicht unbedingt gehorchen wolle sogleich sein Haus verlassen könne, bevor er weiter zu ihnen spreche; aber wenn sie bleiben wollten, müßten sie ihm schwören, seinen Anordnungen strengen Gehorsam zu leisten. Er sagte ihnen, daß nie wieder Gäste im Hanse sein und ihre Dienste erfordern würden; und daß außer ihren eigenen Schlafstuben und der Küche nur diese drei Zimmer des Hauses bewohnt werden würden. Er sagte ihnen, daß er von diesem Tage an keinen Menschen besuchen oder bei sich sehen walle; und indem er ihnen eine geladene Doppelpistolc zeigte, sagte er, die erste Kugel sei für denjenigen, welcher bei ihm einzudringen oder in sein Gesicht zu sehen wage, und die zweite sei dann für ihn selbst. Er sprach seinen Vorsatz aus, in diesen drei Zimmern einsän: zu leben, Thüren, durch welche kein Spüherauge dringen und Schlösser, welche keine Hand außer der seinigeu ausschließen könne, machen zu lassen. Seine übrigen Befehle wolle er schriftlich nach der Entlassung seiner Dienerschaft geben. So begann er sogleich dieses Leben der furchtbaren, leidensvollen Einsamkeit; und obgleich von dem Tage an Niemand zu dem jungen Sqnire drang, und er sein Geheimniß Niemanden erzählt hatte, war es bekannt, — man flüsterte von -Entsetzen durchscheuert davon — daß eine schleichende Krankheit an seinen: Leben nagte und zuerst die Schönheit seines Gesichts zerstörte, auf welche er so empfindsam stolz gewesen. Jahr auf Jahr verging sein Leben in furchtbarer Einöde. In diesen Zimmern sammelte er Alles, was er konnte, um solch ein Leben erträglich zu machen; er ließ sich die aus- crwählt schönsten Gemälde der Londoner Bildergallerie kommen, um sie an seine Wände zu hängen. Wenn er diese Glocke zog, fand der alte Bediente seine geschriebenen Befehle unter dieser verschlossenen Thüre durchgeschoben; wenn er die Glocke in: Schlafzimmer gezogen hatte, schloß er sich in dieses Wohnzimmer ein, und der Bediente konnte das Schlafzimmer aufräumen, die Teller und Tassen wegräumen (der Sqnire hatte während seiner Mahlzeiten nie eine Aufwartung) und das Kaminfener anzünden. Wurde die Glocke in: Vorzimmer gezogen, so beeilte sich der Bediente, welcher dieses Wohnzimmer in Ordnung zu bringen hatte, mit seiner Arbeit, weil er wußte, daß sein Herr unterdessen in: kleinen Vorzimmer eingeschlossen saß. Denn er ging nie aus jener Thüre in den Park hinunter, (obgleich er die Steintreppe zu diesen: Zweck machen ließ) bis sein ganzer Haushalt und das ganze Dorf schon stundenlang in: Bette lag. Nur in: tiefen Dunkel der Nacht wagte er sich hinaus und Niemand hat ihn je auf diesen Gängen gesehen. In dieser schrecklichen Einsamkeit, in welcher er keines Menschen Angesicht sah, keines Menschen Stimme hörte, sich seinen Dienern nie zeigte und kein Wort zu ihnen sprach, verlebte der Sqnire fast zwanzig Jahre. Stellen Sie sich solche Einsamkeit und solches Leiden während einer Woche vor — während eines Jahres, und dann während zwanzig Jahren! Aber um die Schwere der Heimsuchung für ihn zu verstehen, müssen Sie sein bis dahin geführtes Leben bedenken, die an den höchsten Grad der Feinheit gewöhnte, hochmüthigc Natur des Mannes und seine intensive Empfindlichkeit gegen jeden physischen Schmerz und gegen jede Beschwerde. Bedenkt man das und die Last des zu bewahrenden Geheimnisses, während die Welt der Neugierigen, welche ihren Gefeierten vermißte, nach der Ursache seines lebendigen Todes fragte, so kann man sich die gräßlichen, fast unerträglichen Leiden dieser zwanzig Jahre vorstellen. Endlich kau: eine Zeit, in welcher die Mahlzeiten kaun: berührt waren; und dann wurden keine geschriebenen Befehle mehr unter die verhangene Thüre gelegt, bis der alte Diener der nur diese Geschichte erzählte, einen Zettel fand, daß er den Pfarrer rufen sollte. 831 Der Pfarrer war damals ein alter Mann, so alt wie ich jetzt bin; er kam nnd kniete betend in diesem Zimmer neben dem geschlossenen Sammctoorhang. Er wußte, daß die Thüre zum Schlafzimmer des Sgnire offen stand, aber er war gebeten worden, hinter diesem Vorhang zu bleiben, und er wollte ohne Aufforderung keinen Schritt näher treten. Voll heiligem Ernst betete er mit lauter Stimme und brachte dem reuigen Sünder die Botschaft oom Erbarmen des allmächtigen Gottes und vom ewigen Leben. Am nächsten Tage kam der Pfarrer wieder, aber diesmal waren die Thüren vcr- schlossen, weil er nicht gerufen worden war, und kein Zeichen kam von innen, daß seine Bitte um Einlaß gehört wurde. An demselben Abend ließen die angstvollen Diener ihn wieder holen, Sie konnten keinen Laut im Zimmer ihres Herrn hören und hatten nun seit zwei Tagen keine Speise hineinbringen dürfen. „Ihr sollt den Arzt holen lassen," sagte der Pfarrer, „er und ich werden uns Eingang verschaffen nnd ihm Hülfe bringen, wenn wir können. Ihr Alle sollt Euer heiliges Versprechen halten." Das Schloß der ersten Thür» wurde mit großer Schwierigkeit erbrochen; der Arzt und der Geistliche traten leise ein. Die Thüre, welche in das Schlafzimmer führt, war hinter dem Vorhang angelehnt, und als sie hineingingen, sahen sie mit einem Blick die Lösung dieses grauenhaften Geheimnisses. Der Sgnire lag angekleidet auf dem Bett; die steifen Finger seiner abgezehrten rechten Hand hielten das geöffnete Gebetbuch, seine Linke war nach dem Bettvorhang ausgestreckt, als habe er denselben zuziehen wollen, wie sein Ende gekommen war. Auf einem Tischchen neben seinem Bett lag die geladene Pistole; er war vor dem Selbstmord bewahrt geblieben, obgleich die Versuchung in seiner Lage manchmal groß gewesen sein mochte. In Einsamkeit, Schmerz und Leid hatte er seine Befreiung erwartet. Der Arzt bedeckte das einst in seiner Schönheit so stolze Gesicht, damit der grauenvolle Anblick keine anderen Augen verletze, und das geschah auch nicht. Die zuverlässigen alten Diener befolgten sogar jetzt die Befehle ihres Herrn. Seit beinah zwanzig Jahren hatten sie bei ihm gewohnt und nie seine Züge gesehen; und als sie an diesem Tage Zutritt zu seinem Zimmer hatten, hielten sie treulich ihr Versprechen und ließen die weiche, weiße Hülle auf dem Gesicht, welches sie in seiner Zerstörung nicht wieder erkannt haben würden. „Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher;" Das ist die Geschichte. Ich wünschte sie Ihnen nicht in diesen Räumen zu erzählen. Kein Wunder, daß Sie bleich und erschüttert sind. Kommen Sie, wir wollen weggehen." G o l d k ö r » e r. Demuth lehrt Bescheidenheit, Gleich dem Veilchen, das verborgen Blüht nnd süße Düfte haucht. Demuth wahrt des Herzens Frieden, Macht erträglich jedes Loos, Läßt uns immerdar erkennen, Daß noch Schlimm'rcs wir verdient. Selbsterkenntnis; führt zur Demuth, Ist zu ihr der sich'rc Pfad; Mit vcrbund'nen Augen wandelt Hoffahrt, bis sie strauchelnd fällt. F. Beck. 892 Die vier Cnltnrnationen. In seiner interessanten Schrift „Chrouos oder Lebensbeschreibung der Mutter Erde" London, Trübner) Seite 275 u. ff., gibt der geistvolle Amerikaner Wallace Wood, eine vergleichende Schilderung des Charakters der vier großen, an der Spitze der Zivilisation niarschirenden Knltnrnationen, welche zwar, wie alle solche Schilderungen, nicht von Einscitigkeitcn frei ist, aber dennoch verdienen dürfte, allgemeiner bekannt zu werden. Man werfe, so sagt derselbe, einen Blick auf eine Karte der Erde, und man wird in dem kleinen Winkel im Norden Enropa's den geistigen Mittelpunkt der Welt erblicken. Paris, London und Berlin bilden die dreifache Sonne, von welcher das Licht der Wissenschaft und Kunst ausstrahlt. Die über den Erdboden zerstreute menschliche Race kann als eine Art lebendigen Nicsenleibs betrachtet werden, dessen Gehirn oder Seele gewissermaßen durch jenen dreifachen Mittelpunkt gebildet wird. Bedenke dieses, junger Amerikaner, wenn Du Deine .Hochzeitsreise antrittst. Die Mammuthhühle ist ohne Zweifel das größte Naturwunder der Welt, und das S)o- Samitho-Thal das zweitgrößte. Aber befriedigte Nengier ist kein intelektneller oder moralischer Gewinn; diesen mußt Du an seiner Quelle aufsuchen. — — England, Frankreich und Deutschland stellen in jenem Riesenlcib gewissermaßen die drei Eigenschaften von Muskel, Herz und Gehirn, oder von Wollen, Fühlen und Denken vor. Die englische Nace ist durch eine lange Reihe von Umständen zu einer vorzugsweise» Ausbildung der Kraft oder That geführt worden. Ihre Industrie, ihr Handel, ihr Colonialwesen, ihr Maschinenbau bezeugen dieses ebenso, wie ihre leidenschaftliche Liebe zu Jagd und zu körperlichen Uebungen oder ihre Achtung vor dem Starken und ihre Verachtung des Schwachen — die Nahrung des Engländers besteht hauptsächlich in Rostbecf und Käse. — Die Natur des Franzosen ist die Folge einer während Jahrhunderte ungczähmtcn Gcfühls-Erregnng, eine Verehrung des Schönen, des Zarten, des Wahren, allerdings gewürzt durch eine kleine Zuthat niedrigerer Leidenschaften. Es ist eine Nace von Künstlern und Liebhabern, welche von Kaffee, Wein und gewürzten Brühen lebt. — Der Deutsche neigt weder znr Empfindsamkeit (?), noch zur That, um so mehr dagegen znr Nachdenklichkeit. Er hat ein starkes mit Gedanken angefülltes Vordcrhaupt. Er macht Diktionäre, erfindet philosophische Systeme und schreibt dicke Bände voll trockener oder staubiger Wissenschaft. Den Engländer nennt er einen Materialisten, den Franzosen ein verwöhntes Kind. Ihm ist es einerlei, was er ißt. (?) Mit einem Wort: der Deutsche weiß Alles, der Franzose fühlt Alles, der Engländer thut Alles. Gehst Du nach London, so zeige vor allen Dingen im Umgang mit Engländern Männlichkeit und Uncrschrockenheit. — — Jenseits des Kanals betrage Dich, als ob Du immer in Damengesellschaft wärest. Sei artig, höflich, freundlich, füttere die kleinen Vögel in den Parks, lobe die Kinder und spreche mit Achtung von Malerei und Theater. In Deutschland kannst Du Dich betragen, wie Du willst. Es ist das einzige Land der Welt, wo geistige Freiheit herrscht und wo persönliche Eigenthümlichkeit nicht lächerlich oder das Leben gar unmöglich macht. Mail wird nicht als ein Narr oder Pedant angesehen, wenn man sieben lebende Sprachen spricht; und wenn Du in einem Eisenbahnwagen ein griechisches Gedicht oder ein wissenschaftliches Buch in der Hand hast, so brauchst Du Dich nicht zu schämen und läufst mcht Gefahr, ein mitleidiges Lächeln oder ein gegenseitiges Augenzwinkern Deiner Mitreisenden hervorzurufen. Ueber seine eigene Nation oder die Amerikaner spricht sich der Verfasser nicht direkt aus, sondern läßt für sich einen verstorbenen Konservativen aus der alten Schule reden, welcher allerdings zumeist die Schattenseiten des amerikanischen Charakters hervorhebt. Bei aller Anerkennung der Großthaten der amerikanischen Nation als solcher, nennt er den Amerikaner selbst anspruchsvoll, gewissenlos und oberflächlich. Er kennt weder ruhigen Lebensgenuß, noch Liebe, noch Beschaulichkeit, sondern nur ein rastloses Jagen 833 nach seinem Ziele. Der amerikanische Schuljunge ist wie ein Hund an der Koppel. Er hat keinen Begriff davon, daß Lebe», Gesundheit und Verstand ihm für noch etwas Anderes gegeben sein könnten, als um Geld und Ansehen zu erwerben. Er ist der älteste Jüngling, der die Welt kennt und wird nicht selten ein alter Mann, mit bartlosem Gesicht, ehe er noch aus der Jugendzeit heraus ist. Kaum aus der Schule entlassen, beginnt für ihn bereits der wüthende Kampf um das Dasein. Mit den nationalen Stichwörtern: „Drauf los!" und „Scharf ausgesehen!" in seinem Munde strengt er jede Faser seines Leibes und Geistes an, um sein Leben zu machen, bis ihm die beleidigte Natur endlich ein Halt! zuruft. Er gleicht einem Wanderer, welcher, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, den kürzesten Weg wählt, wenn er auch durch gefährliche Abgründe und über steile Berge führt, während ein bequemer Umweg langsam, aber sicher ihn zu demselben Ziele geführt haben würde. Der Eine erreicht das Ziel, wenn auch nicht ohne Schaden für sich selbst, der Andere geht auf dem Wege zu Grunde. Aber das Leben Beider ist arm an Freude und Schönheit. M i s e e l l e n. * (Ein Nosenblatt als Dolmetscher.) Ein hübsche Geschichte, bei der ein Nosenblatt den Ansschlag gab, erzählt man sich von einem berühmten, deutschen Gelehrten. Derselbe wünschte Mitglied einer gelehrten Gesellschaft zu werden, deren Statuten vor Allem als Haupt-Paragraph den Mitgliedern Folgendes geboten: „Viel denken, wenig schreiben, möglichst wenig reden!" Unglücklicherweise aber war die vorgeschriebene Zahl von Mitgliedern bereits erreicht, folglich znr Zeit keine Aussicht auf Beitritt vorhanden. Wie aber dem geachteten Gelehrten dies auf zarte Weise kundgeben? Um den Unannehmlichkeiten einer Auseinandersetzung zu entgehen, außerdem aber auch getreu dem Hauptparagraphen des Vereins: möglichst wenig zu sprechen, ließ der Vorstand während einer Versammlung, welcher der Gelehrte als Gast beiwohnte, vor Letzteren ein Gefäß mit Wasser stellen, so voll, daß ein einziger Tropfen mehr schon genügen konnte, um es überfließen zu machen. Der gelehrte Doctor begriff diesen stummen Wink durch die Blume, und ergab sich bereits in sein Schicksal, auf die Erfüllung seines Lieblingswunsches Verzicht leisten zu müssen, als er plötzlich auf dem Boden zu seinen Füßen ein abgesallencs Nosenblatt gewahrte. Diesen Zufall benutzend, um die Blumcnsprache des Präsidenten in ähnlicher Weise fortzusetzen, nahm er das federleichte Blättchen, und that es mit großer Vorsicht auf das vor ihm stehende Wasser. Er wollte damit ausdrücken, daß trotz der Vollzähligkeit des Vereins vielleicht doch noch für ihn ein Plätzchen sich finden lassen werde, ohne Schaden für denselben, ähnlich wie das Nosenblatt doch auch noch auf dem vollgefüllten Wassergefäß Raum gefunden, ohne daß dies Letztere überfloß. Die Folge dieser Zeichensprache war, daß sämmtliche Mitglieder aus Bewunderung über diesen guten Einfall, einstimmig in den gelehrten Verein ihn nun doch noch aufnahmen, und das Alles wegen eines kleinen Roscnblättchcns, das zufällig am Boden lag! Wie man oft Inserate stylisirt, zeigt anf's Neue folgende Sammlung in der „Germania": „Ein Mädchen von 5 Wochen wünscht eine Mutter an Kindesstatt abzugeben." (Jntelligcnzblatt.) — „Drei doppelte Buchhalter für erste Häuser sucht der Vorstand des Handlungscommis-Vcreins." (Nat.-Ztg.) — „Ich suche solide tüchtige Handschuhmacher und zahle pro Dutzend 1—2 Mark. F. Friede!, Handschuh-Fabrikant." (Schles. Zig.) — „Der Unterzeichnete bringt zur Anzeige, daß unter Heutigem Vormittags 10 Uhr der Hund des Lohnkntschcrs Andres, welcher Rattenfänger nicht nur einmal, sondern mehrere Tage ohne Marke und Manlkorb herumläuft, ohne sich darum zu kümmern und höhnisch dazu lacht, wenn derselbe gewarnt wird. Joseph Hörner, Polizeisoldat." (Bayer. Vztg.) — „Am 7. März, zu meinem Geburtstage, 7^ Uhr entriß nur der Tod zum zweiten Male meine innige, theure und gewiß von Jedermann 834 geliebte Gattin. F. W." (Leipz. Tagbl.) — „Steckbrieflich verfolgt wird Joh. Miller, der seinen Vater erschlug, um ihu zu berauben uud danu heirathcn zu können." (Frank. Kur.) — „Die Dame, welche vorigen Montag den Manschcttcnknopf suchte, ist gefunden worden und ist abzuholen. Grimmastcig 9." (Leipz. T.) — Durch die „Kobl. Ztg." wird für einen „älteren jungen Mann Nachhilfe in der Religion gesucht". — „Ein dreijähriger Esel, wegen seiner Frömmigkeit auch für den Umgang mit Kindern passend, ist zu verkaufen." (Amtsblatt für Rügen.) — „Zu verkaufen sind zwei gut melkende Ziegen, Kaprellgasse Nr. 9 und nur Nachmittags von 3 Uhr an zusprechen." (Leipz. T.) * (Napoleon als Ehcstifter.) Napoleon I. Kaiser der Franzosen, hatte die Liebhaberei, für sein Leben gern Heirathcn zu stiften, das heißt, er, der Nichts ohne Gewalt zu thun pflegte, verband damit die Absicht, seinem durch die vielen Kriege, die er führte, entvölkerten Lande auf diese Weise wieder aufzuhelfen. So ließ er arme Mädchen ausstatten, damit sie einen Gatten fanden, und wenn einer seiner Soldaten heirathcn wollte, unterstützte er ihn durch die Verleihung irgend einer Stellung oder einer Beförderung. Leider aber nahm diese Liebhaberei zugleich den Charakter eines sehr unliebsamen Zwanges an, indem.der Kaiser oft auch Diejenigen nicht unbehelligt ließ, die seine Vermittlung gar nicht wünschten. Auf diese Weise verhcirathete er seinen früheren Adjutanten, späteren Grafen und Generalpostdirektor, Lavalette mit Mademoiselle Beau- harnais, einer Nichte der Kaiserin Zoscphinc, indem er ihn zu einer Spazierfahrt aufforderte, und bei dieser Gelegenheit ihn in das Kloster führte, wo das junge Mädchen erzogen wurde, um den beiden höchst Erstaunten die Neuigkeit mitzutheilen, daß sie sich als Verlobte zu betrachten hätten, die in 8 Tagen getraut werden würden. Auch General Vertier, ein Adjutant des Kaisers, ward auf ähnliche Manier vcrhcirathet, trotzdem er eine Andere liebte. Der Glücksstern Napoleons bewährte sich übrigens auch hierbei, denn in den meisten Fällen gestalteten sich diese erzwungenen Ehen glücklich. (Mißgunst.) Mr. Watson, ein in ganz London bekannter reicher Geizhals, lag im Sterben. Als er das Herannahen des Todes fühlte, bat er einen Freund, der ihn pflegte, ein Schubfach zu öffnen uud ein altes Hemd heraus zu nehmen, damit er es anziehen könne. Auf die Frage, weshalb er jetzt noch die Wäsche wechseln wolle antwortete er: Man hat mir gesagt, daß das Hemd in welchem ich sterbe, der Leichen- wascherin zufällt und dafür ist jenes alte gut genug. (Aus dem Kolleg.) Ein Prinz Casimir Kotschuboni besucht in Leipzig der Neugierde halber anatomische Vorlesungen. Der zerstreute Professor legt ihm eine Frage Betreff eines Nervs vor. Prinz sehr verlegen — endlich bewußt: „Herr Professor, ich bin der Erbprinz Casimir Kotschuboi." — „Ja, dann können Sie es freilich nicht wissen l" Räthsel. In der Hcimath erkennst Dn's, unscheinbar, klein; J>N Vaterland wird es mächtiger sein. In Flammenschrift sah es Dein Auge schon; Dir steckt's in den Adern, Deutschlands Sohn, Und hörst Du den Klang von der Wacht am Rhein, Da zieht es mit Andacht ins Herz hinein. In der Stadt — da findest's in jedem Haus; Auf dem Lande — grüßt's Dich im Blumenstrauß. Es kommt zu Dir in der FrühlingSpracht, Du hörst es in klarer Stcrnennacht. Und selbst Leim Kaiser, der Heldengestalt, Siehst Du es herrschen in Allgewalt. Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von vr. Max Huttler-