Nr. 104. 1883. „Äugsliirrger pojhettimg." Samstag, 29. December Dir Wasserkur. „Ist das Essen bereit, Johann?" „Ja, gnädiger Herr!" „So laß anrichten!" Kanin war der Diener zur Thüre hinaus, da trat der Arzt des Sprechers, Or. Faust, in's Zimmer, und Bankier Goldschmidt rief ihm freundlich entgegen: „Gut, daß Sie kommen, ich hätte sonst allein speisen müssen; jetzt hoffe ich, sind Sie mein Gast." „Bedauere sehr, bin für heute Mittag leider schon versagt!" „Das ist schade — für mich und für Sie! Ich habe etwas Auserlesenes; eine Schnepfe, einen Seekrcbs und fünfzig Stück Austern!" „Ei der Tausend! Leckerbissen, wie bei einem Krösus!" „Nicht wahr, ein seltenes Kleeblatt zusammen! Schade, daß Sie gerade heute versagt sind!" „Ei nun, man könnte — —" „Sobald als möglich eine Wiederholung veranstalten! Nun,sdas soll, lieber Freund, später geschehen, und ich werde Sie dann früh genug benachrichtigen." „Ich könnte wohl auch gleich —" „Hier bleiben? Aber Sie sind ja versagt!" „Bei der Madame Mühler; dieser wäre es vielleicht lieb, wenn ich absagte." „Wenn Sie das thun wollren, so wäre es mir schon angenehm." „O, Ich verliere hoffentlich nichts dabei!" „Bei mir dürften Sie aber wahrscheinlich kaum satt werden, weil nur auf eine Person gerechnet ist." „Satt würde ich auch bei Frau Mühler nicht, so viel weiß ich schon — nur der Nachtisch ist dort reichlich. Abgemacht, ich bleibe hier." „Wie Sie wollen; Sie wissen, mit meinen Freunden theile ich gern." „O, es handelt sich bei mir nicht um das Essen, weit mehr fesselt mich Ihre interessante und geistvolle Unterhaltung — aber können wir nicht gleich beginnen? — Patienten erwarten mich noch." „Gedulden Sie sich nur einen Augenblick. Sie sehen, es wird schon angerichtet." Ueber den geringen Umfang der Schüsseln, die Johann auftrug, erschrack jedoch der Doctor nicht wenig. Er sann nun nach, ob das Mißverhältniß zwischen seinem riesenhaften Appetite und den zwerghafteu Portionen nicht auf irgend eine Weise auszugleichen sei. . . . Ja, so mußte es gehen. Er wandte sich mit besorgter Theilnahme zum Bankier. „Ihnen fehlt doch nichts, lieber Freund? Sie sehen schlecht aus." „Durchaus nicht. Ich habe mich noch nie so wohl befunden." „Der Schein trügt oft! Spüren Sie denn keine Müdigkeit?" „Freilich wohl, aber ich bin auch heute schon -wei Stunden 'eritten!" 836 „Das würde einen gesunden, kräftigen Mann in Ihren Jahren nicht so anstrengen." „Meinen Sie?" „Erlauben Sie doch, Ihren Puls — — hm, hm, — — sehr aufgeregt; Ihre Zunge — — sehr belegt! Ihr Magen scheint nicht in Ordnung zu sein — " „Ich habe Hunger, wie ein Wolf!" „Falscher Appetit! Sie würden nicht zwei Bissen hinunterbringen." „Das wollen wir doch probiren I" „Bei Leibe nicht! nicht einen einzigen Bissen nehmen Sie! Es scheint eine bedeutende .Krankheit im Anzüge vor deren Ausbruch nur die strengste Maßhaltung in Speise und Trank Sie schützen kann." „Glauben Sie wirklich, Doctor?" „Es ist, wie ich sage, der Krankheitsstoff hat sich angesammelt. Wir müssen ihn fortzuschaffen suchen, bevor er sich auf einzelne Theile wirft." „Wodurch aber?" „Auf hydropathischem Wege, den uns schon der alte Pindar angedeutet hat, indem er sagte, das Wasser sei das Beste. . . . Johann, schnell an den Brunnen, die Karaffe dort voll Wasser." „Was soll aber aus der Schnepfe, dem Seekrebs und den Austern werden?" „Gesellschaft angenehme Gesellschaft ist freilich beim Essen die beste Würze, was aucb die alten Griechen und Römer schon anerkannten. Aber Ihre Gesundheit, liebster Freund, Ihre Gesundheit geht mir über Alles. Thut mir sehr leid, daß ich nun allein speisen muß!" Herr Goldschmidt ließ nun geduldig über sich ergehen, was der Doctor anordnete. Auf dem Sopha ward ein Bett gemacht, der „Kranke" mußte sich niederlegen, Johann bekam den Auftrag, seinem Herrn alle zehn Minuten ein großes Glas Wasser einzuschenken und darauf zu achten, daß er es bis zum letzten Tropfen ausklinke. Nachdem dann der Doctor Faust der Madame Mähler hatte sagen lassen, daß er bet einem Patienten aufgehalten werde und sie ihn erst zum Nachtessen erwarten dürfe, setzte der Schalk sich behaglich zum Essen nieder. Die Speisen waren vortrefflich und unser Doctor durfte sich rühmen, ein Kenner zu sein. Er pries den Wohlgeschmack und die Zartheit der Austern. Mit stillem Neide sah der Kranke zu, wie mit lüsternem Munde fein Gast nun , auch den köstlichen Seekrebs verzehrte und als jetzt die Schnepfe an die Reihe kam, stieß der Patient die herzbrechendsten Seufzer aus. „Wie ist es? Was macht der Magen?" fragte Doctor Faust theiluehmend. „Ach, ich bin so hungrig!" seufzte der Kranke. „Einbildung! Wenn Sie essen wollten, würden Sie sogleich der schlimmsten Folgen iuue werden, die Ihr Leben in Gefahr brächten." „Versuchen wir es mit einigen Austern." „Unter keiner Bedingung; den kleinsten Bissen darf ich Ihnen als Arzt nicht gestatten. Wenn Sie gegen meinen Rath handeln, dann machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt! - " Während dieser Rede bewegten sich die Kinnladen des Doctors mit wachsender Geschwindigkeit: ein Stück Schnepfe nach dem anderen verschwand. Als sie ganz vertilgt war, wischte er sich in aller Ruhe den Mund ab, nahm seinen Hut, empfahl dein Kranken noch einmal, die Wassercur fleißig fortzusetzen und ging, nachdem er sich höflich verabschiedet hatte. „Hat der Doctor gar nichts übrig gelassen? Sieh' einmal nach, Johann!" „Doch, die Schnepfenknocheu und die Schalen des Krebses; die kann man aber nicht essen!" erwiderte dieser trocken. Der Kranke suchte seinen Verdruß durch ein weiteres Glas Wasser hinuuterzu- spülen. Nachdem er noch einige Zeit auf seinem unbequemen Lager in trüben Gedanken LR»; — 837 — zugebracht, ließ sich Assessor Vogelfang zum Besuche anmelden. Dieser wunderte sich, Herrn Goldschmidt krank zu finden. „Du warst ja gestern noch ganz wohl. Wie kommt denn das?" „Es ist erst heute, vor ungefähr einer Stunde, gar plötzlich gekommen." „So gar schlimm wird es doch nicht sein, da Du, wie ich mit großem Vergnügen sehe, eben noch zu Mittag gespeist hast." „Gott bewahre! Nichts als Wasser habe ich geschluckt; wenn ein Beduine in der Wüste Sahara so viel von diesem nassen Stoffe zu sich genommen hätte, als ich, so brauchte er in Bagdad erst wieder zu trinken, wenn ihn sein Weg dorthin führte." „Aber wer hat denn hier gespeist?" „Doctor Faust, welcher, während er mir die Wassercur anordnete, an dem für mich hergerichteten Mahle — fünfzig Austern, einem Seekrcbs und einer Schnepfe, sich gütlich that. —" Bei diesen Worten brach der Assessor in ei« schallendes Gelächter aus, das gar kein Ende zu nehmen schien. Der Bankier sah ihn ganz verblüfft an und fragte nach dem Grunde. „Also Du warst es, der sich voll dem Doktor so anführen ließ? Nun, das ist ein köstlicher Witz. Aber für so dumm, mit Erlaubniß zu reden, hätte ich Dich doch nicht gehalten." „Nicht? Zum Tausend, was habe ich denn gethan?" „Dich nur anführen lassen! Ich war diesen Mittag bei Frau Mähler und da hörte ich kurz vor meinem Weggänge die ganze Geschichte aus dem Munde des Doctor^ selb st." „Meine Kraukheitsgeschichte?" „Deinen Namen nannte er nicht; er sagte nur, es habe ihn Jemand auf Austern, eine Schnepfe und einer Seekrebs zu Gaste geladen, und weil er nun diese drei Sachen gern allein habe verspeisen wollen, so habe er seinem Wirth eingeredet, daß er krank sei, und dieser habe sich wirklich mit einer Menge Brunnenwasser abspeisen lassen. Ist das nicht allerliebst?" „Niederträchtig ist es", rief der Bankier und sprang dann von seinem Krankenlager auf. „Der Doctor Faust ist ein —" „Fuchs!" siel der Assessor rasch ein, „denn er hat Dich auf eine komische, schlaue Weise gelehrt: „Wer sich zum Schaf macht, den fressen dte Wölfe." Goldkörner. Prüfe, ob die Absicht rein Auch bei solchen Thaten, Wo dn Lob nnd Menschengnnst Nimmer wirst entrathcn. Arge Täuschung kann zu leicht Beim Entschlüsse walten, Denn des Herzens Käminerlein Birgt gar viele Falten. Dünn versteckt sich deinem Blick Gern die Eigenliebe, Während du zu folgen meinst. Einen: edlen Triebe. Hast du sie entdeckt, so sei öess'rer That beflissen; Wenig nützt dir Menschenlob, Straft dich dein Gewissen! F. Beck. 838 Hiiiiniclsschinr im Monat Januar. — X. Merkur L nn Stier kommt am 4. in größte östliche Entfernung von - der Sonne, wird jedoch wegen seines tiefen, südlichen Standes schwer zu finden sein. Venus 9 im Wassermann nimmt immer mehr an Glanz zu und nähert sich der Sonne. Sie bleibt nach Sonncnnntcrgang noch ungefähr 2 Stunden in SW. sichtbar. Am 30 steht sie 5 Grad südlich oom Blond. Mars F rückgängig im Löwen geht gegen 7 Uhr Abends in NO. auf und zeigt sich bis Tagesanbruch bei Rcgnlns, am 1-1. gegen 9 Grad nördlich oom Mond. Jupiter ?! in der Wage tritt am 20. znr Sonne in Opposition, geht deßhalb bei ihrem Untergang auf, bei ihrem Anfgaug unter und ist 6 Grad nördlich oom Mond am 15. Saturn H rückgängig im Stier geht unter zwischen 5 Uhr und 8 Uhr Früh. Antangs des Monates kommt er in Erdnähe und erscheint seine Kugel am größten. Der Durchmesser der Kugel betrügt 18, die Durchmesser seiner Ringe 11 und 19 Bogenseknndcn. Der Komet, welcher am 2 Sept. in Amerika entdeckt wurde, erreicht gegen Mitte des Monates seine größte Helligkeit, da sie 180 mal so groß ist als zur Zeit seiner Auffindung. Alan findet den Kometen im Sternbildc der Fische und wird das Auffinden auch dem unbewafsncten Auge um so leichter gelingen, als dieses Sternbild bei Anbrnch der Nacht nicht weit oom Meridian in SSW. steht, also in bedeutender Höhe über dein Horizont sich befindet. In den letzten Tagen des Monates entschwindet er im Sternbilde des Wallfisches unserer Hemisphäre. M i s c e l l e n. (Seltsame Anerkennung.) Auf der jüngsten Berliner Kunstausstellung steht ein Bankier oor dem lebensgroßen Porträt seiner bildhäßlichcn Gattin, welches von einem unserer Meister mst genialem Realismus auf die Leinwand gezaubert worden. Ein Freund des Kunstmäcens bricht, neben diesem stehend, in die bewundernden Worte aus: „Aber wahrhaftig, Ihre Gattin, wie sie leibt und lebt — als ob sie aus dem Nahmen steigen wollte!" — „Um Gottes willen, lassen Sie sie drin — was soll ich mit zweien?!" ruft der Bankier erschreckend; dann aber fügt er mit Resignation hinzu: „Das heißt, Sie haben recht — das Bild ist von einer wahrhaft schmerzlichen Achnlichkeit!" (Schweizer Miliz.) Bei dem letzten Truppenzusammenznge fragte ein Haupt- mann einen Kanonier aus dem Kanton Appcnzell in der Theoricstnnde, aus welchen Bestandtheilen das Pulver zusammengesetzt sei. — Keine Antwort. — „Nun Meier, aus welchen Bestandtheilen besteht das Pulver, ich verlange eine bestimmte Antwort." — Tiefes Schweigen. — „Wenn Ihr nicht auf der Stelle antwortet, so bekommt Ihr Arrest." — „Herr Hauptmä, das mag sie jo nöt Verträge asä z'thohnd, wänn ich das scho nöl wäß; mir zwee machcd z'sämmä doch kä's." (Das lohnt sich nicht der Mühe, böse zu werden, wenn ich das schon nicht weiß, wir zwei zusammen fabrizircn doch keines.) (Ein eigenthümliches Kommando) war noch am Beginn unseres Jahrhunderts in der portugiesischen Armee üblich. Bevor der Befehl zur Attake gegeben wurde, erfolgte das Kommando: „Dem Feinde böse Miene gemacht." Die Soldaten runzelten auf dieses Gebot hin die Stirn. Sodann kommandirte der Offizier: „Sehr böse!" und suchte selbst seinem Gesicht einen möglichst zornigen Ausdruck zu geben. Die Soldaten ahmten das Beispiel ihres Vorgesetzten nach und schnitten gleichfalls schreckliche Grimassen. . _ Auflösung des Räthsels in Nr. 103: Der Buchstabe „A". Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg. — Druck und Verlag des Liternrischeu Instituts von Dr. Max Huttlcr.