Nr . 1 . Beilage ʒu Augsburger Poſtʒeitung . 8 Jan. 1897

Gedanken ʒur kommenden Melanchthonfeier .

S . Am 16 . Februar 1897 vollenden ſich 400 Jahre , daß in dem damals kurpfälʒiſchen Städtchen Bretten bei Bruchſal dem Waffenſchmiede und Rüſtmeiſter des Kur­ fürſten Philipp von der Pfalʒ , Georg Schwarʒerd , ein Söhnlein geſchenkt worden iſt , welches in der hl . Taufe den Namen Philipp erhalten hat . Der äußerſt ſtrebſame Jüngling beſuchte die Hochſchulen ʒu Heidelberg und Tü­ bingen , wo er bereits 1514 mit der Magiſterwürde das Recht erhielt , in ſeiner Burſe Vorleſungen ʒu halten . Durch Reuchlins Vermittlung erhielt der junge Gelehrte , der ſeinen unmelodiſch klingenden Namen Schwarʒerd in den griechlſchen Melanchthon nach der Sitte der Human­ iſten umänderte , 1518 den Lehrſtuhl der griechiſchen Sprache an der neu gegründeten Univerſität Wittenberg . Hier wurde er mit Luther bekannt und ſchloß ſich mit Begeiſterung deſſen religiöſen Neuerungen an . Obwohl Laie und ohne eigentliche theologiſche Durchbildung , wurde Melanchthon dennoch der Wortführer ſeiner Partei , der officielle Anwalt des Proteſtantismus ( Döllinger , Re­ ſormation I, 361 ) . Von ihm ſtammt das erſte Glaubens­ bekenntniß der neuen Kirchenbildung , welches im Namen von ſieben Reichsfürſten und ʒwei Städten am 25 . Juni 1530 dem Kaiſer Karl V . in doppelter Ausfertigung , lateiniſch und deutſch , überreicht worden iſt und als Con­ fessio Kugustana ſpäterhin das wichtigſte ſymboliſche Buch der Lutherauer geworden iſt .

Wir wollen hier nicht auf die alten Streitfragen über die Vorarbeiten ʒur Augsburger Bekenntnißſchrift , über Luthers Stellung ʒu derſelben , über Melanchthons ʒweideutige Abſichten und unehrenhafte Hintergedanken bei Abfaſſung deſelben ʒurückkommen , ſondern die Au­ gustana , ſo wie ſie jetʒt vorliegt ( die Originalexemplare ſind bis jetʒt noch nicht ermittelt ) , betrachten . ( Müller ,

Die ſymboliſchen Bücher S . 33 70 . )

Die Augsburger Bekenntuißſchrift beſteht außer einer

Vorrede und einem kurʒen Beſchluß aus 28 Artikeln , von

welchen die erſten 21 Artikel den ganʒen Lehrbegriff , die 7 folgenden die Mißbräuche und Menſchenſatʒungen darlegen . Die Vorrede bildet die Baſis , die Grund­ vorausſetʒung für das ganʒe Lehrſyſtem ; dieſes ſollte nicht eine Urkunde der Treimmung , ſondern eine Formel der Einigung werden ; aller Zwieſpalt in dem heiligen Glauben und in der chriſtlichen Religion ſollte abgethan und die Meinungen eines Jeden ʒu einer einigen chriſt­ lichen Wahrheit gebracht werden , ſo daß in Zukunft Alle in Einer chriſtlichen Kirche in Einheit und Eintracht leben ſollen , wie Alle unter Einem Chriſtus leben und ſtreiten . Sollte aber das Einigungswerk auf dem Reichstag nicht gelingen , ſo erbieten gegen E . K . M . wir uns hiemit in aller Unterthänigkeit , erklären die Unterʒeichner der Bekenntnißſchrift , in berührtem Fall ferner auf ein ſolch gemein , frei , chriſtlich Concilium , darauf auf allen Reichs­ tagen , ſo E . K . Majeſtät bei ihrer Regierung im Reich gehalten , durch Kurfürſten , Fürſten und Stände aus hohen und tapferen Bewegungen geſchloſſen , auch welches auch E . K . M . wir uns von wegen dieſer großwichtigſten Sachen in rechtlicher Weiſe und Form vorſchiener Zeit berufen und appellirt haben , der wir hiemit nachmals anhängig bleiben . Ohne Vorbehalt ſollte die Ent­ ſcheidung des Concils anerkannt und augenommen werden .

Die erſten Artikel enthalten die Fundamentalwahr­

heiten über Gott , über die Erbſünde , über den Sohn Gottes. Dieſelben werden nicht erſt aus der Schrift be­ wieſen , ſondern nach den Ausſprüchen von Concilien und den Verwerfungsurtheilen gegen Häreſien , wie jene der Manichäer , Arianer , Eunomiauer uſw . waren , einfach als kirchliche Lehre angenommen und verkündet .

Bei dem vierten Artikel über die Rechtfertigung fehlt bei den Worten : daß wir Vergebung der Sünden be­ kommen und für Gott gerecht werden , aus Gnaden um Chriſtus willen durch den Glauben , der eminent luther­ iſche Zuſatʒ allein . Ueberhaupt , bemerkt Paſtor ( Kirchen­ lexikon I . 1644 ) , tritt in der Lehre von der Rechtfertigung wohl eine Abweichung von der katholiſchen Lehre hervor , aber man ſucht vergebens die lutheriſche Lehre vom allein­ ſeligmachenden Glauben , welche dem katholiſchen Dogma von dem durch die Liebe thätigen Glauben direkt gegen­ überſteht . Auch die Nothwendigkeit guter Werke , um des göttlichen Gebotes willen , wird in Art . VI feſtgehalten . Die Lehre vom Primate des Papſtes iſt mit Stillſchweigen übergangen .

Arlikel X lehrt über das Abendmahl des Herrn , daß wahrer Leib und Blut Chriſti wahrhaftiglich unter der Geſtalt des Brods und Weins im Abendmahl gegen­ wärtig ſei und da ausgetheilt und genommen wird . In dieſer urſprünglichen Faſſung iſt dem katholiſchen Dogma nicht ʒu nahe getreten . Die kirchlichen Gebräuche und Ceremonien ſind nach Art . XV inſoweit feſtʒuhalten , als ſie ohne Sünde beobachtet werden können und ʒur Ruhe und guten Ordnung in der Kirche beitragen , wie gewiſſe Tage , Feſte und Aehnliches . Vom freien Willen wird

gelehrt , daß der Menſch etlichermaßen einen freien Willen

hat , äußerlich ehrbar ʒu leben und ʒu wählen unter den Dingen , ſo die Vernunft begreift ; aber ohne Gnade , Hilfe und Wirkung des hl . Geiſtes vermag der Menſch nicht Gott gefällig ʒu werden , Gott herʒlich ʒu fürchten , oder ʒu glauben , oder die angeborne böſe Luſt aus dem Herʒen ʒu werfen . ( Art . XVII ) Auch hier iſt Luthers Anſicht , daß der ſreie Wille ein inhaltsloser Name ( res de solo titulo ) ſei , preisgegeben ; ja Art . XX beſchwert ſich ſo­ gar gegen die Unterſtellung , als ob die Neugläubigen gute Werke verbieten . Gute Werke ſollen und müſſen nach Melanchthon geſchehen , nicht daß man darauf ver­ traue , Gnade damit ʒu verdienen , ſondern um Gottes willen und Gott ʒu Lob . Auch der Heiligendienſt wird nicht verworfen ; man ſoll nach Art . XXI der Heiligen gedenken , auf daß wir unſeren Glauben ſtärken ; daß man Exempel nehme an ihren guten Werken , ein jeder nach ſeinem Beruf . Freilich wird auch beigeſeꜩt : Durch

Schrift aber vermag man nicht beweiſen , daß man die

Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen ſuchen ſoll . Aus Römerbrief 15 , 30 ; I . Theſſ . 5 , 25 ; aus Jakobus 5 , 14 , Apoc . ' 5 , 8 hätte Melanchthon das Unʒuläſſige ſeiner Be­ hauptung erkennen können .

Der lehrhafte der Augustana ſchließt dann mit den Worten : Dies iſt faſt die Summe der Lehre , welche in unſeren Kirchen ʒu rechtem chriſtlichem Unter­ richte und Troſte der Gewiſſen , auch ʒur Beſſerung der Gläubigen geprediget und gelehret wird ; wie wir denn unſer eigen Seel und Gewiſſen je nicht gerne wollen für Gott mit Mißbrauch göttlichen Namens oder Workes in die höchſte und größte Gefahr ſetʒen oder auf unſere Kinder und Nachkommen eine andere Lehre , denn ſo dem reinen göttlichen Wort und chriſtlicher Wahrheit , fällen