Augsburger Poſtzeitung.

№. 2. Freitag, den 5. Januar 1894

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg.Druck und Verlag des Literariſchen Inſtituts von Haas & Grabherr in Augsburg (Vorbeſitzer Dr. Max Huttler).

Auf verwegener Bahn.Kriminalnovelle von Guſtav Höcker.

(Fortſetzung.)

In einer der am Stromufer gelegenen Vorſtädteſtand in noch wenig angebauter Gegend ein ſchmuckeseinſtöckiges Gebäude, hinter welchem ſich eine weite Gar­tenanlage mit Gewächshäuſern ausdehnte.

Neben den Häuſern führte eine Gitterpforte in denGarten und über derſelben erhob ſich in einem Halb­bogen ein blechernes Schild mit der Aufſchrift:Kunſt­und Handelsgärtnerei von Eduard Ritter. Etwa eineStunde vor der eben erzahlten Begebenheit ſaß in einemParterrezimmer des Hauſes der ſogenannte Gärtner aneinem einfachen hölzernen Tiſche beim Scheine der Lampeund las mit lauter, eintöniger Stimme aus einem metho­diſtiſchen Andachtsbuche vor. Der Zuhörer war ſeineim Bett liegende Frau, welche ſeit einigen Tagen anMagenkrämpfen litt, einem alten, von Zeit zu Zeit wie­derkehrenden Uebel. Schlicht wie das ganze Zimmer,deſſen einziger Schmuck das lithographirte Bildniß JohnWesleh's, des Gründers der Methodiſtengemeinde, bildete,war auch die äußere Erſcheinung des in den vierzigerJahres ſtehenden Ehepaares.

Während der Gärtner in ſeiner Vorleſung einePauſe eintreten ließ, ſchlug die alte Schwarzwälder Uhrneun, was in ihrer Sprache ſo viel wie viertelzehnhieß, da ſie mit großer Punktlichkeit ſtels eine Viertel­ſtunde nachging und in dieſer berechtigten Eigenthüm­lichkeit von ihren Beſitzern auch nicht verkümmert wurde.

Wo nur Anna heute mit Frau Rollenſtein bleibt!ſagte Frau Ritter.Die Abendgottesdienſte gehen langevor neun zu Ende und von unſerer Kapelle bis hierherbraucht man keine Viertelſtunde.

Anna freilich nicht und wir beide auch nicht!entgegnete der Mann,aber die alte Dame, die amKrückſtock gehen muß.

Man ſoll nicht über die Gebrechen anderer ſpot­ten! uuterbrach ihn die Frau ſtreng.Das iſt Sünde!

Aber, Sophie, das habe ich ja gar nicht gethan,verwahrte ſich Ritter in ſauft beſchwichtigendem Tone,ich habe nur

Wenn wir in unſer Inneres ſchauen, eiferte ſieweiter,ſo finden wir da viel ſchlimmere Gebrechen,die des Krückſtocks bedürfen. Leider ſehe ich Jemandſeit einigen Tagen auch an ſolch' einem inneren Krück­ſtocke gehen.

Meine Schweſter Anna? frug der Gärtner.

Wen könnte ich denn ſonſt meinen? Du freilichmerkſt nichts, denn Du ſiehſt das Mädchen mit andernAugen an, als ich. Das war allerdings der Fall.Unſer Gärtner, der jüngſte unter ſechs Brüdern, wareben der Schule entwachſen geweſen, als ihm das einzigeSchweſterchen beſcheert worden war. Er hatte ſie gepflegt,gewartet, ihre erſten Schritte geleitet, und als in ſpä­teren Jahren ihm ſeine Verhältniſſe geſtatteten, ſie beiſich aufzunehmen, räumte er ihr in ſeinem Herzen nebendem Platze einer Schweſter zugleich denjenigen einerTochter ein, zumal er ſelbſt keine Kinder beſaß. SeineFrau empfand es mit Bitterkeit, daß ihr das Mutter­glück verſagt war, ſie konnte in der erwachſenen Schwä­gerin keinen Erſatz erblicken; die Selbſtſtändigkeit undEnergie des Charakters, die ſich in Anna herausgebildethatten, während ſie draußen in der Welt ſich ihr eigenesBrod erworben, ſtießen Frau Ritter ab; ſie ſchätzte De­muth und Unterwürfigkeit höher, beſonders bei einerPerſon, die das Brod ihres Mannes. Daß Annaſich im Geſchäfte ſehr nützlich machte, betrachtete dieSchwägerin als eine ſelbſtverſtändliche Pflicht; daß dasnicht unbegabte Mädchen einen gewiſſen Anſpruch aufBildung beſitzen wollte, auf welche der Bruder ſtolzwar, erregte den Neid der einfachen Frau, die über dieDurchſchnittsbildung der Volksſchule nie hinausgeſtrebthatte.

Was iſt's denn, Sophie, was Du gegen Annavorzubringen haſt? frug Ritter.Was ſoll ich dennnicht merken?

Daß ſie ſeit einigen Tagen vergeßlich, zerſtreutund geiſtesabweſend iſt, antwortete die Frau.Sieträumt mit offenen Augen am helllichten Tage. Ich,die ich jetzt an's Bett gefeſſelt bin und Anna nur wäh­rend der Mahlzeiten und abends ſehe, habe das bereitsherausgefunden, und Du, der Du ſie täglich imGeſchäft um Dich haſt, ſcheinſt wie mit Blindheit ge­ſchlagen.

Ich habe nicht darauf acht gegeben, entſchuldigteſich Ritter achſelzuckend.

Dann iſt es Dir wohl noch gar nicht aufgefallen,frug die Frau ſpöttiſch,daß ſie plötzlich ihr Haar andersträgt und den ſchlichten glatten Scheitel mit der neueſtenModethorheit vertauſcht hat?

O ja, das habe ich wohl bemerkt, ſagte derGärtner.Sie hat ſich vorn über die Stirn das Haar