83. Freitag, den 12. October 1894.

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg.

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas & Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttler).

Bernward von Hildesheim.

Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt.

(Nachdruck verboten.)

Ertön' in schlichten Weisen, Du, mein Bernwarduslied, Das in des Herzens Tiefen mir lange schon geglüht.

In ernsten Pfeilerhallen ertöne, wo das Licht Durch buntgemalte Fenster in sanften Scheinen bricht;

Wo zwischen Traum und Wahrheit die Seele staunend schwebt Und ein geahntes Leben in süßen Schauern lebt.

Dort auf der letzten Stufe des Altars setze Dich,

Du Schwester der Geschichte, Legende, neben mich,

Und öffne mir die Bücher, drin Gold, Ultramarin Und alle Farben schmelzend das Pergament durchzieh'», Drin ewig grüne Wälder in blauen Lüften weh'n,

Und Burg und fromme Klöster auf heitern Bergen steh'n. Dann, wie mit Blumenranken van seltsam fremder Art Der Anfangsbuchstab' Menschen und helle Engel paart,So führe diese-Zeilen auf unversuchter Bahn,

Daß Erde sie und Himmel in reiner Luft umfah'n.

Eröffne dann vertraulich Du selber Deinen Mund,

Und thu' die frommen Sagen von Sanct Bernwardus kund.

G.

I.

Auf der Domschule.

Auf den braunen Eichenbänken Saß die Brüt der Sachsenrecken.

W eber.

„Nimmt der wilde Wald kein Ende? Vorwärts, Fuchs! Wünsche freilich, mein Thier, daß ich Deinem Eigenwillen nachgegeben hätte. Mit weisem Bedacht wolltest Du dem holperigen Heerwege folgen, statt auf dem weichen Moose zu traben. So stecken wir nun durch Deines Herrn Schuld mitten im Urwald, und Dein Spürsinn muß uns wieder Hinausbringen."

Fast schien es, als ob der also angeredete prächtige Goldfuchs verstanden habe, was sein Herr rede. Er neigte wie zur Bestätigung den feinen Kopf, spitzte dann die Ohren, schnupperte in die Luft, wieherte laut und setzte sich plötzlich in so entschiedenen Trab, als das ver­schlungene Geäst des wilden Forstes, als Brombeer- und Epheurauken es nur gestatteten. Der Reiter lachte.

„Du witterst Cultur in dieser Wildniß. Nur zu, mein Fuchs! Trag' mich, wohin es Dir gut dünkt."

Die Sonne, welche zuweilen heimlich und auf Um­wegen durch Lücken des bewegten Laubdachcs sich hinab- stahl in die unentweihte Waldeseinsamkeit, um die blaß- rothen Erikaglöckchen zu grüßen und den freigebig ge­spendeten Thau aus den zierlichen Moosblüthen zu saugen, warf freundlich zuckende Lichtblicke auf Roß und Reiter.

Wie aus einem Gusse geformt und wie von einem Willen bewegt drangen die durch das Dickicht. Ein herzerfreu- licher Anblick war's.

Der blonde, hochragende Jüngling mit dem kühn- fröhlichen Blauauge und dem röthlich sprossenden Lippen- bärtchen unter steiler Nase gehörte unverkennbar dem stolzen Stamme der Sachsen an. Unter dem Stahlhelm hervor quollen blonde Locken ihm um Stirne und Nacken. Ein kurzes Eisenkleid, hohe Lederstrümpfe, Schild, Speer und Wurfspieß sollten die markigen Glieder vor den Ge­fahren der Reise beschirmen.

Dazumal, man schrieb Anno 977, begab sich so leicht kein Edler auf Reisen, ohne sein Kriegskleid anzu­legen.

Hell schillerte plötzlich im Sonnenschein das glän­zende Panzerhemd des Reiters, denn das zusammen­hängende Laub vielhundertjähriger Eichen theilte sich, um eine Lichtung frei zu lassen. In deren Mitte er­hob sich unter einzeln flehender Rieseneiche ein roh zu­sammengefügtes Granitgestein, welches wohl heidnischen Opfern gedient hatte.

Wiederum wieherte der Goldfuchs.

„Was witterst Du?"

Der Gewappnete hielt das Roß an. Die Beiden sahen aus, als wären sie ein fürstliches Standbild. Der Jüngling hob den Kopf und lauschte zur hohen maje­stätischen Eiche empor. Feierliches Rauschen zog durch deren Krone; es stimmte recht wohl zu der tiefen Ruhe ringsumher.

Da störte plötzlich der fröhliche Ton eines Jagd­horns die Kirchenstille des Waldes. Leichter Hufschlag klang ganz nahe. Nun brach jenseits aus dem Dickicht ein jugendlicher Reiter in Waidmannstracht hervor. Der Stoff seines kurzen, um die Hüften von einem Schwert­gurt gehaltenen Oberkleides war von feinem Tuche und zeigte kostbare Verbrämung. Das blanke Schwert hing an sein Seite, ein mit Silber gefaßtes Jagdhorn an grünseidener Schnur ihm um die Schulter. In der Hand trug er einen zum Schleudern bestimmten Speer. Lederne Beinkleider schützten ihn gegen Dornen und Gestrüpp. Auf dem Kopfe saß dem Jäger eine leichte Mütze, woran keck ein Falkenflügel steckte. Sonnengebräunt schaute sein einnehmendes junges Antlitz mit den dunkeln Augen in die Welt. Scharf spähte er zu dem Gewaffneten hinüber, und ein Leuchten drang aus seinem Blick.

„Graf Tammo von Sommerschenburg, ja wahr-