Unterhaltungsblatt

zur

Augsburger Poſtzeitung.

1. Freitag, den 8. Januar 1896.

Für die Redaction verantwortlich: Dr. Theodor Müller in Augsburg. Druck und Verlag des Literariſchen Inſtituts von Haas & Grabherr in Augsburg Vorbeſitzer Dr. Max Huttler).

Neujahr 1896.

Wie die Stunden ſchnell verrinnen, Gleich den Wellen in dem Bach! Horch ein Schlag

Und es gilt ein neu Beginnen Mit des Jahres erſtem Tag!

Laßt das Leid, das nun entſchwunden, Auch für's Herz begraben ſein;

Groß und Klein

Trägt im Kampfe ſeine Wunden

Bis uns deckt der Leichenſtein!

Ewig ſtrömet nicht der Regen, Sonnenſchein folgt bald ihm nach;

Oft ein Tag

Wandelt Schmerz in reichen Segen, Wenn der Herr:Nicht weiter! ſprach.

Laßt uns drum von Neuem hoffen, Ueber uns ein Vater wacht, Deſſen Macht

Stets auch Wege ſtehen offen,

Die der Menſch nie ausgedacht!

Keiner ſah ſich je betrogen,

Der ſein Haus auf Fels gebaut Und vertraut,

Daß auch in den Sturmeswogen Gott auf ihn herniederſchaut.

Alſo vorwärls hin zum Glücke Lenkt den Kahn durch's Zeitenmeer! Nimmermehr

Strahlt Zufriedenheit im Blicke

Dem, der glaubt und hofft nicht mehr!

Zum neuen Jahre. Ein ernſter Mahnruf an die Ewigkeit.

Faſt bei allen Völkern, ſo eröffnete der hoch­würdigſte Kardinal Rauſcher von Wien ſein ſchönes Hirtenſchreiben vom 16. Dezember 1866,und in allen Zungen wird von dem Strome der Ewigkeit geſprochen; denn es iſt ein Sinnbild, welches ſich gleichſam von ſelbſt darbietet. Wie die Fluthen des Stromes ununterbrochen dahin eilen, und die Welle, bevor das Auge auf ihr zu

ruhen vermag, der ihr folgenden ſchon Raum gegeben hat, ſo ziehen die Augenblicke unaufhaltſam dahin; be­vor wir das Jetzt als ſolches uns zu vergegenwärtigen im Stande ſind, iſt es ſchon zum Vergangenen geworden, und was noch nicht war, iſt da, um ſogleich nicht mehr zu ſein. Aus dieſen unfaßbaren Augenblicken werden Stunden, aus den Stunden werden Tage, und aus den Tagen Jahre. Das iſt unſer Leben. Der Augenblick der Gegenwart iſt der uns zugewieſene Antheil. So verſchwindend klein er iſt, er hat Raum genug für die Selbſtbeſtimmung, von welcher unſer Werth und die Er­füllung unſerer Lebensaufgabe abhängt: er drückt der Vergangenheit ſein Siegel auf, durch ihn und von ihm aus beherrſchen wir die Weiten der Ewigkeit..“

O Ewigkeit! Wem ſollte nicht die erſchütternde Wahrheit der herannahenden Ewigkeit mit Ernſt entgegen­treten, beſonders beim Jahreswechſel.

O Ewigkeit! wie biſt du lang, wie biſt du tief! wie biſt du unermeßlich und unendlich in deinem Wohl und deinem Wehe! Dieſe Königin aller Jahrhunderte, dieſe endloſe und ewig lebende Ewigkeit!

Ich zähle 1000 Jahre, hundertmal 1000 Jahre, hundert millionenmal 1000 Jahre, ich zähle ſoviel millionenmal 1000 Jahre als es Blätter auf allen Bäumen, Halme der Kräuter auf den Wieſen, Sand­körner an den Ufern, Waſſertropfen im Ocean, Atome in der Luft, Sterne am Firmament gibt, und ich habe noch nicht angefangen zu ſagen, was du biſt.

Es wird ein Tag kommen, an dem die Sonne er­löſchen, die Welt zu Grunde gehen und das Menſchen­geſchlecht aufhören wird; die Lebendigen und die Todten werden gerichtet und die Jahrhunderte zuſammengehäuft werden. Dann wird es Abgründe geben und Abgründe der Fortdauer vom Tage des ſo ſchnell verfloſſenen Lebens an. Das Leben wird dann nur wie in einer ungeheuren Entfernung erſcheinen, ſowie die nicht wahr­nehmbaren Sterne, welche das Auge nur durch An­ſtrengung entdeckt, wie ein entſchwundener Traum... und das wird der Anfang ſein der Ewigkeit.

Werde ich ewig im Himmel leben, welch' ein u ermeßliches Glück! Immer die Wahrheit und Tugend, immer Leben und Freuden, immer die Seligen und die Engel. Immer Gott! Ihn immer zu ſchauen, zu lieben, zu beſitzen und zu lobpreiſen, und keine Thränen, keine Schmerzen, kein Tod mehr!

Ewiglkeit! Wenn du aber für mich eine Ewigkeit