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Denkprinzipien der formalen Logik, sowie die Axiome der
reinen Mathematik und Physik notwendig und allgemein. 1 )
Die Aprioritätslehre ist für Liebmann die beste der ihm be¬
kannten Hypothesen über den Ursprung aller Apodiktizität
in unserer Erkenntnis, aus diesem Grunde schliefst er sich
ihr an. 2 ) ^
Der Stoff oder der Inhalt aller Erkenntnis wird uns
a posteriori gegeben, die Formen der Erfahrung aber haben
apriorischen Ursprung. 8 ) Während die Empfindungsqualitäten
nur zufälliger Art sind, sind die Anschauungsformen Raum
und Zeit notwendig und allgemein. Um dem Kant'schen
Satz, der Stoff, der Wahrnehmung lasse sich wegdenken, aber
nicht die Form derselben, eine Stütze zu geben, behauptet
Liebmann, er könne sich ein Quadrat farblos vorstellen, 4 ),
d. h. eine reine Raumanschauung in sich erzeugen. Raum
und Zeit sind die allgemeinsten Anschauungsformen, welche
im Bewufstsein aller erkennenden Wesen als eine Art der
sinnlichen Thätigkeit derselben begründet sind. Die Gegner
der Aprioritätslehre verkennen nach Liebmann den Unter¬
schied zwischen apriorischer und aposteriorischer Erkenntnis ;
derselbe bezieht sich nicht auf die verschiedene Art ihrer
psychologischen Entstehung, sondern beruht auf dem grund¬
verschiedenen Modus ihrer Evidenz. 5 ) Bei Kant hat diese
>metakosmische« Bedeutung des Apriori allmählich das Über¬
gewicht über die psychologische Bedeutung desselben erlangt,
ohne diese jemals gänzlich zu verlieren. 6 ) Ebenso wie die
Anschauungsformen sind auch die Gesetze des Denkens und
die aus ihnen entspringenden Grundbegriffe apriorischer
Natur. Gegen die Art und Weise wie Kant sein »Ding an
sich« in sein durchaus idealistisches System einführt und
') 1. c. S. 236
2 ) i. c. s. 238.
3 ) 1 c. S. 215.
*) 1. c. S. 217.
5 ) 1. c. S. 222.
c ) 1. c. S. 223.