— 5i —
Denkformen erklärt sich aus dem Vorhandensein derselben
in allen denkenden Wesen und aus ihrem vollständigen
Vorkommen in jeder Erfahrung. l ) Damit ergiebt sich zu¬
gleich die Evidenz der aus den allgemeinsten Begriffen ent¬
springenden Urteile, und diese bedürfen daher nicht einer
Unabhängigkeit von aller Erfahrung, welche sie nur zu
blofsen Vorurteilen des Verstandes machen würde, wie es
beim Kritizismus der Fall ist, der, wie Jacobi sich aus¬
drückt, jeden Anspruch auf Erkenntnis der Wahrheit, »bis
auf den Grund ausrottet.« 2 ) Die Kategorien sind not¬
wendig und allgemeingiltig, weil die Beziehungen die sie
ausdrücken »unmittelbar und in allen Dingen vollkommen
und auf gleiche Weise gegeben sind.« 3 ) Der gesamte
Erkenntnisprozefs ist das Resultat »lebendiger und thätiger«
Vermögen der Seele; 4 ) er führt zu dem Ergebnis, dafs der
Kern der Dinge ein geistiger ist. »Nichts ist wahrhaft
Etwas als der Geist.« 5 )
2. G. E. S c h u 1 z e.
(Änesidemus).
Unter den Gegnern, welche sich bald nach dem Er¬
scheinen von Kant's Vernunftkritik gegen die Grundprinzipien
derselben erhoben, nimmt Schulze seiner Unparteilichkeit
und seines Scharfsinnes wegen eine hervorragende Stellung
ein. Sein »Änesidemus« richtet sich zunächst gegen Reinhold's
Ausführungen, Hand in Hand damit geht aber auch seine
Polemik gegen die »Kritik der reinen Vernunft« selbst,
deren Prinzipien er erstens für unbewiesen, zweitens für zum
Teil einander widersprechend erklärt.
*) 1. c. S. 213—14.
2 ) 1. c. S. 215—17.
6 ) 1. c. S. 261.
4 ) 1. c. S. 272.
5 ) 1. c. S. 274 fr.
4*