Seite
- 45 —
der Aufsenwelt als eines Komplexes von Gegenständen auf
einen unbewufsten Schlufs »von der wechselnden Empfindung
auf äufsere Objekte als die Ursachen dieses Wechsels«
zurück.Die Subjektivität unserer Erkenntnis verhindert,
dafs wir über das Wesen der Dinge an sich etwas aussagen
können; die materielle Welt ist eine Welt der Erscheinung,
der Realismus nur eine brauchbare metaphysische Hypothese
ohne dogmatische Berechtigung. »Was wir erreichen können,
ist die Kenntnis der gesetzlichen Ordnung im Reiche der
Wirklichkeit, diese freilich nur dargestellt in dem Zeichen¬
system unserer Sinneseindrücke.« 2 )*)
15. Otto Liebmann.
Liebmann ist einer der ersten Denker, welche in der
Zeit nach dem Zusammenbruche der Identitäts-Philosophie
die Forderung stellten, man solle auf Kant zurückgehen und
auf der Grundlage seiner Vernunftkritik die Erkenntnislehre
neu aufbauen. Kant's Absicht ist nach ihm nichts anderes
als ein Suchen nach den höchsten Gesetzen des erkennenden
Bewufstseins, zu welchem Behufe er die analytische Methode
Newton's verwertet. 3 ) Wenn nun auch Kant im einzelnen
so manche Irrtümer begangen hat, so ist doch seine Dar¬
legung, dafs es in uns apriorische Erkenntniselemente giebt,
vollständig gerechtfertigt. 4 ) Die auf dem Wege der Induktion
gewonnenen Erfahrungsurteile bieten gar keine Garantie für
ihre allgemeingültige Wahrheit, dagegen sind die analytischen
J ) Phys. Opt. S. 453-
2 ) Thats. d. Wahrn. S. 39.
* Vor Helmholtz hat bekanntlich Joh. Müller die Kant'schen
Prinzipien auf die Sinnesphysiologie, besonders die physiol. Optik
angewandt. Was Kant apriorische Formen der Anschauung nennt,
das sind für J Müller »eingeborene Energien«. Vgl. Joh. Müller »Zur
vergleichenden Physiol. d. Gesichtssinnes«. S. 826, S. 45 ff.
3 ) Zur Analysis der Wirklichkeit, 1876. S. 221.
4 ) 1. c. S. 220.