Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften hcrausgcgcbcn vo» Karl Lachmann. Gotthold Ephraim Leffiiigs sämmtliche Schriften. Nriic rcchtmäßigo AnciglU'c. Siebenter Band. Berlin, in der Voß'schen Buchhandlung. 1 8 3 9. Inhalt. Scitc Aamburgischc DramaNirgic. 17<>7 — ^^v^"---- Ankündigung. ,'! schcr. Der wahre Geschmack ist der allgemeine, der sich über Schönheiten von jeder Art verbreitet, aber von keiner mehr Vergnügen und Entzücken erwartet, als sie nach ihrer Art gewähren kann. Der Stliffcn sind viel, die eine werdende Bühne bis zum Gipfel der Vollkommenheit zu durchsteigen hat; aber eine verderbte Bühne ist von dieser Höhe, natürlicher Weise, noch weiter entfernt: und ich fürchte sehr, daß die deutsche mehr dieses als jenes ist. Alles kann folglich nicht auf einmal geschehen. Doch was man nicht wachsen sieht, findet man nach einiger Zeit gewachsen. Der Langsamste, der sein Ziel nur nicht aus den Augen verlieret, geht noch immer geschwinder, als der ohne Ziel herum irret. Diese Dramaturgie soll ein kritisches Register von allen aufzuführenden Stücken halten, und jeden Schritt begleiten, den die Kunst, sowohl des Dichters, als des Schauspielers, hier thun wird. Die Wahl der Stücke ist keine Kleinigkeit: aber Wahl setzt Menge voraus; und wenn nicht immer Meisterstücke ausgeführet werden sollten, so sieht man wohl, woran die Schuld liegt. Indeß ist es gut, wenn das Mittelmäßige für nichts mehr ausgegeben wird, als es ist; und der unbefriedigte Zuschauer wenigstens daran urtheilen lernt. Einem Menschen von gesundem Verstände, wenn man ihm Geschmack beybringen will, braucht man es nur aus einander zu setzen, warum ihm etwas nicht gefallen hat. Gewisse mittelmäßige Stücke müssen auch schon darum beybehalten werden, weil sie gewisse vorzügliche Rollen haben, in welchen der oder jener Actcur seine ganze Stärke zeigen kann. So verwirft man nicht gleich eine musikalische Komposition, weil der Tcrt dazu elend ist. Die größte Feinheit eines dramatischen Richters zeiget sich darinn, wenn er in jedem Falle des Vergnügens und Mißvergnügens, unfehlbar zu unterscheiden weiß, was und wie viel davon auf die Rechnung des Dichters, oder des Schauspielers, zu setzen sey. Den einen um etwas tadeln, was der andere versehen hat, heißt beyde verderben. Zcncm wird der Muth benommen, und dieser wird sicher gemacht. 1» N ^ l^i/ ZI» _ .. . . 4 Hambur>iische Dramaturgie. Besonders darf es der Schauspieler verlangen, daß man hierin» die größte Strenge und Unparthcylichkcit beobachte. Die Rechtfertigung des Dichters kann jederzeit angetreten werden; sein Werk bleibt da, und kann uns immer wieder vor die Augen gelegt werden. Aber die Kunst des Schauspielers ist in ihren Werken tran- sitorisch. Sein Gutes und Schlimmes rauschet gleich schnell vorbey; und nicht selten ist die heutige Laune des Zuschauers mehr Ursache, als er selbst, warum das eine oder das andere einen lebhaften, Eindruck auf jenen gemacht hat. Eine schöne Figur, eine bezaubernde Mine, ein sprechendes Auge, ein reißender Tritt, ein lieblicher Ton, eine melodische Stimme: sind Dinge, die sich nicht wohl mit Worten ausdrücken lassen. Doch sind es auch weder die einzigen noch größten Vollkommenheiten des Schauspielers. Schätzbare Gaben der Natur, zu seinem Berufe sehr nöthig, aber noch lange nicht seinen Beruf erfüllend! Er muß überall mit dem Dichter denken; er muß da, wo dem Dichter etwas Menschliches wiedersahen ist, für ihn denken. Man hat allen Grund, häufige Beyspiele hiervon sich von unsern Schauspielern zu versprechen. — Doch ich will die Erwartung des Publikums nicht höher stimmen. Beide schaden sich selbst: der zu viel verspricht, und der zu viel erwartet. Heute geschieht die Eröffnung der Bühne. Sie wird viel entscheiden; sie muß aber nicht alles entscheiden sollen. Zn den ersten Tagen werden sich die Urtheile ziemlich durchkreuzen. Es würde Mühe kosten, ein ruhiges Gehör zu erlangen. — Das erste Blatt dieser Schrift soll daher nicht eher, als mit dem Anfange des künftigen Monats erscheinen. Hamburg, den 22 April, 1767. Erstes Stück. Teil Istcn May, 1767. Das Theater ist den 22stcn vorigen Monats mit dem Trauerspiele, Olint und Sophronia, glücklich eröfnet worden. Ohne Zweifel wollte man gern mit einem deutschen Originale anfangen, welches hier noch den Reiß der Neuheit habe. Der innere Werth dieses Stückes konnte auf eine solche Ehre 7<55«5. Erster Band. 6 keinen Anspruch machen. Die Wahl wäre zu tadeln, wenn sich zeigen liesse, daß man eine viel bessere hätte treffen können. Olint und Sophronia ist das- Werk eines jungen Dichters, und sein unvollendet hinterlassenes Werk. Eroncgk starb allerdings für unsere Bühne zu früh; aber eigentlich gründet sich sein Ruhm mehr auf das, was er, nach dem Urtheile seiner Freunde, für dieselbe noch hätte leiste» können, als was er wirklich geleistet hat. Und welcher dramatische Dichter, aus allen Zeiten und Nationen, hätte in seincm sechs und zwanzigsten Jahre sterben können, ohne die Kritik über seine wahren Talente nicht eben so zweifelhaft zu lassen? Der Stoff ist die bekannte Episode beym Tasso. Eine kleine rührende Erzehlung in ein rührendes Drama nmzuschaffcn, ist so leicht nicht. Zwar kostet es wenig Mühe, neue Verwickelungen zu erdenken, und einzelne Empfindungen m Scenen auszudehnen. Aber zu verhüten wissen, daß diese neue Verwickelungen weder das Interesse schwächen, noch der Wahrscheinlichkeit Eintrag thun; sich aus dem Gesichtspunkte des Erzchlcrs in den wahren Standort einer jeden Person versetzen können; die Leidenschaften, nicht beschreiben, sondern vor den Augen des Zuschauers entstehen, und ohne Sprung, in einer so illusorischen Stetigkeit wachsen zu lassen, daß dieser sympathisircn muß, er mag wollen oder nicht: das ist es, was dazu nöthig ist; was das Genie, ohne es zu wissen, ohne cS sich langweilig zu erklären, thut, und was der blos witzige Kopf nachzumachen, vergebens sich martert. Tasso scheinet, in seinem Olint und Sophronia, den Virgil, in seinem Nisus und Euryalus, vor Augen gehabt zu haben. So wie Virgil in diesen die Stärke der Freundschaft geschildert hatte, wollte Tasso in jenen die Stärke der Liebe schildern. Dort war es heldcnmüthigcr Diensteifer, der die Probe der Freundschaft veranlaßte: hier ist es die Religion, welche der Liebe Gelegenheit giebt, sich in aller ihrer Kraft zu zeigen. Aber die Religion, welche bey dem Tasso nur das Mittel ist, wodurch er die Liebe so wirksam zeiget, ist in Eroncgks Bearbeitung das Hauptwerk geworden. Er wollte den Triumph dieser, in den Triumph jener veredeln. Gewiß, eine fromme Verbesserung — K Hamburgische Dramaturgie. weiter aber auch nichts, als fromm! Denn sie hat ihn verleitet, was bey dem Tasso so simpel nnd natürlich, so wahr und menschlich ist, so verwickelt und romanenhaft, so wunderbar und himmlisch zu machen, daß nichts darüber! Beym Tasso ist es ein Zauberer, ein Kerl, der weder Christ noch Mahomcdancr ist, sondern sich aus beiden Religionen einen eigenen Aberglauben znsammcngcsponnen hat, welcher dem Ala- din den Rath giebt, das wundcrthätigc Marienbild aus dem Tempel in die Moschee zu bringen. Warum machte Croncgk aus diesem Zauberer einen mahomcdanischen Priester? Wenn dieser Priester in seiner Religion nicht eben so unwissend war, als es der Dichter zu seyn scheinet, so konnte er einen solchen Rath unmöglich geben. Sie duldet durchaus keine Bilder in ihren Moscheen. Croncgk verräth sich in mchrcrn Stücken, daß ihm eine sehr unrichtige Vorstellung von dem mahomcdanischen Glauben bcygcwohnct. Der gröbste Fehler aber ist, daß er eine Religion überall des Polytheismus schuldig macht, die fast mehr als jede andere auf die Einheit Gottes dringet. Die Moschee heißt ihm „ein Sitz der falschen Götter," und den Priester selbst läßt er ausrufen: „So wollt ihr.euch noch nicht mit Räch lind Straft rüsten, „Ihr Götter? Blitzt, vertilgt, das freche Volk der Christen! Der sorgsame Schauspieler hat in seiner Tracht das Costume, vom Scheitel bis zur Zehe, genau zu beobachten gesucht; und er muß solche Ungereimtheiten sagen! Beym Tasso kömmt das Marienbild aus der Moschee weg, ohne daß man eigentlich weiß, ob es von Menschenhänden entwendet worden, oder ob eine höhere Macht dabey im Spiele gewesen. Croncgk macht den Olint zum Thäler. Zwar verwandelt er das Marienbild in „ein Bild des Herrn am Kreuz;" aber Bild ist Bild, und dieser armselige Aberglaube giebt dem Olint eine sehr verächtliche Seite. Man kann ihm unmöglich wieder gut werden, daß er es wagen können, durch eine so kleine That sein Volk au den Rand des Verderbens zu stellen. Wenn er sich hernach frcywillig dazu bekennet: so ist es nichts mehr als Schuldigkeit, und keine Großmuth. Beym Tasso läßt ihn blos die Liebe diesen Schritt thun; er will Sophronicn retten, erster Band. 7 oder mit ihr sterbe»; mit ihr sterben, blos um mit ihr zu sterben; kann er mit ihr nicht Ein Bette besteigen, so sey es Ein Scheiterhaufen; an ihrer Seite, an den nehmlichen Pfahl gebunden, bestimmt, von dem nehmlichen Feuer verzehret zu werden, empfindet er blos das Glück einer so süßen Nachbarschaft, denket an nichts, was er jenseit dem Grabe zu hoffen habe, und wünschet nichts, als daß diese Nachbarschaft noch enger und vertrauter seyn möge, daß er Brust gegen Brust drücken, und auf ihren Lippen seinen Geist vcrhauchcn dürfe. Dieser vortreffliche Kontrast zwischen einer lieben, ruhigen, ganz geistigen Schwärmerinn, und einem hitzigen, begierigen Zünglinge, ist beym Eroncgk völlig vcrlohrcn. Sie sind beide von der kältesten Einförmigkeit; beide haben nichts als das Märtcrthum im Kopfe; und nicht genug, daß Er, daß Sie, für die Religion sterben wollen; auch Evandcr wollte, auch Scrcna hätte nicht übel Lust dazu. Ich will hier eine doppelte Anmerkung machen, welche, wohl behalten, einen angehenden tragischen Dichter vor großen Fehltritten bewahren kann. Die eine bctrift das Trauerspiel überhaupt. Wenn heldcnmüthigc Gesinnungen Bewunderung erregen sollen: so muß der Dichter nicht zu verschwenderisch damit umgehen; denn was man öfters, was man an mchrern sieht, höret man auf zu bewundern. Hicrwidcr hatte sich Eroncgk schon in seinem EodruS sehr versündiget. Die Liebe des Naterlaiidcs, bis zum freiwilligen Tode für dasselbe, hätte den Eodrus allein auszeichnen sollen: er hätte als ein einzelnes Wesen einer ganz besondern Art da stehen müssen, um den Eindruck zu machen, welchen der Dichter mit ihm im Sinne hatte. Aber Elcsindc und Philaidc, und Mcdon, und wer nicht? sind alle gleich bereit, ihr Leben dem Vatcrlande aufzuopfern; unsere Bewunderung wird getheilt, und Eodrus verlieret sich unter der Menge. So auch hier. Was in Olint nnd Sophronia Christ ist, das alles halt gemartert werden und sterben, für ein Glas Wasser trinken. Wir hören diese frommen Bravadcn so ost, aus so verschiedenem Munde, daß sie alle Wirkung verlieren. Die zweyte Anmerkung bctrift das christliche Trauerspiel insbesondere. Die Helden desselben sind mchrcnthcils Märtyrer. 8 Hauiburgische Dramaturgie. Nun leben wir zu einer Zeit, in welcher die Stimme der gesunden Vernunft zu laut erschallet, als daß jeder Rasender, der sich muthwillig, ohne alle Noth, mit Verachtung aller seiner bürgerlichen Obliegenheiten, in den Tod stürzet, den Titel eines Märtyrers sich anmaßen dürfte. Wir wissen itzt zu wohl, die falschen Märtyrer von den wahren zu unterscheiden; wir verachten jene eben so sehr, als wir diese verehren, und höchstens können sie uns eine melancholische Thräne über die Blindheit und den Unsinn auspressen, deren wir die Menschheit überhaupt in ihnen fähig erblicken. Doch diese Thräne ist keine von den angenehmen, die das Trauerspiel erregen will. Wenn daher der Dichter einen Märtyrer zu seinem Helden wählet: daß er ihm ja die lautersten und triftigsten Bewcgungsgründe gebe! daß er ihn ja in die unumgängliche Nothwendigkeit setze, den Schritt zu thun, durch den er sich der Gefahr blos stellet! daß er ihn ja den Tod nicht freventlich suchen, nicht höhnisch ertrotzen lasse! Sonst wird uns sein frommer Held zum Abscheu, und die Religion selbst, die er ehren wollte, kann darunter leiden. Ich habe schon berühret, daß es nur ein eben so nichts- würdigcr Aberglaube seyn konnte, als wir in dem Zauberer Ismen verachten, welcher den Olint antrich, das Bild aus der Moschee wieder zu entwenden. Es entschuldiget den Dichter nicht, daß es Zeiten gegeben, wo ein solcher Aberglaube allgemein war, und bey vielen guten Eigenschaften bestehen konnte; daß cS noch Länder giebt, wo er der frommen Einfalt nichts befremdendes haben würde. Denn er schrieb sein Trauerspiel eben so wenig für jene Zeiten, als er es bestimmte, in Böhmen oder Spanien gespielt zu werden. Der gute Schriftsteller, er sey von welcher Gattung er wolle, wenn er nicht blos schreibet, seinen Witz, seine Gelehrsamkeit zu zeigen, hat immer die Er- lcuchtcstcn und Besten seiner Zeit und seines Landes in Augen, und nur was diesen gefallen, was diese rühren kann, würdiget er zu schreiben. Selbst der dramatische, wenn er sich zu dem Pöbel herabläßt, läßt sich nur darum zu ihm herab, um ihn zu erleuchten und zu bessern; nicht aber ihn in seinen Vorur- thcilcn, ihn in seiner unedel» Dcnkungsart zu bestärken. erster Band. !' Zweytes Stück. Den 6ten May, 1767. Noch eine Anmerkung, gleichfalls das christliche Trauerspiel betreffend, würde über die Bekehrung der Clorinde zu wachen seyn. So überzeugt wir auch immer von den unmittelbaren Wirkungen der Gnade seyn mögen, so wenig können sie uns doch auf dem Theater gefallen, wo alles, waS zu dem Charakter der Personen gehöret, aus den natürlichsten Ursachen entspringen muß. Wunder dulden wir da nur in der physikalischen Welt; in der moralischen muß alles seinen ordentlichen Lauf behalten, weil das Theater die Schule der moralischen Welt seyn soll. Die Bcwegungsgründe zu jedem Entschlüsse, zu jeder Aenderung der geringsten Gedanken und Meynungen, müssen, nach Maaßgebung des einmal angenommenen Charakters, genau gegen einander abgewogen seyn, und jene müssen nie mehr hervorbringen, als sie nach der strengsten Wahrheit hervor bringen können. Der Dichter kann die Kunst besitzen, uns, durch Schönheiten des Detail, über Mißverhältnisse dieser Art zu täuschen; aber er täuscht uns nur einmal, und sobald wir wieder kalt werden, nehmen wir den Beyfall, den er uns abgelauschet hat, zurück. Dieses auf die vierte Scene des dritten Akts angewendet, wird man finden, daß die Reden und das Betragen der Sophronia die Clorinde zwar zum Mitleiden hätte bewegen können, aber viel zu unvermögend sind, Bekehrung an einer Person zu wirken, die gar keine Anlage zum Enthusiasmus hat. Beym Tasso nimmt Clorindc auch das Christenthum an; aber in ihrer letzten Stunde; aber erst, nachdem sie kurz zuvor erfahren, daß ihre Acltern diesem Glauben zugethan gewesen: feine, erhebliche Umstände, durch welche die Wirkung einer höhcrn Macht in die Reihe uatürlichcr Begebenheiten gleichsam mit cingcsiochtcn wird. Niemand hat es besser verstanden, wie weit man in diesem Stücke auf dem Theater gehen dürfe, als Boltairc. Nachdem die empfindliche, edle Seele des Zamor, durch Beyspiel und Bitten, durch Großmuth und Ermahnungen bestürmet, lind bis. in das Innerste erschüttert worden, läßt er ihn doch die Wahrheit der Religion, an deren Hamburgischc Dramaturgie. Bekennen! cr so viel Großes sieht, mehr vermuthe», als glauben. Und vielleicht würde Voltaire auch diese Vermuthung unterdrückt haben, wenn nicht zur Beruhigung des Zuschauers etwas hätte geschehen müssen. Selbst der Polvcukt des Corneille ist, in Absicht auf beide Anmerkungen, tadclhaft; und wenn es seine Nachahmungen immer mehr geworden sind, so dürfte die erste Tragödie, die den Namen einer christlichen verdienet, ohne Zweifel noch zu erwarten sey». Zch mcvnc ein Stück, in welchem einzig dcx Christ als Christ uns intcrcssirct. — Ist ein solches Stück aber auch wohl möglich? Ist der Charakter des wahren Christen nicht etwa ganz unthcatralisch? Streiten nicht etwa die stille Gelassenheit, die unveränderliche Sanstnmth, die seine wesentlichsten Züge sind, mit dem ganzen Geschäfte der Tragödie, welches Leidenschaften durch Leidenschaften zu reinigen sucht? Widerspricht nicht etwa seine Erwartung einer belohnenden Glückseligkeit nach diesem Leben, der Uncigcnnützigkcit, mit welcher wir alle große und gute Handlungen auf der Bühne unternommen und vollzogen zu sehen wünschen? Bis ein Werk des Genies, von dem man nur aus der Erfahrung lernen kann, wie viel Schwierigkeiten es zu übersteigen vermag, diese Bcdcnklichkcitcn unwidcrsprcchlich widerlegt, wäre also mein Rath: — man liesse alle bisherige christliche Trauerspiele unaufgcführct. Dieser Rath, welcher aus den Bedürfnissen der Kunst hergenommen ist, welcher uns um weiter nichts, als sehr mittelmäßige Stücke bringen kann, ist darum nichts schlechter, weil cr den schwächer» Gemüthern zu Statten kömmt, die, ich weiß nicht welchen Schauder empfinden, wenn sie Gesinnungen, auf die sie sich nur an einer heiligern Stätc gefaßt machen, im Theater zu hören bekommen. Das Theater soll niemanden, wer es auch sey, Anstoß geben; und ich wünschte, daß es auch allem genommenen Anstoße vorbeugen könnte und wollte. Croncgk hatte sein Stück nur bis gegen das Ende des vierten Auszuges gebracht. Das übrige hat eine Feder in Wien dazu gcfüget; eine Feder — denn die Arbeit eines Kopfes ist dabey nicht sehr sichtbar. Der Ergänzcr hat, allem Ansehen - ! V--.---.^ ^-7^-- Erster Nand. nach, die Geschichte ganz anders geendet, als sie Croncgk zu enden Willens gewesen. Der Tod löset alle Verwirrungen am besten; darum läßt er beide sterben, den Olint und die Sopbro- nia. Beym Tasso kommen sie beide davon; denn (5lorindc nimmt sich mit der uneigennützigsten Großmuth ihrer an. Cro- ncgk aber hatte Clorindcn verliebt gemacht, und da war es freylich schwer zu errathen, wie er zwey Nebenbuhlerinnen aus cinandcr setzen wollen, ohne den Tod zu Hülse zu rufen. Zu einem andern noch schlechter» Trauerspiele, wo eine von den Hauptpersonen ganz aus heiler Haut starb, fragte ein Zuschauer seinen Nachbar: Aber woran stirbt sie dcnn^— Woran? am fünften Akte; antwortete dieser. Zn Wahrheit; der fünfte Akt ist eine garstige böse Staupe, die manchen hinreißt, dem die ersten vier Akte ein weit längeres Leben versprachen. — Doch ich will mich in die Kritik des Stückes nicht tiefer einlassen. So mittelmäßig es ist, so ausnehmend ist es vorgestellet worden. Ich schweige von der äußern Pracht; denn diese Verbesserung unsers Theaters erfordert nichts als Geld. Die Künste, deren Hülfe dazu nöthig ist, sind bey uns in eben der Vollkommenheit, als in jedem andern Lande; nur die Künstler wollen eben so bezahlt seyn, wie in jedem andern Lande. Man muß mit der Vorstellung eines Stückes zufrieden seyn, wenn unter vier, fünf Personen, einige vortrefflich, und die andern gut gcspielct haben. Wen, in den Nebenrollen, ein Anfänger oder sonst ein Nothnagcl, so sehr beleidiget, daß er über das Ganze die Nase rümpft, der reise nach Utopien, und besuche da die vollkommenen Theater, wo auch der Lichtputzcr ein Garrick ist. Herr Eckhof war Evandcr; Evander ist zwar der Vater dcS Olints, aber im Grunde doch nicht viel mehr als ein Vertrauter. Indeß mag dieser Mann eine Rolle machen, welche er will; man erkennet ihn in der kleinsten noch immer für den ersten Akteur, und bctaucrt, auch nicht zugleich alle übrige Rollen von ihm sehen zu können. Ein ihm ganz eigenes Talent ist dieses, daß er Sittcnsprüchc und allgemeine Betrachtungen, diese langweiligen Ausbcugungcn eines verlegenen Dichters, mit einem Anstandc, mit einer Innigkeit zu sagen weiß, daß das 12 Hamburgische Dramaturgie. Trivialste von dieser Art, in seinem Munde Neuheit und Würde, das Frostigste Feuer und Leben erhält. Die eingestreuten Moralcn sind Eronegks beste Seite. Er hat, in seinem Codrus und hier, so manche in einer so schönen nachdrücklichen Kürze ausgedrückt, daß viele von seinen Versen als Sentenzen behalten, und von dem Volke unter die im gemeinen Leben gangbare Weisheit aufgenommen zu werden verdienen. Leider sucht er uns nur auch öfters gefärbtes Glas für Edelsteine, lind witzige Antithesen für gesunden Verstand cinzuschwatzcn. Zwey dergleichen Zeilen, in dem ersten Akte, hatten eine besondere Wirkung auf mich. Die eine, „Der Himmel kann verzeih», allein ein Priester nicht." Die andere, „Wer schlimm von andern denkt, ist selbst ein Bösewicht." Ich ward betroffen, in dem Parterre eine allgemeine Bewegung, und dasjenige Gcmurmcl zu bemerken, durch welches sich der Beyfall ausdrückt, wenn ihn die Aufmerksamkeit nicht gänzlich ausbrcchcn läßt. Theils dachte ich: Vortrefflich! man liebt hier die Moral; dieses Partcrr findet Geschmack an Maximen; auf dieser Bühne könnte sich ein Euripides Ruhm erwerben, und ein Sokratcs würde sie gern besuchen. Theils fiel es mir zugleich mit auf, wie schielend, wie falsch, wie anstößig diese vermeinten Maximen wären, und ich wünschte sehr, daß die Mißbilligung an jenem Gcmurmlc den meisten Antheil möge gehabt haben. Es ist nur Ein Athen gewesen, es wird nur Ein Athen bleiben, wo auch bey dem Pöbel das sittliche Gefühl so fein, so zärtlich war, daß einer unlautcrn Moral wegen, Schauspieler und Dichter Gefahr liefen, von dem Theater bcrabgcstürmct zu werden! Ich weiß wohl, die Gesinnungen müssen in dem Drama dem angenommenen Charakter der Person, welche sie äußert, entsprechen; sie können also das Siegel der absoluten Wahrheit nicht haben; genug, wenn sie poetisch wahr sind, wenn wir gestehen müssen, daß dieser Charakter, in dieser Situation, bey dieser Leidenschaft, nicht anders als so habe urtheilen können. Aber auch diese poetische Wahrheit muß sich, auf einer andern Seite, der absoluten wiederum nähern, und der Dichter muß nie so unphilosophisch denken, daß er an- Erster Band. nimmt, ein Mcnsch könne das Böse, um dcS Bösen wegen, wollen, er könne nach lasterhaften Grundsätzen handeln, das Lasterhafte derselben erkennen, und doch gegen sich und andere damit prahlen. Ein solcher Mensch ist ein Unding, so gräßlich als unlintcrrichtcnd, und nichts als die armselige Zuflucht eines schalen Kopfes, der schimmernde Tiradcn für die höchste Schönheit des Trauerspieles hält. Wenn Zsmcnor ein grausamer Priester ist, sind darum alle Priester Zsmcnors? Man wende nicht ein, daß von Priestern einer falschen Religion die Rede sey. So falsch war noch keine in der Welt, daß ihre Lehrer nothwendig Unmenschen seyn müssen. Priester haben in den falschen Religionen, so wie in der wahren, Unheil gestiftet, aber nicht weil sie Priester, sondern weil sie Böscwichtcr waren, die, zum Behuf ihrer schlimmen Neigungen, die Aorrcchtc auch eines jeden andern Standes gemißbraucht hätten. Wenn die Bühne so unbesonnene Urtheile über die Priester überhaupt ertönen läßt, was Wunder, wenn sich auch unter diesen Unbesonnene finden, die sie als die grade Heerstraße zur Hölle ausschrcycn? Aber ich verfalle wiederum in die Kritik des Stückes, und ich wollte von dem Schauspieler sprechen. Drittes Stück. Den 8tcn May, 4767. Und wodurch bewirkt dieser Schauspieler, (Hr. Eckhof) daß wir auch die gemeinste Moral so gern von ihm hören? Was ist es eigentlich, was ein anderer von ihm zu lernen hat, wenn wir ihn in solchem Falle eben so unterhaltend finden sollen? Alle Moral muß aus der Fülle des Herzens kommen, von der der Mund übergehet; man muß eben so wenig lange darauf zu denken, als damit zu prahlen scheinen. Es verstehet sich also von selbst, daß die moralischen Stellen vorzüglich wohl gclernct seyn wollen. Sie müssen ohne Stocken, ohne den geringsten Anstoß, in einem ununterbrochenen Flusse der Worte, mit einer Leichtigkeit gesprochen werden, daß sie keine mühsame Auskrahmungcn des Gedächtnisses, son- 14 Haniburgische Drain.ilnrgie. dcrn unmittelbare Eingebungen der gegenwärtigen Lage der Sachen scheinen. Eben so ausgemacht ist es, daß kein falscher Accent uns muß argwöhnen lassen, der Akteur plaudere, was er nicht verstehe. Er muß uns durch den richtigsten, sichersten Ton überzeuge,:, daß er den ganzen Sinn seiner Worte durchdrungen habe. Aber die richtige Acccntuation ist zur Noth auch einem Papagei, beyzubringen. Wie weit ist der Akteur, der eine Stelle nur versteht, noch von dem entfernt, der sie auch zugleich empfindet! Worte, deren Sinn man einmal gefaßt, die man sich einmal ins Gedächtniß gcpräget hat, lassen sich sehr richtig hersagen, auch indem sich die Seele mit ganz andern Dingen beschäftiget; aber alsdann ist keine Empfindung möglich. Die Seele muß ganz gegenwärtig seyn; sie muß ihre Aufmerksamkeit einzig und allein auf ihre Reden richten, und nur alsdann — Aber auch alsdann kann der Akteur wirklich viel Empfindung haben, und doch keine zu haben scheinen. Die Empfindung ist überhaupt immer das streitigste unter den Talenten eines Schauspielers. Sie kann seyn, wo man sie nicht erkennet; und man kann sie zu erkennen glauben, wo sie nicht ist. Denn die Empfindung ist etwas Inneres, von dem wir nur nach seinen äußern Merkmalen urtheilen können. Nun ist es möglich, daß gewisse Dinge in dem Baue des Körpers diese Merkmale entweder gar nicht verstatten, oder doch schwächen und zweideutig machen. Der Akteur kann eine gewisse Bildung des Gesichts, gewisse Minen, einen gewissen Ton haben, mit denen wir ganz andere Fähigkeiten, ganz andere Leidenschaften, ganz andere Gesinnungen zu verbinden gewohnt sind, als er gegenwärtig äußern und ausdrücken soll. Ist dieses, so mag er noch so viel empfinden, wir glauben ihm nicht: denn er ist mit sich selbst im Widersprüche. Gegentheils kann ein anderer so glücklich gc- bauct seyn; er kann so entscheidende Züge besitzen; alle seine Muskeln können ihm so leicht, so geschwind zu Gebothe stehen; er kann so feine, so vielfältige Abänderungen der Stimme in seiner Gewalt haben; kurz, er kann mit allen zur Pantomime erforderlichen Gaben in einem so hohen Grade beglückt seyn, daß er uns in denjenigen Rollen, die er nicht ursprünglich, Erster Band. sondern nach irgend einem guten Vorbilde spielet, von der innigsten Empfindung beseelet scheinen wird, da doch alles, was er sagt und thut, nichts als mechanische Nachäffung ist. Ohne Zweifel ist dieser, ungeachtet seiner Gleichgültigkeit und Kälte, dennoch auf dem Theater weit brauchbarer, als jener. Wenn er lange genug nichts als nachgeäffet hat, haben sich endlich ein Menge kleiner Regeln bey ihm gesammelt, nach denen er selbst zu handeln anfängt, und durch deren Beobachtung (zu Folge dem Gesetze, daß eben die Modifikationen der Seele, welche gewisse Veränderungen des Körpers hervorbringen, hinwiederum durch diese körperliche Veränderungen bewirket werden,) er zu einer Art von Empfindung gelangt, die zwar die Dauer, das Feuer derjenigen, die in der Seele ihren Anfang nimmt, nicht haben kann, aber doch in dem Augenblicke der Vorstellung kräftig genug ist, etwas von den nicht freiwilligen Veränderungen des Körpers hervorzubringen, aus deren Daseyn wir fast allein aus das innere Gefühl zuvcrläßig schlicsscn zu können glauben. , Ein solcher Akteur soll z. E. die äußerste Wuth des Zornes ausdrücken; ich nehme an, daß er seine Rolle nicht einmal recht verstehet, daß er die Gründe dieses Zornes weder hinlänglich zu fassen, noch lebhaft genug sich vorzustellen vermag, um seine Seele selbst in Zorn zu setzen. Und ich sage; wenn er nur die allcrgröbstcn Aeußerungen des Zornes, einem Akteur von ursprünglicher Empfindung abgelernet hat, und getreu nachzumachen weiß — den hastigen Gang, den stampfenden Fuß, den rauhen bald kreischenden bald verbissenen Ton, das Spiel der Augcnbraunen, die zitternde Lippe, das Knirschen der Zähne u. s. w.— wenn er, sage ich, nur diese Dinge, die sich nachmachen lassen, sobald man will, gut nachmacht: so wird dadurch unfehlbar seine Seele ein dunkles Gefühl von Zorn befallen, welches wiederum in den Körper zurückwirkt, und da auch diejenigen Veränderungen hervorbringt, die nicht blos von unserm Willen abhängen; sein Gesicht wird glühen, seine Augen werden blitzen, seine Muskeln werden schwellen; kurz, er wird ein wahrer Zorniger zu seyn scheinen, ohne es zu seyn, ohne im geringsten zu begreifen, warum er es seyn sollte. Hamburgische Dramaturgie. Nach diesen Grundsätzen von der Empfindung überhaupt, habe ich mir zu bestimmen gesucht, welche äußerliche Merkmale diejenige Empfindung begleiten, mit der moralische Betrachtungen wollen gesprochen seyn, und welche von diesen Merkmalen in unserer Gewalt sind, so daß sie jeder Akteur, er mag die Empfindung selbst haben, oder nicht, darstellen kann. Mich dünkt Folgendes. Jede Moral ist ein allgemeiner Satz, der, als solcher, einen Grad von Sammlung der Seele und ruhiger Ucberlcgung verlangt. Er will also mit Gelassenheit und einer gewissen Kälte gesagt seyn. Allein dieser allgemeine Satz ist zugleich das, Resultat von Eindrücken, welche individuelle Umstände auf die handelnden Personen machen; er ist kein bloßer symbolischer Schluß; er ist eine gcncralisirtc Empfindung, und als diese will er mit Feuer und einer gewissen Begeisterung gesprochen seyn. Folglich mit Begeisterung und Gelassenheit, mit Feuer und Kälte? — Nicht anders; mit einer Mischung von beiden, in der aber, nach Beschaffenheit der Situation, bald dieses, bald jenes, hervorsticht. Ist die Situation ruhig, so muß sich die Seele durch die Moral gleichsam einen neuen Schwung geben wollen; sie muß über ihr Glück, oder ihre Pflichten, blos darum allgemeine Betrachtungen zu machen scheinen, um durch diese Allgemeinheit selbst, jenes desto lebhafter zu gemessen, diese desto williger und muthigcr zu beobachten. Ist die Situation hingegen heftig, so muß sich die Seele durch die Moral (unter welchem Worte ich jede allgemeine Betrachtung verstehe) gleichsam von ihrem Fluge zurückholen; sie muß ihren Leidenschaften das Ansehen der Vernunft, stürmischen Ausbrüchcn den Schein vorbcdächtlichcr Entschliessungcn geben zu wollen scheinen. Jenes crfodcrt einen erhabnen und begeisterten Ton; dieses einen gemäßigten und fcycrlichcn. Denn dort muß das Raison- ncment in Affekt entbrennen, und hier der Affekt in Raisonnc- mcnt sich auskühlen. erster Band. Die meisten Schauspieler kehren es gerade lim. Sie poltern in heftigen Situationen die allgemeinen Betrachtungen eben so stürmisch heraus, als das Ucbrigez und in ruhigen, beten sie dieselbe» eben so gelassen her, als das Ucbrigc. Daher geschieht es denn aber auch, daß sich die Moral weder in den eine», noch in den andern bey ihnen ausnimmt z und daß mir sie in jenen eben so unnatürlich, als in diesen langweilig und kalt finden. Sie überlegten nie, daß die Stückcrcy von dem Grunde abstechen muß, und Gold auf Gold brodircn ein elender Geschmack ist. Durch ihre GcstuS verderben sie vollends alles. Sie wissen weder, wenn sie deren dabey machen sollen, noch was für welche. Sie machen gemeiniglich zu viele, und zu unbedeutende. Wenn in einer heftigen Situation die Seele sich auf einmal zn sammeln scheinet, um einen überlegenden Blick auf sich, oder auf das, was sie umgiebt, zu werfen; so ist es natürlich, daß sie allen Bewegungen des Körpers, die von ihrem bloßen Willen abhängen, gebieten wird. Nicht die Stimme allein wird gelassener; die Glieder alle gerathen in einen Stand der Ruhe, um die innere Nuhc auszudrücken, ohne die das Auge der Vernunft nicht wohl um sich schauen kann. Mit eins tritt der fortschreitende Fuß fest auf, die Arme sinken, der ganze Körper zieht sich in den wagrcchtcn Stand; eine Pause — und dann die Reflexion. Der Mann steht da, in einer feierlichen Stille, als ob er sich nicht stöhrcn wollte, sich selbst zu hören. Die Reflexion ist aus, — wieder eine Pause — nnd so wie die Reflexion abgczielct, seine Leidenschaft entweder zu mäßigen, oder zu befeuern, bricht er entweder auf einmal wieder los, oder setzet allmalig das Spiel seiner Glieder wieder in Gang. Nur auf dem Gesichte bleiben, während der Reflexion, die Spuren des Affekts; Mine und Auge sind noch in Bewegung und Feuer; denn wir haben Mine und Auge nicht so urplötzlich in unserer Gewalt, als Fuß und Hand. Und hierin dann, in diesen ausdrückenden Minen, in diesem entbrannten Auge, und in dem Ruhestände des ganzen übrigen Körpers, bestehet die Mischung von Feuer und Kälte, mit welcher ich glaube, daß die Moral in heftigen Situationen gesprochen seyn will. Lcsjlngg Wett- VII. 2 >^ Hamburgische Tramatnrgic. Mit eben dieser Mischung will sie auch in ruhige» Situationen gesagt seyn; nur mit dem Unterschiede, daß der Theil der Aktion, welcher dort der feurige war, hier der kältere, und welcher dort der kältere war, hier der feurige seyn muß. Nehmlich: da die Seele, wenn sie nichts als sanfte Empfindungen hat, durch allgemeine Betrachtungen diesen sanften Empfindungen einen höher» Grad von Lebhaftigkeit zu geben sucht, so wird sie auch die Glieder des Körpers, die ihr unmittelbar zu Gebothe siehe», dazu beytragen lassen; die Hä»dc werde» in voller Bewegung seyn; nur der Ausdruck des Gesichts kann so geschwind nicht nach, und in Mine und Auge wird noch die Ruhe herrschen, aus der sie der übrige Körper gern heraus arbeiten möchte. Viertes Stück. Ten 1?lc» May, 1767. Aber von was für Art sind die Bewegungen der Hände, mit welchen, in ruhigen Situationen, die Moral gesprochen zu seyn liebet? Non der Chironomie der Alten, das ist, von dem Inbegriffe der Regel», welche die Alten den Bewegungen der Hände vorgcschricbc» hatte», wisse» wir nur sehr wenig; aber dieses wissen wir, daß sie die Händcsprachc zu einer Vollkommenheit gebracht, von der sich aus dem, was unsere Redner darin» zu leisten im Stande sind, kaum die Möglichkeit sollte begreife» lasse». Wir scheine» vo» dieser ganzen Sprache nichts als ein unartikulirtcs Geschrey behalten zu haben; nichts als das Vermögen, Bewegungen zu machen, ohne zu wissen, wie diesen Bewegungen eine firirtc Bedeutung zu geben, lind wie sie unter einander zu verbinde», daß sie nicht blos eines einzeln Sinnes, sondern eines zusammenhangenden Verstandes fähig werden. Zch bcschcidc mich gern, daß man, bey den Alten, den Pantomimen nicht mit dem Schauspieler vermengen muß. Die Hände des Schauspielers waren bey weite» so geschwätzig nicht, als die Hä»de des PantomimcnS. Bey diesem vertraten sie die Stelle der Sprache; bey jenem sollten sie nur den Nach- MM^V^-- Erster Band, I!' druck derselben vermehren, und durch ihre Bewegungen, als natürliche Zeichen der Dinge, den verabredeten Zeichen der Stimme Wahrheit und Leben verschaffen helfen. Bey dem Pantomimen waren die Bewegungen der Hände nicht blos natürliche Zeichen, viele derselben hatten eine convcnlioncllc Bedeutung, und dieser mußte sich der Schauspieler ganzlich enthalten. Er gebrauchte sich also seiner Hände sparsamer, als der Pantomime, aber eben so wenig vergebens, als dieser. Er rührte keine Hand, wenn er nichts damit bedeuten oder verstärken konnte. Er wußte nichts von den gleichgültigen Bewegungen, durch deren beständigen einförmigen Gebrauch ein so großer Theil von Schauspielern, besonders das Frauenzimmer, sich das vollkommene Ansehen von Dratpuppcn giebt. Bald mit der rechten, bald mit der linken Hand, die Hälfte einer kricplichtcn Achte, abwärts vom Körper, beschreiben, oder mit beiden Händen zugleich die Luft von sich wcgrudcrn, heißt ihnen, Aktion haben; und wer es mit einer gewissen Tanzmcistcrgrazic zu thun geübt ist, o! der glaubt, uns bczaubern zu können. Ich weiß wohl, daß selbst Hogarth den Schauspielern befiehlt, ihre Hand in schönen Schlangenlinien bewegen zu lernen; aber nach allen Seiten, mit allen möglichen Abänderungen, deren diese Linien, in Ansehung ihres Schwunges, ihrer Größe und Dauer, fähig sind. Und endlich befiehlt er es ihnen nur zur Uebung, um sich zum Agircn dadurch geschickt zu machen, um den Armen die Biegungen des Neitzcs geläufig zu machen; nicht aber in der Meinung, daß das Agircn selbst in weiter nichts, als in der Beschreibung solcher schönen Linien, immer nach der nehmlichen Direktion, bestehe. Weg also mit diesem unbedeutenden Portcbras, vornehmlich bey moralischen Stellen weg mit ihm! Reiß am unrechten Orte, ist Affektation und Grimasse; und eben derselbe Reiß, zu oft hinter einander wiederholt, wird kalt und endlich cckcl. Zch sehe einen Schulknabcn sein Sprüchclchcn aufsagen, wenn der Schauspieler allgemeine Betrachtungen mit der Bewegung, mit welcher man in der Mcnuct die Hand giebt, mir zureicht, oder seine Moral gleichsam vom Rocken spinnet. 2» '.'0 Hambnrgische Dramaturgie. Zcde Bewegung, welche die Hand bey moralischen Stellen macht, muß bedeutend seyn. Oft kann man bis in das Mahlerische damit gehen; wenn man nur das Pantomimische vermeidet. Es wird sich vielleicht ein andermal Gelegenheit finden, diese Gradation von bedeutenden zu mahlerischen, von mahlerischen zu pantomimischen Gesten, ihren Unterschied und ihren Gebrauch, in Beyspielen zu erläutern. Ztzt würde mich dieses zu weit führen, und ich merke nur an, daß es unter den bedeutenden Gesten eine Art giebt, die der Schauspieler vor allen Dingen wohl zu beobachten hat, und mit denen er allein der Moral Licht und Leben ertheilen kann. Es sind dieses, mit einem Worte, die mdividualisircndcn Gestns. Die Moral ist ein allgemeiner Satz, ans den besondern Umstanden der handelnden Personen gezogen; durch seine Allgemeinheit wird er gewissermaßen der Sache fremd, er wird eine Ausschweifung, deren Beziehung auf das Gegenwärtige von dem weniger aufmerksamen, oder weniger scharfsinnigen Zuhörer, nicht bemerkt oder nicht begriffen wird. Wann es daher ein Mittel giebt, diese Beziehung sinnlich zu machen, das Symbolische der Moral wiederum auf das Anschauende zurückzubringen, und wann dieses Mittel gewisse Gcstus seyn können, so muß sie der Schauspieler ja nicht zu machen versäumen. Man wird mich aus einem Exempel am besten verstehen. Ich nehme es, wie mir es itzt beyfällt; der Schauspieler wird sich ohne Mühe auf noch weit einleuchtendere besinnen. — Wenn Olint sich mit der Hofnung schmeichelt, Gott werde das Herz des Aladin bewegen, daß er so grausam mit den Christen nicht verfahre, als er ihnen gedrohet: so kann Evander, als ein alter Mann, nicht wohl anders, als ihm die Betricglichkeit unsrer Hofnungen zu Gemüthe führen. „Vertraue nicht, mein Sohn, Hofnungen, die octricge»!" Sein Sohn ist ein feuriger Züngling, und in der Zugend ist man vorzüglich geneigt, sich von der Zukunft nur das Beste zu versprechen. „Da sie zu leichtlich glaubt, irrt muntre Jugend oft." Doch indem besinnt er sich, daß das Alter zu dem entgegen Erster Band. '.'l gesetzten Fehler nicht weniger geneigt ist. er will den unvcrzag- ten Züngling nicht ganz niederschlagen, und fähret fort: „Das Alter quält sich selbst, weil cS zu wenig Host." Diese Sentenzen mit einer gleichgültigen Aktion, mit einer nichts als schönen Bewegung des Annes begleiten, würde weit schlimmer seyn, als sie ganz ohne Aktion hersagen. Die einzige ihnen angemessene Aktion ist die, welche ihre Allgemeinheit wieder auf das Besondere einschränkt. Die Zeile, „ ?a sie zu leichtlich glaubt, irrt munlrc Jugend oft" muß in dem Tone, mit dem Gestu der väterliche» Warnung, an und gegen den Olint gesprochen werden, weil Olint es ist, dessen uncrfahrnc leichtgläubige Zugcnd bey dem sorgsamen Alten diese Betrachtung veranlaßt. Die Zeile hingegen, „Tas Alter quält sich selbst, weil es zu wenig Host" erfordert den Ton, das Achselzucken, mit dem wir unsere eigene Schwachheiten zu gestehen pflegen, und die Hände müssen sich nothwendig gegen die Brust ziehen, um zu bemerken, daß Evan- dcr diesen Satz aus eigener Erfahrung habe, daß er selbst der Alte sey, von dem er gelte. — Es ist Zeit, daß ich von dieser Ausschweifung über den Vortrag der moralischen Stellen, wieder zurückkomme. Was man Lehrreiches darin» findet, hat man lediglich den Beyspielen des Hr». Eckhof zu danken; ich habe nichts als von ihnen richtig zu abstrahircn gesucht. Wie leicht, wie angenehm ist es, einem Künstler nachzuforschen, dem das (Hute nicht blos gelingt, sondern der es macht! Die Rolle der Clorinde ward von Madame Hcnscln gespielt, die ohnstrcitig eine von den besten Aktricen ist, welche das deutsche Theater jemals gehabt hat. Ihr besonderer Borzug ist eine sehr richtige Deklamation; ein falscher Acccnt wird ihr schwerlich entwischen; sie weiß den verworrensten, holprich- stcn, dunkelsten Vers, mit einer Leichtigkeit, mit einer Präcision zu sagen, daß er durch ihre Stimme die deutlichste Erklärung, den vollständigsten Commcntar erhält. Sie verbindet damit nicht selten ein Rafsincmcnt, welches entweder von einer sehr glücklichen Empfindung, oder von einer sehr richtigen Bcur- 22 Hambnrgische Dramaturgie. thcilung zeuget. Ich glaube die Liebeserklärung, welche sie dem Olint thut, noch zu hören: „— Erkenne mich! Ich kann nicht länger schweigen; „Verstellung oder Slolj sey niedern Seelen eigen. „Olint ist in Gefahr, und ich bin außer mir — „Bewundernd sah ich oft im Krieg und Schlacht nach dir; „Mein Herz, das vor sich selbst sich zu entdecken scheute, „War wider meinen Ruhm und meinen Stolz im Streite. „Dein Unglück aber reißt die ganze Seele hin, „lind itzt erkenn ich erst wie klein, wie schwach ich bin. „Jtzt, da dich alle die, die dich verehrten, hassen, „Da du zur Pein bestimmt, von jedermann verlassen, „Verbrechern gleich gestellt, unglücklich und ein Christ, „Dem furchtbar» Tode nah, im Tod noch elend bist: „Jtzt wag ichs zu gestehn: itzt kenne meine Triebe! Wie frey, wie edel war dieser Ausbruch! Welches Feuer, welche Inbrunst beseelten jeden Ton! Mit welcher Zudringlichkeit, mit welcher Ucbcrströmung des Herzens sprach ihr Mitleid! Mit welcher Entschlossenheit ging sie auf das Bekenntniß ihrer Liebe los! Aber wie unerwartet, wie überraschend brach sie auf einmal ab, und veränderte auf einmal Stimme und Blick, und die ganze Haltung des Körpers, da es nun darauf ankam, die dürren Worte ihres Bekenntnisses zu sprechen. Die Augen zur Erde geschlagen, nach einem langsamen Seufzer, in dem furchtsamen gezogenen Tone der Verwirrung, kam endlich, „Ich liebe dich, Olint, — heraus, und mit einer Wahrheit! Auch der, der nicht weiß, ob die Liebe sich so erklärt, empfand, daß sie sich so erklären sollte. Sie entschloß sich als Heldinn, ihre Liebe zu gestchen, und gestand sie, als ein zärtliches, schamhaftes Weib. So Krie- gcrinn als sie war, so gewöhnt sonst in allem zu männlichen Sitten: behielt das Weibliche doch hier die Oberhand. Kaum aber waren sie hervor, diese der Sittsamkcit so schwere Worte, und mit eins war auch jener Ton der Freymüthgkeit wieder da. Sie fuhr mit der sorglosesten Lebhaftigkeit, in aller der unbekümmerten Hitze des Affekts fort: Erster Band. — - — Und stolz auf mciiic Liebe, „Stolz, daß dir meine Macht dein Leben retten kann, „Bieth ich dir Hand nnd Herj, und .ttron und Purpur a». Den» die Liebe äußert sich nun als großmüthige Freundschaft: und die Freundschaft spricht eben so dreist, als schüchtern die Liebe. Fünftes Srück. Den l6tcn May, 17K7. ES ist unstreitig, daß die Schauspielerinn durch diese mcistcr- haftc Absetzung der Worte, „Ich liebe dich, Llint, — der Stelle eine Schönheit gab, von der sich der Dichter, bey dein alles in dem nehmlichen Flusse von Worten daher rauscht, nicht das geringste Verdienst bcymcsscn kann. Aber wenn es ihr doch gefallen hätte, in diesen Verfeinerungen ihrer Rolle fortzufahren! Vielleicht besorgte sie, den Geist des Dichters ganz zu verfehlen; oder vielleicht scheute sie den Vorwurf, nicht das, was der Dichter sagt, sondern was er hätte sagen sollen, gespielt zu haben. Aber welches Lob könnte größer seyn, als so ein Aorwurf? Freylich muß sich nicht jeder Schauspieler einbilden, dieses Lob verdienen zu können. Denn sonst möchte es mit den armen Dichtern übel aussehen. Croncgk hat wahrlich aus seiner Clorindc ein sehr abgeschmacktes, widerwärtiges, häßliches Ding gemacht. Und dem ohngc- achtct ist sie noch der einzige Charakter, der uns bey ihm in- tcrcßirct. So sehr er die schöne Natur in ihr verfehlt, so thut doch noch die plumpe, ungeschlachte Natur einige Wirkung. Das macht, weil die übrigen Charaktere ganz außer aller Natur sind, und wir doch noch leichter mit einem Dragoner von Weibe, als mit himmclbrütendcn Schwärmern sympathisircn. Nur gegen das Ende, wo sie mit in den begeisterten Ton fällt, wird sie uns eben so gleichgültig und eckcl. Alles ist Widerspruch in ihr, und immer springt sie von einem Acußcrstc» auf das andere. Kaum hat sie ihre Liebe erklärt, so fügt sie hinzu: „Wirst du mein Herz verschmähn? Tu schweigst? — Entschliefst dich; „Und wenn du zweifeln kannst — so zittrc! Hamd urgische Dr.unaUlrczic. So zittrc? Olmt soll zittern? er, den sie so oft, in dem Tumulte der Schlacht, unerschrocken unter den Streichen des Todes gesehen? Und soll vor ihr zittern? Was will sie denn? Will sie ihm die Augen auskratzen? — O wenn es der Schauspielerinn eingefallen wäre, für diese ungezogene weibliche Gasconadc „so zittre!" zu sagen: ich zittere! Sie konnte zittern, so viel sie wollte, ihre Liebe verschmäht, ihren Stolz beleidiget zu finden. Das wäre sehr natürlich gewesen. Aber es von dem Olint verlangen, Gegenliebe von ihm, mit dem Messer an der Gurgel, fodcrn, das ist so unartig als lächerlich. Doch was hätte es geholfen, den Dichter einen Augenblick länger in den Schranken dcS Wohlstandes und der Mäßigung z» erhalten? Er fährt fort, Clorindcn in dem wahren Tone einer besoffenen Marquctcndcrinn rasen zu lassen; und da findet keine Linderung, keine Bemäntelung mehr Statt. Das einzige, was die Schauspielerinn zn seinem Besten noch thun könnte, wäre vielleicht dieses, wenn sie sich von seinem wilden Feuer nicht so ganz hinrcissen liesse, wenn sie ei» wenig an sich hielte, wenn sie die äußerste Wuth nicht mit der äußersten Anstrengung der Stimme, nicht mit den gewaltsamsten Gcbchrdcn ausdrückte. Wenn Shakcspcar nicht ein eben so großer Schauspieler in der Ausübung gewesen ist, als er ein dramatischer Dichter war, so hat er doch wenigstens eben so gut gewußt, was zu der Kunst des einen, als was zu der Kunst des andern gehöret. Za vielleicht hatte er über die Kunst des erstem um so viel tiefer nachgedacht, weil er so viel weniger Genie dazu hatte. Wenigstens ist jedes Wort, das er dem Hamlet, wenn er die Komödianten abrichtet, in den Mund legt, eine goldene Regel für alle Schauspieler, denen an einem vernünftigen Beyfalle gelegen ist. „Ich bitte Euch, läßt er ihn unter andern zu dem Komödianten sagen, „sprecht die Ncde so, wie ich sie Euch vorragte; die Zunge muß nur eben darüber hinlaufen. Aber wenn „ihr mir sie so hcraushalsct, wie cS manche von unsern Schauspielern thun: seht, so wäre mir es eben so lieb gewesen, „wenn der Stadtschrcycr meine Äcrse gesagt hätte. Auch durchsägt mir mit eurer Hand nicht so sehr die Luft, sondern macht Erster Band. „alles hübsch artig; denn mitten in dem Strome, mitten in „dem Sturme, mitten, so zu reden, in dem Wirbelwinde der „Leidenschaften, müßt ihr noch einen Grad von Mäßigung „beobachten, der ihnen das Glatte und Geschmeidige giebt. Man spricht so viel von dem Feuer des Schauspielers; man zerstreitet sich so sehr, ob ein Schauspieler zu viel Feuer haben könne. Wenn die, welche es behaupten, zum Beweise anführen, daß ein Schauspieler ja wohl am unrechten Orte heftig, oder wenigstens heftiger seyn könne, als es die Umstände crfo- dcrn: so haben die, welche es leugnen, Recht zu sagen, daß in solchem Falle der Schauspieler nicht zu viel Feuer, sondern zu wenig Verstand zeige. Ilcbcrhaupt kömmt es aber wohl darauf an, was wir unter dem Worte Feuer verstehen. Wenn Geschrey und Konlorsionen Feuer sind, so ist es wohl unstreitig, daß der Akteur darinn zu weit gehen kann. Besteht aber das Feuer in der Geschwindigkeit und Lebhaftigkeit, mir welcher alle Stücke, die den Akteur ausmachen, das ihrige dazu beytragen, um seinem Spiele den Schein der Wahrheit zu geben: so müßten wir diesen Schein der Wahrheit nicht bis zur äußersten Illusion getrieben zu scheu wünschen, wenn es möglich wäre, daß der Schauspieler allzuviel Feuer in diesem Verstände anwenden könnte. Es kann also auch nicht dieses Feuer seyn, dessen Mäßigung Shakc- spcar, selbst in dem Strome, in dem Sturme, in dem Wirbelwinde der Leidenschaft verlangt: er muß blos jene Heftigkeit der Stimme und der Bewegungen meynen; und der Grund ist leicht zu finden, warum auch da, wo der Dichter nicht die geringste Mäßigung beobachtet hat, dennoch der Schauspieler sich in beiden Stücken mäßigen müsse. Es giebt wenig Stimmen, die in ihrer äußersten Anstrengung nicht widerwärtig würden; und allzu schnelle, allzu stürmische Bewegungen werden selten edel seyn. Gleichwohl sollen weder unsere Augen noch unsere Dhrcn beleidiget werden; und nur alsdcun, wenn man bey Aeusserung der heftigen Leidenschaften alles vermeidet, was diesen oder jenen unangenehm seyn könnte, haben sie das Glatte und Geschmeidige, welches ein Hamlet auch noch da von ihnen verlangt, wenn sie den höchsten Eindruck machen, und ihm das Gewissen verstockter Frevler aus dem Schlafe schrecken sollen. W Hamburgischc Dramaturgie. Die Kunst dcS Schauspielers stehet hier, zwischen dc» bildenden Künsten und der Poesie, mitten innc. Als sichtbare Mahlerey muß zwar die Schönheit ihr höchstes Gesetz seyn; doch als transitorische Mahlerey braucht sie ihren Stellungen jene Ruhe nicht immer zu geben, welche die alten Kunstwerke so imponircnd macht. Sie darf sich, sie muß sich das Wilde eines Tcnipcsta, das Freche eines Bcrnini öfters erlauben; es hat bey ihr alle das Ausdrückende, welches ihm eigenthümlich ist, ohne das Beleidigende zu haben, das es in den bildenden Künsten durch den permanenten Stand erhält. Nur muß sie nicht allzulang darum verweilen; nur muß sie es durch die vorhergehenden Bewegungen allmälig vorbereiten, und durch die darauf folgenden wiederum in den allgemeinen Ton des Wohlanständigen auflöse»; nur muß sie ihm nie alle die Stärke geben, zu der sie der Dichter in seiner Bearbeitung treiben kann. Denn sie ist zwar eine stumme Poesie, aber die sich unmittelbar unsern Augen verständlich machen will; und jeder Sinn will geschmeichelt seyn, wenn er die Begriffe, die man ihm in die Seele zu bringen giebt, unverfälscht überliefern soll. Es könnte leicht seyn, daß sich unsere Schauspieler bey der Mäßigung, zu der sie die Kunst auch in den heftigsten Leidenschaften verbindet, in Ansehung des Beyfalles, nicht allzuwohl befinden dürften. — Aber welches Beyfalles? — Die Gallerte ist freylich ein großer Liebhaber des Lcrmendcn und Tobenden, und selten wird sie ermangeln, eine gute Lunge mit lauten Händen zu erwiedern. Auch das deutsche Partcrr ist noch ziemlich von diesem Geschmacke, und es giebt Akteurs, die schlau genug von diesem Geschmacke Vortheil zu ziehen wissen. Der Schläfrigste rast sich, gegen das Ende der Scene, wenn er abgehen soll, zusammen, erhebet auf einmal die Stimme, und überladet die Aktion, ohne zu überlegen, ob der Sinn seiner Rede diese höhere Anstrengung auch crfodcrc. Nicht selten widerspricht sie sogar der Verfassung, mit der er abgehen soll; aber was thut das ibm? Genug, daß er das Partcrr dadurch erinnert hat, aufmerksam auf ihn zu seyn, und wenn es die Güte haben will, ihm nachzuklatschcn. Nachzischcn sollte es ihm! Doch ^rstcr Band. 27 lcidcr ist cs theils nicht Kcnncr genug, theils zu gutherzig, und nimmt die Begierde, ihm gefallen zu wollen, für die That. Zch getraue mich nicht, von der Aktion der übrigen Schauspieler in diesem Stücke etwas zu sagen. Wenn sie nur immer bemüht seyn müssen, Fehler zu bemänteln, und das Mittelmäßige geltend zu machen: so kann auch der Beste nicht anders, als in einem sehr zweideutigen Lichte erscheinen. Wenn wir ihn auch den Verdruß, den uns der Dichter verursacht, nicht mit entgelten lassen, so sind wir doch nicht aufgeräumt genug, ihm alle die Gerechtigkeit zu erweisen, die er verdienet. Den Beschluß des ersten Abends machte der Triumph der vergangenen Zeit, ein Lustspiel in einem Auszüge, nach dem Französischen des lc Grand. Es ist eines von den drey kleinen Stücken, welche lc Grand unter dem allgemeinen Tittcl, der Triumph der Zeit, im Zahr 1724 auf die französische Bühne brachte, nachdem er den Stoff desselben, bereits einige Jahre vorher, unter der Aufschrift, die lächerlichen Verliebten, behandelt, aber wenig Beyfall damit erhalten hatte. Der Einfall, der dabey zum Grunde liegt, ist drollig genug, und einige Situationen sind sehr lächerlich. Nur ist das Lächerliche von der Art, wie cs sich mehr für eine satyrischc Erzählung, als auf die Bühnc schickt. Dcr Sicg der Zcit übcr Schönheit und Jugend macht eine traurige Zdcez die Einbildung eines scchszigjäh- rigcn Gccks und cincr cbcn so alten Närinn, daß die Zcit nur übcr ihre Rcitzc keine Gewalt sollte gehabt haben, ist zwar lächerlich; aber diesen Geck und dicsc Närrinn selbst zu sehen, ist cckclhaftcr, als lächerlich. Sechstes Stück. Den 19len May, 1767. Noch habe ich dcr Anrcdcn an die Zuschauer, vor und nach dem großen Stücke des ersten Abends, nicht gedacht. Sie schreiben sich von einem Dichter her, dcr cs mchr als irgend ein anderer versteht, tiefsinnigen Verstand mit Witz aufzuheitern, und nachdenklichem Ernste die gefällige Mine des Scherzes zu geben. Womit könnte ich dicsc Blätter besser auszicrcn, als wenn ich sie meinen Lesern ganz mittheile? Hier sind sie. Sie 28 Hamburgische Dramaturgie. bedürfen keines Commcntars. Ich wünsche nur, daß manches darinn nicht in den Wind gesagt sey! Sie wurden beide nngcmcin wohl, die erstere mit alle dem Anstandc und der Würde, und die andere mit alle der Wärme und Feinheit und einschmeichelnden Verbindlichkeit gesprochen, die der besondere Inhalt einer jeden erfodcrtc. Prolog. (Gesprochen von Madame Löwen.) Ihr Freunde, denen hier das mannichfache Spiel DeS Menschen, in der Kunst der Nachahmung gefiel: Ihr, die ihr gerne weint, ihr weichen, bessern Seelen, Wie schön, wie edel ist die Lust, sich so zu quälen; Wenn bald die süße Thran', indem das Herz erweicht, In Zärtlichkeit zerschmilzt, still von den Wangen schleicht, Bald die bestürmte Sccl', in jeder Nerv' erschüttert, Im Leiden Wollust fühlt, und mit Vergnügen zittert! O sagt, ist diese Kunst, die so Eur Herz zerschmelzt, Der Leidenschaften Strom so durch Eur Jnncrs wälzt, Vergnügend, wenn sie rührt, entzückend, wenn sie schrecket, Zu Mitleid, Menschenlieb', und (5dcl»iuth erwecket, Die Sittenbilderinn, die jede Tugend lehrt, Ist die nicht ^urcr Gunst, und Eurer Pflege werth« Die Fürsicht sendet sie mitleidig auf die Erde, Zum Besten des Barbars, damit er menschlich werde; Weiht sie, die Lehrerin der Könige zn seyn, Mit Würde, mit Genie, mit Feur vom Himmel ein; Heißt sie, mit ihrer Macht, durch Thränen zu ergötzen, DaS stumpscste Gefühl der Menschenliebe wetzen; Durch süße Herzensangst, und angenehmes Graun Die Bosheit bändigen, und an den Seelen baun; Wohlthätig für den Staat, den Wüthenden, den Wilden, Zum Menschen, Bürger, Freund, und Patrioten bilden. Gesetze stärken zwar der Staaten Sicherheit, Als Ketten an der Hand der Ungerechtigkeit: Doch deckt noch immer List den Bösen vor dem Richter, Und Macht wird oft der Schutz erhabner Böscwichlcr. erster Band. Wer rächt die Unschuld dann? Weh dem gedrückten Staat, Der, statt der Tugend, nichts, als ein Gesetzbuch hat! Gesetze, nur ein Faum der offenen Verbrechen, Gesetze, die man lehrt des Hasses Urtheil sprechen, Wenn ihnen Eigennutz, Stolj und Partheylichkeit Für eines SolonS Geist, den Geist der Drücknng leiht! Da lernt Bestechung bald, in» Strafen zn entgehen, Das Schwerdt der Majestät aus ihren Händen drehen: Da pflanzet Hcrrschbegicr, sich freuend des Verfalls Der Redlichkeit, den Fuß der Freyheit auf den Hals. Läßt den, der sie vertritt, in Schimpf und Banden schmachten, Und das blutschuld'ge Beil der ThemiS Unschuld schlachten! Wenn der, den kein Gesetz straft, oder strafen kann, Der schlaue Bösewicht, der blutige Tyrann, Wenn der die Unschuld drückt, wer wagt cS, sie z» decken? Den sichert tiefe List, und diesen wafnct Schrecken. Wer ist ihr Genius, der sich entgegen legt? — Wer? Sie, die itzt den Dolch, nnd itzt die Gcisscl trägt, Die unerschrokuc Kunst, die allen Mißgestalten Strafloser Thorheit wagt den Spiegel vorzuhalten; Die daS Geweb' enthüllt, worin sich List verspinnt, Und den Tyrannen sagt, daß sie Tyrannen sind; Die, ohne Menschenfurcht, vor Tbronen nicht erblödct, Und mit des Donners Stimm' ans Herz der Fürsten redet; Gekrönte Mörder schreckt, den Ehrgeitz nüchtern iiiacht, Den Heuchler züchtiget, und Thoren klüger lacht; Sie, die zum Unterricht die Todten läßt erscheinen, Die große Kunst, mit der wir lachen, oder weinen. Sie fand in Griechenland Schutz, Lieb', und Lehrbcgier; In Rom, in Gallien, in Albion, und — hier. Ihr, Freunde, habt hier oft, wenn ihre Thränen flössen, Mit edler Weichlichkeit, die Suren mit vergossen; Habt redlich Euren Schmerz mit ihrem Schmerz vereint, Und ihr aus voller Brust den Beyfall zngeweint: Wie sie gehaßt, geliebt, gehoffet, und gescheuet, Und Eurer Menschlichkeit im Leiden Euch erfreuet. Laug hat sie sich umsonst nach Bühnen umgesehn: 30 Hamburgische Dramaturgie. In Hamburg fand sie Schutz: hier sey denn ihr Athen! Hier, in dein Schooß der Rnh, im Schutze weiser Gönner, Gemnthigct durch Lob, vollendet durch den Kenner; Hier reifet — ja ich wünsch', ich hoff, ich weissag' es! — Ein zweyter Roscius, ein zweyter Sophokles, Der Gräcicns Kolhnrn Germanien erncure: Und ein Theil dieses Ruhms, ihr Gönner, wird der Eure. O seyd desselben werth! Bleibt Eurer Ente gleich, Und denkt, o denkt daran, ganz Teutschland sieht auf Euch! Epilog. (Gesprochen von Madame Hcnscl.) Seht hier! so standhaft stirbt der überzeugte Christ! So lieblos hasset der, dem Irrthum nützlich ist, Der Barbarei) bedarf, damit er seine Sache, Sein Anschn, seinen Traum, zu Lehren Gottes mache. Der Geist des Irrthums war Verfolgung und Gewalt, Wo Blindheit für Verdienst, und Furcht für Andacht galt. So konnt er sein Gespinst von Lügen, mit den Blitzen Der Majestät, mit Gisst, mit Meuchelmord beschützen. Wo Ueberzeugung fehlt, macht Furcht den Mangel gut: Die Wahrheit überführt, der Irrthum fodcrt Blut. Verfolgen muß man die, und mit dem Schwerdt bekehren, Die anders Glaubeiis sind, als die ISmciiorS. lehren. Und mancher Aladin sieht-Staatsklug oder schwach. Dem schwarzen Blutgcricht der Heilgen Mörder nach, Und muß mit seinem Schwerdt den, welchen Träumer hassen, Den Freund, den Märtyrer der Wahrheit irrirgcn lassen. AbscheulichS Meisterstück der Herrschsucht und der List, Wofür kein Name hart, kein Schimpfwort lieblos ist! O Lehre, die erlaubt, die Gottheit selbst mißbrauchen, In ein unschuldig Herz des Hasses Dolch zu tauchen, Dicli, die ihr Blulpanicr oft über Leichen trug, Dich, Greuel, zu verschmähn, wer leiht mir einen Fluch! Ihr Freund', in deren Brnst der Menschheit edle Stimme Laut für die Heldinn sprach, als Sie dem Priester-Grimme Ein schuldlos Opfer ward, und für die Wahrheit sank: Erster Band. 3l Habt Dank für dies Gefühl, für jede Thräne Dank! Wer irrt, verdient nicht Zucht des Hasses oder SpotteS: Was Menschen hassen lehrt, ist keine Lehre Gottes! Ach! liebt die Irrende», die ohne Bosheit blind, Zwar Schwächere vielleicht, doch immer Menschen sind. Belehret, duldet sie; und zwingt nicht die zu Thränen, Die sonst kein Vorwurf trift, als daß sie anders wähnen! Rechtschaffen ist der Mann, den, seinem Glauben treu, Nichts zur Verstellung zwingt, zu böser Heuchelei); Der für die Wahrheit glüht, und, nie durch Furcht gczügclt, Sie freudig, wie Oliut, mit seinem Blut versiegelt. Solch Beyspiel, edle Freund', ist Eures Beyfalls werth: O wohl uns.' hätten wir, was Cronegk schön gelehrt, Gedanken, die ihn selbst so sehr veredelt haben, Durch unsre Vorstellung tief in Eur Herz gegraben! Des Dichters Leben war schön, wie sein Nachruhm ist; Er war, und — o verzeiht die Thrän! — und starb ein Christ. Ließ sein vortrefflich Herz der Nachwelt in Gedichten, lim sie — was kann man mehr? noch todt zu untcrrichlcn. Versaget, hat Euch itzt Sophronia gerührt, Denn seiner Asche nicht, was ihr mit Recht gebührt, Den Seufzer, daß er starb, den Dank für seine Lehre, Und — ach! den traurigen Tribut von einer Zähre. Uns aber, edle Freund', ermuntre Güligkcit; Und hätten wir gefehlt, so tadelt; doch verzeiht. Verzeihung mulhigct zu edclcrm Erkühnen, Und feiner Tadel lehrt, das höchste Lob verdienen. Bedenkt, daß unter uns die Kunst nur kaum beginnt, In welcher tausend O-uius, für einen Garrick sind; Erwartet nicht zu viel, damit wir immer steigen, Und — doch nur Euch gebührt zu richten, uns zu schweigen. Siebendes Stück. Den 22stcn May, 1767. Der Prolog zeiget das Schauspiel in seincr höchsten Wurde, indem er es als das Supplement der Gesetze betrachten läßt. Es giebt Dinge in dem sittlichen Betragen des Menschen, welche, ,">2 Hamburgische Dramaturgie. in Ansehung ihres unmittelbaren Einflnßcs auf das Wohl der Gesellschaft, zu unbeträchtlich, und in sich selbst zu veränderlich sind, als daß sie werth oder fähig wären, unter der eigentlichen Aufsicht des Gesetzes zu stehen. Es giebt wiederum andere, gegen die alle Kraft der Legislation zu kurz fällt; die in ihren Triebfedern so unbegreiflich, in sich selbst so ungeheuer, in ihren Folgen so unermeßlich sind, daß sie entweder der Ahndung der Gesetze ganz entgehen, oder doch unmöglich nach Verdienst geahndet werden können. Ich will es nicht unternehmen, auf die erstem, als auf Gattungen des Lächerlichen, die Komödie; und auf die andern, als auf aufscrordentlichc Erscheinungen in dem Reiche der Sitten, welche die Vernunft in Erstaunen, und das Herz in Tumult setzM, die Tragödie einzuschränken. Das Genie lacht über alle die Grenzscheidungcn der Kritik. Aber so viel ist doch unstreitig, daß das Schauspiel überhaupt seinen Nor- wurf entweder disscits oder jenseits der Grenzen des Gesetzes wählet, und die eigentlichen Gegenstände desselben nur in so fern behandelt, als sie sich entweder in das Lächerliche verlieren, oder bis in das Abscheuliche verbreiten. Der Epilog verweilet bey einer von den Hauptlchren, auf welche ein Theil der Fabel und Charaktere des Trauerspiels mit abzwcckcn. Es war zwar von dem Hrn. von Eroncgk ein wenig unüberlegt, in einem Stücke, dessen Stoff aus den unglücklichen Zeiten der Krcutzzügc genommen ist, die Toleranz predigen, und die Abschculichkciten des Geistes der Verfolgung an den Bckcn- nern der mahomcdanischcn Religion zeigen zu wollen. Denn diese Kreutzzüge selbst, die in ihrer Anlage ein politischer Kunstgriff der Päbstc waren, wurden in ihrer Ausführung die unmenschlichsten Verfolgungen, deren sich der christliche Aberglaube jemals schuldig gemacht hat; die meisten und blutgierigsten ZsmcnorS hatte damals die wahre Religion; und einzelne Personen, die eine Moschee beraubet haben, zur Strafe ziehen, kömmt das wohl gegen die unselige Raserey, welche das rechtgläubige Europa entvölkerte, um das ungläubige Asien zu verwüsten? Doch was der Tragicus in seinem Werke sehr unschicklich angebracht hat, das konnte der Dichter des Epilogs gar wohl auffassen. Menschlichkeit und Sanftmuth verdienen bey jeder Gelegenheit Erster Band. 33 empfohlen zu werden, und kein Anlaß dazu kann so entfernt seyn, den wenigstens unser Herz nicht sehr natürlich und dringend finden sollte. Ucbrigcns stimme ich mit Vergnügen dem rührenden Lobe bey, welches der Dichter dem seligen Cronegk ertheilet. Aber ich werde mich schwerlich bereden lassen, daß er mit mir, über den poetischen Werth des kritisirten Stückes, nicht ebenfalls einig seyn sollte. Ich bin sehr betroffen gewesen, als man mich versichert, daß ich verschiedene von meinen Lesern durch mein unvcrhohlncs Urtheil unwillig gemacht hätte. Wenn ihnen bescheidene Freyheit, bey der sich durchaus keine Nebenabsichten denken lassen, mißfällt, so laufe ich Gefahr, sie noch oft unwillig zu machen. Ich habe gar nicht die Absicht gehabt, ihnen die Lesung eines Dichters zu verleiden, den ungekünstelter Witz, viel feine Empfindung und die lauterste Moral empfehlen. Diese Eigenschaften werden ihn jederzeit schätzbar machen, ob man ihm schon andere absprechen muß, zu denen er entweder gar keine Anlage hatte, oder die zu ihrer Reife gewisse Zahre erfordern, weit unter welchen er starb. Sein Eodrus ward von den Verfassern der Bibliothek der schönen Wissenschaften gckrönet, aber wahrlich nicht als ein gutes Stück, sondern als das beste von denen, die damals um den Preis stritten. Mein Urtheil nimmt ihm also keine Ehre, die ihm die Kritik damals ertheilet. Wenn Hinkende um die Wette laufen, so bleibt der, welcher von ihnen zuerst an das Ziel kömmt, doch noch ein Hinkender. Eine Stelle in dem Epilog ist einer Mißdeutung ausgesetzt gewesen, von der sie gerettet zu werden verdienet. Der Dichter sagt: „Bedenkt, daß unter uns die Kunst nur kaum beginnt, „In welcher tausend O-uins, für einen Earrick sind. Quin, habe ich darwidcr erinnern hören, ist kein schlechter Schauspieler gewesen. — Nein, gewiß nicht; er war Thomsons besonderer Freund, und die Freundschaft, in der ein Schauspieler mit einem Dichter, wie Thomson, gestanden, wird bey der Nachwelt immer ein gutes Vorurthcil für seine Kunst erwecken. Auch hat Quin noch mehr, als dieses Vorurtheil für sich: man weiß daß er in der Tragödie mit vieler Würde gespielet; daß er besonders der erhabenen Sprache des Milton Genüge zu leisten Lessings Werk- VII. z ,1l Hambnrgische Dramaturgie. gewußt; daß cr, im Komischen, die Rolle des Falstaff zn ihrer größte» Vollkommenheit gebracht. Doch alles dieses macht ihn zu keinem Garrick; und das Mißverständnis; liegt blos darinn, daß man annimmt, der Dichter habe diesem allgemeinen und ausscrordcntlichcn Schauspieler einen schlechten, und sür schlecht durchgängig erkannten, entgegen setzen wollen. O-uin soll hier einen von der gewöhnlichen Sorte bedeuten, wie man sie alle Tage sieht; einen Mann, der überhaupt seine Sache so gut wegmacht, daß man mit ihm zufrieden ist; der auch diesen und jenen Charakter ganz vortrefflich spielet, so wie ihm seine Figur, seine Stimme, sein Temperament dabey zu Hülfe kommen. So ein Mann ist sehr brauchbar, und kann mit allem Rechte ein guter Schauspieler heissen; aber wie viel fehlt ihm noch, um der Protcus in seiner Kunst zu seyn, für den das einstimmige Gerücht schon längst den Garrick erkläret hat. Ein solcher Quin machte, ohne Zweifel, den König im Hamlet, als Thomas Zoncs und Rebhuhn in der Komödie waren;(°) und der Rebhuhne giebt es mehrere, die nicht einen Augenblick anstehen, ihn einem Garrick weit vorzuziehen. „Was? sagen sie, Garrick der größte Akteur? Er schien ja nicht über das Gespenst erschrocken, sondern cr war es. Was ist das für eine Kunst, über ein Gespenst zu erschrecken? Gewiß lind wahrhastig, wenn wir den Geist gesehen hätten, so würden wir eben so ausgesehen, und eben das gethan haben, was cr that. Der andere hingegen, der König, schien wohl auch, etwas gerührt zu seyn, aber als ein guter Akteur gab cr sich doch alle mögliche Mühe, es zu verbergen. Zu dem sprach cr alle Worte so deutlich aus, und redcte noch einmal so laut, als jener kleine unansehnliche Mann, aus dem ihr so ein Aufhebens macht!" Bey den Engländern hat jedes neue Slück seinen Prolog und Epilog, den entweder der Verfasser selbst, oder ein Freund desselben, abfasset. Wozu die Alten den Prolog brauchten, den Zuhörer von verschiedenen Dingen zu unterrichten, die zu einem geschwindem Verständnisse der zum Grunde liegenden Geschichte des Stückes dienen, dazu brauchen sie ihn zwar nicht. Aber (°) Theil VI. S. 15. Erster Band. er ist darum doch nicht ohne Nutzen. Sie wissen hundcrtcrlcy darin« zu sagen, was das Auditorium für den Dichter, oder für den von ihm bearbeiteten Stoff einnehmen, und unbilligen Kritiken, sowohl über ihn als über die Schauspieler, vorbauen kann. Noch weniger bediene» sie sich des Epilogs, so wie sich wohl Plautus dessen manchmal bedienet; um die völlige Auflösung des Stücks, die in dem fünften Akte nicht Raum hatte, darinn crzehlen zu lassen. Sondern sie machen ihn zu einer Art von Nutzanwendung, voll guter Lehren, voll feiner Bemerkungen über die geschilderten Sitten, und über die Kunst, mit der sie geschildert worden; und das alles in dem schnurrigsten, launigsten Tone. Diesen Ton ändern sie auch nicht einmal gern bey dem Trauerspiele; und es ist gar nichts ungewöhnliches, daß nach dem blutigsten und rührendsten, die Satyre ein so lautes Gelächter aufschlägt, und der Witz so muthwillig wird, daß es scheinet, es sey die ausdrückliche Absicht, mit allen Eindrücken des Guten ein Gespöttc zu treiben. Es ist bekannt, wie sehr Thomson wider diese Narrenschellcn, mit der man der Melpomcne nachklingclt, geeifert hat. Wenn ich daher wünschte, daß auch bey uns neue Originalstückc, nicht ganz ohne Einführung und Empfehlung, vor das Publikum gebracht würden, so versteht es sich von selbst, daß bey dem Trauerspiele der Ton des Epilogs unserm deutschen Ernste angemessener seyn müßte. Nach dem Lustspiele könnte er immer so burlesk seyn, als er wollte. Dryden ist es, der bey den Engländern Meisterstücke von dieser Art gemacht hat, die noch itzt mit dem größten Vergnügen gelesen werden, nachdem die Spiele selbst, zu welchen er sie verfertiget, zum Theil längst vergessen sind. Hamburg hätte einen deutschen Dryden in der Nähe; und ich brauche ihn nicht noch einmal zu bezeichnen, wer von unsern Dichtern Moral und Kritik mit attischem Salze zu würzen, so gut als der Engländer verstehen würde. Achtes Stück. Tcn 26steii May, 17L7. Die Vorstellungen des ersten Abends, wurden den zweyten wiederhohlt. z * Hambiirgischc Dramaturgie. Den dritten Abend (FrcytagS, den 24stcn v. M.) ward Melaiiidc aufgeführet. Dieses Stück des Nivclle de la Chaussee ist bekannt. Es ist von der rührenden Gattung, der man den spöttischen Beynamen, der Weinerlichen, gegeben. Wenn weinerlich heißt, was uns die Thränen nahe bringt, wobey wir nicht übel Lust hätten zu weinen, so sind verschiedene Stücke von dieser Gattung etwas mehr, als weinerlich; sie kosten einer empfindlichen Seele Ströme von Thränen; und der gemeine Praß französischer Trauerspiele verdienet, in Vergleichung ihrer, allein weinerlich genannt zu werden. Denn eben bringen sie eS ungefähr so weit, daß uns wird, als ob wir hätten weinen können, wenn der Dichter seine Kunst besser verstanden hätte. Mclanide ist kein Meisterstück von dieser Gattung; aber man sieht cS doch immer mit Vergnügen. ES hat sich, selbst auf dem französischen Theater, erhalten, auf welchem es im Zahre 1741 zuerst gespielt ward. Der Stoff, sagt man, sey aus einem Roman, Mademoiselle dc Bontems betittelt, entlehnet. Ich kenne diesen Roman nicht; aber wenn auch die Situation der zweyten Scene des dritten Akts aus ihm genommen ist, so muß ich einen Unbekannten, anstatt des de la Chaussee, um das beneiden, wcßwegcn ich wohl, eine Mclanide gemacht zu haben, wünschte. Die Übersetzung war nicht schlecht; sie ist unendlich besser, als eine italienische, die in dem zweyten Bande der theatralischen Bibliothek des Diodati stehet. Ich muß es zum Troste des größten Haufens unserer Uebersetzer anführen, daß ihre italienischen Mitbrüdcr mcistentheils noch weit elender sind, als sie. Gute Berse indeß in gute Prosa übcrsctzcn, erfodcrt etwas mehr, als Genauigkeit; oder ich möchte wohl sagen, etwas anders. Allzn pünktliche Treue macht jede Uebersetzung steif, weil unmöglich alles, was in der einen Sprache natürlich ist, es auch in der andern seyn kann. Aber eine Ucbcrsctzung aus Versen macht sie zugleich wäßrig und schielend. Denn wo ist der glückliche Versificateur, den nie das Sylbenmaaß, nie der Reim, hier etwas mehr oder weniger, dort etwas stärker oder schwächer, früher oder später, sagen liesse, als er eS, frey von diesem Zwange, würde gesagt haben? Wenn nun der Uebersetzcr dieses erster Band. ,'!7 nicht zu unterscheiden weiß; wenn er nicht Geschmack, nicht Muth genug hat, hier einen Ncbcnbcgriff wegzulassen, da statt der Metapher den eigentlichen Ausdruck zu setzen, dort eine Ellipsis zu ergänzen oder anzubringen: so wird er uns alle Nachlässigkeiten seines Originals überliefert, nnd ihnen nichts als die Entschuldigung benommen haben, welche die Schwierigkeiten der Symmetrie und des Wohlklanges in der Grundsprache für sie machen. Die Rolle der Mclanide ward von einer Aktrice gcspielet, die nach einer neunjährigen Entfernung vom Theater, aufs neue iu allen den Vollkommenheiten wieder erschien, die Kenner nnd Nichtkenner, mit und ohne Einsicht, ehedem an ihr empfunden und bewundert hatten. Madame Löwen verbindet mit dem silbernen Tone der sonorestcii lieblichsten Stimme, mit dem offensten, ruhigsten und gleichwohl ausdruckfähigsten Gesichte von der Welt, das feinste schnellste Gefühl, die sicherste wärmste Empfindung, die sich, zwar nicht immer so lebhaft, als eS viele wünschen, doch allezeit mit Anstand und Würde äußert. Zn ihrer Deklamation accentuirt sie richtig, aber nicht merklich. Der gänzliche Mangel intensiver Acccnte verursacht Monotonie; aber ohne ihr diese vorwerfen zu können, weiß sie dem sparsamern Gebrauche derselben durch eine andere Feinheit zu Hülfe zu kommen, von der, leider! sehr viele Akteurs ganz und gar nichts wissen. Ich will mich erklären. Man weiß, was in der Musik das Mouvcmcnt heißt; nicht der Takt, sondern der Grad der Langsamkeit oder Schnelligkeit, mit welchen der Takt gespielt wird. Dieses Mouvement ist durch das ganze Stück einförmig; in dem nehmlichen Maaße der Geschwindigkeit, in welchem die erste Takte gcspielet worden, müssen sie alle, bis zu den letzten, gespiclcr werden. Diese Einförmigkeit ist in der Musik nothwendig, weil Ein Stück nur einerley ausdrücken kann, und ohne dieselbe gar keine Verbindung verschiedener Instrumente und Stimmen möglich seyn würde. Mit der Deklamation hingegen ist es ganz anders. Wenn wir einen Perioden von mehrcrn Gliedern, als ein besonderes musikalisches Stück annehmen, und die Glieder als die Takte desselben betrachten, so müssen diese Glieder, auch alsdenn, wenn sie vollkommen gleicher Länge wären, und aus der nehmlichen Anzahl 38 Haiiiburgjsche Dramaturgie. von Sylben des nehmlichen Zeitmaaßcs bestünden, dennoch nie mit einerley Geschwindigkeit gesprochen werden. Denn da sie, weder in Absicht auf die Deutlichkeit und den Nachdruck, noch in Rücksicht auf den in dein ganzen Perioden herrschenden Affekt, von einerley Werth nnd Belang scmi können: so ist es der Natur gemäß, daß die Stimme die geringfügigen, schnell her« auSstößt, flüchtig und nachläßig darüber hinschlupft; auf den beträchtlichern aber verweilet, sie dehnet und schleift, und jedes Wort, und in jedem Worte jeden Buchstaben, uns zuzählet. Die Grade dieser Verschiedenheit sind unendlich; und ob sie sich schon durch keine künstliche Zeitthcilchcn bestimmen und gegen einander abmessen lassen, so werden sie doch auch von dem un- gelehrtcstcn Ohre unterschieden, so wie von der ungclchrrcstcn Zunge beobachtet, wenn die Rede aus einem durchdrungenen Herzen, und nicht blos aus einem fertigen Gedächtnisse fließet. Die Wirkung ist unglaublich, die dieses beständig abwechselnde Mouvcmcnt der Stimme hat; und werden vollends alle Abänderungen des Tones, nicht blos in Ansehung der Höhe und Tiefe, der Stärke und Schwäche, sondern auch des Rauhen und Sanften, des Schneidenden und Runden, sogar des Holprichten und Geschmeidigen, an den rechten Stellen, damit verbunden: so entstehet jene natürliche Musik, gegen die sich unfehlbar unser Herz eröfnct, weil es empfindet, daß sie aus dem Herzen entspringt, und die Kunst nur in so fern daran Antheil hat, als auch die Kunst zur Natur werden kann. Und in dieser Musik, sage ich, ist die Aktrice, von welcher ich spreche, ganz vortrefflich, und ihr niemand zu vergleichen, als Herr Eckhof, der aber, indem er die intensiven Acccnte auf einzelne Worte, worauf sie sich weniger befleißiget, noch hinzufüget, blos dadurch seiner Deklamation eine höhere Vollkommenheit zu geben im Stande ist. Doch vielleicht hat sie auch diese in ihrer Gewalt; und ich urtheile blos so von ihr, weil ich sie noch in keinen Rollen gesehen, in welchen sich das Rührende zum Pathetischen erhebet. Ich erwarte sie in dem Trauerspiele, und fahre indeß in der Geschichte unsers Theaters fort. Den vierten Abend (Montags, den 27sten v. M.) ward ein neues deutsches Original, betittelt Zulie, oder Wettstreit Erster Band. 39 der Pflicht lind Liebe, aufgeführet. (5s hat den Hrn. Hcufcld in Wien zum Verfasser, der »ns sagt, daß bereits zwey andere Stücke von ihm, den Beyfall des dortigen Publikums erhalten hätten. Zch kenne sie nicht; aber «ach dem gegenwärtigen z» urtheilen, müssen sie nicht ganz schlecht seyn. Die Hauptzüge der Fabel uiid der größte Theil der Situationen, sind aus der Neuen Hcloise des Rousseau entlehnet. Zch wünschte, daß Hr. Hcufcld, che cr zu Werke geschritten, die Beurtheilung dieses Romans in den Briefen, die neueste Litteratur betreffend, (°) gelesen und studiert hätte. Er würde mit einer sicherern Einsicht in die Schönheiten seines Originals gearbeitet haben, und vielleicht in vielen Stücken glücklicher gewesen seyn. Der Werth der Neuen Hcloise ist, von der Seite der Erfindung, sehr gering, und das Beste darinn ganz und gar keiner dramatischen Bearbeitung fähig. Die Situationen sind alltäglich oder unnatürlich, und die wenig guten so weit von einander entfernt, daß sie sich, ohne Gewaltsamkeit, in den engen Raum eines Schauspiels von drey Auszügen nicht zwingen lassen. Die Geschichte konnte sich ans der Bühne unmöglich so schlicsscn, wie sie sich in dem Romane nicht sowohl schließt, als verlieret. Der Liebhaber der Julie mußte hier glücklich werden, und Hr. Heufcld läßt ihn glücklich werden. Er bekömmt seine Schülerinn. Aber hat Hr. Hcufcld auch überlcgt, daß seine Julie nun gar nicht mehr die Zulic des Rousscau ist? Doch Julie des Rousseau, oder nicht: wem liegt daran? Wenn sie nur sonst eine Person ist, die intcrcßirct. Aber eben das ist sie nicht; sie ist nichts, als eine kleine verliebte Närrinn, die manchmal artig genug schwatzet, wenn sich Hcrr Hcufcld auf eine schöne Stelle im Rousseau besinnet. „Zulie, sagt der Kunstrichter, dessen Urtheils ich erwähnet habe, spielt in der Geschichte eine zwcyfachc Rolle. Sie ist Anfangs ein schwaches und sogar etwas verführerisches Mädchen, und wird zuletzt ein Frauenzimmer, das, als ei» Muster der Tugend, alle, die man jemals erdichtet hat, weit (°) Theil X. S. 265. u. f. lBo» M. Mendelssohn, 1 . 40 Hamburgische Tramatnrgic. übcrtrist." Dieses letztere wird sie durch ihren Gehorsam, durch die Aufopferung ihrer Liebe, durch die Gewalt, die sie über ihr Her; gewinnet. Wenn nun aber von allen diesen in dem Stücke nichts zu hören und zu sehen ist: was bleibt von ihr übrig, als, wie gesagt, das schwache verführerische Mädchen, das Tugend und Weisheit auf der Zunge, und Thorheit im Herzen hat? Den St. Preur des Rousseau hat Herr Heufeld in einen Siegmund umgetauft. Der Name Siegmund schmecket bey uns ziemlich nach dem Domestiquen. Zch wünschte, daß unsere dramatischen Dichter auch in solchen Kleinigkeiten ein wenig gesuchter, und auf den Ton der großen Welt aufmerksamer seyn wollten. — St. Preur spielt schon bey dem Rousseau eine sehr abgeschmackte Figur. „Sie nennen ihn alle, sagt der angeführte Kunstrichter, den Philosophen. .Den Philosophen! Zch möchte wissen, was der junge Mensch in der ganzen Geschichte spricht oder thut, dadurch er diesen Namen verdienet? In meinen Augen ist er der albernste Mensch von der Welt, der in allgemeinen Ausrufungen Vernunft und Weisheit bis in den Himmel erhebt, und nicht den geringsten Funken davon besitzet. Zn seiner Liebe ist er abcnthcuerlich, schwülstig, ausgelassen, und in seinem übrigen Thun und Lassen findet sich nicht die geringste Spur von Ueberlcgung. Er setzet das stolzeste Zutrauen in seine Vernunft, und ist dennoch nicht entschlossen genug, den kleinsten Schritt zu thun, ohne von seiner Schülerinn, oder von seinem Freunde an der Hand geführet zu werden." — Aber wie tief ist der deutsche Siegmund noch unter diesem St. Preux! Neuntes Stück. Den Wsien May, 1767. Zn dem Romane hat St. Preux doch noch dann und wann Gelegenheit, seinen aufgeklärten Verstand zu zeigen, und die thätige Rolle des rechtschaffenen Mannes zu spielen. Aber Siegmund iu der Komödie ist weiter nichts, als ein kleiner eingebildeter Pedant, der aus seiner Schwachheit eine Tugend macht, und sich sehr beleidiget findet, daß man seinem zärtlichen Herzchen nicht durchgängig will Gerechtigkeit wiedcrsahren lassen. erster Band. Seine ganze Wirksamkeit laust auf ein Paar mächtige Thorheiten heraus. Das Bürschchen will sich schlagen und erstechen. Der Verfasser hat es selbst empfunden, daß sein Sicgmund nicht in genügsamer Handlung erscheinet; aber er glaubt, diesem Einwnrfe dadurch vorzubeugen, wenn er zu erwägen giebt: „daß ein Mensch seines gleichen, in einer Zeit von vier und zwanzig Stunden, nicht wie ein König, dem alle Augenblicke Gelegenheiten dazu darbieten, große Handlungen verrichten könne. Man müsse zum voraus annehmen, daß er ein rechtschaffener Mann sey, wie er beschrieben werde; und genug, daß Julie, ihre Mutter, Elarisse, Eduard, lauter rechtschaffene Leute, ihn dafür erkannt hätten." Es ist recht wohl gehandelt, wenn man, im gemeinen Leben, in den Charakter anderer kein beleidigendes Mißtrauen setzt; wenn man dem Zeugnisse, das sich ehrliche Leute unter einander ertheilen, allen Glauben bcymißt. Aber darf uns der dramatische Dichter mit dieser Regel der Billigkeit abspeisen? Gewiß nicht; ob er sich schon sein Geschäft dadurch sehr leicht machen könnte. Wir wollen es auf der Bühne sehen, wer die Menschen sind, und können es nur aus ihren Thaten sehen. Das Gute, das wir ihnen, blos auf anderer Wort, zutrauen solle», kann uns nnmöglich für sie intcressiren; es läßt uns völlig gleichgültig, und wenn wir nie die geringste eigene Erfahrung davon erhalten, so hat es sogar eine üble Rückwirkung auf diejenigen, auf deren Treu und Glauben wir es einzig und allein annehmen sollen. Weit gefehlt also, daß wir deßwegen, weil Zulie, ihre Mutter, Clarisse, Eduard, den Sicgmund für den vortrefflichsten, vollkommensten jungen Menschen erklären, ihn auch dafür zu erkennen bereit seyn sollten: so fangen wir vielmehr an, in die Einsicht aller dieser Personen ein Mißtrauen zu setzen, wenn wir nie mit unsern eigenen Augen etwas sehen, was ihre günstige Meinung rechtfertiget. Es ist wahr, in vier und zwanzig Stunden kann eine Privatperson nicht viel große Handlungen verrichten. Aber wer verlangt denn große? Auch in den kleinsten kann sich der Charakter schildern; und nur die, welche das meiste Licht auf ihn werfen, sind, nach der poetischen Schätzung, die größten. Wie traf es sich denn indeß, daß Hamblirgischt Tnimalurgic. vier lind zwanzig Stunden Zeit genug waren, dem Siegmund zu den zwey äußersten Narrheiten Gelegenheit zu schaffen, die einem Menschen in seinen Umstanden nur immer einfallen können? Die Gelegenheiten sind auch darnach; könnte der Verfasser antworten: dock das wird er wohl nicht. Sie möchten aber noch so natürlich hcrbcygcführct, noch so fein behandelt seyn: so würden darum die Narrheiten selbst, die wir ihn zu begehen im Begriffe sehen, ihre üble Wirkung auf unsere Zdee von dem jungen stürmischen Schcinwcisen, nicht verlieren. Daß er schlecht handele, sehen wir: daß er gut handeln könne, hören wir nur, und nicht einmal in Beyspielen, sondern in den allgemeinsten schwankendsten Ausdrücken. Die Härte, mit der Julien von ihrem Vater begegnet wird, da sie einen andern von ihm zum Gemahle nehmen soll, als den ihr Herz gewählct hatte, wird beym Rousseau nur kaum berührt. Herr Hcufcld hatte den Muth, uns eine ganze Scene davon zu zeigen. Ich liebe es, wenn ein junger Dichter etwas wagt. Er läßt den Vater, die Tochter zu Boden stoßen. Ich war um die Ausführung dieser Aktion besorgt. Aber vergebens; unsere Schauspieler hatte» sie so wohl concertirct; es ward, von Seiten des Vaters und der Tochter, so viel Anstand dabey beobachtet, und dieser Anstand that der Wahrheit so wenig Abbruch, daß ich mir gestehen mußte, diesen Akteurs könne man so etwas anvertrauen, oder keinen. Herr Heufcld verlangt, daß, wenn Zulic von ihrer Mutter aufgehoben wird, sich in ihrem Gesichte Blut zeigen soll. Es kann ihm lieb seyn, daß dieses unterlassen worden. Die Pantomime muß nie bis zu dem Eckclhaftcn getrieben werden. Gut, wenn in solchen Fälle» die erhitzte EinbilduiigSkrast Blut zu sehen glaubt; aber das Auge muß es nicht wirklich sehen. Die darauf folgende Scene ist die hervorragendste des ganzen Stückes. Sie gehört dem Rousseau. Ich weiß selbst nicht, welcher Unwille sich in die Empfindung des Pathetischen mischet, wenn wir einen Vater seine Tochter fußfällig um etwas bitten sehen. Es beleidiget, es kränket uns, denjenigen so erniedriget zu erblicken, dem die Natur so heilige Rechte übertragen hat. Dem Rousseau muß man diesen ausscrordentlichcn Hebel vcrzci- «c'-li-----.^^.^ Erster Band. /u'. hm; die Masse ist zu groß, die er in Bewegung setzen soll. Da keine Gründe bey Julien anschlagen wollen; da ihr Herz in der Verfassung ist, daß es sich durch die äußerste Strenge in seinem Entschlüsse nur noch mehr befestigen würde: so konnte sie nur durch die plötzliche Ucbcrraschung der unerwartesten Begegnung erschüttert, und in einer Art von Betäubung umgelenket werden. Die Geliebte sollte sich in die Tochter, verführerische Zärtlichkeit.in blinden Gehorsam verwandeln; da Rousseau kein Mittel sahe, der Natur diese Veränderung abzugewinnen, so mußte er sich entschliesscn, ihr sie abzunö'thigen, oder, wenn man will, abzustehlen. Auf keine andere Weise konnten wir es Julien in der Folge vergeben, daß sie den inbrünstigsten Liebhaber dem kältesten Ehemanne aufgeopfert habe. Aber da diese Aufopferung in der Komödie nicht erfolget; da es nicht die Tochter, sondern der Vater ist, der endlich nachgicbt: hätte Herr Hcufcld die Wendung nicht ein wenig lindern sollen, durch die Rousseau blos das Befremdliche jener Aufopferung rechtfertigen, und das Ungewöhnliche derselben vor dem Vorwürfe des Unnatürlichen in Sicherheit setzen wollte? — Doch Kritik, und kein Ende! Wenn Herr Heufcld das gethan hätte, so würden wir um eine Scene gekommen seyn, die, wenn sie schon nicht so recht in das Ganze passen will, doch sehr kräftig ist; er würde uns ein hohes Licht in seiner Eopie vermahlt haben, von dem man zwar nicht eigentlich weiß, wo es herkömmt, das aber eine treffliche Wirkung thut. Die Art, mit der Herr Eckhof diese Scene ausführte, die Aktion, mit der er einen Theil der grauen Haare vors Auge brachte, bey welchen er die Tochter beschwor; wären eS allein werth gewesen, eine kleine Unschicklichkeit zu begehen, die vielleicht niemanden, als dem kalten Kunstrichter, bey Zergliederung des Planes, merklich wird. Das Nachspiel dieses Abends war, der Schatz; die Nachahmung des Plautinschen Trinummus, in welcher der Verfasser alle die komischen Scenen seines Originals in einen Aufuig zu conccntrircn gesucht hat. Er ward sehr wohl gespielt- Die Akteurs alle wußten ihre Rollen mit der Fertigkeit, die zu dem Niedrigkomischcn so nothwendig crfodcrt wird. Wenn ein halb- schicrigcr Einfall, eine Unbesonnenheit, ein Wortspiel, langsam .Hamburgische Draiiiaturgie. lind stotternd vorgebracht wird; wenn sich die Personen auf Armseligkeiten, die weiter nichts als den Mund in Falten setzen sollen, noch erst viel besinnen: so ist die Langeweile unvermeidlich. Possen müssen Schlag auf Schlag gesagt werden, und der Zuhörer muß keinen Augenblick Zeit haben, zu untersuchen, wie witzig oder nnwitzig sie sind. Es sind keine Frauenzimmer in diesem Stücke; das einzige, welches noch anzubringen gewesen wäre, würde eine frostige Liebhaberinn seyn; und freylich lieber keines, als so eines. Sonst möchte ich es niemanden rathen, sich dieser Bcsondcrnheit zu befleißigen. Wir sind zu sehr an die Uiitcrmcngung beider Geschlechter gewöhnet, als daß wir bey gänzlicher Vcrmissung des rcitzcndern, nicht etwas Leeres empfinden sollten. Unter den Italienern hat ehedem Cecchi, und neuerlich unter den Franzosen Dcstouckcs, das nehmliche Lustspiel des Plautus wieder auf die Buhne gebracht. Sie haben beide große Stücke von fünf Auszügen daraus gemacht, und sind daher gcnöthiget gewesen, den Plan des Römers mit eignen Erfindungen zu erweitern. Das vom Cecchi heißt, die Mitgift, und wird vom Niccoboni, in seiner Geschichte des italienischen Theaters, als eines von den besten alten Lustspielen desselben empfohlen. Das vom Dcstouchcs führt den Titel, der verborgne Schatz, und ward ein cinzigesmal, im Jahre !l745, auf der italienischen Bühne zu Paris, und auch dieses einzigcmal nicht ganz bis zu Ende, aufgeführet. Es fand keinen Beyfall, und ist erst nach dem Tode des Verfassers, und also verschiedene Jahre später, als der deutsche Schatz, im Drucke erschienen. Plautus selbst ist nicht der erste Erfinder dieses so glücklichen, und von mchrcrn mit so vieler Nacheisrung bearbeiteten Stoffes gewesen; sondern Philcmon, bey dem es eben die simple Aufschrift hatte, zu der es im Deutschen wieder zurückgeführet worden. Plautus hatte seine ganz eigne Manier, in Benennung seiner Stücke; und mcistcntheils nahm er sie von dem allcruncrheblichstcn Umstände her. Dieses z. E. nennte er Tri- nummus, den Dreyling; weil der Sykophant einen Dreyling für seine Mühe bekam. Erster Band. Zehntes Stück. Den 2ten Juuy, 17K7. Das Stück des fünften Abends (Dienstags, den 28stcn April,) war, das nnvcrmuthctc Hinderniß, oder das Hinderniß ohne Hinderniß, vom Destouches. Wenn wir die Annalcs des französischen Theaters nachschlagen, so finden wir, daß die lustigsten Stücke dieses Verfassers, gerade den allerwenigsten Beyfall gehabt haben. Weder das gegenwärtige, noch der verborgne Schatz, noch das Gespenst mit der Trommel, noch der poetische Dorfjnnkcr, haben sich darauf erhalten; und sind, selbst in ihrer Neuheit, nur wcnigc- mal aufgeführet worden. Es beruhet sehr viel auf dem Tone, in welchem sich ein Dichter ankündiget, oder in welchem er seine besten Werke verfertiget. Man nimmt stillschweigend an, als ob er eine Verbindung dadurch eingehe, sich von diesem Tone niemals zu entfernen; und wenn er es thut, dünket man sich berechtiget, darüber zu stutzen. Man sucht den Verfasser in dem Verfasser, und glaubt, etwas schlechtes zu finden, sobald man nicht das nehmliche findet. Destouches hatte in seinem vcrhey- ratheten Philosophen, in seinem Ruhmredigen, in seinem Verschwender, Muster eines feinern, hohem Komischen gegeben, als man vom Molicre, selbst in seinen ernsthaftesten Stücken, gewohnt war. Sogleich machten die Kunstrichtcr, die so gern klaßificircn, dieses zu seiner eigenthümlichen Sphäre; was bey dem Poeten vielleicht nichts als zufällige Wahl war, erklärten sie für vorzüglichen Hang und herrschende Fähigkeit; was er einmal, zwcymal, nicht gewollt hatte, schien er ihnen nicht zu können: und als er es nunmehr wollte, was sieht Kunstrichtcrn ähnlicher, als daß sie ihm lieber nicht Gerechtigkeit wiedcrfah- ren liessen, ehe sie ihr voreiliges Urtheil änderten? Ich will damit nicht sagen, daß das Niedrigkomische des Destouches mit dem Molierischcn von einerley Güte sey. Es ist wirklich um vieles steifer; der witzige Kopf ist mehr darinn zu spüren, als der getreue Mahler; seine Narren sind selten von den behaglichen Narren, wie sie aus den Händen der Natur kommen, sondern mehrentheils von der hölzernen Gattung, wie sie die UI Hainburgische Tramattirgie. Kunst schnitzelt, uiid mit Affektation, mit verfehlter Lebensart, mit Pedanterie überladet; sei» Schulwitz, seine Masuren, sind daher frostiger als lächerlich. Aber dem ohngcachtet, — und nur dieses wollte ich sagen, — sind seine lustigen Stücke am wahren Komischen so geringhaltig noch nicht, als sie ein verzärtelter Geschmack findet; sie haben Scenen mit unter, die uns aus Herzensgründe zu lachen machen, und die ihm allein einen ansehnlichen Rang unter den komischen Dichtern versichern könnten. Hierauf folgte ein neues Lustspiel in einem Auszüge, betit- telt, die neue Agncse. Madame Gertruds spielte vor den Augen der Welt die fromme Spröde; aber insgeheim war sie die gefällige, feurige Freundinn eines gewissen Bcrnard. Wie glücklich, o wie glücklich machst du mich, Bernard! rief sie einst in der Entzückung, und ward von ihrer Tochter behorcht. Morgens darauf fragt das liebe einfältige Mädchen: Aber, Mamma, wer ist denn der Bcrnard, der die Leute glücklich macht? Die Mutter merkte sich verrathen, faßte sich aber geschwind. Es ist der Heilige, meine Tochter, den ich mir kürzlich gewählt habe; einer von den größten im Paradiese. Nicht lange, so ward die Tochter mit einem gewissen Hilar bekannt. Das gute Kind fand in seinem Umgänge recht viel Vergnügen; Mamma bekömmt Verdacht; Mamma bcschleicht das glückliche Paar; und da bekömmt Mamma von dem Töchtcrchcn eben so schöne Seufzer zu hören, als das Töchtcrchcn jüngst von Mamma gehört hatte. Die Mutter crgrimmt, überfällt sie, tobt. Nun, was denn, liebe Mamma? sagt endlich das ruhige Mädchen. Sie haben sich den H. Bcrnard gewählt; und ich, ich mir den H. Hilar. Warum nicht? — Dieses ist eincs von den lehrreichen Märchen, mit welchen das weise Alter des göttlichen Voltaire die junge Welt beschenkte. Favart fand es gerade so erbaulich, als die Fabel zu einer komischen Oper seyn muß. Er sahe nichts anstößiges darinn, als die Namen der Heiligen, und diesem Anstoße wußte er auszuweichen. Er machte aus Madame Gertrudc eine platonische Weise, eine Anhängcrinn dcr Lehre des GabaliS; und der H. Bernard ward zu einem Svlphcn, dcr untcr dcm Namen und in dcr Gestalt eincs guten Bekann- Erster Band. -17 tcn die tugendhafte Frau besucht. Zum Sylphen ward dann auch Hilar, und so weiter. Kurz, es entstand die Operette, Jsabclle und Gcrtrude, oder die vermeinten Sylphen; welche die Grundlage zur neuen Agiicsc ist. Man hat die Sitten darin», den unsrigcn näher zu dringen gesucht; man hat sich aller Anständigkeit beflissen; das liebe Mädchen ist von der rcitzendstcn, vcrchrungswürdigstcn Unschuld; und durch das Ganze sind eine Menge gute komische Einfälle verstreuet, die zum Theil dem deutschen Verfasser eigen sind. Zch kann mich in die Veränderungen selbst, die er mit seiner Urschrift gemacht, nicht näher einlassen; aber Personen von Geschmack, welchen diese nicht unbekannt war, wünschten, daß er die Nachbarinn, anstatt des Vaters, beybehalten hätte. — Die Rolle der Agnesc spielte Mademoiselle Felbrich, ein junges Frauenzimmer, das eine vortreffliche Aktrice verspricht, und daher die beste Aufmunterung verdienet. Alter, Figur, Mine, Stimme, alles kömmt ihr hier zu Statten; und ob sich, bey diesen Naturgabcn, in einer solchen Rolle schon vieles von selbst spielet: so muß man ihr doch auch eine Menge Feinheiten zugestehen, die Vorbedacht und Kunst, aber gerade nicht mehr und nicht weniger verriethen, als sich an einer Agnesc verrathen darf. Den sechsten Abend (Mittwochs, den 29sten April,) ward die Scmiramis des Hrn. von Voltaire aufgeführet. Dieses Trauerspiel ward im Jahre 1743 auf die französische Bühne gebracht, erhielt großen Beyfall, und macht, in der Geschichte dieser Bühne, gcwisscrmaaßen Epoche. — Nachdem der Hr. von Voltaire seine Zayre und Alzire, seinen Brutus und Cäsar geliefert hatte, ward er in der Meinung bestärkt, daß die tragischen Dichter seiner Nation die alten Griechen in vielen Stücken weit überträfen. Von uns Franzosen, sagt er, hätten die Griechen eine geschicktere Exposition, und die große Kunst, die Auftritte unter einander so zu verbinden, daß die Scene niemals leer bleibt, und keine Person weder ohne Ursache kömmt noch abgehet, lernen können. Aon uns, sagt er, hätten sie lerncn können, wie Nebenbuhler und Nebenbuhlerinnen, in witzigen Antithesen, mit einander sprechen; wie der Dichter, mit cincr Menge erhabner, glänzender Gedanken, blcn- i> Hamburgische Tramatiirgic. den und in Erstaunen setzen müsse. Von uns hätten sie lernen können — O freylich; was ist von den Franzosen nicht alles zu lernen! Hier und da möchte zwar ein Ausländer, der die Alten auch ein wenig gelesen hat, demüthig um Erlaubniß bitten, anderer Meinung sey» zu dürfen. Er möchte vielleicht einwenden, daß alle diese Vorzüge der Franzose» auf das Wesentliche des Trauerspiels eben keinen großen Einfluß hätten; daß es Schönheiten wären, welche die einfältige Größe der Alten verachtet habe. Doch was hilft es, dem Herrn von Voltaire etwas einzuwendend Er spricht, und man glaubt. Ein einziges vermißte er bey seiner Bühne; daß die großen Meisterstücke derselben nicht mit der Pracht aufgeführet würden, deren doch die Griechen die kleinen Versuche einer erst sich bildenden Kunst gcwürdigct hätten. Das Theater in Paris, ein altes Ballhaus, mit Verzierungen von dem schlechtesten Geschmacke, wo sich in einem schmutzigen Parterre das stehende Volk drcngt und stößt, beleidigte ihn mit Recht; und besonders beleidigte ihn die barbarische Gewohnheit, die Zuschauer auf der Bühne zu dulden, wo sie den Akteurs kaum so viel Platz lassen, als zu ihren nothwendigsten Bewegungen erforderlich ist. Er war überzeugt, daß blos dieser Ucbclstand Frankreich um vieles gebracht habe, was man, bey einem freyern, zu Handlungen bequemern und prächtigern Theater, ohne Zweifel gewagt hätte. Und eine Probe hiervon zu geben, verfertigte er seine Scmiramis. Eine Königinn, welche die Stände ihres Reichs versammelt, um ihnen ihre Vermählung zn eröffnen; ein Gespenst, das aus seiner Gruft steigt, um Blutschande zn verhindern, und sich an seinem Mörder zu rächen; diese Gruft, in die ein Narr hcreingcht, um als ein Verbrecher wieder herauszukommen: das alles war in der That für die Franzosen etwas ganz Neues. Es macht so viel Ler- mcn auf der Bühne, es erfordert so viel Pomp und Verwand» lung, als man nur immer in einer Oper gewohnt ist. Der Dichter glaubte das Muster zu einer ganz besondern Gattung gegeben zu haben; und ob er es schon nicht für die französische Bühne, so wie sie war, sondern so wie er sie wünschte, gemacht hatte: so ward es dennoch auf derselben, vor der Hand, so gut gcspiclet, als es sich ohngcfähr spielen ließ. Bey der t?rftcr ^.„id. !!> ersten Vorstellung saßen die Zuschauer noch mit auf dem Theater; und ich hätte wohl ein altvätrischcs Gespenst in einem so galanten Zirkel mögen erscheinen sehen. Erst bey den folgenden Borstellungen ward dieser Unschicklichkeit abgeholfen; die Akteurs machten sich ihre Bühne frey; und was damals nur eine Ausnahme, zum Besten eines so ansscrordcntlichen Stückes, war, ist »ach der Zeit die beständige Einrichtung geworden. Aber vornehmlich nur für die Bühne in Paris; für die, wie gesagt, Semiramis in diesem Stücke Epoche macht. Zn den Provinzen bleibet man noch häufig bey der alten Mode, und will lieber aller Illusion, als dem Vorrechte entsagen, den Aay- rcn und Mcropcn auf die Schleppe treten zu können. Eilftes Stück. Ten äten JumuS, 47K7. Die Erscheinung eines Geistes war in einem französischen Trauerspiele eine so kühne Neuheit, und der Dichter, der sie wagte, rechtfertiget sie mit so eignen Gründen, daß es sich der Mühe lohnet, einen Augenblick dabey zu verweilen. „Man schrie und schrieb von allen Seiten, sagt der Herr von Voltaire, daß man an Gespenster nicht mehr glaube, und daß die Erscheinung der Todten, in den Augen einer erleuchteten Nation, nicht anders als kindisch seyn könne. Wie? versetzt er dagegen; das ganze Alterthum hätte diese Wunder geglaubt, und es sollte nicht vergönnt seyn, sich nach dem Alterthume zu richten? Wie? unsere Religion hätte dergleichen ansserordcntliche Fügungen der Vorsicht gcheiliget, und es sollte lächerlich seyn, sie zu erneuern?" Diese Ansrusungcn, dünkt mich, sind rhetorischer, als gründlich. Vor allen Dingen wünschte ich, die Religion hier aus dem Spiele zu lassen. Zn Dingen des Geschmacks und der Kritik, sind Gründe, aus ihr genommen, recht gut, seinen Gegner zum Stillschweigen zu bringen, aber nicht so recht tauglich, ihn zu überzeugen. Die Religion, als Religion, muß hier nichts entscheiden sollenz nur als eine Art von Ueberlieferung des Alterthums, gilt ihr Zeugniß nicht mehr und nicht weniger, als LesNnzs Werke VII. 4 .10 Hambnrgischc Tr.nnatiirgie, ändert Zeugnisse des Alterthums gelten. Und so nach hätten wir es auch hier, nur mit dem Alterthume zu thun. Sehr wohl; das ganze Alterthum hat Gespenster geglaubt. Die dramatische» Dichter des Alterthums hatten also Recht, diesen Glauben zu nutzen; wenn wir bey einem von ihnen wiederkommende Todte aufgeführet finden, so wäre es unbillig, ihm nach unsern bessern Einsichten den Proceß zu machen. Aber hat darum der neue, diese unsere bessere Einsichten theilende dramatische Dichter, die nehmliche Bcfugniß? Gewiß nicht. — Aber wenn er seine Geschichte in jene leichtgläubigere Zeiten zurücklegt? Auch alsdcnn nicht. Denn der dramatische Dichter ist kein Geschichtschreiber; er crzchlt nicht, was man ehedem geglaubt, daß es geschehen, sondern er läßt es vor unsern Augen nochmals geschehen; und läßt es nochmals geschehen, nicht der bloßen historischen Wahrheit wegen, sondern in einer ganz andern und höhcrn Absicht; die historische Wahrheit ist nicht sein Zweck, sondern nur das Mittel zu seinem Zwecke; er will uns täuschen, und durch die Täuschung rühren. Wenn es als» wahr ist, daß wir itzt keine Gespenster mehr glauben; wenn dieses Nichtglau- bcn die Täuschung nothwendig verhindern müßte; wenn ohne Täuschung wir unmöglich sympathisiren können: so handelt itzt der dramatische Dichter wider sich selbst, wenn er uns dem ohn- gcachtct solche unglaubliche Mährchen ausstafstrct; alle Kunst, die er dabey anwendet, ist verloren. Folglich? Folglich ist es durchaus nicht erlaubt, Gespenster und Erscheinungen auf die Bühne zu bringen? Folglich ist diese Quelle des Schrecklichen und Pathetischen für uns vertrocknet? Nein; dieser Verlust wäre für die Poesie zu groß; und hat sie nicht Beyspiele für sich, wo das Genie aller unserer Philosophie trotzet, und Dinge, die der kalten Vernunft sehr spöttisch vorkommen, unserer Einbildung sehr fürchterlich zu machen weiß? Die Folge muß daher anders fallen; und die Voraussetzung wird nur falsch seyn. Wir glauben keine Gespenster mehr? Wer sagt das? Oder vielmehr, was heißt das? Heißt es so viel: wir sind endlich in unsern Einsichten so weit gekommen, daß wir die Unmöglichkeit davon erweisen können; gewisse unumstößliche Wahrheiten, die mit dem Glauben an Gespenster im Wi- erster Band. Zl dcrspruche stehen, sind so allgemein bekannt worden, sind mich dem gemeinste» Manne immer und beständig so gegenwärtig, daß ihm alles, was damit streitet, nothwendig lächerlich nnd abgeschmackt vorkommen muß? Das kann es nicht hcisscn. Wir glauben itzt keine Gespenster, kann also nur so viel hcisscn: in dieser Sache, über dic sich fast cbcn so vicl dafür als darwidcr sagcn läßt, die nicht entschieden ist, und nicht entschieden wcrdcn kann, hat die gegenwärtig herrschende Art zu denken den Gründen darwidcr das Ilcbcrgcwicht gegeben; einige wenige haben diese Arr zu denken, und viele wollen sie zu haben scheinen; diese machen das Geschrey und geben den Ton; der größte Haufe schweigt und verhält sich gleichgültig, und denkt bald so, bald anders, hört beym hellen Tage mit Vergnügen über die Gespenster spotten, und bey dunkler Nacht mit Grausen davon crzchlcn. Aber in diesem Verstände keine Gespenster glauben, kann und darf den dramatischen Dichter im geringsten nicht abhalten, Gebrauch davon zn machen. Der Saamc, sie zu glauben, liegt in uns allen, und in dcncn am häusigstcn, sür dic cr vornehmlich dichtet. Es kömmt nur auf scinc Kunst an, dicscn Saamcn zum Käumcn zu bringen; nur auf gewisse Handgriffe, den Gründen für ihre Wirklichkeit in der Geschwindigkeit den Schwung zu gebe». Hat er diese iu seiner Gewalt, so mögen wir in gemeinem Leben glauben, was wir wollen; im Theater müssen wir glauben, was Er will. So ein Dichter ist Shakcspear, und Shakcspear fast einzig und allein. Vor scincm Gcspcnste im Hamlet richten sich die Haare zu Berge, sie mögen ein gläubiges oder ungläubiges Gehirn bedecken. Der Herr von Voltaire that gar nicht wohl, sich auf dieses Gespenst zu berufen; es macht ihn und seinen Geist des Ninus — lächerlich. Shakespears Gespenst kömmt wirklich aus jener Welt; so dünkt uns. Denn es kömmt zu der feierlichen Stunde, in der schaudernden Stille der Nacht, in der vollen Begleitung aller der düstern, gchcimnißvollcn Ncbenbcgriffc, wenn und mit welchen wir, von der Amme an, Gespenster zu erwarten nnd zu denken gewohnt sind. Aber Voltairens Geist ist auch nicht einmal zum Popanze gut, Kinder damit zu schrecken; es ist der 4" Hamburgischt Trnmainrgie. bloße verkleidete Komödiant, der nichts hat, nichts sagt, nichts thut, was es wahrscheinlich machen könnte, er wäre das, wofür er sich ausgiebt; alle Umstände vielmehr, nnter welchen er erscheinet, stören den Betrug, und verrathen das Geschöpf eines kalten Dichters, der uns gern täuschen und schrecken möchte, ohne daß er weiß, wie er es anfangen soll. Man überlege auch nur dieses einzige: am hellen Tage, mitten in der Vcrsamlung der Stände des Reichs, von einem Donnerschlage angekündiget, tritt das Voltairische Gespenst aus seiner Gruft hervor. Wo hat Voltaire jemals gehört, daß Gespenster so dreist sind? Welche alte Frau hätte ihm nicht sagen können, daß die Gespenster das Sonnenlicht scheuen, und große Gesellschaften gar nicht gern besuchten? Doch Voltaire wußte zuverläßig das auch; aber er war zu furchtsam, zu eckcl, diese gemeinen Umstände zu nutzen; er wollte uns einen Geist zeigen, aber es sollte ein Geist von einer edlcrn Art seyn; und durch diese edlere Art verdarb er alles. Das Gespenst, das sich Dinge herausnimmt, die wider alles Herkommen, wider alle gute Sitten unter den Gespenstern sind, dünket mich kein rechtes Gespenst zu seyn; und alles, was die Illusion hier nicht befördert, störet die Illusion. Wenn Voltaire einiges Augenmerk auf die Pantomime genommen hätte, so würde er auch von einer andern Seite die Unschicklichkeit empfunden haben, ein Gespenst vor den Augen einer großen Menge erscheinen zu lassen. Alle müssen auf einmal, bey Erblickung desselben, Furcht und Entsetzen äußern; alle müssen es auf verschiedene Art äußern, wenn der Anblick nicht die frostige Symmetrie eines Ballcts haben soll. Nun richte man einmal eine Hccrde dumme Statisten dazu ab; und wenn man sie auf das glücklichste abgerichtet hat, so bedenke man, wie sehr dieser vielfache Ausdruck des nehmlichen Affekts die Aufmerksamkeit theilen, und von den Hauptpersonen abziehen muß. Wenn diese den rechten Eindruck auf uns machen sollen, so müssen wir sie nicht allein sehen können, sondern es ist auch gut, wenn wir sonst nichts sehen, als sie. Beym Shakcspear ist es der einzige Hamlet, mit dem sich das Gespenst einläßt; in der Scene, wo die Mutter dabey ist, wird es von der Mutter weder gesehen noch gehört. Alle unsere Erster B.md. 53 Beobachtung geht also auf ihn, und je mehr Merkmale eines von Schauder und Schrecken zerrütteten Gemüths wir an ihm entdecken, desto bereitwilliger sind wir, die Erscheinung, welche diese Zerrüttung in ihm verursacht, für eben das zu halten, wofür er sie hält. Das Gespenst wirket auf uns, mehr durch ihn, als durch sich selbst. Der Eindruck, den es aus ihn macbt, gehet in uns über, und die Wirkung ist zu augenscheinlich und zu stark, als dafi wir an der ausscrordcntlichcn Ursache zweifeln sollten. Wie wenig hat Voltaire auch diesen Kunstgriff verstanden! Es erschrecken über seinen Geist viele; aber nicht viel. Scmiramis ruft einmal: Himmel! ich sterbe! und die andern machen nicht mehr Umstände mit ihm, als man ohngcfchr mit einem weit entfernt geglaubten Freunde machen würde, der auf einmal ins Zimmer tritt. Zwölftes Stück. Den 9t-n Iunius, 1767. Ich bemerke noch einen Unterschied, der sich zwischen den Gespenstern des englischen und französischen Dichters findet. Voltairs Gespenst ist nichts als eine poetische Maschine, die nur des Knotens wegen da ist; es intcrcssirt uiis sür sich selbst nicht im geringsten. Shakespears Gespenst hingegen ist eine wirklich handelnde Person, an dessen Schicksale wir Antheil nehmen; es erweckt Schauder, aber auch Mitleid. Dieser Unterschied entsprang, ohne Zweifel, aus der verschiedenen Denkungsart beider Dichter von den Gespenstern überhaupt. Voltaire betrachtet die Erscheinung eines Verstorbenen als ein Wunder; Shakcspcar als eine ganz natürliche Begebenheit. Wer von beiden philosophischer denkt, dürfte keine Frage seyn; aber Shakespear dachte poetischer. Der Geist des Ni- nus kam bey Voltairen, als ein Wesen, das noch jenseit dem Grabe angenehmer und unangenehmer Empfindungen fähig ist, mit welchem wir also Mitleiden haben können, in keine Betrachtung. Er wollte blos damit lehren, daß die höchste Macht, um verborgene Verbrechen ans Licht zu bringen und zu bestrafen, auch wohl eine Ausnahme von ihren ewigen Gesetzen mache. 64 Hamburgische Dramaturgie. Zch will nicht sagen, daß es ein Fehler ist, wenn der dramatische Dichter seine Fabel so einrichtet, daß sie zur Erläuterung oder Bestätigung irgend einer großen moralischen Wahrheit dienen kann. Aber ich darf sagen, daß diese Einrichtung der Fabel nichts weniger als nothwendig ist; daß es sehr lehrreiche vollkommene Stücke geben kann, die auf keine solche einzelne Maxime abzwcckcn; daß man Unrecht thut, den letzten Sittcnspruch, den man zum Schlüsse verschiedener Trauerspiele der Alten findet, so anzusehen, als ob das Ganze blos um seinetwillen da wäre. Wenn daher die Semiramis des Herrn von Voltaire weiter kein Verdienst hätte, als dieses, worauf er sich so viel zu gute thut, daß man nehmlich daraus die höchste Gerechtigkeit verehren lerne, die ausscrordentliche Lastcrthatcn zu strafen, ausscror- dentliche Wege wähle: so würde Semiramis in meinen Augen nur ein sehr mittelmäßiges Stück seyn. Besonders da diese Moral selbst nicht eben die erbaulichste ist. Denn es ist ohnstrci- tig dem weisesten Wesen weit anständiger, wenn es dieser ausscrordentliche,, Wege nicht bedarf, und wir uns die Bestrafung des Guten und Bösen in die ordentliche Kette der Dinge von ihr mit eingeflochtcn denken. Doch ich will mich bey dem Stücke nicht länger verweilen, lim noch ein Wort von der Art zu sagen, wie es hier aufgeführet worden. Man hat alle Ursache, damit zufrieden zu seyn. Die Bühne ist geräumlich genug, die Menge von Personen ohne Verwirrung zu fassen, die der Dichter in verschiedenen Scenen auftreten läßt. Die Verzierungen sind neu, von dem besten Geschmacke, und sammeln den so oft abwechselnden Ort so gut als möglich in einen. Den siebenden Abend (Donnerstags, den 30stcn April,) ward der verheyrathctc Philosoph, vom Dcstouchcs, gcspielet. Dicscs Lustspiel kam im Zahr 1727 zuerst auf die französische Bühne, und fand so allgemeinen Beyfall, daß es in Zahr und Tag sechs und drcyßigmal aufgeführet ward. Die deutsche Übersetzung ist nicht die prosaische aus den zu Berlin übersetzten sämtlichen Werken des Dcstouchcs; sondern eine in Versen, an der mehrere Hände geflickt und gebessert haben. Erster B.md. 66 Sie hat wirklich viel glückliche Verse, aber auch viel harte »nd unnatürliche Stellen. Es ist unbeschreiblich, wie schwer dergleichen Stellen dem Schauspieler das Agircn machen; und doch werden wenig französische Stücke seyn, die ans irgend einem deutschen Theater jemals besser ausgefallen wären, als dieses auf unserm. Die Rollen sind alle auf das schicklichste besetzt, und besonders spielet Madame Löwen die launigtc (5cliantc als eine Meisterinn, und Herr Ackermann den Gcront unverbesserlich. Ich kann es überhoben seyn, von dem Stücke selbst zu reden. Es ist zu bekannt, und gehört unstreitig unter die Meisterstücke der französischen Bühne, die man auch unter uns immer mit Vergnügen sehen wird. Das Stück des achten Abends (Frcytags, den Isten May,) war das Kaffeehaus, oder die Schottländcrinn, des Hrn. von Voltaire. Es liesse sich eine lange Geschichte von diesem Lustspiele machen. Sein Verfasser schickte es als eine Ucbcrsctzung aus dem Englischen des Humc, nicht des Geschichtschreibers und Philosophen, sondern eines andern dieses Namens, der sich durch das Trauerspiel, Douglas, bekannt gemacht hat, in die Welt. Es hat in einigen Charakteren mit der Kaffccschcnkc des Goldoni etwas Achnlichcs; besonders scheint der Don Mar- zio des Goldoni, das Urbild des Frclon gewesen zu seyn. Was aber dort blos ein bösartiger Kerl ist, ist hier zugleich ein elender Scribcnt, den er Frclon nannte, damit die Ausleger desto geschwinder auf seinen gcschworncn Feind, den Zournalisten Frcron, fallen möchten. Diesen wollte er damit zu Boden schlagen, und ohne Zweifel hat er ihm einen empfindlichen Streich versetzt. Wir Ausländer, die wir an den hämischen Ncckcrcycn der ftanzösischcn Gelehrten unter sich, keinen Antheil nehmen, sehen über die Persönlichkeiten dieses Stücks weg, und finden in dem Frclon nichts als die getreue Schilderung einer Art von Lcutcn, dic auch bcy uns nicht fremd ist. Wir haben unscrc Frclons so gut, wie dic Franzoscn und Engländer, nur daß sie bcy uns weniger Aufsehen machen, weil uns unsere Litteratur überhaupt gleichgültiger ist. Fiele das Treffende dieses Eharaktcrs aber auch gänzlich in Deutschland weg, so hat Hamburgische Tr.im.Umgic. das Stück doch, »och außer ihm, Interesse genug, und der ehrliche Frccport allein, könnte es in unserer Gunst erhalten. Wir lieben seine plumpe Edclmüthigkcit, und die Engländer selbst haben sich dadurch geschmeichelt gefunden. Denn nur seinetwegen haben sie erst kürzlich den ganzen Stamm aus den Grund wirklich verpflanzt, auf welchem er sich gewachsen zu seyn rühmte. Colman, unstreitig itzt ihr bester kouuschcr Dichter, hat die Schottländcrinn, unter dem Titel des Englischen Kaufmanns, übersetzt, und ihr vollends alle das nationale Eolorit gegeben, das ihr in dem Originale noch mangelte. So sehr der Herr von Voltaire die englischen Sitten auch kennen will, so hatte er doch häufig dagegen verflossen; z. E. darin», daß er seine Liudane auf einem Kaffeehause wohnen läßt. Eolman miethet sie dafür bey einer ehrlichen Frau ein, die möblirtc Zimmer hält, und diese Frau ist weit anständiger die Freundinn und Wohlthäterinn der jungen verlassenen Schöne, als Fabriz. Auch die Eharaktcrc hat Eolman für den englischen Geschmack kräftiger zu machen gesucht. Lady Alton ist nicht blos eine eifersüchtige Furie; sie will ein Frauenzimmer von Genie, von Geschmack und Gelehrsamkeit seyn, und giebt sich das Ansehen einer Schutzgöttinn der Litteratur. Hierdurch glaubte er die Verbindung wahrscheinlicher zu machcn^in der sie mit dem elenden Frclon stehet, den er Spatter nennet. Frccport vornehmlich hat eine wcitcre Sphäre von Thätigkeit bekommen, und er nimmt sich des Vaters der Lindane eben so eifrig an, als der Lindanc selbst. Was im Französischen der Lord Falbridgc zu dessen Begnadigung thut, thut im Englischen Frccport, und er ist es allein, der alles zu einem glücklichen Ende bringet. Die englischen Kunsirichter haben in Colmans Umarbeitung die Gesinnungen durchaus vortrefflich, den Dialog fein und lebhaft, lind die Charaktere sehr wohl ausgeführt gefunden. Aber doch ziehen sie ihr Colmans übrige Stücke weit vor, von welchen man die eifersüchtige Ehefrau auf dem Ackermannischen Theater ehedem hier gesehen, und nach der diejenigen, die sich ihrer erinnern, ungefehr urtheilen können. Der englische Kaufmann hat ihnen nicht Handlung genug; die Neugierde wird ihnen Erster Band. ,'>7 nicht genug darin» gcnährct; die ganze Verwickelung ist in dem ersten Akte sichtbar. Hicrnächst hat er ihnen zu viel Achnlich- kcit mit andern Stücken, und den besten Situationen fehlt die Neuheit. Frccport, meynen sie, hatte nicht den geringsten Funken von Liebe gegen die Lindane empfinden müssen; seine gute That verliere dadurch alles Verdienst u. f. w. Es ist an dieser Kritik manches nicht ganz ungcgründet; indeß sind wir Deutschen es sehr wohl zufrieden, daß die Handlung nicht reicher und verwickelter ist. Die englische Manier in diesem Punkte, zerstreuet und ermüdet uns; wir lieben einen einfältigen Plan, der sich auf einmal übersehen läßt. So wie die Engländer die französischen Stücke mit Episoden erst vollpfropfen müssen, wenn sie auf ihrer Bühne gefallen sollen; so müßten wir die englischen Stücke von ihren Episoden erst entladen, wenn wir unsere Bühne glücklich damit bereichern wollten. Ihre besten Lustspiele eines Congrcve und Wychcrlcy würden uns, ohne diesen Aushau des allzu wollüstige» Wuchses, unausstehlich seyn. Mit ihren Tragödien werden wir noch eher fertig; diese sind zum Theil bey weiten so verworren nicht, als ihre Komödien, und verschiedene haben, ohne die geringste Veränderung, bey uns Glück gemacht, welches ich von keiner einzigen ihrer Komödien zu sagen wüßte. Auch die Italiener haben eine Ucbcrsctzung von der Schott- ländcrinn, die in dem erste» Theile der theatralischen Bibliothek des Diodati stehet. Sie folgt dem Originale Schritt vor Schritt, so wie die deutsche; nur eine Scene zum Schlüsse hat ihr der Italiener mehr gegeben. Voltaire sagte, Frelon werde in der englischen Urschrift am Ende bestraft; aber so verdient diese Bestrafung sey, so habe sie ihm doch dem Hauptinteresse zu schaden geschienen; er habe sie also weggelassen. Dem Italiener dünkte diese Entschuldigung nicht hinlänglich, und er ergänzte die Bestrafung des Frclons aus seinem Kopfe; denn die Italiener sind große Liebhaber der poetischen Gerechtigkeit. 58 H.nnburgische Tramatmgic. Dreyzehntes Stück. Ten 42ten Junius, 1767. Den neunten Abcnd (Montags, den 4tcn May,) sollte Ee- nie gcspielet werden. Es wurden aber auf einmal mehr als die Hälfte der Schauspieler, durch einen epidemischen Zufall, ausser Stand gcsctzet zu agiren; und man mußte sich so gut zu helfen suchen, als möglich. Man wiederholte die neue Agncse, lind gab das Singspiel, die Gouvernante. Den zehnten Abend (Dienstags, den 6tcn Mau,) ward der poetische Dorfjunkcr, vom Dcstouchcs, aufgeführt. Dieses Stück hat im Französischen drey Auszüge, und in der Übersetzung fünfc. Ohne diese Verbesserung war es nicht werth, in die deutsche Schaubühne des weiland berühmten Herrn Professor Gottscheds aufgenommen zu werden, und seine gelehrte Freundinn, die Übersetzerinn, war eine viel zu brave Ehefrau, als daß sie sich nicht den kritischen Aussprüchcn ihres Gemahls blindlings hätte unterwerfen sollen. Was kostet es denn nun auch für große Mühe, aus drey Aufzügen fünfe zu machen? Man läßt in einem andern Zimmer einmal Kaffee trinken; man schlägt einen Spatzicrgang im Garten vor; und wenn Noth an den Mann gehet, so kann ja auch der Lichtputzcr herauskommen und sagen: Meine Damen und Herren, treten sie ein wenig ab; die Zwischenakte sind des Pntzens wegen erfunden, und was hilft ihr Spielen, wenn das Partcrr nicht sehen kann ? — Die Übersetzung selbst ist sonst nicht schlecht, und besonders sind der Fr. Professorinn die Knittelverse des Masu- rcn, wie billig, sehr wohl gelungen. Ob sie überall eben so glücklich gewesen, wo sie den Einfällen ihres Originals eine andere Wendung geben zu müssen geglaubt, würde sich aus der Nerglcichung zeigen. Eine Verbesserung dieser Art, mit der es die liebe Frau recht herzlich gut gcmcinct hatte, habe ich dem ohngcachtct aufmutzen hören. Zn der Scene, wo Hcnrictte die alberne Dirne spielt, läßt Dcstouchcs dcn Masurcn zu ihr sagen: „Sie setzen mich in Erstaunen, Madcmoiscll; ich habe Sie für cinc Virtuosinn gehalten. O pfuy! erwicdcrt Hcnricttc; wofür haben Sie mich gehalten? Ich bin ein ehrliches Mädchen; erster Band. 5.!' daß Sie cs nur wisse». Aber man kann ja, fällt ihr Masu- rcn ein, beides wohl zugleich, ein ehrliches Mädchen und eine Wirtuosinn, seyn. Nein, sagt Hcnricttc; ich behaupte, daß mau das nicht zugleich seyn kann. Ich eine Nirtuosinn!" Mau erinnere sich, was Madame Gottsched, anstatt des Worts, Vir- tuosinn, gesetzt hat: ein Wuudcr. Kein Wunder! sagte man, daß sie das that. Sie fühlte sich auch so etwas von ciucr Airtuosinn zu scyu, und ward über den vermeinten Stich böse. Aber sie hätte nicht böse werden sollen, und was die witzige und gelehrte Hcnricttc, in dcr Pcrson einer dummen Agncsc, sagt, hätte die Frau Professorinn immer, ohne Maulspitzcu, nachsagen können. Doch vielleicht war ihr nur das fremde Wort, Birtuosiuu, anstößig; Wunder ist deutscher; zudem giebt es unter unsern Schönen fünfzig Wunder gegen eine Virtuo- sinn; die Frau wollte rein uud verständlich übersetzen; sie hatte sehr recht. Den Beschluß dieses Abends machte die stumme Schönheit, von Schlegeln. Schlegel hatte dieses kleine Stück für das ncuerrichtctc Ko- vcnhagcnschc Theater geschrieben, nm auf demselben in einer dänischen Übersetzung aufgeführet zu werden. Die Sitten darin» sind daher xuich wirklich dänischer, als deutsch. Dem ohngcachtct ist cs unstreitig unser bestcs komisches Original, das in Versen geschrieben ist. Schlegel hatte überall eine eben so fließende als zierliche Äcrsification, und cs war ein Glück für sciuc Nachfolger, daß er seine größcrn Komödien nicht auch iu Vcrscn schricb. Er hätte ihnen leicht das Publikum verwöhnen können, und so würden sie nicht allein seine Lehre, sondern auch sein Beyspiel wider sich gehabt haben. Er hatte sich ehedem dcr gereimten Komödie sehr lebhaft angenommen; und je glücklicher er die Schwierigkeiten derselben überstiegen hätte, desto unwidcrlcglicher würde» seine Gründe geschienen habe». Doch, als er selbst Hand a» das Werk legte, fa»d er ohne Zweifel, wie unsägliche Mühe cs koste, nur einen Theil derselben zu übcrstcigen, und wie wenig das Bcrgnügcn, wclchcs aus dicscu übcrstiegcncu Schwierigkeiten entstehet, sür die Menge kleiner Schönheiten, die man ihnen aufopfern müsse, schadlos halte. Die Franzosen m Hamburgische Dramaturgie. warm ehedem so cckcl, daß man ihnen die prosaischen Stücke des Moliere, nach seinem Tode, in Bcrse bringen mußte; und noch ihr hören sie ein prosaisches Lustspiel als ein Ding an, das ein jeder von ihnen machen könne. Den Engländer hingegen wurde eine gereimte Komödie aus dem Theater jagen. Nur die Deutschen sind auch hicrinn, soll ich sagen billiger, oder gleichgültiger? Sie nehmen an, was ihnen der Dichter vorsetzt. Was wäre es auch, wenn sie ißt schon wählen und ausmustern wollten? Die Rolle der stummen Schöne hat ihre Bedenklichkeiten. Eine stumme Schöne, sagt man, ist nicht nothwendig eine dumme, und die Schauspielerinn hat Unrecht, die eine alberne plumpe Dirne daraus macht. Aber Schlegels stumme Schönheit ist allerdings dumm zugleich; denn daß sie nichts spricht, kömmt daher, weil sie nichts denkt. Das Feine dabey wurde also dieses seyn, daß man sie überall, wo sie, um artig zu scheinen, denken müßte, unartig machte, dabey aber ihr alle die Artigkeiten liesse, die blos mechanisch sind, und die sie, ohne viel zu denken, haben könnte. Zhr Gang z. E. ihre Verbeugungen, brauchen gar nicht bäurisch zu seyn; sie können so gut und zierlich seyn, als sie nur immer ein Tanzmcister lehren kann; denn warum sollte sie von ihrem Tanzmeister nichts gelernt habe», da sie sogar Quadrille gelernt hat? Und sie muß Quadrille nicht schlecht spielen; denn sie rechnet fest darauf, dem Papa das Geld abzugewinnen. Auch ihre Kleidung muß weder alt- vätrisch, noch schlumpicht seyn; denn Frau Praatgern sagt ausdrücklich: „Bist dn vielleicht nicht wohl gekleidet? — Laß doch sehn! „Nun! — dreh dich um! — das ist ja gut, und sitzt galant. „Was sagt denn der Phantast, dir fehlte der Verstand? Zn dieser Musterung der Fr. Praatgcrn überhaupt, hat der Dichter deutlich genug bemerkt, wie er das Aeusserliche seiner stummen Schöne zu seyn wünsche. Gleichfalls schön, nur nicht reißend. „Laß sehn, wie trägst du dich? — Tcn Kopf nicht so zurücke! Dummheit ohne Erziehung hält den Kopf mehr vorwärts, als zurück; ihn zurück halten, lehrt der Tanzmeister; man muß also Erster Band. Charlotten den Tanzmcistcr anschcn, »nd je mehr, je besser; denn das schadet ihrer Stummheit nichts, vielmehr sind die zierlich steifen Tanzmcistcrmaniercn gerade die, welche der stiinnncn Schönheit am meisten entsprechen; sie zeigen die Schönheit in ihrem besten Vortheile, nur daß sie ihr das Leben nehmen. ,,Wer fragt: hat sie Verstand? der seh nur ihre Blicke. Recht wohl, wenn man eine Schauspielerinn mit großen schönen Augen zu dieser Rolle hat. Nur müssen sich diese schöne Augen wenig oder gar nicht regen; ihre Blicke müssen langsam und stier seyn; sie müssen uns, mit ihrem unbeweglichen Brennpunkte, in Flammen setzen wollen, aber nichts sagen. „Geh doch einmal herum. — Gut! hiehcr! — Neige dich! „Da haben wirs, das fehlt. Nein, sieh! So neigt man sich. Diese Zeilen versteht man ganz falsch, wenn man Charlotten eine bäurische Neige, einen dummen Knir machen laßt. Ihre Verbeugung muß wohl gelernt seh», und wie gesagt, ihrem Tanzmeister keine Schande machen. Frau Praatgcrn muß sie nur noch nicht affcktirt genug sindc». Charlotte verbeugt sich, und Frau Praatgern will, sie soll sich dabey zieren. Das ist der ganze Unterschied, und Madame Löwen bemerkte ihn sehr wohl, ob ich gleich nicht glaube, daß die Praatgcrn sonst eine Rolle für sie ist. Sie kann die feine Frau zu wenig verbergen, und gewissen Gesichtern wollen nichtswürdige Handlungen, dergleichen die Vertauschung einer Tochter ist, durchaus nicht lassen. Den eilften Abend (Mittewochs, den 6ten May,) ward Miß Sara Sampson aufgeführet. Man kann von der Kunst nichts mehr verlangen, als was Madame Hcnscln in der Rolle der Sara leistet, und das Stück ward überhaupt sehr gut gespickt. Es ist ein wenig zu lang, und man verkürzt es daher auf den meisten Theatern. Ob der Verfasser mit allen diesen Verkürzungen so recht zufrieden ist, daran zweifle ich fast. Man weiß ja, wie die Autores sind; wenn man ihnen auch nur einen Niednagel nehmen will, so schreyen sie gleich: Ihr kommt mir ans Leben! Freylich istdcr übermäßigen Länge eines Stücks, durch das bloße Weglassen, nur übel abgeholfen, und ich begreife nicht, wie man eine Scene verkürzen kann, ohnc die ganze Folge des Dialogs zu ändern. H.n»burgische Drmiiaturgic. Aber wenn dem Verfasser die fremden Verkürzungen nicht anstehe»; so mache er selbst welche, falls es ihm der Mühe werth dünket, und er nicht von denjenigen ist, die Kinder in die Welt setzen, und auf ewig die Hand von ihnen abziehen. Madame Hcnscln starb ungcmcin anständig; in der mahlerischsten Stellung; und besonders hat mich ein Zug ausscrordcnt- lich überrascht. ES ist eine Bemerkung an Sterbenden, daß sie mit den Fingern an ihren Kleidern oder Betten zu rupfen anfangen. Diese Bemerkung machte sie sich auf die glücklichste Art zu Nutze; in dem Augenblicke, da die Seele von ihr wich, äusserte sich auf einmal, aber nur in den Fingern des erstarrten Armes, ein gelinder Spasmus; sie kniff den Rock, der um ein weniges erhoben ward und gleich wieder sank: das letzte Aufflattern eines verlöschenden Lichts; der jüngste Strahl einer untergehende» Sonne. — Wer diese Feinheit i» meiner Beschreibung nicht schön findet, der schiebe die Schuld auf meine Beschreibung: aber er sehe sie einmal! Vierzehntes Stück. 5eii löten Jmmis, 1767. Das bürgerliche Trauerspiel hat an dem französischen Kunst- richtcr, welcher die Sara seiner Nation bekannt gemacht, (") einen sehr gründlichen Vertheidiger gefunden. Die Fraiizosen billige» sollst selten etwas, wovon sie kein Muster unter sich selbst haben. Die Namen von Fürsten und Helden können einem Stücke ^omp und Majestät geben; aber zur Rührung tragen sie nichts bey. Das Unglück derjenigen, deren Umstände den unsrigcn am nächsten kommen, muß natürlicher Weise am tiefsten in unsre Seele dringen; und wenn wir mit Königen Mitleiden haben, so habe» wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit Könige». Macht ihr Stand schon öfters ihre Unfälle wichtiger, so macht er sie darum nicht interessanter. Immerhin mögen ganze Völker darein verwickelt werden; unsere Sympathie crfo- dert eine» einzeln Gegenstand, und ein Staat ist ein viel zu abstrakter Begriff für unsere Empfindungen. (°) JournnI kli-itiißer, vecembre I76l. Erster B.md. s.3 „Man thut dem menschlichen Hcrzc Unrecht, sagt auch Mar- montel, man verkennet die Natur, wenn man glaubt, daß sie Titel bedurft, uns zu bewegen und zu rühren. Die geheiligte» Namen des Freundes, des Vaters, des Geliebten, des Gatten, des Sohnes, der Mutter, des Menschen überhaupt: diese sind pathetischer, als alles; diese behaupten ihre Rechte immer und ewig. Was liegt daran, welches der Rang, der Gcschlcchts- namc, die Geburt dcö Unglücklichen ist, den seine Gefälligkeit gegen unwürdige Freunde, und das verführerische Beyspiel, ins Spiel verstricket, der seinen Wohlstand und seine (?hrc darüber zu Grunde gerichtet, und nnn im Gefängnisse seufzet, von Scham und Reue zerrissen? Wen» man fragt, wer er ist; so antworte ich: er war ein ehrlicher Mann, und zu seiner Marter ist er Gemahl und Vater; seine Gattinn, die er liebt lind von der er geliebt wird, schmachtet in der äußersten Bedürfniß, und kann ihren Kindern, welche Brod verlangen, nichts als Thränen geben. Man zeige mir in der Geschichte der Helden eine rührendere, moralischere, mit einem Worte, tragischere Situation! Und wenn sich endlich dieser Unglückliche vergiftet; wenn er, nachdem er sich vergiftet, erfährt, daß der Himmel ihn noch retten wollen: was fehlet diesem schmerzlichen nnd fürchterlichen Augenblicke, wo sich zu den Schrecknissen des Todes marternde Vorstellungen, wie glücklich er habe leben können, gesellen; was fehlt ihm, frage ich, um der Tragödie würdig zu seyn? Das Wunderbare, wird man antworten. Wie? findet sich denn nicht dieses Wunderbare genugsam in dem plötzlichen Ucbcrgange von der Ehre zur Schande, von der Unschuld zum Verbrechen, von der süßesten Ruhe zur Verzweiflung; kurz, in dem äußersten Unglücke, in das eine bloße Schwachheit gcstürzct?" Man lasse aber diese Betrachtungen den Franzosen, von ihren Didcrots und Mannontcls, noch so eingeschärft werden: es scheint doch nicht, daß das bürgerliche Trauerspiel darum bey ihnen besonders in Schwang kommen werde. Die Nation ist zu eitel, ist in Titel und andere äußerliche Vorzüge zu verliebt; bis auf den gemeinsten Mann, will alles mit Vornehmer» umgehe»; u»d Gesellschaft mit seines gleichen, ist so viel als schlechte Gesellschaft. Zwar ein glückliches Genie vermag viel s>I Haiiiburgische Dramaturgie. über sein Volk; die Natur hat nirgends ihre Rechte ausgegeben, und sie erwartet vielleicht auch dort nur den Dichter, der sie in aller ihrer Wahrheit und Stärke zu zeigen verstehet. Der Versuch, den ein Ungenannter in einem Stücke gemacht hat, welches er das Gemählde der Dürftigkeit nennet, hat schon große Schönheiten; und bis die Franzosen daran Geschmack gewinnen, hätten wir es für unser Theater adoptircn sollen. Was der crstgcdachtc Kunstrichtcr an der deutschen Sara aussetzet, ist zum Theil nicht ohne Grund. Zch glaube aber doch, der Verfasser wird lieber seine Fehler behalten, als sich der vielleicht unglücklichen Mühe cincr gänzlichen Umarbeitung unterziehen wollen. Er erinnert sich, was Voltaire bey einer ähnlichen Gelegenheit sagte: „Man kann nicht immer alles ausführen, was uns unsere Freunde rathen. Es giebt auch nothwendige Fehler. Einem Bncklichtcn, den man von seinem Buckel heilen wollte, müßte man das Leben nehmen. Mein Kind ist bncklicht; aber es befindet sich sonst ganz gut." Den zwölften Abend (Donnerstags, den 7ten May,) ward der Spieler, vom Regnard, aufgeführet. Dieses Stück ist ohne Zweifel das beste, was Rcgnard gemacht hat; aber Rivierc du Frcny, der bald darauf gleichfalls einen Spieler auf die Bühne brachte, nahm ihn wegen der Erfindung in Anspruch. Er beklagte sich, daß ihm Regnard die Anlage und verschiedene Scenen gestohlen habe; Regnard schob die Beschuldigung zurück, und itzt wissen wir von diesem Streite nur so viel mit Zuverlässigkeit, daß einer von beiden der Pla- giarius, gewesen. Wenn es Regnard war, so müssen wir eS ihm wohl noch dazu dankcn, daß er sich überwinden konnte, die Vertraulichkeit seines Freundes zu mißbrauchen; er bemächtigte sich, blos zu unserm Besten, der Materialien, von denen er voraus sahe, daß sie vcrbunzt werden würden. Wir hätten nur einen sehr elenden Spieler, wenn er gewissenhafter gewesen wäre. Doch hätte er die That cingcstehcn, und dem armen Du Freny einen Theil der damit crworbncn Ehre lassen müssen. Den drcyzchnten Abend (Freytags, den 8ten May,) ward der vcrheyrathcte Philosoph wiederholet; und den Beschluß machte, der Liebhaber als Schriftsteller und Bedienter. erster Band. Der Verfasser dieses kleinen artigen Stücks heißt Ccrou; cr studierte die Rechte, als er es im Zahrc 47^0 den Italienern in Paris zu spielen gab. Es fällt ungcmcin wohl aus. Den vierzehnten Abend (Montags, den I ltcn May) wurden die coqucttc Mutter vom O-uinault, und der Advocat Pa- tclin aufgeführt. Jene wird von den Kennern unter die besten Stücke gerechnet, die sich auf dem französischen Theater aus dem vorigen Jahrhunderte erhalten haben. Es ist wirklich viel gutes Komisches darin«, dessen sich Molicrc nicht hätte schämen dürfen. Aber der fünfte Akt und die ganze Auflösung hätte weit besser seyn können; der alte Sklave, dessen in den vorhergehenden Akten gedacht wird, kömmt nicht zum Vorscheine; das Stück schließt mit einer kalten Erzchlung, nachdem wir auf eine theatralische Handlung vorbereitet worden. Sonst ist es in der Geschichte des französischen Theaters deswegen mit merkwürdig, weil der lächerliche Marquis darinn der erste von seiner Art ist. Die coqucttc Muttcr ist auch sein eigentlichster Titel nicht, und Quinault hätte es immer bey dem zweyten, die veruneinigten Verliebten, können bewenden lassen. Der Advocat Patelin ist eigentlich ein altes Posscnspiel aus dem fünfzehnten Jahrhunderte,'das zu seiner Zeit ausscrordcnt- lichcn Beyfall fand. Es verdiente ihn auch, wegen der ungc- meincn Lustigkeit, und des guten Komischen, das aus der Handlung selbst und aus der Situation der Personen entspringet, und nicht auf bloßen Einfällen beruhet. Brucgs gab ihm eine neue Sprache und brachte es in die Form, in welcher es gegenwärtig aufgeführet wird. Herr Eckhof spielt den Palclin ganz vortrefflich. Den fünfzehnten Abend (Dienstags, den 42tcn May,) ward Lcßings Frcygcist vorgestellt. Man kennet ihn hier unter dem Titel des bcsckämtcn Freygeistes, weil man ibn von dem Traucrspiclc des Hrn. von Brave, das eben diese Aufschrift führet, unterscheiden wollen. Eigentlich kann man wohl nicht sagen, daß derjenige bcschäint wird, welcher sich bessert. Adrast ist auch nicht einzig und allein der Frcygcist; sondern es nehmen mehrere Personen an die- Leslmgs Welk- VII. 5 Hamburgischc DramaUirgie. scm Charakter Theil. Dic citlc unbcsonncne Hcnricttc, der für Wahrheit und Irrthum gleichgültige Lisidor, der spitzbübische Johann, sind alles Arten von Freygeistern, dic zusammen den Titel des Stücks erfüllen müssen. Doch was liegt an dem Titel? Genug, daß dic Vorstellung alles Beyfalls würdig war. Dic Rollen sind ohne Ausnahme wohl besetzt; und besonders spielt Herr Bock den Thcophan mit alle dem freundlichen Anstand?, den dieser Charakter erfordert, um dem endlichen Unwillen über dic Hartnäckigkeit, mit der ihn Adrast verkennet, und auf dem die ganze Katastrophe beruhet, dagegen abstechen zu lassen. Den Beschluß dieses Abends machte das Schäfcrspiel des Hrn. Pfcffcls, der Schatz. Dieser Dichter hat sich, außer diesem kleinen Stücke, noch durch ein anders, der Eremit, nicht nurühmlich bekannt gemacht. Zn den Schatz hat er mehr Interesse zu legen gesucht, als gemeiniglich unsere Schäfcrspiclc zu haben pflegen, deren ganzer Inhalt tändcludc Licbc ist. Scin Ausdruck ist nur öfters ein wenig zu gesucht und kostbar, wodurch dic ohnedem schon allzu verfeinerten Empfindungen ein höchst studiertes Ansehen bekommen, und zu nichts als frostigen Spiclwcrkcn des Witzes werden. Dieses gilt bcsondcrs von scincm Ercmitcn, welches ein kleines Trauerspiel seyn soll, das man, anstatt der allzulustigcn Nachspiele, auf rührcndc Stücke könnte folgen lassen. Dic Absicht ist recht gut; aber wir wollen vom Weinen doch noch lieber zum Lachen, als zum Gähnen übergehen. Fünfzehntes Stück. Den 19ten Junins, 1767. Den sechzehnten Abend (Mittewochs, den I3ten May,) ward dic Zayre dcs Herrn von Voltaire aufgeführt. „ Den Liebhabern der gelehrten Geschichte, sagt der Hr. von Voltaire, wird es nicht unangenehm seyn, zu wissen, wie dieses Stück entstanden. Verschiedene Damen hatten dem Verfasser vorgeworfen, daß in seinen Tragödien nicht genug Liebe wärc. Er antwortete ihnen, daß, seiner Meynung nach, dic Tragödie auch eben nicht der schicklichste Ort für die Liebe sey; wenn sie erster Band. K7 aber doch mit aller Gewalt verliebte Helden haben müßten, so wolle er ihnen welche machen, so gut als ein anderer. Das Stück ward in achtzehn Tagen vollendet, und fand großen Bey- fall. Man nennt es zu Paris ein christliches Trauerspiel, und es ist oft, anstatt des Polycukts, vorgestellet worden." Den Damen haben wir also dieses Stück zu verdanken, und es wird noch lange das Licblingsstück der Damen bleiben. Ein junger feuriger Monarch, nur der Liebe unterwürfig; ein stolzer Sieger, nur von der Schönheit besiegt; ein Sultan ohne Polygamie; ein Scraglio, in den freyen zugänglichen Silz einer unumschränkten Gebieterinn verwandelt; ein verlassenes Mädchen, zur höchsten Staffel des Glücks, durch nichts als ihre schönen Augen, erhöhet; ein Herz, um das Zärtlichkeit und Religion streiten, das sich zwischen seinen Gott und seinen Abgott theilet, das gern fromm seyn möchte, wenn es nur nicht aufhören sollte zu lieben; ein Eifersüchtiger, der sein Unrecht erkennet, und es an sich selbst rächet: wenn diese schmeichelnde Ideen das schöne Geschlecht nicht bestechen, durch was ließe es sich denn bestechen? Die Liebe selbst hat Voltaire» die Zayre diktirt: sagt ein Kunstlichter artig genug. Richtiger hätte er gesagt: die Galanterie. Ich kenne nur eine Tragödie, an der die Liebe selbst arbeiten helfen; und das ist Romeo und Zulict, vom Shakc- spcar. Es ist wahr, Voltaire läßt seine verliebte ?ayrc ihre Empfindungen sehr fein, sehr anständig ausdrücken: aber was ist dieser Ausdruck gegen jenes lebendige Gemählde aller der kleinsten geheimsten Ränke, durch die sich die Liebe in unsere Seele cinschlcicht, aller der unmcrklichcn Vortheile, die sie darinn gewinnet, aller der Kunstgriffe, mit denen sie jede andere Leidenschaft unter sich bringt, bis sie der einzige Tyrann aller unserer Begierden und Vcrabscheuungcn wird? Voltaire verstehet, wenn ich so sagen darf, den Kanzclcystyl der Liebe vortrefflich; das ist, diejenige Sprache, denjenigen Ton der Sprache, den die Liebe braucht, wenn sie sich auf das behutsamste und gemessenste ausdrücken will, wenn sie nichts sagen will, als was sie bey der spröden Sophistinn und bey dem kalten Kunstrichtcr verantworten kann. Aber der beste Kanzeliste weiß von den 5 « Hambnrgische Dramaturgie. Geheimnissen der Regierung nicht immer das meiste; oder hat gleichwohl Voltaire in das Wesen der Liebe eben die tiefe Einsicht, die Shakespcar gehabt, so hat er sie wenigstens hier nicht zeige» wollen, und das Gedicht ist weit unter dem Dichter geblieben. Von der Eifersucht läßt sich ohngesehr eben das sagen. Der eifersüchtige Orosmann spielt, gegen den eifersüchtigen Othello des Shakespcar, eine sehr kahle Figur. Und doch ist Othello offenbar das Vorbild des Orosmann gewesen. Eibber sagt, (°) Voltaire habe sich des Brandes bemächtiget, der den tragischen Scheiterhaufen des Shakespcar in Gluth gesetzt. Ich hätte gesagt: eines Brandes aus diesem flammenden Scheiterhaufen ; und noch dazu eines, der mehr dampft, als leuchtet und wärmet. Wir hören in dem Orosmann einen Eifersüchtigen reden, wir sehen ihn die rasche That eines Eifersüchtigen begehen; aber von der Eifersucht selbst lernen wir nicht mehr und nicht weniger, als wir vorher wußten. Othello hingegen ist das vollständigste Lehrbuch über diese traurige Raserey; da können wir alles lernen, was sie angeht, sie erwecken und sie vermeiden. Aber ist es denn immer Shakespcar, werden einige meiner Leser fragen, immer Shakcspear, der alles besser verstanden hat, als die Franzoscn? Das ärgert uns; wir können ihn ja nicht lesen. — Ich ergreife diese Gelegenheit, das Publikum an etwas zu erinnern, das es vorschlich vergessen zu wollen scheinet. Wir haben eine Ucbcrsctzung vom Shakcspear. Sie ist noch kaum fertig geworden, und niemand bekümmert sich schon mehr darum. Die Kunstrichtcr babcn viel Böses davon gesagt. Ich hätte große Lust, schr vicl Gutcs davon zu sagen. Nicht, um diesen gelehrten Männern zu widersprechen; nicht, um die Fehler zu vertheidigen, die sie darin» bemerkt haben: sondern, weil ich glaube, daß man von diese» Fehlern kein solches Aufhebe» hätte machen solle». Das Unternehmen war schwer; ein jeder andc- (°) rrni» knxilill, I>l!lV5, X»,-»'« r°r »nllior eonfi-sNI IÜ5 Nlule, Iie^onä Itt?rsels, inlpir'll, ?rnm r!i>?Ii'>1 lllliello'« r»xv, I,e i-ail",! I,i5 s«;-Is s»!llcl,'il I>r»i»I, Ilz.il Ii'xlUs »>is Ir-ixic pile. t?rstcr Band. «!!' rcr, als Herr Wicland, würde in der Eil noch öftrer verstoßen, und aus Unwissenheit oder Bequemlichkeit noch mehr übcrhüpft haben; aber was er gut gemacht hat, wird schwerlich jemand besser machen. So wie er uns den Shakesvear geliefert hat, ist es noch immer ein Buch, das man uuter uns nicht genug empfehlen kann. Wir haben an den Schönheiten, die es uns liefert, noch lange zu lernen, ehe uns die Flecken, mit welchen es sie liefert, so beleidigen, daß wir nothwendig eine bessere Ucbcrsctzung haben mußten. Doch wieder zur Zayre. Der Verfasser brachte sie im Zahre 4733 auf die Pariser Bübnc; und drey Jahr darauf ward sie ins Englische übersetzt, und auch in London auf dem Theater in Drury-Lanc gespielt. Der Ilebcrsctzer war Aarou Hill, selbst ein dramatischer Dichter, nicht von der schlechtesten Gattung. Voltaire fand sich sehr dadurch geschmeichelt, und was er, in dem ihm eigenen Tone der stolzen Bescheidenheit, in der Zuschrift seines Stücks an den Engländer Fackcncr, davon sagt, verdient gelesen zu werden. Nur muß man nicht alles für vollkommen so wahr annehme», als er es ausgiebt. Wehe dem, der Voltairens Schriften überhaupt nicht mit dem skeptischen Geiste liefet, in welchen er einen Theil derselben geschrieben hat! Er sagt z. E. zu seinem englischen Freunde: „Eure Dichter hatten eine Gewohnheit, der sich selbst Addison(") unterworfen; denn Gewohnheit ist so mächtig als Vernunft und Gesetz. Diese gar nicht vernünftige Gewohnheit bestand darinn, daß jeder Akt mit Versen beschlossen werden mußte, die in einem ganz andern Geschmacke waren, als das Ucbrigc des Stücks; und nothwendig mußten diese Verse eine Vcrglcichung enthalten. Phädra, indem sie abgeht, vergleicht sich sehr poetisch mit einem Rehe, Eato mit einem Felsen, und Eleopatra mit Kindern, (°) l.« piu» ssx«! Se vo» elirivil!»», setzt Voltaire l'inzn. Wie wäre das wol'l recht zu übm'ctzcn? 8»xe heißt, weise: aber der weiseste unter den englische» Schriftstellern, wer würde den Addison dafür erkennen? Ich besinne mich, daß die Franzosen auch cm Mädchen si>e<- nennen, dein man keinen Fehltritt, so keinen von den grobe» Fehltritten, vorzuweisen hat. Dieser Sinn dürfte vielleicht hier passe». Und nach diesem könnte man ja wohl gerade zn übersetzen: Addison, derjenige von cncrn Schriftstellern, der uns harmlosen, nüchternen Franzosen am nächsten kömmt. 70 Hainburgische Dramaturgie. die so lange weinen, bis sie einschlafen. Der Ucbcrsctzcr der Zayre ist der erste, der es gewagt hat, dlc Rechte der Natur gegen einen von ihr so entfernten Geschmack zu behaupten. Er hat diesen Gebrauch abgcschaft; er hat es empfunden, daß die Leidenschaft ihre wahre Sprache führen, und der Poet sich überall verbergen müsse, um uns nur den Hcldcn erkennen zu lassen." Es sind nicht mehr als nur drey Unwahrheiten in dieser Stelle; und das ist für den Hrn. von Voltaire eben nicht viel. Wahr ist cs, daß die Engländer, vom Shakcspcar an, nnd vielleicht auch von noch langer her, die Gewohnheit gehabt, ihre Aufzüge in ungereimten Versen mit ein Paar gereimten Zeilen zu enden. Aber daß diese gereimten Zeilen nichts als Vcrglcichungcn enthielten, daß sie nothwendig Vcrglcichungcn enthalten müssen, das ist grundfalsch; und ich begreife gar nicht, wie der Herr von Voltaire einem Engländer, von dem er doch glauben konnte, daß er die tragischen Dichter seines Volkes auch gelesen habe, so etwas unter die Nase sagen können. Zwcy- tcns ist es nicht andcm, daß Hill in seiner Ucbcrsetzung der Zayre von dieser Gewohnheit abgegangen. Es ist zwar beynahe nicht glaublich, daß der Hr. von Voltaire die Ucbcrsetzung seines Stücks nicht genauer sollte angesehen haben, als ich, oder ein anderer. Gleichwohl muß cs so seyn. Denn so gewiß sie in rcimfreyen Vcrscn ist, so gewiß schließt sich auch jeder Akt mit zwey oder vier gereimten Zeilen. Vcrglcichungcn enthalten sie freylich nicht; abcr, wie gesagt, unter allen dergleichen gereimten Zeilen, mit welchen Shakcspcar, und Johnson, und Drydcn, und Lcc, und Otway, und Rowc, und wie sie alle heisscn, ihre Auszüge schließen, sind sicherlich hundert gegen fünfc, die gleichfalls keine enthalten. Was hatte denn Hill also besonders ? Hatte er abcr auch wirklich das Bcsondcrc gchabt, das ihm Voltaire leihet: so wäre doch drittens das nicht wahr, daß sein Beyspiel von dem Einflüsse gewesen, von dem es Voltaire scyn laßt. Noch bis dicsc Stunde erscheinen in England eben so viel, wo nicht noch mehr Trauerspiele, deren Akte sich mit gereimten Zeilen enden, als die cs nicht thun. Hill sclbst hat in kcincm einzigen Stücke, deren er doch verschiedene, noch nach Erster B.uid. der Ucbcrsctzuug der Zayre, gemacht, sich der alte» Mode gänzlich entäußert. Und was ist es denn mm, ob wir zuletzt Reime hören oder keine? Wenn sie da sind, können sie vielleicht dem Orchester noch nutzen; als Zeichen nehmlich, nach den Instrumenten zu greifen, welches Zeichen auf diese Art weit schicklicher ans dem Stucke selbst abgcnommncn würde, als daß cS die Pfeife oder der Schlüssel giebt. Sechzehntes Stück. Den 23stc» JuniuS, 17K7. Die englischen Schauspieler waren zu Hills Zeiten ein wenig sehr unnatürlich; besonders war ihr tragisches Spiel äußerst wild und übertrieben; wo sie heftige Leidenschaften auszudrücken hatten, schrien und gcbchrdctcn sie sich als Besessene; und das Ucbrige tönten sie in einer steifen, strotzenden Fcyerlichkcit daher, die in jeder Sylbe den Komödianten verrieth. Als er daher seine Übersetzung der Zayrc aufführen zu lassen bedacht war, vertraute er die Rolle der Zayre einem jungen Frauenzimmer, das noch nie in der Tragödie gespielt hatte. Er urtheilte so: dieses junge Frauenzimmer hat Gefühl, und Stimme, und Figur, und Anstand; sie hat den falschen Ton des Theaters noch nicht angenommen; sie braucht keine Fehler erst zu verlernen; wenn sie sich nur ein Paar Stunden überreden kann, das wirklich zu seyn, was sie vorstellet, so darf sie nur reden, wie ihr der Mund gewachsen, und alles wird gut gehe». Es gicng auch; und die Thcatcrpcdanten, welche gegen Hillcn behaupteten, daß nur eine sehr geübte, sehr erfahrene Person einer solchen Rolle Genüge leisten könne, wurden beschämt. Diese junge Aktrice war die Frau des Komödianten sollet) (5ivbcr, und der erste Versuch in ihrem achtzehnten Zahre ward ein Meisterstück. ES ist merkwürdig, daß auch die französische Schauspielerinn, welche die Zayre zuerst spielte, eine Anfängerinn war. Die junge reißende Madcmoiscll Gossin ward auf einmal dadurch berühmt, und selbst Voltaire ward so entzückt über sie, daß er sein Alter recht kläglich belauerte. Die Rolle des Orosman» hatte ein Anverwandter des Hill übernommen, der kein Komödiant von Profcßion, sondern ein 72 Hamburgische Dramaturgie. Mann von Stande war. Er spielte aus Licbhabcrcy, und machte sich nicht das geringste Bedenken, öffentlich aufzutreten, um ein Talent zu zeigen, das so schätzbar als irgend ein anders ist. Zn England sind dergleichen Ercmpel von angesehenen Leuten, die zu ihrem bloßen Vergnügen einmal mitspielen, nicht selten. „Alles was uns dabey befremden sollte, sagt der Hr. von Voltaire, ist dieses, daß es uns befremdet. Wir sollten überlegen, daß alle Dinge in der Welt von der Gewohnheit und Meinung abhängen. Der französische Hof hat ehedem auf dem Theater mit den Opcrnspiclcrii getanzt; und man hat weiter nichts besonders dabey gefunden, als daß diese Art von Lustbarkeit aus der Mode gekommen. Was ist zwischen den beiden Künsten für ein Unterschied, als daß die eine über die andere eben so weit erhaben ist, als es Talente, welche vorzügliche Seclcnkräfte crfodcrn, über bloß körperliche Fertigkeiten sind?" Zns Italicnische hat der Graf Gozzi die Zayre übersetzt; sehr genau und sehr zierlich; sie stehet in dem dritten Theile seiner Werke. Zn welcher Sprache können zärtliche Klagen rührender klingen, als in dieser^ Mit der einzigen Freyheit, die sich Gozzi gegen das Ende des Stücks genommen, wird man schwerlich zufrieden seyn. Nachdem sich Orosmann erstochen, läßt ihn Voltaire nur noch ein Paar Worte sagen, uns über das Schicksal des Nerestan zu beruhigen. Aber was thut Gozzi? Der Italiener fand es ohne Zweifel zu kalt, einen Türken so gelassen wegsterben zu lassen. Er legt also dem Orosmann noch eine Tirade in den Mund, voller Ausrufungen, voller Winseln und Verzweiflung. Ich will sie der Seltenheit halber unter den Text setzen. (°) (°) gueNo worlsle orror clie per le vene ?»Ue ini Icorre, omai non v äolore, ei>e ostti »npkxANi, snimit bellü. k>roeo cor, cvr Mvielitlo, e iililvr», I'Ntül la. nvnit »Ivl »ielitto orreiill». Zlani «rulivll — ul> 1>iu — Alsui, ollv livle 'I'inlt! »lel l»»k»e tli üi cür» il»»«», Vui — voi — >!»>' e «luel kerro? vu' »Ilr» voll» I» menüo sl petto — vimü, öov' ü quel kerrv? I» »cul» »unli« — — Erster Band. 7^> Es ist doch sonderbar, wie weit sich hier der deutsche Geschmack von dem welschen entfernet! Dem Welschen ist Voltaire zu kurz; uns Deutschen ist er zu lang. Kaum hat Orosmann gesagt „verehret und gerochen;" kaum hat er sich den tödtlichcn Stoß beygebracht, so lassen wir den Borhang niederfallen. Zst es denn aber auch wahr, daß der deutsche Geschmack dieses so haben will? Wir machen dergleichen Verkürzung mit mchrcrn Stücken: aber warum machen wir sie? Wollen wir denn im Ernst, daß sich ein Trauerspiel wie ein Epigramm schlicsscn soll? Immer mit der Spitze des Dolchs, oder mit dem letzten Seufzer des Helden? Woher kömmt uns gelassenen, ernsten Deutschen die flatternde Ungeduld, sobald die Erccution vorbey, durchaus nun weiter nichts hören zu wollen, wenn es auch noch so wenige, zur völligen Rundung des Stücks noch so unentbehrliche Worte wären? Doch ich forsche vergebens nach der Ursache einer Sache, die nicht ist. Wir hatten kalt Blut genug, den Dichter bis ans Ende zu hören, wenn es uns der Schanspiclcr nur zutrauen wollte. Wir würden recht gern die letzten Befehle des großmüthigen Sultans vernehmen; recht gern die Bewunderung und das Mitleid des Nercstan noch theilen: aber wir sollen nicht. Und warum sollen wir nicht? Auf dieses warum, weiß ich kein darum. Sollten wohl die Orosmanns- spielcr daran Schuld seyn? Es wäre begreiflich genug, warum sie gern das letzte Wort haben wollten. Erstochen und geklatscht! Man muß Künstlern kleine Eitelkeiten verzeihen. Bey keiner Nation hat die Zayrc einen schärfer» Kunstrichter gefunden, als unter den Holländern. Friedrich Duim, vielleicht ein Anverwandter des berühmten Akteurs dieses Namens auf dem Amsterdamer Theater, fand so viel daran auszusetzen, daß er es für etwas kleines hielt, eine bessere zu machen. Er l'enebre, e nolle 8i f»n»u inlorno — — ?er«I>v non nofs» — — Xun nossu lp-irgere II tsngue lull» ? Li, si, I» snllr^o lullo, aniin» niis, v»ve kvi? — niu »un pvssa — »I, vi«! non lioslo — Vorrei — vi-ckeNi — io maoco, io msnco, oll Uio! 71 H.iuiburgischc Tramaturgic. machte auch wirklich eine — andere, (°) in der die Bekehrung der Zayrc das Hauptwerk ist, und die sich damit endet, daß der Sultan über seine Liebe sieget, und die christliche Zayre mit aller der Pracht in ihr Vaterland schicket, die ihrer vorgehabten Erhöhung gemäß ist; der alte Lusignan stirbt vor Freuden. Wer ist begierig, mehr davon zu wissen? Der einzige unverzeihliche Fehler eines tragischen Dichters ist dieser, daß er lins kalt läßt, er intcrcssirc uns, und mache mit den kleinen mechanischen Regeln, was er will. Die Duimc können wohl tadeln, aber den Bogen des Ulysses müssen sie nicht selber spannen wollen. Dieses sage ich darum, weil ich nicht gern zurück, von der mißlungenen Verbesserung auf den Ungrund der Kritik, geschlossen wissen möchte. Duims Tadel ist in vielen Stücken ganz gegründet; besonders hat er die Unschicklichkeiten, deren sich Voltaire in Ansehung des Orts schuldig macht, und das Fehlerhafte in dem nicht genugsam motivirtcn Auftreten und Abgehen der Personen, sehr wohl angemerkt. Auch ist ihm die Ungereimtheit der sechsten Scene im dritten Akte nicht entgangen. „Orosmann, sagt er, kömmt, Zayren in die Moschee abzuholen, Zayre weigert sich, ohne die geringste Ursache von ihrer Weigerung anzuführen; sie geht ab, und Orosmann bleibt als ein Lasse (als eonoa lafkaitiAen) stehen. Ist das wohl seiner Würde gemäß? Reimet sich das wohl mit seinem Charakter? Warum dringt er nicht in Zayren, sich deutlicher zu erklären? Warum folgt er ihr nicht in das Seraglio? Durfte er ihr nicht dahin folgen?" — Guter Dünn! wenn sich Zayrc deutlicher erkläret hätte: wo hätten denn die andern Akte sollen herkommen? Wäre nicht die ganze Tragödie darüber in die Bilzc gegangen? — Ganz Recht! auch die zweyte Scene des dritten Akts ist eben so abgeschmackt: Orosmann kömmt wieder zu Zayren; Zayrc gcht abermals, ohne die geringste nähere Erklärung, ab, und Orosmann, der gute Schlucker, (<1ien Foeckon Ii-lls) tröstet sich dcsfalls in einer Monologe. Aber, wie gesagt, die Vcrwickcluug, odcr Ungewißheit, mußte doch bis zum fünften Aufzuge Hinhalten; und wenn die ganze Katastrophe an (°) 2siie, Iiekevrtw 'rmkiime. I'rcurlpel. ^Vwlleitlilw t74S, Erster Sand. 7S ciiicm Haarc hängt, so hängen mehr wichtige Dinge in der Welt an keinem stärker». Die letzterwähnte Scene ist sonst diejenige, in welcher der Schauspieler, der die Rolle des Orosmann hat, seine scinstc Kunst in alle dem bescheidenen Glänze zeigen kann, in dem sie nur ein eben so seiner Kenner zu empfinden fähig ist. Er muß aus einer Gemüthsbewegung in die andere übergehen, und diesen Ucbcrgang durch das stumme Spiel so natürlich zu machen wissen, daß der Zuschauer durchaus durch keinen Sprung, sondern durch eine zwar schnelle, aber doch dabey merkliche Gradation mit fortgerissen wird. Erst zeiget sich Orosmann in aller seiner Großmuth, willig und geneigt, Jahren zu vergebe», wann ihr Herz bereits cingcnommcn seyn sollte, Falls sie nur aufrichtig genug ist, ihm länger kein Geheimniß davon zu machen. Indem erwacht seine Leidenschaft aufs neue, und er fodcrt die Aufopferung seines Nebenbuhlers. Er wird zärtlich genug, sie unter dieser Bedingung aller seiner Huld zu versichern. Doch da Zayrc auf ihrer Unschuld bestehet, wider die er so offenbare Beweise zu haben glaubet, bcmeistcrt sich seiner nach und nach der äußerste Unwille. Und so geht er von dem Stolze zur Zärtlichkeit, und von der Zärtlichkeit zur Erbitterung über. Alles was Rcmond dc Samt Albinc, in seinem Schauspieler, (°) hicrbcy beobachtet wissen will, leistet Hr. Eckhof auf eine so vollkommene Art, daß man glauben sollte, er allein könne das Borbild des Kunstrichtcrs gewesen seyn. Siebzehntes Stück. Den ?6sten Iuiuus, 1767. Den siebzehnten Abend (Donnerstags, den 14ten May,) ward der Sidncy, vom Grcsset, aufgeführet. Dieses Stück kam im Zahrc 1745 zuerst aufs Theater. Ein Lustspiel wider den Selbstmord, konnte in Paris kein großes Glück machen. Die Franzosen sagten: es wäre ein Stück für London. Ich weiß auch nicht; denn die Engländer dürsten vielleicht den Sidncy ein wenig uncnglisch finden; cr gcht nicht (°) I^L couivtlien. l-srliv II. l.'l>»I>. X> v. Z0i>. 7i> Hamburgische Tramaturgic. rasch gcnug zu Werke; er philosophirt, ehe er die That begeht, zu viel, »nd nachdem er sie begangen zn haben glaubt, zu wenig; seine Neue könnte schimpflicher Klcinmuth scheinen; ja, sich von einem französischen Bedienten so angeführt zu sehen, möchte von manchen für eine Beschämung gehalten werden, die des Hängens allein würdig wäre. Doch so wie das Stück ist, scheinet es für uns Deutsche recht gut zu seyn. Wir mögen eine Raserey gern mit ein wenig Philosophie bemänteln, und finden es unserer Ehre eben nicht nachteilig, wenn man uns von einem dummen Streiche zurückhält, und das Geständnis;, falsch philosophirt zu haben, uns abgewinnet. Wir werden daher dem Dümont, ob er gleich ein französischer Prahler ist, so herzlich gut, daß uns die Etiquette, welche der Dichter mit ihm beobachtet, beleidiget. Denn indem es Sidncy nun erfährt, daß er durch die Vorsicht desselben dem Tode nicht näher ist, als der gesundesten einer, so läßt ihn Gressct ausrufen: „Kaum kann ich es glauben — Nosalia! — Hamilton! — und du, dessen glücklicher Eifer u. f. w." Warum diese Rangordnung? Ist es erlaubt, die Dankbarkeit der Politcsse aufzuopfern? Der Bediente hat ihn gerettet; dem Bedienten gehört das erste Wort, der erste Ausdruck der Freude, so Bedienter, so weit unter seinem Herrn und seines Herrn Freunden, er auch immer ist. Wenn ich Schauspieler wäre, hier würde ich es kühnlich wagen, zu thun, was der Dichter hätte thun sollen. Wenn ich schon, wider seine Vorschrift, nicht das erste Wort an meinen Erretter richten dürfte, so würde ich ihm wenigsten den ersten gerührten Blick zuschicken, mit der ersten dankbaren Umarmung auf ihn zueilen; nnd dann würde ich mich gegen Rosalicn, und gegen Hamilton wenden, und wieder auf ihn zurückkommen. Es sey uns immer angelegener, Menschlichkeit zu zeigen, als Lebensart! Herr Eckhof spielt den Sidncy so vortrefflich — Es ist ohn- flrcitig cinc von seinen stärksten Rollen. Man kann die cntbu- siastischc Melancholie, das Gefühl der Fühllosigkcit, wenn ich so sagen darf, worinn die ganze Gcmüthsvcrfassung dcs Sidncy bestehet, schwerlich mit mehr Kunst, mit größerer Wahrheit ausdrücken. Welcher Reichthum von mahlcndcn Gesten, durch die er , Erster Band. 77 allgemeinen Betrachtungen gleichsam Figur und Körper giebt, und seine innersten Empfindungen in sichtbare Gegenstände verwandelt! Welcher fortreißende Ton der Ueberzeugung! — Den Beschluß machte diesen Abend ein Stück in einem Auszüge, nach dem Französischen des l'Affichard, unter dem Titel: Ist er von Familie? Man erräth gleich, daß ein Narr oder cinc Närrinn darin» vorkommen muß, der es hauptsächlich um den alten Adel zu thun ist. Ein junger wohlerzogener Mensch, aber von zweifelhaftem Herkommen, bewirbt sich um die Stieftochter eines Marquis. Die Einwilligung der Mutter hängt von der Aufklärung dieses Punkts ab. Der junge Mensch hielt sich nur für den Pfiegcsohn eines gewissen bürgerlichen Lisan- dcrs, aber es findet sich, daß Pfänder sein wahrer Barer ist. Nun wäre weiter an die Hcurath nicht zu denken, wenn nicht Lisandcr selbst sich nur durch Unfälle zu dem bürgerlichen Stande herablassen müssen. Zn der That ist er von eben so guter Geburt, als der Marquis; er ist des Marquis Sohn, den jugendliche Ausschweiffungcn aus dem väterlichen Hause vertrieben. Nun will er seinen Sohn brauchen, um sich mit seinem Vater auszusöhnen. Die Aussöhnung gelingt, und macht das Stück gegen das Ende sehr rührend. Da also der Hauptton desselben rührender, als komisch, ist: sollte uns nicht auch der Titel mehr jenes als dieses erwarten lassen? Der Titel ist eine wahre Kleinigkeit; aber dasmal hätte ich ihn von dem einzigen lächerlichen Eharaktcr nicht hergenommen; er braucht den Inhalt weder anzuzeigen, noch zu erschöpfen; aber er sollte doch auch nicht irre führen. Und dieser thut es ein wenig. Was ist leichter zu ändern, als ein Titel? Die übrigen Abweichungen des deutschen Verfassers von dem Originale, gereichen mehr zum Vortheile des Stücks, und geben ihm das einheimische Ansehen, das fast allen von dem französischen Theater entlehnten Stücken mangelt. Den achtzehnten Abend (Frcvtags, den 15tcn Mav,) ward das Gespenst mit der Trommel gespielt. Dieses Stück schreibt sich eigentlich aus dem Englischen des Addison her. Addison hat nur eine Tragödie, und nur eine Komödie gemacht. Die dramatische Poesie überhaupt war sein Fach nicht. Aber ein guter Kopf weiß sich überall aus dem 7^ Hamburgisclic Tramaturgic. Handel zn ziehen; lind so haben seine beiden Stücke, wenn schon nicht die höchsten Schönheiten ihrer Gattung, wenigstens andere, die sie noch immer zu sehr schätzbaren Werken machen. Er suchte sich mit dem einen sowohl, als mit dem andern, der französischen Regelmäßigkeit mehr zu nähern; aber noch zwanzig Addi- sons, und diese Regelmäßigkeit wird doch nie nach dem Geschmacke der Engländer werden. Begnüge sich damit, wer keine höhere Schönheiten kennet! Dcstouchcs, der in England persönlichen Umgang mit Ad- dison gehabt hatte, zog das Lustspiel desselben über einen noch französischcrn Leisten. Wir spielen es nach seiner Umarbeitung; in der wirklich vieles feiner und natürlicher, aber auch manches kalter und kraftloser geworden. Wenn ich mich indeß nicht irre, so hat Madame Gottsched, von der sich die deutsche Übersetzung hcrschrcibt, das englische Original mit zur Hand genommen, und manchen guten Einfall wieder daraus hergestellet. Den neunzehnten Abend (Montags, den tSten May,) ward der verhcyrathcte Philosoph, vom Destouches, wiederholt. Des Rcgnard Demokrit war dasjenige Stück, welches den zwanzigsten Abend (Dienstags, den lütcn May,) gespickt wurde. Dieses Lustspiel wimmelt von Fehlern und Ungereimtheiten, und doch gefällt es. Der Kenner lacht dabey so herzlich, als der Unwissendste aus dem Pöbel. Was folgt hieraus? Daß die Schönheiten, die es hat, wahre allgemeine Schönheiten seyn müssen, und die Fehler vielleicht nur willkührlichc Regeln betreffen, über die man sich leichter hinaussetzen kann, als es die Kunstlichter Wort haben wollen. Er hat keine Einheit deß Orts beobachtet: mag er doch. Er hat alles Ucblichc aus den Augen gesetzt: immerhin. Sein Demokrit siebt dem wahren Demokrit in keinem Stücke ähnlich; sein Athen ist ein ganz anders Athen, als wir kennen: nun wohl, so streiche man Demokrit und Athen aus, und setze blos erdichtete Namen dafür. Rcgnard hat es gewiß so gut, als ein anderer, gewußt, daß um Athcn keine Wüste und keine Tiger und Bäre waren; daß es, zu der Zeit des Dcmokrits, keinen König hatte u. s. w. Aber er hat das alles itzt nicht wissen wollen; seine Absicht war, die Sitten seines Landes unter fremden Namen zu schildern. Diese zWS^SMMIvZ^^sss» erster Band. 7!» Schilderung ist das Hauptwerk des komischen Dichters, und nicht die historische Wahrheit. Andere Fehler möchten schwerer zu entschuldigen seyn; der Mangel des Interesse, die kahle Verwickelung, die Menge müßiger Personen, das abgeschmackte Geschwätz des Dcmokrits, nicht deswegen nur abgeschmackt, weil es der Zdcc widerspricht, die wir von dem Dcmokrit haben, sondern weil es Unsinn in jedes andern Munde seyn wurde, der Dichter möchte ihn genannt haben, wie er wolle. Aber was übersieht man nicht bey der guten Laune, in die nns Strabo und Thaler setzen? Der Charakter des Strabo ist gleichwohl schwer zu bestimmen; man weiß nicht, was man aus ihm machen soll; er ändert seinen Ton gegen jeden, mir dem er spricht; bald ist er ein feiner witziger Spötter, bald ein plumper Spaßmacher, bald ein zärtlicher Schulfuchs, bald ein unverschämter Stutzer. Seine Erkennung mit der Clcanthis ist ungcmcin komisch, aber unnatürlich. Die Art, mit der Madcmoiscll Vcauval und la Thorillicrc diese Scenen zuerst spielten, hat sich von einem Akteur zum andern, von einer Aktrice znr andern fortgepflanzt. Es sind die unanständigsten Grimassen; aber da sie durch die Ueberlieferung bey Franzosen und Deutschen gchciligct sind, so kömmt es niemanden ein, etwas daran zu ändern, nnd ich will mich wohl hüten zu sagen, daß man sie eigentlich kaum in dem niedrigsten Posscu- spiclc dulden sollte. Der beste, drolligste und ausgcführtcstc Charakter, ist der Charakter des Thalers; ein wahrer Bauer, schalkisch und gerade zu; voller boshafter Schnurren; und der, von der poetischen Seite betrachtet, nichts weniger als episodisch, sondern zu Auflösung des Knoten cbcn so schicklich als uncnt- bchrlich ist. (°) Achtzehntes Stück. Dc» 3Vste» Imiius, 1707. Den ein und zwanzigsten Abend (Mittcwochs, den '.»Osten May,) wurde das Lustspiel des Marivaur, die falschen Vertraulichkeiten, aufgeführt. (°) I«M»i53 zuerst, ohne besondern Beyfall, gcspiclct, zwey Jahre darauf aber wieder hervorgcsucht wurden, und desto großem erhielten. Seine Stücke, so reich sie auch an mannichfaltigcn Charakteren und Verwicklungen sind, sehen sich einander dennoch sehr ähnlich. In allen der nehmliche schimmernde, und öfters allzu- gcsuchtc Witz; in allen die nehmliche metaphysische Zergliederung der Leidenschaften; in allen die nehmliche blumenreiche, ncolo- gische Sprache. Seine Plane sind nur von einem sehr geringen Umfange; aber, als ein wahrer Kallipidcs seiner Kunst, weiß er den engen Bezirk derselben mit einer Menge so kleiner, und doch so merklich abgesetzter Schritte zu durchlaufen, daß wir am Ende einen noch so weiten Weg mit ihm zurückgelegt zu haben glauben. Seitdem die Ncubcrinn, luli ^ufpiciis Sr. Magnificenz, des Herrn Prof. Gottscheds, den Harlekin öffentlich von ihrem Theater verbannte, haben alle deutsche Bühnen, denen daran gelegen war, regelmäßig zu hcisscn, dieser Verbannung bcyzutrc- tcn geschienen. Zch sage, geschienen; denn im Grunde hatten sie nur das bunte Jäckchen nnd den Namen abgcschaft, aber den Narren behalten. Die Neuberinn selbst spielte eine Menge Stücke, in welchen Harlekin die Hauptperson war. Aber Harlekin hieß bey ihr Hämischen, und war ganz weiß, anstatt schcckigt, gekleidet. Wahrlich, ein großer Triumph für den guten Geschmack'. Auch die falschen Vertraulichkeiten haben einen Harlekin, der in der deutschen Ucbcrsetzung zu einem Peter geworden. Die Ncubcrinn ist todt, Gottsched ist auch todt: ich dächte, wir zögen ihm das Jäckchen wieder an. — Zm Ernste; wenn er unter fremdem Namen zu dulden ist, warum nicht auch unter seinem? „Er ist ein ausländisches Geschöpf;" sagt man. Was erster Band. thut das? Ich wollte, daß alle Narren unter uns Ausländer waren! „Er trägt sich, wie sich kein Mensch unter uns trägt:" — so braucht er nicht erst lange zu sagen, wer er ist. „Es ist widersinnig, das nehmliche Individuum alle Tage in einem andern Stucke erscheinen zu sehen." Man muß ihn als kein Individuum, sondern als eine ganze Gattung betrachten; es ist nicht Harlekin, der heute im Timon, morgen im Falken, übermorgen in den falschen Vertraulichkeiten, wie ein wahrer Hans in allen Gassen, vorkömmt; sondern es sind Harlekine; die Gattung leidet tausend Varietäten; der im Timon ist nicht der im Falken; jener lebte in Griechenland, dieser in Frankreich; nur weil ihr Charakter einerley Hauptzüge hat, hat man ihnen einerley Namen gelassen. Warum wollen wir ccklcr, in unsern Vergnügungen wähligcr, und gegen kahle Ncrnünftclcycn nachgebender seyn, ais — ich will nicht sagen, die Franzosen und Italiener sind — sondern, als selbst die Römer und Griechen waren? War ihr Parasit etwas anders, als der Harlekin? Hatte er nicht auch seine eigene, besondere Tracht, in der er in einem Stücke über dem andern vorkam? Hatten die Griechen nicht ein eigenes Drama, in das jederzeit Satyri cingcflochtcn werden mußten, sie mochten sich nun in die Geschichte des Stücks schicken oder nicht? Harlekin hat, vor einigen Jahren, seine Sache vor dem Richtcrstuhle der wahren Kritik, mit eben so vieler Laune als Gründlichkeit, vertheidiget. Ich empfehle die Abhandlung deS Herrn Möscr über das Groteske-Komische, allen meinen Lesern, die sie noch nicht kennen; die sie kennen, deren Stimme habe ich schon. Es wird darinn beyläufig von einem gewissen Schriftsteller gesagt, daß er Einsicht genug besitze, dcrmalcins der Lobrcd- ner des Harlekin zu werden. Ztzt ist er es geworden! wird man denken. Aber nein; er ist es immer gewesen. Den Einwurf, den ihm Herr Möscr widcr den Harlekin in den Muud legt, kann er sich nic gemacht, ja nicht einmal gedacht zu haben erinnern. Ausser dem Harlekin kömmt in den falschen Vertraulichkeiten noch ein anderer Bedienter vor, der die ganze Intrigue führet. Beide wurden sehr wohl gespielt; und unser Theater hat übcr- Lessmgs Werke vii. g ^ Hamburgische Dramcilurgie. baupt, an den Herren Henscl und Mcrschy, ein Paar Akteurs, die man zu den Bcdicntcnrollcn kaum besser verlangen kann. Den zwey und zwanzigsten Abend (Donnerstags, den 2tstcn Mai?,) ward die Zclmirc des Herrn Du Bclloy aufgeführet. Der Name Du Bclloy kann niemanden unbekannt seyn, der in der neuern französischen Litteratur nicht ganz ein Fremdling ist. Des Verfassers der Belagerung von Calais! Wenn es dieses Stück nicht verdiente, daß die Franzosen ein solches Ler- mcn damit machten, so gereicht doch dieses Lcrmc» selbst, den Franzosen zur Ehre. Es zeigt sie als ein Volk, das auf seinen Ruhm eifersüchtig ist; auf das die großen Thaten seiner Vorfahren den Eindruck nicht verloren haben; das, von dem Werthe eines Dichters und von dem Einflüsse des Theaters auf Tugend und Sitten überzeugt, jenen nicht zu seinen unnützen Gliedern rechnet, dieses nicht zu den Gegenständen zählet, um die sich nur geschäftige Müßiggänger bekümmern. Wie weit sind wir Deutsche in diesem Stücke noch hinter den Franzosen! Es gerade herauszusagen: wir sind gegen sie noch die wahren Barbaren! Barbarischer, als unsere barbarischsten Vorältern, denen ein Licdcrsänger ein sehr schätzbarer Mann war, und die, bey aller ihrer Gleichgültigkeit gegen Künste und Wissenschaften, die Frage, ob ein Barde, oder einer, der mit Bärfcllcn und Bernstein handelt, der nützlichere Bürger wäre? sicherlich für die Frage eines Narren gehalten hätten! — Ich mag mich in Deutschland umsehen, wo ich will, die Stadt soll noch gcbauct werden, von der sich erwarten liesse, daß sie nur den tausendsten Theil der Achtung und Erkenntlichkeit gegen einen deutschen Dichter haben würde, die Calais gegen den Du Bclloy gehabt hat. Man erkenne es immer für französische Eitelkeit: wie weit haben wir noch hin, ehe wir zu so einer Eitelkeit fähig seyn werden! Was Wunder auch? Unsere Gelehrte selbst sind klein genug, die Nation in der Geringschätzung alles dessen zu bestärken, was nicht gerade zu den Beutel füllet. Man spreche von einem Werke des Genies, von welchem man will; man rede von der Aufmunterung der Künstler; man äußere den Wunsch, daß eine reiche blühende Stadt der anständigsten Erholung für Männer, die in ihren Geschäften des Tages Last und Hitze ge- Erster Band. ,^>. tragen, und dcr nützlichsten Zeitvcrkürzung für andere, die gar keine Geschäfte haben wollen, (das wird doch wenigstens das Theater seyn?) durch ihre bloße Thcilnchmung aufhelfen möge: — und sehe und höre um sich. „Dem Himmel scy Dank, ruft nicht blos dcr Wucherer Albinus, daß unsere Bürger wichtigere Dinge zu thun haben!" - - - - Lu! 15cm zwlei-l« kei viu-o lu.iin! - - Wichtigcrc? Einträglichere; das gebe ich zu! Einträglich ist freylich untcr uns nichts, was im geringsten mit den freyen Künsten in Verbindung stehet. Aber, - Iioco animos u^iugo ot cui'a zioeuli <üum lomel iml>uei'it - Doch ich vergesse mich. Wie gehört das alles zur Zclmirc? Du Bclloy war ein junger Mensch, dcr sich auf die Rechte legen wollte, oder sollte. Sollte, wird es wohl mchr gcwcscn seyn. Denn die Liebe zum Theater behielt die Oberhand; er legte den Bartolus bey Seite, und ward Komödiant. Er spielte einige Zeit unter der französischen Truppe zu Braunschwcig, machte verschiedene Stücke, kam wieder in sein Vaterland, und ward geschwind durch ein Paar Trauerspiele so glücklich und berühmt, als ihn nur immer die Ncchtsgclchrsamkcit hätte machen können, wenn cr auch ein Bcaumont geworden wäre. Wehe dem jungen deutschen Gcnic, das dicsen Wcg einschlagen wollte! Verachtung und Bettclcy würden sein gewissestes Loos seyn! Das erste Trauerspiel des Du Bclloy hcißt Titus; und Zcl- mirc war scin zweytes. Titus fand keinen Beyfall, und ward nur ein cinzigcsmal gespielt. Aber Zclmirc fand desto größcrn; es ward vicrzchnmal hinter einander aufgeführt, und die Pariser hatten sich noch nicht daran satt gesehen. Dcr Inhalt ist von des Dichters eigener Erfindung. Ein französischer Kunstrichtcr (°) nahm hiervon Gelegenheit, sich gcgcn die Trauerspiele von dieser Gattung überhaupt zu erklären: „Uns wäre, sagt cr, ein Stoff aus dcr Geschichte weit licbcr gcwcscn. Die Jahrbücher dcr Wclt sind an berüchtigten (°) lourn»! enc^clupüUili»-?. lulllet t?6S. tt* 84 Hambmgischc Dramaturgie. Verbrechen ja so reich; lind die Tragödie ist ja ausdrücklich dazu, daß sie uns die großen Handlungen wirklicher Helden zur Bewunderung und Nachahmung vorstellen soll. Indem sie so den Tribut bezahlt, den die Nachwelt ihrer Asche schuldig ist, befeuert sie zugleich die Herzen der Ztztlcbcndcn mit der edlen Begierde, ihnen gleich zu werden. Mau wende nicht ein, daß Iayrc, Alzirc, Mahomct, doch auch nur Gcburthcn der Erdichtung wären. Die Namen der beiden ersten sind erdichtet, aber der Grund der Begebenheiten ist historisch. Es hat wirklich Kreutzzüge gegeben, in welchen sich Christen und Türken, zur Ehre Gottes, ihres gemeinschaftlichen Vaters, haßten und würgten. Bey der Eroberung von Mexico haben sich nothwendig die glücklichen und erhabenen Eontraste zwischen den europäischen und amerikanischen Sitten, zwischen der Schwärmerei) und der wahren Religion, äußern müssen. Und was den Mahomct anbelangt, so ist er der Auszug, die Quintessenz, so zu reden, aus dem ganzen Leben dieses Betrügers; der Fanatismus, in Handlung gezeigt; das schönste philosophischste Gemählde, das jemals von diesem gefährlichen Ungeheuer gemacht worden." Neunzehntes Stück. Den 3tcn Julius, 1767. Es ist einem jeden vergönnt, seinen eigenen Geschmack zu haben; und es ist rühmlich, sich von seinem eigenen Geschmacke Rechenschaft zu geben suchen. Aber den Gründen, durch die man ihn rechtfertigen will, eine Allgemeinheit ertheilen, die, wenn cS seine Nichtigkeit damit hätte, ihn zu dem einzigen wahren Geschmacke machen müßte, heißt aus den Grenzen des forschenden Liebhabers herausgehen, und sich zu einem eigensinnigen Gesetzgeber auswerfen. Der angeführte französische Schriftsteller fängt mit einem bescheidenen, „Uns wäre lieber gewesen" an, und geht zu so allgemein verbindenden Aussprüchcn fort, daß man glauben sollte, dieses Uns sey aus dem Munde der Kritik selbst gekommen. Der wahre Kunstrichtcr folgert keine Regeln aus seinem Geschmacke, sondern hat seinen Geschmack nach den Regeln gebildet, welche die Natur der Sache crfodcrt. (5rsicr Band. 8-1 Nun hat cs Aristoteles längst entschieden, wie weit sich der tragische Dichter um die historische Wahrheit zu bekümmern babc; nicht weiter, als sie einer wohlcingcrichtctcn Fabel ähnlich ist, mit der er seine Absichten verbinden kann. Er braucbt eine Geschichte nicht darum, weil sie geschehen ist, sondern darum, weil sie so geschehen ist, daß er sie schwerlich zu seinem gegenwärtigen Zwecke besser erdichten konnte. Findet er diese Schicklich- kcit von ohngcfchr an einem wahren Falle, so ist ihm der wahre Fall willkommen; aber die Geschichtlicher erst lange darum nachzuschlagen, lohnt der Mühe nicht. Und wie viele wissen denn, was geschehen ist? Wenn wir die Möglichkeit, daß clwas geschehen kann, nur daher abnehmen wollen, weil cs geschehen ist: was hindert uns, eine gänzlich erdichtete Fabel für eine wirklich geschehene Historie zn halten, von der wir nie etwas gehört babcn? Was ist das erste, waS uns eine Historie glaubwürdig macht? Zst cs nicht ihre innere Wahrscheinlichkeit? Und ist cs nicht cincrlcy, ob dicsc Wahrscheinlichkeit von gar keinen Zeugnissen und Ueberlieferungen bestätiget wird, oder von solchen, dic zu unscrcr Wissenschaft noch nie gelangt sind? Es wird ohne Grund angenommen, daß cs cinc Bestimmung des Theaters mit sey, das Andenken großer Männer zu erhalten; dafür ist dic Geschichte"', aber nicht das Thcatcr. Auf dcm Thcatcr sol- lc» wir nicht lcrncn, was dicscr oder jener einzelne Mensch gethan hat, sondern was ein jeder Mensch von einem gewissen Charakter unter gewissen gegebenen Umständen thun werde. Dic Absicht dcr Tragödie ist weit philosophischer, als dic Absicht dcr Geschichte; und cs heißt sie von ihrer wahren Würde herabsetzen, wenn man sie zu cincm bloßen Pancgyrikus berühmter Männer macht, oder sie gar den Nationalstolz zu nähren mißbraucht. Dic zwcytc Erinncrung dcs nchmlichcn französischcn Kunst- richtcrs gcgcn die Zclmirc des Du Bclloy, ist wichtiger. Er tadelt, daß sie fast nichts als ein Gewebe mannichfaltigcr wunderbarer Zufälle sey, die in dcn cngcn Naum von vicr und zwanzig Stunden zusammcngcprcßt, aller Zltusiou unfähig würden. Eine seltsam ausgesparte Situation über dic andere! ein Thcatcrsrrcich über den andern! Was geschieht nicht alles! was Hamburgische Dr.iuialurgic. hat man nicht alles zu behalten! Wo sich die Begebenheiten so drcngen, können schwerlich alle vorbereitet genug seyn. Wo uns so vieles überrascht, wird uns leicht manches mehr befremden, als überraschen. „Warum muß sich z. E. der Tyrann dem Rhamncs entdecken? Was zwingt den Antcnor, ihm seine Verbrechen zu offenbaren ? Fällt Zlus nicht gleichsam vom Himmel? Ist die Gcmüthsändcrung des Rhamncs nicht viel zu schleunig? Bis auf den Augenblick, da er den Antcnor ersticht, nimmt er an den Verbrechen seines Herrn auf die entschloßcnstc Weise Theil z und wenn er einmal Reue zu empfinden geschienen, so hatte er sie doch sogleich wieder unterdrückt. Welche geringfügige Ursachen giebt hicrnächst der Dichter nicht manchmal den wichtigsten Dingen! So muß Polidor, wenn er aus der Schlacht kömmt, und sich wiederum in dem Grabmahle verbergen will, der Zclmire den Rücken zukehren, und der Dichter muß uns sorgfällig diesen kleinen Umstand einschärfen. Denn wenn Polidor anders ginge, wenn er der Prinzeß!» das Gesicht, anstatt den Rücken zuwendete: so würde sie ihn erkennen, und die folgende Scene, wo diese zärtliche Tochter unwissend ihren Vater seinen Henkern überliefert, diese so vorstechende, auf alle Zuschauer so großen Eindruck machende Scene, fiele weg. Wäre es gleichwohl nicht weit natürlicher gewesen, wenn Polidor, indem er wicdcr in das Grabmahl flüchtet, die Zclmire bemerkt, ihr ein Wort zugcruffcn, odcr auch nur einen Wink gegeben hätte? Freylich wäre es so natürlicher gewesen, als daß die ganzen letzten Akte sich nunmehr auf die Art, wie Polidor geht, ob er seinen Rücken dahin odcr dorthin kchrct, gründen müssen. Mit dem Billet des Azor hat es die nehmliche Be- wandtniß: brachte es der Soldat im zweyten Akte gleich mit, so wie cr cs hätte mitbringen sollen, so war der Tyrann entlarvet, und das Stück halte ein Ende." Die Ucbcrsctzung der Zclmire ist nur in Prosa. Aber wer wird nicht lieber eine körnichtc, wohlklingende Prosa hören wollen, als matte, gcradcbrcchtc Verse? Unter allen unsern gc- rcimtcn Ucbcrsctzungcn werden kaum ein halbes Dutzend seyn, die erträglich sind. Und daß man mich ja nicht bey dem Worte nchmc, sie-zu nennen! Ich würde eher wissen, wo ich aufhören, erster >7 als wo ich anfangen sollte. Die beste ist an vielen Stelle» dunkel und zwcydcutig; der Franzose war schon nicht der größte Acrsistkatcur, sondern stümperte und flickte; der Deutsche war es noch weniger, und indem er sich bemühte, die glücklichen und unglücklichen Zeilen seines Originals gleich treu zu übersetzen, so ist es natürlich, daß öfters, was dort nur Lückcnbüsscrcy, oder Tavtologie, war, hier zu förmlichem Unsinne werden mußte. Der Ausdruck ist dabey meistens so niedrig, und die Konstruc- »ion so verworfen, daß der Schauspieler allen seinen Adel nöthig hat, jenem aufzuhelfen, und allen seinen Verstand brauchet, diese nur nicht verfehlen zu lassen. Ihm die Deklamation zu erleichtern, daran ist vollends gar nicht gedacht worden! Aber verlohnt es denn auch der Mühe, auf französische Verse so viel Fleiß zu wenden, bis in unserer Sprache eben so wäßrig korrcctc, eben so grammatikalisch kalte Verse daraus werden? Wenn wir hingegen den ganzen poetischen Schmuck der Franzosen in unsere Prosa übertragen, so wird unsere Prosa dadurch eben noch nicht sehr poetisch werden. Es wird der Zwittcrton noch lange nicht daraus entstehen, der aus den prosaischen Ucbcrsctzungen englischer Dichter entstanden ist, in welchen der Gebrauch der kühnsten Tropen und Figuren, außer einer gebundenen cadcnsirtcn Wortfügung, uns an Besoffene denken läßt, die ohne Musik tanzen. Der Ausdruck wird sich höchstens über die alltägliche Sprache nicht weiter erheben, als sich die theatralische Deklamation über den gewöhnlichen Ton der gesellschaftliche» Unterhaltungen erheben soll. Und so nach wünschte ich unserm prosaischen Ucbcrsctzcr recht viele Nachfolger; ob ich gleich der Meinung des Houdar dc la Motte gar nicht bin, daß das Sylbcnmaaß überhaupt ein kindischer Zwang sey, dem sich der dramatische Dichter am wenigste» Ursache habe zu ulitcrwcrfcn. Denn hier kömmt es blos darauf an, unter zwey Uebeln das kleinste zu wählen; entweder Verstand »nd Nachdruck der Vcrsisikation, oder diese jenen aufzuopfern. Dem Houdar dc la Motte war seine Meinung zu vergeben; er balle eine Sprache in Gedanken, in der das Metrische der Poesie nur Kitzclung der Ohren ist, und zur Verstärkung des Ausdrucks nichts beytragen kann; in der nnsria.cn hingegen ist es ^ Hamburgische Dramaturgie. etwas mehr, lind wir können der griechischen ungleich näher kommen, die durch den bloßen Rhytmus ihrer Vcrsartcn die Leidenschaften, die darinn ausgedrückt werden, anzudeuten vermag. Die französischen Verse haben nichts als den Werth der übcrstandcncn Schwierigkeit für sich; und freylich ist dieses nur ein sehr elender Werth. Die Rolle des Antcnors har Herr Borchers ungcmcin wohl gespielt? mit aller der Besonnenheit und Heiterkeit, die einem Böscwichtc von großem Verstände so natürlich zu seyn scheinen. Kein mißlungener Anschlag wird ihn in Verlegenheit setzen; er ist an immer ncucu Ranke» unerschöpflich; er besinnt sich kaum, und der uncrwartcstc Streich, der ihn in seiner Blöße darzustellen drohte, empfängt eine Wendung, die ihm die Larve nur noch fester aufdrückt. Diesen Charakter nicht zu verderben, ist von Seiten des Schauspielers das gctrcucstc Gedächtniß, die fertigste Stimme, die frcycstc, nachläßigstc Aktion, unumgänglich nöthig. Hr. Borchers hat überhaupt sehr viele Talente, und schon das muß ein günstiges Vorurthcil für ihn erwecken, daß er sich in alten Rollen eben so gern übet, als in jungen. Dieses zeiget von seiner Liebe zur Kunst; und der Kenner unterscheidet ihn sogleich von so vielen andern jungen Schauspieler», die nur immer auf der Bühne glänzen wollen, und deren kleine Eitelkeit, sich in lauter galanten liebenswürdigen Rollen begaffen und bewundern zu lassen, ihr vornehmster, auch wohl öfters ihr einziger Berufs zum Theater ist. Zwanzigstes Stück. Tcii 7ten Julius, 17«i7. Den drey und zwanzigsten Abend (Freytags, den 22stcu May,) ward Ccnic aufgeführet. Dieses vortreffliche Stück der Grafsigny mußte der Gottschc- dinn zum Ilcbcrsctzcn in die Hände fallen. Nach dem Bekenntnisse, welches sie von sich selbst ablegt, „daß sie die Ehre, welche man durch Ucbcrsctzung, oder auch Verfertigung theatralischer Stücke, erwerben könne, allezeit nur für sehr mittelmäßig gehalten habe," läßt sich leicht vermuthen, daß sie, diese mittelmäßige Ehre zu erlangen, auch nur sehr mittelmäßige vrstcr Band. Mühe werde angewendet haben. Ich habe ihr die Gerechtigkeit wicdcrfahrcn lassen, daß sie einige lustige Stücke des Dcs- touches eben nicht verdorben hat. Aber wie viel leichter ist es, eine Schnurre zu übersetzen, als eine Empfindung! Das Lächerliche kann der Witzige und Unwitzige nachsagen; aber die Sprache des Herzens kann nur das Herz treffen. Sie hat ihre cigcuc Regeln; und es ist ganz um sie geschehen, sobald man diese verkennt, und sie dafür den Regeln der Grammatik unterwerfen, und ihr alle die kalte Vollständigkeit, alle die langweilige Deutlichkeit geben will, die wir an einem logische» Satze verlangen. Z. E. Dorimond hat dem Mericourt eine ansehnliche Verbindung, nebst dem vierten Theile seines Vermögens, zugedacht. Aber das ist das wenigste, worauf Mericourt gebt; er verweigert sich dem großmüthigen Anerbieten, und will sich ihm aus Uncigcnnützigkcit verweigert zu haben scheinen. „Wozu das? sagt er. Warum wollen Sie sich ihres Vermögens berauben? Genießen Sie ihrer Güter selbst; sie haben Ihnen Gefahr und Arbeit gcmig gekostet." ^'o» i^mrai, je vous romli-ü tous Iivureux: läßt die Graffigny den lieben gutherzigen Alten antworten. „Ich will ihrer genießen, ich will euch alle glücklich machen." Vortrefflich! Hier ist kein Wort zu viel! Die wahre nachlaßige Kürze, mit der ein Mann, dem Güte zur Natur geworden ist, von seiner Güte spricht, wenn er davon sprechen muß! Seines Glückes genießen, andere glücklich machen: beides ist ihm nur eines; das eine ist ihm nicht blos eine Folge des andern, ein Theil des andern; das eine ist ihm ganz das andere: und so wie sein Herz keinen Unterschied darunter kennet, so weiß auch sein Mund keinen darunter zu machen; er spricht, als ob er das nehmliche zwelMial spräche, als ob beide Sätze wahre tavtologischc Sätze, vollkommen identische Sätze wären; ohne das geringste Verbindungswort. O des Elenden, der die Verbindung nicht fühlt, dem sie eine Partikel erst fühlbar machen soll! Und dennoch, wie glaubt man wohl, daß die Gott- schcdinn jene acht Worte übersetzt hat? „Alsdcnn werde ich meiner Güter erst recht genießen, wenn ich euch beide dadurch werde glücklich gemacht haben." Unerträglich! Der Sinn ist vollkommen übergetragen, aber der Geist ist verflogen; ein W H.iiiiburgischc DrauitUurgic. Schwall von Worten hat ihn erstickt. Dieses Alsdenn, mi't seinem Schwänze von Wenn; dieses Erst; dieses Recht; dieses Dadurch: lauter Bestimmungen, die dem Ausbruchc des Herzens alle Bcdcnklichkcitcn der Ilcbcrlcguiig geben, und eine warme Empfindung in eine frostige Schlußrede verwandeln. Denen, die mich verstehen, darf ich nur sagen, daß ungefehr auf diesen Schlag das ganze Stück übersetzt ist. Jede feinere Gcsinnnng ist in ihren gesunden Menschenverstand para- phrasirt, jeder affcktvollc Ausdruck in die todten Bestandtheile seiner Bedeutung aufgelöset worden. Hierzu kömmt in vielen Stellen der häßliche Ton des Ecrcmonicls; verabredete Ehren- bcncnnungcii contrastircn mit den Ausrufungen der gerührten Natur auf die abscheulichste Weise. Indem Ecnic ihre Mutter erkennet, ruft sie: „Frau Mutter! o welch ein süßer Name!" Der Name Mutter ist süß; aber Frau Mutter ist wahrer Honig mit Eitroiicnsaft! Der herbe Titel zieht das ganze, der Empfindung sich öffnende Herz wieder zusammen. Und in dem Augenblicke, da sie ihren Vater findet, wirft sie sich gar mit einem „Gnädiger Herr Vater! bin ich Ihrer Gnade werth!" ihm in die Arme. Alon pero! auf deutsch: Gnädiger Herr Vater. Was für ein rcspcctuöscs Kind! Wenn ich Dorsainvillc wäre, ich hätte es eben so gern gar nicht wieder gesunden, als mit dieser Anrede. Madame Löwen spielt dicOrphisc; man kann sie nicht mit mehrerer Würde und Empfindung spielen. Jede Mine spricht das ruhige Bewußtseyn ihres verkannten Werthes; und sauste Melancholie auszudrücken, kann nur ihrem Blicke, kann nur ihrem Tone gelingen. Eenic ist Madame Hcnscl. Kein Wort fällt aus ihrem Munde auf die Erde. Was sie sagt, hat sie nicht gelernt; es kömmt aus ihrem eignen Kopfe, aus ihrem eignen Herzen. Sie mag sprechen, oder sie mag nicht sprechen, ihr Spiel geht ununterbrochen fort. Ich wüßte nur einen einzigen Fehler; aber es ist ein sehr seltner Fehler; ein sehr bcncidcnswürdiger Fehler. Die Aktrice ist für die Rolle zu groß. Mich dünkt einen Riesen zu sehen, der mit dem Gewehre eines Eadcts ^^AW Erster Band, I't crcrcirct. Ich möchte nicht alles machen, was ich vortrefflich machen könnte. Herr Eckhof in dcr Rolle des Dorimond, ist ganz Dorimond. Diese Mischung von Sanftnnith und Ernst, von Wcichhcrzigkcit nnd Strenge, wird gerade in so einem Manne wirklich scnn, oder sie ist es in keinem. Wann er zum Schlüsse des Stücks vom Mcricourt sagt: „Ich will ihm so viel geben, daß er in dcr großcn Wclt leben kann, die sei» Vaterland ist; aber sehen mag ich ihn nicht mehr!" wer hat den Man» gelehrt, mit ei» Paar erhobenen Fingern, hierhin und dahin bcwcgt, mit cincm einzigen Kopfdrchcn, uns auf einmal zu zeigen, was das für ein Land ist, dieses Vaterland des Mcricourt? Ein gefährliches, ein böscs Land! I'ot Ii»Auc»e, stc» May,) ward die Amalia des Herrn Weiß aufgeführet. Amalia wird von Kennern für das beste Lustspiel dieses Dichters gehalten. Es hat auch wirklich mehr Interesse, aus- gcführtcrc Charaktere und einen lebhafter» gedankenreicher» Dialog, als seine übrige komische Stücke. Die Rollen sind hier sehr wohl besetzt; besonders macht Madame Bock den Manlcy, oder die verkleidete Amalia, mit vieler Anmuth und mit aller dcr ungezwungene» Leichtigkeit, oh»c die wir es ein wenig sehr unwahrscheinlich finden würde», ein junges Frauenzimmer so lange verkannt zu sehen. Dergleichen Verkleidungen überhaupt geben einem dramatischen Stücke zwar ein romanenhaftcs Ansehen, dafür kann es abcr auch nicht fchlcn, daß sie nicht sehr komische, auch wohl sehr interessante Scenen veranlassen sollten. Von dieser Art ist die fünfte des letzte» Akts, i» welcher ich meinem Freunde einige allzu kühn croauirle Pinsclstrichc zu lindern, lind mit dem Ucbrigcn in eine sanftere Haltung zu vertreiben, wohl rathen möchte. Ich weiß nicht, was in der Wclt geschieht; ob man wirklich mit dem Frauenzimmer manchmal in diesem zudringlichen Tone spricht. Ich will nicht untersuchen, wie weit es mit dcr weiblichen Bescheidenheit bestehen könne, gewisse Dinge, obschon unter dcr Verkleidung, so zu brüsquircn. Ich will die Vermuthung ungcäußcrt lassen, daß es vielleicht Hambm'iZische Dram.Uurgic. gar nicht einmal die rechte Art sey, eine Madame Frccmann ins Enge zu treiben; daß ein wahrer Manlcy die Sache wohl hätte feiner anfange» können; daß man über einen schnclleii Strom nicht in gerader Linie schwimmen zu wollen verlangen müsse; daß — Wie gesagt, ich will diese Vermuthungen unge- äußcrt lassen; denn es könnte leicht bey einem solchen Handel mehr als eine rechte Art geben. Nachdem nehmlich die Gegenstände sind; obschon alsdenn noch gar nicht ausgemacht ist, daß diejenige Frau, bey der die eine Art fehl geschlagen, auch allen übrigen Arten Obstand halten werde. Ich will blos bekennen, daß ich für mein Theil nicht Herz genug gehabt hätte, eine dergleichen Scene zu bearbeiten. Ich würde mich vor der einen Klippe, zu wenig Erfahrung zu zeigen, eben so sehr gefürchtet haben, als vor der andern, allzu viele zu verrathen. Za wenn ich mir auch einer mehr als Crcbillonschcn Fähigkeit bewußt gewesen wäre, mich zwischen beide Klippen durchzustehlen: so weiß ich doch nicht, ob ich nicht viel lieber einen ganz andern Weg eingeschlagen wäre. Besonders da sich dieser andere Weg hier von selbst öffnet. Manlcy, oder Amalia, wußte ja, daß Frccmann mit seiner vorgeblichen Frau nicht gesetzmäßig verbunden sey. Warum konnte er also nicht dieses zum Grunde nehmen, sie ihm gänzlich abspänstig zu machen, und sich ihr nicht als einen Galan, dem es nur um flüchtige Gunstbezeigungen zu thun, sondern als einen ernsthaften Liebhaber anzutragen, der sein ganzes Schicksal mit ihr zu theilen bereit sey? Seine Bewerbungen würden dadurch, ich will nicht sagen unsträflich, aber doch unsträflicher geworden seyn; er würde, ohne sie in ihren eigenen Augen zu beschimpfen, darauf haben bestehen können; die Probe wäre ungleich verführerischer, und das Bestehen in derselben ungleich entschcidcndcr für ihre Liebe gegen Frccmann gewesen. Man würde zugleich einen ordentlichen Plan von Seiten der Amalia dabey abgesehen haben; anstatt daß man itzt nicht wohl errathen kann, was sie nun weiter thun können, wenn sie unglücklicher Weise in ihrer Verführung glücklich gewesen wäre. Nach der Amalia folgte das kleine Lustspiel des Saintfoix, der Finanzpachtcr. Es besteht ungefehr aus ein Dutzend Scenen von der äußersten Lebhaftigkeit. Es dürfte schwer seyn, in Erster Band. !U cincn so cngcn Bezirk mchr gesunde Moral, mehr Charaktere, mehr Interesse zu bringen. Die Manier dieses liebenswürdigen Schriftstellers ist bekannt. Nie hat ein Dichter ein kleineres niedlicheres Ganze zu machen gewußt, als Er. Den fünf und zwanzigsten Abend (Dienstags, den 26stcn May,) ward die Zclmirc des Du Bclloy wiederholt. Ein und zwanzigstes Stück. Teil 40tcn Julius, 1767. Den sechs und zwanzigsten Abend (FrcytagS, den 29sten May) ward die Müttcrschulc des Nivellc dc la Chaussee aufgeführet. Es ist die Geschichte einer Mutter, die für ihre parthcyischc Zärtlichkeit gegen cincn nichtswürdigcn schmeichlerischen Sohn, die verdiente Kränkung erhält. Marivaux hat auch ein Stück unter diesem Titel. Aber bey ihm ist es die Geschichte einer Mutter, die ihre Tochter, um ein recht gutes gehorsames Kind an ihr zu haben, in aller Einfalt erziehet, ohne alle Welt und Erfahrung laßt: und wie geht es damit? Wie man leicht errathen kann. Das liebe Mädchen hat ein empfindliches Herz; sie weiß keiner Gefahr auszuweichen, weil sie keine Gefahr kennet; sie verliebt sich in den ersten in den besten, ohne Mamma darum zu fragen, und Mamma mag dem Himmel danken, daß es noch so gut abläuft. Zn jener Schule giebt es eine Menge ernsthafte Betrachtungen anzustellen; in dieser sehr es mchr zu lachen. Die cinc ist der Pendant der andern; und ich glaubc, es müßte sür Kenner ein Vergnügen mehr seyn, beide an einem Abende hinter einander besuchen zu können. Sie haben hierzu auch alle äußerliche Schicklichkeit; das erste Stück ist von fünf Akten, das andere von einem. Den sieben und zwanzigsten Abend (Montags, den llstcn Zunius,) ward die Nanine des Herrn von Voltaire gespielt. Naninc? fragten sogenannte Kunstrichtcr, als dieses Lustspiel im Zahrc 1749 zncrst erschien. Was ist das für ein Titel? Was denkt man dabey? — Nicht mchr und nicht wcnigcr, als man bcy einem Titel denken soll. Ein Titel muß kein Küchenzettel seyn. Zc wcnigcr cr von dcm Inhalte verräth, desto besser ist er. Dichter und Zuschauer finden ihre Rechnung da- 94 Hambnrgische Dramaturgie. » bey, lind die Alten haben ihren Komödien selten andere, als nichtsbcdcutcndc Titel gegeben. Ich kenne kaum drey oder viere, die den Hauptcharaktcr anzeigten, oder etwas von der Intrigue verriethen. Hierunter gehöret des Plautus Wie» Aloriotus. Wie kömmt es, daß man noch nicht angemerket, daß dieser Titel dem Plautus nur zur Hälfte gehören kann? Plautus nannte sein Stück blos klnriolus; so wie er ein anderes ^ruoulonws überschrieb. iVlilo-? muß der Zusatz eines Grammatikers seyn. Es ist wahr, der Prahler, den Plautus schildert, ist ein Soldat; aber seine Prahlcrcyen beziehen sich nicht blos auf seinen Stand, und seine kriegerische Thaten. Er ist in dem Punkte der Liebe eben so großsprecherisch; er rühmt sich nicht allein der tapferste, sondern auch der schönste und liebenswürdigste Mann zu seyn. Beides kann in dem Worte klonotus liegen; aber sobald man Alilos hinzufügt, wird das gloiiolus nur auf das erstere eingeschränkt. Vielleicht hat den Grammatiker, der diesen Zusatz machte, eine Stelle des Cicero verführt; aber hier hätte ihm Plautus selbst, mehr als Cicero gelten sollen. Plautus selbst sagt: ^1^20« Liveev Iiuio Nomen ekt <üomoz<1ise lil iw8 latinv «i-aniosvi»! 6ieimu8 - und in der Stelle des Cicero ist es noch gar nicht ausgemacht, daß eben das Stück des Plautus gemeinct sey. Der Charakter eines großsprecherischen Soldaten kam in mchrcrn Stücken vor. Cicero kann cbcn sowohl auf dcn Thraso des Tcrcnz geziclct haben. — Doch dieses beyläufig. Ich erinnere mich, meine Meinung von den Titeln der Komödien überhaupt, schon einmal geäußert zu haben. Es könnte seyn, daß die Sache so unbedeutend nicht wäre. Mancher Stümper hat zu einem schönen Titel eine schlechte Komödie gemacht; und blos des schönen Titels wegen. Ich möchte doch lieber eine gute Komödie mit einem schlechten Titel. Wenn man nachfragt, was für Charaktere bereits bearbeitet worden, so wird kaum einer zu erdenken seyn, nach welchem, besonders die Franzosen, nicht schon ein Stück genannt hätten. Der ist längst da gewesen! ruft man. Der auch schon! Dieser würde vom Molicre, jener vom (°) vv omelis l.id. l. 38. ' 5??^«' Erflcr Band. !',', Destonchcs entlehnet seyn! Entlehnet? Das kömmt ans den schönen Titeln. Was für ein Eigenthnmsrccht erhält ein Dichter auf einen gewissen Charakter dadurch, daß er seinen Titel davon hergenommen? Wenn er ihn stillschweigend gebraucht hätte, so würde ich ihn wiederum stillschweigend brauchen dürfen, und niemand würde mich darüber zum Nachahmer machen. Aber so wage es einer einmal, und mache z. E. einen neuen Misanthropen. Wann er auch keinen Zug von dem Molicr- schcn nimmt, so wird sein Misanthrop doch immer nur eine Copie hcisscn. Genug, daß Moliere den Namen zuerst gebraucht hat. Jener hat unrecht, daß er fünfzig Jahr später lebet; und daß die Sprache für die unendlichen Varietäten des menschlichen Gemüths nicht auch unendliche Benennungen hat. Wenn der Titel Nanine nichts sagt; so sagt der andere Titel desto mehr: Nanine, oder das besiegte Norurthcil. Und warum soll ein Stück nicht zwey Titel haben? Haben wir Menschen doch auch zwei?, drey Namen. Die Namen sind der Unterscheidung wegen; und mit zwey Namen ist die Verwechselung schwerer, als mit einem. Wegen des zweyten Titels scheinet der Herr von Voltaire noch nicht recht einig mit sich gewesen zu seyn. Z» der nehmlichen Ausgabe seiner Werke heißt er auf einem Blatte, das besiegte Vorurtheil; und auf dem andern, der Mann ohne Norurthcil. Doch beides ist nicht weit aus einander. Es ist von dem Vorurthcile, daß zu einer vernünftigen Ehe die Gleichheit der Geburt und des Standes erforderlich sey, die Rede. Kurz, die Geschichte der Nanine ist die Geschichte der Pamcla. Ohne Zweifel wollte der Herr von Voltaire den Namen Pa- mcla nicht brauchen, weil schon einige Zahre vorher ein Paar Stücke unter diesem Namen erschienen waren, und eben kein großes Glück gemacht hatten. Die Pamela des Boissy und des De la Chaussee sind auch ziemlich kahle Stücke; und Voltaire brauchte eben nicht Voltaire zu seyn, etwas weit Besseres zu machen. Nanine gehört unter die rührenden Lustspiele. Es hat aber auch sehr viel lächerliche Scenen, und nur in so fern, als die lächerlichen Scenen mit den rührenden abwechseln, will Voltaire diese in der Komödie geduldet wissen. Eine ganz ernsthafte Hamburgische Vram.Uurgie. Komödie, wo man niemals lacht, auch nicht einmal lächelt, wo man nur immer weinen möchte, ist ihm ein Ungeheuer. Hingegen findet er den Ilcbcrgang von dem Rührenden zum Lächerlichen, und von dem Lächerlichen zum Rührenden, sehr natürlich. Das menschliche Leben ist nichts als eine beständige Kette solcher Ucbcrgängc, und die Komödie soll ein Spiegel des menschlichen Lebens seyn. „Was ist gewöhnlicher, sagt er, als daß in dem nehmlichen Hause der zornige Vater poltert, die verliebte Tochter seufzet, der Sohn sich über beide aufhält, und jeder Anverwandte bey der nehmlichen Scene etwas anders empfindet? Man verspottet in einer Stube sehr oft, was in der Stube neben an äußerst bewegt; und nicht selten hat eben dieselbe Person in eben derselben Viertelstunde über eben dieselbe Sache gelacht und gewcinct. Eine sehr ehrwürdige Matrone saß bey einer von ihren Töchtern, die gefährlich krank lag, am Bette, und die ganze Familie stand um ihr herum. Sie wollte in Thränen zerfließen, sie rang die Hände, und rief: O Gott! laß mir, laß mir dieses Kind, nur dieses; magst du mir doch alle die andern dafür nehmen! Hier trat ein Mann, der eine von ihren übrigen Töchtern gchcyrathet hatte, näher zu ihr hinzu, zupfte sie bc» dem Acrmcl, und fragte: Madame, auch die Schwiegersöhne? Das kalte Blut, der komische Ton, mit denen er diese Worte aussprach, machten einen solchen Eindruck auf die betrübte Dame, daß sie in vollem Gelächter herauslaufen mußte; alles folgte ihr und lachte; die Kranke selbst, als sie es hörte, wäre vor Lachen fast erstickt." „Homer, sagt er an einem andern Orte, läßt sogar die Götter, indem sie das Schicksal der Welt entscheiden, über den poßirlichcn Anstand des Vulkans lachen. Hektor lacht über die Furcht seines kleinen Sohnes, indem Andromacha die Heissesten Thränen vergießt. Es trift sich wohl, daß mitten unter den Greueln einer Schlacht, mitten in den Schrecken einer Fcucrs- brnnst, oder sonst eines traurigen Verhängnisses, ein Einfall, eine ungcfchrc Posse, Trotz aller Beängstigung, Trotz alles Mitleids, das unbändigste Lachen erregt. Man befahl, in der Schlacht bey Spcycrn, einem Regiment?, daß es keinen Pardon geben sollte. Ein deutscher Officicr bat darum, und der Franzose, den er darum bat, antwortete: Bitten Sie, mein Erster Nand. !'7 Herr, was Sic wollen; mir das Leben nicht; damit kann ich unmöglich dicncn! Dicsc Naivetät ging sogleich von Mund zu Munde; man lachte und metzelte. Wie viel cbcr wird nicht in der Komödie das Lachen aus rührende Empfindungen folgen können? Bewegt uns nicht Alkmcnc? Macht nns nicht Sofias zu lachen? Welche elende und eitle Arbeit, wider die Erfahrung streiten zu wollen." Sehr wohl! Aber streitet nicht auch der Herr von Voltaire wider die Erfahrung, wenn er die ganz crnstbastc Komödie sür eine eben so fehlerhafte, als langweilige Gattung erkläret? Vielleicht damals, als er es schrieb, noch nicht. Damals war noch keine Ecnic, noch kein Hausvater vorhanden; und vieles muß das Genie erst wirklich machen, wenn wir es für möglich erkennen sollen. Zwcy und zwanzigstes Stück. Den I4tcn Julius, 1767. Den acht und zwanzigsten Abend (Dienstags, den 2tcn Iu- nius,) ward der Advokat Patclin wiederholt, und mit der kranken Frau des Herrn Geliert beschlossen. Ohnstrcitig ist unter allen unsern komischen Schriftstellern Herr Gcllert derjenige, dessen Stücke das meiste ursprünglich Deutsche haben. Es sind wahre Familicngcmäldc, in denen man sogleich zu Hause ist; jeder Zuschauer glaubt, einen Netter, einen Schwager, ein Mühmchcn aus seiner eigenen Verwandtschaft darum zu erkennen. Sic beweisen zugleich, daß es an Originaliiarrcn bey uns gar nicht mangelt, uud daß nur die Augen ein wenig selten sind, denen sie sich in ihrem wahren Lichte zeigen. Unsere Thorheiten sind bemerkbarer, als bemerkt; im gemeinen Leben sehen wir über viele aus Gutbcrzigkcit hinweg; und in der Nachahmung haben sich nnscrc Virtuosen an eine allzuflachc Manier gewöhnet. Sie machen sie ähnlich, aber nicht hervorspringend. Sie treffen; aber da sie ihren Gegenstand nicht vor- thcilhaft genug zu beleuchten gewußt, so mangelt dem Bilde die Rundling, das Körperliche; wir sehen nur immer Eine Seite, an der wir uns bald satt gesehen, nnd deren anzuschneidende Außcnlinicn uns gleich an die Täuschung erinnern, wenn Lessmgs Werke vn, 7 s«'''.-.?: »« 98 Hamburgische ?nmwlurgic. wir in Gedanken um dic übrigen Seilen herumgehen wollen. Die Narren sind in der ganzen Welt platt und frostig lind cckcl; wann sie belustigen sollen, muß ihnen der Dichter etwas von dem Scinigcn geben. Er muß sie nicht in ihrer Alltags- klciduug, in der schmutzigen Nachläßigkcit, auf das Theater bringen, in der sie innerhalb ihren vier Pfählen herumträumcn. Sie müssen nichts von der engen Sphäre kümmerlicher Umstände verrathen, aus der sich ein jeder gern herausarbeiten will. Er muß sie aufputzen; er muß ihnen Witz und Verstand leihen, das Armselige ihrer Thorheiten bemänteln zu können; er muß ihnen den Ehrgcitz geben, damit glänzen zu wollen. Ich weiß gar nicht, sagte eine von meinen Bckanntinncii, was das für ein Paar zusammen ist, dieser Herr Stephan, und diese Frau Stephan! Herr Stephan ist ein reicher Mann, und ein guter Mann. Gleichwohl muß seine geliebte Frau Stephan um eine lumpige Adriennc so viel Umstände machen! Wir sind freylich sehr oft um ein Nichts krank; aber doch l»n ein so gar großes Nichts nicht. Eine neue Adriennc! Kann sie nicht hinschicken, und anSnchmcn lassen, und machen lassen. Der Mann wird ja wohl bezahlen; nnd er muß ja wohl. Ganz gewiß! sagte eine andere. Aber ich habe noch etwas zu erinnern. Der Dichter schrieb zu den Zeiten unserer Mütter. Eine Adriennc! Welche Schncidcrsfrau trägt denn noch eine Adriennc? Es ist nicht erlaubt, daß die Aktrice hier dem guten Manne nicht ein wenig nachgeholfen! Konnte sie nicht Robc- rondc, Bcncdictinc, Rcspcctueusc, — (ich habe die andern Namen vergessen, ich würde sie auch nicht zu schreibe» wissen,) — dafür sagen! Mich in einer Adriennc zu dcnkcn; das allcin konnte mich krank machen. Wenn cs dcr ncucstc Stoff ist, wornach Madame Stephan lechzet, so muß es auch die neueste Tracht seyn. Wie können wir es sonst wahrscheinlich finden, daß sie darüber krank geworden? Und ich, sagte eine dritte, (es war dic gelehrteste,) finde cs sehr unanständig, daß die Stcphan ein Kleid anzieht, daß nicht aus ibrcn Leib gemacht worden. Aber man sieht wohl, was den Verfasser zu dieser — wie soll ich cs nennen? — Verkcnnling nnscrer Dclicatcssc gezwungen hat. Die Einheit --^-5> Erster Band. der Zeit! Das Kleid mußte fertig seyn; die Stephan sollte es noch anziehen; und in vier und zwanzfg Stunden wird nicht immer ein Kleid fertig. Za er dürfte sich nicht einmal zu einem kleinen Nachspiele vier und zwanzig Stunden gar wohl erlauben. Denn Aristoteles sagt — Hier ward meine Kunst- richtcrinn unterbrochen. Den neun und zwanzigsten Abend (Mittcwochs, den 3tcn Zunius,) ward nach der Mclanidc des Dc la Chaussee, der Mann nach der Ilhr, oder der ordentliche Mann, gcspiclet. Der Verfasser dieses Stucks ist Herr Hippcl, in Danzig. Es ist reich an drolligen Einfällen; nur Schade, daß ein jeder, sobald er den Titel Hort, alle diese Einfälle voraussieht. National ist es auch genug; oder vielmehr provincial. Und dieses könnte leicht das andere Extremum werden, in das unsere komischen Dichter verfielen, wenn sie wahre deutsche Sitten schildern wollten. Ich fürchte, daß jeder die armseligen Gewohnheiten des Winkels, in dem er gcbohrcn worden, für die eigentlichen Sitten des gemeinschaftlichen Vaterlandes halten dürfte. Wem aber liegt daran, zu erfahren, wie viclmal im Zahre man da oder dort grünen Kohl ißt? Ein Lustspiel kann einen doppelten Titel haben; doch versteht sich, daß jeder etwas anders sagen muß. Hier ist das nicht; der Mann nach der Uhr, oder der ordentliche Mann, sagen ziemlich das nehmliche; außer daß das erste ohngcfchr die Karrikatur von dem andern ist. Den dreißigsten Abend (Donnerstags, den 4tcn Zunius,) ward der Graf von Esser, vom Thomas Corneille, aufgeführt. Dieses Trauerspiel ist fast das einzige, welches sich aus der beträchtlichen Anzahl der Stücke des jüngcrn Corneille, auf dem Theater erhalten hat. Und ich glaube, es wird auf deu deutschen Bühnen noch öfterer wiederholt, als auf den französischen. Es ist vom Zahre 1678, nachdem vierzig Zahre vorher bereits Calprenede die nehmliche Geschichte bearbeitet hatte. „Es ist gewiß, schreibt Corneille, daß der Graf von Esser bey der Königinn Elisabeth in besondern Gnaden gestanden. Er war von Natur sehr stolz. Die Dienste, die er England geleistet hatte, bliesen ihn noch mehr auf. Seine Feinde beschuldig- 7 * Hamburgische Dramaturgie. ten ihn cincs Verständnisses mit dem Grafen von Tyronc, den die Rebellen in Zrrland zu ihrem Haupte erwählet hatten. Der Verdacht, der diescrwcgcn auf ihm blieb, brachte ihn um das Kommando der Armee. Er ward erbittert, kam nach London, wiegelte das Volk auf, ward in Verhaft gezogen, vcrurthcilt, lind nachdem er durchaus nicht um Gnade bitten wollen, den 25,stcn Februar, enthauptet. So viel hat mir die Historie an die Hand gegeben. Wenn man mir aber zur Last legt, daß ich sie in einem wichtigen Stücke verfälscht hätte, weil ich mich des Vorfalles mit dem Ringe nicht bedienet, den die Königinn dem Grafen zum llntcrpfandc ihrer unfehlbaren Begnadigung, falls er sich jemals cincs StaatSvcrbrcchcns schuldig machen sollte, gegeben habe: so muß mich dieses sehr befremden. Ich bin versichert, daß dicscr Ring eine Erfindung des Eal- prcncdc ist, wenigstens habe ich in keinem Geschichtschreiber das geringste davon gelesen." Allerdings stand cs Eorncillcn frey, diesen Umstand mit dem Ringe zu nutzen, oder nicht zu nutzen; aber darinn ging er zu weit, daß er ihn für eine poetische Erfindung erklärte. Seine historische Richtigkeit ist neuerlich fast außer Zweifel gesetzt worden; und die bcdächtlichstcn, skeptischsten Geschichtschreiber, Humc und Robertson, haben ihn in ihre Werke aufgenommen. Wenn Robertson in seiner Geschichte von Schottland von der Schwermut!) redet, in welche Elisabeth vor ihrem Tode verfiel, so sagt er: „Die gemeinste Meinung damaliger Zeit, und vielleicht die wahrscheinlichste, war diese, daß dieses Uebel aus cincr bctrübtcn Rcuc wegen des Grafen von Esser entstanden sey. Sie hatte cinc ganz ausscrordcntlichc Achtung für das Andenken dieses unglücklichen Herrn; und wiewohl sie oft über seine Hartnäckigkeit klagte, so nannte sie doch seinen Namen selten ohne Thränen. Kurz vorher hatte sich ein Vorfall zugetragen, der ihre Neigung mit neuer Zärtlichkeit belebte, und ihre Betrübniß noch mehr vergällte. Die Gräfinn von Notthing- ham, die auf ihrem Todbctte lag, wünschte die Königinn zu sehen, und ihr ein Geheimniß zu offenbaren, dessen Vcrhchlung sie nicht ruhig würde sterben lassen. Wie die Königinn in ihr Zimmer kam, sagte ihr die Gräfinn, Essex habe, nachdem ihm erster Band. 101 das Todcsurthcil gesprochen worden, gewünscht, die Königinn um Vergebung zn bitten, und zwar auf die Art, die Zhro Majestät ihm ehemals selbst vorgeschrieben. Er habe ihr nehmlich den Ring zuschicken wollen, den sie ihm, zur Zeit der Huld, mit der Versicherung geschenkt, daß, wenn er ihr denselben, bey einem etwanigcn Unglücke, als ein Zeichen senden würde, er sich ihrer völligen Gnaden wiederum versichert halten sollte. Lady Scroop sey die Person, durch welche er ihn habe übersenden wollen; durch ein Versehen aber sey er, nicht in der Lady Scroop, sondern in ihre Hände gerathen. Sie habe ihrem Gemahl die Sache crzchlt, (er war einer von den unversöhnlichsten Feinden des Esser,) und der habe ihr verbothen, den Ring weder der Königinn zu gebe», noch dem Grafen zurück zu senden. Wie die Gräfinn der Königinn ihr Geheimniß entdeckt halte, bath sie dieselbe um Vergebung; allein Elisabeth, die nunmehr sowohl die Bosheit der Feinde des Grafen, als ihre eigene Ungerechtigkeit einsaht, daß sie ihn im Verdacht eines unbändigen Eigensinnes gehabt, antwortete: Gott mag Euch vergeben; ich kann es nimmermehr! Sie verließ das Zimmer in großer Entsetzung, und von dem Augenblicke an sanken ihre Lebensgeister gänzlich. Sie nahm weder Speise noch Trank zu sich; sie verweigerte sich allen Arzeneyen; sie kam in kein Bette; sie blieb zehn Tage nnd zehn Nächte auf einem Polster, ohne ein Wort zu sprechen, in Gedanken sitzen; einen Finger im Munde, mit offenen, auf die Erde geschlagenen Augen; bis sie endlich, von innerlicher Angst der Seelen und von so langem Fasten ganz entkräftet, den Geist aufgab." Drey und zwanzigstes Stück. Tcii 17tcn Julius, 1707. Der Herr von Voltaire hat den Esser auf eine sonderbare Weise kritisirt. Ich mochte nicht gegen ihn behaupten, daß Esser ein vorzüglich gutes Stück sey; aber das ist leicht zu erweisen, daß viele von den Fehlern, die er daran tadelt, Theils sich nicht darinn finden, Theils unerhebliche Kleinigkeiten sind, die seiner Scits eben nicht den richtigsten nnd würdigsten Begriff von der Tragödie voraussetzen. 102 Hamburgische Dramaturgie. Es gehört mit iintcr die Schwachheiten des Herrn von Voltaire, daß er ein sehr profunder Hislorikus seyn will. Er schwang sich also auch bey dem Esser auf dieses sein Strcitroß, lind tummelte es gewaltig herum. Schade nur, daß alle die Thaten, die er darauf verrichtet, des Staubes nicht werth sind, den er erregt. Thomas Corneille hat ihm von der englischen Geschichte nur wenig gewußt; und zum Glücke für den Dichter, war das damalige Publikum noch unwissender. Jtzt, sagt er, kennen wir die Königinn Elisabeth und den Grafen Essex besser; ihr würden einem Dichter dergleichen grobe Vcrstoßungen wider die historische Wahrheit scharfer aufgemutzet werden. Und welches sind denn diese Verstoßungcn? Voltaire hat ausgerechnet, daß die Königinn damals, als sie dem Grafen den Proceß machen ließ, acht und sechzig Zahr alt war. Es wäre also lächerlich, sagt er, wenn man sich einbilden wollte, daß die Liebe den geringsten Antheil an dieser Begebenheit könne gehabt haben. Warum das? Geschieht nichts Lächerliches in der Welt? Sich etwas Lächerliches als geschehen denken, ist das so lächerlich? „Nachdem das Urtheil über den Essex abgegeben war, sagt Hume, fand sich die Königinn in der äußersten Unruhe und in der grausamsten Ungewißheit. Rache und Zuneigung, Stolz und Mitleiden, Sorge für ihre eigene Sicherheit und Bckümmerniß um das Leben ihres Lieblings, stritten unaufhörlich in ihr: und vielleicht, daß sie in diesem quälenden Zustande mehr zu beklagen war, als Esser selbst. Sie unterzeichnete und wicdcrruftc den Befehl zu seiner Hinrichtung einmal über das andere; itzt war sie fast entschlossen, ihn dem Tode zu überliefern; den Augenblick darauf erwachte ihre Zärtlichkeit aufs neue, und er sollte leben. Die Feinde des Grafen ließen sie nicht aus den Augen; sie stellten ihr vor, daß er selbst den Tod wünsche, daß er selbst erkläret habe, wie sie doch anders keine Ruhe vor ihm haben würde. Wahrscheinlicher Weise that diese Aeußerung von Reue und Achtung für die Sicherheit der Königinn, die der Graf sonach lieber durch seinen Tod befestigen wollte, eine ganz andere Wirkung, als sich seine Feinde davon versprochen hatten. Sie sachte das Feuer einer alten Leidenschaft, die sie so lange für den unglücklichen Gefangnen ttrstcr Band. gcnährct hatte, wieder an. Was aber dennoch ihr Herz gegen ihn verhärtete, war die vermeintliche Halsstarrigkeit, durchaus nicht um Gnade zu bitten. Sie versähe sich dieses Schrittes von ihm alle Stunden, und nur aus Verdruß, daß er nicht erfolgen wollte, ließ sie dem Rechte endlich seinen Lauf." Warum sollte Elisabeth nicht noch in ihrem acht und sechzigsten Zahrc geliebt haben, sie, die sich so gern lieben ließ? Sie, der cS so sehr schmeichelte, wenn man ihre Schönheit rühmte? Sie, die es so wohl aufnahm, wenn man ihre Kette zu tragen schien ? Die Welt muß in diesem Stucke keine eitlere Frau jemals gesehen haben. Ihre Höflinge stellten sich daher alle in sie verliebt, und bedienten sich gegen Zhro Majestät, mit allem Anscheine des Ernstes, des Styls der lächerlichsten Galanteric. Als Ralcigh in Ungnade siel, schrieb er an seinen Freund Ec- cil einen Brief, ohne Zweifel damit er ihn weisen sollte, in welchem ihm die Königinn eine Venus, cinc Dianc, und ich weiß nicht was, war. Gleichwohl war diese Göttinn damals schon sechzig Zahr alt. Fünf Jahr darauf führte Heinrich Union, ihr Abgesandter in Frankreich, die ncbmliche Sprachc mit ihr. Kurz, Eorneille ist hinlänglich berechtiget gcwcsen, ihr alle die verliebte Schwachheit beyzulegen, durch die er das zärtliche Wcib mit der stolzen Königinn in einen so intcrcssanten Streit bringet. Eben so wenig hat er den Eharakter des Esser verstellet, oder verfälschet. Esser, sagt Voltaire, war der Held gar nicht, zu dem ihn Eorneille macht: er hat nie etwas merkwürdiges gethan. Aber, wcnn cr cs nicht war, so glaubte er es doch zu seyn. Die Vernichtung der spanischen Flotte, die Eroberung von Eadir, an der ihn Voltaire wenig oder gar kein Theil läßt, hielt cr so sehr für sein Wcrk, daß cr cs durchaus nicht lcidcn wollte, wenn sich jemand die geringste Ehre davon anmaßte. Er erbot sich, cs mit dcm Dcgcn in dcr Hand, gegen den Grafen von Notthingham, unter dcm er kommandirt halte, gcgcn scincn Sohn, gcgcn jcdcn von seincn Anvcnvandtcii, zu beweisen, daß sie ihm allein zugchörc. Eorneillc läßt dcn Grafen von scincn Feinden, namentlich vom Ralcigh, vom Eccil, vom Eobhan, sehr verächtlich sprechen. 404 Hamburgische Dr.nnaturgic, Auch das will Voltaire nicht gut hcisscn. Es ist nicht erlaubt, sagt er, eine so neue Geschichte so gröblich zu verfälschen, und Männer von so vornehmer Geburt, von so großen Verdienste», so unwürdig zu mißhandeln. Aber hier kömmt es ja gar nicht darauf an, was diese Männer waren, sondern wofür sie Esser hielt; und Esser war auf seine eigene Verdienste stolz genug, um ihnen ganz und gar keine einzuräumen. Wenn Corneille den Essex sagen läßt, daß es nur an seinem Willen gemangelt, den Thron selbst zu besteigen, so läßt er ihn freylich etwas sagen, was noch weit von der Wahrheit entfernt war. Aber Voltaire hätte darum doch nicht ausrufen müssen: „Wie? Essex auf dem Throne? mit was für Recht? unter was für Vorwandc? wie wäre das möglich gewesen?" Denn Voltaire hätte sich erinnern sollen, daß Essex von mütterlicher Seite aus dem Königlichen Hause abstammte, und daß es wirklich Anhänger von ihm gegeben, die unbesonnen genug waren, ihn mit unter diejenigen zu zählen, die Ansprüche auf die Krone machen könnten. Als er daher mit dem Könige Jakob von Schottland in geheime Unterhandlung trat, ließ er es das erste seyn, ihn zu versichern, daß er selbst dergleichen ehrgeizige Gedanken nie gehabt habe. Was er hier von sich ablehnte, ist nicht viel weniger, als was ihn Corneille voraussetzen läßt. Zudem also Voltaire durch das ganze Stück nichts als historische Unrichtigkeiten findet, begeht er selbst nicht geringe. Ueber eine hat sich Walpolc (°) schon lustig gemacht. Wenn nehmlich Voltaire die erster» Lieblinge der Königinn Elisabeth nennen will, so nennt er den, Robert Dudlcy und den Grafen von Lciccstcr. Er wußte nicht, daß beide nur eine Person waren, und daß man mit eben dem Rechte den Poeten Arouct und den Kammcrhcrrn von Voltaire zu zwey verschiedenen Personen machen könnte. Eben so unverzeihlich ist das Hysteron- Proteron, in welches er mit der Ohrfeige verfällt, die die Königinn dem Essex gab. Es ,st falsch, daß er sie nach seiner unglücklichen Expedition in Zrrland bekam; er hatte sie lange vorher bekommen; und es ist so wenig wahr, daß er damals (°) l.e c'Iiilw»» U'vliili»,.', I'iten Junius,) ward das Lustspiel der Madame Gottsched, die Haus- französinn, oder die Mammsell, aufgeführet. Dieses Stuck ist eines von den sechs Originalen, mit welchen 1744, unter Gottschcdischer Gcl'urlhshülfc, Deutschland im fünften Bande der Schaubühne beschenkt ward. Man sagt, cS sey, zur Zeit seiner Neuheit, hier und da mit Beyfall gespielt worden. Man wollte versuchen, welchen Beyfall es noch erhalten würde, und es erhielt den, den es verdienet; gar keine». Das Testament, von eben derselben Vcrfasscrinn, ist noch so etwas; aber die Hausfranzösinn ist ganz und gar nichts. Noch weniger, als nichts: denn sie ist nicht allein niedrig, und platt, und kalt, sondern noch oben darein schmutzig, cckcl, und im höchsten Grade beleidigend. Es ist mir unbegreiflich, wie eine Dame solches Zeug schreiben können. Ich will hoffen, daß man mir den Beweis von diesem allen schenken wird. - Den zwey und drcyßigstcn Abend (Donnerstags, den U ten Junius,) ward die Scmiramis des Herrn von Voltaire wicdcrhohlt. Da das Orchester bey unsern Schauspielen gewissermaßen die Stelle der alten Chöre vertritt, so haben Kenner schon längst gewünscht, daß die Musik, welche vor und zwischen und nach dem Stücke gespielt wird, mit dem Inhalte desselben mehr übereinstimmen möchte. Herr Scheibe ist unter den Musicis derjenige, welcher zuerst hier ein ganz neues Feld für die Kunst bemerkte. Da er einsähe, daß, wenn die Rührung des Zuschauers nicht auf eine unangenehme Art geschwächt und unterbrochen werden sollte, ein jedes Schauspiel seine eigene musikalische Begleitung erfordere: so machte er nicht allein bereits 1738 mit dem Polycukt und Mithridat den Versuch, besondere diesen Stücken entsprechende Symphonien zu verfertigen, welche bey der Gesellschaft der Ncubcrinn, hier in Hamburg, in Leipzig, und anderwärts aufgeführet wurden; sondern ließ sich auch in einem besondern Blatte seines kritischen Musikus s°) umständ- (°) Stück 67, 8» 116 Hambiirgische Dramaturgie. lich darüber ans, was überhaupt der Komponist zu beobachten habe, der in dieser neuen Gattung mit Ruhm arbeiten wolle. „Alle Symphonien, sagt er, die zu einem Schauspiele verfertiget werden, sollen sich auf den Inhalt und die Beschaffenheit desselben beziehen. Es gehören also zu den Trauerspielen eine andere Art von Symphonien, als zu den Lustspielen. So verschieden die Tragödien und Komödien unter sich selbst sind, so verschieden muß auch die dazu gehörige Musik seyn. Insbesondere aber hat man auch wegen der verschiedenen Abtheilungen der Musik in den Schauspielen auf die Beschaffenheit der Stellen, zu welchen eine jede Abtheilung gehört, zu sehen. Daher muß die Anfangssymphonic sich auf den ersten Auszug des Stückes beziehen; die Symphonien aber, die zwischen den Auszügen vorkommen, müssen Theils mit dem Schlüsse des vorhergehenden Aufzuges, Theils aber mit dem Anfange des folgenden Auszuges übereinkommen; so wie die letzte Symphonie dem Schlüsse des letzten Auszuges gemäß seyn muß." „Alle Symphonien zu Trauerspielen müssen prächtig, feurig n»d geistreich gesetzt seyn. Insonderheit aber hat man den Charakter der Hauptpersonen, und den Hauptinhalt zu bemerken, und darnach seine Erfindung einzurichten. Dieses ist von keiner gemeinen Folge. Wir finden Tragödien, da bald diese, bald jene Tugend eines Helden, oder einer Heldinn, der Stoff gewesen ist. Man halte einmal den Polycukt gegen den Brutus, oder auch die Alzire gegen den Mithridat: so wird man gleich sehen, daß sich kcincswcgcs einerley Musik dazu schicket. Ein Trauerspiel, in welchem die Religion und Gottesfurcht den Helden, oder die Heldinn, in allen Zufällen begleiten, erfordert auch solche Symphonien, die gewissermaßen das Prächtige und Ernsthafte der Kirchenmusik beweisen. Wenn aber die Großmuth, die Tapferkeit, oder die Standhaftigkcit in allerley Un- glücksfällcn im Trauerspiele herrschen: so muß auch die Musik weit feuriger und lebhafter seyn. Von dieser letztem Art sind die Trauerspiele Eato, Brutus, Mithridat. Alzire aber und Zaire erfordern hingegen schon eine etwas veränderte Musik, weil die Begebenheiten und die Charaktere in diesen Stücken Erster Band. von einer andern Beschaffenheit sind, und mehr Acrändcrung der Affekten zeigen." „Eben so müssen die Komödicnsymphonicn überhaupt frey, fließend, und zuweilen auch scherzhaft seyn; insbesondere aber sich nach dem eigenthümlichen Zuhalte einer jeden Komödie richten. So wie die Komödie bald ernsthafter, bald verliebter, bald scherzhafter ist, so muß auch die Symphonie beschaffen seyn. Z. E. die Komödien, der Falke und die bcydcrscitige Unbeständigkeit, würden ganz andere Symphonien erfordern, als der vcrlohrnc Sohn. So würden sich auch nicht die Symphonien, die sich zum Gcitzigcn, oder zum Kranken in der Einbildung, sehr wohl schicken möchten, zum Unentschlüßigcn, oder zum Zerstreuten, schicken. Jene müssen schon lustiger und scherzhafter seyn, diese aber verdrießlicher und ernsthafter." „Die Anfangssymphonie muß sich auf das ganze Stück beziehen; zugleich aber muß sie auch den Anfang desselben vorbereiten, und folglich mit dein ersten Auftritte übereinkommen. Sie kann aus zwey oder drey Sätzen bestehen, so wie es der Komponist für gut findet. — Die Symphonien zwischen den Aufzügen aber, weil sie sich nach dem Schlüsse des vorhergehenden Auszuges und nach dem Anfange des folgenden richten sollen, werden am natürlichsten zwey Sätze haben können. Zm ersten kann man mehr auf das Vorhergegangene, im zweyten aber mehr auf das Folgende sehen. Doch ist solches nur allein nöthig, wenn die Affekten einander allzu sehr entgegen sind; sonst kann man auch wohl nur einen Satz machen, wenn er nur die gehörige Länge erhält, damit die Bedürfnisse der Vorstellung, als Lichtputzcn, Umkleiden u. f. w. indeß besorget werden können. — Die Schlußsymphonie endlich muß mit dem Schlüsse des Schauspiels auf das genaueste übereinstimmen, um die Begebenheit den Zuschauern desto nachdrücklicher zu machen. WaS ist lächerlicher, als wenn der Held auf eine unglückliche Weise sein Leben vcrlohrcn hat, und es folgt eine lustige und lebhafte Symphonie darauf? Und was ist abgeschmackter, als wenn sich die Komödie auf eine fröhliche Art endiget, und es folgt eine traurige und bewegliche Symphonie darauf?" - 118 Hamburgischc Dramaturgie, „Da übrigens die Musik zu den Schauspielen bloß allein aus Instrumenten bestehet, so ist eine Veränderung derselben sehr nöthig, damit die Zuhörer desto gewisser in der Aufmerksamkeit erhalten werden, die sie vielleicht verlieren möchten, wenn sie immer einerley Instrumente hören sollten. Es ist aber beynahe eine Nothwendigkeit', daß die Anfangssymphonie sehr stark und vollständig ist, und also desto nachdrücklicher ins Gehör falle. Die Veränderung der Znstrumente muß also vornehmlich in den Iwischciisymphonicn erscheinen. Man muß aber wohl urtheilen, welche Znstrumente sich am besten zur Sache schicken, und womit man dasjenige am gewissesten ausdrücken kann, was man ausdrücken soll. Es muß also auch hier eine vernünftige Wahl getroffen werden, wenn man seine Absicht geschickt und sicher erreichen will. Sonderlich aber ist es nicht allzu gut, wenn man in zwey aus einander folgenden Zwischcnsymphonicn einerley Veränderung der Instrumente anwendet. Es ist allemal besser lind angenehmer, wenn man diesen Ucbclstand vermeidet." Dieses sind die wichtigsten Regeln, um auch hier die Tonkunst und Poesie in eine genauere Verbindung zu bringen. Zch habe sie lieber mit den Worten eines Tonkünstlers, und zwar desjenigen vortragen wollen, der sich die Ehre der Erfindung anmaßen kann, als mit meinen. Denn die Dichter und Kunst- richtcr bekommen nicht selten von den Musicis den Vorwurf, daß sie weit mehr von ihnen erwarten und verlangen, als die Kunst zu leisten im Stande sey. Die mehrcsten müssen es von ihren Kunstverwandtcn erst hören, daß die Sache zu bewerkstelligen ist, ehe sie die geringste Aufmerksamkeit darauf wenden. Zwar die Regeln selbst waren leicht zu machen; sie lehren nur was geschehen soll, ohne zu sagen, wie es geschehen kann. Der Ausdruck der Leidenschaften, auf welchen alles dabey ankömmt, ist noch einzig das Werk des Genies. Denn ob es schon Tonkünstlcr giebt und gegeben, die bis zur Bewunderung darin» glücklich sind, so mangelt es doch unstreitig noch an einem Philosophen, der ihnen die Wege abgelernt, und allgemeine Grundsätze ans ihren Beyspielen hergeleitet hätte. Aber je häufiger diese Beyspiele werden, je mehr sich die Materialien Erster Band. zu dieser Herleitung sammeln, desto eher können wir sie uns versprechen; und ich müßte mich sehr irren, wen» nicht ein großer Schritt dazu durch die Bccifcrung der Tonkünstlcr in dergleichen dramatischen Symphonien geschehen könnte. Zn der Vokalmusik hilft der Text dem Ausdrucke allzusehr »ach; der schwächste und schwankendste wird durch die Worte bestimmt und verstärkt: in der Instrumentalmusik hingegen fällt diese Hülfe weg, und sie sagt gar nichts, wenn sie das, was sie sagen will, nicht rechtschaffen sagt. Der Künstler wird also hier seine äußerste Stärke anwenden müssen; er wird unter den verschiedenen Folgen von Tönen, die eine Empfindung ausdrücken können, nur immer diejenigen wählen, die sie am deutlichste» ausdrücken; wir werden diese öfterer hören, wir werden sie mit einander öfterer vergleiche», und durch die Bemerkung dessen, was sie beständig gemein haben, hinter das Geheimniß des Ausdrucks kommen. Welchen Zuwachs unser Vergnügen im Theater dadurch erhalten würde, begreift jeder von selbst. Gleich vom Anfange der neuen Verwaltung unsers Theaters, hat man sich daher nicht nur überhaupt bemüht, das Orchester in einen bessern Stand zu setzen, sondern es haben sich auch würdige Männer bereit finden lassen, die Hand an das Werk zu legen, und Muster in dieser Art von Komposition zu machen, die über alle Erwartung ausgefallen sind. Schon zu Eronegks Olint und Sophronia hatte Herr Hcrtcl eigne Symphonien verfertiget; lind bey der zweyten Aufführung der Semiramis wurden dergleichen, von dem Herrn Agricola in Berlin, aufgeführt. Sieben und zwanzigstes Stück. ?cn 3lsien Julius, 1767. Zch will es versuchen, einen Begriff von der Musik des Herrn Agricola zu machen. Nicht zwar nach ihren Wirkungen; — denn je lebhafter und feiner ein sinnliches Vergnügen ist, desto weniger läßt es sich mit Worten beschreiben; man kann nicht wohl anders, als in allgemeine Lobsprüchc, in unbestimmte Ausrufungen, in kreischende Bewunderung damit verfallen, und diese sind eben so ununtcrrichtend für den Liebhaber, als cckel- « v»-.;.'.^^i««>«.^>tt' !l20 Hamburgische Dranmlurgic. haft für den Virtuosen, den man zu ehren vermeinet; — sondern bloß nach den Absichten, die ihr Meister dabey gehabt, und nach den Mitteln überhaupt, deren er sich, zu Erreichung derselben, bedienen wollen. Die Anfangssymphonie bestehet aus drey Sätzen. Der erste Satz ist ein Largo, nebst den Violinen, mit Hobocn und Flöte»; der Grundbaß ist durch Fagotte verstärkt. Sein Ausdruck ist ernsthaft; manchmal gar wild und stürmisch; der Zuhörer soll vermuthen, daß er ein Schauspiel ungefehr dieses Inhalts zu erwarten habe. Doch nicht dieses Inhalts allein; Zärtlichkeit, Reue, Gewissensangst, Unterwerfung, nehmen ihr Theil daran; und der zweyte Satz, ein Andante mit gedämpften Violinen und concertirciidcn Fagotten, beschäftiget sich also mit dunkeln und mitleidigen Klagen. In dem dritten Satze vermischen sich die beweglichen Tonwcndungcn mit stolzen; denn die Bühne eröffnet sich mit mehr als gewöhnlicher Pracht; Scmiramis nahet sich dem Ende ihrer Herrlichkeit; wie diese Herrlichkeit das Auge spüren muß, soll sie auch das Ohr vernehmen. Der Charakter ist Allcgrctto, und die Instrumente sind wie in dem ersten, außer daß die Hobocn, Flöten und Fagotte mit einander einige besondere kleinere Sätze haben. Die Musik zwischen den Akten hat durchgängig nur einen einzigen Satz; dessen Ausdruck sich auf das Vorhergehende beziehet. Einen zweyten, der sich auf das Folgende bezöge, scheinet Herr Agricola also nicht zu billigen. Ich würde hiermit sehr seines Geschmacks seyn. Denn die Musik soll dem Dichter nichts verderben; der tragische Dichter liebt das Unerwartete, das Uebcr- raschcndc, mehr als ein anderer; er läßt seinen Gang nicht gern voraus verrathen; und die Musik würde ihn verrathen, wenn sie die folgende Leidenschaft angeben wollte. Mit der An- fangssymphonie ist es ein anders; sie kann aus nichts Vorhergehendes gehen; und doch muß auch sie nur den allgemeinen Ton des Stücks angeben, und nicht stärker, nicht bestimmter, als ihn ungefehr der Titel angicbt. Man darf dem Zuhörer wohl das Ziel zeigen, wohin man ihn führen will, aber die verschiedenen Wege, auf welchen er dahin gelangen soll, müssen ihm gänzlich verborgen bleiben. Dieser Grund wider einen 5 erster Band. zweyten Satz zwischen den Akten, ist aus dem Vortheile des Dichters hergenommen; nnd er wird durch einen andern, der sich ans den Schranken der Musik crgiebt, bestärkt. Denn gesetzt, daß die Leidenschaften, welche in zwey auf einander folgenden Akten herrschen, einander ganz entgegen wären, so wür- dcn nothwendig auch die beiden Sätze von eben so widriger Beschaffenheit seyn müssen. Nun begreife ich sehr wohl, wie uns der Dichter aus einer jeden Leidenschaft zu der ihr entgegenstehenden, zu ihrem völligen Widcrspiclc, ohne unangenehme Gewaltsamkeit, bringen kann; er thut es nach und nach, gemach und gemach; er steiget die ganze Leiter von Sprosse zu Sprosse, entweder hinauf oder hinab, ohne irgendwo den geringsten Sprung zu thun. Aber kann dieses auch der Musikus? Es sey, daß er es in Einem Stücke, von der erforderlichen Länge, eben so wohl thun könne; aber in zwey besondern, von einander gänzlich abgesetzten Stücken, muß der Sprung, z. E. aus dem Ruhigen in das Stürmische, aus dem Zärtlichen in das Grausame, nothwendig sehr merklich seyn, und alle das Beleidigende haben, was in der Natur jeder plötzliche Ucbergang aus einem Acußerstcn in das andere, aus der Finsterniß in das Licht, aus der Kälte in die Hitze, zu haben pflegt. Ztzt zerschmelzen wir in Wchmuth, und auf einmal sollen wir rasen. Wie? warum? wider wen? wider eben den, für den unsere Seele ganz mitleidiges Gefühl war? oder wider einen andern? Alles das kann die Musik nicht bestimmen; sie läßt uns in Ungewißheit und Verwirrung; wir empfinden, ohne eine richtige Folge unserer Empfindungen wahrzunehmen; wir empfinden, wie im Traume; und alle diese unordentliche Empfindungen sind mehr abmattend, als ergötzend. Die Poesie hingegen läßt uns den Faden unserer Empfindungen nie verlieren; hier wissen wir nicht allein, was wir empfinden sollen, sondern auch, warum wir es empfinden sollen; und nur dieses Warum macht die plötzlichsten Ucbcrgänge nicht allein erträglich, sondern auch angenehm. Zn der That ist diese Motivirung der plötzlichen Ucbcrgänge einer dcr größten Vortheile, den die Musik aus der Vereinigung mit dcr Poesie ziehet; ja vielleicht dcr allergrößte. Denn es ist bey wcitcm nicht so nothwendig, die allgemeinen unbcstimm- 122 Haiuburgische T>r Hambilrgische T'r.nnallirgiee Zürge. O! et kumt inie even darop inch an, tt) dorft't mcin seggcn. M.iake Fro, smiet ehm noch een Schillink Heu; by uns regncl man so. Wie ist das? Zürge ist zu Fußc gegangen, weil es kommoder ist? Er fodcrt fünf Schillinge, und seine Frau giebt ihm ein Mark, die ihm fünf Schillinge nicht geben wollte? Die Frau soll dem Zungen noch einen Schilling hinschmeisscn? warum thut er es nicht selbst? Bon dem Marke blieb ihm ja noch übrig. Ohne das Französische wird man sich schwerlich aus dem Hanfe finden. Zürgc war nicht zu Fuße gekommen, sondern mit der Kutsche: und darauf geht sein „Wicl't vccl cummodcr iS." Aber die Kutsche gicng vielleicht bey seinem Dorfe nur vorbey, und von da, wo er abstieg, ließ er sich bis zu seinem Hause das Bündel nachtragen. Dafür giebt er dem Zungen die fünf Schillinge; das Mark giebt ihm nicht die Frau, sondern das hat er für die Kutsche bezahlen müssen, und er crzchlt ihr mir, wie geschwind er mit dem Kutscher darüber fertig geworden. (°) Den vier und drcyßigstcn Abend (Montags, den 29stcn Zunius,) ward der Zerstreute des Rcgnard aufgeführt. Zch glaube schwerlich, daß unsere Großväter den deutschen Titel dieses Stücks verstanden hätten. Noch Schlegel übersetzte (°°) Ll.zi56. LI>! eil! eil! Ii»Ule-moi eil«! s»w >Ie IN»»»«)'«, Ii'oii» iju» »w grosses piLcsii. ki^immü. (le conlrekiülÄnt) Ld! el>! eli! Si Sonc, »vee te» ci»u'efl-ce qus t'en veux kitire? vl.^lZi:> !5I>! e>>! el>! IiiiiNe moi cinq suls moniw^e, Is l ^-vi vlKü. rourquoi >Z»»e, ?>icoSi.-me? Ll./^ise. ?vur rv xsrsv» qui !tnp«rlv mnn >iiiquei «lepi» voilurs ^»««lu'ii, clieux nnut-, peiiililnl <>lw marcliois tout IiellemeiU ei» »wn »itv. 1"e8 venu llsn» Is voilure? vui, pklics <>ue celit ekl plus commoäe. I"» d»Mv u» «cu? Ill.-viSL. Vk Iiiiiii noIUemvnI. tomkien k»ul-il? »i-^e I7n öc», cs m'»-i-»n k»it. ?euei?, Iv vels, pie»ne2. 'koul commv v». Kl.^v0l>r. Lt «u liepenses cinll 5ol8 en xorlenrs nels? lir^isü. vui, p.ir m»iii«r«! >Is recre»lioi>> .^ki.rczvis. Ltl-ce p»ur moi les einq kols, Nlonllenr vwisv? vui, mon »mü Erster Band, 1S7 viktrait durch Träumer. Zerstreut seyn, ein Zerstreuter, ist lediglich nach der Analogie des Französischen gemacht. Wir wollen nicht untersuchen, wer das Recht hatte, diese Worte zu machen; sondern wir wollen sie brauchen, nachdem sie einmal gemacht sind. Man versteht sie nunmehr, und das ist genug. Rcgnard brachte seinen Zerstreuten im Jahre 1<>!»7 aufs Theater; und er fand nicht den geringsten Beyfall. Aber vier und dreyßig Zahr darauf, als ihn die Komödianten wieder vorsuchtcn, fand er einen so viel größcrn. Welches Publikum hatte nun Recht? Vielleicht hatten sie beyde nicht Unrecht. Jenes strenge Publikum verwarf das Stück als eine gute förmliche Komödie, wofür es der Dichter ohne Zweifel ausgab. Dieses geneigtere nahm es für nichts mehr auf, als es ist; für eine Farce, für ein Posscnspicl, das zu lachen machen soll; man lachte, und war dankbar. Jenes Publikum dachte: - non lutis ett, rilu llilluceiv rletum ^ullitoi'Is - - - und dieses: - A est c^uvellam tsmen Iiie «zuoc^uo virtus. Ausser der Versification, die noch dazu sehr fehlerhaft und nachläßig ist, kann dem Rcgnard dieses Lustspiel nicht viel Mühe gemacht haben. Den Charakter seiner Hauptperson fand er bey dem La Bruyerc völlig entworfen. Er hatte nichts zu thun, als die vornehmsten Züge Theils in Handlung zu bringen, Theils erzehlen zu lassen. Was er von dem Scinigen hinzufügte, will nicht viel sagen. Wider dieses Urtheil ist. nichts einzuwenden; aber wider eine andere Kritik, die den Dichter auf der Seite der Moralität fassen will, desto mehr. Ein Zerstreuter soll kein Aorwurf für die Komödie seyn. Warum nicht? Zerstreut seyn, sagt man, sey eine Krankheit, ein Unglück; und kein Laster. Ein Zerstreuter verdiene eben so wenig ausgelacht zu werden, als einer der Kopfschmerzen hat. Die Komödie müsse sich nur mit Fehlern abgeben, die sich verbessern lassen. Wer aber von Natur zerstreut sey, der lasse sich durch Spöttcrcycn eben so wenig bessern, als ein Hinkcndcr. 128 Haml'urgischc Dramaturgie. Aber ist eS denn wahr, daß die Zerstreuung ein Gebrechen der Seele ist, dem unsere besten Bemühungen nicht abhelfen können? Sollte sie wirklich mehr natürliche Verwahrlosung, als üble Angewohnheit seyn? Zch kann es nicht glauben. Sind wir nicht Meister unserer Aufmerksamkeit? Haben wir es nicht in unserer Gewalt, sie anzustrengen, sie abzuziehen, wie wir wollen? Und was ist die Zerstreuung anders, als ein unrechter Gebrauch unserer Aufmerksamkeit? Der Zerstreute denkt, und denkt nur das nicht, was er, seinen itzigcn sinnlichen Eindrücken zu Folge, denken sollte. Seine Seele ist nicht entschlummert, nicht betäubt, nicht ausser Thätigkeit gesetzt; sie ist nur abwesend, sie ist nur anderwärts thätig. Aber so gut sie dort seyn kann, so gut kann sie auch hier seyn; es ist ihr natürlicher Berufs, bey den sinnlichen Veränderungen ihres Körpers gegenwärtig zu seyn: es kostet Mühe, sie dieses Bcruffs zu entwöhnen, und es sollte unmöglich seyn, ihr ihn wieder geläufig zu machen? Doch es sey; die Zerstreuung sey unheilbar: wo steht es denn geschrieben, daß wir in der Komödie nur über moralische Fehler, nur über vcrbcsscrliche Untugenden lachen sollen? Jede Ungereimtheit, jeder Kontrast von Mangel und Realität, ist lächerlich. Aber lachen und verlachen ist sehr weit auseinander. Wir können über einen Menschen lachen, bey Gelegenheit seiner lachen, ohne ihn im geringsten zu verlachen. So unstreitig, so bekannt dieser Unterschied ist, so sind doch alle Chicanen, welche noch neuerlich Rousseau gegen den Nutzen der Komödie gemacht hat, nur daher entstanden, weil er ihn nicht gehörig in Erwägung gezogen. Molicrc, sagt cr z. E., macht uns übcr den Misanthropen zu lachen, und doch ist dcr Misanthrop der ehrliche Mann des Stücks; Molicrc bcwcisct sich also als einen Feind der Tugend, indem er dcn Tugendhaften verächtlich macht. Nicht doch; der Misanthrop wird nicht verächtlich, cr blcibt wcr cr ist, und das Lachen, welches aus dcn Situationen entspringt, in die ihn dcr Dichter setzt, benimmt ihm von unserer Hochachtung nicht das geringste. Der Zerstreute gleichfalls; wir lachen übcr ihn, aber verachten wir ihn darum? Wir schätzen seine übrige guten Eigenschaften, wie wir sie schätzen sollen; ja Erster Band. 129 ohne sie würden wir nicht einmal über seine Zerstreuung lachen können. Man gebe diese Zerstreuung einem boshaften, »ichts- würdigen Manne, und sehe, ob sie noch lächerlich seyn wird? Widrig, eckel, häßlich wird sie seyn; nicht lächerlich. Neun und zwanzigstes Stück. Den 7ten August, 17K7. Die Komödie will durch Lachen bessern; aber nicht eben durch Verlachen; nicht gerade diejenigen Unarten, über die sie zu lachen macht, noch weniger bloß und allein die, an welchen sich diese lächerliche Unarten finden. Ihr wahrer allgemeiner Nutzen liegt in dem Lachen selbst; in der Uebung unserer Fähigkeit das Lächerliche zu bemerken; es unter allen Bemäntelungen der Leidenschaft und der Mode, es in allen Vermischungen mit noch schlimmern oder mit guten Eigenschaften, sogar in den Runzeln dcS feycrlichen Ernstes, leicht und geschwind zu bemerken. Zugegeben, daß der Geitzigc des Mokiere nie einen Gcitzigen, der Spieler des Rcgnard nie einen Spieler gebessert habe; eingeräumet, daß das Lachen diese Thoren gar nicht bessern könne: desto schlimmer für sie, aber nicht für die Komödie. Ihr ist genug, wenn sie keine verzweifelte Krankheiten heilen kann, die Gesunden in ihrer Gesundheit zu befestigen. Auch dem Freygebigen ist der Geitzigc lehrreich; auch dem, der gar nicht spielt, ist der Spieler unterrichtend; die Thorheiten, die sie nicht haben, haben andere, mit welchen sie leben müssen; es ist ersprießlich, diejenigen zu kennen, mit welchen man in Collision kommen kann; ersprießlich, sich wieder alle Eindrücke des Beyspiels zu verwahren. Ein Pre- scrvatif ist auch eine schätzbare Arzeney; und die ganze Moral hat kein kräftigcrs, wirksamers, als das Lächerliche. - Das Räthsel, oder, Was den Damen am meisten gefällt, ein Lustspiel in einem Aufzuge von Herr Löwen, machte diesen Abend den Beschluß. Wenn Marmontel und Voltaire nicht Erzehlungen und Mährchcn geschrieben hätten, so würde das französische Theater eine Menge Neuigkeiten haben entbehren müssen. Am meisten hat sich die komische Oper aus diesen Quellen bereichert. Des letztem (ü. II. llr. S. v. tv. Hamburgische DraumturjZie. Wirkungen zwar in einer andern Reihe folgen, aber doch zu eben der allgemeinen Wirkung des Guten abzwecken; kurz, zu der Welt eines Genies, das — (es sey mir erlaubt, den Schöpfer ohne Namen durchsein edelstes Geschöpf zu bezeichnen!) das, sage ich, um das höchste Genie im Kleinen nachzuahmen, die Theile der gegenwärtigen Welt versetzet, vertauscht, verringert, vermehret, um sich ein eigenes Ganze daraus zu machen, mit dem es seine eigene Absichten verbindet. Doch da ich dieses in dem Werke des Marmontcls nicht finde, so kann ich es zufrieden seyn, daß man ihm auch jenes nicht für genossen ausgehen läßt. Wer unS nicht schadlos halten kann, oder will, muß uns nicht vorsctzlich beleidigen. Und hier hat es wirklich Mar- montcl, es sey nun nicht gekonnt, oder nicht gewollt. Denn nach dem angedeuteten Begriffe, den wir uns von dem Genie zu machen haben, sind wir berechtiget, in allen Charakteren, die der Dichter ausbildet, oder sich schaffet, Uebereinstimmung und Absicht zu verlangen, wenn er von uns verlangt, in dem Lichte cines Genies betrachtet zu werden. Uebereinstimmung: — Nichts muß sich in den Charakteren widersprechen; sie müssen immer einförmig, immer sich selbst ähnlich bleiben; sie dürfen sich itzt stärker, itzt schwächer äußern, nach dem die Umstände auf sie wirken; aber keine von diesen Umständen müssen mächtig genug seyn können, sie von schwarz auf weiß zu ändern. Ein Türk und Despot muß, auch wenn er verliebt ist, noch Türk und Despot seyn. Dem Türken, der nur die sinnliche Liebe kennt, müssen keine von den Raffinements bcyfallcn, die eine verwöhnte Europäische Einbildungskraft damit verbindet. „Zch bin dieser liebkosenden Maschinen satt; „ihre weiche Gelehrigkeit hat nichts anzügliches, nichts schmci- „chclhastcsz ich will Schwierigkeiten zu überwinden haben, und „wenn ich sie überwunden habe, durch neue Schwierigkeiten in „Athem erhalten seyn:" so kann ein König von Frankreich denken, aber kein Sultan. Es ist wahr, wenn man einem Sultan diese Dcnkungsart einmal giebt, so kömmt der Despot nicht mehr in Betrachtung; er entäußert sich seines Despotismus selbst, um einer freyern Liebe zu gcnicsscn; aber wird er deßwegen auf einmal der zahme Affe seyn, den eine dreiste Gaucklc- Erster Land. 1.53 rinn kann tanzen lassen, wie sie will? Marmontcl sagt: Solimann war ein zu großer Mann, als daß er die kleine» Angelegenheiten seines Scrraglio auf den Fuß wichtiger Staatsgcschäftc hätte treiben sollen. Sehr wohl; aber so hätte er auch am Ende wichtige Staatsgcschäftc nicht auf dcn Fuß der kleinen Angelegenheiten seines Scrraglio trcibcn müssen. Denn zu einem großen Manne gehört beides: Kleinigkeiten als Kleinigkeiten, und wichtige Dinge als wichtige Dinge zu behandeln. Er suchte, wie ihn Marmonrcl selbst sagen läßt, freye Herzen, die sich aus blosser Licbe zu seiner Person die Sklavcrcy gefallen liessen; er hatte ein solches Herz an der Elmirc gefunden; aber weiß er, was er will? Die zärtliche Elmirc wird von einer wollüstigen Dclia verdrcngt, bis ihm eine Unbesonnene dcn Strick über die Hörner wirft, der er sich selbst zum Sklaven machen muß, ehe er die zweydeutigc Gunst gcnicssct, die bisher immer der Tod seiner Begierden gewesen. Wird sie es nicht auch hier seyn? Ich muß lachen über den guten Sultan, und er verdiente doch mein herzliches Mitleid. Wenn Elmirc und Delia, nach dem Genusse auf einmal alles verlieren, was ihn vorher entzückte: was wird denn Rorelane, nach diesem kritischen Augenblicke, für ihn noch behalten? Wird er es, acht Tage nach ihrer Krönung, noch der Mühe werth halten, ihr dieses Opfer gebracht zu haben? Ich sürchte sehr, daß er schon den ersten Morgen, sobald er sich den Schlaf aus den Augen gewischt, in seiner verehelichten Sultane weiter nichts sieht, als ihre zuversichtliche Frechheit und ihre aufgestülpte Nase. Mich dünkt, ich höre ihn ausrufen: Beym Mabomct, wo habe ich meine Augen gehabt! Ich leugne nicht, daß bey alle dcn Widersprüchen, die uns diesen Solimann so armselig und verächtlich machen, er nicht wirklich seyn könnte. Es giebt Menschen genug, die noch kläglichere Widersprüche in sich vereinigen. Aber diese können auch, eben darum, keine Gegenstände der poetischen Nachahmung seyn. Sie sind unter ihr; denn ihnen fehlet das Unterrichtende; es wäre denn, daß man ihre Widersprüche selbst, das Lächerliche oder die unglücklichen Folgen derselben, zum Unterrichtenden machte, welches jedoch Marmonrcl bey seinem Solimann zu thun Hamburgische Tram.iliirgie. offenbar weit entfernt gewesen. Einem Charakter aber, dem das Unterrichtende fehlet, dem fehlet die Absicht. — Mit Absicht handeln ist das, was den Menschen über geringere Geschöpfe erhebt; mit Absicht dichten, mit Absicht nachahmen, ist das, was das Genie von den kleinen Künstlern unterscheidet, die mir dichten nm zu dichten, die nur nachahmen um nachzuahmen, die sich mit dem geringen Vergnügen befriedigen, das mit dem Gebrauche ihrer Mittel verbunden ist, die diese Mittel zu ihrer ganzen Absicht machen, und verlangen, daß auch wir uns mit dem eben so geringen Vergnügen befriedigen sollen, welches aus dem Anschauen ihres kunstreichen aber ab- sichtloscn Gebrauches ihrer Mittel entspringet. Es ist wahr, mit dergleichen leidigen Nachahmungen sängt das Genie an, zu lernen; es sind seine Vorübungen; auch braucht es sie in großem Werken zu Füllungen, zu Richtpunkten unserer wärmcrn Theil- nchmung: allein mit der Anlage und Ausbildung seiner Haupt- charaktcre verbindet es weitere und größere Absichten; die Absicht uns zu unterrichten, was wir zu thun oder zu lassen haben; die Absicht uns mit den eigentlichen Merkmahlen des Guten und Bösen, des Anständigen und Lächerlichen bekannt zu machen; die Absicht nns jenes in allen seinen Verbindungen und Folgen als schön und als glücklich selbst im Unglücke, dieses hingegen als häßlich und unglücklich selbst im Glücke, zu zeigen; die Absicht, bey Vorwürfen, wo keine unmittelbare Nachcifcrung, keine unmittelbare Abschreckung für uns Statt hat, wenigstens unsere Bcgchrungs- und Vcrabschcuungskräftc mit solchen Gegenständen zu beschäftigen, die es zu seyn verdienen, und diese Gegenstände jederzeit in ihr wahres Licht zu stellen, damit uns kein falscher Tag verführt, was wir begehren sollten zu verabscheuen, und was wir verabscheuen sollten zu begehren. Was ist nun von diesen allen in dem Charakter des Soli- manns, in dem Charakter der Rorclanc? Wie ich schon gesagt habe: Nichts. Aber von manchem ist gerade das Gegentheil darum; ein Paar Leute, die wir verachten sollten, wovon nns das eine Eckcl und das andere Unwille eigentlich erregen müßte, ein stumpfer Wollüstling, eine abgcfäumtc Buhlcrinn, werden lins mit so verführerischen Zügen, mit so lachenden Farben gc- Erfter Band. 155 schildert, daß es mich nicht wundern sollte, wen» mancher Cbc- mann sich daraus berechtiget zu seyn glaubte, seiner rechtschaffnen und so schönen als gefälligen Gattinn übcrdrüßig zu seyn, weil sie eine Elmirc und keine Roxclanc ist. Wenn Fehler, die wir adoptircn, unsere eigene Fehler sind, so haben die angeführten französischen Kuustrichtcr Recht, das; sie alle das Tadclhafte des Marmontclschcn Stoffes dem Favart mit zur Last legen. Dieser scheinet ihnen sogar dabey noch mehr gesundigct zu haben, als jener. „Die Wahrscheinlichkeit, sagen sie, auf die es vielleicht in einer Erzchlung so sehr nicht ankömmt, ist in einem dramatischen Stücke unumgänglich nöthig; und diese ist in dem gegenwärtigen ans das äußerste verletzet. Der große Solimann spielet eine sehr kleine Rolle, und es ist unangenehm, so einen Helden nur immer aus so einem Gesichtspunkte zu betrachten. Der Charakter eines Sultans ist noch mehr verunstaltet; da ist auch nicht ein Schatten von der unumschränkten Gewalt, vor der alles sich schmiegen muß. Man hätte diese Gewalt wohl lindern können; nur ganz vertilgen hätte man sie nicht müssen. Der Charakter der Roxelanc hat wegen seines Spiels gefallen; aber wenn die Ucbcrlegung darüber kömmt, wie sieht es dann mit ihm aus? Ist ihre Rolle im geringsten wahrscheinlich? Sie spricht mit dem Sultan, wie mit einem Pariser Bürger; sie tadelt alle seine Gebräuche; sie widerspricht in allen seinem Geschmacke, und sagt ihm sehr harte, nicht selten sehr beleidigende Dinge. Vielleicht zwar hätte sie das alles sagen können; wenn sie es nur mit gemessener» Ausdrücken gesagt hätte. Aber wer kann es aushalten, den großen Solimann von einer jungen Landstrcichcrinn so Hofmeistern zu hören? Er soll sogar die Kunst zu regieren von ihr lernen. Der Zug mit dem verschmähten Schnupftuche ist hart; und der mit der weggeworfenen Tabackspfeife ganz unerträglich." Fünf und dreyßigftes Stück. Den 28sten August, 17K7. Der letztere Zug, muß man wissen, gehört dem Favart ganz allein; Marmontcl hat sich ihn nicht erlaubt. Auch ist der erstere bey diesem feiner, als bey jenem. Denn beym Favart jZK H.nnburgische Tr.i»i>Unrgie. giebt Rorclane daS Tuch, welches der Sultan ihr gegeben, weg; sie scheinet es der Dclia lieber zu gönnen, als sich selbst; sie scheinet es zu verschmähen: das ist Beleidigung. Beym Mar- montcl hingegen läßt sich Rorclane das Tuch von dem Sultan geben, und giebt es der Dclia in seinem Namen; sie beuget damit einer Gunstbezeigung nur vor, die sie selbst noch nicht anzunehmen Willens ist, und das mit der uneigennützigsten, gutherzigsten Mine: der Sultan kann sich über nichts beschweren, als daß sie seine Gesinnungen so schlecht erräth, oder nicht besser errathen will. Ohne Zweifel glaubte Favart durch dergleichen Überladungen das Spiel der Rorclane noch lebhafter zu machen; die Anlage zu Impertinenzen sahe er einmal gemacht, und eine mehr oder weniger konnte ihm nichts verschlagen, besonders wenn er die Wendung in Gedanken hatte, die er am Ende mit dieser Person nehmen wollte. Denn ohngcachtct, daß seine Rorclane noch unbcdachtsamcrc Streiche macht, noch plumpern Muthwil- lcn treibet, so hat er sie dennoch zu einem bessern und cdlern Charakter zu machen gewußt, als wir in Marmontcls Rorclane erkennen. Und wie das? warum das? Eben auf diese Veränderung wollte ich oben (°) kommen; und mich dünkt, sie ist so glücklich und vorthcilhaft, daß sie von den Franzosen bemerkt und ihrem Urheber angerechnet zu werden verdient hätte. Marmontcls Rorclane ist wirklich, was sie scheinet, ein kleines närrisches, vcrmcsscncs Ding, dessen Glück es ist, daß der Sultan Geschmack an ihm gefunden, und das die Kunst versteht, diesen Geschmack durch Hunger immer gieriger zu machen, und ihn nicht eher zu befriedigen, als bis sie ihren Zweck erreicht hat. Hinter Favarts Rorclane hingegen steckt mehr, sie scheinet die kcckc Buhlcrinn mehr gespielt zu haben, als zu seyn, durch ihre Dreistigkeiten den Sultan mehr auf die Probe gestellt, als scinc Schwäche gemißbraucht zu haben. Denn kaum hat sie den Sultan dahin gebracht, wo sie ihn haben will, kaum erkennt sie, daß seine Liebe ohne Grenzen ist, als sie gleichsam (°) S. 149. Erster B.md. t57 die Larve abnimmt, und ihm eine Erklärung thut, die zwar ein wenig unvorbereitet kömmt, aber ein Licht ans ihre vorige Aufführung wirft, durch welches wir ganz mit ihr ausgesöhnet werden. „Nun kenn ich dich, Sultan; ich habe deine Seele, bis in ihre geheimste Triebfedern, erforscht; cS ist eine edle, große Seele, ganz den Empfindungen der Ehre offen. So viel Tugend entzückt mich! Aber lerne nun auch, mich kennen. Ich liebe dich, Solimann; ich muß dich wohl lieben! Nimm alle deine Rechte, nimm meine Freiheit zurück; sey mein Sultan, mein Held, mein Gcbicthcr! Zch würde dir sonst sehr eitel, sehr ungerecht scheinen müssen. Nein, thue nichts, als was dich dein Gesetz zu thun berechtiget. Es giebt Vorurthcilc, denen man Achtung schuldig ist. Zch verlange einen Liebhaber, der meinetwegen nicht erröthcn darf; sich hier in Rorclancn — nichts, als deine untcrthänigc Sklavinn. So sagt sie, und uns wird auf einmal ganz anders; die Eoaucttc verschwindet, und ein liebes, eben so vernünftiges als drolligtcs Mädchen steht vor uns; Solimann höret auf, uns verächtlich zu scheinen, denn diese bessere Rorelanc ist seiner Liebe würdig; wir fangen sogar i» dem Augenblicke an zu fürchten, er möchte die nicht genug lieben, die cr uns zuvor viel zu sehr zu lieben schien, er möchte sie bey ihrem Worte fassen, der Licbhabcr möchte den Despoten wieder annehmen, sobald sich die Liebhabcrinn in die Sklavinn schickt, eine kalte Danksagung, daß sie ihn noch zu rechter Zeit von einem so bedenklichen Schritte zurück halten wollen, möchte an- (°) SuIIan, ^»i penetre lon ame; >I'en ai clemelu leu reslorls. LUe ett grs»Se, eile ett Kere, <^ I» gloire 1'eiilwme, r-inl >Ie vertus excilent mes trsnlporls. ^ Ion lour, tu v«s we comwitre: ^e l'sime, Soliw»a; mais In merile, kepreixl-i le» ilroil-j, reprenä» m» Iwerle; So!» inoii Liilliiii, ine» Ileroii <^ luon i>lailre> ?u we soiixeoonerui!, (I'ii^usle vsnile. Vs, »e 5»i» rie», yue I» loi »'»utorise; II ett >Ie« prHuxe» I«i! p»i»l Ir-tliir, t)l ^e veux »n .Vm»»i, >iui n'-iU pvinl » r»ung sagt von der Sonne, es wäre Sünde in den Heiden gewesen, sie nicht anzubeten. Wenn Sinn in dieser Hyperbel liegt, so ist es dieser: der Glanz, die Herrlichkeit der Sonne ist so groß, so überschwenglich, daß es dem rohcrn Menschen zu verzeihen, daß eS sehr natürlich war, wenn er sich keine größere Herrlichkeit, keinen Glanz denken konnte, von dem jener nur ein Abglanz scu, wenn er sich also in der Bewunderung der Sonne so sehr vcrlohr, daß er an den Schöpfer der Sonne nicht dachte. Ich vermuthe, die wahre Ursache, warum wir so wenig Zuver- läßigcs von der Person und den Lcbcnsumständen des Homers wissen, ist die Vortrcfflichkcit seiner Gedichte selbst. Wir stehen voller Erstaunen an dem breiten rauschenden Flusse, ohne an seine Quelle im Gebirge zu denken. Wir wollen es Nichtwissen, wir finden unsere Rechnung dabey, es zu vergessen, daß Homer, der 11« 104 Hamburgische Dramaturgie. Schulmeistcr in Smyrna, Homer, der blinde Bettler, eben der Homer ist, welcher uns in seinen Werken so entzücket. Er bringt nns nntcr Götter lind Helden; wir müßten in dieser Gesellschaft viel Langeweile haben, um uns nach dem Thürstcher so genau zu erkundigen, der uns hereingelassen. Die Täuschung muß sehr schwach seyn, man muß wenig Natur, aber desto mehr Künstelet) empfinden, wenn man so neugierig nach dem Künstler ist. So wenig schmeichelhaft also im Grunde für einen Mann von Genie das Verlangen des Publikums, ihn von Person zu kennen, seyn müßte: (und was hat er dabey auch wirklich vor dem ersten dem besten Murmclthicre voraus, welches der Pöbel gesehen zu habe», eben so begierig ist?) so wohl scheinet sich doch die Eitelkeit der französischen Dichter dabey befunden zu haben. Den» da das Pariser Parterr sahe, wie leicht ein Voltaire in diese Falle zu locken sey, wie zahm und geschmeidig so ein Mann durch zivcydcutigc Earcsscn werden könne: so machte es sich dieses Vergnügen öftrer, und selten ward nachher ein neues Stück aufgeführt, dessen Verfasser nicht gleichfalls hervor mußte, und auch ganz gern hervor kam. Von Voltairen bis zum Marmon- tcl, und vom Marmontcl bis tief herab zum Cordicr, haben fast alle an diesem Pranger gestanden. Wie manches Armcsün- dcrgcsichtc muß darunter gewesen seyn! Der Posse gicng endlich so weit, daß sich die Ernsthaftcrn von der Nation selbst darüber ärgerten. Der sinnreiche Einfall des weisen Polichinell ist bekannt. Und nur erst ganz neulich war ein junger Dichter kühn genug, das Parterr vergebens nach sich rufen zu lassen. Er erschien durchaus nicht; sein Stück war mittelmäßig, aber dieses sein Betragen desto braver und rühmlicher. Ich wollte durch mein Beispiel einen solchen Ucbclstand lieber abgcschaft, als durch zehn Mcropcn ihn veranlaßt haben. Sieben und dreyßkgstes Stück. Den 4tc» September, 1767. Ich habe gesagt, daß Voltaircns Mcrope durch die Mcrope des Maffci veranlasset worden. Aber veranlasset, sagt wohl zu wenig: denn jene ist ganz aus dieser entstanden; Fabel und Plan Erster Band. 165 und Sitten gehören dem Maffei; Voltaire würde ohne ihn gar keine, oder doch sicherlich eine ganz andere Mcrope geschrieben habe». Also, um die Copie des Franzosen richtig zu beurtheilen, müssen wir zuvörderst das Original des Italieners kennen lernen; und um das poetische Verdienst des letzten, gehörig zu schätzen, müssen wir vor allen Dingen einen Blick auf die historischen Facta werfen, auf die er seine Fabel gegründet hat. Maffei selbst fasset diese Facta, in der Zucignungsschrist seines Stückes, folgender Gestalt zusammen. „Daß, einige Zeit nach der Eroberung von Troja, als die Hcrakliden, d. >. die Nachkommen des Herkules, sich in Peloponncsus wieder festgesetzet, dem Kresphont das Mcsscnischc Gebiete durch das LooS zugefallen; daß die Gemahlinn dieses Kresphonts Mcrope ge- heisscn; daß Krcsphont, weil er dem Volke sich allzu günstig erwiesen, von den Mächtigern des Staats, mit sammt seinen Söhnen umgebracht worden, den jüngsten ausgenommen, welcher auswärts bey einem Anverwandten seiner Mutter erzogen ward; daß dieser jüngste Sohn, Namens Aepytus, als er erwachsen, durch Hülfe der Arkadcr und Doricr, sich des väterlichen Reiches wieder bemächtiget, und den Tod seines Vaters an dessen Mördern gerächct habe: dieses crzchlcr Pausanias. Daß, nachdem Kresphont mit seinen zwey Söhnen umgebracht worden, Polyphont, welcher gleichfalls aus dem Geschlechte der Herakliden war, die Regierung an sich gerissen; daß dieser die Merovc gezwungen, seine Gemahlinn zu werden; daß der dritte Sohn, den die Mutter in Sicherheit bringen lassen, den Tyrannen nachher umgebracht und das Reich wieder erobert habe: dieses berichtet Apollodorus. Daß Mcrope selbst den geflüchtc- ten Sohn unbekannter Weise tödten wollcn; daß sie aber noch in dem Augenblicke von einem alten Diener daran verhindert worden, welcher ihr entdeckt, daß der, den sie für den Mörder ihres Sohnes halte, ihr Sohn selbst sey; daß der nun erkannte Sohn bey einem Opfer Gelegenheit gefunden, den Polyphout hinzurichten: dieses meldet Hyginus, bey dem Acpytus abcr dcn Namcn Telcphontcs führet." Es wäre zu verwundern, wenn cinc solche Geschichte, die so besondere Glückswechsel und Erkennungen hat, nicht schon ,Z>l,.»' tkk Hauiburgischc Dramaturgie. von den alte» Tragicis wäre genutzt worden. Und was sollte sie nicht? Aristoteles, in seiner Dichtkunst, gedenkt eines Krcs- phontes, in welchem Mcropc ihren Sohn erkenne, eben da sie im Begriffe sey, ihn als den vermeinten Mörder ihres Sohnes umzubringen; und Plutarch, in seiner zweyten Abhandlung vom Flcischcsscn, zielet ohne Zweifel aus eben dieses Stück, (°) wenn er sich auf die Bewegung beruft, in welcher das ganze Theater gcrathe, indem Merope die Axt gegen ihren Sohn erhebet, und auf die Furcht, die jeden Zuschauer befalle, daß der Streich geschehen werde, ehe der alte Diener dazu kommen könne. Aristoteles erwähnet dieses Krcsphonts zwar ohne Namen des Verfassers; da wir aber, bey dem Cicero und mchrcrn Alten, einen Krcsphont des Euripides angezogen finden, so wird er wohl kein anderes, als das Werk dieses Dichters gemcinct haben. Der Pater Tourncminc sagt in dem obgedachtcn Briefe: „Aristoteles, dieser weise Gesetzgeber des Theaters, hat die ,Fabel der Merope in die erste Klasse der tragischen Fabeln ge- ,, setzt (a mis ov l'irjet au promior rsnF clvs ktijvts traZiiZuos.) „Euripides hatte sie behandelt, und Aristoteles meldet, daß, so „oft der Krcsphont des Euripides auf dem Theater des witzi- „gen Athens vorgestellet worden, dieses an tragische Meister- „ stücke so gewöhnte Volk ganz ausscrordentlich.scy betroffen, „gerührt und entzückt worden." — Hübsche Phrascs, aber nicht viel Wahrheit! Der Pater irret sich in beiden Punkten. Bey dem letzter» hat er den Aristoteles mit dem Plutarch vermengt, und bey dem erster» de» Aristoteles nicht recht verstanden. Jenes ist eine Kleinigkeit, aber über dieses verlohnet es der Mühe, ein Paar Worte zu sagen, weil mehrere den Aristoteles eben so unrecht verstanden haben. Die Sache verhält sich, wie folget. Aristoteles untersucht, in dem vierzehnten Kapitel seiner Dichtkunst, durch was cigent- , (°) Dieses vorausgesetzt, (wie man es denn wohl sicher voraussetze» kann, weil es bey den alte» Dichter» nicht gebräuchlich, u»d auch nicht erlaubt war, einander solche eigene Situationen abzustehlen,) würde sich au der angezogenen Stelle des Plutarchs ein Fragment des Euripides finden, welches Zosna Barnes nicht mitgenommen halte, und ei» neuer Herausgeber des Dichters nutze» köunic. Erster Band. 167 lich für Begebenheiten Schrecke» lind Mitleid erreget werde. Alle Begebenheiten, sagt er, müssen entweder unter Freunden, oder unter Feinden, oder unter gleichgültigen Personen vorgehen. Wenn ein Feind seinen Feind tödtct, so erweckt weder der Anschlag noch die Ausführung der That sonst weiter ciingcs Mitleid, als das allgemeine, welches mit dem Anblicke des Schmerzlichen und Verderblichen überhaupt, verbunden ist. Und so ist cS auch bey gleichgültigen Personen. Folglich müssen die tragischen Begebenheiten sich unter Freunden eräugnen; ein Bruder muß den Bruder, ein Sohn den Vater, eine Mutter den Sohn, ein Sohn die Mutter todten, oder todten wollen, oder sonst auf eine empfindliche Weise mißHandel», oder mißhandeln wollen. Dieses aber ka»» entweder mit, oder ohne Wissen und Vorbedacht geschehen; und da die That entweder vollführt oder nicht vollführt werden muß: so einstehe» daraus vier Klasse» vo» Begebenheiten, welche den Absichten des Trauerspiels mehr oder weniger entsprechen. Die erste: wenn die That wissentlich mit völliger Kenntniß der Person, gegen welche sie vollzöge« werde» soll, unternommen, aber nicht vollzöge» wird. Die zweyte: wenn sie wissentlich uuternommc», uud wirklich vollzogen wird. Die dritte: wen» die That unwissend, ohne Kenntniß des Gegenstandes, unternommen und vollzogen wird, und der Thäter die Person, an der er sie vollzogen, zu spät kennen lernet. Die vierte: wenn die unwissend unternommene That nicht zur Vollziehung gelangt, indem die darein verwickelte» Personen einander noch zur rechten Zeit erkenne». Von diese» vier Klasse» giebt Aristoteles der letzter» den Vorzug; und da er die Haud- lung der Merope, in dem Krcsphont, davon zuni Beyspiele anführet: so haben Tournemine, und andere, dieses so angenommen, als ob er dadurch die Fabel dieses Trauerspiels überhaupt von der vollkommensten Gattung tragischer Fabeln zu seyn erkläre. Zndcß sagt doch Aristoteles kurz zuvor, daß eine gute tragische Fabel sich nicht glücklich, sondern unglücklich enden müsse. Wie kann dieses beides bey einander bestehen? Sie soll sich unglücklich enden, und gleichwohl läuft die Begebenheit, welche er nach jener Klassification allen andern tragischen Bcgebcichei- 168 Hamburgische Dramaturgie. ten vorziehet, glücklich ab. Widerspricht sich nicht also der große Kunstrichtcr offenbar? Mctorius, sagt Dacier, sey der einzige, welcher diese Schwierigkeit gesehen; aber da er nicht verstanden, was Aristoteles eigentlich in dem ganzen vierzehnten Kapitel gewollt: so habe er anch nicht einmal den geringsten Versuch gewagt, sie zu heben. Aristoteles, meinet Dacier, rede dort gar nicht von der Fabel überhaupt, sondern wolle nur lehren, auf wie mancherley Art der Dichter tragische Begebenheiten behandeln könne, ohne das Wesentliche, was die Geschichte davon meldet, zu verändern, und welche von diesen Arten die beste sey. Wenn z. E. die Ermordung der Klytemncstra durch den Orest, der Inhalt des Stückes seyn sollte, so zeige sich, nach dein Aristoteles, ein vierfacher Plan, diesen Stoff zu bearbeiten, nehmlich entweder als eine Begebenheit der crstcrn, oder der zweyten, oder der dritten, oder der vierten Klasse; der Dichter müsse nun überlegen, welcher hier der schicklichste und beste sey. Diese Ermordung als eine Begebenheit der crstcrn Klasse zu behandeln, finde darum nicht Statt: weil sie nach der Historie wirklich geschehen müsse, und durch den Orest geschehen müsse. Nach der zweyten, darum nicht: weil sie zu gräßlich sey. Nach der vierten, darum nicht: weil Klytemncstra dadurch abermals gerettet würde, die doch durchaus nicht gerettet werden solle. Folglich bleibe ihm nichts, als die dritte Klasse übrig. Die dritte! Aber Aristoteles giebt ja der vierten den Vorzug; und nicht blos in einzeln Fällen, nach Maasgcbung der Umstände, sondern überhaupt. Der ehrliche Dacier macht es öftrer so: Aristoteles behält bey ihm Recht, nicht weil er Recht hat, sondern weil er Aristoteles ist. Zudem er auf der einen Seite eine Blöße von ihm zu decke« glaubt, macht er ihm auf einer andern eine eben so schlimme. Wenn nun der Gegner die Besonnenheit hat, anstatt nach jener, in diese zu stosscu: so ist cs ja doch um dic Untrüglichkcit scincs Alten geschehen, an der ihm, im Grunde, noch mehr als an der Wahrheit selbst zu liegen scheinet. Wenn so viel auf dic Uebereinstimmung der Geschichte ankömmt, wenn dcr Dichter allgemein bekannte Dinge aus ihr, zwar lindern, aber nie gänzlich verändern darf: wird erster Band. 1K9 es unter diesen nicht auch solche geben, die durchaus nach dem ersten oder zweyten Plane behandelt werden müssen? Die Ermordung der Klytcmncstra müßte eigentlich nach dem zweyten vorgestellet werden; denn Orestes hat sie wissentlich und vorsctz- lich vollzogen: der Dichter aber kann den dritten wählen, weil dieser tragischer ist, und der Geschichte doch nicht geradezu widerspricht. Gut, es sey so: aber z. E. Mcdca, die ihre Kinder ermordet? Welchen Plan kann hier der Dichter anders einschlagen, als den zweyten ? Denn sie muß sie umbringen, und sie muß sie wissentlich umbringen; beides ist aus der Geschichte gleich allgemein bekannt. Was für eine Rangordnung kann also unter diesen Planen Statt finden? Der in einem Falle der vorzüglichste ist, kömmt in einem andern gar nicht in Betrachtung. Oder um den Dacicr noch mehr einzutreiben: so mache man die Anwendung, nicht auf historische, sondern auf blos erdichtete Begebenheiten. Gesetzt, die Ermordung der Klytcmncstra wäre von dicscr letztem Art, und es hätte dem Dichter frey gestanden, sie vollziehen oder nicht vollziehen zu lassen, sie mit oder ohne völlige Kenntniß vollziehen zu lassen. Welchen Plan hätte er dann wählen müssen, lim eine so viel als möglich vollkommene Tragödie daraus zu machen? Dacier sagt selbst: den vierten; denn wenn er ihm den dritten vorziehe, so geschähe es blos aus Achtung gegen die Geschichte. Den vierten also? Den also, welcher sich glücklich schließt? Aber die besten Tragödien, sagt eben der Aristoteles, der diesem vierten Plane den Vorzug vor allen ertheilet, sind ja die, welche sich unglücklich schliesscn? Und das ist ja eben der Widerspruch, den Dacier hcbcn wollte. Hat cr ihn dcnn also gehoben? Bestätiget hat er ihn vielmehr. Acht und drcyßigsteö Stück. Den 8tcn September, 17K7. Zch bin es auch nicht allein, dem die Auslegung des Dacier keine Genüge leistet. Unsern deutschen Ucbcrsctzcr der Aristotelischen Dichtkunst, (°) hat sie eben so wenig befriediget. Er (°) Herrn Curlius. S. 214, 170 Hamburgische Vramaiurgie. trägt seine Gründe dagegen vor, die zwar nicht eigentlich die Ausflucht des Datier bestreiken, aber ihn doch sonst erheblich genug dünken, um seinen Autor lieber gänzlich im Stiche zu lasse», als einen neuen Versuch zu wage», etwas zu retten, was nicht zu retten sey. „Ich überlasse, schließt er, einer tiefern „Einsicht, diese Schwierigkeiten zu hebe»; ich kann kein Licht „zu ihrer Erklärung finden, und scheinet mir wahrscheinlich, daß „unser Philosoph dieses Kapitel nicht mit seiner gewöhnlichen „Vorsicht durchgcdacht habe." Ich bekenne, daß mir dieses nicht sehr wahrscheinlich scheinet. Eines offenbaren Widerspruchs macht sich ein Aristoteles nicht leicht schuldig. Wo ich dergleichen bey so einem Manne zu finden glaube, setze ich das größere Mißtrauen lieber in meinen, als in seinen Verstand. Zch verdoppele meine Aufmerksamkeit, ich überlese die Stelle zehnmal, und glaube nicht eher, daß er sich widersprochen, als bis ich aus dem ganzen Zusammenhange seines Systems ersehe, wie und wodurch er zu diesem Widersprüche verleitet worden. Finde ich nichts, was ihn dazu verleiten können, was ihm diesen Widerspruch gcwissermaaßcn unvermeidlich machen müssen, so bin ich überzeugt, daß er nur anscheinend ist. Denn sonst würde er dem Verfasser, der seine Materie so oft überdenken müssen, gewiß am ersten aufgefallen seyn, und nicht mir ungeübter»! Leser, der ich ihn zu meinem Unterrichte in die Hand iichmc. Zch bleibe also stehe», verfolge den Faden seiner Gedanken zurück, pondcrirc ein jedes Wort, und sage mir immer: Aristoteles kann irren, und hat oft gcir- rct; aber daß er hier etwas behaupte» sollte, wovon er aus der nächsten Seite gerade das Gegentheil behauptet, das kann Aristoteles nicht. Endlich findet sichs auch. Dock ohne weitere Umstände; hier ist die Erklärung, an welcher Herr Curtius verzweifelt. — Auf die Ehre einer tiefern Einsicht mache ich desfallS keinen Anspruch. Zch will mich mit der Ehre einer größcrn Bescheidenheit gegen einen Philosophen, wie Aristoteles, begnügen. Nichts empfiehlt Aristoteles dem tragischen Dichter mehr, als die gute Abfassung der Fabel; und nichts hat er ihm durch mehrere und feinere Bemerkungen zu erleichtern gesucht, als eben erster Band. 171 diese. Denn die Fabel ist es, die den Dichter vornehmlich zum Dichter macht: Sitten, Gesinnungen und Ausdruck werden zehnen gerathen, gegen einen, der in jener untadclhast und vortrefflich ist. Er erklärt aber die Fabel durch die Nachahmung einer Handlung, Tc?«^-^; und eine Handlung ist ihm eine Verknüpfung von Begebenheiten, o^i^x»--.-; ^«^>.«^u. Die Handlung ist das Ganze, die Begebenheiten sind die Theile dieses Ganzen: und so wie die Güte eines jeden Ganzen, auf der Güte seiner einzeln Theile und deren Verbindung beruhet, so ist auch die tragische Handlung mehr oder weniger vollkommen, nach dem die Begebenheiten, ans welchen sie bestehet, jede für sich und alle zusammen, den Absichten der Tragödie mehr oder weniger entsprechen. Nun bringt Aristoteles alle Begebenheiten, welche in der tragischen Handlung Statt haben können, unter drey Hauptstücke: des Glückswcchscls, ?r^t?rx^«c;z der Erkennung, «^'«^'uipto-^o^; und des Leidens, ?r«^oi^. Was er unter den beiden erstem versteht, zeigen die Worte genugsam; unter dem dritten aber faßt er alles zusammen, was den handelnden Personen verderbliches nnd schmerzliches wiedcrfahrcn kann; Tod, Wunden, Martern und dergleichen. Jene, der Glücks- wechscl und die Erkennung, sind das, wodurch sich die verwickelte Fabel, ^-.^o? Treir^x^xvo?, von der einfachen, «ir^!j>, unterscheidet; sie sind also keine wesentliche Stücke der Fabel; sie machen die Handlung nur mannichfalligcr, und dadurch schöner und interessanter; aber eine Handlung kann auch ohne sie ihre völlige Einheit nnd Rundung und Größe haben. Ohne das dritte hingegen läßt sich gar keine tragische Handlung denken; Arten des Leidens, ^«A-r,, muß jedes Trauerspiel habe», die Fabel desselben mag einfach oder verwickelt seyn; denn sie gehen geradezu auf die Absicht des Trauerspiels, auf die Erregung des Schreckens und Mitleids; dahingegen nicht jeder Glückswechsel, nicht jede Erkennung, sondern nur gewisse Arten derselben diese Absicht erreichen, sie in einem höher» Grade erreichen helfen, andere aber ihr mehr nachtheilig als vorthcilhaft sind. Indem mm Aristoteles, aus diesem Gesichtspunkte, die vcrschicd- ncn unter drey Hauptstückc gebrachten Theile der tragischen Handlung, jeden insbesondere betrachtet, und untersuchet, wcl- 172 Hamburgische Dramaturgie. chcS der beste Glückswcchscl, welches die beste Erkennung, welches die beste Behandlung des Leidens sey: so findet sich in Ansehung des erster», daß derjenige Gluckswechscl der beste, das ist, der fähigste, Schrecken lind Mitleid zu erwecken und zu befördern, sey, welcher aus dem Bessern in das Schlimmere geschieht; und in Ansehung der letztem, daß diejenige Behandlung des Leidens die beste in dem nehmlichen Verstände sey, wenn die Personen, unter welchen das Leiden bevorstehet, einander nicht kennen, aber in eben dem Augenblicke, da dieses Leiden zur Wirklichkeit gelangen soll, einander kennen lernen, so daß es dadurch unterbleibt. Und dieses soll sich widersprechen? Ich verstehe nicht, wo man die Gedanken haben muß, wenn man hier den geringsten Widerspruch findet. Der Philosoph redet von verschiedenen Theilen: warum soll denn das, was er von diesem Theile behauptet, auch von jenem gelten müssen? Ist denn die möglichste Vollkommenheit des einen, nothwendig auch die Vollkommenheit des andern? Oder ist die Vollkommenheit eines Theils auch die Vollkommenheit des Ganzen? Wenn der Glückswcch- sel und das, was Aristoteles unter dem Worte Leiden begreift, zwey verschiedene Dinge sind, wie sie es sind, warum soll sich nicht ganz etwas Verschiedenes von ihnen sagen lassen? Oder ist es unmöglich, daß ein Ganzes Theile von entgegen gesetzten Eigenschaften haben kann? Wo sagt Aristoteles, daß die beste Tragödie nichts als die Vorstellung einer Veränderung des Glückes in Unglück sey? Oder, wo sagt er, daß die beste Tragödie auf nichts, als auf die Erkennung dessen, hinauslaufen müsse, an dem eine grausam widernatürliche That verübet werden sollen? Er sagt weder das eine noch das andere von der Tragödie überhaupt, sondern jedes von einem besondern Theile derselben, welcher dem Ende mehr oder weniger nahe liegen, welcher auf den andern mehr oder weniger Einfluß, und auch wohl gar keinen, haben kann. Der Glückswcchscl kann sich mitten in dem Stücke cräugncn, und wenn er schon bis an das Ende fortdauert, so macht er doch nicht selbst, das Ende: so ist z. E. der Glückswcchscl im Oedip, dcr sich bcrcits zum Schlüsse des vierten Akts äußert, zu dem aber noch mancherley erster Band. 173 Leiden hinzukommen, mit welchen sich eigentlich das Stück schliesset. Gleichfalls kann das Leiden mitten in dem Stücke zur Vollziehung gelangen sollen, und in dem nehmlichen Augenblicke durch die Erkennung hintertrieben werden, so daß durch diese Erkennung das Stück nichts weniger als geendet ist; wie in der zweyten Zphigenia des Euripidcs, wo Orestes, auch schon in dem vierten Akte, von seiner Schwester, die ihn aufzuopfern im Begriffe ist, erkannt wird. Und wie vollkommen wohl jener tragischste Glückswcchscl mit der tragischsten Behandlung des Leidens sich in einer und eben derselben Fabel verbinden lasse, kann man an der Mcropc selbst zeigen. Sie hat die letztere; aber was hindert es, daß sie nicht auch die erstere haben könnte, wenn nehmlich Mcrope, nachdem sie ihren Sohn unter dem Dolche erkannt, durch ihre Beeifcrung, ihn nunmehr auch wider den Polyphont zu schützen, entweder ihr eigenes oder dieses geliebten Sohnes Verderben beförderte? Warum könnte sich dieses Stück nicht eben sowohl mit dem Untergänge der Mutter, als des Tyrannen schlicsscn? Warum sollte es einem Dichter nicht frey stehen können, um unser Mitleiden gegen eine so zärtliche Mutter auf das höchste zu treiben, sie durch ihre Zärtlichkeit selbst unglücklich werden zu lassen? Oder warum sollte es ihm nicht erlaubt seyn, den Sohn, den er der frommen Rache seiner Mutter entrissen, gleichwohl den Nachstellungen des Tyrannen unterliegen zu lassen? Würde eine solche Mcrope, in beiden Fällen, nicht wirklich die beiden Eigenschaften des besten Trauerspiels verbinden, die man bey dem Kunstlichter so widersprechend findet? Ich merke wohl, was das Mißverständnis; veranlasset haben kann. Man hat sich einen Glückswcchscl aus dem Bessern in das Schlimmere nicht ohne Leiden, und das durch die Erkennung verhinderte Leiden nicht ohne Glückswcchscl denken können. Gleichwohl kann bcidcs gar wohl ohne das andere seyn; nicht zu erwähnen, daß auch nicht bcidcs eben die nehmliche Person treffen muß, und wenn cs die nchmlichc Person trift, daß cbcn nicht bcidcs sich zu dcr nchmlichen Zcit eräugnen darf, sondern eines auf das andere folgen, eines durch das andere verursachet werden kann. Ohne dieses zu überlegen, hat man nur an solche 174 Hamburgische Dramaturgie. Fälle und Fabeln gedacht, in welchen beide Theile entweder zusammen fliesten, oder der eine den andern nothwendig ausschließt. Daß es dergleichen giebt, ist unstreitig. Aber ist der Kunstrichter deswegen zu tadeln, der seine Regeln in der möglichsten Allgemeinheit abfaßt, ohne sich um die Fälle zu bekümmern, in welchen seine allgemeinen Regeln in Eollision kommen, und eine Vollkommenheit der andern aufgeopfert werden muß? Setzet ihn eine solche Kollision mit sich selbst in Widerspruch? Er sagt: dieser Theil der Fabel, wenn er seine Vollkommenheit haben soll, muß von dieser Beschaffenheit seyn; jener von einer andern, und ein dritter wiederum von einer andern. Aber wo hat er gesagt, daß jede Fabel diese Theile alle nothwendig haben müsse? Genug für ihn, daß es Fabel» giebt, die sie alle habe» können. Wenn eure Fabel aus der Zahl dieser glücklichen nicht ist; wenn sie euch nur den besten Glückswechscl, oder nur die beste Behandlung des Leidens erlaubt: so untersuchet, bey welchem von beiden ihr am besten überhaupt fahren würdet, und wählet. Das ist es alles! Neun und dreißigstes Stück. Den Uten September, 17K7. Am Ende zwar mag sich Aristoteles widersprochen, oder nicht widersprochen haben; Tourneminc mag ihn recht verstanden, oder nicht recht verstanden haben: die Fabel der Merope ist weder in dem einen, noch in dem andern Falle, so schlechterdings für eine vollkommene tragische Fabel zu erkennen. Denn hat sich Aristoteles widersprochen, so behauptet er eben sowohl gerade das Gegentheil von ihr, und es muß erst untersucht werden, wo er das grössere Recht hat, ob dort oder hier. Hat er sich aber, nach meiner Erklärung, nicht widersprochen, so gilt das Gute, was er davon sagt, nicht von der ganzen Fabel, sondern nur von einem einzeln Theile derselben. Vielleicht war der Mißbrauch seines Ansehens bey dem Pater Tourneminc auch nur ein bloßer Zesuitcrkniff, um uns mit guter Art zu verstehen zu geben, daß eine so vollkommene Fabel von einem so großen Dichter, als Voltaire, bearbeitet, nothwendig ein Meisterstück werden müssen. erster Band. Doch Tournemine und Tourncmine — Ich fürchte, meine Leser werden fragen: „Wer ist denn dieser Tournemine? Wir „kennen keinen Tournemine." Denn viele dürften ihn wirklich nicht kennen; und manche dürften so fragen, weil sie ihn gar zu gut kennen; wie Montesquieu. (°) Sie belieben also, anstatt des Pater Tournemine, den Herrn von Voltaire selbst zu substituircn. Denn auch er sucht uns, von dem vcrlohrnen Stücke des Euripidcs, die nehmlichen irrigen Begriffe zu machen. Auch er sagt, daß Aristoteles in seiner unsterblichen Dichtkunst nicht anstehe, zu behaupten, daß die Erkennung der Mcropc und ihres Sohnes der interessanteste Augenblick der ganzen griechischen Bühne sey. Auch er sagt, daß Aristoteles diesem Loun clo l'u^utro den Vorzug vor allen andern ertheile. Und vom Plutarch versichert er uns gar, daß er dieses Stück des Euripidcs für das rührendste von allen Stücken desselben gehalten habc.("°) Dieses letztere ist nun gänzlich aus der Luft gegriffen. Denn Plutarch macht von dem Stücke, aus welchem er die Situation der Mcropc anführt, nicht einmal den Titel namhaft; er sagt wcdcr wie es heißt, noch wer der Verfasser desselben sey; geschweige, daß er es für das rührendste von allen Stücken des Euripidcs erkläre. Aristoteles soll nicht anstehen, zu behaupten, daß die Erkennung der Mcropc und ihres Sohnes der interessanteste Augenblick der ganzen griechischen Bühne sey! Welche Ausdrücke: nicht anstehen, zu behaupten! Welche Hyperbel: der interessanteste Augenblick der ganzen griechischen Bühne! Sollte man hieraus nicht schlicssen: Aristotclcs gche mit Fleiß alle interessante Augenblicke, welche ein Trauerspiel haben könne, durch, vergleiche einen mit dem andern, wiege die verschiedenen Beyspiele, die er (°) l.eltres lÄmiliere». (°°) drittele, Ssns l» pvölique immorlelle, ne kalünce i>»» » ilirv que I» rsconnvisfsnee äs Merope L Se so» elilient le inomeul le »w» inlereNÄnt >Ie loule I-» leene Krecque. II ilonnitil » ce raup >Ie 1'Iieslre I» prekerance lur lous le» »»Ire». l>I»l»rnue ilil q»e le» Kr«««, oe neuple li lsnsilile, fremisssient Sv crili»Is que le vieillilill, yui Uevitii ürreler le >>r»s lls »lerope, n'srriv-it i>s« »sseü-lul. stelle piece, qu'vn ^jousii ile k»n lem«, »K' aont il na»» rekle Ire« peu Se krsxmens, I»! psrilisssil I» plus loucdsiNe ile Iv»le« le« trilxellie» il'IZuriplde ck^c. I^e l I re » I»l r. lU a ffei. > V- . .' '^^i^?«^ »'' M> 176 Hambnrgischt Dramaturgie. von jedem insbesondere bey allen, oder wenigstens den vornehmsten Dichtern gefunden, unter einander ab, und thue endlich so dreist als sicher den Ausspruch für diesen Augenblick bey dem Euripidcs. Gleichwohl ist es nur eine einzelne Art von interessanten Augenblicken, wovon er ihn zum Beyspiele anführet; gleichwohl ist er nicht einmal das einzige Beyspiel von dieser Art. Denn Aristoteles fand ähnliche Beyspiele in der Zphige- nia, wo die Schwester den Bruder, und in der Helle, wo der Sohn die Mutter erkennet, eben da die erstem im Begriffe sind, sich gegen die andern zu vergehen. Das zweyte Beyspiel von der Zphigenia ist wirklich aus dem Euripidcs; und wenn, wie Dacicr vermuthet, auch die Helle ein Werk dieses Dichters gewesen: so wäre es doch sonderbar, daß Aristoteles alle drey Beyspiele von einer solchen glücklichen Erkennung gerade bey demjenigen Dichter gefunden hätte, der sich der unglücklichen Peripetie am meisten bediente. Warum zwar sonderbar? Wir haben ja gesehen, daß die eine die andere nicht ausschließt; und obschon in der Zphigenia die glückliche Erkennung auf die unglückliche Peripetie folgt, und das Stück überhaupt also glücklich sich endet: wer weiß, ob nicht in den beiden andern eine unglückliche Peripetie auf die glückliche Erkennung folgte, und sie also völlig in der Manier schlössen, durch die sich Euripidcs den Charakter des tragischsten von allen tragischen Dichtern verdiente? Mit der Mcrope, wie ich gezeigt, war es auf eine doppelte Art möglich; ob es aber wirklich geschehen, oder nicht geschehen, läßt sich aus den wenigen Fragmenten, die uns von dem Krcs- phontcs übrig sind, nicht schlicsscn. Sie enthalten nichts als Sittcnsprüche und moralische Gesinnungen, von spätern Schriftstellern gelegentlich Angezogen, nnd werfen nicht das geringste Licht auf die Ockonomic des Stückes. (") Aus dem einzigen, bey dem Polybius, welches eine Anrufung an die Göttinn des Friedens ist, scheinet zu erhellen, daß zu der Zeit, in welche die Handlung gefallen, die Ruhe in dem Messcnischcn Staate (°) Dasjenige, welches Dacicr anführct, (poeil<>ue ti'^rMote, ci,-,p. XV. Nom. 23.) ol'nc sich zu erinnern, wo er cs gclcscn, stehet bey dem Plutarch in der Abhandlung, Wic man scinc Fcindc nützc» sollc. erster Nand. 177 noch nicht wieder hergestellet gewesen; und aus ein Paar andern sollte man fast schlicsscn, daß die Ermordnng des Kresphontcs und seiner zwey ältern Söhne, entweder einen Theil der Handlung selbst ausgemacht habe, oder doch nur kurz vorhergegangen sey; welches beides sich mit der Erkennung des jünger» Sohnes, der erst verschiedene Zahrc nachher seinen Vater und seine Prüder zu rächen kam, nicht wohl zusammen reimet. Die größte Schwierigkeit aber macht mir der Titel selbst. Wenn diese Erkennung, wenn diese Rache des jünger» Sohnes der vornehiilstc Inhalt gewesen: wie konnte das Stück Kresphontcs heisscn? Kresphontcs war der Name dcs Vaters; der Sohn aber hicß nach einigen Aepytus, und nach andern Tclcvhontcs; vielleicht, daß jcncs der rechte, und dieses der angenommene Name war, den er in der Fremde führte, um unerkannt und vor den Nachstellungen dcs Polyphonts sicher zu bleiben. Der Vater muß längst todt scvn, wenn sich der Sohn dcs väterlichen Reiches wieder bemächtiget. Hat man jemals gehört, daß ein Trauerspiel nach einer Person benennet worden, die gar nicht darinn vorkömmt? Corneille nnd Dacicr haben sich geschwind über diese Schwierigkeit hinweg zu setzen gewußt, indem sie angenommen, daß der Sohn gleichfalls Krcsphont gchcisscn; (°) aber mit welcher Wahrscheinlichkeit? aus welchem Grunde? Wenn es indeß mit ciucr Entdeckung seine Nichtigkeit hat, mit der sich Maffci schmeichelte: so können wir den Plan dcs Kresphontcs ziemlich genau wissen. Er glaubte ihn nehmlich bey dem Hyginus, in der hundert und vier uud achtzigsten Fabel, gesunden zu haben. (") Denn er hält die Fabeln dcs Hy- . (°) kem»ri>ue SS. für le >!>>>!> re XV. cke I» I-vel, ,1'^Vii» Slere, <>ui v» liier lu» Ms, romme !»e><>>i«- vn luei ('respuottle >l'ie»Io io ll'.iver f-M», »ei »M'r« I» »'>«v«l!l 184 «I'Ixinv, I» >>u»Ie it iniu crellcre »>>rn >>»» e, eiu> I'.Vrl<»m^nlu Ui nle>!i»»'i>le I» Uj efs». Sovvienmi, clie »I prillio k«l>«r xli ocelii, io feci ^ii'l >» >- loie, mi i>i>i>arve su!>ilo »eil» me«>e, «Ilr» »»» essere le >>iü >Ii >i«>>>Ie I'gvole, ene gli ^Vrßomenli ilelle rrilizellie »ulicliei mi neceNiii >Ii eiu cul confroiUsine ilieune pvcUe con I« l'riixvllie, «Iie »»««rit »liki-lmo; e .in- pnnlo i» «zuesli xiorni, venulit » m»»o I'uUim» ediüivne «Ilxino, mi e sl.ilu c»ro Ui veilere in u» n»sso »dilottu, come 5u anclie ii Iteinesio lli >a> L-ssittgs Werk- VII. 12 Hamburgische Dramaturgie. ginus überhaupt, größten Theils für nichts, als für die Argumente alter Tragödien, welcher Meinung auch schon vor ihm Reincsius gewesen war; und empfiehlt daher den neuern Dichtern, lieber in diesem verfallenen Schachte nach alten tragischen Fabeln zu suchen, als sich neue zu erdichten. Der Rath ist nicht übel, und zu befolgen. Auch hat ihn mancher befolgt, ehe ihn Masse! noch gegeben, oder ohne zu wissen, daß er ihn gegeben. Herr Weiß hat den Stoff zu seinem Thycst aus dieser Grube geholt; und es wartet da noch mancher auf ein verständiges Auge. Nur möchte es nicht der größte, sondern vielleicht gerade der allerkleinstc Theil seyn, der in dieser Absicht von dem Werke des Hyginus zu nutzen. Es braucht auch darum gar nicht aus den Argumenten der alten Tragödien zusammen gesetzt zu seyn; es kann aus eben den Quellen, mittelbar oder unmittelbar, geflossen seyn, zu welchen die Tragödienschreibcr selbst ihre Zuflucht nahmen. Za, Hyginus, oder wer sonst die Compilation gemacht, scheinet selbst, die Tragödien als abgeleitete verdorbene Bäche betrachtet zu haben; indem er an verschiedenen Stellen das, was weiter nichts als die Glaubwürdigkeit eines tragischen Dichters vor sich hatte, ausdrücklich von der alten ächtern Tradition absondert. So crzehlt er, z. E. die Fabel von der Zno, und die Fabel von der Antiova, zuerst nach dieser, und darauf in einem besondern Abschnitte, nach der Behandlung des Euripides. Vierzigstes Stück. Den 46ten September, 1767. Damit will ich jedoch nicht sagen, daß, weil über der hundert und vier und achtzigsten Fabel der Name des Euripides svnllmenlo. vn» minier» e perü q»ekt» >Ii l'rsxicl ^rxomsnli, cne ke fasse s>»t» nol» »poeti, non »vrekbero penslo I»»Io in rinvenir soxgelli a lor k»»I»si»: io I» sconrir» lor« a"i >>u»n» voxli», nercnv ren>I»»o cal loro in- xexn« »II» nnslr» ei» ei», elie >Iera?.io»e quell' One- reu», »ncne I»l <>»»I l'üdliismo, cde ck» xli krullili non e sl»lo creiiolo: e qu»nlo »I üisc»r>I»r l»lvol>» >I»ßli »Ilri Slirittori «lelle s»volose Slorie, qnesl» »verlern?» ce ne »Ii2ione, wa cookornie i ?oeli m prunrio uso convertenüvle, le ave»n riiiolle. erster Band. nicht stchc, sie auch nicht aus dem Kresphont desselben könne gezogen seyn. Vielmehr bekenne ich, daß sie wirklich den Gang und die Verwickelung eines Trauerspieles hat; so daß, wenn sie keines gewesen ist, sie doch leicht eines werden könnte, und zwar eines, dessen Plan der alten Simplicität weit naher käme, als alle neuere Mcropcn. Man urtheile selbst: die Erzchlung des Hygiuus, die ich oben nur verkürzt angeführt, ist nach allen ihren Umständen folgende. Krcsphontcö war König von Mcsscnicn, und hatte mit seiner Gemahlinn Merope drey Söhne, als Polyphones einen Aufstand gegen ihn erregte, in welchem er, nebst seine» beiden ältesten Söhnen, das Leben vcrlohr. Polyphones bemächtigte sich hierauf des Reichs und der Hand der Merope, welche während dem Aufruhre Gelegenheit gefunden hatte, ihren dritten Sohn, Namens Telephones, zu einem Gastfrcunde in Actolicn in Sicherheit bringen zu lassen. Je mehr Telephones heranwuchs, desto unruhiger ward Polyphones. Er konnte sich nichts Gutes von ihm gewärtigen, und versprach also demjenigen eine große Belohnung, der ihn aus dem Wege räumen würde. Dieses erfuhr Telephones; und da er sich nunmehr fähig fühlte, seine Rache zu unternehmen, so machte er sich heimlich aus Actolicn weg, ging nach Mcsscnicn, kam zu dcm Tyrannen, sagte, daß er den Telephones umgebracht habe, und verlangte die von ihm dafür ausgesetzte Belohnung. Polyphones nahm ihn auf, und befahl, ihn so lange in seinem Pallaste zu bewirthen, bis er ihn weiter ausfragen könne. Telephones ward also in das Gastzimmer gebracht, wo er vor Müdigkeit einschlief. Indeß kam der alte Diener, welchen bisher Mutter und Sohn zu ihren wcchsclscitigcn Vothschaftcn gebraucht, weinend zu Mcropcn, und meldete ihr, daß Telephones aus Actolicn weg sey, ohne daß man wisse, wo er hingekommen. Sogleich eilet Merope, der es nicht unbekannt geblieben, wcßcn sich dcr angckommcnc Fremde rühme, mit einer Art nach dcm Gastzimmer, und hätte ihn im Schlafe unfehlbar umgebracht, wenn nicht der Alte, der ihr dahin nachgefolgt, den Sohn noch zur rechten Zeit erkannt, und die Mutter an dcr Frcvclthat verhindert hätte. Nunmehr machten bcidc gcmcinschafllichc 12 * W ^^MM W . 180 ^''aiiibnrjZischc Dramalurgic. Sache, lind Mcropc stellte sich gegen ihren Gemahl ruhig und versöhnt. Polyphontcs dünkte sich aller seiner Wunsche gewahret, und wollte den Göttern durch ein feierliches Opfer seinen Dank bezeigen. Als sie aber alle um den Altar versammelt waren, führte Tclcphontes den Streich, mit dem er das Opfcr- thier fallen zu wollen sich stellte, auf den König; der Turan» siel, und Tclcvhontes gelangte zu dem Besitze seines väterlichen Reiches. (°) Auch hatten, schon in dem scchszchnten Jahrhunderte, zwey italienische Dichter, Zoh. Bapt. Liviera und Pomponio Torclli, den Stoff zu ihren Trauerspielen, Krcsphont und Meropc, aus dieser Fabcl des Hyginus genommen, und waren sonach, wie Maffci meinet, in die Fußtapfcn des Euripidcs getreten, ohne es zu wissen. Doch dieser Ueberzeugung ohngcachtct, wollte (°) I» der 184stcn Fabel des Hvginus, aus welcher obige Erzcblnng genommen, sind offenbar Begebenheiten in einander geflossen, die nicht die geringste Verbindung nntcr sich haben. Sie sangt an mit dem Schicksale des Pcnthcns und der Agave, und endet sich mit der Geschichte der Mcropc. Ich kann gar nicht bcgrcifcn, wie die Herausgeber diese Verwirrung nnangc- mcrkt lassen können> es wäre denn, daß sie sich blos in dcrjenigcn Ausgabe, welche ich vor mir habe, (.so-umis seix-sseri, ilumbur?! t674) befände. Diese Untersuchung überlasse ich dem, der die Mittel dazu bcv der Hand hat. Genug, daß hier, bcv mir, die 484stc Fabcl mit dcn Worten, -lu-cm l.icoterfe» vxceM, aus scvn muß. Das übrige macht entweder eine besondere Fabel, von drr die Anfangswortc vcrlohrcn grgangcn; vdcr gchörct, welches mir das wahrscheinlichste ist, zu der 137stcn, so daß, beides mit einander verbunden, ich die ganze Fabel von der Mcropc, man mag sie nun zn dcr 137stcn odcr zu dcr t81sien machen wollcn, folgcndcrmaaßen zusammenlesen würde. Es versieht sich, daß in der letzter» die Worte, eum ciu-t ?<>iv>ii>oi>tvs, ooois» <'i->-siii>o»tt!, I'exnnm occ»>,!tvit, als eine unnöihigc Wiederholung, mit sammt dem darauf folgende» eju-s, welches auch so schon übcrslußig ist, wegfallen müßte. I>nl5l>Ix»N«!, Nlesseni»: rex, l^respliontem ^rikiom»cl>i filium e»»i in- terki i iss« t, c^iiü ii»i«?n»m Zlerapem »xorem pokledil, ?ili»m »iitem i»f!inl> i» I>I>>r»,,e mnlei-, qiiem ex Orekiilw»!» Iiillielist, »vseoiike i»I No^ii- lcni i» .Vclutlum »uiiuliivil, Ilunc?u>>i>I>o»l«!t! maxinüt cmn ii»Iuklri.i »r»,»iin>! pvlliculiiitur, li qui« ein» necüssel. «Zui >>»s>l,»!lm »>I >»>>>erem !«>!llei» venil, cA>>i> ennllluim, »l exe^ k,!lli»i» morli'm, venit »ck rexem ?ol^i>lw,»em, »nrum pelltum, ilieei»! se l^re5>>I>»»!l?! iiilerkeeisse kilinm ex eiim ^»slll i» I>oti,nio mauere. »I .impliiiü >Ie eo nerciiiirerel. Yni e»m per Int- «lLiior-?.. Erster Band. 181 Maffci selbst, sein Werk so wenig zu einer bloßen Divination über den Euripidcs machen, und den vcrlohrncn Krcsphont in seiner Mcrope wieder aufleben lassen, daß er vielmehr mit Fleiß von vcrschicdncn Hauptzügcn dieses vermeintlichen Euripidischcn Planes abging, und nur die einzige Situation, die ihn vornehmlich darinn gerührt hatte, in aller ihrer Ausdehnung zu nutzen suchte. Die Mutter nehmlich, die ihren Sohn so feurig liebte, daß sie sich an dem Mörder desselben mit eigner Hand rächen wollte, brachte ihn auf den Gedanken, die mütterliche Zärtlichkeit überhaupt zu schildern, und mit Ausschlicssung aller andern Liebe, durch diese einzige reine und tugendhafte Leidenschaft sein ganzes Stück zu beleben. Was dieser Absicht also nicht vollkommen zusprach, ward verändert; welches besonders die Umstände von Mcropcns zweyter Vcrhcyralhung und von des Sohnes auswärtiger Erziehung treffen mußte. Mcrope mußte nicht die Gemahlinn des Polyphonts seyn; denn es schien dem Dichter mit der Gewissenhaftigkeit einer so frommen Mutter zu streiten, sich den Umarmungen eines zweyten Mannes überlassen zu haben, in dem sie den Mörder ihres ersten kannte, und dessen eigene Erhaltung es erforderte, sich durchaus von allen, welche nähere Ansprüche auf den Thron haben könnten, zu befrcyen. Der Sohn mußte nicht bey einem vornehmen Gastfrcunde seines väterlichen Hauses, in aller Sicherheit und Gemächlichkeit, in der völligen Kenntniß seines Standes und seiner Bestimmung, erzogen seyn: denn die mütterliche Liebe erkaltet natürlicher Weise, wenn sie nicht durch die beständigen Vorstellungen des Ungemachs, der immer neuen Gefahren, in welche ihr abwesender Gegenstand gerathen kann, gercitzct und angestrenget wi'.d. Er mußte nicht in der ausdrückliche» Ab- silinUuem onüormissel, scnex l>»i inler mslrei» sUium iolernuiieiu» er»I, Neu» ail Meropem venit, »exaiiü «um s>>ull uuspUem esse, nee eomn»reru> Nlerope creUenü eum esse Mii sui iiilerseclerei», u,'M senex cuLiwvil, «k" mslrem » seelere relrsxU. AIvrl>>ie >>ns>>>u»»i invenit, »ee»- sieiiem si>ii UitU»» esse, iil) iuimie» se »leiseenili, letlil eum >>>>«iUe i» xr»Ii»m. Nex I-etus eum rem Uiviiiilm fitcerel, I>(is>>e» sslsu Nmulsvil sv Iiollisiu vercuslitse, euiuijue iuierleeil, pitiriuuuiuu re^uuio suevlu» esl. Hambnrgischt Dramaturgie. ficht kommen, sich an dem Tyrannen zu rächen; er muß nicht' von Mcropen für den Mörder ihres Sohnes gehalten werden, weil er sich selbst dafür auszieht, sondern weil eine gewisse Verbindung von Zufällen diesen Verdacht auf ihn ziehet: denn kennt er seine Mutter, so ist ihre Verlegenheit bey der ersten mündlichen Erklärung aus, und ihr rührender Kummer, ihre zärtliche Verzweiflung hat nicht freyes Spiel genug. Und diesen Veränderungen zu Folge, kann man sich den Maffeischcn Plan ungefehr vorstellen. Polyphontcs regieret bereits fünfzehn Zahrc, und doch fühlet er sich auf dem Throne noch nicht befestiget genug. Denn das Volk ist noch immer dem Hause seines vorigen Königes zugethan, und rechnet auf den letzten geretteten Zweig desselben. Die Mißvergnügten zu beruhigen, fällt ihm ein, sich mit Mcropen zu verbinden. Er trägt ihr seine Hand an, unter dem Verwände einer wirklichen Liebe. Doch Merope weiset ihn mit diesem Verwände zu empfindlich ab; und nun sucht er durch Drohungen und Gewalt zu erlangen, wozu ihn seine Verstellung nicht verhelfen können. Eben dringt er am schärfcsten in sie; als ein Jüngling vor ihn gebracht wird, den man auf der Landstraße über einem Morde ergriffen hat. Aegisth, so nannte sich der Züngling, hatte nichts gethan, als sein eignes Leben gegen einen Räuber vertheidiget; sein Ansehen verräth so viel Adel und Unschuld, seine Rede so viel Wahrheit, daß Merope, die noch ausserdem eine gewisse Falte seines Mundes bemerkt, die ihr Gemahl mit ihm gemein hatte, bewogen wird, den König für ihn zu bitten; und der König begnadiget ihn. Doch gleich darauf vermißt Merope ihren jüngsten Sohn, den sie einem alten Diener, Namens Polydor, gleich nach dem Tode ihres Gemahls anvertrauet hatte, mit dem Befehle, ihn als sein eigenes Kind zu erziehen. Er hat den Alten, den er für seinen Vater hält, heimlich verlassen, um die Welt zu sehen; aber er ist nirgends wieder aufzufinden. Dem Herze einer Mutter ahnet immer das Schlimmste; auf der Landstraße ist jemand ermordet worden; wie, wenn es ihr Sohn gewesen wäre? So denkt sie, und wird in ihrer bange» Vermuthung durch verschiedene Umstände, durch die Bereitwilligkeit des Königs, den Mörder zu begnadigen, vornehm- Erster Band. 183 lich aber durch einen Ring bestärket, den man bey dem Acgisth gefunden, und von dem ihr gesagt wird, daß ihn AcgiSth dem Erschlagenen abgenommen habe. Es ist dieses der Siegelring ihres Gemahls, den sie dem Polydor mitgegeben hatte, um ihn ihrem Sohne einzuhändigen, wenn er erwachsen, und es Zeit seyn würde, ihm seinen Stand zu entdecken. Sogleich läßt sie den Jüngling, für den sie vorher selbst gebeten, an eine Säule binden, und will ihm das Herz mit eigner Hand durchstosse». Der Züngling erinnert sich in diesem Augenblicke seiner Acltcrn; ihm entfährt der Name Mcssenc; er gedenkt des Verbots seines Vaters, diesen Ort sorgfältig zu vermeiden; Merope verlangt hierüber Erklärung: indem kömmt der König dazu, und der Züngling wird befreyct. So nahe Merope der Erkennung ihres Irrthums war, so tief verfällt sie wiederum darein zurück, als sie siehet, wie höhnisch der König über ihre Verzweiflung trium- phirt. Nun ist Aegisth unfehlbar der Mörder ihres Sohnes, und nichts soll ihn vor ihrer Rache schützen. Sie erfährt mit einbrechender Nacht, daß er in dem Norsaalc sey, wo er eingeschlafen, und kömmt mit einer Axt, ihm den Kopf zu spalten; und schon hat sie die Axt zu dem Streiche erhoben, als ihr Polydor, der sich kurz zuvor in eben den Vorsaal cingcschlichen, und den schlafenden Aegisth erkannt hatte, in die Arme fällt. Acgisth erwacht und fliehet, und Polydor entdeckt Mcropcn ihren eigenen Sohn in dem vermeinten Mörder ihres Sohnes. Sie will ihm nach, und würde ihn leicht durch ihre stürmische Zärtlichkeit dem Tyrannen entdeckt haben, wenn sie der Alte nicht auch hiervon zurück gehalten hätte. Mit frühem Morgen soll ihre Vermählung mit dem Könige vollzogen werden; sie muß zu dem Altare, aber sie will eher sterben, als ihre Einwilligung ertheilen. Zndcß hat Polydor auch den Acgisth sich kennen gelehrt; Aegisth eilet in den Tempel, drcnget sich durch das Volk, und — das Ucbrigc wie bey dem Hyginus. Ein und vierzigstes Stück. Teil 18tcn September, 17K7. Je schlechter es, zu Anfange dieses Jahrhunderts, mit dem italienische» Theater überhaupt aussahe, desto größer war der 184 Haiiiburgische Dramaturgie. Beyfall und das Zujauchzen, womit die Meropc des Maffci aufgenommen wurde. ^edite liomaui koi^>wres, ccclito Liaü, I^etoio huijl maju» nitscitui' Ooili^oiie: schrie Leonardo Adami, der nur noch die ersten zwey Akte in Rom davon gesehen hatte. Zn Venedig ward 1714, das ganze Earncval hindurch, fast kein anderes Stück gespielt, als Meropc; die ganze Welt wollte die neue Tragödie sehen und wieder sehe»! und selbst die Opcrbühncn fanden sich darüber verlassen. Sie ward in einem Zahre viermal gedruckt; und in scchszchn Jahren (von 1714 —1730) sind mehr als dreyßig Ausgaben, in und außer Italien, zu Wien, zu Paris, zu London davon gemacht worden. Sie ward ins Französische, ins Englische, ins Deutsche übersetzt; und man hatte vor, sie mit allen diesen Ilcbcrsctzungcn zugleich drucken zn lassen. Ins Französische war sie bereits zwcymal übersetzt, als der Herr von Voltaire sich nochmals darüber machen wollte, um sie auch wirklich auf die französische Bühne zu bringen. Doch er fand bald, daß dieses durch eine eigentliche Ucbcrsctzung nicht geschehen könnte, wovon er die Ursachen in dem Schreiben an den Marquis, welches er nachher seiner eignen Meropc vorsetzte, nmständlich angicbt. „Dcr Ton, sagt cr, scy in der italienischen Mcrope viel zu naif und bürgerlich, und dcr Geschmack des französischen Par- tcrrs vicl zu scin, viel zu verzärtelt, als daß ihm die bloße simple Natur gefallen könne. Es wolle die Natur nicht anders als unter gewissen Zügen dcr Kunst sehen; und diese Züge müßten zu Paris weit anders als zu Ncrona seyn." Das ganze Schreiben ist mit dcr äußersten Politcsse abgefaßt; Maffci hat nirgends gcfchlt; alle seine Nachläßigkcitcn und Mängel werden auf die Rechnung seines Nationalgcschmacks geschrieben; es sind wohl noch gar Schönheiten, aber leider nur Schönheiten für Italien, ('»cwiß, man kann nicht höflicher kritisircn! Aber die verzweifelte Höflichkeit! Auch einem Franzosen wird sie gar bald zu Last, wenn seine Eitelkeit im geringsten dabey leider. Die Höflichkeit macht, daß wir liebenswürdig scheinen, aber nicht groß; und der Franzose will eben so groß, als liebenswürdig scheinen. erster Band. 185 Was folgt also auf die galante Zucignungsschrift des Hrn. von Voltaire? Ein Schreiben eines gewissen de la Lindclle, welcher dem guten Maffci eben so viel Grobheiten sagt, als ibm Voltaire Verbindliches gesagt hatte. Der Stil dieses dc la Lindclle ist ziemlich der Voltairischc Stil; es ist Schade, daß eine so gute Feder nicht mehr geschrieben hat, und übrigens so unbekannt geblieben ist. Doch Lindclle sey Voltaire, oder sey wirklich Lindclle: wer einen französischen Zanuskopf sehen will, der vorne auf dic einschmeichelndste Weise lächelt, und hinten die hämischsten Grimassen schneidet, der lese beide Briefe in einem Zuge. Ich möchte keinen geschrieben haben; am wenigsten aber beide. Aus Höflichkeit bleibet Voltaire disscits der Wahrheit stehen, und aus Ncrkleincrungssucht schweifet Lindclle bis jenseit derselben. Jener hätte frcymüthigcr, und dieser gerechter seyn müssen, wenn man nicht auf dcn Ncrdacht gcralhen solltc, daß der nchmlichc Schriftsteller sich hier unter eincm frcmdcn Namcn wieder einbringen wollen, was er sich dort unter seinem eigenen vergeben habe. Voltaire rechne es dem Marquis immer so hoch an, als er will, daß er einer der erstem unter dcn Ztalicncrn scv, welcher Muth und Kraft genug gehabt, eine Tragödie ohne Galanterie zu schreiben, in welcher dic ganze Intrigue auf der Liebe einer Mutter beruhe, und das zärtlichste Interesse aus der reinsten Tugend entspringe. Er beklage es, so sehr als ihm beliebt, daß dic falsche Dclicatcssc seiner Nation ihm nicht erlauben wollen, von den leichtesten natürlichsten Mitteln, welche die Umstände zur Verwicklung darbieten, von dcn unstudicrtcn wahren Reden, welche die Sache selbst in den Mund legt, Gebrauch zu machen. Das Pariser Partcrr hat unstreitig sehr Unrecht, wenn es seit dem königlichen Ringe, über dcn Voilcau in seinen Satiren spottet, durchaus von keinem Ringe auf dem Theater mehr hören will;(°) wenn es seine Dichter daher zwingt, lieber zu jedem andern, auch dem aller unschicklichsten Mittel der Erkennung seine Zuflucht zu nehmen, als zu einem Ringe, (°) n'a'i pu INI- sl-ivir,,>III»»0 5Ir. kliill'vi U'UII !>tt»>ii5ce «Iiit! üuvui» I'aiiiioini rv>!ll iloiil voill.au mv-iue ü»»« lvü liU^rvs, colil km- Iilvr-u> llov pctil lur iwtrv lUoiUro. 18k Hamburgische Dramaturgie. mit welchem doch die ganze Welt, zu allen Zeiten, eine Art von Erkennung, eine Art von Versicherung der Person, verbunden hat. Es hat sehr Unrecht, wenn es nicht will, daß ein junger Mensch, der sich für den Sohn gemeiner Acltern hält, und in dem Lande auf Abcnthcucr ganz allein herumschwcift, nachdem er einen Mord verübt, dem ohngcachlet nicht soll für eine» Räuber gehalten werden dürfen, weil es voraus sieht, daß er der Held des Stückes werden müssewenn es beleidiget wird, daß man einem solchen Menschen keinen kostbaren Ring zutrauen will, da doch kein Fähndrich in des Königs Armee sey, der nicht äo Iiolles Ni^es besitze. Das Pariser Partcrr, sage ich, hat in diesen und ähnlichen Fällen Unrecht: aber warum muß Voltaire auch in andern Fällen, wo es gewiß nicht Unrecht hat, dennoch lieber ihm, als dem Maffci Unrecht zu geben scheinen wollen? Wenn die französische Höflichkeit gegen Ausländer darinn besteht, daß man ihnen mich in solchen Stücken Recht giebt, wo sie sich schämen müßten, Recht zu haben, so weiß ich nicht, was beleidigender und einem sreycn Menschen unanständiger seyn kann, als diese französische Höflichkeit. Das Geschwätz, welches Maffci seinem alten Polydor von lustigen Hochzeiten, von prächtigen Krönungen, denen er vor diesen beygewohnt, in den Mund legt, und zu einer Zeit in den Mund legt, wenn das Interesse aufs höchste gestiegen und die Einbildungskraft der Zuschauer mit ganz andern Dingen beschäftiget ist: dieses Ncstorische, aber am unrechten Orte Ncstorische, Geschwätz, kann durch keine Verschiedenheit des Geschmacks unter verschiedenen cultivirten Völkern, entschuldiget werden; hier muß der Geschmack überall der nehmliche seyn, und der Italiener hat nicht seinen eignen, sondern hat gar keinen Geschmack, wenn er nicht eben sowohl dabey gähnet und darüber unwillig wird, als der Franzose. „Sie haben, sagt Voltaire zu dem Marquis, „in Ihrer Tragödie jene schöne „und rührende Ncrglcichung des Airgils: <)u!>Iis jivpule.1 moeiens l^liilowela 1ul> uinlii'i» ^miÜ'os hueritui' lvetus — — — (°) il usok-il-j IiaüsrSer >Iu k-iir,! iirxnilrv »» Iiero« >>oui uu voleur, >l>iui!leeiu inulier soi'inola luuvi'ue: aus der Höflichkeit wird pcrtMaZo, (ich brauche dieses französische Wort, weil wir Deutschen von der Sache nichts wissen) lind aus der perllMiiZo, dummer Stolz. Zwey und vierzigstes Stück. Den 22ste>i September, 1767. Es ist nicht zu leugnen, daß ein guter Theil der Fehler, welche Voltaire als Eigenthümlichkeiten des italienischen Geschmacks nur deswegen an seinem Vorgänger zu entschuldigen scheinet, um sie der italienischen Nation überhaupt zur Last zu lege», daß, sage ich, diese, und noch mehrere, und noch größere, sich in der Mcropc des Maffci befinden. Maffci hatte in seiner Jugend viel Neigung zur Poesie; er machte mit vieler Leichtigkeit vrstcr Band. 189 Verse, in allen vcrschicdncn Stilen der berühmtesten Dichter seines Landes: doch diese Neigung nnd diese Leichtigkeit beweisen für das eigentliche Genie, welches zur Tragödie crfodcrt wird, wenig oder nichts. Hernach legte er sich auf die Geschichte, auf Kritik und Alterthümer; und ich zweifle, ob diese Studien die rechte Nahrung für das tragische Genie sind. Er war unter Kirchenväter und Diplomen vergraben, und schrieb wider die Pfaffe und Basnagcn, als er, auf gesellschaftliche Veranlassung, seine Mcrope vor die Hand nahm, und sie in weniger als zwey Monaten zu Stande brachte. Wenn dieser Mann, unter solchen Beschäftigungen, in so kurzer Zeit, ein Meisterstück gemacht hätte, so müßte er der ausscrordcntlichstc Kopf gewesen seyn, oder eine Tragödie überhaupt ist ei.n sehr geringfügiges Ding. Was indeß ein Gelehrter, von gutem klassischen Geschmacke, der so etwas mehr sür eine Erholung als für eine Arbeit ansieht, die seiner würdig wäre, leisten kann, das leistete auch er. Seine Anlage ist gesuchter und ausgcdrcch- scltcr, als glücklich; seine Charaktere sind mehr nach den Zergliederungen des Moralisten, oder nach bekannten Vorbildern in Büchern, als nach dem Leben geschildert; sein Ausdruck zeigt von mehr Phantasie, als Gefühl; der Littcrator und der Vcr- sisicatcur läßt sich überall spüren, aber nur selten das Genie und der Dichter. Als Vcrsificatcur läuft er den Beschreibungen und Gleichnissen zu sehr nach. Er hat verschiedene ganz vortreffliche, wahre Gemählde, die in seinem Munde nicht genug bewundert werden könnten; aber in dem Munde seiner Personen unerträglich sind, und in die lächerlichsten Ungereimtheiten ausarten. So ist es, z. E. zwar sehr schicklich, daß Acgisth seinen Kampf mit dem Räuber, den er umgebracht, umständlich beschreibet, denn auf diesen Umständen beruhet seine Vertheidigung; daß er abcrauch, wenn er den Leichnam in den Fluß geworfen zu haben bekennet, alle, selbst die allcrklcinstcn Phänomcna mahlet, die den Fall eines schweren Körpers ins Wasser begleiten, wie er hinein schießt, mit welchem Geräusche er das Wasser zertheilet, das hoch in die Luft spritzet, und wie sich die Fluth wieder über IM Hambnrgische Dramaturgie. ihn zuschließt: (") das würde man auch nicht einmal einem kalten geschwätzigen Advokaten, der für ihn spräche, verzeihen, geschweige ihm selbst. Wer vor seinem Richter stehet, lind sein Leben zu vertheidigen hat, dem liegen andere Dinge am Herzen, als daß er in seiner Erzchlung so kindisch genau seyn könnte. Als Littcrator hat er zu viel Achtung für die Simplicität der alten griechischen Sitten, und für das Costumc bezeigt, mit welchem wir sie bey dem Homer und Eurivides geschildert finden, das aber allerdings um etwas, ich will nicht sagen veredelt, sondern unserm Costumc näher gebracht werden muß, wenn es der Rührung im Trauerspiele nicht mehr schädlich, als zuträglich seyn soll. Auch hat er zugeflisscndlich schöne Stellen aus den Alten nachzuahmen gesucht, ohne zu unterscheiden, aus was für einer Art von Werken er sie entlehnt, und in was für eine Art von Werken er sie überträgt. Nestor ist in der Epopce ein gesprächiger freundlicher Alte; aber der nach ihm gebildete Polydor wird in der Tragödie ein alter ecklcr Saal- badcr. Wenn Maffei dem vermeintlichen Plane des Euripides hätte folgen wollen: so würde uns der Littcraror vollends etwas zu lachen gemacht haben. Er hätte es sodann für seine Schuldigkeit geachtet, alle die kleinen Fragmente, die uns von dem Krcsphontcs übrig sind, zu nutzen, und seinem Werke getreulich einzuflechtcn. (") Wo er also geglaubt hätte, daß sie sich hinpaßten, hätte er sie als Pfähle aufgerichtet, nach welchen sich (°) ^tto l. 8,-. in. — — — — — — I» core pero mi venne Si I»nci»r nel kume II mono, o kemivivo; e con kalie» inulit' er» per riuloire, e >»»») >I» lerr», e i» lerr» rimiuiev» IIn» pol',/,» lli s»»i;ue: » lneiio il ponte porlailo in trella, Si vermigli» Nrilciü, Svmpro rix-iittlo il luol; quiiici cüllere Ool capo in xiü il wlcisi: piomliü, e xr»» lonko 8'uSl »ei profomlsrsi: in »IIu s»I5e I.o sprnziso, e I'onll» sopr» lui ki eliiuke. (°°) >vn essenäo >Iu»! slalo mio penliero >Ii le^nir I» l'rüMtli.'t d'knrinille, no» Iio cercalo per consoliueni?» >ii porre »eil» ini» izue' s,:n- timenli >Ii ess», cl>e son rimülli n»», e lä: nventlono Ir-ulotti c!i»iiie verN erster Band. der Weg seines Dialogs richten und schlingen müssen. Welcher pedantische Zwang! Und wozu? Sind es nicht diese Sittcn- spriiche, womit man seine Lücken füllet, so sind es andere. Dem ohngcachtet möchten sich wiederum Stellen sindcn, wo man wünschen dürfte, daß sich der Littcrator weniger vergessen hätte. Z. E. Nachdem die Erkennung vorgegangen, und Mc- rope einsieht, in welcher Gefahr sie zwcymal gewesen sey, ihren eignen Sohn umzubringen, so läßt er die Zsmcnc, voller Erstaunen ausrufen: „Welche wunderbare Begebenheit, wunderbarer, „als sie jemals auf einer Bühne erdichtet worden!" Lon ec»8i ttrani avverumenti uom korke IVon vicle mal kavoleAgiar le loene. Maffci hat sich nicht erinnert, daß die Geschichte seines Stücks in eine Zeit fällt, da noch an kein Theater gedacht war; in die Zeit vor dem Homer, dessen Gedichte den ersten Saamcn des Drama ausstreuten. Ich würde diese Unachtsamkeit niemanden als ihm aufmutzen, der sich in der Vorrede entschuldigen zu müssen glaubte, daß er den Namen Mcsscne zu einer Zeit brauche, da ohne Zweifel noch keine Stadt dieses Namens gewesen, weil Homer keiner erwähne. Ein Dichter kann es mit solchen Kleinigkeiten halten, wie er will: nur verlangt man, daß er sich immer gleich bleibet, und daß er sich nicht einmal über etwas Bedenken macht, worüber er ein andermal kühnlich weggeht; wenn man nicht glauben soll, daß er den Anstoß vielmehr aus Unwissenheit nicht gesehen, als nicht sehen wollen. Ucbcrhaupt würden mir die angeführten Zeilen nicht gefallen, wenn sie auch keinen Anachronismus enthielten. Der tragische Dichter sollte alles vermeiden, was die Zuschauer an ihre Illusion erinnern kann; denn sobald sie daran erinnert sind, so ist sie weg. Hier scheinet es zwar, als ob Maffei die Illusion eher noch bestärken wollen, indem er das Theater ausdrücklich außer dem Theater annehmen läßt; doch die bloßen Worte, Bühne und erdichten, sind der Sache schon nachtheilig, und bringen uns geraden Weges dahin, wovon sie uns abbringen sollen. Dem komischen Dichter ist es eher erlaubt, auf diese Weise seiner Vorstellung Licerone, e recnii Ire p»M plulsrco, e llue verki Velli», e »Icuni lrovsn- öolene sacor», ls l» memori» nvn m'ingsmia, r-roli» swlieu. 192 Vamburgische Dramaturgie. Vorstellungen entgegen zu setzen; denn unser Lachen zu erregen, braucht es des Grades der Täuschung nicht, den unser Mitleiden erfordert. Zch habe schon gesagt, wie hart dc la Lindcllc dem Maffci mitspielt. Nach seinem Urtheile hat Maffci sich mit dem begnügt, was ihm sein Stoff von selbst anbot, ohne die geringste Kunst dabey anzuwenden; sein Dialog ist ohne alle Wahrscheinlichkeit, ohne allen Anstand und Würde; da ist so viel Kleines und Kriechendes, das kaum in einem Posscnspiclc, in der Bude des Harlekins zu dulden wäre; alles wimmelt von Ungereimtheiten und Schulschnitzern. „Mit einem Worte, schließt er, das „Werk des Maffci enthält einen schönen Stoff, ist aber ein „sehr elendes Stück. Alle Welt kömmt in Paris darinn über- „cin, daß man die Vorstellung desselben nicht würde haben aushalten können; und in Italien selbst wird von verständigen „Leuten sehr wenig daraus gemacht. Vergebens hat der Verfasser auf seinen Reisen die elendesten Schriftsteller in Sold „genommen, seine Tragödie zu übersetzen; er konnte leichter „einen Ucbcrsctzcr bezahlen, als sein Stück verbessern." So wie es selten Komplimente giebt, ohne alle Lügen, so finden sich auch selten Grobheiten ohne alle Wahrheit. Lindcllc hat in viclcn Stücken widcr den Maffci Recht, und möchte er doch höflich oder grob seyn, wenn cr sich begnügte, ihn blos zu tadeln. Aber cr will ihn untcr die Füsse treten, vernichten, und gehet mit ihm so blind als treulos zu Werke. Er schämt sich nicht, offenbare Lügen zu sagen, augenscheinliche Verfälschungen zu begehen, um nur ein recht hämisches Gelächter aufschlagen zu können. Untcr drey Streichen, die cr thut, geht immer einer in die Luft, und von den andern zweyen, die scincn Ecgncr strcifcn odcr treffen, trift einer unfehlbar den zugleich mit, dem seine Klopsfcchtcrcy Platz machen soll, Voltaire» selbst. Voltaire scheinet dieses auch zum Theil gefühlt zu haben, und ist dahcr nicht saumsclig, in der Antwort an Lindcllc», den Maf- fci i» alle» dc» Stücke» zu vertheidige», i» welche» cr sich zugleich mit vertheidigen zu müssen glaubt. Dieser ganzen Cor- rcspondciiz mit sich selbst, dünkt mich, fehlt das interessanteste Stück; die Antwort des Maffci. Wcnn lins doch auch diese Erster Band. der Hr. von Voltaire hätte mittheilen wollen. Oder war sie etwa so nicht, wie er sie durch seine Schmeichele^ zu erschleichen hoftc? Nahm sich Maffci etwa die Freyheit, ihm hinwiederum die Eigenthümlichkeiten des französischen Geschmacks ins Licht zu stellen? ihm zu zeigen, warum die französische Mcrope eben so wenig in Italien, als die italienische in Frankreich gefallen könne? — Drey und vicrzigstcs Stück. Den 26stcii Tcptcmbcr, 1767. So etwas laßt sich vermuthen. Doch ich will lieber beweisen, was ich selbst gesagt habe, als vermuthen, was andere gesagt haben könnten. Lindern, vors erste, ließe sich der Tadel des Lindcllc fast in allen Punkten. Wenn Maffci gefehlt hat, so hat er doch nicht immer so plump gefehlt, als uns Lindcllc will glauben machen. Er sagt z. E., Acgisth, wenn ihn Mcrope iiunmchr erstechen wolle, rufe aus: O mein alter Vater! und die Königinn werde durch dieses Wort, alter Vater, so gcrührct, daß sie von ihrem Vorsätze ablasse und auf die Acrmulhung komme, Acgisth könne wohl ihr Sohn seyn. Zst das nicht, setzt er höhnisch hinzu, eine sehr gegründete Vermuthung! Den» freylich ist es ganz etwas sonderbares, daß ein junger Mensch cincn alten Vater hat! „Maffci, fährt er fort, hat mit dicscm Fch- „lcr, diesem Mangel von Kunst und Genie, einen andern „Fehler verbessern wollen, den er in der erstem Ausgabe seines „Stückes begangen hatte. Acgisth rief da: Ach, Polydor, mein ,,Vater! Und dieser Polydor war eben der Mann, dem Mcrope „ihren Sohn anvertrauet hatte. Bey dem Namen Polydor „hätte die Königinn gar nicht mehr zweifeln müssen, daß Ac- „gisth ihr Sohn sey; und das Stück wäre aus gewesen. Nun „ist dieser Fehler zwar wcggcschaft; aber seine Stelle hat ein „noch weit gröberer eingenommen." Es ist wahr, in der er» stcn Ausgabe nennt Acgisth den Polydor seinen Vater; aber in den nachhcrigen Ausgaben ist von gar keinem Vater mehr die Rede. Die Königinn stutzt blos bey dem Namen Polydor, der den Acgisth gewarnct habc, ja keinen Fnß in das Messc- Les«ings V?c>k- VII, 1Z 494 Hambiirgische Tramatnrgie. »ische Gcbictc zu setzen. Sie giebt auch ihr Vorhaben darum nicht auf; sie fodcrt blos nähere Erklärung; und ehe sie diese erhallen kann, kömmt der König dazu. Der König läßt den Acgisth wieder los binden, und da er die That, weßwcgcn Acgisth eingebracht worden, billiget und rühmet, und sie als eine wahre Heldenthat zu belohnen verspricht: so muß wohl Mcropc in ihren ersten Verdacht wieder zurückfallen. Kann der ihr Sohn seyn, den Polyphontcs eben darum belohnen will, weil er ihren Sohn umgebracht habe? Dieser Schluß muß nothwendig bey ihr mehr gelten, als ein bloßer Name. Sie bereuet es nunmehr auch, daß sie eines bloßen Namens wegen, den ja wohl mehrere führen können, mit der Vollziehung ihrer Rache gezaudert habe; (!t>o cluliilar? mikei!,, ell io 6a uu nome l'i attenei' mi Isleiai, hii.isi un tal nomo ^Ilii avoe »on potellv — und die folgenden Aeußerungen des Tyrannen können sie nicht anders als in der Meinung vollends bestärken, daß er von dem Tode ihres Sohnes die allcrzuvcrläßigste, gewisseste Nachricht haben müsse. Zst denn das also nun so gar abgeschmackt? Ich finde es nicht. Vielmehr muß ich gestehen, daß ich die Verbesserung des Maffci nicht einmal für sehr nöthig halte. Laßt es den Acgisth immerhin sagen, daß sein Vater Polydor hcisse! Ob es sein Vater oder sein Freund war, der so hiesse, und ihn vor Mcsscne warnte, das nimmt einander nicht viel. Genug, daß Mcropc, ohne alle Widerrede, das für wahrscheinlicher halten muß, was der Tyrann von ihm glaubet, da sie weiß, daß er ihrem Sohne so lange, so eifrig nachgestellt, als das, was sie aus der bloßen Uebereinstimmung eines Namens schlicsscn könnte. Freylich, wenn sie wüßte, daß sich die Meinung des Tyrannen, Acgisth sey der Mörder ihres Sohnes, auf weiter nichts als ihre eigene Vermuthung gründe: so wäre es etwas anders. Aber dieses weiß sie nicht; vielmehr hat sie allen Grund zu glauben, daß er seiner Sache werde gewiß seyn. — Es versteht sich, daß ich das, was man zur Noth entschuldige» kann, darum nicht für schön ausgebe; der Poet hätte littstrcilia feine Anlage viel feiner machen können. Son- Erster Band. 495 dem ich will mir sagen, daß auch so, wie er sie gemacht hat, Meropc noch immer nicht ohne zureichenden Grund handelt; und daß es gar wohl möglich und wahrscheinlich ist, daß Meropc in ihrem Vorsätze der Rache verharren, und bey der ersten Gelegenheit einen neuen Versuch, sie zu vollziehen, wagen können. Worüber ich mich also beleidiget finden möchte, wäre nicht dieses, daß sie zum zwcytcnmalc, ihren Sohn als den Mörder ihres Sohnes zu ermorden, kömmt: sondern dieses, daß sie zum zweytenmalc durch einen glücklichen ungefchrcn Zufall daran verhindert wird. Ich würde es dem Dichter verzeihen, wenn er Meropcn auch nicht eigentlich nach den Gründen der größcrn Wahrscheinlichkeit sich bestimmen ließe; denn die Leidenschaft, in der sie ist, könnte auch den Gründen der schwächern das Ucbcrgewicht ertheilen. Aber das kann ich ihm nicht verzeihen, daß er sich so viel Freyheit mit dem Zufalle nimmt, und mit dem Wunderbaren desselben so verschwenderisch ist, als mit den gemeinsten ordentlichsten Begebenheiten. Daß der Zufall Einmal der Mutter einen so frommen Dienst erweiset, das kann seyn; wir wollen es um so viel lieber glauben,' je mehr uns die Ucbcrraschung gefällt. Aber daß er zum zweytenmalc die nehmliche Ucbcrciluiig, aus die nehmliche Weise, verhindern werde, das sicht dem Zufalle nicht ähnlich; eben dieselbe Ucbcrraschung wiederholt, hört auf Ucbcrraschung zu scyn; ihre Einförmigkeit beleidiget, und wir ärgern uns über den Dichter, der zwar eben so abcntheurlich, aber nicht eben so mannichfaltig zu scyn weiß, als der Zufall. Von den augenscheinlichen und vorschlichen Verfälschungen des Lindcllc, will ich nur zwey anführen. — „Der vierte Akt, „sagt cr, fängt mit cincr kalten und unnöthigen Scene zwischen „dem Tyrannen und der Vertrauten der Meropc an; hierauf „begegnet diese Vertraute, ich weiß selbst nicht wie, dem jun- „gen Acgisth, und beredet ihn, sich in dem Vorhausc zur Ruhe „zu bcgcbcn, damit, wenn cr cingcschlafcn wäre, ihn die Königinn mit aller Gemächlichkeit umbringen könne. Er schläft „auch wirklich ein, so wie cr cs versprochen hat. O schön! „und die Königinn kömmt zum zwcytcnmalc, mit cincr Axt in „der Hand, um dcn jungen Menschen umzubringen, der aus- 13" Haiiidnrgische Vramaturgic. „drücklich deswegen schläft. Diese nehmliche Situation, zwey- „mal wiederholt, verräth die äußerste Unfruchtbarkeit; und dieser „Schlas des jungen Menschen ist so lächerlich, daß in der Welt „nichts lächerlicher seyn kann." Aber ist es denn auch wahr, daß ihn die Vertraute zu diesem Schlafe beredet? Das lügt Lindclle. (°) Acgisth trift die Vertraute an, und bittet sie, ihm doch die Ursache zu entdecken, warum die Königinn so ergrimmt auf ihn sey. Die Vertraute antwortet, sie wolle ihm gern alles sagen; aber ein wichtiges Geschäfte rufe sie itzt wo anders hin; er solle einen Augenblick hier verziehen; sie wolle gleich wieder bey ihm seyn. Allerdings hat die Vertraute die Absicht, ihn der Königinn in die Hände zu liefern; sie beredet ihn zu bleiben, aber nicht zu schlafen; und AegiSth, welcher, seinem Versprechen nach, bleibet, schläft, nicht seinem Versprechen nach, sondern schläft, weil er müde ist,- weil cS Nacht ist, weil er nicht siehet, wo er die Nacht sonst werde zubringen können, als hier, s") — Die zweyte Lüge des Lindcllc ist von eben dem Schlage. „Mcrope, „sagt er, nachdem sie der alte Polydor an der Ermordung ihres „Sohnes verhindert, fragt ihn, was für eine Belohnung er „dafür verlange; und der alte Narr bittet sie, ihn zu verjün- (°) Und der Herr von Voltaire gleichfalls. Denn nicht allein Lindellc sagt; enluile eette NiiviiiUe rencoiilre le jeunelZxMe, je ne Isis commeiN, L I»i perluiule üe se repvler llilns le veMliule, .i/in yue, qusiill U ser» eiulermi, Is reine i>nissv le luer laut » ton site- sondern auch der Hr. von Boltaiic selbst: I-l eonsnlenle ,Ie INeroi'e snZilge le jeune LxiNe » llorwir s»r I» tcene, »l>» >Ie llonner le tems -V I» reine >Is venir 1^' »sssssiner. Was aus dieser Uebereinstimmung zu schliesse» ist/ brauche ich nicht erst zu sage». Selten stimmt ein Lügner mit sich selbst übcrcin; und wenn zwey Lügner mit einander übereinstimmen, so ist es gcwis; abgeredete Karte. (°°) ^VUo IV. Lc. II. kkl. M» >li >!t»lo turor, ,Ii lanlo »tr»»»« e>>>>e inni cnxi»»? — — ISI». II lulle Scoprirli i» »on ricus«; in» eß!>i e >I'>l»n<> eiiv rl»i t'itrresu per krev' er»: »rgenle l"»!» er i»i cliiAin» illlrove. IZc!l> lo velonlieri l^alleiul» >>»!,»>» viwi. I^!>l. IN» iioi, i'-irlire k! »n» s-ir cl>' i» rilorni i»(I»r»a. I?!«!. lUi» se Uü in nexinn; e Snve xir «levrei? — erster Band. 197 „gen." Bittet sie, ihn zu verjüngen? „Die Belohnung meines Dienstes, antwortet der Alte, ist dieser Dienst selbst; ist dieses, daß ich dich vergnügt sehe. Was könntest du mir auch geben? Ich brauche nichts, ich verlange nichts. Eines möchte ich mir wünschen; aber das stehet weder in deiner, noch in irgend eines Sterblichen Gewalt, mir zu gewähren; daß mir die Last meiner Zahrc, unter welcher ich erliege, erleichtert würde, u. s. w." (") Heißt das: erleichtere Du mir diese Lastj gieb Du mir Stärke lind Jugend wieder? Zch will gar nicht sagen, daß eine solche Klage über die Ungcmächlichkeitcn des Alters hier an dem schicklichsten Orte stehe, ob sie schon vollkommen in dem Charakter des Polydors ist. Aber ist denn jede Unschicklichkeit, Wahnwitz? Und mußten nicht Polydor und sein Dichter, im eigentlichsten Verstände wahnwitzig seyn, wenn dieser jenem die Bitte wirklich in den Mund legte, die windelte ihnen anlügt. — Anlügt! Lügen! Ncrdicncn solche Kleinigkeiten wohl so harte Worte? — Kleinigkeiten? Was dem Lindclle wichtig genug war, darum zu lüge», soll das einem dritten nicht wichtig genug seyn, ihm zu sagen, daß er gelogen hat? — Vier und vierzigstes Stück. D-Il 29fieu September, 1767. Zch komme auf den Tadel des Lindclle, welcher den Voltaire so gut als den Maffei trift, dem er doch nur allein zugedacht war. Zch übergehe die beiden Punkte, bey welchen es Voltaire selbst fühlte, daß der Wurf auf ihn zurückpralle. — Lindclle hatte gcsagt, daß es sehr schwache und unedle Merkmale wären, (°) ^Uo IV. Kc. VIl. NILK. IU» quäle, ü Mio fülle!, <>ii!ll nolru io lliirli giil mercu, el>e i merii »xgliiiAli? ?0l,. II mio sleslo lorvir su nremin; eil ori» M'v, il vollvNi cviiteiil», iu»>'i!l »lerovilc. t,'u« vuoi In Uarmi? io null» >)r,i»io: ci»u 5>»I i»> l»riit ciu, cli' üUii >>!>r »u» l>u»le; i sosso il >;r»v »ii'I >!i»nn, «- » lori» II eurvs, o nreme li, clio nuriiii im uiui»,: — " 198 Hamburgische Dramaturgie. ans welchen Mcrope bey dem Maffei schliesst, daß Aegisth der Mörder ihres Sohnes sey. Voltaire antwortet: „Ich kann es „Ihnen nicht bergen; ich finde, daß Maffci es viel künstlicher „angelegt hat, als ich, Mcropcn glauben zu machen, daß ihr „Sohn der Mörder ihres Sohnes sey. Er konnte sich eines „Ringes dazu bedienen, und das durste ich nicht; denn seit „dem königlichen Ringe, über den Voileau in seinen Satyrcn „spottet, würde das aus unserm Theater sehr klein scheinen." Aber mußte denn Voltaire eben eine alte Rüstung anstatt des Ringes wählen? Als Narbas das Kind mit sich nahm, was bewog ihn denn, auch die Rüstung des ermordeten Vaters mitzunehme»? Damit Aegisth, wenn er erwachsen wäre, sich keine neue Rüstung kaufen dürfe, und sich mit der alten seines Vaters behelfen könne? Der vorsichtige Alte! Ließ er sich nicht auch ein Paar alte Kleider von der Mutter mitgeben? Oder geschah es, damit Aegisth einmal an dieser Rüstung erkannt werden könne? So eine Rüstung gab eS wohl nicht mehr? Es war wohl eine Familienrüstung, die Vulkan selbst dem Großgroßvater gemacht hatte? Eine undurchdringliche Rüstung? Oder wenigstens mit schönen Figuren und Sinnbildern versehen, an welchen sie Eurikles und Mcrope nach fünfzehn Jahren sogleich wieder erkannten? Wenn das ist: so mußte sie der Alte freylich mitnehmen; und der Hr. von Voltaire hat Ursache, ihm verbunden zu seyn, daß er unter den blutigen Verwirrungen, bey welchen ein anderer nur an das Kind gedacht hätte, auch zugleich an eine so nützliche Möbel dachte. Wenn Aegisth schon das Reich seines Vaters verlor, so mußte er doch nicht auch die Rüstung seines Vaters verlieren, in der er jenes wieder erobern konnte. — Zwcytcns hatte sich Lindelle über den Polyphont des Maffei ausgehalten, der die Mcrope mit aller Gewalt hcyrathcn will. Als ob der Voltairischc das nicht auch wollte! Voltaire antwortet ihm daher: „Weder Maffci, noch „ich, haben die Ursachen dringend genug gemacht, warum Po- „lyphont durchaus Mcropcn zu scincr Gemahlinn verlangt. „Das ist vielleicht ein Fehler des Stoffes; aber ich bekenne „Ihnen, daß ich einen solchen Fehler für sehr gering halte, „wenn das Interesse, welches er hervor bringt, beträchtlich ist." erster Band. Nein, der Fehler liegt nicht in dem Stoffe. Denn in diesem Umstände eben hat Maffci den Stoff verändert. Was brauchte Voltaire diese Veränderung anzunehmen, wenn er seinen Vortheil nicht dabey sahe? — Der Punkte sind mehrere, bey welchen Voltaire eine ähnliche Rücksicht auf sich selbst hätte nehmen können: aber welcher Vater sieht alle Fehler seines Kindes? Der Fremde, dem sie in die Augen fallen, braucht darum gar nicht scharfsichtiger zu seyn, als der Vater; genug, daß er nicht der Vater ist. Gesetzt also, ich wäre dieser Fremde! Lindclle wirft dem Maffci vor, daß er seine Scenen oft nicht vcrbindc, daß cr das Theater oft leer lasse, daß seine Personen oft ohne Ursache aufträten und abgicngcn; alles wesentliche Fehler, die man heut zu Tage auch dem armseligsten Poeten nicht mehr verzeihe. — Wesentliche Fehler dieses? Doch das ist die Sprache der französischen Kunstlichter überhaupt; die muß ich ihm schon lassen, wenn ich nicht ganz von vorne mit ihm anfangen will. So wcscntlich odcr miwcsentlich sie abcr auch seyn mögen; wollen wir es Lindellcn auf sein Wort glauben, daß sie bey den Dichtern seines Volks so selten sind? Es ist wahr, sie sind es, die sich der größten Regelmäßigkeit rühmen; aber sie sind es auch, die entweder diesen Regeln eine solche Ausdehnung geben, daß es sich kaum mehr der Mühe, verlohnet, sie als Regeln vorzutragen, odcr sie auf eine solche linke und gezwungene Art beobachten, daß es weit mehr beleidiget, sie so beobachtet zu sehen, als gar nicht. (") Besonders ist (°) Dieses war, zum Theil, schon das Urlheil unsers Schlegels. „Die „Wahrheit zu gestehe», sagt cr i» seinen Gebaute» zur Ausnahme des däni- »ischcn Theaters, „beobachte» die Engländer, die sich keiner Einbeit des Ortes „rühmen, dieselbe großcnthcils viel besser, als die Franzose», die sich damit „viel wissen, daß sie die Regel» des Aristoteles so genau beobachten. Daraus „kömmt gerade am allerwenigste» an, daß das Gemählde der Scenen nicht „verändert wird. Abcr wcnn kcinc Ursache vorhanden ist, warum d!c auftretenden Personen sich an dem angezeigten Orte bcsmdcn, n»d nicht vielmehr „an demjenigen geblieben sind, wo sie vorbin waren; wen» eine Person sich „als Herr und Bewohner eben des Zimmers aufführt, wo kurz vorher eine „andere, als ob sie ebenfalls Herr vom Hanse wäre, in aller Gelassenheit „mit sich selbst, odcr mit einem Vertrauten gesprochen, ohne daß dieser Um. 200 Haniburgische Dramaturgie. Voltaire ein Meister, sich die Fesseln der Kunst so leicht, so weit zu mache», daß er alle Freyheit behält, sich zu bewegen, wie er will; und doch bewegt er sich oft so plump und schwer, lmd macht so ängstliche Verdrehungen, daß man meinen sollte, jedes Glied von ihm sey an ein besonderes Klotz geschmiedet. Es kostet mir Ueberwindung, ein Werk des Genies aus diesem Gesichtspunkte zu betrachten; doch da es, bey der gemeinen Klasse von Kunstrichtcrn, noch so sehr Mode ist, es fast aus keinem andern, als aus diesem, zu betrachten; da es der ist, aus welchem die Bewunderer des französischen Theaters, das lauteste Geschrey erheben: so will ich doch erst genauer Hinsehen, ehe ich in ihr Geschrey mit einstimme. 1. Die Scene ist zu Mcsscnc, in dem Pallasic der Mcropc. DaS ist, gleich Anfangs, die strenge Einheit des Ortes nicht, welche, nach den Grundsätzen und Beyspielen der Alten, ein Hcdclin verlangen zu können glaubte. Die Scene muß kein ganzer Pallast, sondern nur ein Theil des Pallastcs seyn, wie ihn das Auge aus einem und eben demselben Standorte zu übersehen fähig ist. Ob sie ein ganzer Pallast, oder eine ganze Stadt, oder eine ganze Provinz ist, das macht im Grunde einerley Ungereimtheit. Doch schon Corneille gab diesem Gesetze, von dem sich ohnedem kein ausdrückliches Gebot bey den Alten findet, die weitere Ausdehnung, und wollte, daß eine einzige Stadt zur Einheit des Ortes hinreichend sey. Wenn er seine besten Stücke von dieser Seite rechtfertigen wollte, so mußte er wohl so nachgebend seyn. Was Eorncillcn aber erlaubt war, das muß Noltaircn Recht seyn. Ich sage also nichts dagegen, „stand auf cmc wahrscheinliche Weise entschuldiget wird; kurz, wenn die Personen nur deswegen in dcn angezeigten Saal oder Garten komme», um ans „die Schaubühne zu trctcn: so würde der Verfasser des Schauspiels am bc- „sten gethan haben, anstatt der Worte, „der Schauplatz ist ein Saal in „^limciirns Haust," unter das Verzeichnis! seiner Personen zu setzen: „der „Schauplatz ist auf dem Theater." Oder im Ernste zu reden, es würde „weit besser gewesen scmi, wenn der Verfasser, »ach dem Gebrauche der „Engländer, die Scene aus dem Hause des einen in das Haus eines andern „verlegt, und also dcn Zuschauer seinem Helden »achgcfnhrct hätte; als das? „er seinem Helden die Mülic macht, dcn Zuschauern zu gefallen, an einen „Platz zu komnicn, wo er nichts zu thu» hat." erster Band. daß eigentlich die Scene bald in dem Zimmer der Königinn, bald in dem oder jenem Saale, bald in dem Vorhofc, bald nach dieser bald nach einer andern Aussicht, muß grdacht werden. Nur hätte er bey diesen Abwechselungen auch die Vorsicht brauchen sollen, die Corneille dabcy empfahl: sie müssen nicht in dem nehmlichen Akte, am wenigsten in der nchmlichcn Scene angebracht werden. Der Ort, welcher zu Anfange des Akts ist, muß durch diesen ganzen Akt dauern; und ihn vollends in eben derselben Scene abändern, oder auch nur erweitern oder verengern, ist die äußerste Ungereimtheit von der Welt. — Der dritte Akt der Mcropc mag auf einem frcvcn Platze, unter einem Säulengange, oder in einem Saale spielen, in dessen Vertiefung das Grabmahl des Krcsphontcs zu sehen, an welchem die Königinn den Aegisth mit eigner Hand hinrichten will: was kann man sich armseliger vorstellen, als daß, mitten in der vierten Scene, Euriklcs, der den Aegisth wegführet, diese Vertiefung hinter sich zuschlicssen muß? Wie schließt er sie zu? Fällt ein Vorhang hinter ihm nieder? Wenn jemals auf einen Vorhang das, was Hcdelin von dergleichen Vorhängen überhaupt sagt, gepaßt hat, so ist es auf diesen; (°) besonders wenn man zugleich die Ursache crwcgt, warum Aegisth so Plötzlich abgeführt, durch diese Maschinerie so augenblicklich aus dem Gesichte gebracht werden muß, von der ich hernach reden will. — Eben so ein Vorhang wird in dem fünften Akte aufgezogen. Die ersten sechs Scenen spielen in einem Saalc des Pallastcs: und mit der siebenden erhalten wir auf einmal die offene Aussicht in den Tempel, um einen todten Körper in einem blutigen Rocke sehen zu können. Durch welches Wunder? Und war dieser Anblick dieses Wunders wohl werth? Man wird sagen, die Thüren dieses Tempels eröffnen sich auf einmal, Mcropc bricht auf einmal mit dem ganzen Volke heraus, und dadurch erlangen wir die Einsicht in denselben. Zch verstehe; dieser (°) vn mol, >Ie» riilegu.v Iu i>»M — ci?« ri- »leinix »e lunl >i»»!> >>i o»t invvttiei?, <^ ceux ,pr»uvenl. ?r»ti>luv ,Iu ? I, <-»I r >? I.iv. II. cl>i>i>. 6. 202 Hamburgische Dramaturgie. Tempel war Zhro vcrwittweten Königlichen Majestät Schloß- kapcllc, die gerade an den Saal stieß, und mit ihm Commu- nication hatte, damit Allcrhöchstdicsclbcn jederzeit trockncs Fußes zu dem Orte ihrer Andacht gelangen konnten. Nur sollten wir sie dieses Weges nicht allein herauskommen, sondern auch hcrcingchcn sehen; wenigstens den Acgisth, der am Ende der vierte» Scene zu laufen hat, und ja den kürzesten Weg nehmen muß, wenn er, acht Zeilen darauf, seine That schon vollbracht haben soll. Fünf und vierzigstes Stück. Den 2tcn Oktober, 1767. 2. Nicht weniger bequem hat es sich der Herr von Voltaire mit der Einheit der Zeit gemacht. Man denke sich einmal alles das, was er in seiner Mcrope vorgehen läßt, an Einem Tage geschehen; und sage, wie viel Ungereimtheiten man sich dabey denke» muß. Man nehme immer einen völlige», natürliche» Tag; man gebe ihm immer die dreyßig Stunden, auf die Eorncillc ihn auszudehnen erlauben will. Es ist wahr, ich sehe zwar keine physikalische Hindernisse, warum alle die Begebenheiten in diesem Zeiträume nicht hätten geschehen können; aber desto mehr moralische. Es ist freylich nicht unmöglich, daß man innerhalb zwölf Stunden um ein Francnzimmer anhalten und mit ihr getrauet seyn kann; besoiiders, wen» ma» cs mit Gewalt vor den Priester schleppen darf. Aber wenn es geschieht, verlangt man nicht eine so gewaltsame Beschleunigung durch die allertriftigstcn und dringendsten Ursachen gcrccht- scrtigct zu wissen? Findet sich hingcgcn auch kein Schatten von solche» Ursachen, wodurch soll uns, was blos physikalischer Weise möglich ist, denn wahrscheinlich werden? Der Staat will sich einen König wählen; Polyphont und der abwesende Acgisth können allein dabey in Betrachtung kommen; um die Ansprüche des Acgisth zu vereiteln, will Polyphont die Mutter desselben hcyrathcn; an eben demselben Tage, da die Wahl geschehen soll, macht cr ihr den Antrag; sie weiset ihn ab; die Wahl gcht vor sich, und fällt für ihn aus; Polyphont ist also König, und man sollte glauben, Acgisth möge nunmchr erscheinen, erster Band. wenn er wolle, der ncucrwähltc König könne es, vors erste, mit ihm anschcn. Nichtswcnigcr; er bestehet auf der Hcyralh, und bestehet darauf, daß sie noch desselben Tages vollzogen werden soll; eben des Tages, an dem er Mcropcn zum erstenmale seine Hand angetragen; eben des Tages, da ihn das Volk zum Könige ausgerufen. Ein so alter Soldat, und ein so hitziger Freyer! Aber seine Freyrrcy, ist nichts als Politik. Desto schlimmer; diejenige, die er in sei» Interesse verwickeln will, so zu mißhandeln! Mcrope halte ihm ihre Hand verweigert, als er noch nicht König war, als sie glauben mußte, daß ihn ihre Hand vornehmlich auf den Thron verhelfen sollte; aber nun ist er König, und ist es geworden, ohne sich auf den Titel ihres Gemahls zu gründen; er wiederhole seinen Antrag, und vielleicht giebt sie es näher; er lasse ihr Zeit, den Abstand zu vergessen, der sich ehedem zwischen ihnen befand, sich zu gewöhnen, ihn als ihres gleichen zu betrachten, und vielleicht ist nur kurze Zeit dazu nöthig. Wenn er sie nicht gewinnen kann, was hilft es ihn, sie zu zwingen? Wird es ihren Anhängern unbekannt bleiben, daß sie gezwungen worden? Werden sie ihn nicht auch darum hassen zu müssen glauben? Werden sie nicht auch darum dem Acgisth, sobald er sich zeigt, beyzutreten, und in seiner Sache zugleich die Sache seiner Mutter zu betreiben, sich für verbunden achten? Vergebens, daß das Schicksal dem Tyrannen, der ganzer funszchn Zahr sonst so bcdächtlich zu Werke gegangen, diesen Aegisth nun selbst in die Hände liefert, und ihm dadurch ein Mittel, den Thron ohne alle Ansprüche zu besitzen, anbietet, das weit kürzer, weit unfehlbarer ist, als die Verbindung mit seiner Mutter: es soll und muß gchcyrathct seyn, und noch heute, und noch diesen Abend; der neue König will bey der alten Königinn noch diese Nacht schlafen, oder es geht nicht gut. Kann man sich etwas komischeres denken? In der Vorstellung, meine ich; denn daß es einem Menschen, der nur einen Funken von Verstände hat, einkommen könne, wirklich so zu handeln, widerlegt sich von selbst. Was hilft es nun also dem Dichter, daß die besondern Handlungen eines jeden Akts zu ihrer wirklichen Eräugung ungefehr nicht viel mehr Zeit brauchen würden, als auf die Vorstellung dieses Aktes geht; und 201 Hamburgische Dramaturgie. daß dicsc Zeit mit der, welche auf die Zwischenakte gerechnet werden muß, noch lange keinen völligen Umlauf der Sonne er- fodcrt: hat er darum die Einheit der Zeit beobachtet? Die Worte dieser Regel hat er erfüllt, aber nicht ihren Geist. Denn was er an Einem Tage thun läßt, kann zwar an Einem Tage gethan werden, aber kein vernünftiger Mensch wird es an Einem Tage thnn. Es ist an der physischen Einheit der Zeit nicht genug; es muß auch die moralische dazu kommen, deren Verletzung allen und jeden empfindlich ist, anstatt daß die Verletzung der erstem, ob sie gleich meistens eine Unmöglichkeit involvirct, dennoch nicht immer so allgemein anstößig ist, weil dicsc Unmöglichkeit vielen unbekannt bleiben kann. Wenn z. E. in einem Stücke, von einem Orte zum andern gcrcisct wird, und dicsc Reise allein mehr als einen ganzen Tag crfodert, so ist der Fehler nur deucn merklich, welche den Abstand des einen Ortes von dem andern wissen. Nun aber wissen nicht alle Menschen die geographischen Distanzen; aber alle Menschen können es an sich selbst merken, zu welchen Handlungen man sich Einen Tag, und zu welchen man sich mehrere nehmen sollte. Welcher Dichter also die physische Einheit der Zeit nicht anders als durch Verletzung der moralischen zu beobachten verstehet, und sich kein Bedenken macht, diese jener aufzuopfern, der verstehet sich sehr schlecht auf seinen Vortheil, und opfert das Wesentlichere dem Zufälligen auf. — Maffci nimmt doch wenigstens noch eine Nacht zu Hülfe; und die Vermählung, die Polyphont der Me- ropc heute andeutet, wird erst den Morgen darauf vollzogen. Auch ist es bey ihm nicht der Tag, an welchem Polyphont den Thron besteiget; die Bcgcbcnhcitcn prcsscn sich folglich wcnigcr; sie eilen, aber sie übereilen sich nicht. Aoltaircns Polyphont ist cin Ephcmcron von einem Könige, der schon darum den zweyten Tag nicht zu regieren verdienet, weil er den ersten seine Sache so gar albern und dumm anfängt. Z. Maffci, sagt Lindcllc, verbinde öfters die Scene» nicht, und das Theater bleibe leer; cin Fchlcr, den man heut zu Tage auch dcn geringsten Poeten nicht verzeihe. „Die Verbindung „der Scenen, sagt Eoriicille, ist eine große Zierde eines Gerichts, und nichts kann uns von der Stetigkeit der Handlung irrster Band. 205 „besser versichern, als die Stetigkeit der Vorstellung. Sie ist „aber doch nur eine Zierde, und keine Regel; denn die Alten „haben sich ihr nicht immer unterworfen n. s. w." Wie? ist die Tragödie bey den Franzosen seit ihrem großen Corneille so viel vollkommener geworden, daß das, was dieser blos für eine mangelnde Zierde hielt, nunmehr ein unverzeihlicher Fehler ist? Oder haben die Franzosen seit ihm das Wesentliche der Tragödie noch mehr verkennen gelernt, daß sie auf Dinge einen so großen Werth legen, die im Grunde keinen haben? Bis uns diese Frage entschieden ist, mag Corneille immer wenigstens eben so glaubwürdig seyn, als Lindcllc; nnd was, nach jenem, also eben noch kein ausgemachter Fehler bey dem Maffci ist, mag gegen den minder streitigen des Voltaire aufgehen, nach welchem er das Theater öfters länger voll läßt, als es bleiben sollte. Wenn z. E., in dem ersten Akte, Polyphont zu der Königinn kömmt, nnd die Königinn mit der dritten Scene abgeht, mit was für Recht kann Polyphont in dem Zimmer der Königinn verweilen ? Ist dieses Zimmer der Ort, wo er sich gegen seinen Vertrauten so srcy herauslassen sollte? Das Bedürfniß des Dichters verräth sich in der vierten Scene gar zu deutlich, in der wir zwar Dinge erfahren, die wir nothwendig wissen müssen, nur daß wir sie an einem Orte erfahren, wo wir es »im- mermchr erwartet hätten. 4. Maffci molivirt das Auftreten und Abgehen seiner Personen oft gar nicht: — und Voltaire molivirt es eben so oft falsch; welches wohl noch schlimmer ist. Es ist nicht genug, daß eine Person sagt, warum sie kömmt, man muß auch aus der Verbindung mischen, daß sie darum konmicn müsscn. Es ist nicht gcnug, daß sic sagt, warum sie abgeht, man muß auch in dem Folgenden sehen, daß sic wirklich darum abgcgangcn ist. Dcnn sonst ist das, was ihr dcr Dichter desfalls in den Mund legt, ein bloßer Verwand, und keine Ursache. Wenn z. (?. Euriklcs in dcr dritten Scene des zweyten Akjs abgeht, um, wie er sagt, die Freunde der Königinn zu versammeln; so müßte man von dirsen Freunden und von dieser ihrer Versammlung auch hernach etwas hören. Da wir aber nichts davon zu hören bekommen, so ist sein Vorgeben ein schülerhaftes 20k Hamburgische Tramalurgic. I>eto voui-lm vxvunäi, mit der ersten besten Lugen, die dem Knaben einfällt. Er geht nicht ab, um das zu thun, was er sagt, sondern um, ein Paar Zeilen darauf, mit einer Nachricht wiederkommen zu können, die der Poet durch keinen andern ertheilen zu lassen wußte. Noch ungeschickter geht Voltaire mit dem Schlüsse ganzer Akte zu Werke. Am Ende des dritten sagt Polyphont zu Mcropen, daß der Altar ihrer erwarte, daß zu ihrer fcycrlichcn Verbindung schon alles bereit sey; und so geht er mit einem Veno-i, klau'amo ab. Madame aber folgt ihm nicht, sondern geht mit einer Exklamation zu einer andern Coulisse hinein; worauf Polyphont den vierten Akt wieder anfängt, lind nicht etwa seinen Unwillen äußert, daß ihm die Königinn nicht in den Tempel gefolgt ist, (denn er irrte sich, es hat mit der Trauung noch Zeit,) sondern wiederum mit seinem Erox Dinge plaudert, über die er nicht hier, über die er zu Hause m seinem Gemache, mit ihm hätte schwatzen sollen. Nun schließt auch der vierte Akt, und schließt vollkommen wie der dritte. Polyphont citirt die Königinn nochmals nach dem Tempel, Merope selbst schreyet, lüourons lous vors le temple 011 m'attenä mon outrage; und zu den Opferpricstern, die sie dahin abholen sollen, sagt sie, Vous vellL2 !» I'autel Llltraluer la viotime. Folglich werden sie doch gewiß zu Anfange des fünften Akts in dem Tempel seyn, wo sie nicht schon gar wieder zurück sind? Keines von beiden; gut Ding will Weile haben; Polyphont hat noch etwas vergessen, und kömmt noch einmal wieder, und schickt auch die Königinn noch einmal wieder. Vortrefflich! Zwischen dem dritten und vierten, und zwischen dem vierten und fünften Akte geschieht demnach nicht allein das nicht, was geschehen sollte; sondern es geschieht auch, platter Dings, gar nichts, und der dritte und vierte Akt schliesscn blos, damit der vierte und fünfte wieder anfangen können. erster Band. 207 Sechs und vierzigstes Stück. Den 6ten Oclober, 17K7. Ein anderes ist, sich mit den Regeln abfinden, ein anderes, sie wirklich beobachten. Jenes thun die Franzosen; dieses scheinen mir die Alten verstanden zn haben. Die Einheit der Handlung war das erste dramatische Gesetz der Alten; die Einheit der Zeit und die Einheit deS Ortes waren gleichsam nur Folgen aus jener, die sie schwerlich strenger beobachtet haben würden, als es jene nothwendig erfordert hätte, wenn nicht die Verbindung des Chors dazu gekommen wäre. Da nehmlich ihre Handlungen eine Menge Volks zum Zeugen haben mußten, und diese Menge immer die nehmliche blieb, welche sich weder weiter von ihren Wohnungen entfernen, noch länger aus denselben wegbleiben konnte, als man gcwöhn- lichermaaßcn der bloßen Neugicrdc wegen zu thun pflegt: so konnten sie fast nicht anders, als den Ort auf einen und eben denselben individuellen Platz, und die Zeit auf einen und eben denselben Tag einschränken. Dieser Einschränkung unterwarfen sie sich denn auch Kons lide; aber mit einer Biegsamkeit, mit einem Verstände, daß sie, unter ncunmalen, siebenmal weit mehr dabey gewannen, als verloren. Denn sie liessen sich diesen Zwang einen Anlaß seyn, die Handlung selbst so zu sim- plifiiren, alles Ucberflüßige so sorgfältig von ihr abzusondern, daß sie, auf ihre wesentlichsten Bestandtheile gebracht, nichts als ein Ideal von dieser Handlung ward, welches sich gerade in derjenigen Form am glücklichsten ausbildete, die den wenigsten Zusatz von Umständen der Zeit und des Ortes verlangte. Die Franzosen hingegen, die an der wahren Einheit der Handlung keinen Geschmack fanden, die durch die wilden Intriguen der spanischen Stücke schon verwöhnt waren, ehe sie die griechische Simplicität kennen lernten, betrachteten die Einheiten der Zeit und des Orts, nicht als Folgen jener Einheit, sondern als für sich zur Vorstellung einer Handlung unumgängliche Erfordernisse, welche sie auch ihren reichern und verwickeltem Handlungen in eben der Strenge anpassen müßten, als es nur immer der Gebrauch des Chors erfordern könnte, dem sie doch 208 Hamburgischc Dramaturgie. gänzlich entsagt hatten. Da sie aber fanden, wie schwer, ja wie nnmöglich öfters, dieses sey: so trafen sie mit den tyrannischen Regeln, welchen sie ihren völligen Gehorsam aufzukündigen, nicht Muth genug hatten, ein Abkommen. Anstatt eines einzigen Ortes, führten sie einen unbestimmten Ort ein, unter dem man sich bald den, bald jenen, einbilden könne; genug, wenn diese Orte zusammen nur nicht gar zu weit aus einander lägen, und keiner eine besondere Verzierung bedürfe, sondern die nehmliche Ncrzicrung ungefehr dem einen so gut als dem andern zukommen könne. Anstatt der Einheit des Tages schoben sie die Einheit der Dauer unter; und eine gewisse Zeit, in. der man von keinem Aufgehen und Untergehen der Sonne hörte, in der niemand zu Bette ging, wenigstens nicht öfterer als einmal zu Bette ging, mochte sich doch sonst noch so viel und mancherley darum cräugncn, ließen sie für Einen Tag gelten. Niemand würde ihnen dieses verdacht haben; denn unstreitig lassen sich auch so noch vortreffliche Stücke machen; und das Sprichwort sagt, bohre das Bret, wo es am dünnsten ist. — Aber ich muß meinen Nachbar nur auch da bohren lassen. Ich muß ihm nicht immer nur die dickcstc Kante, den ästigsten Theil des Brcrcs zeigen, und schreyen: Da bohre mir durch! da pflege ich durchzubohren! — Gleichwohl schreyen die französischen Kunstrichtcr alle so; besonders wenn sie auf die dramatischen Stücke der Engländer kommen. Was für ein Aufhebens machen sie von der Regelmäßigkeit, die sie sich so unendlich erleichtert haben! — Doch mir eckclt, mich bey diesen Elementen länger aufzuhalten. Möchten meinetwegen Volraircns und Maffcis Mcropc acht Tage dauern, und an sieben Orten in Griechenland spielen! Möchten sie aber auch nur die Schönheiten haben, die mich diese Pedanteriecn vergessen machen! Die strengste Regelmäßigkeit kann den kleinsten Fehler in den Charakteren nicht auswicgcn. Wie abgeschmackt Polyphont bey dem Masse, öfters spricht und handelt, ist Lindcllcn nicht entgangen. Er hat Recht über die heillosen Maximen zu spotten, die Maffci seinem Tyrannen in den Mund legt. Die Edelsten und Besten des Staats aus dem Wege zu räumen; erster Band. ?09 das Volk in alle die Wollüste zu versenken, die es entkräften lind weibisch machen können; die größten Verbrechen, unter dem Scheine des Mitleids und der Gnade, ungestraft zu lassen u. s. w. wenn es einen Tyrannen giebt, der diesen unsinnigen Weg zu regieren einschlägt, wird er sich dessen auch rühmen? So schildert man die Tyrannen in einer Schulübung; aber so hat noch kcincr von sich selbst gesprochen.(°) — Es ist wahr, so gar frostig und wahnwitzig läßt Voltaire seinen Polyphont nicht dcklamircn; aber mit unter läßt er ihn doch auch Dinge sagen, die gewiß kein Mann von dieser Art über die Zunge bringt. Z.E. — Dos Dieux ^uel^iiekv!» I» lonxne «.illeiieo ^a!>. sur iious ü i>l>» leiil« tlcitooixlio ia voiiAvncv — Ein Polyphont sollte diese Betrachtung wohl machen; aber er macht sie nie. Noch weniger wird er sie in dem Augenblicke machen, da er sich zu neuen Verbrechen aufmuntert: I5Ii lilon, oneoi'0 co oi'^mo! — — Wie unbesonnen, und in den Tag hinein, er gegen Mcropcn handelt, habe ich schon berührt. Sein Betragen gegen den Aegisth sieht einem eben so verschlagenen als entschlossenen (°) ä,tto III. Se. II. - - - L»!N»1» 8ars» üa >>»i luiiili !>Ir nii ^wvi. l>e> mul«! u>>U>i!tllr>Ur ki lopiliv II sr^na cl> ii»-»!?» Lv» >>uii>p.^ >I> pivlil filiü^ c>>>! si>I«.n>Iii 8u l iwlmilixnui; » i grnu lI>u»»i t-spus», u i>,t»;>>i N>.»llil xl'I» li»:«!»/.!«; et! »nilü ?oi fiii su l»k^rus^i»I»5i, in «ruUi'Ij kitre private II Ivr kurur N sl>!i»i>ri. Illlrili sovvnlu risouar xili ^Uilli, L r.i«I>Ioi>i»r luxxii, eUv »I suvr-»>» lZiov-i» s»>>' iu » iinlliü su I'itlwrril» plviiv Lempr«! cresoeittlo > peli, >: per< ^iiw ZlUixiu wlrvuurr».----- Lcssmgs Werke vn. 14 !?,''>,» V/^' s >-^«^!'^^>','k^ 2>s> HtUiibiirqischc ^raiNlillirgic. Manne, wie ihn lins der Dichter von Anfange schildert, noch weniger ähnlich. Aegisth hätte bey dem Opfer gerade nicht erscheinen müssen. Was soll er da? Zhm Gehorsam schwören ? In den Augen des Nolks? Unter dem Geschrey seiner verzweifelnden Mutter? Wird da nicht unfehlbar geschehen, was er zuvor selbst besorgte? (°) Er hat sich für sciiic Person alles von dein Acgisth zu vcrscbcu; Aegisth verlangt nur sein Schwcrdt wieder, um den ganzen Streit zwischen ihnen mit eins zu entscheiden; und diesen tollkühne» Acgisth läßt er sich an dem Altare, wo das erste das beste, was ihm in die Hand fällt, ein Schwerdt werden kann, so nahe kommen ? Der Polyphont des Maffci ist von diesen Ungereimtheiten srcy; denn dieser keimt den Acgisth nicht, und hält ihn für seinen Freund. Warum hätte Acgisth sich ihm also bey dem Altare nicht nähern dürfen? Niemand gab auf seine Bewegungen Acht; der Streich war geschehen, und er zu dem zweyten schon bereit, ehe es noch einem Menschen einkommen konnte, den ersten zu rächen. „Mcropc, sagt Lindcllc, wenn sie bey dem Maffci erfährt, „daß ihr Sohn crmordct sey, will dem Mörder das Herz aus „dem Lcibc rcisscn, und cs mit ihrcn Zähnen zerfleischen. „Das heißt, sich wie eine Kannibalinn, und nicht wie eine „betrübte Mutter ausdrücken; das Anständige muß überall „beobachtet werden." Ganz recht; aber obgleich die französischc (°j /V «i Mx, l»i» i>I6, >I»»5! !»l«.'s<^i»> <>N niniluil, I)o «lii'm/.v !>»5 >>>' Ii-»v»ux ^'»i Ill^llll Will I«! »ttjl, Lrol-mai, oex nr^jiix,-!» llü lÄnx i5 iw n.iissilnev Ilevivroiis ililiiü 1^» cwui'x, > nrli-<»il s» >l,f?. I.k souvI» pkri!, r»i!« nnur ii^inix, Iinin».'»! >>ri!lI,1>r>< IIi,>».v; I.v crix, Ix «luf^snnir <>'u»x iiixre en>»>'x>', Nülruirnnl iiul »»issitneu xiixnr in.ll ^Mii-c'e. (°°) ^no II. 8i>>I sni lornla i» mi» »»Ixr vnrrxi ?,?> Iriirnu >>rii»!l, ü^Ui>>e >>!iil,! in sio .^sl'.iMnio U Nraniiv; ix Voxli» pni Lon »»!» säur» sn^IniKülrpsli il neu«, Vi>kli« flr»i'n»i-xli il cnr, vn«iin >!»' n ,ko l'lx'atro, den Aristoteles so sehr anpreise, der die empfindlichen Athcnicnscr ehedem so sehr entzückt habe, falle weg. Aber der Herr von Voltaire würde sich wiederum irren, und die willkührlichcn Abweichungen des Maffci abermals für den Stoff selbst nehmen. Der Stoff erfordert zwar, daß Mcropc den Acgisth mit eigner Hand ermorden will, allci» cr erfordert nicht, daß sie es mit aller Ucbcrlegung thun muß. 1I»d so scheinet sie es auch bey dem Euripidcs nicht gethan zu haben, wenn wir anders die Fabel des Hyginus für den Auszug seines Stücks annehmen dürfen. Der Alte kommt und sagt der Königinn weinend, daß ihm ihr Sohn weggekommen; eben hatte sie gehört, daß ein Fremder angelangt sey, der sich rühme, ihn umgebracht zu haben, und daß dieser Fremde ruhig unter ihrem Dache schlafe; sie ergreift das erste das beste, was ihr in die Hände fällt, eilet voller Wuth nach dem Zimmer des Schlafenden, der Alte ihr nach, und die Erkennung geschieht in dem Augenblicke, da das Verbrechen geschehen sollte. Das war sehr simpel und natürlich, sehr rührend und menschlich! Die Athenienscr zitterten für den Ae- gisth, ohne Meropcn verabscheuen zu dürfen. Sie zitterten für Mcropcn selbst, die durch die gutartigste Uebercilung Gefahr lief, die Mörderinn ihres Sohnes zu werden. Maffei und Voltaire aber machen mich blos für den Acgisth zittern; denn auf ihre Mcrove bin ich so ungehalten, daß ich es ihr fast gönnen möchte, sie vollführte den Streich. Möchte sie es doch habe»! Kann sie sich Zeit zur Rache nehmen, so hätte sie sich auch Zeit zur Untersuchung nehmen sollen. Warum ist sie so eine blutdürstige Bestie? Er hat ihren Sohn umgebracht: gut; sie mache in der ersten Hitze mit dem Mörder was sie will, ich verzeihe ihr, sie ist Mensch und Mutter; auch will ich gcrn mit ihr jammcrn und verzweifeln, wenn sie finden sollte, wie sehr sie ihre erste rasche Hitze zu verwünschen habe. Aber, Madame, einen jungen Mcnschcn, der Sie kurz zuvor so sehr intcrcssiltc, an dem Sie so viele Merkmahle der Aufrichtigkeit und Unschuld crkannlcn, wcil man cinc alte Rüstung bey ihm findet, die nur Ihr Sohn tragen sollte, als den Mörder Ihres Ersler Band. 213 Sohnes, an dem Grabmahle seines Aatcrs, mit eigner Hand abschlachten zu wollen, Leibwache und Priester dazu zu Hülfe zu nehmen — O pfuy, Madame! Ich müßte mich sehr irren, oder Sie wären in Athen ausgcpsiffc» worden. Daß die Unschicklichkeit, mit welcher Polyphont nach fünfzehn Jahren die veraltete Mcrope zur Gemahlinn verlangt, eben so wenig ein Fehler des Stoffes ist, habe ich schon berührt. (°) Denn nach der Fabel des Hyginus hatte Polyphont Mcrope» gleich nach der Ermordung des Kresphonts geheyrathel; und es ist sehr glaublich, daß selbst Euripidcs diese» Umstand so angenommen hatte. Warum sollte er auch nicht? Eben die Gründe, mit welchen EuriklcS, beym Noltairc, Mcropcn ihr nach fünfzehn Jahren bereden will, dem Tyrannen ihre Hand zu geben, ("°) hätten sie auch vor fünfzehn Jahren dazu vermögen können. Es war sehr in der Dcnkungsarr der alten griechische» Frauen, daß sie ihren Abscheu gegen die Mörder ihrer Männer überwanden und sie zu ihren zweyten Männern annahmen, wenn sie sahen, daß den Kindern ihrer ersten Ehe Nor- (°) Oben S. 1S9. (°°) ä,ele ll. 8c. l. --»lr«. Ko», inoii kil-j >U! le luullririlll >>»». I/cxil ou Iun enf-l»cv » liliixui c»>»l!»i»»->- I.ui lvrsit i»oi»s iMri-ux >iue litliliu I>>iil<.»üv. Lvn. II Iv c»»tli>m»(,rilit, N, i>!>il11ilv e» lu» i»»^, II »'<:» cro^itil ici lluv «Iroll« tlv so« tit»!;; Nlais si p»r I^-j »i!>»>!lU intnuilv, Lur sv» vrilid! iittörüt» » U r^xl^U sit cuittluilc, 5v« Irikle« smi« «^il conlullüil I» voix, la »«.'üliMlü 5u»v^r»uit! ile-j Iu!x, II voiiilU o !ui >>ui»l!t tl ^mour uiiu msrlji»! !>>»!> Lliuiv. AID. ^VI> >iuv in« tlileL-vou«? t!vl?. vv >i»rvti vvrilüü gui m'srr»cl>enl mon /.«-w vo» cslsmilr». - KIL. guoi! V»u-> m>- ll>u»!li»I»i5 «juv I Allere! suru»,»!«- inviiilülile Iiorr^ur ^»i i»»ir I'«l,I«iUI>! N »uire« >:»ul<>ir»! t'.IK. >->i pvi»> >l!i»j-^r«ux, loim-tw lux.urx; AUuü U cst loul-puissit»!; i»»!» ri>!» >>>- I»i r^Nsle; II c-sl si»>» Ucrilicr, ck7 vuu-> ilim(?ü ><^is>>!. — 2l4 H.uiibnrgische TraiiitUurgic. theil daraus erwachse» könne. Ich erinnere mich etwas ähnliches in dem griechischen Roman des Charitons, den d'Orvillc herausgegeben, ehedem gelesen zu haben, wo eine Mutter das Kind selbst, welches sie noch unter ihrem Herzen trägt, auf eine sehr rührende Art darüber zum Richter nimmt. Zch glaube, die Stelle verdiente angeführt zu werden; aber ich habe das Buch nicht bey der Hand. Genug, daß das, was dem EuriklcS Voltaire selbst in den Mund legt, hinreichend gewesen wäre, die Aufführung seiner Meropc zu rechtfertigen, wenn er sie als die Gemahlinn des Polyphonts eingeführet hätte. Die kalten Scene» einer politischen Liebe wären dadurch weggefallen; uud ich sehe mehr als einen Weg, wie das Interesse durch diesen Umstand selbst noch weit lebhafter, und die Situationen noch weit iiitriguaiitcr hätte» werde» können. Doch Voltaire wollte durchaus auf dem Wege bleiben, den ihm Maffci gcbahnct hatte, und weil es ihm gar nicht einmal einfiel, daß es eine» besser» gebe» könne, daß dieser bessere eben der sey, der schon vor Alters befahren worden, so begnügte er sich auf jenem ein Paar Sandsteine aus dem Glcissc zu räumen, über die er meinet, daß sein Vorgänger fast umgeschmissen hätte. Würde er wohl sonst auch dieses von ihm beybehalten haben, daß Aegisth, unbekannt mit sich selbst, von ungefehr nach Mcsscnc gerathen, und daselbst durch kleine zwcy- deutigc Merkmahle i» den Verdacht kommen muß, daß er der Mörder seiner selbst sey? Wcy dem Euripides kannte sich Aegisth vollkommen, kam i» dem ausdrücklichen Vorsätze, sich zu rächen, nach Mcsscnc, und gab sich sclbst für den Mörder des Aegisth aus; nur daß cr sich scincr Multcr nicht entdeckte, es sey aus Vorsicht, oder aus Mißtrauen, oder aus was sonst für Ursache, an dcr cs ihm dcr Dichter gewiß nicht wird haben mangeln lasse». Zch habe zwar obc» (') dem Maffci cinigc Gründe zu alle» den Vcrändcrungcn, die er mit dem Plane des Euripides gemacht hat, von meinem Eigenen geliehen. Zlbcr ich bin weit cnifcrnt, dic Gründe für wichtig, und die Vcrändcrungcn für glücklich genug auszugeben. Vielmehr behaupte ich, daß jeder Tritt, den cr aus de» Fußtapfc» des Griechen zu thun (-) ^, erster B.md. 21.'. gewagt, ein Fehltritt geworden. Daß sich Acgisth nicht kennet, das; er von ungefehr nach Mcsscne kömmt, lind ,,or comlii»!,. //lono,1'-,ccillonti (wie Maffci es ausdrückt) für den Mörder des Acgisth gehalten wird, giebt nicht allein der ganzen Geschichte ein sehr verwirrtes, zwcydcutigcs und romancnhaftcs Ansehen, sondern schwächt auch das Interesse uiigciiiciu. Bey dem EuripidcS wußte es der Zuschauer von dem Acgisib selbst, daß er Acgisth sey, und je gewisser er es wußte, daß Mcrope ihren eignen Sohn umzubringen kommt, desto größer mußte nothwendig das Schrecken seyn, das ihn darüber befiel, desto quälender das Mitleid, welches er voraus sahe, Falls Mcrope an der Vollziehung nicht zu rechter Zeit verhindert würde. Bey dem Maffci und Voltaire hingegen, vermuthen wir es nur, daß der vermeinte Mörder des Sohnes der Sohn wohl selbst seyn könne, und unser größtes Schrecken ist auf den einzigen Augenblick vcrsparct, in welchem es Schrecken zu seyn aufhöret. Das schlimmste dabey ist noch dieses, daß die Gründe, die uns in dem jungen Fremdlinge den Sohn der Mcrope vermuthen lassen, eben dic Gründe sind, aus welchen es Mcrope selbst vermuthen sollte; und daß wir ihn, besonders bey Voltaire», nicht in dem allergeringsten Stücke näher und zuvcrläßigcr kennen, als sie ihn sclbst kcnnen kann. Wir trauen also dicscn Gründen entweder eben so viel, als ihnen Mcrope trauet, oder wir trauen ihnen mehr. Trauen wir ihnen eben so viel, so halten wir den Jüngling mit ihr für einen Vclricgcr, und das Schicksal, das sie ihm zugedacht, kann uns nicht sehr rühren. Trauen wir ihnen mehr/ so tadeln wir Mcropcn, daß sie nicht besser darauf merket, und sich von weit scichtcrn Gründc» hinrcisscn läßt. Beides aber taugt nicht. Acht und vierzigstes Stück. Den IZten October, 1767. Es ist wahr, unsere Ilcbcrraschung ist grösser, wenn wir es nicht chcr mit völliger Gewißheit erfahren, daß Acgisth Acgisth ist, als bis cs Mcrope sclbst erfährt. Aber das armselige Vergnügen cincr Ucbcrraschung! Und was braucht der Dichlcr uns zu übcrraschcn? Er übcrraschc seine Pcrsoncn, so viel cr will; 21l» Hamburgische Tramaturgic. wir wcrdcn miscr Theil schon davon zn nehmen wissen, wenn wir, was sie ganz unvermiilhct treffen muß, auch noch so lange vorausgesehen haben. Ja, unser Antheil wird um so lebhafter und starker seyn, je langer und zuvcrläßigcr wir es vorausgesehen haben. Ich will, über diesen Punkt, den besten französischen Kunst- richtcr für mich sprechen lassen. „Zn den verwickelten Stücken, sagt Diderot, (°) ist das Interesse mehr die Wirkung des Plans, als der Reden; in den einfachen Stücken hingegen ist es mehr die Wirkung der Reden, als des Plans. Allein worauf muß sich das Interesse beziehen? Auf die Personen? Oder auf die Zuschauer? Die Zuschauer sind nichts als Zeugen, von welchen man nichts weiß. Folglich sind es die Personen, die man vor Augen haben muß. Ohnstrcitig! Diese lasse man den Knoten schürzen, ohne daß sie es wissen; für diese scu alles undurchdringlich) diese bringe man, ohne daß sie es merken, der Auflösung immer näher und näher. Sind diese nur in Bewegung, so wcrdcn wir Zuschauer den nehmlichen Bewegungen schon auch nachgeben, sie schon auch empfinden müssen. — Weit gefehlt, daß ich mit den meisten, die von der dramatischen Dichtkunst geschrieben haben, glauben sollte, man müsse die Entwicklung vor dem Zuschauer verbergen. Ich dächte vielmehr, es sollte meine Kräfte nicht übersteigen, wenn ich mir ein Werk zu machen vorsetzte, wo die Entwicklung gleich in der ersten Scene verrathen würde, und aus dicscm Umstände selbst das allcrstärkcste Interesse cnt- sprängc. — Für dcn Zuschauer muß alles klar seyn. Er ist der Vertraute ciucr jcdcn Pcrson; cr wciß alles was vorgeht, alles was vorgegangen ist; und es giebt hundert Augenblicke, wo man nichts bcsscrs thun kann, als daß man ihm gerade voraussagt, was noch vorgchcn soll. — O ihr Ncrfcrligcr all- gcmcincr Rcgcln, wie wcnig vcrsteht ihr die Kunst, und wie wenig besitzt ihr von dem Genie, das die Muster hervorgebracht hat, auf welche ihr sie bauet, und das sie übertreten kann, so oft es ihm beliebt! — Meine Gedanke» mögen so paradox scheinen, als sie wollen: so viel wciß ich gewiß, daß für Eine (°) I» scincr dramatischcii Dichttlmsi, hinter dem Hausvattr S. 327. der IM's, Ersicr Band. Gelegenheit, wo es nützlich ist, dem Zuschauer einen wichtige» Vorfall so lange zu verhehlen, bis er sich cräugnct, es immer zehn und mehrere giebt, wo das Interesse gerade das Gegentheil crfodcrt. — Der Dichter bewerkstelliget durch sein Geheimniß eine kurze Uebcrraschung; und in welche anhaltende Unruhe hätte er uns stürzen können, wenn er uns kein Geheimniß daraus gemacht hätte! — Wer in Einem Augenblicke getroffen und niedergeschlagen wird, den kann ich auch nur Einen Augenblick belauern. Aber wie steht es alsdcnn mit mir, wenn ich den Schlag erwarte, wenn ich sehe, daß sich das Ungewittcr über meinem oder eines andern Haupte zusammenziehet, und lange Zeit darüber verweilet? — Meinetwegen mögen die Personen alle einander nicht kennen; wenn sie nur der Zuschauer alle kennet. — Za, ich wollte fast behaupten, daß der Stoff, bey welchem die Vcrschwcigungcn nothwendig sind, ein undankbarer Stoff ist; daß der Plan, in welchem man seine Zuflucht zu ihnen nimmt, nicht so gut ist, als der, in welchem man sie hätte cntübrigcn können. Sie werden nie zu etwas Starkem Anlaß geben. Immer werden wir uns mit Vorbereitungen beschäftigen müssen, die entweder allzu dunkel oder allzu deutlich sind. Das ganze Gedicht wird ein Zusammenhang von kleinen Kunstgriffen werden, durch die man weiter nichts als eine kurze Ucbcrraschung hervorzubringen vermag. Ist hingegen alles, was die Personen angeht, bekannt: so sehe ich in dieser Voraussetzung die O-uclle der allcrhcftigstcu Bewegungen. — Warum haben gewisse Monologen eine so große Wirkung? Darum, weil sie mir die geheimen Anschläge einer Person vertrauen, und diese Vertraulichkeit mich den Augenblick mit Furcht oder Hoffnung erfüllet. — Wenn der Zustand der Personen unbekannt ist, so kann sich der Zuschauer für die Handlung nicht stärker intcrcssircn, als die Personen. Das Interesse aber wird sich für den Zuschauer verdoppeln, wenn er Licht genug hat, und es fühlet, daß Handlung und Reden ganz anders seyn würden, wenn sich die Personen kennten. Alsdcnn nur werde ich es kaum erwarten können, was aus ihnen werden wird, wenn ich das, was sie wirklich sind, mit dem, was sie thun oder thun wollen, vergleichen kann." - < "'«^^'' .i?: ^^M»?S»ZWWW» _ 218 Htimburgische Dramaturgie. Dieses auf den Acgislh angewendet, ist es klar, für welchen von beiden Planen sich Diderot erklären wurde: ob für den alten des Euripidcs, wo die Zuschauer gleich vom Anfange den Acgisth eben so gut kennen, als er sich selbst; oder für den neuern des Maffci, den Voltaire so blindlings angenommen, wo Acgisth sich und den Zuschauern ein Räthsel ist, und dadurch das ganze Stück „zu einem Zusanmicnhangc von kleinen Kunstgriffen" macht, die weiter nichts als eine kurze Ucbcrra- schung hervorbringen. Diderot hat auch nicht ganz Unrecht, seine Gedanken über die Entbehrlichkeit nnd Geringfügigkeit aller ungewissen Erwartungen und plötzlichen Überraschungen, die sich auf den Zuschauer beziehen, für eben so neu als gegründet auszugeben. Sie sind neu, in Ansehung ihrer Abstraction, aber sehr alt in Ansehung der Muster, aus welchen sie abstrahirct worden. Sie sind neu, in Betrachtung, daß seine Vorgänger nur immer auf das Gegentheil gedrungen; aber unter diese Vorgänger gehört weder Aristoteles noch Horaz, welchen durchaus nichts entfahren ist, was ihre Ausleger und Nachfolger in ihrer Prädilcction für dieses Gegentheil hätte bestärken können, dessen gute Wirkung sie weder den meisten noch den besten Stücken der Alten abgesehen halten. Unter diesen war besonders Euripidcs seiner Sache so gewiß, daß er fast immer den Zuschauern das Ziel voraus zeigte, zu welchem er sie führen wollte. Za, ich wäre sehr geneigt, aus diesem Gesichtspunkte die Vertheidigung seiner Prologen zu übernehmen, die den neuern Kriticis so sehr mißfallen. „Nicht genug, sagt Hcdclin, daß er meistcnthcilS alles, was vor der Handlung des Stücks vorhergegangen, durch eine von seinen Hauptpersonen den Zuhörern geradezu crzchlcn läßt, um ihnen auf diese Weise das Folgende verständlich zu machen: er nimmt auch wohl öfters einen Gott dazu, von dem wir annehmen müssen, daß er alles weiß, und durch den er nicht allein was geschehe» ist, sondern auch alles, was noch geschehen soll, uns kund macht. Wir erfahren sonach gleich Anfangs die Entwicklung und die ganze Katastrophe, und sehen jeden Zufall schon von weiten kommen. Dieses aber ist ei» sehr merklicher Fehler, Erster Band. welcher der Ungewißheit und Erwartung, die auf dem Theater beständig herrschen sollen, gänzlich zuwider ist, und alle Annehmlichkeiten des Srnckcs vernichtet, die fast einzig und allein auf der Neuheit und Ucbcrraschung beruhen." (°) Nein: der tragischste von allen tragischen Dichtern dachte so geringschätzig von seiner Kunst nicht; er wußte, daß sie einer weit höher» Vollkommenheit fähig wäre, und daß die Ergebung einer kindischen Ncugicrdc das geringste sey, worauf sie Anspruch mache. Er ließ seine Zuhörer also, ohne Bedenken, von der bevorstehende» Handlung eben so viel wisse», als »ur imnicr ein Gott davon wissen konnte; und versprach sich die Rührung, die er hervorbringen wollte, nicht sowohl von dem, was geschehen sollte, als von der Art, wie es geschehen sollte. Folglich müßte den Kunst- richtcrn hier eigentlich weiter nichts anstößig seyn, als nur dieses, daß er uns die nöthige Kenntniß des Vergangnen und des Zukünftige» nicht durch einen feinern Kunstgriff bcl'zubriiigc» gesucht; daß er ei» höheres Wcsc», welches wohl noch dazu an der Handlung keinen Antheil nimmt, dazu gebrauchet; und daß er dieses Höhcrc Wcscn sich gcradczu an die Zuschauer wenden lassen, wodurch die dramatische Gattung mit der crzchlcndcn vermischt wcrdc. Wcnn sie abcr ihren Tadel sodann blos hierauf einschränkten, was wäre denn ihr Tadel? Ist uns das Nützliche und Nothwendige niemals willkommen, als wenn es uns vcrstohlncr Weise zugeschanzt wird? Giebt es nicht Dinge, besonders in der Zukunft, die durchaus niemand anders als ein Gott wissen kann? Und wcnn das Interesse auf solchen Dingen beruht, ist cs nicht bcsscr, daß wir sic durch die Darzwi- schcnkunft eines Gottes vorher erfahren, als gar nicht? Was will man endlich mit der Vermischung der Gattungen überhaupt? Zn den Lehrbüchern so»dre man sic so gcnau von einander ab, als möglich: abcr wcnn ein Genie, höherer Absichten wegen, mehrere derselben in ciiicni und eben demselben Werke zusam- nicnfliesscn läßt, so vcrgcssc man das Lehrbuch, und untersuche blos, ob es diese Höhcrc Absichten erreicht hat. Was geht mich es an, ob so cin Stück dcs Euripides weder ganz Erzehlung, (°) I>I!Ui,M! >I» I'Iic-l»^ I.ill, III, ^Ili>I>> t. 220 Hamburgische Dramaliirgic. noch ganz Drama ist? Nennt es immerhin einen Zwitter; genug, daß mich dieser Zwitter mehr vergnügt, mehr erbauet, als die gesetzmäßigsten Geburten eurer korrekten Racincn, oder wie sie sonst hcisscn. Weil der Maulesel weder Pferd noch Esel ist, ist er darum weniger eines von den nutzbarsten lasttra- gcndcn Thieren? — Neun und vierzigstes Stück. Den IKlcn Oclober, 1767. Mit einem Worte; wo die Tadler des Euripides nichts als den Dichter zu sehen glauben, der sich aus Unvermögen, oder aus Gemächlichkeit, oder aus beiden Ursachen, seine Arbeit so leicht machte, als möglich; wo sie die dramatische Kunst in ihrer Wiege zu finden vermeinen: da glaube ich diese in ihrer Vollkommenheit zu sehen, und bewundere in jenem den Meister, der im Grunde eben so regelmäßig ist, als sie ihn zu seyn verlangen, und es nur dadurch weniger zu seyn scheinet, weil er seinen Stücken eine Schönheit mehr ertheilen wollen, von der sie keinen Begriff haben. Denn es ist klar, daß alle die Stücke, deren Prologe ihnen so viel Aergerniß machen, auch ohne diese Prologe, vollkommen ganz, und vollkommen verständlich sind. Streichet z. E. vor dem Zon den Prolog des Merkurs, vor der Hekuba den Prolog des Polydors weg; laßt jenen sogleich mit der Morgcnan- dacht des Zon, und diese mit den Klagen der Hekuba anfangen; sind beide darum im geringsten verstümmelt? Woher würdet ihr, was ihr weggestrichen habt, vermissen, wenn es gar nicht da wäre? Behält nicht alles den nehmlichen Gang, den nehmlichen Zusammenhang? Bekennet sogar, daß die Stücke, nach eurer Art zu denken, desto schöner seyn würden, wenn wir aus den Prologen nicht wüßten, daß der Zon, welchen Krcusa will vergiften lassen, der Sohn dieser Krcusa ist; daß die Kreusa, welche Zon von dem Altar zu einem schmählichen Tode reißen will, die Mutter dieses Zon ist; wenn wir nicht wüßten, daß a» eben dem Tage, da Hekuba ihre Tochter zum Opfer hingeben muß, die alte unglückliche Frau auch den Tod ihres letzten einzigen Sohnes erfahren solle. Denn alles dieses würde die erster Band. 221 trefflichsten Überraschungen geben, und diese Überraschungen würden noch dazu vorbereitet genug seyn: ohne daß ihr sagen könntet, sie brachen ans einmal gleich einem Blitze auS der hcllcstcn Wolke hervor; sie erfolgten nicht, sondern sie entstünden; man wolle euch, nicht auf einmal etwas entdecken, sondern etwas aufheften. Und gleichwohl zankt ihr noch mit dem Dichter? Gleichwohl werft ihr ihm noch Mangel der Kunst vor? Vergebt ihm doch immer einen Fehler, der mit einem einzigen Striche der Feder gut zu mache» ist. Einen wollüstigen Schößling schneidet der Gärtner in der Stille ab, ohne auf den gesunden Baum zu schelten, der ihn getrieben hat. Wollt ihr aber einen Augenblick annehmen, — es ist wahr, es heißt sehr viel annehmen, — daß Euripidcs vielleicht eben so viel Einsicht, eben so viel Geschmack könne gehabt haben, als ihr; und es wundert euch um so viel mehr, wie er bey dieser großen Einsicht, bey diesem feinen Geschmacke, dennoch einen so groben Fehler begehen können: so tretet zu mir her, und betrachtet, was ihr Fehler nennt, aus meinem Standorte. Euripidcs sahe es so gut, als wir, daß z. E. sein Zon ohne den Prolog bestehen könne; daß er, ohne denselben, ein Stück sey, welches die Ungewißheit und Erwartung des Zuschauers, bis an das Ende unterhalte: aber eben an dieser Ungewißheit und Erwartung war ihm nichts gelegen. Denn erfuhr es der Zuschauer erst in dem fünften Akte, daß Zon der Sohn der Krcusa sey: so ist es für ihn nicht ihr Sohn, sondern ein Fremder, ein Feind, den sie in dem dritten Akte aus dem Wege räumen will; so ist es für ihn nicht die Mutter des Zon, an welcher sich Zon in dem vierten Akte rächen will, sondern blos die Mäuchclmör- dcrinn. Wo sollten aber alsdcnn Schrecken und Mitleid herkommen? Die bloße Vermuthung, die sich etwa aus übcrcin- treffcndcn Umständcn hätte zichcn lassen, daß Zon und Krcusa cinandcr wohl nähcr angchcn könnten, als sie meinen, würde dazu nicht hinreichend gewesen seyn. Diese Vermuthung mußte zur Gewißheit werden; und wenn der Zuhörer diese Gewißheit nur von außen erhalten konnte, wenn es nicht möglich war, daß er sie einer von den handelnden Personen selbst zu danken haben konnte: war es nicht immer besser, daß der Dichter sie 222 Haml'lir^lschc Arcimatur.yc. ihm auf die cinzigc möglichc Wcisc ertheilte, als gar nichts Sagt von dieser Wcisc, was ihr wollt: gcnug, sic hat ihn scin Zicl erreichen helfen; seine Tragödie ist dadurch, was eine Tragödie seyn soll; und wenn ihr noch unwillig seyd, daß er die Form dem Wesen nachgesetzet hat, so versorge euch eure gelehrte Kritik mit nichts als Stucken, wo das Wesen der Form aufgeopfert ist, und ihr seyd belohnt! Zmmcrhin gefalle euch Whitc- hcads Krcusa, wo euch kein Gott etwas voraussagt, wo ihr alles von einem alten plaudcrhaftcn Vertrauten erfahrt, den eine vcrschlagnc Zigcuncrinn ausfragt, immcrhin gcfallc sic cuch bcsscr, als dcs Euripidcs Zon: und ich werde cuch nic bcncidcn! Wenn Aristoteles den Euripidcs dcn tragischsten von allen tragischen Dichtern ncnnct, so sahe er nicht blos darauf, daß die meisten seiner Stücke eine unglückliche Katastrophe haben; ob ich schon weiß, daß viele dcn Stagyritcn so verstehen. Denn das Kunststück wä'rc ihm ja wohl bald abgelernt; und der Stümper, der brav würgen und morden, und keine von seinen Personen gesund oder lebendig von der Bühne kommen liesse, würde sich eben so tragisch dünken dürfen, als Euripidcs. Aristoteles hatte unstreitig mehrere Eigenschaften im Sinne, welchen zu Folge er ihm diesen Charakter ertheilte; und ohne Zweifel, daß die eben berührte mit dazu gehörte, vermöge der er nehmlich dcn Zuschauern alle das Unglück, welches seine Personen überraschen sollte, lange vorher zeigte, um die Zuschauer auch dann schon mit Mitleiden für die Personen einzunehmen, wenn diese Personen selbst sich noch weit entfernt glaubten, Mitleid zu verdienen. — Sokratcs war der Lehrer und Freund des Euripidcs; und wie mancher dürfte der Meinung seyn, daß der Dichter dieser Freundschaft dcs Philosophen weiter nichts zu danken habe, als dcn Reichthum von schönen Sittcnsprüchcn, dcn cr so vcrschwcndrisch in seinen Stücken ausstreuet. Ich denke, daß cr ihr wcit mchr schuldig war; cr hätte, ohne sie, eben so spruchrcich seyn können; aber vielleicht würde cr, ohnc sie, nicht so tragisch geworden scmi. Schöne Sentenzen und Moralcu sind überhaupt gerade das, was wir von einem Philosophen, wie Sokratcs, am scltcnstcn hörcn; scin Lebenswandel ist die einzige Moral, die cr prcdigct. Abcr dcn Menschen, und uns Erster Band, 2S3 selbst kennen; auf unsere Empsindungcn aufmerksam sehn; in allen die cbenstcii und kürzesten Wege der Natur ausforsche» und lieben; jedes Ding nach seiner Absicht beurtheilen: das ist es, was wir in scinem Umgänge lernen; das ist es, was EuripidcS von dem Sokratcs lernte, und was ihn zu dem Ersten in seiner Kunst machte. Glücklich der Dichter, der so eine» Freund hat, — und ihn alle Tage, alle Stunden zu Rathe ziehen kann! — Auch Voltaire scheinet cS empfunden zu haben, das; es gut seyn würde, wenn er nns mit dem Sohn dcr Mcropc gleich Anfangs bekannt machte; wenn er uns mit dcr Ueberzeugung, daß dcr liebenswürdige unglücklichc Zünglina, dcn Mcropc erst in Schul; nimmt, und dcn sic bald darauf als dcn Mörder ihres Aegisths hinrichten will, dcr nehmliche Acgislh sey, sofort könne aussetzen lassen. Aber der Züngling kennt sich selbst nicht; auch ist sonst niemand da, dcr ihn besser kennte, nnd durch dcn wir ihn könnten kennen lernen. Was thut also dcr Dichter? Wie fängt er es an, daß wir es gewiß wissen, Mcropc erhebe dcn Dolch gcgcn ihren eignen Sohn, noch ehe es ihr dcr alte Narbas zuruft? — O, das fängt er sehr sinnreich an! Auf so einen Kunstgriff konnte sich nur ein Voltaire besinnen! — Er läßt, sobald der unbekannte Züngling auftritt, über das erste, was er sagt, mit großen, schönen, leserlichen Buchstaben, dcn ganzen, vollen Namen, Acgisth, setzen; und so weiter über jede scincr folgenden Reden. Nun wissen wir es; Mcropc hat in dem Vorhergehenden ihren Sohn schon mehr wie einmal bey diesem Namen genannt; und wenn sie das auch nicht gethan hätte, so dürften wir ja nur das vorgcdrucktc Verzeichnis; dcr Personen nachsehen; da steht es lang und breit! Freylich ist es ein wenig lächerlich, wenn die Person, über deren Reden wir nnn schon zehnmal dcn Namen Acgislh gclcscn haben, auf die Frage: - - - I^lN'l>as vous eli connu? s^v nom «l'ügisto .iu nioins juscjii'ü voug vl't v«>m>,' <)uel etait voli-o 6l.il, volre rang, volio ^ivie? anwortct: I>Ion jit-io ekt un vieillaril aceslilv >le miti-ie; 1'olivlole okt tun noin; mais I^Kil'le, I^!U'I>!,5. Ie persim.ixixi si e levnw quell' eirvre, eoniu- »iMmu »II»! slitmiie >I'»k»i o>iln>», >Ii scnnrire II secrelo nel iiremellerpili, o per coiilexiieiii!,', >Ii levsre il pwcere a clii lexxe, «vero nsevll.i, esse»- iloli uiessu Lzzisl«, >I»ve er«, l!roi>sv»Ie soll» nomv >I'Lxislo. erster Band. Aber noch immer Mcrope! — Wahrlich, ich bctaurc meine Leser, die sich cm diesem Blatte eine theatralische Zeitung versprochen haben, so mancherley und bnnt, so unterhaltend und schnurrig, als eine theatralische Zeitung nur seyn kann. Anstatt des Inhalts der hier gangbaren Stücke, in kleine lustige oder rührende Romane gebracht; anstatt beyläufiger Lebensbeschreibungen drolliger, sonderbarer, närrischer Geschöpfe, wie die doch wohl seyn müssen, die sich mit Komödicnschrcibcn abgebe»; anstatt kurzweiliger, auch wohl ein wenig skandalöser Anekdoten von Schauspielern und besonders Schauspielerinnen: anstatt aller dieser artigen Sächelchcn, die sie erwarteten, bekommen sie lange, ernsthafte, trockne Kritiken über alte bekannte Stücke; schwerfällige Untersuchungen über das, was in einer Tragödie seyn sollte und nicht seyn sollte; mit unter wohl gar Erklärungen des Aristoteles. Und das sollen sie lesen? Wie gesagt, ich belauere sie; sie sind gewaltig angeführt! — Doch im Vertrauen: besser, daß sie es sind, als ich. Und ich würde es sehr seyn, wenn ich mir ihre Erwartungen zum Gesetze machen müßte. Nicht daß ihre Erwartungen sehr schwer zu erfüllen wären; wirklich nicht; ich würde sie vielmehr sehr bequem finden, wenn sie sich mit meinen Absichten nur besser vertragen wollten. Ueber die Mcrope indeß muß ich freylich einmal wegzukommen suchen. — Zch wollte eigentlich nur erweisen, daß die Mcrope des Voltaire im Grunde nichts als die Mcrope des Maffci sey; und ich meine, dieses habe ich erwiesen. Nicht ebenderselbe Stoff, sagt Aristoteles, sondern cbcndicsclbc Verwicklung und Auflösung machen, daß zwey oder mehrere Stücke für cbcndic- sclbcn Stücke zu halten sind. Also, nicht weil Voltaire mit dem Maffci einerley Geschichte bchandclt hat, sondcrn wcil cr sie mit ihm auf cbcndicsclbc Art bchandclt hat, ist cr hier für wcitcr nichts, als für den Ucbcrsctzcr und Nachahmer desselben zu erklären. Maffci hat dic Mcrope des Euripidcs nicht blos wicdcr hcrgcstcllct; cr hat cine cigcnc Mcrope gemacht: denn cr ging völlig von dem Plane dcs Euripidcs ab; und in dcm Vorsätze ein Stück ohne Galanterie zu machen, in welchem das ganze Interesse blos aus der mütterlichen Zärtlichkeit entspringe, schuf er die ganzc Fabcl um; gut, oder übcl, das ist hicr die Leslings Wett- VII, 15 22k Hainburgische Dramaturgie. Frage nicht; genug, er schuf sie doch um. Voltaire aber entlehnte vom Maffci die ganze so umgeschaffcnc Fabel; er entlehnte von ihm, daß Mcropc mit dem Polyphont nicht vermählt ist; er entlehnte von ihm die politischen Ursachen, aus welchen der Tyrann, nun erst, nach fünfzehn Jahren, auf diese Vermahlung dringen zu müssen glaubet; er entlehnte von ihm, daß der Sohn der Mcropc sich selbst nicht kennet; er entlehnte von ihm, wie und warum dieser von seinem vermeinten Vater entkömmt; er entlehnte von ihm den Vorfall, der den Acgisth als einen Mörder nach Mcsscuc bringt; er entlehnte von ihm die Mißdeutung, durch die er für den Mörder seiner selbst gehalten wird; er entlehnte von ihm die dunkeln Regungen der mütterlichen Liebe, wenn Mcropc den Acgisth zum erstenmale erblickt; er entlehnte von ihm den Norwand, warum Acgisth vor Mcropcns Augen, von ihren eignen Händen sterben soll, die Entdeckung seiner Mitschuldigen: mit einem Worte, Voltaire entlehnte vom Maffci die ganze Verwicklung. Und hat er nicht auch die ganze Auslösung von ihm entlehnt, indem er das Opfer, bey welchem Polyphont umgebracht werden sollte, von ihm mit der Handlung verbinden lernte? Maffci machte es zu einer hochzeitlichen Fcycr, und vielleicht, daß er, blos darum, seinen Tyrannen ißt erst auf die Verbindung mit Mcropc» fallen ließ, um dieses Opscr desto natürlichcr anzubringen. Was Maffci erfand, that Voltaire nach. Es ist wahr, Voltaire gab verschiedenen von den Umständen, die er vom Maffci entlehnte, eine andere Wendung. Z. E. Anstatt daß, beym Maffci, Polyphont bereits fünfzehn Jahre regieret hat, läßt er die Unruhcn in Mcsscne ganzer fünfzehn Zahre dauern, und den Staat so lange in der unwahrscheinlichsten Anarchie verharren. Anstatt daß, beym Maffci, Acgisth von einem Räuber ans der Straße angefallen wird, läßt er ihn in einem Tempel des Herkules von zwey Unbekannten überfallen werden, die es ihm übel nehmen, daß er den Herkules für die Hcraklidcn, den Gott dcs Tcmpcls für die Nachkommen desselben, anfleht. Anstatt daß, beym Maffci, Acgisth durch einen Ring in Verdacht gcräth, läßt Voltaire dicscn Verdacht durch eine Rüstung entstehen, u. s. w. Aber alle diese Ncrän- Erster Band. Z27 dcrungen bctrcffcn die unerheblichsten Kleinigkeiten, die fast alle außer dem Stücke sind, und auf die Ockonomic des Stückes selbst keinen Einfluß haben. Und doch wollte ich sie Noltaircn noch gern als Aeußerungen seines schöpferischen Genies anrechnen, wenn ich nur fände, daß er das, was er ändern zu müssen vermeinte, in allen seinen Folgen zu ändern verstanden hätte. Ich will mich an dem mittclsten von den angeführten Bcyspie- lcn erklären. Maffci läßt seinen Acgisth von einem Naubcr angefallen werden, der den Augenblick abpaßt, da er sich mit ihm auf dem Wege allein sieht, ohnfcrn einer Brücke über die Pamisc; Acgisth erlegt den Räuber, und wirft den Körper in den Fluß, aus Furcht, wenn der Körper auf der Straße gefunden würde, daß man den Mörder verfolgen und ihn dafür erkennen dürfte. Ein Naubcr, dachte Voltaire, der einem Prinzen den Rock ausziehen und den Bcutcl nehmen will, ist für mein feines, edles Partcrr ein viel zu niedriges Bild; besser, aus diesem Räuber einen Mißvergnügten gemacht, der dem Acgisth als einem Anhänger dcr Heraklidcn zu Lcibc will. Und warum nur Einen? Lieber zwey; so ist die Heldenthat des Acgisths desto größer, und der, welcher von diesen zweyen entrinnt, wenn cr zu dcm ältern gemacht wird, kann hernach sür den Narbas genommen werden. Recht gut, mein lieber Johann Ballhorn; aber nun weiter. Wenn Acgisth den einen von diesen Mißvergnügten erlegt hat, was thut cr alsdenn? Er trägt dcn todten Körper auch ins Wasser. Auch? Aber wie denn? warum denn? Bon dcr lccren Landstraße in dcn nahen Fluß; das ist ganz bcgrciflich: abcr aus dcm Tempel in dcn Fluß, dieses auch? War denn außer ihnen niemand in diesem Tempel? Es sey so; auch ist das die größte Ungereimtheit noch nicht. Das Wie ließe sich noch denken: abcr das Warum gar nicht. Maffeis Acgisth trägt den Körper in dcn Fluß, wcil cr sonst verfolgt und erkannt zu werden fürchtet; wcil cr glaubt, wenn dcr Körpcr bey Seite gcschaft scy, daß sodann nichts seine That verrathen könne; daß diese sodann, mit sammt dcm Körpcr, in der Fluth begraben scy. Abcr kann das Boltaircns Acgisth auch glauben? Nimmermehr; oder dcr zwcytc hättc nicht entkommen müssen. Wird sich dieser begnügen, sein Leben 15- 228 Hamburgische Dramaturgie. davon getragen zu haben? Wird er ihn nicht, wenn er auch noch so furchtsam ist, von weiten beobachten? Wird er ihn nicht mit seinem Geschrey verfolgen, bis ihn andere festhalten? Wird er ihn nicht anklagen, und wider ihn zeugen? Was hilft es dem Mörder also, das Lorziug «lelieti weggebracht zu haben ? Hier ist ein Zeuge, welcher es nachweisen kann. Diese vergebene Mühe hatte er sparen, und dafür eilen sollen, je eher je lieber über die Grenze zu kommen. Freylich mußte der Körper, des Folgenden wegen, ins Wasser geworfen werden; es war Voltaire» eben so nöthig als dem Maffci, daß Mcropc nicht durch die Besichtigung desselben aus ihrem Irrthume gerissen werden konnte; nur daß, was bey diesem Acgisth sich selber zum Besten thut, er bey jenem blos dem Dichter zu gefallen thun muß. Denn Voltaire corrigirtc die Ursache weg, ohne zu überlegen, daß er die Wirkung dieser Ursache brauche, die nunmehr von nichts, als von seiner Bedürfniß abhängt. Eine einzige Veränderung, die Voltaire in dem Plane des Maffci gemacht hat, verdient den Namen einer Verbesserung. Die nehmlich, durch welche er den wiederholten Versuch der Mcropc, sich an dcm vcrmeintcn Mörder ihres Sohnes zu rächen, unterdrückt, und dafür die Erkennung von Seiten des Acgisth, in Gcgcnwart dcs Polyphonts, geschehen läßt. Hier erkenne ich den Dichter, und besonders ist die zweyte Scene dcs vicrtcn Akts ganz vortrefflich. Ich wünschte nur, daß die Erkennung überhaupt, die in der vierten Scene des dritten Akts von beiden Seiten erfolgen zu müssen das Ansehen hat, mit mehrerer Kunst hätte gcthcilct werden können. Denn daß Acgisth mit cimnal von dcm Euriklcs weggeführet wird, und die Vcr- ticfung sich hinter ihm schließt, ist ein sehr gewaltsames Mittel. Es ist nicht cin Haar bcsscr, als die übereilte Flucht, mit der sich AcgiSlh bey dcm Maffci rcttct, und übcr die Voltaire seinen Lindcllc so spotten läßt. Oder vielmehr, diese Flucht ist um viclcs natürlicher; wenn der Dichter nur hernach Sohn und Mutter einmal zusammen gebracht, und uns nicht gänzlich die ersten rührenden Ausbrüche ihrer beiderseitigen Empfindungen gegen einander, vorenthalten hätte. Vielleicht würde Voltaire dic Erkennung überhaupt nicht gcthcilct haben, wcnn cr seinc erster Band. 229 Materie nicht hätte dehnen müssen, lim fünf Akte damit vollzumachen. Er jammert mehr als einmal über cotto longuv c-uri^rv cllZ einy »etos «zui vtt proiÜFlousvmvnt llitisieüo iviniilir f»ns v^itulZes — Und nun für dicscsmal genug von der Mcrope! Ein und fünfzigstes Stück. Den 23sten Octobcr, 1767. Den neun und dreyßigstcn Abend (Mittcwochs, den 8tc» Julius,) wurden der vcrhcyrathcte Philosoph und die neue Agiicsc, wiederholt. Lhevricr sagt, daß Dcstouches sein Stück aus einem Lustspiele des Eampistron geschöpft habe, und daß, wenn dieser nicht seinen ^aloux ävlaliulu geschrieben hätte, wir wohl schwerlich einen vcrhcyrathctcn Philosophen haben würden. Die Komödie des Campistron ist unter uns wenig bekannt; ich wüßte nicht, daß sie auf irgend einem deutschen Theater wäre gespielt worden; auch ist keine Übersetzung davon vorhanden. Man dürfte also vielleicht mn so viel lieber wissen wollen, was eigentlich an dem Vorgeben des Lhcvricr sey. Die Fabel des Eampistronschcn Stücks ist kurz diese: Ein Bruder hat das ansehnliche Vermögen seiner Schwester in Händen, und lim dieses nicht herausgeben zu dürfen, möchte er sie lieber gar nicht verhcyrathen. Aber die Frau dieses Bruders denkt besser, oder wenigstens anders, und um ihren Mann zu vermögen, seine Schwester zu versorgen, sucht sie ihn auf alle Weise eifersüchtig zu machen, indem sie verschicdnc junge Mannspersonen sehr gütig aufnimmt, die alle Tage nntcr dem Vorwandc, sich um ihre Schwägerinn zu bewerben, zu ihr ins Haus kommen. Die List gelingt; der Mann wird eifersüchtig; und williget endlich, um seiner Frau den vermeinten Vorwand, ihre Anbeter um sich zu haben, zu benehmen, in die Verbindung seiner Schwester mit Clitandern, einem Anverwandten seiner Frau, dem zu gefallen sie die Rolle der Eoqucttc gespielt hatte. Der Mann sieht sich berückt, ist aber sehr zufrieden, weil er zugleich von dem Ungrnndc seiner Eifersucht überzeugt wird. l°) S. den 5lcn und 7ttn Abend, Scitc 46 und 64. (°°) I/MilLivs>cur ile« Spvclso l ^1". II. p. 135- Hamburgischc Dramaturgie. Was hat diese Fabel mit der Fabel des verheyrathctcn Philosophen ähnliches^ Die Fabel nicht das geringste. Aber hier ist eine Stelle ans dem zweyten Akte des Campistronschcn Stücks, zwischen Dorantc, so heißt der Eifersüchtige, und DuboiS, seinem Sckrctair. Diese wird gleich zeigen, was (5hcvricr gmicinct hat. Dubois. Und was fehlt Ihnen denn? Dorante. Ich bin verdrüßlich, ärgerlich; alle meine ehemalige Heiterkeit ist weg; alle meine Freude hat ein Ende. Der Himmel hat mir einen Tyrannen, einen Henker gegeben, der nicht aufhören wird, mich zu martern, zu peinigen — DuboiS. Und rocr ist denn dieser Tyrann, dieser Henker? Dorante. Meine Frau. DuboiS. Ihre Frau, mein Herr? Dorante. Ja. meine Frau, meine Frau. — Sie bringt mich zur Verzweiflung. DuboiS. Hassen Sie sie denn? Dorautc. Wollte Gott! So wäre ich ruhig. — Aber ich liebe sie, und liebe sie so sehr — Verwünschte Quaal! DuboiS. Sie sind doch wohl nicht eifersüchtig? Dorantc. Bis zur Raserey. DuboiS. Wie? Sie, mein Herr? Sie eifersüchtig? Sie, der Sie von je her über alles, was Eifersucht heißt, — Dorante. Gelacht, und gespottet. Desto schlimmer bin ich nu» daran! Ich Geck, mich von den elenden Sitten der großen Welt so hinrcisscn zn lassen! In das Geschrey der Narren einzustimmen, die sich über die Ordnung und Zucht unserer ehrlichen Vorfahren so lustig machen! lind ich stimmte nicht blos ein; es währte nicht lange, so gab ich den Ton. Um Witz, um Lebensart zu zeigen, was sür albernes Zeug habe ich nicht gesprochen! Eheliche Treue, beständige Liebe, pfuy, wie schmeckt das nach dem kleinstädischcii Bürger! Der Mann, der seiner Frau nicht allen Willen läßt, ist ein Bar! Der es ihr übel nimmt, wenn sie auch andern gefällt und zu gefallen sucht, gehört ins TollhauS. So sprach ich, und mich hätte man da solle» ins TollhauS schicken. — Tubois. Aber warum sprachen Sie so? Erster Band. 23 l Dorante. Hörst du nicht? Weil ich ein Geck war, und glaubte, es ließe noch so galant und weise. — Inzwischen wollte mich »icinc Familie vcrhcyrathct wissen. Sie schlugen mir ein junges, nnsclinldi gcS Mädchen vor; und ich nahm es. Mit der, dachte ich, soll es gute Wege haben; die soll in meiner DcnkungSart nicht viel ändern; ich liebe sie itzt nicht besonders, und der Besitz wird mich noch gleichgültiger gegen sie machen. Aber wie sehr habe ich mich betrogen! Sie ward täglich schöner, täglich rcitzcndcr. Ich sah cS und cnt brannte, und entbrannte je mehr und mehr; und itzt bin ich so verliebt, so verliebt in sie — DuboiS. Nnn, das nenne ich gefangen werden! Doranre. Denn ich bin so eifersüchtig! — Daß ich mich schäme, cS auch nur dir zu bekennen. — Alle meine Freunde sind mir znwi- der — und verdächtig; die ich sonst nicht ofte geniig nm mich haben konnte, sehe ich itzt lieber gehe» als kommen. Was haben sie auch in meinem Hanse zu suchen? Was wollen die Müßiggänger? Wozu alle die Schmcichelehen, die sie meiner Frau machen? Der eine lobt ihren Nerstand; der andere erhebt ihr gefälliges Wesen bis in den Himmel. Den entzücken ihre himmlischen Angen, und den ihre schönen Zähne. Alle finden sie höchst rcitzend, höchst anbctcnswürdig; und immer schließt sich ihr verdammtes Geschwätze mit der verwünschten Betrachtung, was für ein glücklicher, was für ein bcncidenSwür- digcr Mann ich bin. Dubois. Ja, ja, es ist wahr, so geht eS zu. Dorante. O, sie treiben ihre unverschämte Kühnheit wohl noch weiter! Kanin ist sie aus dem Bette, so sind sie um ihre Toilette. Da solltest du erst sehen und hören! Jeder will da seine Ausmcrksai». kcit und seinen Witz mit dem andern um die Wette zeigen. Ein abgeschmackter Einfall jagt den andern, eine boshafte Spöltcrcy die andere, ein kützelndeS Histörchen das andere. Und das alles mit Zeichen, mit Minen, mit Liebäugelcyen, die meine Frau so leutselig annimmt, so verbindlich erwiedert, daß — daß mich der Schlag oft rühren möchte! Kannst du glauben, Dubois? ich muß cS wohl mit ansehen, daß sie ihr die Hand küssen. Dubois. Das ist arg! Dorante. Gleichwohl darf ich nicht mnchscn. Denn was würde die Welt dazu sagen? Wie lächerlich würde ich mich machen, wenn 232 Hamburgische Dramaturgie. ich meinen Verdruß anSlasscn wollte? Die Kinder auf der Straaße wurden mit Fingern auf mich weisen. Alle Tage würde ein Epigramm, ein Gassenhauer auf mich zum Vorscheine kommen u. s. w. Diese Situation muß es seyn, in welcher Chcvrier das Achnlichc mit dem vcrheyrathctcn Philosophen gefunden hat. So wie der Eifersüchtige des Campistron sich schämet, seine Eifersucht auszulassen, weil er sich ehedem über diese Schwachheit allzulustig gemacht hat: so schämt sich auch der Philosoph des Dcötoucheö, seine Hcyrath bekannt zu machen, weil er ehedem über alle ernsthafte Liebe gespottet, und den ehrlosen Stand für den einzigen erklärt hatte, der einem freyen und weisen Manne anständig sey. Es kann auch nicht fehlen, daß diese ähnliche Schaam sie nicht beide in mancherley ähnliche Verlegenheiten bringen sollte. So ist, z. E., die, in welcher sich Do- rantc beym Eampistron siehet, wenn er von seiner Frau verlangt, ihm die übcrla'stigcn Besucher vom Halse zu schaffen, diese aber ihn bedeutet, daß das eine Sache sey, die er selbst bewerkstelligen müsse, fast die nehmliche mit der bey dem Dcstouchcs, in welcher sich Anst befindet, wenn er es selbst dem Marauis sagen soll, daß er sich auf Melitcn keine Rechnung machen könne. Auch leidet dort der Eifersüchtige, wenn seine Freunde in seiner Gegenwart über die Eifersüchtigen spotten, und er selbst sein Wort dazu geben muß, ungefehr auf gleiche Weise, als hier der Philosoph, wenn er sich muß sagen lassen, daß er ohne Zweifel viel zu klug und vorsichtig sey, als daß er sich zu so einer Thorheit, wie das Heyrathcn, sollte haben verleiten lassen. Dem ohngcachtct aber sehe ich nicht, warum Dcstouchcs bey scincm Stücke nothwendig das Stück des Campistron vor Augen gehabt haben müßte; und mir ist es ganz begreiflich, daß wir jenes haben könnten, wenn dieses auch nicht vorhanden wäre. Die verschiedensten Charaktere können in ähnliche Situationen gerathen; und da in der Komödie die Charaktere das Hauptwerk, die Situationen aber nur die Mittel sind, jene sich äußern zu lassen, und ins Spiel zu setzen: so muß man nicht die Situationen, sondern die Charaktere in Betrachtung ziehen, wenn man bestimmen will, ob ein Stück Original oder Copic gcncnnt zu werden verdiene. Umgekehrt ist es in der Erster Band. 233 Tragödie, wo die Charaktere weniger wesentlich sind, und Schrecken und Mitleid vornehmlich aus den Situationen entspringt. Achnlichc Situationen geben also ähnliche Tragödien, aber nickt ähnliche Komödien. Hingegen geben älmlichc Charaktere ähnliche Komödien, anstatt daß sie in den Tragödien fast gar nicht in Erwägung kommen. Der Sohn unsers Dichters, welcher die prächtige Ausgabe der Werke seines VatcrS besorgt hat, die vor einigen Iahren in vier Quartbändcn aus der Königliche» Druckerei) zu Paris erschien, meldet uns, in der Vorrede zu dieser Ausgabe, eine besondere dieses Stück betreffende Anekdote. Der Dichter ncbm- lich habe sich in England vcrheyrathet, und aus gewisse» Ursachen seine Verbindung geheim halten müssen. Eine Person aus der Familie seiner Frau aber habe das Geheimniß früher ausgeplaudert, als ihm lieb gewesen; und dieses habe Gelegenheit zu dem vcrhcyrathctc» Philosophc» gegeben. Wenn dieses wahr ist, — und warum sollten wir es seinem Sohne nicht glauben < — so dürfte die vermeinte Nachahmung dcS Eampistron um so eher wegfallen. Zwei) und fünfzigstes Stück. Den 27stcn October, 1767. Den vierzigsten Abend (Donnerstags, den 9tcn Julius,) ward Schlegels Triumph der gnten Frauen, aufgeführet. Dieses Lustspiel ist unstreitig eines der besten dcutscken Originale. Es war, so viel ich weiß, das letzte komische Werk des Dichters, das seine frühern Geschwister nncndlich übcrtrift, nnd von der Reife seines Urhebers zeiget. Der geschäftige Müßiggänger war der erste jugendliche Versuch, und fiel aus, wie alle solche jugendliche Versuche ausfalle». Der Witz verzeihe es denen, und räche sich nie an ihnen, die allzuviel Witz darin» gefunden haben! Er enthält das kälteste, langweiligste Alltagsgcwäsche, das nur immer in dem Hause eines Meißnischen Pchhändlcrs vorfallen kann. Ich wüßte nicht, daß er jemals wäre aufgeführt worden, und ich zweifle, daß seine Vorstellung dürfte auszuhalten seyn. Der Gchcimnißvollc ist um vieles besser; ob es gleich der Gcheimnißvollc gar nicht gc- 234 Hamburgischc Dramaturgie. worden ist, den Möllere in der Stelle geschildert hat, aus welcher Scblcgcl den Anlaß zu diesem Stücke wollte genommen haben. (°) Molieres Gchcimnißvollcr ist ein Geck, der sich ein wichtiges Ansehen geben will; Schlegels Gchcimnißvollcr abcr cin gutcs chrlichcs Schaf, das den Fuchs spielen will, um von den Wölfen nicht gefressen zu werden. Daher kömmt es auch, daß er so viel ähnlichcs mit dcm Charakter des Mißtrauischen hat, den (5roncgk hernach auf die Bühne brachte. Beide Charaktere abcr, odcr vielmehr beide Nuancen des nehmlichen Charakters, können nicht anders als in einer so kleinen und armscligcn, odcr so mcnschcnfcindlichcn und häßlichen Scclc sich finden, daß ihre Vorstellungen nothwendig mehr Mitleiden odcr Abschcu crwcckcn müssen, als Lachen. Der Gchcimnißvolle ist wohl sonst hier ausgeführet worden; man versichert mich abcr auch durchgängig, nnd aus dcr cbcn gemachten Betrachtung ist mir es sehr begreiflich, daß man ihn läppischer gefunden habe, als lustig. Dcr Triumph dcr gntcn Frauen hingegen hat, wo er noch aufgeführet worden, und so oft cr noch aufgeführet worden, überall und jederzeit, cincn sehr vorzüglichen Beyfall erhalten; und daß sich dieser Beyfall auf wahre Schönheiten gründen müsse, daß cr nicht das Werk einer überraschenden blendcndcn Vorstellung sey, ist daher klar, wcil ihn noch niemand, nach Lesung des Stucks, zurückgenommen. Wer es zuerst gelesen, dcm gefällt es um so viel mehr, wenn cr cs spielen ficht: und wcr cS zucrst spielen gesehen, dcm gefällt cs um so vicl mchr, wenn cr cs licsct. Auch haben cs dic strcngcstcn Kunstrichtcr cbcn so scbr seinen übrigen Lustspielen, als diese überhaupt dem gcwöhn- lichcn prasse deutscher Komödien vorgezogen. (°) MilÄnIrope ^cle II. 8c. 4. k'ett Is, un Iwmme Wut miNere, gui vvus MIv, en MssitiU, u» eoup «I'oeil egilre, Lt s!>i>» sucune »ffiliie elt louwur» »ff-tire. 1'out es qu il vou» iledits en xriinsce« sü<»»ie. L. korcs >Ze ssceiiL il -ltkomme Iv monSe. 8»»!> ces5e il s lvut vs«, pour romnrs 1'eiUreIiep, vn teeret a vous llirs, ce secret n'est rieii. ve I» moiiulre veMIe il s-iit u»e meiveiUe Lt ^jusMeÄ au Iio» ^jour, U tlil loui » I'oreille. Erster Band. 235 „Ich las, sagt einer von ihnen,(°) den geschäftigen Müßiggänger: die Charaktere schienen mir vollkommen nach dein Leben; solche Müßiggänger, solche in ihre Kinder vernarrte Mütter, solche schal- witzige Besuche, und solche dumme Peljhäudlcr sehen wir alle Tage. So denkt, so lebt, so handelt der Mittelstand unter den Teutschen. Der Dichter hat seine Pflicht gethan, er hat uns geschildert, wie wir sind. Allein ich gähnte vor Langeweile. — Ich las darauf de» Triumph der guten Frauen. Welcher Unterschied! Hier finde ich Leben in den Charakteren, Feuer in ihren Handlungen, ächten Witz in ihren Gesprächen, und den Ton einer feinen Lebensart in ihrem ganzen Umgänge." Der vornehmste Fehler, den ebenderselbe Kunsirichtcr daran bemerkt hat, ist der, daß die Charaktere an sich selbst nicht deutsch sind. Und leider, muß man diesen zugestehen. Wir sind aber in unsern Lustspielen schon zu sehr an fremde, und besonders an französische Sitten gewöhnt, als daß er eine besonders üble Wirkung auf uns haben könnte. „Nikander, heißt es, ist ein französischer Abentheurcr, der auf Eroberungen ausgeht, allem Frauenzimmer nachstellt, keinem im Ernste gewogen ist, alle ruhige Ehen in Uneinigkeit zn stürzen, aller Frauen Verführer und aller Männer Schrecken zu werden sucht, und der bey allem diesen kein schlechtes Herz hat. Die herrschende Lcrderbniß der Sitten und Grundsätze scheinet ihn mit fortgerissen zu haben. Gottlob! daß ein Deutscher, der so leben will, das verderbteste Herz von der Welt haben muß. — Hilaria, des Nikanders Frau, die er vier Wochen nach der Hochzeit verlassen, und nunmehr in zehn Jahren nicht gesehen hat, kömmt auf den Einfall ihn aufzusuchen. Sie kleidet sich als eine Mannsperson, und folgt ihm, unter dein Namen Philint in alle Häuser nach, wo er Avanturcn sucht. Philint ist witziger, flatterhafter und unverschämter als Nikander. Das Frauenzimmer ist dem Philint mehr gewogen, und sobald er mit seinem frechen aber doch artigen Wesen sich sehen läßt, stehet Nikander da wie verstummt. Dieses giebt Gelegenheit zu sehr lebhaften Situationen. Die Erfindung ist artig, der zwcyfache Charakter wohl gezeichnet, und glücklich (°) Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Tl). xxl. S. 133. IMn M. Mendelssohns 23k Hamburgischc Dramaturgie. in Bewegung gesetzt; aber das Original zu diesem nachgeahmten Pe- tilmaitre ist gewiß kein Deutscher." „WaS mir, fährt er fort, sonst an diesem Lustspiele mißfällt, ist der Charakter des Agenors. Den Triumph der guten Frauen vollkommen zu machen, zeigt dieser Agenor den Ehemann von einer gar zn häßlichen Seite. Er tyrannisiret seine unschuldige Juliane auf das unwürdigste, und hat recht seine Lust sie zu quälen. Grämlich, so oft er sich sehen läßt, spöttisch bey den Thränen seiner gekränkten Frau, argwöhnisch bei ihren Liebkosungen, boshaft genug, ihre unschuldigsten Reden und Handlungen durch eine falsche Wendung zu ihrem Nachtheile auszulegen, eifersüchtig, hart, unempfindlich, und, wie sie sich leicht einbilden können, in seiner Frauen Kammermädchen verliebt. — Ein solcher Mann ist gar zu verderbt, als daß wir ihm eine schleunige Besserung zutraue» könnten. Der Dichter giebt ihm eine Rebenrolle, in welcher sich die Falten seines nichtswürdigcn Herzens nicht genug entwickeln können. Er lobt, und weder Juliane noch die Leser wissen recht, was er will. Eben so wenig hat der Dichter Raum gehabt, seine Besserung gehörig vorzubereiten und zu veranstalten. Er mußte sich be- gnügcn, dieses gleichsam im Vorbeygehen zu thun, weil die Haupt- haudluug mit Nikaudcr und Philintcn zu schaffen hatte. Kathrine, dieses edelmüthigc Kamuiermädchen der Juliane, das Agenor verfolgt hatte, sagt gar recht am Ende des Lustspiels: Die geschwindesten Bekehrungen sind nicht allemal die aufrichtigsten! Wenigstens so lange dieses Mädchen im Hause ist, möchte ich nicht für die Aufrichtigkeit stehen." Ich freue mich, daß die beste deutsche Komödie dem richtigste» deutschen Beurtheiln- in die Hände gefallen ist. Und doch war es vielleicht die erste Komödie, die dieser Mann beurtheilte. 237 Zweyter Band. Drey und fünfzigstes Stück. Den 3tc» November, 17ti7. Den ein lind vierzigsten Abend (Frcytags, den llOtcn Julius,) wnrdcn Ecnic und der Mann nach der Ubr, wiederholt. (°) „Ecnic, sagt Chcvricr gerade hcrans,(") führct den ?!a- mcn der Fran von Graffigni, ist aber ein Werk des Abts von Noiscnon. Es war Anfangs in Versen; weil aber die Fran von Graffigni, der es erst in ihrem vier und fünfzigsten Jahre einfiel, die Schriftstellerinn zu spielen, in ihrem Lieben keinen Ncrs gemacht hatte, so ward Ecnic in Prosa gebracht. As-us I'^utour, fügt cr hinzu, ^ s laislv 81 vors >>>>. p. 78. Zweyter Band. 2!Z9 lich abzusehen. Dieser Abt hat ja sonst mehr als ein Stück aufführcn und drucken lassen, von welchen ihn jedermann als den Verfasser kennet, und die der Ecnic bcv weiten nicht gleich kommen. Wenn er einer Frau von vier und fünfzig Iabrcn eine Galanterie machen wollte, ist es wahrscheinlich, daß er es gerade mit seinem besten Werke würde gethan habend — Den zwey und vierzigsten Abend (Montags, den 13tcn Julius,) ward die Fraucnschulc von Molicrc aufgeführt. Molicre hatte bereits seine Ma'nncrschulc gemacht, als er im Zahre 1662 diese Fraucnschulc darauf folgcn ließ. Wer beide Stücke nicht kennct, würde sich sehr irre», wenn er glaubte, daß hier den Frauen, wie dort den Männern, ihre Schuldigkeit gcpredigct würde. Es sind beides witzige Posscn- spiclc, in welchen ein Paar junge Mädchen, wovon das eine in aller Strenge erzogen und das andere in aller Einfalt aufgewachsen, ein Paar alte Lassen hintergehen; und die beide die Männcrschulc hcisscn müßten, wenn Molicrc weiter nichts darum hätte lehren wollen, als daß das dümmste Mädchen noch immer Verstand genug habe zu betrügen, und daß Zwang und Aufsicht weit weniger fruchte und nutze, als Nachsicht und Freyheit. Wirklich ist für das weibliche Geschlecht in der Fraucnschulc nicht viel zu lernen; es wäre denn, daß Molicrc mit diesem Titel auf die Ehcstandsrcgcln, in der zwcvtcn Scene des dritten Akts, gcschen hätte, mit welchen aber die Pflichten der Weiber eher lächerlich gemacht werden. „Die zwey glücklichsten Stoffe zur Tragödie und Komödie, sagt Trublet, (") sind der Eid und die Fraucnschulc. Aber beide sind vom Corneille und Molicrc bcarbcitct worden, als diese Dichter ihre völlige Stärke noch nicht hatten. Diese Anmerkung, fügt er hinzu, habe ich von dem Hrn. von Fontcncllc." Wenn doch Trublet den Hrn. von Fontcnelle gefragt hätte, wie er dieses meine. Oder Falls es ihm so schon verständlich genug war, wenn er es doch auch seinen Lesern mit ein Paar Worten hätte verständlich machen wollen. Ich wenigstens bekenne, daß ich gar nicht absehe, wo Fontcnelle mit diesem C) Lfs.iis Ie lUoriUo '1°. IV. p. S9S. 24V Haml'urgische Tramalurgic. Räthsel hingewollt. Ich glaube, cr hat sich versprochen; oder Trudlet bat sich verhört. Wenn indeß, nach der Meinung dieser Männer, der Stoff der Francnschulc so besonders glücklich ist, und Molicrc in dcr Ausführung dcssclbcn nur zu kurz gcsallcn: so hätte sich dieser auf das ganze Stück eben nicht vicl einzubilden gehabt. Denn dcr Stoff ist nicht von ihm; sondern Theils aus cincr Spanischen Erzchlnng, die man bei dem Scarron, unter dem Titel, die vergebliche Vorsicht, findet, Theils aus den spaßhaften Nächten des Straparollc genommen, >vo ein Liebhaber einem seiner Freunde alle Tage vertrauet, wie weit cr mit seiner Geliebten gekommen, obnc zu wissen, daß dieser Freund sein Nebenbuhler ist. „Die Fraucnschulc, sagt dcr Hcrr von Voltaire, war ein Stück von cincr ganz neuen Gattung, worinn zwar allcs nur Erzehlung, abcr doch so künstliche Erzchlung ist, daß allcs Handlung zu seyn scheinet." Wenn das Neue hiermit bestand, so ist es sehr gut, daß man die ncuc Gattung cingchcn lassen. Mehr odcr wcuigcr künstlich, Erzchlung bleibt immer Erzchlung, und wir wollcn auf dcm Thcatcr wirkliche Handlungen sehen. — Abcr ist cs dcnn auch wahr, daß allcs darinn erzchlt wird? daß allcs nur Handlung zu seyn scheint? Voltaire hätte diesen alten Einwurs nicht wieder aufwärmen sollen; odcr, anstatt ihn in ein an- schcincndcs Lob zu vcrkchren, hätte cr wenigstens die Antwort bci'fügcn sollen, die Molicrc sclbst darauf crthciltc, und die sehr passend ist. Die Erzchlungcn nehmlich sind in diesem Stücke, vermöge dcr innern Verfassung dcssclbcn, wirkliche Handlung; sic habcn allcs, was zu cincr komischen Handlung erforderlich ist; und cs ist bloßc Wortklaubern,, ihnen dicscn Namcn hicr streitig zu machen. (°) Dcnn cs kömmt ja wcit weniger auf die Vorfälle an, welche erzchlt wcrdcn, als auf den Eindruck, wcl- cbcn diese Vorfälle auf den bctrogncn Alten machen, wenn er sic crfährt. Das Lächerliche dieses Alten wollte Molicre vor- ncbmlick schildcrn; ihn müssen wir also vornchmlich schcn, wic cr sick bcy dcm Unfälle, dcr ihm drohet, gcbehrdct; und dieses (°) In dcr Kritik dcr Fr.iucnschulc, i» dcr Pcrson dcs Doraittc: l.es recil« euxwömes > f»n> lies »ctiviis liiiv!«» I» coiltlitulio» tlu tu^jel. Zweyter Band. 241 bättc» wir so gut nicht gesehen, wenn der Dichter das, was er crzeblcn läßt, vor unsern Augen bättc vorgehen lassen, und das, was er vorgehen läßt, dafür hätte crzchlcn lassen. Der Verdruß, den Aruolpb empfindet; der Zwang, den er sich anthut, diesen Verdruß zu verbergen; der lwbnischc Ton, den er annimmt, wenn er den weitem Progresscn des Hora; nun vorgebauet zu babcu glaubet; das Erstaune», die stille Wutb, in der wir ihn scben, wenn er vernimmt, daß Hora; dem obngcachtct sein Ziel glücklich verfolgt: das sind Handlungen, und weit komischere Handlungen, als alles, was außer der Scene vorgeht. Selbst in der Erzehlung der Agncsc, von ibrcr mit dem Hora; gemachten Bekanntschaft, ist mehr Handlung, als wir finden würden, wenn wir diese Bekanntschaft auf der Bühne wirklich machen sahen. Also, anstatt von der Fraucuschulc zu sagen, daß alles darum Handlung scheine, obgleich alles nur Erzehlung sey, glaubte ich mit nicbrcrcm Rechte sagen zu können, daß alles Handlung darinn sey, obgleich alles nur Erzehlung zu seyn scheine. Vier und fünfzigstes Stück. Teil ktcn November, 1767. Den drey und vierzigsten Abend (Dienstags, den 14tcn Julius,) ward die Mittelschule des La Chaussee, und den vier und vierzigsten Abend (als den löten,) der Graf von Esser wiederholt. (") Da die Engländer von je her so gern clomostica kleta ans ihre Bühne gebracht haben, so kann man leicht vermuthen, daß es ihnen auch an Trauerspielen über diese» Gegenstand nicht fehlen wird. Das älteste ist das von Zoh. Banks, unter den, Titel, der unglückliche Liebling, oder Graf von Esscx. Es kam 1682 aufs Theater, und erhielt allgemeinen Beyfall. Damals aber hatten die Franzosen schon drey Esscrc; des Cal- prcncde von 1K38; des Boycr von 1<>78, und des jünger» Corneille, vo» ebc» diesem Zahrc. Wollten indeß die Engländer, daß ihnen die Franzosen auch hierin» »icht möchten zuvor- (°) S> den 26stcn und 30stcn Abend Seile 93 und 99. Lcsimgs VZ->ke '» 1(! !>>12 Hamburgischc Dramaturgie. gekommen seyn, so würden sie sich vielleicht auf Daniels Philo- tas beuchen können; ein Trauerspiel von 1l>11, in welchem man die Geschichte nnd den Charakter des Grafen, unter fremden Namen, zu finden glaubte. (°) Banks scheinet keinen von seinen französischen Vorgängern gekannt zu haben. Er ist aber einer Novelle gefolgt, die den Titel, Gcbcimc Geschichte der Königinn Elisabeth und des Grasen von Esser, führet, (") wo er den ganzen Stoff sich so in die Hände gearbeitet fand, daß er ihn blos zu dialogircn, ihm blos die äußere dramatische Form zu ertheilen brauchte. Hier ist der ganze Plan, wie er von dem Verfasser der untm angeführten Schrift, zum Theil, ausgezogen worden. Vielleicht, daß es meinen Lesern nicht unangenehm ist, ihn gegen das Stück des Corneille halten zu können. „Um unser Mitleid gegen den unglücklichen Grafen desto lebhafter zu machen, und die heftige Zuneigung zu entschuldigen, welche die Königinn für ihn äußert, werden ihm alle die erhabensten Eigenschaften eines Helden bcvgclcgt; und es fehlt ihm zu einem vollkommenen Charakter weiter nichts, als daß er seine Leidenschaften nicht besser in seiner Gewalt hat. Bur- leigh, der erste Minister der Königinn, der auf ihre Ehre sehr eifersüchtig ist, und den Grafen wegen der Gunstbezeigungen beneidet, mit welchen sie ihn überhäuft, bemüht sich unabläßig, ihn verdächtig zu machen. Hierin» steht ihm Sir Walter Ralcigh, welcher nicht minder des Grafen Feind ist, treulich bey; und beide werden von der boshaften Gräfinn von Nottingham noch mehr verhetzt, die den Grafen sonst geliebt hatte, nun aber, weil sie keine Gegenliebe von ihm erhalten können, was sie nicht besitzen kann, zu verderben sucht. Die ungestüme Gemüthsart des Grafen macht ihnen nur allzugutes Spiel, und sie erreichen ihre Absicht auf folgende Weise. Die Königinn hatte den Grafen, als ihren Generalissimus, mit einer sehr ansehnlichen Armee gegen den Tyrone geschickt, welcher in Zrrland einen gefährlichen Aufstand erregt hatte. Nach einigen nicht viel bedeutenden Scharmützeln sahe sich der (°) cwlier'« I/ives ok Nie LiiAl. poels. Vol. I. p. 147. (°°) riis b'oMMiiioii lo Nie riieslre. Vol. II. p. 99. Zweyter Band. 243 Graf gcnöthigct, mit dcm Feinde in Unterhandlung zu treten, weil seine Truppen durch Slrabazcn und Krankheiten sehr abgemattet waren, Tyrone al'cr mit seinen Leuten sehr vorteilhaft postirct stand. Da diese Unterhandlung zwischen den Anführern mündlich betrieben ward, und kein Mensch dabey zugegen seyn durfte: so wurde sie der Königinn als ihrer Ehre höchst nachthcilig, und als ein gar nicht zwcydcutigcr Beweis vorgestellet, daß Esser mit den Rebellen in einem heimlichen Verständnisse stehen müsse. Burlcigh und Ralcigh, mit einigen andern Parlamentsgliedern, treten sie daher um Erlaubniß an, ihn des Hochvcrraths anklagen zu dürfen, welches sie aber so wenig zu verstatten geneigt ist, daß sie sich vielmehr über ein dergleichen Unternehmen sehr aufgebracht bezeiget. Sie wiederholt die vorigen Dienste, welche der Graf der Nation erwiesen, und erklärt, daß sie die Undankbarkeit und den boshaften Neid seiner Ankläger verabscheue. Der Graf von Southampton, ein aufrichtiger Freund des Esser, nimmt sich zugleich seiner auf das lebhafteste an; er erhebt die Gerechtigkeit der Königinn, einen solchen Mann nicht unterdrücken zu lassen; und seine Feinde müssen vor dicscsmal schweigen. (Erster Akt.) Zndcß ist die Königinn mit der Aufführung des Grafen nichts weniger, als zufrieden, sondern läßt ihm befehlen, seine Fehler wieder gut zu machen, und Zrrland nicht eher zu verlassen, als bis er die Rebellen völlig zu Paaren getrieben, und alles wieder beruhiget habe. Doch Esser, dcm die Beschuldigungen nicht unbekannt geblieben, mit welchen ihn seine Feinde bey ihr anzuschwärzen suchen, ist viel zu ungeduldig, sich zu rechtfertigen, und kömmt, nachdem er den Tyrone zu Nicderlcgung der Waffen vermocht, des ausdrücklichen Verbots der Königinn ungeachtet, nach England über. Dieser unbcdachtsamc Schritt macht seinen Feinden eben so viel Vergnügen, als seinen Freunden Unruhe; besonders zittert die Gräfinn von Nutland, mit welcher er insgeheim vcrhcnrathct ist, vor den Folgen. Am meisten aber betrübt sich die Königinn, da sie sieht, daß ihr durch dieses rasche Betragen aller Vorwand benommen ist, ihn zu vertreten, wenn sie nicht eine Zärtlichkeit verrathen will, 1K* !>44 H.nnbiirgische Tramaturgic. die sie gern vor der ganzen Wclt vcrbcrgcn möchte. Die Erwägung ihrer Wurde, zu welcher ihr natürlicher Stolz kömmt, und die heimliche Liebe, die sie zu ihm trägt, erregen in ihrer Brust den grausamsten Kampf. Sie streitet lange mit sich selbst, ob sie den verwegnen Mann nach dem Towcr schicken, oder den geliebten Verbrecher vor sich lassen und ihm erlauben soll, sich gegen sie selbst zu rechtfertigen. Endlich entschließt sie sich zu dem letzter», doch nicht ohne alle Einschränkung; sie will ihn sehen, aber sie will ihn auf eine Art empfangen, daß er die Hoffnung wohl verlieren soll, für seine Vcrgchungcn so bald Vergebung zu erhalten. Vnrlcigh, Ralcigh und Nottingham sind bey dieser Zusammenkunft gegenwärtig. Die Königinn ist auf die letztere gclchnct, und scheinet tief im Gespräche zu seyn, ohne den Grafen nur ein cinzigcsmal anzusehen. Nachdem sie ihn eine Weile vor sich knien lassen, verläßt sie auf einmal das Zimmer, und gebiethet allen, die es redlich mit ihr meinen, ihr zu folgen, und den Vcrräthcr allein zu lassen. Niemand darf es wagen, ihr ungehorsam zu seyn; selbst Southampton gehet mit ihr ab, kömmt aber bald, mit der trostlosen Rutland, wieder, ihren Freund bey seinem Unfälle zu beklagen. Gleich darauf schicket die Königinn den Burlcigh und Ralcigh zu dem Grasen, ihm den Kommandostab abzunehmen; er weigert sich aber, ihn in andere, als in der Königinn eigene Hände, zurück zu liefern, und beiden Ministern wird, sowohl von ihm, als von dem Southampton, sehr verächtlich begegnet. (Zweyter Akt.) Die Königinn, der dieses sein Betragen sogleich bintcrbracht wird, ist äußerst gcrcitzt, aber doch in ihren Gedanken noch immer uneinig. Sie kann weder die Verunglimpfungen, deren sich die Nottingham gegen ihn erkühnt, noch die Lobsprüche vertragen, die ihm die unbedachtsamc Nutland ans der Fülle ihres Herzens ertheilet; ja, diese sind ihr noch mehr zuwider als jene, weil sie daraus entdeckt, daß die Rutland ihn liebet. Zuletzt befiehlt sie, dem ohngcachtct, daß er vor sie gebracht werden soll. Er kömmt, und versucht es, seine Aufführung zu vertheidigen. Doch die Gründe, die er dcsfalls beybringt, scheinen ihr viel zu schwach, als daß sie ihren Verstand von seiner Unschuld überzeugen sollten. Sie verzeihet ihm, um der Zweyter Band, 245 gcbcimen Neigung, die sie für ihn hägt, ein Genüge zu thun; aber zugleich entsetzt.sie ihn aller seiner Ehrcnstcllcii, in Betrachtung dessen, was sie sich selbst, als Königinn, schuldig zu seyn glaubt. Und nun ist der Graf nicht länger vermögend, sich zu mäßigen; seine Ungcstümhcit bricht los; er wirft den Stab zu ihren Fußen, und bedient sich vcrschicdncr Ausdrücke, die zu sehr wie Vorwürfe klinge», als daß sie den Zorn der Königinn nicht aufs höchste treiben sollten. Auch antwortet sie ihm darauf, wie es Zornigen sehr natürlich ist; ohne sich um Anstand und Würde, ohne sich um die Folgen zu bekümmern: nehmlich, anstatt der Antwort, giebt sie ihm eine Ohrfeige. Der Graf greift nach dem Degen; und nur der einzige Gedanke, daß es seine Königinn, daß es nicht sein König ist, der ihn geschlagen, mit einem Worte, daß es eine Frau ist, von der er die Ohrfeige hat, hält ihn zurück, sich thällich an ihr zu vergehen. Southampton beschwört ihn, sich zu fasse»; aber cr wiederholt seine ihr und dem Staate geleisteten Dienste nochmals, und wirft dem Burlcigh und Ralcigh ihren niederträchtigen Neid, so wie der Königinn ihre Ungerechtigkeit vor. Sie verläßt ihn in der äußersten Wuth; und niemand als Southampton bleibt bey ihm, der Freundschaft genug hat, sich itzt eben am wenigsten von ihm trennen zu lassen. (Dritter Akt.) Der Graf gcräth über sein Unglück in Verzweiflung; cr läuft wie unsinnig in der Stadt herum, schreyet über das ihm angethane Unrecht, und schmähet auf die Regierung. Alles das wird der Königinn, mit vielen Uebertreibungen, wiedergesagt, und sie giebt Befehl, sich der beiden Grafen zu versichern. Es wird Mannschaft gegen sie ausgeschickt, sie werden gefangen genommen, und in den Towcr in Verhaft gesetzt, bis daß ihnen der Proceß kann gemacht werden. Doch indeß hat sich der Zorn der Königinn gelegt, und günstigern Gedanken für den Esscx wiederum Raum gemacht. Sie will ihn also, ehe er zum Ncrhöre gcht, allem, was man ihr darwidcr sagt, ungeachtet, nochmals sehen; und da sie besorgt, seine Verbrechen möchten zu strafbar befunden werden, so giebt sie ihm, um sein Leben wenigstens in Sicherheit zu setzen, cincn Ring, mit dem Versprechen, ihm gegen diesen Ring, sobald cr ihn ihr zu- 246 Hamvurgischc Dramaturgie, schicke, alles, was er verlangen würde, zu gewähren. Fast aber bereuet sie es wieder, daß sie so gütig gegen ihn gewesen, als sie gleich darauf erfährt, daß er mit der Nutland vermählt ist; und eS von der Rutland selbst erfährt, die für ihn um Gnade zu bitten kömmt. (Vierter Akt.) Fünf und fünfzigstes Stück. Ten 10ten November, 1767. Was die Königinn gefürchtet hatte, geschieht; Esscx wird nach den Gesetzen schuldig befunden und vcrurthcilct, den Kopf zu verlieren; sein Freund Southampton desgleichen. Nun weiß zwar Elisabeth, daß sie, als Königinn, den Verbrecher begnadigen kann; aber sie glaubt auch, daß eine solche frclMllige Begnadigung auf ihrer Seite eine Schwäche verrathen würde, die keiner Königinn gezieme; und also will sie so lange warten, bis er ihr den Ring senden, und selbst um sein Leben bitten wird. Voller Ungeduld indeß, daß es je eher je lieber geschehen möge, schickt sie die Nottingham zu ihm, und läßt ihn erinnern, an seine Rettung zu denken. Nottingham stellt sich, das zärtlichste Mitleid für ihn zu fühlen; und er vertrauet ihr das kostbare Unterpfand seines Lebens, mit der demüthigstcn Bitte an die Königinn, es ihm zu schenken. Nun hat Nottingham alles, was sie wünschet; nun steht es bey ihr, sich wegen ihrer verachteten Liebe an dem Grafen zu rächen. Anstatt also das auszurichten, was er ihr aufgetragen, verleumdet sie ihn auf das boshafteste, und mahlt ihn so stolz, so trotzig, so fest entschlossen ab, nicht um Gnade zu bitten, sondern es auf das Acußcrstc ankommen zu lassen, daß die Königinn dem Berichte kaum glauben kann, nach wiederholter Versicherung aber, voller Wuth und Verzweiflung den Befehl ertheilet, das Urlheil ohne Anstand an ihm zu vollziehen. Dabey giebt ihr die boshafte Nottingham ein, den Grafen von Southampton zn begnadigen, nicht weil ihr das Unglück desselben wirklich nahe geht, sondern weil sie sich einbildet, daß Esser die Bitterkeit seiner Strafe um so vielmehr empfinden werde, wenn er sieht, daß die Gnade, die man ihm verweigert, seinem mitschuldigen Freunde nicht entstehe. Z» eben dieser Absicht räth Zweyter Band. ' 247 sie der Königinn auch, seiner Gemahlinn, der Gräfinn von Rutland, zu erlauben, ihn noch vor seiner Hinrichtung zu sehen. Die Königinn williget in beides, aber zum Unglücke für die grausame Nachgeben»»; denn der Graf giebt seiner Gemablinn einen Brief an die Königinn, die sich eben in dem Towcr befindet, und ihn kurz darauf, als man den Grafen abgeführet, crbält. Aus diesem Briefe ersieht sie, daß der Graf der Nottingham den Ring gegeben, lind sie durch diese Verrathen»» um sei» Leben bitte» lasse». Sogleich schickt sie, u»d läßt die Vollstreckung des Urtheils untersage»; doch Burlcigh und Na- lcigh, dem sie aufgetragen war, hatten so sehr damit gccilct, daß die Bothschaft zu spät kömmt. Der Gras ist bereits todt. Die Königinn gcräth vor Schmerz außer sich, verbannt die abscheuliche Nottingham auf ewig aus ihre» Augen, und giebt allen, die sich als Fci»dc des Grase» erwiesen hatten, ihren bitterste» Unwillen zu erkennen." Aus diesem Plane ist genugsam abzunehmen, daß der Esser des Banks ein Stück von weit mehr Natur, Wahrheit und Uebereinstimmung ist, als sich in dem Esser des Eorncillc findet. Banks hat sich ziemlich genau a» die Geschichte gehalten, nur daß er vcrschiednc Begebenheiten näher zusammen gerückt, uud ihnen cinen unmittelbarem Einfluß auf das endliche Schicksal seines Helden gegeben hat. Der Vorfall mit der Ohrfeige ist eben so wenig erdichtet, als der mit dem Ringe; beide finden sich, wie ich schon angemerkt, in der Historie, nur jener weit früher und bey einer ganz andern Gelegenheit; so wie es auch von diesem zu vermuthen. Denn es ist begreiflicher, daß die Königinn dem Grafen den Ring zu einer Zeit gegeben, da sie mit ihn, vollkommen zufrieden war, als daß sie ihm dieses Unterpfand ihrer Gnade ihr erst sollte geschenkt haben, da er sich ihrer ebc» am meisten verlustig gemacht hatte, und der Fall, sich dessen zu gebrauchen, schon wirklich da war. Dieser Ring sollte ^ic erinnern, wie theuer ihr der Graf damals gewesen, als er ihn von ihr erhalten; und diese Eriimcrung sollte ihm alsda»» alle das Verdienst wiedergeben, welches er unglücklicher Weise in ihren Augen etwa könnte verloren haben. Aber was braucht es dieses Zeichens, dieser Erinnerung von heute bis auf morgens 248 ' Hamburgische Dramaturgie. Glaubt sie ihrer günstigen Gesinnungen auch auf so wenige Stunden nicht mächtig zu seyn, daß sie sich mit Fleiß auf eine solche Art fesseln will? Wenn sie ihm in Ernste vergeben hat, wenn ihr wirklich an seinem Leben gelegen ist: wozu das ganze Spicgclgefcchtc? Warum konnte sie es bey den mündlichen Versicherungen nicht bewenden lassen? Gab sie den Ring, blos um den Grafen zu beruhigen; so verbindet er sie, ihm ihr Wort zu halten, er mag wieder in ihre Hände kommen, oder nicht. Gab sie ihn aber, um durch die Wicdcrcrhaltung desselben von der fortdauernden Reue und Unterwerfung des Grafen versichert zu seyn: wie kann sie in einer so wichtigen Sache seiner tödlichsten Feindinn glauben? Und hatte sich die Nottingham nicht kurz zuvor gegen sie selbst als eine solche bewiesen? So wie Banks also den Ring gebraucht hat, thut er nicht die beste Wirkung. Mich dünkt, er würde eine weit bessere thun, wenn ihn die Königinn ganz vergessen hätte, und er ihr plötzlich, aber auch zu spät, eingehändiget würde, indem sie eben von der Unschuld, oder wenigstens geringern Schuld des Grasen, noch aus andern Gründen überzeugt würde. Die Schenkung des Ringes hätte vor der Handlung des Stücks lange müssen vorhergegangen seyn, und blos der Graf hätte darauf rechnen müssen, aber aus Edclmuih nicht eher Gebrauch davon machen wollen, als bis er gesehen, daß man auf seine Rechtfertigung nicht achte, daß die Königinn zu sehr wider ihn eingenommen sc», als daß er sie zu überzeugen hoffen könne, daß er sie also zu bewegen suchen müsse. Und indem sie so bewegt würde, müßte die Ueberzeugung dazu kommen; die Erkennung seiner Unschuld und die Erinnerung ihres Versprechens, ihn auch dann, wenn er schuldig seyn sollte, für unschuldig gelten zu lassen, müßten sie auf einmal überraschen, aber nicht eher überraschen, als bis es nicht mehr in ihrem Vermögen stehet, gerecht und erkenntlich zu scmi. Viel glücklicher hat Banks die Ohrfeige in sein Stück cin- geflochten. — Aber eine Ohrfeige in einem Trauerspiele! Wie englisch, wie unanständig! — Ehe meine feinern Leser zu sehr darüber spotten, bitte ich sie, sich der Ohrfeige im Eid zu erinnern. Die Anmerkung, die der Hr. von Voltaire darüber gc- Zweyter Band. macht hat, ist in viclcrlcy Betrachtung merkwürdig. „Heut zu „Tage, sagt er, dürfte man es nicht wagen, einem Helden „eine Ohrfeige geben zu lassen. Die Schauspieler selbst wissen „nicht, wie sie sich dabey anstellen sollen; sie thun nur, als „ob sie eine gäben. Nicht einmal in der Komödie ist so etwas „mehr erlaubt; und dieses ist das einzige Ercmpcl, welches man „auf der tragischen Wuhne davon hat. Es ist glaublich, daß „man unter andern mit deswegen den Eid eine Tragikomödie „betitelte; lind damals waren fast alle Stucke des Scudcri und „des Boisrobert Tragikomödien. Man war in Frankreich lange „der Meinung gewesen, daß sich das nnuntcrbrochnc Tragische, „ohne alle Vermischung mit gemeinen Zügen, gar nicht aushalten lasse. Das Wort Tragikomödie selbst, ist sehr alt; „Plautus braucht cs, seinen Amphitruo damit zu bezeichnen, „weil das Abcnthcucr des Sofias zwar komisch, Amphitruo „selbst aber in allem Ernste betrübt ist." — Was der Herr von Voltaire nicht alles schreibt! Wie gern cr immer ein wenig Gelehrsamkeit zeigen will, und wie sehr cr mcistcnthcils damit verunglückt! Es ist nicht wahr, daß die Ohrfeige lm Cid die einzige auf der tragischen Bühne ist. Noltairc hat den Esser des Banks entweder nicht gekannt, oder vorausgesetzt, daß die tragische Bühne seiner Nation allein diesen Namen verdiene. Unwissenheit verrath beides; und nur das letztere noch mehr Eitelkeit, als Unwissenheit. Was cr von dem Namen der Tragikomödie hinzufügt, ist eben so unrichtig. Tragikomödie hicß die Vorstellung einer wichtigen Handlung unter vornehmen Personen, die cincn vergnügten Ausgang hat; das ist der Eid, und die Ohrfeige kam dabey gar nicht in Betrachtung; dcnn dicscr Ohrfeige ungeachtet, nannte Eorncille hernach sein Stück eine Tragödie, sobald cr das Vorurthcil abgelegt hatte, daß eine Tragödie nothwcndig cinc unglückliche Katastrophe haben müsse. Plautus braucht zwar das Wort ^raFieocomv'ljia: aber cr braucht es blos im Schcrzc; und gar nicht, um eine besondere Gattung damit zu bezeichnen. Auch hat cs ihm in diesem Verstände kein Mensch abgcborgt, bis cs in dem scchszchntcn Jahrhunderte den Spanischen und Ztalicnischcn Dichtern cinsicl, gewisse von ihren 250 Hamburgischc Dramaturgie, dramatischen Mißgeburten so zn nennen. (°) Wenn aber auch Plautus seinen Amphitruo im Ernste so genannt hätte, so wäre es doch nicht aus der Ursache geschehen, die ihm Voltaire andichtet. Nicht weil der Antheil, den Sofias an der Handlung nimmt, komisch, und der, den Amphilruo daran nimmt, tragisch ist: nicht darum hätte Plautus sein Stück lieber eine Tragikomödie nennen wollen. Denn sein Stück ist ganz komisch, und wir belustigen uns an der Verlegenheit des Amphitruo eben so sehr, als an des Sofias seiner. Sondern darum, weil diese komische Handlung größtcnthcils unter höhcrn Personen vorgehet, als man in der Komödie zu sehen gewohnt ist. Plaulus selbst erklärt sich darüber deutlich genug: I^ieiain u5 eommixla tit Ir.iAioo-onmmclia: ^ain inv j>ei'j)vtui' nrliilror. <^»i!v tervus cjiio«jiio z>k>i'Ies li.iliel, l'uviam Iiune, ^loinäe ni U! l^ili ti l!!»»ivr f»t le Iirvmier c>»> »' svivit. iniii» il !i kiül p«>>>-r c« Mrv » Ur»l>um»>»v, ce yu«! llepui» i>U>swur« o»l imilv. (?i!U. «In II>. liv. II. >!i>. 10.) Und dabcv halten es die Geschichtschreiber des französische» Theaters anch nur sollen bewenden lassen. Aber sie machen die leichte Vcr- muihung des Hedclins zur Gewißheit, und gratulircn ihrem Landsmannc zu einer so schönen Erfindung. Vuici In prvmi^re l'rüB - r!(»»L>Iie, vu >>»ur m'u'ux ilirv I« >>re»>i>!r iweme «In llivittiv ii » purlv cu lilre — l»»r»ivr »ü co»»uiss»il Nil« sfsüZi los Nix-st«« >>» I'itrl qu il profvssuil; Ic'iion« ^>'>>>'m>!»»l >'l!N>>>lt> »l ilvoir lu iiremi^r, s»«!j I>! kucour« «los .Viiowiiü, »i «Iv ses >:u»l>/m>>ln >>i»-i, fiul ü>ur>!voir une >>I>^»i »'» pa» vlv imUiw » iiu-nxw»,, lt'.Vuiüur-j >>u liviniur Neclv. Garnicrs Bradamantc ist von 1082, und ick kenne eine Menge weit frühere spanische und italienische Stucke, die diesen Titel führen. Zweyter Band. '.'5>t die ihm die Gesetze dafür verschaffen können, vergebens ist. Sie will nicht von einem dritten bestraft, sie will von dem Beleidigten selbst gcrächct, nnd ans eine eben so eigenmächtige Art gcrächct seyn, als sie erwiesen worden. Ob es die wahre oder die falsche Ehre ist, die dieses gebiethet, davon ist hier die Ncdc nicht. Wie gesagt, es ist nun einmal so. Und wenn es nun einmal in der Welt so ist: warum soll es nicht auch auf dem Theater so seyn? Wenn die Ohrfeigen dort im Gange sind: warum nicht auch hier? „Die Schauspieler, sagt der Herr von Voltaire, wissen nicht, wie sie sich dabey anstellen sollen." Sie wüßten es wohl; aber man will eine Ohrfeige auch nicht einmal gern im fremden Namen haben. Der Schlag setzt sie in Feuer; die Person erhält ihn, aber sie fühlen ihn; das Gefühl hebt die Verstellung auf; sie gerathen aus ihrer Fassung; Scham und Verwirrung äußert sich wider Willen auf ihrem Gesichte; sie sollten zornig aussehen, nnd sie sehen albern aus; und jeder Schauspieler, dessen eigene Empfindungen mit seiner Rolle in Collision kommen, macht uns zu lachen. Es ist dieses nicht der einzige Fall, in welchem man die Abschaffung der Masken bctaucrn möchte. Der Schauspieler kann ohnstrcitig unter der Maske mehr Contcnancc hallen; seine Person findet weniger Gelegenheit auszubrcchcn; und wenn sie ja ausbricht, so werden wir diesen Ausbruch weniger gewahr. Doch der Schauspieler verhalte sich bey der Ohrfeige, wie er will: der dramalischc Dichter arbeitet zwar für den Schauspieler, aber er muß sich darum nicht alles versagen, was diesem weniger thulich und bequem ist. Kein Schauspieler kann roth werden, wenn er will: aber gleichwohl darf es ihm der Dichter vorschreiben; gleichwohl darf er den einen sagen lassen, daß er es den andern werden sieht. Der Schauspieler will sich nicht ins Gesichte schlagen lassen; er glaubt, es mache ihn verächtlich; es verwirrt ihn; es schmerzt ihn: recht gut! Wenn er es in seiner Kunst so weit noch nicht gebracht hat, daß ihn so etwas nicht verwirret; wenn er seine Kunst so sehr nicht liebet, daß er sich, ihr zum Besten, eine kleine Kränkung will gefallen lassen: so suche er über die Stelle so gut wegzukommen, als 262 Hamburgische Tramalurgie. cr kann; er weiche dein Schlage aus; er halte die Hand vor; nur verlange cr nicht, daß sich der Dichter seinetwegen mehr Bcdciiklichkcitcn machen soll, als cr sich der Person wegen macht, die cr ihn vorstcllcn läßt. Wenn dcr wahre Dicgo, wenn der wahre Esser eine Ohrfeige hinnehmen muß: was wollen ihre Repräsentanten dawider einzuwenden haben? Aber dcr Zuschauer will vielleicht keine Ohrfeige geben sehen? Oder höchstens nur einem Bedienten, den sie nicht besonders schimpft, für den sie eine seinem Stande angemessene Züchtigung ist? Einem Helden hingegen, einem Helden eine Ohrfeige! wie klein, wie unanständig! — Und wenn sie das nun eben seyn soll? Wenn eben diese Unanständigkeit die Quelle der gewaltsamsten Entschließungen, der blutigsten Rache wcrdcn soll, lind wird 6 Wcnn jcdc geringere Beleidigung diese schreckliche Wirkungen nicht hätte haben können? Was in seinen Folgen so tragisch wcrdcn kam:, was unter gewissen Personen nothwendig so tragisch wcrdcn muß, soll dennoch aus dcr Tragödie ausgeschlossen seyn, weil es auch in dcr Komödie, weil es auch in dem Posscnspiclc Platz findet? Worüber wir einmal lachen, sollen wir ein andermal nicht erschrecken können? Wcnn ich dic Ohrfcigcn aus cincr Gattung dcs Drama vcrbannt wissen möchte, so wäre cs aus dcr Komödic. Denn was für Folgen kann sie da haben? Traurige? die sind über ihrcr Sphärc. Lächerliche? dic sind unter ihr, und gehören dem Posscnspicle. Gar keine? so verlohnte cs nicht dcr Mühc, sie gcbcn zu lassen. Wer sie giebt, wird nichts als pöbelhafte Hitze, und wer sic bekömmt, nichts als knechtische Klcimnuth verrathen. Sie verbleibt also den beiden Extremis, dcr Tragödie und dem Posscnspiclc; dic mchrerc dergleichen Dinge gemein haben, über dic wir entweder spotten oder zittern wollen. Und ich frage jeden, der den Eid vorstellen sehen, oder ihn mit einiger Aufmerksamkeit auch nur gelesen, ob ihn nicht ein Schauder überlaufen, wenn dcr großsprcchcrische Gormas den alten würdigcn Dicgo zu schlagen sich erdreistet? Ob cr nicht das empfindlichste Mitleid für dicscn, und dcn bittcrstcn Unwil- lcn gcgcn jenen empfunden? Ob ihm nicht auf einmal alle die blutigen und traurigen Folgen, die diese schimpfliche Begegnung Zweyter B.ind. 253 nach sich ziehen müsse, in die Gedanken geschossen, und ibn mit Erwartung und Furcht erfüllet? Gleichwohl soll ein Vorfall, der alle diese Wirkung auf ihn hat, nicht tragisch seyn? Wenn jemals bey dieser Ohrfeige gelacht worden, so war es sicherlich von einem aus der Gallcric, der mit den Ohrfeigen zu bekannt war, und eben ihr eine von seinem Nachbar verdient hätte. Wen aber die ungeschickte Art, mit der sich der Schauspieler etwa dabey betrug, wider Willen zu lächeln machte, der biß sich geschwind in die Lippe, und eilte, sich wieder in die Täuschung zu versetzen, aus der fast jede gewaltsamere Handlung den Zuschauer mehr oder weniger zu bringen pflegt. Auch frage ich, welche andere Beleidigung wohl die Stelle der Ohrfeige vertreten könnte? Für jede andere würde es in der Macht des Königs stehen, dem Beleidigten Genugthuung zu schaffen; für jede andere würde sich der Sohn weigern dürfen, seinem Vater den Vater seiner Geliebten aufzuopfern. Für diese einzige läßt das puiillonor weder Entschuldigung noch Abbitte gelten; und alle gütliche Wege, die selbst der Monarch dabey einleiten will, sind fruchtlos. Corneille ließ nach dieser Dcnkungsart den Gormas, wenn ihm der König andeuten läßt, den Diego zufrieden zu stellen, sehr wohl antworten: <ües tatisiaetions n'linnaitsont, ^>oint une nme: les iv^oit r>'a i'ien, c^ui les iait te olilame. I5t 6v tous ees aecoi'u8 I'eil'ol lo plus cominuri, 7. Banks hat die nchmlichcn Worte beybehalten, dic Esser über dic Ohrfcigc aussticß. Nur daß cr ihn dem einen Heinriche noch alle Heinriche in der Welt, mit sammt Alerandcrn, beyfügen läßt. (°) Sein Esser ist überhaupt zu viel Prahler; und es fehlet wenig, daß cr nicht cin cbcn so großer Gasconicr ist, als dcr Esscx des Gasconicrs Calprcncde. Dabcy crträgl cr sein Unglück viel zn klcinmüthig, und ist bald gegen dic Königinn cbcn so kriechend, als cr vorhcr vcrmcssen gcgcn sie war. Banks hat ihn zu sehr nach dem Leben geschildert. Ein Charakter, dcr sich so leicht vergißt, ist kein Charakter, nnd cbcn daher dcr dramatischen Nachahmung unwürdig. Zn dcr Geschichte kann man dergleichen Widersprüche mit sich selbst, für Verstellung halten, weil wir in dcr Geschichte doch selten das Znncrstc des Herzens kennen lernen: aber in dem Drama werden wir mit dem Helden allzuvcrtraut, als daß wir nicht gleich wissen sollten, ob seine Gesinnungen wirklich mit den Handlungen, die wir ihm nicht zugetrauet hätten, übereinstimmen, oder nicht. Ja, sie mögen es, oder sie mögen es nicht: dcr tragische Dichter kann ihn in beiden Fällen nicht recht nutzen. (°) ^cl, III. --- - - »II Lulilillx, ünil ^VvMiin i» >our Sex, I svveiir, »>!tt Iiitil >o» Iieen » lUiin 50» «lursl n«I, >»ur Iwltl k^llier H.irrx >IurN n«l »li-j Ilsve Uonv — >VI>> s»x I I>il»? >ot »U >I»^ Il-irrx«, >or ^Iex!ti»Iersvlk, ,verv lie illivv, Sliou'll Iioiill nf sucli ,1, >Ive>I »n Lssl-x «Ions ^Villioul reveiix«'. - - - Hamburgische Dramaturgie. Ohne Verstellung fällt der Charakter weg; bey der Verstellung die Würde desselben. Mit der Elisabeth hat er in diesen Fehler nicht fallen können. Diese Frau bleibt sich in der Geschichte immer so vollkommen gleich, als es wenige Männer bleiben. Ihre Zärtlichkeit selbst, ihre heimliche Liebe zu dem Esscx, hat er mit vieler Anständigkeit behandelt; sie ist auch bey ihm gewissermaßen noch ein Geheimniß. Seine Elisabeth klagt nicht, wie die Elisabeth des Eorncillc, über Kälte und Verachtung, über Gluth und Schicksal; sie spricht von keinem Gifte, das sie verzehre; sie jammert nicht, daß ihr der Undankbare eine Suffolk vorziehe, nachdem sie ihm doch deutlich genug zu verstehen gegeben, daß er um sie allein seufzen solle, u. s. w. Keine von diesen Armseligkeiten kömmt über ihre Lippen. Sie spricht nie, als eine Verliebte; aber sie handelt so. Man hört es nie, aber man sieht es, wie theuer ihr Esscx ehedem gewesen, und noch ist. Einige Funken Eifersucht verrathen siez sonst würde man sie schlechterdings für nichts, als für seine Freundinn halten können. Mit welcher Kunst aber Banks ihre Gesinnungen gegen den Grafen in Action zu setzen gewußt, das können folgende Sccncn des dritten Auszuges zeigen. — Die Königinn glaubt sich al- lci», und überlegt den unglücklichen Zwang ihres Standes, der ihr nicht erlaube, nach der wahren Neigung ihres Herzens zu handeln. Indem wird sie die Nottingham gewahr, die ihr nachgekommen. — Die Königinn. Du hier, Nottingham ? Ich glaubte, ich sey allein. Nottingham. Verzeihe, Königinn, daß ich so kühn bin. Und doch befiehlt mir meine Pflicht, noch kühner zu seyn. — Dich bekümmert etwas. Ich muß fragen, — aber erst auf meinen Knien Dich um Verzeihung bitten, daß ich es frage — Was ists, daß Dich bekümmert? Was ist eS, das diese erhabene Seele so tief herab beuget? — ^dcr ist Dir nicht wohl? Die Königinn. Steh auf; ick, bitte dich. — Mir ist gan; wohl. — Ich danke dir für deine Liebe. — Nur unruhig, ein wenig unruhig bin ich, — meines Volkes wegen. Ich habe lange regiert, und ich fürchte, ihm nur zu lange. Es fängt an, meiner übcrdrüßig zu Zweyter Band. 267 werden. — Neue Kronen sind wie neue Kranze; die frischesten, sind die lieblichsten. Meine Sonne neiget sich; sie hat in ihrem Mittage zu sehr gewärmet; man fühlet sich zu heiß; man wünscht, sie wäre schon untergegangen. — Erzehle mir doch, was sagt mau von der Ueberkuuft des Essex? Nottingham. — Von seiner lleberkunft — sagt man — nicht das Beste. Aber von ihm — er ist für einen so tapfern Mann bekannt — Die Königinn. Wie? tapfer? da er mir so dienet? — Der Vcrräther! Nottingham. Gewiß, es war nicht gut — Dre Königinn. Nicht gut! nicht gut? — Weiter nichts? Nottingham. ES war eine verwegene, frevelhafte That. Die Königinn. Nicht wahr, Nottingham? — Meinen Befehl so gering zu schätzen! Er hätte den Tod dafür verdient. — Welt geringere Verbrechen haben hundert weit geliebter» Lieblingen de» Kopf gekostet. — Nottingham. Ja wohl. — Und doch sollte Esser, bey so viel größerer Schuld, mit geringerer Strafe davon kommen? Er sollte nicht sterben? Die Königinn. Er soll! — Er soll sterben, und in den empfindlichsten Martern soll er sterben! — Seine Pein sey, wie seine Nerrälherey, die größte von allen! — Und dann will ich seinen Kopf und seine Glieder, nicht unter den finstern Thoren, nicht auf den niedrigen Brücken, auf den höchsten Zinnen will ich sie aufgesteckt wissen, damit jeder, der vorübergeht, sie erblicke und anSrufc: Siehe da, den stolzen undankbare» Essex! Diesen Esser, welcher der Gerechtigkeit seiner Königinn trotzte! — Wohl gethan! Nicht mehr, als er verdiente! — WaS sagst du, Nottingham? Meinest du nicht auch? — Du schweigst? Warum schweigst du? Willst du ihn noch vertreten? Nottingham. Weil Du cS denn befiehlst, Königinn, so will ich Dir alles sagen, was die Welt von diesem stolze», undankbaren Manne spricht. — Die Königinn. Thu das! — Laß hören: was sagt die Welt von ihm und mir? Nottingham. Von Dir, Königinn? — Wer ist es, der von Dir nicht mit Entzücken und Bewunderung spräche? Der Nachruhm Lesmigs Werke v il. 17 W> -i' 258 Hambiirgischc Dramaturgie. eines verstorbenen Heiligen ist nicht lauterer, als Dein Lob, von dem aller Zungen ertönen. Nur dieses einzige wünschet man, und wünschet es mit den heissesten Thränen, die aus der reinsten Liebe gegen Dich entspringen, — dieses einzige, daß Du geruhen mochtest, ihren Beschwerden gegen diesen vssex abzuhelfen, einen solchen Verräthcr nicht länger zu schützen, ihn nicht länger der Gerechtigkeit und der Schande vorzuenthalten, ihn endlich der Rache zu überliefern — Die Königinn. Wer hat »nr vorzuschreiben? Nottingham. Dir vorzuschreiben! — Schreibet man dem Himmel vor, wenn man ihn in ticfester Unterwerfung anflehet? — Und so flehet Dich alles wider den Mann an, dessen Gemüthsart so schlecht, so boshaft ist, daß er es auch nicht der Mühe werth achtet, den Heuchler zu spiele». — Wie stolz! wie aufgeblasen! Und wie unartig, pöbelhaft stolz; nicht anders als ein elender Lakey auf seinen bnntcn verbrämten Rock! — Daß er tapfer ist, räumt man ihm ein; aber so, wie cS der Wolf oder der Bär ist, blind zu, ohne Plan und Vorsicht. Die wahre Tapferkeit, welche eine edle Seele über Glück und Unglück erhebt, ist fern von ihm. Die geringste Beleidigung bringt ihn auf; er tobt und raset über ein Nichts; alles soll sich vor ihm schmiegen; überall will er allein glänzen, allein hervorragen. Lucifer selbst, der den ersten Saamen des Lasters in dem Himmcl auS- strenete, war nicht ehrgcitziger und hcrrschsüchtigcr, als er. Aber, so wie dieser aus dem Himmcl stürzte--- Die Königinn. Gemach, Nottingham, gemach! — Du eiferst dich ja ganz aus dem Athen. — Ich will nichts mehr hören — (bey Seite) Gift und Blattern auf ihre Zunge! — Gewiß, Nottingham, du solltest dich schämen, so etwas auch nur nachzusagen; dergleichen Niederträchtigkeiten des boshaften Pöbels zu wiederholen. Und eS ist nicht einmal wahr, daß der Pöbel das sagt. Er denkt eS auch nicht. Aber ihr, ihr wünscht, daß er eS sagen möchte. Nottingham. Ich erstaune, Königinn — Die Königinn. Worüber? Nottingham. Du gebothest mir selbst, zu reden — Die Königinn. Ja, wenn ich es nicht bemerkt hätte, wie ge- wliuscht dir dieses Geboth kam! wie vorbereitet du darauf wärest! Auf einmal glühte dein Gesicht, flammte dein Auge; das volle Hcrj Zweyter Band. 25!) freute sich, überzufließen, und jedes Wort, jede Ecbchrde halte seinen längst abgezieltcu Pfeil, deren jeder mich mit trift. Nottingham. Verzeihe, Königinn, wenn ich in dem Ausdrucke »iciuc Schuldigkeit gefchlct habe. Ich maß ihn nach Deinem ah. Die Königinn. Räch meinem? — Ich bin seine Königinn. Mir sieht es frey, dem Dinge, das ich geschaffen habe, mitzuspielen, wie ich will. — Auch hat er sich der gräßlichsten Verbrechen gegen meine Person schuldig gemacht. Mich hat er beleidiget; aber nicht dich. — Womit könnte dich der arme Mann beleidiget haben? Du hast keine Gesetze, die er übertreten, keine Unterthanen, die er bedrücken, keine Krone, nach der er streben könnte. Was findest du denn also für ein grausames Vergnügen, einen Elenden, der ertrinken will, lieber noch aus den Kopf zu schlagen, als ihm die Hand zu reichen ? Nottingham. Ich bin zu tadeln — Die Königinn. Genug davon! — Seine Königinn, die Welt, das Schicksal selbst erklärt sich wider diesen Mann, und doch scheinet er dir kein Mitleid, keine Entschuldigung zu verdienen? — Nottingham. Ich bekenne cS, Königinn, — Die Königinn. Geh, es sey dir vergeben! — Rufe mir gleich die Rutlaud her. — Acht und fünfzigstes Stück. Den 20sten November, 17K7. Nottingham geht, und bald darauf erscheinet Rutland. Man erinnere sich, daß Rutland, ohne Wissen der Königinn, mit dem Esser vermählt ist. Die Königinn. Kömmst du, liebe Rutland? Ich habe nach dir geschickt. — Wie ists? Ich finde dich, seit einiger Zeit, so traurig. Woher diese trübe Wolke, die dein holdes Auge umziehet? Sey munter, liebe Rutland; ich will dir einen wackern Mann suchen. Rutland. Großmüthige Frau! — Ich verdiene es nicht, daß meine Königinn so gnädig auf mich herabsiehet. Die Königinn. Wie kannst dn so reden? — Ich liebe dich; ja wohl liebe ich dich. — Du sollst es daraus schon sehen! — Eben habe ich mit der Nottingham, der widerwärtigen! — einen Streit gehabt; und zwar — über Mylord Esser. Rutland. Ha! ^ SKg Hamburgische Dramaturgie. Die Königinn. Sie hat mich recht sehr geärgert. Ich konnte sie nicht länger vor Augen sehen. Rntland. (bcp Seite) Wie fahre ich bey diesem theuern Namen zusammen! Mein Gesicht wird mich verrathen. Ich suhl es; ich werde blaß — und wieder roth. — Die Königinn. Was ich dir sage, macht dich crrölhen? — Rutlaud. Dein so überraschendes, gütiges Vertrauen, Königinn, — Die Königinn. Ich weiß, daß du mein Vertrauen verdienest. — Komm, Rntland, ich will dir alles sagen. Du sollst mir rathen. — Ohne Zweifel, liebe Rutland, wirst du es auch gehört haben, wie sehr das Volk wider den armen, unglücklichen Mann schreyet; was für Verbrechen es ihm zur Last leget. Aber das Schlimmste weißt du vielleicht noch nicht? Er ist heute ans Jrrland angekommen; wider meinen ausdrücklichen .Befehl; und hat die dortigen Angelegenheiten in der größten Verwirrung gelassen. Nutland. Darf ich Dir, Königinn, wohl sagen, was ich denke? — Das Geschrey des Volkes, ist nicht immer die Stimme der Wahrheit. Sein Haß ist öfters so nngegründet — Die Königinn. Du sprichst die wahren Gedanken meiner Seele. — Aber, liebe Rntland, er ist dem ohngeachtet zu tadeln. — Komm her, meine Liebe; laß mich an deinen Busen mich lehnen. — O gewiß, man legt mir es zu nahe! Nein, so will ich mich nicht miter ihr Joch bringen lassen. Sie vergessen, daß ich ihre Königinn bin. — Ah, Liebe; so ein Freund hat mir längst gefehlt, gegen den ich so meinen Kummer ausschütten kann! — Nutland. Siehe meine Thränen, Königinn — Dich so leiden zu sehen, die ich so bewundere! — O, daß mein guter Engel Gedanken in meine Seele, und Worte auf meine Zunge legen wollte, den Stnrm in Deiner Brust zu beschwören, und Balsam in Deine Wunden zu gießen! Die Königinn. O, so wärest du mein guter Engel! mitleidige, beste Rntland! — Sage, ist es nicht Schade, daß so ein braver Mann ein Vcrräthcr seyn soll? daß so ein Held, der wie ein Gott verehret ward, sich so erniedrigen kann, mich um einen kleinen Thron bringen zn wollen? Rutland. Das hätte er gewollt? das könnte er wollen? Nein, Königinn, gewiß nicht, gewiß nicht! Wie oft habe ich ihn von Dir Zweyter Band. 26t spreche» hören! mit welcher Ergebenheit, mit welcher Bewunderung, mit welchem Entzücken habe ich ihn von Dir sprechen hören! Die Königinn. Hast du ihn wirklich von mir sprechen hören? Rutland. Und immer als einen Begeisterten, aus dem nicht kalte Ucberlegung, aus dem ein inneres Gefühl spricht, dessen er nicht mächtig ist. Sie ist, sagte er, die Göttinn ihres Geschlechts, so weit über alle andere Frauen erhaben, daß das, was wir in diesen am meisten bewundern, Schönheit und Reitz, in ihr nur die Schatten sind, ein größeres Licht dagegen abzusetzen. Jede weibliche Vollkommenheit verliert sich in ihr, wie der schwache Schimmer eines Sternes in dem alles überströmenden Glänze des Sonnenlichts. Nichts übersieigt ihre Güte; die Huld selbst beherrschet, in ihrer Person, diese glückliche Insel; ihre Gesetze sind aus dem ewigen Gcsetzbnche des Himmels gezogen, und werde» dort von Engeln wieder aufgezeichnet. — O, unterbrach er sich dann mit einem Seufzer, der sein ganzes getreues Herz ausdrückte, o, daß sie nicht unsterblich seyn kann! Ich wünsche ihn nicht zu erleben, den schrecklichen Augenblick, wen» die Gottheit diesen Abglanz von sich zurückruft, und mit eins sich Nacht und Verwirrung über Britannien verbreiten. Die Königinn. Sagte er das, Rutland? Rutland. Das, und weit mehr. Immer so neu, als wahr in Deinem Lobe, dessen unversicgcne Quelle von den lautersten Gesinnungen gegen Dich überströmte — Die Königinn. O, Rutland, wie gern glaube ich dem Zeugnisse, das du ihm giebst! Rutland. Und kannst ihn noch für einen Vcrräthcr halte»? Die Königinn. Nein; — aber doch hat er die Gesetze übertreten. — Ich muß mich schämen, ihn länger zu schützen. — Ich darf es nicht einmal wagen, ihn zu sehen. Rutland. Ihn nicht zu sehen, Königinn? nicht zu sehen? — Bey dem Mitleid, das seinen Thron in Deiner Seele aufgeschlagen, beschwöre ich Dich, — Du mußt ihn sehen! Schäme»? wessen? daß Du mit einem Unglücklichen Erbarmen hast? — Gott hat Erbarmen: und Erbarmen sollte Könige schimpfen? — Nein, Königinn; sey auch hier Dir selbst gleich. Ja, Du wirst es; Du wirst ihn sehen, wenigstens einmal sehen — Die Königinn. Ihn, der meinen ausdrückliche» Befehl so ge- 262 Hamburgische Dramaturgie. ringschätze» können? Ihn, der sich so eigenmächtig vor meine Augen dringen darf« Warum blieb er nicht, wo ich ihm zu bleiben befahl? Rutlaiid. Rechne ihm dieses zu keinem Verbrechen! Gieb die Schuld der Gefahr, in der er sich sahe, vr hörte, was hier vor- gieng; wie sehr man ihn zu verkleinern, ihn Dir verdächtig zu machen suche, ör kam also, zwar ohne Erlaubniß, aber in der besten Absicht; in der Absicht, sich zu rechtfertigen, und Dich nicht hintergehen zu lassen. Die Königinn. Gut; so will ich ihn denn sehen, und will ihn gleich sehen. — O, meine Rutland, wie sehr wünsche ich es, ihn noch immer eben so rechtschaffen zu finden, als tapfer ich ihn kenne! Rutland. O, nähre diese gunstige Gedanke! Deine königliche Seele kann keine gerechtere Hägen. — Rechtschaffen! So wirst Du ihn gewiß finden. Ich wollte für ihn schwören; bey aller Deiner Herrlichkeit für ihn schwören, daß er es nie aufgehöret zu seyn. Seine Seele ist reiner als die Sonne, die Flecken hat, und irrdische Dünste an sich ziehet, und Geschmeiß ausbrütet. — Du sagst, er ist tapfer; lind wer sagt eS nicht? Aber ein tapferer Mann ist keiner Niederträchtigkeit fähig. Bedenke, wie er die Rebellen gezüchtiget; wie furchtbar er Dich dem Spanier gemacht, der vergebens die Schätze seiner Indien wider Dich verschwendete. Sein Name floh vor Deinen Flotten und Völkern vorher, und ehe diese noch eintrafen, hatte öfters schon sein Name gesiegt. Die Königinn, (bey Seite) Wie beredt sie ist! — Ha! dieses Fcner, diese Innigkeit, — das bloße Mitleid gehet so weit nicht. — Ich will es gleich hören! — (zu ihr) Und dann, Rutland, seine Gestalt — Rutland. Recht, Königinn; seine Gestalt. — Nie hat eine Gestalt den innern Vollkommenheiten mehr entsprochen! — Bekenn es, Dn, die Du selbst so schön bist, daß man nie einen schönern Mann gesehen! So würdig, so edel, so kühn und gebietherisch die Bildung! Jedes Glied, in welcher Harmonie mit dem andern! Und doch das Ganze von einem so sanften lieblichen Umrisse! DaS wahre Modell der Natur, einen vollkommenen Mann zu bilden! Das seltene Muster der Kunst, die aus hundert Gegenständen zusammen suchen muß, was sie hier bey einander findet! Die Königinn, (bey Seite) Ich dacht es! — Das ist nicht Zweyter Band. 263 länger auszuhalten. — (zu ihr) Wie ist dir, Rutland? 5u gcräthst außer dir. Ein Wort, ein Bild übcrjagt das andere. Was spielt so den Meister über dich? Ist eS blos deine Königinn, ist es t?sscr selbst, was diese wahre, oder diese erzwungene Leidenschaft wirket? — (bey Seite) Sie schweigt; — ganz gewiß, sie liebt ihn. — WaS habe ich gethan? Welchen neuen Sturm habe ich in »icincm Busen erregt? n, s. w. Hier erscheinen Burlcigh lind die Nottingham wieder, der Königinn zu sagen, daß Esser ihren Befehl erwarte. Er soll vor sic komme». „Rutland, sagt die Königinn, „wir sprechen „einander schon weiter; geh mir. — Nottingham, tritt du „näher." Dieser Zng der Eifersucht ist vortrefflich. Esscx kömmt; und mm erfolgt die Scene mit der Ohrfeigt. Zch wüßte nicht, wie sie verständiger nnd glücklicher vorbereitet seyn könnte. Esser anfangs, scheinet sich völlig untcrwcrfcn zu wollen; aber, da sie ihm befiehlt, sich zu rechtfertigen, wird er nach und nach hitzig; er prahlt, er pocht, er trotzt. Gleichwohl hätte alles das die Königinn so weit nicht aufbringen können, wenn ihr Herz nicht schon durch Eifersucht erbittert gewesen wäre. Es ist eigentlich die eifersüchtige Liebhaberinn, welche schlägt, und die sich nur der Hand der Königinn bedienet. Eifersucht überhaupt schlägt gern. — Zch, meines Theils, möchte diese Scenen lieber auch nur gedacht, als den ganzen Esscx des Corneille gemacht haben. Sie sind so charakteristisch, so voller Leben und Wahrheit, daß das Beste des Franzosen eine sehr armselige Figur dagegen macht. Neun und fünfzigstes Stück. Teu 24stcn November, 1767. Nur den Stil des Banks muß man aus meiner Ucbcrsctzung nicht beurtheilen. Von seinem Ausdrucke habe ich gänzlich abgehe» müssen. Er ist zugleich so gemein und so kostbar, so kriechend und so hochtrabend, und das nicht von Person zu Pcrsou, sondern ganz durchaus, daß er zum Muster dieser Art von Mißhclligkcit dienen kann. Zch habe mich zwischen beide Klippen, so gut als möglich, durchzuschleichen gesucht; dabey aber doch a» der eine» lieber, als an der andern, scheitern wollen. 204 Hamburgische Dramaturgie. Zch habe mich mehr vor dem Schwülstigen gehütet, als vor dem Platte». Die mchrcstcn hätten vielleicht gerade das Gegentheil gethan; denn schwülstig und tragisch, halten viele so ziemlich für einerley. Nicht nur viele, der Leser: auch viele, der Dichter selbst. Zhrc Helden sollten wie andere Menschen sprechen ? Was wären das für Helden? ^m^ull-o 6: sesquipo- <1al!il vc-rlia, Sentenzen und Blasen und ellenlange Worte: das macht ihnen den wahren Ton der Tragödie. „Wir haben es an nichts schien lassen, sagt Diderot, (") (man merke, daß er vornehmlich von seinen Landslcutcn spricht,) „das Drama aus dcm Grunde zu verderben. Wir haben von „den Alten die volle prächtige Vcrsification beybehalten, die „sich doch nur für Sprachen von sehr abgemcssencn Quantitäten, „und sehr merklichen Acccntcn, nur für weitläufige Bühnen, „nur für eine in Noten gesetzte und mit Znstnimciitcn begleitete Deklamation sowohl schickt: ihre Einfalt aber in der Verwickelung und dcm Gespräche, und die Wahrheit ihrer Gc- „mähldc haben wir fahrcn lassen." Diderot hätte noch einen Grund hinzufügen können, warum wir uns den Ausdruck der alten Tragödien nicht durchgängig zum Muster nehmen dürfen. Alle Personen sprechen und unterhalten sich da auf einem freyen, öffentlichen Platze, in Gegenwart einer neugierigen Menge Volks. Sie müssen also fast imincr mit Zurückhaltung, und Rücksicht auf ihre Würde, sprechen; sie können sich ihrer Gedanken und Empfindungen nicht in den ersten den besten Worten entladen; sie müssen sie abmessen und wählen. Aber wir Neuern, die wir den (ü'hor abgcschaft, dic wir unscre Personen größtenteils zwischen ihren vier Wänden lassen: was können wir für Ursache haben, sie dem ohngeachtct immer eine so geziemende, so ausgesuchte, so rhetorische Sprache führen zu lassen? Sie hört niemand, als dcm sie es erlauben wollen, sie zu hören; mit ihnen spricht niemand als Lcutc, welche in dic Handlung wirklich mit verwickelt, dic also selbst im Affekte sind, und weder Lust noch Muße haben, Ausdrücke zu controllircn. Das war nur von (°) Zwcvlc Uiilcrrccnn., hinter dcm natürlichen Sohne. S. d. Ucbcrs. 247. Zweyter Band. 2K5 dem Chöre zu besorgen, der, so genau er auch in das Stück cingcflochtcn war, dennoch niemals mit handelte, und stets die handelnden Personen mehr richtete, als an ihrem Schicksale wirklichen Antheil nahm. Umsonst beruft man sich dcsfalls auf den höher» Rang der Personen. Borncbnic Leute habe» sich besser ausdrücken gelernt, als der gemeine Mann: aber sie asscctiren nicht unaufhörlich, sich besser auszudrücken, als er. Am wenigsten in Leidenschaften; deren jeder seine eigene Beredsamkeit hat, mit der allein die Statur begeistert, die in keiner Schule gelernt wird, und auf die sich der Unerzogenste so gut verstehet, als der Polirtcste. Bey einer gesuchten, kostbaren, schwülstigen Sprache, kann niemals Empfindung seyn. Sie zeigt von keiner Empfindung, und kann keine hervorbringen. Aber wohl verträgt sie sich mit den simpelsten, gemeinsten, plattesten Worten und Redensarten. Wie ich Banks Elisabeth sprechen lasse, weiß ich wohl, hat noch keine Königinn auf dem französischen Theater gesprochen. Den niedrigen vertraulichen Ton, in dem sie sich mit ihren Frauen unterhalt, würde man in Paris kaum einer guten ad- lichcn Landfrau angemessen finden. „Zst dir nicht wohl? — „Mir ist ganz wohl. Steh auf, ich bitte dich. — Nur unru- „higz ein wenig unruhig bin ich. — Erzchle mir doch. — „Nicht wahr, Nottingham? Thu das! Laß hören! — Gemach, „gemach! — Du eiferst dich aus dem Athem. — Gift nnd „Blattern auf ihre Zunge! Mir steht cS frey, dem Dinge, „das ich geschaffen habe, mitzuspielen, wie ich will. — Auf „den Kopf schlagen. — Wie ists? Sey munter, liebe Rutland; „ich will dir einen wackern Mann suchen. — Wie kannst du „so reden? — Du sollst es schon sehen. — Sie hat mich recht „sehr geärgert. Ich konnte sie nicht länger vor Augen sehen. — „Komm her, meine Liebe; laß mich an deinen Busen mich „lehnen. — Zch dacht es! — Das ist nicht länger auszuhalten." — Ja wohl ist es nicht auszuhalten! würden die feinen Kunstlichter sagen — Werden vielleicht auch manche von meinen Lesern sagen. — Denn leider giebt es Deutsche, die noch weit französischer sind, als die Franzosen. Ihnen zu gefallen, habe ich diese Brocken 266 Haiiiburgische Tramatiirgie. auf eiiic» Haufen getragen. Zch kcnnc ihre Art zu kritisiren. Alle die kleinen Nachläßigkcitcn, die ihr zärtliches Ohr so unendlich beleidigen, die dem Dichter so schwer zu finden waren, die er mit so vieler Uebcrlegung dahin und dorthin strencte, um den Dialog geschmeidig zu machen, und den Reden einen wahrer» Anschein der augenblicklichen Eingebung zu ertheilen, reihen sie sehr witzig zusammen auf einen Faden, und wollen sich krank darüber lachen. Endlich folgt ein mitleidiges Achselzucken: „man hört wohl, daß der gute Mann die große Welt nicht kennet; daß er nicht viele Königinnen reden gehört; Racine verstand das besser; aber Racine lebte auch bey Hofe." Dem ohngcachtct würde mich das nicht irre machen. Desto schlimmer für die Königinnen, wenn sie wirklich nicht so sprechen, nicht so sprechen dürfen. Zch habe es lange schon geglaubt, daß der Hof der Ort eben nicht ist, wo ein Dichter die Natur studircn kann. Aber wenn Pomp und Etiquette aus Menschen Maschinen macht, so ist es das Werk des Dichters, aus diesen Maschinen wieder Menschen zu machen. Die wahren Königinnen mögen so gesucht und affcktirt sprechen, als sie wollen: seine Königinnen müssen natürlich sprechen. Er höre der Hekuba des Euripidcs nur fleißig zu; und tröste sich immer, wenn er schon sonst keine Königinnen gesprochen hat. Nichts ist züchtiger und anständiger als die simple Natur. Grobheit und Wust ist eben so weit von ihr entfernt, als Schwulst und Bombast von dem Erhabnen. Das nehmliche Gefühl, welches die Grenzschcidung dort wahrnimt, wird sie auch hier bemerken. Der schwülstigste Dichter ist daher unfehlbar auch der pöbelhafteste. Beide Fehler sind unzertrennlich; und keine Galtung giebt mehrere Gelegenheit in beide zu verfallen, als die Tragödie. Gleichwohl scheinet die Engländer vorncbmlich nur der eine, in ihrem Banks beleidiget zu haben. Sie tadelten weniger seinen Schwulst, als die pöbelhafte Sprache, die er so edle und in der Geschichte ihres Landes so glänzende Personen führen lasse; und wünschten lange, daß sei» Stück von einem Manne, der den tragischen Ausdruck mehr in seiner Gewalt habe, möchte Zweyter Band, '.'<;? umgearbeitet werden. (') Dieses geschah endlich auch. Fast zu gleicher Zeit machten sich Joncs und Brook darüber. Heinrich Jones, von Geburt ein Jrrländcr, war seiner Profcßion nach ein Maurer, und vertauschte, wir der alte Bcn Johnson, seine Kelle mit der Feder. Nachdem er schon einen Band Gedichte auf Subscription drucken lassen, die ihn als einen Mann von großem Genie bekannt machten, brachte er seinen Esser 4753 aufs Theater. Als dieser zu London gespielt ward, hatte man bereits den von Heinrich Brook in Dublin gespielt. Aber Brook ließ seinen erst einige Zahre hernach drucken; und so kann es wohl seyn, daß er, wie man ihm Schuld giebt, eben sowohl den Esser des Zoncs, als den vom Banks, genutzt hat. Auch muß noch ein Esser von einem James Ralph vorhanden seyn. Ich gestehe, daß ich keinen gelesen habe, und alle drey nur aus den gelehrten Tagebüchern kenne. Bon dem Esser des Brook, sagt ein französischer Knnstrichtcr, daß er das Feuer und das Pathetische des Banks mit der schönen Poesie des Joncs zu verbinden gewußt habe. Was er über die Rolle der Rutland, nnd über derselbe» Verzweiflung bey der Hinrichtung ihres Gemahls, hinzufügt, (") ist merkwürdig; man lernt auch daraus das Pariser Partcrr auf einer Seite kennen, die ihm wenig Ehre macht. Aber einen spanischen Esser habe ich gelesen, der viel zu sonderbar ist, als daß ich nicht im Vorbeygehen etwas davon sagen sollte. — (°) (oomn-nüon lo II»! 'riie-Ure Vol. II. I>. tos.) — l'Iw I1il!liu» i» vver>- vliere verz? Iinil, üiul i» s»»> il evon >».>- «ilimiüj unniUursl. — ^Vinl I llunli, liiere oniinul >>e a kreiUer I'iuof uf Nie UNIe IZ»eo»r»!ze»iv»l II>i-> ^Vxe »ffortl?! I» Aleril, Iliitn >I>» I>usses> »k » Irue lZe»i»!i »nil «>>irU of I>u>!lrv, IIi'm>i,>i il »»>>>> Iiix ^Vlle»- lio» lo Silur» so eelvlirilleil ii piirl us llis!»r>' n illi l>i»l Ilixiiil;' »f I>!xi>resNun Iielluini; l'riiizellx in l?e«er!il, Inil mare >>!>rlic»>i>rl>', liiere INe tNiiriteler!« !>re perlmn» Nie xreiilell Nie >Vur>>> ever >„ edueell. (°°) (^«»riiiil I^iic^el. !>lur» 17kl.) N » »ussi fiiii >e»il,er > » >Ieinv»ce !» Omlesse tle IiuNi»»I iiu »lomenl que cel illusire epoux i sl «»»>>»,> » I ecl>iis»»>l; ee momeiii o» celle l'omlesse esl »» «I^el Iiieii «Uiiiii' »ilie, ii »roUuil »ne >re-j >;ii>»ile sensiUi»», ><7 ii ele lreuve ii>li»iriil>le » I.uii- ilre-i: e» t'r.inee ii eul n»ru riilicule, N iiureii >:>e Nfllu Wasser der Krystall ihrer Füsse ist, welcher in Fluß gerathen, oder ob ihre Fnßc der Krystall des Wassers sind, der sich in diese Form condcnsirt hat. (") Noch verwirrter macht ihn die halbe schwarze Maske auf dem wcisscn Gesichte: er kann nicht begreifen, in welcher Absicht die Natur ein so göttliches Monstrum gebildet, und auf seinem Gesichte so schwarzen Basalt mit so glänzendem Hclfcnbcinc gcpaarct habe; ob mehr zur Bewunderung, oder mehr zur Verspottung? (°°)) Kaum hat sich das Frauenzimmer wieder angekleidet, als, unter der Ausrufung: Stirb Tyranninn! ein Schuß auf sie geschieht, und gleich darauf zwey maskirtc Männer mit bloßem Degen auf sie los gehen, weil der Schuß sie nicht getroffen zu haben scheinet. Esser (°) «tos columnas Iiellas Aleliü ilentt-o üel rio, v como kl vellss Vi un »rvklal en ei rio «lekalailo, V vi crvklal «>i elliis eoiKlenküllo, lio kupe N las aguas uelio que Iieliia, 'kemi cun suliroknllo (v no kue en vanu) yue so Iieliiera narle >Ie la innno. (°") Vo, <>ue «I urincipio vi, ciexo, v turliailc, uua parle nevailo V en nlra nexro el roklro, ^ni'.xue, i»iran>Io lsn iliviiio inonklinu, gue la iialurale/.a euulailola Nekijznal unienilo «an Iierinoka, yiilsu Iiae>r nor atkomliro, u >>ar »Uraxe, Ile analinclie v marM uu niaiitlage. 270 Hamblirgische Dramaturgie. besinnt sich nicht lange, ihr zu Hülfe zu eilen. Er greift die Mörder an, und sie entfliehen. Er will ihnen nach; aber die Dame ruft ihn zurück, und bittet ihn, sein Leben nicht in Gefahr zu setzen. Sie sieht, daß er verwundet ist, knüpft ihre Schärpe los, nnd giebt sie ihm, sich die Wunde damit zu verbinden. Zugleich, sagt sie, soll diese Schärpe dienen, mich Euch zu seiner Zeit zu erkennen zu geben; itzt muß ich mich entfernen, ehe über den Schuß mehr Lcrmcn entsteht; ich möchte nicht gern, daß die Königinn den Zufall erführe, und ich beschwöre Euch daher um Eure Verschwiegenheit. Sie geht, und Esser bleibt voller Erstaunen über diese sonderbare Begebenheit, über die er mit seinem Bedienten, Namens Losme, allerley Betrachtungen anstellt. Dieser Cosmc ist die lustige Person des Stücks; er war vor dem Garten geblieben, als sein Herr hcr- cingcgangcn, und hatte den Schuß zwar gehört, aber ihm doch nicht zu Hülse kommen dürfen. Die Furcht hielt an der Thüre Schildwachc, und versperrte ihm den Eingang. Furchtsam ist Eosmc für viere; (") und das sind die spanischen Narren gemeiniglich alle. Esser bekennt, daß er sich unfehlbar in die schöne Unbekannte verliebt haben würde, wenn Bianca nicht schon so völlig Besitz von seinem Herzen genommen hätte, daß sie durchaus keiner andern Leidenschaft darinn Raum lasse. Aber, sagt er, wer mag sie wohl gewesen seyn? Was dünkt dich, Eosmc? — Wer wirds gewesen seyn, antwortet Eosmc, als des Gärtners Frau, die sich die Beine gewaschen? —(°°) Aus diesem Zuge, kann man leicht auf das Ucbrigc schließen. Sie gehen endlich beide wieder fort; es ist zu spät geworden; das Haus könnte (°) ItuUIa >o: ^Vßlinrllo » yue «luier» ei mieSo ve.xsrn»; > nlr»r: - - l^olme, <>ue Im t> »i>><> »n mii!>Io «Zue smetw viilvr por quittro. (") I.» mußer >IeI Iiorlelsno, L»e so lüvakil I»« piernss. Zweyter B.nid. 271 über den Schliß in Bewegung gerathen seyn; Esser getränt sich daher nicht, unbcmcrkt zur Bianca zn komme», und verschiebt seinen Besuch ans ein andermal. Nun tritt der Herzog von Alanzon ans, mit Flora, der Blanca Kammermädchen. (Die Scene ist noch ans dem Land- gntc, in einem Zimmer der Bianca; die vorigen Auftritte Ware» in dem Garte». Es ist des folgende» Tages.) Der König vo» Frankreich hatte der Elisabeth eine Verbindung mir seinem jüngsten Bruder vorgeschlagen. Dieses ist der Herzog vo» Alanzon. Er ist, uiitcr dem Borwandc einer Gesandtschaft, nach England gekommen, um diese Verbindung zu Stande zu bringe». Es läßt sich alles, sowohl vo» Seite» des Parlaments als der Königinn, sehr wohl dazu an: aber indeß erblickt cr die Blanca, und verliebt sich in sie. Ztzt kömmt cr, nnd bittet Floren, ihm in seiner Liebe bchülflich zu sey». Flora verbirgt ihm nicht, wie wenig er zu erwarten habe; doch ohne ihn, das geringste vo» der Vertraulichkeit, in welcher der Graf mit ihr stehet, zu entdecken. Sie sagt blos, Bianca suche sich zu vcrhcvrathcn, und da sie hierauf sich mit cmcm Manne, dessen Stand so weit über den ihrige» erhaben sey, doch keine Rechnung machen könne, so dürfte sie schwerlich seiner Liebe Gehör geben. — (Man erwartet, daß der Herzog auf diesen Einwurf die Lauterkeit seiner Absichten betheuern werde: aber davon kein Wort! Die Spanier sind in diesem Punkte lange so strenge und delikat nicht, als die Franzosen.) Er hat einen Brief an die Blanca geschrieben, den Flora übergeben soll. Er wünscht, es selbst mit anzusehen, was dieser Brief für Eindruck auf sie machen werde. Er schenkt Flore» eine güldne Kette, und Flora versteckt ihn in eine anstoßende Gallerte, indem Blanca mit Eosmc hcrcintritt, welcher ihr die Ankunft seines Herrn meldet. Esser kömmt. Nach den zärtlichsten Bcwillkommungcn der Blanca, nach den theuersten Versicherungen des Grafen, wie sehr er ihrer Liebe sich würdig zu zeigen wünsche, müssen sich Flora und Cosme entfernen, und Blanca bleibt mit dem Grafen allein. Sie erinnert ihn, mit welchen, Eifer und mit welcher Sündhaftigkeit cr sich um ihre Liebe bcworbc» habe. Nachdem sie ihn, drey Zahre widerstanden, habe sie end- 272 Hambnrgische Dramaturgie. lich sich ihm ergeben, l»id ihn, imtcr Versicherung sie zu hcv- rathcn, zum Eigenthümer ihrer Ehre gemacht. (?o Ii!eo llo mi «mnor: der Ausdruck sagt im Spanischen ein wenig viel.) Nur die Feindschaft, welche unter ihren beyderscitigcn Familien obgewaltet, habe nicht erlaubt, ihre Verbindung zu vollziehen. Esser ist nichts in Abrede, und fügt hinzu, daß, nach dem Tode ihres Vaters und Bruders, nur die ihm aufgetragene Expedition Wider die Spanier dazwischen gekommen sey. Nun aber habe er diese glücklich vollendet; nun wolle er unverzüglich die Königinn um Erlaubniß zu ihrer Vermählung antreten. — Und so kann ich dir denn, sagt Bianca, als meinem Geliebten, als meinem Bräutigam, als meinem Freunde, alle meine Geheimnisse sicher anvertrauen. (°) — Ein und sechzigstes Stück. Tcn Istcn December, 1767. Hierauf beginnt sie eine lange Erzchlung von dem Schicksale der Maria von Schottland. Wir erfahren, (denn Esser selbst muß alles das, ohne Zweifel, längst wissen,) daß ihr Vater und Bruder dieser unglücklichen Königinn sehr zugethan gewesen; daß sie sich geweigert, an der Unterdrückung der Unschuld Theil zu nehmen; daß Elisabeth sie daher gefangen setzen, und in dem Gefängnisse heimlich hinrichten lassen. Kein Wunder, daß Bianca die Elisabeth haßt; daß sie fest entschlossen ist, sich an ihr zu rächen. Zwar hat Elisabeth nachher sie unter ihre Hofdamen aufgenommen, und sie ihres ganzen Vertrauens gcwür- digct. Aber Bianca ist unversöhnlich. Umsonst wählte die Königinn, nur kürzlich, vor allen andern das Landgut der Bianca, um die Jahreszeit einige Tage daselbst ruhig zu gemessen. — Diesen Vorzug selbst wollte Blanca ihr zum Verderben gereichen lassen. Sie hatte an ihren Oheim geschrieben, welcher, aus Furcht, es möchte ihm wie seinem Bruder, ihrem Vater, ergehen, nach Schottland geflohen war, wo er sich im (°) VW» nvillv s>!!:iir!li»«.'iUe Nevelurlo mios, l^omo ü jiiil»». romo n Uilvuu l'vmo !t esttolu, > cuiu» » klliizo. Zweyter Band. 273 Verborgnen aushielt. Der Oheim war gekommen; und kurz, dieser Oheim war cs gewesen, welcher die Königinn in dem Garten ermorden wollen. Nun weiß Esscx, lind wir mit ihm, wer die Person ist, der er das Leben gerettet hat. Aber Blanca weiß nicht, das; es Esscx ist, welcher ihren Anschlag vereiteln müssen. Sie rechnet vielmehr auf die unbegrenzte Liebe, deren sie Esscx versichert, und wagt cs, ihn nicht blos zum Mitschuldigen machen zu wollen, sondern ihm völlig die glücklichere Vollziehung ihrer Rache zu übertragen. Er soll sogleich an ihren Ohcim, der wieder nach Schottland geflohen ist, schreiben, und gemeinschaftliche Sache mit ihm machen. Die Tyranninn müsse sterbe»; ihr Name sey allgemein verhaßt; ihr Tod sey eine Wohlthat für das Vaterland, uud niemand verdiene cs mehr als Esscx, dcm Vatcrlandc diese Wohlthat zu verschafft,,. Esscx ist übcr dicscn Antrag äußerst betroffen. Bianca, scine theure Blanca, kann ihm cinc solche Ncrräthcrcy zumuthen? Wie sehr schämt cr sich, in diesem Augenblicke, seiner Liebe! Aber was soll cr thun? Soll er ihr, wie cs billig wärc, seinen Unwillen zu erkennen gcbcn? Wird sie darum wcnigcr bey ihren schändlichen Gesinnungen bleiben? Soll cr der Königinn die Sache hinterbringen? Das ist unmöglich: Blanca, scinc ihm noch immcr theure Blanca, läuft Gefahr. Soll cr sie, durch Bitten und Vorstellungen, von ihrcm Entschlüsse abzubringen suchen? Er müßte nicht wissen, was sür cin rachsüchtiges Geschöpf eine beleidigte Frau ist; wie wenig cs sich durch Flchcn erweichen, und durch Gefahr abschrcckcn läßt. Wie leicht könnte sie scinc Abrathung, sein Zorn, zur Verzweiflung bringen, daß sie sich einem andern entdeckte, der so gcwisscnhaft nicht wärc, und ihr zu Licbc allcs mitcrnähmc? (") — Dicscs (°) ^ lill Irsicion! vive ei vielo, gue >>e smiirl» etlvi corriclo. Ulünc», <>ue es mi Uiilce «lueiio, SIsni'!!, :t «luwn quivio, ^ etlimo, I>le propone >»I lrsieio»! Nne Iiarv, por<>ue N »fenSiiln, Nespon^Iieittlo, coma es ^»slo, <7o»Il^ su Iiüicio» me irrilo, Xo por es>» I>» >Ie evilsr LcsNngs Mctte 18 274 5>u»burgische Tr.iiii.tturgic. in der Geschwindigkeit überlegt, faßt er den Vorsatz, sich zu verstellen, um den Roberto, so heißt der Oheim der Bianca, mit allen seinen Anhängern, in die Falle zu locken. Bianca wird ungeduldig, daß ihr Esser nicht sogleich antwortet. „Graf, sagt sie, wenn Du erst lange mit Dir zu Rathe gehst, so liebst Du mich nicht. Auch nur zweifeln, ist Verbrechen. Undankbarer! — (°) Scn ruhig, Bianca! erwiedert Esser: ich bin cntschlosscn. — Und wozu? — Gleich will ich Dir es schriftlich geben." Esser setzt sich nieder, an ihren Oheim zu schreiben, und indem tritt der Herzog aus der Gallcrie näher. Er ist neugierig zu sehen, wer sich mit der Bianca so lange unterhält; und erstaunt, den Grafen von Esser zu erblicken. Aber noch mehr erstaunt er über das, was er gleich darauf zu hören bekömmt. Esser hat an den Roberto geschrieben, und sagt der Blanca den Inhalt seines Schreibens, das er sofort durch den 8u resuelto llekuinn. pue» >>krle onenlit it lü Nein» 15» >m>>oM>>Ie, »ue» quis» !>!> luerle, >>»e lenxa pari« vlnile» e» i»c>»e5le «lelilo, si proeuro co» ruexos viluuäirlil, es ilelvar!«, y»e es u»!t innger resnell» ^Vnimsl t!t» venxiUivo, y»e no te (>o>>Iil «, lo« rii ^n?-: Gilles cn» ilfeeln iinniii, k!n ei inismo remliinieiitn Snelen ü^ucnr los filo«; V «lui?» >>>»!r!l>l!t lle mi eno^jo, o mi llesvio, 8e iloelnrar» co» olro !>Ienv!< >> !>I, lueuv» N»a, y>u> l>»iü!t >>nr eil!» inlenle, I.» ane >o Iiilcer »o I>e l>ueri>In. (°) 8i esl»« cu»5»II!iii>w, senile, ^VIl!» llenUo lls li mismo I/N yue I,»s >Ie >>»eer, no nie quieres, V» e> iIiiilArlo f»e llelilo. Vive vins, que ere« i»xr.ito! Zweyter Band. Eosme abschicken will. Roberto soll mit allen seinen Freunden einzeln nach London kommen; Esser will ihn mit seinen Leuten unterstützen; Esser hat die Gunst des Volks; nichts wird leichter seyn, als sich der Königinn zu bemächtigen; sie ist schon so gut, als todt. — Erst müßt ich sterben! ruft auf einmal der Herzog, und kömmt auf sie los. Bianca und der Graf erstaunen über diese plötzliche Erscheinung; und das Erstaunen des letzter» ist nicht ohne Eifersucht. Er glaubt, daß Bianca den Herzog bey sich verborgen gehalten. Der Herzog rechtfertiget die Bianca, und versichert, daß sie von seiner Anwesenheit nichts gewußt; er habe die Gallcric offen gefunden, und sey von selbst hcrcin- gegangen, die Gemählde darin« zu betrachten. (") Der Herzog. Bey dein Leben meines Bruders, bey dem mir noch kostbarern Leben der Königinn, bey — Aber genug, daß Ich es sage: Bianca ist unschuldig. Und nur ihr, Mylord, haben Sie diese Erklärung zu danken. Auf Sie, ist im geringsten nicht dabey gesehen. Denn mit Leuten, wie Sie, machen Leute, wie ich — Der Graf. Prinz. Sie kennen mich ohne Zweifel nicht recht? — Der Herzog. Freylich habe ich Sie nicht recht gekannt. Aber ich kenne Sie nun. Ich hielt Sie für einen ganz andern Mann: und ich finde, Sie sind ein Vcrräthcr. (°) ?or viila Sei Ne> mi Iierin»»», V nor Is yue Mils eflimo, Ile I» Nvin» mi svttor», V por — pero >c> gue en mi es ei i»ü><>r emnuno 11s I«, veriiitil lisi «wcirio, gue ii» livue Uiiliic» Mrls I)e eU-ir >o nil»i - - V esliui mui axrüilkc'»!» ^ Miliic», >Ie l>ilv vs ii«, >a siilissitcion, svis» I)e eslk» v«?rli!»I, norque ü Vo», llomdres como — l' Imü^ino yuo no nie conocei» Iiisii. I>VY> Xo o» Iiiiviit cniiaciilo Ilüsüt »qui; milki os cononco, pue^ >» iiin olro o» Iie visl» yue ns reconoi'.co Iriiiilnr. 18 ' 276 Hamburgtsche Dramaturgie. Der Graf. Wer darf das sagen? Der Herzog. Ich! — Nicht ein Wort mehr! Ich will kein Wort mehr hören, Graf! Der Graf. Meine Absicht mag auch gewesen seyn — Der Herzog. Denn kurz: ich bin überzeugt, daß ein Lerräthcr kein Herz hat. Ich treffe Sie als einen Lerräthcr: ich mufi Sie für einen Mann ohne Herz halten. Aber um so weniger darf ich mich dieses Vortheils iibcr Sie bedienen. Meine Ehre verzeiht Ihnen, weil Sie der Ihrigen verlustig sind. Waren Sie so unbescholten, als ich Sie sonst geglaubt, so würde ich Sie zu züchtigen wissen. Der Graf. Ich bin der Graf von t?sser. So hat mir noch niemand begegnen dürfen, als der Bruder des Königs von Frankreich. Der Herzog. Wenn ich auch der nicht wäre, der ich bin; wenn nur Sie der wären, der Sie nicht sind, ein Mann von Ehre: so sollten Sie wohl empfinden, mit wem Sie zu thun hätten. — Sie, l'oxo. guien tlixere — I)VY> V» I» ilixo, Ho nroniincieis «Ixn, Oonde, gue >'» »» vnella susriros. oi nersuiulxlo gue Iliicer I» Iraicion colisriles: V .issi (l>u»»In 08 Ile co-iillo un Iiuice nue me u» Ile «ue koiti cvdiirlle imlieio», ?Io Iie Se snroveoliitrme ue esto, V os »sräo»» iiii Iiriu Lsle rsto nue teneis. KI v»Ior uesmiuuillo; yue » es>»r loilu vos enlero, Lunier» illiras cssligo. t'oxv. V» sei ei konclo ae Sex V Nilüie se nie I>i» a«revi>>» 8i»o ei Iierniiiiio ilel Ilex ve ^rsnei». vvy. V» tenxo >ui» ?»r» >» mi Vitlur invicto k?»s>i^»r, »on «lix» >o Solo » vos, niüz a vo» inismo, Sienilo lest, qnv es lo ma» von oue queck» e»c»recl>I»> Zweyter Baut. '.'77 der Graf von Esscx? Wenn Sie dieser berufene Äricger sind: wie können Sie so viele große Thaten durch eine so unwürdige That ver> nichte» wollen? — Zwey und sechzigstes Stück. Teil 4tcn Tecembcr, 1767. Der Herzog fahrt hierauf fort, ihm sein Unrecht, i» einem etwas gelindem Tone, vorzuhalten. Er ermähnt ihn, sich eines bessern zn besinnen; er will es vergessen, was er gehört habe; er ist versichert, daß Bianca mit dem Grafen nicht einstimme, und daß sie selbst ihm eben das würde gesagt haben, wenn er, der Herzog, ihr nicht zuvorgekommen wäre. Er schließt endlich: „Noch einmal, Graf; gehen Sie in sich! Stehen Sie von „einem so schändlichen Vorhaben ab! werden Sie wieder Sie „selbst! Wollen Sie aber meinem Nathc nicht folgen: so erinnern Sie sich, daß Sie einen Kopf haben, und London einen „Henker!" (") — Hiermit entfernt sich der Herzog. Esser ist in der äußersten Verwirrung; es schmerzt ihn, sich für einen Verräther gehalten zu wissen; gleichwohl darf er es itzt nicht wagen, sich gegen den Herzog zu rechtfertigen; er muß sich gedulden, bis es der Ausgang lehre, daß er da seiner Königinn am gctreucstcn gewesen sey, als er es am wenigsten zu seyn geschienen. So spricht cr mit sich selbst: zur Bianca aber V puv-j kuiü titii kl-nil Solilililu, Xu vlilwi-j a puräur, l>i>I«, . Uurvieil!» Iiil/.ilniis l,'uil »» Iieclw inäixiiiu — (°) Mirsülo luHnr, «iuxitll V» i»w»lu >it» nuN^no, Oorrelpoittwä s, n.uien loiü, V lino dsslsll ilvikos, IUir»>I >lue Veräugu v» I.uulitv^, V «!» vos «»uv/.», Ilürl» »x Uigu. t^°") >'o Iie ismo NI»«5lie oom» kueron fillsos l)>i mi lrilicion los i»ilicios, V liuv toi m»!j Ie«I, n.uit»tl> AI»-» iriUüur Iie parvcicka. 278 Hauiburgische Tramcilurgie. sagt er, daß er dcn Vricf sogleich an ihren Oheim senden wolle, und geht ab. Blanca desgleichen; nachdem sie ihren Unstern verwünscht, sich aber noch damit getröstet, daß es kein Schlimmerer als der Herzog sey, welcher von dem Anschlage des Grafen wisse. Die Königinn erscheinet mit ihrem Kanzler, dem sie es vertrauet hat, was ihr in dem Garten begegnet. Sie befiehlt, daß ihre Leibwache alle Zugänge wohl besetze; und morgen will sie nach London zurückkehren. Der Kanzler ist der Meinung, die Meuchelmörder aufsuchen zu lassen, und durch ein öffentliches Edict demjenigen, der sie anzeigen werde, eine ansehnliche Belohnung zu vcrhcissc», sollte er auch selbst ein Mitschuldiger seyn. „Denn da es ihrer zwey waren, sagt er, die den An- „fall thaten, so kann leicht einer davon ein eben so treuloser „Freund seyn, als er ein treuloser Unterthan ist."(")— Aber die Königinn mißbilliget diesen Rath; sie hält es für besser, den ganzen Vorfall zu unterdrücken, und es gar nicht bekannt werden zu lassen, daß es Menschen gegeben, die sich einer solchen That erkühnen dürfen. „Man muß, sagt sie, die Welt „glauben machen, daß die Könige so wohl bewacht werden, „daß es der Verrälhcrey unmöglich ist, an sie zu kommen. „Ausscrordcntlichc Verbrechen werden besser verschwiegen, als be- „ straft. Denn das Beyspiel der Strafe ist von dem Beyspiele „der Sünde unzertrennlich; und dieses kann oft eben so sehr „anrcitzen, als jenes abschrecken." (") V nues so» tlo» los culnullo« I>vllr» 5er, que »Ixuno Ue ellos Anlrogue »I otro; q»e es Uiui», Hus ser» lruiäor »migo guien flis »Zesle»! v-islÄUo. (°°) V es xr-ln mswri» ,1s e5li»>Iu Ij»r » enleniier, >i»e los N,e>es LNilii en li liln xuarilinlos !)>ie »n»q»e l!» Irilieio» los Iiusllue, >'u»e» I>» >Io votier liitllilrlos; V »M ei seerelo »veiixue t!»or,»e» ileliios, <>U!ti»Io Al»s q»u vl caiiigo, elcsrmienlos Z)e >>v exempl^re» el pee»äo. Zweyter Band, 27!1 Indem wird Esscx gemeldet, lind vorgelassen. Der Bericht, den er von dem glückliche» Erfolge seiner Expedition abstattet, ist kurz. Die Königinn sagt ihm, auf eine sehr verbindliche Weise: „Da ich Euch wieder erblicke, weiß ich von dem Aus- gangc des Krieges schon genug."(°) Sie will von keinen nähern Umständen hören, bevor sie seine Dienste nicht belohnt, lind befiehlt dem Kanzler, dem Grafen sogleich das Patent als Admiral von England auszufertigen. Der Kanzler geht; die Königinn und Esscx sind allein; das Gespräch wird vertraulicher; Esser hat die Schärpe um; die Königinn bemerkt sie, und Esscx würde cs aus dicscr bloßen Bemerkung schlicsscn, daß cr sic von ihr habc, wcnn cr es aus dcn Reden der Bianca nicht schon geschlossen hätte. Die Königinn hat den Grafen schon längst heimlich geliebt; und nun ist sic ihm sogar das Leben schuldig. Es kostet ihr alle Muhe, ihre Neigung zu verbergen. Sie thut vcrschicduc Fragen, ihn auszulockcn und zu hörcn, ob sein Herz schon cingcnommcn, und ob cr cs vcrmuthc, wcm cr das Lebcn in dem Garten gcrcttct. Das letzte giebt cr ihr durch seine Antworten gcwisscrmaaßcn zu verstehen, und zugleich, daß cr für cbcn diese Person mehr cmpsindc, als er derselben zu entdecken sich erkühnen dürfe. Die Königinn ist auf dem Punkte, sich ihm zu crkcnncn zu geben: doch siegt nock ihr Stolz über ihre Liebe. Eben so sehr hat der Graf mit seinem Stolze zu kämpfen: cr kaun sich des Gedankcns nicht cntwcbrcn, daß ihn die Königinn licbc, ob cr schon dic Vcr- messcnheit dicscs Gcdankcns erkennet. (Daß diese Scene größtenteils aus Reden bestehen musst/ dic jcdcs seitab führet, ist leicht zu erachten.) Sic heißt ihn gehen, und heißt ihn wieder so lange warten, bis der Kanzler ihm-das Patent bringe. Er bringt es; sie überreicht es ihm; cr bedankt sich, und das Seitab fängt mit neuem Feuer an. (°) Luv s»Io eun mirilrujj 8v e> suc«.'slu >Iv l!l k»>-riü. (") >» >>!ts>»>>!>, »Nlur «>','i»M luvitv, L»> l>uv N- »>'» it>UI>iII>0 Del tivdullu >u >s vulil? ^ !Z80 Hainburgische Dramaturgie. Die Königinn. Thörichte Liebe! — össex. Eitler Wahnsinn! — Die Königinn. Wie blind! — vsser. Wie verwegen! — Die Königinn. So tief willst du, daß ich mich herabsetze? — Esscx. So hoch willst du, daß ich mich versteige? Die Königinn. Bedenke, daß ich Königinn bin! vssex. Bedenke, daß ich Unterthan bin! Die Königinn. Tu stürzest mich bis in den Abgrund, — vssex. Tu erhebest mich bis zur Sonne, — Die Königinn. Ohne ans meine Hoheit ju achten. Efsex. Ohne meine Niedrigkeit zu erwägen. Die Königinn. Aber, weil du meines Herzens dich bemeistert- — Essex. Aber, weil Du meiner Seele Dich bemächtiget: — Die Königinn. So stirb da, lind komm nie auf die Zunge! Essex. So stirb da, und komm nie über die Lippen! (°) (Ist das nicht eine sonderbare Art von Unterhaltung? Sie reden mit einander; und reden auch nicht mit einander. Der eine hört, was der andere nicht sagt, und antwortet auf das, was er nicht gehört hat. Sie nehmen einander die Worte nicht aus dem Munde, sondern aus der Seele. Man sage jedoch nicht, daß man ein Spanier seyn muß, um an solchen unnatürlichen Künstelcycn Geschmack zu finden. Noch vor einige dreyßig Jahren fanden wir Deutsche eben so viel Geschmack daran; denn (°) I.0LU ^mor — r?o«o. 5ieeio impoMIiie — likUtt. Yue ciex» — «?o?iv. gue lemeisri» — IlLix. llle sliklleii » lill IiaxenÄ — Oorm. Nie «Miere» luliir lim «Ilo — ^VUvieNe, que loi I» kein». — r?o«r>. lavierte que koi vilsallo — IliM. ?ues ms IximiUss «, ei sli^liuo — (?0!>i>. ?ue!i me iicercas » los rs^os — Sin rep»r!l>- ml grnnuvnil — to?!v. Sin miigr mi IiumiUIe eslsilo — liL». Vi» nue le mir» »ci» «leiuro — » e»lri«»Io — NLI7I. »luere enire ei peclio, > l!t voi?. l.'0Kv. !>luere enliv ei »Im». > loü Isuio». Zweyter Band. unsere Staats- und Helden-Actioiic» wimmelten davon, die in allem nach den spanischen Mustern zugeschnitten waren.) Nachdem die Königinn den Esser beurlaubet und ihm befohlen, ihr bald wieder aufzuwarten, gehen beide auf verschiedene Seiten ab, und machen dem ersten Auszüge ein Ende. — Die Stucke der Spanier, wie bekannt, haben deren nur drey, welche sie ^orrm-1.is, Tagewerke, nennen. Ihre allcrältcstcn Stücke hatten viere: sie krochen, sagt Lopc dc Vcga, auf allen vieren, wie Kinder; denn es waren auch wirklich noch Kinder von Komödien. Nirves war der erste, welcher die vier Auszüge auf drey brachte; und Lopc folgte ihm darinn, ob er schon die ersten Stücke seiner Zugend, oder vielmehr seiner Kindheit, ebenfalls in vieren gemacht hatte. Wir lernen dieses aus einer Stelle in des letzter» Neuen Kunst, Komödien zu machen;(") mit der ich aber eine Stelle des Ecrvantcs in Widerspruch finde, (°°) wo sich dieser den Ruhm anmaßt, die spanische Komödie von fünf Akten, ausweichen sie sonst bestanden, auf drey gebracht zu haben. Der spanische Litlcrator mag diesen Widerspruch entscheiden; ich will mich dabey nicht aufhalten. Drey und sechzigstes Stück. Den 8ten December, 1767. Die Königinn ist von dem Landgute zurückgekommen; und Esser gleichfalls. Sobald er in London angelangt, eilt er nach Hofe, um sich keinen Augenblick vermissen zu lassen. Er cröf- nct mit seinem Eosme den zweyten Akt, der in dem Königliche» Schlosse spiclt. Eosmc hat, aus Bcfchl des Grafc», sich mit (°) ^.rlv nuevo >Iv Iiüüvr Omelliii», die sich hmlcr des Xopc Kim»-« befindet. ru l'anUan Virve» inlixue liiAeilio, ?ulo e» Iil?8 »clo» Iir ^'umeUUt, «tue »iils« ^V»>l!lv!t >.'» iliuuro, <:<>i»<> »i»o, gue eiil» «.'»lonce» »in»» lil» llomelliss, V >o I»8 escrivi >Iv oniie, ^ itoü« »no-i, ve » quslro solo«, >U>!» «lu-Uro nlwgo-j, ?or<^ue c»U» »clo m> >>Ii llomelliss a ?8 5u>»!t>l!i!«, Ue cinco «lu« leoisn. ___- 282 Hamburgische Dramaturgie. Pistole» versehen müssen; der Graf hat heimliche Feinde; er besorgt, wenn er des Nachts spät vom Schlosse gehe, überfallen zu werde». Er heißt den Eosme, die Pistole» nur indeß in das Zimmer der Blanca zu tragen, und sie von Floren aufbeben zu lassen. Zugleich bindet er die Schärpe los, weil er zur Blanca gehe» will. Blanca ist eifersüchtig; die Schärpe könnte ihr Gedanken machen; sie könnte sie habe» wolle»; und er würde sie ihr abscblagcn müssen. Indem er sie den: Cosme zur Verwahrung übcrgicbt, kömmt Bianca dazu. Cosme will sie geschwind verstecken: aber es kann so geschwind nicht geschehen, daß es Blanca nicht merken sollte. Blanca ninit den Grafen mit sich zur Königin»; und Esser crmahnt im Abgehen den Cosme, wegen der Schärpe reinen Mund zu halten, und sie niemanden zu zeigen. Cosme hat, unter seine» ander» gute» Eigenschaften, auch diese, daß er ei» Erzplaudercr ist. Er kann kein Geheimniß eine Stunde bewahren; er fürchtet ein Geschwär im Leibe davon zu bekommen; und das Verboth des Grafen hat ihn zu rechter Zeit erinnert, daß er sich dieser Gefahr bereits sechs und dreyßig Stimdc» ausgesetzt habe. (°) Er giebt Flore» die Pistole», und bat de» M»»d schon auf, ihr auch die ganze Geschichte, von der maskirtc» Dame und der Schärpe, zu crzchlc». Doch cbc» besiimt cr sich, daß es wohl eine würdigere Person seyn müsse, der cr sein Gchcimniß zuerst mittbeilc. Es würde nicht lassen, wenn sich Flora rühmen könnte, ihn dessen dcflorirt zu baben. (") (Ich muß von allerley Art des spanische» Witzes eine kleine Probe cinzuflcchtcn suchen.) - Vo »u mv ilcorlliUiit «Iveirlo, ^ I» eillwliii, V »um» >»u I» vnlreAÜ, V» por ilecirlo rebienl», yue luiixu litt i>ro>>riel>!»>, Ouu v» nn Nur», ü Iit »>>>»>>, Le »iv Iiiivv puslvma un ouvi»». (") /VN» t'lulii; m»s no, 8er» perkmul m-is j;r»vo US Illl.» ! t'Ivkit s>! illilll,.' gue el cavnlo mv >w->Uuru> Zweyter Band. 283 Cosme darf auf diese würdigere Person nicht lange warten. Bianca wird von ihrer Ncugierde viel zu sehr gequält, daß sie sich nicht, sobald als möglich, von dem Grafen loSmacbcn sollen, um zu erfahren, was Cosme vorhin so hastig vor ihr zu verbergen gesucht. Sie kömmt also sogleich zurück, und nacbdcm sie ihn zuerst gefragt, warum er nicht schon nack Schottland abgegangen, wohin ihn der Graf schicken wollen, und er ihr geantwortet, daß er mit anbrechendem Tage abreisen werde: verlangt sie zu wissen, was er da versteckt halte? Sie dringt in ihn: doch Cosme läßt nicht lange in sich dringen. Er sagt ihr alles, was er von der Schärpe weiß; und Blanca nimt sie ihm ab. Die Art, mit der er sich seines Geheimnisses entlediget, ist äußerst cckel. Sein Magen will es nicht länger bey sich behalten; es stößt ihm auf; es kneipt ihn; er steckt den Finger in den Hals; er giebt es von sich; und um einen bessern Geschmack wieder in den Mund zu bekommen, läuft er geschwind ab, eine Quitte oder Olive darauf zu kauen. (°) Bianca kann aus seinem verwirrten Geschwätze zwar nicht recht klug werden: sie versteht aber doch so viel daraus, daß die Schärpe das Geschenk einer Dame ist, in die Esser verliebt werden könnte, wenn er es nicht schon sey. „Denn er ist doch nur ein Mann; sagt sie. „Und wehe der, die ihre Ehre einem Manne anvertrauet hat! Der beste, ist noch so schlimm!" (") — Um sci- (°) Vil s>- i»e vlen« » I» boin nui'xit--- - <1 «luv ivxinvlito« litn lvcoü IN» viene»! lerrible »nrivl». - Mi kslom»!;» no lo Ilev»; I>rol«.'slo >e Irvl'SiIo, V ei secrolo u« vomU-xI» Ilelilu ei nriiieini» Iisslit vl ki», V N» llvxsr colid .ilxiu»», l'sl illco in« >Ii» »I ü^cillo, Voi » prod»r llv un memlirillu, <1 » moillvr Uv u»» i?!?eU»»s. - (") Iiomkr« »I ki», > >>e »quvllit >»><- l!>s »>»», >o ludns li»»Io, IiusclU» lUiis prui'oxuun.'ulil ««keril ^ U»i I'imiUnI» vuolu. IZIilncit ine Z, V K vwiic» ^>wr» >c> >» e» ini iluvilo; ?nes como «ie Amor >»» n»>ile ?or »im »mliU'iu» nw »lüxo? >o convenienci!» IiiiNüril» Veim» u» lexiilimo iikuclo. (°°) Die Spanier haben ci»c Art von Gedichte», welche sie «lollils ncn- ne». Sie nehme» eine oder mehrere Zeilen gleichsam zumTertc, und erkläre» oder umschreiben diesen Tcrt so, daß sie die Zeilen selbst in diese Erklärung oder Umschreibung wiederum cinslcchtcn. Den Tcrt hcisscn sie luois oder i>^, und die Auslegung insbesondere cn»ttil, welches den» aber auch der Zweyter Band. 285 seine Glosse vorsagen zu dürfen. In dieser Glosse beschreibt er sich als den zärtlichsten Liebhaber, dem es aber die Ebrfnrcht verbiethe, sich dem geliebten Gegenstände zn entdecken. Die Ko- Namc des Gedichts überhaupt isi. Hier läßt der Dichter den Esser das Lied der Irene zum lUule machen, das ans vier Zeilen besteht, deren jede er in einer besondern Stanze nmschrcibt, die sich mit der umschriebe»«! Zeile schließt. Das Ganze sieht so ans: i» o r e. 8i »cato Mi« üetviti'ios l^Iex!»re» a tus umlir.iles, I.» Isslims lis ser m-tles guile ei Iiorror uv ser mi»s. kr.oss^. ^Vunilue ei >» iiueil», Ins ore^jils. I>orIesv»rio8. 151 ser Ikin m»I expUcsuas 8ea fli ma^or imiieio, gue Irociliiilo en mis euiclitilos k!I tilencio, > vos su otiei», gueililrii» m»8 poiniersiios: vesüe per etlss teiiilles Lean >Ie >i conoeiilos', gue si» lluils soii mis m»Iss Li »Ixunos iiiss repeliuus I^Ieß»re» a tu« umliriiles, AI»s Nies! s screüilackos, Lersn menos üiUjuiriuos, Ylle con I»s vtros mei?cl»usles vlss tu inxrslituu te uelia Vienuolos loöos ixu^Ie» I?uer2» es yue en comwun le muev« I^s lakliw» >Ie ser msles. 2ftl> .Hamburgische Dramaturgie. niginn lobt seine Poesie: aber sie mißbilliget seine Art zu lieben. „Eine Liebe, sagt sie unter andern, die man verschweigt, kann nicht groß seyn; denn Liebe wächst nur durch Gegenliebe, und der Gegenliebe macht man sich durch das Schweigen mulb- willig verlustig." Vier und sechzigstes Stück. Den Ittcn December, 1767. Der Graf versetzt, daß die vollkommenste Liebe die scv, welche keine Belohnung erwarte; und Gegenliebe sey Belohnung. Sein Stillschweigen selbst mache sein Glück: denn so lange er seine Liebe verschweige, sey sie noch unvcrworfcn, könne er sich nock von der süßen Vorstellung täuschen lassen, daß sie vielleicht dürfe genehmiget werden. Der Unglückliche sey glücklich, so lange er noch nicht wisse, wie unglücklich cr sey. (") Die Kö- 15» mi ekle »keeto vivleiila Iiermoso llesilen le causn; 1,'»)'«, ^ mix es ml lormento; 'Iu>o, norlius ere« Ik cnusü; V mW, poryue 50 Nenlo: Senkn, I>surit, Ins itetvio» gue mis m-Ue» 5un Ulv»», V en mis cuerllns Ie tu^o» guile et Iinrror lle ker mias. Es müssen abcr eben nicht alle Glossen 'so symmetrisch scv», als diese. Man bat alle ^rcpbeit, die Stanzen, die man mit den Zeile» des Mole schlickt, so ungleich zu machen, als man will. Man braucht auch nicht alle Zeilen cinzuflccktcn; man kann sich auf eine einzige einschränkn,, und diese mcl'r als einmal wiederholen. Ucbrigcus geboren diese Glossen unter die altern Gattungen der spanischen. Poesie, die nach dem Boscan und Gareilasso ,icmlick aus der Mode gekommen. - m!is ver>Ii»Iern nmnr k!« ei que e» t"i misin» quillt» I1eee!>»t.i, si» »lenrler Mil» »NA», 0 niüki inlenlo: eorresnoniieiicikl es nkix», V teuer per bl»»e» et preein querer nor xrilNAeriii. - ventro es>» Ael lllencio, ^ >IeI rekneln Zweyter Band. 287 niginn widerlegt diese Sophistcrcycn als eine Person, der selbst daran gelegen ist, daß Esser nicht langer darnach bandle: und Esser, durch diese Widerlegung erdreistet, ist im Begriff, das Bekenntniß zu wagen, von wclcbcm die Königinn behauptet, daß es ei» Liebhaber auf alle Weise wagen müsse; als Blanca hcrcintritt, den Herzog anzumelden. Diese Erscheinung der Blanca bewirkt einen von den sonderbarsten Tbcatcrstreichcn. Denn Blanca hat die Schärpe um, die sie dem Eosme abgenommen, welches zwar die Königinn, aber nicht Esser gewahr wird. (") Esser. So sey es gewagt! — Frisch! Sie crmmitert mich selbst. Warum will ich an der Krankheit sterben, wenn ich an dein Hülfsmittel sterben kann? Was furchte ich noch? — Königinn, wann denn also, — Blanca. Der Herzog, Jhro Majestät, — Essex. Blanca könnte nicht ungelegener kommen. Blanca. Wartet in dein Vorzimmer, — Die Königinn. Ah! Himmel! Blanca. Auf Erlaubniß, — Die Königinn. Was erblicke ich? Blanca. Hercintreten zu dürfen. Mi »inor, v Nexsinlome e»A»ü»r >Ie vUe eoneens«, v»r» i»i Iiien, nor>l»v mi enxitnu >Iur»; Kecio ter» I» ienssus, N »venlur» V» Inen sienila venlnsac» Xune» lieg» il 5»>>er, ri»e es (letuieliiiiln, ?or na murir ue m»I, l>U!>n>ia ?»euo morir >Ie reme>iio, vixo pues, es, otlÄui», LUa nie nlenlu, c>us lenw? — l!»inlo t?n I» »nlecümklr» — lieiK. ^V^, cieia! vl.. ?i>r» eittriir — Nein. I»i>o es eierlo, — veeiMe — iw !lx que ltuüür — LnlreteiieMv un meinen!» —^ o sülgo — V »lex.iilme. vl>. gue es squeN»? V» vol. l^'c». V» vlitne» se fuo, Luieio nues volver — liLM. II» xelos! s°0K. ^ Ueelursrine nlrevillo, I>nes si ms alrevo, ine »irevo 15» 5e >te sus prelensiunes. ItLi!>l> I>Ii nrenila e» polier »gen»? Vixe «lins, nero es verxu»»/,» Luv nuell» I»nt» »» nfeelo Ln mi. Lc». See»» 1o que ilixe Vuetlr» ^IIe/.!t ,i<>ui, > sunuesln, Lue cuestit c!»it I» llick», Yue se cempr» ce» ei iniedo, guiero morir nebelmenle. Zweyter Band. 280 Die Königinn. Wärmn sagen Sie das, Graf? esscx. Weil ich hoffe, daß, wann ich — Warum furchte ich mich noch? — wann ich Jhro Majestät meine Leidenschaft bekennte, — daß einige Liebe — Die Königinn. Was sagen Sie da, Graf? An mich richtet sich das? Wie? Thor! Unstnnigcr! Kennen Sie mich auch? Wisse» Sie, wer ich bin? Und wer Sie sind? Ich muß glauben, daß Sie den Nerstand verlohrcn. — Ilnd so fahren Ihr» Majestät fort, den armen Oirafcn auö- znfcnstcrn, daß es cinc Art hat! Sie fragt ihn, ob er nicht wisse, wie weit der Himmel über alle menschliche Erfrcchungcn erhaben sey? Ob cr nicht wisse, daß der Sturmwind, der in den Olymp dringen wolle, auf halbem Wege zurückbrauscn müsse? Ob er nicht wisse, daß die Dünsrc, welche sich zur Sonne er- hicbcn, von ihren Stralcn zerstreuet würden? — Wer vom Himmel gefallen zu scmi glaubt, ist Esser. Er zieht sich beschämt zurück, und bittet um Verzeihung. Die Königinn befiehlt ihm, ihr Angesicht zu meiden, nie ihren Pallast wieder zu betreten, und sich glücklich zu schätzen, daß sie ihm den Kopf lasse, in welchem sich so eitle Gedanken erzeugen können. (") Er entfernt sich; und die Königinn geht gleichfalls ab, nicht ohne uns merken zu lassen, wie wenig ihr Herz mit ihren Reden übereinstimme. Blanca und der Herzog kommen an ihrer Statt, die Bühne zu füllen. Blanca hat dem Herzoge es frey gestanden, auf welchem Fuße sie mit dem Grafen stehe; daß cr nothwendig ihr Gemahl werden müsse, oder ihre Ehrc sey vcrlohrcn. Der Hcr- Ilem. poryuu la «lecijj? kott. yue ell»!ro, Ki k vueNr«. ^Itex» siiue »luilu!) l>e ilücl.'lülslv mi »kvclo, ^Ixu» üiuar — liem. i>»u tleci»? .V mi? eomo, loco, nveio, t.'oiioc^itme? yuivn toi xo? veciil, quie» toi? que s»tp>.<.Ii», gui- sv o» Iiuv» I» iiienwrii«. — (")--Xö me veili», V »xi'üileci.-u' «I ijue os Uexa e»I>t!ü», en liue te enxvinllsron liviiliw» pviitsmieiUo!-. LeMngs W-rkc vii. Hambiirgischc Dramaturgie, zog faßt dcn Entschluß, den cr wohl fassen muß; er will sich seiner L!icbc cntscblagcn: und ibr Vertrauen zu vergelten, verspricht cr sogar, sick bcn der Königinn ihrer anzunehmen, wenn sie ihr die Verbindlichkeit, die der Graf gegen sie habe, entdecken wolle. Dic Königinn kömmt bald, in ticfcn Gcdankcn, wieder zurück. Sie ist mit sich selbst im Streit, ob der Graf auch wohl so scbuldig sev, als cr scbcinc. Viellcicbt, daß cs eine andcre Scbärpc war, dic der ihrigen mir so äbnlicb ist. — Dcr Hcrzog tritt sic an. Er sagt, cr kommc, sie um cine Gnade zu bitten, um welche sic auch zuglcich Bianca bitte. Bianca w-'rdc sich uäbcr darüber erklären; cr wolle sic zusammcn allein lassen: und so läßt cr sie. Dic Königinn wird neugierig, und Blanca verwirrt. Endlich entschließt sicb Blanca, zu rcdcn. Sie will nicht länger von dem vcrändcrlicbcn Willen eines Manncs abhängen; sie will cs scincr Rcchtsckaffcnhcit nicht länger anheim stellen, was sie durch Gewalt erhalten kann. Sic slchct die Elisabeth um Mitleid an: die Elisabeth, dic Frau; nicht dic Königinn. Dcim da sie cinc Schwackhcit ihrcs Geschlechts bekennen müsse: so suche sie in ihr nicht dic Königinn, sondern nur die Frau. (°) (°)--?» efloi reluelln; >'o it I» voluiUücl nniilitklv Uo u» Iwi»br>> vtlv luM», gue au»ii»e no l« mi »Iviile, ük! nocvilitil, qu>! >o Iv Iiilver I» fuer/!», l^cucUarmv In ^Ilei?», nun >»!>!> r^ue In ,'Uvnci»», I.» i>i>.'>I»>I cu» lit» ort!j»s, II»tlvI>!t »Ü I»! U!II»!ItIl> k» «?5>!t »iüili«», no Nt'i»», ! linnnil» Vi'ttpio i! »leciros Ucl Iinnnr «»:> Nnqiwiüi, <>u>! Iiv »!> muzer, I'urll»» n»?j«r «ü p!ire/.e«, Xv Nein», luu^ei- >»i Iilifco. 80I0 uni^er «s u N»l.ü!i. Vina lus-j ßitlil» <>u>! nu»e», V >» ue ernn iielo», liLi«. »k!Sino8, que quisiern ^ ei Loiule e» eN» oension: ?ue« li n ei l?o>ille «uMera V slxuns »lrevicln, locn prelumiiln, «leceomnueün I^e quiliern, que e» querer? (jue le miinra, n le viern; «Zue es verle? ?>» tv que «lixii, K» ü»i eokn que meno» len — Ko In quttnrn In viiln? I,n ssnxre no In bebiern? — I,o» xelo», nuiique filixliilos, Nie nrrednlnro» In lenxu», V <>>5enrnrou i»> eiw^o — !»irn>> nue »a ine clei» iivlvs, o ms ilei» 2elos de verss. Zweyter Band. warten, bis sie ein anderer für sie vollzieht? Sie will sie selbst bewerkstelligen, und noch diesen Abend. Als Kammcrsran der Königinn, innß sie sie auskleiden helfen; da ist sie mit ihr allein ; und es kann ihr an Gelegenheit nicht fehlen. — Sie sieht die Königinn mit dem Kanzler wiederkommen, und geht, sich zu ihrem Vorhaben gefaßt zu machen. Der Kanzler hält vcrschicdnc Briefschaften, die ibm die Königinn nur auf einen Tisch zu lege» befiehlt; sie will sie vor Schlafengehen noch durchsehen. Der Kanzler erbebt die ausser- ordentliche Wachsamkeit, mit der sie ihren RcichSgeschäftcu obliege; die Königinn erkennt es für ihre Pflicht, und beurlaubet den Kanzler. Nun ist sie allein, und setzt sich zu den Papieren. Sie will sich ihres verliebten Kummers einschlagen, nnd anständigern Sorgen überlassen. Aber das erste Papier, was sie in die Hände nimt, ist die Bittschrift eines Grafen Felix. Eines Grafen! „Muß es denn eben, sagt sie, von einem trafen seyn, was mir zuerst vorkömmt!" Dieser Zug ist vortrefflich. Auf einmal ist sie wieder mit ihrer ganze» Seele bey demjenigen Grafen, an den sie itzt nicht denken wollte. Seine Liebe zur Bianca ist ein Stachel in ihrem Herzen, der ihr das Leben zur Last macht. Bis sie der Tod von dieser Marter bc- frcyc, will sie bey dem Bruder des Todes Linderung suchen: und so fällt sie in Schlaf. Indem tritt Bianca herein, und hat eine von den Pistole» des Grafen, die sie i» ihrem Zimmer gefunden. (Der Dichter hatte sie, zu Anfange dieses Akts, nicht vergebens dahin tragen lassen.) Sie findet die Königin» alle!» u»d entschlafen: was für einen bequemer» Augenblick könnte sie sich wünschen? Aber eben hat der Graf die Bianca gesucht, und sie in ihrem Zimmer nicht getroffen. Ohne Zweifel erräth ma», was nun geschieht. Er kömmt also, sie hier zu suchen; und kömmt eben noch zurecht, der Bianca i« den mörderische» Arm zu falle», und ihr die Pistole, die sie auf die Köuigüi» schon gespannt hat, zu cntrcisscn. Indem er aber mit ihr ringt, geht der Schuß los: die Königinn erwacht, und alles kömmt aus dem Schlosse Her- zugelaufen. Tic Königinn, (im Erwachen) Ha! WaS ist das? 294 Hamburgische Dramaturgie. Der Kanjler. Herbey, herbey! Was war das für ein Knall, in dem Zimmer der Königinn? WaS geschieht hier? vssex. (mit der Pistole i» der Hand) Grausamer Zufall! Die Königinn. Was ist das, Graf? Essex. Was soll ich thun? Die Königinn. Bianca, was ist das? Bianca. Mein ?od ist gewiß! Esscx. In welcher Verwirrung befinde ich mich! Der Kanjler. Wie? der Graf ein Verräther? Essex. (bey Seite) Wozu soll ich mich eiitschlicsfen? Schweige ich: so fällt das Verbrechen auf mich. Sage ich die Wahrheit: so werde ich der nichtswürdige Verklägcr meiner Geliebten, meiner Bianca, meiner theuersten Bianca. Die Königinn. Sind Sie der Verräther, Graf? Bist du es, Bianca? Wer von euch war mein Retter? wer mein Mörder? Mich dünkt, ich hörte im Schlafe euch beide rufen: Verrätherinn! Verräther! lind doch kann nur eines von euch diesen Namen verdienen. Wenn eines von euch mein Leben suchte, so bin ich es dem andern schuldig. Wem bin ich eS schuldig, Graf? Wer suchte cS, Bianca? Ihr schweigt? — Wohl, schweigt nur! Ich will in dieser Ungewißheit bleiben; ich will den Unschuldigen nicht wissen, um den Schuldigen nicht zu kennen. Vielleicht durfte es mich eben so sehr schmerM, meinen Beschützer zu erfahren, als meinen Feind. Ich will der Bianca gern ihre Nerrätherey vergeben, ich will sie ihr verdanken: wenn dafür der Graf nur unschuldig war. (°) (°) LonSe, vos traiuor? Vos, vlancs? LI Mieio e5l» iiiilikerknts, guitl mv Ii»r», niU». l.'onlle, SliUiek, responaeume l » la Nein»? tu a Is Hein»? via, !tu» me ü»I)» vitls? visu»», «mal me usbs wuerlv? Zweyter Band. 295 Aber der Kanzler sagt: wenn cs dic Königinn schon bicrbcn wolle bewenden lassen, so dürfe er cs doch nicht; das Verbrechen sey zu groß; sein Amt erfodcrc, es zu ergründen; besonders da aller Anschein sich wider den Grafen erkläre. Die Königinn. Der Kanzler hat Recht; man muß es unter- suchen. — Graf, — vssex. Königinn! — Die Königinn. Bekennen Sie die Wahrheit. — (bey Scitc) Aber wie sehr fürchtet meine Liebe, sie zn hören! — War cs Bianca? vssex. Ich Unglücklicher! Die Königinn. War cs Bianca, dic meinen Tod wollte? Essex. Nein, Königinn; Bianca war cs nicht. Dic Königinn. Sie waren cs also? Essex. Schreckliches Schicksal! — Ich weiß nicht. Die Königinn. Sie wissen es nicht? — Und wie kömmt dic- scs mörderische Werkzeug in ihre Hand? — Der Graf schwcigt, und dic Königinn bcfichlt, ihn nach dcm Tower zu bringen. Blanca, bis sich dic Sache mchr aufhellet, soll in ihrem Zimmcr bewacht werden. Sie werden abgeführt, und der zweyte Aufzug schließt. Sechs und sechzigstes Stück. Den 18ten December, 1767. Der dritte Aufzug fängt sich mit cincr langc» Monologe der Königinn an, die allen Scharfsinn dcr Licbc aufbiethet, den I)eci>Iine! — no Ic> Sinais, or »o lÄlier el triüclar, ?io lÄver ei iniwceiile. lUvZor es yueilür cansusil, «lulla mi ^uicio Pieäe, ?orIe I» lraieion ms »cuer>Ie, ^ peiifiir, r>ue es ei lrsitlor, gus es ei lest tiinMieii piense. le ii^ritileeier» it gue e»s I» lrsiilura, 5uet7e, Solo » Irueilue >Ie <>ue ei l?on>Ie ?uer» ei, que etlslm imiocenle. — I 29k Hambiirgischc Dramaturgie, Grase» unschuldig zu sindcn. Die Vielleicht werden nicht gcspa- rct, um ihn weder als ihren Mörder, noch als den Liebhaber der Bianca denken zu dürfen. Besonders geht sie mit den Voraussetzungen wider die Bianca ein wenig sehr weit; sie denkt über diesen Punkt überhaupt lange so zärtlich und sittsam nicht, als wir eS wohl wünschen möchten, lind als sie auf unsern Theatern denken müßte. ES kommen der Herzog, und der Kanzler: jener, ihr seine Freude über die glückliche Erhaltung ihres Lebens zu bezeigen; dieser, ihr einen neuen Beweis, der sich wider den Esser äußert, vorzulegen. Auf der Pistole, die man ihm aus der Hand genommen, steht sein Name; sie gehört ihm; und wem sie gehört, der hat sie unstreitig auch brauchen wollen. Doch nichts scheinet den Esser unwidersprcchlicher zu verdammen, als was nun erfolgt. Eosmc hat, bey anbrechendem Tage, mit dem bewußten Briefe nach Schottland abgehen wollen, und ist angehalten worden. Seine Reise sieht einer Flucht sehr ähnlich, und eine solche Flucht läßt vermuthen, daß er an dem Verbrechen seines Herrn Antheil könne gehabt haben. Er wird also vor den Kanzler gebracht, und die Königinn befiehlt, ihn in ihrer Gegenwart zu verhören. Den Ton, in welchem sich Cosme rechtfertiget, kann man leicht errathen. Er weiß von nichts; und als er sagen soll, wo er hingewollt, läßt er sich um die Wahrheit nicht lange nöthigen. Er zeigt den Brief, den (°) >o pucko sei- ciiiu mlnlierü vlituc» e» I» yuv iuv >:o»Io I)e K07.»rl» el l?on>>>! ? X», Yue IZI»»c!> »o In klnxiers: >'» pu>><> Iiitvvrl» x»?»>>», 8i» eN»r eu»mor!il>o, V (lu»in>o lierno, > renlluw, «»loiwvü I» Iui>!t querillu, 5io Meile Iisveilil <>lv'»l!i>I<> ? >'» le vit-ro» min »»to^oi« knlre nc»üii»i»nlo^ l!luiu?i, iUui «üilliliiu'n e»n lodi litliios, >Iu> liitüIuNür Lo» lo» o^os, Yuiiiulu ili «Ivcir t»ü eii»^>is Vo s>t ilvsneclw reöi? ^ Zweyter Band. 297 ihm sein Graf, an einen andern Grafen nach Schottland zu überbringen befohlen: und man weiß, was dieser Brief cntbalt. Er wird gelesen, und Eosmc erstaunt nicht wenig, als er Hort, wohin es damit abgesehen gewesen. Aber noch mcbr erstaunt er über den Schluß desselben, worinn der Ucbcrbringcr ein Vcr- trautcr heißt, durch den Roberto seine Antwort sicher bestellen könne. „Was höre ich? ruft Eosmc. Ich ein Vertrauter? „Bey diesem und jenem! ich bin kein Vertrauter; ich bin nic- „mals einer gewesen, und will auch in meinem Leben keiner „seyn. — Habe ich wohl das Ansehen zu einem Vertrauten? „Ich möchte doch wissen, was mein Herr an mir gefunden „hätte, um mich dafür zu nehmen. Ich, ein Vertrauter, ich, „dem das geringste Geheimniß zur Last wird? Ich weiß, zum „Exempel, daß Blanca und mein Herr einander lieben, und daß „sie heimlich mit einander vcrhcyrathct sind: es hat mir schon „lange das Herz abdrücken wollen; und nun will ich es nur „sagen, damit sie hübsch sehen, meine Herren, was für ein „Vertrauter ich bin. Schade, daß es nicht etwas viel wichtigeres ist: ich würde es eben sowohl sagen."(°) Diese Nachricht schmerzt die Königinn nicht weniger, als die Ueberzeugung, zu der sie durch den unglücklichen Brief von der Vcrräthcrcy des Grafen gelangt. Der Herzog glaubt, nun auch sein Stillschwci- (°) gue elcuclio? Seiiore» mies, vo» mit lwmonio« me Ileven, 8i conliilente toi, 8! I» Iie siilo, » ti I» ku«re, ?ii tenlzo inteneioii tle lerlo. ---— '^eiixo >u L»r» iZe ler conkiileiiie? Vo >w lv » vislo e» mi Ali Amo pur» teuerm« es!» opinion; > » ke, gue me IlvlAür» llv <>ue suess» v»5it tlv msü wi>wrl!lnciit vn kecreNIIo luui leve, Lue >»I>io >s por <>ecirlo, gue e» <>ue ei Oiitle » vliliic» liuiere, gue vsl»» ciifililo» I»« üvü Lii lecrelo---- . ^^^^^^^^^^^^ 298 Hamburgische Dramaturgie. gen brechen zu müssen, und der Königinn nicht länger zu verbergen, was er in dem Zimmer der Bianca zufälliger Weise angehört habe. Der Kanzler dringt auf die Bestrafung des Vcrräthcrs, und sobald die Königinn wieder allein ist, reißen sie sowohl beleidigte Majestät, als gekränkte Liebe, des Grafen Tod zu beschließen. Nunmehr bringt uns der Dichter zu ihm, in das Gefängniß. Der Kanzler kömmt und cröfnct dem Grafen, daß ihn das Parlament für schuldig erkannt, und zum Tode vcrurthcilet habe, welches Urtheil morgen des Tages vollzogen werden solle. Der Graf betheuert seine Unschuld. Der Kanzler. Ihre Unschuld, Mylord, wollte ich gern glauben: aber so viele Beweise wider Sie! — Haben Sie den Brief an den Roberto nicht geschrieben? Ist es nicht Ihr eigenhändiger Name? Esser. Allerdings ist er es. Der Kanzler. Hat der Herzog von Alanzon Sie, in dem Zimmer der Bianca, nicht ausdrücklich den Tod der Königinn be- schließen hören? Esser. Was er gehört hat, hat er freylich gehört. Der Kanzler. Sahe die Königinn, als sie erwachte, nicht die Pistole in Ihrer Hand? Gehört die Pistole, auf der Ihr Name gestochen, nicht Ihnen? (°) l)o?m. Solo ei «lesciii'Ao qne lensso Ls ei ellsr iimocente. SriWsozi,. ^uiiquk >'o in«! >I>'X!»i los iiulicios, V süverliä, n.ue 5» no es tieu>i>o ve MNloio», q»o in»«»»» IlÄveis >Iv worir. Oo?s. Vo muern InnoceiUe. ?nes aeeiil >'o etcriliitteis » liolierlo IZN» esrt»? ^>es>» Nrm» es I» vueNr»? Iu. ^questo es eierlo, 8L>. iZunniIo üesperl» I» kein» Klo os I>»I>», kunilo, a vos wesmu l!oi> >!» »Mol» en I» msno? Zweyter Band. 2>1!) Essex. Ich kann es nicht leugnen. Der Kanzler. So sind Sie ja schuldig. Essex. Das leugne ich. Der Kanzler. Nun, wie kamen Sie denn dazu, daß Sie den Brief an den Roberto schrieben? Essex. Ich weiß nicht. Der Kanzler. Wie kam es denn, daß der Herzog den verrä- therischen Vorsatz aus Ihrem eignen Munde vernehme» mußlc? Essex. Weil es der Himmel so wollte. Der Kanzler. Wie kam es denn, daß sich das mörderische Werkzeug in Ihren Handen fand? l?sscx. Weil ich viel Unglück habe. Der Kanzler. Wenn alles das Unglück, und nicht Schuld ist: wahrlich, Freund, so spielet Ihnen Ihr Schicksal einen harten Streich. Sie werden ihn mit Ihrem Kopfe bezahlen müssen. vssex. Schlimm genug. (°) „Wissen Zhro Gnaden nicht, fragt Cosme, der dabey ist, „ob sie mich etwa nut hängen werden?" Der Kanzler antwor- V I» plslolit <>Uies com» eterikisleis, Lomle. l>» eitrig, gt tiiiickor Noderlo? Oo«. >'o lo 5e. 8M. ?ue» como ei vulluu Hu« escucliü vueslros iiilento«, vs cvnvence en lg, lrgieion? Oo«. ?orIe Iiulieios t»n eierte«, IVlgns»» vuetlra eslie?» Ilit »le pzißsr - 300 Hamburgischc Dramaturgie. tet Nein, weil ihn sein Herr hinlänglich gcrechtfcrtigct habe; nnd der Graf ersucht den Kanzler, zu verstatten, daß er die Blanca noch vor seinem Tode sprechen dürfe. Der Kanzler belauert, daß er, als Richter, ihm diese Bitte versagen müsse; weil beschlossen worden, seine Hinrichtung so heimlich, als möglich, geschehen zu lassen, aus Furcht vor den Mitverschwornen, die er vielleicht sowohl unter den Großen, als unter dem Pöbel in Menge, haben möchte. Er crmahnt ihn, sich zum Tode zu bereiten, und geht ab. Der Graf wünschte blos deswegen die Blanca noch einmal zu sprechen, um sie zu crmahnen, von ihrem Vorhaben abzustehen. Da er es nicht mündlich thun dürfen, so will er es schriftlich thun. Ehre und Liebe verbinden ihn, sein Leben für sie hinzugeben; bey diesem Opfer, das die Verliebten alle auf der Zunge führen, das aber nur bey ihm zur Wirklichkeit gelangt, will er sie beschwören, es nicht fruchtlos bleiben zu lassen. Es ist Nacht; er setzt sich nieder zu schreiben, und befiehlt Cosmen, den Brief, den er ihm hernach geben werde, sogleich nach scincm Tode der Blanca einzuhändigen. Eosmc geht ab, um indeß erst auszuschlafen. Sieben und sechzigstes Stück. Den 22sten December, 1767. Nun folgt eine Scene, die man wohl schwerlich erwartet hätte. Alles ist ruhig und stille, als auf einmal eben die Dame, welcher Esscx in dem ersten Akte das Leben rettete, in eben dem Anzüge, die halbe Maske aus dem Gesichte, mit einem Lichte in der Hand, zu dem Grafen in das Gefängniß hcrcintrilt. Es ist dic Königinn. „Dcr Graf, sagt sie vor sich im Hcrcin- trctcn, „hat mir das Leben erhalten: ich bin ihm dafür verpflichtet. Dcr Graf hat mir das Lcbcn nehmen wollen: das „schreyet um Rache. Durch seine Verurtheilung ist dcr Gerechtigkeit ein Gcnügc gcschchcu: nun geschehe es auch dcr Dankbarkeit und Liebe!" (°) Zudem sie näher kömmt, wird sie I5l Oviule uiv »U» 1,1 viili» V i>M »Iilixitil» »iv veo; L> l'>»»>>.> mv «litliit inuerle, V »M «s>:»>>illi» ine «luvxo. < Zweyter Band. 3V1 gcwahr, daß der Graf schreibt. „Ohne Zweifel, sagt sie, „an „seine Bianca! Was schadet das? Zch komme aus Liebe, aus „der feurigsten, uneigennützigsten Liebe: itzt schweige die Eifersucht! — Graf!" — Der Graf hört sich rufen, sieht hinter sich, und springt voller Erstaunen auf. „Was seh ich!" — „Keinen Traum, fährt die Königinn fort, „sondern die Wahrheit. Eilen Sie, sich davon zu überzeugen, nnd lassen Sie „uns kostbare Augenblicke nicht mit Zweifeln verlieren. — Sie „erinnern sich doch meiner? Zch bin die, der Sie das Leben „gerettet. Zch höre, daß Sie morgen sterben sollen; und ich „komme, Zhncn meine Schuld abzutragen, Zhncn Leben für „Leben zu geben. Zch habe den Schlüssel des Gefängnisses zu „bekommen gewußt. Fragen Sie mich nicht, wie? Hier ist er; „nehmen Sie; er wird Zhncn die Pforte in den Park cröf- „nen; fliehen Sie, Graf, und erhalten Sie ein Leben, das „mir so theuer ist." Essex. Theuer? Ihnen, Madame? Die Königinn. Würde ich sonst so viel gewagt haben, als ich wage? vssex. Wie sinnreich ist das Schicksal, das mich verfolgt! SS findet einen Weg, mich durch mein Glück selbst unglücklich zu machen. Ich scheine glücklich, weil die mich zu befreyen kömmt, die meinen Tod will: aber ich bin um so viel unglücklicher, weil die meinen Tod will, die meine Freyheit mir anbiethet. —(°) Die Königinn verstehet hieraus genugsam, daß sie Essex kennet. Er verweigert sich der Gnade, die sie ihm angetragen, gänzlich; aber er bittet, sie mit einer andern zu vertauschen. Die Königinn, lind mit welcher? ^ ?ue» 5«, yue <-oi> I» leiilenei» LU» varte üe lsli-ileolw, ?uo» vumvli co» la ^uslieis, Lon ei .imoi' vumnlir iUi» me likr». ^ 302 Hamburgische Dramaturgie. Esser. Mil der, Madame, von der ich weiß, daß sie in Ihrem Vermögen steht, — mit der Gnade, mir das Angesicht meiner Königinn sehen zu lassen. Es ist die einzige, um die ich eS nicht zu klein halte, Sie an das zu erinnern, was ich für Sie gethan habe. Bey dem Leben, das ick Ihnen gerettet, beschwöre ich Sie, Madame, mir diese Gnade zu erzeigen. Die Königinn, (vor sich) Was soll ich thun? Vielleicht, wenn er mich sieht, daß er sich rechtfertiget! Das wünsche ich ja nur. Esser. Verzögern Sie mein Glück nicht, Madame. Die Königinn. Wenn Sie es denn durchaus wollen, Graf; wohl: aber nehmen Sie erst diesen Schlüssel; von ihm hängt Ihr Leben ab. Was ich itzt für Sie thun darf, könnte ich hernach vielleicht nicht dürfen. Nehmen Sie; ich will Sie gesichert wissen. (°) Essex. (indem er den Schlüssel nimt) Ich erkenne diese Vorsicht mit Dank. — Und nun, Madame, — ich brenne, mein Schicksal auf dem Angesichte der Königinn, oder dem Ihrigen zu lesen. Die Königinn. Graf, ob beide gleich eines sind, so gehört doch nur daS, welches Sie noch sehen, mir ganz allein; denn das, welches Sie nun erblicken, (indem sie die Maske abnimt) ist der Königinn. Jenes, mit welchem ich Sie erst sprach, ist nicht mehr. Essex. Nun sterbe ich zufrieden! Zwar ist cS das Vorrecht des königlichen Antlitzes, daß es jeden Schuldigen begnadigen muß, der es erblickt; und auch mir müßte diese Wohlthat des Gesetzes zu Statten kommen. Doch ich will weniger hierzu, als zu mir selbst, meine Zuflucht nehmen. Ich will es wagen, meine Königinn an die Dienste zu erinnern, die ich ihr und dem Staate geleistet — (°°) (°) ?ni!s N esto I>» >!>: kvr, primero l'omnil, llviule, illliivtl» U»v>!, gtt« » >I oll'», -luUsniI» ul velo, 8erv, I»ro» I» vnlit vle empeiiv, por lo quv o» «lelio, vor ki no Mvcw Uelinie«, ve stt» luerle nw iiivveiig». (") »lorirv coilloliulo, ^uiln.»e ki por privUegio Zweyter Band, 303 Die Königinn. An diese habe ich mich schon selbst erinnert. Aber Ihr Verbrechen, Graf, ist größer als Ihre Dienste. Esscx. Und ich habe mir nichts von der Huld meiner Königin» zu versprechen? Die Königinn. Nichts. Esscx. Wenn die Königinn so streng ist, so rufe ich die Dame an, der ich das Leben gerettet. Diese wird doch wohl gütiger mit mir verfahren? Die Königinn. Diese hat schon mehr gethan, als sie sollte: ste hat Ihnen den Weg geöfnct, der Gerechtigkeit zu entfliehen. Esscx. Und mehr habe ich um Sie nicht verdient, um Sie, die mir Ihr Leben schuldig ist? Die Königinn. Sie haben schon gehört, daß ich diese Dame nicht bin. Aber gesetzt ich wäre cS: gebe ich Ihnen nicht eben so viel wieder, als ich von Ihnen empfangen habe? Esscx. Wo das? Dadurch doch wohl nicht, daß Sie mir den Schlüssel gegeben? Die Königinn. Dadurch allerdings. Esscx. Der Weg, den mir dieser Schlüssel cröfncn kann, ist weniger der Weg zum Leben, als zur Schande. Was meine Freyheit bewirken soll, muß nicht meiner Furchtsamkeit zu dienen scheinen. Und doch glaubt die Königinn, mich mit diesem Schlüssel, für die Reiche, die ich ihr erfochten, für das Blut, das ich um sie vergossen, für das Leben, das ich ihr erhalten, mich mit diesem elenden Schlüssel für alles das abzulehnen? (°) Ich will mein Leben einem anständigern Ln vienito I» ear!» »I liev gueits i>erüon»>Io «I reo; V» üe «sie inlluUo, Seiierii, Viits, por lev ms nromslo; Lklo es vn coinu», (tue ex l.o que s, toilos >I» ei llsrsclio; ?ero si «il psrlieulsr Merecer ei nerüon yuiero, MS, vereis, que ms uvultii »li^or inilull» e» mis Iieeuos, Alis IiSüiiuss-- (°) l.iiexn eslil, que gsli enmino ^Iirir» !l mi vidn, »IirienSo, Vsmbien lo »iiririi » mi i»s»mi»; 304 Hamburgischc Dramaturgie. Mittel zu danken haben, oder sterben, (indem er nach dein Fenster geht) Die Königinn. Wo gehen Sie hin? Esser. NichtSwürdigcs Werkzeug meines Lebens, lind meiner Entehrung! Wenn bey dir alle meine Hoffnung beruhet, so empfange die Flnth, in ihrem tiefsten Abgrunde, alle meine Hoffnung! (Er cröf- »ct das Fenster, und wirft den Schlüssel durch das Gitter in den Kanal) Durch die Flucht, wäre mein Leben viel zu theuer erkauft. (°) Die Königinn. Was haben Sie gethan, Graf? — Sie habe» sehr übel gethan. Essex. Wann ich sterbe: so darf ich wenigstens laut sagen, daß ich eine undankbare Königinn hinterlasse. — Will sie aber diesen Vor- wurf nicht: so denke sie auf ein anderes Mittel, mich zu retten. Dieses unanständigere habe ich ihr genommen. Ich berufe mich nochmals anf meine Dienste: es steht bey ihr sie zu belohnen, oder mit dem Andenken derselben ihren Undank zn verewigen. Die Königinn. Ich mnß da§ letztere Gefahr laufen. — Denn wahrlich, mehr konnte ich, ohne Nachtheil meiner Würde, für Sie nicht thun. Essex. So muß ich dann sterben? I^uepio esla, que »islrumenlo ve wi Ulxilliiil, lilwliw» I.» Iiitvr-t >Ie 1er >Iv i»i mieiio. LNa, ciii« kulo me tnvu I),! Iniir, e>> ei «leskmpvn» Zle Nein»«, que »« Iiu xsnitclo, Uo servie!»8, que ns I>v Iivkll», V en N», >!>», els», y»v teiieis i'ar wi k»c?r/.» ? > s>!» le eitr» l»nw? - (°) Vil iiislrtimviilc» I)« o>> viil», y >Ie mi n>f!i»Ü!>, I>ur rc^.v» cil^einw vel xsrliue, r>»v I-ill«! ei rlo, r.iitre su» ci^sl-ites >?,(>, 8i lois wi es>».>r»»?.it, Ilumliro«, t?ae>> »I I»iwe>Io eeillro, v»i»Ie et '1'ilm»sis lvpuUe Ali espor-»!/.», ^ wi lemvilio. Zweyter Band. 305 Die Königinn. Ohnfchlbar. Die Fran wollte Sie rcttc»; die Königinn mich dein Rechte seinen Lauf lassen. Morgen »uisscii Sie sterben; nnd es ist schon morgen. Sie haben mein ganzes Mitleid; die Wchmuth bricht mir das Herz; aber es ist nun einmal das Schick-, sal der Könige, daß sie viel lvcnigcr nach ihren Empfindungen handeln können, als andere. — Eraf, ich empfehle Sie der Vorsicht! — Acht und sechzigstes Stück. Ten 26sten December, 1767. Noch einiger Wortwechsel zum Abschiede, noch einige Ausrufungen in der Stille: und beide, der Graf und die Königinn, gehen ab; jedes von einer besondern Seite. Zm Herausgehen, muß man sich einbilden, hat Esscx Eosmen den Brief gegeben, den er an die Blanca geschrieben. Denn den Augenblick darauf kömmt dieser damit herein, und sagt, daß man seinen Herrn zum Tode führe; sobald es damit vorbey sey, wolle er den Brief, so wie er es versprochen, übergeben. Zudem er ihn aber ansieht, erwacht seine Ncugicrdc. „Was mag dieser Brief „wohl enthalten? Eine Ehcvcrschrcibung? die käme ein wenig „zu spät. Die Abschrift von seinem Urtheile? die wird er doch „nicht der schicken, die es zur Wittwe macht. Sein Testament? „auch wohl nicht. Nun was denn?" Er wird immer begieriger; zugleich fällt ihm ein, wie es ihm schon einmal fast das Leben gekostet hätte, daß er nicht gewußt, was in dem Briefe seines Herrn stünde. „Wäre ich nicht, sagt er, bey einem „Haare zum Vertrauten darüber geworden? Hohl der Geyer „die Nertrautschafr! Nein, das muß mir nicht wieder bcgcg- „ncn!" Kurz, Eosmc beschließt, den Brief zu erbrechen; und erbricht ihn. Natürlich, daß ihn der Inhalt äußerst betroffen macht; er glaubt, ein Papier, das so wichtige und gefährliche Dinge enthalte, nicht geschwind genug los werden zu können; er zittert über den bloßen Gedanken, daß man es in seinen Händen finden könne, ehe er es freywillig abgeliefert; und eilet, es geraden Weges der Königinn zu bringen. Eben kömmt die Königinn mit dem Kanzler heraus. Eosine will sie den Kanzler nur erst abfertigen lassen; und tritt ben Seite. Die Königinn ertheilt dem Kanzler den letzten Befehl LesfmgS Werke v>>, 20 Hamburgische Dramaturgie. zur Hinrichtung des Grafen; sie soll sogleich, und ganz in der Stille vollzogen werden; das Volk soll nichts davon crfabrcn, bis der geköpfte Leichnam ihm mit stummer Zunge Treue und Gehorsam zurufe. (*) Den Kopf soll der Kanzler in den Saal bringen, und, nebst dem blutigen Weile, unter einen Tcppich legen lassen; hierauf die Großen des Reichs versammeln, um ihnen mit eins Verbrechen und Strafe zu zeigen, zugleich sie an diesem Beyspiele ihrer Pflicht zu erinnern, und ihnen einzuschärfen, daß ihre Königinn eben so strenge zu seyn wisse, als sie gnädig seyn zu können wünsche: und das alles, wie sie der Dichter sagen läßt, nach Gebrauch und Sitte des Landes. (°°) Der Kanzler geht mit diesen Befehlen ab, und Cosme tritt die Königinn an. „Diesen Brief, sagt er, „hat mir mein „Herr gegeben, ihn nach seinem Tode der Bianca cinzuhändi- „gcn. Ich habe ihn aufgemacht, ich weiß selbst nicht warum; „und da ich Dinge darinn finde, die Zhro Majestät wissen „müssen, und die dem Grafen vielleicht noch zu Statten kom- „mcn können: so bringe ich ihn Zhro Majestät, und nicht dcr „Bianca." Die Königinn nimt den Brief, und liefet: „Bianca, ich nahe mich meinem letzten Augenblicke; man will (°) klsll!» que ei Irene» o?u>»ver I.e Nrv» >Ie muilit leußlia, (") V »M »I s-tlo» >Ie iMscio »»reis que U»i»a>I<>8 vengii» I.os Krsnlles ^ lo» »lilortle«, V p»r» que »IN Is veitti, Neliüxo >Ie »n» coNi»» Ilitrew neuer I» «»»ei!» » ol s»»srikii>l> eueliillu, Ie ^uslieiil, k.'osl»müre >Ie InpiliUerrs: V e» esl!»»!e loilas ^»»lo«, klo»stri»»I«me uslieivr», I5xI>«N!lii>IoIo» niiinero l!an »i»or » I» udelllenciü, I-es mellriire liiern »I l?ai»Ie, ?»r» que loilos .lUenil.in, ' rixior que lo« SI »>' pleUnil qnv los illrev.1. Zweyter Band. 307 „mir nicht vergönnen, mit dir zu sprechen: empfange also meine „Ermahnung schriftlich. Aber vors erste lerne mich kcnncn; ich „bin nie der Vcrräther gewesen, der ich dir vielleicht geschienen; „ich versprach, dir in der bewußten Sache bchulflich zu seyn, „blos um der Königinn desto nachdrücklicher zu dienen, und „den Roberto, nebst seinen Anhängern, nach London zu locken. „Urtheile, wie groß meine Liebe ist, da ich dem ohngcachtct „eher selbst sterben, als dein Leben in Gefahr setzen will. Und „nun die Ermahnung: stehe von dem Vorhaben ab, zu wcl- „chcm dich Roberto anreihet; du hast mich nun nicht mehr; „und es möchte sich nicht alle Tage einer finden, der dich „so sehr liebte, daß er den Tod des Äcrräthcrs für dich „sterben wollte."(°) — Mensch! ruft die bestürzte Königinn, was hast du mir da gebracht? Nun? sagt Eosmc, bin ich noch ein Vertrauter? — „Eile, fliehe, deinen Herrn zu retten! Sage dem Kanzler, (°) Mmic» e» ei iitlimo Iriliice, poryue Ilildlsrw 110 »iv tiexii», Ile >!e elciwirle un eonlejo, ^ liimiiien »na iniverleiieia; l^s »ilverlenci» es, e s^uäilr en lo ie sillivs, I?ue nor korvir il I» Nein», Logisncio il N»I>erlo eil I.»i»Ires, V a los l>»e seguirle inlei»»»; »ciueslo Nie I» carls: I-!slo IlS ijiiernw (jue sen»s, l>urIo I» iiitvorlenciii: (Vslxkme üios!) et eonse^jo IZs, o.ue lleNN.is I» einnressir ^ >» lie Iisver citlli» ui» or iriliiior I» pierüs. - 20 ' ..' --. ^ />l M6 Hanü'iirgischc ?r>imaturgic> cinzuhaltcn! — Holla, Wache! bringt ihn augenblicklich vor mich, — den Grafen, — geschwind!" — Und eben wird er gebracht: sein Leichnam nehmlich. So groß die Freude war, welche die Königinn auf einmal überströmte, ihren Grafen unschuldig zu wissen: so groß sind nunmehr Schmerz und Wuth, ihn hingerichtet zu sehen. Sie verflucht die Eilfertigkeit, mit der man ihren Befehl vollzogen: und Bianca mag zittern! — So schließt sich dieses Stück, bey welchem ich meine Leser vielleicht zu lange aufgehalten habe. Vielleicht auch nicht. Wir sind mit den dramatischen Werken der Spanier so wenig bekannt; ich wüßte kein einziges, welches man uns übersetzt, oder auch nur Auszugsweise mitgetheilet hätte. Denn die Virginia des Augustino dc Montiano y Luyando ist zwar spanisch geschrieben; aber kein spanisches Stück: ein bloßer Versuch in der corrcctcn Manier der Franzosen, regelmäßig aber frostig. Zch bekenne sehr gern, daß ich bey weiten so vortheilhaft nicht mehr davon denke, als ich wohl ehedem muß gedacht haben. (") Wenn das zweyte Stück des nehmlichen Verfassers nicht besser gerathen ist; wenn die neueren Dichter der Nation, welche eben diesen Weg betreten wollen, ihn nicht glücklicher betreten haben: so mögen sie mir es nicht übel nehmen, wenn ich noch immer lieber nach ihrem alten Lopc und Calderon greife, als nach ihnen. Die echten spanischen Stücke sind vollkommen nach der Art dieses Essex. Zn allen einerley Fehler, und einerley Schönheiten: mehr oder weniger; das versteht sich. Die Fehler springen in die Augen: aber nach den Schönheiten dürfte man mich fragen. — Eine ganz eigne Fabel; eine sehr sinnreiche Verwicklung; sehr viele, und sonderbare, und immer neue Theater- strciche; die ausgcspartcstcn Situationen; meistens sehr wohl angelegte und bis ans Ende erhaltene Charaktere; nicht selten viel Würde und Stärke im Ausdrucke. — Das sind allerdings Schönheiten: ich sage nicht, daß es die höchsten sind; ich leugne nicht, daß sie zum Theil sehr leicht bis in das Romancnhafte, Abenteuerliche, Unnatürliche, können getrieben werden, daß sie bey den Spaniern von dieser Uebcr- (°) Zl'^ittalischr Biblielhck, erstes Stuck, S. 1l7, lBand IV, S, 173-1 Zwcytcr Band. trcibliiig selten frey sind. Aber man nehme den meisten fra»- zösischcn Slückcn ihre mechanische Regelmäßigkeit: nnd sage mir, ob ihnen andere, als Schönheiten solcher Art, übrig bleiben? Was haben sie sonst noch viel Gutes, als Verwicklung, nnd Thcatcrstrcichc und Situationen? Anständigkeit: wird man sagen. — Nun ja; Anständigkeit. Alle ihre Verwicklungen sind anständiger, und einförmiger; alle ihre Thcatcrstrcichc anständiger, und abgcdroschncr; alle ihre Situationen anständiger, und gezwungner. Das kömmt von der Anständigkeit! Abcr Eosmc, dieser spanische Hanswurst; diese ungchcurc Verbindung der pöbelhaftesten Possen mit dem fcycrlichstcn Ernste; diese Vermischung des Komischen und Tragischen, durch die das spanische Thcatcr so beruchtigct ist ? Ich bin weit entfernt, diese zu vertheidigen. Wenn sie zwar blos mit der Anständigkeit stritte, — man versteht schon, welche Anständigkeit ich meine; — wenn sie weiter keinen Fehler hätte, als daß sie die Ehrfurcht beleidigte, welche die Großen verlangen, daß sie der Lebensart, der Etiquette, dem Eercmonicl, und allen den Gauckclcyc» zuwiderlief, durch die man den größer,, Theil der Menschen bereden will, daß es einen kleinern gäbe, der von weit bessern, Stoffe sey, als er: so würde mir die unsinnigste Abwechslung von Niedrig auf Groß, von Aberwitz auf Ernst, von Schwarz auf Weiß, willkommner scyii, als die kaltc Einförmigkeit, durch die mich der gute Ton, die feine Wclr, dic Hofmanicr, und wie dergleichen Armseligkeiten mehr hcisscn, unfehlbar einschläfert. Doch cs kommcn ganz andere Dinge hier in Betrachtung. Neun und sechzigstes Stück. Den 29ste„ Tecciiiber, 1767. Lopc de Vcga, ob er schon als der Schöpfer des spanischen Theaters betrachtet wird, war cs indeß nicht, der jenen Zwit- tcrton einführte. Das Volk war bereits so daran gewöhnt, daß cr ihn widcr Willen mit anstimmen mußte. In seine», Lehrgedichte, über dic Kunst, ncuc Komödien zu machen, dessen ich oben schon gedacht, jammcrr cr genug darüber. Da cr sahc, daß cs nicht möglich sey, „ach den Regeln und Muster» der 310 Hamburgischc Tramaturgic, Alten für scinc Zeitgenossen mit Beyfall zu arbeiten: so suchte er der Regellosigkeit wenigstens Grenzen zu setzen; das war die Absicht dieses Gedichts. Er dachte, so wild und barbarisch auch der Geschmack der Nation sey, so müsse er doch seine Grundsätze haben; und es sey besser, auch nur »ach diesen mit einer beständigen Gleichförmigkeit zu handeln, als nach gar keinen. Stücke, welche die klassischen Regeln nicht beobachten, können doch noch immer Regeln beobachten, und müssen dergleichen beobachten, wenn sie gefallen wollen. Diese also, aus dem bloßen Nationalgcschmacke hergenommen, wollte er festsetzen; und so ward die Verbindung des Ernsthaften und Lächerlichen die erste. „Auch Könige, sagt er, könnet ihr in cucrn Komödien auftreten lassen. Ich höre zwar, daß unser weiser Monarch „(Philipp der zweyte) dieses nicht gcbilliget; es sey nun, weil „er einsähe, daß es wider die Regeln laufe, oder weil er es „der Würde eines Königes zuwider glaubte, so mit unter den „Pöbel gemengt zu werden. Ich gebe auch gern zu, daß dieses „wieder zur ältesten Komödie zurückkehren heißt, die selbst Göt- „tcr einführte; wie unter andern in dem Amphitruo des Plau- „tus zu sehen: und ich weiß gar wohl, daß Plutarch, wenn „er von Mcnandcrn redet, die älteste Komödie nicht sehr lobt. „Es fällt mir also freylich schwer, unsere Mode zu billigen. „Aber da wir uns nun einmal in Spanien so weit von der „Kunst entfernen: so müssen die Gelehrten schon auch hierüber „schweigen. Es ist wahr, das Komische mit dem Tragischen „vermischet, Scucca mit dem Tcrcnz zusammengeschmolzen, giebt „kein geringeres Ungeheuer, als der Minotaurus der Pasiphae „war. Doch diese Abwechselung gefällt nun einmal; man will „nun einmal keine andere Stücke sehen, als die halb ernsthaft „und halb lustig sind; die Natur selbst lehrt uns diese Man- „ nigfaltigkcii, von der sie einen Theil ihrer Schönheit entlehnet."(") (°) klixele ei sudeln, ^ no se mir»-. tl'erüoiwn lu« »recepl»») si ex >w liexes, ^u»<»»! vor ekl» vMiLinw, ciu« <>I vrutlenle, I'Uiiw No> >Io Lsn»un, 8e!wr »ueklro, 15» vieml» uu kv^ t'IIv-! le eiilillwvA. Zweyter Band. lUl Die letzte» Worte sind es, weswegen ich diese Stelle anführe. Zst es wahr, daß uns die Natur selbst in dieser Vcr- mcngnng des Gemeinen und Erhabnen, des ^osfirlichcn und Ernsthaften, des Lustigen und Traurigen, zum Muster dienet? Es scheinet so. Aber wenn es wahr ist, so hat Lope mehr gethan, als er sich vornahm; er hat nicht blos die Fehler seiner Buhne beschöniget; er hat eigentlich erwiesen, daß wenigstens dieser Fehler keiner ist; denn nichts kann ein Fehler seyn, was eine Nachahmung der Natur ist. „Man tadelt, sagt einer von miscrn neuesten Scribcnlcn. „an „Shakesvcar, — demjenigen unter allen Richtern seit Homer, der die „Menschen, vom Könige bis zum Bettler, und von Julius Läsar bis ,,ju Jak Fallstaff, am besten gekannt, und mit einer Art von unbc: „grciflichcr Intuition durch und durch gesehen hat, — daß seine „Stücke keinen, oder doch nur einen sehr fehlerhaften unregelmäßigen „und schlecht auSgcsouncncn Plan haben; daß komisches und tragisches „darinn auf die seltsamste Art durch einander geworfen ist, und oft „eben dieselbe Person, die uns durch die rührende Sprache der Na> „tur, Thränen in die Augen gelockt hat, in wenigen Augenblicken „darauf uns durch irgend einen seltsamen Einfall oder barokische» <> sliessv et ver, ljue ül »Ne ev>Ur.'»Niie, 0 ciue I» »»wiulilll >e«I »» >wve .Vi»I»r smgUI» vnIi'L I» Iiuiuiltlu i'WIiv, I5Ue »>i liolv,.'!' !t la llvmvlliit »»lixu», Uoiul» VI?I»ll», (>un>5» Iliusus, l^omu v» su ^ViiNlria» lu >»»U>!>. Sildv llitt», >!»>! in» llu »nr«v»rlu, ?ur!U>wiu>u llv I>l>:>uu»>ro, Nuiilu Iiie» Uu I» t!u>»<.lliit »«lißuit, AI»» nuvü ii iirle vitmoü >!»> r^muwü, V >'» k!sni»>!l I>! I>!l?it!i»«» Iiiil »^ritvioü^ kierri!» loti voc>o8 <;s>it v<.n loi« UUiiu«. l^o > I« llomieo m«?/.<:>it>>>>z V l'^reneio <:oil 5>e»> c», itiiiillue tos, t/oi»» o!ru Mluuliluru >>>,»?.!>, N»e vor v»r».ai»a >»-ii>.' w.'IIex«. ^^^^^ ^^^^ 312 Hainburgische Dramaturgie. „Ausdruck ihrer Empfindungen, wo nicht ju lachen macht, doch dergestalt abkühlt, daß es ihm hernach sehr schwer wird, uns wieder „in die Fassung zu setzen, worinn er uns haben mochte. — Man ta- „delt das, und denkt nicht daran, daß seine Stücke eben darum natürliche Abbildungen dcS menschlichen Lebens find." „DaS Leben der uicificn Menschen, und (wenn wir eS sagen dür- ,,fen) der LcbcuSlauf der großen StaatSlörper selbst, in so fern wir „sie als eben so viel moralische Wesen betrachten, gleicht den Haupt- „nnd Staats-Actionen im alten gothischen Geschmacke in so viele» „Punkten, daß man beynahe auf die Gedanken kommen mochte, die „Erfinder dieser letzter» wären klüger gewesen, als man gemeiniglich „denkt, und hätten, wofern sie nicht gar die heimliche Absicht gehabt, „das menschliche Leben lächerlich zu machen, wenigstens die Ratnr „eben so getreu nachahme» wollen, als die Grieche» sich angelegen „seyn liessen, sie zu verschönern. Um itzt nichts von der znsällige» „Aehnlichkcil ju sage», daß i» diese» Stücken, so wie im Leben, die „wichtigsten Rollen sehr oft gerade dnrch die schlechtesten ActenrS gespielt werden, — was kau» ähnlicher seyn, als cS beide Arten der „Haupt- und Staats-Actionen einander i» der Anlage, in der Abtheilung und Disposition der Scenen, im Knoten und in der Eitt- „Wicklung zu seyn pflegen. Wie selten frage» die Urheber der eine» „und der andern sich selbst, warum sie dieses oder jenes gerade so und „nicht anders gemacht haben? Wie oft überraschen sie uns durch Begebenheiten, zu denen wir nicht im mindesten vorbereitet waren? „Wie oft sehen wir Personen kommen und wieder abtreten, ohne daß „sich begreifen läßt, warum sie kamen, oder warum sie wieder vcr- „schwinde»? Wie viel wird i» beide» dem Zufall überlasse»? Wie „oft sehen wir die größcsten Wirkungen dnrch die armseligsten Ursache» „hervorgebracht? Wie oft das Eriisihafte und Wichtige mit einer „leichtsinnigen Art, und das NichtSbcdciitciide mit lächerlicher Eravi- „täl behandelt? Und wen» in beiden endlich alles so kläglich verworfen und durch einander geschlungen ist, daß man an der Möglichkeit „der Entwicklung zu verzweifeln anfängt: wie glücklich sehen wir durch „irgend einen nutcr Blitz und Donner aus papierncn Wolken hcrab- „ springende» Gott, oder durch eine» frische» Degenhicb, den Knoten „auf einmal zwar nicht aufgelöset, aber doch aufgeschnitten, welches „in so fern auf eines hiuauSlanft, daß auf die eine oder die andere Zweyter Band. 313 „Art das Stück ein Ende hat, und die Zuschauer klatsche» oder zischen „könne», wie sie wollen oder — dürfen. Uebrigcns weiß man, was „für eine wichtige Person in den kölnische» Tragödien, wovon wir „reden, der edle Hanswurst vorstellt, der sich, vermuthlich zum ewige» „Denkmal des Geschmacks unserer Voreltern, auf dem Theater der „Hauptstadt des deutschen Reiches erhalten zu wollen scheinet. Wollte „Gott, daß er seine Person allein auf dem Theater vorstellte! Aber „wie viel große Auszüge auf dem Schauplätze der Well hat man „nicht i» alle» Zeile» mit Hanswurst, — oder, welches noch ein we- „nig ärger ist, durch Hanswurst, — aufführen gesehen? Wie oft ha- „ben die größesten Männer, dazu gebohrcn, die schützenden (?cnii „eines Throns, die Wohlthäter ganzer Völker und Zeitalter zu seyn, „alle ihre Weisheit und Tapferkeit durch eine» kleine» sch»akische» „Streich von HanSwurst, oder solche» Leute» vereitelt sehe» müsse», „welche, ohne eben sein Wamms und seine gelben Hosen zu tragen, „doch gewiß seinen ganzen Charakter an sich trugen? Wie oft entsteht „in beiden Arte» der Tragikomödien die Verwicklung selbst lediglich , „daher, daß HanSwurst durch irgend ein dummes und schelmisches „Stückchen von seiner Arbeit den gcscheidten Leuten, eh sie sichs ver- „sehen können, ihr Spiel verderbt?" — Wenn in dieser Vcrglcichung des großen und kleinen,' deS ursprünglichen und nachgebildeten, heroischen Posscnspicls — (die ich mit Vergnügen aus einem Werke abgeschrieben, welches unstreitig unter die vortrefflichsten unscrs Jahrhunderts gehört, aber für das deutsche Publicum noch viel zu früh geschrieben zu seyn scheinet. In Frankreich und England würde es das äusserste Aufsehen gemacht haben; der Name seines Verfassers würde auf aller Zungen seyn. Aber bey uns? Wir haben cS, und damit gut. Unsere Großen lernen vors erste an den " ° ° kauen; und freylich ist der Saft aus einem französischen Roman lieblicher und verdaulicher. Wenn ihr Gebiß scharfer und ihr Magen starker geworden, wenn sie indeß Deutsch gelernt haben, so kommen sie auch wohl einmal über den — Agarhon. (°) Dieses ist das Werk von welchem ich rede, von welchem ich es lieber nicht an dem schicklichsten Orte, lieber hier als gar nicht, (-) Zweyter Theil S. 19'.'. 314 ^amburgische Dramaturgie. sagen will, wie schr ich cs bewundere: da ich mit der äußersten Bcfrcmdung wahrnehme, welches tiefe Stillschweigen unsere Knnstrichtcr darüber beobachten, oder in welchem kalten und gleichgültigen Tone sie davon sprechen. Es ist der erste und einzige Noman für den denkenden Kopf, von klassischem Geschmacke. Roman? Wir wollen ihm diesen Titel nur geben, vielleicht, daß cs einige Leser mehr dadurch bekömmt. Die wenigen, die cs darüber verlieren möchte, an denen ist ohnedem nichts gelegen.) Siebzigstes Stück. Den 'Ificn Januar, 1768. Wenn in dieser Ncrglcicknng, sage ich, die satyrische Laune nicht zu schr vorstäche: so würde man sie für die beste Schutzschrift des komisch tragischen, oder tragisch komischen Drama, (Mischspicl habe ich cs einmal auf irgend einem Titel genannt gefunden) für dic gcflisscndlichstc Ausführung dcs Gedankens beym Lope halten dürfen. Aber zugleich würde sie auch die Widerlegung desselben seyn. Denn sie würde zeigen, daß eben das Beyspiel der Natur, welches die Verbindung dcs fcycrlichcn Ernstes mit der possenhaften Lustigkeit rechtfertigen soll, eben so gut jedes dramatische Ungeheuer, das weder Plan, noch Verbindung, noch Menschenverstand hat, rechtfertigen könne. Die Nachahmung der Natur müßte folglich entweder gar kein Grundsatz der Kunst seyn; oder, wenn sie cs dock bliebe, würde durch ihn selbst die Kunst, Kunst zu seyn aufhören; wenigstens keine höhere Kunst seyn, als etwa die Kunst, die bunten Adern des Marmors in Gyps nachzuahmen; ihr Zug und Lauf mag gerathen, wie er will, der seltsamste kann so seltsam nicht seyn, daß er nicht natürlich scheinen könnte; blos und allein der schenket cs nicht, bey welchem sich zu viel Symmetrie, zu viel Ebcnmaaß und Verhältniß, zu viel von dem zeiget, was in jeder andern Kunst die Kunst ausmacht; der künstlichste in diesem Verstände ist hier der schlechteste, und der wildeste der beste. Als Kriticus dürfte unser Verfasser ganz anders sprechen. Was er hier so sinnreich aufstützen zu wollen scheinet, würde er ohne Zweifel als eine Mißgeburt!) dcs barbarischen Geschmacks Zweyter Band, 3l5 verdammen, wenigstens als die ersten Versuche der unter un- gcschlachtctcn Völkern wieder auflebenden Kunst vorstellen, an deren Form irgend ein Zusammenfluß gewisser äußerlichen Ursachen, oder das Ohngcfchr, den meisten, Vernunft und Ilcbcr- lcgung aber den wenigsten, auch wohl ganz und gar keinen Antheil hatte. Er würde schwerlich sagen, daß die ersten Erfinder des Mischspicls (da das Wort einmal da ist, warum soll ich es nicht brauchen?) „die Natur eben so getreu nachahmen wollen, als die Griechen sich angelegen seyn lassen, „sie zu verschönern." Die Worte getreu und verschönert, von der Nachahmung lind der Natur, als dem Gegenstände der Nachahmung, gebraucht, sind vielen Mißdeutungen unterworfen. Es giebt Leute, die von keiner Natur wissen wollen, welche man zu getreu nachahmen könne; selbst was uns in der Natur mißsallc, gefalle in der getreuen Nachahmung, vermöge der Nachahmung. Es giebt andere, welche die Verschönerung der Natur für eine Grille halten; eine Natur, die schöner seyn wolle, als die Natur, sey eben darum nicht Natur. Beide erklären sich für Verehrer der einzigen Natur, so wie sie ist: jene finden in ihr nichts zu vermeiden; diese nichts hinzuzusetzen. Jenen also müßte nothwendig das gothische Mischspicl gefallen; so wie diese Mühe haben würden, an den Meisterstücken der Alten Geschmack zu finden. Wann dieses nun aber nicht erfolgte? Wann jene, so große Bewunderer sie auch von der gemeinsten und alltäglichsten Natur sind, sich dennoch wider die Vermischung des Possenhaften und Interessanten erklärten? Wann diese, so ungeheuer sie auch alles finden, was besser und schöner seyn will, als die Natur, dennoch das ganze griechische Theater, ohne den geringsten Anstoß von dieser Seite, durchwandcltcn? Wie wollten wir diesen Widerspruch erklären? Wir würden nothwendig zurückkommen, und das, was wir von beiden Gattungen erst behauptet, widerrufen müssen. Aber wie müßten wir widerrufen, ohne uns in neue Schwierigkeiten zu verwickeln? Die Vcrglcichung einer solchen Haupt- und Staats-Action, über deren Güte wir streiten, mit dem mensch- Hamburgische Dramaturgie. lichen Lcbcn, mit dem gemeinen Laufe der Welt, ist doch so richtig! Zch will einige Gedanken hcrwerfcn, die, wenn sie nicht gründlich genug sind, doch gründlichere veranlassen können. — Der Hauptgedanke ist dieser: es ist wahr, und auch nicht wahr, daß die komische Tragödie, gothischer Erfindung, die Natur getreu nachahmet; sie ahmet sie nur in einer Helfte getreu nach, und vcrnachläßigct die andere Helfte gänzlich; sie ahmet die Natur der Erscheinungen nach, ohne im geringsten auf die Natur unserer Empfindungen und Seclcnkräfte dabey zu achten. Zn der Natur ist alles mit allem verbunden; alles durchkreuzt sich, alles wechselt mit allem, alles verändert sich eines in das andere. Aber nach dieser unendlichen Mannichfaltigkeit ist sie nur ein Schauspiel für einen unendlichen Geist. Um endliche Geister an dem Genusse desselben Antheil nehmen zu lassen, mußten diese das Vermögen erhalten, ihr Schranken zu geben, die sie nicht hat; das Vermögen abzusondern, und ihre Aufmerksamkeit nach Gutdünken lenken zu können. Dieses Vermögen üben wir in allen Augenblicken des Lebens; ohne dasselbe würde es für nns gar kein Lcbcn gcbcn; wir würden vor allzu verschiedenen Empfindungen nichts empfinden; wir würden ein beständiger Raub des gegenwärtigen Eindruckes seyn; wir würden tränmen, ohne zu wissen, was wir träumten. Die Bestimmung der Kunst ist, uns in dem Reiche des Schönen dieser Absonderung zu überheben, uns die Fixirung unserer Aufmerksamkeit zu erleichtern. Alles, was wir in der Natur von einem Gegenstände, oder einer Verbindung verschiedener Gegenstände, es sey der Zeit oder dem Raume nach, in unsern Gedanken absondern, oder absondern zu können wünschen, sondert sie wirklich ab, und gewährt uns diesen Gegenstand, oder diese Verbindung verschiedener Gegenstände, so lauter und bündig, als es nur immer die Empfindung, die sie erregen sollen, verstattet. Wenn wir Zeugen von einer wichtigen und rührenden Begebenheit sind, und eine andere von nichtigem Belange läuft Zweyter B.iiid. 3l7 auccr ein: so suchen wir der Zerstreuung, die diese lins drohet, möglichst auszuweichen. Wir abstrahiren von ihr; lind es muß nns nothwendig cckcln, in der Kunst das wieder zu finden, was wir aus der Natur wegwünschten. Nur wenn eben dieselbe Begebenheit in ihrem Fortgang? alle Schattirungcn des Interesse annimt, und eine nicht blos auf die andere folgt, sondern so nothwendig aus der andern entspringt; wenn der Ernst das Lachen, die Traurigkeit die Freude, oder umgekehrt, so unmittelbar erzeugt, daß uns die Abstraktion des einen oder des andern unmöglich fällt: nur als- denn verlangen wir sie auch in der Kunst nicht, und die Kunst weiß aus dieser Unmöglichkeit selbst Vortheil zu ziehen.- Aber genug hiervon: man sieht schon, wo ich hinaus will.- Den fünf und vierzigsten Abend (Freytags, den 12tcn Julius,) wurden die Brüder des Hrn. Romanus, und das Orakel vom Saint-Foix gespielt. Das erstere Stück kann für, ein deutsches Original gelten, ob es schon, größten Theils, aus den Brüdern des Tcrcnz genommen ist. Man hat gesagt, daß auch Molicrc, aus dieser Quelle geschöpft habe; und zwar seine Männcrschulc. Der Herr von Voltaire macht seine Anmerkungen über dieses Vorgeben: und ich führe Anmerkungen von dem Herrn von Voltaire so gern an! Aus seinen geringsten ist noch immer etwas zu lernen: wenn schon nicht allezeit das, was er darinn sagt: wenigstens das, was er hatte sagen sollen. Primus kspientia; Fr-ulu« vN, kllu intelliAoro; (wo dieses Sprüchclchen steht, will mir nicht gleich bcyfallcn) und ich wüßte keinen Schriftsteller in der Welt, an dem man es so gut versuchen könnte, ob man auf dieser ersten Stuffc der Weisheit stehe, als an dem Herrn von Voltaire: aber daher auch keinen, der uns die zweyte zu ersteigen, weniger bchülflich seyn könnte; fvcunilus, vera cvFiiotcoro. Ein kritischer Schriftsteller, dünkt mich, richtet seine Methode auch am besten nach diesem Sprüchclchen ein. Er suche sich nur crst jcmandcn, mit dcm er streiten kann: so kömmt er nach und nach in die Materie, und das übrige findet sich. Hierzu habe ich mir in diesem Werke, ich bekenne es aufrichtig, nun einmal die französischen Scribcnten vornehmlich erwählet, 318 Hamburgische Tramalurgie. und unter diesen besonders den Hrn. von Voltaire. Also auch itzt, nach einer kleinen Verbeugung, mir darauf zu! Wem diese Methode aber ctwann mehr muthwillig als gründlich scheinen wollte: der soll wissen, daß selbst der grundliche Aristoteles sich ihrer fast immer bedient hat. Svlot ^rlttotolvs, sagt einer von seinen Auslegern, der mir eben zur Hand liegt, «zu-vrero ZNIAIÜUII i» luis ^tljiio kioe l'ilclt non tomeiv, & cas», kecl ecitit ratinno !ltv contHin: nktin Ii>I>osactut!s »lioinni v^i- mc»,il»i5!, u. s. w. O des Pedanten! wurde der Herr von Voltaire rufen. — Ich bin es blos ans Mißtrauen in mich selbst. „Die Brüder des Tcrenz, sagt der Herr von Voltaire, kön- „ncn höchstens die Idee zu der Männcrschulc gegeben haben. „In den Brüdern sind zwey Alte von vcrschicdner Gemüthsart, „die ihre Söhne ganz verschieden erziehen; eben so sind in der „Männerschulc zwey Vormünder, ein sehr strenger und ein sehr „nachsehender: das ist die ganze Achnlichkcit. In den Brü- „dcrn ist fast ganz und gar keine Intrigue: die Intrigue in „der Männcrschulc hingegen ist fein, und unterhaltend und „komisch. Eine von den Frauenzimmern des Tcrenz, welche „eigentlich die interessanteste Rolle spielen müßte, erscheinet blos „auf dem Theater, um nieder zu kommen. Die Jsabcllc des „Molicrc ist fast immer auf der Scene, und zeigt sich immer „witzig und rcitzcnd, und verbindet sogar die Streiche, die sie „ihrem Vormunde spielt, noch mit Anstand. Die Entwicklung „in den Brüdern ist ganz unwahrscheinlich: es ist wider die „Natur, daß ein Alter, der sechzig Jahre ärgerlich und streng „und gcitzig gewesen, auf einmal lustig und höflich und freygebig werden sollte. Die Entwicklung in der Männerschulc „aber, ist dic bcstc von allcn Entwicklungen des Molicrc; wahrscheinlich, natürlich, aus der Intrigue selbst hergenommen, und „was ohnstrcitig nicht das schlechteste daran ist, äußerst komisch." Ein und siebzigstes Stück. Tcn 5ten Januar, 1768. Es sckcinct nicht, daß dcr Hcrr von Voltaire, seit dem er aus der Klasse bcn den Jesuiten gekommen, den Tcrenz viel wieder Zweyter Land. 31'.» gelesen habe. Er spricht ganz so davon, als von einem alten Traume; es schwebt ihm nur noch so was davon im (Gedächtnisse; nnd das schreibt er auf gut Glück so hin, unbekümmert, ob es gehauen oder gestochen ist. Ich will ihm nicht aufmutzen, was er von der Pamphila des Stücks sagt, „daß sie blos auf dem Theater erscheine, um nieder zu kommen." Sie erftbeinet gar nicht auf dem Theater; sie kömmt nicht auf dem Theater nieder; man vcriiimt blos ihre Stimme aus dem Hause; und warum sie eigentlich die interessanteste Rolle spielen müßte, das laßt sich auch gar nicht absehen. Den (Griechen und Römern war nicht alles interessant, was es den Franzosen ist. Ein gutes Mädchen, das mit ihrem Liebhaber zu tief in das Wasser gegangen, nnd Gefahr läuft, von ihm verlassen zu werden, war zu einer Hauptrolle ehedem sehr ungeschickt. — Der eigentliche und grobe Fehler, den der Herr von Voltaire macht, bctrift die Entwicklung und den Charakter des Dcmca. Dcmca ist der mürriscbc strenge Vater, und dieser soll seinen Charakter auf einmal völlig verändern. Das ist, mit Erlaubniß des Herrn von Voltaire, nicht wahr. Dcmca behauptet seinen Charakter bis ans Ende. Donatus sagt: Servatue suwm per totam taliulam mitis IVIieio, kvvus Oeme», I^ono svsrus u. s. w. Was geht mich Donatus an ? dürfte der Herr von Voltaire sagen. Nach Belieben; wenn wir Deutsche nur glauben dürfen, daß Donatus den Tercnz fleißiger gelesen und besser verstanden, als Voltaire. Doch es ist ja von keinem verlohnten Stücke die Rede; es ist noch da; man lese selbst. Nachdem Micio den Dcmca durch die triftigsten Vorstellungen zu besänftigen gesucht, bittet er ihn, wenigstens auf heute sich seines Aergernisses zu einschlagen, wenigstens heute lustig zu seyn. Endlich bringt er ihn auch so weit; heute will Dcmca alles gut seyn lassen; aber morgen, bey früher Tageszeit, muß der Sohn wieder mit ihm aufs Land; da will er ihn nicht gelinder halten, da will er es wieder mit ikmi anfangen, wo er es beute gelassen bat! die Sängerinn, die diesem der Vetter gekauft, will er zwar mitnehmen, denn es ist doch immer eine Sklavinn mehr, und eine, die ihm nichts kostet; aber zu singen wird sie nicht viel bekommen, sie soll kochen und backen. In der darauf fol- 320 Hmiiburgische Tramaturgic. gendcn vierte» Scene des fünften Akts, wo Dcmca allein ist, scheint es zwar, wenn man seine Worte so obcnbin nimt, als ob er völlig von seiner alten Dcnkungsart abgehen, und nach den (Grundsätzen des Micio zu handeln anfangen wolle. (") Doch die Folge zeigt es, daß man alles das nur von dem heutigen Zwange, den er sich anthun soll, verstehen muß. Denn auch diesen Zwang weiß er hernach so zu nutzen, daß er zu der förmlichsten hämischsten Verspottung seines gefälligen Bruders ausschlägt. Er stellt sich lustig, um die andern wahre Aussteifungen und Tollheiten begehen zu lassen; er macht in dem vcrbindlicbstcn Tone die bittersten Vorwürfe; er wird nicht frcvgcbig, sondern er spielt den Verschwender; und wohl zu merken, weder von dem Scinigen, noch in einer andern Absicht, als um alles, was er Verschwenden nennt, lächerlich zu macben. Dieses erhellet unwidcrsprcchlich aus dem, was er dem Micio antwortet, der sich durch den Anschein bctriegcn läßt, und ibn wirklich verändert glaubt. Hie oftonclit I'erontlus, sagt DonatUs, magis vomoam llmul-illo mutatos moros, yuam mutavikto. Ich will aber nicht hoffen, daß der Herr von Voltaire meinet, selbst diese Verstellung laufe wider den Charakter des Dcmca, der vorhcr nichts als gcschmählt und gepoltert habe: denn eine solche Verstellung crfodcre mehr Gelassenheit und Kälte, als man dcm Dcmca zutrauen dürfe. Auch hierum ist Terenz ohnc Tadel, und er hat alles so vortrefflich motivirct, bey jedem Schritte Natur und Wahrheit so genau beobachtet, bey dcm gcringstcn Ucbcrgange so feine Schattirungcn in Acht gc- nommcn, daß man nicht aufhören kann, ihn zu bewundern. (°) - X«m exa vil-lm iZursm, (luain vixi »«que »tllnie. props ^ain exenrln sn»Iin miUn - (") IM. (>»»> istti«? re» I,im renenle more« nnil!tvil Iiio»?, iirnliidium, yure ikl-ec s»ki>» ett I-lrxilits? vr. vic»m >il>!: M ill oNemierem, >>uoll «e isii f-icilem >^ keslivum pulsnt, I>> »on Neri ex ver» vila, »eque »>Ieo ex lvquo >^ Iiona, Le>> ex ilt5eiU»n«Io, iiniuixeiillo, >k^ lürxiei»!», Micio. X»»e »lies, li vii e»m rem vnbiü me» vilit invif» est, ^Velcliine, (Zuiil neu ^juslit prorsnü nmiiiil, omnina odserixor; ^lif^t tilcin: ettunöile, emile, f,ieile «noil voki,? iukel! Zweyter Band. 321 Nnr ist öfters, um hinter alle Feinheiten des Tercnz zu kommen, die Gabe sehr nöthig, sich das Spiel des Akteurs dabey zu denken; denn dieses schrieben die alten Dichter nicht bei'. Die Deklamation hatte ihren eignen Künstler, und in dem Ucbrigcn konnten sie sich ohne Zweifel ans die Einsicht der Spieler verlassen, die aus ihrem Geschäfte ein sehr ernstliches Studium machten. Nicht selten befanden sich unter diesen die Dichter selbst; sie sagten, wie sie es haben wollten; und da sie ihre Stücke überhaupt nicht eher bekannt werden ließen, als bis sie gespielt waren, als bis man sie gesehen lind gehört hatte: so konnten sie es um so mehr überhoben sevn, den geschriebenen Dialog durch Einschiebsel zu unterbrechen, in welchen sich der beschreibende Dichter gcwisscrmaaßcn mit unter die bandclndcn Personen zu mischen scheinet. Wenn man sich aber einbildet, daß die alten Dichter, um sich diese Einschiebsel zu ersparen, in den Reden selbst, jede Bewegung, jede Gebchrdc, jede Mine, jede besondere Abänderung der Stimme, die dabey zu beobachten, mit anzudeuten gesucht: so irret man sich. In dem Tercnz allein kommen unzählige Stellen vor, in welchen von einer solchen Andeutung sich nicht die geringste Spur zeiget, und wo gleichwohl der wahre Verstand nur durch die Errathung der wahren Aktion kann getroffen werden; ja in vielen scheinen die Worte gerade das Gegentheil von dem zu sagen, was der Schauspieler durch jene ausdrücken muß. Selbst in der Scene, in welcher die vermeinte Sinnesänderung des Dcmca vorgeht, finden sich dergleichen Stellen, die ich anführen will, weil auf ihnen gcwisscrmaaßcn die Mißdeutung beruhet, die ich bestreike. — Dcmca weiß nunmehr alles, er hat cs mit seinen eignen Augen gesehen, daß es sein ehrbarer frommer Sohn ist, für den die Sängerinn entführet worden, und stürzt mit dem unbändigsten Geschrey heraus. Er klagt cs dcm Himmel und der Erde und dem Meere; und cbcn bekömmt er den Micio zu Gesicht. Demea. Ha! da ist er, der mir sie beide verdirbt — meine Söhne, mir sie beide zu Grunde richtet! — Micio. O so mäßige dich, und komm wieder zu dir! Lesllngs Wirke >U 21 322 Hamburgischc Dramaturgie. Dcmea. Gut, ich mäßige mich, ich bin bcy mir, es soll mir kein hartes Wort entfahren. Laß uns blos bey der Sache bleiben. Sind wir nicht eins geworden, wärest dn es nicht selbst, der es zuerst auf die Bahn brachte, daß sich ein jeder nur um den seinen bekümmern sollte ? Antworte. (°) u. s, w. Wer sich hier imr an die Worte hält, und kein so richtiger Beobachter ist, als es der Dichter war, kann leicht glauben, daß Dcmca viel zu geschwind austobe, viel zn geschwind diesen gelassener» Ton anstimme. Nach einiger Ucbcrlcgnng wird ihm zwar vielleicht bcvfallcn, daß jeder Affekt, wenn er aufs äußerste gekommen, nothwendig wieder sinken müsst; daß Dcmca, auf dcn Ncrwcifi seines Vrnocrs, sich dcs ungcstümcn Zachzorns nicht anders als sckämcn könne: das alles ist auch ganz gut, aber es ist doch noch nicht das rcchtc. Dicscs lassc cr sich also vom Douatlls lehren, der hier zwey vortreffliche Anmerkungen hat. Vicletur, sagt er, n-nilo eitius lloktnmacliatus, <^uam ros otlam incertlv iioscvliant. 8eiil rütincin-itiones sikpe so5tin: <8i v!«Ivli!s no^no allliue renrestil'so iracunclium, nvlzuo scl so roiliissv veme-rm. Dcmca sagt zwar, ich mäßige mich, ich bin wieder bcv mir: aber Gesiebt und Gcbchrdc und Stimme vcrra- (°)----«IZ. kccnm -ltlosl t?om»»»ii8 cvir»pl^l!l »oNrum lUi^rum. I>Il. r!«»!,!»» lepriine »>I le roili. I>k. N<>i»vM, rvilii, miUn i»nl,?llicl!i omniit! Nein ipltti» >>i»>>mii!i. Nil!l»m Iinc inler iw« k»il, kl ?.v le nileo etl «rlnm, ne le cur«re>! m>'»i», I^eve exo lniim? resnninle.-- Zweyter Band. 323 theil genugsam, daß cr sich noch nicht gcmäßigct bat, daß cr noch nicht wieder bey sich ist. Er bestürmt den Micio mit einer Frage über die andere, und Micio bat alle seine Kalte und gute Laune nöthig, um nur zum Worte zu kommen. Zwey und siebzigstes Stück. Den 8ten Januar, 1763. Als cr endlich dazu kömmt, wird Dcmca zwar cingctricbcn, abcr im geringsten nicht überzeugt. Aller Norwand, über die Lebensart seiner Kinder, unwillig zu seyn, ist ihm benommen: und doch sängt cr wicdcr von vorne an, zu ncrrgcln. Micio muß auch nur abbrechen, und sich begnügen, daß ihm die mürrische Laune, die cr nicht ändern kann, wenigstens auf heute Frieden lasscn will. Die Wendungen, die ihn Tcrcnz dabey nehmen läßt, sind meisterhaft. (°) Demea. Nun gieb nur Acht, Micio, wie wir mit diesen schö- neu Grundsätzen, mit dieser deiner lieben Nachsicht, aui Ende fahren werden. Micio. Schweig doch! Besser, als du glaubest. — Und in»! genug davon! Heute schenke dich mir. Komm, kläre dich auf. Demea. MagS doch nur heute seyn! WaS ich muß, das muß ich. — Abcr morgen, sobald es Tag wird, geh ich wieder aufs Dorf, und der Bursche geht mit. — Micio. Lieber, noch ehe es Tag wird; dächte ich. Sey nur heute lustig! Demea. Auch das Mensch von einer Sängerinn muß mit heraus. Micio. Lortrefflich! So wird sich der Sohn gewiß nicht weg wünschen. Nnr halte sie auch gut. -- - - VL. niinlum inoilo von»! wie isl-v »o« rillioiie», »liclo, Lt >uu!« ML -unmut« -viluu-i suliverwl. IM, 'r.iee; ?<»» fiel. IMUe MM Miee; tla lv Uoillv miui i Lxnorxe lroiilem. I1L> «cilieel U-i, teuii>»5 kerl, I'ileiemluin esl: eelerum ru« er»« cum Mio tun, iiiimo >uv >>ro>s»i» iilic !>Ui^!>ri» Niiuw. 21« Z24 Hamburgische Dramaturgie. Demea. Da laß mich vor sorgen! Sie soll, in der Mühle liiid vor dem Ofcnloche, Mehlstaubs und Kohlstaubs und Rauchs genug kriegen. Dazu soll sie mir am hcissen Mittage stoppeln gehn, bis sie so trocken, so schwarz geworden, als ein Löschbrand. Micio. Das gefällt mir! Nun bist du auf dem rechten Wege! — Und alsdcnn, wenn ich wie du wäre, müßte mir der Sohn bey ihr schlafe», er mochte wollen oder nicht. Demea. Lachst du mich aus? — Bey so einer Gemüthsart, freylich, kannst du wohl glücklich seyn. Ich suhl es, leider — Micio. Du fängst doch wieder an? Demea. Ru, nu; ich höre ja auch schon wieder auf. Bey dem „Lachst du mich aus?" des Demea, merkt Donatus an: Iloo vvrdum vultu Dornviv tic I,rolvrtur, ut tuluifiktv viäoa- tur Invitus. 8etl rurkus iZkv SMiio, amnro Ivvoroizuo clieit. Unvergleichlich! Demea, dessen voller Ernst es war, daß er die Sängerinn, nicht als Sängerinn, sondern als eine gemeine Sklavinn halten und nutzen wollte, muß über den Einfall des Micio lachen. Micio selbst braucht nicht zu lachen: je ernsthafter er sich stellt, desto besser. Demea kann darum doch sagen: Lachst du mich ans? und muß sich zwingen wollen, sein eignes Lachen zu verbcisscn. Er verbeißt es auch bald, denn das /,Ich s"hl es leider" sagt er wieder in einem ärgerlichen und bittern Tone. Aber so ungern, so kurz das Lachen auch ist: so große Wirkung hat es gleichwohl. Denn einen Mann, wie Demea, hat man wirklich vors erste gewonnen, wenn man ihn nur zu lachen machen kann. Zc seltner ihm diese wohlthätige Erschütterung ist, desto länger hält sie innerlich an; nachdem er längst alle Spur derselben auf seinem Gesichte vertilgt, dauert lUoiw kitcilo, »l illüm lvrves. vk:. Lxo Miic viilero, ^Iqiis ilii f!»vill!o plen», kumi, ac nollinis, Oogueiulo fit tÄxo luolvi»!»; pricler >>!>:<: »ler'ulie ins» f-lciam »I ttipuliun collixsl: 'ran, excocIiimrelUI.il» »Ique »>r,n», <>>l!>m ci>rl>o eN. ?I»cet. >'«»c miln viilere s-ipere. .'VKlue eciuillem filium, 1'uin etinn» si nolil, coßsni, ul cuni i»» u»a cudel. UL. NeiUIes? forliinnl»», 45. Hamburgische Dramaturgie. Die Tragödie, »imt er an, soll Mitleid und Schrecken erregen: und daraus folgert er, daß der Held derselben weder ein ganz tugendhafter Mann, noch ein völliger Böscwicht seyn müsse. Denn weder mit des einen noch mit des andern Unglücke, lasse sich jener Zweck erreichen. Räume ich dieses ein: so ist Richard der Dritte eine Tragödie, die ihres Zweckes verfehlt. Räume ich es nicht ein: so weiß ich gar nicht mehr, was eine Tragödie ist. Denn Richard der Dritte, so wie ihn Herr Weiß geschildert hat, ist unstreitig das größte, abscheulichste Ungeheuer, das jemals die Bühne getragen. Ich sage, die Bühne: daß es die Erde wirklich getragen habe, daran zweifle ich. Was für Mitleid kann der Untergang dieses Ungeheuers erwecken? Doch, das soll er auch nicht; der Dichter hat es darauf nicht angelegt; und es sind ganz andere Personen in seinem Werke, die er zu Gegenständen unsers Mitleids gemacht hat. Aber Schrecken? — Sollte dieser Böscwicht, der die Kluft, die sich zwischen ihm und dem Throne befunden, mit lauter Leichen gcfüllcr, mit den Leichen derer, die ihm das Liebste in der Welt hätten seyn müssen; sollte dieser blutdürstige, seines Blutdurstes sich rühmende, über seine Verbrechen sich kitzelnde Teufel, nicht Schrecken in vollem Maaße erwecken? Wohl erweckt er Schrecken: wenn unter Schrecken das Erstaunen über unbegreifliche Missethaten, das Entsetzen über Bosheiten, die unsern Begriff übersteigen, wenn darunter der Schauder zu verstehen ist, der uns bey Erblickung vorsätzlicher Greuel, die mit Lust begangen werden, überfällt. Bon diesem Schrecken hat mich Richard der Dritte mein gutes Theil empfinden lassen. Aber dieses Schrecken ist so wenig eine von den Absichten des Trauerspiels, daß es vielmehr die alten Dichter auf alle Weise zu mindern suchten, wenn ihre Personen irgend ein großes Verbrechen begehen mußten. Sie schoben öfters lieber die Schuld auf das Schicksal, machten das Verbrechen lieber zu einem Verhängnisse einer rächenden Gottheit, verwandelten lieber den freyen Menschen in eine Maschine: ehe sie uns bey der gräßli- ^>...- Zweyter Band. JZZ chm Zdce wollten verweilen lassen, daß der Mensch von Natur einer solchen Acrdcrbniß fähig sey. Bey den Franzosen führt Crebillon den Bevnamcn des Schrecklichen. Ich fürchte sehr, mehr von diesem Schrecken, welches in der Tragödie nicht seyn sollte, als von dem echten, das der Philosoph zu dem Wesen der Tragödie rechnet. Und dieses — hatte man gar nicht Schrecken nennen sollen. Das Wort, welches Aristoteles braucht, heißt Furcht: Mitleid und Furcht, sagt er, soll die Tragödie erregen; nicht, Mitleid und Schrecken. Es ist wahr, das Schrecken ist eine Gattung der Furcht; cs ist eine plötzliche, überraschende Furcht. Aber eben dieses Plötzliche, dieses Ucbcrraschcndc, welches die Idee desselben einschließt, zeiget deutlich, daß die, von welchen sich hier die Einführung des Wortes Schrecken, anstatt des Wortes Furcht, hcrschrcibct, nicht eingesehen haben, was für eine Furcht Aristoteles meine. — Ich möchte dieses Weges sobald nicht wieder kommen: man erlaube mir also einen kleinen Ausschwcif. „Das Mitleid, sagt Aristoteles, verlangt einen, der unverdient leidet: und die Furcht einen unsers gleichen. Der Bösc- „ wicht ist weder dieses, noch jenes: folglich kann auch sein „Unglück, weder das erste noch das andere erregen." (°) Die Furcht, sage ich, nennen die neuern Ausleger und Ue- bcrsctzcr Schrecken, und cs gelingt ihnen, mit Hülfe dieses Worttausches, dem Philosophen die seltsamsten Händel von der Welt zu machen. „Man hat sich, sagt einer aus der Menge, (") über die „Erklärung des Schreckens nicht vereinigen können; und in der „That enthält sie in jeder Betrachtung ein Glied zu viel, wcl- „ches sie an ihrer Allgemeinheit hindert, und sie allzusehr cin- „schränkt. Wenn Aristoteles durch den Zusatz „unsers gleichen," „nur blos die Achiilichkeit der Menschheit verstanden hat, weil „nehmlich der Zuschauer und die handelnde Person beide Menschen sind, gesetzt auch, daß sich unter ihrem Charakter, ihrer „Würde und ihrem Range ein unendlicher Abstand befände: „so war dieser Zusatz übcrflüßig; denn er verstand sich von (°) Zm tZtcn Kapitel der Dichtkunst. (°°) Hr. S- in der Vorrede zu s. komischen Thcattr, S. 33. 334 Haiilburgische Tramatlirgie. „selbst. Wenn er aber die Meinung hatte, daß nur tugendhafte Personen, oder solche, die einen vergeblichen Fehler an „sich hätten, Schrecken erregen könnten: so hatte er Unrecht; „denn die Vernunft und die Erfahrung ist ihm sodann entgegen. Das Schrecken entspringt ohnstrcitig aus einem Gefühl „der Menschlichkeit: denn jeder Mensch ist ihm unterworfen, „und jeder Mensch erschüttert sich, vermöge dieses Gefühls, bey „dem widrigen Zufalle eines andern Menschen. Es ist wohl „möglich, daß irgend jemand einfallen könnte, dieses von sich „zu leugnen: allein dieses würde allemal eine Verleugnung sei- „ncr natürlichen Empfindungen, und also eine bloße Prahlcrcy „aus verderbten Grundsätzen, und kein Einwurf seyn. — Wenn „nun auch einer lasterhaften Person, auf die wir eben unsere „Aufmerksamkeit wenden, unvcrmuthct ein widriger Zufall zu- „ stößt, so verlieren wir den Lasterhaften aus dem Gesichte, und „sehen blos den Menschen. Der Anblick des menschlichen Elcn- „dcs überhaupt, macht uns traurig, und die plötzliche traurige „Empfindung, die wir sodann haben, ist das Schrecken." Ganz recht: aber nur nicht an der rechten Stelle! Denn was sagt das wider den Aristoteles? Nichts. Aristoteles denkt an dieses Schrecken nicht, wenn er von der Furcht redet, in die uns nur das Unglück unsers gleichen setzen könne. Dieses Schrecken, welches uns bey der plötzlichen Erblickimg eines Leidens befällt, das einem andern bevorstehet, ist ein mitleidiges Schrecken, und also schon unter dem Mitleide begriffen. Aristoteles würde nicht sagen, Mitleiden nnd Furcht; wenn er unter der Furcht weiter nichts als eine bloße Modifikation des Mitleids verstünde. „Das Mitleid, sagt der Verfasser der Briefe über die Empfindungen, (°) „ist eine vermischte Empfindung, die aus der „Liebe zu einem Gegenstände, und aus der Unlust über dessen „Unglück zusammengesetzt ist. Die Bewegungen, durch welche „sich das Mitleid zu erkennen giebt, sind von den einfachen „Symptomen der Liebe, sowohl als der Unlust, unterschieden, „denn das Mitleid ist eine Erscheinung. Aber wie vielerlei) t°) ^l'ilosopl'ischc Schriften ces Herrn Moses Mendelssohn, zweyter Tbcil, S- 4. Zweyter Band. „kann diese Erscheinung werden! Man andre nur in dem bedauerten Unglück die einzige Bestimmung der Zeit: so wird „sich das Mitleiden durch ganz andere Kennzeichen zu erkennen „geben. Mit der Elcktra, die über die Urne ihres Bruders „weinet, empfinden wir ein mitleidiges Trauern, denn sie hält „das Unglück für geschehet,, und bejammert ihren gehabten Verlust. Was wir bey den Schmerzen des Philoktcts fühlen, ist „gleichfalls Mitleiden, aber von einer etwas andern Natur, „denn die O-naal, die dieser Tugendhafte auszustehen hat, ist gegenwärtig, und überfällt ihn vor unsern Augen. Wenn aber „Ocoip sich entsetzt, indem das große Geheimniß sich plötzlich „entwickelt; wenn Monimc erschrickt, als sie den eifersüchtigen „Mithridatcs sich entfärben sieht; wenn die tugendhafte Dcsoe- „mona sich fürchtet, da sie ihren sonst zärtlichen Othello so dro- „hcnd mit ihr reden höret: was empfinden wir da? Zmmcr „noch Mitleiden! Aber mitleidiges Entsetzen, mitleidige Furcht, „mitleidiges Schrecken, Die Bewegungen sind verschieden, al- „lcin das Wesen der Empfindungen ist in allen diesen Fällen „einerley. Denn, da jede Liebe mit der Bereitwilligkeit vcrbun- „dcn ist, uns an die Stelle des Geliebten zu setzen: so müssen „wir alle Arten von Leiden mit der geliebten Person theilen, „welches man sehr nachdrücklich Mitleiden nennet. Warum „sollten also nicht auch Furcht, Schrecken, Zorn, Eifersucht, „Rachbcgicr, und überhaupt alle Arten von unangenehmen „Empfindungen, sogar den Neid nicht ausgenommen, aus Mitleiden entstehen können? — Man sieht hieraus, wie gar un- „geschickt der größte Theil der Kunstrichtcr die tragischen Leidenschaften in Schrecken uud Mitleiden eintheilet. Schrecken „und Mitleiden! Ist denn das theatralische Schrecken kein „Mitleiden? Für wen erschrickt der Zuschauer, wenn Mcropc „auf ihren eignen Sohn den Dolch ziehet? Gewiß nicht für „sich, sondern für den Aegisth, dessen Erhaltung man so sehr „wünschet, und für die betrogne Königinn, die ihn für den „Mörder ihres Sohnes ansichct. Wollen wir aber nur die „Unlust über das gegenwärtige Uebel eines andern, Mitleiden „nennen: so müssen wir nicht nur das Schrecken, sondern alle 33k Hamburgische Dramaturgie, „übrige Leidenschaften, die uns von einem andern mitgetheilet „werden, von dem eigentlichen Mitleiden nnterschcidcn." — Fünf und siebzigstes Stück. Den 19tcn Januar, 17K8. Diese Gedanken sind so richtig, so klar, so einleuchtend, daß nns dünkt, ein jeder hätte sie haben können und haben müssen. Gleichwohl will ich die scharfsinnigen Bemerkungen des neuen Philosophen dem alten nicht unterschieben; ich kenne jenes Acr- dicnstc um die Lehre von den vermischten Empfindungen zu wohl; die wakre Theorie derselben haben wir nur ihm zu danken. Aber was er so vortrefflich auseinandergesetzt hat, das kann doch Aristoteles im Ganzen ungefehr empfunden haben: wenigstens ist es unleugbar, daß Aristoteles entweder muß geglaubt haben, die Tragödie könne und solle nichts als das eigentliche Mitleid, nichts als die Unlust über das gegenwärtige Uebel eines andern, erwecken, welches ihm schwerlich zuzutrauen; oder er hat alle Leidenschaften überhaupt, die uns von einem andern mitgetheilet werden, unter dem Worte Mitleid begriffen. Denn er, Aristoteles, ist es gewiß nicht, der die mit Recht getadelte Einthcilung der tragischen Leidenschaften in Mitleid und Schrecken gemacht hat. Man hat ihn falsch verstanden, falsch übersetzt. Er spricht von Mitleid und Furcht, nicht von Mitleid und Schrecken; und seine Furcht ist durchaus nicht die Furcht, welche uns das bevorstehende Uebel eines andern, für diesen andern, erweckt, sondern es ist die Furcht, welche aus unserer Ähnlichkeit mit der leidenden Person für uns selbst entspringt; es ist die Furcht, daß die Unglücksfällc, die wir über diese verhänget sehen, uns selbst treffen können; es ist die Furcht, daß wir der bemitleidete Gegenstand selbst werden können. Mit einem Worte: diese Furcht ist das auf uns selbst bezogene Mitleid. Aristoteles will überall aus sich selbst erklärt werden. Wer uns einen neuen Eommcntar über seine Dichtkunst liefern will, welcher den Dacicrschen weit hinter sich läßt, dem rathe ich, vor allen Dingen die Werke des Philosophen vom Anfange bis zum Ende zu lesen. Er wird Aufschlüsse für die Dichtkunst fin- Zweyter Sand. dm, wo er sich deren am wenigste» vermuthet; besonders mus? er die Bücher der Rhetorik und Moral studieren. Man sollte zwar denken, diese Aufschlüsse müßten die Scholastiker, welche die Schriften des Aristoteles an den Fingern wußten, längst gefunden haben. Doch die Dichtkunst war gerade diejenige von seinen Schriften, um die sie sich am wenigsten bekümmerten. Dabey fehlten ihnen andere Kenntnisse, ohne welche jene Aufschlüsse wenigstens nicht fruchtbar werden konnten: sie kannten das Theater und die Meisterstücke desselben nicht. Die authentische Erklärung dieser Furcht, welche Aristoteles dem tragischen Mitleid beyfüget, findet sich in dem fünften und achten Kapitel des zweyten Buchs seiner Rhetorik. Es war gar nicht schwer, sich dieser Kapitel zu erinnern; gleichwohl hat sich vielleicht keiner seiner Ausleger ihrer erinnert, wenigstens hat keiner den Gebrauch davon gemacht, der sich davon machen läßt. Denn auch die, welche ohne sie einsahen, daß diese Furcht nicht das mitleidige Schrecken sey, hätten noch ein wichtiges Stück aus ihnen zu lernen gehabt: die Ursache nehmlich, warum der Stagirit dem Mitleid hier die Furcht, und warum nur die Furcht, warum keine andere Leidenschaft, und warum nicht mehrere Leidenschaften, bcygescllcr habe. Von dieser Ursache wissen sie nichts, und ich mochte wohl hören, was sie aus ihrem Kopfe antworten würden, wenn man sie fragte: warum z. E. die Tragödie nicht eben so wohl Mitleid und Bewunderung, als Mitleid und Furcht, erregen könne und dürfe? Es beruhet aber alles auf dem Begriffe, den sich Aristoteles von dem Mitleiden gemacht hat. Er glaubte nehmlich, daß das Uebel, welches der Gegenstand unsers MitlcidcnS werden solle, nothwendig von der Beschaffenheit seyn müsse, daß wir es auch für uns selbst, oder für eines von den Unsrigcn, zu befürchten hätten. Wo diese Furcht nicht sey, könne auch kein Mitleiden Statt finden. Denn weder der, den das Unglück so tief herabgcdrückt habe, daß er weiter nichts für sich zu fürchten sähe, noch der, welcher sich so vollkommen glücklich glaube, daß er gar nicht begreife, woher ihm ein Unglück zuflössen könne, weder der Bezweifelnde noch der Ucbcrmülhigc, pflege mit an« dem Mitleid zu haben. Er erkläret daher auch das Fürchtcr- LMizs Werke vi>. 22 338 Hamburgischc Dramaturgie. lichc lind das Mitlcidswürdigc, eines durch das andere. Alles das, sagt er, ist uns fürchterlich, was, wenn es einem andern begegnet wäre, oder begegnen sollte, -unser Mitleid erwecken würde: s") und alles das stnden wir mitlcidswürdig, was wir fürchten würden, wenn es uns selbst bevorstünde. Nicht genug also, daß der Unglückliche, mit dem wir Mitleiden haben solle», sein Unglück nicht verdiene, ob er es sich schon durch irgend eine Schwachheit zugezogen: seine gequälte Unschuld, oder vielmehr seine zu hart heimgesuchte Schuld, sey für uns vcrloh- rcn, sey nicht vermögend, unser Mitleid zu erregen, wenn wir keine Möglichkeit sähen, daß uns sein Leiden auch treffen könne. Diese Möglichkeit aber finde sich alsdcnn, und könne zu einer großen Wahrscheinlichkeit erwachsen, wenn ihn der Dichter nicht schlimmer mache, als wir gemeiniglich zu seyn Pflegen, wenn er ihn vollkommen so denken und handeln lasse, als wir in seinen Umständen würden gedacht und gehandelt haben, oder wenigstens glauben, daß wir hätten denken und handeln müssen: kurz, wenn er ihn mit uns von gleichem Schrot und Korne schildere. Aus dieser Gleichheit entstehe die Furcht, daß unser Schicksal gar leicht dem scinigen eben so ähnlich werden könne, als wir ihm zu seyn uns selbst fühlen: und diese Furcht sey cS, welche das Mitleid gleichsam zur Reife bringe. So dachte Aristoteles von dem Mitleiden, und nur hieraus wird die wahre Ursache begreiflich, warum er in der Erklärung der Tragödie, nächst dem Mitleiden, nur die einzige Furcht nannte. Nicht als ob diese Furcht hier eine besondere, von dem Mitleiden unabhängige Leidenschaft sey, welche bald mit bald ohne dem Mitleid, so wie das Mitleid bald mit bald ohne ibr, erreget werden könne; welches die Mißdeutung des Corneille war: sondern weil, nach seiner Erklärung des Mitleids, ^ ,l^?»mra, kXk-i,,'« k'?--,,'. Ich weis; »iä'l, was dem Aemilins Pcrttis (in seiner ZlneM'c der Iil'ctt'rit, spir-e 1598.) eingekommen ist, dieses zu liber- sckcn: Uenillue »I Niunlicller I»>iUilr, lviimclliliili» lunl, «itt.'vl »»<>»>> siiunllic i» »Ixnum iwlvsliu^m vviivriint, vel veiUurs s»»l, miler-inil!» lui». Es nins! sct'lcchlircg l'eisscn, ) dieses die Furcht nothwendig einschließt; weil nichts unser Mitleid erregt, als was zugleich unsere Furcht erwecken kann. Corneille hatte seine Stücke schon alle geschrieben, als er sich hinsetzte, über die Dichtkunst des Aristoteles zu commcnti- rcn.(°) Er hatte fünfzig Jahre für das Theater gearbeitet: und nach dieser Erfahrung würde er uns unstreitig vortreffliche Dinge über den alten dramatischen Codex haben sagen können, wenn er ihn nur auch während der Zeit seiner Arbeit fleißiger zn Rathe gezogen hätte. Allein dieses scheinet er, höchstens nur in Absicht auf die mechanischen Regeln der Kunst, gethan zu haben. Zn den wesentlichem ließ er sich um ihn unbekümmert, und als er am Ende fand, daß er wider ihn verstoßen, gleichwohl nicht wider ihn verstoßen haben wollte: so suchte er sich durch Auslegungen zu helfen, und ließ seinen vorgeblichen Lehrmeister Dinge sagen, an die er offenbar nie gedacht hatte. Corneille hatte Märtyrer auf die Bühne gebracht, und sie als die vollkommensten untadclhaftestcn Personen geschildert; er hatte die abscheulichsten Ungeheuer in dem Prusias, in dem Phokas, in der Kleopatra aufgeführt: und von beiden Gattungen behauptet Aristoteles, daß sie zur Tragödie unschicklich wären, weil beide weder Mitleid noch Furcht erwecken könnten. Was antwortet Corneille hierauf? Wie fängt er es an, damit bey diesem Widerspruche weder sein Ansehen, noch das Ansehen des Aristoteles leiden möge? „O, sagt er, mit dem Aristoteles „können wir uns hier leicht vergleichen. (°°) Wir dürfen nur „annehmen, er habe eben nicht behaupten wollen, daß beide „Mittel zugleich, sowohl Furcht als Mitleid, nöthig wären, „um die Reinigung der Leidenschaften zu bewirken, die er zu „dem letzten Endzwecke der Tragödie macht: sondern nach seiner „Meinung sey auch eines zureichend. — Wir können diese Erklärung, fährt er fort, aus ihm selbst bekräftigen, wenn wir (°) 5e Iiüksriter-ii riuvlque elivle für ci»l>>>!«Ne sn» >Ie irav-UI >inu> l-t l0vn«, sagt cr in seiner Abl'andlnng über das Drama. Sri» erstes Stück, Mclilc, war von tL25>, und sein letztes, Surcna, ron 1675; welches gerade die sunfzig Jalir ausmacht, so daß es gewiß ist, daß cr, bcr> den Auslegungen des Aristoteles, auf alle seine Stücke ein Auge habcn konnte, und hatte. (") II esl sitü >Ie nou« acooittmoilür avvc /Vriklolo 22 " 340 Hamburgische Dramaturgie. „die Gründe recht erwägen, welche er von der Ausschlicssung „derjenigen Begebenheiten, die er in den Trauerspielen mißbilliget, giebt. Er sagt niemals: dieses oder jenes schickt sich in „die Tragödie nicht, weil es blos Mitleiden und keine Furcht „erweckt; oder dieses ist daselbst unerträglich, weil es blos die „Furcht erweckt, ohne das Mitleid zu erregen. Nein; sondern „er verwirft sie deswegen, weil sie, wie er sagt, weder Mit- „lcid noch Furcht zuwege bringen, und giebt uns dadurch zu „erkennen, daß sie ihm deswegen nicht gefallen, weil ihnen so- „wohl das eine als das andere fehlet, und daß er ihnen sei- „ncn Beyfall nicht versagen würde, wenn sie nur eines von „beiden wirkten." Sechs und siebzigstes Stück. Tc» 22sten Januar, 1768. Aber das ist grundfalsch! — Zch kaun mich nicht genug wundern, wie Dacicr, der doch sonst auf die Verdrehungen ziemlich aufmerksam war, welche Corneille von dem Texte des Aristoteles zu seinem Besten zu machen suchte, diese größte von allen übersehen können. Zwar, wie konnte er sie nicht übersehen, da es ihm nie einkam, des Philosophen Erklärung vom Mitleid zu Rathe zu ziehen? — Wie gesagt, es ist grundfalsch, was sich Corneille einbildet. Aristoteles kann das nicht gemeint haben, oder man müßte glauben, daß er seine eigene Erklärungen vergessen können, man müßte glauben, daß er sich auf die handgreiflichste Weise widersprechen können. Wenn, nach seiner Lehre, kein Uebel eines andern unser Mitleid erreget, was wir nicht für uns selbst fürchten: so konnte er mit keiner Handlung in der Tragödie zufrieden seyn, welche nur Mitleid und keine Furcht erreget; denn er hielt die Sache selbst für unmöglich; dergleichen Handlungen cristirtcn ihm nicht; sondern sobald sie unser Mitleid zu erwecken sähig wären, glaubte er, müßten sie auch Furcht für uns erwecken; oder vielmehr, nur durch diese Furcht erweckten sie Mitleid. Noch weniger konnte er sich die Handlung einer Tragödie vorstellen, welche Furcht für uns erregen könne, ohne zugleich unser Mitleid zu erwecken: denn er war überzeugt, daß alles, was uns Furcht für uns Zweyter Band. 341 selbst errege, auch unser Mitleid erwecken müsse, sobald wir andere damit bedrohet, oder betroffen erblickten; und das ist eben der Fall der Tragödie, wo wir alle das Uebel, welches wir fürchten, nicht uns, sondern anderen begegnen sehen. Es ist wahr, wenn Aristoteles von den Handlungen spricht, die sich in die Tragödie nicht schicken, so bedient er sich mchr- malcn des Ausdrucks von ihnen, daß sie weder Mitleid noch Furcht erwecken. Aber desto schlimmer, wenn sich Corneille durch dieses weder, noch verführen lassen. Diese disjunctivc Partikeln involvircn nicht immer, was er sie involvircn laßt. Denn wenn wir zwey oder mehrere Dinge von einer Sache durch sie verneinen, so kömmt es darauf cm, ob sich diese Diugc eben so wohl in der Natur von einander trennen lassen, als wir sie in der Abstraction und durch den symbolischen Ausdruck trennen können, wenn die Sache dem ohngcachtct noch bestehen soll, ob ihr schon das eine oder das andere von diesen Dingen fehlt. Wenn wir z. E. von einem Frauenzimmer sagen, sie sey weder schön noch witzig: so wollen wir allerdings sagen, wir würden zufrieden seyn, wenn sie auch nur eines von beiden wäre; denn Witz und Schönheit lassen sich nicht blos in Gedanken trennen, sondern sie sind wirklich gctrcnnct. Aber wenn wir sagen, dieser Mensch glaubt weder Himmel noch Hölle: wollen wir damit auch sagen, daß wir zufrieden seyn würde», wenn er nur eines von beiden glaubte, wenn er nur den Himmel und keine Hölle, oder nur die Hölle und keinen Himmel glaubte? Gewiß nicht: denn wer das eine glaubt, muß nothwendig auch das andere glauben; Himmel und Hölle, Strafe und Belohnung sind relativ; wenn das eine ist, ist auch das andere. Oder, um mein Ercmpcl aus einer verwandten Kunst zu nehmen; wenn wir sagen, dieses Gemählde taugt nichts, denn es hat weder Zeichnung noch Kolorit: wollen wir damit sagen, daß ein gutes Gemählde sich mit einem von beiden begnügen könne? — Das ist so klar! Allein, wie, wenn die Erklärung, welche Aristoteles von dem Mitleiden giebt, falsch wäre? Wie, wenn wir auch mit Uebeln und Unglücksfällcn Mitleid fühlen könnten, die wir für uns selbst auf keine Weise zu besorgen haben? 342 Hamburgische Dramaturgie. Es ist wahr: cs braucht unscrcr Furcht nicht, um Unlust über das physikalische Uebel cincs Gegenstandes zu empfinden, den wir lieben. Diese Unlust entstehet blos aus der Vorstellung der Uiwollkommcnheit, so wie unsere Liebe aus der Vorstellung der Vollkommenheiten desselben; und aus dem Zusammenflüsse dieser Lust und Unlust entspringet die vermischte Empfindung, welche wir Mitleid nennen. Zcdoch auch so nach glaube ich nicht, die Sache des Aristoteles nothwendig aufgeben zu müssen. Denn wenn wir auch schon, ohne Furcht für uns selbst, Mitleid für andere empfinden können: so ist es doch unstreitig, daß unser Mitleid, wenn jene Furcht dazu kömmt, weit lebhafter und stärker und anzüglicher wird, als es ohne sie seyn kann. Und was hindert uns, anzunehmen, daß die vermischte Empfindung über das physikalische Uebel eines geliebten Gegenstandes, nur allein durch die dazu kommende Furcht für uns, zu dem Grade erwächst, in welchem sie Affekt genannt zu werden verdienet? Aristoteles hat es wirklich angenommen. Er betrachtet das Mitleid nicht nach seinen primitiven Regungen, er betrachtet es blos als Affekt. Ohne jene zu verkennen, verweigert er nur dem Funke den Namen der Flamme. Mitleidige Regungen, ohne Furcht für uns selbst, nennt er Philanthropie: und nur den stärkern Regungen dieser Art, welche mit Furcht für uns selbst verknüpft sind, giebt er den Namen des Mitleids. Also behauptet er zwar, daß das Unglück cincs Vöscwichts weder unser Mitleid noch unsere Furcht errege: aber er spricht ihm darum nicht alle Rührung ab. Auch der Böscwicht ist noch Mensch, ist noch ein Wesen, das bey allen seinen moralischen Unvollkommcnhcitcn, Vollkommenheiten genug behalt, um sein Verderben, seine Zernichtung lieber nicht zu wollen, um bey dieser etwas mitlcidähnlichcs, die Elemente des Mitleids gleichsam, zu empfinden. Aber, wie schon gesagt, diese mitlcidähn- lichc Empfindung nennt er nicht Mitleid, sondern Philanthropie. „Man muß, sagt er, keinen Böscwicht aus unglücklichen in „glückliche Umstände gelangen lassen; denn das ist das untra- „gischste, was nur seyn kann; cs hat nichts von allem, was Zweyter Wand. 343 „es haben sollte; cs erweckt weder Philanthropie, noch Mit- „lcid, noch Furcht. Auch muß cs kein völliger Böscwicht seyn, „der aus glucklichen Umständen in unglückliche verfällt; denn „eine dergleichen Begebenheit kann zwar Philanthropie, aber „weder Mitleid noch Furcht erwecken." Ich kenne nichts kahleres und abgeschmackteres, als die gewöhnlichen Ucbcrsetzungcn dieses Wortes Philanthropie. Sie geben nehmlich das Adjectivum davon im Lateinischen durch üoiiiinilius Fr-ttmn; im Französischen durch co «zuo pout l'uico cuic-Iin«- pl-ciNr; und im Deutschen durch „was Vergnügen machen kann." Der einzige Goulston, so viel ich finde, scheinet den Sinn des Philosophen nicht verfehlt zu haben, indem er das q,cX.«^p^ir»v durch ljiioll Iium-miwtls Ivntu tangat übersetzt. Denn allerdings ist unter dieser Philanthropie, auf welche das Unglück auch eines Bösewichts Anspruch macht, nicht die Freude über seine verdiente Bestrafung, sondern das sympathetische Gefühl der Menschlichkeit zu verstehen, welches, Trotz der Vorstellung, daß sein Leiden nichts als Verdienst sey, dennoch in dem Augenblicke des Leidens, in uns sich für ihn reget. Herr Curtius will zwar diese mitleidige Regungen für einen unglücklichen Wöscwicht, nur auf eine gewisse Gattung der ihn treffenden Uebel einschränken. „Solche Zufälle des Lasterhaften, sagt er, „die weder Schrecken noch Mitleid in nus wirken, müssen „Folgen seines Lasters seyn: denn treffen sie ihn zufällig, oder „wohl gar unschuldig, so behält er in dem Herzen der Zuschauer „die Vorrechte der Menschlichkeit, als welche auch einem unschuldig leidenden Gottlosen ihr Mitleid nicht versagt." Aber er scheinet dieses nicht genug überlegt zu habe». Denn auch dann noch, wenn das Unglück, welches den Bösewicht befällt, eine unmittelbare Folge seines Verbrechens ist, können wir uns nicht cntwchrcii, bey dem Anblicke dieses Unglücks mit ihm zu lcidcn. „Seht jene Menge, sagt der Verfasser der Briefe über die Empfindungen, „die sich um einen Vcrurlhciltcn in dichte „Haufen drcngct. Sie haben alle Greuel vernommen, die der „Lasterhafte begangen; sie haben seinen Wandel, nnd vielleicht „ihn selbst verabscheuet. Ztzt schleppt man ihn entstellt und 344 Hamburgische Dramaturgie. „ohnmächtig auf das entsetzliche Schaugcrüstc. Man arbeitet „sich durch das Gewühl, man stellt sich ans die Zähen, man „klettert die Dächer hinan, nm die Zuge des Todes sein „Gesicht entstellen zu sehen. Sein Urtheil ist gesprochen; sein „Henker naht sich ihm; ein Augenblick wird sein Schicksal entscheiden. Wie sehnlich wünschen itzt aller Herzen, daß ihm „verziehen würde! Ihm? dem Gegenstände ihres Abscheues, den „sie einen Augenblick vorher selbst zum Tode vcrurthcilct haben „würden? Wodurch wird itzt ein Strahl der Menschenliebe „wiederum bey ihnen rege? Ist es nicht die Annäherung der „Strafe, der Anblick der entsetzlichsten physikalischen Uebel, die „uns sogar mit einem Ruchlosen gleichsam aussöhnen, und ihm „unsere Liebe erwerben? Ohne Liebe könnten wir unmöglich „mitleidig mit seinem Schicksale seyn." Und eben diese Liebe, sage ich, die wir gegen unsern Nebcn- mcnschcn unter kcinerlcy Umständen ganz verlieren können, die unter der Asche, mit welcher sie andere stärkere Empfindungen überdecken, unvcrlöschlich fortglimmct, und gleichsam nur einen günstigen Windstoß von Unglück und Schmerz und Verderben erwartet, um in die Flamme des Mitleids auszubrcchcii; eben diese Liebe ist es, welche Aristoteles unter dem Namen der Philanthropie verstehet. Wir haben Recht, wenn wir sie mit unter dem Namen des Mitleids begreifen. Aber Aristoteles hatte auch nicht Unrecht, wenn er ihr einen eigenen Namen gab, um sie, wie gesagt, von dem höchsten Grade der mitleidigen Empfindungen, in welchem sie, durch die Dazukunft einer wahrscheinliche» Furcht für unS selbst, Affekt werden, zu unterscheiden. Sieben und siebzigstes Stück. Teil Testen Januar, 1768. Einem Einwürfe ist hier noch vorzukommen. Wenn Aristoteles diesen Begriff von dem Affekte des Mitleids hatte, daß er nolbwcndig mit der Furcht für uns selbst verknüpft scvn müsse: was war cS nötbig, der Furcht noch insbesondere zu erwähnen? Das Wort Mitleid scbloß sie scbon in sich, und es wäre genug gewesen, wenn er blos gesagt hätte: die Tragödie soll durch Er- V»UwÄ^^^^«rM«M«^VHS^ Fwemer Band. 31.' rcgnng des Mitleids die Reinigung unserer Leidenschaft bewirken. Denn der Zusatz der Furcht sagt nichts mehr, »nd macht das, was er sagen soll, noch dazu schwankend und ungewiß. Ich antworte: wenn Aristoteles uns blos hatte lehren wollen, welche Leidenschaften die Tragödie erregen könne und solle, so würde er sich den Zusatz der Furcht allerdings haben ersparen können, und ohne Zweifel sich wirklich ersparet haben; denn nie war ein Philosoph ein größerer Wortsparcr, als er. Aber er wollte unS zugleich lehre», welche Leidenschaften, durch die in der Tragödie erregten, in uns gercinigct werden sollten; und in dieser Absicht mußte er der Furcht insbesondere gedenke». Denn obschon, nach ibm, der Affekt des Mitleids, weder in noch außer dem Theater, ohne Furcht für uns selbst sey» kann; ob sie schon ein nothwendiges Ingredienz dcS Mitleids ist: so gilt dieses doch nicht auch umgekehrt, und das Mitleid für andere ist kein Ingredienz der Furcht für nns selbst. Sobald die Tragödie aus ist, höret unser Mitleid auf, und nichts bleibt von allen den empfundenen Regungen in uns zurück, als die wahrscheinliche Furcht, die uns das bemitleidete Uebel für uns selbst schöpfen lassen. Diese nehmen wir mit; »»d so wie sie, als Ingredienz des Mitleids, das Mitleid reinigen helfen, so hilft sie nun auch, als eine vor sich fortdauernde Leidenschaft, sich selbst reiiiigc». Folglich, um anzuzeigen, daß sie dieses thun könne und wirklich thue, fand es Aristoteles für nöthig, ihrer insbesondere zu gedenken. Es ist unstreitig, daß Aristoteles überhaupt keine strenge logische Definition von der Tragödie geben wollen. Denn ohne sich auf die blos wesentlichen Eigenschaften derselben einzuschränken, hat er verschiedene zufällige hineingezogen, weil sie der damalige Gebrauch nothwendig gemacht hatte. Diese indeß abgerechnet, und die übrigen Merkmahle in einander reducirct, bleibt eine vollkommen genaue Erklärung übrig: die nehmlich, daß die Tragödie, mit einem Worte, ein Gedlcht ist, welches Mitleid erreget. Ihrem Geschlechte nach, ist sie die Nachahmung einer Handlung; so wie die Epopcc und die Komödie: ihrer Gattung aber nach, die Nachahmung einer mitlcidswürdigcn Handlung. Aus diesen 346 Hambnrgischc Trcimalurgic. beiden Begriffen lassen sich vollkommen alle ihre Regeln herleiten: und sogar ihre dramatische Form ist daraus zu bestimmen. An dem letzter» dürfte man vielleicht zweifeln. Wenigstens wüßte ich keinen Kunstrichtcr zu nennen, dem es nur eingekommen wäre, es zu versuchen. Sie nehmen alle die dramatische Form der Tragödie als etwas Hergebrachtes an, das nun so ist, weil es einmal so ist, und das man so läßt, weil man es gut findet. Der einzige Aristoteles hat die Ursache ergründet, aber sie bey seiner Erklärung mehr vorausgesetzt, als deutlich angegeben. „Die Tragödie, sagt er, ist die Nachahmung einer „Handlung, — die nicht vermittelst der Erzchlung, sondern „vermittelst des Mitleids und der Furcht, die Reinigung dieser „lind dergleichen Leidenschaften bewirket." So drückt er sich von Wort zu Wort aus. Wem sollte hier nicht der sonderbare Gegensatz, „nicht vermittelst der Erzchlung, sondern vermittelst des Mitleids und der Furcht," befremden? Mitleid und Furcht sind die Mittel, welche die Tragödie braucht, um ihre Absicht zu erreichen: und die Erzehlung kaun sich nur auf die Art und Weise beziehen, sich dieser Mittel zu bedienen, oder nicht zu bedienen. Scheinet hier also Aristoteles nicht einen Sprung zu machen? Scheinet hier nicht offenbar der eigentliche Gegensatz der Erzchlung, welches die dramatische Form ist, zu fehlen ? Was thun aber die Ucbcrsctzcr bey dieser Lücke? Der eine umgeht sie ganz behutsam: und der andere füllt sie, aber nur mit Worten. Alle finden weiter nichts darum, als eine vcrnachlä- ßigtc Wortfügung, an die sie sich nicht halten zu dürfen glauben, wenn sie nur den Sinn des Philosophen liefern. Dacicr übersetzt: clunv aetioa — «m'i, l'avs le toeours tlo la narratioi,, par !o niv)'eii «Iv la compallion 65 v!? x'o.^vi^?^ «>'«z>x7? rc-'v? cr>>, ^ci>^«'oiuvovit,' ^ <^u»-«l5, xcil l<5^iz?l, ««-> 7^ 'vxc)/-tz-<7!l, lXiti,?-»- 75^0^1? _ 348 Hamburgische Dramaturgie. dieser Sache hier nicht einlassen. Damit ich jedoch nicht ganz obnc Beweis zu sprechen scheine, will ich zwey Anmerkungen machen. 1. Sie lassen den Aristoteles sagen, „die Tragödie solle „lins, vermittelst des Schreckens und Mitleids, von den Fch- „lcrn der vorgestellten Leidenschaften reinigen." Der vorgestellten^ Also, wenn der Held durch Ncugicrdc, oder Ehrgcitz, oder Liebe, oder Zorn unglücklich wird: so ist es unsere Ncugicrdc, uuscr Ehrgcitz, uuscre Liebe, unser Zorn, welchen die Tragödie rciiiigcn soll? Das ist dcm Aristotclcs nic in dcn Sinn gckom- mcn. Und so habcn dic Herren gut streiten; ihre Einbildung verwandelt Windmühlen in Riesen; sie jagen, in der gewissen Hoffnung des Sieges, darauf los, und kehren sich an keinen Sancho, der weiter nichts als gesunden Menschenverstand hat, und ihnen auf seinem bcdächtlichcrn Pferde hinten nach ruft, sich nicht zu übcrcilcn, und doch nur erst dic Augcn recht aufzusperren. I'lliv -rocoi^-wi.' ^o-K'^^o-T-lli'r', sagt Aristoteles: und das heißt nicht, der vorgestellten Leidenschaften; das hätten sie übersetzen müssen durch, dieser und dergleichen, oder, der erweck- lcn Leidenschaften. Das ?otc»vi-^v bezicht sich lediglich auf das vorhergehende Mitleid und Fnrcht; die Tragödie soll miscr Mitleid und unscrc Furcht erregen, blos um diese und dergleichen Leidenschaften, nicht aber alle Leidenschaften ohne Unterschied zu reinigen. Er sagt aber ?o^ru)v und nicht T-oi^wv; er sagt, dieser und dergleichen, und nicht blos, dieser: um anzuzeigen, daß cr untcr dcm Mitleid, nicht blos das eigentlich sogenannte Mitleid, sondern überhaupt alle philanthropische Empfindungen, so wie unter der Fnrcht nicht blos die Unlust über ein mis bevorstehendes Uebel, sondern auch jede damit verwandte Unlust, auch dic Unlust über ein gegenwärtiges, auch die Unlust über ein vergangenes Uebel, Betrübniß und Gram, verstehe. In diesem ganzen Umfange soll das Mitleid und die Furcht, welche dic Tragödie erweckt, unser Mitleid und unsere Fnrcht reinigen; aber auch nur dicse rcinigcn, und kcine andere Leidenschaften. Zwar können sich in der Tragödie auch zur Reinigung der andern Leidenschaften, nützliche Lehren und Beyspiele finden; doch snrd diese nicht ihre Absicht; diese hat sie mit der Epopcc und Komödie gcmcin, in so fcrn sie ein Gedicht, dic Nachahmung, Zweyter Band. einer Handlung überhaupt ist, nickt aber in so fern sie Tragödie, die Nachahmung einer mitlcidSwürdigcn Handlung insbesondere ist. Bessern sollen uns alle Gattungen dcr Poesie: es ist kläglich, wenn man dieses erst beweisen muß; noch kläglicher ist es, wenn es Dicktcr giebt, die selbst daran zweifeln. Aber alle Gattungen können nickt alles bessern; wenigstens nicht jedes so vollkommen, wie das andere; was aber jede am vollkommensten bessern kaun, worinn es ihr keine andere (Gattung gleich zu thun vermag, das allein ist ihre eigentliche Bestimmung. Acht und siebzigstes Stück. Den 29sien Januar, 1768. 2. Da die Gegner des Aristoteles nicht in Acht nahmen, was für Leidenschaften er eigentlich, durch das Mitleid und die Furcht dcr Tragödie, in uns gcrcinigct haben wollte: so war cS natürlich, daß sie sich auch mit dcr Reinigung selbst irre» mußten. Aristoteles verspricht am Ende scincr Politik, wo er von dcr Reinigung der Leidenschaften durch die Musik rcdct, von dieser Reinigung in scincr Dichtkunst wcitläuftigcr zu handeln. „Weil man aber, sagt Corneille, „ganz und gar nichts „von dieser Materie darinn findet, so ist dcr größte Theil sci- „ncr Auslcgcr auf die Gcdankcn gerathen, daß sie nicht ganz „auf uns gekommen sey." Gar nichts? Zch meines Theils glaube, auch schon in dem, was uns von sciucr Dichtkunst noch übrig, cs mag viel oder wenig seyn, alles zu finden, was er einem, der mit seiner Philosophie sonst nicht ganz unbekannt ist, über diese Sache zu sagen für nöthig halten konnte. Corneille selbst bemerkte eine Stelle, die uns, nach scincr Mcinuug, Licht gcnug gcbcn könne, die Art und Weise zu entdecken, auf welche die Reinigung dcr Leidenschaften in dcr Tragödie geschehe: nehmlich die, wo Aristoteles sagt, „das Mitleid verlange einen, dcr unverdient leide, und die Furcht'einen unsers gleichen." Diese Stelle ist auch wirklich sehr wichtig, nur daß Corneille einen falschen Gebrauch davon machte, und nicht wohl audcrs als machen konnte, weil er einmal die Reinigung der Leidenschaften überhaupt im Kopfe hatte. „Das Mitleid mit dem Hambnrgische Tramatmgic. „Unglücke, sagt er, von welchem wir unsers gleichen befallen „sehen, erweckt in uns die Furcht, daß uns ein ähnliches Un- „glück treffen könne; diese Furcht erweckt die Begierde, ihm auszuweichen; und diese Begierde ein Bestreben, die Leidenschaft, „durch welche die Person, die wir bctaucrn, sich ihr Unglück „vor unsern Augen zuziehet, zu reinigen, zu mäßigen, zu bessern, „ja gar auszurotten? indem einem jeden die Vernunft sagt, daß „man die Ursache abschneiden müsse, wenn man die Wirkung „vermeiden wolle." Aber dieses Raisonnemcnt, welches die Furcht blos zum Werkzeuge macht, durch welches das Mitleid die Reinigung der Leidenschaften bewirkt, ist falsch, und kann unmöglich die Meinung des Aristoteles seyn; weil so nach die Tragödie gerade alle Leidenschaften reinigen könnte, nur nicht die zwey, die Aristoteles ausdrücklich durch sie gercinigct wissen will. Sie könnte unsern Aorn, unsere Ncugicrdc, unsern Neid, unsern Ehrgcitz, unsern Haß und unsere Liebe reinigen, so wie es die eine oder die andere Leidenschaft ist, durch die sich die bemitleidete Person ihr Unglück zugezogen. Nur unser Mitleid und unsere Furcht müßte sie ungcrcinigct lassen. Denn Mitleid und Furcht sind die Leidenschaften, die in der Tragödie wir, nicht aber die handelnden Personen empfinden; sind die Leidenschaften, durchweiche die handelnden Personen uns rühren, nicht aber die, durch welche sie sich selbst ihre Unfälle zuziehen. Es kann ein Stück geben, in welchem sie beides sind: das weiß ich wohl. Aber noch kenne ich kein solches Stück: ein Stück nehmlich, in welchem sich die bemitleidete Person durch ein übclvcr- standcnes Mitleid, oder durch eine übclvcrstaiidcnc Furcht ins Unglück stürze. Gleichwohl würde dieses Stück das einzige seyn, in welchem, so wie es Corneille versteht, das geschehe, was Aristoteles will, daß es in allen Tragödien geschehen soll: und auch in diesem einzigen würde es nicht auf die Art geschehen, auf die es dieser verlangt. Dieses einzige Stück würde gleichsam der Punkt seyn, in welchem zwey gegen einander sich neigende gerade Linien zusammentreffen, um sich in alle Unendlichkeit nicht wieder zu begegnen. — So gar sehr konnte Dacicr den Sinn des Aristoteles nicht verfehlen. Er war vcrbundcn, auf die Worte seines Autors aufmerksamer zu seyn, und diese ,-5.' ."-»^z»^''.^.--»- >- Zweyter S'and. besagen es zu positiv, daß unser Mitleid lind unsere Furcht, durch das Mitleid und die Furcht der Tragödie, gcrcinigct werden sollen. Weil er aber ohne Zweifel glaubte, daß der Nutzen der Tragödie sehr gering seyn würde, wenn er blos hierauf eingeschränkt wäre: so ließ er sich verleiten, nach der Erklärung des Corneille, ibr die ebenmäßige Reinigung auch aller übrigen Leidenschaften beizulegen. Wie nun Corneille diese für sein Theil leugnete, und in Beyspielen zeigte, daß sie mehr ein schöner Gedanke, als eine Sache sey, die gewöhnlicher Weise zur Wirklichkeit gelange: so mußte er sich mit ihm in diese Beyspiele selbst einlassen, wo er sich denn so in der Enge fand, daß er die gewaltsamsten Drehungen und Wendungen machen mußte, um seinen Aristoteles mit sich durch zu bringen. Ich sage, seinen Aristoteles: denn der rechte ist weit entfernt, solcher Drehungen und Wendungen zu bedürfen. Dieser, um es abermals und abermals zu sagen, hat an keine andere Leidenschaften gedacht, welche das Mitleid und die Furcht der Tragödie reinigen solle, als an unser Mitleid und unsere Furcht selbst; nnd es ist ihm sehr gleichgültig, ob die Tragödie zur Reinigung der übrigen Leidenschaften viel oder wenig beyträgt. An jene Reinigung hätte sich Dacicr allein halten sollen: aber freylich hätte er sodann auch einen vollständigem Begriff damit verbinden müssen. „Wie die Tragödie, sagt er, Mitleid und Furcht er- „rcge, um Mitleid und Furcht zu reinigen, das ist nicht schwer „zu erklären. Sie erregt sie, indem sie uns das Unglück vor „Augen stellet, in das unsers gleichen durch nicht vorsetzliche „Fehler gefallen sind; und sie reiniget sie, indem sie uns mit „diesem nehmlichen Unglücke bekannt macht, und uns dadurch „lehret, es weder allzusehr zu fürchte», noch allzusehr davon „gerührt zu werden, wann es uns wirklich selbst treffen sollte. — „Sie bereitet die Menschen, die allcrwidrigstcn Zufälle muthig „zu ertragen, und macht die Allcrclcndcsten geneigt, sich für „glücklich zu halten, indem sie ihre Unglücksfälle mit weit grö- „ßcrn vergleichen, die ihnen die Tragödie vorstellet. Denn in „welchen Umständen kann sich wobl ein Mensch finden, der bey „Erblickung eines Ocdips, eines Philoktcts, eines Orcsts, nicht „erkennen müßte, daß alle Uebel, die er zu erdulden, gegen . Hauiburgische Trcuimiurgie. „die, welche diese Männer erdulden müssen, gar nicht in Vcr- „glcichiiiig kommen?" Nun das ist wahr; diese Erklärung kann dein Dacier nicht viel Kopfbrcchcns gemacht haben. Er fand sie fast mit den nehmlichen Worten bey einem Stoiker, der immer ein Auge auf die Apathie hatte. Ohne ihm indeß einzuwenden, daß das Gefühl unsers eigenen Elendes nicht viel Mitleid neben sich duldet; daß folglich bey dem Elenden, dessen Mitleid nicht zu erregen ist, die Reinigung oder Linderung seiner Betrübniß durch das Mitleid nicht erfolgen kann: will ich ihm alles, so wie er es sagt, gelten lassen. Nur fragen muß ich: wie viel er nun damit gesagt? Ob er im geringsten mehr damit gesagt, als, daß das Mitleid unsere Furcht reinige? Gewiß nicht: und das wäre doch nur kaum der vierte Theil der Federung des Aristoteles. Denn wenn Aristoteles behauptet, daß die Tragödie Mitleid und Furcht errege, um Mitleid und Furcht zu reinigen: wer sieht nicht, daß dieses weit mehr sagt, als Dacier zu erklären für gut befunden? Denn, nach den verschiedenen Eombinationcn der hier vorkommenden Begriffe, muß der, welcher den Sinn des Aristoteles ganz erschöpfen will, stückweise zeigen, 1. wie das tragische Mitleid unser Mitleid, 2. wie die tragische Furcht unsere Furcht, 3. wie das tragische Mitleid unsere Furcht, nnd 4. wie die tragische Furcht unser Mitleid reinigen könne nnd wirklich reinige. Dacier aber hat sich nur an den dritten Punkt gehalten, und auch diesen nur sehr schlecht, und auch diesen nur zur Helfte erläutert. Denn wer sich um einen richtigen und vollständigen Begriff von der Aristotelischen Reinigung der Leidenschaften bemüht hat, wird finden, daß jeder von jenen vier Punkten einen doppelten Fall in sich schliesset. Da nehmlich, es kurz zu sagen, diese Reinigung in nichts anders beruhet, als in der Verwandlung der Leidenschaften in tugendhafte Fertigkeiten, bey jeder Tugend aber, nach unserm Philosophen, sich disscits und jenseits ein Ertrcmum findet, zwischen welchem sie inne stehet: so muß die Tragödie, wenn sie unser Mitleid in Tugend verwandeln soll, uns von beiden Ertrcmis des Mitleids zu reinigen vermögend seyn; welches auch von der Furcht zu verstehen. Das tragische Mitleid muß nicht allein, in Ansehung des Mitleids, die Seele desjenigen reinigen, Zweyter Band, 353 welcher zu viel Mitleid fühlet, sondern auch desjenigen, welcher zu wenig empfindet. Die tragische Furcht muß nicht allein, in Ansehung der Furcht, die Seele desjenigen reinigen, welcher sich ganz und gar keines Unglücks befürchtet, sondern auch desjenigen, den ein jedes Unglück, auch das entfernteste, auch das unwahrscheinlichste, in Angst setzet. Gleichfalls muß das tragische Mitleid, in Ansehung der Furcht, dem was zu viel, und dem was zu wenig, steuern: so wie hiuwicdcruni die tragische Furcht, in Ansehung des Mitleids. Datier aber, wie gesagt, hat nur gezeigt, wie das tragische Mitleid unsere allzu große Furcht mäßige: und noch nicht einmal, wie es dem gänzlichen Mangel derselben abhelfe, oder sie in dem, welcher allzu wenig von ihr empfindet, zu einem heilsamern Grade erhöhe; geschweige, daß er auch das Ucbrige sollte gezeigt haben. Die nach ihm gekommen, haben, was er unterlassen, auch im geringsten nicht ergänzet; aber wohl sonst, um nach ihrer Meinung, den Nutzen der Tragödie völlig außer Streit zu setzen, Dinge dahin gezogen, die dem Gedicht» überhaupt, aber kcincswcgcs der Tragödie, als Tragödie, insbesondere zukommen; z. E. daß sie die Triebe der Menschlichkeit nähren und stärken; daß sie Liebe zur Tugend und Haß gegen das Laster wirken solle u. s. w. (°) Lieber! welches Gedicht sollte das nicht? Soll es aber ein jedes: so kann es nicht das unterscheidende Kennzeichen der Tragödie seyn; so kann es nicht das seyn, was wir suchten. Neun und siebzigstes Stück. Ten '.'ten Februar, 17K8. Und nun wieder auf unsern Richard zu kommen. — Richard also erweckt eben so wenig Schrecken, als Mitleid: weder Schrecken in dem gcmißbrauchtcn Verstände, für die plötzliche Ucbcrraschung des Mitleids; noch in dem eigentlichen Verstände des Aristoteles, für heilsame Furcht, daß uns ein ähnliches Unglück treffen könne. Denn wenn er diese erregte, würde er auch Mitleid erregen; so gewiß er hinwiederum Furcht erregen würde, wenn wir ihn unsers Mitleids nur im geringsten wür- (°) Hr> Curlins in seiner Abhandlung von der Absicht des Trauerspiel?, hinter der Aristotelischen Dichtkunst. L-Mngs Werke VII. 23 354 Hamburgischc Tra»iaturgic. big fänden. Aber cr ist so ein abscheulicher Kerl, so ein eingefleischter Teufel, in dem wir so völlig keinen einzigen ähnlichen Zug mit uns selbst finden, daß ich glaube, wir könnten ihn vor unsern Augen den Martern der Hölle übergeben sehen, ohne das geringste für ihn zu empfinden, ohne im geringsten zu fürchten, daß, wenn solche Strafe nur auf solche Verbrechen folge, sie auch unsrer erwarte. Und was ist endlich das Unglück, die Strafe, die ihn trist? Nach so vielen Missethaten, die wir mit ansehen müssen, hören wir, daß cr mit dem Degen in der Faust gestorben. Als der Königinn dieses crzehlt wird, läßt sie der Dichter sagen: Dieß ist etwas! - Ich habe mich nie enthalten können, bey mir nachzusprechen: nein, das ist gar nichts! Wie mancher gute König ist so geblieben, indem cr seine Krone wider einen mächtigen Rebellen behaupten wollen? Richard stirbt doch, als ein Mann, auf dem Bette der Ehre. Und so ein Tod sollte mich für den Unwillen schadlos halten, den ich das ganze Stück durch, über den Triumph seiner Bosheiten empfunden? (Zch glaube, die griechische Sprache ist die einzige, welche ein eigenes Wort hat, diesen Unwillen über das Glück eines Böscwichts, auszudrücken: I'x.llko-l-;, -I'e^xo-oci'. ) Sein Tod selbst, welcher wenigstens meine Gcrcchtigkcitslicbc befriedigen sollte, unterhält noch meine Nemesis. Du bist wohlfeil weggekommen! denke ich: aber gut, daß es noch eine andere Gerechtigkeit giebt, als die poetische! Man wird vielleicht sagen: nun wohl! wir wollen den Richard aufgeben; das Stück heißt zwar nach ihm; aber er ist darum nicht der Held desselben, nicht die Person, durch welche die Absicht der Tragödie erreicht wird; cr hat nur das Mittel seyn sollen, unser Mitleid für andere zu erregen. Die Königinn, Elisabeth, die Prinzen, erregen diese nicht Mitleid? — Um allem Wortstrcitc auszuweichen: ja. Aber was ist es für cinc fremde, herbe Empfindung, die sich in mein Mitleid für diese Personen mischt? die da macht, daß ich mir dieses Mitleid ersparen zu können wünschte? Das wünsche ich mir (°) ^ris,. Mlel, lib. II. c->i>. 9. Zweyter Band. 366 bey dem tragischen Mitleid doch sonst nicht; ich verweile gern dabey; und danke dem Dichter für eine so süße Quaal. Aristoteles hat es wohl gesagt, und das wird es ganz gewiß seyn! Er spricht von einem ^c«;.ov, von einem Gräßlichen, das sich bey dem Unglücke ganz guter, ganz unschuldiger Personen finde. Und sind nicht die Königinn, Elisabeth, die Prinzen, vollkommen solche Personen? Was haben sie gethan? wodurch haben sie es sich zugezogen, daß sie in den Klauen dieser Bestie sind? Zst es ihre Schuld, daß sie ein näheres Recht auf den Thron haben, als er? Besonders die kleinen wimmernden Schlachtopfcr, die noch kaum rechts und links unterscheiden können! Wer wird leugnen, daß sie unsern ganzen Jammer verdienen? Aber ist dieser Jammer, der mich mit Schaudern an die Schicksale der Menschen denken läßt, dem Murren wider die Vorsehung sich zugesellet, und Verzweiflung von weiten nachschleicht, ist dieser Jammer — ich will nicht fragen, Mitleid? — Er hcissc, wie er wolle — Aber ist er das, was eine nachahmende Kunst erwecken sollte? Man sage nicht: erweckt ihn doch die Geschichte; gründet er sich doch auf etwas, das wirklich geschehen ist. — Das wirklich geschehen ist? eS sey: so wird es seinen guten Grund in dem ewigen unendlichen Zusammenhange aller Dinge haben. Zn diesem ist Weisheit und Güte, was uns in den wenigen Gliedern, die der Dichter hcrausnimt, blindes Geschick und Grausamkeit scheinet. Aus diesen wenigen Gliedern sollte er ein Ganzes machen, das völlig sich rundet, wo eines aus dem andern sich völlig erkläret, wo keine Schwierigkeit aufstößt, de- rcnwegcn wir die Befriedigung nicht in seinem Plane finden, sondern sie außer ihm, in dem allgemeinen Plane der Dinge, suchen müssen; das Ganze dieses sterblichen Schöpfers sollte ein Schattenriß von dem Ganzen des ewigen Schöpfers seyn; sollte uns an den Gedanken gewöhnen, wie sich in ihm alles zum Besten auflöse, werde es auch in jenem geschehen: und er vergißt diese seine edelste Bestimmung so sehr, daß er die unbegreiflichen Wege der Vorsicht mit in seinen kleinen Zirkel flicht, nnd gcflisscndlich unsern Schauder darüber erregt? — O verschonet uns damit, ihr, die ihr unser Herz in eurer Gewalt 23 ° Hambnrgische Dramaturgie. habt! Wozu dicsc traurige Empfindung? Uns Unterwerfung zu lehren? Dicsc kann uns nur die kalte Vernunft lehren; und wenn die Lehre der Vernunft in uns bcklcibcn soll, wenn wir, bey unserer Unterwerfung, noch Vertrauen und fröhlichen Muth behalten sollen: so ist es höchst nöthig, daß wir an die verwirrenden Beyspiele solcher unverdienten schrecklichen Verhängnisse so wenig, als möglich, erinnert werden. Weg mit ihnen von der Bühne! Weg, wenn es seyn könnte, aus allen Büchern mit ihnen! — Wenn nun aber der Personen des Richards keine einzige, die erforderlichen Eigenschaften hat, die sie haben müßten, Falls er wirklich das seyn sollte, was er heißt: wodurch ist er gleichwohl ein so interessantes Stück geworden, wofür ihn unser Publikum hält? Wenn er nicht Mitleid und Furcht erregt: was ist denn seine Wirkung? Wirkung muß er doch haben, und hat sie. Und wenn er Wirkung hat: ist es nicht gleichviel, ob er dicsc, oder ob er jene hat? Wenn er die Zuschauer beschäftiget, wenn er sie vergnügt: was will man denn mehr? Müssen sie denn, nothwendig nur nach den Regeln des Aristoteles, beschäftiget und vergnügt werden? Das klingt so unrecht nicht: aber es ist darauf zu antworten. Ucbcrhaupt: wenn Richard schon keine Tragödie wäre, so bleibt cr doch ein dramatisches Gedicht; wenn ihm schon die Schönheiten der Tragödie mangelten, so könnte er doch sonst Schönheiten haben. Poesie des Ausdrucks; Bilder; Tiradcn; kühne Gesinnungen; einen feurigen hinrcisscndcn Dialog; glückliche Veranlassungen für dcn Aktcur, dcn ganzen Umfang seiner Stimme mit dcn mannichfaltigstcn Abwechselungen zu durchlaufen, seine ganze Stärke in der Pantomime zu zeigen u. s. w. Von diesen Schönheiten hat Richard viele, und hat auch noch andere, die den eigentlichen Schönheiten der Tragödie näher kommen. Richard ist ein abscheulicher Bösewicht: aber auch die Beschäftigung unsers Abscheues ist nicht ganz ohne Vergnügen; besonders in der Nachahmung. Auch das Ungeheuere in dcn Verbrechen participirct von dcn Empfindungen, wclche Größe und Kühnheit in uns erwecken. _ ' ,> V- '.^ - - Zweyter Band. 357 Alles, was Richard thut, ist Greuel; aber alle diese Greuel geschehen in Absicht auf etwas; Richard hat einen Plan; und überall, wo wir einen Plan wahrnehmen, wird unsere Ncu- gicrdc rege; wir warten gern mit ab, ob er ausgeführt wird werden, nnd wie er es wird werden; wir lieben das Zweckmäßige so sehr, daß es uns, auch unabhängig von der Moralität des Zweckes, Vergnügen gewähret. Wir wollten, daß Richard seinen Zweck erreichte: und wir wollten, daß er ihn auch nicht erreichte. Das Erreichen erspart uns das Mißvergnügen, über ganz vergebens angewandte Mittel: wenn er ihn nicht erreicht, so ist so viel Blut völlig umsonst vergossen worden; da es einmal vergossen ist, möchten wir es nicht gern, auch noch blos vor langer Weile, vergossen finden. Hinwiederum wäre dieses Erreichen das Frohlocken der Bosheit; nichts hören wir ungcrncr; die Absicht intercsiirtc nns, als zu erreichende Absicht; wenn sie aber nun erreicht wäre, würden wir nichts als das Abscheuliche derselben erblicken, würden wir wünschen, daß sie nicht erreicht wäre; diesen Wunsch sehen wir voraus, und uns schaudert vor der Erreichung. Die guten Personen des Stücks lieben wir; eine so zärtliche feurige Mutter, Geschwister, die so ganz eines in dem andern leben; diese Gegenstände gefallen immer, erregen immer die süßesten sympathetischen Empfindungen, wir mögen sie finden, wo wir wollen. Sie ganz ohne Schuld leiden zu sehen, ist zwar herbe, ist zwar für unsere Ruhe, zu unserer Besserung, kein sehr ersprießliches Gefühl: aber es ist doch immer Gefühl. Und so nach beschäftiget uns das Stück durchaus, und vergnügt durch diese Beschäftigung unserer Scclcnkrästc. Das ist wahr; nur die Folge ist nicht wahr, die man daraus zu ziehen meinet: nehmlich, daß wir also damit zufrieden seyn können. Ein Dichter kann viel gethan, und doch noch nichts damit verthan haben. Nicht genug, daß sein Werk Wirkungen auf uns hat: es muß auch die haben, die ihm, vermöge der Gattung, zukommen; es muß diese vornehmlich haben, und alle andere können den Mangel derselben auf keine Weise ersetzen; besonders wenn die Gattung von der Wichtigkeit und Schwierigkeit, und Kostbarkeit ist, daß alle Mühe und aller Aufwand Hamburgische Tr.imalnrgie. vergebens wäre, wenn sie weiter nichts als solche Wirkungen hervorbringen wollte, die durch eine leichtere nnd weniger Anstalten erfordernde Gattung eben sowohl zu erhalten wären. Ei» Bund Stroh aufzuheben, muß man keine Maschinen in Bewegung setzen; was ich mit dem Fuße umstosscn kann, muß ich nicht mit einer Mine sprengen wollen; ich muß keinen Schcitcr- tcrhaufcn anzünden, um eine Mücke zu verbrennen. Achtzigstes Stück. Den Ztcn Februar, 1768. Wozu die sauere Arbeit der dramatischen Form? wozu ein Theater erbauet, Männer und Weiber verkleidet, Gedächtnisse gemartert, die ganze Stadt aus einen Platz geladen? wenn ich mit meinem Werke, und mit der Aufführung desselben, weiter nichts hervorbringen will, als einige von den Regungen, die eine gute Erzcblung, von jedem zu Hause in seinem Winkel gelesen, ungefehr auch hervorbringen würde. Die dramatische Form ist die einzige, in welcher sich Mitleid und Furcht erregen läßt; wenigstens können in keiner andern Form diese Leidenschaften auf einen so hoben Grad erreget werden: und glcicbwobl will man lieber alle andere darimi erregen, als diese; gleichwohl will man sie lieber zu allem andern brauchen, als zu dem, wozu sie so vorzüglich geschickt ist. Das Publikum »mit vorlicb. — Das ist gut, und auch nicht gut. Denn man sehnt sich nickt sehr nach der Tafel, an der man immer vorlieb nehmen muß. Es ist bekannt, wie erpicht das griechische und römische Volk ans die Schauspiele waren; besonders jenes, auf das tragische. Wie gleichgültig, wie kalt ist dagegen unser Volk für das Theater! Wobcr diese Vcrschicdcnbcir, wenn sie nicht daher kömmt, daß die Griechen vor ihrer Bühne sich mit so starken, so außerordentlichen Einpfmduugcn begeistert fühlten, daß sie den Augenblick nickt erwarten konnten, sie abermals und abermals zu haben: dahingegen wir uns vor unserer Bühne so schwacher Eindrücke bewußt sind, daß wir es selten der Zeit und des Geldes werth halten, sie uns zu verschaffen? Wir gehen, fast alle, fast immer, aus Ncugicrdc, aus Mode, aus Langerweile, aus Gc- Zweyter B.iiid. 35!) scllschaft, aus Begierde z« begaffen und begaft zu werden, ins Theater: lind nur wenige, und diese wenige nur sparsam, a»o anderer Absicht. Ich sage, wir, unser Volk, unserc Vübne: ick meine aber nickt blos, uns Deutsche. Wir Deutsche bekennen es trcnbcrzig genug, daß wir noch kein Theater babcn. Was viele von »»- sein Kunstrichtcrn, die in dieses Bekenntniß mit einstimmen, und große Verehrer des franzosische» Theaters sind, dabey denken: das kann ich so eigentlich nickt wissen. Aber ich weiß wohl, was ich dabey denke. Ich denke ncbmlich dabey: daß nickt allein wir Deutsche; sondern, daß auch die, welche sich seit bundcrt Jahren ein Theater zu haben rühmen, ja das beste Theater von ganz Europa zu haben prahlen, — daß auch die Franzosen noch kein Theater haben. Kein Tragisches gewiß nicht! Denn auch die Eindrücke, welche die französische Tragödie macht, sind so flack, so kalt! — Man höre einen Franzosen selbst, davon sprechen. „Bey den hervorstechenden Schönheiten unsers Theaters, sagt der Herr von Voltaire, „fand sich ein verborgner Fcblcr, „den man nicht bemerkt battc, weil das Publikum von selbst „keine böhcrc Zdccn haben konnte, als ihm die großen Meister „durch ihre Muster beybrachten. Der einzige Saint-Evrcmont „hat diesen Fehler aufgemutzt; er sagt nehmlich, daß unserc „Stücke nicht Eindruck genug machten, daß das, was Mitleid „erwecken solle, aufs höchste Zärtlichkeit errege, daß Rührung „die Stelle der Erschütterung, und Erstaunen die Stelle des „Schreckens vertrete; kurz, daß unsere Empfindungen nicht tief „genug gingen. Es ist nicht zu leugnen: Saint-Evrcmont hat „mit dem Finger gerade auf die heimliche Wunde des französischen Theaters getroffen. Man sage immerhin, daß Saint- „Evrcmont der Verfasser der elenden Komödie Sir Politik „Wouldbe, und noch einer andern eben so elenden, die Opern „genannt, ist; daß seine kleinen gesellschaftlichen (Gedichte das „kahlste und gemeinste sind, was wir in dieser Gattung haben, „daß er nichts als ein PhrascSdrcchslcr war: man kann keine» „Funken Genie haben, und gleichwohl viel Witz und Geschmack „besitzen. Sein Geschmack aber war unstreitig sehr fei», da er zeo Hamburgischc Dram.iturjzie. „die Ursache, warum die meisten von unsern Stücken so matt „und kalt sind, so genau traf. ES hat uns immer an einem „Grade von Wärme gefehlt: das andere hatten wir alles." Das ist: wir hatten alles, nur nicht das, was wir haben sollten; unsere Tragödien waren vortrefflich, nur daß es keine Tragödien waren. Und woher kam es, daß sie das nicht waren ? „Diese Kälte aber, fährt er fort, diese einförmige Mattigkeit, entsprang zum Theil von dem kleinen Geiste der Galanterie, der damals unter unsern Hoflcntcn und Damen so „herrschte, und die Tragödie in eine Folge von verliebten Gesprächen verwandelte, nach dem Geschmacke des Cyrus und „der Clclie. Was für Stücke sich hiervon noch etwa ausnah- „mcn, die bestanden aus langen politischen Raisonncmcnts, dergleichen den Scrtorius so verdorben, den Otho so kalt, und „den Surcna und Attila so elend gemacht haben. Noch fand „sich aber auch eine andere Ursache, die das hohe Pathetische „von unserer Scene zurückhielt, und die Handlung wirklich tragisch zu macben verhinderte: und diese war, das enge schlechte „Theater mit seinen armseligen Verzierungen. — Was ließ „sich auf einem Paar Dutzend Brettern, die noch dazu mit Zuschauern angefüllt waren, machen ? Mit welchem Pomp, mit „welchen Zurüstungen konnte man da die Augen der Zuschauer „bestechen, fesseln, täuschen? Welche große tragische Actiou „ließ sich da aufführen? Welche Freyheit konnte die Einbildungskraft des Dichters da haben ? Die Stücke mußten aus „langen Erzcblungcn bestehen, und so wurden sie mehr Gespräche als Spiele. Jeder Akteur wollte in einer langen „Monologe glänzen, und ein Stück, das dergleichen nicht hatte, „ward verworfen. — Bey dieser Form fiel alle theatralische „Handlung weg; fielen alle die großen Ausdrücke der Lcidcn- „scbaftcn, alle die kräftigen Gemählde der menschlichen UnglückS- „ fälle, alle die schrecklichen bis in das Innerste der Seele „dringende Züge weg; man rührte das Herz nur kaum, anstatt es zu zerrcissen." Mit der ersten Ursache hat es seine gute Richtigkeit. Galanterie und Politik läßt immer kalt; und noch ist es keinem Zweyter Band. Dichter in der Welt gclnngcn, die Erregung des Mitleids und der Furcht damit zu verbinden. Jene lassen nns nichts als den kat, oder den Schulmeister börcn: und diese fodcrn, daß wir nichts als den Menschen hören sollen. Aber die zweyte Ursache? — Sollte es möglich scnn, daß der Mangel eines gcra'umlichcn Theaters nnd guter Verzierungen, einen solchen Einfluß auf das Genie der Dichter gehabt hätte? Ist es wahr, daß jede tragische Handlung Pomp und Zurüstungcn crfodcrt ? Oder sollte der Dichter nicht viclmcbr sein Stuck so einrichten, daß es auch ohne diese Dinge seine völlige Wirkung hervorbrächte. Nach dem Aristoteles, sollte er cS allerdings. „Furcht und „Mitleid, sagt der Philosoph, läßt sich zwar durchs Gesicht „erregen; es kann aber auch aus der Verknüpfung der Begebenheiten selbst entspringen, wclcbcS letztere vorzüglicher, und „die Weise des bessern Dichters ist. Denn die Fabel muß so „eingerichtet seyn, daß sie, auch ungesehen, den, der den Vcr- „lauf ibrcr Begebenheiten blos anhört, zu Mitleid und Furcht „über diese Begebenheiten bringet; so wie die Fabel des Ocdips, „die man nur anhören darf, um dazu gebracht zu werde». „Diese Absicht aber durch das Gesicht erreichen wollen, crfodcrt „weniger Kunst, und ist deren Sache, welche die Vorstellung „des Stücks übernommen." Wie entbehrlich überhaupt die theatralischen Verzierungen sind, davon will man mit den Stücken des Shakcspcars eine sonderbare Erfahrung gehabt haben. Welche Stücke brauchten, wegen ihrer beständigen Unterbrechung und Veränderung des Orts, des Beystandes der Scenen nnd der ganzen Kunst des Dccoratcurs wohl mehr, als eben diese? Gleichwohl war eine Zeit, wo die Bühnen, auf welchen sie gespielt wurden, ans nichts bestanden, als aus einem Vorhange von schlechtem groben Zeuge, der, wenn er aufgezogen war, die bloßen blanken, höchstens mit Matten oder Tapeten bchangcncn, Wände zeigte; da war nichts als die Einbildung, was dem Verständnisse des Zuschauers und der Ausführung dcS Spielers zu Hülfe kommen konnte: und dem ohngcachtct, sagt man, waren 362 Hambnrgischc Tramaturgic. damals dic Stucke des Shakcspcars ohne alle Scene» verständlicher, als sie es bcrnacb mit denselben gewesen sind. Wenn sich also der Dichter nm dic Verzierung gar nicht zu bekümmern hat; wenn die Verzierung, auch wo sie nöthig scheinet, ohne besondern Nachlbcil seines Stücks wegbleiben kann: warum sollte es an dem engen, schlechten Theater gelegen haben, daß uns dic französischen Dichter keine rührendere Stücke geliefert? Nicht doch: es lag an ihnen selbst. Und das beweiset dic Erfahrung. Denn nun haben ja dic Franzoscn cinc schöncrc, gcräumlicbcrc Bühne, keine Zuschauer werden mcbr darauf geduldet; dic Coulissen sind lccr; dcr Dc- coratcur hat freyes Feld; er mahlt und bauet dem Poeten alles, was dicscr von ihm verlangt: abcr wo sind sic dcnn dic wärmcrn Stücke, die sic scitdcm erhalten haben? Schmcicbclt sich dcr Herr von Voltaire, daß seine Scmiramis ein solches Stück ist? Da ist Pomp und Verzierung genug; ein Gespenst oben darein: und doch kenne ich nichts kälteres, als seine Scmiramis. Ein und achtzigstes Stück- Tcn Neu Februar, 1768. Will ich dcnn nun aber damit sagen, daß kein Franzose fähig sey, ein wirklich rührendes tragisches Werk zu machen ? daß der volatilc Geist dcr Nation einer solchen Arbeit nicht gewachsen sey? — Zch würde mich schämen, wenn mir das nur eingekommen wäre. Deutschland hat sich noch durch keinen Vou- hours lächerlich gemacht. Und ich, für mein Theil, hätte nun (°) (l'iMivr'» I.iv-s vl lliupoels ok v. v. sml lr. Vol. II, i>. 78,79.) — üiome >>!>vill fj»u s»i?»e!> >,iov> Nie ruin of »cliiix. — I» Illv roixi» «k t1»i>rl<.>,»> I. Ilioro v n« »«U>i»x m»re II>!>» » rurlüin «f ver^ col>7te siusf, »i><>» IIw «Irii^vinx »i> »k >vl>icl>, Nie sliige .i>>i>o!>rell c'illier ^ illi Ii«rv ^viill» »» U>u siil^-j, c»!>rtl^ niilUeil, »r covvrell >vUI> >»i>^sli-^; tu >>>»! lui IIiv >il»cv oriLi»!iU>' repreki-ntüll, !>U Nie ruccüsNve <>>!»i- gvs, in ^vliicl» !>>>! vk Uwsu Umv« fr^ulx ii»>ult;^>> »lüiu^Iv,!!!, liiere >v!>» »»Uiittg lu Iielp >>»' siieiUiUoi'jj »»llersülttiNnz, or l» »tilsl U>o nclur's >>er5uri»!iiic>!, dul Iinre imli^in.ilio», — si>'»it juilxvme»! ok IIiv »cwrs supplivll »II llvfieit-ncies, i»i>I ns 5oi»o ^ oul>> i»finu!»e. i>I»)ü luviv inwlligiblv >vi>Iwut sceiiei,, IIis» »>ex «kterxvilrllt, »ero >vl»i liiern. ^___ Zweyter B.iiid. 3t>3 gleich die wenigste Anlage dazu. Denn ich bin sehr überzeugt, daß kein Volk in der Welt irgend eine Gabe dcö Geistes vorzüglich vor andern Völkern erhalten habe. Man sagt zwar: der tiefsinnige Engländer, der witzige Franzose. Aber wer hat denn die Theilung gemacht? Die Natur gewiß nicht, die alles unter alle gleich vertheilet. Es giebt eben so viel witzige Engländer, als witzige Franzosen? und eben so viel tiefsinnige Franzosen, als tiefsinnige Engländer: der Braß von dein Volke aber ist keines von beiden. — Was will ich denn? Ich will blos sagen, was die Franzosen gar wohl haben könnten, daß sie das noch nicht haben: die wahre Tragödie. Und warum noch nicht haben? — Dazu hätte sich der Herr von Voltaire selbst besser kcnncn müssen, wenn er es hätte treffen wollcit. Ich meine: sie haben es noch nicht; weil sie es schon lange gehabt zu haben glauben. Und in diesem Glauben werden sie nun freylich durch etwas bestärkt, das sie vorzüglich vor alle» Völkern haben; aber es ist keine Gabe der Natur: durch ihre Eitelkeit. Es geht mit den Nationen, wie mit einzeln Menschen. — Gottsched (man wird leicht begreifen, wie ich eben hier auf diesen falle,) galt in seiner Jugend für einen Dichter, weil man damals den Vcrsmachcr von dem Dichter noch nicht zu unterscheiden wußte. Philosophie und Eritik setzten nach und nach diesen Unterschied ins Helle: und wenn Gottsched mit dem Jahrhunderte nur hätte fortgehen wollen, wenn sich seine Einsichlcn und sein Geschmack nur zugleich mit den Einsichten und dem Geschmacke seines Zeitalters hätten verbreiten und läutern wollen: so hätte er vielleicht wirklich aus dem Vcrsmachcr ein Dichter werden können. Aber da er sich schon so oft den größten Dichter hatte nennen hören, da ihn seine Eitelkeit überredet hatte, daß er es sey: so unterblieb jenes. Er konnte unmöglich erlangen, was er schon zu besitzen glaubte: und je älter er ward, desto hartnäckiger uiid unvcrschämtcr ward er, sich in diesem träumerischen Besitze zu behaupten. Gerade so, dünkt mich, ist es den Franzosen ergangen. Kaum riß Corneille ihr Theater ein wenig aus der Barbarcy: so 364 Hambiirgischc Dramaturgie. glaubte» sie cs der Bollkommcnhcit schon ganz nahe. Racine schien ihnen die letzte Hand angelegt zu haben; und hierauf war gar nicht mehr die Frage, (die cs zwar auch nie gewesen,) ob der tragische Dichter nicht noch pathetischer, noch rührender seyn könne, als Corneille und Racine, sondern dieses ward für unmöglich angenommen, und alle Bcciferung der nachfolgenden Dichter mußte sich darauf einschränken, dem einen oder dem andern so ähnlich zu werden als möglich. Hundert Jahre haben sie sich selbst, und zum Theil ihre Nachbarn mit, hintergangcn: nun komme einer, und sage ihnen das, und höre, was sie antworten! Von beiden aber ist es Corneille, welcher den meisten Schaden gestiftet, und auf ihre tragischen Dichter den verderblichsten Einfluß gehabt hat. Denn Racine hat nur durch seine Muster verführt: Corneille aber, durch seine Muster und Lehren zugleich. Diese letztem besonders, von der ganzen Nation (bis auf einen oder zwey Pedanten, einen Hcdclin, einen Dacier, die aber oft selbst nicht wußten, was sie wollten,) als Orakcl- sprüchc angenommen, von allen nachhcrigen Dichtern befolgt: haben, — ich getraue mich, cs Stück vor Stück zu beweisen, — nichts anders, als das kahlste, wäßrigste, untragischste Zeug hervorbringen können. Die Regeln des Aristoteles, sind alle auf die höchste Wirkung der Tragödie calculirt. Was macht aber Corneille damit? Er trägt sie falsch und schielend genug vor; und weil er sie doch noch viel zu strenge findet: so sucht er, bey einer nach der andern, lzuolPio moclvi-ation, yuolczuo favoralile intei-^rotation; entkräftet und verstümmelt, deutelt und vereitelt eine jede, — und warum? jiour n'vtro pas odl'iAvs llo cc»n«Iamner deaueou^, llo Poemes Wo nous avons rvusfir tur nos tlio.-ltres; UM nicht viele Gedichte verwerfen zu dürfen, die auf unsern Bühnen Beyfall gefunden. Eine schöne Ursache! Ich will die Hauptpunkte geschwind berühren. Einige davon habe ich schon berührt; ich muß sie aber, des Zusammenhanges wcgcn, wicdcrum mitnchmcn. t. Aristoteles sagt: die Tragödie soll Mitleid und Furcht erregen. — Corneille sagt: o ja, aber wie es kömmt; beides zugleich ist eben nicht immer nöthig; wir sind auch mit einem Zweyter Band. ZK5 zufrieden; itzt einmal Mitleid, ohne Furcht; ein andermal Furcht, ohne Mitleid. Denn wo blieb ich, ich der große Corneille, sonst mit meinem Rodriguc und meiner Chüncnc? Die guten Kinder erwecken Mitleid; und sehr großes Mitleid: aber Furcht wohl schwerlich. Und wiederum: wo blieb ich sonst mit meiner Cleopatra, mit meinem Prusias, mit meinem PhocaS? Wer kann Mitleid mit diesen Nichtswürdigcn habend Aber Furcht erregen sie doch. — So glaubte Corneille: und die Franzosen glaubten es ihm nach. 2. Aristoteles sagt: die Tragödie soll Mitleid und Furcht erregen; beides, versteht sich, durch eine und eben dieselbe Person. — Corneille sagt: wenn es sich so trift, recht gut. Aber absolut nothwendig ist es eben nicht; und man kann sich gar wohl auch verschiedener Personen bedienen, diese zwey Empfindungen hervorzubringen: so wie Ich in meiner Ziodogune gethan habe. — Das hat Corneille gethan: und die Franzosen thun es ihm nach. 3. Aristoteles sagt: durch das Mitleid und die Furcht, welche die Tragödie erweckt, soll unser Mitleid und unsere Furcht, und was diesen anhängig, gcreinigct werden. — Corneille weiß davon gar nichts, und bildet sich ein, Aristoteles habe sagen wollen: die Tragödie erwecke unser Mitleid, um unsere Furcht zu erwecken, um durch diese Furcht die Leidenschaften in uns zu reinigen, durch die sich der bemitleidete Gegenstand sein Unglück zugezogen. Ich will von dem Werthe dieser Absicht nicht sprechen: genug, daß es nicht die aristotelische ist; und daß, da Corneille seinen Tragödien eine, ganz andere Absicht gab, auch nothwendig seine Tragödien selbst ganz andere Werke werden mußten, als die waren, von welchen Aristoteles seine Absicht abstrahirer hatte; es mußten Tragödien werden, welches keine wahre Tragödien waren. Und das sind nicht allein seine, sondern alle französische Tragödien geworden; weil ihre Verfasser alle, nicht die Absicht des Aristoteles, sondern die Absicht des Corneille, sich vorsetzten. Ich habe schon gesagt, daß Dacicr beide Absichten wollte verbunden wissen: aber auch durch diese bloße Verbindung, wird die erstere geschwächt, und die Tragödie muß unter ihrer höchsten Wirkung bleiben. Dazu hatte ^^^» H.imburgi'sche Trmnalurgie. Dacicr, wie ich gezeigt, von der erstem nur einen sehr unvollständigen Begriff, und es war kein Wunder, wenn er sich daher einbildete, daß die französischen Tragödien seiner Zeit, noch eher die erste, als die zweyte Absicht erreichten. „Unsere Tragödie, sagt er, ist, zu Folge jener, »och so ziemlich glücklich, „Mitleid und Furcht zu erwecken und zu reinigen. Aber diese „gelingt ihr nur sehr selten, die doch gleichwohl die wichtigere „ist, und sie reiniget die übrigen Leidenschaften nur sehr wenig, „oder, da sie gemeiniglich nichts als Licbcsintriguen enthalt, „wenn sie ja eine davon reinigte, so würde es einzig und „allein die Liebe seyn, woraus denn klar erhellet, daß ihr „Nuycn nur sehr klein ist."(") Gerade umgekehrt! Es giebt noch eher französische Tragödien, welche der zweyten, als welche der ersten Absicht ein Genüge leisten. Ich kenne verschiedene französische Stücke, welche die unglücklichen Folgen irgend einer Leidenschaft recht wohl ins Licht setzen, ans denen man viele gute Lehren, diese Leidenschaft betreffend, ziehen kann: aber ich kenne keines, welches mein Mitleid in dem Grade erregte, in welchem die Tragödie es erregen sollte, in welchem ich, aus verschiedenen griechischen und englischen Stücken gewiß weiß, daß sie es erregen kann. Verschiedene französische Tragödien sind sehr feine, sehr unterrichtende Werke, die ich alles Lobes werth halte: mir, daß eS keine Tragödien sind. Die Verfasser derselben konnten nicht anders, als sehr gute Köpfe seyn; sie verdienen, zum Theil, unter den Dichtern keinen geringen Rang: nur daß sie keine tragische Dichter sind; nur daß ihr Corneille und Racine, ihr Crebillon und Voltaire von dem wenig oder gar nichts haben, was den Sophokles zum Sophokles, den Euripidcs zum Enripidcs, den Shakcspcar zum Shakcspcar macht. Diese sind selten mit den wesentlichen Fo- (") l?ve>. abritt, cilap. VI, Nem, 8.) >iolre I>rsgetiie zient re»Mr ntse?. >!»»?! In Premiere pnrlie, e'esl n liire, itlr'ellv peilt exeiler «i? purger In terreur 6,' In eompnMo». I>li>i» eile pnrvieM rnreiue»! n In «lerniere, qui ett pourlnnl In plus ulile, eile inirge peit les nulrv5 pnMo»», oa comme eile ruule or>Ii»nireme»I tur >Ie« inIriAiies Ä'nmour, si eile en Iiiir-renil »'»»e, ce seroil celle-Is lenie, >^ pnr In il efl nile lle vuir >i»'«>IIe >>e fnii e» >Ie fruil> Zweyter Bmid. dcrungcn des Aristoteles im Widerspruch: aber jene desto öfterer. Demi nur weiter — Zwey lind achtzigstes Stück. Teil 12le» Februar, 1768. 4. Aristoteles sagt: man muß keinen ganz guten Mann, ohne alle sein Verschulden, in der Tragödie unglücklich werden lassen; denn so was sey gräßlich. — Ganz recht, sagt Corneille; „ein solcher Ansgang erweckt mehr Unwillen und Haß gegen „den, welcher das Leiden verursacht, als Mitleid für den, „welchen es trift. Jene Empfindung also, welche nicht die eigentliche Wirkung der Tragödie seyn soll, würde, wenn sie „nicht sehr fein behandelt wäre, diese ersticken, die doch eigentlich hervorgebracht werden sollte. Der Zuschauer würde mißvergnügt weggehen, weil sich allzuviel Zorn mit dem Millei- „dcn vermischt, welches ihm gefallen hatte, wenn er es allein „mit wegnehmen können. Aber — kömmt Corneille hinten nach; denn mit einem Aber muß er nachkommen, — /,abcr, „wenn diese Ursache wegfällt, wenn es der Dichter so eingerichtet, daß der Tugendhafte, welcher leidet, mehr Mitleid „für sich, als Widerwillen gegen den erweckt, der ihn leiden „läßt: alsdcnn? — O alsdcnn, sagt Corneille, halte ich dafür, „darf man sich gar kein Bedenken machen, auch den tugendhaftesten Mann auf dem Theater im Unglücke zu zeigen."(°) — Ich begreife nicht, wie man gegen einen Philosophen so in den Tag hincinschwatzcn kann; wie man sich das Ansehen geben kann, ihn zu verstehen, indem man ihn Dinge sagen läßt, an die er nie gedacht hat. Das gänzlich unverschuldete Unglück eines rechtschaffenen Mannes, sagt Aristoteles, ist kein Stoff für das Trauerspiel; denn es ist gräßlich. Aus diesem Denn, aus dieser Ursache, macht Corneille ein Insofern, eine bloße Bedingung, unter welcher es tragisch zu seyn aufhört. Aristoteles sagt: es ist durchaus gräßlich, und eben daher untragisch. Corneille aber sagt: es ist untragisch, insofern es gräßlich ist. Dieses Gräßliche findet Aristoteles in dieser Art des Unglückes (") ^'vMn»! I>! <>jss».iN>i/ il'i'.viwfi'! s»r >il c<.'<>»>> lies Iiomine» Ires vertuvux. 368 Hciinblirgische Dramaturgie- selbst: Corneille aber setzt es in den Unwillen, den es gegen den Urheber desselben verursacht. Er sieht nicht, oder will nicht sehen, das jenes Gräßliche ganz etwas anders ist, als dieser Unwille; daß wenn auch dieser ganz wegfallt, jenes doch noch in seinem vollen Maaße vorhanden seyn kann: genug, daß vors erste mit diesem ljuicl pro Wo verschiedene von seinen Stücken gercchtfcrtigct scheinen, die er so wenig wider die Regeln des Aristoteles will gemacht haben, daß er vielmehr vermessen genug ist, sich einzubilden, es habe dem Aristoteles blos an dergleichen Stücken gefehlt, um seine Lehre darnach näher einzuschränken, und verschiedene Manieren daraus zu abstrahircn, wie dem ohngcachtct das Unglück des ganz rechtschaffenen Mannes ein tragischer Gegenstand werden könne. IZn voiei, sagt er, clvux ou tro.s Min>it!,'(Z8, c>uo pout-ötro ^rittoto na provoir, psrcv yu'on n'on vo^olt pas cl'exomplos tur los tlioatres clo t'on tems. Und von wem sind diese Exempel? Von wem anders, als von ihm selbst? Und welches sind jene zwey oder drey Manieren? Wir wollen geschwind sehen. — „Die erste, sagt er, ist, wenn „ein sehr Tugendhafter durch einen sehr Lasterhaften verfolgt „wird, der Gefahr aber entkömmt, und so, daß der Lasterhafte „sich selbst darin» verstricket, wie es in der Rodogunc und im „Hcraklius geschiehet, wo es ganz unerträglich würde gewesen „seyn, wenn in dem ersten Stücke Antiochus und Rodogune, „und in dem andern Hcraklius, Pulchcria und Martian umgekommen wären, Cleopatra lind Phokas aber triumphirct hät- „tcn. Das Unglück der erstem erweckt ein Mitleid, welches „durch den Abscheu, den wir wider ihre Verfolger haben, nicht „erstickt wird, weil man beständig hoft, daß sich irgend ein „glücklicher Zufall cräugnen werde, der sie nicht unterliegen „lasse." Das mag Corneille sonst jemanden weiß machen, daß Aristoteles diese Manier nicht gekannt habe! Er hat sie so wohl gekannt, daß er sie, wo nicht gänzlich verworfen, wenigstens mit ausdrücklichen Worten für angemessener der Komödie als Tragödie erklärt hat. Wie war cS möglich, daß Corneille dieses vergessen hatte? Aber so geht es allen, die im voraus ihre Sache zu der Sache der Wahrheit machen. Im Grunde gehört diese Manier auch gar nicht zu dem vorhabenden Falle. Zweyter Nand. 3K9 Denn nach ihr wird der Tugendhafte nicht unglücklich, sondern befindet sich nur auf dem Wege zum Unglücke; welches gar wohl mitleidige Besorgnisse für ihn erregen kann, ohne gräßlich zu seyn. — Nun, die zweyte Manier! „Auch kann es sich zutragen, sagt Corneille, daß ein sehr tugendhafter Mann verfolgt wird, und auf Befehl eines andern umkömmt, der nicht „lasterhaft genug ist, unsern Unwillen allzusehr zu verdienen, „indem er in der Verfolgung, die er wider den Tugcndbaften „betreibet, mehr Schwachheit als Bosheit zeiget. Wenn Felix „seinen Eidam Polyeukt umkommen läßt, so ist cs nicht aus „wüthendem Eifer gegen die Christen, der ihn uns vcrabschcu- „ungswürdig machen würde, sondern blos aus kriechender „Furchtsamkeit, die sich nicht getrauet, ihn in Gegenwart des „Scvcrus zu retten, vor dessen Hasse und Rache er in Sorgen „stehet. Man fasset also wohl einigen Unwillen gegen ihn, „und mißbilliget sein Verfahren, doch überwiegt dieser Unwille „nicht das Mitleid, welches wir für den Polyeukt empfinden, „und verhindert auch nicht, daß ihn seine wunderbare Bekehrung, „zum Schlüsse des Stücks, nicht völlig wieder mit den Zuhörern aussöhnen sollte." Tragische Stümper, denke ich, hat cS wohl zu allen Zeiten, und selbst in Athen gegeben. Warum sollte cs also dem Aristoteles an einem Stücke, von ähnlicher Einrichtung, gefehlt haben, um daraus eben so erleuchtet zu werden, als Corneille? Possen! Die furchtsamen, schwanken unentschlossenen Charaktere, wie Fclir, sind in dergleichen Stücken ein Fehler mehr, und machen sie noch oben darein ihrer Scits kalt und cckcl, ohne sie auf der andern Seite im geringsten weniger gräßlich zu machen. Denn, wie gesagt, das Gräßliche liegt nicht in dem Unwillen oder Abscheu, den sie erwecken: sondern in dem Unglücke selbst, das jene unverschuldet trist; daß sie einmal so unverschuldet trift als das andere, ihre Verfolger mögen böse oder schwach seyn; mögen mit oder ohne Vorsatz ihnen so hart fallen. Der Gedanke ist an nnd für sich selbst gräßlich, daß es Menschen geben kann, die ohne alle ihr Verschulden unglücklich sind. Die Hcidcn hätten dicscn gräßlichen Gedanken so weit von sich zu entfernen gesucht, als möglich: und wir wollten ihn nähren? wir wollten uns an Sckau- Lcslmgs Werke VII. 24 370 Hamburgische Dnim.iturgie. spiclcn vergnügen, die ihn bestätige»? wir? die Religion und Acrnunft überzeuget haben sollte, daß er eben so unrichtig als gotteslästerlich ist? — Das nehmliche würde sicherlich auch gegen die dritte Manier gelten; wenn sie Corneille nicht selbst näher anzugeben, vergessen hätte. 6. Auch gegen das, was Aristoteles von der Unschicklichkeit eines ganz Lasterhaften zum tragischen Helden sagt, als dessen Unglück weder Mitleid noch Furcht erregen könne, bringt Corneille seine Läuterungen bey. Mitleid zwar, gesteht er zu, könne er nicht erregen; aber Furcht allerdings. Denn ob sich schon keiner von den Zuschauern der Laster desselben fähig glaube, und folglich auch desselben ganzes Unglück nicht zu befürchten habe: so könne doch ein jeder irgend eine jenen Lastern ähnliche Unvollkommcnhcit bey sich hegen, und durch die Furcht vor den zwar proportionirtcn, aber doch noch immer unglücklichen Folgen derselben, gegen sie auf seiner Hut zu seyn lernen. Doch dieses gründet sich auf den falschen Begriff, welchen Corneille von der Furcht und von der Reinigung der in der Tragödie zu erweckenden Leidenschaften hatte, und widerspricht sich selbst. Denn ich habe schon gezeigt, daß die Erregung des Mitleids von der Erregung der Furcht unzertrennlich ist, und daß der Böscwicht, wenn cs möglich wäre, daß er unsere Furcht erregen könne, auch nothwendig unser Mitleid erregen müßte. Da er aber dieses, wie Corneille selbst zugesteht, nicht kann, so kann cr auch jenes nicht, und bleibt gänzlich ungeschickt, die Absicht der Tragödie erreichen zu helfen. Za Aristoteles hält ihn hierzu noch für ungeschickter, als den ganz tugendhaften Mann; denn cr will ausdrücklich, Falls man den Held aus der mittlern Gattung nicht haben könne, daß man ihn eher besser als schlimmer wählen solle. Die Ursache ist klar; ein Mensch kann sehr gut seyn, und doch noch mehr als eine Schwachheit haben, mehr als einen Fehler begehen, wodurch cr sich in ein unabschlichcs Unglück stürzet, das uns mit Mitleid und Wch- muth erfüllet, ohne im geringsten gräßlich zu seyn, weil cs die natürliche Folge seines Fehlers ist. — Was Du Bos (°) von l°) NvNvxian-z cr. l. Loct. XV. Zweyter Band. dem Gebrauche der lasterhaften Personen in der Tragödie sag», ist das nicht, was Corneille will. Dn Bos will sie nur zu den Nebenrollen erlauben; blos zu Werkzeugen, die Hauptpersonen weniger schuldig zu machen; blos zur Abstcchung. Corneille aber will das vornehmste Interesse auf sie beruhen lassen, so wie in der Rodogunc: und das ist es eigentlich, was mit der Absicht der Tragödie streitet, und nicht jenes. Du Bos merket dabey auch sehr richtig an, daß das Unglück dieser subalternen Böscwichtcr keinen Eindruck auf uns mache. Kaum, sagt er, daß man den Tod des Narciß im Britanniens bemerkt. Aber also sollte sich der Dichter, auch schon deswegen, ihrer so viel als möglich enthalten. Denn wenn ihr Unglück die Absicht der Tragödie nicht unmittelbar befördert, wenn sie bloße Hülfsmittel sind, durch die sie der Dichter desto besser mit andern Personen zu erreichen sucht: so ist es unstreitig, daß das Stück noch besser seyn würde, wenn es die nehmliche Wirkung ohne sie hätte. Ze simpler eine Maschine ist, je weniger Federn und Räder und Gewichte sie hat, desto vollkommener ist sie. Drey und achtzigstes Scück. Den ILtcn Februar, 1768. C>. Und endlich, die Mißdeutung der ersten und wesentlichsten Eigenschaft, welche Aristoteles für die Sitten der tragischen Personen fodert! Sie sollen gut seyn, die Sitten. — Gut? sagt Corneille. „Wenn gut hier so viel als tugendhaft heisst» soll: so wird es mit den meisten alten und neuen Tragödien übel aussehen, in welchen schlechte und lasterhafte, wenigstens mit einer Schwachheit, die nächst der Tugend so recht nicht bestehen kann, behaftete Personen genug vorkommen." Besonders ist ihm für seine Cleopatra in der Rodogunc bange. Die Güte, welche Aristoteles fodert, will er also durchaus für keine moralische Güte gelten lassen; es muß eine andere Art von Güte seyn, die sich mit dem moralisch Bösen eben so wohl verträgt, als mit dein moralisch Guten. Gleichwohl incinct Aristoteles schlechterdings cinc moralische Güte: nur daß ihm tugendhafte Personen, und Personen, welche in gewissen Umständen tugendhafte Sitten zeigen, nicht einerley sind. Kurz, Corneille vcr- 24° 372 Hauwurgische Dramaturgie. bindet cinc ganz falsche Zdcc mit dem Worte Sitten, und was die Proärcsis ist, durch welche allein, nach unserm Wcltwciscn, freye Handlungen zu guten oder bösen Sitten werden, hat er gar nicht verstanden. Ich kann mich itzt nicht in einen wcit- läuftigcn Beweis einlassen; er läßt sich nur durch den Zusammenhang, durch die syllogistischc Folge aller Ideen des griechischen Kunstrichtcrs, einleuchtend genug führen. Ich vcrspare ihn daher auf cinc andcre Gelegenheit, da es bey dieser ohncdcm nur darauf ankömmt, zu zcigcn, was für einen unglücklichen AuSwcg Corneille, bey Verfehlung des richtigen Weges, ergriffen. Tiefer Ausweg lief dahin: daß Aristoteles unter der Güte der Sitten den glänzenden und erhabnen Charakter irgend einer tugendhaften oder strafbaren Neigung verstehe, so wie sie der eingeführten Person entweder eigenthümlich zukomme, oder ihr schicklich beygeleget werden könne: lo caraetore drillant A «.'lov,' ti'uno lülditucle vcrtuoulo ou crinilnello, solon ^n ollo oK ^io^r768 zu Carougc gespielt worden: aber noch nicht zu Paris; so viel ich weiß. Nicht als ob sie da, seit der Zeit, keine schlechtem Stücke gespielt hätten: denn dafür haben die Manns und Le Brcts wohl gesorgt. Sondern weil — ich weiß selbst nicht. Denn ich wenigstens möchte doch noch lieber einen großen Mann in seinem Schlafrocke und seiner Nachtmütze, als einen Stümper in seinem Fcycrklcidc sehen. Charaktere und Interesse hat das Stück nicht; aber vcrschie- dne Situationen, die komisch genug sind. Zwar ist auch das Komische aus dem allcrgcmcinstcn Fache, da es sich auf nichts als anfs Zucognito, auf Vcrkcnnungcn und Mißverständnisse gründet. Doch die Lacher sind nicht cckcl; am wenigsten würden es unsre deutschen Lacher seyn, wenn ihnen das srcmdc der Sitten und die elende Uebcrsctzung das mot pour riro nur nicht meistens so unverständlich machte. Den fünfzigsten Abend (Frcytags den 24tcn Zulius) ward Gresscts Sidncy wicdcrhohlt. Den Beschluß machte, der sehende Blinde. Dieses kleine Stuck ist vom Lc Grand, und auch nicht von ibm. Denn er hat Titel und Intrigue und alles, einem alten Stücke des de Brosse abgeborgt. Ein Officicr, schon etwas bey Jahren, will eine junge Wittwe heyralhcn, in die er verliebt l°) S. dcn 17tc» Abcnd Scilc 77. Zweyter Band. 375 ist, als cr Ordre bekömmt, sich zur Armee zu verfügen. Er verläßt seine Versprochene, mit den wechselseitigen Versicherungen der aufrichtigsten Zärtlichkeit. Kaum aber ist cr weg, so nimmt die Wittwe die Aufwartungen dcS Sohnes von diesem Officicrc an. Die Tochter desselben macht sich glcichcrgcstalt die Abwesenheit ihres Vaters zu Nutze, und nimmt einen jungen Menschen, den sie liebt, im Hause auf. Diese doppelte Intrigue wird dem Vater gemeldet, der, nm sich selbst davon zu überzeugen, ihnen schreiben läßt, daß cr sein (Besicht vcrlohrcn habe. Die List gelingt; cr kömmt wieder »ach Paris, und mit Hülfe eines Bedienten, der um den Betrug weiß, sieht cr alles, was in seinem Hause vorgeht. Die Entwicklung läßt sich crra- thcn; da der Ofsicier an der Unbeständigkeit der Wittwe nicht länger zweifeln kann, so erlaubt cr seinem Sohne, sie zu hcy- rathcn, und dcr Tochter giebt cr die nchmlichc Erlaubniß, sich mit ihrem Geliebten zu verbinden. Die Scenen zwischen dcr Wittwe und dem Sohn des Officicrs, in Gegenwart des letzten, haben viel Komisches; die Wittwe versichert, daß ihr der Zufall des Officicrs sehr nahe gehe, daß sie ihn aber darum nicht weniger liebe; und zugleich giebt sie seinem Sohn, ihrem Liebhaber, einen Wink mit den Augen, oder bezeigt ihm sonst ihre Zärtlichkeit durch Gcbchrdcn. Das ist dcr Inhalt dcs altcn Stücks vom dc Brossc,(') und ist auch der Zuhält von dem neuen Stücke des Lc Grand. Nur daß in diesem die Intrigue mit dcr Tochlcr weggeblieben ist, um jene fünf Akte desto leichter in Einen zu bringen. Aus dem Vater ist ein Onkel geworden, und was sonst dergleichen kleine Ncrändcrungcn mehr sind. Es mag endlich entstanden seyn wie es will; gnug, eS gcfällt sehr. Die Ucbcrsctzung ist in Vcrscn, und vielleicht eine von den besten die wir haben; sie ist wenigstens sehr flicsscnd, und hat viclc drollige Zeilen. Vier und achtzigstes Stück. Den 19tcn Februar, 1768. Den ein und fünfzigsten Abend (Montags, den 27stcn Julius,) ward dcr Hausvater dcs Hrn. Diderot aufgeführt. (°) IMI, «Zu ru, t'r. I'oine Vll. p. SZK> 370 H.ii»burgische Trciliiailirgic. Da dieses vortreffliche Stück, welches den Franzosen nur so so gefällt, — wenigstens hat es mit Müh und Noth kaum ein oder zwcymal auf dem Pariser Theater erscheinen dürfen, — sich, allem Ansehen nach, lange, sehr lange, und warum nicht immer? auf unsern Bühnen erhalten wird; da es auch hier nicht oft genug wird können gespielt werden: so hoffe ich, Raum und Gelegenheit genug zu haben, alles auszukramen, was ich sowohl über das Stück selbst, als über das ganze dramatische System des Verfassers, von Zeit zu Zeit angemerkt habe. Zch hole recht weit aus. — Nicht erst mit dem natürlichen Sohne, in den beygefügten Unterredungen, welche zusammen im Zahrc 1767 herauskamen, hat Diderot sein Mißvergnügen mit dem Theater seiner Nation geäußert. Bereits vcrschicdne Jahre vorher ließ er cS sich merken, daß er die hohen Begriffe gar nicht davon habe, mit welchen sich seine Landslcutc täusche», und Europa sich von ihnen täuschen lassen. Aber er that es in einem Buche, in welchem man freylich dergleichen Dinge nicht sucht: in einem Buche, in welchem der pcrMircndc Ton so herrschet, daß den meisten Lesern auch das, was guter gesunder Verstand darinn ist, nichts als Posse und Höhncrcy zu seyn scheinet. Ohne Zweifel hatte Diderot seine Ursachen, warum er mit seiner Hcrzcnsmcinung lieber erst in einem solchen Buche hervorkommen wollte: ein kluger Mann sagt öfters erst mit Lachen, was er hernach im Ernste wiederholen will. Dieses Buch heißt Los vhnux incMorets, und Diderot will es itzt durchaus nicht geschrieben haben. Daran thut Diderot auch sehr wohl; aber doch hat er es geschrieben, und muß es geschrieben haben, wenn er nicht ein Plagiarius seyn will. Auch ist es gewiß, daß nur ein solcher junger Mann dieses Buch schreiben konnte, der sich einmal schämen würde, es geschrieben zu haben. Es ist eben so gut, wenn die wenigsten von meinen Lesern dieses Buch kennen. Zch will mich auch wohl hüten, es ihnen weiter bekannt zu machen, als es hier in meinen Kram dienet. — Ein Kayscr — was weiß ich, wo und welcher? — hatte mit einem gewissen magischen Ringe gewisse Kleinode so viel bäßlichcs Zeug schwatzen lassen, daß seine Favoritinn durchaus Zweyter Band. 377 nichts mehr davon hören wollte. Sie hatte lieber gar mit ihrem ganzen Geschlechte darüber brechen mögen; wenigsten nahm sie sich ans die ersten vierzehn Tage vor, ihren Umgang einzig auf des Sultans Majestät und ein Paar witzige Kopse einzuschränken. Diese waren, Selim und Riccaric: Sclim, ein Hof- mann; und Riccaric, ein Mitglied der Kayscrlichen Akademie, ein Mann, der das Alterthum studirct hatte und ein großer Verehrer desselben war, doch ohne Pedant zu seyn. Mit diesen unterhält sich die Favoritinn cinsmalS, und das Gespräch sällt auf den elenden Ton der akademischen Reden, über den sich niemand mehr ereifert als der Sultan selbst, weil es ihn verdrießt, sich nur immer auf Unkosten seines Vaters und seiner Vorfahren darum loben zu hören, und er wohl voraussieht, daß die Akademie eben so auch seinen Ruhm einmal dem Ruhme seiner Nachfolger aufopfern werde. Sclim, als Hof- mann, war dem Sultan in allem bcygcfallcn: und so spinnt sich die Unterredung über das Theater an, die ich meinen Lesern hier ganz mittheile. „Ich glaube, Sie irren sich, mein Herr: antwortete Ricaric „dem Sclim. Die Akademie ist noch itzt das Hciligthum des „guten Geschmacks, und ihre schönsten Tage haben weder Weltpreise noch Dichter auf zu weisen, denen wir nicht andere aus „unserer Zeit entgegen setzen könnten. Unser Theater ward für „das erste Theater in ganz Afrika gehalten, und wird noch da- „für gehalten. Welch ein Werk ist nicht der Tamcrlan des „Tuxigraphe! Es verbindet das Pathetische des Eurisopc mit „dem Erhabnen des Azophc. Es ist das klare Alterthum!" „Zch habe, sagte die Favoritinn, die erste Vorstellung des „Tamerlans gesehen, und gleichfalls den Faden des Stücks sehr „richtig gcführet, den Dialog sehr zierlich, und das Anständige „sehr wohl beobachtet gefunden." „Welcher Unterschied, Madam, unterbrach sie Ricaric, zwischen einem Verfasser wie Turigraphe, der sich durch Lesung „der Alten gcnährct, und dem größten Theile unsrer Neuern!" „Aber diese Neuern, sagte Sclim, die Sie hier so wacker „über die Klinge springen lassen, sind doch bey weitem so verächtlich nicht, als Sie vorgeben. Oder wie? finden Sie kein 378 Hamburgische Dramaturgie. „Gcnic, keine Erfindung, kein Feuer, keine Charaktere, keine „Schilderungen, keine Tiradcn bey ihnen? Was bekümmere ich „mich um Regeln, wenn man mir nur Vergnügen macht? Es „sind wahrlich nicht die Bemerkungen des weisen Almudir und „des gelehrten Abdaldok, noch die Dichtkunst des scharfsinnigen „Facardin, die ich alle nicht gelesen habe, welche es machen, „daß ich die Stücke des Aboulcazcm, des Muhardar, des Al- „baboukrc, und so vieler andren Saracenen bcwundre! Giebt „es denn auch eine andere Regel, als die Nachahmung der „Natur? Und haben wir nicht eben die Augen, mit welchen ,diese sie studierten?" „Die Natur, antwortete Nicaric, zeiget sich uns alle Augenblicke in vcrschicdncn Gestalten. Alle sind wahr, aber nicht „alle sind gleich schön. Eine gute Wahl darunter zu treffen, „das müssen wir aus den Werken lernen, von welchen Sie „eben nicht viel zu halten scheinen. Es sind die gesammelten „Erfahrungen, welche ihre Verfasser und deren Vorgänger gc- , macht haben. Man mag ein noch so vortrefflicher Kops seyn, ,so erlangt man doch nur seine Einsichten eine nach der andern; und ein einzelner Mensch schmeichelt sich vergebens, in „dem kurzen Raume seines Lebens, alles selbst zu bemerken, „was in so vielen Jahrhunderten vor ihm entdeckt worden. „Sonst liesse sich behaupten, daß eine Wissenschaft ihren Ursprung, ihren Fortgang, und ihre Vollkommenheit einem einzigen Geiste zu verdanken haben könne; welches doch wider alle „Erfahrung ist." „Hieraus, mein Herr, antwortete ihm Sclim, folget weiter „nichts, als daß die Neuern, welche sich alle die Schätze zu „Nutze machen können, die bis auf ihre Zeit gesammelt worden, reicher seyn müssen, als die Alten: oder, wenn Ihnen „diese Vcrglcichung nicht gefällt, daß sie auf den Schultern „dieser Kolossen, auf die sie gestiegen, nothwendig müssen weiter „sehen können, als diese selbst. Was ist auch, in der That, „ihre Naturlchre, ihre Astronomie, ihre Schiffskunst, ihre Mc- „chanik, ihre Rcchcnlchrc, in Vcrglcichung mit unsern? Warum „sollten wir ihncn also in dcr Beredsamkeit und Poesie nicht „cbcn so wohl überlegen seyn?" Zweyter B.nid. 37i> „Sclim, versetzte die Sultane, der Unterschied ist groß, lind „Ricaric kann Ihnen die Ursachen davon ein andermal erklären. „Er mag Zhncn sagen, wärmn Misere Tragödien schlechter sind, „als der Alten ihre: aber daß sie es sind, kann ich leicht selbst „ans mich nehmen, Ihnen zu beweisen. Ich will Ihnen nicht „Schuld geben, fuhr sie fort, daß Sie die Alten nicht gelesen „haben. Sie haben sich um zu viele schöne Kenntnisse bewerben, als daß Zhncn das Theater der Alten unbekannt scv» „sollte. Nun setzen Sie gewisse Zdecn, die sich auf ihre Gebräuche, auf ihre Sitten, auf ihre Religion bczicbcn, und die „Zhncn nur dcswcgcn anstößig sind, weil sich die Umstände „geändert haben, bey Seite, und sagen Sie mir, ob ihr Stoff „nicht immer edel, wohlgcwählt und interessant ist? ob sich die „Handlung nicht gleichsam von selbst einleitet? ob der simple „Dialog dem Natürlichen nicht sehr nahe kömmt? ob die Entwicklungen im geringsten gezwungen sind ? ob sich das Zntcrcssc „wohl theilt, und die Handlung mit Episoden überladen ist? „Versetzen Sie sich in Gedanken in die Znscl Alindala; unter- buchen Sie alles, was da vorgicng, hören Sie alles, was „von dcm Augenblicke an, als der junge Zbrahim und dcr verschlagne Forfanti ans Land stiegen, da gesagt ward; nähern „Sie sich dcr Höhle dcs unglücklichen Polipsilc; verlieren Sie „kein Wort von seinen Klagen, und sagen Sie mir, ob das „geringste vorkömmt, was Sie in dcr Täuschung störcn könnte? „Nennen Sie mir ein cinzigcs ncncrcs Stück, wclchcs die nchm- „ liehe Prüfung aushalten, wclchcs auf dcn nehmlichen Grad dcr „Vollkommenheit Anspruch machcn kann: und Sie sollen gc- „ Wonnen haben." „Beym Brama! rief dcr Sultan und gähnte; Madame hat „uns da eine vortreffliche akademische Vorlesung gehalten!" „Zch verstehe die Regeln nicht, fuhr die Favoritinn fort, „und noch weniger die gelehrten Worte, in welchen man sie abgefaßt hat. Aber ich weiß, daß nur das Wahre gefällt und „rühret. Zch weiß auch, daß die Vollkommenheit eines Schauspiels in der so genauen Nachahmung einer Handlung bestehet, „daß dcr ohne Unterbrechung berrogne Zuschauer bey der Handlung selbst gegenwärtig zu seyn glaubt. Findet sich aber in 380 Jam&utjjifetye ©rtutaturgic. „bcn Sragb'bicn, bic (Sic imö fo rütmicn, nur ba$ gcringfic, „was biefeta äbnüd) fiu)c?" §unf unö acfyfjtgfks ©tücf. 2tn 23|lea gebruar, 1768. „SGoftcn Sie ben Verlauf barinn lo&eh? ßr ift meiftenS „fo tnclfad) unb Dcrwtcfclt, baf? cß ein Sßunbcr fci)it würbe, „wenn wirflieb, fo uicl 3)ingc in fo furjer Seit gcfcbcbcn wä= „reu. 25er Untergang ober bic (Spaltung cincö SKcicbS, bic „£cr>ratb einer sprinjcfn'nn, ber §all etneö spriiijeit, allcä ba$ „gcfd)icrjt fo gcfdjwinb, wie man eine fkmb umwenber. Äoimut „cö auf eine 3Jerfd;iuönmg an? im erften 2lftc wirb fic cnttuor= „fett; int 3iuct)tcn ift fic beisammen; int britten tu erben alte „SWaafjregeln genommen, alte .^inberniffe gehoben, tmb bic „ä>crfd)worncn galten ftd) fertig; mit nädjficm tuirb c§ einen „Sluffianb fegen, wirb cö juiti Srcffen fonnnen, wofjl gar ju „einer förmlichen @d)(ad)t. llnb baö alles nennen ©ic gut gc: fn&rt, intcreffant, tuarm, wa§rfd)etnlid>? Sonett fann id) „nun fo etwaö am wenigften uergeben, ber ©ie Hüffen, tuic „uiet cS oft foßet, bic allcrclcnbcftc 3 ntr '9 lIC J" ©tanbc 5tt „bringen, unb tute Biel Seit bei) ber flcinftcn politifd)cn 9(ngc= „(egenkit auf Einleitungen, auf 33cfprcd)ungcn tmb Scratf); „fdjlagungcit ge&r." „ßö ift tuatjr, 5Pfabamc, antwortete ©clim, tmfere ©tütfc „finb ein wenig übcrlabcn; aber ba6 ift ein notfjwcnbtgcS ilc= „bei; o(me £ülfc ber ßpifoben würben wir uns üor.groft ntdjt „ja (äffen wiffen." „25a$ ift: um ber 9iad)abniung einer £anblung geticr unb „@cift ju geben, muß man bic .^anblttng weber fo ttorftcllcn, „wie fic ift, uod) fo, wie ftc fct)n füllte. &cam etwaö Iad)cr; „lickreö gebadjt werben? ©d)iucrlid) wol)t; c£ wäre beim etwa „bicfcS, baf? man bic Geigen ein IcbbaftcS ©ti'icf, eine muntere „Sonate fpielen laßt, wübrenb bafj bic gub^orcr tun benenn: ^jen befümmert fct)it follcn, ber auf beut spttnftc ift, feine @c= „liebte, feinen Skon unb fein £cbcn m ecrliercn." SNabatnc, fagte SÜfongogul, Sic baben ttoüfoiinncn 9ied)t; „traurige Strien müßte man tnbcß fpielen, unb td) will Seiten I>«51> Zweyter Band. 381 „gleich einige bestellen gehen. Hiermit stand cr ans, lind gicng „heraus, und Sclim, Niccaric und die Favoritinn setzten die „Unterredung unter sich fort." „Wenigstens, Madame, erwiederte Sclim, werden Sie „nicht leugnen, daß, wenn die Episoden uns aus der Täuschung „heraus bringen, der Dialog uns wieder herein setzt. Ich „wüßte nicht, wer das besser verstünde, als unsere tragische „Dichter." „Nun so versteht es durchaus niemand, antwortete Mirzoza. „Das Gesuchte, das Witzige, das Spielende, das darum herrscht, „ist tausend und tausend Meilen von der Natur entfernt. Um- „ sonst sucht sich der Verfasser zu verstecken; cr cntgcbt meine» „Augen nicht, und ich erblicke ihn unaufhörlich hinter seinen „Personen. Cinna, Scrrorius, Marimus, Acm.ilia, sind alle „Augenblicke das Sprachrohr des Corneille. So spricht man „bey unsern alten Saracenen nicht mit einander. Herr Rica- „ric kann Ihnen, wenn Sie wollen, einige Stellen daraus „übersetzen; und sie werden die bloße Natur hören, die sich „durch den Mund derselben ausdrückt. Zch möchte gar zu gern „zu den Neuern sagen: „Meine Herren, anstatt daß ihr cucrn „Personen bey aller Gelegenheit Witz gebt, so sucht sie doch „lieber in Umstände zu setzen, die ihnen welchen geben." „Nach dem zu urtheilen, was Madame von dem Verlaufe „und dem Dialoge unserer dramatischen Stücke gesagt hat, „scheint es wohl nicht, sagte Sclim, daß Sie den Entwicklungen wird Gnade wicdcrfahrcn lassen." „Nein, gewiß nicht, versetzte die Favoritinn: es giebt hun- „dcrt schlechte für eine gute. Die eine ist nicht vorbereitet: die „andere cräugnct sich durch ein Wunder. Weis der Verfasser „nicht, was cr mit einer Person, die cr von Scene zu Scene „ganze fünf Akte durchgeschleppt hat, anfangen soll: geschwind „fertiget cr sie mit einem guten Dolchstöße ab; die ganze Welt „fängt an zu weinen, und ich, ich lache, als ob ich toll wäre. „Hernach, hat man wohl jemals so gesprochen, wie wir dccla- „mircn? Pflegen die Prinzen und Könige wohl anders zu gc- „hen, als sonst ein Mensch, der gut geht? Gcsticulircn sie „wohl jemals, wie Besessene und Rasende? Und wenn Prin- 382 Hamburgische Dramaturgie. „zeßinncn sprcchcn, sprechen sie wohl in so einem heulenden „Tone? Man nimmt durchgängig an, daß wir die Tragödie zu „einem hohen Grade der Vollkommenheit gebracht haben: und „ich, meines Theils, halte es fast für erwiesen, daß von allen „Gattungen der Litteratur, auf die sich die Afrikaner in den „letzten Jahrhunderten gelegt haben, gerade diese die unvollkommenste geblieben ist." „Eben hier war die Favoritinn mit ihrem Ausfalle gegen „unsere theatralische Werke, als Mongogul wieder herein kam. „Madame, sagte er, Sie werden mir einen Gefallen erweisen, „wenn Sie sorlfahrcn. Sie sehen, ich verstehe mich darauf, „eine Dichtkunst abzukürzen, wenn ich sie zu lang finde." „Lassen Sie uns, fuhr die Favoritinn fort, einmal annch- „mcn, es käme einer ganz frisch aus Angotc, der in seinem „Leben von keinem Schauspiele etwas gehört hätte; dem es „aber weder an Verstände noch an Welt fehle; der ungefehr „wisse, was an einem Hofe vorgehe; der mit den Anschlägen „der Höflinge, mit der Eifersucht der Minister, mit den Hctzc- „reycn der Weiber nicht ganz unbekannt wäre, und zu dem ich „im Vertrauen sagte: „Mein Freund, es äußern sich in dem „Scraglio schreckliche Bewegungen. Der Fürst, der mit seinem „Sohne mißvergnügt ist, weil er ihn im Verdacht hat, daß er „die Manimonbandc liebt, ist ein Mann, den ich für fähig halte, „an beiden die grausamste Rache zu üben. Diese Sache muß, „allem Ansehen nach, sehr traurige Folgen haben. Wenn Sie „wollen, so will ich machen, daß Sie von allem, was vorgeht, „Zeuge seyn können." Er nimmt mein Anerbieten an, und ich „führe ihn in eine mit Gittcrwcrk vermachte Loge, aus der er „das Theater sieht, welches er für den Pallast des Sultans hält. „Glauben Sie wohl, daß Trotz alles Ernstes, in dem ich mich „zu erhalte» bemühte, die Täuschung dieses Fremden einen Augenblick dauern könntet Müssen Sie nicht vielmehr gestehen, „daß er, bey dem steifen Gange der Akteurs; bey ihrer wunderlichen Tracht, bey ihren ausschweifenden Gcbchrdcn, bey dem „seltsamen Nachdrucke ihrer gereimten, abgemessenen Sprache, „bey tausend andern Ungereimtheiten, die ihm ausfallen würden, „gleich in der ersten Scene mir ins Gesicht lachen und gerade Zweyter Land. „heraus sagen würde, daß ich ihn entweder zum besten haben „wollte, oder daß der Fürst mit sammt seinem Hofe nicht wohl „bey Sinnen seyn müßten." „Ich bekenne, sagte Selim, daß mich dieser angenommene „Fall verlegen macht; aber könnte man Zhncn nicht zu bedenken „geben, daß wir in das Schauspiel gehen, mit der Ueberzeugung, der Nachahmung einer Handlung, nicht aber der Handlung selbst, beyzuwohnen." „Und sollte denn diese Ueberzeugung verwehren, erwiderte „Mirzoza, die Handlung auf die allcrnatürlicystc Art vorzu- „stellen?" - Hier kömmt das Gespräch nach nnd nach auf andere Dinge, die uns nichts angehen. Wir wenden uns also wieder, zu sehen, was wir gelesen haben. Den klaren läutern Diderot! Aber alle diese Wahrheiten waren damals in den Wind gesagt. Sie erregten eher keine Empfindung in dem französischen Pu- blico, als bis sie mit allem didaktischen Ernste wicdcrhohlt, und mit Proben begleitet wurden, in welchen sich der Verfasser von einigen der gerügten Mängel zu entfernen, und den Weg der Natur und Täuschung besser einzuschlagen, bemüht hatte. Nun weckte der Neid die Eritik. Nun war es klar, warum Diderot das Theater seiner Nation auf dem Gipfel der Vollkommenheit nicht sahe, auf dem wir es durchaus glauben sollen; warum er so viel Fehler in den gepriesenen Meisterstücken desselben fand: blos und allein, um seinen Stücken Platz zu schaffen. Er mußte die Methode seiner Vorgänger verschrien haben, weil cr empfand, daß in Befolgung der nehmlichen Methode, er unendlich unter ihnen bleiben würde. Er mußte ein elender Eharlatan seyn, der allen fremden Theriak verachtet, damit kein Mensch andern als seinen kaufe. Und so sielen die Palissots über seine Stücke her. Allerdings hatte er ihnen auch, in seinem natürlichen Sohne, manche Blöße gegeben. Dieser erste Versuch ist bey weiten das nicht, was der Hausvater ist. Zu viel Einsörmigkcit in den Eharaktcrcn, das Romantische in diesen Eharaktcren selbst, ein steifer kostbarer Dialog, ein pedantisches Gcklinglc von neumodisch philosophischen Sentenzen: alles das machte den Tad- Hamburgischc Trcnnaturgic. lcr» leichtes Spiel. Besonders zog die fcycrlichc Theresia (oder Eonstantia, wie sie in dem Originale heißt,) die so philosophisch selbst ans die Frcycrcy geht, die mit einem Manne, der sie nicht mag, so weise von tugendhaften Kindern spricht, die sie mit ihm zu erzielen gedenkt, die Lacher auf ihre Seite. Auch kann man nicht leugnen, daß die Einkleidung, welche Diderot den beygefügten Unterredungen gab, daß der Ton, den er darin» annahm, ein wenig eitel und pompös war; daß verschiedene Anmerkungen als ganz neue Entdeckungen darum vorgetragen wurden, die doch nicht neu und dem Verfasser nicht eigen waren; daß andere Anmerkungen die Gründlichkeit nicht hatten, die sie in dem blendenden Vortrage zu haben schienen. Sechs und achtzigstes Stück. Teil 26sien Februar, 1768. Z. E. Diderot behauptete, (") daß es in der menschlichen Natur aufs höchste nur ein Dutzend wirklich komische Eharaktcre gäbe, die großer Züge fähig wären; und daß die kleinen Verschiedenheiten unter den menschlichen Eharaktcren nicht so glücklich bearbeitet werden könnten, als die reinen unvcrmischtcn Eharaktcre. Er schlug daher vor, nicht mehr die Eharaktcre, sondern die Stände auf die Bühne zu bringen; und wollte die Bearbeitung dieser, zu dem besondern Geschäfte der ernsthaften Komödie machen. „Bisher, sagt er, ist in der Komödie der „Eharaktcr das Hauptwerk gewesen; und der Stand war mir „etwas Zufälliges; nun aber muß der Stand das Hauptwerk, „und der Eharaktcr das Zufällige werden. Aus dem Eharakter „zog man die ganze Intrigue: man suchte durchgängig die Um- „stände, in welchen er sich am besten äußert, und verband „diese Umstände unter einander. Künftig muß der Stand, „müssen die Pflichten, die Vortheile, die Unbequemlichkeiten „desselben zur Grundlage dcS Werks dicncn. Diese Quelle „scheint mir weit ergiebiger, von weit größcrm Umfange, von „weit größcrm Nutzen, als die O-uelle der Charaktere. War „der Eharakter nur ein wenig übertrieben, so konnte der Zu- (°) S> die Untcrrcdungcii hinter dem Natürlichen Sohne S. 321. 22. d, Ucbcrs. Zweyter Band. „schauer zu sich selbst sagen: das bin ich nicht. Das aber „kann er unmöglich leugnen, daß der Stand, den man spielt, „sein Stand ist; seine Pflichten kann er unmöglich verkennen. „Er muß das, was er hört, nothwendig auf sich anwenden." Was Palissot hicrwidcr erinnert, (°) ist nicht ohne Grund. Er leugnet es, daß die Natur so arm an ursprünglichen Cba- raktcren sey, daß sie die komischen Dichter bereits sollten erschöpft haben. Molicrc sahe noch genug neue Charaktere vor sich, und glaubte kaum den allcrklcinstcn Theil von denen behandelt zu haben, die er behandeln könne. Die Stelle, in welcher er vcrschiednc derselben in der Geschwindigkeit entwirft, ist so merkwürdig als lehrreich, indem sie vermuthen läßt, daß der Misanthrop schwerlich scin Non plus ultra in dem hohen Komischen dürfte geblieben seyn, wann er länger gelebt hätte. (°°) Palissot selbst ist nicht unglücklich, cinigc ncuc Charaktere von seiner eignen Bemerkung beyzufügen: den dummen Mäccn, mit seinen kriechenden Clienten; den Mann, an seiner unrechten (°) ?elilos l-eltres sur jzraulls Mülolunllvs I.cllr. II. (°°) (I »> n r omn l» ü> Viü-ssillvs 8c. S>) KI>! »in» l>!»uvri»is, »aus lui Molwr,!) souniirous Imi^ours »sc(.n ^ mntinr«:, ^ »aus »v »r«?tt0tts xuvrvs I«! cliemi» ll» nous reuäre saxes n»r laul'ce ciu'U f.iU ^7 laut ce «lu'il llil. Vrvis-Iu l,u'U önuis,- >Z»»s komvllii-s laus Ivs riilicul«» lies Uuiumcs, ^ 5u«s sarlir >I>! I» tour, »'»-I-N >,!>s encaro vinxi c.ir»cluros >Ie x;o»s, ou il »'» n,is toucliü? K'it-t-il i>»s, nur mnle, eeux qui saut lus plus ssr-uuli-s !>»>!>»?!< ?,il!>nl^rie iie 5e «lüi-Iiircr I u» I snlr»? ki'it-I-il »»s ee» -tilulaluurs !>. vulrünau, ces Nulleui-s j»fiui>I>!» qui n'it5l»ic»tt«ettt <>'»u- eu» Ivs Iouunx>!S qu'Us >Iutt»v«l, ck7 «laut wulas I^'s UiUI^ries aul u»» «laueeur s>>üe qui s!>i> »uN »u c»-t-il »»s «es lüclies co»nisil»s ä<> I» 5I»r»ti!»rs l>>> I» f«> >»»>?, qui vons e»i:v»s«.'»l >>!l»s I» nros>»?ri>>!, vaus uccAliIc»! «Inns I» u">>?rnce? n»s ceux qui so»! wn^ours ni>!cIe I» Onr, ces suivütts i»nliles, ces incommoUes »ssillus, ces ke»«, äis-^e, qui nour services uv neuveiil cownler quv lies imnorluniles, qui veule»l qu'on le» iucen>iie»fe «r-tvoir oliseile le l>ri»ce >>ix ans «luiani? niis ceux <>ui «!>re5s»ni cxnlvnivnl loul w ino»>Ie, p> »>» Iiurs rivilil^s » «Iroiw, ä FilucUe, «k? coun.'ttt » luus <:eux <>u'ils vo^e«! »vvl! >uis, NloNeru nur» luu^jnurs plus Ue ^e>s <>u U »'<-» voullr!», >!7 loul st >li»! I)il?!UeU« »u prix >>>? «e «»i resle. ?es»ingS We>ke >i>. 25 Hamburgischc Dramaturgie. Stelle; den Arglistigen, dessen ausgckünstclte Anschläge immer gegen die Einfalt eines treuherzigen Biedermanns scheitern; den Schcinphilosophcn; den Sonderling, den Dcstonchcs verfehlt habe; den Heuchler mit gesellschaftlichen Tugenden, da der Rc- ligionshcuchlcr ziemlich aus der Mode sey. — Das sind wahrlich nicht gemeine Aussichten, die sich einem Auge, das gut in die Ferne trägt, bis ins Unendliche erweitern. Da ist noch Erndtc genug für die wenigen Schnitter, die sich daran wagen dürfen! Und wenn auch, sagt Palissot, der komischen Charaktere wirklich so wenige, und diese wenigen wirklich alle schon bearbeitet wären: würden die Stände denn dieser Verlegenheit abhelfen? Man wähle einmal einen; z. E. den Stand des Richters. Werde ich ihm denn, dem Richter, nicht einen Charakter geben müssen? Wird er nicht traurig oder lustig, ernsthaft oder leichtsinnig, leutselig oder stürmisch seyn müssen? Wird es nicht blos dieser Charakter seyn, der ihn aus der Klasse metaphysischer Abstrakte heraushebt, und eine wirkliche Person aus ihm macht? Wird nicht folglich die Grundlage der Intrigue und die Moral des Stücks wiederum auf dem Charakter beruhen? Wird nicht folglich wiederum der Stand nur das Zufällige seyn? Zwar könnte Diderot hieraus antworten: Freylich muß die Person, welche ich mit dem Stande bekleide, auch ihren individuellen moralischen Charakter haben; aber ich will, daß es ein solcher seyn soll, der mit den Pflichten und Verhältnissen des Standes nicht streitet, sondern aufs beste harmonirct. Also, wenn diese Person ein Richter ist, so steht es mir nicht frey, ob ich ihn ernsthaft oder leichtsinnig, leutselig oder stürmisch machen will: er muß nothwendig ernsthaft und leutselig seyn, und jedesmal es in dem Grade seyn, den das vorhabende Geschäfte crfodert. Dieses, sage ich, könnte Diderot antworten: aber zugleich hätte er sich einer andern Klippe genähert; nehmlich der Klippe der vollkommncn Charaktere. Die Personen seiner Stände würden nie etwas anders thun, als was sie nach Pflicht und Gewissen thun müßten; sie würden handeln, völlig wie es im Buche steht. Crivartcn wir das in der Komödie? Können _ ^__I__ Zweyter Band. 387 dergleichen Vorstellungen anziehend genug werden? Wird der Nutzen, den wir davon hoffen dürfen, groß genug seyn, das? es sich der Mühe verlohnt, eine neue Gattung dafür fest zu setzen, und für diese eine eigene Dichtkunst zu schreiben? Die Klippe der vollkommenen Charaktere scheinet mir Diderot überhaupt nicht genug erkundiget zu haben. Zn seinen Stücken steuert er ziemlich gerade darauf los: und in seinen kritischen Seekarten findet sich durchaus keine Warnung davor. Vielmehr finden sich Dinge darinn, die den Lauf nach ihr hin zu lenken rathen. Man erinnere sich nur, was er, bey Gelegenheit des Contrasts unter den Charakteren, von den Brüdern des Tcrenz sagt. (") „Die zwey contrastirtcn Vater darinn „sind mit so gleicher Stärke gezeichnet, daß man dem feinsten „Kunstrichtcr Trotz bieten kann, die Hauptperson zu nennen; „ob es Micio oder ob es Dcmca seyn soll? Fällt er sein Ur- „ theil vor dem letzten Auftritte, so dürfte er leicht mit Erstanden wahrnehmen, daß der, den er ganzer fünf Aufzüge hindurch, für einen verständigen Mann gehalten hat, nichts als „ ein Narr ist, und daß der, den er für einen Narren gehalten „hat, wohl gar der verständige Mann seyn könnte. Man „sollte zn Anfange des fünften Auszuges dieses Drama fast „sagen, der Verfasser sey durch den beschwerlichen Contrast „gezwungen worden, seinen Zweck fahren zn lassen, und „das ganze Interesse des Stücks umzukehren. Was ist aber „daraus geworden? Dieses, daß man gar nicht mehr weiß, „für wen man sich intcrcssircn soll. Vom Anfange her ist man „für den Micio gegen den Dcmea gewesen, und am Ende ist „man für keinen von beiden. Beynahe sollte man einen drit- „tcn Vater verlangen, der das Mittel zwischen diesen zwey „Personen hielte, und zeigte, worinn sie beide fehlten." Nicht ich! Zch verbitte mir ihn sehr, diesen dritten Vater; es sey in dem nehmlichen Stücke, oder auch allein. Welcher Vater glaubt nicht zu wissen, wie ein Vater seyn soll? Auf dem rechten Wege dünken wir uns alle: wir verlangen nur, dann und wann vor den Abwegen zu beiden Seiten gcwarnct zu werden. (°) In dcr dr, Dichlklinst l'iincr dem Hausvatcr S. 358. d. Ucbcrs. 25« _^ »S«!>««l?^ 388 Hamburgischc Dramaiurgic. Diderot hat Recht: es ist besser, wenn die Charaktere blos verschieden, als wenn sie contrastirt sind. Contrastirtc Charaktere sind minder natürlich nnd vermehren den romantischen Anstrich, an dem es den dramatischen Begebenheiten so schon selten fehlt. Für eine Gesellschaft, im gemeine» Leben, wo sich der Contrast der Charaktere so abstechend zeigt, als ihn der komische Dichter verlangt, werden sich immer tausend finden, wo sie weiter nichts als verschieden sind. Sehr richtig! Aber ist ein Charakter, der sich immer genau in dem graden Gleiße hält, das ihm Vernunft und Tugend vorschreiben, nicht eine noch seltenere Erscheinung? Von zwanzig Gesellschaften im gemeinen Leben, werden eher zehn seyn, in welchen man Väter findet, die bey Erziehung ihrer Kinder völlig entgegen gesetzte Wege einschlagen, als eine, die den wahren Vater ausweisen könnte. Und dieser wahre Vater ist noch dazu immer der nehmliche, ist nur ein einziger, da der Abweichungen von ihm »»endlich sind. Folglich werden die Stücke, die den wahren Vater ins Spiel bringen, nicht allein jedes vor sich unnatürlicher, sondern auch unter einander einförmiger seyn, als es die seyn können, welche Aäter von verschicdncn Grundsätzen einfuhren. Auch ist es gewiß, daß die Charaktere, welche in ruhigen Gesellschaften blos verschieden scheinen, sich von selbst contrastircn, sobald ein streitendes Interesse sie in Bewegung setzt. Ja es ist natürlich, daß sie sich sodann bccifcrn, noch weiter von einander entfernt zu scheine», als sie wirklich sind. Der Lebhaste wird Feuer und Flamme gcgc» dc», der ihm zu lau sich zu betrage» scheinet: »>id der Laue wird kalt wie Eis, um jenem so viel Ucbcrcilun- gcn begehen zu lassen, als ihm nur immer nützlich seyn können. Sieben und achtzig und acht und achtzigstes Stück. Ven 4tcn Merz, 1768. Und so sind andere Anmerkungen des Palissot mehr, wenn nicht ganz richtig, doch mich nicht ganz falsch. Er sieht den Ring, in den er mit seiner Lanze stoßen will, scharf genug; aber in der Hitze des Ansprcngcns, verrückt die Lanze, und er stößt den Ring gerade vorbey. Zweyter Band. So sagt cr über den natürlichen Sohn unter andern: „Welch ein seltsamer Titel! der natürliche Sohn! Warum heißt „das Stück so? Welchen Einfluß hat die Geburt des Dorval d „Was für einen Vorfall veranlaßt sie? Zu welcher Situation „giebt sie Gelegenheit? Welche Lücke füllt sie auch nur? Was „kann also die Absicht des Verfassers dabey gewesen seyn? Ei» „Paar Betrachtungen über das Vorurtheil gegen die uneheliche „Geburt aufzuwärmend Welcher vernünftige Mensch weis; denn „nicht von selbst, wie ungerecht ein solches Vorurthcil ist?" Wenn Diderot hierauf antwortete: Dieser Umstand war allerdings zur Verwickelung meiner Fabel nöthig; ohne ihm würde es weit unwahrscheinlicher gewesen seyn, daß Dorval seine Schwester nicht kennet, und seine Schwester von keinem Bruder weiß; es stand mir frey, den Titel davon zu entlehnen, und ich hatte den Titel von noch einem geringern Umstände entlehnen können. — Wenn Diderot dieses antwortete, sag ich, wäre Pallssot nicht ungefehr widerlegt? Gleichwohl ist der Charakter des natürlichen Sohnes einem ganz andern Einwürfe blos gcstcllct, mit welchem Palissot dem Dichter weit schärfer hätte zusetzen können. Diesem nehmlich: daß der Umstand der unehelichen Geburt, und der daraus erfolgten Verlassenheit und Absonderung, in welcher sich Dorval von allen Menschen so viele Zahrc hindurch sahe, ein viel zu eigenthümlicher und besonderer Umstand ist, gleichwohl auf die Bildung seines Eharaklcrs viel zu viel Einfluß gehabt hat, als daß dieser diejenige Allgemeinheit haben könne, welche nach der eignen Lehre des Diderot ei» komischer Charakter nothwendig haben mnß. — Die Gelegenheit rcitzt mich zu einer Ausschweifung über diese Lehre: und welchem Rcitze von der Art brauchte ich in einer solchen Schrift zu widerstehen? „Die komische Gattung, sagt Diderot, (°) hat Arte», und „die tragische hat Zndividua. Ich will mich erklären. Der „Held einer Tragödie ist der u»d der Mensch: es ist Rcgulus, „oder Brutus, oder Eato, und sonst kein anderer. Die vornehmste Person einer Komödie hingegen muß eine große An- (°) Unlcrrcd. S. 2S2. d. Ucbcrs, Z90 Hamburgischc Tramaturgic^ „zahl von Menschen vorstellen. Gäbe man ihr von ohngcfchr „eine so eigene Physiognomie, daß ihr mir ein einziges Individuum ähnlich wäre, so würde die Komödie wieder in ihre „Kindheit zurücktreten. — Tcrcnz scheinet mir einmal in diesen „Fehler gefallen z» seyn. Sein Hcavtontimorum cnos ist „ein Vater, der sich über den gewaltsamen Entschluß grämet, „zu welchem er seinen Sohn durch übermäßige Strenge gebracht „hat, und der sich deswegen nun selbst bestraft, indem er sich „in Kleidung und Speise kümmerlich hält, allen Umgang flic- „hct, sein Gesinde abschaft, und das Feld mit eigenen Händen „bauet. Man kann gar wohl sagen, daß es so einen Vater „nicht giebt. Die größte Stadt würde kaum in einem ganzen „Jahrhunderte Ein Beyspiel einer so seltsamen Betrübniß auszuweisen haben." Zuerst von der Znstanz des Hcavtontimorumcnos. Wenn dieser Charakter wirklich zu tadeln ist: so trift der Tadel nicht sowohl den Terenz, als den Mcnandcr. Mcnandcr war der Schöpfer desselben, der ihn, allem Ansehen nach, in seinem Stücke noch eine weit ausführlichere Rolle spielen lassen, als er in der Eopic des Tcrcnz spiclct, in dcr sich scinc Sphäre, wegen der vcrdoppcltcn Intrigue, wohl sehr einziehen müssen. (°) (°) Falls nehmlich dic 0tc Zeile des Prologs Uujilvx «luss !l vtt sii»iilici, von dem Dichler wirklich so geschrieben, und nicht aiiders zu vcrstel'e» ist, als dic Dacier »nd nach ihr dcr neue englische Uebersclier des Tcrcnz, Colman, sie erkläre». ?'>.>r>!»c«! «nl^ mo:mt l» s»x, tluit lw I>n>I Uuulilclt il,c; elu>- rilc^rii; inNeint os u»u uIU iu!»>, o»u ^uu»A !?»»!lnt, »uu mMius-i, :«» j» , 1»^ >n u «III II»!» ^t! IllUlLsurv »>>>>!« vvr> >>i<>>«!i l^ : »ov»»> >-ss>! »5>>!»>li, — »luoli ,:>.>>>!>!»>> enuIU »ut Iiilvv Iice» im»Iiv>I, lucil >>>« ttiUcr» In?«» tUv t»»»! i» ll>e Vrveli novt. Auch schon Adrian Larlandus, ja selbst dic allc «inMi inlerimv-iii« des Asccnsius, halte das >>,>x nicht anders verstanden: l»«i>ter s>-»es ^»vvue« sagt diese; nud jener sclircibl, i» luie Imin-» k^no-s >>uo, »»lukisLeut,.» Nein >luu tu»l. Und dennocl, will mir diese Auslegung nicht in den Kops, weil ich gar nicht einsel'c, was von dem Stücke übrig bleibt, wenn man dic Personen, dnrch ivelchc Tcrcnz dc» Alten, den Liebhaber und die (beliebte verdoppelt haben so», wieder wegnimmt, Ä'iir ist cs unbegreiflich, wie Vlcnandcr diesen Stoff, ol'nc den lrei»ct' »nd ohne dc» Llilipho, habe bchandcln könne»; bcidc si»d so genau 1,'incingcstochlc», das; ich mir weder Bcrwicklnng noch Auslösung Zweyter Bund. 391 Aber daß er von Menandcrn herrührt, dieses allein schon hatte, mich wenigstens, abgeschreckt, den Tcrcnz dcsfalls zu verdamme». Das co I^l?r>ui'H>x x«t j^tx, «ciT-xjic»,' uc>' ^rcvii iroi'kjiov e^re- ohne sie dcnkcn kann. Einer andern Erklärung, durch welche sich Julius Scaligcr lächerlich gemacht hat, will ich gar nicht gedenken. Auch die, welche Eugraphius gegeben hat, nnd die vom Facruc angenonnncn worden, ist ganz unschicklich. In dieser Verlegenheit haben dic Krilici bald das >Ni>>i< x bald das 5n»i>iili>^i? Und in allem Ernste: so mochte ich am liebsten lesen. Man sehe dic Slellc im Zusammenhange, nnd überlege meine Gründe. I5x inlexi^ lirieca inlvAr.im »:oi»u!äiAm Ilvtllu sum acluru» llvitvloillimorumuno»: Liiuplex ci»!L vx »rg»»l«!»>o k!l,:>!t e5l lnnvliiu. Es ist bekannt, was dem Tcrcnz von seinen neidischen Mitarbeitern am Thca- tcr vorgcworfcn ward: Mulls« eoill!>uii»!l55c! xrsoculj, >Ium kilcil ?sucas lslinas — Er schinelzte nehmlich öfters zwey Stucke in eines, und machte ans zwey Griechischen Komödien eine einzige Lateinische. So sctzlc er scinc Andria ans der Andria und Pcrinlhia des Mcnandcrs zusammen; seinen Evnnchus, aus dcm Evnuchus und dein Colar ebcn dieses Dichters; scinc Brüder, ans den Brüder» des nchmlichcn nnd cincm Stücke des Divhilus. Wegen dieses Bor wurss rcchlscrtigct er sich nun in dcm Prologe des Hcavlonliuiorumcnos. Dic Sache selbst gesteht er ein; aber er will damit nichts andcrs gclhan habe», als was andere gntc Dichter vor ihm gclhan hällcn. - -> - lc> «.ssu kilclum Ii'iL nun »uxat Koilue lo pi^ere, «Iviiulv s-toluin iri »ulunucl. Il-tlivl >!»i,oiuui vxempluiu: >l>io oxewplo Nlii I^ieerv icl tacere, »l>l«x >lU!« ex i>r^um luuiilllu, So einfach, will Tcrcnz sage», als das Stück des Mcnandcrs ist, eben so Hamburgische Dramaturgie. ^^o-«7-c>; ist zwar frostiger, als witzig gesagt: doch würde man eS wohl überhaupt von einem Dichter gesagt haben, der Charaktere zu schildern im Stande wäre, wovon sich in der groß- einfach ist auch mein Stuck; ich habe durchaus nichts aus andern Stücken eingeschaltet; es ist, so lang es ist, aus dem griechische» Stücke genommen, und das griechische Stück ist ganz in meinem Lateinischen; ich gebe also kx Inte^rit k-r-veit intepiriun eaiiKiUliim. Die Bedeutung, die Facrnc dem Worte iiuegr-» in einer alten Glosse gegeben fand, das; es so viel scvn sollte, als » »uilo lact», ist hier offenbar falsch, weil sie sich nur auf das erste inie^-i, aber keincswegcs auf das zweyte inle- xr-lm schicken würde. — Und so glaube ich, daß sich meine Vermuthung und Auslegung wol'l l'örcn läßt! Nur wird man sich an die gleich folgende Zeile stoßen: XUVÄM esse osleinli, >U!V esset — beziehen sich kcincsweges aus das, was Tercnz den Vorredner in dem Vorigen sagen lassen; sondern man muß darunter verstehen, -v,»»! ^Vediies; »ovux aber heißt hier nicht, was aus des Tercnz eigenem Kopfe geflossen, sondern blos, was im Lateinischen noch nicht vorbanden gewesen. Daß mein Stück, will er sage», ein neues Stück scv, das ist, ein solches Stück, welches noch nie lateinisch erschienen, welches ich selbst aus dem Griechischen übersetzt, das habe ich den Aedilcn, die mir es abgekauft, bewiescn. Um mir hierin» ol'nc Bedenken bev;ufallc», darf man sich nur an den Streit erinnern, welchen er, wegen seines Evnuchus, vor den Aedilcn Halle. Diesen hatte er ihnen als ei» neues, von ihm aus dem Griechischen übersetztes Stück verkauft: aber sein Widersacher, Lavinius, wollte den Aedilcn überreden, daß er es nicht aus dem Griechischen, sondern aus zwev allen Stücken des Navins und °PIau- tus genommen habe. Frevlich l'atlc der Evnuchus mit diesen Stücken vieles gemein; aber doch war die Beschuldigung des Lavinius falsch; denn Tercnz l'attc nur aus eben der griechischen Quelle geschöpft, aus welcher, ilmi unwissend, schon Nävins und Plautus vor ihm geschöpft hatten. Also, um dergleichen Vcrlcumdungcn bcv seinem Heavlonlimorumenos vorzubauen, was war nalürlichcr, als daß er den Aedilcn das griechische Original vorgezeigt, und sie wegen des Inhalts unterrichtet Halle? Za, die Acdilen konnten das leicht selbst von il'm gcsodcrt haben. Und daraus geht das Kovi»» esse »sleiuli, iiuiv esset. Zweyter Band. ten Stadt kaum in cincin ganzen Jahrhunderte ein einziges Beyspiel zeiget? Zwar in hundert und mehr Stücken könnte ihm auch wohl Ein solcher Charakter entfallen seyn. Der fruchtbarste Kopf schreibt sich leer; nnd wenn die Einbildungskraft sich keiner wirklichen Gegenstände der Nachahmung mehr erinnern kann, so componirt sie deren selbst, welches denn freylich meistens Carrikaturcn werden. Dazu will Diderot bemerkt haben, dap schon Horaz, der einen so besonders zärtlichen Geschmack hatte, den Fehler, wovon die Rede ist, eingesehen, und im Vorbeygehen, aber fast uimicrklich, getadelt habe. Die Stelle soll die in der zweyten. Satyrc des ersten Buchs seyn, wo Horaz zeigen will, „daß die Narren aus einer Uebertreibung in die andere entgegengesetzte zu fallen Pflegen. Fu- „fidius, sagt er, fürchtet für einen Verschwender gehalten zu „werden. Wißt ihr, was er thut? Er leihet monatlich für „fünf Proccnt, nnd macht sich im voraus bezahlt. Je nöthiger der andere das Geld braucht, desto mehr fodcrt er. Er „weiß die Namen aller jungen Leute, die von gutem Hause „sind, und itzt in die Welt treten, dabey aber über harte Vä- „ter zu klagen haben. Vielleicht aber glaubt ihr, daß dieser „Mensch wieder einen Aufwand mache, der seinen Einkünften „entspricht? Weit gefehlt! Er ist sein grausamster Feind, und „der Vater in der Komödie, der sich wegen der Einweichung „seines Sohnes bestraft, kann sich nicht schlechter auälcn: non „<"<- nvjus cruemvvrit." — Dieses schlechter, dieses nc^ii^, will Diderot, soll hier einen doppelten Sinn haben; einmal soll es auf den Fufidius, und einmal auf den Tercnz gehen; dergleichen beyläufige Hiebe, meinet er, wären dem Charakter des Horaz auch vollkommen gemäß. Das letzte kann seyn, ohne sich auf die vorhabende Stelle anwenden zu lassen. Denn hier, dünkt mich, wurde die beyläufige Anspielung dem Hauptvcrstande nachthcilig werden. Fufidius ist kein so großer Narr, wenn es mehr solche Narren giebt. Wenn sich der Vater des Tercnz eben so abgeschmackt peinigte, wenn er eben so wenig Ursache hätte, sich zn peinigen, als Fufidius, so theilt er das Lächerliche mit ihm, und Fufidius ist weniger seltsam und abgeschmackt. Nur alsdcnn, 394 Hamburgische Dramalurgie. wenn Fufidius ohne alle Ursache eben so hart und grausam gegen sich selbst ist, als der Vater des Tcrcnz mit Ursache ist, wenn jener aus schmutzigem Gcitze thut, was dieser aus Reu und Betrübniß that: nur alsdcnn wird uns jener unendlich lächerlicher und verächtlicher, als mitlcidswürdig wir diesen finden. Und allerdings ist jede große Betrübniß von der Art, wie die Betrübniß dieses Vaters: die sich nicht selbst vergißt, die peiniget sich selbst. Es ist wider alle Erfahrung, daß kaum alle hundert Zahre sich ein Beyspiel einer solchen Betrübniß finde: vielmehr handelt jede ungefehr eben so; nur mehr oder weniger, mit dieser oder jener Veränderung. Cicero hatte auf die Natur der Betrübniß genauer gemerkt; er sahe daher in dem Betragen des Hcavtontnnorumciios nichts mehr, als was alle Betrübte, nicht blos von dem Affekte hingerissen, thun> sonder» auch bey kälterm Geblütc fortsetzen zu müssen glauben, i^) Hixc omiüa rc-eta, vvra, clvvita pntantos, taeiunt in clolorc-: ma- xlmcinio lloelmatur, koe «juati oltieii ^ullieio liori, yuocl 5i yui korke, cum in luetu vtte vollont, »Ii«juill foeorunt liumanius, ant 5i Iiilarius locuti ektont, rvvocant to rurtus acl mouKitiam, ^»oeeat!^ue te intimulant, «Zsuoll clolere intormit'orint: ^ueros veio matros >85 magistri eastigaro vtiam solent, nee vorliis 1'olum, tecl etiam veruviivus, si cjuicl in cloinottico luetu Iiilkirius ab iis fa- etuw vK, aut clictum: ploiare coFunt. — III. c, !S7, Zweyter Band. 3l15 itzigcr Zeit, würde das freylich nicht so leicht thun: denn die wenigsten würden es zu thun verstehen. Aber die wohlhab cn- sten, vornehmsten Römer und Griechen waren mit allen ländlichen Arbeiten bekannter, und schämten sich nicht, selbst Hand anzulegen. Doch alles sey, vollkommen wie es Diderot sagt! Der Charakter des Sclbstpcinigcrs sey wegen des allzu Eigenthümlichen, wegen dieser ihm fast nur allein zukommende» Falte, zu einem komischen Charakter so ungeschickt, als er nur will. Wäre Diderot nicht in eben den Fehler gefallend Denn was kann eigenthümlicher seyn, als der Charakter seines Dorval? Welcher Charakter kann mehr eine Falte haben, die ihm nur allein zukömmt, als der Charakter dieses natürlichen Sohnes? „Gleich nach meiner Geburt, läßt er ihn von sich selbst sagen, „ward ich an einen Ort vcrschlcidcrt, der die Grenze zwischen „Einöde und Gesellschaft hcisscn kann; und als ich die Augen „aufthat, mich nach den Banden umzusehen, die mich mit den „Menschen verknüpften, konnte ich kaum einige Trümmern da- „von erblicken. Dreyßig Zahre lang irrte ich unter ihnen cin- „sam, unbekannt und verabsäumet umher, ohne die Zärtlichkeit „irgend eines Menschen empfunden, noch irgend einen Menschen „angetroffen zu haben, der die meinigc gesucht hätte." Daß ein natürliches Kind sich vergebens nach seinen Ackern, vergebens nach Personen umsehen kann, mit welchen es die nähern Bande des Bluts verknüpfen: das ist sehr begreiflich; das kann unter zehnen ncunen begegnen. Aber daß es ganze dreyßig Zahre in der Welt herum irren könne, ohne die Zärtlichkeit irgend eines Menschen empfunden zu haben, ohne irgend einen Menschen angetroffen zu haben, der die scinige gesucht hätte: das, sollte ich fast sagen, ist schlechterdings unmöglich. Oder, wenn es möglich wäre, welche Menge ganz besonderer Umstände müßten von beiden Seiten, von Seiten der Welt und von Seiten dieses so lange insulirtcn Wesens, zusammen gekommen seyn, diese traurige Möglichkeit wirklich zu machen? Jahrhunderte auf Jahrhunderte werden verfließen, ehe sie wieder einmal wirtlich wird. Wolle der Himmel nicht, daß ich mir je das menschliche Geschlecht anders vorstelle! Lieber wünschte ich sonst. 3-16 Ha»il.'iirjiische DramaturiZic. ein Bär gcbobrcn zu scv», als cin Mensch. Nein, kcin Mensch kann unter Mensckcn so lange verlassen seyn! Man scklcidcrc ihn bin, wohin man will: wenn er noch unter Menschen fällt, so fällt er nnter Wesen, die, ebc er sich nmgcschcn, wo er ist, ans allen Seiten bereit stehen, sich an ihn anzuketten. Sind es nicht vornehme, so sind es geringe! Sind es nicht glückliche, so sind es unglückliche Menscbcn! Menschen sind es doch immer. So wie ein Tropfen nur die Fläche des Wassers berühren darf, um von ihm aufgenommen zu werden nnd ganz in ihm zu verfließen: das Wasser hcissc, wie es will, Lache oder Quelle, Strom oder See, Bclt oder Ocean. Gleichwohl soll diese dreoßigjäbrigc Einsamkeit unter den Menschen, den Cbaraktcr des Dorval gebildet haben. Welcher Charakter kann ihm nun ähnlich sehen? Wer kann sich in ihm erkennen? nur zum kleinsten Theil in ihm erkennen? Eine Aiisfluckt, finde ich dock, hat sich Diderot auszusparen gesucht. Er sagt in dem Verfolge der angezogenen Stelle: „In der ernsthaften Gattung werden die Charaktere oft eben „so allgemein scmi, als in der komischen Gattung; sie werden „aber allezeit weniger individuell seyn, als in der Tragischen." Er würde sonach antworten: Der Charakter des Dorval ist kein komischer Charakter; er ist ein Charakter, wie ihn das crnstbaftc Schauspiel crfodert; wie dieses den Raum zwischen Komödie und Tragödie füllen soll, so müssen auch die Charaktere desselben daS Mittel zwischen den komischen und tragischen Charakteren balten; sie brauchen nicht so allgemein zu seyn als jene, wenn sie nur nickt so völlig individuell sind, als diese; nnd solcher Art dürste doch wohl der Charakter des Dorval seyn. Also wären wir glücklich wieder an dem Punkte, von wcl- ckcm wir ausgiengcn. Wir wollten untersuchen, ob es wahr scv, daß die Tragödie Jndividua, die Komödie aber Arten habe: das ist, ob es wahr scv, daß die Personen der Komödie eine große Anzahl von Menschen fassen und zugleich vorstellen müßten; da bingcgcn der Held der Tragödie nur der und der Mcnsch, mir Rcgulus, odcr Brutus, odcr Cato sey, und seyn solle. Ist cs wahr, so hat auch daS, was Diderot von den Personen der mittlern Gattung sagt, die er die ernsthafte Ko- Zweyter B.nid. 397 mödic nennt, keine Schwierigkeit, und der Charakter seines Dorval wäre so tadclhaft nicht. Ist es aber nicht wabr, so fällt auch dieses von selbst weg, nnd dein Charakter des natürlichen SohncS kann ans einer so ungcgrüiidctcn Cinlbeilung keine Rechtfertigung zufließen. Neun und achtzigstes Stuck. Ten 8!cn Merz, 1768. Zuerst muß ich anmerken, daß Diderot seine Asscrtion ohne allen Beweis gelassen hat. Cr mnß sie für eine Wahrheit angesehen haben, die kein Mensch in Zweifel ziehen werde, noch könne; die man nur denken dürfe, um ihren Grund zugleich mit zu denken. Und sollte er den wohl gar in den wahren Namen der tragischen Personen gefunden haben? Weil diese Achilles, und Alcrandcr, und Cato, und Auguslus hcisscn, und Achilles, Alexander, Cato, Auguslus, wirkliche einzelne Personen gewesen sind: sollte er wohl daraus geschlossen haben, daß sonach alles, was der Dichter in der Tragödie sie sprechen und handeln läßt, auch nur diesen einzeln so genannten Personen, und keinem in der Welt zugleich mit, müsse zukommen können ? Fast scheint es so. Aber diesen Irrthum hatte Aristoteles schon vor zwey tausend Jahren widerlegt, nnd auf die ihr entgegen stehende Wahrheit den wesentlichen Unterschied zwischen der Geschichte und Poesie, so wie den größer» Nutzen der letzter» vor der erstem, gegründet. Auch hat er es auf eine so einleuchtende Art gethan, daß ich nur seine Worte anführen darf, um keine geringe Verwunderung zu erwecken, wie in einer so offenbaren Sache ein Diderot nicht gleicher Meinung mit ihm seyn könne. „Aus diesen also, sagt Aristoteles, nachdem er die wesentlichen Eigenschaften der poetischen Fabel festgesetzt, „aus „diesen also erhellet klar, daß des Dichters Werk nicht ist, zu „erzählen, was geschehen, sondern zu erzählen, von welcher Beschaffenheit das Geschehene, lind was nach der Wahrscheinlichkeit oder Nothwendigkeit dabcp möglich gewesen. Denn Gc- (°) Dichtk, 9lcs Kapitel. ?S8 Hciml'lirgischc Drnmaturgic. „schichtschrcibcr und Dichter unterscheiden sich nicht durch die gc- „bundene oder ungebundene Rede: indem man die Bücher des „HcrodotuS in gebundene Rede bringen kann, und sie darum „doch nichts weniger in gebundener Rede eine Geschichte scvn „werden, als sie es in ungebundener waren. Sondern darinn „unterscheiden sie sich, daß jener erzählet, was geschehen; dieser „aber, von welcher Beschaffenheit das Geschehene gewesen. Da- „hcr ist denn auch die Poesie philosophischer und nützlicher als die „ (beschichte. Denn die Poesie geht mehr auf das Allgemeine, und „die Geschichte auf das Besondere. Das Allgemeine aber ist, wie „so oder so ein Mann nach der Wahrscheinlichkeit oder Noth- „ wcndi-gkcit sprechen und handeln würde; als worauf die Dichtkunst bey Erthcilung der Namen sieht. Das Besondere hingegen ist, was Alcibiadcs gethan, oder gelitten hat. Bey der „Komödie min bat sich dieses schon ganz offenbar gezeigt; denn „wenn die Fabel nach der Wahrscheinlichkeit abgefaßt ist, legt „man die ctwanigcn Namen sonach bey, und macht es nicht „wie die Jambischen Dichter, die bey dem Einzeln bleiben. „Bey der Tragödie aber hält man sich an die schon vorhandc- „ncn Namen; aus Ursache, weil das Mögliche glaubwürdig ist, „und wir nicht möglich glauben, was nie geschehen, da hingegen was geschehen, offenbar möglich sevn muß, weil es nicht „geschehen wäre, wenn es nicht möglich wäre. Und doch sind „auch in dcw Tragödien, in einigen nur ein oder zwey bekannte Namen, und die übrigen sind erdichtet; in einigen auch „gar keiner, so wie in der Blume des Agathon. Denn in „diesem Stücke sind Handlungen und Namen gleich erdichtet, „und doch gefällt es darum nichts weniger." Zn dieser Stelle, die ich nach meiner eigenen Ucbcrsetzung anführe, mit welcher ich so genau bey den Worten geblieben bin, als möglich, sind verschiedene Dinge, welche von den Auslegern, die ich noch zu Rathe ziehen können, entweder gar nicht oder falsch verstanden worden. Was davon hier zur Sache gehört, muß ich mitnehmen. Das ist unwidcrsprcchlich, daß Aristoteles schlechterdings keinen Unterschied zwischen den Personen der Tragödie und Komödie, in Ansehung ihrer Allgemeinheit, macht. Die einen Zweyter Band. sowohl als die andern, und selbst die Personen der Cpopcc nicht abgeschlossen, alle Personen der poetischen Nachahmung ohne Unterschied, sollen sprechen und handeln, nicht wie cS ihnen einzig und allein zukommen könnte, sondern so wie ein jeder von ihrer Beschaffenheit in den nehmlichen Umstanden sprechen oder handeln würde nnd müßte. In diesem x«5->ko^>, in dieser Allgemeinheit liegt allein der Grund, warum die Poesie philosophischer und folglich lehrreicher ist, als die Geschichte; nnd wenn es wahr ist, daß derjenige komische Dichter, wclcbcr seinen Personen so eigene Phosiognomicn geben wollte, daß ihnen nur ein einziges Individuum in der Welt ahnlich wäre, die Komödie, wie Diderot sagt, wiederum in ihre Kindheit zurücksetzen nnd in Satyrc verkehren würde: so ist cS auch eben so wahr, daß derjenige tragiscbc Dichter, welcher nur den und den Menschen, nur den Cäsar, nur den Cato, nach allen den Eigenthümlichkeiten, die wir von ihnen wissen, vorstellen wollte, ohne zugleich zu zeigen, wie alle diese Eigenthümlichkeiten mit dem Charakter des Cäsar und Cato zusammen gehangen, der ihnen mit mchrcrn kann gemein seyn, daß, sage ich, dieser die Tragödie entkräften nnd zur Geschichte erniedrigen würde. Aber Aristoteles sagt anch, daß die Poesie ans dieses Allgemeine der Personen mit den Namen, die sie ihnen ertheile, ziele, (o^5 ?ox,«^7-«t ^ ?rocr>o-l? ova^u?« ezrt-'tZ'x^xvrj;) welches sich besonders bey der Komödie deutlich gezeigt habe. Und dieses ist es, was die Ausleger dem Aristoteles nach zu sagen sich begnügt, im geringsten aber nicht erläutert haben. Wohl aber haben verschiedene sich so darüber ausgedrückt, daß man klar sieht, sie müssen entweder nichts, oder etwas ganz falsches dabey gedacht haben. Die Frage ist: wie sieht die Poesie, wenn sie ihren Personen Namen ertheilt, ans das Allgemeine dieser Personen? und wie ist diese ihre Rücksicht auf das Allgemeine der Person, besonders bey der Komödie, schon längst sichtbar gewesen? Die Worte: r?c cse x«^u)vci^, 7°lt> ?rot(0 7« 7rot'cx?5« cr^^jolt^'Lt Xx^stV, r> Tr^oc^kl^- x«?« ?u ktxoc, ?c> -xv«^-- x«col'> 0^1 ^»xa^rat lj nötigt«; »uo^c«?« xirt?t^«^ei^rz, übersetzt Dacier; nnv cliose goneralo, c'est co itur>zic. toi on l!ll>lomont vu nocosj'airomont, eo <^ui oi't Iv Iiut 60 la poosio Inrs m,nno, qu ölle imvns« los noms cV 5os ^ort'onn-iAos. Vollkommen so übersetzt sie auch Herr Curtius: „Das Allgemeine ist, was einer, „vermöge eines gewissen Charakters, nach der Wahrscheinlichkeit „oder Nothwendigkeit redet oder thut. Dieses Allgemeine ist „der Endzweck der Dichtkunst, auch wenn sie den Personen besondere Namen beylegt." Auch in ihrer Anmerkung über diese Worte, stehen beide für einen Mann; der eine sagt vollkommen eben das, was der andere sagt. Sie erklären beide, was das Allgemeine ist; sie sagen beide, daß dieses Allgemeine die Absicht der Poesie sey: aber wie die Poesie bey Ertheilung der Namen auf dieses Allgemeine sieht, davon sagt keiner ein Wort. Nielmchr zeigt der Franzose durch sein lors mümo, so wie der Deutsche durch sein auch wenn, offenbar, daß sie nichts davon zu sagen gewußt, ja daß sie gar nicht einmal verstanden, was Aristoteles sagen wollen. Denn dieses lor« mömo, dieses auch wenn, heißt bey ihnen nichts mehr als ob schon; und sie lassen den Aristoteles sonach blos sagen, daß ungeachtet die Poesie ihren Personen Namen von einzeln Personen beylege, sie dem ohngcachtct nicht auf das Einzelne dieser Personen, sondern auf das Allgemeine derselben gehe. Die Worte des Dacicr, die ich in der Note anführen will, zeigen dieses deutlich. Nun ist es wahr, daß dieses eigentlich keinen falschen Sinn macht; aber es erschöpft doch auch den Sinn des Aristoteles hier nicht. Nicht genug, daß (°) ^VrMole previenl ici n»o vl^oellaii, qil'o» nnuvoil Ini lnire, sur I» «lesmUio», llu'il vient üe »lonner >>'»»« cllole xenerille; e»r les ixiior»»« »'»»rvieiil i>N8 m.iiKiuv üe lui ilire, <>n'Ilomere, pür exemple, n'a poinl e» v»ö «I'ecrire »»0 »clioii xener»Ie universelle, mai-i ime .iclinn p»r- lieuliere, nuiünn'il r-ieonle ee >'o>» ^iiil >Ie cerl.ii»s Iiomme«, eonime ^VeNUIe, ^xnmemno», VI>5se, ue n»r co»seque»t, il n'v » i»u- c»»e (lifference e»lre Homere >k' im Nislorie», yui iluroil ecrii les actio»» ,1'^cIiiUe, 1.0 pliUosonke v<> »u llevgnt >>e relle oli^eclion, eil kuis-uil voir «liio le» poele«, e'eti » ilire, le« ^»leur» u'une 'rr-lgeilie ou il'»» ?neme >'.niIe s-iire, s'U» ecrivoienl les iiclioii» nilrliculierej, ck7 veri- Zweyter Band. 401 die Poesie, ungeachtet der von einzeln Personen genommenen Namen, auf das Allgemeine gehen kann: Aristoteles sagt, daß sie mit diesen Namen selbst auf das Allgemeine ziele, oi5 ?^u,- <5t« ?uiv rtxo^v, c>>^7-u> or^ci^r«?'« xirl?t^xcxt T'lvv x«^?' kx«?av Tvoen^criu. Ich muß auch hiervon die Ucbcrsctzungen des Dacicr und Curtius anführen. Dacicr sagt: co I.l„« Ia <^omvtl!o, car los poete« eowi^uo^, «inos avoir tliosl'v Ivur t'ii^vt tue I» vraitemljlitncv im^osviit sprvs colir Ivurs ^or5»nnaAo« tvls nvms ciu'il Icur ^luit, m iiv s'iittaclivilt «zu'uux cliot«.'« paitivuliorvs. lind Curlius: „dcm Lustspiclc ist dicses schon lange sichtbar gewesen. Denn „wenn die Komödicnschrciber den Plan der Fabel nach der „Wahrscheinlichkeit entworfen haben, legen sie den Personen „ willkührliche Namen bey, nnd setzen sich nicht, wie die jambischen Dichter, einen besondern Vorwurf zum Ziele." Was findet man in diesen Ucbcrsctzungcn von dem, was Aristoteles lslile« u'nn certsi» Iiomme, uvmme ^Vcliille ou Diline, maii, <>u'iw se nra- Iiasviil >Ie le» siiiro i>arler ck7 »xir iiecess.iiremenl ou vr»icei»lil»lileitt>ul; L est » äire, Ue leur faire llire, >!7 fsire toul ce que ue« Iiuuime!« >li> ee meme cilrüclvrv uevoienl f»ire >k7 uire en cet eist, vu i>sr »ecelsile, ou in, mvi»» 5eloii les reßles ue la vrsifemliliince; ce l^ui urvuve ineouleci»- IN>>,»e»t >>»e co so»t Ue» iielio»» xenersles universales. Nichts »Inders scW anch Herr Curtius in seiner Anmcrkiniji; nur.daß cr das Allqcmcinc und tkinzelnc noch an Beyspiele» zeige» wollen, dir abrr nicht so richt bc- wciscn, daß cr ans dc» Grund der Sache gckonnncn. ?rnn iync» -n ^olge wurden es »nr personifirle izharaklcrc scvn, welche der Dichler reden ilnd l'andrln ließe: da cs doch charaklerisirlc Personen seyn solle». Les,i»gs Werke vil. -UZ2 Hambnrgischc Dramaturgie. hier vorncbmlich sagen will ? Beide lassen ihn weiter nichts sagen, als daß die komischen Dichter es nicht machten wie die Jambischen, (das ist, satyrischcn Dichter,) nnd sich an das Einzelne hielten, sondern ans das Allgemeine mit ihren Personen gicngcn, denen sie willkührlichc Namen, tols n»ms zu Folge, legten die komischen Dichter ihren Personen nicht allein willkührlichc Namen bey, sondern sie legten ibncn diese willkührlichc Namen so, oi^rn, bey. Und wie so? So, daß sie mit diesen Namen selbst auf dc^s Allgemeine zielten: <^K e<5'moloFium. Dtomni rrlilurclum ol"t, comieum s^erto irrFumen- im» oonlmFcre: vol nomcm ^orsonse »icoiiAruum llaro vel ollivluni <.> »rxiimoinui» v»«Imj>'i'o> Und das ist doch die Meinung des Donaws gar nicht. Sonder» er will sagen: es wurde un- gcreiml scvn, wenn der konüsclw Dichter, da er seinen Stoff offenbar erfindet, glcichwobl den Personen unschickliche Nanwn, oder Beschäftigungen bcvlea.cn wollte, die mil ibecn Namen stritien. Dcnn srcvlich, da der Stoff ganz von der Erfindung des Dichters ist, so stand es ja einzig und allein bcv ihm, was '_^ Zweyter Band. juvonls pam^Iiilus: matrona kl^rrliina, >k nuor ad nllnrc: 8torax: vvl a luclc» a Zoltioiilutionv Lireus: j>5 itom siiullia. In Anilin« summum povt!v vitium ost, 5i I o contrario ro- i>»Fnans contra, !nm (livorknm^rio iirntiilcrit, n!I"i ^,or «r'^rp;'«i>5v, daß sich diese Rücksicht bey der Komödie besonders längst offenbar gezeigt habe? Von ihrem ersten Ursprünge an, das ist, sobald sich die Zambischcn Dichter von dem Besondern zu dem Allgemeinen erhoben, sobald aus der beleidigenden Satyrc die unterrichtende Komödie entstand: suchte man jenes Allgemeine durch die Namen selbst anzudeuten. Der großsprecherische feige Soldat hieß nicht wie dieser oder jener Anführer aus diesem oder jenem Stamme: er hieß Pyrgopoliniccs, Hauptmann Mauer- cr seinen Personen für Namen beylegen, oder was er mit diesen Namen für eine» Stand oder für eine Bcrriclming verbinden wellte. Sonach durste sich vielleicht Donalus auch selbst so zwevdcutig nicht ausgedrückt l'abcn; und mit Veränderung einer einzigen Svtbe ist dieser Ansios; vermieden. Man lese nel'mlich entweder: ^VdlunUim esl, l'vmiiin» sneitv sreiim^ntum eoiikiiieon- lom vel »amen i^rloine «l'c. Ldcr auch snerlv «rßumenlum cv»fi»ker!' nomen perlons N> f. w. 2L° 404 Hamburgischc ^rainaturgic. brecher. Der elende Schmaruzcr, der diesem um das Maul gicng, hieß nicht, wie ein gewisser armer Schlucker in der Stadt: er hieß Artolrogus, Vrockcnschröter. Der Jüngling, welcher durch seinen Aufwand, besonders auf Pferde, den Natcr in Schulden setzte, hieß nicht, wie der Sohn dieses oder jenes edel» Bürgers: er hieß Phidippidcs, Junker Spaarroß. Mau könnte einwenden, daß dergleichen bedeutende Namen wohl nur eine Erfindung der neuern Griechischen Komödie seyn dürflcu, deren Dichtern es ernstlich verbothen war, sich wahrer Namen zu bedienen; daß aber Aristoteles diese neuere Komödie nicht gekannt habe, und folglich bey seinen Regeln keine Rücksicht auf sie nehmen könne». Das Letztere behauptet Hurd;(") (°) Hiird in seiner Abhandlung über die verschiedenen Erbitte des Drama. I'eoi» >>>>>>».>!rr, Iluit tlie Uw.i «f Iliiki >Ir!>,»!l i» miicll e»l!»!;i!ll Iiv^oinI vI>!U il n-ii» I» ^VristoUe'« lin» ; ,vlm >><.<>»<'!< il ln I>o, nn iinüilliv» ok Iis:I>l null U'iviul noUnnü, »rnvok!»? rUN^»I>!. IN« »»>!«» »!>s lilki'» sx»n Nie tUUe !»»> >>r!>c>i<:e nk ll»e .Vllie- i>i!>» k>a?c; srnm Uiu »Ick vr miiNIIe c«m>.>I>', vNicli .in^vür la >I> sinii'liv». ri»! xreitl r^voluUn», vlucl, lliv l5 milUe >» »>e UrüM!^, >>!>> »nl Iinppun li» »slcn^v-ieclij. Aber dieses niinnn Hurd blos cm, damit seine Erklärung der Komödie mit der Aristotelischen nicht so gerade zu zu streiten scheine. Aristoteles bat die Neue Komödie allerdings erlebt, lind er gedenkt il'rcr namentlich In der Moral an den Nicomachus, wo er von dem anständigen und unanständigen Scherze handelt. (t.i>>. IV. c!ll>. t4.) 'liiol ö' 1--; ««I. rwv ?r«>/«ti<»' ««t ruv x«»'u>'. I'oi? z>a^ )>k>,c>tov ^ «t<7Xl>o^ozil«, rol? ök ^ Ii^oi'ot«. Man könnte zwar sagen, das! unter der Ncnc» Komödie hier die Mittlere verstanden werde; denn als noch leine Neue gewesen, lvbe »oiliwcndig die Mittlere die Neue l'cisscn müssen. Man könnte hinzusetzen, das; Aristoteles in eben der Olympiade gestorben, in welcher Mc- nandcr sein erstes Stück ausführe» lassen, und zwar noch das Jahr vorher. skulV'i/ius i» eiironieo !>ll m^mn, l?XlV. 4.) Allein man hat Unrecht, wenn man den Anfang der Neuen Komödie von dem Mcnandcr rechnet; Menandcr war der erste Diclnrr dieser Epoche, dem portiscl'en Werthe nach, aber nicht der Zeit nach. Wilcmon, der dazu gehört, schrieb viel früher, und der Ucbergang von der Mittlern zur Neue» Komödie war so nnmcrklich, das; es dem Aristoteles unmöglich an Mustern derselbe» kann gefehlt habe». Aristovha- »cs selbst baltc schon ein solches Muster gegeben; sei» Kokalos war so beschaffe», wie il'n Philcmon steh mit wcnigcn Veränderungen zueignen konnte: KoxaXo,-, htilit es in dem Leben des Aristophanes, k>> V i,csc-z'k-^ y?,5vh«5> xa^ ai a)» ^l<7^ov xcu, 5«!^« « ^^Xioc/- c-t-ö^o;. Wie »UN ?wcl,ler Band. 405 aber cs ist eben so falsch, als falsch cs ist, daß die ällcrc Griechische Komödie sich mir wahrer Namen bedient habe. Selbst in denjenigen Stücken, deren vornehmste, einzige Absicht cs war, eine gewisse bekannte Person lächerlich und verhaßt zu machen, waren, außer dem wahren Namen dieser Person, die übrigen fast alle erdichtet, und mit Beziehung auf ihren Stand und Charakter erdichtet. Eilt und neunzigstes Stück. ?en 45tcn Merz, 4768. Za die wahren Namen selbst, kann man sagen, gicngcn nicht selten mehr auf das Allgemeine, als auf das Einzelne. Unter dem Namen Sokratcs wollte Aristophancs nicht den einzeln Sokratcs, sondern alle Sophisten, die sich mit Erziehung junger Leute bcmcngtcn, lächerlich nnd verdächtig machen. Der gefährliche Sophist überhaupt war sein Gegenstand, und er nannte diesen nur Sokratcs, weil Sokratcs als cin solcher verschrieen war. Daher eine Mcngc Züge, die auf den Sokratcs gar nicht paßten; so das Sokratcs in dcm Thcatcr getrost aufstehen, und sich der Vcrglcichuug Preis geben konnte! Aber wie sehr vcrkcunt man das Wesen der Komödie, wenn man diese nicht treffende Züge für nichts als muthwillige Verleumdungen erklärt, und sie durchaus dafür nicht erkennen will, was sie doch sind, für Erweiterungen des cinzcln EharakterS, für Erhebungen des Persönlichen zum Allgemeinen! Hier ließe sich von dein Gebrauche der wahren Namen in der Griechischen Komödie überhaupt vcrschicdncs sagen, was von dcn Gclchrtcn so gcnau noch nicht aus einander gesetzt worden, als cs wohl vcrdicntc. Es licßc sich anmcrkcn, daß dieser Gebrauch kcincswcgcs in der ältern Griechischen Komödie also Aristophancs Muster von allen verschiede»?» Abänderungen der Komödie gegeben, so konnte anch Aristoteles seine Erklärung der .Komödie nberhanpl ans sie alle einrichte». Das that erden»; und die Komödie hat nachher keine Erweiterung bekomme», sur welche diese Erklärn»», z» enge geworden wäre. Hurd hatte sie unr recht verstehe» diirsc»; nnd er wurde gar nicht nöthig gehabt haben, nm seine an und für sich richtige» Begriffe vo» der Komödie anjicr alle» Streit mit den Aristotelische» zu sckrn, seine Zuflucht zu der rcrmcinllichcn Unerfahrenheit des Aristoteles zu nehmen. "^»>Wl^Ip^>..oi', i-o )>k^olov S,z«^«^o^o^lc-^-^7,? sollte entstände» seyn. Von vcrschicdncn Dichtern der alten Komödie finde» wir es auch ausdrücklich angemerkt, das, sie sich aller Anzüglichkeiten enthalten, welches bey wahre» Name» nicht möglich gewesen wäre. Z. E. von dem Phcrekratcs. (°°) Die persönliche und namentliche Satvrc war so wenig eine wesentliche Eigenschaft der alte» Komödie, daß man vielmehr denjenigen ihrer Dichter gar wohl kcmict, der sich ihrer zuerst erkühnet- Es war Cratinus, welcher zuerst r--> x^i^uö^r»? ioH>k^l,u,ov «tzo<5kiZ^xk, ««Xl>>? 5^«rrci?-r«? öka/z»?^!^, ««l, ll<7?ktz öiz.ii.oo'l« /^c-^^t -rss Xll,,l,loöl« -0>,0^I>>I'. Und auch dieser wagte sich nur Anfangs an gemeine verworfene Leute, von deren Ahndung er nichts zu befürchten halte. Aristophancs wollte sich die Ehre nicht nehmen lassen, daß er es sey, welcher sich zuerst an die Großen des Staats gewagt habe: (lr. v. 730 ) ^Il^ccx^o'u; otz^v k^n", ?c>lcr^ ^i-k^^-oi-? k^xkl^k!-. Ja er hätte lieber gar diese Kühnheit als sein eigenes Privilegium betrachten mögen- Er war höchst eifersüchtig, als er sahe, daß ihm so viele andere Dichter, die er verachtete, darin» nachfolgten. ("") Welches gleichwohl fast immer geschieht. Ja man geht noch weiter, und will behaupten, daß mit den wahren Namen auch wahre Begebenheiten verbunden gewesen, an welchen die Erfindung des Dichters keinen Theil gehabt. Datier selbst sagt: Bristols n'a pu vouwir «Nee liu'Lpielmriuu» >k7 l>Iwrmiij invvineivul le« su^et» üv Ivur» niece«, pul-iilue t un >!7 l autre o»t v>>- >Iv» ?ov>o» clu I» vivillv l^omeclie, vii »I ii'v svoit rien ite koiut, .^ »vülNiire?« koint,!» »>! commviicoreiit » etr« uüsejj lur le Ilio-ilrv, >l»L >iu wm» ll'.Vtuxiiiiclre I« Krunü, L'ost !t Uiie clsn» I» »ouvoUv l^omvllio. (Uvm-txiuv lur Iv L»i»i>. V. uv I» ?ovl. u'^Vrill.) Man sollte glauben, wer so etwas sagen könne, müßte nie auch nur einen Blick in den Arisiophanes gethan habe». Das Argument, die Zabel der alten Griechischen Zweyter Band. 107 nug bcy ihren wahre» Namen genannt und lächerlich gemacht. (") Doch ich muß mich nicht aus cincr Ausschweifung in die andere verlieren. Ich will nur noch die Anwendung aus die wahren Namen der Tragödie machen. So wie der Aristophanische Sokrates nicht den einzeln Mann dieses Namens vorstellte, noch vorstellen sollte; so wie dieses pcrsonisirtc Ideal cincr eitel» und gefährlichen Schulweisheit nur darum den Namen Sokrates dekam, weil Sokrates als ein solcher Täuschcr und Verführer zum Theil hckannt war, zum Theil noch hekaimlcr werden sollte; so Komödie war eben sowohl erdichtet, als es die Argumente und Fabel» der Neuen nur immer sey» konnten. Kein cinzigcs von den übrig gebliebenen Stucken des Aristopha»cs stellt eine Begebenheit vor, die wirtlich geschehen wäre: und wie kann man sagen, das; sie der Dichter deswegen nicht erfunden, weil sie zum Theil auf wirkliche Begebenheiten anspielt? Wenn Aristoteles als cmsgcmacht annimmt, or-, i-oi> ico»/^»- /lUlXX-o»'i-ioi-/^.-»K-»^ k^, «t ö?t »o^- rizv, ^' ruv /^rtz-^: würde er nicht schlechterdings die Verfasser der alle» Griechischen Komödie aus der Klasse der Dichter haben ausschließen müssen, wenn er geglaubt hätte, daß sie die Argumente ihrer Stücke nicht erfunden? Aber so wie es, nach ihn,, in der Tragödie gar wohl mit der poetischen Erfindung bestehen kann, daß Namen und Umstände aus der wahren Geschichte entlehnt sind: so muß es, seiner Meinung nach, auch in der Komödie bestelln können. Es kann unmöglich seinen Begriffen gemäß gewesen srpn, daß die Komödie dadurch, daß sie wahre Namen brauche, und auf wahre Begebenheiten anspiele, wiederum in die Zambischc Schmähsuchl zurück falle: vielmehr muß er geglaubt haben, daß sich das >a^o^o-v «o-,c,,v ?/ /l^^o,^ gar wohl damit pcrtragc. Er gesteht dieses den ältesten komischen Dichtern, dem Epleharmus, dem Phormis und Kraics zu, und wird es gewiß dem Ari- slophancs nicht abgesprochen haben, ob cr schon wußte, wie sehr er nicht allein den Klcon und Hvpcrbolus, sondern auch den "Pcritlcs und Sokrates namentlich mitgenommen. (°) Mit der Strenge, mit welcher Plato das Verboth, jemand in der Komödie lächerlich zu machen, in seiner Republik einführe» wollte, O^r- ri^v 50X1,1^ «u.u.K-ö-i,?') ist in der wirkliche» Republik niemals darüber gehalten worden. Ich will nicht anführe», daß i» dc» Stücke» des Mcnandcr noch so mancher Cynischc Philosoph, noch so manche Buhlcrinn mit Namen gcncnnt ward: man könnte antworten, daß dieser Abschaum von Menschen nicht zu den Bürgern gehört. Aber Klcsippus, der Sohn des Chabrias, war doch gewiß Alhcnicnsischer Bürger, so gut wie cincr: und man schc, was Mcnandcr vo» ihm saglc. (ziouiuuiri t'r. p. t37. LUil. H.nnb urg i sch c Tr.iinaiur.iie. wie blos der Begriff von Stand und Charakter, den man mit dem Namen Sokrates verband und noch näher verbinden sollte, den Dichter in der Wahl des Namens bestimmte: so ist auch blos der Begriff des Charakters, den wir mit den Namen Rc- gulus, Cato, Brutus zu verbinden gewohnt sind, die Ursache, warum der tragische Dichter seinen Personen diese Namen ertheilet. Er fuhrt einen Rcgulus, einen Brutus auf, nicht um uns mit den wirklichen Bcgcguissen dieser Männer bekannt zu machen, nicht um das Gedächtniß derselben zu erneuern: sondern um uns mit solchen Bcgcgnisscn zu unterhalten, die Männern von ihrem Charakter überhaupt begegnen können und müssen. Nun ist zwar wahr, daß wir diesen ihren Charakter aus ihren wirklichen Bcgcgnisseii abstrahircr haben: es folgt aber doch daraus nicht, daß uns auch ihr Charakter wieder auf ihre Bc- gegnisse zurückführen müsse; er kann uns nicht selten weit kürzer, weit natürlicher auf ganz andere bringen, mit welchen jene wirkliche weiter nichts gemein haben, als daß sie mit ihnen aus einer Quelle, aber auf unzuvcrfolgcndcn Umwegen und über Erdstriche hergcflosscu sind, welche ihre Lautcrhcit verdorben haben. In diesem Falle wird der Poet jene erfundene den wirklichen schlechterdings vorziehen, aber den Personen noch immer die wahren Namen lassen. Und zwar aus einer doppelten Ursache: einmal, weil wir schon gewohnt sind, bey diesen Namen eine» Charakter zu denken, wie er ihn in seiner Allgemeinheit zeiget; zwcytcns, weil wirklichen Namen auch wirkliche Begebenheiten anzuhängen scheinen, und alles, was einmal geschehen, glaubwürdiger ist, als was nicht geschehen. Die erste dieser Ursachen stießt aus der Verbindung der Aristotelischen Begriffe überhaupt; sie liegt zum Grunde, und Aristoteles hatte nicht nöthig, sich umständlicher bey ihr zu verweilen; wohl aber bey der zwevtcn, als einer von anderwärts noch dazu kommende» Ursache. Doch diese liegt itzt außer meinem Wege, und die Auc-legcr insgesamt haben sie weniger mißverstanden als jene. Nun also auf die Behauptung des Diderot zurück zu kommen. Wenn ich die Lehre des Aristoteles richtig erklärt zu baben, glauben darf: so darf ich auch glauben, durch meine Erklärung bewiesen zu haben, daß die Sache selbst unmöglich Zweyter Band, anders seyn kann, als sie Aristoteles lehret. Die Cbarakierc der Tragödie müsse» eben so allgemein seyn, als die Charaktere der Komödie. Der Unterschied, den Diderot behauptet, ist falsch: oder Diderot muß unter der Allgemeinheit eines Charakters ganz etwas anders verstehen, als Aristoteles darunter verstand. Zwey und neunzigstes Scück. Den IStcil Merj, '17K8. Und warum könnte das Letztere nicht seyn? Finde ich doch noch einen andern, nicht minder trefflichen Kunstrichtcr, der sich fast eben so ausdrückt als Diderot, fast eben so gerade zu dem Aristoteles zu widersprechen scheint, und gleichwohl im Grunde so wenig widerspricht, daß ich ihn vielmehr unter allen Knnst- richtcrn für denjenigen erkennen muß, der noch das meiste Licht über diese Materie verbreitet hat. Es ist dieses der englische Kommentator der Horazischcn Dichtkunst, Hurd: ein Schriftsteller aus derjenigen Klasse, die durch Ucbcrsctzungcn bey uns immer am spatesten bekannt werden. Zch möchte ihn aber hier nicht gern anpreisen, um diese seine Bekanntmachung zu beschleunigen. Wenn der Deutsche, der ihr gewachsen wäre, sich noch nicht gefunden hat: so dürften vielleicht auch der Leser unter uns noch nicht viele seyn, denen daran gelegen wäre. Der fleißige Mann, voll guten Willens, übereile sich also lieber damit nicht, und sehe, was ich von einem noch nnübcrsctztcn gutem Buche hier sage, ja für keinen Wink an, den ich seiner allezeit fertigen Feder geben wollen. Hurd hat seinem Commcntar eine Abhandlung, über die vcrschiedncn Gebiete des Drama, beygefügt. Denn er glaubte bemerkt zu haben, daß bisher nnr die allgemeinen Gesetze dieser Dichtnngsart in Erwägung gezogen worden, ohne die Grenzen der vcrschiedncn Gattungen derselben festzusetzen. Gleichwohl müsse auch dieses geschehen, um von dem eigenen Verdienste einer jeden Gattung insbesondere ein billiges Urtheil zu fallen. Nachdem er also die Absicht des Drama überhaupt, und der drey Gattungen desselben, die er vor sich findet, der Tragödie, der Komödie und des Posscnspicls, insbesondere festgesetzt: so folgert er, aus jener allgemeinen und- aus diesen 410 H.nnburgische Dramaturgie. besonder» Absichten, sowohl diejenigen Eigenschaften, welche sie unter sich gemein haben, als diejenigen, in welche» sie von einander unterschieden scmi müssen. Unter die letzter» rechnet er, in Ansehung der Komödie und Tragödie, auch diese, daß der Tragödie eine wahre, der Komödie hingegen eine erdichtete Begebenheit zuträglicher se>). Hierauf fahrt cr fort: lliv l'unio Fonius i„ tlio t»vo «lianias is oI>lV>rv!>I)Ie, i» llieir lU'iniglit vf clioraetors. l^omoclv makes illl it-, eli.iraetors Foi> vraI; l'i»FOtl^, ^> artiouIar. ^tiv ^ vaio vfklulivrv is not s» nronort^ tlie ^>ieturv of u oovvtous man, as of covotousnvks ittolf. Iiaei»o's I^vro «n tliv otlier Iiüiill, is not a ziicturo ok cruolt^, liut ol s cruvl man. D. i. ,,Z» „dem nehmliche» Geiste schildern die zwey Gattungen des Drama „auch ihre Charaktere. Die Komödie macht alle ihre Charaktere gciicral; die Tragödie partikular. Der Gcitzigc „des Molicrc ist nicht so eigentlich das Gcmahldc eines geitzi- „gcn Mannes, als dcs Gcitzes selbst. Nacincns Nero „hingegen ist nicht das Gemählde der Grausamkeit, sondern „nur cincs grausamen Mannes." Hurd scheinet so zu schließen: wenn die Tragödie eine wahre Begebenheit crfodcrt, so müssen auch ihre Charaktere wahr, das ist, so beschaffen seyn, wie sie wirklich in den Zndividuis cxisti- rcn; wenn hingegen die Komödie sich mit erdichteten Begebenheiten begnügen kann, wenn ihr wahrscheinliche Begebenheiten, in welchen sich die Charaktere nach allen ihrem Umfange zeigen können, lieber sind, als wahre, die ihnen einen so weiten Spielraum nicht erlauben, so dürfen und müssen auch ihre Charaktere selbst allgemeiner scvn, als sie in der Natur existircn; angesehen dein Allgemeinen selbst, in unserer Einbildungskraft eine Art von Existenz zukömmt, die sich gegen die wirkliche Eristcnz dcs Einzeln eben wie das Wahrscheinliche zu dem Wahren verhält. Ich will itzt nicht untersuchen, ob diese Art zu schließen nicht ein bloßer Zirkel ist: ich will die Schlußfolgc blos annehmen, so wie sie da liegt, und wie sie der Lehre dcs Aristoteles schnurstraks zu widersprechen scheint. Doch, wie gesagt, sie schcint cs blos, wclchcs aus der weiter» Erklärung dcs Hurd erhellet. _ _ Zweyter Band. 41t „Es wird aber, fährt er fort, hier dienlich seyn, einer doppelten Vcrstoßung vorzubauen, welche der eben angeführte Grundsatz zu begünstigen scheinen könnte. „Die erste bctrift die Tragödie, von der ich gesagt habe, daß sie partikuläre Charaktere zeige. Ich meine, ihre Charaktere sind partikulärer, als die Charaktere der Komödie. Das ist: die Absicht der Tragödie verlangt es nicht und erlaubt es nicht, daß der Dichter von den charakteristischen Umständen, durch welche sich die Sitten schildern, so viele zusammen zieht, als die Komödie. Denn in jener wird von dem Charakter nicht mehr gezeigt, als so viel der Verlauf der Handlung unumgänglich crfodcrt. Zn dieser hingegen werden alle Zuge, durch die er sich zu unterscheiden Pflegt, mit Fleiß aufgesucht und angebracht. „Es ist fast, wie mit dem Portraitmahlen. Wenn ein großer Meister ein einzelnes Gesicht abmahlen soll, so giebt er ihm alle die Lincamcntc, die er in ihm findet, und macht es Gesichtern von der nehmlichen Art nur so weit ähnlich, als es ohne Verletzung des allergeringsten eigenthümlichen Zuges geschehen kann. Soll eben derselbe Künstler hingegen einen Kopf überhaupt mahlen, so wird er alle die gewöhnlichen Mienen und Züge zusammen anzubringen suchen, von denen er in der gcsammtcn Gattung bemerkt hat, daß sie die Idee am kräftigsten ausdrücken, die er sich itzt in Gedanken gemacht hat, und in seinem Gemählde darstellen will. „Eben so unterscheiden sich die Schilderten der beiden Gattungen des Drama: woraus denn erhellet, daß, wenn ich den tragischen Charakter partikular nenne, ich blos sagen will, daß er die Art, zu welcher er gehöret, weniger vorstellig macht, als der komische; nicht aber, daß das, was man von dem Charakter zu zeigen für gut befindet, es mag nun so wenig seyn, als es will, nicht nach dem Allgemeinen entworfen seyn sollte, als wovon ich das Gegentheil anderwärts behauptet und umständlich erläutert habe. (°) (") Bey den Versen der Horazischen Dichtkunst: Non/ici-ro v.xt,'i»i>iar viliv änoruwliuv I>»Llui» iiniliUvr^iu, vern» >>'»>»! «Ini-i-rl! vuv<.K, Ivo Hnrd zeiget, daß die Wahrheit, welche Horaz hier verlangt, einen 412 Hamburgische Tramalurgic. „Was zweyteils die Komödie anbelangt, so habe ich gc- „sagt, daß sie gcncrale Charaktere geben müsse, uiid habe „zum Beyspiele den Gcilzigen des Molicrc angeführt, der „mehr der Zdce des Gcitzes, als eines wirklichen gcitzigcn „Mannes entspricht. Doch auch hier muß man meine Worte „nicht in aller ihrer Strenge nehmen. Moliere dünkt mich in „diesem Beyspiele selbst fehlerhaft; ob es schon sonst, mit der „erforderlichen Erklärung, nicht ganz unschicklich seyn wird, „meine Meinung begreiflich zu machen. „Da die komische Bühne die Absicht hat, Charaktere zu „schildern, so meine ich kann diese Absicht am vollkommenem erreicht werden, wenn sie diese Charaktere so allgemein „macht, als möglich. Denn indem auf diese Weise die in dem „Stücke aufgeführte Person gleichsam der Ncprcscntant aller „Charaktere dieser Art wird, so kann unsere Lust an der Wahrheit der Vorstellung so viel Nahrung darinn finden, als nur „möglich. Es muß aber sodann diese Allgemeinheit sich nicht „bis auf unsern Begriff von den möglichen Wirkungen des „Charakters, im Abstracto betrachtet, erstrecken, sondern nur „bis auf die wirkliche Aeußerung seiner Kräfte, so wie sie „von der Erfahrung gercchlfcrtigct werden, und im gemeinen „Leben Statt finden können. Hierum haben Molicrc, und vor „ihm Plautus, gefehlt; statt der Abbildung eines geitzigcn „Mannes, haben sie uns eine grillenhafte widrige Schilderung „der Leidenschaft des Gcitzes gegeben. Ich nenne es eine „grillenhafte Schilderung, weil sie kein Urbild in der Na- „tur hat. Ich nenne es eine widrige Schilderung; denn da „es die Schilderung einer einfachen unvcrmischten Leidenschaft ist, so fchlcn ihr alle die Lichter und Schatten, „deren richtige Verbindung allein ihr Kraft und Leben ertheilen könnte. Diese Lichter und Schatten sind die Vermischung „verschiedener Leidenschaften, welche mit der vornehmsten oder „herrschenden Leidenschaft zusammen den menschlichen Charakter ausmachen; und diese Vermischung muß sich in jedem solche» Ausdruck bcdculc, als der allacmcincn Nalur der Dinqe gcmäs! ist; Falsclilicit l'i>ia,cqcn das l'cissc, was zwar dcm vorhabenden besonder» Halle angcmcssc», aber nicht mit jener allgeineincn Nalur ubcrcinslinuimid sey. Zweyter Band. „dramatischen Gemählde von Sitten finden, weil es zugestanden ist, daß das Drama vornehmlich das wirkliche Leben abbilden soll. Doch aber muß die Zeichnung der herrschenden „Leidenschaft so allgemein entworfen seyn, als es ihr Streit „mit den andern in der Natur nur immer zulassen will, damit „der vorzustellende Charakter sich desto kräftiger ausdrücke. Drcy und neunzigstcs Scück. Teil 2'.'fic>! Merz, 1768. „Alles dieses läßt sich abermals aus der Mahlerey sehr „wohl erläutern. Zn charakteristischen Porträten, wie „wir diejenigen nennen können, welche eine Abbildung der „Sitten geben sollen, wird der Artist, wenn er ein Mann von „wirklicher Fähigkeit ist, nicht auf die Möglichkeit einer ab- „straktcn Zdcc losarbeiten. Alles was er sich vornimmt zu zei- „gcn, wird dieses seyn, daß irgend eine Eigenschaft die herrschende ist; diese druckt erstark, und durch solche Zeichen aus, „als sich in den Wirkungen der herrschenden Leidenschaft am „sichtbarsten äußern. Und wenn er dieses gethan hat, so dür- „fcn wir, mich der gemeinen Art zu reden, oder, wenn man „will, als ein Compliment gegen seine Kunst, gar wohl von „einem solchen Portraitc sagen, daß es uns nicht sowohl den „Menschen, als die Leidenschaft zeige; gerade so, wie die Alten „von der berühmten Bildsäule des Apollodorus vom Silainon „angemerkt haben, daß sie nicht sowohl den zornigen Apollodo- „rus, als die Leidenschaft des Zornes vorstelle. (") Dieses aber „muß blos so verstanden werden, daß er die hauptsächlichen „Züge der vorgebildeten Leidenschaft gut ausgedrückt habe. „Denn im Ucbrigen behandelt er seinen Vorwnrf eben so, wie „er jeden andern behandeln würde: das ist, er vergißt die „mitvcrbundenen Eigenschaften nicht, und nimmt das allgemeine Ebcnmaaß und Verhältniß, welches man an einer „menschlichen Figur erwartet, in Acht. Und das heißt denn „die Natur schildern, welche uns kein Beyspiel von einem „ Menschen giebt, der ganz und gar in eine einzige Leidenschaft (°) Xon Iioiuiilvm ox sie keeil, iracuinliüm, I>I!i>iu8 li/ir. Zt. s. 411 Haniburgische Dramaturgie. „verwandelt wäre. Keine Mctamorphosis könnte seltsamer und „unglaublicher seyn. Gleichwohl sind Portraite, in diesem ta- „dclhaftcn Geschmacke verfertiget, die Bewunderung gemeiner „Gaffer, die, wenn sie in einer Sammlung das Gemählde, „z. E. eines Gcitzigcn, (denn ein gewöhnlicheres giebt es „wohl in dieser Gattung nicht,) erblicken, lind nach dieser „Idee jede Muskel, jeden Zug angestrenget, verzerret und überladen finden, sicherlich nicht ermangeln, ihre Billigung und „Bewunderung darüber zu äußern. — Nach diesem Begriffe „der Nortrcfflichkcit würde Lc Bruns Vuch von den Leidenschaften, eine Folge der besten und richtigsten moralischen „Portraite enthalten: und die Charaktere des Thcophrasts müß- „tcn, in Absicht auf das Drama, den Charakter» des Tcrcnz „weit vorzuziehen seyn. „Ueber das erstere dieser Urtheile, würde jeder Virtuose in „den bildenden Künsten unstreitig lachen. Das letztere aber, „fürchte ich, dürften wohl nicht alle so seltsam finden; wcnig- „stcns, nach der Praris verschiedener unserer besten komischen „Schriftsteller und nach dem Bcyfallc zu urtheilen, welchen „dergleichen Stücke gemeiniglich gefunden haben. Es liessen „sich leicht fast aus allen charakteristischen Komödien Beyspiele „ansührcn. Wer aber die Ungereimtheit, dramatische Sitten „nach abstrakten Zdccn auszuführen, in ihrem völligen Lichte „sehen will, der darf nur B. Johnsons Jedermann aus „seinem Humor (°) vor sich nehmen; welches ein charaktc- (°) Bcrmi B. Johnson sind zwcv Komödien, die cr vom Humor benennt bat: die eine kver^ I>I!U> i» Ilumour, und die andere Lvvi^ lUilil v»t vk liw iiumviir. Das Wort Humor war zu seiner Zeit aufgekommen, und wurde aus die lächerlichste Weise gemißbraucht. Sowohl diesen Mißbrauch, als den eigentlichen Sinn desselben, bemerkt cr in folgender Stelle selbst: ^V» ^vlio» tvmu o»e peculiilr i» po^vers, In lllvir conslrueliuns, »II lo run one 1'Iu» >»»>' >>e Irulx k?u> >o Iio » luimuur. v»t Niill » rvok I>^ veilrinA a n>^>i kt>!>llier, 'ri>« cildlo >>!»>>!I, vr Nie >I»rev-piI'lI rukf, ^ >ar>I vk Nwe-l>e, vr Ike S»'»!/.«!'!! knot Zweyter Band. 4>5> „ristischcs Stuck seyn soll, in der That aber nichts als eine „unnatürliche, mid wie es die Mahler nennen würden, harte „Schilderung einer Gruppe von für sich bestehenden Leidenschaften ist, wovon man das Urbild in dem wirklichen „Leben nirgends findet. Dennoch hat diese Komödie immer „ihre Bewunderer gehabt; und besonders muß Randolph von „ihrer Einrichtung sehr bczaubcrt gewesen seyn, weil er sie in „seinem Spiegel der Muse ausdrücklich nachgeahmet zu ha- „bcn scheint. „Auch hierum, müssen wir anmerken, ist Shakcspcar, so wie „in allen andern noch wesentlichem Schönheiten des Drama, „ein vollkommenes Muster. Wer seine Komödien in dieser „Absicht aufmerksam durchlcscn will, wird finden, daß seine „auch noch so kräftig gezeichneten Charaktere, den „größten Theil ihrer Rollen durch, sich vollkommen wie alle vn I>w ?rencl> ü-lrlers, slwuUI ,issow»In»5. Z» der Geschichte des Humors sind beide Stucke des Iolnn'on also selw wichtige Dokumente, und das letztere noch mclir als das erstere. Der Humor, den wir den Engländern itzt so vorzüglich zuschreiben, war damals bey ilmcn großen Theils Affcetalio»; und vornclnnlich diese Affeclation lächerlich zu machen, schilderte Johnson Humor. Die Sache genau zu nehmen, müßte auch nur der affectirtc, und nie der wahre Humor ein Gegenstand der Komödie seyn. Denn mir die Begierde, sich von andern auszuzeichnen, sich durch etwas Eigenthümliches merkbar zu mache», ist eine allgemeine menschliche Schwachheit, die, nach Beschaffenheit der Mittel, welche sie wählet, sehr lächerlich, oder auch sehr strafbar werden kann. Das aber, wodurch die Natur selbst, oder eine anhaltende zur Natur gewordene Gewohnheit, eine» einzeln Menschen von allen andern auszeichnet, ist viel zu speciell, als das; c- sich mit der allgemeinen philosophischen Absicht des Drama vertragen tonnte. Der überhäufte Humor in vielen Englischen Stücken, dürfte sonach anch wohl das Eigene, aber nicht das Bessere derselben seyn. Gewiß ist es, das, sich i» dem Drama der Alten keine Spur von Humor findet. Die alte» dramatischen Dichter wußten das Kunststück, ilwc Personen auch ohne Humor zu indivi- dualisiren: ja die alte» Dichter überhaupt. Wohl aber zeigen die alte» Geschichtschreiber und Redner dann und wann Humor; wenn nelmilich die historische Wahrbcit, oder die Aufklärung eines gewisse» Facli, diese genaue Schilderung >.«H>' -xc-^-ov erfodcrt. Ich l'abc Ercmpcl davon fleißig gesammelt, die icl, auch blos darum in Ordnung bringen zu könne» wünschte, um gelegentlich einen Fehler wieder gut zu mache», der ziemlich allgemein geworden 4l6 Hamburgischc Tramalurgic. „andere ausdrücken, lind ihre wesentlichen, lind herrschenden „Eigenschaften nur gelegentlich, so wie die Umstände eine ungezwungene Aeußerung veranlassen, an den Tag legen. Diese „besondere Vortrcfflichkcit seiner Komödien entstand daher, daß „er die Natur getreulich copirte, und sein reges und feuriges „Genie auf alles aufmerksam war, was ihm in dem Verlaufe „der Scenen dienliches aufstosscn konnte: da hingegen Nachahmung und geringere Fähigkeiten kleine Scribcntc» „verleiten, sich um die Fertigkeit zu bceifcrn, diesen einen Zweck „keinen Augenblick aus dem Gesichte zu lassen, und mit der „ängstlichsten Sorgfalt ihre Licblingscharaktcre in beständigem „Spiele und ununtcrbrochner Thätigkeit zu erhalten. Man „könnte über diese ungeschickte Anstrengung ihres Witzes sagen, „daß sie mit den Personen ihres Stucks nicht anders „umgehen, als gewisse spaßhafte Leute mit ihren Bekannten, „denen sie mit ihren Höflichkeiten so zusetzen, daß sie ihren ist. Wir übersetzen nehmlich itzt, fast durchgängig, Humor durch Laune; und ich glaube mir bewußt zu seyn, daß ich der erste bin, der es so übersetzt hat. Ich habe sehr unrecht daran gethan, und ich wünschte, daß man mir nicht gefolgt wäre. Denn ich glaube es nnwidersprechlich beweisen zu können, daß Humor und Laune ganz verschiedene, ja in gewissem Verstände gerade entgegen gesetzte Dinge sind. Laune kann zu Humor werden; aber Humor ist, außer diesem einzige» Falle, nie Laune. Ich hatte die Abstammung unsers deutschen Worts und den gewöhnlichen Gebrauch desselben, besser untersuchen und genauer erwägen sollen. Ich schloß zu eilig, weil Laune das Französische lium^ur ausdrücke, daß es auch das Englische iimnour ausdrücken könnte: aber die Franzosen selbst können itumvur nicht durch linmeur übersetzen. — Bon den genannten zwey Stücken des Johnson hat das erste, Jedermann in seinem Humor, den vom Hurd hier gerügten Fehler weit weniger. Der Humor, den dic'Pcrsoncn desselben zeigen, ist weder so individuell, noch so überladen, daß er mit der gewöhnliche» Natur nicht bestehen könnte; sie sind auch alle zu ciucr gemcinschasllichc» Handluug so zicmlick verbunden. I» dem zwevten hiiigegc», Jeder man» aus seinem Humor, ist fast nicht die geringste Fabel, es treten eine Menge der wunderlichsten Narren nach einander aus, man weis weder wie, noch warum; und ihr Gespräch ist überall durch ein Paar Freunde des Verfassers unterbrochen, die unlcr dem Namen krex cittgeführt sind, und Betrachtung über die Charaktere der Personen und über die Kunst des Dichters, sie zu behandeln, anstellen. Das aus seinem Humor, oui »k i>i->iiumour, zeigt an, daß alle die Personen in Umstände gerathen, in welchen sie ihres Humors satt und übcrdrüßig werden. Zweyter Band. 417 „Antheil an der allgemeinen Unterhaltung gar nicht nehmen „können, sondern nur immer, zum Vergnügen der Gesellschaft, „Sprünge und Männcrchcn machen müssen." Vier und neunzigstes Srück. Te» 25ste» Merz, 1768. Und so viel von der Allgemeinheit der komischen Charaktere, und den Grenzen dieser Allgemeinheit, nach der Zdcc des Hurd! — Doch es wird nöthig seyn, noch erst die zweyte Stelle beyzubringen, wo er erklärt zu haben versichert, in wie weit auch den tragischen Charaktere», ob sie schon nur partikular waren, dennoch eine Allgemeinheit zukomme: ehe wir den Schluß überhaupt machen können, ob und wie Hurd mit Diderot, und beide mit dem Aristoteles übereinstimmen. „Wahrheit, sagt er, heißt in der Poesie ein solcher Aus- „ druck, als der allgemeinen Natur der Dinge gemäß ist; Falschheit hingegen ein solcher, als sich zwar zu dem vorhabenden „besondern Falle schicket, aber nicht mit jener allgemeinen „Natur übereinstimmet. Diese Wahrheit des Ausdrucks in „der dramatischen Poesie zu erreichen, cmpfichlct Horaz (°) zwey „Dinge: einmal, die Socratische Philosophie fleißig zu studieren; zweytcns, sich um eine genaue Kenntniß des menschlichen Lebens zu bewerben. Zcncs, weil es der eigenthümliche „Vorzug dieser Schule ist, a>illls!>, cum kacoret ^«viü knrmnm a»t lUinervie, co»lemi>I»!>!Uur »u«i»ei» v IZU» Nmililudiiivm Uuceret: sin! iplius i» menle iiiNiIebiU speeies puleliriluiliiiiii eximi» >u»m iiiMeiis in esizn« «lelixus «U illius lmulittiiliiiem »rlem «lirixoki». vr. S.) (") pl-ilo o-o. „rpl-vi'^ov XlXt i^<5cxt07'xj>ou Troci^c/t^ tl^vpt«^ ec^lV. Die „Ursache, welche gleich darauf solgt, ist nun gleichfalls sehr „begreiflich: ^ >>ac> «0^0'«,? ^^«X/,o->> ?-« x«5oX,o^>, „<5' t^o^l« i-« xx«?ov >.x^kt.^) Ferner wird hieraus ein „wesentlicher Unterschied deutlich, der sich, wie man sagt, zwischen den zwey großen Nebenbuhlern der Griechischen Bühne „soll befunden haben. Wenn man dem Sophokles vorwarf, „daß es seinen Charakteren an Wahrheit fehle, so pflegte er „sich damit zu verantworten, daß er die Menschen so schildere, wie sie seyn sollten, Euripides aber so, wie „sie wären. ZvcpoxX,ri-; e<^, ^ev oto^i; tZrt 7r»l-li', ,,^5>l?rlk5i^ <5e o-ot xt<7l. Der Sinn hiervon ist dieser: „Sophokles hatte, durch seinen ausgebreitetem Umgang mit „Menschen, die eingeschränkte enge Vorstellung, welche aus der „Betrachtung einzelner Charaktere entsteht, in einen vollständigen Begriff des Geschlechts erweitert; der philosophische „Euripides hingegen, der seine meiste Zeit in der Akademie zugebracht hatte, und von da aus das Leben übersehen wollte, „hielt seinen Blick zu sehr auf das Einzelne, auf wirklich cristi- „rcndc Personen geheftet, versenkte das Geschlecht in das Individuum, und mahlte folglich, den vorhabenden Gegenständen „nach, seine Charaktere zwar natürlich und wahr, aber auch „dann und wann ohne die höhere allgemeine Ähnlichkeit, die „zur Vollendung der poetischen Wahrheit erfodcrt wird. C") (°) Dichtkunst Kap. 9. (°°) Ebendas. Kav. 25. Diese Erklärung ist dcr, welche Dacicr von der Stelle des Aristoteles giebt, weit vorzuziehen. Nach den Worten dcr Ucbcrsctzung scheinet Dacicr zwar eben das zu sagen, was Hurd sagt: <>»<- sopiwcie f-likvit lu» llero«, rvmme ils (luvoient «Ire öi? <>u' l:»rir,»I>! le, lttisoil ^omme N» eloienl. Aber er verbindet im Grunde einen ganz andern Begriff damit. Hurd verstehet 27" 420 Hambiirgische Dramaturgie. „Ein Einwurf stößt gleichwohl hier auf, den wir nicht un- „ angezeigt lassen müssen. Man könnte sagen, „daß philosophische Spekulationen die Begriffe eines Menschen eher ab- „strakt und allgemein machen, als sie auf das Individuelle „einschränken müßten. Das letztere sey ein Mangel, welcher „aus der kleinen Anzahl von Gegenständen entspringe, die den „Menschen zu betrachten vorkommen; und diesem Mangel sey „nicht allein dadurch abzuhelfen, daß man sich mit mehren, „Zndividuis bekannt mache, als worinn die Kenntniß der Welt „bestehe; sondern auch dadurch, daß man über die allgemeine „Natur der Menschen nachdenke, so wie sie in guten moralischen Büchern gelehrt werde. Denn die Verfasser solcher Bü- „chcr hätten ihren allgemeinen Begriff von der menschlichen „Natur nicht anders als aus einer ausgebreiteten Erfahrung „(es sey nun ihrer eignen, oder fremden) haben können, ohne „welche ihre Bücher sonst von keinem Werthe seyn würden." „Die Antwort hierauf, dünkt mich, ist diese. Durch Erwä- „gung der allgemeinen Natur des Menschen lernet „der Philosoph, wie die Handlung beschaffen seyn muß, die „aus dem Uebcrgcwichtc gewisser Neigungen und Eigenschaften „entspringet: das ist, er lernet das Betragen überhaupt, wcl- „chcs der beygelegte Charakter crfodert. Aber deutlich und „zuvcrläßig zu wissen, wie weit und in welchem Grade von „Stärke sich dieser oder jener Charakter, bey besondern Gclc- „lcgenheitcn, wahrscheinlicher Weise äußern würde, das ist ein- untcr dem Wie sie scvn sollten, die allgcmeiuc abstrakte Idee des Geschlechts, »ach welcher der Dichter seine Personen mchr» als nach ihre» individuellen Verschiedenheiten schildern müsse. Dacier aber denkt sich dabcv eine Höhcrc moralischc Vollkommenheit, wie sie dcr Mcnsch zu errcichcn fähig sey, ob er sie gleich nur selten erreiche; und diese, sagt er, habe Sophokles seinen Personen gcwöl'nlichcr Weise beigelegt: Sonuvclo isokoii >ie renitr« sv» imiliMons i>»>fililvs, e» s»iv
  • t lou^ours Iiien plus yu'une Iielle Kslurv eloii c»pi»ile >Ie kiUre, que yu'vll« tniloil. Allein diese höhere moralischc Bollkommcnlicit grl'örct gcradc zu jcncm allgcmcincn Begrifft nicht; sie stcl'ct dcm Zndividuo zu, abcr nicht dcm (Zcschlcchlc; und dcr Dichter, der sie seine» Personen beylegt, schildert gerade umgekehrt, mehr in der Manier des Curipides als des Sophokles. Die weitere Ausführung hicrvo» verdienet mrlir als eine Note. Zweyter Band. 42l „zig und allein eine Frucht von unserer Kenntniß der Welt. „Daß Beyspiele von dem Mangel dieser Kenntniß, bey einem „Dichter, wie Euripidcs war, sehr häufig sollten gewesen seyn, „läßt sich nicht wohl annehmen: auch werden, wo sich dcrglei- „chcn in seinen übrig gebliebenen Stücken etwa finden sollten, „sie schwerlich so offenbar seyn, daß sie auch eiucm gemeinen „Leser in die Augen fallen müßten. Es können nur Feinheiten seyn, die allein der wahre Kunstrichtcr zu unterscheiden „vermögend ist; und auch diesem kann, in einer solchen Entfernung von Zeit, aus Unwissenheit der griechischen Sitten, „wohl etwas als ein Fehler vorkommen, was im Grunde eine „Schönheit ist. Es würde also ein sehr gefährliches Untcrneh- „men seyn, die Stellen im Euripides anzeigen zu wollen, welche „Aristoteles diesem Tadel unterworfen zu seyn, geglaubt hatte. „Aber gleichwohl will ich es wagen, eine anzuführen, die, „wenn ich sie auch schon nicht nach aller Gerechtigkeit kritisircn „sollte, wenigsten meine Meinung zu erläutern, dienen kann. Fünf und neunzigstes Stück. Den 2öste» Merz, 1768. „Die Geschichte seiner Elektra ist ganz bekannt. Der Dichter „hatte, in dem Charakter dieser Prinzeßinn, ein tugendhaftes, „aber mit Stolz und Groll erfülltes Frauenzimmer zu schildern, „welches durch die Härte, mit der man sich gegen sie selbst „betrug, erbittert war, und durch noch weit stärkere Bewegungs- „ gründe angetrieben ward, den Tod eines Vaters zu rächen. „Eine solche heftige Gcmüthsverfassung, kann der Philosoph in „seinem Winkel wohl schlicssen, muß immer sehr bereit seyn, „sich zu äußern. Elektra, kann er wohl einsehen, muß, bey „der geringsten schicklichen Gelegenheit, ihren Groll an den Tag „legen, und die Ausführung ihres Vorhabens beschleunigen zu „können wünschen. Aber zu welcher Höhe dieser Groll steigen „darf? d. i. wie stark Elektra ihre Rachsucht ausdrücken darf, „ohne daß ein Mann, der mit dem menschlichen Geschlechte „und mit den Wirkungen der Leidenschaften im Ganzen bekannt „ist, dabey ausrufen kann: das ist unwahrscheinlich? Dic- „scs auszumachen, wird die abstrakte Theorie von wenig Nutzen 422 Hamburgische Dramaturgie. „seyn. So gar eine nur mäßige Bekanntschaft mit dem wirklichen Leben, ist hier nicht hinlänglich uns zu leiten. Man „kann eine Menge Zndividua bemerkt haben, welche den Poeten, „der den Ausdruck eines solchen Grolles bis auf das Acußcrste „getrieben hatte, zu rechtfertigen scheinen. Selbst die Geschichte „dürfte vielleicht Exempel an die Hand geben, wo eine tugendhafte Erbitterung auch wohl noch weiter getrieben worden, als „es der Dichter hier vorgestellet. Welches sind denn nun also „die eigentlichen Grenzen derselben, und wodurch sind sie zu be- „ stimmen? Einzig und allein durch Bemerkung so vieler ein- „zeln Fälle als möglich; einzig und allein vermittelst der ausgc- „ breitesten Kenntniß, wie viel eine solche Erbitterung über dergleichen Charaktere unter dergleichen Umständen, im wirklichen „Leben gewöhnlicher Weise vermag. So verschieden diese „Kenntniß in Ansehung ihres Umfanges ist, so verschieden wird „denn auch die Art der Vorstellung seyn. Und nun wollen „wir sehen, wie der vorhabende Charakter von dem Euripides „wirklich behandelt worden. „Zn der schönen Scene, welche zwischen der Elektra und „dem Orestes vorfällt, von dem sie aber noch nicht weis, daß „er ihr Bruder ist, kömmt die Unterredung ganz natürlich auf „die Unglücksfällc der Elektra, und auf den Urheber derselben, die Klytämncstra, so wie auch auf die Hoffnung, welche „Elektra hat, von ihren Drangsaalen durch den Orestes be- „ freyet zu werden. Das Gespräch, wie es hierauf weiter „gehet, ist dieses: «Orestes. Und Orestes? Gesetzt, er käme nach Arges zurück — „Elektra. Won, diese Frage, da er, allem Ansehen nach, niemals „zurückkommen wird? „Orestes. Aber gesetzt, er käme! Wie müßte er es anfangen, „um den Tod seines Vaters zu rächen? „Elektra. Sich eben deß erkühnen, wessen die Feinde sich gegen „seinen Vater erkühnten. „Orestes. Wolltest du es wohl mit ihm wagen, deine Mutter „umzubringen? „Elektra. Sie mit dem nehmlichen Eisen umbringen, mit wel- „chcm sie meinen Vater mordete! Zweyter Band. 423 „Orestes, lind darf ich das, als deinen festen Entschluß, deinem „Bruder vermelden? „Mektra. Ich will meine Mutter umbringen, oder nicht leben! „Das Griechische ist noch stärker: G«vot^l,t, ^l^T^vi,' llll,tl>' x?rt0'Hi«^«c/ k^l/ri?. „Ich will gern des Todes seyn, sobald ich meine „Mutter umgebracht habe! „Nun kann mau nicht behaupte», daß diese letzte Rede „schlechterdings unnatürlich sey. Ohne Zweifel haben sich Beyspiele genug eräugnct, wo unter ähnlichen Umstanden die „Rache sich eben so heftig ausgedrückt hat. Gleichwohl, denke „ich, kann uns die Härte dieses Ausdrucks nicht anders als „ein wenig beleidigen. Zum mindesten hielt Sophokles nicht „für gut, ihn so weit zu treiben. Bey ihm sagt Elcktra unter „gleichen Umständen nur das: Zetzt sey dir die Ausführung überlassen! Wäre ich aber allein geblieben, „so glaube mir nur: beides hätte mir gewiß nicht „mißlingen sollen; entweder mit Ehren mich zu be- „frcycn, oder mit Ehren zu sterben! „Ob nun diese Vorstellung des Sophokles der Wahrheit, „in so fern sie aus einer ausgebreitetem Erfahrung, d. i. aus „der Kenntniß der menschlichen Natur überhaupt, gesammelt „worden, nicht weit gemäßer ist, als die Vorstellung des Eu- „ripidcs, will ich denen zu beurtheilen überlassen, die es zu beurtheilen fähig sind. Ist sie es, so kann die Ursache keine „andere seyn, als die ich angenommen: daß nehmlich Sophokles seine Charaktere so geschildert, als er, „unzähligen von ihm beobachteten Beyspielen der „nehmlichen Gattung zu Folge, glaubte, daß sie „seyn sollten; Euripidcs aber so, als er in der cn- „geren Sphäre seiner Beobachtungen erkannt hatte, „daß sie wirklich wären. - Vortrefflich! Auch unangcschcn der Absicht, in welcher ich diese langen Stellen des Hurd angeführet habe, enthalten sie unstreitig so viel feine Bemerkungen, daß es mir der Leser wohl erlassen wird, mich wegen Einschaltung derselben zu entschuldigen. Zch besorge nur, daß er meine Absicht selbst darüber 424 Hamburgische Dramaturgie. aus den Augen verloren. Sie war aber diese: zu zeigen, daß auch Hurd, so wie Diderot, der Tragödie besondere, und nur der Komödie allgemeine Charaktere zutheile, und dem ohngcach- tet dem Aristoteles nicht wicdersprcchen wolle, welcher das Allgemeine von allen poetischen Charakteren, und folglich auch von den tragischen verlanget. Hurd erklärt sich nehmlich so: der tragische Charakter müsse zwar partikular oder weniger allgemein seyn, als der komische, d. i. er müsse die Art, zn welcher er gehöre, weniger vorstellig machen; gleichwohl aber müsse das Wenige, was man von ihm zu zeigen für gut finde, nach dem Allgemeinen entworfen seyn, welches Aristoteles fordere. (°) Und nun wäre die Frage, ob Diderot sich auch so verstanden wissen wolle? — Warum nicht, wenn ihm daran gelegen wäre, sich nirgends in Widerspruch mit dem Aristoteles finden zu lassen? Mir wenigstens, dem daran gelegen ist, daß zwey denkende Köpfe von der nehmlichen Sache nicht Za und Nein sagen, könnte es erlaubt seyn, ihm diese Auslegung unterzuschieben, ihm diese Ausflucht zu leihen. Aber lieber von dieser Ausflucht selbst, ein Wort! — Mich dünkt, es ist eine Ausflucht, und ist auch keine. Denn das Wort Allgemein wird offenbar darinn in einer doppelten und ganz verschiedenen Bedeutung genommen. Die eine, in welcher es Hurd und Diderot von dem tragischen Charakter verneinen, ist nicht die nehmliche, in welcher es Hurd von ihm bcjact. Freylich beruhet eben hierauf die Ausflucht: aber wie, wenn die eine die andere schlechterdings ausschlösse? Zn der ersten Bedeutung heißt ein allgemeiner Charakter ein solcher, in welchen man das, was man an mchrern oder allen Jndividuis bemerkt hat, zusammen nimmt; es heißt mit einem Worte, ein überladener Charakter; es ist mehr die personifirtc Idee eines Charakters, als eine charakterisirte Person. Zn der andern Bedeutung aber heißt ein allgemeiner Charakter ein solcher, in welchem man von dem, was an mchrern oder allen Jndividuis bemerkt worden, einen gewissen (°) I» r,i»iug >I>e Irsxic cl,i«r»eler psrtieulitr, I supposv it viil> rep retenlittive vk Illv ki,»t «Iiiin Me romic; »ot Nist »>e «irsuxllt uss» umcli vlisritvlLr U >» coiicernetl lo represunt tlwuia not Iiv genvrsl. Zweyter Band. 425 Durchschnitt, eine mittlere Proportion angenommen; es heißt mit einem Worte, ein gewöhnlicher Charakter, nicht zwar in so fern der Charakter selbst, sondern nur in so fern der Grad, das Maaß desselben gewöhnlich ist. Hurd hat vollkommen Recht, das x«^o^c,^ des Aristoteles von der Allgemeinheit in der zweyten Bedeutung zu erklären. Aber wenn denn nun Aristoteles diese Allgemeinheit eben sowohl von den komischen als tragischen Charakteren erfodcrt: wie ist es möglich, daß der nehmliche Charakter zugleich auch jene Allgemeinheit haben kann? Wie ist es möglich, daß er zugleich überladen und gewöhnlich seyn kann? Und gesetzt auch, er wäre so überladen noch lange nicht, als es die Charaktere in dem getadelten Stücke des Johnson sind; gesetzt, er ließe sich noch gar wohl in einem Zndividuo gedenken, und man habe Beyspiele, daß er sich wirklich in mchrern Menschen eben so stark, eben so ununterbrochen geäußert habe: würde er dem ohngcachtct nicht auch noch viel ungewöhnlicher seyn, als jene Allgemeinheit des Aristoteles zu seyn erlaubet? Das ist die Schwierigkeit! — Ich erinnere hier meine Leser, daß diese Blätter nichts weniger als ein dramatisches System enthalten sollen. Ich bin also nicht verpflichtet, alle die Schwierigkeiten aufzulösen, die ich mache. Meine Gedanken mögen immer sich weniger zu verbinden, ja wohl gar sich zu widersprechen scheinen: wenn es denn nur Gedanken sind, bey welchen sie Stoff finden, selbst zu denken. Hier will ich nichts als I^ormonta eognitionis ausstreuen. Sechs und neunzigstes Stück. Tc» Isten April, 1768. Den zwey und fünfzigsten Abend (Dienstags, den 28sten Julius,) wurden des Herrn Romanus Brüder wicdcrhohlt. Oder sollte ich nichr vielmehr sagen: die Brüder des Herrn Romanus? Nach einer Anmerkung nehmlich, welche Donatus bey Gelegenheit der Brüder des Tcrcnz macht: liane lZicunt la- dulam tecunllo loco actam, ot'mm tum rucli nominv jxivtiv; ita- «juo tie jiroiiuiiciatam, ^<1vI^>Iioi'I'oronti, non ^'orvnti ^Vltel^Iivi, «jnocl Ällliuc mu^is clo litkuln ixim'inv swvta, «jumn xttl0'-^s ^,01,-5. Hlki-«^. p. tSSS. Lll> lli,'»r. LlvpIiiUii. 428 Hamburgische Tramaturgic. Regeln unterdrücken das Genie!" — Als ob sich Genie durch etwas in der Welt unterdrücken liesse! Und noch dazu durch etwas, das, wie sie selbst gestehen, aus ihm hergeleitet ist. Nicht jeder Kunstrichtcr ist Genie: aber jedes Genie ist ein gc- bohrncr Kunstrichter. Es hat die Probe aller Regeln in sich. Es begreift und behalt und befolgt nur die, die ihm seine Empfindung in Worten ausdrücken. Und diese seine in Worten ausgedrückte Empfindung sollte seine Thätigkeit verringern können? Vernünftelt darüber mit ihm, so viel ihr wollt; es versteht euch nur, in so fern es eure allgemeinen Sätze den Augenblick in einem einzeln Falle anschauend erkennet; und nur von diesem einzeln Falle bleibt Erinnerung in ihm zurück, die während der Arbeit auf seine Kräfte nicht mehr und nicht weniger wirken kann, als die Erinnerung eines glücklichen Beyspiels, die Erinnerung einer eignen glücklichen Erfahrung auf sie zu wirken im Stande ist. Behaupten also, daß Regeln und Critik das Genie unterdrücken können: heißt mit andern Worten behaupten, daß Beyspiele und Uebung eben dieses vermögen; heißt, das Genie nicht allein auf sich selbst, heißt es sogar, lediglich auf seinen ersten Versuch einschränken. Eben so wenig wissen diese weise Herren, was sie wollen, wenn sie über die nachtheiligen Eindrücke, welche die Critik auf das genießende Publikum mache, so lustig wimmern! Sie möchten uns lieber bereden, daß kein Mensch einen Schmetterling mehr bunt und schön findet, seitdem das böse Vergrößerungsglas erkennen lassen, daß die Farben desselben nur Staub sind. „Unser Theater, sagen sie, ist noch in einem viel zu zarten „Alter, als daß cS den monarchischen Scepter der Critik ertra- „gcu könne. — Es ist fast nöthiger die Mittel zu zeigen, wie „das Ideal erreicht werden kann, als darzuthun, wie weit wir „noch von diesem Ideale entfernt sind. — Die Bühne muß „durch Beyspiele, nicht durch Regeln reformirct werden. — Rc- „sonircn ist leichter, als selbst erfinden." Heißt das, Gedanken in Worte kleiden: oder heißt cS nicht vielmehr, Gedanken zu Worten suchen, und keine erhäschen? — Und wer sind sie denn, die so viel von Beyspielen, und vom selbst Erfinden reden? Was für Beyspiele haben sie denn gcgc- Zweyter Band. 429 ben? Was haben sie denn selbst erfunden? — Schlaue Köpfe! Wenn ihnen Beyspiele zu beurtheilen vorkommen, so wünschen sie lieber Regeln; und wenn sie Regeln beurtheilen sollen, so möchten sie lieber Beyspiele haben. Anstatt von einer Lritik zu beweisen, daß sie falsch ist, beweisen sie, daß sie zu strenge ist; und glauben verthan zu haben! Anstatt ein Raisonncmcnt zu widerlegen, merken sie an, daß Erfinden schwerer ist, als Rai- sonnircn; und glauben widerlegt zu haben! Wer richtig raisonnirt, erfindet auch: und wer erfinden will, muß raisonnircn können. Nur die glauben, daß sich das eine von dem andern trennen lasse, die zu keinem von beiden aufgelegt sind. Doch was halte ich mich mit diesen Schwätzern auf? Ich will meinen Gang gehen, und mich unbekümmert lassen, was die Grillen am Wege schwirren. Auch ein Schritt aus dem Wege, um sie zu zertreten, ist schon zu viel. Zhr Sommer ist so leicht abgewartet! Also, ohne weitere Einleitung, zu den Anmerkungen, die ich bey Gelegenheit der ersten Vorstellung der Brüder des Hrn. Romanus, (') annoch über dieses Stück versprach! — Die vornehmsten derselben werden die Veränderungen betreffen, die er in der Fabel des Tcrenz machen zu müssen gcglaubct, um sie unsern Sitten näher zu bringen. Was soll man überhaupt von der Nothwendigkeit dieser Veränderungen sagen? Wenn wir so wenig Anstoß finden, römische oder griechische Sitten in der Tragödie geschildert zu sehen: warum nicht auch in der Komödie? Woher die Regel, wenn es anders eine Regel ist, die Scene der erstem in ein entferntes Land, unter ein fremdes Volk; die Scene der andern aber, in unsere Hcimath zu legen? Woher die Verbindlichkeit, die wir dem Dichter aufbürden, in jener die Sitten desjenigen Volkes, unter dem er seine Handlung vorgehen läßt, so genau als möglich zu schildern; da wir in dieser nur unsere eigene Sitten von ihm geschildert zu sehen verlangen? „Dieses, sagt Pope an einem Orte, „scheinet dem ersten Ansehen nach (°) Drey und siebzigstes Sluck. S. 327. 430 Hamburgische Dramaturgie. „bloßer Eigensinn, bloße Grille zu seyn: es hat aber doch sci- „ncn guten Grund in der Natur. Das Hauptsächlichste, was „wir in der Komödie suchen, ist ein getreues Bild des gcmci- „ncn Lebens, von dessen Treue wir aber nicht so leicht versichert seyn können, wenn wir es in fremde Moden und Gebräuche verkleidet finden. Zn der Tragödie hingegen ist cs „die Handlung, was unsere Aufmerksamkeit am meisten an sich „ziehet. Einen einheimischen Vorfall aber für die Bühne bc- „ qttcm zu machen, dazu muß man sich mit der Handlung grö- „ßcrc Freyheiten nehmen, als eine zu bekannte Geschichte „verstattet." Sieben und neunzigstes Stück. Den 6ten April, 171,8. Diese Auflösung, genau betrachtet, dürfte wohl nicht in allen Stückeil befriedigend seyn. Denn zugegeben, daß fremde Sitten der Absicht der Komödie nicht so gut entsprechen, als einheimische: so bleibt noch immer die Frage, ob die einheimischen Sitten nicht auch zur Absicht der Tragödie ein besseres Verhältniß haben, als fremde? Diese Frage ist wenigstens durch die Schwierigkeit, einen einheimischen Vorfall ohne allzumcrk- liche lind anstößige Veränderungen für die Bühne bequem zu machen, nicht beantwortet. Freylich erfodcrn einheimische Sitten auch einheimische Vorfälle: wenn denn aber nur mit jenen die Tragödie am leichtesten und gewissesten ihren Zweck erreichte, so müßte cs ja doch wohl besser seyn, sich über alle Schwierigkeiten, welche sich bey Behandlung dieser finden, wegzusetzen, als in Absicht des Wesentlichsten zu kurz zu fallen, welches ohn- strcitig der Zweck ist. Auch werden nicht alle einheimische Vorfälle so merklicher und anstößiger Veränderungen bedürfen; und die deren bedürfen, ist man ja nicht verbunden zu bearbeiten. Aristoteles hat schon angemerkt, daß cs gar wohl Begebenheiten geben kann und giebt, die sich vollkommen so cräugnct haben, als sie der Dichter braucht. Da dergleichen aber nur selten sind, so hat er auch schon entschieden, daß sich der Dichter um den weniger» Theil seiner Zuschauer, der von den wahren Zweyter Band. 43! Umständen vielleicht unterrichtet ist, lieber nicht bekümmern, als seiner Pflicht minder Genüge leisten müsse. Der Vortheil, den die einheimischen Sitten in der Komödie haben, beruhet ans der innigen Bekanntschaft, in der wir mit ihnen stehen. Der Dichter braucht sie uns nicht erst bekannt zu machen; er ist aller hierzu nötbigcn Beschreibungen und Winke überhoben; er kann seine Personen sogleich nach ihren Sitten handeln lassen, ohne uns diese Sitten selbst erst langweilig zu schildern. Einheimische Sitten also erleichtern ihm die Arbeit, und befördern bey dem Zuschauer die Illusion. Warum sollte nun der tragische Dichter sich dieses wichtigen doppelten Vortheils begeben? Auch er hat Ursache, sich die Arbeit so viel als möglich zu erleichtern, seine Kräfte nicht an Nebenzwecke zu verschwenden, sondern sie ganz für den Hauptzweck zu sparen. Auch ihm kömmt auf die Illusion des Zuschauers alles an. — Man wird vielleicht hierauf antworten, daß die Tragödie der Sitten nicht groß bedürfe; daß sie ihrer ganz und gar entübrigct seyn könne. Aber sonach braucht sie auch keine fremde Sitten; und von dem Wenigen, was sie von Sitten haben und zeigen will, wird cS doch immer besser seyn, wenn es von einheimischen Sitten hergenommen ist, als von fremden. Die Griechen wenigstens haben nie andere als ihre eigene Sitten, nicht blos in der Komödie, sondern auch in der Tragödie, zum Grunde gelegt. Ja sie haben fremden Völkern, aus deren Geschichte sie den Stoff ihrer Tragödie etwa einmal entlehnten, lieber ihre eigenen griechischen Sitten leihen, als die Wirkungen der Bühne durch unverständliche barbarische Sitten entkräften wollen. Auf das Costume, welches unsern tragischen Dichtern so ängstlich empfohlen wird, hielten sie wenig oder nichts. Der Beweis hiervon können vornehmlich die Perserinnen des Aeschylus seyn; und die Ursache, warum sie sich so wenig an das Costume binden zu dürfen glaubten, ist aus der Absicht der Tragödie leicht zu folgern. Doch ich gerathe zu weit in denjenigen Theil des Problems, der mich itzt gerade am wenigsten angeht. Zwar indem ich behaupte, daß einheimische Sitten auch in der Tragödie zuträgli- 432 Hamburgische Dramalurgic. chcr seyn würden, als fremde: so setze ich schon als unstreitig voraus, daß sie es wenigstens in der Komödie sind. Und sind sie das, glaube ich wenigstens, daß sie es sind: so kann ich auch die Veränderungen, welche Herr Romanus iu Absicht derselben, mit dem Stücke des Tercnz gemacht hat, überhaupt nicht anders als billigen. Er hatte Recht, eine Fabel, in welche so besondere Griechische lind Römische Sitten so innig verwebet sind, umzuschaf- fcn. Das Vcvspicl erhält seine Kraft nur von seiner innern Wahrscheinlichkeit, die jeder Mensch nach dem beurtheilet, was ihm selbst am gewöhnlichsten ist. Alle Anwendung fällt weg, wo wir uns erst mit Mühe in fremde Umstände versetzen müssen. Aber es ist auch keine leichte Sache mit einer solchen Umschaffung. Je vollkomnmcr die Fabel ist, desto weniger läßt sich der geringste Theil verändern, ohne das Ganze zu zerrütten. Und schlimm! wenn man sich sodann nur mit Flicken begnügt, ohne im eigentlichen Verstände umzuschaffcn. Das Stück heißt die Brüder, und dieses bey dem Tcrenz aus einem doppelten Grunde. Denn nicht allein die beiden Alten, Micio und Dcmca, sondern auch die beiden jungen Leute, Acschinus und Ktesipho, sind Brüder. Dcmca ist dicscr beider Vater; Micio hat den einen, den Acschinus, nur an Sohnes Statt angenommcn. Nun bcgrcif ich nicht, warum unserm Verfasser diese Adoption mißfallen. Ich weis nicht anders, als daß die Adoption auch unter uns, anch noch itzt gebräuchlich, und vollkommen auf den nehmlichen Fuß gebräuchlich ist, wie sie es bey den Römern war. Dem ohngcachtct ist cr davon abgegangen: bey ihm sind nur die zwey Alten Brüder, und jeder hat einen leiblichen Sohn, den er nach seiner Art erziehet. Aber, desto besser! wird man vielleicht sagen. So sind denn auch die zwey Alte wirkliche Väter; und das Stück ist wirklich eine Schule der Väter, d. i. solcher, denen die Natur die väterliche Pflicht aufgelegt, nicht solcher, die sie freywillig zwar übernommen, die sich ihrer aber schwerlich weiter unterziehen, als es mit ihrer eignen Gemächlichkeit bestehen kann. ?ater clle 6ileo nl> illis, c^ui voio keiunt! Sehr wohl! Nur Schade, daß durch Auflösung dieses einzigen Zweyter Band. Knoten, welcher bey dem Tcrcnz den Acschinus »nd Ktcsipbo unter sich, nnd beide mit dem Dcmca, ibrcm Vater verbindet, die ganze Maschine ans einander fällt, und aus Einem allgemeinen Interesse zwey ganz verschiedene entstehen, die blos die Convenicnz des Dichters, und kcincowcgcs ibrc eigene Natur znsammcn halt! Denn ist Acschinus nicht blos der angcnommcnt, sondern der leibliche Sohn dcs Micio, was hat Dcmca sich viel nm ihn zu bekümmern? Der Sohn eines Bruders geht mich so nahe nicht an, als mein eigener. Wenn ich sindc, daß jemand »leinen eigenen Sobn verziehet, gcsckähe cS aucb in der beste» Absicht von der Welt, so habe ich Recht, diesem gutherzigen Verführer mit aller der Heftigkeit zu begegnen, mit welcher, bcvm Tcrcnz, Dcmca dcm Micio bcgcgnct. Abcr wcnn es nicht mcin Sohn ist, wcnn cs dcr cigenc Sohn des Ncrzicbcrs ist, was kann ich mchr, was darf ich mehr, als daß ich diesen Ncrzichcr warne, und wcnn cr mcin Brudcr ist, ihn öfters und crnstlich warne? Unscr Verfasser setzt den Dcmca aus dcm Verhältnisse, in wclchcm cr bcy dcm Tcrcnz stehet, abcr cr laßt ihm die nchmlichc Ungcstümhcit, zu wclchcr ihn doch nur jcncs Verhältniß berechtigen konnte. Za bcy ihm schimpfet und tobet Dcmea noch weit ärger, als bcy dcm Tcrcnz. Er will aus dcr Haut fahren, „daß cr an scincs Bruders Kinde Schimpf „und Schande erleben muß." Wcnn ihm nun abcr dicscr ant- wortctc: „Du bist nicht klug, mcin lieber Brudcr, wcnn du „glaubest, du könntest an meinem Kinde Schimpf und Schande „erleben. Wenn mcin Sohn cin Bube ist und bleibt, so wird, „wie das Unglück, also auch der Schimpf nur meine scnn. „Du magst cs mit dcincm Eifcr wohl gut mcincn; abcr cr „gcht zu wcit; cr beleidiget mich. Falls du mich nur immer „so ärgern willst, so komm mir lieber nicht über die Schwelle! „u. s. w. " Wcnn Micio, sage ich, dicscs antwortctc: nicht wahr, so wäre dic Komödie auf ciumal ans? Odcr könnte Micio etwa nicht so antwortcn? Ja müßte cr wohl eigentlich nicht so antworten? Wie viel schicklicher ciscrt Dcmca beym Tcrcnz. Dicscr Acschinus, den er ein so lüdcrlichcs Lcbcn zu führcn glaubt, Lesimgs Werke VII. 28 431 H.nnbiirgischc Dr.im.illirgie. ist noch immer sein Sohn, ob ihn gleich dcr Vrudcr an Kin- dcs Statt angenommen. Und dennoch bestehet dcr römische Micio weit mehr auf seinem Rechte als dcr deutsche. Du hast mir, sagt cr, dcincn Sohn cinmal übcrlasscn; bekümmere dich um den, dcr dir noch übrig ist; —— - nimi innln)» cuiiue; ^rn^iemoiliiin Iil?ntt>< in ileilikli — — Diese vcrstccktc Drohung, ihm scincn Sohn zurück zu geben, ist cs auch, die ihn zum Schwcigcn bringt; und dock kann Micio nickt verlangen, daß sic allc väterliche Empfindungen bey ibm unterdrücken soll. Es muß den Micio zwar vcrdric- ßcn, daß Dcmca auch in der Folge nickt aufhört, ihm immer die nchmlickcn Vorwürfe zu machen: aber cr kann cs dcm Va- tcr doch auch nicht vcrdcnkcn, wenn cr seinen Sohn nicht gänzlich will vcrdcrbcn lassen. Kurz, dcr Dcmca des Tcrcnz ist cin Mann, dcr für das Wohl dcsscn besorgt ist, für dcn ihm dic ?!atur zu sorgen aufgab; cr thut cs zwar auf die unrcchte Wcisc, aber dic Weise macht dcn Grund nicht schlimmer. Dcr Dcmca unscrS Verfassers hingegen ist cin bcschwcrlichcr Zänker, der sich aus Verwandtschaft zu allen Grobheiten bcrcchtigct glaubt, dic Micio auf kcinc Weise an dcm bloßen Vrudcr dulden müßte. Acht und neunzigstes Stück. ?cn 8lcn April, 1768. Ebcn so schielend und falsch wird, durch Aufhebung dcr doppelten Brüderschaft, auch das Verhältniß dcr bcidcn jungcn Lcutc. Ich vcrdcnkc cs dcm deutschen Aeschinus, daß cr s°) „viclmals an dcn Thorhcitcn dcs Ktcsipho Antheil nehmen zu „müssen geglaubt, um ihn, als scincn Vcttcr, dcr Gefahr und „öffentlichcn Schande zu cntrcisscn." WaS Vcttcr? Und schickt cs sich wohl für dcn lciblichcn Vatcr, ihm darauf zu antworten: „ich billige deine hicrbcy bczeiglc Sorgfalt und Vorsicht; „ich verwehre dir cs auch inskünftigc nicht?" Was vcrwchrt dcr Vatcr dcm Sohne nicht? An dcn Thorhcitcn eincs ungt- (-) Zllisj. I. Allst. 3. S. 18. Zweyter Pand. 435 zogcncn Vetters Antheil zu nehmen? Wahrlich, das sollte cr ihm verwehren. „Suche deine» Vetter, müßte cr ihm höchstens sagen, so viel möglich von Thorheiten abzuhalten: wenn d» aber findest, daß cr durchaus darauf besteht, so entziehe dich ihm; denn dein gutcr Name muß dir werther seyn, als seiner." Nur dem leiblichen Bruder vcrzcihcn wir, hicrinn wcitcr zu gehen. Nur an leiblichen Brüdern kann es uns freuen, wenn einer von dem andern rühmet: - ---- Iliius vjiei", luine vivo! I'estivuin c.iznil, ^)ui omnla kilii >>ost ^>ut!>ril. eklv n>'!L meo cuminoilo: ülaleilicta, lamam, mvinn nmoiem zie^ciUiim in 5e Ii.i»i>i>IiI. Denn der brüderlichen Liebe wollen wir von der Klugheit keine Grenzen gesetzt wissen. Zwar ist es wahr, daß nnscr Verfasser seinem Acschinns die Thorheit überhaupt zu ersparen gewußt hat, die der Acschinus des Tcrenz für seinen Bruder begehet. Eine gewaltsame Entführung hat cr in eine kleine Schlägcrcy verwandelt, an welcher sein wohlgczogncr Jüngling wcitcr keinen Theil hat, als daß cr sic gcrn verhindern wollen. Aber gleichwohl läßt er diesen wohlgczogncn Jüngling, für einen un- gczogncn Vcttcr noch viel zu viel thun. Denn müßte es jener wohl auf irgend eine Weise gestatten, daß dieser ein Krca- türchcn, wie Citalise ist, zu ihm in das Haus brächte? iu das Haus seines Vaters? unter die Augen seiner tugendhaften Geliebten? Es ist nicht der verführerische Damis, diese Pest für junge Leute, (°) dcsscnwcgcn der deutsche Acschinus seinem lü- dcrlichcn Vcttcr die Niederlage bey sich erlaubt: es ist die bloße Convcnicnz des Dichters. Wie vortrefflich hängt alles das bey dem Tcrenz zusammen! Wie richtig und nothwendig ist da auch die geringste Kleinigkeit motivircU Acschinus nimmt cincm Sklavenhändler ein Mädchen mit Gewalt aus dem Hause, in das sich sein Bruder verliebt hat. Aber er thut das, weniger um der Neigung seines Bruders zu willfahren, als um cincm größcrn Uebel vorzubauen. Der Sklavenhändler will mit diesem Mädchen unverzüglich auf einen auswärtigen Markt: und der Bruder will dem Mädchen (°) Seile 30. 28° Haiiiburgischc Tr.imaturgic. nach; will lieber sein Vaterland verlassen, als den Gegenstand seiner Liebe aus den Augen verlieren. (°) Noch erfährt Acschi- mis zu rechter Zeit diesen Entschlusi. Was soll er thun? Er bemächtiget sich in der Geschwindigkeit des Mädchens, und bringt sie in das Haus seines Oheims, um diesem gütigen Manne den ganzen Handel zu entdecken. Denn das Mädchen ist zwar entführt, aber sie muß ihrem Eigenthümer doch hczahlt werden. Micio bezahlt sie auch ohne Anstand, und freuet sich nicht sowohl über die That der jungen Leute, als über die brüderliche Liebe, welche er zum Grunde siehet, und über das Vertrauen, welches sie auf ihn dabey setzen wollen. Das größte ist geschehen; warum sollte er nicht noch eine Kleinigkeit hinzufügen, ihnen einen vollkommen vergnügten Tag zu machen? - - - ^Vi'Al?>iIum .iilnumei'.ivit illico: Declit >'<;!> in lnmjitinn tlim!i?i»m inin.io. Hat er dem Ktcsipho das Mädchen gekauft, warum soll er ihm nicht verstatten, sich in seinem Hause mit ihr zu vergnügen? Da ist nach den alten Sitten nichts, was im geringsten der Tugend und Ehrbarkeit widerspräche. Aber nicht so in unsern Brüdern'. Das Haus des gütigen Vaters wird auf das ungeziemendste gemißbraucht. Anfangs ohne sein Wissen, und endlich gar mit scincr Genehmigung. Eitalisc ist eine weit unanständigere Person, als selbst jene Psal- tria; und unser Ktcsipho will sie gar hcyrathcn. Wenn das der Tcrcnzischc Ktcsipho mit seiner Psaltria vorgehabt hätte, so würde sich der Tcrcnzischc Micio sicherlich ganz anders dabey genommen habcn. Er würdc Eitaliscn die Thüre gewiesen, und mit dem Vater die kräftigsten Mittel verabredet habcn, cincn sich so sträflich cmancipircndcn Burschen im Zaume zu halten. Ucbcrhaupt ist der deutsche Ktcsipho von Anfange viel zu verderbt geschildert, und auch hierum ist unser Verfasser von (°) .Vcl. II. 8e. «. ^L. Iluc milu «lowl, no» !>!?,»? sero lvissv : >T pieno i» oum locum Neiliilso, u> N »»»».'5 cupervnl, »iliil lilii in>f5v»l niixUi.li'ier. t)r. pnileliiil. ^Vx. /VI>, slullilia e5> isllec; iw» piulor, üim vl> p.irvnl!»» Nein !>!<>«>.> e p-Uri»: luspo liioln. veo» quirlo ul iü-rr i,rvl>i>>e!inl. Zweyter Band. seinem Muster abgegangen. Die Stelle erweckt mir immer (brausen, wo er sich mit seinem Vetter über seinen Vater unterhält. (°) Leander. Aber wie reimt sich das mit der Ehrfurcht, mit der Liebe, die dn deinem Vater schuldig bist? Lycast. Ehrfurcht? Liebe? hm! die wird er wohl nicht von mir verlangen. Leander, ör sollte sie nicht verlangen? Lycast. Nein, gewiß nicht. Ich habe meinen Vater gar nicht lieb. Ich müßte es lügen, wenn ich es sagen wollte. Leander. Unmenschlicher Sohn! Dn bedenkst nicht, was du sagst. Denjenigen nicht lieben, der dir das Leben gegeben hat! So sprichst du itzt, da du ihn noch leben siehst. Aber verliere ihn einmal; hernach will ich dich fragen. Lycast. Hm! Ich weis nun eben nicht, was da geschehen würde. Auf allen Fall würde ich wohl auch sogar unrecht nicht thun. Denn ich glaube, er würde es auch nicht besser machen. Er spricht ja fast täglich zu mir: „Wenn ich dich nur los wäre! wen» du nur weg wärest!" Heißt das Liebe? Kanst du verlangen, daß ich ihn wieder lieben soll? Auch die strengste Zucht müßte ein Kind zu so unnatürlichen Gesinnungen nicht verleiten. Das Herz, das ihrer, aus irgend einer Ursache, sähig ist, verdienet nicht anders als sklavisch gehalten zu werden. Wenn wir uns des ausschweifenden Sohnes gegen den strengen Vater annehmen sollen: so müssen jenes Ausschweifungen kein grundböses Herz verrathen; cs müssen nichts als Ausschweifungen des Temperaments, jugendliche Unbcdacht- samkciten, Thorheiten des Kitzels und Muthwillcns seyn. Nach diesem Grundsatze haben Mcnandcr und Tcrcnz ihren Ktcsipho geschildert. So streng ihn sein Vater hält, so entfahrt ihm doch nie das geringste böse Wort gegen denselben. Das einzige, was man so nennen könnte, macht er auf die vortrefflichste Weise wieder gut. Er möchte seiner Liebe gern wenigstens ein Paar Tage, ruhig gemessen; er freuet sich, daß der Vater wieder hinaus auf das Land, an seine Arbeit ist; und wünscht, daß cr sich damit so abmatten, — so abmatten möge, daß cr ganze (-) i. Aufz. 0. Auft. 438 H.unburgischc Dram.Uurgie. drey Tage nicht ans dem Bette könne. Ein rascher Wunsch! aber man sehe, mit welchem Zusätze: --- - ulinam lniitlom t)»c>ll eum lnlulo ojus llat, ita le «lLkatiAavit veliin, Dt tiüiluo Iioo ^er^otuo prorsum v loeto neyueal. suiAoro. (Zuaä oum laluto c^us tiat! Nur müßte es ihm weiter nicht schaden! — So recht! so recht, liebenswürdiger Jüngling! Zmmcr geh, wohin dich Freude und Liebe rufen! Für dich drücken wir gern ein Auge zu! Das Böse, das du begehst, wird nicht scbr böse seyn! Du hast einen strengern Ausscher in dir, als selbst dein Vater ist! — Und so sind mehrere Züge in der Scene, aus der diese Stelle genommen ist. Der deutsche Ktcsipho ist ein abgcfcumtcr Bube, dem Lügen und Betrug sehr gcläufsig sind: dcr römische hingegen ist in der äußersten Verwirrung um einen kleinen Vorwand, durch den er seine Abwesenheit bey seinem Vater rechtfertigen könnte. 1iog!»I)!t me: ul>! luei'iin? hiiem ego Iioilio tolo nor» villl l)uitk äieam? 8v. Nil rie in montem venit? tü?. Nui>«zuam ^uioljiinm. 8?. lanto nec^uioi'. (!1ior>s, gmieug, uosnes, nomo ett vol>i8? l^r. 8unt, lic>Ivlco»s ott, c^iii louoiii oiinit Hlei'eli'Ieem in pi'iina iuliula - - - - oum nie loeuin sun>j>tit lilii In ^«iclnlws - - - Nach diesen beiden Umständen zu urtheilen, mochte Diphilus ein Paar Verliebte aufgeführet habe», die fest entschlossen waren, lieber mit einander zu sterben, als sich trennen zu lassen: und wer weis was geschehen wäre, wenn sich gleichfalls nicht ein Freund ins Mittel geschlagen, und das Mädchen für den Liebhaber mit Gewalt entführt hätte? Den Entschluß, mit einander zu sterben, hat Tcrcnz in den bloßen Entschluß des Liebhabers, dem Mädchen nachzusuchen und Vater und Vaterland um sie zu verlassen, gemildert. Donalus sagt dieses ausdrücklich: HIonanller inori illum voluiflo lingit, 1'oiontius sii^ero. Aber sollte es in dieser Note des Donatus nicht Vilnius anstatt klenantlvr hcisscn? Ganz gewiß; wie Peter Nannius Zweyter Band. 4t1 dieses schien angemerkt hat. (°) Denn der Dichter, wie wir gesehen, sagt es ja selbst, daß er diese ganze Episode von der Entführung nicht ans dem Mcnander, sondern ans dem Diphi- lus entlehnet habe; nnd das Stück dcS Diphilns hatte von dein Sterben sogar seinen Titel. Indeß muß freylich, anstatt dieser von dem Diphilns entlehnten Enlführnng, in dem Stücke des McnandcrS eine andere Zntrignc gewesen seyn, an der Acschinus gleicher Weise für den Ktcsipho Antheil nahm, und wodurch er sich bey seiner Geliebten in eben den Verdacht brachte, der am Ende ihre Verbindung so glücklich beschleunigte. Worinn diese eigentlich bestanden, dürfte schwer zu errathen seyn. Sie mag aber bestanden haben, worinn sie will: so wird sie doch gewiß, eben so wohl gleich vor dem Stücke vorhergegangen seyn, als die vom Tcrcnz dafür gebrauchte Enlführnng. Denn anch sie muß es gewesen seyn, wovon man noch überall sprach, als Dcmca in die Stadt kam; auch sie muß die Gelegenheit und der Stoff gewesen seyn, worüber Dcmca glcich Anfangs mit scincm Bruder den Streit beginnet, in welchem sich beider Gemüthsarten so vortrefflich entwickeln. - — I^nin illa, hu-« antdlao kiela luiil. tlniltto: mvllo hii!i, Uiclo Dixvi'v? in oi'v ett »inui pnsiulo - Nun habe ich schon gcsagt, daß nnscr Verfasser dicse gcwaltsamc Entführung in cinc kleine Schlägercy verwandelt hat. Er mag auch seine guten Ursachen dazu gchabt habcnz wenn er nur dicse (°) 8>'Noxe V. Nliscell. c!>i>. tv. ViUeill qu-eso scxttr»!»^ leclor, »»>» >>ro ?I»ii!>n,Iro lexeittlui» lil I)>i>>>i>U!j. t!>.'rle vul lol» t'»mu?>Ii!t, v»-I p!>rs islius i,rFU»»'»>i, <>»«ll In« lr.ivliilur, ,i>> v- rliui» v Diplulu «r«tt>l!,lit est. — Itü c»iu Uil>I>iti <:»mi» it commoriüiillu »uine» I>»>»!»t, Nii Ui- e»!ur NlloIesceiiK inuii voluissv, ll»»>> ^vrvnliu» i» su^erv iu»>i»i>: viimi»» Äililiicor, e»>» imiliiliuiiem » Uiplulo, »o» !t !>Ivui»iiI>« »»Nliitl!»» <.-slu, ck^ ex vo c»mmoril!»üi c»w puell» tlu^Iio cr^ii u^o^> >zl7xov?tz ii»iu«.il siMilio mMlum 5, guüiu i»»xii»e uiiilm silüerv »»!> Iiüue lÄmNinm; llvlere, »ilMVi>rv, »Hungere. ^VLS. II» ijuieso nnlsr. »ll. ll»uU illiler cenleo. VL. lmo Nerclu U-» n»I>i,>i >><-ce>. ?ri»ttim Iiu^u» »xori?i eN i»ü>>.'r. Ali. gu'»I nosleit? vi:. I-ruIi», » mulleNii. Mi. Ita ->MuI. ve. AiUu graittlior. 444 Hambnrgische Dramaturgie. Micio. Ja wohl. Dem ca. Kinder kann fic schon lange nicht mehr haben. Dazu ist niemand, der sich um sie bekümmerte; sie ist ganz verlassen. Micio. WaS will der damit? Demea. Die mußt du billig heliralhcn, Bruder. Und du, lzum Acschums) mußt ja machen, daß er es thut. Micio. Ich! sie heyrathcn? Demea. Du! Micio. Ich? Demea. Du! wie gesagt, du! Micio. Du bist nicht klug. Demea. (zum Acschiims) Nun zeige, was du kannst! Er muß! AcschinuS. Mein Vater — Micio. Wie? — Und du, Geck, kannst ihm noch folgen? Demea. Du streikest dich umsonst: es kann nun einmal nicht anders sehn. Micio. Du schwärmst. AcschinuS. Laß dich erbitten, mein Vater. Micio. Rasest du? Geh! Demea. O, so mach dem Sohne doch die Freude! Micio. Bist du wohl bey Verstände? Ich, in meinem fünf und sechzigsten Jahre noch heyrathcn? Und ein altes verlebtes Weib heyrathcn ? Das könnet ihr mir jumuthen? AeschinuS. Thu es immer; ich habe es ihnen versprochen. Micio. Versprochen gar? — Bürschchen, versprich für dich, was du versprechen willst! All. Lei«. HL. psrere ^»m »liu Ii-rc i>er »imus nvn iwlell: Xvo iiui em» > eki»«i!»l, >>c rem it^il? II L. ll-ine te »!ci»l. ^Vns. »Ii xiüler. »Ii. il>il sxis, t'ieri iililer nun polefl. »II. Uelirs». /^LS. Line le exvrein, mi püler. »Ii. Insu»',-», susur. IIL. ^ge, veuiiim kilio. »II. 8-ilin' s»»»!- es? Ll-o »ovus inilrilus !>«»» llemum quinlo >k,' se.vüxeHmo luim; !»>l»e iinui» lleerepilni» >Iuc!»n? I>I»e ellis iillelure» i»Uii? .Vi!6. k»c; i'romiN exo illis. »Ii. I'lvmiüi !U»em? öu le luixilor vuei. Zweyter Band. 445. Deine«. Frisch! Wenn es mm etwas wichtigeres wäre, wann» er dich bäte? Micio. Als ob etwas wichtigcrS seyn könnte, wie das? Dein ca. So willfahre ihm doch nur! SleschiiinS. Sey nnS nicht zuwider! Deine«. Fort, versprich! Micio. Wie lange soll das währen? SleschiiinS. Bis du dich erbitten lassen. Micio. Aber das heißt Gewalt brauchen. Deine«. Thu ein UcbrigcS, guter Micio. Micio. Run dann; — ob ich es zwar sehr unrecht, sehr abgeschmackt finde; ob es sich schon weder mit der Vernnnft, noch mit meiner Lebensart reimet: — weil ihr doch so sehr darauf befiehl; es sey! „Nein, sagt die Critik; das ist zu viel! Der Dichter ist hier mit Recht zu tadeln. Das einzige, was man noch zu seiner Rechtfertigung sagen könnte, wäre dieses, daß cr die nachthciligcn Folgen einer übermäßigen Gutherzigkeit habe zeigen wollen. Doch Micio hat sich bis dahin so liebenswürdig bewiesen, er hat so viel Verstand, so viele Kenntniß der Welt gezeigt, daß diese seine letzte Ausschweifung wider alle Wahrscheinlichkeit ist, und den feinern Zuschauer nothwendig beleidigen muß. Wie gesagt also: der Dichter ist hier zu tadeln, auf alle Weise zu tadeln!" Aber welcher Dichter? Tercnz? oder Mcnander? oder- beide? — Der neue englische Uebcrsctzcr des Tercnz, Lolmann, will den größcrn Theil des Tadels auf den Mcnander zurückschieben; und glaubt aus einer Anmerkung des Donatus beweisen zu können, daß Tercnz die Ungereimtheit seines Originals in dieser Stelle wenigstens sehr gemildert habe. Donatus sagt nehmlich: ^purl Alouanclrum fooox clv nuntüs rion grgvulur. I5rAc» ^orontius xi^^T-cx^. IIr. ^xe, »ick I« mHiiü orel? Ml. >ii»i >>oo M m-iximum. vi: I)» veiiiiim. ^V LS. >>.' ßr-lvere. » r. nromitw. Kon omiui.i? ^LS. Xu»; »ili lv exorem. INI. Vi.i L. ^xe nro- lixe IVIicio. All. k)M Iioc milii nrnvum, i»i>i>Inm, »Iilurlwm, -tls,n>! !,Ii> »»m .1 vi>» in-'!» VideUir: s> vo» Is»I»i>uro Muc vullix, sii». —- - - Hauibnrgischc Dramaturgie. „Es ist schr sonderbar, erklärt sich Eolmann, „daß diese „Anmerkung des Donatus so gänzlich von allen Knnstrichtern „übersehen worden, da sie, bey unserm Verluste des Mcnau- „dcrs, doch um so viel mehr Aufmerksamkeit verdienet. Unstrci- „tig ist cö, daß Tcrcnz in dem letzten Akte dem Plane des „Mcnandcrs gefolgt ist: ob er nun aber schon die Ungcrcimt- „hcit, den Micio mit der alten Mutter zu vcrhcvrathcn, angcnom- „mcn, so lernen wir doch vom Donatus, daß dieser Umstand „ihm selber anstößig gewesen, und er sein Original dahin verbessert, daß er den Micio alle den Widerwillen gegen eine „solche Verbindung äußern lassen, den er in dem Stücke des „Mcnandcrs, wie es scheinet, nicht geäußert hatte." Es ist nicht unmöglich, daß ein Römischer Dichter nicht einmal etwas besser könne gemacht haben, als ein Griechischer. Aber der bloßen Möglichkeit wegen, möchte ich es gern in keinem Falle glauben. Eolmann meinet also, die Worte des Donatus: ^nnl Alonanili'um feiiex ti!>?! gravail würde zwar allerdings jenes hcisscn: aber auch «?o m>i>tiis Fisv-ir!? Zn jcncr Rcdcnsart wird Fiuvari gleichsam als ein Deponens gebraucht: in dieser aber ist es ja wohl das eigentliche Passivum, und kann also meine Auslegung nicht allein leiden, sondern vielleicht wohl gar keine andere leiden, als sie. Wäre aber dieses: wie stünde es dann um den Tcrcnz? Er hätte sein Original so wenig verbessert, daß er es vielmehr verschlimmert hätte; er hätte die Ungereimtheit mit der Vcrhcy- rarhung des Micio, durch dic Wcigcrung desselben, nicht gemildert, sondern sie selber erfunden. 1'erentius -^>^lx^! Aber nur, daß es mit den Erfindungen der Nachahmer nicht weit hcr ist! Zweyter S'.md. 4!7 Hundert und erstes, zweytes, drittes und viertes Stück. Teil 19ten April, 17t?8. Hundert lind erstes bis viertes? — Zch hatte nur vorgenommen, den Jahrgang dieser Blatter nur aus hundert Stücken bestehen zu lassen. Zwey und funfiig lochen, und die Woche zwey Stuck, geben zwar allerdings hundert und viere. Aber warum sollte, unter allen Tagewerken!, dem einzigen wöchentlichen Schriftsteller kcin Fcycrtag zu Statten kommen? Und in dem ganzen Jahre nur viere: ist ja so wenig! Doch DodSlcy und Compagnie haben dem Publico, in meinem Namen, ausdrücklich huudcrt und vier Stück versprochen. Ich werde die guten Leute schon nicht zu Lügnern machen müssen. Die Frage ist nur: wie fange ich es am besten an? — Der Zeug ist schon verschnitten: ich werde einflicken oder reckc» müssen. — Aber das klingt so stümpcrmaßig. Mir fällt ei», — was mir gleich hatte einfallen sollen: die Gewohnheit der Schauspieler, auf ihre Hauptvorstcllung ein kleines Nachspiel folge» zu lassen. Das Nachspiel kann handeln, wovon es will, und braucht mit dem Vorhergehenden nicht in der geringsten Ncr- biudung zu stehen. — So ein Nachspiel dann, mag die Blatter nun füllen, die ich mir ganz ersparen wollte. Erst ein Wort von mir selbst! Denn warum sollte nicht auch ein Nachspiel einen Prolog haben dürfen, der sich mit einem poeta, ein» ^>!»>um -iiiimum !>cl feiikcixlm» »n^ulit, ansinge? Als, vor Zahr und Tag, einige gute Leute hier den Einfall bekamen, einen Versuch zu machen, ob nicht für das deutsche Theater sich etwas mehr thun lasse, als unter der Verwaltung eines sogenannten Principals geschehen könne: so weiß ich niä't, wie man auf mich dabey fiel, und sich träumen ließ, daß ich bey diesem Unternehmen wohl nützlich seyn könnte? — Zch stand eben am Markte und war müßig; niemand wollte mich dingen: ohne Zweifel, weil mich niemand zu brauchen wußte; bis gerade auf diese Freunde! — Noch sind mir in meinem Leben alle Beschäftigungen sehr gleichgültig gewesen: ich habe mich nie zu einer gedrungen, oder nur erboten; aber auch die gcriugsügigstc -118 H.niibiirgische ^r.mi.Nurgic. nicht von dcr Hand gcwicscn, zn der ich mich ans cincr Art von Prädilcction crlcscn zu scyn, glaube» konnte. Ob ich zur Aufnahme dcS hiesigen Theaters concurriren wolle? darauf war also leicht geantwortet. Alle Vcdcnklichkcilc» waren nur die: ob ich es könne? und wie ich es am beste» könne? Ich bin weder Schauspieler, noch Dichter. Man erweiset mir zwar manchmal die Ehre, mich für den letzter» zu erkenne». Aber nur, weil man mich verkennt. Aus einigen dramatischen Versuchen, die ich gewagt habe, sollte man nicht so freygebig folger». Nicht jeder, dcr dc» Pinsel in die Hand ninit, und Farben vcranistct, ist ein Mahler. Die ältesten von jcncn Versuchen sind in den Zahrc» hi»gcschricbcn, in welchen man Lust und Leichtigkeit so gern für Genie hält. Was in den neueren erträgliches ist, davon bin ich mir sehr bewußt, daß ich es einzig und allein dcr Critik zu vcrdankcn habe. Zch fühle die lebendige Quelle nicht in mir, die durch eigene Kraft sich empor arbeitet, durch eigene Kraft in so reicht», so frische», so reinen Strahlen aufschießt: ich muß alles durch Druckwerk und Röhren aus mir herauf pressen. Ich würde so arm, so kalt, so kurzsichtig sey», wenn ich nicht cini- gcrniaaßcn gelernt hältc, frcmdc Schätze bcschcidcn zu borgcn, an frc»idcm Fcucr mich zu wärmcn, und durch die Gläscr der Kunst mein Auge zu stärke». Zch bi» daher immer beschämt oder vcrdrüßlich gcwordc», wcnn ich zum Nachtheil dcr Critik clwas las otcr hörtc. Sic soll das Gcnic crstickcn: und ich schmcichcltc mir, ctwas von ihr zu crhaltcn, was dcm Gcnic sebr nahe kömmt. Zch bin ein Lahmer, den eine Schmähschrift' auf die Krücke unmöglich erbaue» kann. Doch freylich; wie die Krücke dem Lahmen wohl hilft, sich von einem Orte zum andern zu bewege», aber ih» nicht zum Läufer machen kann: so auch die Critik. Wcnn ich mit ihrcr Hülfe etwas zu Stande bringe, welches besser ist, als es einer von meinen Talenten ohne Lritik machen würde: so kostct es mich so viel Zeit, ich muß von andern Geschäfte» so frey, von linwillkührlicbcn Zerstreuungen so ununterbrochen seyn, ich muß mcinc ganzc Bclcscnhcit so gegenwärtig haben, ich muß bey je- Zweyter Band. i i!» dem Schritte alle Bemerkungen, die ich jemals über Sitten und Leidenschaften gemacht, so ruhig durchlaufen können; daß zu einem Arbeiter, der ein Theater mit Neuigkeiten unterhalten soll, niemand in der Welt ungeschickter seyn kann, als ich. Was Goldoni für das italienische Theater that, der es in einem Zahrc mit dreyzchn neuen Stücken bereicherte, das muß ich für das deutsche zu thun, folglich bleiben lassen. Ja, das würde ich bleiben lassen, wenn ich es auch könnte. Ich bin mißtrauischer gegen alle erste Gedanken, als Dc la Easa und der alte Shandy nur immer gewesen sind. Denn wenn ich sie auch schon nicht für Eingebungen des bösen Feindes, weder des eigentlichen noch des allegorischen, Halle: (°) so denke ich doch immer, daß die ersten Gedanken die ersten sind, und daß das Beste auch nicht einmal in allen Suppen obenauf zu schwimmen pflegt. Meine erste Gedanken sind gewiß kein Haar besser, als Jedermanns erste Gedanken: und mir Jedermanns Gedanken bleibt man am klügsten zu Hause. — Endlich fiel man daraus, selbst das, was mich zu einem so langsamen, oder, wie es meinen rüstigern Freunden scheinet, so faulen Arbeiter macht, selbst das, an mir nutzen zu wollen: die Eritik. Und so entsprang die Zdcc zu diesem Blatte. Sie gefiel mir, diese Zdce. Sie erinnerte mich an die Di- daskalicn der Griechen, d. i. an die kurzen Nacbrichten, dergleichen selbst Aristoteles von den Stücken der griechischen Bühne zu schreiben der Mühe werth gehalten. Sie erinnerte mich, vor langer Zeit einmal über den grundgelehrten Easaubonus bey mir gelacht zu haben, der sich, aus wahrer Hochachtung für das (°) .^n opinio» ^0IIK 1.4 l'äSk, »rclldiNwp uk SenoveiUo, «'SS »ffUcwll nilll — «'lucll oninion «'!>,>>, — ll,»l vlivnever » Llirisliiln «»s vrilinx » Iioolc (not kor >>is privsw -lmulemei», >>ul) «>>vr<- luu inlenl ,in>> nurnose «ü« Kon» ki>I», lo nrinl iinU >>uI>IiU> il lo Nie vurlll, I>i» lirsl lliouxlUs wer« »In»>s Nie wi»i>l!Uja».>< »t llie evil ane. — 5I> süllier xvüü IMKSl^ nle!»fo>> >vil>> Nli« Niv05>- os ^»>>n lli! I» -»»> (>>»>> i> nol erilmneck Nim » lilllo in Iii» rreoil) I Iielieve ,vou>>> Iiilve xiven le» of lli« Iiesl »cre» i» ll>e 81>»nü^ eslnle, lo Iiitvo n«e» U>e nrosclier ok Uz — Iiul No couill »vl >>»ve Nie Iionour »f il in lliv lillernl sonte vf Nie Soelrii»-, Iie lovk un «il>> »> os il. I>r>»^»<1il!>! »f «ilueslinn, >»' v»o>>> s»>-, i» Nie ilevil »c. (l.ife -,»>> «n. nf rriNrAm 8>>»»>>x Vol. V. >>. 74.) Lcsungs V-n-ke v>>. 29 450 Hamburgjsche Tramaturgic. Solide in den Wissenschaften, einbildete, daß es dem Aristoteles vornehmlich um die Berichtigung der Chronologie bey seinen Didaskalicn zu thun gewesen. (") — Wahrhaftig, es wäre auch eine ewige Schande für den Aristoteles, wenn er sich mehr um den poetischen Werth der Stücke, mehr um ihren Einfluß auf die Sitten, mehr um die Bildung des Geschmacks, darinn bekümmert hätte, als um die Olympiade, als um das Zahr der Olympiade, als um die Namen der Archontcn, unter welchen sie zuerst aufgeführet worden! Zch war schon Willens, das Blatt selbst Hamburgischc Didaskalicn zu nennen. Aber der Titel klang mir allzufrcmd, und nnn ist es mir sehr lieb, daß ich ihm diesen vorgezogen habe. Was ich in eine Dramaturgie bringen oder nicht bringen wollte, das stand bey mir: wenigstens hatte mir Lionc Allacci dcefalls nichts vorzuschreiben. Aber wie eine Didaskalic aussehen müsse, glauben die Gelehrten zu wissen, wenn es auch nur aus den noch vorhandenen Didaskalicn des Tcrcnz wäre, die eben dieser Easaubonus lirc-vltor 65 vloF-mter loriptas ncnnt. Zch hatte weder Lust, meine Didaskalic» so kurz, noch so elegant zu schreiben: und unsere itzlcbcndc Casauboni würden die Köpfe trefflich geschüttelt haben, wenn sie gefunden hätten, wie selten ich irgend eines chronologischen Umstandes gedenke, der künftig einmal, wenn Millionen anderer Bücher verloren gegangen wären, auf irgend ein historisches Factum einiges Licht werfen könnte. In welchem Zahrc Ludcwigs des Vierzehnten, oder Ludewigs des Fuufzchnten, ob zu Paris, oder zu Versailles, ob in Gegenwart der Prinzen vom Gcblütc, oder nicht der Prinzen vom Geblütc, dieses oder jenes französische Meisterstück zuerst aufgeführet worden: das würden sie bey mir gesucht, und zu ihrem großen Erstaunen nicht gefunden haben. (°) (/Vnim.'ulv, i» ^V»»>»»zuin I.idr, VI. c»l>> 7.) ^l6a<7xa>-i« »ccipl- l»r >,r» eo scriplo, quo explicslur nlii, qu»i»Io, ioino>Io qu» «venlil s-UniUl siivrU sei». — Luanlum crilici Iinc «liligenlii» veiere» eliro- »uloxos »HuvoriM, -vfliiiüUmiit Mi, e- Iisdueriiil, qui »>I invuinlüm ku^scis lemporis ralwnem >>rimi !>»im»m npinNor»,». «xo »0» >IuIiU», vo pvliMmum specl-ls^ ^rwolelem, c»»> ^i<5a<7xaXt«>; siig» cvmpouvret — _-_____ '^»t.' Zweyter Band. 451 Was sonst diese Blätter werden sollten, darüber habe ich mich in der Ankündigung erkläret: was sie wirklich geworden, das werden meine Leser wissen. Nicht völlig das, wozu ich sie zu machen versprach: etwas anderes; aber doch, denk ich, nichts schlechteres. „Sie sollten jeden Schritt begleiten, den dic Knnst, sowohl „des Dichters, als des Schauspielers hier thun würde." Die letztere Hälfte bin ich sehr bald übcrdrüßig geworden. Wir haben Schauspieler, aber keine Schauspielkunst. Wenn cö vor Alters eine solche Kunst gegeben hat: so haben wir sie nicht mehr; sie ist verloren; sie muß ganz von neuem wieder erfunden werden. Allgemeines Geschwätze darüber, hat man in verschiedenen Sprachen genug: aber specielle, von jedermann erkannte, mit Deutlichkeit und Präcision abgefaßte Regeln, nach welchen der Tadel oder das Lob des Akteurs in einem besondern Falle zu bestimmen sey, deren wüßte ich kaum zwey oder drey. Daher kömmt es, daß alles Raisonncmcnt über diese Materie immer so schwankend und vieldeutig scheinet, daß es eben kein Wunder ist, wenn der Schauspieler, der nichts als eine glückliche Routine hat, sich auf alle Weise dadurch beleidiget findet. Gelobt wird er sich nie genug, getadelt aber allezeit viel zu viel glauben: ja öfters wird er gar nicht einmal wissen, ob man ihn tadeln oder loben wollen. Ucbcrhaupt hat man die Anmerkung schon langst gemacht, daß die Empfindlichkeit der Künstler, in Ansehung der Critik, in eben dem Verhältnisse steigt, in welchem die Gewißheit und Deutlichkeit und Menge der Grundsätze ihrer Künste abnimt. — So viel zu meiner, und selbst zu deren Entschuldigung, ohne die ich mich nicht zu entschuldigen hätte. Aber die erstere Hälfte meines Versprechens? Bey dieser ist freylich das -Hier zur Zeit noch nicht sehr in Betrachtung gekommen, — und wie hätte es auch können? Die Schranken sind noch kaum geöffnet, und man wollte die Wcttläufcr lieber schon bey dem Ziele sehen; bey einem Ziele, das ihnen alle Augenblicke immer weiter und weiter hinausgesteckt wird? Wenn das Publikum fragt; was ist denn nun geschehen? und mit einem höb- nischen Nichts sich selbst antwortet: so frage ich wiederum; und was hat denn das Publikum gethan, damit etwas geschehen 45»'.' Haml'iirgische Dramaturgie. könnte? Auch nichts; ja noch etwas schlimmcrs, als nichts. Nicht genug, daß es das Werk nicht allein nicht befördert: es hat ihm nicht einmal seinen natürlichen Lauf gelassen. — Ueber den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheatcr zu verschaffen, da wir Deutsche noch keine Nation sind! Zch rede nicht von der politischen Verfassung, sondern blos von dem sittlichen Charakter. Fast sollte man sagen, dieser sey: keinen eigenen haben zu wollen. Wir sind noch immer die gcschworncn Nachahmer alles Ausländischen, besonders noch immer die un- tcrthänigcn Bewunderer der nie genug bewunderten Franzosen; alles was uns von jenseit dem Rhcinc kömmt, ist schön, reihend, allerliebst, göttlich; lieber verleugnen wir Gesicht und Gehör, als daß wir es anders finden sollten; lieber wollen wir Plumpheit für Ungezwungenheit, Frechheit für Grazie, Grimasse für Ausdruck, ein Gcklinglc von Reimen für Poesie, Gchculc für Musik, uns einreden lassen, als im geringsten an der Supe- rioritat zweifeln, welche dieses liebenswürdige Volk, dieses erste Volk in der Welt, wie es sich selbst sehr bescheiden zu nennen pflegt, in allem, was gut und schön und erhaben und anständig ist, von dem gerechten Schicksale zu seinem Antheile erhalten hat. — Doch dieser Locus communis ist so abgedroschen, und die nähere Anwendung desselben könnte leicht so bitter werden, daß ich lieber davon abbreche. Ich war also genöthigct, anstatt der Schritte, welche die Kunst des dramatischen Dichters hier wirklich könnte gethan haben, mich bey denen zu verweilen, die sie vorläufig thun müßte, um sodann mit eins ihre Bahn mit desto schnellern und größcrn zu durchlaufen. Es waren die Schritte, welche ein Irrender zurückgehen muß, um wieder auf den rechten Weg zu gelangen, und sein Ziel gerade in das Auge zu bekommen. Seines Fleißes darf sich jedermann rühmen: ich glaube, die dramatische Dichtkunst studiert zu haben; sie mehr studiert zu haben, als zwanzig, die sie ausüben. Auch habe ich sie so weit ausgeübet, als es nöthig ist, um mitsprechen zu dürfen: denn ich weiß wohl, so wie der Mahler sich von niemanden gern tadeln läßt, der den Pinsel ganz und gar nicht zu führen Zweyter Band. 453 weiß, so auch der Dichter. Ich habe es wenigstens versucht, was er bewerkstelligen muß, und kann von dem, was ich selbst nicht zu machen vermag, doch urtheilen, ob es sich machen läßt. Ich verlange auch nur eine Stimme unter uns, wo so mancher sich eine anmaßt, der, wenn er nicht dem oder jenem Ausländer nachplaudcrn gelernt hätte, stummer seyn würde, als ein Fisch. Aber man kann studieren, und sich tief in den Irrthum hinein studieren. Was mich also versichert, daß mir dergleichen nicht begegnet sey, daß ich das Wesen der dramatischen Dichtkunst nicht verkenne, ist dieses, daß ich es vollkommen so erkenne, wie es Aristoteles aus den unzähligen Meisterstücken der griechischen Bühne absirahirct hat. Ich habe von dem Entstehen, von der Grundlage der Dichtkunst dieses Philosophen, meine eigene Gedanken, die ich hier ohne Weitlauftigkcit nicht äußern könnte. Indeß steh ich nicht an, zu bekennen, (und sollte ich in diesen erleuchteten Zeiten auch darüber ausgelacht werden!) daß ich sie sür ein eben so unfehlbares Werk halte, als die Elemente des Euklidcs nur immer sind. Ihre Grundsätze sind eben so wahr und gewiß, nur freylich nicht so faßlich, und daher mehr der Ehicanc ausgesetzt, als alles, was diese enthalten. Besonders getraue ich mir von der Tragödie, als über die uns die Zeit so ziemlich alles daraus gönnen wollen, un- widcrsprcchlich zu beweisen, daß sie sich von der Richtschnur des Aristoteles keinen Schritt entfernen kann, ohne sich eben so weit von ihrer Vollkommenheit zu entfernen. Nach dieser Ueberzeugung nahm ich mir vor, einige der berühmtesten Muster der französischen Bühne ausführlich zu beurtheile». Denn diese Bühne soll ganz nach den Regeln des Aristoteles gebildet seyn; und besonders hat man uns Deutsche bereden wollen, daß sie nur durch diese Regeln die Stuffc der Vollkommenheit erreicht habe, auf welcher sie die Bühnen aller neuern Völker so weit unter sich erblicke. Wir haben das auch lange so scst geglaubt, daß bey unsern Dichtern, den Franzosen nachahmen, eben so viel gewesen ist, als nach den Regeln der Alten arbeiten. Indeß konnte das Vorurthcil nicht ewig gegen unser Gefühl bestehen. Dieses ward, glücklicher Weise, durch einige Englische 454 Hainbnrgische Dramaturgie. Stücke aus seinem Schlummer erwecket, und wir machten endlich die Erfahrung, daß die Tragödie noch einer ganz andern Wirkung fähig sey, als ihr Corneille und Racine zu ertheilen vermocht. Aber geblendet von diesem plötzlichen Strahle der Wahrheit, prallten wir gegen den Rand eines andern Abgrundes zurück. Den englischen Stücken fehlten zu augenscheinlich gewisse Regeln, mit welchen uns die Französische» so bekannt gemacht hatten. Was schloß man daraus? Dieses: daß sich auch ohne diese Regeln der Zweck der Tragödie erreichen lasse; ja daß diese Regeln wohl gar Schuld seyn könnte», wenn man ihn weniger erreiche. Und das hätte noch hingehen möge»! — Aber mit diesen Regeln fing man an, alle Regeln zu vermengen, und es überhaupt für Pcdantcrcy zu erkläre», dem Genie vorzuschreiben, was es thu», und was es nicht thun müsse. Kurz, wir waren auf dem Punkte, uns alle Erfahrungen der vergangnen Zeit muthwillig zu verscherzen; und von den Dichtern lieber zu verlangen, daß jeder die Kunst auss »cue für sich erfinden solle. Ich wäre eitel genug, mir ciuigcs Verdienst um unser Theater bcyzumcsscn, wenn ich glaube» dürfte, das einzige Mittel getroffen zu haben, diese Gährung des Geschmacks zu hemmen. Darauf los gearbeitet zu haben, darf ich mir wenigstens schmeicheln, indem ich mir nichts angelegner seyn lassen, als den Wahn von der Regelmäßigkeit der französischen Bühne zu bestreiken. Gerade keine Nation hat die Regeln des alten Drama mehr verkannt, als die Franzosen. Einige beyläuffige Bemerkungen, die sie über die schicklichste äußere Einrichtung des Drama bey dem Aristoteles fanden, haben sie für das Wesentliche angenommen, und das Wesentliche, durch allerley Einschränkungen und Deutungen, dafür so entkräftet, daß nothwendig nichts anders als Werke daraus entstehen konnten, die weit unter der höchsten Wirkung blieben, auf welche der Philosoph seine Regeln calcnlirt hatte. Ich wage es, hier eine Aeußerung zu thun, mag man sie doch nehmen, wofür man will! — Man nenne mir das Stück des großen Corneille, welches ich nicht besser machen wollte. Was gilt die Wette? — Zweyter Vaud. 466 Doch iicin; ich wollte nicht gern, daß man diese Aeußerung für Pmhlcrcy nehme» könne. Man merke also wohl, was ich hinzu setze: Ich werde es zuvcrlaßig besser machen, — n»d doch lange kein Corneille seyn, — und doch langc noch kein Meisterstück gemacht habe». Ich werde es zuvcrläßig besser machen; — und mir doch wenig darauf einbilden dürfen. Ich werde nichts gethan haben, als was jeder thun kann, — der so fest an den Aristoteles glaubet, wie ich. Eine Tonne, für unsere kritische Wallsischc! Zch freue mich im voraus, wie trefflich sie damit spielen werden. Sie ist einzig und allein für sie ausgeworfen; besonders für den kleinen Walisisch in dem Salzwasscr zu Halle! — Und mit diesem Ucbcrgangc, — sinnreicher miis; er nicht seyn, — mag denn der Ton des ernsthafter» Prologs in den Ton des Nachspiels verschmelzen, wozu ich diese letzten, Blätter bestimmte. Wer hätte mich auch sonst erinnern können, daß es Zeit sey, dieses Nachspiel anfangen zu lassen, als eben der Hr. Stl., welcher in der deutsche» Bibliothek des Hrn. Gchcimc- rath Klotz, den Inhalt desselben bereits angekündiget hat? —(") Aber was bekömmt denn der schnackischc Mann in dem bunte» Zäckchc», daß er so diciistfärtig mit seiner Trommel ist ? Zch erinnere mich nicht, daß ich ihm etwas dafür versprochen hätte. Er mag wohl blos zu seinem Vergnügen trommeln; und der Himmel weis, wo er alles her hat, was die liebe Jugend auf den Gassen, die ihn mit cincni bewundernden Ah! »achfolgt, aus der ersten Hand von ihm zu erfahre» bekömmt. Er muß einen Wahrsagcrgcist haben, Trotz der Magd in der Apostelgeschichte. Denn wer hätte es ihm sonst sagen könne», daß der Verfasser der Dramaturgie auch mit der Verleger derselben ist? Wer hätte ihm sonst die geheime» Ursache» entdecke» könne», warum ich der eine» Schauspielen»» eine sonore Stimme beygelegt, u»d das Probestück einer andern so erhoben habe? Zch war freylich damals in beide verliebt: aber ich hätte doch nimmermehr geglaubt, daß es ci»c lebendige Seele errathen sollte. Die Damen könne» es ihn, auch umnöglich selbst gc- (°) Neuntes Stück S. 60. Hamburgische Trainciturgic. sagt haben: folglich hat cs mit dem Wahrsagcrgcistc seine Richtigkeit. Za, weh uns armen Schriftstellern, wenn unsere hoch- gcbicthcndc Herren, die Zurnalisten nnd Zeitungsschreiber, mit solche» Kälbern Pflügen wollen! Wenn sie zu ihren Beurtheilungen, außer ihrer gewöhnlichen Gelehrsamkeit und Scharfsin- nigkcit, sich auch noch solcher Stückchen aus der geheimsten Magie bedienen wollen: wer kann wider sie bestehen? „Ich würde, schreibt dieser Hr. Stl. aus Eingebung seines Kobolts, „auch den zweyten Band der Dramaturgie anzeigen „können, wenn nicht die Abhandlung wider die Buchhändler „dem Verfasser zu viel Arbeit machte, als daß er das Werk „bald beschließen könnte." Man muß auch einen Kobolt nicht zum Lügner machen wollen, wenn er cs gerade einmal nicht ist. Es ist nicht ganz ohne, was das böse Ding dem guten Stl. hier cingcblasen. Ich hatte allerdings so etwas vor. Zch wollte meinen Lesern crzch- lcn, warum dieses Werk so oft unterbrochen worden; warum in zwey Jahren erst, und noch mit Mühe, so viel davon fertig geworden, als auf ein Zahr versprochen war. Zch wollte mich über den Nachdruck beschweren, durch den man den geradesten Weg eingeschlagen, cs in seiner Gcburth zu ersticken. Zch wollte über die nachthciligen Folgen des Nachdrucks überhaupt, einige Betrachtungen anstellen. Zch wollte das einzige Mittel vorschlagen, ihm zu steuern. — Aber, das wäre ja sonach keine Abhandlung widcr die Buchhändler geworden? Sondern vielmehr, für sie: wenigstens, der rechtschaffenen Männer unter ihnen; und cs gicbt deren. Traucn Sic, mein Herr Stl., ihrem Koboltc also nicht immer so ganz! Sic schcn cs: was solch Geschmeiß des bösen Feindes von der Zukunft noch etwa weis, das weis cs nur halb. — Doch nun genug dem Narren nach seiner Narrheit geantwortet, damit er sich nicht weise dünke. Denn eben dieser Mund sagt: antworte dem Narren nicht nach seiner Narrheit, damit du ihm nicht gleich werdest! Das ist: antworte ihm nicht so nach seiner Narrheit, daß die Sache selbst darüber vergesse» wird; als wodurch du ihm gleich werden würdest. Und so wende Zweyter B.nro. 457 ich mich wieder an meinen ernsthaften Lcscr, den ich dieser Possen wegen ernstlich um Vergebung bitte. Es ist die lautere Wahrheit, daß der Nachdruck, durch den man diese Blatter gemeinnütziger machen wollen, die einzige Ursache ist, warum sich ihre Ausgabe bisher so verzögert hat, und warum sie nun gänzlich liegen bleiben. Ehe ich ein Wort mehr hierüber sage, erlaube man mir, den Verdacht des Eigennutzes von mir abzulehnen. Das Theater selbst hat die Unkosten dazu hergegeben, i» Hoffnung, aus dem Verkaufe wenigstens einen ansehnlichen Theil derselben wieder zu erhalten. Zch verliere nichts dabey, daß diese Hoffnung fehl schlägt. Auch bin ich gar nicht ungehalten darüber, daß ich den znr Fortsetzung gesammelten Stoff nicht weiter an den Man» bringen kann. Ich ziehe meine Hand von diesem Pfluge eben so gern wieder ab, als ich sie anlegte. Klotz und Eonsortcn wünschen ohnedem, daß ich sie nie angelegt hätte; und es wird sich leicht einer unter ihnen finden, der das Tagcrcgistcr einer mißlungenen Unternehmung bis zu Ende führet, und mir zeiget, was für eine» periodischen Nutzen ich einem solchen periodischen Blatte hätte ertheilen können und sollen. Denn ich will und kann cs nicht bergen, daß diese letzten Bogen fast ein Zahr später niedergeschrieben worden, als ihr Datum besagt. Der süße Traum, ein Nationalthcatcr hier in Hamburg zu gründen, ist schon wieder verschwunden: und so viel ich diesen Ort nun habe kennen lernen, dürfte er auch wohl gerade der seyn, wo ein solcher Traum am spätesten in Erfüllung gehen wird. Aber auch das kann mir sehr gleichgültig seyn! — Zch möchte überhaupt nicht gern das Ansehen haben, als ob ich cs für ein großes Unglück hielte, daß Bemühungen vereitelt worden, an welchen ich Antheil genommen. Sie können von keiner besondern Wichtigkeit seyn, eben weil ich Antheil daran genommen. Doch wie, wenn Bemühungen von weitcrm Belange durch die nehmlichen Undicnsic scheitern könnten., durch welche meine gescheitert sind? Die Welt verliert nichts, daß ich, anstatt fünf und sechs Bände Dramaturgie, nur zwey an das Licht bringe» kann. Aber sie könnte verlieren, wenn einmal ci» nützlicheres 453 Hamburgische Dramalurgic. Werk cincs bessern Schriftstellers eben so ins Stecke» gcrictbc; und es wohl gar Leute gäbe, die einen ausdrücklichen Plan darnach machten, daß auch das nützlichste, unter ähnlichen Umständen unlcriiommcnc Werk verunglücken sollte und müßte. Zn diesem Betracht stehe ich nicht an, nnd halte es für meine Schuldigkeit, dem Public» ein sonderbares Complot zu dcnuncircn. Eben diese Dodslcy und Compagnie, welche sich die Dramaturgie nachzudrucken erlaubet, lassen seit einiger Zeit einen Aussatz, gedruckt und geschrieben, bey den Buchhändlern umlaufen, welcher von Wort zu Wort so lautet: Nachricht an die Herren Buchhändler. Wir haben miS mit Beyhülfe verschiedener Herren Buchhändler entschlossen, künftig dencnjenigen, welche sich ohne die erforderlichen Eigenschaften in die Buchhandlung mischen werden, (wie es, zum Ercmpcl, die ncuaufgerichlete in Hamburg und anderer Orten vorgebliche Handlungen mchrerc) das Selbst-Verlegen zu verwehre», und ihnen ohne Ansehen nachzudrucken; auch ihre gesetzten Preissc alle Zeit um die Hälfte zu verringern. Die diesen Vorhaben bereits bcygetretcne Herren Buchhändler, welche wohl eingesehen, daß eine solche unbefugte Störung für alle Buchhändler zum größten Nachtheil gereichen müsse, haben sich entschlossen, zu Unterstützung dieses Vorhabens, eine Lasse aufzurichten, und eine ansehnliche Summe Geld bereits eingelegt, mit Bitte, ihre Namen vorerst noch nicht zn nennen, dabey aber versprochen, selbige ferner zu unterstützen. Von den übrigen gutgesinnten Herren Buchhändlern erwarten wir demnach znr Vermehrung der Cassc, desgleichen, und ersuchen, auch unsern Verlag bestens zu rccvm- mandircn. Was den Druck und die Schönheit des Pappicrs betrifft, so werden wir der Ersten nichts nachgeben; übrigens aber uns bemühen, auf die unzählige Menge der Schleichhändler genau Acht zu geben, damit nicht jeder in der Buchhandlung zu höckcn und zu stören anfange. So viel versichern wir, so wohl als die noch zutretende Herren Mitcollcgc», daß wir keinem rechtmäßigen Buchhändler ein Blatt nachdrucken werden; aber dagegen werde» wir sehr aufmerksam seyn, so bald jemanden von unserer Gesellschaft ein Buch nachgedruckt wird, nicht allein dem Nachdrucke! hinwieder allen Schaden zuzufügen, sondern auch Zweyter Band, nicht weniger dcncnjenigcn Buchhändlern, welche ihren Nachdruck zu verkaufen sich unterfangen. Wir ersuchen demnach alle und jede Herren Buchhändler dicnfifrcnndlichst, von alle Arte» des Nachdrucks in einer Zeit von einem Jahre, nachdem wir die Namen der ganzen Buchhändler-Gesellschaft gedruckt angezeigt haben werden, sich los zu machen, oder zu erwarten, ihren besten Nerlag für die Hälfte des Preises oder »och weit geringer verkaufen zu sehen. Denenjenigen Herren Buchhändler» von n»s>c Gesellschaft aber, welche» etwas nachgedruckt werden sollte, werden wir nach Proportion und Ertrag der Casse eine ausehulichc Vergütung wiedcrfahrcn z» lasse» »ichl crmaiigcl». Und so hoffen wir, daß sich auch die übrigen Unordnungen bey der Buchhandlung mit Beyhülfe gutgesinnter Herren Buchhändler in kurzer Zeit legen werden. Wenn die Umstände erlauben, so kommen wir alle Oster- Messen selbst nach Leipzig, wo nicht, so werden wir doch dcSfalls Commission geben. Wir empfehlen uns deren guten Gesinnungen und verbleiben Deren getreuen Mitcollegcn, I. DodSIcy und Compagnie. Wenn dieser Aufsatz nichts enthielte, als die Einladung zu einer genauern Verbindung der Buchhändler, um dem cingcris- scncn Nachdrucke unter sich zu steuern, so würde schwerlich ein Gelehrter ihm seinen Beyfall versagen. Aber wie hat es vernünftigen und rechtschaffenen Leuten einkommen können, diesem Plane eine so strafbare Ausdehnung zu geben? Um ein Paar armen Haiisdicben das Handwerk zu legen, wollen sie selbst Straßenränder werden? „Sie wollen dem nachdrucken, der ihnen nachdruckt." Das möchte seyn; wenn es ihnen die Obrigkeit anders erlauben will, sich auf diese Art selbst zu rächen. Aber sie wollen zugleich das Sclbst-Ncrlegen verwehren. Wer sind die, die das verwehren wollen? Haben sie wohl das Herz, sich unter ihren wahren Namen zu diesem Frevel zu bekennen? Ist irgendwo das Selbst-Verlegen jemals verbothen gewesen? Und wie kann es verbothen seyn? Welch Gesetz kann dem Gelehrten das Recht schmälern, aus seinem eigenthümlichen Werke alle den Nutzen zu ziehen, den er möglicher Weise daraus ziehen kann? „Aber sie mischen sich Hamburgische Dramaturgie. ohne die erforderlichen Eigenschaften in die Buchhandlung. Was sind das für erforderliche Eigenschaften? Daß man fünf Jahre bey einem Manne Pakete zubinden gelernt, der auch nichts weiter kann, als Pakete zubinden? Und wer darf sich in die Buchhandlung nicht mischen? Seit wenn ist der Buchhandel eine Znnung ^ Welches sind seine ausschlics- scndcn Privilegien? Wer hat sie ihm ertheilt? Wenn Dodslcy und Compagnie ihren Nachdruck der Dramaturgie vollenden, so bitte ich sie, mein Werk wenigstens nicht zu verstümmeln, sondern auch das getreulich nachdrucken zu lassen, was sie hier gegen sich finden. Daß sie ihre Vertheidigung beyfügen — wenn anders eine Vertheidigung für sie möglich ist — werde ich ihnen nicht verdenken. Sie mögen sie auch iu einem Tone abfassen, oder von einem Gelehrten, der klein genug seyn kann, ihnen seine Feder dazu zu leihen, abfassen lassen, in welchem sie wollen: selbst in dem so interessanten der Klotzischcn Schule, reich an allerley Histörchen und Anckdötchcn und Pasquillchcn, ohne ein Won von der Sache. Nur erkläre ich im voraus die geringste Insinuation, daß es gekränkter Eigennutz sey, der mich so warm gegen sie sprechen lassen, für eine Lüge. Zch habe nie etwas auf meine Kosten drucken lassen, und werde es schwerlich in meinem Leben thun. Zch kenne, wie schon gesagt, mehr als einen rechtschaffenen Mann unter den Buchhändlern, dessen Vermittelung ich ein solches Geschäft gern überlasse. Aber keiner von ihnen muß mir es auch verübeln, daß ich meine Verachtung und meinen Haß gegen Leute bezeige, in deren Vergleich alle Buschklepper und Weg- laurcr wahrlich nicht die schlimmern Menschen sind. Denn jeder von diesen macht seinen coup tlo msia für sich: Dodslcy und Compagnie aber wollen Bandenwcisc ranbcn. Das Beste ist, daß ihre Einladung wohl von den wenigsten dürfte angenommen werden. Sonst wäre es Zeit, daß die Gelehrten mit Ernst darauf dächten, das bekannte Lcibnitzische Projekt auszuführen. Ueber Meusels Apollodor. 17K8. °) „Bibliothek des ApollodorS. Ans dem Griechischen übersetzt „von I- G Mensel, Nebst einer Vorrede von Herrn Rlon, „Halle, bey Curt. t7l'.8. in 8! 1.? Bogen." „Alles, belieben der Herr geheime Rath Rlorz sich gleich zu Anfange ihrer Vorrede auszudrücken, alles, was ich von der Güte und Treue dieser Ucbcrsctzung sagen könnte, wird durch die eigenen Schriften ihres Verfassers unnöthig gemacht. Diese sind wegen ihrer starken Empfehlungen, die sie von der Bcle- scnhcit, dem Geschmack und der Vcurthcilungskraft erhalten, auch für den Werth dieser Arbeit Bürge." Gewiß, wir müssen uns schämen, öffentlich zu bekennen, das; uns die eigenen Schriften des Herrn Meusels ganz und gar nicht bekannt sind. Wäre es doch dem Herrn geheimen Rath gefällig gewesen, für den Ruhm seines Freundes und für unsere Unwissenheit ein wenig mehr zu sorgen! Hätte er uns doch nur einige von diesen Schriften nahmhaft gemacht! Wir rechnen viel zu sehr auf sein Wort, als daß wir würden angestanden haben, die gegenwärtige Übersetzung lediglich nach diesen Schriften zu beurtheilen. So aber haben wir sie nur aus sich selbst beurtheilen können, und befinden uns dadurch in der äußersten Verlegenheit, unser Urtheil mit seinem zu vereinigen. Nur gleich eine Probe: Auf der Eliten Seite dieses verdeutschten Apollodors heißt es von dem Orion: „Er kam hierauf nach Chios, und vermählte sich mit der Mcrope, einer Tochter des Genopions. Der betrunkene iNcnopion blendete ihn im Schlafe, und warf ihn an das Ufer, worauf er in eine Schmiede gicng, einen Knaben raubte, ihn auf seine Schultern °) Unter der Überschrift „Bon gclcl'rim Sachen" im H.iinblirqischrn iinrcirll'tt'iscl'cn Korrespondenten vom 2. Aiiqnst 17V8, Nnni, Mrnscl? Antwort steht in Rinn. 1IZ vom K, September. Ucbcr McnsclS Apollodor^ setzte, uiid ihm befahl, ihn gegen der Sonne Aufgang hinzuführen. Als er dahin gekommen war, erlangte er, von den Sonnenstrahlen erhitzt, sein Gesicht wieder, und kam eilends wieder zum Oenopion," Aus der Ucbcrsctzung ist, ohne Zuziehung des Originals, unmöglich klug zu werden. Orion, mit der Merope vermählt, wird von seinem betrunkenen Schwiegervater geblendet, worauf er in eine Schmiede geht — man weiß nicht, ob Orion, oder Oenopion, bis man es am Ende ungefähr erräth. Doch, das schielende, nachläßige Deutsch ist der geringste Fehler. So leicht Apollodor schreibt, (man erklärt ihn in viele» Schulen den Anfängern der Griechischen Sprache mit zuerst) so wenig hat ihn Hr. Mensel doch öfters verstanden; und diese einzige kleine Stelle hat nicht mehr als drey recht plumpe Schnitzer. 1) ApolloSor sagt nicht, daß Orion sich mit der Merope vermählt habe; x^vi^-vo-«^ heißt blos, er hielt um sie an, er suchte sie zur Frau. 2) Nicht der betrunkene Oenopion blendete den Orion: wozu hätte sich Oenopion dazu erst bctrinken müssen? sondern Oenopion machte den Orion betrunken; und so blendete er ihn; ^^o-«? ist hier von ich mache betrunken, nicht von ^x^ui, ich bin betrunken; und Herr Mensel hätte wohl wissen können, daß jenes Tempora von diesem entlehnet. 3) Nachdem Orion das Gesicht wieder erlangt hatte, kam er nicht blos eilends wieder zum Oenopion, sondern Apollodor sagt, x'nc vtt'oirtwv« xo-?rLi.'<5xi', er eilte wiSer den Oenopion, d.i. er eilte, sich an ihm zu rächen. Wir konnten, wie gesagt, die Ucbcrsctzung des Herrn Mensel nicht nach seinen eignen Schriften beurtheilen: wehe ihm, wenn man seine eigne Schriften nach dieser Ucbcrsctzung bcur- thcilcn darf! Von dcr Vorrcdc dcs Herrn geheimen Rath Rlorz insbesondere etwas zu erwähnen, ist nicht nöthig. Sie ist, wie alles, was dieser große Gelehrte schreibt, voll cigcntbümlicher Beurtheilungen. Z. E. Wo er bedauert, daß die zwölf Bücher dcs Apollovors über das Homerische Vcrzcichniß dcr Schiffe verloren gegangen, setzt er hinzu: „Zch stelle mir vor, (wer in dcr Welt hätte sich so etwas vorstellen können, als dcr Hcrr lieber Mcuscls Zlpollodor. geheime Rath Rloiz!) als ob die alte Erdbeschreibung dadurch gewonnen haben würde." Voller Bewunderung rufen wir aus: kein aeu tetigiiti, Vir cvlelioiiime! denn daß ApolloSor die verschiedene Bauart aller der Schiffe so viel verschiedener Völker in seinem Werke untersucht, und etwa aus geschnittenen Steinen erläutert haben sollte, das ist uns selbst nie wahrscheinlich vorgekommen; ob wir schon dabey bekennen, daß wir uns schwerlich getrauet haben dürften, eben dieselbe kühne Vermuthung zu äußern, mit welcher der Herr geheime Rath seine Leser überrascht.