Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften hcrauSgcgcbc» vo« Karl Lachmann. Gotchvld Ephraim Lessmgs sämmtliche Schriften. Nc»c > ccdtniäßigc AuSqab^ > Dritter Band. Bcrl i n, in d c r Ai o ß'sch c» B u ch b a n d l » n q> <«rdr«ck< brt Julius Sillcnskld in Brrlm, Inhalt. ?tt „ . ^'ite -Ocytragc zur Piswric und Aufnahinc des Theaters. 173«». Von dem Leben, und den Werken des M. A. Plunlus. . . . i Die Gefangnen des Plaulus................... 28 Crilik über die Ecfaugncn des PlnutnS............. 77 Sam. Werenfcls Rede zu Zicrthcidiguug der Schauspiele . , 122 Beschluß der Critik über die Gefangnen des Plautus..... 127 Aus der Berlinischen privilegirteu Zeitung vom I. 1761..... 140 Albcrlinus Historie der Kelabrheit, 1. Th. Die Wciberstipendicn» Der Faule und die Vormünder, Lustsp. Gcschichle der Böbmischen Priuzcfjinncn. .^rnsuck, I.» Zlort «U> zi»reel>»> eomle «I» ««xv. 14z Claville von dem wahre» Verdienste. Sinngedichte, Hofniami, Dritte Anzeige derer Herrenhutbischrn Grund-Irrthümer...... 146 0, I?. lioerneei 1i>?Niluiioiu.'» 'INeow^i^v svmtiutii^v, Gottscheds Gedichte. Niamdach, Sammlung auserlesener Abhandlungen au?- ländischcr Gottesgelebrlen. l^-iukeM, >'ouve->u »tc>io«^!r>! >>i«toricl»s >!>7 ori>i,>ue, 'IV I. II. I.e c'nk»wi>»t!i<>...... 154 G. H. Kanz, Kurtzer Bcgrif des biblisch-chronologischen Svstems von 6000Ial>rcn. Simoncili, Sauimlung vermischter Beiträge :c. 157 Gcllcrts Briefe. Briefe der Ninou von Lcnclos......... 160 Schauplatz der Natur. Holl-crgs inoralische Fabeln....... 162 Bermischtc Abbandlungcn und Anmerkungen :c. Lieder. 3. . . . 165 Jöchers allgemeines Gelehrten - Lericou, Z. Tb. Belustigungen ans dem Lande :c. I. N!. von Locn moralische Gedichte. . , 168 Das Lob der noch lebenden unbekannten Schriftsteller in Westpl'alen, 169 Bruckers erste Anfangsgründc der plnlosopbischen Geschichte..... 170 C. N. Raumauns Cmpffndungcn für die Tugend in satvrischen Gedichten. F. S. Bocks erbauliche Reden. Lilientbals gute Sache der Offenbarung, 2. Th. Fcnclons Kunst glücklich zu regieren. 174 Falschheit der neuen Propheten. l.v t'»uki» a« »lskomel. 175 Hagedorns Horaz. Oden, Lieder und Erzcblungrn........ 177 Des Kiefers G. B. Schwarzens Reise in Ostindien....... 179 Guevara, das vergnügte Land- und beschwerliche Hosleden.....180 Dien merUerott-U Iiio» ^v. Oommemsril .^ll«»sui....... 182 K. B. Schuberts Lehrgedichte. i.e Le->>»i»>! >nk,>iee....... 18Z Der Dänische Avanluricr. Lonsbruchs Versuche in Westobäli- schcn Gedichten. .^inuleiuen« il'u» peikomnei. I.e.« «.'»eiic- lere--, i>sr . Vo- wcrs Historie der römischen Päpste, von Rampaci', i. ?>>. !>»- eins, tVIemoires ponr Ic^exir !^ I'Iiiklviee clc's mobiles >I» XVIII Sii^^Ie. 19? 1. T. Haupt, Gründe der Vernunft sür die beil. Drrvrinigkeii. . . lSt ^4S^--^NM,'WWM? v> Inhalt. Seite Das Neucsic .ins dcm Reiche des Witzes. 4761, Monat April ............................ 195 Monat Map............................. 208 Monat Zuuius ........................... 222 Monat September.......................... 236 Monat Oktober........................... 238 Monat December .......................... 250 Ich. Huarts Prüfling der Köpft zu den Wissenschaften. 1752. Vorrede des Ucbcrsctzcrs...................... 266 Des Abts von Marigiw Geschichte der Araber. I Theil. 1763. Vorrede des Ucbcrsctzcrs...................... 260 Schriften. Erster lind zweyter Theil. 1763. Vorrede................................ 267 Briefe................................ 272 SluS der Berlinischen Zeitung von den Jahren 1762 und 1763. 375 Erzcblungen des Cervantes. VoU-lire, .«Vm-Me vu le vue >>e376 Erebillo»? Idomcneus. ma>7»<.>>, Lwmeiis >><- i» r>i>ii»e«i>iii>- »w- >ti!rne. I,'?.s>>rii >Iv5 Xslinns. I/ecole cls I'Iwmms..... 38i> Hollanders Bibliotbck für unstudiertc gieligionsliebl'aber....... 381 Ueber Mvlius Reise. Simonetii, gründliche Bemübungen des vernünftigen Menschen. Utz, Sieg des Liebesgottes. Die doppelte Narrenkappe. Muzelius Abhandlungen zum Bebuf der schönen Wissenschaften und der Religion. Klagen oder Nachtgedankcn. 386 Marignps Geschichte der Araber. Drey Gebete, eines Frcvgcistcs zc. 388 Mvliiis Abreise. Drev Gebete eines Anti - Klovstockianers :c. 389 ^>:«e/i/»n^i-. Lausons Gedichte nach Königsbergischem Geschmacke. 390 Professor Johann Christoph. Staats und Licbesgeschichtc der Prinzessin Numcraue. Irene, ein Trauerspiel von Bcrnhold. 392 Fr. Engels Versuch einer Tbcoric von dcm Menschen und dessen Erziehung. Cenic und Cato von L. A. B. Gottschedinn..... 393 Neue Erweiterungen, j. Stück. Marignvs Geschichte der Araber. 394 l.v s»i>i-u vilrvvnu. Voltaires Fässer von N. Nohde...... 396 P. N. le Bossu Abhandlung vom Heldengedichte. Aristoteles Dichtkunst von Eurtius. Neue Erweiterungen, 6. Stück..... 399 Widekinds ausfül'rlichcs Verzeichnis bon neuen Büchern...... 400 Lcßings Schriften, 1. u. 2.Tli.. ««r^Iivr, I.e ?a>,iu»n I. 402 «I ^rnsull, Llvire. ?k'! o» /'ei/?oi 5enen. . . . 4t)3 S. G. Langens Schreiben. Satvrische und moralische Neujahrswünsche.............................. 4t)4 Ein Vlllio mc-cum für den Hrn. Sam. Gotth. Lange. 1764. 405 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. 17 5 0. A b h a n d l l> ii g von dem Lebcn, und den Werken des^Marcus Accius Plautus. Ä)ir sind Willens, dem Lcscr in der Folge einige Lustspiele des Plautus übersetzt vorzulegen. Wir haben uns schon in der Vorrede erklärt, wie und warum wir dieses thun wollen. Es wird also nicht unbillig seyn, wenn wir vorher das nöthige sammeln, was uns den Verfasser und seine Arbeit naher kennen lehrt. Von dem Plautus") selbst finden wir wenige Nachricht. Alles was wir von seinen LebenSumstäiideii wissen, beruhet auf einigen Stellen des Cicero, (Hcllius, Festus, Scrvius, und Hic- ronymus. Horaz, Plinius der jüngere, Quintilian, MacrobiuS und andre gedenken zwar auch sein, allein alles was sie uns Man hat schon cinigc ^ebensbcsciircibungcn von dcm Paulus, Dcr- jrnigc» nicht zu grdcntc», die man theils vor einigen Ausgabt» und Ueber sctznngcn scincr Werke, theils in unlcrschlcocncn Nachrichten von dcn latcini- schcn Schriflstcllcrn findet, so hat Casp. Sagitlarins cin besonderes Buch ri>zi!!w Iiomo, einen Menschen von der allcrnicdrigstcn Herkunft anzeige. Ich weis nicht, ob dieses Beweis genug ist. Wenn man übrigens von der Gcschicklichkcit und dem feinen Witze eines Menschen auf scinc gute Erziehung und von dieser auf scinc Acltcrn einigermaßen schließen kann, so möchte die Vermuthung von dcs Plantus geringer Herkunft am ersten wegfallen. Wenigstens könnte man nicht ohne Grund glauben, daß er unter gesitteten und artigen Lcutcn müsse scyn auscrzogcn worden. Vielleicht ist er zeitig nach Rom gekommen, vielleicht hat cr cbcn das Glück gchabt, wclchcs Tcrcntius hatte, daß cr mit dcn größten Lcutcn scincr Zcit umzugehen Gclcgcnhcit fand. Doch das sind Ncrnnithungcn, dic kcincn gewissen! Grund als die gegenseitigen babcn. Das Glück mag einen großen Geist aus cincm Stande entspringen lassen, aus welchem es will, cr wird sich allezeit hervordringen und zur Bewunderung der Wclt wcrdcn. Der Ruhm dcs Plaulus wird nur noch größer, wenn cr auch selbst in seinen ersten Jahren ein Sklave gewesen wäre. Man bewundert dcn Epictct; und ich sollte fast meynen, daß es schwc- rcr scy in der Sklavcrcy ein Poctc als cin Philosoph zu wcrdcn. Das Unglück gicbt oft die bcstc Anleitung zur Wcltwcis- hcit, allcin ob cS zum Dichtcn glcich nützlich scn, daran kann >>) Einigc schrcibcn ihn auch Arrius, «Z Man schrcibl sic auch Sarcina nnd Sasnna. Jan»? ^parrl'asins ncnnt sic gar Farsina, ans wclchcni Grunde, weis ich nicht. Sic führt noch bis iKo diesen Rainen, und liegt an dcm apcnninischrn Gebirge an dem Flusse Sapis, in der l'culigcn Provinz Siomagna, ?4 Mcilcn westwärts von Sti- mini, Sic ist cin bischöflicher Cil;, nnd geboret nntcr dcn Erzbischof von Naveuna. Liniicrs in der Lebensbeschreibung dcs Plautus, dic cr scincr Uc- bcrsctzung vorgesetzt bat, mcvnt also fälschlich, daß man Sorcina hculigcs Tagcs nicht mcl'r sändc. Von dci» Leben und den Wcrlc» dcS Plautus. 3 man um so vicl mchr zweifeln, jc mehr man Beyspiele von Dichtern anführen könnte, welche Armuth und Niedrigkeit entkräftet und zu Boden geschlagen hat. So viel ist gewiß, PlautuS muß sehr zeitig Eomödicn zu schreiben angefangen haben, wenn alle, die man für seine Arbeit ausgegeben hat, wirklich von ihm sind. Zm Anfange muß er mit seiner Arbeit glücklich gewesen seyn. Er hatte nämlich, wie uns Gcllius berichtet, damit so viel gewonnen, daß er eine Handlung anfangen konnte''). Vielleicht, daß er seine Stücke an die Acdilcs verkaufte, vielleicht, wann diese Einrichtung, damals, noch nicht war, daß er sie selbst auf seine Unkosten aufführen ließ, und den Nutzen davon zog. Aus den Worten des GelliuS kann man nichts gewisses schließen. Das erste ist zwar wahrscheinlicher, weil aus einigen Stellen in seinen Lustspielen klar ist"), daß die Acdilcs schon damals die Aufsicht über die Schauspiclc gchabt haben. Dem sey wie ihm wolle. 'Plaulns war aus einem comischcn Dichter ein Handelsmann geworden. Er suchte sich vielleicht dadurch in solche Glüclsumständc zu versetzen, worinn er seiner Neigung mit mchr Bequemlichkeit gcnugthun könne. Allein seine Hoffnung schlug ihm fehl. Er vcrlohr durch seinen Handel alles, was cr sich so rühmlich vcrdicnt hatte, und kam in größter Armuth wicdcr nach Rom zurück. Hicr nun nahm cr seine erster» Bcmühungcn wicdcr vor. Allein cin Lustspiel ist nicht gleich gemacht, und ohne Zweifel fand cr auch nicht gleich Gelegenheit es unterzubringen. Die Noth zwang ihn also, sich zu cincm Becker zu vcrmicthcn, bcv dcm cr die Handmühlcn ^) drehte. <>Z Eellius im Z Hauplst, des Z Buchs seiner attischen Nächte: Sa- /ui'/nne»! ei ^/l?c/,>/»u!, umuwm, eu^j»!« »»i>« »lilii »om«» »«» tunneiil, in niluino I'iiniiimi iiisMu Vüiio ei >>Ieri>ii momn- rig>! irininlvruiii, eum neciiiiiii nmni, !>»!iin i„ oneri» »rliticnm si'l?»icor»m pepereritl, in i»>n'c!Ui»»iiM!, verilil», i«v>>!, IInin-un re>iiisui, >>> ni> s>»!iere»- >i»m viclum »<> cil'viiinüßoinw» mnl»«, >i»i>e irus-tliieü »nix-llünlur, oni?r«m piclori lociiss«!. iZici» A>!vio quoiinv !»!<:enimus, I^iiinUü« c-uiu in cül- cere iluns serinsissi?, Iliirinlum ei I.evniem. eZ Eicbc den Vorredner des Amplntrno, 72. s) Diese Handmühlcii bießcn bei) den Römern ^rusniiie?- c,-. inni-,,?. Von dem eilten Zcilworle 'r>«wri, dcm ^req>ien,A>ivo von iruiii. Bey den Griechen heißen sie x^o,".^«- 1° 4 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters, Gewiß cinc niedrige Beschädigung für einen Dichter«). Allci» die Schande fällt nicht ans ihn, sondern auf die undankbaren und unempfindlichen Römer. Ungcacht dieser knechtischen und fast viehischen Arbeit, behielt Plautus noch immer einen genugsam aufgeräumten und muntern Geist, seine komischen Werke fortzusetzen. Er machte die Zeit über, da er sich in der Mühle aufhielt, drey Lustspiele) zwey davon nennt uns Gcllius, ,>i'o und ^M/cötts. Er beruft sich auf das Zeugniß des Varro, lViliFontiMmi invowFatoils -mt'xiuiwtis, wie ihn Eiccro nennt. Die Stücke selbst sind vcrlohrcn gegangen, auch von ihrem Inhalte weis man nichts zu sagen, und aus den Benennungen läßt sich wenig oder gar nichts schließen''). Aus dem ^Miews führt der ungenannte Ausleger des Virgils über das 4 Buch Georg, cinc Zeile an: t>^)UK lacero ii'imio «iriirm «lormlrv Minola: vctornum motuo. Ohne Zweifel hat der gute Plautus damals auch, wann er vom Drehen ermüdet war, zur Erquickung lieber an seinen Lustspielen arbeiten, als schlafen wollen. Aus dem 8-rwrio aber hat uns Fcstus unterschiedene Stellen aufbehalten. Man findet in der Nachricht des Gcllius und des Hicronymus'), die sie Alhcnäns crzäl'lt cin gleiches von den Wcllwciscn Asklcpiadcs und Mcnedcmus. Sonst ist auch ans dem Lacrlius bekannt, daß der stoische Welt- weise Clcantbcs des Naclits Wasser, zur Bcgicßnng der Pflanzen, gepumpt, und damit seinen Unterhalt gesucht hat. i>) Herr Limicrs übersetzt .-vaaiclus durch iv V-llkl oiieikkÄiil. Ich kann nicht begrciffen, wie die wabrc Bedeutung des Worts ^aai^i»« einem Ucbcr- sctzcr des Plautus hat unbekannt seyn können, Ich will nicht leugnen, daß es nicht dann und wann ergeben, gehorsam heiße, Plautus aber braucht es in cincm ganz andern Verstände, .-vadic«, wurden nämlich diejenigen ge- nemtt, die ibre Schuldner nicht befriedigen konnten, und ihnen deswegen von dem Richtcr als Kncchlc zugesprochen wurden. Sie wurden auch nicht eher wieder srcv, als bis sie ihre Schulden bezahlt halten. Man sehe die Bac- chid. im 5> Auszüge im 2 Austritt v. 87, desgleichen im Rubens, Anfz, 3, Aufl. V. v. ZZ. Ohne Zweifel hat also Plaulus in diesem Stucke etwa» einen Hurcnwirlli, der seinen Klägern von dem Prätor zum Sklaven übergeben wird, aufgeführt, s-uuriv ist der Name eines Schmarotzers, dergleichen Paulus auch in der persa vorgestellet hat. i) Hicronvmns in der Chronike des Enscbins: vl^inp. 14Z. ?I-um,5 ex Vinlin» Snill»!,-! Nnm-ii- morilur, qui iirnplor »»»onse «lissicull-rlom lul SMVM^VA _ Leu dem Lcbcn und den Werken des Plcuitus. .1 »ils beyde von der Mühlarbcit des Plautus gebe», ciiicn kleinen anscheinenden Widerspruch. Gcllius nämlich spricht, wie wir schon angeführet, daß ihn seine eigne Noth so weit gebracht habe; Hicrouynms aber sagt, daß er wegen damaliger Thcurung hierzu hätte greifen müssen. Allein sie sind leicht zu vergleichen. Es kan beydes wahr seyn. Plautus kam von seinem Handel arm wieder nach Rom, und zu allem Unglück war Thcurung in Rom, so daß ihm seine Freunde, die er ohne Zweifel wird gehabt haben, nicht bcyspringcn tonnten. Es scheint, daß er von diesem Zufalle einen beynahe schimpflichen Zunamen bekommen habe. Zn den drey Handschriften, die E. Langins zusammengehalten hat, hat er ihn allezeit M. A. Plautus AsiniuS benennt gefunden. Zoh. Mcursius glaubt, daß es ei» Versehen der Abschreiber sey, und daß cö heißen müsse ^1'inus. weil alle diejenigen, die in den Mühlen gearbeitet, und mit den Eseln beynahe gleiche Verrichtungen gehabt hätten, zur Verachtung, ^.tiin wären gcncnnct worden. Allein ich glaube vielmehr, daß es überhaupt ein Zusatz unbesonnener Abschreiber sey, oder wenn ja Plantus auch bey seinen Lebzeiten diesen Zunamen sollte gehabt haben, daß ihn gewiß niemand, als der niedrigste Pöbel, oder seine ärgsten Feinde, damit werden belegt haben. Wenn es ein Name gewesen wäre, den man ihm durchgängig gegeben hätte, so würde man ihn gewiß auch bey andern Schriftstellern finden. Durch die angeführten drey Lustspiele mochte sich Plautus nun wohl wieder so viel verdienet haben, daß er die Mühle verlassen, und vor sich lcbcn konnte. Vielleicht hatte auch die Hungcrsnoth aufgehört. Er konnte nunmchro mehr -Zeit auf seine Arbeit wenden, und seinem nachfolgenden Fleiße haben wir ohne Zweifel dasjenige zu danken, was uns von ihm übrig geblieben ist.. Wenn ich nicht dem spanischen Schriftsteller, dessen Taubmann ^) gedenket, gleich werden, und in Ermanglung »wl»» inünuüris» pisturi se locttveinl, Idi i>u>Uie5> !>>> opon? vncilrel, lori- IietL sitliulil» !tl, KZ Zum Schlüsse seiner Ausgabe vom Jahr X-urn lüviui-, lUim exlieiiuiü Iiiist?« pitj;>;Ui>5 I>jwjZlu>>I>i!lIu>>>>>», «ummniwm »illii >? owlioNiee» ^>»I, l'.lloiiii ^l', c'I LIeel, 8!>x> l.'»»sil, I'iol, i»im!»ii, li^ ^M^M^^.'Mi^M' _^MWU K Beytrage zur Historie und Aufnahme des Theaters. gegründeter Nachricbtcn von dem ^lautus, meine Erdichtungen oder Bcrinuthungcn dem Leser aufhängen will, so kann ich weiter nichts zur LcbcnSbcschrcibung unsers Dichters bcysügcn, als seinen Tod. ^lautuS starb in Rom. Die Zeit seines Todes haben uns Cicero und HicronymuS aufbehalten. Hicrony- mus sagt in dem oben angeführten Orte, er sey in der 146tcn Olympiade gestorben. Er läßt uns also die Wahl, ob wir es auf das erste, andere, dritte oder vierte Jahr dieser Olympiade setzen wollen. Cicero bestimmt das Zahr genauer, und zwar, wie wir scheu werden, mit einem ganz beträchtlichen Unterschied >). Der Ort befindet sich in dem 15,tcn Hauptstückc scines Zbrurus, wo cr von dcm CcthcguS, und scincm Zeitgenossen dem NävinS redet. Er sagt uns, daß Nävius unter dcm Bür- gcrmcistcramtc dcs CcthcguS nnd dcS P. TuditanuS, zur Zcit des zwcytcn punischcn Kricgcs, als M. Eato O-uästor war, gcstor- bcn scy. Er bestimmt uns diese Zcit noch gcnaucr, nämlich glcich 140 Zahr vor scincm Consulatc. Und zwanzig Zahr hcrnach, spricht cr, als ^. Claudius und L. Porcius Consuls, und Cato Ccnsor waren, starb Plautus. Wenn wir also das >i<^IUis »I> ,'imic« «sferlur >ol>. cii^jiisdili» IIic>,!l»i, in <>uo ilw, püx. t?. ^o>'m> >U. »t rvi» »!>!rlni» >,»»!>, ?Il>ul>im noNrxiu in ^uvvulul«! v»rii» sulssv innrUiu«! svoliUui» nuIUiili»! >>er ni.iri» ivi!0l»»l üM?- uMoic'M fuissv: mvieiiluium t-l iniiirinii» »wurliim iixi-rciiisse: siivlui» vliiliu voNiii- r!»i» vl s-li^ittülurum: >!lu>wiu>>u>.> in >i««i» NUeii» il^>i»i> »ill >>u>ior »li iiui cr^tlüiu isi» uiuni.T't'!i»Iin>!lniui» ? - - <.'l'>iU!U!> ^>>>!UI i>>su»i »isi um»» », Inme vuluNit», ul -lliu» foN»slL inuUo», olilivioiit! »druissel. Illiu» ilulvm <,»i lvrmo fuvril, ox >il(-vi-t»i» seiiplis iiNellixii nolesl. IN» >» l.'o«su>Uiu», ul in vm,>> coinm^iilaiii» soiiplum es« , Xiieviu» <-st moeluu»: vl , ilili^uIiMinu» inv-lli^lor «illiijuil-Ui», ,»,l!>l in Iwo vn-liui», vil!>mi,u>Z ?,ro>Iucil Ioi>s>us. >il,u ?I»ulu« ?. ei-nulio I.. pvreio, vixiini k»i»u» pos> Mo» Mo« s»le tlixi consul,.», »wr- luu» esl, r-ttone cousure. Von dem Lcbc» mid den Werke» des PlmitnS. 7 Jahr wissen, in welchem Cicero Eonsul war, so ist das Ucbrigc leicht auszurechnen. Dieses Zahr iniii ist das l!90stc »ach Erbauung der Stadt Rom. Zu dem 5>50stcn also starb Navills, nnd 20 Zahr nachhcro im Zahr 579 Plautus. Dieses min ist das zweyte Zahr der 148stcn Olympiade. Hicronymus läßt also dcn Plautus wenigstens zehn Zahr zu früh sterben. Wir wollen nicht lmtcrsuchcn, woher dieser Unterscheid komme: so viel bleibt doch gewiß, daß sich PlautuS zur Zcit des zweyten puui- schcn Krieges, zu Lebzeiten des Eato, durch seinen komischen Geist beliebt gemacht hat. Rom hatte also damals zu einer Zcit zwcy dcr größten Geister, die abcr ihrcr GcmüthSbcschaf- fcnhcit nach, einander sehr ungleich waren. Wer war ernsthafter, als Eato? Wer war scherzhafter, als PlautuS? Wenn wir einigen AuSlcgcrn dcs Plautus glaubcn wollen, so ist sein Körper noch weit drollichtcr gewesen, als scin Gcist, und man könnte sagcn, daß ihn die Natur recht darzu ausgc- künstclt habc, scinc crnsthaftcn Mitbürgcr zum Lachcn zu bringen. Ein schwärzliches Gesicht, rothcS Haar, cin hcrvorhangcn- dcr Bauch, cin großer Kopf, cin Paar schärft ?lugcn, ein rother Mund; diese Stücke stelle man nach ihrcr Lage aus cin Paar übermäßig großc Bcinc mit dickcn Wadcn, so möchte man ungefähr das Bild unsers Eomödicnsckrcibcrs habc». Allein wobcr weis man dcnn, daß cr so ausgesehen hat? Zch muß doch meinen Lesern dcn schönen Grund mittheilen. PlautuS soll sich selbst so unter dcr Gestalt dcs Pscudolus, iu dcm Lustspiclc, das von dicscm schlauen Betrüger den Ramm hat, gcschildcrt haben. Er läßt daselbst den Harpar eine Beschreibung von dein machen, dcm cr das Symbolum gcgcbcn hatte, und zwar iu diesen Worten: (siehe dcs 4 Alifz. VII Auft. -v. 120.) li-ulus Piitlam, vviill'ivol'ns, Lralll?! l'uii?!, luInÜFl?,^ i>IuAnn c-i^iw, acutis ovulis, «ro l ulileiiixl«, iulmmlum Alagliis ^ollil^ut? - - Hier fällt ihm dcr altc Simo ins Wort: poriliiliM, post«julvi» ilixil'ti ^edos. 1^l'onilt»lus luit i^susi. Und dicscs lctztrc, vermuthe ich, hat Gclcgcuhcit gcgcbcn, daß man dicsc Stcllc auf die Gestalt dcs PlautuS sclbst augcwcudcl 8 Beylage zur Historie und Ausnahme des Theaters. hat. Man behauptet nämlich, und dieses zwar nicht ohne Grund, daß sein eigentlicher Name Marcus Accius gewesen sey, daß er aber von seinen platten Füßen den ZunamenPlautus bekommen habe. Weil nun hier das deutlichste Kennzeichen des Pscudolus gleichfalls die Beine sind, so hat man sichs gefallen lassen, so wohl dieses, als das vorhergehende, auf den Acrfas- scr selbst zu deuten. Ob gleich nach der gemeinen Meinung Flaums nicht große, sondern platte Füße soll gehabt haben. Die Herren Kunstlichter sind überhaupt sehr scharfsichtig. Zn einer andern Stelle") wollen einige von ihnen auch das Vaterland des Plmttus gefunden haben. Ich aber und andre ehrliche Leute können nichts als eine frostige Verwechslung des WortS da es bald der Schatten, bald eine Weibsperson aus Umbricn heißen kann, darinnen finden. Wenn man sonst nicht wüßte, daß Plautus aus Sarsina in Umbricn gewesen wäre, wie würde man es ewig daraus schließen können? Gcllius berichtet, daß sich Plautus selbst eine Grabschrift gemacht habe. Sie klingt etwas hoffärtig, allein kann man es einem großen Manne verdenken, wenn auch er von seinen Verdiensten überzeugt ist? Genug er hat die Wahrheit gesagt, und seine Prophczcyung ist allerdings eingetroffen. Die Grabschrift ist diese: in) Fcsius sagt: ?Ivli »iiiieU-ui s»»I Vmlni potlUius iilmü« ci»o>I «t- t'viU, uiulv lolu»» ilimuIiiUü«, », <>»» plu»!»« pe- ilüs poiierent, vociuu koiiiinlvli», et »Ii «illlum c-ttitit AI. ^.cclu« ?ovl!>, Iun» vliinilie inilio ?I«tU!i, >>»k>«it?IitutU!> «ui-piu-j «5t Mci> Scaligrr vcrmcint, das; das Wort?i»iu,>> ein umbrischcs Wort scu, allein wahrschciulichcr Wcise kommt cs wohl von dem griechischen -r^c-i'v? her; und in der That heißt cs auch nichts anders, als breit, platt, welches lctztrc auch dem Tone nach eine große Gleichheit mit ihm hat. Man sagt cs auch von Hunden, und pi-luli e-uwü heißen Hnndc mit breite» herabhangende» Ohren, Wenn man cs von dc» Fußen sagt, so heißen cs Fuße, wo dic Fußsohlen nicht dic gehörige Höhlung haben, und also ganz platt auf der Erde aufliegen. Allein ich bcgrcifc nicht, warum alle Umbricr diesen Fehler sollen gcl'abt babcn. Ich vermuthe also vielmehr, daß sie von ihren Schuhen, dic sie vielleicht ganz platt machten, den Zunamen bckommc» haben. Dic angeführte Stelle des Fcsius scheint diese Meinung zu bestärken, da er glaubt, daß dic svmiMim von ihnen den Namen habe». ») Diese Stelle siehe in der Mostellaria im 3 Slufz. 2 Auft. v. 83. Lon dem Leben und den Werken des Plantnö. 9 ^ul't^uam vtt mortom »ptus plauws, t^omoc-ltla luZot: 8eena vtt dvl'ertu. Ilino lullus iiI'us>ei'wr, (luo^clili» I^ene UUeriUo» IiomiiieL «lieere »uilivi, ciui >>Ie- r!t8i i^'omoediss curiose !U»e Ilnguse e^ju». Ilse e»!»i ^juclicii norm» V»rio- »eni «lilucius esse usum viclemui-. pr-leler iN»d> u»i»i» et vixinli, quse ?^tt?'iü»tt!«tte veemUur, ltuilü ideireo s cüeleri» segi'vgsvil, >l»o»i»ni >>»>iioscli»m Nein »li»s nrolisvit iulilueiu» slvlo iitkUi« sileelis sermeiii« vluitto eo»^rue»Ii«: eiiüiluu ^!>m »ominil!»!i »liurum oeeunillit« ?I»ulv vlinliesvil: sienli isluiu »ili»u«, cui et> »eine» IZeevliit. X»m vun» in Mi» un-d et vigi»li nun lil el esse ^Viiuilii uieiUur, »ilul t»me» V»rr« clnIiUitvit, yul» I^I-ttUi keret, »e<»ie ivliu» uuniiuu su»t, ut >Ie illiu» inore üicilur, ?l!l>Ni»ilNmi, »ruiilvreit et iiiemiüimus ev», et »llserinsinui«. 1'ili.isUus n,i esurie»» lutee «lieil: Hl UIum Ilii perci»»!, priinu» «eril etc. I'itVvrimi» cluociUL iwslsr, cuni Xeivul-irixin vl^uli loxorvm, uil!U>!, i»ure>ri^ttitt viliit »t(lU»W8 sixuIli^iUllium: vel >imi8 Ix-rclu, iuiluil, lüe vors»« vtto Iii>m- füliul^i» litll-j puivlt suloi koeillo. Xos i«! i>>si iiuiiurrime, cuin IvA«!- iemu8 (iioiu,;» oll iä t!«i»oo>Il!^u, l»ill!V>» »on 1>itt!»u>) Iiillll! !luicil»i>m >>>i^il!tvi»iu», «luiu pl.^itti soivl, vt omnium ms- xime xvimin», ex Mit Uiwi! lwü versus exIcriplimuL, ul lulloilüm io, sj neu keceru: ll iÄxo, Viliiulildo. Alilrcus sulem Vüi'l'o in libro >>v Lomoeiliis I>l!«Ui»i« ulimu veil)s Usec noiiil: neo L^e?n-»i, neo/^ctto»es, nee t,'»«^«//«»!^ »ee ^»«« ?I»uIi, nee Li» co»!/»e/?a^ nee Loeott« uncsliiliu suit, nvoö>.o?, ^' v^.^ ' »MM 10 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. Allein es war auch damals schon ausgemacht, daß die meisten nicht von ihm waren. Narr» meinet, daß ein andrer römischer Komicus gewesen sey, mit Namen Plautius, dessen Stücke man mit den scinigcn vermengt habe. Es kann seyn. Doch ist auch die Vermuthung des Gcllius nicht ohne Wahrscheinlichkeit, daß viele von diesen Stücken die Arbeit ältrcr Poeten wären; Plau- tus aber habe sie vielleicht durchgearbeitet und verbessert, daher man darinnen hin und wieder den plautinischcn Ausdruck fände. Er erzählt uns übrigens nicht wenige, die sich bemüht hätten, die wahren Stücke des Plautus auszusuchen, und sie in richtige Verzeichnisse zu bringen. Aclius, Scdigitus, Claudius, Aure- lius, Accius, Mauilius, und vornehmlich Narro, dessen Buch von den plautinischcn Eomö'dicn cr anführet, welches sich aber, leider, unter den vcrlohrncn Büchern des Varro befindet. Narro hatte nur 21 für ächte plautinischc Stücke erkannt, weswegen sie die Varronianischcn hicßcn, und die auch in der That von allen cinmüthig für die Arbeit des Plautus erkannt wurden. Er war aber nicht so sircngc, daß cr nicht auch andrc, in wcl- chcn cr dcn Witz und dic Schreibart des Plantus fand, ihm hätte zueignen sollen. L. Aclius, ein gelehrter Grammaticus, gab dcm Plautus 25 Stückc. Man lese dic angeführte Stelle »ültiiv ('ttuiiiioi»>I ^VciNici. In eo>I>!M IU>r» Vürroins ia i»iil suisse iiilm I'ovtKin l!»i»aec>i!»um, cn^juii I-t»li inserinl»« f»i'v»>, !iceent»s vfsv l^u»ci 1'l!l»>i«!i»>, oiiin ^ttvi» »on » ?l!tulo ?I»uli»ltü, svil Ä ?I»u>i(i I>I»ulii^»itu. I'<;ruiUiir »ulein 5u>> ?l!ni>i n»mi»iuii»lus e! vijiiiUi vssv vjttü 5»>!>8 exisliinsvil. >'»» liiiiien «lulnum esl, «jul» iNAv, c> >>u!iu sürittlkv I'Iitulu iniii vi>> »Iit»>! !»: n>»i»t!r- e-t rl-Ni'i-tiu >lw!um i'iiiuiinum. Dieser Lucius Aclius, welcher hier zu zwcvcu- malc» gcncnnet wird, ist ohne Zweifel wohl der, dcsfcu Suclonius in sciucm Buche von berühmten hirammalircru gedenket. Er sagt unter andern dascll'st von ilnu: I>nciu!< .Veliu» caxiwmiilv >>»>>Iiei f»it: nilin vt Vr!»«.c«niu», <>>»»> >>:U>.'r eju« >>r!t>!(!Ui>i»m fecerill, vottl>>»>»r: ei 8>ilo, a «riUiuue» »<>I)Uis- tun» e»i>!,I: tünlu« «iNimkttim l»u>»r, nt :lelt»iu >ui»i<>w»m I» exUUn» !Uu^ sn. Eben dieser Lucius Aclius Slilo, wie uns Quintilian in, II) B. im 1 Hauplst. meldet, hat zuerst das Urtheil vom Plauto gesellt: AluüiL I'lilulin» surmone luoulur.'l» suilt«-, si litliiit! volle»!, Noi! dem Leben und den Werken des Plautus, il des Gcllius. Scrvius berichtet lins in seinen Anmerkungen über das erste Buch der Acncis, daß einige dein Plautus zwanzig, andre vierzig und andre hundert Lustspiele zuschrieben. Da also schon die Alten so gar sehr uneinig hierüber gewesen sind, so muß es uns genug seyn, wenn wir wissen, er habe sehr viele gemacht, und daß die, die uns unter seinem Namen übrig geblieben sind, die Narronianischcn, das ist, diejenigen sind, die er ohnstrcitig verfertiget hat. Bon vielen der zweifelhaften Stücke haben uns die alten lateinischen Sprachkundigen theils die Namen, theils einige Stellen, oder nur einzelne Worte aufbehalten. Es ist aber in den meisten dieser Fragmente so wenig Saft und Kraft, daß es sehr unnöthig seyn würde, sie hier anzusührcn. Bey den Alten machte die Erklärung der Lustspiele einen großen Theil ihrer schönen Wissenschaften aus. Daher kam es, daß sich viele von den Römern, deren Hauptwerk die Studia doch nicht waren, so sehr darauf legten, daß sie die Schreibart des Plautus, seine Art zu denken und zu scherzen so genau innc hatten, daß sie gleich sagen konnten, dieses oder jenes ist von ihm, oder ist nicht von ihm. Außer dem was Gcllius von dem Fa- vorinus anführet, so versichert schon Eiccro>'), daß Scrvius Elaudius, der Bruder des Papirius Pätus, an den wir unterschiedene Briefe von ihm lesen, besonders diese Starke im Urtheilen besessen habe. Die alten Römer schätzten den Plautus besonders zweier Stücke wegen sehr hoch; theils wegen seiner Schreibart, theils wcgcn scincr anmuthigcn Schcrzc. Und gewiß beydes ist unverbesserlich, wenn man von dem ersten das allzu alte und den possenhaften Ausdruck, von diesem aber das Allzufrcyc wegnimmt. Sie glaubten, die Musen würden plau- tinischcs Latein sprechen, wenn sie römisch reden wollten. Hiermit stimmen die neuern Critici durchgängig übcrcin. Es würde l>) Zm 9 Buche s. Briefe an Untcrsch. im 16 Briefe. Seil wmvn i>>Iu OvlÄr liiiiiel pemeru ^Ulliewm: et m Svrviu« si-uer W115, «llivm lil- «vr-uiMmum sllissu ^julUl-g, (cr war damals schon todt, den» er ist ttttler dem Consulate des Mctcllus und Afranins gestorben) s-,ciio .licvi^l, i.ie veilnn ?ls>Ui iwn eli, die ett, <>»oä IrUii!, -turvij Ii-llieivt »oliMlIi« gvnv- riliu» iwolitrum, et eo»luettuli»e lug^M eic. 12 Beyträge zur .Historie „,,d Aufnahme des Theaters. cinc »iicndlichc Arbeit seyn, wenn ich alle die Lobeserhebungen sammeln wollte, die man ihm deswegen gegeben hat. Seine Scherze haben ihm nicht mindern Beyfall erworben. Cicero") stellet sie den Scherzen der alten Attischen Eomödic, und der So- cratischcn Wcltwcisen gleich. Der h. Hicronymus ergötzte sich daran, wenn er in vielen Nachtwachen aus Rcuc über seine begangnen Sünden herzliche und bußfertige Thränen vergossen hatte'). Man mag hierüber schelten oder spotte», wie man will, ich sehe weder was unbegreifliches, noch viclwcnigcr was vcrdammlichcs darinnen. Darf denn ein Christ keine Erholung genießen? Ist es denn ein so großer Widerspruch das Laster verlachen, und das Laster beweinen? Ich sollte vielmehr glauben, daß man beydes zugleich sehr wohl thun könne. Entweder man betrachtet das Laster als etwas das unsrer unanständig ist, das uns geringer macht, das uns in unzählige widcr- sinnische Ncrgchungcn fallen läßt: oder man betrachtet cS, als etwas, das wider unsre Pflicht ist, das den Zorn Gottes erregt, und uns also nothwendig unglücklich machen muß. Zm ersten Falle muß man darüber lachen, in dem andern wird man sich darüber betrüben. Iu jenem giebt ein Lustspiel, zu diesem die heilige Schrift die beste Gelegenheit. Wer seine Laster nur beständig beweint und sie niemals verlacht, von dessen Abscheu dargcgcn kann ich mir in der That keinen allzugutcn Begriff machen. Er beweint sie nur vielleicht aus Furcht, es möchte q) Cicero im 29 Hauvtstiicke des ersten Buchs von den Pflichten- i)n>>ic.>x ui»»i»o t!5l ^ooiiiuU x!, IIMM» iuilivniw, IIVUN»»», twxUios»,», »!>s<-v>Uttmi w l'liiuliiij »of>»>' >n>iui», s>!Ü cüiilm 1'lulvsu- Muium Koci'Alivuittm liliri suul i^koili. r) Hicronvmus in seinem Buche von der Bewahrung der Keuschheit- Pn5l »ociium >:rul)riidi vigilii»«, j>utt IttcUr^i»»», «!s> >^iij>u» eruvk!», I'Uiutti» sumeli.'iU»' i» M!>n»!j. Es sind zwar einige, welche hier vor Plaulus lieber Plato lesen wollen, wie mein denn auch dieses in der Baseler Ausgabe von 1490 findet. Zlllciu die Handschriften haben sonst alle Vi-uilux; i'ibrigcus leidet auch der Jusammcnhaug diese Acndrung nicht. Und da wir aus andern Stelle» versichert scvn können, daß Hicronvmus den Plaulus sehr fleißig gelesen habe, so können wir wegen der gemeinen Lcscart nm so viel gewisser sey». Aon dein Leben und den Werken des Plantus. ^3 ihm übel darbcy gehen, er möchte die Strafe nicht vermeiden können. Wer aber das Laster verlacht, der verachtet es zugleich, lind beweiset, daß er lebendig überzeugt ist, Gott habe es nicht etwa» ans einem despotischen Willen zu vermeiden befohlen, sondern daß uns unser eignes Wohl, unsre eigne Ehre es zu fliehen gebiethe. Allein, kann man mir einwerfen, wie hat Hic- ronymus so viele nicht allzu gesittete und reine Stellen, die in dcm Plautus vorkommen, mit gutem Gewissen lesen können? Die zulänglichste Antwort darauf ist, daß dcn Reinen alles rein ist. Ich könnte zwar diesen scheinheiligen Richtern sagen, daß der Charakter derjenigen Personen, die PlautnS aufgcführct hat, lind die Umstände manchmal etwas Freyes crfodcrt hätten, ich könnte ihnen sagen, daß vieles von dcm, was sie verdammen, nicht in dcr Absicht geschrieben sey zu ärgern, sondern viclmchr zu bessern, allein hierzu möchten sie mehr Ilcbcrlcgung nöthig haben, als sie darauf wenden wollen. Sie müssen sich also mit dcr Versicherung begnügen lassen, daß es Leute, außer ihnen, giebt, welche die so genannten anstößigen Stellen in dcn plautinischcn Lustspielen, mit gleich unsträflichcn Gcdankcn lesen können, als sie etwa die Geschichte dcr Vathscba. Und aus dieser Zahl war auch Hicronymus. Man wird mir dicsc kleine Ausschweifung nicht verübeln. Ich will wieder einlenken. So viel auch Plautus Verehrer in alten und neuen Zeiten fand, so hat er doch auch seinen Verächter gefunden. DaS übclstc darbcy ist, daß es ein Mann ist, dcn die Welt nicht nur als cincn großen Dichter, sondern auch als cincn gründlichen Kunstrichtcr bewundert, dcr also viele durch seinen AnSspruch, ehe sie ihn untersuchen konnten, auf scinc Scitc gezogen hat. Es ist Hora;, und sein Urtheil ist dieses: (siehe von dcr Dichtk. v. 270. f.f.) »ottii ^ronvi pliintinos et »nincrns et s^uucliivcio s-llos: ninuum jiationtei' uliimxjiiv, I>«cz tlie.im stullo, mn'.iti: l"i ninclc, vA<> ot vos 8e!mus inul'Iiiumm lo^Ill» so^nnvro «u'et«», I^oAilil»»mil)oitino ^iitro nati. Camcrarius gar, wird durch die angeführte Stelle so erhitzt, daß er den Horaz in vollem Affccte anredet: (s. seine Disscrt. von den Lustspielen des Plautus) Imo illi (^roavi) n>or!to et roctc- ae la^Iouter plautum I-lu^arnnt vt ittlinirclti luorunt: tiicjuc; acl (Zraecltutom omniir, e^uati logu- lam, pnomata Avntis tu-ro oxi^ons, immvr'ito et i,er^er!tm »ttjus ineoA'iwntor cvli.as. Doch hat es dem Horaz auch nicht an Vertheidigern gefehlt. Unter den Neuern hat besonders Daniel Hcinslus 5) seine Sache auf sich geuoimnen. Und er geht so gar noch weiter, als selbst Horaz gegangen ist. Wenn wir genau überlegen, was dieser sagt, so finden wir, daß er eigentlich nichts an ihm aussetze, als seine unharmonischen Verse, und v»»ieiis lleinsii !t,l IluüUii Ue ?l!ttito et 1'eroiUio ^tnlicimn Uisser- I-Uio. Man hat sie ttiitcr andern auch der Ausgabe des Tcrcntitts zum Gebrauch des Dauphins, Vordrucken lassen. Er fängt mit den Worten des Ho- ralitts an, und spricht: Iluriim eliuMei» ^«iicium, et ! nun Iiemn I>»c itetüle >I» lepoium »iniiinin iiilreiile, Qnnmo t^ritic», ile m»xim« 1'oet!» exeniisse nvliel: cu^i» titme» vernüe meiius !«it, clu-im qni f-imilism in lileris inic aet-Us tueri ereiliintur. vle. Man kann leicht sehen auf wen er zielt. Ich finde, daß er nachher von dem Bcncd. Florett! ist wicdcrlcgt worden, dieser gab im Jahr 1618. in 8 heraus ^i>»n>Zi-,i» pro viiuN» epnoMilin se-tevo Miiei» Ilorktlisno et Neinsiüiw. Wir wollen so wohl die Abhandlung des Heinsius als diese Apologie dem Leser ein andermal bekannter machen. Non dem Leben und den Werken des Plmitus. 16 seine hin und wieder angebrachten frostigen und unhöflichen Scherze. Vielleicht könnte man ihm auch manchmal Recht geben, wenn er sich nur nicht so gar unbestimmt erklärt hätte; wenn es nur nicht schiene, er habe alle Ncrsc des Plautus vor schlechte Verse nnd alle Scherze vor ungesittete Scherze gehalten. Gleichwohl kann ich mir nimmermehr einbilden, daß Horaz mit der Vertheidigung des Hcinsius zufrieden seyn sollte, wenn er sie lesen könnte. Er verwirft darinnc überhaupt die ganze Schreibart des Plautus, er behauptet, sie sey, außer dem Schauplätze, unbrauchbar, indem er nur das Lächerliche auszudrucken gesucht hätte. Er giebt ihm übrigens unzählichc Fehler so wohl wider die Wahrscheinlichkeit, wider die Einheit des Orts und der Zeit, als auch wider das Sittliche der Lustspiele, Schuld. Wenn man aber seine Vorwürfe prüfet, so hat er oft den Plautus nicht verstanden, oft auch ganz falsche Begriffe von der Eomödic gehabt. Das Billigste bey dieser Streitigkeit ist, daß man den Plautus nicht allzu unbchutsam, auf Unkosten des Horazcs, erhebt, noch auch dem Horaz, auf Unkosten des Plau- tus, völlig bcyfällt. Niemand ist gründlicher dabey verfahren, als die Frau Dacicr, diese macht in der Vorrede zu ihrer Uebcr- sctzung einiger plautinischcn Lustspiele, drey Anmerkungen, welche das Urtheil des Flaccus theils erklären, theils lindern. Erstlich, sagt sie, muß man crwcgcn, daß, als Plautus anfing seine Stücke zu verfertigen, das römische Volk noch an die Satyrcn, welche vorher den Schauplatz besessen hatten, gewöhnt war. Diese Satyrcn waren zwar ein regelmäßiges Gedichte, aber es hatte noch so viel rauhes von seinem Ursprünge behalten, so wohl was die Scherze als die Einrichtung selbst anbelangte, daß es freylich, in einem so wenig artigen Jahrhunderte, noch sehr hart seyn mußte. Plautus war also gcnöthigct, seinen Stücken Beyfall zu verschaffen, einen Theil von diesen Scherzen beyzubehalten. Dieses war an ihm um so viel erträglicher, je weniger er sich dadurch von der alten gricchischcn Comödie, die er nachzuahmen sich vorgesetzt hatte, entfernte, oum andern machen die Verse und die Scherze so wenig das Wesen der Lustspiele aus, daß ein Dichter ein vortrefflicher Comicus seyn kann, ob er gleich harte Ncrsc und einige schlimme Späße hat. 1l> Beyträge zur Hisicric i»id Aufnahme des Theaters. Envlicl? muß man die Stelle des Horazcs nicht allzu sehr nach dem Buchstaben nehmen, als wenn dieser Poctc alle Scherze und alle lustigen Einfälle des Plautus verdammte. Er konnte unmöglich dieser Meinung seyn, ohne Ncrnunft und Wahrheit zu beleidigen. Plautus hat ohne Zweifel grobe und seichte Schcrzrcdcn, allein er hat auch sehr viele, die sehr fein, zärtlich und wohl angebracht sind. Dicscrwcgcn stellt ibn auch Eiccro, welcher gewiß kein übler Richter von dem war, was die alten Römer urli-initatom nennten, zum Muster im Scherzen vor. Und wie man dem Eiccro sehr Unrecht thun würde, wenn man glaubte, er habe diejenigen Stellen gelobt, die Ho- raz tadelt, so wird man auch sehr übel von dem Horaz urtheilen, wenn man meinet, er tadlc das, was Eiccro so sehr erhoben hat. Sie haben alle beyde Recht. Der erste redet nur von den Schönhcitcn, die man nicht lesen kann, ohne von ihnen bczaubcrt zu werden; der andre aber nimmt nur die üble Seite, und berühret nichts als gewisse frostige, und unehrbarc Posscn- rcden; die er auch nicht einmal an und vor sich selbst verdammet, und die man zwar entschuldigen könnte, allein weder loben noch nachahmen muß. Wir unterschreiben dieses Urtheil um so viel lieber, je gcrncr wir so wohl des einen als des andern Ehre mögen gerettet sehen. Wir werden ein andermal Gelegenheit haben unsre Gedanken weitläufiger von dem Vortrefflichen und von dem Tadclhaftcn in den Lustspielen des Plau- tus zu entdecken, wenn wir vorher einige Stücke von ihm, wie wir schon versprochen, werden übersetzt haben, damit der Leser zugleich mit uns urtheilen könne. Zctzo wollen wir uns etwas näher zu seinen uns hintcrlaßncn Stücken machen, doch auf dicscsmal nicbtS mchr, als cinc historische Nachricht davon ertheilen. Es sind auf uns nicht mchr als zwanzig Lustspiele dcs Plautus gekommen. Wenn es also diejenigen sind, die man die Varronianischcn gcncnnt hat, so schlt uns noch cinc daran. Ich hoffe, daß es vielen nicht unangcnchm fern wird, wenn wir vorher die vornehmsten Ausgaben davon bekannt machen. Alsdann wollen wir das Nöthigste von ihren Ucbcrsctzungcn, von ihren Nachahmungen und von ihrem allgemeinen Inhalte anführen. «W^M^.-ZS^^?'^-.-.-PN^ 'HK. >>. ' ' '..-^ ">>^ _ Bon dem Leben i»id den Werken dcS PlaiiluS. 17 Dic erste gedruckte Ausgabe von dem Plautus habe» wir dein Gcorgius Mcnila zu danken. Dieser Mann hat lange Zeit zu Venedig und Mcyland gelehrt, und dic plautinischen Komödien an dem erster» Orte in Folio 1472 drucken lassen. Von dicscr Zcit an, bis zum Anfange dieses jetzigen Jahrhunderts, wurde es uns was leichtes seyn, beynahe alle Zahrc eine ncuc Ausgabe, wenigstens Auslagc, und oftmals in einem Zahrc mchr als cinc, anzumcrkcn. Allein so cin Verzeichnis; möchte den meisten Lesern allzutrockcu vorkommen, wir berühren also nur dic vorzüglichsten; und dieses sind nach der Ordnung der Jahre folgende: 1499 zu Venedig, in Fol. mit den Anmcrkungcn dcs Valla und Saraccnus. 1599 zu Mcyland, i» Fol. mit dem Eommcnlar dcs Job. Baptista Pius. 1512 hat in Leipzig Veit Wcrlcr cinigc Eomödicn dcs Plau- tus cinzcln druckcn lasscn, als dic Cistcllaria, dcn Trucu- lcntus, dcn Stichus. Er war Professor daselbst, und Joachim Camcrarius hat bcy ihm übcr den Plautus gehört, wie cr uns in dcr obcn angeführten Abhandlung von den Plautinischen Fabeln berichtet. 1513 zu Paris von Simon Earpcntarius, in 8. 1514 zu Straßburg in 4 sind 5 Comödicn dcs Plautus mit dem Commcntar dcs Piladcs, aus Brcscia, gedruckt worden. 1522 in Venedig cinc Aldinischc Ausgabe in 8. In eben dicscm Jahrc kamcn auch dic 29 Lustspiclc des Plautus eum »er! ^ucüeio (wie es auf dem Tittcl heißt) ZXicowi ^nFvIü zu Florenz in 8 heraus. 1539 in Paris von Robert Stcphanus gedruckt in Fol. In eben diesem Jahre dcs Gisb. Longolius Ausgabe in 8. 1538 gab Joachim Eamcrarius scinc in Bascl berans. Er ist derjenige, dem wir das Mcistc in Verbesserung des Plautus zu danken haben. Er hat unzählige Stellen wiederhergestellt, und dic Mcngc derjenigen Kunstrichtcr, welche vor ihm daran gearbeitet, hatten ihn mchr verdorben als verbessert. Er klagt selbst hierüber in seiner angeführten Dissertation, wo cr uns auch von einer Handschrift des L-slmgS Werk-III, 2 . " ^ ^^'^M^^^'M!^'^.> ..' '.^^'^ 18 Beyträge zur Historie und Aufnahme des The.iterS. Plautus Nachricht giebt, die er aus der Bibliothek des vorhin erwähnten Bcit Wcrlcrs bekommen hatte, welche zwar alt genug war, allein von einer sehr ungclchrtcn Hand mochte seyn verfertiget worden. 1600 kam Carl Langcns Ausgabe mit den untcrschicdncn Lcsc- artcn des Turncbus, Zunius und anderer heraus. Zu Antw. 1677 in Paris des Lambinus Ausgabe in Fol. Seine Verbesserungen sind oft allzu verwegen und eigenmächtig. Man findet bey ihm viel Gelehrsamkeit, aber wenig Kenntniß des Comischcn. 1690 des Zanus Dousa, in Lübeck in 8. Die erste Ausgabe zwar von ihm ist von 1689. 1693 in Franks, mit Anmcrk. untcrschicdncr Gelehrten. 1006 in Wittcnbcrg in 4 von Fried. Taubmann. Der Fleiß, den dieser Gelehrte daran gewendet hat, ist ungcmcin zu rühmen. Er hat aus den Anmerkungen der vornehmsten Gelehrten einen nützliche» Auszug gemacht, und auch das, was er von dem seinen darzu gesetzt hat, ist allezeit gelehrt und sinnreich. Es ist kein Wunder, daß ein Mann, der selbst so anmuthig gescherzt, die Scherze des Plautus am besten verstanden hat. 1010 gab PH. Parcus in Franks, in 8 den Plautus heraus. Er hat sich ungcmcin verdient um ihn gemacht. Außer dieser Ausgabe haben wir auch von ihm ^nalecw plautma, ein I^oxleon plkmtmum, eine Abhandlung clo Notris plsuti und eine andre Imitatinne l'erontiimg, udi plautum imita- tus ett. Daß Tcrcntius den Plautus in der That nachgeahmet habe, gesteht er selbst in der Aorrcdc zu seiner Andria Quorum (plant! ko., ZX-evii, IZnnii) üemul-lri oxoptat neAli- Feiitisin ?ot!us, czuam lktorum obl'eui.im cliliZontism. Parcus hat auch mir Grutern viele Streitigkeit des Plautus wegen gehabt, weswegen er 1029 provacationom -rd sonstum i'iiticum ^>rc> plauto et IZIootis plautims herausgab. 1621 in 4 gab Janus Grutcrus den Plautus mit dem Eom- mentar des Taubmanns heraus. Diese Ausgabe ist in der That die allcrbrauchbarste. Non dem Leben und den Werken des Pl.niruS. 1040 hat ihn zu Witteubcrg in 12 Buchncrus hcrausgcgcbcn. Dicsc Ausgabe ist daselbst zu untcrschicdncmnalcn wieder aufgelegt worden. 1046 trat Borhorns Ausgabe in Leiden in 8 ans Licht. Sie ist mit Anmerkungen untcrschicdncr Gelehrten; dergleichen auch 1664 Z. Fr. Gronovius zu Leiden in 8 herausgab. 1079 sah die Welt die Ausgabe des Zacob Opcrarius zum Gebrauch des Dauphins. Zu Paris in 4. Man weis schon ohne mein Erinnern, wie diese Ausgaben beschaffen sind. Nach dieser Ausgabe, mit der Erklärung und den Anmerkungen des Opcrarius, hat in diesem Scculo 1724 Samuel Patrick in London vier Como'dicn ^.mpliitruo, l^Äptivi, üpiäicus, l^udons in 8 herausgegeben. Und außer dieser ist auch keine in diesem Jahrhunderte merkwürdige, als etwa die noch, die 172Z in Padua, in des Josephs Cominns Buchdrucker«), nach der Taubmannischcn Ausgabe, in 8 ans Licht gekommen ist. An statt ihn zu cdircn, und sich über seine dunkeln Stellen zu zanken, habe» unsrc neuern Gelehrten cs vor dienlicher gehalten ihn theils zu übersetzen, theils nachzuahmen. Unter den Franzosen haben sich besonders in diesem und zum Ausgange des lctztcrn Scculi vier Federn bemüht diesen Vater aller Comödicnschrcibcr ihren Landslcutcn in ihrer Muttersprache vorzulegen. Man kennet die Frau Dacicr, und weis was sie vor einen Fleiß auf die Ucbcrsctzung des Tcrcntius gewandt hat. Eben diesen Fleiß fing sie auch 1683 an dem Plautus genießen zu lassen. Sie gab nämlich drey vorzügliche Stücke, den ^mpkitiuc», Kuclons und IZpiclleus in einer treuen und zierlichen Ucbcrsctzung, mit Anmcrkungcn und Beurtheilungen nach den Regeln des Thcatcrs, in drey kleinen Band- chcn zu Paris heraus. Aus dcr Vorrede haben wir oben schon etwas angeführt, sie giebt außerdem noch darinnen eine kurze Nachricht von dem Ursprünge dcr Lustspiele und besonders bey den Römern; und stellet alsdann eine kleine doch sehr gründliche Vcrglcichung dcs Plautus und Tcrcntius an. Sie verspricht 2« Beytrüge zur Historie mit Aufn.ihmc teS Thc.Ucro. darin» sich mm auf gleiche Art über den Aristophaiics zu mache», welches sie auch gethan hat, alsda»» die griechische» Tra- gödienschrciber durchzugehen, und vo» dar wieder auf dc» Plau- tus zlirück zu komme». Ich zweifle nicht, daß sie ihr Verspreche» »icht würde gehalten habe»; allein wie manchcii schönen Vorsatz hat der Tod »icht scho» zu »iehtc gemacht? Vo» ihre» Beurtheilungen, werde» wir ci» andermal Gelegenheit nehmen ausführlicher zu reden. Der andre französische Ilcbcrsetzcr des Plautus ist Herr Cost, welcher uns die Gefangnen des Plau- tus französisch geliefert hat. Die Arbeit ist glücklich gerathen. Herr Cost also und die Frau Dacicr haben sich nur, wie wir sehen, über einzelne Stücke gemacht; die Franzosen sind dcro- wcgcn dem Herr» vo» Limicrs, und dem Herr» Gucudcville besondern Dank schuldig, welche ihnen in zwey vcrschicdiic» Uc- bcrsctzuiigcn alle sämmtliche» Stücke des Plautus zu lesen verschafft haben. Beyde Ucbcrsctzuiigc» sind in einem Zahrc nämlicb 1749 herausgekommen. Des Herr» Limicrs ist i» Amsterdam in 10 Octavbciiidc» gedruckt wordc». Er hat diejenige» Stücke sich zugeeignet, welche schon, wie wir crwchnt, von dem Herrn Cost und der Fr. Dacicr waren übersetzt wordc». Z» der Vorrede erzählt er kürzlich dcs Plautus Lebe», und ertheilt von seiner Arbeit Nachricht. Dcr lateinische Tcrt ist mit bcygcdruckt. Er sagt, daß er sich besonders einer Aldinischen Ausgabe bedienet habe. Jedem Stücke hat er »ach Art der Fr. Dacicr eine woblgcschricbenc Eritik und Icrglicdcrimg vorgesetzt, auch wo es nöthig, kurze Aiimcrkungc» beygefügt. Diese sind zwar größtcnthcils aus dem Taubmannischcu (ü'ommcntar gcnommc», doch hat er auch gewisse gcschricbnc Anmcrkungcn von Gronovcn hin und wieder dabey gebraucht. Die Ucbcrsctzung selbst ist an dc» »leiste» Ortcn treu, besonders muß man seine Gcschicklich- kcit lobe», mit welcher er die anstößigen Stellen eingekleidet hat. Zwey Stücke nämlich Sticlms und 7>!»umnw8 hat er i» Verse übersetzt. Ma» hätte ihm vielleicht außer dieser Probe geglaubt, daß er reimen könne. Ucbrigcns ist es wohl ein fra»- zösischcs Vorurthcil, daß dieses allein die rechte Art wäre, die Eomicos zu übersetzen. In dem zehnte» Bande befinden sich theils die Fragmente, tbcils eine Sammlung auserlesener Lehr- Lon dem Lcbcn und den Werte» des Plautue. 21. sprüchc^) aus dem Plautus, theils zwey ganz nützliche Register. Eine Stelle wollen wir doch ans seiner Vorrede anführen. „Ich habe mich bemüht, sagt er, so viel mir möglich gewesen „ist, die Lebhaftigkeit der Gespräche zu erhalten. Und meiner „Ilcbcrsctzung dcstomchr Anmuth zu geben, habe ich sie dadurch „zu unterstützen geglaubt, wenn ich mir die theatralische Vorstellung lebhaft dabey einbildete. Dicscrwcgcn sahe ich allezeit „auf Molicrcn zurück, und untersuchte, so weit ichs fähig war, „welcher Ausdrücke er sich wohl würde bedient haben, wenn er „diese oder jene Gedanke hätte ausdrücken sollen. Alsdann „brachte ich die Personen des Plautus auf das französische Thca- „tcr, und stellte mir die Bewegungen, mit welchen die besten „Schauspieler in Paris etwa diese oder jene Person vorstelle» „würden, vor. Hatte ich einen bosscnhaftcn Knecht vor mir, „so gedachte ich an la Tcrillicre oder an Poißon"). Sollte ich „einen Liebhaber oder einen Stutzer reden lassen, so ruft ich „mir das Bezeigen des Barons, oder des Bcauburgs") ins „Gedächtniß zurück. Die la Bcauval und die la Des-mar») „gaben mir dc» Begriff von einer geschickten Buhlcrinn. Es „ist unglaublich, wie mich diese Beyhülfe in meiner Arbeit unterstützet hat, »nd wie viele Ausdrücke ich diesem Kunststücke „schuldig bin, auf die ich ausserdem wohl schwerlich würde gefallen seyn." Dieser Vortheil besteht wirklich in keiner leeren Einbildung, er ist gegründet, und man kann sich desselben mit eben so vielem Nutzen auch bey Verfertigung eigner Stücke bedienen. Diejenigen welche einen Koch, einen Hcydrich, eine» Brück, eine Lorcnzin und eine Klcinfeldcrin gekannt haben, werden leicht die Stellen der angeführten französischen Schauspieler mit ihnen besetzen können. Ich komme auf die Ucbcr- i) Die Siitcnsprnchc aus dein Piaulus haben außer ihm schon sehr viele gcsannncll. Dahin gehören des Uladcraccius t'ior<.-5 i'i-nni, die zu Anlw, 4Z97 gedruckt worden, desgleichen des Hcuvolds i-i-nun« rellivivuu, der 1628 hcransgekommcn, wie auch des Georg Cassandcrs so»«'«»-!« loieciior,^ >'.v l»i!ni>ini» . und viel andre inchr. u) Ein Paar vortreffliche Echausviclcr zu Paris vor das Comiscke x) Sie waren besonders in den crnsthaslcrn Rollen stark. v) Zwcv unvergleichliche Schauspielerinnen vor die vcrschnichlcu Frauen? rollen, 22 Beyträge zur Historie uiid Aufnahme des Theaters. setzung des Herrn Gucudcvillc. Diese ist zu Leiden gleichfalls in 10 Octavbandcn herausgekommen, doch ohne den lateinischen Text. Er hat eine Norrcdc vorgesetzt, in der er die Schauspiele auf eine sehr muntre Art vertheidigt. Die Uebcrsctzung selbst ist sehr frey. Die Schreibart ist zwar comisch, nnd der Verstand ist größtcnthcils sehr wohl beybehalten, allein es sind so viel eigne Einfälle mit untermengt, daß man die Plautinischcn mit Mühe darunter erkennen kann. Oft hat er auch den Plau- tus mehr zu einem Poßcnrcißcr, als gescheiten Eomödicnschrci- bcr gemacht. So viel muß ich zwar gcstchn, seine Uebcrsctzung läßt sich angenehmer lcscn, als des Herrn von Limicrs, nur muß man nicht sagcn, daß man dcn Plautus gclcscn habe. Er hat jcdcm Stücke cinc freye Zergliederung vorgesetzt, und jcdcm Stücke hat cr auch cinc wohl geschriebene Untersuchung scincr Charaktere beygefügt. Der letzte Band enthalt die Fragmente, und ein Verzeichnis; aller anstößigen Stellen. Dieses werden die Keuschen so wohl als die Unkcuschcn zu gebrauchen wisscm Außer diesen Übersetzungen haben die Franzosen zwar schon lange Zeit vorher die Ucbcrsctzungcn des Mich, von Ma- rollcs gehabt, die in Paris 1668 in 4 Octavbänden nebst der Uhrschrift ist gedruckt worden, allein sie ist so schlecht, so unangenehm, so unverständlich, daß sie in keine Erwcgung zu ziehen ist. Eine englische Uebcrsctzung des Plautus haben wir nur vor cinigcn Zahrcn, 1742 von dcm Hcrrn Eokcs crhaltcn. Ich habe sie nicht gesehen, und bin also nicht im Stande davon zu urtheilen. Noch weniger kann ich von Ucbcrsctzungcn in andcrc Sprachen sagcn; die deutsche ausgenommen, in der ich aber nicht mehr als zwey Stücke unsers Poetcn anzuführen weis. Das cinc ist die Aulularia, doch hat man cinc doppelte Übersetzung davon. Die eine hat nur ohnlängst ein geschickter Schulmann, mit dcm Texte und Anmerkungen herausgegeben. Ich habe sie nicht bey der Hand und kann mich auch auf seinen Namen nicht besinnen. Die andre aber ist sehr alt und 163Z in Magdeburg gedruckt worden. Der Tittcl heißt: Eine schone lustige Lomocdia dcs Poeten Plauti, Aulularia genannt, durch Joachimum Greff von Arvicran deutsch gemacht und in Reimen verfaßt, fast lustig und kurzweilig zu lesen. Lou dem Leben uud den Werke» des Pl.uuus. 23 (Zuisijuis es, o tavoas nottr!s«zno luborilius slUis, Uis «juo«zsu^, welches ohne Zweifel das Vorbild dcs PlautuS gcwcscn ist. Inost Ioj)os, lulluscniv il> Iiae l^omoellm. üidieulit ros ull lonvuos rlvkllos liliis tiunt patres. Dieses ist der kurze Inhalt davon. M,//t-//tt,-/tt. Wer dcS Iicgnard seine unvevmuthete IVie- Oerb'nnfr gelesen hat, der hat von diesem Stücke eine glückliche Nachahmung gelesen. Es hat seinen Namen von den Abcn- thcncrn (m»nttris, wovon das ,rim!,n>t. Nottellum) die der Knecht seinem zurückkommenden Herrn weis macht. ^/e»as- tioseuncjuv manum l^liuiti (^>tiv!s mieetaro liliot, mo Mi proil'us coiil'imilem, Iioe okt rociclunt, eaclom npinur r-rtionv iju» vlii» ^ivie^/tt ctt^/tt /öi'tt/» o/<^»>'e!«t co^^ , ot sie ut ii« ultro vin- elvixluiii i»o ju'itolieam, sivveumcnio inl'o teivituti mono: iivi^uo acleo ti liceat ausuzere vel'u»: tV» /<,'«t« (ut meo moro plautikl'vui) /^öi'tti /tt. »t'nVarus, nnd TfnSarus spielt heute des Philob'raccs, und Philob'ratcs des T>->,0»rns Rolle. Dieser wird seine List vortrefflich ausführen, und nicht allein seinen Herrn in die Freyheit versetzen, sondern zugleich seinen eignen Bruder erhalten, und ihn als einen Freyen in sein Vaterland zu seinem Vater zurück helfen. Alles das aber wird er von ungefähr thun, wie es denn mcistcntheils geschieht, daß die Menschen mehr Gutes von ungefähr^, als mit Willen, thun. Denn von ungefähr haben sie, ohne jcmands Einrathcn, ihre List also eingerichtet, daß dieser bey seinem eignen Vater in der Knechtschaft bleiben muß. Er dienet nun also seinem eignen Vater, ohne daß er es weis. Was für eine elende Crcatur ist der Mensch, wenn ichs bedenke! Dieses nun, ihr Zuschauer, ist es, was ihr als eine wahre Geschichte, wir aber als eine Fabel *° anzusehen haben. Eines " — — iliilem ut silexo i.im i» mnltiü locis inlvio»« ii« f< i:i>, quain soiens, Iioni, Dicscs sind des Plautus Worte. Wir wollen hicrbcv die Stelle aus dem Tc- rmtius anmerken, wo er eben dicscs dcn parmcno zum Schlüsse der He- cyra sagen läßt: eu!>m sciens nute Inine llivm »lUlliüm. Aus dieser Stelle darf es nicht allein bewiesen wcrdcn, daß Tcrcntius dcn Plautus nachgcahnlct habe. " llseo r«-s iiAelur iwlii«, voliis f-lkiiln: so heißt eigentlich die Stelle. Wenn ich sie aber nach der Einsicht bcurthcilc, welche Plaulus nothwendig von dcr Einrichtung der Schauspiele muß gehabt haben; so komme ich auf die Vermuthung, daß die beyden Pronomina versetzt worden sind, nnd daß es hcißcn solle: Usoe re« üxelur volii«, ilvlii« sslnil!». Dcn» dicscs eben macht die Vollkommenheit dcr Schauspiele ans, wenn die Zuschauer eine wahrhafte Geschichte, und keine Vorstellung einer erdichteten Brgcbcnbcit, zu jchcn glaubcn. Die Schauspiclcr aber müssen es niemals aus dcn Gedanken lassen, daß sie nur vorstellende Personen sind, und ihre Vorstellungen so wahrschcin- 32 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theatcrö. habe ich »och mit wenigem zu erinnern. Es verlohnt sich, in der That, der Mühe, daß ihr diesem Spiele zuhört. Denn cs ist nicht so oben hin nach der gemeinen Wcisc gemacht; cs sind kcinc unzüchtigen Werfe darinnc, mit welchen man das Gedächtniß zu beladen sich schämen muß. Es kömmt kein mcynci- diger Hurcnwirth, keine treulose Buhlcrinn, kein großsprecherischer Soldat vor. Ucbrigcns dürft ihr euch des Kriegs wegen nicht bange seyn lassen, den, wie ich gesagt habe, die Actolicr und Elicnscr mit einander führen. Es kömmt nichts auf dem Schauplätze davon vor. Denn cs wäre sehr unbillig, wenn wir, da die Zuschauer ein Lustspiel erwarten, plötzlich in ein Trauerspiel fallen wollten." Will aber jemand von euch Krieg haben, der fange nur Händel an. Wenn cs ihm glückt, daß cr an cincn kömmt, der stärker ist als cr, so wird cs gewiß ein so artiges Treffen setzen, daß cr sich gcrnc in Zukunft für alle Treffen bedanken wird. Lebet wohl, ihr gerechtesten Richter im Frieden, und tapfersten Helden im Kriege! Zeh gehe ab. lich machen »insscn, daß sie den Zuschauer zu hintergehen im Stande seyn können. Doch kann cs auch scyn, daß dic erste Lcseart dir rechte ist, und daß Plantus ganz was anders dabcv gedacht hat. Vielleicht will er den Vorredner dadurch sagen lassen: ihr könnt zwar das, was wir vorstellen werden, für eine Fabel ansehen, für uns aber ist cs schon eine etwas wichtigere Sache, weil unscrc Belohnungen, wenn wir cs gut machen, darauf beruhen. IIofl r?l>mii'i (w tutnlo »os üxere '^i iixuottiilin. Dic ncucrn Comici würden sehr wohl thun, wenn sie diese kleine Erinnerung merken wollten. Es ist, als wenn sich unscrc Zcilcn verschworen hättcn, das Wcscn dcr Schanspiclc nmznkchrcn. Man macht Trauerspiele zum Lachen, nnd Lustspiele zum Weinen. Den Franzosen konnte man es noch eher erlauben, daß sie sich diese kleine Abwechselung machten. Sie haben schon Trauerspiele genug, die zum Weinen, nnd Lustspiele, die zum Lachen bewegen. Warum die Deutsche» aber, dic ilnicn hierinne noch weichen müssen, da mit Nnhm anzufangen glauben, wo diese mit Schanden aufgehö'ret haben, das bcgrcifcn wir nickt. Tic Gefangnen des PlautuS, 33 Erster Aufzug. Erster Auftritt, tLrczasilus. Die Jugend hat mir den Zunamen Hure gegeben, weil ich beständig ungcrufcn bey ihren Gastcreycn bin. Ich weis wohl, die Herren Mißlinge sagen, daß der Zuname sehr albern sey; allein ich - - ich sage, daß er schon recht ist. Denn wenn ein Wühler bey der Schmauscrcy würfeln will, so ruft er seine Hurc dabey an. Nicht wahr, sie ist also angerufen? Freylich .Zst es denn nun viel anders mit uns Schmarutzcrn, die wir niemals zu einem Schmause gerufen werden? Wir sind also allezeit ungcrufcn? Angerufen und ungcrufcn abcr ist ja nicht so wcit von cinandcr". Wir ernähren uns beständig, wie dir Mäuse, von fremder Kost. Wenn sich die Leute Fcycrtagc machen, und aufs Land bcgcbcn, so haben auch unsere Zähne Fcyertage. So wie die Schnecke bey der Hitze, wenn kein Thau fällt, sich ganz verborgen hält, und von ihrem eignen Safte zehret; so bleiben auch die Schmarutzcr, wenn die, die sie sonst bcschmauscn, auf dem Lande sind, ganz versteckt, und leben von ihrem cigncn Saftc. Alsdann gleichen sic den Windhunden, nach und nach aber, wenn die Leute in die Stadt zurück kommen, werden sic wieder zu dicken unbequemen und vcrdrüßlichcn Bollcnbcißcrn. Es ist zwar hier auch ganz aus mit ihncn; wcr nicht Ohrfeigen leiden, und sich die Topfe auf dem Kopfe zerschmeißen lassen kann, der mag nur den Sack nehmen nnd vors Thor betteln gehen. Und wcr wcis, ob mirs bcsscr gchcn wird, da mcin Patron im Kricgc, den die Aerolier und Men- ° Ich habe dieses Wortspiel cinigcemasicn beizubehalten gesucht. In dcm Lateinischen ist es ungleich artiger, weil invo-'-uu« zugleich angerufen und unberufen heißen kenni. Ehe ich es aber gar übcrgchcn wollte, so habe ich es lieber so gut übersetzen wollen, als es die deulschc Sprache verstattet, Ucbrigcns wird man so billig scvn, und dieses Spiclw.-ek nach dcm beurtheilen, in dessen Munde es ist. Die Scherze nach den unterschiednen Charakteren einzurichten, ist ein Kunststück, welches wenig in einer solchen Starke besitzen, wie Plautus, Vev den meisten scherzet der Knecht eben so fein, wie sein Herr, oder der Herr eben so grob, wie sein Knecht, Lcsssngs Werke in. Z 34 Beyträge zur Hisioric und Aufnahme des Theaters. ser mit einander führen, mm Gefangnen ist gemacht worden. Ztzo ist er min in Elis, der arme Philopolemus; denn ich bin hier in Actolicn, und zwar bey seines Vaters des Hegio Hause. Der gute alte Mann! Sein Haus ist mir itzo ein recht Zam- mcrhaus geworden, ich kann es ohne Thräne» niemals ansehen. Er hat, seinem Sohne zum Besten, einen recht schimpflichen Handel, und der seinem Naturell gar nicht gemäß ist, angefangen. Er kauft nämlich Gefangne auf, in Hoffnung, daß er einen darunter finden wird, mit welchem er seinen Sohn vertauschen kann. Ich muß ihn doch besuchen. Doch die Thüre geht alleweile auf, woraus ich so oft dicke und berauscht gegangen bin. Zweyter Auftritt, Hcgio- Ein Scherge. Ergasilus, Hcgio. Höre, was ich sage. Mache die zwey Gefangnen, die ich gestern bey den Quästors von der Beute gekauft habe, von ihren großen Ketten, womit sie gefesselt sind, los, und lege jedem eine besondre an. Laß sie, drinnen und draußen, frey herumgehen, nur daß sie mit der größten Sorgfalt bewacht werden. Mit einem Gefangnen, dem man zu viel Freyheit läßt, ist es nicht anders, als mit einem Vogel. Wenn er einmal Gelegenheit davon zu stiegen findet! so ist es geschehen. Er läßt sich nimmermehr wieder fangen. Der Scherge. Za freylich sind wir allcsammt lieber frey, als in der Knechtschaft. -Hegio, Doch scheinst du eben nicht von den allen zu seyn. Der Sckerge. Willst du denn also, da ich dir nichts geben kann, daß ich mich auf die Flucht begeben soll? -Hegio. Bcgicb dich nur, bcgieb; du sollst schon sehen, was sich alsdann mit dir begeben soll. Der Scherge, Je nu, ich will es machen, wie du sprichst, daß es die Vögel machen. 'Heglo. Gut, und eben deswegen werde ich dich ins Käficht sperren. Doch, genug gespaßt. Thue was ich dir befohlen habe und pack dich fort. Lrgasilus. Wie gerne wollte ich, daß der ehrliche Mann Die Gcfmi.iiicu des Plautus. 3'> seinen Zweck erhielte. Denn wenn er seinen Sohn nicht wieder erhält, so ist es mit meiner Erhaltung geschehen. Bon der übrige» Jugend ist gar nichts zu hoffen. Sie lieben sich alle selbst zu sehr. Das war noch der einzige Jüngling von altem Schrot und Korne. Ich habe ihn niemals umsonst vergnügt gemacht. Sein Vater ist auch noch von der guten Art. Hegio. Ich will zu meinem Bruder, bey dem ich meine übrigen Gefangnen habe, gehen. Ich muß sehen, ob sie die Nacht keine Unordnung angefangen haben. Non dar will ich alsbald wieder nach Hause kommen. Ergasilus. Es thut mir leid, daß der arme alte Mann, zum Besten seines Sohnes, so eine kcrkermäßigc Handthicrung treiben muß. Wenn er ihn zwar auf keine andere Art wieder erhalten kann, so mag er gar einen Schinder abgeben. Ich kann es wohl leiden. -Hegio. Wer redt hier? Ergttsilus. Ich, den deine Betrübniß ganz abmcrgclt. Ich veralte, verschmachte und verschwinde darüber. Ich hin vor lauter Magerkeit nichts als Haut und Knochen. Es bekömmt mir kein Bissen, den ich zu Hanse esse; kaum daß mir das, was ich bey guten Freunden koste, noch gcdcyct. -Hcgio, Willkommen ErgasiluS. Ergasllus, Die Götter stehen dir bey, Hegio. ^egio. Nu, nu, weine nur nicht. Ergasilns. Ich soll nicht weinen ? Ich soll so einen rechtschaffnen Jüngling nicht beweinen? -Hegio. Ich habe wohl gesehen, daß mein Sohn und du gute Freunde wäret - - Ergasilus, So gchtS. Wir Menschen erkennen unser Gluck nicht eher, als bis wir es wiederum verlieren. Seit dem dein Sohn ist gefangen worden, seit dem hab ich erst eingesehen, wie hoch ich ihn zu schätzen habe. Ach wie sehne ich mich nach ihm! ^Hegio, Da einem Fremden sein Unglück so nahe geht, wie soll es mich nicht schmerzen, da er mein einziger Sohn ist? lürgasilus. Ich ein Fremder? Dein Sohn mir ein Frem- 36 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. der? O Hcgio, sage dieses nicht; glaub cs nicht. Er ist dein einziger Sohn, aber mir - - mir ist er noch viel einziger. ^cgio. Ich lobe dich, daß dich deines Freundes Ungemach wie das deine schmerzt. Doch sey nnr gutes Muths. MrgKsllus. Ach! -Hcgio. Der gute Schelm ist ganz betrübt, weil die Schmau- screvcn nunmchr abgedankt sind. Hast du denn aber niemanden gefunden, der unterdessen diese abgedankten Schmauscrcycn in seinen Sold nehmen und commandircn will? Ergasilus. Du glaubst es wohl; aber nein. Nachdem dein Sohn Philopolcmus ist gefangen worden, bedankt sich jedermann für dcrglcicbcn Eommando. -Hegio. Es wundert mich auch eben nicht, daß sie sich dafür bedanken. Man hat gar zu viel und gar zu viclcrlcv Soldaten dazu nöthig. Da sind erstlich Bcckcrsoldatcn. Und von diesen Bcckcrsoldatcn gicbts wieder untcrschiednc Arten. Man braucht Brodsoldatcn; man braucht Kuchcnsoldatcn. Hcrnach kommen die Zicmcrsoldaten, die Schncpscnsoldatcn. Und was hat man nicht endlich für cine Menge Fischsoldatcn nöthig? Ergasilus. Wie doch manchmal dic größtcn Köpfe im Verborgnen bleiben! Was solltest du nicht für ein Gcncral seyn, und mußt doch als eine Privatperson leben? -Hcgio. Scu nur gutes Muths. Ich hoffe, daß ich meinen Sohn in wenig Tagen wicdcr zu Hausc haben will. Denn ich habe gestern einen jungen eliensischcn Gefangnen, der von sehr vornehmen und reichen Geschlechte ist, bekommen, und mit diesem hoffe ich ihn zu vertauschen. Lürgasilus. Dic Göttcr gcbcn cs! -Hcgio. Abcr sage mir doch, bist du heute auf den Abend zu Gaste gebctcn? LLrgKsiluö. So viel ich weis, nicht. Abcr warum fragst d» das? -Hcgio. Es ist hcutc mein Geburtstag, ich will dich also auf den Abend einladen. LLrgasilus. Das war sinnreich gesprochen! Hcgio. Aber du mußt mit wenigem können zufrieden seyn. iLrgKsilus. Wenn cs nur nicht allzuwcnig ist. Die b'efaiigiicn dcs Plautus. 37 -Hcgio. Wie ich ordentlich zu speisen Pflege. iLrgasilus. Nu, nu, biethe mich nur. -Hcgio. Wenn mich nur niemand überbiethet." Lrg^ftlus. Ey! was für ein Geboth sollte mir und meines gleichen wohl lieber seyn? Mit solchen Bedingungen will ich mich dir mit Grund und Boden zuschlagen lassen. Hcgio. O sage vielmehr ohne Grund und Boden- - Doch, wenn du kommen willst, so mußt du bey Zeiten kommen. Ergasilus. Ich kann itzo gleich kommen. Hcgio. Nein, »ein, gehe nur, und sich, ob du sonst wo etwa einen Hasen austrcibcn kannst, die Lerche bleibt dir doch gewiß""; denn meine Mahlzeit ist allerdings auch für dich ein wenig zu harte und zu rauh. iLrgasllns. O! o! Denke nicht, Hcgio, daß du mich dadurch abschrecken wirst. Zch kann meine» Zähnen Schuhe anzichn. Hcgio. Nu, nu, meine Kost wird stachlicht genug seyn. «Lrgasilus. Du wirst doch nicht gar Dörner speisen? Hcgio. Lauter Feldgerichte - - türgasilus. Das Schwein ist auch ein Fcldthier. ° Die Anspielung, die im Lateinischen aus den Kauf überhaupt ist, habe ich nur auf eine Art dcs Kaufs, auf die Versteigerung, einschränken müsse», damit ich den Scherz bcvbel'allen konnte. °° Wegen seiner Gefräßigkeit. "° Ich glaube, daß dieses der natürlichste Verstand scv, wcil er mit der ersten Rede dcs Hegio, Lmiu,», nili iiui meiiorem -lll^ri, am besten übereinkommt. Ich biethe dich zwar zu Gaste, will Hcgio sagen, aber du brauchst deswegen keine bcsjrc Mablzcit zu versäumen. Findest du einen, der dir was bcsscrs vorsetzen kann, las; dich nicht abgalten. Ich konnte hier dem älter» Scaliger eine gelehrte Untcrjuchung, was «.'iri« sev, abborgc», wenn ich glaubte, das; »leinen Lesern was dara» gelegen sey» würde. Ich habe es «ach der gemcincn Art schlcchtwcg, durch Lerche übersetzt; ich will mir aber diejenigen nicht dadurch zu Feinden machen, welche gebratene Lcrchcn einem gcbralciir» Hase» vorziehen. Eine kleine Anmerkung will ich hier noch über den Charakter der Schmarutzcr niachcn. Ma» wird wenig Stücke bey dem Miulus finden, worinnc nicht ein parasitus vorkommen sollte. Ich kau» mich aber in der That auf kein cinzigcs von neuern Lustspucle» besinnen, wo so eine Person wäre lächerlich gemacht wordcn. Doch es ist kein Wunder. Man würde vielleicht ein Hirngcspinstc lächerlich gemacht haben. Der Cbaraktcr eines Schmarutzcrs hat das Unglück gehabt, mit der Gastfrcvbcit ciuszustcrbc». Beytrage zur Historie und Aufnahme des Theaters. ^egio. Nor alle» Dingen viel Kraut - - Ergasilus. Das kannst du den Kranken zu Hausc vorsetzen. Hast du mir sonst noch was zu befehlen? -Hegio. Nichts, als daß du bey Zeiten kommen sollst. LLrgafilns. Das hätte ich so nicht vergessen. -Hegio, Ich will herein gehen, und doch überschlagen, wie viel ich Geld bey dem Wechsler stehn habe. Den Gang zu meinem Bruder kann ich vcrsparcn bis hernach. Zweyter Auszug. Erster Auftritt. Die Schergen, philorrates und Tyndarus, die Gefangnen. iLin Scherge. Da die unsterblichen Götter euch zu diesem Unglück auscrschcn haben, so habt ihr es mit Geduld zu ertragen. Durch diese könnt ihr euch eure Last erleichtern. Ich will es glauben, daß ihr in eurem Aatcrlandc frey gewesen seyd. Da ihr aber itzo in die Knechtschaft gerathen seyd, so wird cs gut seyn, wenn ihr euch darein schickt, und sie euch, durch den Gehorsam gegen euren Herrn, so erträglich macht, als es nur möglich ist. Alles was der Herr thut, muß euch recht sey», wenn cs gleich nicht recht ist. Die Gefangnen. Ach! Ein Scherge- Der Seufzer war unnöthig, und euer Weinen ist euch zu nichts gut, als die Augen zu verderben. Zu Trübsalen ist nichts besser, als ein guter Muth. Die Gefangnen. Allein, wir schä'mcn uns, daß wir gefesselt seyn. Ein Scherge. So darf cs euren Herrn hernach nicht gereuen, daß er euch, die ihr ihm so viel Geld kostet, frey, ohne Ketten, hat gehn lassen, wenn ihr etwa - - Die Gefangnen. Was befürchtet er sich denn von uns? Wir wissen schon, was unsere Schuldigkeit ist, wenn er uns gleich ungebunden gehen ließe. 'nvarus. Wir sind euch beyde sehr verbunden, daß ibr uns diese Gefälligkeit erzeigt. Philot'ratcs. Komm also näher hichcr, damit sie nichts von unsern Reden auffangen können. Sie müssen von nnscrcr List nicht das geringste merken. Denn eine List ist keine List, wenn sie nicht heimlich gehalten wird; sie ist vielmehr das größte Unglück, so bald sie auskömmt. Wenn du dich also für meinen Herrn ausgeben willst, und ich mich als deinen Diener anstellen soll, so müssen wir uns wohl vorsehn, daß wir alles behutsam und ohne Bchorchcr verrichten. Wir müssen allen unsern Fleiß, allen unsern Witz dabey anwenden. Die Sache ist zu wichtig, als daß sie sich schläsrich treiben ließe. Tyndarns. Ich will alles thun, wie du es befiehlst. Philodrates, Das hoff ich. T^ndarus. Du siehst wohl, daß ich itzo für dein mir so werthes Leben, mein eigen Leben in die Schanze schlage. Philob'ratcs. Es ist wahr. T^nvarus, Aber gedenke auch daran, wenn du deinen Zweck wirst erlangt haben. Denn ich weis wohl, wie die meisten Menschen sind. So lange als sie nach etwas streben, so lange sind sie gut; so bald sie cS aber erlangt haben, so bald 49 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. werden sie ans den Besten, die Schlimmsten und Ilngetrcucsten. Doch ich will hoffen, daß dn so seyn werdest, wie ich es wünsche. Ich könnte es mit meinem Vater nicht besser meynen, als ich es mit dir meyne. Philob'races. Zu der That, ich habe dich mit Recht meinen Vater zu nennen. Denn nach mcincm wirklichen Vater hast du dich am väterlichsten gegen mich bewiesen. 'nV. Das geht vortrefflich. Er lugt nicht nur, er fängt auch gar an zu philosophircn. -Hcgio. Wie heißt sein Barer? Philor'. Thesaurocrypsomcochr)?sides. -Hegio. Den Namen hat man ihm gewiß wegen seines großen Reichthums gegeben. Philoü, Nicht allein. Auch wegen seines Geizes, und seiner Kühnheit. Denn sein eigentlicher Name ist (Lhcoöoromedes, -Hcgio. Was sagst du? So ist sein Barer geizig? Philok- Nur gar zu geizig. Zum Ercmpcl, daß du doch siehst, was er für ein Mann ist; wann er seinem Genius opfert, so braucht er lauter irdene Gefäße zu dem heiligen Werke, aus Furcht sein Genius möchte sie ihm sonst entwenden. Daraus kannst du scheu, wie viel er andern trauen mag. -Hegio. Gut! Komm, tritt unterdessen hier her. Zeh will mich auch bey diesem erkundigen. Philokratcs dieser hat als °) Viuw exciliuiU s>!vmn lenex heißt es in den mcisim Ausgabe», Douza aber unterscheidet die Personen also: /V»'/, Viult- exeo> P-Uer? vivilne? Allein das Kenex kann ganz wohl noch bey der Ncdc des Pl'ilotralcs bleiben, nur so, daß es einen neuen Perioden anfängt? worinnc er von seinem Balcr etwas gedenken will, wo ihm Hegio aber alsbald ins Wort fällt: >>«»> i>»l ? <.>lc. Das, man also vielleicht lesen mnsj: /Vii''. Vi»w excnl>u!>l s>;v»»>. i^cnex--- Nuiil p»l>!r? vivitne? °° Zn den Ausgaben, die ich habe nachsehen tonnen, stehet: ptuwiiv,. te« luv tecit, Iiom'uivi» srußi »t f»cere «poiluil. Dieses ist offenbar salseli Die <Äef.uijZucn dc-5 Plautus. 43 cin rechtschaffner Mensch, wie es auch seine Schuldigkeit war, gehandelt. Ich weis von ihm, aus was für einem Geschlechte du bist. Er hat mirs gestanden. Wenn du mir es auch gestehen willst, es wird dein Schade nicht seyn. Unterdessen will ich dir doch sagen, daß ich alles schon von ihm weis. SLynVarns, Er hat seine Schuldigkeit gethan, da er dir die Wahrheit gestanden hat; ob ich gleich mit aller Sorgfalt meinen Adel, mein Geschlecht und meine Reichthümer habe verbergen wollen. Da ich aber Äatcrland und Freyheit vcrlohrcu habe, so kann ich es ihm freylich nicht verdenken, daß er mich weniger als dich fürchtet. Die feindliche Gewalt hat meinen Stand dem scinigc» gleich gemacht. Vorher durste er mich nicht mit einem Worte beleidigen; itzo kann er es mit der That thun. Aber, wie du siehst, das Glück verfährt mit uns Menschen nach seinem Kopfe. Ich war frey, nun bin ich cin Knecht. Nom höchsten macht es mich zum letzten. Sonst war ich gewohnt zu befehlen, nun muß ich mir befehlen lassen. Wenn ich zwar einen Herrn bekommen habe, wie ich selbst gcgcu meine Leute gewesen bin, so darf ich mich nicht befürchten, daß er mir was ungerechtes oder allzu beschwerliches gebiethen werde. Dieses einzige, Hcgio, will ich dir nur sagen, - - wenn du es nicht übel nehmen willst - - -Hcgio. Rede frey. cL>-ndar. Ich bin eben sowohl frey gewesen, als dein Sohn. Wir haben, sowohl er als ich, durch die feindliche Macht unsre Freyheit vcrlohrcn. Er dienet bey uns nicht andcrs, als ich bey euch diene. Es ist ganz gewiß cin Gott, welcher, was wir thun, Hort und sieht. Wie du mich hier halten wirst, so wird er machen, daß man deinen Sohn auch bey uns hält. Führst du dich gütig gegen mich auf, so wird es ihm zu statten kommen, bist du hart gegen mich, so wird man cs auch gegen ihn seyn. So schr du nach deinem Sohne verlangst, so sehr verlangt auch mein Narcr nach mir. Bcc> ^I'ilokratcs ist das Lomum uuciilbclnlich, wclchcs hier dic Anccdc scvu muß; denn Hcgio wußte cs ja nicht, daß cs ^liitokralcs, mit dcm cr a,c- rcdt l'attc. 44 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. Hegio- Ich glaube alles das. Doch wirst du mir es gestehen, was er mir gestanden hat? T^nS. Ich gestehe dir, daß mein Vater großen Reichthum besitzet, und daß ich aus vornehmen Geschlechte bin. Allein ich bitte dich, Hcgio, laß dich meine Reichthümer nicht geiziger machen; und bringe meinen Vater nicht dahin, daß er es sür anständiger halten muß, mich, ob ich gleich sein einziger Sohn bin, lieber bey dir in der Knechtschaft zu lassen, wo du mich auf deine Unkosten satt machen und kleiden mußt, als mich da, wo es mir am wenigsten anständig seyn würde, betteln zu sehen. ^egio. Ich bin dnrch den Segen der Götter, und den Fleiß meiner Vorfahren reich genug. Zwar glaube ich nicht, daß man den Gewinnst allezeit verachten muß, ich weis vielmehr, daß viele Leute dadurch groß geworden sind. Allein ich weis auch, daß zuweilen Schaden besser ist, als Gewinnst. Ich hasse das Geld, es ist vielen ein schlechter Rathgcbcr gewesen. Höre also, und vernimm meine ganze Sinncsmcynung. Mein Sohn dienet bey euch in Elis, als ein Gcsangncr. Wenn du mir ihn zurück schaffst, so sollst du keinen Hällcr mehr geben. Ich will dich und deinen Knecht gehen lassen. Anders aber laß ich euch nicht frey. T>-nD. Dein Verlangen ist gut und billig. Du bist der rechtschaffenste Mann. Allein ist dein Sohn ein privat oder ein öffentlicher Gefangner? -Hegio. Ein privat Gefangner, bey dem Arzt Mcnarchus. Phil. Vortrefflich. Mcnarchus ist dieses sein Client. Die Sache wird gehn, als ob sie geschmiert wäre". ^cgio. Mache also, daß er ranzionirt wird. Txnd, (5s soll geschehn. Aber das bitte ich dich Hcgio - - -Hegio. Nur bitte nichts, was diesem Vornehmen zuwider läuft; sonst alles - - Lxild. Höre mich nur. Ich verlange nicht, daß du mich eher frey lassen sollst, als du deinen Sohn wieder bekommen ° Man halte mir den Ausdruck zu gute. Ich habe etwas setzen welle», welches dem Lateinischen, welches ein Sprüchwort zu scvn scheinet, ein wenig ähnlich scv. Die Gefangnen des PlanluS. hast. Allein das bitte ich dich. Schlag mir diesen um ein Gewisses an. Ich will ihn zu meinem Vater schicken, damit er deinen Sohn ranzionircn kann. -Hegio. Ich dächte, wir schickten lieber einen andern, so bald als Waffenstillstand seyn wird. Ein andrer kann sich mit deinem Watcr eben so wohl besprechen, und deine Befehle nach deinem Willen ausrichten. cl^-nd. Nein, einen Unbekannten an ihn zu schicken, taugt nichts. Es wäre alles umsonst. Schicke diesen. Der wird alles ausrichten können, wenn er hinkömmt. Du kannst keinen Getreuern, keinen, dem er mehr zutraute, schicken. Es ist ein Knecht, der völlig nach seinem Sinne ist. Wem sollte er also wohl seinen Sohn sichrer vertrauen können !! Besorge nichts, ich will aus meine Gefahr seine Treue probircn. Ich verlasse mich auf seine Ehrlichkeit, weil er weis, daß ich gutig gegen ihn gesinnt bin. Hegio. Gut, wenn du es so haben willst, so mag er auf deine Gefahr gehen. Ich will dir ihn anschlagen. T^-nd. Ich sähe aber gerne, daß du ihn je eher je lieber abfertigtest. -Hegio. Willst du mir aber, wenn er nicht wieder kömmt, zwanzig Pfund für ihn geben? LcMrägc z»r Historie iiiid Anfiiahmc des Theaters. Dritter Aufzug. Erster Auftritt. ErgasilllL, DaS ist ein clmdcr Mcnsck, der seine Nahrung sucht, und sie mit Mühe findet; der ist aber noch viel elender, der sie mit Mühe sucht, und sie gar nicht findet". Za, ja, das ist der allcrclcndcste, der gerne essen will, und nichts zu essen hat. Ich möchte diesem Tage gleich die Augen auskratzen, wenn es an- giengc; so unbarmherzig sind alle Sterbliche heut gegen mich. Ich habe keinen verhungerter», keinen fasttäglichcrn Tag gesehen. Es geht mir nichts an demselben von Statten, ich mag anfangen, was ich will. Magen und Kehle fcycrn also heute bey mir Fastnächten. Nun kannst du dich, du ganze Schma- rutzkunst, nur an Galgen packen; denn die Jugend entfernt sich von uns armen Possenreißern ganz und gar. Was bekümmern sie sich itzo mehr um die lakonischen Schlägcfaulcn, um die Prü- gclgcduldigcn, welche wohl Einfälle, aber weder Brodt, noch Geld, haben. Sie bitten nur itzo die zu Gaste, die sie, wenn es ihnen geschmeckt hat, wieder bitten können. Sie kaufen gar itzo selber zur Mahlzeit ein, welches doch sonst die Schmarutzcr thun mußten. Sie verhüllen sich eben so wenig den Kopf, wenn sie vom Markte zum Hurcnwirth gehen, als wenn sie in ihrer Zunft zu eines Verdammung ihre Stimmen geben. Sie achten die Lustigmachcr nicht einen Pfiff mehr. Sie lieben sich alle nur allcinc. Als ich von hier weg gicng, machte ich mich auf dem Markte unter die Jünglinge. Seyd gegrüßt, sprach ich. Wo wollen wir heute zu Mittage speisen? Keiner antwortet. Nu, wer wird uns denn einladen? Aber alle sind stumm. Keiner will über mich lache». Wo wollen wir zu Abend speisen? fragte ich wieder. Und alle schütteln den Kopf. Ich bringe darauf ein schnackischcs Wort, eine von meinen besten Schnacken vor, eine, die mir wohl sonst einen ganzen Monat lang den ° In dem Lateinischen scheinet eine dreyfache Gradation zu seyn; die andre und dritte aber ist, wenn man sie recht betrachtet, einerley; daß also der Supcrlativus nichts als eine Bestätigung des Comparativ! hier seyn kann, wie ich es in der Ueberschnng dcntlichcr ,n machen mich bemüht habe. Tic Gefangne» des Pl.intus. Tisch verdienen mußte. Allein, niemand lacht. Ich merkte bald, daß es eine al'gcrcdtc Sache war. Keiner von ihnen wollte es nicht einmal wie die geneckten Hunde machen, daß er wenigstens die Zahne gefletscht Hütte, da er nicht lachen wollte. Weil ich sehe, daß man mich so zum Narren hat, so gehe ich fort. Ich komme zu andern, wieder zu andern, und wieder zu andern: alle sind einerley. Sie sind alle von einem Schlage, wie die Oclmäcklcr auf dem Vclabrum". Zch komme eben von da her, weil ich mich nicht länger wollte verspotten lassen. O es sind noch mehr Schmarutzcr, die alle vergebens auf dem Markte auf und nieder spazieren. Ich habe es aber mnimchro beschlossen, mein Recht nach den römischen Gesetzen auszuführen. Zch will denen einen Termin setzen; ich will sie rechtschaffen strafen, die darauf umgchn, daß sie mir zu essen und zu lebe» verwehren wollen. Sie sollen mir zehn Mahlzeiten geben müssen, so wie ich sie verlange, und noch dazu bey der theuersten Zeit. Za, das will ich thun. Voritzo aber will ich nach dem Hafen gehen. Ich habe da noch eine kleine Schmauschoffnung; wird aber auch dieser der Hals gebrochen, so muß ich mich schon mit der rauhen Mahlzeit bey dem alten Hcgio begnügen. Zweyter Auftritt. Hcgio. Was ist angenehmer, als wenn man, mit allgemeinem Beyfall^, eine Sache wohl ausgeführt hat, wie ich gestern gethan habe, da ich die zwey Gefangnen kaufte? Wer mich sieht, ° Vel-Uiriun hieß ein Platz i» Rom an dem avcntinischc» Berge, wo die Lclvcrkäufcr ihre Budm hatten. Plautus hat zwar in diesem Stücke den Schauplatz nach Actolicn verlegt, gleichwohl macht er sich kein Bedenken, Leiter, welche i» Rom waren, darinnc so anzuführen, als ob sie an dem Orte selbst wären, wo diese Vorstellung geschieht. Die römischen Zuschauer mußten zu seiner Zeit noch nicht sehr ekel scvn, weil er dergleichen Verwirrungen, ohne getadelt zu werden, brauche» konnte. In dem ersten Slufiritt des ersten Aufzugs haben wir schon ein Exempel davon gehabt, wo er von der porl-t Irigninm-t redet, welche in Rom war, und an der die Bettelleute am häufigsten fassen. °° Ich glaube nicht, das, >>n»n puiili--« etwas anders hier heißen kann. Denn dc? Lambinus Erklärung ist scl'r weit hcrgel'olt. 4* 52 Beyträge zur Historie und Ausnahme des Theaters. kömmt mir entgegen, imd wünscht mir deswegen Glück. Sie haben mich durch ihr Stillcstchnlasscii und durch ihr Zurückhalten ganz ermüdet. Mit Mühe und Noth konnte ich mich durch die vielen Glückwünsche durchdringcn. Endlich kam ich doch bis zum Prätor, wo ich ein wenig ausruhte, und um einen Paß bath. Ich bekam ihn. Ich habe ihn auch schon dem T)'nSarns gegeben, welcher sich alsobald mit auf den Weg machte. Bon dar komme ich nun itzo nach Hause. Auf dem Rückwege aber bin ich bey meinem Bruder eingesprochen, wo ich meine übrige» Gefangnen habe. Zeh fragte sie, ob einer von ihnen den Phi- loüratcs aus LAis kenne? Endlich schreyt dieser, es wäre sein guter Freund. Ich sagte ihm, er wäre bey mir; worauf er mich inständigst bath, daß er ihn sehen dürfe. Ich ließ ihn auch alsobald los schließen. Du, folge mir numchro, daß ich deine Bitte erfüllen kann. Du sollst ihn sprechen. Dritter Auftritt. Tyndarus. Ach! Ztzo wollte ich auch lieber gelebt haben, als lcbcn- Hoffnung, Rath und Hülfe fliehen und verlassen mich. Dieses ist der Tag, an welchem ich keine Rettung meines Lebens mehr zu hoffen habe. Es ist keine Zuflucht mehr für mich; keine Hoffnung, die mir diese Furcht benehmen könnte. Ich weis aus keine Art meine bctrügrischc Lügen zu bemänteln, auf keine Art meine sykophantischcn Tcuschcrcycn zu beschönigen. Ich kann eben so wenig meine Untreue abbittcn, als entfliehen. Die Hartnäckigkeit wird mir eben so wenig, als neue List, helfen. Allein, linsrc Geheimnisse sind entdeckt. Unsre List ist verrathen. Alles ist offenbar. Es ist ausgemacht, ich bin vcrlohrcn, für mich und meinen Herrn. Aristophontcs, der eben itzo kam, ist mein Unglück. Er kennt mich. Er ist des Philokratcs Verwandter und guter Freund. Wenn mich auch die Errettung selbst erretten wollte, sie kann es nicht; cS ist unmöglich. - - Wo ick mich nicht noch auf eine List besinne - - Aber, zum Henker, auf was für eine? Was soll ich erdenken? Ich will - - Ach, es ist alles nichts; es sind Possen. Da steck ich! Die Gefangnen des Plautiis, Vierter Auftritt. Hegio, Tyndarns. ?lristopho»te>z. ^Zcgio. Nu, wo ist dcr aus dcm Hause hingcrcnnt? Tyndarus. Numchr bin ich vcrlohrcu. Die Feinde kommen auf dich los, Tyndarus; was wirst du sagen? Was wirst du vorbringen? Was wirst du leugnen? Was wirst du gesteh»? Ach, ich bin in allen ungewiß. Worauf soll ich mich verlassen? Daß du doch eher umgekommen wärest, Aristophon- tes, als du aus deinem Vatcrlandc kämest. Du verwirrest alle unsre Anschläge. Alles ist zu nichte, wenn ich nicht eine recht crschcckliche List ersinne - - - Hegio. Folge mir. Hier ist er. Gehe zu ihm, rede mit ihm. Tyndarus. Wer kann unglücklicher seyn, als ich? Aristophonrcs. Was ist das 5 Warum wendest du denn die Augen von mir weg, Tyndarus? Warum verachtest du mich denn, als einen Fremden, als wenn du mich niemals gekannt hättest? Zch bin itzo so gut ein Knecht, als du; ob ich gleich zu Hause bin frey gewesen, und du von deiner Kindheit an in Elis gedient hast. Hcgio. O, ich wundre mich gar nicht, daß er dich nicht anschn will. Er zürnt auf dich, daß du ihn, anstattt philo- kraccs, Tyndarus nennest. Tyndarus. Hcgio, dieser Mensch ist in Elis für rasend gehalten worden. Höre ja nicht auf seine Reden. Er hat Aa- ter und Mutter mit dcm Wurfspieße verfolgt. Daher bekömmt er auch noch zuweilen die schwere Noth. Mache dich also ja nicht allzunahc an ihn. Hegio. Fort mit dcm von mir! Fort! Aristophontes, Was sagst du Galgenstrick? Ich rasend? Zch hätte meinen Vater und meine Mutter mit dcm Wurfspieße verfolgt? Und ich hätte eine Krankheit, daß man mich an- spcycn müßte?" ° Man weis nicht, ob die Alte», wenn sie cincn solchen Kraulen sahen, ibn deswegen angespielt haben, weil sie glaubten, daß es ihm gesund scp, oder ob sie es aus Abscheu gethan haben: so viel ist aus einigen Stellen des pliniuö klar, dasi «oriius U!U»r nichts anders als die Epilepsie sey. 54 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Thealers. ^cgio. Gieb dich znfricdc». Es sind mehr Leute mit dic- scm Unglücke behaftet, denen das Anspcycn ganz heilsam gewesen ist. T^ndarus. O, cs hat auch vielen in Elis geholfen. Aristophomcs. So? Und du glaubst ihm das? ^cgio. Was soll ich ihm glauben? Arisiophomes, Daß ich rasend sey. (L^ndttrns. Siehst du, mit was für einem gräßliche» Gesichte er uns ansieht? ES ist am besten, man giebt ihm nach, Hcgio, wie ich dir es gesagt habe, scinc Raserey nimmt zu, nimm dich in Acht. Xiegio Zch merkte cs gleich, daß cS nicht richtig mit ihm stehen mußte, weil er dich Tyndarus nannte. Tyndarus, Je, er weis ja manchmal seinen eignen Namen nicht, und kennt sich selber nicht. -Hcgio. Aber er sagte auch, du wärst sein guter Freund. cLyndarus. Das könnt ich eben nicht sagen. Alr'mao, Orestes und ^.yt'nrgus könnten sich mit eben so vielem Rechte meinen guten Freund nennen, als er. Anstophontcs. Und du nichtswürdiger Kerl unterstehst dich, so viel Ucblcs von mir zu sprechen? Kenne ich dich etwa nicht? -Hegio. Das ist ganz offenbar, daß du ihn nicht kennest. Sonst würdest du ihn nicht (Lyndarus, anstatt Philor'rarcs, genannt haben. Den, den du siehst, kennst du nicht, und nennst den, den du nicht siehst. Ansiophontes. Nein, nein, sondern er giebt sich sür einen aus, der er nicht ist, und wer er ist, verleugnet er. TynSarus. So? Du willst der seyn, der den Philokratcs Lügen straft? Aristoph. Aber du, wie ich wohl sehe, willst der seyn, der die Wahrheit durch scinc Lügen unterdrückt? Sich mich doch rccht an, ich bittc dich. Tyndar, Nu. Aristoph, Ey! Und du sprichst, du wärst nicht Tyndarus ? Tyndar. Ebcn das sprcch ich. Aristoph. Du sprichst, du wärst Philokrares? Tynvar. Das sprcch ich, ja. Die GcftiiijZiicu dcs Pl.nilus> 2lriiroph- Und du glaubst ihm«! -Hegio. Mehr als dir und mir. Der, für dcn du ihn ausgicbft, ist heute von uns nach Elis zu dieses Vater gesandt worden. Aristoph. Seinem Bater? Dcr Knecht? T>'ndar. Bist du doch itzo auch ein Knecht, ob du gleich sonst srcy wärest. Und ich, ich hoffe cS auch zu seyn, so bald sein Sohn durch mich die Freyheit wird erhalten haben. Aristoph. Was sprichst du, Galgenstrick-! Du nennst dich srcy gcbohrcn. Tyndar. Nicht doch, ich hcißc nicht Freygebohren, sondern Philokrales. Aristoph. Was? Höre einmal, Hegio, was er noch sür Narrcnsposscn treibt. Glaube mir, es ist dcr Knecht selbst, nnd er hat nicmals einen Knecht außer sich selbst gehabt. ü^nvar. Da du selbst in deinem Batcrlandc Mangel leidest und nichts zu lcbcn hast, so wundert mich es gar nicht, daß du dir alle gleich zu scyn wünschest. Dic Unglücklichen sind mcistcnthcils so, sie sind mißgönstig, und beneiden dic Glücklichen. Aristoph. Ich bitte dich nochmals, Hegio, höre auf ihm so ohne Grund zu tränen. So viel ich vermuthe, hat er dir ohne Zweifel schon einen Streich gespielt. Was cr von der Auslösung deines Sohnes spricht, das will mir gar nicht gefallen. T^»0«r. Ich glaub es wohl, daß du es nichr gerne sehen würdest. Gleichwohl will ich es thun, wenn mir dic Götter bcystcbcn. Ich will ihm scincn Sohn wieder zustellen, und cr ivird ein gleiches mit mir meinem Barer thun. Und in dieser Absicht habe ich den Tyndarus nach Hause geschickt. Aristoph- Bist denn dns aber nicht selber? Es ist ja sonst in ganz iLlis kein Knecht dicscs Namcns. kLyndar. So fährst du doch fort, mir meine Knechtschaft vorzuwerfen, in die mich dic feindliche Gewalt gezwungen hat? Aristoph. Nein, längcr kann ich mich nicht halten. T^nögr. Hörst du, was cr sagt? Mache dich ja fort! Bald wird cr uns mit Steinen verfolgen, wenn du ihn nicht gleich zu binden befiehlst. Aristoph. Welche Marter! 56 Beyträge zur Historie und Ausnahme des Theaters. (L^ndar. Die Augcn brcnncn ihm. Ätun ist der Strick nöthig, Hcgio. Sichst du nicht, wie cr im Gesichte ganz schwarz- gelbc wird? Das schwarze Gcblütc macht ihn unsinnig. Aristoph. Aber dein böses Gcblütc sollte dir der Schinder schon abzapfen, wenn Hcgio klug wäre. Er rcdt schon ganz vcrkchrt. Die Furien schrecken den armen Mann. -Hegio. Wie, Philokratcs, wenn ich ihn binden ließe? T)?n0. Du könntest nicht klügcr thun. Aristoph. Ich ärgre mich, daß ich keinen Stein bey der Hand habe; damit ich dem vcrdammtcn Kerl, der mich durch seine Reden unsinnig machen will, den Hirnschädcl zerschmeißen könnte. T)-nd. Hörst du? Er sucht einen Stein. Aristoph. Ich will dich allcinc sprechen, Hcgio. -Hegio. Bleib nur dort, wenn du mir was sagen willst, ich will cs schon von weitem hören. Tynd. Zum Hcnkcr, wenn du dir ihn auch ließest näher kommen, so wars um deine Nase gewiß geschehen. Er würde dir sie mit Wurzel und Stiel wcgbcißcn. Aristoph. Glaube nicht, Hcgio, daß ich unsinnig bin, odcr daß ich cs jemals gewesen sey. Ich habe die Krankheit nicht, deren cr mich beschuldiget. Wenn du dich aber vor mir fürchtest, gut, so laß mich binden, nur laß diesen auch mit binden. Tyno. Ja, ja, Hcgio, laß ihn nur binden, wie cr cs selbst bcgchrt. Aristoph. Schweig nur. Ich will dich schon, falscher Phi- lokratcs, noch hcutc überführen, daß du der wahre Tyndarus bist. Nu, was winkst du mir mit dem Kopfe? Tynd. Ich winkte dir?° ° Dicsc und die folgende Rede ist in allen Ausgaben nur eine. Allein ich sehe nicht, was Tvndarus »lit dem andern sagen wollte; wenn man cs aber dem Aristophontcs in den Mund legt, wie ich cs hier gethan habe, so hat cs einen ganz natürlichen Verstand. Er winkt mir, will cr sagen, da du so nahe dabcv stehst, wenn du weiter davon stündest, so würde er mich gar schweigen hrißcn. Die Ecfcmgiieu des Plautus. 67 Aristoph. Was würde cr nicht thun, wenn du weiter davon stundest. -Hcgio. Was mcynst du, ob ich wohl mit dem Unsinnigen rede? TynS. Er wird dir Posse» vormachen, cr wird dir Zeug schwatzen, das weder Kopf noch Schwan; hat. Es ist vervollkommne Ajax, nur daß ihm sein Anputz fehlt. -Hcgio- Es schadet nichts; ich will doch mit ihm reden. T>n0. Nun bin ich vcrlohrcn. Itzo stehe ich aus der gefährlichsten Stufe. Was soll ich anfangen? -Hegio. Aristophontcs, ich will dir doch zuhören, wenn du mir was zu sagen hast. Aristoph. Du wirst also hören, daß das die Wahrheit sey, was du für eine Lügen gehalten hast. Vor allen Dingen aber mußt du überzeugt seyn, daß ich kein Unsinniger bin, und daß ich keine Krankheit habe, außer meiner Knechtschaft. Wenn ich und du aber nicht eben so wohl Philokratcs sind, als dieser, so strafe mich der König aller Götter und Menschen, und lasse mich mein Vaterland niemals wieder sehen. ^Hegio- Nu so sage mir doch, wer ist cr den» sonst? Aristoph. Kein andrer, als für den ich ihn gleich anfangs ausgegeben habe. Und wenn du es anders befindest, als ich es sage, so will ich meiner Freyheit und meiner Acltcrn bey dir verlustig werden. Hcgio. Was sagst du dazu? T^nd. Daß ich dein Knecht bin, und du mein Herr bist. -Hcgio. Darnach sragc ich nicht. Bist du frey gewesen? Tynd. Za. Aristoph. Nein, cr ist es niemals gewesen. Er hintergeht. iL>nS. Wie kannst du denn daS wissen? Bist du denn etwa bey meiner Mutter Hebamme gewesen, daß du cS so kühnlick behaupten kannst? Aristoph. Ich habe dich, da wir beyde noch Kinder waren, gekannt. Tynd. Und ich kenne dich itzo, da wir beyde erwachsen sind. Aristoph. Siehst du, wie cr wieder Possen treibt!" " Das Uei» rurlum Mii! habe ich lieber dem Aristophontes in Mund lege» wolle». Tyudcirus hatte sich schon oben einmal durch cinc solche 68 Beytrage zur Historie und Aufnahme des Theaters. TxnH- Wenn du klug wärest, so solltest du dich um mich gar nicht bekümmern; denn bckümmrc ich mich denn nm dich? ^egio. Hat sein Vater nichtiLhesaurocrfpsonicochr^siöes geheißen? Aristoph. Nichts weniger. Ich habe Zeit meines Lebens den Namen nicht gehört. Des Philokratcs Vater heißt Thco- doromcdcs. -n0. Wer um der Tugcnd willcn umkömmt, kömmt nicht um. -Hcgio. Wcnn ich dich wcrdc rechtschaffen haben martern lassen, wenn du deiner Bctrügcrcycn wcgcn wirst zu Todc seyn gcpcinigct worden, so mögen sie meinetwegen sagen, du seyst umgekommen oder nicht; wann du nur umkömmst, so gilt mir cs gleich viel, wcnn sie auch sagten, du lcbtcst. T^nö. Wcnn du das thust, so wirst du cs gcwiß nicht umsonst gcthan habcn, wenn Philokraces wiederkömmt, wic ich gcwiß hoffc. Aristoph, O ihr unsterblichen Götter, nun bekomm ich in der Sache Licht. So ist mein Freund Philokraces frcy? So ist cr in scincm Vatcrlandc bey seinem Aatcr? Wohl. Wem sollte ich dieses Glück lieber gönnen, als ihm ? Aber, wie schmerzt cs mich, daß ich diesem cincn so schlechten Dienst gcthan habe. Meinetwegen, meiner Entdeckung willcn ist cr gebunden. Hcgio. Habe ich dich nicht nachdrücklich gewarnt, mich nicht zu belügen? ü^nö. Za. -Hegio. Warum hast du cs also gewagt? Tic Gefangnen dcS Pl.nNnS. T>nd. Weil dcm, für dcsscn Wohl ich besorgt war, die Wahrheit geschadet hätte. Ztzo nutzt ihm die Lügen. -Hcgio. Und dir wird sie schaden. TynV. Wohl gut! Habe ich doch meinen Herrn erhalten, über dcsscn Erhaltung ich mich freue; denn der altc Herr hatte mich ihm zum Beschützer gegeben. Aber sprich, ist cs cinc Lasterthat, was ich begangen habe? -Hcgio. Eine erschreckliche. kLynd, Ich aber bin andrer Meynung, und behaupte, cs scy cinc gute That. Dcnn bcdcnkc, wenn dein Knccht gcgcn deinen Sohn sich so verhalten hätte, wie würdest du ihm danken? Würdest dn ihn frey lasscn oder nicht? Würde cr dir nicht der angcnchmstc Knccht seyn? Antworte. -Hcgio. Za wohl. TvnS. Warum zürnst du dcnn also auf mich? Hcgio, Weil du ihm gctrcucr gcwcscn bist, als mir. (Lvnd. So? Du hast also gcmcynt, cincn ncucn Gcfang- ncn in Nacht- und Tagcs-Frist zu übcrrcdcn, daß cr dir mehr wohlwolle, als dcm, mit dcm ich von Kindhcit an aufgewachsen bin? -Hcgio. Du magst also auch nur von ihm den Dank erwarten. Führt ihn nur fort, damit ihr ibm schwere und starke Fußeisen anlcgcn könnt. Von dar bringt ihn nur gleich in die Stcingrubcn. Anstatt, daß andre daselbst des Tagcs nur acht Stück brechen dürfen, so soll cr alle Tage anderthalb Tagewerk verrichten müssen, oder alle Tage t,0v Stockschlägc gcwärtig scy». Aristoph. Hegio, ich bitte dich um der Götter und Mcn- schcn willcn, laß dicscn Menschen nicht umkommen. -Hcgio. O dafür soll schon gesorgt wcrdcn. Des Nachts über will ich ihn gebunden bewachen lassen, und des Tags über soll cr Stcinc aus den Gruben bringcn müsscn. Ich will ihn lange gcnug martern. Sorge nicht, daß cr cs mir cincm Tagc soll überstanden haben. Aristoph, Und das willst du gewiß thun? -Hegio. So gewiß als ich einmal sterben werde. Fort! Führt ihn alsobald zu dcm Schmidt -Hippoh-t. Laßt ihm fein starke Beinciscn anlegen, und alsdann führt ihn sogleich vor 62 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. das Thor zu meinem Frcygclaßncn Lordalus, damit cr in die Steinbrüche gebracht wird. Sagt, daß es mein ausdrücklicher Wille wäre, cr solle es nicht schlimmer haben, als die, die es am allcrschlimmstcn haben. TlynS. Zc im, ich will mich nicht wider deinen Willen erhalten wissen. Setze mich immer in Lebensgefahr, es geschieht auf deine Gefahr. Ich habe, nach dem Tode, im Tode nichts Ucblcs zu befürchten. Und wenn ich auch das größte Alter erreichte, so muß ich doch nach kurzem das, womit du mir drohest, einmal ausstehen. Lebe wohl, ob du es gleich nicht um mich verdienest. Dir Aristophontes möge es so gehen, wie du es an mir erholt hast. Nur du bist die Ursache meines Unglücks. Hegio. Führt ihn fort. Tynd. Das einzige bitte ich euch; wenn Philor'rates wieder zurück kömmt, macht, daß ich mit ihm sprechen kann. -Hegio. Ihr seyd unglücklich, wo ihr ihn mir nicht gleich aus dem Gesichte führet. Tynd. Nu, das heißt doch noch Gewalt brauchen, ein ziehen und stoßen zugleich -Hcgio. Er wird an seinen verdienten Ort gebracht. Ich muß wegen der andern Gefangnen nothwendig ein Exempel sta- tuircn, damit andre nicht auch so ein Bubenstück wagen. Wenn ich es nicht thäte, da man mir doch diesen Streich so öffentlich gespielt hat, so würde jcdcr sagen, cr wolle mir mcincn Sohn frcy schaffen, und mich also bctrügcn. Ich habe mirs nun scstc vorgenommen, kcincm mehr zu glaubcn. Es ist genug, daß ich einmal bin betrogen worden. Ich armer Mann hoffte mcincn Sohn dadurch aus der Gefangenschaft zu bcfrcycn. Meine Hoffnung ist zu Schanden worden. Einen Sohn habe ich schon vcrlohrcn, den mir cin Knecht als ein Kind von vicr Zahrcn cntwendct hat. Ich habe wcdcr des Knechts, noch des Soh- ° Ich weis nicht, wie einige Erklärer des Plaulns diese Ironie nicht haben einsehen können, daß sie ihre Erläuterungen so weit hcrgcsucht haben. Wenn die Alle» bey erlittener Gewalt schrien: liae« vis «N, so wollten sie zugleich nni Hülfe rufen, welches aber dem Tyndarus hier ganz unnö'thig gewesen wäre. Man wird es durchgängig finden, je gelehrter die Commcntato- res sind, je weniger Witz lassen sie dem Schriftsteller, den sie erklären wollen. Tic Gefangnen des Pi.nitn6, ncs, wieder habhaft werden könne». Der andre nun ist auch in der Gewalt der Feinde. Was für ein Schicksal! Habe ich denn nur Kinder gezeugt, sie zu verlieren? - - Du folge mir, ich will dich wieder hinführen, wo du hergekommen bist. Ich will mich auch gewiß keines mehr erbarmen, weil sich niemand meiner erbarmet. Aristoph, Ich bin kaum einen Augenblick aus den Ketten gewesen, und nun, seh ich, muß ich schon wieder herein. Vierter Aufzug. Erster Auftritt. Ergasilus. Höchster Jupiter! so willst du mich doch erhalten, und meine Umstände verbessern! O mit was für Ucbcrfluß, mit was für köstlichen Lcckcrbißchcn, mit was für Lob, Gewinnst, Spiel und Scherz, mit was für Fcycr-und Frcudcntagen, mit was für Pracht, mit was für Vorrath, mit was für Zechen, mit was für Sättigkcit, mit was für Wollust beglückest du mich! Nun darf ich gewiß keinem Menschen mehr gute Worte geben. Nun kann ich allen meinen Freunden helft», und allen meine» Feinden schaden. O angenehmer Tag, mit was für angenehmen Annehmlichkeiten überschüttest du mich! Was für eine austräg- lichc Erbschaft ist auf mich gefallen! Zch muß gleich meinen Lauf zu den, alten Hcgio richte», dem ich so viel gute Nachricht bringe, als er sich nur selber wünscht, und noch weit mehr. Ich will eilend, wie die komischen Knechte zu thun Pflegen, meinen Mantel auf die Schulter werfen, damit er die Both- schaft von mir zuerst höre. Zch weiß gewiß, ich werde dafür eine ewige Mahlzeit bey ihn? haben. Zweyter Austritt. Hegio. Ergasllus, -Hegio. Ze mehr ich diesen Zufall bey mir überlege, je größer wird mein Verdruß. Auf so eine Art bi» ich heute hin- tcrgangcn worden? Und ich konnte den Betrug nicht cinsch». Die ganze Stadt, wenn sie es erfährt, wird mich auslachen. s!4 Beytrüge zur Historie lind Ilnfimhmc des Theaters. Wen» ich werde auf den Markt kommen, so wird einer zum andern sagen: das ist der Alte, den sie so betrogen haben. - - Zlbcr, sehe ich nicht den LLrgasilus dort von ferne? Und zwar mit ans die Schulter gcworfncm Mantel. Was muß er vor- babcn? Argas. Fort, zaudrc nicht, Ergasilusz thue was zu thun ist. Ich will es niemanden rathen, daß er mir in Weg kömmt, wenn er nicht am längsten will gelebt haben. Wer mir entgegen kömmt, den will ich zur Erde schmeißen - - ^cgio. Ich glaube gar, er will Balgcrcycn anfangen? liörgas- Za, ja. Es soll ganz gewiß geschehn. Es mögen nur alle ihre Gänge aufschieben; es mag sich nur niemand auf dieser Straße was zu thun machen. Meine Faust soll mir statt der Balista, mein Ellebogcn statt der Katapulta seyn; Schulter und Knie sind meine Maucrböckc, damit will ich meine Feinde zu Boden werfen. Wer mir in Weg kömmt, soll seine Zähne müssen aus der Gasse suchen. -Hegio, Was sind das für Drohungen? Ich kann mich nicht wundern genug. Ergas. Ich will gewiß machen, daß er dieses Tags, dieses Orts, und meiner nimmermehr vergißt. Wer meinen Lauf bcmmct, soll sein Leben schnell gchcmmct haben. -Hegio. Was muß das Wichtige seyn, das er mit solchen Drohungen anfängt? iLrgas. Ich sage es fein zuerst, damit niemand durch sein Versehn unglücklich werde. Haltet euch in den Häusern, und bütct euch vor meiner Gewalt. -Hcgio, Das muß was ganz besonders seyn, wenn ihn nicht etwa der volle Bauch so übermüthig macht. Wehe dem armen Mann, durch dessen Kost er so gcbicthrisch geworden ist! iLrgasilns. Besonders ihr Becker, die ihr so viel Säue mit Klcycn mästet, daß man wegen des Gestanks bey euren Läden nicht vorbey gehen kann. Wenn ich welche von euren Schweinen auf der Gasse antreffe, so will ich ihnen gewiß mit meinen Fäusten die Kleycn aus den Ranzen prügeln, ich meyne ihren Besitzern. -Hegio. Nu, die Warnungen sind königlich und herrsche- Tie Gefangnen des Plaiit»^. risch genug. Er muß ganz gewiß satt seyn. Er trotzt auf seinen vollen Bauch. Ergasllus, Auch euch, ihr Fischer, die ihr dem Volke stinkende Fische seil biethet, welche ihr mit einer hinkenden Schind- mchrc in die Stadt bringt, nnd die durch Gestank alle Pflastertreter von der Basilica auf den Markt verjagen, euch will ich die Fischkörbe wacker unter die Nasen reiben, damit ihr doch auch fühlet, was sie andern Nasen für Verdruß machen. Was euch aber anbelangt, ihr Fleischer, die ihr die Schafe der Kinder beraubt, die ihr Lämmer zum abschlachten einkauft, mit dem Lammfleische das Volk betrügt", und einen vcrschnittncn Hammel einen Schafbock nennt, wenn ich so einen Schafbock auf öffentlicher Straße sehe, so will ich den Schafbock nnd seinen Herrn, zu den unglücklichsten Thieren von der Welt machen. -Hegio. Nu, das sind doch noch ädilische Verordnungen. Es sollte mich sehr wundern, wenn ihn nicht die Actolicr zu ihrem Marktmcistcr machen sollten. iLrgasllus. Itzo bin ich kein Schmarutzcr, sondern ein königlicher König der Könige, da so vieler Proviant für meinen Magen im Hafen angelangt ist. Doch zandrc ich noch den He- gio mit dieser Freude zu überschütten!! Kann wohl jemand glücklicher seyn, als dieser Alte ist? -Hegio, Nu, was ist denn das für eine Freude, die er mir so voller Freuden schenkt? iergasilus. Nu? Holla? Wo steckt ihr ? Wird keiner die Thüre aufmachen? Hcgio. Ha! Ha! Er findet sich zur Abendmahlzeit bey mir ein. lürgasllus. Macht die Thüren alle beyde auf, ehe ich sie in Grund und Boden stoße. -Hegio. Ich muß ihn doch anreden. Ergasilus. Erg«silns. Wer ruft den Ergasilus? ° Die Gelehrten machen zu dieser Stelle die Anmerkung, die Alten hätten das Lammfleisch nicht gerne gegessen. Wie können sie aber dieses mit einer kurz darauf folgenden Stelle vergleichen, wo der Schmarutzcr unter andern Leckerbissen, die Hcgio soll zurechtc machen lassen, auch ausdrücklich -lxnin-lm mit nennet? "cMngs Werke in, 5 Beytrage zur Historie und Aufnahme des Theaters. Hegio. Sich mich doch an! Ergasilus. Das thut das Glück an dir nicht, und soll es auch nimmermehr thun. Hcgio. Wünschest du mir das?" Ergasilus. Aber was giebt cs denn? Hegio. Sich dich doch um, ich bin Hcgio. Ergasilus. O! bist dus, du allerbester der allerbesten Männer? Du kömmst zu rechter Zeit. 'Hcgio. Ich weis nicht, wen du in dem Hafen mußt angetroffen haben, bey dem du auf den Abend schmausen wirst, weil dn so hochmüthig geworden bist. Ergasilus. Gieb mir die Hand. Hegio. Die Hand? Krgasilns. Gieb mir deine Hand, sage ich; gleich! -Hegio. Nu, da! Mrgasilus. Frcuc dich! Hcgio. Weswegen soll ich mich freuen? Ergasllus, Weil ich dirs heiße. Fort! frcuc dich nur. Hegio. Die Bctrübniß ist bey mir größer als die Freude. Ergasilus. Sey nicht böse auf mich. Ich will dir bald alle Bctrübniß bcnchmcn. Frcuc dich nur! Auf mcin Wort! Hegio. Gut. Ich frcuc mich, ob ich gleich nicht schc warum? Ergasilus. So rccht! Nun befiehl auch - - Hegio. Was soll ich befehlen? Ergasilus- Daß man ein cntsctzlichcs Feuer anmache. Hegio. Ein cntsctzlichcs Fcucr? LLrgasllus. Za, ja, was ich sage; und cs muß rccht sehr groß seyn. Hcgio. Was willst du denn verbrenne»? Glaubst du, daß ich dcinctwcgcn mcin Haus anstcckcn werde? LLrgasilus. Wcrde nicht bösc. Befiehl auch zugleich, daß die Töpfe angesetzt, und die Schüsseln ausgewaschen werden. Laß nur den gespickten Braten ans Fcucr bringen, und untcr- dcssen schicke einen andern nach Fischen. ° Es hat mir naiiirlichcr geschienen, wenn ich das iwc ine indes als eine Frage dem Hcgio in Mund legte, ob ich gleich nicht leugne, daß es einen guten Verstand l'at, wenn cs auch Ergasilus sagt. Die Gefangnen dcS PlautuS. s>7 Hegio. Ich glaube cr träumt wachende. lLrgasilus. Einen andern schicke nach Schweinefleisch, nach Lammfleisch und nach jungen Hühnern. -Hegio. Nu, du weißt doch was gut schmeckt, aber woher nehmen? Ergasilus. Laß Schinken, Kuhlparsc, Makrcllc», Stockfische und Walisische, und weichen Käse holen." -Hcgio. Nu, nu, nennen kannst du es wohl, ob du es aber wirst bey mir zu essen bekommen, mein guter Ergasilus-- lLrgasllns. Glaubst du denn, daß ich es meinetwegen anzurichten befehle? Hcgio. Betrüge dich nicht. Ich will dir zwar nicht nichts, aber doch nicht viel mehr als nichts vorsetzen. Bringe also von deinen Bäuchen nur den für die Alltagskost mit. Ergasilus. Wie aber, wenn du diesen Aufwand, auch ohne mein Geheiß, machen wirst? -Hegio. Ich? Ergasllus. Eben du. Hcgio. Alsdann will ich dich für meinen Herrn erkennen. iSrgasilus. O! ich werde ein ganz gütiger Herr seyn. Soll ich dich glücklich machen? Hegio. Wenigstens lieber als unglücklich. Ergasllus. Gieb mir die Hand. -Hegio. Da ist sie. LLrgasilns. Die Götter erbarmen sich deiner. -Hegio. Ich weis nichts davon. Ergasilus. Aber bald wirst du cS wissen. Unterdessen gebiethe nur, daß man dir die Gefäße zu dem heiligen Werke fertig halte; und laß ein eignes und fettes Lamm holen. Hegio. Warum das? ^rgKsllns. Weil du opfern mußt. Hegio. Und welchem Gotte denn? ° Ich habe dicsc Namen so gut übersetzt, als es möglich ist, einige habe ich gar weggelassen, weil sie linsern heutigen Köchen allzu besonders vorkommen mochten. Oew» heißt zwar jede Art von großen Fischen, ich glaube aber doch, das; ihn der Schmarutzcr eher zum Scherze als im Ernste dazu gesetzt hat. 5" K8 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. iLrgasilus. Mir. Zch bin itzo dein höchster Jupiter, ich bin deine Errettung, dein Glück, dein Licht, deine Freude, dein Vergnügen; wenn du nur diesen deinen Gott wacker satt machest, damit er dir gnädig sey. Hegio. Du bist mir also hungrig, wie es scheint? Ergasilus. Zch bin mir hungrig und nicht dir. Hegio. Ey, hol dich der - - Trgasilus. Du solltest dich lieber bey mir bedanken für die Nachricht, die ich dir aus dem Hafen bringe. O was für eine vortreffliche Nachricht! Wirst du mir so wieder gut? Hegio. Geh, Narre, du kommst zu spät. iLrgasilus. Das hättest du können sagen, wenn ich bey einer andern Gelegenheit gekommen wäre. Doch vernimm nur endlich die Freude, die ich dir bringe. Zch habe itzo gleich deinen Sohn philopolemns lebend, gesund und frisch in dem Hafen gesehen. Er kam mit dem öffentlichen Zagtschiffc. Es war noch ein andrer Züngling bey ihm, und deinen Knecht Sra- lagmns, der dir mit deinem Sohne, als einem Kinde von vier Zahrcn, davon gegangen ist, bringt er auch mit. Hegio. Du willst mich zum besten haben. Geh! pack dich! Ergasllus, Zch schwöre dir es bey der heiligen Sättigkcit! Zhr Name soll nie zu meinem Namen können gefugt werden; wenn ich nicht alles das gesehen habe. Hegio. Meinen Sohn hast du gesehen? Ergasilns. Deinen Sohn, und meinen Schutzengel. Hegio. Und den clidcnsischcn Gefangnen? Ergasilus. ^« 7-ov «7ro>^K>!" Hegio. Und meinen Knecht Stalagmus, der mir meinen Sohn entwendet hat? Lürgasilus. ?«v ^op«^! Hegio. Schon lange? ErgttsilnS. i>sj Trziocci'x^rii'! ° Ich habe diese griechischen Schwüre beibehalten, weil sie unmöglich zu übersetzen waren. Zch kann auch den Leser versichern, daß er nicht viel darunter verliert. Der erste Schwur ist bey dem Apollo, der andere bey der Proscrpina, und die übrigen bey untcrschicdncn italiänischen Städten, die er auf eine lächerliche Art als Gottheiten ansieht, bcv welchen er schworen kann. Die (Äcfangiicn des Plaulus. Hegio. Kömmt er? ^rgasilns, vi^ 7°«v o^ulnu! Hcgio. Ganz gewiß? ErgttslluS. v»i cpj>o^o'tVlt>ucx! Hegio. Aber du - - iLrgasilus. i'ri «^«^^0^! Hegio. Bey was für barbarischen rauhen Städten schwörest du ? iLrgasilns. Sie sind eben so rauh, als deine Speisen, wie du sagtest, seyn sollten. Hegio, Verdammtes Maul! Ergasilus, Du willst mir aber ja nichts glaube», was ich dir doch so umständlich berichte." Hcgio. Nein, sage mir aufrichtig, kann ich dir Glauben zustellen? Ergasilus. Sehr vielen. Hcgio. O ihr unsterblichen Götter, ich bin von neuem gc- bohrcn, wenn es wahr ist was er sagt. iLrgasilns. Und ich glaube, wenn ich die heiligsten Schwüre thäte, würdest du doch noch zweifeln. Doch kurz, Hcgio, wenn du meinen Bcthcurungcn so wenig trauest, so gehe selber zum Hafen. Hcgio. Das soll auch geschehn. Mache unterdessen drinnen die nöthigen Anstalten. Verlange, nimm, fodrc was du willst. Zch mache dich zu meinem Ausgeber. Ergasilus. Wenn ich das Amt nicht reichlich verwalte*", so sollst du das Recht haben mich wacker zu prügeln. ° Hier habe ich drcv Zeilen ausgelassen, weil ich sie nicht so genau zu übersetzen weis, daß meine Leser den Sinn des Plautus daraus begreifen könnten. Hier sind sie: Seil SIAlsximis i»e !>>iiit? Liculu«, nun» Sioulus »n» es>, voius esl, lioiiim tvnl. I.idvrorum csulÄ üi, «re>I<>, »xor cki^I» ekl. Dieses zu verstehen, darf man nur wissen, daß v»i»e oder voi» eine Art von Ketten waren, aber gewisse gallische Völker, Der Scherz in der dritten Zeile aber beruht darauf, daß vow auch ein Weibsbild aus diesem Volke heißen kann. Man mag es selbst versuchen, ob es sich auf eine Art übersetzen laßt, daß diese Anspielungen nicht ganz vcrlohrcn gehen. °° Die Lesart milnliMuslus scheint mir die bequemste zu seyn, so daß mau es von msniisls ableite. i»-i»iisls, spricht Fcsius, esi -»!>lit»me»>um 70 Beyträge j»r Historie und Aufnahme des Theaters. -Hegio. Du sollst ewig cincn aufgedeckten Tisch bey mir finden, wenn du die Wahrheit gesagt hast. Lrgasilns. Wie so? -Hegio. Bey mir, und meinem Sohne. Ergasllus. Versprichst du mir das? -Hegio. Ich vcrsprcch es. Ergasilns. Und ich verspreche dir nochmals, daß du deinen Sohn gewiß im Hafen finden wirst. -Hegio. Besorge alles aufs beste. tLrgasilus. Glück auf den Hinweg und Herweg! Dritter Auftritt. iLrgasllus. Er geht, und hat mir sein gemeines Küchcnwcscn übergeben. O ihr nnstcrblichcn Götter, wie viel Rümpfe sollen die Hälse verlieren! Was für eine Pest soll unter die Schinken, was für ein Sterben unter den Speck gerathen! Was für eine Abnahme soll über den Schmecr, was für eine Niederlage über die Schwcinslcndcn kommen! Wie will ich die Schlächter, wie will ich die Schwcinshändlcr abmatten! Doch, wenn ich alles erzählen wollte, was zur Sättigung des Bauchs gehört, so würde ich mich zu sehr aufhalten. Ich will lieber mein Amt antreten, und dem Specke sein Urtheil sprechen; und will die armen aufgchangncn Schinken los schneiden lassen. Vierter Auftritt. Ein Rnechr des Hegio, Daß du, Ergasilus, mit deinem Bauche, mit allen Schma- rutzcrn, und mit allen, die die Schmarutzcr füttern, verunglücktest! Was für Unfälle, was für Unmäßigkcitcn sind in unser Haus gerathen! Er ist wie ein hungriger Wolf, ich mußte fürchten, er würde auch mich anfallen. Ich hatte es in der That Ursache zu fürchten, so knirschte er mit den Zähnen. Was liiigu» ?'»»'.-», s>uoa Iwmi^ri illilMiir, Er will also sagen: ich will zu dem Fleische, das ich zum Schmause werde abwiegen lassen, nicht wenig zugeben, damit die Gerichte desto großer werden. Ich hab es etwas allgemeiner ausgedruckt. Die Gefangne» des PlautuS. 71 für Unordnung hat er in dem Fleischbchältnisse mit dem Fleische angefangen. Er ergriff das Beil und hackte gleich drey geschlachteten Schweinen die Köpfe ab. Alle Gefäße, alle Töpfe, die nicht zum wenigsten acht Kannen hielten, brach er cntzwcy. Er hätte lieber gar von dem Koche verlangt, daß er die ganzen Flcischtonncn ans Feuer setze. Alle Keller, alle Vorraths- schränkc hat er mit Gewalt aufgebrochen. Haltet ihn ja feste, ihr Knechte, ich muß mit dem Alten deswegen reden. Ich muß ihm sagen, daß er sich nur neuen Vorrath anschaffen soll. Denn wie der cS anfängt, so muß er itzo schon alle seyn, oder wird es bald werden. Fünfter Aufzug. Erster Austritt. Hegio. philopolemus. philokrates. Stalagmus, -Hegio. Ich danke dem Zupitcr und allen Göttern herzlich, daß sie dich deinem Vater wicdcrgcschcnkt haben, daß sie mich aus so vieler Kümmernis; gerissen, die mich i» deiner Abwesenheit beunruhigte, daß sie diesen Böscwicht wieder in unsre Hände geliefert haben, und daß Philokrates sein Wort so redlich gehalten hat. Mein Herz hat sich genug betrübet; Sorgen und Thränen haben mich genug abgemattet. Was du ausgestanden hast, habe ich von dir wcitläuftig in dem Hafen gehört. Es ist vorbey - - Philokrates. Wie nun, Hegio, da ich dir mein Wort gehalten, und deinen Sohn in die Freyheit versetzt habe? Hegio. Du hast so an mir und meinem Sohne gehandelt, daß ich dir es nimmermehr verdanken kann. Philopolemus. Du kannst es einigermaßen, mein Vater, und mir werden vielleicht die Götter Gelegenheit geben, daß ich mich auch unserm Wohlthäter erkenntlich erzeigen kann. Was du aber itzo thun kannst, das hat er um uns verdienet. -Hegio. Ohne so viel Worte! Er verlange nur, ich werde ihm nimmermehr was abschlagen können". ° Der Ausdruck ist hier im Latrinischen sehr artig, ich habe ihn aber »ichl zu erreichen gewußt- U»ß»il »ulw eli, spricht er, iiu-t »e^'m, <>»ic- Pfund verkauft hat. Er schenkte dich mir, weil wir in einem Alter waren, zum eigenthümlichen Knechte. ° Es lautet in dem Originale ein wenig anders, ich mußte abce nothwendig davon abgehen, weil wir im Deutschen kein Wort haben, das zugleich Wiedehopf lind eine Spitzhacke bedeute, wie das lateinische Vinw-l ist. Ich habe dergleichen Abweichungen »och hin und wieder gemacht, ohne sie angemerkt zu haben; denn cs ist meine Absicht nicht, daß man alle Worte des Plautus aus meiner Ucbcrsctzung soll verstehen lerne») ich habe sie bloß gemacht, damit dic komische» Schönhcitcn desselben mtter uns ein wenig bekannter würden. 76 Beyträge zur Historie und Aiifii.chiiie des Theaters. Wir haben diesen Dieb aus Elis wieder zurück gebracht, und er hat alles gestanden. Tynd, Aber wie ists mit seinem Sohne geworden ? Philok. Gehe herein, so wirst du deinen leiblichen Bruder finden. T>->,d. Was? So hast du ihn mitgebracht? Philok. Ja, ja, drinnen ist er. TynL>> O wie wohl hast du gethan! Philok. Dieser ist numchr dein Vater, und dieser dein Dieb, der dich ihm als ein Kind gestohlen hat. T>'nv, Dafür will ich ihn nun erwachsen züchtigen lassen. Philor' Er hat es verdient! C)'"d. Er soll seinen verdienten Lohn schon bekommen. Aber Hcgio, so bist du mein Vater? Hegio. Za, ich bin es, mein Sohn. T)'ni>. Nun besinne ich mich auch, wenn ich nachdenke. Es ist mir, als ob ich wie im Traume einmal gehört hätte, daß mein Vater Hcgio heiße. Hcgio. Und ich eben bin es. Philor'. Nun so mache doch Hcgio, daß ihm die Fessel abgenommen, und dicscm angelegt werden. Hegio. Za, das soll auch das erste seyn. Kommt, laßt uns herein gchcn. Der Schmid soll dcn Augenblick da seyn, dich von den Banden zu bcfrcyen, die dein Räuber bekommen soll. Slalagin. Du thust sehr wohl; ich habe so nichts eigenthümliches. Der Schlußrcdncr. Dieses Lustspiel, ihr Zuschauer, ist für züchtige Sitten gemacht. Es kommen keine Licbsstrciche, keine Unterschiebung von Kindern, keine Gcldschncidcrcycn darinnen vor. Kein verliebter Jüngling bcfrcyct darinnen eine Hure wider Wissen seines Vaters. Dergleichen Spiele, worinnc die Guten besser werden können, erfinden wenige Dichter. Hat es euch gefallen, und sind wir euch nicht zur Last gewesen, so gebet das gewöhnliche Zeichen; und ein jeder, der von euch gute Sitten liebet, klatsche! Critik libcr die vcf.uigncii des Plmitns, 77 Critik über die Gefangnen des Plautus. Gleich als ich im Begriff war dic meinem Leser versprochene und mir sehr angenehme Arbeit zu unternehmen, nämlich mich über dic Schönheiten des Plautus mit ihm etwas umständlich zu besprechen; so erhalte ich von einem Freunde unserer Arbeit einen Brief, dessen Inhalt mit meinem Vorhaben allzuviel Verwandtschaft hat, als daß ich ihn nicht mit Vergnügen bekannt machen sollte. Er ist zwar mehr wider als für mich. Doch daraus mag man schließen, was ich für ein Vertrauen zu meiner gerechten Sache und zu der Billigkeit meines Gegners habe. Der ganze Inhalt bezieht sich auf drey Stücke. Erstlich macht er überhaupt über unser Vorhaben einige Anmerkungen. Zum andern beurtheilet er meine Ucbcrsctzung des plautischcn Lustspiels. Endlich tadelt er den Plautus selbst. Was dic ersten zwey Stücke angeht, darauf werde ich ihm in beygefügten kurzen Anmerkungen antworten. Das letzte ist das wichtigste, und verdienet also eine besondre Antwort. Mein Gegner zeigt überall eine wohlangcbrachtc Bclcsenhcit, welche ich, wie seine Einsicht in dic Rcgcln der dramatischen Dichtkunst, nicht wenig loben wurde, wenn er nicht mein Gegner wäre. Denn seine Gegner zu loben ist eine sehr kützlichc Sache. Alles Gute, das man ihnen bcylcgt, entzieht man sich, und - - Doch ohne läugre Vorrede, hier ist der Brief. Mein Herr, Ich bin einer von denen, die Ihnen sehr verbunden sind, daß Sie zur Aufnahme des TKeatcrs, durch eine der artigsten Monatsschriften unserer Zeit, den guten Geschmack uns die Aicbe zu den werden des Vviycs ausbreiten wollen. Ich habe von Jugend auf ein großes Vergnügen an der dramatischen Dichtkunst gefunden, und wenn mich die Natur einen Dichter hätte lassen gcbohrcn werden, so würde ich vielleicht in keiner andcrn als dieser Art der Dichtkunst meine Kräfte versucht haben. Was Wunder also, daß Ihre Monatsschrift meinen Beyfall erhalten hat? 78 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. Die Vorrede Ihres ersten Stücks hat mich in eine Verwunderung gesetzt, welche dem Erstaunen sehr nahe war. Ich sahe die fast nncndlichc Reihe von Dingen, welche alle zu erreichen Sie sich vorgesetzt, und welche alle zu erfüllen Sie sich anheischig gemacht hatten. So gleich aber siel mir ein: sollte wohl alles dieses so leicht seyn, als man es sich einbildet? nnd wird nicht dieses schöne Vorhaben vielleicht ein bloßer schöner Vorsatz bleiben? Nicht, daß ich an Ihren Kräften zweifelte; nein, ich versprach mir vielmehr viel davon. Der Geist, den man in Ihrer Vorrede wahrnimmt, zeiget von Ihrer Starke in Dingen dieser Art- Allein ich hatte an einem andern Orte gelesen, daß eine Gesellschaft, die wie die Ihrige ist, und beynahe ein gleiches Absehen gehabt hat, gestehen müssen, daß sie nicht eher begriffen habe, wie schwer es sey, in Dingen dieser Art etwas mehr als trockne Namen anzuführen, als bis sie Hand an das Werk gelegt. Die Gedanken hierüber sind so schön, daß ich mich nicht enthalten kann solche hier anzuführen. Sie befinden sich in der Vorrede des ersten Theils der Uistoiro „6u llioatro traneois llopuis son oriAine ^U8ljun, ^rvsent eto. „Amsterdam, 1735, 8. „II ott ir une muraille pronnont la placo „ui nrrivo ü eenx , 8. Critik über die Gefangne» des Pl.nitns. 81 Dieses kleine Werk ist gewiß eines der vortrefflichsten in seiner Art, und enthält so vieles, so zu Ihrem Vorhaben dient, daß ich hoffen darf, Sie werden wenigstens einer Übersetzung'') des 7 und 8tcn Hauptst., darinne von der theatralischen Deklamation lind dem Singen eines Schauspielers gehandelt wird, einmal einen Platz in ihren Beytragen vergönnen. Sie verdienen es so wohl als die Abhandlungen des Corneille, und vielleicht ist der Nutzen davon allgemeiner. Es scheint übrigens nicht, als habe der Verfasser der deutschen Dichtkunst dieses Buch gesehen, wenn er da, wo von dem Vortrage und der Aussprache der spielenden Personen gehandelt wird, verschiedene Schriftsteller anführt, die meines ErachtcnS lange nicht so ausführlich davon gehandelt haben, als dieser. Doch ich entferne mich allzuweit von meinem Zwecke und komme eilends zu dem Plautus, den Sie sich zu Ihrem Helden erwählt haben; worinnc Sie so glücklich gewählt, als eine Datier und ein Limicrs, obschon Horaz gesagt: Daß seiner Väter Mund des Plautus Scherz und Kunst Im Lustspiel sehr gelobt, allein aus blinder Gunst. G, Zhrc Ausdrücke aber, deren Sie sich bedienen, so oft Sie Ihres Dichters gedenken, sagen deutlich genug, daß Sie sich vorgenommen haben, ihn nur zu loben. Ihrem angenommenen Satze selbst: rvider die Gewohnheit der Runstrichter mehr zu loben als zu radeln, ist dieses vollkommen gemäß. Verzeihen Sie cS also meiner Gemüthsart, welche zum Unglücke keine einzige von den Eigenschaften hat, die einen Lobrcdncr ausmachen. Ich werde den Plautus nur tadeln. So wenig es aber vernünftig seyn würde, wenn man sagte, Sie behaupteten, daß Plautus ganz ohne alle Fehler, und alles an ihm lobcns- würdig sey: eben so unbillig wäre es, wenn man mir Schuld >>) Wir werden ehestens zeigen, daß wir guten Nach anznncl'mcn wisse». Gleichwohl scheinet mir auch dieser Schriftsteller von der theatralischen Deklamation nicht zureichend gehandelt zu haden. Das beste, was ich mich über diese Maleric jemals entsinne gelesen zu haben, ist das schöne ilalicnischc Gedicht des Herrn Ricoboni von der Kunst zu cigircn; vornehmlich abcr das ganz neue Werk: I« Oinellis». LestmgS Werke lll> K 82 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. geben wollte, als wenn ich alles an Zhrcm Dichter für tadcl- haftc Mängel hielte. Sie haben in dem ersten Stucke Ihrer Beyträge versprochen, in einer eignen Abhandlung von Sem Vortrefflichen sowohl als Vem (Laöelhaftcn in den Schauspielen des plamus zn handeln; und ich habe mit Verlangen diese Abhandlung erwartet. Da ich aber sahe, daß Sie in dem zweyten Stücke Ihr Wort halb zurück genommen und uns nur die Hoffnung gemacht, die Schönheiten Ihres Dichters im dritten Stücke zn entwickeln, so habe ich gcmuthmaßt, daß es Ihnen vielleicht leid geworden"), an Ihrem Helden Fehler zu entdecken. Vergönnen Sie mir also, daß ich diesen zweyten Theil Ihres Versprechens ergänze, und nehmen Sie diese Critik so gütig auf, als ich mit Wahrheit versichern kann, daß sie aus keiner andern Absicht geschrieben ist, als nur zu zeigen, wie viel dazu gehöre, ein vollkommen dramatisches Gedicht zu machen, und wie groß die Ncrwcgenhcit derer seyn müsse, die heut zu Tage dergleichen in 24 Stunden zu verfertigen für nichts unmögliches halten. Wenn Meister in der Kunst, ein Plautus und Tcrcnz fehlen, dürft ihr Lehrlinge denn schon trotzen? Dem Ruhme des Plautus wird indeß mein Tadel keinen Abbruch thun; so gewiß als Sophokles dennoch ein großer Dichter ist, obschon sein OcdipuS, den Aristoteles zum Muster der Tragödie vorschreibt, nicht ohne Fehler ist. Plmitus ist allerdings ein c) Wie aber, wenn sie falsch gcmnthmaßr hatten? Ich glaube nimmcr- mchr, das; man die Schönheiten eines Schriftstellers in ihr gehöriges Licht setzen könne, ohne zugleich das, was an ihm anstößig zu seyn scheinet, anzuführen, dabev aber so viel wie möglich zu entschuldigen. Diesen letzten Punkt mns; man besonders bey den alten Dichtern beobachten: denn theils waren die Fehler, die man ihnen hin und wieder vorwerfen kann, zu ihren Zeiten keine Fehler; theils aber waren sie selbst von einem viel zn erhabnen Geiste, als das; sich ihre Sorgfalt zu den Kleinigkeiten hätte können hernieder lassen, welche unsre Knnstrichler alsobald in Harnisch bringen. Ich habe allezeit geglaubt, daß Plautus gewisse Fehler habe; allein diese Fehler sind von mir niemals für was anders gehalten worden, als für eine Sommersprosse auf einem sonst vollkommen schöncn Gesichte. Ich würde sie bemerkt haben, ohne sie zu tadeln und ohne sie zn lieben. ?n dem ersten bin ich nicht verwegen und zu dem andern nicht blind genug. Kritik iibcr die Scf.uigncii dcS Pl.iutus. 83 großer Geist, dessen Scharfsinnigkeit unsre Bcwundrung verdient. Die alrcn Römer, sagen Sie, schätzten ihn zweier Stücke wegen sehr hoch; rvegen seiner Schreibart und seiner Scherze: beyves sey unverbesserlich. Racine hingegen ist der Meynung, daß alle diese Lobeserhebungen aus einem andern Grunde entsprungen sind. Er sagt in der Vorrede des Trauerspiels Bcrcnicc: „I^,es ^!>rt!tÄ»s clo 'I'ei'onco, c/ui lelovont rnoc ..rait'on au llel'l'us tlo tvus los ^ootos cnniiinies ^>»ur I/olc-Aanc» .. rt cle ilos /'ujots. IZt ..o'eK s»ns «luvt« cotto tininlieitö morvoilloufe sjui » itttiro „plitute tontes los louanZes <^uo los :r»eiI) Es ist unwidcrsprechlich, daß Plautus wegen der Einheit seiner Handlungen ganz besonders zu loben ist; daß aber die Alten vornclnnlich aus die zwey von mir angcsül'rtcn Stücke gesellen l'abcn, beweiset die Stelle aus dem 29 Hanptst, des 1 Buchs von den Pflichten, und das Urtheil des Lucius Aclius Stilo; welches ich bcvdcs in der Abhandlung von d. L. und W. des 5plautus cmgcsiiin't habe, 6* 84 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters- Plautus haben Sie uns hinlängliche Nachricht ertheilet; da Sie aber von allen Übersetzungen so wcitläuftig gehandelt, so wundert mich, warum Sie der vortrefflichen Übersetzung des Eostc nicht mit mchrcrm gedacht, und sie nur mit dem kurzen und guten Ruhme, Sie Arbeit se>- glücklich gerathen, abgefertiget haben. Ich bin daher auf den Argwohn gekommen^), daß Sie vielleicht diese Übersetzung nicht selbst gesehen haben. Sie ist unter dem Titel: les Laptit«, Lomväio äo pl-nito, traelwtv er» i'r-ui^oi« lnoe tlos romarttuos psr Ntr. Lotto, in Amsterdam 1746 8vc> herausgekommen. Der lateinische Text ist zur Seite bcygcdruckt, und die Anmerkungen enthalten lauter artige und lehrreiche Gedanken, die zu dem Verstände des Gedichts nöthig waren, und die Ihnen vielleicht würden haben nutzen können, wenn Sie das Buch bey der Hand gehabt hätten. Man sieht aus vcrschicdncn Stellen, daß Herr Eostc eine zweyte Ausgabe mit verschiedenen Verbesserungen davon zu liefern Vorhabens gewesen ist, so aber meines Wissens unerfüllt geblieben. Dieser Ihr Vorgänger hat sich bemüht in einer sehr wohl- geschriebiicii Vorrede zu erweisen, daß dieses Lustspiel nach allen Regeln des Theaters sey. Seine Gedanken hiervon sind sehr schön. „Dieses Stück, sagt er, scheint mir vollkommen rcgcl- „mäßig - - - Die Einheit der Handlung fällt in die Augen „- - Die Entdeckung der Bctrügercy des Tyndars fließt sehr „natürlich aus dem innersten Stoffe, und dieser Zwischcnfall, „welches der einzige im ganzen Stücke ist, macht den Knoten „durchgängig auS - - Die Wiederkunft des Philokrctt löset ihn „sehr ungezwungen. Aus einem so einfachen Stoffe, worinnc e) Es ist wahr; besonders gedruckt war mir diese Ucbcrsetzuug damals noch nicht vorgekommen, ich kannte sie aber aus Limicrs Ucbersetzung, wo sie von Wort zu Wort eingerückt ist. Doch auch diese, die Wahrheit zu gestehen, hatte ich nicht bet? der Hand; welches mir in so weit ganz lieb ist, weil ich mich vielleicht durch sein Beyspiel zn einigen Fehlern, die ich hernach bemerken will, hätte können verleiten lassen. Ucbeigcns hat doch der Verfasser dieses Briefes eingesehen, daß mcinc Absicht gar nicht gewesen, alle Ausgaben des iPlautus anzuführen; sonst würde es ihm weit leichter, als einen, von meinen Bekannten, geworden seyn, noch ein halb Dutzend von mir übergangncr Ausgaben, ich weis nicht aus was für Katalogen zusammen zu stoppeln und gnädigst niitzutbeileu. Kritik über dic (befangnen des Plaulus, 85 „cin mäßiger Geist kaum Matcric zu zwey oder drey Anfingen „wnrdc gcfnndcn haben, hat PlantnS durch seine Kunst cin „Stück von fünf ganz vollständigen Anfingen zu machen ge- „wußt - - Dic Einheit des Orts ist eben so genau als dic „Einheit der Handlungen darinnc beobachtet. Alles geht ganz „natürlich bey dem Hausc des Hcgio vor - - WaS dic Dauer „der Handlnng anbelangt, so hat sie Plautus gleichfalls mit „viclcr Sorgfalt bcmcrkt. Sie fängt sich des Morgens an, und „schließt sich noch vor dem Abcndcsscn, so daß acht odcr anfs „höchste neun Stunden dazu crfodcrt wc.dcn." Alles dieses wcrdc ich bcantwortcn, und das Gegentheil darthun, wcnn ich vorher einige kleine Erinncrnngen werde gemacht haben, dic sich nirgends bcffcr als hicr anbringen lassen. Wenn Sie an des Limicrs Ucbcrsctzung des Plantns seine Gcschicklichkcit rühmcn, mit wclchcr cr dic anstößigcn Stcllcn übcrsctzt, so vcrdicnt Eostc cbcn dicses Lob; denn in seiner Ucbcr- sctzung sindcn Sic cbcn dicsc Bchntsamkcit angcwcndet, so daß cr sclbcr sagt: I» s-rvour v t'orois o» ,,!oco: ^«t^t>»- ?ttchalicn. ES wird ilnn abcr mehr als u> wobl bekannt scvn, daß nnS vc» dicsc» kri» I 86 Beytrüge zur Historie und Aufnahme des Theaters. wie Sie ihn nennen, so müßten alle Komödienschrcibcr seine Schüler seyn, welches doch schwerlich wird können erwiesen werden. Ihre Mcynnng wird vielleicht nicht so allgemein seyn, als dieser Ausdruck es zu behaupten scheint. Hat gleich Tcrcnz und Molicrc ihn zuweilen nachgeahmt, wie viel hat jener nicht auch von andern, absonderlich den Griechen, gcnommcn und gelernt? Da ich in dcm erste» Stücke Ihrer Beytrage las, daß Sie der Meynung waren, daß Sie Gefangnen des Plautus gewiß das vortrefflichste Stück' waren, welches jemals auf das Theater gekommen, und ich dieses nochmals in dcm zweyten Stücke wiederholt sahe; ich aber bey Durchlcsung des Originals und der UcbcrsciZung des Herrn Costc vcrschicdnes Unwahrscheinliches und Ungereimtes darinnc wahrgenommen hatte: so schien cs mir, als wäre ich anitzo aufgcfodcrt, meine Meynung, daß dieses Stück kein Meisterstück sey, zu beweisen, oder zu ändern. Hieraus nun sind diese Gcdankcn entstanden. Ich erwähle Sie selbst zu meinem Richter. Mit Vergnügen will ich meinem Irrthume absagen, wenn Sie zeigen werden, daß das, so ich an diesem Stücke tadle, nicht tadclnswürdig sey, und daß das Stück selbst dennoch wirklich schön und regelmäßig bleibe, und folglich für ein vollkommncs Muster eines dramatische» Gedichts müsse angesehen werden. Hätten Sie nur gesagt, daß die Gefangnen das schönste Lustspiel unter alle» Lustspielen des Plautus, und daß dieses die Ursache wäre, warum Sie eben dieses zu übersetzen sich die Mühe gegeben; so hätte man Ihnen nichts anhaben könne». Demi warum Sie sonst dieses Stück gewählt, weis ich nicht. Es scheint ihrem Vorhaben zuwider zu seyn, nach welchem einziger in ganzen Stücken übrig geblieben ist, als Aristophancs. Und anch dieser ist einen ganz andern Weg in den Schauspielen gegangen, als wir heut zu Tage zu gehen Pflegen; so das; wir ihn uns nur in sehr wenig Sachen zum Muster vorstellen tonnen. Wer ist aber nach ihm der älteste Komödienschrcibcr? Unter denen, die uns übrig geblieben sind, gewiß kein anderer als Plautus, Alle aber, die nach ihm gekommen, haben sich eine Ehre daraus gemacht, zu bekennen, daß sie in ihren vornehmsten Stucken den Plautus zu ihrem Vorgänger erwählt. Doch muß ich erinnern, daß ich unter diesen allen nur diejenigen verstehe, die cs werth sind Schüler des Plautus gencunl zu werden. Critik über die Ecf.ingiicii des PlaittuS, 87 Sic versprochen, zu Ihren Uebcrsciznngen allezeit ein solches Stück zu wählen, welches von neuern Poeten nachgeahmet worden, oder von dessen Inhalte wenigstens ein ähnliches neues Stück zu finden sey. Wer hat denn die Gefangnen des Plautus nachgeahmt? Ich weis keine». Doch es kann seyn, daß vielleicht meine Unwissenheit daran schuld ist, und darum würden Sic mir und andern einen großen Gefallen erzeiget haben, wenn Sic uns solches gesagt hätten, dcnn so hatten wir es hernach auch gewußt, s) Des Turnebus Urtheil, so Sic anführcn, gilt hicr nicht vicl. Dcnn obschon dicscr Mann scinc großcn Verdienste, wcgcn seiner erstaunlichen Gelehrsamkeit, hat; so weis man doch, wie heftig dic Gelehrten des 16 Jahrhunderts dic altcn Schriftsteller vertheidigten, und dieses mit weit größrcr Gelehrsamkeit als Scharfsinnigkcit. Absonderlich aber weis man, daß sie in Sachen des Witzes nur schlechte Ritter waren. Weil Sic also ihrcn Lcscrn die Freyheit gelassen haben selbst zu urtheilen, so bediene ich mich derselben, doch unterwerfe ich mich gänzlich Zhrcr Beurtheilung. Dicscr freundschaftliche Streit wird vielleicht einem Dritten nützlich seyn. Der Streit ist bekannt, den der Abt Hcdclin mit dem Mcnagc wcgcn cincs Lust- spicls dcs Tcrcntius gehabt hat. Wie vicl schöne Anmcrkungcn haben sie nicht dabc» gemacht, dic ihrcn Nachfolgern alle genutzt, nnd uns vieles gelehrt habe», wofür wir ihnen Dank sage» müssen, Sic würdc» abcr nnscrcr Ncrchrung noch mchr würdig scvn, wen» sie sich nicht durch etliche niederträchtige Aus- drückinige» und ihre lächerliche Hitze um einen Theil der Hochachtung, dic man ihrcn Verdiensten schuldig ist, gebracht hätten. Anfangs werde ich nur mchrcnthcils mit dem Herrn Costc Ich habe glaubt, es stehe mir frcv, von dcn Regeln, dic ich mir selbst gemacht, gleich das erstemal abzugeben; zumal da ich sc> wichtige Ur- sachc vor mir sahe. Es ist wahr, ich weis selbst leine Nachahmung dieses Stucks; allein eben deswegen, weil es von einer so besondern Einrichtung ist, das; ich glaube, es zeige uns eine ganz neue Art von Lustspielen, an dic sich dic neuern Dichter aus keine Weise gewagt; eben deswegen, sage ich, l'abc ich mir geschmeichelt, der Leser würde mir es Dank wissen, daß ich mich nicht so gar genau an mein Wort gefallen hätte. 88 Beyträge zur Historie lind Aufnahme des Theaters. allein zu thun haben, und das Gegentheil dessen erweisen, was cr in seiner Vorrede behauptet. Dieses geht Ihnen auch an, in so fern Sie dieses Stück für vollkommen halten; und wenn cs mir gelingt zu erweisen, daß cs nicht so regelmäßig ist, als Herr Costc behauptet, daß cs im Gegentheil Unmöglichkeiten enthalt, und daß cs hin und wieder ohne Ucbcrlcgung gemacht ist: so habc ich zulänglich das Gegentheil Ihres Satzes crwic- scn, daß cs Vas schönere Stück sc)', so jemals «nf vas Theater gekommen. Dieses setze ich aber, nach den Regeln der dramatischen Dichtkunst, voraus, daß ein volllommncs Gedicht dieser Art nicht nur voll sinnreicher Gedanken, artiger Einfälle, angcnch- mcr Scherze, künstlicher Verwickelung, und natürlicher Auflösung des Knotens der Haupthandlung seyn müsse; sondern daß cs absonderlich müsse wahrscheinlich seyn, und der Zuschauer nicht alle Augenblicke durch die großen Sprünge des Dichters mcrkc, daß man ihm cine ohnmöglichc Fabel vorplaudert. „^lilmais au t^ootatour il'ollres rion <1'!nei'oiaI»Io; „ILsnrit n'el't po'mt omü clo sui^i! no crolt pcis, sagt Voilcau in seiner Dichtkunst. - - Ich habe also itzt zu erweisen, was ich in dcn Gcfangncn des Plautus für unanständig und unwahrscheinlich halte; was ich wider die Einheit der Handlung und wider die Dauer derselben zu sagen habe. Vorher aber muß ich noch erinnern, daß in dieser Komödie so wie wir sie anitzo lesen, viel unrichtige Abtheilungen der Auszüge und Auftritte befindlich, welche das Ungereimte dar- innc vermehren. Allein dieses lege ich dem Plautus nicht zur Last, sondern scincn Scholiastcn und Abschrcibcrn. Die Ursache davon hat mir Mcnagc in seinem Viscours tur l'oroncv p> 216 gelehrt: Kous vo^ons <1a»s loronco clos Icones et tlos setos mal «Ziviles, l^a oauto (lo eotto conlution oK - - tjiio Ivs »ncions poetos Arees et latlns n'ont lait'se euieune marlnio tlo «es lliKInotions, non pas meme 8oiie«^io Iv clcrnier clos Bootes iZiam-ltllnios anclens. Dergleichen unrichtige Abtheilung befindet sich im 2 Auszüge, welcher in 3 Auftritte abgetheilet ist, da cr doch nur zwey habcn solltc. Diesen Irrthum haben Sie bcrcits Critik über die Gefangnen des PlanttiS, 89 in ihrer Ucbcrsctzung angemerkt, darum halte ich mich nicht dabey aus, und würde ihn ganz mit Stillschweigen Übergängen haben, wenn ich nicht dabey anmerken wollen, daß PlautuS selbst viel Schuld an diesem Irrthume scr>, und vielleicht nicht besser würde abgetheilet haben. ES ist gewiß, daß in dem andern Auftritte Philokratcs auf dem Theater ist, und daß, wenn man auch sagte, er habe so weit davon gestanden, daß er nicht hören können, was sie gesprochen, er sie doch hat sehen können. Mithin ist das v'ni' vocom aä to? des Hcgio, und des Tyndars Antwort voe» ungereimt. Hcgio selbst ruft ihn auch nicht einmal, sondern, inzwischen daß er acht Worte spricht, nähert er sich ihm und sagt: vult to »ovus Iiorn« oporam cl-uo etc. Hier ist also keine Ncrändcrung vorgegangen, also geht auch kein neuer Auftritt an. Selbst die Aufschriften dieser beyden Auftritte zeigen, daß in der einen eben die Personen sind, die in der andern waren: obschon dieses noch zu merken, daß außer diesen drey Personen noch andre Knechte müssen auf der Bühne gewesen seyn, welche Hcgio zu Anfange des zweyten Auftritts fragen könncn: ud! lunt itti enios ante »ode« iuM jiio) Warum dicscs ungcrcimt sryn solltc, kaun ich nicht cinschcn. Hcgio hatte den Philokrat vorher mit Flciß bcy Scitc gcsührt, damit er dc» Tvn- dar insbesondere vornchmcu konnte. Wahrschcinlichcr Wcisc mußte cr ihn so wcit wcggcführt haben, daß cr mich dcm Tvndar kcincn Wink odcr ein an- dcr Zcichcn gcbcn konncn. Dcnn dicscs zu bcrhindcrn war eben dic Ursachc, warum cr ihn wegführte. Da cr sich nun hcrnach genugsam mit dcm Tyndar besprochen halte, und sic übcr die Art, wie cr und scin Sohn frcy tonne gemacht wcrdcn, einig gcwordcn warm: was war natürlichcr, als daß Hcgio sagte- Soll ich ihn also her rufen? damit du ihm sagen kannst, wie er sich in Eliö zu verhalten hat? Rufe ihn, antwortet Tvn- darns. Was ist aber dcm Plautus daraus für ein Verbrechen zu machen, daß nunmehr Hcgio dcn Philokrat nicht ruft, sondern gar herholt? 90 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. der Antwort zuvorkömmt, ist ein Kunststück des Dichters, davon die Absicht einem jeden in die Augen fallt.') Eben so ist auch der dritte Aufzug in 6 Auftritte abgetheilt, da es nur viere sey» müssen. Denn die beyden letzte» Auftritte machen nicht mehr als einen aus. Hcgio ruft am Ende des vierten Auftritts seine Knechte, sie kommen, und er befiehlt ihnen den Tyndar zu fesseln. So ist zwar alles natürlich, und es geht allerdings ein neuer Austritt an, da die Knechte auf den Schauplatz kommen; und so haben Sie in Ihrer Ucbcr- sctzung durch eine geschickte Ordnung dieser Schwierigkeit abgeholfen. Allein in dem Originale sieht es ganz anders aus. Da ist alles in Unordnung. Hcgio steht in dem vierten Auftritte vor der Thüre, und ruft seine Knechte. Diese sind entweder im Hause, oder sie sind mit ihrem Herrn vor der Thüre. Man mag wählen, welches man will, so findet man Schwierigkeiten. HoZ. v. 124. Ilic >i« llu.1»! volo ex-luiN vüi o noch in seinem Hause, oder doch gleich vor der Thüre, das Gesicht gcgeu sei» Haus gckchret, sagt. Als er sich aber völlig umwendet, und die beyde» Gefangne», die er lmllc hcraussüyrcu lasse», »icht gleich gewahr ward, weil sie, wie aus dem erste» Austritte erhellt, etwas bey Seile gegangen waren; so mußte er frcvlich wohl fragen, wo sie wären? Das ex iiiü kann also ganz wohl auf den Philokrat und Tvndarus gehen. Freylich wen» es hieße «x lu«, ^»o« /t-c ^/?a?e vic/eo, alsdann würde die darauf folgende Frage »»gereimt sey». Allein Plautus will sage» «X Iii», ^»0» an/e »ec/«5 /oi'as, Ucbrigcns will ick gar nicht leugne», daß noch außer dem Hcgio, Philotrat und Tyndar, noch Knechte auf dem Theater müssen gewesen scv». In dem vorhergehende» Austritte führt ja Plaulus die i.or->iio5 redend ein; daß sie aber im Anfange dcs andern Austritts sollten abgegangen scvn, davon findet sich kenic Spur, wohl aber vo» dem Gegentheile. Denn zu wem hätte Hcgio zu Ende dieses Austrittes sonst sage» können: Svtv'uv i^ium nuuc 'mm <-i<:> Critik über die Gefangnen des Plautus. ü> Die Kucchtc antworten: IXum Ilgnatiim mittlmur? Und damit soll sich der vierte Auftritt endigen. Hcgio aber fährt fort in der fünften Scene zu seinen Knechten zu reden: Ililioito Iiuie m-micas ote. Das ito il'tino zeiget an, daß die Knechte schon vor der Thüre sind, und Hcgio zu ihnen sagt: geht hin und holet die Stricke. Es müßte aber alsdcnn wohl ssseito lora heißen, wenn ich das e//ö, i« /m-tt nicht durch bringet heraus übcrsctzcn kann. Hcgio hat das Wort kaum ausgcrcdt, so sind dic Strickc schon da, und er befiehlt den Tyndar zu fcsscln. Zch gcstchc gern, daß mir dieses unbegreiflich bleibt. Denn daß ito ittino, kommet heraus heißen könne, kann ich mir nicht überreden.'') Der vierte Auszug besteht ans vier Scenen und sollte nur drcyc haben; denn dic vierte muß dic crstc dcs letzten Auszuges seyn. Zch wundrc mich, daß Ihnen dieser große Irrthum nicht bey dem Ucbcrsctzcn in die Augcn gefallen ist. Nachdem Hcgio den Ergasilus in dem zweyten Auftritte zu seinem Haushofmeister gemacht, und dieser in dem dritten Auftritte den schönen Vorsatz saßt, dic größte Niederlage unter dem Vorrathc anzurichten, so geht er ab alle diese große Dinge zu bewerkstelligen. Hier nun sollte sich der Aufzug enden, damit Ergasilus in der Zeit, die der Raum zwischen dem vierten und fünften Auszüge dem Dichter giebt, wirklich alles ausrichten, und alsdann der Knecht, in dem ersten Auftritte des fünften Auszuges, dic Erzählung k) Zch glaube diesen Ort nicht so wohl verbessert, als nur richtig übersetzt zu haben. Freylich heißt Uu !«iiune nicht eigentlich kommet heraus, sondern es heißt kommet von dort hierher, und nicht gehet von hier dorthin, wie es heißen müßte, wenn es Herr Costc durch -liwK richlig sollte übersetzt haben. Eine einzige Stelle, die ich ans dem 57 Briefe dcs ersten Buchs der Briefe Ciceroni- anführen will, wird zeigen, daß i«lu>c allerdings dic Bedeutung bat, die ich ihm bcvlcgc! s>us»cni»m, spricht er, I!<:uiN, ml niMI rntiiaiulea» etx. Man darf sich also nur vorstelle», Hcgio habe scinc Kucchtc untcr der Hans- thürc stehe» schcn, und alsdann ist das ite isN-ie -m,»« l-sssrw lor» sehr deutlich. Daß abcr dic Knechte schon solltcn ans dem Theater gewesen seyn, ist gar nicht wahrschcinlich, Wcnn sie da gewesen wären, so halten sie ja nothwendig boren müssen, was vorgegangen, und hätten gewußt, wozu sie dic Strickc herausbringen solltcn, so daß alsdann ihre Frage: »um Ugnit- tu», »liuimul ? sehr abgeschmackt gewesen wäre. 92 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. davon machen könne. So aber ist Ergasilus noch nicht einmal von dem Theater herunter, so kömmt der Knecht schon gelaufen, und erzählt was jener für Unheil im Hause angerichtet und wie cr alle Vorratskammern durchwühlet habe. Wann, fragt hier jeder Zuschauer, hat cr denn alles das gethan? Man läßt ihm ja keine Zeit darzu. Ich sehe ihn ja erst vor meinen Augen weggehen. Und siehe, der Zuschauer spuret handgreiflich, daß ihn der Dichter betrügt.') Dieses sey von der unrichtigen Abtheilung der Aufzüge und Auftritte genug. Ich komme auf das, was ich wider die Einheit der Handlung in den Gefangnen zu sagen habe. Die Handlung ist allerdings einfach, so wie sie Herr Eoste in seiner Aorrcdc zergliedert. Allein in seinem Entwürfe sagt cr nichts von der Pcrson des Tyndars, daß cr cin Sohn des Hcgio sey, noch daß cr seinem Vater vor vielen Jahren entführet worden, und nunmehr, ohne cs zu wissen, in seines Vaters Hause sich befinde. Man wird mir sagen, dieses sey nur eine Episode, die nicht zur Haupthandlung gehöre. Allein die Episoden sollen ja nach dcn Rcgcln dcr Dichtkunst so genau mit der Haupt- bandlung verbunden seyn, daß diese ohne jene unvotlkommcn seyn würde; ohne welche Bedingung die Episoden als besondere Handlungen können angesehen werden; so wie in dcr That auch in dicscm Lustspiclc dic Handlung durch die Episode verdoppelt wird. Denn würde dic Handlung dieses Gedichts nicht eben so vollkommen gewesen seyn, wenn auch diese Episode nicht darzu gekommen, wenn auch in der Person des Tyndars Hcgions Sohn nicht vcrborgcn wärc? Was trägt denn dieser Umstand zu dem Knoten oder zur Auflösung desselben bey? Er würde ganz fremde in dieser Handlung seyn, wenn nicht dcr Dichter die Zuschauer l) In dicscm Stucke hat mcin Gcgncr vollkomiucn Nccht; ich bittc ilm nur, daß cr dic Schuld nicht auf dcn ^plantus, sondcrn auf scinc Adschrci- vcr, und iizo auf mich, als scinc» Ucdcrsctzcr, lcgcn wolle. Was mich abcr abgchaltcn hat dicse falsche Slbthcilung anzumerken, ist, daß wen» man dic lctztc Sccnc dcs vicrtcn Aufzugs zu der ersten dcs snnftcn macht, sie gar tcinc Verbindung mit dcn übrigcn bcrommr. Dcr Knccht läuft auf dcr cincn Scilc fort, scincn Herrn zu snchcn, und auf dcr andcr» Seite kömmt cr olnic daß cr ihn gcwahr wird. Dicse klcinc Unwahrschcinlichkcit war also Schuld, daß mir cinc weit größrc cntwischlc. Kritik nbcr die Gefangne» des Minttis, !>3 durch den Vorredner hätte warnen lasse», daß einer von diesen Gefangnen des alten Hcgio Sohn sey, ohne daß es einer von ihnen beyden wisse. Hierdurch hat freylich der Dichter mit großer Kunst die Auflösung des Knotens zubereiten wollen, und die Zuschauer desto aufmerksamer auf alles gemacht, was dem Ty»- dar widerfährt. Allein es ist die Frage, ob der Prolog der alten Komödien kann als ein nothwendiges Theil derselben angesehen werden, und ob es nicht der Ncrnunft gemäßer ist, solchen für etwas ganz fremdes und nicht damit verbundenes anzusehen ? Ich kann mich hierüber dicßmal nicht wcitläuftig erklären. Hicrinne bin ich aber ihrer Meynung, daß dieser Prolog sehr angenehm sef. Die alten Dichter hatten einen großen Vortheil bey dieser Erfindung die Zuschauer von dem Inhalte ihres Stücks zu unterrichtenz allein daß man hernach diese Weise abgeschafft hat, ist gewiß aus keiner andern Ursache geschehen, als weil sie etwas sehr unnatürliches an sich haben. Mehr werde ich wider die Einheit der Handlung in diesem Stücke nicht sagen. Wenn ich nicht erwiesen, daß sie doppelt ist, so glaube ich doch wenigstens erwiesen zu haben, daß man an der Einheit derselben zu zweifeln Ursache hat. Was ich nun in diesem Stücke für unanständig halte, ist erstlich die Person des Schmarutzcrs. Der Charakter dieses Kerls ist vollkommen ausgedrückt, und man erkennt an diesem Bilde einen großen Mahler. Allein daß uns diese Person heut zu Tage etwas fremde, unwahrscheinlich und übertrieben vorkömmt, davon haben Sie uns die Ursache gar artig in einer Anmerkung entdeckt. Nur dieses gefällt mir nicht, daß dieser Parasit in drey Auszügen allemal der erste auf dem Theater ist, und das noch darzu allemal allcinc. Mir scheint, dieß sey sehr gezwungen. Man sieht wohl, Plautus hat den Parasiten zu dem Endzwecke gebraucht, wozu die Neuern den Arlcquin aufgeführet haben. Ferner ist es lächerlich, daß Ergasilus in dem ersten Auftritte sagt: ^otolia Iiac-o eK. Zch stelle mir dabey sein ganzes Betragen vor. Vielleicht hat er eine Bewegung des Körpers darzu gemacht, welche sich zu diesem, Senn ich bin hier in Ae- tolien, geschickt; und so gleich falle» mir die Meisterstücke der 94 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. ersten Mahler bey, welche, wenn si'c ein Gemählde fertig hatten, allen Zrnmgcn vorzukommen, noch hinzuschricben: denn dieß ist ein Pferd, und dieß ist ein Ochse. Doch Plautus ist nicht der einzige dramatische Dichter der Alten, der diesen Fehler begangen hat. Es ist noch weit lächerlicher, wenn in dem Ocdip des Sophokles, der Ocdipus zu seinem Volke sagt: Ich bin Gedipns, der in aller IVelt so berühmt ist; und der Priester des Jupiters ihm antwortet: Ick, der ich dich anrede, bin der Gberpriestcr des Jupiters. Kann was ungereimter seyn oder erdacht werden? Drittens sind in dieser Komödie gar sehr viele und lange so genannte Apartc, welche so ungereimt sind, daß nichts darüber ist. Ich ließ es noch gelten, wenn dann und wann eine Person ein Wort sagt, das ihr so zu sagen aus dcm Munde widcr Willen entwischt, und die Verfassung seiner Seelen, bey unvcrmuthctcn Zufällen, gleichsam zu verrathen scheint. Allein solche lange Reden, als hier im zweyten Auftritte des ersten Auszuges, im zweyten Auftritte des zweyten Auszuges, im zweyten Auftritte des vierten Auszuges anzutreffen, haben auch nicht die geringste Spur des Natürlichen an sich. Die letzte von den angezeigten Stellen ist am allcrunnatürlichstcn, wo Ergasilus die größten Possen macht, und gar crstaunlich droht, wie unbarmherzig er mit dem ganzen menschlichen Geschlechte umgehen wolle, wenn ihn jemand aufhalten würde, eilends zu des Hcgio Haus zu gelangen. Und siehe der Narr steht vor des Hauses Thüre. Absonderlich aber halte ich die anstößigen Stellen, die zwcy- dcutigcn Redensarten, und die schlcchtc» platten Scherze, die in diesem Stücke in Menge zu finden sind, für sehr unanständig. Gleich Anfangs in dcm Prolog habcn wir dcrglcichcn: llos «juos vicletis l'tsre liie ligptivvs clno«, Illi ciui ul'wut, In It-nit amdo, non so«Ie»t etc. s^vlt un ^on clo 1'Iioatro (sagt Loste) «lont iout Iv luoec« clejzvnll -5 lokrat und Tyndar, auf dem Theater gewesen sind, und Tyndar nothwendig muß gehöret haben, daß er Hegions Sohn sey. Gehört nun noch der Prolog zur Handlung? Und kann man einen Beweis daher nehmen, daß der Poet diese Episode von Anfange der Handlung schon mit Kunst vorbereitet habe? Einen eben so schlechten Scherz findet man in dem ersten Auftritte des ersten Aufzugs, wo Ergasilus sagt: luventus nomen incliclit teorto niilii, «juia iuvoeatiis 1'oloo olle in conv!v!o ete. Anstatt dieses elende Wortspiel zu übersetzen, sagt Coste in einer Anmerkung: „II m'a ete impottililo cle tiilcluire ces üuit vors, „parev sjuüs no contionnont kju'un Mi cle mots li llepenäsut «lo „la lanZuo liitino dlo tlieo (juol- „«jus eliose, mais nn til^i - - „t^otto ro^I'x^ic! (sagt Eostc) el't tr<:s iiitl^iclo et lvnc?6 ailiitratu faello patior. Zu diesen Worten, spricht der französische Ucbcrsctzcr, liegt eine schändliche Anspielung. Daß dieses wahr sey, und Hegio cS wohl verstanden habe, was jcncr sagen wollc, kann man aus dem folgenden schlicsscn, da er böse wird und sagt: lu^itor te Düjuo riorllant - - Sie haben dieses, die Ehre Ihres Helden zu rctten, in Ihrer llcbcrsctzung billig ausgelassen.") In dem zweyten Auftritte des vierten Auszuges sagt Ergasilus von dem Stalagmus: Lolus el't, Loiain torit. l^et oijuivociuo (sagt Loste) ^nrto tur nno icleo odkcurv ot la ^lail'anteiio ot't on ello mviuv «dl'cuirv er inlipicle. Und Sie haben cs in Ihrer llcbcrsctzung eben darum auslasten müssen, weil es zu übersetzen unmöglich war. Ein Beweis eines falschen Scherzes. Zn dem zweyten Austritte des fünften Auszuges sagt Hcgio vom Stalagmus: IZono moiiZorus l'ult puor, nuno non äooot. Wenn man nun das ut vis tiat, das vorhergehet, dazu nimmt, so scheint cs, als wenn Eoste Recht hätte zu sagen: Voll» unv lio ees ^>atIaF05> clcmt clit «juo la pucleur «otoit ^!>s alte/. menüF^o. Sie haben dieses aber in Ihrer llcbcrsctzung so bescheiden ausgedrückt, daß allcr Argwohn cincr Unflätcrcy wcg- ») Glaube» Sie nicht, daß ich diese Stelle deswegen weggelassen, weil ich geglaubt, das; sie keusche Ohre» beleidigen kouucn. Nichts weniger als dieses; sondern ich habe sie in der Ausgabe, die ich uicistcnlhcils bey meiner Arbeit gebraucht, nämlich in der ^laulinischcn von 1609 in 16, gar nicht gefunden. Auch in der Taubmannischcn Ausgabe hatte ich sie nicht gelesen. Ich will aber an dem gehörigen Orte zeigen, daß sie ganz unschuldig ist. Critik über die Gefangnen des Plaittns. !>7 fällt, und ich fast dadurch bewogen wcrdc zu glauben, daß Costc sich gcirrct, und Plautus hier keinen niederträchtigen Gedanken im Sinne gehabt habe. Was ich nun endlich für unwahrscheinlich in diesem Gedichte halte, und was ich absonderlich wider die Dauer desselben einzuwenden habe, gründet sich auf folgendes. Der Schauplatz ist in Actolicn, einer Provinz in Griechenland, und zwar in einer Stadt dieser Provinz Namens Calydon. Gleichwohl nennt Plau- tus in diesem Stücke mehr als an drey Orten verschicdnc bekannte Plätze der Stadt Rom, als wenn die Scene in Rom selbst wäre. Der Dichter, als er sein Gedicht schrieb, war freylich in Rom; allein die Unbcdachtsamkcit seinen Aufenthalt mit dem Orte des Spiels zu verwechseln, ist nicht im geringsten zu entschuldigen. Im ersten Austritte des ersten Auszuges sagt Ergasilus, wenn es noch lange so gicngc, würde er vor die port» t>-iAom!na gehen, und sein Brodt daselbst betteln müssen. Zn der ersten Scene des dritten Auszugs sagt ebenderselbe, daß sich alle schienen beredt zu haben, als wie die Oieniii in vvladro, einem öffentlichen Marktplätze zu Rom. Beyde Stellen haben Sie in Ihrer Übersetzung, und vor Ihnen schon Herr Costc, angemerkt, und beyde gestehen sie, daß es wunderlich sey in einem Spiele, wo der Schauplatz in Griechenland ist, römische Plätze zu nennen; und beyde haben nichts zu des Dichters Rechtfertigung beybringen können. Daß die römischen Zuschauer zu seiner Zeit dergleichen Verwirrungen vertragen können, heißt nichts zu seinem Ruhme sagen. Wenn Plautus nur solche Richter gehabt, so ist es ihm sehr leicht gewesen, sich ihren Beyfall zu erwerben. Muß aber unser Geschmack nicht besser seyn? Wenn man auch zu des Plautus Vertheidigung sagen wollte, cr habe mit Willen diese Benennungen erwählt, um seinen Zuschauern durch ihnen bekannte Dinge seine Mcvnung leicht und begreiflich zu machen, so würde auch dieses können widerlegt werden. Denn daß Plautus in diesen Fehler bloß aus Unbcdachtsamkcit oder Nachlässigkeit verfallen ist, beweise ich aus dem zweyten Auftritte des vierten Auszuges, wie Hcgio sagt: Leslings Wcrkc m, 7 98 Vcyträgc j»r Historie n»d Anfn.ihme des Thc.nciS. I^lietionos «ekM^'nL lüe Ii^liot ljuillom: iVlii!ii»<>ilo !>l1«zo oft, >>! Iiu»e sooveo kil^i ^Vvtoli »»o»tt<7?!. Was dic ^edile« bey dcn Römern warcn, das waren die ^Z«- i-inomi bey den Griechen, und wenn Plautus sich hätte wollen nach den Römern richten, so hätte er dic ^eclile« mir alleinc nennen dürfen. Was aber am allcrunglaublichstcn und am allcrunwahr- schcinlichstcn in diesem Gedichte ist, ist des Philokratcs schleunige Hin- und Herreise ans Actolicn nack Elis, und von da wieder zurück in einer Zeit von weniger als drey Stunden. Hier sage ich mit Zhncn, dic Zuschaucr dcs Plautus müssen nicht sehr cckcl gewesen seyn, wenn er ihnen dergleichen Dinge hat dürfen vormachen, ohne daß sie ihn darüber getadelt. Wie kann Eostc nunmehr behaupten, daß dieses Stück vollkommen regelmäßig sey, und daß seine Dauer nicht länger als 7 bis 8 Stunden währe? Ich werde mcinc Mcynung beweisen. Dic Handlung fängt des Morgens an. Plautus bat cs sclbst dcut- licy angczcigt, wcnn cr dcn Hcgio sagen läßt: LA« il><> keateom it(l alios csptivos moos. Vilum ne nocto Iiae «juipplsm tin-baveriut. Gesetzt also dic Handlung gchc dcs Morgcns an um 7 Uhr. Zu dcm ersten Auszüge ist eine Stunde genug. 8 Zwischen dcm crstcn und zweyten Auszüge wollen wir dcm Dichter eine Stunde zu Gute kommen lassen, l» Au dcm zwcvtcn Auszüge ist glcicbsalls nicht mehr als eine Stundc nöthig, und also ig Zwischen dcm zwcvtcn und dritten Auszüge müssen wir dcm Plautus zwcy Stunden verstatten, weil Hcgio vicl zu vcrrichtcn hat. Er geht nämlich mit dcm vcrstclltcn Philokratcs zum Quästor, und fodcrt einen Paß. Man hält ihn allcr Orten, cbe cr dahin kömmt, mit Glückwünschen auf; endlich bekömmt er den Paß und Philokratcs reiset ab, I I Nachdem dicscr fort ist, geht Hcgio zu scinem Bruder, erkundiget sich daselbst bey dcn Gcfangncn, ob kcincr von ibncn dcn Pbilokratcs kcnnc. Es giebt sich Cnlik libcr die Gefangne» des PlantuS. Aristophontcs an, und Hcgio nimmt ihn mit sich in sein Haus 12 Uhr. Der dritte Aufzug dauert eine Stunde 1 Zwischen dem dritten nnd vierten Auszüge wollen wir zwey Stunden rechnen, davon wir eine dem Dichter noch wollen lassen zu Statten kommen, als sey sie verflossen, ehe Philokratcs wieder angekommen ist, 2 Die andre Stunde, wollen wir annehmen, habe Crga- silus gebraucht von dem Hafen nach Hegions Hanse zu kommen 3 Und hier sind die 8 Stunden des Herrn Coste schon verflossen, ohngcachtct wenigstens noch zwey Stunden bis zu Endigung des Stücks nöthig sind. Wenn nun ein dramatisches Gedicht nach den Regeln der Dichtkunst, und zwar derer, welche der Währung desselben die längste Zeit verstatten, nicht über 24 Stunden dauern soll; wenn es vielmehr nur 6, 8, höchstens 12 Stunden zu seinem ganzen Verlauf haben soll, und wenn der Poet, der es höher treibt, wider die Wahrscheinlichkeit handelt, wie wird hier Plau- tus zu rechte kommen? Alles was man also wohl in diesen Umständen von uns sodcrn kann, ist, daß wir ihm die 24 Stunden lassen zu Statten kommen, und sehen, ob wir ihn können durchbringcn. Dieses genau zu bestimme», müßte man wissen, was Acto- licn und Elis für böhmische Dörfer gewesen. Eine kleine") Anmerkung hierüber in Ihrer Ucbcrsctzung würde vielleicht nicht unangenehm gewesen seyn. Sind es griechische Provinzen oder Städte, und wie weit waren sie von einander entfernt? Alles was ich hiervon weis, bestehet in folgenden. Menage in seiner Abhandlung S. 14. sagt, Polybius erzähle, die Actolicr und Elicnscr hätten Krieg mit einander gcführct, und wären mächtige Völker gewesen. Vielleicht hat Plautus von diesem Kriege die Gelegenheit zu seiner Komödie genommen. Völker die zusammen Krieg führen, wenn es auch nur kleine Staaten sind, deren Macht nicht weiter als durch die Gegend ihres Haupt- v) Aus der Art wie ich den Plautus hierinne vertheidigen werde, wird wem bald sehen, daß so eine Anmerkung ganz wider weinen Zweck gewesen wäre. 7" 100 Beyträge zur Historie und Aufu.ihmc dcs Theaters. sitzcS geht, müssen doch wohl so gar nahe nicht beysammen liegen. Sollte es wohl nicht das mindeste seyn, wenn man sagte, sie hätten auch nur zehn Meilen von einander gelegen? So hat also PhilokratcS zn seiner Hin- und Herreise 20 Meilen gehabt. So bald er in Elis angekommen, hat er seinen Vater besucht, er hat ihm seine Geschichte erzählt, er ist zn dem Arzt Mcnarchus gegangen, er hat um die Freylassung dcs Philopo- Icmus angehalten, er hat ihn los bekommen, er hat sich auf die Rückreise gemacht, ist in Actolicn wieder angelangt, und das alles in drey Stunden. Tansanias soll uns hicrinnc mehr Licht geben. Zch bediene mich der französischen Ucbcrsctzung dcs Abts Gcdoyn, der am- stcrdamcr Ausgabe von 1730. Daselbst sehe ich in der Karte von Griechenland, die vor dem ersten Theile befindlich ist, daß Actolicn eine große Provinz gewesen, und Elis gleichfalls keine kleine Provinz, die einen Theil des Pcloponncsus ausgemacht; daß man aus Actolicn nach Elis zu kommc» durch den korinthischen Meerbusen schiffen müssen, und daß alles das ziemlich weit von einander lieget. Aus einer andern Karte, die in dem dritten Theile befindlich, sehe ich, daß EliS die Hauptstadt der Provinz dieses Namens gewesen ist. Zch finde auch in der Provinz Actolicn dcn Ort, wo Plautus dcn Schauplatz hin- verlcgt, Namcns Ealydon, und dcr Maßstab zeigt mir, daß Elis und Lalydon 400 griechische Stadia von einander entfernt gewesen. Vicrhundcrt griechische Stadia machen 60 römische Meilen, oder 12 deutsche Mcilcn, die Mcilc zu 4000 Schritt gerechnet. Zch glanbc also mcinc Meynung bewiesen zu haben, daß diese Ocrtcr nicht nahe bey einander gelegen, und man also dcn Plantns hierdurch nicht retten kann. Doch dieses sind nur kleine Fehler, wclchc man dcm Dichter eben sowohl vergeben kann, als man es dem Euripidcs vcrgicbt, daß er gedichtet, Thcscus sey von Athen nach Theben mit einer großen Armee gegangen, habc dasclbst eine Schlacht gclicfcrt und hundert andre Dinge verrichtet, sey siegend wieder nach Athen auf das Theater gekommen, nnd das alles in 0 Stunden. (S. Menage Seit. 13-22. 53-5Z.) Dicscrwcgcn hat auch wohl Aristoteles von Critik über die Gefangne» des Pl.nUuS. 10t dem Euripidcs gesagt, daß er die Eiurichttmg und die Regel» des Theaters nicht verstanden. Kann man also von dem Plau- tus nicht ein gleiches sagen? Wenn also bis zu Philokratcs Abreise, nach meiner Rechnung, die Handlung vier Stunden dauert, und von der Zeit seiner Wiederkunft bis zu Ende noch drey Stunden gehören, so bleiben von 24 Stunden noch 17 Stunden zu des Philo- kratcs Hin- und Herreise. Aber auch in diesen 17 Stunden kann die Reise unmöglich verrichtet werden, wenn man auch zugeben wollte, Philokratcs habe bey seiner Ankunft in Elis seinen Batcr und den Mcnarchum und alle andre gleichsam wartend auf ihn angetroffen, daß er ohne sich aufzuhalten gleich mit brennendem Kopfe wieder fortrennen können. Doch vielleicht widerspricht wohl gar Plautus selbst dieser Meynung. Sein Gedicht soll sich gegen das Abendessen enden, und der vierte Aufzug endet sich auch wirklich mit den Anstalten darzu. Nun fragt sichs, um welche Zeit aßen die Griechen zu Abend? Hc- dclin behauptet, daß sie sehr späte in der Nacht gegessen. Menage hingegen erweiset genugsam, daß es mit Untergang der Sonne geschehen; und also fast zu eben der Zeit, wie wir es zu thun gewohnt sind; wir wollen annehmen um acht Uhr. Da nun Herr Costc selbst sagt, daß sich das Stück einige Zeit vor dem Abendessen, etwa um !! oder 7 Uhr, schließe; so rechne man mir nach, ob ich ihm nicht eben so viel Dauer zugestanden; nur muß man an des Philokratcs Reise nicht gedenken. Diese bleibt eine Hcrcrcy; es mußte denn seyn, daß er wie die Mcdca in der Tragödie, durch die Luft geflohen. Freylich cin viel kurzrcr Weg. Daß aber Plautus selbst gar wohl gewußt, daß Philokra- tcs zu seiner Reise mehr als 3 Stunde» Zeit haben müsse, beweise ich mit einer zweyte» Unwahrschcinlichkcit, die in den, Tyiidar sich antrifft. Nachdem Philokratcs weg ist, wird des Tyudars List im 4 Auftritte des dritte» Auszuges, lind also ohngcfähr lun 12 Uhr Vormittags entdeckt. Hcgio verdammt ihn in den Steinbrüche» zu arbeite»; er befiehlt seinen Knechten mit ihm zum Schmiede zu gehe», der ihm die Schelle» anlegen solle, ihn hernach zur Stadt heraus zu führe», und ih» S Beyträge zur .Historie und Aufiuihme des Theaters. seinem Frcygclaßncn zu übergeben. Sie können also mit ihm ohngcfähr lim 1 Uhr fortgehen. In dem vierten Austritte des fünften Auszugs kömmt Tyndar schon wieder hervor, und macht eine umstälidlichc schreckliche Erzählung von allen den Plagen, die er in den Stcingrubcn habe ausstehen müssen. Die Zeit da er dieses erzählt, ist die fünfte Stunde Nachmittags; mithin wenn man annimmt, daß doch wohl wenigstens eine Stunde vergangen, bis er zu den Steinbrüchen gekommen, und abermals eine Stunde verflossen, ehe er von da zurück in des Hcgio HauS hat gelangen können, so bleiben nicht mehr als zwey Stunden übrig, die Tyndar in den Bergwerken zugebracht. Was kann er wohl in so kurzer Zeit für groß Ungemach ausgestanden haben, daß er davon eine so schöne Beschreibung machen könnte? Hat nicht PlautuS wenigstens einige Tage zur Währung seines Gedichts haben wollen? Was mir sonst noch unwahrscheinlich in diesem Stücke vorkömmt, ist die Person des Stalagmus. Dieser Kerl kömmt am Ende der Handlung ganz unvcrmuthct auf das Theater, als wenn er vom Himmel gefallen wäre; denn nichts scheint seine Gegenwart daselbst zu crfodcrn. Der Knoten der Haupthandlung ist aufgelöset. Er kömmt indeß mit den drey Personen der ersten Scene des fünften Aufzugs zugleich auf die Bühne, welches die sinnreichen Worte des Hcgio am Ende des Auftritts anzeigen: Vos !t«Z intro - - Intcrilii vAo ex Iiso ktatlm erogitaiv volo etc. wodurch dcr Dichter zugleich die Unbeweglichst dieses Knechts hat rechtfertigen wollen. Nun fragt der Zuschauer, wie kömmt dcr hicr hcr? und was will cr? Wcr es sey, sagt Hcgio gleich selbst, nämlich dcr, wclchcr seinen jüngsten Sohn entführt habe. Man wird sagen, Plautus brauche diese Person zur Entdeckung, daß in dcr Pcrson des Tyndars dieser entführte Sohn verborgen sey: allein von dieser Episode habc ich schon obcn mcinc Mcynung gesagt, und dcr Einwurf, dcn ich hicr mache, gereicht nur um so vielmehr zum Beweise, daß sie dcr Dichter, so schön und künstlich sie auch ausgcdacht ist, entweder hätte weglassen, oder bcsscr einrichtcn sollen. Wo Stalagmus herkömmt, hat zwar dcr Zuschauer im dritte» Auftritte des vierten Auf- Lritik über dic Eefanguc» des Pl.uiluS, lU!j zugS von dem Ergasilus gehört, daß ihn nämlich Philokrat mitgebracht: allein mit alle dem kann ich in diesem Stücke keine Spur des Wahrscheinlichen, ja nicht einmal einen Zusammenhang finden. Denn warum kömmt Stalagmus wieder in ein Haus, wo er ja wohl wußte, daß er nichts als dic Strafe seiner Bosheit zu holen habe. Sagt man, Philokrat habe ihn wider seinen Willen mit zurück gebracht, wie cS seine Worte in dem letzten Auftritte anzuzeigen scheinen, „Niun lniliL vx ^Vlido Inie lo lzuom vt-nclklitti patri pliilnvilttis; so wie Sie es auch gar wohl übersetzt, da des Herrn Loste Ucbcrsctzung ganz falsch ist. Und wo hat denn Philokrat den Stalagmus aufgctricbcn? Denn daß cr in dcs ThcodoromcdcS Hause geblieben, kann »icbl erwiesen werden. DaS Gegentheil aber sieht man aus der Antwort dcs Kncchts: ^cev^i aiALiitum, »il eucavi c!vtLi>>u>. Alles das sind sür mich unauflösliche Schwierigkeiten und unbegreifliche Dinge. Endlich muß ich noch des einfältigen Gedanken dcs Plau- tus gcdcnkcn, da cr, nackdcm Tyndar gehört, daß cr HcgionS Sohn sey, jenen sagen läßt: A,m<: «lomuin i» ltteiuuiiunl rvcloo. cum lnvcum cozilo. ......uulisko mv (juati >>er nvdulam UvAiuiioi» ^ateoul me»im v»ei»rivr. Welche Lügen! Tyndar hat hier was scharfsinniges sagen sollen, und sagt eine große Thorheit. Er war vier Jahre alt, als c, 104 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. aus seines Vaters Hause kam; seit der Zeit hatte er 20 Zahr in einem fremden Lande zugebracht, wo keine Seele den Hcgio kannte. Wenn hat cr es denn also gehört, daß sein Vater so heiße? Als cr noch zu Hausc war? Wird man wohl ein Exempel beybringen können, daß ein Mensch von 2>j Jahren sich einer Sache erinnert habe, so cr im vierten Zahrc seines Alters gehört? Widerspricht nicht dic Erfahrung allcr Menschen dieser Ungereimtheit? Mcnagc in seiner Abhandlung über den Sclbstpcinigcr des Tcrentius hat ein ganzes Hauptsiück der Vertheidigung des Plau- tus wider die Beschuldigungen des Scaligcrs und des Murctus gewidmet, welche lange vor mir angemerkt, daß Plautus eine große Unwahrscheinlichkeit durch die schnelle Hin- und Herreise des PhilotratcS vorgebracht. Hier sind seine Worte: ^ul. 8e-r- NZer - et iVIuiot - - aeeufeut Inlaute cl'niie ^rcciiütation zieu vrai- l'emlilalile llaus ta iüonieclio lies cantits. Ils ^,ietvno!ei>t «lu il fiüt Zaster pliilocrato ckLtolie en ^t«/«t/e et revenir on Ltolio en inoins cle 2 on 3 nonres. i>Ia!s ^l'urno^e a fort die» siittitie plsutv lio cetto accut-ttilin, f-litant voir ^»!>r la, (ZooZr.inIne, n!>r lkjiftoire et l'initoiite <>o Iions AI8ets, s /^VtV/o ^t//c/o. „ (juo'u^u il no foit „pas tou^onrs noeoff^iro x>uo lo fu^ot tles (!omotl!es l'oit veri- z,tal)le, il l'iUit «zii il l'oit tou^jours vr!liken>l»la^Ie. Or il n ^ a ^»oiiit „cla^^aroneo «^i^?,//c/ö <^ii eft une villo cle Leotie fort oloiZneo „clo I'IZtolie, et «^u! n a ^-rmais ete fort eonfitleral^Io, !>!t fi>!t z^uerre aux Ltoliens <^ui otoleut lies nvu^»Ios lies ^»iff-ms. Aluis z.nour la villo cl^l//t/e ou ^//e/e on vo!t ll.ins k>ol^l»o, «quelle a z.ete en Zuorre avce les Utolions, et kjuancl llliltoiro n'en cliroit „rivn, cotto o///e ?!ö/«??/ ^?»s o/«/^//!«e c/'/?^//«, il ^ a Inen 5 c/s „2^1 /«ettiöF, o?? i?e ^,as ^»?,!t/e ^»'Lc//?//»/t'o?l o» i- „loerate l ir üut ?«! t/s «'LF vtt«//ett?<.? '<.'tant v-ls olmZixZc; ckLtolio." Wenn die Rede von großen Städten ist, welche Krieg mit einander führen können, so ist eine Entlegenheit von 10 bis 2V Meilen noch nicht sehr weit von einander. Drittens, wenn man auch der Währung dieses Stücks 24 Stunden geben wollte, so würde dicsc Reise dennoch unwahrscheinlich bleiben. Wir haben aber schon genugsam crwicscn, daß Plautus selbst die Dauer zwischen dem Morgen und der Zeit gegen das Abendessen einschließt. Wie hat Menage diesen Umstand wohl nicht wahrnehmen können? Endlich ist die Geschwindigkeit des Schiffes, wodurch man dem Dichter zu Hülfe kommen will, noch sehr zwcydcutig. Zm Lateinischen steht in pudücn coloeo. Sie haben es übersetzt in einem öffentlichen Jagvschiffe, und Herr Costc !«z IMe-ni clo i^oste. Ist es also ein öffentliches Schiff gcwcscn, das zur Bequemlichkeit mchrcr Reisenden bestimmt war, mithin zu gewissen Stunden des Tagcs abgicng, wie unsre Posten heut zu Tage; so finde ich hier noch weit mehr Schwierigkeiten, als sich würden angetroffen haben, wenn Philokrat mit einer Gelegenheit gcrcisct wäre, so in seiner Gewalt allcinc gestanden. Ich wenigstens würde zur Vertheidigung des Plautus mich dieses Grundes nicht bedient haben; denn er ist mehr wider den Dichter als für ihn. So unrichtig als auch indessen Menage in diesem Stücke gc- urtheilet, so schlecht er auch den Plautus vertheidiget; (was kann ^N6^2»5.^^L^8Ä 106 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. man zwar mehr von ihm fodcrn? es war unmöglich ihn zu vertheidigen, und er hat zu seiner Entschuldigung alles beygebracht was er gekonnt) so muß ich doch gestehen, daß diese seine kleine Abhandlung so voll der gelehrtesten Anmerkungen über die theatralische Dichtkunst ist, daß ich glaube, Sie würden auch noch aus diesem kleinen Buche manchen Gedanken nehmen können, den man mit Vergnügen in Ihren Beyträgen lesen, nnd der manchem noch neu seyn würde. Das Buch ist alt, und sein Titel ist auch nicht sehr reizend; er verspricht nicht viel, und gewiß niemand sucht darinnc, was man darinnc findet. Die Aufschrift heißt Difeours o ^oi-onoo. i>, Dtroclit. 12. Dieses achtfüßigc Wort schreckt schon manchen ab, das Buch in die Hände zu nehmen. Aber wenn man über den Eckcl des ersten Blatts weg ist, und man sieht darinnc die artigsten Gedanken über die Wahrscheinlichkeit in den dramatischen Gedichten, wie wenig sie die alten Dichter in Acht genommen, und wie sehr so gar die größten Meister, ein Euripidcs, ein Acschylus und ein Aristo- phancs darwidcr gcsündigct; über die Ausdehnung der Einheit des Orts, wie weit sich die Scene erstrecken könne, ohne wider die Regeln zu verstoßen; wie das Theater der Alten und die Auszicrungen desselben beschaffen gewesen, und andere dergleichen Dinge, so sage ich noch einmal, daß viele von Zhrcn Lesern sie, wenn sie in Ihren Beytragen stünden, mit Lust lesen würden. Wenn ein großer Kunstrichtcr unserer Zeit sich die Mühe gegeben hätte, ein so verlegnes Büchclchcn selbst anzusehen, so würde er nicht geschrieben haben, „daß Menage den Tercnz „wegen des Sclbstpcinigcrs beschuldigen wollen, als habe er „mehr denn 24 Stunden zu diesem Stücke genommen, und also „wider die Vorschrift des Aristoteles gehandelt - -. Der Abt „ von Aubignac aber habe den Tercnz vertheidiget." (Erit. Dichtk. S. 733.) Was kann wohl deutlicher seyn, als die Worte des Menage gleich im Anfange? „Nr. cl'^ulÜAurre loutonuit quo „l'-rction (lc- cetto cowoäie no eompronoit quo 10 Iiouros et „louwnoi« quelle eri compronnit plus llv 12, muis louteuois „vn ruömv toms qu ello »e laitlmt pas cl vtro »eunmoms rozu- liero - Und bald darauf: „- - i<; crois inoir «lomontrv' cuuz Kritik iibcr dic Eestnigneii des PlcnituS- ll07 „Vaotivu llv cotto comoclio eom^roncl clu mnlns 1 ö Iiouros et cju uu „poomo tl>'!lmnti) Es ist wahr, wcnn ich allzu sehr bcv dem Buchstadc» dcs Textes geblieben wäre, so wäre cinc Slnmcrkung hicr sehr nöthig gewesen. Aus meiner Ucbcrsctzmig aber wird jeder, dcr nnr jemals in einem vollen Schau> platze gewesen ist, so gleich erkennen, das; dcr Poet mit denjenigen zu thun hat, welche sich mit vielen Lärmen 'Platz zum Sitzen verschaffen wollen, da sie doch »och genug Platz zum Stehen finden könnten. 108 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. nichts was er daraus machen soll? Eoste hat ein Stuck von dieser Anrede erläutert, doch nicht alles, und ich möchte gerne wissen, ob denn der Vorredner den Prolog aus dem Kopfe auf dem Theater gemacht, oder der Poet vorher zu Hause? und ob cr vorher gewußt, daß sich bey Vorstellung seiner Komödie dergleichen Begebenheit zutragen würde? und denn, ob die alten Komödien nur einmal vorgestellt worden, oder ob, wenn sie öfters wiederholt worden, sich diese Begebenheit allemal zugetragen, damit die Anrede passen können? Ihre Anmerkung über das ?>!nu Iioe p-reno ii>I«jmim oK eonueo dior->Fic> ote. ist sehr vernünftig, und was Sie an den Deutschen tadeln, hat Costc eben so in seiner Anmerkung über diese Stelle bestraft. Zn dem zweyten Auftritte des ersten Auszuges ist die Einladung des Hcgio an den Ergasilus bey Ihnen lange nicht so natürlich, als in der Übersetzung des Herrn Costc. Es ist wahr, er liefet auch nicht im Tcrte so wie Siez sondern nach der Verbesserung des Salmasius, und cr sagt von der Lcscart, wornach Sie übcrsctzt haben, taut colu, mo puroit nn ^ulimgtms Imzione- tradlo.'y Er liefet also: Ai'. ?ucet. I^iti «jui luolioroiu -ist'vret, tjnav niilii utijiio umieis i»I,iec:at eonelltin miiAis. Welches ich also übersetzen würde: LLrg. Das war noch einmal recht gcrcdt! -Heg. Aber du mußt dich mit wenigem behelfen können. iLrg. Wenn es nur nicht allzuwcnig wird: denn so behelfe ich mich, lcidcr, alle Tagc zu Hausc. -Heg. Ich bitte dich also. iLrg. Es mag drum seyn; dcr Handcl ist richtig, wo ich «) Ich gcstcl'c es, daß Sie hierimic cinigcrmaszm Recht habe». Doch miisscn Sie mir auch zugestcl'm, daß aus meiner Ucdcrsctznng dcunoch ein ganz guter Verstand komme. Ucbrigcns scheint mir die Lcseart des Herrn (5vsic etwas verwegen, da das enuum oder emin' oder wie man sonst lesen will, ganz hinweg gekommen ist. Crilik über die «Äcfcmglicn des PlautuS. 1fli> nicht cinc bcßrc Gelegenheit antreffe, und annchmlichrc Bedingungen als die deinen. Eben daselbst haben Sie das <ü!,!m in den Worten I mocio, von.iro le^orom: nuno l^irim tonos, durch Lerche übersetzt. Costc liefet letim und übersetzet cS durch Stachelschwein, un Iioritl'oii. Er hält diese Lcscart sür die natürlichste und wahrscheinlichste. Zu der That ist der Sprung von einem Hasen auf ein Stachelschwein, nicht so groß, als bis auf cinc Lerche; und alles, was folget, scheint auf dieses Thier zu spielen/) ^s^or meus vlctus vtt. /Ä'. 8us terroKris liest!» eK. Zn dem zweiten Auftritte des ersten Auszuges haben Sie die letzten Worte des Hcgio ->c1 kratrvm mox ivoro so übersetzt: Den Gang zu meinem Bruder kann ich versparen bis hernach. Ich weis nicht, ob ich mich irre; mir nnd allen, die ich darum gefragt, scheint aus diesem Ausdrucke zu folgen, als wenn Hcgio den Gang zu seinem Bruder noch lange hinaus verschöbe; da er doch wirklich so gleich hingehet, in der Zeit nämlich, die zwischen dcm ersten und zweyten Auszüge verfließt/) Da hingegen, wenn Sie also übersetzt hätten: Ich rvill herein gehen und erst überschlagen hernach so gleich zu meinem Zöru- Ser hingehen: so würde man hören, daß Hcgio diesen Gang nur auf einen Augenblick verschöbe. Eben so ist es beschaffen mit den ersten Worten des zweyten Auftritts im zweyten Auszüge. Hcgio sagt Ism 0K0 revorwr iutus - - r) Ich kann es zugeben, daß es jeder übersetzt, wie er will. Der Sinn wird doch allezeit mit dcm mcinigcn übereinkommen. Daß aber die Stellen, welche sie anführten, auf das Stachelschwein zielten, glaube ich nicht. Ißt man denn die Stachelschweine mit dcn Stacheln, daß sie deswegen -,cnvr violux können gcncnnt werden? «) Wer hat Ihnen denn gesagt, das; Hcgio zwischen dem ersten und zweyten Auszüge zu seinem Bruder gegangen? Finden Sie die geringste Spur davon in dcm Stücke? Ich glaube nicht. Hcgio geht nicht chcr zu seinem Bruder als zwischen dcm zweyten nnd drillen Aufznge, nachdem er dcn ^phiwtrat hat fortrciscn lassen; siehe dcn zwcvtcn Auftr. des dritten Auszuges. Ich habe also das ^o,r ganz recht durch hernach gegeben. 110 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. welches Sie so übersetzt: Ick werde gleich nieder hereinb'om- inen Dieser Ausdruck setzet zum Voraus, daß Hcgio mit jemanden gcrcdt, der voran ins Haus gehet, und dem er dadurch zu verstehen giebt, daß er ihm folgen wolle; oder aber daß Hcgio aus seinem Hause herauskömmt. Beydes ist falsch. Hcgio kommt von seinem Bruder, und ist im Begriff in sein Haus herein zu gehe». Er ist allein, und sagt gleichsam vor sich, da er seine Knechte in der Thüre sicht: iLhe ick herein gehe, muß ick dock diese Rneckce noch etwas fragen, was ick von ihnen wissen will-') So, dcucht mich, ist es natürlicher; obschon das !-un c-A» ivveiwr intus nicht von Wort zu Wort übersetzt ist; worauf aber nicht nöthig zu antworten ist. Sie wissen, was übersetzen ist. Auch gefallt mir in einer schönen llcbcrsctzung der Ausdruck des Tyndars im dritten Auftritte des dritten Auszuges gar nicht: Ick weis auf keine Art - - meine sykophamiscken c^eusckc- re>-cn zu beschönigen. Dieser Ausdruck ist nicht deutsch, und ich getraue mir unter 60 Ihrer Lcscr kaum einen zu finden, der sich einbilden könnte, was Sykophantc sür ein Gewächse sey. Wenn man sagt, ick weis meine Schelmereien nickt zu beschönigen, so weis ein jeder Deutscher was das ist. Ich bin Ihrer Meynung, daß die Lcscart, wie Sie im vierten Auftritte des dritten Auszuges lesen: ^l. yu'xl mil,i -rn-ni- t.-rs? Z'. ^idi e^c» »dnnw. ^t. (juicl aZat fi alilis lonFuis; die wahre sey, weil der Verstand am natürlichsten ist; obschon, wenn man auch die alte Lcscart bcha'lt, und, so wie Costc es übcrsctzt, dic lctztcn Worte den Tyndar sagen licßc, cs auch nicht schadcn würdc. Man muß nur bcdcnkcn, daß dieser Auftritt für alle drey Personen ganz ungemcin wichtig und beschäftigend ist. Zeder kann viel Bewegungen anbringen, mithin hat auch Tyndar Gelegenheit dem Aristophontcs cincn Wink zu gcbcn, damit cr das Maul halten möge; Aristophontcs aber, dcr das Geheimniß nicht versteht, oder nicht verstehen will, sagt, daß cs t) Aus dcr vorhcrgchcndcn Anmerkung folgt, daß Sie mich auch l'icrinnc ol'nc Grund ladcln, Hcgio war nicht zu scincm Vrudcr qcgangcn, sondern kömmt in dcm zwcoicn Austritte zu scincm Hause ycraus, wie ich dicse Slcllc schon in cincr oorhcrgebcndcn Anmcrkung i) crklart habe. Lritik über die Gefangnen des PlautnS. 111 Hcgio hört: N'u? was winkst du mir? So gleich giebt Hcgio besser Acht, lind weil Tyndar sieht, daß ihm die List fehlschlägt, so leugnet er cs, und spricht: ich winkte dir? und zum Hcgio: Siehe -Herr, was er mir Schuld giebt, mich nur verhaßt bey dir zu machen? IVas würde er nicht vorbringen, wenn du nicht so nahe bey uns stündest? Darauf wird Hcgio böse und sagt: 5Vas schwärzest du mir da für oeug vor? IVie, wenn ich gleichwohl mir diesem Unsinnigen ernsthaft spräche? Darum sagt Tyndar endlich laut zum Aristophontcs, wcil cr sieht, daß allcs stumme Winken nicht helfen will: Ilem ruilum ti>)i, moan» rom non eures ete. -Höre, ich sage dir noch einmal, wenn du klug bist, so laß Sich um meine Sachen unbekümmert; bekümmre ich mich doch nickt um deine- Ich stelle mir dabcy vor, daß Tyndar, indem er das sagt, dem Aristophontcs abcrmals, ohne daß cs Hcgio gewahr wird, eincn Wink giebt, und gleichsam drohend zu ihm spricht: Kein ruilum tidi! Er würde hinzugesetzt habcn: „cs wird dir lcid wcrdcn, das Maul nicht gehalten zu haben, „wenn du das Geheimniß erfahre» wirst:" allein Hcgio stchct zu nahe bcy ihm. Dic Worte des Tyndars in cbcn dcmsclbcn Auftritte: V»e illis vn-ZIs mileris, liuuv Iioclio in ter^o moriontue mvo: haben Sic meiner Mcynung nach allzubuchstäblich übersetzt. Kann man denn sagen, daß Rüchen sterben?") Man sagt zwar von einem Awcigc cincs Vaumcs, dcr vertrocknen will: er stirbt ab; allcin dieser Ausdruck findet nur alsdenn statt, wenn dcr Zweig noch an dem Stamme sitzt, wclchcr letzterer gesund ist und bleibt, da jener nur allcinc vcrgchct. Zndcß ist cs gewiß, daß dieses eine dcr artigsten Stellen in unsrer Komödie ist. Ich stelle mir vor, wie dcr Schauspiclcr mit einem halb zärtlichen doch gar nicht kläglichen Tone wird gesagt habcn: Mehe den armen Ruthen, die man heute ohne Erbarmen auf meinem Rücken zu Schanden schlagen wird. Costc hat dicscs gar artig übcr- ») Warum sagt cs den» Planius? Er hat diesen Auedruck komischer befunden als eincn andern; und ich desglcichcn. 412 Beytrüge zur Historie und Aufnahme des Theaters. setzt. Nach seiner Ucbersctzung ficht man ganz deutlich, daß Tyndar sich nicht beklagt; cr bedauert nur die Ruthen. Und das was cr gleich darauf sagt: N?as verweilet ihr noch ihr Retten; eiler Ooch, kommt, umfasset meine Schenkel, ich will euch treulich bewachen: klingt im Französischen noch vicl artiger, wcil das Wort o/,^^,//'«.': (mos ^umlies) cinc scbr zärtliche Nebenbedeutung hat, wcil cs zugleich umarmen bedeutet.") Der Dichter hat hicr viel Gcschicklichkcit gczcigt, wic cin Mcusch, dcr cin gutes Gewissen hat, gleichwohl aber cincr Sache wcgcn, die mehr rühmlich als strafbar ist, in Gefahr kömmt, ohne cinc niederträchtige Schwachheit blicken zu lassen, gelassen erwartet, was man mit ihm vornehmen werde. Die prahlcrhaftc Ausschweifung des Ergasilus im zweyten Auftritte dcs vierten Auszuges ist lächerlich genug. Allein, daß Sie die Worte Kalitw und eatapult» in Zhrcr Übersetzung nur mit deutschen Buchstaben geschrieben haben, kann ich Zhncn nicht vcrgcbcn.^) Ein Lcscr, dcr nicht die altc römische Kricgsgc- räthschast kcnnct, sucht hicr den Verstand, odcr dcn ausschwci- senden Scherz vergeblich. Es ist ja Zhrc Absicht nicht, daß man alle Motte des Plautus aus ihrer Ucbcrserzung soll verstehen lernen. Wcnn Sie nur wenigstens durch eine klcinc Anmerkung dcr Armuth dicscr Lcscr zu Hülst gekommen wären. Allein Sie sind gar zu gcizig. Costc hat ohne dicsc seltnen Namen anzubringen, dicsc Stelle gar artig übcrsctzt, und in cincr Anmerkung die Ursache gcsagt, warum cr sie nicht von Wort zu Wort habe übcrsctzcn wollen. Was ferner Ergasilus in ebcn dcm Auftritte etwas wcitcr unten sagt: ^istores scrn^In^llsei Lormn 1"i «jun^usi^mm sci'Ojiliam in ^ul^Iieo eonl'^exero, I^x i^kis «lomiinSz meis z,»An!s exeuloulin l'uil'uiLs. Man darf »nr das Wort umfassen nehmen, so findet eben die so artige Ncbcndcutung, welche meinem Gegner so wol'l gefällt, bey dcm deutschen Ausdrucke Statt. x) Zeh l'abe geglaubt, das; das, was mir so gar sehr deutlich gewesen, auch alle» meinen Lesern begreiflich scvn werde. Habe ich dadurch, daß ich iimen allzu viel zugetraut habe, einen Fehler begangen, so wird mich ihre Höslickkeit schon entschuldigen. Nenn cinc Höflichkeit crsodcrt die andre. Critik über die Gefangnen des PlautuS. 113 haben Sie gleichfalls sehr undeutlich übersetzt, wiewohl hieran die alte Lcscart, die Sie vor sich gehabt haben, Schuld ist. Sie mögen selbst urtheilen, ob es nicht sehr gezwungen ist, wenn Sie am Ende der ganzen Rede hinzusetzen müssen, ich meyne ihren Besitzern. Costc hat dieß gemerkt; seine Anmerkung verdient, daß ich sie hersetze'): IIn iavant Oitiejuo a crü «ni'il tal- loit lii'v iiu liou clo e.v e.?.' ^Io- luiui« <>uo>I iuxlit nexum oriUi»»!?! f^otucum iiliu«. Der gelehrte Kunstrichtcr aber, ans den sich Costc griindct, ist Iacobns Palmcrius. Wissen Sie aber, was Taubmann von dieser Verbesserung sagt? püiiiiorius legil «it/tt/n/tt« ele. invilil Veuerv, et euiuii svnleiniit oi>iuor »0» süttit «juiim »ceisü. su-j, > »oller sit. ü) Was ich in dcr Anmerkung u) grsagt habc, das kann ich auch hier sagen. Hat Plautus solche uneigcntlichc Ausdrücke gebraucht, so muß sie auch dcr Ucbcrsctzcr brauchen könncn, Wcr sie tadcln will, dcr scheint mir von dem komischen Ausdrnckc nicht vicl zn verstehen. Uebrigcns wird cs ans dcn Leser ankommcn, unsre bcvdcn Ucbcrsctzungcn dieses Auftritts mit einander zu vcrgleichcn. Mein Gegner wird sich ohne Zweifel nicht besonnen haben, daß diese wunderlichen Rcdcn und posscnhaslcn Anspiclungcn mit zu dem Charakter des Ergasilus gehören. «essiims Werk- >«, 8 114 Beytrüge zur Historie und Aufnahme des Theaters. gnügcu einmal eine rechte Mahlzeit anrichten zu können. Sobald also Hcgio weg gehet, bricht cr in die Worte ans: „Er geht fort? und mir überläßt cr die Verwaltung des gan- „zcn Küchcnwcscns? Ihr unsterblichen Götter welch Glück! „O welche Schlacht will ich unter dem Nichc anrichten! wie „viel Köpfe werde ich lassen herunter schmeißen! Welche Verheerung will ich unter dem Specke und den Schinken anrich- „tcn! Wie werde ich das Fett so dünne machen! und wie will „ich die Schlächter durch viel Arbeiten abmatten! Doch was „halte ich mich auf, hier lange zu erzählen, womit ich meinen „Bauch zu füllen gedenke? Zch gehe hin, mein großes Amt „selbst anzutreten. Ueber den Vorrath werde ich das Urtheil ' „sprechen, und den unschuldig aufgchangncn Schinken eiligst zu „Hülse kommen." Zch bin gewiß, daß Ihnen selbst der Ausdruck im ersten Auftritte des fünften Auszuges, wodurch Sie die Worte statn-r verliere-!, eine sckl«gefaule Vilosaule übersetzt, nicht gefällt. Was ist das?"") Costc hat dieß besser übersetzt, wenn cr sagt „cot „idolo iov, «M meritv ä'vtre roue eon^i8." Dic Art, wic Sic dic Stcllc dcs Stalagmus gleich im Anfange des zweyten Auftritts im fünften Auszüge übersetzt haben, ist sehr natürlich, und ich glaube, daß dieses wirklich der Sinn dcs Dichters ist. Costc hat cbcn so übersetzt, wenn cr sagt"'): «ju cin fcincr Knccht ? Was muß ich denn noch thun, daß du richtiger von mir urthcilcu lernst? Crilik iibcr die Gcfangucti des Pl.uttuö. 115 Ausdrnckungcn und Redensarten hat, die viel bequemer sind eine Sache in einer Ucbcrsctzung eben so wohl als im Originale auszudrucken, daran wird wohl niemand zweifeln. Ein Beweis davon ist die schöne Stelle im zweyten Auftritte des fünften Auszuges: L^tt. ljuotl filtern-, civclino I>u<1»!or. Wenn sich Herr Costc übrigens nur ein wenig genauer umgesehen hätte, so würde er eine Stelle bcv dem Plautus gefunden haben, woraus er ausdrücklich hätte schließen tonnen, daß es nicht allezeit einer von den spielenden Personen gewesen, welcher diese Schlußreden hielte. Diese Stelle steht zum Beschlusse der Cisicllaria: — — — vmne» intns eonlielent negoliui», VI>i ir> erit lÄctuin, »rnüment» />o»?«5, pc>5t Ick es loei yni cteliciuil, v.iinilaliil; nlt, Iiiliet, Sie, die Schauspieler, spricht er, werden ibrcn Putz ablegen, nicht wir, wie er doch nothwendig hätte sagen müssen, wen» er selbst ein Schauspieler gewesen wäre. 8* Ijs! Bcytrlijzc zur .Historie und Alifinihinc dcS Theaters. einmal scincn Charakter ablegt, und unter der Person eines bloßen Komödianten hintritt, den Zuschauern ein Complimcnt zu machen. Es ist wohl einmal Zeit, daß ich meine Critik beschließe. Ich werde es nicht wie diejenigen machen, die, wenn sie nichts mehr wissen, dennoch zum Beschlusse sagen, sie würden noch vieles erinnern, wenn sie nicht befürchteten allzu wcitläuftig zu werden. Nein, ich gestehe aufrichtig, daß dieses alles ist, was ich wider diese Komödie zu sagen habe, und daß ich überzeugt bin, daß diese Critik dem Dichter und seinem Ilcbcrsctzcr so wenig schaden werde, als ich versichern kann, daß ich dieser Kleinigkeiten ungeachtet, gegen beyde die vollkommenste Hochachtung habe, und daß das, was ich dagegen angeführt, viel zu wenig sey, dem Dichter scincn Ruhm und mcinc Bewunderung zu versagen. Zc genauer ich gcgcnthcils dieses Stück untersucht habe, Fchlcr darinnc zu cntdcckcn, jc mchr habc ich auch Schönheiten darinnc angetroffen. Alle Charaktere, bis aus die schlechtesten, sind aus das vollkommenste ausgebildet, und doch nicht übertrieben. Ist nicht in der Person des Ergasilus der Charakter eines Schmarutzcrs auf das lebhafteste ausgedruckt, und behauptet er nicht diesen Charakter durch das ganze Stück mit einer ungcmcincn Stärke? Steigt und fallt nicht sein Muth? Ist cr nicht trotzig odcr vcrzagt, nachdem seine Hoffnung zu schmausen groß odcr geringe ist? Ist cr nicht, wie es für einen solchen Kcrl gehört, unverschämt, niederträchtig, von schlechten Sitten, und lasterhaft? Hat nicht der Dichter in der Person des Hcgio auf das vortrefflichste einen alten reichen Bürger geschildert, einen ehrlichen Mann, einen Barer, der seine Kinder über alles liebt, der alles, was ihm zum Besitz derselben verhelfen kann, anwendet, und alles, was man ihm sagt, wodurch er dazu gelangen könne, leicht glaubt; so bald cr aber einmal hintcrgangcn worden, wie alle Alte, mistrauisch wird, und sich völlig vcrlohrcn schätzet? Ist nicht Tyndarns ein Mensch, der mit seinem Herrn von Jugend auf zusammen gelebt, und mit ihm die Vortheile einerley Erziehung genossen hat? Zft es also nicht natürlich, daß cr dicscn Hcrrn mchr licbt, als ein gemeiner Knecht sonst einen Hcrrn lieben würde? Ist es nicht natürlich, daß der Herr ihn wiederum gleichfalls mchr licbt, als einen gcmci- _^ ' ^ Kritik über die Gefangnen des Plautns. 117 ncn Knechts Hier bcwundre ich die Kunst und den Geist des Dichters: denn aus diesem Grunde sind die schönen Auftritte entsprungen, wo bey dem Abschicdnchmcn Tyndarus unter der Person des Philokratcs seinem Herrn alles das Gute vorhält, so er ihm als Knecht erwiesen; wie treulich und willig er ihm gedient, und wie viel er um seinetwillen bey dieser (Gelegenheit absonderlich wage; wie viel Vertrauen er in ihn setze, daß er ihn nicht werde in der Gefangenschaft zurücklassen, da er bloß durch ihn itzo frey sey, und in sein Vaterland reisen könne. I'out oolit INV jisrult mtereltÄnt et touvlio iivee I)ormcc>Uj» llo clelicii tolle, sagt Loste in einer artigen Anmerkung hierüber. Dem Hcgio selbst bricht das Herz, wenn er voller Acrwundrung ausruft: Hii vut'tiam lulem, Ho-miinim iiiAvmmn liberale ut Iiier>»u»s oxcutiunt inilii. Eben so schön ist der zweyte Auftritt im dritten Auszüge, wo Hcgio den TyndaruS, nachdem er die List entdeckt, so hart angehet, und drohet, und dieser mit der größten Staudhaftigkcit, und ciucr Kaltsinnigkcit, welche nur cin gutes Gewissen wirken kann, antwortet, und sich so schön vertheidigt, daß man ihm allezeit Beyfall geben, und ihn in scincm Unglücke bedauern muß. Er läßt zwar mehr Verstand und Tugend blicken, als man von einem Knechte verlangen kann; allein dieser Einwurs ist dadurch gehoben worden, daß er mit dcm Philokrat cincrlcy Erzichung gcnosscn hat. Stalagmus hingegen ist ein trotziger Knecht, cin alter boshafter Schalk, der mit seinen Lastern prahlet, und sich eine Ehre daraus macht, cin Taugenichts zu scyn. Und konnte cr wohl anders seyn ? Mußte der Dichtcr nicht dcn, dcr das Hcrz gehabt, scincm Hcrrn cin Kind von vicr Zahrcn zu cnt- führcn, also bildend Ein mittelmäßig böser Knecht, dcr sich hier auf das Bitten gclcgt hättc, würde nicht gcfallcn haben. Doch hat Tcrcnz vielleicht auch hier dcn PlautuS übcrtroffcn, weil Aarro schon gesagt, daß cr »ntcr allcn komischen Dichtern die Charaktere so vollkommen auszudrückcn gcwußt, daß wcnn die Natur sclbst hättc sprechen wollen, so würdc sic sich scincr Worte haben bediene» müssen. Ich gcftcbc also gern, daß Plautus großc Vcrdicnstc habc, daß dieses Stück, die Gcfangncn, voll schöncr Stcllcn scy, daß 118 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. dcr Dichter darinnc viel Kunst und viel Erfahrung blicken lasse: doch nimmermehr werde ich zugestehen, daß cs ohne Fehler, oder daß cs gar das schönste Stuck sey, so jemals auf das Theater gekommen. Zu des Plautus Zeiten haben Sie vielleicht sagen lvollcn. Denn wie weit ist er noch von der Vollkommenheit entfernt, wozu ein Molicrc gclangt ist? Cs vcrdicnt das Schöne darinnc nachgeahmet zu werden, doch muß man uns das Stück überhaupt nicht als das vollkommcnstc Muster vorlegen. Sollte ich demnach in mciiicm Urtheile irren, so bitte ich Sie, um Ihrer Starke willcn in theatralischen Dingen, mir aus mcincm Irrthume zu helfen, und mich davon mit Gründen zu überführen; welches Ihnen nicht wcnig Ehre bringen, und dcn Ruhm Ihres Hcldcn nicht um cin geringes vcrmchrcn wird. Ich werde zwar also meine Sache verlieren; im Gegentheil aber mich freuen, durch mcinc Zweifel Ihnen Gelegenheit gegeben zu haben, Trotz aller Einwürfe, uns das Gcstandniß abzuzwingen, Saß öle Gefangnen des Plaums das schönste Stück sind, so jemals auf das Theater gekommen ist. Ich schließe mit dem Urtheile des Hrn. von Effcn, welches er in seinem Menschenfeinde von unserm Dichter fällt: (!o Vomitiv IZoulon, n'on llo^Icul'o nnx Klvans, ^ Ion Frott'ier parterre immolo Iar un leul trait, ziour lo cle^ointllv on tout, II v»t deaueousi cl'Lf^rit, ^»ou ckart, ot ^oint clo Fvut. Ich bin zc. Geschrieben im Brachmonat 1750. Ich glaubc, in diesem Briefe ist alles gesagt, was man nur immer zum Nachtheil des Plautus vorbringen kann. Und vielleicht mcyncn auch viele meiner Lcscr, daß Beschuldigungen darinnc vorkommen, die man nimmermehr beantworten könne, und wobcy auch dcr eifrigste Vertheidiger dieses Dichters seinen Witz Lritit über dic Gefangnen des Pl.uUnS, 11i> nur umsonst anwenden würde. Doch wir wollen sehe». Alles was man wider ihn vorgebracht hat, beziehet sich ans drey Stücke. Kunst, Witz und Moral sind es, worinnc sich Plautus sehr tadclhaft soll bezeigt haben. Zu dem ersten gehören alle Einwürfe, dic man ihm, besonders in diesem Lustspiele, wider die Einheit der Handlung, wider dic Dauer, kurz wider dic ganze mechanische Einrichtung scincr Stückc macht. Zu dem andern gehören seine seichten und nichtsbcdcutcndcn Scherze; und zu dem dritten einige unbchutsamc und allzusaftigc Stellen, welche man bcy ihm will gefunden haben. Ich will bey dem letzten zu erst anfangen; und hoffe leicht damit zu Stande zu kommen, weil ich gar nicht gesinnt bin, unsern Dichter in allen seine» Lustspielen deswegen zu entschuldigen, sondern bloß seine Gefangnen von diesem schimpflichen Norwurfc zu bcfrcycn suche. Ucbcrhaupt aber von den unkcuschcn Stellen des Plautus zu urtheilen, sollte man wohl überlegen, daß vieles, was itzo unsre Ohren auf dic ärgerlichste Art beleidiget, zu scincr Zcit von ernsthaften Römern ganz gleichgültig konnte angehöret werden. Es ist dic größte Ungerechtigkeit, die man gegen einen alten Schriftsteller ausübcn kann, wenn man ihn nach den itzigcn feinern Sitten beurtheilen will. Man muß sich durchgängig an die Stelle scincr Zeitgenossen setzen, wenn man ihm nicht Fehler andichten will, welche bcy ihm kcinc sind. Es war bcy den alten Römern nichts gewöhnlicher und nichts weniger anstößig, als Laster, welche offenbar im Schwange gicngcn, bcy ihrem rcchtcn Namcn zu ncnncn. Dic Bühne war dazu, stc zu bestrafen. Was sich der Zuschauer nicht schämte zu thun, sollte sich das der Dichter schämen zu nennen ? Dichter und Zuschauer warm also, wird man mir vorwerfen, im höchsten Grade unverschämt, und folglich im höchsten Grade lasterhaft. Allein, die Wahrheit zu gestehen, mit diesem folglich bin ich nicht sehr zufrieden. Ich weis nicht, mit was für einem Rechte man dic oft crzwungnc Fertigkeit bcy Anhörung gewisser Worte, bcy Erblickung gewisser Gegenstände roth und unwillig zu scheinen, unter dic Tugenden setzen kann? Dic Schamhaftigkcit in diesem Verstände ist oft nichts als dic Schminke des Lasters, llebri^ gcns berufe ich mich auf alle dic anstößigen Stellen, woraus '120 Beyträge zur .Historie und Aufnahme des Theaters. man dem Plautus ein so groß Verbrechen macht, lind behaupte, daß keine einzige ans eine Art abgcfassct sey, welche unschuldige Gemüther vcrsührcn könne. Sie sind insgesammt allzu rauh, nnd können nichts als Abscheu erwecken. Za, ich müßte mich sehr irren, wenn man nicht von dem, was unsre feinern Köpft das Schalkhafte zu nennen belieben, einen weit größer» Schaden zu besorgen hätte. Das Gift, welches man uns unvermerkt einflößet, verfehlt seltner seine Wirkung, als das, welches man uns offenbar aufzudringen sucht. Doch ich will mich itzo hierüber nicht weiter einlassen; genug wenn ich nur zeigen kann, daß in den Gefangnen nicht das geringste zu finden ist, dessen sich Plautus, auch wenn er in unsern Zeiten gelebt, zu schämen hätte. Ich habe in dem zweyten Stücke bey Gelegenheit gesagt: daß jc gelehrter die Commcntatorcs sind, je weniger Witz ließen sie dem Schriftsteller, den sie erklären wollen." Jctzo will ° Es scheint, als ob man meine Beschuldigung nur für einen bloßen Einfall angenommen habe; allein, wenn es darauf ankommen sollte, so wollte ich mit mehr als hundert Beyspielen die Wahrheit derselben bestärken. Eines davon habe ich allzu große Lust hier anzuführen, weil es mir gar zu besonders zu seyn scheinet. Zm ersten Auftritte des ersten Auszuges des Cur- cnlio stehet ein Jüngling nebst seinem Knechte, nnd einigen andern, die er bey sich hat, neben einem Altare der Bcnns. Es ist noch ganz früh, nnd spricht also, er möchte gern der Wenns ein Frühstück zum Opfer bringen. Was denn? fragt der Knecht. Mich, dich, nnd diese alle, antwortet der Herr. Wie? spricht der Knecht, willst dn, daß sich die Bcnns übergeben soll? Die Stelle selbst heißt so: /N. Ale inkerro Veneri vovi iiliu iviilaculnm. «Zuiit Knlepvnvs Veueri » iLiilaoiilo? Sie, Iv, !Uli»>z Iwtce vwiws. /^a. Xum tu Vollerem vomei'v vi«? Wer sieht nicht sogleich, daß der Knecht sagen will: wenn dn nns ihr willst zum Frühstücke vorsehen, so wird es ihr gewiß schlecht bekommen. Wir sind so ein niedlicher Bissen, daß sie sich nothwendig wird übergeben müssen! Der Einfall ist knechtisch, aber so dcntlich, als er nnr immer seyn kann. Gleichwohl will Tan. Faber nns in einem Briefe an Sarravinm versichern, daß niemand diese Stelle verstanden habe, noch verstehen könne. Er habe lange gesonnen, was wohl dal'intcr stecken möge, nnd endlich wäre er ans den Einfall gekommen, sie in das Griechische zn übersetzen, woraus sie ohne Zweifel genommen wäre. Er habe es gethan, und endlich diesen sehr richtigen griechischen Vers heraus bekommen: ?eris. Er mcynt näm- öritik über die Gefangnen des Plantus. 121 ich hinzu sctzcn, jc gelehrter die Commcntatorcs über unsern komischen Dichter seyn wollen, jc mehr anstößige Grellen finden sie bey ihm. Zwey Ocrtcr, aus gegenwärtigem Stücke, worinnc sie mir allcsammt mchr zu sehen scheinen, als sie sehen sollten, mögen es beweisen. Allein, man wird fragen, was mich so verwegen macht, der Einsicht so vieler gelehrten Kunstrichtcr mcinc Wenigkeit entgegen zu setzen, die man noch aus keinem einzigen loge meo i,oi!e»Io kcnnct; ich muß es also nur gestehen, Plautus selbst. Er versichert uns in der Vorrede, daß in dem ganzen Stücke keine vorl'us hmreilliei immc-moradilos wären, muß also nicht entweder Plautus selbst, oder seine Auslcgcr lügcn? Nothwendig, und wer kann cs mir vcrdcnkcn, daß ich licbcr das letzte glaube, da ohnedem in den streitigen Stellen ein so guter Verstand liegt, daß man gar nicht nöthig hat, zu solchen unzüchtigcn Anspielungen seine Zuflucht zu nehmen. Wir wollen sie selbst ansehen. Die erste befindet sich im zweyten Auftritte des vierten Auszuges. //t?F. Mm'Iro milii viclvrv. Alüii liuiclom ol'uriu nnn tilii. //«'^, cr- und lv»i»i>i>) welches von dem °Piautus nicht bemerkt sey, und dal'er so unverständlich übersetzt worden. Wer bewundert nicht die Ecschicklichleit dieses Mannes, der cius einem noch ganz erträglichen Scherze des Plautus mit so vieler Gelehrsamkeit ei» vcrdorbncs Wortspiel zn machen weis> ^v-cm rüste ich aus, als ich cs das erste mal las, wie kurzsichtig sind die Herren Kunstrichler, wenn sie am weitesten zn sehen glauben! 122 Beyträge zur Hisioric und Aufiuiymc des Thcatcrs. auf ein Mensch gewesen, dem es eben so nahe nicht gegangen ist, wenn einen ehrlichen Kerl hungerte. Hegio. Ey, hol dich der - - Zch habe mit Fleiß etwas wcitlauftig übersetzt, damit man es desto deutlicher einsehen möge, was ich für einen Sinn darinnc finde. Aus dem Fluche dcs Hcgio ist gar nichts zu schließen. Denn dieser ist nur vcrdrüßlich, daß ihn Ergasilus einer solchen Uncmpsindlichkcit und Kargheit beschuldigen will. Dic andre Stcllc, dic ich nun zu entschuldigen habe, ist in dcm zwcytcn Auftritte des letzten Auszuges. Hcgio sagt zu seinem vcrlaufncn Kncchtc: Lono III0I'!A Jmmanuel Fried. Grcgorius aus Cainenz. Wittmbcr>z, 1750. i» 4to, aus 4» Scilc». Diese Rede des berühmten rVcrenfcls ist in ihrer Grundsprache ei» lcscuSwürdigcS Stück. Sie ist nicht eine Vertheidigung der Schauspiclc überhaupt, sondern nur in so ferne sie in Schulen aufgeführt zu werden vcrdicncn. Nach cincm kurzcn Samuel Wcrcufcls Ncdc. 123 Eingänge, in welchem er die Wichtigkeit seiner Materie darthut, nnd von der Annehmlichkeit der Schauspiele, die von niemanden in Zweifel gezogen wird, redt, kömmt er aus seinen Hauptsatz, und zeiget auf eine doppelte Art, was sie für einen uuwidcrsprcchli- chcn Nutzen bey der Jugend haben können. Er betrachtet sie erstlich, in wie ferne sie den Zuschauern nutzen; cr redet von der Kenntniß der Menschen, von der Vcrabschcuung des Lasters, von der Liebe zur Tugend, wozu sie uns die vortrefflichsten Anleitungen geben, und weiset zugleich, daß diese Anleitungen in der lebhaften Abschildcrung wahrscheinlicher Gemüthsarten, in der Vorstellung einnehmender Begebenheiten, und in der An- sührung wichtiger Sittcnsprüchc liegen können. Doch nicht genug, daß sie uns zu tugendhaften Menschen machen, sie können auch unsre Wissenschaften vermehren und unsre Fähigkeiten stärken. Die merkwürdigsten Exempel der Historie, die ernsthaftesten Wahrheiten der Wcltwcishcit, ja selbst die Streitigkeiten nntcrschicdncr Religionen, können auf das nachdrücklichste darinnc vorgestellet werden. Und was die Beredsamkeit für Nahrung in denselben finde, haben die größten Meister derselben, alter und neuer Zeit, bewiesen. Eben so richtig finden wir den Nutzen der Schauspiele, wenn wir uns, andern Theils, an die Stelle derer, die sie selbst vorstellen, setzen. Diese nehmen nicht allein an allen den angeführten Vortheilen der Zuhörer Theil, sondern sie stärken auch dadurch ihr Gedächtniß, welches nothwendig in der Jugend geschehen muß, und üben sich in der körperlichen Beredsamkeit, welche, nach des Dcmosthcncs eignem Aus- spruchc, die vornehmste Eigenschaft eines Redners ist. Alles dieses führt unser Redner auf eine würdige Art aus, und zeigt zum Ucbcrflussc, daß die größte,: Schulmänner, ein Johann Sturm und ein Comcnius, und, welche in dieser Sache kein geringer Ansehen haben, die Glieder der Gesellschaft Zcsu selbst, die Nothwendigkeit der Schauspiele in den Schulen erkannt haben. Dieses, was wir anführen, ist nichts als der trockne Inhalt. Wenn unsre Leser von der Vortrcfflichkcit der Ausführung urtheilen wollen, so müssen sie das Original selbst, oder eine gctrcurc Ucbcrsctzung, als die gegenwärtige ist, zu Rathe ziehen. ES ist ein Glück, daß uns diese nicht fcblt. Schon 424 Beyträge zur Historie und Isufmchlue des Theaters'. vor einigen Jahren ist sie uns von einer geschickten Feder i» den critiscüen Beiträgen geliefert worden. Wir würden sie allzu wenig loben, wenn wir nur sagen wollten, daß sie die gregorische bey weitem übertreffe. Eine gute und schlechte Arbeit muß man auch nicht einmal mit einander vergleichen, wenn man beyden will Recht wiederfahrci: lassen. Wir schließen nicht ohne Grund, daß Herr M. Grcgorius seinen Aorgängcr gar nicht müsse gekannt haben; welches ihn zwar von dem Verdachte des Ausschrcibcns bcfrcyct, in der That aber zu einer Schande gereicht. Bey einem Schriftsteller muß es das erste seyn, sich zu erkundigen, wie weit es andre in der Arbeit, die er unternimmt, schon gebracht haben. Und besonders ist ein Ucbcrsctzcr verbunden, keine Schrift vorzunehmen, von der man schon eine Ucbcrsctzung hat, wenn er nicht gewiß überzeugt ist, daß er eine ungleich bcßrc liefern kann. Hätte der Herr Magister gewußt, daß diese Rede schon übersetzt sey, so würde er es gewiß unterlassen haben, die Welt mit ein Paar Bogen voller Schulknabcn- schnitzcr zu beschenken, und sein Bißchen Ehre würde auf dieser Seite auch keinen Abbruch gelitten haben. Unser Urtheil würde sehr ungerecht scheinen, wenn wir cS nicht bewiesen. Wir wollen ihm also in aller Kürze Stück vor Stück zeigen, daß er erstlich die lateinische Sprache sehr schlecht verstehe; daß er anderns fast eben so wenig der deutschen gewachsen sey, und welcherlei) drittens seine Anmerkungen schlecht sind. Non dem ersten Stücke wollen wir nur ein Paar Stelle» anfuhren, welche allzu deutlich in die Augen fallen. Weis denn der Herr Magister nicht, was -ipn-u-aws tiguiarum heißt, daß er es durch Zubereitung von Figuren übersetzt? Es ist zwar wahr, in seinem Wörtcrbuchc wird er Ansialt, Zurüstung und dergleichen gefunden haben; allein, Gcnadc Gott, wenn ein Uc- bcrsctzer noch das um Rath zu fragen gezwungen ist! Kann der Herr Magister seinen Tcrt verstanden haben, wenn er auf der 34 Seite übersetzt? Wie machen es die alten lateinischen und griechischen tLragödicnschreiber? Gewiß, dieselben haben ihre Zuschauer mir keinem Vergnügen erfüllt; indem sie in ihren Erdichtungen alle andre Leidenschaften, nur nicht die A.iebe, ausgedruckt. Mie macht es Plautus? Römmc Samuel WercnfclS Rcdc. 126 er uns nickt in seinen Gefangnen ganz unangenehm vor, Sarinne er nach seinem Geständnisse :c. Ein jeder, wenn man auch das Original nicht bcy der Hand hat, ficht, daß dcr Ucbcrsctzcr gleich das Gegentheil von dem sagt, was er sagen sollte. Wir wollen die übrigen Fehler dieser Art übergehen: die angeführten sind hinlänglich, den Leser vor seiner Ucbcr- zn warnen. Sein Deutsch würden wir nicht tadeln, wenn er es nicht ausdrücklich auf dem Titel gemeldet, daß er diese Rede ins Deutsche übersetzt. Es scheinet, als habe er selbst einen kleinen Argwohn gehabt, es möchten einige seiner Leser zweifeln, ob seine Ucbcrsctzung nicht vielmehr wendisch sey. Es ist also ganz klug gethan, daß man, allen Irrungen vorzukommen, dem Leser gleich voraus sagt, in was für einer Sprache man habe schreiben wollen. Welcher ehrliche Deutsche sagt: Ausübungen des Rorpers? Körperliche Uebungen sagt er wohl, und das versteht man auch, ohne darüber nachzudenken. Dem Urtheile seinen Namen unterschreiben: was heißt denn das? lLin Urtheil unterschreiben, das versteh ich. Mir erlangen in den Schauspielen ein Gelackter über die Thorheit: aus welcher Sprache ist denn diese schöne Redensart genommen? Die Vorstellung einer zierlichen Stellung, und dergleichen Ausdrücke wollen wir gern mit Stillschweigen übergehen: den» es ist uns in dcr That ein schlecht Vergnügen, dergleichen Schnitzer auszusuchen. Auf seine Anmerkungen endlich zu kommen; diese zeigen eine solche Bclcscnhcit an, daß man erstaunen muß, wie ein Herr Magister das Herz hat haben können, die Arbeit eines ManncS, wie Mcrenfcls war, damit zu verstellen. Wir wollen nur einiges davon anführen, und den, welcher Lust hat sich damit zu erbauen, auf das übrige verweisen. Z. E. Wenn Wcrcn- fcls von dcr Verbindung des Angenehmen mit dem Nützlichen redet, so glaubt unser Polyhistor wer weis was zu sagen, wenn er darunter setzt: Daher schreibt ^Hora; Omno tulit jninctum vtc. Er bringt das Wort Pcdante, welches Wcrcnfcls nicht einmal gebraucht, bcy Gelegenheit einmal an, und alsbald glaubt er Ursache genug zu haben eine ganze Stelle aus dem Baylc da- 426 Beyträge zur Historie und Anfmihmc de§ Theaters. von anzuführen, wclchc nicht die geringste Beziehung auf den Ort, an welchem er sie anführt, hat. Doch so was wäre einem Menschen, der nichts bcsscrs zu sagen weis, noch zu gute zu halten; wenn er nur gezeigt hätte, daß er die Stellen, wclchc er anführt, verstünde. Wcrcufcls verdammt die Anrufung der Götter, und das Schwören bey ihren Namen in den Schau- spiclcn, und unser Herr Magister sctzt mit vieler Überlegung darunter: -Horai sagt vahcr recht Z^oe slons IntoM , nisi lli^nus v'mlllee noclus loeillorit. Es ist unmöglich, daß er diese Stelle bey dem Horaz selbst kann gelesen haben: denn sonst würde er gewiß wissen, daß in dieser Stelle eine der wichtigsten theatralischen Regeln verborgen liege, und daß sie nichts weniger als das bedeute, was er sie bedeuten läßt. Wer hat denn dem Herrn Grcgorius gesagt, daß in dem Traume des Scipio lauter Gottheiten aufgeführet würden? Wir verlangen gar nicht, daß er dieses Singcspicl selbst solle gclcscn habcn; allein als ein Magister hätte er es wohl aus dem Cicero schließen können, daß dieses nicht möglich sey. Der ncuc Büchcrsaal hat ihm vortreffliche Dicnstc bcy diesen sauern Anmerkungen gethan. Woher wüßte man es auch sonst, als aus dem Büchcrsaalc, daß Plato die Dichter aus seiner Republik verbannt? Wcrdcn dic Vcrfasscr nicht selbst herzlich über die Einfalt unsers Notcnschrcibcrs haben lachen müssen? Seine Art gelehrte Männer zu loben, ist auch ganz besonders. Einem Manne von cntschicdncm Ncrdicnstc das Bcowort unvergleichlich zu gcbcn, ist gcwiß unvergleichlich. Wcnn wir über diese Rede hätten Anmerkungen machen sollen, so würden wir vornehmlich darauf, gesehen hahcn, daß wir alle dic Gründe, dic der Verfasser nur insbesondre für dic Schauspiele in Schulcn anbringt, auf dic Schauspiele überhaupt angewendet hätten. Wir würden mit Ercmpcln gczcigt haben, daß man wirklich dic ernsthaftesten philosophischen Wahrheiten, ja selbst RcligionSstrcitigkcitcn auf das Thcatcr bringen könne, und gebracht habe. Wir würden die Laster und Tugenden angeführt habcn, dic man mit gleichem Glück in den Lustspielen vollkommen verhaßt, und vollkommen liebenswürdig vor- Beschluß der Critik über die Gefangnen des Pl-nilus. 127 gestellt hat; und viele andre Sachen, wozu man aber Bclescnheti in den Schauspielen selbst nöthig hat, die wir freylich einem Herrn Magister nicht zumuthcn wollen. Wir wundern uns übrigens gar nicht, daß diese Übersetzung gleichwohl in so vielen Zeitungen ungcmcin gelobt worden ist: woher diese gefälligen Urtheile entsprungen, wird Herr Grcgo- rius am besten wissen, und wir wissen es auch. Beschluß der Critik über die Gefangnen des Plautus. Ich komme zu der andern Art von Fehlern, die man häufig bey dem Plautus finden will, und deren mein Gegner auch einige in seinen Gefangnen aufgctricbcn hat. Diese sind seine nichts bedeutenden Scherze, deren Grund mcistcnthcilS ein Wortspiel ist. Ich gebe es zu, die Lustspiele deS Plautus sind davon voll, nur das kann ich nicht zugeben, daß man daraus auf den Übeln Geschmack dieses Dichters schließen will. Ich muß mich geschwind deutlicher erklären, denn ich bin sonst in Gefahr, daß meine Leser mir selbst einen sehr nichtswürdigcn Geschmack zuschreiben werden. Ich rede gar nicht dem eingeschränkten Witze das Wort, welcher seine Scherze und Einfälle bloß aus dem Glcichlautc, oder der Zweydeutigkeit der Worte nimmt. Dieser kindische Weg sinnreich zu scheinen ist allen Schriftstellern eine Schande, besonders aber dem Dichter, als bey dem die wahre Scharfsinnigkcit am meisten gesucht und am leichtesten vermißt wird. Ich muß gleich meine Einschränkung hinzusetzen, damit ich mir nicht zu widersprechen scheine: Wortspiele, behaupte ich also^ beschimpfen den Dichter, als Dichter, nicht aber als Nachahmer geringer Personen. Alle Gedichte, wie bekannt ist, theilen sich in zwey Arten; in Gedichte wo der Dichter redet, und in Gedichte, wo er andre reden läßt. Man kann, wenn mau will, die dritte Art hinzu setzen, welche die beyden vorigen Fälle vcr- bindet. In der ersten Art, wohin besonders Oden und Lehrgedichte zu rechnen sind, ist der geringste Schein eines Wortspiels nnerträglich. In der Ode ist es, wo er die Sprache der Götter reden, und das Erhabne in Gedanken, Ausdruck und Ordnung herrschen lassen soll. Das Menschliche will ihm schon 128 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. darinnc nicht anstehen, geschweige das Pöbelhafte. Und was ist pöbelhafter als Wortspiele? Zn den Lehrgedichten muß cr die Vernunft mehr mit Gedanken zn überschütten, als das Ohr zu kützcln suchen. Man tadelt ihn schon, und das mit Recht, wenn cr uns wenig denken läßt, wie vielmehr wird cr zu tadeln seyn, wcnn cr uns gar nichts denken läßt. Und was kaun man bey einem Wortspiele gedenken? Ganz anders aber ist cs in dcr Art von Gedichten, wo dcr Dichter Personen von vcrschicdncr Gattung rcdcnd aufführet; ich meyne in den dramatischen- Hier ist cs scinc vornchmstc Pflicht, die Personen zu schildern, wie sie sind, und sie dasjenige sagen zu lassen, was sie nach ihrem Stande und nach ihrer Gemüthsart sagen können. Diejenigen von den dramatischen Gedichten aber, die zu meinem Zwecke gehören, etwas näher zu betrachten, was für Personen hat denn ein komischer Dichter in seinen Stücken zu schildern? Aon was für Stande, und von welcher Gemüthsart sind sie mcistcn- theils? Hierauf muß man mir Unterschied antworten. Die Alten führten in ihren Lustspielen durchgängig Lcutc vom niedrigen Stande auf, die, in dem ersten Alter dcr griechischen Komödie, alle cntwcdcr strafbar oder lächerlich seyn mußten; gute und ernsthafte Personen waren gänzlich davon ausgeschlossen, ihre Stelle aber vertrat dann und wann dcr Chor, wcnn cs dcr Dichter nämlich für nöthig hielt, den Zuschauern eine Moral beyzubringen, die in dem Mnndc einer strafbaren oder lächerlichen Person ihren Werth vcrlohrcn hätte. Da aber in den letztem Zeiten die Komödie dcn Chor abschaffn! mußte, weil cr sich allzu viel Freyheit angemaßt hatte, so wurden die Dichter gcnöthigct in ihre Stücke auch gute und ernsthafte Charaktere zu mischen, weil sie sonst unmöglich ihrcu letzten Zweck, die Besserung der Zuschauer, würden erhalten haben. Wir finden dergleichen Charaktere häufig bey dem Plautns und Tcrcntius, die einzigen Muster die uns das Alterthum von dem verbesserten Schauspiclc hintcrlasscn hat; und bcy dcm lctztcrn noch häufiger als bcy dcm crstcn. Wcnn man aber allc, die uns sowohl bcy dem einen als bey dcm andern vorkommen, genau betrachtet, so wird man findcn, daß sie sich nicmals, so gut und ernsthaft sie auch sind, über den Stand komischer Personen, wcl- Beschluß der Critik über die Gefangnen des Pl.nituS. 12!> chcs aufs höchste bey den Alten der mittlere Stand war°, erheben; das ist, sie sind so beschaffen, daß weder ein erhabner Geist noch ein edles Herz dazu crfodcrt wird, als wahre Muster von dem, was wir im gemeinen Leben gute Leute zu nennen pflegen. Diese nun, und alle gcringre Sorten von Menschen, muß man sich vorstellen, wenn man die Muster des komischen Ausdrucks und des komischen Scherzes haben will. Der letztere gehört vor jctzo zu meinem Zwecke. Wie scherzen Leute, welche Glück und Aufcrzichung an die niedrigste Stelle gesetzt hat? Nicht selten strafbar, oft grob und fast allezeit mit Wortspielen. Und eben so scherzen des Plautus Knechte. Ist er aber zu tadeln, daß er seine Urbilder allzuwohl getroffen hat^ Oder würde er nicht vielmehr zu tadeln seyn, wenn er ihnen seinen Witz geliehen hätte, und sie Artigkeiten sagen ließe, die kein Römer von seinen Knechten zu hören gewohnt war? Ich will es durch ein Beyspiel erläutern. Vt piewi-a, ^ookis eiit. Wer kennt nicht die saubern Gemälde auf den französis. Spielkarten? Gesetzt es kömmt einem Künstler ein, einen König daraus in aller seiner ° Daß die Alte» in der That diejenigen Stücke, worinnc Leute von Stande vorkamen, ob gleich ihr Inhalt vollkoiiniim komijch war, gleichwohl nicht Komödien gcncmit, ist aus dem Vorredner des Amphilruo deutlich zu beweisen. t'seiiim ut cnmilM» fit ^/'/'NH'/c« -comoeAa Ksm mv iiurMtu» fitLvre ut fit t?o»lociuo vvniitilt vt I>i, »on v»r srdilroc. Yuiil igilur? (Nluniilm Ino./ei-oos >l»v 130 Beyträge zur Historie mid Aufnahme des Theaters. Herrlichkeit in cincm Quodlibet anzubringen; und es giebt allerdings große Künstler, die cm Vergnügen finden in Nachahmung gewisser Kleinigkeiten ihre Stärke zu zeigen. Nicht wahr wir loben ihn, wenn er eben die groben Züge, eben die unförmliche Zeichnung, und eben die Aufcinandcrklcckung widriger Farben desto ähnlicher herausbringt, jc mehr Zwang er seiner Hand und seinem Geschmacke bey der Arbeit hat anthun müssen? Lächerlich aber würde er seine Gcschicklichkcit machen, wenn er uns einen majestätischen Körper, eine erhabne Gcsichtsbildung, und einen gewählten Schmuck auf cincm Blatte vorstellte, das scinc ganze Schönheit von der Achnlichkcit erlangt, und nothwendig schlecht scyn muß, wenn es ähnlich seyn soll. Warum urthcilt man also nicht auf glcichc Art von dcm komischcn Dichter? Warnm lobt man nicht den Plautus, dessen Kncchtc denken und reden, wie Kncchtc denken und reden können? Und warum tadelt man nicht einen Marivaur, dessen Bcdicntc zwar Bediente sind, aber Bcdicntc aus einer marivauxischcn Welt, nimmermehr aber aus dcr unsrigcn? Za, wendet man ein, gesetzt auch, Plautus habe in dieser genauen Nachahmung viel Kunst erwiesen, so ist er doch deswegen zu tadeln, daß cr sich so schlechte Vorbilder gewählt hat. Doch hicriune entschuldiget ihn genugsam die damalige Einrichtung des Lustspiels, nach welcher cr dcr Kncchtc unmöglich entbehren konnte, dic, theils als gcbohrnc Sklaven, theils als gcfangnc odcr erkaufte Barbaren, noch weit untcr unsrc Bcdicntc zu setzen sind, und also auch das Recht haben, noch gröber zu denken und noch ungeschickter zu scherzen. Nach den Knechten hat Plautus besonders noch eine andrc Art von Personen, dic oft nicht weniger abgeschmackt spaßen und größtcuthcils durch Wortspiele witzig scyn wollen; dieses sind die Scbmaruizer, Leute dcncu ihrc Einfälle statt der Renten waren, und die von ihren Possen leben mußten. Allein in dicscn Lharaktcrn sind dic scblcchtcn Schcrzc des Plau- tus nicht nur zu entschuldigen, sondern so gar zu loben. Es war scinc Absicht dicsc Lustigmachcr vcrhaßt zu machen. Würde cr sie abcr crrcicht habcn, wcnu cr ihnen einen wahren Witz und einen fcincu Gcist bcygclcgt hätte? Nimmcrmchr. Ihre Verdienste waren, daß sie Ohrfeigen leiden konnten, daß sie sich Beschluß der Lritik über die Gefangnen des Pl.iutuS. 131 zu den schimpflichsten Verrichtungen brauchen ließen, daß sie von wunderbarer Gefräßigkeit waren, und Leute dann und wann zu lacken machen konnten, die bey feinen Scherzen gcgchnt hätten. Wäre es also nicht strafbar gewesen, wenn er ihnen durch eine feine Art zu denken bey seinen Zuschauern eine Art von Hochachtung zuwege gebracht hatte, die sie gar nicht verdienten? Aum Exempel ein Maler wollte einen Affen malen, der über die Farben seines Herrn gerathen, und mit dem Pinsel eben das zu machen suchte, was er oft hat machen sehen. Würde der Maler wohl unter der Pfote des Affen das Gesichte eines liebenswürdigen Frauenzimmers entstehen lassen? oder würde er nicht vielmehr durch das, was cr den Affen malen läßt, auszudrücken suchen, daß es in der That ein Affe gemalt habe? Wenn man also aus den Lustspielen des Plautus die Knechte und Parasiten wegnimmt, so werden in der That wenig oder gar keine schlechten Scherze übrig bleiben. Es ist nicht wabr, daß cr sie bey aller Gelegenheit anzubringen sucht, cr weis seine Personen vortrefflich zu unterscheiden, und legt niemals einem Frcvgcbohrncn Reden in den Mund, die man nur einem Knechte zu gute halten würde. Seine lächerlichen Alten nehm ich aus, wenn ihnen eine ausschweifende Liebe das Vorrecht giebt närrischer als andre ihres gleichen zu denken und zu handeln. Mit was für Ernst hat cr nicht, zum Exempel, in dem Lustspiele Trinummus, cincn vcrnünftigcn Vatcr in dcm Philto, cincn gehorsame» Sohn in dcm Lysitclcs, cincn uneigennützigen Freund in dem Ealliclcs geschildert? Mit was für Anständigkeit sind die Muster getreuer Weiber Pancgyris und Pinacium in dcm Sti- chus, mit was für Vorsichtigkeit dic Tochter des Parasiten in der Persianern»! gebildet? Zn diesen und dergleichen Charakteren, deren in seinen meisten Stücken einige vorkommen, zeige man mir das geringste Abgeschmackte, den geringsten anstößigen Scherz, und alsdann will ich es einräumen, daß Plautus nichts als ein ungeschickter Lustigmachcr ist, der zu seinen Possen weder Zeit noch Personen zu wählen weis. Wcnn aber scin Witz nur da scichtc ist, wo cr seichte scvn mnß, wcnn cr nicht damit zu prahlcn sucht, und ihn nicht, der Natur zum Trutz, an unwürdige Gegenstände vcrschwcndct, so mnß man ihn nothwcn- 9" 132 Beytrüge zur Hisicric und Aufiuihmc des Theaters. dig, wenn man billig urtheilen will, den meisten neuern Dichtern unendlich vorziehen, die in allen Kleinigkeiten so viel Geistiges anbringen, daß sie das Körperliche ihres Gedichts gar darüber aus der Acht lassen. Wenn mein Gegner geglaubt hat, daß ich, die seichten Scherze des Plautus zu entschuldigen, einen nach dem andern vornehmen nnd etwas schönes daraus zu erzwingen suchen würde, so hat er sich sehr geirrt. Ich entschuldige sie nicht an sich selber, sondern in Betrachtung auf das Ganze, und in Ansehung der gc- rroffncn Natur. Beynahe eben so werde ich es mit den übrigen Fehlern die cr ihm vorwirst machen, ob sie gleich etwas mehr aus sich zu haben scheinen. Die Fehler nämlich wider die mechanische Einrichtung sind es, welche die Gefangnen in seinen Augen am meisten unwürdig machen, den Namen des schönsten Stückes, das jemals auf das Theater gekommen ist, zu verdienen. Ich will sie etwas näher betrachten. Der erste davon ist, daß Plautus wider die Einheit der Handlung soll verstoßen haben. Ich wundrc mich, daß es mein Gegner gewagt hat, diesen Vorwurf zu machen, da cr selbst mit dem Racine glaubt, daß PlautnS größtcnthcils durch den einfachen Stoff, den cr auf eine recht wunderbare Weise in seinen Stücken aus einander zu setzen, und, ohne ihn zu verdoppeln, zu erweitern weis, die großen Lobeserhebungen, die ihm die Alten ertheilet, verdienet habe. Doch dieses zeigt, daß cr lieber selbst zu urtheilen, als nach andern Urtheilen sich zu richten gewohnt ist. Es scheint mir aber, daß cr hier zu scharf urtheilet. Wahr ist es, die Handlung würde nicht unvollständig seyn, wenn auch Tyndarns nicht ein Sohn des Hcgio wäre; allein es würde ihr eine Eigenschaft fehlen, welche dc la Motte zu einer besondern Einheit gemacht hat, ob sie gleich eigentlich mit zur Einheit der Handlung gehört. Diese ist die Einheit des Antheils, oder wie cr sie in seiner Sprache nennet I'unit»; äs Iintvi6t. Ist es nicht wahr, die Zuschauer würden misvcrgnügt aus dem Schauplätze gegangen seyn, wenn ein Mensch von so edlen Gesinnungen, als Tyndarus ist, nach allen seinem Unglücke, in das ihn nur sein großes Herz gestürzt hat, nichts als ciu Sklave geblieben wäre? Wäre es billig gewesen, daß Beschluß der Critik über die Gefangnen des Pl.,»tuS, 133 bey dcm Schlüsse des Stückes alle spielende Personen Ursache gehabt hatten sich zn freuen, und nur die liebenswürdigste nicht 5 Stalagmns hat zwar auch nicht Ursache sich zu freuen, allein Stalagmus ist ein Verbrecher und mit dcm Tyndarus in keine Wcrglcichung zu stellen. Daß aber diese Episode dcm Zuschauer ganz fremd seyn würde, wenn ihm der Dichter in dcm Vorredner nicht Nachricht davon gegeben hätte, glaube ich nicht. Ich bin vielmehr gewiß, daß jeder, der in den theatralischen Verwicklungen nur ein klein wenig Erfahrung hat, sich dieser Veränderung zum voraus versehen würde, wenn er den Prolog auch vorher nicht gclcscn hätte. Denn dadurch ist sie schon genug vorbereitet, daß der Dichter den Hcgio in dcm Stücke selbst, in dcm letzten Auftritte des dritten Auszuges, sagen läßt: Einen Sohn habe ick schon verloren, den mir ein Rneckt als ein Rind von vier Jahren enrwenöcr hat. Ick habe weder des Rncckrs, noch des Sohnes rvicdcr habhaft rvcröcn können. Der andre nun ist auch in der Gewalt der Feinde. U?as für ein Schicksal! -Habe ick denn nur Rinder gezeugt, sie zu verlieren? Hätte Hcgio dicscn entführten Sohn nicht bald wiederfinden sollen, so wäre der Dichter sehr grausam gewesen, wenn er ihn ohne Noth unglücklicher gemacht hätte. Denn ein Vater, der dieses Unglück nicht gehabt, hätte hier eben die Dienste gethan. Es ist aber als eine große Schönheit an dcm Plautus zu rühmen, daß er unvcrmuthctc Fälle, die er anzubringen gedenkt, auf eine so feine Art vorbereitet, daß sie die Annehmlichkeiten der Ucbcrraschung nicht verlieren. Viele von den neuen theatralischen Dichtern machen ihre Vorbereitungen auf eine so grobe Art, daß sie auch den dümmsten Zuschauer alles vorher sehen lassen. Der Prolog mag also bey den Alten ein nothwendiges Theil der Komödie seyn oder nicht; Plau- tus ist in beyden Fällen wegen Verdopplung der Handlung außer Schuld. Es wäre einigermaßen gut, wenn ich ihn auch wegen der Einheit der Zeit so leicht vertheidigen könnte. Allein mein Gegner ist mir hierinnc überlegen, und hat es allzudcutlich erwiesen, daß der gute Dichter allzugcschwind gegangen ist. Alles, was ich folglich thun kann, ist, daß ich einige Anmcrkun- > 134 Beyträge uir Historie uud Aufnahme des Theaters. gcn anbringe, die das Verbrechen verkleinern, wenn sie es nicht gänzlich ablehnen können. Erstlich ist cs falsch, daß die beyden Ocrtcr, der Ort wo der Schauplatz ist, und der Ort, wohin Philokratcs reiset, den Philopolcmus srcy zu machen, nach der Rechnung meines Gegners, 12 deutsche Meilen von einander gelegen haben. Die Rechnung, an und für sich selbst, ist zwar richtig, allein an den Suppositioncn derselben habe ich vieles auszusetzen. Der Schauplatz ist in Actolicn; so viel ist gewiß. Woher weis man aber, daß der Ort, wo ihn Plautus hin verlegt, Calydon sey? Kömmt in dem ganzen Stücke die geringste Spur davon vor? Da sich mein Gegner auf nichts zu gründen hat, warum hat er nicht lieber einen Ort ganz auf den Gränzen von Actolicn dazu erwählt? Was nun den Ort anbelangt, wohin Philokratcs reiset, so nennt ihn Plautus Elis. Was für Ursache aber hat man, zu glauben, daß Plautus die Hauptstadt der Provinz dieses Namens meyne? Kann cr nicht vielmehr die ganze Provinz verstehen wollen, so daß cr cs uns frcy stcllct, den nächsten den besten Ort in Gedanken zu haben? Wenn man also dem Dichter nicht ohne Noth allzu- großc Ungereimtheiten aufbinden will, so nehme man ein Paar Gränzörrcr, die aufs höchste etliche deutsche Meilen von einander liegen können. Alsdann könnte Philokratcs diese Rcisc ganz gcräumlich in cincm Tagc gethan haben, da cs ohncdcm cinc Rcisc zu Wasser, wahrscheinlicher Weise über den korinthischen Meerbusen, war. Freylich, wenn man mit allcr Gewalt Schwic- rigkcitcn machen will, so kann man sich auch hier einbilden, daß an dem Tage gleich vielleicht contraircr Wind könne gewesen seyn, und alsdann kömmt Plautus gcwiß zu kurz, suin an- Oern: gesetzt, wie ich selbst dafür haltc, Plautus habe dic Rückkunft allzusehr beschleunigt, man mag die beyden Ocrtcr so nahe beysammen annehmen als man will; so finde ich doch hicrinnc nichts als ein Vergehen, das cr mit hundert alten und neuen Dichtern gemein hat. Zn wie vielen theatralischen Stücken cr- fodcrt die Handlung, wenn sie wirklich geschehen soll, nicht weit mehr Zeit als dic Borstctluug dcrsclbcn vorbringt, wo dic vier und zwanzig Stunden zu gar keiner Entschuldigung dienen können? Corneille hat in seiner dritten Abhandlung gcnugsamc ^. ..." ^ . Beschluß dcr Critik iibcr dic Gcstmgiicii dcS PlaiituS- 136 Ercmpcl davon angeführet, und ich kann mich »in so viel besser darauf beziehen, da es gleich dic Abhandlung ist, welche unsre Leser in eben diesem Stücke übersetzt finden. Zuschauer, welche keine Kunstlichter sind (denn diese sind immer allzu scharfsichtig, als daß sie nicht einen großen Theil von dem Vergnügen, welches sie aus dcr Vorstellung eines Schauspiels ziehen, verlieren sollten) lassen sich von der Hitze dcr Handlung fortreißen, und ich bin gewiß, dic meisten Römer werden diese Ucbcrcilung dcS Plautus nicht bemerkt, wenigstens nicht angemerkt haben. Drittens muß ich nicht anzuführen vergessen, daß es deutlich erhellet, Plautus habe diese Schwierigkeiten selbst eingesehen, daher er sie auch so klein und unmcrklich, als immer möglich, zumachen gesucht hat. Er läßt dic Reise zu Wasser und dazu auf einem Zagtschiffc geschehen, und was das vornehmste ist, so bestimmt er bcydc Ocrtcr nur ganz allgcmcin. ^vtoüa Iine okt spricht dcr Parasitc im ersten Auftritte. Meinem Gegner scheint diese Nachricht lächerlich, und sie würde mir es selbst scheinen, wenn ich nicht einen feinen Kunstgriff dahinter zu finden glaubte. Er will seinen Zuschauern vielleicht dic Gelegenheit bcnchmc», auf cincn gewissen Ort zn fallen, dcr lcicht einer seyn könnte, dcr zu weit von Elis entfernt wäre. Eorncillc schreibt, in dcr angcsührtcn Abhandlung, cincm gleichen Kunstgriffe in Ansehung dcr Einheit des Orts vielen Nutzen zu. Zn den Stücken nämlich wo cs unmöglich ist, daß dcr Schauplatz auf einem Orte bleiben kann, solle man nur den allgemeinen Ort, z. Er. Paris, Lyon, niemals aber den besondern, dieses oder jenes HauS, dieses oder jenes Zimmer nennen, damit dcr Zuschauer dic Veränderung der Bühne nicht so lcicht bcmcrkcn könne. Und eben dieses wollte ich, nach Veranlassung des Plautus, in Anscbung dcr Einhcit dcr Zeit rathen. Wenn cs nämlich dcr Inhalt dcs Stücks nothwendig crfodert, daß eine Person an cincn Ort verschickt wcrdcn muß, dcr nicht andcrs als etwas entfernt von dem Orte dcr Vühnc seyn kann, so ist cs gut, daß man keincn von dcn Ocrtcrn insbcsondrc ncnnt, wcnn cs nämlich wahre Ocrtcr sind. Will man sich dicsc Freyheit nicht nehmen, so wird mau hundert Materie», dic auf dcm Theater eine vortreffliche Wirkung thun würde», nicht darauf bringen können. Zum Beweise können 136 Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters. die Gefangenen selbst seyn. Mehr weis ich in der That nicht in diesem Punkte zum Vortheile meines Dichters beyzubringen, ich glaube aber doch daß es genug seyn wird, zu zeigen, daß er nur alsdann einige kleine Schönheiten der Kunst aus den Augen gesetzt hat, wenn er großer« und wesentlichem Schönheiten hat Platz machen wollen. Ich will mich zu einigen andern kleinern Vorwürfen meines Gegners wenden. Die sogenannten Apartc sind ihm sehr anstößig, und sie müssen es allen Leuten von Geschmack seyn. Doch haben sie auf den Theatern der Alten nicht so viel unwahrscheinliches gehabt als sie bey uns haben. Die Bühne der Römer war von einer besondern Größe, daß es ganz wahrscheinlich war, daß eine Person die andre nicht hörte, wenn diese auf der, und jene auf dieser Seite stand. Zum Exempel der zweyte Auftritt des vierten Auszuges ist der unnatürlichste eben nicht. Ergasilus ist vorne auf der Bühne, das Hans des Hcgio ist in dem Hintcrthcilc des Theaters, er hatte also, nach der Größe der römischen Bühne, noch Schritte genug bis dahin zu machen, und er konnte noch von vielen auf seinem Wege aufgehalten werden. Zwar ist cs uns etwas seltsames, daß er, da er so sehr eilen will, gleichwohl so viel unnützes Zeug immer auf einem Platze spricht, ich vermuthe aber, daß dieses bey den gcschäfftig müßigen Knechten der Römer ganz wohl als eine feine Satyrc wird Platz gefunden haben. Das was mein Gegner wider die Person des Stalagmits sagt, gründet sich größtcnthcils auf das, was er wider die Einheit der Handlung eingewendet hat, und in so weit habe ich schon darauf geantwortet. Die Gegenwart des Stalagmus wurde nothwendig crfodcrt, wenn Tyndarus für den Sohn des Hcgio sollte erkannt werden, daß aber dicscs nothwendig war, habe ich aus seinem Charakter gczcigct; und Stalagmus fällt also nicht vom Himmel. Daß aber mein Gegner nicht begreifen kann, wer ihn wieder zurück bringt, das wundert mich. Wahr ists, von sich selbst wiederzukommen, hatte er keine Ursache; Philokrat konnte ihn auch nicht mit Gewalt wieder mit genommen haben, weil er ihn nicht einmal kannte. Allein war denn nicht Phi- lopolcmus in Elis? Konnte ihn der nicht während seiner Gc- Beschluß der Lrilik über die Gefangnen des PlautuS. 137 fangcnschaft entdeckt haben? Und als einen Knecht seines Natcrs, als einen Räuber seines Bruders hatte er Recht, ihn auch wider seinen Willen mit sich fortzuschleppen. Die Stelle, da Tyndarus zum Schlüsse des Stücks sagt: Nun besinne ick mich auch, roenn ich nachdenke. iÜs ii? mir, als ob ich rvie im Traume einmal geHort harre, da!; mein Vater -Hegio heiße, ist in der That etwas übertrieben, wenn Tyndarus damit sagen will, daß er es in den ersten vier Jahren seiner Kindheit, als er noch in seines Natcrs Hause gewesen, gehört habe. Allein kann er es denn nicht in Elis einmal von seinem Herrn gehört haben, dem es Stalagmus vielleicht entdeckte, als er mit ihm den Handel traf. Stalagmus aber hat es ohne Gefahr entdecken können, da die Actolicr und Clicnscr oft in Krieg mit einander verwickelt waren, und also cntlaufcnc Sklaven einander wohl schwerlich auslieferten. Wie vieles laßt sich entschuldigen, wenn man es nur nicht immer auf der schlimmsten Seite ansieht! Daß der Schmarutzcr in drey Auszügen allemal der erste auf der Bühne ist, wird wohl wenigen anstößig scyn. Wenigstens sind dic Kuustrichtcr, Gott sey Dank, so weit noch nicht gegangen, daß sie Regeln fest gesetzt hatten, in welcher Ordnung dic Personen auf- und abtreten sollten. Wer weis zwar, was bald geschehen wird, da man jctzo ohnedem dic geringsten Kleinigkeiten in dcr Poesie auf einen metaphysischen Fuß zu setzen bemüht ist? Ich will in Voraus viel Glück dazu wünschen. Daß übrigens Plautus die Parasiten dazu gebraucht, wozu dlc Neuern den Arlcquin aufgeführet haben, ist ein sehr artiger Einfall, dcr aber vielleicht mehr Wahrheit haben würde, wen» man ihn umkchrtc, und sagtc, daß dcr Arlcquin dcr neuern komischen Dichter ohne Zweifel aus der.Person dcr Parasiten bey den Alten entstanden sey. Ich will gern glauben, daß dic Beschuldigungen meines Gegners, ohngcachtct alles dessen, was ich darauf zu antworten für gut befunden habe, in vielen Stücken noch ihre Kraft behalten wcrdcn. Ich bin auch nicht so blind, daß ich an meinem Dichter nicht hier und da einige Unregelmäßigkeiten, einige üble Scherze und dergleichen sehen sollte; ich sehe sie so gar in 1lZ8 Beytrage zur Historie und Aufnahme des Theaters. den Gefangenen selbst. Gleichwohl sind sie viel zu geringe, als daß ich mein Urtheil widerrufen sollte, daß dieses Stück das schönste sey, welches jemals aus das Theater gekommen ist. Ich will es kurz anzeigen, worauf ich mich gründe. Zch nenne das schönste Lustspiel nicht dasjenige, welches am wahrscheinlichsten und regelmäßigsten ist, nicht das, welches die sinnreichsten Gedanken, die artigsten Einfälle, die angenehmsten Scherze, die künstlichsten Verwicklungen, und die natürlichsten Auflösungen hat: sondern das schönste Lustspiel nenne ich dasjenige, welches seiner Absicht am nächsten kömmt, zumal wenn cs die angeführten Schönheiten größtcnthcils auch besitzt. Was ist aber die Absicht des Lustspiels? Die Sitten der Zuschauer zu bilden und zu bessern. Die Mittel die sie dazu anwendet, sind, daß sie das Laster verhaßt, und die Tugend liebenswürdig vorstellt. Weil aber viele allzuvcrdcrbt sind, als daß dieses Mittel bey ihnen anschlagen sollte, so hat sie noch ein kräftigcrs, wenn sie nämlich das Laster allezeit unglücklich und die Tugend am Ende glücklich seyn läßt: denn Furcht und Hoffnung thut bey den verderbten Menschen allezeit mehr als Scham und Ehr- licbc. Wahr ist cs, die meisten komischen Dichter haben gemeiniglich nur das erste Mittel angewendet; allein daher kömmt cs auch, daß ihre Stücke mehr ergötzen als fruchten. Plautus sah cs cin, cr bestrebte sich also in den Gefangnen ein Stück zu liefern, u^i Koni mvlioros u-mt, da er seine übrigen Spiele den Zuschauern nur durch ein rlclioula ros el't anpreisen konnte. Es ist ihm als einem Mcistcr geglückt, und so, daß ihn niemand übertreffen hat. Wenn man überzeugt seyn will, wie liebenswürdig die Tugend geschildert sey, so darf man auch nur den dritten Auftritt des zweyten Auszuges lesen. Jeder, wer eine empfindliche Seele besitzt, wird mit dem Hcgio sagen: Was für großmüthige Seelen! Sie pressen mir Thränen ans. Noch schöner aber ist der fünfte Auftritt des dritten Auszuges. Wer die Tugend und das göttliche Vergnügen, welches sie über die Scclc crgicßt, kennet und empfunden hat, würde gewiß niemand anders als Tyndarus seyn wollen, wenn cr bey glci- chcn Umständen die Wahl hätte cinc von den daselbst vorkommenden Personen zu seyn, und würde das Unglück das ihm Beschluß der Critik iibcr die C'cf.MjZiicn des PluittuS. 13!) droht, gegen die Freude, die er aus seiner löblich vollbrachten That schöpfet, wenig achten. Noch weit kräftiger aber wirken die Rcizungcn seiner Tugend, da er zuletzt glucklich wird. Ich wollte wünschen, daß dem guten Plautus nicht einige Zeilen entwischt wären, die seinen Charakter, da er nunmehr sein Glück weis, etwas hart machen: ?'v/»t?tt^U5. ^.t vFo Iiulie gi'ünäis geanävm naw ol> tmtum acl carnlliovin clalio. /Ve. Klontus vst. ?'v?!. LZo vllo^nl mciiiwm mviev- dem clado. Er sagt diese Drohungen zwar dem ärgsten Böscwichtc, doch würden sie, sollte ich meynen, in eines andern Munde anständiger gewesen seyn. Die Rache ist keine Zierde für eine große Seele. Was für ein Lob endlich verdient nicht Plautus, daß er die gereinigte Moral, welche durch das ganze Stück herrscht, nicht durch den allzuzärtlichcn Affcct der Liebe geschwächt hat! Wie viel hat er hicrinnc Nachfolger? Keinen. Wie groß aber würde der Nutzen seyn, wenn man ihm gefolgt wäre? Unendlich. Alsdann würde der Schauplatz in der allcrcigcntlichstcn Bedeutung die Schule guter Sitten geworden seyn. Ich habe oben gesagt, daß in den Lustspielen der Alten auch die besten Personen nur solche wären, die weder einen erhabnen Geist noch ein edles Herz verlangten. Die Gefangnen des Plautus muß man hiervon ausnchmcn, worinnc er den nach ihm folgenden Dichtern das erste Muster gegeben hat, wie das Lustspiel durch erhabne Gesinnungen zu veredeln sey. Wie gut wäre es, wenn sie ihm treuer gefolgt wären! Ich bleibe also dabey, daß die Gefangenen das schönste Stück sind, das jemals auf die Bühne gekommen ist, und zwar aus keiner andern Ursache, welches ich nochmals wiederholen will, als weil es der Absicht der Lustspiele am nächsten kömmt, und auch mit den übrigen zufälligen Schönheiten reichlich versehen ist. Diese sollte ich nun umständlich entwickeln, und ihren innerlichen Werth feste setzen: ich bin aber auf den Einfall gekommen, sie lieber in einer Nachahmung empfindlich zu machen. Ich will meinen Lesern nicht voraus sagen, von welcher Art 14tt Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1761, diese Nachahmung seyn soll; genug, daß ich sie in einem der nächsten Stucke liefere. Zch habe auf uiiterschiednes in dieser Critik nur mit dem Finger gewiesen, welches ich schon zu seiner Zeit näher ausführen werde, da es ohnedem nicht das lctztcmal ist, daß ich des Plautus in dieser Monatsschrift gedenke. Aus der Berlinischen privilegirten Zeitung vom Jahre 1751. von gelehrten Sachen.") (18. Febr.) Bremen. Historie der Gelahrheit, von Anfange der Welt bis auf die sieben Weisen in Griechenland, nach der Zeitrechnung kurz abgefaßt, und dem Druck übergeben von Joy. Ge. Jac. Albertinus, beyder Rechte und der Weltweisheit Doeror. Erster Theil. Bremen, bey Hermann Jäger in Commission zu haben. 1751. in St. 2 Alph. 10 Bog. Selten wird ein Gelehrter, welcher eine Lücke in der Wissenschaft, die er in seiner Gewalt zu haben glaubt, wahrnimmt, diese Lücke einem andern auszufüllen überlassen. Demi welcher glaubt nicht im Stande zu seyn dasjenige selbst auszuführen, von welchem er schon einsieht, daß es ausgeführet werden soltc? Vcr Herr Verfasser dieses Werks fand glücklicher Weise, daß es noch an einem Handbuche der gelehrten Historie fehle, welches durchaus nach der Zcitordnung eingerichtet sey. Mußte es ihm also nicht nothwendig einfallen, diesem Mangel abzuhelfen? Hier liefert er den Anfang seines Unternehmens, und macht noch auf vier gleich starte Theile Hofnung, welche die übrigen Perioden enthalten sollen. Tiefer erste Periode ist der Zeit nach der größcste, der Materie nach der unfriichtbarstc. Er theilt sich ganz natürlich in zwey kleinere, von Erschaffung der Welt bis auf die Sündfluth, bis auf die sieben Weisen. Tcr erste ist der wahre Sitz übertriebener Grillen, und °) Der Herausgeber darf kaum fürchten bei seiner Auswahl etwas von andern Verfassern milgcgriffcn zu haben: wobl aber besorgt er daß das Ans- gcwablte nicht überall anziehend genug erscheinen, und das; es doch Lcssings Thätigkeit nicht in ihrem ganzen Umfange zeigen werde. Aus der .Berlinischen Zeitung vom I. 1761. 141 ist es nicht in der That lächerlich den Adam an der Spitze aller Wissenschaften, aller Künste und aller Handwerker zu scheu? Der andre ist voller Verwirrung und Ungewißheit. Locman», Zoroastcr, Hermes, Orpheus, die Sibyllen, lauter Personen die in diesen Zeitpunkt gehören, und von welchen man uns tanscudcrlcy erzählet, wovon sich die Hclftc widerspricht und die Hclfte von neuern Schriftstellern ohne Ansehen erdichtet ist. Weh nahe sollte es also eine unnöthigc Bemühung scheinen mit der Historie der Gclahrhcit so weit hinaus zu gehen, und vielleicht wurde, der sich nicht bey Ungewißheiten aushallen wolle, da anfangen, wo der Herr Toctcr vor dicscSmal aufhört. Das einzige wobey sich in diesen Perioden ein Vcrfcrtigcr der gelehrten Historie noch aufhalten könnte, waren die untergeschobenen Bücher. Man weiß wie viel wunderliche Schriften die Gnostiker, die Manichäcr, die (5bio- niten und andre dem Adam, dem Scth, dem Jacob :c. angedichtet haben, um ihren schwärmerischen Lehrsätzen Vorgänger und Vertheidiger zu verschaffen. Diese Schriften nun den Lesern näher bekannt zu machen, die sie verrathenden Stellen daraus anzuführen, ihre Verfasser aufzusuchen, ihre Absichten zu entwickeln würde zwar nicht die leichteste aber doch eine vielen Lesern sehr angenehme Arbeit seyn; eine Arbeit übrigens die der Historie der Gclahrhcit wesentlich zukommt. Gleichwohl aber wird man sie in diesem Werke vergebens suchen, ob es schon voller AnS- schwciffnngcn ist, die man schwerlich vermissen würde. Sollte es übrigens dem Herr» Verfasser in den folgenden Theilen gefallen die Quellen, woraus er geschöpft, fleißiger und genauer anzuführen, so wird er, wenigstens nach unserer Einsicht, der Vollkommenheit eines brauchbare» Handbuchs um ein vieles näher kommen. Wir müssen noch erinnern, daß er dieses Werk der hiesigen Äönigl. Akademie der Wissenschaften zugeeignet hat. Und beynahe möchte man ans dieser Zuschrift auf die Vermuthung kommen, daß er in der Autcdiluvianischeu gelehrten Historie sich besser uiiigcschcu habe als iu der neuen. Mau darf nur den Titel ansehen, der zwar zwcymal, bcydcmahl aber falsch gedruckt ist. Ist zu haben in den Voßischen Buchhandlungen hier und in Potsdam für 20 Gr. (6. März.) Frankfurt und Leipzig. Die weiberstipendicn/ oder die wohlfeile Miethe der Studenten- Ein Lustspiel in fünf Auszügen. Franr'f- und Leipz- 1751. in 8t- Bogen- Desgleichen: Der Faule und die Vormünder, ein Lustspiel in 142 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1761. drey Auszügen. U5bd. in eben dem Jahr- L Logen. Wir nehmen diese zwey Stücke zusammen, weil wir znvcrläßig wissen, daß sie von einem Verfasser sind. Mancher, der das eine lesen sollte, wird vielleicht am Ende sagen - Das Lustspiel möchte ich sehen / welches erbärmlicher seyn könnte! Wenn es sein rechter Ernst ist, so darf er nur das andere vor sich nehmen. Es gilt aber gleich viel, welches er zuerst oder zu letzt licsct, genug, dasjenige, welches er zu letzt liefet, wird ihm allezeit nichtSwürdigcr scheinen, weil der Eckcl, welchen das erste erweckt hat, durch die Fortdaurung in dem andern endlich in einen Abscheu auSschlagcn muß; ob wir gleich sonst gestehen müssen, daß beyde, ihrem innerlichen Werth nach, gleich nichtswürdig sind. Plan, Knoten, Auflösung, Charakter, Moral, Satyre, natürliche Unterredungen; alles Dinge, welche dem Verfasser Böhmische Dörfer sind. Wenn er bey dem ersten anstatt Lustspiel, Studcntcnspicl gesetzt hatte, so wäre er einigermassen entschuldiget. Bey dem andern wenigstens drohet er den Lesern gleich auf dem Tittel, daß sie vermöge der komischen Sympathie cinschlasscn werden; und kann man von einem Verfasser mehr begehren, als daß er dasjenige erfülle, was er auf dem Tittel verspricht? Der gegenwärtige hat sogar noch mehr geleistet. Wie viel Lob verdient er nicht! Doch, ernstlich zu reden, so versichern wir den Leser, daß er unser Urtheil gegründet finden wird, und daß wir uus, wenn es nur ein klein wenig vorthcilhafft hätte ausfallen tonnen, ein Vergnügen würden gemacht haben ihm zn sagen, daß ein gewisser Herr O. in D - - der Verfasser dieser schönen Lustspiele sey. Vicleor milii moo jnio iaeliri'us ti ^'«l?ic«iM /ioo vei'lilius clulero. Ui>rt. Ein elend jämmerliches Spiel :c. ss. Band I, S. 32.1 (11. März.) Geschichte der Böhmischen prinzeßinncn- Aus dem Französischen übersetzt. Delitsch. 17Z0. Wie können doch die Deutschen so verwegen seyn, gegen die Franzosen einen gleichen Reichthum ihres Witzes zu behaupten? Wo haben sie denn die Kunst gezeigt mit dem schönen Geschlecht unter allen Völkern verliebt zu thun? Die Grönländer und Hottentotten werden noch kaum mehr übrig seyn, von denen wir keine Licbcshänocl im Französischen haben. Allein die Deutschen steigen doch noch weiter, sie binden mit den Geistern an, und die vergangene Messe hat man uns gar welche aus dem Monde fallen lassen. Wer wollte nun wohl noch so kühn seyn, um uns den Preis seltener Erfindungen abzusprechen. Zu dieser Last nnnützcr Thor- Auö der Berlinischen Zeitung vom I. 1751. 143 heilen und deutlicher Beweise eines auSschwciffcndcn Geistes, die gewiß die Älughcit der Leser und Schrisststcller in unsern Tagen sehr verdächtig machen wurden, wenn davon etwas so unglücklich seyn und auf die Nachwelt überbleiben sollte, kann man dieses Stuck nicht zählen. Die Verfasserin hat ihre Lharactcrc lebhaft geschildert, die Haupt- gcschichtc genugsam verwickelt und endlich ziemlich glücklich aufgelöset. Wir können zwar nicht längncn, daß manche Nebcnbildcr, wenn sie nicht so kurz und dunkel cntworffcn wären, dein Hauptgemähldc mehr Licht gegeben hatten und manche Erfindungen noch natürlicher hätten gerathen können, indessen gehöret doch diese Schrifft nicht zn der letzten blasse ihrer Art. Der Grund der ganzen Fabel ist eine wahrhafftc Geschichte ans dem achten Jahrhundert, doch sind die llmstände zu besserer Ausführung verändert worden. :c. Wir können hier kaum die Hclftc der Geschichte entwerfen, es wird sie niemand ohne Vergnügen durchgehen. In den Vossischcn Buchhandlungen wird es vor 4 Gr. verkauft. (13. März.) Dresden. Mo,< ck« H/n,-vc/-a-' Com/e ck« Ka.ve. ^o^'nie. k^e» i/a/i A » /li'esci's «?t ^us 3 Dogen. Der Verfasser dieses Gedichts ist Herr Arnand, welcher sich jctzo in Dresden aufhält. Man kennt seine Mnsc schon ans andern Probestücken, und weiß, daß sie sich selten über das mittelmäßige erhebt. Eine prächtige Vcrsification, die dem bloßen ^hre sehr wohlgcfällt, und die er seinem Meister dem Herrn von Voltaire sehr glücklich abgelernt hat, ist ihm eigen. Das ist es auch alles, waS ein fähiger Kopf, der aber nicht zum Dichter erschaffen ist, erlernen kann. Der poetische Geist wird ihm allezeit fehlen; denn den zu erlangen ist Hebung und Fleiß um> sonst. Hat er ein gutes Gedächtniß, so wird man in seinen Versen zwar hier und da einen mahlrischen Gedanken, einen poetischen Zug antreffen; doch Schade, daß ein ander gutes Gedächtniß sich ohne Mühe besinnet, wem diese geborgten Schönheiten eigenthümlich zu gehören. Der Plan des gegenwärtigen Gedichts ist dieser: der Verfasser beschreibt die Annehmlichkeiten des Friedens; der Marschall Graf von Sachsen genoß sie, ohne seinen Muth dadurch weichlich zu machen; der Neid gcräth darüber in Wuth, und rufft den Tod um Hülfe an; der Tempel des TodcS wird cntworffcn; die Verschwörung wider den Helden gelingt; scin Tod erfolgt, und auf seinen Tod folgt die Vergötterung. Zn Mahlereyen hat dieser Plan Eclcgcnhcit genug gegeben; die uns 144 Ans dcr Berlinischen Zeitung vom I. '1751, noch am besten gerathen zu seyn scheinet ist die Beschreibung dcr Aufführung des Marschalls im Frieden. ?i'e/ot/ ^i/ii« ce ^/a? «, ce Die» ia/»i//e«, H»i /i'tt»t»»t /'oe //loi» e?t,' c?e« /itii-??'«///?«^ ^«l»/!i'ö i'ec/ou/e «i^c/s c/» l/e« z'üt^ca«,»,' c/e ^/oii^e /c« i?«« c/'a»'t/»/» .'?t?t t/e ^«i ?e?!«/^ote?!^ /c»i/o«».>>, //'a«^i"e c/a?l« ?»!, c/? /1s t)/,k»n^i« n//ie?', l'n^oi'l'lilimiom pi'itv.iin A immnllieüm. Wäre es al'o nicht gut, wenn die Herren Theologen die Wahrmachung eines AuSspruchcS des Cicero, ojiinianum oommank-» llolol, clio«, ruhig erwarteten? Sie haben einen AuSsprnch in der Bibel, der eben dieses sagt, und es ist zu verwundern, das ihnen noch niemand des Eamalicls «-u- zugerufen hat. Köuutcn sie ihrem Charakter gemäßer handeln, als wenn sie, wie dieser Pharisäer gedächten: ist der Rath oder das Wert' aus den Menschen, so wirds untergehen/ ists aber aus GOtt, so können wirs nicht dämpfen :c, ? Ein gewisser Christian Philalcth hatte der ersten Anzeige des Hrn. D. Hofmanns hundert Fragen entgegen gesetzt; uud in der Vorrede zu dieser dritten Anzeige sagt uns der Verfasser, warum er auf diese Fragen zur Zeit noch nicht geantwortet habe. Die vornehmste Ursache ist, weil sich dieser Gegner nur unter einem falschen Namen gcucnnt, und der Herr Toktor durchaus denjenigen erst persönlich kennen will, welchen er wiedcrlcgen soll. Die Wahrheit zu gestehe»; wir sehen das schlicssciidc dieser Ursache nicht ein. Kan ei» Schriftsteller unter erborgtem Nahme» keine Wahrheit sagen? Oder kan man niemanden wiedcrlcgen, wenn man nicht Pcrsonlichkcitc» i» die Wicdcrleguug mischt? I» eben der Vorrede meldet der Herr Eencralsup. daß allem Ansehe» nach die Hcylandscassc bald banaucrot mache» werde. Vielleicht zieht der Umsturz ihres öko- 10' 143 Aus der Berlinischen Zeitung vom I, 1751, nomischcn Systems den Untergang der ganzen Gemeine nach sich. Ist in den Vcßi scheu Buchlädcn hier und in Potsdam für 3 Er. zu haben. (25. März.) Leipzig, tA,'//?/a,!t F>i-/e,'iet Loe-'-iei-t K. 0. /<«e /o/i. »k^sttclle,'«»!. 17u1. in 8r, 2 Alph. 6 Dogcn. Wenn alle Religionen, und die verschiedenen Arten derselben ihre symbolischen Bücher hätten, so würden ans einmal unzählige falsche Beschuldigungen von Ungereimtheiten wegfallen, die sie sich unter einander ohn Unter- tcrlaß zu machen Pflegen; die Meinungen cinzlcr Glieder würden den ganzen Gemeinden nicht zur Last gelegt werden, und die Herren Po- Icmici würde seltner mit Schatten fechten. Die Lutherische Kirche hat auf dieser Seite einen besondern Vorzug, uud ihre symbolischen Bücher sind mit einer Behutsamkeit abgefaßt, welche tauscud Köpfe, wann sie mit ihr nur in der Hauptsache einig sind, unter einen Hut zu bringen sehr geschickt ist. Man lacht also ganz mit Unrecht über den Sid, welchen ihre GotteSgclchrtcn auf diese Bücher ablegen müssen. Sie beschworen dadurch eigentlich nichts, als was sie von Jngcud auf, mit biblischen Ausdrücken, in dem kleinern Catcchismo gelernt haben; weil in allen übrigen Sätzen, durch diesen Schwur weder nähere Ausführungen, noch vorteilhafte Erklärungen, untersagt.werden. Wie nöthig es aber denen, welche sich der GottcSgelahrtheit widmen, sey, einen besondern Fleiß auf diese Schriften zu wenden, erhellet auch nur aus dem Nachtheil, welcher denen zuwächst, die die Sprache derselben nicht zu reden wissen, und ans der Gefahr, nm ein falsch gebrauchtes Wort verketzert zu werden. Man kann ein Theologe, aber kein Lutherischer Theologe, ohne eine genaue vinsicht in dieselben, seyn, daß also diejenigen allen Tank verdienen, welche sie allgemeiner zn machen suchen. Viele Jahre hindurch hat c§ der Herr Doktor und Prof. PrimariuS Börner auf der hohen Schule in Leipzig auf die rühmlichste Art gethan, wovon gegenwärtiges Werk der sicherste Bcwciß seyn kann. Die (5inrich!nug desselben ist folgende. In der Einleitung handelt er sowohl von den symbolischen Büchern überhaupt, von ihrer Nothwendigkeit, und ihrem Ansehen, als auch von jedem insbesondere, und berührt alles, was zu der Historie derselben gehört. Die Ausführung selbst bestehet aus ein uud zwanzig Kapiteln, deren jedes zwo Abtheilungen hat. In der ersten Abtheilung werden die Stellen aus den symbolischen Büchern, welche die Lehre, die in diesen Kapiteln abgehandelt Ans der Berlinische» Zeitung vom Z, 1751, 14!) wird, angehen, angeführt, und wo es nöthig ist, gegen die Vcrändc- rnngcn unächtcr Ausgaben gerettet. In dem andern Abschnitte werden diese Stellen erklärt, bewiesen, und die einschlagenden Irrthümer an- derer Religionen widerlegt. Dieser Plan und die sonst bekannte Gelehrsamkeit des Herrn Verfassers kann zureichende Gewehr leisten, daß durchgängig alle Gründlichkeit darinne herrscht, deren ein solches Werk fähig ist. Kostet in den Voßischcn Buchlädcn hier und in Pols dam 20 Gr. (27. März.) Leipzig. Allen nach StandcSgcbühr höchst und hoch- znchrcndcn Liebhabern, Gönnern, und Beförderern einer ächten deutschen Poctcrcy kündigen und preisen wir folgendes Werk an. Herrn Johann Christoph Gottscheds, der Weltw, und Dichtkunst öf- fentl. Lehrers in Leipzig, Gedichte, bey der jetzigen zweyten Auflage übersehen und mit dem II. Theile vermehrt, nebst ei- ner Vorrede ans Licht gcstcllet von M- Joh. Joachim Schwa- ben. Leipzig, verlegts 2). Thr. Breitr'opf. 1751. in groß 8t. DaS Aeusserliche dieser Gedichte ist so vortrcflich, daß sie, wie wir hoffen, den Buchläden große ehre machen werden, und wie wir wünschen lange Zeit machen mögen. Von dem innerlichen aber einen zureichenden Entwurf zn geben, das übersteigt unsre Kräfte. Der erste Theil ist alt, und nur die Ordnung ist neu, welche der fchärfstcu Hof- Etiquette Ehre machen würde. Wenn der Verfasser den Einfall dazu nicht in Wien bekommen hat, so hat er ihn wenigstens nicht bey dem Horaz gelernt, dem er sonst ein sehr wichtiges Kunststück abgestohlen hat, das große Kunststück ncmlich seine Jubclodeii allezeit fein zum Schlüsse der Abtheilung von den Oden zn setzen. Der andre Theil ist größten Theils neu, und mit eben der Rangordnung ausgeschmückt, welche bey dem ersten so vorzüglich angebracht ist; so daß ncmlich alle Gedichte auf hohe Häupter und fürstliche Personen in das erste Buch; die auf gräfliche, adelichc und solche die ihnen gcwissermasscn gleich kommen, ins zweyte; alle freundschaftliche Lieder aber ins dritte Buch gekommen sind. Uns ist die Ode auf den Herrn von Lcibnitz sogleich in die Augen gefallen. Der größte Theil derselben beschäftiget sich mit dem Lobe der Stadt Leipzig. Das ist Pindarisch! Wann dieser er babne Sänger das Lob eines olympischen Siegers vergöttern folllc, von dem er auf der Gottes Welt nichts rühmlichere! zu sagen hatte, als etwa die Geschwindigkeit seiner Füsse, oder die Stärke seiner Fäuste 150 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 4751, so geschah es dann und wann, daß er statt seiner, seine Vaterstadt lobte. O wahrhaftig! das heifit die Alten mit lleberlcgung nachahmen, wenn cS anders der Herr Prof. Gottsched zur Nachahmung der Alten gethan hat. Wer kann übrigens ernsthaft bleiben, wenn er das Lob dieses Weltreisen ans die Erfindung vcrschicdner Kleinigkeiten stüzt, wie zum Ercmpcl seine Dyadik ist, welche er zu erfinden eben nicht Lcibnitz hatte seyn dürfen. Doch die Dyadik ist für den Hrn. Prof. vielleicht ein eben so unbegreifliches Ding als ihm die AnalysiS infi- iiitorum zu seyn scheint, die er, mit vieler Einsicht, die Rechenkunst in den unendlich Kleinen nennt. Dem poetischen Geiste des Hrn. Professors das völligste Recht wicdcrfahrcn zu laficn, dürften wir nur eine Stelle ans einem Schreiben an den Herrn von Schcyb anführen, wo er sein zu entbehrendes Urtheil über den McfiiaS fällt; allein wir wollen es immer in einem Buche laficn, in welchem es nur bey denen einen Eindruck machen wird, welche gestraft genug sind, dieses grofic Gedicht nicht zu verstehen. Gesetzt c§ hat einige Flecken, so bleibt es doch allezeit ein Stück, durch welches unser Vaterland die Ehre schöpferische Geister zu besitzen vertheidigen kau. Eine Anmerkung aber müssen wir aus angeführtem Schreiben hersetzen: „Herr Bodmcr, sagt der Herr Prof. Gottsched, hat an den Hrn. Schuch, Principal „einer deutschen Schauspiclcrgcscllschaft, nach Basel geschrieben, und „ihn eingeladen nach Zürch zu kommen, nicht etwa tragische und ko- „mische Schauspiele daselbst aufzuführen, sondern durch seine geschick- „testen Personen beyderley Geschlechts den McfiiaS auf öffentlicher „Bühne hersagen zu lassen. Der Brief ist vorhanden." Die Wahr- heil dieser Anekdote vorausgesetzt, so ist sie eben so gar lächerlich nicht, als sie dem Herrn Prof. scheinet. Wäre cS nicht sehr gnt, wenn man auch unsre Schauplätze zu den Vorlesungen vcrschicdner Arten von Gedichten anwendete, wie cS in der That bey den Römern üblich war. Hat er vergessen, dafi Nirgil selbst sein Heldengedicht auf öffentlichem Theater dem Volke vorgelesen hatS Diese Gedichte kosten in den Vofiischcn Buchlädcn hier und in Potsdam 2 Thlr. 4 Gr. Mit 2 Thlr. bezahlt man das Lächerliche, und mit 4 Gr. ohngefchr das Nützliche. (30. März.) Leipzig und Greisswalde. Sammlung auserlesener Abhandlungen ausländischer Gottesgelehrten zur Unterweisung des Verstandes und -Lcsscrung des Herzens; zusam- ^ » Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1751. 161 men getragen von Friedr. Eberl). Rambach/ Past. zum Heil- Geist in Magdeburg. Leipzig und Grcifswalde. 1750. in 8r. 1 ?llph. 16 Bogen. Dieses ist der Anfang einer Sammlung von Schriften, deren Beschaffenheit genugsam auf dem Tittcl ausgedrückt ist. In der Vorrede bestimmt der Herr Pastor Rainbach ihren Zweck aber noch naher, und sagt, daß cS Abhandlungen seyn solle», welche vermögend sind, den mit Vorurtheilcu, Unwissenheit und Zweifel» verhinderte» menschliche» Verstmid zu unterweisen und ihm ei» Ächt vorzuhalten, nach welchem er sich in schweren Fällen, auch wohl im Stande empfindlicher Anfechtungen richten kann; Abhandlungen, die uns zeigen, wie heilig, gerecht und gut die Forderungen und Vorschriften des (Mängeln Jesu Christi sind; Abhandlungen, die gewisse besondre Ver- hcissnngcn de§ Evangelii betreffen, die Kraft, das Leben und den göttlichen Nachdruck derselben vor Auge» legen, sonderlich aber sollen es solche Abhandlungen seyn, die auf den wichtige» Punct der geistlichen Sittcnlchre, ncmlich auf den Unterscheid der Natur und Gnade, gerichtet sind. Alle diese Eigenschaften wird der Leser an denjenigen Stücken finden, die in diesem erste» Theile befindlich sind. Es sind namentlich folgende: 1) John FlavclS, ehemaligen Predigers' zu Dort- month in England, Betrachtungen über die menschliche Furcht. Das Leben dieses Mannes, welches für eine gewisse Art Leser sehr erbaulich seyn wird, macht den größten Theil der Vorrede aus. 2) Tillotsons Betrachtung über die gerechte Forderung Jesu: Gott mehr zu fürchten, als die Menschen. Wilhelm Saldcni, weiland berühmten Prc- digcrS i» Dclft, Prüfung menschlicher Urtheile, aus dem Holländischen übersetzt. Es ist ein Glück, daß noch hier und da ein Gottcsgclchrlcr auf das vractische des Christenthums gedenkt, zu einer Zeit, da sich die allermeisten in unfruchtbaren Streitigkeiten verlieren; bald eine» einfältigen Hcrrnhntcr verdammen; bald einem noch cinfältigcrn Rcli gionSspöttcr durch ihre sogenannte Widerlegungen, neuen Stof zum Spotten geben; bald über nnmöglichc Vercinignugen sich zanke», ehe sie dc» Grund dazu durch die Reinigung der Herzen von Bitterkeit, Zanksucht. Vcrläumdung, Unterdrückung, nnd durch die Ausbreitung derjenige» Liebe, welche allein das wesentliche Kennzeichen eines Christe» ausmacht, gelegt haben. Eine einzige Religion zusammen sticken, ehe man bedacht ist, die Menschen zur cinmüthigcn Ausübung ihrer Pstich ten zu bringen, ist ein leerer Einfall. Macht ma» zwei? böse Hunde 152 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1751. gut, wcuu man sie in eine Hütte sperret? Nicht die Uebereinstimmung in den Meinungen, sondern die Uebereinstimmung in tugendhaften Handlungen ist cS, welche die Welt ruhig uud glücklich macht. Ist in den Voßischcn Buchlädcn hier und in Potsdam für 12 Er. zu haben. (1. April.) Amsterdam. ^V»«vea?t Mc/tvnttt>e /i«/?o,t c^e ^/!^^e?ne?i< o?t c/e (5i?i/tti«a/iott H/o /to?i»«o /,,/!oi /^«e A cz tVi^itL c/e A/i. /'iei^e L«z//e /ic»' ^rl^?ie« ^eo?Ao c/e <^ //. » ^«i/?e? l/tt?» t'/ie^ ^/ici/L/«/,t 6,'«. « /a //az/e c/io» t/e //o?-c?/. 1730. Der 4. Theil von t ?llph. 19 Doppelbogen- Der II. Theil von 1 Alph. 12 Doppelbogen. TicscS ist der Anfang eines Werts, welches auch nur durch den Tittel die Aufmerksamkeit der Gelehrten ans sich rcisscn muß. Was für Vortheile werden sie nicht daraus ziehen können, wenn cS demjenigen Werke gleich kommt, zu dessen Ergänzung es bestimmt ist. Es ist eigentlich cinS den Zusätzen entstanden, welche die Englischen Ucbcrsctzcr dem Baylischcu kritischen Wörterbuchs beygefügt haben. -Da aber diese Zusätze, welche einige Holländische Buchhändler anfangs bloß übersetzen zu lassen beschlossen hatten, größtcn- theils die Englische Literatur betreffen, nnd also für Ausländer minder gemeinnützig gewesen wären: fo hat der Herr von Chaufcpie eine große Anzahl neuer Artickcl von seiner Arbeit hinzugefügt; und weil er übrigens die Englischen Aufsätze an unzähligen Orten verbessert und vermehret hat, so ist er allerdings als der eigentliche Verfasser anzusehen. Die Einrichtung ist der Baylifchcn Einrichtung völlig gleich. Von der Ausführung können wir nichts mehr sagen als, daß es was leichtes ist Wahlen zn vermehren, was unendlich schweres aber ihn Baylisch zu vermehren. Unter den vielen Artickcln, welche mit großer Gelehrsamkeit, Ordnung nnd Genauigkeit ausgearbeitet sind, befindet sich auch eine gute Anzahl solcher welche kritischer abgefaßt seyn könnten; hierunter rechnen wir das, was z. E. von B. Meckern, von Jacob Andrea, von Joh. HuS, von Ercivio, von Holstcincn :c. angeführet wird, wovon wir zum Beweise nur das Leben des letzter» vorlegen wollen. „Holstein, heißt cS, ein Gelehrter des 17. Jahrhunderts, war in Ham- „bnrg 15!)t> gcbohrcn. Nachdem er in seiner Vaterstadt den Wissen- „schaflcn mit vielem Glücke ohgclcgcn hatte, rcißtc er nach Frankreich, „wo er durch seine Gcschicklichkcit einen großen Ruf erlangte; und sich „einige Feit in Paris bey dem Präsident von McmcS aufhielt. Da- Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1761- 163 „mals, ohne Zweifel, geschah es, daß er die Lutherische Religion mit „der Katholischen verwechselte, und zwar wie mau sagt auf Zureden „des Jesuiten, Pater SirmondS. Er ging hierauf »ach Rom, wo er „sich besonders an den Kardinal Fr. Barberini hielt :c." In diesen wenigen Zeilen sind eine Menge Fehler, sowohl der Begehung als Un> tcrlassung. Erstlich ist es zwar wahr, daß er in seiner Vaterstadt stu- dirt hat, und zwar besonders unter Joh. Huswcdeln, allein sehr kurze Zeit; weit länger aber hat er sich in Lcydcn aufgehalten, wo er sich besonders auf die Arzncykunst legte. Zweytens war die Reise nach Frankreich nicht seine erste Reise, sondern diese nntcru.ihm er 1617 nach Italien, wohin ihn PH. Cluver begleitete- Auch seine zweyte Reise war es nicht, denn diese ging 1622 nach England; und als er von da wieder zurück kam, begab er sich erst nach Frankreich, und zwar, wie man will, aus Verdruß vergebens nm einen Schuldienst angehalten zu haben, welchem man auch seine Religionsvcrändcrnng zuschreibt- Drittens war es nicht in Italien, wo er den Kardinal Bar- bcrini kennen lernte, sondern schon in Frankreich, wohin ihn Pabst UrbanuS der VIII. in Religionsgcschäfteu als Legaten geschickt hatte- Er wurde ihm von Prirescio empfohlen, und auf dessen Empfehlung nahm ihn der Kardinal unter seine Hausgenossen auf, und hernach mit sich nach Italien, wo er ihn zn seinem Sccrctair und .Bibliothekar machte. (Die Fortsetzung nächstens.) Diese zwey ersten Theile, von denen man überhaupt gestehen muß, daß sie vcrschicdncr Unrichtigkeiten ohngcachtct, mit einer anSgesnchtcn Gelehrsamkeit angefüllet sind, kosten in den Voßischen Buchlädcn hier und in Potsdam 16 Thlr. (3. April-) Was Chaufepie sonst von Holsteincn sagt, ist nicht weniger unvollständig. Die Reisen, die er gethan, als er schon in Italien gewesen, vergißt er ganz uud gar; z. E. seine Reise nach Poh- lcn 163t), wo er bey seiner Rückreise über Wien ging, und aus Verlangen des Kardinals Barbcrini verschiedene Handschriften nachschlug- In der Stelle, die er zum Schlüsse üuS den IXonvellos la livjmli, äos I.ellr. anführt, vergißt er eine kleine^ Unachtsamkeit des Herrn Baylc anzumerken, wo dieser sonst so genaue Mann ihm den Tittcl eines I>ililiuliu'^u!>irv os diliüo lliec-r war. Ferner ist es zwar wahr, daß er den Kardinal Bar 154 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 17Z1. berini zu seinem Erben eingesetzt hat, doch hätten auch seine beträchtlichen Vermächtnisse, die er an die Königin Christina, an die St. Johannes Bibliothek in Hamburg, an die Augustiner Mouche in Rom, an Wuchern und Handschriften, gemacht hat, nicht sollen vergessen werden. Was aber im ganzen Artickcl am aller uuzuläuglichsten und trockensten ist, ist das Vcrzcichniß seiner Schriften. Was Bayle so oft an dem Morcri tadelt, daß er nichts als die Tittcl davon wisse, und auch diese verstümmelt anführe, daß er weder die Ordnung der Zeit, noch der Materien, dabey beobachte, daß er die Bücher, welche nach des Verfassers Tode heraus gekommen, von denen, die er selbst herausgegeben, nicht unterscheide, daß er die angefangenen und vcrsprochncn Werke anzuführen vergessen; alle diese Fehler hat er, als ein zweyter Morcri, ängstlich in Acht genommen. Da er des Ranzovs I^ittolam ml 8. tÄIixwm mit unter die Holsteinischen Werke setzt, warum sagt er uns den Inhalt nicht davon, auf welchen alles ankommt? Er gedenkt nicht mit einem Worte dieses Prosclytcn, den der eifrige Holstein gemacht, auch der Mühe nicht, die er sich gegeben, den Marg- grafcn von Brandenburg Christian Ernst zu Auuchmuug der katholi- scheu Religion zu bewegen. Wo bleibt seine Arbeit über den Baro- ninS, dem er mehr als 8Wl) Schnitzer Schuld gab? Wo sein Kata- logus der Handschriften in der Florcnlinischcu Bibliothek? Wir tragen Bedenken umständlicher in Sachen zu seyn, die vielleicht nach weniger Leser (?cschniack sind. Sollten diese Supplemente übersetzt werden, so hoffen wir, daß die Aufsicht einem Manne wird übergeben werden, der alle dergleichen Unrichtigkeiten zu verbessern im Stande ist, nicht aber einem, dessen ganzer Ehrgcitz es ist, seinen Namen an der Stirne eines prächtige» Werks zu scheu, der Antheil, den er daran hat, mag nun so geringe seyn, als er will. (6- April.) /^ö t?o/«!0/ia/«Ve /« t)//oi'en t/» Mo,!c/e. /^«t,'ttt e/i, itit'cntt^ue «/! öene. ?f> Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1761. „bestehet darinuc; vor diesem mußte man, man mochte wollen oder „nicht, seine Paquctc nehmen, jctzo aber hat man doch das Auslese»/' Ans Italien ist der Weltbürger nach Deutschland gcrciser, wo er über vcrschicdnc Ocrtcr Anmerkungen macht, welche man mit Bergungen lesen wird. Aus Deutschland hat er sich nach Spanien und Portugal begeben, von dar nach England, wo er sich auch noch jetzt, nach einer kleinen V'crdrüfilichkcit, die er in Paris erlitten, aufhält. Der Geist der Misantropie leuchtet in allen Feilen hervor, und der Name eines Mcuschcnfcindcs würde ihm vielleicht eher zukommen, als der Name eines Weltbürgers. „Ich verachte, spricht er zum Schlüsse, die Mcn- „ scheu allzusehr, als daß ich nach ihrem Bcyfallc streben sollte, und „vergönne es ihnen ganz gerne, daß sie Verachtung mit Verachtung „vergelten; ich rathe ihnen sogar, es zu thun; und schon seit langer „Zeit habe ich mir zum Wahlsprnch erwählt: t?on1eiuui <Ü5 coiilo „innere." Ist in den Noßifchcii Buchlädcn hier und iu Potsdam für t; Gr. zu haben. <17. April.) Frankfurt an der Oder. Ruryer Bcgrif des biblisch-chronologischen Systems von 6000 Jahren, neinlich von Erschaffung der Welt bis ins Jahr Jesu Christi (18L0) 1802/ als an dem Anfange des tausendjährigen Sabbaths in einem tausendjährigen Reiche, herausgegeben von George Heinrich Ranz, evangelisch-reformirten Prediger zu Aren an der Elbe. Nebst einer Vorrede von Paul Ernst Jablonski, öffentlichen ordentlichen Lehrer der Theologie auf der hohen Schule zu Frankfurt an der Oder. Bey Johann Christian Rleyb. 1760, in 8t. Der Herr Verfasser dieses kurzen BcgrifS hat sich schon durch verschiedene andre Schriften, und insonderheit durch seine Icyte Schicksale der Rirche Gottes und der Welt bekannt gemacht, und eben diese lctztrc hat ihm, wie er selbst anzeigt, Anlaß gegeben, an eine, seiner Einsicht nach, richtigere Zeitrechnung des alten Testaments die Hand zu legen. Er hatte aus der Offenbarung (ein Buch das den Schlüssel zu vielen Schwierigkeiten in der Schrift geben würde, wenn man cS nur verstünde) mit der Kirchengeschichtc des neue» Testaments vcr glichen, geschlossen, daß im Jahr nach Christi Geburt, wie wir zählen, 18l>? die Welt volle l!t>W Jahr würde gestanden haben, und daß von da an das siebente Jahrtausend, und mit demselben der noch bevorstehende Sabbat oder .die glückliche Ruhezeit der Kirche Gottes auf Erden, welche viele Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1751. 157 auch unserer Gottcsgelehrtcn noch hoffen, ihren Anfang nehmen wurde. Um eben dieses auch aus dem ganzen Zusammenhange der von Erschaffung der Welt, bis auf Christi Geburt vcrfloßncn Zeit, bündig darthun zu können, hat der Herr Verfasser die Rechnung derselben, so wie sie vornemlich aus der h. Schrift uud dann auch aus den ältesten Geschichten andrer Völker genommen werden kan, untersucht, und sich endlich überzeugt gefunden, daß seine schon vorhin angegebne Rechnung völlig dadurch bestätiget werde. Dieses hat er in diesem kurzen Begriffe vorläuffig anzeigen wollen, und behält sich die wcitre Ausführung der Grundsätze seiner neuen Zeitrechnung in einem größer» Werke vor, welches bereits fertig ist und auf Vorschuß gedruckt werden soll. Wenn er alles dariunc leistet was er hier verspricht, so wird künftig die Chronologie, allen Untcrsuchuugcn eines Scaligers, Pctavius, Mars- hamS, Pridcaur, DodwcllS, des ViginolcS zum Trotz, eine ganz andre Gestalt annehmen müssen. Wir wollen hoffen, daß ihm zuvcrlä- ßigc Richter in solchen Sachen eine Stelle bey diesen Männern anweisen und ihn nicht nntcr die Anzahl der chronologischen Schwärmer, zu einem RaviuS, Koch uud Kohlrcif fetzen mögen, lins wenigstens scheint der Anlaß einer neuen Zeitrechnung, den man in einer Stelle der Offenbarung findet, ein wenig wundersam, ob er gleich nichts mehr voraussetzt als das Verständniß dieses noch bis jetzt unverständlichen Buches. Der Herr Prediger Kauz sucht durch seine neue Zeitrechnung nichts gcringcrs als die Freygeister von der Göttlichkeit der h. Schrift zu überzeugen und die Juden zu bekehre». Ein Wunder wäre es, wann es der Chronologie, der ungewissesten uud dunkelsten von allen Wissenschaften aufbehalten wäre, diese zwey wichtigen Veränderungen zu bewerkstelligen. Ist in den Buchhandlungen hier und in Potsdam für 3 Gr. zn haben. (24. April.) Frankfurt an der Oder. Christian Ernst Simo- netti Sammlung vermischter Beiträge zum Dienste der Wahrheit, Vernunft, Freiheit lind Religion. M ^,oc/e^/s voK»-t >Ü5 <^>/Ir. pluetio, heißt es an einem ^Lrtc, codier «l tcr diejenigen Schriftsteller, weichen einige mit Recht wohlaufgcnommcnc Werke das glückliche Vormthcil vcrschaft haben, als ob alles, was aus ihrer beschäftigten Feder fließt, vortrcflich scyn müßc. Troz diesem Vornrthcile aber wagen wir zu sagen, daß seine Fabeln nbcrhaupr erbärmlich, und unter allen zwcyhundcrt und zwey und dreysiigcn nicht zwey und dreyßig leidlich sind. Er hat sie in ungcbundncr Rede abgefaßt, welches wir weder billigen noch tadeln wollen. Die Wahrheit aber zu sagen, so tränen wir dem Hrn. Verfasser nicht einmal zu, daß er im Stande sey, den Versen diejenige rcitzcndc Einfalt zu geben, welche sie nothwendig haben müssen, wenn sie zum Vortrage der Fabeln geschickt seyn sollen. Wir wollen zur Probe ein Paar von den kleinsten hersetzen, woraus der Leser ohne uns schließen wird, daß der Herr von Holbcrg auf das höchste der dänische Stoppe ist. Die 185. Fabel heißt Der Elephant und der Biber. Ein Elephant und ein Biber sprachen einSmalS von dem Lauf der Welt mit einander, sowohl in Ansehung der Thiere als der Menschen- Unter andern Dingen fragte der Biber den Elephanten, welche Herrlichkeit er sich am liebsten wünschen möchte, entweder Reichthum oder Wcißhcit? Der Elephant antwortete: Ich wollte mir wohl Weißheit wünschen, wenn ich nicht sähe, daß so viele weise Sollicitantcn und stndirte Leute mit niedergeschlagnen Köpfen in den Vorgcmächcrn der Narren stünden. Warum hat der Verfasser den Elephanten und den Biber zu dieser Fabel gcwchlt? Warum nicht die Katze und den Hnnd, oder den Esel und das Pferd? Welche Wahrscheinlichkeit, daß der Elephant jemals in die Norgcmächcr reicher Thoren gekommen ists Die 187. Fabel. Von der Neherinil/ die ihre Nehnadcl verlor. Eine Nchcrinn vcrlohr einsmals ans dem Felde eine Nchnadcl. II" 1l>4 Aus dcr Berlinischen Zeitung vom I. 1761. Dieser Verlust ging ihr sehr zu Herzen. Sie sagte, sie wollte lieber zehn andre Nadeln, als diese einzige gemißt haben. Sie gab sich darauf viele Mühe sie wieder zu finden, aber vergebens, denn die Nadel blieb beständig unsichtbar. Aber indem sie die Verlorne Nadel suchte, fand sie eine ächte Perl, für welche sie mehr als eine Million Nch- nadcln kaufen tonnte :c. :c. Kostet in den Voßischen Buchläden 6 Er. (18. May.) Frankfurt. Vermischte Abhandlungen und Anmerkungen aus den Geschichten, dem Staatsrechte/ der Sitten- lchrc und den schönen Wissenschaften- ^c»//e,!.? a/ie« »i onitti« itbltti/. Franks, und Leipzig in dcr Rnoch- und »Lßlingcrschcn Buchhandlung. 1761. in 8t. 1 Alph. 12 Bogen. Diese Abhandlungen sind folgende: 1) Die Geschichte und die letzten Stunden des englischen Grafen Jacobs von Derby, Herrn der Jnsnl Man. Dieser Jacob von Derby war einer von denen, welche es auch zu den Zeiten eines Cromwclls wagten, rechtschaffen zu seyn. Diese Kühnheit kostete ihm den Kopf; er glaubte aber, daß man die Ehre ein treuer Unterthan eines rechtmäßigen Königs zu heisscn, nicht theuer genug crkauffen könne. Wie viele kennen diesen Mann? Ein neuer Beweis, daß nicht alle berühmt geworden sind, die eS hätten werden sollen. 2) Zuverläßigc Nachrichten von dem Leben Peters Grafen von Holzapfel. Dieser Held ist in den Geschichten des ZiZjährigcn Krieges unter dem Namen Mclandcr bekannt genug. In diesem Aufsätze hat uns ihn aber der Verfasser mehr nach seinen häuslichen Umständen, aus seinen weitläuftigcn hinterlassenen Briefschaften, als auf dcr Seite des Feldherrn vorgestellt. Die Nachrichten sind also desto angenehmer, je unbekannter sie bisher gewesen sind. 3) Von etlichen in dcr güldncn Bulle unbrauchbaren Sachen. Vielleicht machen diese den größten Theil derselben ans. Ein Schicksaal, welches sie mit andern Rcichsgcsetzen gemein hat. 4) Von den verführerischen und vielversprechenden Titeln etlicher Bücher. Es sind meistens Romane, von welchen dcr Verfasser hier redet. Er muß ein ziemlich erklärter Feind derselben seyn, sonst würde er schwerlich von dem Klcveland, von dem Dechant von Killcrine, von dem Joseph Andrews so nachthcilig urtheilen. Es ist zn viel, den Abt Prevot einen hcrumirrenden Mönch zu nennen. Es ist ein Vorurthcil, von dem wir den Herrn Verfasser frey wünschten; weil Herr Fielding ein Schauspieler ist, also muß er Ans der Berlinischen Zeitung vom I. 1761, 165, nothwendig ein schlechter Lehrer seyn, 6) Von den großen Sanfgläscrn der Griechen und überhaupt von dem starken Trinken. lij^^.-^--«^/?»!.»-5 -^--S-^-«^-..--?'^ .V. «». -.^- ^ AuS der Berlinischen Zeitung vom I. 1751. M> sagen wollen, was ein Kenner in den Gedichten des Hrrn von L" suchen, nicht aber was er finden werde. Sie bestehen aus zwey langen Gedichten, welche TamonS Landlust und Dämons Unlust überschrieben sind, aus Erzählungen, aus Cantaten und einigen kleinen theils übersetzten, theils eignen französischen und deutschen Stücke». Hier ist eines von der letzter» Art: Die glücklichsten Neigungen, Ein stets vergnügter Muth, ein immer gleicher Freund; Die Weisheit die nicht schreckt, wann sie erhaben scheint; Ein Buch das mich ergötzt, indem cS unterrichtet; Was schönes das mich rcitzt, doch weiter nicht verpflichtet; Feld, Mahlerey, Musick, ein wohlbcrittncs Pferd; Wer mchrers noch verlangt, der ist nicht dieses werth. Der prosaische Aufsatz, welcher unter den Erzählungen sieht, das Glück und die Tugend ist schön, und wird vielleicht bey manchen den Einfall erwecken, daß der Herr von Locn in seiner Prosc poetischer ist als in seiner Poesie. Gleichwohl müssen wir gcsichcn, daß auch diese auf ciucr Seite mehr Schönheiten hat, als iu inancheu sogenannten auserlesenen deutschen Gedichten auf ganzen 24 Bogen nicht aufzutrcibcu sind. Kostet iu den Aoßischcn Buchlädcu hier und in Potsdam 8 Er. (22. Iuu.) Cölln. Das Lob der noch lebenden unbekannten Schriftsteller in den berühmtesten Gegenden von Westpha- len: aus bewährten und unumftöslichen Urkunden zusamincn gezogen und aufgesetzt von einem Landmanne und patriotischen Verehrer ihrer großen Verdienste B> G- R- Kuni tt^u«? »-er- »e«, ?e//iu«i, ,m» weit entfernt. Er tadelt an den Westphälcrn nichts als ihren ungeheuren Geschmack in den schönen Wissenschaften. Er hat sogar die Billigkeit ihnen den Ruhm nicht streitig zu machen, Männer unter sich gehabt zn haben, welche in den ernsthaften Theilen der Gelehrsamkeit stark gewesen sind; wann es anders bey ihm eine Billigkeit zn nennen ist, da er sich selbst für einen Westphalcr ausgicbt. Man wird an seinem ganzen Aufsatze, wie wir hoffcu, nichts zu erinnern finden, als dieses: erstlich, daß seine Satyre für seine LandSlcutc, nach der Einsicht, welche er selbst ihnen beylegt, zn fein ist; zwevtenö/ daß alle die Verfasser welche er anführt unter der Satyre sind. Ein elender geistlicher Redner, ein abgeschmackter PolcmicuS, ein Reimschmid welcher nichts als elende Hochzcillicder, oder chrienmäßigc Tranerotcn, voller schönen Stcrbegcdanlcn, die einen ehrlichen Mann zur Verzweiflung bringen können, der Welt vorlcycrt, werden allzusehr geehrt, wcmi man sich förmlich mit ihrem Tadel abgicbt. Kostet in den Voßi- scheu Buchlädcn hier und in Potsdam Z Gr. (29. Jnn.) Ulm. Erste Ansangsgründe der philosophischen Geschichte, als ein Auszug seiner grösser» ^Verre herausgegeben von Jacob Brucr'er. Zweyte Ausgabe. Bey Daniel Bar- tholomäi und Soh». in 8t- i Alph, 15 Bog. Diese AnfangSgründc kamcn das erstemal im Jahr 17Ä! heraus, als der Herr Verfasser die kurze» Fragen aus der philosophischen Historie gccndigct hatte. Seine Absicht war dcn Anfängcrn an diesem, in dem Cirtcl der Wisscnschas- tcn unentbehrlichen, Theile einen Geschmack beyzubringen, und sie zu dcn Fragen selbst vorzubereiten. Die Ausarbeitung des grösser» lateinische» Werks aber hat ihm in der Folge Gelegenheit gegeben die Lücken nnd Unzulänglichkeiten dieses Auszuges, besser als jeder andre, wahrzunehmen. Er hat also in dieser neue» Auflage, nicht geringe Veränderungen gemacht; er hat ganz neue Hanptstückc, zum Ercmpcl von der orientalischen Philosophie, von den Schicksalen der griechischen Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1761. 171 Philosophie ausser Griechenland und andre, eingeschaltet; er hat die Vorstellungen der Lehrsätze ergänzt, und ihren Zusammenhang deutlicher vor Augen gelegt, als worauf in der Geschichte der Wcltweisheit offenbar das Hauptwerk beruhet. Ucbrigcns ist die Einthcilung des Werks selbst so eingerichtet worden, daß sie mit dem lateinischen Werke übereilt trift. Unsre Anpreisung wird sehr unnöthig seyn. Wenn es aber wahr ist, daß niemand in einer Wissenschaft ein gründliches Eompen- dium abfassen kann, als der, welcher diese Wissenschaft in dem weitläufigsten Umfange übersieht, so muß das gegenwärtige gewiß das gründlichste seyn. Ohne die Geschichte bleibt man ein uucrfahrncs Kind. Und ohne die Geschichte der Wcltweisheit insbesondere, welche nichts als dic Geschichte des Irrthums und der Wahrheit ist, wird man die Stärke des menschlichen Verstandes nimmcrmchr schätzen lernen; man wird ewig ein aufgcblasner Sophiste bleibe», der, in seine Grillen verliebt, der Gewißheit im Schosse zu sitzen glaubt; man wird stündlich der Gefahr ausgesetzt seyn von unwissenden Pralcrn hintcr- gangen zu werden, welche nicht selten das neue Entdeckungen nennen, was man schon vor etlichen tausend Jahren gewußt und geglaubt hat:c. Kostet in den Boßischcn Buchlädcn hier und in Potsdam 10 Gr. (20. Jul.) Frankfurt am May». Empfindungen für die Tugend in satyrischen Gedichten von C. N. Naumann, Verlegt-) D. Ch. Hechtel. 1722. Es ist ju wenig, wenn man Schriften, welche lächerliche freye Handlungen der Menschen als lächerliche schildern, unter gewissen Umständen erlaubte Schriften nennet. Man mnß sie unter die nützlichsten zählen, welche oft mehr als eine mit Fluch und Hölle belästigte Predigt das Reich der Tugend erweitern. Man weiß daß die Meister derselben vcrschicdnc Wege gegangen sind. Man weiß worinnc die Satyrcn eines Horaz von den Satyren eines Juvc- nals und Persins unterschieden sind. Man weiß daß allzu strenge Knnstrichtcr, welche sich vielleicht zu genau an willkürliche Erklärungen gebunden haben, den letztem den Namen der Satyrcnschreibcr absprechen. Sie donnern anstatt zu spotten. Sie führen Laster auf anstatt Ungereimtheiten. Sie machen mehr verhaßt als beschämt. Ihr Lache» ist voller Galle; ihre Scherze sind Gift. Herr Naumann selbst giebt uns das Recht, ihn unter die Nachfolger dieser allzu ernsthaften Rä- cher der Tugend zu setzen. Was sind seine Empfindungen für dic Tugend anders als das, was scin Muster inäignatic) nennet? Diese al- 172 Ans der Berlinischen Zeitung vom Z. 1751. lein würde ihn zu einem Dichter gemacht haben, wenn er es nicht wäre. Wir wünschten also, daß er ein einziges Wort ans dein Tit- tcl geändert, und anstatt in satirischen Gedichten gesetzt hätte in Straffgedichten. Es sind deren nicht mehr als zwey. Die erste beschreibt eine wollüstige und verderbte Stadt, und ist voller wohlge- trvffncn Bilder, welche aber alle mehr die häßlichen als lächerlichen Seiten vorstellen. Die zweyte ist wider die Weichlichkeit der Sitten. Aus dem Anfange mag man auf den Rest schlicsscn. Komm wieder Juvenal und straffe diese Stadt, Die dein vcrhurtcs Rom längst übertreffen hat, Und greif die Thoren an, der Republik Gcschwührc, lind zürn und mach auf sie die feurigste Satyrc. Aus der ersten wollen wir noch folgende Stelle, in welcher ein besondres Feuer herrscht, hersetzen. Wo wohnt Religion? Wo find ich Menschenliebe? Wer hört den Unsinn nicht auf Kaffchäuscrn schrcyn, Wo jeder Wüstling glaubt ein Edelmann zu seyn; Wo Knaben ohne Bart sich frech zusammen rotten Mit jungem TeufclSwitz Gott und der Schrift zu spotten. Hier, wo der Atheist, der lndcrmäßig starb, Beym schöngcputzten Schöps noch Beyfall sich erwarb; Daß einst sein Flattergeist auch in der Luft verschwände Wünscht er aus Dummheit sich und kloppet in die Hände; Und ruft, daß es sogar die Strasse hören kann; Fürwahr ein großer Geist! fürwahr ein braver Mann! Kostet in den Noßischcn Buchladen hier und in Potsdam 2 Gr. 6 Pf. (22. Jnl.) Rönigsberg. M- Friedrich Samuel Bocks, Predigers bey dem Aönigl. preuss. von Schorlcmcrschen Regiment Dragoner/ erbauliche Reden an die Gemeine zu Befestigung der Wahrheit und Beförderung der Gottseligkeit- Verlegte I»K- Heinr. Härtung. 1751. in 8t. 1 Alph. 7 Bogen. Ein sehr schlechter geistlicher Redner ist in unsern Tagen bey nahe eben so selten, als ein vollkommncr. Der philosophische Geist, welcher seit ge> ranmcr Zeit auch in die Lehrbücher der GottcSgclchrtcn eine gewisse Klarheit und Genauigkeit gebracht zu haben scheinet; die bcstimmlcrc und reinere Sprache; die gesündern Begriffe von der wahren Bcrrd samkcil, welche alle nach und nach gemeiner werden, können auch den Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1751. 173 mittelmäßigsten Kopf, wo nicht zu einem Moßheim, doch zu einem Manne machen, den man ohne Verdruß eine Stunde schon anhören kann. Wann er noch über dieses die Klugheit besitzt, diejenigen Stücke der Religion in seinem Vortrage zn übergehen, welche mehr als gemeine Einsichten und eine unzucrmüdcndc Scharfsinnigkcit crfodcrn, so wird ihn der Pöbel bald für einen großen Geist zu halten anfangen; weil der Pöbel alle für groß hält, welche ihre Schwachen seinen Augen zu verstecken wissen. Die in dieser Samlnng cnthalmen sechs Reden haben folgende Aufschriften. :c. Der Herr Feldprcdigcr entschuldiget iu der Vorrede die Lange seiner Reden, nach welcher sie schwerlich so können seyn gehalten worden, als man sie hier liefet. Wir wollten wünschen, daß er sich wie Martial hätte entschuldigen können: dasjenige ist nicht zu lang/ was nicht kürzer seyn kann. Dem obngcachtet glauben wir, daß bey einer Menge Leser diese Reden in der That erbaulich seyn werden. Sie kosten in den Voßischcn Buchhandlungen hier und in Potsdam 8 Gr. (24. Jul.) Königsberg. Die gute Sache der in der heiligen Schrift alten und neuen Testaments cnthalmen göttliche» Offenbarung/ wider die Feinde derselben erwiesen und gerettet von Theodor Christoph Lilicnthal, der h. Schrift Doct- und ordentl. Ächrer auf der Rönigobergischen Universität :c. Zweyter Theil/ bey Ioh. Heinr. Härtung. 4751. in 8t. 1 Alph. 9 Bogen. Dieser ganze zweyte Theil bestrebt stch die Weissagungen zu retten, welche in dein alten Testamente von Christo geschehen sind. Die vornehmsten Gegner, mit welchen der Herr Doctcr zu thun hat, sind Schmidt/ Lollins und parvish. Der erstere soll in seiner freyen Ucbcrsetzung der fünf Bücher Most's, die darinnen vorkommenden Weissagungen verfälscht haben. Der andre hat in seinen bekannten Schriften alle buchstäblichen Weissagungen geleugnet, und zu beweisen geglaubt, daß ihre vermeinte Erfüllung bloß auf einer verblümten Deutung derselben beruhe. Der letztere hat einem Indianer, den er in seiner Untersuchung der jüdischen und christlichen Religion einführte, Reden in den Mund gelegt, welche die gewöhnlichen Erklärungen der Weissagungen von Christo und seinem Reiche bcstreitcn. Der Herr Verfasser will überall zeigen, daß die Waffen dieser Feinde der Offenbarung nicht neu sind. Sie entlehnen dieselben, spricht er, theils von den Juden, theils pflügen sie mit Hugonis Grotii Kall'e. Dieses 174 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1761. ist eben so richtig, als wenn man sagen wollte, die Widerlegungen des Herrn Doctors waren nicht neu, sondern er habe größtenthcils mit Calovii Kalbe gepflügt. Wir glauben, es sey nichts widersprechendes, daß einer eben das sieht, was ein andrer gesehen hat, und hier ist überhaupt nicht die Frage, ob die Eüuvürffc eines Collins neu, sondern ob sie wahr sind? Das Gegentheil von den letztem hat der Herr Dvctor Lilicnthal auf eine gelehrte Art bewiesen; und es kann gleich viel seyn, ob er seine Beweise als der erste erfunden, oder als der zwölfte wiederholt hat. In der Streitsache über die Weissagungen des Alten Testaments auf Christum ist wenigstens so viel gewiß, daß man besser thut, wenn man die Anzahl derselben verringert, als wenn man sie vermehrt, weil in dem letzter» Falle diejenigen, an deren Gewißheit man nicht zweifeln kann, durch die Nachbarschaft mit nicht wenigen andern, deren Falschheit nur allzu klar ist, ein verdächtiges Ansehen bekommen. Dieser zweyte Theil kostet in den Voßischcn Buchladen hier und in Potsdam 10 Gr. (29. Iul.) Ulm. Herrn Franz Salignae de la Motte Fe- nelon, Erzbischofs zu Tämmerich, Runst glücklich zu regieren; mit nützlichen zur klugen «Linrichtung und Verwaltung eines Staats. 1751. Auf Rosten Ioh. Friedrich Gaums. In 8t. 8 ZZogen, Diesen Aufsatz hat Feuclou zum Gebrauch des damaligen vermuthlichen französischen Thronfolgers, des Herzogs von Bourgoguc, dessen Unterweisung ihm anvertrauet war, verfertigt. Er besteht aus sieben und dreyßig Prüfungen, wovon jede einen Punkt abhandelt, welcher einen nothwendigen Einfluß auf das Wohl des Staats hat. In der ersten, zum Exempel, fragt er seinen Durchlauchtigen Schüler: Habt ihr anch eine hinlängliche Erkenntniß von allen Wahrheiten der christlichen Lehre? In der zweyten: Seyd ihr noch nicmalcn auf die Gedanken gerathen, daß die heilige Schrift nicht sowohl den Königen, als den Unterthanen zur Regel und Vorschrift ihrer Handlungen diene? In der dritten: Habt ihr nicht unter euren Nathgebcrn diejenigen besonders vorgezogen, welche am alleibestc» sich cucrn ehrgciizigcn, citeln, hoffärtigcn, wollüstigen und schädlichen Absichten zu fügen gewußt? Ans diesem wenigen wird man leicht schlicsscn, daß diese Schrift eher heisscn sollte: Die .Kunst nntadelhaft zn regieren, als die Kunst glücklich zu regieren. Man darf die Geschichte nur oben hin durchlauffen haben, nm von der Wahrheit übcrzcngt zu seyn, daß die besten Kö- Ans der Berlinischen Zeitung vom I. 1761. 175 nige selten die glücklichsten, und die glücklichsten noch seltner die besten gewesen sind. So nahe Fcnclon mich dem Ruder des Staats war, so wenig merkt man es doch ans seine» Vorschriften, welche nichts deutlicher zeigen, als daß von der eigentlichen Kunst zu regieren keine können gegeben werden. Alles, was Fcnclon hier sagt, würde ein jeder Schullchrcr von gutem Verstände auch haben sagen können. (5s sind lauter allgemeine Satze, welche aus einem Prinzen zur Noth einen ehrlichen und vorsichtigen Mann, nichts weniger aber als einen großen König machen können, ^ie deutsche Ucbersctznng ist leidlich, nur ve» rath sie hin und wicdcr ihrcn Geburtsort. Tcr Ucbcrsctzer nennet sich in der FuciguungSschrift T. E> Gerhardt. Kostet in den Aoßischcn Buchlädcn hier und in Potsdam 3 Er. (3. Ang.) Altenviirg. Falschheit der neuen Propheten. Erstes und zweytes Stück. Bey Paul Richtern, 175t. in 8t. 16 Rogen, TicscS ist der glückliche Anfang einer Arbeit, die man mit Vergnügen lesen wird. In dem ersten Stücke handelt der Verfasser anfangs überhaupt von der Thorheit, in die Nacht der Zukunft dringen zu wollen. Er macht sich hierauf an die Muthmaßungen, zu welchen die Whistonischcn Lehrsätze von den Kometen seit einiger Zeit Gelegenheit gegeben haben. ES ist uns leid, daß Hcyn und Kindcrmann in eine Klasse gekommen sind. Auf diese folgen verschiedne neue Ausleger der Offenbarung, und einige drohende Vcrtündiger des jüngsten Tages. Bald waren es die Pluderhosen, bald die blossen Brüste, bald die Frcymänrcr, welche sichre Zeichen seiner Annäherung seyn sollten. Von diesen schwcrmüthigcn Träumen kömmt der Verfasser anf die Cab- bala, auf die Coffccschalc, auf den europäischen Staatswahrsagcr. In dem zweyten Stücke werden die prophetischen Tcnksprüche von der Folge der römischen Päbstc, die man gemeiniglich dem armaghanischcn Erz- bischoffe Malachia zueignet, die Prophczcyungcn von der Folge der Könige in Spanien, welche der Abt Archimbaud bekannt gemacht hat, und einige andre wcillanftig untersucht. Wir wünschen in den folgenden Stücken gleich gründliche llntcrsnchuugcn zum Exempel der Vor- hcrverlündigungcn des Ncstradamus, des Merlins und besonders des GrcbncrS, welcher zu seiner Zeit viel Aufsehens in England machte, zu sehen. Kostet in den Voßischen Bnchläden hier und in Potsdam 6 Er. (5. Ang.) Constantinopel. Unter diesem Orte sieht man seit I7l> Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1761. kurzen tÄ,t/!,i «/« Mn/iomet, in zwey Theilen in 12. wovon der erste 204 Seiten und der zweyte 247 Seiten stark ist. Der Tittcl kündigt einen Roman an, auch ohne unser Erinnern. Er enthält die Abcnthcncr eines Franzosen, welcher sehr jung aus seinem Valerlaudc nach Constantinopel floh, aus llucrfahrcnheit Sklave ward, und in seiner Sklavcrey gemeiniglich seinen Frauen redlicher als seinen Herren diente. Sein gutes Glück verHals ihm zn manchen tausend Schlägen, unter welchen jeder andre, als ein Ronianciihcld, wurde haben erliegen müssen. Doch was sind diese und alle die Lebensgefahren, in welchen er gewesen ist, gegen die Ehre in die Schwägcrschaft des Mahomcts gekommen zu seyn? Aus dieser muß man den Tittcl erklären. Ohne zu uutcrsuchcn, ob die Tugend dieses Werk, ohne zu crröthcn, lesen könne, müssen wir gestehen, daß der Verfasser eine besondre Eeschick- lichkcit besitzt von allen Sachen die lächerliche Seite zu entdecken, und seinen Gedanken durch einen kurzen und sinnreichen Ausdruck den gehörigen Schwung zu geben. Die beygefügten Noten können diesen Roman sogar einigermassen nützlich machen, weil man darinne hänffige Erklärungen vcrschicdncr türkischen Gebräuche findet, welche allerdings aus eigner Erfahrung aufgesetzt zu seyn scheine». Der Franzose leuchtet überall hervor, und wer weiß ob alle von seiner Nation, welche jemals in türkschcr Gefangenschaft gewesen sind, so viel Euustbczcu- guugcn von mahomctanischcn Schönen erkalten haben, als er auf sciue eigne Rechnung schreibet. Wenn ein frommer Muselmann ihn lesen sollte, er würde auf allen Seiten anSruffcn müssen: welche Gotteslästerungen! Und diese Gotteslästerungen sind es gleichwohl, welche manchen ehrlichen Christen ergötzen werden. Kostet in den Noßischen Buch- lädcn hier und in Potsdam 20 Gr. (12. Aug.) Hamburg. Horaz. Bey Johann Carl Bohn. 1761. in groß 4t. auf 2 Bogen- Dieses Gedichte beschreibt die Anmuth des Landlebens und den Horaz als den würdigsten Ecnicsscr desselben. Deutschland kennt ihn ungenannt, ihn eui licsuicittm jialer Vocom vum cilluu'a «leckil - - - <>»i »erl^ie ein!» lelluiline llvvil nmorom, - - elalioraluni i»ck peclom. Nach dem Beyspiel des Horaz rührt er nicht immer entzückende Saiten, und tönet Lieder darin, welche jene mens äivmioi' belebt. Die- Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 17Z1. 177 ses, und die meisten seiner moralischen Gedichte, sind solche, welche sein Muster lvrmoui zn-ojiiora nennt. Starke Gedanken, wohlgetrof. fenc Bilder, Ausdrücke 178 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1761, die Freyheit. Ist sein Feuer anhaltend genug, daß es unter den Schwierigkeiten des Reims nicht erstickt, so reime er. Verlieret sich die Hitze seines Geistes während der Ausarbeitung, so reime er nickt. Es giebt Dichter, welche ihre Starke viel zn lebhaft fühlen, als daß sie sich der mühsamen Kunst untcrwcrffcu sollten, und diese oikoncUt limao lalim- ^ rnora. Ihre Werke sind Ansbrüche des sie treibenden Gottes, ciuos nee mulia dies neo inulla Iltui-a coercuit. Es giebt audrc, welche Horaz tanos nennt, und welche nur allzuviel Demokrite jetziger Zeit Helicone excluäunt. Sie wissen sich nicht in den Grad der Begeisterung zu setzen, welcher jenen eigen ist, sie wissen sich aber in demjenigen länger zu erhalten, in welchem sie einmal sind. Durch Genauigkeit und immer gleiche mäßige Lebhaftigkeit ersetzen sie die blendenden Schönheilen eines auffahrenden Feuers, welche nichts als eine unfruchtbare Bewunderung erwecken. Es ist schwer zu sagen, welche den Vorzug verdienen. Sie sind beyde groß, und beyde unterscheiden sich unendlich von den mittelmäßigen Köpfen, welchen weder die Reime eine Gelegenheit zur fleißigern Ausa.beitung noch die abgcschaftcn Reime eine Gelegenheit desto feuriger zu bleiben, sind. In welche Klasse der Verfasser der angeführten Oden, Lieder und Erzehlungen gehöre, mag man aus diesen kleinen Proben errathen. An die Unzufriedne. Seine Mutter bat der Mond Um ein Kleid, das ihm gut stünde, Doch die Mutter sprach zum Kinde: Bist du nicht bald groß und rund, Bald auch klein und rauch von Ecken, Welches Kleid wird dich gnt decken? Das Herz des Menschen ist bald groß, bald klein, Und nie wird es beständig seyn. Gott kann ihn durch kein Schicksal kleiden lassen. Nie wird sein Znstand auf ihn passen. Vvein und Liebe. Unterm Spiel der Liebe Dacht ich an das Kelchglas, Und ich trank das Kelchglas, linterm Lcrm der Gläser Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1751. 179 Dacht ich cm die Liebe, Und ich folgt' der Liebe. Unterm Aktcnlcscii Kamcn mir Gedanken Von dem Wein und Liebe; Und ich ließ die Akten Um den Wein und Liebe. Doch als unterm Beten Mich vom Wein und Liebe Der Gedanke störte; Sagt ich zum Gedanken- Nein; du sollest sterben. Kostet in den Voßischcn Buchlädcn hier und in Potsdam 6 Gr. (19. Aug.) Heilbronn. George Bernhardt Schwarzens, von Beutelspach aus dem Hcrzogthum Würtemberg/ Hochfürstl. Hcrrenkieffers zu Münster bey Tanstadt, Reise in Ostindien/ worinne mancherley Merkwürdigkeiten/ besonders aber die anno 1740 in seiner Anwesenheit zu Batavia vorgefallene Rebellion der Chinesen/ und derselben darauf erfolgte grosse Massacre umständlich und aufrichtig beschrieben worden. Bey Franz Joseph Eckebrecht. 1751. in Gcrav. 81 ZZogen. Der Verfasser hat seine Reiscbcschreibung für seines gleichen aufgesetzt, das ist für solche Leute, welche eben so unwissend sich an die Lesung derselben machen wollen, als er sich auf die Reise selbst gemacht hat. Er hat sich die Aufsätze eines Barchcwitz, Paradies, Langhaus, Kühns und anderer Handwcrkslcutc zum Muster genommen; denn es ist eine Thorheit sich nicht glcich das vortreflichsie in jeder Art zur Nachahmung vorzustellen. (?s wäre ein Wunder, wenn ein Kicffcr, welcher aus Vcrzweistung als Soldatc nach Ostindien geht, und in Ostindien entweder Kriegsdienste thun oder auf seiner Profeßion arbeiten muß, etwas besonders sollte gesehen oder angemerkt haben. Die Leser werden stch also mit einigen Kleinigkeiten begnügen müssen, welche vielleicht vollständiger erzählt zu werden verdient hätten. Die Beschreibung der auf dem Tit- tcl gcmcldtcn Rebellion befindet sich ganz am Ende. „Im Jahre 1739 „den 1l. Octobcr, fängt er an, schwömmen alle Fische in der Stadt „oben auf dem Wasser, und kehrten den Bauch in die Höhe, also, „daß sie in dem Wasser, als wie auf dem Lande aufzulesen gewesen, 12* 180 Ans der Berlinischen Zeitung vom I. 1761, „worüber alle Menschen, die es sahen, über alle Massen sich vcrwnn- „dcrtcn, also daß jedermann prognosiicirtc, es »niste dieses was besonders zn bedeuten haben, welches in der That sich also befände; „indem das folgende Jahr darauf das gerechte Gerichte Gottes an „eben dem 11. Octobcr an den Chinesen: endlich anSgcbrochen :c." Vortrcflich Herr Kicffer! Die elende Schreibart wird man wohl übersehen müssen, da der Verfasser so großmüthig gewesen ist, einem jeden, welcher nach Batavia reisen will, die hundert Thaler zu schenken, die cr daselbst an ausstehenden Schulden hat müssen zurücklassen. Kostet in den Voßischcn Bncbladcn hier und in Potsdam 3 Gr. (21. Ang.) Hildburgshauscn. Das vergnügte Land- und beschwerliche Hofleben, worinne sowohl die Anmuthigr'eiten des einen/ als auch die Mühseligkeiten des andern auf das artigste abgebildet werden; vormals beschrieben in spanischer Sprache von Antonio de Guevara/ Bischoffe zn Mondognedo/ Rath, Beichtvater und Historiographo Rayser Carls des V. jeyo aber seiner schönen Moralicn halber von neuem ins Teutsche übersetzt. Verlegt» Job.. Gottf. Hanisch 176i, in 8r. 11 Dogen. Unter hundert Dichtern, welche die Wnth des stürmenden Meeres beschreiben, ist vielleicht kaum einer, welcher sie aus eigner Erfahrung kennt. Dem Hofe geht cS nicht anders. Ans dem innersten seiner Studierstube zieht oft ein Mann wider ihn los, der, nngcschickt sich an demselben zn zeigen, ihn mir mit fremden Singen sieht, und die Menschen nur aus Büchern kennt, worinnc sie fast allezeit abscheulicher geschildert werden, als sie sind. Dieser Vorwnrf ist dem Antonio von Guevara zwar nicht zn machen. Cr war über 18 Jahr an dem Hofe Carls des Vtcn, wo cr ansehnlichen Bedienungen vorstand, und lernte ans seinen Reisen andre Höfe sowohl, als den seinigcn, kennen. Allein Guevara war ein Geistlicher, und diese Art Leute hat Lergröß- rnngSgläser welche auf dem schönsten Gesichte nnmerkliche Porös zn den abscheulichsten Löchern machen, Tie Kunst zn dcclamircn war ihm eigen. Und welchem Spanier ist sie es nicht? Eine Kunst welche durch sinnreiche Gedanken, durch den Schwung den sie ihnen zn geben weiß, durch übertriebne Anwendungen kleiner Geschichten, den Verstand oft so blendet, daß cr überzeugt zu seyn glaubet. Die Menschen sind am Hofe, in der Stadt und auf dem Lande Menschen; Geschöpfe, bey welchen das Ente und Böse einander die Wage hält. Schwachheiten Aus der Berlinischen Zcitung von, Z. 1761. 181 nud Lasier zu fliehen, muß man nicht dc» Hof sondern das Leben verlasse». Beyde sind an dem Hofe, wegen des allgemeinen Einflusses, den sie auf andre Stände haben, nur gefährlicher, aber nicht grosser. Bon der Uebcrsctzung dieses kleinen Werks können wir nichts sage», als daß es uns scheint es sey dem Guevara dariunc gegangen, wie es ihm in de» Uebcrsctzungcn seiner üplslolas tamili-n-os; seines liliru !>uiec» «Zo Alareo ^uiolio, üm^oiÄiloi' ^'v. ergangen ist. Und wie elend diese sind, weiß man. Unterdessen wird man sie vermuthlich wegen der eingestreuten Gelehrsamkeit, womit der Spanier nicht weniger zu prahlen gewohnt ist, als der Deutsche, nicht ohne Vergnügen lesen. Sie kostet in dc» Voßischen Buchläde» hier und in Potsdam 4 Gr. (28. Aug.) Hannover'. /It'e» »-ei ^e?oi/-// >/!t'?«t eui ^»on»' /ut c/es «Akiic/s ?e//^eci >^.' /iii e?i t>/^ ^ ^t^t /tonimaA'e ^Ziti/t'o? ^'ttc/»ti c^e / ^l//e«!«?ic/ ^«i' ?«ie ?^e6//>/>cl- ^'e?i?ie. « //«?!?iov? e tt?^i.' <^/ie?i« c^e ^/e«Zt t^'/iiis/. 17^1. in 8t. 12^ Bogen. Die Urschrift dieses Werks ist bekannt. Sie hat sich mit Recht eine Stelle unter der kleinen Anzahl solcher Bücher erworben, welche ohne prahlende Gelehrsamkeit, die Pflichten der Rcli- gion den Herzen mehr einzuflössc», als dem Verstände aufzudringen suchen. Man hat eine Art des Vertrags dazu gewchlt, worinnc uns die Alte» so viel Meisterstücke geliefert haben, und welchen die Neuern ganz verlassen zu haben schienen; den dialogischen. Alle Schönheiten desselben, die Sprache der Gesellschaft, die Verschiedenheit der Charaktere und Stellungen, die ungezwungnen Zwischenfältc, die angenehme Unordnung, welche eben so weit von der Methode als vo» der Verwirrung entfernt ist, die llcbcrgängc, wovon, man das Mnstcr in der Natur der tägliche» Unterredungen findet, sind glücklich erreicht worden. Die wesentlicher» Schönheiten des JnnhaltS werden Leser» vo» Gefühl nicht entgehen. Dem Menschen ist alles eher angenehm zu machen, als seine Pflicht, und die Kunst das Joch der Religion als ein sanftes Joch vorzustellen, ist zu schwer, als daß sie jeder Got- tcSgclchrte haben sollte. Daher kommt es, daß man gegen ein Werk, von der Art wie das gegenwärtige ist, zwanzig findet, worinne man die Theologie als eine Sophisterei) treibet, welche nichts weniger als eine» Einfluß auf das Leben hat. Der Scelcnschlaf, das jüngste Gericht, das tausendjährige Reich, die verklärten Körper werden noch jetzt in ganze» Alphabete» abgehandelt. Vortreflichc Gegenstände, 182 AuS der Berlinischen Zeitung vom I. 1761. welche wenigstens den Witz der Spötter thätig zu erhalten geschickt sind. Tiefen aber durch ein Leben, welches der Geist der Religion beherrscht, und durch Lehrsätze zu entwaffnen, die durch eine erhabne Einfalt von ihrem göttlichen Ursprünge zeigen, ist ein Werk, womit man sich nur ungcrnc vermengt, weil es den Hcrrcnhutcrn eingekommen ist, sich damit abzugeben. Wir erfreuen uns, daß man gleichwohl ein Buch von dieser Gattung allgemeiner zu machen gesucht hat, nud zwar in einer Sprache, welche jctzo den Zoten und Gotteslästerungen gewidmet zu seyn scheinet. Es hat die Uebersetzung für hundert Strciischriften verdient, welche zn nichts dienen als den Haß zwischen den verschicdncn Selten zu erhalten. Wcstphalcn hat einen guten französischen Dichter, eS hätte also ganz leicht auch eine gute französische Uebersctzcriit haben können. Kostet in den Voßischcn Buch- lädcn hier und in Potsdam 8 Gr. (7. Sept.) Alrona, Die lateinischen Zeitungen, welche seit dem Monate April dieses' Jahres, alle Montage auf einem halben Bogen unter dem Tiltel: (üc>inmeick!»'!oi'iim ^Iloniiuoi'uni cle i'dins in orlio teri'iN'iiin i-ecenler gesiis erscheinen, verdienen allen Beyfall und alle mögliche Aufniuuterung der Känffcr. Tic Wahl der Neuigkeiten, die man darinnc beobachtet, ist bedächtig, und die Schreibart sehr schön. Sie können in den Händen der Jugend nicht geringen Nutzen stiften, die noch in sehr wenig Schulen angeführt wird, die Begebenheiten unsrer Zeiten römisch einzukleiden. Wir sagen in den Händen der Jngcnd, uud können eben so füglich in den Händen der Lehrer sagen, welche gröstenhcilS das Geheimniß besitzen in den auserlesensten lateinischen Worten deutsch zu scbrcibcn. Breßlau. Rristian ZZcnjamiii Schuberts, aus Breßlau, Lehrgedichte. Vcrlcgts D> piersch. in 8r. Z Bogen. Der Verfasser sagt in der Vorrede, er habe es versuchen wollen, dem Wahrheitsliebenden Leser mit Lehrgedichten aufzuwarten, deren Ausarbeitung bis anher nicht so gewöhnlich als die Verfertigung anderer Stücke gewesen sey. Unsers Wissens hat sich die Epoche des gereinigten Geschmacks unter den Teutschen mit vortrcflichcn Lehrgedichten angefangen. Es ist also zu bcdaurcn, daß Herr Schubert diejenigen, welche seine Mnster hätten seyn sollen, so wenig kennt. Mit dem Lehren fährt er so ziemlich; man wird lauter vortrcflichc Wahrheiten darinne antreffen, die man langst gewußt hat. Mit dem Tickten ist es ihm Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1761. 133 desto schlechter gelungen. Doch er hat auf die Wahrheitsliebenden Leser gesehen: und diese hatten ihm das Dichten vielleicht übel genommen. Ucbrigcns schreibt er in abgezählten Füssen, und hat sogar die glückliche Vcrwegcnhcit, die offenbar von dem feinsten Geschmacke zeigt, den Rein: dann und wann wegzulassen, und dafür lateinische Harmonien zu versuchen. Wir wollen zur Probe das ganze Lehrgedichte von Himmel und Hölle hersetzen. (5s wundert uns, daß man von einer so unfruchtbaren Materie noch so viel hat sagen können. Der Himmel und die Hölle. Der Himmel ist der Ort der großen Seligkeit, Da Gottes Ueberfluß die Gläubigen erfreut. Die Hölle nennet man den Ort, wo Seelen zagen, Die sich von Gott entfernt, den Aufenthalt der Plage». Wo mag der Himmel seyn? da wo die Gottheit wohnt, Und dem, der sie verehrt, mit reichen Gütern lohnt. Wo mag die Hölle seyn? da wo der Fürst regieret, Der Fürst der Finsterniß, der einst die Welt verführet. Da wo ein frommer lebt, des höchsten Willen thut, Da ist der Himmel schon, dcr ist ein froher Muth. Der Himmel ist in ihm, der Zustand der beglücket, Bey dem er jeden Tag Gott mehr entgegen rücket. Sin Sünder fühlt in sich dcr Höllen schwere Pein, Das Laster, das er thut, wird ihm sein Henker seyn. So haben Fromme schon den Himmel auf der Erden Und Lasterhaften muß sie schon zur Hölle werden. Kosten in den Voßischen Buchlädcn hier und in Potsdam 2 Er. (16. Sept.) Berlin. /.e L,am»is »^,t>- eines geborncn Dänen und Verwandten des berühmten Engelländers Robinson Crusoe, wun- Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1751. 185 derbare Begebenheiten und Reisen nach Frankreich/ Ost- und Westindien und in die Südsee, grostentheils von ihm selbst in Dänischer Sprache beschrieben, nach seinem Tode aber ins Deutsche übersetzt und herausgegeben von Gluf Friedrich Jakob Jakobsen. Erster Theil. 1751. 1 Alph. 12 Bogen. Der Herausgeber will das dänische Manuskript dieser Geschichte 1749 in Jütland von einem Manne erhalten haben, welcher an dieser Geschichte selbst großen Antheil hat. Er mußte es ihm versprechen, sie, doch erst nach seinem Tode herauszugeben. Dieser erfolgte kurz darauf und er fängt an sein gegebenes Wort zu erfüllen. Er giebt sich für einen gcbohr- neu Dänen aus, weil er aber in Deutschland aufcrzogcu seyn will, und daher seiner Muttersprache weniger gewachsen zu seyn glaubt, als der deutschen, so hat er das ihm anvertraute Werk lieber in einer ttcbcrsctzung als in dem Originale herausgeben wollen. Ohne die Wahrheit dieser Umstände zu untersuchen, müssen wir gestehen, daß er für einen Ausländer ziemlich deutsch uud für einen Deutschen ziemlich ausländisch schreibt. Die Geschichte die er mittheilt ist wunderbar genug, und er verspricht, daß sie in den künftigen Theilen noch wunderbarer werden wird. Ein Versprechen, das ohne Zweifel nicht wenige aufmuntern dürfte, sie zu lesen. Dieser erste Theil kostet in den Voßi- schcn Buchlädcn hier und in Potsdam 10 Er. (19. Oct.) Frankfurt. Versuche in 'westphälischen Gedichten von E. C. Kae^e l-ei'-a«, z/ei'unt Gr. (I. Nov.) Paris, ^tnnl/emen« t?'?t» /^i'i/oniii'e?'. ?aine, neo invtc/eo, /«is me /iiei' iii« »i«?^«-»,' //e» ini/ii/ ^«oc^ Nomina «on Koel »'« tun/ en c/eu.v pa^i-e«. 1751. in 12, Der erste Theil auf 124 Seiten/ der zweite auf 104. Das Andenken tugendhafter Thaten und unschuldig gclcbter Jahre ist der angenehmste Zeitvertreib, allein nur für einen philosophischen Geist, welcher sich an dem eignen Bcyfalle, den er sich zu erkennt, zu ergötzen gelernt hat. Das Andenken genossener Ergötzungen kau auch ein Zeitvertreib seyn, der aber nothwendig einem verwöhnten Geiste endlich zur Marter werden muß, wenn er sich in einem Stande sieht, der die Fort- Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1761. 187 sctzung seiner Ergötznngcn unterbricht. Gleichwohl hat ein Gefangener auf dem Schlosse von Amiens diesen letzten Zeitvertreib vorgezogen. Vorgezogen? 5ie Wahl wird vielleicht bey ihm nicht statt gefunden haben. Cr crzehlt also, unter angeführten Titel, einem seiner Freunde, weil cr ihm nichts besscrs von sich zn crzchlcn weiß, die kleinen verliebten Abeutheucr, die ihn in den letzten Winterquartieren beschäftiget haben. Sein Gefängniß ist auf drey Jahr fest gesetzt. „Wahrhaftig, sagt cr, es wäre sehr närrisch, wcnn ein junger Mensch von „zwey und zwanzig Jahren cincr so kurzen Gefangenschaft wegen verzweifeln wollte. Man muß sich in die Zeit schicken; ich habe das, „was mir wicdcrfährt, verdient; hier ist kein ander Mittel. Laßt uns „die Bande meiner Gefangenschaft mit Blumen umwinden. TaS An- „denken mcincr gcnosfcncn vrgötzlichkeitcn :c. :c." Wer hier einen armen Hahnrcy, dort ein verführtes Frauenzimmer, hier einen bestraften Näschcr, dort einen barbarischen Eifersüchtigen sehen will, der wird in dicscn Belustigungen eines Gefangenen Nahrung finden. Wir würden zum Lobe derselben hinzu fügen, daß sie aufgeweckt geschrieben sind, daß man die Reinigkeit der Sprache darinne nicht vermissen wird, wenn cS nicht schon bekannt wäre, daß die Französischen Witzlinge dem gefährlichsten Gifte den angcnchmsien Geschmack zu geben pflegten. Kostet in den Voßischcn Buchlädcn hier und in Potsdam 8 Gr. (Z. Nov.) -LondSN. /^es <7m'ttc/e^e«, ^»«^ Mnc/anie c?e " ' 17S1. in 8t. auf 15 Bogen. Tie Verfasserin dieser Charaktere ist eben diejenige, welche uns die Lehren der Freundschaft geliefert hat. Zins diesen werden schon vicle ihre Art zu denken kennen. i?s ist zwar was neues ein Frauenzimmer unter den Sittenlchrcrn zu sehen; allein die Frau von P ° ° ° hatte uns noch eine ganz andere Neuigkeit vorbehalten; diese ncmlich, sie unter den starken Geistern zu finden. Ihre Religion ist eine Aufgabe, die man, wcnn man sie aus dicscn Charak- tcrcn auflösen wollte, nur noch verwirrter machen würde. Tie Höflichkeit gegen das Frauenzimmer erlaubt uus nicht, den Knoten zu zerhauen und zu sagen, sie habe gar keine. Toch wer weiß ob sie sich so gar sehr dadurch beleidiget finden würde, wcnn man nur dazu setzte allein sie hat Witz, dieses wird sie vielleicht eben so schadlos halten, als die meisten ihres Geschlechts auch der empfindlichsten Tadel wegen schadlos gehalten zu seyn glauben, wenn man nur am Ende 188 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 17Z1. gesteht, daß sie schöne sind. Sie hat diese Charaktere eigentlich zur- llnlerweifung eines jungen Menschen geschrieben. Und wenigstens die- jcnigcn Väter, welche durchaus nicht wollen, daß ihre Kinder, wie sie sich auszudrücken belichtn, bigott erzogen werden sollen, werden sie sehr bequem dazu finden. Sie müßten denn das auszusetzen haben, daß sie manchmahl Nachdenken erfordern. Allerdings haben sie diese Unbequem- lichkcit für vornehme Leute; wir hoffen ahcr doch, daß sie sich dadurch nicht werden abschrecken lassen; weil sie nicht fürchten dürfen, nach vielen Nachdenken nichts als eine ernsthafte Wahrheit zu finden. Sie wer den mehr finden als diese; Witz werden sie finden, und zwar von der feinsten Art, der zu seinem Probestücke nichts gcringcrs als Tugend und Religion zu wchlen weiß. Kostet in den Voßischcn Buchläden hier und in Potsdam 14 Gr. (9. Nov.) Jena. Anweisung zur regelmäßigen Abfassung teutscher Briefe, und besonders der Wohlstandsbriefe, herausgegeben von M. Joh. Will). Schaubert Bey Th. Will). Ernst Güth. 1751. in 8t. Die Briefsteller nnd Hcldcndichtcr sind jetzt die Modcscrihcntcn in Deutschland. Was brauchten unsere witzigen Köpfe mehr, als zu wissen, daß uns gute Briefe und Epopccn fehlen, um diefem Mangel abzuhelfen? Hätte man ihnen gleich zu Anfange dieses Jahrhunderts diesen Mangel zu Gemüthe geführt, so würde unser Vaterland jctzo wenigstens so viel Briefsammlungcn als Gclcgcnhcitscarmina, und eben fo viel Heldengedichte als Postillcn haben. Wie stolz könnten wir alSdcun gegen die Ausländer seyn! Toch nur noch wenige zwanzig Jahre Gcdult, meine Herren Balzacs, Bussys, Fontcnclls, Tassos, GloverS, MiltonS:c. so wcrdcn sie sich durch unsere G ° ° R ° ° St ° ° durch unsre B ° ° N ° ° und von Sch ° ° verdunkelt sehen. Wir würden nns ein Vergnügen daraus machen den Herrn M. Schaubcrt unter diese Zahl zu setzen, wann wir wüßten, wem wir ihn von dcn Ausländern entgegen setzen solltcn. Wo ist dcr witzigc Kopf unter ihnen, dcr wenn er dichtet und wenn er Briefe schreibt, so systematisch ist, als nimmermehr kein Compcndium dcr wölfischen Philosophie? Wir freuen uns recht inniglich über die ncne Erweiterung des Reichs der »lathcmalischcn Lchrart, und crsuchc» dcn Hcrrn Verfasser dieser Anweisung, ja bey einer neuen Auflage dcn Paragra- phcn die lleberschriftcn, Erklärung, Hcuschcsatz, Aufgahc, Auflösung, Znsatz :c. bcyfügcn zu lassen; und in seinen eigenen Briefen, wen» er Aus dcr Berlinischen Zeitung vom I. 1761. 489 deren eine besondere Sammlung einmal heraus geben sollte, in Randnoten ja wohl anzuzeigen, welches der Hauptinhalt und Ncbcninhalt, welches die Hauptgedanken und Nebengedanken derselben sind. Seine Arbeit hat übrigens einen ganz besondern Vorzug, diesen ncmlich, daß man gleich ans dem Titel das gründlichste Urtheil davon fällen kann. Er will regelmäßige Briefe schreiben lernen. O wahrhaftig was wäre auch sonst schöne als das Regelmäßige! (5r darf aber nicht meinen, daß auch wir nichts mehr als den Titel gelesen haben. Eben weil uns die Lesung seiner Bogen Zeit gekostet hat, und wir doch in nichts klüger daraus geworden sind, eben darum haben wir uns aus Verdruß die regelmäßige Freyheit genommen, unsre Meinung zn sagen. Kostet in den Noßischcn Buchläden hier und Potsdam 6 Gr. (18. Nov.) Hannover. D. Christoph Aug. Heumanns Erklärung des neuen Testaments. Dritter Theil, in welchem die erste Helfte der Geschichte des HErrN/ wie sie Johannes beschreibet/ betrachtet und erläutert wird. In Verlag Försters Erben. 1721. in 8t. 1 Alph. 10 Bogen. Man kan von diesem dritten Theile nichts sagen, als was schon unzählige von den ersten beyden gesagt haben: daß ncmlich die Arbeit des Herrn T. HenmannS eine der vollständigsten gründlichsten und lehrreichsten in ihrer Art werden wird. Er ist so weit von dcr Art gemeiner Ercgeten entfernet, daß bekannte Erklärungen, wenn sie nichts als das Alter und die Allgemeinheit vor sich haben, niemals bey ihm von Ansehen sind, und daß ihn der Vorwnrff erzwungener Neuerungen niemals abschreckt, mit seinen eigenen Angen zu sehen. SS wäre Schade, wenn er in dcr Auslegung dicscr und jener Stelle einen allgemeinen .Beyfall erhalten sollte. Vcn Gottcsgclchrtc» von Profcßion würde dadurch auf einmal ein fruchtbarer Stof zu Zänlcrcyen, worinnc sie ihre Gelehrsamkeit eben so linwiedcrsprcchlich, als ihre Hartnäckigkeit zeigen können, benommen werden. Dieser dritte Theil enthält die ersten eilf Haupt- stückc des Evangelisten Johannes, und kostet in den Voßischcn Buch- lädcn hier und in Potsdam 16 Gr. (23. Nov.^) Amsterdam, /.e /e« c?e, ^io/e/?«s. « ^»i/i'ei'c/tt»!) a?i.v c?e- /isn« c/e tÄm^nZn-e. 1731. in 3t. Der Ite Theil 10 Log. 190 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1761. der 2te Theil 13 Bogen. Abermals ein Werk eines Gelehrten von der RegicrungStunst, das recht gut seyn wurde, wenn die RcgicrungS- tunst ein Gegenstand wäre, dem ein Gelehrter gewachsen wäre; oder vielmehr, wenn sie nicht etwas wäre, welches hundert Umstände so oft verändern, daß derjenige, der sich ein System daraus zu machen unterfängt, weiter nichts beweiset, als daß er aus der Schule ganz artige Gedanken von der Glückseligkeit der Völker, von der wahren Grösse eines Regenten, und dergleichen, gebracht hat. Man.überlasse einen solchen Stof denen, welche die Vorsicht erwchltc ihn auszuüben; demjenigen Geiste insbesondere, den die Natur auch zum Wcltweisc» machen mußte, weil sie ihn zu einem Urbildc der Könige machen wollte. Toch auch dieser würde nur für die eine vollkommene RcgicrungSkunst schreiben können, die sich in allen seinen Umständen befinden; seine Arbeit würde für die unbrauchbar seyn, die minder erhaben denken, die in veränderter Zeit und nicht über eben dieselben Völker regieren. Tcr .Herr von M ° ° ° hat seine Arbeit in vier Abtheilungen gesondert, und handelt in der Einleitung von der obersten Gewalt. Tie erste Abtheilung betrachtet hieraus den Fürsten als einen Bürger, die 2tc als eine obrigkeitliche Person, die dritte als einen StaatSkundigcn, die vierte als einen KricgSmann. Man wird überall Regeln, Vorschläge und Betrachtungen antreffen, wie man sie in den so genannten polili> sehen CollcgiiS ans hohen Schulen höret, und uns wundert nichts, als daß sich der Verfasser in der Vorrede die Falschheit des Sprichworts: alles ist schon gesagt/ so zuvorsichtlich zu behaupten wagt. Allenfalls hat man es ja schon gewußt, daß die Projcctmachcr nicht mit darunter begriffen sind. Gleichwohl muß man gestehen, daß in diesem Fürsten/ die Lust der Herzen, verschiedenes hin und wieder vorkommt, welches die Mühe cS hier zu suchen bezahlt. ES ist noch zn erinnern, daß der Verfasser den dialogischen Vortrag gewchlt hat, daß er sich überall rein und der Sache gemäß ausdrücket. Kostet in den Voßischcn Bnchläden hier und in Potsdam 16 Gr. (4. Tcc.) Frankfurt und Leipzig. Rleinigkeiten- 1751. in 8. 6 Bogen. Tiefe Kleinigkeiten bestehen aus etliche» sechzig kleinen Liedern. Man darf nicht glauben, daß sie der Verfasser deswegen so benennet habe, damit er der unerbittlichen Critik mit Höflichkeit den Tolch aus den Händen winden möge. Er wird der erste seyn, diejenigen davon mit zn verdammen die sie verdammt; sie, der zum Ver- Aus dcr Berlinische» Zeitung vom I. '1761, 191 druß er wohl einige mittelmäßige Stücke kan gemacht haben, dcr zum Trotze er aber nie diese mittelmäßige Stücke für schon erkennen wird. Er wagt es so gar, wann er ihr anders vorgrciffcn darf, sie, durch uns, selbst anzuzeigen, und die Kenner ersuchen zu lassen, in seiner Sammlung folgende gänzlich zn überschlagen: An den Anakreon: die Sparsamkeit: der Vetter und die Muhme: die Ente: der bescheidne Wunsch: das Schäferleben: dcr Schifbruch und die Redlichkeit. Noch sind einige andere, welche sie mit schonenden Augen ansehen mögen. Diese wie jene würden gewiß weggeblieben seyn, wenn sie dem Verfasser nicht schon ganzer drey Jahre aus den Händen gewesen wären. Und tan man es ihm zur Last legen, wenn sein Geschmack vor drey Jahren weniger geläutert war, als er es jetzo vielleicht ist. Unterdessen wollen wir em Paar von denen hersetzen, die er selbst für gnt erkennet- - Er selbst? Warum nicht? Sollte er nicht eben so wohl wissen dürffcn, was an seiner Arbeit gut ist, als was es nicht ists Die Namen, ss. Band I, S. 40.^ Das Paradies, ss. Band I, S. 48.1 Das Gebet, ss. Band I, S. 21.) Kostet in den Voßischcn Blichlädcn hier und in Potsdam 4 Gr. (7. Tee.) Ohne Bcncnnnng des Orts ist auf einem Bogen in 8t. eine Ode an GOtt von dem Herrn Rlopstock/ abgedruckt worden. Der Dichter bctanrct in dieser Ode den Verlust oder die Entfernung einer Geliebten. Cr scheint sein Mägdchcn, wie ein Seraph den andern, zu lieben, und nur eine solche Liebe konnte edel genug seyn, daß man mit GOtt von ihr spricht. Durch die ganze Ode herrscht eine gewisse erhabene Zärtlichkeit, die weil sie zu erhaben ist, vielleicht die meisten Leser kalt lassen möchte. Man will übrigens einige leere Eedankcnspicle, verschiedene Tavlologicn, und gemeine Gedanken, die sehr prächtig eingekleidet sind, darinnc bemerken: Vei'iim u»! plnra iiiieul in caruiiue >^e. Wir wollen folgende drey Strophen zur Probe hiehcr setzen, und weil das Sylbenmaaß ein Horazischcs ist, welches den meisten unbekannt sey» möchte, so wollen wir die erstere bezeichnen. — » — — — — v — Mach GOTTj dis Le!benj, mach es zum schncljlcn Hauch, Ldcrj gib diej mir>, die du mir glcichj erschufst, — — v — — — — » Ach! giebj sie mir> dir leicht> zu gelben, —-vll — — ^> — — Gieb sie demj bebendenj bangenj .Herzen, 192 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1761, Dem hcilgcn Schauer, der ihr entgegen wallt, Dem stillen Stammeln der, die unsterblich ist, Und sprachlos;, ihr Gefühl zu sagen, Kaum noch in Thränen hier bang zerfließet. Gieb sie den Armen, die ich voll Unschuld oft In meiner Kindheit zu dir hab ausgestreckt, Wenn ich mit hciffer Stirn voll Andacht Dich um die ewige Rnh anflehte. Was für eine Verwegenheit, so ernstlich um eine Frau zu bitten! Kostet in den Voßischen Bnchlädcn hier und in Potsdam 1 Gr. (14- Dcc.) Magdeburg. Herr Archibald ZZowers unpar- theyische Historie der römischen päbste, von der ersten Grundlegung des Stuhls zu Rom bis auf die gegenwärtigen Zeiten; Erster Theil. Aus der engländischen Sprache übersetzt von Friedrich Eberhard Rambach, 176l. Im Verlag der Seidel und Scheidhauerschen Buchhandlung in 4to. 3 Alph. 8 Bogen. Herr Bowcr, welcher jetzo einer von den gelehrten Verfassern der allgemeinen Weltgeschichte ist, war ehedem der katholischen Religion zugethan, und ist zu Rom, Fcrara und Macerata öffentlicher Lehrer der Rhctorick, Historie und Philosophie, auch JnquisitionSrath au dem letztem Orte gewesen. In Rom war es, wo er seine Historie der Päbste anfing in der Ab> ficht, die päpstliche Hoheit, wovon er damals ein sehr cifcriger Vertheidiger war, feste zn stellen, und von einem Jahrhunderte zum andern darzuthun, daß sie von den Tagen der Apostel bis auf gegenwärtige Zeiten von der ganzen katholischen Kirche sey erkannt und verehret worden. Er war aber kaum bis auf die Regierung des Victors, das ist, bis an das Ende des zweyten Jahrhunderts, gekommen, als er es allzuüberzeugend merkte, daß er mehr gewagt habe, als er leisten könne. Er fand gerade das Gegentheil von dem, was er suchte, und sahe, daß durch die ganze Christenheit im gedachten Zeiträume von der päbstlichcn Hoheit nicht das geringste bekannt gewesen sey. Einem ehrlichen Manne ist cS nicht genug die Wahrheit entdeckt zu haben; er tritt mich offenbar auf ihre Seite. Dieses that Herr Bowcr, sobald er wieder in sein Vaterland kam, uud setzte seine in einer andern Sprache angefangene Arbeit in der englischen fort, sobald er sich wieder darinnc stark genug gemacht hatte. Er zeigt durchgängig durch unwitcrsprcchlichc Gründe, daß die Päbste nichts als Bischöfe Ans der Berlinischen Zcitnng vom I. 1761. 193 gewesen, und daß geheime Absichten weltlicher Monarchen, ihre eigene Ränke und die zn ihren Bctrügcreyen vorthcilhaftc Zeiten ihnen eine Hoheit verschilft, die den ersten endlich selbst schimpslich und unerträglich ward. Tic Historie der Päbste ist diejenige, welche die wenigsten glaubwürdigen Scribcntcn hat. AnastasinS Bibliothccarins, Platina und Lnnphrius Panvinius sind bey nahe die einzigen L-ucllcn, und noch darzn sehr seichte und verfälschte Quellen. Tie neuen Scribcntcn, zn dcn Zeiten, da die Päbste und Kayscr einander in den Haaren lagcn, waren entweder Gvclfen oder Gibcllincn. Tie ersten werden dic größten Böscwichtcr, wenn sie ans dem päpstlichen Stuhle gesessen haben, zn Heiligen, und jene wahrhaftig fromme und nntadcl- hafte Männcr, die den einzigen Fehler hatten, daß sie Päbste waren, zu Ungeheuern der Boßheit machen. Herr Bowcr hat also sein vornehmstes Bestreben dahin gerichtet, diese Parteilichkeit zu vermeiden. Er hätte^cin Werk eben so wohl Historie des PabstthnmS als der Päbste nennen können, indem darinnc nicht nnr eine Nachricht von dem Leben und den Handlungen der Päbste, sondern auch von allen päpstischcn Lehrsätze» nnd Meinungen enthalten ist, wenn, durch wen, bey welcher Gelegenheit nnd zn welchem Zweck eine jegliche erfunden, und eingeführet worden. Alles dieses zeiget genugsam, daß die llcbcr- sctzung dieser Geschichte kein übcrslüßiges Unternehmen sey, wovon den Nutzen nur dcr Uebersctzer begreifen könne. Der Herr Pastor Rambach hat in der Vorrede noch dic Ucbcrsctznng eines kleinen Werks mitgetheilet, das in dcm letzten Kriege, worinne England verwickelt war, in dcr Absicht verfertiget wurde, die päpstliche Religion auf dcr besten Scite vorznstcllcn, nnd dadurch in Schottland dic heimlichen Anhänger derselben in Bewegung zu bringen. Ein englischer Theologe hat eine Wicdcrlegung hinzu gefügt, welcher durch die Kürze nichts an dcm Nachdrucke abgehet. Tiefer crsie Theil kostet in dcn Voßischen Buchlädcn hier und in Potsdam 1 Thlr. 8 Er. (18. Dec.) Berlin, A/enio»e« ^>o»i' ^ei'liii' « c/e« »«oein'« a^ As. /luc/o«, c/e ^^«tc/emie i°o- z/n/e c/e« ie^e« - /«//»'es. ^kienne t/e /t'nitk'^enit.r. 173^. 1Änc>. Auch dic Sitten haben ihre Moden. Ein Jüngling aus dem vorigen Jahrhunderte würde mit seiner jungfräulichen Schamhaf- tigkcit, mit seiner blöden Bescheidenheit jctzo eine sehr lächerliche Figur machen. Es war eine Zeit, wo man ein Frauenzimmer, welchem man Lessings Werke m. IZ I9L AuS dcr Berlinischen Artung vom I. 17>>l. in unsern Tagen das Lob eines lebhaften Frauenzimmers, die ihre Welt kennet, beylegt, wenigstens ins Tollhaus gebracht hätte. SS wird eine andre kommen, und es wäre Schade, wenn sie nicht kommen sollte, da es dcr Wohlanständigkcit gemäß seyn wird, ein guter Christ zu hcisscn, so wie es jctzo die Artigkeit erfordert, sich für nichts schlcchtcrs als einen Atheisten, so lange man gcsnnd ist, halten zn lassen. Wenn man in gesitteten Ländern von Anfange an alle diese Abwechselungen in besondern Büchern aufgezeichnet hätte, so wurde man diese Bücher nicht besser als die Schandchronike des menschlichen Geschlechts nennen können. Noch ist es Feit unsern Nachkommen diese Erniedrigung zu verschaffen. Hr. TucloS, welchen man schon ans seinen Betrachtungen über die Sitten dieses Jahrhunderts auf eine für ihn vorthcilhafte Art kennet, scheint den Anfang gemacht zu haben. Er hat die verschiedenen Bilder von den Sitten seiner Zeitgenossen in die Lebensbeschreibung eines artigen Mannes gebracht. Diese Lebensbeschreibung ist wahrscheinlich genug um wahr seyn zu können; gleichwohl wird sie dcr Nachwelt, wenn anders, wider den Ausspruch des Horaz, cinc vernünftigere auf uns folgen sollte, als dcr uusiiinigsic Roman vorkommen; so viel ausschweifende Thorheiten, so viel unbegreifliche lächerliche Kleinigkeiten wird sie darinnc aufgezeichnet finden. Kostet in den Boßischcn Buchläocn hier und in Potsdam Sll Gr. (28. Tcc.) Rostock. Gründe der Vernunft zur Erläuterung und zum Beweise des Geheimnisses der heil, Dreyeinigkeit gc- sammlct »ind beurtheilet von Johann Thomas Haupt, Dönigl. preuß, Rirchen und Schulen Inspectorc zu Tcmplin, ZZeyIoh. Andr- Derger und Ioh. Brcdner. 1752. in 8. 1 Alph. 4 Bogen. Wahrheit bleibt Wahrheit, wenn sie gleich schlecht bewiesen wird, und derjenige dcr schlechte Beweise für sie verwirft, verwirft sie deswegen nicht selbst. So unbillig als es folglich seyn würde, wenn man diejenigen verdienten Männer, welche die Beweise von dem Tascyn Gottes durch eine prüfende Musterung gchcu lasscu, und dic wenigsten für richtig erkennen, für Gottesleugner halten wollte, cbcn so unbillig würde es seyn, wenn mau dem Herrn Inspcctor Schuld gcbeu wolle, daß cr das Geheimniß dcr Trcyfaltigkcit nicht erkenne und annehme; da cr der gelehrten Welt eine Sammlung dcr vornchmsten Gründe, die von verschiedenen Verfassern zur Erläuterung und zum Beweise desselben sind gebraucht worden, vorlegt, und diese Gründe mit seiner _ Das Neueste aus dcm Rcichc des WitzcS. 195 Beurtheilung begleitet, diese aber dergestalt ausgefallen ist, daß er 1) alle angeführte Gleichnisse zur Erläuterung der Dreyeinigkeit in den göttlichen Wesen für unzulänglich, und unrichtig erklärt, 2) verschiedene wahrscheinliche Beweise von eben dieser Lehre als solche nicht anninit, 3) endlich aber alle strenge Beweise aus der Ncrnnnfl sowohl für die Wahrheit der Personen im göttlichen Wcscn überhaupt, als auch für die Dreyeinigkeit insonderheit verwirft. Tiefe drey Punkte machen die drey Hauptstückc seines Werks ans, indem er noch in dem erstem einige Anmerkungen über die Geheimnisse der Christen überhaupt vorausschickt. Alle welche das gründliche lieben, und die Wahrheit von den seichten und ungcgründctcn gercinigct zu sehen wünschen, werden dieser Arbeit ihren Beyfall zn erkennen, und nur Handwcrksgclchrtc werden murren, wenn ste sehen daß man Beweise, welche bey ihnen in Ansehen stehen, ob ste schon die Verjährung vor sich haben, weil sie dieses Namens unwürdig sind, aus ihrer Lage gehoben und sie als unbrauchbare Grundsteine in dcm Reiche der Wahrheit der Welt bekannt gemacht hat. Kostet in den Veßischcn Buchlädcn hier und in Potsdam 10 Gr. Das Neueste aus dem Reiche des Witzes, als eine Beylage zu den Berlinischen Staats- und Gelehrten Zeitungen. Monat April 17Z1. Dem Neuesten aus dem Rcichc des WitzcS soll dieses monatliche Blat gewidmet seyn. Ein Reich, welches viele auf ihrer Karte nicht finden. Wenigstens diejenigen Gelehrten nicht, es vcrdrüßt nnS, daß wir sie so nennen sollen, welche die Wissenschaften längst in ein Handwerk verwandelt hätten, wenn nicht ihr Stolz dafür bäte. Anfs höchste haben sie cS in die äusserste Ecke derselben verwiesen, und unbekannte Länder darauf geschrieben, weil sie ihnen nicht eher zu Gesichte kommen, als wenn sie von einem unglücklichen Sturme dahin verschlagen werten, und an ihren fclsigtcn Ufern schimpflich schcidcrn. Diesen Herren also würdcn wir sehr unvcrstäudlicl, seyn, wann wir ihnen von seinem Umfange und scincn Gränzen vieles vorsagten; die andern aber, für die wir eigentlich schreiben, würden wir durch diese 13° «WWWTMZMIMISM lW TaS Neueste aus dcm Reiche des Witzes. unnöthigc Einleitung beleidigen. Zwar könnten wir ihr durch eine Menge ästhetischer an einander Hangender Grillen, fein dunkel, aber doch nach der Mode, ein zureichendes Ansehen der Gründlichkeit geben, allein was würde es helfen? Tic genaueste Erklärung des WitzcS muß einem, der keinen hat, eben so unbegreiflich seyn, als einem Blinden die hinlänglichste Erklärung der Farben ist. Glaubt dieser, daß die verschiedene Brechung der Sonnenstrahlen ohngcfehr etwas sey, welches dcm Schalle vcrschicdncr Instrumente gleich komme, so wird jener gewiß glauben, daß diese Fertigkeit die Uebereinstimmungen der Dinge gewahr zu weiden, ein Theil der Rechenkunst seyn müsse. Ist er furchtsam, so stellt er sich wohl gar ein Stücke von der Algebra darunter vor. Genug wenn man weiß, daß die schonen Wissenschaften und freyen Künste das Reich des Witzes ausmachen. Diese sind es, welche der menschlichen Gesellschaft Annehmlichkeiten mittheilen, ohne die sie nichts, als die unerträglichste Sklaverey, seyn würde. Sie machen den Menschen empfindlich und entkleiden ihn von der Rauigkcit, welche ihm die weiseste Natur mit Bedacht gab, damit er sich selbst durch ihre mühsame Ablcguug einen Theil seines Vorzuges für unedlere Thiere zu dankeu haben möge. Zeigen die ernsthaften Wissenschaften, welche man im engern Verstände die Gelehrsamkeit nennet, von nichts als von dem Elende und Verderben der Menschen, von der Mühseligkeit ihres Lebens, diese bcweincnSwürdigcn Stützen der Gesellschaft, so sind es allein die schönen Wissenschaften, welche durch bezaubernde Rcitzc die ursprüngliche Empfindung der Freyheit in uns ersticken, und unsre schimpflichen Ketten mit Blumenkränzen umwinden. Die Höflichkeit, das einnehmende Betragen, der zärtliche Geschmack, alle untrügliche Kennzeichen gesitteter Völker, sind ihre Früchte. Sie sind die Erfinderinnen von tausend Bequemlichkeiten, Ergötzungcn, und eingebildeten Nothwendigkeiten, durch welche einzig kluge Monarchen ihre Throne unerschüttert zu erhalten wissen. - - - Auch die Tugend wird durch sie menschlicher, und die grossen Thaten, welche bey Barbaren fest eingeprägte Vorurthcile oder ihre uugczähmtc Wildheit zum Grunde haben, fließen bey gesitteten Völkern aus viel reinern Quellen. Aller dieser prächtigen Lobsprüche vhngeachtct wollen wir dem Leser einen Mann bekannt machen, welcher die Wissenschaften überhaupt, und besonders die schönen Wissenschaften nebst den freyen Künsten auf Das Ncucftc aus dem Rcichc des Witzes. 1>>7 cincr ganz andern Seite betrachtet. Dieses ist der Verfasser dcrjcni- gen Rede, welche im vorigen Jahre bey der Akademie zu Dijon den Prciß erhalten hat.(°) Sie bctrifl die vorgelegte Frage, ob die Wiederherstellung der Wissenschaften und Aiinste zur Reinigung der Sitten etwas beygetragen habe? Man wird schwerlich vorausgesehen haben, daß man denjenigen kröne» würde, welcher diese Frage mit Nein beantwortet. Unterdessen ist es geschehen; und Herr Rousseau/ welches der Name des Verfassers ist, hat so erhabene Gesinnungen mit cincr so männlichen Beredsamkeit zu verbinden gewußt, daß scinc Rede ein Meisterstück seyn würde, wenn sie auch von kciucr Akademie dafür wäre erkannt worden. Wir theilen einen umständlichen Auszug derselben um so viel lieber mit, je weniger sie noch bis >ctzo in Deutschland bekannt worden ist. Er hat sie in zwey Theile getheilt. In dem crstcrn zeiget cr durch uuvcrwcrflichc Beyspiele der Geschichte, daß die Vcrdcrbung der Sitten und der aus ihr slicsscndc Verfall des Staats allezeit mit dem Aufnehmen der Künste und Wissenschaften sey verbunden gewesen. In dem andern beweiset er aus den Gegenständen und den Wirtungen der Künste und Wissenschaften selbst, daß sie nothwendig diese Folgen -.»ach sich ziehen müssen. Europa, sagt er, war in die Barbarcy der ersten Zeiten zurückgefallen. Die Völcker dieses jetzt so erleuchteten Wcltthcils lebten vor einigen Jahrhunderten in einem Stande, welcher weit elender, als die Unwissenheit, war. Ich weiß nicht, welche scicntifischc Wäschcrcy, hatte sich den Namen der Wissenschaft angemaßt, und setzte ihrer Zu- rückkunft ein bey nahe unüberwindliches Hinderniß entgegen. ES war eine allgemeine Umkchrung nöthig, die Mcnschcn wieder zu ihrem gesunden Verstände zu verhelfen; und endlich kam sie von der Seile, von welcher man sie am wenigsten erwartet hatte. Der dumme Muselman», die ewige Geißel der Gelehrsamkeit war cS, welcher sie uuS wieder herstellte. Der Umsturz des orientalische» Thrones brachte die Ucbcrblcibscl des alten Griechenlands nach Italien. Bald drauf bereicherte sich auch Frankreich von dieser kostbaren Beute. Auf die freyen Künste folgte» Der Titel ist: <>u> .1, l(!»>>>»> lv ><> prix ii, I^Vcinwmiv >><- Uij»», v» I'-unwu 1750. nir »: luit'klio» i>r»v»lc!>! >ii»r lü. uwmI>>iss<.'i>iviU Uvs sciv»» » >^ >I,:5 .>V>Is il coMlUuw a t'inuoi Ic's mu-nu«, l>»r AU, /i»,,//cuu l/iw;--» clv (i(,'»<.'V>.'. 198 Tas Neucstc aus dem Reiche des Witzes. endlich die.Wissenschaften, und die Kunst zu denken verband sich i»it der Kunst zu reden; eine Stufcnstcigung, welche seltsam scheint, gleichwohl natürlich ist. Man fing an, den vornehmsten Lortheil des Umganges mit den Mnscn zu empfinden; nehmlich diesen, daß er die Menschen gesellschaftlicher macht, indem er ihnen die Begierde einander durch ihres gemeinschaftlichen Beyfalls würdige Werke zu gefallen, einflößt - - Ihr ward, man die Anmuth der Gemüthsarten, die Verbindlichkeit der Sitten, welche den Umgang ungezwungen und wün- schenswcrth macht, und kurz, den Schein aller Tugenden, ohne eine einzige davon zu haben, schuldig - - - Ehe die Kunst unser Betragen gebildet, mid die Leidenschaften eine erborgte Sprache gelehrt hatten, waren unsre Sitten bäurisch, aber natürlich. Ver Unterscheid der Aufführung verrieth sogleich den Unterscheid der Gemüthsarten. Tie mensche liche Natnr war deswegen nicht besser; die Leichtigkeit aber, einander zn erforschen, ersparte den Menschen unzähliche Laster. Ietzo, da ein feinerer Geschmack die Kunst zu gefallen in Regeln gebracht hat, herrscht in unsern Sitten eine schimpfliche und bctrügliche Gleichheit. Immer befiehlt die Höflichkeit; stets regiert uns die Wohlanständigkcit; ohn Unterlaß folget man den Gebräuchen, und niemals seinen eignen Empfindungen. Kein Mensch weiß mehr, mit wem er zn thun hat. - -- Welche Begleitung von Lastern hat diese Ungewißheit bey sich! Verdacht, Argwohn, Furcht, Kaltsinnigkcit, Zurückhaltung, Haß, Vcrrä- therey; und alle verstecken sich unter der Larve der Höflichkeit. Man entheiliget nicht mehr den Namen des Höchsten durch Schwüre, aber man spricht ihm Hohn durch lästerliche Meinungen, ohne daß unser Ohr dadurch beleidiget wird. Man rühmt nicht mehr seine eignen Verdienste, man verkleinert aber die fremden. Man beschimpft seinen Feind nicht gröblich, sondern man verleumdet ihn mit Kunst. Ter Nationalhaß erlöscht, aber mit der Liebe des Vaterlandes. An die Stelle der verachteten Unwissenheit ist eine gefährliche Zwcifclsucht gekommen. Man erkennt gewisse Ausschweifungen für schimpflich, gewisse Laster für entehrend, andre aber zieret man mit dem Namen der Tugenden. Man muß sie haben, oder man muß sich wenigstens stellen, als ob man sie habe. - - - Auf die Art sind wir gesittete Völker geworden, und größten Theils haben wir den Wissenschaften und Künsten diese heilsame Veränderung zu danken. - - - Je stärker sich ihr Licht an unserm Horizonte ausgebreitet, je weiter ist die Tugend von Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. 1>01 bar, weniger blühend oder mehr verderbt seyn? Doch, was ist der Verlust der Zeit gegen andre Uebel, welche den .Künsten und Wissenschaften folgen? Das größte ist die Verschwendung. Man behauptet, in dieser bestehe die Blüte des Staats. Ein Paradoxon, welches sich nur zu unsern Zeiten hat können denken lassen. So sind gute Sitten zur Tauer eines Staats nicht nöthig ? Ist cs besser, daß ein Reich glänzend und augenblicklich, oder daß cs tugendhaft und beständig ist? Mit Gelde kann man alles haben, nur Sitten und Bürger nicht. Ein neues Uebel, welches die Verschwendung »ach sich zieht, ist die Verderbung des Geschmacks. - - - Sage uns, berühmter Arouct, wie viel männliche und starke Schönheiten hast du unsrer falschen Zärtlichkeit aufopfern müssen? und wie viel grosses hat ihm der buhlende Geist zu gefallen, welcher an Kleinigkeiten so fruchtbar ist, gekostet? - - - Doch verderblichern Uebeln weichen kleinere Schaden. Indessen da sich die Bequemlichkeiten des Lebens vermehren, die Künste steigen und die Verschwendung übcrhand nimmt, wird der wahre Muth entkräftet, und die kriegerischen Tugenden verschwinden. Die Geschichte bestärkt es durchgängig. Die Erhebung des Hauses Mcdicis und die Wiederherstellung der Künste verlöschte von neuem, und vielleicht auf ewig den kriegerischen Ruhm, welchen Italien vor einigen Jahrhunderten wieder erhalten zu haben schien - - Nicht allein den martialischen, sondern auch den sittlichen Vollkommenheiten sind die Wissenschaften nachlhcilig. Man sieht überall iincrinefiliche Stiftungen, wo die Jugend alles mit großen Unkosten lernt, nur ihre Pflicht nicht - - Unsre Gärten sind mit Bildsäulen und unsre Gallerten mit Bildern anSgezicrt. lind was stellen sie vor? Die Vertheidiger des Vaterlands? oder die »och erhabener» Männer, die cS durch ihre Tugenden bereichert habe»? Abbildungen aller Ausschweifungen des Herzens und der Vcrnnnft sind es, so wie man sie sorgfällig ans der alte» Fabellchrc gczogc» hat; ohne Zweifel, damit den Kindern, noch eher als sie lese» könne», Mnstcr von sträflichen Handlungen vor Auge» gestcllct würden - - - Die Geschicklichkcitc» werde» vorgezogen, und die Tugend wird verachtet- Der schöne Kopf erhält Belohnungen, und der ehrliche Maun bleibt immer im Dunkeln. Es giebt hundert Preise für schöne Reden, keine» cmzigc» für schöne Handliuigc» - - - - Wir habe» Naturforscher, Erdmcsscr, Lhimustcn, Stcnisehcr, Dichter, Toiikünsilcr, Mahler! nur Bürger haben wir nicht - - - Was enthalten denn die 202 Das Ncuestc ans dem Ncichc des Witzes. Schriften der bekanntesten Philosophen? Welches sind denn die Lehren dieser Freunde der Weisheit? Wenn man sie hört, solle man sie siir einen Hansen Marktschrcycr halten, wovon jeder ans öffentlichen Platze ruft: konimt zn mir! von mir allein werdet ihr nicht betrogen - - - Was für ungeheure Schriften haben unsre Zeiten ausgeheckt. Tie Buchdruckerkunst wird sie als unwicersprechlichc Beweise unsres Verderbens auf die Nachwelt bringen nnd unsre vielleicht gewitzigte» Nachkommen werden die Hände gen Himmcl strecken und beten. „ Allmächtiger Gott! der du alle Geister in deiner Hand trägst, bcfrcyc uns „von den Einsichten und den verderblichen Knusten unsrer Väter; und „schenke uns wieder Unwissenheit, Unschuld und Armuth; die einzigen Euter, welche unser Glück befördern, und vor dir angenehm „sind. - - Was soll man von denen sagen, welche die Thüren zn dem Heiligthnmc der Gelehrsamkeit erbrochen, und den Pöbel hereingelassen haben? Wie viele sind durch sie zu den Wissenschaften verführt worden, welche sich auf Künste, die der Gesellschaft heilsamer sind, würden gelegt haben. Nur diejenigen sollte man dazu lassen, welche was ansscr- ordcntlichcS zu leisten im Stande sind. Diese aber müßte man ans die mächtigste Art ermuntern. Nichts müßte für ihre Hofnnng zu hoch fcyn. Große Gelegenheiten machen große Geister. - - - O Tugend! schließt er endlich; erhabne Wissenschaft einfältiger Seelen, so viel Mühe, so viel Anstalten sind nöthig, dich zu kennen? Sind deine Lehren nicht in unser Herz gegraben? Ist es nicht genug, daß man in sich selbst geht, wenn man deine Gesetze lernen will, und daß man die Stimme seines Gewissens höret, wann die Leidenschaften schweigen S Dieses ist die wahre Wcltwcishcitz daran wollen wir uns begnügen lernen, ^hnc die berühmten Leute, welche sich in der gelehrten Welt unsterblich machen, zu beneiden, wollen wir uns bestreben zwischen ihnen und uns den rühmlichen Unterscheid zu machen, welchen man ehedem zwischen zwey großen Völkern bemerkte; das eine wußte wohl zu reden, das andre wohl zn handeln. Mit solchen Waffen bestürmet Rousseau die Wissenschaften und Künste. Ich weiß nicht, was man für eine hcimliclic Ehrfurcht für einen Mann empfindet, welcher der Tugend gegen alle gebilligte Vor- urlhcilc das Wort redet; auch sogar alsdann, wann er zn weit geht. Wir könnten vcrschicdncs einwenden. Wir könnten sagen, daß die Aufnahme der Wissenschaften und der Verfall der Sitten und des Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. 203 Staats zwo Sachen sind, welche einander begleiten, ohne die Ursache und Wirkung von einander zu seyn. Alles hat in der Welt seinen gewissen Zeitpunkt. Ein Staat wächst, bis er diesen erreicht hat; und so lange er wächst, wachsen auch Künste und Wissenschaften mit ihm. Stürzt er also, so stürzt er nicht deswegen, weil ihn diese untergraben, sondern weil nichts ans der Welt eines immerwährenden Wachsthums fähig ist, und weil er eben nunmehr den Gipfel erreicht hatte, von welchem er mit einer ungleich größer» Geschwindigkeit wieder abnehmen soll, als er gestiegen war. Alle große Gebäude verfallen mit der Zeit, sie mögen mit Kunst und Ficrrathcn, oder ohne Kunst und Zicrrctthcn gebanct seyn. Es ist wahr, das witzige Athen ist hin, aber hat das tugendhafte Sparta viel länger gcblühct? - - Ferner könnten wir sagen; wann die kriegerischen Eigenschaften durch die Gc- mcinmachuiig der Wissenschaften verschwinden, so ist es noch die Frage, ob wir es für ein Glück oder für ein Unglück zu halten haben? Sind wir deswegen auf der Welt, daß wir uns unter einander umbringen sollen? Und wenn ja den strengen Sitten die Künste und Wissenschaften nachtheilig sind, so sind sie cS nicht durch sich selbst, sondern durch diejenigen, welche sie mißbrauchen. Ist die Mahlerey deswegen zu verwerfen, weil sie der und jener Meister zu verführerischen Gegenständen braucht? Ist die Dichtkunst deswegen nicht hochzuachten, weil einige Dichter ihre Harmonien durch Unkcuschhcitcn entheiligen? Beyde können der Tugend dienen. Die Künste sind das, zu was wir sie machen wollen. Es liegt nur an uns, wenn sie uns scbädlich sind. Wie glücklich wäre übrigens Frankreich, wenn cS viele dergleichen Prediger hatte. Welcher Damm wird die Lasier, die bey ihnen zu Artigkeiten werden, aushalte»? Welches sind die Meisterstücke, die nnS ihr bcrüchugter Witz liefert? Sie sind zu zählen. Die Schriften aber, welche die Religion untergraben, und unter lockenden Bildern die schimpflichste Wollnst in das Herz flößen, sind bey ihnen unzählbar. Eine philosopyirende Tyerese wird die Predigen» der Unzucht, und ein unseliger Grabstichel hilft der Einbildungskraft derjenigen nach, welche ohne seine Schilderungen das Aergerniß nur halb treffen würde. Man sagt, das der Marquis d'A** Verfasser dieses eben so unwitzig als cckcl geschricbncn Buchs sey. Wir zweifeln aber. Der Urheber der jüdischen Briefe hat sich zwar oft genug als einen Feind der Religion erklärt, niemals aber als einen Feind der Tugend. Tyerese 204 Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. verräth allzusehr die Schule eines unsinnigen Demerrius. Was ist sie anders als ein Frauenzimmer, welches seine Grundsätze des glücklichen Lebens in Ausübung bringt? Was hat der Verfasser mehr gebraucht, sie zu schreiben, als eine Stirne, welche zur Scham zu eisern ist? Der einzige Vorzug, mit dem er in allen seinen Schriften stolz thut. Bey dieser Gelegenheit können wir den Lesern sagen, daß sich der Marquis d'Argcns, nachdem er Berlin verlassen hat, bey dem Fürsten von Monaco aufhält. Wer kennt alle die übrigen Schriften, wo das Gift unmerklichcr, aber desto gefährlicher, ist? Wenn man der Wollust ihre größte Würze, das Gchcimnißvolle, entzieht, so wird sie weit weniger verführen, als wann ein leichter Witz einen dünnen Nebel über sie bläset, durch welchen man nur das Ganze uud nie alle Theile gewahr werden kann. Von dieser Art ist ein kleiner Roman, unter dem Titel: (°) Das wahre Vergnügen, oder die Liebe der Venus und des Adoms. Er kömmt aus dem Schosse Frankreichs, ob uns gleich die Aufschrift Staub in die Augen streuet. Es ist eigentlich eine Nachahmung des achten Gesanges des italienischen Gedichts AdoniS von dem Marino. Der Franzose aber hat dem Jnnhalte Folgen und Verbindungen gegeben, welche man vergebens in dem Originale sucht. Er hat auch einige von seinen eignen Ideen eingeschaltet. Die Verglcichung hat uns gelehrt, daß man, diese zu erkennen, nur die Stellen beobachten darf, wo man am meisten roth wird. Wir tonnen nicht leugnen, daß Schönheiten darinnc verschwendet sind, welchen wir einen würdigern Gegenstand wünschen wollten. Die Leichtigkeit, die alte Fabellehrc glücklich anzuwenden, und ihren Erdichtungen einige ncne beyzufügen, welche mit den bekannten vollkommen übereinstimmen; die Knnst zu verhüllen, und der Ncngicrde nur dann und wann einen Durchblick zu gönnen, verrathen keinen Stümper. Wann wird man anfangen, die Tugend so rcitzcnd zu schildern, als man jctzo das Lasier mahlt? Durch welches Verhängnis; geschieht es, daß man fast allen witzigen Köpfen Frankreichs, von dieser Seite, einen schimpflichen Vorwnrf zu machen hat? Welcher von ihnen hat nicht etwas geschrieben, dessen er sich vor Tugendhaften schämen muß? Von dem großen Corneille an bis zu einem Piron habe» alle ihren Witz beschimpft. Es ist ih. I^es vrsis püulli« o» las »mviu's cle Venus A ll^ViIuniei. !> .Viu- lwlcwm !/>»,-i5 Murlimvr I.ilnuii,.' 1750, in Oclcw ans 78 Seiten. Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. !?05> neu gleich, ob sie die göttlichen Harmonien eines Davids wagen, oder ob sie Sinnschriften verfertigen, die auch an der Bildsäule eines Priapus cckel seyn würden. Einer der bekanntesten von dieser Art ist Rousseau; ein Mann, der vielleicht unter allen witzigen Köpfen die meisten Verfolgungen wegen des Mißbrauchs seiner Muse erlitten hat. Wir wollen nicht entscheiden, ob er eben dessen, was man ihm eigentlich zur Last legte, schuld gewesen ist. Das wenigstens, was man von ihm nach seinem Tode gesehen hat, mahlt uns ihn als einen Mann, welcher durch seine tugendhafte Aufführung im reifern Alter, und durch seine großmüthige Ertragung des Unglücks die Ausschweifungen seiner Jugend auf die rühmlichste Art ausgelöscht hat. Wir haben im vorigen Jahre seine Briefe erhalten, welche voller lcscnswürdigcn Anekdoten sind. In diesem aber hat man uns eine Sammlung von noch ungcdrucktcn kleinen Stücken, die theils ihn zum Verfasser haben, theils von andern verfertigt, von ihm aber für werth erkannt worden sind, nebst seinen Werken aufbehalten zu werden, geliefert. Der Titel dieser Sammluug ist: Schreibetasel I. D. Rousseaus in Zwey Theilen,(°) Der Dichter selbst schenkte sie einige Zeit vor seinem Tode an den Hrn. L. D., welcher sie nunmehr, die Ausgabe seiner Werke von 1734. vollständig zu machen, der Welt mittheilet. Sie enthält Oden, Briefe, Cantcitcn, Allegorien, Erzählungen, zwey theatralische Stücke und eine Menge Sinngedichte. Man weiß, was Rousseau für ein Meister in diesen letzter» war. Er wußte das beißende mit dem Scherze so zu verbinden, daß in keinem der Einfall ohne Satyre, oder die Satyre ohne Einfall ist. Wir haben eins zu übersetzen gewagt. Hier ist es. Als Zevs Europeu lieb gewann, ss. Band I, S. 3.^ Die zwey theatralischen Stücke heißen (°°) der Hypochondrist/ oder die Frau, welche nicht redet/ und der (°°°) Argwöhnische. Beyde sind in Versen. Das erste bestehet aus fünf Auszügen, lind der Stoff ist aus dem Englischen genommen; das lctztrc nur ans neun Auftritten, und ist nichts, als ein kleiner Entwurf eines vollständigen Stücks, welcher aber werth ist, daß ihn eine Meisterhand auszuführen wagte. (°) I>o>lekeuiIIe cle 1. L. Nousseil» en II. 1'o»io5 ü, ^Vmsiei>I»m elie? niaro »licuoi n«^ t75t. in is. der erste Theil von 405 Seiten, der zweyte von 252. I.'II^noconclik! on I» fizinme qui ns nsrls i>o!nl. I.» vnns iw soi-meme, o» le «Ivliilnt conkonSu. ^. .M - ^ 20K Das Neueste aus dcm Reiche des Witzes. Ü^U Die übrigen Aufsätze sind fast alle voller Galle wider seine Feinde. Die Nachwelt wird erstaunen, daß Männer sich so tödtlich haben hassen können, wovon ihre Hochachtung der eine so wohl, als der andre verdient. Ueber ihre kleinen Zänkcrcycn hinweg sehend, wird sie einen Voltaire eben sowohl als einen Rousseau in die Reihe der Dichter setzen, welche die Ehre dieses Jahrhunderts gewesen sind. Wird sie es mit den witzigen Köpfen Deutschlands auch so halten? Wird sie einen Gottsched und einen Vodmer, einen Scheid lind einen Klopslock in eine Klasse bringen? gewiß nicht. Wann cS einmal heis- scn wird des verstorbnen Hrn. von Scheid langst verstorbene Thcrc- siadc, so wird man den Mcßias immer noch ein ewiges Gedichte nennen. Man wartet mit Verlangen ans den Rest, zu welchem man die instchcnde Messe Hofnnng gemacht hat. Das Präservativ, welches der Hr. Prof. Gottsched in seinen Gedichten gütigst dargcgcn hat mittheilen wollen, wird hoffentlich nur bey seinen Schülern anschlagen. Wie erfreut würden wir seyn, wenn er einmal die undankbare Dichtkunst verlassen wollte, und der Welt keine Gelegenheit zu geben suchte, ihn auf seiner schwächsten Seite zu betrachten, da er sich auf so vielen an- dcrn zeigen kau, welche ihm alle Hochachtung erwerben. Hätte der Hr. Professor, an statt den Mcßias zu tadeln, diejenigen steifen Witz- lingc angefallen, welche sich durch ihre unglücklichen Nachahmungen dieser erhabnen Dichtungsart lächerlich machen, so würden wir ihm mit Vergnügen bcygetretcn seyn. Es giebt mir allznviclc, welche glauben, ein hinkendes heroisches Sylbcnmaß, einige lateinische Wortfügungen, die Vermcidnng des Reims wären zulänglich, sie ans dcm Pöbel der Dichter zu ziehen. Unbekannt mit demjenigen Geiste, welcher die erhitzte Einbildungskraft über diese Kleinigkeiten zu den großen Schönheiten der Vorstellung und Empfiiidnng reißt, bemühen sie sich, an statt erhaben dunkel, an statt ncn verwegen, an statt rührend rcmancnhaft zu schreiben. Kann was lächerlicher seyn, als wenn hier einer in einem verliebten Liede mit seiner Schönen von Scraphincn spricht, und dort ein andrer in einem Heldengedichte von artigen Mädchens, deren Beschreibung kanm dcm niedrigern Schäfcrgcdichtc gerecht wäre? Gleichwohl finden diese Herrn ihre Bewundrer; und sie haben, große Dichter zu heißen, nichts nöthig, als mit gewissen witzigen Geistern, welche sich den Ton in allem, was schön ist, anzngcben unterfangen, in Verbindung zu flehen. Sie bringen übrigens durch die auSschwci- Das Neueste .ms dem Reiche des Witzes. 2V7 senden Lobeserhebungen, welche sie dem Mcßicis auf eine Weise ertheilen, die genugsam zn verstehen giebt, daß sie nicht einmal die wahren Schönheiten an demselben empfinden, denjenigen, welche dieses' große Gedicht noch nicht hinlänglich kennen, eine Art eines widrigen Vorur- thcils dagegen bey. Folgende Sinnschrift mag es beweisen, die wir vor einiger Zeit von guter Hand erhalten haben. Ihm singen so viel mäfige Dichter, ss. Band I, S. 19. j Die wenigsten von ihnen verstehen das Erhabne, und halten also alles, was sie nicht verstehen, für erhaben. Was ihnen einmal außer dem Gesicht ist, ist für sie gleich hoch. Solche Richter müssen auch diejenigen suchen, welche ihre erbärmlichen Versuche dem Mcßias an die Seite gesetzt wissen möchten. Wären sie nicht der Fabel entwachsen, so würden wir ihnen folgende erzählen. Zur Feldmaus sprach ein Spatz: :c. fs. Band I, S. 101.) Der Reim ist es, gegen welchen diese Herren am unerbittlichsten sind. Sie wollen sich vielleicht rächen, daß er ihnen niemals hat zu Willen seyn wollen. Ein kindisches Geklimper nennen sie ibn mit einer verächtlichen Mine. Gleich, als ob der kützclndc wiederkommende Schall das einzige wäre, wärmn man ihn beybehalten solle. Rechnen sie das Vergnügen, welches ans der Betrachtung der glücklich überstiegncn Schwierigkeit entsteht, für nichts? Ist cS kein Verdienst, sich von dem Reime nicht fortrcisscn zu lassen, sondern ihm, als ein geschickter Spieler den unglücklichen Würfen, durch geschickte Wendungen eine so nothwendige Stelle anzuweisen, daß man glauben muß, ohnmöglich könne ein ander Wort an statt seiner stehen? Zweifelt man aber an der Möglichkeit dieser Anwendung, so verräth man nichts als seine Schwäche in der Sprache und die Armuth an glücklichen Veränderungen. Haller, Hagedorn, Eellert, Utz, Lesen zeigen gungsam, wie man über den Reim herrschen, und ihm das vollkommuc Ansehen der Natur geben könne. Die Schwierigkeit ist mehr sein Lob, als ein Grund ihn abzuschaffen. Und die von unsern neuern Dichtern, welche ihn verachten, was für Freyheit haben sie einem uugcbuudencn Geiste verschaft, wenn sie an statt eines schweren Reimes eine noch weit schwerere Harmonie einführen wollen? ss. Band I, S. 173.) Ein Wahn hat sie berauschet Der nicht die Fesseln flicht, die Fesseln nur vertauschet, 208 Das Neueste ans dem Reiche des Witzes. Die Ketten von dem Fuß sich an die Hände legt, Und glaubt, er tragt sie nicht, weil sie der Fuß nicht trägt. Man nennt die Verse seichter Dichter, welche reimen, gereimte Prosc, wie aber soll man das Gewäsche gleich seichter Dichter nennen, welche nicht reimen? Wird man nicht sagen müssen: ss. Band I, S. 24.1 Ein schlechter Dichter Spahr? Ein schlechter Dichter? Nein. Denn der muß wenigstens ein guter Reimer seyn? Daß aber ein Hcldcndichter und ein dramatischer Poet die Reime wegläßt, ist sehr billig; denn da verursacht der Ucbcltlang eines fast immer gleichen Abschnitts einen größer» Verdruß, als das Vergnügen seyn kann, welches jene schön übcrwuudcncn Hindernisse erwecken. Monat Map 1751. Wenn ein kühner Geist, voller Vertrauen auf eigene Stärke, iu den Tempel des Geschmacks durch einen neuen Eingang dringet, so sind hundert nachahmende Geister hinter ihm her, die sich durch diese Ocffnung mit einzustehlen hoffen. Doch umsonst; mit eben der Stärke, mit welcher er das Thor gesprengt, schlägt er es hinter sich zn. Sein erstaunt Gefolge sieht sich ausgeschlossen, und plözlich verwandelt sich die Ewigkeit, die eS sich träumte, in ein spöttisches Gelächter. Endlich hat die Welt den ersten Band des Messias erhalten, worinne zn den drey bekannten Gesängen der vierte und fünfte gekommen sind. Er ist dem Könige von Danncmark in einer Ode zugeschrieben. Es versteht sich; wenn der Verfasser des McßiaS eine ^dc macht, so wird es in der That eine Ode seyn. Sie erhebt den König, welcher ein Menschenfreund ist. - - „Ihn ersähe Gott mit einreihendem Blicke, als er gcbohrcn ward, zum Vater des Vatcrlan- „dcS - - Umsonst winkt ihm der schimmernde Ruhm in das eiserne Feld, „wo die Unsterblichkeit viel zn theuer durchs Blut blühender Jünglinge, „durch die nächtlichen Thränen der Mutter und Braut erkauft wird - - „Für ihn war der Eroberer zu klein, so bald er zu fühlen begann. „Nie weint er bey dessen Bilde seines gleichen zn seyn - - Nach dem „Ruhme nur weint er, geliebt zn seyn vom glückseligen Volke, Gott „nachzuahmen, der Schöpfer des Glücks vieler Tausend zn werden - - „Er ist ein Christ! - - Er belohnt redliche Thaten, und belohnt sich „zu erst - - Lächelnd schaut er alsdaun ans die Muse, welche das „Herz tugendhafter und edler macht - - Er winkt dem stummen Verdienst, das in der Ferne steht." - - - - Seht da, die zerstreuten Das Neueste ans dem Reiche des Witzes. 20V Glieder des Dichters! Jeder Satz ist eine Schilderung, und jedes Wort ein Bild. Betrachtet sie Stückweise. Eine Schönheit wird die andre hervordringen, und jede bleibt groß genug, nnzähliche Anfangs nnbemerttc in sich zu enthalten, wann ihr mit der Zergliederung fortfahret. So wird unter dem Schnitte des ncugicrigcn Naturforschers jeder Theil des Pvlypus ein neuer, und erwartet nur die wicderhohltc Trennung, auch aus seinen Theilen vollständige Ganze dem verwundernden Ange darzustellen. - - Die Vcrsart, welche der Dichter gewählt hat, ist eine Horazische, voller majestätischen WohlklangS, und nngemcin geschickt, die Gedanken so rund zu machen, als möglich. Die drey ersten Zeilen sind Asclcpiadcisch und die vierte Elyco- nisch. llcbcrall ist der Werth der Sylben und der Abschnitt genau beobachtet worden, welches man um so vielmehr bewundern muß, je ungewohnter bisher die deutsche Sprache der römischen Fesseln gewesen ist. Diese Genauigkeit scheint unumgänglich, wenn ein bardisches Ohr die kunstreiche Harmonie eines Flaccus fühlen soll. Wir wollen die erste Strophe bezeichnet hersetzen, in Hofnung, daß wir einigen Lesern damit einen Gefallen erweisen. — — ^ ^ ^ ^ —— Welchen j Köuig der Gott j über die Könige Mit entweihenden Blik j als er gebohjrcn ward, Vom Ojlympns her sah,j der wird ein Mcnjschenfrcund — — — — u — Und des j Vaterlands Vajtcr seyn. Sogar in dem Vorbcrichte zn der Ode herrscht eine gewisse ungezwungne Hoheit, welche an der Spitze eines Gedichts, wie der Messias ist, sehr wohl läßt. ,/Der Rönig der Däne»/ heißt es, hat „dem Verfasser des Mcßias, der ein Deutscher ist/ diejenige Mnsse „gegeben, die ihm zu Vollendung seines Gedichts nöthig war." - - Ein vorlreflichcs Zeugniß für unsre Zeiten, welches gewiß auf die Nachwelt kommen wird. Wir wissen nicht, ob alle Lcntc so viel Sa- tyrc danune sehen, als wir. Wir wollen uns also aller Auslegung enthalten. Vielleicht daß wir mehr sehen, als wir sehen sollten. - - Nur eine kleine Anmerkung von der nördlichen Verpflanzung der witzigen Köpfe. - - Doch auch diese wollen wir unterdrücken. Der vierte Gesang enthält die Bcrathschlagnng des jüdischen Syn- cdriums, die Ncrrälhcrcy des Judas, das letzte Abcndmal der Jünger mit Jesu, seinen Gang nach dem Oclbergc - - KaiphaS hatte ei- Lessmgs Werke in. 14 2lN Das Neueste aus dem Reiche des Witzes, neu Traum vom Satan gehabt; voller Angst lag er ans dein Lager, und warf sich ungestüm nnd voll Gedanken herum. Wie tief in der Feldschlacht Sterbend ein Gottesleugner stch walzt; der komnicnde Sieger, Und das bäumende Roß, der rauschenden Panzer Getöse, Und das Geschrey, nnd der Tödtendcn Wut, und der donnernde Himmel Stürmt über ihm; er liegt und sinkt mit gespaltenem Haupte Dumm und gedankenlos unter den Todten, und glaubt zu vergehen. Trans erhebt er sich wieder, und ist noch, und denkt »och, und fluchet, Taß er noch ist, und spritzt mit bleichen sterbenden Händen Blut gen Himmel, Gott flucht er, und wollte ihn gerne noch leugnen. Also betäubt sprang Kaiphas auf, und ließ die Versammlung Aller Priester und Acltstcn im Volke schncll zu sich berufen, -c. Wie vortrcflich ist dieses Glcichniß ausgemahlt! ES ist eines von denen, welches der Tichtcr mehr als einmal braucht, und immer ans einer neuen Seite schildert; so wie Virgil den Löwen - - ES würde eine Beleidigung gegen unsern Leser seyn, wenn wir mehr Stellen ausziehen wollten. Wir würden zu glauben scheinen, ein Mensch von Geschmack könne sich mit abgcrißncn Stücken begnügen. Der fünfte Gesang enthält die Leiden Jesu auf dem Lelberge. Tic Wahrheit zu gestehen, diese war eine von den Stellen, wo wir den Dichter erwarteten. Er hat unsre Hofnung, er hat sich selbst übertreffen. Sine» einzigen Ort wollen wir bemerken, wo er einen Kunstgrif anwendet, den man bey dem Virgil für eine Unvollkommen- heit ansieht - - Gott war auf Tabor herabgcsticgen, mit dem Messias ins Gerichte zu gehen, und die Sünden alle hatten sich vor ihm versammelt. Aber Gott dachte sich selbst, die Ecisterwclt, die ihm getreu blieb; Und den Sünder, das Menschengeschlecht. Ta ergrimmt er, und stand jetzt Hoch ans Tabor und hielt den erzitternden Erdkreis, Daß er nicht vor ihm verging. Hier bricht er den Vers ab; und dieser Ruhepunkt läßt dem Leser Feit, sich von der Last dieses schwängern Gedankens, den der Dichter selbst nicht bis an das Ende der Zeile fortzuwälzen gewagt hat, zu erholen. Wann alle die halben Verse bey dem Virgil, welche seine Ausleger Stuyen (tiineines) nennen, von gleicher Beschaffenheit wä> Das Ncuesic aus dem Reiche des Witzes. 211 rc», wie es einige in der That sind, so würden die Kunstrichler sehr auszulachen seyn, die sich die Mühe gegeben haben, sie auf Gcrathe- wohl zu erfüllen, Unser Dichter hat sich iiiinmchr seinem erhabnen Bclohncr genähert. Er befindet sich in Kopenhagen, und ohne Zweifel in derjenigen glücklichen Ruhe, woran die Anfiiierksamkcit der Welt Theil nimmt, und welche allezeit die Mutter der ewigsten Werke gewesen ist. Ein belohnter Tichtcr ist zu unsern Zeiten keine geringe Seltenheit. Diese Seltenheit aber wird noch weit grösser, wenn der Dichter ein Deutscher ist, und wenn seine Gesänge nichts als Religion und Tugend athmen. - - Könnte man dieses letztrc von dem französischen Poeten pi- ron sagen, so würde vielleicht sein Wohlthäter eine Ursache weniger gehabt haben, sich ihm und der Welt nicht zn entdecken. Diese Gegebenheit verdient, daß wir sie uuscni Lesern mittheilen. Hier ist der Brief, welchen er an den Verfasser des französischen McrknrS geschrieben hat, der sie am besten erzählen wird. Mein Herr, „Ich zweifle nicht, daß Sie nicht an den gehäuften Unglücksfällen, „welche mich seit einem Jahre betroffen haben, Antheil werden gekommen haben, wann anders die Nachricht davon bis zu Ihnen gekommen ist. Ich habe ihrer Empfindlichkeit die Erzählung derselben ersparen wollen; einen Zufall aber, welcher mir jctzo den „Augenblick wicdcrfahrcn ist, kann ich Ihnen nnmöglich verschweigen. „Er ist weit sonderbarer, als alle meine Unglücksfällc gewesen sind, „und ist so.beschaffen, daß ich Zeit meines Lebens daran denken werde. „Das außerordentlichste dabey ist, daß ich nicht weiß, an wen ich „mich deswegen halten soll, noch wodurch und wie ich mir ihn zugezogen habe. Hören Sie nur. Ich erhielt vor kurzem einen Brief „ohne Namen, in welchem man mich bat, mich den und den Tag, „zn der und der Stunde, in der und der Strasse, bey einem gewissen Herrn - - - (welchen ich nicht im geringsten die Ehre hatte „zn kennen) cinzufinden, welcher mir sagen würde, was man von „mir verlange. „Ich begab mich den bestimmten Tag richtig dahin, doch nicht „ohne eine kleine Bewegung, welche bey annähender Entwicklung sol- „cher gehcimnifivollcn Anweisungen ganz natürlich ist. Hier kömmt „endlich ein gewiß recht rührender Thcaterzufall, der aber etwas we- 14" 212 Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. „niger abgedroschen ist, als die, welche wir auf der Bühne zu sehe» „ bekommen. „Dieser Herr - - - war ein Notar, ein sehr wackrer und Höft „lichcr Mann, welcher mir, sobald er mich sahe, die Feder darreichte, einen Contract auf Kttl) Livrcs Leibrenten, welche zu mei- „nem Gebrauch ausgesetzt waren, ohne das; ich einen Heller zu dem „Capitale gegeben hatte, zu unterzeichnen. Er gab mir zugleich eine „Rolle, worinne 26 Louisd'or auf das erste Jahr waren. Sie kön- „nen leicht bcgrciffcn, in wa§ für eine Flut von Fragen mein Erstaunen und meine Dankbarkeit ansbrcchcn mußte. Doch umsonst, „ich bekam keine Antwort. Der Notar verrichtete, waS ihm aufgetragen war, und die Verschwiegenheit war eine von seinen Vorschriften. „Seine Rolle war ans, meine fängt nnnmehr an, und diese ist, den „cdclu Urheber des Stücks zu entdecken, oder mit Verdruß zu sterben. „Es ist kein Stof, den man von der Kanzel ablesen könnte, ob „er es gleich, wie mir es scheint, seyn sollte. Denn ist denn die Kan- „zcl nur dazu, daß sie strafbare Handlungen bekannt machen soll? „Würde dieser Zufall nicht eben so gut erbauen, als jede andre Abdankung? Ich frage Sie darum, mein Herr. Weil es aber doch „der Gebrauch nicht ist, so erzeigen Sie mir wenigstens den Gefallen „und unterstützen meine Begierde denjenigen kennen zu lernen, an „welchen ich mich mit meinen schuldigen Danksagungen zu wenden habe. „Zeigen Sie diesen Brief einer gewissen Person von ihren Bekannten, „welche Ihnen wohlwill, welche überall in der Welt bekannr ist, „welche alles wissen will, und in der That auch alles weiß, welche „alles sagt, was sie weiß, nno zuweilen noch mehr. Sie wird plau- „dern, sie wird plaudern lassen, und dadurch wird vielleicht jemand „hinter das Geheimniß kommen. Diese Person ist das Publicum. „Ich bin mit aller Hochachtung, mein Herr zc." piron. Auf diesen Brief folgt eine kleine Sinnschrift, wovon dieses der Einfall ist. „Wann derjenige, welcher gerne Gutes thut, ein Bild „Gottes auf Erden ist, so ist der es noch vielmehr, welcher es un- „sichtbar thut." - - - Wir hoffen, daß Leser von Gefühl hicrbey alles empfinden werden, was eine das Licht fliehende Eroßmuth, und eine Dankbarkeit, welcher man die Hände gebunden hat, empfinden zu lassen fähig ist. Wie schmeichelnd ist diese uneigennützige Wohlthat, Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. 213 welche dadurch, daß ihr Urheber dem Dichter die Freyheit laßt, sie zuzuschreiben, wem er will, eine Art einer öffentlichen Belohnung wird. Noch schmeichelhafter muß eS seyn, wenn man die Ueberzeugung damit verbinden kann, diese Belohnung verdient zu haben, sie durch den Eifer verdient zu haben, die verscheuchte Tugend der Welt an der Hand der ihr geweihten Muse zuzuführen, nicht aber durch einen zügellosen Witz, welcher Himmel und Sitten lächerlich macht, sie crsündigt zu haben. Wann der Verfasser des MeßiaS kein Dichter ist, so ist er doch ein Vertheidiger unserer Religion. Und dieses ist er mehr als alle Schriftsteller sogenannter geretteter Offenbarungen oder untrüglicher Beweise. Oft beweisen diese Herren durch ihre Beweise nichts, als daß sie das Beweisen hätten sollen bleiben lassen. Zu einer Zeit, da man das Christenthum nur durch Spöttcreycn bestreitet, werden ernsthafte Schlüsse übel verschwendet. Den bündigsten Schluß kann man durch einen Einfall zwar nicht widerlegen, aber man kann ihm den Weg zur Ueberzeugung abschneiden. Man setze Witz dem Witze, Scharfsinnigkcit der Scharfsiiinigkeit entgegen. Sucht man die Religion verächtlich zu machen, so suche man auf der andern Seite, sie in alle dem Glänze vorzustellen, wo sie unsre Ehrfurcht verdienet. Dieses hat der Dichter gethan. Das erhabenste Geheimniß weiß er auf einer Seite zu schildern, wo man gern seine Uubcgreiflichkcit vergißt, und sich in der Bewunderung verlieret. Er weiß in seinen Lesern den Wunsch zu erwecken, daß das Christenthum wahr seyn möchte; gesetzt auch, wir wären so unglücklich, daß es nicht wahr sey. Unser Urtheil schlägt sich allezeit auf die Seite unsres Wunsches. Wann dieser die Einbildungskraft beschäftigt, so läßt er ihr keine Zeit auf spitzige Zweifel zu fallen; und alsdann wird den meisten ein unbestritt- ner Beweis eben das seyn, was einem Weltweisen ein unzubestreiteu- der ist. Ein Fechter faßt die Schwäche der feindlichen Klinge. Wann die Arzeney heilsam ist, so ist cS gleich viel, wie man sie dem Kinde beybringt - - Diese einzige Betrachtung sollte den Meßias schätzbar machen, und diejenigen behutsamer, welche von der Natur verwahrloset find, oder sich selbst verwahrloset haben, daß sie die poetischen Schönheiten desselben nicht empfinden. Besonders wann eS zum Unglücke Männer sind, die bey einer Art Leute, welche immer noch den größten Theil macht, ein gewisses Ansehen haben. '.'14 .Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. Wir wollen den Lesern einen kleinen Auszug aus der Vorrede, welche der Hr. D> Triller dem jüngst hcrausgckommencn fünften Theile seiner Gedichte vorgesetzt hat, mittheilen. Man darf gewisse Leute nur au dem gehörigen Lrtc reden lassen, wenn sie ihre eigne Satyre reden sollen. „Die Liebhaber einer ungezwungnen, leichten „und erbaulichen Dichtkunst sind incinc geringen Gedichte noch nicht „übcrdrüßtg. - - Ich überreiche diesen fünften Theil mit der fast zuversichtlichen Hofuung, daß er nicht gänzlich uiißfallcn wird - > Sie „sind nicht alle von gleichem Werthe und Nachdrucke - Wo sie keine „Bewunderung erwecken, so werden sie doch auch keinen Eckel er- „regen - (Horaz sagt, nicht wir, Aleclloorivus olle uo«zt!8 ?^oi> Iiomüies, uou liii, uuu l'.ouoellLi'L coluiuuu! - - - ^.uimis iinluiu iuvontninc^uo ^>oeu>a jnviuidls, 8i paulum n 1'ulnnio cloeellit, vorglt »cl imum.) - » „Wir haben diejenige natürliche, leichte, flicsscndc und mit ei- „nem Worte menschliche Art zu dichten, auch in unserm Alter nicht „verlassen wollen, welche wir vormals in der blühenden Jugend „wchlbcdächtig angenommen haben - - Sie hat ganzer dreißig Jahr „bey vielen gelehrten und »»gelehrten Lesern Beyfall erhalten - - „Man wird auch in diesem Theile keine dunklen, schweren und Räth- „selvollen Ausdrücke von den steilen und unwegsamen Alpen, oder aus' „der neuen Arche Noah, uud den duftigen Cedcru von Libanon her „- - viel minder aber so gcnauutc nur schopftischc Erfindungen antreffen „- - Es sollte mir leid seyn, wenn ich unter die Aftcrschöpfcr gezählt „werten könnte ° - Die neuen Heldengedichte, davon bisher so ein „ungestümes Lärmen, zum Trotz der gesunden Vernunft, und Beleidigung des WohlklangS, allenthalben gehöret worden, sind nur für „die rauhen und schwcrmülhigen Einwohner des SaturuuS - - Unsre „natürlich denkenden Weltbürger werden sie nicht eher verstehen, als „bis sie in reines Deutsch und in eine menschliche Dichtart übersetzt „werden - - - Schöpferisch schreiben, schöpferisch dichten sind strafbare „und unchristliche Ausdrücke - - - Wir wissen aus der Schrift, Vernunft und Natur, daß mir ein einziger Schöpfer ist - - Die Weltreisen, ja GottcSgclchrte selbst hätten es besser überlegen sollen, ehe „sie die Schöpfcrwürdc einem ohnmächtigen Geschöpfe zugeeignet hät- Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. „teil - ' Sie schaffen aber lauter Abcnthcucr, wie aus der Miltoui- „ scheu Gespenster und Eeisterhecke, aus Dantes Hölle :c. -c. mit Ent- „setzen zu ersehen ist - - Wenn diejenigen Schöpfcrgcister sind, die ein „paar Dutzend neue und zum Theil gar fromme und büsseude Teufel „ersinnen können, wie sie in den bekannten Fanstischen und Wagnerischen Lebensbeschreibungen stehen; die Schaarcu von Seraphs eigen- „mächtig erdichten oder eine frostige und finstre Sonne unter der Erde „ungcheissen anfgehcn lassen, als ob die oberste allgemeine Sonne so „eine unnöthige Ncbcngchülfin brauchte: so müssen alle Trunkene, „Träumende und Mondsüchtige auch iu die seltne Classe der schöpfcri- „scheu Geister zu setzen seyn - - - Die Menge von Gelehrten und „Kennern ist unzählig, welche mit dieser ungewöhnlichen Art zu „dichten nicht zn frieden sind - - Viele haben nicht einmal einen Ee> „saug, oder Ungcsang. weil cS sich weder reimt noch sonst poetisch „klingt/ ganz anshörcn können - - - Doch diese schöpferische Helden- „gcdichte werden schon mit der Zeit verschwinden, wenn dieses jczigc „fast allgemeine Sinncnficbcr wird nachgelassen haben - - - Ich wün- „sche es aus herylichem Mitleiden - - - Ich würde mir die Muhe „nicht gegeben haben, mein Urtheil zu sagen, weil an der ganzen „Sache wenig gelegen, wofcrne mir es nicht vornehme StandcSver- „sonen anbefohlen hätten - - Opitz, Flcmming, Gryphius, Günther:c. „haben von dieser Art zu dichten nichts gewußt - - Wann sie wieder „kommen sollten, würden sie sich vermuthlich über diese afrikanischen „Wnndergcburtcn entsetzen - - Ich danke dem gütigen Himmel, daß „ich von der Dichtkunst nicht leben darf, sondern weit rühmlicher „etwas anderes und nützlichcrs gelernt habe, als meine Versorgung „mit schöpfrischcn Gedichten zu gewinnen, oder mit elenden zusam- „mcngcraftcn Zcitungsschrcibcn, und unanständigen Durchhecheln gekehrter und verdienter Männer das Brod zu verdienen. - - Das „unhöfliche Schreyen gegen meine unschuldigen, und zum mindesten „nicht nnnützcn Gedichte ist ganz vergebens gewesen - - Doch ich habe „mit diesen lächerlichen Leuten zu lange geschcryt- Ich empfehle dem „billigen Leser meine mittelmäßige Muse, und verspreche ihm den „sechsten Theil und einen besondern Band geistlicher Gcdichlc. Ich bin „für seine unverdiente Wohlgewogcnhcit :c. Hier fehlt nichts, als daß Herr D. Triller nicht noch, nach Maß- gebung des Orts, wo er jctzo lehrt, die orthodoxe Versicherung hinzu- 216 Das Ncncste ans dcm Reiche des Witzes, fugt, daß der McßiaS, (denn dieses Gedichte meint er doch, ob er es gleich nicht nennet,) voller ketzrischen Irrthümer sey. Und wer weiß ob nicht chstens der elende Geschmack den Aberglaube zn Hülfe ruft. Ein Ungeheuer muß das andere vertheidigen helfen. Aber warum ereifert sich der Herr Professor? Die Historie der Schildbürger wird im- mcr noch gelesen, ob man gleich Clarisscn hat. Laßt uns unserm Vatcrlande Glück wünschen, daß seine Dichter, nach langen Äcrirrun- gen, den wahren Weg des Alterthums gefunden haben! Welche mit den Alten am meisten zu prahlen pflegen, kennen sie am wenigsten. Es giebt Männer, welche auf allen Seiten den Horaz anführen, und in dem ganzen Werke ist nicht eine Horazische Schönheit. Wir haben mit einer Anmcrtnng angefangen, wovon der Leser vielleicht schon die Anwendung gemacht hat. Er mag sie aber gemacht haben, wie er will, so müssen wir doch gestehen, daß wir nichts damit suchen, als diejenigen abzuschrecken, welche ihre Schultern einem Werke unterziehen, dcm sie nicht gewachsen sind. Hierher gehört der Verfasser eines Gedichts in drey Gesängen; Jacob und Joseph. Es ist nichts als eine ausgedehnte Erzählung dessen, was man von der zweyten Reise der Söhne Jacobs nach Egyptcn, bis auf den Zug des ganzen Geschlechts dahin, in der Bibel findet. Die Erfindungskraft hat wenig dabey gearbeitet; obgleich die Geschichte einer epischen Fabel weit ähnlicher hätte können gemacht werden. Doch vielleicht ist es wider den Sinn des Verfassers selbst, sein Werk auf dieser Seite betrachten zu lassen, und er ist zufrieden einen beträchtlichen Platz unter den historischen Poeten zn finden. Diesen kann man ihm nicht versagen. Hier ist eine Stelle zur Probe. Es sind die Worte deS Jacobs, da er seinen Sohn das erstemal wieder umarmet. Und o, sprach der Erzvater, mit Freuden wollt ich jetzt sterben, Da ich noch einmal dein Antlitz gesehn, dich noch lebend gesehen! Welche gräßliche Lücke mit eingestürzetem Rande, Wie der gehnende Schlnnd des Pardels, mit Zähnen umzäunet, Brach in mein Leben ein von jenem mühseligen Tag an, Da dn von Dothan nicht wiederkamst, und die Brüder mir sagten, Joseph hätt ein Raul-thier zerfleischt, und den strcifigtcn Rock mir Brachten, und fragten: Sieh, Vater, obs wohl des Josephs Gewand sey; Bis zn dcm frölichcn Tag, da Juda die bessere Nachricht, Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. 217 Kaum geglaubte, nicht glaubliche Nachricht, nach Mauire gebracht hat, Joseph lebt/ und Joseph regiert/ auch gab ihm Gott Erben- Alle die Längen von Jahren, die zwischen die Tage getreten, Hielt die Trauer mich fest und löschte den männlichen Muth ans. Wehmuth streut auf das Grau der Haare mir Wolken von Asche. Aber dieß lange Weh ersetzt die vollkommenste Freude, Diese gesegnete Blicke, wohl werth, sie so zn erkaufen. Ein gewisser Kuustrichter hat den Rath gegeben, diejenigen Werke mit lateinischen Buchstaben drucken zu lassen, welche verdienten, von den Ausländern gelesen zu werden. Bey dem Jacob und Joseph hätte man die Gothischen Buchstaben also immer noch behalten können. Mit weit andern Augen muß man die zwey ersten Gesänge des Gedichts, der Sündfluth betrachten. Der Verfasser hat nichts geringes gewagt. Dem Dichter des Noah entgegen zn arbeiten, heißt, wie er selbst sagt, nach einem Ulysses Wogen grciffcn, den zn spannen Muth und Sehnen von nöthen sind. „Doch, fährt er fort, der „Verlust selbst in diesem Kampfe ist geringer als die Ehre des Unternehmens. Es ist schon ein vornehmer Ruhm der andere oder der „dritte nach dem Sieger zu seyn. Hier sind ansehnliche Gcwinnste „auch für die nächsten nach ihm aufgesetzet. Oft ist es sehr schwer, „unter zweyen, deren jeder seine starke Ansprache an den Sieg hat, „zu entscheiden." Dieses ist gewiß, und eine Vcrglcichnng dieser zwey wetteifernden Gedichte wird es am besten lehren. Der Raum nöthiget uns, sie auf das künftige Stück zu verfparen. - - Wie stolz wird Deutschland seyn können, wenn alle diese Werke so glücklich zu Stande kommen, als sie angefangen sind. Drey Hcldcndichtcr zu gleicher Zeit in Deutschland? Zu viel gutes, zu viel auf einmal! Wie einsam dagegen sitzt Frankreichs Kallivpc! Ein blitzender Witz hat ihr die Larve einer Vuhlerin aufgedrückt und ihren majestätischen Purpur mit Flittergold! besetzt. Ihre Trompete ist dem MomuS in die Hände gefallen. Will man den Beweis? hier ist er. Das neue Jahr, ein heroisches Narrengedichte. (°) Es bestehet aus zehn Gesängen, wovon der längste obngefehr 8s> Zeilen hat. Unter den kleinen Ealendern, welche die Franzosen einander zum Ncncnjahre schcu- l^e iivuvel <»>, Poeme Ileioi-l'ou. .4i»-x>5-r»us ^/,^c»>rek»ix » vroclluromüniv, l g» du «wluge üe5 ^Vluiiumeus t75l, in IS, <>» Scitcn. 218 Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. ken, ist in diesem Jahre einer in Versen gewesen, welcher der Almanach der Liebe heißt. Man kau sich leicht einen Begrif davon machen. Die Gewalt dieses Almanachs über das schone Geschlecht ist der Stof dieses Gedichts. LycoriS hat den Lindor bezaubert; er erklärt ihr seine Liebe; Lycoris verwüst sie auf das grausamste: erster Gesang. Amor erscheint dem Lindor am Ufer der Seine, tröstet ihn, und giebt ihm den Almanach der Liebe, mit der Versicherung, daß eine einzige Lcction daraus seiue Geliebte überzeugen werde, jedes Herz sey ihm Opfer schuldig: zweyter Gesang. Lindor eröffnet das Buch, er- schritt Anfangs da er sieht, daß es ein Lalcndcr ist, fasset aber neuen Muth da er deu eigentlichen Jnnhalt sieht: dritter Gesang. Es ist Nacht, Lindor schläft, im Traum erscheinen ihm die Liebes-Götter und Grazien, welche sich über seinen Almanach erlustigcn. Er sieht seine Lycoris im Schlafe sich ihm ergeben, er küßt sie im Schlafe. „Wird „mau mir glauben, spricht der Dichter, wenn ich sage, daß die Gra- „zicn, die das alles mit ansahen, finstre Grimassen machten, daß eine „Zweydeutigkeit ihre Tugenden in Harnisch jagte? Nein, nein; die „Zeit der Scham ist vergangen. Die Grazien sind wie andre Schö- „ncn. Hinter dem Fächer braucht man über nichts roth zu werden :c." vierter Gesang. Der Ncucjahrstag bricht au; seine Thorheiten belacht ein Philosoph: fünfter Gesang. Lindor bcgicbt sich zu seiner Lycoris; sie will ihn nicht anhören, sie wirft sein Geschenke zu Boden; eine alte häßliche Kammerfrau wagt cS Schiedsrichtern! zu seyn; sie vertheidigt den Lindor; Lindor küßt das Gespcnsie aus Dankbarkeit mehr als einmal; alle Anwesende lachen darüber, und endlich auch Lycoris: sechster Gesang. Lindor und Lycoris sind allein; er spricht aufs neue von seiner Liebe; die Unbewegliche will ihm nichts als Freundschaft zugestehen. Endlich überreicht er ihr den Almanach; voller Verachtung wirft sie ihn auf deu Nachttisch, und schwört ihn nicht zn lesen. Lindor geht fort in der sichern Hofuuug seine Geliebte morgen verändert zu finden: siebender Gesang. Die Neugicr besiegt die LycoriS; sie liest den Almanach; ihr Herz wird zärtlich; sie geht zur Ruhe: achter Gesang. LycoriS träumt; ihr Tranm ist ein wollüstiges Räthsel, welches der Dichter den Tranmdeutcrn zur Erklärung vorlegt: neunter Gesang. Lindor kömt mit anbrechenden Morgen zu seiner Schönen l»id sie überliefert sich ihm. „Ist dieses gleich eine Fabel, schließt „der Dichter, so hütet euch doch ihr Schönen für die Almanachs in Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. 219 „Versen; sie verbergen Schlangen unter angenehmen Blumen; der Al- „manach der Liebe ist der Almanach des Teufels." - - Hat es sich der Mühe verlohnt, daß wir dem Leser diese Kleinigkeit so wcitlauftig erzählt haben? Die untermengte Satyre ist fein, sie hat aber nichts als gewisse Modethorheiten zum Gegenstände. Den Ausländern wird sie dadurch unverständlich; und in Paris selbst ohne Nutzen, so bald man diese Thorheiten mit andern abwechselt. Eine Abwechselung wor- innc Frankreich so sinnreich, als in Veränderung seiner Kleider ist. Vielleicht ist die Epische Dichtkunst in England glücklicher? Noch bewundert es seinen ÄeonidaS/ ein Werk, dessen Schönheit sich einem freyen Engländer in einer Vergrößerung zeigen müssen, worinne sie wenigstens kein zum dienen gebohrner Franzose zu fühlen fähig ist. In diesem Jahre aber hat es unter dem Titlcl Scriiileriade ein neues komisches Heldengedichte erhalten, welches' voller ursprünglichen Witzes ist. Der Held heißt Scriblcrus/ ein Gelehrter, in dessen Person der dichter die unnützcn Unternehmungen der studirten Don Tuurotcs unnachahmlich lächerlich macht. Er hat überall des Cervantes ernsthafte Art zu scherzen genau beybehalten, und sie niemals mit dem Drolligteu abgewechselt, welche Vermischung zwar vielen gefällt, in der That aber ein Fehler ist. Wir wollen anfangen, dem Leser von dem ersten Buche, mit eingestreuten kleinen Stellen, den Jnnhalt bekannt zu machen, und in dem künftigen Blatte damit fortfahren. Der Dichter fangt, wie gewöhnlich, mit Beschreibung seines Unternehmens an. Er entdeckt, daß Saturn oder die Zeit der Feind seines Helden sey. Er berührt kürzlich die Ursachen dieser Feindschaft, und zeigt uns den Scriblcrus auf einmal in der afrikanischen Wüste. Diese durchzieht er mit seinen Ecfährtcn, die versteinerte Stadt aufzufuchen. (Diese versteinerte Stadt ist in ganz Afrika bekannt/ und nicht wenige ansehnliche Personen in Europa haben das ZNährchcn geglaubt. Shaw erzehlet uns in seiner Rcisebeschreibung/ daß Äudwig XIV. so überzeugt davon gewesen sey/ daß er seinein Gesandren Befehl gegeben habe/ ihm den Rörper eines versteinerten Mannes/ aus dieser Stadt/ zu verschaffen, es möge koste»/ was es wolle. Zween Ianitscharen hätten dem Gesandten auch wirklich einen steinern Rnaben um fünf hundert Liv. verkauft, und vorgegeben/ daß sie einen grössern Rörper ohnmöglich so weit wegbringen könnten ohne von den Arabern 220 Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. entdeckt zu werden, welche es durchaus nicht zugeben wslte»/ daß ein Muselmann/ tod oder lebendig/ an Christen verkauft würde. D- Shaw aber habe ihm bewiese»/ daß der versteinerte Rnabe nichts/ als die Bildsäule eines Cupids sey/ wie er ihm denn den Grt bemerke» lasse»/ wo sie den Aöcher von den Schulter» abgebrochen hatten.) Saturn glaubt nunmehr Gelegenheit zu haben, seine Rache auszuführen, und den Held ums Leben, ja, was ihm noch werther als das Leben war, um seine Ehre zu bringen. Er bittet den Aeolus, ihn durch einen Wirbelwind unter den Wogen des Sandes zu vergraben, damit er mit sammt seinen Gefährten in die Nergcssenhcit gestürzt würde. Nun redet der Held. Eine so unedle Todcsart wird von ihm verworfen. Böller Gegenwart des Geistes beschließt er alle seine gesammelten Raritäten auf einen Haufen zu thürmen, sie anzuzünden, und sich selbst in die Flamme zu stürzen. „Wie selig, sagt er, ist der Mann, dessen Name von einem „ruhmvollen Tode seinen prächtigsten Glanz erhält. O hätte das liebreichere Schicksal beschlossen, daß ich, wie der grosse Empcdocles, in „dem Feuer des Aetna verderben könnte! Oder daß ich das Geschick „des unsterblichen PliniuS theilte, und die Asche des berüchtigten Ne- „suvs wäre mein Grab geworden! Hätte es beschlossen, mein Ende „wie das Ende jener ruhmvollen Stadt zu machen, und mich, mir „selbst ein trauriges Monument, versteinert dastehen zu lassen! Weit „über die Welt würde alsdenu mein wachsender Ruhm erschallen, und „von allen Musen in allen Gegenden besungen werden. Ach! Ein „schimpfliches Schicksal soll mein hofnungsloses Haupt imbcwciut, unbemerkt und auf ewig tod vergraben! Doch - - Ich sollte diesen un- „ edlen Tod nicht verschmähen? - - Rein, unter dem elenden Sande „ will ich meinen Geist nicht aushauchen. - - Da ich alle meine Augenblicke würdig zugebracht habe, so sey etwas gethan, wodurch auch „der lczte verherrlichet wird! Ja, der wackere Phönix soll mein Beyspiel seyn. (- - ach, daß ich den Phönix, ich unglücklicher, nicht „noch habe sehen sollen! - -) - - Ja sein prächtiger Scheiterhaufen er- „weckt in mir den erhabensten Einfall! - - Ich will meine gcsamnile- „Schätze anzünden, und mich selbst der theuren Flamme übergeben." - - Der Gott nimt die Aufopfrung dieser raren Sammlung als das Zeichen der tiefsten llntcrthänigkcit auf, und beschließt also sein Leben noch zu fristen. Weil er aber doch seine gegenwärtige Hofnung zu Das Rencstc aus dem Reiche des Witzes. 221 Schanden machen will, so führet er den Sturmwind über die versteinerte Stadt und vergräbt sie unter dem Sande. Scribler, welcher unmöglich den Verlust seiner Schätze überleben kan, wird von der Vollziehung seines Vorhabens durch ein Wunder, durch die Dazwischcnkunft des (Lottes MomuS, abgehalten. Räch einem fruchtlosen Forschen von sechs Tagen dringen seine Gefährten auf die Rückreise. Scribler hält eine Rede an sie, und besteht darauf die versteinerte Stadt aufzusuchen; endlich aber redet es ihm Albertus, einer von seinen Gefährten, durch die Erzählung eines erdichteten Traums aus. Scribler hält eine Lobrede auf die prophetischen Träume, und betlagt den Mangel der andern Orakel. „Aber, spricht er, wo ich meine der Ewigkeit geweihte Reise „nun weiter hinwenden soll, das wollen mir keine Ahndungen entdecken, „leine freundliche Schatten mich lehren. Ach daß in unsern uncrlcuch- „tcten Tagen lein gelehrter Priester die Opfer mehr erkläret, und mit „prophetischen Auge die Eingeweide durchspähct, oder die herumirrenden „Warnungen des Himmels lesen tan! Keine geheiligten Orakel kom- „mcn mehr zu Hülfe; die Pythia und das Cumäischc Mädchen sind „sprachlos. O hätten wir in jenen glütlichcn Zeiten gelebt, als der „Trojanische Held und der Griechische Weise hcrnmschwciften! Da hätten „wir vielleicht einen freundschaftlichen HclcnuS oder Anins gefunden, „welcher gcschikt gewesen wäre uns jede Ahndung zn entziffern. Vielleicht wären wir zu den dunkeln Wohnungen der Hölle gegangen, „und der berüchtigte Tircsias hätte uns unser Schicksal gezeigt!" Hierauf spricht Albertus: „Ach, nur allzugcrccht ist dein Kummer! O> „möchte mein weissagendes Herz die gewünschte Linderung verschaffen! „Die klngcn Mahomctaner haben den Narren und Unsinnigen allezeit „besondere Ehre erzeugt, und dieses sehr weislich. Denn oft, wann „sich die Flügel der Vernunft hoch über irrdische Dinge erheben, so „streifen die Gcdancken unter den Wohnungen der Sterne und werden „durch den Umgang mit den Unsterblichen beglückt. Von da aus theilt „alsdann der göttliche Mann den minder erhabenen Sterblichen unter- „richtende Wahrheiten aus. In Cairo wohnt ein phrcnetischcr Weise, „welcher von aller dieser thcomantischcn Wuth begeistert ist. Ich habe „bemerkt, so oft der Morosoph zum Vorschein kam, ward er von ei- „ner unzähligen Menge umringt, und von allen verehret. Jung nnd „Alt, Jungfern und Weiber küßten die Fußstapfcn des seligen Gym- „nosophisten. Die brünstige Braut berührte jeden günstigen Theil, »IWHIM^WU./ 222 Das Neueste aus dem Reiche des WitzeS. „geschickt, die Kraft der Fortpflanzung zu ertheilen. Endlich thut die „Stimme den heiligen Aussprnch, und die horchende Menge bleibt „staunend sieben. - - Laß uns also, dieses ist meine Meinung, wieder „nach Cairo zurückkehren, und laß den Weisen sich bey dem Narren „Raths crhohlcn." Hiermit endet sich das erste .Buch. Die besten Erläuterungen des ganzen Gedichts tan man aus den Denkwürdigkeiten des Scnblcrus, welche sich in Popcus Werken befinden, ziehen, wovon es eigentlich eine Art der Nachahmung ist. Monat I'unius 1751. Die Regeln in den schönen Künsten sind aus den Beobachtungen entstanden, welche man über die Wcrckc derselben gemacht hat. Diese Beobachtungen haben sich von Zeit zn Feit vermehret, und vermehren sich noch, so oft ein Genie, welches niemals seinen Vorgängern ganz folgt, einen neuen Weg einschlägt, oder den schon bekannten über die alten Grenzen hinaus bahnet. Wie unzchlig muß also nicht die Menge der Regeln seyn; denn allen diesen Beobachtungen kan man eine Art der Allgemeinheit geben, das ist, man kan sie zn Regeln machen. Wie unnütz aber müssen sie uns nothwendig durch eben diese Menge werden, wenn man sie nicht durch die Zurückführuug auf allgemeine Sätze einfacher und weniger machen kau. Tiefes war die Absicht des Herrn Batteur in der Einschränckung der schönen Rünste auf einen einyiczen Grundsay, welche er vor einigen Jahren in seiner Sprache herausgab. Er sah alle Regeln als Zweige an, die aus einem einzigen Stamme sprossen. Er gicng bis zu ihrer Quelle zurück und traf einen Grundsatz an, welcher einfach uud uuvcrstcckt genug war, daß man ihn augcublicklich entdecken konnte, und wcitläuftig genug, daß sich alle die kleinen bcsonocrn Regeln darinnen verloren, welche man bloß vermittelst des Gefühls zu kennen braucht, uud deren Theorie zn nichts hilft, als daß sie den Geist fesselt, ohne ihn zn erleuchten. Dieser Grundsatz ist die Nachahmung der schönen Natur. Ein Grundsatz, woran sich alle, welche ein wirkliches Genie zu den Künsten haben, fest halten können; welcher sie von tausend citcln Zweifeln befrcyct, und sie bloß einem einzigen unumschränkten Gesetze unterwirft, welches, so bald es einmal wohl begriffen ist, den Grund, die Bestimmung und die Auslegung aller andern enthält. Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. 223 Wir haben nicht nöthig, von dieser glucklichen Arbeit des Hrn. Battcnr, welche ohnedem nicht unter das Neueste gehört, weitläuftig zu reden, da sie vor kurtzcn unter uns durch eine doppelte ttcbersctzung bekannt genug geworden ist. Die eine dieser llcbcrietzung ist in Leip. ?ig, die andre in Gotha ans Licht gekommen. Man braucht keine wcitläuftige Untersuchungen, der ersten den Vorzug zu ertheilen. Ausser dem Anhange einiger eignen Abhandlungen, mit welchen sie vorzüglich pranget, ist die llcbersctzuug selbst weit getreuer gerathen; da oft die andre den Sinn des Verfassers verfehlt. Gleich die erste Periode ans dem Vorbcrichtc des Verfassers mag es beweisen. Ulan beklagt sich beständig über die Menge der Regeln; sie seyen den Verfasser, welcher schreiben/ und den Liebhaber/ welcher urtheilen will/ in eine gleiche Verwirrung. Dieses sagt Herr Batteur; die Eothaischc Ucbcrsctzung aber sagt etwas ganz anders. Man beklagt sich/ heißt es, täglich über die Menge der Regeln; sie sind so wohl dem Versasser der SIE verfertigen/ als dem Liebhaber der SIE beurtheilen will/ beschwerlich. Das SIE bringt einen ganz andern Verstand hinein. Battcur will nicht sagen, daß die Menge der Regeln denjenigen verwirre, welcher die Regeln schreiben oder beurtheilen wolle, sondern den, welcher nach diesen Regeln schreiben oder urtheilen will. Die eignen Abhandlungen, welche zu der ersten Uebersctzuug gekommen sind, handeln von der Eintheilung der Knuste; von den Feiten, in welchen die schönen Künste entsprungen sind; von dem höchsten und allgemeinsten Grundsätze der Poesie; von der Einrichtung der Poesie; von der künstlichen Harmonie des Verses; von dem Wunderbaren der Poesie besonders der Epopcc, und von den eigentlichen Gegenständen des SchäfcrgcdichtS. Sie verbessern theils den Hrn. Battcur, theils setzen sie seine Ecdanckcn auf eine Art weiter fort, welche sie der Nachbarschaft, in der sie stehen, würdig macht. An statt durch einen Auszug Leser von Geschmack anzutreiben, sie ganz zu lesen, dürfen wir nur den Verfasser nennen. Der Name des Herrn Gcllerts wird mehr davon versprechen, als die schönsten Stellen, die wir daraus abschreiben könnten. Wir wollen vielmehr ein ganz neues Wert bekannt machen, welches dem vorhergehenden seinen Ursprung zu danken hat. Es ist ein Brief welcher unter folgender Aufschrift an den Herrn Batteur ge- 224 Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. richtet ist. (°) Schreiben über die Tauben und Stummen, zum Gebrauch derer, welche hören und reden- Wer sich an das Schreiben über die Blinden erinnert, welches vor einiger Zeit herauskam, der wird ohne Zweifel gleich bey dein Tittcl vermuthen, daß Herr Diderot gleichfalls der Verfasser davon sey. Was er jctzo vermuthet, wird er gewiß wissen so bald er das Werk selbst gelesen hat. Die Aufschrift scheinet nichts weniger zu versprechen als eine Abhandlung von den Versetzungen in den Sprachen. Gleichwohl ist dieses der vornehmste Inhalt. Wir sagen mit Fleiß, der vornehmste; denn wem ist die Gewohnheit des Herrn Diderot unbekannt? Er schweift überall aus, er springt von einem auf das andre, und das letzte Wort einer Periode ist ihm ein hinlänglicher Ucbcrgang. Der Name eines Sendschreibens ist vielleicht eine kleine Entschuldigung dieser Ungcbnn- denhcit. Die beste Entschuldigung aber ist, daß alle seine Ausschweifungen voller neuen lind schönen Gedanken sind. Wann uns doch alle unordentliche Schriftsteller auf diese Art schadlos halten wollten. Die Art wie er die Versetzungen, gegen den Herrn Batteux untersucht, ist diese. Er glaubt, die Natur der Versetzungen zu erkennen, müsse man untersuchen, wie die oratorische Sprache entstanden sey. Er schließt aus dieser Untersuchung, erstlich/ daß die französische Sprache voller Versetzungen sey, wenn man sie mit der thierischen Sprache und mit dem ersten Zustande der oratorischen Sprache vergleichet, in welchem sie ohne alle Regeln der Zusammcnfügiing gewesen ist; zroeytens, daß, wann sie fast keine von den Versetzungen habe, die in den alten Sprachen so gewöhnlich sind, mau es der neuen pe- ripatetischen Wcltweishcit zu danken habe, welche die Abstracta rcali- sirt, und ihnen in der Rede den vornehmsten Platz eingeräumet hat. Hiervon glaubt er könne man sich, auch ohne bis auf den Ursprung der oratorischen Sprache hinauf zu steigen, bloß durch die Betrachtung der Sprache der Eestus überzeugen. Diese Sprache zu erkennen, schlägt er zwey Mittel vor; die Erfahrungen ncmlich, die man mit einem sich stellenden Stummen machen kan, und der beständige Umgang mit einem taub und stumm Eebohrnen. Der Bcgrif eines ("Z I^ellre sur les Sourcks A Aluel«, ^ I'nssxe lle cvux /os/ />e^/i»5 ?°ez, ^Ve ^o,-e»F - » beneid. lili. 8. t?St. in iZmo auf 200 und etlichen 40 Seiten. Das Neueste ans dem Reiche des' Witzes. 225 sich stellenden Stumme» bringt ihn auf den Einfall den Menschen in so viel besondre Wesen zu theilen, als er Sinne hat. „Ich besinne „mich, spricht er, daß ich mich manchmal mit dieser Art einer metaphysischen Anatomie beschäftigt habe. Ich fand, daß unter allen Sinnen, daS ,,Augc der am wenigsten gründliche, das Ohr der stolzeste, der Eernch der „wollüstigste, der Geschmack der abcrgläubigste und unbeständigste, das „Fühlen aber der gründlichste und philosophischste Sinn wären, es „würde, sollte ich denken, eine sehr lustige Gesellschaft seyn, welche „aus Personen bestünde, wovon jede nur einen Sinn hätte. Ich „glaube gewiß einer würde den andern für einen Unsinnige» halten; „man urtheile aber, mit was für Grunde. Und gleichwohl ist dieses „ein Bild von dem, was alle Augenblicke in der Welt geschieht; man „hat nicht mehr als einen Sinn, nnd urtheilet gleichwohl von allem- „Ucbrigcns lau man über diese Gesellschaft von fünf Personen, deren „jede nur einen Sinn hat, eine besondere Anmcrlnng machen; diese „nemlich, daß sie, vermöge der Kraft zu abstrahiren, alle fünfc Eeo- „ mctcrS seyn können, daß sie einander vortrcflich verstehen, aber nur „in geometrischen Sachen verstehen würden." Die Fortsetzung dieser Gedanken bringt den Verfasser auf andre, die wir dem Leser ganz mittheilen müssen. „Ich besuchte, spricht er, vor diesen sehr fleißig „die Schauspiele, nnd ich konnte die meisten von unsern guten Stü- „ckcn auswendig. Wenn ich mir einmal vorsetzte, eine Untersuchung „der EcstliS und Stellungen vorzuuchmcn, so begab ich mich ans die „dritten Logen, denn je weiter ich von den Schauspielern entfernt „war, desto besser war mein Platz. So bald als der Vorhang anf- „ gezogen war, und alle Zuschauer sich bereit machten, zuzuhören, verzopfte ich mir die Ohren mit den Fingern zu nicht geringer Vcr- „wundcrung derjenigen, die um mich herum waren, und mich, weil „sie mich nicht verstunden, bey nahe für einen Unsinnigen ansahen, „der mir deswegen in die Komödie gekommen wäre, daß er sie nicht „hören wollte. Ich ließ mich sehr wenig von ihren Urtheilen anfechten, und hielt mir ungestört die Obren fest zu, so lange das Spiel „des Schauspielers mit den Reden übcrcin kam, die ich mir ins Gedächtniß rüste. Ich hörte nur alsdann, wenn mich die GcstuS irre „machten, oder ich wenigstens irre zu seyn glaubte. Ach, mein Herr, „wie wenig Schauspieler können eine solche Probe aushalten, und wie „erniedrigend würde für die meiste» von ihnen eine weilre Erklärung «.'csmms Wecke m, 15 ' 22t> DaS Neuestc aus dcm Rcichc des Witzes. „scyn, in dic ich mich einlassen könnte. Ich muß ihnen aber auch „nicht dic neue Verwunderung verhehlen, in welche alle um mich „herum fiele», als sie sahen, daß ich bey den pathetischen Stellen „Thränen vergoß, und mir gleichwohl dic Ohren immer zuhielt. Nun- „mehr konnte man sich nicht länger halten, und dic am wenigsten „Neugierigen wagten sich mit ihren Fragen an mich, worauf ich aber „ganz kaitsinnig antwortete: jeder höre nach seiner Art/ und „meine Art wäre, mir die Ohren zuzuhalten, um desto besser „zu hören- Ich lachte hcy mir selbst ühcr dic Reden, welche meine „vielleicht nur scheinende, vielleicht würllichc Narrhcit, verursachte; „noch mehr aber lachte ich über die Einfalt vcrschicdncr junger Leute, „welche sich gleichfalls nach meiner Art dic Ohrcn mit dcn Fingcrn „zuhieltcn, und ganz erstaunten, daß cS ihnen nicht gelingen wolltc. „Sie uiögcn von meiner Gewohnheit deuten, was sie wollen, so bitte „ich sie zu überlegen, daß, wenn man, von der Aussprache richtig zu „urtheilen, dic Rede hören muß, ohne dcn Schanspiclcr zu schcn, „cS ganz natürlich ist zu glauben, daß man, von dcn Bewegungen „und Stellungen richtig zu urtheilen, dcn Schanspiclcr schcn müsst, „ohnc ihn zu hören. Der Schriftsteller, wclchcr sich durch scincn hinwenden Teufel, durch seine» Gilblas von Santillana, und vcrschicdnc „theatralische Stücke bekannt gemacht hat, Herr le Sage war in „seinem Alter so tanb geworden, daß man ihm mit aller Gewalt in „die Ohren schreyen mußte, wcnn man von ihm wollte verstanden seyn. „Gleichwohl wohnte er alle» Vorstellungen seiner Stücke bey; er vcr- „lohr kein Wort davon, und sagte so gar, daß er niemals, sowohl von „dcm Spiclc als von den Stücke» selbst, besser gcurtheilet habe, als „seitdem er die Schauspieler nicht mehr hören könne. - - Hierauf kommt der Verfasser auf den Nachdruck der Gcstus, er führt cinigc Ercmpcl davon an, welche ihn auf dic Betrachtung einer Art des Erhabnen bringen, welche er das Erhabne der Stellung nennet. Die Schwierigkeit, welche man hat, einem taub und flninm Gcbohrncn gewisse Begriffe bcyzubringcn, geben ihm Gelegenheit unter dcn oratcri- schcn Zeichen dic zu erst und zuletzt eingeführte» zu unterscheidc». Unter dic znlctzt cingcsührten Zeichen rechnet cr die unbestimmten Theile der Größe, und bcsondcrs der Zeit. Er macht hieraus hcgrciflich, warum ciuigc» Sprachen vcrschicdnc Zeitfällc mangcln, und andcrc ciucrlcy Zeitfall verschiedentlich hrauchcn. Diese llnvollkommcnhcite» ?as Neueste aus dem Reiche des Witzes. '.'27 geben ihm die Eintheilnng an die Hand, die Sprachen überhaupt in einem dreyfachen Stande, in dem Stande der Geburt, der Bildung, und der Vollkommenheit zu betrachten. Bey dem Stande der Bildung zeigt er, wie der Geist durch die Regeln der Wortfügung gebunden worden, und wie unmöglich es sey die Ordnung bey den Begriffen selbst anzubringen, welche in den griechischen und lateinischen Perioden herrscht. Hieraus schließt er, erstlich, daß, die Ordnung in den Theilen der Perioden möge auch in einer alten oder neuern Sprache seyn wie sie wolle, der Geist des Schreibenden doch allezeit der didactischcn Ordnung der französischen Wortfügung folge; zweyten?/ daß, da diese Wortfügung die allcrcinfachstc sey, die französische Sprache, sowohl dieser als andrer Ursachen wegen, den Vorzug vor den alten Sprachen verdiene. „?ie Franzosen, spricht er, haben „dadurch, daß sie alle Versetzungen verworfen haben, die Klarheit und „Genauigkeit, die vornehmsten Stücke der Rede gewonnen; Stärke „und Nachdruck aber haben sie dadurch verloren. Ich füge hinzu, „daß die französische Sprache, wegen der didactischcn Ordnung, wel- „chcr sie nntcrworfcn ist, zu dcn ernsthaften Wissenschaften weit beinerner, als die griechische, lateinische, italiänische und englische Sprache „ist, diese aber, wegen ihrer Wendungen und Versetzungen, weit vor- „thcilhaftcr bey den schönen Wissenschaften können angewendet werden. „Wir könncn bcsscr als jedes andre Volk dcn Gcist rcdcn lassen, und „die Vernunft muß nothwendig die französische Sprache, sich anszn- „ drücken, crwchlcn; Einbildung und Leidenschaften aber, werden den „alten Sprachen und dcn Sprachen unsrer Nachbarn dcn Vorzug ge- „bcn. Französisch muß man in dcr Gesellschaft und in dcn Schulcn „der Wcltweisen reden; griechisch, lateinisch und englisch aber auf dcr „Kanzel und dcr Bühne. Unsre Sprache wird die Sprache dcr Wahrheit seyn, wenn sie jemals wieder auf dic Erde kommen sollte: die „übrigen Sprachen aber sind dic Sprachen dcr Fabcl und dcr Lügcn. „TaS französische ist gemacht zu nnterrichtcu, zu erleuchten, und zu „überzeugen; das griechische, lateinische, italiänische, englische aber zu „überreden, zu bewegen und zn bekriegen. Sprecht griechisch, latci- „nisch, italiänisch mit tcm Pöbcl; französisch aber mit dcm Wciscn." - - Indem er dic gebildete Sprache bis zu dem Stande dcr Vollkommenheit begleitet, stößt ihm dic Harmonie ans. Er vergleicht dic Harmonie der Schreibart, mit dcr musikalischcn Harmonic, und zeigt erst- 15" 228 Das Ncncsie ans dem Reiche des Witzes. lich daß die crstre in den Worten die Würkung einer gewissen Ver^ Mischung der selbstlautcnden und mitlanteuden Buchstaben, und des Werths der Sylben sey; daß sie aber in den Perioden aus der Stellung der Worte entstehe: zweyrens daß die Harmonie der Worte und die Harmonie der Perioden eine Art von Hicroglyphik hervorbrachten, welche der Poesie besonders eigen ist. Er erklärt diese Hieroglyphik in vcrschicdnen Stellen der größten Dichter, und beweiset, daß es unmöglich sey einen Dichter in einer andern Sprache vollkommen auSzu« drucken. Eine von diesen Stellen ist die, in welcher Virgil von dem tödlich verwundeten Euryalus sagt: I'ulclrrns^ne poi' iN'lus Ik oi'uoi'; inc^uo luimoros oervix colla^ki» i'LeumIiit. ?ui'imi'eus voluii onm 5lo8 tuocitus uralro I^anAiiesoik moi'ioii8, I.ist'ove papavor!» coll» Deinikoro capul, ^>Iuvia enm koite Aravanlni'. „Ich würde weniger erstaunt seyn, sagt er, wenn ich sahe, daß „diese Verse durch das ungefehrc Untcreinanderwerfcn der Lettern cnt- „stündcn, als wenn ich sehen sollte, daß alle hicroglyphischc Schönheiten derselben in eine Übersetzung gebracht würden. Das Bild „der Hervorguellung des Bluts, it oruor; das Bild des sterbenden „HauptS, welches auf die Schultern fällt, oei'vix colln^ka i-eeumliil; „das Geräusche des Pflugs, wenn er durchschneidet, kueeilus; die tödliche Mattigkeit des I-MKuelvit inoiivns; die Weichlichkeit des Mohn- „stcngcls lillkovo ^apavera eollo; das äomiteiL ca^>ut, und das „xravaiilur, welches das Bild schliesset. Demilei'v ist so weichlich „als der Stengel der Blume; Aravanlui' ist eben so schwer, als der „Kelch, wann er init Regen erfüllt ist. <üo1l!>i>Kt bemerkt die Ge- „walt und den Fall. Eben diese Hieroglyphe befindet sich doppelt in „z)l>i>avei>a. Die zwey ersten Sylben halten das Haupt des MohnS „aufrecht, und die zwey letzten biegen es." Der Verfasser geht hierauf weiter und zeigt, daß auch in den allerdcutlichstcn Dichtern Schwierigkeiten sind, und versichert, daß es tausendmal mehr Menschen giebt, welche fähig sind, einen Gcomctcr zu verstehen als einen Dichter, weil man allezeit tausend Leute von Verstände gegen einen Menschen von Geschmack findet, und tausend Menschen von Geschmack gegen einen von einem ausgesuchten Geschmacke. Er bringt bey dieser Gelegenheit Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. 229 eine neue Erklärung der bekannten Verse des Homers an, von welchen man gezweifelt hat, ob sie erhabner oder gottloser sind. zcM-H^ o"u ^I?cr«ö 1?^' ^c^olz v^ttiZ 'Lv Ü6 x«^ c>^k<5o'ov, c^k^ i-o^ ^-vllüü- o'urK!?. „Boilcau, spricht er, hat diese Zeilen übersetzt: Givtt zerstreue die „Nacht/ welche unsre Augen bedeckt, und streite gleich selbst „wider uns/ nur bey Hellem Himmel. Seht da, schreyt dieser „Kunstrichter, mit dem Rhetor Longin, die würklichen Gesinnungen „eines Kriegers. Er verlanget nicht das Leben; ein Held war dieser „Niederträchtigkeit nicht fähig; weil er aber leine Gelegenheit sieht, „seinen Muth in der Dunkelheit fehen zu lasse», so vcrorüßt es ihm, „daß er nicht streiten soll; er verlangt also, daß der Tag geschwind „anbreche, damit er seinem grossen Herzen wenigstens ein ihm würdiges Ende herbey bringe, wenn er auch mit dem Jupiter selbst zu „streiten haben sollte. Lriuicl Dieu, reirs nous le joui ^ A ooiuliiUs evirlrc irous! La Motte. „Ey, meine Herren! werde ich dem Longin und dem Boilcau ant- „Worten; hier ist gar nicht die Frage von den Gesinnungen, welche „ein Krieger haben muß, auch nicht von der Rede, welche er in den „Umständen, worinnc Ajax war, führen muß. Homcr wußte dieses, „ohne Zweifel, eben so gut, wie ihr. Hier kömmt cS mir darauf an, „daß man zwey Verse des Homers richtig übersetze. Und wenn es „nun von ohngefchr geschehen sollte, daß dasjenige nicht darinnc „stünde, was ihr lobt; wie würde es denn mit cncru Lobeserhebungen und Betrachtungen stehen? Was wird man von dem Longin, „dem Boilcau und la Motte denken müsscu, wenn sie von ohngefchr „etwa gottlose Pralcrcycn da gefunden hätten, wo nichts als ein erhab- „lies und pathetisches Gebet ist? Man lese und überlese die zwey Verse „des Homers so viclmal als man will, so wird man doch nichts als dicscs „darinne finden: Vater der Götter und Mensche», x-i) n«^., zerstreue „die Nacht, welche unsre Augen bedecket, und wenn du beschlossen hast „uns zu verderben, so verderbe uns wenigstens bey Hellem Himmel^ I?!tuäl'a-l-il vmuuiüs loriuiiwr lu ciu'rlerv? Lrimtl Dien, cliaMs Ii> uuil. enii uous oouvrv le-? v>^n>>. I5l ,jue irous perillwirs ü lu vlitrlö (les cleux. 230 Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. - „Wenn diese Ilebcrsetzung nicht das pathetische des Homers ausdrückt, „so findet man doch wenigstens nicht den Mißverstand darinne, wcl- „chcn Voilccni und la Motte hineingebracht haben. Hier ist gar „keine HerauSfodcrnng des Jupiters: man sieht nichts als einen Held, „welcher bereit ist zu sterben, wann es Jupiter so verlangt, und keine „andre Gnade von ihm erbittet, als kämpfcnd sterben zu können. „X--6 7r«^, Jupiter! Vater! Wurde ein Mcnippus wohl den Jupiter „so anreden? - - Diese Stelle, fähret er fort, beweiset genugsam, daß „cS gar nicht nöthig ist dem Homer Schönheiten zu leihen, und daß „man oft dadurch in Gefahr kommt, ihm diejenigen zu nehmen, welche „er wirklich hat. Man mag ein noch so großes Genie seyn, so wird „man dasjenige doch uiminermehr besser sagen, was Homer gut gesagt „hat. Laßt uns ihn erst versteh» lernen, ehe wir ihn verschönern „wollen. Er ist aber von den poetischen Hieroglyphen, von welche» „ich vorher geredet habe, so voll, daß man sich nicht einmal, wenn „man ihn auch zum zehntcnmalc licsct, schmeicheln darf, alles gesehn „zu haben." - - Der Verfasser merkt hierauf an, daß jede Knnst der Nachahmung ihre Hieroglyphen habe, und daß es zu wünschen sey, wenn ein kundiger und zärtlicher Schriftsteller ihre Vcrglcichung unternehmen wollte. Hier giebt er dem Hrn. Batreup zu verstehen, daß man von ihm diese Arbeit erwartet, und daß diejenigen, welche seine Einschränkung der schönen Künste auf die Nachahmung der schöne» Natur gelesen hätten, berechtiget zu seyn glaubten, von ihm eine genaue Erklärung, was denn die schöne Natur sey? zu verlangen. Ohne diese würde seinem Werke der Grund und ohne jene die Anwendung fehlen. In Erwartung wagt er von der ersten Arbeit selbst eine Probe, wozu er die vortrcfliche Stelle des Virgils gewählt hat. lila Ai'aves oeulos eonala altollere, rurtus Delieii. Iniixunr l'li'illek ^eeloro vuluns. "ler lole irllolleirs ouliilo^uo airuexit levavit; lor rovolula torc» etl, ocuüs^uo vlraiili>)U8 itlto <)uLel1vit ovlllc» lucem, inAvmuil^ue i^ierta. Die Tvnkünstlcr und Mahler mögen es beurtheilen, ob er iu ihren Künsten den poetische» Hieroglyphen glcichgcltcndc angegeben hat. - - Zum Schlüsse kömmt er auf die französische Sprache wieder zurück; er ertheilt ihr noch einmal den Vorzug vor allen Sprachen in den nützlichen Sachen, und spricht ihr auch in dem angenehmen ihre Stärke Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. 231 nicht ab, wann sie in den Händen eines Meisters ist. „t5iu Werk, „schließt er, welches von dein Genie unterstützt wird, fallt nie; es „mag in einer Sprache geschrieben seyn, in welcher cS will." Wir haben uns bey diesem kleinen Weite ein wenig lange aufgehalten, und gleichwohl haben wir nichts als einige Blumen daraus aussuchen können. Wir hoffen aber, daß sie dem Leser angenehmer seyn werden, als ein halb Duzend Bücher Tittcl, mit einem nichts beurtheilenden Urtheile verlängert, das voller kindischen Ansruffungen, lächerlichen Anspielungen, und unnöthigen Versicherungen ist, wie werth uns der allerrocrtbeste Herr Verfasser sey. Ein kurzsichtiger Togmaticus, welcher sich für nichts mehr hütet, als an den auswendig gelernten Sätzen, welche sein Sysicm ausmachen, zu zweifeln, wird eine Menge Irrthümer ans dem angeführten Schreiben des Herrn Tidcrot heraus zu klauben wissen. Unser Verfasser ist einer von den Wcliwciscn, welche sich mehr Mühe geben, Wollen zu machen als sie zn zerstreuen. Ucbcrall, wo sie ihre Augen hinfallen lassen, erzittern die Stützen der bekanntesten Wahrheiten, und was man ganz nahe vor sich zn sehen glaubte, verliert sich in eine ungewisse Ferne. Sie führen uns In Gängen voll Nacht zum glänzenden Throne der Wahrheit; v. Rle-st. wenn Schutlchrcr, in Gängen voll eingebildeten Lichts zum düstern Throne der Lügen leiten. Gesetzt auch ein solcher Wcltwcise wagt es, Meinungen zn bcstrcitcn, die wir gehciligct haben. Der Schade ist klein. Seine Träume oder Wahrheiten, wie man sie nennen will, werden der Gesellschaft eben so wenig Schaden thun, als vielen Schaden ihr diejenigen thun, welche die Tcnkungsart aller Menschen unter das Joch der ihrigen bringen wollen. Wenn man einer Art von Schriftstellern das Handwerk legen will, so sey es diejenige, welche nns das Lasier angenehm macht. Tcm witzigen Wollüstlcr nehme man die Feder, welcher sich nicht scheuet, die Mädchenschulen, unglütlich genug, zu vernehmen. Tiefer Gedanke könnte eine Art des Ucbcrganges zu folgendem Buche seyn, wann wir in einem Blatte, wie das gegenwärtige ist, die Ucbcrgängc nöthig hätten. Tcr Herr de la Mettric/ ein Name, bey dem man viclcrlcy denken kan, hat die Welt mit einer neuen Gcburlh seines Witzes beschenkt, welche die Aufschrift führet: Die Runsi zu 232 Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. gemessen. (°) Sr hätte sich noch kurzer, ob gleich ei» wenig dunkler, fassen können, wann er sie die pornevtik überschrieben hätte. Wein die geheimste Bedeutung des französischen Worts gemessen unbekannt ist, dem wird der VcrS aus dem Lucrcz zu statten kommen, welcher mehr als ein ganz artigs Bild, anstatt der Tittclvignctte enthält. csuilius iplit moclis kr^oleliir Iilaiitk» vo1u^t»8. Der züchtigste Bcgrif, den wir davon machen können, ist, wenn wir sagen, daß der Verfasser d.irinne die Wollust in ihren verschiedenen und zwar den ausgesuchtesten Stellungen mahlt. Die Züge zeigen von keiner Meisterhand; die Colorite ist blendend und die Farben sind mehr unter einander gcklcckt als vertrieben. „Vergnügen, hebt er an, höch- „stcr Beherrscher der Götter und Menschen, vor welchem alles, auch „so gar die Verminst verschwindet; dn weißt wie tief mein Herz dich „anbetet, du weißt alle die Opfer, die es dir gebracht hat. Ich weiß „nicht ob ich an den Lobsprüchen, die ich dir gebe, werde Theil ha- „bcn; ich würde mich aber für deiner unwerth halten, wenn ich nicht „aufmerksam wäre mich deiner Gegenwart zu versichern, und mir selbst „von allen deinen Wolthatcn Rechnung abzulegen. Die Dankbarkeit „würde ein allzuschwachcr Zoll seyn; ich füge also die Untersuchung „meiner süssesten Empfindungen hinzu." In diesem Tone fährt er ei- nigc Seiten fort, bis er endlich ans der cilftcu ausruft: „O Natur! „o Liebe! werde ich auch in das Lob eurer Rcitze alle die Entzückungen bringen können, mit welchen ich eure Wohlthaten schmecke!" Sollte man nicht glauben, daß nach einer solchen Ansrnfnng ei» Franzose, das ist, ein gcbohrncr witziger Kopf, wie man behauptet, sich ganz besonders anstrengen würde? Wahrhaftig es ist auch geschehen. Und wie? Lr hat einen Deutschen ausgeschrieben. Die Ode des Hrn. von Hallcrs an Doris ist es, welcher dieses Glück wicdcrfahrcn ist. Wir müssen die ganze Stelle einrücken, damit nnscre Leser nicht glauben, wir scherzten. „Komm PhylliS, spricht der französische Haller, „laß uns in das kühle Thal hcrabsteigen. Alles schläft in der Natur- „wir allein sind wache. Komm unter jene Bäume, wo man nichts „als das sanfte Geräusche ihrer Blätter höret. Der verliebte Zephir „ist es, welcher sie belebt. Siehe wie sie sich gegen einander bewegen. I.'.^lt ^ouu. A< //>/« «loc/i» /,'ttf/->/»,' i/»»-/« ro/»/)- /»->'. /,»--,-. ü, c^-iili^i.-. t?Sl. III 8. aus 8'V Bogen. Das Rcucsic aus dem Reiche des Witzes. 233 „und dir das Zeichen geben: ihnen nachzuahmen." Wie unglücklich hat sich der Herr de la Mettric seinen Raub zn Nutze gemach!. Man vergleiche! Komm, Toris, komm zu jenen Buchen, Laß uns den stillen Grnnd besuchen, Wo nichts stch regt, als ich und dn. Nur noch der Hauch verliebter Weste Belebt das schwanke Land der Acste Und winket dir liebkosend zn. „Sprich Phyllis, fühlst du nicht eine süssc Bewegung, eine angenehme „Wchmuth, welche dir unbekannt ist? Ja, ich sehe den glückliche» „Eindruck, welchen dieser gchcimnißvollc Ort auf dich gemacht hat. „Das Fcncr deiner Zlngcn wird gelinder; dein Blut rollt mit mehre- „rer Geschwindigkeit; es schwellt deinen schönen Busen, cS belebt dein „unschuldiges Herz." Sprich DoriS, fühlst dn nicht im Herzen Die zarte Regung sanfter Schmerzen, Die süsscr sind als alle Lnst? Strahlt nicht dein holder Blick gelinder? Rollt nicht dein Blnt sich selbst geschwinder, Und schwellt die nnschnldSvolle Brust? „Wie ist mir! Was für neue Empfindungen! sprichst dn. - - Komm „Phyllis, ich will sie dir erklären." Ich weiß daß sich dein Herz befraget, Und ein Gcdank zum andern saget, Wie wird mir doch? Was fühle ich :c. „Deine Tugend erwacht; sie fürchtet überrascht zu werden, und ist es „schon. Die Scham scheint deine Unruhe mit deinen Reizen zn vcr^ „mehren. Dein Nnhm verwirft die Liebe, aber dein Herz verwirft „sie nicht." Du staunst. Es regt sich deine Tugend, Die holde Farbe keuscher Jugend Deckt dein verschämtes Angesicht: Dein Blnt wallt von vermischtem Triebe, Der strenge Ruhm verwirft die Liebe Allein dein Herz verwirft sie nicht. „Umsonst widersetzest dn dich; jeder muß seinem Geschicke sclgcn; dem Das Ncucsie aus dem Rcichc des Witzes. „dcinigcu hat nichts, glücklich zu seyn, gefehlt, als die Liebe. Du „wirst dich nicht eines Glücks berauben, welches sich verdoppelt, indem „man es theilt. Du wirst die Schlingen nicht vermeiden, welche du „der ganzen Welt legst: wer zweifelt, der hat sich schon entschlossen." Mein Kind crhcitrc deine Blicke, Ergicb dich nur in dein Geschicke, Dem nur die Liebe noch gefehlt. Was willst dn dir dein Glück mißgönnend Du wirst dich doch nicht retten können, Wer zweifelt der hat schon gewählt. „O könntest du nur dcu Schatten von dem Vergnügen empfinden, „welches zwey Herzen schmecken, die sich einander ergeben; du würdest „von dem Jupiter alle die vcrdrüßlichcn Augenblicke, alle die leeren „Stellen dciucS Lebens, die du ohne Liebe zugebracht hast, zurück „fordern." O könnte dich ein Schatten rühren Der Wollust die zwey Herzen spührcn, Die sich einander zugedacht, Dn fordertest von dem Geschicke Die langen Stunden selbst zurücke, Die dein Herz müßig zugebracht. „Wann sich eine Schöne ergeben hat; wann sie nur für den noch „lebt, welcher für sie lebt; wann ihre Weigerungen nichts mehr, als „ein nothwendiges Spiel sind; wann die Zärtlichkeit, welche sie bcglci> „tet, die verliebten Räubcrcycu recht spricht, und nichts als eine sanfte „Gewalt fordert; wann zwey schöne Augen, deren Bestürzung die „Rcitze vermehret, heimlich verlangen, was der Mund ansschlägt; „wann die geprüfte Liebe des Liebhabers von der Tugend selbst mit „Myrten gckrönet wird; wann die Vernunft keine andre Sprache „führt, als die Sprache des Herzensz wenn - - die Ausdrücke fehlen „mir, PhylliS; alles was ich dir sage ist nichts als ein leichter Traum „von diesem Vergnügen. Angenehme Wchmulh! süssc Lutzückung! „Umsonst wagt der Witz euch auszudrücken; das Herz selbst taun euch „kaum begreifen." Wenn eine Schöne sich ergeben Für den, der sür sie lebt, zu leben Und ihr Verweigern wird zum Scherz: Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. Wann nach erkannter Treu des Hirten Die Tugend selbst ihn kränzt mit Myrten, Und die Vernunft redt wie das Herz. Wann zärtlich Wehren, holdes Zwingen, Verliebter Dicbstal, reizend Ringen Mit Wollust beyder Herz berauscht, Wann der verwirrte Blick der Schönen, Ihr schwiinmcnd Aug voll seichter Thränen, WaS sie verweigert, heimlich heischt. „Du seufzest, du fühlest die snssc Ilnnähcrung des Vergnügens! Liebe, „wie anbctcnSwürdig bist du! Wann dein Vild Begierden erweckt, „waS wirst dn nicht selbst thun?" Du seufzest, Doris! wirst du blöde? O selig! flößte deine Rede Dir den Geschmack des LicbcnS ein! Wie angenehm ist doch die Liebe! Erregt ihr Bild schon zarte Triebe, Was wird das Urbild selber seyn. „Genieße, PhylliS, genieße deiner Rcitzc: nur schöne für sich seyn, „heißt schöne zur Qual der Mcnschcn seyn." Mein Kind genieße deines Lebens, Sey nicht so schön für dich vergebens, Sey nicht so schön für uns zur Qual. „Fürchte weder die Liebe noch den Geliebten: du bist einmal Mci- „sterin von meinem Herze; du wirst cS ewig bleiben. Die Tugend er- „hält leicht diejenigen, welche die Schönheit besiegt hat. Zu dem was hast du zu befahren? Laß andre nur ein Herz bewahren, DaS, wcrs besessen, leicht verlässt. Du bleibst der Seelen ewig Meister; Die Schönheit fesselt dir die Geister, Und deine Tugend hält sie fest. Wir müssen noch einige Strophen weglassen, welche er eben so getreu- lich untreu abgeschrieben hat. Ich weiß nicht waS der für eine Stirne haben muß, welcher sich fremde Gedanken auf eine so unerlaubte Art zueignet? Was für eine Beleidigung gegen einen tugendhaften Dichter, seine unschuldigen Empfindungen unter priapcischc Ausrüstungen vcr- 236 Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. mengt zu sehen! Es ^ zweyte Unrecht, welches dem Herrn von Halter durch den .Herrn de la Mcttric geschieht. Doch vielleicht ist dieses mir eine Folge von dem ersten. Da er in der Zucignungsschrift seines Werks der Mensch eine Machine, sich die Gedichte dieses Mamicö gelesen zu haben rühmte, so hat er vielleicht jetzv dadurch daß er sie ausgeschrieben, beweisen wollen, daß er sie würtlich gelesen habe, woran man damals zweifeln konnte, weil die französische llcbcr- sctznng noch nicht heraus war. Doch er glaubt wohl gar sein Original verschönert und uns eine Probe gegeben zu haben, wie sehr ein deutsches Gedichte umgcschmolzcn werden müßc, wenn es im französischen nur erträglich seyn solle? So gut es auch wäre, wann die witzigen Schriften der Deutschen bey den Franzosen bekannter würden, so wenig wollten wir wünschen, daß es durch diesen Weg geschehen mögc. Sie würden offenbar mehr dabey verlieren als gewinnen. Monat September 1751. °) Die Fortsetzung dieser Materie, weil sie vielleicht nicht nach eines jeden Geschmacke seyn möchte, wollen wir bis auf eine andere Gelegenheit vcrsvaren. Den übrigen Raum mögen einige kleine Sinn- schriftcn, und folgendes Schreiben cinnchincn, welches eine eben so feine als zu unsern tändelnden Zeiten nöthige Satyrc enthält. An den Herausgeber. M. H. Haben sie wohl jemals gehört daß die Gabe anakrcontisch zn dichten ansteckt, wie die Elektricität oder wie die Pest? Ich habe in meinem Leben nicht anakrcontisch gedichtet und nie geglaubt daß ich einen Trieb oder Eeschicklichkcit dazu haben würde. Letztens läse ich über Tische in einer Zeitung eine allerliebste anakrcontischc Ode: Der Wunsch. Ich setze mich nach Tische hin und denke cS wäre doch besser eine anakrcontischc Ode zn machen als Mittagsruhe zu halten: Verzahne ^rvevilas i'os iion iuvilu lei^unnlur. Ich machte oder ich schrieb vielmehr nachfolgende anakreoniischc Ode: Ich kann kein Haller werden Und in erhabnen Liedern °) Boraus geht die Abhandlung „ über das Heldengedichte der Messias die Lcssing nachher im fünfzehnten sechzehnten und siebzehnten Briefe wiederholt hat. Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. 237 Von hoher Weisheit singen; Ich kann nicht muntres Scherzen Mit Wissenschaft zu zieren, Nach Hagedorns Exempel, Viel lesen und viel denken; Ich kann mit Schlegels Fleissc Mit Schlegels großem Geiste Kein Trauerspiel erfinden, Ich kann nicht Fabeln machen, Wie Gcllert zärtlich suhlen, Wie Gcllert edel denken; Was Henker soll ich machen Daß ich ein Dichter werde? Gedankenleere Prosc In ungereimten Zeilen In Drcyqnersiugcrzcilcn Von Magdchen und von Weine Von Weine und von Mägdchen Von Trinken und von Küssen Von Küssen und von Trinken lind wieder Wein und Mägdchen lind wieder Knß und Trinken Und nichts als Wein und Mägdchen lind nichts als Kuß und Trinken Und immer so gekindert, Will ich halb träumend schreiben. Das hcisscn unsre Zeiten Anakrcontisch dichten. Sie glauben nicht M. H. wie leichte mir diese anakreontischc Ode geworden ist. Ich dächte unsere anakreontischc Dichter könnten ihrer in einem Jahr mehr machen als ein Nürnberger Künstler Stecknadeln oder GlaScorallcn. Aber ich sehe auch mit Betrübniß, daß mancher vortrcflichc Kopf der ein großer Anatreonte werden würde, ans Mangel des Unterrichts zurück bleibet. Letztens hörte ich beym Spatzierengehen ein Paar Kinder folgendes Liebchen fingen; Gnckt er nicht raus guckt sie doch ranS, Guckt sie nicht raus guckt er doch raus. V. A. 238 Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. > Glauben sie nicht M. H. daß der glückliche Dichter dieses Liedes einen vortrcflichcu Ansatz zu einem anakrcontischcn Dichter gehabt hat? Erstlich ist es gereimt und auch nicht gereimt, wie man es haben will, darnach ist eine so allerliebste Gedankenleere Tändelet) mit den Tönen darinnen als man nur in einer anakrcontischen Ode verlangen kan. Er und Sie die Hauptpersonen einer anakrcontischcn Ode sind auch da; kurz ich glaube der artige Kopf welcher dieses Licdchen gemacht hat, hätte es auch wohl dahin gebracht eine anakrcontische Ode zu machen in der Trinken und Russen nicht genannt wäre, welches eine Erfindung in der anakrcontischcn Dichtkunst wäre, auf die man einen Preis; setzen sollte. Ich bin :c. Antipompil. Monat Octobcr 1751. Das einzige Denkmahl, woraus man sich einen Bcgrif von der Artigkeit der alten Römer, von ihren feinern Sitten, dem Geschmacke in ihren Ergötzungcn, dem Tone ihrer Gesellschaften, der Wendung ihrer zärtlichen Gesinnungen, machen kan, ist des Ovids Aunsr zu lieben. Hundert Werke werden uns jene Beherrscher der Welt als grosse, mächtige und tugendhafte Geister schildern, dieses allein schildert sie uns als Geister, welche empfunden, ihre Empfindungen geläutert und die Natur zur schönen Natur ausgebildet haben. Von dieser Seite ist dieses Gedichte unschätzbar. Es hat eine andere Seite, die es weniger ist, diejenige ncmlich, auf welcher es seinem Titel widerspricht. Lehrte Ovid die Kunst zu lieben, er würde der liebenswürdigste und unschuldigste Dichter sey». Die schamhafteste Jugend würde ihn lesen, und jener Trieb der Natur wurde ein Führer zur Tugend werden, da er bey denen, die ihn nicht zu ordnen wissen, ein Lcrleitcr zu den unsaubcrstcn Ausschweifungen wird. Allein Ovid lehret die Wollust, jene sinnliche, die ohne Zärtlichkeit des Herzens vom Genuß zum Genusse schweift, und selbst in dem Genusse schmachtet. Verschiedene Neue scheinen den Widerspruch, welcher bey dem römischen Gedichte zwischen dem Titel und der Ausführung ist, eingesehen zu haben. Wie schwer ist cS dasjenige gut zu machen, was ein Lvid schlecht gemacht hat! Jeder von seinen Nacheifrcrn hat sich ein besonder Lehrgebäude von der Liebe gemacht. Des Italiäncrs pietro Michele m'lo clo^U »mnnli ist eine Sammlung süsscr Grillen und Das Ncncsic aus dcm Reiche des WitzeS. S39 wortreicher Tändclcycn. Kau auch ein Ztaliäncr von der Liebe schreiben ohne zu platonisircn? Die Maximen der Äiebe des Grafen von Bussy sind lächerlich ernsthafte StoßgcbctchcnS, und was die kalte Frau von Lambert von dieser feurigen Leidenschaft sagen will, sind metaphysische Grübelcycn, die nach dcm Hotel de Rambouillet schmecken. Wo hin und wieder ein Deutscher die Liebe zu seinem Gegenstände gehabt hat, da wird man schwerlich mehr als schnlmäßigc DcclamationcS finden, welche die Ohren füllen, und dcm Leser nichts zu fühlen gcbcn, wcil die Verfasser nichts gefühlt haben. Ein liebenswürdiger Franzose ist glücklicher gewesen. Bernard hat uns in seiner Runst zu lieben ein Gedichte geliefert, welches diesen Titel behauptet. Schon seit fünf bis sechs Jahren hat die Welt unvollständige Abdrucke davon gelesen, und mit Vergnügen, so unvollständig sie gewesen sind. Nur erst zu Ende des vorigen Jahres hat man eine getreue, verbesserte und ganze Ausgabe erhalten. Wir würden weniger berechtiget seyn ihrer hier zn gedenken, wenn sie in Deutschland mehr bckant geworden wäre. Sollten wir glauben, daß ein Auszug deswegen mißfallen sollte, wcil hinter dem 1^ auf dcm Titel nicht noch ein I stehet? ° Dieses ncuc Gcdichtc, welches aus sechs Gesänge» bestehet, lehret die Knust die Licbc dcm Wohlstände zn unterweisen, den Pflichten und den Sitten; doch ohne ihr Zwang anzuthun, ohne ihr ihre Rcitze zu nehmen, ohne sie Einschränkungen auszusctzcn, dic sie vernichten; mit einem Worte, ohne von ihr zu verlangen, daß sie keine Leidenschaft sey. Der Dichter hat sich nicht vorgesetzt dic Natur zu ersticken, sondern dic Licbc zn lchrcn, wie sie ein ehrlicher Mann zn empfinden, und das zärtlichste Frauoizimmer beyzubringen wünscht. Das ganze Werk läuft auf den Lehrsatz hinaus: man tan stch durch nichts als durch gute Eigenschaften beliebt machen. Wir wollen von Gesang zn Gesang gehen, um den Leser in Stand zu setzen den Plan zu übersehen; und wollen hin und wieder kleine Stellen einrücken, um ihn in den Stand zu setzen, von der Ausführung zu urtheilen. Der erste Gesang fängt sich mit der Entdeckung des Vorsatzes, und ° I^'itit ', noiivemi poeme eil fix i!lt»>»8 I>kr Mr. '"""-SK. tM- linn iillele xo»n>Iette, eiiriclüe >Ie sixure«. ->, r.vmlreSz »ux ileiien» tle lii cvniMxiiw. IUN. e» 8. 2-10 Das Ncncsic aus dem Reiche des Witzes. den gewöhnlichen Anrufungen an. „Ohne Lehrmeister lernt man lic- „bcn, ohne Kunst seufzet das Herz; denn die Liebe ist eine Neigung, „die die Natur einfloßt. Aber dem Gesetze der Pflichten ihre schöne» „Flammen zu unterwerfen, das widrige Schicksal zu erweichen, die „Gunstbezeigungen für den Preis; der Beständigkeit zu erkaufen, den „Argwohn bleicher Mitbuhler zu ersticken; dazu gehöret eine Kunst, „dazu gehören Lchrmeistcr und Regeln." Dieser Entwurf, hoffen wir, muß den schärfsten Sittenrichter auf das Trockene setzen. Der Dichter weiß von keiner Muse außer von seiner Znlni, „die Geliebte, deren Reitz die Tugend borgen würde, wenn sie sterblichen Blicken sichtbar werden wollte. „Wende diese Augen auf mich, worinne dein „Hertz sich bildet, wo die Schamhaftigkcit wohnet, und die siegende „Liebe lächelt. Ein einziger deiner Blicke bringt jenes erhabene Feuer, „jene göttliche Flamme, die die Töne der ewigen Sänger beleben, in „meine Seele. Sey meine Mnsc. Wo soll ich eine zärtlichere finden? „Komm führe meine Hand, leihe meinem Liede deine Anmuth. Jn- „dcm ich die Liebe erhebe, singe ich dich, Znlni!" — — Nunmehr tritt der Dichter ins Feld. Er lehrt den himmlischen Ursprung der Liebe, er lehrt, daß sie nach diesem Ursprünge das schönste Geschenk sey, welches das Schicksal auf die Menschlichkeit fließen lassen, er lehrt, daß sie nur durch die Vermischung mit unsern Lasiern tadclhaft wird; daß ihr alle Herzen den Zoll schuldig sind; daß sie früh oder späte sich Meister davon macht; daß man die Zeit der Empfindlichkeit, der Jugend dazu anwenden müsse; daß in der Welt eine Person sey, welche das Schicksal uns zn lieben, und von uns geliebt zu werden bestimmt habe. „Unsere Neigungen sind bestimmt, „umsonst sind uuschiffbare Meere unüberwindliche Scheidemaucr» zwischen zwey jungen Herzen, gebohrcn einander zu fesseln. Ein nn- „ vermutheter Augenblick bringt sie zusammen. Wäre sie auch unter „dem brennenden Himmelsstriche gebohrcn, wo Phöbus die wildcn „Mcricaner bereichert; lebte sie auch auf den gefrohrnen, wüsten und „schrecklichen Berge», um die sich der Scythe und die Bäre streiten, „auf den Berge», dc» Gräber» der Welt, wo die Natur erblasset; „und der Himmel hat ihr die Beherrschung eurer Wünsche vorbehalten; so wird nichts diese ewigen Rathschlüsse hintertreiben." Nur, fährt der Lehrer der Liebe fort, muß man den Augenblick erwarten; und sich nicht darume zu bctricge», zeigt er welches die Merkmahle der Das Neueste ans dem Reiche des Witzes. '.>4t wahren Liebe sind. „Von den Rcitzcn einer jungen Schönheit gcblcn- „der bleibt man bey dem ersten Blicke unbeweglich, bczanbcrt- Das „Herz fühlt die Annäherung der Liebe; die Sinne werden verwirrt, „die Stimme wird schwach; das Herz scheint sich loSzurcisfcn, und dem „Gegenstände nachzufolgen. Alles erneuert dem Auge das Bild davon; „alles mahlt euch feine Rcitze, alles redet euch von ihm. Abwesend „betet ihr sie au; sie ist gegenwärtig und ihr erbleichet. Eure ge- „mciusicu Reden scheinen verworren; ihr drückt viel aus und empfindet noch mehr. Zeigt sich einige Hofnnng, die Furcht theilet sie. „Furchtsam, ungewiß, voll von einer redenden Verwirrung, fallen die „Blicke nur zitternd auf sie. — — Ja gewiß, dieser ist der bczan- „bcrude Gegenstand, welcher euch zu gefallen, gcbohrcn ward. Und „hat cm solches Schicksal unter so viel Rcitze ein für die Tugend gebildetes Herz verborgen, ist ihr Geist eben so groß als ihre Schönheit, so liebt, so unterwerft euch ohne Murren."--Allein wie oft widersetzen sich Gcitz und Hochmuth dem Fortgange der Liebe. Glückliche Zeiten der ersten Welt, da ein König, wen» er liebte, nicht seine Krone, sondern die Heftigkeit seiner Liebe pries;! — — Hierauf beschreibt der dichter die Sprache der Augen, die erste Sprache der Verliebten, ihre Gewalt und ihre Bequemlichkeit. Wo die Augen antworten, da ist das Herz nicht taub. Doch jemchr eine Schöne nicht hintcrgangcn zu werden wünschet, desto mehr fürchtet sie es. Auf der Art des Angriffes beruhet das meiste; ein Herz das man wohl angegriffen hat erobert man gewiß. Man verschaffe sich eine erste Zusammenkunft; man drücke sich lebhaft und ungezwungen ans. Eine übel aufgenommene Erklärung muß die Hofnuug nicht benehmen. Gebt mehr auf das übrige Betragen der Schönen Acht, als auf ihre Rede. Schreibt ihr, wenn sie zu sprechen unmöglich ist. Die Liebe war es ja, welche die Kunst die Worte abzumalen und den Ton sichtbar zu machen erfand. Nunmehr zeigt der Dichter, was für Mittel auzuwcuden sind, wann die Schöne hartnäckig darauf besteht, unempfindlich zu scheinen. Er erläutert seine Lehre mit einem Beyspiele des Herzogs von Nemours uud der Priuzcßin von (5lcvcs. Eine angenommene Gleichgültigkeit lockt das gchcimnißvollcsic Herz aus. Was feste genug zu seyn scheinet hält man nicht; man hält nur das, wovon wir fürchten, cS möchte nuS entwischen. Die Glieder des zweyten Gesanges sind folgende. Die Gelegenheit '.'e>'«in>;sWcl'kcIIl. 10 2-12 Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. ist oft der Liebe vortheilhaft; man muß ihren schnellen Flug anzuhalten, ihr zuvorzukommen und sie bey der Stirne zn fassen wissen. Der Liebhaber und Soldat müssen geschwind seyn. — — „Folget „überall den Schritten eurer Schönen; sehet nichts, bewundert nichts, „liebet nichts, als ihre Rciizc. Die zärtliche Liebe belohnt sich zuletzt „und man gefällt dem Gegenstände, welcher empfindet, daß mau ihm „gefallen will." Die Orte wohin man die Geliebte vornehmlich begleiten mufi, sind die Komödie, die Oper, die Spatziergänge. „Der Schauplatz ist den Wünschen der Verliebten günstig und das Herz zu erreichen bietet er glückliche Augenblicke an. Durch ihre Tcuschercycn „macht die zaubernde Scene ihren Betrug angenehm, schmeichelt, reitzct „und bewegt zc. — — Allzuliebcnswürdigc Gofiin, bricht der Dichter zum Schlüsse dieser Materie aus, empfange hier den Preis, den „dir tausend von deinen Reitzen besiegte Liebhaber darbieten. Ja, die „schmeichelnden Töne deiner rührenden Stimme, deine Thränen, deine „Blicke, deren Anmuth bczanbert, schiesscn überall siegende Pfeile der „zärtlichsten Liebe ab. Sie herrschet durch deine Augen; dir ist sie „alle Herzen schuldig. Glücklich, wer dich sehen kan, wer mit dir „sprechen, wer dich hören kan! Glücklich, wer dir gefallen kan! Glücklich den dein Mnnd mit einem kostbaren Lächeln beglückt, wer sein „Glück in deinen bewegten Augen liefet! Empfange diese Verse, die „die Liebe erzeugte. Ich singe ihre Rcitzc und du machst sie bc- „kannt." — — Wenn wird unser deutsches Theater eine Gofiin bekommen, welche einen Dichter in so süssc Entzückungen zu versetzen fähig ist? — — Der zweyte Ort, wohin man der Schönen folgen mufi, ist die Oper, der Tempel der Liebe, wo sie alle Sinnen aufbietet sie durch sich einzunehmen. „Verliebte, strömet in diese prächtige „Schauspiele. Die allzeit siegende Liebe weis; da von keinem Hindernisse, „und alle vereinigte Künste bieten alle Arten des Vergnügens an. „Sucht ihn, redet ihn an, den Gegenstand eurer Wünsche. Die „schmeichelnde Harmonie der Lnllischcn Töne, welche die Liebe mit „den Gesängen des Quinaut verband, wird sie ganz mit einer schmachtenden Verwirrung erfüllen, und auf ihrem Munde werdet ihr die „Strenge erblassen sehen. Wenn CadmnS feyerlich die Treue schwört, „so werden ihre Augen euch eine ewige Liebe schwören. — — Clio „glänzet im Winter, Flora im Frühlinge; jede hat ihre Zeit. Liebt „die reitzenden Bctrügereyen der ersten, doch vergeßt nicht, daß man Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. 243 „auch der Natur ihre Augenblicke geben müsse. — — Unter jenen „wachsenden Lauben, wo die Götter des Lachens hcrumflattcrn und „Philomcle durch zärtliche Klagen entzückt; da könnt ihr dem geliebten Gegenstände eure zärtlichsten Gesinnungen durch eure Augen erklären. Laßt eure Begierden in allen euren Bewegungen lese»! alles „entdecke an euch die heftigste Glut, Habt einen traurigen Anblick, „einen langsamen Gang. Suchet nichts als ihre Augen, fliehet sie „dann, und suchet sie wieder, ttcbcrall wird euch ihr Herz folge», „und schalkhaft wird die Liebe sie ihre Zärtlichkeit verrathen lassen,"-- Hierauf weiset der Dichter, wie natürlich dem Frauenzimmer die Begierde zu gefallen sey. Diese ist ihre erste und letzte Leidenschaft. Gleichwohl ist es bey seiner Liebe unruhig. Diese Unruhe ihm zu benehmen, sie ihr bey einer geheimen Zusammenkunft zu benehmen, da lasse der Liebhaber seine Stärke sehen. Er finde sich zuerst an dem bestirnten Orte ein; er suche sie durch Versicherungen, dnrch Schwüre, durch Thränen zu gewinnen. — — „Sind Thränen nöthig sie bcs- „ser zu überzeugen, so lasset ganze Ströme derselben ans den Angcn „brechen. Weinet! die zärtlichste Liebe ergötzt sich an Thränen, und „ihre süsseste Stille entstehet aus der Unruhe. Ihre tbcucrstcn Myr- „ten sind mit Thränen befeuchtet, und wer nicht weinen lan, kennet „ihre Anmuth nicht. — — Endlich siegt die Liebe und die Strenge „wanket. Die Zärtlichkeit flimmert in den schmachtenden Augen; die „Unbewegliche wird bewegt, und erkühnt sich nicht den Fuß aus der „Falle zu ziehen, die ihr gefällt. Erntet dann den ersten Genuß auf „ihrer zitternden Hand ein; ein Kuß redet ans Herz, denn er ist die „Sprache des Herzens. Liebe, umsonst flicht man dich! Alles cmpfin- „det deine Gewalt, alles weichet deinen Rcitzen; so gar das stolze Gespenst, die eitle Wcltwcisheit. Äom, XolossuS von Rauch, siehe „den Hochmuth eines deiner größten Meister biegen, nnd lerne dich „kennen." Hierauf beschließt der Dichter den zweyten Gesang mit der Erzählung der Liebe des CartcS: die uns aber ein wenig trocken vorkommt. Sie hat zwar ihren gnicn historischen Grund, da man weiß daß dieser Wcltwcisc in Holland eine Tochter, mit Name» Francine gehabt hat: so wie Newton einen Sohn. Der einzige Punkt worinnc der Verfechter und der Vernichtcr des leeren Raumes vielleicht einander gleich gewesen sind. Im dritten Gesänge werden die Eigenschaften beschrieben, die ein 16" 244 Das Neueste ans dein Reiche des Witzes. Liebhaber haben muß, wenn er gefallen will. Der Dichter fangt mit einer doppelten Allegorie der lasterhaften und nichtigen, und der weisen und dauerhaften Liebe an. Vor allen muß man sich bemühen den Charactcr des geliebten Gegenstandes zu erforschen. „Seine Geliebte „zu bezwingen, muß man aufmerksam ihr zu gefallen, und von seinem „Vorsatze ganz erfüllet seyn; nach ihrem Geiste, nach ihrem Geschmacke „muß man sich falten, denken, lieben, handeln wie sie, und sich ganz „in sie verwandeln. Ist sie eine Schülerin der ernsten Weisheit, trägt „sie in ihrem Herzen ein langsames Feuer, welches sie bcstrcitet? Echt „nicht allzntnhn fort, und schonet ihre Tugend. Vereinigt sie mit der „Liebe einen philosophischen Geist? Redet, den Malcbranchc in der „Hand, nichts als Metaphysik. Tadelt sie? Tadelt. Lobt sie? Lobt. „Tanzet sie? Tanzet. Singt sie? Singet. Mahlt sie? bewundert ihre „Werke. Licsct sie cnch ihre Verse? verschwendet die Lobeserhebungen." — — Diese Erforschung der Charaktere muß auf beyden Thci> lcn seyn, und keines muß glauben, der Verstellung berechtiget zn seyn. Wer tugendhaft ist der scheint es, nud die Vcrbcrgung der wahren Gestalt ist ciu gewisser Beweis von ihrer Häßlichkeit. Man bestrebe sich also durch Verdienste licbcnSwcrth zu werden ; aus der Hochachtung entspringt die Liebe; man habe die Gesinnungen und die Aufführung eines Mannes, der die Well kennet; man trotze nicht ans äußerliche Vortheile, die nur von allznknrzcr Dauer sind; man schmücke seinen Geist mit dancrhaftcrn Reizen; man verbinde mit der Zärtlichkeit des Witzes großmüthige Gesinnungen des Herzens; man fliehe das gezwungene Betragen eines Stutzers; man sey gleichförmig in der Aufführung; man prahle nicht mit Metaphysik und Versen, eine Prahlcrey, die der üble Geschmack zu rechtfertigen scheinet; man vermeide den lächerlich kostbaren Ton der Reologistcn; man sey kein Lustigmachcr, der die geringsten Fehler auch seiner Freunde anfallt; die Wahrheit wohne allezeit auf den Lippen; nie komme ein Ausdruck in den Mnnd, der die Schamhaftiglcit roth macht und die Unschuld zum Schaudern bringt; man halte sich zn Grossen, deren Umgang die Schule der Tngcnd und Artigkeit ist.---Hier ist der Dichter gedoppelt ciu Dichter; nud die Schmcichclcycn die er diesem und jenen französischen Hofmannc macht, den er mit Namen nennt, sind nicht zu übersetzen.--Doch die Welt allein bildet einen vollkommenen Menschen nicht. Das Lesen der besten Schriftsteller muß dazu komme». La Fontaine, Molicrc, Racine, Rc- Das Neueste aus dem Reiche dcö Witzes. 245 gnard, Ncricaut, La Chaussee, Grcssct, Chaulicu, .BcrniS, und wer sie soust sind, die Mahler, welche Natur und Kunst gebildet hat, die Helden der Gesinnungen, die das edelste Feuer belebt!--Hiebcy vermeide mau das französische Norurtheil, die Nachbarn zu verachte». „Es „giebt gewisse in ihre Sphäre eingeschränkte Geister, die nur den Him- „mclsstrich preisen, unter welchem sie gcbohrcn sind, furchtsam ihren „Eroßältern nachschleichen und nur die Güter loben, die vor ihren „Augen wachsen. Für sie ist ausser Paris kein Genie anzutreffen, und „das Chaos fängt an da wo sich Frankreich endet. Leget diesen närrischen Hochmuth, den ihr mit der Milch eingcsogcu habt, ab. In „den wildesten Gegenden giebt cS PilpaiS. Der abergläubische Spa- „nicr, der sclbmördcrischc Engländer haben Sitten und Gaben. Erforschet ihren Geschmack und macht cnch die Schätze zu Nutze, welche „die Natur andern Ufern vorbehält." — — Dieses sind Lehren, welche kluge Franzosen ihren LandcSlcuten noch uuzähligmal wie- dcrhohlen und unzähligmal umsonst wicdcrhohlcu werden. — — Nunmehr kommt der Dichter auf den Zwcykampf, der Frucht des falschen Muths. Er beschreibt alle schreckliche Folgen derselben, und will in einer kleinen Geschichte lehren, wie vermögend ein Frauenzimmer sey, diese Raserey bey Mitbuhlcrn zu unterdrücken. Auch diese Geschichte will uns im Ganzen nicht gefallen. Wir wollen die Rede eines Frauenzimmers, die in voller Unschuld ihre Liebe entdeckt daraus vorsetzen: „WaS empfindet man, was will man, wenn man „liebt? Belehre mich Zamor, warum mein zitternder Geist, wenn ich „mit dir rede, eine ihm sonst unbekannte Verwirrung fühlt. Mein „Herz zerstießt, wenn ich dich sehe. Seitdem dich ein Gott in diese „Insel führte, begleitet und entzückt mich dein Bild Tag und Nacht. „Der zärtliche Eindruck deiner geringsten Reden, wird immer in mir „neu, und scheint in mir zu leben. Gestern seufzcte ich deiner langen „Abwesenheit wegen, als Dorival erschien.--Ach welcher Untcr- „ schied! Ich empfinde das nicht für ihn, was ich für dich empfinde. „--In was für ein Gift würde sich meine Liebe verwandeln, „wenn Zamor nicht so sehr liebte, als er geliebct wird." Der vierte Gesang fängt mit der Beschreibung des Nachttisches an. Bey diesem sich cinzufiudcn, doch erst alsdann, wann das Francn- zimmer die Rcitzc des GcsichlS in Ordnung gebracht hat, ist die Pflicht eines Liebhabers. Der Nachttisch ist ein Tcmpcl, der niemals ohne N 246 Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. Dienst seyn muß; ein Madrigal, eine Sinnschrift, ein Lied, ein Sonnet sind die Lobgesängc, welche die Gottheit der Liebe daselbst preisen. Dieses führt den Dichter auf die Macht der Poesie, auf ihren Ursprung, auf ihre Reize, auf ihre Vorrechte. — — „Weichet, Verliebte, dieser „bezaubernden Kunst einige Augenblicke, mehr euch beliebt zu machen, „als in die Klasse der Schriftsteller zu kommen. Sie weiß den Ein- „gaug in das unwirthbarsie Herz zu finden. Nicht Löwen, Felsen, „Sturmwinde hat man mehr durch sie zu erweichen, sondern allein „die Strenge des Herzens." — — Von der Poesie kömt er auf die Vortheile des Schmauses, den Mittelpunkt der Aufrichtigkeit. Der Schmaus bietet die zärtlichsten Geständnisse dar, und berechtiget sie; wie sehr hilft er der Liebe, wann zumal Musick und Tanz ihn begleiten, diese Kinder der Zärtlichkeit. — — „Auch das Spiel ist für „Liebhaber. Die Munterkeit hat den Vorsitz, bey diesem lachenden „Streite, den das Schicksal entscheidet. Der Verdruß, die lauge Weile „werden auf Flügeln der Zeit davon geschickt. Jeder Augenblick bc- „kömt eine neue Gestalt. Das Glück flattert herum, es drohet, es „lacht; die Hofnung strahlet und verschwindet; das Gold wächset und „vertrocknet. Doch wollt ihr den Augen derjenigen gefallen, welche „euer Herz beherrscht, so fliehet den Ruff eines Spielers von Pro- „feßion. Das Herz wird getheilt, eure Geliebte aber will es ganz „besitzen." Hier zeigt der Dichter, wie weit sich ein vernünftiger Liebhaber in das Spiel einlassen müsse. Nie muß die Geliebte darunter verlieren, die mau beständig zu sehen, sich zu einer süssen Gewohnheit machen muß. Diese allein entscheidet; man wird sich wesentlich, und endlich sind eS zwey Körper welche eine Seele belebt. Doch muß man deswegen nicht den andern Umgang fliehen, und aus Liebe ein Menschenfeind werden. Man muß fortfahren seine Freunde zu besuchen und sie zu schätzen. Hier schildert der Dichter das Lob der Freundschaft. „Das geheime Vergnügen einer zärtlichen Verbindung theile „eucrn Tagen nene Anmuth mit. Bringet der Welt eine geschmeidige „Biegsamkeit davon her, und verbindet euch die Gemüther durch einen „willigen Umgang. Besonders erwerbt euch den Schatz eines weisen „Freundes, an dessen Werth weder Ehre noch Gold kömmt. Er ist „eine Quelle von Tugenden, die euch nützlich sind; er ist eine leuch- „tendc Fackel auf den dunkelsten Wegen; nach der Liebe ist er das „kostbarste Geschenke des Himmels. Bey ihm leget alle Geheimnisse cu- Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. 247 „rer Seele nieder, nur nicht die Geheimnisse eurer Liebe." Die Verschwiegenheit ist eine der vornehmsten Tugenden eines ehrlichen Mannes, und der Dichter glaubt, daß sie besonders den Franzosen einzuschärfen sey. Ein Vertrauter wird oft zum Mitbuhlcr, welches er durch das Beyspiel Heinrichs des IVtcn, des Ritters von Bcllegarde und der Eabrielle DcstrccS erläutert. Fünfter Gesang. Ein geheimer verliebter Umgang hat seine Reize; doch weit mehr Vergnügen gemessen Verliebte, die sich für den Augen der Welt lieben. Dazu zu gelangen, muß man sich einen freyen Zutritt bey seiner beliebten zn verschaffen suchen, unter dem Titel eines Freundes; man muß die Charaktere derjenigen zn erforschen suchen, die um ihr sind, und von welchen sie in etwas abhanget. Hierunter gehören vorncinlich die Vormunde. „Predigt er, in einen Lehnsessel „gekrümmt, schwach und kolstcrud, voller Galle gegen die jetzige Zeit, „wider die Jugend und ihre ansscrordentliche Vcrschwendnng? Setzt „er seine Ehre und sein höchstes Gut in das Gold, in welchem er „schwimmt ohne cS zu gemessen? So rühmt seinen jetzigen und zukünftigen Rcichlhnm, und heimlich beklagt seine wirkliche Armuth." x^ft bestimmt so ein Wüthcrich den Gegenstand unserer Liebe dem Kloster, diesen dem ewigen Verdruß gewidmeten Mauern, den Gräbern, welche eine rasende Schwärmcrey gchölet hat, welche die Rene, der Irrthum, die?yranncy bewohnen. Doch dieser Aufenthalt ersticket die Heftigkeit der Leidenschaft nicht, und die Beständigkeit des Liebhabers erlangt ihren Zweck.--Bey vielen, weil sie allzugewiß sind, daß sie gclicbet werden, erkaltet die Liebe. „Der zuversichtliche Mcdor ver- „läßt sich auf seinen Sieg, und wenig bewegt von der Unruhe seiner „Geliebten, betrachtet er mit einem Heulern Ange sein Glück. Als „ein ruhiger Beherrscher eiucS ihm nntcrthancu Herzen trotzt er ihrem „Argwohne, und lacht über ihre Beängstigung. Er höret ihre Klagen „nicht, er sieht ihre Thränen nicht. Bey ihr ist er abwesend; und „redet sie mit ihm, so ist er zerstreut; er betrachtet einen Ring oder „ein Bild, er ruft seinen Hnnd, er spricht mit ihm und strcuchclt ihn. „Aus seiner umwölkten Stirne leuchtet eine stolze Verachtung; und „wenn die Geliebte ganz Feuer ist, so ist er ganz Eis." — — Doch muß man auch nicht seine Liebe durch Ausschweifungen der Eifersucht zu beweisen suche»; wohl aber kann man sich ans kurze Zeit entferne», um die Beständigkeit der Geliebten auf die Probe zn stellen. Eine 248 Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. allzulange Abwesenheit ist das traurigste Unglück für Verliebte. Es zu lindern schenke man sein Bildniß der Geliebten, und suche das ihre dafür zu erhalten. Die Liebe so wohl als die Freundschaft erlaubt den Gebrauch der Geschenke; diese aber müssen gcwchlt seyn, und man muß mehr die Empfindlichkeit der Schönheit als ihr Glück dabey zu Rathe ziehen. Erhält man zum Gegengeschenke ein von ihren Haaren geflochtenes Armband; welches kostbare Pfand der zärtlichsten Liebe! Das sicherste Mittel ohne Nebenbuhler geliebt zu werden, ist eine gleiche ungethcilte Liebe gegen die, von welcher man dieses Gluck begehrt. Hier haben beyde Geschlechter gleiches Recht; und dieses so wohl als jenes kann sich über die Untreue des andern beklagen. Wie schädlich aber ist dabey eine stürmende Eifersucht! Rimmermchr wird diese ein Herz wider zurück bringen, welches nur durch Gefälligkeit und Anmuth von neuen gewonnen wird. Tiefen Satz erläutert der Dichter durch das Exempel des ersten Franciscus Königs von Frankreich und der zwey Hcrzoginncn^von Etampc und von Valcntinois. In dem letzten Gesänge nahet sich der Dichter dem glücklichen Zeit- punkte, da die Liebe gekrönt wird. Er beschreibt die Besorgnis; der Geliebten durch einen völligen Genuß ihre» Liebhaber allzusehr zu sättigen, und in der That sind diese Gunstbezeigungen oft die Mörder einer Leidenschaft, die die wohlgegründestc zu seyn schien; weil sie mci- stenthcils die Mängel auf beyden Theilen entdecken. Hier hat alfo der Liebhaber feine ganze Knust anzuwenden, jene Besorgnis; zu zerstreuen, lind sein gutes Glücke mit Behutsamkeit weiter zu treiben. Lobt er seine Gebieterin, so muß dieses Lob fein angebracht seyn. „Lobet mit „Anmuth, und lobet mit Genauigkeit. Man wird unhöflich durch „allzuviel Höflichkeit. Legt ihr keine Reize bey, von denen sie, Dank „sey ihrem Spiegel, weiß, daß sie sie nicht hat. Bey der blassen „Fanny lobet recht die blühenden Rosen; leihet ihr Schönheiten, allein „ohne die Sache zu übertreiben. Ein übertriebenes Lob ist nnschmack- „haft, und man lacht drüber. Oft, euch zu erforschen, lobt sie Reize „an andern, die ihr der Himmel nicht beygelegt hat: Wie lebhaft ist „Iris! wie schöne ist Dorindc! Dieses ist ei» heimlicher Fallstrick, den „euch ihre Furcht leget. Sagt also, daß ihre Reize nichts rührendes „haben, und treibt die List so gar bis sie zu verachten. Das Lob „einer jeden andern hat das Ansehen einer Critick."--Den Un- Vollkommenheiten der geliebten Person muß man vorthcilhafle Namen Das Ncucstc aus dem Reiche des Witzes. 2-19 geben. Hiczu hilft die Gewohnheit nicht wenig, welche oft die Augen so verblendet, daß sie wirkliche Fehler für Schönheiten ansehen,-- Doch wie eigensinnig, wie wunderlich ist das Gemüth eines Frauenzimmers! Wie oft wenn man sich ihrem Besitze am nächsten geglaubt hat, sieht man sich am entferntesten davon! Diesen kleinen Wicdcr- wärtigkcitcn zu begegnen, dahin zielen die letzten Lehren des Dichters. Man setze dem Eigensinne der Geliebten Gefälligkeiten entgegen. Mau bekenne, daß man Unrecht habe; dieses ist allezeit das sicherste Mittel mehr als Vergebung zu erlangen. Verliebte, die sich wieder vertragen, lieben sich allezeit zärtlicher, als sie sich vorher geliebt haben; „und „wenn ja bey der Geliebten Skrupel übrig blieben; sitzen ja noch „Wolken des Mißtrauens auf ihrer Stirne, und leset ihr in ihren „Augen, daß ihr unruhiges Herz befürchtet nicht geliebt zu werden; „fo schwöret ihr, daß eure Seele sie anbete, und wicdcrhohlt diesen „Schwur hundertmal; benetzt ihre Hände mit Thränen, erhebet ihre „Ncitzc, fallet ihr zu Fusse, rufet den Tod an. Wo ist das grausame „Herz das hierdurch nicht sollte gerührt werden?" Die Geliebte sucht die Verzweifelung zu stillen, durch längstgewünfchte Gunstbezeigungen. Hier kömmt cS drauf an, die Zeit sie einzuernten zu beobachten. Oft wird man in den süsscstcn Augenblicken gestört, und alsdcnn muß der Liebhaber sein Spiel zu verstecken wissen.--Der Dichter hat bisher den Verliebten nur kleine Schreckbildcr gewiesen; jetzt aber zeigt er ihnen ein wirkliches. Der geliebte Gegenstand wird krank. Hier hat die Liebe ihre stärkste Probe abzulegen; für die sie aber nur allzusehr belohnt wird, wann die Kranke wieder hergestellet wird. Folgt sie der Stimme des Frühlings, welche sie auf das Land ladet? Folget ihr dahin; da ist cS, wo euch die Liebe den schönsten Triumph vorbehält; da untersteht man sich alles, da erhält man alles.-- „Muse, hier hemme deinen Lauf, und wag cS nicht mit einem allzu- „kühnen Blicke in das Hciligthum zu dringen, wo das Opfer erblasset, „und die Liebe cS betrachtet. Dieses Geheimniß verlangt die tiefste „Verschwiegenheit. Laß auf deiner Stirne, Muse, die Anmuth und „Schamhaftigkcit vcrschwistcrt prangen; fliege in den Himmel zurück; „dein Weg ist vollendet. — — Liebe, du lehrest mich deinen Dienst, „und deine Geheimnisse, die du in meinen Liedern niedergelegt hast. „Deine unsterblichen Myrten umkränzen meinen Frühling, ich sang dein „Gesetz der Welt, und hatte noch nicht zwanzig Jahre." 260 Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. Hiermit endet der dichter seine Kunst zu lieben. Zum Schlüsse des Werks findet man noch ein Gedichte über den Tod seiner Zului, die er in dem ersten Gesänge als seine Muse angeruffcn hat. Dieses Gedichte ist ungcmein zärtlich, und vielleicht ist mehr Empfindung dar- innc, als in allen sechs' vorhergehenden Gesängen; wovon wir dem Leser das Urtheil überlassen wollen, da wir ihn gnngsam in den Stand gesetzt haben, es fällen zn können, Monat December 175l. Der Herrmann und der Niinrod wurden in diesen Blättern keinen Platz gefunden haben, wenn sie nicht der unbekannte Verfasser folgendes Schreibens seiner Aufmerksamkeit und Gcdult gcwürdiget hätte. Mein Herr. Sie sind sehr unachtsam auf die merkwürdigsten Begebenheiten im Reiche des Witzes. Sie haben Ihren Lesern noch gar nichts von den neuen Lichtern erzählet, welche diesem Reiche in der lctztverwichcncn MichaelSincssc aufgegangen sind. Haben Sie denn den Herrmaim und den Nimrod noch nicht gelesen? Oder haben Sie denn nicht wenigstens die Vorrede des Normnnds des guten Geschmacks in Deutschland durchgelaufen, welche derselbe dem erster» vorgesetzet hat? Da würden Sie gefunden haben, daß cS nnnmehr mit dem Deutschen Witze aufs höchste gekommen ist, und daß, wenn die Ausländer auch zehn Henriaden anfzuweisen hätten, wir Deutsche ihnen doch nunmehr beherzt unter die Augen treten, und ihnen dieses Heldengedicht selbst zum Muster ihrer künftigen Werke dieser Art vorlegen könnten. Warum haben Sie denn Deutschland zu diesem längst vergebens gewünschten Zeitpunct noch nicht Glück gewünscht? Ich will doch nimmermehr hoffen, daß Sie ein Franzose sind, welcher vor allen Meisterstücken des Deutschen Witzes Augen und Ohren verschließet, um nur das bisgen Ehre seiner witzigen Landslente noch in Ansehen zu erhalten. Da wir längst den Ausländern in allen Arten von Gedichten Trotz biethen tonnten, so fehlte es uns nur noch an einem Heldengedichte; und siehe, das haben wir nun, Gottlob! an dem Herr- mann/ wie der Titel desselben klärlich ausweiset. Kommen Sie mir ja nicht mit dem Meßias, und sagen Sie ctwan, daß dieses auch ein Heldengedicht sey. In der Schweiz und in den derselben incorpo- rirtcn Landen kann er allenfalls dafür gelten: aber in Deutschland hat Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. 261 er das Diploma noch nicht erhalten; und ist es, zu dessen Beweise, nicht genug, daß ihn noch kein G - - - dafür erkennet? Siehe den Vvurmsaamen, den ersten Gesang. (5s ist also gewiß, daß nnninchr der leere Raum in der Deutschen Dichtkunst durch diejenige hochfrcy- herrlichc Feder glücklich ausgefüllet worden, welche uns den Herrmann in den so natürlich fließenden trochäischcn Versen, in 12 Büchern, wie Nirgil seine AcnciS, geliefert hat. Aber zn gleicher Zeit erschien auch noch ein anderes Heldengedicht, der Ninirod des Herrn Naumann/ welcher schon über 1l? Jahr auf die Presse gewartet hatte. Welch ein Reichthum eines poetischen Wi> tzcS wird nicht dazu erfordert, von einem Heiden, von welchem uns alle Geschichte weiter nichts erzählet, als daß er ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn gewesen, ein Heldengedicht von ganzen 24 Büchern zu schreiben! Zu was für schonen Episoden hat nicht dieser Mangel in der Geschichte dem Dichter Gelegenheit gegeben, welcher die Ausmcrksamkcit des Lesers bald mit einem todten und wieder aufcnvccktcn Pferde, bald mit dem noch vor der Sündflut im Gebrauch gewesenen groben Geschütz, bald von dem Tanbenschlagc eines glückseligen Schäfers, bald von der Eapellc des Nimrod, bald von dessen Hofnarren, welcher seinen hölzernen Säbel auf der rechten Seite stecken hat, und mit tausend andern belustigenden Erdichtungen, unterhält! Der Dichter hat seinem Witze völlig den Lanf gelassen, und sich mit den Reimen nicht abgegeben, sondern HcramctcrS ohne Füße erwählet, an welche er sich aber auch nicht so genau gebunden, daß er nicht öfters Lctametcrs uud Pentameters hätte sollen mit unterlaufen lassen. Ich schäme mich, mein Herr, daß ich Ihnen Neuigkeiten aus dem Reiche des Witzes erzählen soll, welche Sie Ihren Lesern zuerst hätten erzählen sollen. Dahin gehöret auch die neueste und letzte Ausgabe der kritischen Dichtkunst des berühmten Hrn. Prof. Gottscheds. Ja, mein Herr, dieses ist die allerletzte Ausgabe, oder vielmehr die letzte Umgicßung derselben. Herr Gottsched hat dieses selbst fcycrlich versichert. Er hatte in den bisherigen Ausgaben so vieles weggenommen, hinzu gesetzt uud verändert, und doch wusic er selbst nicht, woran es doch liegen müßte, daß sie noch nicht für vollkommen erkannt werden wollte. Endlich besann er sich, daß es in derselben noch an Anweisungen zu Sechstin- ncn, Ringelrcimcn, Madrigalen, und andern dergleichen poetischen Marcipancn, fehlte. Diesen Mangel nnn hat er in dieser neuen Aus- 252 Das Neueste aus dem Reiche des Witzes. gäbe sorgfältig ersetzt, und dadurch alles geleistet, was »m» noch von einer Goltschcdischen Dichtkunst verlange» konnte. Ich bin ic. P. S. Bet) den itzigcn Lustbarkeiten, an welchen das Theater den meisten Theil nimmt, wird es nicht unrecht seyn, dem Leser einige theatrali- sehe Anekdoten ans Paris zn erzählen. Pcchanrrc hatte in einem WirthShausc auf dem Tische cincn Zettel liegen lassen, auf welchem einige Ziffern und über denselben die Worte stunden: Hier soll der Rönig ermordet werden. Der Wirth, welcher sich schon über die Mienen und über die Zerstreuung dieses Poeten Gedanken gemacht hatte, hielt es für seine Schuldigkeit, diesen Zettel zu dem Quarticrcommissar zu tragen, welcher ihm sagte, er solle, wenn der Unbekannte wieder zu ihm zu Tische tarne, ihm ja davon Nachricht geben. Pcchantrc kam wirklich einige Tage darauf wieder, und kaum hatte er angefangen zu essen, so sah er sich mit einer Menge Hascher umgcben. Der Commissar zeigte ihm sein Pappicr, nm ihn von seinem Verbrechen zu überfuhren. Ach! mein Herr, sagte der Poet, wie froh bin ich, daß ich meinen Zettel wieder habe! Ich suche ihn schon etliche Tage. TaS ist der Auftritt, in welchen ich den Tod des Nero in einem Trauerspiele, an welchem ich arbeite, bringen will. Der Commissar schickte seine Häscher wieder nach Hause, und einige Zeit darauf ließ Pechantre sein Trauerspiel aufführen. Der Comödiant Montflcury griff sich einmal so an, da er in der Andromacha die Wut des Orestes vorstellte, daß er krank ward und starb. So hatte auch die Mariamue des Tristan dem Mondory den Tod verursachet. Tahcr pflegte man zu sagen, daß künftig kein Poet mehr seyn würde, welcher nicht würde die vhre haben wollen, in seinem Leben einen Komödianten nmS Leben zu bringen. TimokratcS, das Trauerspiel des Thomas Corneille, ward 80 mal hintereinander vor einer großen Menge Zuschauer aufgeführet, welche es beständig wieder gcspiclct haben wollten. Die Comödiantcn wurden müde, cS zu spielen. Einer von ihnen trat einmal vorn vor ans dem Theater und sagte: Meine Herren, Sie werden nicht müde, den TimokratcS zu sehen: wir aber sind müde, ihn zu spielen. Wir befürchten, wir werden unsere andern Stücke vergessen. Lassen Sie ihn uns doch TaS Ncncsie aus dem Reiche des Witzes. 253 nicht mehr spielen! Hierauf ward er nicht mehr wiederholet, und auch niemals wieder gcspiclct. La Fontaine war bey der ersten Vorstellung seiner Oper Astraa in einer Loge hinter einigen Damen, welche ihn nicht kannten. Fast bey allen Stellen schrie er: Das ist abscheulich! Die Damen wurden müde, immer einerley zu hören, und sagten zu ihm: Mein Herr, das ist nicht so schlecht. Der Verfasser ist ein witziger Kopf. Es ist der Herr dc la Fontaine. Ach! meine Tarnen, versetzte er, ohne sich was merken zn lassen, das Stuck taugt nichts. Dieser la Fontaine ist ein dummer Kerl. Ich bin es. Als Racine den Brnnct sagen hörte: Meine Herren, das ist das Theater des Herrn Dancourt, erwiederte er: Sage vielmehr, sein Schaffot, sage vielmehr sein Schaffet! Der Comödiant LhamcSle starb, als er aus dem Kloster der Cor- dclicrs kam, wo er zwey Seelenmessen, eine für seine Mnttcr und eine siir seine Frau, hatte lesen lassen. Für diese zwey Messen gab er dem Küster 30 Sols, welcher ihm 10 wiedergeben wollte. Cha- mcsle aber sagte zu ihm: Die dritte soll für mich, ich will sie eben hören gehen. Als er anS der Kirche ging, setzte er sich ans eine Bank bey der Thür der Allianz, welches ein Wirthshaus neben dem Comö- dicnhausc ist, wo er ein wenig mit seinen Cameraden plauderte. Als er zu dem einen sagte: Wir wollen heute zu Mittage mit einander essen, starb er. Zn der Fastenzeit 1721 ward das Trauerspiel des de la Mothc, die Maccabäcr, aufgeführet. Bey der Vorstellung desselben war dieses etwas besonders, daß der alte Varon die Rolle eines Kindes, in der Kappe und in herabhangenden Kiudcrärmcln, vollkommen gut spielte, ob er gleich damals 70 Jahr alt war. Der Gebrauch, allezeit ein Nachspiel nach den neuen Stücken aufzuführen, ist erst 1722 aufgekommen. Man spielte vor dieser Zeit die neuen Comödicn allein, und begleitete sie erst, wenn sie 8 bis 10 mal waren vorgestellet worden, mit Nachspielen. Man glaubte alS- dcnn, daß das Stück anfinge, weniger zu gefallen. Diesen zuweilen ungcgründctcn Vornrthcilcn znvorzntommen, ließ der Herr de la Mcthe gleich bey der ersten Vorstellung seines Trauerspiels, Romulus, ein Nachspiel aufführen. Diesem Exempel haben hernach andere Comödien- schrcibcr gefolgt, und sie wünschten alle, daß dieser Gebrauch möchte 254 Das Neueste ans dem Reiche des Witzes. eingeführet werden: aber niemand wollte den Anfang machen, aus Furcht, es möchte den Zuschauern gleich bey der ersten Vorstellung ihrer Stücke ciu ül'ler Bcgrif von denselben gemacht werden. Bis hichcr die Anekdoten. Wir wollen denselben noch eine kurze Nachricht von dem Ursprünge des Frauzösischcu Theaters beyfügen. Nichts ist ungewifscr, als der Ursprung der Französischen Schauspiele und theatralischen Stücke, n»d man taun fast nicht anders, als muthmaßlich, davon reden. Man findet keine Spur davon in der ersten und zweyten Linie der Könige von Frankreich. Man weis mir, das; unter der dritten Linie derselben Constantia aus der Provence, Roberts Gcmalin, Gaukler und Pantomimen nach Paris kommen ließ. Hier muß man also die Epoche der ersten Parisischcn Comödiantcn bestimmen, und doch kau man noch nichts zuverlässiges davon sagen. Man bekömmt hierinnen eher kein klareres Licht, als unter der Regierung Carls V. oder zu Anfang der Regierung Carls VI. Frankreich hat den Ursprung seiner dramatischen Gedichte der Andacht der Herren Paters zu danken. Der größte Nutzen, welchen sie vielleicht in der Welt gestiftet haben. Wenn man den meisten Schriftstellern, welche hiervon Nachricht gegeben haben, glauben soll, so erwählten sie dazu die Geheimnisse ihrer Religion, die Inngfran Maria nnd die Heiligen, nnd machten daraus den Gegenstand des Vergnn- gcns und der Erbauung des Volks. Man weis, daß unterschiedene Bürger in Paris, aus einer Art von Andacht, unter einander eine Gesellschaft zu Erbauung eines Theaters errichteten, um auf demselben Stücke von andächtigem Inhalte und besonders das Geheimniß dcS Leidens Christi, vorzustellen. Sie wählten hierzu die Vorstadt St. Maur diesseits ViuccuncS. daselbst errichteten sie ein Theater und stellten auf demselben das Leiden Christi vor. Sie mußten anfangs einige Widersprüche von dem Prcvot der Kaufleute erdulden: als sie aber vor dem Könige einige Stück, welche ihm gefielen, vorgestellet hatten, so ertheilte er ihnen im Jahr 1402 in einem Patent die Freyheit, sich ordentlich zu setzen. Tiefe Bürger, welcbe sich Brüder des Leidens Christi nennte», errichteten ihr Theater auf dem Saal des Hospitals der Dreyeinigkeit, in der Straße St. Dcnis, worauf sie verschiedene Geheimnisse des alten und neuen Testaments und einige aus dem Leben der Heiligen vorstellten. Dieses erste Theater behielt fast Jahr eben dieselbe Einrich- Das Ncucste aus dem Reiche des Witzes. 265, tuug. Aber man ward endlich diese allzu ernsthaften Schauspiele über- drüßig. Ans die Geheimnisse folgten moralische Handlungen, ans die moralischen Handlungen lustige Stücke, auf die lustigen Stücke Narrenpossen, oder vielmehr man machte aus allem 'diesem halb ernsthafte, halb possierliche Stücke, an welchen sich das Publicum ärgerte. Man nahm ihnen ihr Theater, und das Hans zur Dreyeinigkeit ward wieder ein Hospital, welches es bey seiner Anlegung hatte seyn sollen. Im Jahr 1648 verlies; diese Gesellschaft diesen Lrt, und da sie siel, viel verdienet hatte, so kaufte sie den alten Pallast der Herzoge von Bourgogne, welcher nur noch in einem Maucrwcrk bestund. Sie ließ daselbst einen Saal, ein Theater und die andern Gebäude bauen, welche man noch itzo sieht! Das Parlcmcnt erlaubte ihr, sich daselbst zu setzen, doch mit der Bedingung, das; sie lauter weltliche, erlaubte und ehrbare Stück spielen sollte. Die Brüder des Leidens Christi, welche Profession von der Gottseligkeit machten, konnten sich lange Zeit nicht zu weltlichen Stücken bequemen und 4t1 Jahre hernach, nämlich 1588, überließen sie ihr Theater zur Miethe einem Trupp Französischer Comödianten, welcher sich damals mit Erlaubniß des Königs zusammen that. Die Stücke, welche man damals spielte, waren schon ein wenig erträglicher, als die Stücke der Brüder des Leidens Christi. Der Geschmack ward allmählich mehr ausgebreitet und gcrcinigct. Die unter Ludwig XI. erfundene Buchdruckcrkunst, und die unter Franciscus I. wieder hergestellten Wissenschaften hatten eine neue Laufbahn eröffnet. Die Bücher waren gemein geworden, man hatte Sprachen gclcrnct, man übersetzte die Lust- und Trauerspiele der Alten; man wagte es so gar, ans diesen Schauspielen neue Französische zn machen, d'ticnne Jodelte von Paris ist der erste unter den Französischen Poeten, welcher Schauspiele in Französischer Sprache verfertiget hat. Die Neuigkeit dieser Schauspiele machte den meisten Ruhm dieses Poeten aus. Von dem Jodelte his zu dem Robert Garnic war der Fortgang der dramatischen Werke in Frankreich nicht sehr merklich. Dieser letztere war aus la Fertc Bcrnard in Maine gebürtig. Er bildete seinen Geschmack nach den Trauerspielen des Scncca. Cr bemühte sich, diesen Dichter nachzuahmen, und es gelang ihm völlig. Von seiner Zeit an bis zum Alexander Hardy erlangte die dramatische Poesie eine neue Vollkommenheit. Dieser lebte zn Anfange des 17. Jahrhunderts und war 25lZ Vorrede ;u Johann Huarts Prüfung der Köpft :c. ans Paris gebürtig. Vor dem Corneille hielt man ihn für den berühmtesten theatralischen Schriftsteller. Seine Arbeit ward ihm überaus leicht, nnd kein Poet hat eine so große Menge Trauerspiele gemacht, als er. Er lieferte den Comödiautcn jährlich auf K Trauerspiele: aber seine Verse sind ranh und seine Ausarbeitungen finster nnd ernsthaft. Von dem Hardy an bis zn dem Corneille ist die Veränderung des Französischen Theaters merklicher: aber Corneille und Molicrc haben es zu derjenigen Große erhoben, welche Racine und Rcgnard unterstützet haben, und welche noch itzo durch die Werke der Herren Crebillon, Voltaire, des Touches, la Chaussee und A'oissy fortdauert. Johann Huarts Prüfung der Köpft zu den Wissenschaften. Aus dem Spanischen übersetzt. 1762. Vorrede des Ueberseßers. Von den spanischen Gelehrten werden wenige unter uns so bekannt seyn als Johann -Huart, nicht sowohl nach scincr Person, als nach scincm Werke dessen Ucbcrsctzung wir hier liefern: denn in Ansehung jener trift der ZluSspruch des Scncca, oder wenn man ihn lieber einem Franzosen zuschreiben will, des Herrn dc la Bruycrc, auch an ihm ein: viele kennt man und viele sollte man kennen. Unzählige Halbgclchrtc haben sich mit ihren Geburtstagen und Sterbestunden, mit ihren Weibern und Kindern, mit ihren Schriften und Schriftchcn in die Register der Unsterblichkeit cingcschlichcn: nur einen Mann, der über die Grenzen seines Jahrhunderts hinaus dachte, der sich mit nichts gemeinem beschäftigte und kühn genug war neue Wege zu bahnen, findet mau kaum dem Namen nach darinnc, da doch die geringsten scincr Lcbcnsumständc auf den und jenen Theil seines Werks ein sehr artiges Licht werfen könnten. Untcrdcsscn können gleichwohl mcinc Lcscr mit Recht von mir verlangen, ihnen davon so viele mitzutheilen, als sich hier und da auftrcibcu lassen. Zch will es thun; man schreibe mir cS aber nicht zu, wann sie nur allzulrockcn und unzulänglich scheinen sollten. Vorrede zu Johann Hn.irts Priifnng der Kövfc :c. 267 Johann -Hnarc wurde zu St. Jean Pic dc Port, einer klci- ncn Stadt in dem niedern Navarra, an dem Flusse Ncvc, gcbohrcn. Dieser Umstand ist gewiß, weil er sich selbst ans dem Titel seines Werks n-itui'al cliz laut ^ucii, clvl j>!<- <1ol pueit«, gcncnnt hat. Seine Gcburtszcit ist desto ungewisser; und An- tonius in seiner spanischen Bibliothek weiß selbst nichts mehr zu sagen, als daß er um 1689 gclcbct habe. Wer sie ein klein wenig näher wissen will, der begnüge sich mit folgender Muth- massung. Das Büchcrschrcibcn, sagt er gleich im Anfange dieses Werks, sollte man bis in dasjenige Alter vcrsparcn in welchem der Ncrstand alle diejenige Stärckc erlangt hat, deren er sähig ist. Er setzt dieses Alter zwischen daS cinunddrcyßigstc bis zum cinundfunszigstcn Jahre. Wann man nun glaubt, wie man es mit größter Wahrscheinlichkeit glauben kann, der welcher diese Regel giebt, werde sie selbst beobachtet haben, so kann man, von dem Zahrc I6<'i6, in welchem er dieses sein einziges Werk zum erstenmale herausgegeben hat, zurückgerechnct, unmaßgeblich behaupten, daß er gegen das Jahr 1620 gcbohrcn sey. Und wenn man sich aus die Umstände dieser Zeit und der vorhergehenden Zahrc besinnt, so wird es nicht schwer fallen eine wahrscheinliche Muthmaßung anzugeben, wie unser ^Zumt als ein Spanier, ausser seinem Vatcrlandc, zu St. Zcan Pic dc Port, welches jetzt der Krone Frankreich zustehet, damals aber zu dem Königreiche Navarra gehörte, sey gcbohrcn worden. Wer weiß nämlich nicht, daß um das Zahr 15/2 der König von Spanien Fcrdinandus Katholicus den päbstlichcn Bann an dem Könige ZobanneS Labrctanus vollzogen und sich in den Bcsitz des ganzen Königreichs Navarra setzte? Wie leicht kann es also nicht scyn, daß die Acltern unsers Quarts mit der spanischen Armee in diese Gegend kamen? Daß er in Alcala de Hcnarcs studirt habe, ist aus dem einigermassen zu schlicsscn was cr von dem Lcichenredncr des Antonius Ncbrisscnsis crzchlt; ob es gleich nach dem Jahre welches wir unterdessen für sein Geburtsjahr angenommen haben, nicht wohl möglich ist, daß cr selbst könne dabey gewesen scyn, indem Antonius schon 1622 gestorben ist. Er mag nun aber hier oder in Salamanca studirt haben, so ist es doch gewiß, LcssingS Werke m. 17 '268 Vorrede ui Ioh.inn Hn.irts Prüfung der Äöpfc -c. daß cr sich besonders dcr Arzncykunst gewidmet und in dieser Facultät die Würde cincS Doctors angenommen hat. Er hat hierauf practicirt, und sich größten Theils in Madrid aufgehalten, wo er ohne Zweifel auch gestorben ist. Von dcr Zeit seines Todes aber weiß ich nichts als daß er um das Zahr 1ZM nicht mehr gelebt hat. Und das ist es alles was ich von seinem Leben sagen kann. Eine Kleinigkeit will ich noch beyfügen, welche wenigstens ihres Lächerlichen wegen angemerkt zu werden verdienet. -Huart hat das Unglück gehabt unter die Wahnwitzigen gerechnet zu werden, und zwar von dem D. Scligman welcher in seiner sei»- Fi'gplim vilium ima^in^tionis, von ihm schreibt: Ilnartus llitna- nus reZem in llvlirio ilrliitratus pru^entlslmios cle reMminv laeiobat cu'leurl'us. Diesen wunderlichen Irrthum zu widerlegen darf ich den Leser nur auf das verweisen was Hnarr auf dcr Zt> Scitc von cincm wahnwitzigen Pagen crzchlt; und sogleich wird man ohnc mein Erinnern sehen, daß dcr wclchcr crzchlt mit dcm von wclchcm crzchlt wird, entwcdcr von dcm D. Scligman selbst, oder dem lc Grand auf dessen natürliche Geschichte er sich beruft, sey verwechselt worden. So wenig ich von des -Huarts Leben zu sagen gehabt, so viel würde ich von seinem Werke sagcn köniicn, wann es dic Zeit und die Grenzen cincr Vorrcdc erlaubten. Er hat cs in scincr Sprache IZxamen äo InFvmos par» Ic>s Inoneias überschrieben. Zn Deutschland ist cs unter dcm Namcn Sm-Minium iliFeniorum bekannt geworden. Dieses nämlich ist dcr Titel der lateinischen Ucbcrsctzung welche Joachim Eäsar, oder, wie er sich durch die Buchstabcnvcrsctzung nennt, Acschacius Major, 1612. hcrausgcgcbcn. Dieser Mann hat seine Sachen allzugut mache» wollen, indem cr dic spanische» Ausgaben, so viel cr dcrc» habhast werden können, nicht allein mit einander verglichen, sonder» auch alle zuglcich zum Grundc scincr Ucbcrsctzung gclcgt hat. -Hnarc war cincr von dcnjcnigcn Gelehrten wclchc vo» ihrcn Schriften niemals dic Hand abzuziehen wisscn. So oft seine Prüfung aufgelegt wurde, so oft sahe sich die eine Ausgabe dcr andern fast nicht mehr ähnlich. Er änderte, cr strich aus, er zog ins Enge, cr sctztc hinzu. Anstatt nun, daß Vorrede zu Johann Hn.nts Prüfung der Köpfe :c. 259 sich der lateinische Ucbcrsctzcr blos »ach der letzten Ausgabe hätte richten sollen, so hat er alle in eine zusammen gcworffcn, und an den meisten Orten das Werk so dunkel, verwirrt und widersprechend gemacht, daß man es nicht anders als mit Eckcl lesen kann. Darf man sich also wundern, daß er sich durch dieses Verfahren sogar in den Verdacht gesetzt, als habe er sein Original verfälscht und von dem scinigcn vieles hinzugesetzt? Ich wurde ihm über dieses noch Schuld geben, daß er an un- zählichcn Orten den Sinn des Spaniers verfehlt habe, wenn man dieses nicht für einen Kunstgrif, meiner Arbeit dadurch einen Vorzug zu geben, ansehen möchte. Wenigstens aber wird mir dieses zu sagen vergönnt seyn, daß eine von den vornehmsten Ursachen, warum ich mich an eine deutsche Ucbcrsctzung gemacht, eben der geringe Werth der lateinischen an der man sich bisher hat müssen begnügen lassen, gewesen sey. Das Buch an sich selbst hat seine Bortrcflichkcit noch nicht verloren, ob gleich die Art zu philosophircn welche man darinnen antrift jctzo ziemlich ans der Mode gekommen ist. Es ist immer noch das einzige welches wir von dieser Materie, deren Einfluß in die ganze Gelehrsamkeit ganz unbeschreiblich ist, haben. Und so gewiß es ist, daß Väter und Lehrer unzählige Wahrheiten, welche viel zu fein sind als daß sie durchgängig bekannt scnn sollten, daraus lernen können, so gewiß ist es auch, daß man mir nicht etwas übcrflüßigcS gethan zu haben vorwerfen kann. Wann übrigens Hn«rr auf der 88. Seite dieses Werks behauptet, daß es nur den grossen und erfindenden Genies erlaubt seyn solle, Bücher zu schreiben, so m»ß er sich ohne Zweifel selbst für ein solches gehalten haben. Sollte man ihn mm nach seinen eignen Grundsätzen beschreiben, so würde man von ihm sagen müssen; er ist kühn, er verfährt nie nach den gemeinen Meinungen, er beurtheilt und treibt alles auf eine besondre Art, er entdecket alle seine Gedanken frey und ist sich selbst sein eigner Führer. Man weiß aber wohl daß solche Geister auch auf unzählige Paradora verfallen; und der billige Leser wird sich deren eine ziemliche Anzahl auch hier anzutreffen, nicht wundern. Man überlege das Jahrhundert des Verfassers, man überlege seine Religion, so wird man auch von seinen 17» ,' , . Vorrede zn Marignys beschichte der Araber. Irrthümern nicht anders als gut urtheilen können. Mit den allzugrobcn aber, welche so beschaffen sind, daß sie bey der jetzt weit crlcuchtctcrn Zeit gleich in die Augen fallen und daher der Kürze wegen hier Übergängen werden, wird man Mitleiden haben. Ich vergleiche ihn übrigens einem muthigcn Pferde, das niemals mehr Feuer aus den Steinen schlägt, als wenn es stolpert. Des Abts von Marigny Geschichte der Araber unter der Regierung der Califen. Aus dem Französischen. Erster Theil, 1753. Vorrede des Uebersehers. Die Ursachen, welche der Abt von Marigny gehabt hat, diese Geschichte der Araber zu schreiben, sind eben die Ursachen, welche mich bewogen haben, seine Arbeit zu übersetzen. Er fand in seiner Sprache sehr wenig Nachrichten von einem Volke, dessen Thaten unsrer Ncugicrde nicht unwürdiger sind, als die Thaten der Griechen und Römer: ich fand in der mcinigcn fast gar keine. Was er in andern, besonders in den gelehrten, Sprachen davon fand, waren zcrstrcuctc Glieder. Er gcricth auf den Einfall, ein Ganzes daraus zu machen; und vielleicht würde ich selbst darauf gerathen seyn, wann er mir nicht zuvor gekommen wäre. Er stellte sich dabey einen Nollin zum Muster vor. Und schon dieses Muster kan ein gutes Vorurthcil für ihn erwecken. Er suchte die bequemsten Quellen; er zog nichts daraus, was er nicht für eben so ergötzend als lehrreich hielt; er brachte alles in eine Ordnung, welche den Leser nirgends den Faden der Geschichte verlieren läßt; er vermied alle gelehrte Untersuchungen, die nur denen angenehm seyn können, welche die Historie als ihr Hauptwerk treiben. Daß er über dieses die Kunst wohl zu crzchlen, und die edle Einfalt in Worten und Ausdrücken, Vorrede zu M.n'ignys Geschichte der Araber, 261 werde in seiner Gewalt gehabt haben, läßt sich schon daraus schließen, weil er ein Franzose ist. Man lasse nns dieser Nation wcnigstens den Rnhm nicht streitig machen, daß die allermeisten von ihren Schriften, wann sie schon mit keiner schweren Gelehrsamkeit prahlen, dennoch von einem guten Geschmacke zeigen. Hieraus wird man also leicht sehen, für wen unser Abt eigentlich geschrieben. Er schrieb nicht, um selbst eine O-uclle in der arabischen Geschichte zu werden. Und wie hätte er dieses werden können, da er seine Unwissenheit in der arabischen Sprache selbst gestehet? Er schrieb nicht, um sein Werk zu einer Norrathskammcr aller chronologischen Widersprüche, aller vcrschicdncn Erzchlungcn, aller auch der geringsten Umstände zu machen, mit welchen eine Begebenheit zwar in den Zeitungen, nicht aber in vernünftig gcschricbncn Gcschichtbüchcrn, aufgezeichnet wird. Er schrieb nur für die, welche aus der Geschichte jene grosse Veränderungen, die einen Einfluß auf die ganze Welt gehabt, und jene grosse Männer, die diese Veränderungen verursacht, auf eine Art wollen kennen lernen, die nicht nur die Ncugicrdc und das Gedächtniß, sondern auch den Verstand beschäftiget. Er schrieb insbesondre für Leute, welche deßwegen, weil sie keine Gelehrte von Profcßion sind, von Lesung der Bücher, und besonders historischer Schriften, eben nicht wollen ausgeschlossen seyn. Er schrieb sür die Jugend, bey welcher man damit anfangen muß, daß man ihr erst das wesentlichste bey den wichtigsten Epochen bekannt macht. Alles dieses giebt unser Verfasser in seiner Vorrede deutlich genug zu verstehen; und es hat an Männern nicht gefehlt, welche seine Absicht, und die Art, wie er sie zu erreichen gesucht, gelobt haben. Diese Lobsprüchc anzuführen, würde man einem Ucbcrsctzcr, welcher sein Original gerne geltend machen will, erlauben müssen. Allein ich habe nicht Lust, mir diese Begünstigung zu Nutze zu machen; ich will vielmehr gleich das Gegentheil thun, und dasjenige anführen, was man an dieser Geschichte der Araber unter der Regierung der Califcn ausgesetzt hat. St>2 Norrcdc zu M.irignys b'cschichte dcr Araber. Der -Herr D- Vaumgarten, ci» Mann, welcher sich mit Recht beynahe ein dictatorischcs Ansehen in dcr Geschichte, und in dcr Beurtheilung ihrer Schriftsteller erworben, hat bey Gelegenheit seine Gedanken über den Abt von Marigny auf eine Art entdeckt, welche für ihn nichts weniger als vorthcilhaft ist. Beynahe hättc mich dcr Tadcl dicscs Gclchrtcn, dcsfcn Ncr- dicnstc vielleicht niemand höher schätzt als ich, mitten in meiner Ucbcrsctzung zurückgehalten; und ohne Zweifel denkt mancher, daß es sehr gut gewesen wäre. Muß ich mich nicht also rechtfertigen, wenn man mich nicht für einen Menschen halten soll, dem es nur darum zu thun ist, daß er übersetzt, cs mag nun das, was cr übcrsctzt, crbärmlich odcr gut seyn? Dcr -Herr D- Baumgartcn lcgt in dem 34sten Stücke dcr Hallischcn Anzeigen vom Zahrc l.75l., unserm Ncrfasscr drcycr- lcy zur Last. Er crinncrt vcrschicdncs wegen seiner Quellen; er beschuldiget ihn einer Zcrstümmlung seiner Geschichte; cr giebt ihm die angcnschcinlichstcn und gröbsten Fehler Schuld. Ist wohl noch ein vicrtcS Stück übrig, dcn Charakter eines elenden Geschichtschreibers vollkommen zu machcn? Dcr crstc Punkt betrifft die Quellen. „In der Geschichte „der Araber, sagt dcr Herr D., sind zwar D-serbelst, und „die Ueberseizung vom Gckle^ und Elmacin seine besten „G-nellen, doch verachtet cr den ersten auf Renaudots Versicherung bc)' aller Gelegenheit, und zieht dieses lerztern „weit unrichtigere iLrzchlungen den Nachrichten des erstern „vor, den andern aber verschweigt er sorgfältig, und führt „den Alvakcdi an dessen Statt an, ohnerachret cr bc^ der „gänzlichen Unfähigkeit, arabische Schriftsteller zu Rathe „zu ziehen, aus Ajsemanni, Schnltens, Salems und ande- „rer Arbeiten richtigere und fruchtbarere -Hülffsmittel ent- „lehnen können." Hjcr licgcn in dcr That eine Menge Beschuldigungen beysammen, welche aber so in einander verwickelt sind, daß ich fast nicht weiß, wie ich ordentlich darauf antworten soll. Ich will cs durch Fragen versuchen. Ist cs denn nicht wahr, daß die orientalische Bibliothek des Hcrbclot ein Werk ist, wo man fast auf allcn Seiten Fehler und Widcr- svrcchungcn anlrift? Ist dcnn Ncnaudot dcr cinzigc, dcr dicscs Vorrede zu Marignys Ecschichie der Araber. WZ gesagt hat? Muß man eben so stark in den orientalischen Sprachen sey», als Hcrbclot war, um seine Unrichtigkeiten wahrzunehmen? Oder fallen nicht unzählige schon einem jeden Lesenden, wann er ihn nur mit sich selbst vergleicht, in die Augen? Haben nicht Sale und Ocklcy schon unzähliges an ihm ausgesetzt? Und ist es denn wahr, daß ihn Marignu bey aller Gelegenheit verachtet? Bedient er sich nicht seiner Nachrichten an sehr vielen Stellen? Thut er etwas anders, als daß er, nach Maaßgcbung des RcnaudotS, in der Vorrede erinnert, man habe ihn mit Behutsamkeit zu lesen, weil er nicht selbst die letzte Hand an sein Werk habe legen können? Ferner: wo zieht denn Marigny die Nachrichten des Elmacins den Nachrichten des Hcrbclots vor? Ist dieses nicht eine offenbar falsche Beschuldigung? Macht er jenen in seiner Vorrede, auf Versicherung seines Rcnaudots nicht weit verdächtiger, als diesen, indem er ihn als eine von den falschen Quellen anführt, aus welcher Hcrbclot vcrschicdnc Irrthümer geschöpft? Woher weiß man, daß cr die Schriften eines Afscmanni, eines Schlittens, eines Salcms ganz und gar nicht gebraucht? Vielleicht weil cr sie in der Vorrede nicht anführt, odcr weil cr den Rand nicht mit Citaten angefüllt hat? Ist es denn wahr, daß Hcrbclot, Ocklcy und Elmaci» scinc bcstcn O-ucllen sind? Sind dcnn Rc- naudot, Abulpharagius selbst, und andre, die cr sich weit mchr als jcnc zu Nutzc gemacht hat, nicht eben so gute Oucllcn? Ist es denn seine Absicht gewesen, alles zusammen zu tragen ? Das einzige, was unter allcn diesen Beschuldigungen Grund hat, ist dieses, daß cr dcn Alvakcdi, anstatt dcs Ocklcy angeführt hat. Doch auch hicrinnc ist cr zu entschuldigen; denn da cr scinc Unwissenheit in der arabischen Sprache nicht leugnet, so kan cr cs unmöglich aus Stolz gethan haben, um dcn Lc- scr zu überreden, als habe cr selbst die Handschrist dieses Geschichtschreibers zu Rathc gezogen; cr muß cs vielmehr deßwegen gethan habcn, um ohnc Umschweife sogleich dcn cigcntlichc» Währmaun seiner Erzchlungcn anzuführen. Gesetzt aber, cr hätte cs aus Eitcllcit gethan, so würde mchr scin moralischer Charakter, als die Güte seiner Schrift, darunter leiden, lind ist cs dcn» so ctwas uncrhörtcS, wann cin Gelehrter scinc »äch- '.'til Zerrede z» M.u-iZNys Ncschichlc der Araber. stcn Quellen verschweiget, und wann er sich wohl gar Mühe giebt, sie so wenig bekannt werden zu lassen, als möglich? Ich komme zu dem zweyten Punkte, worüber sich der Herr D. Baumgartcn folgender Maaßen erklärt: „Der Innhalt der „Geschickte der Araber unter den Califcn, ist der Aufschrift „gar nicht gcmäsj: indem er rveder von den Veränderungen „im eigentlichen Arabien unter der Regierung der abassidi- „schen Lalifcn zu Zdagdad, noch auch von der ommiadiscken „Gcschlechtsfolgc der Kalifen in Spanien, inglcichen den „Alidcn, Moraviden, oder Marabuts, und andern Reichen „der Araber, auch nur so viel Nachricht giebt, als er aus „Vüchcrn nehmen können, die in jedermanns -Händen sind, „und der Aufschrift zu Folge alhicr billig crrvartct wird." Ans diese Beschuldigungen überhaupt zu antworten, so bitte ich zu crwcgcn, was für eine Verwirrung in dem Werke des Ma- rigny nothwendig würde müssen geherrscht haben, wann er ihnen hätte ausweichen wollen? Doch ich will mich Stückweise einlassen. Was ging denn in dem eigentlichen Arabien unter der Gcschlechtsfolgc der Abbaßidcn so wichtiges vor, daß er deswegen den Faden der Hauptgcschichtc hätte abreisten sollen? Nimmt er denn das Wort Araber in cincm so engen Verstände, daß cr niemals die wirklichen gcbohrncn Araber aus dem Gesichte lassen müssen? Oder versteht cr vielmehr unter den Arabern diejenigen orientalischen Volker, welche sich zu dem Glauben des Mahomcts bekannten, und diesen mit dem Schwcrdtc ausbreiteten? War cs also nicht nothwendiger, daß cr, nach der Folge ihrcr rechtmäßigen Regenten, sdas ist, derjenigen, welche von dem größten und vornehmsten Theile der Muselmänner für rechtmäßig erkannt wurden) vielmehr ihre auswärtigen Eroberungen, als ihre innerlichen Unruhen und Trennungen cr- zchltc? Ist cs nicht gcnug, wcnn cr dieser kurz erwähnt, und ihrcr nicht weiter gedenkt, als in so ferne sie einen Einfluß i» die Reihe der cigcntlichcn Nachfolger des Mahomcts gehabt haben? Was besonders die Moravidcn anbelangt, so kommt mir dieser Einwurf nicht anders vor, als wcnn man cs einem, welcher die Geschichte der Sachsen z» beschreiben unternimmt, zur Last legen wollte, daß cr nicht, aus der Geschichte von Eng- Vorrede zu Marignys Geschichte der Araber. 266 land, die sieben sächsischen Königreiche zugleich mit beschrieben habe. Doch es scheint, als ob der Herr D. Baumgarten selbst diese anscheinende Unvollständigkcit für keinen wirklichen Fehler baltc, weil er gleich darauf fortfährt, daß diese Zcrstümmlung noch erträglich seyn würde, wann die gelieferten Theile derselben nicht mir den unverantwortlichsten Unrichtigkeiten angefüllt waren. Das ist viel. Doch der Herr D. ist kein Mann, der etwas ohne Beweis vorzugeben pflegt, er rechtfertiget also diesen Norwurf folgender Gestalt. Nur eine, sagt er, der augenscheinlichsten und gröbsten anzuführen, so rvird im 2ten Theile S. 488. Ibrahim lLbn Mohammed für einen Aliden, oder Nachkommen des Ali ausgegeben, auch versichert, daß die Anhänger des Ali soroohl als des Abbas, denselben für den ächten Imam erkannt haben: da nicht nur dieser Ibrahim unter die 12. Imams der Anhänger Ali gar nicht gehöret, sondern auch unstreitig ein Abaßide, und des ersten abaßi- Oischen Lalifen, Abdalla Muhammed Abulabas, leiblicher Drudcr geroescn. welcher Irrthum aller Wahrscheinlichkeit nach daher gekommen, daß der Verfasser irgendwo gefunden, dieser Ibrahim scs Muhammeds Sohn, Ali Uinkcl, gewesen; daher er ihn für einen Aliden ausgegeben, roelche damals den Giafar Sadik für ihren Imam erkannt haben. Ich würde ein verzweifelter Wagehals seyn, wenn ich behaupten wollte, daß Marigny gar keine Fehler gemacht habe; aber dieses kann ich ganz sicher behaupten, daß die Critik des Hr. D. Baumgartcn hier auf eine Stelle gefallen ist, die man den Augenblick rechtfertige» kann. Es ist wahr, Ibrahim Ebn Mohammed war ein Bruder des ersten Abbaßidischcn Califcn. Marigny weiß dieses selbst, (f. 2. Th. S. 493.) und muß es also gewußt haben, daß er seiner Geburth nach kein Nachkomme des Ali seyn konnte. Warum begeht er aber gleichwohl an dem von dem Hn. D. Baumgartcn angeführten Orte diesen Fehler, und nennt ihn einen Aliden? Zch bcgrciffc nicht, wie sich ein so gelehrter Mann an eine so bekannte Zweideutigkeit hat stosscn können. Hcißr denn ein Alidc blos ein Nachkomme des Ali, oder bedeut es auch einen, welcher Norrcdc zu Sülrignys Geschichte der Araber- des Ali Parthcv hält, und nur diesen für den ersten rechtmäßigen Nachfolger des Mahomct erkennet? Brauchten die Ab- baßidcn bey der Empörung wider die Ommiadcn nicht die Ermordung des Ali zum Norwandc, so wie die Ommiadcn die Ermordung des Othmans vorgeschützt hatten? Und sind in dem letzten Verstände nicht jetzt noch alle Perser Alidcn, ohne daß sie wirkliche Nachkommen des Ali sind? Diese Entschuldigung ist zu überzeugend, als daß ich mich länger dabey aufhalten dürfte. Ich wiederhole es noch einmal, daß ich sehr viel wage» würde, wenn ich den Marigny von allen Fehlern frey sprechen wollte; von allen groben und unverantwortlichen Fehlern aber getraue ich mir es in der That zu thun. Will man wissen, wie diese in der arabischen Geschichte aussehen, so darf man nur die chronologische Tafeln des Dnfrcsno),-, welche uns der -Hr. D- Baumgarren im vorigen Zahrc mit einer Norrcdc verdeutscht geliefert hat, nachsehen. Es wird nicht viel fehlen, daß nicht in jeder Zeile, die von den Saracenen handelt, ein hcß- lichcr Fehler liegen sollte. Da soll Abubckcr den Jzdegcrd geschlagen, gctödtct und sich seines Reichs bemächtiget haben; da soll die Stadt Danmscus von dem Omar seyn erobert und geplündert worden; da sollen die Saracenen in Aegyptcn eher eingedrungen seyn, als sie Jerusalem belagert haben; da hat ein Sklave den Omar in der Moschee zu Jerusalem ermordet, und was dergleichen unsinnige Verfälschungen mehr sind. Der -Hr. D- BKumgarten muß sie alle wahrgenommen haben, und gleichwohl versichert er uns, daß die Eompilation des ZL>nfrcsttc>>- schön und nützlich sey. Mit wie viel bcsscrm Grunde wird man, bey einigen unendlich kleinern Fehlern, nicht eben diese Versicherung von gegenwärtiger Geschichte des Abts Marignv geben können? Ich will wünschen, daß der Beyfall der Leser meiner Versicherung nicht widersprechen möge. Das Publicum ist in solchen Sachen immer der beste Richter. Noch zwey Worte will ich von der Ucbcrsctzung selbst hinzu thun, lind schlicsscn: Das Original bestehet aus vier Octavbän- dcrn, wclchc man auf drcyc zu bringen für gut befunden hat. Schriften. Erster und zweyter Theil. Norrcdc. 267 Zu den nächst folgenden Leipziger Messen sollen die übrigen zwey erscheinen. °) Einige Druckfehler, die in diesem cingcschli- chen sind, und welches vielleicht auch Schrcibcfchlcr können gewesen seyn, wird der Leser so gut seyn und übersehen. Ich will ihm dafür die Schmeichelei) machen, daß ich ihn viel zu scharfsichtig halte, als daß es nöthig seyn sollte, ihm erst lange ein Verzeichnis; davon zu g:bcn. M. L. A. Schriften. Erster und zweyter Theil. 17ZZ. Vorrede. So sind die Schriftsteller. Das Publicum giebt ihnen einen Finger, und sie nehmen die Hand. Meine Frcnndc — — es versteht sich, daß meine Eigenliebe mit darunter gehört--wollen mich bereden, daß einige Bogen von mir den Beyfall der Kenner erlangt hatten. Daß ich es glaube, weil ich meine Rechnung dabey finde, ist natürlich. Und daß ich mich jezt der Gefahr aussetze, dasjenige Al- phabctwcisc zu verlieren, was ich Vogcnwcisc gewonnen habe, ist zwar auch natürlich, ob es aber eben so gar klng sey, das ist eine andere Frage. Wann der Hund, der in der Fabel nach dem Schatten schnappt, auch zu meinem Vorbilde wird, so mag ich es haben. Die Bogen, deren ich jezt gedacht, sind eine Sammlung kleiner Lieder. Sie erschienen vor zwey Jahren unter dem Titel Rlcungb'citcn. Man darf nicht glauben, daß ich sie eben deßwegen so nennte, damit ich der unerbittlichen Critik mit Höflichkeit den Dolch aus den Händen winden möchte. Ich erklärte schon damals, daß ich der erste seyn wolle, dasjenige mit zu verdammen, was sie verdammt; sie, der zum Verdruß ich wohl einige mittelmäßige Stücke könnte gemacht haben; der zum Trotze ich aber nie diese mittelmäßige Stücke für schön erkennen würde. Ich grif ihr so gar vor, und bat meine Leser gewisse Blätter zu °) Ungefähr beim Anfange tcs zweiten Alpl'al'cts des zweite» Tlicils l'al ein anderer Ucbcrsctzcr die Arbeit nbenwunucn. 268 Schriften. Erster und zweyter Theil. Lorrede. überschlagen, die ich damit entschuldigte, daß die Handschrift schon seit drey Zahrcn nicht mehr in meiner Gewalt gewesen sey. Ob diese Versicherung unter die Autorstrcichc gehörte, wird man jetzt aus dem zweyten Drucke sehen. Ich habe geändert; ich habe weggeworfen, und bin so strenge gewesen, als es nur immer meine Einsicht hat zulassen wollen. Es ist wahr, ich hätte noch strenger scmi können; wenn ich nehmlich alles durchgestrichen, oder wenigstens alles, ohne mich jemals zu entdecken, so wie es war, gelassen hätte: Denn das elende streicht sich selbst durch, und schlechte Ncrse, die niemand liefet, sind so gut, als wären sie nicht gemacht worden. Doch es mag drum seyn; ich bekenne es, daß ich gegen die kleinen Denkmähler meiner Arbeit nicht ganz ohne Zärtlichkeit bin; und daß sich diese Zärtlichkeit doppelt fühlen läßt, wenn ich sie namenlos ein Raub des ersten des besten werden sehe. Aber überlege ich es auch? Diese Lieder enthalten nichts, als Wein und Liebe, nichts als Frciidc und Genuß; und ich wage es, ihnen vor den Augen der ernsthaften Welt meinen Namen zu geben? Was wird man von mir denken? — — Was man will. Man nenne sie jugendliche Aufwallungen einer leichtsinnigen Moral, oder man nenne sie poetische Nachbildungen niemals gefühlter Regungen; man sage, ich habe meine Ausschweifungen darinnc verewigen wollen, oder man sage, ich rühme mich darinnc solcher Ausschwcifungcn, zu welchen ich nicht einmal geschickt scy; man gcbc ihnen entweder einen allzuwahrcn Grund, oder man gebe ihnen gar keinen: alles wird mir einerley seyn. Genug sie sind da, und ich glaube, daß man sich dieser Art von Gedichten, so wenig als einer andern zu schämen hat. Ich weis, daß auch andre so denken, und wenigstens bin ich es von einem gewissen Herrn H" überzeugt. Dieser Herr hat meine Kleinigkeiten mit dem allerausscrordcntlichstcn Bcyfallc beehrt, indem er sie für seine Arbeit ausgegeben. Und wann es nicht darauf ankäme, daß entweder er oder ich ein Lügner seyn müßte, so würde ich mir ein Vergnügen daraus gemacht haben, ihm niemals zu widersprechen: denn die Ehre, die ihm daraus hätte zuflicsscn können, wäre ohne Zweifel so klein gc- Schriften. Erster und zweyter Theil. Vorrede, 2i>'.> wcscn, daß sie meinen Neid nicht wurde erweckt haben. Damit ich ihn aber nicht durch diese Erklärung gänzlich zu Schanden mache, so will ich ihm dasjenige, was cr sich wider mein Wissen angemaßt hat, hier vor den Augen der ganzen Welt schenken. Ich würde dieses am besten in einer Zucignungsschrift haben thun können, und würde es auch wirklich gethan haben, wann ich von dem Zueignen nicht ein allzu abgesagter Feind wäre. Diese Schenkung, wann es ihm beliebt, kann cr auch auf alles das übrige erstrecken, und ich will gar nicht böse werden, wenn ich höre, daß auch meine Oden, mcinc Fabeln, meine Sinnschriftcn, und mcinc Briefe ein andrer gemacht hat. Doch ich cile von diesen allen meinen Lcscrn nur einige Worte zu sagen. Wann durch das Ausstrcichcn in dcn Liedern keine Lücken entstanden wären, und wann ich diese Lücken zu erfüllen nicht meinen ganzen poetischen Borrath hätte durchlaufen müssen, so würde ich vielleicht an eine Sammlung aller meiner Versuche noch lange nicht gedacht haben; und sie würden noch lange zerstreut und verstümmelt in der Irre und im Vergessen geblieben seyn. Doch so gchts; wenn man ein Schriftsteller werden soll, so muß sich alles schicken. Die väterliche Liebe ward auf einmal bey mir rege, und ich wünschte mcinc Gcburthcn bcysammcn zu schcn. Ich weis nicht was cs für ein Geschicke ist, daß solche Wünsche immer am ersten erfüllt werden; das aber weis ich, daß wir oft durch dic Erfüllung unsrer Wünsche gestraft werden. Ob mir cs auch so gchcn soll, wird dic Aufnahme dieser zwey Theile entscheiden, von welchen ich dem Public» ganz im Vertrauen cröfnc, daß sie nichts als ein Paar vcrwcgnc Kundschafter sind. Der crstc enthält dasjenige, was ich in den kleinen Gattungen von Gedichten versucht habe. Dcr Licdcr habc ich schon gedacht, und dic verschiedenen ncucn Stückc, wclchc darzu gc- kommcn sind, habcn mich gcnöthigct sie in zwey Vüchcrn abzutheilen. Für diese bin ich am wcnigstcn besorgt, weil sie gröstcn Theils das Licht schon kennen, und bey diesem Abdrucke mehr gcwonncn, als vcrlohrcn haben. Dcn wenigen Odcn, wclchc darauf folgen, gcbc ich nur mit Zittern diesen Namen. Sie sind zwar von cincm stärkcrn Gciste 27g Schriften. Erster und zweyter Theil. Vorrede. als die Lieder, und haben ernsthaftere Gegenstände; allein ich kenne die Muster in dieser A"t gar zu gut, als daß ich nicht einsehe» sollte, wie tief mein Flug unter dem ihrigen ist. Und wenn zum Unglücke gar etwa nur das Oden seyn sollten, was ich, der schmalen Zeilen ungeachtet, für Lehrgedichte halte, die man anstatt der Paragraphen in Strophen eingetheilet hat; so werde ich vollends Ursache mich zu schämen haben. Die Fabeln, die ich gemacht habe, sind von verschiedener Art, und ich bcgrciffc unter diesem Namen auch die Erzchlun- gcn, weil ich finde, daß sie selbst Phädrus mit darunter begriffen hat. Andere mögen dem Beispiele des Fontaine folgen, welcher freylich Ursache hatte, seine Erzchlungcn, von den Fabeln, die der Unterweisung gewidmet sind, zu unterscheiden. Die ganze Sache ist eine Kleinigkeit. Zn Ansehung der Erfindung, glaube ich, werden sie größtcnthcils neu seyn, und ich will es andern überlassen, dasjenige noch besser zu crzchlcn, was hundert andere schon gut crzchlt haben. Was wird man aber von dem Ausdrucke sagen? Ich hätte der Art des nur gedachten französischen Dichters folgen müssen, wann ich die Mode hätte mitmachen wollen. Allein ich fand, daß unzählige, weil sie ihm ohne Gcschicklichkcit nachgeahmet haben, so läppisch geworden sind, daß man sie eher für alte Weiber, als für Sittcnlchrcr halten könnte; ich sahe, daß es nur einem Geliert gegeben sey, in seine Fußstapfcn glücklich zu treten. Ich band mich also lieber an nichts; und schrieb sie so auf, wie es mir jedesmal am besten gefiel. Daher kommt es, daß einige niedrig gcnung sind; andere aber ein wenig zu poetisch. Daher kommt es so gar, daß ich verschiedene lieber in Prosa habe crzchlcn wollen, als in Ncrscn, zu wclchcii ich vielleicht damals nicht aufgelegt war. Ich komme auf die Sinngedichte. Ich habe hicrinnc keinen andern Lehrmeister als den XNarcial gehabt, und erkenne auch keinen andern, es müßten denn die seyn, dic cr für dic scini- gcn erkannt hat, und von welchen uns dic Anthologie einen so vortrcflichcn Schatz derselben aufbehalten. Aus ihm also und aus dieser Sammlung, wird man verschiedene übersetzt, und sehr viele nachgeahmt finden. Daß ich zu bcisscnd und zu frey darinne bin, wird man mir wohl nicht vorwerfen können; ob Schriften. Erster und zweyter Theil. Vorrede. 271 ich gleich beynahe in der Meinung stehe, daß man beydes in Sinnschriftcn nicht genug seyn kann. Ich habe bey den wenigsten gewisse Personen im Sinne gehabt, und ich verbitte also im voraus alle Erklärungen. Den Schluß in dem ersten Theile machen Fragmente; solche Stücke nehmlich die ich entweder nicht ganz zu Stande gebracht habe, oder die ich dem Leser nicht ganz mitzutheilen für gut befinde. Ich hätte sie also wohl ganz und gar zurück behalten können? Vielleicht; und es kömmt darauf an, ob man nicht etwas darunter findet, welches gleichwohl der Erhaltung nicht unwerth ist. Anfangs war ich willens einige kleine Stücke durch ein Zeichen merklich zu machen. Diejenigen nehmlich, die ich mir nicht ganz zuschreiben kann, und wovon ich die Anlage aus dem oder jenem französischen Dichter geborgt zu haben, mir nicht verbergen kann. Doch da dieser Zeichen nur sehr wenige geworden wären, und ich ausserdem überlegte, daß es dem Leser sehr gleichgültig sey, wem er eigentlich einen Einfall ^zu danken hat, wen» der Einfall ihm nur Vergnügen macht; so habe ich es gar nn- tcrlasscn. Ich werde ohnedem der Gefahr nicht ausgcsczt seyn, daß man auch aus meinen Poesien, zur Ehre des dculschcn Witzes, Proben ins Französische übcrsczt, und zum Unglück gleich auf solche fällt, die von einem Franzosen entlehnt sind. Der zweyte Theil enthält Briefe. Man wird ohne Zweifel galante Briefe vermuthen. Allein ich muß bekennen, daß ich noch bis jetzt keine Gelegenheit gehabt habe, dergleichen zu schreiben. Mir Eorrcspondcntinncn zu erdichten, und an Schönheiten zu schreiben, die nicht crisiircn, schien mir in Prosa ein wenig zu poetisch zu seyn. Es sind also nichts als Briefe an Freunde, und zwar an solche, an die ich etwas mehr als Komplimente zu schreiben gewohnt bin. Ich schmeichle mir so gar, daß in den meisten etwas enthalten ist, was die Mühe sie zu lesen belohnt. Wenn man an Freunde schreibt, so schreibt man ohne ängstlichen Zwang, und ohne Zurückhaltung. Beydes wird man auch in meinen Briefen finden, und ich will lieber, ein wenig nachläßig und frey scheinen, als ihnen diese Merkmahle abwischen, welche sie von erdichteten Briefen unterscheiden müssen. 272 Erster Brief. Ich habe ihrer einen ziemlichen Vorrath, und die welche ich hier ohne Wahl, so wie sie mir in die Hände gerathen, mitgetheilt, sind die wenigsten. Es wird mir angenehm seyn, wenn meine Freunde nicht die einzigen sind, die etwas darinnc zu sindc» glauben. Ich habe gesagt, daß diese beyden Theile nichts als Kundschafter sind. Einige ernsthafte Abhandlungen, und verschiedene gröfirc Poesien, wozu ich die dramatische» Stücke vornehmlich rechne, möchten ihnen gerne folgen. Unter den lcztcn sind einige, welche schon die Probe der öffentlichen Vorstellung ausgehalten, und wenn ich sie selbst rühmen darf, auch Beyfall gefunden haben. Die Probe des Drucks ist die letzte und wichtigste. Zch kann hier meine Vorrede beschlossen, und muß den Leser um Verzeihung bitten, daß ich von nichts als von mir geredet habe. Briefe. SvmnmchuS 17 5 3. Erster Brief. An den Herrn P. Schon seit vierzehn Tagen hätte ich Ihnen ihre Handschrift von den unglücklichen Dicbrern wieder zurück schicken können, weil ich sie gleich in den ersten Abenden durchgclcscn hatte. Allein ich glaubte diese Eilfertigkeit würde nicht gelehrt genug lassen; wenigstens nicht freundschaftlich genug. Denn nicht wahr, entweder Sie hätten gedacht: nun wahrhaftig der muß sehr viel müßige Stunden haben, daß er sich so gleich hat darüber machen können! oder: ja, in der kurzen Zeit mag er auch viel gelesen haben; über alles läuft er doch weg, wie der Hahn über die Kohlen! Die eine Vermuthung sowohl als die andre war mir ungelegen; mir, der ich so gerne immer beschäftiget scheinen will; Erster Brief. 273 mir, der ich auf nichts aufmerksamer bin, als auf die Gcbur- theil meiner Freunde. Zch würde also ganz gewiß ihr Werk wenigstens noch acht Tage ans meinem Tische haben rasten lassen; doch Sie fordern cs selbst zurück, und hier ist es. Nun? aber ohne Beurtheilung, werden Sie sagen? Als wenn Sie cs nicht schon wüßten, daß ich durchaus über nichts urtheilen will. Wollen Sie aber mit so etwas zufrieden seyn, das aufs höchste einer Meinung ähnlich sieht, so bin ich zu ihren Diensten. Sie zeigen eine sehr wcitläuftigc Bclcscnhcir, die ich sehr hoch schätze, wenn cs Ihnen anders nicht viel Mühe gekostet hat, sie zu zeigen. Gott wcis, wo Sie alle die unglücklichen Dichter aufgc- tricbcn haben! Was für tragische Scenen ziehen Sie ihren Lesern auf! Hicr sitzt cincr in einer ewigen Finsterniß, und sieht das Licht nicht, wclchcs gleich ihm alles belebet; dorr schmachtet cincr auf einem Lager, das cr seit Zahrcn nicht verlassen. Jener stirbt, fern von scincm Natcrlandc und scincn Frcundcn, unter Barbaren, zu wclchcn ihn dic Empsindlichkcit cincs Grossen verwiesen; dieser in scincr Natcrstadt, mitten untcr dcn Bc- wundrcrn scincr Musc, im Hospitalc. Dort schc ich cincu — — welche Erniedrigung für euch ihr Musen! — — am Galgen; und hicr cincn, gegen wclchcs dcr Galgcn noch cm Kinderspiel ist, mit einem Teufel vom Wcibc verheyralhet. Dic moralischen Iügc welche Sie mit untcrstrcucn sind gut; ich hätte abcr gewünscht, daß sie häufiger wären, daß sic aus ihrcn Erzählungen ungezwungener flössen, und in cincm mindcr schulmä- ßigcn Tonc dahcrtöntcn. Auch das gcfällt mir nicht, daß Sic kcinc Klasscn untcr dcn unglücklichcn Dichtern machen. Diejenigen, welche so zu reden dic Natur unglücklich gemacht hat, als dic Blinden, gehören eigentlich gar nicht darunter, weil sic unglücklich würden gewesen seyn, wenn sic auch keine Dichter geworden wären. Andre haben ihre Übeln Eigenschaften unglücklich gemacht, und auch diese sind nicht als unglückliche Dichter, sondern als Böscwichtcr, odcr wcnigstcns als Thorcn anzusehen. Dic einzigen, dic dicscn Namen verdienen, sind diejenigen, welche cinc unschuldigc Ausübung dcr Dichtkunst, odcr eine allzucifrigc Beschäftigung mit derselben, die uns gcmcinig- lich zu allen andern Verrichtungen ungeschickt läßt, ihr Glück ?esimg§ Werk- m. 18 Zweyter Brief. zu machen verhindert hat. Und in diesem Verstände ist ihre Anzahl sehr klein. Za sie wird noch kleiner, wenn man ihr vorgebliches Unglück in der Nähc mit gesunden Augen, und nicht in einer ungewissen Ferne, durch das VcrgrösscrungsglaS ihrer eigenen mit allen Figuren angefüllten Klagen betrachtet. Ist es nicht ärgerlich, wenn man einen Samt Amant, einen Ncukirch, einen Günther so bitter, so ausschweifend, so verzweifelnd über ihre, in Begleichung andrer, noch sehr erträgliche Armuth wimmern hört? Und sie, die Armuth, ist sie denn etwa nur das Schicksal der Dichter und nicht viel mehr auch aller andern Gelehrten? So viel Sie mir arme Dichter nennen können, eben so viel will ich Ihnen arme Wcltwcisc, arme Aerzte, arme Sternkundige ?e. nennen. Aus diesem Gesichtspunkte also, mein Herr, betrachten Sie, wann ich Ihnen rathen soll, ihre Materie etwas aufmerksamer, und vielleicht finden Sie zuletzt, daß Sie ganz unrecht gethan haben, ich weis nicht was für einen gewissen Stern zu erdichten, der sich ein Vergnügen daraus macht, die Säuglinge der Musen zu tyrannisircn.--- Sind Sie meiner Erinnerungen bald satt? Doch, noch eine. Ich finde, daß Sie in ihrem Bcrzcichniß einen Mann ausgelassen haben, der vor zwanzig andern eine Stelle darinnc verdienet; den armen Simon F^emnius. Sie kennen ihn doch wohl? Ich bin :c. Zweyter Brief. An ebendenselben. Wahrhaftig, ich bcwundrc Sie! Ein Beywort, an dessen Nachdruck ich nicht einmal gedacht hatte, legen Sie mir in allem Ernste zur Last? Ich fürchte, ich fürchte, wir werden über den armen Simon K.emnius in einen kleinen Zank gerathen. Und da sehen Sie es, daß ich das Herz habe, ihn noch einmahl so zu nennen, ob Sie ihn gleich den verleumderischen, den boshaften, den meineidigen, den unzüchtigen hcisscn. Aber sage» Sie mir doch, geben Sie ihm diese Benennungen, weil Sie seine Aufführung untersucht haben, oder weil sie ihm von andern gegeben werden? Ich befürchte das letztere, und muß also den «rmen L.emnins gedoppelt beklagen. War cS nicht genug, daß Zweyter A'ricf. ihn L.ucherus verfolgte, und muß sein Andenken mich noch von der Nachwelt befeindet-werden? Aber Sie erstaunen; L.mherus und verfolgen, scheinen Ihnen zwey Begriffe zu seyn, die sich widersprechen. Geduld! Wann Sie wollen, so will ich Ihnen alles erzählen; und alsdann urtheilen Sie. Vorher aber muß ich Sie um alles was heilig ist hittcn, mich nicht für einen elenden Feind eines der größten Männer, die jemals die Welt gesehen hat, zu halten, ^mherus stehet bey mir in einer solchen Verehrung, daß es mir, alles wohl überlegt, recht lieb ist, einige kleine Mängel a» ihm entdeckt zu haben, weil ich in der That der Gefahr sonst nahe war, ihn zu vergöttern. Die Spuren der Menschheit, die ich an ihm finde, sind mir so kosthar, als die blendendste seiner Vollkommenheiten. Sie sind so gar für mich lehrreicher, als alle diese zusammen genommen; und ich werde mir ein Verdienst daraus machen, sie Ihnen zu zeigen. °) — — Zur Sache also! Ä.cmnius, oder wie er auf Deutsch heißt, ^cmichcn, lag den Wissenschaften in Wit- tcnbcrg ob, eben als das Werk der Reformation am feurigsten getrieben ward. Sein Genie trieb ihn zur römischen Dichtkunst, und mit einer ziemlich beträchtlichen Stärke darinnc verband er eine gute Kenntniß der griechischen Sprache, welches damals noch etwas seltnes war. Sein muntrer Kopf und seine Wissenschaften erwarben ihm die Freundschaft des N7clanchlhoi,s, welcher ihn mit Wohlthaten überhäufte. Sabinus, der Schwic- gcrsohn des Melanchtbons, befand sich damals auch in Wittcn- dcrg. Zwey gleiche Köpfe auf einer hohen Schule werden sich leicht finden, und Freunde werden. Sabinus und Aemnius So muß der spreche», der aus Ueberzeugung und nicht aus Heuchelet' lobt. Aus dieser letzter» Quelle sind, leider ri» großer Tl'cil der imemgesciiränl- ten Lobsprnckc geflossen, die Luther» von unscrn Tl'cologc» beigelegt werde». Demi lobe» ih» nicht auch diejenigen, deren ganzen, losem Geitzc und Elwgcitze man es mir allzuwohl anmerkt, daß sie im Grunde ihres Herzens, nichts weniger als mit Lullier» zufrieden sind? die ihn heimlich verwimsche», das; er sick nuf Unkosten seiner Amtsbrndcr groß gemacht, daß er die Gewalt und den Reichthum der Kirche den Regenten in die Hände gespielt, und den geistlichen Stand dem weltlichen 'Preis gegeben, da dock dieser so manche Jahrhunderte jenes Sklave gewesen? Am», d. Verf^ 1784. 18" 270 Zweyter Brief. wurden cS auf dic auSnchmcndstc Weise, und ich finde, daß auch die darauf folgenden Handel ihre Freundschaft nicht geendet haben. Zm Zahrc 4538 kam cs Ä.cmnlc> ein, zwey Bücher lateinischer Sinnschriflcn drucken zu lassen. Er ließ sie also unter seinem Namen drucken; er ließ sie in Wittcnbcrg drucken, und brachte sic vorher, wie ich cs höchst wahrscheinlich zeigen kann, dem Mclailchthoi, zur Beurtheilung. Diese drey Umstände, mein Herr, erwägen Sic wohl; sie beweisen schon so viel, daß Aemnius cin gut Gewissen muß gehabt haben. N7e- lanchthon fand nichts anstößiges darinnc, wie cs Sabinus dcm Drucker versicherte. Nunmehr wurden sie bekannt gemacht; aber kaum waren sic ciuigc Tage in den Händen der Leser gewesen, als Luther auf einmal cin entsctzlichcS Ungcwittcr widcr sic, und ihrcn Verfasser erregte. Und warum? Fand cr ctwa jene U>»iv!»n veidoiu», lieentlam darinnc? Diese wäre vielleicht zu entschuldigen gewesen, wcil sic dcr Mcistcr in dicscr Art des Witzes, Martial, I^,!Ai!>mmi>ton IInFvam nennt. Oder fand cr, daß sic giftige Ncrlcumdungcn enthielten, dic Ehrc cincs nnsckul- digcn Nächsten zu brandmahlcn? Oder fand cr gar scinc cigcnc Person darinnc beleidigt? Ncin; allcs das, wcßwcgcn Sinn- schristcn mißfallen können, mißfiel wuchern nicht, weil cs nicht darinnc anzutreffen war; sondern das mißfiel ihm, was wahrhaftig an den Sinnschriflcn das anstößige sonst nicht ist: ciuigc Lobcscrhcbnngcn. Untcr den damaligen Beförderern dcr Gelehrsamkeit war dcr Churfürst, von Maynz Albertus cincr dcr vor- nchmstcn. ^.cmmns hatte Wohlthaten von ihm empfangen, und mit was kann sich cin Dichtcr sonst crkcnntlich crzcigcn, als mit scincn Vcrscn ? Er machte also dcrcn cinc zicmliche Mcngc zu seinem Ruhme; cr lobtc ihn als cincn gclchrtcn Prinzen, und als cincn gutcn Rcgcntcn. Er nahm sich abcr wohl in Acht, cs nicht auf Suchers Unkosten zu thun, welcher an dcm Albertus cincn Gegner hatte. Er gedachte scincs Eifcrs für dic Religion nicht mit cincm Wortc, und bcgnügtc sich, scinc Dankbarkeit mit ganz allgemeinen, ob gleich hin und wieder übertriebenen Schmcichlcycn an dcn Tag zu legen. Gleichwohl verdroß cs wuchern; und cincn katholischen Prinzen, in Wittcnbcrg, vor seincm Angcsichtc zu loben, schien ihm ein unvcrgcb- Zweyter Brief. 277 lichcs Ncrbrcchcn. °) Ich dichte dicscni grossen Manne hierdurch nichts an, und berufe mich deswegen auf sein eigen Programma, welches er gegen den Dichter anschlagen ließ, und das Sie, mein Herr, in dem <>tcn Tome seiner Schriften, Altcnburgischcr Ausgabe, nachlesen können. Hier werden Sie seine Gesinnungen in den trockensten Worten finden; Gesinnungen, welche man noch bis auf den heutigen Tag auf dieser hohen Schule beizubehalten scheinet. K.urhcr donnerte also mündlich und schriftlich wider den nnbchutsamcn Epigrammatistcn, und brachte es in der ersten Hitze so gleich dahin, daß ihm Stubenarrest angckün- digt ward. Ich habe immer gehört, daß ein Poet eine furchtsame Kreatur ist; und hier sehe ich es auch. -Ü.cmnius crschrack desto heftiger, je unvcrmuthctcr dieser Streich auf ihn fiel; er hörte, daß man allerhand falsche Beschuldigungen wider ihn schmiedete, und daß Luther die ganze Akademie mit seinem Eifer ansteckte; seine Freunde machten ihm Angst, und prophczcy- tcn ihm lauter Unglück, anstatt ihm Muth einzusprechen; seine Gönner waren erkaltet; seine Richter waren eingenommen. Sich einer nahen Beschimpfung, einer unverdienten Beschimpfung zu entziehen, was sollte er thun? Man ricth ihm zur Flucht; und die Furcht ließ ihm nicht Zeit zu überlegen, daß die Flucht seiner guten Sache nachthcilig seyn werde. Er floh; er ward ci- tirt; er erschien nicht'"'); er ward verdammet; er ward erbittert; 1°) Es war den ersten Reformatoren sehr schwer, dem Geiste des Pcibst- lhums gänzlich zu entsage». Die Lehre von der Toleranz, welche doch eine wesentliche Lehre der christlichen Religion ist, war ihnen weder recht bekannt, noch recht bcl'äglicii. Und gleichwohl ist jede Religion und Serie, die von keiner Toleranz wissen will, ein Pabstll'nm, Anm. d- Verf/j 1784-. Lcmnius l'ättc, wie Zllcibiadcs, den die Alhcnienscr zurückberiefen, um sich gegen seine Ankläger zu vertheidigen, antworten tonnen: Und als man den Alcibiadcs fragte, ob er seinem Vaterlande 5«^löl) nicht zutraue, daß es gerecht scvn werde, antwortete er: auch meinem Mul- tcrlandc nicht ,»^^<>- l'tvmin» Imi^liLitatv Müli^niis ittter^ees, Iioo LpigiÄiuniiltit mea scri>»itt. — — Und daß sie bey dem Geyer wären, die vcr- Triller Brief. 27!» dämmten Ausleger! Bald wird man vor diesem Gcschmcissc kcincn Einfall mehr haben dürfe»! — — Zcdoch ich erzürne mich, >md zum Beweisen braucht man kaltes Blur. Lassen Sie uns also ganz gelassen anfangen; und zwar bey dem XNidas. Der Rang gehet nach dcn Ohren! Das Sinngedichte, das Gewinns auf ihn gemacht hat, enthält ungefehr dieses: N7i- das, spricht er; roann schon dein -Haus auf N?armorsculcn rühre; rvann du in deinen Aasten gleich vcnctianische Schale verschlossen hättest; so bist du doch ungclehrt, und nichts besser als ein Zöaucr. Denn roas du bist, kann der geringste aus dem Pöbel seyn. Wen muß er wohl mit dieser Sinnschrift gemeint habe»? Einen reichen Edelmann ohne Zweifel, dessen ganzer Verstand der Goldklumpen war: oder wohl gar, wenn es dergleichen scbon damals gegeben hat, einen dummen Grafen, den man mit seinem Hofcbaucr vermengen würde, wenn ihn nicht das reiche Kleid kenntlich machte. — — Ach, was Edelmann? Was Graf? Hier ist ein ganz andrer gemeint. Der Dichter ist ein Majcstätsschändcr, und er meint niemand geringern, als dcn Churfürsten von Sachsen. — — Wen? Dcn großmüthigen Johann Friedrich? Wie ist das möglich? — — Möglich, oder nicht; kurz es ist klar; lesen Sic doch nur das Original: I» I^I!>I!l -zlelxl s»Ii; iVluIiil^uc: lloroutex n.ileant !>riuo>ilii ^>er Ä-^i»-», 'I'cuilleai et tönern-? rui'tie.'t villi^ ^re^e--!: 1^« tauieu Iiuloctu-?; ri>1e->? es rul'licu^ ideiu; III ljuoil es, e ^>»^ul<» «jnil!l>el ekle nntott. Nun, finden Sic es noch nicht, daß der Churfürst von Sachsen gemeint ist? O, Sic sind mulhwillig blind! Glauben Sic mir nur, die Dcilc .Vuril'vr et iiit'xl!^ iilii t'ervint ^>l>>6 ineni??, ist nicht umsonst. Wo fließt denn die Elbe? Wem dicnct dc»n dicscr Fluß? Doch es fällt mir immöglich in die- . . 280 Tnttcr Brief. scm Tone langer fortzufahren. Zu« Ernste also: kann eine Beschuldigung boshafter und zugleich ungcgründctcr seyn? Von allen den übrigen Sinnschriftcn, die man ihm zur Last legt, werde ich ein gleiches sagen müssen. Er schildert einen Thraso, welcher nicht eher Muth hat, als biß er ihn aus den Glasern in sich gegossen: und das soll der Eommcndant in Wittcnbcrg seyn. Er mahlet einen Rabulisten ab, dessen nichts bedeutendes Gewäsche er verlacht: und muß den Kanzler Pontanus getroffen haben. Auf ein ehrliches Frauenzimmer sollen folgende Zeilen gehn: t!ur vitos lom^cr eomnninia Iir,!»«» clleam. (juocl fis MAin IVio, «junil sc-t^wl'i! jmtn. Und was ist gleichwohl klarer, als daß dieses ein Frauenzimmer scyn muß, welches nirgends als in der Einbildung des Dichters anzutreffen? Hatte denn Wittcnbcrg damals öffentliche Bäder, welche das Mannsvolk und das Frauenzimmer ohne Unterscheid zugleich besuchen durste? Oder hat dergleichen jemals cinc christliche Stadt gchabt? Erlauben Sie mir also, mein Herr, daß ich die übrigen Vorwürfe von dieser Art übergehe; und suche» Sie, wenn Sie können, in den ersten zwey Büchern stärkere und der Wahrheit gcmässcrc Beyspiele auf, um mich zu überzeugen. Finden Sie aber deren keine; so scyn Sie gc- lchrig, und erlauben, daß ich Sie übcrzcugcn darf. Wollen Sie mir ctwan einwenden: A.cmnius könne allerdings auf den und jenen gcziclct haben, ob es uns gleich jctzo, wegen Entfernung der Zeit, und aus Mangel gewisser kleinen Nachrichten, unmcrklich wäre; genug, daß doch damals seine Stiche geblutet hätten, wie man aus dem Zeugnisse der Zcitvcrwandtcn sehen könne.---Ich will mich dieses zu widerlegen nicht dabey aufhalten, was ich von den Grenzen einer erlaubten Satyrc hernehmen könnte; sondern ich will mich gleich zu dem Zeugnisse selbst wenden, auf welches Sie sich berufen. Lassen Sie uns also dic Stcllc aus dcs Matthesins Predigten übcr das Leben unscrs Suchers nähcr betrachten. Hier ist sie: „Im 38 „?ar thcr sich hcrfür ein Poccastcr, Simon -i^emchcn ge- „n«m: der fing an, viel gmcr -L.cm mir schendlichcn uns „lcsterlichen Versen zu schmchen, und die grossen Verfolger Dritter Brief. 281 „des Evangelii mit seiner Poetcrcy zu preisen, auch unsern „Doclor in seiner Krankheit zu verhöhnen, dazu ihm gros- „ser ^.cur Verwandten halffen, daß solche Schmehschrifccn „gedruckt, und heimlich ausgestreuet rvurden, rvie auch Sie- „ser K^emnius hernach eine Rifianischc und greuliche ^.ester- „schrifr, die er den -Hurcnr'rieg nennet, dem heiligen Ehe- „stand und der Kirchendiener Ehe, und viel erbarcn Zraucn „zu Unchren ließ ausgehen:c," Als Prediger, bin ich hier mit dem guten Malthesius recht wohl zufrieden, aber als Geschichtschreiber gar nicht. Eine einzige Anmerkung wird seine Glaubwürdigkeit verdächtig machen. Er sagt; ^emnius habe Suchern in seiner Krankheit verhöhnt. Wo finden Sie in den ersten zwey Büchern die geringste Spur davon? Suchen Sie, so viel Sie wollen! Manhesius begeht hier ein Htistcronprotc- ron, welches gar nicht sein ist. K.cmnius hat Luthers eher mit keinem Worte im Bösen gedacht, als bis er es an ihm cr- hohltc. Das Sinngedichte, auf welches Matthesius hier zielt, stehet in dem dritten Buche, in welchem freilich sehr viel nichts- würdigc Sachen stehen, die aber durchaus nicht zur Ursache seiner Verdammung können gemacht werden, weil er sie erst nach derselben den beyden ersten Büchern beyfügte. Es ist zwar so schmutzig und so niederträchtig, daß ich mich mehr als die beyden ersten Zeilen, welches folgende sind: In AI. I^ntlioium I^iklZ clvtontei'mm ^atoris elamashuo cueauclo (juamijuo ktliis oj>ws ovonit til/i anzuführen scheue: wann es aber auch noch schmutziger, noch niederträchtiger wäre, so würde es dennoch dem Matrhesius sehr übel zu nehmen seyn, daß er den Aemnius verhaßt zu machen, zu Falschheiten seine Zuflucht nimt, und dasjenige zum Hauptvcrbrcchcn macht, was nichts als die Wirkung eines verbitterten Gemüths war. Da er sich aber hier auf dem fahlen Pferde finden läßt, wie kann man ihm in den übrigen trauen? Werden die schändlichen und lästerlichen Vcrsc auf viel gute Leute, nicht eben so erdichtet, wenigstens zu früh vorweg genommen seyn, als die Verhöhnung des kranken -Luthers ^ Und sie sind cs auch allerdings, weil, was ich schon mehr als Vicrlcr Brief, einmal gcsaget habe, in den ganzen beyden ersten Bücher» keine Spur davon anzutreffen ist. Es bleibt also auch in diesem Zeugnisse dem A.emnius weiter nichts zur Last, als daß er, wie iNacchesius sagt, die großen Verfolger Vcs 5L,vangelii mir seiner Poeterey gepriesen hat. Aber auch das ist nicht eigentlich wahr, weil er den Churfürsten Albrecht zwar lobt, aber stets bloß als einen Beförderer der Wissenschaften und als einen Beschützer der Gelehrten, welches auch Erasmns und -Hurten gethan habe», niemals aber als einen Feind der damals neu aufkeimenden reinern Lehre. Kaum daß er ganz von weiten, so viel ich mich erinnere, an einer einzigen Stelle, auf seine Liebe gegen die alte Religion zielt--Auf ihren ersten (5'inwurf, mein Herr, glaube ich Ihnen also genug gethan zu haben. Ich hatte noch den zweyten zu beantworten, allein ich will ihn lieber verspäten und Sie argwohnen lasse», daß ich nicht sogleich etwas dagegen erwiedern könnte, als durch einen »»bändig langen Brief ihre Aiifmcrksamkcit schwäche». Ich bin :c. Vierter Brief. An ebendenselben. Ich bin Ihm» »och die Antwort auf einen zweyten Ciinvurf schuldig. Sie behaupten, Ä.emnius habe seine Siimschriftc» vcrstohlncr Weise drucken lassen; ich hingegen habe gesagt, es sey höchst wahrscheinlich, daß er sie dein XNelanchrhon vorher zur Beurtheilung übergeben. Sie berufen sich auf ein Schreiben des letztem an den Churfürsten, dessen Znnhalt Scckciidorf anführt; und ich bin kühn genug eben dieses Schreiben für mich zu gebrauchen., XNelanchchoi! schreibt also an den Churfürsten, welchem ohne Zweifel Luther diese Kleinigkeit auf der allcrschwär- zcstcn Seite vorgestellet hatte: „Was er dabey versehe» habe, „sey ohne Borsatz geschehe»; ^.cmnius habe ihm sür seine crwic- „scnc Wohlthaten schlecht gedankt, und ihn selbst an zwey Stellen sehr schimpflich durchgezogen. Cr habe die Sinnschriftcn „nicht eher zu sehen bekommen, als da sie schon abgedruckt gc- „wcscu. Weil cr viel Anzüglichkeiten gegen Privatpersonen „darinnc gesunden, habe cr dem Verfasser sogleich Stubenarrest Vierter Nricf. 283 „ankündigen lasse», und scy WillcnS gewesen, ihn zu rclcgircn. „Als cr dc» Tag darauf gar verschiedenes angetroffen, was dem „Churfürsten und Landgrafen zur Verkleinerung gereiche, habe „cr ihn wollen in Verhaft nehmen lassen. A.e!nnms aber scy „ihm mit der Flucht zuvorgekommen! man habe ihn öffentlich „vorgeladen, und ihn endlich, weil cr nicht crschicncn, mit „Schimpf von dcr hohcn Schule verbannt. Er bitte also den „Churfürsten, cS ihm nicht übcl zu deuten, daß cr wcgcn dcr „vielen akadcmischcn Geschäfte, die Sinnschriftcn des Ä.cmnins „nicht gleich durchgclcscn, und das was der Ehre des Ehurfür- „stcn darinnc nachthcilig sey, nicht gleich gefunden habe. Man „solle es ihm nicbr zurccbncn, daß scin Schwiegersohn, wie „man vorgebe, dem Druckcr die Sinnschriftcn zu druckcn angc- „ rathen, und noch die Lügen hinzugefügt habe, daß sie von „ihm, dem Ntelancbthon, gcbilligct waren."---Sagen Sie mir aufrichtig, mcin Herr, klingt dieses nicht vollkommen, wie das Gewäsche eines Mannes, dcr sich gcdrungcn cntschul- digct, und eigentlich nicht weis was cr sagen soll? Zch darf Ihnen den Charakter des Mclknchrhons nicht lang schildern; Sie kennen ihn so gut als ich.--Ein sanftmüthigcr ehrlicher Mann, dcr mit sich anfangen ließ was man wollte, und den bcsondcrS L.nther lcnkcn konittc, wie cr cs nur immcr wünschte. Scin Feuer verhielt sich zu Suchers Fcucr, wie Luthers Gelehrsamkeit zu seiner Gelehrsamkeit. Nach seiner natürlichen Aufrichtigkeit würde cr cs gewiß frey bekannt haben, daß cr in den Sinnschriftcn des Ä.cmnius nichts anstößiges gefunden, wenn Sucher nicht gewollt hätte, daß cr etwas darinnc finden solltc. Er hatte von dcr Einsicht seines Freundes so bohc Begriffe, daß so oft scin Verstand mit Suchers Verstände in Collision gcricrh, cr den scinigcn allezeit Unrecht haben ließ. Luthers Augcn waren ihm glaubwürdiger, als seine cigcnc. Sie sehen cs hier. Er ließ sich nicht allein Schmähungen wider seinen Landesherr» in den unschuldigen Sinnschriftcn von ihm wciscn, sondern licß sich so gar überreden, daß Il.em>nus auch ibn selbst nicht vcrschonct babc. Nun abcr bicte ich dic scharfsichtigsten Augcn auf, mir diese iwcy Stellen nur mit dcr allergeringsten Wahrscheinlichkeit zeigen. Das finde ich wohl, 284 Vierter Brief. und finde cs auf dc» mcistcn Seiten, daß Kemm'us den Mc- lanchthon lobt, und daß er ihn auch noch da lobt, da er wider alle Anhänger des Suchers die giftigsten Spöttcrcycn ausströmet. Er schiebt alle Schuld auf den Sabinus, weil sie doch auf jemanden muß geschoben seyn. Wer aber kann sich wohl einbilden, daß dieser seinem Schwiegervater einen so Übeln Dienst habe leisten wollen? Wenigstens, wenn er cs gethan hat, so muß man ihm so viel Rcchtschaffcnhcit zutrauen, daß er etwas ganz gleichgültiges zu thun geglaubt hat. Er muß die Sinn- schriftcn seines Freundes für etwas unschuldiges angesehen haben, das von nichts weniger als gefährlichen Folgen seyn könne. Und auch alsdann habe ich schon viel gewonnen. Eben so unschuldig als sie dem Sabinus geschienen, eben so unschuldig haben sie auch dem XNelancbchcm scheinen können; und er selbst ist cs nicht in Abrede, weil er um Verzeihung bey dem Churfürsten bittet, daß er das Anstößige darinnc nicht sogleich wahrgenommen. O wahrhaftig, wo cs nicht gleich in die Augen fällt, wo man es lange suchen muß, da ist cs selten in der That anzutreffen! Doch ich bcsinnc mich, daß ich einmal recht freygebig mit Ihnen verfahren will. Wenn ich Ihnen zugebe, daß in der That alles ohne Billigung des Mclancbthons gedruckt worden, warum hat man den Sabinus nicht zur Verantwortung gezogen? Diesem, und nicht dem ^emnius, ist die Ucbcrgchung der Ecnsur zuzuschreiben. Dicscn straft man, wenn anders, cs scy nun durch seine Bosheit, oder durch seine Nachlässigkeit, ein strafbares Buch zum Vorschein gekommen ist. Ich sage mit Flcis ein strafbares Buch; dcnn wcnn cs cin gleichgültiges gcwcscn ist, wic ich in meinem vorigen Bricfc erwicscn habe, so ist weder dem einen noch dem andern, dem ^.cmnius aber am allerwenigsten, cin Vcrbrcchcn aus Vcrabsäumung cincr Ecrcmonic zu machen. Und mchr als cinc Ecrcmonic wäre cs nicht gcwcscn. — — Es ist mir recht lieb, daß ich hier abbrechen kann; denn wahrhaftig das Vertheidigen wird mir sauer, wcnn ich etwas allzulcichtcs zu vcrthcidigcu habc. Ich bin :c. Fünfter Brief. 285 Fünfter Brief. An ebendenselben. Ich kann also in meiner Erzchlung fortfahren?--Zch schloß meinen zweyten Brief mit der Flucht des Ä.cmnius, Sagen Sie nicht, daß ihn diese Flucht meineidig gemacht hat, »nd daß er vermöge des Eides, den er als ein akademischer Bürger geleistet, sein Urtheil hatte abwarten sollen. Wenn ich augenscheinlich sehe, daß mir meine Richter die Gerechtigkeit versagen werden, so entfliehe ich nicht meinen Richtern, sondern Tyrannen, wenn ich ihnen entfliehe. Ein aufgebrachter L.mhcr war alles zu thun vermögend. Bedenken Sie; seine blinde Hitze ging so weit, daß er sich nicht scheute in einer öffentlichen, an die Kirch- thiircn angeschlagenen Schrift zu behaupten; der flüchtige Dnbe, wie er den Ä.cmnius nennt, würde, rvcnn man ihn bekommen hatte, nach allen Rechten billig den Ropf verlohren haben. Den Kopf? und warum? Wegen einiger elenden Spöttereien, die nicht er, sondern seine Ausleger giftig gemacht hatten? Ist das erhört? Und wie hat -L.mher sagen können, daß ein Paar satyrischc Züge gegen Privatpersonen mit dem Leben zu bestrafen waren; er, der auf gekrönte Häupter nicht stichelte, sondern schimpfte? Zn eben der Schrift, in welcher cr den Epigrannnatistcn verdammt, wird er zum Pasquillanten. Ich will seine Niederträchtigkeiten eben so wenig wicdcrhohlcn, als des K.emmns seine. So viel aber muß ich sagen: was Aemnius hernach gegen wuchern ward, das ist Sucher hier gegen den Churfürsten von Maynz. — — — Gott, was für eine schrckliche Lcction für unsern Stolz! Wie tief erniedriget Zorn und Rache, auch den redlichsten, den heiligsten Mann! Aber, war ein minder heftiges Gemüthe geschickt, dasjenige auszuführen, was K.urhcr ausführte? Gewiß, nein! Lassen Sie uns also jene weise Vorsicht bewundern, welche auch die Fehler ihrer Werkzeuge zu brauchen weis! — — Diese gedachte Schrift des Luthers ward gleich nach der Flucht des Z.emnius angeschlagen, und zog seine öffentlichen gerichtlichen Vorladungen nach sich. Der Herr Prof. Rappe hat sie uns in dem dritten Theil seiner Nachlese aus einer Handschrift mitgetheilet. Wl! Minister Brief. Sic sind werth gclcscn zu werden, und ein Paar Anmerkungen die ich sogleich darüber machen will, werden Ihnen Lust dazu erwecken. Die erste ist diese: man läßt das Berbrechen des Kcmnius bloß darinnc bestehen, daß er in seinen giftigen Versen viel ehrliche Leute von allerley Stande angegriffen habe. Es ist bekannt, daß damals Melancbchon alle akademische Anschläge besorgte, und auch in diesem ist seine bekannte Behutsamkeit deutlich zu spüren. Er gedenkt der Lobsprüchc des Churfürsten Albrechts, derentwegen Sucher das meiste Lcrmcn machte, mit keinem Worte. Noch viclwcnigcr sagt er, daß ^.cmnius den Landesherr» angetastet habe. Zu beyden war er zu klug; jenes hätte einen blinden Haß verrathen; und dieses stand nicht zu erweisen. Meine zweyte Anmerkung wird Ihnen zeigen, daß man bey diesem Processe tumultuarisch verfahren. -ü.cmnius wird nicht, wie gewöhnlich, zu drey vcrschicdcncnmalcn, sondern gleich aus das erstemal pcrcmptoric citirt, und der Termin, den man ihm setzt, sind acht Tage. Dieser Umstand, sollte ich meinen, verrath mehr eine Lust zu verdammen, als zu verhören. Aemnius erschien, wie man leicht denken kann, nicht, und ward also öffentlich contumacirt und seine Relegation ward aus den achten Tag darnach, als den ,?tcn Julius, festgesetzt. Zu dem Anschlage, in welchem man ihn contumacirt, wird gesagt, man habe ihm in der Citation frcygcstcllt, entweder selbst, oder durch einen Bevollmächtigten zu erscheinen. Allein dieses ist falsch; cr wurde ausdrücklich in eigner Person vorgeladen, und es ist besonders, daß man sich auch nicht einmal so viel Zeit genommen hat, diese Kleinigkeit nachzusehen. Die Relegation ging also erwähnten Tages vor sich, und der Anschlag wodurch sie bekannt gemacht wurde, ist in so heftigen Ausdrücken abgefaßt, daß ^.emmus nothwendig erbittert werden mußte. Er war von Wittcnbcrg nach Halle, zu seinem 5Nacen«s dem Albertus geflohen, und hier fand cr vollkommene Freyheit, seine Feinde nach dem Sprichwortc: per s^ei'i'!mus paraw tnlln cnrmün dachte also auch A.emniris, und wcr weis ob wir nicht auch hcyde eben so gedacht hätten? Lassen Sie uns auf keine Tugend stolz thun, die wir noch nicht haben zeigen können. Ein beleidigter Mensch ist ein Mensch; und ein beleidigter Poctc ist es gedoppelt. Die Rache ist süssc, und Sie sollen es gleich an einem kleinen Exempel sehen. Ich will hier meinen Brief schließen, und Sie noch acht Tage auf meine Anekdoten warten lassen. Und warum?--Hat uns doch ihre Madcmoiscll Schwcstcr schon dreymal acht Tage vergebens auf ihren Besuch warten lassen. Aber, werden Sie sagen, was geht mich meine Schwester an? — — Aber hören Sie es denn nicht, daß ich mich rächen will? Leben Sie wohl! Siebender Brief. An ebendenselben. Sehen Sie, mein Herr, daß Sie noch rachgieriger sind als ich? Ich wollte nichts als eine Bcrzögrung mit der andern vergelten: Sie aber bestrafen meine Ncckcrcy durch die boshafteste Auslegung, die nur kann erdacht werden. Ich lasse Sie auf meinen Hurcnkricg warten, weil uns ihre Jungscr Schwc- Lcssings Wette m, II Siebender Brief. stcr auf ihren Besuch warten läßt. Ein artig Complimcnt! setzen Sie hinzu; und Sie haben recht. So geht cs einem Pedanten, wenn er galant thun will. Aber wo Sie diese Anmerkung nicht bey sich behalten haben, und wo Sie mich noch weiblichen Spöttcrcycn deswegen aussetzen; so sehen Sie sich vor! Doch vielleicht drohen Sie mir nur, um einem län- gcrn Aufschübe vorzubauen, und ihre schon beleidigte Ncubcgicrde vor fernern Beleidigungen zu sichern. Wenn das ist, so mag cs seyn. Es wird mir ohnedem zur Last, eine besondre Nachricht länger allcine zu wissen, und Sie würden sie nunmehr lesen müssen, wenn Sie auch keine Lust dazu hätten — — Unser Hurcnkricg also ist eine kleine Schrift in Octav auf drey Bogen, und hat folgende Aufschrift: Dutii pikvi ^uvermlis jUonaenonor- nomaeliia. Wo und wann sie gedruckt worden, finde ich anders nicht, als mit den Worten: Datum ex ^eliaia Olympiade rion-,, welche gleichfalls auf dem Titel stehen, angemerkt. Schon hieraus sehen Sie, daß sie Mmchesins selbst vielleicht nicht gesehen hat, weil er sie schlechtweg den -Hurent'rieg nennet, anstatt daß cr sie den Mönckshurenkrieg hätte nennen sollen. Diese Aufschrift, sollte ich meinen, und der Zusatz des Matthesius, daß cs eine Schandschrift wider den heiligen Ehestand, und besonders wider die Ehe der Priester sey, wird Ihnen den Znn- halt ungefehr errathen lassen; eben wie Sie aus der Erbittcrung dcs Aemnins, ungefehr auf den Ton und dcn Ausdruck wcr- dcn schlicsscn können. Schon die Zueignung, welche an L.mhe>m gerichtet ist, könnte schwerlich giftiger seyn: ^.ä eoloderrimum, et famol'il'simum vomirmm, Oominnm Dnotoiom I^iitlioiilm, fa- erarum ccremvniariiin renovatnrem, emil'arum korenl'imn sdmi- nittratorem, ^reliie^ifcn^nm ^VitoliorAvnl'em, et totius Laxonise primatom, zier Kermamruri prnpliewm, Dcn Norwurf den er ihm hier unter andern wegen der gerichtlichen Angelegenheiten macht, in die cr sich, anmaßlichcr Wcisc, gemischt habe, diesen, sage ich, hat Acmnius in seiner Apologie nach seiner Art bewiesen, durch ein Paar schändliche Erzählungen nehmlich, die mir das Zeichen der Erdichtung gleich an der Stirnc zu tragen scheinen. In einer davon will cr uns untcr andern bereden, daß L.utherus durch eine gewisse sträfliche Handlung zu dem be- Siebender Brief. 291 kannte» Sprüchwortc: 'Hier liegt Ver Hunv begraben, Gelegenheit gegeben habe. Doch davon ein andermal, damit wir von der Monackopornomachic nicht zu weit abkommen. Ihnen in wenig Worten einen Vcgrif davon zu machen, muß ich sagen, daß sie eine Art einer Komödie ist; ich sage eine Art, und noch dazu eine der allcrschlcchtcstcn Arten: oder sollte ich sie nicht vielmehr einen Mischmasch unzüchtiger Gespräche nennen, die ungefehr den Schein einer Verbindung haben? Die Personen, welche darinnc ausgeführet werden, sind: Venus, die Liebesgötter, der Gott vcrbothncr Ehen, Luther, Zonas, Spala- tinus, die Weiber dieser drey Männer, Cotta, Elsa und Zutta, einige Freunde des Luthers, verschiedene Liebhaber der benannten drey Matronen und andre Nebenpersonen; wie es denn der Dichter auch nicht an ein paar Chören hat fehlen lassen. Die Handlung läuft ungefehr dahinaus: Anfangs suchte sich Luther von seiner Käthe, die er schon im Kloster unter Versprechung der Ehe, soll gebraucht haben, auf alle mögliche Art los zu machen. Doch da er eben am eifrigsten daran arbeitet, und schon im Vcgrif ist, eine andre zu hcyrathcn, kömmt ihm seine alte Liebste aus dem Kloster über den Hals, und weis ihn so feste zu fassen, daß er sie nothwendig zur Frau nehmen muß. Als seine Freunde, Jonas und Spalatinus dieses sehen, wollen sie ihn in der Schande nicht allcinc stecken lassen, sondern nehmen ein jeder eine von den geistlichen Nymphen, welche Käthe aus ihrem Kloster mit gebracht hatte. Doch alle drcyc finden ihre Männer hernach ziemlich ohnmächtig, so daß sie sich nothwendig auf auswärtige Kost befleißigen müssen. Hier findet L.em- nius Gelegenheit die Frau des Spalatinus fein mit dem Worte 8paclo spielen zu lassen, und durchaus solche Dinge anzubringen, welche Aergerniß und Eckcl erwecken. Die kleinen Gedichte, welche an der Bildsculc des Priapus sollen gestanden haben, sind bey weiten nicht so schmutzig, und ungleich sinnreicher. Ich glaube nicht, daß Sie mir es zumuthcn, etwas daraus anzuführen: damit Sie aber doch nur einigermassen urtheilen können, so will ich Ihnen die Anrede an Suchern, welche gleich auf die oben angeführten Worte folgt, abschreiben. Wann sie Ihnen ihrer eignen Schönheiten wegen nicht gefallen will, so bedenken Sie nur, daß sie 19" 292 Siebender Brief. ans einer, mit dcm Herrn I«noy^ zu reden, ganz cmselzlich raren Schrift genommen ist, vielleicht gefällt sie Ihnen alsdann besser. Denn an dcm raren, mein Gott! muß doch wohl etwas scyn. ^cl I^itlionim. pneis rivrnitios, vt cmisi» I^utlicrv tumultus, O vt 8klxnnic!v ^eriillv priütos a«z>n!v, sjui rv^is indoetum liillax tino i»ro ^>o^vllum, <)>>!i^uo tno olmnm erimiiio ro^llis ci^us, Lilxcmieasiniv ionvs urdos, vt ittliuma. H>t til)i I^ouvnniinl 1»I»jieis i^l'v tmii», ijui vaeuos cul^ia liamiias, tolvis«^io nnvvntos. <)ui«juv reos tillsn, ^iclle'is kutv sirvmis, pvrtv«Mvrisiiv j»ias intiAiii lrautlo i>ootss, IZt hui eattitlills ^>vllis !>.d urdv Dvüs; sjui totivs va^tos ^UAulal'ti millv volonos. Lt totios ro^!lr»s Iionii!.-» >>olla m.imi; t!u^u8 vt auf^>iciis lucluiunt silNAiiiiiv toss-v^, IZt rnlioos tluetus uncla eruvnta cloclit, tnties ^lltriis srsonint iFniuus »rovs, 1>vrtulit vt tantum 'Ivutoiiis or.i mulum! 8i til)i ^»nlisnvr oofsimt eoiivitii» liiiAUiv^ I^t vitvst cunn» mentnlii sortv tu», ^cei>>o »on Imt» ^>rveor Ii.ve mvi» viu'muia vultu. sjuos^uv tloclit lut'us pivris insa IvAv. 1'ristia vuni clvllvrint not'tr!« solntia I^t j>oto,-int versus llis^Iieiiil'l'v moi; 1"um meliora tilii, tun» oanclillit vrimina notevs, Iiieortusl^uo IvZvs ^ignora ckara tua. Ich will cs cincm ncucn Lochläo überlassen, alle dicsc Vorwürfe durch nöthige Erdichtungen, wann cr keine wahrhafte Begebenheiten finden kann, zu unterstützen. Zch begnüge mich, Zhncn meinen Abscheu gegen solch lüdcrlichcs Zeug zu bezeigen, und zu versichern, daß dieses noch das allcrzüchtigste ist, was ich aus dcn ganzen drcy Bogen habe aussuchen können. Es ist aber auch nur der Anfang, von welchem man, in Ansehung des Endes, noch mit Recht sagen könnte: Achter Brief. 293 Hv5init In j>!I'com mulior lonnol'-l 1'ii^oino. Dieses Ende ist ein Chor von Babylonicrn, und fängt sich folgender Gestalt an: I^ul'us, »i I^u^orcal, 8on llaraüa, <^uiv Femel Latoni Olim vil'it fuero — — — Doch ich komme wieder in das Abschreiben, und bedenke nicht, mit was sür Niederträchtigkeiten ich mir diese Mühe gebe; ich habe nur immer bloß ihre Seltenheit vor Augen. Kurz vor dieser Stelle wird noch ein gewisser valcns von Nibra, als der Liebhaber der Röche eingeführt. Ich vermuthe, daß er ein Tischgcnossc wenigstens ein Hausgenosse des Suchers gewesen ist, von welchen, wenn ich nicht irre, Götze eine historische Dissertation geschrieben hat. Ich habe sie zwar vor langer Zeit einmal gelesen, ich kann mich aber nicht besinnen, diesen Namen darinnc bemerkt zu haben. Ey! ey! Wie wird die gute Rärbe geschimpft haben! Man sagt ihr ohnedem nach, daß sie ein wenig stolz und unleidlich gewesen sey. Und wenn ^ — — Eben jetzt überfallt mich unser gemeinschaftlicher Freund, Herr B"^. Die Freude über einen so seltnen Besuch macht, daß ich nicht einmal den angefangenen Perioden ausschreiben kann. Ich habe alles vergessen. Trösten Sie sich mir; es wird nicht viel besonders gewesen seyn. Wir empfehlen uns beyde ihrer Freundschaft. O wie wollen wir schwatzen! Leben Sie wohl. Ich bin :c. Achter Brief. An ebendenselben. Sie hatten ihrem letzten Briefe des Herrn Malchs Geschichte der Cacharina von Bor« beygelegt; und ich merke gar wohl, warum? Der Schluß meines vorigen Schreibens ist Ihnen anstößig gewesen, und Sie haben das Andenken dieser rcchtschaf- 294 Achter Brief. ncn Frau bey mir nicht besser zu retten gewußt. Ob Sie es nun gleich nicht nöthig gehabt hätten, so muß ich Ihnen doch für die Mittheilung dieses Werks den verbindlichsten Dank abstatten, weil ich kein gemeines Vergnügen dabey gefunden habe. Und nothwendig muß es allen denjenigen sehr angenehm seyn, welche auch Kleinigkeiten und häußlichc Umstände von grossen Männern zu wissen begierig sind, weil diese auf ihren Charakter oft ein grösseres Licht werfen, als alles das, was sie vor den Augen der Welt verrichtet haben. Luther aber, welches Bekenntniß ich Ihnen schon mehr als einmal gethan habe, gehört in der That unter die grossen Männer, man mag ihn auf einer Seite betrachten auf welcher man will; und das Leben seiner Frau beschreiben, heißt ihn auf derjenigen Seite bekannt machen, auf der ihn wenige kennen, und welche auch bey den größten Helden gemeiniglich die schwächste ist. Wären alle die Beschuldigungen wahr, welche seine Feinde der LmharmK von Bora machen, so müßte die Liebe über wuchern allzuviclc und allzuschimpflichc Macht gehabt haben, wann er das lüdcrlichstc Weibsbild so zärtlich geliebt hätte, als er in der That seine Frau geliebt") hat. Wegen ihrer Herrschsucht ist ihr Gedächtniß am meisten angefeindet worden, und ich selbst kann sie noch nicht recht davon frey sprechen, ob ich gleich bekenne, daß Herr IVttlcb alles gesagt hat, was man nur immer zu ihrer Rettung sagen kann. Er hat vieles beantwortet; ein Zeugniß aber hat cr gleichwohl nicht beantwortet, vielleicht weil es ihm nicht bekannt gewesen. Dieses Zeugniß schreibt sich von einem Manne her, welcher unter die Feinde unsers Luthers nicht gehört, von dem -Henricus Stcphanus nehmlich, unter dessen Gedichten man ein Epigramma findet, von welchem ich allezeit geglaubt habe, daß es eine kleine Verspottung des unter der Herrschast seiner Frau stehenden Reformators seyn solle. Ich wollte wünschen, daß es ihm bekannt gewesen wäre, um zu erfahren, was man darauf antworten könne. Vielleicht fällt Ihnen, mein Herr, °) Die Worte „hätte" bis „geliebt", welche der Originalausgabe fehlen, sind in der von 1784 hinzu gefügt. Ncuutcr Brief. eine Antwort ei»; Ihnen, dessen Einbildungskraft immer gegenwärtig ist. Hier haben Sie es: Vo t^onivlio. I^xorvm voeititt Dc>«ttna//t l^oi»loptuno etc. so übcrsctzcn Sic dicse Zeilen, wie sie die meisten Kunstrichtcr übersetzt wissen wollen, zn-Imn, t»»us ist Ihnen Gricchcnland. Andre verstehen darunter die ncucrschafcnc Erde: andre das Ufer. Daß sich dicse Herren insgesammt gcirrt habcn, wundert mich nicht; denn was fehlt ihnen öftrer als Geschmack und Bekanntschaft mit dcn poetischen Schönheiten^ Allein, daß Sic sich, mit ihnen, irren: das wundert mich. Ich finde hier nichts als die Versetzung der Beywörter; cinc dcn Dichtern sehr gewöhnliche Figur. Neptun» vrol'l'ei'ui>t anlmalia itt!» Nutum et tui^»o ^>. Ihre Werke sind Ausbrüchc des sie treibenden Gottes, «juos noc mulw clies nec multa litur» co^rcuit. Es giebt andre welche -Hör«; r-mos nennt, und welche nur allzuviel Democrite unsrer Zeit üvlioono exeluclunt. Sie wissen sich nicht in den Grad der Bcgcistrung zu setzen, welcher jenen eigen ist; sie wissen sich aber in demjenigen länger zu erhalten, in welchem sie einmal sind. Durch Genauigkeit und immer gleiche mäßige Lebhaftigkeit ersetzen sie die blendenden Schönhci- Fiinfjchntcr Brief. 307 ten eines auffahrenden Feuers, welche oft nichts als eine unfruchtbare Bcwundrung erwecken. Es ist schwer zu sagen, welche den Vorzug verdienen. Sie sind beyde groß, und beyde unterscheiden sich unendlich von den mittelmäßigen Köpfen, welchen weder die Reime eine Gelegenheit zur fleißigern Ausarbeitung, noch die abgcschaftcn Reime eine Gelegenheit desto feuriger zu bleiben sind.")--Was meinen Sie, sollte ich wohl Recht haben? Es wird mir lieb seyn, wenn Sie ja! sagen; und ich werde es nicht ungcrnc sehen, wenn Sie nein! sprechen. Denn nichts kann mir an einem Freunde angenehmer seyn, als vcr- schicdne Meinungen in gleichgültigen Sachen. Leben Sie wohl. Ich bin zc. Fünfzehnter Brief. An ebendenselben. So, mein Herr? Fragten Sie mich nur deswegen was ich von dem Reimen halte, um mich hernach mit desto grösserer Drcustigkcit fragen zu können, was ich von dem Messias des Herrn Rlopstocks halte? Ucbcrhaupt, scheinen Sie mir es schon zu wissen, daß ich mit unter seine Bewunderer gehöre; weil Sie sonst schwerlich ihre Frage in den Worten des Horatz: ^F0, ^»i^Io, ?u niliil !n müF»o claotuts rv^ieliouclis Ilvmoro? würden ausgedrückt haben. Aber aus eben den Worten sehe ich auch, daß Sie gern etwas mehr als meinen Beyfall hören möchten. Sie wollen so etwas, das einer Critik nicht ungleich ist. Nicht wahr? Vor acht Tagen würde ich schlechthin geantwortet haben: damit vermenge ich mich nicht. Ich bin Zeit meines Lebens keinem Dinge gramer gewesen, als den Eritikcn über Gedichte. Vielleicht, weil ich sie mehr zu besorgen hatte, als andre? Das kann seyn. Aber, wie gesagt, vor acht Tagen ungefehr hat mich ein Geist getrieben, welcher ohnfchlbar nicht der beste seyn mochte. Er trieb mich, Gedanken auf das Papier zu werfen, die mir schon mehr als einmal in den Kopf gekommen waren. Und diese Gedanken betrafen eben das, wes- *) Vcrgl. oben S. 177. 20* Fünfzehnter Brief. wcgcn Sic mich jctzo fragen; gleich als wenn ich es voraus gewußt hätte, daß Sic mir einmal den Bcrdruß, einem Freunde etwas abzuschlagen, ersparen würden. Noch liegen sie in dem Concepte unter hundert Strichen und eben so viel Klecksen begraben. Sie Ihnen also mitzutheilen, muß ich sie nothwendig abschreiben, und damit ich sie gewiß abschreibe, so will ich cS gleich jctzo thun. Aber Geduld, mein Herr, Geduld werden Sie und ich nöthig haben.--Ich will nur meine Feder erst ablupscn, und alsdcnn gleich anfangen. Ueber das -Heldengedicht der Messias.°) „Hat dcr Messias dic witzigen Köpfe und ihre Richter wirklich getrennt, oder ward er nur dcr Probierstein, welcher diejenigen, dic diese Benennung verdienen, von denen unterscheiden mußte, dic widerrechtlich in dcm schmeichelhaften Besitze derselben sind? Können unter scincn Tadlcrn Lcute von dcm fcinstcn Geschmacke seyn, so wohl als deren unter seinen Bewundrern sind? Odcr verrathen jene unumgänglich einen Geist, in dcr Bildung verdorben, das erhabne Schöne zu empfinden, so unumgänglich als dicsc von ihrcn cigncn Fähigkeiten ein sicheres Zeugniß ablegen? — — Wenn man mir dicsc Frage zuvcrläßig entscheiden wollte, so könnte ich mich in dcm folgcndcn darnach richten. „Dic Klopstockiancr wenigstens haben alles gethan, was man von ihncn fordcrn kann. Dic Klopstockiancr? — — Warum nicht? Man göunc cincm Dichter vom crstcn Range die Ehre, dic nur zu oft cin sehr mittclmäßigcr Wcltwcisc cr- hält. — — Sie haben dic Schönheiten des Messias aus einander gesetzt; sie haben die Gründe ihrer Vcwundrung angezeigt. Dcr Hcrr Prof. Meier hat das Wort gcführct; dcr Verfasser dcr Acsthctick; dcr geschickteste von Schönheiten, dic man nicht empfindet, zu beweisen, daß man sic cmpfindcn solle. „Das Gegentheil hat auch das Scinigc gethan. Es hat geschimpft. Man sollte schwören, die Schwcizcrschcn Kunstrich- tcr wären von dieser Parthey. Man irrt sich; denn dicscsmal sind sic bcy sich überzeugt, daß sie Recht haben. Nach und °) Das Folgcndc war schon i» dcm Ncncstcn ans dcm Rcichc dcs Witzcs, Monat Scptcmbcr 1751, gcdrnckt, Fuiifzchutcr Brief. 30!» nach hatten es die berühmte» Profcssorcs G^^ und T"* von ihnen gelernt; und wie man gesehen, recht glücklich. Der gemeine Soldat, der die meisten Prügel bekommen hat, wird der Korporal der die meisten Prügel giebt. Ich glaube aber doch, daß diese wackre Männer, nicht deswegen ans dm Messias gelästert, weil sie gesehen, daß er vortrcflich sey, sondern weil sie sich der Mühe überheben wollten, zn beweisen, daß er es nicht sey. Ihr Schimpfen war, ohne Zweifel, die Folge aus Aor- dcrsätzcn, die sie so überzeugend dachten, daß sie mciiictcn, ein jeder müsse sie bey sich empfinden; die sie also verschwiegen. „Ich habe einen Einfall bekommen, der — — vielleicht nicht viel taugt. Ich will einige Gedanken auf das Papier werfen, die ich die Feinde der Klopstockischcn Muse nicht mißzudcu- tcn bitte. Sie würden mir eine allzukützlichc Ehre erzeigen, wenn sie mich unter ihre Zahl aufschreiben wollten. Ich bin von der Schönheit des Messias so überzeugt, als sie es kaum von der Schönheit ihrer eignen Poesie seyn können. Das selbst, was ich daran aussetzen will, soll es Ihnen beweisen. „Das ist wunderlich, wird man denken. So gar wunderlich nicht. Es giebt eine Art des Tadels, welche dem Getadelten Ehre macht. Man tadelt den Hannibal, daß er nicht Rom belagert. Welchem geringern Feldherrn von allen, die jemals an der Spitze römischer Feinde gewesen sind, macht man diesen Vorwürfe Keinem. Der einzige Hannibal war so weit gekommen, daß er es thun konnte, und nicht that. Wie viel Siege mußte er vorher erstritten, durch welchen Muth, durch welche Klugheit, durch welche Schnelligkeit im Entschlicsscn mußte er sich in das Recht gesetzt haben, zu desto grösser» Thaten Hofnung zu machen, je grössere er verrichtete, ehe man ihm den über alle Lobsprüchc steigenden Tadel machen konnte: und er hat nicht Rom belagert? Man schätzet jeden nach seinen Kräften. Einen elenden Dichter tadelt man gar nicht; mit einem mittelmäßigen verfährt man gelinde; gegen einen grossen ist man unerbittlich. Bleibt sich dieser nicht allezeit gleich, entwischt ihm hier und da eine matte Zeile: diese matte Zeile, welche die Zierde eines mittelmäßigen Dichters seyn könnte, wird unerträglich: so wie man jeden guten Einfall, den man bey ci- . ^ 310 Fünfzehnter Brief, »cm gemeinen Kopfe findet, bedauert, daß er nicht in einem der Ewigkeit gewidmeten Werke stehet, ob er gleich noch um ein grosses ausgeputzt werden müßte, ehe er dämme glänzen könnte. 8ie milii, il jmmus ktd oi'ii? Italiam, s-rto proluAus, I^avingsjuo vonit I^ittora: multim» illv et tvrris ^setatu« et ultu, Vi tu^ieium, t'aevN mvmoreni ^unoiii« »l« ii.im. Nultit t^uo«n>o et liollo Kultus, llum eonclerot iiilioi», lnserrotijue Ueos I^atio: Avnus nncle I^atinui», ^VIl»gn!i»»^ ad oils ltali-ini venit; seinen Eharaktcr iiisoreetcjuo Ovos I^ittio, als den frommen Acncas; die vornehmsten Maschinen, I?kt»m, vls t'uponim, >1cino»i8 iril; sondern auch die beyden Theile der ganzen Acncidc darinnc gefunden zu^ haben, den ersten multum illo et toiris ^setatus et »Ito, den Zweyten niultir ljuocjuo et dvllo ^nltus. Es gefiel mir also, den Eingang des Messias vorzunehmen. Zch wußte, daß die Geschichte zu heilig sey, als daß der Dichter den geringsten wesentlichen Umstand ändern dürste; ich schmeichelte mir also desto eher etwas daraus zu errathen. Zch sing an zu zergliedern; jede Gedanke insbesondre, und eine gegen die andre zu betrachten. Nach und nach vcrlohr ich meinen Zweck aus den Augen, weil sich mir andre Anmerkungen anbothen, die ich vorher nicht gemacht hatte. Hier sind die vornehmsten davon. „Singe unsterbliche Seele der sündigen Menschen Erlösung, Die der Messias auf Erden in seiner Menschheit vollendet, Und durch die er Adams Geschlechte die Liebe der Gottheit Mit dem Blute des heiligen Bundes von neuen geschenkt hat. Also geschahe des Ewigen Wille. Vergebens erhub sich Satan wider den göttlichen Sohn; umsonst stand Zudäa Wider ihn auf: er thats und vollbrachte die grosse Versöhnung. Aber, o Werk, das nur Gott allgegenwärtig erkennet, Darf sich die Dichtkunst auch wohl aus dunkler Ferne dir nähern ? Weihe sie, Geist Schöpfer, vor dem ich im Stillen hier bete. 312 Fünfzehnter Brief. Führe sie mir, als deine Nachahmerin, voller Entzückung, Voll unsterblicher Kraft, in verklärter Schönheit entgegen. Rüste sie mit jener tiefsinnigen einsamen Weisheit, Mit der du, forschender Geist, die Tiefen Gottes durchschauest: Also werde ich durch sie Licht und Offenbarungen sehen, Und die Erlösung des grossen Messias würdig besingen. „Man weis, daß der Eingang eines Heldengedichts aus dem Znnhaltc und aus der Anrufung besteht. Die oben angeführte Stelle des Nirgils ist der Inhalt, die vier darauf folgenden Verse sind die Anrufung. Also auch hier. Der Inhalt geht bis auf, und vollbrachte die grosse Versöhnung; das übrige ist die Anrufung an den Geist Gottes. Virgil sagt: ick singe die Massen und den Held; Klopstock sagt: singe unsterbliche Seele. Nichts thut man lieber und gewisser, als das was man sich selbst befohlen hat. Ich weis also nicht, wie der Herr Professor Meier hat sagen können: iLr ruft nicht etro» eine heidnische Muse an, sondern er befiehlt, auf eine ganz neue Art, seiner unsterblichen Seele zu singen. Nicht zu gedenken, daß der Herr Professor den Inhalt und die Anrufung offenbar hier verwechselt, und daß es eine greuliche Thorheit würde gewesen seyn, wenn Klovstock eine heidnische Muse hatte anrufen wollen; will ich nur sagen, daß alles neue, was in dieser Stelle zu finden ist, in einer grammatikalischen Figur bestehet, nach welcher der Dichter das, was andre im Indicativ» sagen, in dem an sich selbst gerichteten Imperativs sagt. Der Sänger des Messias hat überflüssige Schönheiten, als daß man ihm welche andichten müsse, die keine sind. Die erste Zeile würde also, wenn man sie in den gewöhnlichen Ausdruck übersetzt, hcisscn: Ich unsterbliche Seele,°) singe der sündigen Menschen Erlösung. „Diese Anmerkung ist eine Kleinigkeit, welche eigentlich den Herrn Prof. Meier bctrift. Ich komme auf eine andre"-- Nun wahrhaftig, daß heiß ich abschreiben. Erlauben Sie mir, daß ich hier ausruhen darf. Ich verspäte den Rest zu meinen folgenden Briefen, in welchen ich vielleicht--Doch °) „Ich unsterblicher Klopstock" im Neueste». Sechzehnter Brief. 313 ich will nichts versprechen. Es wird sich zeigen. Leben Sie wohl. Ich bin Zc. Sechzehnter Brief. An ebendenselben. Meine erste Anmerkung betraf ein falsch angebrachtes Lob des Herrn Meiers; und bey dieser blieb ich stehen. Ehe ich weiter gehe, will ich noch dieses hinzu setzen. Gesetzt dieser Eriticus hätte den Inhalt und die Anrufung nicht verwechselt; gesetzt Herr Rlopstock rufe wirklich seine unsterbliche Seele an, wie ein andrer die Musen anruft: so würde auch alsdann in dieser Wendung nichts neues seyn. Hat nicht schon Zvanre sein Genie angerufen? O Alulo, o alto'liAvizno, lim- manitate: O Alonto, clio lerivcl'ti eio vli i'vicli; tjui 1i ^>!>i'i'!>, I» tun, noliilitilto. Und was noch mehr ist; hat nicht einer der größten französischen Kunstrichtcr, Rapin, ihn deswegen getadelt? Wollen Sie aber sagen: ja hier ist mehr denn R«pm! hier ist Meier! so zucke ich die Achseln und gehe weiter. Erste Fortselznng.") „Ich komme auf eine andre Anmerkung, welche die Bescheidenheit angehet, die nach der Vorschrift des -Hora; in dem Eingänge des Heldengedichts herrschen soll. Ich muß die Stelle des römischen Kunstrichtcrs nothwendig hersetzen. Z^oo lio inci^ies ut leii^tor t^elicus olim /^'/«Mt cai^tt^c) et »o^//o ^e//«//-'. ljuid kei-ot Iiio tauto cliznum ^romitlor Iiiutu? I^arturiunt montvs^ n»lLetue ri^?<»'« ?>on suiuum ox sll>A - »j»^..^. ^/»^.>-.'M^,^">^».^««^?M^N>U?^ Sechzehnter Brief. nicht bey der Hand, sonst wollte ich zeigen, wie sich -Hora; im Deutschen hiervon ausgedrückt haben würde, wenn er Gottsched gewesen wäre.--- Doch, man wird es hoffentlich ohne Uebcr- sctzung sehen, daß Horaz hier dem epischen Dichter den Rath giebt, nicht als ein Großsprecher anzufangen,- nicht als jener krMschc Poet: Ich will das Glück des Priamus und den edlen Rrieg besingen; sondern bescheiden wie der Dichter, der nichts verwegen untcrnimt: Sage mir, Muse, den Mann, der, nachdem Troja eingenommen rvorden, viele Städte und vieler Menschen Sitten gesehen hat. Ich bin so kühn zu glauben, daß diese Stelle noch nie recht erkläret worden ist. So viel als ich Ausleger des Horaz nachgeschlagen habe, so viele wollen mich bereden, daß das Tadclhaftc des Mischen Poeten in den Worten liege. Voßius sagt, die Worte darinne wären jon-mti», vi»rw, tumicla und bringt zur Erläuterung den Anfang der Achillcis des Statius bey. Ali^ttilmmuni ^.oaeitlkmi, foimlclatammio ?'oimnti proZeniein esnimus. Zn dem ersten Verse, sagt er, ist ein sechsfaches A; er sängt sich mit drey vicrsylbigtcn Wörtern an, wovon das letzte durch das angchangcnc nuv noch länger wird; die Aussprache ist also beschwerlich. Wann Voßius Recht hat, so sage man mir, ob nicht Homer, er, den Horaz gleichwohl zum Muster anführt, in seiner Zliadc in eben den Fehler gefallen ist? I^isvt,v «xt<5x ^76« '^.^c^Ho«? O^.'^o^kv^v. Das scchssylbigtc Hi^is-'n'cixui, das vicrsylbigtc '^x^>so^, das eben so lange O^o^xv^v, der Zmperativus «xtFx, den schon der Sophistc Protagoras als zu bcschlcrisch getadelt hatte, klinge» in der That weit großsprecherischer, als: k'oituiiam prillmi cantsbo et nodilv dollum. Hier ist kein scchssylbigtcs Wort, nicht einmal ein viersylbigtes, hier ist kein singe mir Muse! Horaz müßte also, was er an der Odyssee gelobt hätte, an der Zliadc getadelt haben, wenn er nicht an dem Verse des kvklischcn Dichters ganz etwas anders aussetzte. Und was ist das? „Der Eingang eines Heldengedichts, wie gesagt, besiehe Sechzehnter Brief, 315 aus dem Zmihaltc lind aus der Anrufung. Man lasse uns nunmehr die Exempel der Griechen gegen die Ercmpcl der Römer halten. Man wird einen Unterscheid antreffen, welcher so deutlich ist, daß ich mich wundre, wie ihn noch niemand") angemerkt hat. Die griechischen Hcldcndichtcr verbinden den Inhalt und die Anrufung; die römischen trennen sie. Den Anfang der Zliade und der Odyssee habe ich schon angeführt. Dort heißt es: Besinge mir, Gstrm, den Zorn des Achilles :c. Hier Sage mir, Muse, den Mann:c- Bcydcmal ist die Gottheit bey dem Dichter das erste. Er erkennet seine Schwäche. Er sagt nicht: ich will den und jenen Helden besingen; er untersteht sich nichts, als der Muse nachzusingen. Durch diesen einzigen Zug schildert er sich als einen bescheidenen Mann, als einen Mann, der sich der Gnade der Götter überlasset; zwey Stücke, welche ihm das Vertrauen der Leser erwecken, nnd den zu er- zchlcndcn Wundern einen Grad der Wahrscheinlichkeit geben, den sie nicht haben würden, wenn sie sich bloß auf ein menschliches Ansehen gründeten. Die wcitläuftigcii griechischen Dichter alle, sind dem Homer hicrinnc gefolgt. Aratus fangt an: ^öl,- «9XU^k0^«> Apollonius Rhodius o'xci, wvtjZx — — — und mit diesem Gebete verbinden sie so gleich den Inhalt. l°) Außer vicllcickt der einzige Cowlcv, welcher in den Amiicrrungcn z» dem ersten Buche seiner Daviders folgendes schreibt: ?'iie Outtoin o5 >io- xiiminx All Poems, -»-IN, I>i'oiivsitiun os Nie vilolo voi'K, iincl sn Invo- ciilion os some <üo>I kor Iiis »ssiktilnce I» xo Ilirvuxll villi il, i« so kolemiil^ «n>I religiousl/ olikelvell illl lllv -lneient ?ovts, lliilt llioussli I ooulll Iliive kounci out it oelter ^v»v, I kllvuUl not (I lliink) Imvo vei»iire>i »nou it. Lut tliero e»n Iie, I delievo, none detter; ?»»> luat ngrt os tue Invo- cstion, ik it »eciline » Ile»tl>en, is 110 lel» necessur^ sor » rllriktisnI>oe>. ^ove /»'»!c<^i«m ^/,;/«e; «nci it follons Illen vei^' niUursll^, »/ov» omnia ^>/e?ia. riw vvllole ^vvili m»> reilsoiiülilv uone lo I)u Mlecl vill» i» Mvine 8>i!rit, ^vlien it Iiexin» viril !l prüder lo Iie so. 'rilv lZrsci!»!» Iiuil »lis pvilill vitll lekü stille, siill milllo Iiut vne vilit of tliete in >vlii<:l>, si»I slniosl sll lliinxs elko, I proker Nie ^juilzmeilt vs llls I.slins; lllougli xener^II^ luv .lulikecl ll>e ?r»>er, I>v oonverlinx it srom tlle veil^, lo tlle vorkt vk Ale», tlieir prinees: I^li(->» .iiiresses it to ^'ei'o^ siul Stslius «o ^1<»n//!an; dolll imitilting Uierei» ^In» not elluülling) Virxil, vlw in In» KeorgioKs elmsos ^Uizustns sor Nie VHect vk Ili» luvoosllion, » Ko«> iiltle kunerior to tue oliier l^vo.^I Anmerkung der Ausgabe von 1785, 316 Sechzehnter Brief. ' - ?>s^i.i.cs>«l 1^k>t«6x^, 7ror«^i.c>i? L«v^oto ^x^kxA-^kj "Lo'ncxi'x ^>.ot ll. f. W. singt Eoluthus zu Anfange seines Raubes der Helena. Der zärtliche Musäus selbst, wenn er anhebt: ZZtTlx, K^-^, x^ucpluiv sirl^i.«^^^« )^x^^c>v R.«^ vl^x^^ irX,u)?^« A'cxX.ocv'o'ciiro^lvv i^i.i.x^cx/uiv U. s. lv. Besinge mir, Göttin, die Fackel die Zeugin verborgener Liebe; Den nächtlichen Schwimmer zum Feste des Ehcgotts, jenseit dem Meere, Die dunkeln Umarmungen, unübcrrascht von der Bothin des Tages, Besinge mir Scst und Abyd, wo sich Her» im Dunkeln vermählte zc. vergißt diese heilige Gewohnheit nicht. Und, daß ich cs kurz mache, die Unterlassung dieser Gewohnheit ist cs offenbar, welche Horaz an dem kyklischcn Porten tadelt. Der Stoff seines Liedes war allzuwichtig, als daß man glauben könnte, er würde ihn ohne eine göttliche Begeisterung ausführen können. Anstatt das Glück des PriKMns und den edlen Rrieg rvill ich singen; hätte er also nach dem Beyspiele des weisen Homers sagen sollen: Singe, Muse, das Gluck des Priamns und den edlen Rrieg; und alsdcnn würde er dem Tadel des Römers entgangen seyn. Es ist auch in der That besonders, mit einem stolzen Ick anzufangen, und alsdann die Musen anzurufen, nachdem man schon alles auf die eignen Hörner genommen hat. Das heißt anklopfen, wenn man die Thüre schon aufgemacht hat. „Nach dieser Erklärung nun wird man ohnschwcr errathen, was ich auch in Ansehung des Messias wünschte; daß Herr Rlopstock nehmlich dem Exempel des Homers gcfolgct wäre. Es würde ihm, als einem christlichen Dichter, um so viel anständiger gewesen seyn, wenn der Ansang ein Gebet gewesen wäre; als daß er seiner Seele befiehlt ein Werk zu besingen dem sie, so unsterblich sie ist, zu schwach ist, wenigstens ihm gewachsen zu seyn, sich nicht rühmen muß. Es ist wahr, das dcmüthigstc und zugleich erhabenste Gebet folgt darauf; allein der kyklischc Dichter wird die Anrufung der Musen gewiß auch nicht vergessen haben; und gleichwohl tadelt ihn Horaz. Siebzehnter Brief. 317 „Ich will mich nicht länger hierbei) aufhalten. Mein ganzer Tadel ist vielleicht eine Grille, die sich, wie man sagen wird, auf nichts, als das Ansehen des Homers gründet. Wann nun aber Homer eben durch diese religiöse Bescheidenheit das Lob eines Dichters, yu> ml molitur inc!pto verdienet hatte? — — Doch ich gehe wieder zurück anstatt weiter zu gehen. Was ich bisher gesagt, hat den Eingang des Messias überhaupt betroffen. Man erlaube, daß ich ihn nunmehr Zeile vor Zeile betrachte. — —" Sie aber, mein Herr, werden mir hier wieder einen kleinen Ruhcvunct erlauben. Zch bin das Denken wcnig gewohnt, aber das Abschreiben, ohne zu denken, noch weniger. Und was kann ich neues bey etwas denken, was ich schon durchgcdacht zu haben glaube? Zch bin zc. Siebzehnter Brief. An ebendenselben. Zch füblc mich bellte zum Bricfschrcibcn so wcnig aufgelegt, daß Sie ganz gewiß, mein Herr, dicscsmal keinen bekommen würden; wenn ich mich nicht zu allem Glückc besänne, daß ich ja nur abschreiben dürfte, um einen Brief fertig zu haben. Wenn es weiter nichts ist, so wollen wir wohl sehen.-- Zweite Fortsetzung. °) „Singe unstcrblichc Seele der sündigen Menschen Erlösung. „Ueber die Anrede habe ich mich schon erklärt. Man betrachte sie als eine blosse Anzeige dessen, was der Dichter thun will, oder als eine Aufmuntcrung an sich selbst, so muß ich bcydcmal fragen, warum er hier seine Scclc, auf der Seite eines unsterblichen Wesens betrachtet? Zch weis es, die Erlösung ist nichtig, wann unsere Scclcn nicht unsterblich sind; dcr Stoff, den er sich gewählt, ist ein Stoff, der ihm in die Ewigkeit nachfolgt; und aus diesen Gründen würde man das unsterblich vielleicht rechtfertigen können. Allein man sage mir, hat dcr Dichter hier nicht die Gelegenheit zu einer weit gcmässcrn, zu einer weit zärtlichern Vorstellung aus den Händen gelassen? °) Ebenfalls ans dem Neuesten, September 17Z1. 318 Siebjchittcr S-ncf, Würdc es nicht noch schöner gewesen seyn, wenn er seine Seele, als diejenige angeredet hätte, welche selbst an der Erlösung der sündigen Menschen Theil hat? Hieraus würdc eine Verbindlichkeit zu singen entstanden seyn, die seinem Eingänge eine durchaus neue und von keinem Dichter gebrauchte Wendung gegeben hätte. Ich weis es, dieser Zug müßte mit einer Feinheit angebracht werden, deren nur eine Meisterhand sähig ist. Allein, wäre er der einzige gewesen, der von dieser Art in dem ewigen Gedichte glänzet? Wie viel der feinsten Anspielungen, welche durch ein einziges Wort ein Meer von Gedanken in der Seele zurücklassen, findet man nicht darinne? Man betrachte die Zeile wie sie ist, und überlege wie sie seyn könnte. Sich selbst, oder seine Seele, schildert der Dichter auf ihrer prächtigsten Seite, auf der Seite der Unsterblichkeit; alle andere Menschen auf der allcrelcndcstcn, auf der Seite sündiger und vcrlohrncr Geschöpfe. Scheint sich der Dichter also nicht von ihnen aus- zuschlicsscn? Hätte er einen gleichgültigem Eingang finden können, wenn er die Bcfrcyung eines Volks, das bisher in dem Zoche der Knechtschaft gcscufzct, besungen hätte; eines Volks, wovon er kein Glied wäre? Zch bin ein Feind von Parodien, weil ich weis, daß man das vortrcflichstc dadurch lächerlich machen kann. Sonst wollte ich versuchen, ob man nicht einen un- tadclhastcn Eingang zu einem Heldengedicht aus die Bcfrcyung zum Ercmpcl der Holländer, daraus machen könne. Beynahe hätte ich lieber Lust zu zeigen wie diese erste Zeile seyn könnc, wenn sic mcine Critik nicht trcffcn sollte. Doch auch dieses will ich unterlassen. Ein unglücklichcs Beyspiel macht oft eine gegründete Anmerkung verdächtig. „Die der Messias auf Erden in seiner Menschheit vollendet. „Diese Zeile ist leer. Ein einziger Begriff ist unter vcrfchicd- ncn Ausdrücken dreymal darinne wicdcrhohlt. Liegen auf Erden und in seiner Menschheit nicht schon hinlänglich in dem Worte Messias? Wann anstatt Messias der Dichter crviger Sohn, oder etwas glcichgcltcndcs, gesagt hätte, so würdc das folgende nothwendig seyn. Es würdc Umstände ausdrücken, die hier stehen müßten, und welche in dem Worte ewiger Sohn nicht liegen. Dieses, sollte ich meinen, ist klar. An dem folgenden Ein- Siebzehnter Brief. würfe wird vielleicht mein Katechismus Schuld haben. Er bctrift das Wort vollenver. Man hat mich gelehrt, zu der Erlösung der Menschen gehörten auch das Hinabsteigen zur Hölle und die Himmelfahrt Christi. Ist es aber auf iLrden geschehen, daß er sich den Teufeln triumphircnd gezeigt hat? Ist er in seiner Menschheit gen Himmel gefahren, oder in seiner verklärten Menschheit? Ich weis also nicht, wie man sagen kann, Christus habe die Erlösung aus Erden in seiner Menschheit vollen- Ver? Dieses ist die Stelle, aus welcher man am zuverlässigsten schliesscn könnte, wo die Handlung des Gedichts aufhören werde. „Und durch die er Adams Geschlecht die Liebe der Gottheit Mit dem Blute des heiligen Bundes von neuen geschenkt hat. „Zm Vorbeygehen will ich erinnern, daß der Ausdruck Vas Nlm des heiligen Bundes zwcydcutig ist. Das Blut der Bc- schncidung war auch Blut eines heiligen Bundes. Was mir aber hier am besondersten vorkommt, ist die Liebe der Gottheit, welche der Messias durch das Blut des heiligen Bundes dem Geschlechte Adams von neuen geschenkt hat. Die Menschen hatten also die Liebe der Gottheit vcrlohrcn? Gott haßte also die Menschen; und gleichwohl hatte er von Ewigkeit beschlossen, sie erlösen zu lassen? Ich will nicht hoffen, daß mein Emwurf die Sache selbst trift; ich glaube vielmehr, der Dichter hätte einen behutsamern Ausdruck wählen sollen. Der gewählte, er mag symbolisch seyn oder nicht, bringt auch den kurzsichtigsten Leser auf den unverdaulichsten Widerspruch. Das hiesse das unveränderliche Wesen Gottes zu dem veränderlichsten machen, wenn man sagen dürfte; Gott könne einem Geschöpfe, das seine Liebe vcrlohrcn, (man überlege den ganzen Umfang dieses Worts) das sie, sage ich, vcrlohrcn habe, diese vcrlohrnc Liebe von neuen schenken. Was für niedrige Begriffe von Abwechselung Hasses und Liebe dichtete man dem sich selber ewig Gleichen an? Doch wie können die Menschen seine Liebe vcrlohrcn haben, wann gleichwohl, wie der Dichter in der folgenden Zeile sagt, durch die Erlösung des Ewigen Wille geschehen ist? Kann der in des Königs Ungnade seyn, den der König glücklich zu machen beschließt? Ich sehe ein Labyrinth hier vor mir, in das ich den Fuß lieber nicht setzen, als mich mit Mühe und Noth herausbringen lassen will. 320 Siebzehnter Brief. „Vergebens erhub sich Satan wider den göttlichen Sohn; umsonst stand Zudäa Wider ihn aus: er thats, und vollbrachte die grosse Versöhnung. „Der Dichter sagt an einem andern Orte von Zcrusalcm, daß sie die Krone der hohen Erwählung unrvijseno hinwcggcworfen. Hat das jüdische Volk also Zcsmn nicht für den, der er war, erkannt, wie es ihn denn würklich nicht erkannt hat, wie kann es wider ihn aufgestanden seyn? Wie kann es ihn das grosse Werk auszuführen gehindert haben, von dem cs nichts wußte? Alle Verfolgungen der Zudcn sind der Absicht Christi eher behilflich, als entgegen gewesen. Satan ist im gleichen Falle. Er kannte den Messias nicht; er hielt ihn für nichts als einen sterblichen Scher. Er wandte alles an, ihn zu tödten, und Ehristus sollte uns zu erlösen gctödtct werden. Was für einen mächtigen Fcind hat also der Messias an ihm zu überwinden gehabt? Wenn sich Satan der Krcutzigung Christi widersetzt hätte, so hätte der Dichter sagen können: Umsonst; er thats und vollbrachte die große Versöhnung. „Man übersehe nunmehr diesen ersten Theil des Einganges im Ganzen, und sage ob Hr. Klopstock seinen grossen Plan glücklich ins kurze zu ziehen gewußt hat."-- O wie froh bin ich, daß ich einen Absatz sehe! Wenn ich nunmehr den Bogen zusammen lege, ihn versiegle und die Aufschrift darauf setze, so ist ja der Brief fertig. Nicht? Doch noch eines wurde fehlen, und da ist cs: Leben Sie wohl! Ich bin :c. B**, den 20. December 1761. Achtzehnter Brief. An ebendenselben. Sie wundern sich über die Veränderung meines Aufenthalts, und beklagen sich über mein Stillschweigen. Der Grund von diesem liegt in jener; der Grund von jener aber in hundert kleinen Zufällen, die zu klein sind, als daß ich Sie mit Erzch- lung derselben martern wollte. So vicl können Sie gewiß glauben, daß unsre Freundschaft nichts darunter leiden soll; und wie könnte sie auch? Freunden, welche einmal getrennt scyn müssen, kann es gleich vicl scyn, wclchc Raume sie trennen, wann diese Achtjchntcr Brief. nur in Anschung der Grosse ungcfchr cbcn dicscll'cn bleiben. Machen Sic ihre Wohnung zum Mittelpunkte, so werden Sie finden, daß ich blos den Ort in der Peripherie geändert habe, welches in Ansehung ihrer so etwas kleines ist, daß ich mich nicht langer dabey aufhalten werde. Mein Stillschweigen wird sich auch vergessen lassen, wenn unser Briefwechsel nur erst wieder in den Gang kommt. Ich habe aber hierzu um so viel mehr Hofnung, weil ich hier eben so viel zu thun habe, als Sic; das ist, auf der Gottes Welt nichts, ganz und gar nichts. --Allein wie steht es mit der Critik über den Messias? werden Sie fragen. Wo bleibt die Fortsetzung? — — Diese, glaube ich, wird wohl wegfallen. Meine Papiere sind in eine solche Unordnung gerathen, daß ich die Zettel, worauf ich meine Gedanken geschrieben, schon ganze Tage vergebens gesucht habe. Lassen Sic aber sehen, ob ich mir nicht die vornehmsten wieder in das Gedächtniß bringen kann. — — Zch war bis auf die Anrufung gekommen. Ich fand sehr ausscrordcntlichc Schönheiten darinnc, und so viel ich mich erinnere, war mir nicht mchr, als eine einzige Stelle anstößig. Der Dichter bittet den forschenden Geist, die Dichtkunst mit jener tiefsinnigen einsamen Weisheit auszurüsten, mit der er die Tiefen Gottes durchschauet. Erstlich schien mir das Beywort forschend sehr unwürdig, und mit dem Prädicatc die Tiefen Gottes durchschauen in vollkonnnncm Widcrspruchc. Zch glaubte, wo ein Durchschauen Statt finde, höre das Forschen auf, und das Forschen selbst könne wohl von einem endlichen Wesen, nicht aber von dem Geiste Gottes gesagt werden. Zwcytcns, war ich mit der tiefsinnigen einsamen Weisheit, die eben diesem Geiste beygelegt wird, durchaus nicht zufrieden. Ich konnte mich nicht enthalten zu fragen, ob der Geist Gottes erst zu Winkel gehen müsse, wenn er nachdenken wolle!? Ich gab mir selbst die Antwort, daß tiefsinnig und einsam gleichwohl das höchste waren, was man von der menschlichen Weisheit sagen könne, und daß wir von der göttlichen nicht andcrs als nach Beziehung auf jene reden könnten. Allein aus dieser Antwort, welches doch die einzige ist, die man wahrscheinlicher Weise vorbringen kann, schloß ich cinc gänzliche Unbrauchbarkcit dcr wahrcn Lesslngs Mette m, 21 Achtzehnter Brief. Dichtkunst bc») gcwissc» geistige» Gegenständen, von welchen man sich nicht anders als die allcrlautcrstcn Begriffe machen sollte. Einem philosophischen Kopfe ist schon das anstößig, daß die Sprache für die Eigenschaften des selbständigen Wesens keine besondre und ihnen eigenthümliche Benennungen hat; wie viel anstößiger muß es ihm seyn, wann der Dichter diese Armuth zu einer Schönheit macht, und überall seine sinnliche Vorstellungen anzubringen sucht? Den Ausdruck die Weisheit Gottes, ist man schon gewohnt, und man kann ihn, so uncigcnt- lich, so schwächend er auch ist, nicht entbehren; durch die Beywörter tiefsinnig und einsam aber, wird er noch weit uncigcnt- lichcr, noch weit schwächender. Dieser Anmerkung ungeachtet unterstand ich mich zu behaupten, daß wenn der Bcrfasscr des Messias auch kein Dichter wäre, er doch ein Vertheidiger unsrer Religion seyn würde, und dieses weit mehr als alle Schriftsteller sogenannter geretteter Offenbarungen oder nntrnglicücr beweise. Oft beweisen diese Herren durch ihre Beweise nichts, als daß sie das Beweisen hätten sollen bleiben lassen. Zu einer Zeit, da man das Christenthum nur durch Spöttcrcycn bestreiket, werden ernsthafte Schlüsse übel verschwendet. Den bündigsten Schluß kann man zwar durch einen Einfall nicht widerlegen, aber man kann ihm den Weg zur Ueberzeugung abschneiden. Man setze Witz dem Witze, Scharfsmnigkcit der Scharfsinnigkcit entgegen. Sucht man die Religion verächtlich zu machen, so suche man aus der andern Seite, sie in alle dem Glänze vorzustellen, in welchem sie unsre Ehrfurcht verdienet. Dieses hat der Dichter gethan. Das erhabenste Geheimniß weis er auf einer Seite zu schildern, wo man gern seine Unbcgrciflichkcit vergißt und sich in der Bewunderung verlieret. Er weis in seinen Lesern den Wunsch zu erwecken, daß das Christenthum wahr seyn möchte, gesetzt auch, wir wären so unglücklich, daß es nicht wahr sey. Unser Urtheil schlägt sich allzeit auf die Seite unsers Wunsches. Wann dieser die Einbildungskraft beschäftiget, so läßt er ihr keine Zeit, auf spitzige Zwciscl zu fallen; und alsdann wird den meisten ein unbcstrittncr Beweis eben das seyn, was einem Wcltwciscn ein unzubcstrcitcndcr ist. Ein Fechter faßt die Schwäche der Ncmiichnter Brief. feindlichen Klinge. Wann die Arzney heilsam ist, so ist es gleich viel, wie man sie dem Kinde beybringt. — — Diese einzige Betrachtung sollte den Messias schätzbar machen, nnd diejenigen behutsamer, welche von der Natur verwahrloset sind, oder sich selbst verwahrloset haben, daß sie die poetischen Schönheiten desselben nicht empfinden. Besonders wenn es zum Unglücke Männer sind, die bey einer Art Leute, welche noch immer den größten Theil ausmachen, ein gewisses Ansehen haben.*) Ich habe oben gesagt, daß ich hier völlig müßig bin. Es ist also kein Wunder, daß ich auf die allcrwundcrlichstcn Einfälle gcrathe. Ueber einen werden Sie gewiß lachen, wo nicht gar mit den Achseln zucken. Ich weis nicht, ob ich oder mein Bruder zuerst darauf kamen; wir müssen aber wohl beyde zugleich darauf gekommen seyn, weil wir unsere Kräfte zu Ausführung desselben vereinigten. Wir mußten es oft genug hören, der Messias sey nicht zu verstehen, und ich mußte mich oft genug auslachen lassen, wenn ich sagte, ich wollte, daß er noch ein wenig dunkler wäre. Man zeigte mir Stellen, gegen welche Orakclsprüchc verständlicher seyn sollten. Ich gab mir Mühe, sie zu erklären, und mußte hier und da die lateinische Sprache mit zu Hülfe nehmen; da es sich denn dann und wann fand, daß man keine Mühe hatte, das in einem römischen Ausdrucke zu verstehen, was man in einem deutschen nicht verstehen wollte. Was konnte also natürlicher seyn, als daß wir darauf fielen, ob es nicht möglich scv, diesen unsern gelehrten Landcslcutcn zum Besten, das ganze Gedichte in lateinische Verse zu übersetzen. Gedacht; versucht: und ich wollte, daß ich hinzusetzen könnte: versucht; gelungen. Wir sind schon ziemlich weit damit gekommen, und wenn Sie wollen, so können Sie chstcns eine Probe davon sehen. Ich bin :c. Neunzehnter Brief. An ebendenselben. Es ist mir lieb, daß Sie mir Gerechtigkeit wicdcrfahrcn lassen, und daß Sie mich nicht, als einen Verehrer des Messias, auch zu einem Verehrer derjenigen steifen Witzlinge ma- °) Bergl, oben S, 21Z> 21» 324 Ncnnjchntcr Vncf, chcn, welche durch ihre unglücklichen Nachahmungen dieser erhabnen Dichtnngsart ich weis nicht was für einen lächerlichen Anstrich geben. Es giebt nur allzuviclc, welche glauben, ein hinkendes heroisches Sylbcnmaß, einige lateinische Wortfügungen, die Vermeidung des Reims wären Zulänglich, sie aus dem Pöbel der Dichter zu ziehen. Unbekannt mit demjenigen Geiste, welcher die erhitzte Einbildungskraft über diese Kleinigkeiten weg, zu den grossen Schönheiten der Vorstellung und Empfindung reißt, bemühen sie sich anstatt erhaben dunkel, anstatt neu verwegen, anstatt rührend romancnhast zu schreiben. Kann etwas lächerlicher seyn, als wenn hier einer in einem verliebten Liede mit seiner Schönen von Scrapbincn spricht, und dort ein andrer in einem Heldengedicht von artigen Mägdchcns, deren Beschreibung kaum dein niedrigen Schäscrgcdichtc gerecht wäre. Gleichwohl finden diese Herren ihre Anbeter, und sie haben, grosse Dichter zu hcisscn, nichts nöthig, als mit gewissen witzigen Geistern, welche sich den Ton in allem, was schön ist, anzugeben unterfangen, in Verbindung zu stehen. Aber so geht es: wenn ein kühner Geist, voller Vertrauen auf eigne Stärke, in den Tempel des Geschmacks durch einen neuen Eingang dringt, so sind hundert nachahmende Geister hinter ihm her, die sich durch diese Ocfnung mit einstehlen wollen. Doch umsonst; mit eben der Stärke, mit welcher er das Thor gesprengt hat, schlägt er es hinter sich zu. Sein erstaunt Gefolge sieht sich ausgeschlossen, und plötzlich verwandelt sich die Ewigkeit, die es sich träumen ließ, in ein spöttisches Gelächter")--— Zctzo gleich will ich, vielleicht ein eben so spöttisches Gelächter, über die in meinem letzten Schreiben erwähnten Ucbcrsetzcr des Messias erwecken. Hier haben Sie eine Probe; wir müssen Ihnen aber gleich voraus sagen, daß es die erste und letzte seyn wird, weil wir dieser unsrer Beschäftigung schon wieder übcr- drüßig geworden sind. Nicht so wohl weil sie ein wenig schwer war, sondern vielmehr weil uns ein Freund Nachricht gab, daß uns schon eine geschickte Feder zuvor gekommen sey. Da wir von fremder Arbeit immer die vorteilhaftesten Begriffe haben, °) Vcrgl. obcn 206 und 208. Neuiizchiiler Brief. ^25 so furchten wir bey der Acrglcichung zu verlieren. Doch urtheile» Sie selbst, ob wir Ursache habe», uns zu fürchten. HI (juum 1»l> (^ctt!ic! Oou8 Iiittrnns torrouil »ouuuit ^'ilinino clouiotll«, cane mon« ^terii-t luluteui; Inselil^Is Aoiioii clum l'cicdeiis icti 8^»Au!nv reelusit t'oiit ecelci'tis unioris. Hoo liltum ivtorni. I'rul'tia tv o^nonorv tontat Dium.o ^»roli K^tiliias: ^ull^üi^io srufti-a I^ititur. Ltt NZlellus opus^ totum^uo ^orvAit. /^Kz «juneuiu^uv ^i:tte«z l'uli res eoAuit» .Ivuivz tjiuv iaiu morsit latot touoliris, arvesno ^o^'l'iu? llano in socotl'u, anwto runioiv lo^uae!, Or.niti, on>n!croi>ns l^lamvn, milii roüdv taeriltam! Ilsne, ^leiiili» !>;i>o ^>io, inanl'urls v!iil»us itUFv, milii litte cleui», tull !out!a viuax! Vt milii ^inuiuntur iielnilis aicana remotis, Alettiaiil ut lllcnr ä!^»u cololirarc; volatu. (jui vos nvdiliwt, nül'ori, l'i nottis iionoreni, l)um teiras ailiit tuluatum couäitor orliis, ^vlxlito vati aiiimo». Iluo tomlito, ^>iuu!i cateruit ?^u^il!»n>! Dulci ijnei-? >i»u ott oiulvr ultor k'i'iiti'v Doo, ^>Iiie!(l» vultn «juo« I^utit l'oiiaiitos O^^rimot vti^iio -uiiiu'is revulutu« termiiuii! :vvi, tlvmuuiu inulitv i»eun>! Vvl^is vitit 11t H) limusi. Iluud ^irneul url^o lucril, «nuv 5o euli^iu« fu>)U8 »une j'uii^ni»!?; !U'i>, Haucl ^rocul Iiao, 1'vt'o Alel'l'iilS ^lolio romouit, ^'uno cultriee «uüciem, tod no» ^ietutis Iiouore, ljuem tiuo v!^u!a turlin ! "-"^ 5 Ncunzchiitcr Brief, HuMornIt ^alma«! illio Ilotianna rosnltat! li'ruKra. I^ox titnlo, noo rox cnZnoteitur ulli. iXoo, yrioä vil>ratum vorlium natri« oro IivniAno <>orta 5alus aclorat, tono>)ri6 t'ontitur nnorto. I^aditrir into Dous cmlo. pollontia vorda: Oonuo olaratus olaraliitur! !vtlioro mitta. Integra ^r!vsontis .Ioii!>? cloeumonta niinittrant. ^st lju! to oa^>iat, ?x»mon, mvns 1'orilida hiootans Iluzo inter mo^Ius ^osns accoitoro patri^ ljui po^ulo irstus, tlomissa >oco ^icr aura« ^Xocjuieijuam attvnito, tunoras romoarat ad oras, Oiiiinam montom ruillo cogonto nonatum. 1'erriAonss, caram Zontom ^ tidi morto ^»ianlli. ^Vuroram vortns, kanotam tu^orominet vrliom Älons, l^ni eulniiniliiiÄ diuinum slv^o natronum (^onllillorat, voluti tom^ili ponotralitms Imis, 8u>i patris as^iootil noetnrna t'ilontia lonZis Dueontom ^roei^us. Alontom eontonclit !n illnm: ^oe comos iro noZat vatuni monumonta loannos Visurus, ^laciclam, «linini Imitator amioi, V^t nootom taoris oran« clmarot in antris. Illino Klottia« l'nporat saktigia. 1"Ian>ma protinus on cinctum! vonions clo monto Aloria ljnm ^ilscaliat adliuo, vtti tu>> imaZino, ^»atrom. Kpargit oliua Zolu eireiim, ris iUNorv! DIxit. Iiune lekns clemontia lumina t<»r,juet, Klans Aiavis in lninmo montis ^nlt'antis ^)Ivmnum. Hie Dons. Hie orat. 'I'eriis iam m-iAinis al» iuiis ^nditur olanAor, volnentes inlima nlausus ^Vntr» 1'trvpuut, ^>ultli voois enmmota riotentis. llaull voeis, iN clira iiolis tri'imtantilius, iA»e ?>u»iuus auro^to tonitrul^uo t'raAoro, nrocatur: 8ocl I)Iilnct>o illins, cjme nil nil'i snlrat »Moroni, aracli11 forma roitiiiit. l^ircnitn niArant ner amcona ere^nl'cula eollos, I>lvn toens »e In'Iaros Iiortus iam cinzat IZous. (ju!L ^ol'ns, alta tantnm vi nimuiiis inl'e ^Vt^uo sator penetrant. Iloiniui tlutur il'ta rvl'orre. 1'andem, t'ummo niuons, lux lV>^1oris atijue lulilti?- ^Vctuvnit: >etor»nm saera I»x maioril^is ort'is, Ort^o ijil'o ^rimo, t'oei» «^uotl nrolo nutrusti. KurAens ill» mi!n ra>1iis rosj>Ie»ltot iisitom, is seui liesnlonilo»« uuiclis oenlis nrioronia nlaeoliat. prima lalio vias ol»ttrueti Lanciere emli, 'lune trilius vnus erat, i^nod »olli, t'eruor anwris. I?oA>ia»tos ^,or inano lltons nuctuini^io eroatis, pulti arctoro kacro, s^uoil nonctuin traxvrat auras, 8o«1o ^enu« colta eoutom^Ialiaiunr eFenum. tlen mit'eras Fontes! Heu ljuonllaiu morte eareuiom ^ttiZiom no^tiiz nune enneto criiuino lcoclani! Viäi intelicos! Vidil'ti mo laer^mantem! 1'une tu: rurtunl Iiomixes sornienins '»naAiuo ^liua! KanAuinis Ii'mc natum okt smdus nonot>»1>ilv nuili. Lt t; num all ivternum renotonä» croatio m»n<1i> Keis lViuinv I'utor, tol'Umtu» lulora eveli, Uuic onori iwment'v Pioties og» ssionte clieatus Zwanzigster Brief. 1''Ik>Fi'!U'im 5 inimo» mit'eiis involuvro memliiis- Heu, Lcssing sctzt im theatralischen Nachlaß, wahrscheinlich aus seines Bruders Papieren, hinzu -i- ,«.k,zk-> «y^- o-A-tt-, lltzXi^' öc ^i». /Zo-ci>,iicu r-,,-. ^ris>> Iie^i>. l^ib, VI. e. 2. Berlin, 1749.« Zwey und zwanzigster Brief. wcrmcr. Und warum wundcrtS dich? Hat mich nicht Hcnzi stcts mit ofucm Arm empfangen? Nun jctzo fragt er mich, was ich ihm nachgegangen? Ich sah erstaunt, daß er so früh aufs Rachhaus ging, Sich mit sich selbst besprach, das Haupt zur Erde hing; Ich sah, daß Zorn und Gram so Blick als Schritt verriethen, Ob sie der Ncugicr gleich sich zu entflieh» bemühten. Der Anblick drang ans Her;--Was quält den edlen Geist? Ich floh ihm nach, und seh — — Henzi, Was? weriner. Daß cs ihm vcrdreußt. Ach! bin ich nicht mehr werth sein Unglück mit zu tragen? Ist er nicht Freunds genug mirs ungefragt zu sagen? Hab ichs an ihm verdient, daß er so grausam ist, Und mir den süsscn Weg zu gleichem Gram verschließt? Bedenke, wie wir da uns brüderlich umfaßten, Als wir, zu patriotisch, die hasscnswcrthcn haßten, Als unterdrücktes Recht, als unser Vaterland Den zu bescheidnen Mund kühn, doch umsonst, entband. Bern seufzet noch wie vor. Die Helden sind vertrieben; Doch ist ihr bester Theil in dir zurück geblieben. Bern sieht allein auf dich. Bern hoft allein von dir, Freyheit, und Nach und Wohl. Drum Hcnzi, gönne mir Das uncrmcßnc Glück, wcnn dich die Nachwelt nennet, Daß sie mich als den Freund von ihrem Schutzgott kennet. Wie aber? — — Schweigst du noch?--Du siehst mich traurig an? O daß mein schwacher Geist dich nicht errathen kann! O könnt ich göttlich jetzt in deine Seele blicken, Und was du mir vcrhöhlsr dir unbewußt entrücken! O stünde mir dein Geist so frey wie dein Gesicht, Und schlöß ich dann daraus, was jede Mine spricht! Ich gäbe, könnt cs seyn, dein Mißtraun zu bestrafen, Mein Lebe» zehnmal hin, dir Ruhe zu verschaffe». Zwey und zwtiujigftcr Brief. !W Zu mcincr Rache dann erführst du nimmermehr, Wer dir den Dienst gethan, daß ich dein Freund es war. Za, Hcnzi, könntest du dich nicht erkenntlich zeigen, Ich weis, es schmerzte dich, wie mich dein Stillcschwcigen, Erwäge, gestern schon wichst du mir listig aus, Und flohst, mich nicht zu sehn — — o Gott! — — in Dü- crets Haus. So mußte Dücrcts Haus dich von dem Freund bcfrcycn? So hattest du mich mehr, als dieses Haus zu scheuen? Des Scheusals unsres Staats? Warum nahm Bern ihn ein? Wird ihm Bern heiliger als Genf und Frankreich sey»? Doch — — du kehrst dich von mir? Du willst mich — — auch nicht scheu. Freund! — — Hcnzi! — — noch umsonst? — — Hcnzi! Acrgcbncs Flehen! Sprich! Sage was dich quält? Warum beschwer ich dich? Was suchst du hier so früh ? Wie? Du verlassest mich? Wie? Soll ich dich etwa» — — soll ich dich kniend bitten? Hcnzi. O Gott! o welcher Kampf! Was hat mein Herz gelitten! O Freund, dein edler Geist ist größrcs Glücke werth, Als, daß zu seiner Pein, er mcinc Pein erfährt. Was nutzt mirs, daß mcin Frcund mit mir gefällig weine? Nichts, als daß ich in ihm mir zwcvfach clcnd scheine. Frey, fröhlich, nngcquält hab ich dir sonst gcdcucht; Den» sich verstellen ist bey kleinen Uebeln leicht. Warum hast du in mich jetzt tiefer blicken müssen, Und mir der Freudigkeit erborgte Larv entrissen? O wär es selbst vor mir, wornach du fragst, versteckt! Liebt ich dich weniger, hätt ich dir mehr entdeckt. Du weißt es Zeit genug, wenn du es dann wirst wissen, Wann wir, steht Gott uns bey, die Frucht davon gemessen. O Bern! o Vaterland!--— doch schon zu viel gesagt! Frcund, habe nichts gehört!--Freund, habe nichts gefragt! Noch warte bis der Tag — — nur dieser Tag vergangen, Und morgen, liebster Frcund — — Awcy und jwtiiijuistcr Mrief. ^Vernier. Wär ich für Gram vergangen. O Bern? O Vaterland s Za, ja, dein grosser Geist, Für Bern erzeugt, weis nicht, was mindrc Sorge heißt. Wie selig, Hcnzi, ists, fürs Vaterland sich grämen, Und sein vcrlaßncs Wohl frcywillig auf sich nehmen. Doch sey nicht ungerecht, nnd glaube, daß in mir Auch Schweizer Blut noch fließt, und wirket wie in dir. Theil deine Last mit mir. Kann ich gleich minder fassen, So kann ich doch wie du, für Bern mein Leben lassen. Nicht morgen, heute noch, cröfnc mir die Bahn, Worauf ich unter dir, Bern und dich rächen kann. Henzi. O sage nichts von mir. Enterbt von Amt und Ehre, Ertrüg ich mein Geschick, wanns einzig meines wäre. Wär jedes Amt im Staat mit einem Mann bestellt, Der dienen kann und will; ich spräch als jener Held: Glückselig Vaterland! du kaust mich nicht versorgen, Der Helden sind zu viel; und bliebe gern verborgen. Allein, wenn Eigennutz den kühne» Rath belebt; Und wenn den Grund des Staats die Herrschsucht untergräbt; Wann die das Volk gewählt zu seiner Freyheit Stützen, Den anvertrauten Rang gleich strengen Sceptern nützen; Wann Freundschaft statt Verdienst, wann Blut für Würde gilt; Wann der gemeine Schatz des Gcitzcs Beutel füllt; Wann man des Staates Flehn, der sie aus Gunst crkohrcn, Der nur aus Nachsicht fleht, empfängt mit tauben Ohren; Wann wer der Freyheit sich das Wort zu reden traut, Zum Lohn für seine Müh ein schimpflich Elend baut; Freyheit! wann uns von dir, du aller Tugend Saamc, Du aller Laster Gift, nichts bleibet als der Name: Und dann mein weichlich Herz gerechten Zorn nicht hört, So bin ich meines Bluts — — ich bin des Tags nicht werth. ^Vernier. Jetzt redte Hcnzi! Freund, ich fühl es, was er sagte. O wer gleich Bruto denkt, sich auch gleich Bruto wagte. Freund, du verstehst mich schon. Doch, sich hier meine Faust! Zwey und jw.inzigstcr Brief. 33,> Gönn ihr den süssen Stoß, wann dll vor Blur dich graust. Glaub mir, noch heute kann ich hundert Bruder finden, Wann du--wann Hcnzi nur sich will mit uns verbinden. Du weißt, was jetzt den Rath mit bangen Warten quält. Vielleicht, daß dieser Streich geschwind und glücklich fällt. Vielleicht, daß das Geschick, das noch den Wütrich stützet, Zum Wohl des Vaterlands vcrschwornc Helden schützet. Denn noch ist nichts entdeckt, als was ein dunkles Blat Von Mannschaft und Gewehr kaum halb verrathen hat. So bald man Freyheit! Vcrn! als ihre Lösung höret, Muß ich der erste seyn, der das Geschrey vermehret. D hört ichs heute noch! Und Hcnzi rief mit mir! Und Bern wär heut noch frey, und frey gehorcht es dir! Warum kenn ich sie nicht und trage gleiche Bürde, Daß mir des Staates Wohl wie ihnen sauer würde, Daß ich auch einst mit Ruhm zun Kindern sagen kann: „So sauer ward es mir! mein Leben wagt ich dran, „Daß ich euch, mein Geschlecht, als Freye könnte küssen. „Seyd stark, und laßt dieß Glück auch euer Kind gemessen." Henzi. Du willst sie kennen? Vvernier, Ja. Henzi. So kenn sie dann in mir! Vvernier. O redte Hcnzi wahr! Henzi. Kenn sie in mir! VVermer. Zn dir? Und hast mir nichts gesagt? Mußt ich in deinen Augen Der Freyheit sonst zu nichts, als sie zu wünschen taugen? Freund, ungerechter Freund! — — Doch ich vergcß es schon, Du hast mirs noch entdeckt. Freund, hier nimm deinen Lohn! (Er umarmt ihn) Doch eile, lehre mich, wer? wo sind deine Glieder? 33l> Zwey nnd zwanjigstcr Brief. Sind sic des Hauptes werth? Sinds meiner würdgc Brüder? Wie weit ists? Ist ihr Zweck mehr als Bern zu bcfrcyn? Doch, du regierst das Werk, wie kanns zu tadeln seyn? Bcrgicb dem ekeln Stolz, der gern nichts wagen möchte, Als was ihm Ruhm und Bern die alte Hoheit brachte. Henzi. Besorge nichts, auch uns ist nicht die Ehre feil. Auch unser Endzweck ist nichts schlcchtcrs, als Berns Heil. Der Gott des Natcrlands, der unsern Schwur vernommen, Von dem, von dem allein uns Glück und Sieg muß kommen, Der dreymal mächtgc Gott straf uns, und unser Kind, Wenn sein allschcnd Ang uns eigennützig sindt; Wann wir die Tyrannen nur darum rächen wollen, Daß unsre Brüder sie in uns vertauschen sollen; Wann nach vollbrachter That--doch so weit komm es nie, Sind wir so rasend frech, dann mehr zu seyn als sie. Fucttcr, Ricbard, Wyß, die ehrenvollen Namen, Der unverfälschte Nest vom frcvcn Schweißer Saamcn, Die weder Stand noch Glück zum Pöbel niederdrückt, Den Freyheit kaum so lang, als sie neu ist entzückt, Die sinds, und andre mehr, die heut im Rath es wagen, Den ungerechten Dienst ihm drohend aufzusagen. Sich! darum bin ich hier. Ich führ für sic das Wort — — Vvernier. Und morgen zieht ihr dann aus Bern vertrieben fort. Wie? mehr vermögt ihr nicht? Ohnmächtiges Beschwören! Euch, nur im Drohcn stark, wird keine Otter hören! Za führe nur das Wort! donnrc wie Eiccro, Du weißt cs wie er starb, vielleicht stirbst du auch so. Den Wütrichcn das Recht kcck unter Augen setze», Giebt unglücksclgcn Stoff, daß sics nur mehr vcrlctzcn. Besinn dich, wie cs ging, nun ists das fünfte Zahr — — Nein, wenn der Nachdruck fehlt, so uutcrlasts nur gar. Henzi. Auch diesen haben wir. Bewehrt zum nahen Streite Steht uns bey taufenden das Landvolk treu zur Seite. Fucttcr wacht am Thor, lind läßt cs hcut noch ein ! Zwey und zwanzigster Brief. 337 Denn länger als den Tag, soll Bern nicht dienstbar seyn. Ich selbst kann tausend Mann mit Flint und Schwerd bewehren, Die bey dem ersten Sturm sich mnthig zu uns kehren. Und zweifelst du, wann uns der Ausbruch nur gelingt, Daß nicht Berns bester Theil zu unsrer Fahne dringt,! Doch alles wird man ch, als dieses äußre wagen. Den Fleck des Bürgcrbluts kann kein Schwerd rühmlich tragen. Drum wollte Gott, der Rath vcrnähm uns heute noch! Denn heute noch ists Zeit, und linderte sein Zoch, Und gönnte sich den Ruhm, der keinen König zieret, Daß er ein freyes Volk durch freye Wahl regieret. Dieß macht Regenten groß, kein angemaßtes Recht, Kein Menschen ähnlich Heer, von Gott verdammt zum Kncchl. Freund, kann es möglich seyn, daß die sich glücklich schätzen. Die unverschämt sich selbst an Gottes Stelle setzen? Daß der vor Scham nicht stirbt, der überzeugt kann seyn, Kein Herz räumt ihm die Ehr, die er sich raubet, ein? Germer, So weit denkt kein Tyrann. Er schätzt sich gnug verehret, Wann sich ein scheuer Blick vor ihm zur Erde kehret. Doch, welche Lust, o Freund, erfüllt mein bebend Herz, Empfindbar dem allein, der mit gerechtem Schmerz Für Bern in Thränen floß, und flehte Gottes Rechte, Daß sie uns einen Held zum Rächer rüsten möchte. Hier steht er dann in dir. AuS Ehrfurcht nenn ich dich Nun nicht mehr meinen Freund. Henzi. Freund, so beschämst du mich? w eruier. Nun wohl, komm, eile dann, den Helden mich zu zeigen. Wo sind sie? — Komm! —Du bleibst? — Du schweigst? — Was sagt das Schweigen? Henzi. Freund dieß verlange nicht. Wernier- Wie? Komm doch! Soll ich nun Den Schwur, den sie gethan, nicht dir und ihnen thun? Lcsimgs Wtt'ke in, 22 Zwey und jwanji>istcr Mricf. Henzi. Ich min dir ohne Schwur. N?ernier. Allein ich will sie sehen. Henzi. D» wirst, wenn du sie siehst, erzürnt von ihnen gehen. w eruier. Fucttcr, Richard, Wyß--die solltcns, sprachst du, seyn. Sind sie es nicht? Henzi. Sie sinds, doch sind sies nicht allein. Es hat ein Ungehcur sich unter uns gedrungen, Der flüchtgc Rottcngcist, verflucht von tausend Zungen. Und nach Verdienst verflucht; den nicht die Sorg um Staat, Den Nach und Grausamkeit uns zugcführct hat; Der die Tyrannen haßt, nur um Blut zu vcrgiesscn, Und den, o hart Geschick, wir doch erhalten müssen. Sich! das macht meinen Gram. Ich scheu den tollen Geist, Der uns vielleicht mit sich in scin Verderben reißt. wernier. Wer ists? Henzi. Er, der wohin er kam die Ruhe störte, Der jüngst mit frecher Stirn dein Kind zur Eh begehrte. Wernier. Wer? Ducrct? Henzi, Eben der. Nlevnier. Der chrcnlosc Mann? Was geht Fremdlingen Bern, und unsre Freyheit an? O speit ihn aus von euch! daß er die beste Sache, Die besten Bürger nicht durch sich verdächtig mache. O speit ihn aus von euch! Nehmt mich an seine Statt, Der mindrc Bosheit zwar, doch gleiche Kühnheit hat. Wer wird sich lieber nicht zur Sclavercy bequemen, Zwey und zwanzigster Brief. 339 Wen» er die Freyheit soll von Ducrcts Händen nehmen? O heute stoßt ihn noch — — Henzi. Und so verlangst du wohl, Daß er uns heute noch mit Bern verrathen soll? Sonst wär es längst geschehn — — Tvernier- O dem ist vorzubeugen. Mein Arm lehrt ihn geschwind ein ewig Stillschweigen. Henzi. Nur gleich gctödtct! Freund, wenn wir selbst uncins sind-- Doch, hör ich recht? Er kömmt. Verlaß mich! Geh! Geschwind! Ich hab ihn her bestellt. Ich will dich wieder finden. Geh! lino laß deinen Zorn die Klugheit überwinden. Andrer Auftritt. -Henzi. Dücret. Henzi. Er hat ihn doch gesehn. Dücret. Ha! alles steht uns bey. Hat Henzi Muth genug, so sind wir morgen frey. Henzi. Ein Geist wie du, hat stets die Vorsicht ausgcschlagcn. Was wüßtest du auch mehr, als tollkühn dich zu wagen? An Muthe fehlt mirs nicht. Doch an Bedacht fchlts dir. Diicret. O an Bedacht! Doch sprich, war Wcrnicr nicht hier? Vertraust du dich dein auch? Henzi. Kann ich mich dir vertrauen, So kann ich doch wohl auch auf einen Bcrner bauen. Dücret. Tran, Henzi, traue nur, bis du verrathen bist. Was hilfts ein Bcrner seyn, wenn man ein Sklave ist? Ich kenn ihn mehr als du. Er ist dem Rath gewogen, Sonst hätt er längst mit mir ein festes Band vollzogen. Warum nimmt er mich nicht zu seinem Tochtermann? 22" ,'Z40 Zwey und zwanzigster Brief, Weil er den Feind des Raths in mir nicht lieben kann. Denn so klein bin ich nicht, daß eine tolle Liebe Den Haß der Tyrannei) ans meiner Brust vertriebe. Er hebt vielleicht sein Kind für einen Rathshcrrn auf-- Henzi. O laß der frechen Zung nicht allzusehr den Lauf. Scheu mich in ihm! (5r ist mein Freund. Dücret. Das kann man hören, Die Wahrheit würdst du mir sonst nicht zu sagen wehren. Henzi. Er haßt den Rath und dich. Nur haßt er dich noch mehr. Doch schweig davon--Kommt bald Wiß und Fucttcr her? Ich habe vieles noch mit ihnen zu beschlossen-- Dücret. So wird auch dieser Tag wohl ungebraucht vcrfliesscn. Es ist gnug überlegt. Wag was man wagen muß, Und kröne durch die That des langen Zaudcrns Schluß. Komm mit mir aus der Stadt, das Landvolk zu verstärken, Und zeige dich die Nacht mit blutgcn Wunderwerken. Erschrecke, morde, brenn, vertilge Kind und Haus, Und lösch mit Fcur nnd Schwcrd Berns Schimpf und Knechtschaft aus. Du schlitterst?--Feiger Mann-- Henzi. Nur feig zu Grausamkeiten. Geh, Unthicr, deine Wuth soll mich vom Recht nicht leiten. Weißt du, ob Gott nicht selbst an unsre Freyheit denkt, Er, der der Grossen Herz wie Wasscrbächc lenkt, Daß sich der harte Rath ans unser Flehn erweichet, Und dann am gröstcn wird, wann er dem Bürger gleichet? Verdienen sie den Tod, so hat Gott seinen Blitz. Dücret. Auf so was kleines sieht er nicht vom hohen Sitz. Er hat von Sorgen frey, Tyrannen zu bestrafen, Empfindlichkeit und Wuth und Stahl und Faust erschaffen. Zwey und zwanzigster Brief. 341 Henzi. Schweig Lästrer! Ich crwcis an dir sonst mit der That Warum cr, was du nennst, allein erschaffen hat. Bist du nicht hassenswert!)? Dücrct. Nun wohl, man mag mich hassen, Darf sich mein freyer Geist nur nicht gebieten lassen. Ich bin schadlos genug. Sey du die Lust der Welt, Und dien, gerechter Mann, so lang es dir gefällt. Henzi. Fein höllisch! Dienst du nicht, mcnn du den Lastern dienest? Dücret. Wie lehrreich! Dienst du nicht, wenn du dich nichts erkühnest? Was soll dir dann die Macht? Henzi- Durch sie Bern zu bcfrcyn, Den Rath zu nöthigen, groß und gerecht zu seyn. Er bleibe, was cr ist, wann cr uns nicht mehr drücket, Wann Dicnst und Regiment zum gleichen Theil beglücket, Wann cr als seinen Herrn erkennt das Vaterland Und ist nur, was cr ist, des Volkes Mund und Hand. Wie gcrn wird Bern alsdann in ihm sich sclbcr licbcn — — Dücret. Und cr die Tyranncy nur etwas feiner üben. Du hast Verstand genug zu einem Rädclsmann, Doch Tugend allzuviel. Henzi. Die man nie haben kann. Diicret. Wer ist je ohne Blut der Freyheit Rächer worden^ Wer sich zu dienen scheut, der scheu sich nicht zu morden. Die Noth heißt alles gut. Sie hebt das Laster auf; Und bald wirds Tugend scyn, folgt Glück und Sicg nur drauf. Wer Unkraut tilgen will, darf der die Wurzeln schonen? Sie wird die gütgc Hand mit neuer Mühe lobncn. Drum soll die Nachwelt auch durch uns geborgen scyn, Und wollen wir in uns auch unscr Kind bcfrcyn, 342 Zwey und zwanzigster Brief. So muß die Tyranncy und der Tyrann erliegen, Denn nur durch dessen Tod ist jene zu besiegen. So denkt Fucttcr, Wyß, so denkt Richard und ich, Und deine Gütigkcit scheint allen hinderlich. Sich, Henzi, dieses Blat läßt dir die Namcn wissen, Die allc dicse Nacht durch uns crkaltcn müssen. Nimm. Lies es. Folget mir, geht heute nicht in Rath; Weil er ohndcm Verdacht, obgleich auf uns nicht, hat. Lies nur, doch laß dich nicht dcr Namcn Menge schrecken. Ihr schneller Tod wird uns die Freyheit aufcrwcckcn. Was wagt man-- Henzi. (liefet.) Steiger? Wie? Dcr soll der crstc seyn? Dcr redlichste des Raths? Das geh ich nimmer ein. Soll das gerechte Haupt dcr Glieder Frevel büsscn? Zhn hat Freundschaft und Blut dem Vaterland entrissen. Er kann Berns Vater seyn. Bern seufzet noch um ihn. Drum laß uns ihn dem Schimpf, sein Herr zu seyn, cntzichn. Dücret- Wohl! durch den Tod. Henzi. lzcrrciszt das Blat.) Da nimm die unglücksclgc Rolle Und sage deiner Brüt--- Dücret. Daß Henzi dicncn wolle? Daß ihm des Feindes Blut wie seines kostbar ist? Daß er des Staates Wohl um Steigers Wohl vergißt? Henzi. Za Rasender! (geht zornig ab.) Dritter Auftritt. Diicret. Er geht? Henzi! Henzi! Nerräthcr! Ha! dcincr Weichlichkeit schien ich ein Missethäter? Wer? Steiger? Steiger findt an Hcnzi scincn Frcund? Er soll dcm Tod cntflichn? Er? Mein gcschworner Fcind? Aus Rache gegen ihn hat Dücret sich verschworen — — Und sollt er Henzis Brust mit ihm zugleich durchbohren-- Zwey und zwanzigster Brief. ^4l1 Die Rache sey vollführt! Und weh dem Hinderniß! Ha! Steiger! nur Geduld! die Nach ist allzu süß. («ehr ab.) Zwcycrlcy, mein Herr, werden Sie gleich Anfangs bcmerkl haben; daß ich nehmlich die Bühne in einen Saal des Rath- Hauses verlege, lind daß ich die Handlung mit dem Tage anfangen lasse. Jenes thue ich, die Einheit des Orts zu erhalten, wenn ich etwa kühn genug seyn sollte, in den folgenden Auszügen die Rathsvcrsammlung selbst, und meinen Helden vor ihr redend zu zeigen; man würde alsdcnn nichts als den innern Vorhang aufziehen dürfen. Das andre habe ich deswegen für gut befunden, damit die Vorfalle einander nicht allzusehr drcngcn und dadurch unnatürlich scheinen möchten. Gewisse grosse Geister würden diese kleine Regeln ihrer Aufmerksamkeit nicht würdig geschätzt haben; wir aber, wir andern Anfänger in der Dichtkunst, müssen uns denselben nun schon unterwerfen. Aber wird man nicht das schon sür eine Ucbcrtrctung der Regeln halten, daß der Stof unsers Trauerspiels so gar zu neu ist? Hätte man nicht wenigstens die ganze Begebenheit unter fremde Namen einkleiden sollen, gesetzt diese Namen waren auch völlig erdichtet gewesen? Ich zwcisle nicht, daß nicht einige dieses behaupten sollten; allein daß sie es mit Grunde behaupten werde», daran zweifle ich. Die Ncrbcrgung der wahren Namen, wird meines Crachtcns nur alsdann nothwendig, wenn man in einer neuen Geschichte wesentliche Umstände geändert hat, und man durch diese Ncrändcrungcn die besser unterrichteten Zuschauer zu beleidigen fürchten muß. Sind wir aber in diesem Falle? Ich sollte nicht denken; wenigstens wie ich Knoten, Auflösung und Charaktere eingerichtet habe, glaube ich die Wahrheit nirgends beleidiget, und hin und wieder nur verschönert zu haben. Lassen Sie uns das letzte zuerst betrachten. Ich will Ihnen sagen, was meine Absicht damit war. Sie war diese: den Aufrührer im Gegensatze mit dem Patrioten, und den Unterdrücker im Gegensatze mit dem wahren Oberhaupte zu scbildcrn. Hcnzi ist der Patriot, Dücret der Aufrührer, Steiger das wahre Obcr- baupt, und dieser oder jener Rathshcrr der Unterdrücker. Hcnzi, . ^WWWK^K.ijk.'^I 4 l iVtÄ?'?-? ^' 344 Zwcy und zwanjijzstcr Brief. Sk'/ als ein Mann, bey dem das Herz cbcn so vortrcflich als der Geist war, wird von nichts, als dem Wohlc des Staats getrieben; kein Eigennutz, keine Lust zu Veränderungen, keine Rache beseelt ihn; er sucht nichts als die Freyheit bis zu ihren alten Grenzen wieder zu erweitern, und sucht es durch die allcrgclin- destcn Mittel, und wann diese nicht anschlagen sollten, durch die allcrvorsichtigstc Gewalt. Dücrct ist das vollkommnc Gegentheil. Haß und Blutdurst sind seine Tugenden, und Tollkühnheit sein ganzes Verdienst. Sie werden leicht sehen können, daß in diesen Charakteren der Knoten des Stücks gegründet ist. Hcnzi und seine Freunde kennen den Dücrct, verabscheuen ihn und suchen sich aus alle mögliche Art von ihm zu trennen. Dieser aber will selbst Oberhaupt seyn, und sucht den Hcnzi verdächtig zu machen, wozu er sich dcs Uinstandcs mit dem Wcrnier bedient. Setzen Sie nunmehr, daß ihm dieses nicht gelingt, und daß man ihn völlig vor den Kopf stößt, so ist nach seiner Gemüthsart nichts natürlicher, als daß er selbst seine Mitvcrschworncn verräth, und sich aus der Schlinge zu ziehen sucht. Es liegt wenig oder nichts daran, ob die Entdeckung wirklich so zugegangen, und ob Wernicr erst an dem Tage der Entdeckung an dem Geheimnisse Theil genommen; genug daß beydes seyn konnte, und die Hauptsache darunter nichts leidet. Diese Entdeckung würde ich zu Ende dcs dritten Auszuges vor sich gehen lassen, so daß sich die Charaktere der Gcgcnparthcy erst in den beyden letztem entwickelten. Ich würde Steigern sich Hcnzis cbcn so eifrig annehmen lassen, als sich Hcnzi Steigers annimmt. Ich würde nur gewisse Glieder auf eine blutige Bestrafung dringen, und diese ohne jenes Vorwissen in der Geschwindigkeit geschehen lassen — — Es thut mir leid, daß mir die Zeit nicht erlauben will, umständlicher zu seyn. Doch ich glaube nicht einmal, daß es nöthig ist. Halb so viel würde schon zureichend gewesen seyn, Zhncn meine Einrichtung zu entdecken, und weiter habe ich nichts gewollt. Lcbcn Sic wohl. Ich bin :c. Drey und zwanzigster Brief. 345 Drey und zwanzigster Brief. An ebendenselben. Wahrhaftig, mein Herr, Sie haben meine Gedanken so vortreflich gefaßt, oder vielmehr Sie haben sie so vortrcflich verbessert, daß ich nichts mehr wünschte, als daß es Zhncn gefallen möchte, sie völlig als die ihrigen zu betrachten, und nach denselben ein Werk zu vollführen, welches meinen Schultern beynahe zu schwer ist. Ein Lied, ein kleines Lied von Lieb und Wein, o wie viel leichter ist das! Es geht mir wie es dem Ovid ging, ohne sonst mit ihm viel ähnliches zu haben. Vincor; ^ inAonIum sumtis revoeatur ad arinls? liosyuv llomi Fd moa Iiolla cano. Lceptril tiunon tuml'i, —- — — — — Iiil"it ^mor, pallamlnio inoam, ^»Ictosyuo ootliurrios 8c:c!pti'a«^uo private tam oitc» l'nmt» manu. I^line ljuo^uv nio OoniInN nomon clc-cluxit inikjuiv: Ovhuv cotliurnato vate trium^lmt ^mor. Hier haben Sie alles, was ich noch ausser dem ersten Auszuge gemacht habe, und was Sie etwa brauchen können. Streichen Sie aus und verbessern Sie, was Zhncn nicht gefällt; setzen Sie hinzu, was Zhncn beliebt. Wann Sie das Stück zu Stande bringen, so werde ich keinen grösscrn Antheil daran haben, als an einer schönen Bildsäule derjenige hat, welcher den Marmor dazu gebrochen. Leben Sie wohl! Andrer Aufzug. Erster Auftritt. Dücrcr, Fuetter, Richard, wyß. Dricret- Kommt Freunde! Uns vereint gemeinschaftliche Rache. Kämpft, wenn ihr kämpft, für Bern, doch auch für eure Sache. Der Tag ist endlich da. Und--wär er schon vorbey! Und stürzte Nacht und Tod die lange Tyrannei)! Zch seh gerechte Scham durch eure Wangen dringen. 340 Drey ii»d jwtiiijigstcr Brief. Doch kann die Scham allein die Freyheit wieder bringe»? (Zucttcr sicltt ihn zornig an.) So! zeiget allgemach des Zornes edle Spur! Fucrter, Schweig! diesen edlen Zorn reißt deine Frechheit nur. Wahr ists; wir schämen uns der ungccrbtcn Ketten, Doch schämen wir uns mehr, mit Schimpf uns zu erretten. Des unterdrückten Staats großmüthgc Rächer seyn; Sich für das Vaterland, und nicht für sich, bcfrcyn; Verwegne Richter nur, nicht das Gericht abschaffen; Den Mißbrauch ihres Amts, und nicht ihr Amt zu strafen, Ist ein zu heilig Werk, als daß ein Geist wie du, Voll Räch und Eigennutz, ein Feind gemeiner Ruh, Ein Fremdling, der sich uns nur schrecklich sucht zu machen, Es würdig untcrnähm — Dücret- Dein Stolz ist zu verlachen. Denn gleichwohl braucht ihr mich. Fuetter. So braucht ein Arzt das Gift, Das ausser seiner Hand nur hämschc Morde stift. Dücret. Das Glcichniß ist gewählt! Auch Hcnzi würd es loben, Der nur von Tugend träumt lind läßt Tyrannen toben. Doch lieber sprich mit Ernst, als oratorisch schön, Den Helden minder gleich, die auf der Bühne stchn, Und auf des Sittcnspruchs geborgte Stelzen steigen, Dem Volk die Tugenden im falschen Licht zu zeigen. Sprich ungekünstelt! Sprich! Was habt ihr bis anitzt Der Freyheit eures Berns, auf das ihr trotzt, gcnützt? Hab ich das schwerste nicht stets auf mich nehmen müssen? Denn ihr könnt weiter nichts, als rathen, zweifeln, schlicfseii, So tugendhaft ihr seyd, so durstig nach der Ehr; Und eine Heldenthat erfordert etwas mehr. Hab ich das Landvolk nicht zu unserm Zweck vcrlcnkct? Hat euch nicht meine List manch mächtig Glied gcschcnkct-? Vielleicht wär euer Muth zwar ohne mich gleich groß, Z'rcy und zwanzigster Brief. 347 Doch wär cr ohne mich, zum mindstcn, waffenlos. Zur Kühnheit in der Brust gehört auch Stahl in Handen, Was dem entflicht muß dann ein donnernd Rohr vollenden. Geht! schickt den kühnsten Held ohn dieses in den Streit: Die Feigheit zielt; cr fällt. O weibisch tapfre Zeit! Jcdoch, was brauch ich viel zu meinem Ruhm zu sagen? Wer seine Thaten rühmt, will keine grossem wagen. Nur darum seht ihr mich mit ncidschem Hochmuth an, Daß ich kein Bürger bin, doch mehr als cr gethan. Ein grosses Herz muß sich an keinen Undank kehren. Beschimpfet ihr mich gleich, und wünscht mich zu entbehre», Und nennt mich eures Ruhms gewisses Hinderniß; Die Strafe wär zu hart, wann Dücrct euch verließ. Er kcnnct seinen Werth. O möchtet ihr ihn kennen, Und ihm der Treue Lohn, euch zu crrcttcn, gönnen. Für alle seine Müh, für alle die Gefahr, Verlangt cr statt des Danks; man stell ihn größrcr dar. Für Bern und scincn Schwur wünscht er Glück, Blut und Lcbcn, Za, dem dieß alles weicht, die Tugend aufzugeben. Sie, die nur allzu oft den ihr gcwcyhtcn Geist, Von grossen Thaten ab, zu kleinen Scrupcln reißt; Die selten Helden schast, doch öfters sie ersticket, Noch eh der kühnen Faust ein nützlich Lasier glücket; Die sich für Blut entsetzt, auch wann es büsscnd fließt, Und dcr ein Hcldcnmord die größte Schandthat ist: Die opfr ich für cuch auf. Was ihr abscheulich schätzet, Das überlaßt nur mir, der sich für nichts entsetzet. Folgt mir. Geht nicht in Rath; und spart cuch auf die Nachl, Eh das verlangte Recht cuch ihm verdächtig macht. Was sollen Recht und Flehn bey cincm Wütrich nützen, Dcr seine Laster muß mit ncucn Lastern stützen? Gnug, daß cr unbcrcut, zum Sterben unbcschickt, Scin Unrecht und den Tod in cincm Nu erblickt. Wysz- Wahr ists; wir sind dcr Wclt cin strafend Beyspiel schuldig. Man dient schon halb mit Recht, murrt man blos ungeduldig, Wagt sich die fcigc Faust selbst an den Fessel nicht, 348 Trey und zwanzigster Brief. Der, wann er brechen soll, mit Blut gebcitzt nur bricht. Laßt, Freunde, länger nicht euch einen Fremdling treiben, Und in des Mietlings Hand des Staates Wohlfahrt bleiben, Sein Beyspiel schimpfet uns-- Tnicrer. Zwar ist der Schimpf sehr klein, Doch, möcht er euch ein Sporn, mich so zu schimpfen seyn! Richard- Schweig Dücrct! Gnug, wir sind aus unserm Schlaf erwachet. Zorn, Nach und Wuth entbrennt. Du hast sie angefachet. Dein Ruhm ist Neides werth; und dieser gnügc dir. Des Werkes schwerern Theil, den übernehmen wir. Von uns, von uns nur will sich Bern bcfrcyen lassen. Steh ab! Es möchte dich statt alles Dankes hassen. Wir sind uns selbst genug. Es zeige diese Nacht, Ob uns die Tugend nur zu feigen Bürgern macht; Ob sie das Rachschwcrd nie in fromme Hände fasset, Ob sie des Wütrichs flucht und seinen Tod doch hasset. Ihr wißt es, Blut und Glück verbindet mich dem Rath. Doch Blut und Glück gehört zu allererst dem Staat. Sein Wink, sein Wohl sey uns die heiligste der Pflichten, Und soll man Faust und Stahl auf einen Vater richten. Umsonst hegt ein Tyrann mit mir verwandtes Blut; Zch thue das an ihm, was er am Staate thut! Er unterdrückt sein Recht; ich will sein Blut verspritzen. Flicht von entheiligten, sonst frommen Nichtcrsitzcn! Kommt, Wyß, Fucttcr, kommt! Fuetter. Wohin erhitztes Paar? Richard. Wohin die Freyheit ruft; in rühmliche Gefahr. Kommt, lasset nur den Rath noch heute sicher wüten, Des künftgcn Morgens Glück soll alles froh vergüten. Fuerter. Hat Dücrct doch gesiegt? Und werdet ihr ihm gleich? Pflanzt er durch grobe List auch seine Wuth in euch? Ihr seyd des Haupts nicht werth, das uns der Himmel schenket, Drey und zwanzigster Brief. ^4>> Das nur auf Freyheit sinnt, da ihr nur Rache denket. Euch kennet Hcnzi nicht; und euch verkenn auch ich. Nennt mich nicht euer Glied, dieß Bündniß schimpfte mich. Geht! raset, mordet nur, und stürzet eure Brüder, Sind es Tyrannen gleich, mit samt dem Staate nieder! Doch wißt, ich werd es seyn, der euch dem Rath entdeckt, Und eurer blinden Wuth gcwißre Grenzen steckt. Der Staat versprach in euch sich edle freye Bürger, Und findet im Voraus lcichtsmngc Brüder Würger? Welch Bubenstück, hebt ihr die Freyheit also an, Ist schrecklich gnug, das er von euch nicht fürchten kann? Nein, ewig drücke den der Knechtschaft Schand und Bürde, Der seine Freyheit nur zu Lastern brauchen würde. O Freyheit, welcher Schimpf! o Hcnzi, welche Qual Steht deiner Tugend vor--- Dücret. Spar auf ein andermal Sein unschmackhaftes Lob. Vielleicht wirds bald geschehen, Daß ihr ihn unvcrlarvt, wie ich ihn sah, könnt sehen. Geschieht es nicht zu spät, so dankt es einzig mir. Du drohst uns mit Verrath, doch — — zittrc selbst dafür! Vielleicht--ich zweifle nicht--Wir sind wohl schon verrathen. Fuctter. Ha! Einem Dücret träumt von lauter Missethaten. Geh nur! steck andere mit deinem Mißtraun an. Wer thäte so was?--Doch, vielleicht hast dus gethan? Du nur-- Dücret. Ist das mein Dank, wann ich euch hinterbringe, Daß Steiger selbst vielleicht in eur Geheimniß dringe? Daß ein treuloses Glied den schweren Schwur verlacht, Und Mitgcnosscn sich, die ihr nicht kennet, macht; Daß es mit jedermann den grossen Vorsatz theilet, Der schon von Haus zu Haus, von Ohr zu Ohren eilet; Daß es der Strafe trozt, die es auf den Verrath Mit euch selbst festgesetzt, mit euch beschworen hat. 350 Trcy und jwaiijigstcr Brief. Richard. Er trozt der Straft! Wie? Wer ists? Du mußt ihn ncnncn. Es soll mir eines seyn, ihn todten und ihn kennen. Er soll dem Himmel eh, als unsrer Straf entflichn. Wer ist es? Fuetter. Wer? Wyß, Wer ists? Tmcret. Hier kömmt er! strafet ihn! (Geht ab.) Andrer Auftritt. Henzi. Zlictrer. Richard. Wyß. Henzi. Bin ich noch euer Freund? — — Bestürzt euch diese Frage, So gönnt mir, daß ich euch als Freund die Wahrheit sage. Der grosse Tag ist da, der Bern und euer Wohl, Mit Bitten oder Macht, stets billig, richten soll. Doch wünsch ich blieb er nur so lange noch entfernet, Bis ihr was Tugend sey, was eure Pflicht, gclcrnct. Noch kennt ihr beydes nicht. Und wünschet frey zu seyn? Wißt, Pflicht und Tugend nur muß dieses Glück verleih». Ein Lasterhafter kann zwar ohne Herrscher leben, Stolz ohne Ketten gehn, vor keinem Richtstuhl beben; Doch alles dieses ist der Freyheit kleinster Theil. Nur glcichgcthciltc Sorg um das gemeine Heil; Nur fromme Sicherheit, rechtschaffen ungezwungen, Nicht lmbclohnt zu seyn, und nie zur Lehr gedrungen, Der Wahrheit die man fühlt, nicht die der Priester sehn, Und für uns sehen will, frcymüthig nachzugchn: Nur unverfälschtes Recht, wenn ärmrc Bürger bitten. Nur ungestörte Wahl glcichgültgcr Mod' und Sitten; Nur unbcschimpste Müh, die nicht, statt Lohns Genuß, Der Grossen faulen Bauch mit sich ernähren muß; Nur schmeichelhafte Pflicht fürs Vaterland zu streiten, Statt eines Königes herrschsüchtgcn Eitelkeiten, _' .»"^>7.'^ ' Drey lind zwanzigster Brief. 351. llm die cm rasend Schwcrd eh tausend Bürger frißt, Als er ein einzig Wort in seinem Tittcl mißt: Nur dieses, Freunde, macht der Freyheit schätzbar Wesen, Für die schon mancher Held den süsscn Tod erlesen. Sagt denn ob man bey ihr die Tugend missen kann, Dir ihr so kühn verletzt, als kühner kein Tyrann? Zst denn der Blutdurst auch zu einer Tugend worden? Und ist es Bürgerpflicht, die Bürger zu ermorden? Ein Vorsatz gleicher Art steht nur Rebellen an. Seyd ihr Rebellen? Wohl! Geht, sucht euch euren Mann. Für Helden hielt ich euch, die für den Riß sich stellen, Bon diesen ward ich Haupt, und kein Haupt von Rebellen. Richard, (spöttisch) Gewiß ein feiner Grif! hört und bewundert ihn! Daß man Vorwürfe macht, Vorwürfen zu cntflichn. Ist denn die Untreu auch zu einer Tugend worden? Welch Laster ziert uns mehr, verrathen oder morden? Henzi. Was sagst du?---Solchen Spott verstehet Henzi nicht. Ich hör es allzuwohl, daß Dücrct aus euch spricht. Wars ihm noch nicht genug, ins Laster euch zu stürzen? Müßt ihr, auf seinen Trieb, auch Hcnzis Ehre kürzen? Scheint der, der für sich nichts, und alles für den Staat, Und eure Rechte thut, euch fähig zum Verrath? Wie? oder ist bey euch, wer sich ein Missethäter Zu werden scheut--ist der so gleich auch ein Vcrräther? Noch reuet mich es nicht, was ich im Zorn gethan. Der Zorn war tugendhaft. Er stund euch allen an. Die unglücksclge Roll riß ich in hundert Stücken. O möcht ein gleiches mir mit euren Herzen glücken! Riß ich die Wuth heraus, noch eh sie Wurzel schlägt, Noch weil der seichte Geist der Menschheit Spuren hegt. Zcdoch auch die sind hin. Sonst würdet ihr erblassen, Und nicht den, der euch straft, das was er strafet hassen. Wann eure Wuth nur Blut, nur Blut der Bürger sucht, So sucht nur meines erst, der sie und euch verflucht. Eh Steiger sterben soll-- ^ -> 362 5rey und zwanzigster Brief. Fuetter. Was Rolle? Steiger? Sterben? — Versteht ihr was hiervon? Wyß. Genug uns zu verderben. Welch schrecklicher Verdacht dringt mit Gewalt in mich. Zc mehr ich ihn bestreik, je mehr bestärkt er sich. Hört ihr, wie Steiger ihm so sehr am Herze lieget — — Fuetter. Wie? Zwcifl' ich langer noch, ob er, ob Dücrct tricget? Nein, deine Tugend, Freund, zerstreuet den Verdacht; Dein Herz ward uns zum Glück, nicht zum Verrath gemacht. Man mahlt die Unschuld oft in fürchterlichen Zügen. Wo nichts zu tadeln ist, ist dennoch Stoff zum Lügen. Allein erkläre dich. Wer dürst nach Bürger Blut? Wir deine — ? Henzi. Gütgcr Gott! So schöpf ich wieder Muth? So find ich noch in euch die tugendhaften Freunde? Des Lasters Feinde zwar, doch stets menschliche Feinde. So war es Dücrct nur, der mit verfluchter Hand Die blutgcn Urthcl schrieb, die mich auf euch entbrannt? So hab ich Steigers mich vergebens angenommen?--- Mein Zorn verlöscht so schnell, so schncll er erst entglommen. Erkcnnct nun, wie werth mir eure Tugend ist, Erkennt cs, und verzeiht — — Fuetter. Ha! welche Teufels List! O Freunde! liessen wir so schimpflich uns bctricgcn?-- Doch wie?--Zorn und Verdacht scheint noch in euch zu siegen? Seyd ihr noch nicht gewiß, daß Dücrct Zwietracht spinnt, Daß Henzi redlich ist, daß wir verrathen sind? Richard. Nicht der, deß böscr Sinn am Unglück sich ergötzet, Der Redlichkeit und Wort für nichts als Worte schätzet, Nicht der allein verräth, auch der, dem Pflicht und Freund Drey »iid zwanugsicr Brief. 353 Auf seine Heimlichkeit ein Recht zu haben scheint, Der aus blöder Begier sich alle zu verbinden, Auch alle läßt den Weg uns zu verderben finden. Henzi. Genug! ich höre schon, worauf dein Evfcr geht. Wahr ists, ich war zu schwach. Ein Freund hat mich erfleht. Zch hab ihm unsern Zweck — — Fuetter. Du hast-- Wyß. O Lastcrthatcn! Hört mich'. Henzi. Richard. Wir Hörens schon. Wir sind wysi. Wir sind verrathen! Fuetter. So hast du Wort und Schwur-- Henzi. Die hab ich nicht verletzt, Weil ihr dieß neue Glied selbst eurer würdig schätzt. Ein Mann, von alter Treu, in Glück und Sturm gcübct, Der nur die Tugend mehr als seine Freyheit liebet, Sonst alles für sie wagt, und für euch wagen wird — — Fuetter. Za, wenn im Urtheil sich die Freundschaft nie geirrt, So wär dein Fehl vielleicht — — Wyst. Kannst du ihn noch vertreten? Henzi. Wer so wie ich gefehlt, Freund, hat es nicht vonnöthcn. Wyß. Wie? Nicht vonnöthcn ? Ey! du tugendhafter Mann, Der schlechter als ein Weib den Mund regieren kann! Verführer, was wirst du uns noch bereden wollen, Wann du verrathen willst, und wir nicht murren sollen? Messings Wette in. 23 354 Vier und zwanzigster Brief. „Ein Freund hat mich erficht!" O träfe der Verrath, Nur unser Glucke mehr und weniger den Staat, So könnte noch dein Blut für deinen Frevel büsscn, So wär cr grösser nicht, als wir die Strafe wissen. Doch einem Feind des Staats wär dieß mehr Gnad als Pein, Ein Leben voller Schimpf muß seine Strafe seyn. Die Enkel werden dich noch mit Entsetzen nennen, Für deren Freyheit wir nun nichts als sterben können. Denn wer steht uns dafür, daß dein unwürdgcr Freund Kein gleicher Schwätzer ist, daß cr cs trcucr meint? Henzi. Er sclbcr steht dafür! Zcdoch, ich seh ihn kommen, Und curcm Borwurf ist zugleich die Kraft benommen. Dritter Auftritt. lVermcr, und die vorigen. Fuetter, Richard, °Wyß zugleich voller Erstaune». Wici Wcrnicr? (Sie umarmen ihn.) Henzi. Wie nnn? Umarmt ihr curcn Feind? Was ändert euch so schncll? Flicht ihn! Er ist mcin Frcund! Flicht ihn, cr ist wie ich ein Schwätzer und Berräthcr, Ein Fcind dcs frcycn Staats, ein Schaum der Ucbclthätcr! Flicht ihn! Er ist mcin Frcund; wie wär cr tugendhaft? Wyß. O Henzi, quäl uns nicht, wir sind genug gestraft! Die Tugend haben wir in dir und ihm gckränkct. Richard. Sich, wic man irrcn kann, wcnn man zu cifcrn dcnkct. Das Fcncr riß uns hin, und mit sich sclbst cntzweyt, Sicht allezeit die Furcht, was sie zu sehen scheut zc. Vier und zwanzigster Brief. An den Herrn F. Sic müssen sich nothwendig noch crinncrn, wie viel ich jcdcr Zcit aus den Horaizischen Gden und aus ihrem Verfasser dem Herrn Pastor L.ange gemacht habc. Ich habe ihn allezeit als einen von unsern wichtigsten Dichtern betrachtet und seiner vcr- Vier und jwcnijigsier Brief. sprochncn Uebcrsctzung des Horatz mit dem unbcscbreiblichstcn Verlangen entgegen gesehen. Endlich ist sie diese Messe erschienen lind meine Begierde hat sie mehr verschlungen als gelesen. Noch habe ich mich von dem Erstaunen, in welches sie mich gesetzt hat, nicht ganz crhohlt. Aber, guter Gott, wie unterschiede» ist dieß Erstaunen von dem, welches ich mir versprach! Ein gc- hoftcs Erstaunen über unübcrschwcngliche Schönheiten, hat sich in ein Erstaunen über unübcrschwänglichc Fehler verwandelt. Gleich der erste Blick, den ich hinein that, war entsetzlich, und beynahe hätte ich meinen eignen Augen nicht getrauet! Ich siel auf die 14. Ode des fünften Buchs und las: Als Hütte ich mir dürren Schlund zweihundert»!»! Des erogen Schlafes Zdcchcr durstig getrunken. Eine gewisse Ahndung ließ mich schnell in den Text sehen, und was glauben Sie was ich entdeckte? pvLuIa I^etliiiüns ut j'i ducontm l'omnos ^i'lZiito filueo trsxeilm: so sagt Horatz; Herr Lange aber macht aus pocul-z, cm<:oi,tia tomiws, aus schlafet weckenden Bechern, äneenta jwcula zwcy- bundcrt Becher. O wahrhaftig er muß ihrer mehr als zwcv hundert ausgeleeret haben, die ihm das innerste der Brust so stark mir Vergeßlichkeit der ersten Anfangsgründc erfüllt haben! Ich zeigte diese Stelle so gleich einem Freunde, welcher wie ich und Sie nie aufhören wird, den Horatz zu lesen. Wir wurden einig, vorher das ganze Buch durch zu laufen, ehe wir den Ucbcrsctzcr aus einem einzigen Fehler verdammten, welcher allenfalls, wenn er der einzige bliebe, auf die Rechnung der Menschlichkeit zu schreiben scv. Wir thaten es, und siehe, ich bekam dadurch ein Exemplar, welches aus allen Seiten Striche und Kreuze die Menge hatte. Das Resultat dieser Zeichen war dieses, daß Herr ^.angc, welcher neun Zahrc mit dieser Arbeit zugebracht haben will, neun Jahre verloren habe, und daß es etwas unbegreifliches sey, den Horatz glücklich nachzuahmen, ohne ihn zu verstehen. Es liegt mir und meinem Freunde daran, daß Sie unser Urtheil nicht für übereilt halten. Sie werden uns also schon den Gefallen thun müssen, ein klein Register von Schulschnitzcrn zu durchlaufen, um sich ihrer Kindheit ^u Vier und zwanzigster Brief. erinnern. Ich iicune cs ein klein Register, das Sie allenfalls von ihrem jüngcrn Bruder, wenn Sie selbst nicht Zeit haben, bis in das unendliche können vermehren lassen. 4. B. Ode 1. 8ulilimi sciiain silier» vvrtieo. Dieses übersetzt Herr -L.ange So rühre ick mit erhabnen Nacken die Sterne- In meinem Ccllario heißt vmtox der Scheitel. Ein Wort das auch zwey Sylben hat. 1. B. Ode 2. tZaleac- levos hcisscn dem Herrn Langen leichte -Helme; hier müssen cs blanke Helme hcisscn, wie cs aus der Quantität der ersten Sylbe in lovc-s zu sehen ist. Der ie kann hier nicht Zittern bedeuten, weil man im 40stcn Zahrc schwerlich schon zittert. Es heißt nichts als, eilen, so wie cS Herr Lange selbst an einem andern Orte, (3. B. Odc 27. Z. 17.) übersetzt hat.*) 2. B. Odc Z. —- — nonelmn mumu, eomjiails ^.«z^iiai'v. sv»/«^ Sie ist noch der -Huld des Gatten nicht gewachsen; sagt Herr Lange. Aber wer wird mit ihm von Thicrcn dic cdlcn ÄtZortc, -Huld und Gatte zu brauchen wagen? Doch wenn auch; Horatz will das gar nicht sagen, was ihn sein Ucbcrsetzcr sagen laßt; er bleibt bloß in der Metapher vom Iochc und spricht: sie kann noch nicht mit dcr Stärkc des Ochsen, welcher neben ihr gespannt ist, ziehen. 2. B. Odc 12. Oum jIi!Ai'imt!i» detnrljuvt iltl «lculit <^orvieom — — Herr Lange sagt, indem sie den Hals den heissen Rnjsen entziehet. Allein das ist gleich das Gegentheil von dem, was Horatz sagen will- s/) In dcr nehmlichen Odo hat Herr ^„gx ,,»ch einen andern Fehler gemacht: cr übersetzt- ^rsit ^lr^iclu» mediu in Uiumiilw Virxios r»i>l!l. Erhitzte denn da, selbst mitten in dein Triumphe — — — nicht dic beyden Söhne des Atrcus Dic schöne Geraubte? Die Construklion, und die Geschichte zeigt ja deutlich, das; hier nur von dem Agamcmnon die Rede sey, welcher dem Achill die Briscis raubt. Und ist es wohl dcr Sinn des Lateinischen: liexium certo xe»u« <^ puniUvs Alnvrut inilluus wenn Herr -Lange übcrsctzl: Gewiß sie beklagt das Unglück fürstlicher Kinder Und zürnende Götter? j Diesen Zusatz hat die Ausgabe von 1785, -?^.>5^ Nl»M.«5k.__ ^-^^ '^-'^^ 358 Vier und zwanzigster Brief. 3. B. Odc «:. Horatz sagt von einem vcrbuhltcn Mägdchcn in dieser Odc: — — — »eiuio eliAit iüui clonet im^iermiffa ra^>tim (Inullla, Iuminll»u8 icmotis. Was ist deutlicher, als daß er durch Wmimlms lomotis sagen will, wenn man die Lichter bey Seite gcschaft hat. Der bessere Herr Lange aber giebt es: mit abgewandten Blicke. 3. B. Ode 21. Sollte man es sich wohl einbilden können, daß Herr Lange I>ri1ei (Xitcmis durch priscus Lato übersetzt? Welcher von den Catoncn hat denn Priscus geheißen? 3. B. Odc 27. Noch cin grösserer Fehler! Ilxor Invieti ^lovis ot'l'e noleis — übersetzt Herr Lange, oder Gott weis welcher Schulknabc, dem er diese Arbeit aufgetragen: Du rveists nicht, und bist des grossen Jupiters Gattin! 4. V. Ode 4. Die vortrcflichstc Strophe in dieser Ode hat Herr Lange ganz erbärmlich mißgchandclt. So sieht, sagt der Dichter, das auf fette Weiden erpichte Reh, den von der saugenden Vrust seiner gelben Mutter vcrstoßncn Löwen, dessen junger Zabn es zerfleischen soll. — — lj>i!»Iemv«z lu^tis cüpi'vil ^asculs Iiitontc», sulv5v mati'Is i>>) »I^evo m laeto (lojmll'iim loonom Oeiitcz novo ^eiitiira villlt. Man sche nun, was dcr Ucbcrsctzcr für cin elendes Gewäsche daraus gemacht hat. ---— Und wie Ziegen Mit froher Weid allein beschäftigt, den ^örven, Von Milch und Brust dcr gelben Mutter vertrieben, Sehn, und den Tod von jungen siegen roahrnchmcn. Und also heißt vento novo von jungen Ziegen. Fünf uud jwlMjigsier Nlicf. >!6!> 6. B. Ode 11. Dolinot imji.'U'iim-i (^ertaro lummotus ^uclor. Hier übersetzt Herr Lange i»^>!,ii>)u^ durch mchtswürölge, du es doch offenbar ist, daß der Dichter solche versteht, welche» er nicht gewachsen ist; der 16. und 17. Vers dieser Ode zeigt es deutlich. Bedanken Sie sich ja, daß ich nicht freygebiger gegen Sie mit solchen Sächclchcn bin. Ich glaube aber, dieses wenige ist schon hinlänglich, über einen Mann den Kopf zu schütteln, welcher in der Vorrede recht darauf trotzet, daß cr nichts als eine wörtliche und treue Ucbcrsctzung habe liefern wollen. Db sie stark, ob sie poetisch, ob sie rein sey, ob sie sonst eine andere Vollkommenheit besitze, das mögen andre cntsckciden. Ich wenigstens wüßte nicht, wo ich sie finden sollte. Ich bin >e. 1752. Fünf und zwanzigstcr Brief. An den Herrn Fa"". Ey, mein Herr! wie kommen Sie darzu, mir einen solchen Strafbricf zu schreiben, und mir so bittre Wahrheiten zusagen? Es ist wahr, daß ich eine allgemeine Eritik des Iocherscheil Gelehrren A.cxicons unter Hände» habe; es ist wahr, daß schon wirklich einige Bogen davon gedruckt sind. Allein was für Grund haben Sie, an meiner Bescheidenheit zu zweifeln? Was für Grund haben Sie, mich mit einem Dunr'el oder Zauber zu vermengen ? Wann ich Ihnen nun sagte, daß der Herr D. Jöchcr selbst, in Ansehung des Nortrags, mit mir zufrieden ist, nnd daß cr die falschen Nachrichten, die man auch ihm davon hat hinterbringen wollen, nichts weniger als gegründet befunden hat? Wann ich Ihnen nun sagte, daß ich durchaus nicht Willens sey, nach dem Ercmpcl genannter Herren, einen Zusammcnschrcibcr ohne Prüfung abzugeben? Wann ich nun hinzufügte, daß ich nichts weniger als jenes grosse Werk zu vermehren suche, sonder» bloß nach meinen Kräften die unzähligen Fehler darinne vermindern wolle? Was würden sie alsdcnn fagcn? Nickt wabr, wenn ich Ihnen alles dieses beweise, so ^-^.^ 360 Fünf und zwanzigster Brief. werden Sie sich schämen, einen so Übeln Vcgrif von mir gehabt zu haben? Und wie soll ich es Ihnen besser beweisen als daß ich eine kleine Lage beylege, und Sie mit eignen Augen sehen lasse? Wenn Sie alsdann anfangen werden, von mir besser zu urtheilen, so will ich noch dieses hinzusetzen, daß vor der Hand meine Arbeit liegen bleibt, und daß ich das Verlangen des Herrn D. Zöchcrs billig gefunden habe, ihm meine Anmerkungen zu den Supplemcntbändcn zu überlassend) Leben Sie wohl. Ich bin ?c. W"" 1762. Abaris. Der Ausspruch des Apollo wird ganz verfälscht angeführt". Ist cs Plurarch der das Wunderbare, welches man von diesem scythischen Weisen crzeh.lt, für Fabeln gehalten?1- 6 „Abaris, crzchlt dcr Hcrr D. I, wurde von seinen „Landslcutcn, welche die Pest hart beschwerte, nach Athen „abgeschickt, weil Apollo den Ausspruch gethan, daß sie „nicht eher aufhören würde, bis Sie Athcnicnscr ihm „deswegen für die ^Hyperboreer ein Gelübde gethan här- „ren," Ich weis nicht, wem dcr Hcrr Doctor hier nachgegangen ist; das weis ich, daß er dem Harpokration hätte nachgehen sollen, welcher von den Alten der einzige ist, dcr diesen Umstand crzchlt. ^.o-^vu c-,«o-c, heißt cs gleich im Anfange seines Wörterbuchs, ^«o-o-v i^v otxo^«.xv^v °) Aus drei Briefen von Jöcher (Leipzig, den 1. 11. 29. Oct. 1762), die Karl G. Lessing vor dcui vierten Theile dcr vermischten Schriften 1786 hat abdrucke» lassen, crgicbt sich Folgcndcs. Es waren drei gedruckte Bogen (ohne Zweifel wohl dem Inhalte nach einerlei mit dcr Beilage dieses Briefes), die Lessing, nebst einem Brief an Jöchcr, dcr glcditschischcn Buchhandlung zuschickte; wovon abcr Jöcher erst nach einigen Monaten auf Befrage» etwas erfuhr. In dem Briefe schricb Lcssing das; er unmöglich zurück tonne, sondern weiter fortgehen müsse: Jöchcr bedauert dies und wünscht daß sich Lessnig „manchmal weniger heftig, bcisscud und aiizüglich ausgcdrnckt," — Hierauf unterstrich Jöchcr, auf Lessings Verlangen, was ihm bedenklich schien: die künftige» Böge» verlange er nicht vorher zu sehen, sondern verlasse sich auf seine Billigkeit. — In dem dritten Briefe freut er sich daß Lcssing das Vorhaben freiwillig aufgegeben. Wenn er künftig Anmerkungen schickcn wolle, werde guter Gebrauch davon gemacht werde». Endlich erbietet er sich die Unkosten des Druckes dcr drei Bogen, wen» sie »icht dcr Vcrlcgcr zu tragc» habe, zu erstatte». — Bergl. Lessmgs Lebe» S. 149 Fünf und zwanzigster Brief. 361 ^x^ovoi'o-;, «vet^xv ^.?rc>?>>l^u)v ^l.cxi^xuo^^l-'oc,' L^^^o't xcxt La^sZ«^oi^, ?ov L.A^>.'«llvv l5^.' i^Tlxp Tücxvi'uiv x>^- 95«^ ?rc>t>i0'«ci'^«k. H^>xO'.^xi^o^>.x i.'c^ v ?rc>^?^it>v x^vcuv ?rp»^ «^T'out;, x«!. ^.^ZcxplV u?rpxa^ü^?'^'u L?(s>cxxv^-c>ct )^o^o-iv. Die Pest also, welche über die ganze bewohnte Welt soll gegangen seyn, schrankt der Herr Doctor auf die einzige Hypcrborcischc Gegend ein; und das Gelübde, welches Apollo von den Athcnicnscrn für alle Nölkcr, sowohl Grieche» als Barbaren, gefordert, läßt er allein auf die Landslcutc des Abaris gehen. Ich für mein Theil würde diese Stelle auch nnr denen zu gefallen recht treulich übersetzt haben, welche gerne so viel glauben als nur immer möglich seyn will. Eine allgemeine Pest würde für sie eine Kleinigkeit gewesen seyn. -j- Ich frage; und ich werde allezeit nur fragen, so oft ich noch eine Möglichkeit sehe, daß der Herr Doctor Recht haben könnte. Zeh habe die Stelle, wo Plumrcb das, was von dem Pfeile des Abaris und von seinen Orakeln crzchlt wird, für ein Gedichte halten soll, vergebens gesucht. So lange also, bis man mir sie zeigen wird, werde ich glauben, daß der Herr D. anstatt Plutarck, Herodorns habe schreiben wollen, weil er ohne Zweifel bey dem Vayle gelesen: On «zn cloliitoit taut clo eliol'os l'aliulvul'os, sju'il l'oml)I cas geschrieben werden^. Er ist kein arabischer Philosoph.-j- Den Ä.ncian hat man schlecht angeführt, und noch schlechter verstanden-j-j-. " Denn was für Recht hat er auf eine Stelle darinnen Ist es genug, eine tugendhafte That zu begehen, einen artigen Aussprnch zu thun, um in die Rolle der Gelehrten zu kommen? Aber er ist ein arabischer Philosoph. Das ist eben 362 ^iiiif und jwattu'gsier Brief. cin ganz besondrer Fehler: man sehe die Note-j'. Wenigstens ist seine Handlung eines Gelehrten sehr würdig. Vollkommen! ob sich gleich keiner die Muhe jemals nehmen wird, ihm gleich zn kommen. Wann aber das Gclchrtcnlcricon zugleich cin Ercmpclschatz seyn soll, warum findet man nicht eben sowohl einen Sisinncs, einen Äclum, einen Dandamis, einen ZOemetnns, einen Aenorhemis darinnc? Was hat Aban- chas für ein Vorrecht? Doch, mit einem Worte, Abauchas so gut wie die übrigen, die ich genannt habe, und noch mehrere, sind Namen, und keiner von ihnen, wahrscheinlicher Weise, hat jemals cnstirt. Wie viel Millionen Menschen würden in der Welt mehr gewesen seyn, wenn man die Namen der Moralisten realisircn wollte? " Die Ursache sieht cin jeder cin, wenn ich ihm sage, daß ihn -ü.uci«>! ^«^«^ und nicht ^Z«,.'^«^ nennt. 1- Zc mehr ich hcrumsinnc, je weniger begreife ich es, wie man den Abauchas zu einem arabischen Philosophen hat machen können. F.ucian ist der einzigc, welcher seiner gedenkt, oder vielmehr Aucian ist sein Schöpfte und machtc aus ihm nichts als eincn Scythen. Die Gelegenheit ist diese. Er führt cincn Griechen mit Namcn Mncsippus und cincn Scythcn mit Nanicn (Loxgris auf, welche er von dem Vorzüge ihrer Nationen, in Beobachtung der Pflichten der Freundschaft, streiten läßt. Er läßt sie eins werden, daß jeder fünf Beyspiele aus seinem Volk erzchlcn will, dcrcn Vorzüglichkcit ihren Streit entscheiden soll. Der Grieche sängt an, sünf Paar Griechischer Freunde aufzuführen; der Scythe folgt, und unter seinen Geschichten ist die Geschichte des Abauchas die lczte. Ist es also möglich, daß Abauchgs cin Araber scyn kann? Oder ist vicllcicht Arabien eine Provinz in Scythicn? Auch nicht cinmal cin Philosoph ist cr; denn wo giebt ihm ^.ucian diesen Titel? Wollte man ihn abcr scincr frcundschaftlichcn Handlung wcgcn also nennen, so würde man der Philosophen in Scythicn bcvnahc so viclc machen, als Scythcn sclbst gcwcscn sind, wenigstens nach dem Zeugnisse des L.ucitt>,s; wenn anders cin Satyrcn- schreiber bcy historischcn Wahrhcitcn cin Zcugc scyn kann. Scinc Absicht war weiter keinc, als auf cinc angenehme Art qünf und jw.nijigslcr ^rief. zu lehren, wie weit die wahre Freundschaft gehe» müsse, und was sie für ein wcisscr Rabe, nach den vollkonnnncn Begriffen, die man sich davon zu machen habe, sey. Diese konnte er eben so wohl durch erdichtete, als durch wahre Beispiele erreichen. So lange man mir es also nicht durch das Zeugniß eines Geschichtschreibers beweisen kann, daß ein Abauchas wirklich in der Welt gewesen sey, so lange wird man mir es vergönnen, daß ich dem menschlichen Geschlechte diese Zierde abspreche, und glaube, L.ucmn habe eben das gethan, was noch heute die Sittcnlchrcr thun, wenn sie zeigen wollen, nicht wie die Freunde sind, sondern wie sie seyn sollten. Wenigstens hoffe ich nicht, daß mir jemand einwenden werde, Ä.u- cian lasse ausdrücklich den Scythen bey Wind und Schwcrd schwören, daß er nichts als wahre Fälle crzchlcn wolle. Man sage mir, kann man nachläßigcr citiren, als: I^uvmnu« lliilloZ? Man crwicdrc nicht: der Gegenstand selbst zeige es leicht, daß man kein ander Gespräch des Lncians, als sein Gespräch von der Freundschaft, Toxaris, meyne» könne. Derjenige, welcher es schon weis, daß Aucian ein dergleichen Gespräch geschrieben hat, kann die Citation ganz und gar entbehren. Doch es möchte citirt seyn, wie es wollte, wenn nur der richtige Verstand nichts gelitten hätte. „Er „wollte, sagt das Gclehrtcnlericon, lieber seinen Freund aus „dem Feuer erretten, als seine Frau und seine zwey Kinder, „von denen das eine nur sieben Jahr alt, das andere aber „noch ein Säugling war. Das letztere (der Säugling) kam „mit seiner Mutter davon? das erste aber mußte in den Flam- „mcn sein Leben einbüßen." Man vergleiche dieses mit den Worten des Aucians: «i'-^po^ei-oe 6 ?ruiv ?r«tFi« nX^^i.i/>.'pt!Zc>,nxvc«, >«.>i.>«tx« xx- x<^^«^i.5i^n «iroc/xt,(!'a^i.xl,' ?r^>cxxx- X.L^ci'lx^xvci!;, «pa^i.xvo<; ?ov x5«tj>c)V, x«^?^« x«t <5tZXirxo'«l,', xoi^o ^i/^6xnci.> «zlxxxxc«^-'» i^iro ?c>^> pc>^. ^T)V7j <5^, cs>^c>^tX« jZpxcjXü.', cxxc>?.o^xtl' tx^'c'cx xcx< xoj>>^!>. >^ csx ^«.«.ti^^xx?»^, »cs>xti.> x>c ?>^c ,i^c>?^c ^txirijckrjV« ?rj>> m/.o^'«. ^cxt ?r«te v «vpsj ?ra^>lx ^ctX^ou x^o^ocx xc^x^t^rj 364 Fünf und zwanzigster Brief. o-7w5«vx-,t.>. Die Frau, sagt ^ucign, sey mit dem Kindc auf dem Armc dcm Mannc gefolgt, und habe dem Mägd- chcn ihr nachzufolgen befohlen. Halb verbrannt habe sie das Kind fallen lassen; und sich kaum aus der Flamme retten können; und auch das Mägdchcn habe beynahe das Leben cin- büsscn müssen. Hier ist das Mägdchcn, oder das Kind von 7 Jahren, welches der Herr D. ?scher verbrennen läßt, glücklich gerettet. Für den Säugling aber ist mir bange, denn der ist der Mutter aus den Armc» gefallen. Doch auch dieser scheinet nicht umgekommen zu seyn, wann ich anders die folgende Worte des Abauckas rccht verstehe: ?c«t<5«l,- LPi^, n«l «i^K-ti; ?cc>t^ci'«o?«i ^l.oi ;>«Flov, n«l ccF^Xuv «^«K-oi, sci'vi.'i'cx.i o^rot. ,/.c>v 6x o^)!>c cxv x^o^ x?^'^ 2'c)io?_>7'c>v, »l»^ l^vFcxvi^-; (so hieß der aus dcm Feuer gerettete Freund) ?rx/;>«^ ^c>i Ä»?.- xvvciiiX^ ?r«^xci'^^li.xvc>^. An den Worten cxF^^ov c«)/«^ot xc-'»v7-«i ai^vi, scheint mir die glücklichc Entkom- mung bcydcr Kindcr zu liegen. Man sehe übrigens, wie entkräftet auch diese Stclle in dcr Ucbcrsctzung des GL. klingt: „Zeh könntc wohl andere Kinder bekommen, aber einen dergleichen Freund würde ich nicmalcn wieder gefunden haben." George Abbol. „Dicscr Abbot, sagt Herr D. I-cker, verursachte sondcr- „lich durch sciuc Schärfe gegen die Nonconformistcn, daß sich „viclc über ihn beschwerten." Gleich das erstemal, da mir diese Stelle ins Gesicht siel, schien mir es ein wenig seltsam, daß man einem Erzbischof dic Strenge gegen die Feinde sciucs Auschcns und seiner Kirche habe verdenken können. Nimmermehr aber hätte ich mir das träumen lassen, was ich hernach fand; daß man nehmlich dic deutlichen Worte des Zöafle, wor- innc dcm Abbot gleich daS Gcgcnthcil Schuld gcgcbcn wird, so schr habe verfälschen können. Hier sind sie: l^a loverit6 «^uil avoit ^our Ic?s AliniKres sudalternes! ^ ^o?i?»>e?^co 1"ur lit propaFation lies I>iol>eo»svr>niktes, vtolvnt lleux cliosos «jni saitoiont parier eontre lui. Was connivvneo hci»c, ist auch Leuten bekannt, welche kein Französisch verstehen. Alles was man zu seiner Entschuldigung vorbringen kann, ist dic Nachbar- Fünf mid zwanzigster Nricf, 365 schafr des Worts tovoiiti?. Aber wer wird mit halben Augen lesen? Zeh würde menschlich genug seyn und glauben, seine eilende Feder habe für Schärfe, Nachsicht schreiben wollen, wen» er nicht gleich drauf fortführe: „Bey dem König Iacob I. „machte er sich verhaßt, weil er die Hcyrath des Prinzen von „Wallis mit der Znsantin von Spanien nicht billigen, sondern „die Gesetze wider die Nonconformistcn nach der Strenge crcr- „circn wollte." Ausser der Wicdcrhohlung eines Fehlers begeht der Herr Doctor noch einen neuen. Zn was für einer Verbindung stehen diese Hcyrath und die Nonconformistcn? Hätte Abbor gegen diese nicht nach der Strenge verfahren können, wcnn er in jene gewilliget hätte? Kurz; ich kann hicrbcy gar nichts denken. Zn der Note ^ zwey Kleinigkeiten, die man etwas genauer hätte angeben können. " Unter seinen Schriften, heißt cS, sind die vornehmsten: — — iZ»«L/A<,»o>5 /7,oo/oA«o«o--Lieber gar keinen Titel angeführt, als ihn so angeführt, daß man mehr dabey denken kann, als man soll. Weil das Werk selbst rar ist, so will ich ihn ganz hersetzen: ynleMones lex, 1) inonclaeia. 2) clo ciroiimeisiono A l^ü^tisinn, I) llo at'ti'oloAia, 4) clo prnztsiitia in cultu illololiiti'ien, 3) clo fciA.T in jioileeu- tione, K) an »ous sit outnr ^occati: toticlom ^r^leetionil^is in sclinl» tliooloAica Oxonionll cl!s^,utat) Eine spanische Bibel ist niemals zu Eonstantiiiopcl gedruckt worden, sondern nur der Pcntatcvchus. d) Und auch dieser ist nicht 1540. sondern 5307, welches das Zahr 1547 ist, herausgekommen, o) iVolf sagt /e,-o uoidi»» ro^otlt-r ett. cl) Wenn man aus dem le -ü.ong, welcher dic Ncrglcichung zwischen diesem zu Eonstantiiiopcl gedruckten spanischen Pcntatcvcho und dcr fcrrarischcn Ucbcrsctzung angcstellt hat, und aus dem IVolf etwa schlicsscn will, daß also dic erste spanische Ucbcrsctzung cincs Stücks dcr Bibcl zu Eonstantiiiopcl hcrausgckommcn scy, so wird man sich irren; dcnn cbcn dieser spanische ^cntatcvchus ist schon 5257 (1497) in Venedig gedruckt worden. " Dcr Titel ist dicscr: Lililii» c-n lenZiia oi"j,!ni»w tr-ttlii- z,!»!!»!,!» ^,c>r jUiIlldi.i, llo I» vercl-xl Ilolii.ivea I>or IMIV vv- celo!>ic>s lotrüllo«. Vil'ta oxiimlnuiia ^,»r ol osiicüo clo la In- czuititio». <üc>» i»iviIcFiI illiiltiifllmo Koünr Dmjiiv äo li'or- >i»ri>. Va oi'il gis ^ ^ior tu or<1on im^rolii. IZ» /Vmstvnlai» !>-t21. in 8. Aus dcr Borrcdc, wclchc Ioscpb Achias dicscr Ausgabe vorgesetzt, sieht man, daß dcr Nabbi Samuel de Lazcres die Besorgung davon gehabt habe. Er hat sie nicht nur von al- HÜiif lind jivtinji.istcr Nricn ^ lcn Druckfehlern der vorigen Ausgabe befrcyet, sondern anch die schweren und ungewöhnlichen Wörter und allzuhartcn Wortfügungen ausgemerzt, und bey den dunkeln Stellen einige kleine Erklärungen eingeschaltet, welche von dem Tcrtc durch s) abgesondert sind. Auf diese Ausgabe darf man es also nicht ziehen, wann das GL. sagt: „sie ist von Wort „zu Wort nach dem hebräischen Tcrr gegeben, welches denn „sehr schwer und dunkel zu verstehen? zumahl, da es in „einer ungebräuchlichen spanischen Redensart, die meistens „nur in den Smiagogcn üblich, übersetzt ist." (Man bemerke hier im Vorbeygehen einen schönen deutschen Ausdruck: es ist dunkel zu verstehen.) Ich sollte vielmehr meinen, daß ein Theologe nur dieser Bibel zu gefallen Spanisch lernen müßte, indem die größten Gelehrten darinnc übereinkommen, daß keine einzige andere Ucbcrsctzung die natürliche und erste Bedeutung der hebräischen Worte so genau ausdrückt, als diese. <^8I>. «/« «o» ?iö?!l/«5 «?.?.' , . 368 Miif mid zwanzigster Brief. Johannes Abrenerhius. Von dicscm Manne weis das GL. weiter nichts als: hat ^<>5>4 eine geistliche Seelcnarzene)? und von der Rrankheit der Seelen zu -Hanau cdirt. Wenn man mir wenigstens noch gesagt hätte, ob er ein Franzose oder ein Russe, ein Spanier oder ein Wende gewesen wäre. Doch wenn er sein Buch deutsch und zwar zu Hanau herausgegeben hat, so wird er wohl ein Deutscher seyn. Gefehlt! Er ist ein Engländer, und das von ihm angeführte Buch ist nichts als eine UcbcrscKung desjenigen, welches 4ini tZi-aminiUic-n» clvouit vt LiI>liotIiocl« tziniili I^üullli I7it)in! clueis ^rieorat. Valla in üluiu inveetns, c>ui in «mnvs K) Ium »mn- rulontiim Itiinxit itt1oc>«juc- 5'le noch Gesner eine ältere Ausgabe an, als die von 1^22 in Slraßburg. Nevelcr, wie Va)'le anmerkt, hat sich noch einer jüngcrn bedient. Ich habe eine weit ältere vor mir, welche aber nur das erste Hundert enthält, und zu Venedig 1499 in 4. unter der Aufschrift: l^dulW per latiniMmum viinm I^VKIMIIIMI ^VSILiVIIVN nunor eomporitn gedruckt ist. Diesen sind 30 Fabeln des Ae- sopus, aus dem Griechischen durch den Aaurenmis Valla über- Fiiiif nnd jw.iiizigstcr Vricf. setzt, beygefügt. Ich nenne diese letzter» deswegen ausdrücklich mit, um den Zweifel des de la Monnoie zu bestärken, den er bey der obigen Randnote des Grurerus hat, daß nehmlich L.aurentius valla diesen Abstemme sehr unhöflich durchgezogen habe. Würde es wohl Abstemius, welcher damals noch lebte, oder würden es seine Freunde, die diese Ausgabe besorgt, zugegeben haben, daß man seinen Fabeln einige kahle Übersetzungen seines Feindes mit so vielen Lobsprüchcn, als sie daselbst bekommen, beyfügen dürfe? Abuvacnus. Seine i-istmia lacoliit-num ist zu Orford 1t>76. nicht in 12 sondern in 4 gedruckt worden. Herr Llcmcnr sagt zwar auch in 12; doch beyde berufen sich auf den Herrn von Seelen, ohne diese erste Ausgabe vielleicht jemals gesehen zu haben. Herr Element setzt noch hinzu: 76. und nennt es gleichwohl »» I>otit tiaitv ljui no ivmnlit ten Briefe des ersten Hunderts. Diese beyden Stellen habe ich den monatlichen Unterredungen des Herrn Tcnzels zu danken; nach dessen Bcrmuthung der damalige Bischof, Johann Fell, die Ausgabe der Geschichte der Zacobitcn soll b/sorgt haben. LeMgs Werke m, 24 ,'!70 Fünf und zwanzigster Brief, Zvonac AcciKfoli. Er ist kein Plagiarius." Er ist cs nicht, welcher des Mc- Zlcci»iolt Leben in das Italiänische übersetzt hat. "° Dieses Leben hat kein P«lc«rius sondern N7atrh. Palmcrius geschrieben."""^ Die Lebensbeschreibungen ans dem Plurarch hat er nicht italiänisch übersetzt. Bey Gelegenheit dieser Lebensbeschreibungen noch eine Unrichtigkeit, Eines von seinen Werken, welches das geringste nicht ist, hatte man nicht vergessen sollen. Ein Umstand von ihm, welcher vielleicht der bekannteste nicht ist. 1"^ ° Wenn wird man aufhören eine» ehrlichen Mann der Nachwelt mit einem Schandflecke abzumahlen, den ihm die Gelehrtesten längst abgewischt haben ? Doch was pflanzt man lieber fort als Beschuldigungen? Simon Simomns war der erste, welcher dem guten Acciaioli l>z>il't. cat. eomm. in >>>). I. I5tl>. ZVieum.) das Plagium gegen seinen Lehrer Schuld zu geben schien. Naude, welcher vielen Gelehrten ihren guten Namen wiedergegeben und vielen ander» genommen hat, wicdcrhohltc diese Beschuldigung als eine Gewißheit. Dostius zweifelte daran, und ^onring wicdcrlcgtc sie, und zwar durch Anführung einer Stelle, wo cs Acciaioli selbst gestehet, daß er die Vorlesungen seines Lehrers mit seiner Arbeit verbunden habe. Alles dieses crzehlt D"lc, nocb sonst ein Criticus gcdcnkt, und wcswcgcn ihn noch nicmand ausdrücklich vertheidigt hat. Ich ziele hiermit auf das, was Friedrich Äejscl in der Vorrede zu seinen !>»im!ul»eir. IZAinIi.'irlum sagt: t^iicumi^itui' ('seoli AI. »ita, .uinm in II-iZioIoZi-m, s»-»m tiänttulit ^VIMI.IVS, rutn«. !,nti«j»i ol'i'c seris>tori^, -int i)I->no A I^Iutareliv Fmif inid j>v.?»jijzslcr Ä'ricf. <'s>ne^)l!>m, «jiis» imniluc: lil'inn »innit ^'ysiw; l'v?,-^ ^e. Ich bin jctzo nicht im Stande, die Arbeit des Lginharrns mit dcr Arbeit des Acciaiolus zu vergleichen, weil ich die letztere hier nicht bey dcr Hand habe; ich bin aber von seiner Ehrlichkeit so überzeugt, daß ich gleich im Voraus das Urtheil dcs Herrn Hofrath Zdudcrs unterschreiben will, welcher in scincr LiKI. IM. s^Iv^ta auf dcr 89Z. S. sagt: Viw» (.'gioli IVl. 1)0^^ I V8 qixxjnl- ^sLI^ IOI^V8 1'lorvlit!»»« , m^>t» s«, enn>u»suit, l'vcutn« «juillei» l'!l>pe L^inliuitum, luiliet tittuon <^>i>' u !>^>uici?sl'it imivniunim'. °" Wcnn man sich nur cin klcin wcnig nähcr um den Ilcbcrsctzer dcr Lcbcnsbcschrcibung dcs ^lic- Zlcciajoli hättc bckümmcrn wollen, so würde man gcfundcn habcn, daß cr zwar mit unscrm Acciajoli glcichcn Namcn führe, daß cr aber wcnigstcns hundert Zahrc nach ihm gelebt habe, und ein Nhodiscr Rittcr gewesen sey. Was aber das Vorgeben, als ob dicscr Accittioli dcr Ucbcrsctzcr dieser Lebensbeschreibung sey, am allcrlächcrlichstcn macht, ist dicscs, daß in dcm An- bangc derselben, welcher von dcr Familie dcs Acciasoli handelt, sein cigncs Leben nebst seinem Tode crzchlt wird. Daß kcin P«learins dcr Verfasser gedachter Lcbcns- bcnsbcscbrcibung ist, rann ich nicht besser beweisen, als wcnn ich dcn Titcl dcrsclbcn auS dcm XIII. Tome dcr Sl^lm-, i-'^ ital. dcs Muratori hersetze: I>l!,r> I'-lI»u >ü 'le dcrsclbcn gedcnkt, war es wahr, daß?as lateinische Original, wie cr sagt, noch nicht im Druck erschienen sey. Man hat cS nicht chcr, als in dcm angeführten l^tcn Tomc dcs Muratori, welcher 1728 herauskam, zu sehen bekommen. 24° !)72 Amf lind zwanzigster Brief. j- Ich glaube es selbst nicht, daß der Herr D. Iscber dieses habe sagen wollen, gleichwohl aber sagt er es, und daran ist nichts Schuld, als seine verworrene Schreibart, welche gar zu viele und noch dazu verschiedene Sachen in einen Perioden bringen will. Er hat, sagt er, die vom Plurarch anfgcscytcn -Lebensbeschreibungen -Hannibalis, Scipionis, Alcibiadis und Demecrii aus dem Griechischen, inglei- chcn — ins Italiänische überseht. Ich habe diese Lebensbeschreibungen selbst niemals gesehen; Jovius aber sagt es ausdrücklich, daß sie lateinisch sind. Wem diese Unrichtigkeit zu geringe scheint, dem will ich eine vielleicht grössere in eben den angeführten Worten zeigen. Die vom Plntarcb anfge- seytcn Lebensbeschreibungen ^annibalis und Scipionis. Hat es der Herr Doctor nicht bey dem Placcius und Naylc gelesen, daß Acciajoli diese beyden Stücke dem Plumrch müsse untergeschoben haben, weil man die Urschrift in seinen Werken nicht findet? Will man aber sagen, er könne wohl eine Handschrift besessen habe», die vollständiger gewesen wäre, als unsre jetzigen Abdrücke, so ist auch hierauf die Antwort leicht. Das Verzeichnis; nämlich, welches Ä.amprias, der Sohn des Plntarchs, von den Schriften seines Vaters aufgesetzt, zeigt es augenscheinlich, daß Plurarch wenigstens niemals eine Lebensbeschreibung des -Hannibals verfertiget hat. Dieses Verzeichnis; hat -Hoschclius, der es von dem Andreas Schdttus bekommen hatte, zuerst ans Licht gebracht; und wie wohl sagt er in seinem Briefe an den Raphelengius davon: lä gonus inclieos cui nlni tint »on nolcis. ^>ri-'csxA^;>o«p« multa zn'oilmit; «1o amiMs et I-ttlt-mtilms oru^ Ziinf inid zwanjigstcr Brief, ^73 druckt ivordcn: 8toi'i.'l li'iorentiiia till tiillgont<- In.oino mlroKio .I^e0N0 1)1 K088I, cie n.iti»no «allo 147K. in Folio. Dcr Herr Llcment hat sowohl diese, als eine neuere Edition von 4661. mit dcr Fortsetzung nnd den Anmerkungen des Zranciscus Sansovini, angeführt, und rechnet beyde untcr die seltnen Werke. -j-sl' Daß Acciajoli seiner Vaterstadt wichtige Dienste geleistet, findet man bey dem Zöa>'le; daß ihm aber seine Dienste sehr schlecht sind belohnt worden, und daß er einmal so gar seine Vaterstadt habe räumen müssen; findet man daselbst nicht, so wichtig auch dieser Umstand ist. Ich habe die Nachricht davon einer Stelle aus des V. Accoln Gespräche clo prl«rw»tia viiorum Im wvi zu danken. Hier ist sie: !"ult otmm in eivitato ü'ta ^rMe!^u»e k>uetc>i!tc;II!e»maei»im enm l'elioiiis vt glc»s- sis interllno-inl^us anbelangt, so vermuthe ich nicht ohne Grund, daß hier Ncnobius Acciaioli mit dem vorhcrgchcndcn Donatus sey verwechselt worden. Von seinem Sterbejahre eine Anmerkung* welche dcn Herrn Ve LNonnoie angeht. ° Ainbrosius Alcamum sagt, senobius scv im Jahrc ^ i ch^v^. 371 Fünf und zwmijigsicr Brief. 1620 gestorben. Dem Herrn de lg Monnoie ist dieses verdächtig vorgekommen. Er sagt daher, es hielten einige dafür, er könnc nicht eher als im Zahrc 1537 gestorben seyn, weil -Hieron^mus Aleandcr, welcher ihm in dem Amte eines Bibliothekars im Naticanc gefolgt ist, diese Stelle mcht chcr als im gedachten I637tcn Zahrc angetreten habe. Allein woher hat der Herr de la XNonnoie diese Nachricht? Äa>"le sagt: ^lonncli-o l'ut !» oliarFv tlo IZililiotliocuiio <1u Vatioan s^ros la moit ä'^eeiu- ^oli. IVlais Io Aiancl tlioateo ou il ooinmoii,^!t i» 1619. Ist hieraus nicht zu schlicsscn, daß cr schon vor dcm Jahre 1519 dic Aufsicht übcr die vaticanischc Bibliothcck müßc gehabt habcn?---Doch Zöayle könnte vielleicht hier ein Hystcronprotcron begangen haben? Ich will also den Zweifel des Herrn de la rNonnoie auf eine unwicdcrsprcch- lichcre Art nichtig machen: durch dic Anmerkung nehmlich, daß -H. Aleandcr 1537 schon Kardinal gewesen, oder wcnigstcns gleich das Jahr darauf geworden ist. Ist es also möglich, daß cr dem I. Acciajoli erst zu dieser Zeit könne gefolgt scyn? Ich will es aber gleich entdecken, woher dieser Irrthum des Herrn de la Monnoie entstanden ist. Daher nehmlich, daß cr cbcn so wenig wie der Herr D. Isckcr, dic Auffchcr in der vaticanischc» Vibliothck, von dcm eigentlichen Bibliothekar, welches nicmand anders als ein Kardinal seyn kann, nntcrschicdcn hat. Als Acciafoli 1520, oder wie ich vermuthe noch chcr, starb, folgte ihm Aleandcr nur als tüuttos!, oder NiiMor IZiI>Ii»tI>oo»! Vlttio.-mlo. Nach seiner Gclangung zur Kardinalswürde aber, welches gegen das Jahr 1538 geschah, ward cr cigcntlichcr Bibliothckarius. Ich muß mich wundern, wie sich Zba>'le durch einen so leicht zu wic- dcrlcgcndcn Einwurf hat können irre machen lassen. Doch cs scheinet, als ob cr dcm Hcrrn de la Monnoie allzuviel Genauigkeit zugetraut hätte. Und nur daher ist cs vielleicht gekommen, daß cr sich verschicdnc Fehler von ihm hat aufheften Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1752, 375 lassen. Ich will es »och zum Ucbcrflussc durch ein Zeugniß beweisen, daß Acciasoli schwerlich erst 1537 könne gestorben seyn. K.canvcr Albertus sagt in seiner ZZcschrcibung Italiens, welche ich nach der lateinischen Ucbcrsctzung anführen muß, von ihm folgendes: i5I55iOVW8 ^!s!II5V0I.V8 vx nrclinv jir^llicatm'iim, <11»rtvrem. et IZililivtlioe^ Vatio.in-v I>I->Z!stor oxeoMt. Diese Stelle steht nicht weit vom Anfange eines Werks, welches der Verfasser schon 1537 völlig ausgearbeitet hatte, ob es gleich erst einige Zahr drauf gedruckt worden. Wie hätte er annis i"„- sionorünis sagen können, wann er in eben dem Zahrc gestorben wäre? Was die Ucbcrsctzung des Julrinus, in dieser Stelle des Albertus, anbelangt, so ist sie niemals gedruckt worden, welches denen bekannt scvn wird, welche wissen, daß wir nicht mehr als drey lateinische Ucbcrsctzungcn des Justi- nus haben. Die erste ist von dem Joachimus Perionius; die zweyte von dem Sigis. Gclenius, und die dritte von Johann langen. Aus der Berlinischen Staats- und gelehrten Zeitung von den Jahren 1762 und 17.i3.^) von gelehrten Sacken- (12. Der. 17.>2.) Satyrische und lehrreiche Erzehlungen des Michel de Cervantes Saavcdra, Verfasser der Geschichte des Don G.uischotts; nebst dein Leben dieses berühmten Schrifr stellcrs, wegen ihrer besondern Annehmlichkeiten in das Teur sche übersetzt- Frankfurt und Leipzig. In der Anoch und Es;-- lingerischen Buchhandlung, in 8t, 1 Alphb. 17, Bogen, ?cr Namc des Verfassers ivird dieses Werk mehr .„'preisen, als wir es mit aller Beredsamkeit zu lhiui im Stande wäre», Ls sind ^rjchlun.icn, oder, °) Bei diesen und den sehenden Ial'rgängc» ist die Sicherheit, das; nnr Echtes ausgewählt worden sri, sclion weit geringer als bei dcni Ial'rgang t7i>1. Indeß wird der Auswälilcr nnr gelelnlen, nickt aber bloß ans »' c/e 5 ^?c«ii//!0»i»io o?^«!»!!L c?e c/in»i^e c?» ^?ot c/e ^«?ic-L ^/iniitie/clii ?.» ^ 5/ : ^M»U Aus der Berlinischen Zeitung vom Z. 1762. 377 Sie hat nicht nur schone Stellen; sie ist durchaus schön, und die Thränen eines fühlenden Lesers werden unser Urtheil rechtfertigen. Der Stof ist aus der Geschichte der mittlern Zeit genommen, (5s würde eine sehr trockene und überslüfiigc Untersuchung werden, das wahre und das erdichtete davon zu bestimmen. Wie leicht könnte es kommen, daß das letztere das erstere verschlänge? Noch thörigtcr würde es seyn, wenn wir den Jnnhalt hier verrathen wollten. Wir wollen den Lesern das Vergnügen das aus dem Unerwarteten entsteht ganz gönnen, und ihnen weiter nichts sagen, als daß es ein Trauerspiel ohne Blut, zugleich aber ein lehrendes Muster sey, daß das tragische in etwas mehr als in der blossen Vcrgicssnng des Bluts bestehe. Was für Stellungen! Was für ömpsindnngcn! Lisois, was für ein Charakter! vs ist vicllcicht verwegen zu sagen, der Tichtcr habe sich selbst darinne übertreffen. Doch es sey verwegen; giebt es nicht auch verwegene Wahrheiten? - - Kostet in den Vossischcn Buchlädcn 6 Gr. (19. ?cc.) Idomcneuö/ ein Trauerspiel des Hrn. Crebil- lon. Stralsund und Leipzig bey Joh. Jacob °Meitbrecht. 175?. Von dem Trauerspiele selbst ist nichts zu sagen. Wer kennt den blutigen Cothuru eines grausamen Crcbillon nicht? Die Uebcrsctznng ist in reimlosen Zeilen, mit abwechselnder Vcrsart. Warum der Ueber- sctzcr den Reim verbannt habe, zeigt er in der Vorrede an: weil man mitten in dem Sturme der Leidenschaften stets durch sein widerliches und unnatürliches Gerlapper erinnert werde/ man sey nur auf dem Schaupla-ze. Vortrcslichc Ursache! Hieraus würde folgen, daß man mit verbundenen Augen in den Schauplatz gehen müsse. Jedes Licht, jede Verzierung der Scenen, jede Verkleidung der Schauspieler, erinnert mich weit mehr, als der Reim, daß ich nur auf dem Schauplätze bin; indem alles, was ich mit den Augen sehe, einen weit schärfern Eindruck macht, als was flüchtig durch die Ohren rauscht. Warum ist man nun nicht aufrichtig mit der Welt? Warum sagt man ihr nicht gleich? ich hatte große Lust dieses Trauerspiel zu übersetzen, ich war aber zu faul oder zu ungeschickt, die Schwierigkeiten des Reims, so wie etwa Schlegel (stehe die Vorrede zu seinen theatralischen Werken) zu übersteigen; und habe also den Reim an Galgen heißen gehen. - - Ob er in der Wahl der jedesmaligen VerSart, sagt der Herr Ucbcrsctzcr, glücklich gewesen oder nicht, werde die Aufführung dieses Stücks am besten zeigen können. Ins Ohr, ^,-/, ^ , ../>".' > , 378 Ans der Berlinischen Zeitung vom Z. 1762, mein Herr! Ihre Uebersctzuug mochte wohl nimmermehr aufgeführt werden; es müßte denn von einer Gesellschaft seyn, die sie ausdrück- lich dazu erbeten. Fragen Sie nur einen Schauspieler, was für Dicuste ihm der Reim bey dem mcmorircn leiste? Sie werden alsdann ans seiner Antwort schlicssen können, ob sie ihm durch ihre Rcncrnng eine große Gefälligkeit erzeigt haben. Werffen sie mir nicht höllisch ein, er habe ihre Verse nur als Prosa zu lernen, Sie irre» sich; in der Prosa kein er hier nnd da ein Wort, ohne Nachtheil der Stärke der Gedanken versetzen, welches er in ihren Versen unterlassen muß, wann sie anders Verse bleiben sollen. - - Kostet in den Vossischc» Bnchlädcn 4 Gr. (23. Dcc) /Genien« c/e /Vit/n/!^i/iie »«oc/e^iis, H«t coii- /i'eniieni ^«ett»nn/t^?le, 5/t^/!>^?ie e.i/«'- i i»ie?i/a/e. /e K^/?eme ^/o?!e»'/es. ^ill^ct^e eni'-c/it c/o /'»^ ^s/,. ^/e, ,o ^/n^i,e/. Doo/e?»' Mec?ec/,ie. ?omc«. in 12. 1 Alph, 16 Bogen, nebst 5 ZZogen Rupfer. Der Herr Massuet ist zwar nicht der erste, welcher die neuere Wcltweishcit nach dem Begriffe eines jeden vorzutragen sucht; er ist aber unwidersprechlich der glücklichste. Die übrigen alle haben einer gewissen Philosophie geschworen, und theilen ihren Lesern von den neuen Entdeckungen nur diejenigen mit, welche in ihr Lehrgebäude passen. Wie viel verliert man also nicht bey diesen Herren, welche die Natur nach ihren Ideen, nicht aber ihre Ideen »ach der Natur einrichten wollen? Und wie viel aufrichtiger ist Herr Massuet, welcher in allen den Stücken, woriune die Wcllwcisen uneinig sind, auf keines Seite trit; die Gründe für und wieder in aller ihrer Stärke vorträgt, und es dem Leser überläßt, seinen Beyfall fest zu setzen, oder welches immer das beste ist, so lange ;n verschieben, bis neue Erfahrungen ein größeres Licht, in der streitigen Sache, anzünden. Diese Entfernung von allen Sekte» ist ein großer Vorzug gegen- wärtigcr A»fa»gsgründe; er ist aber bey weitem nicht der einzige. Die »»gemeine Deutlichkeit, und die sorgfältige Vermeidung aller »»- »ützc» Spitzfindigkeiten, hätten wir zuerst rühme» solle». Nach dem Eingange, welcher von der Wcltweishcit überhaupt handelt, theilt Hr. Massuet die ganze Philosophie i» nicht mehr als drey Bücher. In dem ersten handelt er die Pncvmatik, in dem andern die Metaphysik und in dem dritten die Erpcrimentalphysik ab. Was werden aber un- Ans der Berlinischen Zeitung vom I. 1763. 379 serc tiefsinnigen Tcnninologistcn sagen, wann sie sehen werde», daß der Verfasser ihre Konigin der Wissenschaften in zchcn kleinen Haupt stückcn abgefertiget, der Natnrlchre hingegen ganzer 8? Kapitel gewidmet hat? Sie werden ohne Zweifel in der barbarischsten Sprache über Barbarcy schreien, und ans Rache (wo es nnr nicht auch ans Unwissenheit geschieht) in ihren nächste» Lehrbüchern der Physik die wenigsten Blätter einräumen; ja sie noch dazu so vortragen, daß mau auch diese, wie gewöhnlich, ganz und gar wird überschlagen müsseu. - - Sonst hat es dem Hrn. Massuet gefallen, sich der Methode durch Frag und Antwort zu bedienen; und hoffentlich wird man sich nickt daran stoßen, weil er diese Lehrart, weder von einem Hübncr, noch von einem Rcimann gelernt hat. Kostet in den Vossischen Buchlädcn hier und in Potsdam 2 Thlr. 1ö Gr. (2. Jan. 17,?3.) ///5//»>t< c/es ^V«/-»,!«. // Z'omcs. « /» 1752 in 12. jeder Theil 12 Bogen. Die edelste Beschäftigung des Menschen ist der Mensch. Man kan sich aber mit diesem Ecgcn- stände ans ciue gedoppelte Art beschäftigen. Entweder man betrachtet den Menschen im einzeln, oder überhaupt. Auf die erste Art kau der Ausspruch, daß er die edelste Beschäftigung sey, schwerlich gezogen werden. Den Menschen im einzeln zu kennen; was kennt man? Thoren und Ä oscwichtcr. Und was nützt diese Erkenntniß i uns entweder in der Thorheit und Boßhcit recht stark, oder über die Nichtswürdigkeit uns gleicher Geschöpfe melancholisch zu machen. Ganz anders ist es mit der Betrachtung des Menschen überhaupt. Ucbcrhaupt verräth er etwas grosses und seinen göttlichen Ursprung. Man betrachte, was der Mensch für Unternchiuuugcn ausführt, wie er täglich die Grenzen seines Verstandes erweitert, was für Weisheit in seinen Gesetzen herrschet, von was für Emsigkeit seine Denkmähler zeigen. Das einfaches» uud vollkommenste Bild von ihm auf dieser Seite zu erhalten, mnß man es, ans eine Lnciauischc Art, aus den schönsten Theilen seiner Arten, das ist der Nationen, zusammen setzen, wozu aber eine sehr genaue Charakteristik derselben, erfordert wird. Noch hatte kein Schriftsteller sich diesen Gegenstand insbesondere cnvchlct; so daß der Verfasser der gegenwärtigen Schrift mit Recht von sich rühmen tau: liboia per vaouum jiol'ui velligl-t ^i-inceps. Mau begreift es leicht, daß er alle seine Anmerkungen ans die Geschichte gründen müsse, und daß, wann cr nur das geringste von dem Charakter einer Ration, 380 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1763, ohne sich auf die Erfahrung zu stützen, behaupten wollte, er eben so lächerlich werden würde, als der Naturforscher, der uns neue Entdcckun- gen aufdringen will, ohne sie durch Erpcrimcnte zu beweisen. Man muß ihm aber mit Recht den Ruhm lassen, daß er sich als einen eben so grossen Kenner der Geschichte, als einen scharfsinnigen Wcltwciscn erwiesen hat. In diesen beyden erste» Theile», dciien vielleicht noch einige folge» möchte», ist seine Beschäftigung diese, daß er die Ursachen der Verschiedenheit unter den Nationen untersucht, die vornehmsten alter und neuer Zeiten mit einander vergleicht, nud ihre» abwechselnden Vorzug bestimmt, eigentlich zu reden hat man keine andere als physikalische Ursachen, warum die Nationen a» Leidcnschafte», Talenten und körperliche» Geschicklichkeiten so verschiede» sind; denn was ma» moralische Ursachen nennt, sind nichts als Folgen der physikalischen. Die Erziehung, die Regierungsform, die Religion zu den Ursache» dieser Verschiedenheit zu mache», zeigt deutlich, daß man es entweder schlecht überlegt hat, oder einer von denjcinge» Gelehrte» ist, die zum Unglück in Ländern gebohren sind, von welche» ma» vorgicbt, daß sie den Wissenschaften wcnigcr günsiig, als etwa Frankrcich und England, waren, und also sich selbst Unrecht zu thun glauben, wann sie den Einfluß des Elima auf die Fähigkeit des Geistes zugeben wollten. Um ter den Beurtheilungen verschiedener Völker, welche der Verfasser angc- gcstcllct, ist insbesondere die Beurtheilung der Chinescr uud der alten la- cedäuiomsche» Republik uugcmei» lcsciiswürdig. Er behauptet vo» der letztern, daß viele Gesetze des Lycurgs allzubesouders gewesen wären, und daß die Tugenden der Spartaner nicht allezeit aus den beste» Gruudsätzc» geflossen wären. Es war, sagt er, allzuviel Kunst und Eczwungenhcit dabey. Es war Schmünke; freylich die schönste von der Welt, weil sie von Grieche» und Philosophen war gemacht worden: aber es war doch Schmünke. Kostet^» de» Voßischen Buchlädcn, hier und in Potsdam, 1 Rlhlr. (6. Ja».) Bald wird i» Frcmkrcich die Profcßio» eines Sitten- lehrerS die Profcßion eines Wagehalses werden. Schon wieder eine Moral die ma» in Paris verbrannt hat! Hier ist der Titel- I^'voole «Iv ou I'arallolo cios Portraits j,u1umsmo lrlliulim. 8cllice1 uui lvc^uus virluli rckcjiio ejus nmiois. Eine Menge satyrischer Schilderungen, in welchen mau beynahe den ganzen paristschcn Hof, und wcr weiß was noch für hohe Häupter finden will, sind tic Ursache seines Unglücks. Abcr soll denn cin Sittcnlchrer nicht nach dem Leben schildern? Sollen denn alle scinc Gcmähldc ohnc Achnlichkcit scyn? Und wann cr auch nicmandcn zn treffen Willens hat, so darf cr nur die aller grotcsqncstcn Figuren von Narren auf das Papier werfen, und die Anwendung dem Lcser überlassen; cr wird gewisse Personen vor den Augen müssen gehabt haben, wann cr das Gegentheil auch bcschwörcn wollte. Derjenige also hätte das Unglück des Verfassers verdient, welcher seinem Werte cincn Schlüssel beygefügt hat, welcher der Verlcnmduug vielleicht die Geheimnisse anfschlicsscn soll, wo der Verfasser keine wissen will. Untcrdcßcn wird cr gcwifi mehr Lcscr anlockcn, als es die strenge Moral des Verfassers würde gethan haben. Kostet in den Voßischcn Buchlädcn 16 Gr. (16. Jan.) p. I. Hollanders Bibliothek fiir unstudirte wahre Religionslicbhaber: oder auserlesene Schriften und Auszüge aus den alten sowohl als neuern Zeiten, zur gnugsamcn Bestätigung der Wahrheiten des Seelenheils/ wider die Ungläubigen, Juden und Schwärmer. /. //. und Theil. Frankfurt am Map» 1762/ zu finden in der Dürenschen Buchhand- >Z82 Ans der Berlinischen Zeitung vom Z. 17^53. lnng. in 8v- Wenn es wahr ist, daß in den neuern Zeiten die fürchterlichsten Bcstrcitcr nnscrer Religion aufgestanden sind, so ist es auch nicht minder wahr, daß zu eben den Zeiten diese bcstrittcne Religion die mächtigsten Vertheidiger gefunden hat. Allein das wurde offenbar falsch seyn, wenn mau behaupten wollte, daß die Schriften sowohl der einen als der andern auch gleiche Wirkungen gehabt hätten. Die erster» besitzen mcistcnthcilS die nnsccligc Ecschicklichkeit dem Falschen alle Rcitzc der Wahrheit zu geben, die schwächsten Gründe durch witzige Einfälle aufjnstützcn, und sich so auszudrücken, daß man sie ohne Kopfbrechcu verstehe» kaun. Die andern habe» incisteitthcils ci» allzugclchrtcS Ansehe», »»d das ist pedantisch; sie bleibe» immer crnsi- baft, und das ist unerträglich; sie setzen Schlüsse ans Schlüsse, und wer wird gerne seine Gedanken anstrengen. Daher kommt es, daß diese nur diejenigen zn Lesern bekommen, die sich unterrichten wollen, jene aber alle die, welche zum Zeitvertreibe lesen; so daß allezeit das kritische Wörterbuch hundert Leser, und die Thcodiccc einen hat. Der Herr Holländer hat es versucht diesem Uebel dadurch abzuhelfen, daß er die berühmtesten Schriften für die Religion den Unstudirtcu, welche die Wcitläufiigkcit und dchucudc Grüudlichkcit oder die fremde Sprache derselbe» abschreckt, durch deutliche Ucbcrsctzuugcu, oder faßliche Auszüge, in die Hände iicfrc. So rühmlich sein Vorhaben war, so wohl hat er es auch ausgeführet; welches aus nichts deutlicher erhellen wird, als wenn wir die Stücke ncnucu, die in diesen drey ersten theile» enthalte» sind. :c. A»s diese» Titel» wird nia» unschwer ermessen können, daß dieses Werk, wann die übrigen Theile diesen gleich werden, Unsiudirtcu, welche eine nach ihren Umständen gründliche i?rkcuut> niß von der Religion erlangen wollen, nicht genug wird können angepriesen werden. Kostet in den Voßischcn Bnchlädcn 2 Thlr. (18. Jan.) Berlin. Die Liebe zur einzigen wahren Wcltwcishcit, zur Erkenntniß der Natur, scheint jetzt in Deutschland ein allgemeiner Geschmack geworden zn seyn. Hoffentlich wird das Publicum einen ncucu Beweis mit so viel großer« Vergnügen lesen, je gewisser es ist, daß es selbst am Ende den größte» Nutzen davon haben wird. Vcr- schicd»c vornehme, gelehrte und neugierige Personen, welche überzeugt sind, daß es in den amerikanische» Länder» a» sorgfältige» .Beobachtern der Natur um so viel mehr fehlen müsse, je seltener es geschehe, daß man die Begierde sich zu bercichcru, von welcher fast alle Enro- Ans der Berlinische» Zeitung vom I. 38? päcr in jene Gegenden getrieben werden, nnd die Begierde seine und des menschlichen Geschlechts Einsichten jn erweitern, beysammen fände, haben sich vcrbnndc», einen Gelehrten ans ihre Unkosten eine physikalische Reise dahin thun zn lassen. Sie haben den Hrn. Mylins, Eor- respondcntcn der königl. grofibrittanischen Akademie der Wissenschaften in Göttingen, dazu auscrschcn, an dessen Fähigkeit man so wenig zweifelt, daß man gewiß glaubt, seine Erfahrungen werden bey den Naturforschern die Glaubwürdigkeit eigner Erfahrungen künftig haben. Er wird also in wenig Wochen von hier nach Holland abreisen, von dannen er im künftigen Monat März nach Cnrinam zu Schiffe gehe», und sich iu den dortigen Gegenden ohngcfchr ein Jahr aufhalten wird. Von Surinam wird er nach Earolina, und besonders nach Georgien, auch wann cS die Zeit verstattet, »ach Pcnsylvanicn gehen, und auch iu diese» Provinzen ein Jahr zubringen. Endlich wird er von Boston wieder nach den Antillischcn Inseln segeln, und sich auf Befehl und Unkosten Sr. König!. Majestät in Tänncmark auf den beyden dänischen Inseln St. Thomas und St. Crux gleichfalls beynahe ein Jahr aufhalte», und von da über England und Vänncmark nach Deutschland zurück kommen. ?ie Absicht dieser Reise, wie wir schon gesagt, ist physikalisch; nehmlich Beobachtungen und Versuche aiijusicllc», wclcbc hier nicht können angestellt werden; Nachrichten von diesem und jenem cinzujichc», was iu unser» Lande» zur Aufnahme der Handlung, der Manufacturcu, der Künste nnd Wisscnschaftc» dienlich seyn kan; und endlich denjenigen, welche die Unkosten dieser Reise tragen, natürliche Seltenheiten ans allen Reichen der Ratnr zn sammeln. (?3. Jan ) Gründliche Bemühungen des vernünftigen Menschen im Reiche der Wahrheit, den Verehrern des Wahren mitgetheilt von Christian Ernst Simonctti. Frant'furth an der- Oder- bey Joh. Chr. Rleyb. 1752. in 8vo. 1 Alphb. 3 .Bogen. Unter diesem Titel hat cS dem berühmten Hrn. Verfasser gefallen, der Welt eine Vcrnunfllchrc mitzutheilen. Er ist neu, wird mau sage», aber für das dariinic abgehandelte viel zu wcitläuftig. Hierauf wisscu wir nichts zu antworten, weil er i» dem Werke selbst nirgends gerettet wird; es müßte den» dieses sey», was ma» dem Leser in der Vorrede zu vcrstchcu giebt, daß »chmlich der Herr Verfasser den vernünftigen Mensche» in seine» Bcmühimgc» im Reiche der Wahrheit künftig weiter folge» wolle, das ist, daß er mitcr diese,» Titel eine» ganze» pbi- 384 AuS der Berlinischen Zeitung vom I. I75Z. losophischcn Cursum schreiben wolle. Und alsdann wird mau weniger darwider einzuwenden habe». Von der Ausführung wird ein verständiger Leser dasjenige zu sagen gedrungen seyn, was man von allen Simoncttischcn Schriften schon längst gesagt hat, daß sie in einer schonen Schreibart, in einer ungezwungenen Lebhaftigkeit und in einer Ordnung abgefaßt sind, welche der Verfasser mehr in dem Kopfe als auf dem Concepte gehabt hat. Diejenige» welche viel neue Wahrheiten hier von ihm verlangen, sind sehr abgeschmackt. Das neue sollte uns in den spcculativischcn Theilen der Wcltweisheit allezeit verdächtig seyn. Genug wann ein Schriftsteller, welchen seine äußerlichen Umstände in ein schon von vielen durchforschtes' Feld nöthigen, zeigt, daß er nicht hloß nachbete, daß er es selbst durchgeforscht habe; gesetzt auch, er habe nicht mehr erforscht als seine Vorgänger. Die Wahrheit gewinnt nicht allein durch neue Entdeckungen, sondern auch durch die verschiedenen Arte» sie vorzutragen. Kostet in den Voßischen Buchlädcn 9 Gr. (27. Jan.) Sieg des Liebesgottes. »Line Nachahmung des popischen Lockenraubes. Stralsund, Greifswald und Leipzig, bey I. I. 'Weitbrecht. 1753. Dieses römische Heldengedicht besteht aus vier Gesängen, und es ist schon ein sehr gutes Vornrtheil fiir den Verfasser, daß er niemand geringerm, als einem Pope nacheifert. Seine Poesie hat eine Schönheit, um die sich die wenigsten unserer jetzigen deutschen Dichter bekümmern; sie fließt mit einer reinen Lcich> tigtcit dahin, ohne daß sie von Gedanken leer ist. Mahlerey, Scherz und Satyre herrscht in allen Zeilen, und wenn der Verfasser nicht mit dem Verfasser des Renomistcn und der Verwandlungen eine Person ist, so wird er dem Leser das Urtheil sehr schwer machen, welcher von beyden den Vorzug verdiene. Einige Zeilen aus dem Auftritte mit LcSbien und dem Dichter Cleauth, welcher von der Raserey vorzulesen besessen ist, mögen zur Probe dienen. O Schande, fuhr sie fort, in abgelegnen Sträuchen Begegnet mir Clcanth; ich such ihm auszuweichen. Er tritt mich schmeichelnd an, und, Himmel was geschieht ? Nach einem apropos! liest mir Clcanth ein Lied. Bis an den kalten Mond entfliegt in seiner Ode Der Unsinn, dick umwölkt und scheckigt nach der Mode; Der Henker flieg ihm nach! doch lob ich, was er schrieb: Verfluchte Schmeichclcy, die ihn zum Feral trieb! WW^M)O.??^ ^ '«^ Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1763. 385 Nun aber, fährt er fort und runzelt seine Stirne, Bemüht ein Heldenlob mein kreisendes Gehirne: Und schone Lcsbic! ich kenn ihr feines Ohr, Wofern es nicht mißfallt, so lef ich etwas vor. Er zieht mit voller Hand und vornehm spröden Wesen, Ein drohend Buch hervor, und alles will er lesen. Ich flieh, er lauft mir nach, uud liest, indem er läuft. Warnm wird ein Poet nicht eh er schreibt, ersäuft! Ich suhlte da er las das Blut im Leib erkalten. Ach! konnte mich Clcanth nicht süsscr unterhalten? Verdrießlicher Poet! wie artig schickt sich nicht In schattiges Gebüsch ein episches Gedicht! Kostet in den Bosnischen Buchlädcn 1 Gr. 6 Pf. (30. Jan.) Ein aberwitziger Franzose schrieb im vorigen Jahre einen erbärmlichen Roman unter dem Titel In clor^lilo »Inroltv ou, 1^V»l!n»lIüo ooui'nnvo »ar Ein Teutscher welcher »och aberwitziger war, hat ihn sogleich in seine Muttersprache übersetzt. Die doppelte Narrenkappe, oder die mit dem Brautkränze ge- cröine Antipathie/ als eine der seltensten und ausserordentlich- sten ^iebesgeschichten, oder unter den neuen Zeitungen die neueste/ wie auch das Bittere süsse werden ran; mit aufrichtiger Feder beschrieben und wegen ihres besondern Inhalts aus dem Französischen in das Deutsche übersetzt. Delitsch bey I. C. E, Vogelgcsang 17S2. in 8v. 11 Dogen. Vcr Franzose beklagt sich in der Vorrede, daß mau nicht mehr wisse, wie man Leute, die gerne etwas lesen möchten, zufrieden stellen solle! er glaubt es gäbe nichts neues mehr, cS sey alles abgenutzt, ausser der Rcugicrigkcit und dem Verlangen, beständig vergnügt zu seyn. - - Ein Schriftsteller der eine solche Sprache führt, tan der sich Leser versprechen? Und was ist ungcgrüudctcr als eine solche Sprache? In der Welt der Erdichtungen wird ein Genie noch immer ein Land finden, das seinen Entdeckungen aufbehalten zu seyn schien. Auch nicht einmal die Anlage zu dieser elenden Geschichte ist dem Verfasser; denn wer das Lustspiel des Herrn de l'Islc, Timon, gelesen hat, dem wird eine zur Liebe führende Antipathie nichts unerwartetes sey»; nur mit dem Unterschiede daß diese Erfindung dort mit aller Feinheit bearbeitet, und hier auf eine recht grobe Art übertrieben ist. Was sollen wir von der Lessmgs Werke in, 25 386 Ans der Berlinischen Zeitung vom I. 1753, Schreibart, von der eingestreuten Moral, von den Schilderungen sagen? Dieses, daß man weder Schreibart, noch Moral, noch Schilderungen darinne finden wird. Den Ucbersctzcr bittet die deutsche Sprache durch uns, ja nichts eher wieder zn übersetzen, bis er wenigstens den Unterschied zwischen mir und mich gclcrnct hat. Kostet in den Bosnischen Buchläden 3 Er. (1. Febr.) Abhandlungen zum Behuf der schönen Wissenschaften und der Religion von Carl Ludcwig Muzelius, Diener am Worte Gottes in prcnzlow, Mitglied der deutschen Gesellschaft in Rönigoberg. Erster Theil. Stettin und Leipzig, bey I, Fr. Runkcl 1752. in 8v- auf 10 Bogen. Der Herr Verfasser fängt hiermit au seine zn verschiedenen Zeiten über verschiedene Gegenstände ausgearbeiteten Abhandlnngcn zu sammeln und der Welt thcilweisc zu schenken. Sie erhält vors erste folgende, welche alle le- scnSwürdig sind, und sowohl von der richtigen Art zu denken, als von der ungekünstelten Beredsamkeit ihres Urhebers' deutliche Beweise ablege«: 1) Der Ncducr nach dem Muster der Natur. Sollte sich der Herr Verfasser nicht irren, wann er, wo nicht sich, doch den Hrn. Batteux, zu dem Erfinder des Grundsatzes in den schonen Wissenschaften: ahme der Natur nach/ macht? Wir glaubcu ihn schon bey dem Aristoteles und Horaz gefunden zn haben, die ihn aber bey ihren Regeln in der allgemeinen Empfindung der Leser mehr voraussetzen, als erweisen. Ucbcrhaupt scheint er uns viel zu entfernt zn seyn, um in der Ausführung einem Anfänger nützlich seyn zu können. Was würde man von einem Schuster denken, welcher seinem Lchrjungcn alle Handgriffe aus dem Grundsätze seines.Handwerkes herleiten wollte: jeder Schuh muß dem Fusse passen, für den er gemacht ist? Der dümste Junge würde ihm antworten: das versteht- sich. 2) Die Harmonie der Gcsichtszüge mit den menschlichen Neigungen, versuchsweise erklärt. 3) Ein Brief über eine gewisse Linde, so die Eigenschaften eines Thermometers hat. 4) Die Harmonie der Sprache mit dem Charakter eines Volks. 5) Eine Predigt über das Gewitter. Kostet in den Voßischcn Buchläden 3 Gr. (10. Febr.) Rlagcn oder Nachtgcdanr'cn über Leben, Tod und Unsterblichkeit. Englisch und Deutsch. Die vier ersten Nächte. Göttingen. Bey Joh. Will), Schmidt. 1752. Da uns schon der Herr Ebert eine schöne Ucbcrsctzuug dieses Meisterstücks ei- Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1763. 387 . ncs der ehrbarsten Dichter geliefert hat, so wird man vielleicht sagen, daß eine neue Uebcrsetzung nnnöthig sey, besonders wann es wahr seyn sollte, daß diese in reimlosen schlecht scandirtcn Vcrscu, und jene in einer starken poetischen Prosc wäre. Wir können hierzu nicht völlig ja sagen, da wir dem neuen Hrn. Ucbcrsctzcr wenigstens in der Absicht vielen Tank schuldig sind, daß er das englische Original unter uns durch seine Arbeit gemeiner macht; zumal wenn es ihm gefallen sollte, sie fortzusetzen. Statt einer Vorrede findet man einige Nachrichten von dem Verfasser D. Äjoung, aus einem Schreiben des Hrn. von Tscharncr an den Hrn. Hofrath von Hallcr. Die Umstände welche zu Erläuterung seiner Nachtgcdanken dienen können, sind folgende: „Lucia war seine Gemahlin und Narcisscns Mutter; eine Schwester „des Grafen von Litchficld, dem das fünfte Buch der Nachtgcdanken „zugeschrieben ist, und eine Großtochter König Carls des zweyten von „mütterlicher Seite. Narcisse hcyrathcte Philanceru, einen Sohn „Mylord PalmerstonS. Diese Ehe und die Familie der Lucia verband „den D. ?>oung mit einigen der vornehmsten Hänser des Königreichs. „Philandcr und Narcisse starben beyde auf einer Reise, die sie nach „Frankreich unternommen hatten, um ihre Gesundheit wieder hcrzu- „stellen, und ans welcher sie von ihrem würdigen Vater waren begleitet worden. Bald nach jenes Tode folgte sie ihrem Chgcmahl: ein „doppelter Verlust, der ?joung in die tiefste Betrübniß versetzte. Die- „ser wurde übcrdcm auf der Reise von Calais nach Douvre mit einem „so starken Fieber befallen, daß er sich dem Tode nahe fand. Und „dieses waren die traurigen Begebenheiten, die ihm die Gelegenheit „und den Vorwurf zu den Nachtgcdanken gcgcbcn hatten - - Kostet in den Voßischen Bnchläten 6 Gr. (16. Febr.) Seit dem Verfalle des römischen Reichs, verdient wohl die Geschichte keines einzigen Volks mit mchrcrm Rechte bekannt zn seyn, als die Geschichte der arabischen Muselmänner; sowohl in Betrachtung der großen Leute welche unter ihnen aufgestanden sind, lind die wunderbarsten Veränderungen vielleicht in dem beträchtlichsten Theile der Welt gemacht haben, als in Ansehung der Künste und Wissenschaften, welche ganze Jahrhunderte hindurch den schönsten Fortgang unter einem Volke gcnoßcn, welches uns unsre Vorurlhcilc gemeiniglich als ein barbarisches Volk betrachten lassen. Man kau zwar nicht sagen, daß die Gelehrten in dieser Geschichte gar nichts geleistet hätten; 388 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1753. oder man müßte, ausser den arabischen Originalscribcntcn, einen Pocock, einen Golius, einen Pridcaur, einen Salc, einen Ocklcy, einen Eagnicr, einen Hcrbclot, einen Rcnaudot, ganz und gar nicht kennen. Dieses aber kan man sagen, daß uns, nur »och vor einiger Feit, ein Werk zu fehlen schien, welches ans eine unterrichtende und zugleich anmuthige Art alles, was uns genannte (belehrte stückweise geliefert haben, zusammen faßte, ohne mit ihrer fürchterlichen Gelehrsamkeit zn prahlen. Es scheint uns aber jctzo nicht mehr zu fehlen, seit dem wir des Herr» Abts Marigny Historie der Araber unter der Regierung der Calife», erhalten haben. Dieser Schriftsteller hat sich einen Rollin zum Muster vorgestellt, und schon dieses Muster muß ein gutes Vorurlhcil für ihn cnvcckcu. Da er, wie dieser, bloß die Absicht hat eine mittlc Gattung von Lesern, und vornehmlich die Jugend zu unterrichten, so hat er sich aller dunkeln Uutcrsuchungcn einschlagen, welche nur Gelehrten, die diese Geschichte in allen ihren Theilen ergründen wollen, gefalle» können. Sein ganzer Fleiß geht darauf, die häufigen Revolutionen, die umgestürzten Throne, die znm ElückSballc gewordenen Monarchie», die niedrige» Sklaven, die sich zu dem Gipfel der Ehre geschwungen, und mächtige Dynastien, die durch noch mächtigere zerstöret worden, gestiftet haben, auf eine Art zu beschreibe», wodurch die Geschichte allein zum Spiegel der Klugheit wird. Man kan also sei» Werk, welches aus vier Octavbäudcn besteht, sowohl dem innerlichen Werthe, als der äußerlichen Einrichtung nach, als eine Art von Fortsetzung der allen Geschichte des Herrn Rollins ansehen, in welcher Betrachtung eS auch eine» allgemeinen Beyfall erhalten hat. lind eben dieser Beyfall hat eine deutsche Ilcbcrsctzung verursacht, welcher es hoffentlich an einer guten Aufnahme nicht fehle» wird. Sie ist bereits unter der Presse, so, daß künftige Ostcrmcssc der erste Theil unfehlbar in der Aoßischcn Buchhandlung erscheinen wird. (2(1. Febr.) Drey Gebete eines Freygeistes, eines Christe» und eines guten Rönigs. Hamburg/ zu bekommen in Joh. Carl Dohns Buchhandlung/ 17o3, in groß 4t. auf 1 ZZogcn. Wann Worte und Redensarten, wobey gewisse große Geister vielleicht etwas gedacht haben, widcrholcu, denken heißt; wann kurze und nicht zusammenhangende Perioden das einzige sind, worinne der laconischc Nachdruck bestehet; wann in der bunten Reihe häufiger ? dcclamatorischcr ! und gehcimnißvoller - - - - das Erhabene steckt; wann verwegene Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1753. Wendungen Feuer, und undcutsche Wortfügungen Tiefsinnigkcit verrathen; kurz wann unserer Witzlingc neueste Art zu denken und sich auszudrücken die beste ist: so wird man hoffentlich wiecr angezeigten Wogen nichts zu erinnern haben; es müßte denn dieKleinigkeit seyn, daß der Verfasser vielleicht nicht gewußt hat, lvaS beten hcissct. Zuerst läßt er den Freygeist beten. Dieses (Lebet schließt sich: „O könnte „ich mich aufmachen, und eilen und mit diesen Thränen der Acrnich- „tung flehen: Erbarme dich über mich! Denn verflucht sey der Mann, „der mich gezeugt, und das Weib, die mich gebohrcn hat!" Heißt denn das auch beten, müssen wir fragen, verzweifelnde Gesinnungen gegen ein Wesen ausschütten, das' man nicht kennet? Das folgende Gebet des Christen, welches der vorige nach einigen Jahren seyn soll, würde dem Unsinne eines Inspirirtcn viel Ehre machen. Das erhabenste Gebet, welches uns Christus selbst hinterlassen hat, ist zugleich das einfältigste, und nach diesem Muster ist es lvcnigstcns nicht gemacht. Das Gebet endlich eines guten Königs, ist so schön, daß man darauf wetten sollte, es habe es kein König gemacht. Ein orientalischer Salomon hat dagegen sehr kriechend gebetet. Kostet in den Voßischcn Buchlädcn 1 Gr. (1. März.) Zn der, oben in dem Artickcl von Berlin, gemeldeten Abreise des Herrn Mylius/ hat der Herr D- Lehmann, seinen Glückwunsch ans einen Bogen in 4t. drucken lassen. Er handelt dar- innc vorläufig ->ero luv lerr-r latente caul» nioveuto Vulcüuio- runi vol moulium ignivomornm, und trägt Gedanken vor, die seiner physikalischen Einsicht und bekannten Kenntniß des innern Baues der Erde Ehre machen. Herr Mylius selbst hat einen Abschied ans Europa drucken lassen, den, ohne Zweifel, alle seine Freunde schon gelesen, und ihn mit Rührung gelesen haben. Eben da er Europa als ein Naturforscher verläßt, hat er sich noch erinnert, daß er ein eben so großer Dichter ist. (6. März.) Drey Geliere eines Aini-Rlopstockianers, eines Dlopstockianers und eines guten Criticus, 1753. auf einem «Quartliogen. Dieses ist eine Parodie der dny Gebete eines Freygeistes, eines Christen und eines guten Königs, deren wir letzthin gedacht haben. Sie würde sehr sinnreich seyn, wenn sie nicht so leichte gewesen wäre. Warum läßt man den Herrn Klopstock die Ungereimtheit seiner Nachahmer entgelten? Wie tan man auf den Einfall tom- 390 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 17S3. mcn, ihn selbst zum Verfasser der parodirtcn Gebete zu machen? Er ist, aller Spöttcrcycn, und aller unglücklichen Nachahmungen ungeachtet, eben so gewiß ein großer Dichter, als der Verfasser dieser Parodie kein Satyricus ist. Kostet 1 Gr. (15. März.) I?i'Lne/t/u?!A'e?i. //ei'U?'«?!» iez/ ^. ^c/cett- S,ec/i/. 1762. in klein 4t- 17 Bogen. Vielleicht zeigen es sogleich die lateinischen Buchstaben au, daß der Verfasser dieser Erzählungen keiner aus dem gemeinen Haussen der Dichter seyn will. Er ist es auch in der That nicht. Eine feurige und doch sittsame Einbildung, die Sprache der Natur, Schilderungen, die nicht in Eil cntworffen sondern mit Fleiß ausgearbeitet zn seyn scheinen, geben ihm das Recht auf einen vorzüglichen Rang unter unsern Dichtern. Sollte aber einmal die Nachwelt sein Zeitalter nicht gleich aus gewissen tranSccndcn- talischcn Ideen, aus der distillirtcn Zärtlichkeit, und einer mehr als thclcniatologischen Anatomie der Leidenschaften schlicsscn können? Vielleicht ist es so tadclhaft nicht, als allznstrcngc Kunstrichtcr etwa denken, wenn man mit wesentlichen Schönheiten, die ihren Glanz durch alle Jahrhunderte behalten werden, gewisse Modcschönhcitcn, Ecbur- thcn eines fluchtigen Geschmacks, verbindet, um des Beyfalls so wohl der jetzigen als folgenden Zeiten gewiß zu seyn. Die richtigste Vorstellung, welche man von diesen Erzählungen machen kan, ist diese, wenn man sie Nachahmungen der Erzählungen des Thomsons nennt, deren Werth nach dem Werthe der Originale zn bcsiimmcn ist. Es sind derselben scchse, welche folgende Aufschriften haben: Balsora, Zc- min und Gulhindy, die Unglücklichen, der Unznfricdne, Mclinde, Se- lim. Kosten in den Vossischcn Buchläden 8 Gr. (24. März.) Königsberg prangt jezo mit einem Dichter, welcher in dem vorigen Jahrhunderte zu Nürrenberg ein großer Geist hätte seyn können. Es ist derselbe Herr Johann Friedrich Lauson, wohlverdienter College bey der Knciphvsischcn Schule, F. V. O. und Verfasser eines unter der Prcße schwitzenden Versuchs in Gedichten nach Aömgöbergischcm Geschmacke, auf welchen man, nach Anzeige eines gedruckten Avcrtisscmcuts, IlZ gute Gr. Vorschuß annimt. Dieser berühmte Mann hat bey dem am 24. May vorigen Jahres eingefallenen Eröbcnschcn Actu, im großen acadcmischcn Auditorio, von einem ihm daselbst versiegelt überreichten Thcmatc, aus dem Stegreife, über eine Stunde eine Rede, (Iiorreso» rvlerens!) in deut- Aus der .Berlinischen Zeitung vom I. 1763. 3!>1 scheu Verse» gehalten. Eine so miraculösc Ecschicklichkcit ist vielen, und endlich ihm selbst, so unglaublich vorgekommen, daß er nothig befunden hat, sie mit einem Attestate des academischcn Senats bewahren zu lassen, und dieses Attestat, aus Liebe zur Wahrheit, in der Welt herum zu senden. WaS für Lobspruche wird er nicht einsammeln! Was für Neider wird er nicht erwecken! Wir erinnern uns mit Erstaunen gelesen zu haben, daß es Kranke gegeben hat, welche bey phrcuctischen Zufallen, in Reimen geredet; aber was ssind diese Wahnwitzige gegen den Herrn Lauson, von welchem wir gewiß wissen, daß er ein gleiches frisch und gesund gethan hat? Nothwendig müssen die verfolgten Reime, bey jetzigen bedrcngtcn Zeiten, ihre Zuflucht in den Mund dieses glückseligen Sterblichen gcncmmcu haben, um sich zur Beschämung ihrer Feinde, welche von ihrer Schwierigkeit so viel schreckhafte Begriffe machen, wetteifernd aus ihm zu ergicssen. Wir wünschen gedachte Rede mit unbeschreiblichem Verlangen unter seinen Gedichten zu finden, und werden uns des Vorschusses nicht cnt- brcchcu, sobald er noch ein Attestat auswirken wird, welches der Welt versichert, daß er seine Rede nicht nur in deutschen Versen, sondern auch in gntcn deutschen Versen gehalten hat. Doch im Ernste, die Auslassung dieses Worts, und das hinzugefügte angcsuchter maaßen wird bey Vernünftigen den academischcn Senat hinlänglich rechtfertigen, welcher cS freylich nicht wohl hat abschlagen tonnen, dem Herrn Lauson eine begangene Thorheit zu attestiren. (6. April.) Braunschweig. Man sieht ein mit Bcysctznng dieses Ortes gedrucktes Gedicht, unter dem Titel: Professor Johann Christoph/ oder der Roch/ und der Geschmack/ ein episches Gedicht/ des Vorspiels zweyter Theil. 1753. Ta diese Schrift, in welcher die Personen mit Naincu gcncnnct sind, sehr beisscnd und spöttisch eingerichtet ist, so tragen wir billig Bedenken, mehr, als den Titel, davon anzuführen. (12. April.) Staats und Licbcsgeschichte der Durchlauchtigsten prinzeßin Numeranc von Aquitanien- Aus dem Französischen übersetzt. Franks, u. Leipzig. 1762. in 8. 16 Bog. Wer sollte nicht Lust haben, die Geschichte einer Priuzcßin zu lesen, deren erstaunliche Schönheit allen denen Fesseln anlegte, welche die Augen auf sie warffcu; einer Prinzcßin, deren Blicke gcwißc Pfeile in aller Herzen schössen, so daß sich Junge und Alte, Könige und Heldc», 3!12 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1753. Chilpcrich und Ramfroy, Froila und Miranialin in sie verlieben mußten; einer Prinzcßin, in die sich gewiß noch weit mehrere würden verliebt haben, wann ihr Geschichtschreiber mehr Mitbnhlcr, zur Verwirrung seines Romans, gebraucht hätte? Man trift alles darinnc an, was man nur in einer Staats- und Licbcsgcschichtc suchen darf; schreckliche Kriege, Turniere, Verkleidungen, wunderbare Erkennungen, kostbare Garten, Liebeserklärungen, d'yfcrsucht, Verzweiflung, Hochzeiten und Mörder; nur keine gesunde Vernunft, welche auch wahrhaftig In einem zum Zeitvertreibe geschricbncn Buche sehr entbehrlich ist. Dem llcbcrsctzcr ist man ein sehr verbindliches Complimcnt schuldig, daß er etwas nach dem Geschmacke seiner LandSlcutc zu seyn geglaubt, wovor den Franzosen schon längst gccckclt hat. Kostet in den Vossi- schcn Buchläden 4 Gr. Irene, oder die von der Herrschsucht erstickte Mutterliebe, ein Trauerspiel, verfertiget von M- Johann Gottfried Dcrn- hold, der Alumnorum und der (vet'ononne auf der Altdorfischei» hohen Schule Inspcctor, und der lateinischen Gesellschaft zu Jena Ehrenmitglied, Nürnberg bey Stein und Raspe. 175'2. in 8v. 5 Bogen. Der einzige, welcher Deutschland einen Corneille zu versprechen schien, war der Hr. Prof. Schlegel; allein er starb, eben da seine LandSlcntc aus ihn stolz zu werden ansingen. Von dem Herrn Bcrnhold darf man sich wohl schwerlich die Hoffnung machen, daß er uns dieses Verlustes wegen schadlos halten werde. Sein Trauerspiel wird zu wenig mehr, als zu Vermehrung der Register des Herrn Prof. Gottscheds taugen. Nur sechs Zeilen wollen wir daraus anfuhren, woraus man sehen wird, daß es einer Reibchandischen Bühne vollkommen werth ist. ConstantinuS, nachdem ihn seine Mutter verdammt hat, daß er geblendet werden soll, spricht: Nun gute Nacht o Welt! Ich habe gnug gesehn, Wie ungerecht cS pflegt, bey Mensche» zuzngchn. Die größten Lieblinge, die werden zu Verrathen,! Tie Fürsten mischen sich selbst mit den Ucbclthätcrn! Der Unterthan empört sich ohne Furcht und Scheu! Freund, Feind und Mutter sind in Falschheit cincrlcl) :e. :c. Kostet 2 Gr. (3. May.) Versuch einer Theorie von dem Menschen und dessen Erziehung- Nebst einer Vorrede Sr. Hochwürdcn des ^.V5>5?«> ^ ^ < __ Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1763. !M Herr» Obcrconsistorialrachs undInspector Baumgartens. Berlin/ zu finden bey seel. Ioh- Jac, Schüyens Wittwe. 1733. in 8v. 14 Bogen- ^b wir gleich cm guten Schriften von der Erziehung keinen Mangel haben, so ist doch auch die gegenwärtige nichts weniger als übcrslüßig, weil Herr Engel, welches der Name des Verfassers ist, hin und wieder in der That neue Wege geht. Sie hat zween Theile, deren einer von der allgemeinen Rcitnr, der andre von der besondern Natur eines Kindes handelt. Man wird überall einen Schriftsteller wahrnehmen, welchem das Tcnkcn nicht fremd ist, und vielleicht denkt er für manche nur allzuviel. So viel wollcu wir selbst gestehen, daß wir in dem Wahne sind, eine so gemeinnützige Materie müßc etwas faßlicher abgehandelt werden. Er verbirgt sich oft in einem Manche, in welchem man ihn ganz und gar verlieren würde, wann sein Geist nicht ruckweise in prächtigen Flammen hervorbräche. Und eben dieser Rauch ist cS, welcher uns verhindert, einen ordentlichen Auszug aus seiner Theorie mitzutheilen. Einzelc vortrcslichc Gedanken daraus anzuführen, würde zwar sehr leicht seyn, aber eben deßwegen weil cS leicht ist, wollen wir es nicht thun. Kostet in den Voßischcn Buchläden K Er. (24. May.) Ccnic oder die Großmuth im Unglück/ ein moralisches Stück der Frau von Grafigny, und Tat»/ ein Trauerspiel des Herrn Addisons/ übersetzt von Luisen Adelgunden Victoricn Gottschedinn- Leipzig/ verlegts B. Ch. Breirt'opf 1763. in 8v. 12 Bogen. Ccnic ist ein Meisterstück in dem Geschmacke der weinerlichen Lustspiele. Die Kunstlichter mögen wider diese Art dramatischer Stücke einwenden was sie wollen; das Gefühl der Leser und Zuschauer wird sie allezeit vertheidigen, wenn ihre Verfasser anders das sanftere Mitleiden eben so geschickt zu erwecken wissen, als die Frau von Erafigny. Sie hat an der Frau Gottschcdin die würdigste Ucbcrsetzcriun gefunden, weil nur diejenigen zärtliche Gedanken zärtlich vcrdollmctschcn tonne», welche sie selbst gedacht zu habe» sähig sind. Ihre Ucbersctzli»g war in Wien sehr fehlerhaft abgedruckt worden, und es ist ein Glück, daß die Fr. Professorin böse werden kann, sonst würde» wir diese» richtiger» Abdruck nicht erhalten haben. Sie hat ihre Ucbcrsctznng des Lato beygefügt, weil man sie nicht mehr habe» können. Kostet in den Voßischcn Buchladc» 5 Er. (W. May.) Neue Erweiterungen der Erkenntniß und des Vergnügens. Erstes Stück. Frankfurt und Leipzig bey Lan- I 394 Ans der Berlinischen Zeitung vom I. 1763. rischcns Erben. 175Z. in 8v, 0 Bogen. Dieses ist der Anfang einer neuen periodischen Schrift, worinne die prosaischen Aufsätze mit den poetischen, die ernsthaften mit den amnuthigen abwechseln sollen. Es werden keine Uebersetzungcn, wohl aber, doch nur selten, Nachahmungen darinne vorkommen; in welchem Stucke die Verfasser glücklich den Weg der Belustiger einschlagen. Und in der That, kann sich der, welcher nur ein wenig eifrig für die Ehre seiner Nation ist, wohl erniedrigen ein Ucbersetzcr zu werden, wenn er selbst ein Original werden kann? Und ist ein mittelmäßiges Original denn nicht immer leichter als eine gute Uebcrsetzuug? Wir wollen den Jnnhalt dieses ersten Stücks anzeigen. Es kommen darinne vor 1. Der Jungling, eine Ode. In einer Ode von siebzehn zchnzciligen Strophen hat man es eben nicht nöthig, kurz, erhaben und mahlerisch zu seyn. 2. Der Geitz. 3. Von den Ordaliis oder Eottesurthcln der alten Deutschen. 4. Der Sturmwind, ein Gedicht. Die erste Strophe ist eben so schön als die andern mittelmäßig sind. Z. Der Knabe und der Spiegel. 6. Sendschreiben an den Herrn Z,. Buchhändlern in L. ob ein altes Buch unter veränderten Titel als neu zu vcrkauffcn sey? 7. Das Bessere. 8. Leben Johann Drydcns. Der Verfasser versichert nns, daß er mit den Schriften dieses englischen Dichters bekannter sey, als mit seinen Namen. 9. Die verschlagne Frau. Eine Erzählung. 10. Wein nnd Liebe. 11. An den Winter. 12. Das Seltene. 13. Das Gemeine. 14. Der tapfere Officicr. 15. Verzeichniß einiger Schriften, welche künftige Messe in allen Buchlädcn zu haben seyn werden, sobald sich ein Verleger dazu gefunden. 16. Die Tugend. Alle Aergerniß zu vermeiden, werden diejenigen, welche sich jedes Stück dieser Erweiterungen etwa besonders heften lassen, wohl thun, wann sie diese letzte Seite an den Umschlag klcisicrn lassen. Das zweyte Stück von diesen Erweiterungen ist diese Messe auch erschienen, worinne eine gleiche Abwechselung, doch mit etwas mehr guten Stücken herrscht. Jedes Stück kostet in den Voßischen Bnchlädcn 2 Gr. (31. May.) Des Abts von Marigny Geschichte der Araber unter der Regierung der Talifcn. Aus dem Französischen. Ber litt und Potsdam bey Chr. Friede. Voß. 1753. in 8v- 1 Alph, 12 Bog. Manche sind in den Geschichten berühmt, und manche sollten es seyn. Die Araber gehören zu den letzter». Die Thaten dieses Volts, wenn man sie auch nur seit dem Zeitpunkte des Mahomets Aus der Berlinischen Zeitung vom Z. 17Z3. 3!15 betrachtet, geben den so gepriesenen Thaten der Griechen und Römer wenig oder nichts nach. Allein zu wie vieler Kenntniß sind sie wohl gekommen Z Die vornehmste Ursache, warum sie so verborgen geblieben sind, und zum Theile noch bleiben, ist die Sprache in welcher sie hauptsächlich aufgezeichnet worden, und deren nur immer sehr wenige Gelehrte in Europa mächtig gewesen sind. Diese haben zwar vcrschicdncs aus den Originalscribcnten in die gelehrten Sprachen übergetragen, allein in wie viel Werken haben sie es nicht zerstreuet? Der Abt von Marigny hat sich die Mühe genommen, aus diesen zcrsircuten Stücken ein Ganzes zu machen, und seine Mühe ist ihm so gut gelungen, daß er einer Uebcrsctzung gar wohl werth war. Er hat sich bloß auf die Regierung der Califcn eingeschränkt, und in diesem Zeiträume, von etwas mehr als 6l16 Jahren, so viel merkwürdiges gefunden, als nur immer eine Geschichte ausweisen kann. Sein Werk bestehet aus 4 Theilen, welche man in der Ucbcrsetzung ans dreye zu bringen für gut befunden hat. Dieser erste enthält die Regierung der vier ersten Laufen, des Abubekcrs, des Omars, des OthmanS und des Ali. Wann je große Geister unter einem Volke aufgestanden sind, welche die erstaunlichsten Veränderungen zu unternehmen und auszuführen im Stande waren, so sind sie damals unter den Arabern aufgestanden; und es wäre nicht möglich gewesen, daß sie ihre Eroberungen so weit hätten ausdehnen können, wenn nicht, so zu reden, jeder gemeine Soldat unter ihnen ein Held gewesen wäre. Mau bilde sich aber nicht ein, daß sie sich bloß als tapfre Barbaren zeigten; auch die Tugend, und oft eine mehr als christliche Tugend, war unter ihnen bekannt, wovon man die Beyspiele gewiß mit einem angenehmen Erstaunen lesen wird. In der Vorrede des Ilcbcrsctzcrs zn diesem Theil, wird Marigny wegen einiger Vorwürfe vertheidigt, welche der berühmte Hr. D. Banm- gartcn ihm zu machen für gut bcfuudcn hat. Kostet in den Voßische» Buchlädcn 12 Gr. (7. Aug.) /.e /»/c/ai ^>l»'i:e?ttt. ou Me»!0»'c6 A ^linttini'e« t/v t/s k'ei l!«/ t/t/ /Le//e? »/e ter dem Marivaur ist. Er giebt seine Geschichte für eine solche ans, die auf einem wahren Grunde ruhet; und der Hauptinhalt ist auch in der That so gemein, daß man seinem Vorgeben nicht sehr widersprechen wird. Sein Held schwinget sich aus einem bürgerlichen und dunkeln Geschlechte bis zur Stelle eines Obersten unter den Ingenieurs; und dieses durch seine Verdienste. Er gelangt zu einem ansehnlichen Vermögen; und dieses durch seine gute Gestalt, und seine LicbShändel. Beydes ist ein Wunder, das noch ziemlich alltäglich zu seyn scheint. Doch wenn auch; es giebt eine Art auch die gemeinsten Umstände auf eine gewisse Art dem Leser so wichtig und so reitzcnd zu machen, daß er bey den ausscrordcntlichstcn Zufällen nicht aufmerksamer seyn würde. Aber zum Unglücke weis der Verfasser von dieser Art gar nichts; wenigstens nichts mehr als ohngcfehr genug ist, die ailcrmüssigstcn Leute mit Müh und Noth um ein Paar lange Stunden zu bringen. Kostet in den Voßischcn Buchlädcn 4 Thl. 8. Er. (18. Aug.) Die Fässer a» den Aönig von Preussen von dein Herrn von Voltaire, in 8vo ^ Bogen. Dieses Gedichte selbst ist in seiner Grundsprache bekannt. Der llcbcrsctzcr, welcher sich R. Rchdc nennt, sagt, er habe sich bemüht, des Herrn von Voltaire französische Verse in eben so viel deutsche zu bringen, ohne darüber einen Haupt- oder Ncbcnbcgrif, woraus der Dichter ciuigcu besondern Werth gelegt Aus der Berlinischen Zcitimg vom I. 175Z. 397 hat, zu verlieren. Tast er sich darum bemüht habe, müssen wir ihm glauben: allein, daß cS ihm nicht gelungen ist, wird er so gut seyn und uns glauben. Der Anfang lautet bey ihm folgender Gestalt: Pascal, der fromme Thor, Hcraclit unsrer Zeit, Irrt, wenn er, da die Welt ihm, er ihr, stets verhaßter, Mcynt, alles sey darin» nur Elend oder Laster. Mit Trauern sagt er uns: Ach, es ist ohne Streit, Ein Konig dem man dient, selbst einer, den man liebt, Sobald derselbe einsam ist, Und ihn der Höfling nicht umgicbt, Ist Mitleids werth und findt, daß nichts sein Unglück mißt. Er ist der Glücklichste, wofern er schaft und denket. Dieß zeigt dein Beyspiel an, erhabener Monarch. entfernt vom Hofe, wo dein Fleiß nicht gnng verbarg, Durchforschst dn, wenn dein Blick sich in die Ticse senket, Wohin wir kraftlos sehn, verborgner Dinge Grund. :c. zc. Wir können cS kühnlich wagen, diesen Feilen eine andere llcbcrsctzung entgegen zu setzen, welche gleichfalls Feile auf Zeile paßt, ob man sich gleich ans dieser Sklavcrcy kein Verdienst macht. Ja, Blaise Pascal irrt; laßt uns die Wahrheit ehre»! Der fromme Misanthrop, der tiefe Hcraclit, Der hier nnf Erden nichts als Noth und Laster sieht, Behauptet kühn in schwcrmuthSvollcn Lehren: „Ein König, den man zu ergötzen sircbt, „Ja gar ein König, den man liebet, „Sey, wenn ihn, fern vom Prnng, kein Höfling mehr umgicbct, „Elender tausendmal, als der im Staube lebt." Er ist der glücklichste, wofern er wirkt und denkt! DaS zeigest du, Monarch, den oft zn ganzen Tagen, Der weisen Eule gleich, das Cabinct umschränkt, Von da dein Adlerblick sich dars zur Tiefe wagen, Wohin vor Blöden sich der Weisheit Licht gesenkt. :c. Kostet in den Voßischcn Buchlädcn 1 Gr. (21. Aug.) Hr. Peter Rcnatus le ZZossu Abhandlung vom Heldengedichte, nach der neusten Französischen Ausgabe übersetzt, und mit einigen ericischen Anmerkungen begleitet von D. Johann Heinrich Z** nebst einer Vorrede Hrn. G- Friedrich 398 Ans der Berlinischen Zeitung vom I. 1763. Meiers :c, Halle bey Chr. per- Franken, in 8v. 1 Alph. 8 Bogen. Dieses vortrcfliche Werk kam zu einer Feit an das Licht, als Frankreich mit Heldengedichten recht überschwemmt war. Die Chapc- lains, die des Marets, die PcrraultS, die Samt AmantS glaubten Meisterstücke geliefert zu haben, welche mit den ewigen Gedichten eines HomerS und Virgils um den Vorzug stritten. Ihr Stolz und ihre Verdienste schienen so schlecht zusammen zu passen, das; sich die damals lebenden wahren Kunstrichtcr nicht einmal die Mühe nehmen wollten, sie znrcchte zu weisen. Boilcau selbst that nichts, als daß er sie dem Gelächter Preis gab, indem er ihnen mehr Scttyre als Gründlichkeit entgegen setzte. Der einzige Bossu unterzog sich der Arbeit, die Regeln des Heldengedichts aus den Alten für sie aufzusuchen, und durch bloße Auseinandersetzung derselben sie stillschweigend ihre Schwäche sehn zu lassen. Die Ähnlichkeit, welche der Hr. D. Z ° ° zwischen den damaligen und jetzigen Zeiten in Absicht auf den deutschen Parnaß findet, ist sehr in die Augen lcichtcnd, und durch eben diese Ähnlichkeit rechtfertiget er seine Ucbcrsctzung; wenn man anders die Uebcrsctznng eines vortreflichcn Werks zu rechtfertigen braucht. Wir wollen zum Lobe desselben weiter nichts sagen, als daß es denjenigen, welche nur einigermassen von der allcrvollkommcustcn Art der Gedichte knnstmäßig reden wollen, unentbehrlich ist. Der Hr. Ucbersctzcr hat cS ihnen durch verschiedene Anmerkungen, welche größten Theils nichts als kleine Anwendungen auf einige unserer neusten deutschen Hcldcndichtcr enthalten, noch brauchbarer gemacht. Sein Verfahren scheint uns übrigens sehr klug, daß er keinen tadelt als die Verfasser des Mcßias und Noah, und sich für die Empfindlichkeit der andern so viel möglich in Acht nimt. Kostet in den Voßischen Buchläden hier und in Potsdam 18 Gr. (23. Ang.) Aristoteles Dichtkunst ins Deutsche übersetzt, mit Anmerkungen und besondern Abhandlungen versehen von Michael Conrad Turtius, der Rönigl. deutschen Gesellschaft in Söttingen Mitgliede. Hannover verlcgts Ioh. Chr. Richter 1753. in 8v. 1 Alph. 6 Bogen. Unter allen Schriften des Aristoteles sind seine Dichtkunst und Redekunst beynahe die einzigen, welche bis auf unsre Zeiten ihr Ansehen nicht nur behalten haben, sondern noch fast täglich einen neuen Anwachs desselben gewinnen. Ihr Verfasser muß nothwendig ein großer Geist gewesen seyn; man überlege Ans dcr Berlinischen Zeitung vom I, 1753. J'w nur dieses: kaum hörte seine Herrschaft in dem Reiche dcr WcltwciS- hcit auf, als man durch diesen erloschenen Clan, einen andern in ihm entdeckte, den kein Araber, und kein Scholastiker wahrgenommen hatte. Man erkannte ihn als den tiefsten Kunflrichtcr, und seit dcr Zeit herrscht er in dem Reiche des Geschmacks unter den Dichtern und Rednern eben so unumschränkt, als ehedem unter seinen Pcripatctikcrn. Seine Dichtkunst, oder vielmehr das Fragment derselben, ist dcr Quell aus wclchcm alle Horaze, alle BoilcauS, alle HcdclinS, alle BvdmcrS, bis so gar auf dic Gottschcdc, ihre Fluren bewässert haben. Dicscr hat uns schon scit viclcn Iahrcn auf eine deutsche Ucbcrsctzung derselben warten lassen; und warum er sich endlich doch einen andern damit hat zuvorkommen lassen, können wir nicht sagen, es müßte denn dic Griechische Sprache und seine eigne Dichtkunst, welche keine weder über sich noch neben sich leiden will, daran Schuld seyn. Herr CurtiuS besitzt alle Eigenschaften, welche zu Unternehmung einer solchen Arbeit erfordert wurden; Kenntnis; dcr Sprache, Critik, Litteratur und Geschmack. Seine Ucbcrsctzung ist gctrcu und rcin; seine Anmerkungen sind gelehrt, und crlcutern den Text hinlänglich; und seine eigne Abhandlungen enthalten sehr viele schöne Gedanken von dem Wesen und dem wahren Begriffe dcr Dichtkunst; von den Personen und Handlungen eines Heldengedichts, von dcr Absicht des Trauerspiels, von den Personen und Vorwürfen dcr Komödie, von dcr Wahrscheinlichkeit, und von dem Theater der Alten. Kostet in den Voßischcn Buchlädcn hier und in Potsdam 16 Gr. (13. Sept.) Neue Erweiterungen der Erkenntnis und des Vergnügens. Sechstes Stück. Frankfurt und Kcipzig bey F. Lanr'ischens Erben 1753. Die Verfasser schlicsscu mit dicscm Stücke den ersten Band, und wir nehmen uns bet) dieser Gelegenheit dic Freyheit ihnen zu sagen, daß sie noch nicht einmal der Schatten von den Bclustigcrn sind. Ihre prosaische Stücke sind mittelmäßig, und das ist cs allcS was wir auch von dcncn sagen können, die wir wissen nicht was für ein gelehrtes Ansehen haben wollen. Ihre poetischen Aufsätze aber sind noch unter dem Mittelmäßigen und dem Elenden ziemlich nahe. Sie reimen ohne Erfindung, ohne Witz, ohne Sprachrichtigkcit die allcrtrivialstcn Gedanken, wenn cs anders Gedanken sind. Von Gott sagt einer von ihren Dichtern S. 489. Aus dcr Berlinischen Zeitung vom I. 1763- O nein, sein Ohr ist nicht zu dick/ Sein Arm ist nicht zu kurz; Er hört ihn, nud er schaft sein Glück, Und wendet seinen Sturz. Von dem Joseph sagt eben dieser: Die Brüder seine Peiniger, Die ihm aus Neid geraubt/ Sehn nun den Bruder herrlicher Als sie vorher geglaubt. Ein andrer siugt Kein Haushalt mehret meinen Knmmcr, Kein böses Weib stört meine Ruh. Bey Beschreibung sciucs Gartens sagt er: Kein Jupiter schwingt seine Blitze Tcn hier des Künstlers Hand geäyt. Was ist ein solcher Gott mir nütze, Tcn erst sein Unterthan gesetzt? Als wenn mau Bildsculcn deswegen in die Garten setzte, um sie anzubeten. Solch Zeug wird man auf allen Seiten finden, wo die Herren ihre Prose nach gereimten Zeilen abtheilen. Kostet in den Noßi- schcn Buchlädcn hier und in Potsdam 2 Gr. (20 Sept.) Ausführliches Verzeichnis von neuen Bücher» mit historischen und kritischen Anmerkungen in alphabetischer Ordnung verfaßt von Melchior Ludwig Widct'ind/ Prediger zu Lcrlin. tLrstcs und zweytes Stück. Berlin, verlegte A. Haude und I. C. Spener- 175Z. in 8v, 1 Alph. TaS neuste und zum Theil vollständigste Werk von ciucin dcr angenehmsten Theile dcr Eclchrtcngcschichtc, von der Kcmitnisi seltner Bücher, ist ohne Streit die Bibliothek des Hrn. Tlement. Va sie aber ein wenig kostbar ist, und ohne Zweifel einmal zu einer ziemlichen Anzahl von Bänden anwachsen muß, so verdient das Unternehmen des Herrn Prediger VvidckindS/ eine ins kurze gezogene Ucbcrsctzung davon zn liefern, allen Tank. Tiefe zwey Stücke, welche dcr Anfang sind, gehen von A bis Ba und enthalten nicht nur alle seltne Bücher wclche Herr Llcmcnt anführt, sondern auch noch vcrschiedne mehr, welche Theils aus dcr Salthenischcn Bibliothek, Theils aus den Schriften des Herrn Freyrags, Theils auch aus dcr cigncn Kenntniß des Hrn. Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1753. 401 Wider'inds hinzugekommen sind. Auch wird man das Beträchtlichste aus den Anmerkungen des erster» darimie finden, ob man gleich vielleicht wünschen wird, daß man ein wenig mehr Prüfung dabey angewendet hätte. Hr. Element ist oft in seinen Urtheilen ein wenig zu geschwind, und spricht dann und wann von Büchern, die er nicht gesehen hat, eben so zuversichtlich als wenn er sie gesehen hätte. Wir wollen nur ein einziges Exempel anführen: er macht unter andern den Iacobus Angelus, wegen seiner Lebensbeschreibung des Cicero zu einem blossen tlebersctzcr des Plutarchs, und setzt ganz freudig hinzu: voila dono un ^.ulvur recluit ü la ocuillilivn «!e l'iiunle 1'rnckuo leui! Wann er auch nur den Titel dieser Lebensbeschreibung gekannt hätte, so würde er schon ein bcsscrs ans den Worten, die sich darauf befinden: ü .laeolio humlaiu eo^noiueulo ./Vugolo nou Iiun ex PIu- taielro oouverta k^i»m iloiuro lorinla. ersehen haben. Herr Wide- kind schreibt ihm dieses, wie fast alles nach, und giebt sich wohl gar oft Mühe, wann sein Vorgänger sich übereilt hat, »och eine Ausflucht für ihn zn finden; wie es z. E. bey dem Nonnus des p. Abrahams geschehen ist, wo man es nicht allein aus dem Titel sieht, dafi er ihn niemals muß gesehen haben, sondern auch aus der falschen Anzahl der Verse, die er uns mit den bestimmtesten Zahlen angicbt. Kostet in den Voßischen Buchläden hier und i» Potsdam 12 Gr. (1Z. Nov.) G- »L- Leßings Schriften. Erster und ziveyrer Theil. Berlin bey Christ. Fr. Vosi. 1753. in 12mc>. 1 Alph. 3 Bogen. Der erste Theil dieser Schriften enthält zwey Bücher Lieder, Fabeln, Sinnschriftcn und Fragmente ernsthafter Gedichte. Diese letztern hat der Verfasser seinen Lesern nicht ganz mittheilen wollen, vielleicht ihnen den Ekel zu ersparen, den er selbst cmvfuudcn hat, wenn er um einige wenige schone Stellen gelesen zu haben, zugleich nicht wenig schlechte, und sehr viel mittelmäßige hat lesen müssen. Der zwcvtc Theil bestehet ans Briefen, die man, wenn man will, freundschaftliche Briefe eines Pedanten nennen tan. Wenn es übrigens wahr ist, daß verschiedene von den in dieser Sammlung enthaltenen Stücken, den Beyfall der Kenner, gedruckt oder geschrieben, schon erhalten haben, so kan man vielleicht vermuthen, daß ihnen die Sammlung selbst nicht zuwider seyn wirb. Kostet in den Voßischen Buchläden hier und in Potsdam 16 Gr. (27. Nov.) />o ^n^ii//c»l >^ii m»?c// ?!v«^en!i /^iteie» e/i Lcssings Werke m. 26 102 Ans der Berlinischen Zeitung vom Z, 1753. r/o«-o Dia/vKZie« /««v-s Zettle » 7»/,'. tt»/ ^c»' , . » Le,/-» e/ie« t)^^. ^»-. 1763. in 12. 17 Bogen. Wann wir es darauf ankominen liessen, was sich die Leser unter die» sein Titel vorstellen wollten, so zweifeln wir sehr, ob viele auf den rechten Punct kommen würden. Es sind zwölf Gespräche, welche nach Art des kleinen Hcrodots, von sehr wichtigen Materien handeln, und nichts gcringcrs als die Vertheidigung der natürlichen und geoffenbarten Religion zum Zwecke haben. Der Verfasser hat darinne besonders mit dem Marquis d'Argcns, mit dem Hrn. von Voltaire, mit dem Verfasser der Sitten, dem Verfasser des Geistes der Gesetze und einigen andern zu thun, welche das Unglück gehabt haben, oft unter der Larve der Philosophie sehr unphilosophischc Satze zu behaupten. Er ist aber dabey ein wahrer Schmetterling, welcher von einem Gegenstände auf den andern flattert, und diese Flatterhaftigkeit nur dadurch entschuldigen kan, daß alle diese Gegenstände Blumen sind. So macht er zum Exempel bey Gelegenheit des Vorwurfs, daß die so genannten starken Geister, sehr kleine Helden in der Geschichte zu seyn pflegten und oft die nnstnnigstcil historischen Fehler begingen, eine Ausschweifung auf das Jahrhundert Ludewigs des vierzehnten, welche durch mehr als ein Gespräch dauert, und in der That lcsenswürdigc Anmerkungen enthält. Die Gespräche selbst werden von einem Marquis und einem Wcltwciscn geführt; und vielleicht wird mancher Leser dabey wünschen, daß der Verfasser diese Namen verwechselt, und den Marquis zum Philosophen, und den Philosophen zum Marquis möchte gemacht haben, weil es sich, nach der gemeinen Art zu denken, besser für einen Marquis als für einen Philosophen schickt, die Sprache eines abgeschmackten Freygeistes zn führen. Kostet in den Voßischcn Buchlädcn hier und in Potsdam 1V Gr. (8. Tcc.) /^ti>e /'oeme /»«^ c?'^,-?!liuc?, t?o»/etV/ei' ?e / ^l^nc/einie » ^1tti«/ei'l/nni 1733. e/ie^ A/oi/ie»'. in 8vo K Bogen. Der Stof zu diesem Gedichte ist eine Episode aus dein fünften Gesänge der Lustadc des unsterblichen portugisischcn Dichters EamocnS; die Geschichte nehmlich des Don Manuel de Souzc, welcher mit seiner Frau, Elvirc, an den Klippen des Vorgebirges der guten Hoffnung Schiffbruch leidet, und auf eine wüste Insel geworfen wird, wo sie dem Hunger eine erschreckliche Beute werden. Was Aus der Berlinischen Zeitung vom Jahr 1763. 403 Herr Arnaud für ein Dichter sey, weiß man schon. Die Reinigkeit der Sprache, das wohlklingende der Vcrsificatiou, und hier und da ein Mcisicrzug, den er aber, wie es scheint, mehr seinem Gedächtnisse, als seinen- Genie zu danken hat: dieses sind seine Schönheiten: hinlängliche Schönheiten eine an sich selbst sehr rührende Geschichte so vorzutragen, daß sie ihre» Eindruck nicht verlieret. Kostet in den Noßischcn Buchlädcn hier und in Potsdam 4 Gr. (26. Tee.) /?,'ie/e i?o» ^'e»^/7o^e?ie?i a» /i/n/e»/tt^e,ie F>e«,ic/o. ^/i io/. ie« ^//let?/.///. in 4ro Bogen. Dieses ist eines von den Meisterstücken, mit welchen uns in vergangener Messe die Schweiz beschenken wollen, die sich lange genug mit trocknen Regeln beschäftiget hat, und nunmehr auch die Muster dazu geben will. ES ist aus der Feder des Hn. lvielands, eines so fruchtbaren Geistes, daß die Vielheit seiner poetischen Geburten beynahe ei» Norurthcil wider ihren innern Werth seyn könnte, wann ihm der Gott der Critik nicht stets zur Rechten stünde, der ihn durch sein cavo iaxis ie rzuül- V-xlv mccliiu fiir Hr». VlNii. Gotth. ^'aucie. Um Ihnen, mein Herr Pastor, gleich Anfangs ein vorläufiges Eomplimcnt zu machen, muß ich Ihnen gestehe», daß es mir von Herzen leid ist, Ihrer in dem zweyten Theile mcincr Schriften erwähnt zu haben. Zu meiner Entschuldigung muß ich Ihnen sagen, was mich dazu bewog. Sie standen, und stehen noch, in dem Rufe eines grossen Dichters, und zwar eines solchen, dem es am ersten unter uns gelungen sey, den öde» Weg jenes alten Unsterblichen, des Horaz, zu finden, und ihn glücklich genug zu betreten. Da Sie also eine Ucbcrsctzung Ihres Urbildes versprochen hatten, so vermuthete man mit Recht von Ihnen ein Muster, wie man den ganzen Geist dieses Odcn- dichtcrs in unsre Sprache einweben könne. Man hoste, Sie würden mit einer recht tiefen kritischen Kenntniß seiner Sprache, einen untrüglichen Geschmack, und eine glücklich kühne Stärke des deutschen Ausdrucks verbinden. Ihre Ucbcrsctzung erschien; und ich sage es noch einmal, daß ich sie in der Versicherung, lmüberschwcnglichc Schönheiten zu finden, in die Hand genommen habe. Wie schändlich aber ward ich betrogen! Ich wußte vor Verdruß nicht auf wen ich erzürnter seyn sollte, ob auf Sie, oder auf mich: auf Sie, daß Sie meine Erwartung so getäuscht hatten; oder auf mich, daß ich mir so viel von Ihnen versprochen hatte. Ich klagte in mehr als einem Briefe an meine Freunde darüber, und zum Unglücke behielt ich von einem, den ich ausdrücklich deswegen schrieb, die Abschrift. Diese siel mir bey Hcrausgcbung des zweyten Theils meiner Schriften wieder in die Hände, und nach einer kleinen Ucbcr- lcguug bcschlos ich, Gebrauch davon zu machen. Noch bis jczt, dachte ich bey mir selbst, hat niemand das Publicum für diese Mißgcburth gcwarnct; man hat sie sogar angepriesen. Wer weis in wie viel Händen angehender Leser des Horaz sie schon ist; wer weis wie viele derselben sie schon betrogen hat? Soll Herr K.ange glauben, daß er eine solche Quelle des Geschmacks mit seinem Kothc verunreinigen dürfe, ohne daß andre, welche so gut als er daraus schöpfen wollen, darüber murren? Will niemand mit der Sprache heraus? — — — Und kurz, mein Brief ward gedruckt. Bald darauf ward er in einem öffentlichen Blatte wieder abgedruckt; Sie bekommen ihn da zu lesen; ^.VASN-^ Vi^Iv mecuiu für Hrn. i^ann (^otlb. Lan>z^ 407 Sic erzürnen sich; Sie wollen darauf antworte»; Sie setzen sich und schreiben ein Paar Bogen voll; aber ein Paar Bogen, die so viel erbärmliches Zeug enthalten, daß ich mich wahrhaftig, von Grund des Herzens schäme, auf einen so elenden Gegner gcstosscn zu seyn. Daß Sic dieses sind, will ich Ihnen, mein Herr Pastor, in dem ersten Theile meines Briefes erweisen. Der zweyte Theil aber soll Zhncn darthun, daß Sic noch ausser ihrer Unwissenheit, eine schr nichtswürdige Art zu dcnkcn vcrrathcn haben, und mit einem Worte, daß Sic ein Ncrläumdcr sind. Den ersten Theil will ich wieder in zwey klcinc absondern: Anfangs will ich zcigcn, daß Sic die von mir getadelten Stellen nicht gerettet haben, und daß sie nicht zu rcttcn sind; zwcytcns werde ich mir das Vergnügen machen, Ihnen mit einer Anzahl neuer Fehler aufzuwarten. — — Verzeihen Sic mir, daß ich in einem Briefe so ordentlich scyn muß! Ein Glas frisches Brunnenwasser, die Wallung ihres kochenden Geblüts ein wenig niederzuschlagen, wird Ihnen schr dienlich scyn, ehe wir zur ersten Untcrabthcilung schrcitcn. Noch eines Herr Pastor! — — Nun lassen Sic uns anfangen. 1. B. Od. 1. Kttb/t/tt/ /e?'t«»i /Vc/e?'K «ei'i«>e. Ich habe getadelt, daß ««i^vv hier durch Nacken ist übersetzt worden. Es ist mit Fleiß geschehen, antworten Sic. So ? Und also haben Sic mit Fleiß etwas abgcschmaktcS gesagt? Doch lasscn Sic uns ihre Gründe betrachten. Erstlich entschuldigen Sic sich damit: Datier habe auch gewußt, was hcissc, und habe es gleichwohl durch Stirnc übersetzt. — Ist denn aber Stirn und Nacken einerley? Dacicr verschönert einigermassen das Bild; Sic aber verhunzen es. Oder glauben Sic im Ernst, daß man mit dcm Nackcn in dcr Höhe an etwas anstosscn kann, ohne ihn vorher gebrochen zu haben? Datier über dicscs mußte Stirne setzen, und wissen Sic warum? Za, wenn es nicht schiene, als ob Sie von dcm Französischen eben so wenig verstünden, als von dcm Lateinischen, so traute ich es Ihnen zu. Lernen Sic also, Herr Pastor, was Zhncn in Laublingcn freylich niemand lehren kann; daß die französische > 408 V-uIv inevuiu für Hrn. Sam. Gotth. Lange. Sprache kein eignes Wort hat, der Lateiner «o,-^- oder unser Scheitel auszudrücken. Wenn sie es ja ausdrücken will, so muß sie sagen: t'vmmet clo I-c ttto. Wie aber würde dieses geklungen haben, wenn es Dacier in einer nachdrücklichen Ucbcr- sctzung eines Dichters hatte brauchen wollen? Daß meine Anmerkung ihren Grund habe, können Sie schon daraus sehen, weil er nicht einmal in der wörtlichen Ucbcrsctzung, die er bey abweichenden Stellen unter den Tcrt zu setzen gewohnt ist, das l'omnivt «vov Lt^l^lii' «^x^c-vis nach der Meinung grosser Stylisten eigentlich solle geschrieben werden? Haben Sie nie gehört, daß alle Diphthonge lang sind? Ich vermuthe, daß in Laublingcn ein Schulmeister seyn wird, welcher auch ein Wort Latein zu verstehen denkt. Erkundigen Sie sich bey diesem, wenn ich Ihnen rathen darf. Sollte er aber eben so unwissend seyn, als Sie; so will ich kommen und die Bauern aufhetzen, daß sie ihm Knall und Fall die Schippc geben. Zch weis auch schon, wen ich ihnen zum neuen Schulmeister vorschlagen will. Mich. Ihr Votum, Herr Pastor, habe ich schon. Nicht? Alsdann wollen wir wieder gute Freunde werden, und gemeinschaftlich Ihre Übersetzung rechtschaffen durchackern. Vor der Hand aber können Sie, auf meine Gefahr, die leichten Helme immer in blanke verwandeln: Denn was Ihre Ausflucht anbelangt, von der weis ich nicht, wie ich bitter genug darüber spotten soll. — Horaz, sagen Sie, kehrt sich zuweilen nicht an das Syllbcnmaaß, so wenig als an die Schönheit der Wortfügung.--Kann man sich etwas seltsameres träumen lassen? Horaz muß Schnitzer machen, damit der Herr Pastor in Laublingcn keine möge gemacht habe». Doch -110 V utlv uweum fiir Hrn. «smii, Gotth. Lange. stislc! cS steht ein Beweis dabey. Zu der 19ten Ode des zweyten Buchs, soll Horaz noch einmal die erste Sylbe in Ivvis lang gebraucht haben, ob cs schon daselbst offenbar leicht hcissc: Ois^cet-r non lov! rniim. — — Allein, wenn ich bitten darf, lassen Sie den Staub weg, den Sie uns in die Augen streuen wollen. Schämen Sie sich nicht, eine fehlerhafte Lesart sich zu Nutze zu machen? Es ist wahr, wie Sie den Vers anführen, würde ich bey nahe nicht wissen, was ich antworten sollte. Zum guten Glücke aber kau ich unscrn Lesern sagen, daß die besten Kunstrichtcr für /ev« hier leni lesen, und daß man ihnen nothwendig bcy- fallcn muß. Ich berufe mich deswegen von Herr Langen dem Ucbcrsctzcr, ans Herr Langen den Dichter. Dieser soll mir sagen, ob nicht ein nickt leichter Fall für den Horaz ein sehr gemeiner Ausdruck seyn würde? Und ob das Beywort »on /en/s ein nickt sanfter ihm nicht weit anständiger sey? Sie setzen mir die besten Handschriften entgegen. Welche haben Sie denn gesehen, mein Herr Pastor? War keine von denen darunter, von welchen Lambinns ausdrücklich sagt, »auent aliijuot libri manutcrint!? Und wissen Sie denn nicht, daß auch in den allerbesten die Verwechslung des n in u, und umgekehrt nicht selten ist? Ucbcrlcgcn Sie dieses, vielleicht sagen Sie endlich auch hier: als ich reckt genau zu sahe, so fand ich, daß ich Unrecht hatte. ---Ich hatte hier die Feder schon abgesetzt, als ich mich besann, daß ich zum Ucbcrflussc Ihnen auch Autoritäten entgegen setzen müsse. Bey einem Manne, wie Sie, pflegen diese immer am besten anzuschlagen. Hier haben Sie also einige, die mir nachzusehen die wenigste Mühe gekostet haben. Lambinus schreibt lüevvs. TNancinellns erklärt dieses Wort durch s^Ivullontes; LanSinns durch zwlittv und setzt mit ausdrücklichen Worten hinzu: leve cum niimir svllgl,^ cmiv^ta lino lwiilloro tiFn!üe»t: 1i„ gutem zuima H IIi>>>!> ^»ollueia jiroloitur si- Aiülie-tt ^t^,,,,,. Beruht dieser Unterschied nun noch bloß auf meinem Befehle? Hcrmannus Figulus umschreibt die streitige Stelle also: rc: heißt. Eine Bclcscnhcit, die einen Apothcckcrjungcn neidisch machen nuig! — — Doch worauf ging dcnn nun mcinc Eritik? Darauf, daß kein Deutscher bey dem Worte zerlassen auf cinc Art von Fil- trircn denken wird, und daß ein jeder, dem ich sage, ich habe dcn Wcin zerlassen, glauben muß, er sey vorher gcfrohrcn gewesen. Haben Sic dicscs auch gcmcint, Hcrr Pastor? Beynahe wollte ich das j»r-uno»t»m ereclulitatis darauf ablege»! Denn was Sic verdächtig macht ist dieses, daß die Ode, in welcher die streitige Stelle vorkommt, augenscheinlich zur Winterszeit muß seyn gemacht worden. Dicscn Umstand habcn Sic in Gc- dankcn gehabt, und vielleicht geglaubt, daß Ztalicn an Lappland grenzt, wo wohl gar der Brandcwcin gcfrührt.--Zn der Geographie sind Sic ohnedem gut bewandert, wie wir untc» sehen werden.--Sic lassen also den Horaz der Lcuconoc befehlen, cin Stück aus dem Fassc auszuhaucn, und cs an dcm Fcucr wieder flüßig zu machen. So habe ich mir ihrcn Irrthum gleich Anfangs vorgestellt, und in der Eil wollte mir keine andre Stelle aus cincm Alten, als aus dcm Martial, bcyfallc», die Sic cin wcnig aus dcm Traume brächte. Was sagen Sic nun? Kann ich dic Nuthc wcglcgcn? Odcr werden Sic nicht vielmehr mit ihrem Dichter bettn müssen: Vittlv mecuni für Hrn. >L»N». Gotrl). Langc^ — — — — ne^uo per nottrum ^iitimiir teolus Irileun6a .lovom ^onoro sul»ii»k>. Zwar, das möchte zu erhaben scvn; beten Sie also nur lieber ihr eignes Versehen. G wie verfolgt das Glück die Frommen! -Hier bin ich garstig weggekommen. — — Bey Gelegenheit sagen Sie mir doch, ans welcher Seite ihrer Horazischcn Oden stehen diese Zeilen? Sie machen Ihnen Ehre! 2. B. Od. 1. s^ttö m«t'«. Was soll ich von Ihnen denken, Herr Pastor? Wenn ich Ihnen zeige, daß Sie der einzige weise Sterbliche sind, der hier unter F>-«t>eL etwas anders als schädlich verstehen will, was werden Sie alsdcnn sagen? Lassen Sie uns von den französischen Ucbcrsctzcrn anfangen; sie sind ohnedem, wie ich nunmehr wohl sehe, ihr einziger Stecken und Stab gewesen. Ich habe aber deren nicht mehr als zwey bey der Hand; den Dacier nnd den Zöttttcux. Jener sagt ve-us nous cleeouvres Iv leeret clo« l'imeste« lizues äes pnneos: dieser sagt fast mit eben diesen Worten: les liAiivs lunettes clvs lZiancts.--Betrachte» Sie nunmehr alte und neue Commcntatorcs. Acron sczt für Zi-ives, z»erttieinta8 ant iiiliclas; N?«ncineUus erklärt es durch nnxias. ^HermKnnns Figulus sczt zu dieser Stelle: zmta l^oeiewtein OuM t^om^oji ^ (^ivl'uns, cjus nrl)is Imperium veeu^sru»t, nlllixemot st^uo sieiäilleruiit, Lhabotius fügt hinzu: amieit'ue pii»ei,,uin il'toium lietiv et tluiiilittie oi'iiiit, iävo >^5 i^lls i»tor so ^ ^>o^. lium-ni^ ^e?tt/6^/>,- lueruM. Zvodellius endlich in seiner für den Dauphin gemachten Umschreibung giebt es durch neruiei«!^ ziroeeium coiticmes — — Sagen Sie mir, ist es nun noch bloß ^essingisch? Sie erweisen einem jungen Critico, wie Sie ihn zu nennen pflegen, allzuviel Ehre, die Erklärungen so verdienstvoller Männer nach ihm zu benennen. Lassen Sie sich noch von ihm sagen, daß -Horaz hier ohnc Zweifel auf einen Ansspruch des jünger,, Eato zielet, nach welchem er behauptet: non ox inimieitiis ^iesiiris ntcnie Pompes secl ox iptorum ^ t!iaM 114 V.-ulo meoum für Hrn. Sani, Gotth. L.niczc. l'ueivwio aiincit mnni-l Iill. ^rosoeta vsl'c! mala — — Ich bin des Aufschlagcns müde; wann Sie aber mehr Zeit dazu haben als ich, so fordrc ich Sie hiermit auf, mir denjenigen Ausleger zu nennen, welcher auf ihrer Seite ist. Ihre Entschuldigung von der Bescheidenheit des Horaz ist eine Grille, weil der Dichter nicht das zweyte sondern das erste Triumvirat will verstanden wissen. Daß giavis eigentlich schwer hcissc, brauche ich von Ihnen nicht zu lernen, und ich würde es sehr wohl zufrieden gewesen seyn, wenn Sie schwer gesetzt hätten. Allein Sie setzen wichtig und das ist abgeschmackt. Bey schweren Bündnissen hätte man wenigstens noch so viel denken können, daß sie der Rcpublick schwer gefallen wären; bey ihrem Bcywortc hingegen, läßt sich ganz und gar nichts denken. Ucbcrhaupt muß Ihnen das ein sehr unbekanntes Wort gewesen seyn, weil Sie es an einem andern Orte gleichfalls falsch übersetzen. Ich meine die zweyte Ode des ersten Buchs, wo Sie Fi'^es durch harre Perser geben. Diese llcbcrsctzung ist ganz wider den Sprachgebrauch, nach welchem die Perser eher ein weichliches als ein hartes Volk waren. Zn eben dieser Ode sagt Horaz /ee«/?»,- /^,',-/^ welches Sie ein klein wenig besser durch der Pyrrha betrübte seit ausdrücken. Was erhellet aber aus angeführten Orten deutlicher als dieses, daß es dem Dichter etwas sehr gemeines sey, mit dem Worte Ai-ttv/s den Bcgrif, schädlich, schrcklich, fürchterlich zu verbinden ? Ohne Zweifel glauben Sie dem Dacier mehr als mir; hören Sie also was er sagt, und schämen Sie sich auch hier ihres Starrkopfs: il »pello los pert'os A>'«i>es, c'vtt clll'v tonilllvs, rolloutiililLS, -V e-zulc- clu mal «ni'ils avoivnt s-ut »ux liom.ims, commo ils » cloja s^ollc- lo sioolv clo I^rilia ^i ^^e, jiar la mömo raiton. An einem andern Orte sagt eben dieser Ausleger, daß gravls so viel als norrim'lis wäre; ein Beywort welches Horaz den Niedern, so wie jenes den Persern giebt. 2. B. Od. 4. ocöttvttm 5>'S^tt/ae)/5 Sam> Notth, L.nigc. 4t'i daß tiv^ill-uo an mehr als einer Stelle, zittern hcisse, lind verlangen von mir, ich solle Ihnen die Ausgabe des Ecllarius angeben, in welcher eilen stehe. Sagen Sie mir, Herr Pastor, führen Sie sich hier nicht als einen tückischen Schnlknaben ans? Als einen Schnlknaben, daß Sie verlangen, Ihnen ans dem Ecllarius mehr zn beweisen, als darinnc stehen kann; als einen tückischen, daß Sie meine Worte verdrehen, als ob ich gesagt hatte, daß tieziKIsio überall eilen hcissc. Sehen Sie doch meinen Brief nach: wie habe ich geschrieben ? ^lc^i, sind meine Worte, kann hier nicht zittern hcisscn; es heißt nichts als eilen. Verstehen Sie denn nicht, was ich mit dem hier sagen will? Ein Quintaner weis es ja schon, wenn er dieses Wörtchcn lateinisch durch K, I. ausgedrückt findet, daß eine nicht allzugcmcinc Bedeutung damit angemerkt werde. Doch was predige ich Ihnen viel vor? Sie müssen mit der Nase daraus gestoßen seyn. Nun wohl! Erst will ich Ihnen zeigen, daß tio- pl-larv gar ost, auch bey andern Schriftstellern eilen hcisse; und zum andern, daß es hier nichts anders hcisse. Schlagen Sie also bey dem Nirgil das neunte Buch der Acncis nach; wie heißt der 114 Vers? ZXo ti-opillilto moas, ?oucn, llolencloro navos. Was heißt es nun hier? Eilen. Haben Sie den Julius Cäsar gelesen? haben Sie nicht darinnc gefunden, daß dieser tic-- cliu-v und concuelgre mit einander verbindet? Was muß es da hcisscn? Eilcn. Drcy Zeugen sind unwidcrsprcchlich. Schlagen Sie also noch in dem Livius nach, so werden Sie, wo ich nicht irrc, in dcm 23tcn Buche finden: eum ii> fua Wisquo minlttei-i-i, llileui'l'u trcn'iclat. Ii-opiclare kann also eilen hcisscn, und heißt auch nichts anders in der streitigen Stelle des -Horaz. Alle Ausleger, so viel ich deren bey der Hand habe, sind ans meiner Seite. Acron erklärt es durch lvNinavit-. -L.andinns durch iiroporinit. Lhabotius setzt hinzu vvidum ett celoriwtis: Ä.KM- binns sügt bey: ufus oft vordo -ill fiFnilicanclum coloiiimum mwtis lioktrvll eurlum a^tiMmo. Noch einen kan ich anführen, den Iodocns Nadins, welcher sich mit dem Scholiastcn des Worts fettinavit bcdicncl. Wollen Sie einen neuern Zcngcn haben, so wird Ihnen vielleicht Dacier anstatt aller seyn kön- 416 Vnclo meeum für Hrn. Sai». Eotth. Lnngc. ncn. Sie scheine» seine Ucbersctzung nur immer da gebraucht zu haben, wo sie zweifelhaft ist. Hätten Sie doch auch hier nachgesehen, so würden Sie gefunden haben, daß er es vollkommen nach meinem Sinne giebt: nn Iinmmv clont I'-iZv sott Iiatv ll'aceomplir lo Iiuiti«?mA.VKOS^ V/ _ meoum fnr Hr». Sam. Gottl?. Lange. 417 Rcchthabcrcy bringt Sie so gar so wcit, daß Sic sich selbst an cincm andern Orte eines Fehlers beschuldigen, um ihren Fehler nur hier gegen mich zu retten. Was ich tadle muß recht seyn, und was ich lobe muß falsch seyn. Zch hatte nehmlich ihre eigene Ucbcrsctzung der Stelle: 8o«1 viilos ljuiwto ti'vpiclot tumultli pi'onus 0>!»n wider Sie angeführt, wo Sic das tie^iclaiL schlecht weg durch eilen übcrsctzt haben. Allein Sic wollen lieber das Zittern weggelassen haben, als mir Recht geben, pionus ti-c^icl-tt, sagen Sic, heißt: er eilt zitternd hinunter. Ich habe das IVort zn-onus--(Hier mag ich mich in Acht nehmen, daß ich für Lachen nicht einen Klcks mache) — — durch eilen ansgc^ drückt, das gittern habe ich weggelassen, weil ich zu schwach war das schöne NilO vollkommen nachzumahlen. Und also haben Sic in der That pronus durch eilen ausgedrückt? Zch denke dieses heißt hier zum Untergange ? Sagen Sic es nicht selbst? Doch siehst Su nicht mit was vor Brausen Grion ?um Untergang eilet. Wahrhaftig Sic müsscn jctzt ihre Augcn nicht bey sich gehabt haben; oder ihre Ucbcrsctzung hat cin andcrcr gemacht. Sic wissen ja nicht einmal was die Worte hcisscn, und wollen das durch eilen gcgcbcn habcn, was doch wirklich durch zum Untere gange gcgcbcn ist. — — Zch will nur wcitcr gehen, weil es lächerlich seyn würdc, übcr cincn Gcgncr, der sich im Staubc so herum winden muß, zu jauchzen. 2. B. Od. 5. /Vm?t?»M »»tttt'tt e>, 2 7 /i>8 Vlxlv ineeum für !>)rn. Sain. l^otth. LlMge. welcher gar kein Französisch kau, wic Sic binzusctzcn: merr's ein edel Wort! Mcrks sclbcr: Iinnote hcißt nicht edel sondern ehrbar. Ich habc Ihnen nicht vcrwcbrcn wollen ehrbare Worte von Thieren zu brauchen; wohl aber edle. Zcnc haben schon Chaoolius, und andre, in der Stelle des Horaz erkannt, ob dieser gleich hinzu setzt: >><>» minus ello i» Iiis verlas tinnsl-ttl^ ,>I»Ie»c;»it!>t>s, »uiam ki res i'iiijlvt proviii-! viimiei-rtn, !>nt rigide ,,vno, uut mutono. ^'e. Diese aber finde ich nicht, weil Hora; ein viel zu guter Dichter war, als daß er nicht alle seine Ausdrücke nach der Mctapbcr, in der er war, hätte abmessen sollen. Oder glauben Sic wirklich, daß mum.-l uud -Huld, von gleichem Wcrtbe sind? Ilcbcrlcgcn Sic denn nicht, daß Huld ein Wort ist, wclchcs von dem Hoher» gegen den Niedrigern, ja gar von GOtt gebraucht wird, das Unbegreifliche in seiner ^icbc gegen den Mcnschcn auszudrücken ? Doch gcuug hiervon; lassen Sic uns meinen zweyten Tadel näher betrachten, welcher die Ucbcrsctzung selbst angeht. Die ganze Strophe bey dem Horaz ist diese: ^nixlum t'iiljiieta sone stiFum Viüet dlzrvieo: ixinclum iinmi» eomparis ^oljunro, nee t>imi rueotis lu Vonercm tolerkuo Pontius. Ich würdc cs ungcsebr so auSdrückcu: N'och taugt sie nicht mir gebändigtem Nacken das Joch zu tragen; noch taugt sie nicht die Dienste ihres ^ebcngcspanns zu crrvicdern, und die L.ast des zu ibrein Gcnujse sich auf sie stürzenden Stiers zu ertragen. Sic abcr, der sic noch den Nachdruck des Syllbcnmasscs voraus haben, lassen den Dichter sagen: Sie kann noch nicht mit dem gebeugten backen Das Joch ertragen, sie ist noch Der Huld des Garrcn nicht gewachsen, Sic trägt noch nicht die ^.ast des brünstigen Stiers- Hier nun habe ich getadelt, und tadle noch, daß Sie bey dem zweyten Gliede, iu»>>'o v-ilot, ohne Noth und zum Nachtheile ihres Originals von den Worten abgegangen sind. Ich sage zum Nachtheile, weil Horaz dadurch ein Schwätzer wird, und einerley zwcymal sagt. Der Huld des Gatten nicht gewachsen seyn, und die Last des brünstigen Stiers Vl>l1e ni«;eum für Hrn. S.nn. fiotth. Lange. 419 nicht tragen können, sind hier Tavtologicn, die man kaum cincm Ovid vergeben würde. Sie fallen aber völlig weg, so wie ich den Sinn des Dichters ausdrücke; ob Sie gleich ganz ohne Ilcbcrlcgung vorgeben, daß ich alsdann das zwcvtc Glied zu einer nnnötbigcn Wiederholung des ersten mache. Da, das Zoch noch nicht tragen können, ohne Zweifel weniger ist, als die Dienste des Ncbcngcspanns noch nicht erwiedern können; so steigen bey mir die Zdccn, nach dem Geiste des Horaz, vollkommen schön. Muß man dieses noch cincm Manne deutlich machen, der auf dem Lande in der Nachbarschaft solcher Gleichnisse lebt? Vergebens stellen Sie mir hier einige Ausleger entgegen, welche unter munla die Bcvwohnung verstehen. Diese Männer wollen weiter nichts sagen, als was cs bcy Anwendung der ganzen Metapher auf ein unreifes Mägdchcn hcisscn könne. Sie fangen schon beyan, die Einkleidungen wegzunehmen, und kein ander darunter zu verstehen, als das bcy dem Plautus, wo Paliuurus fragt: i-nnnc-oa seit^iigum? und worauf PhädromuS antwortet: »mlicn ott nvnnc: clum cnitiwt cum viris. Wann Sie ihnen, Herr Pastor, dort gefolgt sind, warum auch nicht bicr? Warum haben Sie nicht gleich gcsagt: sie kann noch nicht besprungcn werden? Es würde zu ihrem: sie ist der -HulS des Ganen noch nicht gewachsen, vollkommen gepaßt haben. — — Doch ich will mich hier nicht langer aufhalten; ich will bloß noch ein Paar Zeugnisse für mich anführen, und Sie laufen lassen. LLrasmus sagt: Alc-t-ipliora <1utec> i'eris viios s»tt!neat. clrn^uius setzt hinzu: «ni-v nonilmn c?K jngalis, yusL non ,ie» vt mimiü iix>I<:stiu?«ju ^ofconto ma-zis F-unleat ei'im' Finden Sie, der Sie sonst ein Mann von Geschmack sind, denn nicht, daß Horaz hier durch das aut einen kleinen Gegensatz macht? ?eczr, will er sagen, dreht sie den -Hals schmachtend den heisscn Russen entgegen; serzt versagt sie das mit verstellter Grausamkeit, was sie sich doch nur allzugern rauben läßt. — — Doch Sie wollen keine Gründe annehmen; Sie wollen alles mir durch Zeugnisse berühmter Ausleger beygelegt wissen. Auch mit diesen könnte ich Sie überschütten, wenn mich die Mühe des Abschreibcns nicht verdrösse. Ich muß Ihnen aber sagen, daß sie alle aus meiner Seite sind, nur die zwey nicht, welche Sie anführen. Und wer sind die? Den einen nennen Sie Acrisins und den andern Porphyr. Was ist das für ein Mann, Acrisius? — — Endlich werde ich Erbarmung mit Ihnen haben müssen, Herr Pastor. Sie wollen abermals Acron sagen. Ich hätte Ihr obiges Acris gerne für einen Druckfehler gehalten, wann mir nicht diese noch falschere Wiederholung so gelinde zu seyn verwehrte. Wissen Sie denn aber, mein lieber Herr Gegner, warum die beyden Scholiastcn Acron und Porphyrio auf ihrer und nicht auf meiner Seite sind? Deßwegen, weil sie, wie es aus der Anmerkung des erstem offenbar erhellt, eine andre Lesart gehabt, und anstatt dotoi-lmot acl oloula, clc-wrtjnot ali oleuüs gefunden haben. Haben Sie denn auch diese Lesart? Sie haben sie nicht, und sind ihr auch nicht gefolgt, weil Sie es sonst in ihrer Antwort würden erinnert haben. Die Anmerkung die Dacier zu dieser Stelle macht ist sehr gründlich! und nur Ihnen scheinet sie nicht hinlänglich. Aber V-uIo meonm für Hr». Stirn. Gotth. L>nigc. 42 l warum denn nicht? Etwa wcil sie Zhiicn widerspricht? Oder haben Sie sie nicht verstanden? Das kann seyn, ich will also ein Werk der Barmherzigkeit thun und sie Ihnen übersetzen, wcil sie ohnedem die beste Rechtfertigung meiner Critik seyn wird. „Es läßt sich, sagt er, nichts galantcrs und nichts besser ausgedrücktes, als diese vier Ncrsc, erdenken. Den ersten aber „hat man nicht wohl verstanden, wcil die Ausleger geglaubt, „Horaz wolle sagen, daß Licinia ihren Mund den Küssen des „Mäccnas entziehen wolle; allein sie haben nicht überlegt, daß „er, wenn dieses wäre, nothwendig hatte sagen müssen <1! Dacier und Mancinelli! Mancinclli und Dreier! Sind das die Leute, mit welchen man etwas Streitiges aus den Alterthümern beweiset? Keine bessern wissen Sie nicht? Wahrhafte Bcttclgclchrsamkcit, um es noch einmal zu wicdcr- hohlcn! Wann ich nun behauptete, Datier habe den Manci- nclli ausgeschrieben, und Mancinelli rede ohne Beweis; was würden Sie wohl thun? Sie würden diese ihre Fontes noch einmal zu Rathe ziehen; Sie würden sehen, ob sie keine andre kontcs anführen. Allein sie führen keine an; was nun zu thun? Das weis GOtt! Doch, Herr Pastor, ich will Sie in diese Verlegenheit nicht setzen. WaS hätte ich davon mit etwas zurückzuhalten, welches im geringsten nicht wider mich ist. Lernen Sie also von mir, was ich weder von dem Mancinclli noch dem Dacicr habe lernen dürfen, daß diese ihre beyden Helden ohne Zweifel auf eine Stelle des Plutarchs in dem Leben des älter» Cato zielen. Lx«)^?c> <5x, heißt es auf meiner Seite der Wcchclschcn Ausgabe, ??l?u> o^c>^io--uiv ^po^ov «X.^« Hplv'xv^ ^^5j>vv (sx ?c>v li.oc-'loi'« <5>^- 'i.'«^i.xui<,' x?rl/^'i_>^c>v xcrx^- 1'^ii.cxl»t ^/cx^> x^Tr^cpov I^oc-r-^v« ovo.t^tt^oci'. Wann es Ihnen, mein lieber Herr Pastor, mit dem Griechischen etwa so gehet, wie mit den algebraischen Aufgaben, die zu verstehen, nach der 4tcn Seite ihres Schreibens, es sehr viel kosten soll, so schlagen Sie die Ucbcrsctzung des Herrn Kinds, die 520 Seite des Ztcn Theiles auf, wo Sie folgendes sindcn werden: „im Anfange hieß sein dritter Name „Priscus, und nicht Cato, welchen man ihm wegen seiner Klugheit beylegte, weil die Römer einen klugen und erfahrnen „Mann Cato beissen." — — Ey, mein Herr Lange! Mache ich Ihnen hier nicht eine entsetzliche Freude! Ich gebe Ihnen den Dolch selbst in die Hand, womit Sie mich ermorden sollen. Nicht? Ehe Sie aber zu stosscn, bitte ich, so sehen Sie die griechische Stelle noch einmal an. Liegen folgende Sätze nicht deutlich darinnen? Der altere Eato hat niemals mehr als drc» ^.VA--?^ '«^?.isSK2W«!W^'Ki « > !>«?o inevum siir Hrn. Sani. Eotth. L>uiqc. ^tanicn gehabt; cr hicß Priscns bis cr anficng Lato zu hcisscn: so bald cr Cato hicß, vcrlohr cr dcn Namc» Priscns; und »ie hat cr ziisannncn Priscns Lato gchcisscii, wclchcs vier Na»ic» ausuiachc» würde, die cr nach dcm Zeugnisse Plutarchs »ic gc- fiihrt hat. Wann ich also gefragt habe: welcher von dcn Ca- toncn Priscns gciicnnct worden; so hat nur Hcrr Pastor Lange, der seinen Gegner für so unwissend halt, als cr selbst ist, glauben können, als ob ich so viel fragen wolle, welcher von dcn Catoncn, ehe cr (5ato gchcisscn, den Namen Priscns geführt babc? Was würdc dieses zu der Stcllc dcs Horaz hclfen, wo nicht von cincm Manne geredet wird, der zu vcrschicdncn Zeiten, erst Priscns und hcrnach Laro gchcisscn, sondern von einem, welcher bevde ?!amcn zugleich, wie Herr Lange will, gcführct haben soll? Meine Frage scheinet durch die Auslassung eines einzigen Worts ein wenig unbestimmt geworden zu scvn. Ich hätte nchmlich, um auch dcn Verdrehungen keine Blosse zu gc- bcn, mich so ausdrückcn sollcn: Welcher von den Catoncn hat denn Priscns Cato gchcisscn? Auf dicsc Frage nun ist unmöglich anders zu antworte» als: keiner. Mancinelli und Nacicr selbst unterscheiden die Zeiten, und sagen nicht, daß cr Priscns Lato zugleich gchcisscn habc. Sie begehen folglich ciucn Schnitzer, wann Sic nach ihrer Art rccbt witzig seyn wollen, und im Tone dcr alten Weiber sagen: es war einmal ein Mann, der hicß Priscns, und bekam dcn Zunamcn Caro, Ncin, mein altes Mütterchen, das ist falsch; so muß cs hcisscn: cs war einmal ein Mann, dessen Zuname Priscns durch einen andern Zunamen, Lato, vcrdrungcn ward. — — Doch lasscn Sic uns wcitcr gchcn. — — Da cs also historiscb unrichtig ist, daß jemals ein Priscus Lato in der Welt gewesen ist, so könnte cs, wird man mir einwcndcn, gleichwohl dem Dichter erlaubt scvn, dicsc zwey Namen zusammen zu bringen, l'mt! und das ist dcr zweyte Punkt, auf den ich antworte» muß; ich muß nchmlich zcigc», daß Horaz hicr gar nicht Willens gewesen ist, cinc Probe seiner Kcmttuiß dcr Catomschc» Familicngcschichtc zu gcbcn, und daß ein Herr Lange, dcr dieses glaubt, ihn gelehrter macht, als cr scy» will. Dicscs zu thu» will ich, um mir bcv Zhncn ci» Anschcn zu machc», altc u»d ncuc Auslcgcr 424 Vittle mecuin für Hrn. Sa»i> Eetth. Ltiuge. anführen, und zugleich die Gründe untersuchen, welche sie etwa mögen bewogen haben, so wie ich zu denken. Ucbcrhaupt muß ich Ihnen sagen, daß ich unter mehr als dreyßig beträchtlichen Ausgaben keine einzige finde, die das pi-ileus mit einem großen p. schreibet, welches doch nothwendig seun müßte, wenn ihre Bc- sorgcr es für einen Zunahmen angesehen hätten. Nennen Sie mir doch, Wunders halber, diejenige die in diesem Punkte so etwas besonders hat. Ihr eigner Text, welchem es sonst an dem Besondern, wenigstens in Ansehung der Fehler, nicht mangelt, hat die gemeine Schreibart beybehalten; so daß ich schon entschuldiget genug wäre, wann ich sagte, ich habe Sie beurtheilt, so wie ich Sie gefunden. Denn weswegen läßt ein Uebersetzer sonst sein Original an die Seite drucken, wenn er es nicht deswegen thut, damit man sehen soll, was für einer Lesart, was für einer Zntcrpunction er gefolgt sey? Geschieht es nur darum, damit das Buch einige Bogen stärker werde? Umsonst sagen Sie: es sey mit Flcis geschehen, und die Ursache gehöre nicht hichcr. Sie gehört hierher, Herr Pastor, und nicht sie, sondern ihr unzcitigcs Sicgsgcschrcy hätten Sie weglassen sollen — — Lassen Sie sich nun weiter lehren, daß alle Ausleger bey dieser Stelle sich in zwey Klassen abtheilen. Die einen verstehen den ältern Eato, den Sittenrichter, darunter; die andern den jüngcrn, welchen sein Tod berühmter als alles andre gemacht hat. Jene, worunter Acron, Zdadius, Glareanus, An- binns und wie sie alle hcisscn, gehören, erklären das i>rilei durch -inti,zuioi'!s oder votens, und lassen sich es nicht in den Sinn kommen, das Vorgeben des Plutarchs hierher zu ziehen, ob es ihnen gleich, ohne Zweifel, so wenig unbekannt gewesen ist, als mir. Diese, welche sich besonders darauf berufen, daß man den Sittenrichter wohl wegen der aller ausscrordcntlichstcn Mäßigung gelobt, nirgends aber wegen des übermäßigen Trunks getadelt finde; da man hingegen von seinem Enkel an mehr als einem Orte lese, daß er ganze Nächte bey dem Weine gesessen und ganze Tage bey dem Brctspiclc zugebracht habe: diese, sage ich, K^mbinns, Lh«botms ?c. verstehen unter ^-//cu« einen solchen, welcher seinen Sitten nach aus der alten Welt ist, und nehmen es für tovorus an. Einer von ihnen, Ä.an> Volle meeum für .s^rn. Sam. Gotth. L.mge. 426 dinus, schcinct so gar eine andre Lesart gehabt lind an statt I>r!1ci priiea, welches alsdcnn mit virtus zu verbinden wäre, gefunden zn haben. Er setzt hinzu: ^,//f>j>uln Iionns oruet atiruo I^rofeiot i» lucem l'nocin!^ Vs>e!»I»ul!t reinn» sju»! ^ilse'iK luoilwiati^ Lutomluis »ti^io t'^ns. Wcnn in dcr Ode j>ri«ci der Aunahmc gewesen ist, warum soll er cs auch nicht hier scyn? Ohnc Zwcifcl habcn alle (5«rone, nicht dcr Sittenrichter allcin, Priscus gchcisscn. Nicht Hcrr Pastors Dcn Da- cicr nachgcschcn! hurtig! — — Als dcn lctztcn Kcil, will ich noch das Zeugniß eines noch lebenden Gelehrten anfübrcii, noktruni mvliori!? uti'vimo. Es ist dicscs dcr Hcrr Prof. Gesncr, welcher in dcr Aorrcdc zu seinen i^iintoiil)»« rei inNic-u das ausdrücklich zu nichts als einem Horazischcn Epithcto macht, ob ibm schon die Stelle dcs Plutarchs bekannt war, und ob cr schon in cmdcrn altcn Schriften gefunden hatte, daß man dicscs Priscus mit untcr die Namen dcs Cato scze. Er redet nchmlicb von dcm Buchc dicscs altcn Römcrs übcr dcn Ackerbau, und nennt cs, so wie wir cs jczt auf;uwcisen habcn, e,>»Fenem ^->cn>» di^v- staiil t,i>,c'tt/u? ^»t tums, und scizt hinzu: Ijoc:üii>iui»l illnä onitliet»» tiil^unnt ilii ctiun» intor »(>>»>»!> Ii>,n ant'nmi. DicscS abcr ohne Zwcifcl auf kcinc andrc Art, als ihn dadurch von dcm jünger» Cato, durch das Vcvwort dcs Aclrern, z>i nntcrschcidcn. — — Was mcincn Sic mm? Habcn Sic noch richtig nbcrsctzt? Müssen Sic nun nicht gestehen, daß ich mit Grnnd getadelt habe ? Wcrdcn Sic nocb glauben, daß ich von Ihnen etwas lernen kann? Wenn Sic dcr Mann wären, so würde ich weiter gehen; ich würde Ihnen übcr dic Stcllc dcs Plutarchs sclbst, ob sic mir glcicb, Vuäv luvomu für Hrn. Sam. Gotth. Lange. wie Sic oben gcschcn habe», nicht widerspricht, cinigc Zweifel machen; Zweifel, die mir nicht erst seit gestern und heute bcy- gcfallcn sind. Doch, wahrhaftig ich will sie hersetzen. Wann ich schon von Ihnen keine Erlcutcnmg zu erwarten habe; so sind doch die teilte eben so rar nicht, welche mehr als ich und Sic kennen. Vielleicht liefet uns einer von diesen, und nimmt des Geschichtschreibers Parthey gegen mich, welches mir sehr angenehm seyn wird. Sic aber, Herr Pastor, übcrhüpfcn Sic nur Wne kleine Ausschweifung über obige Stelle 0es Plmarchs. Dcr Griechische Schriftsteller meldet uns in dem angeführten Zeugnisse drcycrlcy. Erstlich daß Marcus Porcius der erste aus scincr Familie gewesen sey, welcher den Zunahmen Lato geführt; grve^tens, daß er diesen Zunahmen wegen scincr Klugheit bekommen; Drittens, daß cr vorher den Zunamen Priscus gcsührct habe.--Nun will ich meine Anmerkungen nach Punkten ordnen. I. So viel ist gewiß, daß Plutarch dcr genaueste Geschichtschreiber nicht ist. Scinc Fehler, zum Ercmpcl, in dcr Zcit- rcchnung sind sehr häusig. Alsdann aber kan man ihm am allerwenigsten trauen, wcnn cr Umstandc anführt, wclchc ciuc gcnaucrc Kcnntniß dcr Latcinischcn Sprache erfordern. Diese, wic bekannt ist, hat cr nicht besessen. Er sagt in dem Lcbcn dcs ältcrn Lato von sich sclbst, daß cr dic Rc- dcn dcs Sittcnrichtcrs nicht bcurthcilcn könne, und dic Art, wie cr dic latcinischc Sprache crlcrnt zu habcn vorgicbt, ist bekannt: aus gricchischcn Büchcrn nchmlich, wclchc von dcr römischen Historic gcschricbcn. Grundes also genug, ihn al- lczcit für verdächtig zu halten, so oft cr sich in die römische Philologie wagt, dic cr wcnigstcns aus keinem gricchischcn Gcschichtschrcibcr hat lcrncn können. II. Daß nnscr Sittenrichter der erste aus dcr Porciusischcn Familie gewesen sey, welcher L«ro geheißen habe, muß ich dcm Plutarch dcswcgcn glaubcn, weil man auch andre Zeugnisse dafür hat. Eines zwar von den vornchmstcn, wo nicht gar das einzige, ich mcinc das Zeugniß dcs Plinius, (V. 7. Kap. 27.) ist schr zwcydcutig. Er sagt (^tc> ^nmu« porvicc Zvntis. Kann dieses nicht eben sowohl hcisscn, Eato welcher 1 428 Vaäe meeuni für Hrn. Sam. Gotth. Lange. der erste war, der den Namen Porcius führte; als es nach der gemeinen Auslegung hcissen soll: derjenige ans dem Por- cinsischcn Geschlechte, welcher den Namen Cato bekam? Doch es mag das letzte hcissen, so kann ich doch wenigstens III. die Plutarchischc Ableitung mit Grunde verdächtig machen. Er sagt i'ov uvo^,.«- ^^1'. Dieses ist offenbar falsch, und er hätte anstatt R-«- nothwendig K.«?ov schreiben sollen; weil das Adjectivum der Lateiner nicht cata sondern eatns heißt- Sein lateinischer Ucbcrsctzcr -Hermannus Lrnserus scheint diesen Fehler gemerkt zu haben, und giebt deswegen die angeführten Worte: romani vx^>or!entem Oatum voeant. Doch, wird man sagen, ungeachtet dieses Fehlers kan die Ableitung dennoch richtig scyn; das Adjectivum mag catus hcissen; vielleicht aber ist es in cato verwandelt worden, wann es die Römer als cincn Zunamen gebraucht haben--Allein auch dieses vielleicht ist nngcgründct. Man sieht es an dem Beyspiele des Aelins Sertus, welcher eben diesen Zunamen bekam; und gleichwohl nicht Lato sondern Lgtus gcncnnct ward. Ein Ncrs, welchen Cicero in dem Iten Buche seiner Tuscu- lanischcn Strcituntcrrcdungcn anführt, und der ohne Zweifel von dem Emmis ist, soll es beweisen: ^Ai'tZZiiz corclatus Komo t!i>tus ^eliu 8extus. Das eatus kann hier nicht als ein bloscs Beywort anzusehen seyn, weil eoi'ilatus das Bcywort ist, und die lateinischen Dichter von Häufung der Beywörter nichts halten. Es muß also ein Zunahme seyn, und wann es dieser ist, so sage man mir, warum ist er auch nicht hier in Lato verwandelt worden, oder warum hat nur bey dem Porcius das eatus diese Ncrändcrung erlitten? Wollte man sagen, jenes sey des Verses wegen geschehen, so würde man wenig sagen; oder vielmehr man würde gar nichts sagen, weil ich noch ein weit stärkeres Zeugniß für mich ausbringen kann. DaS Zeugniß nehmlich des Plinius, welcher (7 B. Kap. ?I) mit ausdrücklichen Worten sagt: pi'ivttitoro cotoros mnitalos san-ontla, o>» iä t^ati, Lorculi .i^ucl liomanos cnZnominat!. Warum sagt Er, welcher dcn alten Lato bey aller Gelegenheit lobt, <Äti v-ulo moonm für Hrn. Sam. Gotth. Lange. 429 und nicht Vatonos, wen» er geglaubt hätte, daß die letzte Benennung eben diese Abstammung habe? IV. Ich will noch weiter gehen, und es auch durch einen historischen Umstand höchst wahrscheinlich machen, daß er den Zunamen Caro nicht seines Verstandes und seiner Weisheit wegen bekommen habe. Ich berufe mich deswegen auf das, was Lieero clc- sc-noctutc- anfuhrt; er berichtet uns nehmlich, daß lÄto erst in seinem Alter den Zunamen des Weisen, erhalten habe. Nun sage man mir, wenn man hieran nicht zweifeln kan, ist es wohl wahrscheinlich, daß man ihm aus einer Ursache zwey Zunamen solle gegeben haben? daß mau ihn schon in seiner Jugend den Ringen gcncnnt, erst aber in seinem Alter für würdig erkannt habe, den Zunamen Ver!Vcise zu führen? Denn dieses ist aufs höchste der Unterscheid, welchen man zwischen catus und I'siüons machen kann. Wenn mir jemand diesen Zweifel heben könnte, so wollte ich glauben, daß auch die andern zu heben wären. Die Ausflucht wenigstens, eaws für »ouws anzunehmen, so wie es Aarro bey dem Aelüis Scruis haben will, und zu sagen, unser Porcins sey in seiner Jugend acutus, das ist verschmilzt, und in seinem Alter erst weise gcncnnt worden, wird sich hierher nicht schickcn, weil das Verschmitzte ganz widcr dcn Charakter des alten Sittenrichters ist, der in seinem ganzen Leben immer dcn geraden Weg nahm, und mit der falschen Klugheit gerne nichts zu thun hatte. V. Weil nun Plutarch in dcn obigen Stücken höchst verdächtig ist, so glaube ich nunmehr das Recht zu haben, über das Priscus selbst eine Anmerkung zu machcn. Da der ältere (Lato von verschiedenen Schriftstellern mehr als einmal pns- eus gcncnnt wird, theils um dadurch die Strenge seiner Sitten anzuzeigen, welche völlig nach dem Muster der alten Zeiten gewesen waren, theils ihn von dem jünger» Lato zu unterscheiden: da vielleicht dieses Beywort auch in dcn gcmci- ncn Rcdcn, ihn zu bezeichnen, üblich war, so wie etwa in dcn ganz neuern Zeiten, einer von dcn allcrtapfcrstcn Feldherren beynahe von einem ganzen Lande dcr Alte, mit Zu- sctzung seines Landes, gcncnnt ward; da, sage ich, diese Bcr- V-xlc meeum für !^rii. Scini. Gotth. Lanqc. wcchsclung eines BcvwortS i» cincn Zunahmen imgemein lcicht ist: so urtheile man einmal, ob sie nicht ein Mann, welcher die lateinische Sprache mir halb innc hatte, ein Plurarck, gar wohl könne gemacht haben ? Ich glaube, meine Bermutbung wird noch ein ausscrordcntlichcs Gewichte mehr bekommen, wann ich zeige, daß ein Römer selbst, und sonst einer von den genauesten Geschichtschreibern, cincn gleichen Fehler begangen habe. Zch sage also, daß so gar Ä.ivins das Wort Eisens als cincn Namen angenommen hat, wo es doch nichts als ein Untcrschcidungswort ist; bey dem ersten Tarcunnius nchmlich, welcher blos deswegen I^i-iieus ge- ncnnct ward, um ihn mit dem Supcrbo gleiches Namens nicht zu verwechseln. Fcstus bezeiget dieses mit ausdrücklichen Worten, wenn er unter Pilsens sagt: llVilLiis 1'i,i'nla i»'ins fuit l^iam sn^oi^ns Man schließe nunmehr von dem Livius auf den Plutarch. Wäre es unmöglich, daß ein Grieche da angcstosscn hätte, wo ein Römer selbst anstößt? Hier, mein Herr Pastor, können Sie wieder anfangen zu lesen. Haben Sie aber ja nichts übcrhüpft, so sollte es mir leid tbun, wann durch dicsc Ausschweifung etwa ihre Äcrmu- thung lächerlich würde, daß ich dcswcgcn von dem Namen Pris- cns nichts gewußt habe, weil D«)'le seiner nicht gedenket. Wer weis zwar, was ich für eine Ausgabe dieses Wörterbuchs besitze. Wo cS nur nicht gar eine ist, die ein propbctischcr Geist mit den Schnitzern des Laublingschcn Pastors vcrmchrt hat. — — Doch lasse» Sie uns weiter rücken. B. 27. Od. k/.T'o?' «i^'/ct« >/c)^' <'//'« »t'/'is/»'. O Herr Pastor, lehren Sic mich es doch nicht, daß dicsc Stcllc eines doppelten Sinnes sähig ist. Als Sic vor neun Iahrcn den Horaz auf deutsch zu mißhandeln ansingen, wußte ich es schon, daß cS hcisscn könne: D" weißt es nickt, Saß du die Gattin des Jupiters bist und du weißt dick nickt als die Gattin des Jupiters aufzuführen- Wcnn ich nöthig hattc mit Übeln Wendungen meine Critik zu rechtfertigen, so .MjMMV5.»AK^ V/>«' V-ule Hierum für Hrn. Sam. Eotth. !^angc. äZl. dürfte ich mir sage«, daß ihre Ucbcrsctzung von dicscm doppelten Sinne keinen, sondern einen dritten ausdrücke. An rveists nickt und bist des grossen Jupiters Gattin. Kann dieses nicht ohne viele Verdrehung heißen: Gb du schon des Jupiters Gattin bist, so rvei>;t du dennoch dieses oder jenes nicht. Doch ich brauche diese Ausflucht nicht; und meinetwegen mögen Sie den ersten Sinn babcn ausdrücken wollen. Sie haben doch noch Schulknabcn mäßig übersetzt. Denn was thut ein Schulknabe bey solchen Gelegenheiten? Er nimmt den ersten den besten Sinn, ohne sich viel zu bekümmern, welchen er eigentlich ncbmcn sollte. Er ist zufrieden, es sey nun auf die eine, oder auf die andere Weise, den Wortvcrstand ausgedrückt zu haben. Dieses nun haben Sie auch gttban, ati^i, vi'Zu. Umsonst sagen Sie mit dem Dacicr, Zhr Sinn sey dem Zusammenhange gcmässcr. Ich sage: nein, und jcdcrman wird es mit mir sagen, der das, was darauf folgt, überlegen will. Durch was hat Horaz das zwcydcutigc Ilxar invlcti .lovis eslo not'vis gewisser bestimmen können, als durch das gleich darauf folgende? Hütto sinAultus: Iione ioiro inüZiunn Diseo ? C'otth. Lange. — — — — xX,nD^l,0lt x^c/c>^>oe«0'A'«t ^7o?'ckx x-XTV^vi'oiT'« ?r/^ovv Trpoxr^xi^^oi^ «^i^xtv. Und der Sticr spricht ausdrücklich zu ihr: Ga^o'xi 7r«p^-xt-t>c^ — — — ^.v?o^ ?oi xt^i^^ x^^^xv x^Fo^l^cxi l'cie^po?. Sollte ihr also Horaz nicht eben diese Wissenschaft gelassen haben? Nothwendig, weil er sie erst alsdcnn klagen läßt, nachdem ihr Jupiter, unter einer bessern Gestalt, den Gürtel gc- lösct hatte. — — ^x^i; e-'xp^v «UL^cx^xT'o ^i.opcs>^v, ^Vi^crx 6x ^.i-t^i^v — — — Wußte sie es aber schon, daß Jupiter ihr Sticr gewesen war, so wäre es wahrhaftig sehr abgeschmackt, wann ihr Cupido bey dem Horaz mit dem Hxor invicti ^ovis osto notois nicht mehr sagen wollte, als sie schon wußte, und wann seine Worte keine contol-tt!» cum,-o/»-o/,L?«/7c,?ze wären, wie sich ein Ausleger darüber ausdrückt. 4. B. Ode 4. Nehmen Sie mir es doch nicht übel, mein Herr Pastor; mit dem Norwandc eines Druckfehlers kommen Sie hier nicht durch. Denn gesetzt auch, es sollte statt siegen, gähne hcisscn; so würde Ihre Übersetzung gleichwohl noch fehlerhaft seyn. Sehen Sie doch die Stelle noch einmal an! Heißt denn ea^rea lacto c^e^ulsum loonom clento novc> poritura villit, die siege steht den A.öwen, und nimmt den Tod von fungcn Aahnen wahr? Es ist hier etwas mehr als wahrnehmen, Herr Pastor. Sie soll selbst der Raub der jungen Zähne seyn. Ausserdem ist noch dieses zu tadeln, daß Sie c-iproa durch Aicgc übersetzen, und es für einerley mit c->n>a halten. Einem wörtlichen Ucbcrsctzcr, wie Sie seyn wollen, muß man nichts schenken! 6. B. Ode Und endlich, komme ich aus die letzte Stelle, bey welcher ich das wicdcrhohlcn muß, was ich schon oben angemerkt habe. Sie scheinen dem Dacier nur da gefolgt zu seyn, wo seine Übersetzung zweifelhaft ist. So geht es einem Manne, dem ^MW^^i»^^ Vadv meoum für Hrn. S.nn. Gotlh. Lange. das Ucrmögcn zu untcrschcidcli scblt! Wann doch dieser fran- zösischc Ilcbcrsctzcr so gut gewesen wäre, uiid hätte nur ei» einziges anderes Ercmpcl angcsührt, wo im,)-,,-, heißt. Zwar Herr Pastor, auch alsdcnn würden Sie nicht Recht haben: denn ich muß auch hier ihre Unwissenheit in der französischen Sprache bewundern! Heißt denn i»<; jaiu tütis est — — Za wirklich genug und allzuviel; ob es schon siir einen Mann, wie Sie mein Herr K.«nge sind, noch zu wenig seyn wird! Denn niemand ist schwerer zu bclchrcn, als cin alter, hochmü- thigcr Jgnorantc. Iwar bin ich einigermassen selbst daran Schuld, daß es mir schwer geworden ist. Warum habe ich Ihnen nicht gleich Anfangs lauter Fehler wie das llueo»t!a vorgeworfen? Warum habe ich einige untermengt, auf die man zur äussersten Noth noch etwas antworten kann? — — Doch was ich damals nicht gethan habe, das will ich jczt thun. Ich komme nehmlich auf meine zweyte Unlcrabthcilung, in welcher wir mit cinandcr, wann Sie es erlauben, nur das erste Buch der Oden durchläufst» wollen. Ich sage mit Fleiß nur das erste, weil ich zu mchrcrn nicht Zeit habe, und noch etwas Wichtigcrs zu thun weis, als ihre Vrcrcitia zu corrigi- rcn. Ich vcrsprcchc Zhncn im Voraus, durch das ganzc Buch in jeder Ode wenigstens einen Schnitzer zu weisen, welcher un- vcrgcblich seyn soll. Alle werden sie mir frcvlich nicht in der Geschwindigkeit in dic Augen fallen; nicht cinmal die von der ersten Grösse allc. Zch crklärc also, daß es denjenigen dic ich iiöcrscbcn wcrdc, nicht präjudicirlich seyn so!l; sie sollen Fchlcr, nach ihrcm ganzen Umsangc bleiben, so gut als wenn ich sie angemerkt hättc! Zur Sachc. 1. B. 1. Od. '»illxz <^>„i-i hcißt nickt auf Valb'cn «US C^'prien. Dic ^'slingS '^Zeikc lll. 28 Vmle inocum für Hrn. Cm». Gotth. Lange. Insel heißt Cvprus, oder Cvpcrn; l^-^rlus, -r. um, ist das Adjectivum davon. Hier macht also dcr Herr Schulmeister cin Krcutz! Es ist scin (>'lück, das? sich dcr Knabe bicr nicht mit dem Druckfehler entschuldigen kann, weil Cvpcrn, so wie es eigentlich heissen sollte, wider das Sylbcnmaaß scvn würde. Zlm Ende dieser Ode sagen Sie, Hr. Pastor: Die Flöte beziehen. Eine schrckiich abgcschmaktc Redensart! 2. Ode. Die Zeilen: Villimns llavum ^!'il»oilm, rowrtls I^>ittnro I^truten vinlontor nncll-i übersetzen Sie: So sahn auch rvir die rückgeschmisinen IVellcn Des gelben Tibers am Etrnscischen l.tfcr:c. Falsch! Es muß heissen: So sahn auch wir die vom Etruscischcn Ufer Des gelben Tibers rückgcschmißnc Wellen. Ode. ^N5to8 tl)acl!>j> würde nicht der tvübe Siebenstern sondern das trübe Siebengestirn beißen, wenn nur Plejadcs und Hva- dcs nicht zwcycrlcy waren. Ha! ha! ha! V-nl.-t hätten Sie nicht durch Furchen geben sollen, weil man über Furthcn nicht mit Nachcn zu setzen nöthig hat. Geben Sie nach, was Dacier bey diesem Worte angemerkt hat. 4. Ode. evtnc-i-c-kr Vonns geben Sie durch Zachere. Wann dieses Wort auch recht gedruckt wäre, so würde es dennoch falsch scvn; weil Sichere zwar die Znscl, aber nicht die Venus die nach dieser Znscl gcncnnt wird, heissen kann. 5. Ode. sjuis inulta Araciüs to nuvr in rok.1 I^orlusu« licjuiclis urgot ocloiüzus. t?riitn, pvrili-i , s»I> itntro. Dieses übersetzen Sie so: IVas vor ein rvohlgestalrer Jüngling, o P^-rrha, Bedient dich im dicken Zvosengebüsche Von Balsam na>;' in angenehmer Grotte. Vadv inevuiu fiir Hrn. Sam, (?otch, Lange, Wachsen etwa in Laublingcn dickc Noscngcbüschc in Grotten? Das i» rot» hätten Sie durch, auf dem 2vosenbctte, geben sollen, K. Ode. Die Zeile eantamus vaeui, ttvo «julä ui!m»r haben Sie un- gcmcin schlecht übersetzt: von Arbeit befreit und wenn die /^iebc mich reiczet. Erstlich haben Sie den Gegensatz verdorben und das live in und verwandelt, welches ohne Zweifel daher entstanden ist, weil Sie, zweitens, die Kraft des Worts vktLiius nicht eingesehen haben: es heißt hier vaeun« uiuoro nicht aber -» Indore. 7. Ode. Es ist Ihnen nicht zu vergeben, daß Sie in der 15 Zeile die wahre Stärke des mvuililni« nicht gewußt, und es durch ihr elendes nimmer stille gegeben haben. 8. Ode. Aus dieser Ode ist der getadelte Gclzroeig. Zch kann sie aber deswegen auch hier nicht übergehen, weil ich auS ihrer Ueber- sctzung mit Verwunderung gclcrnct habe, daß schon die alten Römer, vielleicht wie jczt die sogenannten Schützcngildcn, nach der Scheibe geschossen haben. Sie sagen: Den ehemals der Scheibenschuß und >Vurfspics erhoben. l). Ode. Hier tadle ich, daß Sie Dinw durch Urne übersetzt haben, Sie müssen eine vonrcflichc Kenntniß der alten römischen Maasse haben! Merken Sie sich doch, daß 1)K,W so viel als ^nmlioru, ^l'lii» aber das cliniicliuiu a»ij>Iicn'!v ist. 10. Ode. Koj,os ^.tl-liitls — — zusammen ihr Schulknabcn, um ihn auszuzischen! — — giebt Herr Lange durch: Du Sohn des Atlamcs, Erstlich des Aclantes; es heißt nicht ^1^,«^ gen. sondern ^tlas, m>t!s. Zwcytcns I^ios heißt nicht Sohn, sondern Enkel. Merkur war der Maja und des Jupiters Sohn; Maja aber war die Tochter des Atlas. 11. Ode. Aus dieser kleinen Ode ist das zerlaß den Mein, Noch will ich anmerken, daß das c.^ol'itiÄ ^umioiliu^ durch nahe Felsen schlecht übersetzt ist. 28" 436 Vmle meemn für Hrn. Sam. Notth. ^ange- 12. Ode. tjuom virum, a»t Iieioll, I^ra vvl »eii "I'iliia luuils colol»r!irc! <^Iw? (jnein 6oum ^ Dicscs übcrsctzcn Sic: Sprich Llio, was ists vor ein Mann, iVas vor ein -Held, den du zczt mir der S>c)'er! IVas isis vor ein Gott, den du Mit scharfer Zlsre feierlich rvillst loben? Bestimmen Sic doch nichts, was Horaz hat wollen liiibestimmt lassen! Sic stolpern überall, wo Sic auch mir den kleinsten Tritt vor sich thun wollen. Sic ziehen die Flöte auf den Gott, und dic Lcycr ans den Mann, welches gleich das Gegentheil von dem ist was Dacier nnd andre angemerkt haben, du ro- mni-iuio, sagt jener, our cello« c>r»»t sondern zu Immoclie« zichcn miissc. 14. Odc. l^min^ würden Sic in der siebenden Zeile nicht durch Nachen gegeben habcn, wann Sic dic wahre Bedeutung dicscs Worts gcwußt hätten, ^mina ist der untere Theil des Schifs; und cbcn das, was dic Griechen 7?^-,- nennen. 15. Odc. e-rlimn 1j)!cula (ZnoMi übersetzen Sic durch Gnojsus scharfe Pfeile, zum sichcrn Bcwcisc, daß Sic wcdcr wissen was csliimus heißt, noch warum Horaz das Beywort Gnojjisch dazu gesetzt hat. 16. Ode. Dic Ucbcrschrift dieser Ode ist vollkommen falsch. Sic sagcn: An eine Freundin, die er durch ein Spottgedicht beleidiget hatte- Sic irrcn mit dcr Mcna.cz nicht dicsc Freundin selbst, Vaäe mecuin für Hrn. Sam. Gotth. Lange. 437 sondern ihre Mutter hatte er ehedem durchgezogen, wie es aus der Ode selbst unwidcrsprcchlich erhellet. Noch finde ich hier zu erinnern, daß man bcv Dindymcnc, das e, wie Sie gethan haben, nicht weglassen darf, weil man es alsdcnn für ein Masculinum annehmen könnte. Ferner; wenn Sie sagen: aus seiner Grotte die er bewohnt, so habe» Sie das lateinische inools ganz falsch auf il-lvtl^ gezogen, anstatt daß Sie es auf menrom l'aeenlotum hätten ziehen solle». 17. Ode. Die Verstümmlung des l^onous in Chyon ist unerträglich. 18. Ode. ^ulwm l'acra v'ito j»'iu8 sevei'Is iU'I>orom; pflanze eher keinen Danm als den gervcihten IVcinstock. l^iiu-z heißt eher, ja: allein hier heißt es noch etwas mehr, weil Horaz nicht blos sagen will, daß er den Wcinstock eher, vor andern Bäumen, der Zeit nach, sondern auch vorzüglich, mit Hintcnansctzung andrer Bäume, pflanzen soll. So ein vortrcflichcr Boden, ist seine Meinung, muß mit nichts schlechter» besetzt werden, als mit Wcinstöckc». 19. Ode. Zn der letzten ohne einen Zeile tadle ich das geschlachtet. Nur derjenige hat niaewro so grob übersetze» kö»»c», welcher nicht gewußt hat, daß man der Ncnus nie ein blutiges Opfer habe bringen dürfen. Noch muß ich an dieser Ode aussetzen, daß der Schluß der dritten Strophe, welcher doch so viel sagt, nee <1»N »iliil atti»i^am. Gotlh. Lange. setzen Sie, mein viclwisscndcr Herr Lange, durch Dclos die Gcbunsstadt des Apollo. Dclos also ist eine Stadt? Das ist das erste, was ich höre. 22. Ode. I^ipus heißt keine Mölfin, wie Sie wollen, sondern ein Wolf. Lernen Sie es ein wenig besser, welche Worte kir^olv« sind. Eine Wölfin heißt l»pg. 23. Ode. Wann ich doch ihres sccl. Herrn Vaters lateinische Grammatik bey der Hand hätte, so wollte ich Ihnen Seite und Zeile cilircn wo Sie es finden tönten, was lotjuor für einen Casum zu sich nimmt. Ich habe Schulmeister gekannt, die ihren Knaben einen Esclskopf an die Seite mahlten, wenn sie leinim mit dem Dativo construirtcn. Lassen Sie einmal sehen, was Sie gemacht haben ? lanciern clol'iiio niatrem lom^el'liva lo^ui viro. Dieses übersetzen Sie: K.asi die Mutter gehen ^7nn reif genug dem Mann zu folgen. Sie haben also wirklich geglaubt, daß man nicht so,ivv<- dem vivsx entgegen, daher es denn nothwendig die kurze Dauer ihrer Bluth anzeigen muß. Auch das v'nnx haben Sie durch das blosse frisch sehr schlecht gegeben. Vliclc inocuiu für Hrn. StN». Gotth, L.mgc. -141 37. Ode. Vvlut le^orem vitus vvnator in eam^i« nivalig ^eninni^'. Dicscs übersetzen Sie: gleich Oem schnellen Jäger, Vcr-Hasen jaget ans den FelOern ocs stets beschneiten -Hsmns, Wer heißt Zhucn den», aus der Landschaft Acmonicn, oder welches einerley ist, Thessalien, den Berg -Hömus machen? Und wer heißt Ihnen denn, auf dem Berge Hasen Hetzen zu lassen? Der Jäger bricht den Hals; es ist augenscheinlich. Wollen Sie denn mit aller Gewalt lieber oiniitem lum^oio N?^ ! «'.!»'W„5>?. ^ANZ^L^t.-^-.? 442 Vaäl! u«zoum für Hrn. Sam. Gotth. Lange. Eritik, weder Alterthümer, noch Geschichte, weder Kenntniß der Erde noch des Himmels besitzen; kurz daß Sie keine einzige von den Eigenschaften haben, die zu einem Ucbcrsctzcr des Ho- raz nothwendig erfordert werden. Was kann ich noch mehr thun? Za, mein Herr, alles dieses würde eine sehr kleine Schande für Sie seyn, wenn ich nicht der Welt auch zugleich entdecken müßte, daß Sie eine sehr niederträchtige Art zu denken haben, und daß Sie, mit einem Worte, ein Vcrläumdcr sind. Dieses ist der zweyte Theil meines Briefes, welcher der kürzeste aber auch der nachdrücklichste werden wird. Unser Streit, mein Herr Pastor, war grammatikalisch, das ist, über Kleinigkeiten, die in der Welt nicht kleiner seyn können. Ich hätte mir nimmermehr eingebildet, daß ein vernünftiger Mann eine vorgeworfene Unwissenheit in denselben für eine Beschimpfung halten könne; für eine Beschimpfung, die er nicht allein mit einer gleichen, sondern auch noch mit boßhaftcn Lügen rächen müsse. Am allerwenigsten hätte ich mir dieses von einem Prediger vermuthet, welcher bcßrc Begriffe von der wahren Ehre und von der Verbindlichkeit bey allen Streitigkeiten den moralischen Charakter des Gegners aus dem Spiele zu lassen, haben sollte. Ich hatte Ihnen Schulschnitzcr vorgeworfen; Sie gaben mir diese Vorwürfe zurück, und damit, glaubte ich, würde es genug seyn. Doch nein, es war Ihnen zu wenig, mich zu widerlegen; Sie wollten mich verhaßt, und zu einem Abscheu ehrlicher Leute machen. Was für eine Dcnkungsart! Aber zugleich was für eine Verblendung, mir eine Beschuldigung aufzubürden, die Sie in Ewigkeit nicht nur nicht erweisen, sonder» auch nicht einmal wahrscheinlich machen können! Ich soll Ihnen zugcmuthct haben, mir meine Eritik mit Gelde abzukaufen.--Ich? Ihnen? Mit Gelde?-- Doch es würde mein Unglücke seyn, und ich würde mich nicht beruhigen können, wenn ich Sie bloß in die Unmöglichkeit setzte, ihr Vorgeben zu erhärten; und wenn ich mich nicht durch ein gutes Schicksal in den Umständen befände, das Gegentheil un- wicdcrsprcchlich zu beweisen. Dcr dritte, durch den ich das niederträchtige Anerbieten soll gctban babcn, kann kein andrer seyn als eben dcr Hr. P. N. V-uIe meenm für Hrn. Sam. Cotth. Lange. ^4^> dessen Sie auf der 21tcn Seite gedenken; weil dieses der einzige lebendige Mensch ist, der Sie und mich zugleich von Person kennt, und der einzige, mit dem ich von meiner Critik über ihren Horaz, ehe sie gedruckt ward, gesprochen habe. Nun hören Sie. Es war im Monat März des l?Z2 Zahrs als dieser Herr P. N. durch Wittcnbcrg rcisctc, und mich daselbst der Ehre seines Besuchs würdigte. Ich hatte ihn nie gesehen, und ihn weiter nicht als aus seinen Schriften gekannt. In Anscbung Ihrer aber war es ein Mann, mit welchem Sie schon viele Jahre eine vertraute Freundschaft unterhalten hatten. Als er wieder in Halle war, fanden wir es für gut, unsre angcfangne Freundschaft in Briefen fortzusetzen. Gleich in meinem ersten, wo ich nicht irre, schrieb ich ihm, daß ich ihren Horaz gelesen und sehr merkliche Fehler darinnc gefunden hatte; ich sey nicht übel Willens die Welt auf einem fliegenden Bogen dafür zu warnen, vorher aber wünschte ich, sein Urtheil davon zu wissen. Sehen Sie nun, was er hierauf antwortete — — Es thut mir leid, daß ich freundschaftliche Briefe so mißbrauchen muß. — — „Ocffcntlich, sind seine Worte, wollte ich es niemanden „rathen, Herrn Langen anzugrciffcn, der etwa noch--— — „-----Indessen kenne ich ihn als einen Mann, der „folgt, wenn man ihm etwas sagt, das ihm begreiflich ist. Diese „Fehler, dächte ich, wären ihm begreiflich zu machen. Sollte „es also nicht angehen, daß man ihn selbst aufmunterte Verleger von den Bogen zu seyn, die Sie wider ihn geschrieben „haben. Nicht in der Absicht, daß er dieselben drucken läßt; „sondern daß es in seiner Gewalt stehet, die Verbesserungen „derselben bey einer neuen Auslage oder besonders drucken zu „lassen. Er muß sich aber auch alsdcnn gegen den Hrn. Verfasser so bezeigen, als ein billiger Verleger gegen den Autor. „Sie müssen keinen Schaden haben, sondern ein Honorarium „für gütigen Unterricht — — — —" °) „Hofuunq babcn tonnte, im Preußische» sein Glück zn finden, Herr Lange kann viel bev Hofe durch gcwiße Mittel ausrichten," So lautet das Fcl'lcndc nach dem Abdrucke des Briefes vom Professor Gottlob Samuel Ni- colai in der Vorrede zum vierten Tl'cil der vermischten Schriften S. 1i, 444 V-ule inocmn für >)rn. Scim. Gotth. Lange. Ich wicdcrhohlc es noch einmal, dieses schrieb ein Mann, den ich in meinem Leben ein cinzigmal gesprochen hatte, und der ihr vertrauter Freund seit langer Zeit war. Ich habe nicht Lust, mich durch niederträchtige Aufbürdungcn Ihnen gleich zu stellen, sonst wurde es mir etwas leichtes seyn, die Beschuldigung umzukehren, und es wahrscheinlich zu machen, daß Sie selbst hinter diesem guten Freunde gesteckt hätten. So wahrscheinlich es aber ist, so glaube ich es doch nicht, weil ich den friedfertigen Charakter dieses ohne Zweifel frcvwilligcn Vermittlers kenne. Zeh will wünschen, daß er meine Briefe mag aufgehoben haben; und ob ich mich schon nicht erinnere was ich ihm eigentlich auf seinen Vorschlag geantwortet, so weis ich doch so viel gewiß, daß ich an kein Geld, an kein Honorarium gedacht habe.") Za, ich will es nur gestehen; es verdroß mich ein wenig, daß mich der Hr. P. N. für eine so eigennützige Seele ansehen können. Gesetzt auch, daß er aus meinen Umständen geschlossen habe, daß das Geld bey mir nicht im Ucbcr- flussc sey, so weis ich doch wahrhaftig nicht, wie er vermuthen können, daß mir alle Arten Geld zu erlangen, gleichgültig seyn würden. Doch schon diesen Umstand, daß ich ihm meine Critik nicht geschickt habe, hat er für eine stillschweigende Mißbilligung seines Antrags annehmen müssen, ob ich ihn schon ohne Verletzung meiner Dcnkungsart hätte ergreifen können, weil er ohne mein geringstes Zuthun an mich geschah. Was antworten Sie nun hierauf? Sie werden sich schämen °) „In dieser Antwort schreibt Er, nachdem Er mir seine Gedanken nbcr eine Anmerkung die ich Zl'm bey einem Bogen seiner schon gedruckten Critik des Gelelirtcn Lcrici vom Abbot, über Vorschläge von seiner Ucbersc- tzung der spanischen Bücher des Aldrete und Susa, und der lateinischen Ucbcrsctznng des Meßias die Er damals angefangen, srcundschaftlich cröfncl l'attc: „Auch Jl'rcn Borschlag wegen der Bcurtl'cilung über des Herrn Lan- „gens Ucbcrsctzung des Horaz lasse ich mir gefallen. Ich will wann Sie „es »icincn, ehestens an Jbn schreiben, und ihm zum Anbisse mit aller Höflichkeit nur hundert Donatschnitzcr zuschicken. Ich werde scl'cn wie Er es „aufncl'incn wird, und darnach will ich mich richten." G- S. Nicolai in seinem Anlwortsschrcibcn an Herrn Pastor Lange, Franks, den 13. Mav 1754 (Lcssnigs sämmtliche Schriften IV, S, 301). Viule meonm für Hrn. Sni». (^otth. L.mgc. 445 ohne Zwciffcl. Zwar min; Vcrläumdcr sind über das schämen hinaus. Sie sind übrigens zu ihrem eignen Unglücke so boßhaft gewesen, weil ich Ihnen heilig vcrsichrc, daß ich ohne die jczt berührte Lügen, Zhrcr Antwort wegen gewiß keine Feder würde angesetzt haben. Ich würde es ganz wohl haben leiden können, daß Sie als ein louvx ^v^clarius, mich einen jungen frechen Kunstrichter, einen Scioppius, und ich weis nicht was nennen; daß Sie vorgeben, meine ganze Gelehrsamkeit sey aus dem Baylcz zu meiner Critik über das Zöchcrschc Gelehrten Lcricon hätte ich keinen Verleger finden können, (ob ich gleich einen so gar zu einer Critik über Sie gefunden habe) und was dergleichen Fratzen mehr sind, bey welchen ich mich unmöglich aufhalten kann. Mein Wissen und Nichtwissen kan ich ganz wohl auf das Spiel setzen lassen; was ich aus der einen Seite verliere, hoffe ich auf der andern wieder zu gewinnen. Allein mein Her; werde ich nie ungcrochcn antasten lassen, und ich werde Ihren Namen in Zukunft allezeit nennen, so oft ich ein Beyspiel eines rachsüchtigen Lügners nöthig habe. Mit dieser Versicherung habe ich die Ehre, meinen Brief zu schließen. Ich bin — — doch nein, ich bin nichts. Ich sehe, mein Brief ist zu einer Abhandlung geworden. Streichen Sie also das übcrgcschricbnc Mein ^crr aus, und nehmen ihn für das auf, was er ist. Ich habe weiter nichts zu thun als ihn in Duodez drucken zu lassen, um ihn dazu zu machen, wofür Sie meine Schriften halten; zu einem Vaclo moeum, das ich Ihnen zu Besserung ihres Verstandes und Willens recht oft zu lesen rathe. Weil endlich ein Gelehrter, wie Sie sind, sich in das rohe Duodez Format nicht wohl finden kann, so soll es mir nicht darauf ankommen, Ihnen eines nach der Art der ABCVüchcr binden zu lassen, und mit einer schriftlichen Empfehle zu zuschicken. Ich wünsche guten Gebrauch!