Gotthold Ephraim Leffings sämmtliche Schriften herausgegeben von Karl Lachmann. -'VMFM^MisNH?' ^ Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften. Neue rechtmäßige Ausgabe. Fünfter Band. Berlin, in der Voß' schcn Buchhandlung. 1 8 3 8. Inhalt. cw ^ Pope ein Meraphysiker! 4765 ................. i Aus der Berlinischen privilegirtcn Zeitung vom Jahre 17,56 . . 36 I.« (Zenckre, I«s moeurs >^ ooulumes 6es t'ran^ois. Zachariä, Gedicht dem Gedächtnisse des Hrn von Hagedorn gewidmet ... 37 Wer ist der grosse Duns? Uz,, lyrische und andere Gedichte. Begebenheiten eines sich selbst Unbekannten....... 4t1 v. Scho'naich, Versuche in der tragischen Dichtkunst........ 4(1 llrelilllon, les Itenreux viplivlins. prvmonlvsl, >Iu Il»s!<>r>I . 42 M. Mendelssohns Philosoph. Gespräche. Nivvrv, ?itiii>-s 6 eviiw« 45 Wohlmeinender Unterricht für alle diejenigen, welche Zeitungen lesen 4V I.euscl>n«r, ile svci» LIpiMvorum. Burignv, Leben des Grotins 49 Leßings Schriften, 5. und 6. Tbril. Begebenheiten des Rodc- rich Random, 2. Th. Neuere Geschichte der Chinescr, Japaner:e. 51 Zimmcrmanns Leben des Herrn von Halter. Grandison in Gorlitz 53 Kästncrs vermischte Schriften. Die Hofmcisterinn....... 55 Itoukseii», tur I'orißine >I f. V. Von einem besondern Nutzen der Fabel in den Schule»/ 413 u. f. Die rhetorischen Uebungen mit der Fabel werden gc- mißbilligct, 4l8. Bon dem hevristischen Nutzen der Fabel, in Absicht auf die Bildung des Genies, 418. Wie die Fabel erfunden werde, 419. Wie der Jugend die Erfindung zu erleichtern, 420. Erempcl an vcrschicdnen eignen Fabeln des Verfassers, 420 u. f. Pope ein Metaphysiker! 4755. Vorbericht. an würde es nur vergebens leugnen wollen, daß gegenwärtige Abhandlung durch die nculichc Aufgabe der Königl. Preußischen Akademie der Wissenschaften, veranlaßt worden; und daher hat man auch diese Veranlassung selbst nirgends zu verstecken gesucht. Allein wenn der Leser deßwegen an eine Schöne denken wollte, die sich aus Verdruß dem Publico Preist giebt, weil sie den Bräutigam, um welchen sie mit ihren Gespielinnen getanzt, nicht erhalten; so würde er ganz gewiß an eine falsche Vcrglcichung denken. Die Akademischen Richter werden es am besten wissen, daß ihnen diese Schrift keine Mühe gemacht hat. Es fanden sich Umstände welche die Einschickung derselben verhinderten, die aber ihrer Bekanntmachung durch den Druck nicht zuwicdcr sind. Nur einen von diesen Umstände» zu nennen - - Sie hat zwey Verfasser, und hätte daher unter keinem andern Sinnspruchc erscheinen könne», als unter diesem: iüompulvrsnt - - FIVALS t?nr; vrkMAlecl oro lo lonZ) Is oul^ tkis, ik (Zoä kas plaeä n!m ^vro»A? Fünfter Satz. Der Mensch ist so vollkommen als er seyn soll. 1. Brief. Zeile 70. Nan's ss perteet I>o ouglit. das heißt: der Zustand des Menschen ist wirklich nach seinem Wesen abgemessen, und daher ist der Mensch vollkommen. Daß aber jenes sey, erhelle klar, wenn man den Zustand, darin» der Mensch lebe, selbst betrachte; welches er in den folgenden Zeilen thut. Sechster Satz. Gott wirkt nach allgemeinen, und nicht nach besondern Gesetzen; und in besondern Fällen handelt er nicht roider seine allgemeine Geseye um eines Lieblings willen. 4. B. Z. 33. 34. — — tlio Ulllveiial esul'o ^ets not pilitial liut Ac-nkial lav?s. und Z. 119. ebd. B. In'mlc >vo liliv lome ,voal< prineo tk' vternal Litul'o pronv 5or kis I^av'lites to roverto Ins I^^vs? Diesen Gedanken führt der Dichter in dem Folgenden weiter aus, und erläutert ihn durch Beyspiele. Er scheint aber damit das System des Malebranche angenommen zu haben, der nur die allgemeinen Gesetze zum Gegenstände des göttlichen Willens macht, und so den Urheber der Welt zu rechtfertigen glaubt, wenn gleich aus diesen allgemeinen Gesetzen Unvollkommenhei- ten erfolgten. ' 12 Pope ein MetaPhysiker! Die Schüler dieses Wcltweiscn behaupten folglich, Gott habe seiner Weisheit gemäß handeln und daher die Welt durch allgemeine Gesetze regieren müssen. In besondern Fällen könnte die Anwendung dieser allgemeinen Gesetze wohl so etwas hervorbringen, das an und für sich selbst entweder völlig unnütze oder gar schädlich, und daher den göttlichen Absichten eigentlich zuwider sey: allein es sey genug, daß die allgemeinen Gesetze von erheblichem Nutzen wären, und daß die Uebel, welche in wenigen besondern Fällen daraus entstehen, nicht ohne einen besondern Rathschluß hätten gehoben werden können. Sie führen zum Exempel an; die allgemeinen mechanischen Gesetze, nach welchen der Regen zu gewissen Zeiten herunter falle, hätten einen unaussprechlichen Nutzen. Allein wie oft befeuchte der Regen nicht einen unfruchtbaren Stein, wo er wirklich keinen Nutzen schaffe; und wie oft richte er nicht Ucbcrschwcmmun- gen an, wo er gar schädlich wäre? Ihrer Meinung also nach, können dergleichen Unvollkommcnhcitcn auch in der besten Welt entstehen, weil keine allgemeine Gesetze möglich sind, die den göttlichen Absichten in allen besondern Fällen genug thäten. Oder, fragen sie, sollte Gott eines Lieblings Willen — — der wißbegierige Wcltwcisc sey, zum Exempel, dieser Liebling — — die allgemeinen Gesetze brechen, nach welchen ein Aetna Feuer spcycn muß? 4. B. Z. 121. 122. 8kall Iiui-nmF ^et»a, if a 1'ggo i'oyu'iros, I?orF«zt to tllunäer, anck rveall Iior Siebender Satz. Rein Uebel kömmt von Gott. Das ist: das Uebel, welches in der Welt erfolgt, ist niemals der Gegenstand des göttlichen Willens gewesen. 4. B. Z. 110. Kvcl lenäs not ill. Pope hat dieses aus dem Vorhergehenden ohngcfchr so geschlossen. Wenn das Uebel nur in besondern Fällen entsteht, und eine Folge aus den allgemeinen Gesetzen ist; Gott aber nur diese allgemeine Gesetze, als allgemeine Gesetze, für gut befunden, und zum Gegenstände seines Willens gemacht hat: so kann Pope ein Mctaphysiker! l.:'. man nicht sagen, daß cr das Uebel eigentlich gewollt habe, welches aus ihnen fließt, und ohne welches sie keine allgemeine Gesetze gewesen wären. Unser Dichter sucht diese Entschuldigung um ein grosses kräftiger zu machen, wenn er sagt, daß noch dazu dieses aus den allgemeinen Gesetzen folgende Uebel sehr selten sey. Er hat hiermit vielleicht nur so viel sagen wollen, daß Gott solche allgemeine Gesetze gewählt habe, aus welchen in besondern Fällen die wenigsten Uebel entstünden. Allein cr drückt sich auf eine sehr sonderbare Art aus; cr sagt: (1. B. Z. 143.) tlioxceptiovs are lovv, und an einem andern Orte Nawro lets it fall, das Uebel nehmlich. Ich werde diesen Punct in meinem dritten Abschnitte berühren müssen. Achter Satz. In der IVelt kann nickt die mindeste Veränderung vorgehen, welche nickt eine Zerrüttung in allen IVcltgebän- den, aus rvelcken das Ganze besteht, nach sich ziehen sollte. 1. Br. Z. 233 — 236. — —On fnperior povv'rs Wero vve to prots, inferior iniFnt on ours: l)r in tns kull erostion loavs » Voill, VVliorv, anv step drolcon, tno Froat sc-Uos llostro^'cl. und Zeile 239 — 242. ^n<1 if eacli 8) ktom In Fraclation roll ^lili« vffontial tc> tli'smsxmA >vliolo; ?Ii«z loaK confution but in ono, not all ?kst fMom onl^, but tlie n'Iiolo mul't fall. Neunter Satz. Das natürliche und moralische Zdsse sind Folgen aus den allgemeinen Gescycn, die Gott öfters zum Besten des Ganzen gelenkt, öfters auch lieber zugelassen hat, als Saß er durch einen besondern U)illen seinem allgemeinen hätte zuwider handeln sollen. 1. Br. Z. 146. 146. If tlio Zr«zat sncl dv kuman Iigprünefs, I'Iion ZXature ^evia^, snü can man clo Ivss? 14 Pope ein Mctaphysiker! 4. Br. Z. 112. 113. Or partml ill is unlvvrt'gl govtl — —--- or Z>si>turk man, sncl man ok keat"t. Eilfter Satz. Die Unwissenheit unsers zukünftigen Zustandes »st uns zu unserm Besten gegeben worden. Wer würde ohne sie, sagt der Dichter, sein Leben hier ertragen können? (1. Br. Z. 76.) Und ebd. Z. 81. t)Ii blinclness vk tlio luturv! ItincZI^ glv'n ?nat eacn ^<-. Anstatt der Kenntniß des Zukünftigen aber, sagt Pope, hat uns der Himmel die Hofnung geschenkt, welche allein vermögend ist, uns unsre letzten Augenblicke zu vcrsüsscn. Zwölfter Satz. Der Mensch kann sich, ohne seinen Nachtheil, keine scharfern Sinne wünschen. Die Stelle, worinn er dieses beweiset, ist zu lang, sie hier abzuschreiben. Sie stehet in dem ersten Briefe, und geht von der 186stcn Zeile bis zu der 1!)8sicn. Dieser Satz aber, und die zwey vorhergehenden, sind eigentlich nähere Beweise des fünften Satzes, und sollen darthun, daß dein Menschen wirklich solche Gaben und Fähigkeiten zu Theil worden, als sich für seinen Stand am besten schicken. Die Frage wäre also beantwor- < iA? ^ t/ 5' / Pope ein MetaPhysiker! 15 tet, auf welche es, nach Popens Meinung, in dieser Streitigkeit hauptsächlich ankömmt. ik koä kas placoä k!m (,?iK?t) vvrong? Dreyzchnter Saß. Die K.eidenschaften des Menschen, die nichts als verschiedene Abänderungen der Eigenliebe sind, ohne rvelche die Vernunft unwirksam bleiben rvürde, sind ihm zum Vesien gegeben rooroen. 2. B. Z. 83. Nvlles ok telk-Iove tlio paMons wo maz? call. Ebend. Z. 44. 8«zlk-Iov; und daher konnten Pope ein Mctaphyfikcr! l!> sie beyde sagen; tliv croation i« lnll, ohne weiter etwas unter sich gemein zu haben, als die blossen Worte. Dritter Satz. Aus dein Vorhergehenden schließt Pope.1 znlmi, daß nothwendig der Mensch in der Welt angetroffen werden müsse, weil sonst die ihm gehörige Stelle unter den Wesen leer seyn würde. A.cibnin> hingegen beweiset das nothwendige Daseyn des Menschen » i>ost!or!, und schließt, weil wirklich Menschen vorhanden sind, so müssen solche Wesen zur besten Welt gehört haben. Sechster Saß. Pope, wie man gesehen hat, scheinet mit dem P. Malebranche in diesem Satze einerley Meinung gehabt zu haben. Er behauptet nehmlich, Gott könne in der Welt blos deßwegen böses geschehen lassen, weil er seinen allgemeinen Willen nicht durch besondre Rathschlüssc aufheben wolle. Nothwendig müßten also in der Welt Mängel anzutreffen seyn, die Gott, der besten Welt unbeschadet, hatte vermeiden können, wenn er seinen allgemeinen Willen in einigen Fällen durch einen besondern Rathschluß hätte aufheben wollen. Man darf nur folgende Stelle ansehen, um zu erkennen, daß dieses wirklich Popens Meinung gewesen sey. 4. Br. Z. 112. Or jiiU'tial !II i« nmvoil'al Aooä — — »r IV-Uiirv !t sall. Dieses over oder zeigt genugsam, daß das Uebel in dem zweyten Falle zu der Vollkommenheit der Welt nichts beytrage, sondern daß es die Natur, oder die allgemeinen Gesetze fallen lassen. Allein was behauptet Ä.cibnilz von allem diesen? — Aeib- nin. behauptet, der allgemeine Rathschluß Gottes entstehe aus allen besondern Rathschlüsscn zusammen genommen, und Gott könne, ohne der besten Welt zum Nachtheile, kein Uebel durch einen besondern Ralhschluß aufheben. Denn nach ihm hanget das System der Absichten mit dem System der würkcnden Ursachen so genau zusammen, daß man dieses als eine Folge aus dem erster» ansehen kann. Man kann also nicht sagen, daß ans den allgemeinen Gesetzen der Natur, das ist, aus dem System der wirkenden Ursachen etwas erfolge, das mit den gvttli- -.'0 Pope ein Metaphysikcr! chen Absichten nicht übereinstimmt; denn bloß ans der besten Verknüpfung der besondern Absichten sind die allgemein wirkcn- ken Ursachen und das allcrwciscstc Ganze entstanden. (Man sehe hicvon die Thcodicee §. 204. 205. 206.) Und hieraus nun erhellet, daß Pope und K.eibnilz nicht einmal in dem Begriffe der besten Welt einig seyn können. S.eibnirz sagt: wo verschiedene Regeln der Vollkommenheit zusammengesetzt werden sollen, ein Ganzes auszumachen; da müssen nothwendig einige derselben wider einander stosscn, und durch dieses Ansammenstosscn müssen entweder Widersprüche entstehen, oder von der einen Seite Ausnahmen erfolgen. Die beste Welt ist also nach ihm diejenige, in welcher die wenigsten Ausnahmen, und diese wenigen Ausnahmen noch darzn von den am wenigsten wichtigen Regeln geschehen. Daher nun entstehen zwar die moralischen und natürlichen Unvollkommcnhcitcn, über die wir uns in der Welt beschweren; allein sie entstehen vermöge einer höhcrn Ordnung, die diese Ausnahmen unvermeidlich gemacht hat. Hätte Gott ein Uebel in der Welt weniger entstehen lassen, so würde er einer höhcrn Ordnung, einer wichtigern Regel der Vollkommenheit zuwider gehandelt haben, von deren Seite doch durchaus keine Ausnahme geschehen sollte. Pope hingegen und Malebranche räumen es ein, daß Gott, der besten Welt unbeschadet, einige Uebel daraus hätte weglassen können, ohne etwas mcrklichcs in dcrsclbcn zu verändern. Allein dem ohngcachtct habe er die Allgemeinheit der Gesetze, aus welcher diese Uebel flicsscn, lieber gewollt, und wolle sie auch noch licbcr, ohne diesen seinen Entschluß jemals, um eines Lieblings willen, zu ändern. Achter Satz. Ferner, wie wir gesehen haben, behauptet Pope, die mindeste Veränderung in der Welt erstrecke sich auf die ganze Natur, weil ein jedes Wesen, das zu einer grösser» Vollkommenheit gelange, eine Lücke hinter sich lassen müsse, und diese Lücke müsse entweder leer bleiben, welches den ganzen Zusammenhang aufheben würde, oder die untern Wesen müßten heranrücken, welches durch die ganze Schöpfung nichts anders, als eine Zerrüttung verursachen könne. Pope ein Mttaphysikcr! '.'t Ä-eibttilz weis von keiner solchen Lücke, wie sie Pope an- nimt, weil er keine allmäligc Degradation der Wesen behauptet. Eine Lücke in der Natur kann, nach seiner Meinung, nirgend anders werden, als wo die Wesen in einander gegründet zu seyn aufhören; denn da wird die Ordnung unterbrochen, oder, welches eben so'viel ist, der Raum bleibt leer. Dennoch aber behauptet k.eibnilz in einem weit strengern Verstände als Pope, daß die mindeste Veränderung in der Welt einen Einfluß in das Ganze habe, und zwar weil ein jedes Wesen ein Spiegel aller übrigen Wesen, und ein jeder Zustand der Inbegriff aller Zustände ist. Wenn also der kleinste Theil der Schöpfung anders, oder in einen andern Zustand versetzt wird, so muß sich diese Veränderung durch alle Wesen zeigen; eben wie in einer Uhr alles, sowohl dem Raume, als der Zeit nach, anders wird, sobald das mindeste von einem Rädchen abgeseilet wird. Neunter Satz. Die Unvollkommcnhciten in der Welt erfolgen, nach Po- pens System, encroever zum Besten des Ganzen (worunter man zugleich die Verhütung einer grossem Unvollkommenhcit mit begreift) oder weil keine allgemeinen Gesetze den göttlichen Absichten in allen besondern Fällen haben genug thun können. Nach ^eibnilzens Meinung hingegen müssen nothwendig alle Unvollkommcnhciten in der Welt zur Vollkommenheit des Ganzen dicncn, odcr es würde sonst ganz gewiß ihr Ausscnblci- bcn aus dcn allgcmcincn Gcsctzcn erfolgt seyn. Er behauptet, Gott habe die allgcmcincn Gesetze nicht willkührlich, sondern so angenommen, wic sie aus der weisen Verbindung seiner besondern Absichten, oder der einfachen Regeln der Vollkommenheit, entstehe» müssen. Wo eine Unvollkommenhcit ist, da muß cine Ausnahme unvcrmcidlich gcwcscn scyn. Kcinc Ausnabmc aber kann Statt finden, als wo die einfachen Ncgcln dcr Vollkommenheit mit einander streiten; und jede Ausnahme muß daher vermöge einer höhern Ordnung geschehen scyn, das ist, sie muß zur Vollkommenheit des Ganzen dicncn. --Wird cs wohl nöthig scyn, noch mehrere Unterschiede zwischen den Popischcn Sätzen und Lcibnitzischcn Lehren anzuführen? Ich glaube nicht. Und was sollte» cs für mehrere Un- Pope ein Metaphysiken! tcrschicdc seyn? Zu den besondern moralischen Sätzen, weiß man wohl, kommen alle Wcltwciscn übcrciu, so verschieden auch ihre Grundsätze sind. Der übcreinklingcndc Ausdruck der erstem muß uns nie verleiten, auch die letztem für einerley zu halten; denn sonst wurde es sehr leicht seyn, jeden andern, der irgend einmal über die Einrichtung der Welt vernünfteln wollen, eben sowohl als Popen, zum K.cibnilzianer zu machen. Verdient nun aber Pope diese Benennung durchaus nicht, so wird auch nothwendig die Prüfung seiner Sätze etwas ganz anders, als eine Bestreitung des -l^eibnilzischen Systems von der besten Welt seyn. Die GollscheSe sagen, sie werde daher auch etwas ganz anders seyn, als die Akademie gewünscht habe, daß sie werden möchte. Doch was geht es mich an, was die Gottscheds sagen; ich werde sie dem ohngcachtct unternehmen. Dritter Abschnitt. Prüfung der Popischcn Sätze. Ich habe oben gesagt, Pope, als ein wahrer Dichter, müsse mehr darauf bedacht gewesen seyn, das sinnlich Schöne aus allen Systemen zusammen zu suchen, und sein Gedicht damit auszuschmücken, als sich selbst ein eignes System zu machen, oder sich an ein schon gemachtes einzig und allein zu halten. Und daß er jenes wirklich gethan habe, bezeugen die unzähligen Stellen in seinen Briefen, die sich mit seinen obigen Sätzen auf kcincrlcy Weise verbinden lassen, und deren einige sogar ihnen schnurstracks zuwider lauffcn. Ich will diese Stellen bemerken, indem ich die Sätze selbst nach der Strenge der Vernunft prüfe. Zweyter Satz. Durch welche Gründe kann Pope beweisen, daß die Kette der Dinge in der besten Welt nach einer allmäligc» Degradation der Vollkommenheit geordnet seyn müsse? Man werfe die Augen auf die vor uns sichtbare Welt! Ist Popens Satz gegründet; so kann unsre Welt unmöglich die beste seyn. Zn ihr sind die Dinge nach der Ordnung der Wirkungen und Ursachen, keines Weges aber nach einer allmäligcn Degradation neben einander. Weise und Thoren, Thiere und Bäume, Znscctcn und Pope ein Metaphysikcr! ^ Stcinc sind in dcr Wclt wunderbar durch einander gemischt, und man müßte die Glieder aus den entlegensten Theilen dcr Wclt zusammen klauben, wenn man eine solche Kette bildcn wollte, die allmälig vom Nichts bis zur Gottheit reicht. Dasjenige also, was Pope den Zusammenhang nennt, findet in unsrer Wclt nicht Statt, und dennoch ist sie die beste, dennoch kann in ihr keine Lücke angctroffcn wcrdcn. Warum dicscs? Wird man hicr nicht augcnschcinlich auf das L.eibm'yische System geleitet, daß nehmlich, vermöge dcr göttlichen Wcishcit, alle Wcscn in dcr bcstcn Wclt in cinandcr gegründet, das heißt, nach dcr Reihe dcr Wirkungen und Ursachen neben cinandcr geordnet seyn müßen? Dritter Satz. Und nun fällt der Schluß von dieser eingebildeten Kcttc dcr Dingc auf die unvcrmcidlichc Eristcuz cincs solchen Ranges, als dcr Mensch bekleidet, von sich selbst weg. Dcnn was war cs nöthig, zu Erfüllung dcr Ncihc von Lcbcn und Empfindung, diesen Rang wirklich wcrdcn zu lassen, da doch ohncdcm die Glicdcr derselben in dem unendlichen Raume zcrstrcut licgcn, und nimmcrmchr in dcr allmaligcn Degradation neben cinandcr stchcn? Sechster Satz. Hier kömmt cs, wo sich Pope selbst widerspricht! — Nach seiner Meinung, wie wir oben dargcthan haben, müssen aus den allgemeinen Gesetzen manche besondre Begebenheiten erfolgen, die zur Vollkommenheit dcs Ganzcn nichts beytragen, und nur deswegen zugelassen wcrdcn, weil Gott, cincs Lieblings halber, seinen allgcmcincn Willcn nicht ändert. t)r pitt'tial i» is nnivoi'kal Fnncl, Or olirmAv rulmits, nr I^aturv lots !t lull. So sagt cr in dcm vicrtcn Bricfc. Nur manche Ucbcl also, dic in dcr Wclt zugclasscn wordcn, sind nach ihm allgcmcin gut; manche aber, die eben so wohl zugclasscn wordcn, sind cs nicht. Sind sie cs abcr, nach scincm cigcncn Bckcnntnissc, nicht, wie hat cr am Endc dcs ersten Briefes gleichwohl so zuversichtlich sagen können: ^11 clisoorll, Iiarmon^ not unllorktoocl: ^11 j,ai'tial vvil, unlvortul Aoocl? VNMkM 24 Pope ein Metaphysiker! Wie verträgt sich dieses entscheidende mit dem obigen vr, or? Kann man sich einen handgreiflicher» Widerspruch einbilden? Doch wir wollen weiter untersuchen, wie er sich gegen das System, welches ich für ihn habe aufrichten wollen, verhalt. Man sehe einmal nach, was er zu der angezogenen Stelle aus dem ersten Briefe — — tke ürtt »Im'iAkt^ (?imto ^ets not k^ partlal, kut gonral 1^3>vs unmittelbar hinzu setzt: 1K' Lxcoptlons lo>v. ^>cr Ausnahincn sind wenig? Was sind das für Ausnahmen? Warum hat denn Gott auch von diesen allgemeinen Regeln, die ihm allenthalben zur Richtschnur gedient, Ausnahmen gemacht? Eines Lieblings wegen hat er sie nicht gemacht; (S. den 4 Brief Z. 119.) auch zur Vermeidung einer Unvollkommenhcit nicht; denn sonst hätte er nicht die gcringsic Unvollkommenhcit zulassen sollen. Er hat nur wenige Ausnahmen gemacht? Warum nur wenige? — Gar keine, oder soviel als nöthig waren. Man könnte sagen: Pope verstehe unter dem Worte «>vlzolc, V^Iic>5 I^ivvs tlno' »II lise, oxtvnlls tliro' »II extvnt, Lnrvacls unll'iviclocl — — — Ho fills, nv dounäs, connocts, ancl o^uals all. D. i. Alle Dinge sind Theile eines erstaunlichen Ganzen, wovon die Natur der Körper und Gott die Seele ist. Er ist in allen Dingen verändert, und doch allenthalben eben derselbe--LLr lebt in allem roas lebt; er dehnt sich aus durch alle Ausdehnung und verbreitet sich, ohne sich zu zertheilen--iLr erfüllt, umschränkt und verknüpft alles, und macht alles gleich. Ich bin weit davon entfernt, Popen hier gottlose Meinungen aufbürden zu wollen. Ich nehme vielmehr alles willig an, was Marburton zu dessen Vertheidigung wider den Herrn Lrousa; gesagt hat, welcher behaupten wollen, der Dichter habe diese Stelle aus des Spinosa irrigem Lehrgebäude entlehnt. Durchgchcnds kann sie unmöglich mit Spinoscns Lehren bestehen. Die Worte ^Vlioi'o liocl^ Raturo is, and tZocl tliv l'oul, lVovon die Natur der Rorper und Gott die Seele ist, würde Spinosa nimmermehr haben sagen können; denn der Ausdruck, Seele und Körper, scheinet doch wenigstens anzudeuten, daß Gott und die Natur zwey vcrschicdne Wesen sind. Wie wenig war dieses die Meinung des Spinosa! Es hat aber andre irrige Wcltwciscn gegeben, die Gott wirklich sür die Seele der Natur gehalten haben, und die vom Spinosismo eben so weit abstehen, als von der Wahrheit. Sollte ihnen also Pope diese seltnen Redensarten abgcborgt haben, wie steht es um die Worte Lxtencls tliio all oxtent; LLr Sehnt sich aus durch alle Ausdehnung? Wird diese Lehre einem andern als Spinösen zugchörcn? Wer hat sonst die Ausdehnung der Natur für eine Eigenschaft Gottes gehalten, als dieser bcruffcne Irrgläubige? Jedoch, wie gesagt, cs stehet nicht zu glauben, daß Pope eben 28 Pope cin Mct.,vhysikcr! in diesen Briefen cin gefährliches System habe auskrahmcn wollen. Er hat vielmehr--und dieses ist es, was ich bereits oben, gleichsam a priori, aus dem, was cin Dichter in solchen Fällen thun muß, erwiesen habe,--bloß die schönsten und sinnlichstcn Ausdrücke von jedem System geborgt, ohne sich um ihre Richtigkeit zu bekümmern. Und daher hat er auch kein Bedenken getragen, die Allgcgcnwart Gottes, Theils in der Sprache der Spinosistcn, Theils in der Sprache derjenigen, die Gott für die Seele der Welt halten, auszudrücken, weil sie in den gemeinen rechtgläubigen Ausdrücken all zu idcalisch und all zu weit von dem Sinnlichen entfernt ist. Eben so wie sich Thomson, in seiner Hymne über die vier ZahrSzcitcn, nicht gcscheuct hat, zu sagen: tkolv as tlx? ensrigos - - ars but tlio variecl t-loci. Ein sehr kühner Ausdruck, den aber kein vernünftiger Kunst- richtcr tadeln kann. Hätte sich Pope cin cigncs System abstrahirt gehabt, so würde er ganz gewiß, um es in dem überzeugendsten Zusammenhange vorzutragen, aller Vorrechte eines Dichters dabey entsagt haben. Da cr dicscs aber nicht gcthan hat, so ist es cin Beweis, daß cr nicht anders damit zu Werke gcgangcn, als ich mir vorstelle, daß es die meisten Dichter thun. Er hat diesen und jenen Schriftsteller über seine Materie vorher gelesen, und, ohne sie nach eignen Grundsätzen zu untersuchen, von jedem dasjenige behalten, von welchem cr geglaubt, daß es sich am besten in wohlklingende Verse zusammenreimen lasse. Ich glaube ihm sogar, in Ansehung seiner Quellen, auf die Spur gekommen zu seyn, wobei ich einige andre historisch critische Anmcr- kungc» gemacht habe, wclchcn ich solgcndcn Anhang widmc. Anhang. Nlarburton, wie bekannt, unternahm die Vertheidigung unsers Dichters wider die Beschuldigungen des Lrousa;. Die Briefe, die cr in dicscr Absicht schrieb, erhielten Popens vollkommensten Beyfall. Sie haben mir, sagt dicscr in cincm Briefe an scincn Rcttcr, allzuviel Gerechtigkeit rvicderfahrcn lassen! so seltsam dieses auch klingen mag. Sie haben mein System so deutlich gemacht, als ich es hatte machen sollen, Pope ein Metaphysikcr! 29 und nickt gekonnt habe--Man sehe die ganze Stelle unten in der Notes"), aus welcher ich nur noch die Worte anführe: Sie verstehen mich vollkommen so wohl, als ick mick selbst verstehe; allein Sie drücken mich besser aus, als ick mich habe ausdrücken können. Was sagt denn nun aber dieser Mann, welcher die Meinung des Dichters, nach des Dichters eignem Geständnisse, so vollkommen eingesehen hat, von dem Systeme seines Helden? Er sagt: Pope sey durchaus nicht dem Hrn. von Aeibnirz, sondern dem Plaro gefolgt, wenn er behauptet, Gott habe von allen möglichen Welten die beste wirklich werden lassen. Plato also wäre die erste Quelle unsers Dichters! — Wir wollen sehen. — Doch Plato war auch eine Quelle für Ä.eib- niizen. Und Pope könnte also doch wohl noch ein Lcibnitzia- ner seyn, indem er ein Platonikcr ist. Hierauf aber sagt iVarburton „nein! denn Pope hat die Platonischen Lehren in „der gehörigen Einschränkung angenommen, die Aeibniiz auf „eine gewaltsame Art ausgedehnt. Plato sagte: Gott hat die „beste U?clc erwehlt. Der Herr von Aeibnirz aber: Gott hat „nicht anders können, als die beste rvehlen." Der Unterschied zwischen diesen zwey Sätzen soll in dem Vermögen liegen, unter zwey gleich ähnlichen und guten Dingen, eines dem andern vorzuziehen; und dieses Vermögen habe Plato Gott gelassen, L.cibnilz aber ihm gänzlich genommen. Ich will hier nicht beweisen, was man schon unzähligmal bewiesen hat, daß dieses Vermögen eine leere Grille sey. Ich will nicht anführen, daß sie auch Placo dafür müsse erkannt haben, weil er bey jeder freyen Wahl Vcwcgungsgründe zugc- (°) I c-»> onlx lÄV, V»u So >>!m (t>ou5a:) too inncli Iionour snil me lvo innck i'is>>l, >» odil »8 Nie expreMon leems; kor >ou liave Mücke IVkwm cleiir, »8 i ouxlit to liilve clono, conUl not. It is in- lleeck llio ssme lvUein «s inine, Init illuslnUeil wltll » r»v vk vo«r ovn, ÄS lliev s»v onr nitlnrsl Iioilv is llw 5ilme ktill wlien it is tzlorikieil. I sm sure i lilce !t Keller, lliini i <>KI vesore, ,i>nl so will evsrv w!ln eise. I lcnow i meant ^just vvlist von exnlüin, Inil ! >li>l not ex>>Iilin mv mesninA so voll »8 yon. Von unlerslünll mo As well, ss i ilo mvlelk, Iiut von express ine Iiettor, «lisn i voulck sxnrsls inv^Ik. In einem Briefe an Wcirburton vom ll April 1739. Pope ein Metaphysikcr l steht; wie ^cibnin, bereits angemerkt hat. (Thcodiccc Abth. H. 46.) Zch will nicht darauf dringen, daß folglich der Unterschied selbst wegfalle; sondern ich will ihn schlechter Dings so annehmen, wie ihn Warburton angegeben hat. Plaro mag also gelehrt haben: Gott habe die Welt gcwehlt, ob er gleich eine andre vielleicht eben so gute Welt hatte wehten können; und Acibniy mag gesetzt haben: Gott habe nicht anders können als die beste wchlcn. Was sagt denn Pope? Druckt er sich auf die erste oder auf die andere Art aus? Man lese doch: Ok 5Mems poMI)I«z, ik tis conlost 1'Ii»t Wislloni iiilinlto sonn tue- boK <^c. „Wenn es ausgemacht ist, Saß Sie unendliche Weisheit von „allen möglichen Systemen das beste rvchlcn muß ?c.-- Daß sie muß? Wie ist es möglich, daß Warburton diesen Ausdruck übersehen hat? Heißt dieses mit dem Plato reden, wenn Plato anders, wie warbnrron will, eine ohne alle 3?c- wcgungsgründc wirkende Freyheit in Gott angenommen hat? Genug von dem Plalo, den Pope folglich gleich bey dem ersten Schritte verlassen zu haben selbst glauben mußte! Zch komme zu der zweyten Quelle, die Warbnrron dem Dichter giebt; und diese ist der Lord Schafresbury, von welchem er sagt, daß er den Platonischen Satz angenommen, und in ein deutlicher Licht gesetzt habe. Zn wie weit dieses geschehen sey, und welches das verbesserte System dieses Lords sey, will die Akademie jetzt nicht wissen. Ich will also hier nur so viel anführen, daß Pope den Schaftcsbnry zwar offenbar gelesen und gebraucht habe, daß er ihn aber ungleich besser würde gebraucht haben, wenn er ihn gehörig verstanden hätte. Daß er ihn wirklich gebraucht habe, könnte ich aus mehr als einer Stelle der Rhapsody des Schaftesbury beweise», welche Pope seinen Briefen eingeschaltet hat, ohne fast von dem Scinigcn etwas mehr, als das Sylbcnmaaß und die Reime hinzu zu thun. Statt aller aber, will ich nur diese einzige anführen. Schaftesbury läßt den Philoclcs dem Palemon, welcher das physikalische Uebel zwar entschuldigen will, gegen das moralische aber unvcrschnlich ist, antworten: 1l,<- vv,^ 8tcrm« Pope ein Metaphysik»! Zl anä ?cim,,okts liittl tlieir Loaut^ In ^our »ceount, tlwto alono oxeoptocl, ,vki<-I, »roso in kuman Lroast. „Selbst die Sturme „und Ungcwitter haben, Ihrem Zöeöunken nach, ihre Schönheit, nur diesenigett nickt, Sie in der mcnscklicken Drust „aufsteigen." Ist dieses nicht eben das, was Pope sagt: Ik plilFULS or oartli^ualcos lirv-ilc not Iioav'n's lloisign, ^-Vü^ tlion a Fo,A/ttz or a <7nk«/ttie? Doch Pope muß den Sckaftcsbur/ nicht verstanden haben, oder er würde ihn ganz anders gebraucht haben. Dieser freye Wcltwcisc war in die Materie weit tiefer eingedrungen, und drückte sich weit vorsichtiger aus, als der immer wankende Dichter. Hätte ihm Pope gefolgt, so würden seine Gedanken einem System ungleich ähnlicher sehen; er würde der Wahrheit und Aeibniyen ungleich näher gekommen seyn. Sckafresbury, zum Exempel, sagt: Man hat auf vielerlcy Art zeigen rvollen, warum die Natur irre, und wie sie mir so vielem Unvermögen und Fehlern von einer ^Hano kömmt, die nickt irren kann. Aber ick leugne, daß sie irrt :c. Pope hingegen behauptet: die Natur weicht ab. — Ferner sagt unser Lord: die Natur ist in ihren Wirkungen sich immer gleich; sie wirkt nie auf eine verkehrte oder irrige weise; nie Rrafrlos oder nacklasiig; sondern sie rvird nur durch eine höhere Nebenbuhlerin und durch die stärkere Rrafr einer andern Natur überwältiget. (°) K.cibnirz selbst würde den Streit der Regeln einer zusammengesetzten Vollkommenheit nicht besser haben ausdrücken können. Aber was weis Pope hicvon, der dem Sckaf- rcsbnry gleichwohl soll gefolgt seyn? Auch sagt dieser: Vielmehr bewundern rvir eben rvcgcn dieser Ordnung der untern und obern Wesen die Schönheit der Welt, die auf sich einander entgegenstehende Dinge gegründet ist, roeil aus solchen mannigfaltigen und widerwärtigen Grundursachen eine (°) klucu is ÄllLt^'ä i» siisvver, to slion- ^v>>>- X»l»ro errs, »>i,I >>!>.»> tue err« — — k»»lure slill >vorXinx dvtore, anil not »»rver«!^ «r vrroneousl^; nol f-tinllx or ^vi>I» leelile Lnüuavours; dut v'ernover'd a kunerior kivsl, »»>> »noUier Küiure's ^iisUx ronquerinx I'arce. /'.« ^ 2. Sec/. 3. 32 Pope ein Metaphysikcr! allgemeine ousammenstimmung entspringt. (^) Die Worte mannigfaltige und widerwärtige Grundursachen bedeuten hier abermals die Regeln der Ordnung, die oft neben einander nicht bestehen können; und hätte Pope davon einen Begriff gehabt, so würde er sich weniger auf die Seite des XNalebranche geneigt haben. Desgleichen von der Ordnung hat Schaftcsbur^ einen vollkommen richtigen Begriff, den Pope, wie wir gesehen, nicht hatte. Er nennt sie a colioionco or 8>mpatIiixi»F ok 1Ii!»FS; und Unmittelbar darauf a Content anä eori'vhmniloneo i» all. Dieser Zusammenhang, dieses Sympathisircn, diese Uebereinstimmung ist ganz etwas anders als des Dichters eingebildete Staffelordnung, welche man höchstens nur für poetisch schön erkennen kann. Ucbcrhaupt muß ich gestehen, daß mir Scbaftesbur)? sehr oft so glücklich mit L.eibni5zcn übereinzustimmen scheint, daß ich mich wundrc, warum man nicht längst beyder Wcltwcishcit mit einander verglichen. Ich wundrc mich sogar, warum nicht selbst die Akademie lieber das System des Schaftesbury, als das System des Pope zu untersuchen, und gegen das -L.eib- nirzische zu halten, aufgegeben. Sie würde alsdcnn doch wenigstens Wcltwciscn gegen Wcltwciscn, und Gründlichkeit gegen Gründlichkeit gestellt haben, anstatt daß sie den Dichter mit dem Philosophen, und das Sinnliche mit dem Abstractcn in ein ungleiches Gefechte verwickelt hat. Ja auch für die, würde bey dem Sckafrcsbur)? mehr zu gewinnen gewesen seyn, als bey dem Pope, welche Aeibnirzen gern, vermittelst irgend einer Parallel mit einem andern berühmten Manne, erniedrigen möchten. Das Werk des Schaftcsbury l'Iio Aloialitts, a ptüloso- 1>Ii!eüI lilia^foc^ war bereits im Zahr 1709. herausgekommen; des Keibnirz (Lhcodicee hingegen trat erst gegen das Ende des Jahres 1710. an das Licht. Aus diesem Umstände, sollte ich meinen, wäre etwas zu machen gewesen. Ein Philosoph, ein englischer Philosoph, welcher Dinge gedacht hat, die Z.eibnirz oi> II>e conlrm^, from «Iii» vr>Ier «k inkviiour lui>eri»»r l'IiinK«, »>!U iulmiie tl>« ^V»r>>>'« v>.-i»u>v, kounävll Nms oi> l^oulra» riul>8! vvIUM krom kucli v-lrioiis siiä e///«A?'ec<«F /^/»ic^i/e« » tliuvvissl «oiicorti is etiiwu^ivli. Eben daselbst. Pope ein MetaPhysiker! .'N erst ein ganzes Zahr nachher gedacht zu haben zeiget, sollte die. scr von dem letztem nicht ein wenig seyn geplündert worden? Ich bitte die Akademie cs überlegen zu lassen! Und also hat Pope auch aus dem Schaftesbury die wenigsten seiner metaphysischen Larven i^) entlehnt. Wo mag er sie wohl sonst her haben? Wo mag er besonders die her haben, die eine Lcibnitzische Mine machen? Ich verstehe diejenigen Sätze, die mit den Worten mögliche Systeme und dergleichen ausgedrückt sind. Die Anweisung Warburtons verläßt mich hier; ich glaube aber gleichwohl etwas entdeckt zu haben. Man erinnere sich desjenigen Buchs äc- OriZine mali, über welches L.eibnilz Anmerkungen gemacht hat, die man gleich hinter seiner Theodicee findet. Er urtheilet davon, der Verfasser desselben stimme, in der einen Hclfte der Materie, von dem Uebel überhaupt, und dem physikalischen Uebel insbesondere, sehr wohl mit ihm übercin, und gehe nur in der andern Hclfte, vom moralischen Uebel, von ihm ab. Es war dieser Verfasser der Hr. M. Ring, nachhcrigcr Erzbischof von Dublin. Er war ein Engländer, und sein Werk war schon im Zahr 1702. herausgekommen. Aus diesem nun behaupte ich, hat sich unser Dichter ungc- mein bereichert; und zwar so, daß er nicht selten, ganze Stellen ans dem Lateinischen übersetzt, und sie bloß mit poetischen Blümchen durchwirkt hat. Ich will bloß die vornehmsten derselben zum Beweise hersetzen, und die Vcrglcichung den Lesern, welche beyder Sprachen mächtig sind, selbst überlassen. 1. /H'nF. ///. p. in. Liot c«/«e? ent öe, a// i/tat i i'//e M c/ue «^eAi'ee ?ut exularv te a rorum nstura neeello ett. expectes enim, 6ejeeto slio a statu ^uo, te ejus loeo tutlectnm in? ill o5t, ut sliorum in^uiia inuoilicen- tiam peeuliarom <^ extortom tilii Oous vxliiuvrot. Kuspieivnäa orAo ott llivina üonitas, non eulnanlla, yua ut l'is, lzuod es, la- ctum oK. ^vo ^lius »oe melior sieri potuifti Uno aliorum sut totius clamno. Den ganzen Inhalt dieser Worte wird man in dem ersten Briefe des Pope wieder finden; besonders gegen die 157tc und 233te Zeile. Die Stellen selbst sind zu lang, sie ganz herzu- Pope ein Metaphysik»! 35 setzen; und zum Theil sind sie auch bereits oben angeführt worden, wo von dem Popischen Begriffe der Ordnung, und der nothwendigen Stelle, die der Mensch in der Reihe, der Dinge erhalten müssen, die Rede war. Was kann man nun zu so offenbaren Beweisen, daß Pope den metaphysischen Theil seiner Materie mehr zusammen geborgt, als gedacht habe, sagen? Und was wird man vollends sagen, wenn ich sogar zeige, daß er sich selbst nichts besser bewußt zu seyn scheinet? — Man höre also, was er in einem Briefe an seinen Freund, den D. Swift schreibt. Pope hatte seinen Versuch über den Menschen, ohne seinen Namen drucken lassen, und er kam Swiften in die Hände, ehe ihm Pope davon Nachricht geben konnte. Swift las das Werk, allein er erkannte seinen Freund darinn nicht. Hierüber nun wundert sich Pope und schreibt: Ich sollte meinen, ob Sie mich gleich in Sem ersten dieser Versuche aus dem Gesichte verlohren, daß Sie mich doch in dem zweyten würden erkannt haben. Heißt dieses nicht ungefehr: ob Sie mir gleich die metaphysische Ticf- sinnigkcit, die aus dem ersten Briefe hervor zu leuchten scheinet, nicht zutrauen dürfen; so hätten sie doch wohl in den übrigen Briefen, wo die Materie leichter und des poetischen Putzes fähiger wird, meine Art zu denken erkennen sollen?--Swift gesteht es in seiner Antwort auch in der That, daß er Popen für keinen so grossen Philosophen gehalten habe, eben so wenig als sich Pope selbst dafür hielt. Denn würde er wohl sonst, gleich nach obiger Stelle, geschrieben haben: Nur um eines bitte ich Sie; lachen Sie über meine Ernsthaftigkeit nicht, sondern erlauben Sie mir, den philosophischen Bart so lange zu tragen, bis ich ihn selbst ausrupfe, und ein Gespötts daraus mache. Das will viel sagen! Wie sehr sollte (°) I ki»ne^> >Iw' v»u lost lixltt ok me in Nie krkl ok tnoke Lkks^s, V»» k»^v ine in tue keeonck. (") I Iisve onlx one vieco ok inerc^ lo box ok ^ou z ao not Isußli iU in^ graviix, Iillt perwit to ms, lo vvesr llie besrtl ok » ?»ilokonlwr, IM i null !l »« moc/ei iie« c/e ess t/eu.v ^e?t/?/e«. «/^a? <« c/ier Li in^oii«. I2mo. 20 Dogen. Das Werk des AbtS le Gendre ist nicht neu, sondern bereits 1721 gedruckt worden. Es enthält viel artige Nachrichten von den Sitten und Gebräuchen, welche unter den Franzosen von Zeit zu Zeit geherrscht haben, und durch welche sie zu derjenigen Artigkeit hinaufgestiegen sind, die jetzt so viele an ihnen bewundern. Diese neue Ausgabe enthält ziemlich entbehrliche Vermehrungen; eine Uebersctzung nehmlich von des Tacitus kleinem Werke von den Sitten der alten Deutschen, und eine Vorrede, in welcher diese mit den Sitten der alten Gallier und den neuern Sitten beyder Völker verglichen werden. Da die Gallier unwidcrsprcchlich deutschen Ursprungs sind, so hat diese Vcrglcichnng nicht viel Mühe kosten können. Unterdessen ist sie doch in einem Tone abgefaßt, welcher einen Deutschen belustigen kann. Z. t?. „Wir Franzosen, sagt der Schriftsteller, sind „in dem Anfange eines Treffens schrecklich. Wir sind gewohnt dem „Feinde den Sieg zu entreißen; denn wenn wir ihm denselben lange „streitig machen sollen, so laufen wir Gefahr ihn zu verlieren. Unterdessen haben wir doch auch bey mauchcu Gelegenheiten eben so- „vicl Standhaftigkeit, als Hitze gezeigt. Wir haben das feindliche „Feuer ruhig ausgehalten; wir haben gelassen den günstigen Augenblick zum Angriffe erwartet; wir :c.--Kurz, das französische Wir, läßt in dem Munde eines Schriftstellers, der vielleicht nicht Aus der Berlinischen Zeitung vom Z. 1756. 37 das Herze hat, einen Hund tod zn machen, vortrcflich tapfer. Kostet in den Vossischcn Buchlädcu hier und in Potsdam 16 Cr. (9. Jan.) Gedicht dem Gedächtnisse des Herrn von Hagedorn gewidmet. Draunschweig/ bey Schröders Erben. In 4to- Bogen. Man wird es bereits aus andern öffentlichen Blattern wissen, daß der Herr Zachariä der Verfasser dieses Gedichts ist. Wir wiederholen seinen Namen hier um desto lieber, weil cr uns der formellen Lobsprüche überhebt, die das Publicum in Ansehung der vorzüglichen Ecschicklichkeit dieses Dichters nichts neues lehren würden. Hat man ihn in seinen scherzhaften Epopcen, als in seiner Sphäre bewundert, so wird man ihn auch hier nicht ausser derselben finden; so wenig auch die Gab: scherzhafter Einfälle und die Gabe zärtlicher Empfindungen, mit einander gemein zu haben scheinen. Anch in das Lob desjenigen unsterblichen Dichters wollen wir uns nicht einlassen, dessen Tod Herr Zachariä, und mit ihm Germanien, beweinet. Er war zugleich der rechtschaffenste und großmüthigste Mann, und wenigstens hiervon einen kleinen Beweis einzurücken, können wir uns unmöglich enthalten. Auf der 15 Seite läßt Herr Zacharici die Dichtkunst sagen: Ihr sahet ihn so oft in dem geheimern Leben, Verdiensten ihren Rang, sein Lob der Tugend geben; Ihr saht ihn immer groß, und freundschaftlich und frey, Der wahren Weisheit Freund und Feind der Heuchelet). Mich dünkt, ich höre noch die edle Menschenliebe, Die sanft, voll Wohlthun spricht; die jeder Grofimuth Triebe Für dich, o Fuchs, erregt; und aus der Dürftigkeit Mit britischem Edelmuth verkannten Witz befrcyt. Zn diesen letzten Zeilen macht der Verfasser folgende Anmerkung! „Herr Gottlieb Fuchs / der seit einigen Jahren Prediger in Sachsen „ist, und stch uutcr dem Namen des Baucrnsohncs durch verschiedene „glückliche Gedichte bekannt gemacht hat, kam ohne Geld uud Gönner „nach Leipzig, seine Studien daselbst fortzusetzen. Er fiel allda einem „unserer größten Dunse in die Hände, der durch seine marktschreyc- „rische Art, mit seinen Verdiensten um Deutschland zu prahlen, und „durch die kleinen niedrigen Mittel jemanden zu seiner Parthey zu „ziehen, genug bezeichnet ist. Dieser Mann, der wohl eher versucht „hatte, mit einem alten Rocke Leute zu bestechen, für ihn zu schreiben, ^XT^' 38 Aus der Berlinischen Zeitung vom Z. 1765. „dieser Mann war klein genug, Herr Fuchsen monatlich eine solche „Kleinigkeit zu geben, die man sich schämt hier auszudrücken, und die „er kaum dem geringsten Bettler hätte geben können. So bald er „indessen erfuhr, daß Herr Fuchs in die Bekanntschaft mit einigen „andern rechtschaffenen Leuten gekommen war, die er nicht zu seiner „Parthey zehlen konnte, so war er noch niederträchtiger, und nahm Herr „Fuchsen die Kleinigkeit, die er ihm bisher gegeben. Herr Fuchs wurde „sogleich von denjenigen mehr als schadlos gehalten, durch die er um „dieses erniedrigende Allmosen gekommen war. Der seel. Herr von '/Hagedorn, dem diese Geschichte bekannt wurde, brachte durch seine „edelmüthige Vorsprache bey vielen Standcspersonen, Hamburgern, „einigen Engelländcrn, und besonders bey dem Collegio Carolino „zu Braunschweig eine so ansehnliche Summe zusammen, daß Herr „Fuchs künftig vor dem Mangel gesichert, seinen Studien auf eine „anständige Art obliegen konnte."--Denjenigen Fremdlingen in dem Reiche des Witzes, welche vielleicht fragen sollten: wer ist der grosse Duns? wollen wir nächstens diese Frage beantworten. — — Kostet in den Vossischen Buchlädeu hier und in Potsdam 3 Er. (11. Jan ) Antwort auf die Frage: wer ist der grosse Duns? Der Mann in--, welchen Gott Nicht schuf zum Dichter und Kunstrichter, Der, dümmer als ein Holtentot, Sagt, er und S °°° wären Dichter; Der Philip Zcsen unsrer Zeit; Der Büttel der Sprachrcinigkeit In Ober- und in Niedersachsen, Der alle Worte Lands verweist, Die nicht auf Deutschem Boden wachsen; Der grosse Mann, der stark von Leib Ein kleines artigS freundlichs Weib Kalt, wie er denkt und schreibt, umarmt, Das aber seiner sich erbarmt, Und gleicher Meinung ist und bleibt, Und wider ihn nicht denkt, nicht schreibt, Weil c§ den Zank der Ehe scheut, Und lieber aus Gefälligkeit Sich an des Manns Gedanken bindet; Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1765. Der Mann der unter uns Viel grosse Geister findet, Der ist der grosse Duus! (21. Jan.) Lyrische und andere Gedichte. Neue und um die Helfte vermehrte Auflage. Mit allergnädigsten Freyheiten. Anspach, zu finden bey Jacob Christoph posch 1755. I» 8vo. 12 Bogen. Die erste Ausgabe dieser Gedichte ist bereits vor fünf Jahren erschienen, und von Kennern wohl aufgenommen worden. Man erkannte ihren Verfasser, welches der Herr RegierungSsecretär Uy in Anspach ist, sogleich für einen wahren Schüler des Horaj, der von dem Feuer seines Musters beseelt werde, und etwas mehr gelernt habe, als ihm hier eine Gedanke und da eine Wendung, nicht sowohl abzu- borgcn, als abzustehlen. Die Vermehrungen, welche er jctzo hinzugethan, sind so beträchtlich, daß er die Oden in vier Bücher hat abtheilen können. Die ersten zwey enthalten die bereits gedruckten Stücke; aber so, wie sie sich der verbessernden Hand eines Verfassers, der aller Welt eher, als sich ein Genüge thun kann, entreissen dürfen. Er hat überall verändert und auch fast überall glücklich verändert. Wir sagen fast, und hoffen, daß er es denjenigen nicht übel ausdeuten wird, die sich, vielleicht ans einer Art von Prädilection hier und da seiner erstem Gedanken gegen die letztem annehmen. Unter den neuen Oden, welche das dritte und vierte Buch ausmachen, wird man ver- schiedne von dem erhabensten Inhalte finden, und einen philosophischen Kopf wird die, welche er Theodicee überschrieben hat, nicht anders als entzücken können. Sie sind überhaupt alle vortreflich, obgleich nicht alle von einerley Fluge. Und auch dieses hat er mit dem Ho- raz gemein, welcher sich oft in die niedre Sphäre des Scherzes und angenehmer Empfindungen herab läßt, und auch da die geringsten Gegenstände zu veredeln weiß. Nur an den schmutzigen Bildern hat unser deutscher Horaz eine gleiche Kunst zu zeigen, verweigert. Die Anständigkeit ist das strenge Gesetz, welches seine Muse auch iu den Entzückungen des Weines und der Liebe nie verletzet.--Die übrigen Vermehrungen bestehen in dem Sieg des Liebesgottes/ welches scherzhafte Heldengedichte man auch bereits kennet, und in einigen poetischen prosaischen Briefen, welche Theils freundschaftlichen, Theils cri- tische» Inhalts sind. Der vierte ist besonders merkwürdig. Kostet in den Vossischen Buchläden hier und in Potsdam 16 Gr. 4t) Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 47ZZ. (30. Jan.) Begebenheiten eines sich selbst Unbekannten. Aus dem Englischen überseyt. Frankfurt und Leipzig 1765. In 8vo. 1. Alphb, 4 Bogen. — — Wenn doch dieser sich selbst Unbekannte die Gütigkcit gehabt hätte, und auch der Welt unbekannt geblieben wäre. — — Er wird ausser dem Hause seiner Acltern, die er gar nicht kennet, erzogen. Es fehlet ihm in den ersten Jahren an nichts, und er findet sich so gar, ohne sein Zuthun, in ein ziemlich einträgliches Amt gesetzt. Doch durch eine lüderliche Lebensart, und besonders dadurch, daß er Komödiant wird, verscherzt er die Liebe seiner unbekannten Versorgen Er wird sich selbst überlassen, und aus einem Unglücke in das andere verschlagen. Er schweift bald als ein Bedienter, bald als sein eigner Herr in London herum, und spielt so wohl unter der einen, als unter der andern Gestalt den verliebten Ritter. Er lernt seine Schwester kennen, ohne zu wissen, daß es seine Schwester ist, und hätte sich bald auf gar keine brüderliche Art in sie verliebt. Doch alles geht noch gut ab, und seine unbekannte Schwester wird die »»vermuthete Gelegenheit, daß er von seinem sterbenden Vater, eben so wohl als sie, erkannt und wieder angenommen wird.--Das ist das Gerippe des Romans, um welches der Scribent einige elende Lumpen aus dem ärgerlichen Leben der englischen Buhlschwestern geworfen hat, um ihm ungefehr eine Gestalt zu geben.--Ist es erlaubt, weil Richardson und Fielding ein gutes Vorurthcil für die englischen Romane erweckt haben, daß man uns allen Schund aus dieser Sprache aufzudringen sucht? Kostet in den Vossischen Buchläden hier und in Potsdam 44 Gr. (22. Febr.) versuche in der tragischen Dichtkunst, bestehend in vier Trauerspielen, nämlich Zayde, Mariamne, Thusnelde und Zarine. Breslau verl- Carl Gottfr. Meyer 1724. In gr. 8vo. 16 Logen. Wenn wir sagen, daß der Herr Baron von Schönaich, der Scribent des Hermanns, Verfasser von diesen Versuchen ist, so werden wir hoffentlich auf einmal das vollständigste Urtheil davon gefällt haben, das man davon fällen kann. Es folgt nicht nothwendig, daß ein guter Hcldendichtcr auch ein guter tragischer Dichter seyn müsse; aber das folgt nothwendig, das der, welcher schlechte Epopecn schreibt, auch nicht anders als schlechte Trauerspiele schreiben werde. Der Herr Baron hat es der Welt schon gewiesen, daß er so ziemlich die mechanischen Regeln alle beobachten, und, Trotz Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1766. 41 dieser Beobachtung, dennoch Gedichte, die nichts taugen, machen könne; und wir sind viel zu billig, als daß wir ihm dieses Lob nicht auch hier ertheilen sollten. Wir erinnern uns seiner und seines Lehrmeisters allezeit mit Dankbarkeit, so oft wir die Anmerkung eines französischen Kunstrichters, daß etwas ganz anders die Kunst, und etwas ganz anders das Raffinement der Kunst sey, mit Beyspielen bestärken wollen. Den Mangel dieses Raffinements könnte man dem Herrn Baron ganz gern vergeben; allein er hat noch einen andern Fehler, den ihm gesittete Leser unmöglich verzeihen können, und von dem wir gar nicht einsehen, wie er dazu gekommen ist. Er ist ein Cavalier, dem es an Kenntniß der grossen Welt und der feinern Sprache, die darinne üblich ist, nicht fehlen sollte: wie kömmt es aber gleichwohl, daß er seine tragischen Personen so kriechend, so pöbelhaft, so cckel sprechen läßt? Seine Prinzessinnen, z. S., haben Liebsten, (S. 3) sind verliebt, (S. 13) sind brünstig, (S. 11) sind geil (S. S9). Seine Helden schimpfen einander Hunde (S. 10) und Buben (S. 43). Wenn sie überlegen, so kommt ihnen was ein (S. 12) und wenn sie sagen sollen, ich meinte, oder ich glaubte, so sagen sie ich dachte (S. 3). Einer spricht zu dem andern du laugst (S. 14) und er- boßt sich, (S. 1V6) wenn er ergrimmen sollte. Eiii Gemahl hat eine Frau, (S. 42) und wohl noch darzu eine schwangre Frau, (S. 126) und eine Gemahlin hat einen Mann (S. 66). Die Feldherrn geben dem Feinde Schlappen (S 112). Die Diener sind geschwind wie der Wind (S. 68). Die Könige heissen die Königinnen mein Licht, (S. 81) mein Leben (S. 82). Wer etwas zeigen will, ruft Schau! und wer sich verwundern will, schreyt Ey! :c. Kostet in den Vossischen Buchläden hier und in Potsdam 8 Gr. (26. Febr.) /.es /leui'eii.i.' e imi/es cke /^n- A?0t« cie t>>-eii//ci,i 1^. /5^. />a?iie« » L^une/Ze« 1766 ä!5 ven^ ä /»esc/e e/tes ^ k^a//üe^. /?>> 12ino. 1 Alphb. 12 Bogen. Die englische Urschrift dieses Romans heißtllio 1 gehören. Diese Familien Gleichheit bestehet in den sophistisch metaphysischen Zergliederungen der Liebe und aller damit verwandten Leidenschaften, in welchen der jüngere Crebillon ein so grosser Meister ist, daß man glauben sollte, nur er allein müsse das menschliche Herj von dieser Seite kennen, welches in seinen Schilderungen zu einem weit grössern Labyrinthe wird, als es vielleicht in der That ist. Die ersten vier Theile dieser glücklichen Findlinge enthalten noch sehr wenig, was zu ihrer eigendlichen Geschichte gehört, wozu in dem ersten nur gleichsam der Grund gelegt wird. Die andern drey sind völlig mit einer fremden Geschichte erfüllt, von der man es erwarten muß, ob sie mit dem Ganzen glücklich genug wird verbunden seyn. Vor jctzo ist man zufrieden, daß sie den Lesern wichtig und reihend genug scheint, die vornehmsten Helden ohne Mißvergnügen deswegen aus dem Gesichte zu verlieren. Kostet in den Vossischen Buchläden hier und in Potsdam 21 Gr. (27. Febr.) Du //a««»^ ^ous /'^m/iii's c?e /a /^ovi^ence, ^ivui' ^ei'Vt?' c/e ^e/ei'v«/«/ con/i'e /a Aoo/i'ine c/u Fala/i/me mo- llei'iie xa^ M^. t/e ^i'emon/iia/. « Ae^/i» au.v c/e/ie«« c/e ^. t). HW/e^ 1765. In 8vc>. 10 Bogen. Der Herr von premonrval, dessen Tiefsinnigkeit die Welt nun schon aus mchr als einer Schrift kennet, fängt in der gegenwärtigen an, einen grossen Theil derjenigen Zweifel aufzulösen, die er selbst wieder die Freyheit vorgetragen hat. Wenn die nachdrückliche Art, mit welcher er sie vortrug, einigen christlichphilosophischen Zärtlingen verdächtig scheinen konnte, so wird eben diese nachdrückliche Art, mit welcher er sie nicht bloß zu verkleistern, sondern aus dem Grunde zu heben sucht, ihr Gewissen mit einem Manne wieder aussöhnen können, dessen lautere Absichten ihm weder eine Stelle unter den Zweiflern noch unter den Fatalisten verdienen. Um zu zeigen, was für einen Einfluß die rechtverstandene Lehre vom Ohngefehr besonders auf die Lehre von der Sittlichkeit unsrer Handlungen haben könne, mußte der Herr von premontval nothwendig erst zeigen, daß es ein Ohngefehr gebe. Und dieses thut er in der Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1765. -i:; gegenwärtigen Abhandlung, die jetzt gleichsam nur der Helfte ihres Titels Genüge thut. Er beweiset die Würklichkeit des Ohngefehrs mit Voraussetzung einer höchst gütigen und höchst weisen Vorsehung, ja er beweiset sie durch diese Voraussetzung selbst, und erhärtet, daß im Grunde alle Philosophen sie zugeben müssen, so sehr sie sich auch entweder bloß wider den Namen, oder gar wider die Idee desselben sträuben. Die Wirkungen dieses Ohngefehrs, besonders nach den Einschränkungen einer ewigen Weisheit, wird er in verschiednen andern Abhandlungen betrachten, welche in seinen schon angezeigten pi-oteklations A vevlai'alious pliilolorituynes erscheinen sollen. Da seine schärfsten Angriffe, wie man leicht sehen kann, wider die Leibnitzische Philosophie gehen müssen, so hat er für gut befunden, seine Arbeit allen Welt- weisen Deutschlands zuzueignen, deren Eifer um die Ehre eines der größten Geister ihres Vaterlandes, ihm nur allzuwohl bekannt ist. Wir sind gewiß, daß sie diesen seinen vorläufigen Höflichkeiten allen de» Werth, der ihnen gebühret, beyzulegen, und ihn selbst von denjenigen Gegnern ihres Helden zu unterscheiden wissen werden, welche mehr die Eifersucht, als die Wahrheit dazu gemacht hat. Wenn sie in etwani- gen Streitigkeiten die Meinungen des Herrn von premontvals auch nicht annehmen sollten, beyher aber nur von ihm die Kunst, sich in den tiefsinnigsten Materien eben so deutlich als angenehm auszudrücken, lernen könnten; so würde der Nutzen für sie doch schon unendlich groß seyn. Kostet in den Vossischcn Buchlädcn hier und in Potsdam 10 Gr. (1. Merz.) philosophische Gespräche. Berlin bey Chr. Fr. Voß 1755. In 8vo. 7 Dogen. Dieses kleine Werk, welches ans vier Gesprächen über metaphysische Wahrheiten besteht, enthält so viel Neues und Gründliches, daß man leicht sieht, es müsse die Frucht eines Mannes von mehrerm Nachdenken, als Begierde zu schreiben, seyn. Vielleicht würde ein andrer so viel Bücher daraus gemacht haben, als hier Gespräche sind. Wir wollen den Inhalt eines jeden anzeigen. In dem erster» wird erwiesen, daß Leibniz nicht der eigentliche Erfinder der vorherbestimmten Harmonie sey; daß Spinosa sie achtzehn Jahr vor ihm gelehrt, und daß der erstere dabey weiter nichts gethan, als daß er ihr den Namen gegeben, und sie seinem System auf das genaueste einzuverleiben gewußt habe. Spinosa leugnet ausdrücklich in seiner Sittenlehre, daß Seele und Körper wechselsweise in einander wirken könnten; er hehauptet ferner, daß die Veränderungen des Kör- -ii Aus der Berlinischen Zeitung vom Z. 1766. pcrs und ihre Folge auf einander, gar wohl aus seiner blossen Struc- tur nach den Gesetzen der Bewegung entstehen könnten; und endlich lehret er, daß die Ordnung und Verknüpfung der Begriffe mit der Ordnung und Verknüpfung der Dinge einerley sey, oder, welches auf eines herauskömmt, daß alles in der Seele eben so auf einander folge, als es in dem Zusammenhange der Dinge auf einander folgt. Was fehlt diesen Sätzen, die vorherbestimmte Harmonie zu seyn, mehr als der Name? DaS zweyte Gespräch macht Anfangs einige Anmerkungen über den jetzigen Verfall der Metaphysik, über das Verdienst der Deutschen um dieselbe, und über das Schicksal des Spinosa, welcher bestimmt war, den Ucbergang von der Cartesianischen bis zur Lcibnizi- schen Wcltweisheit, mit seinem Schaden zu erleichtern. Hierauf wird ein sehr kühner, aber wie es uns scheint, auch sehr glücklicher Gedanke vorgetragen, welcher den Gesichtspunkt betrift, aus welchem man Spi- nosens Lehrgebäude betrachten muß, wenn es mit der Vernunft und Religion bestehen solle. Der Verfasser meint nehmlich, man müsse es alsdann nicht auf die ausser uns sichtbare, sondern auf diejenige Welt anwenden, welche, mit Leibmzen zu reden, vor dem Nathschlusse Gottes, als ein möglicher Zusammenhang verschiedner Dinge in dem göttlichen Verstände eristirt hat. Das dritte Gespräch enthält Zweifel wider die Lcibnizische Auflösung der Schwierigkeit, warum Gott die Welt nicht eher erschaffen habe, und wider die Lehre von der besten Welt. Wir wollen es dem Leser überlassen, sie in der Schrift selbst nachzusehen, und hier nur anmerken, daß sie aus der Leibnizischc» Wcltweisheit selbst genommen sind, dergleichen wider dieselbe nur sehr selten gemacht werden. Das vierte Gespräch endlich gehet größten Theils wider den Herrn von premontval; es untersucht einen Gedanken, durch welchen dieser Weltweise von sich selbst auf den Satz des nicht zu Unterscheidenden gekommen zu seyn versichert; es rettet die Lcibniziancr wegen des ihnen von eben demselben aufgedrungenen Ohn- gcfehrs, nach welchem ihr Gott zu wirken gcnöthiget seyn soll; und bestärkt den Unterscheid zwischen nothwendigen und zufällige» Wahrheiten, welchen gleichfalls der Herr von premontval, in dem Anhange zu seinen Gedanken über die Freyheit, gänzlich aufheben wollen. --Mehr wollen wir von einigen Bogen nicht sagen, welche Lieb- Haber der höhcrn Weltweisheit schwerlich werden ungclesen lassen. Kostet in den Voßischcn Buchläde» hier und in Potsdam 6 Er. Alls der Berlinischen Zeitung vom I. 17S6. 4.'. (6. Merz.) F'aikes A t?ontes. Ä /'a^i« e/ie» /),tc/ie«,is 1754. i,t 42mo. 10 Bogen. Aus der Aufschrift dieses Werks wird man es schwerlich schliesscn können, wie vielen Antheil die Ehre des deutschen Witzes daran nimt. Wir müssen also nur gleich sagen, daß sein Verfasser, welcher sich zwar nicht genennet hat, von dem wir aber wissen, daß es der Herr Rivery, Mitglied der Akademie zu Amiens, ist, den größten Theil seiner Fabeln und Erzehlungen einem unserer Dichter schuldig sey, dem noch niemand den Ruhm eines deutschen la Fontaine abgesprochen hat. Der Hr. Professor Gellert hat schon mehr als einmal den Verdruß gehabt, sich in unglücklichen Ucbcrsetzun- gen verstellet zu sehen; und es muß ihm daher nothwendig angenehm seyn, endlich in die Hände eines Gelehrten zu fallen, der alle Geschick- lichkeit besitzt, ihm ungleich mehr Gerechtigkeit wiedcrfahren zu lassen. Wir wollen damit nicht sagen, daß wir in den freyen Uebcrsctzungen des Herrn Rivery alle Schönheiten des Originals wiedergefunden hätten; wir müßten von der Unmöglichkeit solcher Uebcrsetzungen gar nichts wissen, wenn es uns auch nur eingekommen wäre, sie darinne zu suchen. Wir haben uns begnügt, deren so viele zu finden, als nöthig sind, es den Herren Franzosen wahrscheinlich zu machen, daß von Rechts wegen noch weit mehrere darinne seyn müßten, wenn sie die Begierde für überflüssig halten sollten, einen Gellert in seiner Sprache lesen zu können. Doch nicht um diesen schönen Geist allein, sondern um die ganze deutsche Nation hat sich Herr Rivery verdient gemacht. Er hat nehmlich eine Einleitung voran geschickt, in welcher er von unserer Litteratur überhaupt Nachricht ertheilt. Das, was er davon sagt, zeigt von eben so vieler Einsicht als Billigkeit; und wenn es ihm gelingen sollte, die Beystimmung seiner Landsleute zu erhalten, so werden es die Deutschen wieder vergessen können, daß ein ZZouhours einmal eine abgeschmackte Frage gethan hat. Seine Nachricht ist zwar die vollständigste gar nicht; allein wir müssen auch gestehen, daß wir diese Unvollständigkcit fast eben so gern, als ungern bemerkt haben. Sie wird allenfalls zu einer sehr nützlichen Ergänzung Gelegenheit geben, wenn man etwa in der Vorstellung des Herrn Rivery die deutschen Musen für so gar wichtig doch noch nicht ansehen sollte, die Aufmerksamkeit der Ausländer zu verlangen. Er kennet von unsern Neuern, ausser dem Herrn Gellert, fast niemanden als einen Günther, einen Hagedorn, einen Haller, und einen Rabner. Es werden 16 Aus der Berlinische» Zeitung vom J> 176A. werden leicht die vornehmsten seyn; das ist wahr. Allein die einzigen, die den schönen Wissenschaften bey uns vhre machen, sind es ohne Zweifel nicht. Wir haben noch Schlegels, Rramers, Gleime, Rlopstocke, Rleiste, Uye, Zachariäs, Rästners, Bodmers und Wielande, welche alle auch ausser ihrem Vaterlande den erhaltenen Ruhm behaupten können. (8. Merz.) Wohlmeinender Unterricht für alle diejenigen, welche Zeitungen lesen, worinnen so wohl von dem nützlichen Gebrauche der gelehrten und polirischen Zeitungen, als auch von ihrem Vorzuge, den einige vor andern haben, beschei- dentlich gehandelt wird; nebst einem Anhange einiger fremden Wörter, die in den Zeitungen häufig vorkommen. Leipzig bey Thr. Fr. Geßner 17SZ. In 8vo. 22 Bogen. Wenn dieses Buch, welches eigentlich zu nichts, als zum Nutzen der FeitungSleser und zur Aufnahme der Zeitung selbst besiimt ist, nicht verdienet, in den Zeitungen bekannt gemacht und angepriesen zu werden, so verdient es gewiß kein Buch in der Welt. Unsern Blättern soll man wenigstens den Vorwurf nicht machen, daß sie die Dankbarkeil so weit aus den Augen gesetzt und ein sträfliches Stillschweigen davon beobachtet hätten. Sie sollen vielmehr ihren Lesern melden, daß dieser wohlmeinender Unterricht halb ein neues und halb ein neuaufgewärmtcs Buch ist, welches aus drey Hauptabtheilungen besteht. Die erste handelt von den Zeitungen überhaupt, und untersucht in 9 Kapiteln mit einer ziemlich philosophischen Gründlichkeit, was man unter einer Zeitung versteht, woher die Zeitungen ihren Ursprung haben, was für Sachen in den Zeitungen vorkommen, welcher vorzügliche Werth ihnen beyzulegen, wie die Verfasser der Zeitung, besonders der politischen, beschaffen seyn sollen, was sie für eine Schreibart und für einen Endzweck haben müssen, und endlich auch was sie für Leser verlangen. Die zweyte Abtheilung handelt von dem Nutzen der Zeitungen, von ihrem Nutzen überhaupt, von ihrem Nutzen an Höfen, von ihrem Nutzen auf Universitäten, von ihrem Nutzen in der StaatSkunde, von ihrem Nutzen im geistlichen Stande, von ihrem Nutzen im Kriege, von ihrem Nutzen bey der Kaufmannschaft, von ihrem Nutzen im Hausstande, von ihrem Nutzen auf Reisen, von ihrem Nutzen in Ge> sellschaften, von ihrem Nutzen in Uuglücksfällen. Kurz es ist sonnenklar, daß die Zeitungen das nützlichste Jnstitutum sind, zu welchem Ans der Berlinischen Zeitung vom I, 1765. 17 die Erfindung der Buchdruckerey jemals Anlaß gegeben hat. Das Publicum kann leicht einsehen, daß man dieses ohne Absicht auf irgend einen eignen Nutzen sagt, denn von dem Nutzen, den ihre Verleger daraus ziehen, steht kein Wort in dem ganzen Werkchen. Die dritte Abtheilung endlich handelt von der Art, wie man den Nutzen, welchen die Zeitungen bringen, durch eine vernünftige Lesung derselben erhalten soll; aber mit dieser, wie wir frey gestehen muffen, sind wir gar nicht zu frieden. Der Verfasser will die Welt bereden, daß Zeitungsleser gewisse Naturgaben, gewisse Kenntnisse in der Genealogie, in der Wappenkunst, in der Weltbeschreibung, in der Geschichte, und wer weis noch worinne haben müßten. Allein mit seiner Erlaubniß, das ist grundfalsch. Wer ein wenig Neugicrde besitzt und das wenige Geld daran wenden will und kann, ist ein vollkommner Zeitungsleserz welches hiermit zur Nachricht dienet! Am Ende hat der Verfasser eine Nachricht von den in Deutschland bekanntesten Zeitungen beygefügt; allein an dieser Nachricht ist auch vieles auszusetzen. Besonders tadeln wir dieses daran, daß er unsere Zeitung nicht gleich obenan gesetzt hat. Wir hätten ihn noch ganz anders loben wollen! Kostet in den Voßischcn Buchlädcn hier und in Potsdam 8 Gr. (6. April.) He^ecia ^Ä/iiMcoi'uni vai'ioi'um o^i?t/cu/a, ^'unc/tm cum ^ui« ec?it?l/, ^ae/atione a. May.) Edward Grandisons Geschichte in Görliy. Berlin bey Thr. Fried..Voß 1765. I» 8vo. 8 Bogen. Wir wollen c§ nur gleich sagen, daß diese Schrift etwas ganz anders enthält, als der Titel zu verspreche» scheinet. Der Name Erandison wird an eine Geschichte denken lassen, in welcher die Kunst ihre größte Stärke angewandt hat, das menschliche Herz auf allen Seite» zu rühren, um es durch diese Rührungen zu besser». Wc»» »im der Leser so etwas erwartet, wider Vermuthen aber eine kleine Geschichte des Geschmacks uuter den Deutsche» findet, so wird er sich zwar Anfangs getäuscht glaube», allein am Ende wird er diese Täuschung doch ganz gerne zufrieden seyn. Wir haben dieses zu vermuthen, um so vielmehr Grund, je lebhafter wir überzeugt sind, daß die jetzt Herr- 64 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1765. schenken Streitigkeiten in dem Reiche des deutschen Witzes nirgends so kurz, so deutlich, so bescheiden, als in diesen wenigen Bogen, vorgetragen worden. Die Verfasser sind dabey in ihrer Unpartheylichkeit so weit gegangen, daß sie einem Gottsched und einem Schönaich weit mehr Einsicht beylegen, weit mehr Gründe in den Mund geben, als sie jemals gezeigt haben, und sie ihre schlechte Sache weit besser vertheidigen lassen, als es von ihnen selbst zu erwarten steht. Ein wie viel lcichters Spiel würden sie ihren Widerlegungen und ihrer Satyre haben machen können, wenn sie die Einfalt des einen in allem ihren diktatorischen Stolze, und die Poffcnreisserey des andern in aller ihrer wendischen Grobheit aufgeführet hatten. Doch sie wollten ihre Leser mehr überzeugen, als betäuben; und der Beytritt eines einzigen, den sie durch Grunde erzwingen, wird ihnen angenehmer seyn, als das jauchzende Geschrey ganzer Klassen, wo es gutherzige Knaben aus Furcht der Ruthe bekennen müssen, daß Gottsched ein grosser Mann und Schönaich ein deutscher Äirgil sey. Kostet in den Vossischcn Buchlädeu hier nud in Potsdam 3 Gr. (21. JuniuS.) Vermischte Schriften von Abraham Gotthelf Räsiner- Alrenliurg in der Richterischen Buchhandlung 1755. In Kvo- 18 Bogen. Selten werden sich der Gelehrte und der Philosoph, noch seltner der Philosoph und der Mcßkünstler, am aller seltensten der Meßkünstler und der schone Geist in einer Person beysammen finden. Alle vier Titel aber zu vereinen, kommt nur dem wahrhaften Genie zu, das sich für die menschliche Erkenntniß überhaupt, und nicht blos für cinzle Theile desselben, geschaffen zu seyn fühlet. Der Herr Professor Rästner — Doch die formellen Lobsprüche sind cckclhaft, und ohne Zweifel haben die meisten unsrer Leser schon längst von selbst die Anmerkung gemacht, daß sich auch noch mehrere, als ihrer vier, in die Verdienste dieses Mannes ganz reichlich theilen könnten. Gegenwärtige vermischte Schriften allein könnten auch dem besten unsrer witzigen Köpfe einen Namen machen, dessen er sich nicht zu schämen hätte, und den er, mehr erschlichen als verdient zu haben, sich nicht vorwerfen dürfte. Mehr wollen wir nicht davon sagen, sondern nur noch überhaupt melden, daß sie aus prosaischen Abhandlungen, aus Lehrgedichten, aus Oden, aus Elegien, aus Fabeln, aus Sinngedichten, aus Parodien, aus lateinischen Gedichten, und ans Briefe» bestehen. Daß man sie lesen wird; daß man sie, auch ohne Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1766. 66 Anpreisung, häufig lesen wird, ist gewiß. Die wenigen Sinngedichte also, die wir daraus hersetzen wollen, sollen mehr zu unserm eignen Vergnügen, als zu einer unnothigcn Probe, angeführt seyn. Charakter des Herrn de la Mettrie nach dem Entwürfe des Herrn von Maupertuis. Ein gutes Herz, verwirrte Phantasie, Das heißt auf Deutsch: ein Narr war la Mettrie. An einen Freymäurcr. Der Brüderschaft Geheimniß zu ergründen, Plagt dich, Neran, mein kühner Vorwitz nicht; Von einem nur wünscht ich mir Unterricht: Was ist an dir Ehrwürdiges zu finden? Das Todrenopfer an den Herrn ZZaron von Rroneck nach Neapolis. Mein Rroneck, Maros Geist schwebt noch nm seine Gruft, Wenn du dort Lorbecrn brichst, so hör auch, was er ruft: Zu Ehren hat mir sonst ein Martial gelodert, Von dir, o Deutscher, wird ei» Schönaich jetzt gefedert. Eines Sachsen Wunsch auf Carl den Xll. Held, der uuS so gepreßt, dein eifriges Bestreben War: spät im eitcln Hauch der letzten Welt zu leben; Doch wird mein Wunsch erfüllt (die Rache giebt ihn ein) So soll einst dein Homer ein zweyter Schönaich seyn. Wir müssen erinnern, daß in den zwey letzten Sinnsckriftcn, anstatt des Namens Schönaich/ welches ein gewisser Poet in der Nie- dcrlausttz ist, bloß ein leerer Platz gelassen worden, ihn nach Belieben mit einem von den zwcysylbigcn Namen unserer Hcldcndichtcr zu füllen. Unser Belieben fiel auf genannten Herrn Baron von Schönaich, von dessen neuesten Schriften wir nächstens reden wollen. Kostet in den Vosstschcn Bnchlädc» hier und in Potsdam '12 Er. (3. JnliuS.) Die Hofmeisterin, erster Theil. Bernburg bey Christ. Gottf. Cörncrn 1756. In svo. Dic'cS ist die Fortsetzung derjenigen Wochenschrift, welche in den Iahren 6!Z und 64 zu Leipzig unter dem Zitcl, der Hofmeister, erschien, und bis zu drey Bänden anwuchs. Mehr wissen wir nicht von ihm, denn, Gott sey Dank, wir haben ihn nicht gelesen. Er kann gnt, er kann sehr gut seyn. Wenn er es aber ist, so belauern wir ihn herzlich, daß er sein Lehr. Z6 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 4766. amt einer alten Plaudertasche abtreten müssen, deren vornehmste Absicht, ohne Zweifel, gewesen ist, sich ans ihre alten Tage die Stelle einer Ausgcberin auf den Gütern des Wendischen Sängers zu crlobcu. — — Kann man sich es einbilden! Sie wollte, wie sie selber sagt, in ihren Blättern, dem Hermann des Baron Schönaichs eben dieselben Ticnste leisten, die Addison ehedem dem Milton leistete. „Nicht, als wenn ich mich, fährt sie fort, mit dem Addison, oder „den Hermann mit dem verlohrncn Paradiese vergliche. Ich muß „mich gegen den Zuschauer verstecken; hingegen wird niemand ohne „Parlheylichkeit, die englische Epopee unsrer deutschen vorziehen." Hierauf macht sie in dem sechsten, zwölften, zwanzigsten und fünf und vierzigsten Stücke einen Auszug aus dem Hermann, der mit so vielen abgeschmackten und jämmerlichen Lobsprüchen durchflochten ist, daß wir fast gezwungen auf den Einfall gerathen sind, der Baron Schönaich müsse ihn selbst gemacht haben. Wenn das ist, so hat alles seine Richtigkeit! — — Sollen wir auch von den übrigen Stücken der Hofmeister!» etwas sagen? Wir könne» es kurz fassen; es ist unglaublich, daß ein Schriftsteller oder eine Schriftstellerin, die auf eine solche Art den Geschmack der Leser verbessern will, auf eine glücklichere die Sitten derselben verbessern werde. Kostet in den Vossischen Buchlädcn hier und in Potsdam 1 Rthlr. (40. Julius.) /)l/co«^« ^«i' /'o^iAkiie A /es /onc/eme?!« t/s /'»nsA'«///« ^a^nii /ivnimes, ^>n^ ^en» ^a^«e« ^?o?t^eau, t?t- /oi/e?i l/s 6?e?ieiie. « ^tm/?e?v?am o/ieL ^/a^c A/i'c/ie/ 1733. In 8vo> 1 Alphb. Tiefes ist eine ganz neue Schrift desjenigen Gelehrten, welcher Philosoph genug war, den Künsten und Wissenschaften keinen grösser» Einfluß auf die Sitten der Menschen einzuräumen, als sie wirklich haben, und darüber eine Streitigkeit erregte, die sehr lehrreich hätte werden können, wenn sich in Frankreich nicht fast eben so kleine Geister damit abgegeben hätten, als in Teutschland, wo ein gewisser Schulmeister seine gutherzige Knaben davon declamiren ließ. Man hat es abermals einer Aufgabe der Akademie von Tijon zu danken, daß uns Herr Rousseau seine Meinung von dem Ursprung und den Ursachen der Ungleichheit unter den Menschen mittheilet; und wir können keinen kürzern Begrif davon machen, als wenn wir sagen, daß diese Ausführung der erster», welche der akademischen Krönung vollkommen würdig gewesen war, in mehrern und wesentlichern Stü- Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1765. 57 cken, als in der Art des Vertrages, ähnlich gerathen sey. Die jetzt unter den Menschen übliche Ungleichheit scheinet nehmlich, an ihm kci- nen grossem Gönner gefunden zu haben, als die Gelehrsamkeit an ihm fand, in so fern sie den Menschen tugendhafter wollte gemacht haben. Er ist noch überall der kühne Weltwcise, welcher keine Vor- urthcile, wenn sie auch noch so allgemein gebilligct wären, ansichet, sondern graben Weges ans die Wahrheit zugehet, ohne sich um die Scheinwahrhciten, die er ihr bey jedem Tritte aufopfern muß, zu bekümmern. Sein Herz hat dabey an allen seinen spcculativischcn Betrachtungen Antheil genommen, und er spricht folglich aus einem ganz andern Tone, als ein feiler Sophist zn sprechen pflegt, welchen Eigennutz oder Prahlerei) zum Lehrer der Weisheit gemacht haben. Da diese Eigenschaften alles was er schreibt, auch da noch lcsenswürdig machen müssen, wenn man seiner Meinung nicht beytreten kaun; so wird es hoffentlich dem deutschen Publico angenehm seyn, wenn wir ihm eine Uebersctzung dieses neuen Rousscauischen Werks voraus ankündigen. Es ist ein Mann von Einsicht und Geschmack, welcher sie unternommen hat, und wir sind gewiß, daß er beydes bey einer Arbeit zeigen wird, bey welcher die meisten nur Kenntniß der Sprachen zu zeigen gewohnt sind. Sie wird in den Lossischen Buchlädcn an das Licht treten, wo jetzt die französische Urschrift für 22 Gr. zu haben ist. (19. Julius.) Die Schwachheit des menschlichen Herzens bey den Anfällen der Liebe. Frankfurt und Leipzig verlegts G, P- Monath 1756. In 8vo. 17 Aogen. Es scheinet als ob man nns diesen weniger als mittelmässigen Roman als ein deutsches Original aufdringen wolle. Die Vorrede ist in diesem Jahre unterschrieben und auf dem Titel wird keines Uebersctzers gedacht. Aber gleichwohl darf mau nur wenige Seiten lesen, wenn man die fremd: aus den deutschen Worten hervorblickende Grundsprache erkennen will. Die Anlage ist französisch, so wie die Denknngsart und der Ausdruck. Der Held heißt der Ritter von Äelincourt, und die Thaten seiner Ritterschaft lassen sich ans der Aufschrift errathen. So wenig erbaulich sie aber auch immer sind, so versichert man uns doch, daß sie zur Beförderung der Tugend aufgezeichnet worden. — Wenn die Roma- iicnschrcibcr, welche keine Ricyardsons sind, doch nur immer auf 68 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1766. die Tugend Verzicht thun wollten! Kostet in den Vosstschen Buchläden hier und in Potsdam 6 Er. (9. Aug.) Das Aartcnblatt; in zwey Theilen. Aus dem Englischen überseyt. Leipzig in Gleditschens Buchhandlung 1766. in 8vo. 2 Alphb. Man hat es schon längst gewußt, daß es eine schlechte Eenevcr Uhr seyn kann, obgleich I^oncloir drauf gestochen ist. Aber das scheint man nicht wissen zu wollen, daß die Worte: aus dem Englischen überseyt, wenn sie auch keine Unwahrheit enthalten, in Ansehung der Güte des Werks, noch eine weit geringere Gewährleistung sind. Wir sind die gutherzigen Teutschen; das ist ganz gewiß. Das Gute der Ausländer gefällt uns; und zur Dankbarkeit lassen wir uns auch das elendeste, was sie haben, gefallen. --Das Rartenblatt! Ganz gewiß ein Tittel von der neuesten Erfindung für einen Roman; besonders wenn das Kartenblatt selbst eine so kleine Rolle darinne spielt, daß es zu weiter nichts gebraucht wird, als Haudbricfchcn zu schreiben, deren Inhalt eben nicht der klügste Bediente eben so gut ausgerichtet hätte. Mit gleichem Rechte konnte dieser Roman das Glas Wasser hcissen; denn es werden eben so viel Gläser Wasser auf die Lhnmachten darum getrunken, als Briefe auf Kartenblätter geschrieben. — Tcr Held ist ein gewisser Archibald Evelyn, ein junger Herr den seine Acltcrn reisen lassen, und der auf seinen Reisen unbesonnene Streiche angicbl. Es ist nicht zu leugnen, daß der Verfasser nicht ein Hänfen schnurriges Zeug dabey anbringen sollte. Der //un-o^ wird auch in den schlechtesten englischen Büchern dieser Art nicht ganz und gar fehlen; eben so wenig, als man eine dergleichen französische Scharteke finden wird, die gänzlich ohne Avul. geschrieben wäre. Allein sollten wir nicht die Senden- tcn aus beyden Nationen mit Verachtung ansehen, die weiter nichts, als //umo,', oder weiter nichts als Laut haben- Kostet in den Vos- sischcn Buchlädeu hier und in Potsdam 18 Er. (21. Aug.) Daß Luther die Lehre vom Seelcnschlaf geglaubt habe/ in einem Sendschreiben an den ungenannten Herrn versasser der Abhandlung vom Schlafe der Seelen nach dem Tode, welche zu Halberstadt herausgekommen, unwidersprechlich erwiesen von R. Frankfurt und Leipzig 1766. In Lvo. 2 Bogen. Es sind diese Blätter eine weitere Ausführung desjenigen, was der Verfasser bereits in dem !Z1steu Stücke der Erweiterungen über Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1765. 69 diesen Punkt gesagt hat. Er führet eine ziemliche Menge Stellen aus Luthers Schriften an, in welchen allen der Scelcnschlaf, den Worten nach, zu liegen scheinet. Die meisten sind aus desselben Auslegung des ersten Buchs Mose genommen, welche für eines von seinen vollkommensten Werken gehalten wird. WaS die Gegner auf alle diese Stellen antworten werden, ist leicht zu errathen. Sie werden sagen, daß Luther mit dem Worte Schlaf gar die Begriffe nicht verbinde, welche Herr R. damit verbindet. Wenn Luther sage, daß die Seele nach dem Tode schlafe, so denke er nichts mehr dabey, als was alle Leute denken, wenn sie den Tod des Schlafes ZZruder nennen. Schlafen sey ihm hier nichts mehr als ruhenz und daß die Seele nach dem Tode ruhe, leugneten auch die nicht, welche ihr Wachen behaupteten zc. Ucbcrhaupt ist mit Luthers Ansehen bey der ganzen Streitigkeit nichts zu gewinnen. Wenn beyde Theile für ihre alles cntscheidcnwollendc Orthodoxie ein klein wenig mehr Einsicht in die Psychologie eintauschen wollten; so würden beyde Theile auf einmal zum Stillschweigen gebracht seyn. Wollen sie aber ja zanken, so werden sie wohl thun, wenn sie wenigstens Iiona kläo zanken, ohne auf der einen Seite mit päpstischen Sauerteige, noch auf der andern mit seclenvcrdcrblichen Neuerungen um sich zu werfen. Auch Herr R. ist nicht von allen Winkclzügcn frey; und wenigstens ist dieses ein sehr starker, wenn er sagt, daß die Lehre vom Scclenwachen mit der Lehre vom Fegefeuer auf einem Grunde beruhe. Wenn er glaubt, daß die Seele im Paradiese seyn und dennoch schlafen könne, (S. 43.) so könnte sie ja wohl auch im Fegefeuer seyn, und dennoch schlafen. Würde also das Fegefeuer nicht eben so wohl mit dem Scclenschlafe bestehen, als cS mit dem Scelcnwachcn besteht? Man gebe Acht, ob dieses nicht alles auf ein Wortgezänke hinauslaufen muß. Ein recht eigentliches Wortgezänkc aber ist es, welches er über den Namen psychopann>- chiten erregt, den man den Seelenschläfern bisher gegeben hat. Er sagt dieses Wort bedeute eigentlich Seelenwacher. Allein mit seiner Erlaubniß; es kann eigentlich keines von beyden bedeuten; denn 5»VVUA/0S zeigt nur etwas an, was die ganze Nacht durch geschieht, und sowohl derjenige, welcher die ganze Nacht durch schläft, als der, welcher die ganze Nacht durch wacht, kann -r«^^^--? genannt werden. Kostet in den Vossischen Buchlädcn hier und in Potsdam 1 Gr. 60 Aus der Berlinischen Zeitung vom J> 1765, (23. Aug.) Virginia ein Trauerspiel von Z. S. Payt°e. Frankfurt und Leipzig verlegts Jot). Christ. Alcyb 1755, In 8vo. 5 Logen- Man kann jedes denlsche Trauerspiel von zwey Seiten betrachten; als ein Trauerspiel, und als ein deutsches Trauerspiel. Als dieses kann cS oft einen sehr grossen relativischen Werth haben, den es als jenes nicht hat. Es ist ganz etwas anders über die Gottscheds, Schönaichs, Grimms, RriegerS/ LUiistorps und pietschelo erhaben seyn, und ganz etwas anders unter den Corneille» einen Rang verdienen. Doch sind zwischen diesen beyden äussersten Grenzen noch Stellen genug, die ein gutes Genie mit Ruhm füllen kann. Man würde unbillig seyn, wenn man dem Herrn payke eine derselben absprechen wollte. Es ist sein erstes dramatisches Stück. Und das erste dramatische Stück von Corneille? Oder das erste Trauerspiel von Racinen? Hätte man, nach diesem zu urtheilen, wohl dem einen, oder dem andern die Höhe zugetrauet, die sie in der Folge wirklich erreichten?--Kostet in den Vosstschen Buchlädcn hier und in Potsdam 6 Er. (28. Aug.) /^e /^z/^i^oiii//»« i'ai/onaik?. ^VottvetVe Ac/tV,'o» »evitt! <^ cniA»ien/es avee ^ite/Hue« «ui>e« /^/eoe«. ü Aei"/in e/ie» ZVienne l?s /5o«?v?ea«.r 1766. /n 12nio. Auf 284 Seiten. Tic- scS Werk des Herrn von Deausobre bestehet aus 169 Paragraphen, in welchen allen auf ein vernünftiges Zweifeln gedrungen, und die Nothwendigkeit desselben durch eine Menge Beyspiele von der Ungewißheit der menschlichen Erkenntuiß erhärtet wird. Tiefe Beyspiele sind größten Theils eigne Einwürfe wider vcrschiedne Wahrheiten aus dem ganzen Umfange der WeltweiShcit, uud nicht selten wider Grundwahrheiten, die von allen Schulen cinmüthig angenommen werden. Es ist keine merkliche Ordnung dabey beobachtet; denn Ordnung würde hier viel zu dogmatisch gelassen haben. Der Ausdruck ist der Sache angemessen, kurz und feurig; aber auch oft epigrammatisch. Wen» man an den meisten Lrten den Verfasser bewundern wird, welchem nichts in der neuern Philosophie fremd ist, welcher selbst denkt und in manche Blossen unsrer Systcmatiker glücklich trift; so wird »lan auch diejenigen Stellen, ohne seinen Nachtheil, bemerken können, wo man ihn allzuwitzig und allzufcurig nach eingebildeten Blösseu stosscu siehet. Unter diese Stellen scheinen uns unter ander» der 97 und 98 Paragraph zu gehören, und wir glauben gewiß, daß Leibniy den Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1765. 61 Tadel des Verfassers für einen Lobspruch würde genommen haben. Denn sind nicht alle mathematische Wahrheiten identische Sätze? Und was kann ein Leibniy mehr verlangen, als die metaphysischen Wahrheiten so gewiß zu machen, als die mathematischen? Dergleichen Einwürfe scheinen eher von einem Misologen als von einem Zweifler zu kommen. Zwar wer weis, ob wir jemals andere, als misologifche Zweifler gehabt haben? ES giebt Misologen, laßt Plato den So- cratcs irgendwo sagen, so wie es Misanthropen giebt. Die Misan- thropie und Misologie kommen aus einer Quelle. Denn woher entsteht die Misanlhropie? Ein Mensch, der einem andern, ohne genügsame Untersuchung, für aufrichtig und getreu gehalten hat, siehet, daß er es nicht ist. Er wird hintergangcn, und abermals hintergangcn. Endlich wird er unwillig, daß er sich von denen betrogen findet, die er seine besten Freunde zu seyn glaubte. Diese waren falsch, schließt er, also sind alle Menschen falsch. Folglich, da er nur einige hassen sollte, haßt er sie alle. Wie sich nun der Misanthrop gegen die Menschen verhält, so verhält sich der Misolog gegen die Gründe. Er hat diesen oder jenen mehr getrauet, als er ihnen hätte trauen sollen; er wird es gewahr, und nimt sich vor, gar keinen mehr zu trauen. DaS war nicht wahr; drum ist nichts wahr.--Die dein Werke beygefügten Stücke sind ein Brief über die Glückseligkeit der Menschen, und die Rede, welche der Verfasser bey seiner Aufnahme in die Königl. Akademie gehalten hat. Beyde wird man mit keinem gemeinen Vergnügen lesen. Kostet in den Vossischen Buchläden hier und in Potsdam 1V Gr. (4 Sept.) Ueber die Empfindungen. Berlin bey Thr. Fried. Voß 17ZZ. In 8vo. 14 Bogen. Der Verfasser dieser Schrift ist eben der, welchem wir die philosophischen Gespräche schuldig sind. Sie sind durchgängig mit Beyfall aufgenommen worden. Wir wünschten aber sehr, daß man diesen Beyfall mehr auf den Inhalt, als auf die Art des Vertrags hätte gründen wolle». Waren denn absiractc Gedanken in einer schönen Einkleidung eine so gar neue Lrschcinnng unter uns, daß man bey der Anmuth der letztern die Gründlichkeit der erstem übersehen durste? Wären sie in den barbarischsten Ausdrücken einer lateinisch scheinenden Sprache vorgetragen worden, so würde man sie untersucht und bestrittcn haben. Warum unterblieb beydes, da sie deutsch, da sie schön abgefaßt waren? Ist der Deutsche, wenn er ein gründlicher Kopf ist, so gar düster und allen Grazie» so gar 62 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 176Z. fcind; oder ist der Deutsche, wenn er ein schöner Geist ist, so gar seicht, daß jener nicht will, und dieser nicht kann? Unglück alsdenn für den, der beydes zugleich, ein gründlicher Kopf und schöner Geist, ist! Er wird sich theilen müssen, um immer von seinen compctcntcn Richtern gelesen zu werden. Er wird es, wenn er denken will, vergessen müssen, daß er schön schreiben kann; und wcun er schön schreiben will, vergessen müssen, daß erdenken kann.--Diese Betrachtung sollte uns fast bewegen, von der Einkleidung des gegenwärtigen Werks gar nichts zu sagen. Kaum dieses; daß es aus Briefen bestehe, in welchen überall der einmal angenommene Charakter des Schreibenden behauptet und die ganze Materie so kunstreich vertheilet worden, daß man sehr unaufmerksam seyn müßte, wenn sich nicht am Ende, ohne das Trockne der Methode empfunden zu haben, ein ganzes System in dem Kopfe zusammen finden sollte. Ein System der Empfindungen aber, wird denjenigen gewiß eine sehr angenehme Neuigkeit seyn, welchen eS nicht ganz unbekannt ist, wie finster und leer es in diesem Felde der Psychologie, der Bemühungen einiger neuen Schriftsteller vhngcachtet, noch bisher gewesen. Man hat es ohngcfchr gewußt, daß alle angenehme und unangenehme Empfindungen aus dunkeln Begriffen entstehen; aber warum sie nur aus diesen entstehen, davon hat man nirgends den Grund angegeben. Wolf selbst weis weiter nichts zu sagen, als dieses: weil sie keine deutliche Begriffe voraussetzen. Man hat es ohugcfehr gewußt, daß sich alles Vergnügen auf die Vorstellung einer Vollkommenheit gründe; man hat es ohngcfchr gewußt, daß Vollkommenheit die Uebereinstimmung des Mannigfaltigen sey: allein man hat diese Uebereinstimmung mit der Einheit im Mannigfaltigen verwechselt; man hat Schönheit und Vollkommenheit vermengt, und die Leichtigkeit, womit wir uns das Mannigfaltige in jenem vorstellen, auch bis auf die sinnlichen Lüste ausdehnen wollen. Alles dieses aber setzt unser Verfasser auf das deutlichste auseinander. Er zeigt, daß das Vergnügen, welches ans der Schönheit entspringet, auf der Einschränkung unsrer Seclcnkräfte beruhe, und also Gott nicht beygelegt werden können; daß ihm aber dasjenige, welches aus der Vollkommenheit entstehet, und sich bey uns auf die positive Kraft unsrer Seele gründet, im höchsten Grade zukomme. Von den sinnlichen Lüsten beweiset er, daß sie der Seele eine dunkle Vorstellung von der Vollkommenheit des Körpers gewähren; und da in der organischen Natur alle Begebenheiten, Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1766. 63 die mit einander verknüpft sind, wcchselsweise eine aus der andern entstehen können, so erklart er daher den Ursprung des angenehmen Affccts, und zeiget, wie der Körper durch die sinnliche Lust, den Abgang an Vergnügen ersetze, den er durch die Verdunklung der Begriffe anrichtet. --Alles dieses ist nur ein kleiner Blick in die neue Theorie unsers Verfassers, welcher zugleich bey aller Gelegenheit seine philosophische Einsicht in diejenigen Künste und Wissenschaften zeigt, die unsre angenehme Empfindungen zum Gegenstände haben; in die Dichtkunst, in die Mahlrey, in die Musik, in die musikalische Mahlrey dc§ Farbencla- viers, bis sogar in die noch unerfundenen Harmonien derjenigen Sinne, welchen noch keine besondern Künste vorgesetzet sind. Eines aber müssen wir hauptsächlich nicht vergessen; daß nehmlich der Verfasser die Lehre vom Selbstmorde mit eingcflochten, und diese schwierige Materie auf eine Art abgehandelt habe, wie sie gewiß noch nie abgehandelt worden. Er beweiset nicht nur, daß den Gläubigen die Religion, und den Ungläubigen sein eignes System der Zernichtung nach dem Tode von dem Selbstmorde abhalten müsse; sondern beweiset auch, und dieses war ohne Zweifel das wichtigste, daß ihn so gar der Wcltwcisc sich untersagen müsse, welcher den Tod nicht als eine Zernichtung, sondern als einen Ucbcrgang in eine andere und vielleicht glücklichere Art von Fortdauer betrachtet. Kostet in den Vossischen Buchlädcn hier und in Potsdam 8 Gr. (18. Sept.) I. F. W. Jerusalems Beantwortung der Frage, ob die Ehe mit der Schwester Tochter, nach den göttlichen Gesetzen zulässig sey. Mit Anmerkungen erläutert von M. G-Fr. Gühling, Archiadiac. zu Lhenmirz. Themniy in der Stösselschcn Buchhandlung 1755. In 8vo. 8 Bogen. Es ist bekannt, daß der Herr Abt Jerusalem diese Frage vor einiger Zeit bejaet hat. Die Schrift, welche er darüber abfaßte, handelte mit vieler Gründlichkeit und Ordnung folgende Punkte ab. Erstlich: Ob die Lev. XVIII und XX vcrbothcnc Ehen gegen das Recht der Natur, oder ein willkührliches Gesetz Gottes sind? Zweitens: Wenn dieses Gesetz nur ein willkührliches göttliches Gesetz ist, ob es dann jctzo gegen uns, als Christen, seine völlige Verbindlichkeit noch habe? Drittens: Wenn es diese Verbindlichkeit noch hat, ob dieselbe sich dann nur über die ausdrücklich benannte Personen, oder über alle sich ähnliche Grade erstrecke? Viertens: Wenn sie sich über die ähnlichen Grade erstreckte, ob die 64 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 4766. gemeldete Ehe mit der Schwester Tochter unter die ähnlichen Grade wirklich mit gehöre. Und wenn auch dieses nicht ist, ob dann nicht wenigstens der Wohlstand der christlichen Religion dadurch beleidiget werde. Alle diese Stücke waren von dem Herrn Abt in ein Licht gesetzt, in welches man alle dergleichen streitige Punkte gesetzt ju wissen wünschen möchte, weil alsdann gewiß nicht wenig Ehen mit mehr Beruhigung der Gewissen und mit weniger Anstoß vollzogen werden könnten. Tem ohngcachtet hat der Herr Abt den wenigsten Beyfall bey den Gliedern seines Standes erhallen, und auch sein jetziger Herausgeber, der Herr ArchidiaconuS Gühling, ist aus der Zahl derjenige», welche ihn beschuldigen, daß er mehr nachgegeben habe, als ein treuer Wächter über die göttlichen Gesetze hatte nachgeben sollen. Dieses nun ist es, was Herr Gühling in seinen Anmerkungen zu erhärten sucht, welche jeden Paragraphen der Jerusalcmschcn Abhandlung, mit kleinrer Schrift beygefügt sind, damit man Gründe und Gegengründe desto bequemer gegen einander aufwägcn könne. Wir glaub.-u aber schwerlich daß sich viel Leser für die eine oder für die andre Seite eher bestimmen möchten, als bis sie von einem änsserlichen Umstände dazu angetrieben werden, da eS noch immer Zeit genug für sie seyn wird, sich bey dieser Streitigkeit, nach Maaßgcbung ihres heimlichen Wunsches, auf etwas gewisses zu setzen. Kostet in den Nossischen Buchlädeu hier und in Potsdam 6 Gr. (7. Lct.) Der Ehestand/ eine Erzehlung, welche eine Menge wichtiger Begebenheiten in sich hält. Aus dem Englischen i'iber- seyt. Erster Theil. Leipzig in der Weidemannischen Handlung 1755. In Lvo 2 Alphb. Es ward in England vor einigen Jahren eine ParlemcntSakte vublicirt, in welcher die Hcyrathen derjenigen Personen, die unter ein und zwanzig Jahren sind, und sich ohne Einwilligung ihrer Acltcrn, Verwandten oder Vormünder ehelich verbinden, für null und nächtig erklärt wurden. Tiefes Gesetz sahe die Englische Jugend als eine unüberlegte Kränkung ihrer Freyheit an, und eS fanden sich sogleich aus ihren Mitteln Federn, die eS zn bestreiken unternahmen; ein Schicksal, welchem wenig ParlcmcntSaktcn entgehen. Bornehmlich ward gegenwärtiger Roman in dieser Absicht verfertiget, der, wenn man aufrichtig urtheilen will, nichts anders als ein übclzusammcuhängcnder Zusammenhang solcher Begebenheiten ist, in welchen allen diejenigen Ehen, die junge Leute, ohne vorher- Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 17ZZ, 65 gegangenes Gutbcfindcn ihrer Aeltern stiften, sehr glucklich, und diejenigen, in welche sie sich auf Anrathen der Ihrigen einlassen müssen, sehr unglücklich ausschlagcn. Dieser Moral also wegen, wenn man anders eine solche Lehre eine Moral nennen kann, hat er den Titel der Ehestand bekommen, auf welchem sich noch die ziemlich passenden Zeilen des Ovidius befinden: — — — koeelLe huo^ue jure ooillcut, 8eä vetuere pakres: huock uou pokuore vekaio, I?x sec^uo v»pkis kudobant moutiuus ambo. Ohne Zweifel wird man nunmehr fragen: warum man denn aber einen solchen einzig und allein auf den englischen Horizont eingerichteten Roman übersetzt habe? Wahrscheinlicher Weise hat den Ucbcrsetzcr die lustige Laune verfuhrt, mit welcher der Engländer den komischen Theil seiner Erdichtungen zu crzehlcn weiß. Er ist in vielen Stellen ein ziemlich glücklicher Nachahmer des Herrn Fieldings; und wenn er bey den rührenden Scenen nur eben so glücklich den Herrn Richardson hatte nachahmen können, so würde man seine unrechten politischen Absichten noch eher übersehen können. Er ist voll drolligtcr Gedanken, voll unerwarteter lächerlicher Gleichnisse; kurz, er ist an allen dem reich, was die Engländer unter ihrem Worte Humor begreiffcn: allein so bald er ernsthaft und edel seyn will, so bald wird er seicht und affectirt. Zur Probe seiner possirlichen Schreibart kann folgende Stelle dienen: „Aber wie geschwinde verändert sich doch das Glück! Es ist „wie ein Floh, der von einem Orte zum andern hüpft, stch im Blute „sättiget und feist wird, und zuletzt unter dem Dänin eines Kammer- „ Mädchens sein Leben einbüßt; es gleicht einem Bilze der des Mor- „gens früh aufschießt, und zu Mittage in Aönigsarm verspeiset wird; „es ist gleich--ja gewiß, es ist ein Ding von sehr kleiner Dauer, „wie man denn in kurzem ersehen wird :c." Das Wirthshaus, welches von dem Uebersctzcr hier Nönigsarm gcnennt wird, hat im Original ganz gewiß XinAs-mms geheißen, welches er zum ronigl, Wappen und nicht im KönigSarm hätte übersetzen sollen. Kostet in den Nossischcn Buchlädcn hier und in Potsdam 16 Gr. (9. Oct) Der Schwäyer, eine Sittenschrift aus dem Englischen des Herrn Richard Steele. Erster Band. Leipzig in Lan- kischens Buchhandlung 1765. In gr- 8vo. 2 Alphb. 3 Bogen. Diese Sittenschrift, wie bekannt, kommt in der Zcitordnung noch vor Messings Werke v. 5 liii Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 17ZZ. dem Zuschauer zu stehen, und wenn sie ihm auch nach dem innerli chen Werthe vorzuziehen seyn sollte, so hat man es wohl dem Richard Steele am wenigsten zu danken. Er bediente sich der Beyträge der sinnreichsten Kopfe seiner Zeit und besonders des Hrn. Ambrosius Philipps/ so daß der Vorwurf, den man ihm machte, als ob er sich meistenthcilS nur mit fremden Federn schmücke, so ungcgriiiidet eben nicht war. Doch was verschlagt der Welt dieses jetzt? Genug sie hat ein schönes Werk, und es kann ihr gleich viel seyn, ob sie es von dem Richard Steele selbst, oder nur durch seine Vermittlung erhalten hat. Die gegenwärtige deutsche Ucbersctzung ist nach der neuesten englischen Ausgabe veranstaltet, die 1749 in vier Dnodczbänden unter dem Titel lliel^ien- Iiratious ok Ilsao LiokerÜal? herausgekommen ist. Man weis die kleinen Händel, welche dem Herrn Steele zur Annehmung des Namens Bickerstaf veranlaßt haben. Zwey von diesen Duodezbändcn machen diesen ersten Band aus, und der zweyte soll künftige Ostern nachfolgen. Die Uebcrsetzung selbst scheinet von einem Manne gemacht zn seyn, der beyder Sprachen kundig ist, und ob sie gleich gewisse Schön- heilen, wo der Witz entweder in einer unübersetzlichen Anspielung oder in einem eigenthümlichen Ausdrucke der englischen Sprache liegt, weniger als das Original hat, so ist es doch augenscheinlich, daß sie weit treuer gerathen sey, als die französische Uebcrsetzung des Herrn la Chapelle, die nicht weiter als auf die ersten sechzig Stücke geht. Da sie aber dem ohngcachtet durch die hinzugefügten Noten einen besondern Werth erhallen, so muß man dem deutschen Ucbcrsetzer verbunden seyn, daß er sich dieselben, zur Bequemlichkeit seiner Leser, zugeignet hat. Kostet in den Vossischen Buchlädcn hier und in Potsdam 1 Rthlr. 8 Gr. (11. Oct.) Briefe an Freunde. /Ä/ei-a no» e^Se/cii. es. Frankfurt und Leipzig 1735. In 8vo. auf 6^ Bogen. Die Welt scheint zu verlangen, daß die Streitigkeiten im Reiche des Witzes nur immer mit den Waffen der lachenden Satyre geführct würden. Wenn sie es aber mehr als einmal geduldet hat, daß man sich auch der schimpflichen Waffen der Schmähsucht und Possenreisscrey dabey bedienen dürfen; so wird sie es hoffentlich nicht übel deuten, wenn sie »liiimehr einen Patrioten zu schärfer» greifen siehet, die der Ernst eben so weit über die Satyre erhebt, als die Niederträchtigkeit jene unter die Satyre erniedriget hatte. Und aus diesem Grunde versprechen wir der gegenwärtigen Ankündigung einer Dunciade für die Deutschen am Ende, wenn man alle Umstände wird überlegt haben, eine gütigere Aufnahme, als sie einigen zu sehr nachsehenden Weisen, wegen der durchgchends darum herrschenden Strenge, bey dem ersten Anblicke verdient zu haben scheinen mochte. Es ist wahr; „die Erscheinung, wie unser Verfasser sagt, ist unglaublich, daß eine ganze Nation, in deren Schooß 5" 68 Aus der Berlinischen Zeitung vom I, 1766. „die Wissenschaften und die Freyheit zu denken blühen sollten, die „fast von allen Seiten mit gesitteten und geistreichen Nationen nmgc- „bcn ist, die sich eines Leibnitz rühmen kann,--sich von einem „kleinen Haufen Idioten ohne Talente, ohne Einsichten, ohne Geschmack, „so sehr hat bctricgcn lassen können, daß sie den willkührlichen und „verdorbenen Geschmack dieser Leute, die in Frankreich oder England „nicht einmal unter den Dunsen einigen Rang bekommen hätten, blindlings angenommen und zur Regel gemacht; daß sie diese schwachen „und unfähigen Kopfe für grosse Geister, und ihre blöden, unförmli- „chen, und vernunftlosen Werke für ausgemachte Meisterstücke gehalten, „flcissig gelesen, gelobt und nachgeahmet; daß sie diesen Leuten ein „Ansehen, eine Dictatur zugestanden, die ihnen Macht gegeben, eine „ganze Reihe von Jahren, dem 8eu»-oomiuuri Hohn zn sprechen, die „Jugend zu verführen, und den Geschmack an geistlosen unwitzigen „und unnützlichcn Schriften, die weder den Verstand aufklären, noch „das Herz rühren, noch die Sitten bilden, fast allgemein zu machen." --Es ist wahr, diese Erscheinung ist unglaublich; aber wie wenn sie sich auch niemals ereignet hätte? Wie, wenn es nicht wahr wäre, daß Gottsched und seine Anhänger jemals in einem so allgemeinen Ansehen gestanden hätten? Wie wenn man dem grössern Theile der Nation, welcher ein zeitiges Stillschweigen beobachtet hat, und sich deswegen öffentlich wider niemanden erklären wollte, weil er sich noch für niemanden erklären konnte, mit solchen allgemeinen Beschuldigungen Unrecht thäte? Alles dieses könnte leicht seyn; gleichwohl aber bekennen wir ganz gern, daß man auch auf der andern Seite Grnnd habe, an dem Daseyn eines Dinges zu zweifeln, das sich noch durch keine Wirkungen gezeigt hat. Wir wollen also nur wünschen, daß diese Wirkungen nun wenigstens nicht länger ausbleiben mögen; und wenn wir uns in unsern Vermuthungen nicht triegen, so werden sie sich vielleicht, über lang oder kurz, an derjenigen zweyten Klasse änssern, von welcher auf der 12len Seite ziemlich verächtlich gesprochen wird. --Mehr wollen wir hier von einer Schrift nicht sagen, der es ohnedem an Lesern nicht fehlen wird. Kostet in den Vossischen Buch- lädcn hier und in Potsdam 6 Gr.") °) I» der Zeitung vom 18. Octobcr 17ZZ, in der Anzeige des dritten Stückes von Lcssiiigs theatralischer Bibliothek, findet sich folgende Äußerung. „Wir wünschen, daß dcr Herr Verfasser eine periodische Schrift noch lange «i!» Vorrede zu Jacob Thomsons Trauerspielen. 1760. Das Vergnügen, diese Ucbcrsctzung der Tbomsonscben Trauerspiele der Welt, als Vorredner, anpreisen zu können, habe ich dem gütigen Zutrauen eines Freundes zu danken. Es wäre zu früh, wenn ich mich schon selbst ausschreiben wollte, und bey dieser Gelegenheit, anderwärts^ zusammengetragene Nachrichten von dem Leben und den Werken dieses englischen Dichters, nochmals an den Mann zu bringen suchte. Es wäre aber auch wider die Klugheit eines eben nicht zu reichen Schriftstellers, wenn ich mir hier eine Materie wegnehmen, oder wenigstens verstümmeln wollte, die ich, nach aller möglichen Ausdehnung, zu einer Fortsetzung jener Nachrichten bestimmt habe. Man erwarte also hier keine kritische Zerglicdrung irgend eines von diesen Meisterstücken. Nur das außerordentliche Vergnügen, mit welchem ich sie gelesen habe, und noch oft lesen werde, will und kann ich nicht verschweigen. Mäßigung genug, wenn es mich nicht schwatzhaft macht! Auch die, unter den deutschen Kennern der ächten Dichtkunst, welche unsern Thomson in seiner Sprache nicht verstehen, wissen es schon aus der wohlgemeinten Uebersetzung des sel. Zörockes, daß kein Weltaltcr in keinem Lande, einen mehr mahlerischen Dichter auszuweisen habe, als ihn. Die ganze sichtbare Natur ist sein Gemählde, in welchem man alle hcutcrc, fröhliche, ernste und schreckliche Scenen des veränderlichen Jahres, eine aus der andern entstehen, und in die andre zerfließen sieht. Nun ist aber das wahre poetische Genie sich überall ähnlich. Ein Sturm ist ihm ein Sturm; er mag in der großen, oder kleinen Welt entstehen; es mag ihn dort das aufgchabenc Gleichgewicht der Lust, oder hier die gestörte Harmonie der Leidenschaften verursachen. Vermittelst einerley scharfen Aufmerksamkeit, vermittelst einerley feurigen Einbildungskraft, wird fortsetzen möge, die so viel zur Aufnahme des Geschmacks beytragen muß. Wir wünschen dieses um so viel mehr, da ihm die jetzige Veränderung seines Aufenthalts vielleicht Hindernisse in den Weg legen könnte ic." ° In dem Istcn Stucke der theatralische» Bil'lioth. 70 Vorrede zu Jacob Thomsons Trauerspielen. der Dichter, der diesen Namen verdient, dort ein stilles Thal, und hier die ruhige Sanftmuth; dort eine nach Regen lächzcndc Saat, und hier die wartende Hoffnung; dort die auf reiner Wasserfläche jetzt sich spiegelnde, ictzt durch neidische Wolken verdunkelte Sonne, und hier die sympathetische Liebe und den mißgünstigen Haß; dort die Schatten der Mitternacht, und hier die zitternde Furcht; dort die schwindelnde Höhe über schreckliche Mccrstrudcl hcrhangcnder Felsen, und hier die blinde sich herabstürzende Verzweiflung, allemal gleich wahr und gleich glücklich schildern. Dieses Vorurthcil hatte ich für den tragischen Thomson, noch ehe ich ihn kannte. Jetzt aber ist es kein bloßes Vorur- theil mehr; sondern ich rede nach Empfindung, wenn ich ihn, auch in dieser Sphäre, für einen von den größten Geistern halte. Denn wodurch sonst sind diese, was sie sind, als durch die Kenntniß des menschlichen Herzens, und durch die magische Kunst, jede Leidenschaft vor unsern Augen entstehen, wachsen und ausbrechcn zu lassen? Dieses ist die Kunst, dieses ist die Kenntniß, die Thomson in möglichster Vollkommenheit besitzt, uiid die kein Aristoteles, kein Corneille lehrt, ob sie gleich dem Corneille selbst nicht fehlte. Alle ihre übrigen Regeln können, aufs höchste, nichts als ein schulmäßiges Gewäsche hervorbringen. Die Handlung ist heroisch, sie ist einfach, sie ist ganz, sie streitet weder mit der Einheit der Zeit, noch mit der Einheit des Orts; jede der Personen hat ihren besondern Charakter; jede spricht ihrem besondern Charakter gemäß; es mangelt weder an der Nützlichkeit der Moral, noch an dem Wohlklange des Ausdrucks. Aber du, der du diese Wunder geleistet, darfst du dich nunmehr rühmen ein Trauerspiel gemacht zu haben? Za; aber nicht anders, als sich der, der eine menschliche Bildsculc gemacht hat, rühmen kann, einen Menschen gemacht zu haben. Seine Bildscule ist ein Mensch, nnd es fehlt ihr nur eine Kleinigkeit; die Seele. Ich will bey diesem Gleichnisse bleiben, um meine wahre Meinung von den Regeln zu erklären. So wie ich unendlich lieber den allcrungestaltcstcn Menschen, mit krummen Beinen, mit Buckeln hinten und vorne, erschaffen, als die schönste Bild- Vorrede zu Jacob Thomsons Trauerspielen, 71 sculc cincs Praxiteles gemacht haben wollte: so wollte ich auch unendlich lieber der Urheber des Aanfmanns von London, als des sterbenden Lato seyn, gesetzt auch, daß dieser alle die mechanischen Richtigkeiten hat, dercnwcgcn man ihn zum Muster für die Deutschen hat machen wollen. Denn warum? Bey einer einzigen Vorstellung des erstem sind, auch von den Unempfindlichsten, mehr Thränen vergossen worden, als bey allen Vorstellungen des andern, auch von den Empfindlichsten, nicht können vergossen werden. Und nur diese Thränen des Mitleids, und der sich fühlenden Menschlichkeit, sind die Absicht des Trauerspiels, oder es kann gar keine haben. Hiermit aber will ich den Nutzen der Regeln nicht ganz leugnen. Denn wenn es wahr ist, daß auf ihnen die richtigen Verhältnisse der Theile beruhen, daß das ganze durch sie Ordnung und Symmetrie bekömmt; wie es denn wahr ist; sollte ich wohl lieber mein menschliches Ungeheuer, als einen lebendigen Herkules, das Muster männlicher Schönheit, erschaffen haben wollen? Ich sage einen lebendigen -Herkules, und nicht einen lebendigen Adonis. Denn wie die gedoppelte Anmerkung ihre Richtigkeit hat, daß Körper von einer allzuwcichlichcn Schönheit selten viel innere Kräfte besitzen, und daß hingegen Körper, die an diesen einen Ucbcrfluß haben, in ihrer äußern Proportion etwas gelitten zu haben scheinen: so wollte ich lieber die nicht zu regelmäßigen -Horazier des Pcrer Corneille, als das regelmäßigste Stück seines Bruders, gemacht haben. Dieser machte lauter Adonis, lautcr Stücke, die den schönsten regelmäßigsten Plan haben; jener aber vcrnachläßigte den Plan zwar auch nicht, allein er wagte es ohne Bedenken, ihn bey Gelegenheit wesentlicher» Vollkommenheiten aufzuopfern. Seine Werke sind schöne -Herkules, die oft viel zu schmächtige Beine, einen viel zu kleinen Kopf haben, als es das Verhältniß mit der breiten Brust erforderte- Ich weiß, was man hier denken wird: „Er will einen „Engländer anpreisen, drum muß er wohl von den Regeln „weniger vorthcilhaft sprechen." Man irrt sich vor diescsmal. Thomson ist so regelmäßig, als stark; und wem dieses unter uns etwas neues zu hören ist, der mag es einer bekannten an- ^>^?»MMM! -5SMS«MSMNN 72 Vorrede zu Jacob Thomsons Trauerspielen. tibrittischen Parthey von Kunstrichtcrn danken, die uns nur allzugern bereden möchte, daß es, unter allen englischen Tragödicn- schreibern, der einzige Avdison einmal, regelmäßig zu seyn, versucht, bey seiner Nation aber keinen Beyfall damit gefunden habe. Und gleichwohl ist es gewiß, daß auch Thomson nicht allein, wie ich es nennen möchte, französisch, sondern griechisch regelmäßig ist. Ich will nur vornehmlich zwey von seinen Stücken nennen. Seine Sophomsbe ist von einer Simplicität, mit der sich selten, oder nie, ein französischer Dichter begnügt hat. Man sehe die Sophomsbe des XNairer und des großen Corneille- Mit welcher Menge von Episoden, deren keine in der Geschichte einigen Grund hat, haben sie ihre Handlung überladen! Der einzige Trisino, dessen Sophomsbe, als in Italien, nach langen barbarischen Jahrhunderten, die Wissenschaften wieder aufgingen, das erste Trauerspiel war, ist mit dem Engländer in diesem Punkte, welchen er den Griechen, den einzigen Mustern damals, abgelernt hatte, zu vergleichen. Und was soll ich von seinem Eduard und iLleonora sagen? Dieses ganze Stück ist nichts als eine Nachahmung der Alceste des Änripivcs; aber eine Nachahmung, die mehr als das schönste ursprüngliche Stück irgend eines Verfassers bewundert zu werden verdient. Ich kann es noch nicht begreifen, durch welchen glücklichen Zufall, Thomson in der neueren Geschichte die einzige Begebenheit finden mußte, die mit jener griechischen Fabel, einer ähnlichen Bearbeitung fähig war, ohne das geringste von ihrer Unglaublichkcit zu haben. Zch weis zwar, daß man an ihrer historischen Wahrheit zweifelt, doch dieses thut zur Sache nichts; genug daß sie unter den wirklichen Begebenheiten Statt finden könnte, welches sich von der, die den Stoff der griechischen Tragödie ausmacht, nicht sagen läßt. Es ist unmöglich, daß Racine, welcher die Alceste des EnripiOes gleichfalls modernisircn wollen, glücklicher, als Thomson, damit hätte seyn können. Doch genug von dem Dichter selbst. Zch komme auf die gegenwärtige Übersetzung, von welcher ich nur dieses zu sagen weis. Sie hat vcrschicdne Urheber, die aber über die beste Art zu übersetzen, sich sehr wohl verglichen zu haben scheinen. Wenn Vorrede zu Jacob Thomsons Trauerspielen. sie sich über die beste Art der Rechtschreibung eben so wohl verglichen gehabt hätten, so wurde ich den Leser, im Namen des Verlegers, nicht ersuchen dürfen, den kleinen Ilcbclstand zu entschuldigen, eine gedoppelte Art derselben in einem Bande gebraucht zu sehen. Eines wollte ich, daß sie bey ihrer Uebersetzung nicht weggelassen hätten; nehmlich die zu jedem Stücke gehörigen Prologen und Epilogen. Sie sind zwar nicht alle vom Thomson selbst; sie enthalten aber alle sehr viel artiges, und die Epilogen, die von ihm selbst sind, eifern größten Theils wider den gewöhnlichen burlesken Ton der englischen Epilogen bey Trauerspielen. Den einzigen Prologen des Loriolans, desjenigen Stücks, welches erst nach dem Tode des Verfassers gespielt ward, kann ich mich nicht enthalten hier ganz zu übersetzen. Er schildert den moralischen Charakter des Dichters, welchen näher zu kennen, dem Leser nicht gleichgültig seyn kann. Er hat Herrn Ayttleton. zum Verfasser, und der Schauspieler, welcher ihn hersagte, war Herr Guin. Dieses ist er: „Ich komme nicht hierher, eure Billigkeit in Beurtheilung „eines Werkes anzuflehen, dessen Verfasser, leider, nicht mehr „ist. Er bedarf keines Vorsprechcrs; ihr werdet von selbst die „gütigen Sachwalter des Verstorbnen seyn. Seine Liebe war „auf keine Parthey, auf keine Sekte eingeschränkt; sie erstreckte „sich über das ganze menschliche Geschlecht. Er liebte seine „Freunde — verzeiht der hcrabrollcndcn Thräne. Ach! ich fühle „es; hier bin ich kein Schauspieler — Er liebte seine Freunde „mit einer solchen Inbrunst des Herzens, so rein von allem „Eigennutze, so fern von aller Kunst, mit einer so großmüthigen „Freyheit, mit einem so standhaften Eifer, daß es mit Worten „nicht auszudrücken ist. Unsre Thränen mögen davon sprechen. „O unverfälschte Wahrheit, o unbefleckte Treue, o männlich „reizende und edel einfältige Sitten, o thcilnehmcnde Liebe an „der Wohlfarth des Nächsten, wo werdet ihr eine andre Brust, „wie die scinige, finden! So war der Mensch — den Dichter „kennt ihr nur allzuwohl. Oft hat er eure Herzen mit süsscm Weh „erfüllt; oft habt ihr ihn, in diesem vollen Hause, mit verdientem Bcyfalle, die reinsten Gesetze der schönen Tugend prcdi- 74 Norbericht zu Laws ernsthafter vnininierung. „gen hören. Denn scinc keusche Muse brauchte ihre himmlische Lcycr zu nichts, als zu Einflößung der edelsten Gesinnungen. Kein einziger unsittlicher, verderbter Gedanke, keine „einzige Linie, die er sterbend, ausstrcichcn zu können, hätte „wünschen dürfen! O möchte eure günstige Beurtheilung diesen „Abend noch einen andern Lorbeer hinzuthun, sein Grab damit „zu schmücken! Jetzt, über Lob und Tadel erhaben, vernimmt „er die schwache Stimme des menschlichen Ruhms nicht mehr; „wenn ihr aber denen, die er auf Erden am meisten liebte, dc- „ncn, welchen seine fromme Vorsorge nunmehr entzogen ist, mit „welchen scinc freygebige Hand und sein gutwilliges Herz, das „wenige, was ihm das Glück zukommen ließ, theilte, wenn „ihr diesen Freunden durch eure Gütigkcit dasjenige verschafft, „was sie nicht mehr von ihm empfangen können, so wird auch „noch ictzt, in jenen seligen Wohnungen, seine nnstcrblichc Seele „Vergnügen übcr diese Großmuth empfinden." Die letzten Zeilen zu verstehen, muß man sich aus dem Leben des Dichters erinnern, daß die von der Vorstellung ihm zukommenden Einkünfte, seinen Schwestern in Schottland gegeben wurden. Eine ernsthafte Ermunterung an alle Christen zu einem frommen und heiligen Leben. Von William Law. ^. M. Aus dem Englischen übersetzt. 1766. Vorbericht.*) Von dem Verfasser dicscs Wcrks weiß der Ucbcrsctzcr desselben weiter nichts, als daß er ein Prediger in Zrrland irgendwo gewesen, und sich auch noch durch andre Schriften bekannt gemacht hat. Er hat von der christlichen Vollkommenheit, Anmerkungen übcr die bekannte Zabel von ven Bienen, von der °) Die Erzählung in Lcssinqs Lebe» I, S. 198 kann Zweifel errege» ob dieser Vorbericht von ihm ist. Inzwischen hat nach den alte» weidmännischen Handlungsbüchern Lcssing das Honorar für das ganze Werk erhalten , Weiße nichts. Diese Notiz verdankt der Herausgeber Herrn S. Hirzcl, Vorrede zu Richardsons Sittenlehre. 76 Unzulösiigkeit der Schaubühne geschrieben, lind sich auch sonst in den Tolandschen und andern Streitigkeiten bekannt gemacht. Die gegenwärtige Ermunterung hat er zu Londcn j72l>, ohne Vorrede, ans Licht gcstcllct. Man will sie also auch im deutschen mit einem Stücke unvcrmchrt lassen, welches der Verfasser für unnöthig erkannt hat. Zeder Leser mag es nach seinen eignen Empfindungen bestimmen, was sie für einen Rang unter den geistlichen Büchern verdienet. Sie wcitläuftig anpreisen, würde eben das sagen, als ob man an seiner andächtigen Aufmerksamkeit im voraus zweifeln wollte. Hrn. Samuel Richardsons Sittenlehre für die Jugend in den auserlesensten Aesopischen Fabeln. Vorrede des Ueberseßers. Aesopus, die wahren oder fabelhaften Umstände seines Lebens, die Einrichtung und Nützlichkeit seiner Fabeln, die lange Reihe seiner Nachahmer zc. würden für einen Vorredner, der ein Vergnügen daran fände, die allcrbckanntcstcn Dinge zu sagen, ein sehr ergiebiges Thema seyn. Zn der Hoffnung aber, daß niemand hier suchen werde, was man überall finden kann, glauben wir dem Leser blos anzeigen zu dürfen, wie der berühmte Name eines Richardson für ein Buch komme, das gänzlich dem Gebrauche und dem Unterrichte der Kinder bestimmt ist. Roger S.estrange ist bey den Engländern der berühmteste Eompilator Acsopischcr Fabeln. Er hat deren einen ganzen Folianten herausgegeben, fünfhundert an der Zahl; und in der Folge, auf Anhalten des Verlegers, noch einen zweyten Band hinzugefügt. Seine Schreibart wird von seinen Landslcutcn für eine der reinsten und meisterhaftesten gehalten; und seine Weise zu crzchlcn für leicht, munter und voller Laune. Auch in dem Hauptwerke läßt man ihm die Gerechtigkeit wicdcrfahren, daß seine Anwendungen und Sittcnlchrcn passend, nicht abgedroschen, nachdrücklich und gemeinnützig sind. Doch fanden sich Leute — und wo findet ein guter Schriftsteller dergleichen Leute nicht? — welche einen bessern Geschmack 76 Vorrede zu Richardsons Sittciilehrc, zu haben glaubten, weil sie einen andern hatten, als das zufriedne Publicum. Ein gewisser S. Lroxal, um seinen eignen Gcburthcn Platz zu schaffen, bekam den liebreichen Einfall, die Fabeln des Aestrange, weil er sie nicht so grade zu für elend ausgeben wollte, als gefährlich zu vcrscbrcycn. Ihr Verfasser, versicherte er, habe sich nicht als ein rechtschaffener Britte, sondern als ein Feind der Freyheit, und ein gcdungncr Sachwalter des Pabstthums und der uneingeschränkten Gewalt in diesem Werke erwiesen, welches doch für eine frcygcbohrne Jugend geschrieben seyn sollte. Diesem Vorwürfe nun, ob er gleich der gcgründcste nicht ist, sind wir die gegenwärtige Arbeit des Herrn RicharOsons schuldig. Er wollte ihm, mit der gewissenhaftesten Genauigkeit, abhelfen, und daher theils diejenigen Fabeln, welchen L.estrKnge, nicht ohne Gewaltsamkeit, eine politische Deutung gegeben, auf allgemeinere Lehren wieder zurück bringen, theils diejenigen, welche keine andere, als politische Anwendung litten, mit aller möglichen Lauterkeit der Absicht bearbeiten. So weit gicng des Herrn Richardsons erstes Vorhaben. Bey der Ausführung aber fand er, daß es nicht undicnlich sey, sich weitere Grenzen zu setzen. Er ließ einen guten Theil weg, alles nehmlich was mehr ein lächerliches Mährchcn, als eine lehrreiche Fabel war; er gab vielen, auch von den nicht politischen, einen bessern Sinn; er verkürzte; er änderte; er setzte hinzu; kurz, aus der Adoption, ward eine eigne Geburt. Und hiervon wird sich auch ein deutscher Leser überzeugen können, wenn er sich erinnern will, daß ein großer Theil der Fabeln des Aeskrange, bereits vor vielen Jahren, in unsre Sprache übersetzt worden. Man stelle die Verglcichung an, und sie wird gewiß zum Vortheile der gegenwärtigen ausfallen. Wer wird sich auch einkommen lassen, etwas für mittelmäßig zu halten, wobey der unsterbliche Verfasser der Pamela, der Llarissa, des Granoisons die Hand angelegt? Denn wer kann es besser wissen, was zur Bildung der Herzen, zur Einflössung der Menschenliebe, zur Beförderung jeder Tugend, das zuträglichste ist, als er? Oder wer kann es besser wissen, als er, wie viel die Wahrheit über menschliche Gemüther vermag, wenn sie Vorrede zu RichardsoiiS Siltenlchrc. 77 sich dic bezaubernden Reize einer gefälligen Erdichtung zu borgen herablaßt? Es ist durchaus unnöthig sich in eine wcitläuftigcrc Anpreisung einzulassen. Noch weniger wollen wir einen Bcllegaröc, dessen Fabeln jetzt am meisten in den Handen der Kinder sind, mit einem Richards?»! zu vergleichen wagen; denn der Engländer würde sich nach der Art der alten römischen Tribune, mit Recht beschweren können, tc- iu orclinc-m coZi. Man hat bey der Ucbcrsctzung nichts weggelassen, als das Leben des Aesopus. Zn Ansehung des Aeußcrlichcn aber, hat sie vor dem englischen Originale, so wohl was die Kupfer als den Druck anbelangt, einen großen Vorzug bekommen. Einem Buche für Kinder, haben dic Verleger geglaubt, müsse nichts fehlen, was Kinder reizen könne. Leipzig, den 47 März 1767. Aus der Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste. 1757. 1758.*) Im A.agcr bey Prag. Unter dem Artikel von Berlin haben wir, auf der vorhergehenden 404 Seite, zwey Sicgcslicder °) Noch einer Anmcrklmg von Nicolai zum 3l. Littcraturbriefc, im 26. Theil dcr Lessingischcn Schriften, hat Lcssing zur Bibliothek der schöne» Wissenschaften, außer dcr Recension vo» Licbcrkühns Tl'eokrit (H- Bd, 2 St., S. 366—396), nur „ein Paar kurzc nicht bedeutende Nachrichten" geliefert. Es läßt sich beweisen daß im zweiten Stücke dcs ersten Bandes zwei Zusätze von Lessing sind, dic beide Nicolai sehr gefielen, und daß cincr davon zwei Grenadierlirdcr von Eleim cnthiclt (Br, an Mendelssohn 18 Aug. 1757, von Mendelssohn 13 Sept., vo» Nicolai 7 Sept.). Dieser steht in dem genannten Stücke S. 426—429. Der andre ist schwer zu findcn, wcnn es nicht ctwa dcr Schluß folgender Nachricht ist, S. 403. „Dic Nicolaische Buchhandlung hat des Hrn. Ncricault Des- rouches und Franz Regnards sämmtlichc thcatralische Wcrkc, jene in vier Thcilen, und diese in zwey Theilen, deutsch geliefert. Ob gleich die Werte dcs Geistes am besten in dcr Sprache gelesen werde», i» dcr sie geschrieben sind, so habc» doch Uebcrsctzimgc», bey dcncn, wclchc cntwcdcr dcr Spracht dcr Urkunde nicht mächtig sind, odcr sich durch die Kostbarkeit ausländischer Ausgaben abschrecke» lasse», immer ihren Werth. Dic Ucbcrsctzung frcmdcr dramatischcr Stücke, sollte wenigstens den Nutze» habc», eine gewisse Gattung von Griginalstiicken von unscrcr Bühne zu vertreiben, in welchen ma» nach den Regeln jähnc» muß, und dic wohl »och dazu ihre erträgliche 75 AuS der Bibliothek der schönen Wissenschaften. cmcs preußische» Officicrs angeführt; und unter diesem wollen wir dem Leser zwey ähnliche aber weit bessere Gesänge mittheilen, die einen gemeinen Soldaten zum Verfasser haben. Der erste, welcher uns nur geschrieben zu Händen gekommen, ist bey Eröffnung des diesjährigen Fcldzugcs, von ihm gesungen worden, und heißt ein Schlachtgcsang. Der zweyte ist ein Sicgcslied nach der Schlacht bey Prag (den Ktcn May 1757) und man hat ihn auf einem Vogcn in Quart abgedruckt, dessen Titel den oben vorgesehen Ort angiebt, Sie könnten beyde weder poetischer noch kriegrischcr seyn; voll der erhabensten Gedanken, in dem einfältigsten Ausdrucke. Zn der gewissen Ueberzeugung, daß sie gefallen müssen, lind daß sich unsre auswärtige Leser nicht an Dinge stoßen werden, die der Verfasser als ein Mann sagt, der die Gerechtigkeit der Waffen seines Königes vorausseyen muß, rücken wir sie hiemit ganz ein: I. Scklachtgesang. Ans/ Bruder, Friedrich unser Held, Der Feind von fauler Frist, Ruft uns nun wieder in das Feld, Wo Ruhm zu Holm ist. Was soll, o Tolpatsch und Pandur, Was soll die träge.Rast? Auf und erfahre, daß du nur Den Tod verspätet hast. Aus deinem Schcdel trinken wir Bald deinen süßen Wein, Du Ungar! Unser Feldpanicr Soll solche Flasche seyn. Stellen eben den Ausländer» zu danken haben, denen sich ihre unwissendc Verfasser gern gleich setzen möchten. Sollten gegenwärtige Ucbcrsetzungc» auch mir Gelegenheit geben, einige Meisterstücke von Destouches welche bey uns noch beynahe ganz unbekannt sind, z, B. den verheyratheten Philosophen uud den jungen Menschen, der die Probe aushälr, nebst Regnards Menechmen und Spieler anf nnscre Schauplätze zu bringen, so würden sowohl der Ucbcrsctzcr als der Verleger viel Dank verdienen. " Unter den vermischten Nachrichten im zweiten Stücke des zweiten Bandes sind zwei (S. 422. 434) bei denen man wohl an Lessing denken könnte: es schien aber zu verwegen sie ohne bestimmtere Anzeigen aufzunehmen. Vermischte Nachrichten. 7!» Dein starkes Heer ist unser Spott, Ist unser Waffcnspiclz Denn was kann wider unsern Gott Th"* und B*? Was helfen Waffen und Geschütz Im ungerechten Krieg? Gott donnerte bey Lobcsitz, Und unser war der Sieg. Und bot uns in der achten Schlacht Franzos und Russe Trutz, So lachten wir doch ihrer Macht, Denn Gott ist unser Schutz. II. Siegesliev. Victoria, mit uns ist Gott, Der stolze Feind liegt da! Er liegt, gerecht ist unser Gott, Er liegt, Victoria! Zwar unser Vater ist nicht mehr, Jedoch er starb als Held, Und sieht nun unser Sicgeshccr, Vom hohen Sternenzelt. Er ging voran, der edle Greiß, Voll Gott und Vaterland! Sein alter Kopf war kaum so weiß, Als tapfer seine Hand. Mit mnntrcr jugendlicher Kraft Ergriff sie eine Fahn, Und hielt sie lwch an ihrem Schaft, Daß wir sie alle sahn. Und sagte: Rinder, Berg hinan, Auf Schanzen und Geschüy! Wir folgten alle, Mann vor Mann, Geschwinder, wie der Blitz. Ach, aber unser Vater siel, Die Fahne fiel auf ilm. O, welch glorreiches Lebensziel, Glückseliger Schwerin! Vielleicht hat Friedrich dich beweint, Indem er uns gebot; Aus der Bibliothek der schönen Wissenschaften. Wir aber stürzten in den Feind, Zu rächen deinen Tod. Du, Heinrich, wärest ein Soldat, Du fochtest königlich! Wir sahen alle, That vor That, Du junger Löw auf dich! Der Ponimcr und der Märker stritt, Mit rechtem Christcnmnth. Sein Schwcrd ward roth, auf jeden Schritt Floß schwarz Pandurcnblut. Aus sieben Schanzen jagten wir Die Mützen von dem Bär; Da, Friedrich, ging dein Grenadier Auf Leichen hoch einher! Dacht in dem mörderischen Kampf, Gott, Vaterland und dich; Erblickte schwarz von Rauch und Dampf, Dich, seinen Friederich; Und zitterte, ward feuerrot!) Im kricgrischcn Gesicht'; (Er zitterte vor deinem Tod, Bor seinem aber nicht.) Verachtete die Kugclsaat, Der Stücke Donnerton, Stritt wüthender, that Heldenthat, Biß deine Feinde flohn. Nun dankt er Gott für seine Macht Und singt- Victoria! Und alles Blut aus dieser Schlacht Fließt nach Th °°° Und weigert sie ans diesen Tag Den Frieden vorzuzichu; So stürme/ Friedrich, erst ihr Prag, Und dann führ uns nach Wien! Die Idyllen Theokrits, Moschus und Bions. >>t Die Idyllen Theokrits, Moschus und Bions, aus dem Griechischen übersetzt. Berlin bey Gottlieb August Lange. 1757. in 8. 10 Bogen, Eine Ucbcrsctzung ans dem Griechischen! Eine Ucbcrsctzung eines griechischen Dichters! Eine poetische Ucbcrsctzung eines griechischen Dichters! — Mehr Gutes könnten wir unsern Lesern schwerlich auf einmal verkündigen. Allem wir müssen sie, leider! ersuchen, ihre Freude noch einige Augenblicke zurück zu halten; und wenn sie es alsdenn noch für gut befinden, ihren Lands- leutcn zu diesem deutschen Theokrit Glück zu wünschen; so — Doch das sollte uns sehr wundern. Der Uebcrsctzer hat eine Einleitung vorgesetzt, die aus neun Abschnitten besteht. Er handelt darum von dem Leben der drey griechischen Dichter, von den Idyllen überhaupt, von dem eigentlichen Gegenstände der Idyllen, von der Schreibart der Idylle, von dem Sylbenmaße der Idylle, von dem Charakter der drey Dichter, von den kleinen Gedichten derselben, von den Bildcrvcrscn, die man bey den meisten Ausgaben derselben findet, und endlich von seiner gegenwärtigen Ucbcrsctzung selbst. Unter diesen Ucbcrschriftcn könnte viel brauchbares, schönes und neues stehen; wir haben aber in der That nichts gefunden, was des Auszcichncns werth sey, und wollen also sogleich zu der Ucbcrsctzung selbst kommen, von der wir nur noch das im voraus erinnern müssen, daß sie größten Theils in Hexametern abgefaßt ist. Wir werden uns aber nur bey dem Theokrit aufhalten können. Istes Idyll. Wollen wir wohl untersuchen, ob der Gaul nicht gleich über die Schwelle gestolpert ist? Hier ist der Anfang. Thyrsig. Lieblich ist das Murmeln und jene Fichte, mein Hirte, Die zu den Quellen rauscht! Auch lieblich sind die Ecsänge . Deiner Flöte. Der nächste Lohn nach dem Pan gebührt dir! Wenn er den stößigen Bock empfängt, so empfängst du die Zicge. Wird die Zicge sein Lohn, so bekömmst du die saugende Ziege; Angenehm ist ihr Fleisch, bis der wartende Hirte sie melket. Äsfings Werke v, g 82 Aus der Bibliothek der schönen Wissenschaften. Der Ziegenhirte. Lieblicher ist dein Gesang, o Schäfer, als rieselndes Wasser, Das von obern Felsen widerschallend hinabrinnt. Nehmen die Musen zum Lohn, ein noch nicht weidendes Lämmchcn, So gebührt dir ein fettes Lamm. Wenn ihnen gefallt Sich ein Lamm zu wählen, so wird ein Schaf dein Geschenke. Gleich in der ersten Zeile, ist aus dem Worte Murmeln, welches sich nur von den Quellen sagen läßt, und aus dem und, deutlich zu ersehen, daß der Uebcrsctzcr die wahre Con- struction verfehlt hat. Theokric sagt: ^.6^ ?t ?o ^c^vpto'^i,« x«i cx zrt^^z «tnIo^L, i^voc, ^ nDT'i, 7°«l? Tv«)/«-.«?!,, ^i.xX/to'ckxi'oci. D. i. Süß ist das Flistern, das von der Fichte, hier an den «Quellen, lieblich errönet- Diese Ucbcrsctzung rechtfertiget der alte Schollast, der die Stelle so umschreibt: ^ /^v -ro 7-7^ ?rt?^ci? ^tA^^io^i.« xxx^'i^? «cx^ioe T-oei-z zr^^cxii; ^t^v- pu>^ «60^,0-^9. Der Dichter sagt nichts von murmelnde» Quellen; er läßt bloß die Fichte lieblich flistern, und zwar an den Quellen, und nicht zu den Quellen. Der deutsche Uebcrsctzcr, dcn wir der Kürze halber Herr -S.dk. nennen wollen, hat sich ohne Zweifel von einer schlechten lateinischen Ucbcrsctzung verführen lassen, welche die letzter» Worte durch nu»? sil lontes tuavitor c-»n!t giebt. Wc»» n?<->? (dorisch no?/,) mit dem Da- tivo, zu bcdcutcn könntc, so müßte es eben diese Bedeutung auch im 107 Verse dieses ersten Idylls haben. L!c5-? noi^ov ^o^Zei^liT't, mo?«, /i^i0'0'«c. D. i. 'Hier, rvo die Dienen lieblich um ihre Rörbe summen. (Auch in dicscr Zeile hat Herr -L.dk. die Partikel verfehlt, und sie zwar nicht durch zu, abcr eben so unglücklich durch aus übersetzt: Niedlich murmeln aus weidenen Rörben dieschrvar- menden Dienen.) Wir gchcn weiter, wenn Pan den stößigen Zbock empfangt. Warum stößig? Thcokrit sagt bloß xx9«ov?p«^ov, und der Schollast sagt ausdrücklich, daß XL- p«c)? und xx9«o-P09Tlo'«, fagt der Scho- Tie Idyllen Theokrits, Moschiis und Bions. 83 liast. Hr. K.bk. hat den Unterschied zwischen -?^o? und 55t- ^^«xog nicht gewußt; jenes wurde man allenfalls durch eine saugende Ziege übersetzen können. Hier aber ist das sangende wegen des folgenden um so viel anstößiger; angenehm ist ihr (der saugenden Ziege) Fleisch, bis der wartende -Hirte sie melket. Also melkt man die saugenden Ziegen, oder melkt sie doch so gleich, als sie zu saugen aufgehört haben? Die Ungereimtheit ist auf Thcokrits Rechnung nicht zu schreiben. Noch bemerke man den Ausdruck wartende -Hirt. Wie deutlich und bestimmt Hr. L.bk. überall ist! Heißt der wartende -Hirt, der sorgende, der pflegende Hirt, oder der Hirt, der die Zeit zu melken nicht erwarten kann? — Als rieselndes U)asser, das von obern Felsen widerschallend hinabrinnr. Was für elende holkcrichtc anderthalb Zeilen, für die malende Harmonie der Griechischen: 7^ -50 sc«7'«XL? ^7^1'' «ND TtxT^«^ sc«?«?v,xl^Zx?'«i i^^oA-LV ^6k>c>. Zm Griechischen, fast lauter reine liebliche Daktyliz im Deutschen fast lauter schwerfällige unangenehme Spondäi. Das von > obern > Felsen > wieder ^ «?ro ^ ^ x«?cx i, XxcjZxT-oc-, j ^ s"). Und nun wird man allch die Feinheit einsehen, mit der Thcokrit jedem von den wetteifernden Hirten eine eigne Begleichung in den Mund legt. Thyrsis sagt: gleich dem süsscn Scuscln der sanft flistcrndcn Fichte; und der Zicgcichirt erwiedert: lieblicher als das rieselnde Wasser, das hoch vom Felsen hcrabflicßt. Wo aber bleibt diese Feinheit, wenn man, mit dem Hr. -L.bk. die Quellen sogleich zur Fichte murmeln laßt? — Nehmen die Musen zum L.ohn ein noch nicht weidendes F.ammchcn; l>o°v c-^cs« sagt Thcokrit) so gebührt dir ein fettes -ü.amm (o-c>v« o-«x^«v ^«^^). (°) Es ist freylich von einem schlechten Ucbcrfttzer zu viel verlangt, daß er uns auch nicht einmal um den Wohltlang seines Originals bringen soll. Wir würden also dem Herrn Lbk. diese Nimrodsche Zeile nicht aufgemutzt haben, (wie wir ihm denn von Grund des Herzens gern, alle übrige von gleichem Schlage übersehen) wenn er sich nicht in dem fünften Abschnitte seiner Einleitung das Ansehen geben wollte, als habe er über den deutschen Hcramctcr mehr als andre nachgedacht, und daher etwas davon sagen tonne, was vor ihm noch niemand gesagt habe. k» 84 Aus der Bibliothek der schönen Wissenschaften. Wie verkehrt! Sicht denn Hr. K.bk. nicht, daß der Zicgcnhin dein Thyrsis gleichfalls weiter nichts, als 7-« cj-i^-p«« kloua-u>v zuerkennen will, so wie Thyrsis ihm Sx^^xt« H«-uoc znerkannt hatte«! lind wenn dieses ist, müssen denn nicht »t'l'<5x? mehr seyn, als o"^?«-, «p^xc? Sind aber noch nicht weidende Lämmchcn mehr, als fette Lämmer? Wahlen die Musen ein A.amm, so wird ein Sckaf dein Geschenke- Immer verkehrter! Ein Schaf ist ja wohl besser als ein Lamm? Und also wurde Thyrsis noch immer einen größer» Preis erhalten, als die Musen; ist das aber Thcokrits Meinung? So sehen die ersten cilf Zeilen der gegenwärtigen Ucbcrsc- tzung aus. Es würde Sklavenarbeit seyn, alles folgende auf gleiche Weise durchzugehen. Wir wollen also nur hier und da einen Stein anzeigen, der seiner Unwissenheit zum Anstoß geworden. — Thcokrit läßt (v. 23. 24.) den Zicgcnhirtcn sagen: «t <5x «ki«?^!; !^ ?rnx« ?-ov ^Vl^i^cx^L nD-rt Xc>o^i.tv cxl0'6u)v. d. i. Wenn du so singst, rvie du einst mit dem Indischen Lhromis um die Wette sangst; ««n ^cr^q uso-nr-c, nD?s rc^t^v ^o-? T'ov Xzio^ltv T'ov ^.t/Zi^o-^xi-, T'o^T'x^t ttiro ?7>? ^.tjZv^?, erklärt es der Scholiast. Hr. L.bk. aber übersetzt: — — Und singst du mir Lieder Wie dn einst im Wettstreit den Chromis lybisch besungen. Man sagt -5>t^v ^po-z mit einem streiten; aber wo hat Hr. K.bk. o-, einen besingen, gefunden? Und wie hat es ihm einkommen können, ^.t/Z^o-A-« zu einem Abvcrbio zu machen? — Bey der 69 Zeile kann man sich unmöglich des Lachens enthalten: L,^-^ o-xo?rl«v, übersetzt Hr. -ü.bk. noch in der Höhle des Aetna. 2x0«« heißt ein erhabner Ort, von welchem man sich umsehen kann; und (°) Was «izvk? sind, zu erklären, setzt der Scholiast hinzu: ««6 -V I?öi!j> o^K-j! «>,-i0Ti<7lv. Der Verstand erfordert nothwendig, daß man anstatt o-v?, o^x lese. Denn wenn sie der Milch noch bedürfen, so ist es ja wohl billig, sie bey den Muttern zu lassen? Gleichwohl finde ich in allen Ausgabe» des Scholiasten o-v?. Die Idylle» Theokrits, Moschus i»id Kions, 86 also hätte übersetzt werden müssen: noch auf der -Hohe, oder Spirze ^ des Aetna- Wie hat Hr. -L.br'. aber die Spitze für eine Höhle ansehe» könne»? Dieses beantwortet die lateinische Übersetzung, oder das Lcxicou, wo er bey -/xoiriu das lateinische s,,oeulkt gefunden, welches er in seiner übcrsctzcrischcn Eilfertigkeit für spvwnca genommen. — Die 4V5tc Zeile, 7°«v R.^ic^>tv » ^xci^vt;, ej>7c. übersetzt Hr. -L.bk. Und der Hirte sagte zur Venus, begicb dich nach Zda. v sZit>xc>X.c)i,' der Hirte sagte; das ist allerliebst! Und nach Iva; als ob Zda eine Stadt wäre! Solche grobe Fehler! Und gleichwohl hat uns der alte Scholiast wegen des wahren Verstandes dieser Zeile, nicht einen Augenblick in Zweifel gelassen; c>T?, fagt er, llV?t ?o^> oiroii. ?^kt?rxt l)L?>u _>v«l X-x^e^ot. N)o, rvie man sagt, der Hirte die Venus — Die Bescheidenheit befiehlt dem Thcokrit, die Rede unvollendet zu lassen. Anstatt Und der Hirle sagte zur Venus, begieb dich nach Jda, Eil zum Anchises. hätte Hr. -L.br'. also ungefehr sagen sollen: Geh nur auf deinen Ida, rvc> dick? einst der Hirt — du weist schon — geh nur zu deinem Anchises. Aus der II. Idyll, die gleichfalls von Fehlern wimmelt, wolle» wir nur die allergröbstc» anzeige». Aus dem Nogcl ic>^ macht Herr L.bk. durch das ganze Idyll, einen bezaubernden Trank. cht^>« sind ihm bloße Säfte; und er weis nicht, daß überhaupt alles darunter verstanden wird, wodurch man Liebe zu erwecken denkt. Auch die Lorbeer», welche Simä- tha verbrennt, auch das Wachs, das sie am Feuer zerläßt, sind cptX,7-;>«. — Z» der 48stcn Zeile sagt der griechische Dichter: In,?c0-«.«VL<,' Pl^ov x<^t n!«j>' und Herr -L.br'. übersetzt es: Bey den Arkadicrn ward Hippomancs vormals gcbohrc». Es ist zwar nicht ganz ausgemacht was I?r7r<^«v^ heißt; ob es eine Pflanze, oder, nach dem Servius, viius ex onucu-um ingu'w'iNus «IvlluvnSz -«?ct ^«ik>u>. S«'^o-; ist ein gclblichtcs Holz, und eben dasselbe, welches die Griechen sonst ^>i_>o'oHi^ov nennenz ^v^ov 6 x«^^«! crzt^«j>tciv^ ^ovv crxv^lxvv ^v^ov, sagt der Scholiast. Wenn man aber in des Herrn L.bk. Übersetzung liefet: Oft glich ein bleiches Cesicht dem todtenfarbigcn Thapstis; sollte man nicht fast vermuthen, er habe Thapsus für etwas ganz anders als für ein Holz angesehen; besonders da er ihm das weibliche Geschlecht nicht läßt, das cs im Griechischen hat? — Der Fehler in der 446 Zeile ist unwiderstehlicher; cr macht nehmlich aus « ivleX^oi^ (der Mutter der Mcliro; man merke wohl, daß k5-^ov? der Gcuitivus ist) eine Mannsperson, die er Mclixus nennt. III. Idyll. „Die Scholastiker, sagt Herr -L.bk. in dem Zn- „haltc, haben allerhand witzige Mulhmaßungcn über die Person „dieses Gedichts geäußert." — Die Scholastiker? Welche? Die Scotistcn oder Thomistcn? Oder meint der gelehrte Ueber- sctzcr etwa die Scholiastcn? — die cr nicht gelesen hat. — Zn der Listen Zcile macht Hcrr F.bk. aus dcr ^90^, cincn Ackermann, Namens Agröos. Zn dcr 4Zstcn Zeile ist ein gleicher Fehler, wo cr aus dcr klugen Alphcsiböa einen weisen Alphcsi- bäus macht. Was für eine Lust mag cr wohl an solchen Verwandlungen haben? Zn dem IV Idyll wollen wir nur cincn einzigen Fehler anmerken. Nur cincn einzigen, dcr aber gut und gern sein Dutzend kleinere werth ist. Den Fluß Alpheus, dcr jcdem bekannt seyn muß, dem die olympischen Spiele nicht etwas ganz unerhörtes sind, macht cr zu einer Stadt Alphe, und übersetzt Die Idyllen Tbcokrits, Moschus und BionS. 87 die t>te Zeile «^-wv vtv e?r' ^rpsov ^«?->z ivit^uiv, durch: ihn nahm ja XNilo mir sich nach Zllphe. V. Idyll. Zu der 14 Zeile hat Herr F.bk. aus ^«xuiv » X«- ^«t^lFo? zwey vcrschicdne Personen gemacht. Zn der 117 Zeile ist die ganze Zronie verlohrcn gegangen; anstatt du wendest lächelnd den N'ackcn, hätte es heißen sollen: du wendest dich vortrefflich! Zn der 12Kstcn übersetzt er Tr»?-' cZp^ov am dämmernden Abend; und doch hieß o;>^?o? die Morgcndcmmcrung. VI. Idyll, Eines von den vortrefflichsten Bildern im Theo- t'nt hat Herr Ächk. schändlich verdorben; denn in der 14tcn Zeile hat er das «^o-; x;>xo, durch eine Ziege mit sprossenden -Hörnern. Er hätte setzen sollen, mit verstümmelten Hörnern; ^^«v«^'« cp^o-lv «x-9K>v, sagt der Scholiast. Den 70sten Vers müssen wir doch auch noch anmerken. vx^xo^e, i'x^xcrA^' cj' oi5^«7'« ?rX,^o'«l'L ^«croee, 1-0 ^i^xv u5^>vx^ ^cov^t, ?o ?«?v«z>'^>i; cx?ro^^l.«e. D. i. leidet, weidet und füllet die Euter, damit ein iüheil den Kammern werde, und ein Theil die Aeschen fälle- Oder, wie cs T>an. -Heinsins übersetzt: 88 Aus der Bibliothek der schönen Wissenschaften. pateits, psteite vos, atyne uneia tenclite eunets. ^Itera psrs cgl-ttkis, p»rs irltera rettet ut aFnis. Herr Ä.bk. aber übersetzt: Daß die Lämmer nicht darben, so pflück ich in Körben euch Kräuter. Wir haben schon vermuthet, ob er hier nicht vielleicht einer besondern Lesart gefolgt sey; aber welcher? nnd wo findet man sie? IX. Idyll. Hier kommen wieder ein Paar Zeilen vor, die Herr Schi?, unmöglich nach dem Griechischen kann übersetzt haben. Daphnis sagt: den brennenden Sommer aber achte ich eben so wenig, als ein Verliebter die Reden des Vaters oder der Mutter: <5e ^-e^o^ cs>9V)/oi,-?o^ e^k) 7'00'0'ov ^L/^rF«t,vcv ^Oo'o'ov rc>u>^5i 2r«?cm«; ^i^uiv x«i ^«T^o? «sco^xcv. Wenn er nur wenigstens die Übersetzung des Heinsius zu Rathe gezogen hätte: ?orri(lasjue settatis vix tantum friFora curo, tjuam pgtris prolleopta tui, vel matris, amator. Doch er hat lieber etwas hinschreiben wollen, was kein Mensch, auch er selbst nicht einmal, verstehen kann. Aber den brennenden Sommer bedenk ich so ämsig, als Kinder, Die mit begierigem Ohr die lehrenden Aeltern erwarten. Zn dem X Idyll ist gleich das erste Wort ein Fehler; -9^«7-tv« jZo^>x«ix, heißt nicht amsiger Schnitter, und kann cs auch wegen des folgenden nicht heißen, wo von diesem äm- sigcn Schnitter gesagt wird, daß er zurück bleibe. Es sollte dafür heißen gedungner Schnitter. — Zn der I9ten Zeile verwechselt der Uebcrsctzer den Plutus mit dem Pluto. Wo hat er gelesen, daß man den Pluto blind vorstelle? — Zn der 27stcn Zeile sagt der Dichter: — — Z>uc>cxv x«^xov5t 7^ ütoiVT'x^ I «^t^c>v 6« ^ovo? ^sX,t^ui?ov. D. i. Alle nennen Sich die schlanke, von der Sonne verbrannte Syrerin»; und nur ich nenne dich die honigbranne. Wie giebt das sein Uebcrsctzer? --Die schlanke Syrerin» nennet dich jeder, Von der Sonne gefärbt! Ich aber gleiche dem Honig! XI. Idyll. Theokrir läßt den Cyklops Z. 54 seufzen: Die Idyllen Theokrits, Moschus und Wiens. »'! '5Z /.l^ot o^' o-i^x L^xxxv « ^^«^9 ^Zpo^x^' ^X^v?'«, X«?s6^>v ^roT't x«t 7°«v ? 5--vot7-o I^L 7-01^ R.5>c>vo^i) durch saturnischer Vater. — Daß die 13 und 14 Zeile falsch übersetzt ist, wollen wir nicht einmal berühren; denn Herr L.bk- könnte uns einwenden, der wahre Sinn sey im Deutschen gar nicht auszudrücken. -Heinstus hat ihn wenigstens im Lateinischen ausgedrückt: W Aus der Bibliothek der schönen Wissenschaften. ^tcnio ktliynls, Aeminum. clieklt, par vixit nmantum, Hie I^soecisemoniis Ls^nilus cliotus in oris, ^Itor orklt tcllus <^uon> ^Iiott-lla clioat ^iton. — Wie Herr A.bk. aber die vier letzten Zeilen dieses Idylls verhunzt hat, ist gar nicht zu beschreiben. Der Dichter bricht in das Lob der Mcgarcnscr aus, wegen ihrer besondern Gastfreundschaft gegen den attischen Dioklcs. „Noch jetzt vcrsam- „mcln sich im Frühlinge die Knaben um sein Grab, und streiken um den Preis des Kusses. Wer Lippen aus Lippen am „süßesten drücket, der kehret mit Kränzen beladen zu seiner „Mutter. O selig, wen sein gut Geschicke über diese Küsse „der Knaben zum Richter bestimmt! Sehnlich wird er den „schönen Ganymcdcs flehen, daß sein Mund dem Lydischcn „Steine gleiche, auf dem der Künstler die Güte des Goldes „erforschet." — Das ist der Sinn; nun urtheile man, wie weit Herr F.bx. davon abweichet: Selig lebe der erste, der blühende Knaben geküßt hat, Tenn vom reizenden Eanymedcs verkündigt die Vorwelt, Glatten Steinen gleiche sein Mund, worauf man das Gold prüft. Er lerne nur das leichtere Griechische des Scholiastcn verstehen, wenn ihm der Tcrt zu schwer ist: 'c>v--ui? 6 xx^? 7-u> I7«i'^i.i.^c5ei !v« eiriT'^csxiov e^sz ?o <^o^« Tco-o? ?o Fcnoe^xcv 7°« ^>t)^<>,«7'0!) o^ruit;, u5i; 1^ ^'vFt« ^tA'o^ FciXi^i.«^xt, ?ov A^crov, Xllc/^o^, x«t ^ti.^ >^e. Hier ist zum Ilcbcr- fiussc auch noch die Ucbcrsctzung des -Hcinsi'ns- Hoo n'iniium folix, hui I^al'iit clivicllt illa: Os Mi, I)ii, «^notios (Zan^modon ^aKulat ante Ino!iois i» moron» ls^iclis: «nio nokcius olim, ^»rititl>or ^>uruni s^II'o clitoiiminat -inium. XIII. Idyll. Haben Sie denn niemals, mein Herr L.bk. etwas von den Symplcgadcn gehört? Haben Sie niemals — ich verlange eben nicht bey dem Ovidius, oder Dalerius Flac- cus, sondern etwa in einer ^corr-t ziIiilolnZioa, in dem mythologischen Wörtcrbuchc eines Rliekers, oder in sonst so einem andern Wcrkchcn — gelesen, daß die Argonauten durch diese sich trennende und wieder zusammenstoßende Klippen ihren Lauf nehmen müssen? (moclios intor ^uga coneita curl'us rumnore, 1^. Die Idyllen Theokrits, Moschus und BionS. 91 Und daß diese Klippen, seit der glücklichen Durchfahrt immokv pLi'ttkmt, vont!so^i.«<5u)v vcxi^^, c5ix^«'^x 6' xicrxF^cx^^s K«o'iv) '^tero? 'u)?, ^.l.^« ^cxt^i.«' c>^5 T'oT'L ^otzicxcsx? „Mit ihm, will der Dichter sagen, stieg zugleich Hylas in die „feste Argo, die zwischen den zusammenstoßenden Cyancischcn „Klippen nicht verunglückte, sondern, wie auf Adlers Flügeln, „durch den gräulichen Schlund strich, bis zu dem tiefen Phasis „drang, und die irrenden Klippen unbeweglich, fest an der Tiefe „des Abgrunds zurücke ließ." — Nun will ich Sie, mein Herr Sueberkühn, crponircn lassen: — Mit ihm stieg der reizende Hylas ins Argo, Wohl nnt Rudern versehen, doch landete niemals das Kriegsschiff An die Cyanische Inseln, c§ segelte furchtsam vorüber, Und begab sich, wie rauschende Adler zum tiefen Phasis Durch Hochthürmende Wogen, aus welchen Felsen hcrvorsiehii. LLs landete niemals? Das hatten sich auch die Argonauten niemals einkommen lassen. Es segelte vorüber? Es segelte zwischen ihnen durch. Ans welchem Felsen hervorsrehn? -xcp' heißt nicht aus welchem, sondern, seit welcher geir. XIV. Ivyll. ^I?rirvckMx?-«i; übersetzt Herr -L.dk. in der 12tcn Zeile, durch Fuhrmann. Wenn er aber des Aemilius Porcus dorisches Wörterbuch nachgeschlagen hätte, so würde er die Anmerkung gefunden haben: I^ox. Krsc-eol. vertunt nunA.-,, nullin-; tamcn, -ruetoris auctnntatlZ ros eonlirmutur. — Doch ich eile zu einem Fehler, aus welchem es auf die aller unwidcr- svrcchlichste Weise erhellet, daß Herr S.bk. den Theokrit nicht aus dem Griechischen, sondern aus der lateinischen Ucbcrsctzung verdeutscht hat, und daß er auch diese lateinische Ucbcrsctzung nicht einmal verstanden. Der Dichter sagt zu Ende dieser Idyll vortrefflich: Aus der Bibliothek der fchvncn Wissenschaften, — — cxiro xpoi'-xcpuiv «xXo^i.xo'A-« HttVT'xi; ^pcx^xot, x«t xiri.o'A^u) sc; ^xv^iv x;>^t ^.x^ixcxtVUiv o ^9ov»c;. — — D. i. wie es nach der wörtlichen lateinischen Übersetzung heißt: ^ tvm^oiibus sieri inoipimus sonos, stljuo inilo orclin«? ili Avnas tc-rpit n'tas, quW e-lric>s faelt. Wir schämen uns recht, daß wir hier einem Manne, wie unser Ucbcrsctzcr seyn will, noch sagen müssen, daß tempoia nicht immer die selten bedeute, daß es auch die Schlafe heißen könne. Wenn eben diese Zweydeutigkeit auch bey dem griechischen Worte Statt fände, so wollten wir gern nichts sagen; allein xpo7-«. XVI. Idyll. I«c-vo? «v6xc>? «oi<5«i übersetzt Herr >L.bt?. (Z- 67) Sie wieder Iaons. Wer ist der Zaon? Er hätte sagen sollen, des Ionischen Sängers; und nun versteht man es, daß Homer darunter gcmcinet wird. XVII. Idyll. L.v^9 i^?c»^v «^i^ov e?'^«,^o'oiv jZoeo'tX^uiv, ^«rxpuiv. D. i. Mit welchen die Götter den vortrefflichsten der Rö- Die Idylle» TheokritS, Moschus und Bions. 93 nige, von seinen Aeltern an, ausgeschmückt. T^heokrit will also sagen, daß die Götter zu der Größe und Gute des Pto- lcmäus schon in seinen Aeltern den Grund gelegt. Wie elend aber sagt -L.dk. dafür: Womit die Götter den herrlichsten König vor Kongen bezeichnen, Von den Vätern zuerst! Erstlich heißen hier -r«?-?--? nicht Väter, sondern Aeltern. Denn der Dichter steigt nicht höher, als bis auf den Vater und die Mutter seines Helden hinaus. Zweytens kann man das von Sen Vätern zuerst! nicht anders verstehen, als ob Theokrit sagen wolle: Ich will also den Anfang zu seinem Lobe mit seinen Vätern machen. Und das ist, wie wir gesehen haben, seine Meynung doch nicht. — li^o-«^«, fi«?^? K-eo-; o»oXo/.i^?«t;, giebt unser Verdeutschet (Z. 49) durch Der den Persern so schädliche Gott mit gesprenkelten Helme. ^.loX,o^7li? heißt klug, verschlagen. Doch Hr. -L.dk. scheint hier einer andern Lesart gefolgt zu seyn; welches wir nicht tadeln würden, wenn er nur diese andre Lesart richtig übersetzt hätte. Er muß nehmlich für «^, T'oi^T'x^iV xzr«cM»F/,7-ov xTto^o'xv <5tc> x«l ^ocir«ro — Wie manches könnten wir nicht noch bey der dritten, fünf und zwanzigsten, fünf und fünfzigsten, drey und sechzigsten, neun und neunzigsten, hundert und drey und drcyßigstcn Zeile erinnern! Doch wir müssen mit dic- scr verdrießlichen Arbeit zu Ende eilen. XVIII Idyll. Die 17te Zeile ist abermals ohne Verstand übersetzt: Glücklicher Bräutigam, dir hat, da du nach Sparta gekommen, Jemand glücklich genießt: Vvc> viele Große dir deysteyn, Theokrit will sagen: du mußt zu cincr sehr glücklichen Stunde nach Sparta gckommcn scyn, wo du so viel cdle Ncbcnbuhlcr fandest, und doch zum Zwecke kamst; u> 'XX,o-, «^g-x--,;, ^ «v^>o-«tzv> lloro ^uolliv, IXoe tsmen vK, Ilelonse ^noo conferat, nlla. Zst es nicht, als wenn sich Herr -S.dk. mit Fleiß vorgenommen hätte, von allen das Gegentheil zu sagen? Das XIX IoM wollen wir ganz übergehen; cs ist nur acht Zeilen lang, und Herr -L.dk. hat cs gar in Reime übersetzt. XX Iv>-ll. Was soll in der 3tcn und 4tcn Zeile heißen: — — Ich lernte nicht küssen, Wie die Hirten es thun, ich weis sie artig zu nehmen. Was weiß sie denn zu nehmen? Wenn L.bk. noch ungefähr gesagt hätte: Ick habe nicht gelernt bäurisch zu küssend roohl aber bürgerliche -Luppen zu drücken, so hätte er doch wenigstens nicht den Sinn seines Dichters verfehlt. — Aus der Listen und 32stcn Zeile ist cs abcrmals klar, daß cr bloß aus der latcinischc» Ucbcrsctzung verdeutscht hat. Warum hätte cr sonst von viclcn Mägdchcn aus der Stadt gesprochen, da in dem Griechischen nur von einer einzigen die Rede ist? Die gewöhnliche latcinischc Ucbcrsctzung hat den Pluralem; Herr -L.dk. also auch. — Dic 29ste Zeile müssen wir noch mit nchmcn: X^v «i^eu X,«^xu-, x^v ckwvax-,, x^a' 5rX,-x^i«i^u). Wer ficht nicht, daß cx^o?, cZuiv«^ und ic^«)/!,«i.^o-; hier drey besondre Instrumente sind? Herr -L.dk. aber macht das letzte Wort zu einem Ncrbo, und übersetzt: — — Auch wenn ich das Haberrohr blase, Oder die Flöte spiele, so oft ich sie seitwerts begreife. Die Anmerkung die Aem. Portus bey dem Worte -rX,«^«^X.o? macht, ist artig: unclo F-zIIicum nomen llorivatum ^aF«'o/7 Schiffe, eine magncsische Schlacht, und ziehet beyde Zeile» in diese eine: Wie zur magncsischcn Schlacht die Helden Casior hervor rief. — Und wie falsch ist noch die achte, die hundert und neun und siebzigste, lind die zweyhundcrt und achtzehnte Zeile dieses Idylls übersetzt! XXIII. Idyll. Da Herr S.bk. hier einmal aus dem Knaben ein Mädchen gemacht; so sollte es auch in der 6tcn Zeile nicht heißen, er lermt, sondern sie lermt. Aber wie elend ist dieses lärmt! — Zn der ILten Zeile sagt er abermals gleich das Gegentheil von dem, was Theokrir sagt: ^.oiv'^tov ov^x. ^vrtXL cr^i^cpopcx TN? x,i^xz>xcoc^. Wir wollen uns jetzt dabei nicht aufhalten, was die Kunstrichtcr wegen des Worts 0-^^09« erinnern; denn so viel ist gewiß, Herr -L.dk. hat nichts davon gewußt, sondern ist den lateinischen Ucbcrsctzcrn gefolgt, welche anstatt o-^cpop«, <5«x?^« lesen, und die ganze Zeile durch tanclom non continuit lacrvmas Vvnorls geben. Aber heißt dieses aus deutsch: Endlich weint er nicht mehr die Thränen der Venus? — Auch die gleich darauf folgenden Worte x^-^v «x^o-tx, hätten ihm seinen Irrthum zeigen können. XXIV. Idyll. Die Fabel von der Geburt des Herkules und Zphiklcs muß dem Herrn -L.dk. ganz unbekannt seyn. Wenn er von diesem Beyspiele der Superlotkttioi,, wie es Bayle nennt, jemals das geringste gehört hätte, so würde er, gleich die ersten Zeilen: Hp«x^e« lsxxoc^^vov eov5« ?rox,' ^ ktt,6x«7't^ x«l vi.'XT't i.'xuiT'k^oi' IcptxX^« ^^c>?xpo^>,' ^oi.'t/oeo'« schwerlich so übersetzt haben: Kaum war Herkul zehn Monat gcbohren, so wusch ihn Alkmenc, Mit dem jungen Bruder JvhiklcS nächtlich im Flusse :c. T>x(t>?-xpov gehört hier zusammen, und ist als ein Beywort des Zphiklcs anzusehen, den der Dichter um eine Nacht jünger, als den Herkules macht. Daß uvxT--, hier nicht nächtlich heißen könne, erhellt auch weiter aus dem vorhergehenden ?rox,' snDx«) und dem x«t. Doch wer wird das läugncn wol- üeslmgs Werke v, 7 '.^ Aus der Bibliothek der schone» Wissenschaften. len? Was alle Welt weis, weis Herr Abk. nicht; er weis aber auch vieles dafür, was sonst niemand in der Welt weis. Z. E. daß Alkmcnc ihre beyden Söhne im Flusse gewaschen. Man muß scharfsichtige Augen haben, wenn man dieses im Flusse bey dem Theokrir finden will. — Der Fehler, den er in der .'Listen Zeile gemacht hat, fließt aus eben derselben Quelle. Er muß nicht gewußt haben, wie das Beywort --ij-^ovo?, der spat oder schwer erzeugte, dem Herkules zukomme; und übersetzt daher ?r«t6« oiji^ovov durch um den längsten der Rna- ben. Allein der jüngste der Knaben würde ja Zphiklcs und nicht Herkules seyn- — Noch einen Fehler müssen wir mitnehmen, der abermals ein offenbarer Beweis ist, daß Herr Abk. aus dem Lateinischen übersetzt, und das Latein nicht einmal verstanden hat. Thcokrit sagt von dem Amphitryo: — o <5' xwcxg «^c>xc^ sccxT'x/ZwtVL /X«lck«^xov u5^?, oA' oc ^nü^A's R.^tvi'iVo^ xxFptvc» ?rxj>t ?r«o' «tx^ «uipT'o. Herr Abk. übersetzt es: — Er stieg herunter vom Bette, gehorchte der Gattinn, Eilte zum schön geschmiedeten Degen. Er hing ihm zum Haupte Seines cederuen Bettes stets von der Aeule herunter. Hxz>t Ä«o-o-«X,ui, von der Reule? ^o-v c?' x?cxpLc^s Ttoo'tv ^i.«Vi!ti<5xc>^ o^i^/iw übersetzt Herr Abk. — Sie zerstörte die Feste des taumelnden WeingottS. Doch op^l« heißen hier weder die Feste, noch die aus der Kiste genommenen 5xx>« 7ce7cov«^xv«, Z. 7. ob wir gleich wohl wissen, daß sie beydes bedeuten können, sondern es sind die Ceremonien, die wütenden Tänze, die heiligen Convulsioncn darunter zu verstehen, mit welchen diese Feste begangen wurden. Auch hätte er ?«9«7-?c» nicht durch zerstören, sondern durch erregen übersetzen, und o-^v -roxu) i'Llt ?ov T-LI^V e^x^L x^5>«. Grotius übersetzt es sehr wohl: Olitvltor per Paria: manum ^gm tolle; tatiloo. Aber wie schlecht und falsch drückt es Herr Abk. aus: Pan, ach hilfst du mir nicht! O zieh die Hand doch zurücke. ruft das griechische Mädchen; wo die Schäferinn eines gallischen Hirtcndichtcrs vielleicht ^v«cxwv rc>- 7» 100 Ans der Bibliothek der schönen Wissenschaften. )/«X,xt0V, u> ^^tx^tcrci-o^o't ?c> r^iovz d. i. ein Werkzeug der Wcibcr, lim welches sie die Wolle winden, oder, mit welchem sie die Wolle drehen. Es könnte also sowohl ein Spinnrad, als die Spindel bedeuten. XXIX. Idyll. Theokrit oder die Person, die in diesem Idyll spricht, klagt über die Flatterhaftigkeit seines Geliebten Z. 16. 17. ^I^v crei^ T'ci x«^c>v ^csuiv 5>6^o>; cxivxcr«t, ci' x^A-i^^ «X,xov ^ -r^tx?^-; x^ev^i^ cpi^ci?. D. i. Vver nur Sein reizendes Gesicht einmal lobt, dem wirsi du sogleich ein mehr als dreijähriger Freund. Du halst, will er sagen, gleich jeden, der dir eine flüchtige Schmeichelei) sagt, so werth, und noch werther, als einen, der drey Jahre dein Freund gewesen. Herr L>bk. aber sagt dafür: Lobt nur jemand dein blühend Ecsicht, so liebst dn ihn länger Als drey Jahr, der heißt denn dein Liebster. Der Dichter will nichts weniger als dieses sagen; er hält seinen Geliebten gar nicht für sähig, eine einzige Person länger als drey Zahr zu lieben. Es entschuldiget den Herrn Kbk. aber nicht, daß auch andre Ausleger diese Stelle, mit ihm, eben so falsch verstanden haben. XXX. Idyll. Theokrit sagt nicht, Z. 0 daß der Schmer; den Liebesgöttern Flügel gegeben. Sie werden ja immer mit Flügeln vorgestellt. Z. 20. 27. Ich wollte nicht den Jüngling Den schönen Jnnglüig stoßen. Hat man jemals gehört daß man von einem wilden Hauer sagt, er stößt? — Daß Hr. -Lchk. in der letzten Zeile die Verbesserung des Aongepierre, aus welcher einzig ein schicklicher Verstand kömmt, nicht gewußt und gebraucht hat, dürfen wir ihm wohl für keinen Fehler anrechnen. So weit wären wir nun, und so weit wollen wir uns auch gekommen zu seyn, begnügen. Es wären zwar noch die Sinnschriftcn des Theokrits und die Idyllen des Dion lind Moschus übrig; aber sollte Herr -S.bk. wohl, erst gegen das Ende, seiner Arbeit gcwachsncr und sorgfältiger geworden seyn? Es ist nicht zu vermuthen, und wir werden also ohne Gefahr Vorbericht zu Glenns Preussischen Kriegsliedern. 101 das Urtheil von dieser F.icberkühnschen Uebersctzung fällen können, daß sie zn weiter nichts taugt, als bey einem geschickten Manne das Mitleiden rege zu machen, uns eine bcßre zu liefern. -ss- Vorbericht zu den Preussischen Kriegsliedern in den Feldzügen 1756 und 1767 von einem Grenadier. 1758. Die Welt kennet bereits einen Theil von diesen Liedern; und die feinern Leser haben so viel Geschmack daran gefunden, daß ihnen eine vollständige und verbesserte Sammlung derselben, ein angenehmes Geschenk seyn muß. Der Verfasser ist ein gemeiner Soldat, dem eben so viel Heldenmut!) als poetisches Genie zu Theil geworden. Mehr aber unter den Waffen, als in der Schule erzogen, scheint er sich eher eine eigene Gattung von Ode gemacht, als in dem Geiste irgend einer schon bekannten gedichtet zu haben. Wenigstens, wenn er sich ein deutscher -Horaz zu werden wünschet, kann er nur den Ruhm des Römers, als ein lyrischer Dichter überhaupt, im Sinne gehabt haben. Denn die charakteristischen Schönheiten des -Horaz, setzen den feinsten Hofmann voraus; und wie weit ist dieser von einem ungekünstelten Krieger unterschieden! Auch mit dem Pindar hat er weiter nichts gemein, als das anhaltende Feuer, und die i^xp/Z«?-« der Wortfügung. Von dem einzigen T^rtaus könnte er die heroischen Gesinnungen, den Gcitz nach Gefahren, den Stolz für das Vaterland zu sterben, erlernt haben, wenn sie einem Preussen nicht eben so natürlich wären, als einem Spartaner. Und dieser Heroismus ist die ganze Begeisterung unsers Dichters. Es ist aber eine sehr gehorsame Begeisterung, die sich nicht durch wilde Sprünge und Ausschweifungen zeigt, sondern die wahre Ordnung der Begebenheiten zu der Ordnung ihrer Empfindungen und Bilder macht. Alle seine Bilder sind erhaben, und all sein Erhabnes ist naiv. Von dem poetischen Pompe weis er nichts; und prahlen 102 Norbcricht zu Eleims Grenadierliedern. lind schimmern scheint er, weder als Dichter noch als Soldat zu wollen. Sein Flug aber hält nie einerley Höhe. Eben der Adler, der vor in die Sonne sah, läßt sich nun tief herab, auf der Erde sein Futter zu suchen; und das ohne Beschädigung seiner Würde. Antäus, um neue Kräfte zu sammeln, mußte mit dem Fusse den Boden berühren können. Sein Ton überhaupt, ist ernsthaft. Nur da blieb er nicht ernsthaft — wo es niemand bleiben kann. Denn was erweckt das Lachen unfehlbarer, als grosse mächtige Anstalten mit einer kleinen, kleinen Wirkung? Ich rede von den drolligtcn Gemählden des Roßbachischen Liedes. Seine Sprache ist älter, als die Sprache der jctztlebendcn grössern Welt und ihrer Schriftsteller. Denn der Landmann, der Bürger, der Soldat und alle die niedrigern Stände, die wir das Volk nennen, bleiben in den Feinheiten der Rede immer, wenigstens ein halb Jahrhundert, zurück. Auch seine Art zu reimen, und jede Zeile mit einer männlichen Sylbe zu schlicssen, ist alt. Zn seinen Liedern aber erhält sie noch diesen Borzug, daß man in dem durchgängig männlichen Reime, etwas dem kurzen Absetzen der kriegerischen Trommete ähnliches zu hören glaubet. Nach diesen Eigenschaften also, wenn ich unsern Grenadier ja mit Dichtern aus dem Alterthume vergleichen sollte, so müßten es unsere Daröen seyn. Vos huo^uo, hui kortos arimiss dolloyuo pvromtas I^auclibus m louZum vatos climlttitis aovum, pluriwa toeuri suäittis carmma Larcli.^ Carl der grosse hatte ihre Lieder, so viel cs damals noch möglich war, gesammelt, und sie waren die unschätzbarste Zierde seines Büchcrsaals. Aber woran dachte dieser grosse Beförderer der Gelehrsamkeit, als er alle seine Bücher, und also auch diese Lieder, nach seinem Tode an den Mcistbicthcndcn zu verkaufen befahl? Konnte ein römischer Kayscr der Armuth kein ander ° Lucanus. -. ^ ».>_>'V Borbericht zu Gleims Grcnadierliederii. 103 Vermächtniß hinterlassen?* — O wenn sie noch vorhanden waren! Welcher Deutscher würde sich nicht noch zu weit mchrcrm darum verstehen, als Dickes? °° Ueber die Gesänge der nordischern Skalden scheint ein günstiger Geschick gewacht zu haben. Doch die Skalden waren die Brüder der Barden; und was von jenen wahr ist, muß auch von diesen gelten. Beyde folgten ihren Herzogen und Königen in den Krieg, und waren Augenzeugen von den Thaten ihres Volks. Selbst aus der Schlacht blieben sie nicht; die tapfersten und ältesten Krieger schlössen einen Kreis um sie, und waren verbunden sie überall hinzubcglcitcn, wo sie den würdigsten Stoff ihrer künftigen Lieder vermutheten. Sie waren Dichter und Geschichtschreiber zugleich; wahre Dichter, feurige Geschichtschreiber. Welcher Held von ihnen bemerkt zu werden das Glück hatte, dessen Name war unsterblich; so unsterblich als die Schande des Feindes, den sie fliehen sahen. Hat man sich nun in den kostbaren Ucbcrblcibscln dieser uralten nordischen Heldcndichter, wie sie uns einige dänische Gelehrte aufbehalten haben*"'', umgesehen, und sich mit ihrem Geiste und ihren Absichten bekannt gemacht; hat man zugleich das jüngere Geschlecht von Barden ans dem schwäbischen Zeitalter, seiner Aufmerksamkeit werth geschätzt, und ihre naive Sprache, ihre ursprünglich deutsche Denkungsart studirt: so ist man einigermassen fähig, über unsern neuen preussischen Barden zu urtheilen. Andere Bcurthcilcr, besonders wenn sie von derjenigen Klasse sind, welchen die französische Poesie alles in allem ist, wollte ich wohl für ihn verbeten haben. Noch besitze ich ein ganz kleines Lied von ihm, welches in der Sammlung keinen Platz finden konnte; ich werde wohl ° ZH'inHa»'/»« in v,Va tÄ^o/i M. cap. 33. Simililer et a»co-?Vieo»a üelicia» Iiss luas leuokuit Imperator! v ousin luliens, quain ^ueumlus a» extremes l?aroli imiierii tmes prokoileerer, au legenlla anlinua Ula, sut darkara carwinal °°° ?lndrcas vellejus und Petrus Septimus. 104 Friedrichs von Logau Sinngedichte. thu», wenn ich diesen kurzen Borbcricht damit bereichere. Er schrieb mir aus dem Lager vor Prag: „Die Pandurcn lägen „nahe an den Werken der Stadt, in den Hölcn der Weinberge; als er einen gesehen, habe er nach ihm hingcsungen:" Was liegst du, nackender Pandur, Recht wie ein Hund im Loch? Und weisest deine Zähne nur? Und bellst? So beisse doch! Es könnte ein Herausfordrungslicd zum Zwcykampf mit einem Pandurcn heißen. Ich hoffe übrigens, daß er noch nicht das letzte Sicgcslicd soll gesungen haben. Zwar falle er bald oder spät; seine Grabschrift ist fertig: üt^i^i <5' L^-u) ^xp«?kitiv ^i-kV IZwol^,t0t,o «vocxT'oi; ^loi^o^uiv xpcxT'ou <5u)pciv xirt^«^i.xvL.ogaw, ist eines von den ältesten adlichcn Geschlechtern Schlesiens. Ihr Stammhaus, Altendorf, liegt in dem Fürstenthum Schwcidnitz. Chr. Gryphins sagt, es sey aus Böhmischen oder Schlcsischcn Geschichtschreibern zu erweisen, daß schon in dem sechzehnten Jahrhunderte Freiherren von Aogau, unter den Kayscrn Larl dem fünften, und Ferdinand dem ersten, ansehnliche Kricgcsbcdicnun- gcn bekleidet hätten. Auch blühte unter der Regierung des erster» George von S.ogau auf Schlaupitz, einer der besten lateinischen Dichter seiner Zeit, dem wir die erste Ausgabe des Granus und Nemcsianus zu danken haben. Desgleichen besaß um eben diese Zeit Caspar von S.ogau, den Luica und andere Friedrichs von Logan Sinngcdichlc. mit nur gedachtem George verschiedentlich verwechseln, den bischöflichen Stnl zu Brcßlau. Unser Friedrich von Aogau, ward, zu Folge seiner Grab- schrist, die uns Cunrad aufbehalten hat, im Monat Zunius des Jahres 1664 gcbohrcn. Seine Acltcrn und den Ort seiner Geburt finden wir nirgends benannt; auch nirgends einige Nachricht von seiner Erziehung, wo er studirct, ob er gcrcisct u. s. w. Wir finden seiner nicht eher als in Diensten des Herzogs zu Licgnitz und Bricg, ^.uOervigs des Vierten, gedacht. Man beliebe sich aus der Geschichte zu erinnern, daß Johann Christian, Herzog von Brieg, drey Söhne hinterließ, die nach seinem 1639 erfolgten Tode das Hcrzogthum gemeinschaftlich besaßen, doch so, daß jeder von ihnen seine eigenen Rathe hatte. Unter den Räthen des zweyten, des gedachten L^udervigs, befand sich unser von L.ogau. Als aber 1663 ihres Vaters Bruder, George Rudolph, starb, und die Fürstenthümcr Lieg- nitz und Wohlau an sie fielen, fanden sie das Zahr darauf für gut, sich durch das Loos aus einander zu setzen. Ä.udewig bekam Liegnitz, wohin er nunmehr seinen Sitz verlegte, und seinen L.ogau als Canzclcyrath mit sich nahm. Die Liebe zur Poesie muß sich zeitig bey ihm geäußert haben. Er sagt uns in einem von seinen Sinngedichten selbst, daß er in seiner Jugend verliebte Gedichte geschrieben habe, die ihm in den Unruhen des Krieges von Händen gekommen wären. Nach der Zeit erlaubten ihm seine Geschäffte allzukurze Erhoh- lungcn, als daß er sich in größern Gedichten, als das kleine Epigramm« ist, hätte versuchen können. Unterdessen hat er es in dieser geringern Gattung so weit gebracht, als man es nur immer bringen kann, und es ist unwidersprcchlich, daß wir in ihm allein einen Marrial, einen Larull und ZOionysius Lato besitzen. Er gab anfangs nur eine Sammlung von zwey hundert Sinngedichten ans Licht, die, wie er selbst sagt, wohl aufgenommen worden. Wir haben sie nirgends auftrcibcn können, und wer weiß, ob sie gar mehr in der Welt ist? Die vollständige Sammlung, die den schon erwähnten Titel: Salomons von Golau deutscher Sinngedichte drey Tausend führet, ist zu Vorrede. 107 Brcßlau, in Verlag Caspar Rloßmanns, gedruckt, und macht einen Octavband von ohngefähr drey Alphabeten aus. Das Zahr des Drucks finden wir nirgends darinn ausdrücklich angezeigt. Es muß aber das Zahr 4654 gewesen seyn, welches sich aus vcrschiedncn Sinngedichten schließen läßt, und von den Bücher- kcnnern bestätiget wird. Da unterdessen Sinapins sagt, daß Aogau seine Sinngedichte im Zahr 1638 herausgegeben habe, so wird man dieses nicht unwahrscheinlich von der ersten kleinen Sammlung verstehen können. Er war ein Mitglied der fruchtbringenden Gesellschaft, in die er 1648, unter dem Namen des Verkleinernden aufgenommen ward. Wenn der Sprossende, in seiner Beschreibung dieser Gesellschaft, ihn unter diejenigen Glieder nicht rechnet, die sich durch Schriften gezeigct haben, so ist dieses wohl ein abermaliger Beweis, daß das Publicum seine Sinngedichte sehr bald vergessen hat. Er starb zu Aiegnirz, den fünften Zulius im Zahr 1666, und hinterließ aus einer zweyten Ehe einen einzigen Sohn. Es war dieses der Freyherr Balthasar Friedrich von -L>ogan, der Freund des Herrn von Ebenstem, und der Mäccn des jüngern Gryphius. Wir wollen nunmehr von unsrer neuen Ausgabe das Nöthige sagen. Die ganze Anzahl der Sinngedichte unsers K.ogau beläuft sich, außer einigen eingcschobcncn größcrn Poesien, auf drey tausend, fünfhundert und drey und fünfzig, indem zu dem zweyten und dritten Tausend noch Zugaben und Anhänge gekommen sind. Zst es wahrscheinlich, ist es möglich, daß sie alle gut seyn können? Unsere wahre Meynung zu sagen, diese ungeheuere Menge ist vielleicht eine von den vornehmsten Ursachen, warum der ganze Dichter vcrnachläßigct worden ist. Denn es konnte leicht kommen, daß die Ncugicrdc das Buch siebenmal ausschlug, und siebenmal etwas sehr mittelmäßiges fand. Wir ließen es also unsere erste Sorge seyn, ihn dieses nach- thciligcn Reichthums zu entladen. Wir haben ihn fast auf sein Dritthcil herabgesetzt; und das ist unter allen Nationen, immer ein sehr vortrefflicher Dichter, von dessen Gedichten ein Drittheil gut ist. Deßwegen wollen wir aber nicht sagen, daß 408 Friedrichs von Log.ni Sinngedichte, alle beybehaltenen Stücke, Meisterstücke sind; genug, daß in dem unbeträchtlichsten noch stets etwas zu finden seyn wird, warum es unserer Wahl werth gewesen. Ist es nicht allezeit Witz, so ist es doch allezeit ein guter und großer Sinn, ein poetisches Bild, ein starker Ausdruck, eine naive Wendung, und dergleichen. Auch wird das schlechteste noch immer dazu dienen, dem Leser zu zeigen, wie wenig er den Verlust der übrigen Stücke zu bedauern hat. Es ist uns ein Exemplar unsers Dichters zu Händen gekommen, das sich aus der Stollischen, Bibliothek hcrschreibt, und in welchem hier und da eine unnatürliche, harte Wortfügung mit der Feder geändert worden war. Der Zug der Schrift wäre alt genug, es für die eigene Hand des Herrn von Logau zu halten. Doch dazu gehören stärkere Beweise, und wir wollen es also nicht behaupten. Unterdessen haben wir doch für gut befunden, einige von diesen Aenderungen anzunehmen, und einige, ihnen zu Folge, selbst zu wagen. Der Leser stößt nirgends so ungern an, als in einem Sinngedichte, welches allzu kurz ist, als daß man die Unebenheiten darinn übersehen könnte. Wir sind uns bewußt, daß wir durch diese wenigen und geringen Veränderungen den alten Dichter nicht im geringsten moderner gemacht haben; wir sind ihm nur da ein wenig zu Hülfe gekommen, wo wir ihn allzuweit unter seiner eignen reinen Leichtigkeit fanden; und haben es alsdann in dem Geiste seiner eignen Sprache zu thun gesucht. Wie groß unscrc Hochachtung für diese seine alte Sprache ist, wird man aus unsern Anmerkungen darüber, die wir in Gestalt eines Wörterbuchs dem Werke beygefügt haben, deutlich genug erkennen. Achnlichc Wörterbücher über alle unscrc gutcn Schriftsteller, würden, ohne Zweifel, der erste nähere Schritt zu einem allgemeinen Wörterbuchs unsrer Sprache seyn. Wir haben die Bahn hierin«, wo nicht brechen, doch wenigstens zeigen wollen. Endlich können wir unsern Lcscrn auch nicht verbergen, daß bereits vor mehr als fünfzig Jahren ein Ungenannter eine ähnliche Arbeit mit unserm L.ogau untcrnommcn gehabt. Er hat nehmlich (1702) S v. G. cuiferrvecrte Gedichte hcrausgcgcbcn. Vorrede. 1W Dieser Titel ist der letzte imwidcrsprcchlichste Beweis, daß diese Sinngedichte damals schon begraben gewesen sind. Allein dieser Ungenannte war vielleicht Schuld, daß unser S.ogan noch tiefer in die Vergessenheit gcricth, und nunmchr mit Recht zu einer neuen Bcgrabung verdammt werden konnte. Derjenige Theil seiner Gedichte, welchen man, ohne Wahl, aufcrwcckt hat, ist nicht allein mit unendlich schlechten und pöbelhaften Stücken vermischt worden; sondern die Logauischcn selbst sind dergestalt verlängert, verkürzt, verändert worden, daß Nachdruck, Feinheit, Witz, alle Sprachrichtigkcit, ein jeder guter poetischer Name, eine jede gute Eigenschaft des Dichters, ja oft der Menschenverstand selber verloren gegangen ist. Wir führen keine Ercmpcl an, um unsern Lesern den Ekel zu ersparen. Werden die Liebhaber der Poesie an unserm alten Dichter, einigen Geschmack finden: so freuen wir uns, daß dadurch die Beschuldigung immer mehr entkräftet werden wird, als ob wir Neuern allbcrcits von der Bahn des Natürlichschönen abgewichen wären, und nichts mehr empfinden könnten, als was auf einer gewissen Seite übertrieben ist. Berlin Die Herausgeber, den ötcn Mar> 1769 Sinngedichte. Erstes Buch. (1) Von »iciiiein Buche. Daß mcin Buch, sagt mir mein Mutl>, Noch ganz böse, noch ganz gut. Kommcn drüber arge Fliegen, Bleibt gewiß Gesundes liegen, Und das Faule findet man Kommcn abcr Bienen dran, Wird das Faule leicht vcrmicdcn Und Gcsundcs abgeschieden. (2) Ter May. Dieser Monath ist ein Kuß, den der Himmel giebt der Erde, Daß sie jetzo seine Braut, künftig eine Mutter werde. ».' 110 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (3) Steuer. Wo Venus weiland saß und den Adonis küßte, Wuchs Gras und Blum hervor, war gleich die Gegend wüste. Wo Bacchus weiland gieng, da wuchsen lauter Reben, Und jeder dürre Strauch mußt eitel Trauben geben. Kanns nicht die Steuer auch? Ein woblvcrstcurtcr Grund Soll geben desto mehr, je mehr er wüste stund. Wer weiß ob jenes war; wer weiß ob dieß kann seyn? Dort glaube wer da will; hier gicbts der Augenschein. (4) Ueber das Fieber einer fürstlichen Person. Unsre Fürstin» lieget krank. Venus hat ihr dieß bestellt, Die, so lange jene blaß, sich für schön nun wieder halt. (Z) Schlachten. Es bleibt in keiner Schlacht itzt vicrztgtauscud Mann. Was Hannibal gekonnt, ist keiner, der es kann? Es ist ja unser Mars zum Schießen abzeucht? O, schießen kann er zwar — stehn aber will er nicht. (6) Erabschrift eines lieben Ehegenossen. Leser, steh! Erbarme dich dieses bittern Falles! Außer Gott, war in der Welt, was hier liegt, mir Alles. (7) Hoffnung. Auf was Gutes, ist gut warten; Und der Tag kömmt nie zu spat, Der was Gutes in sich hat. Schnelles Glück hält schnelle Fahrten. (8) Spanien. Spanien liegt, wie ein Säugling, an der Ost- und Wcstcnbrust Indiens; wie viele Lander hätte» zu der Speise Lust! (9) Junger Rath. Bey Hofe gilt der junge Rath, als wie ein junger Wein; Wiewohl er Darmgicht gerne bringt, doch geht er lieblich ein. Erstes Buch. (10) Auf den Thraso. Thraso rühmte seine Wunden, Die er im Gesicht empfunden, Als er rüstig, wie ein Held, Sich vor seinen Feind gestellt. Ey! sagt' einer, daß dir nicht Dieses mehr schimpft dein Gesicht, So enthalt dich, wenn du fliehst, Daß dn nicht zunicke siehst! (11) Sine Schönhäßliche. Ich kenn ein Fraucnbild, das wäre völlig schön, Nur daß der Schönheit Stück' in falscher Ordnung stehn. (12) Frey leben, gut leben. Wer andern lebt, lebt recht; wer ihme lebt, lebt gut: Weil jener andern wohl, ihm übel der nicht thut. Wohl diesem, dem zugleich die Freyheit ist gegeben , Bald recht, bald gut, wann, wie und wem er will, zu leben! (13) Auf einen glücklichen Schelm. Dir sey, sagst du, bald gewährt, Was du kannst und magst verlangen: Schade, daß du nie begehrt, Daß du möchtst — am Galgen hangen! (14) Von Jobs Weibe. Wie kam es, daß, da Job sonst alles eingebüßet, Was ihm crgetzlich war, er nicht sein Weib gemisset? Es steht nicht deutlich da, warum sie übrig blieb- Allein ich schließe fast — er hatte sie nicht lieb. (1.5) Die unartige Zeit. Die Alten konnten fröhlich singen Bon tapfern deutschen Heldcndingcn, Die ihre Bätcr ausgeübet. Wo Gott, nach uns, ja Kinder gicbct, Die werden unsrer Zeit Beginnen Behculcn, nicht besingen können. 112 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (16) Auf einen Ehrgeizigen. Alle Menschen gönnen dir, daß du mögest Cäsar werden; Doch mit drey und zwanzig Wunden nicderliegcnd auf der Erde». (17) Auf den Elorilus. Ihr rübmt die tiilme Faust? Ev rühmt den schnellen Fuß, Der mir, sagt Glorilus, die Faust erhalten muß. (18) Tod und Schlaf. Tod ist ein langer Schlaf; Schlaf ist ein kurzer Tod: Die Noth die lindert der, und jener tilgt die Noth. (19) Eine Heldenthat. O That, die nie die Welt, dieweil sie steht, gesehen! O That, die, weil die Welt wird stehn, nie wird geschehen! O That, die Welt in Erz und Zedern billig schreibt, Und, wie sie immer kann, dem Alter einverleibt! O That, von der hinfort die allcrkühnsten Helden, Was ihre Faust gethan, sich schämen zu vermelden! Vor der Achilles starrt, vor der auch Hcktor stutzt, Und Herkules nicht mehr auf seine Keule trutzt! Hört! seht! und steigt empor! Macht alle Löcher weiter! Dort ziehen Helden her, dort jagen dreyßig Reiter, Die greife» kühnlich an — ein wüstes Gärtncrhaus, Und schmeißen Ofen ein, und schlagen Fenster aus. (20) Lebensbedürfniß. Was thut und duldet nicht der Mensch um gut Gemach, Wiewohl er mehr nicht darf, als Wasser, Brodt, Kleid, Dach! (21) Krieg und Wein. Soldaten und der Wein, wo die zu Gaste kommen, Da ist Gewalt und Recht dem Wirthe bald benommen. Der Wirth wirft diesen zwar zum Hause leicht hinaus, Jen' aber räumen weg den Wirth und auch sein Haus. (22) Trauen. Einem tränen, ist genug; Keinem trauen, ist nicht klug: Erstes Buch. I Doch ists besser, keinem trauen, Als auf gar zu viele bauen. (23) Wittwenschaft. Als Pallas ward von Troja weggenommen, Ist Troja bald in sein Verderben kommen: Ein Haus, woraus ein redlich Weib verschieden, Bleibt von dem Glücke mchrcnthcils vermieden. (24) Wahl eines Freundes. Der sey dir nicht erkiest, Wer Freund ihm selbst nicht ist- Wer Freund ihm selbst nur ist, Der sey dir nicht erkiest. (26) Verleumder. Wer schmäht, und Schmähung hört, dem sey zur Straf crkohrcn, Daß der werd an der Zung, und der gehenkt an Ohren. (2g) Steuer. Wie weise man den Salomo sonst achtet, So hat er doch nicht alles recht betrachtet, Weil er der Dinge Zahl, die nimmer satt, Die Steuer nicht noch beygesetzet hat. (27) Gestorbene Redlichkeit. Man lobt die Redlichkeit, sieht aber keine nicht. — Die Todten ist man auch zu loben noch verpflicht. (28) Uebcreiltes Freyen. Leicht ist Liebe zu bekommen; Leicht ist auch ein Weib genommen: Die bekommen bald zur Stund', Das genommen ohne Grund, Heißt zur Reue die bekommen, Heißt zur Strafe das genommen. (29) Das Land in der Stadt. Wer nach dem Lande jetzt will auf dem Lande fragen, Der irrt. Mars hat das Land längst in die Stadt getragen. LessingS Werke v. 8 114 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (30) Johannes der Täufer. Nicht recht! nicht recht! würd' immer schrey» Johannes, sollt er wieder seyn. Doch kam er, ricth ich, daß er dächte, Wie viel er Köpf in Vorrath brächte. (31) Bilder. Wo Bilder in der Kirch ein Aergerniß gebären, So muß man Kirchengchn auch schonen Weibern wehren- (32) Krieg und Hunger. Krieg und Hunger, Kriegs Genoß, Sind zwey ungezogne Brüder, Die durch ihres Fußes Stoß Treten, was nur stehet, nieder. Jener führet diesen an; Wen» mit Morden, Rauben, Brennen, Jener schon genug gethan, Lernt man diesen erst recht kennen; Denn er ist so rasend kühn, So ergrimmt und so vermessen, Daß er, wenn sonst alles hin, Auch den Bruder pflegt zu fressen. (33) Auf den Lindus. Lindus ward einst im Gclag oft mit Worten angestochen, Gleichwohl aber hat er sich noch mit Wort noch That gerochen Sondern gicng zur Stub hinaus, kam bald wiederum herein, Sprach: ich hielt nur Rath mit mir, ob ich wollte böse seyn. (34) Mäßigkeit. Mein Tisch der darf mich nicht um Ucbersatz verklagen- Der Gurgel cß ich nicht, ich esse nur dem Magen. (35) Elncke wäget die Freunde. Bvscs Glück hat diese Güte, Daß die ungewissen Sachen Uns gewisse Freunde mache»! Daß ma» sich vor denen Hute, Erstes Buch. I Die »icht die sind, die sie scheinen, Sondern unser Gut gut meinen. (36) Soldateiijucht. Pescennius, ein römscher Kaiser, Der Kriegszucht ernster Untcrwciscr, Der hat, als etwan neun Soldaten Den Bauern einen Hahn verthaten, Die That an ihnen viele Wochen Bey Wasser und bcv Brodt gerochen. Itzt schadets nicht, ob Ein Soldate -Neun Bauern gleich sied oder brate; Eh als er trockncs Brodt sollt' essen, Möcht er ein ganzes Dorf voll fresse». (37) Die Vernunft. Gott gab luis die Bernunft, dadurch uns zu regiere»; Wir brauche» die Vernunft, dadurch uns zu verfuhren. Du, Mensch, bekamst Bernunft, lebst viehisch gegen dich; Das Vieh hat nicht Bermmft, lebt »itttschlich gegen sich. (38) Neid. Tugend ist des Neides Mutter: Um der lieben Mutter wegen, Sie zu haben, lasse keiner ihm das Kind in Weg was legen. (39) Nachgebe». Wer halbes Siecht hat eingeräumet, der räume lieber ganzes ein: Wer scho» des Halben Herr geworden, der will es auch des Ganze» seh». (40) Auf den Marcus. Marcus macht ein Testament, tröst sein Weib mit letztem Willen; Sie macht auch ein Testament, ihren erstlich zu erfüllen. (41) Mächtige Diener. Dc» großen Elevhantc» fuhrt oft ei» kleiner Mohr: Und großen Herren schreibet sehr oft ein Bauer vor. (42) Vom Curtius. Curtius und seine Frau lebe» wie die Kinder: Spielen, wie die Kinder tliuu, kratze» sich nicht minder. 8» Friedrichs von Logau Sinngedichte, (43) Die Eicht. Die Gicht verbeut dir Wein zu trinken, Sonst mußt du liegen oder hinke». Mich dünkt, es ist ein groß Verdruß, Wenn übers Maul regiert der Fuß. (44) Beute. Was man dem Feind entwandt, das heiße, mcvnst du, Beute Nein; was der Bauer hat, und was die Edelleute, Was man ans Straßen stiehlt, was man aus Kirchen raubt, Das beißet Beut, und ist bcv Freund und Feind erlaubt. (4-?) Die Sünde. Menschlich ist es, Sünde treiben; Teuflisch ists, in Sünde bleibe»; Christlich ist es, Sünde hassen; Göttlich ist es, Sünd' erlassen. (46) Auf die Albella. Albclla, wärest du gleich nur ein kalter Stein, Würd' ein Pvgmalio» dein Buhler dennoch seh». Du lebst, und bist so klar; was sollt' es Wunder scvn, Wenn ein Pvgmalion durch dich wird selbst ei» Stein? (47) Zagheit. Wäre Schild und Harnisch gut Bor die Zaghcit, Furcht und Schrecken; Könnt' ein Spieß und eisern Hut Tapferkeit und Muth erwecken: Ey, was hätten die für Zeit, Die dergleichen Waffen schlügen! Würd ihr Gold doch, glaub ich, weit Alles Eisen überwiege»! (48) Dienstfertigkeit. Ich kann »icht jedem thun, was er von mir begehrt; Auch mir wird selber nicht stets was ich will gewährt. Erstes Buch, 117 (49) Poetcngotter. Porten die sollen die Götter nicht nennen, Die Christen verlachen, nur Heiden bekennen. Wird ihnen nur Venus und Bacchus gcschcnkct, Ich wette, daß keiner der andern gedenket. (Z0) Erabschrift einer schwängern Frau. Hier liegt ein Grab im Grab, und in des Grabes Grab Was Welt noch nie gesehn, ihm auch nicht Name» gab. Das Grab begrub zuvor, eh Grab begraben war; — Zwey Gräber sind nur Eins, und Eine Lcich ein Paar. (ol) Trunkenheit. Wen sei» Schicksal heißt ertrinken, Darf drum nicht ins Wasser sinken: Alldieweil ein deutscher Maun Auch im Glas' ersaufen kann. (52) An einen kriegrischen Held. Als aus deiner Sinnen Stärke Jupiter nahm ein Eemcrkc, Daß du durch so kühnes Streiten Wurdest in den Himmel schreiten, Sprach er; „Uns die Ehre bleibe! „Danncnhcr ich einverleibe „Diesen Held, nach Himmclsrcchtc, „Zn der Gölter alt Geschlechte; „Denn er möcht aus eignen Thaten, „Für sich selbst hichcr gerathen. (63) Ein Vertriebener redet nach seinem Tode. Was mir nie war vergönnt bey mcincm meisten Lebe», Das hat mir nun der Tod nach meinem Sinn gegeben; Ich mcvn ein eignes Haus, woraus mich keine Noth, Kein Teufel, kein Tyrann mehr treibt, und auch kein Tod. (64) Ei» babylonischer Gebrauch. Zu Babel wurden schöne Tochter auf frcvcm Markte feil gestellt; Die Ungcstaltcn aber »ahmen zur Mitgift das gelöste Geld. 118 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Sollt' ein so sonderbarer Handel anch unter uns im Schwange gehn, So wär er gut für solche Freyer, dic nur auf schnöde Münze sehn. Ich aber stimmte diesem Brauche in einer andern Absicht bey, Und mcvnte, daß allhicr das Geben weit seliger als Nehmen sey. (66) Das trunkene Deutschland. Weit besser stands um Deutschlands Wohl, Da Deutschland nur war gerne voll, Als nun es tricgcn, buhlen, beuten, Gclcrnct hat von fremden Leuten. (6K) Hofsicllungen. Es stecket Ja im linken, im rechte» Backen Nein; Ja, nein: dieß pflegt bev Hofe allzeit vermischt zu seyn. (67) Auf den Aulus. Aulus rühmt sich weit und ferne, Allen Leuten dien er gerne. Ja er dient, doch nimmt er Lohn, Grösser als sein Dienst, davon. (68) Der Feind nicht zu verachten. Mit dem Feinde soll man fechten, vor dem Fechten ihn nicht schmäh« Bicl', dic schmähten ungcfochtcn, hat man fechtend laufen sehn. (69) Reichthum. Wer auf übrig Reichthum tracht, Der wird weiter nichts erstreben, Als, daß noch bev seinem Leben Er ihm selbst ein täglich Sterben, Und hcrnachmals seinen Erbe» Ein erwünscht Gelächter macht. (6V) Ein Ehrgeiziger. Wer viel Aemter will genieße», Muß i» sich viel Gaben wissen; Oder muß auf Vortheil gehe»; Oder muß sie nicht verstehen. Erstes Buch. 11!) (61) Von den Steinen der Pyrrha nnd des Dcukalions. Die Pyrrha und ihr Mann gestreut, was waren das für Steine? Den Kieselstein warf sie, und er den Sandstein, wie ich meyne; Denn dieser dient mehr zum Gebrauch, und jener mehr zum Scheine. (62) Kunst verstummt. Daß anitzt die Picrinncn, Mars, vor dir nicht reden könne», Freu dich nicht! Es ist ihr Wille, Ungehindert in der Stille, Mit dem Recht sich zu berathen Auf ein Urtheil deiner Thaten. (63) Sparsame Zeit. Der Mangel dieser Zeit hat Sparsamkeit erdacht; Man lauset itzt auch bald, sobald man Hochzeit macht- (64) Gottes und des Teufels Worte. Es hat Gott durch sein Wort dieß runde Haus gcbauet, Und was man drinnen merkt, und was man draußen schauet: Der Teufel hat ein Wort, wodurch er Vorsatz hat, Zu tilgen, was Gott schuf; und dieses heißt Soldat. (65) An die Annia. Mich di'inkct, Annia ist niemals jung gewesen. Ich habe nichts davon gehört, gesehn, gelesen. (66) Klcinnttithigkcit. Hoch kömmt schwerlich der, der doch Wenig achtet, wenn er hoch. (67) Die Liebe. Wo Liebe zeucht ins Haus, Da zeucht die Klugheit aus. (68) Auf den Hornutus. Hornutus las, was Gott Job habe weggenommen, Sc» doppelt ihm hernach zu Hause wiederkommen: 120 Friedrichs von Logan Sinngedichte, Wie gut, sprach er, war dieß, daß Gott sein Weib nicht »ahm, Auf daß Job ihrer zwey für eine nicht bekam! ^ (69) Auf den Knnilnundus, Kttniinundus giebt sich an, Manche Stunde seinen Mann Zu bestehen. — Das ist viel! — O es ist bedinget worden, Daß er weder selbst ermorden, Noch ermordet werden will. (70) Wahrheit. Fromme Leute klagen sehr, daß die Wahrheit sey verloren. Suche, wer sie suchen will, aber nicht in hohen Ohre». (71) Des Krieges Ranbsucht. Als Venus wollte Mars in ihre Liebe bringen, Hat sie ihn blank und bloß am besten können zwingen. Denn wär sie, wie sie pflegt, im theuern Schmuck geblieben, Hätt er sie dürfen mehr berauben, als belieben. (72) Spieler. Spielen soll Ergehen seyn? Dieses seh ich noch nicht ein. Glaubt ein Spieler, welcher viel Eingebüßt, es sey ein Spiel? (73) Vorige und itzige Kriege. Was tangt der alte Krieg? Der neue Krieg ist besser; Denn jener war ein Feind der Menschen, der der Schlösser: Der erste machte leer der Mensche» Leib vom Blut, Und dieser fegt nur aus der Kasten altes Gut. (74) Ja. Viel Sprachen reden können steht einem Hofmann an — Wer, was der Esel redet, der ist am besten dran. (76) Auf die Jungfer Dubiosa. Dubiosa ist sehr schön, reich, geschickt und sonst von Gaben, Nur der Juden Hoher Priester könnte sie nicht chlich haben. Erstes Buch. 12 l (76) Ein ehrliches Weib. Die Ehre ziert das Weib, ein ehrlich Weib den Mann: Wer diesen Schmuck bekömmt, seh keine» andern an. (77) Zuversicht. Hat Gott mich ohne mich gebracht In dieses Lebe»/ Wird Gott das, was mir fehlt, mir ohne mich auch geben. (78) Plauderer. Wer immer sagt und sagt, und ist doch schlecht belehrt, Sagt oft was nicht geschehn, und keiner sonst gehört. (79) Ein Proceß. Ein Kläger kam und sprach: Herr Richter, ich bekenne, Beklagter soll mir thun, so viel als ich benenne. Der Richter sprach: So schau, und gicbs, Beklagter, hin; So bist du los der Schuld, wie ich des Richtens bin. Beklagter sprach: Ich kann zwar keine Schuld gestehen, Doch geb ich Halbes hin, dem Zanken zu entgehen. Wer besser richten kann, der richte drüber frcv, Wer unter dreyen hier der Allcrklügste sey. (8V) Die Zeit vertreiben. Laßt das Klagen unterbleibe»/ Daß der Tod uns übereile: Jeder sucht ja kurze Weile; Jeder will die Zeit vertreiben. (81) Die Tugend. Wo Tugend Glück beherrscht, und Weisheit Unglücksfällc, Hat Hochmuth kein Gehör, hat Unmuth keine Stelle. (82) Richt zu viel. Ei» rasches Pferd nur immer jagen, Ein saubres Kleid nur immer tragen, Den nützen Freund nur immer plagen, Hat niemals langen Nutz getragen. Friedrichs von Logau Sinngedichte. (83) Das liittreuc Nermöge». Wie schelmisch ist das Geld! Ein jeder sinnt ans Geld, Das dem doch, der es hat, nach Leib und Seele stellt. (84) Kunstdichter. Viel Helden hat es itzt, so hats auch viel Poeten. Daß jene nun die Zeit nicht wie der Tod mag todten, Dazu sind diese gut; doch pflegen insgemein, Wo viel Poeten sind, viel Dichter auch zu scvn. (86) Gemeine Werke. Kluge Leute thun zwar auch was die albernen beginnen, Branchen aber andre Art, andern Zweck, und andre Sinnen. (86) Gewohnheit und Recht. Gewohnheit und Gebrauch zwingt oft und sehr das Recht: Hier ist der Mann ein Herr des Weibes, dort ein Knecht. (87) Reime. Werden meine Reime nicht wohl in fremden Ohren klingen, So bedenken Fremde nnr, es gcschch auch ihren Dingen. Worte haben, wie die Menschen, ihr gewisses Vaterland, Gelten da vor allen andern, wo sie lang und wohl bekannt. Zweytes Buch. (1) Von meinem Buche. Kundig ists, daß in der Welt Sich zum Guten Böses finde. Wäre nur mein Bnch gestellt, Daß beym Bösen Gutes stünde! (2) Hoheit hat Gefahr. Auf schlechter ebner Bahn ist gut und sicher wallen: Wer hoch gesessen hat, hat niedrig nicht zu fallen. (3) Lobsucht. Wer um Lobes Willen thut Das, was löblich ist und gut, Zweytes Buch. 123 Thut ihm selbstcn, was er thut, Thut es nicht, dieweil es gut. (4) Tadlcr. Wem niemand nicht gefällt, wer alles tadelt alle», Wer tadelt diesen nicht, und wem kann der gefallen? (6) Nutzen von großer Herren Freundschaft. Gut trinken und gut essen, Des Unrechts ganz vergessen, Sich selbstcn nimmer schonen, Nie denken ans Belohnen: Dieß sind die eigne» Gaben, Die Herrenfreunde haben. (6) Drohungen. Ein Fluß verräth durch Rauschen sich, daß er sehr lies nicht laust; Ein Bote, daß er müde sey, wenn er sehr schwitzt und schnauft: Wer allzusehr mit Worten pocht, giebt deutlich an den Tag, Daß scinc Lunge ziemlich viel, daß Herze nichts vermag. (7) Wein, der Poeten Pferd. Ihrer viel sind zwar beflissen, Sich am Helikon zu wissen; Ob sie nun gleich zieh» und zieh», Kommen sie doch langsam hin: Denn ihr bestes Pferd ist Heuer Viel zu seltsam und zu theuer. (8) Eine gleiche Heyrath. t:acus hat ein Weib genommen, die ist ihm in allem gleich: Häßlich, böse, faul und diebisch, geil, versoffen und nicht reich. (9) An etliche Lohsprecher eines verstorbenen Helden. Ihr Klugen, deren Faust die Feder ä'msig führet Zu klagen dessen Tod, der an die Wolken rühret Durch Thaten ohne Gleich, durch Thaten, die der Welt Des Himmels kurze Gunst hat einzig vorgestellt, Zum Eigenthum zwar nicht, zum Wunder aber allen, So weit der Titan leucht; der Muth mag euch entfallen, 424 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Daß dieß, wo Götterlob genug zu schaffen hat, Die Feder enden soll und ein vavicrncs Blatt. Laßt ab! Hier wird dem Fleiß gar wenig Frucht gegönnctj Klagt nichts so sehr, als dieß, daß ihr nicht klagen könnet. (10) Wcinfreundschast. Die Freundschaft, die der Wein gemacht, Wirkt, wie der Wein, nur Eine Nacht. (11) Der Henker und die Eicht. Der Henker und die Eicht verschaffen gleiche Pein, Nur er macht kleine lang, sie lange Leute klein. (12) Aufrichtigkeit. Ja soll Ja, und Nein soll Nein, Nein nicht Ja, Ja Nein nicht seyn. Welcher anders reden kann, Ist noch Christ, noch Biedermann. (1Z) Wanderschaft der Leute und der Güter. Man sagt, man liefet viel, wie daß, vor langen Jahren, Zu Zeiten ein ganz Volk aus seinem Sitz gefahren Und neues Land gesucht. Hinfüro wird man sage» Was anders: wie man sah gar oft in unsern Tagen, Vom Land' Holz, Stein, Zinn, Blcv, Gold, Silber, Kupfer, Eisen, Fleisch, Brod, Trank, und was nicht? — hin in die Städte reisen. (14) Saumsal. Anfang hat das Lob vom Ende: Drum macht der, daß man ihn schände, Der in allen seinen Sachen Nimmer kann ein Ende machen. (16) Hausregimcnt. Ein jeder ist Monarch in seines Hauses Pfälen; Es sey denn, daß sein Weib sich neben ihm will zählen. (16) Welschland. Das welsche Land heißt recht ein Paradies der Welt: Weil jeder, der drein kömmt, so leicht in Sünden fällt. Zweytes Buch. (17) Auf den Harpax. Harpar stahl hier ohne Schani, Lief in Krieg, entlief dem Strange; War auch da vielleicht nicht lange, That es nicht sein guter Nani. (18) Nicht zu wüthig, nicht zu furchtsam Noch frech wagen, Noch weich zagen, Hat jemals gar viel Nutz getragen. Wohl bedacht, Frisch vollbracht, Hat oft gewonnen Spiel gemacht. (19) Anzeigungen des Sieges. Seyd lustig, ihr Krieger, ihr werdet nun siegen! Die Kricgcsvcrfassung wird dießmal nicht trügen. Die Waffen, um cucre Lenden gebunden, Sind neulich aus Häuten der Bauern geschunden; Die Mittel zu Stiefeln, Zeug, Sattel, Pistolen, Sind ritterlich neben der Straße gestohlen; Die Gelder, zur Pflegung vom Lande gezwungen, Sind rüstig durch Gurgel und Magen gedrungen; Die Pferde, vom nntzlichcn Pflnge gerissen, Des Brodtes die letzten und blutigen Bissen, Die führen und füllen viel Tausend der Wagen, Die Huren und Buben zu Felde mit trage». Daß Reiter nun wieder ein wenig beritten, Sind Adern und Sehnen dem Lande verschnitten; Ein Fürstcnthum ist in die Schanze gegeben, Die Handvoll von Reitern in Sattel zu heben. (20) Adel. Hoher Stamm und alte Väter Machen wohl ein groß Geschrey: Moses aber ist Vcrräthcr, Daß der Ursprung Erde seh. t> Friedrichs von Logau Sinngedichte. (21) Ein gnadscligcr Diener. Fürsten werfen oft ans Einen alle Sach nnd alle Gunst; Fehlt nun der, so sind verloren alle Mittel, alle Kunst. Alles kann verrathen Einer, Einer taun nicht allem rathen; Gut ist, was viel Augen lol'tcn, leicht ist, was viel Hände tl'atcn, (22) An den wohlthatigen Gott. O Gott, wo nehm ich Dank, der ich so viel genommen Bon Wohlthat, die mir ist zu Hause häufig kommen Durch deine Gniigkctt? Thust du nicht noch mebr Wohl. So weiß ich keinen Rath, wie ich recht danken soll. (23) Heutige Wcltknnst. Anders sevn, und anders scheinen; Anders reden, anders mcvncn; Alles loben, alles tragen; Allen heucheln, stets behagen; Allem Winde Segel geben; Bösen, Guten dienstbar leben; Alles Thun und alles Dichten Bloß auf eignen Nutzen richten: Wer sich dessen will befleißen, Kann politisch Heuer heißen. (24) Das Beste in der Welt. Das Beste, was ein Mensch in dieser Welt erstrebet, Ist, daß er endlich stirbt, und daß man ihn begrabet. Die Welt scv, wie sie will; sie bab auch, was sie will: War Sterben nicht dabev, so gälte sie nicht viel. (26) Auferstehung der Todten. Wer nicht glaubt das Aufersteh», dem ist ferner wohl erlaubt, Daß er glaube, was er will, wenn er anch gleich gar nichts glaubt. (26) Grabschrift der Frömmigkeit. Frommes liegt ins Grabes Nacht; Böses hat es umgebracht. Frevel erbte seine Habe, Tanzt dafür ihm auf dem Grabe. Zweytes Buch. l (27) Das menschliche Alter. Ein Kind weiß nichts von sich; ein Knabe denket nicht; Ein Jüngling wünschet stets, ein Mann hat immer Pflicht; Ein Alter hat Verdruß; ein Greis wird wieder Kind: Schau, lieber Mensch, was dieß für Herrlichkeiten sind! (28) Der Tod. Wer sich nicht zu sterben scheut, und sich auch nicht schämt zu leben, Dieser sorgt nicht, wie und wann er der Welt soll Abschied geben. (29) Höflichkeit. Die Höflichkeit ist Gold: man hält sie werth und theuer; Doch hält sie nicht den Strich, taugt weniger ins Feuer. (30) Stärke und Einigkeit. Tapferkeit von außen, Einigkeit von innen, Macht, daß keiner ihnen mag was abgewinnen. (31) Reiche Verwüstung. Da dieses Land war reich vor Jahren, Da glaubten wir, daß Bettler waren. Nun dieses Land, durch langes Kriegen, Bleibt menschenleer und wüste liegen, Ist Steuer gar nicht zu bereden, Man sey nun arm von so viel Schäden. (32) Aufrichtigkeit. Wer wenig irren will, er thu gleich, was er thu, Der schweife nicht weit um, er geh gerade zu. (33) Hofe-Gedächtniß. Was man an den Höfen fehlet, Das wird lange da gczählct: Morgen denkt man kaum daran, Was man heute wohl gethan. (34) Unheilsame Krankheit. Mancher Schad ist nicht zu heilen durch die Kräuter aller Welt: Hanf hat viel verzweifelt Böses gnt gemacht nnd abgestellt. Friedrichs von Logau Sinngedichte. (3S) Sin Alter. Ei» alter Mann wird zwar veracht, Der aber doch der Zungen lacht, Die ihnen selbst ein Lied erdichten, Das man dann auch ans sie wird richten. (36) Glück und Neid. Die das Glücke stürzen will, hat es gerne vor erhoben; Die der Neider schwarzen will, pflegt er gerne vor zu loben. (37) Auf die Portia. Portia schont ihrer Augen; einen kleinen schlechten Mann Siehet sie nur über Achsel, sieht sie mit Verachtung an. Kleine Schrift verirr die Augen, daß man übler sehen kann. (38) Wohlthat. Die Wohlthat übel angewandt, Wird Uebclthat gar wohl genannt. (39) Wissenschaft. Dem Fleiße will ich scvn, als wie ein Knecht, verhaft, Damit ich woge seyn ein Herr der Wissenschaft. (40) Vergebliche Arbeit. Weiß die Haut des Mohren waschen, Trinken aus geleerten Flaschen, In dem Siebe Wasser bringen, Einem Tauben Lieder singen, Auf den Sand Pallästc bauen, Weibern auf die Tücken schauen, Wind, Lnft, Lieb' und Rauch verhalten, Jünger machen einen Alten, Einen dürren Wetzstein mästen / Osten setzen zu dem Westen, Allen Leuten wohl behagen, Allen, was gefällig, sagen; Wer sich das will unterstehen, Muß mit Schimpf zurücke gehen. Zweytes Buch. 129 (41) Der Tugend Lohn. Durch Ehr und reichen Lohn kann Tapferkeit erwachen; Doch Ehr und reicher Lohn kann Tapferkeit nicht machen. (42) Die beste Arzeney. Freude, Mäßigkeit und Ruh Schleußt dem Arzt die Thüre zu. (43) Auf den Veit. Veit hat ein wohlbcrathncs Haus, und in dem Hause siehet man In großer Meng ein jedes Ding, was man — im Finstern sehen kann. (44) Die menschliche Unbeständigkeit. Sein' Eigenschaft und Art bekam ein jedes Thier, Und wie sie einmal war, so bleibt sie für und für. Der Löwe bleibt beherzt; der Hase bleibet scheu; Der Fuchs bleibt immer schlau; der Hund bleibt immer treu: Der Mensch nur wandelt sich, pcrmummt sich immerdar» Ist diese Stunde nicht der, der er jene war. Was dient ihm denn Vernunft? Sie hilft ihm fast allein, Daß er kann mit Vernunft recht unpcrnüiiflig sevu. (45) Der Aerzte Glück. Ein Arzt ist gar ei» glücklich Mann: Was er bewehrtes wo gethan, Zeigt der Ecnestc jedem an: Sein Irrthum wird nicht viel erzählet; Denn bat er irgendwo gcfchlet, So wirds in Erde tief verhehlet. (46) Ueber den Tod eines lieben Freundes. Mein ander Ich ist todt! O ich, sein ander Er, Ich wünschte, daß ich Er, er aber Ich noch wär, (47) Geld. Wozu ist Geld doch gut? Wers nicht hat, hat nicht Muth; Wcrs hat, hat Sorglichkcit; Wers hat gehabt, hat Leid. «cftmgS Werke v. g 130 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (48) Rechisycindel. Wer sich ciuläßt in Processe, wer sich einläßt in ein Spiel, Zeder muß hier etwas setzen, wenn er was gewinnen will; Doch geschieht es auch, daß nianchcr nichts gewinnt, und setzt doch viel. (49) Tricgcreyen. Krummes mag man wohl verstehen, Krummes aber nicht begehen. (60) Eine reiche Heyrath. Wer in Ehstand trete» will, nimmt ihm meistens vor Drein zu treten, ob er kann, durch das goldne Thor. (ZI) Die graue Treue. Da man, schon zur Zeit der Alten, Reine Treu für grau gehalten: Wundcrts euch in unsern Tagen, Daß sie schon ins Grab getragen? Daß nicht Erben nach ihr blieben, Drüber ist sich zu betrüben. (62) Auf den Lychnobius, Lvchnobius zählet viel Jahre, viel Wochen, Noch lebt er die Woche nicht einigen Tag; Er saufet bey Nachte, so viel er vermag, Und stecket des Tages im Bette verkrochen. (63) Schalksnarren. Ein Herr, der Narren hält, der thut gar weislich dran; — Weil, was kein Weiser darf, ein Narr ihm sagen kann. (64) Auf den Bibulus. Es torkelt Bibulus, ist stündlich toll und voll: — Der Weg zur Holl ist breit: er weiß, er trifft ihn wohl. (66) Hofdicncr. Zch weiß nicht, ob ein Hund viel gilt, Der allen schmeichelt, keinem billt? Ei» Diener, der die Aufsicht führet, Zweytes Buch. Und Auge» mir, nicht Zunge rühret, Thut nicht, was seiner Pflicht gebühre«. (66) Geistlicher und weltlicher Glaube. Man merkt, wie gegen Gott der Glaube sey bestellt, Nur daraus, wie man Glaub und Treu dem Nächsten hält. (67) Selbsterkenntniß. Willst du fremde Fehler zählen; heb an deinen an zu zählen; Ist mir recht, dir wird die Weile zu den fremden Fehlern fehlen. (68) Wcltgunst. Die Wcltgunst ist ein Meer: Darein versinkt, was schwer; Was leicht ist, schwimmt daher. (69) Die Zeiten. Wer sagt mir, ob wir selbst so grundverböste Zeiten Bcrböscrn, odcr ob die Zeiten uns verleiten? Der Tag, daran ein Dieb dem Henker wird befohlen, Hätt ihn wohl nicht gehenkt, hätt er nur nicht gestohlen. (60) Die Gnade. Das Warm ist Menschen mehr, als Kaltes, angeboren; Den Fürsten sey die Gut mehr als die Schärf erkohren. (61) Die viehische Welt. Ein rindcrncr Verstand, und kälbcrne Gcbcrdcn, Dabey ein wölfisch Sinn, sind bräuchlich itzt auf Erden. Das Rind versteht sich nicht, als nur auf Stroh und Gras: Ein Mensch läuft, rennt und schwitzt bloß um den vollen Fraß. Ein Kalb scherzt, gaukelt, springt, eh es das Messer fühlet: Ein Mensch denkt nie an den, der stündlich auf ihn zielet. Der Wolf nimmt, was ihm kömmt, ist fcind dem Wild und Vieh: Was Mensch und menschlich ist, ist frey vor Menschen nie. (62) Dank wird bald krank. Dankbarkeit, du theure Tugend, Alterst bald in deiner Zugcnd: 9* 132 Friedrichs von Logau »siliiigcdichtc. Drum macht deine kurze Frist, Daß du immer seltsam bist. (63) Wciberverheiß. Wer einen Aal beym Schwanz und Weiber faßt bey Worte», Wie fest er immer hält, hält nichts an beyden Orten. (64) Verdacht. Argwohn ist ei» schcuslich Kind: wenn es in die Welt nur blick!, Solls nicht schaden, ist es werth, daß man es alsbald erstickt. (65) Freunde. Freunde muß man sich erwählen Nur nach wägen, nicht nach zählen. (66) Auf die Rasa. Einen Trostspruch aus der Bibel hatte Rasa ihr erwischet, Daß man ewig dort mit Abram, Jsaak und Jakob tischet. Freuet sich auf beßre Speisen, als man hier erjagt und fischet. (67) Liebhaber. Die Liebe treibt ins Elend aus, Die, welche sie belohnet. Denn der ist nie bey sich zu Haus, Der in der Liebsten wohnet. (68) Der verfochtene Krieg. Mars braucht keine» Advocaien, Der ihm ausführt seine Thaten. Keinem hat er was genommen, Wo er nichts bey ihm bekommen. Keinem hat er was gestohlen, Denn er nahm es unverhohlen; Keinen hat er je geschlagen, Der sich ließ bey Zeiten jagen; Was er von der Straße klaubet, Ist gefunden, nicht gcraubet, Haus, Hos, Scheu» und Schöpf gelecrct, Heißt ei» Stucke Brodt begebrer; Stadt, Land, Mensch und Vieh vernichten, Zweytes Buch, Heißt des Herren Dienst verrichten; Huren, saufe», spielen, fluchen, Heißt dem Muth Erfrischung suche». Endlich dann zum Teufel fahre», Heißt — de» Engel» Muh erspare», (69) Aerzte und Räthe. Ei» Arzt hilft krankcm Leib', ein Weiser kranker Zcir. Der erst' ist noch zur Hand, der ander ist gar weit. (70) Geschminkte Weiber. Damen, die sich gerne schminken, Lassen sich wohl selbst bedünkm, Daß Natur an ihren Gaben Müsse was versehen haben. Drum wer wähle» will, der schaue, Daß er nicht der Farbe traue. (71) Der Hunger. Mir ist ei» Gast bekannt, der dringt durch srechcs Plagen, Daß ihn sein frommer Wirth soll aus bei» Hause jage»: Wenn dieser es nicht thut, wird der nicht eh gestillt, Als bis man Gast und Wirth in Eine Grube füllt. (72) Laster sind zu strafen, Personen sind zu schonen. Nicht die Personen auszurichten, Die Laster aber zu vernichte», Hat jeder möge» Reime dichten. (73) Auf den Ruhmreich. Ruhmreich ist ein Tausendkünstler; was er will muß ihm gelingen; Kann er eines, glaub ich alles: über seinen Schatten springe»? Oder, ist ihm dieses lieber; pfeifen u»d zugleich auch singe» ? (74) Auf den Scnccio. Senccio hat eine Seuche, daran er sterbe» muß; Es ist, wie ich berichtet wordc», ei» neunzigjährig Fluß, (7Z) Heutige Sitten. Wozu soll doch sein Kind ein Vater aufcrzichcn Bey so bewandtcr Zeit? Er darf sich nur bemühen, 134 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Daß keine Scheu sein Sohn und kein Gewissen hat, So ist schon alles gut, so wird zu allem Rath. (76) Von der deutschen Poesie. Was ist ein deutscher Reim? Deutsch kann ja jedermann. — Drum ist mir lieb, daß ich auch kann, was jeder kann. (77) Klugheit und Thorheit. Jeder hat zu Hausgenossen, zwey sich gar nicht gleiche Gäste: Einen Doctor, einen Narren; Diese speiset er aufs beste. Braucht er mm nicht gute Borsicht, hält er nicht den Narren ein, Wird er öfter als der Doctor an der Thür und Fenster sehn. (78) Fleiß bringt Schweiß, Schweiß bringt Preis. Jedermann hat gerne Preis; Niemand macht ihm gerne Schweiß. Wer der Arbeit Mark will nießcn, Muß ihr Bein zu brechen wissen. (79) Geschminkte Freundschaft. Hände küssen, Hüte rücken, Kniee beugen, Häupter bücken, Worte färben, Rede schmücken, Mevnst du, daß dieß Gaukelet), Oder ächte Freundschaft sey? (80) Lachende Erben. Die Römer brauchten Weiber, die weinetcn für Geld. Obs nicht mit manchem Erben sich eben so verhält? (81) Eold und Luft. Der Mensch liebt Gold so sehr, Und darf der Luft doch mehr. Ein Dieb, der dieß bedenkt, Wird selten aufgchcnkt. (82) Auf den Crassus. Crassus hat gar bösen Ruf: aus dem bösen Ruf zu kommen, Hat er ärgers Bubenstück, als das erste, vorgenommen. Zweytes Buch. 135 (83) Hofkünste. Künste, die bey Hof Im Brauch, Faßt ich, dünkt mich, leichtlich auch; Wollt' erst eine mir nur ein, Nehmlich: unverschämt zu seyn. (84) Sin guter Koch, ein guter Rath. Bey Hofe ist ein guter Koch der allerbeste Rath, Er weiß, was seinem Herren schmeckt, und was er gerne hat. Er trägt verdecktes Essen auf, und Essen nur zur Schau; Gcußt Södcr auf und Senf daran, die dienlich für den Grau; Aufs Bittre streut er Zucker her, das Magre würzt er wohl; Dem Herren werden Ohren satt, und ihm der Beutel voll; Die Kammer geht zur Küche zu, die Wirthschaft in das Faß; Die Kanzclcy hält Fastenzeit; der lechzend' Untersaß Mag laufe», kann er sitzen nicht: die ganze Policey Wird Heuchclcy, Bctriegercy und Küchrnmcistercy. (85) Der Ruchlosen Frcudenlied. Weil das Leben bey uns bleibt, brauchen wir das Leben; Kommen wir in Himmel nicht, kommen wir daneben. (86) Armuth und Blindheit. Ein blinder Mann ist arm, und blind ein armer Mann: Weil dieser keinen steht, der keinen sehen kan. (87) Auf den Bloscus. Seh ich recht, so scheint es mir, Bloscus sey ein Wundcrlhier. Augen hat er, keine Stirne, Einen Kopf, und kein Gehirne, Einen Mund, und keine Zunge, Wenig Herzens/ viel von Lunge. Kannst du besser sehn, so schau, Ob er Ochs ist, oder Sau. (83) An den Leser. Sind dir, Leser, meine Sachen mißgefcillig wo gewesen, Kannst dn sie am besten strafen, mit dem sauern Nimnicrlcsc». 136 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Drittes Buch. (1) .Von meinen Lesern. So mirs gehet, wie ich will, Wunsch ich Leser nicht zn viel: Den» viel Leser sind viel Richter, Vielen aber taugt kein Dichter. (2) Gott und Krieg. Was nicht ist, dem ruft Gott znm Seyn und zum Besteh»; Was ist, dem rnst der Krieg zum Nichlscv», zum Vergeh». (3) Sparsamkeit. Wenn die Jugend eigen wüßte, Was das Alter haben mußte; Sparte sie die meiste» Lüste. (4) Der Tod. Ich fürchte nicht den Tod, der mich zu nehmen kömmt; Ich fürchte mehr den Tod, der mir die Meinen nimmt. (o) Auf den Celer. Cclcr lief jüngst aus der Schlacht, Denn es kam ihm schnell zu Sinne, Daß er, würd er umgebracht, Nachmals nicht mehr fechten könne. (6) Wassersucht. Wassersucht ist schwer zu heilen. Manchmal kömmt sie Imigscrn an; Diese trägt man auf den Armen, bis sie selber laufen kann. (7) Mittel zum Reichthum. Wer reich zu werden sucht, muß Zeit und Ort betrachten, Und lerne» Geld n»d Gut bald viel, bald wenig achten. (8) Verleumder. Ich kenn ein höllisch Volk, die Brüder der Erimicn, Ein Volk von süßer Jung und von vergifte» Sinnen, Das zwischen Mund und Herz, das zwischen Wort und Thal Solch eine» enge» Raum, wie Ost von Westen, hat. Drittes Buch. 137 Es lobt mich ins Gesicht, es schändet mich im Rücken, Es will durch meine Schmach sein eigen Laster schmucken, Es sehnet sich empor, verachtet alle Weit, Und hat genug an dem, daß es ihm selbst gefällt. Was ist mit dem zu thun? Sonst will ich nichts ihm fluchen, Als daß sein falsches Maul mag einen Stand sich suchen, Wo sonst aus hohler Tief ein fauler Athem zeucht, Der auf die Ferse» zielt und in die Nase kreucht. (9) Vereinigung zwischen Jupiter und Mars. Es that mir jüngst ein Freund vom Helikon zu wissen, Daß Jupiter mit Mars wollt' einen Frieden schließen, Wenn Mars hinfort nicht mehr bey seinen Lebenslage», Nach Himmel und nach dem, was himmlisch ist, will fragen: Will Jupiter dahin sich kindlich dann erklären, Dem Mars, noch ucbst der Welt, die Holle zu gewähre». (1V) RegimcntSwetter. Principes kunt vü, neu quickem sllilvn-mtes, keck imUoniUilvs. Wer nicht glaubt, daß Obrigkeiten Billig sind und heißen Götter, Der hab Acht bey diesen Zeiten, Was sie machen für ei» Wetter. (11) Kreuz. So bös' ist schwerlich was, es ist zu etwas gut: Das Kreuze plagt dcu Leib, uud bessert doch dc» Muth, (12) Geduld. Leichter träget, was er träget, Wer Geduld zur Bürde leget. (13) Von dem Canus. Canus baut ei» neues Haus; baut ihm auch ciu Grab. Mich dcuchl, Daß er an das Weichen denkt, aber doch nicht gerne weicht. (14) Liebesarzcncy. Mäßig und gcschäfftig leben, Heißt der Liebe Gift eingeben. 138 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (1Z) Die hoffärtige und übersichtige Welt. Die Welt acht unsrer nichts; wir achte» ihrer viel. Ein Narr liebt den, der ihn nicht wieder lieben will. (16) Der Spiegel. Der Spiegel ist ein Maler, im Malen ganz vollkommen; Der aber sein Gemälde stets mit sich weggenommen. (17) Listige Anschlage. Weißt du, was ein Anschlag heißt? — „Wenn man weislich sich befleißt, „Seinem Feind, eh crs wird innen, „Schand und Schaden anzuspinnen — Nein; es ist was bessers noch, Gilt auch noch einmal so hoch: Stehlen heißt es Küh und Pferde, Daß es niemand innen werde. (18) I^inAua pi-üeciu'i'lt meutern. Wenn für den Mann das Weib in einer Handlung spricht, Sagt, übereilet da den Sinn die Zunge nicht? (19) Redlicher Leute Schelten gilt vor loser Leute Loben. Wenn mir ein Böser gut, ein Guter böse will, So acht ich Gutes nichts, hingegen Böses viel. (20) Redlichkeit. Weil die Ehr und Redlichkeit Weicht und fleucht aus unsrer Zeit, Weiß ich nicht, was drinnen sehr Frommer Mann, mehr nütze wär. (21) Schlaf. Es sitzt der Schlaf am Zoll, hat einen guten Handel; Sein ist der halbe Theil von unserm ganzen Wandel. (22) Träume. Aus Nichts hat der ihm was gemacht, Der Träume, welche Nichts sind, acht. Drittes Buch. 139 (23) Glückseligkeit. Was macht die Menschen arg? Was hat viel Volk empöret? Was hat manch Land geschwächt? Was hat manch Reich zerstöret? Das, was die ganze Welt doch itzt und alle Zeit Von Herzen wünscht und sucht: des Glückes Seligkeit. (24) Ehestand des Herjens und der Zunge. Das Herz und Jung ist wie vermahlt, Die zeugen Kinder ungezählt; Wenn beide nun nicht eines sind, Wird jedes Wort ein Hurenkind. (26) Der gesegnete Krieg. Mars ist nicht ganz verflucht; Mars ist nicht ganz zu ächten, Wie manchem dünkt. Er ist der Same der Gerechte»; Nach Brodtc geht er nicht. Er kann nach Brodte reiten, Und muß wohl noch dazu das Fleisch das Brodt begleiten. (26) Alleiigefcillcnhcit. Daß er gefalle jedermann Geht schwerlich, glaub ich, jedem an, Als dem, bey dem hat gleichen Preis Gott, Teufel, Recht, Krumm, Schwarz und Weiß. (27) Weiber. Wer ohne Weiber könnte seyn, wär' frey von vielerlei) Beschwerden; Wer ohne Weiber wollte seyn, wär' aber nicht viel nütz auf Erden. (28) Regimentsverständige. Es ist ein Volk, das heißt Statisten, Ist von Verstand nnd scharfen Listen, Doch meynen viel, es seyn nicht Christen. (29) Fremdes Gut. So ists mit uns bewandt: Was in der fremden Hand, Das will uns mehr vergnügen; Und unsers will nicht tügcn. Was uns das Glücke giebt, Hat andern auch beliebt. Friedrichs von Logau Sinngedichte. (30) AnM der Freunde. Wer viel Freunde rühmt z» haben, muß gar wenig Sinnen zähle»! Eine» Freund zu finden, Pflegen alle Sinnen oft zu fehlen. (31) Auf die Elsa. Dick und jenes schneidt man auf von der Hochzeit ersten Nacht, Mich, sagt Elsa, schreckt es nicht, werde brünstig nur gemacht, Unter Augen dem zu gehn, was zuletzt mir kommen soll; Wer, was ihm verordnet ist, fliehen will, der thut nicht wohl. (32) Lügen und Lügen sagen. Ein Frommer hütet sich, daß er nicht leichtlich luge; Ein Weiser, daß er sich mit Lügen nicht bctricgc. (33) Des Mars Treue. Niemand wag es, und verneine, Daß es Mars nicht treulich mcvne, Weil er niemals Winters halben Weichet, wie die falschen Schwalben, Sondern bleibt auf unsrer Erde, Weil noch währt, Geld, Brodt, Küh, Pferde. (34) Thätigkeit. Wer nimmer nichts versucht, der weiß nicht, was er kann. Die Uebung wirkt uns aus; Versuch der führt uns an. (35) Frommer Herr, schlimme Diener. Ist gleich ein Herr gerecht, Ist aber arg sein Knecht; So wird der Herr doch ungerecht, Dieweil er hägt den arge» Knecht. (36) Lobsprecher. Meistens lobt man alle Fürsten, wie sie leben, weil sie leben. Sind es dann nicht Hcuchclepen? Nein, es ist gar recht und eben, Daß man ihre Laster theils nicht verhaßter etwa» macht, Daß man sie erinnert theils wo sie sonst nicht drauf gedacht. Auf die Weise kann man Pillen, die sonst allzubittcr schmecken, Schcinlich machen und vergolden, und die Pflicht ins Lob verstecke». Drittes Buch. (37) Redlichkeit. Wer gar zn bieder Ist, bleibt zwar ein redlich Mann, Bleibt aber, wo er ist, kömmt selten höher an. (38) Beyspiele. Willst du Fürsten Regeln geben, Gieb der andern Fürsten Leben. Heb sie über Bös' empor, Zeuch nicht ihnen Beßre vor. (39) Gewinn und Besitz. Wer den Beutel hat verloren, mag den Weg zurücke messen: Schwer ist neuer zu erwerben; alter ist nicht zu vergessen. (40) Mann und Weib. Die Weiber sind die Monden, die Männer sind die Sonne; Bon diesen haben jene Nutz, Ehre, Warme, Wonne. Die Sonn beherrscht den Tag, der Mond beherrscht die Nacht; Bey Nachte hat das Weib, der Mann bcv Tage Macht. (41) Ei» hölzernes Pferd. In der Argivcr langem Wcibcrkricge, Half letzlich noch ein hölzern Pferd zum Siege. Was giits, ob Krieg itzt auch nicht währen werde, Bis sonst kein Pferd mehr bleibt, als Kindcrpfcrdc? (42) Vom Lividus. Lividus ist tödtlich krank. Will er leben, soll er baden — Aus den Thränen, die er goß über eines andern Schaden. (43) Gerechtigkeit des Neides. Keine Straf ist ausgesetzet Auf des Neides Gift; Denn er ist zu aller Zeit Selbst so voll Gerechtigkeit, Daß er glücklich trifft, Und sich durch sich selbst verletzet. ^ Friedrichs von Logau Sinngedichte. (44) Guter des Gemüths. Wer ihm Güter handeln will, der erhandle solchen Grund, Den kein Brand, kein Raub verderbt, weil er im Gemüthe stund. (45) Auf den Fugipes. Fugipcs sollt itzo treten In die Schlacht; da wollt' er beten, Sprach: Mein Gott, ach mache mir, Wie dort David rühmt von dir, Hirschcnfüßz ja, führ mich ehe Weit von hinnen in die Höhe! (46) Der Bauch hat nicht Ohren. Der Bauch hat kein Gehöre? Das ist zu viel gesprochen. Lucinens Bauch hat Ohren; erwarte nur zehn Wochen. (47) Hofedonner. Der Donner, den der Hofchimmel schickt, Trifft, ehe man es merkt, daß er geblickt. (48) Sin Verleumder. Falsus ist ein guter Redner, jedes Wort ist eine Blume Bon Verleumdung andrer Leute, und von stolzem Eigenruhme. (49) Festemacher. Fürs Vaterland sein Blut vergießen, Hat man sich sonst mit Ruhm beflisse». Das Blut dem Baterlande sparen, Ist itzt ein Ruhm in unsern Jahren. (50) Lob. Ein sonders Lob ist dieß, daß einer Lobcns werth, Auf bloßes Lob nicht sieht, und Lobcns nicht begehrt. (51) Auf die Virnula. Es achtet Virnula nichts in der Welt so sehr, Wie billig/ als die Zucht und angcborne Ehr: Damit sie nicht mit Macht ihr etwan werd entnommen, So hat sie nächst ein Freund von ihr geschenkt bekommen. Drittes Buch. 143 (62) Auf den Veit. Veit, man nennt dich einen Ochsen; dieß gefällt dir schwerlich halb. Ochse kannst du ttinftig heißen; bleib mir itzo noch ei» Kalb. (63) Die englische Tracht. Die Jungfern, die das geile Rund, Daß zu der Wollust legt den Grund, Ans Licht so schamlos stellen aus, Die find ein rechtes Ballenhaus, Wo stets der Ballen liegen viel, Und warten, ob mau spielen will. (64) Sich hüten. Soll der Mensch ihm selbst verhüten, was ihm kann Gefahr erregen, Muß er sich bloß auf das Hüten, sonst auf kein Geschaffte legen. (66) Der Weg zu Gunsten. Willst du, daß man dich bey uns wohl verehr, und dein gedenke? Stelle Gasterevcn an, sprich stets ja, und gieb Geschenke. (66) Vorwitz. Du, der du um mich dich kümmerst, säumst zu kümmern dich um dich: Kümmrc dich um dich zum ersten; bleibt dir Zeit, alsdann um mich. (67) Auf den MoruS. Morus kam nach Hofe schmausen. Ohne Wissen, ohne Grausen Fraß er viel von einem Naben, Den sie ihm zum Possen gaben. Besser, daß ich dich verzehre, Als daß ich dein Grabmahl wäre: Sprach er. Daß es was bedeute, Sagen aber alle Leute. (68) Auf die Pigritta. Pigritta brauchet gerne Ruh; wie so? Sie hat vernommen, Der Mensch sey nur in diese Welt wie in ein Gasthaus kommen. 144 Friedrichs von Log.ni Sinngedichte. (59) Der Argwohn. Dieses kann man zwar wohl thun, daß man leichtlich niemand träne: Nur daß nicht, daß man nicht trau, leichtlich jemand an uns schaue. (60) Auf den Veit. Einem andern abgeliebet, Einem andern abgedicket, Einem andern abgelegen, Einem andern abbctrogcn, Einem andern abgceidct, Einem andern abgckrcidet, Weib, Geld, Gut, Vieh, Hülle, Fülle, Und was sonst erwarb sein Wille, Diese seine schone Habe Nennet Weit des Herren Gabe, Will von solchem Gottbcschcrcn, Sich mit Gott und Ehren nähren. (61) Der alten Deutschen Schrift. Der Deutschen ihr Papier War ihres Feindes Leder; Der Degen war die Feder, Mit Blute schrieb man hier. (62) Bon einem Spiegel. Heimlichkeiten großer Leute soll man, wie sichs ziemt, verschweigen: Deiner Schönheit schon Geheimniß will der Spiegel auch nicht zeigen; Daß er sc» bei) Hof gewesen, Formiruta, dünkt mich eigen. (63) Soldatenfrcyheit. Laßt man euch denn, ihr Soldaten, Frey dahingehn alle Thaten? Sündern, die da sterben sollen, Thut man, was sie haben wollen. (64) Auf den Möchus. Mochus ist ein milder Mann außer Haus', und karg im Bette: Seine Frau lernt diese Kunst, treibt sie mit ihm in die Wette. Drittes Buch. (6A) Der Sacer Gewohnheit. Eh Jungfer möcht und Junggeselle sich weiland bev den Saccrn paaren, Mußt' eines vor des andern Stärke durch einen sondern Kampf erfahre»; Wer überwand, war Herr im Hause. Bev uns begehren, nicht aus Starke, Die Weiber Vorzug, Herrschaft, Ehre; nein, sondern weil sie schwache Werke. (66) Wunderwerk. Ein Soldat kann durch Verzehren Sich ernähren! Und ein Landmann durch Erwerben Muß verderben! (67) Von dem Nummosus und Bibosus. Da Nummosus sterben sollte, lief er auf den Obcrsoller; Da Bibosus sterben sollte, lief er in den tiefen Keller; Doch den schwarzen Knochenmann hielt nicht auf noch Hoch noch Tief, Daß er beiden nicht hinnach, bis er sie erhäschte, lief. (68) Reime. Ich pflege viel zu reimen; doch hab ich nie getraut, Was bcssers je zu reimen, als Bräutigam auf Braut, Als Leichen in das Grab, als guten Wein in Magen, Als Gold in meinen Sack, als Leben und Behagen, Als Seligkeit auf Tod;--Was darf ich mehrers sagen? (69) Rath. Da, wo man Rath nicht hört, wo Rath nicht Folge hat, Allda ist gar kein Rath der allerbeste Rath. (70) Auf den Paul. Paul ist fleißig, mich zu fragen; Ich vcrdrüßig, was zu sagen: Denn mit allem meinem Sagen Stillt sich nimmer doch sein Frage». (71) Shcwunsch. Spanne meinen schwachen Mann, spann ihn aus, o Himmel, doch! Seufzet Mocris; und ihr Mann: Himmel, ach, zerbrich mein Joch! LeMgS Werke V 1y Friedrichs von Logau Sinngedichte. (72) Wer Nützliches mit Lustigem vermengt, der triffts. Wer Nutz und wer Ergctz recht scheidet und recht mcugt, Verdienet, daß man ihn mit Lob und Ruhm beschenkt. Lobt Passcrillcn, lobt! Zum Nutz ist ihr der Mann, Der Nachbar zum Ergctz, und wer nur immer kann. (73) Wein. Willst du eine Lust dir kaufe«, kauf ein Faß voll guten Wein, Bitt ein Dutzend gute Brüder: Ach, was werden Narren seyn! (74) Fürsprecher. Männer, die durch Reden reich Werden, sind den Vögeln gleich; Tragen sich zu ihrer Ruh Ein Gcbäud im Munde zu. (76) Freundschaft. Wo Nutz sich nicht erzeigt, wo kein Gewinn sich weist, Ist Freundschaft nicht daheim, ist über Land gereist. (7K) Eine ausgeübte Sache. Bon Sachen, die nicht vor sind wo schon ausgeübet, Nimmt keine Simon an, wie viel man ihm gleich gicbet. Mich dünkt, (es ist nicht weit, bis daß er Hochzeit mache,) Die Braut die bring ihm auch ein' ausgeübte Sache. (77) Höflichkeit. Was Höflichkeit versprochen, Darauf ist nicht zu pochen; Sie machet keine Pflicht; Ihr Band das bindet nicht. (78) Schonheil. Schönheit ist ei» Bogclleim, jeder hänget gerne dran, Wer nur slcugct, wer nur schleicht, wer nur manchmal kriechen kann. (79) Der Mittelstand. Wer ruhig sitzen will, der sitze nicht beym Giebel; Wo Schwindel folgt und Fall, daselbstcn sitzt sichs übel. Trittes Buch. 147 (8V) Unterschied zwischen Jungfrau, und junge Frau. Es wird, was junge Frau und Zungfrau, leicht erkannt; Denn dieses Wort ist ganz, und jenes ist gctrannt, (81) Auf die Nenerilla. Bcncrilla hasset Scherz, Was sie mcvnt, das ist ihr Herz. Wer an ihr was suchen will, Such und säume nicht zu viel. Wer nichts sagt und viel doch thut Ist für Bcncrilla gut. (82) Asche und Kohle. Asch und Kohle sind Geschwister; Holz ist Mutter; Vater Feuer; Asch ist Schwester, Kohle Bruder; beide sind es Ungeheuer: Denn der Bater wie die Mutter ist alsbald durchaus verloren, Wcnn der Sohn und scinc Schwcster werden zu der Welt geboren. Doch zur Rache kömmt der Wirbel, treibt die Tochter schncll davon, Und des Batcrs Bruder kömmt und vernichtet auch den Sohn. (83) Verstand und Zustand. Vcrstand, den jeder hat, halt jeder licb und werth; Der Zustand, den er hat, wird anders stets begehrt, Da jener, wie mich diiiikt, doch mehr als der, vcrkchrt, (84) Ealgensirasc. Ists recht, daß man die Miinze mit Münze wieder zahl', Stiehlt den mit Recht ein Rabe, der wie ein Rabe stahl. (86) An einen Sternfrcund. Sieh nicht am Himmel erst, wie vielen Jammer Mars stiften wird. Sich nur — in- deine Kammer. (86) Fürstcnlicbe. Große Herren lieben die, denen sie viel Wohlthat gaben, Lieben scltcn die um sie sich gleich wohl vcrdicnct haben: Wollcn, daß man ihre Güte solle stets mit Pflicht empfinden, Wollen sich für fremdes Gute selbst hingegen nicht verbinden. 10" 148 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (87) Hausstand. Viel erdulden, nichts verfechten; Schaden leiden, doch nicht rechten; Andre füllen, sich entleeren; Lohnen, doch den Dienst entbehren; Immer geben, nimmer nehmen; Nimmer lachen, immer grämen; Herrschen, gleichwohl dienen müssen; Viel verwenden, nichts genießen; Wenig haben, ofte geben; Selbsten fallen, andre heben; Kommt man bev so viel Geschäften Dann von Gut, Blut, Mark und Kräften, Wie der alte Hund den Knittel, Dulden den Rcbcllcntltel; Das ist unser Hausstand heute. Lobt ihn doch, ihr lieben Leute! (88) Beginnen. Fang alles an mit Wohlbedacht; führ alles mit Bestand: Was drüber dir begegnen mag, da nimm Geduld zur Hand. (89) Schulden. Wer Schuld mit Schulden zahlt, thut selten alles gut; Dem letzte», der ihm leiht, dem zahlt er mit dem Hut. (90) Hiobs Weib. Als der Satan gieng von Hiob, ist sein Anwald dennoch blieben, Hiobs Weib; er hätte nimmer einen bessern aufgetriebcn. (91) Auf Jungfer Racktlieb, Cupinuda klagt gar schön Ueber Vater Adams Fall- „Welch ein Jammer überall! „Niemand darf mehr nackend gehn! (92) Religion. Daß man mag in Haß und Neid wider seine» Nächsten lebe», Soll uns die Religion einen schönen Mantel geben? Viertes Buch. 140 Ehr mir Gott Religion, die zwar rein und heilig glaubet, Immer aber Haß und Neid wider ihren Nächsten treibet! (93) Die Kunst. Wo hat die Kunst ihr Haus? Das Haus der Kunst ist rund; Steht allenthalben so, daß Sonne drüber stund. (94) Von meinem Buche. Will der mein Buch nicht lieben, Der Besseres geschrieben; Will der mein Buch vernichten, Der Mchrcrs konnte dichten: So laß ich es geschehen! Doch wird man auch wohl sehen, Daß mancher etwas Acrgers Geschrieben, mancher Kärgcrs. Viertes Buch. (-1) Reimdichterey. Wen» ich Reime wo geschrieben, Schrieb ich mir sie, mich zu üben. Wenn sie andern wo belieben, Sind sie andern auch geschrieben. (2) Auf die Plausllla. Plausilla trägt sich hoch, dieweil sie etwas schön. Wie würde sie so hoch, wär sie nur ehrlich, gehn! (3) Auf den Klcpax. Klepar legt sich nie ungcstohlcn nieder; Was er Reiche» stiehlt, giebt er Armen wieder. Gott wird reichen Lohn ihm hingegen geben, Daß er hoch erhöht wird in Kelten schwebe». (4) Gezwungene Soldaten. Wer seufzend zeucht i» Krieg, ist kein gar gut Soldat: Was dünkt dich nun von dem, den man gezwungen hat? (Z) Auf die Corinna. Corinna hat den Mann zwer, Zahr lang nicht gesehen; Und brachte doch ein Kind? — Durch Wechsel ists geschehen. M« lg» Friedrichs von Lcg.ru Sinngedichte. (6) Trinkkunst. Wer einen guten Trunk vermag, hat der denn einen Ruhm? Ja, wenn er trinkt, daß doch Vernunft behält das Meisterthum, Bey Hofe nützt ein solcher Kopf, der also trinken kann, Daß er entdeckt, sich selbstcn nicht, vielmehr den fremden Mann. (7) Die Well und der Kasten Roah. Des Noah Wundcrschiff' ist ähnlich unsre Welt, Weil sie mehr wilde Thier als Menschen in sich hält. (8) Jungfernthrcincn. Ein Wasser ist mir kund, das den, der drein nur blickt, Mehr als der stärkste Wein in Unvernunft verzückt: Der Liebste» Thränen sinds, die oft den klügsten Mann Bclhörc», daß er Schwarz von Weiß nicht sondern kann. (9) Hofhunde. Heuchler und Hunde belecken die Teller; Jene sind Schmeichler und diese sind Bcller; Diese bewahren, bey denen sie zehren; Jene verzehren die, welche sie nähren. (10) Das Schwerer. Ohn Ursach sollen wir nie zucken unsern Degen, Ohn Ehre sollen wir ihn drauf nie niederlegen. (11) Auf den Scävus. Scävus wird mit Ewigkeit immer in die Wette leben: Tugend wird das Alter nicht, Bosheit wird ihm solches geben. (12) Rechtscrlernung. Wenn einer will das Recht studiren, Muß er fünf Jahre dran verlieren: Das Recht, das Krieg itzt eingeführet, Wird in fünf Tagen ausstudirct. (13) Auf einen Hörnerträger. Der Lieb ist nichts zu schwer, pflegt Cornigcr zu sagen: Drum ist ihm auch nicht schwer ans Liebe Horner tragen. Viertes Buch. 151 (14) Der Mann des Weibes Haupt. Der Man» Ist seines Weibes Haupt. Wer weiß ob Birua solches glaubt? Sie spricht: Was soll» zwey Häupter mir? Ich war ja sonst ein Wundcrthier. (16) Degen und Schild. Welch Waffen hat mehr Nutz, der Degen oder Schild? — Frag erst, ob Schützen mehr, ob mehr Verletzen gilt? — Verletzen dampft den Feind, und Schützen sichert mich. — Ist Feind gedämpft, wer ist dann sicherer als ich? (1K) Die Worte gelten, wie Geld. Worte geilen in der Welt Viel und wenig, wie das Geld: Was vor Zeilen schelmisch hieß, Heißet ehrlich, bringt Genieß. (17) Auf die Flora. Flora wünschet, daß ihr Mann sich mit einer andern paare. Dieses thut nicht jedes Weib. — Stille nur! sie mcvnt die Waare. (18) Gesundheit. Wer am Leibe von Gebrechen, im Gemüth von Lüsten frey, Dieser kaun sich billig rühmen, daß er ei» Gesunder seh. (1!)) Keuschheit. Keuschheit ist ein Balsam, Weiber sind ein Glas: Jener ist sehr köstlich, gar gebrechlich das. (20) Von dem Gilvus. Albinus saß voll Muth mit Singen und mit Lachen; Da Gilvus dieses sah, sprach er: du hast gut mache», Du nimmst das drille Weib; die erste die mir lebt, Die hat auch noch nicht Lust, daß man sie mir begräbt. (21) Gewissenhafter Krieg. Mars ist ein Gcwisscnsmann, Nimmt sich sehr der Menschheit an: 152 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Schlägt er Menschen häufig nieder, Zeugt er Menschen häufig wieder. (22) Auf den Furvus. Furvus denkt sich groß zu bauen; legt den Grund von solchen Stücke», Die er andern durch Verleumden weggezogen hinterm Rucken, (23) Sinfalt und List. Da Lamm und Fuchs nach Hofe kam, Geschah es, daß man beide nahm; Den Fuchs, der nachmals oben saß, Das Lamm, davon ein jeder fraß. (24) Fröhlicher Tod. Es ist ein fröhlich Ding um aller Menschen Sterben: Es freuen sich darauf die gerne reichen Erben, Die Priester freuen sich, das Opfer zu genieße», Die Würmer freue» sich a» einem guten Bissen, Die Engel freuen sich, die Seelen heimzuführen, Der Teufel freuet sich, im Fall sie ihm gebühre». (2A) Vom Morus. Morus war In hohen Ehren, wagte was er halt' auf Ehr. Als er alles nun vcrprachtct, als er nichts sonst hatte mehr, Wollt' er Ehre selbst verpfänden: hatte nirgend kein Gehör. (26) Auf den Quadruncus. Qnadruncus sticht sehr oft gelehrte Männer an. Schon hieraus hör ich es, daß er gewiß nichts kann. (27) Würde. Der ccntnerschwcrcn Bürde Bon Hoheit und vo» Würde Wird ämsig nachgctrachtct. Die Last wird nicht geachtet. — O! drunter nicht zu schwitzen, Nur weich darauf zu sitzen, Zu sorgen nicht, zu prangen Darauf ists angefangen! Viertes Buch. 153 (28) Auf die Prisca. Prisca pflegt, nach alter Art, stillen Mundes stets zu seyn, Saget nur: ich weiß es nicht; saget: ja, uud saget: nein. Weißt du, was dahinter stecket? Weil sie zu verhandeln stehet, Fürchtet sie, daß nicht dem Kleeblatt ihrer Zahn ein Blatt entgehet. (29) Auf den Grittus. Grittus sollte Hochzeit machen, und es kam was anders drein; Denn er lud ihm unversehens, rathet was? — Gevattern ein. (30) Wer auf viel zu sehen, kanns leicht verschen. Portia giebt Antwort drum, Daß sie aus dem Mann nichts macht: „Geht man erst mit vielen um, „Giebt man nicht auf Eines Acht. (31) Täglicher Tod. Weil ihr Priester, daß man täglich sterben solle, Lehre» gebet, Sterb ich täglich, sagte Mopsus, alldieweil mein Weib mir lebet. (32) Die Pasiphae. Freundinn des Ochsen, Pasiphae, höre, Wie man dir böslich stahl weiland die Ehre! Ucblich ists heute noch: artige Kinder Wähle» zu Männern, bald Esel, bald Rinder. (33) Ein unbcschcidncs Weib. Zu des Unglücks Nock hat sich der gekleidet, Der ihm nahm ein Weib, das Bernuuft nicht leidet. (34) Jungferschaft. Jungferschaft die ist ein Garten, Jungfern sind die Blumen drinnen; Manche giebt für Bienen Honig, manche gicbct Gift für Spinnen. (35) Auf den Udus. Als Udus Morgens früh wollt' aus nach Weine gehen, Da fand er diese» Spruch an seiner Thüre stehen: Es steht dieß Haus in Gottes Hand, Versoffen istS und nicht verbrannt. Friedrichs von Logau Sinngedichte. (36) Die schamhaftige Feil. Sie sey sonst wie sie will die Zeit/ So liebt sie doch Bcrschämlichkeit: Sie kann die Wahrheit nackt nicht leiden, Drum ist sie ämsig, sie zu kleiden. (37) Auf den Brennus. Brennus dienet keinem Herrn, hat ihm sclbstcn zu befehlen; Und man will ihm seinen Herrn dennoch zu den Narren zählen. (38) Weib-rhüter. Ohne Noth wird die bewacht, Die auf Unzucht nie gedacht. Nur vergebens wird bewacht, Die ans Unzucht hat gedacht. (39) Aerzte und Poeten. Dich, Apollo, ruft der Arzt, dich, Apollo, ruft der Dichter; Wem du vor erscheinen sollst, darf es einen rechten Richter. — O der Arzt ist auch ein Dichter, macht die Krankheit oftmals arg, Daß der Kranke, der genesen, sey zum Schenken minder karg. Was er gröblich oft versah, that allein der Krankheit Stärke, Wo er aber gar nichts half, that er wahre Wunderwerke. Hat, Apollo, dieser Dichter dich gerufen, komme bald. Jener hat nichts zu versäumen, Krankheit aber braucht Gewalt. (40) Auf den Varill. In Klugheit ist er Narr, in Narrhcit ist er klug: Ein Kluger und ein Narr hat am Varill genug. (41) Die Lügen. Daß mehr als Hurcrev Das Lügen Sünde sey, Ist wahr; denn dieses fuhr Stets wider die Natur, Und das pflegt insgemein Naturgemäß zu sevn. Viertes Buch. (4?) Verständiger Krieg. Um klug und wirthlich Volk scheint Mars sich zu bemühen: Er wirbt die Jungen itzt in Schulen und bey Kühen. (43) Auf den Brutus. Brutus zog mit vollem Beutel, daß er Wissenschaften lerne; Kam auch wieder; und was wußt er? — daß sein Geld blieb in der Ferne. (44) Verleumder. Die Mucken singen erst, bevor sie einen stechen; Verleumder lästern drauf, indem sie lieblich sprechen. (46) Auf die männliche Virosa. Wie daß Virosa denn noch keinen haben kann? — Ei» Mann bedarf ein Weib; ein Mann darf keinen Mann. (4K) Achtmonathliche Geburt. Im achten Monden bracht ein Kind Sirona; und die Leute zählen? Weil Buch sie selbst gehalten hat, so frag auch sie; ihr wird nichts fehlen. (47) Auf de» Trullus. Trullus zeucht sich aus dem Kriege, will nicht länger Wache stehn; Nimmt ein Weib; wird, will ich glauben, Wachestchcn nicht cntgchn. (48) Auf den Picus. 5picus nalnn die dritte Frau, immer eine von den Alten: Wollte, mcvn ich, ein Spital, schwerlich einen Ehfland halten. (49) Auf den Futlus. Fullus soll mit seinem Feinde, wie man sagt, den Degen messe»; Spricht, er hätte diese Kunst vor gelernt und itzt vergesse». (6V) ein Trost. Eine Fürstinn starke noch in bester Jugend, War am Stande Fürstinn, Fürstinn auch an Tugend. Jeder der sie kannte, vbs gleich nichts gegolten, Hat des Todes Naubsucht dennoch sehr gescholten. Einer klagte weinend, daß er fast zerflösse: Ach sie ist gefallen, Babvlon, die große! 166 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (61) Ein Rath wie der Feind zu schlagen. Man hat den Feind aufs Haupt geschlagen; Doch Fuß hat Haupt hinweg getragen: Man schlag ihn, rath ich, auf den Fuß, Damit er liegen bleiben muß. (62) Auf den Aanus. Banns wird zu schon gestraft, der es doch'Zu grob verschuldet: Seine Straf ist eine Frau, zwar voll Runzeln, doch vcrguldct. (63) Des Bardus Traum. Bardus träumt, er war ein Pfarr, Wachend war er sonst ein Narr; Ob ihm träumt, er wär ein Narr, Würd er wachend doch kein Pfarr. (64) Auf die Casca. Casca ist so teuflisch bös', und ihr Mann spricht doch: mein Schatz? Wisse nur, der Teufel hat gern bcv alten Schätze» Platz. (66) Hans und Gretc. Hansen dienet keine Magd, Außer seiner alten Grcten; Weil es keine mit ihm wagt, Die sich scheut vor Kindcsnothen. (66) An das Frauenvolk. Lieben Weiber, laßt mir zu, daß ich sag, ihr seid wie Nüsse; Diesen ist in zarte Haut eingehüllt des Kernes Süße, Drauf folgt ein gar harter Schild, nnd zuletzt die bittre Schal; So seid ihr, ihr Weiber, auch meistens, doch nicht allzumal: Weil ihr Jungfern seid und bleibt, seid ihr gar von linden Sitte»; Wenn ihr Weiber worden seid, muß man schlagen oder bitten, Daß die Herrschaft Männern bleibt; wen» sich Schmutz nnd Alter weist, O wie bitter wird es dem, der mit euch sich schwärzt und beißt. (67) Die Thais. Thais sagt, daß ihres Liebsten Bildnis, sie im Herze» trage; Unterm Herzen, will ich glauben; denn so sagt gemeine Sage. Viertes Buch, 467 (58) Weiberschmuck. Der Schmuck der zarten Frauen steht nicht im Haare Flechten, — Drum lassen sie sie fliegen zur linken und zur rechten. (Z9) Auf den PoruS. Perus setzt für gute Freunde mancherley Gesundheit ein, Bald in Biere, bald in Weine, bald in starkem Brantewei». Als er seine mm verloren, fiel er in die tiefsten Sorgen; Keiner wollt ihm eine schenken, noch verkaufen, noch auch borgen. (60) Auf Simpeln. Simpel ist des Weibes Weib, Sie ist ihres Mannes Mann: Zweifelt nun wohl jemand dran, Daß zwey machen Einen Leib? (61) Hofleute. Der zu Hause sog die Klauen, will bev Hofe weidlich prassen; Die noch wieder hungern werden, muß man sich nur füllen lassen. (62) Franzosenfolge. Narrenkappen samt den Schellen, wenn ich ein Franzose wär, Wollt' ich trage»; denn die Deutschen giengcn stracks wie ich einher. (63) Die tapfere Wahrheit. Ein tapfrer Heldenmut!) ist besser nicht zu kennen, Als wenn man sich nicht scheut, schwarz schwarz, weiß weiß zu nennen, Und keinen Umschweif braucht und keinen Mantel nimmt, Und allem gcgengcht, was nicht mit Wahrheit stimmt. (64) Hofdiener. Des Fürsten Diener sind also, wie sie der Herr will haben; Sie arten sich nach seiner Art, sind Affen seiner Gaben. (66) Von dem Pravus. Es schrieb ihm Pravus an sein Haus: Hier geh nichts Böses ein und aus. Ich weiß nicht, soll sein Wunsch besteh», Wo Pravus aus und ein wird gehn? 158 Friedrichs von Logcm Sinngedichte. (66) Ans den SpurcuS. Spnrcns schenket guten Freunden; merkts ihr Freunde! wie ein Schwein, Dem man giebt um Speckes willen, sollt ihr wieder nutzbar scvn! (67) Auf den Eurges. Gurgcs, dein beweglich Gut sah man längst sich wegbcwegcn; Was noch unbeweglich war, wird sich chstcns gleichfalls regen. Dieses macht der starke Wein, dessen Geist sich drinn befindet, Daß sich alles so bewegt, regt, und endlich gar verschwindet. (68) Auf den Lügner Lullus. Wie gut wär Lullus doch zu einem Brillenglas! Er macht das Kleine groß, aus Nichtes macht er Was. (69) Unverhofft, kömmt oft. Es kommt oft über Nacht was sonst kaum kam aufs Jahr, Es brachte heut ei» Kind, die gestern Braut noch war. (70) Auf den Thraso. Thraso denkt, die Welt erschalle weit und breit von seinen Thaten, Da sie hier doch keinem kundig. Soll ich helfen? soll ich rathen? Tapfrer Thraso, geh zur Oder, schreib darein dein Thun und Wesen, Dann wird man in wenig Tagen solches in der Ostsee lesen. (71) Auf den Technicus. Tcchnicns kann alle Sachen Andre lehren, selber machen: Reiten kann er, fechten, tanze»; Bauen kann er Städt nnd Schanzen; Stadt und Land kann er regieren; Recht und Sachen kann er sichren; Alle Krankheit kann er brechen; Schön und zierlich kann er sprechen; Alle Sterne kann er nennen; Brauen kaun er, backen, brennen; Wanzen kann er, säe», pfli'igcn, Und zuletzt — erschrecklich lugen. Viertes Buch. i (72) Auf den Filz. Hast du einen Rausch gehabt? Geh zu Filzen nur zu Gaste; Denn auf eine» starken Rausch nützet eine strenge Faste. (73) Auf den Cornulus. Mit zweyen Weibern hat sich Cornulus vermählet. Die eine tröstet ihn, wenn ihn die andre quälet; Die ein' erweist ihm Haß, die andre Lieb und Huld; Die erste nenn ich nicht, die andre heißt Gednld. (74) Von dem Stella. Stella ist ein Handelsmann; Glücke lacht ihm ohne Wanken, Kein Verlust betrifft ihn je; denn er handelt — in Gedanken. (76) Auf den Präoo. Prädo läßt sich lieber henken, Eh er will an Wirthschaft denken; Weil ihm dort ein Stündlei» schwer, Hier, das ganze Leben wär. (76) Auf den FömininuS. Aller Unfall, der da kömmt, bringt den Föminin zum Weine»; Dieses macht, daß man ihn hält nur für Eine, nicht für Einen. (77) Festemacher. Waffcnweich und ehrenfeste War im Kriege vor das Beste; Ehrenweich und waffcnfeste Ist im Kriege jetzt das Beste. (78) Die Verwüstung Trojens. Eine Stutt und Hengst haben Troja umgekehrt: Nehmlich Helena, und der Griechen hölzern Pferd. (79) Auf den Phorbas. Phorvas gieng zu seinem Lieb. Als er kam zu deren Thür, Zittert er als wie ein Laub, wußte gleichwohl nicht wofür; Hielt sich sonst für einen Mann; bis er, als er dachte nach: „Ev mein Herze gab ich ihr, und sie gab mir ihres," sprach. 160 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (80) Nisus und Nisa. Nisus buhlte stark um Nisa: Dieses gab ihr viel Beschwerden? Wollt' ihn nicht; sie freyt ihn aber, seiner dadurch los zu werden. (81) Auf den CrispuS. Da Crispus annoch unbekannt, hielt man ihn böse nicht, noch gut; Nun er bekannt, weiß jedermann, den Schelm bedeckt der breite Hut. (82) Erbschaft. Bor, wenn naher Freund gestorben, Erbten wir was er erworben. Wer da wolle sterbe Heuer, Man erbt nichts, als seine Steuer. (83) Sin vernünftig Weib. Wer nach einem Engel freyt, trifft oft einen Teufel an. Alles trifft, wer nur Vernunft an der Seite haben kann; Denn Vernunft schmückt trefflich schön, denn Vernunft macht alles gut Und ein Engel wird das Weib, wenn sie wie ein Engel thut. (84) Auf den Veit. Jung, war Veit ein Biedermann; alt, ist Veit in Schelmenordc». Wie des Lebens, so der Ehr ist er übcrdrüßig worden. (86) Gerüchte. Man saget selten was, es ist doch etwas dran; An dem ist aber nichts, daß Mops ein ehrlich Mann. (86) Auf den Curiosus. Curiosus grämt sich sehr, was ein andrer hat zu leben; Curiosus grämt sich sehr, was ein andrer hat zu geben; Curiosus grämt sich sehr, was ein andrer führt für Lehre; Curiosus grämt sich sehr, was ein andrer hat für Ehre. Curiosus grämt sich nicht, hat nicht wohl das Brodt zu leben; Curiosus grämt sich nicht, hat viel Schuld, und nichts zu geben; Curiosus grämt sich nicht, glaubt von Gott gar keiner Lehre; Curiosus grämt sich nicht, hat viel Schmach und wenig Ehre. Eignen Kummer schickt er fort, kann ihn nicht im Hause leiden; Fremden Kummer hält er an, kann ihn keine Stunde meiden. NiertcS Buch. 161 (87) Auf den Gnlo. Gulo hat Gedärm im Kopf und Gehirn im Bauche; Den» zu sorgen für den Bauch hat er stets im Brauche. (88) Auf die Rublda. Rubida ist voller Scham, niemand wird sie barfuß finden. Doch der Mode kömmt es zu, daß die Brust ist ohne Binden. (89) Mars ein Roßtäuscher. Kömmt etwa Mars ein Pferd zu kaufen, So fragt er bald: kanns auch wohl laufen? — Will Mars ein Wettcrcnncn wagen; — Nein, nach sich her die Feinde jagen. (W) Auf den Elicus. Glicus möchte gerne wissen, ob sein Weib ihm treu; Solches aber zu erfahren trägt er gleichwohl Scheu. (91) Auf den Koridon. Koridon war der Bctrubtstc Unter allen Baucrkncchtcn; Denn der Teufel holt das Liebste, Sprach er: Nisa starb mir nächlcn. (92) Auf den Jgnavus. Jgnavus ist ein wirthlich Mann, er sieht der Arbeit fleißig zu: Und wenn er hirvon nu'idc wird, so braucht er gerne seine Ruh (93) Scher; uud Schimpf. Flut, die nicht ersäuft, nur badet; Schimpf und Scherz, der keinem schadet; Glut, die wärmt, und nicht verbrennet; Zucht, die rühret, und nicht nennet; , Wer nicht diese mag erdulden, Giebt Verdacht von sondern Schulden. (9-j) Menschliche Erfindungci!. Sehr selten wird gesagt, was vor nicht auch gesagt. Man sagt, wie vor, auch noch: Veit schläft bcv seiner Magd. LeslingS Merke v. 11 >V»SW»^»V0K 162 Friedrichs von Logan Sinngedichte. (96) Das Jahr. Das Jahr ist wie ein schwangres Weib, gebicrct »ns viel Tage, Zwar Männlcin, doch der Wciblcin mehr; zwar Freude, doch niehr Plage, (96) Zeitlich Gut. Was ist doch Ehre, Macht, Pracht, Schönheit, Lust und Geld? Ein gläsernes Gepräng und Dockcnwerk der Welt. (97) Richter. Jeder Richter heißt gerecht, und auch ungerecht hinwieder: Dem gerecht, der obgesiegt, ungerecht dem, der liegt nieder. (98) Frühling und Herbst. Der Frühling ist zwar schön, doch wenn der Herbst nicht wär, Wär zwar das Auge satt, der Magen aber leer. (99) Faulheit. Ein Ballon fleucht ungeschlagen iiimmer, ob er gleich voll Wind: Manche sind zu faul zu Ehren, ob sie gleich begäbet sind. (100) Auf den Oscus. Oscus ist au Gelde reich, darf um gar nichts sorgen? Außer wo er gute» Rath und Verstand soll borgen. (101) Vom Mißbrauch der Singelunst. Was denkst du, lieber Gott? wenn itzo deine Cbristcn In deinem Hause dir nach ibrcs Ohres Lüsten Bestellen Sang und Klang? die krause Mclodcv Wird angestimmt zum Tanz, zur süßen Bnhlcrcv. Der Andacht acht man nicht. Der geilen Brunst Gefieder Erwächst, und steigt empor durch unsre srcchcn Lieder. Der stille Geist ersitzt, wir hören viel Geschrey, Die Einfalt weiß nicht recht, obs süß, obs sauer sey; Obs Thier, obs Menschen sind, die ohne Sinn so klingen; Ob einer seufzen soll, ob einer so soll springen. Man wiehert den Diskant, man brüllet den Tenor, Man billt den Contrapnnkt, man heult den Alt hervor, Man brummt den tiefen Baß; und soll es lieblich klingen, So klingt es obnc Wort, wird keine Mcvnung bringen. Viertes Buch. Man weiß nicht ob es Dank, man weiß nicht ob es Preis, Man weiß nicht obs Gebet, und was es sonstcn heiß. Was denkst du, lieber Gott? wenn wir so sehr uns rege», Und sagen doch gar kaum was uns ist angelegen? Wir höhne» dich ja nur, wenn wir so zu dir schrey», Und was es sey, doch nicht verstanden wolle» scv». (102) Auf die Glissa. Glissa liefet ger» i» Bücher»; Arnd, ihr liegt drin Paradies Stets zur Hand, doch vor den Augen deine Bibel, Amadis. (103) Kostenordnung, Die Satzung, nach Gebühr zu zehren, Kann itzo keinen mehr beschweren: Man hört nicht, daß der viel verthat, Dem man benimmt, was er nur hat. (104) Auf den Ravpuius, Ravvinus schenkt dem Herren was er ihm vor entwandt, Er nimmt es mit der linke», gicbts mit der rechten Hand; Drum wird er treuer Diener, nicht schlimmer Dieb genannt. (106) Ans den Loqninus. Freunde, nicht von gutem Sinn, Freunde nur von gutem Mag Braucht Coquinus; denn er weiß weiter nichts als auszutragen. (106) Soldatenwunsch. Die Krieger rufe», sie zu hole», dc» Teufel fleißig an: Es fehlen ihnen Pferd' und Ochsen, sie brauchen Borgcspan». (107) Von meinen Reimen. Hat jemanden wo mein Reim innerlich getroffen, Daß er zürnt und grimmig ist: et? so will ich hoffen, Er wird sich, und nimmer mich, schelten für Verrätber; Weil er selbstcn Kläger ist, wie er selbstcn Thäter. Fünftes Buch. (1) Von meinen Reime». Leser, daß du nicht gedenkst, daß ich in der Rcimeiischmicdc ^mmcr etwa» Tag vor Tag, sonst in gar nichts mich ermüde! 11° 1K4 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Wisse, daß mich mein Beruf eingespannt in andre Schranke». Was du hier am Tage siehst, das sind meistens Nachtgcdankcn. (2) Ein Wellverständiger. Tapfre Männer sollen haben was vom Fuchse, was vom Leuen; Daß Betriegcr sie nicht fangen, daß sie Frevler etwas scheuen. (3) Fürstenbefchle. Sachen, die bcquemlich sind, wolle» Herren selbst befehle», Sachen, die gefährlich sind, sollen Diener selbst erwählen; Nicht umsonst: ihr Absch» ist, daß sie mögen Mittel finden, Diener ihnen, aber nicht sich den Dienern, zu verbinden. (4) Der Sieg. Wer durch das Eisen siegt, hat ritterlich gesiegt; Bctrieglich hat gekriegt, wer durch das Gold gekriegt. (Z) Die Hofkassandra. Was Kassaudra prophezcihte, Ward geHort und nicht geglaubt: Falschheit ist bey Hof erlaubt, Wahrheit treibt nian auf die Seite. (6) Zweifelhafte Keuschheit. Ein Bicderwcib im Angesicht, ein Schandsack in der Haut Ist manche; Geiles liegt bedeckt, und Frommes wird geschaut. (7) Menschliche Thorheit. Ocfters denk ich bey mir nach was die Mensche» doch für Thoren, Die da wissen, durch den Tod wird die ganze Welt verloren, Wage» dcimoch alles drauf, wagen wohl sich selber dran, Und warum? — Daß jeder nur desto mehr verliere» kau». (8) Spötter. Wer aiidrcr Leute honisch lacht, Der habe nur ein wenig Acht, Was hinter ihm ei» aiidrcr macht. (9) An die Schweden. Alles Unschlilt von dem Wich, das ihr raubtet durch das Land, Asche von gcsammtcni Ort, den ihr setztet in den Brand, Fünftes Buch. 165 Gäb an Seife nicht genug; auch die Oder reichte nicht, Abzuwaschc» innern Fleck, drüber das Gewissen richt ! Fühlt es sclbstc» was es ist, ich verschweig es itzt mit Fleiß: Weil Gott, was ihr ihm und uns mitgcspielct, selber weiß. (10) Menschliche Irrthümer. Daß ich irre bleibt gewiß, alldieweil ein Mensch ich bin; Wer mm mehr ist als ein Mensch, mag mich durch die Hechel zieh»; Sonst weis ich ihn von mir weg, weis' ihn auf sich selber hin. (11) Auf den Edo. Edo sammelt allen Schatz, was er zu und ein kann trage», Unter ein gedoppelt Schloß: unter Bauch und inner Magen. (12) Süßbittrcs. In einem Weibcrrockc, I» einem Bienenstöcke, Steckt Schaden und Genuß, Ergetzcn und Verdruß. (13) Verdorbene Kaufmannschaft. Bey dem Bäcker taufen Korn, bey dem Schmiede kaufen Kohle», Bey dem Schmidcr ka»fcn Zwir», hilft dem Händler a»f die Sole»'. (14) Traume. Die Träume sind wohl werth, daß man sie manchmal achte: Die Frau im Traume ward, ward Mutter, da sie wachte. (15) Auf den NuncuS. Runcus ist ein Edelmann, Nimmt sich «nr des Ackers an, Will sich sonst auf nichts bcflcisscn, Will ein tLdelbauer heissen. (16) Dicbesstrick. Der Strick, daran ein Dieb rrhicng, hilft für des Hauptes Weh, Gebunden um den kranken Kopf. — O um den Hals viel eh! (17) Verleumder. Wer Bcrltttmdmig Hort, ist ei» Fenerciscn, Wer Bcrlcmndttng bringt, ist' ei» Feuerstein: 166 Friedrichs von Logan Sinngedichte. Dicscr wurde nichts schaffen oder scvn, Wollt ihm jener nicht hülfiich sich erweisen. (18) Auf die Barna. Von Trost steckt Warna voll. Ihr Mann ist jüngst gestorben, Da spricht sie: Ob er todt, doch ist er nicht verdorben. Der nieine Wohlfahrt war, der ist gar wohl gefahren; Drum mag auch ich mich nun mit neuer Wohlfahrt paaren. (19) Die Ostfee, oder das Baltische Meer. Alle Flüsse gehn ins Meer, Alle kommen auch dorther. In die Ostsee gehet zwar Unsre Oder, das ist wahr: Aber thut auch ihre Flut Unsrer Oder viel zu Gut? Ostsee! unser» Schmuck und Gold Hast du von uns wcggerollt: Aber was du wiedcrbracht, Werde dir dereinst gedacht! (20) Die Falschheit. Höflichkeit verlor den Nock, Falschheit hat ihn angezogen; -Hat darinnen viel geäfft, hat manch Bicdcrhcrz betrogen. (21) Auf die Nivula. Nivula ist wie der Schnee, Der kaum itzt fiel ans der Höh; Wie auch ihre Redlichkeit Ist wie Schnee zur Marzcnzeit, ' Der, wie neu er ist geacht, Immer trübes Wasser macht. <22) Gerechtigkeit. In einer hat das Schwcrdt, in andrer hat die Schalen Gerechtigkeit; denn so sieht man sie meistens malen. Wie so? Weil sich zur Wag ein Schwacher gerne kehrt, Ein Starker aber nicht; denn der faßt gern das Schwcrdt. Fünftes Buch. (23) Erbarmuiig und Barmherzigkeit. Eines andern Pein empfinden, heißet nicht barmherzig seyn; Siecht barmherzig seyn will heißen: wenden eines andern Pein. (24) Ein Kriegeshund redet von sich selbst. Hunde, die das Weh behüten, Hunde, die am Bande wüten, Hunde, die nach Wilde jagen, Hunde, welche stehn, nnd tragen, Hunde, die zu Tische schmeicheln, Hunde, die die Frauen streicheln, Glaubt, daß alle die zusammen Aus gemeinem Blute stammen. Aber ich bin von den Hunden, Die im Kriege sich gefunden; Bleibe nur wo Helden bleiben, Wenn sie Küh und Pferde treiben, Habe Bündniß mit den Dieben, Trag am Rauben ein Belieben, Pflege, bin ich in Quartieren, Gans' und Hühner zuzuführen; Kanu die schlauen Bauern riechen, Wo sie sich ins Holz verkriechen; Wenn sie nach den Pferde» kommen, Die mein Herr wo weggenommen, Kann ich sie von dannen Hetzen, Daß sie Hut und Schuh versetzen; Kann durch Schaden, kann durch Zehren Helfen Haus und Hos verzehren. Cavallierc kann ich leiden, Bauern müssen mich vermeiden. Drum bin ich in meinem Orden Hundecavalliev geworden. (25) Auf den Schliffe!. Schliffet hat zwar eine Seele; aber was ist solche nütze? — Salz ist sie, daß nicht sein Leib lebend wird zn fauler Pfütze. 168 Friedrichs von Logau Sinngedichte. ^ (26) Auf den Veit. Ey, siehst du nicht wie Veit vor Weibern sich verstecke? — Ja! — Aber wo denn hin? — Ey unter ihre Decke. (27) Sicherheit. Schiffer, die am Ruder sitzen, kehren da den Rücken hin, Wo sie dennoch hin gedenken und mit allen Kräften zieh»: Menschen leben ohne Rücksicht, an den Tod wird nie gedacht, Rennen gleichwohl ihrem Tode stündlich zu mit ganzer Macht. (28) Preis der Tugend. Der Tugend theure Waare wer sie für schätzbar hält, Der kaufe sie um Mühe, hier gilt kein ander Geld. (29) Die höchste Weisheit. Gott, und sich, im Grunde kennen, Ist der höchste Witz zu nennen. Vielen ist viel Witz gegeben, Dieser selten noch daneben. (30) Lcbensregel. Sey, wer du bist; laß jeden auch vor dir seyn, wer er ist; Nicht, was du nicht kannst, was du kannst, sey dir zu sey» erkiest. (31) Hoffnung und Furcht. Furcht und Hoffnung sind Gespielen: Diese wird geliebt von vielen, Und wer dies' ihm hat genommen, Dem pflegt jene selbst zu kommen. (32) ei» redlicher Mann. Sein Ruhm der kanu bestchn, und sei» Gerücht ist ächt, Wer dieses sagt, was wahr, und dieses thut, was recht. (33) Kleider. Pferde kennt man an den Haaren: Kleider könne» offenbaren, Wie des Menschen Sinn bestellt, Und wie weit er Farbe hält. Fünftes Buch. 169 (34) Arzencykunsi. Wer die Krankheit will verjagen muß den Kranken nur vertreiben; Wo kein Raum und Ort vorhanden, wird auch nichts mehr scvn und bleiben. (36) Zutritt bey hohen Häuptern. Ohne Gaben soll man nie vor den großen Herren stehen; Ohne Danken soll man nie weg von großen Herren gehen. (36) Ein Räthsel und seine Losung. Die Mutter frißt das Kind: Daß dieser Stamm vergeh, So frißt ihn Erd und Wind. — Es regnet i» den Schnee. (37) Der säumige Mars. Der Krieg geht langsam fort! — Die Pferde sind dahin; Drum muß er sein Gerät!) anitzt mit Ochsen zieh». (38) Reich und grob. Wo der Gcldsack ist daheim, ist die Kunst verreiset; Selten daß sich Wissenschaft bev viel Reichthum weiset. Ob nun gleich ein goldncs Tuch kann den Esel decken, Sicht man ihn doch immerzu noch die Ohren recken. (39) Der Neidische. Wie ich essen soll und trinken, wie ich mich bekleiden soll, Wie ich sonst mein Thun soll richten, sind die Leute kuninicrsvoll. Wenn ich nicht zu trinken, essen, noch mich zu bekleiden hätte, Sonsten auch gar viel nicht gälte, gilt es eine starte Wette, Ob nur einer findlich wäre, der nur einmal sorgt' um mich. Immer dünket mich, sie kümmern nicht aus Gunst, ans Neide sich. (40) Der Mittelweg. In Gefahr und großer Noth Bringt der Mittelweg den Tod. (41) Wittwen. Wer sich an ein Schienbein stößet, der hat große kurze Schmerzen: Wittwen, welchen Männer sterben, fühlen gleiches in dem Herzen. 170 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (42) Lohn für Dienst. Treuer Dienst heischt seinen Lohn, Sagt er gleich kein Wort davon. (43) Auf den Timar. Timar war bey vielen Schlachten, dennoch ist er stets genesen, — Ist zum Treffen immer letzter, erster in der Flucht gewesen. (44) Tüchtige Waaren. Die Waaren, welche ganz voran In einem Laden liegen, Die kauft nicht gern ein kluger Mann, Sie Pflegen nicht zu tilgen: Die Jungfern, welche zu dem Frcvn Die Freyer gleichsam laden, Wo diese nicht verlegen scvn, So haben sie doch Schaden. (46) Falschheit. Mobre» baden weiße Zähne, sind sonst schwarz fast aller Orten: Falsche Leute bleiben Schwarze, sind sie gleich von weißen Worten. (46) Bücherlesm. Wie die Honigmachcrinncn Ihren süßen Nektarsaft Vielen Blumen abgewinnen: So wächst unsre Wissenschaft, Durch ein unvcrsäumtcs Lesen, In ein gleichsam gottlich Wesen. (47) Auf den Gulanus. Weil Gulanus von dem Tode fort und fort Gedanken hat, Ißt und trinkt er jeden Abend sich sehr satt und übersatt; Denn er »lehnet, jede Mahlzeit werde sein Valctschmaus seyn: Schafft in sein sonst leeres Schiffchen drum vorher den Ballast ein. (48) Vom Gerast. Gerast legt zur Gesellschaft sich Schelm' und Diebe bey; — Damit man sehe» möge, wie viel Er besser seh. Fünftes Buch. 171 (49) Des Krieges Uugelegcuheiten. Krieg ist die allcrschärfste Zucht, Womit uns Gott zu Hause sucht; Denn unter seine» sauern Nöthen Zst noch die süßste Noth, das Tö'dtcu. (60) Kenne dich. Kannst du dem, der vor dir geht, seine Mangel bald erblicken, Wird dir auch die deinen sehn, wer dir nachsieht, auf dem Rücken. (ZI) Fürstliche persönliche Zusammenkunft. Fürsten sollen sich nicht kennen Durch das Sehen, nur durchs Nennen: Was das Ohr erst groß gemacht, Hat das Auge drauf verlacht. (62) LebenSsatt. Lanus ist zwar lcbcnssatt; eh der Magen sich soll schließen, Will er gleichwohl zum Confckt etwas Jahre noch genießen, (63) Auf den Harpar. Harpar haßte Müßiggchn; wollt' ihm niemand was befehle», So erbrach er Thür und Thor, Lad und Kiste, was zu stehle». (64) Poeten und Maler. Man pfleget mehr was Maler malen, Als was Poeten, zu bezahlen; Da doch die Farben werden blind, Reim' aber unvergänglich sind. (66) Freye Zunge. Wo das Rede» nichts verfängt, hat das Schweigen beßrc Statt; Besser, daß man nichts gesagt, als gesagt vergebens hat. (66) Hoflente. Bey Hofe haben die den allergrößten Sold, Die gar nichts weiter thun, als fressen und als saufen. Fürwahr! wer Seele soll und Körper soll verkaufen, Dem ist kein Silber nicht genug und auch kein Gold. 472 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (67) Auf den Trepicordus. Trcpicordus soll sich raufen; will nicht kommen; denn er will Nicht verrücken, will vollenden sein von Gott gesetztes Ziel. (68) Weiber. Die nicht Weiber haben, Wünschen ihre Gaben; Die sie nun genossen, Werden drob verdrossen. (69) Aenderung des Anschlages. Zu Wasser muß nach Hause, wer nicht zu Lande kann; Wem Ein Rath nicht gelinget, greif einen andern an. (60) Des Mars Drechslerkmist. Daß aus einem Bauern itzt Mars bald einen Herren schnitzt, Wundert euch? Wird nicht gebrochen Manche Pfeif aus Esclsknochen? (61) Deutschland wider Deutschland. Das Eise» zeugt ihm selbst den Rost, der es hernach verzehret Wir Deutschen haben selbst gezeugt die, die uns itzt verheeret. (62) LcbenSlauf. Es mühet sich der Mensch, damit er was erwerbe, Und was er dann erwirbt, soll ihm, daß er nicht sterbe; Und wann er nun nicht stirbt, so soll er darum leben, Damit er kann, was er erwirbt, zur Steuer geben. Und also hilft ihm nichts das Mühen und Erwerben, Und alles was er giebt, als — eher nnr zu sterben. (63) Fromm und Unfromm. Heuchler wachst in Einer Erde leichtlich nicht und Biedermann; Denn wo jener hebt zu grünen, hebet der zu dorren an. (6-1) Drey schädliche Dinge. Spiel, Unzucht, und der Wein, Läßt reich, stark, alt nicht sehn. Fünftes Buch. 173 (66) Sieg. Wen» mc.» Feinden obgesiegt, soll man Feinde so besiegen, Daß sie klagen, daß sie nicht eher sollen unterliegen. (66) Die lachende Wahrheit. Siedend Wasser kann man stillen, Wenn man kaltes dran will füllen. Glimpf kann auch durch frommes Lachen Bittre Wahrheit süße machen. (67) Hofgunst. Die Kinder lieben den, der nachgiebt ihrem Muthe, Die Kinder hassen den, der ihnen zeigt das Gute. Es ist die Hofcgunst als wie die Gunst der Kinder: Die Heuchelet? hat Preis, die Wahrheit Haß nicht minder. (68) Das Unrecht der Zeit. Was frag ich nach der Zeit? Wenn der mir nur will wohl, Der alles schafft was war, was ist, was werden soll. (69) Die einfältige Redlichkeit. Andre mögen schlau und witzig, Ich will lieber redlich heißen. Kann ich, will ich mich befleißen Mehr auf glimpflich, als auf spitzig. (70) Liebe und Wollust. Wo die Lieb und Wollnst buhlen, zeugen sie zuerst Vergnügen z Aber bald wird Slicfgcschwistcr, Schmerz und Reu, sich drunter fügen. (71) Reichthum. Reichthum soll man zwar nicht lieben, mag ihn, wenn er kömmt, doch fassen; Mag ihn in sein Hans zwar nehmen, aber nicht ins Herze lassen. Mag ihn, hat man ihn, behalte»; darf ihn nicht von sich verjagen. Mag ih» wohl in sein Behältniß, sich nur nicht iu seines, tragen. (72) Auf den Lcvulus. Lcvulus hat keinen Kopf, sein Gesicht steht auf der Brust: Was er denkt und was er thut, ist nur alles Bauchcslust. 174 Friedrichs von Logan Sinngedichte. (73) Das Verhängniß. Willst dn dein Verhängniß trotzen: cv so wolle, was es will. Ungeduld, Schrcvn, Heulen, Schelten, ändert wahrlich nicht sein Ziel Macht vielmehr was arg ist, ärger, macht ans vielem allzuviel. (74) Der Neid. Dieses oder Jenes Neiden Will ich, kann ich besser leiden, Als daß da und dort wo einer Spreche: Gott erbarm sich seiner! (76) Winterlager. Weiland hielten unter Häntcn Krieger jeden Winter aus; Ztzund muß in Schnee der Baner, und der Krieger nimmt sein Haus. (76) Ein langsamer Tod. Der ärgste Tod ist der, der gar zu langsam tobtet; Die ärgste Noth ist die, die gar zu lange nöthct. (77) Hoffart. Hoffart heget nicht Vernunft. Wer aus Hoffart uns veracht, Dessen lacht man, wie es Brauch, daß man eines Narren lacht. (78) Vertriebene. Wer Tugend hat und Kunst, wird nimmermebr vertrieben; Ist, wo er ist, als wär er stets zu Hause bliebe». (79) Falschheit. Die alte Welt hat ihren Witz in Fabeln uns berichtet. — O! was die neue Welt uns sagt ist ebenfalls erdichtet. (80) Geschwister. Wie kommt es, daß Geschwister so selten einig lebt? — Weil jedes gern alleinc für sich die Erbschaft hebt. (81) Das beste Band zwischen Lbcrn und Untern. Wann Willigkeit im Leisten und Billigkeit im Heiße» Sich wo zusammenfügen: wer will dieß Band zerreißen? Fünftes Buch. >7 (82) Hofwcrkzeng. Mäntel zum bedecken, Larven zum verstecken, Pinsel zum vergolden, Blasen zum besolden, Polster einzuwiegen, Brillen zum Bekriegen, Fcchcl Wind zu machen. Mehr noch solche Sachen Sind bey Hof in Haufen; Niemand darf sie kaufen. (83) Auf den Parcus, Parcus hat sonst keine Tugend, aber Aastfrey will er sevn: Läßt, damit er dies; erlange, keinen in sein Haus hinein. (84) Auf den Pätus. Patus ist gar milder Art; hat er was, so giebt er auch: Einen Theil für manche Hur, andern Theil für seinen Bauch. (8.?) Die Zukunft Christi Christus hat durch erstes Kommen Uns des Teufels Reich entnommen; Kömmt er wm nicht ehstens wieder, Kriegt der Teufel Mcistcs wieder. (86) Arbeit und Fleiß. Die Welt ist wie ein Kram, hat Waare» ganze Haufen; Um Arbeit stehn sie feil, und sind durch Fleiß zu kaufen. (87) Auf einen Fresser. Edo lobt und hält für Gut, Wenn ein Mensch stets etwas thut: Nichts thut er; doch thut er das, Daß er ißt, wenn er kaum aß. (88) Diana und Tionc. Der Diana sollte rufen Elsa, rüste der Dionc; Sollt' ins Kloster, lag in Wochen vor mit einem jungen Soline. I7i> Friedrichs von Logau Sinngedichte. (89) Wein. Der Wein ist unser noch, wann ihn das Faß beschleußt; Sein aber sind wir dann, wann ihn der Mnnd gencußt. (90) Auf den Phanus. Phanus will mit Christus ärmlich in der Krivv im Stalle liegen, Wollte nur ein Stern erscheinen, der es also könnte fügen, Daß die Weisen zu ihm kämen, legten ihre Schätze aus, Und von Ochsen immer wäre und von Eseln voll sein Haus. (91) Lügen. Willst du lugen, lcug von Fern; Wer zeucht hin und fraget gern? (92) Ein jedes Werk fordert einen ganzen Menschen. Wer irgend was beginnt und täglich will beginnen, Der bleibe ganz dabey mit Leib und anch mit Sinnen. Im Kriege kann man dieß: man wagt Fleiß, Schweiß, Rath, That, Man waget Sccl und Leib zu stehlen was man hat. (93) Auf den Cornutus. Cornutus und sein Freund bcstehn auf Einem Willen: Wer sagt denn, daß sie nicht der Freundschaft Pflicht erfüllen? Ob jener liebt sein Weib, liebt dieser die nicht minder, Ob jener etwa» denkt, denkt dieser auch auf Kinder. (94) An den Naso. Naso, dir ist deine Nase statt der Sonnenuhr bereit, Wann der Schatten weist gerade auf das Maul, ists Essenszeit. (96) Auf den Thraso. Thraso wagt sich in den Krieg: Seine Mutter will nicht weinen; Denn mit seinen schnelle» Beinen Stund ihm zn manch schöner Sieg. (96) Schönheit. Tran der Farbe nicht zu viel! Was Natur so schön gebildt, Drunter hat sich Geilheit, Stolz, Thorheit, Faulheit oft verhüllt. Fünftes Buch. 177 (97) Eines Fürsten Amt. Ein Fürst ist zwar ein Herr; doch herrscht er fromm und recht, So ist er seinem Kolk als wie ein treuer Knecht. Er wacht, damit sein Volk fein sicher schlafen kann. Er stellt sich vor den Riß, nimmt allen Anlauf an, Ist Nagel an der Wand, daran ein jeder henkt Was ihn beschwert und druckt, was peinigt und was krankt. An Ehren ist er Herr, an Treuen ist er Knecht. Ein Herr dcrs anders meynt, der mevnt es schwerlich recht. (98) Wollust. Wer der Wollust sich verleihet, wird er nicht ums Hauvtgut kommen, Hat er Krankheit doch am Ende statt der Zinsen eingenommen. (99) Gewissen. Was niemand wissen soll, soll nicmand auch begehen. Ein jeder muß ihm selbst statt tausend Zeugen stehen. (100) Poetcrey. Es bringt Poctercv zwar nicht viel Brodr ins Haus; Was aber drinnen ist, wirft sie auch nicht hinaus. (101) Eifrige Geistliche. Wie ein Sttomamüsch Kaiser wollen Geistliche regieren, Der, den Zepter ihm zu sichern, läßt die Brüder strangulirm; Also sie in Elaubcnssachcu, wolle» herrschen, und die Brüder Lieber von dem Brodtc räumen, wenn sie ihrem Wahn zuwider. (102) Acgyptischc Dicnstbaricit. Jakobs Stamm klagt alter Zeit Ueber schwere Dicnstbarkeit, Steht es da denn so gar übel, Wo man Fleisch hat, Knoblauch, Zwiebel? Unsre Leut in dieser Zeit Hielten es für Herrlichkeit. (103) Geizige Huren. Wer Hund' und Huren will zu Freunden haben, Der muß sich rüste» mit Geschenk und Gaben. Lcssmgs Werke v, 12 178 Friedrichs von Logau Sinngedichte'. (104) Tischfrcundschaft. Vcrmcvnst du wohl, daß der ein treues Herze scv, Den dir zum Freunde macht dein' öftre Gasterev? Dein' Austern liebt er nur, dein Wildbret, deinen Fisch; Auch mein Freund würd er bald, besaß ich deinen Tisch. (105) Auf den Veit. Fünf Sinnen hat zwar Veit, doch sind ihm dreh entlaufen; Zwey suchen dreh: was gilts? er bringt sie nicht zu Haufen. (106) Eigenlob. Doppeller, nicht cinzler Mund Zeugt und macht die Wahrheit kund; Drum gilt der nicht allzuviel, Der sich selbst nur loben will. (107) Regierungsknnst oder Weltkunst. Die Wcllknnst ist ein Meer: es sey Port oder Höhe, Es ist kein Ort, wo nicht ein Fahrzeug untergehe. Der eine segelt fort, wo jener fährt in Sand; Wer fremd ist irret hier, hier irret wer bekannt. (108) Auf den Schmecke!. Schmecket konnte wohl sein Laufen Großen Herren hoch verkaufen, Könnte sich sein Fuß so regen, Wie sein Zahn sich kann bewegen. (109) Geizhals. Den Geizhals und ein fettes Schwein Sieht man im Tod erst nützlich sevn. (110) Auf den unbeständigen Volvulus. Für dein Herz und für den Mond, Volvulus, dient gar kein Kleid; Beides bleibt nie, wie es war, wandelt sich zu aller Zeit. (111) Nachfolge. Ob zwar Maler ihre Farben bey dem Krämer nehme», Dürfen sie sich ihrer Bilder darum doch nicht schämen. Sechstes Buch. 179 Wer von andern was gelernt, bring, cs steht ihm frey, Doch mit andrer Weist und Art, solches andern bey. (112) Von meinem Buche. Ist in meinem Buche was, das mir gaben andre Leute, Ist das meiste doch wohl Mein, und nicht alles fremde Beute. Jedem, der das Seine kennet, geb ich willig Seines hin. Weiß wohl, daß ich über manches dennoch Eigner bleib und bin. Zwar ich geb auch gerne zu, daß das Meine Böses heisst; Ear genug, wenn fremdes Gut recht zu brauchen ich mich steifst. Sechstes Buch. (1) Kurzweilen. Andre mögen Gläser stürzen; andre mögen Hund' anbeten; Andre mögen »aschig geilen, da bey Grclhcn, dort bey Käthen; Mögen Glück auf Blätter bauen, mögen stündlich Kleider wandeln, Mögen bey der Sonncnthurc Stein, Bein, Glas und Fäden handeln. Mögen sich leibeigen geben ihrer Lüste tollen Grillen: Meine Lust soll immer bleiben mich mit Dichtcrey zu stillen. (2) Jahreszeiten. Im Lenzen prangt die Welt mit zarter Jungferschaft; Im Sommer ist sie Frau, mit Schwangcrscyn verhaft; Wird Mutter in dem Herbst, giebt reiche Frucht heraus; Ist gute Wirthinn, hält, im Winter, sparsam Haus. (3) Von der MM. Eines Morgens schaut ich gehen Phyllis vor den Rosenstrauch, Da sie, nach gewohntem Brauch, Seine Zierden sahe stehen. Damals konnt ich nicht vergleichen Welches unter ihnen wohl, Weil sie bcid' an Schönheit voll, Bon dem Siege sollte weichen. Ob die Phyllis angenommen Bon den Rosen ihre Zier, Oder ob vielleicht von ihr Solche solchen Schein bekommen, 12* IM Friedrichs von Logan Sinngedichte. War gar übel zu entscheiden; Denn ich hatt in ihren Glanz Mich verliefet gar nnd ganz, Mußte nur die Augen weiden. Endlich l'ab ich doch erfahren, Als der Sonne goldncs Rad Traf den letzten Tagcsgrad, Daß die Rosen Diebe waren. Weil sie Phvllis wollen gleichen, Und mit ihrer Wangen Schein Ganz von Einer Farbe sehn, Mußte» sie gar bald verbleichen. (4) Ein Brief. Dein Brief begrüßte mich, mein Brief begrüßt dich wieder. Nun wissen wir, von uns liegt keiner todt danieder. (6) Ein junges Mädchen und ein alter Greis. Ein guter Morgen ward gebracht zu einer guten Nacht, Die aber keine gute Nacht hat gutem Morgen bracht. (K) An eine fürstliche Person. Fürstinn! Jbr geht, wie es billig, inner Gold und Seiden licr; Dennoch seh ich, als die Kleider, nichts an Euch, das schlechter wär, (7) Rückkunft vom Freunde, Ankunft zur Freundinn. Da, wo ich itzo war, da war mir herzlich wohl, Wohl wird mir wieder scvn, wohin ich kommen soll; Gunst obnc Falsch war l'icr, dort ist Lieb olmc List; Hier ward ich sehr geehrt, dort werd ich schön geküßt; Bcvm Freunde war ich jetzt, zur Freundinn komm ich nun; Hier tl'at der Tag mir Guts, dort wird die Nacht es ll'un. (8) Bittre Liebe. Lieben ist ein süßes Leiden, Wenns nicht bitter wird durch Scheiden Bittres will ich dennoch leide»; Daß ich Süßcs nicht darf meiden. Sechstes Buch, (9) Die deutsche Sprache. Ist die deutsche Sprache rauh? Wie, daß so kein Volk sonst nicht Bon dem liebsten Thun der Welt, von der Liebe lieblich spricht? (10) Auf die Pulchra. Drcycrlev vergöttert dich: Daß du bist so wunderschön j Und so wunderkcusch; und daß beide Ding bcvsammcn steh». (11) Gasterey. Gemäßigte Trachten, Vermiedene Prachten, Bekannte Gesellen, Geräumige Stellen, Vertrauliche Schwankt, Beliebtes Getränke, Sind Stücke, die Gäste Befinden fürs beste. (12) Hunger und Liebe. Der Hunger und die Liebe sind beide scharfer Sinnen; Sie finden leichtlich Mittel ihr Futter zu gewinnen. (13) Die Lockfinke. Nicht zu weit von meinem Singen Liegen Netz und falsche Schlingen. Die vor mir hier hat gelogen, Hat mich, wie ich euch, betrogen. Ich, die ich gefangen sitze, Bin nur meinem Herren nütze. Die da will, die mag verfliegen, Die nicht will, die laß sich kriegen. Wenn nur ich die Kost erwerbe, Gilt mirs gleich viel, wer verderbe. (14) Auf die Anna. Be» einem Kranken wachen bis Morgens drey bis vier, Sagt Anna, muß ich lasse», es geht nicht mehr mit mir; Bey einer Hochzeit tanzen bis Morgens dreh bis vier, Kann Anna »och wohl schaffen, da geht es noch mit ihr. 182 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (16) Schädliche Licbc. Lieben läßt nicht lange leben, Lange leben läßt nicht lieben. Wer dem Leben ist ergeben, Muß das Lieben sparsam üben. Wem das Licbc» will behagen, Muß dcs Lebens sich entsagen. (16) Vergängliche Gesellschaft. Ei» guter Freund, ein rcincr Wcin, und auch cin klarcs Glas Dic warm neulich um mich her, wie lustig war mir das! Hör aber was darauf geschieht: das klare Glas zerbricht, Der reine Wcin vcrraucht, dcr Freund fällt schmerzlich in dic Gicht. (17) An einen Bräutigam. Wcnn^du dic Braut ins Bette rufst, so wehrt sie sich beym Bitten; Nicht bitte! denn sie hat schon selbst viel vom Verzug erlitten. (18) Auf die Floja. Floja wär cin schönes Weib, konnte Floja sich nur schämen; Denn sie würde von dcr Scham eine schone Nöthe nehmen. (19) Der Frühling. Da der Himmel gütig lachet, Da die Erd ihr Brautkleid machet. Da sich Feld und Wiese malen, Da der Bäume Häupter stralcn, Da die Brunncn Silbcr gicßcn, Da mit Funkclu Bächc fließcn, Da die Vögel Lieder singen, Und die Fische Sprünge springen, Da vor Freuden alles wiebelt, Da mit Gleichem Gleiches liebelt: O so muß vor trübem Kränken Bloß dcr Mensch dic Stirne senken, Weil bcv solchen Frühlingslüstcn Mars crncucrt sein Verwüsten, Mars, dcr dieß für Lust erkennet, Wenn er raubet, schändet, brennet. Sechstes Buch. 183 (20) Wunsch an eine Tanic. Gott geb dir alles Gute, und mich dir noch dazu: Dann liab ich alles wieder, und habe mehr als du. (2l) Küsse. Amor saß jüngsthin betrübet, Weil sein Bogen mißgcübet, So doch selten sich begicbct. Sahe drauf zwey Mündlein ringe», Hörte süße Küsse klingen: Da hub Amor an zu springen. (22) Gewissen. Wo du Lust zur Wollust fühlest, kannst du sie am besten büßen, Wenn du dir ein Mädchen zulegst, ein schön Mädchen, — das Gewissen. (23) Von der Aristea. Aristca, du bist schön. Allen Leuten macht dich hold Zier am Leibe, Zucht im Sinn, und im Beutel eignes Gold. (24) An die Kunstgottinnen. Ihr, ihr süßen Zuckcrniädchcn, ihr, ihr zarten Pindustöchtcr, Seid nicht wie die andern Jungfern, die da treiben ein Gelächter, Wenn ein haarbcrciftcr Buhlcr, wenn ein gichtgckränktcr Freyer Ihnen anzcigt seine Flammen, ihnen anstimmt seine Lcvcr. Ihr, ihr Schönen, ihr, ihr Lieben, habet Lust an reise» Sinnen, Wollt am ersten die beglücken, wollt am liebsten liebgewinnen, Die durch vieler Jahre Wisse», die durch vieler Jahr Erfahren Innerlich sich schö» nnd munter, sich am Geiste »eu bewahren. (26) Ungleiche ehe. Der junge Schnee der Haut kam zu dem Schnee der Haare, Auf daß »lit jenem der auf eine Zeit sich paare. Das Paaren gicng wohl an; doch ward man zeitig innen, Der Hantschncc der war Glut, der Haarschnec mußte riimc». (26) An einen Freund. Weil dn mich, Freund, beschenkst mit dir, So dank ich billig dir mit mir; Friedrichs von Logau Sinngedichte. Nimm hin deßwegen mich für dich: Ich sey dir Du, sey du mir Ich. (27) Von des Marcus Töchtern. Seyd lustig, seyd lustig, sprach Marcus, ihr Kinder! Ich Alter bin lustig, seyd ihr es nickt minder. Ey, Vater, cv wisset, das beste Gelächter Ist/ daß Ibr uns Männer gebt: sagten die Töchter. (28) Die Liebe brennt. Die Fische lieben auch. Mag Wasscrlicbe brennen? Kein Fisch bin ich, und sie sind stumm: wer wills bekenne»? (29) An die Nenus. Die Sonne geht zu Bette, die halbe Welt ist blind: O Venus, nun wird sebcnd dein sonst so blindes Kind! (30) Ein Kuß. Die süße Näschcrev, ein lieblich Mündlcinkuß Macht zwar niemanden fett, stillt aber viel Verdruß. (31) Von einer Biene. Phpllis schlief: ein Bicnlcin kam, Saß auf ihren Mund, und nahm Honig, oder was es war, Koridon, dir zur Gefahr! Denn sie kam von ihr auf dich. Gab dir einen bittern Stich. Ey wie recht! Du, fauler Mann, Solltest thun, was sie gethan. (32) Das Wciv schweige. Wcibcrlippcn sind geschaffen Mehr zum Küssen, als zum Klaffen. (33) Die Wcltfreundschafl. Ich will nicht Dämon seyn, die Well darf auch nicht werden Mein Pvthias, wir sind von zwcvcrlcv Gcbcrdcn: Mein Sinn steht aufgcricht, die Welt geht krumm gebückt; Mein Sinn ist ungefärbt, die Welt ist glatt geschmückt; Sechstes Buch. 1»Z Mein Mund hat Eine Dung, ich kann nicht Warmes hauchen Und Kaltes auch zugleich, die Welt pflegt Ja zu brauchen Wie Nein, und Nein wie Ja; denn ihre Zunge bricht Die schöne zwischen Mund und Herz gepflogene Pflicht. (34) Frauenminze. Frauenminze heilt viel Leid, Wer sie braucht mit Maaß und Zeit. (35) Die Liebe. Licbe darf nicht malen lernen, weil sie nicht die Farben kennt, Weil sie Blaues oft für Rothes und für Weißes Schwarzes nennt. (36) Ursprung der Bienen. Jungfern, habt ihr nicht vernommen, Wo die Bienen hergekommen? Oder habt ihr nicht erfahren, Was der Bcnus widerfahren , Da sie den Adonis liebte, Der sie labt' und auch betrübte? Wann im Schatten kühler Mvrthcn Sie sich kamen zu bewirthen; Folgte nichts als lieblich Liebeln; Folgte nichts als tückisch Bübcln, Wollten ohne süßes Küssen Nimmer keine Zeit vermissen; Küßten eine lange Länge, Küßten eine große Menge, Küßten immer in die Wette, Eines war des Andern Klette. Bis es Venus so verfügte, Die dieß Thun sehr wohl vergnügte, Daß die Geister, die sie hauchten, Immer bliebe», nie verrauchten; Daß die Küsse Flügel nahmen, Hin und her mit Heeren kamen, Füllten alles Leer der Lüfte, Wiese, Thal, Berg, Wald, Feld, Klüfte, Paarten sich zum Küssen immer, Hielten ohne sich sich nimmer, Friedrichs von Logau Sinngedichte. Saßen auf die Mcnschentöchtcr, Machten manches Mundgclächter, Wenn sie sie mit Küssen grüßten, Wenn sie sie mit Grüßen küßten. Aber Neid hat scheel gesehen; Und Verhängniß ließ geschehen, Daß ein schäumend wilder Eber Ward Adonis Todtcngräbcr. Venus, voller Zorn und Wüten, Hat gar schwerlich dieß erlitten. Als sie mehr nicht konnte schaffen, Gicng sie, ließ zusammenraffen Aller dieser Kusse Schaarcn, Wo sie zu bekommen waren, Machte draus die Honiglcute, Daß sie gäben süße Beute, Daß sie aber auch darneben Einen scharfen Stachel gäben, So wie sie das Küssen büßen Und mit Leid ersetzen müssen. Sag ich dieses einem Tauben, Wollt ihr Jungfern dieß nicht glauben: Wünsch ich euch, für solche Tücke, Daß euch Küssen nie erquicke! Glaubt ihrs aber, o so schauet, Daß ihr nicht dem Stachel trauet! (37) Jugend und Alter. Zugend liebt und wird geliebt, Alter liebt und wird verlacht. Liebe nimmt so leichte nicht Liebe, die nicht Liebe macht. (38) Auf die Blandula. Blandnla, du Jungfer Mutter, kannst so schöne Kinder bringen? Lieber Ircibs als ein Gewerbe, mancher wird dir was verdingen. (39) Gastjahl. Mit sieben Gäste» Gchts fast am besten. Der achte Gast Wird eine Last. Sechstes Buch. 187 (40) Der Liebe Märtyrerthm». Bnhlcr sind zwar Märtyrer oft so gut als einer, Marter» aber sich nur selbst; darum preist sie keiner. (41) Händekuß. Jungfern, euch die Hände küssen, Pflegt euch heimlich zu verdrießen; Weil man läppisch zugewandt, Was dem Munde soll, der Hand. (42) Köstliches Wasser. Wasser, die die Alchymisten brennen, sind gar hoch geacht; Hoher Thränen, die die Bräute gießen in der ersten Nacht. (43) Auf die Nivula. Nivula brennt ihrer viel: Jeder der sie sieht, der will Dieß und das an sie verwage». Was für Nutze» wird es tragen? Was sie gab, das bleibt ihr doch; Wer es halte, sucht es noch. (44) Sin Kuß. Giebt Clara einen Kuß, solls viel gegeben seyn. So oft sie einen giebt, so nimmt sie einen ein. (45) Wittwer und Wittwen. Wär Freyen Dienstbarkcit, wär nicht was Freyes dra», So giciige keine Frau, kein Mann mehr diese Bahn. Sie gehen aber drauf oft mehr als zween Gänge. Wär gar nichts Gutes dran, man miede ja die Menge. (46) An die Rhodia. Rhodia, geh nicht ins Feld! Werden Bienen deiner innen, Wird sich dein Gesicht und Mund ihrer nicht erwehren können; Werden lassen Ros' und Klee, werden alle Blumen lassen, Werden deinen Honig nur, werden deinen Zucker fasse». «W»"NWK 188 Friedrichs von Logan Sinngedichte. (47) Geliebte Sachen. Springet in der Schale Wein, Spielen kluge Saiten rein, Fallen süße Kasse drein, Kann man herzlich lustig seyn. (48) Frage. Wie willst du weiße Lilien zu rothen Rosen machen? Küß eine weiße Galathcc: sie wird crrvthcnd lachen. (49) Sin honigsüßer Schlaf. Ein Honig ist der Schlaf: als Chloc diesen aß, Gcschahs daß was, (ich glaub, es war ei» Bicnlcin,) saß Auf ihrer schönen Haut. Sie hats nicht achten wollen; Doch wie man nunnichr merkt, so ist sie sehr geschwollen. (60) Farbe der Schamhafligkcit. Karmesinrot!) halt man werth, Reines Weiß wird sehr begehrt, Purpur hat gar hohen Ruhm, Gold wünscht man zum Eigenthum: Billiger wird hoch gcacht Farbe, die die Tugend macht. (ZI) Ein Briefkuß. Phvllis schickte Thvrsts zu durch ein Bricflein einen Kuß: Untcrwegcns ward er kalt, bracht' ihm so nicht viel Genuß. Drum so schrieb er: wenn sie wollte, sollte sie zwar schriftlich grüßen, Immer aber selber kommcn, wann sie wollt', und mündlich küssen. (52) Von der Galathca. Als man, zarte Galathca, einen alten Greis dir gab, Sprach die Stadt: man legt den Todte» in ein alabastern Grab. (63) Ein thierischer Mensch. Lupula will keinen lieben, Der Vernunft zu sehr will übe»; Weil ihr besser der gefällt, Der sich etwas thierisch stellt: , " . Sechstes Buch. 189 Wer da kann wie Tauben herzen, Wer da kann wie Spatzen scherzen, Wer wie Hahne buhlen kann, Ist für sie der rechte Mann, (54) Wittwcntrost. Meinen Mann hat Gott genommen, den er gab, wie ibm beliebt! Ey! ich will ihn wieder nehmen, wenn er mir noch Einen giebt. (55) Die Liebe und der Tod. Tod und Liebe wechseln öfters ihr Geschoß: Jenes geht auf Junge, dieß auf Alte los. (56) Auf die Dubiosa. Dubiosa gieng zur Beicht Traurig, und mit Recht vielleicht. Als der Pfarr fragt' obngcfehr, Ob sie eine Jungfer wär', Sprach sie: ja, ich armes Kind! Aber wie sie Heuer sind. (57) Küssen. Bienen küssen schone Blumen, und die Blumen bleiben schön: Schone Jungfern, laßt euch küssen, Schönheit wird euch nicht »ergebn, (58) Auf die Cerinua. Cerinna ist so zart, so sauber, wie weißes Wachs gczicret. — In dieses Wachs hat jungst ein Künstler ein schönes Kind bossiret. (59) Die Liebe. Nenne mir den weiten Mantcl, drunter alles sich verstecket. — Liebe ists, die alle Mängel gern vcrbüllt und fleißig decket. (60) In der Person eines WittwcrS. Bringt Lieben ctwan Lust, bringt Lust von Liebe sagen: Bringt beides dennoch mir nichts, als nur Bitterkeit. Was ander» Herzens Wonn, ist mir nur Herzens Leid? Denn meine Lieb ist längst ins Grab binein getragen. Wicwol'l wer recht geliebt, pflegt nichts darnach zu fragen. Er liebet fort und fort, und hat erst ausgclicbt 190 Friedrichs von Logan Sinngedichte. Wenn ihm sein Ende selbst des LIebcns Ende giebt. Die Liebe war nicht stark, die sich verzehrt von Tage». Ich liebe weil ich bin. Die nickt melir ist, zu liebe», Erfodcrt ihre Treu; ihr Werth ist ewig werth, Daß mehr als nur von ihr mein Mund kein Wort begehrt, Mein Sinn sonst keine Lust; hieran will ich mich üben. Geht dieses Lieben gleich bey andern bitter ein, Soll mir um Liebe doch lieb auch das Bittre seyn. (6t) Von vier Hirtinneil. Chloris, Doris, Iris, Ciris, liebten Einen Hirten alle; Ihm zu weisen mit dem Werke, daß er jeder wohlgefalle, Krönte Cliloris ihn mit Blumen; Doris bracht ihm Honigschnittc; Iris grüßet' ihn mit Lächeln; Ciris faßt' ihn in die Mitte, Küßte seinen Mundrubin. Ihm behagte nur das Küssen, Und er überließ der Ciris Krone, Honig, und das Grüßen. (62) Vergnüglichkeir. Wer ihm immer laßt begnügen, Den kann Gluck nie recht betriegcn; Alles falle, wie es will: Das Vergnügen ist sein Ziel. (63) Ein geraubter Kuß. Was mcynt ihr? Ei» gcstohlncr Kuß sey »linder ange»chme? — Der Kuß wird süßer, wenn man schaut, wie Sie so schön sich schäm Und was man leichtlich haben kann, ist selten gar bequeme. (64) Zuchlhiiter. Ein Hüter, der die Weiber vor Schand in Obsicht nalmi, War keiner nimmer treuer als tugendhafte Scham. (66) Jungfrauen. Ihr Jungfer» hört mir zu! doch fasset die Geberden, Und fangt durch meinen Ruhm nicht stolzer an zu werden. Die Jungfern sind ein Volk, das unter uns gestellt Als Engel in der Zeit, als Wunder in der Welt. Ich wüßte nicht, wer der, und wannen er entsprossen, Und was für wilde Milch sein erster Mund genossen, Der hier nur ernsthaft sieht, der hier nicht fröhlich lacht, Sechstes Buch. 191 Wenn ihm des Himmels Gunst die Augen würdig macht Zu schauen diesen Glanz, zu merken diese Sonnen, Wodurch der Menschheit Werth den höchsten Stand gewonnen, Und so erleuchtet ist. Er ist nicht werth so gar, Daß seine Mutter selbst je eine Jungfrau war, Der sein' Gcberde nicht zur Ehrerbietung neiget, Sein Haupt aufs tiefste bückt, den Fuß in Demuth beuget, Und giebt sich pflichtbar hin für einen eignen Knecht, Für ein so liebes Volk und himmlisches Geschlecht. Jedoch merkt gleichwohl auch, ihr lieblichen Jungfrauen, Ich meyne die, wo mehr auf That als Wort zu baue», Und, haltet mirs zu Gut, ich meyn auch meistens die, Wo Winter nicht verbeut, daß Frühling nicht mehr blüh. (66) Von der Paulina. Eines Tages sprach ein Buhlcr um die Gunst Paulincn an: Weil sie, sprach sie, meines Mannes, so befrage meinen Mann. (67) Pocterey. Wer durch Dichten Ruhm will haben, kann ihn nicßen: Wer durch Dichten Lust will haben, kann sie büßen: Wer da denket reich zu werden durch das Dichten, Der erdichtet was ibm kommet gar mit nichte». (68) Ueber das Bildniß des nackten Cupido, welchen seine Mutter züchtigt. Was hat doch der liebliche Knabe verschuldet, Weßhalb er die Streiche der Mutter erduldet? Er hat sich gesäumt, daß dem Ehrstandsorden Chlorinde zu langsam ist einverleibt worden. (69) Bon einer Fliege. Eine Fliege war so kühn, Setzte sich vermessen hin Auf des süßen Mündlcins Roth; Chloris schlug, und schlug sie todt. Florus sprach: o wenn nur ich Dürfte dieß erkühnen mich: Dieser Schlag, hielt ich dafür, Diente mehr, als schabte mir. 192 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (70) Küssen. Wer küssen will, küß auf den Mund, das andre giebt nur bald Genießen. Ecsicklc nicht, nickt Hals, Hand, Brust; der Mund allein kann wieder küsse». (71) An eine Fürstinn. Die Well hat den Geruch, wir haben hier die Blum: Das Land bat, Fürstinn, Euch; die Welt hat Euer» Richm. (72) LustschmcrM. Feuer glänzet, mehr als Gold; Doch verbrennt es scbr: Tlnit uns gleich die Wollust l'old, Doch verletzt sie mehr. (73) Bon meinen Sinngedichten. Was mein Sinn bisher gezeugt, und an Tag die Feder legte, Steht dahin, ob mans verwarf, oder ob es jemand pflegte. Taugt jemanden diese Zucht, kann sich noch Geschwister finden. Daß sie werden schöner seyn, will ich mich doch nicht verbinden. :mM ,v IMÄ HuL. m,4 Friedrichs von Loqan Sinngedichte. (12) Auf die Ecllula. Die Gcllnla bält viel von Thaten und von Werken; Im Glauben suclwt sie den Nächsten stets zn stärken; Von Zeichen hält sie nichts, vom Wesen hält sie mebr; Ist vielfach eine Frau, nnd gebt im Kranz einher. Ob Papst, 00 Linker ibr, ob ihr Calvin gefalle, Ist unklar; ist mir reckt, gefallen sie ihr alle. (13) Ehrgeiz. Es ist kein Regiment so gilt, das allen Leuten tilget: Das macht, Negieren selbst, und nicht Negieret sehn, vergnüget- (14) Aon dem Neit. Kömmt gleich manches neues Jalw, dennoch klaget Veit, ilnn bleibe Fort und fort manch altes Jahr, — nelmilich brv dem alten Weibe. (1o) Reichthum. Eines Ungercckttn Erb, oder selbst ein solcher Mann, Oder beides auch zugleich ist, wer Reichtlnim sammeln kann. (16) Auf den PoscinummuS. Was man guten Freunden schenket, ist verwahret, nicht verschenket: Also saget Poscinunniius, wenn er was zn neben denket. Aber soll er etwas geben, 0 so rül'mt er hoch das Sparen; Daß man nicht aufs Alter etwa» Noch und Armuth dnrf' erfahren. (17) Mars von Lhngcfähr fromm. War etwan Mars wo fromm, so kehrt es ilnn zu Gute; Es ist gewiß geschcl'n aus unbedachtem Mürbe. (18) Feile Gerechtigkeit. Sind des Nichters Obren zn, mache du die Hand nur ans. Recht hat itzt, wie alles Ding, einen gleichen hohen Kaus. (19) Tcr Zeiten Schauspiel. Ich denke noch des Spiels bev meinen jungen Jahren, Worinn ich König war, wenn andre Knechte waren; Sobald das Spiel sich schloß, siel meine Hoheit bin, Und ich wart wieder der, der ich noch itzo bin. Siebendes Buch. Der heutige Gebrauch trägt gleichsam ei» Ergctze», Die Bauern dieser Zeit den Fürsten bevzusctzcn. Schimpf aber ist nicht Ernst, und das Saturnusfcst Ist Einmal nur des Jahrs zu Nom in Brauch gcwest, (W) Der enthärte Samson. Samson schlief bey Dclila, und verschlief sich Haar uud Stärke. Solcher Schlaf bringt auch noch heut solche Beut uud solch Gemcrkc. (21) Auf den Schwollilis. Der Pralcr Schwollius will gar nicht wohne» enge, Geräumig ist sein Haus, gewaschen alle Gänge. Kein Wunder! Als ein Kind liebt' er schon solch ei» Hans; Drum kam er bald hervor aus Kerker, Nacht und Grans, Wo er gefangen lag, ans Tageslicht gekrochen, War seine Mutter gleich erst Frau von drcvzehu Woche«. (22) Der Kaiserliche Dienst. Was ist es für ein Ding, der kaiserliche Dienst? Der Bancrn ihr Bcrdcrb, der Krieger ibr Gewinnst. Der Bancr thut den Dienst, der Krieger spricht davon; Doch straft man jenen noch, und diesem giebt man Lohn. (23) Auf den Quadratus. Quadralus ist der Welt viel nütz, er giebt Viel Schatten, Wär übel, wenn er stürb, im Sommer zu cntrathen! (24) Hofverdieusi. Hast dn bev Hofe was gethan, Was niemand dir verdanken kann; So geh bev Zeiten selbst davon, Der Haß ist sonst gewiß dein Lohn. (26) Auf den BullaluS. Bullalus sprach, gefragt; woher er edel wär? Mein Adel kommt vom Haupt und nicht vom Bauche her. (26) Auf die Glanca. Es stritte» ihrer zwev, ob Glanca schön, ob l'äßlich? — Gemalet ist sie schön; natürlich ist sie gräßlich. 13" Friedrichs von Logau Sinngedichte. (27) Auf die Claja. Gott »ahm, sagt Claja, meine» Mann; Der Herr hat alles wohl gethan Der einen frischen geben kann! (28) Ein Verlorner Freund. Mein Freund ward nächst nach Hof in Ehrendienst erkohrcn; Die Ehre gönnt' ich ihm, doch gieng der Freund verloren. (29) Weltbeherrscher. Gott, Fleiß und die Gelegenheit Beherrsche» Menschen, Welt und Zeit. Gott ist in Nöthen anzuflchn; Gelegenheit nicht zu versehn; Der Fleiß muß fort und fort geschehn. (30) Eine Hure. Wem die Hur ins Herze kömmt, wird sie auch in Beutel kommen; Mag da»» zahlen, was die Nacht ihm geschenkt, der Tag gcnomme» (31) Redlichkeit. Die Redlichkeit verlacht, was ihr Verfolger spricht; Ein Biedermann steht stets; nicht lang ein Böscwicht. (32) Die tausend goldenen Jahre. Tausend goldne Jahre werden von Propheten itzt versprochen. Wie es scheinet, find sie nahe; den» dergleichen Gold zu kochen, Hat der Krieg bereits zu Kohlen Stadt und Dörfer abgebrochen. (33) Fürstendiener. Wenn Diener löblich rathen, So finds der Herren Thaten; Wenn Herren gröblich fehlen, Jsts Dienern zuzuzählen. (34) Auf den unverschämten CalvuS. Calvus hat so großen Schcdcl, und hat dennoch kein Gehirn; Voller Stirn ist auch sein Schcdcl, und doch hat er keine Stirn. Siebendes Buch. 197 (36) Auf den Mus. Pä'tus bot mich jüngst zu Gast; und ich gicng nicht. Ich war satt Noch von dem, womit er mich längst vorhin kasteyet hat. (36) Reisen. Weiland ward fürs Vaterland Gut und Blut gelassen; Gut und Blut wird itzt verthan, Baterland zu hassen. Man verreiset großes Geld; was man heimbringt, wendet man Alte deutsche Redlichkeit hämisch zu beschimpfen an. (37) Erdengötter. Obrigkeiten heißen Götter, sollen Menschen Wohlfahrt geben, Wollen aber meistens selber von den Menschen Wohlfahrt heben. (38) Das Beste der Welt. Weißt du, was in dieser Welt Mir am meisten wohlgefällt? — Daß die Zeit sich selbst verzehret, Und die Welt nicht ewig währet. (39) Waaren der Wollust. Wer sich um der Wollust Waaren als ein Kaufmann will bemühn, Wird, wie witzig er gleich handelt, Neue, statt Gewinnes ziehn. (40) Sey wer du wärest. Wer eine Tugend einmal übt, Eh er sie leichtlich übcrgiebt, So geb er eher hin sein Leben; Sonst muß. er sich der Ehr' begebe». (41) Hofgunst. Hofgunst brennt wie Stroh, giebt geschwinde Flammen; Fällt geschwind in Asch, wie das Stroh, zusammen. (42) Hülfe. Eigner Fleiß und fremde Hülfe födcrn einen Mann. Wen» man einem vor soll spanne», spann er selber a». 1i)8 Friedrichs von Logan Sinngedichte. (43) Aemsigkeit. Vlan kann im Ruh» Doch etwas tlnm. Man kann im Tlnm Doch gleichwohl rnhn, (44) Von dem Largus. Largus wünschet seinem Feinde, daß er ein Dncaten scv In den Händen eines Filzes; denn da würd er nimmer frcv. (4,6) Wohlfeiler Franenstand. Was man mit Wenigem erlangt, daselbst ist Viel Nicht nöthig. Eine Magd, die gerne Fran seyn will, Die wird zur Hure nur, alsdann ist Kirchcnfahrt, Und aller Hochzeitpracht crvaltcn und erspart. (4K) Hofmaler. Bey Hofe hats viel Maler, die wissen abzumalen^ Gemeiniglich mit Kohlen; sie fodcrn kein Bezahlen; Sie thu» es ungeheißen, sie thuns von freyen Stücken; So darf man auch nicht sitzen, sie tonncns hinterm Rücken. (47) Müßiggang. Jedes Haus hat seinen Ort, der gewidmet ist zur Nul'. Knecht und Mägde haben Lust, Herr und Frau hat Fug dazu. (48) Mittel zu verarmen. Ich möchte wissen, wie es käme, Daß unser Hab und Gut zunähme? Was wir aus Pflicht nicht geben müssen, Soll Höflichkeit zusammen schießen. Ist für den Mund was übrig blieben, So bleibt es doch nicht vor den Dieben. Was selbst die Todten schuldig waren Das büße» wir mit unser» Haaren. Was wir gehabt, und nicht mehr habe», Davon erheischt man Schoß und Gaben. Ich möchte wissen, wie es käme, Daß unser Hab und Gut zunähme? Siebendes Buch. (4!1) Lvn der Clodia. Clodia taugt nicht zum sieden, ob sie etwan tau^l zum braten? — O, man las; sie rob den Würmern, besser weiß ich nichts zu rathen. (50) Krieg i»id Friede. Die Welt hat Krieg geführt weit über zwanzig Jahr; Nunmehr soll Friede seyn, soll werden wie es war. Sie bat gekriegt um das, o lachenswcrlhe That! Was sie, eh sie gekriegt, zuvor besessen hat. (61) Geschminkte Weiber willige Weiber. Wicwobl es »och nicht Brauch, das; Wittwe», daß Jungfrauen Sich auszubietc» gehn, sich suchen anzutraucn: So fragt, will gleich der Mund sich noch in etwa? schäme», Doch Schmuck und Schminke dreist: Er, will mich niemand nehmen? (Z2) Hirten. Was ist das für ei» Hirt, der durch Gewalt und List Zum Theil die Schafe schindl, zum Theil die Schafe frißt? (53) Auf den Pralln. Wie dein Kopf, Gclcgcnbcit, Ist, Pralin, dein Ehrenkleid. (54) Gesinde. Sei» Gesinde soll man speisen, dars es aber doch nicht mästen, Soll es brauchen uns zu helfen, soll es brauche» nicht zu Gästcu. (55) Gewalt ist nicht Tapferkeil. Wen» ihrer Drey gleich Einen schlage», So hat Geschlagner nichts zu klagen; Denn ungeschlagen bleibt itzt keiner, Und Drepc schlagen mehr als Einer. (56) Sichcrc Arninth; elender Reichthum. Ei» Armer hat es gut; er sürchtct selten sehr, (Dieweil er nichts mehr hat) daß er verliere mehr. Ei» Reicher hat es arg; ist keine Zeit nicht frey, Daß er nicht morgen schon der allcrärmstc scv. 200 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (67) Loben. Thorheit ist es, alles loben; Bosheit ist es, gar nichts preisen: Mich wird Thorheit schwerlich treffen; Bosheit wird sich cl'cr weisen. (58) Die Steuer. Daß mein Buch die theure Gabe Allen zu gefalle» habe, Glaub ich nicht. Doch glaub ich, allen Werde folgendes gefallen: ,/O es müsse höllisch Feuer „Fressen die verfluchte Steuer! (Z9) öm Indianischer Brauch. Wenn ein Indianer frcvet, schenket er die erste Nacht Einem Priester, der zum Segen einen guten Anfang macht. Blondus frcvet eine Jungfer: ob er nun gleich dort nicht wohnt, Hat sie dennoch ihm ein Pfaffe eingeweihet unbclohnt. (60) Von der Hulda. Was man liebt, das braucht man wenig, daß mans lange brauch': Hulda schonct man zum Nchmcn, liebt man sie gleich auch. (61) Zunder der Hoffart. Was reizet uns zur Hoffart an? — der Leute Hcuchclev, Die alles preisen, was wir thun, es sey gleich wie es sev. (62) Büchermcnge. Des Bücherschrcibens ist kein Ende, ein jeder schreibt mit Haufen! — Kein Mensch wird weiter Bücher schreiben, wenn nur kein Mensch wird kausc». (63) Ein redlicher Mann. Für eine» guten Manu sind alle Zeiten gut, Weil niemals Böses er und Böses ihm nichts thut;. Er sübrt durch beides Glück nur immer Einen Muth. (64) Mcnschcnsinnen. Kopfe haben Dünkel, Herzen haben Winkel: Prüfe, was du sicl'est, Merkr, was du fliehest! liebendes Buch. 201 (65) Auf den Thraso. Thraso geht, wie Herkules, mit der Löwenhaut bedeckt; Sags nur nicht, ei» Hasenbalg ist zum Futter untcrsteckt. (66) Wunderwerk der Welt. Man sagt, und hat gesagt von großen Wunderwerke», Die wohl zu merken sind, und warm wohl zu merken; Noch ist ein größers kaum, als daß ein frommer Mann Bey dieser bösen Zeit, fromm seyn und bleiben kann. (67) Hofdicner. Jeder will bey Hofe dienen; dienen will er immer, Nicht bevm Sorgen, nicht beym Dulden; nur im Tafclzimmcr. (68) Lob. Eines Narren Probe, Die besteht im Lobe. Seine Kunst zu weisen, Schleußt ihn auf das Preise». (69) Auf den StichuS. Slichus hat ein böses Weib, will sich gcr» vertrage», Mevnt, ihr Grimm werd endlich sich müden von dem Plagen; Da ihn sonst ein neues Weib werd' aufs neue nagen. (70) Das Hcrj auf der Zunge. Wcrs Herz auf seiner Zunge führt, Der muß, wenn er die Zunge rührt, Sich der Bedachtsamkeit befleiße», Sonst möcht er ihm das Herz abbeiße». (71) Kriegesschäden. Hat Land durch diesen Krieg, hat Stadt mehr ausgestanden? Schau wo der beste Tisch und größte Schmuck vorhanden. (72) Hoffnung. Wer nichts hat, dem ist »och Ratl', Wenn er «ur «och Hoffnung hat. 202 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (73) Erkenntniß Seiner. Der Schatten pflegt zu stelle» nach dem die Sonne steln; Sobald sie scheint, ist niemand der ohne Schatten geln. Auch ist auf Erden niemand von aller Tl'orhcit frey; Ein Mensch von klare» Sinnen, der mcrtt wie groß sie scv, (74) Turch Mühe», nicht durch Schuicichcl». Redlich will ich lieber schwitzen, Als die Hcuchlcrbauk besitzen. Besser harte Fauste strecke», Als vo» frcmdeili Schweiße lecken. Besser was mit Noth erwerben, Als gut lebe», furchtsam sterbe». (76) Auf den Pigcr. Pigcr lau» nicht müßig gehen; — Müßig aber kann er stel'en. (76) Neuerung gefährlich. Das Böse, wohl gestellt, laß stehen, wie es steht; Es ist noch ungewiß, obs gut mit Neuem geht. (77) Freygebige Herrcudiencr, Wenn Diener Herren schenken, So mögen Herren denke», Daß sich, was auf sie fleußt, Von ihnen vor ergcußt. (78) Augen, ^hrcu, Mund. Ohr und Auge sind die Fenster, und der Mund die Thür ins Hans Sind sie alle wohl verwahret, geht nichts Böses ei» und aus. (79) verdächtige Sachen. Ein versöhnter Feind, Ein erkaufter Freund Sind zu einer Brücke Ungeschickte Stücke. Siebendes Buch. (8l)) Scelcnwandcrung. Dasz eine fremde Seel i» fremden Körper krieche, Das glaube wer es will; es sind nicht Bibelsprüche. Dieß aber ist gewiß, das; itzr ein fremder Leib Oft fähret auf und in ein fremdes Pferd, Kleid, Weib. (81) Auf die Prisca. Deine Schönheit liegt am Laden, gar nicht, Prisca, in der Kiste; Was man sieht, das ist das Beste, mit dem Innern steht es wüste. (82) Gewandelte Freundschaft. Wer die Freundschaft brechen kann, Ficng sie nie von Herzen an: Der ward falsch ein freund gencnnt, Wer sich von dem Freunde trennt. (83) Tas Glück ein gemein Weib. Das Gluck ist wie ein Weib, die keinen völlig liebet, Indem sie sich ilzt dem, itzt jenem übcrgicbct. (84) Bücher. Es ist mir mcinc Lust, bcv Todten stets zu leben; Zu scvn mit denen, die nicht sind, rnnd um umgeben, Zu fragen, die ganz taub; zu hören, die nichts sagen; Und die nichts haben, doch viel Pflegen aufzutragen, Vor andern vorzuzicbn. Ich bin anf die beflissen, Die mir viel Gutes tlum, und doch von mir nichts wisse». Ich Halle diese hoch, die nie mich angcschn; Die manchmal mich im Ernst verhöhnen, schelten, schmähn, Sind meine besten Freund'; anstatt sie hinzugeben, So gab ich alle Welt dahin, und auch das Leben. (86) Auf den Curvus. Eurvus ist den Lastern gram, nicht aus Tugend, nur aus Neid; Daß er ihnen nicht mehr dient, schafft nicht Wille, sondern Zeit. (86) Hoffarth. Ich nehm ein Quintlein Glück, nnd kaufe Hofegunst: Ob dir es so beliebt, nimm einen Eentncr Kunst: Die leichte Münze gilt, die schwer ist bicr umsonst. 01 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (87) Verliebte. So viel Händel, so viel Wunder, als verliebte Leute mache», Wozu dient es? wohin zielt es? — Denke nach, so wirst du lachen. (88) Austritt der Zunge. Die Zunge wohnt mit Fleiß in weißem Bcingchäge. Denn dieß ist ihre Gränz, in der sie sich bewege. Wächst aber wo die Zung, und steiget übern Zaun/ Derselben traue du, ich will ihr nimmer traun. (89) Der Liebe Blindheit. Ein Wollsack und ein Kvhlcnsack, da die beysammen stunde», Da schoß Cupido, und der Pscil ward iu dem schwarzen funden. Die Lieb ist an die Farbe nicht, dieweil sie blind, gebunden. (9t>) Männermangel. Daß mehr Weiber sind als Männer, macht des Krieges Raserey; Doch mich dünket, Weiber stunden durch die Buhlschaft Kriege bey. (91) Ein fauler Knecht. Wenn selten stiehlt ein Dieb, und nie ein Knecht was thut, So halt ich den für bös', und jenen mehr sür gut. (92) Auf den Vagus. Vagus liebet Weiber, Wittwen, Jungfern, Mägde, was es giebt; Christenlicb ist so geartet, denkt er, daß sie alles liebt. (93) Freunde. Freunde die das Glücke macht sind kein rechtes Meisterstücke, Wenn sie nicht zuvor beschaut und bewährt das Ungclücke. (94) Auf die Stultina. Alle sehen ernsthaft aus: deunoch will Stultina lache»? — Weil sie weiße Zähne hat, sucht sie sich beliebt zu mache». (9S) Tie Freyheit. Wo dieses Freyheit ist, zu thu» »ach aller Lust, So sind ein srcycs Volk die Säu in ihrem Wust. Siebendes Buch. 205 (96) Fremde Schutzherren. Der, der uns siir Ketzer hält, sollt' uns kriegen für den Glauben? Freyheit sollten schlitzen die, die uns Freyheit helfen rauben? Ausgang wird zu glauben dir Freyheit was du willst erlauben. (97) Lust und Unlust. Ihrer zwey sind, die sich hassen, Und einander doch nicht lassen: Wo die Wollust kehret ein, Wird nicht weit die Unlust seyn. (98) Der rasende David.* Wer bey Achis denkt zu leben, wer bey Welt denkt fortzukommen, Muß bald haben Narrenkappe, Doctorshut bald angenommen. (99) Der Soldaten gutes Werk. Buße zeucht dem Kriege nach, wo das Heer nur hingetretcn, Thun die Leute nichts als weinen, nichts als fasten, scycrn, beten. (100) Auf den Simon. Simon wünschet, daß sein Weib Eine Moscovitinn wäre, Wenn er ihr gleich bläut den Leib, Daß sie sich doch nicht beschwere; Aber weil sie deutsch gesinnt, Schaut sie, wie sie sich erwehret, Wie sie Oberhand gewinnt, Und mit ihm die Stube kehret. (101) Trunkenheit. Es säuft sich voll, für sich, kein unvernünftig Thier. — O, hätten sie Bcrnunft, sie tränken auch, wie wir. (102) Stadtleute und Dorfleute. Wer sind Bürger? Nur Bcrzehrcr. Wer sind Bauern? Ihr' Ernährer. Jene wachen Koth aus Brodte, Diese machen Brodt aus Kothc. Wie daß denn der Bürger Orden Hoher als der Bauern worden? " i Sam, xxi, !Z. 206 Friedrichs von Logau Simigcdichtc. (103) Auf dcn FaulinuS. Zaulinus ist riii Mann, er ist ein rüstig Mann; Die Arbeit bat er lieb, — wen» andre sie grtban. (104) Schnickc». Bruder, komm und iß mit mir, Haus und Wirth soll vor dir stel'en, Doch iß nur den Wirtl', das Haus möchte nicht zu Halse gehe». (105) Weintrauben. Bruder, komm auf eine» Trunk; doch im süßen Bacchusnaß Tl'u mir nicht allein Bescheid, tlm mir auch Bescheid im Faß. (10l>) Fricdcnshiudcrniß. Ev, es wird bald Friede sevn! Freue dich, du deutscher Mami! Mißvcrtraun und Eigennutz, ciu Paar Wortlcin, stehn nur an. (107) Tadlcr. Wer mich tadelt lässet merken, daß was Gutes an mir scv; Sonst war nichts ihm dran gelegen, durste keiner Tadrlcv. (108) Lon meinen Neunen, Nicht einmal in seinem Buche guter Freunde zu gedenke»? — Weiß ich doch noch selbst nicht eigen, welche» Ruhm man mir wird schenken. Achtes Buch. (1) An den Leser. O Leser, dir stcl't frey zu richten über mich, Und ander» siebet srcv zu richten über dich. Wie du dein Urtheil nun von andern dir begehrest, So siehe daß du mir mein Urtlicil auch gewährest. (2) Die Lhre. Die El'rc kennet keinen Obern, wer ilir zum Nachtheil was gebeut, Dcn fürchte nicht, wen» dich dci» Lebe» zum Schutz der Ehre nicht gereut. (3) Zuversicht auf Menschen. Wer sein Glück auf Menschen baut, hat es ganz vergessen, Daß in kurzem diesen Grund Wurm und Schlange fressen. Achtes Buch. ?07 (4) Von dem Probns. Probus thu gleich was er thu; nimmer laugt doch, was cr Ibut, Ist cr denn so böser Art? — Nein, sein Richter ist nicht ant. (5) Eitelkeit. Nimm weg die Eitelkeit von allen unsern Werken, Was wird dir übrig sehn und gültig zu vermerken? ichM (6) Auf den MoruS. Morus hat viel Geld und Gut? Mus; dabcv doch bungrig fasten? Ev! der Teufel, und nicht Er, hat die Schlüssel zu den Kasten. (7) Leben und Tod. Der Tag hat große Müh, die Nacht hat süße Ruh: Das Leben bringt uns Mnb, der Tod die Ruhe zu, (8) Eoldkunst. Aus dem kalten Nordcnlochc kam der Handgriff Gold zu kochen, Da die Künstler für ibr Kupfer kamen deutsches Gold zu suchen: Deutsches Blut, mit deutscher Asche wohl vermischet, konnte machen, Daß zu Gold den Künstlern wurden Glaube, Treu und alle Sache». Gemeinschaft bringt Verachtung, sonderlich Fürsten. Wo viel Gemeinschaft ist, ist Ansebn nicht gemein; Wo nicht mcbr Anschn ist, wird schwerlich Folge seyn; Wo Folge sich verliert, kann Ordnung nicht bestehen; Wo Ordnung nicht besteht, muß Wvl'lfahrt untergeben. (IV) Ein unruhiges Eemüth. Ein Müblstein und ein Menschenherz wird stets herumgetrieben; Wo beides nichts zu reiben hat, wird beides selbst zerrieben. ^ ""«wV iiif, ,jH mnn jmikn iMÄ'I >!,' i'kil! imA tzks m,-?<" (ll) Christliche Liebe. Ptocbus lag in lausend Nötbcn, Die ibn drängten bis aufs Todten. Solllc Ebristenlicbc baben, Sich zu retten, sich zu laben: Ließ sie bin und wieder suchen, Weil sie sich ihr sehr verkrochen; 208 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Ließ sic suchen bey Gerichten, Fand sie aber da mit Nichten; Mußte hören, daß man sagte: Was das sey, wonach er fragte? (12) Auf den Honoratus. Lbs recht, obs ehrlich sey, was Honoratus thut, Daran gedenkt er nicht. Ihm dünket alles gut, Was gut zum Schmause» ist. Was soll man von il'm sagen? Er hat das Recht im Maul, er hat die Ehr im Magen. (13) Auf den Stilpo. In deines Weibes Almanach steht, Stilpo, allewege: Trüb, Ungestüm, Platzregen, Sturm, Wind, Hagel, Donnerschläge. (14) ehcsiaiid. Wer im Sommer Blumen sammelt, sammelt aber sonst nichts ein, Ey wovon will der im Winter ruhig, satt und miithig seyn? Wer beym Freyen bloß auf Zierden, Prangen, Stolz und Großthun denkt, Was wird der für Tröstung finden, wenn ihn großer Unfall kränkt. (1A) Hoffnung und Geduld. Hoffnung ist ein fester Stab Und Geduld ein Rcisckleid, Da man mit durch Welt und Grab Wandert in die Ewigkeit. (16) Isis nicht gut, so wirds gut. Böse Leute mögen trotzen, fromme Christen stille leben: Schafeswollc kömmt in Himmel, Wolfeslockm nur daneben. (17) Das Mittel. Wenn das Beste nicht zn haben, nehme man für gut das Gute; Auch für lieb, ists nicht ein tapfrer, dennoch mit dem frohen Muthe. Wem die Flügel nicht gewachsen, kann die Wolken nicht erreichen; Wem des Adlers Augen fehlen, muß der Sonne Stralcn weichen. (18) Schein der Freyheit. Die Freyheit ist ein Strick, womit man Freyheit fängt. Je mehr man sic bedrückt, je mclir man ihrer denkt. Achtes Blich. 209 (19) Dankbarkeit gegen die Schweden. Was werden doch für Dank die Schweden um ihre Kriege liabcn? — Wir wünschen, daß Gott ihnen gebe, so viel als sie uns gaben! (20) Hofleute. Leute, die bey Hofe dienen, dünken sich, als andre, niehr; Mich bcdünkct, der, der dienet, weiche dem, der frev ist, scbr. (21) Von dem Crispus. Erisvus ist gereist, ist munter, ist gelehrt; — und wird veracht? — Ey! der neue Musterschneidcr hat ihm noch kein Kleid gemacht. (22) Erinnerungen. Große Herren wollen niemals gern Erinnerung ertragen: Wie dem Bilcam, muß ihnen oft ein Esel Wahrheit sagen. (23) Auf den Pscudo. Pseudo leugt so ungcmcin, Daß ich ihm nicht glauben kann, Zeigt er, wenn er lengt, gleich an, Daß es nichts als Lügen seyn. (24) Auf den VulpinllS. Dein Herz ist ein Castcll, hat gar viel Außenwcrkc, Bnlpinus; wer drein kommt, hat nicht gemeine Stärke; Wer drein noch kommen wär ist keiner, wie ich merke. (26) Die Furcht. Der Tod, vor dem der Mensch so fleucht und so erschrickt, Währt an ihm selbst so lang, als lang ein Auge blickt. Des Todes Furcht ist Tod, mehr als der Tod; der Tod Bcrkürzt, was ihn vergällt, die Furcht, die schlimmste Noth. (26) Der Köhlerglaube. Was die Kirche glauben heißt, soll man glauben ohne Wanken? — Also darf man weder Geist, weder Sinnen, noch Gedanken. (27) Wicdervcrgeltimg. Für Gut nichts Gutes geben, ist keine gute That; Für Böses Böses geben, ist ein verkehrter Rath; Lcssings Merke v. 14 210 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Für Gntcs Böses geben, ist schändliches Beginnen; Für Gutes Gutes geben, gebühret frommen Sinnen; Für Böses Gntcs geben ist recht und wohl gethan, Denn daran wird erkennet ein ächter Christcnman». (28) LebcnSsatz. Viel bedenken, wenig reden, und nicht leichtlich schreiben, Kan viel Händel, Viel Beschwerden, viel Gefahr vertreiben. (29) Fürstengeschcnke. Fürstcngaben sind wie Bäche, stürzen immer gegen Thal; Treffen so nur, wie sie treffen, ohngcfähr und ohne Wahl. (30) Hand und Finger, ein Vorbild brüderlicher Einigkeit. Jeder Finger an der Hand Hat sein Maaß und seinen Stand. Jeder hilft dem andern ein, Keiner will sein eigen seyn. Brüder, die des Blutes Pflicht Hat in Einen Bund gcricht, Sagt, was wollcn die sich zcihn, Wenn sie eigennützig sevn? Wenn sie das gemeine Heil Messen nach dem eignen Theil? Wenn nur jeder darauf denkt, Was den ander» Bruder kränkt? Wenn der andre steigen will Hin auf den, der niederfiel? Wetten will ich, all ihr Thun Wird auf Misgriff nur beruhn. (31) Verstand. Witz, der nur auf Vortheil gehet, ist nicht Witz, er ist nur Tücke. Rechter Witz übt nur was redlich, weiß von keinem krummen Stücke. (32) FricdcnSkrieg. Wer durch Waffen überwunden, Hat noch lange nicht gesiegt: Friedemachcn hat erfunden, Daß der Sieger unterliegt. » Achtes Buch. 2li (33) Abwechselung. Andern gehet auf die Sonne, wenn sie uns geht nieder. Wenn sie andern niedergehet, kömmt sie zu uns wieder. Was uns Gott nicht heute schenkte, kann er morgen schicke», Kann uns, was er heute schickte, morgen auch entrücken. (34) Hofaunst. Kein Begehrtes je »erwiedern, Kein Bcrwicdcrtcs begehren, ° Hicdurch pflegt die Gunst der Niedern Bev den Hohen fortzuwähren. (36) Herr und Knecht. Wer andern dient, ist Herr, so fern er fromm sich halt: Wer andrer Herr ist, dient, wenn er sich siindlich stellt. (36) Die Gerechtigkeit. Daß Gerechtigkeit bestehe, muß man Köpfe dazu haben, Theils die kluge Leute führen, theils der Henker giebt den Nabe». (37) Heuchler. Wer nicht höret, hat nicht Heuchler: wer die Heuchler denkt zu hassen, Mag zwar ihnen Thor und Thüre, nur nicht Ohren offen lassen. (38) Von einer Wittwe. Eine Wittwe gicng zur Trau; nahm itzt ihren vierten Mann.' Als die Zeit zum Schlafengelni auch nun endlich kam heran, Sprach sie: ach ich armes Kind! hätt ich dieses eh bedacht, Niemand, niemand hätte mich mehr zu diesem Schritt gebracht! Doch sie gicng, war gar getrost; und das Kind, das sie gebar Kaum iu zwanzig Wochen drauf, wies wie sie vergeßlich war. (3ö) Eine Gasicrey. Man lud mich jüngst zu Gaste: der Magen gicng mit mir; Doch war er mir nichts nütze, den Milz bedurft ich hier. (40) Tie Gicht. Wer sich üben will im fühlen, Mag mit Gicht ein wenig spielen. 14» 12 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (41) Angezogene Schrift. Wenn der Hausherr, wann die Diebe kommen wollten, eigen wußte Würd er wachen: sagt ein Priester, als der Bischof ihn begrüßte. (42) Freyheit. Wer seinem Wille» lebt, lebt ohne Zweifel wohl; Doch dann erst, wenn er will nicht anders, als er soll. (43) Uebcrfluß. Der Uebcrfluß hat keinen Feind, der ärger ist, als er: In kurzem führt er über sich den Mangel selber her. (44) Abfall. Es ist ein Wunderding: wer zehn, wer zwanzig Jahr, Und länger, nicht gewußt, was rechter Glaube war, Wenn der vom ersten tritt, und nimmt dc» andern an, Daß der bald alles weiß, und andre lehren kann! Mich dünkt, Gunst, Ehre, Macht, Gemach und gute Bissen Die stärkten ihm das Hirn; — nicht aber das Gewissen. (4Z) Auf den Udus. Udns säuft den ganzen Tag. Wird er drüber wo besprochen, Spricht er: einen halben Tag hab ich mich am Durst gerochen, Und den andern halben Tag sauf ich darum wieder an, Weil mich leicht der böse Durst tückisch überfallen kann. (46) Jungfern. Gute Bißlcin bleibe» selten in der Schüssel liegen: Jungfern bleibe» scltc» sitzen, wenn sie nur was tügcn, (47) Die Armuth. Die Armuth ist mit dem insonderheit begabt, Daß sie, wohin sie kömmt, hat, was sie hat gehabt. (48) Jungfrauschaft. Ein glühend Eise» i» der Ha»d, Ein unverletzter Jungfcrnstand, Ist leichtlich nicht zu tragen allen: Man lässet beides gerne falle». Achtes Buch. 213 (49) Ergetzlichkcit, Ey wie Schad ists um die Zeit, die mit Reime» ich verspiele! — Ucblcr aber reimte sichs, wenn mit Nichsthun sie verfiele. Eine Ruh für Leib und Sinn läßt man einem jeden zu. Jeder ruhe, wie er will; ich beruh in dieser Ruh. (60) Die lateinische Sprache. Latein hat keinen Sitz noch Land, wie andre Zungen. — Ihm ist die Bürgerschaft durch alle Welt gelungen. (ZI) Loh» und Strafe. Besser, Gutes nicht belohnen, Als des Bösen wo verschonen. (62) Lob und Schande. Wen nicht zum Guten zeucht das Preise», Treibt nicht Vom Bösen das Verweisen. (63) Auf den trunkenen Veit. Man warf den Beit die Trepp hinab: Veit schickte sich darein, Sprach: Hätt es nicht ein Mensch gethan, so hälts gethan der Wein. (64) Beute aus dem deutschen Kriege. Was gab der deutsche Krieg für Beute? Viel Grafen, Herren, Edelleute. Das deutsche Blut ist edler worden Durch den geschwächten Bauerorden. (66) Ein Fürstenrath. Wer ist, der seinen Rath dem Herren redlich giebt? Der^ den sein Fürst? — Nein der, der seinen Fürsten liebl, (ZK) Worte. Man giebt den Weibern Schuld, daß ihre Worte leichter, Als leichte Blätter sind: daß ihre Sinnen seichter, Als Ncgcnbäche sind. — O Männer könncns auch! Bici Worte, wenig Herz ist ihr gemeiner Brauch. 214 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (Z7) Das Glück. Unglück herrschet so die Welt, daß man auch sein Toben, Daß es noch nicht ärger ist, muß mit Danke loben. (Z8) Vergessen. Schweigen ist nicht jedem leicht. Doch ists leichter noch, verschweigen Als vergessen solche Dinge, die uns zu Gemüthe steigen. (59) Auf die Eilvula. Man vergleicht dich einer Lilge, Gilvula: Ich laß es seyn! — Nur die gelbe, nicht die weiße, bilde dir hierunter ein. (6U) Ans die Ardella. Alles was Ardella thut, thut sie, weil es Ruhm gewähret; Doch je mehr sie Rühmens macht, desto mehr sie Ruhm cnlbchrcl. (61) Nergnüglichkeit. Seines Lebens und der Welt kann am besten der genießen, Der das Große dieser Welt nicht mag kennen, nicht mag wisse». ,»i'i7r,ck «bis itdick) !i»«L :6r,i!i^!/,, (91) Braut und Bräutigam. Für die Jungferschaft der Braut gab ein Bräurgam seine: Sie, wie er drauf innc ward, hatte selber keine. Daß er nicht im Handel möcht übcrvorthcilt scvn, Gab sie ihm die Mutterschaft morgens oben drein. (92) Aon der Cafca. Wie daß ihr doch, daß Easca starb, die Schuld dem Arzte gebt! Sie hat sich durch so lange Zeit zu Tode selbst gelebt. 218 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (93) Die Saat der Wahrheit. Wer bey Hofe Wahrheit säet, erndtct meistens Misgunst ein: Wächst ihm etwas zu von Gnade, wirft der Schmeichler Feuer drei». (94) Menschenliebe. Gott sollst du mehr als dich, wie dich, den Nächsten lieben; Wenn Eine Liebe bleibt, so sind sie beide blieben: Denn Gott und Nächsten knüpft ein unauflöslich Band; Wer sich hier trennen will, der hat sich dort gctrannt. (95) Die Begierden. Solche Räthe, die sich kleiden in des Fürsten Kleid und Zierden, Leide» selten andre Rathe, — Welche sind es? — Die Begierden. (96) Friede und Krieg. Ein Krieg ist köstlich gut, der auf dcu Frieden dringt; Ein Fried ist schändlich arg, der neues Kriegen bringt. (97) Hofrcgel. >'on mllil lit tervus meäicus, propkel», saeerlt»«. Fürsten wollen keinen Diener, der da will, daß Trank und Essen Sey nach Ordnung und Vermögen eingetheilt und abgemessen. Fürsten wollen keinen Diener, der da will zuvor verkünden, Was auf ihr verkehrtes Wesen für Verderben sich wird finden. Fürsten wollen keinen Diener, der da will, daß ihr Gewisse» Sich von allen Uebcllhalcn kehren soll zu ernstem Büße». (98) Auf den Klepax. Klepar, der so manches Thier in den Magen hat begraben, Hat nun auch ein warmes Grab inner einem frommen Raben. (99) Doppelter Sainson. Weil Onandcr Eselsbackc» eine» mehr als Samson trägt, Hört man, daß zwev tausend Maden er bev Einem Käse schlägt. (100) Der weichende Krieg. Mars macht es gar zn arg, Mars tobt itzt gar zu sehr. Der Teufel, wenn er weicht, stinkt, sagt man, desto mehr. Achtes Buch. 219 (101) Auf die Airna eine gemeine Wittwe. Virna, der der Mann gestorben, klaget itzt, sie sey Niemandes; Falls mit ihr gedicnct wäre, will sie sevn des ganzen Landes. (102) Wiedergebrachte Jungferschaft. Der die Jungferschaft benommen, Kann sie wiederum bekommen, Wenn es ihr vielleicht gelingt, Daß sie eine Tochter bringt. (103) David durch Michal verborge». Die Michal legt ein Bild ins Bett, an Davids Statt, Und dann zu seinem Haupt ein Fell von einer Ziegen: Will mancher, wie ein Bild, im Bette stille liegen, Giebt man ihm insgemein ein Fell das Hörner hat. (104) Wein. Euter Wein verderbt den Bcntcl, böser schadet sehr dem Magen; Besser aber ists, den Beutel als den guten Magen plagen. (105) Nurnbcrgischc Unterhandlung. Was zu Nnrnbcrg wird gehandelt Wird gewiß was Gutes seyn; Denn gut Ding darf gute Weile. Wo es sich zum ärgste» wandelt, Und mit Hoffmmg nicht trifft ein, Gebe »iemand Schuld der Eile. (10K) Wcishcitliebende. Die in Sachen, die, wer weiß wo und was sind, witzig sind, Diese sind in denen Sache», die vor Augen, oft ein Kind. (107) Auf den Arkas. Slrkas ruft viel Hochzcitgästc. — Woher hat er Geld genommen? — O! es sollen nicht die Gäste, die Geschenke sollen kommen. (108) Nichts neues unter der Sonne." Wie jetzt die Zeiten sind, so waren vor die Zeiten: Denn Salomon sah anch auf Pferde» Knechte reiten, * Pred, Sal, x, 7, 8. Ich sahe Knechte auf Rossen, und Niesten zu Fiike gehn, wie Knechte. Aber wer eine Grube macht, wu'd selbst drein satten, li. s. w. 220 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Hingegen Fürstcnvolk zn Fuß wie Knechte gehen. Die Grube fehlt nur noch. — Auch die wird man bald sehen. (109) Die Verleumdung. Wenn uns die Verleumdung schlägt, Heilen gleich zuletzt die Wunden, Wird, wie viel man Pflaster legt, Immer doch die Narbe funden. (110) Die gute Sache. Ist jede Sache falsch, die ctwan übel gicng: Ist Christus Sache falsch, die ihn ans Kreuze hicng. (111) Beschenkungen. Wer durch Gaben bey dem Richter denkt zu helfe» seinen Sachen, Suche lieber durch das Schenken aus dem Feinde Freund zu mache». (112) Auf den Movsus. Mopsus hat ein grob Verständniß, mcvnt es sey ihm trefflich nütz; Denn was tölpisch dauert lange; stumpf wird leichtlich, was zu spitz. (113) Auf den Nepos. Ncpos geht in großem Kummer, aber nur bis an das Knie; Weiter läßt er ihn nicht dringen, bis zum Herzen kömmt er nie. (114) Von meinen Reimen. Sind meine Reime richtig? Sind meine Worte wichtig? — Nur daß nicht beide nichtig; ^. ^ ^ ^. ^ - So»st sind sie gar nicht tüchtig. Neuntes Buch. (1) Von meinen Reimen. Ich weiß wohl, daß man glaubt, daß einer gerne thu, Das was er gerne sagt; allein es trifft nicht zu. Die Welt ist umgewandt: ich kenne manchen Mann, An Worten ist er Mönch, an Thaten ist er Hahn. Mein Reim ist manchmal frech, die Sinnen sind es nicht: Der eine Zeug ist Gott, der andre das Gerücht. Ich höhne Laster aus, ich schimpfe böse Zeit, Den» die macht großes Werk von großer Ueppigkeit. Neuntes Buch. 221 (2) Bilder. Bey Bildern nicdcrknicn, das gelte wo es gilt, So gilt es da und dort doch vor ein Fraucnbild. (3) Edelstein und Perlen. Was macht die edlen Stein und klaren Perle» werth? Ihr Werth nicht, sondern das, daß man sie so begehrt. (4) Schönheit. Die Schönheit ist der Schirm, dahinter Falschheit steckt; Ist Liebe gar zu blind, wird Falschheit nicht entdeckt. (Z) Urtheil des MopsuS. Egla war von blöden Augen, Phvllis war von siumvfc» Ohren, Nisa war von schwerer Zunge, jede war also geboren. Sonstc» hatte Zier und Zucht unter ihnen gleichen Krieg, Solisten hatte Zier und Zucht unter ihnen gleichen Sieg. Mopsus sollt' ein Urtheil fallen ihrer, drey Gebrechen wegen, Sprach: ist Fühlen nur bey allen, ist am ander» nichts gelegen. (l>) Fische sind nicht Fleisch. Seine» Weg hat alles Fleisch in der ersten Welt verderbt: Drum bat durch den Sündmfluß Gott gar recht das Fleisch gesterbt; Nur die Fische blieben leben. Muffen also billig schließen, Wer im Fasten Fische speiset, könne ja nicht Fleisch genießen. (7) Hofwcrth. Bey Hof ist mehr ein Pferd, Ais oft ein Diener werth: Manch Diener kömmt gelaufen; Die Pferde muß man kaufen. (8) Auf den Simon. Simon ist im Feld ein Mann: wie daß er im Hanse nicht Einen Nock bezwingen kann, wie er einen Harnisch bricht? (9) Auf die Eallicana, Du bist der Baum im Paradiese: wer deine Frncht geschmeckt. Hat nicht allein sich selbst verderbet, liat andre auch befleckt. Friedrichs von Logan Sinngedichte. (10) Auf den Pseudo. Wenn die Wahrheit sonst nur wollte, könnte «Pseudo sie wohl freyn Den» sie ist ihm zugcsippct gar mit keinem Stammcsrcihu. (11) Großer Herren Unrecht. Das Unrecht Pflegen Große mit Unrecht zu ersetzen, Weil sie dazu noch hassen die, die sie vor verletzen. (12) Vermummte Jugend. Manches Laster thut so viel, als die Jugend manchmal tliut. Wer die Münze nicht recht kennt, dem ist jeder Groschen gut. (13) Erinnerungen. Zu Citronen darf man Zucker: weise» mag man, nicht verweisen,- Und bcv Fürsten soll man Böses dnlden, aber Gutes preisen. (14) Lügen. Wer sein Kleid mit Lugen flickt, der befindet doch, Ob er immer flickt und flickt, da und dort ein Loch. (15) Auf den Ronchus. Nonchus ist alleinc klug; Klugheit bleibt ihm auch allcine: Denn es sucht und holt bev ihm nun und nimmer keiner keine. (16) Auf die Pudibunda. Pudibunda, wie sie spricht, Ehret hoch des Tages Licht. Wer mit ihres Leibes Gaben Noch vor Nacht sich will erlaben, Muß sich mühen, daß er macht, Wenn es Mittag, Mitternacht. Kann er sonst nicht Rath erfinden, Muß er ihr das Haupt verbinden. Manchem kömmt es, ders gemußt, Daß sie selbst die Augen schleußt. (17) Auf den Altus. Mus ist ein tapfrer Mann, dessen Gleichen man kaum fände; Tapfrer wär er, wenn er nicht, daß er tapfer, selbst gestände. Neuntes Buch. 223 (18) Herrendiener. Fürsten werden unvcrhohlcn, Mehr als Niedere, bcstohlcn. Großes Brodt giebt große Bissen, Und von viel ist viel zn missen. Großes Holz giebt große Späne; Ochs wetzt mehr als Schaf die Zähne. (19) Die Nothwendigkeit. Noth ist unser sechster Sinn, hat im Augenblick erfunden, Wo zuvor die ander» fünf in Gedanken stille stunden. (20) Auf den Claudius. Claudius ist lautcr Maul, Claudius ist lauter Zahn; Alle Sachen schwatzt er aus, jedem henkt er etwas au. (21) Auf die Flora. Flora hat zwar wohl die Blüth ihrer Jungferschaft verloren: Was ists mehr? Wird nicht die Frucht, spricht sie, vor der Blüth erkoren? (22) Die Rache. Zugedachte Nach ist süße, sie erwecket Freud i» Leid; Ausgeübte Nach ist bitter, macht aus Freude Traurigkeit. (23) Tiebstal. (24) Auf die Pua. Pua pflegt von frommen Sinnen, Zucht und Keuschheit viel zu sagen; Niemand hat um guten Willen sie nur jemals wolle» fragen. Einem träuntt' er könnte fliegen. Morgens stieg er auf die Bank, Streckte von sich beide Hände, flog so breit er war und lang. Wahrlich er wär tief geflogen, hätts der Boden nicht gethan, Der cmpficng aus Maul und Nase sei» Geblüt und manche» Zahn. Daß man Einen Dieb beschenkt, Daß man einen andern henkt, Ist gelegen a» der Art, Drinn ein jeder Meister ward. (25) Fliegen. 224 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (26) Huren. Wer sich selbsten liebt und acht, lasse Hurenlirbc fahren; Huren geben immerdar für gut Geld gar faule Waaren. (27) Vernünftige Unvernunft. Menschen sind Thiere, vernünftige Thiere; Aber nicht alle, so viel ich verspühre: Hohe sind Löwen, und wollen sich füllen, Machen Gesetze nach Kräften und Willen; Edle sind Hunde, verpflichtet den Lüsten; Krieger sind Wölfe, zum raube» und wüsten; Bürger sind Füchse, zum schmeicheln und schmiegen, Morcheln, berücken, finanzcu nnd lügen; Buhler sind Affen, zu tollen Gebcrden; Bauern sind Escl, zu lauter Beschwerden. (28) Fürstenrcginicnt und Pöbclrcgiment. Bch gutem Fürstenrcgimcnt ist mehr der Bürger frcv, Als bey des leichten Pöbclvolks verwirrter Policcv, Die stets nach blindem Willen geht, übt freche Tvrannev. (29) Spielende Würde. Mancher kann durch Fleiß und Schweiß dennoch nicht zn Ehren kommen; Mancher wird in Schimpf und Scherz auf die Obcrbank genommen. (39) Eine Hure zum Weibe nehmen. Vagus nimmt ihm itzt zu eigen, was vor sein und andrer war; Wer Gemeines Eigen machet stiftet Hader und Gefahr. >- (31) Tegcn und Feder. Kühne Faust und blanker Degen Können Würd und Ruhm erregen; Ruhm und Würde muß sich legen, Stützet Feder nicht den Degen. (32) Erfahrung. Wer hinterm Ofen her will von der Kälte schliessen, Wer ans dem Keller will viel von der Hitze wissen, Wer eines Dinges Art nie recht erfahren hat, RemitcS Buch. 225 Will aber ordnen dran, will gebe» Rath und That, Dem kömmt die Schande früh, die Neue viel zu spat. (33) Auf die Alba. Du, Alba, bist so zart, so klar, so rein, so weiß; Doch deine Weiße fleckt, und darf sehr großen Fleiß. (34) Lang und kurz. Langer höhnte Kleinern; diesem sagte Kleiner: Da ich ward gezeuget war dabey nur Einer. (35) Auf den NothuS. Nothus ist mit Rath gezeugt, ist gezeugt nicht obngcfäbr; Ihrer ncunc waren da, gaben Rath und Bcvschub her. (36) Auf den Adamus. Erster Adam konnte nennen jedes Ding nach Eigenschaft; Dieser nennet seine Söhne, Söhne die von Andrer Kraft. (37) Menschliche Thorheit. Jedem klebet Thorheit an; Dieser ist am beste» dran, Der fein kurz sie fassen kann. (38) Der Poetcnbrunnen. 'Poeten sagen viel von ihrem Brunngcwässer: Das Wasser ist der Wein, der Brunnen sind die Fässer. (39) Auf den PätuS. Pätus ließ ihm neulich taufen einen lieben jungen Erben; Diesen wollt' er in der Kindheit handeln lernen und erwerben: Aufzubringen erste Schanze, (heilig Geld muß wohl gerathen!) Bat er fünfzig, ihm Gevattern, seinem Kinde, treue Pathen. (40) Streithändel. Händel sind wie Fischcrrcnse»: leichtlich kömmt man drein, Leichtlich sich heraus zu wickeln kaun so bald nicht seyn. (41) Verleumder. Mein Urtheil, das mir fällt, Das kostet nimmer Geld; Lcsflngs Werke v, 15 22« Friedrichs von Logau Sinngedichte. Weil solches, unbchellt, Mein Richter mir bestellt. (42) Gesundheit. Wird ein kranker Mensch gesund, ist Gesundheit Gottes Gabe, Und dem Arzte kömmt nur zu, daß er für die Müh was habe. (43) Sin frommer Edelmann. Mag denn auch ein Nittcrsmann Redlich, fromm und ehrbar seyn? Dünkt mich doch, es steht schlecht an, Giebt auch einen feigen Schein. Ein Bericht ist noch, ob der, Der zum Nittcrsmann gemacht, Bloß gehört ins Teufels Heer? Dann ist alles ausgemacht. (44) Auf den Pravus. Was Pravus lehrt, das lernt er nicht, lebt arg, und lehret gut; Ruft hin, wohin er selbst nicht kömmt, thut was die Glocke thnt. (4Z) Meine Herren. Du dienen zweyen Herren ist schwer; ich diene drcvcn, Und darf mich doch bey keinem der Redlichkeit vcrzevhcn. Gott dien ich mit dem Herzen nach meinem besten Können, Dem Fürsten mit dem Aopfe nach meinen beste» Sinnen, Dem Nächsten mit den Händen durch Hüls aus gutem Willen. Kanu hoffentlich bey allen so meine Pflicht erfüllen. (46) Tugend und Laster. Wenn gar kein Laster wär, wär keine Tugend nicht. Denn tugendhaft ist der, der wider Laster ficht. (47) Verachtung der Welt. Hin über das Gcwölkc steiget der Rcigcr, daß er nicht beregne: Wer Duust der Eitelkeit nicht liebet, macht, daß kein Unfall ihm begegne. (48) Rathschläge. Einem Fürsten ist gut rathen, der des Rathes Schluß und Rath Für sich sclbstcn kann ermessen, ob er Grund und Glauben hat. Neuntes Buch. 227 (49) Das Hausleben. Ist Glücke was und wo, so halt ich mir für Glücke, Daß ich mein eigen bin; daß ich kein dienstbar Ohr Um wegverkauftc Pflicht darf recken hoch empor Und horchen auf Befehl. Daß mich der Neid berücke, Deß bin ich sorgenlos; Die schmale Stürzcbrücke, Worauf man zeugt nach Gunst, die bringt mir nicht Gefahr. Ich stehe wo ich steh, und bleibe wo ich war. Der Ehre schmilich Gift, des Hofes Meisterstücke Was geben die mich an? Gut, daß mir das Vergnügen Für große Würde gilt. Mir ist mebr saust und wohl, Als dem der Wanst zerschwillt, dieweil er Hoffartvoll. Wer sich nicht biegen, kann, bleibt, wann er fället, liegen. Nach Purpur tracht ich nicht; ich nehme gern dafür, Wenn ich Gott leben kann, dem Nächsten, und auch mir. (60) Ein böses Weib. Ei» böses Weib ist eine Waar, die sage» wird und sagte, Was für ein Narr der Käufer war, der sie zu nehmen wagte. (51) Religion. Was geht es Menschen an, was mein Gewissen gläubct, Wenn sonst nur christlich Ding mein Lauf mit ihnen treibet? Gott gläub ich, was ich gläub; ich gläub es Menschen nicht. Was richtet denn der Mensch, was Gott alleinc richt? (62) Verleumdung. Wenn man eine Wunde haut, sieht man eher Blut als Wunde: Ungunst merkt man bald bey Hof, aber nicht aus was für Grunde. (63) Plauderet). Wo kein Brunn, da kanns nicht fließen: Wer viel redet, muß viel wissen. Veit sagt viel, weiß nichts; er flicke, Dünkt mich, Lügen vor die Lücke. (64) Auf den Siccus. Siccus ist ein Todtcngräbcr, der das Geld mit Erde deckt, Und sein Sohn ein Tausendkünstler, der die Todten aufcrweckt. IS« 228 Friedrichs von Loga» Sinngedichte. (65) Weibsvolk. Daß ein ganzes Meer der Lust von den Weibern auf uns rinnt, Glaub ich gern; doch glaub ich auch, das; viel Wunder drinnen sind, (66) Gelehrte Schriften. Wer verlachet dich, Papier? Paart sich kluge Hand mit dir, Wird der Marmor nicht besteh», Werden Zedern eh vergeh», Hat das Eisen nicht Bestand, Dauert nicht der Diamant, Eher wirst du nicht gefallt, Bis mit dir verbrennt die Welt. (67) Mäßigkeit. Wer mäßig leben kann und wer ihm läßt genüge», Wird leichtlich, wird man sehn, zu keinem Schmeichler tugen. (58) Jungfrauen. Venus war gefährlich krank: schickte hin den kleinen Schützen, Daß er sollte Jungfernhaut mit dem goldncn Pfeile ritzen, Weil sie Iungfcrnblut bedürfte. Zwar der Knabe schoß gewiß, Gleichwohl merkt er, wo er hintraf, daß kein Blut sich sehen ließ; Flog betrübt zur Mutter hin, wollte drnbcr sich beschweren; Bis er hörte, daß durch Krieg auch die Jungfern feste wären. (69) Auf die Florida. Florida, dieweil sie schon, mcvnet sie, ein einzler Mann Sey nicht ihrer Schönheit werth; beut der ganzen Welt sich an. (K0) Auf den Crispus. Crispus mevnt, wer in der Zngend ausgenarrt, sey klug bey Jahren; Crisvns, mcv» ich, sev noch immer jung an Witz und alt an Haare». (61) Lustfreunde. Den beweinen wir am meisten, wenn er sich von danncn macht, Der am meisten, weil er lebte, mitgrscherzt und mitgelacht. NeunleS Buch. 229 (62) Auf die Thais. Thais wünscht gestreckt zu seyn unter Erde von drey Ellen. — Was für Erd? Ein Mensch, ein Mann läßt sich auch für Erde zählen. (63) Bücher. Böse Bücher lügen auch, guten zu der Gegenprobe: Finstres macht, daß Jedermann desto mehr das Lichte lobe. (64) Des Frauenzimmers Vogelfang. Der Herd, drauf Frauenvolk ihr Vogclwildbret fangen, Ist ihr gerader Leib, Stirn, Augen, Mund und Wangen; Die Locker sind die Wort'; und Küssen, süßes Blicken, Sind Rörnung; Arme sind das Neye zum Berücken. (66) Allgemeine Arzeney. Moses gab so viel Gesetze niemals als die Aerzte geben Dem der gern gesund will bleiben und auch gern will lange leben. Schweiß und Maaß in deinem Thun, und die Gottesfurcht dabcv, Die erhalten lange frisch: halte dich an diese drey. (66) Das Glück. Das Glück erhebt und stürzt die Bürger dieser Welt. — O Glücke thut es nicht! Nach dem sich jeder stellt, Nach dem stellt sich das Glück. Ei» Sinn dem stets gefällt, Was Gott gefällt, steht stets; weil Zuversicht ihn hält. (67) Die Liebe. Wer in der Liebe lebt, ist bev Vernunft doch toll; Wer in der Liebe lebt, ist nüchtern dennoch voll. (68) Braut und Bräutigam. Unter andern ist auch dieß, das von Gottes Zorn uns lehret, Wenn man ctwan nicht gar viel Braut und Bräutgams Stimme höret! An Personen mangclts nicht, an der Stimme mangclts itzt, Weil das Brautvolk unsrer Zeit gerne still im Winkel sitzt. (69) Samson. Der sich des Löwen konnt' erwehre», Läßt durch ei» Wrib sich kalil bcschccren? Friedrichs von Logan Sinngedichte. (70) Auf ein Zwcifelkind, Du seyst dem Vater gleich? Der Vater saget: nein! — Die Mutter saget: ja! Der Mutter stimm ich cm. (71) Ealgenstrafen, Am Galgen und am Strang erworgen, ist nicht ehrlich. — O ehrlich oder nicht; allein es ist gefährlich! (72) Ter Plautinischc Tcllerlecker. Meine Mutter war der Hunger; seit sie mich aus sich geboren, Hat sie sich bey keinem Tage noch zur Zeit aus mir verloren. Zwar zehn Monath trug sic mich und zchn Jahre trag ich sie, Keines hat für diese Last andcrm noch gcdanket ic. Ich war klcin, da sie mich trug; sie ist mächtig groß zu tragen; Drum entstunden ihr gar kleine, mir gar große Kindcsplagen. Ich auch fühle fort und fort große Schmerzen, große Wehn, Auch vermerk ich, sie wird nicht so geschwinde von mir gehn. (73) Versuchen. Wer hoch zu steigen denket, gesetzt er kömmt nicht auf die Spitze, Kömmt doch durch Steigen weiter, als blieb er still auf seinem Sitze. (74) Glauben. Luthrisch, väbsiisch, und calvinisch, diese Glauben alle drey Sind vorhandcnz doch ist Zweifel wo das Christenthum denn sey? (76) Beruf. Die Person, die ich itzt führe auf dem Schauplatz dieser Welt, Will ich nach Vermögen führen, weil sie mir so zugestellt, Denn ich hab sie nie gesucht; wird was anders mir gegeben, Will ich nach des Schöpfers Ruf, nicht nach meinen Lüsten, leben, (76) Bleichheit. Der ist nicht allcine bleich, Wer nicht satt ist und nicht rcich; Großes Gut und stetes Prassen Macht vielmehr die Leute blassen. M IM M7ilj lisk/Z Neuntes Buch, 231 (77) Freund und Feind. Ein Freund, der nie mir hilft, ein Feind, der nichts mir thut, Sind bcid' aus einer Zunft; sie sind gleich schlimm, gleich gut. (78) Gnädig und gestrenge. Fürsten nennet man genädig, Räthe nennet man gestrenge. Jene mchncn, daß nur diese, ihrer keiner, Leute dränge. (79) Jungfernword. Gestern war ein Freudenfest; drauf ward in der späten Nacht, Eh es jemand hat gesehn, eine Iungscr umgebracht. Einer ist, der sie vermuthlich (alle sagcns) hat crtödtet, Denn so oft er sie berühret, hat die Leiche sich crröthet. (80) Eine Graskrone. Der sein Vaterland errettet diese» krönte Rom mit Gras. Blieb' uns doch so viel von Grünem, daß man wo zum Kranze was Nur für die zusammenläse, die das deutsche Baterland (Ließen sie gleich nichts darinnen) dennoch ließe», daß es staiid. (81) Hofdiener. Treue Diener sind bey Hofe nach dem Tode bald vergesse». — O sie werden schlecht geachtet, wenn sie gleich »och da gesessen. (82) Auf den Cacus. Cacus war ein junger Schelm, ist ein alter frommer Mann; Daß er anders ist, als war, macht, daß er itzt »immer kann. (83) Meßkunst. Länge, Breite, Höhe, Tiefe vieler Dinge kann ma» messe»: Andre forschen, ist zu wichtig; selbst sich prüfen, bleibt vergessen. (84) Blutsverwandte. Ist Gold das andre Blut- hat manchen Blutsfrcund der, Dem nur der Beutel voll, und keinen, dem er leer. (85) Auf den Canus. Canus hat ein junges Mcnschlci» voller Glut und Geist genommen: Zu der Hochzeit wird maiich Schwager, drauf der Tod zu Gaste komme». 232 Friedrichs von Logcin Sinngedichte. (86) Theure Ruh. Deutschland gab fünf Millionen, Schweden reichlich zu belohnen, Daß sie uns zu Bettlern machten; Weil sie hoch solch Muhen achten. Nun sie sich zur Ruh begeben, Und von unserm Gute leben, Muß man doch bey vielcnmalen Höher noch die Ruh bezahlen. (87) Lügen. Ob Lügen sind der Wahrheit gleich, sind sie darum ihr Kind? — Die Kinder sind oft einem gleich, von dem sie doch nicht sind. (88) Nom Bardus. Wenn Bardus spricht: Gluck zu! so ist er nicht geliebt; Spricht er: Gehab dich wohl! so ist kein Mensch betrübt. (89) Auf den Trullus. Daß die Seele seines Weibes einen Widerhaken habe, Mcynet Trullus, denn sie wäre, glaubt er, sonst vorlängst im Grabe. (90) Die christliche Liebe. Weiland war die Lieb ein Feuer, Wärmen war ihr nützcr Brauch; Nun sie überall erloschen, beißt sie nur, als wie der Rauch. (91) Spielkarten. Karten, die bey Tage streiten, liegen Nachts beysammen stille; Weiber, die mit Männern zanken, stillt bey Nacht Ein guter Wille. (92) Auf den (Sumvertus. GumpcrtuS nimmt ein schönes Mensch, und ist gewaltig froh. L lieber Gümpel, freu dich sacht! Es ist gedroschen Stroh. (93) Sin Hofmcuiii. Wer bey Hofe lange will Stehen ohne Wanken, Muß des Unrechts leiden viel, Und sich stets bedanken. Neuntes Buch. 233 (94) örde und Wasser. Wassers ist mehr als des Landes, wie die Künstler ausgemrssen; Und man mcrkts auch an den Deutschen, die mehr trinken als sie essen. (95) Gesundheit. Gesundheit kehrt bey Armen mehr als bey Reichen ein. Wie so? Sie hasset Prassen und kann nicht müßig seyn. (96) Schönheit. Wen» schöne Weiber bitten, so heißt es doch befehlen; Dann bitten schöne Weiber, wenn sie das Schweigen wählen. (97) Von dem Magnus. Magnus liat mehr Herz im Leibe, als er Geld im Beutel hat: Gar genug! Ein kühner Mnth findt zu Reichthum leichtlich Rath. (98) Vernunft und Begierden. Die Besatzung in dem Haupte, die Besatzung in dem Bauche, (Die Vernunft und die Begierden) haben immer Krieg im Brauche. (99) Auf die Vlasca. Blasca ist zwar nicht mehr Jungfer, träget gleichwohl einen Kranz; Ey sie pralet: brach die Jungfer, ist die Frau hingegen ganz. (100) Auf die Caja. Caja, du berühmtes Wunder, bist du doch wie Alabaster! Schade, daß du jedem dienest, wie ein schlechter Stein im Pflaster! (101) Ein Umstand, oder eine Magd. Ein Umstand macht, daß Veit sein Weib nicht völlig liebt, Und daß er was der Frau gehört, der Magd vergiebt. (102) Ein Gebrauch. An manchen Orten ists so Brauch, die Weiber müssen jährlich lindern; Sind gleich die Männer nicht daheim, so muß doch dieses gar nichts hindern. (103) Schönheit. Die Schönheit ist der Schönen Feind Wo frommer Sinn sie nicht vereint. 234 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (104) Auf den Mutius. Mutius ist eine Biene, fleucht herum auf allem Süßen, Ist nicht stolz was nur begegnet, zu beherzcu, zu beflissen. (105) Auf den Astutus. Daß Astutus weiser seh, glaub ich gern, als ich; Daß ich frommer sey als er, drauf befleiß ich mich. (106) Von meinem Buche. Sind in meinem Buche Possen, Die dich, Leser, wo verdrossen? Ey, vergönne mir zu schreiben, Was du dir vergönnst zu treiben! Zehntes Buch. (1) Von meinen Reimen. ». Sind meine Reime gleich nicht alle gut und richtig, So sind die Leser auch nicht alle gleich und tüchtig. (2) Auf den Fnscus. Fuscus lachet seiner Sache», Lachet nicht, wenn andre lachen: Drum macht Er, nicht seine Sachen, Daß die andern mit ihm lachen. (3) Böses. Böses soll man bald vergessen, doch vergißt sichs schwerlich bald; Gutes stirbct in der Jugend, Böses wird hingegen alt. (4) Hofschminke. Viel küsse», wenig herzen, Arg mcvnen, höflich scherzen, Dieß ist des Hofes Spiel, Man spielt es täglich viel. (Z) Worte. Das hat der Mensch voraus vor allen ander» Thiere», Daß er, wovon er will, kann Wort und Reden fuhren. Zehntes Buch. Fürwahr wir brauchen itzt rechtschaffen diese Gabe, Es scheint, daß unser Thun sonst nichts als Worte habe. (6) Unbeständige Arbeit. Wer nimmer nichts vollbringt, und fangt doch vieles an, Wird in Gedanken reich, im Werk ein armer Mann. (7) Auf den Vagus. Vagus hat sich, Glück zu fangen, immer hin und her gewagt, Ungewiß ob ihn das Glück, oder er das Glücke jagt. (8) Fürstensreundschaft. Weil Fürsten Menschen sind, und weil der Menschheit Bestes Die wahre Freundschaft ist, (wovon man nicht viel Festes Bey hohen Häuptern spürt;) so ists natürlich Ding, Daß auch cin Fürstcnsimi nach diesem Gute hicng; Am Wählen fehlt es nur. Sie Pflegen die zu kiesen, Die mit getheilter Zung und krummem Knie sich wiesen. Bey welchem frcvcs Wahr, der Freundschaft Seele, wohnt, Der bleibt vor ihrer Gunst gar sicher und verschont. (9) Der Welt SiißbittreS. Welt giebt ihren Hochzcitgästcn erstlich gerne guten Wein; Und schenkt ihnen sauer» Lauer, wenn sie schon bethört sind, cin. (10) Hofspeise. Bey Fnrstcntafel» geht was auf, und wie der Zettel weist, So werden Zungen immer mehr, als Herzen, da gespeist. (11) Bauern. Die Bauern sind so listig, und sind gleichwohl so grob? — Sie sinnen nur auf Eines, und halten auch darob. (12) Erabschrift eines Beutels. Hier liegt ei» Beutel, der ist todt, die Sccl ist ihm entwiche»; Das Lebe» wird, thu Geld darein, bald wieder in ihn krieche». (13) Ein altes Weib. Alte Weiber sind die Sträuche drauf vor Zeiten Rosen stunden: Ob die Rosen sind verblichen, werden doch die Dörner funden. 235 ^- ,''^>^^'^M«^'P,N ' M Die Tenne. Zehntes Buch. Weil Ruh mir wohlgcsicl. Das Zanken der Parteyen, Der Ucbcrlauf des Volks, des Hofes Schwclgcrcycn, Verleumdung, Neid und Haß, Druck, Hcuchclev und Höhnen, Die ausgeschmückten Wort und fälschliches Bcschöncn Die hatten hier nicht Statt. Hier war ich ganz mein eigen, Und konnt all meine Müh zu meinem Besten neigen. O Feld! o werthes Feld! Ich will, ich muß bekennen, Die Höfe sind die Höll, der Himmel du, zu nennen! (64) Fremde Hülfe. Man sollt' uns Hülfe thun: Da nahm man ein Gebiß, Das man in unser Maul uns zu bcschreitcn stieß; Man ritt uns hin und her, man ließ uns keine Ruh, Und rief dabcv, man ritt uns unsrer Wohlfahrt zu. Die Wohlfahrt, die es war, war aber so bewandt, Daß, eh man sie gefühlt, man uns zu Lager rannt'. (66) Arztwasser. Aerzte baue» ihre Mühlen an die Mcnschcnflüsse; Selten giebt es Wassermühlen, die man so genieße. (66) Geizige Geistliche. Viel dienen dem Altar, Wahr ists, und bleibt auch wahr; Doch dünkt mich gleichwohl auch, Altar scv manchmal Bauch. (67) Auf den NariuS. Barius thu was er thu, dennoch kann er nichts vollenden; Eh er erstes hat gethan, hat er anders schon in Händen. (63) Verehrungen, Nicht gar nichts, und nicht alles, und auch von Allen nicht Soll Gab und Ehrung nehmen der, den man drum bespricht. (69) Hofproceß. Bey Hof ist der am besten in feiner Sache dran, Der, eh er wird verklaget, klagt lieber andre an; Wer hier am ersten klaget, der trägt die Siegcsfahn. «essings Wette v. lg 242 Friedrichs von Logcni Sinngedichte. (60) Die Weiber. Will man Weiber Gänse nennen, da die Weiber doch nicht fliegen, Mag man es: theils weil sie schnattern, theils in Gänsefeder» liegen. (61) Die Mode. Was ist die Mode für ein Ding? Wer kennt sie von Gesicht? Ich weiß nicht wer sie kennen kann: sie ist ja angcricht Nie morgen wie sie heute war. Sie kennt sich selber nicht. (62) Das karge Alter. Alter bilft für Thorheit nicht: Alte sollen morgen sterben; Wollen dennoch heute noch, das vergraben, dieß erwerben. (63) Die Welt. Alles, alles überall In der Welt, ist nichts wie Schall: Denn all ihre Prachten Sind, wie wir sie achten. (64) Wer kennt sei» Glücke? So du willst glücklich sevn, so bitte, daß dir giebt Gott selten was dn willst und dir zu sehr beliebt. (65) Der Sonnen und des Menschen llntcrgang. Untcrgehn und nicht vergeh» Ist der Sonnen Eigenschaft: Durch des Schöpfers Will und Kraft Stirbt der Mensch zum Aufcrstcl'n, (66) Tie jetzige Wcltknnst. Die Wcltkunst ist ein Herr, das Christenthum ihr Knecht: Der Nutz sitzt auf dein Thron, im Kerker steckt das Recht. (67) Anfcrwccknng vom Tode. Kann Frösche, Fliegen, Schwalbe», Würmer, Schnecke», Die Kaltes sicrbte, Warmes wieder wecken: So kann auch der, der alles dieß kann machen, Noch wohl so virl, das? Todte wieder wachcn. Zehntes Buch. 2-Z5 (68) Der jetzige Friede. Dreyßig Iakir und drübcr noch hat gewahrt das deutsche Kriegen: Währt dcr Friede dreyßig Jahr, läßt ihm jeder wohl genügen. (K!1) Feinde dcr Traurigkeit. Jugend ist des Traucrns Feind, schickt dawider in das Feld Buhlschaft, Wein, Musik, und Spiel, und he» General, — das Geld. (70) Beschenknngcn. Wer mit Gaben kämpft» will, und verlanget Sieg und Glücke, Schieße nicht mit kleinem Loth, schieß aus einem groben Stücke. (71) Weisheit dcr Alten. Nimmt dcr Leib erst ab, nimmt Verstand rccht zu: Scclc, scheint es, hat mehr vor Leibe Siuli. (72) Gemäßigte Strafen. Straft soll seyn wie Salat, Der mehr Qcl als Essig hat. (73) Unverschämt. Dieß sind Laster aller Laster: sich vor keinem Laster schcncn, Sich dcr Lastcr sclbst bcrühmcn, und die Laster nicht bereuen. (74) Versuchen. Srinc Schwachheit giebt an Tag, Wer versucht und nicht vermag. Wer ein Ding vcrsuchcn will, Prüfe sich erst in dcr Still. (76) Poeten. Dcr Dichter sind genug: was sollen sie für Sachcn Dcnn nun durch ilircn Geist berühmt und ewig mackcn? Was gut ist das ist rar bey Dichtern nnd bey Sachcn. — Dic Böscn mögcn sich auch übcr Böses machcn. (76) Hinterlist. Falschheit streicht sich zicrlich an, ist aus Mänlcl gar bcflisscn: Wcr nur will, dcr kcunt sie bald; dcnn sic hinkt auf bcidcn Füßcn. 16» 244 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (77) Mchlthau. Mchrcnthcils, weil Krieg noch währte, fiel ein Mehlthan alle Jahr In-die zarte Jungfernblütc, der der Würmer viel gebar. (78) Auf die Clelia. Wahrheit kann nicht jeder hören. Clelia kann keine sehen: Um den Spiegel, der ihr weiset daß sie schwarz sey, Isis geschehen. (79) Auf den Thrax. Für Lauten und für Violinen hat Thrax den Pohlschcn Bock crkohrcn, Denn jene konnten ihm nicht füllen die hohen, weiten, tiefen Ohren. (80) Schminke. Wollt ihr euch, ihr Jungfern, schminken? Nehmet dieses zum Bericht; Wählet Ocle zu den Farben; Wasserfarben halten nicht. (81) Der Nisa vhestand. Nisa nahm ihr einen Mann; — nein, man sagt, sie selber melde, Sie besäße keinen Man», sondern einen Sack mit Gelde. (82) Rutzfrcunde bey Hofe. Werther hat sich der gemacht, Der zur Küch ein Rind gebracht, Als der einen klugen Rath Da und dort gegeben hat. (8Z) Fromm und klug. Ein Frommer und ein Kluger die sind nicht immer Einer: — Aicl besser daß der Kluge», als daß der Fromme» keiner. (84) Auf den Stilpo. Stilpo, du geschwinder Kopf, hurtig weißt du einen Rath, Wie es hätte sollen seyn, wenn ein Ding gcfchlct hat. Weißt du, wie man diese nennt, die nicht früh klug, sondern spat? (86) Der Erde und des Wassers Hülfe. Die Erde speist das Wasser, das Wasser tränkt die Erde: Damit der Mensch gespcisct, getränkt von beiden werde. Zehntes Buch. 246 (86) Göttliche Verordnung. Wer die Uhr gleich nicht versteht, Merket dennoch wie sie geht: Gottes Rath, den wir nicht kennen, Ist doch immer gut zu nennen. (87) Verzeihung. Wie du giebst, giebt mein dir. Gieb mir geneigten Blick: Vielleicht versieht man dir auch ei» vcrschncs Stück. (88) Wissenschaft. Viel wisse» ist wohl schon; doch, wer zu viel will wissen, Muß Ruh und gut Gemach, wohl Gut und Blut vermisse». (89) Jager. Ihr Götter der Wälder, ihr Schutze», ihr Jäger, Die Fürsten und Herren sind gütige Pfleger Für eure Altare, verehren so sehr Die Pallas, den Phöbus, den Consus nicht mehr. (90) Kriegen. Schlechte Kunst ist Krieg erwecken; Schwere Last ist Krieg erstrecke»; Große Kmist ist Krieg crstecke». (91) Rathschläge. Wer des Freundes treuen Rath nach dem Ausgang achten will, Trete selber, wenn er kann, hart an das entfernte Ziel, Wiß ihm selber eine» Rath; darf des Freundes dann nicht viel. (92) Verwüstete Güter. Seinen Beutel baue vor, wer ein wüstes Gut will pflügen: Wird das Gut erbauet seyn, wird der Beutel wüste liegen, Wird sich kaum ums sechste Jahr wieder ans den Falte» füge». (93) Von der Nachtigall. Bon Ferne bist du viel, und in der Nähe nichts; Ei» Wunder des Gehörs, ein Spotte» des Gesichts: Du bist die Welt? auch sie ist in der Nähe nichts. » 246 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (94) Auf einen Aescpus. Es glänzet dein Verstand, Acsopus, weit und ferne; Ep Schade nur! ihn faßt so schmutzige Laterne. (95) Thorheit. Es Ist zwar selten klug wer nichts versteht und kann; Doch minder wer sich selbst und seinen Witz zeucht an. (96) Fürsten und Festungen. Eine Festung und ein Fürst sehn sich an für eine Sache, Die da stets darf Borrath, Geld, Mannschaft und bestellte Waclic. (97) EntcS. Was ist das, was die Welt nennt mit dem Namen gut? Fast immer ist es das, was jeder will und thut. (98) Auf den DuvliciuS. Duplicius ist zwar ein Mann gar tüchtig unter Leute, Nur Schade! seine rechte Hand steht an der linken Seite. (99) Das Wasser. Ob das Wasser, fragt man oft, die die Wasser trinken, nähret? Nährt es nicht, so ists doch gut, daß es auch wie Wein nicht zehret. (100) Der Namenstag. Einen schlechten Namen hat, dessen Name durch das Jahr Einen Tag, und sonsten nie, kundig und geehret war. (101) Rcichihum. Wer zu sehr das Nöthe liebt, kann das Gelbe selten haben. Wer sich schämt, der wird nicht reich: Reichthum fodcrt freche Gaben. (102) Auf den BibuluS. Wie führet Bibulus die Sorge für sei» Haus? — Der Magen nimmct ein, die Blase gicbct aus. ( WZ) Die Arbeit. Arbeit ist der Sünde Fluch. Sollte Pigcr viel sich mühen, Würd er auf sich viel Verdacht cincs großen Sünders ziehen. » , G Zehntes Buch. 247 (101) Der Apfelbiß. Adam mußt in Apfel beißen, konnt es nicht verbessern: — Weil man noch zu seinen Zeiten nichts gehabt von Messern. (105 ) Auf die Pura. Pura halt an ihrem Gott immer treu und fest; Ist hingegen, wo sie kann, ihres Nächsten Pest. (106) Auf den Longns. Longus ist der andre Blas: was er bey und an sich träget, Dieses ists was ihn ernähret und in weiche Betten leget. (107) Gespräch eines Pfarrers und Küsters. Ein Küster sprach: Herr Pfarr, sie bringen eine Zeiche. Der Priester sprach: Wohl gut! Ists aber eine reiche? Der Küster sprach: O nein! Der Priester sprach: des Armen Deß hätte sich der Tod noch mögen wohl erbarmen. Der Küster sprach: O ja! — Der Priester sprach: wir lebe», Dem Tode seinen Zoll, früh oder spät, zn geben. (108) Verleumdung. Wer mich hasset, wer mich schimpft, dessen Bosheit giebt an Tag, Daß ihm meine Redlichkeit wo zuwider laufen mag. (109) Narren und Kluge. Narren herrschen über Kluge? — Ihre Händel, ihre Sachen, Die die Narren arg verwirren, müssen Kluge richtig machen. (110) Langes Leben. Langes Leben ist ein Segen, seinen Kindern giebt ihn Gott; Zeder wünschet ihn zu haben: und er ist doch voller Spott. (111) Freundschaft. Alten Freund für neuen wandeln, Heißt, für Früchte Blumen handeln. (112) Auf den Gulo. Gulo führt durch seine Gurgel täglich große Speisewagen, Daß man incvnt die Landcsstraße geh vielleicht durch seinen Magen. 248 Friedrichs von Logan Sinngedichte. (113) Auf den Planus. Planus ist so hoch gewachsen, daß er bis zur Sonne geht. Für die Erd ists gar verderblich, weil er ihr im Lichte steht. (114) Sin Sperling. Der Sperling der ist unter Vögeln was unter Menschen ist der Bauer Ist ungeschickt, ist schlecht gczierct, hat Weizen lieb, ist gar ei» Lauer. (11Z) Auf den Aerius. Wo wohnt Aerius? Wie ist sein Haus bestellt? — Sein Haus hat keine Thür, es ist die ganze Welt. (116) Weibcrcifer. Weiber sind zum Zürnen hurtig, und ihr Zorn ist nicht zu sage», Wenn der Mann aus ihrer Küche Feuer will in fremde tragen. (117) Ehestand. Das Weib ist ihres Mamies Herz, der Mann des Weibes Haupt: Daß eines einem andern lebt, ist keinem nicht erlaubt. (118) Fuläßiger Wucher. Ein Wucher bringet nicht Gefährde, — Den Wirthe treiben mit der Erde. (119) Geborgte Haare. Frankreich träget zwar die Schuld daß es Manchem nimmt sein Haar; Weiset aber wie man braucht das was eines andern war. (120) An den Leser. Leser, wie gefall ich dir? Leser, wie gefällst du mir? Eilftes Buch. (1) Von meinen Gedichten. Ich schreibe kurze Sinngedichte; um dadurch minder schlimm die Böse» Zu machen, und zu höhern Pflichten mich desto eher abzulösen. eilftes Blich. (2) Gewaffnctcr Friede. Krieg hat den Harnisch weggelegt, der Friede zeucht ihn an; Wir wissen was der Krieg verübt, wer weiß was Friede kann? (3) Auf den Gengmlindus. Gcngmundus lobt sich selbst, es lobt ihn auch die Welt: Wenn er das Wort fuhrt, Er; Sie, wenn er inne halt. (4) Seelenhandel. Jedes Land hat sein Erwerb, sein Gesuch und seinen Wandel: Die die gegen Norden sind machte reich der Scelenhandcl. (Z) Zwcyfußige Esel. Daß ein Esel hat gcspracht, warum wundert man sich doch? Geh aufs Dorf, geh auf den Markt: — o sie reden heute noch. (6) Auf die Amca. Amca ist so wunderhübsch, daß Schwangere sich segnen: Es geht nicht ab ohn Mißgeburt, sobald sie ihr begegnen. (7) Zahlungsfristen. Es ist zwar eine Frist zu zahlen ausgeschrieben, Mit Undank aber ist zu zahlen frey geblieben. (8) Auf den Justus. Justus lernet die Ersetze: nun er alle kann, Mcvnt er, keines unter ihnen geh ihn selber an. (9) Verleumder. Wer mit Wcibcrschwcrdtcrn haut, schadet nicht des-Leibes Leben, Kann hingegen schnöden Tod unsrer Ehr und Lcumuth geben. (10) Haben und Gehabt. Haben ist ein reicher Mann, und Gehabt ein armer Mann; Daß aus Haben wird Gehabt, ist oft Haben Schuld daran. (11) Das begrabene Deutschland. Wir mußten alle Völker zu Todtengräbecn haben, Bevor sie Deutschland konnten recht in sich selbst vergraben. 2ot) Friedrichs von Logau Sinngedichlc. Jetzt sind sie doppelt sorgsam den Körper zu verwahre»! Damit nicht neue Geister in solchen etwan fahren, Und das erweckte Deutschland nicht wiederum, wie billig, Auch scinc Todtcngräbcr scv zu bestatten willig. (12) Auf den Alastor. Alastor brüllet wie ein Leu. — Ist grosser als ein Leu, — Er ist ein Hirsch! Wie sehr er tobt, so trägt er doch auch Scheu. (1!Z) Hofglieder. Was dient bey Hof am meisten? Der Kopf? — Nicht ganz: die Junge. Was dient bev Hof am treusten? Das Herz? — O »ein: die Lunge. (14) Auf den Baldus, Baldus führet alle Sachen, die er führet, aufs Verschieben; Will sie bev dem Weltgerichte dann auf einen Tag ausüben. (16) Abgedankte Soldaten. Was werden die Krieger, gewöhnet zum Wachen, Nun Friede geschlossen, ins Künftige machen? Sie werden, des Wachens nicht müßig zu gehen, Sehn wie es zu Nachte bey Schläfern wird stehen. (16) Auf den Neit. Beil gieng mit einem Herren schwanger, eh der ward reif, da kam sein End Ich weiß nicht ob er diesen Erben auch hat bedacht im Testament. (17) Tic Aerzte. Ihr Aerzte scvd wie-Götter, sagt heimlich zu dem Kranken: Du mußt zur Erde werde»! und er muß noch wohl danken. (18) Tugend. Tugend ist nicht allen nütze: wenn sich Thais schämcn will Hat sie noch von guten Nächten, noch von gutem Lohne viel. (1!)) Die Furcht. Die Furcht sagt nur sehr selten wahr, Lcugt meistens, wo nicht immerdar. Eilftcs Buch. '.'51 (20) Poctercy. Was nützt °>poctcrcv? Sie stiehlt dic Zeit zu schr. O! schnöde Sorg und Pracht und Herrlichkeit noch inelir. (21) Lusidicncr. Schlafen, essen, trinken, spielen, tanzen und spazieren, Sonst um nichts, als nur um dieses, Fleiß und Sorge führen, Dic bcv Hofe dies? verrichten rühmen Dienst und Treu, ' Geben nicht, sie nehmen Dienste, sag ich, ohne Scheu. (22) Essen und Trinken. Wenn der Brauch, wie zuzutrinken, also wäre zuzucssc», Mcpn ich das; man mchrern Leichen würde müssen Särge messen. (2Z) Fremde Kleider. Fremde Kleider schimpfen uns: weil sie aber so gemein, Ist alleinc der ein Narr, ders nicht will mit andern sev». Frommer Sinn in frcmdcr Tracht bringet allcs wicdcr ein. (24) Ecwalt. Unbcdacht ist bcy Gewalt: Wer Gewalt hat, scheint zu denken, Nachwelt werd ihm allcs Frech gar vergessen, oder schcnkcn. (25) Ciufältige Jungfrauen. Jungfern, wenn sie mannbar sind, wollen dennoch gar nicht wissen, Was ei» Mann sey für ein Ding, wie ein Mann sev zu genießen: Weil sie aber meistens doch licber jung' als alle nehmen, Fehlt es nicht, sie haben Wind, was dabch sey sür Bequemen. (26) Verdächtige Dienste. Geht Freundschaft und Gevatterschaft hinein ins Amtmanns Haus, So geht gewiß des Herren Nutz zur Hinterthür hinaus. (27) Finsterniß. Dic Finsterniß ist gut, weil sie viel Sünden stillen Dic Fiustcrniß ist arg, wcil sie vicl Sündcn hüllcl: Ein jcdcs Ding ist gut, bös ist cin jedes Ding, Nicht an sich sclbst , nach dcm cin jcdrr cs brgicng. 262 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (28) Die Mittel zur Gesundheit. Hunger haben, müde seyn, Würzt die Speise, schläfert ein. (29) Himmel nnd Erde. Der Mann soll sehn der Himmel, das Weib will seyn die Erde: Daß Erde von dem Himmel umfangen immer werde, Daß Erde von dem Himmel sich stets erwärmet wisse, Daß Erde von dem Himmel den Einfluß stets genieße. (30) Auf den Piger. Immer ist der Tag zu lang, immer dir zu kurz die Nacht, Pigrr; weil mit Nichtsthun Tag, Nacht mit Schlaf wird zugebracht. (31) Ein Glaube und kein Glaube. Deutschland soll von dreyen Glauben nunmehr nur behalten Einen; Christus nicvnt, wenn Er wird kommen, dürft Er alsdann finden keinen. (32) Besonnenheit. Willst du einen Wächter haben, der vor Schaden wacht? Nimm dir einen an zum Diener Namens Wohlbedacht. (33) Freundschaft. Freundschaft ist ein theurer Schatz: immer hört man von ihm sage», Selten rühmt sich einer recht, daß er ihn davon getragen. (34) Der Tod. Der Tod ist nnscr Vater, von dem uns ncn empfängt Das Erdgrab, unsre Mutter, und uns in ihr vermengt; Wenn nun der Tag erscheinet und die bestimmte Zeit, Gebiert uns diese Mutter zur Welt der Ewigkeit. (3Z) Ordentlicher und unordentlicher Verderb. Unordnung warf uns hin, und Ordnung läßt uns liegen: Das Steuern thut uns dieß, und jenes that das Kriegen. (36) Auf den Nepos. Ncpos richtet nach der Sonn allen Rath und alle That: Wenn es früh, so wird er jung, und geht unter, wenn es spat; Dcnn cr denket nur auf das, was er heute darf und hat. Silftes Buch, 253 (37) Auf eine wollüstige Person, Wärst du nicht ein Mensch geworden, Lieber, wozu wärst du tüchtig? — Nur zur Sau: die lebt zum Fressen, und ist unnütz sonst und nichtig, (38) Hofgunst, Wer treu bey Hofe dient, verdient doch lauter Haß. Wie so? Wem man viel soll, vor diesem wird man blaß. (39) Leid und Freude. Ist ein Böser wo gestorben: Traure, denn er ist verdorben. Ist ein Frommer wo verschieden: Freu dich! denn er ist im Frieden. (40) Thorheit. Unter Thieren ist kein Narr. Affen treiben Gaukclcvn; Aber dieß ist Ernst und Art, ist nur Thorheit nach dem Schein. Bleibt dabey, daß nur der Mensch bcv Vernunft ein Thor kann sevn, (41) Kleider. Was ists, was uns bedeckt, und gleichwohl auch entdeckt? Das Kleid bedeckt den Mann und weist was in ihm steckt. (42) TaS Herz. Gott giebt uns, an Leib und Seele, so viel Schätze, so viel Gaben, Will für Gaben, will für Schätze, bloß nur unsre Herzen haben: Wir zwar nehmen Schätz und Gabe», lassen aber Schätz und Gabe» (Nicht der Schätz und Gaben Geber) unsre ganzen Herzen haben. (43) Das Kreuz. Gottes Kelch ist bitter trinken, sonderlich der letzte Grund; Bösen ist das letzte Saufen, Frommen erster Trunk vcrgunnt. (44) Mutterliche Liebe. Die Mutter trug im Leibe das Kind drcv Bicrlhcil Jahr; Die Mutter trug auf Armen das Kind wcils schwach noch war; Die Mutter trägt im Herzen die Kinder immerdar. 254 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (45) Gegenwärtige und verlerne Tugend, Tapfre Leute sieht der Neid gern begraben, Ausgegraben, wenn sie nicht mehr zn haben. (46) Geld. Der Menschen Geist und Blut ist itzo Gut und Geld: Wer dieß nicht hat, der ist ein Todter in der Welt. (47) Christliche Liebe. Liebe kaufte neulich Tuch, ihren Mantel zu erstrecken: Weil sie, was durch dreyßig Jahr Krieg verübt, soll alles decken. (48) HundcStrcnc. Hunde lecken srcmdcn Schaden: Menschen sind viel minder treu! Jeder muß ihm selber rathen, Fremde tragen leichtlich Scheu. (49) Zuwachs der Ticbe. Diebe, die der Krieg gesät, läßt der Friede reichlich finde», Und der Henker mäht sie ab; wird in Hanf die Garbe» binden. (60) Auf den Rigricanus. Kein Mensch kann zweyen Herren dienen. Hiczu weiß Nigricanus Rath, Der seinen Gott auf seiner Zunge, den Teufel in dem Herze» hat. (51) Hoflcbc». Von dem Leben an den Höfen hab ich manchmal viel gelesen: — O das Lesen ist mir besser, als das Selber da gewesen. (52) Zornmlhcil. Wo der Dorn der Richter ist, hat Gerechter schon verspielt: Weil der Zorn nicht auf das Recht, sondern auf die Rache zielt. (53) Rathen. Wer andern Rath ertheilt giebt wider sich den Rath: Denn Zorn' erfolgt für Dank, wenn Rath gcfcl'lct hat. (54) Poeten. Es helfen große Herren Poeten zwar zum Leben, Die aber tonnen jenen, daß sie nicht sterben, geben. vilftes Buch, (66) Begierden. Begierden sind ein hartes Pferd, das seinen Reiter reitet, Wenn nicht Bcrnunft sein Maul versteht und recht den Zügel leitet, (66) Die Wahrheit. Bcv Hofe sagt man nicht von Wahrheit allzuviel: Es will nicht, wer da darf; es darf nicht, wer da will. (67) Wohlthat. Die Wohlthat und das Gute, das wir dem andern schenken, Ist sattsam uns vergolten, wenn andre dran gedenken. (68) Verheißungen. Dein Ja soll sehn ein Pfand, bcv dem sich sicher weiß, Wer sein Vertrauen dir geliehn auf dein verheiß. (69) Todesfurcht. Wer Sterben ängstlich fürchtet, der höre meinen Rath: Er lebe wohl. Was bleibet, wovor er Grausen hat? (60) Reime aus dem Stegcrcif. Auf Einem Fuße stehn und hundert Bcrsc schmieden, Das hab ich nie gekonnt, und bins auch wohl zufrieden, Daß ich es noch nicht kann. Ein Pilz wächst Eine Nacht, Die andre fällt er hin, drum wird er schlecht geacht. Des Bacchus süßer Saft, worauf Poeten pochen, Muß erst durch Sonn und Feit zahm werden und wohl kochen, Das Wasser, das mit Macht aus allen Ritzen quillt, Hat seine» Nutz zwar auch, nur daß es wenig gilt, (61) Ehre. Wenn Ehr und Eigennutz iu einer Sache streiten, So stehe daß du stehst der Ehr an ihrer Seiten. (62) Verleumdung. Daß ein Frommer dich geschmähct, trau nicht lcichtlich auf Bericht; Daß ein Böser dich geschmähct, wundrc dich darüber nicht. 266 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (63) Reichthum. Biel haben nicht; nicht viel bedürfen machet reich: Wenn ihr nicht habt, was ihr nicht dürft, was fehlet euch? (64) Heuchelet). Die Redlichkeit ist Gold, die Heuchelet, ist Erde: Zu suchen die aus der, darf Kunst und hat Beschwerde. (66) Bücherstube. Dieses ist ein Todtcngrab, und die Todten reden gar: Zeigen was entfernet ist, sagen was geschehen war. (66) (?iu Rath. Kennt ein Rath nicht seinen Fürsten, und der Fürst nicht seinen Rath: Räth sichs übel, folgt sichs übel, und der Rath kommt nicht zur That. (67) Sittsamkeit. Ze Heller Feuer brennt, je minder Feuer raucht: Ze mehr bey einem Witz, je mehr er Glimpf gebraucht. (68) Ein menschlich Vieh. Mancher weiß nicht durch Vernunft rühmlich sich zu weisen; Sucht darum durch Unvernunft sich uns anzupreisen. (69) Lobgciz. Wer hungrig ist auf Lob, ist gern an Tugend leer. Die Tugend hat genug, darf Lob nur ohngcfähr. (70) Sin versoffen Weib. Ein Weib, das gerne trinkt, spcvt unversehens aus Ihr Ehr und gut Gerücht, und endlich Hab nnd Haus. (71) Gelehrte Leute. Die Gelehrten sind nicht gerne von den Alten und den Rothen; Den» sie sind zu allen Zeiten untermischet mit den Todten. (72) Auf den Niger. Niger schickte seine Ohren ans den Markt, da kauften sie Einen Titel: Einen ärgern Schelm, als Nigern, sah man nie. EilfteS Buch. S57 (73) Eine schöne Frau. Meistens find nur schöne Weiber nütze bey der Nacht; Ihre Werke find bey Tage Müßiggang und Pracht. (74) Die Kinderkrankheit, der Frosch. Udus wird gewiß den Frosch unter seiner Zunge haben, Deil er immer fort und fort muß mit etwas Nassem laben. (76) Auf den Magnulus. Die Fackel unsrer Zeit wird Magnulus genannt? — O sie ist nur von Pech/ und hat noch nie gebrannt. (76) Die Stadt. Der Sack, worein der Krieg, was er gestohlen hat, Hat alles eingepackt, wo war er? — In der Stadt. (77) Treue Hofdiener. Wer den Herren nm hilft stoßen, dieser ist ein treuer Diener; Wer den Herren auf hilft heben, dieser gilt nicht einen Wiener. (78) Auf die Vulpia. Bulpia weint um den Mann, weinet Tag und weinet Nacht; Nur daß ihrer Seufzer Wind bald die Thränen trocken macht. (79) Ungeschickte Diener. Bauern, wenn die Messer fehlen, stecken Holz in ihre Scheiden: Herren mögen dumme Kopfe gern in Ehrenämter kleiden. (80) Leumuth. Shrc darf nicht großen Riß, so bekömmt sie solch ein Loch, Das man, wenn man immer stopft, »immer kann verstopfen doch. (81) Ein Geiziger. Wenn ein Geiziger gestorben, hebt sein Schatz erst an zu leben: Jeder will bcv diesem Kinde willig einen Pathcn geben. (82) Gefahr. Gefahr der Ehre gleicht: Folgt dem, der vor ihr weicht. Lessmgs Werke v. 17 258 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (83) Auf den Lurcus. Lurcus spricht: Es ist nicht löblich einen loben ins Gesichte. Recht; viel minder ist es loblich, daß man einen hinten richte. (84) Auf den Bardus und MopfuS. Mopsus hat gar nichts verstanden, ob er gleich sehr viel gehört; Bardus hat gar wohl studirct, dennoch ist er nicht gelehrt. (85) Vergebliche Sorge. Sorgen, und doch nichts crsorgen, Heißt, was nicht zu zahlen, borgen. (86) Auf den Duplus. Duvlus ist ein Svicgelmann: was man sieht das hat kein Seyn, Sicht zwar wie ei» Biedermann, aber hat nur bloß den Schein. (87) Alexander der Große. Den Alexander hieß man groß? Er war ein großer — Erdcnkloß. (88) Auf den TetruS. Du bist ein feines Kind, hängst an Ervnnis Brust; Des Neides blaue Milch ist, Tetrus, deine Lnst. (89) Freundcshlilfe. Danke Gott, wer Hände hat, daß er selbst sich kann versorgen. Der, der selbst nicht Hände hat, kann sie wahrlich nirgends borge». (90) Sterben. Ob Sterben grausam ist, so bild ich mir doch ein, Daß lieblichcrs nichts ist, als das Gestorben seyn. (91) Geiz. Wer Gold, ihm nicht zum Brauch, der Welt zum Dienste, nützet, Hat das, was der hat, der im Stollen Gold besitzet. (92) Undank. Dem, der Haß und Undank leidet, einem solchen trau ich zu, Daß er redlich sich verhalte und mit Treu das Seine thu. eilftes Buch. 26!) (93) Fürstliche Kleidung. (°) Gerechtigkeit, das Kleid, und Recht, den Fiirstcnhut, Wer diese beide trägt, derselbe Fürst steht gut. (94) Menschliche Unvollkommcnheit. Daß wir unvollkommen find wenn wir dieß erkennen, Kann man dieß Erkenntniß schon eine Bcßrung nennen. (95) Einfältiges Gebet. Die Einfalt im Gebet ist großer Witz vor Gott; Genug wer ihm vertraut und nennet bloß die Noth. (96) Eingeborne Diener. Wahr ists, daß von fremden Bäumen man doch Fruchte haben kann: Wer die Früchte samt den Bäumen eigen hat, ist besser dran. (97) Die Gelegenheit. Der Will ist zwar ein Neisemann, der da und dort hin will: Spannt ihm Gelegenheit nicht vor, so kommt er nicht ans Ziel. (98) Leichtgläubigkeit. Wer gar nichts glaubt, glaubt allzuwcnig; wer alles glaubt, glaubt gar zu viel; Behutsamkeit hilft allen Dingen: im Mittel ist das beste Ziel. (99) Salz und Kreuz. Das Kreuz und auch das Salz find beide gleich und gut: Das faule Fleisch dämpft dieß, und das den wilden Muth. (100) Auf den Morus. Morus ist zwar wohl kein Narr, nur daß Manchem Wunder nahm, Daß er alles stieß heraus, was ihm in die Backe» kam. (101) Zustand. Beßres Glücke könnt ich leiden; kömmt es nicht? ich bin vergnügt; Wenn fichs nur mit mir nicht ärger, als ich itzt es habe, fügt. (102) Auf den Lcporinus. Zcporinus jagt mit Hnndcn, Better Hasen nachzusetzen: Kennten ihn die Hunde besser, würden sie ihn selber Hetzen. ('> Hivb xxvui, t4. 17" Friedrichs von Logan Sinngedichte. (403) Ans den Flavian. Ein Spiegel ist dein Herz, du guter Flavian: Es niimiit die Bildungen von jeder Schönheit an. (104) Auf den Firmlis. Firmus ist ein treuer Buhler, ist wie die Magneten, Die sich nie von einem Sterne zu dem andern drehten. (105) Sine reiche Alte. Reich und haßlich liebt man halb: — Ist Aarons goldncs Kalb. (106) Auf den Siccus. Siccns ist ein frommcr Mann; und es ist die Sage, Daß er (wenn er nichts mehr hat) faste manche Tage. (107) Auf den NarribertuS. Gut macht Muth. Wenn Narribcrtus nnr zwey Thaler bey sich l,al, Weiß er durch das Thor zu gehen keinen Raum und keine» Rath. (108) ein ungesalzen Gastgebot. Kein Wnndcr ists, daß sich daselbst ein Ekel findt, Wo Wirth, wo Kost, wo Gast nicht recht gesalzen sind. (109) Waschhaft. Ein Plandrer stiftet Haß, pflegt Freundschaft zu vcrstörcn. Wer nichts verschweigen kann, soll billig auch nichts hören. (110) Sin Mensch des andern Wolf. Meine Dienste: sagt die Welt. — Deine Dienste sind so gut, Liebe Welt, als wie der Dienst, den der Wolf den Lämmern thut. (111) Leib und Seele. Ist die Seele Wirth, und der Leib ihr Haus: Wie daß dieses denn jenen oft jagt aus? (112) Sin geschminkter Freund. Ptochus rufet seinen Freund in der Noth nm Bevschub an: Dieser schickt ihm Hülfe zu, spannet aber Krebse dran. vilftes Buch. (113) Trunkenbolde. Die, die immer gerne trinken, müssen nicht sehr weit gedenken: Wenn sie jetzt getrunken haben, soll man ihnen wieder schenken. (114) Auf den Knospus. Knospns hat zwev tausend Gulden auf sein Lernen angewandt. Wer dafür ihm fünfzehn zahlet, zahlet mit gar reicher Hand. (11Z) Soldaten. Brodt und Wasser giebt man Sündern, die am Galgen sollen büßen Waren Krieger den» noch arger? denn sie mußten es oft missen. (11k) Ein Freund. Weißt du, wer ei» guter Freund wirklich ist und billig heißt? — Der sich, wenn du ihn nicht siehst, deinem Namen Freund erweist. (117) Ein aufgeklärtes Eemülh. Besser als durch Aderlässen reiniget man sein Geblüte, Wenn man schwere Sorgen meidet und sich freuet im Gemüthe. (118) Rathschläge. Dieses ist der beste Rath, den man kann zu Werke setzen: Weisheit, die nicht wirken kann, ist für Thorheit nur zn schätze». (119) Gerechtigkeit. Das Recht schleußt für die Armen sich in ein eisern Thor: Schlag an mit goldncm Hammer, so kommst du hurtig vor. (120) Die Wahrheit. Weil die Wahrheit harte klinget und zu reden schwer kommt an, Schont sie mancher, der sich fürchtet, sie verletz' ihm einen Zahn. (121) Frauenzimmer. Wer will der Weiber Tück erkunden und entdecken? Sie sind geschmückt so schön! gehn in so langen Nocken! (122) Auf deu LanuS, der mit großer Mühe nichiS lhal, Herr Banns ist ein Mann der nimmermehr kann ruhn: Er müht sich, daß er schwitzt, im leeren Garnichtslhun, 262 Friedrichs von Logau Sinngedichte, (123) Das Urtheil des Paris, Daß Paris nicht recht klug im Urthcln sey gewesen, Mcynt jeder, der von ihm gehöret und gelesen: Mich dünket immer noch, ihm fiele mancher bey, Skünd ihm nur Helena dafür, wie jenem, freu, (124) Menschen sind Menschen. Trägt der Diener Menschenhaut, trägt der Herr ein Mcnschcnhcnidc Herren ist das Fehlen auch, wie den Dienern, selten fremde. (125) Wollust und Schmerz, Das Letzte von der Hitze giebt Anfang auf den Frost, Den Anfang auf das Trauern das Letzte von der Lust. (126) Ansehen. Das Ansehn wird erhalten, wenn jeder sich erweist So wie sein Stand es fodcrt, und ihm sein Amt es heißt. Wenn Kauflcut Edelleute und Pfaffen Krieger spielen, Wird Ansehn keinem kommen, weil sie den Zweck »erzielen. (127) Weiber sind Menschen. Ob Weiber Menschen sind? — Sie haben ja Vernunft, Sie lieben fort und fort; denn wilder Thiere Zunft Hegt nur zu mancher Zeit der süßen Liebe Brunft. (128) Hofwitz. Wer nicht bey den schlauen Hosen jedem Kopfe weiß zu kommen, Der hat selber nicht nach Hofe was von Kopfe mitgenommen. Wer da bcv den schlauen Höfen jedem Kopfe weiß zu kommen, Der hat nur den Kopf nach Hofe, das Gewissen nicht, genommen. (129) Das fromme Alter. Wenn die Wollust uns verläßt, dann kömmt uns die Andacht an: Himmel hat den alten nur, Welt hat vor den jungen Mann. (130) Reformation, Immer dünkt mich, wer nichts hat, der mag glauben was er will; Denn um seine Seligkeit müht sich keiner leichtlich viel. Zwölftes Buch, 26? (131) TaS neue Jahr, Ob das Jahr gleich alle Jahre sich gewohnt ist zu verjünge», Dennoch kann der Jahre Jugend Mensche» nichts als Alter bringen, (132) Merkzeichen des Gemüths. Was an dem Manne sey, weist seiner Augen Schein, Sei» Amt, ei» Beutel Geld, und dann ein Becher Wein. (133) Von meinen Reimen. Wo ich Reime schreiben soll die gefallig allen bleiben, Leg ich meine Feder weg und hegchrc nichts zu schreiben. Zwölftes Buch. (1) Von meinen Reimen. Ihr Reime, die ihr hinten steht, habt einen guten Muth! Kein Mensch kömmt zn euch letzten her, wenn nicht die ersten gut. Sind aber nur die ersten gut, so geht ihr cucrn Schritt, Ob ihr gleich nicht den Rang bekommt, doch unter andern mit. (2) Menschlicher Zustand. Der Mensch bringt nichts davon, wie lang er immer lebt, Als daß mau ihn vergißt, gleichwie man ihn begräbt. (3) Ein ehrliches Leben und seliger Tod, Wer ehrlich hat gelebt und selig ist gestorben, Hat eine» Himmel hier und ci»c» dort erworben. (4) Hoheit und Demuth. Man sieht nicht leicht, daß Demuth der Ehre Schritt begleite, Vielmehr, wen» diese steiget, weicht jc»c von der Seile- (6) Bald versagen und bald geben. Wer bald mir was versagt, der giebt mir dennoch was; Wer bald giebt, was er giebt, der giebt mir zwcvmal das, (6) Ehre und Hoffart. Mancher mcvnct El>r und Würde scheine nicht an ihm hervor, Wenn sie nicht steh ausgestellet auf der Hoffart Berg empor. 2ti4 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (7) Auf den Durus. Durus hört manch spitzig Wort, wird dadurch doch nicht bewogen; Hat den Ohren, wie mau mcvut, einen Harnisch angezogen. (8) Werke des Krieges und des Friedens. Krieg der macht' aus Bauern Herren: Ey es war ein guter Handel! Friede macht aus Herren Bauern: Ey es ist ein schlimmer Wandel (9) Bescheidenheit. Wodurch wird Würd und Glück erhalten lange Zeit Ich meyne: durch nichts mehr, als durch Bescheidenheit. (10) Rathschlage. Die Vögel säugt man so, wie man nach ihnen stellt: Der Ausschlag fällt nach dem, nach dem der Anschlag sällt. (11) An den Mirus. Mirus, daß die Kunstgöttinnen alles Wissen dir gewähret, Ist zu wenig: du hast völlig die Vollkommenheit gclccrct (12) Auf den Hermes. Hermes ist der beste Redner, weit und breit und um und um; Ein Gebrechen ist bedenklich: manchmal ist er silbcrstumm. (13) Grabschrift. Ein Todter lieget hier, der, wie er war sein Tod, So war er auch sein Grab, und seines Grabes Spott. (14) Aöllercy und Plauderet). Wer viel redet muß viel trinken; trinkt der Redner aber viel, Kann er nur sehr selten reden was er will, und wenn er will. (1Z) Auf die Submiffa. Submissa sucht ein schnödes Geld durch gar ein schändlich Lebe»; Mcvnt, sey es schändlich gleich verdient, scys ehrlich doch gegeben. (16) Auf den Drances. Drauccs wünschet seinem Weibe langes Leben: (denn ihr Geld, Das sie gab, verdient es billig;) — doch er mcynt, in jener Well. Zwölftes Buch. (17) Vom Orpheus und der Vuridice. Niemand um ein todtes Weib fahrt zur Holt in unsern Jahrein Aber um ein lebend Weib will zur Hölle mancher fahren. (18) An den Plutus. Du hast viel Preis, und glaubst dieß sey der Ehre Sohn; O nein! der Heuchelet): man preiset dich ums Lohn. (19) Zärtlichkeit. Wer gar kein Ungemach begehret auszustehen, Muß in der Welt nicht seyn, muß aus der Menschheit gehen. (20) Auf den Gniscus. Gniscus thut niemanden nichts, dennoch ist ihm niemand gut. Eben darum, weil er nie keinem etwas Gutes thut- (21) Auf den Elaukus. Um einen Sack voll Geld nahm Glaukus, wie ich meyne, Sein ausgeflclschtcs Weib, den alten Sack voll Beine. (22) Stehlen. Stehlen darf nicht viel Verlag, und hat dennoch viel Genieß; Tragt es sonst auch nichts mehr ein, ist doch Holz und Hanf gewiß. (23) Das andere Weib. Die andre Frau pflegt lieber als erste Frau zu sehn. — Das macht, es ist die erste nichts mehr, als Asch und Bein. (24) Auf den Fürsprecher Lallus. Wenn Lallus etwan Sachen hat, ist allen Richtern bange; Sie födern ihn: Ums Recht? o nein, — er redet grausam lange. (26) Freundschaft und Gold. Gold und Freunde sind gleich köstlich: jederlei) von dieser Waar Sucht man mühsam, findt man sparsam, hat man immer mit Gefah (26) Das Leben. Lcbctcn wir hier stets nach unserm Willen, Würde Lebenslust nimmermehr sich stillen. 266 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (27) Verstand und Unverstand. Ein fälschlicher Verdacht, ein blinder Unverstand, Wo die Regenten sind, da räume du das Land. (28) Auf den Marcus. Man nahm dir, Marcus, alles Gut: wie bist denn du noch selbst genesen ? Man hätte dich wohl auch geraubt, wär nur an dir was Guts gewesen. (29) Auf einen Todtgesoffenen. Der vom Weine gestern todt, ist vom Tode heute todt: Daß ihm Wein ins Handwerk fiel, hielt der Tod für einen Spott. (30) Armuth. Ob die Armuth gleich nichts hat, giebt sie dennoch reiche Gaben: Durch sie kann man Sicherheit und ein gut Gewissen haben. (31) Blendung kömmt vor Schändung. Wer kürzlich werden soll gcstürzet und geschändet, Wird mcistenthcils vorher bethörct und geblendet. (32) Der Bauch. Der Bauch der ist der Beutel, drein legt man alles Gut; Man thut nur ihm zum Besten das meiste was man thut. (33) Die Welt. Die Welt ist wie das Meer: ihr Leben ist gar bitter! Der Teufel machet Sturm, die Sünden Ungewittcr; Die Kirch ist hier das Schiff und Christus Steuermann, Das Segel ist die Reu, das Kreuz des Schiffes Fahn, Der Wind ist Gottes Geist, der Anker das Vertrauen, Wodurch man hier kann stehn, und dort im Port sich schauen. (34) Auf den Cotta. Die Scel ist Herr, der Leib ist Knecht: Bekenn es, Cotta, frcv, Daß bey dir gar (wie ist der Herr?) der Knecht ein Schelme sey. (35) Auf den Cornius. Cornins hat auf dem Haupt einen unbenanntcn Schade»: Weiland in Ccrastia war manch Man» damit beladen. Zwölftes Buch. 267 (36) Der Liebe Nahrung. Ein Buhlcr, daß cr Lieb cntzündc, Nimiiit Gold zum Holz, nimntt Lob zum Windc. (37) Krieg zwischen -Hier und Dorr. Hier und Dort sind Brüder zwar, Doch ein ganz verkehrtes Paar: Hier führt wider Dort viel Krieg, Doch behauptet Dort den Sieg. Jeder muß in diesen Zug: Wer dem Dort dient, der ist klug; Dort belohnt mit lauter Gott, Hier bezahlt mit lauter Tod. (38) Gelehrt. Wenn einer mcvnt er lerne noch, so kommt sei» Witz empor; Wenn einer mevnt cr sey gelehrt, so wird cr itzt ein Thor. (39) Die Elemente. Wie viel sind Element? — Man sagt von vieren, auch von zweyen. - Nein, fünft: denn das Gold will auch sich mit darunter reihen. (40) Das Gluck, ein Weib. Man malt das Glücke wie ein Weib nun schon seit langer Zeit: Weil sie beständig, wie ein Weib, in Unbeständigkeit. (41) Auf den Morus. Morus kennet Kräuter, Steine, Erz und Vögel, Fisch und Thiere, Kennt den Hasen doch nicht eigen, den cr tränkt mit Wein und Biere. (42) Die Gestalt. Wer, Flora, dein Gesichte nennt, der hat ein schönes Gut genannt, Das aber, wenn ein Fieber kömmt, in einem Nu ist wcggcbrannt. (43) Ich bin wer ich bin, so bin ich des Herrn. K>urh. Begehrt mich Gott nicht reich, und sonst von hohen Gaben, So scy ich wic ich bin, cr muß mich dcnnoch habcn. 268 Friedrichs von Logan Sinngedichte. (44) Feile Aemter. Wer die Slcmtcr kaust um Geld, diesem ist ja nicht benommen, Daß er Recht zn Markte führ', seinem Schaden nachzukommen. (4Z) Die Tugend. Tugend, rufet Echo wieder, wer im Walde Tugend ruft. Tugend ist bcvm meisten Volke nichts als Schall und Wind und Luft. (46) Das Visen. Das Eisen durft ich mehr, das Gold viel minder preisen: Ohn Eisen kommt nicht Gold, Gold bleibt auch nicht ohn Eisen. (47) Auf den Säufer Bonosus. Bonosus ist ei» Fleischer: das Glas, daraus er trank, Dran hübe sich ein andrer, der nicht ein Fleischer, krank. (48) Selbstbetrug. Man sagte: Dn Bctrieger! — Das wollte Franz nicht leiden; Man sagte: Deiner sclbstcn! — Deß mußt er sich bescheiden. (49) Unverschämt. Wer sich gern sieht aller Orten, wer sich nirgends nimmer schämt, Kann dem Glück sich leicht bequemen, wenn Glück ihm sich nicht bequemt. (50) Von dem Milo. Mein Glück, spricht Milo, thut mir nichts von diesem allen, Was ich mit gutem Fug verlange, zu Gefallen. Glück spricht: Wenn du begehrst was grosser nicht als du, Was in dir Raum nur hat, weis' ich dirs gerne zu. (ZI) Mißgunst. Mißgunst sey sonst wie sie will, dennoch ist ihr Eigenthum, Daß sie immer mehr verklärt als verdunkelt unsern Ruhm. (52) Der Spiegel des Gerüchts. Was der Spiegel dem Gesichte, Ist den Sinnen das Gerüchte. Zwölftes Buch. 269 (63) Hier sind wir, dort bleiben wir. Ich bin, ich bleibe nicht in dieser schnöden Welt: Und weil das Bleiben mir mehr als das Seyn gefällt, So lieb ich Sterben mehr als Leben; denn alsdann Hör ich zn seyn erst auf, und fang zu bleiben an. (64) Zweyerley Nacht und zweyerley Tag. Zwev Nächte hat der Mensch, der Mensch hat auch zwey Tage, Drauf er sich freue theils, theils drüber sich beklage: Der Mutter Leib ist Nacht, das Grab ist wieder Nacht; Geburt giebt Einen Tag, wie Tod den andern macht. Die erste Nacht und Tag ist voller Noth und Leiden; Der Tag nach letzter Nacht bleibt voller Heil und Freuden. (66) Zeitliche Euter. Weltlich Gut wird von sich selbst, oder wird von uns verzehret, Oder wird durch List, durch Macht, andern zu, uns weg gckchrct. (66) Der Spiegel. Der Spiegel kann zwar weisen, doch reden kann er nicht; Sonst hätt er mancher Stolzen den Irrthum schon bericht. (67) Vorschub und Hülfe. Wer dem Nächsten mcvnt zu helfen, und will vor Warum? erst fragen, Dem geht Hülfe nicht von Herzen, will nur auf den Ruhm was wagen. (68) Glück und Recht. Denen die da schliefen, ist viel Glück entzogen, Denen die da wachen, ist das Recht gewogen. (69) Sorgen. Bey wem bleibt Kummer gerne und will am liebsten ruh»? Bey denen, die ihn warten und die ihm gütlich thun. (60) Säufer. Gottes Werk hat immer Tadel: Wem der Tag zu kurz zum Trinken, Diesem will auch zum Ernüchtern gar zu kurz die Nacht bedünkcn. 0 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (61) Kleider. Kleider machen Leute: trifft es richtig ein, Werdet ihr, ihr Schneider, Gottes Fuschcr sct'ii. (62) Auf die Bella und den Iungus. Zungus Weib ist lauter Winter, Sommer ist er selbst; wer weiß, Ob Eis Hitze dämpfen werde, oder ob die Hitz das Eis? (63) Krivpcnrciter. Es ist ein Volk, das seine Pferd' an fremde Krippen bindet, Das sich bey fremdem Feuer wärmt, zu fremdem Teller findet: Verhöhn es nicht! es ist das Volk, das uns im Werke weiset, Daß hier der Mensch noch nicht daheim, und nur vorüber reiset. (64) Der Neid. Der Neid ist gar ein Wundcrgast: denn kehret er wo ein, Wird ihm das allerbeste Ding zur allerärgstcn Pein. (66) Schmeichler. Wer will alle Mucken können aus der Speisekammer treiben? Heuchler werden nie vergehen, weil noch werden Höfe bleiben. (66) Krieg zwischen Holland und England. Ihr blanken Heringshcerc, o sagt von Herzen Dank Für Engclands und Hollands erneute» Waffenzank! Weil beide selbst sich fressen, kann keines euch verschlingen, Noch euch aus eignem Salze hin in ein fremdes bringen. (67) Auf den Atriol. Unter Augen, hinterm Rücken, lobt mich, schimpft mich, Atriol. Was zu thun? An ihm und andern will ich mich dermaßen räche,», Daß er hinterm Rücken lügen, vor den Augen Wahrheit sprechen, Daß mir selbst das Lob verbleiben, ihm der Schimpf verbleiben soll. (68) Das Gegenwärtige, Vergangene und Zukünftige. Was ist, wie lange währts? Was war, was hilft michs wohl? Was werden wird, wer weiß obs mir, obs ander» soll? Was hier ist, war, und wird, ist, war, und wird ein Schein; Was dort ist, war, und wird, ist, war, wird ewig seyn. Zwölftes Buch. 271 (69) Undankbarkeit. Der uns giebt die ganze Welt, der uns will den Himmel geben, Fodert nichts dafür als Dank; kann ihn aber auch nicht heben. (7V) Wir wollen was wir nicht sollen. Wir dringen auf den Zaum, und wo wir sollen gehn, Da laufen wir; wir gehn da, wo wir sollen stehn. (71) Wohlthätigkeit. Wer Wohlthat giebt, solls bald vergessen; wer Wohlthat nimmt, solls nie vergessen: Sonst ist um Undank der zu strafen, und jenem Hoffart bcvzumcsscn. (72) Auf den TrulluS. Trullus hat ein schönes Weib: wenn sie an der Thüre steht, Sieht man nicht daß leicht ein Hund sich bey ihr ins Haus vergeht. (73) Auf den Säufer Thrax. Thrax ist der andre Mond: steht aber immer stille, Und nimmt kein Bierthel an; bleibt immer in der Fülle. (74) Auf den Largus. Andre ziehen an das Recht, Largus zeucht den Richter an: Parten, denen er bedient, finden daß er gut gethan. (7ö) Huren und Soldaten. Soldaten und die Huren die dienten bcid' ins Feld: Denn jene leerten immer, die mehrten unsre Welt. (76) Hören. Ich höre manchmal viel; Doch glaub ich was ich will. Wer willig ist zum Hören, Kann Thorheit selbst bethören. Ein unvcrdroßncs Ohr Lockt manche List hervor. (77) Tag und Nacht. Der Tag der ist der Mann, sein Weib das ist die Nacht; Bon denen wird die Zeit stets zur Geburt gebracht- 272 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (78) Geiziges Reichthum. Wer Geld nicht braucht, doch hat, warum hat der denn Geld? Damit er etwas hat, das ihn in Marter hält. (79) Von meinen Reimen. Ich schreibe Sinngedichte; die dürfen nicht viel Weile, (Mein andres Thun ist vslichtig,) sind Töchter freyer Eile. (80) Gefährlichkeit. Kohlen faßt man, daß die Hand sicher bleiben soll, mit Zangen: Was gefährlich ist, hat man mit Bedeute» anzufangen. (81) Fremde wiener. Fürsten bauen oft aufs Fremde, eigner Grund wird oft verschmäht: Werden endlich innc werden, daß ihr Bau nicht Ihnen steht. (82) Gewalt für Recht. Gewohnheit wird Gebot durch Brauch und lange Zeit: Krieg hat durch dreyßig Zahr Gewalt in Recht gefreyt. (83) Das Zcitrad. Die Zeiten sind als wie ein Rad, sie reißen mit sich um Wer sich dran henket, machen ihn verdreht, verkehrt, krumm, dumm. (84) Verschwiegenheit. Wer selber schweigen kann Dem schweiget jedermann. (85) An den Tod. S Tod, du schwarzer Tod, du Schauer unsrer Sinnen! — Thu ich dir auch zu viel? — Ja wohl! Du kannst gewinnen Ein englisches Gesicht: denn du bists, der erfreut. Du bists, der uns cutzeucht dem Leben toller Zeit; Du bists, der uns den Hut der goldncn Freyheit schenket; Du bists, der uns crgetzt, (zwar unsre Freunde kränket!) Du bists, der unsern Stul hin zu den Sternen trägt; Der aller Frevler Trotz zu unsern Füßen legt; Du bists, der unsre Klag in lauter Jauchzen kehret; Du bists, der uns für Zeit die Ewigkeit gewähret; Zwölftes Buch. 273 Du giebst uns, wenn du nimmst; dein so gefurchter Stich Bereitet uns durch dich ein Leben ohne dich. (86) Wissenschaft. Wen Vernunft gelehrt gemacht Wird viel höher oft geacht, Als den oft des Buches Blatt An Vernunft verwirret hat. Der gelbe Kern der Erde, das Gold, hat alle Kraft. Vor ihm ist alles Schale: Witz, Tugend, Wissenschaft. Macht dein Maler dich nicht ähnlich besser als du selber dir: Eh so bist du nimmer Einer, bist ein Andrer für und für. Bey einer guten Zeit denk an die böse Stunde, Die sich der guten Zeit gern auf dem Rücken fünde. (90) Gasiercy. Dieses Mahl gefällt mir wohl, dran sich frischt und speist Nicht nur unser Aug und Leib, sondern auch der Geist. :no Ämi um an« uu n tzr,« ,Im.W 5Io 5>chi» j>u»'s i (91) Ruhm. Es ist kein gröjjrer Ruhm, als Schmach und Tadel leiden — Um seine Bosheit nicht; aus böser Leute Neiden. (92) Leben und Sterben. Wer noch kaun und will nicht leben, Dieser fehlt so gut und eben, Als wer, wenn der Tod erscheinet, Bor dem letzten Gange weinet. (93) Eigenwille. Hunde, die an Ketten liegen, Menschen, die nach Willen lcbcn, Sind bedenklich: beide Pflegen leichtlich Schaden anzugeben. (87) Gold. 6,il mN'iM (88) Auf den LertumnuS. (89) Unglück. 5 i'/N> »liB Lcsslngs Wette v. 18 274 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (9-1) Eleißnerey. Vev kruiiiincn Gesellen Zst nöthig das Stellen; Ist übel zu deuten Bcv Bicdcrniannsleuten. (95) Theilung wüster Guter. Da wir mehr nichts Ganzes haben, sollen wir uns dennoch theilen: Wollen lieber neue schneiden, als die alten Wunden heilen. (96) Gewaltsame Bekehrung. Wenn durch Todten, durch Verjagen Christus rcformircn wollen, Hätt ans Kreuz Er alle Zudcn, Sie nicht Ihn, erhöhen sollen. (97) Vom Plntus und Ptcchus. Am Ucbcrfluß ist Plutus, am Mangel Ptochns krank; — Ein jeder kann vom andern verdienen Doctorsdank. (98) Ohrenbläser. Fürsten, die von Ohrenbläsern sich die Ohren lassen füllen, Können nicht in Freyheit leben, dienen stets dem Widerwillen. (99) Auf den Gulo. Gulo ist sonst nichts als Maul, was er ist, und um und an: Denn sein Thun ist nichts als Dienst nur für seine» Gott, den Zahn. — msw kövL Sn» tü-imckS) tzis .mHujtz inss^k kji (100) Sittsamkcit. Allzulangcr Glimpf Bringet endlich Schimpf. (101) Das Alte und das Neue. Immer fragten wir nach Neuem, weil sich Krieg bcv uns enthalte»: Nun der Krieg vo» uns entwichen, fragen wir stets nach dem Alten. (102) Lcbekunst. Wer langes Lebe» wünscht, der schlafe nicht zu viel; Den» lange lebt nicht der, wer lange schlafen will. Zwölftes Buch. (103) Die Welt. Was ist die Welt? — Dich ist sie Zar, Was sie wird seyn, und Anfangs war. (104) Der Schlcsische Parnaß. Dein Zabolhus, Schlesien, ward er nicht vor wenig Jahre» Was den Griechen ihr Parnaß, Helikon und Pindus waren? Ward dein Opitz nicht Apoll? Und die ander» klugen Sinnen Deiner Kmder, sind sie nicht was dort sind die Castalinnen? Ja, dies; sev dein Ruhm, dein Stolz! Glaube, was die Griechen dichten, Wer da will; vo» uns kann selbst Ort und Tag und Zeder richten. (105) Selbstgunst. Sclbstlieb handelt »inner recht: denn ihr gicbct Recht und Rath Rath und Richter an die Hand, dc» der Mensch im Spiegel hat, (10<>) Thorheit und Halsstarrigkeit. Narrisch Hirn und harter Nackc diencn manchem klugen Mann; Denn sie machen durch ihr Wüten, daß er was erwerbe» kann, (107) Tugend und Laster. Tugend laßt sich nicht begrabe», auch die Laster sterben nicht! Diese lebe» durch die Schande, jene durch ein gut Gerücht. (108) Sündenschen. Wer Sünde weiß zu scheuen, Der darf sie nicht bereuen. (109) GesundhcitSpficge. Läßt der Arzt erst seinen Kranken essen, trinken, was er will, Ist der Arzt der Meynung: Kranker sey nun »ah an-seinem Diel. (110) Naschhaftigkeit. Wciberworrc, böse Münze: wird man ihr das Knpfcr nehmen, Wird das Silber sich verkriechen und das Kupfer wird sich schämen. (111) Wahr und Recht. Die Wahrheit und das Recht die werden immer bleibe». — Sie pflegen durch den Brauch sich nicht leicht abzureiben. 18" Friedrichs von Logau Sinngedichte. (112) Die entschiedene Streitigkeit. Stadt und Land hat viel gestritten, Wer im Kriege mehr gelitten. Aber mm kömmt an den Tag, Was die stolze Stadt vermag, Und wer hier die Haut gefunden, Die dem Lande wcggeschundcn. (113) Ein Weiser unter Narren. Wer nntcr Narren wohnt, wie viel auch deren seyn, Ist unter ihnen doch als wär er gar allein. (114) Flüchtige Zeit. Wer die Zeit verklagen will, daß sie gar zu früh verraucht, Der verklage sich nur selbst, daß er sie nicht früher braucht. (116) Das Glücke. Ist unser Glücke schwer, drückt, beugt und macht uns müde: Geduld! wir schlugcns selbst in unsrer eignen Schmiede. (116) Gottesdienst ist ohne Zwang. Wer kann doch durch Gewalt den Sinn zum Glauben zwingen? Verleugnen kann wohl Zwang, nicht aber Glauben bringen. (117) Stillstand. Ist gleich mancher nicht der Klügste, dennoch kann ihm etwas gcltl Daß ihn ja für keinen Narren Kluge pflegen anszuscheltcn. (118) Hitzige Rathschlage. Rath, der gar zu spitzig, pflegt sich umzusetzen; Rath, der nicht zu spitzig, laßt sich leichte wetze». (119) Menschlicher Wandel. Unsers Lebens ganzer Wandel steht im Lerne» und Vergessen: Nur wird Lernen und Vergessen falsch getheilt und abgemessen; Was vergessen werde» sollte, Pflegen wir sehr gnt zu wissen, Was gclernct werden sollte, wollen wir am liebsten missen. .mA'ii'j rnl'n?« »56 tstnj^ 6mi liiÜl'IbM ' Zwölftes Blich. 277 (120) Auf den Lukas, Lukas ist ein Licht des Landes; aber seine» Schein nimmt er Nicht von seinem eignen Feuer, nur von seinen Bätern her. (121) Knechte und Herren. Manche sind gcborne Knechte, die nur folgen fremden Augen; Manche sind gcborne Herren, die sich selbst zu leiten taugen. (122) Auf die Beturia. Beturia schimpft alte Leute: Wer ihr drum etwa» wünschen will, Daß sie der Tod mög chstens holen, der saget wahrlich viel zu viel: Wie kann sie durch ein altes Leben denn treffen auf ein junges Ziel? (123) Auf den Druda. Was kann man, Drnda, thun, das jcmals dir gefällt? — Du bist doch noch kein Land, viclwcniger die Welt. (124) Fromm seyn ums Lohn. Umsonst ist keiner gerne fromm; wenn Tugend nur was trägt, So wird sie, weil sie Fruchte bringt, geachtet und gepflegt. (126) Hunger und Durst. Durst und Hunger sind die Mahner, die man nimmer kann bestillen z Morgen kommen sie doch wieder, kann man sie gleich heute stillen. (126) Unchrbare That. Prava stund im Hurcnbuche, bessert aber ernstlich sich: Ward drauf ausgelöscht im Buche; dcn»vch abcr bleibt der Strich. (127) Lügen. Wer ihm des Lügcns nur zum Nutzen, zum Schaden keinem, hat gepflogen, Was »lehnst du wohl von einem solchen? —Ich nicvnc doch, er hat gelogen. (128) Wasser und Wein. Es kann, wer Wasser trinkt, kein gut Gedichte schreiben; Wer Wein trinkt, kriegt die Gicht und muß erschrecklich schrey». Ist dieses wahr: so mag das Dichten unterbleiben, Eh ich im Gichten will so stark gcubct seyn. Fricvrichs von Logau Sinngedichte. (12?) An mein Buch. Geh hin, mri» Buch, in alle Well; steh aus was dir ko'mnit zu. Man beiße dich, man reiße dich: nur das; man mir nichts thu. Z u g a b c. (1) Von meiner Zugabe. War meine Waare nicht recht gut, so geb ich etwas zu, Damit was nicht die Gute that, vielleicht die Menge thu. (?) Die aufgeweckte Chimara. Lpij?ri»mm!t ekl Iieovis siilira; s-Uir» «st longum cnigriliiu»». Ihr helikonisch Volk, euch ist zu viel geschehen! Man hat euch nie geglaubt, dieweil man nie gesehen Was ihr uns vorgesagt: Wie Lvcus armes Land tZhimära einst erschreckt, verwüstet und verbrannt. Von forncn war sie Lvw, war Zieg am Bauch und Rücke», Und hinte» war sie Drach. Tod war in ihren Blicken, Ihr Maul war voller Glut, ihr Leib war voller Gift, Bis daß Alcidens Keul auf ihr Gehirne trifft. Trifft aber nur so stark, daß sie betäubt entschlafen, Und itzund, aufgeweckt durch unsre deutsche Waffen, Tobt mitten unter uns, an Form und Name» alt, An Kräften aber neu, und arger an Gewalt. Es ist der tolle Krieg, der wild sich selbst verzehret, Der um und um gestürzt das Land das ihn ernähret; Es ist der dumme Krieg, der soiistcu nichts crsiegt, Als daß er sagen mag: wir haben doch gekriegt! Im Anfang war er Löw, verübte kühne Thaten, Hielt hoher auf die Faust, als tückisches Verrathen; Und Deutschland war noch deutsch: man schlug noch ernstlich draus, Sah auf des Krieges End, und nicht auf fernern Lauf. Da nun der süße Brauch, zu machen fette Beute Aus allem was Gott selbst gehabt und alle Leute, Anstalt des Soldes kam, so wuchs dem Krieg ein Bauch, Draus, wie von einer Zieg, ei» schädlich dürrer Rauch Für Kraut und Bäume fuhr: Die Nahrung ward vertrieben, Der Ochsen saure Müh ist unvcrgoltcn blieben; Ein andrer »ahm Besitz: es hieß, der Wirth vom Haus' Laß alles was er hat und zieh auf ewig aus. ?ugabc. 279 Und nun war man bedacht den Krieg weit hin zu spielen; Nicht auf den Feind so wohl, als ans den Freund zu zielen, Der noch in gutem Land in seinem Schatten saß, Und sein genüglich Brodt mit süßem Frieden aß. Zu diesem drang man ein, stund Titan gleich erhöhet Wo slammcnathmcnd sonst der heiße Löwe stehet, Noch mußt es Winter seyn, noch nahm man da Quartier, Und alles was man sand war schuldige Gebühr. Gleichwie der scharfe Zahn der Ziege» auch die Rinde» (An Blätter» »icht vergnügt) von Bäumen pflegt zu schinden: So war es nicht genug zu fressen unser Gut, Man gönnt' uns in dem Leib auch kaum das letzte Blut. Hieraus erwächst der Drach, das Ende wird zur Schlange: Der Krieg, der alle Welt bisher macht ängstlich bange, Wird ärger noch als arg, kreucht gar ins Teufels Art, Wird rasend, wenn ein Mensch noch wo gefunden ward, Der Gott, der Ehre, Zucht und Recht wünscht nachzustreben; Will gar nicht daß ein Mensch auf Erden mehr soll leben, Der nicht ein Kricgesknccht, und ihm sich ähnlich macht, Und was nur menschlich ist verwirft, verbannt, verlacht. Sein Gift schont keinen Stand, Amt, Würde, Freundschaft, Ehre; Was lebt, lebt darin» »och, damit er es zerstöre: Bis daß nichts übrig ist, und niemand etwas hat, Drauf wcndt er alle Macht, drauf schärst er allen Rath. Sein Gift ist so vergift, daß er sich selbst vergiftet, Und ilnil sein eignes End aus eignem Nasen stiftet. So wie der Skorpion sich selbst zu stechen pflegt, Wenn Feuer um ihn her wird etwa» angelegt; Und wie es Schlangen gel't, daß ihnen ihre Jungen, (Zn einem schönen Lol'n für die ererbten Jungen,) Zerreißen ihren Bauch: so auch des Krieges Frucht Der Mittler Henker scv. — Was dies' umsonst versucht, Führt Alcrikakos (f) Alcidcs aus der Höhe, Vor dem der ganzen Welt durch Krieg cnlstandncs Wehe Erbarme» hat erlangt, mit Ehren endlich aus, Und bindet diesen Wnrm ins heiße tiefe Haus. Da, da scys ihn, vergönnt zu fechten und zu schmeiße», Den Hauswirth abzuthun, das Haus in Grund zu reißen; Dann raub und vlündcr' er, dann wrl'r er seinen Mann, Zu weisen, was sein Löiv und Zieg und Drache kann, (r) Der Wender dcS Bösen. 280 Friedrichs von Logau Sinngedichte. (3) AmadiSjungfern. Pfui euch, die ihr euch rühmt der geilen Buhlcrli'ige» Des frechen Amadis, die dahin deutlich tügcn Wo Circe machte Sau, wo Messalina gicng Und für den schnöden Sieg der Wette Lohn cwvficng! Die Zunge schärft er zwar, allein er siümpft die Sinnen, Lehrt was ihr thun sollt, will euch Beyfall abgewinnen Durch das, was nie geschehn, durch das, was, wcnns geschehn, Die Ehre ganz verdammt, die Tugend nicht mag sehn. Nicht mir den weisen Mund, den Amadis gelchret! Ob Zunge laufet gut, wird Sinn doch so versehret, Daß manche Mutter wird, eh als sie Braut seyn mag, Mag Braut bey Nachte seyn, und Jungfer auf den Tag. Dieß lernt die Neubegier vom Meister in den Lüsten, Für dessen Schüler ich mir wünsche zuzurüsten Ein Schiff nach Tomos hin, auf daß der Liebe Schweiß Zu loschen Mittel sey durch ein crfrischlich Eis. Wie Nasons Schicksal war, der, nach geschriebn?!.- Liebe, Vom Pontns Klagcbricf' und Traucrbüchcr schriebe, Und wohl gcwunschct hätt', daß er der Liebe Lust Nie andere gelehrt und selber nie gewußt. Ihr Zungfern, glaubt es nur, so frech das Wort zu führen, Das will dem züchtigen Geschlechte nicht gebühren. Schon lange hat es Recht und Brauch so cingericht, Daß immer jemand ist, der eure Worte spricht, Wo Nutz und Noth es heischt. O wie erschrackr ihr Väter! O wie befahrte Rom ein großes Unfallswetter, Als weiland vor Gericht ein freches Weib auftrat, Selbst Sach und Klage führt' und nm die Rechte bat! Man fragte drüber Rath, schlug auf Sibyllcns Bücher, Und bat die Götter drum, daß diese That sey sicher Dem allgemeinen Heil: So seltsam war dieß Ding, Weit mehr als da ein Ochs einst an zn rede» fieng. Ist Scham und Ehr in euch, so spricht das Stilleschweigen Genug von euch für euch; so kann die Herzen neigen Zu euerm Schutz und Gunst ein sittsam Angesicht, Das jedem von sich selbst zu Huld und Dienst verpflicht. Des cdcln Goldes Preis darf keinem Advocaten Auf seine theure Znng, in feilen Mund gerathen; Zugabe. 281 Es lobt sich durch den Glanz, es lobt sich durch die Kraft, An welcher Erde, Luft, Glut, Flut nichts thut und schafft. Die Damastener Ros, wenn sie aus grünem Bette Am frühen Morgen stralt, und spielet in die Wette, Lcukothoe, mit dir: ist selbst ihr' eigne Pracht, Die keine Zunge mehr noch minder zierlich macht. Solls erst die Zunge thun, die Jungfern werth zu machen, So ists gar schlecht bestellt, so sind der Tugend Sachen Aufs Schlüpfrige gesetzt, und ihre Würde steht, Nach dem die Zunge schwer, nach dem sie fertig geht, Solls viel Geschwätze thun, so steigen Papagcycn Im Preise doppelt hoch, so giebt der Schwalbe Schreye» Ihr einen hohen Werth, und ein gemeiner Hähr Gilt einer Jungfer gleich, wie schön sie immer wär. Fürwahr, ihr redet oft viel, prächtig, frey und lange. Thuts cuern Ohren wohl, thuts fremden doch sehr bange; Und ist eS ausgcrcdt, wird billig noch gefragt: Ists aus? Was will sie denn? Was hat sie denn gesagt? Die Rhone lachet oft, und sauer sieht die Tiber, Die Elbe rümpfet sich, die Augen gehen über Dem armen Priscian, wenn euer strenger Mund So martert, krüppclt, würgt, was keine je verstund. Ein Bach, ein Regendach, vom Himmel her gestärkct, Wenn er den Ucbcrfluß und sein Vermögen merket, Läuft über Damm und Rand, schießt über Schutz und Wehr, Bricht da und dort heraus, ergcußt sich hin und her, Mischt, was er in sich hat, treibt, was er führt, zu Haufen, Daß Fisch, Frosch, Holz und Schlamm hin miteinander laufen, Bis daß die Wolke weicht, die ihm gab kurze Kraft, Dann bleibt das eine da, das andre dort verhaft. Ihr Damen, so seyd ihr: Die krausen Complimentc», Die euch das leichte Volk der freyen Licbsstudentcn In eure Sinnen geußt, die schwellen cuern Muth, Weil euch das Heucheln wohl, das Loben sanfte thut. Sie werfen sich cnch hin zu cuern zarten Füßen, Sie wollen sonst von nichts als nur von Knechtschaft wissen, Sie küsscn eure Hand, sie küsse» wohl den Grund, Den euer Fuß betrat, wo euer Schatte» stund. Sie stellen auf ein Wort von euch ihr Sey» und Wesen, Auf ci»cn Blick von euch ihr Wohlseyn und Genesen; 282 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Ihr scvd der Seele Sccl, und außer euch sind sie Als wären sie nicht mehr, und vor gewesen nie. Die Sonne selbst hat so zu stralcn nie begonnen, Als eurer Augen Licht, das göttliche Paar Sonnen. Der Wangen Lilien mit Rose» untermengt Ist ihre Frühlingslust, daran ihr Herze hängt. Der theure Mnndrubin, wem dieser kommt zu küssen, Der mag sich einen Gott und keinen Menschen wissen, Sich dünken mehr als Mars, auch als Adonis mehr, Die Venus Mund geküßt, der vor berühmt war sehr, Eh Ihr kamt auf die Welt, doch jetzt, nun eurer funkelt, Wie vor der Sonn ihr Stern am Himmel, sich verdunkelt. So saust der Wühler Wind um euer offnes Ohr, Schwellt die Gedanken auf; die suchen denn ei» Thor Am nächsten wo es ist: dann gebt ihr euch zu merke», Wollt das gegönnte Lob nicht mindern, sonder» stärken, Sagt her, so viel ihr wißt, gebt was ihr bcv euch fühlt, Mcvnt, daß selbst Picho(-j-) nie die Rede schöner hielt. Es gilt euch aber gleich geschickt und ungeschicket, Gereimt und ungereimt, gestickrt und gcslicket, Gemengt und abgetheilt, halb ober ausgeführt: Es ist euch gar genug, wcnns nur heißt discurirr. Viel Plaudern hat noch nie viel Nutzen heim getragen; Viel Schweigen hat noch nie viel Schaden zu beklage». Ein wohlgcschloßncr Mund verwahrt ein weises Herz, Ein ungebunbnes Maul bringt ihm und andern Schmerz. Ihr irrt, wen» euch bcdunkt, ihr wäret angenehmer Wenn ihr viel Worte macht. Ich halt es viel bequemer Zu aller Menschen Gunst, wenn ihr nur so viel sagt, Daß der euch fromm bemerkt, der euch um etwas fragt. Man rühmet Jungfern nicht, die allzuviel gerciset; Ein Weib, das mehr weiß als ein Weib, wird nicht grprcisct. Die Jungfern, die so wohl im Lieben sind geübt, Die übt man zwar noch mehr, nur daß man sie nicht liebt. Wenn man den Zcitvcrdruß mit Schachbrett, Kartenspielen Bey solchen Leuten stillt, die nicht »ach Golde ziele» Und nach Gewinn, wie da, so bald die Lust gestillt, Das Spiel im Winkel liegt, nichts Knecht noch König gilt: So gchts mit euch: Des Schlafs sich etwa» zu erwehren, Den Uiimuth abzuthun, die Weile zu verzehren, l IS' 92 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Dieß kann gcnüglich zeigen, Wie hoch Poeten steigen. Bricg, ehre dieß Bemühe»/ Willst dn nach dir noch blühen. Zwar tonnen ihr Gerüchte Durch eigenes Gewichte Verewigen die Dichter: Doch durch bewährte Richter/ Die ihnen hold nnd günstig, Wird erst ihr Trieb recht brünstig, Eich selber und die Ihren Gar himmelan zu führen. (11) An eine» guten Freund, über den Abschied seiner Liebsten. Frennd, da jeder sich itzt freut, daß aus der erfrorncn Erde Auch des langen Krieges Eis endlich einmal schmelzen werde, Und der nächste Frühlingstag werd ein Tag des Friedens seyn: O so seh ich dein Gesicht trübe, blaß und naß allein? Wollte Gott! noch dir noch mir wär die Ursach also kündig; Mir zwar ist sie nur im Sinn, aber dir, dir ist sie fündig Wo du hin gehst, siehst und stehst; was du denkest, was du thust. Drüber mangelt leider! dir deine Fricdensfrühlingslust. — Deine Friedcnsfrühlingslust hat des Krieges rauhes Stürmen Oft geblasen, nie gestürzt: aber ach! des Grabs Gewürmen Opfert sie der Tod zuletzt, ohngeacht das halbe Theil Deiner dran vcrbnndcn hicng, auch wohl gar Dem sterblich Heil. Weder Schatz, wie groß er scv, ist uns Männern so ersprießlich, Weder Freund, wie gut er scv, ist uns Männern so genicßlich, Als der uns in Armen schlief: denn die angetraute Treu Herrschet über Leid und Zeit, wird durch Altscyn immer neu. Wem ist mehr als mir bewußt, wie die Jugend eurer Liebe Erstlich wuchs, und weiter wuchs? Aller Grund, worauf sie bliebe, War die Treu und Redlichkeit; alles andre dauert nicht. Was sich anf vergänglich Ding stützet, das perfällt und bricht; Was die Tilgend baut, das steht. Denk ich weiter noch zurücke An die nun verrauchte Zeit, an niein mir bcgrabncs Glücke, O so denk ich auch zugleich an der Freundschaft Schwesterschaft, Drinnen dein und meine Lust unverbrüchlich war verHast: Wie sich dein und meine Lieb unter sich so lieblich liebte», Zugabt. Und dcs Blutes ».ihr Pflicht durch vcrtrautc Sinne» übten. Ob der Tod »lein erste Treu gleich verborg in frischen Sand, Dennoch hat das liebe Mensch ein vertrautes Freundschaftsband Auf die Meinen unverfälscht immer fort und fort erstrecket, Bis nun auch des Todes Neid ibr das letzte Ziel gcstecker. Scv gesichert, treuer Freund, daß dein' Augen nicht allein Sondern mir und meinem Haus in Gesellschaft wäßrig scvn. Wer das allgemeine Falsch, das die Welt für ^viy verhandelt, Kennt und haßt, dem wird sein Herz auf betrübten Muth gewandelt, Wenn ein redlich frommer Christ hin sich sichert in das Grab: Arges wird dadurch verstärkt, Frommes nimmt hingegen ab. Nun was bilfts? Es muß so scvn. In der Welt von Kindes Beinen Hat man, daß der Mensch verstarb, boren klagen, sehen weinen z Nun sie auf der Grube geht wird es wobl nicht anders scpn: Auf ibr gebet Jedermann und zuletzt sie selber ein. Ey gar gut! Was dünkt uns wobl, wenn wir stets hier sollten leben, Sollten stets der Teufrley dieser Welt scvn untergeben? Nähmen wir wobl eine Welt, und bestünden noch einmal Was bisher uns dreyßig Jabr zugezählt an Noth und Quaal? In der Welt scv was da will, find ich doch nichts bcsscrs drinnen, Als daß frommes Birdervolk einst ein rubig Erab gewinnen. Weiche Gott, geliebter Freund! Ihm, der dir die Kinder nahm? — Aber dcr auch wußtc, daß bald nachhcr die Mutter kam. Auch dcn Sohn, dcr ehe starb als er anficng hier zu lcbcn, Dcr, mit finstrcr Nacht umringt, sich bcrrits ins Grab bcgcbcn El) er sich ans Licht begab? — Diesem sagte Gott: Geh vor, Sage deine Muttcr a» oben in der Engel Chor! Nun cr auch die Muttcr nimmt? — O nun wird auch bicr sich ;cigcu, Daß zu dcincm Bcstcn sich scine wriscn Schlüssc ncigc». Dcinc Friedcnsfrüblingslust hat des Todes Tuch vcrbüllt. Aber sind wir wohl gcwiß, daß sich allcr Unfall stillt? Daß sich, wcnn dcr Fricdc nun mit drm Frül'ling eingetroffen, Allcr Zorn des Unglücks lcgt? — O wcr darf doch bicrauf boffcu? Wclt wird immcr blcibcn Wclt, ist dcs Bösc» so gcwohnt, Daß sic dcn, dcr nicht wic sic rascn will, »üt Spott belohnt. Giebt der Herr dcn Fricdcn glcich- dcnnoch will mich immcr dünkcn, Wic ich scbc scincn Arm ausgcsircckct, uns zu wintcn; Wcil wir gcgcn seine Gnad alles Dankes uns verzcib», Wissen wir, wo künstig Brodt wird für uns zu sammmclu scvn, Wcil dcr Himmcl fast ein Jahr so gar reichlich wcincn wollen / 294 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Wisse» wir, wie Mensch und Vieh sich wird langer sichern solle» Bor der Scnchc» schnellem Gift? O wer weiß was sonst nicht »och Uns der Unfall schnitzen kann für ein nncrwarlct Joch? Weil der Teufel nun forthin wird vom Kriegen mnssig werden, Wird er sonst gar wirthlich scvn, uns zu kochen viel Beschwerde». Was die Welt am höchste» schätzt: daß ma» Hab und Gut crwirbl, Lieber, wem ist dieses gut? O durch welchen man verdirbt, Diesen lol'nt man noch damit. Wie die Honigmcisteriimcn, Wie das Wollcnträgervolk, ihnen selber nicht gewinne», Was sie sammeln, so auch wir: geben was der Stirne Schweiß, Schweiß wie Wasser ausgepreßt, alles unsern Räubern preis. Drum so bleibt es fest gestellt: Wen der Tod hinweg genommen, Dieser ist mit nichte» todt, dieser ist zum Leben komme»; Denn s'ier ist der sichre Port aller Unvcrgäiiglichkcit, Demi hier ist die feste Burg aller stolze» Sicherheit. (12) An die Fichte auf meinem Gute. So oft ich zählen kann, daß ich, du edle Fichte, Des Sommers meinen Gang zu deinem Schatten richte, So oft auch bricht ich mir die Schuld, die mich beschwert, Daß ich dich nicht nach Pflicht nnd nach Verdienst geehrt. — Dn mußt der Attcs seyn, den Jupiter beneidet, De» Nhca lieb gehabt; sie hat dich so verkleidet, Sie hat dich wo du stehst, so hoch uud srcv gesetzt, So daß sich nah und fern a» dir ihr Aug ergetzt. Da wo das schone Kind vom Vratislav (°) geboren Der alte Guttalus (°°) zu seiner Braut crkohrcn; Da wo Zabothus (°°°) fühlt, ob Juuo gcußt, ob stürmt; Wo Novdcvall (f) sei» Haus i» Wolke» aufgelhürmt; Da wo des Chzechus Stamm (ff) mit Bergen sich gegürtet i Da wo Lväus uns mit süßem Wein bewirthet, Mit reinem Golde Dis(1"!"i/), dahin ist für dein Haupt Dein krauses Haupt ein Paß uud offner Weg erlaubt, Auf Ordnung und Befehl der Mutter aller Götter. Dein Fuß ist so gesetzt, daß Aeol nnd sein Wetter An dir zn Schanden wird: ein harter Fclsciistein Muß dir iu seinen Leib zu bauen zinsbar seyn. Auch ist dir Pan geneigt, nnd nntcr deinen Acstcn Hat er das liebe Volk der Nvmphcn oft zu Gästen. <-) Nreöla», i") Die über. Der Zvbtenberg- < k> Riil>c»zall'ev!!> (55) Vohmm, i.) °° (VI. 36.) 30l1 Friedrichs von Logeui Sinngedichte. Wörterbuch. und poetischer ist, als wenn es hieße: „Der Neid hat scheel gesehen; Das Vcrhängniß ließ geschehen. Eben so auch (IV. 11) Scävus wird mit Ewigkeit immer in die Wette leben :c. Hier wird die Ewigkeit zu einem lebendigen Wesen. 2. Thut er es bey denjenigen Hauptwörtern, welchen der unbestimmte Artikel ein, eine zukömmt, den man in der vielfachen Zahl ohnedem schon wegzulassen genöthigt ist. Z. E. (VIl.71.) Hat Land durch diesen Krieg, hat Stadt mehr ausgestanden? Nicht Sie Stadt, eine gewisse Stadt, sondern unbestimmt: Städte. Ferner (X. 87) Gieb mir geneigten Blick. Anstatt: einen geneigten Blick, oder, geneigte Blicke. Man sehe, welche gute Wirkung dieses in den Rriegcsliedern des Preußischen Grenadiers hervorbringt. „Wie kricgrische Trompete laut „Erschalle, mein Gesang! anstatt: laut wie eine Trompete, oder wie Trompeten. „Drum singet herrlichen Gesang :c. anstatt: einen herrlichen Gesang, oder, herrliche Gesänge. „Er faßte weisen Schluß, anstatt: er faßte einen weisen Schluß. II. K.ogau läßt die Endung der Beyworter, nicht allein in dem ungewissen, sondern auch in dem männlichen Geschleckte weg. Er sagt: „ein groß Verdruß, ein gut Soldat*, ein stätig Gaul**, ein kriechend Erdcgcist n. s. w. III. K.ogau braucht sehr häufig das Beywort in dem ungewissen Geschleckte als ein -Hauptwort. Z. E. Seither ist unser Frey in Dicnstbarkcit verkehret-b, für: unsere Freyheit. Nachwelt werd ihm alles Frech gar vergessen oder schenken; für: alle Frechheit. — — — — Ein solches Rlug, Dafür ein keuscher Sinn Entsetz und Grauen trug, -j-j-j- ° (IV. 4.) °° Sinngedicht 91. f Sinngedicht 15,7. (XI. 24.) ffs Sinngedicht 1269. Vorbericht von der Sprache des Logau. 301 für: eine solche Klugheit. Bey welchem frcves Wahr, der Freundschaft Seele wohnt," für: freye Wahrheit. Canus geht gar krumm gcbückt, Weil ihn Arm und Alt so drückt; °° für: Armuth und Alter. Und ernähre» fremdes Faul,"" für: fremde Faulheit. IV. Aogan laßt von den Zeitwörtern die selbststandigen Zur- Wörter da weg, wo sie zur Deutlichkeit nichts mehr beytragen, und erhalt dadurch mehr Nachdruck und Feuer. Z. E. Mich, sagt Elsa, schreckt es nicht, werde brünstig nur gemacht, Unter Augen dem zu gehn :c. ^ für: ich werde mir brünstig gemacht. Picus nahm die dritte Frau, immer eine von den Alten: Wollte, mevn ich, ein Spital, schwerlich eine» Ehstand halten, f-f für: er wollte ein Spital halten. Nisus bublle stark um Nisa: Dieses gab ibr viel Beschwerden; Wollt' ihn nicht; sie freyt ihn aber, seiner dadurch los zu werden. I"^ für: sie wollt' ihn nicht. Wenn im Schatten kübler Mvrthcn Sie sich kamen zu bewirthen: Folgte nichts als lieblich Liebeln, Folgte nichts als lückisch Bübeln; Wollten obnc süßes Küssen Nimmer keine Zeit vermissen, f-s-fl- für: sie wollten keine Zeit vermissen. V. K.ogau trennet von den zusammengesetzten Zeitwörtern die Vorwörter auch da, wo wir sie nicht zu trennen pflegen, und seyet zwischen beyde irgend ein ander Redetheilchen, um die Vvorte für das Sylbenmaaß bequemer zu machen. Wenn wir uns dieser Freyheit nicht mehr bedienen, so werden wir wenigstens Ursache finden, ihn darum zu beneiden. Z. E. " (X. 8.) °° Sinngcd. 1820. °°° Erste Zugabe, Sinngedicht 20t. 1- (IN. 3t.) 1"!- (IV. 48.) s-i-f (IV. 80.) ss-i"!/ (VI. 36.) M2 Friedrichs von Logen, Sinngedichte. Wörterbuch. Ey, ich wills ihm ein noch treiben; dieses Ding muß seyn gerochen;" für: ich wills ihm noch eintreiben. Lieb und Geiz sind solche Brillen, welche dem, der auf sie stellt," für: der sie aufstellt:c- Ztzo müssen wir uns durch die Umkehrung helfen: er stellt es auf, er trieb es ein; und in der unbestimmten N)cise durch das Wörtchcn ;u: einzutreiben, aufzustellen; und in zwey vergangenen Feiten durch die Sylbe ge- er hat eingetrieben, er hatte aufgestellt. Alles gute Mittel; die wir aber zuweilen nicht ohne Zwang und Weitschweifigkeit gebrauchen können. -lejzm s,ckt« -rux sli ocu ,»5« «6 ZZttc.« F.ogau seyet die Endsylbe ley, die wir iyt nur bey den theilenden Zahlwörtern dulden wollen, auch zu fast allen Arten von Fürwörtern, und erlangt dadurch, (wie man es nun nennen will) ein^7ebenwort, oder ein unabänderliches Beywort von besonderm Nachdrucke. Z. E. Zu etwas Großen noch wird Sordalus wohl werden, Denn seinerley Geburt ist nicht gemein auf Crdcn !c. °" Wie weitschweifig müssen wir itzt dafür sagen: „denn eine Geburt, wie seine war zc. Du Schelme, du Bauer! So zierliche Titel Verehrten die Krieger den Bauern ins Mittel. Nun Krieger getreten i» Zippclpclzordcn Sind dieserley Titel Besitzer sie worden, f Diescrley, sagt hier nicht so viel, als dieser; es scheinet auch nicht so viel zu sagen, als dergleichen, sondern es begreift beydes: Dieser und dergleichen Titel. Ucbcrdcm da wir dieses lcy bey den uncigcntlichcn Fürwörtern sehr wohl leide»; denn wir sagen ohne Tadel, mancherley, solcherley, kcinerlcy, viclcrlcy, allerley: warum sollte es nicht auch an die eigentlichen Fürwörter gesetzt werden können? Die Schlcsische Mundart könniu hier mit der Schweizerischen übcrcin, welches man aus folgender Stelle, die Frisch aus Geilers von Raysersberg Posiille anführet, ersehen wird. Sie erläutert zugleich den Gebrauch dieser Fürwörter in ley vortrefflich. „Ein Sun ist nit anders, ° Sinngedicht 1041. " Sinngedicht 1317. Sinngedicht 77». 5 Sinngedicht 1586. Ä^S^MWKMiWMM^M WiW ^SsSM Vorbericht von der Sprache des Logan. 303 „dann ein Ding das da lebet von einem lebendigen seinerley. „Zch hätte einen Sun, der wär meinerley, ejusclem Ipeeiei. „Zch kann die Species nicht baß teutschen. Würmc, die du „in dir hast, sind nicht deinerley. VII. Ä.ogau consiruirt die Aahlwörter gern mit der Zieugen- dung. Z. E. Für ein cinzlcs, das man thut, So es ist zu nennen gut, Kann man zchc» böser Stücke, Rechnen ab, und zichn zurücke." Nicht: zehn böse Stücke. Man wird sich dieser Zcugendung sehr wohl bedienen können, so oft das Hauptwort mit einem Sclbstlautcr ansängt, und man den -Hiatus vermeiden will. VIII. A.ogau laßt von sehr vielen Wörtern die Anfangssylbe ge rveg, rvodurch sie an ihrem Nachdrucke nichts verlieren, oft aber an dem Vvohlr'lange geroinnen. Er sagt z. E. Die weitgereiste Würze — °° wofür wir Gewürze sagen und cs in ein Neutrum verwandeln; wiewohl wir auch die erste Art, besonders im hohem Styl, beybehalten. Gott ftp Dank für meinen Schmack :c. °°° für Geschmack; dcßglcichcn auch Ruch für Geruch.**** Wer der Arbeit Mark will niesten :c. f für genießen. So auch -Hirn für Gehirn, (welches noch üblich ist) linde für gelinde, Sang für Gesang,-j-j- bracht für gebracht :c- Mit der Anfangssylbe be verfährt er oft auf gleiche Weise. Z. E. sonders für besonders: Ein sonders Lob ist dieß, daß einer Lebens werth :c. 1°1"j- müht für bemüht-j-j-j-j-, Hausen für behausen, mir liebet für mir beliebet :c. Und so viel von den allgemeinen Anmerkungen über die Provinzialsprachc unsers Dichters; einzelne wird man in dem " Sinngedicht 2470. °° Sinngedicht 403. °°° Sinngedicht 1725. Sinngedicht 1727 und 1148. 5 (II. 78.) (IV. 101.) 51"!- (in. so.) 1-1-1-1- (XI. 130.) 304 Friedrichs von Logan Sinngedichte. nachstehenden kleinen Wörterbuche häufig antreffen. Man wird aber wohl sehen, daß unsere Absicht weder hier noch dort gewesen ist, alle Eigenthümlichkeiten der Schlcsischcn Mundart damit zu erschöpfen. Sie kommen bey unserm Dichter nicht alle vor, und von denen, welche vorkommen, haben wir, wie schon gedacht, nur diejenigen ausgesucht, von welchen er einigen Nutzen gezogen, und von welchen auch noch unsre heutigen Schriftsteller vielleicht einigen Vortheil ziehen könnten. lMK'"^ckM.chi m>m n--^ Abgleichen; einen oder etwas abgleichen, rolerrv. Sinng.1A> Kinder — — — Die des Baters tapfern Sin» Und der Mutter schönes Kinn Lieblich werden «begleichen, Ablangsrund, wofür wir itzt länglichrund, oval, sagen. Sinng. 2410. wo der Dichter von der Figur der Erde redet, wie sie damals geglaubt wurde: Ist der Erdkreis, wie man nicvnt, ablangsrund als wie ein Ev :c. Allcngefallenheit ein ziemlich unbchülflichcs und von dem Dichter ohne Zweifel gemachtes Wort, für: das Bestreben allen zu gefallen. Vielleicht könnten es noch die Gottcsgclchrtcn brauchen, die «^o-x-t« des H. Paulus auszudrücken. Alter Aeit an statt in alten Zeiten, vor Alters. (V. 102.) Jakobs Stamm klagt alter Zeit Ueber schwere Dicnstbarkeit. Flemming sagt: „Die Freude mitte nehmen „So sich gicbet dieser Zeit -c. Nach eben der Art sagen wir noch: stehendes Fußes, gerades Weges ?c. Angehen, einen; in dem eigentlichsten Verstände, für anfallen. Sinngcd. 726. Er stellt viel fester noch als feste Zedern stehn, Die Regen, Thau, Reif, Schnee, Frost, Hitze wird angchn. Angesichts braucht Logau als ein Ncbcnwort nicht unglücklich, vielleicht weil ihn augenblicklich, in einem Augen- Wörterbuch, 305 blick, welches er dafür hätte setzen müssen, zu prosaisch dünkte. Sinng. 176. Wer Erde liebt, liebt das, was endlich angesichts, Wann Gott gebeut, zerstäubt — — Angler für Engländer. Sinng. 2612. Man hat geglaubt, das Wort Englisch sey das einzige Adjectivum patronymicum, welches wider die Sprachähnlichkcit eingeführt worden wäre, und hat es daher allemal in Englandisch verwandeln wollen: Anglisch aber, oder wie wir es nunmehr aussprcchcn, Englisch, kömmt von unserm alten Worte Angler eben so natürlich her, als Französisch von Franzose, Holländisch von Holländer, Italienisch von Italiener u. s. w. Im Fall der Zweydeutigkeit könnte man es freylich wohl in Engländisch verwandeln, wie man die Franzosen aus eben der Ursache zuweilen in die Französische Nation zu verwandeln pflegt. Ansprengen einen, für anfallen; eine Redensart, die von den Ritterübungen hergenommen ist. Sinngcd. 2790. Eisen schützet zwar den Mann, Wenn Gewalt ihn sprenget an :c. Anstand, waffenan stand; beides ist unserm Dichter so viel als das jetzt gebräuchlichere, aber gewiß nicht bessere rvaffenstille- stand (XIII. 4). In der Metapher wenigstens wird Anstand sich weit schicklicher sagen lassen, als waffenstillestand. Z. E. Anstand kann zwar manchmal auch mit der Krankheit seyn, Aber Friede will sie nie mit ihm gehen ein. Für Aufschub ist es noch überall in den Redensarten ohne Anstand, Anstand nehmen, im Gebrauche. Arzung. Wir haben dieses Wort mit Unrecht untergehen lassen, denn wir haben kein anderes an seiner Stelle. Heilung kann nur von äußerlichen Schäden gesagt werden; und die Lu- rirung, die Gesundmachring — welche Wörter! Die Hebung, die Vertreibung einer Krankheit also, in so ferne sie das Werk des Arztes ist, wie soll man sie besser nennen, als Arzung? Erste Zugabe 24. Arifgehebe, das; ein Kunstwort der Klopsfechter, worunter sie alle die Ceremonien und Fcchtcrstrcichc verstehen, mit welchen sie ihren Kampf beginnen. Diese Bedeutung muß man wissen, Lessmgs Werke v. 2t) 30K Friedrichs von Logau Sinngedichte. um das 2624tc Sinngedicht unsers Logaus über Sie Gicht zu verstehen: Was man auch der Gicht immer Schuld gleich gebe/ Ist sie fechlrisch doch, macht manch Aufgchcbe. Und eben daher kömmt auch der sprichwörtliche Ausdruck: viel Aufhebens machen; den man eigentlich nur von unnöthigcn, pralcrhaften Vorbereitungen brauchen sollte. Weil man aber nach und nach diese wahre Ableitung vergessen, und vielleicht geglaubt, das Wort aufheben sey nach dem lateinischen extollero gemacht worden, (gleichwie man erheben für loben, wirklich darnach gemacht hat) so hat man hernach den Begriff eines übermäßigen Lobes, einer Pralcrcy überhaupt damit verbunden: Äugst für August. Zweite Zugabe 216, wo der Dichter von einem Fuchsschwä'nzcr sagt: — — — Spricht wo sein großer Mann: Mir ist gewaltig warm: so trocknet er die Stirne, Eröffnet sein Gewand, entdecket sein Gehirne; Obscho» für grimmen Frost des Daches Nagel springt. Spricht jener: Mir ist kalt; obgleich die Tropfen zwingt Die Hitz aus seiner Haut, so wird er dennoch zittern, Und ließ ilmi auch im Äugst sein Kleid mit Fliehst» futtern. Ausgleicher. So nennt Logau den Tod; weil er allen Unterschied unter den Menschen aufhebt. Sinng. 4SVK. B. Daar, 1. für bloß, leer. Sinng. 1721. - — ist an Ehr und Namen baar. 2. für barfuß, unbeschlagcn. Sinng. 1613. Polschc Pscrdc gehen baar, pohlschc Leute gehn beschlagen :c. Dach, eine. Logau macht dieses Wort durchgängig weiblichen Geschlechts. Sinng. 1267. Der Zorn ist eine volle Bach. Auch Opitz, Tschcrning, Flcmming sagen die Bach. Bankarr, ZdanMnö; ein außer der Ehe erzeugtes Kind. Man sehe, wie Logau Sinng. 976. die verschiedenen Benennungen solcher unehelichen Kinder ordnet: Wörterbuch. 307 Ein wohlbcnamtcs Volk sind gleichwohl Hurenkinder! Bey Bauern heißt mau sie zwar so nichts desto minder; Bey Bürgern besser noch, Bankart; und im Geschlechte Der Edel», Bastartez uud Beyschlag auch Unächte Bey Fürst und Königen. Allein es ist falsch, daß sonst kein Unterschied unter diesen Wörtern seyn sollte. Bankart heißt jedes Kind, das außer dem Ehebette, welchem hier die Bank entgegen gesetzt wird, erzeugt worden. Bastart aber hat den Ncbcnbcgriff, daß die Mutter von weit geringerm Stande, als der Batcr, gewesen sey; ja dieser Ncbcnbcgriff ist bcy den mittlern Schriftstellern oft der Hauptbcgriff, ohne daß dabey zugleich auf eine unehlichc Geburt sollte gesehen werden. Beyschlag klingt ziemlich nach der Stuttcrcy. Unächte Kinder glaubt man itzt weit feiner natürliche Kindcr ncnncn zu können; welche Benennung, nach Logalls Zeiten, aus der französischen in die deutsche Sprache gekommen ist. Zn dem sogenannten -Heldenbnche kömmt ein altes Wort vor, welches hiehcr gehört, und der Wiedereinführung vollkommen würdig ist: Rebskind. (Auf dem 49tcn Blatte der Ausgabe von 4560.) „Sie sagten scltzam Mare „Wol auf den werden Mann, „Wie er ein Kcbskind wcre „Uud möcht kein Erbe han. Barmherzigkeit und LLrbarmung unterscheidet Logau in der Aufschrift des 23tcn Sinngedichts im V Buchc. LLrbar- mung ist ihm das bloße unangenehme Gefühl, welches wir bey der Pein eines andern empfinden: Barmherzigkeit aber ist ihm weit mehr, nehmlich die thätige Bemühung, eines andern Pein zu rvenden. Bedurft, F.ebensbedurft, Sinng. 607. wofür wir jetzt Lcbcnsnothdurft sagen. Befahren, sich: für befürchten. Sinng. 38. ist noch an vielen Orten im Gebrauche. Herr Bodmer hat das Hauptwort hievon: „Ich entdeckte ihm meiner Seele Befahren; anstatt, die Besorgnisse meiner Seele. Ucbcrhaupt findet man in den Schriften dieses Dichters und seiner übrigen Landeslcute 20" 308 Friedrichs von Logau Sinngedichte. viele dergleichen nachdrückliche Wörter, von gutem altem Schrot und Korne, die den meisten Provinzen Deutschlands fremde geworden sind und sich in der Schweiz am längsten erhalten haben. Begünsten. Sinng. 2477. wofür wir ißt, etwas wohlklingender, begünstigen sagen. Belieb, das. Sinng. 646. Die Bibel, Gottes Wort, ist mein Belieb im Leben -c. Belieben (I. 71.) scheint unserm Dichter die Bedeutung des Worts lieben zu verstärken. Eben so sagt er (IX. 404.) beHerzen und beknssen. Auch finden wir dieses Wort mit belachen verbunden: belieben und belachen, Be moll übersetzt Logau: Das linde Bc. Sinng. Ein Kunstwort, welches eingeführt zu werden verdienet, weil wir uns sonst mit dem fremden behelfen müßten. Bequemen, das; für die Bequemlichkeit. (XI. 26.) An einem andern Orte finden wir das A.l!stbequemen. Bescheinen etrvas, ihm einen Schein, einen Anstrich geben. Zweyte Zugabc 72. Wenn bvsc Weiber ihre Tücke wollen bescheinen, So wissen sie kein bcssers Mittel, als daS Weinen. Besinnen, dieses Zeitwort, welches sonst nur ein Rccipro- cum ist, braucht Logau als ein bloßes Activum; da ihm denn errvas besinnen so viel ist, als scincn Scharfsinn an etwas zeigen, worauf sinnen und es durch das Sinnen herausbringen. oxenFitsro. Anhang 264. O Lieber, wie viel ists, das ich pflag z» besinnen? Geh, zähle mir die Stern, und menschliches Beginne»! An diesem Orte heißt es ihm so vicl als Sinngedichte machen. Wir finden dicscs Wort in eben dieser thätigen Bedeutung auch beym Flcmming: „Die Gesellschaft sprach ihm zu: „Dämon, was besinnest du? Besitzen, sich worauf setzen. (VII. 74.) Redlich will ich lieber schwitzen Als die Hcnchlerbank besitzen- Besonnenheit; das Gegentheil von dem gebräuchlichern Unbesonnenheit. Anh. 174. Wörterbuch. 309 Bestand, der; für Beständigkeit. (III. 88.) und Simig. 21t. — Hoffnung kriegt die Krön, Und Bestand den rechte» Lohn. Nestehen; 4. Als ein Neutrum, für stehen bleiben, stecken bleiben. Sinng. 946. — — — im Rücken Bestund der heiße Pfeil:c. 2. Als ein Activum. Etwas bestehen heißt alsdann so viel als einem Dinge Stand halten, es ausstehen. Zm -Heldenbnche lesen wir es sehr oft; und auch in der Geschichte des Ritters Don Guirolte von Manch« kömmt der Ausdruck ein Aben- theuer bestehen, häufig vor. Logau sagt: (XIII. 11.) Nähmen wir wohl eine Welt und bestünden noch einmal Was bisher uns dreyßig Jahr zugezählt an'Noth und Quaal? Uud Opitz: „Sie wissen allen Fall des Lebens zu bestehen. Bestillen, für stillen; das Be verstärkt die Bedeutung, wie wir unter Belieben angemerket haben. Sinng. 2136. Durst und Hunger sind die Mahner, die man nimmer kann bestillcn- Morgen kommen sie doch wieder, kann man sie gleich heute füllen. Beyschub, Hülfe, Vorschub. (XI. 112.) Ptochus rufet seinen Freund in der Noth um Bchschub an «c. Bieder, rechtschaffen, nützlich, tapfer. Wir lassen dieses alte, der deutschen Redlichkeit so angemessene Wort muthwillig untergehen. Frisch führt den Passionsgcsang: O Mensch, bewein dein Sünde groß zc. an, worinn es noch vorkomme. Wir wollen nachfolgendes Sinngedicht unsers Logaus in dieser Absicht anführen (III. 37.) Wer gar zu bieder ist, bleibt zwar ein redlich Mann, Bleibt aber, wo er ist, kömmt selten höher an. Biedermann ist zum Theil noch üblich. Bey ihm aber findet man noch andere dergleichen nachdrückliche Composita; als Biederrveib (V. 6.) Ein Bicdcrwcib im Angesicht, ein Schandsack in der Haut Ist manche — desgleichen Biederherz, (V. 20) Biederroesen, Sinng. 761. Biederslnnen, Sinng. 2110. 310 Friedrichs von Loa.au Sinngedichte. Werther Freund, du lieber Alter, alt von alten Biedersmneit/ Alt von Jahren, Witz und Ehre — Und welch ein vortreffliches Wort ist nicht das, welches in dem alten Lobliede auf den wendischen König Anchyrus vorkömmt: „Sein Sinn war abgcricht auf Biedcrlob und Ehre? Biederlob ist hier das Lob, welches man als ein Biedermann von einem Biedermanne erhält. Zn den Fabeln des von Rie- denburg finden wir auch das Hauptwort hievon, Biederkeit- Lrvn uiut Vemie er xel-eis, so vsrt im Aiicli ile lweM. /^!'s dieses Worts nicht auch noch eine andere Erklärung darbieten könnte, cs kann hier nehmlich so viel heißen als: das Gelübde. Gehöne, das; so viel als Gcspötte. 1 Zugabe 61. An der hohen Häupter Seite, stehen graue Häupter schön: Dennoch sind itzt hohen Häuptern graue Häupter ein Gehön. Gelosen; so viel als los werden. Sinng. 1237. und an- dcrwcrts. Man flcißt sich itzt den Bart vom Maule zu gcloscn :c. Gemahlinn, die. Dieses Wort war schon zu unsers Dichters Zeiten im Gebrauch; und auch damals schon maaßten cs sich geringere Leute an. Sinng. 2442. Vitus nennt sein Weib Gemahlinn. Billig! weil sie sich so malt, Daß um Weißes und um Rothes jährlich sie viel Thaler zahlt. Gemein und gemeinlich als ein Ncbcnwort, für mcistcn- thcils, insgemein; kömmt sehr oft vor; als Sinng. 1154. Was Pclops / Attalus und Krösus schwangre Kasten Bon Golde, Geld und Gut vor Zeiten in sich faßten Nützt nur so viel, daß der, der gar zu viel drauf denkt, Den Leib gemein an Baum, die Scel an Nagel henkt. und Sinng. 1136. Buhler sind gemeinlich Blinde :c. Gemerke, für Mcrkmaal, Merkzeichen. (X. 26.) Daß der Sinn cs redlich mevnc, haben wir nur Ein Gemerke ic. Genoß, der; ilooius. (I. 32.) Krieg und Hunger, Kriegs Genoß :c. Wörterbuch. 32 t Gerne- Durch Norsctzung dieses Ncbcnworts macht Logau cm zusammengesetztes Hauptwort, welches alsdann eben das eitle und fruchtlose Bestreben ausdrückt, das die Engländer durch das angehängte nnulcl-bo ausdrücken: z. E. s Aleiclmnt-nnulli-Ize, » Politik-,voulll-kl?. Auf diese Weise sagt er nicht allein ein Gernegroß, welches noch üblich ist: Anhang 212. Bardns strebt nach großem Namen, ist von allen Gabe» bloß: Dieses kann man ihm wohl gönnen, daß er heiße Gernegroß. Sondern er sagt auch ein Gerneülug: Sinng. 267. wo von der thörigtcn Pralcrcy, fremde Wörte in die deutsche Sprache zu mengen, die Rede ist, — — — das andre wird genommen So gut es wird gezeugt und auf die Welt ist kommen Durch einen Eerneklug, der, wen» der Geist ihn rührt, Jtzt dieses Pralewort, itzt jenes raus gebiert. Gieben; so viel als das gemeine gicksen, oder das plattdeutsche gappcn. 1 Zugabe 20t. Die für Drang, Zwang, "Pein und Schmach Endlich mcl'r kaum konnte» gicbcn. Tschcrning sagt dafür geufzen. Siehe dessen Frühling dciuschcr Gedichte S. 8. --das herMswchc Seufzen „Macht mich so laß und matt, daß ich auch kaum kann geufzen Gnaoselig; ein gnadscligcr Wiener ist unserm Dichter der, den der Herr mit seinem ganzen Vertrauen begnadiget hat. (II. 21.) Graskronc. Dieses Wort ist die Ucbcrschrift des NNtcn Sinngedichts im IX Buche, und fängt an: Der sei» Vaterland errettet, diesen krönte Rom mit Gras. Allein der Dichter muß sich hier geirrt haben. Wir wenigstens könne» uns keines Scribcutcn erinnern, der uns berichtete, daß man jemals in Rom diese oder eine andere große That mit einer dergleichen Krone belohnt habe. Vielleicht hat er die eoronam ei- vieam in Gedanken gehabt, die aber nicht dem Erretter des Vaterlandes, sondern dem Bürger, der einen Ncbcnbürgcr errettet hatte, von diesem erretteten Bürger geschenkt wurde. Sie war auch nicht von Gras, sondern von Eichcnlaubc. Morhof ?efti»gs W-i'ke V. 21 322 Friedrichs von Logau Sinngedichte. übersetzt (Gedichte S. 399.) diese coronam c!v!eam nicht übel durch Bürgerkran). Grau, der; der Eckcl. (II. 84.) Greiner. Greinen heißt so viel als winseln, klagen, weinen, jammern; nnd einer, der dieses oft und ohne Ursache thut, ein Greiner. Sinngcd. 1622. Bor Zeiten stunde» Junge den Alten höflich auf'; Jtzt heißt es: Junger sitze, und alter Greiner lauf! Greis; als ein Beywort, für grau. Sinng. 785. Ein Künstler, glaub ich, ist, der Schwarzes färbe weiß: Das Aller kann die Kunst, färbt schwarze Haare greis. Großmuch, der; sagt Logau nach der Analogie der Wörter XNuth, -Hochmuth. Sinng. 4171. Grün; für frisch, gesund. Sinng. 2784. Ein grüner Mann, ein rothes Weib, die färben wobl zusammen, Sie sind geschickt im Wasserbau zu ziehen wohl bie Rammen. Gumpen; muthwillig springen, hüpfen, tanzen. Sinng. 463. Ein Kalb scherzt, gumpt und springt :c. U?achter führt bey diesem Worte weiter nichts an, als das griechische >i»^^7rxtv, Itro^itum ocloi'iZ/«ek« ^et/?«», (von welcher Bedeutung, nehmlich in Ansehung des ^-»ctu pocluin, er uns noch dazu den Währmann schuldig geblieben ist,) und setzt hinzu: fmts sliqii» allimtato. Es ist zu verwundern, daß ihm nicht vielmehr das italiänische gamda und gsmdata, welches man von dem lateinischen Zamba, und dieses von dem griechischen --.«^n^ herleitet, bcygefallcn. Auch die Franzosen habe» daher ihre Aaiubaclo und ihr roF!mI>or gemacht, welches mit diesem gum- per» sehr viele Ähnlichkeit hat. Gunst; den ungewöhnlichen Pluralis von diesem Hauptworte hat Logau in der Überschrift: der U)eg zu Gunsten. (III. 65.) Güteln; dieses Zeitwort kömmt im VIII Buche, im KKtcn Sinngedichte vor: Kann die deutsche Sprache schnauben, schnarchen, poltern, donnern, krachen? Kann sie doch auch spielen, scherzen, liebeln, güteln, kürmeln, lachen. Wie betteln von Bitte gemacht worden, so scheint güteln von gut, oder vielmehr von Güte entstanden zu seyn. Frisch hat das ähnliche Zeitwort guyeln, welches er aber von gucken her- Wörterbuch. leitet, und durch ahi'ieoro aliyiivm moro mvn<1icnrum vloomos)'- n»m vx^vetantium, erkläret. H. -Hahnen, einen; einen zu Hahnrcy machen. Sinngcd. 175». Die neue Welt ist fromm, und frömmer als die alte. Sie darf mir acht Gebot, die sie im Leben halte; Denn M)l>ruch, Dicbstayl bleibt; man yaynct nur die Leute Und macht, was uns gefällt, nach Krieges Art, zur Leute. Dieses Zeitwort würde man mit gutem Grunde Frischen entgegen stellen können, welcher Hahnrcy für kein Compositum will gelten lassen, sondern cs von dem italienischen Oornaro herleitet. -Halt, für Hinterhalt. Sinngcd. 1257. wo der Dichter von den Wangen schöner Mädchen ungcmcin anakrcontisch sagt: — — — l'icr ist das flache Rund Drum Zephvrus spielt her, darauf Cupido stund, Und sich um einen Weg für seinen Pfeil umsal'c, Und dachte, wie ciu Wild für seine Küch er falle Mit seinem Purpurzcug. Hier lag er oft im Halt? Mit Rosen wohl vcrhägt, wenn er die Jagd bestallt. ^Hauprgut, sagt unser Dichter sehr oft, und sehr wohl anstatt des undcutschcn Capital; als Sinng. 1326. Noch Hauplgut, noch die Zinsen darf itzt ein Schuldner gelten. Tscherning (Frühl. S. s!9.) sagt ^auptgcld: „Das Hauptgcld bleibet stehn, ihr streicht die Zinse» ein. -Hauslnncn, die: so nennet man in Schlesien Mlcthslculc von der niedrigern Gattung. Sinng. 952. Wenn, Jungfern, eure Flöh, die ihr habt zu Hausinnc», Was sie gehört, gesell», vermelde» sollten können, Wie mancher fragte sie, der Lust zu freye» hat, Eh als dc» beste» Freund, um einen treuen Rath, Und Sinng. 2050. Jedermann hat zu .Hausinne» :e> Hebelbanm sagt Logau, wofür wir itzt Hcbcbaum sagen. Sinng. 2795. Runcus ist gewaltig stark, gäbe Bauer» große» Nutz, Könnten ihn zum Hebclbaum brauchen für das größte Klutz. 21° 324 Friedrichs von Logau Sinngedichte. -Hergesippr; für entsprossen, erzeugt. Sinng. 2375). Fürstinn von den Obotritcn, einer deutschen Heldcnart Hcrgcsippt -c. Desgleichen hat er auch zugesippt, für verwandt. (IX. 10.) -Herzlich, welches ihr nur so viel als sehr bedeutet, nimmt Logau in seiner ursprünglichen Bedeutung für von -Herzen, mit Sem -Herzen; nach der Analogie des Wortes mündlich: Herzlich hassen, mündlich lieben. Einsickern, sich. (XIII. II.) Wenn ein redlich frommer Christ hin sich sichert in das Grab. Ein Wort welches Logau ohne Zweifel gemacht hat, und welches an diesem Orte uiigcmcin nachdrücklich ist, indem cs so viel sagen will, als: der Christ, der iczt in der U?elt nirgends sicher ist, begiebt sich in sein Grab hin, um daselbst gewiß sicher zu seyn. Einige Neuere haben dergleichen Wörter ohne Unterschied getadelt, andere haben dergleichen bis zum Ekel gemacht. Dichter von gutem Geschmacke halten das Mittel, und gebrauchen solche Ausdrücke desto seltener, je glänzender sie sind. Ein Poet muß sehr arm seyn, der seine Sprache nur durch ein einziges Mittel aufzustützen weiß. -Hochrrgchrig braucht Logau für hoffartig; so wie man das Gegentheil niederträchtig nennt. Sinngcd. 117. Wer will Pertunda stolz, hochträchtig auch wohl nennen? Beym ersten Anblicke könnte man cs für hochschwanger nehmen; und cs kann leicht seyn, daß unser Dichter, der gar kein Feind von Wortspielen ist, auf diesen Ncbcnbcgriff mit gcziclct hat; denn das augcführtc Gedicht heißt weiter: Er giebt genug an Tag, er mus; sie recht nicht kennen. Heißt dieses denn wobl stolz? Sie bleibet unten an, Und duldet über ihr so leichtlich jedermann. Ucbrigcns kann dieses hochträchtig, in so fern es der Gegensatz von niederträchtig ist, einen analogischcn Grund für die Ableitung von Hoffart mit abgeben, daß solches nehmlich nicht von ^ofArr, sondern von hoch Fahrt gemacht und zusammengezogen sey. Auch scheint Logau an einem andern Orte, wo er ausdrücklich -Hochfahrt schreibt, Sinng. auf diese Etymolo- Wörterbuch, 3SS gic zu zielen; welche dadurch außer allen Zweifel gesetzt ist, daß wir in unsern ältesten Dichtern überall -Hochfahrt lesen. Höchlich, für hoch. Sinng. 2269. Wer höchlich falle» soll, den muß man hoch erheben. Sich hochlich verrvunvern ist noch im Gebrauche. -Königthum; der Liebe Honigthum ist die Ucberschrift des 1174 Sinngedichts, welches wir unter Rosen anführen werden; und ein Wort, welches unser Dichter zum Scherze gemacht hat, nach der Achnlichkcit des Wortes Märtyrcrthum u. a. m. -Husche, die. Auch die Nachrichtcr haben ihre Kunstwörter und dieses ist eines davon. Sinng. 2269. Calvus, der ganz kahl am Kopfe, mcvnt man, werd ans Holz noch kleben; Sorgt drum sclbstcn, wie der Henker ihm wird doch die Husche geben. Unsere Wörterbücher erklären -Husche durch Ohrfeige. Daß es aber hier etwas anders, und zwar so etwas bedeute, was an den Haaren oder mit den Haaren geschieht, giebt der Augenschein. Denn warum dürfte Calvus sonst besorgt seyn, wie ihm, als einem Kahlkopfc, der Henker die Husche geben werde? Man sagt noch in der Sprache des Volks: sich huschen, einander bey den Köpfen kriegen. Auch braucht man in eben dieser Sprache das Wort husch als eine Zntcrjcction der Geschwindigkeit: husch! va roar er weg- An dieser Stelle bedeutet Husche also den letzten Stoß, den der Ucbclthätcr bekömmt, lind wobey ihn der Henker vielleicht beym Schöpfe ergreift. Der Begriff der Geschwindigkeit, welchen das Zwischcnwort husch hat, macht, daß eine Husche auch in verschiedenen Provinzen einen übcrhingchcndcn Platzregen bedeutet. Man erlaube uns aus dieser letzten Bedeutung beyläufig eine Stelle aus dem Rabelais zu erklären. Dieser possierliche Schriftsteller braucht in seinem Gargantua zu verschiedenen Malen das Wort Unu 1'üv. Er sagt z. E. tumliunt imr uno koutüv clo nluie. Seine Ausleger wollen, Iioulvv sey so viel als koröo, und dieses so viel als i>Iuvi»ka wm^vktus :ul Iioi'-un tluraiis vel «ürciwr. Diese Erklärung ist offenbar gezwungen, und sie würden sie schwerlich gewagt haben, wenn ihnen unser deutsches Husche bekannt gewesen wäre. Daß aber Rabelais etwas deutsch verstanden habe, 326 Friedrichs von kogau Sinngedichte. und in seinen Schriften hin und wieder deutsche Wörter affck- tirc, ist eine bekannte Sache. Z. Ihrzen; mit einem in der zweyten Person des Pluralis reden. Es ist dieses die Ucbcrschrift des 49«, Sinngedichts im Anhange, worinn unser Dichter diese unnatürliche Art zu reden verwirft. Was würde er von uns, seinen Nachkommen, sagen, die wir aus dem Ihr gar Sie gemacht haben? Isis deutscher Art gemäß mit Worten so zn spielen? Wir heißen Einen Ihr, und reden wie mit vielen. Ei» Glück für unsere Poesie, daß sie das natürliche Du überall behalten hat! So wie man ibrzen sagt, sagt man auch duzen, erzen, siezen:c. Inner sagt Logau öfters für in, innerhalb. (VIII. 98.) Er hat sein Grab inner einem frommen Naben. (VI. 6.) Sie geht inner Gold und Seide her. Desgleichen (V. 14.) inner dem Magen. Insclr schreibt Logau, der Aussprache seines Landes gemäß, wofür wir itzt Inscklitt und Unschlitt schreiben. Sinng. 1338. K. Rar für Koch. Sinng. 2723. Die Lieb ist wie der Schwalbcnkat, Verblendet wen sie troffen hat. Rerb, der; für das Kerbholz. (XIII. II.) der drüber seinen Kerb wohl halten wird. Riefeln, so viel als zanken, keifen. Sinng. 1634. Mit der ich Schätzchcn und Herzchen mich heiße, Kieffel und beiße. Von dem alten Rieb, ira, Mgium. Rieslingstein für Kieselstein. Sinng. 10V3. Kindeln, sich wie ein Kind aufführen. Sinng. 1082. — — Verdruß zu mindern Kindeln Männer oft mit Kindern. Auch das Hauptwort Rindeley für Kindcrcy, Tändele»), kömmt bey unserm Dichter vor. Sinngcd. 1160. Was in meiner Jugend Mähen Von der Venus Kindclcvcn Ich gezeichnet auf Papier. Wörterbuch. 327 Rindern, heißt nicht: sich kindisch auffuhren, sondern Kinder zur Welt bringen. (IX. 102.) An manchen Orte» ists so Brauch, die Weiber müssen jährlich kindern. So sagt auch Tschcrning enrkindert, für der Kinder beraubt: (Frühl. S. 54.) „Steigt dieses, Herr, zu Herzen „Daß ihr cntkindcrt seyd? „Ihr seid auch frey von Schmerze»: „Wo Kinder sind, ist Leid. Rlapf, der: von klopfen; so viel als Schlag! wie denn auch die Alten Donnerklapffür Donncrschlag sagten. Sinng. 808. ' — — so wird ein jeder Stein, Womit man nach uns wirft, ein Klaps am Himmel seyn. Rncbelham. Logau sagt; Sinng. 2024. Bcit tragt eine Flegclkapp über einer Knebclhaut:c. um zu sagen, daß Veit der unhöflichste und ungeschliffenste Mensch von der Welt sey. Rnebel nnd Klegel ist hier eines; beides bedeutet einen bäurischen Menschen: »ppellumus, sagt der Spare, Iiominom »Frettem einen Rnebel. Knebel aber ist so viel als Knüppel: auch ein Rlocz bedeutet in der gemeinen Sprache nichts bcsscrs. Mit dieser Bedeutung stimmen die übrigen Wörter dieser Art sehr natürlich zusammen: als, die Rnebel der Finger, Einen knebeln, ein Kncbclbart, ein Kncbclspicß; daß man also Unrecht thun würde, wenn man solche von Rnabe herleiten und mit einem a schreiben wollte, wie wir irgendwo gefunden haben. Rnechtere;?, sagt Logau, und will damit nicht so wohl die Knechtschaft ausdrücken, als vielmehr etwas, das sich für keinen freyen Mann, sondern für einen Sklaven schickt. Sinng. 883. Diener tragen ingcmcin ihrer Herren Livercy: Solls denn seyn, daß Frankreich Herr, Deutschland aber Diener sey? Freyes Deutschland, schäm dich doch dieser schnöden Änechterey. Rosen. Sinng. 1174. Die Buhlcr sind Bienen, die Jungfer» sind Rosen, Gedanke» sind Honig, zum Schmeicheln und Kosen. Dieses Zeitwort, welches so viel als reden, schwarzen, bedeutet, ist ziemlich rar geworden. Der Ucbcrsctzcr des Don-Gni- 328 Friedrichs von Logau Sinngedichte, xotte hat es schr wohl gekannt, und ihm im zweyten Theile der Geschichte dieses Ritters S. 459. eine schr glückliche Stelle gegeben. Der lächerliche Sancbo sagt daselbst von den so genannten sieben Ziegen am Himmel: Ick koscre mit diesen Ziegen drey bis vier Stunden. Das zusammengesetzte Zeitwort liebkosen wird noch überall gebraucht. Bey diesem letzter» merken wir an, daß Logau dafür licbec'osen schreibt. Sinng. 726. Ruchel für Küche, hin und wieder, als Sinng. 403. Die edle Poesie ermuntert Sinn und Geist, Daß er greift an mit Lust was schwer und wichtig heißt. Ob nöthig ist das Brodt, so läßt man gleichwohl gelten Die weitgereiste Würz, und sonstcn was da selten In unsre Kuchcl kömmt, man gönnet auch der Lust, Bedarf es nicht Natur zu Zeiten eine Kost. Ruchel ist eigentlich Ocstcrrcichisch und nicht Schlcsisch; man sagte es aber zu Aogaus Zeiten in Schlesien, um mit der Hofsprachc zu reden. Rürmeln, kömmt bey unserm Dichter so wohl, als bey andern vor, und bedeutet so viel als: lallen, schmeichelnd stammeln. Unsere Wörterbücher haben dieses Wort gar nicht, und von seiner Ableitung ist nichts zuvcrläßigcs zu sagen. Sinng. 798. — — Wir zeugen Kind auf Kind, Ein Dcnkmaal l'inter uns daß wir gewesen sind. Gut! Gut! Was kann uns sonst aus Wermut Zucker machen, Als wenn das liebe Kind mit Rürmeln und mit Lachen An unser Haupt sich drückt, uns lieber Vater nennt, Und macht daß man in ihm sich wie im Spiegel kennt. Zmglcichm: Sinng. 908. --vom süßen Namen Sohne Ein kürmelnd Eremplar — Eben so spricht Gpirz von einem ncugcborncn Kinde: „Was es kürmcl» wird und lachen „Werden lauter Verse seyn. K.ohcn stein braucht es so gar von dem freundlichen, verliebten Murren der Löwen. (Arminius 1 Theiles zweytes Buch S. 84.) Wörterbuch. 329 Längen, für in die Länge dauern. Sinngcd. 2756. Erdcnbau taun «bcl längen, Drein sich Wind und Wasser mengen, Hicvon kömmt das alte Beywort gelangt her, welches wir i» des Adam Glearius persianischem Zdaumgarten finden: „Die „ausgelangte Nacht laufen sie, und sprechen früh Morgens zc. Lappe, ein; heißt ein feiger, weibischer, nichtswürdigcr Mensch, wie das Beywort lappisch, welches von diesem Hauptworte abstammt, zu erkennen giebt. Und wer wird für feiger, weibischer und nichtswürdigcr gehalten, als ein Verschnittener? Für diesen braucht cs Logau Sinng. 2499. Sonst möcht cs scvn vergönnte Sache, Das; man den Hahn zum Lappen machc. Das Wort Lasse, welches noch gebräuchlich ist, bedeutet gleichfalls einen läppischen, einen kindischen Kerl. Da ferner Wappen und Lumpen einerley sind, so heißen, im verblümten Verstände, nichtswürdigc Leute auch pumpen, Lnmpengesinve, Lumpenhunde- Larz, schwäbisch Larz, der. Man wird das 227te Sinngedicht des Anhangs nicht verstehen, wenn man sich nicht crin-, ncrt, daß ein schwabischer Larz so viel ist, als ein Hoscnlalz. Lauer, der; kömmt von dem lateinischen lor-i her, welches den sauern Nachwcin bedeutet, der aus den Hülsen und Kernen der bereits gepreßten Trauben durch zugegossenes Wasser gemacht wird. (X. 9.) Welt giebt ihren Hochzcitgästcn crstlich gerne guten Wein; Und schenkt ihnen sauern Lauer, wenn sie schon bclhört sind, ei», Zn einem andern Verstände bedeutet ein Lauer einen Schelm. Sinng. 497. Schlaf und Tod der macht Vergleich Zwischen Arm und zwischen Reich, Zwischen Fürst und zwischen Bauer, Zwischen Biedermann und Lauer. Die Lateiner nennen diesen Lauer, mit einem ähnlichen Worte, v-r^am, und wir könnten ihn also auch zur Noth von dem schlechten Weine, Lauer herleiten. Wir glauben ihm aber ei- 330 Friedrichs von Logau Sinngedichte nen weit natürlichern Ursprung zu geben, wenn wir ihn von dem einheimischen Worte lauern ableiten, da denn ein Lauer so viel bedeuten wird, als: ein Schleicher, ein tückischer Dieb. Man sehe auch das 114te Sinngedicht des Xtcn Buchs. ^ebensfadenreißerinnen, ein poetisches, von unserm Logau zum Scherz gemachtes Wort, ohngcfähr wie des La-Fontaine kmurs lil-mciieriZZ. SlNNg. 2448. Ware» alle dreh nicht Gräen, wäre» sie nicht Gorgoninncn, Waren sie nicht alle drcve Lcbcnsfadenreißerinncn,, War es doch zum inindsten Eine. L.ieb, das; für die Geliebte. Ein Schmcichelwort der Liebhaber, wofür einige itzt Liebchen sagen; ist bey allen Zcitver- wandtcn unsers Dichters im Gebrauch. Sinng. 2637. Paulus ist ein Freund der Welt, aber nur der kleinen Welt, Wenn er sein geliebtes Lieb fest umarmt beschlossen hält. So sagt auch Flemming: „Mein Lieb gedenket weg; was wünsch ich ihr für Glucke? Eben so sagten auch unsere Alten vor vierhundert Zahrcn: Rinne, Kot inustl? inieil »n >Iir leelien. d. i. Mein Lieb, oder mein Liebchen, Gott müsse mich an dir rächen, liebeln,' ein nicht unebenes Verbum öiminntivam von lieben. Unser Dichter sagt von der Zeit des Frühlings: (VI. 19.) Da vor Freuden alles wiebelt, Da mit Gleichem Gleiches liebelt :c. sieben, einem. Es liebr mir, sagt Logau, anstatt, es gefällt mir. (XIII. 12.) Das ganze Wort heißt: es geliebt mir; allein die Sylbe ge wird, wie bekannt, oft weggeworfen. Npilz sagt: „--sehr schöne Schrift auf Steinen „Die mir so sehr geliebt. Und an einem andern Orte: „Geliebet dir ein Berg? K.untenrecbt, ist eine scherzhafte Benennung unsers Dichters, worunter er eben das versteht, was unser heutiger witziger Pöbel, mit einem wcithcrgcsuchtcn Wortspiele, das I»s canonicum nennt. Sinngcd. 2516. Wörterbuch. 331 Luntcnrccht hält rechtes Recht nur für Lumpcnrccht. Wo Geweilt zum Herren wird ist Gerechtigkeit ein Knecht. M. Mannisch für männlich. Anh. 166. Die Deutschen sind nicht männisch mehr zc. Magd und Rnabe in der edcln Bedeutung des ^uoll-r und ,,uer der Lateiner. Sinng. 568. Ueber ein Nrambettc. In die Lust liegt hier begraben Eine Magd mit ihrem Knaben; Die einander gan; ergeben, Dieser Welt wie nickt mehr leben, Die mit Armen umgcwundcn, Wie in einen Sarg gebunden :c. Auch das Diminutivum davon, Magdchen, oder Mädchen, kömmt bey unserm Logau in der edcln, anakrcontischcn Bedeutung vor, welche uns vornehmlich ein neuerer Dichter so angenehm und geläufig gemacht hat. (VI. 22. 24.) Manne, die; als der Pluralis von Mann, für Männer. Anh. 96. Weiber» sind Gebrechen Sonstcn nicht zu rechen, Außer wenn sie fehlen, Und die Manne zahlen. Wenn wir also ißt sagen z. E. zehntausend Mann: so ist vielleicht dieses Mann nicht so wohl der Singularis, als vielmehr dieser alte Pluralis, und es sollte eigentlich zehntausend Manne heißen. Zwar wird das Zeitwort in der einfachen Zahl dazu gcsctzct, z. E. (I. 6.) Es bleibt in keiner Schlacht itzt vierzig tausend Mann. Doch auf diese Einwendung würde sich auch antworten lassen. Maultasche. Sinng. 1097. Eine Maultasch ist ein Ding, zwar nicht schädlich an dem Leben, Außer, daß sie dem Gehör Abbruch will und Nachtheil geben. Maultasche ist das, was man sonst Maulschelle, Ohrfeige nennt. Zn einigen Provinzen spricht man Maultatsche; aus diesem Tatsche hat man, vielleicht durch den Glcichlaut verführt, Tasche gemacht, da es doch, allem Ansehen nach, so viel als 332 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Tatze bedeutet. Soll das Wort aber von Tasche, Demel, herkommen: so mußte man sagen, eine Maultaschc sey ein Schlag, der mache, daß das Maul wie eine Tasche hcruntcr- hicngc. Frisch führt bey diesem Worte eine Priiiccssiiin aus Tyrol an, die wegen ihrer herunterhängenden Lippen, Vie Maul- rasche genannt worden ist. Marzipan. Aogan leitet dieses fremde Wort von Riars, tis, und nams hcr; ohne Zweifel, weil ihm diese Ableitung zu einem epigrammatischen Spiele den Stoff geben zu können schien. Sinngcd. 1646. Heißt Marzipan Soldaten Brodt? So csscns nur die Großen; Der arme Knecht der mag sich nur am Pompcrnickel stoßen. Die wahre Ableitung aber ist von malla oder >»g?g, und p-mls, und wenn ja einige Gelehrten klartios zmnos daraus gemacht haben, so haben sie doch nur geglaubt, daß sie von ihrem ersten Erfinder, nicht aber von dem Gottc Mars so gencnnct worden. Meinen; lieben, wohlwollen. Z. E. (I. 36.) Die nicht die sind, die sie scheinen, Sondern unser Gut gut meinen. Zmglcichen (XIII. 4.) --Wo man die Kriegcskinder Gar gut und glimpflich meint:c. Dieses meinen kömmt von dem alten Worte minnen, lieben, her; man sollte es also mit einem i schreiben, wenn man ja das andere meynen (nutaio) zum Unterschiede mit einem y schreiben wollte. Mensch. Wenn man dieses Wort in ein Neutrum verwandelt, so bedeutet es eine Weibsperson, ißt zwar eine von der niedrigsten und schlechtesten Gattung, bey unsern alten und guten Schriftstellern aber ganz und gar nicht. Unser Logalt sagt: (XIII. 11) Dennoch hat das liebe Mensch ein vertrautes Freundschaftsband Auf die Meinen unverfälscht immer fort und fort erstrecket. So sagt auch Flcmming an einem Orte: „Sie, das geliebte Mensch, wird selbst aus ihr entrückt. Eben so haben die Engclländer das Wort itzt in Verachtung gerathen lassen, da es vor Zeiten gleichfalls in dem Wörterbuch. IM besten Verstände gebraucht ward. Shar'espear z. E. läßt den Othello seine Dcsdcmona in dem zärtlichsten Affekte vxevllvnt Wvncl, nennen. Eine Anmerkung in der Ausgabe, die wir vor uns haben, erinnert dabey: Hio norä lNmc/t korvtotorv iiznilivll a Z^ounF ^Vomsn, oston an amiablo Wonmn, to tkat somo Imvo tliou^Iit it a oorrn^tion c>nl^ from tliv >vorä I^s»tt«L. Allein s^e»-^/t und XNcnscb sind ihrem Klänge und ihrer Bedeutung nach viel zu genau verwandt, als daß sie nicht einerley Ursprung haben sollten. Das Diminutivum XNcnschlcin braucht unser Dichter in eben der Bedeutung für Mädchen. (IX. 86.) Eanus hat ein junges Mcnschlcin voller Glut und Geist genommen :e. Menschenchum, das, für das menschliche Geschlecht. (XIII. 8.) Würdig bist du, daß dein Ruhm Bleibt, weil bleibt das Menschcnthum. Milz. Logau sagt der Milz. (VIII. 8.) Mißbehagen, ist der Gegensatz von Wohlbehagen. Mißschrvören, für falsch schwören, ist die Überschrift des 803 Sinngedichts. Mordlich, so wie von Wort, wörtlich. Sinng. 862. Es trachten ihrer viel uns mördlich umzubringen. Ztzt sagen wir mörderisch, nicht von Mord, sondern von Mörder; so wie wir kriegerisch, vcrräthcrisch, räuberisch, ehebrecherisch zc. nicht von Krieg, Verrath, Raub, Ehebruch, sondern von den Hauptwörtern der zweyten Generation, von Krieger, Nerräthcr, Räuber, Ehebrecher ableiten. Monöensohn, so nennt Logau einen wandelbaren, veränderlichen Menschen. (XIII. 12.) Mußtheil, das; von Muhs, Gemüse. Es heißt im juristischen Verstände die Hälfte des Vorraths an Speisen, (cilisriis clomeltie!«) der bey Lebzeiten des Mannes vorhanden gewesen, und am dreißigsten Tage, zu welcher Zeit man itzt gewöhnlich zu inventircn pflegt, noch vorhanden ist. Die eine Hälfte davon gehört der Wittwe, und die andere den Erben. K.ogan spielt mit diesem Worte, indem er es gleichsam von müssen herleitet, und Sinng. 41K sagt: Das Mußtheil heißt man dieß, was nach des Mannes Sterben Die Frau von Rittcrsart muß theilen mit den Erben. 334 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Ein Mußthcil machet draus, aus allem was man hat, Wo er es nicht nimmt gar, ein räuberischer Soldat. N. Nackt und nackend. Logau sagt beides. Sinng. K09. Der nackt kam in die Welt, der nackend ist getauft. Nächst. Logau macht aus diesem Vorworte ein Ncbcnwort, und braucht es anstatt jüngst, vor einiger ?eir. Sinng. 1038. Nächst sagt ein alter Greis :c. Zmglcichcn: (X. 63.) Mein Gut besucht ich nächst:c. Narren, für sich närrisch betragen. Sinng. 2662. Denn das Gold der neuen Weit macht, daß alte Welt sehr narrl. Den Narren stecken heißt Sinng. 1498. verspotten, mit spöttischer Mine verlachen, nalc, lul^vnclc-rc! aäuneo. Noch, nock; sagt unser Dichter (I. 1. II. 12.) für rveder, noch. Die Fälle sind unzählig, wo das Sylbcnmaaß dem gewöhnlichen rveder durchaus zuwider ist; und warum sollten wir es nicht auch noch heute in jenes bequemere noch verändern dürfen? Wenigstens klingt es nicht übel: (II. 18.) Noch srcch wagen, Noch weich zagen :c. (I. 33.) Glcichwolil aber bat er sich noch mit Wort noch Tl'at gerochen. Sinngcd. 1404. Alte Jungfern sind ein Stock da »och Wachs noch Houig iuncn. Nsthen von Noth, wie von Tod tödtcn; so viel als quälen, plagen (V. 76.) Der ärgste Tod ist der, der gar zu langsam lödtct; Die ärgste Noth ist die, die gar zu langsam nothet. An einem andern Orte Sinng. 2613. scheinet dieses nothen so viel als nöthigen, hinwcgnöthigcn zu bedeuten. Nicht anders. Dr Poeten, Der Tod kann keinen nöthen, Den ihr nnd eure Sinnen Nicht lassen wollt von hinnen. Nnseln oder nuscheln, ein niedriges Wort, welches eigentlich Wörterbuch. 335 durch die Nase reden bedeutet. Logau sagt Sinngcd. 1170. von dem kindischen Alter der Welt: — — wcil nun dic Welt, wie ein kindisch alter Greis, Bcißig, garstig, satsam wird, bloß auch nur zu nuselt» weiß. oinma trop'iclv Foliäoyuo imiMrat. O. Oder. Die Schwierigkeit, dieses Bindewort in das gemeine jambische Sylbcnmaaß zu bringen, hat dic Dichter oft gcnö- thigct, ihm, wenn es in einer Frage vorkömmt, die Partikel rvie vorzusetzen. Logau aber sagt anstatt dieses roic oder, sonst oder. (X. 28.) Grrgedächlniß, nennt Logau nicht übel dasjenige künstliche Gedächtniß, welches sich durch gewisse topische Fächer zu helfen sucht; und wcil von dcrglcichcn Fächern bey den Lehrern dieser Kunst keine geringe Anzahl vorkömmt, so ist unsers Dichters nachfolgende Anmerkung sehr richtig: Sinng. 1729. Wer Gcdächtnißkunst denket zu studieren, Dünkt mich muß voran gut Gedächtniß führen. P. Parten, vom lateinischen p-u-tes. Nach der einfachen Zahl kömmt es in dem Worte Gcgcnpart, Ulidcrpart vor. (XII. 74.) Andre ziehen an das Recht, Largus zeucht den Richter an: Parten, denen er bedient, finden, daß er gut gethan. Philosophey. Durch diese Endung ey glaubte man vor diesem den griechischen Wörtern das Recht der deutschen Bürgerschaft zu geben; wcil ungleich mehr deutsche Hauptwörter sich auf ey als auf ie enden. Dic ncucrc Endung ie ist aus der fraiizösichcn Endung solcher Wörter entstanden. Phatanse^, XNeloöey ist dahcr richtiger und besser, als Phantasie, Melodie- Nur bey Philosophie und -Harmonie würde uns dic altc Endung allzuungewöhnlich vorkommen. Logau sagt Philosophey in folgender Stelle, wo er seine Liebe zur Poesie rechtfertiget. Sinng. 403. — — Man lasse mir die Lust, Die, wo sie wenig bringt, noch weniger doch kost. Sie wird mir nützcr seyn, als Mägden zu gefallen; Als in der geilen Brunst der Ueppigkeiten wallen, ^' —--^ Friedrichs von Logau Sinngedichte. Als eingeschrieben seyn in freveln Raubcbuud, Der durch gebrauchten Trotz der Welt hilft auf den Grund,' Als daß mein Sinn im Wein, und Wein schwimmt in dem Sinne! Als daß der Spieler Dank, der schlecht ist, ich gewinne; Als daß ich mich befleiß auf Hundsphilosophcv, Und treib als eine Kunst ein bäurisch Feldgcschrcv. Plorz, als ein Nebcnwort, für plötzlich. Sinng. 118. — — Komm zu mir plotz nnd flugs. Flugs ist die Zcugcndung von Flug, als ein Ncbcnwort gebraucht, und bedeutet so viel als im Fluge. Pöfel, für Pöbel; Sinng. 777. und öfter. Pompernickel; so schreibt unser Logau dieses streitige Wort. Sinng. 1646. Pompsack; der Spate erkläret dieses Wort durch Iinmn ricileule Florlokus. Eigentlich aber bedeutet es einen altmodischen Staatsrock; und alsdann, im figürlichen Verstände, einen, der in einem solchen Rocke auf eine tölpische Weise prangt. Pomphosen ist das ähnliche Compositum. Anhang 120. Der Pompsack konnte nimmrr nie sich schicken in die Mode. Por; dieses Simplex, von welchem wir Porkirchc, Porwisch, empor haben, kömmt bey unserm Dichter als ein Hauptwort vor und bedeutet so viel als die Höhe. Zweyte Zugabe 47. Wer bc» Hof am mindstcn waget Steigt am meisten in die Por, Dem wird Gnade bcvgclcgct, Der sonst leichte wie ein Rohr. Pracbten, von Pracht, so viel als prangen, prächtig seyn. Sinng. 2090. --Stärk und Muth ist auch ein Ding, Das, wie sehr es vor gcprachtct, endlich doch auf Krücken giciig, Pnrsch, die. Dieses alte Wort kömmt in seiner ältesten Bedeutung bey unserm Dichter vor. Sinngcd. 1040. Wer Durst nnd Hunger hat pflegt viel nicht zu verzehren; Denn diese beide Pursch ist gerne nur im Leeren. D. i. dieses Paar. Die alten Wörterbücher nbcrsctzcn es ec>n- tulivrnium, miwipulus. Purschen; ist das Zeitwort vom vorhergehenden, und bedeutet sich gesellen, in Gesellschaft stehen, wandern ?c. Sinng. 687. Wörterbuch. 337 Wie das Kind im sanften Wiege», So beruh ich im Vergnüge»; pursche sonst mit Redlichkeit, Hinzubringen meine Zeit. Wenn ich werde seyn begraben, Werd ich besscrs Glücke haben. D. i. ich geselle mich übrigens der Redlichkeit zu. Angleichen (XIII. 42.) Ich lasse meinen Sinn hin mit den Augen fahren, Die purschen weit und breit, erforschen dieß und das, Und haben ihre Lust an Himmel, Wasser, Gras ic. D. i. der Sinn und die Augen, beide streichen in Gesellschaft herum. R. Raitung, die; heißt so viel als Rechnung, eomputatio von raiten, rechnen. Das I2I4te Sinngedicht führt die Überschrift: Railunge». Die Einnahm ist das Weib; die Ausgab ist der Mann; Wenn beide treffen ein, ist Rechnung bald gethan: Wiewohl es besser ist, eS sey ein Ucbcrschuß; Nur daß kein Nest verbleibt, denn dieser giebt Verdruß. Auch Tsckerning sagt: „Weil daß der höchste Bogt wird Rechenschaft begehren, „Wenn ihm die ganze Welt die Raitung soll gewähren. Ramme, die; heißt die Maschine, Pfale in die Erde zu treiben; ist besser als Rammel. Sinngedicht 2784. Sie sind geschickt im Wasserbau zu ziehen wohl die Rammen. Ranstadr. Sinng. 20L3. Eine Rcmstadt ist die Welt, drinnen fast ei» jedes Haus Heimlich doch, wo wißlich nicht, hat und heget einen Claus. Claus war der bekannte Hofnarr bey Friedrich dem Dritten, Churfürsten von Sachsen. Er war aus Ranstett, oder XNark- ranstett gebürtig. Vielleicht alludirt Aogau mit dem Namen Ranstadt zugleich auf das alte Wort ranken, oder ranzen; englisch to rant. Recken, einen; einen auf die Folter spannen; daher das niedrige Wort Racker. Englisch to raeko. Sinngcd. 460. Man recket fönst den Dieb, der andern wollte stehlen :c. Leasings Werke v. 22 338 Friedrichs von Logo» Sinngedichte. Reichen, für herkommen, entspringen. Sinngedicht 13. Kinder werden danncn reiche» :c, Ztzt brauchen wir dieses Wort mchrcnthcils nur von dem reichen an einen x»ui herzuleiten. Salsam; verdrießlich, aller Dinge satt. Sinngedicht 1170. — — — wie ein lindisch alter Greis Bcißig, garstig, satsam wird-- Saumsal; so überschreibt Logau ein Sinngedicht, (II. 14.) worinn cr von einem Menschen redet, Der in allen seinen Sache» Nimmer tan» ei» Ende mache». Es kann aber nicht so wohl die saumselige, die zaudernde Pcr- 22° 340 Friedrichs von Logan Sinngedichte. son, als vielmehr das Zaudern selbst, die Zaudcrhaftigkcit bedeuten, so wie Trübsal, Zrrsal, nicht die Person sondern die Sache bedeutet. Schaffen; so viel als befehlen, gebieten. Sinngedicht 403. Weil Recht ein Knecht itzt ist, dem Frevel hat zu schaffen :c. Desgleichen Sinng. 1395. Diener, denen Fürsten schaffen :c. Zn der vergangenen Zeit heißt es geschafft: Den Lastern ist geschafft, zu halten Fevcrtag. Sinng. 869. Da hingegen geschaffen oreatus heißt. Schanze in der Bedeutung des holländischen It-ms, Anlaß, Gelegenheit, Gluck. Unser Dichter sagt: (IX. 39.) Aufzubringen erste Schanze:c. für das erste Kapital einen Handel damit anzufangen. Einem etwas zuschanzen, in die Schanze schlagen oder geben, (II. 19.) auf seine Schanze achten ?c. Lauter Redensarten, die aus diesem alten Schanze zu erklären sind, und mit den Schanzen der Krieges-Baukunst nichts als den Klang gemein haben. Scheinlich; was einen guten Schein hat. (IX. 49.) Der Ehre scheinlich Gift. Er sagt auch Scheinlichkcit, in eben diesem Verstände. Sinng. 1834. Scheinlichkeit. Mancher trägt ein Ehrenkleid, hüllet drunter einen Tropf; Mancher trägt auf altem Rumpf dennoch einen Kindcrkopf. Scheltbar. Sinng. 191. Wahrheit steckt in dir, o Wein! Wie will der denn schcltbar seyn, Der, die Wahrheit zu ergründen, Sich beym Bacchus viel läßt finden? Schild. Einer Jungfer in Schild reiten, sagt Logan, Sinngcd. 2601. mit einer leichtfertigen Zweydeutigkeit, anstatt ihr eine Grobheit erweisen. Eine ähnliche Redensart: einem in den Schild reden, erkläret Frisch. Schimpf, in der alten Bedeutung für Scherz; kömmt hin nnd wieder vor. Z. E. (VII. 19. IX. 29.) Wörterbuch. 341 Schimpf aber ist nicht Ernst -c. Mancher wird in Schimpf und Scherz:c. Schlägefaul; so faul, daß Schläge nichts mehr verfangen. Sinnged. 91. Unsre Welt ist schlägefaul; Setzt sich, wie ei» stätig Gaul. Schlaffen, für schlaff seyn. Sinng. 403. Weil Recht eiu Knecht itzt ist, dem Frevel hat zu schaffen, Weil eignen Willens Zaum pflegt frev verhcnkt zu schlaffen -c. Schlechtlich, für schlecht. Zweyte Zugabc 102. So hat sein Ansehn er nicht schlcchllicheu gekränkt. Das angehängte en ist die Füllpartickcl der alten Sprache. Schmärzrichen und Schmatzer. Beides sagt K.ogau für Kuß, Küßchcn. Sinnged. 685. und 2460. Schmeißen für Schmeißfliegen. Erste Zugabe 137. Lara hat ein schönes Fleisch, eines von dem weiße»; Doch man saget, daß ihr drauf ofte sitzen Schmeißen. Schnallen, mit den Fingern, so viel als schnipsen, von Schnall, ein Schnipchcn. Simig. 966. Der Donner Sinai wird kaum so hoch gcacht, Als wann ein tönend Erz vom Hammcrschlagc schallet, Und ein gebrechlich Mensch mit seinen Fingern schnallet. Schnalzen ist mit dem vorhergehenden schnallen verwandt, und bedeutet gleichfalls mit den Fingern, oder auch mit der Zunge, einen Laut machen. Sinnged. 1107. Schnalzet und lecket mit lustigen Zunge». Schnöde- Sinng. 2570. Weiber die nia» wacker »c»nt sind gcmcinlich schnöde. Bey wuchern bedeutet das Wort schnöde allezeit so viel als verachtet, verworfen, schändlich; z. E. Ein Mensch der ein Greuel und schnsde ist:c. (Hiob XV. 15.) Ach -Herr siehe doch, wie schnöde ich worden bin. (Klagelieder I. 11.) Ztzt aber, und auch bereits in der gegenwärtigen Stelle unsers Dichters, scheinet es nicht so wohl eine passive als active Bedeutung zu haben, so daß ein schnöder Mensch, nicht ein Mensch heißet, der verachtet wird, sondern der andern verächtlich begegnet. 342 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Scksnen; 1. für schön seyn: Sinng. 16t>6. Fürstinn, euer reines Schön Hot ci» Fieber itzt verhöhnet; Aber Schönes ruhet nur, daß es nachmals schöner schönet. 2- für schön machen: Zweyte Zugabc. Sinng. 218. Ein Maler ist er auch, der alle Laster schönet Zu einer Helena-- Schönhäßlich; eines von den Wörtern, die, dem ersten Anscheine nach, einen Widerspruch in sich schließen. Das cilftc Sinngedicht des ersten Buchs erklärt es. Schoos-fall heißt das Recht, vermöge dessen eine Mutter von ihren Kindern erben kann; oder auch, diese Erbschaft selbst. Mit der Zweydeutigkeit dieses Worts hat unser Dichter in dem 2474 Sinngedichte gespielt. Hnldibcrta hat kein Kind, weniger noch Kindeskindcrz Mancher Schooßfall, wie man sagt, fällt ihr dennoch zu nichts minder. Schüren; ein Kunstwort der Böttcher, wenn sie das brennende Pech in den Fässern hin und her rütteln. Sinng. 1639. Daß er Fasse nicht nur bindet, sondern daß er sie anch schürt. Schwesterschaft. (XIII. 11.) O so denk ich auch zugleich an der Freundschaft Schwesterschaft :c. heißt an diesem Orte so viel als: an die blutsverwandte Freundschaft. Schwesterschaft ist ein Wort, das mit dem Worte Brüderschaft von gleichem Gepräge ist, und eben so wenig unterzugehen verdient, als dieses. Schrvindeltumm, für schwindlicht. Sinng. 2916. Könnte man nicht diese beiden Wörter so unterscheiden, daß das erste einen Menschen bedeutete, dem wirklich schwindelt, und das andere einen solchen, dem leicht schwindeln kann? Oder könnten sie nicht wenigstens die verschiedenen Grade des Schwindels bezeichnen? Schwitzig. Sinnged. 464. Da geht es schwitzig her :c. D. i. es kostet vielen Schweiß. Seitab, für bey Seite. Zweyte Zugabc S. 212. Zu Zeiten pflegt er den mit sich seitab zu zieh», Dem seines Meisters Ruhm in sichcrs Ohr er lege. Dieses Ncbcnwort wäre bey den Schauspielen nicht unbcqucm Wörterbuch. 343 anstatt des ä pari zu brauchen; besonders da, wo man es in ein Hauptwort verwandelt- Also ließe sich das erste Seitab, das zweyte Seitab, bey jedem Seitab, schicklicher sagen, als: das erste bey Seite:c- Sclbander; so wie man auch sagt selbdritter, selbvier- ter:c. Es ist dieses eine Art persönlicher Fürwörter, die nur in einigen Provinzen gewöhnlich, unsern neuern guten Schriftstellern aber fast gar nicht üblich ist. Sind sie hierin» nicht vielleicht zu ekel? Wenigstens werden sie gestehen müssen, daß ihnen diese Fürwörter mehr als Ein unnützes Wort ersparen könnten, wenn sie den Begriff auszudrücken haben, daß sich die Person, von welcher die Rede ist, nicht allein, sondern mit einem, zweyen oder mchrcrn in Gesellschaft befunden. Sie können es an folgenden Beyspielen unsers Dichters versuchen. Sinng.1372. Vulpiana ist sclbander — Was doch itzt für Fälle sind! — Bey zehn Jahren. Meide Sorge»! den» ihr Mann dcr ist ein Kind. Sinngcd. 14t)7. Eine Dram zu ihren Gasten. Ihr Gast, ihr seid mir lieb, bis daß die Nacht bricht ein; Da darf ich keinen Gast, sclbander will ich scrm. Zu diesen Fürwörtern gehöret auch sclbselbst, und ist, dcr Ordnung nach, das erste. Es bedeutet nehmlich die Pcrson, von welcher die Rede ist, ganz allein, ohne die Gesellschaft einer andern. Sinng. 2346. Silbcrstumm; ein Scherzwort, für, einen den das Silber stumm gemacht hat, dcr sich bestechen lassen, zu schweigen. (XII. 12.) Hermes ist dcr beste Redner weit und breit, und um und um, Ein Gebreche» ist bedenklich: manchnial ist er silbcrstumm. Sinn, dcr, Sinnen, die; für, das Genie, die Gemüchs- gabcn, dcr Geist, der gute Kopf. So werden diese Wörter, besonders das in dcr vielfachen Zahl, von unserm Dichter und von seinen Zcitvcrwandtcn gebraucht. Man sehe Exempel davon unter Degen und Erdegeist; imglcichcn (VI- 24.) Ihr, ihr Schönen, ihr, ihr Licbc», habet Lust an reisen Sinnen, (XII. 104.) — — — Und die ander» kluge» Sinnen Deiner Kinder, sind sie »icht was dort sind die Kastalinncn ? !Z44 Friedrichs von Logau Siiiugedichtc. Sirzer, der; cbcn derselbe Theil des Körpers, den Logau sonst Hinterstirn und des Magens Hinterthür nennt. Sinn- gcd. 1728. Was ist ein gvldncr Kopf oh» einen blcyern Sitzcr? Sinngcd. 1136. Der Ofen wärmt die Stube, thut solches nnbcrcut, Ob gleich ein alte Mutter die Hinterstim ihm beut. Sinngcd. 1681. Calvus sah zum Fenster aus, Lippus hielt die Nase für, Denn er nicvntc Calvus Kopf sey des Magens Hinterthür. Söder, ist der Pluralis von Sod, Brühc. Sod kömmt her von sieden. (II- 84.) Gcuszt Södcr auf, und Senf daran :c. Sönnen, in die Sonne legen, an der Sonne wärmen, trocknen. Man sagt es im gemeinen Leben von Betten; Logau sagt es spöttisch von den bloßen Brüsten, die er deßwegen gesonnte Brüste nennt: Erste Zugabe 168. Sorglichkeit. Ist mehr als Sorgsamkcit, und weniger als Ängstlichkeit. (II. 47.) Städter, für Einwohner in den Städten; ist noch in gemeinen Reden gebräuchlich. Sinngcd. 266. Der Kricgcr Art und Werk bisher war rauben, stehlen; Der Städter Art und Werk, erlaufen und verhehlen. Stanken, für Gestank crrcgcn, stänkern. Sinngcd. 2763. Bcturla ruft ihrer Jugend mit Seufzen, wenn sie an sie denkt; Sie aber fleucht je mehr zurücke, weil jeu' im Seufzen etwas stänkt. Stänker, in der niedrigen Sprache so vicl als Zänkcr. Sinngcd. i)11. Sterben, als cin Activum, für sterben machen, tödtcn; an vielen Orten z. E. (X, 67.) Zmglcichcn Sinng. 2361. Der Tod der alles sterbt, den sterbt ein gut Gerüchte, Das stirbt, wenn gleich die Welt muß sterben, doch mit nichte zc. Aus dieser Stelle sieht man zugleich, daß man das sterben, wenn es cm Activum gcwcscn, anders flcctirt habe, als das Neutrum sterben. Jenes heißt in der zweyten und dritten Person der gegenwärtigen und der jüngstvcrgangcncn Zeit, du sterbst, er sterbt, er sterbte; dieses hingegen heißt: A>u stirbst, Wörterbuch. cr stirbt, er starb. Eben so unterscheidet unser Dichter das Zeitwort verderben: Er verderbt, cr verderbte, heißt: cr machte etwas zu Schanden; cr verdirbt, er verdarb, heißt: cr ward selbst zu Schanden. Wir haben mehr dergleichen Wörter: z. E. das Wort schmelzen. Das Metall schmilzt, und schmolz: der Gießer schmelzt, und schmelzte- Der Hcnkcr crrvürgt, dcr Gchcnkte erworgt: (IX. 54.) Am Galgen und am Strang erivorgen, ist nicht ehrlich :c. Man schc auch das Wort erstecken, Sröckclfisck für Stockfisch. Sinng. 96. Ey man muß dem Hvfclcbcn Vor den andern Borzug geben: Den» bey großer Herren Tische Sind stets Has' und Stöckelfische. Strecken, ausdehnen. Anhang 117. Konnte man das Leben strecken, wie man kann das Lcder dehne» :c> Siehe erstrecken. Stümpfen, für stumpf machen < XIII. 3.) Stürzebrücke; (IX. 49.) gcht bcsscr in den Vers, und ist auch starker, als Fallbrücke. Sühne, die; für Versöhnung. Sinngcd. 1949. Wann Mann und Weib sich zankt ist Sühne recht bestellt :c. Tage- und Nackt-gleiche; so überschreibt Logau das 2248tc Sinngedicht. Die Nacktgleicke wäre sonst schon hinlänglich, das Acquinoctium auszudrücken. Taugen. Unser Logau schreibt anstatt taugt, durchgängig taug. Sinng. 2522. Gewohnheit ist die größte Frau, beherrschet alle Welt; Gar wenig gilt, gar wenig lang, was sie nicht ächte hält. Desgleichen Sinng. 2542. und 2559. Die Wahrheit taug nur auf das Dorf, die grobe Bäuerinn; Wo man franzöflschhoflich ist, da taug sie gar nicht hin. Eben so schreibt «vpirz, so wol in Versen als in Prosc. Z. E. „— - — Hier taug kein Midas nicht, „Dcr Eselsohren hat, und Esclsnrtheil spricht. 346 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Testamenten««, die; für, das Frauenzimmer, welches ein Testament macht. Sinng. 720. Testirerinn, welches man gemeiniglich dafür braucht, ist nicht so deutsch. Thnrst, oder Durst, die; so viel als, Kühnheit, Muth ein Abcnthcucr zu bestehen. Auch dieses alte Wort braucht unser Logau, wenn er von den kühnen Thaten der alten deutschen Helden spricht: (XIII. 10.) Was wußten wir von Helden, Und ihrer Thnrst zn melden :c. Thurst kömmt her von dem alten Zeitworte tmren, torron, tor- ften; dürfen, nnd hat viel Achnlichkcit mit dem griechischen ««90-05, guclaci». Man sehe das Zeitwort in den Fabeln des von Nicdcnburg: (Fab. 67.) Vor im Ae/o^/'ik Xein Iwr xeklsii. Und Fab. 70. NiUeiN unit komont «wer ein, ^Vel unller uns «Im si alleiu, I)i>l il-i» Z'etui?--'« vol Iivslsii ti lwr kÄt^vn uvnkeii gi> ^VeUe «lie sclisUe» — — Sucher gebraucht das Wort Sürstiglich (1 Mos. XXXIV. 26.) in eben diesem Verstände. Mischen, sür zu Tische sitzen. (II. 66.) Tödlich, oder, wie es bey andern geschrieben wird, tobelicht; von töbeln, und dieses von toben. Töbeln erklärt der Spate durch fvroeulum olle, kilarom inlanlam int'anirv (Ke. die Stelle, wo löblich bey unserm Dichter vorkömmt, ist unter gach bereits angeführet. Torkeln für taumeln (II. 64.) und Sinngcd. 2628. Der Säufer auf den Beinen, der Buhler an den Sinne», Sieht Wunder, wer dranf stehet, wie beide torkeln können. Totter schreibt Logau, wofür wir Dotter schreiben. Sinng. 2410. Treuen sagt Logau durchgängig sür trauen, copulircn. Sinng. 769. Ewigkeit die ohne Ziel Uns aufs neue treuen will. Wörterbuch. 347 Triller» für plagen. Anh. 6t. Die Steuer trillt uns noch. Triller» ist eigentlich ein militärisches Wort, und bedeutet so viel als das heutige ererciren. Daher Trillhaus, Trittmeister x. Trompter für Trompeter. Sinng. 1369. Trorzer, der; ist poetischer als der trotzige. Tmnmelbafrig, wovon man die Endsylbe ig besser wegläßt; wird von Pferden gesagt, als welche man tummelt. Sinng. 826. Ein sanftes Thier gehört auf einen enge» Steg, Ein tumiuclhaflig Gaul auf einen breiten Weg. U. Uebergeben, anstatt verlassen oder aufgeben. Sinngcd. 774. Gott hat neben sich gcsctzet Auch bcn Nächsten; wird verletzet Durch den Dienst, der ihn gleich liebet, Und den Nächsten übcrgicbct. Ueberständig; wird von Früchten gesagt, die man allzulange auf dem Baume gelassen, und die endlich von selbst abfallen. Sinngcd. 2278. Ein alt Weib fiel die Stiege» ab. Kein Wunder bildt euch ein: Die Früchte fallen von sich selbst, die übcrständig sevu. Uebcrrveibcn, sich, würde eigentlich heißen, der Weiber auf einmal mehr nehmen, als man bestreiken kann. Bey unserm Dichter aber kann es nur heißen: zur Unzeit ein Weib nehmen, oder so viel Weiber nach einander nehmen, daß man der letzten nicht mehr gewachsen ist. Sinng. 1893. Nufus hat sich übcrwcibr; hätte sollen denken dran, Daß man mehr nicht schlachten soll, als man füglich salzen kann. Unartig, nennt Logau jedes Ding, das aus seiner Art schlägt. So ist ihm z. E. ein unartiger Sommer, Sinngcd. 244. cin Sommcr, dcr schr heiße Tage und sehr kalte Nächte hat. Ztzt brauchen wir unartig nur für ungesittet, ungezogen. Unfromm. (V. 63.) Sagt unserm Dichter etwas weniger als bö'sc; denn er setzt fromm und nnfromm einander entgegen, wie Biedermann und -Heuchler. 348 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Unvcrfreyr, für unvcrchlicht, unvermischt. Sinng. 638. Unverfreyrer ^vein. Den Ehstcind lob ich zwar, nicht aber lob ich Wein, Der da mit Wasser will zu Zeiten chlich seyn. Unzahl, die; so viel als unzählbare Menge. Sinng. 2764. wo der Dichter eine durchlauchtige Person anredet: Die Menge macht mich arm: ich kann nicht Zierde» haben, Zu streichen zierlich ans die Unzahl Eurer Gaben. N. Verbriefter Adel; cm Adel, den man nicht durch Ahnen beweist, sondern durch den Adclbricf; ist die Ucbcrschrift des 2t54tcn Sinngedichts; ein zum Scherz gemachter Ausdruck, nach der Analogie der Wörter verschanzt, verzöunt?c. Eben so nennt er von dem angehängten Siegel oder Bulle an dergleichen Adclbricfcn, die neuen Edelleute bullenedel. Unser Logau, der von altem Adel war, spottet an vielen Stellen mit Bitterkeit über ncugcmachte Edelleute. Tscherning spottet eben so bitter über einen alten Edelmann, den cr Lagopus nennt. (Frühl. S. 95.) verbringen, sagt unser Dichter allezeit anstatt vollbringen. Sinng. 695. Die Finken, die im Lenz nicht singe». Die bringens ans den Herbst dann ein: Der muß dann alt erst rasend scvn, Der jung es konnte nicht verbringen. vollbringen, vollenden, vollführen sind wohl unstreitig gute Wörter, und einer sehr guten Ableitung fähig; da hingegen verbringen zweydcutig ist: denn es bedeutet auch das Gegentheil von zusammenbringen, nehmlich verschwenden. Verbürgen, ctwaS; cavore clo aluma ro. Dieses gerichtliche Wort hat unser Dichter sehr wohl gebraucht. Die Poeten, sagt cr (XIII. 1t>.) haben den alten Helden Die Sterblichkeit verbürget, Daß sie sie nicht genvirgct. D. i. sie haben für die Sterblichkeit gut gesagt, daß diese ihnen nicht schaden solle. Weil man aber öfter etwas, das ge- chehen soll, als etwas, das nicht geschehen soll, verbürget, Wörterbuch. 349 so würde man kürzer sagen können: Die Dichter verbürgen den Helden die Unsterblichkeit; sie sind Bürge dafür, daß diese ihnen werden soll. Vergehen, sich; braucht Logan in der eigentlichsten Bedeutung für, sich verirren. (XII. 72.) Trullus hat ein schönes Wcib. Wenn sie an der Thiirc steht, Sicht man nicht, daß leicht ein Hund sich bey ihr ins Haus vergeht. Vergnüglichkeit und Gnüglickkeit (XIII. 8.) nennt Logan was sonst auch Zdcgnügsamkeit heißet; (VI. 62. VIII. 61.) die Tugend, mit seinen Umstanden zufrieden zu seyn, «^i-«?--««. verkünden, für verkündigen, kund thun. (VIII. 97.) Verlast, als das alte Präteritum von verlieren; daher anch Verlust. Sinng. 1689. Da sich nun Deutschland, was der Krieg verderbt'hat und verlast, Daß Friede dieses wiederbringt, vcrbcsscrt und vcrsast. Verleiben. Sinng. 2661. Wiewohl sich Maun und Frau in Einen Leib vcrlciben zc. Von diesem verleiben ist einverleiben, gemacht worden, wofür man vor Alters cinlciben sagte. Man sehe des Herrn Haltaus Glossarium unter diesem Worte. verprachren; kömmt von dem oben angeführten Zeitworte prachten her, und heißt so viel als, mit Prangen durchbrin- gcn: (IV. 25.) Morus war in hohen Ehren, wagte was er hatt', auf Ehr. Als cr alles nun verprachtet:c. Daß in der alten Ausgabe verprachert steht, muß man sich nicht irren lassen; es ist ein offenbarer Druckfehler. Sein Vermögen durch Prachern oder Betteln durchbringcn, (welches verprachern bedeuten müßte,) giebt hier gar keinen Verstand. Verraiten, von dem obigen rairen; heißt so viel als berechnen, Rechnung wovon ablegen. Sinngcd. 2762. Die Vormundschaft dcr Untcr» vcrwaltcn Obrigkeiten, Die müssen sie dort oben zu seiner Zeit verraiten. VerschilSrvacht. Unser Dichter sagt sehr schön von einem guten Gewissen. Zweyte Zugabe 99. Gut Gewissen traut auf Gott, Tritt vor Augen aller Noth, ZZ» Friedrichs von Logau Sinngedichte. Ist vcrschildwacht allezeit Mit der freyen Redlichkeit. verschlungen für verschlingen; von SchlunV. Sinngcd. 1130. --doch es wird nicht funden Was die Wolfe vor vcrschlundcn. Versprechen, in der alten Bedeutung, so viel als schelten, schmähen. Sinng. 1846. Wer von Fürsten reden will, will er Gutes reden nicht, Hüt er sich, daß anch sein Maul Erdcgötter nicht verspricht. Verthun, so viel als unterbringen, auslcyhcn, austhun. Sinng. 412. Was ists worüber mehr die Jungfern so entbrennen, Als wenn man sie pflegt alt und ungestalt zu nennen? Denn Jugend dient zur Zucht, und Schönheit zum verthun; Sind diese beide weg, so laßt man sie wol'l ruhn. Schön müssen sie seyn, will der Dichter sagen, wenn sie bald Männer bekommen wollen; und jung müssen sie seyn, um Mütter werden zu können. Vertreulich; Sinngcd. 798. wofür wir itzt vertraulich oder vertraut sagen. verviclen; Sinngedicht 618. und vielen; Sinngcd. 11l)Z. heißt so viel als inultipliearv, wofür wir itzt vcrviclfältigcn sagen: Daß er mit gevielten Zweigen Möge bis zun Sternen steigen. Wir sollten das Wort vervielcn nicht untergehen lassen. Vermehren, vervielcn, vervielfältigen, sind drey Wörter, welche dienen, das verschiedene Zunehmen der Dinge an Größe, Anzahl und Eigenschaften genauer zu bestimmen. Z. E. Das Wasser vermehrt sich; alle Blumen vervielcn sich; einige Blumen vcrviclfältigcn sich. Verrveiben, sich; zum Weibe werden, weibisch werden. Siehe Mcibling. verzeihen, sich; anstatt Verzicht thun. Sinngedicht 734. Wer viel Geld hat auszuleihen, Muß der Freundschaft sich verzeihen. Denn der Tag zum Wiedergeben Pflegt die Freundschaft aufzuheben. Wörterbuch. 361 Vierung des Airkels; so übersetzt Logau sehr wohl Hua-Ir-i- turam clrculi. SilMg. 1243. Daß im Zirkel eine Vierung sey zu finden, ist wohl klar: Aber daß auf runder Erde kein Bestand, bleibt dennoch wahr. Indessen sollte man aus diesem Sinngedichte fast schließen, daß der Dichter einen sehr schlechten Begriff von der Quadratur des Zirkels gehabt, und vielleicht weiter nichts, als ein Viereck darunter verstanden habe, das man innerhalb eines Zirkels beschreiben kann. Zn diesem Argwohne wird man um so viel mehr bestärkt, wenn man findet, daß die deutschen Mcßkünstlcr damaliger Zeit, das Quadrat überhaupt, nicht ein Viereck, sondern eine Vierung genannt haben, wie unter andern aus George Vicschcrs ^cltlitamonto operis t^oler! vsconomici (gedruckt ZU Nürnberg 1623) zu ersehen. Vor; als ein Ncbcnwort, anstatt vormals, zuvor, vorher. (IV. 82. 194. IX. 11.) kömmt häufig vor, so wohl bey unserm Dichter, als bey seinen Zcitverwandtcn. Auch haben es die nach folgenden Dichter nicht ganz untergehen lassen. W. Möchsig, crolceiis. Sinng. 794. ---Nun und zu aller Zeit Sey wächsig dieser Stamm, bis zu der Ewigkeit. Ein halbwüchsiger Hasc, heißt in dem komischen Heldengedichte Phaeton, ein Hasc in seinem besten Wachsthum. Massen für Wappen. Beide Wörter sind eines, nur daß wir sie itzr, bekannter maaßcn untcrschcidcn. L.ogau that es noch nicht; cr sagt in der zweyten Zugabc (Seite 21Z.) — — — ein Mann Der Ncinkcns Hintcrthcil im Waffen führen kann. wallen, gchcn (II. 2.) Daher das alte Maller, Pilgrim. Mandel, der; so viel als Veränderung, Tausch. (XU. 8.) Mandeln; für ändern, verwandeln. Sinng. 56. 90. 862. Die Krankheit wandelt sich, wenn Nculicht mit dem allen Am Monde» Wechsel hält — Desgleichen Sinngcd. 2192. Wandelt Glücke den» die Leute, Daß sie morgc» nicht wie heute? 362 Friedrichs von Logau Sinngedichte. Glücke hat es nie gethan, Wann sich wandelt selbst der Mann. Wannen, für von wannen (VI. K6.) Ich wüßte nicht wer der und wannen er entsprossen :c. Siehe Dannen. Mas, für wie viel; wenn man sich über eine große Menge verwundert. Sinng. 1081. Lieder Gott, was hast du Affen! Dcßgleichen (XIII. k.) Was Räuber hat die Welt! Wegelagerer, für Auflaurcr, Nachstcllcr. Sinngedicht 080. Des menschlichen Gebens Wegelagerer. Ehre, Geiz, Leid, Wein und Liebe Sind des Mcnschcn Lcbcnedicbe. Weiden, so viel als hcyrathcn, sich beweiben. Sinnged. 1634. Willst du nicht weiden? Siehe Ueberrveiben. Weibling, v!r uxorius, oder, wie es unsere Vorfahren gleichfalls nannten, ein Siemann. weibling ist bey unserm Dichter die Überschrift von folgendem Epigramm: Wiewohl sich Mann und Weib in Einen Leib verleiben, So darf sich doch der Mann deßwegen nicht verwcibcn. Wer, für jemand; kömmt hin und wieder vor, als Sinnged. 648. Will Kirchcnbilder wer zum Aergerniß anzichn? Den ärgern Bilder nicht, die Augen ärgern ihn. wiebeln, für wimmeln; niederdeutsch, kribbeln und roib- beln. (VI. 19.) Da vor Freuden alles wiebelt zc. wiederkauflcr, scheint bey unserm Dichter nicht so wohl einen, der etwas mit der Bedingung es wicdcrkaufcn zu können, verkauft hat, als bloß einen zu bedeuten, der seine Waaren aus der zweyten Hand nimmt, der von einem Käufer wieder kaufet. Sinnged. 2370. Bnbalus treibt stark Gewerbe mit viel vohlscher Ochsen Haufen: Neulich wollt' ei» Wicdcrkä'uflcr ihn mit samt den Ochsen kaufen. Niederlegen, für erwiedern, wieder erlegen. Sinnged. 1966. Wörterbuch. 353 Die Wohlthat und das Gute, das wir dem Ander» schenke», Ist wiederlegt gemiglich, wenn andre dran gedenken. Daher Niederlage im gerichtlichen Styl. Wiederzins nennt unser Dichter sehr wohl, was sonst Zlnsenzins heißet; -matoeilmus. Sinngedicht 1608. Windey, heißet das unfruchtbare Ey, welches eine Henne legt, ohne daß sie von dem Hahne getreten worden. Anh. 266. Ein Windei? legt die Henne die keinen Hahn nicht hat !c. Das Wort scheinet nach Maaßgcbung des Griechischen gemacht zu seyn: o^9tvc>v, ^ir>^v^,i.t0'r>, ^xcp^tov cvov. windlicht, so viel als Fackel: Zweyte Zugabe 66. Wenn die Frosch im Finstern quarcn, zünde nur ein Windlicht an; Ey wie werden sie bald schweigen zc. wirr; einen wirr und irre machen sagt Logau. Sinn- ged. 2448. wirthlich. (IV. 42. 92.) Dicfts Wort ist von dem Worte rvirthschaftlich wohl zu unterscheiden: wirthlich geht die Person, den Wirth an; rvirchschafrlich geht die Sache, die Wirthschaft an. Also sagt man: wirthschaftlichc Gebäude, und wirthliche Leute. Wiiz. Dieses Wort ist unserm Dichter fast durchgängig weiblichen Geschlechts; als Sinngedicht 1649. Dcßglcichcn Sinngedicht 1684. Ein einziges mal sagt er: Der Witz. Sinnged. 2630 Der Monden stellt sich vor die Sonne und macht sie finster eine Zeit: Der Witz, der Gottes Rath will dämpfen, erstrecket sich noch lang, noch weit, wiyel, sagt Logau wofür wir itzt Witzling sagen. Sinnged. 911. Einen Doctor, einen Simpel, Einen Witzcl, einen Eumpel -c. Desgleichen, erste Zugabe 100. Wenn ich meinen Sinngedichten, sie zu schreiben, Ende gebe, Mach ich Anfang, daß sich Witzcl, sie zu tadeln, bald erhebe. Wilzigkeit. Sinnged- 727. Kühnheit und Bcrmcsscnhclt Bringt es öfters noch so weit Als Bedacht und Witzigkcit ic. L-Mngs Merke v. 23 Friedrichs von Loa.au Sinngedichte. Nlohlbespracht, so viel als beredt, oder vielmehr in vielen Sprachen erfahren. (VM 86.) ' Ulohlbervußr, der; mcns conkeis reeti, das gute Gewissen. Sinnged. 1966. Bey dem Acrgstcn Bestes hoffen gebt wohl keinem an, Der sich seines Wohlbewußtcs nicht getrosten kann. Wohlfeilkeir. Sinng. 265. Wütig; voll Wut, wütend. Sinng. 846. Die Kinder Gottes sind, sind, wie ihr Barer, gütig; Die Satans Kinder sind, sind, wie ihr Vater, wutig. Wütigkeit. Sinng. 1093. Wann sich mit Gewalt Unverstand vcrfrevt, Wird geboren drans tolle Willigkeit. Munder, für Mccrwundcr, Wundcrthicre; ist noch gebräuchlich, und dient unserm Dichter zu einem Wortspiele. (IX. 66.) Z. Aankeisen für Zänkcrinn. Sinng. 4494. Zeihen, sich; ist das Gegentheil von sich verzechen, Verzicht thun; (Siehe oben unter dem Worte verzeihen) auch ist es das Gegentheil von verzeihen, vergeben. Es heißt also im ersten Verstände etwas begehren, etwas haben wollen. (VIII. 39.) Sagt, was wollen die sich zeihn, Wenn sie eigennützig sevn? Wenn sie das gemeine Heil Messen nach dem eignen Theil? u. s. w. Eben so sagt «vpirz im A.obe des Rriegcsgortes: (v. 676.) „--Was zeiht Achilles sich, „Sich Nestor, seinen Hals zu setzen in den Stich, „Ulysses gleichfalls auch? Achilles mag regieren „Sein Land Thessalien :e. und im zweyten Verstände heißt es: Schuld geben; wie Luther es schon gebraucht hat: wer kann mich einer Sünde zeihen? Zeilfolge. Dieses Wort ist die Überschrift des 2429tcn Sinngedichts; und bedeutet so viel als, die Kunst sich in die Zeit zu schicken. Wer lieblich singen will, muß fallen bald, bald steigen; Wer ruhig leben will, muß reden itzt, itzt schweigen. Wörterbuch. 356 Aus der ersten Zeile sollte man fast schließen, daß dieses Wort zu Ä.ogaus Zeiten ein musikalisches Kunstwort müsse gewesen seyn. ?uckt- 4. vereeunclia, pudor. Sinngcd. 4267. ---Wicwohls der Brauch verbeut, Und deutsche Zucht nicht will, die auch den Argwohn scheut. Daher kömmt Züchtig, bescheiden; in Süchten und in Ehren; und das Zeitwort zuckten, welches wir in folgender Rede des Sancho Panßa sehr deutlich erkläret finden: „Ich will es Euch „aufrichtig sagen, ein Stück schwarz Brodt, und Zwiebeln dazu, „schmecket mir in meinem Winkel, wo ich für mich bin, und „nicht so zuckten darf, eben so gut, als ein Truthahn in Gesellschaft vornehmer Leute, wo ich ganz langsam essen, und „nur kleine Schlückchcn thun, mir auch aller Augenblicke das „Maul und die Finger abwischen muß, und weder husten, nie- „scn, noch gähnen darf, so sehr mir es auch ankömmt." Don Guixotre. 2 Buch XI Eap. 2. proles, xrotspia; in der Stelle die unter verthun angeführet worden. Aungenhonig, ein poetischer Ausdruck; bedeutet so viel als, schmeichelhafte, liebkosende Reden. Sinngcd. 774. Zungenhonig, Hcrzcnsgift. Fabeln. Drey Bücher. Nebst Abhandlungen mit dieser Dichtungsart verwandten Inhalts 1759. Vorrede. Ich warf, vor Zahr und Tag, einen kritischen Blick auf meine Schriften. Ich hatte ihrer lange genug vergessen, um sie völlig als fremde Geburten betrachten zu können. Ich fand, daß man noch lange nicht so viel Böses davon gesagt habe, als man wohl sagen könnte, und beschloß, in dem ersten Unwillen, sie ganz zu verwerfen. Viel Ueberwindung hätte mich die Ausführung dieses Entschlusses gewiß nicht gekostet. Ich hatte meine Schriften nie der Mühe werth geachtet, sie gegen irgend jemanden zu vertheidigen; so ein leichtes und gutes Spiel mir auch oft der all- 23» 366 Vorrede zu den Fabeln. zuclcndc Angriff dieser lind jener, würde gemacht haben. Dazu kam noch das Gefühl, daß ich itzt meine jugendlichen Vcrgc- hungcn durch bessere Dinge gut machen, und endlich wohl gar in Vergessenheit bringen könnte. Doch indem fielen mir so viel freundschaftliche Leser ein. — Soll ich selbst Gelegenheit geben, daß man ihnen vorwcrffcn kann, ihren Beyfall an etwas ganz Unwürdiges verschwendet zu haben? Ihre nachsichtsvolle Aufmunterung erwartet von mir ein anderes Betragen. Sie erwartet, und sie verdienet, daß ich mich bestrebe, sie, wenigstens nach der Hand, Recht haben zu lassen; daß ich so viel Gutes nunmehr wirklich in meine Schriften so glücklich hineinlege, daß sie es in voraus darum bemerkt zu haben scheinen könne». — Und so nahm ich mir vor, was ich erst vcrrverffen wollte, lieber so viel als möglich zu verbessern. — Welche Arbeit! — Ich hatte mich bey keiner Gattung von Gedichten langer verweilet, als bey der Fabel. Es gefiel mir auf diesem gemeinschaftlichen Raine der Poesie und Moral. Ich hatte die alten und neuen Fabulistcn so ziemlich alle, und die besten von ihnen mehr als einmal gelesen. Ich hatte über die Theorie der Fabel nachgedacht. Ich hatte mich oft gewundert, daß die grade auf die Wahrheit führende Bahn des Acsopus, von den Neuern, für die blumcnrcichcrn Abwege der schwatzhaften Gabe zu crzchlen, so sehr verlassen werde. Ich hatte eine Menge Versuche in der einfältigen Art des alten Phrygicrs gemacht. — Kurz, ich glaubte mich in diesem Fache so reich, daß ich, vors erste meinen Fabeln, mit leichter Mühe, eine neue Gestalt geben könnte. Ich griff zum Werke. — Wie sehr ich mich aber wegen der leichten Mühe gcirrct hatte, das weis ich selbst am besten. Anmerkungen, die man während dem Studieren macht, und nur aus Mißtrauen in sein Gedächtniß auf das Papier wirft; Gedanken, die man sich nur zu haben begnügt, ohne ihnen durch den Ausdruck die nöthige Präcision zu geben; Versuchen, die man nur zu seiner Uebung waget,--fehlet noch sehr viel zu einem Zöncbe. Was nun endlich für eines daraus geworden; — hier ist es! Vorrede zu den Fabel». 367 Man wird nicht mehr als sechse von mciiicn alten Fabeln darin» finden; die sechs prosaischen nehmlich, die mir der Erhaltung am wenigsten nnwcrth schienen. Die übrigen gereimten mögen ans eine andere Stelle warten. Wenn es nicht gar zu sonderbar gelassen hätte, so würde ich sie in Prosa aufgelöset haben. Ohne übrigens eigentlich den Gesichtspunkt, aus welchem ich am liebsten betrachtet zu seyn wünschte, vorzuschreiben, ersuche ich bloß meinen Leser, die Fabeln nicht ohne die Abhandlungen zu beurtheilen. Denn ob ich gleich weder diese jenen, noch jene diesen zum besten geschrieben habe; so entlehnen doch beyde, als Dinge, die zu Einer Zeit in Einem Kopfe entsprungen, allzuviel von einander, als daß sie einzeln und abgesondert noch eben dieselben bleiben könnten. Sollte er auch schon dabey entdecken, daß meine Regeln mit meiner Ausübung nicht allezeit übereinstimmen: was ist es mehr? Er weiß von selbst, daß das Genie seinen Eigensinn hat; daß es den Regeln selten mit Vorsatz folget; und daß diese seine wollüstigen Auswüchse zwar beschneiden, aber nicht hemmen sollen. Er prüfe also in den Fabeln seinen Geschmack, und in den Abhandlungen meine Gründe. — Zch wäre Willens mit allen übrigen Abtheilungen meiner Schriften, nach und nach, auf gleiche Weise zu verfahren. An Vorrath würde es mir auch nicht fehlen, den unnützen Abgang dabey zu ersetzen. Aber an Zeit, an Ruhe--Nichts weiter! Dieses Aber gehöret in keine Vorrede; und das Publicum danket es selten einem Schriftsteller, wenn er es auch in solchen Dingen zu seinem Vertrauten zu machen gedenkt. — So lange der Virtuose Anschlage fasset, Zdccn sammlet, wählet, ordnet, in Plane vertheilet: so lange genießt er die sich selbst belohnenden Wollüste der Empfängnis?. Aber so bald er einen Schritt weiter gehet, und Hand anleget, seine Schöpfung auch ausser sich darzustellen: sogleich fangen die Schmerzen der Geburt an, welchen er sich selten ohne alle Aufmunterung unterziehet. — Eine Vorrede sollte nichts enthalten, als die Geschichte des Buchs. Die Geschichte des mcinigcn war bald crzchlt, und ich müßte hier schlicsscn. Allein, da ich die Gelegenheit^ mit mei- 368 Abhandlungen iiber die Fabel. nen Lesern zu sprechen, so selten ergrciffc, so erlaube man mir, sie einmal zu mißbrauchen. — Ich bin gezwungen mich über einen bekannten Scribcntcn zu beklagen. Herr Dusch hat mich durch seine bevollmächtigte Freunde, seit geraumer Zeit, auf eine sehr nichtswürdige Art mißhandeln lassen. Zch meine mich, den Menschen; denn daß es seiner siegreichen Critik gefallen hat, mich, den Schriftsteller, in die Pfanne zu hauen, das würde ich mit keinem Worte rügen- Die Ursache seiner Erbitterung sind verschiedene Critikcn, die man in der Bibliothek der schönen IVifsenschafren, und in den Briefen die neueste Litteratur betreffend, über seine Werke gemacht hat, und Er auf meine Rechnung schreibet. Zch habe ihn schon öffentlich von dem Gegentheile versichern lassen; die Verfasser der Bibliothek sind auch nunmehr genugsam bekannt; und wenn diese, wie er selbst behauptet, zugleich die Verfasser der Briefe sind: so kann ich gar nicht bcgrciffcn, warum er seinen Zorn an mir ausläßt. Vielleicht aber muß ein ehrlicher Mann, wie Er, wenn es ihn nicht todten soll, sich seiner Galle gegen einen Unschuldigen entladen; und in diesem Falle stehe ich seiner Kunstrichtcrcy, und dem Abcrwitzc seiner Freunde und seiner Freundinnen, gar gern noch scrncr zu Diensten, und wicdcr- rufe meine Klage. Abhandlungen. I. Von dem Wesen der Fabel. Jede Erdichtung, womit der Poet eine gewisse Absicht verbindet, heißt seine Fabel. So heißt die Erdichtung, welche er durch die Epopcc, durch das Drama herrschen läßt, die Fabel seiner Epopcc, die Fabel seines Drama. Von diesen Fabeln ist hier die Rede nicht. Mein Gegenstand ist die sogenannte Aesopische Fabel. Auch diese ist eine Erdichtung; eine Erdichtung, die auf einen gewissen Zweck abzielet. Man erlaube mir, gleich Anfangs einen Sprung in die Mitte meiner Materie zu thun, um eine Anmerkung daraus hcrzuhohlen, auf die sich eine gewisse Eintheilung der Acsopischcn I. Bon dem Wesen der Fabel. 369 Fabel gründet, deren ich in der Folge zu oft gedenken werde, und die mir so bekannt nicht scheinet, daß ich sie, auf gut Glück, bey meinen Lesern voraussetzen dürfte. Aesopus machte die meisten seiner Fabeln bey wirklichen Vorfällen. Seine Nachfolger haben sich dergleichen Vorfälle meistens erdichtet, oder auch wohl an ganz und gar keinen Vorfall, sondern bloß an diese oder jene allgemeine Wahrheit, bey Verfertigung der ihrigen, gedacht. Diese begnügten sich folglich, die allgemeine Wahrheit, durch die erdichtete Geschichte ihrer Fabel, erläutert zu haben; wenn jener noch über dieses, die Ähnlichkeit seiner erdichteten Geschichte mit dem gegenwärtigen wirklichen Vorfalle faßlich machen, und zeugen mußte, daß aus beyden, so wohl aus der erdichteten Geschichte als dem wirklichen Vorfalle, sich eben dieselbe Wahrheit bereits ergebe, oder gewiß ergeben werde. Und hieraus entspringt die Einthcilung in einfache und zusammengesetzte Fabeln. Einfach ist die Fabel, wenn ich aus der erdichteten Begebenheit derselben, bloß irgend eine allgemeine Wahrheit folgern lasse. — „Man machte der Löwin den Vorwurf, daß sie nur „ein Junges zur Welt brächte. Za, sprach sie, nur eines; „aber einen Löwen*." — Die Wahrheit, welche in dieser Fabel liegt, vi't 50 xcx/^ov oi^sc ?r//>^xi,, «XX? leuchtet sogleich in die Augen; und die Fabel ist einfach, wenn ich es bey dem Ausdrucke dieses allgemeinen Satzes bewenden lasse. Zusammengesetzt hingegen ist die Fabel, wenn die Wahrheit, die sie uns anschauend zu erkennen giebt, auf einen wirklich geschehenen, oder doch, als wirklich geschehen, angenommenen Fall, weiter angewendet wird. — „Ich mache, sprach ein höhnischer Reimer zu dem Dichter, in einem Jahre sieben Trauerspiele; aber du? Zn sieben Jahren eines! Recht; nur eines! „versetzte der Dichterz aber eine Achalie!" — Man mache dieses zur Anwendung der vorigen Fabel, und die Fabel wird zusammengesetzt. Denn sie besteht nunmehr gleichsam aus Zwey Fabeln, aus zrvey einzeln Fällen, in welchen beyden ich die Wahrheit eben desselben Lehrsatzes bestätiget finde. ° I'iwul, H,i-s»t>> S16. I5t>i>. ^WSVM^iB^^ .N^MSKNMI^W»» ZL0 Abhandlungen iibcr die Fabel. Diese Einthcilung aber — kaum brauche ich es zu erinnern — beruhet nicht auf einer wesentlichen Verschiedenheit der Fabeln selbst; sondern bloß auf der vcrschicdncn Bearbeitung derselben. Und ans dem Exempel schon hat man es ersehen, daß eben dieselbe Fabel bald einfach, bald zusammengesetzt seyn kann. Bey dem Phädrus ist die Fabel von Sem kreissenden Nerge, eine einfache Fabel. — — Hoe scrlptum eK tibi, (jui mgAna cum miniU'Is, vxtricas nikil. Ein jeder, ohne Unterschied, der grosse und fürchterliche Anstalten einer Nichtswürdigkeit wegen macht; der sehr weit aushöhlt, um einen sehr kleinen Sprung zu thun; jeder Prahler, jeder vielversprechende Thor, von allen möglichen Arten, siehet hier sein Bild! Bey unserm Hagedorn aber, wird eben dieselbe Fabel zu einer zusammengesetzten Fabel, indem er einen gcbäh- rendcn schlechten Poeten zu dem besondern Gcgcnbilde des kreissenden Berges macht. Ihr Götter rettet! Menschen flieht! Ein schwangrer Berg beginnt zu kreisscn, Und wird itzl, eh man fichs versieht, Mit Sand und Schollen um sich schmeissen ic. Suffenus schwitzt und lennt und schäumt: Nichts kann den hohen Eifer zähmen; Er stampft, er knirscht: warum? er reimt, Und will itzt den Homer beschämen:c. Allein gebt Acht, was kömmt heraus? Hier ein Sonnet, dort eine Maus. Diese Einthcilung also, von welcher die Lehrbücher der Dichtkunst ein tiefes Stillschweigen beobachten, ohngcachtct ihres mannichfaltigen Nutzens in der richtigern Bestimmung verschiedener Regeln: diese Einthcilung, sage ich, vorausgesetzt; will ich mich auf den Weg machen. Es ist kein unbctrctcncr Weg. Ich schc cinc Menge Fußtapfcu vor mir, die ich zum Theil untersuchen muß, wenn ich überall sichere Tritte zu thun gedenke. Und in dieser Absicht will ich sogleich die vornehmsten Erklä- I. Von dem Wesen der Fabel. 361 klingen prüfen, welche meine Vorgänger von der Fabel gegeben haben. De la Motte- Dieser Mann, welcher nicht so wohl ein grosses poetisches Genie, als ein guter, aufgeklärter Kopf war, der sich an mancherley wagen, und überall erträglich zu bleiben hoffen durfte, erklärt die Fabel durch eine unter die Allegone einer Handlung versteckte K.ehre°. Als sich der Sohn des stolzen Tarquinius bey den Gabiern inmmchr fest gesetzt hatte, schickte er heimlich einen Bothen an seinen Vater, und ließ ihn fragen, was er weiter thun solle? Der König, als der Boche zu ihm kam, befand sich eben auf dem Felde, hub seinen Stab auf, schlug den höchsten Mahn- stängeln die Häupter ab, und sprach zu dem Bothen: Geh, und erzehle meinem Sohne, was ich itzt gethan habe! Der Sohn verstand den stummen Befehl des Vaters, und ließ die Vornehmsten der Gabier hinrichten— Hier ist eine allegorische Handlung; hier ist eine unter die Allegorie dieser Handlung vcr. steckte Lehre: aber ist hier eine Fabel? Kann man sagen, daß iLarquimos seine Meinung dem Sohne durch eine Fabel habe wissen lassen? Gewiß nicht! . Jener Vater, der seinen uneinigen Söhnen die Vortheile der Eintracht an einem Bündel Ruthen zeigte, das sich nicht anders als stückweise zerbrechen lasse, machte der eine Fabel"**? Aber wenn eben derselbe Vater seinen uneinigen Söhnen erzählt hätte, wie glücklich drey Stiere, so lange sie einig waren, den Löwen von sich abhielten, und wie bald sie des Löwen Raub wurden, als Zwietracht unter sie kam, und jeder sich seine eigene Weide suchte-j-: alsdcnn hätte doch der Vater seinen Söhnen ihr Bestes in einer Fabel gezeigt? Die Sache ist klar. Folglich ist es eben so klar, daß die Fabel nicht bloß eine allegorische Handlung, sondern die iLrzehlung einer solchen ° l^Ä r'illile ktt uns iiislruvlion «loAuilve sons l'sUöAorii! tl'mle »etioii. Oi/co»?'» /« ^/. 17l. 1- »97. 362 Abhandlungen über die Fabel. Handlung seyn kann. Und dieses ist das erste, was ich wider die Erklärung des de la Motte zu erinnern habe. Aber was will er mit seiner Allegorie? — Ein so fremdes Wort, womit nur wenige einen bestimmten Begriff verbinden, sollte überhaupt aus einer guten Erklärung verbannt scl)n. — Und wie, wenn es hier gar nicht einmal an seiner Stelle stünde? Wenn es nicht wahr wäre, daß die Handlung der Fabel an sich selbst allegorisch sey? Und wenn sie es höchstens unter gewissen Umständen nur werden könnte? (üninrilian lehret: ^X^o^t«, yuam InverUonem interpre- ramm-, alinä verdis, sliuä l'vnt'u oUenclit, so etiam Interim contra- i'ium". Die Allegorie sagt das nicht, was sie nach den Worten zu sagen scheinet, sondern etwas anders. Die neuern Lehrer der Rhetorik erinnern, daß dieses etwas andere auf etwas anderes ähnliches einzuschränken sey, weil sonst auch jede Ironie eine Allegorie seyn würde*". Die letztem Worte des Guinrilians, ae etiam Interim contraiium, sind ihnen hierum zwar offenbar zuwider: aber es mag seyn. Die Allegorie sagt also nicht, was sie den Worten nach zu sagen scheinet, sondern etwas ähnliches. Und die Handlung der Fabel, wenn sie allegorisch seyn soll, muß das auch nicht sagen, was sie zu sagen scheinet, sondern nur etwas ähnliches? Wir wollen sehen! — „Der Schwächere wird gemeiniglich ein Raub des Mächtigern." Das ist ein allgemeiner Satz, bey welchem ich mir eine Reihe von Dingen gedenke, deren eines immer stärker ist als das andere; die sich also, nach der Folge ihrer vcrschicdncn Stärke, unter einander aufreiben können. Eine Reihe von Dingen! Wer wird lange und gern den öden Begriff eines Dinges denken, ohne auf dieses oder jenes besondere Ding zu fallen, dessen Eigenschaften ihm ein deutliches Bild gewähren? Ich will also auch hier, anstatt dieser Reihe von unbestimmten Dingen, eine Reihe bestimmter, wirklicher Dinge annehmen. Ich könnte mir in der Geschichte ° guluclilianuii lili. Vlll, c»i>, k> "° ^.Ilexori» Uivilur, ,Xc> /^.cv wz.'o^k'uci,, «>,>,<> vokt. I5l Muck «>,>,o reslrinxi «leliet au »Uuat. ///> I. Von dem Wesen der Fabel. 363 eine Rcihc von Staaten oder Königen suchen; aber wie viele sind in der Geschichte so bewandert, daß sie, so bald ich meine Staaten oder Könige nur nennte, sich der Verhältnisse, in welchen sie gegen einander an Größe und Macht gestanden, erinnern könnten? Zch würde meinen Satz nur wenigen faßlicher gemacht haben; und ich möchte ihn gern allen so faßlich, als möglich, machen. Zch falle auf die Thiere; und warum sollte ich nicht eine Rcihc von Thicrcn wählcn dürfen; besonders wenn es allgemein bekannte Thiere waren? Ein Aucr- hahn — ein Marder — ein Fuchs — ein Wolf — Wir kennen diese Thiere; wir dürfen sie nur nennen hören, um sogleich zu wissen, wclchcs das stärkere oder das schwächere ist. Nunmehr heißt mein Satz: der Marder frißt den Auerhahn; dcr Fuchs dcn Mardcr; dcn Fuchs der Wolf. Er frißr? Er frißt vielleicht auch nicht. Das ist mir noch nicht gewiß genug. Zch sage also: er fraß. Und siehe, mein Satz ist zur Fabel geworden! Ein Mardcr fraß dcn Auerhahn; 5cn Mardcr würgt ein Fuchs; den Fuchs des Wolfes Zahn". Was kann ich nun sagen, daß in dicscr Fabel für eine Allegorie liege? Dcr Auerhahn, dcr Schwächste; dcr Mardcr, der Schwache; dcr Fuchs, dcr Starke; dcr Wolf dcr Stärkste. Was hat dcr Auerhahn mit dem Schwächsten, dcr Mardcr mit dem Schwachen, u. f. w. hicr ähnliches? Aehnlickes! Gleichet hicr bloß dcr Fuchs dem Starken, und dcr Wolf dem Stärksten; oder ist jener hicr dcr Starke, so wie dicscr der Stärkste? Er ist es. — Kurz; es heißt die Worte auf eine kindische Art mißbrauchen, wenn man sagt, daß das Besondere mit seinem Allgemeinen, das Einzelne mit seiner Art, die Art mit ihrem Geschleckte eine Aehnlickkeit habe. Zst dieser Windhund, einem Windhunde überhaupt, und ein Vvindhund überhaupt, cincm -Hunde ähnlich? Eine lächerliche Frage! — Findet sich nun aber unter dcn bestimmten Subjecten dcr Fabel, und den allgemeinen Subjecten ihres Satzes keine Aehnlickkeit, so kann auch keine Allegorie unter ihnen Statt haben. Und das Nehmliche läßt sich auf die nehmliche Art von dcn bcydcrscitigcn Prädicatcn erweisen. ° von Hagedorn; Fabeln und Erzchlungen, erstes Buch. S. 77. 364 Abhandlungen über die Fabel. Vielleicht aber meinet jemand, daß die Allegorie hier nicht auf der Achnlichkcit zwischen den bestimmten Subjecten oder Prädikaten der Fabel und den allgemeinen Subjecten oder Prä- dicatcn des Satzes, sondern auf der Achnlichkcit der Arten, wie ich ebendieselbe Wahrheit, itzt durch die Bilder der Fabel, und itzt vermittelst der Worte des Satzes erkenne, beruhe. Doch das ist so viel, als nichts. Denn käme hier die Art der Erkenntniß in Betrachtung, und wollte man bloß wegen der anschauenden Erkenntniß, die ich vermittelst der Handlung der Fabel von dieser oder jener Wahrheit erhalte, die Handlung allegorisch nennen: so wurde in allen Fabeln ebendieselbe Allegorie seyn, welches doch niemand sagen will, der mit diesem Worte nur einigen Begriff verbindet. Ich befürchte, daß ich von einer so klaren Sache viel zu viel Worte mache. Zch sasse daher alles zusammen und sage: die Fabel, als eine einfache Fabel, kann unmöglich allegorisch seyn. Man erinnere sich aber meiner obigen Anmerkung, nach welcher eine jede einfache Fabel auch eine zusammcngescizre werden kann. Wie wann sie alsdcnn allegorisch rvürve? Und so ist es. Denn in der zusammengesetzten Fabel wird ein besonderes gegen das andre gehalten; zwischen zwey oder mehr Besondern, die unter eben demselben Allgemeinen begriffen sind, ist die Aehnlichkeir unwidcrsprechlich, und die Allegorie kann folglich Statt finden. Nur muß man nicht sagen, daß die Allegorie zwischen der Fabel und dem moralischen Satze sich befinde. Sie befindet sich zwischen der Fabel und dem wirklichen Falle, der zu der Fabel Gelegenheit gegeben hat, in so fern sich aus beyden ebendieselbe Wahrheit crgicbt. — Die bekannte Fabel vom Pferde, das sich von dem Manne den Zaum anlegen ließ, und ihn auf seinen Rücken nahm, damit er ihm nur in seiner Rache, die es an dem Hirsche nehmen wollte, bchülflich wäre: diese Fabel sage ich, ist in so fern nicht allegorisch, als ich mit dem Phaorus" bloß die allgemeine Wahrheit daraus ziehe: Im^ukio potiiis kväi, «mani clvlli ulteri. " I.W. IV. lal!. 3. I. Von dem Wcscn der Fabel. 365 Bey der Gelegenheit nur, bey welcher sie ihr Erfinder Stesi- chorns crzchltc, ward sie es. Er crzchlte sie nehmlich, als die -Himerenscr den Phalan's zum obersten Befehlshaber ihrer Kricgsvölkcr gemacht hatten, und ihm noch dazu eine Leibwache geben wollten. „O ihr Himerenser, rief er, die ihr so fest „entschlossen seyd, euch an euren Feinden zu rächen; nehmet „euch wohl in Acht, oder es wird euch wie diesem Pferde „ergehen! Den Zaum habt ihr euch bereits anlegen lassen, in- „dcm ihr den Phalaris zu eurem Heerführer mit unumschränk- „tcr Gewalt, ernannt. Wollt ihr ihm nun gar eine Leibwache „geben, wollt ihr ihn aufsitzen lassen, so ist es vollends um „eure Freyheit gethan."" — Alles wird hier allegorisch! Aber einzig und allein dadurch, daß das Pferd, hier nicht auf jeden Beleidigten, sondern auf die beleidigten -Himcrcnser; der Hirsch nicht auf jeden Beleidiger, sondern auf die Feinde der Himc- renser; der Mann nicht auf jeden listigen Unterdrücker, sondern auf den Phalaris; die Anlegung des Zaums nicht auf jeden ersten Eingriff in die Rechte der Freyheit, sondern auf die Ernennung des Phalaris zum unumschränkten Heerführer; und das Aufsitzen endlich, nicht auf jeden letzten tödlichen Stoß, welcher der Freyheit beygebracht wird, sondern auf die dem Phalaris zu bewilligende Leibwache, gezogen und angewandt wird. Was folgt nun aus alle dem? Dieses: da die Fabel nur alsdcnn allegorisch wird, wenn ich dem erdichteten einzeln Falle, den sie enthält, einen andern ähnlichen Fall, der sich wirklich zugetragen hat, entgegen stelle; da sie es nicht an und für sich selbst ist, in so scrn sie eine allgemeine moralische Lehre enthält: so gehöret das Wort Allegorie gar nicht in die Erklärung derselben. — Dieses ist das zweyte, was ich gegen die Erklärung des de lg Motte zu erinnern habe. Und man glaube ja nicht, daß ich es bloß als ein müssigcS, überflüssiges Wort daraus vcrdrcngcn will. Es ist hier, wo es steht, ein höchst schädliches Wort, dem wir vielleicht eine Menge schlechter Fabeln zu danken haben. Man begnüge sich nur, die Fabel, in Ansehung des allgemeinen Lehrsatzes, bloß ° ^Vi'Molews Nlielor, Ii>i> II. <ü>i>, S0. 366 Abhandlungen über die Fabel. allegorisch zu machen; und man kann sicher glauben, eine schleckte Fabel gemacht zu haben. Ist aber eine schlechte Fabel eine Fabel? — Ein Exempel wird die Sache in ihr völliges Licht setzen. Ich wchle ein altes, um ohne Mißgunst Recht haben zu können. Die Fabel nehmlich von dem Mann und dem Satyr. „Der Mann bläset in seine kalte Hand, „um seine Hand zu wärmen; und bläset in seinen hcisscn Brey, „um seinen Brey zu kühlen. Was? sagt der Satyr; du blä- „scst aus einem Munde Warm und Kalt? Geh, mit dir mag „ich nichts zu thun haben!*" — Diese Fabel soll lehren, »r-, lsx-, ivv o-^l,cs>c^ZoX,o? x0"Z-tV ^ >5i«- ^-o-l?; die Freundschaft aller Zweyzünglcr, aller Doppellcute, aller Falschen zu fliehen. Lehrt sie das? Ich bin nicht der erste der es leugnet, und die Fabel für schlecht ausgicbt. Richer*" sagt, sie sündige wider die Richtigkeit der Allegorie; ihre Moral sey weiter nichts als eine Anspielung, und gründe sich auf eine blosse Zweydeutigkeit. Richer hat richtig empfunden, aber seine Empfindung falsch ausgedrückt. Der Fehler liegt nicht sowohl darinn, daß die Allegorie nicht richtig genug ist, sondern darinn, daß es weiter nichts als eine Allegorie ist. Anstatt daß die Handlung des Mannes, die dem Satyr so anstössig scheinet, unter dem allgemeinen Subjecte des Lehrsatzes wirklich begriffen seyn sollte, ist sie ihm bloß ähnlich. Der Mann sollte sich eines wirklichen Widerspruchs schuldig machen; und der Widerspruch ist nur anscheinend. Die Lehre warnet uns vor Leuten, die von ebenderselben Sache sa und nein sagen, die ebendasselbe Ding loben und tadeln: und die Fabel zeiget uns einen Mann, der seinen Athem gegen verschiedene Dinge verschieden braucht; der auf ganz etwas anders itzt seinen Athem warm haucht, und auf ganz etwas anders ihn itzt kalt bläset. Endlich, was läßt sich nicht alles allegorisiren! Man nenne mir das abgeschmackte Mährchcn, in welches ich durch die Allegorie nicht einen moralischen Sinn sollte legen können! — „Die ° ?»>>. ^etox. 12k. "° - - eonti-e I» ^»stelle I'alleZorie. - - 8» morsle >i>st qu'lln« Illusion, ,5 ii'ekt konä«e yuo lui ^eu >>v mols eyuivoiiues. Fai/. I. Von dem Wcscii der Fabel. 367 „Mitkncchte des Aesopus gelüstet nach den trefflichen Feigen „ihres Herrn. Sie essen sie auf, und als es zur Nachfrage „kömmt, soll es der gute Acsop gethan haben. Sich zu rechtfertigen, trinket Aesop in grosser Menge laues Wasser; und „seine Mitkncchte müssen ein gleiches thun. Das laue Wasser „hat seine Wirkung, und die Näschcr sind entdeckt."-- Was lehrt uns dieses Histörchen? Eigentlich wohl weiter nichts, als daß laues Wasser, in grosser Menge getrunken, zu einem Brechmittel werde? Und doch machte jener pcrsiche Dichter" einen weit cdlcrn Gebrauch davon. „Wenn man euch," spricht er, „an jenem grossen Tage des Gerichts, von diesem warmen ,und siedenden Wasser wird zu trinken geben: alsdcnn wird „alles an den Tag kommen, was ihr mit so vieler Sorgfalt „vor den Augen der Welt verborgen gehalten; und der Heuchler, den hier seine Verstellung zu einem ehrwürdigen Manne „gemacht hatte, wird mit Schande und Verwirrung überhäuft „dastehen!" — Vortrefflich! Ich habe nun noch eine Kleinigkeit an der Erklärung des Ve la Motte auszusetzen. Das Wort Ä.ehre (inNi-uetwn) ist zu unbestimmt und allgemein. Zst jeder Zug aus der Mythologie, der auf eine physische Wahrheit anspielet, oder in den ein tiefsinniger Vaco wohl gar eine transcenvent«lischc Lehre zu legen weis, eine Fabel? Oder wenn der seltsame -Holberg crzchlct: „Die Mutter des Teufels übergab ihm cinsmals vier Ziegen, „um sie in ihrer Abwesenheit zu bewachen. Aber diese machten „ihm so viel zu thun, daß er sie mit aller seiner Kunst und „Gcschicklichkcit nicht in der Zucht halten konnte. Dicsfalls „sagte er zu seiner Mutter nach ihrer Zurückkunft: Liebe Mut- „tcr, hier sind eure Ziegen! Ich will lieber eine ganze Com- „ pagnic Reuter bewachen, als eine einzige Ziege." — Hat -Holberg eine Fabel crzchlct? Wenigstens ist eine Lehre in diesem Dinge. Denn er setzet selbst mit ausdrücklichen Worten dazu: ° //«>»'öek>6 A-ö/. O^ie»/. /> 5tk. I^or«iui »urü »cn.»!?- ne I'esüms p»r son IivvooriNe 6" par son usAiiisemeiil, svrs pour lors couvert >Ie Iionle et äe oonkusion. 368 Abhandlungen über die Fabel. „Diese Fabel zeiget, daß keine Kreatur weniger in der Zucht zu „halten ist, als eine Ziege"."— Eine wichtige Wahrheit! Niemand hat die Fabel schändlicher gemißhandelt, als dieser -Holder«. ! — Und es. mißhandelt sie jeder, der eine andere als moralische Aehre darum vorzutragen, sich einfallen läßt. Richer. Richer ist ein andrer französischer Fabulist, der ein wenig besser crzchlct als de la Motte, in Ansehung der Erfindung aber, weit unter ihm stehet. Auch dieser hat uns seine Gedanken über diese Dichtungsart nicht vorenthalten wollen, und erklärt die Fabel durch ein kleines Gedicht, das irgend eine unter einem allegorischen Zdilde versteckte Regel enthalte"". Richer hat die Erklärung des de la Motte offenbar vor Augen gehabt. Und vielleicht hat er sie gar verbessern wollen. Aber das ist ihm sehr schlecht gelungen. Wn kleines Gedicht? (k»oome) — Wenn Richer das Wesen eines Gedichts in die blosse Fiction setzet: so bin ich es zufrieden, daß er die Fabel ein Gedicht nennet. Wenn er aber auch die poetische Sprache und ein gewisses Sylbcnmaaß, als nothwendige Eigenschaften eines Gedichtes betrachtet: so kann ich seiner Meinung nicht seyn. — Ich werde mich weiter unten hierüber ausführlicher erklären. Eine Regel? (proccptv) — Dieses Wort ist nichts bestimmter, als das Wort K.ehre des de la Motte. Alle Künste, alle Wissenschaften haben Regeln, haben Vorschriften. Die Fabel aber stehet einzig und allein der Moral zu. Von einer andern Seite hingegen betrachtet, ist Regel oder Vorschrift hier so gar noch schlechter als L.chre; weil man unter Ncgcl und Vorschrift eigentlich nur solche Sätze verstehet, die unmittelbar auf die Bestimmung unsers Thuns und Lasscns gehen. Von dieser Art aber sind nicht alle moralische Lehrsätze der Fabel. Ein grosser Theil derselben sind Erfahruiigssätzc, die uns nicht sowohl von dem, was geschehen sollte, als vielmehr von dem, was wirklich geschiehet, unterrichten. Ist die Sentenz: ° Moralische Fabeln des Baron von Holbcrgs S. 103. "° I.» ?,il)lv e5i un nelit ?oeme qui cviitlc»! un xreceple caclw sous v»e imkxe sIIeZoriliue, «oul-c//e5 /^'e/ace /». S. I. Von dem Wcsc» der Fabel. In priiiclvatu eommutancko elvium I^il prseter clomlni nomen mutant panpvros; eine Regel, eine Vorschrift? Und gleichwohl ist sie das Resultat einer von den schönsten Fabel» des Phadrus °. Es ist zwar wahr, aus jedem solchen Erfahrungssatze können leicht eigentliche Vorschriften und Regeln gezogen werden. Aber was in dem fruchtbaren Satze liegt, das liegt nicht darum auch in der Fabel. Und was müßte das für eine Fabel seyn, in welcher ich den Satz mit allen seinen Folgerungen auf einmal, anschauend erkennen sollte? Unter einem allegorischen Bilde? — Ueber das Allegorische habe ich mich bereits erkläret. Aber Bild! (ImsZo) Unmöglich kann Richer dieses Wort mit Bedacht gcwehlt haben. Hat er es vielleicht nur ergriffen, um vom de la Motte lieber auf Gerathcwohl abzugehen, als nach ihm Recht zu haben? — Ein Bild heißt überhaupt jede sinnliche Vorstellung eines Dinges nach einer einzigen ihm zukommenden Veränderung. Es zeigt mir nicht mehrere, oder gar alle mögliche Veränderungen, deren das Ding fähig ist, sondern allein die, in der es sich in einem und ebendemselben Augenblicke befindet. Zn einem Bilde kann ich also zwar wohl eine moralische Wahrheit erkennen, aber es ist darum noch keine Fabel. Der mitten im Wasser dürstende Tantalus ist ein Bild, und ein Bild, das mir die Möglichkeit zeiget, man könne auch bey dem größten Ucbcrflussc darben. Aber ist dieses Bild deswegen eine Fabel? So auch folgendes kleine Gedicht: l^urlll voloei penclons in novaoula, Oalvus, eomosa fronte, nuclo eornoro, Huem 5i oceunmis, tvooss; olaptum femvl Non iple pollit ^uniter ropreliendere; Occasionom rerum lignilieat drevvm. IZKoctus impoäiret n. IS, L-Mngs Wcrke v. 2i 37(1 Abhandlungen iibcr die Fabel. läßt?" Ein jedes Gleichniß, ein jedes Emblem» würde cinc Fabel seyn, wenn sie nicht eine Mannigfaltigkeit von Bildern, und zwar zu Einem Zwecke übereinstimmenden Bildern; wenn sie, mit einem Worte, nicht das nothwendig erforderte, was wir durch das Wort -Handlung ausdrücken. Eine -Handlung nenne ich, eine Folge von Veränderungen, die zusammen Ein Ganzes ausmachen. Diese Einheit des Ganzen beruhet auf der Uebereinstimmung aller Theile zu einem Endzwecke. Der Endzweck der Fabel, das, wofür die Fabel erfunden wird, ist der moralische Lehrsatz. Folglich hat die Fabel eine -Handlung, wenn das, was sie crzchlt, cinc Folge von Veränderungen ist, und jede dieser Veränderungen etwas dazu beyträgt, die einzeln Begriffe, aus welchen der moralische Lehrsatz bestehet, anschauend crkcnncn zu lasscn. Was die Fabcl crzchlt, muß cinc Folge von Veränderungen seyn. Eine Vcrändcrung, odcr auch mchrcrc Veränderungen, die nur neben einander bestehen, und nicht auf einander folgen, wollen zur Fabcl nicht zureichen. Und ich kann cs für cinc imtricglichc Probc ausgeben, daß cinc Fabcl schlccht ist, daß sie dcn Namcn dcr Fabcl gar nicht vcrdienct, wcnn ihre vcrmcintc Handlung sich ganz mahlen läßt. Sie cnlhält als- denn cin bloßcs Bild, und dcr Mablcr hat keine Fabcl, sondern ein Emblema gemahlt. — „Ein Fischer, indem er sein „Netz aus dem Mccrc zog, blieb dcr grossem Fische, die sich „darinn gefangen hatten, zwar habhaft, die kleinsten aber „schlüpften durch das Netz durch, und gelangte» glücklich wieder „ins Wasser." — Diese Erzchlung befindet sich unter dcn Ac- sopischcn Fabeln abcr sie ist kcinc Fabcl; wenigstens cinc sehr mittclmcisslgc. Sie hat kcinc Handlung, sic enthält cin blosses einzelnes Factum, das sich ganz mahlen läßt; und wcnn ich dieses einzelne Factum, dieses Zurückbleiben dcr grösscrn und dieses Durchschlüpfen dcr kleinen Fische, auch mit noch so viel andern Umständen erweiterte, so würde doch in ihm allein, ° I.idr. V. ?s>). 8. " ?!>>-. ^olop. 126. I. Aon dem Wesen der Fabel. 371 lind nicht in den andern Umständen zugleich mit, der moralische Lehrsatz liegen. Doch nicht genug, daß das, was die Fabel erzehlt, eine Folge von Veränderungen ist; alle diese Vcrändcrnngcn müssen zusammen nur einen einzigen anschauenden Begriff in mir erwecken. Erwecken sie deren mehrere, liegt mehr als ein moralischer Lehrsatz in der vermeinten Fabel, so fehlt der Handlung ihre Einheit, so fehlt ihr das, was sie eigentlich zur Handlung macht, und sie kann, richtig zu sprechen, keine Handlung, sondern muß eine Begebenheit hcisscn. — Ein Exempel: I^ueornam lur aeeonäit vx i>i» ^ov!s, Isttumtzue comj>il»v!t acl lumon tuum; Onuktus e>ui lacrlloFio cum lliteolloict, üo^vntv vocom saneta iinsit livliFio: kl.ilorum c^uamvis istu suorint muuora, Nilinzuo iiniks, ut »o» ollonclar sulni^i; 'kamen, t'cclcsto, t^>Intu culpmn lucs, Olim cum inlkcri^tus vonoiit pmnlv tlics. 8ocl nc iZnis nottor sacinc»! ^rivlueest, «^uom veronäos vxeolit piotas Doos, Vota ctlo tslv luminis eommorcium. Iw Iioclic, noe lucornsm llv ilamma Ovüm IXce clv lueorna las vst »cccncli s-leium. Was hat man hier gelesen? Ein Histörchen; abcr keine Fabel. Ein Histörchen trägt sich zu; eine Fabel wird erdichtet. Von der Fabel also muß sich ein Grund angeben lassen, warum sie erdichtet worden; da ich den Grund, warum sich jenes zugetragen, weder zu wissen noch anzugeben gehalten bin. Was wäre mm der Grund, warum diese Fabel erdichtet worden, wenn es anders eine Fabel wäre? Recht billig zu urtheilen, könnte es kein andrer als dieser seyn: der Dichter habe einen wahrscheinlichen Anlaß zu dem doppelten Verbote, weder von dem heiligen Feuer ein gemeines Ä.ichc, noch von einem gemeinen dickte das heilige Feuer anzuzünden, crzchlcn wollen. Abcr wäre das eine moralische Absicht, dergleichen der Fabulist doch nothwendig haben soll? Zur Noth könnte zwar dieses einzelne Verbot zu einem Bilde des allgemeinen Verbots dienen, daß das 24» 372 Abhandlungen über die Fabel. -Heilige mit dem Unheiligen, das Gute mit dem Bösen in keiner Gemeinschaft stehen soll. Aber was tragen alsdcnn die übrigen Theile der Erzchlung zu diesem Bilde bey? Zu diesem gar nichts; sondern ein jeder ist vielmehr das Bild, der einzelne Fall einer ganz andern allgemeinen Wahrheit. Der Dichter hat es selbst empfunden, und hat sich aus der Verlegenheit, welche Lehre er allein daraus ziehen solle, nicht besser zu rcisscn gewußt, als wenn er deren so viele daraus zöge, als sich nur immer ziehen liessen. Denn er schließt: Huot res contineat Iioe si-Anmontum utilos, Aon explicakit slius, tzusm e>i<:ile milve» siUi» ?ars potterlor Z. 3V2-323. Dieser Theil erschien 1734, und die Breitingcrschc Dichtkunst erst das Jahr darauf. " Principes itteriUnre, 1'oms II. I. Partie p> V. /Vnolosuo elt te recit o?une »clio» sUegorillue Lc. I. Von dem Wesen der Fabel. 376 macht haben, welche die Probe halten. — „Zwey Hähne käm- „pfcn mit einander. Der Besiegte verkriecht sich. Der Sieger „fliegt auf das Dach, schlägt stolz mit den Flügeln und krä- „hct. Plötzlich schießt ein Adler auf den Sieger herab, und „zerfleischt ihn"." — Ich habe das allezeit für eine sehr glückliche Fabel gehalten; und doch fehlt ihr, nach dem Vatteux, die Handlung. Denn wo ist hier eine Unternehmung, die mit Wahl und Absicht geschähe? — „Der Hirsch betrachtet sich in ,, einer spiegelnden Quelle; er schämt sich seiner dürren Läuftc, „und freuet sich seines stolzen Geweihes. Aber nicht lange! „Hinter ihm ertönet die Zagd; seine dürren Läuftc bringen ihn „glücklich ins Gehölze; da verstrickt ihn sein stolzes Geweih; „er wird erreicht"*." — Auch hier sehe ich keine Unternehmung, keine Absicht. Die Zagd ist zwar eine Unternehmung, und der fliehende Hirsch hat die Absicht sich zu retten; aber beyde Umstände gehören eigentlich nicht zur Fabel, weil man sie, ohne Nachtheil derselben, weglassen und verändern kann. Und dennoch fehlt es ihr nicht an Handlung. Denn die Handlung liegt in dem falsch befundenen Urtheile des Hirsches. Der Hirsch urtheilet falsch; und lernet gleich darauf aus der Erfahrung, daß er falsch geurtheilct habe. Hier ist also eine Folge von Veränderungen, die einen einzigen anschauenden Begriff in mir erwecken. — Und das ist meine obige Erklärung der Handlung, von der ich glaube, daß sie auf alle gute Fabeln passen wird. Giebt es aber doch wohl Kunstrichtcr, welche einen noch engern, und zwar so materiellen Begriff mit dem Worte -Handlung verbinden, daß sie nirgends Handlung sehen, als wo die Körper so thätig sind, daß sie eine gewisse Veränderung des Raumes erfordern. Sie finden in keinem Trauerspiele Handlung, als wo der Liebhaber zu Füssen fällt, die Prinzessin ohnmächtig wird, die Helden sich palgcn; und in keiner Fabel, als wo der Fuchs springt, der Wolf zerreisset, und der Frosch die Maus sich an das Bein bindet. Es hat ihnen nie bcyfallcn wollen, daß auch jeder innere Kampf von Leidenschaften, jede Folge von verschiedenen Gedanken, wo eine die andere aufhebt, eine Handlung ° ^esoi>. !>-»>). I-tZ. °° ?ali> ä,el»i>. t8l. 376 Abhandlungen über die Fabel. sey; vielleicht weil sie viel zu mechanisch denken und fühlen, als daß sie sich irgend einer Thätigkeit dabey bewußt wären. — Ernsthafter sie zu widerlegen, würde eine unnütze Mühe seyn. Es ist aber nur Schade, daß sie sich einigermassen mit dem Batteur schützen, wenigstens behaupten können, ihre Erklärung mit ihm aus einerley Fabeln abstrahirct zu haben. Denn wirklich, auf welche Fabel die Erklärung des Battenx passet, passet auch ihre, so abgeschmackt sie immer ist. Batleux, wie ich wohl daraus wetten wollte, hat bey seiner Erklärung nur die erste Fabel des Phöörus vor Augen gehabt, die er, mehr als einmal, uns äes plus Keiles & »es plus celebres clo I'imtlouitv nennet. Es ist wahr, in dieser ist die Handlung ein Unternehmen, das mit Wahl und Absicht geschiehet. Der Wolf nimmt sich vor, das Schaf zu zcrrcisscn, tauee improba meiwtus; er will es aber nicht so plump zu, er will es mit einem Scheine des Rechts thun, und also ^urZii esulgm intulit. —- Ich spreche dieser Fabel ihr Lob nicht ab; sie ist so vollkommen, als sie nur seyn kann. Allein sie ist nicht deswegen vollkommen, weil ihre Handlung ein Unternehmen ist, das mit Wahl und Absicht geschiehet; sondern weil sie ihrer Moral, die von einem solchen Unternehmen spricht, ein völliges Genüge thut. Die Moral ist*: ^o^-o-t? «Q-^v, n«j>' «^>?-ot^ o^> 6lx«lj)pr!m«5 par I«z plus kort. Wie seicht! Wie falsch! Wenn sie weiter nichts als dieses lehren sollte, so hätte wahrlich der Dichter die tiet« cauku: des Wolfs sehr vergebens, sehr für die lange Weile erfunden; seine Fabel sagte mehr, als er damit hätte sagen wollen, und wäre, mit einem Worte, schlecht. Ich will mich nicht in mehrere Exempel zerstreuen. Man untersuche es nur selbst, und man wird durchgängig finden, daß es bloß von der Beschaffenheit des Lehrsatzes abhängt, ob die Fabel eine solche Handlung, wie sie Batteux ohne Ausnahme fodcrt, haben muß oder entbehren kann. Der Lehrsatz der itzt crwchn- ten Fabel des Phödrus, machte sie, wie wir gesehen, nothwendig; aber thun es deswegen alle Lehrsätze? Sind alle Lehrsätze von dieser Art? Oder haben allein die, welche es sind, das Recht, in eine Fabel eingekleidet zu werden? Ist z. E. der Erfahrungssatz: I^Äuclg,tis utiliora yuzo eontomterls 8i»po invoniri nicht werth, in einem einzeln Falle, welcher die Stelle einer Demonstration vertreten kann, erkannt zu werden? Und wenn er es ist, was für ein Unternehmen, was für eine Absicht, was für eine Wahl liegt darin», welche der Dichter auch in der Fabel auszudrücken gehalten wäre? So viel ist wahr: wenn aus einem Erfahrungssatze unmittelbar eine Pflicht, etwas zu thun oder zu lassen, folget; so thut der Dichter besser, wenn er die Pflicht, als wenn er den blossen Erfahrungssatz in seiner Fabel ausdrückt. — „Groß „seyn, ist nicht immer ein Glück" — Diesen Erfahrungssatz in eine schöne Fabel zu bringen, möchte kaum möglich seyn. Die obige Fabel von dem Fischer, welcher nur der größten Fische habhaft bleibet, indem die kleinern glücklich durch das 378 Abhandlungen über die Fabel. Netz durchschlüpfen, ist, in mehr als einer Betrachtung, ein sehr mißlungener Versuch. Aber wer heißt auch dem Dichter, die Wahrheit von dieser schielenden und unfruchtbaren Seite nehmen? Wenn groß seyn nicht immer ein Glück ist, so ist es oft ein Unglück; und wehe dem, der wider seinen Willen groß ward, den das Glück ohne sein Zuthun erhob, um ihn ohne sein Verschulden desto elender zu machen! Die großen Fische mußten groß werden; es stand nicht bey ihnen, klein zu bleiben. Ich danke dem Dichter für kein Bild, in welchem eben so viele ihr Unglück, als ihr Glück erkennen. Er soll niemanden mit seinen Umstanden unzufrieden machen; und hier macht er doch, daß es die Großen mit den ihrigen seyn müssen. Nicht das Groß Seyn, sondern die citclc Begierde groß zu werden (x5vo-5o^i,«v), sollte er uns als eine Quelle des Unglücks zeigen. Und das that jener Alte*, der die Fabel von den Mäusen und Wieseln crzchlte. „Die Mäuse glaubten, daß sie nur „deswegen in ihrem Kriege mit den Wieseln so unglücklich wä- „ren, weil sie keine Heerführer hätten, und beschloßen dcrglci- „chcn zu wählen. Wie rang nicht diese und jene ehrgeizige „Maus, es zu werden! Und wie theuer kam ihr am Ende dic- „scr Vorzug zu stehen! Die Eitel» banden sich Hörner auf, — — — ut eontniouum in proelio Laberent llZnum, cniocl 1e>, ^esop. so. I. Von dem Wesen der Fabel. 381 ein Wort von einem weitem Umfange suchen und sagen, der allgemeine Satz werde durch die Fabel auf einen einzeln Fall zurückgeführet. Dieser einzelne Fall wird allezeit das seyn, was ich oben unter dem Worte Handlung verstanden habe; das aber, was Zöattcur darunter verstehet, wird er nur Sann und roann seyn. Er wird allezeit eine Folge von Veränderungen seyn, die durch die Absicht, die der Fabulist damit verbindet, zu einem Ganzen werden. Sind sie es auch ausser dieser Absicht; desto besser! Eine Folge von Veränderungen — daß es aber Veränderungen freyer, moralischer Wesen seyn müssen, verstehet sich von selbst. Denn sie sollen einen Fall ausmachen, der unter einem Allgemeinen, das sich nur von moralischen Wesen sagen läßt, mit begriffen ist. Und darinn hat Äattcux freylich Recht, daß das, was er die Handlung der Fabel nennet, bloß vernünftigen Wesen zukomme. Nur kömmt es ihnen nicht deswegen zu, weil es ein Unternehmen mit Absicht ist, sondern weil es Freyheit voraussetzt. Denn die Freyheit handelt zwar allezeit aus Gründen, aber nicht allezeit aus Absichten.-- Sind es meine Leser nun bald müde, mich nichts als widerlegen zu hören? Ich wenigstens bin es. De la XNottc, Ri- cher, Vreiringer, Zdanerix, sind Kunstrichtcr von allerley Art; mittelmäßige, gute, vortreffliche. Man ist in Gefahr sich auf dem Wege zur Wahrheit zu verirren, wenn man sich um gar keine Vorgänger bekümmert; und man versäumet sich ohne Noch, wenn man sich um alle bekümmern will. Wie weit bin ich? Huy, daß mir meine Leser alles, was ich mir so mühsam erstritten habe, von selbst geschenkt hätten! — Zn der Fabel wird nichr eine jede Mahrheit, sondern ein allgemeiner moralischer Satz, nicht unter Sie Allegorie einer -Handlung, sondern auf einen einzeln Fall, nicht versteckt oder verkleidet, sondern so zurückgeführet, daß ich, nichr bloß einige Ähnlichkeiten mit dem moralischen Saye in ihm entdecke, sondern diesen ganz anschauend darinn erkenne. Und das ist das Wesen der Fabel? Das ist es, ganz erschöpft? — Ich wollte es gern meine Leser bereden, wenn ich es nur erst selbst glaubte. — Ich lese bey dem Aristoteles °: ° ^risloleles klwlor. lidr. II. csp, 20. 382 Abhandlungen iibcr die Fabel. „Eine obrigkeitliche Person durch das Looß ernennen, ist eben „als wenn ein Schiffshcrr, der einen Steuermann braucht, es „auf das Looß ankommen ließe, welcher von seinen Matrosen „es seyn sollte, anstatt daß er den allcrgcschicktcstcn dazu unter „ihnen mit Fleiß aussuchte." — Hier sind zwey besondere Fälle, die unter eine allgemeine moralische Wahrheit gehören. Der eine ist der sich eben itzt äusscrndc; der andere ist der erdichtete. Ist dieser erdichtete, eine Fabel? Niemand wird ihn dafür gelten lassen. — Aber wenn es bey dem Aristoteles so hiesse: „Zhr wollt euren Magistrat durch das Looß ernennen? „Ich sorge, es wird euch gehen wie jenem Schiffshcrr», der, „als es ihm an einem Steuermanne fehlte zc." Das verspricht doch eine Fabel? Und warum? Welche Veränderung ist damit vorgegangen? Man betrachte alles genau, und man wird keine finden als diese: Dort ward der Schiffsherr durch ein als rvenn eingeführt, er ward bloß als möglich betrachtet; und hier hat er die ivirr'lichr'eir erhalten; es ist hier ein gewisser, es ist jener Schiffsherr. Das trift den Punct! Der einzelne Fall, aus welchem die Fabel bestehet, muß als wirklich vorgestellet werden. Begnüge ich mich an der Möglichkeit desselben, so ist cs cin Beyspiel, eine Parabel. — Es verlohnt sich der Mühc dicscn wichtigen Unterschied, aus welchem man allein so viel zweideutigen Fabeln das Urtheil sprechen muß, an einigen Exempeln zu zeigen. — Unter den Acsopischcn Fabeln des Planudcs liefet man auch folgendes: „Der Bibcr ist cin vicrfüssigcs Thicr, das mcistcns „im Wasscr wohnct, und dcsscn Geilen in der Medicin von „grossem Nutzen sind. Wenn nun dieses Thicr von den Menschen verfolgt wird, und ihncn nicht mehr entkommen kann; „was thut cs? Es beißt sich selbst die Geilen ab, und wirst „sie seinen Verfolgern zu. Denn cs weiß gar wohl, daß man „ihm nur dicscrwcgcn nachstellet, und cs scin Leben und seine „Freyheit wohlfeiler nicht erkaufen kann*." — Zst das eine Fabel? Es liegt wenigstens eine vortreffliche Moral darinn. Und dennoch wird sich niemand bedenken, ihr den Namen einer ° ?ali> ä,<-loi>. 33. I. Von dem Wesen der Fabel. 383 Fabel abzusprechen. Nur über die Ursache, warum er ihr abzusprechen sey, werden sich vielleicht die meisten bedenken, und uns doch endlich eine falsche angeben. Es ist nichts als eine Naturgeschichte: würde man vielleicht mit dem Verfasser der Lritischcn Briefe" sagen. Aber gleichwohl, würde ich mit eben diesem Verfasser antworten, handelt hier der Biber nicht aus blossem Instinkt, er handelt aus freyer Wahl und nach reifer Uebcrlcgung; denn er weis es, warum er verfolgt wird ^ti'uio'x(t>v x^?^ <5lk>>cs?oi<,). Diese Erhebung des Instinkts zur Vernunft, wenn ich ihm glauben soll, macht es ja eben, daß eine Bcgcgniß aus dem Reiche der Thiere zu einer Fabel wird. Warum wird sie es denn hier nicht? Ich sage: sie wird es deswegen nicht, weil ihr die Wirklichkeit fehlet. Die Wirklichkeit kömmt nur dem Einzeln, dem Zndividuo zu; und es läßt sich keine Wirklichkeit ohne die Individualität gedenken. Was also hier von dem ganzen Geschlechte der Biber gesagt wird, halte müssen nur von einem einzigen Biber gesagt werden; und alsdcnn wäre es eine Fabel geworden. — Ein ander Exempel: „Die Assen, sagt man, bringen zwey Zunge „zur Welt, wovon sie das eine sehr heftig lieben und mit al- „ler möglichen Sorgfalt Pflegen, das andere hingegen hassen „und versäumen. Durch ein sonderbares Geschick aber geschieht „es, daß die Mutter das Geliebte unter häufigen Liebkosungen „erdrückt, indem das Verachtete glücklich aufwachset"*." Auch dieses ist aus eben der Ursache, weil das, was nur von einem Zndividuo gesagt werden sollte, von einer ganzen Art gesagt wird, keine Fabel. Als daher L.cstrange eine Fabel daraus machen wollte, mußte er ihm diese Allgemeinheit nehmen, und die Individualität dafür ertheilen""". „Eine Acffin, erzchlt er, „hatte zwey Zunge; in das eine war sie närrisch verliebt, an „dem andern aber war ihr sehr wenig gelegen. Einsmals „überfiel sie ein plötzlicher Schrecken. Geschwind rast sie ihren „Liebling auf, nimmt ihn in die Arme, eilt davon, stürzt aber, „und schlägt mit ihm gegen einen Stein, daß ihm das Gehirn « Critischc Briefe. Zürich 1746. S. 168. " ?sb. ä,elol>. 268. °°° In seinen Fabeln, so wie sie Nichareson adoptirt hat, die 187tc. 384 Abhandlungen über die Fabel. „aus dem zerschmetterten Schcdcl springt. Das andere Zunge, „um das sie sich im geringsten nicht bekümmert hatte, war ihr „von selbst auf den Rücken gesprungen, hatte sich an ihre „Schultern angeklammert, und kam glücklich davon." — Hier ist alles bestimmt; und was dort nur eine Parabel war, ist hier zur Fabel geworden. — Das schon mehr als einmal angeführte Beyspiel von dem Fischer, hat den nehmlichen Fehler; denn selten hat eine schlechte Fabel einen Fehler allein. Der Fall ereignet sich allezeit, so oft das Netz gezogen wird, daß die Fische welche kleiner sind, als die Gitter des Netzes, durchschlüpfen und die grossem hangen bleiben. Vor sich selbst ist dieser Fall also kein individueller Fall, sondern hätte es durch andere mit ihm verbundene Ncbcnumstände erst werden müssen. Die Sache hat also ihre Nichtigkeit: der besondere Fall, aus welchem die Fabel bestehet, muß als wirklich vorgestellt werden; er muß das seyn, was wir in dem strengsten Verstände einen einzeln Fall nennen. Aber warum? Wie steht es um die philosophische Ursache? Warum begnügt sich das Exempel der praktischen Sittcnlchrc, wie man die Fabel nennen kann, nicht mit der blossen Möglichkeit, mit der sich die Erempcl andrer Wissenschaften begnügen? — Wie viel liesse sich hiervon plaudern, wenn ich bey meinen Lesern gar keine richtige psychologische Begriffe voraussetzen wollte. Ich habe mich oben schon geweigert, die Lehre von der anschauenden Erkenntniß aus unserm Wcll- wciscn abzuschreiben. Und ich will auch hier nicht mehr davon beybringen, als unumgänglich nöthig ist, die Folge meiner Gedanken zu zeigen. Die anschauende Erkenntniß ist vor sich selbst klar. Die symbolische entlehnet ihre Klarheit von der anschauenden. Das Allgemeine cxistiret nur in dem Besondern, und kann nur in dem Besondern anschauend erkannt werden. Einem allgemeinen symbolischen Schlüsse folglich alle die Klarheit zu geben, deren er fähig ist, das ist, ihn so viel als möglich zu erläutern; müssen wir ihn auf das Besondere rcdu- ciren, um ihn in diesem anschauend zu erkennen. Ein Besonderes, in so fern wir das Allgemeine in ihm anschauend erkennen, heißt ein Erempcl. I. Von dem Wesen der Fabel. 386 Die allgemeinen symbolischen Schlüsse werden also durch Exempel erläutert. Alle Wissenschaften bestehen ans dergleichen symbolischen Schlüssen; alle Wissenschaften bedürfen daher der Exempel. Doch die Sittcnlchre muß mehr thun, als ihre allgemeinen Schlüsse bloß erläutern; und die Klarheit ist nicht der einzige Vorzug der anschauenden Erkenntniß. Weil wir durch diese einen Satz geschwinder übersehen, und so in einer kürzern Zeit mehr Bcwcgungsgründc in ihm entdecken können, als wenn er symbolisch ausgedrückt ist: so hat die anschauende Erkenntniß auch- einen weit grösscrn Einfluß in den Willen, als die symbolische. Die Grade dieses Einflusses richten sich nach den Graden ihrer Lebhaftigkeit; und die Grade ihrer Lebhaftigkeit, nach den Graden der nähern und mchrcrn Bestimmungen, in die das Besondere gesetzt wird. Zc näher das Besondere bestimmt wird, je mehr sich darinn unterscheiden läßt, desto grösser ist die Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntniß. Die Möglichkeit ist eine Art des Allgemeinen; denn alles was möglich ist, ist auf verschiedene Art möglich. Ein Besonderes also, bloß als möglich betrachtet, ist gc- wisscrmaasscn noch etwas Allgemeines, und hindert, als dieses, die Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntniß. Folglich muß es als wirklich betrachtet werden und die Individualität erhalten, unter der es allein wirklich seyn kann, wenn die anschauende Erkenntniß den höchsten Grad ihrer Lebhaftigkeit erreichen, und so mächtig, als möglich, auf den Willen wirken soll. Das Mehrere aber, das die Sittcnlchre, ausser dcr Erläuterung, ihren allgemeinen Schlüssen schuldig ist, bestehet eben in dicscr ihnen zu ertheilenden Fähigkeit auf den Willen zu wirken, die sie durch die anschauende Erkenntniß in dem Wirklichen erhalten, da andere Wissenschaften, denen es um die blosse Erläuterung zu thun ist, sich mit einer geringern Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntniß, dcrcn das Besondere, als bloß möglich betrachtet, fähig ist, begnügen. Lcslmgs Werk- v. 25 38k Abhandlungen über die Fabel. Hier bin ich also! Die Fabel erfordert deswegen einen wirklichen Fall, weil man in einem wirklichen Falle mehr Bcwc- gungsgründe und deutlicher unterscheiden kann, als in einem möglichen; weil das Wirkliche eine lebhaftere Ueberzeugung mit sich führet, als das bloß Mögliche. Aristoteles scheinet diese Kraft des Wirklichen zwar gekannt zu haben; weil er sie aber aus einer unrechten Quelle herleitet, so konnte es nicht fehlen, er mußte eine falsche Anwendung davon machen. Es wird nicht undicnlich seyn, seine ganze Lehre von dem Exempel ?i:«p«<5xt^«7-o?) hier zu übersehen". Erst von seiner Einthcilung des Exempels: Nap«- <5xt^«^cx7'l»v ktFi^ xt?lV. ^I7ovrc>i^ ?r«p«^o^>^: ^o^ot: o!c>v vt «lcruiirxtol x«i X-^Z^xot. Die EinthcilllNg überhaupt ist richtig; von einem Commcntator aber wurde ich verlangen, daß er uns den Grund von der Untcrabtheilung der erdichteten Exempel beybrachte, und uns lehrte, warum es deren nur zweyerley Arten gebe, und mehrere nicht geben könne. Er würde diesen Grund, wie ich es oben gethan habe, leicht aus den Beyspielen selbst abstrahircn können, die Aristoteles davon giebt. Die Parabel nehmlich führt er durch ein cvo-ürx? ein; und die Fabeln crzchlt er als etwas wirklich Geschehenes. Der Commcntator müßte also diese Stelle so umschreiben: Die Exempel werden entweder aus der Geschichte genommen, oder in Ermanglung derselben erdichtet. Bey jedem geschehenen Dinge läßt sich die innere Möglichkeit von seiner Wirklichkeit unterscheiden, obgleich nicht trennen, wenn es ein geschehenes Ding bleiben soll. Die Kraft, die es als ein Exempel haben soll, liegt also entweder in seiner blossen Möglichkeit, oder zugleich in seiner Wirklichkeit. Soll sie bloß in jener liegen, so brauchen wir, in seiner Ermanglung, auch nur ein bloß mögliches Ding zu erdichten: soll sie aber in dieser liegen, so müssen wir auch unsere Erdichtung von der Möglichkeit zur Wirklichkeit erheben. Zn dem ersten Falle erdichten wir eine ° ^rislolele« NIleloi-. lid. II. c»i>. SV. I. Von dem Wcscn der Fabel. 387 Parabel, und in dem andern eine Fabel. — (Was für eine weitere Einthcilnng der Fabel hieraus folge, wird sich in der dritten Abhandlung zeigen). Und so weit ist wider die Lehre des Griechen eigentlich nichts zu erinnern. Aber nunmehr kömmt er auf den Werth dieser verschiedenen Arten von Exempeln, und sagt: ZZto-l 6' o5 ^oz/c>t (5r^i>i^oz>ixol: no», L^oi^o'lV «^«^ov i'oi^o, 05t ciH«- ^<^«?cx ^xv c>^l,0l« ^^/xvi^xi"«, ^«)>,x7rc>v, X,o^ Fxt, ulcrirxp ?cc>i^ ?c«^>«^c>^cx^, F>_iv^?'«t o^l.otc>v »9<^v, oirrz> ^«ov x-^tv cpt^oo'oPlLit;. ?cx!^> ^i.xv o^v ?ro^>^ci'«o'A'«c c5lcx ^c>^>u)V! ^p^cr^l.luT's^« <5x ?rpo<; ?o ^Zoi^^x^io'cxo'A'oct, <5t« ?(vv ?rj>«^i.«7'U)v: v^i^ol« ^«z>, r?rt ?c> ^ro^i_>, ?cx ^«.x^^ov?« rot? ^x^/oi.-oo'l. Ach will mich itzt nur an den letzten Ausspruch dieser Stelle halten. Aristoteles sagt, die historischen Exempel hatten deswegen eine grössere Kraft zu überzeugen, als die Fabeln, weil das Vergangene gemeiniglich dem Zukünftigen ähnlich sey. Und hierum, glaube ich, hat sich Aristoteles gcirrct. Von der Wirklichkeit eines Falles, den ich nicht selbst erfahren habe, kann ich nicht anders als aus Gründen der Wahrscheinlichkeit überzeugt werden. Ich glaube bloß deswegen, daß ein Ding geschehen, nnd daß es so und so geschehen ist, weil es höchst wahrscheinlich ist, nnd höchst unwahrscheinlich seyn würde, wenn es nicht, oder wenn es anders geschehen wäre. Da also einzig und allein die innere Wahrscheinlichkeit mich die ehemalige Wirklichkeit eines Falles glauben macht, und diese innere Wahrscheinlichkeit sich eben so wohl in einem erdichteten Falle finden kann: was kann die Wirklichkeit des erstem für eine grössere Kraft auf meine Ueberzeugung haben, als die Wirklichkeit des andern? Za noch mehr. Da das historisch Wahre nicht immer auch wahrscheinlich ist; da Aristoteles selbst die Sentenz des Agatho billiget: cxv xixo? cxi_>7'o T'oi^' en'oct, ^x^c>^: L^oT'oio'l oun xtxo.'cx: da er hier selbst sagt, daß das Vergangene nur gemeiniglich T-o iroX^) dem Zukünftigen ähnlich sey; der Dichter aber die freye Gewalt hat, hicrinn von der Natur abzugehen, und alles, was er für wahr ausgicbt, auch wahrscheinlich zu machen: 25* s 388 Abhandlungen über die Fabel- so sollte ich meinen, wäre es wohl klar, daß den Fabeln, überhaupt zu reden, in Ansehung der Ucbcrzcugungskraft, der Vorzug vor den historischen Exempeln gebühre zc. Und nunmehr glaube ich meine Meinung von dem Wesen der Fabel genugsam vorbereitet zu haben. Ich fasse daher alles zusammen und sage: Wenn rvir einen allgemeinen moralischen Saiz auf einen besondern Fall zurückführen, diesem besondern Lalle die Wirklichkeit ertheilen, und eine Geschichte daraus dichten, in rvelcher man den allgemeinen Salz anschauend erkennt: so heißt diese Erdichtung eine Fabel. Das ist meine Erklärung, und ich hoffe, daß man sie bey der Anwendung eben so richtig- als fruchtbar finden wird. II. Von dem Gebrauche der Thiere in der Fabel. Der größte Theil der Fabeln hat Thiere, und wohl noch geringere Geschöpfe, zu handelnden Personen. — Was ist hiervon zu halten? Ist es eine wesentliche Eigenschaft der Fabel, daß die Thiere darinn zu moralischen Wesen erhoben werden? Ist es ein Handgriff, der dem Dichter die Erreichung seiner Absicht verkürzt und erleichtert? Ist es ein Gebrauch, der eigentlich keinen ernstlichen Nutzen hat, den man aber, zu Ehren des ersten Erfinders, beybchält, weil er wenigstens schnackisch ist — nuoä ritum movc-t? Oder was ist es? Naltcux hat diese Fragen entweder gar nicht vorausgesehen, oder er war listig genug, daß er ihnen damit, zu entkommen glaubte, wenn er den Gebrauch der Thiere seiner Erklärung sogleich mit anflickte. Die Fabel, sagt er, ist die Erzchlung einer allegorischen Handlung, die gemeiniglich den Thieren beigelegt u?ird. — Vollkommen 5 I-t I^'-m«.-«'»,«! Oder, wie der Hahn über die Kohlen! — Warum, möchten wir gerne wissen, warum wird sie gemeiniglich den Thieren beygelegt? O, was ein langsamer Deutscher nicht alles fragt! Ucbcrhaupt ist unter allen Kunstrichtcrn Zdreitinger der einzige, der diesen Punkt berührt hat. Er verdient es also mn so viel mehr, daß wir ihn hören. „Weil Acsopus, sagt er, „die Fabel zum Unterrichte des gemeinen bürgerlichen Lebens II. Nou dem Gebrauche der Thiere in der Fabel. 389 „angewendet, so waren seine Lehren meistens ganz bekannte „Sätze und Lcbcnsrcgcln, lind also mußte er auch zu den allegorischen Vorstellungen derselben ganz gewohnte Handlungen „und Beyspiele aus dem gemeinen Leben der Menschen entlehnen: Da nun aber die täglichen Geschäfte und Handlungen „der Menschen nichts ungcmcincs oder merkwürdig reißendes an „sich haben, so mußte man nothwendig auf ein neues Mittel bc- „ dacht seyn, auch der allegorischen Erzchlung eine anzügliche Kraft „und ein reißendes Ansehen mitzutheilen, um ihr also dadurch „einen sichern Eingang in das menschliche Herz aufzuschlicsscn. „Nachdem man nun wahrgenommen, daß allein das Seltene, „Neue und Wunderbare, eine solche erweckende und angenehm „entzückende Kraft auf das menschliche Gemüth mit sich führet, „so war man bedacht, die Erzchlung durch die Neuheit und „Seltsamkeit dcr Vorstellungen wunderbar zu machen, und also „dem Körper dcr Fabel eine ungcmcinc und reihende Schönheit „beyzulegen. Die Erzchlung bcstchct aus zwccn wcscntlichcn „Hauptumständcn, dem Umstände dcr Pcrson, und dcr Sache „odcr Handlung; ohne diese kann kcinc Erzchlung Platz habcn. „Also muß das Wunderbare, welches in der Erzchlung hcrrschcn „soll, sich cntwcdcr auf dic Handlung sclbst, odcr auf die Personen, denen selbige zugeschrieben wird, bczichcn. Das Wunderbare, das in den täglichen Geschäften und Handlungen dcr „Mcnschcn vorkömmt, bcstchct vornchmlich in dcm Unvcrmuihc- „tcn, sowohl in Absicht auf dic Ncrmcsscnhcit im Unterfangen, „als dic Boßhcit odcr Thorheit im Ausführen, zuweilen auch „in einem ganz unerwarteten Ausgangc einer Sache: Weil aber „dergleichen wundcrbarc Handlungen in dem gemeinen Leben „der Menschen etwas ungewohntes und seltenes sind; da hingegen die meisten gewöhnlichen Handlungen gar nichts ungc- „mcincs oder merkwürdiges an sich habcn; so sah man sich gc- „müssigct, damit die Erzchlung als der Körper der Fabel, nicht „verächtlich würde, derselben durch dic Veränderung und Verhandlung dcr Personen, einen angenehmen Schein des Wunderbaren mitzutheilen. Da nun dic Mcnschcn, bcy aller ihrer „Verschiedenheit, dennoch überhaupt betrachtet in einer wcscntli- „chcn Gleichheit und Verwandtschaft stehen, so besann man sich, 390 Abhandlungen iibcr die Fabel. „Wesen von einer hohem Natur, die man wirklich zu seyn „glaubte, als Götter und Genios, oder solche die man durch „die Freyheit der Dichter zu Wesen erschuf, als die Tugenden, „die Kräfte der Seele, das Glück, die Gelegenheit zc. in die „Erzchlung einzuführen; vornehmlich aber nahm man sich die „Freyheit heraus, die Thiere, die Pflanzen, und noch geringere „Wesen, nehmlich die leblosen Geschöpfe, zu der höher» Natur „der vernünftigen Wesen zu erheben, indem man ihnen menschliche Vernunft und Rede mittheilte, damit sie also fähig wür- „dcn, nns ihren Zustand und ihre Begegnisse in einer uns vernehmlichen Sprache zu erklären, und durch ihr Exempel von „ähnlichen moralischen Handlungen unsre Lehrer abzugeben zc." — Dreiringer also behauptet, daß die Erreichung des Wunderbaren die Ursache sey, warum man in der Fabel die Thiere, und andere niedrigere Geschöpfe, reden und vernunftmässig handeln lasse. Und eben weil er dieses für die Ursache hält, glaubt er, daß die Fabel überhaupt, in ihrem Wesen und Ursprünge betrachtet, nichts anders als ein lehrreiches Wunderbare sey. Diese seine zrveyre Erklärung ist es, welche ich hier, versproch- ncrmaasscn, untersuchen muß. Es wird aber bey dieser Untersuchung vornehmlich darauf ankommen, ob die Einführung der Thiere in der Fabel wirklich wunderbar ist. Zst sie es, so hat Vrcitinger viel gewonnen; ist sie es aber nicht, so liegt auch sein ganzes Fabclsystcm, mit einmal, über dem Haussen. Wunderbar soll diese Einführung seyn? Das Wunderbare, sagt eben dieser Kunstrichter, legt den Schein der Wahrheit und Möglichkeit ab. Diese anscheinende Unmöglichkeit also gehöret zu dem Wesen des Wunderbaren; und wie soll ich nunmehr jenen Gebrauch der Alten, den sie selbst schon zu einer Regel gemacht hatten, damit vergleichen? Die Alten nehmlich fingen ihre Fabeln am liebsten mit dem -»«o--., und dem darauf folgenden Klagcfalle an. Die griechischen Rhctorcs nennen dieses kurz, die Fabel in dem Klagcfalle O-z»? «^ioc7-tx«i?) vortragen; und Tbeon, wenn er in seinen Vorübungen* hierauf ° Nach der Alisgabe des Tamerarnis S. 28. II. Von dem Gebrauche der Thiere in der Fabel. 391 kömmt, führet eine Stelle des Aristoteles an, wo der Philosoph diesen Gebrauch billiget, und es zwar deswegen für rathsamer erkläret, sich bey Einführung einer Fabel lieber auf das Alterthum zu bcruffcn, als in der eigenen Person zu sprechen, damit man den Anschein, als crzehle man errvas unmögliches, vermindere. ?t«p«^^^o'uiv?'«l?o «6^>v«?'« ^.x- ^x-,v). War also das der Alten ihre Dcnkungsart, wollten sie den Schein der Unmöglichkeit in der Fabel so viel als möglich vermindert wissen: so mußten sie nothwendig weit davon entfernt seyn, in der Fabel etwas Wunderbares zu suchen, oder zur Absicht zu haben; denn das Wunderbare muß sich auf diesen Schein der Unmöglichkeit gründen. Weiter! Das Wunderbare, sagt Drcitinger an mehr als einem Orte, sey der höchste Grad des Neuen. Diese Neuheit aber muß das Wunderbare, wenn es seine gehörige Wirkung auf uns thun soll, nicht allein bloß in Ansehung seiner selbst, sondern auch in Ansehung unsrer Vorstellungen haben. Nur das ist wunderbar, was sich sehr selten in der Reihe der natürlichen Dinge cräugnct. Und nur das Wunderbare behält seinen Eindruck auf uns, dessen Vorstellung in der Reihe unserer Vorstellungen eben so selten vorkömmt. Auf einen flcissi'gcn Bibcllcser wird das größte Wunder, das in der Schrift aufgezeichnet ist, den Eindruck bey weiten nicht mehr machen, den es das erstemal auf ihn gemacht hat. Er liefet es endlich mit eben so wenigem Erstaunen, daß die Sonne einmal stille gestanden, als er sie täglich auf und niedergehen sieht. Das Wunder bleibet immer dasselbe; aber nicht unsre Gcmüthsver- fassung, wenn wir es zu oft denken. — Folglich würde auch die Einführung der Thiere uns höchstens nur in den ersten Fabeln wunderbar vorkommen; fänden wir aber, daß die Thiere fast in allen Fabeln sprächen und urtheilten, so würde diese Sonderbarkeit, so groß sie auch an und vor sich selbst wäre, doch gar bald nichts Sonderbares mehr für uns haben. Aber wozu alle diese Umschwciffc? Was sich auf einmal umrcisscn läßt, braucht man das erst zu erschüttern? — Darum kurz: daß die Thiere, und andere niedrigern Geschöpfe, Sprache und Vernunft haben, wird in der Fabel vorausgesetzt; es wird WISiWNiM^Ü^SL«. »XMWKS!WM«««»»v»M« J92 Abhandlungen iibcr die Fabel. angenommen) nnd soll nichts weniger als wunderbar seyn. — Wenn ich in der Schrift lese": „Da that der Herr der Eselin „den Mund ans und sie sprach zu Bilcam zc." so lese ich etwas wunderbares. Aber wenn ich bey dem Aesopus lese"": ^xi>?« ^u)«^ o't'v ?r^c»; (sro'Tro- LlTkrtv: „Damals, als die Thiere noch redeten, soll das „Schaf zu seinem Hirten gesagt haben:" so ist es ja wohl offenbar, daß mir der Fabulist nichts wunderbares crzchlcn will; sondern vielmehr etwas, das zu der Zeit, die er mit Erlaubniß seines Lesers annimmt, dem gemeinen Lauffc der Natur vollkommen gemäß war. Und das ist so bcgrcifflich, sollte ich meinen, daß ich mich schämen muß, noch ein Wort hinzuzuthun. Zch komme vielmehr sogleich auf die wahre Ursache, — die ich wenigstens für die wahre halte, — warum der Fabulist die Thiere oft zu seiner Absicht bequemer findet, als die Menschen. — Zch setze sie in die allgemein bekannte Destandcheir Scr Lharac'rerc. Gesetzt auch, es wäre noch so leicht, in der Geschichte ein Exempel zu finden, in welchem sich diese oder jene moralische Wahrheit anschauend erkennen liesse. Wird sie sich deswegen von jedem, ohne Ausnahme, darinn erkennen lassen? Auch von dem, der mit den Eharaktcrcn der dabey jntcrcssirtcn Personen nicht vertraut ist? Unmöglich! Und wie viel Personen sind wohl in der Geschichte so allgemein bekannt, daß man sie nur nennen dürfte, um sogleich bey einem jeden den Begriff von der ihnen zukommenden Denkungsart und andern Eigenschaften zu erwecken? Die umständliche Charaktcrisirung daher zu vermeiden, bey welcher es doch noch immer zweifelhaft ist, ob sie bey allen die nehmlichen Zdccn hervorbringt, war man gezwungen, sich lieber in die kleine Sphäre derjenigen Wesen einzuschränken, von denen man es zuverlässig weis, daß auch bey den Unwissendsten ihren Benennungen diese und keine andere Zdce entspricht. Und weil von diesen Wesen die wenigsten, ihrer Natur nach geschickt waren, die Rollen srcycr Wesen über sich zu nehmen, so cr- liim.v - HMtM/j,,' „k in? ör.(i !irtW' n,U,Mi: " t B. Mos. xxll. 28. "° xali. ^elup. 316. II. Bon dcm Gebrauche der Thiere in der Fabel. 393 wcitcrte man lieber die Schranken ihrer Natur, und machte sie, unter gewissen wahrscheinlichen Voraussetzungen, dazu geschickt. Man hört: Britanniens und Nero. Wie viele wissen, was sie hören? Wer war-dicscr? Wer jener? Zn welchem Verhältnisse stehen sie gegen einander? — Aber man hört: der lVolf und das Ä.amm; sogleich weis jeder, was er höret, und weis, wie sich das eine zu dcm andern verhalt. Diese Wörter, welche stracks ihre gewissen Bilder in uns erwecken, befördern die anschauende Erkenntniß, die durch jene Namen, bey welchen auch die, denen sie nicht unbekannt sind, gewiß nicht alle vollkommen eben dasselbe denken, verhindert wird. Wenn daher der Fabulist keine vernünftigen Zndividua auftrcibcn kann, die sich durch ihre blosse Benennungen in unsere Einbildungskraft schildern, so ist es ihm erlaubt, und er hat Fug und Recht, dergleichen unter den Thieren oder unter noch geringern Geschöpfen zu suchen. Man setze, in der Fabcl von dem Wolfe und dem Lamme, anstatt des Wolfes den Nero, anstatt des Lammes den Britanniens, lind die Fabcl hat auf einmal alles verloren, was sie zu einer Fabcl für das ganze menschliche Gcschlccht macht. Aber man setze anstatt des Lammes und des Wolfes, dcn Riesen und dcn Zwerg, und sie verlieret schon weniger; denn auch der Riese und der Zwerg sind Zndividua, deren Charakter, ohne weitere Hinzuthuung, ziemlich aus dcr Bcncnnung crhcllct. Oder man verwandle sie lieber gar in folgende mcnschlichc Fabel: „Ein Pricstcr kam zu dcm armcn Manne des Propheten" „und sagte: Bringe dein wcisscs Lamm vor dcn Altar, dcnn „die Götter fordern ein Opfer. Dcr Arme erwiederte: mein „Nachbar hat eine zahlreiche Hccrdc, und ich habe nur das „einzige Lamm. Du hast aber dcn Göttcrn cm Gclübdc ge- „than, vcrsctztc dicscr, wcil sie deine Felder gesegnet. — Ich „habe kein Feld; war die Antwort. — Nun so war es damals, „als sie dcincn Sohn von seiner Krankheit gcncscn liessen — „O, sagte dcr Armc, dic Götter haben ihn selbst zum Opfer „hingenommen- Gottloser! zürnte dcr Priester; du lästerst! „und riß das Lamm aus seinem Schoossc :c.--Und wenn - 2 B. Samuclis xn. 394 Abhandlungen über die Fabel. in dieser Verwandlung die Fabel noch weniger verloren hat, so kömmt es bloß daher, weil man mit dem Worte Priester den Charakter der Habsüchtigkcit, leider, noch weit geschwinder verbindet, als den Charakter der Blutdürstigkcit mit dem Worte Riese; und durch den armen Mann öes Propheten die Zdcc der nntcrdrücktcn Unschuld noch leichter erregt wird, als durch den Zrocrg. — Der beste Abdruck dieser Fabel, in welchem sie ohne Zweifel am allerwenigsten verloren hat, ist die Fabel von der R«ize und dem -Hahne". Doch weil man auch hier sich das Verhältniß der Raize gegen den -Hahn nicht so geschwind denkt, als dort das Verhältniß des Wolfes zum Aamme, so sind diese noch immer die allcrbcqucmstcn Wesen, die der Fabu- list zu seiner Absicht hat wchlcn können. Der Verfasser der oben angeführten Lririschen Briefe ist mit Dreilingcrn einerley Meinung, und sagt unter andern, in der erdichteten Person des-Hermann Axels*": „Die Fabel bc- „ kömmt durch diese sonderbare Personen ein wunderliches Ansc- „hcn. Es wäre keine ungeschickte Fabel, wmn man dichtete: „Ein Mensch sah auf einem hohen Baume die schönsten Bir- „nen hangen, die seine Lust davon zu essen, mächtig rcitzctcn. „Er bemühte sich lange, auf denselben hinauf zu klimmen, aber „cs war umsonst, er mußte es endlich aufgeben. Zudem er „wcggieng, sagte er: Es ist mir gesunder, daß ich sie noch „länger stehen lasse, sie sind doch noch nicht zeitig genug. Aber „dieses Gcschichtchcn reihet nicht stark genug; cs ist zu platt zc. — Zch gestehe cs -Hermann Axeln zu; das Gcschichtchcn ist sehr platt, und verdienet nichts weniger, als den Namen einer guten Fabel. Aber ist cs bloß deswegen so platt geworden, weil kein Thier darinn redet und handelt? Gewiß nicht; sondern cs ist cs dadurch geworden, weil er das Individuum, den Fuchs, mit dessen blossem Namcn wir einen gewissen Charakter verbinden, aus welchem sich der Grund von der ihm zugeschriebenen Handlung angeben läßt, in ein anders Individuum verwandelt hat, dessen Name keine Zdce eines bestimmten Charakters in uns crwcckct. „Ein Mensch!" Das ist cm viel zu allgemeiner " ?-Ui. .-Velop. 6. " S. 166. II. Von dem Gebrauche der Thiere in der Fabel. 396 Begriff für die Fabel. An was für eine Art von Menschen soll ich dabey denken? Es giebt deren so viele! Aber „ein Fuchs!" Der Fabulist weis nur von Einem Fuchse, und sobald er mir das Wort nennt, fallen auch meine Gedanken sogleich nur auf Einen Charakter. Anstatt des Menschen überhaupt hatte -Hermann Axel also wenigstens einen Gasconicr setzen müssen. Und alsdcnn würde er wohl gefunden haben, daß die Fabel durch die blosse Wcglassung des Thieres, so viel eben nicht verlöre, besonders wenn er in dem nehmlichen Verhältnisse auch die übrigen Umstände geändert, und den Gasco- nier nach etwas mehr, als nach Birnen, lüstern gemacht hätte. Da also die allgemein bekannten und unveränderlichen Charaktere der Thiere die eigentliche Ursache sind, warum sie der Fabulist zu moralischen Wesen erhebt, so kömmt mir es sehr sonderbar vor, wenn man es Einem zum besondern Ruhme machen will, „daß der Schwan in seinen Fabeln nicht singe, „noch der Pclican sein Blut für seine Zungen vcrgicssc". — Als ob man in den Fabclbüchcrn die Naturgeschichte studieren sollte! Wenn dergleichen Eigenschaften allgemein bekannt sind, so sind sie werth gebraucht zu werden, der Naturalist mag sie bekräftigen oder nicht. Und derjenige der sie uns, es sey durch seine Exempel oder durch seine Lehre, aus den Händen spielen will, der nenne uns erst andere Zndividua, von denen es bekannt ist, daß ihnen die nehmlichen Eigenschaften in der That zukommen. Ze tiefer wir auf der Leiter der Wesen hcrabstcigcn, desto seltner kommen uns dergleichen allgemein bekannte Charaktere vor. Dieses ist denn auch die Ursache, warum sich der Fabulist so selten in dem Pflanzenreiche, noch seltener in dem Steinreiche und am allcrscltcnstcn vielleicht unter den Werken der Kunst finden läßt. Denn daß es deswegen geschehen sollte, weil es stuffcnwcisc immer unwahrscheinlicher werde, daß diese geringern Werke der Natur und Kunst empfinden, denken und sprechen könnten; will mir nicht ein. Die Fabel von dem ehernen und dem irdenen Topfe ist nicht um ein Haar schlechter oder unwahrscheinlicher als die beste Fabel, z. E. von einem * Man sehe die crit!schc Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln. 39k Abhandlungen über die Fabel. Affen, so nahe auch dieser dem Menschen verwandt ist, und so unendlich weil jene von ihm abstehen. Indem ich aber die Charaktere der Thiere zur eigentlichen Ursache ihres vorzüglichen Gebrauchs in der Fabel mache, will ich nicht sagen, daß die Thiere dem Fabulistcn sonst zu weiter gar nichts nützten. Ich weis es sehr wohl, daß sie unter andern in der zusammen gcseyten Fabel das Vergnügen der Vcrglcichung um ein grosses vermehren, welches alsdcnn kaum merklich ist, wenn sowohl der wahre als der erdichtete einzelne Fall beyde aus handelnden Personen von einerley Art, aus Menschen, bestehen. Da aber dieser Nutzen, wie gesagt, nur in der zusammen gesetzten Fabel Statt findet, so kann er die Ursache nicht seyn, warum die Thiere auch in der einfachen Fabel, und also in der Fabel überhaupt, dem Dichter sich gemeiniglich mehr empfehlen, als die Menschen. Ja, ich will es wagen, den Thieren, und andern geringern Geschöpfen in der Fabel noch einen Nutzen zuzuschreiben, auf welchen ich vielleicht durch Schlüsse nie gekommen wäre, wenn mich nicht mein Gefühl darauf gebracht hätte. Die Fabel hat unsere klare und lebendige Erkenntniß eines moralischen Satzes zur Absicht. Nichts verdunkelt unsere Erkenntniß mehr als die Leidenschaften. Folglich muß der Fabulist die Erregung der Leidenschaften so viel als möglich vermeiden. Wie kann er aber anders, z. E. die Erregung des Mitleids vermeiden, als wenn er die Gegenstände desselben unvollkommener macht, und anstatt der Menschen Thiere, oder noch geringere Geschöpfe annimmt. Man erinnere sich noch einmal der Fabel von dem IVolfe unO F.amme, wie sie oben in die Fabel von dem Priester und dem armen Manne Ses Propheten verwandelt worden. Wir haben Mitleiden mit dem Lamme; aber dieses Mitleiden ist so schwach, daß es nnscrcr anschauenden Erkenntniß des moralischen Satzes keinen merklichen Eintrag thut. Hingegen wie ist es mit dem armen Manne? Kömmt es mir nur so vor, oder ist es wirklich wahr, daß wir mit diesem viel zu viel Mitleiden haben, und gegen den Priester viel zu viel Unwillen empfinden, als daß die anschauende Erkenntniß des moralischen Satzes hier eben so klar seyn könnte, als sie dort ist? 397 III. Von der Einthcilnng der Fabeln. Die Fabeln sind verschiedener Einthcilungcn fähig. Von einer, die sich aus der vcrschicdiicn Anwendung derselben crgicbl, habe ich gleich Anfangs geredet. Die Fabeln nehmlich werden entweder bloß auf einen allgemeinen moralischen Satz angewendet, und hcisscn einfache Fabeln; oder sie werden auf einen wirklichen Fall angewendet, der mit der Fabcl unter einem und eben demselben moralischen Satze enthalten ist, und hcisscn zusammengefegte Fabeln. Der Nutzen dieser Einthcilung hat sich bereits an mehr als einer Stelle gczcigct. Eine andere Einthcilung würde sich aus der vcrschicdncn Beschaffenheit dcs moralischcn Satzcs hcrholcn lassen. Es giebt nehmlich moralische Sätze, die sich besser in einem einzeln Falle ihres Gegentheils, als in einem einzeln Falle der unmittelbar unter ihnen begriffen ist, anschauend erkennen lassen. Fabeln also, welche den moralischcn Satz in cincm cinzcln Falle dcs Gegentheils zur Intuition bringen, würde man vielleicht indi- recre Fabeln, so wie die andern direcre Fabeln nennen können. Doch von diesen Einthcilungcn ist hier nicht die Frage; noch viel wcnigcr von jcncr unphilosophischcn Einthcilling nach dcn verschiedenen Erfindern oder Dichtern, die sich einen vorzüglichen Namen damit gemacht haben. Es hat den Kunstlichtern gefallen, ihre gewöhnliche Einthcilung der Fabcl von cincr Verschiedenheit herzunehmen, die mehr in die Augen fällt; von der Verschiedenheit nehmlich der darinn handelnden Personen, lind diese Einthcilung ist es, die ich hier näher betrachten will. Aphthonins ist ohne Zweifel der älteste Scribcnt, der ihrer erwähnet, 6- ^5o^>, sagt er in seinen Vorübungen, ?o ^.o^txo^, ?o 6s -^A-ixov, ?o <5s ^tX?c>v. ^o)/cxv «^.o^/uiv ^A^o^ «7cc>^ic^l.o^c>v: ^i.iXT'oi' 6s 7°o Lc^i.cpoT'xpiuv «^o^-l>^> scoet ^o^txoi^. Es giebt drcv Gattungen von Fabeln; die vernünftige, in welcher der Mensch die handelnde Person ist; die sittliche, in welcher unvernünftige Wesen aufgeführet werden; die vermischte, in welcher so wohl unvernünftige als vernünftige Wesen vorkommen. — Der Haupt- 398 Abhandlungen iiber die Fabel. fehler dieser Einthcilung, welcher sogleich einem jeden in die Augen leuchtet, ist der, daß sie das nicht erschöpft, was sie erschöpfen sollte. Denn wo bleiben diejenigen Fabeln, die aus Gottheiten und allegorischen Personen bestehen? Aphthonins hat die vernünftige Gattung ausdrücklich auf den einzigen Menschen eingeschränkt. Doch wenn diesem Fehler auch abzuhelfen wäre; was kann dem ohngcachtct roher und mehr von der obersten Fläche abgeschöpft seyn, als diese Einthcilung? Ocfnet sie uns nur auch die geringste freyere Einsicht in das Wesen der Fabel? Dattenx würde daher ohne Zweifel eben so wohl gethan haben, wenn er von der Einthcilung der Fabel gar gcschwicgcn hätte, als daß cr uns mit jcncr kahlcn aphthonianischcn abspeisen will. Aber was wird man vollends von ihm sagen, wenn ich zeige, daß cr sich hier auf einer kleinen Tücke treffen läßt? Kurz zuvor sagt cr untcr andern von den Personen der Fabel: „Man hat hier nicht allein den Wolf und das Lamm, die „Eiche und das Schilf, sondern auch dcn ciscrncn und dcn „irdcnen Topf ihre Rollen spielen sehen. Nur der -Herr Ver- „stand und das Frönlem EinbilVungsr'rKft, und alles, was „ihnen ähnlich sichct, sind von dicscm Thcatcr ausgeschlossen „worden; wcil es ohnc Zwciscl schwerer ist, diesen bloß geistigen Wesen einen charaktcrmässigcn Körper zu geben; als Kör- „pcrn, die einige Analogie mit unsern Organen haben, Geist „und Sccle zu geben". — Merkt man widcr wcn dicscs geht? Wider dcn de la Motte, dcr sich in scincn Fabeln der allegorischen Wesen sehr häuffig bedienet. Da dicscs nun nicht nach dcm Geschmacke unsers oft mehr cckcln als feinen Kunstrichtcrs war, so konnte ihm die aphthonianische mangelhafte Einthcilung der Fabel nicht anders als willkommen seyn, indem es durch sie stillschweigend gleichsam zur Regel gemacht wird, daß die Gottheiten und allegorischen Wesen gar nicht in die Acsopischc Fabel gehören. Und diese Regel cbcn möchte Barteux gar zu gern festsetzen, ob cr sich gleich nicht getrauet, mit ausdrücklichen Worten darauf zu dringen. Sein System von dcr Fabel kann ° Nach dcr Ramlcrschrn Ucbcrschuna, S> 244. III. Von der eintheilung der Fabel. 399 -,rs poN. Z. 303. 400 Abhandlungen über die Fabel. vrroro immunem pnstoäit snimum, pro^terea «niocl si.irum anta l'uccurioilnt vocha, «niilms montom suam v.xvrlmero ^otorat. Er behält daher die Benennungen der aphthoinanischcn Einthci- lung bey, lind weis die Wahrheit, die er nicht darinn gefunden, so scharfsinnig hinein zu legen, daß sie das vollkommene Ansehen einer richtigen philosophischen Einthcilung bekömmt. „Wenn wir „Begebenheiten erdichten, sagt er, so legen wir entweder den „Subjecten solche Handlungen und Leidenschaften, überhaupt solche „Prädicarc bey, als ihnen zukommen; oder wir legen ihncn solche „bey, die ihnen nicht zukommen. Zn dem ersten Falle hcissen es „vernünftige Fabeln; in dem andern sittliche Fabeln; und „vermischte Fabeln hcisscn es, wenn sie etwas so wohl von „der Eigenschaft der sittlichen als vernünftigen Fabel haben." Nach dieser Wölfischen Verbesserung also, beruhet die Verschiedenheit der Fabel nicht mehr auf der blossen Verschiedenheit der Subjecte, sondern auf der Verschiedenheit der Prädicatc, die von diesen Subjecten gesagt werden. Ihr zu Folge kann eine Fabel Menschen zu handelnden Personen haben, und dennoch keine vernünftige Fabel seyn; so wie sie eben nicht nothwendig eine sittliche Fabel seyn muß, weil Thiere in ihr aufgeführet werden. Die oben angeführte Fabel von den zwey dampfenden -Höhnen, würde nach den Morrcn des Aphtho- nius eine sittliche Fabel seyn, weil sie die Eigenschaften und das Betragen gewisser Thiere nachahmet; wie hingegen U?olf den Sinn des Aphthonius genauer bestimmt hat, ist sie eine vernünftige Fabel, weil nicht das geringste von den Hähnen darinn gesagt wird, was ihnen nicht eigentlich zukäme. So ist cs mit mchrcrn: z. E. der Vogelsteller und die Schlange *; der Hund und der Koch^; der Hund und der Gärtner"'"'; der Schäfer und der Wolf^: lauter Fabeln, die nach der gemeinen Einthcilung unter die sittlichen und vermischten, nach der verbesserten aber unter die vernünftigen- gehören. Und nun? Werde ich es bey dieser Einthcilung unsers ° I'ilb. L,eloi>. gz. °° ?-lb. ^elop. 34. ^etop. «7. ^ ^t-toi>. 7l. III. Von der eiittheilmig der Fabeln. 401 Wcltweiscn können bewenden lassen? Zch weis nicht. Wider ihre logicalische Nichtigkeit habe ich nichts zu erinnern; sie erschöpft alles, was sie erschöpfe» soll. Aber man kann ein guter Dialektiker seyn, ohne ein Mann von Geschmack zu sey»; und das letzte war IVolf, leider, wohl nicht. Wie, wenn es auch ihm hier so gegangen wäre, als er es von dem Aphrho- nius vermuthet, daß er zwar richtig gedacht, aber sich nicht so vollkommen gut ausgedruckt hätte, als es besonders die Kunst- richtcr wohl verlangen dürften? Er redet von Fabeln, in welchen den Subjecten Leidenschaften und Handlungen, überhaupt Pra'dicatc, beygelegt werden, deren sie nicht fähig sind, die ihnen nicht zukommen. Dieses nicht zukommen, kann einen A'cln Verstand machen. Der Dichter, kann man daraus schlics- sen, ist also nicht gehalten, auf die Naturcii der Geschöpfe zii sehen, die er in seinen Fabeln aufführet? Er kann das Schaf verwegen, den Wolf sanflinüthig, den Esel feurig vorstellen; er kann die Tauben als Falken brauchen und die Hunde von den Hasen jagen lassen. Alles dieses kömmt ihnen nicht zu; aber der Dichter macht eine sittliche Fabel, und er darf es ihnen beylegen. — Wie nöthig ist es, dieser gefährlichen Auslegung, diesen mit einer Überschwemmung der abgeschmacktesten Mähr- chcn drohenden Folgerungen, vorzubauen! Man erlaube mir also, mich auf meinen eigenen Weg wieder zurückzuwenden. Zch will den Wcltweiscn so wenig als möglich aus dcm Gesichte verlieren; und vielleicht kommen wir, am Ende der Bahn, zusammen. — Zch habe gesagt, und glaube es erwiesen zu haben, daß auf der Erhebung des einzeln Falles zur Wirklichkeit der wesentliche Unterschied der Parabel, oder des Ercmpcls überhaupt, und der Fabel beruhet. Diese Wirklichkeit ist der Fabel so unentbehrlich, daß sie sich eher von ihrer Möglichkeit, als von jener etwas abbrechen läßt. Es streitet minder mit ihrem Wesen, daß ihr einzelner Fall nicht schlechterdings möglich ist, daß er nur nach gewissen Voraussetzungen, unter gewissen Bedingungen möglich ist, als daß er nicht als wirklich vorgestellt werde. Zn Ansehung dieser Wirklichkeit folglich, ist die Fabel keiner Verschiedenheit sähig; wohl aber in Ansehung ihrer Möglichkeit, welche sie vcrändcr- Lessmgs Werke V. 26 402 Abhandlungen über die FaSel. i!I lich zu seyn erlaubt. Nun ist, wie gesagt, diese Möglichkeit entweder eine unbedingte oder bedingte Möglichkeit; der einzelne Fall der Fabel ist entweder schlechterdings möglich, oder er ist cs nur nach gewissen Voraüssctzungcn, untcr gewissen Bedingungen. Die Fabeln also, deren einzelner Fall schlechterdings möglich ist, will ich (lim gleichfalls bey den alten Benennungen zu bleiben) vernünftige Fabeln nenne»; Fabeln hingegen, wo er es nur nach gewissen Voraussetzungen ist, mögen sittliche hcifscn. Die vernünftigen Fabeln leiden keine fernere Untcr- abthcilung; die sittlichen aber leiden sie. Denn die Voraussetzungen betreffen entweder die Subjecte der Fabel, oder die Prädicatc dieser Subjecte: der Fall der Fabel ist entweder möglich, vorausgesetzt, daß diese und jene Wesen eristircn; oder er ist cs, vorausgesetzt, daß diese und jene wirklich cristirende Wcscn (nicht andere Eigenschaften, als ihnen zukommen; dcnn sonst wurden sie zu andern Wcscn werden, sondern) die ihnen wirklich zukommenden Eigenschaften in einem hohern Grade, in einem weitem Umfange besitzen. Zcne Fabeln, worinn die Subjecte vorausgesetzt werden, wollte ich mythische Fabeln nennen; nnd dicsc, worinn nur crhöhrere Eigcnschaftcn wirklicher Subjecte angenommen werden, würde ich, wenn ich das Wort anders wagen darf, hyperphysische Fabeln nennen. — -'-'i"!Ach will dicsc meine Einthcilung noch durch einige Beyspiele erläutern. Die Fabel, der Blinde und der Lahme; die zwey kämpfcndcn Hahne; der Vogelsteller und die Schlange; der Hund und dcr Gärtner, sind lauter vernünftige Fabeln, ob ^chon bald lautcr Thicre, bald Menschen und Thiere darum vorkommen; dcnn dcr darinn enthaltene Fall ist schlechterdings möglich, odcr, mit lVolfcn zu rcdcn, cs wird dcn Subjecten nichts darinn beygelegt, was ihnen nicht zukomme. — Die Fabeln, Apollo und Jupiter»; Herkules und Plutus^; die verschiedene Bäume in ihren besonder» Schutz nehmende Götter"^; kurz alle Fabeln, die aus Gottheiten, aus allegorische» Personen, ans Geister» und Gespenster», aus andern crdichtc- "^M. -^n« ,U,q,k'a« chiMivl 5!k tchin „ MM^as! Hn^.7»M tli'^F üi6 ssl ,chi>lj!cH li^chil^iiM ei.sell.1.« Ubr. III. jS^ ^f, 9L .V zZttM hKIiiN»!! III, Von der Einthcilnnq dcr Fabeln. 403 tcn Wesen, dem Phocnir z. E. bestehen, sind sittliche Fabeln, und zwar mythisch sittliche; denn es wird dämm vorausgesetzt, daß alle diese Wesen ciistircn oder cristirct haben, und der Fall, den sie enthalten, ist nur unter dieser Voraussetzung möglich. — Dcr Wols und das Lamm"; der Fuchs und der Storch""; die Natter und die Feile*"; die Bäume und der Dornstrauch"""; der Oclbäum und das Rohr :c. ^ sind gleichfalls sittliche, aber hypcrphysisch sittliche Fabeln; denn die Natur dieser wirklichen Wesen wird erhöhet, die Schranken ihrer Fähigkeiten werden erweitert. Eines muß ich hicrbcy erinnern! Man bilde sich nicht ein, daß diese Gattung von Fabeln sich bloß auf die Thiere, und andere geringere Geschöpfe einschränke: dcr Dichter kann auch die Natur des, Menschen erhöhen, und die Schranken seiner Fähigkeiten erweitern. Eine Fabel z. E. von einem Propheten würde eine hyperphysisch sittliche Fabel seyn; denn die Gabe zu prophezeien, kann dem Menschen bloß »ach. einer erhöhter» Natur zukommen. Oder wen» man die Erzchlung vo» den himmclstürmc»dcn Riesen als cinc acsopischc Fabel bcbandcl» nud sie dahin verändern wollte, daß ihr »»sinniger Bau von Bergen auf Bcrgcn, endlich von selbst zusammen stürzte und sie unter dcn Ruinen begrübe: so würde keine andere als eine hyperphysisch sittliche Fabel daraus werden können. Aus dcn zwey Hanptgattungcn, der vernünftigen und sittlichen Fabel, entstehet auch bey mir eine vermischte Gattung, wo nehmlich dcr Fall zum Theil schlechterdings, zum Theil nur unter gewissen Aoraussctzungcn möglich ist. Und zwar können dieser vermischten Fabeln drcycrlcy seyn; die vernünftig mythische Fabel, als Herkules und dcr Kärncr-j-Z-, dcr arme Mann und dcr Tod'I-j"!'; die vernünftig hyperphysische Fabcl, als der ichHÄIL lii /imi ,Z'ik6n6nnÄ^!sk>>iilin tchiu msMihzj -,F 1,»Mqiin«'.Hn^!»»l»>-K v',k,l„»b Mtt'/sN'H! 5-4 „ z^.V IWeaij«»Mx j. !.' ,'> 5!^ Hllll — imnu„ "° M,-«->I>»ii Ubr. IV. >-'!,>>, 7, °°°° äes-p. SIS. .7.. - 1- ^-tdiil. ^st«p. t43. -j- j- »'»,.»1. ä,elop. j- s-j- l?.',I>»I. ^«-so». »0. / 2K° Abhandlungen über die Fabel. Holzschlägcr und der Fuchs", der Zager »nd der Löwe""; und endlich die hyperph)-sisch mythische Fabel, als Jupiter und das Kamee!"", Jupiter und die Schlange zc.-j- Und diese Sintheilung erschöpft die Mannigfaltigkeit der Fabel» ganz gewiß, ja man wird, hoffe ich, keine anführen können, deren Stelle, ihr zu Folge, zweifelhaft bleibe, welches bey allen ändern Einthcilnngcn geschehen muß, die sich bloß auf die Verschiedenheit der handelnden Personen beziehen. Die Brci- tmgersche Einthcilnng ist davon nicht ausgeschlossen, ob Er schon dabey die Grade des Wunderbaren zum Grunde gelegt hat. Denn da bey ihm die Grade des Wunderbaren, wie wir gesehen haben, größten Theils, auf die Beschaffenheit der handelnden Personen ankommen, so klingen seine Worte nur grundlicher, und er ist in der That in die Sache nichts tiefer eingedrungen. „Das Wunderbare der Fabel, sagt er, hat seine verschiedene Grade — Der niedrigste Grad des Wunderbaren „findet sich in derjenigen Gattung der Fabeln, in welchen ordentliche Mensche» aufgeführet werden — Weil in denselben „das Wahrscheinliche über das Wunderbare weit die Oberhand „hat, so können sie mit Fug wahrscheinliche, oder in Absicht „auf die Personen menschliche Fabeln benennet werden. Ein ^ „mehrerer Grad des Wunderbaren äusscrt sich in derjenige» „Classe der Fabeln, in welchen ganz andere als menschliche Personen aufgeführet werden. Diese sind entweder von einer „vortrcflichcrn und höhern Natur, als die menschliche ist, z. E. „die heidnische» Gottheiten; — oder sie sind in Ansehung ih- „res Ursprungs und ihrer natürlichen Gcschicklichkcit von einem „geringern Rang als die Menschen, als z. E. die Thiere, Pflan- „zen zc. — Weil in diesen Fabeln das Wunderbare über das „Wahrscheinliche nach verschiedenen Graden herrschet, werde» „sie deswegen nicht unfüglich wunderbare, und in Absicht auf „die Personen entweder göttliche oder thierische Fabeln ge- „ nennt — Und die Fabel vo» den zwey Töpfen, die Fabel ° ^etop. t27. k'sdul. ^et«i>. »80. °" I>»dul. ^elo,,. t97. -j- 5-tbuI. ^es«i>. t89. ,<:t> .,,->^,/. ,liii>«» 'H ,>1'>>. !»<>>!'« -j i ,<»L ,>I«>>^ .»<«>,!'? i V i III. Äoii der (niilhciluiig der Fabeln. 406 von dc» Bäumen und dem Dornstrauchc? Sollen die auch thierische Fabeln hcisscn? Oder sollen sie und ihres gleichen, eigne Benennungen erhalten? Wie sehr wird diese Nmncnrolle anwachsen, besonders wenn man auch alle Arte» der vermischten Gattung benennen sollte! Aber ein Exempel zu geben, daß man nach dieser Zdrciringerschcn Einthcilung oft zweifelhaft sey» kann, zu welcher Classe man diese oder jene Fabel rechnen soll, so betrachte man die schon angeführte Fabel, von dem Gärtner und seinem Hunde, oder die noch bekanntere, von dem Ackcrsmannc und der Schlange; aber nicht so wie sie PhöSrus crzchlct, sondern wie sie unter den griechischen Fabeln vorkömmt. Beyde haben einen so geringen Grad des Wunderbaren, daß man sie nothwendig zu den wahrscheinliche», das ist menschlichen Fabeln, rechnen mußte. Zu beyden aber kommen auch Thiere vor; und in Betrachtung dieser würden sie zu den vermischten Fabeln gehören, in welchen das Wunderbare weit mehr über das Wahrscheinliche herrscht, als in jenen. Folglich würde man erst ausmachen müssen, ob die Schlange nnd der Hund hier als handelnde Personen der Fabel anzusehen wären oder nicht, ehe man der Fabel selbst ihre Classe anweisen könnte. Ich will mich bey diesen Kleinigkeiten nicht länger aufhalten, sondern mit einer Anmerkung schlicsscn, die sich überhaupt auf die hyperphysischen Fabeln beziehet, und die ich, zur richtigern Beurtheilung einiger von meinen eigenen Versuchen, nicht gern anzubringen vergessen möchte. — Es ist bey dieser Gattung von Fabeln die Frage, wie weit der Fabulist die Natur der Thiere und andrer niedrigern Geschöpft erhöhen, und wie nahe er sie der menschlichen Natur bringen dürffc? Ich antworte kurz: so weit, und so nahe er immer will. Nur mit der einzigen Bedingung, daß aus allen, was er sie denken, reden, und handeln läßt, der Charakter hcrvorschcinc, um dessen willen er sie seiner Absicht bequemer sand, als alle andere Zn- dividua. Zst dieses; denken, reden und thun sie durchaus nichts, was ein ander Individuum von einem andern, oder gar ohne Charakter, eben so gut denken, reden und thun könnte: so wird uns ihr Betragen im geringsten nicht befremden, wenn es auch noch so viel Witz, Scharfsinnigkcit und Vernunft voraussetzt. 40k Abhandlungen über die Fabel. Und wie könnte es auch? Haben wir ihnen einmal Freyheit und Sprache zugestanden, so müssen wir ihnen zugleich alle Modifikationen des Willens und alle Erkenntnisse zugestehen, die aus jenen Eigenschaften folgen können, auf welchen unser Vorzug vor ihnen einzig und allein beruhet. Nur ihren Charakter, wie gesagt, müssen wir durch die ganze Fabel finden; und finden wir diesen, so erfolgt die Illusion, daß es wirkliche Thiere sind, ob wir sie gleich reden hören, und ob sie gleich noch so feine Anmerkungen, noch so scharfsinnige Schlüsse machen. Es ist unbeschreiblich, wie viel Svpkismata „on cauln ut cauko die Kunstrichtcr in dieser Materie gemacht haben. Unter andern der Verfasser der britischen Briefe, wenn er von seinem Hermann Axel sagt: „Daher schreibt er auch den unvernünftigen Thieren, die er aufführt, niemals eine Reihe von „Anschlägen zu, die in einem System, in einer Verknüpfung stc^ ,,hcn, und zu einem Endzwecke von weiten her angeordnet sind. „Denn dazu gehöret eine Starke der Vernunft, welche über den „Instinkt ist. Zhr Instinkt giebt nur flüchtige und dunkle Strahlen einer Vernunft von sich, die sich nicht lange empor halten „kann. Alis dieser Ursache werden diese Fabeln mit Thierpcr- „soncn ganz kurz, und bestehen nur aus einem sehr einfachen „Anschlage, oder Anliegen. Sie reichen nicht zu, einen menschlichen Charakter in mehr als einem Lichte vorzustellen; ja der „Fabulist muß zufrieden seyn, wenn er nur einen Zug eines „Charakters vorstellen kann. Es ist eine ausschwciffcndc Zdcc „des Pater Zbojsue, daß die acsopischc Fabel sich in dieselbe „Länge wie die epische Fabel ausdehnen lasse. Denn das kann „nicht geschehen, es sey denn daß man die Thiere nichts von „den Thieren behalten lasse, sondern sie in Menschen verwandle, „welches nur in possierlichen Gedichten angehet, wo man die „Thiere mit gewissem Vorsatz in Masken aufführet, und die „Verrichtungen der Menschen nachäffen läßt, zc." — Wie sonderbar ist hier das aus dem Wesen der Thiere hergeleitet, was der Kunstrichtcr aus dem Wesen der anschauenden Erkenntniß, und aus der Einheit des moralischen Lehrsatzes in der Fabel, hätte herleiten sollen! Ich gebe es zu, daß der Einfall des Pater Zdossne nichts taugt. Die acsopischc Fabel, in dic Länge III. Von der Cmthcilung der Fabeln. 407 einer epischen Fabel ausgedehnet, höret auf eine acsopische Fabel zu seyn; aber nicht deswegen, weil man den Thieren, nachdem man ihnen Freyheit und Sprache ertheilt hat, nicht auch eine Folge von Gedanken, dergleichen die Folge von Handlungen in der Epopec erfordern würde, ertheilen dürfte; nicht deswegen, weil die Thiere alsdcnn zn viel menschliches haben würden: sondern deswegen, weil die Einheit des moralischen Lehrsatzes vcrlohrcn gehen würde; weil man diesen Lehrsatz in der Fabel, deren Theile so gewaltsam aus einander gcdchnct und mit fremden Theilen vermischt worden, nicht länger anschauend erkennen würde. Denn die anschauende Erkenntniß erfordert unumgänglich, daß wir den einzeln Fall auf einmal übersehen können; können wir es nicht, weil er entweder allzuviel Theile hat, oder seine Theile allzuweit aus einander liegen, so kann auch die Intuition des Allgemeinen nicht erfolgen. Und nur dieses, wenn sich nicht sehr irre, ist der wahre Grund, warum man es dem dramatischen Dichter, noch williger aber dem Epopccndichtcr, erlassen hat, in ihre Werke eine einzige Hauptlchrc zu legen. Denn was hilft es, wenn sie auch eine hineinlegen? Wir können sie doch nicht darinn erkennen, weil ihre Werke viel zu wcitläuftig sind, als das wir sie auf einmal zu übersehen vermöchten. Zn dem Sauclctte derselben müßte sie sich wohl endlich zeigen; aber das Squclctt gehöret für den kalten Kunstlichter, und wenn dieser einmal glaubt, daß eine solche Hauptlchrc darinn liegen müsse, so wird er sie gewiß hcrausgrübcln, wenn sie der Dichter auch gleich nicht hinein gelegt hat. Daß übrigens das eingeschränkte Wesen der Thiere von dieser nicht zu erlaubenden Ausdehnung der acsopischcn Fabel, die wahre Ursach nicht sey, hätte der kritische Briefsteller gleich daher abnehmen können, weil nicht bloß die thierische Fabel, sondern auch jede andere acsopische Fabel, wenn sie schon aus vernünftigen Wesen bestehet, derselben unfähig ist. Die Fabcl von dcm Lahmen und Blinden, oder von dem armen Manne und dem Tode, läßt sich eben so wenig zur Länge d'rs epischen Gedichts erstrecken, als die Fabcl von dcm Lamme und dcm Wolfc, oder von dcm Fuchse und dcm Nabe». Kann es also an der Natur der Thiere liegen? Und wen» man mit Beyspielen sirci- Abhandlungen über die Fabel. ttn wollte, wie viel sehr gute Fabeln liessen sich ihm nicht entgegen setzen, in welchen den Thieren weit mehr, als flüchtige uns dunkle Strahlen einer Vernunft beygelegt wird, lind man sie ihre Anschläge ziemlich von rveiren her zu einem Endzwecke anwenden siehet. Z. E. der Adler und der Käfer"; der Adler, die Katze und das Schwein :c."* Unterdessen, dachte ich cinsmals bey mir selbst, wenn man dem vhngeachtct eine acsopische Fabel von einer ungewöhnlichen Länge machen wollte, wie müßte man es anfangen, daß die itztbcrührten Unbequemlichkeiten dieser Länge wegfielen? Wie müßte unser Reinickc Fuchs aussehen, wenn ihm der Name eines acsopischcn Heldengedichts zukommen sollte? Mein Einfall war dieser: Vors erste müßte mir ein einziger moralischer Satz in dem Ganzen zum Grunde liegen; vors zroeyte müßten die vielen und mannigfaltigen Theile dieses Ganzen unter gewisse Hauptthcile gebracht werden, damit man sie wenigstens in diesen Hauptthcilen auf einmal übersehen könnte; vors dritte müßte jeder dieser Hauptthcile ein besonders Ganze, eine für sich bestehende Fabel seyn können, damit das grosse Ganze aus gleichartigen Theilen bestünde. Es müßte, um alles zusammenzunehmen, der allgemeine moralische Satz in seine einzelne Begriffe aufgelöset werden; jeder von diesen einzelnen Begriffen müßte in einer besondern Fabel zur Intuition gebracht werden, und alle diese besondern Fabeln müßten zusammen nur eine einzige Fabel ausmachen. Wie wenig hat der Rcinici'e Fuchs von diesen Requisitis! Am besten also, ich mache selbst die Probe, ob sich mein Einfall auch wirklich ausführen läßt. — Und nun urtheile man, wie diese Probe ausgefallen ist! Es ist die sechzehnte Fabel meines dritten Buchs, und heißt die Geschichte des «Iren Ivolfs, in sieben Fabeln. Die Lehre, welche in allen sieben Fabeln zusammen genommen liegt, ist diese: „Man „muß einen alten Vöscwicht nicht auf das äusserste bringen, „und ihm alle Mittel zur Besserung, so spät und erzwungen „sie auch seyn mag, benehmen. Dieses Aeusserste, diese Bc- nchmung alkr Mittel zcrstückte ich; machte verschiedene mißlun- ° r-u.. ?. °° ?I>i»u>IrU!j Mr> II. j. III. Non dcr einihcilmig der Fabeln. 409 gcne Versuche des Wolfs daraus, des gefährlichen Raubens künftig muffig gehen zu können; und bearbeitete jeden dieser Versuche als eine besondere Fabel, die ihre eigne und mit dcr Hauptmoral in keiner Verbindung stehende Lehre hat. — Was ich hier bis auf sieben, und mit dem Rangstrcite der Thiere auf vier Fabeln, gebracht habe, wird ein andrer mit cincr andern noch fruchtbarern Moral leicht auf mehrere bringen können. Zch bcgnügc mich, die Möglichkeit gezeigt zu habcn. 'i- ' . ^ V'^ . . , ^ Von dem Vortrage dcr Fabeln. Wie soll dieFabcl vorgetragen werden? Ist hicrinn Aesopus, oder ist Phäorus, oder ist la Fontaine das wahre Muster? Es ist nicht ausgemacht, ob Aesopus scinc Fabeln selbst aufgeschrieben, und in ein Buch zusammcngctragcn hat. Aber das ist so gut als ausgemacht, das?, wenn er es auch gethan hat, doch keine einzige davon durchaus mit seinen eigenen Worten auf uns gekommen ist. Zch verstehe also hier die allcr- schönstcn Fabeln in den verschiedenen griechischen Sammlungen, welchen man seinen Namen vorgesetzt hat. Nach diesen zu urtheilen, war sein Nortrag von dcr äussersten Präcision; cr hielt sich nirgcnds bcy Beschreibungen auf; cr kam sogleich zur Sache und eilte mit jedem Worte näher zum Ende; er kannte kein Mittel zwischen dem Nothwendigen und Unnüzcn. So charak- tcrisirt ihn Se la Motte; und richtig. Diese Präcision und Kürzc, worinn cr ein so grosses Muster war, fanden die Alten der Natur dcr Fabcl auch so angemessen, daß sie eine allgemeine Regel daraus machten. Theon unter andern dringet mit den ausdrücklichsten Worten darauf. Auch phödrus, dcr sich vornahm dic Erfindungcn dcs Aesopus in Vcrscn auszubilden, hat offenbar den festen Vorsatz gehabt, sich an diese Regel zu halten; und wo cr davon abgekommen ist, scheinet ihn das Sylbcnmaaß und dcr poetischere Styl, in welchen uns auch das allcrsimpclste Sylbcnmaaß wie unvcrmcidlich verstrickt, gleichsam wider seinen Willen davon abgebracht zu haben. Aber la Fontaine? Dieses sonderbare Gcnic! Fontaine! 410 Abhandlungen über die Fabel. Nein Wider ihn selbst habe ich nichts; aber wider seine Nachahmer; wider seine blinden Verehrer! Ä.a Fontaine kannte die Alten zn gut, als daß er nicht hätte wissen sollen, was ihre Muster und die Natur zu einer vollkommenen Fabel erforderten. Er wußte es, daß die Kurze die Seele der Fabel sey; er gestand es zu, daß es ihr vornehmster Schmuck sey, ganz und gar keinen Schmuck zu haben. Er bekannte" mit der liebenswürdigsten Aufrichtigkeit, „daß man die zierliche Präcision und „die außerordentliche Kürze, durch die sich Phädrns so sehr „empfehle, in seinen Fabeln nicht finden werde. Es wären „dieses Eigenschaften, die zu erreichen, ihn seine Sprache zum „Theil verhindert hätte; und bloß deswegen, weil er den Phä- „drus darin» nicht nachahmen können, habe er geglaubt, „yu'il lalloit on rocomnonlo vAa^or I'c»uvr»AlZ ^ilus «niil n a lait. Alle die Lustigkeit, sagt er, durch die ich meine Fabeln aufgestützt habe, soll weiter nichts als eine ctwanigc Schadloshaltung für wesentlichere Schönheiten seyn, die ich ihnen zu ertheilen zu unvermögend gewesen bin. — Welch Bekenntniß! Zn meinen Augen macht ihm dieses Bekenntniß mehr Ehre, als ihm alle seine Fabeln machen! Aber wie wunderbar ward es von dem französischen Publico aufgenommen! Es glaubte, la Fontaine wolle ein blosses Eomplimcnt machen, und hielt die Schadloshaltung unendlich höher, als das, wofür sie geleistet war. Kaum konnte es auch anders seyn; denn die Schadloshaltung hatte allzuviel rcitzcndcs für Franzosen, bey welchen nichts über die Lustigkeit gehet. Ein witziger Kopf unter ihnen, der hernach das Unglück hatte, hundert Zahr witzig zu bleiben**, meinte so gar, la Fontaine habe sich aus blosser Albernheit (par kotilo) dem Phävrus nachgesetzt; und Se la Motte schrie über diesen Einfall: mot pUllt-int, in-üs loliilo! Unterdessen, da la Fontaine seine lustige Schwazhaftigkcit, durch ein so grosses Muster als ihm PhaSrus schien, verdammt glaubte, wollte er doch nicht ganz ohne Bedeckung von Seiten des Alterthums bleiben. Er setzte also hinzu: „Und meinen „Fabeln diese Lustigkeit zu ertheilen, habe ich um so viel eher ° Zu der Vorrede zu sciucu Fabel». " Foutcucltc, IV. Von dem Vortrage der Fabeln. 411 „wagen dürsten, da (lwintilian lehret, man könne die Erzch- „liingcn nicht lustig genug machen (oA-ivvr). Zch brauche keine „Ursache hiervon anzugeben, genug, daß es Äuintilian sagt. — Zch habe wider diese Autorität zwcycrlcy zu erinnern. Es ist wahr, (üuintllian sagt: IZgo voro niurationom, ut 1i u»am nar- toiu orationis, omni, lni» potett, Aratia A vvnerv vxninaliclam nuto und dieses muß die Stelle seyn, worauf sich la Fontaine stützet. Aber ist diese Grazie, diese Venus, die er der Erzchlung so viel als möglich, obgleich nach Maaßgcbung der Sache zu ertheilen bcfichlct, ist dieses Lustigkeit? Zch sollte meinen, daß grade die Lustigkeit dadurch ausgeschlossen werde. Doch der Hauptpunkt ist hier dieser: (Unintilian redet von der Erzchlung dcs Facti in einer gerichtlichen Rede, und was er von dieser sagt, ziehet la Fontaine, wider die ausdrückliche Regel der Alten, auf die Fabel. Er hätte diese Regel unter andern bey dem Theon finden können. Der Grieche redet von dem Aortragc der Erzchlung in der Chric, — wie plan, wie kurz muß die Erzchlung in einer Chrie seyn! — und setzt hinzu: 6x 170t!; o'?'xp«v i^v k^i/rzvxiocv ^: Die Erzchlung der Fabel soll noch planer seyn, sie soll zusammengepreßt, so viel als möglich ohne alle Zicrrathcn und Figuren, mit der einzigen Deutlichkeit zufrieden seyn. Dem la Fontaine vergebe ich den Mißbrauch dieser Autorität des (Uuimilians gar gern. Man weiß ja, wie die Franzosen überhaupt die Alten lesen! Lesen sie doch ihre eigene Autorcs mit dcr unvcrzcihlichstcn Fattcrhaftigkcit. Hier ist gleich ein Ercmpcl! ZOe la Motte sagt von dem la Fontaine: 1»ut OriZiusI «zuil vtt ds»8 les mimioros, il otoit ^llmirstvur «los ^»eions ^uslma l^ ^>rovontion, cvmmo 1'ils vustvnt 6t6 los mc>- tlolos. 6»v'e!)ote', clit-il, e^t /'a^/s <^ Ä o/'^ a^ioi'te?' » e'e/t «//'«T ^?«s 6?t»i^'/tL,t /Vl/t t/t't'""'. Man kann nicht verstümmelter anführen als de la Motte ° vuwcliliiliiu» Ins«. - tit ii-Uuril vM» rvi, >iusm exiwiümus. /, iöic/e»!. Uilcouiü tur w t'-llilv p. 17. 412 Abhandlungen über die Fabel. hier den la Fontaine anführet! Fontaine legt cs cinei» ganz andern Kunstrichtcr in den Mund, daß die Kurze die Seele der Fabel sey, oder spricht cs vielmehr in seiner eigenen Person; er beruft sich nicht wegen der Kürze, sondern wegen der Munterkeit, die in den Erzchlungcn herrschen solle, auf das Zeugniß des Äm'ntilians, und würde sich wegen jener sehr schlecht auf ihn berufen haben, weil man jenen Ausspruch nirgend bey ihm findet. Ich komme auf die Sache selbst zurück. Der allgemeine Beyfall, den la Fontaine mit seiner muntern Art zu crzchlcn erhielt, machte, daß man nach und nach die acsopischc Fabel von einer ganz andern Seite betrachtete, als sie die Alten betrachtet hatten. Bey den Alten gehörte die Fabel zu dem Gebiethe der Philosophie, und aus diesem höhlten sie die Lehrer der Redekunst in das ihrige herüber. Aristoteles hat nicht in seiner Dichtkunst, sondern in seiner Rhetorik davon gehandelt; und was Aphrhonius und iLhcon davon sagen, das sagen sie gleichfalls in Vorübungen der Rhetorik. Auch bey den Neuern muß man das, was man von der acsopischc» Fabel wissen will, durchaus in Rhetoriken suchen; bis auf die Zcitcn des la Fontaine. Ihm gclang cs die Fabel zu einem anmuthigcn poetischen Spiclwcrkc zu machen; er bczaubcrtc; er bekam eine Menge Nachahmer, die den Namen eines Dichters nicht wohlfcilcr crhaltcn zu könncn glaubten, als durch solche in lustigen Versen ausgedehnte und gewasserte Fabeln; die Lehrer der Dichtkunst griffen zu; die Lehrer der Redekunst liessen den Eingriff geschehen; diese horten auf, die Fabel als ein sicheres Mittel zur lebendigen Ueberzeugung anzupreisen; und jene singen dafür an, sie als ein Kinderspiel zu betrachten, das sie so viel als möglich auszuputzcn, uns lehren inüßtcn. — So stehen wir noch! — Ein Mann, der aus der Schule der Alten kömmt, wo ihm jene x;>,lc-rp>6t« cxxcxT'cxo'-ix^c,-; der Fabel so oft empfohlen worden, kann der wissen, woran er ist, wenn er z. E. bey dem Zdat- tcux ein langes Verzeichnis; von Zicrrathcn liefet, deren die Er- zchlung dcr Fabcl fähig seyn soll? Er muß voller Verwunderung fragen: so hat sich denn bey den Neuern ganz das Wcscn IV. Von dein Vortrage drr Fabeln. 413 der Dinge verändert? Denn alle diese Zicrrathcn streiten mit dem wirklichen Wesen der Fabel. Ich will es beweisen. Wenn ich mir einer moralischen Wahrheit durch die Fabel bewußt werden soll, so muß ich die Fabel aus einmal übersehen können; und um sie auf einmal übersehen zu können, muß sie so kurz seyn, als möglich. Alle Zicrathcn aber sind dieser Kürze entgegen; denn ohne sie würde sie noch kürzer seyn können: folglich streiten alle Zicrathcn, in so fcrn sie leere Verlängerungen sind, mit der Absicht der Fabel. Z. E. Eben mit zur Erreichung dieser Kürze, braucht die Fabel gern die allcrbckanntcstcn Thiere; damit sie weiter nichts als ihren einzigen Namen nennen darf, um einen ganzen Charakter zu schildern, um Eigenschaften zu bemerken, die ihr ohne diese Namen allzuviel Worte kosten würden. Nun höre man den Zdattcur: „Diese Zicralhc» bestehen LLrftlicli in Gcmähl- „den, Beschreibungen, Zeichnungen der Ocrter, der Personen, „der Stellungen." — Das heißt: Man muß nicht schlechtweg z. E. ein Fuchs sagen, sondern man muß fein sagen: I7n vioux üc-nar/Z, mai« «los plus tms, tZi-nnil crolniour llv ,,l>ulets, Zianc! jiioneur do Ii>i>ins, Kentunt /an 1!o„!N'ä cl'imo liouö kc. Der Fabulist brauchet Zuchs, um mit einer einzigen Sylbe ein individuelles Bild eines witzige» Schalks zu entwerfen; und der Poet will lieber von dieser Bequemlichkeit nichts wissen, will ihr entsagen, ehe man ihm die Gelegenheit nehmen soll, eine lustige Beschreibung von einem Dinge zu machen, dessen ganzer Vorzug hier eben dieser ist, daß es keine Beschreibung bedarf. Der Fabulist will in Einer Fabel nur Eine Moral zur Intuition bringen. Er wird es also sorgfältig vermeiden, die Theile derselben so einzurichten, daß sie uns Anlaß geben, irgend eine andere Wahrheit in ihnen zu erkennen, als wir in allen Theilen zusammen genommen erkennen sollen. Viclwcnigcr wird er eine solche fremde Wahrheit mit ausdrücklichen Worten cinflicssen lassen, damit er unsere Aufmerksamkeit nicht von seinem Zwecke abbringe, oder wenigstens schwäche, indem er sie unter mehrere allgemeine moralische Sätze theilet. — Aber Batteur, was sagt der? „Die zweyte Zicrath, sagt er, bestehet in den Gedanken; 414 Abhandlungen über die Fabel. „nehmlich in solchen Gedanken, die hervorstechen, und sich von „den übrigen auf eine besondere Art unterscheiden." Nicht minder widersinnig ist seine dritte Zicrath, die Allusion — Doch wer streitet denn mit mir? Vatreux selbst gesteht es ja mit ausdrücklichen Worten, „daß dieses nur Zic- „rathen solcher Erjchlungcn sind, die vornehmlich zur Bclusti- „ cning gemacht werden. Und für eine solche Erzchlung hält er die Fabel? Warumbin ich so eigensinnig, sie nicht auch dafür zu halten? Warum habe ich nur ihren Nutzen im Sinne? Warum glaube ich, daß dieser Nutzen seinem Wesen nach schon anmuthig genug ist, um aller fremden Annehmlichkeiten entbehre» zu können? Freylich geht es dem la Fontaine, und allen seinen Nachahmern, wie meinem Manne mit i)cm Zöogen"; der Mann wollte, daß sein Bogen mehr als glatt sey; er ließ Zicrathcn darauf schnitzen; und der Künstler verstand sehr wohl, was für Zicrathcn auf einen Bogen gehörten; er schnitzte eine Zagd darauf: nun will der Mann den Bogen versuchen, und er zerbricht. Aber war das die Schuld des Künstlers? Wer hieß den Mann, so wie zuvor damit zu schicsscn? Er hätte den geschnitzten Bogen nunmehr fein in seiner Rüstkammer aufhängen, und seine Augen daran weiden sollen! Mit einem solchen Bogen schicsscn zu wollen! — Freylich würde nun auch Plaro, der die Dichter alle mit samt ihrem Homer, aus seiner Rcpublick verbannte, dem Zlesopus aber einen rühmlichen Platz darinn vergönnte, freylich würde auch Er nunmehr zu dem Aesopus, so wie ihn la Fontaine verkleidet hat, sagen: Freund, wir kennen einander nicht mehr! Geh auch du deinen Gang! Aber, was geht es uns an, was so ein alter Grillenfänger, wie Plato, sagen würde? — Vollkommen richtig! Unterdessen, da ich so sehr billig bin, hoffe ich, daß man es auch cinigcrmaasscn gegen mich seyn wird. Zch habe die erhabene Absicht, die Welt mit meinen Fabeln zu belustigen, leider nicht gehabt; ich hatte mein Augenmerk nur immcr auf diese oder jene Sittcnlchrc, die ich, meistens zu meiner eigenen Erbauung, gern in besondern Fällen übersehen wollte; und zu diesem Gebrauche glaubte ich meine Erdichtun- tvvZ Sr<« ,?u5N.'.-T''nW — .t,jn-!t',g?«Z> ?W!ln»m° ,ni?m,»N»' - L. die n-sic Z.ü'cl des drille» Buchs. ... xlMlw^?') lnl^ii ^i, j^s vywittZ ?n4 IV. Von dem Vortrage der Fabeln. 416 ge» nicht kurz, nicht trocken genug aufschrcibcn zu können. Wenn ich aber itzt die Welt gleich nicht belustige; so könnte sie doch mit der Zeit vielleicht durch mich belustiget werden. Man er- zchlct ja die neuen Fabeln des Abstemius, eben sowohl als die alten Fabeln des Acsopus in Versen; wer weis was meinen Fabeln aufbehalten ist, und ob man auch sie nicht einmal mit aller möglichen Lustigkeit crzchlct, wenn sie sich anders durch ihren innern Werth eine Zeitlang in dem Andenken der Welt erhalten? In dieser Betrachtung also, bitte ich voritzo mit mci« ner Prosa ^ -»»i-l -k,> <>i miiiiill^ mMbcr ich bilde mir ein, daß man mich meine Bitte nicht einmal aussagen läßt. Wenn ich mit der allzumuntcrn, und leicht auf Umwege führenden Erzchlungsart des la Fontaine nicht zufrieden war, mußte ich darum auf das andere Ertremum verfallen? Warum wandte ich mich nicht auf die Mittclstrassc des Phadrus, und crzchlte in der zierlichen Kürze des Römers, aber doch in Versen? Denn prosaische Fabeln; wer wird die lesen wollen! — Diesen Vorwurf werde ich ohnfchlbar zu hören bekommen. Was will ich im voraus darauf antworten? Zwey- crlcy. LLrstlick; was man mir am leichtesten glauben wird: ich fühlte mich zu unfähig, jene zierliche Kürze in Versen zu erreichen. L.a Fontaine, der eben das bey sich fühlte, schob die Schuld auf seine Sprache. Ich habe von der meinigcn eine zu gute Meinung, und glaube überhaupt, daß ein Genie seiner angcbohrncn Sprache, sie mag seyn welche es will, eine Form ertheilen kann, welche er will. Für ein Genie sind die Sprachen alle von einer Natur; und die Schuld ist also einzig nnd allein meine. Ich habe die Vcrsification nie so in meiner Gewalt gehabt, daß ich auf keine Weise besorgen dürffcn, das Sylbcnmaaß und der Reim werde hier und da den Meister über mich spielen. Geschähe das, so wäre es ja um die Kürze gethan, und vielleicht noch um mehr wesentliche Eigenschaften der guten Fabel. Denn zweitens — Ich muß es nur gestehen; ich bin mit dem Phadrus nicht so recht zu frieden. De la Motte hatte ihm weiter nichts vorzuwerfen, als „daß er „seine Moral oft zu Anfange der Fabeln setze, und daß er uns „manchmal eine allzu linbcstimmtc Moral gebe, die nicht deutlich 4ll» Abhandlungen über die Fabel. '?? „genug aus der Allegorie entspringe. Der erste Vorwurf bc« trift eine wahre Kleinigkeit; der zweyte ist unendlich wichtiger, und leider gegründet. Doch ich will nicht fremde Beschuldigungen rechtfertigen; sondern meine eigne vorbringen. Sie läuft dahin aus, daß Phävrus so oft er sich von der Einfalt der griechischen Fabeln auch nur einen Schritt entfernt, einen plumpe» Fehler begehet. Wie viel Beweise will man? z. E. 1>M< -^6 ii^ii^M -mP'sIii. tzullMtz I.'u.' imm-i m--,si tüanis j>vi' tliimo», eai'nvm )Mj>l!iiium in fuoculo vi,»i' <5txfi«n>-; das braucht weiter nichts zu hcissc», als: er ging über den Flusi; auf einem niedrigen Steige, muß man sich vorstellen. Aphlhonius bestimmt diesen Umstand »och behutsamer: Xc>sllce cx^ircxo'c/.!/« ^lc>- xvu)^' 7r«c>' > OXS-II'Z der Hund ging a» dem Ufer des Flusses. llw? n,6u»»!iz »ttsl't^!'!!?'««: S.'^ibt'F.': ' : .-t,k, Vacca & capvlla, ziations ovis in^juiiil', Socii tuei-o cum lo»»« i» s-tltilms. Welch ci»e Gesellschaft! Wie war es möglich, daß sich diese viere zu ci«cm Zwecke vereinigen konnten? Und zwar zur Jagd! Diese Ungereimtheit habe» die Kunstlichter schon öfters angemerkt; aber »och kcmcr hat zugleich ammrkcn wolle», daß sie von des PhaSrus eigener Erfindung ist. Zm Griechischen ist diese Fabel zwischen dem -L.öwcn und dem rvildcn LLscl (0i>«- N>o-,-). Bon dem wilden Esel ist es bekannt, daß er ludert; und folglich konnte er an der Beute Theil nehmen. Wie elend ist ferner die Theilung bey dcm*phä0rus: R^o M'imam tollc», nominor cmis loo, Mi!'-!'.' (ini! ,l!r^t?s> Lecunclam, ^ ^«9 »^l; das zweyte Theil gehört mir auch u5>,' ^ to-lli^ xc>l^(t>i'^i>, »ach dem Rechte der gleichen Theilung; lind das dritte Theil x«xov ^1^« o-<-i ?ro^o-x^ ^ ^>r^ k^x^i^^ cf>>.>vxti'. ^->b. 11. I. Veiigri »telli, eomito eum vollot len, <>o»tK admanuit sinn,!, l7t niluotit voce teirerot fenis >.^c. lju-v clum ^avontos oxitus notos pvtuiit, I^von!« oslllZinitur Iioirondo im^otu. Der Löwe verbirgt den Esel in das Gesträuche; der Esel schreyet, die Thiere erschrecken in ihren Lagern, und da sie durch die bekannten Ausgange davon fliehen wollen, fallen sie dem Löwen in die Klanen. Wie ging das zu? Konnte jedes nur durch Einen Ausgang davon kommen? Warum mußte es gleich den wählen, an welchem der Löwe lauerte? Oder konnte der Löwe überall seyn? — Wie vortrcflich fallen in der griechischen Fabel alle diese Schwierigkeiten weg! Der Löwe und der Esel komme» da vor eine Höhle, in der sich wilde Ziegen aufhalten. Der Löwe schickt den Esel hinein; der Esel scheucht mit seiner fürchterlichen Stimme die wilden Ziegen heraus, und so können sie dem Löwen, der ihrer an dem Eingange wartet, nicht entgehen. 9. I/idr. IV. pl.'1'ktk! impolmt luiütoi' nollls llug-i) prni»i!s loplotum vitiis iiost teiFum llvclit, ^lienis antc- poetus lulpenllit Aravom. Inpirer hat uns diese zwey Säcke aufgelegt? Er ist also selbst Schuld, daß wir unsere eigene Fehler nicht sehen, und nur scharfsichtige Tadlcr der Fehler unsers Nächsten sind? Wie viel fehlt dieser Ungereimtheit zu einer förmlichen Gotteslästerung? Die bessern Griechen lassen durchgängig den Zupitcr hier aus dem Spiele; sie sagen schlecht weg: ^.1.-^9^0-; 6^0 niM«? -x«- cr?v^ cpxpkl; oder: 6^10 nlZ9«? x^r^i/rxZ'« ?01^ 7-9«x^oi-! ll. s. w. Lcslmgs Werke V. 27 418 Abhandlungen über die Fabel. Genug für eine Probe! Ich behalte mir vor, meine Beschuldigung an einem andern Orte umständlicher zu erweisen; und vielleicht durch eine eigene Ausgabe des Phövrus- V. Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen. Ich will hier nicht von dem moralischen Nutzen der Fabeln reden; er gehöret in die allgemeine praktische Philosophie: und würde ich mehr davon sagen können, als lVolf gesagt hat? Noch weniger will ich von dem geringern Nutzen itzt sprechen, den die alten Nhclorcs in ihren Vorübungen von den Fabeln zogen; indem sie ihren Schülern aufgaben, bald eine Fabel durch alle vasus oklis zu verändern, bald sie zu erweitern, bald sie kurzer zusammenzuziehen zc. Diese Uebung kann nicht anders als zum Nachtheil der Fabel selbst vorgenommen werden; und da jede kleine Geschichte eben so geschickt dazu ist, so weis ich nicht, warum man eben die Fabel dazu mißbrauchen muß, die sich, als Fabel, ganz gewiß nur auf eine einzige Art gut cr- zchlcn läßt. Den Nutzen, den ich itzt mehr berühren als umständlich erörtern will, würde man den hcvristischcn Nutzen der Fabeln nennen können. — Warum fehlt es in allen Wissenschaften und Künsten so sehr an Erfindern und sclbstdcnkendcn Köpfen? Diese Frage wird am besten durch eine andre Frage beantwortet: Warum werden wir nicht besser erzogen? Gott giebt uns die Seele; aber das Genie müssen wir durch die Erziehung bekommen. Ein Knabe, dessen gcsammtc Scclcnkräftc man, so viel als möglich, beständig in einerley Verhältnissen ausbildet und erweitert; den man angewöhnet, alles, was er täglich zu seinem kleinen Wissen hinzulernt, mit dem, was er gestern bereits wußte, in der Geschwindigkeit zu vergleichen, und Acht zu haben, ob er durch diese Verglcichung nicht von selbst auf Dinge kömmt, die ihm noch nicht gesagt worden; den man beständig aus einer Scienz in die andere hinüber sehen läßt; den man lehret sich eben so leicht von dem Besondern zu dem Allgemeinen zu erheben, als von dem Allgemeinen zu dem Besondern sich wieder V. Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen. 4 t!) herab zulassen: Der Knabe wird ein Gcnic werden, oder man kann nichts in der Welt werden. Unter den Uebungen nun, die diesem allgemeinen Plane zu Folge angestellet werden müßten, glaube ich, würde die Erfindung acsopischer Fabeln eine von denen seyn, die dem Alter eines Schülers am aller angemessensten waren: nicht, daß ich damit suchte, alle Schüler zu Dichtern zu machen z sondern weil cs unleugbar ist, daß das Mittel, wodurch die Fabeln erfunden werden, gleich dasjenige ist, das allen Erfindern überhaupt das allcrgcläufigste seyn muß. Dieses Mittel ist das Principium der Reduclion, und es ist am besten, den Philosophen selbst davon zu hören: Viclomus acloo, nuo nrtifieio iitantnr tnliuln- rum invontoros, nimirum ? uo<1 invontnres »I^eeto clv tn- dulnrum invontc>ri>)us sontinnt: ^uo,i>'s voNerior Z. Alv, 27 * 420 Abhandlungen über die Fabel. der Natur zu mache», lind diese in der niedrigsten Classe allen Vorlesungen zum Grunde zu legen". Sie enthält, sagt er, den Saamcn aller übrigen Wissenschaften, sogar die moralischen nicht ausgenommen. Und es ist kein Zweifel, er wird mit diesem Saamen der Moral, den er in der Geschichte der Natur gefunden zu haben glaubet, nicht aus die blossen Eigenschaften der Thiere, und andern geringern Geschöpfe, sondern ans die Acsopischcn Fabeln, welche auf diese Eigenschaften gcbauet werden, gesehen haben. Aber auch alsdcnn noch, wenn es dem Schüler an dieser weitlaufligcn Kenntniß nicht mehr fehlte, würde man ihn die Fabeln Anfangs müssen mehr finden, als erfinden lassen; und die allmäligen Stuffen von diesem Finden zum Erfinden, die sind es eigentlich, was ich durch verschiedene Versuche meines zweyten Buchs habe zeigen wollen. Ein gewisser Kunstrichter sagt: „Man darf nur im Holz und im Feld, insonderheit aber „auf der Zagd, auf alles Betragen der zahmen und der wilden „Thiere aufmerksam seyn, und so oft etwas sonderbares und „merkwürdiges zum Vorschein kömmt, sich selber in den Gedanken fragen, ob es nicht eine Ähnlichkeit mit einem gewissen „Charakter der menschlichen Sitten habe, und in diesem Falle „in eine symbolische Fabel ausgebildet werden könne"". Die Mühe mit seinem Schüler auf die Zagd zu gehen, kann sich der Lehrer ersparen, wenn er in die alten Fabeln selbst eine Art vvn Zagd zu legen weiß; indem er die Geschichte derselben bald eher abbricht, bald weiter fortführt, bald diesen oder jenen Umstand derselben so verändert, daß sich eine andere Moral darinn erkennen läßt. Z. E. Die bekannte Fabel von dem Löwen und Esel sängt sich an! ^,eu>v xcxt ovo^, xon-ltivt-xv ^-x^l,5V0t, L^X-A-or? xirt, — Hier bleibt der Lehrer stehen. Der Esel in Gesellschaft des Löwen? Wie stolz wird der Esel auf diese Gesellschaft gewesen seyn! (Man sehe die achte Fabel meines zweyten Äuchs) Der Löwe in Gesellschaft des Esels? Und hatte sich denn der Löwe dieser Gesellschaft nicht zu schämen? (Man ° Briefe die »eucsic Litteratur betreffend 1 Theil S> 58. " Sritische Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln. V. Von einem besondern Nutzen der Fabel» in den Schulen. 421 sehe die siebende) Und so sind zwey Fabeln entstanden, indem man mit der Geschichte der alten Fabel einen kleinen Ausweg genommen, der auch zu einem Ziele, aber zu einem andern Ziele führet, als Acsopus sich dabey gesteckt hatte. Oder man verfolgt die Geschichte einen Schritt weiter: Die Fabel von der Krähe, die sich mit den ausgefallenen Federn andrer Vögel geschmückt hatte, schließt sich: --o» 6 xo^o-,»-,- isu n«^' x-z^oto?. Vielleicht war sie nun auch etwas schlechtes, als sie vorher gewesen war. Vielleicht hatte man ihr auch ihre eigene glänzenden Schwingfcdern mit ausgcrisscn, weil man sie gleichfalls für fremde Federn gehalten? So geht es dem Plagi- arius. Man ertappt ihn hier, man ertappt ihn da; und endlich glaubt man, daß er auch das, was wirklich sein eigen ist, gestohlen habe. (S. die sechste Fabel meines zweien Zönchs.) Oder man verändert einzelne Umstände in der Fabel. Wie wenn das Stücke Fleisch, welches der Fuchs dem Raben aus dem Schnabel schmeichelte, vergiftet gewesen wäre? (S. die fünfzehnte) Wie wenn der Mann die crfrornc Schlange nicht aus Barmherzigkeit, sondern aus Begierde, ihre schöne Haut zu haben, aufgehoben und in den Busen gesteckt hätte? Hätte sich der Mann auch alsdenn noch über den Undank der Schlange beklagen können? (S- die drirre Fabel ) Oder man nimmt auch den merkwürdigsten Umstand aus der Fabel heraus, und bauet auf denselben eine ganz neue Fabel. Dem Wolfe ist ein Bein in dem Schlundc stecken geblieben. Zn der kurzen Zeit, da er sich daran würgte, hatten die Schafe also vor ihm Friede. Aber durfte sich der Wolf die gezwungene Enthaltung als eine gute That anrechnen? (S- die vierte Fabel.) -Herkules wird in den Himmel aufgenommen, und unterläßt dem Plutus seine Verehrung zu bezeigen. Sollte er sie wohl auch seiner Todfeindin, der Juno, zu bezeigen unterlassen haben? Oder würde es dem -Herkules anständiger gewesen seyn, ihr für ihre Verfolgungen zu danken? ?- «I^oi^ «?rcx^«^^o'k0'^«t xocxoircxA'xtcxc,', oi'-xv o^ovvT-x,; TkoiTio-K'ci'l ürc»7-«^o,'. Welch eine unanständige Antwort für eine Gottheit! Ich schmeichle mir, daß ich den Iupiter würdiger antworten lassen, und überhaupt eine schönere Fabel daraus gemacht habe. (S- Sie zehnte Fabel.) — Zch breche ab! Denn ich kann mich unmöglich zwingen, einen Commcntar über meine eigene Versuche zu schreiben. l> !z6«? IU ?