^ ^^s^-" Gotthold Ephraim Lessmgs sämmtliche Schriften bcrausgcgcbc» von Karl L a ch m a n n. Gotthold Ephraim Lessmas sämmtliche Schriften. Neue rechtmäßige Ausgabe. Achter Band. Berlin, in der Voß'schcn Buchhandlung. 1839. I n h a l t. Seite Griefe, antiPiarischen Inhalts. Erster Theil. 17K8........................ 1 Zweyter Theil. 1769....................... 10? Wie die Alten den Tod gebildet. 1769........... 210 Gedichte von Andreas Scultctus. 1769........... 263 Predigt über zwei Texte ..................... 310 Bercngarius Turoncnsis. 1776................. 314 Vermischte Schriften. Erster Theil. 1771. Vorbcricht ............................. 424 Zerstreute Aiimcrkmigcn über das Evigrauim, und einige der vornchmsicn Epigraiiimatisten.................. 426 Ueber die so genannte Agrippine, unter den Alterthümern zu Dresden. 1771...................... 529 Briefe, antiquarischen Inhalts. ^^kN'l«xp1,<^« «xo^ixtV ^ »c^^l,« k<; «rt — Erster Theil. 1768. Vorderichf. icsc Briefe waren Anfangs nur bestimmt, einem wöchentlichen Blatte einverleibet zu werden. Denn man glaubte, daß ihr Inhalt keine andere, als eine beyläufige Lesung verdiene. Aber es wurden ihrer für diese Bestimmung zu viel; und da die Folge den Inhalt selbst wichtiger zu machen schien, als cS blosse Zänkcreycn über mißverstandene Meinungen dem Public» zu seyn Pflegen: so ward gcurthcilct, daß sie als ein eigenes Buch schon mit unterlaufen dürften. Die Ausschweifungen, welche der Verfasser mit seiner Rechtfertigung verbunden, werden wenigstens zeigen, daß er nicht erst seit gestern mit den Gegenständen derselben bekannt ist. In der Fortsetzung, welche der Titel verspricht, Host er noch mehr einzelne Anmerkungen los zu werden, von denen es immer gut seyn wird, daß sie einmal gemacht worden. Wem sie allzu klein, allzu unerheblich vorkommen sollten, für den, dünkt ihn, ist wohl das ganze Fach nicht, in welches sie gehören. Noch erwartet man vielleicht, daß er sich über den Ton erkläre, den er in diesen Briefen genommen. — Viäo «juam Lessings Werke viil. 1 » Antiquarischer Briefe erster. lim anticmorum Iionnnum! antwortete Cicero dem lauen Atticus, der ihm vorwarf, daß er sich über etwas warmer, rauher und bitterer ausgedrucket habe, als man von seinen Sitten erwarten können. Der schleichende, süße Komplimcnticrton schickte sich weder zu dem Vorwürfe, noch zu der Einkleidung. Auch liebt ihn der Verfasser überhaupt nicht, der mehr das Lob der Bescheidenheit, als der Höflichkeit sucht. Die Bescheidenheit richtet sich genau nach dem Verdienste, das sie vor sich hat; sie giebt jedem, was jedem gebühret. Aber die schlaue Höflichkeit giebt alle» alles, um von allen alles wieder zn erhalten. Die Alten kannten das Ding nicht, was wir Höflichkeit nennen. Ihre Urbanität war von ihr eben so weit, als von der Grobheit entfernt. Der Neidische, der Hämische, der Rangsüchtige, der Vcr- hctzcr, ist der wahre Grobe; er mag sich noch so höflich ausdrücken. Doch es sey, daß jene gothische Höflichkeit eine unentbehrliche Tugend des heutigen Umganges ist. Soll sie darum unsere Schriften eben so schaal und falsch machen, als unsern Umgang? — ^ Erster Brief. °) Mein Herr, Wenn es Zhnm gleichviel ist, ob Sie den Platz, den Sie in Zhrcn Blättern gelehrten Sachen bestimmen, mit einer guten Critik, oder mit der Widerlegung einer verunglückten füllen: so haben Sie die Güte, Folgendes einzurücken. Herr Klotz soll mich eines unverzeihlichen Fehlers, in seinem Buche von den alten geschnittenen Steinen überwiesen haben. Das hat ein Recensent dieses Buches (") für nöthig gehalten, mit anzumerken. Mich eines Fehlers? das kann sehr leicht seyn. Aber eines unverzeihlichen? das sollte mir Leid thun. Zwar nicht sowohl meinetwegen, der ich ihn begangen hätte: als derentwegen, die ihn mir nicht verzeihen wollten. °) Zuerst gedruckt in der Hamburgischc» neuen Zeitung, 97. Stuck, 211. Zunii 17K8, und im Hamburgischc» Correspondcntcn vom 22. Zunii, Num. t00. (°) Beytrag zum Sieichspostreuter St. 54. Antiquarischer Briefe erster. ^. Denn eS wäre ja doch nur ein Fehler. Fehler schlicsscn Vorsatz und Tücke aus; und daher müssen alle Fehler allen zu verzeihen seyn. Doch, gewisse Recensenten haben ihre eigene Sprache. Unverzeihlich heißt bey ihnen alles, worüber sie sich nicht enthalten können, die Zähne zu fletschen. Wenn es weiter nichts ist! — Aber dem ohngcachtct: worinn besteht er denn nun, dieser unverzeihliche Fehler? Herr Klotz schreibt: „Wie hat es einem unsrer besten „Kunstrichter (dem Verfasser des Laokoon) „einfallen können, „zu sagen, daß man sogar vieler Gemählde nicht erwähnt finde, „die die alten Mahler aus dem Homer gezogen hätten, und „daß es nicht der alten Artisten Geschmack gewesen zu seyn „scheine, Handlungen aus diesem Dichter zu mahlen? Die Homerischen Gedichte waren ja gleichsam das Lebrbuch der alten „Künstler, und sie borgten ihm ihre Gegenstände am liebsten „ab. Erinnerte sich Hr. Lcssing nicht an das große Homerische „Gemählde des Polygnotus, welches zu unsern Tagen gleichsam „wieder neu geschaffen worden ist? Unter denen vom Philosira- „tuS beschriebenen Gemählden sind drey Homerische, und die „vom Plinius kurz angezeigten kann jeder leicht finden. Unter „den Hcrculanischen Gemählden ist eines, welches den Ulysses „vorstellt, der zur Pcnclopc kömmt. Von halb erhabnen „Werken will ich nur die merkwürdigsten anführen, u. s. w. Zch könnte zu dem Recensenten sagen: Hier sehe ich blos, daß Herr Klotz nicht meiner Meinung ist, daß ihn meine Meinung befremdet; aber er sagt nichts von Fehler, noch weniger von einem unverzeihlichen Fehler. Doch, der Recensent könnte antworten: Was Herr Klotz keinen unverzeihlichen Fehler nennt, das beschreibt er doch als einen solchen; ich habe also dem Kinde nur seinen rechten Namen gegeben. Der Recensent hätte sast Reckt. Ich muß mich also nicht an ihn, sondern an den Herrn Klotz selbst wenden. Und was kann ich diesem antworten? Nur das: daß er mich nicht verstanden hat^ daß er mich etwas sagen läßt, woran ich nicht gedacht habe. 1» 4 Antiquarischer Briefe erster. Herr Klotz beliebe zn überlegen, daß es zwey ganz vcr- schicdne Dinge sind: Gegenstände mahlen, die Homer behandelt hat, und diese Gegenstände so mahlen, wie sie Homer behandelt hat. Es ist meine Schuld nicht, wenn er diesen Unterschied nicht begreift; wenn er ihn in meinem Laokoon nicht gesunden hat. Alles bezicht sich darauf. Daß die alten Artisten sehr gern Personen und Handlungen aus der Trojanischen Epoche gemahlt haben: das weiß ich, und wer weiß es nicht? Will man alle solche Gemählde Homerische Gemählde nennen, weil Homer die vornehmste Quelle der Begebenheiten dieser Epoche ist: meinetwegen. Aber was haben die Homerischen Gemählde in diesem Verstände, mit denen zu thun, von welchen ich rede; mit denen, dergleichen der Graf von Caylus den neuern Künstlern vorgeschlagen hat? Die Beyspiele, welche Herr Klotz mir vorhält, sind mir alle so bekannt gewesen, daß ich mich würde gcschämct haben, sie Herr Klotzen vorzuhalten. Zch würde mich gcschämct haben, zn verstehen zu geben, Herr Klotz habe sie entweder gar nicht, oder doch nicht so gut gekannt, daß sie ihm da bcyfallen können, wo sie ihm so nützlich gewesen wären. Was das sonderbarste ist: ich habe diese Beyspiele fast alle selbst angeführt, und an dem nehmlichen Orte meines Laokoon angeführt, den Hr. Klotz bestreiket. Er hätte sie aus meiner eigenen Anführung lernen können, wenn er sie nicht schon gewußt hätte. Und gleichwohl — Zch denke, das heißt, mit dem Sprichworte zu reden, einen mit seinem eigenen Fette beträufelt wollen. Zch sage, daß ich sie fast alle selbst angeführet habe; und füge hinzu: außer ihnen noch weit mehrere; indem ich nehmlich meine Leser aus den Fabricius (") verwiesen. Denn ich mache nicht gern zehn Allegata, wo ich mit einem davon kommen kann. Folglich; habe ich diese Beyspiele, und noch weit mehrere ihrer Art gekannt: so ist es ja wohl deutlich, daß, wenn ich dem ohngeachtet gesagt, „es scheine nicht der Geschmack der alten l°) vidl. vrsc. KW. II. F. Vl. p. »4S. Antiquarischer Briefe erster. 5 „Artisten gewesen zu seyn, Handlungen aus dem Homcr zu „mahlen," ich ganz etwas anders damit muß gcmcinct haben, als das, was diese Beyspiele widerlegen. Ich habe damit gemeiner, und meine es noch, daß so sehr die alten Artisten den Homcr auch genutzt, sie ihn doch nicht auf die Weise genutzt haben, wie Caylus will, daß ihn unserc Artisten nutzen sollen. Caylus will, sie sollen nicht allein Handlungen aus dem Homcr mahlen, sondern sie sollen sie auch vollkommen so mahlen, wie sie ihnen Homer vormahlt; sie sollen nicht so wohl eben die Gcgcnständc mahlen, welche Homcr mahlt, als vielmehr das Gemählde selbst nachmahlen, welches Homcr von diesen Gegenständen macht; mit Bcybchaltung der Ordonnanz des Dichters, mit Bcybchaltung aller von ihm angezeigten Localumstande u. s. w. Das, sage ich, scheinen die alten Artisten nicht gethan zu haben, so viel oder so wenig Homerische Gcgcnständc sie auch sonst mögen gemahlt haben. Ihre Gemählde waren Homerische Gemählde, weil sie den Stos dazu aus dem Homcr entlehnten, den sie nach den Bedürfnissen ihrer eignen Kunst, nicht nach dem Beyspiele einer fremden, behandelten: aber es waren keine Gemählde zum Homcr. Hingegen dic Gcmähldc, welche Caylus vorschlägt, sind mehr Gemählde zum Homcr, als Homerische Gemählde, als Gemählde in dem Gcistc dcs HomcrS und so angegcbcn, wie sie Homcr selbst würde ausgeführt haben, wenn er anstatt mit Worten, mit dem Pinsel gemahlt hätte. Deutlicher kann ich mich nicht erklären. Wer das nicht begreift, für den ist der Laokoon nicht geschrieben. Wer es aber für falsch hält, dessen Widerlegung soll mir willkommen seyn; nur, sieht man wohl, muß sie von einer andern Art seyn, als dic Klotzische. Herr Klotz hat in scincm Buche mir viermal die Ehre erwiesen, mich anzuführen, um mich viermal eines Bessern zu belehren. Zch wollte nicht gern, daß ein Mensch in der Welt wäre, der sich lieber belehren liesse, als ich. Aber — So viel ist gewiß, er streitet alle viermal nicht mit mir, sondern ich weiß selbst nicht mit wem. Mit einem, dem er . X. P, 829. ^Z?^-^>-«Ä^ - ^SlMi^^MWWW Antiquarischer Nricfe zweyter. 7 ten Mynias und Nosti gefolgt ist. Denn er hat weder die Homerische Scene angenommen, noch sich mit den vom Homer eingeführten Personen begnügt. Folglich müßte auch dieses kein Homerisches Gemählde heißen; und ich konnte antworten: es wäre besser gewesen, Herr Klotz hätte sich gewisser Dinge gar nicht erinnert, als falsch. Zn beiden Gemählden hat Polygnotus sich bald an diesen, bald an jenen Dichter und Geschichtschreiber gehalten; ohne sich ein Gewissen zu machen, auch Dinge von seiner eignen Erfindung mit einzumischen. Eine Freyheit, deren sich auch andere alte Artisten bedienten, wenn sie Vorstellungen aus der Trojanischen Epoche wählten! Zwar habe ich schon gesagt, daß Herr Klotz diese Vorstellungen alle, meinetwegen immerhin Homerische Vorstellungen und Gemählde nennen mag. Aber noch einmal: was baben diese Gemählde, welche ihm Homerische zu nennen beliebt, weil ihre Vorwürfe aus eben der Geschichte genommen sind, aus welcher Homer die scinigcn gewählt hatte, mit den Homerischen Gemählden zu thun, wie sie Caylus haben will? Ich dünke mich über den Gebrauch, den die alten Artisten von dem Homer machten, verständlichere Dinge gesagt zu haben, als irgend ein Schriststcllcr über diese Materie. Ich babc mich nicht mit den schwanken, nichts lehrenden Ausdrücken von Erhitzung der Einbildungskraft, von Begeisterung, begnügt: ich habe in Beyspielen gezeigt, was für mahlerische Bemerkungen die alten Artisten schon in dem Homer gemacht fanden, ehe sie Zeit hatten, sie in der Natur selbst zu machen. (°) Ich babc mich nicht begnügt, sie blos darum zu lobcn, daß sic ihre Borwürfe aus ihm entlehnten: — welcher Stümper kann das nicht? — ich habe an Beyspielen gewiesen, wie sic es ansingen, in den nchmlichen Borwürfen mit ihm zu wetteifern, und mit ihm zu dem nehmlichen Aiclc der Täuschung auf einem ganz verschiedenen Wege zu gelangen; auf einem Wcgc, von dem sich Caylus nichts träumen lassen. — Nothwehr entschuldiget Sclbstlob. — <") Laokooii S. 227-231, sBand Vi, S, S05-S07.Z (°°) üaokoon S. 219-223, IVaild VI, S, 60t-S»3^ »W^MMWSKWMM« 8 Antiquarischer Briefe dritter. Dritter Brief. °) Ich komme also zu der zweyten Bestreitung des Herrn Klotz. Er fahret fort: „auch die Einwürfe, welche Herr Lessing von „der Schwierigkeit hernimmt, die Homerischen Fabeln zu mah- „lcn, sind leicht zu heben, obgleich diese Widerlegung deutlicher „durch den Pinsel selbst, als durch meine Feder werden würde." Ich glaube es sehr gern, daß Herr Klotz vieles ungcmein leicht findet, was ich für ungemcin schwer halte. Dieses kömmt von der Verschiedenheit, entweder unserer beiderseitigen Kräfte, oder unsers beiderseitigen Zutrauens auf uns selbst. Doch, das ist hier nicht di? Sache. Meine Einwürfe, von der Schwierigkeit hergenommen, die Homerischen Fabeln zu mahlen: was betreffen sie? Die Homerischen Fabeln überhaupt; oder nur einige derselben? Diese und jene einzeln genommen; oder alle zusammen in ihrer unzertrennlichen Folge bey dem Dichter? Eaylus schlug nicht blos den neuern Artisten vor, ihren Stoff fleißiger aus dem Homer, mit Bcybchaltung der dichterischen Umstände, zu entlehnen: er wünschte den ganzen Homer so gemahlt zu wissen; wünschte, daß ein mächtiger Prinz eigene Gallcrien dazu bauen wollte. Das hätte er immer wünschen können! Weil er sich aber dabey einbildete, daß eine solche zusammenhängende Reihe von Gemählden ein wirkliches Heldengedicht in Gemählden seyn würde; daß sich der ganze mahlerische Geist des Dichters darinn zeigen müsse; daß sie, statt des Probiersteins, zur Schätzung, in welchem Verhältnisse ein epischer Dichter vor dem andern das mahlerische Talent besitze, dienen könne: so glaubte ich einige Einwendungen dagegen machen zu dürfen. Vors erste wendete ich ein:(*") daß Homer eine doppelte Gattung von Wesen und Handlungen bearbeite, sichtbare und unsichtbare; daß aber die Mah.lercy diesen Unterschied nicht angeben könne, daß bey ihr alles sichtbar und auf einerley Art °) In dcr Hamburg, neuen Zeitung von, 23. Iulii 1768, St. 116. (°) 't'!»il.,>iuix liiös >?» I'Uii>lw. ^Vvvxt. p. S6. S7. t") Laokoon Xil, Antiquarischer Briefe dritter. !» sichtbar sey; daß folglich, — wenn in den Gemählden des Eay- lus das Sichtbare mit dem Unsichtbaren, ohne unterscheidende Abänderung mit einander wechsele, ohne eigenthümliche Merkmahle sich mit einander vermische, — nothwendig sowohl die ganze Reihe, als auch manches einzelne Stück, dadurch äußerst verwirrt, unbegreiflich und widersprechend werden müsse. Was antwortet Herr Klotz aus diese Schwierigkeit? Wie schon angeführt: — daß sie leicht zu heben sey. — Wahrhaftig? Aber wie denn? Darüber hat Herr Klotz nicht Zeit, sich einzulassen; genug, daß meine Widerlegung deutlicher durch den Pinsel selbst, als durch seine Feder werden würde. — Ewig Schade, daß Herr Klotz den Pinsel nicht führet! Er würde ihn ohne Zweifel eben so meisterhaft führen, als die Feder. Oder vielmehr, noch unendlich meisterhafter. Denn das geringste wäre, daß er Unmöglichkeiten damit möglich machte! Bis er ihn führen lernet, bitte ich indeß seine Feder, mich in die Schule zu nehmen. Seine fertige Feder sey so gütig, und belehre mich, — (wenn sie es schon nicht ganz deutlich kann; ich bin auch mit einer halbdeutlichen Belehrung zufrieden,) — und belehre mich nur cinigcrmaaß'en, wie man es einem Gemählde ansehen kann, daß das, was man darinn sieht, nicht zu sehen seyn sollte; — und belehre mich, was für Mittel ungefehr der Pinsel brauchen könnte, um gewisse Personen in einem Gemählde mit sehenden Augen so blind, oder mit blinden Augen so sehend zu mahlen, daß sie von zwey oder mchrcrn Gegenständen, die sie alle gleich nahe, gleich deutlich vor oder neben sich haben, die einen zu sehen und die andern nicht zu sehen, scheinen können. Sie belehre mich; nur beliebe sie unter diese Mittel keine Wolken zu rechnen, von welchen ich das Unmahlcrische erwiesen habe. Sie wird mehr zu belehren bekommen. Denn zwcytcns wendete ich ein: daß, durch die Aufhebung des Unsichtbaren in den Homerischen Handlungen, zugleich alle die charakteristischen Züge vcrlohrcn gehen müßten, durch welche sich bey dem Dichter die Götter über die Menschen auszeichnen. Auch dieses ist leicht zu beantworten? Und am besten mit dem Pinsel? — Abermals Schade, daß Herr Klotz den Pin- 10 Antiquarischer Briefe driller. sel nicht führet: schweigend würde er ihn ergreifen, mit der Palette vor die Lcincwand treten, und spielend nieinc Widerlegung dahin croquiren. Doch meine ganze Einbildungskraft ist zu seinen Diensten; er setze seine Feder dafür an; ich will mich bemühen, in den Beschreibungen derselben zu finden, was mir, leider, keine Gemählde von ihm zeigen können. — Indeß sinne ich bey mir selbst nach, welche Dimension seine Feder den Homerischen Göttern auf der Lcincwand anweisen wird;, sinne nach, welches das Verhältniß seyn dürfte, das sie dem Steine, mit dem Minerva den Mars zu Boden wirft, zur Statur der Göttinn, oder der Statur zu diesem Stciin . vcstinnncn wird, damit unser Erstaunen zwar erregt, gleichwohl aber über keine anscheinende Unmöglichkeit erregt werde; sinne nach, in welcher Größe sie entscheiden wird, daß der zu Boden gcworfnc Mars da liegen soll, um die Homerische Größe zu haben, und dennoch gegen die übrigen Ausbildungen der Scene nicht ungeheuer und brobdingnakisch zu erscheinen; sinne nach — Nein; ich würde mich zu Schanden sinnen; ich muß lediglich abwarten, was das Orakel unter den Federn mir darüber zu offenbaren belieben wird. Drittens wendete ich ein: daß die Gemählde, an welchen Homer am reichsten, in welchen Homer am meisten Homer sey, progressive Gemählde wären; die eigentliche Mahlerey aber auf das Progressive keinen Anspruch machen könne. Ich Dummkopf, der ich noch itzt diese Einwendung für un- widcrsprcchlich halte, blos weil sie auf das Wesen der verschiedenen Künste gegründet ist! Herr Klotz muß über mich lachen; und wenn Herr Klotz vollends den Pinsel führte! — Nichts würde ihm leichter seyn, als den Pandarus, von dem Ergreifen des Bogens bis zu dem Fluge des Pfeils, in jedem Augenblicke, auf einem und eben demselben Gemählde darzustellen. (") — Seiner Feder dürfte es freylich schwerer werden, mich zu belehren, wie und wodurch dem Pinsel dieses Wunder gelingen müsse. Doch er versuch es nur; am Ende ist seiner Feder nichts zu schwer; ich kenne keine Feder, die alles so leicht, so deutlich zu machen weiß! — (°) i!aokoo» XV. Antiquarischer Briefe vierter. lr Vierter Brief. Sie haben Recht: mein voriger Brief fiel in das Höhnische. — Glauben Sie, daß es so leicht ist, sich gegen einen stolzen und kahlen Eiitschcidcr des höhnischen Tones zu enthalten? Aber Sie urtheilen: daß ich zur Unzeit höhne; daß Herr Klotz unmöglich diese Einwendungen gegen die Homerischen Gemählde, könne gemeiner haben. Und gleichwohl habe ich keine andere jemals gemacht. Za auch diese ^ merken Sie das wohl — habe ich kci- ncswcges gegen die Ausführung der vom Caylus vorgcschlagncn, oder in seinem Geiste vorzuschlagenden, Homerischen Gemählde gemacht; habe ich keincswcgcs in der Meinung gemacht, daß diese Ausführung nothwendig mißlingen müsse. Wenn dem Mahler nicht jeder Gebrauch willkührlichcr Zeichen untersagt ist; wenn er mit Recht von lins verlangen kann, daß wir ihm gewisse Voraussetzungen erlauben, gewisse Dinge ihm zu Gefallen annehmen, andere ihm zu Gefallen vergessen: warum sollte er nicht, wenn er sonst ein braver Meister ist, aus jenen Entwürfen zu Homerischen Gemählden sehr schätzbare Kunstwerke darstellen können? Ich wüßte nicht, wo ich meinen Verstand müßte gehabt haben, wenn ich dieses jemals geleugnet hätte. Meine Einwendungen sollten lediglich die Folgerungen entkräften oder einschränken, welche Eaylus aus dem Mahlbarcu der Dichter, aus ihrer größer» oder geringern Schicklichkcit, in materielle Gemählde gebracht zu werden, wider einige dieser Dichter, zum Nachtheile der Dichtkunst selbst, macht. Fünfter Brief. Sie bestehen darauf, daß Herr Klotz diese Einwendungen nicht könne gemeint haben; das Beyspiel, worauf er sich beziehe, zeige es deutlich. Gut, daß Sie auf dieses Beyspiel kommen. Lassen Sie nns den Mann hören. °) „und kahle»" schll ill der Iicuc» Icilimg, Antiquarischer Briefe fünfter. „Nur Ein Beyspiel, sagt Herr Klotz, anzuführen: so verwirft Lcssina des Grafen Caylus Borschlag, die Bewunderung „der Trojanischen Greise über Hclcnens Schönheit, aus dem „dritten Buche der Zliade, zu mahlen. Er nennt diese Episode „einen cckeln Gegenstand. Ich frage hier alle, welche die von „Rubens gemahlte Susanna, nebst den beiden verliebten Alten „gesehen, ob ihnen dieser Anblick cckclhaft gewesen, und widrige „Empfindungen in ihrer Seele erzeigt habe. Kann man denn „keinen alten Mann vorstellen, ohne ihm dürre Beine, einen „kahlen Kopf, und ein eingefallenes Gesicht zu geben? Mahlt „der Künstler einen solchen Greis verliebt, so ist das lächerliche „Bild fertig. Aber Balthasar Denncr und Bartholomäus van „der Helft belehren uns, daß auch der Kopf eines alten Man- „ncs gefallen könne. Uebcrhaupt ist das, was Herr Lcssing „von den jugendlichen Begierden und Caylus von gierigen Blicken „sagt, eine Zdee, die sie dem Homer aufdringen. Ich finde „keine Spur davon bey dem Griechen, und der alte Künstler „würde sie ohne Zweifel auch nicht gefunden haben. Vortrefflich! Wenn einem Unwahrheiten andichten, und diesen angedichteten Unwahrheiten die aller trivialsten Dinge entgegen setzen, einen widerlegen heißt: so versteht sich in der Welt niemand besser auf das Widerlegen, als Herr Klotz. Es ist nicht wahr, daß ich jenen Borschlag des Grafen Caylus verworfen habe. Es ist nicht wahr, daß ich diese Episode einen cckeln Gegenstand genannt habe. Es ist nicht wahr, daß ich dem Homer die Zdee von jugendlichen Begierden aufgedrungen habe. Nur drey Unwahrheiten in einer Stelle, die groß genug wäre, sieben zu enthalten: das ist bey alle dem doch nicht viel! Lassen Sie uns eine nach der andern vornehmen. Es ist nicht wahr, daß ich jenen Borschlag des Grafen Eaylus verworfen habe. Denn verwirft man einen Borschlag, wenn man blos einige zugleich mit vorgcschlagnc Mittel, diesen Borschlag auszuführen, verwirft? Wo habe ich gesagt, daß der Eindruck, den die Schönheit der Helena auf die Trojanischen Greise machte, gar nicht gemahlct werden könne, oder müsse? Ilnti.Mrischcr Briefe fünfter. Zch habe blos gemißbilligct, daß Caylus in cincm solchen Gemählde der Helena noch ihren Schlcycr lassen, und uns ihre ganze Schönheit einzig und allein in den Wirkungen auf die sie betrachtenden Greise zeigen will. Za auch so hab ich nicht geleugnet, daß ein guter Meister noch immer ein schätzbares Stück daraus machen könne. Ich habe nur behauptet, daß dieses Stück nicht der Triumph der Schönheit seyn würde, so wie ihn Zcuris in der Stelle des Homers erkannte. Zch habe nur behauptet, daß dieses Stück sich gegen das Gemählde des Zcuris, wie Pantomime zur erhabensten Poesie verhalten würde; weil wir dort erst aus Zeichen errathen müßten, was wir hier unmittelbar fühlen. Zch habe nur durch dieses Beyspiel zeigen wollen, welcher Unterschied es sey, in dem Geiste des Homers mahlen, und den Homer mahlen. Der Artist des Caylus hätte den Homer gemahlt: aber Zeuxis mahlte in dem Geiste des Homer. Zencr wäre knechtisch innerhalb den Schranken geblieben, welche dem Dichter das Wesen seiner Kunst hier setzet: anstatt daß Zeuxis diese Schranken nicht für seine Schranken erkannte, und indem er den höchsten Ausdruck der Dichtkunst nicht blos nachahmte, sondern in den höchsten Ausdruck seiner Kunst verwandelte, eben durch diese Verwandlung in dem höhern Verstände Homerisch ward. — Habe ich daran Recht, oder Unrecht? Es entscheide wer da will: aber er verstehe mich nur erst. Zch will nichts ausscrordcntlichcs gesagt haben: aber er lasse mich nur auch nichts abgeschmacktes sagen.— Doch weiter. — Es ist nicht wahr, daß ich diese Episode einen ekeln Gegenstand genannt habe. Nicht diese Episode, sondern die Art des Ausdruckes, mit der Caylus sie gemahlt wissen wollen, habe ich cckcl genannt. Caylus will, daß sich der Artist bestreben soll, uns den Triumph der Schönheit in den gierigen Blicken und in allen den Aeusserungen einer staunenden Bewunderung auf den Gesichtern der kalten Greise, empfinden zu lassen. Hicrwi- dcr, nicht wider den Homer, habe ich gesagt, daß ein gieriger Blick auch das ehrwürdigste Gesicht lächerlich mache, und ein °) Der vierte und der fünfte Brief bis hichcr in der Hamb. neuen Zeitung, 113. St., 27.Zulii 17V8, das Folgende im 120. Stück vom 30. Jnlii, 11 Antiqii.irischcr Briefe fünfter. Grcis, der jugendliche Begierden verrathe, so gar ein ccklcr Gegenstand sey. Ist cr das nicht? Ich denke noch, daß er es ist; Herr Klotz mag mir von einer Siisanna des Rubens schwatzen, was cr will, die weder ich noch cr gesehen haben. Aber ich habe mehr Susannen gesehen; auch selbst eine vom Rubens, in der Gallerte zu Sans-Sonn; und selten habe ich mich enthalten können, bey Erblickung der verliebten Greise, bey mir auszurufen: o über die alten Böcke! Was war dieser Ausruf, als Eckel? Ich weiß es, die Kunst kann diesen Eckcl mindern; sie kann durch Nebcnschönhcitcn ihn fast umncrklich machen: aber ist ein Ingredienz deswegen gar nicht in einer Mischung, weil es nicht vorschmeckt? Nicht die dürren Beine, nicht der kahle Kopf, nicht das eingefallene Gesicht machen den verliebten Alten zu einem eckeln Gegenstände; sondern die Liebe selbst. Man gebe ihm alle Schönheiten, die mit seinem Alter bestehen können; aber man mahle ihn verliebt, man lasse ihn jugendliche Begierden verrathen, und cr ist eckcl, Trotz jcncn Schönheiten allen. / Das sage ich von den Trojanischen Greisen des Caylus: aber wo habe ich es von den Greifen des Homer gesagt? Wo habe ich diesen, jugendliche Begierden aufgedrungen? — Und das ist die dritte Unwahrheit, welche Herr Klotz sich auf meine Rechnung erlaubt. Vielmehr habe ich ausdrücklich gesagt (°) „den Homerischen Greisen ist dieser Vorwurf (nehmlich des Lächerlichen und Eckclhaftcn) nicht zu machen; denn der Affekt, den sie empfinden, ist ein augenblicklicher Funke, den ihre Weisheit sogleich erstickt; nur bestimmt der Helena Ehre zu machen, aber nicht sie selbst zu schänden." Nun sagen Sie mir, mein Freund, was ich von dem Herrn Klotz denken soll? was cr darunter suchen mag, daß ihm gerade mein Name gut genug ist, unter demselben sich einen Strohmann auszustellen, an dem cr seine Fcchtcrstrcichc zeigen könne? warum gerade ich der Blödsinnige seyn muß, dem er Dinge vordocirct, die das Auge von selbst lernet, die zu begreifen schlechterdings nicht mehr Menschenverstand crfodcrt (°) Laokoo» S. 221. lBand Vl, S> 502-1 Antiquarischer Briefe fünfter. wird, als um von eins bis auf drey zu zählen? „Kann man „denn keinen alten Mann vorstellen ohne ihm dürre Beine, „einen kahlen Kopf, und ein cingcfallncs Gesicht zu geben?" Welch eine Frage! und in welchem Tone gethan! und in welchem Tone sich selbst beantwortet! „Aber Balthasar Dcnner und „Bartholomäus van der Helft belehren uns, daß auch der Kopf „eines alten Mannes gefallen könne." Also bis auf Balthasar Dcnncrn, bis auf Bartholomäus van der Helft, wußte das in der Welt niemand? Und wen es nicht dieser Balthasar und dieser Bartholomäus gelehrt hat, der weiß es noch nicht? Ich bin wirklich so eitel und glaube, daß ich es auch ohne diese Meister wissen würde; jaohnc alle Meister in der Welt. Sechster Brief. Sie entschuldigen den Herrn Kloß: er habe zu seinem Buche so vieles nachschlagen müssen, daß es kein Wunder sey, wenn er nicht alles aus das genaueste behalten; mein Laokoon sey auch das Werk nicht, das er verbunden gewesen, so eigentlich zu studircn; indeß zeigten seine Einwürfe selbst, daß er es zu lesen gewürdigct; er habe es auch anderwärts mit Lobsprüchen überhäuft. > So würde ich ihn gern selbst entschuldigen; wenn er nicht in mchrcrn Stücken eine allzuausdrückliche Gefliesscnhcit verriethe, feine Leser wieder mich einzunehmen. Zu diesem Lichte sollen Sie sogleich auch seine übrigen Bestreitungen erblicken, die ich in diesem Briefe zusammen fassen will. An einem Orte schreibt Herr Klotz: (°) „Ich gebe es Herr „Lessingen gern zu, daß wenn Dichter und Künstler die Gegen- „ stände, welche sie mit einander gemein haben, nicht selten aus „dem nehmlichen Gesichtspunkte betrachten müssen, ihre Nachahmungen oft in vielen Stücken übereinstimmen können, ohne daß „zwischen ihnen selbst die geringste Nachahmung oder Beeifcrung „gewesen. Abrr ich möchte diesen Satz nicht allzu sehr ausgedehnt haben." Bin ichs, der ihn allzu sehr ausgedehnet hat? Wozu mein Name hier, wenn er dieses nicht zu verstehen geben (°) S. 170. Antiquarischer Briefe sechster. will ? Der Satz enthält eine Bemerkung, die ich wahrlich nicht zuerst gemacht habe, und aus die ich mich im Laokoon blos gegen Spcnccn bezog, der das Gegentheil viel zu weit ausdehnet. Doch ich will meinen Namen hier gar nicht gesehen haben. Auch in der Anmerkung will ich ihn nicht gefunden haben, (°) wo Herr Klotz sagt, daß er sich einer Münze des Antoninus Pins gegen mich angenommen. Ich habe nie diese Münze, sondern blos die Erklärung bcstrittcn, welche Addison von einer Zeile des Zuvenals aus ihr hcrhohlen wollen; und habe sie bcstrittcn, nicht um meine Erklärung dafür annehmlicher zu machen, sondern lediglich das bescheidene Hon lilniot auch hier wiederum in seine Rechte zu setzen. Aber nicht genug wundern kann ich mich, wie ich zu der Ehre komme, das Werk des Herrn Klotz durch mich gckrönct zu sehen. Er hat einige Steine zu seinem Buche in Kupfer stechen lassen, wovon der letzte meinem Unterrichte ganz besonders gewidmet ist. „Dieser Stein, schreibt er, ist gleichfalls aus der „Sammlung des Hrn. Easanova, und auch von ihm gezeichnet. „Er stellt eine Furie vor, und ich habe ihn meinem Buche beygefügt, um Herr Lcssingcn zu überzeugen, daß die alten Künstler wirklich Furien gebildet haben: welches er leugnet." Welches er leugnet! Als ob ich es so schlechterdings, so völlig ohne alle Ausnahme geleugnet hätte, daß ich durch das erste das beste Beyspiel widerlegt werden könnte! Er stellt eine Furie vor, dieser Stein! — Ganz gewiß? Ich erkenne bloß einen Kopf im Profil mit wildem auffliegenden Haare, zweydcutigcn Geschlechts. Muß ein solcher Kopf nothwendig der Kopf einer Furie seyn? Der Ausdruck des Gesichts, wird Herr Klotz sagen, macht ihn dazu. Auch dieser Ausdruck ist sehr zwcydeutig; ich finde mehr Verachtung, als Wuth darin». Doch es mag eine Furie seyn. Was mehr? Was liegt mir daran? Wäre es doch eine Furie auf einem geschnittenen Steine; und die geschnittenen Steine habe ich ausdrücklich ausgenommen. Ausdrücklich ausgenommen? Ausdrücklich; denn es war mir gar nichts Unbekanntes, daß man auf geschnittenen Steinen, Furien und Furicnköpfe sehen wollen. (°) S. 203. Antiquarischer Briefe siebender. 17 Sie können dieses kaum glauben, mein Freund; und fragen: wie es, bey dieser Ausnahme, dem ohngcachtct dem Herrn Klotz einfallen können, mich mit einem geschnittenen Steine zu widerlegen? Ja das frag ich Sie! Lesen Sie indeß nur die Stellen meines Laokoon. — Siebender Brief. Vergessen hatte Herr Klotz meine Einschränkungen wohl nicht: aber er verschwieg sie seinem Leser mit Fleiß. Und er mußte wohl; denn allerdings würde es ein wenig kindisch geklungen haben, wenn er aufrichtig genug gewesen wäre, zu schreiben: „Ungeachtet Lessing, wenn er behauptet, daß die alten Artisten keine Furien gebildet, die geschnittenen Steine ausnimt, so will ich ihn dennoch mit einem geschnittenen Steine augenscheinlich hier widerlegen." Lieber also schlecht weg: Lessing leugnet gebildete Furien; hier ist eine! Ich weiß wohl, daß meine Asscrtion von den Furien mehrere befremdet hat. Das Allgemeine scheinet uns in allen Anmerkungen anstößig zu seyn. Kaum hören wir eine Verneinung oder Bejahung dieser Art: sogleich zieht unsere Einbildungskraft dagegen zu Felde; und selten oder nie wird es ihr mißlingen, einzelne Fälle und Dinge dagegen auszutrcibcn. Aber nur der Einfältigere wird sich bereden, daß durch diese einzelne Ausnahmen der allgemeine Satz wahr zu seyn aufhöre. Der Verständigere untersucht die Ausnahmen, und wenn er findet, daß sie aus der Collision mit einem andern allgemeinen Satze entspringen, so erkennt er sie für Bestätigungen beider. Der Mythologist hatte es längst vor mir angemerkt, daß man auf alten Denkmählern wenig oder nichts von Abbildungen der Furien finde. Was der Mythologist aber dem bloßen Zufalle zuschrieb, glaubte ich aus einem Grundsätze der Kunst herleiten zu dürfen. Der Artist soll mir das Schöne zu bilden wählen: folglich wird der alte Artist, der dem Schönen so vorzüglich treu blieb, keine Furien zu bilden gewählt haben; und daher der Mangel ihrer Abbildungen. Lessings Werke vm. 2 18 Antiquarischer Briefe siebender. Aber eben der Artist, welcher mir das Schone zu bilden wählen sollte, muß alles bilden können. Wen verleitet sein Können, nicht öfters über sein Sollen hinaus? Zudem arbeitet der Artist meistens für andere, von denen er nicht fodcrn kann, daß sie seiner Geschicklichkcit sich nur zur höchsten Bestimmung der Kunst bedienen sollen, so lange es noch mehr Dinge giebt, zu welchen sie ihnen gleichfalls nützlich seyn kann. Und folglich? Folglich ist es moralisch unmöglich, daß es keinem Menschen vor Alters sollte eingefallen seyn, eine Furie zu bilden, oder sich bilden zu lassen. ES hat vielen einfallen können: und ist vielen eingefallen. Leugne ich dieses, wenn ich jenes behaupte? Nur der Antiquar, der nichts als Antiquar ist, dem es an jedem Funken von Philosophie fehlet, kann mich so verstehen. Zch that alles, was ich thun konnte, diesem Mißverständnisse vorzubauen. Zch schlug vor, den Namen der Kunstwerke nicht allen Antiken ohne Unterschied zu geben, sondern nur denen, in welchen sich der Künstler wirklich als Künstler zeigen können, bey welchen die Schönheit seine erste und letzte Absicht gewesen. „Macht man, schrieb ich, (°) keinen solchen Unterschied, so werden der Kenner und der Antiquar beständig mit einander im Streit liegen, weil sie einander nicht verstehen. Wenn jener, nach seiner Einsicht in die Bestimmung der Kunst, behauptet, daß dieses oder jenes der alte Künstler nie gemacht habe, nehmlich als Künstler nicht, freywillig nicht: so wird dieser es dahin ausdehnen, daß es auch weder die Religion, noch sonst eine ausser dem Gebiete der Kunst liegende Ursache, von dem Künstler habe machen lassen, von dem Künstler als Handarbeiter. Er wird also mit der ersten mit der besten Figur den Kenner widerlegen zu können glauben" u. s. w. Das ist keine itzt ersonnene Ausflucht, da ich mich in die Enge getrieben sehe: das schrieb ich schon damals, als mir noch niemand widersprach; das schrieb ich, um allen citcln, das rechte Ziel verfehlenden Widersprüchen vorzukommen: aber was kümmert das Herr Klotze», und seines gleichen? Er thut dennoch gerade das, was ich verbeten; um zu zcigcu, daß er ei» Paar armsc- ;!UMK-^n,öwj, j,j ü?!,»,A »nnk ,6,ilö in« Mtzü: (°) Laotoon S. 105, l Band VI, S, 436.) Antiquarischer Briefe siebender. ligc Beyspiele mehr weiß, als ich wissen mag. Ich gönne ihm diesen Vorzug recht gern; es sey aber, daß ich sie gekannt oder nicht gekannt habe: sie haben ihre Abfertigung mit der ganzen Classe erhalten, in die sie gehören. Welches Zucken, seine Belcsenheit so sehr auf Unkosten seiner Ucbcrlegung zn zeigen! Wenn Herr Klotz noch erst den Unterschied bestritten hätte, den ich unter den Antiken zumachen vorschlage! Aber stillschweigend diesen Unterschied zugeben, und nur immer mit einzeln Beyspielen auf mich ein stürmen, die nach diesem Unterschiede von gar keiner Folge für mich sind: wahrlich, das ist eine Art zu streiten — eine Art, für die ich gar kein Beywort weiß. Als ich behauptete, daß die alten Artisten keine Furien gebildet, fügte ich unmittelbar hinzu: (') „ich nehme diejenigen Figuren aus, die mehr zur Bildersprache, als zur Kunst gehören, dergleichen die auf den Münzen vornehmlich sind." Dem ohn- gcachtct kömmt Herr Klotz, mich zu widerlegen, mit ein Paar Münzen aufgezogen, auf welchen Caylus Furien bemerkt habe. Ich kannte dergleichen Münzen schon selbst: was liegt an der Mehrheit? Die Figuren auf den Münzen, sagte ich, gehören vornehmlich zur Bildersprache. Aber nicht allein: die geschnittenen Steine gehören, wegen ihres Gebrauchs als Siegel, gleichfalls dahin. Wenn wir also auf geschnittenen Steinen Furien zu sehen glauben, so sind wir berechtiget, sie mehr für eigensinnige Symbola der Besitzer, als für freywilligc Werke der Künstler zu halten. Ich kannte dergleichen Steine: aber Herr Klotz kennt einen mehr! Ey, welche Freude! So freuet sich ein Kind, das bunte Kiesel am Ufer findet, und einen nach dem andern mit Jauchzen der Mutter in den Schooß bringt; die Mutter lächelt, nnd schüttet sie, wenn das Kind nun müde ist, alle mit eins wieder in den Sand. Achter Brief. Noch hundert solche Steine, noch hundert solche Münzen: und meine Meinung bleibt, wie sie war. Es ist vergebens, (°) Lcwkoon S, 1k, lBcmd VI, S, Z84.Z <") Laokoon S. 108, l^Band Vl, S. 4Z8,j 2» W Antiquarischer Briefe achter. die Einschränkungen, die ich ihr selbst gesetzt, zu Widerlegungen machen zu wollen. Aber Herr Riedel, wie Herr Klotz sagt, (*) soll bereits diese meine Meinung mit guten Gründen widerlegt haben. Ich habe Herr Ricdcln aus seinem Buche als einen jungen Mann kennen lernen, der einen trefflichen Denker verspricht; verspricht, indem er sich in vielen Stücken bereits als einen solchen zeigt. Ich traue ihm zu, daß er in den folgenden Theilen ganz Wort halten wird, wo er auf Materien stoßen muß, in welchen er weniger vorgearbeitet findet. Doch hier habe ich ihn nicht zu loben, sondern auf seine Widerlegung zu merken. Er gedenkt meiner Assertion von den Furien an zwey Orten. An dem erstem giebt er ihr völligen Beyfall. Er nimt sich sogar ihrer gegen den Herrn Klotz selbst an, indem er hinzusetzt: „Herr Klotz hat zwar unter den alten Denkmälern der „Kunst Furien gefunden. Allein Herr Lcssing hat schon „diejenigen Figuren ausgenommen, die mehr zur Bildersprache, „als zur Kunst gehören, und von dieser Art scheinen die Beyspiele des Herrn Klotz zu seyn." Diese Stelle fuhrt Herr Klotz sehr weislich nicht an. Er durfte sie vielleicht auch nicht anfuhren, wenn es wahr ist, daß Herr Riedel an der zweyten völlig anderes Sinnes geworden. Sie lautet so: (5) „Herr Lcssing behauptet, daß die alten „Künstler keine Furien gebildet, welches ich selbst oben zugegeben habe. Ztzt muß ich ihm, nachdem ich eine kleine Entdeckung gemacht habe, widersprechen, aber aus einem andern „Grunde, als Herr Klotz. Es ist hier dem Hrn. Lessing eben „das begegnet, was er vom Hrn. Winkclmann sagt; er ist durch „den Zunius verführt worden. Vermuthlich hat er, in dem „Register der alten Kunstwerke, unter dem Titel Furien gc- „sucht und nichts gefunden. Ich schlage nach, üumomäos; „und finde, daß Scopas deren zwey und Calos die dritte zu t°) S. 242. (°°) Theorie der schönen Künste nnd Wissenschaften S. 46. c°°) S. ä,ola liller. Vol. III, p, S8S. (5) S. 136, Antiquarischer Briefe achter. 21 „Athm gebildet. Man kann den Beweis im Clemens Alcxan- „drinus selbst nachlesen." Ich wundere mich nicht, daß Herr Riedcln die kleine Entdeckung, wie er sie selbst nennt, so glücklich geschienen, daß er geglaubt, seinen Beyfall zurück nehmen zu müssen. Aber ich werde mich wundern, wenn er das, was ich dagegen zu sagen habe, nicht auch ein wenig glücklich findet. Vorläufig muß ich ihn versichern, daß ich nicht durch den Zunius verführt worden. Denn ich erinnere mich überhaupt nicht, den Zunius der Furien wegen nachgeschlagen zu haben. Nicht weil, in dieses Schriftstellers Verzeichnisse der alten Kunstwerke, unter dem Titel Furien keiner Furien gedacht wird; sondern weil ich die schon erwähnte Bemerkung der Mytholo- gisten, namentlich des Bannicr, (") im Kopfe hatte, daß sich gegenwärtig keine alte Abbildungen von diesen Göttinnen fänden: kam ich auf den Gedanken, daß vielleicht die alten Artisten dergleichen nie gemacht, und ward in diesem Gedanken durch die Beyspiele selbst bestärket, die bey dem ersten Anblicke dagegen zu seyn scheinen. Hätte ich den Zunius nachgeschlagen, so hätte mir sehr leicht begegnen können, was Hr. Niedel vermuthet: sehr leicht aber auch nicht; denn daß die Furien mehr als einen Namen haben, ist ja so gar unbekannt nicht. Und gesetzt, es wäre mir nicht begegnet; gesetzt, ich wäre auf die Furien gestoßen, die Herr Ricdcl darinn gefunden: was mehr? Würde ich meine Meinung eben so geschwind zurückgenommen haben, als er seinen Beyfall? Gewiß nicht. Der ganze Zusammenhang beym Clemens. Alcxandrinus zeigt es, daß er von Statuen redet, die der Verehrung gewidmet waren, und in ihren Tempeln standen. Da nun Herr Ricdcl gegen meine Ausnahme aller mehr zur Bildersprache, als zur Ku»st, gehörigen Figuren, nichts zu erinnern hatte; da er selbst urtheilte, daß eben wegen dieser Ausnahme, die vom Herrn Klotz gegen mich angeführten Beyspiele in keine Betrachtung kämen: wie konnte cs Hr. Riedcln nicht einfallen, daß keine (") NvUL »'»von« point » pl'örvM jigui'vs ÄlUlMVL evs vvl!ÜV!>. SIvmvil'vL l>o I'^cstl. livs Iillcr. 1'. V, p. 43. '.'2 Antiquarischer Briefe achter. Figuren gerade mehr zur Bildersprache gehören, als eben die, welche der Anbetung öffentlich aufgestellet waren ? Nicht genug, daß ich, in einem eigenen Abschnitte meines Laokoon, ausdrücklich hierauf dringe; ich gedenke sogar insbesondere der Statuen, welche die Furien in ihren Tempeln nicht anders als gehabt haben könnten; ich führe namentlich die in dem Tempel zu Cerynea an. Aber auch diese, statt aller: denn was hätte es helfen können, wenn ich einen Tempel nach dem andern durchgegangen wäre? Was ich von den Statuen des einen sagte, hätte ich von den Statuen aller sagen müssen. Und also, dächte ich, wäre dem Einwürfe des Herrn Ricdcl genugsam begegnet, wenn ich ihm antwortete: die Furien, die Sie mir entgegen setzen, gehören zu den Kunstwerken nicht, von welchen ich rede; es sind Werke wie sie die Religion befohlen hatte, die bey den sinnlichen Vorstellungen, welche sie der Kunst aufgicbt, mehr auf das Bedeutende, als auf das Schöne zu sehen Pflegt. Doch ich habe noch etwas wichtigeres zu erwiedern. Die Furien vom Scopas und Calos, (") die Zunius Herr Ricdeln bey dem Clemens Alerandrinus nachwies, sind unstreitig die, welche in ihrem Tempel zu Athen standen, und von welchen Pausanias ausdrücklich versichert, daß sie durchaus nichts Schreckliches, ^ofi^oi', an sich gehabt. Nun sage mir Herr Ricdcl, ob Furien, welche nichts von Furien an sich haben, solche Furien sind, deren Abbildung ich auf die alten Artisten nicht will kommen lassen? Ich schreibe im Laokoon: „Wuth und Verzweiflung schändeten keines von ihren Werken; ich darf behaupten, daß sie nie eine Furie gebildet haben." Aus der unmittelbaren Verbindung dieser zwey Sätze, ist es ja wohl klar, was für Furien ich meine; Furien, die in jedem (°) Bey Herr Riedeln heißt er Calas. Ein unstreitiger Druckfchlcr; so wie i» der Citalion des Clemens i>. 47 anstatt 41. (Aber wenn Herr Klotz, nicht blos an einem Orte, nicht blos in einem nnd eben demselben Buche, immer nndewig Zcurcs schreibt: so scheint es wohl etwas mehr als ein Dnickfchlcr zn seyn, und er kann es nicht übcl nehmen, wenn man ihn beyläufig erinnert, daß dieser Mahler nicht Zcurcs, sondern Zcuris gchcisscn,) (") Lid. I. csn. S8. v. «8. LclU. Kuli. Antiquarischer Briefe achter. ^: Gcsichtszuge, in Stellung und Gcbchrdcn, verrathen was sie seyn sollen. Waren die Furien des Scopas und Ealos dieser Art? Es waren Furien, und waren auch keine: sie stellten die Göttinnen der Rache vor, aber nicht so vor, wie wir sie itzt bey dem Namen der Furien denken. Sie bestärken also meinen Satz vielmehr, als daß sie ihn im geringsten zweifelhaft machen sollten. Denn wenn die Alten auch nicht einmal an ihren gottcsdicnstlichcn Vorstellungen, da, wo das Bedeutende ihnen mehr galt, als das Schöne; wenn sie auch nicht einmal da duldeten, wenigstens nicht verlangten, daß die Göttinnen der Rache durch die häßlichen, schändenden Kennzeichen des menschlichen Affekts entstellt und erniedriget würden: was sollte ihre Artisten, die in wMkührlichcn Werken den Ausdruck der Schönheit stets unterordneten, zu so scheußlichen Fratzengcsichtcrn haben verleiten können? Selbst die Hctru- rischcn Künstler, die der Schönheit weit weniger opferten als die Griechischen, wenn sie Furien bilden mußten, bildeten sie nicht als Furien; wie ich an einer Urne beym Gorius gezeigt habe, von welcher ich schon damals anmerkte, daß sie den Worten, aber nicht dem Geiste meiner Asscrtion widerspreche. Ich darf es nicht bergen, daß es Herr Klotz selbst ist, welcher mir die unschrecklichen Furien zu Athen nachgewiesen. (") Sie schwebten mir in den Gedanken, aber im Nachschlagen ge- ricth ich auf die zu Ccrynca. Und nun, was meinen Sie, mein Freund? Sie sehen: Herr Niedcl widerlegt die Einwürfe des Herrn Klotz, und Herr Klotz giebt mir Waffen wider Herr Niedcln. Sie drengcn von entgegen gesetzten Seiten in mich; beide wollen mich umstürzen: aber da ich dem einen gerade dahin fallen soll, wo mich der andere nicht will hinfallen lassen, so heben sich ihre Kräfte gegen einander auf, und ich bleibe stehn. Ich dächte, ich schiede gänzlich aus: so liegen sie einander selbst in den Haaren. Doch dafür werden sie sich wohl hüten. Vielmehr sehe ich sie schon im voraus in ihrer Deutschen Bibliothek so nahe zusammenrücken, daß ich doch küppen muß; ich mag wollen oder nicht: geben sie nur Acht! (/) ^c>» litt. Vol. III. l>i»5 IU. Mg, S8S. Antiquarischer Briefe neunter. Neunter Brief. °) Zch denke nicht, daß ich mir zuviel herausnehme, wenn ich mich auch noch an einem Orte von Herr Klotzen gemeint glaube, wo er mich nicht nennt: denn er nennt mich dafür anderwärts, wo er den nehmlichen Kampf kämpfet. Er will durchaus nicht leiden, daß man den alten Artisten die Perspcktiv abspricht. Zm Laokoon hatte ich es gethan: obschon gar nicht in der Absicht, wie Perrault und andere, denen es damit auf die Verkleinerung der Alten angesehen ist. Doch da Herr Klotz mich so selten verstanden: wie konnte ich verlangen, daß er mich hier errathen sollte? Er warf mich also mit den Perraults in eine Classe, und nahm sich, in seinem Beytrage zur Geschichte des Geschmaks und der Kunst aus Münzen,(°) der Alten gegen mich an, die es wahrhaftig nie nöthig haben, daß man sich ihrer gegen mich annimt. Seitdem hat er neue Hülfsvölkcr angeworben, mit denen er in seinem Buche von geschnittenen Steinen (") zum zweyten auf dem Plane erscheinet. „Mein Eifer, sagt er, für „den Ruhm der Alten, denen ich grosse Dankbarkeit schuldig „zu seyn glaube, erlaubt mir nicht, eine Anmerkung hier zu „unterdrücken." Und diese Anmerkung läuft dahin aus, daß nunmehr durch Einen geschnittenen Stein aus Tausenden, durch eine gewisse Abhandlung des Grafen Caylus, und durch eine bisher unbemerkte Stelle des Philöstratus, der Alten ihre Kenntniß und Ausübung der Pcrspekliv ausser allem Zweifel gesetzt sey. Zch wünschte sehr, daß sich der Eifer des Herrn Klotz für °) Zuerst im IZt. und t>?2> Stucke der Hamburgischcn neue» Zeitung von 17K8, vom 18. und 20. August. „Wir übergehen den 6Icn 7tcn und 8ten dieser Briefe, in welchen Hr. Lessing auf vcrschicdnc Vorwürfe des Hrn. Rloy von miiidcrm Belange antwortet, um unsern Lesern einige der folgenden mitzutheilen, die von der Perspcctiv der alten Artisten handeln, zu deren Vertheidiger sich Hr. Rloy aufgeworfen." (°) S. 179. (°°) S.92. °°) Die Worte von „durch Einen" an, bis hiehcr, fehlen in der neuen Zeitung. Antiquarischer Briefe neunter. 2,1 den Ruhm der Alten mehr auf Einsicht, als auf Dankbarkeit gründen möchte! Die Dankbarkeit ist eine schöne Tugend, aber ohn ein feines Gefühl dringt sie dem Wohlthäter oft Dinge auf, die er nicht haben mag, und wobey er sich besser befindet, sie nicht zu haben, als zu haben. Meinem Bedünkcu nach, ist die Dankbarkeit des Herr Klotz gänzlich in diesem Falle. Doch davon an einem andern Orte. Ztzt lassen Sie uns sehen, was Herr Klotz von der Pcrspckliv überhaupt weiß, und mit welchen ihm eigenen Gründen, er sie den Alten zusprechen zu müßen glaubt. Herr Klotz erkläret die Pcrspektiv, in so fern sie in dem Künstler ist, durch „die Geschicklichkeit, (*) die Gegenstände auf „einer Oberfläche so vorzustellen, wie sie sich unserm Auge in „einem gewissen Abstände zeigen." Diese Erklärung ist von Wort zu Wort aus dem deutschen Pcrnety abgeschrieben, welches das abgeschmackte Oberfläche beweiset. Fläche ist für die Mahlerey Fläche, sie mag oben, oder unten, oder auf der Seite seyn. Doch abgeschrieben, oder nicht abgeschrieben: wenn sie nur richtig ist. — Richtig ist die Erklärung allerdings; aber dabey viel zu weitläuftig, als daß sie bey Entscheidung der vorhabenden Streitsache im geringsten zu brauchen sey. Demi ist die Pcrspektiv weiter nichts als die Wissenschaft, Gegenstände auf einer Fläche so vorzustellen, wie sie sich in einem gewissen Abstände unserm Auge zeigen: so ist die Pcrspektiv kein Theil der Zcichcnkunst, sondern die Zcichenkunst selbst. Was thut die Zcichenkunst anders, was thut sie im geringsten mehr, als was nach dicscr Erklärung dic Pcrspektiv thut? Auch sie stellt die Gegenstände auf einer Fläche vor; auch sie stellt sie vor, nicht wie sie sind, sondern wie sie dem Auge erscheinen, und ihm in einem gewissen Abstände erscheinen. Folglich kann sie nie ohne Perspcktiv scyn, und das geringste was der Zeichner vorstellt, kann cr nicht anders als perspektivisch vorstellen. Den Alten in diesem Verstände die Pcrspektiv absprechen, würde wahrer Unsinn seyn. Denn es würde ihnen nicht dic (°) Bcmrag zur Gcsch. der Kunst aus Münzen S. 478. Antiquarischer Briefe neunter. Pcrspcktiv, sondern die ganze Zcichcnkunst absprechen hcissen, in der sie so große Meister waren. Das hat niemanden einkommen können. Sondern wenn man den Alten die Pcrspektiv streitig macht, so geschieht es in dem engern Verstände, in welchem die Künstler dieses Wort nehmen. Die Künstler aber verstehen darunter die Wissenschaft, mehrere Gegenstände mit einem Theile des Raums, in welchem sie sich befinden, so vorzustellen, wie diese Gegenstände, auf vcrschiednc Plane des Raums verstreuet, mit samt dem Raume, dem Auge aus einem und eben demselben Standorte erscheinen würden. Diese Erklärung ist mit jener im Grunde eins: nur daß jene, die mathematische, sich auf einen einzeln Gegenstand beziehet; diese aber auf mehrere geht, welche zusammen aus dem nehmlichen Gesichtspunkte, jedoch in verschicdncr Entfernung von diesem gemeinschaftlichen Gesichtspunkte, betrachtet werden. Nach jener können einzelne Theile in einem Gemählde vollkommen perspektivisch seyn, ohne daß es, nach dieser, das ganze Gemählde ist, indem es ihm an der Einheit des Gesichtspunkts fehlet und die vcrschicdncn Theile desselben vcrschiednc Gesichtspunkte haben. Hcrr Klotz scheinet von diesem Fehler gar nichts zu verstehen. Er spricht nur immer von der vcrhälmißmäßigcn Verkleinerung der Figuren, und der Verminderung der Tinten: und bildet sich ein, daß damit in der Pcrspcktiv alles gethan sey. Aber er sollte wissen, daß ein Gemählde beide diese Stücke gut genug haben, und dennoch sehr unpcrspektivisch seyn kann. Die bloße Beobachtung der optischen Erfahrung, sage ich im Laokoon,(°) daß ein Ding in dcr Ferne kleiner erscheinet, als in der Nähe, macht ein Gemählde noch lange nicht perspektivisch. Ich brauche also diese Beobachtung den alten Artisten gar nicht abzusprechen; die Natur lehrt sie; ja, es würde mir unbegreiflich seyn, wenn nicht gleich die allerersten darauf gefallen wären. Ob sie aber die mathematische Genauigkeit dabey angebracht, die wir bey unsern auch sehr mittelmäßigen (°) S. t08, IBand VI, S, 483.j Antiquarischer Briefe neunter. ^7 Mahler» gewohnt sind, ob sie sich nicht mit einem ungcfchrcn Augenmaaße begnügt: das ist eine andere Frage, die dnrch blosse Schriftstellcn zum Besten der Alten nicht entschieden werden kann, besonders da so unzählige alte Kunstwerke einer solchen Entscheidung keincswegcs günstig sind. Eben so natürlich ist eine etwanigc Verminderung der Tinten: denn eben die tägliche Erfahrung, welche uns lehret, daß ein Ding in der Entfernung kleiner erscheinet, lehret uns auch, daß die Farben der entfernten Dinge immer mehr und mehr ermatten und schwinden, in einander vcrfliessen und in einander sich verwandeln. Folglich können und müssen die alten Gemählde auch hiervon gezeigt haben; und die, welche ungleich mehr als andere davon zeigten, werden mehr als andere deshalb seyn gepriesen worden. Dieses beantwortet die Frage des Herrn Klotz: „konnten „die alten Schriftsteller von einer Sache reden, die nicht da „war, und eine Eigenschaft an einem Gemählde rühmen, die „niemand sahe?" Sie lobten was sie sahen; daß sie aber etwas sahen, was auch wir sehr lobenswürdig finden würden, beweiset ihr Lob nicht. Doch indeß zugegeben, daß die alten Gemählde in beiden Stücken eben so vollkommen waren, als die besten Gemählde neuerer Zeit: waren sie darum auch eben so perspektivisch? Konnten sie den Fehler darum nicht haben, von dem ich sage, daß Herr Klotz nichts verstehen muß? Er sieht es nicht gcrn,(") daß man sich bey dieser Streitigkeit immer auf die Hcrkulanischcn Gemählde beruft. — Zu seinem Tone zu bleiben; ob er mir schon freylich so wohl nicht lassen wird: — ich seh es auch nicht gern. Aber unser beider nicht gern Sehen, hat ganz verschicdnc Ursachen. Herr Klotz sieht es nicht gern, weil unstreitig der blühende Zeitpunkt der Kunst vorbey war, als die Hcrkulanischcn Gemählde verfertiget wurden: und ich sehe es nicht gern, weil, obschon dieser Zeitpunkt vorbey war, dennoch die Meister der Hcrkulanischcn Gemählde von dcr Pcrspektiv gar wohl mehr verstehen konnten, (°) S. 90. Antiquarischer Briefe neunter. als die Meister aus jenem Zeitpunkte, an den wir vornehmlich denken, wenn wir von der Kunst der Alten sprechen. Denn die Pcrspcktiv ist keine Sache des Genies; sie beruht auf Regeln und Handgriffen, die, wenn sie einmal festgesetzt und bekannt sind, der Stümper eben so leicht befolgen und ausüben kann, als das größte Genie. Aber wenn es Herr Klotz nicht gern sieht, daß wir uns auf die Herkulanischen Gemählde berufen: auf welche will er denn, daß wir uns berufen sollen? Aus dem blühenden Zeitpunkte der Kunst, ist schlechterdings kein einziges von den noch vorhandenen alten Gemählden. Wir müssen also diese überhaupt aufgeben, und uns auf die Beschreibungen einschränken, die wir in den Schriften der Alten von einigen der berühmtesten Stücke aus diesem Zeitpunkte finden. Zch wählte hierzu, im Laokoon, die Beschreibungen des Pausanias von den zwey großen Gemählden des Polygnotus in der Lcsche zu Delphi, und urtheilte, daß diese offenbar ohne alle Pcrspcktiv gewesen. Eines derselben, höre ich von Herr Klotzen, (") „soll zu unsern Tagen gleichsam wieder neu seyn geschaffen worden." Zch weiß nicht, welches; von dem Werke auf das er mich verweiset, habe ich nur die ersten Bände, und ich befinde mich gerade an einem Orte, wo -ich wenig andere Bücher brauchen kann, als die ich selbst besitze. Aber es sey das eine oder das andere: wenn es in der neuen Schöpfung Pcr- spcktiv bekommen hat, so ist es sicherlich nicht das Gemählde des Polygnotus; sondern ein Gemählde, ungefehr des nehmlichen Vorwurfs. Der Hauptfehler, welcher sich in diesen Gemählden des Polygnotus wider die Pcrspcktiv fand, ist klar und nnwider- sprcchlich. Um sich Platz für so viele Figuren zu machen, hatte Polygnotus einen sehr hohen Gesichtspunkt angenommen, aus welchem der ganze weite Raum vom Ufer, wo das Schiff des Mcnelaus liegt, bis hinein in die verheerte Stadt, zu übersehen sey. Aber dieser Gesichtspunkt war blos für die Grundfläche, ohne es zugleich mit für die Figuren zu seyn. Demi (°) S, 140. Antiquarischer Briefe neunter. 29 weil ans einem so hohen Gesichtspunkte, besonders die Figuren des Vordergrundes von oben herab sehr verkürzt und verschoben hätten erscheinen müssen, wodurch alle Schönheit und ein großer Theil des wahren Ausdrucks vcrlohrcn gegangen wäre: so gieng er davon ab, und zeichnete die Figuren aus dem natürlichen ihrer Höhe ungefehr gleichem Gesichtspunkte. Za auch diesen behielt er nicht, nach Maaßgcbung der vordem Figuren, für alle die entferntem Figuren gleich und einerley. Denn da, zu Folge der aus einem sehr hohen Gesichtspunkte genommenen Grundfläche, die Figuren, welche hintereinander stehen sollten, übereinander zu stehen kamen, (welches beym Pausanias aus dem öftern «v-oA-xv, «v^pu- und dergleichen erhellet:) so würden diese entfernter oder höher stehende Figuren, wenn er sie aus dem Gesichtspunkte der Figuren des Vordergrundes hätte zeichnen wollen, von unten hinauf verschoben und verkürzt werden müssen, welches der Grundfläche das Ansehen einer Berg an laufenden Fläche gegeben hätte, da es doch nur eine perspektivisch verlängerte Fläche seyn sollte. Folglich mußte er für jede Figur, für jede Gruppe von Figuren, einen neuen, ihrer besondern natürlichen Höhe gleichen Gesichtspunkt annehmen: das ist, er zeichnete sie alle so, als ob wir gerade vor ihnen stünden, da wir sie doch alle von oben herab sehen sollten. Es ist schwer sich in dergleichen Dingen verständlich auszudrücken, ohne wortreich zu werden. Man kann aber auch noch so wortreich seyn, und gewisse Leute werden uns doch nicht verstehen; solche nehmlich, denen es an den ersten Begriffen der Sache, wovon die Rede ist, fehlet. Und an diesen fehlet es dem Herrn Klotz in der Perspcktiv gänzlich: denn er versteht sich ja auch nicht einmal auf ihre Terminologie. „Die gewöhnliche Pcrspcktiv der Alten, sagt er, ist die von „uns so genannte Militarperspcktiv von oben herein" —Nicht jede Perspcktiv von oben herein, ist Militarperspcktiv. Bey dieser werden zugleich die wahren Maaße der Gegenstände überall beybehalten, und nichts wird nach Erfordcrniß der Entfernung verkleinert. Folglich ist die Militarperspcktiv eigentlich gar kcinc Pcrspcktiv, sondern ein blosses technisches Hülfsmittel gewisse Dinge vors Auge zu bringen, die aus einem niedrigen II! Antiquarischer Briefe neunter. Gesichtspunkt nicht zu sehen seyn würden, und sie so vors Auge zu bringen, wie sie wirklich sind, nicht wie sie ihm blos erscheinen. Zn diesem Verstände also von den Alten sagen, daß ihre gewöhnliche Pcrspcktiv die Militarpcrspektiv gewesen, heißt ihnen in den gewöhnlichen Fällen schlechterdings alle Pcrspcktiv absprechen. Nur diejenige Pcrspcktiv aus einem hohen Gesichtspunkte ist wahre Pcrspcktiv, die alles und jedes nach Maaßgcbung der Höhe und Entfernung dieses Gesichtspunkts, verkleinert, verkürzt und verschiebt; welches die Militarpcrspektiv aber nicht thut, und wclchcs auch in den Gemählden des Poly- gnotus nicht geschehen war. Eben so wenig wird es in den Münzen geschehen seyn, welche Hr. Klotz zum Beweise anführt, wie gut sich die Alten auf die ihm so genannte Militarpcrspektiv verstanden! Ich mag mir nicht einmal die Mühe nehmen, sie nachzusehen. Gleichwohl darf er, in dem ihm eignen Tone hinzusetzen: „Sollten „diese Zeugnisse nicht einmal die ewigen Anklagen der Alten, „wegen der Unwissenheit der Pcrspcktiv vermindern?" Allerdings sollten sie nicht: sondern Hr. Klotz sollte erst lernen, was Pcrspcktiv sey, ehe er einen so cntschcidcnden Ton sich anmaaßt. „Die Alten, fährt er fort, haben zugleich den Plan von „ihren Gebäuden gewiesen, und wenn sie den Augenpunkt sehr „scharf hätten nehmen wollen, so würden sie ein allzu hohes „Relief gebraucht haben. Hatten sie das Relief stach gehalten, „so würde die Münze ohne Gcschmack, Gothisch odcr nach der „Art unserer neuen Münzen ausgefallen seyn." O schön! o schön! Kauderwelscher könnte Erispin in der Komödie, wenn er sich für einen Mahler ausgicbt, die Kunstwörter nicht unter einander werfen, als hier geschehen ist. — „Die Alten haben zugleich den Plan von ihren Gebäuden gewiesen." Wie zugleich? Zugleich mit den Außenseiten? Wie machten sie das? Zeichneten sie, wie wir in unsern architektonischen Rissen, etwa den Grundriß neben die Fa- sadc? Oder wie? — „Wenn sie den Augenpunkt zu „scharf hätten nehmen wollen;" Was heißt das, den Augenpunkt zu scharf nehmen? Heißt das, sich zu scharf an die Einheit des Augenpunkts halte»? Oder was heißt cö? — „So Antiquarischer Briefe zehnter. 31 „würden sie ein allzuhohes Relief gebraucht haben." Was hat der Augenpunkt mit dem Relief zu thun? Bestimmt der Augenpunkt, wie hoch oder wie flach das Relief sehn soll? — „Hätten sie das Relief flach gehalten;" — Nun, was denn? was wäre alsdenn geworden? — „so würde die „Münze ohne Geschmack, gothisch oder nach der Art „unserer neuen Münzen ausgefallen seyn." O Logik, und alle Musen! Ein Mann, der so schließen kann, untersteht sich von der Kunst zu schreiben? Also ist eine Münze von flachem Relief nothwendig ohne Geschmack und Gothisch? Also ist es nicht möglich, daß wir in einem flachen Relief eben so viel erkennen können, als in einem hohen? Also kann in einem flachen Relief nicht eben so viel, ja wohl noch mehr Kunst seyn, als in einem hohen? O Logik, und alle Musen! Der Mann hat lauten hören, aber nicht zusammen schlagen. Weil man das hohe Relief auf Münzen vorzieht, aus Ursache, daß es Münzen sind, daß es Werke sind, die sich sehr abnutzcu; weil man aus dieser Ursache das flache Relief an cursircndcn Münzen mißbilliget: daraus schließt er, daß das flache Relief überhaupt ohne Geschmack und Gothisch ist? O Logik, und alle Musen! Zehnter Brief. Ich sagte in meinem Vorigen, daß cm Gemählde die vcr- hältnißmäßige Verkleinerung der Figuren und die Verminderung der Tinten gut genug haben, und dennoch nicht perspektivisch sehn könne; Falls ihm die Einheit des Gesichtspunkts fehle. Gut genug; Sie wissen was man gut genug heißt. Lassen Sie mich mit diesem gut genug ja nicht mehr sagen, als ich sagen will. Gut genug, wenn man das recht Gute dagegen stellt, ist nicht viel mehr als ziemlich schlecht. Denn wie in der Natur alle Phänomcna des Gesichts, die Erscheinung der Grösse, die Erscheinung der Formen, die Erscheinung des Lichts und der Farben, und die daraus entspringende Erscheinung der Entfernung, unzertrennlich verbunden sind: so auch in der Mahlerey. Man kann in keiner den gc- 32 Antiquarischer Briefe zehnter. ringstcn Fehler begehen, ohne daß sie nicht zugleich alle zweideutig und falsch werden. Hatte das Gemählde des Polygnotus einen vielfachen Gesichtspunkt: so hatte es nothwendig mehr Fehler gegen die Perspcktiv, oder vielmehr kein Stück derselben konnte seine eigentliche Richtigkeit haben; es konnte von allen nur so etwas da seyn, als genug war ein ungclehrtes Auge zu befriedigen. Hier nenne ich es ein ungclehrtes Auge: an einem andern Orte werde ich es ein unverzärteltcs Auge, ein Auge nennen, das noch nicht verwöhnet ist, sich durch den Mangel zufälliger Schönheiten in dem Gcnuße der wesentlichen stören zu lassen. Räthsel! wird Hr. Klotz ruffen. Zch mache keinen Anspruch mehr darauf, von ihm verstanden zu werden. Ein vielfacher Gesichtspunkt hebt nicht allein die Einheit in der Erscheinung der Formen, sondern auch die Einheit der Beleuchtung schlechterdings auf. Was kann aber, ohne Einheit der Beleuchtung, für eine perspektivische Behandlung der Tinten Statt finden? Die wahre gewiß nicht; und jede andere als diese, ist im Grunde so gut als keine; ob sie schon immer auf den einigen Eindruck machen kann, der die wahre nirgends gesehen. Zn einem ctwanigen Abfalle von Farben, in Ansehung ihrer Lebhaftigkeit und Reinigkeit, mochte die ganze Luftperspck- tiv des Polygnotus bestehen. Selbst die vcrhältnißmäßige Verkleinerung der Figuren, kann m dem Gemählde des Polygnotus nicht gewesen seyn; sondern ungefehr so etwas ihr ähnliches. Denn man erwäge den Raum von dem Ufer, wo die Flotte der Griechen lag, bis hinein in die verheerte Stadt: und urtheile, von welcher colossalischcn Grösse die Figuren des Vordergrundes angelegt seyn müßten, wenn, nach den wahren perspektivischen Verhältnissen, die Figuren des hintersten Grundes im geringsten erkenntlich seyn sollten. Eben das hätte sich Moor fragen müssen, und er würde lieber von gar keiner Perspcktiv in dem allegorischen Gemählde des Ccbes gesprochen haben. Ich biete dem größten Zeichner Trotz, etwas daraus zu machen, was die Probe halte. Alle bisherige Versuche sind gerade so gerathen, wie sie ungefehr Kinder befriedigen können. Der erträglichste ist der von dem Antiquarischer Briefe eilftcr. 3'! jüngcrn Merian, welcher ganz von den Worten des Cebcs abgieng, indem er die verschiedenen Umzäunungen in einen schroffen Felsen mit eben so vielen Absätzen verwandelte, und dennoch nichts Perspektivisches herausbringen konnte. Seine Figuren verjüngen sich von unten bis oben: aber perspektivisch? So wie sich die in dem Gemählde des Polygnotus mögen verjüngt haben: wo man, von dem Schiffe des Mcnclaus bis hinein in die Stadt, noch das Parderfell erkannte, welches Antcnor über die Thüre seines Hauses, zum Zeichen der Ver- schonung, aufgehangen hatte. Eilfter Brief. Es würde eine sehr undankbare Arbeit seyn, alle Stellen lind Beyspiele zu prüfen, die Herr Klotz zum Behuf seiner guten Meinung von der Perspcktiv der Alten, dem Caylus abborgt, oder aus den Schätzen seiner eigenen Bclesenhcit beyzubringen vorgiebt. Nur von einigen, ein Wort. Was für eine perspektivische Anordnung kann Caylus in der Aldrovandinischen Hochzeit gefunden haben? Sie hat höchstens keine Fehler gegen die Perspcktiv: weil sich der Meister keine Gelegenheit gemacht hatte, dergleichen zu begehen. Er hat alle seine Personen nach der Schnur neben einander gestellt; sie stehen alle auf einem und eben demselben Grunde; wenigstens nicht auf so vcrschiednen Gründen, daß die geringste Verjüngung unter ihnen möglich wäre. Das, was Plinius von dem Ochsen des Pausias sagt, zu Perspcktiv machen: heißt mit dem Worte tändeln. Es war Perspcktiv in dem weitläuftigen Verstände, in welchem sie, wie ich schon erinnert, kein Mensch den Alten abgesprochen hat, noch absprechen kann. Lauter Wind, wenn Herr Klotz versichert, „daß Lucian „von der perspektivischen Anordnung in einem Gemählde des „Zcuris so wcitläuftig rede, daß diese Stelle bey dieser Streitigkeit nothwendig geprüft werden müsse!" Er nennt sie unge- mcin entscheidend, und sie entscheidet schlechterdings nichts. ^«^l.,i>.«? x>^1^«7-01/> was ist es anders, als ein corrcktcr Contour? was die «x^lfi^L -^«o-^, die -u- Lcstmgö NZerke vili, Z Antiquarischer Zuriefe eilfter. x«t^oi? xir,^oX,7j?it>i> X9^/'^^ anders, als die schicklicht Verbindung und fleißige Verschmelzung der Localfarben? Das o-xta-o-olt kl; , ist die gute Vcrthcilung von Licht lind Schatten; mit einem Worte, daS Hclldnnklc. Der Xc,^ ^x^-x^c>^, ist nicht das Verhältniß der scheinbaren Größen, in Absicht der Entfernung, sondern das Verhältniß an Größe wirklich verschiedener Körper; namentlich in dem Gemählde, wovon die Rede ist, das Verhältniß der jungen Centauren gegen die alten. Die 10-07-1^? ^^u)i>^) nP»^ 7-0 »Xc,,', die ttp^oi't«, ist das Ebcnmaaß der Theile zu dem Ganzen, der Glieder zu dem Körper, die Uebereinstimmung des Vcrschicdncn. Und nun frage ich: welches von diesen Stücken bezicht sich nothwendig auf die Perspcktiv? Keines; jedes derselben ist ohne Unterschied allen Gemählden, auch denen, in welchen gar keine Perspcktiv angebracht worden, den Gemählden eines einzeln Gegenstandes, dem bloßen Portrait, wenn es schön und vollkommen seyn soll, unentbehrlich. Es sind Eigenschaften eines guten Gemähldes überhaupt, bey welchen das Perspektivische seyn und nicht seyn kann. Mich dünkt sogar, es aus einem Zuge des Lucians selbst beweisen zu können, daß dieses Gemählde des ZeuxiS von der (°) Herr Klotz muß sich cinbildc», daß cr seinen Lcscrn weiß machen kann, was ihm beliebt, und daß sie ihm ans sein Wort glauben müssen, was cr will. „Einige Ausgaben, sagt cr, haben /«.-rtz-^v: welche Lesart mir „richtiger scheinet, obgleich jene sich auch vertheidigen läßt." Nicht einige, sondern die meisten Ausgaben und Handschriftc» lcscn ^i^-ov- dcr Bcrstand abcr duldet dieses /<,-^uv, wie Grävius erwiesen hat, so wenig, daß es lächerlich ist zu sagen, es scheine die richtigere Lesart zu sehn, wenn ma» sie »och dazu für die ungewöhnlichere ausgicbt. Die Mehrheit dcr Handschriftc» und Ausgabcn ist das cinzigc, was sie vor sich hat: und ich mochte doch wissen, wie sie Herr Klotz sonst vertheidige» wollte. Er zicht sic blos vor, um ctwas vo» Mcnsurc» in dcr Stcllc zu findcn, dic cr auf die Verhältnisse dcr Perspcktiv deuten tonnte. — Sonst muß ich noch crinncr», daß Lucia» nicht in scincm Hcrodotus, wic Hr. Klotz citirct, sondern im Zcuris dieses Gcmähldc beschreibt; und daß, wenn Herr Klotz sagt, „die Kopie desselben „sey in Rom gcwcsc», da das Original, wclchcs Sulla nach Rom schickn, „wollc», im Schissbruch untcrgcgangen," cs das crstcmal für Rom, Athcn bcissc» m»ß. Vo» dergleichen Fehler», welche dic Eilfcrtigkcit des Schreibers verrathe», wimmelt das Buch. , Antiquarischer Briefe cilftcr. Seile der Pcrspcktiv sehr mangelhaft gewesen. Denn wenn cr den alten Centaur beschreiben will, so sagt cr: «vui ?-ti>c>l; crxoir^i; ^iTrTroxxvT-ol-i^oc! ^zrtxi^- ?r?-xl ),xX.uiv: er sey oben an dem Bildc zu sehen gewesen, lind habe sich von da, gleichsam wie von einer Warte, gegen seine Zungen lachend hcrabgencigt. Dieses gleichsam wie von einer Warte, scheinet mir nicht undeutlich anzuzeigen, daß Lucian selbst nicht gewiß gewesen, ob die Figur nur rückwärts oder auch zugleich höher gestanden. Ich glaube die Anordnungen der alten Basreliefs zu erkennen, wo die hintersten Figuren immer über die vordersten wcgschn, nicht weil sie wirklich höher stehen, sondern blos, weil sie weiter hinten zu stehen scheinen sollen. Jedoch will ich damit nicht sagen, daß die Stellung der Figuren, so wie sie Lucian beschreibt, nicht einer völlig richtig pcrfpccktivischcn Behandlung fähig wärm: sondern ich will nur sagen, daß wenn Lucian eine dergleichen Behandlung vor sich gehabt hätte, cr sich schwerlich darüber so dürfte ausgedruckt haben. Endlich auf die bisher unbemerkte Stelle des Philostratus zu kommen: so weiß ich nicht, welches die grössere Armseligkeit ist, sie eine bisher unbcmcrklc Stelle zu nennen, oder Pcrspcktiv in ihr finden zu wollen. Philostratus rühmt an den Gemählden des Zcuris, des Polygnotus, des Euphranor, L^o-xto^, die gute Schattirung; xi.^-ovi', das Lebende; und ?o xco-x- X»v n«l ^x.ou das Herausspringcnde und Zurückweichende. Was haben diese Eigenschaften mit der Pcrspektiv zu thun? Sie können alle in einem Gemählde seyn, wo gar keine Pcr- spcktiv angebracht, wo sie mit den gröbsten Fehlern angebracht ist. Sie beziehen sich insgesammt auf die kräftige Wirkung des Schattens, durch welchen allein wir die tiefern Theile eines Körpers von den hervorragenden uutcrschciden; welcher allein es macht, daß die Figur sich rundet, aus der Tafel oder dem Tuche gleichsam hervortritt, und nicht das blosse Bild des Dinges, sondern das Ding selbst zu seyn scheinet. Mußte des Apcllcs Alexander, mit dem Blitze in der Hand, von welchem Plinills sagt, cli^iti ominoro v iävdantui-, A l'ulmvn extra talmlam ekle, mußte er darum, weil cr das Llo-x^ou und ^--xov in 3* 5«; Antiquarischer Briefe eilfter. so hohem Grade hatte, nothwendig auch ein Werk seyn, welches Pcrspcktiv, und eine richtige Pcrspcktiv zeigte? Und dennoch darf Hr. Kloß von der Stelle des Philostratus sagen: „sie „kann von nichts anders handeln, als von der Kunst des „Mahlers, gewisse Dinge auf dem Vordergründe und andere „auf dem Hintergründe des Gemähldes erscheinen zu lassen, „andere zu entfernen und andere dem Auge zu nähern." Nein, kahler und zugleich positiver kann sich kein Mensch ausdrücken, als Hr. Klotz! Sie kann von nichts anders handeln? Und gleichwohl handelt sie von etwas andcrm. Wenn sie aber auch wirklich davon handelte, wovon Hr. Klotz sagt, wäre dadurch die Pcrspcktiv der alten Gemählde erwiesen? Wer hat denn in der Welt, indem er ihnen die Pcrspcktiv abgesprochen, ihnen zugleich alle verschiedene Gründe, alle Entfernungen absprechen wollen? „Zst aber dieses Verschicssen, fährt Hr. Klotz fort, „diese Schwächung, oder stufenweise Verringerung des Lichts „und der Farbe, nicht eine Folge einer wohlbcobachtcten Perfektiv?" Was steht von alle dem in der Stelle des Philo- stratus? Kein Wort. Und wie schielend heißt es sich ausdrucken, das, wodurch eine Sache wirklich wird, zu einer Folge dieser Sache zu machen? Denn nicht die stuffenwcise Verringerung des Lichts und der Farbe ist eine Folge der wohlbcobachtcten Pcrspcktiv, sondern diese ist vielmehr eine Folge von jener. Doch das Schielende ist der eigentliche Charakter des Klotzischcn Stils, und es stcht in keines Menschen Macht, von einer Sache, die er nicht versteht, anders als schielend zu sprechen. Wenn er denn nur bescheiden spricht, im Fall er sich gezwungen sieht, von einer solchen Sache zu sprechen! Aber zugleich den Ton eines Mannes annehmen, von dem man neue Entdeckungen darin» erwarten darf, ungefehr wie dieser: „Zch „will noch eine andere bisher unbemerkte Stelle „aus dem Philostratus hcrschreiben: was dünkt Ihnen davon, mein Freund? Eine bisher unbemerkte, und folglich von Hr. Klotzen zuerst, von ihm allein bemerkte Stelle! Zst sie das, diese Stelle des Philostratus? Nichts weniger. Er selbst findet sie bereits vom Zunius und Scheffer genutzt: aber freylich mag es weder Zunius noch Schcffcr seyn, dem er ihre erste Antiquarischer Briefe eilster. 37 Nachwcisung zu danken hat. Zch denke, ich kenne den rechten, dem Hr. Klotz seinen kleinen Dank hier schuldig bleibt. Es ist ohnstrcitig Du Soul: denn als er in der Rcitzischen Ausgabe des LucianS jene Beschreibung von dem Gemählde des Zcuxis nachlas, fand er in den Anmerkungen dieses Gelehrten, bey dem o-xl«o-«t nicht allein einen Alisfall wider die Pcrraults, als Verächter der alten Mahlerey, sonder» auch die nehmliche Stelle des Philostratus dabey angeführt. (") Nun schlug Hr. Klotz selbst nach, und weil er das, was Du Soul nur der Seite nach citirt hatte, auch nach dem Kapitel citircn zu können, für sich aufbehalten sahe: so glaubte er Recht zu haben, etwas, das Er bisher noch nicht bemerkt hatte, überhaupt bisher unbemerkt nennen zu dürfen. Der Unterschied mag wohl so groß nicht seyn: ich fürchte nur, es wird ein dritter kommen, der auch Hr. Klotzen die erste Bemerkung durch eine noch genauere Citation streitig macht. Denn so wie Hr. Klotz die Anführung des Du Soul, pliilott. p. 71. durch pliilott. Vit. Apollo-,, c. 20. p. 71. berichtiget, so läßt sich seine Anführung, durch Einschicbung I/,li. II. gleichfalls noch mehr berichtigen. Denn das Leben des Apollouius hat acht Bücher, und es wäre schlimm, wenn der, welcher die Ausgabe des Olcarius nicht hat, in allen acht Büchern darnach suchen müßte. — Sie lachen über mich, daß ich mich bey solchen Kleinigkeiten aufhalten kann. — Za wohl Kleinigkeiten! Wenn man denn nun aber einen Mann vor sich hat, der sich auf solche Kleinigkeiten brüstet? — Bisher unbemerkct! Von mir zuerst bemerkt! — Ist es nicht gut, daß man diesem Manne zum Zeitvertreibe einmal weiset, daß er auch in solchen Kleinigkeiten das nicht ist, was er sich zu seyn einbildet? — Sogar W ebb hat diese Stelle des Philostratus gebraucht. Zwölfter Brief. Wahrhaftig, Sie haben Recht: das hätte ich bedenken sollen. Allerdings ist Hr. Klotz der erste, welcher die Stelle des (°) ä,t, li ?errillw« »i»U»«, Iwe picwriliUL Antuiui« »e in menwm «luitlom veneiiU. Via. ?UNolt. x. ?t. et ZumuL ?ie!. Vvl. III. H. (") S. 100. dcut. Uebcrs. 38 AnliPmrischcr Briefe zwölfter. Philostratus bemerkt hat; nicht zwar nach ihren Worten, aber doch nach ihrem geheimen Sinne. Denn wem ist es vor ihm eingekommen, das geringste von Perspcktiv darin» zn finden? Zniiilis, Schcffcr, Dn Soul, Wcbb, haben sie alle blos von der Schattirung verstanden. Die guten Leute! Von der Pcr- spcktiv ist sie zu verstehen: Hr. Klotz ist der erste der dieses sagt, — und auch der letzte, hoff ich. Aber lassen Sie mich nicht vergessen, bey welcher Gelegenheit Hr. Klotz die Ausschwciffung über die Perspcktiv der Alten, in seinem Buche macht. Ohne Zweifel bey der großen Menge geschnittener Steine, welche sie unwidcrsprcchlich beweisen! Za wohl: und wie viele meinen Sie, daß er deren anführt? Zn allen, Summa Summarum, richtig gerechnet, — einen. Und dieser eine ist gerade der, von welchem Hr. Lippcrt, aus dem er ihn anführt, ausdrücklich sagt, „daß er gewiß glaube, er sey der einzige in seiner Art; denn unter so vielen Tausenden, die er gesehen, hab er nichts ähnliches angetroffen, wo die Per- spcktiv so wäre beobachtet worden." „Uebcrhaupt, sagt Hr. Lippcrt, (°) ist die Perspcktiv bey „den Alten sehr geringe. Es hat aber doch Leute gegeben, die „solche als ein Wunderwerk an ihnen gelobt. Aber wie weit „kann die Licbhabercy einen nicht treiben? Wenn ich die Beschreibung oder Erklärung eines alten Werks etwa in einem „Buche gelesen, worinncn von dessen schöner Perspcktiv etwas „gesagt worden, habe ich auch allemal lachen müssen; denn das „sonst accurate Kupfer hat mir allemal das Gegentheil gezeigt. „Denn ich konnte an dcm Bilde nicht einen einzigen Zug, der „nach den Regeln dieser Wissenschaft gewesen wäre, erkennen, „aber wohl solche Fehler, die man auch einem Anfänger in „dieser Wissenschaft nicht vergeben würde. Die Alten ahmetcn „die Dinge so ungefehr nach, wie sie sich dcm Auge darstellten, „ohne dic Regeln und Ursachen zu wissen, warum dic cntfcrn- „tcn Dinge im Auge verkürzt oder kleiner erscheinen. Es ist „aber etwas sehr gemcmcs, daß man von Sachen urtheilet, „wovon man doch nichts versteht." (") D6ktyl, Vorsicht, S, xvui. ^ "«--Ä^Kt^i»..' AiiIi.Minschcr Briefe zwölfter. Wie kömmt es, da Hr. Klotz sonst sich die Einsichten des H». Lippcrt so frey zu Nutze gemacht, daß er es nicht auch in diesem Punkle gethan? Hr. Lippcrt sagt nichts mehr, als was alle Künstler sagen. Er nicht allein, sie alle lachen, wenn ihnen der Gelehrte in den alten Kunstwerken Pcrspcktiv zeigen will. Aber Hr. Klotz hatte bereits seinen Entschluß genommen ; seine Ehre war einmal verpfändet; er halt bey der Stange. Der Künstler, denkt er, sind so wenige; laß sie lachen? Sie können dich doch nicht um dein Anschn lachen, das sich ans den Beyfall ganz anderer Leute gründet! — Und hat er nicht seinen Caylus zum Rückcnhaltcr! Auch noch Einen solchen Mann möchte er sich gern dazu ausspare». Aber ich fürchte, daß ihn dieser im Stiche läßt: denn dieser fand in der Folge das Perspektivische in den Hcrkulanischc» Gemählden nicht, welches er sich damals darinn zu finden versprach, als er nicht so gar unvcrhörtcr Sache die Alten dcsfalls verdammt wissen wollte. (°) Daß solches auch mehr geschehen zu seyn schien, als wirklich geschehen war, zeigt sich nunmehr in den Nachrichten von Künstlern und Kunstsachen, deren Verfasser gewiß nicht proletarische Kenntnißc von beiden besitzt. Ich hätte daher gern den Hn. Klotz an diesen Schriftsteller verwiesen. Aber seine Deutsche Bibliothek ist mir zuvor gekommen, und hat diesen Schriftsteller bereits an Hr. Klotzen verwiesen. Diesen Schriftsteller an Hr. Klotzen! Nun das ist wahr: die Deutsche Bibliothek versteht sich darauf, welcher Gelehrte von dem andern noch etwas lernen könnte. Welch ein unwissender Mann ist dieser Schriftsteller, der uns auf einen Daniel Barbar», auf einen Lomazzo, auf einen Fonscca, ja gar auf den pedantischen Commcntator eines wundcrllchcn Poeten, wegen der Pcrspcktiv der Altcn vcrwcisct, und gerade die beiden Hauptabhandlungen des Sallicr und Caylus, in den grundgelehrten Werken dcr französischen. Akademie der Znnschriftcn, (°) Bibl. dcr sch. Wisscnsch. und dcr fr. K. B. VI. Stuck 2. S- 676. verglicht» mit S. 183. dcr Bctrachtung nbcr die Mahlerey. (°°) S. 183. (°°°) Fünftes Stück S. 132. 40 Antiquarischer Briefe dreyzchmer. aus welchen Hr. Klotz seine Weisheit, wie aus der Quelle, geschöpft, gar nicht zu kennen scheinet! Freylich ist das arg: aber doch, dachte ich, stellt sich die Deutsche Bibliothek diesen Schriftsteller ein wenig gar zu unwissend vor. Weil er in das Verzeichnis; der Kupferstiche nach dem Michel Angclo, auch ein Blatt von dem so genannten Pctschaftringe dieses Meisters bringt: so möchte sie lieber gar argwohnen, „er habe geglaubt, Michel Angclo sey der Vcrscr- „tigcr davon gewesen." Nein, das kann er wohl nicht gcglaubct haben; denn drey Zeilen darauf führt er den Titel einer Schrift an, wo dieser Pctschastring ausdrücklich unv Coinnlino-mli^n«?, nommve lo e-lckot clo MelivIanA«?, heißt. Und so viel Französisch mag er doch wohl verstehen! Dreizehnter Brief. Warum sollte der Liebhaber die Abbildung eines alten geschnittenen Steines, den Michel Angclo so werth hielt, der mit unter die Antiken gehöret, nach welchen Michel Angclo studierte, aus welchem Michel Angclo sogar Figuren entlehnte, nicht in eben das Portefeuille mit legen dürfen, in welchem er die Kupfer nach diesem Meister aufhebt? Sind doch die Kupfer der ganzen ersten Classe, welche die Bildnisse desselben vorstellen, eben so wenig Kupfer nach Gemählden von ihm. Genug, daß sie eine so genaue Beziehung auf ihn haben. Das fühlt jeder: nur ein Kritikaster wie F. will es nicht fühlen. Denn hier, oder nirgends, kann er einen Brocken Weisheit wieder auskramen, den er sich selbst erst gestern oder ehegcstcrn cinbettelte. „Wie kömmt, fragt er, unter das Verzeichnis; der Arbeiten dieses Künstlers das berühmte Cavliot äo NickolaiiFv?" Hat der Schriftsteller, den er zu Hofmeistern denkt, ein Verzeichnis; der Arbeiten dieses Künstlers liefern wollen? Ich denke, blos ein Verzeichnis; der Kupferstiche von verschiedncn Arbeiten desselben: und es fehlt viel, daß sie alle gestochen seyn sollten. Der Verfasser, fährt er fort, wird doch nicht geglaubt haben, daß er der Verfertiger desselben gewesen. Nun ja; ein Mann, der das Leben dieses Künstlers aus dem Condivi Antiquarischer Briefe dreyzehnler. -11 und Gori, aus dem Vasari und Bottari sich bekannt gemacht hat, kann freylich so viel nicht wissen, als Hr. F. der den Artikel im Füeßlin von ihm gelesen. Von so einem Manne, kann man freylich ohne Bedenken schreiben: Uebcrhaupt muß er dieses berühmte Werk der Steinschncidcrkunst gar nicht kennen. Und warum denn nicht? Hören Sie doch den schönen Grund! Weil er hinzugesetzt hat: „Die Abdrücke „ohne Buchstaben sind schön und rar." Dieses versteh ich nicht! ruft Hr. F. — Nicht? Hr. F. hat doch wohl nicht das auf die Abdrücke des Steins gezogen, was der Verfasser von den Abdrücken der Piccartschcn Platte sagt! Und solches Zeug in den Tag hinein schreiben, nennen die Herren kritisircn. War es nicht auch eben dieser F. welcher in einem von den vorhergehenden Stücken der Bibliothek einem Schriftsteller, dem er doch ja von weitem erst möchte nachdenken lernen, ehe er das geringste an ihm aussetzt, Schuld gab, er habe nicht gewußt, was ein Torso sey? Wie glauben Sie, daß dem armen Schriftsteller zu Muthe werden muß, wenn er sich so etwas gerade auf den Kopf zugesagt findet? Nur neulich ward es mir auch so gut, eine kleine Erfahrung davon zu machen. Ich lese eine Recension von dem neuesten Werke des Hrn. Winkclmanns, (°) und auf einmal flösse ich auf folgende Stelle: „Beym Laokoon gedenkt Hr. Winkclmann Hrn. Lessings als eines „einsichtsvollen und gelehrten Schriftstellers, bleibt aber dabey, „es wahrscheinlicher zu finden, daß die Künstler des Laokoon „in die. schönsten Zeiten gehören; nicht zwar nach Widerlegung „des Lessingschcn Grundes, der aus der Zusammenstellung die- „ser Künstler mit jüngcrn beym Plinius, und aus dem ganzen „Zusammenhange genommen ist, sondern durch Anführung zwo „neuer Gründe, von denen der eine das Alter der Buchstaben- „zügc auf der zu Ncttuno gefundenen Steinschrift, mit dem „Namen des Athanodors, Agcsandcrs Sohns, der andere die „Arbeit an der Gruppe selbst, ist. Denn diese kömmt an den „Köpfen der beiden Söhne vollkommen mit den beiden Ringern MiolK owÄ m S,jM ' ssi >chP,Atz,?>V (°) Eöttingische Anzeigen 22. u> 23. Stuck dieses Jahres. j'.' Antiquarischer Briefe dreyzehnter. „zu Florenz, in welchen Hr. W. Söhne der Niobe entdeckt hat, „übcrcin. Da hier Hr. W. seines Landsmanncs Erwähnung „thut, so durste es jemanden wundern, warum er nicht beym „Borghcsischcn Fechter eben desselben Deutung dieses Fechters „auf den Chabrias angeführt hat; allein diese Norbeylassung „gereicht dem Hn. Winkclmann zur Ehre; er hätte Hr. Les- „ singen sagen müssen, daß er jenen Fechter mit einer Statue „in Florenz verwechselt hat, welche im Museum Florent. „Tab. 77. unter dem Namen Milcs Vcles steht, und einen „ähnlichen Ausfall thut, aber doch nicht odmxo gvnu leuto." Wer vom Himmel fiel, das war ich! Du hast nicht recht gelesen! sagt ich mir. Zch las nochmals, und nochmals: je öfter ich las, jc betäubter ward ich. Noch itzt weiß ich nicht, was ich anders aus der letzten Hälfte dieser Stelle mache» soll, als ein christliches Präservativ, über den Anfang derselben nicht allzu stolz zu werden. Verwechselt soll ich den Borghcsischcn Fechter, und mit einer Statue in Florenz verwechselt haben? Aus Großmuth soll mir Herr Winkclmann diese Verwechslung nicht aufgemutzet haben? Aber der Recensent ist so großmüthig nicht: er mutzt mir sie auf. Bey allem was mir werth ist! ich wollte diesem für seine Aufrichtigkeit, so sehr sie mich auch beschämen möchte, unendlich vcrbuiidncr seyn, als dem Hrn. Winkclmann für seine Großmuth, die mich licbcr nicht belehren, als beschämen will! Aber wie kann ich? Hr. Winkelmann konnte mich schlechterdings nicht beschämen, ohne sich selbst zu beschämen. Denn wenn ich den Borghcsischcn Fechter verwechselt habe, so hat auch Er ihn verwechselt. Zch habe keine andere Statue gcmcinct, als die Er unter diesem Namen meinet; keine andere, als die Ihm der Herr von Stosch für einen Discobolus cinrcdcn wollte; keine andere, als die Er eben so wenig für einen Fechter als für einen Discobolus, sondern für einen Soldaten erkennet, der sich in einem gefährlichen Stande besonders verdient gemacht hatte. Diese, diese Statue habe ich auf den Chabrias gedeutet; und ist diese Statue nicht der Borghesische Fcchrcr, ist sic der Milcs Bclcs in dem Floren- tinischcn Musco: wie gesagt, so hat beide diese Werke Hr. Win- Antiqlimischcr Briefe drcyjchiitcr. 43 kclmann selbst, und zuerst verwechselt; seine Verwechslung hat die mcinigc veranlaßt. Kein Mensch wird das von Hr. Winkclinanncn glauben wollen: aber dem ohngcachtct wohl von mir. Denn ich, ich bin nicht in Italien gewesen; ich habe den Fechter nicht selbst gesehen! — Was thut das? Was kömmt hier auf das selbst Sehen an? Zch spreche ja nicht von der Kunst; ich nehme ja alles an, was die, die ihn selbst gesehen, an ihm bemerkt haben; ich gründe ja meine Deutung auf nichts, was ich allein daran bemerkt haben wollte. Und habe ich denn nicht Kupfer vor mir gehabt, in welchen die ganze Welt den Borghesischcn Fechter erkennet? Oder ist es nicht der Borghcsische Fechter, welcher bey dem Pcrrier (Taf. 20. 27. 28. 29.) von vier Seiten, bey dem Maffci (Taf. 76.70.) von zwey Seiten, und in dem lateinischen Sandra« (S. 08.) gleichfalls von zwey Seiten erscheinet? Diese Blätter, erinnere ich mich, vor mir gehabt zu haben; den Milcs Nelcs in dem Florcntinischcn Museo hingegen nicht: wie ist es möglich, daß ich beide Figuren dem ohngcachtct verwechseln können'? Endlich, worinn habe ich sie denn verwechselt? Man verwechselt zwey Dinge, wenn man dem einen Eigenschaften beylegt, die nur dem andern zukommen. Welches ist denn das Eigene des MilcS Velcs, das ich dem Borghesischcn Fechter angedichtet hätte? Weil beide einen ähnlichen Ausfall thun: so hätte ich sie verwechseln können; aber muß ich sie darum verwechselt haben? Zch werde die erste Gelegenheit crgrciffen, den Göttingischen Gelehrten inständigst um eine nähere Erklärung zu bitten. Was noch überhaupt gegen meine Deutung jenes sogenannten Fechters bisher erinnert worden, ist nicht von der geringsten Erheblichkeit. Man hätte mir etwas ganz anders einwenden können: und die Wahrheit zu sagen, nur diese Einwendung erwarte ich, um sodann entweder das letzte Siegel auf meine Muthmas- sung zu drucken, oder sie gänzlich zurück zu nehmen. 44 Antiquarischer Briefe vierzehnter und fünfzehnter. Vierzehnter Brief. Und nun fragen Sie mich: was ich von dem Bliche des Hrn. Klotz überhaupt urtheile? Wollen Sie auch glauben, daß ich ohne Groll urtheile? daß ich nicht anders urtheilen würde, wenn er mich eben so oft darin» gerühmt hätte, als er mich getadelt hat? So urtheile ich: daß das Buch des Hrn. Klotz „über den Nutzen und Gebrauch der alten gcschnittncn Steine und ihrer Abdrücke" ein ganz nützliches Buch für den seyn kann, welcher von der darinn abgehandelten Materie ganz und gar nichts weiß, und sich in der Geschwindigkeit eine Menge Zdccn davon machen will, ohne daß ihm an der Deutlichkeit und Richtigkeit dieser Zdcen viel gelegen ist. Wenn Marictte, wenn Eaylns, wenn die Ausleger und Beschreibet der verschiednen Daktyliothcken, wenn Winkclmann und Lippcrt das ihrige zurück nehmen, so stehet die Krähe wieder da! Hätte Hr. Klotz blos aus fremden, seltnen Büchern zusammen getragen: so könnten wir ihm noch Dank wissen. Was ein Deutscher einem Ausländer abnimmt, sey immer gute Prise. Aber sollte er seine eigene Landslcutc plündern ? — Erlauben Sie mir, Ihnen die nähern Erörterungen hierüber nach und nach zukommen zu lassen. Fünfzehnter Brief. Sie scheinen, zur Entschuldigung des Hrn. Klotz, zu glauben, daß man in dergleichen Dingen nichts anders thun könne, als zusammen tragen. Doch wohl! — Und wenigstens kann man als ein denkender Kopf zusammen tragen. — Hr. Klotz hat auch selbst geglaubt, daß sich etwas mehr dabey thun lasse; und hat sich sogar geschmeichelt, etwas mehr gethan zu haben. „Der Gebrauch der Quellen, sagt er (°), die „Anordnung der Sachen, und einige eigene Bemerkungen wcr- „den diesen Aufsatz gegen den Vorwurf der Compilation schützen." (°) Seite 16. Antiquarischer Briefe fmifzehnter. Einige eigene Bemerkungen? klingt bescheiden genug! Aber welches diese eigene Bemerkungen sind, kann man nicht eher sagen, als bis man die fremden und geborgten davon abgesondert hat. Was übrig bleibt, ist freylich sein! Die Anordnung der Sachen? — Mit dieser ist es nicht blos gethan, um aus einem Compilator ein Autor zu werden. Seine eigene Ordnung hat jeder Compilator. Der Gebrauch der Quellen? — Auch der Compilator sollte diese, wenigstens vcrificiren. — Und ist es auch wahr, daß sie Hr. Klotz immer gebraucht hat? Lassen Sie uns doch eine Seite, wie sie mir in die Hand fällt, untersuchen. „Die geschnittenen Steine, schreibt Hr. Klotz machten „noch einen andern Theil des Schmuckes aus. Das Frauenzimmer suchte verschiedentlich ihrem Putze dadurch einen gros- „scrn Glanz zu verschaffen. Hierzu nahm man die erhaben geschnittenen Steine, und eine gute Vereinigung dieser vortrcf- „ lichcn Werke mit dem übrigen Schmucke, mußte in den Augen „der Zuschauer eine ungcmein schöne Wirkung thun." Hierüber führt Hr. Klotz den Bartholinus an. (°") Den Bartholinus! Ist Bartholinus eine Quelle? Er hätte die entscheidendste von den Stellen der Alten anführen sollen, auf die sich Bartholinus gründet. Hr. Klotz fährt fort: „Auch das männliche Geschlecht besetzte die Kleidung mit Steinen;" und beruft sich dcsfalls auf den Claudian. (*^) Mx,- bey dem Claudian, ist nicht die geringste Spur von geschnittenen Steinen; der Dichter redet blos von Togen, von Harnischen, von Helmen, von Gchenken und Heften, von Kronen, mit Edelsteinen besetzt; es kann wohl seyn, daß unter diesen auch geschnittene waren; aber das ist nur zu vermuthen, und von dieser Vermuthung muß Claudian nicht Gewähr leisten sollen. „Caligula, fügt Hr. Klotz hinzu, ahmte in diesem Stücke „der Verschwendung des weiblichen Geschlechts nach." Und das (°) S. 22. l") »e ^imillis vewr. p. 13. 35. (°°°) ve Iiümlil). 8lU. I.ili. II. v. 89. 4l> Aittiqimnschcr Briefe fnnszchntcr. soll Svctonius (") versichern. Aber das Zeugniß des Svctonius ist hier gedoppelt gemißbraucht. Denn einmal redet Svctonius gleichfalls blos von Edelsteinen, die Caligula sogar ans seinen Reise- und Rcgcnklcidcrn getragen, (gommat-ls, incintus ^venuws) und daß es geschnittene Edelsteine gewesen, ist der Zusatz des Hrn. Klotz. Zwcytcns sagt auch Svcton nicht, daß Ea- ligula hicrinn der Verschwendung des weiblichen Geschlechts nachgeahmt: denn er sagt weder, daß das weibliche Geschlecht sich einer solchen Verschwendung in geschnittenen Steinen schuldig gemacht, noch daß es Caligula ihm darinn nachgcthan. Der veMtus nvn virilis, den Svcton dem Caligula zur Last legt, bezicht sich nicht ans dcn Gebrauch der Edelsteine, sondern anderer Kleidungsstücke, die dem weiblichen Geschlechte eigen waren; auf die Cyklas, auf dcn Soccus. Nun sagen Sie mir: heißt das Quellen brauchen? Ist es genug, um dieses von sich zu versichern, daß man den untersten Rand des Blattes mit Namen klassischer Schriftsteller umzäunt? Oder muß man diese Schriftsteller auch selbst nachgesehen haben, und gewiß seyn, daß sie wirklich das sagen, was man sie sagen läßt? Einige Seiten vorher, schreibt Hr. Klotz: „um dcn Ring „dcs Prometheus, von welchem man den Ursprung der in Ringe „gefaßten Steine hergeleitet hat, bekümmere ich mich nicht." Sehr wohl! Aber warum führt er dieses Rings wegen dcn Jsidorus an? Man muß dcn Zsidorus oft anführen, weil er nicht selten Vüchcr gebraucht hat, die hernach verloren gegangen. Aber warum hier? Hier ist Zsidorus dcr wörllichc Ausschrcibcr dcs ältern Pliniusz Plinius ist hier die Quelle ("), und diesen hätte Hr. Klotz anführen müssen. Es ist ein seltsamer Kniff mehrerer Gelehrten, über die bekannteste Sache gerade den unbekanntesten Schriftsteller anzuführen; damit sie ihre Nachrichten ja auS recht besondern Quellen zu haben scheinen. Ein anderer ist dieser: daß sie, anstatt den Hauptort anzuführen, wo von der Sache, die sie erörtern wollen, gcflisscnd- (°) I» l'klix. e. 5Z> (°°) I.ilir. XXXIII. 8ecl, 4. » I.il>r, XXXVII. See«. I. Antiquarischer Vriefe funfjchnter. -i7 lich lind umständlich gehandelt wird, sich auf Stellen beziehen, wo man dieser Sache mir im Vorbeygehen gedenkt, um ihr. Scharfsichtigkcit bewundern zu lassen, der auch nicht der geringste Ncbcnzug entwische. Z. E. um zu beweisen, „daß man in Rom so gar die „Bildsäulen mit Ringen gczicrct," würde der gute einfältige Gelehrte gerade zu den Plinius anführen«^), wo dieser ausdrücklich von den Ringen handelt und sich wundert, daß nnlcr den Bildsäulen der römischen Könige im Capitol, nur Nnma nnd Scrvius Tullius einen Ring habe. Aber nicht so Hr. Klotz, und seines gleichen: sie führen lieber eine Stelle des Cicero an("), wo unter verschiedenen Merkmalen, aus welchen erhelle, daß eine gewisse Statue eben so wohl die Statue des Scipio Asricanus sey, als eine andere dafür erkannte, auch mit des Ringes gedacht wird. Doch Hr. Klotz habe es hiermit halten können, wie er gewollt: wenn ich nur sonst seinen Scharfsinn weniger dabey vermißte! Weder die Stelle des Cicero, noch die ausdrücklichere des Plinius beweisen, daß es wirkliche Ringe gewesen, welche diese Bildsäulen gehabt; es werden, allein Ansehen nach, nur durch die Sculvtttr angedeutete, und mit eines jeden Symbol» bemerkte Ringe gewesen seyn. Waren es aber nur solche: so mußte sie Hr. Klotz gar nicht anführen; denn in der Skulptur blos nachgeahmte Ringe, konnten die wirklichen Ringe weder nothwendiger noch häufiger machen. Man bedenke, wie abstehend ein cinzlcr Finger von den andern hätte müssen gearbeitet seyn, wenn man einen wirklichen Ring daran hätte stecken wollen; und erinnere sich, daß es der alten Meister ihre Sache nicht war, dergleichen Extremitäten so zerbrechlich aus zu führen. Aber der Fehler des Hrn. Klotz ist es überhaupt nicht, allzu viel zu bedenken. Vielmehr weiß ich zuvcrläßig voraus, daß (°) 7>ii>r. XXXIII. Sect. 4. (°°) Hr. Klotz führt sie noch dazu mit einem Fehler a»; denn sie sieht nicht in dein ersten Briefe des vierten, sondern des sechsten Buches an den Aiticus. Dergleichen Druckseblcr sind bey Hr> Klotze» sehr häuffig, so daß besonders von seinen Anführungen der klassischen Schriftsteller, unter zwölfen gewiß immcr achte uns zum April schicken. Antiquarischer Briefe sechszehntcr. er jeden feinern Unterschied, mit dem man scinc Gelehrsamkeit auf die Capellc bringt, für Sophisterei) erklären wird. Sechszehnter Brief. Laufen Sie geschwind die ganze Schrift des Hrn. Klotz mit mir durch. Es ist am besten, daß ich Ihnen in eben der Ordnung, in welcher Hr. Klotz sein Buch geschrieben, mein Urtheil darüber erhärte. Mehrere Beweise, wie schlecht er die Quellen gebraucht hat, werden uns bey jedem Schritte aufstosscn. Den Eingang (von Seite 1-16.) lassen Sie uns überschlagen. Er enthält sehr viel gemeine, sehr viel schwanke, sehr viel falsche Gedanken, in einem sehr pompösen und dennoch sehr lendenlahmen Stile. Das liebe Ich herrscht in allen Zeilen bis zum Eckcl. „Ich will die Lehrer der Wissenschaften auf „gewisse Dinge aufmerksamer machen! Möchten sie doch von „mir lernen wollen! Ich will ihnen eine kleine Anweisung „geben! Ich will sie gleichsam bey der Hand ergreifen, und „sie zu den Werken berühmter Künstler des Alterthums führen! „Ich will ihnen diese Werke zeigen :c." Endlich und endlich kömmt er, aber wiederum mit einem solchen Zch, zur Sache. „Ehe Ich, schreibt er, meine Leser „von der Nortrcfflichkcit der geschnittenen Steine und ihrem „vielfachen Nutzen unterrichte, muß ich einige Anmerkungen „von der Kunst in Stein zu schneiden und ihrer Geschichte, von „den berühmtesten Künstlern, deren Werke wir noch bewundern, „von dem mancherley Gebrauche der geschnittenen Steine, und „ihren Abdrücken vorausschicken." Sie wissen doch was die französischen Taktiker IZntaiis perclus nennen ? Wenn es die besten Soldaten sind, welche der General dazu aussucht, so kann ich ihren Namen hier nicht nutzen. Ist es aber Gesindcl, an dem nicht viel gelegen, so glaube ich wird ihre Benennung auf die voraus geschickten Kenntnisse des Herren Klotz vortrefflich passen. Zch verspreche es Ihnen: was nicht ganz davon in die Pfanne gehauen wird, soll wenigstens nicht gesund nach Hause kommen. Erst spricht er von dem hohen Alter der Kunst in Stein zu schneiden. Um den Ring des Prometheus, wie Sie schon Antiquarischer Briefe sechzehnter. 49 gehört haben, will er sich nicht bekümmern. Was hätte er sich auch darum zu bekümmern? Hat jemand behauptet, daß in den Stein desselben etwas geschnitten gewesen? Aber so vermengt er mit Fleiß das Alterthum und den Gebrauch der Ringe und Edelsteine überhaupt, mit dem Alterthume und dem Gebrauche der geschnittenen Steine insbesondere, um aus dem Kirchmann 60 immilis, und dergleichen Büchern, eine Menge Dinge abschreiben«^) zu können, die wenig oder gar nicht zur Sache gehören. Die gcmißbrauchten Stellen des Claudians und Svctons, so wie den albernen Einfall von wirklichen Ringen an Statuen, habe ich in meinem Vorigen bereits gerügt: und wie vieles könnte ich noch gegen den übrigen Wust rügen. Ich könnte zum Exempel Hr. Klotzen fragen, mit was sür Recht er alle die Daktyliothcken, die er aus dem Plinius beybringt, (^) zu Sammlungen geschnittener Steine macht? Es waren Sammlungen von Edelsteinen, gefaßt oder ungefaßt; und wenn sich geschnittene darunter fanden, so war deren, aller Wahrscheinlichkeit nach, die kleinste Anzahl. Denn nur die minder kostbaren Steine wurden gewöhnlicher Weise geschnitten: die eigentlichen Edelsteine aber hatten, als bloße Steine, bey den Alten viele so eifrige Bewunderer, daß sie es für ein Verbrechen hielten, dergleichen Kleinode, in welchen die Natur sich ihnen in aller ihrer Herrlichkeit zeigte, durch die Kunst verletzen zu lassen. 1-mtum, sagt Plinius,(^) trllzuurit varietsti, eolori. lins, materiN, cloeori: violsii otmm 5iAnis gemmas nokss ciuoerites. Warum könnte also Scaurus, der die allererste Daktyliothck zu Rom hatte, nicht ein Liebhaber von dieser Art gewesen seyn? Warum muß ihn Hr. Klotz zu einem Kenner machen? „Wir „lesen, versichert er, daß Scaurus, der Sticfsohn des Sylla, zu „erst in Rom sich geschnittene Steine gesammelt habe." Wo (") Denn der ist doch wirklich cin blosser Abschreiber, der auch die Druckfehler in den Allcgatcn mit abschreibt. Z, E. Auf der 19tcn Seite citirt Hr. Klotz iviiicruii. 8»>uin. Vil, t8. weil er beym Kirchmaim (^w ^»»uiii- csp. xl. p. S9>) diese Stelle so citirt fand. Aber cs ist cin Druckschler beym Kirchmann; das sicbcndc Buch des Macrobius hat keine 18 Kapitel, cs muß 13 hcissc», S. 23. (°°°) I>iliro XXXVIl, 8ocl. t. pchmgs Werke vni, 4 5" Antiquarischer Nricfe seckszchnttr. lesen wir denn das? Plinins sagt von ihm blos: Fvmmns Flures I>r!mns mnninm Ii.iliult üom.-v. Sind denn Femm-v nothwendig geschnittene Steine? Weil bey den neuen Antiquaren alte Gemmen so viel hcisscn, als alte geschnittene Steine, und Dakty- liothck so viel als eine Sammlung solcher Steine: muß Herr Klotz darum diese Bedeutung in die alten Autorcs übertragen ? Und was ich von der Daktyliothck des Scaurus sage, ist von den übrigen noch mit mehreren» Grunde zu vermuthen. Noch itzt übersteigt cs nicht das Vermögen eines wohlhabenden Privatmannes, ansehnliche Sammlungen von geschnittenen Steinen zu haben: und weiter nichts als solche Sammlungen sollten die Daktyliothcken gewesen seyn, welche Pompcjus, und Cäsar, und Marccllus aufs Capitol und in die Tempel schenkten? „Auch vom Mäcen, sagt Hr. Klotz, (°) wissen wir, daß er „eine besondere Neigung zu den Edelsteinen gehabt habe. Er „gesteht diese Neigung nicht allein selbst in einem Gedichte an „den Horaz, sondern man sieht sie auch aus einem Briefe des „Augustus an ihn." Er gesteht sie selbst? Ich habe die Anthologie seines Freundes, des Hrn. Burmanns, auf die er dcs- falls verweiset, nicht bey der Hand; doch das Gedicht auf den Horaz, in welchem Mäcen seine Neigung selbst gestehen soll, werden ohne Zweifel die Verse seyn, die uns Zsidorus aufbehalten hat, und sich anfangen: I^uFvnt, o mei» vka, te tmarggäus, I?ei'^IIu« hiiociuo. Aus diesen aber erhellet blos die abgeschmackte Kakozclie des Mäccnas, und kcincswcgcs seine Liebhabcrey an Edelsteinen Denn sonst würde man auch unsere Lohcnstcinc und Hallmanne, die ihren Geliebten so gern Augen von Diamanten, Lippen von Rubin, Zähne von Perlen, eine Stirn von Hclfenbcin, und einen Hals von Alabaster gaben, für grosse Liebhaber und Kenner von dergleichen Kostbarkeiten erklären müssen. Selbst das Fragment von dem Briefe des Augustus, beym Macrobius, ist nichts als eine Verspottung dieser Kakozclie. Eher noch hätte sich Hr. Klotz darauf berufen können, daß Mäccnas von (°) S. 24. Antiqn.inschcr Briefe scchSzchntcr. Edclstcincn etwas geschrieben zu haben scheine, weil Plinius ihn zu seinem sieben und dreißigsten Buche genutzt zu haben bekennet. Doch wozu auch das? Mäccnas mag ein noch so grosser Liebhaber von Edclstcincn gewesen seyn: war er es darum von geschnittenen? Wann er sie dcr Pracht wegen liebte, wie von ihm zu vermuthen, so zog er sicherlich die ungcschuitlcncn vor. Um die Mannichfaltigkeit dcr Vorstellungen auf gcschnittcncn Steinen zu begreifen, sagt Herr Klotz, (°) müsse man erwägen, daß die Alten keine den Geschlechtern eigenthümliche Wappen in den Ringen gcführct. DaS schreibt er dem ehrliche» Kirchmann auf Treu und Glauben nach. Zndcß ist nur so viel davon wahr, daß dergleichen GcschlcchtSsicgcl nicht so gewöhnlich bey ihnen waren, als sie bey uns sind. Wer sie ganz und gar leugnen will, dcr ist bald widerlegt. Hatte nicht Galba ein solches ^o^ovcxov o-^cx^to-^i«, wie es Dio nennet? Bis auf ihn hatten die Kavscr alle mit dem Kopsc dcs Augu- stus gesiegelt; aber er behielt sein Gcschlcchtssicgcl, welches ein Hund war, dcr sich über das Nordcrthcil eines Schiffes hcrab- bicgtc. Die ganze Familie dcr Macriancr führte den Alexander in ihren Ringen. Hiervon bringt Kirchmann selbst die Stelle aus dem TrcbclliuS Pollio in dcm nehmlichen Kapitel bey, in welchem er die Gcschlcchtssicgcl dcr Altcn leugnet: aber welcher Compilator hat nicht auf dcr andern Seite schon vergessen, was er auf dcr crstcn geschrieben? Und nun hören Sie doch, wie Herr Klotz diese Materie schließt! „Wir würden also, sagt er, von der Stcinschnci- „dcrkuust ohngefchr folgende chronologische Geschichte zu entwerten haben. Sie scheinet im Orient entstanden zu seyn, wurde „von den meisten Völkern Asiens ausgeübt, und besonders von „den Acgvptcrn getrieben. Dann kam sie zu den Hctruricrn, „ward dcn Griechen bekannt, und endlich in Rom aufgenommen." Sagen Sie mir doch, was dcn Herrn Klotz mag bewogen haben, dcn Hetruricrn eine frühere Kenntniß dcr Stcin- schncidcrkunst beyzulegen, als dcn Griechen? Glaubt er wirklich, (°) S. so. I/Ikr. I>. K3j, rum. Neim.ii'i. ("") S, 2K. ' 4 » theilet worden? Ist es also mehr als eine leere Vermuthung des Buonarotti, daß die Hetruricr eine Eolonie der Acgyptcr gewesen? Hat man, außer der Achnlichkeit des Stils in den Zeichnungen beider Völker, historische Beweise davon; und welche sind es? Doch ich will diese Fragen nicht weiter fortsetzen. Herr Klotz hat sicherlich an keine derselben gedacht; sondern, allem Ansehen nach, diese seine chronologische Geschichte lediglich nach der Folge der Kapitel in Winkclmanns Geschichte der Kunst abgefaßt. Wie diese, mit Absicht auf die vcrschicdncn Stuffen der Kunst geordnet sind, läßt er die Kunst selbst wandern: aus Aegyptcn nach Hctrurien, aus Hetrurien nach Griechenland, und aus Griechenland nach Rom. Siebzehnter Brief. Was Herr Klotz hierauf von dem verschiedenen Stile der Aegyptischen, Hctrurischcn und Griechischen Kunstler beybringt, das gehört dem Herrn Winkclmann; ob er es gleich vollkommen in dem Tone eines Mannes vorträgt, der alle diese Dinge sich selbst abstrahiret hat. Eine Stelle fällt mir darunter in die Augen, die zur Probe dienen kann, in welchem hohen Grade Herr Klotz die Gcschick- lichkeit besitzt, fremde Bemerkungen so zu verstümmeln, daß ihre Urheber alle Lust verlieren müssen, sich dieselben wiederum zuzueignen. „Man hat, sagt er, (°) viel hohlgcgrabne Steine der „Acgyptcr. Allein der Graf Eaylus erinnert sich nicht, einen „erhaben gcschnittncn Stein gesehen zu haben. Hatten die „Acgyptcr keinen Geschmack an den letztem? oder hat ein ungc- „fchrer Zufall sie unsern Augen entzogen? oder was ist sonst „die Ursache dieser Seltenheit? Wie? Caylus crinncrtc sich keines einzigen Aegyptischen Eameo? Er besaß ja selbst einen, den er selbst beschrieben, und dessen ich mich bey ihm sehr wohl erinnere: einen Löwen auf einem Carneol. (-) S. S7. (°°) Sammt, von Altcrch. B, 1. Taf. 1. Nr. 3. Antiquarischer Briefe siebzehnter. S3 Nun sehe ich den Ort nach, wo Herr Klotz bey dem Cay- lus so etwas will gefunden haben, und sehe daß Caylus blos sagt: „Ohngeachtet wir eine große Menge Aegyptischcr Steine „kennen, welche in die Tiefe geschnitten sind, so haben wir doch „beynahe gar keine, an denen die Figuren erhaben geschnitten „sind, und die wir pierros camoes nennen." — l^) Beynahe gar keine! Heißt das, keine? Vielmehr sagt Caylus damit, daß ihm einige bekannt gewesen. Sonst hätte ich selbst ihm ein Paar nachweisen können. Der schönste Acgyptische Stein, den Natter jemals gesehen, und der an trefflicher Arbeit keinem Griechischen etwas nachgab, war ein Camco. Er stellt den Kopf einer Zsis vor, und gehörte dem Marchcse Capponi zu Rom. Einen ähnlichen, aber größern, besaß D. Mcad. Zch glaube gläserne Pasten von beiden in der Stossischen, jtzt Königl. Preußischen Sammlung gesehen zu haben. Hr. Winkelmann sagt zwar, daß das Original des erstem sich in dem Collegio des h. Zgnatius zu Rom befinde; allein es kann aus dem Besitze des Marchcse Capponi dahin gekommen seyn. Wo das Original des zweyten sey, giebt Herr Winkcl- mann gar nicht an: doch der Umstand, daß er eine ähnliche Zsis, nur etwas größer vorstelle, läßt vermuthen, daß er in der Sammlung des D. Mcad zu suchen gewesen. Irre ich mich; desto bcsscr: so finden sich zwey vortreffliche erhabne Acgyptische Steine mehr, die dem Herrn Klotz wohl hätten bekannt seyn sollen. Die nehmliche Stossischc Sammlung enthält noch vcrschicdne andere, sowohl alte als neue Acgyptische Pasten, die alle von erhabnen Stcincn gcnommcn worden, und deren Originale in den Cabinctcrn entweder verstreut sind, oder verloren gegangen. Die Fragen, in welche Herr Klotz über die vermeinte gänzliche Vcrmissung erhabner Aegyptischcr Stcinc ausbricht, sind ebenfalls die verstümmelten Fragen des Caylus. Anstatt ihm so sonderbar nachzufragen, hätte er vielmehr die falsche Voraussetzung des Grafen rügen sollen. Weil die Kunst, die Stcinc (°) Ebendas, S. 26. deutscher Ucbcrs, tle I» »lelliocks iuUMie So. ?rvk. p. 7. (°°°) veteripl, üvs ?wr> gr, p, 9. 10, 5,1 Antiquarischer Briefe siebzehnter. tief zu arbeiten, und die ihr entsprechende Kunst, sie erhaben zu arbeiten, nicht wohl anders, als mit gleichen Schritten fortgehen können: so schließt Caylus, hatten sich auch die Steine von beiden Gattungen in gleicher Proportion vermehren müssen. Gewiß nicht; denn der Gebrauch damit zu siegeln, machte die von der einen Gattung nothwendiger, als die von der andern; und folglich auch häuffigcr. Daher sind, nicht blos bey den Acgyptischcn Steinen, der Camci die weniger»: sondern bey allen. Der Luxus allein vermehrte die Camci; und wenn bey den Aegyptcrn der Camci gegen ihre vertieften Steine ungleich weniger waren, als bey den Griechen und Römern: so kam es nur daher, weil bey jenen der Luxus niemals so groß gewesen, als bey diesen. Das ist die Auflösung des Räthsels, die Cay- llls nicht erst von der Zeit hätte erwarten dürfen. Zch könnte hinzufügen, daß die Acgyptcr diejenigen gewesen, welche beide Arten des Schneidens auf ihren Steinen angebracht. Zch meine die so genannten Scarabäi, welche auf der flachen Seite tiefe Zeichen nnd Figuren, auf der hintern coiivexc» Fläche aber einen erhaben geschnittenen Käfer zeigen. Herr Klotz muß aus seinem Caylus wissen, (°) daß sich unter diesen Käfern Stücke von sehr schöner Arbeit finden. Wenn AelianuS aber sagt, ("") daß die Käfer, welche die Acgyptischcn Soldaten in ihren Ringen getragen, cingcgrabcncr Arbeit gewesen wären: so hat Aclian entweder sich geirrt, oder es hat sich mit diese» Käfern gerade das Gegentheil von dem zugetragen, was Hr. Klotz meinet, daß mit den andern Acgyptischcn Stcinc» gcschchcn. Die von erhabner Arbeit sind nur allein übrig geblieben: ich wenigstens habe nie von einem tief gegrabenen Käfer dicscr Art gchört. Achtzehnter Brief. Mit einem andcr» Auge betrachtet CayluS, mit einem andern Winkelinann, die Wcrke der Hctrurischcn Künstler. CayluS neiget sich noch immcr gegcn dic Meinung des Buouarotti, welcher die Hetrurische Kunst Acgyptischcn Ursprungs macht: (-) Erster Band, Taf. ix. Nr. 3. (") Hin. ^v»iiu!ll. I^Nil. X. »UV- tÄ. — Lz^)>/Vv,u,u,tvut- xuvZ-«t>vi/, Antiquarischer Briefe achtzehnter. 5.5, Winkclmann hingegen will davon nichts wissen; sondern, wenn die Kunst durch Fremde nach Hetruricn gebracht worden, so waren es nach ihm die Pclasger, von welchen die Hctruricr den ersten Unterricht darinn bekamen. Jenem ist es genug, daß ein Stein, den man für Hetrurisch hält, ein Scarabaus ist, um daraus auf die Verwandtschaft dieses Volkes mit den Acgyptern zurück zu schliessen: dieser erkennt zwar in dem ältesten Hctrurischcn Stile die Achnlichkcit mit dem Aegyptischcn; aber auch der älteste griechische Stil hatte diese Achnlichkcit, und das ist genug, sie in den Hetrurischen Werken zu erklären, ohne deswegen zu einer unmittelbaren Abstammung von den Acgyptern seine Zuflucht nehmen zu dürfen. Mit welchen von beiden hält es Herr Klotz? — O, Herr Klotz hält es mit beiden: desto flinker geht das Abschreiben von Statten. Denn so ungefehr eine Verbindung, ist zwischen beiden bald gemacht. „An einigen ihrer Werke, sagt er „kann man die Quelle wahrnehmen, woraus die Künste der „Hctruricr geflossen: ich meine Aegypten. — Dic Werke späterer Zeiten zeugen von einer Bekanntschaft mit Griechenland." Die Werke späterer Zeiten: sehen Sie, nun hat Caylus und Winkelmann Recht; einer so gut wie der andere. Aber fragen Sie ja nicht: warum nur dic Werke späterer Zeiten? Fragen Sie ja nicht: welche ältere Hctrurischc Steine Hr. Klotz kennt, als den mit den fünf Helden vor Theben? und wie er selbst eben diesen Stein, drey Zeilen vorher, wegen seines Alterthums rühmen, und dennoch gleich darauf die Bekanntschaft der Hetrurischen Künstler mit der griechischen Geschichte und Fabel, auf ihre Werke späterer Zeit einschränken können? Der Kompilator kann sich widersprechen, so oft als er will. Von den Hctruricrn leitet Hr. Klotzen seine chronologische Ordnung auf die Griechen. „Zur höchsten Vollkommenheit, „schreibt er, ward dic Stcinschnciocrkunst von dcn Griechen „gebracht, welche dieselbe, nach der Meinung einiger Schrift- „stcllcr, von den Acgyptern empfangen, aber durch dic Größc „ihres Geistes erhoben hatten." Gcbcn Sie wohl Acht! Nach (°) S, 28. (°°) S. 2v. ok Antiquarischer Briefe achtzehnter. der Meinung einiger Schriftsteller, von den Acgyptcrn: aber nach seiner, und bessern, die sich auf die Chronologie gründet, von den Hctruriern! Oder wollen wir Herr Klotzen diese gar zu grosse Ungereimtheit lieber nicht behaupten lassen, ob er sie schon wirklich sagt? Gut, sie mag nichts als Mangel an Präcision seyn; und wir wollen, was er da vorbringt, von einer andern Seite betrachten. Wer sind die einigen Schriftsteller, welche behaupten, daß die Griechen die Steinschnciderknnst von den Acgyptcrn empfangen? Hr. Klotz, der die Quellen gebraucht zu haben versichert, verweiset uns dcsfalls auf Nattern. Natter ist keine Quelle; aber die Quellen werden sich bey dem Natter finden: gut. Ich schlage also Nattern nach, und finde, daß er allerdings sagt: ^ on eonelus naturelloment — yuo los Krocs et les autres Nation« svoient empruntv lour Nvtlioilo 6v gravoi- tlos LZ^itions et I'svoiont porlvetionnviz, commo tant ö'o lavans I'ont c«v?ozroiot; erklärt. Ich für mein Theil möchte indeß die Meister grosser Werke nicht anders darunter verstehen, als in so fern ein Künstler, der das Grosse zu fertigen weiß, auch das Kleinere dieser Art machen kann. Denn für jenen war das Wort Ltatuarius insbesondere; und der SiZilliarius, denke ich, beschäftigte sich allein mit den kleinen Kunst- und Spiclwcrkcn, welche die Römer zum Bcschluße der Sarurnalien einander schickten, und welche nach dem Savot und Nink, größtenthcils aus Medaillen bestanden. Aber was hat Hr. Klotz gegen das Wort Sealptor? Zch sollte meinen, es wäre ausgemacht, daß es in dem eigentlichsten Verstände einen Steinschneider bedeute. (°) Bey dem PliniuS bedeutet es ihn gewiß, so oft es allein steht; und wenn er eine andere Art Künstler damit anzeigen will, so setzt er die besondere Materie, in der er arbeitet, hinzu. Er sagt, keulntoros et jttctores live cilio utuotur oculorum caukii; er sagt, illlaniantis crutti« exjiotuiiwr ir 1oill^t»rll)us, torrvijuv iiielucluntur: hingegen LciUxwr«.'» i>r»i>rw qui gviiiui-li- v»viuU, Iwe cill, liui eitVilui la- kiuiil i» Li> L-Nuittliu« »>> LuNnuiu p. 11UV. Uüil. ?»r. Antiquarischer Briefe zwanzigster. sagt cr, wenn cr von Bildhauern redet, Iine kint äieta äo war- mvium tl-al^tarilius. Auch kömmt, in alten Zuschriften und Glossen, das Wort eavator und eavitarius vor, welches ganz und gar nichts anders als einen Steinschneider bedeutet, und von den neuer» Griechen sogar in ihre Sprache übergenommen worden. (") Zwanzigster Brief. Nun kömmt Hr. Klotz auf die berühmtesten Steinschneider, neuer und alter Zeit. Mit jenen, thut er, als ob er noch so bekannt sey; er läßt, die cr für die vorzüglichsten hält, die Musterung passircn, und jeden mit einer kleinen Censur laufe». Seine Censuren aber sind lauter Scharwcuzel, die man versetzen und vertauschen kann, wie man will, indem sie aus den einen eben so gut, wie auf den andern passen: „cr hat sich „mit Ruhm gczcigt; cr erwarb sich allgemeine Hochachtung; cr „ist keinem Freunde der Kunst unbekannt." Was lernt ma» aus solchen Lobsprüchcn? — Daß uns dcr Ertheile? nichts zu lehren gewußt. Aber Hr. Klotz will uns nun mit aller Gewalt bclchrcn: cr schreibt also ohne Wahl und Prüfung aus, und lehrt auf gut Glück, es mag wahr oder falsch seyn. „Philipp Christoph „Weckern," sagt cr, „und Marcus Tuschcrn will ich das Lob „des Fleißes nicht streitig machen." Marcus Tuschen«, das Lob des Fleißes! das will ihm Hr. Klotz nicht streitig machen! Hr. Klotz kennt also wohl recht viel geschnittene Steine von Marcus Tuschcrn? O! das wird ihm Marcus Tuschcr noch im Grabe dankcn. Denn Marcus Tuschcr wollte gar zu gcrn ein Edclstcinschncidcr heisscn, und war ganz und gar keiner. — Ganz und gar keiner? und Hr. Klotz macht ihn zu cincm der fleißigste»? — Dcr Ausschrcibcr müßte sich hüte», zu dcni was cr findet, auch nicht eine Sylbe hinzu zu setzen! Hr. Klotz fand Tuschcrn beym Maricttc als Steinschneider angeführt; ob wohl nicht, als einen fleißigen; dcr Fleiß ist sein Zusatz; und durch diesen Zusatz wird eine kleine Zrrung des Maricttc zu (°) S»I»l!»IiU!> l, II, (°°) S. 33-LV. «0 Antiquarischer Briefe zwanzigster. einer groben Unwahrheit. Lesen Sie nur folgende Stelle? Nr. Nariottv, sagt Natter in seiner Vorrede (") te trompe er», eoro au I'u^jet äe Nr. Nare Zuteiler cle Nuremliei-F, «zui na ^amais grave en p'iorres sines. lü'etoit un I>eintre «zui avoit Is koiblo 60 vouloir pakker aukti vour un lZraveur. II a moävle kon propre Portrait en eire molle, kort en petit; il en a kalt uns empreints en platrs, ^ puls en p3,to cle clilierentes eou- leurs; entr'autres en conleur cl ^iZuk-marino, clont Nr. tZninAlii, 2 Antiquarischer Mricfc cin und zwanzigster. Es sey, daß die alten Künstler, so gut wie die neuern, in alle Arten von Edelsteinen schneiden können; es sc«, daß sie wirklich in alle geschnitten haben. Zhrc Werke ans eigentliche Edelsteine waren darum doch eben so selten, als dergleichen zu unsrer Zeit sind, und es ist blosse Dcclamation, wenn Hr. Klotz an einem andern Orte (°) schreibt, „daß jene Neigung „der Alten zu den Ringen mit geschnittenen Steinen, einen „bessern Geschmack anzeige, als man heut zu Tage habe, da „man blos geschlossene Steine, ohne daß die Erfindung oder „Arbeit des Steinschneiders sich aus eine Art daran gezeigt hatte, „die uns unterrichten oder ergötzen könnte, hoch schätzt, und „mit ungeheuren Summen bezahlt." — Dergleichen Steine, die man itzt mit ungeheuren Summen bezahlt, hielt auch das Alterthum, wie ich schon erinnert habe, für viel zu gut, sie von der Kunst verletzen zu lassen. Auch schon vor Alters dünkte es der Prachtlicbe von bessern? Geschmacke, dergleichen Steine als bloße Steine zu tragen; und nur denen von geringerm Werthe, ließ man durch die Kunst einen höhcrn Werth ertheilen, ut aliki ars, alid! matoria ostl-t in Kretin. Und wahrlich so gehört es sich auch! Denn wenn die Kunst nicht ausdrücklich, zur leichtern und glücklichern Behandlung, die kostbarere Materie erfodcrt: so ist es albern, und zeigt gerade von keinem Geschmacke, und zeigt von nichts, als einer barbarischen Verschwendung, diese kostbarere Materie dem ohngcachtct, vorzüglich vor der weniger kostbaren, aber zur Behandlung mehr geschickten Materie, zu brauchen. Wenn folglich die Alten auch schlechterdings nie in Diamant, oder Smaragd, oder Rubin geschnitten hätten; wir Neuern hingegen hätten in nichts als solche Steine geschnitten: so würde dieses doch auf keine Weise cin Vorzug für unsre Künstler seyn; gesetzt auch, daß ihre Arbeit vollkommen so gut, als die Arbeit der alten Künstler wäre. Zwar gehört die Härte mit unter die Eigenschaften, welche den Werth eines Steines erhöhen; (-) S. 21. (°°) ^Vliiis ueiinle gemm»« luxmiil viol»ri »ek-is Müivil, ae ne quis siünüinli cilufiim in snimliü esse inlelligerel, solulas imwil. Vilnius NI>. XXXIU. tecl. 6. Antiquarischer Briefe ein und zwanzigster. ^ und derjenige Künstler, der einen ungleich härtern Stein bearbeitet, findet ungleich grössere Schwierigkeiten zu übersteigen, als der, welcher einen geschmeidigern unter Händen hat. Aber die üb erstiegene Schwierigkeit machte bey den Alten keine Schönheit mehr, und ihren Künstlern kam es nie ein, sich muthwillig Schwierigkeiten zu schaffen, um sie überwinden zu können. Wenn ein Natter zwölfmal mehr Zeit braucht, einen Kopf in einen Diamant zu schneiden, als in einen andern orientalischen Stein: warum soll Natter seiner Zeit und seiner Ehre so fcind seyn, und für zwölf Kunstwerke nur eins machen? Was hilft es ihn, das dieses eine von Diamant ist? Der Diamant hat nicht gemacht, daß seiner Kunst ein einziger Schwung sanfter, ein einziger Druck kräftiger gerathen: aber die Kunst hat den Diamant verhunzt. Der Diamant hat von seiner Masse, hat von seinem Feuer verloren: und warum? wozu? Eben die Kunst, die uns diesen Verlust kaum kann vergessen machen, würde jeden geringern Stein in einen Diamant veredelt haben. Und so wollte ich sicher annehmen, daß überall, wo in den alten Schriftstellern eines besonders kostbaren Ringes oder Steines gedacht wird, ein Stein ohne Figuren zu verstehen sey. Bon dem, zu dessen frcywilligcm Verluste sich Polykratcs entschloß, um die neidische Gottheit zu versöhnen, die sein unun- terbrochncs Glücke leicht beleidigen dürfte, sagt es Plinius ausdrücklich; ja seine Worte l^") scheinen so gar anzudeuten, daß dieser Stein nicht einmal geschliffen, sondern völlig so gewesen, wie er aus der Hand der Natur gekommen. Hingegen bin ich völlig der Meinung, daß, wenn Eupolis den Cyrcnäern nachsagte, (^«) daß der geringste von ihnen einen Siegelring trage, der zehn Minen koste, dieser Vorwurf der Verschwendung mehr auf die zu theuren Steine gieng, welche sie ungcschnittcn in ihren Ringen trugen, oder geschnitten zu ihren Siegeln mißbrauchten, als auf den zu grossen Lohn, den sie dem Künstler für den Schnitt entrichteten. (°) ?rok. XVI, (°°) Polxcr-Uis xemms, quiv aemoiittr-ittir, MUi-Us mlitelk-iue oft, I.i>>r. XXXV. leet. 4. (°"°) ^elianus Ilitt. v»r. III). XII. eitp. 30. t!4 Antiquarischer Briefe zwey und zwanzigster. Zwey und zwanzigster Brief. Allerdings ist cs ganz ohne Grund, wenn Hr. Klotz in dem Ringe, welcher die Feindschaft zwischen dem Capio und DrusuS veranlaßte, so wie in dem Opale, der dem Nonius die Verbannung zuzog, geschnittene Steine finden will. (°) Aber über den Ring des Polykrates, meinen Sie, dürste dem Plinius weniger zu glauben seyn, als dem Hcrodotus, und Strabo und Pansanias und Tzctzcs, die nicht allein ausdrücklich sagen, daß der Stein desselben ein geschnittener Stein gewesen, sondern auch den Meister nennen, der ihn geschnitten habe. Und doch halte ich es lieber mit dem Plinius! Nicht zwar deswegen, weil Plinius sagt, daß dieser Stein des Polykrates, welcher ein Sardonyx gewesen, noch bey seiner Zeit zu Rom, in dem Tempel der Concordia, gezeigt worden, und er sich also mit seinen eigenen Augen belehren können; denn er selbst sagt das, weil er cs sagen hören, nicht weil er es wirklich glaubtsondern ich gründe mich auf etwas anders. Auf den Künstler nehmlich, der ihn geschnitten haben soll. Theodorus von Samos wird als dieser gencnnt. Nun aber sagt das ganze Alterthum, daß dieser Theodorus in Metall gearbeitet, und zugleich ein Baumeister gewesen. Ware cs sast nicht cin wenig zu viel, ihn auch zum Steinschneider zu machen? Und wie, wenn der Ring, von dem die Rede ist, (°) S. 21. (°°) Loraon^cliein, heisscn die Worte des Plinius, e.im xemmüm luise« consliU: oN«n>Zlli»o^>xx x?^"^c>csx?o^ — 6x xj>- ^/ov Gxo^ i'^X.xxX.xo? z«^i.lo^. ,,^)olykratcs hatte „einen in Gold gefaßten Stein, welcher ein Werk des Thco- „dorus war." Ich verstehe, in so fern er gefaßt war; nicht aber, in so fern cr irgend eine eingeschnittene Figur enthielt. Denn cs ist falsch, was Kuhnius (°) und andcre sagen, daß ci-cp9«^t? nothwendig einen Ring mit einem geschnittenen Steine bedeute; cs kann eben so wohl einen Ring mit einem blossen ungcschnittcnen Steine bedeuten. Denn Pollux sagt ausdrücklich: l^) o^ui ( cr^w^Foc?) ?01^ xirio'-i^i.o^ <5oex7-v- ^.touc? u?>>lu^ cr^l«'l'?^>oi, Xc^oi.^ cx^?ol^ x^ov?«?. und beym Thcophrast heissen o-^p^tFl« durchgängig alle Edelsteine überhaupt, wie man sie in Ringen zu tragen pflegt, ohne Absicht auf darein gegrabene Zeichen oder Bilder. Indeß ist cs auch nicht zu leugnen, daß o-ipp«^ öfters im engern Verstände das x>c^«)/Llov, das Bild, die Figur bedeute, welche auf den Stein geschnitten ist, und sich in dem Wachse abdrückt. Za, eben diese Zweydeutigkeit scheinet mir die Ursache zu seyn, warum man in der angeführten Stelle des Hcrodotus einen Steinschneider zu finden geglaubt, wo man nichts als einen Goldarbeitcr sehen sollen. Was bey dem Hcrodotus O-kMi^c? o^i.«9«^<5ov ^i^c>^ xo^cr« heißt, heißt bey dem Pausiinias l^^) 7-0^ X.t^o'u 7^>; »«>> quirilüm I>.i!i!^,i»> insciilv«^ in xeinmi«. lu Inllic» »>I L,el. Ilik», vs>'. (°°) I.il>. V. lexm. t00. (°°°) I-idr. VIll. p> 0Zg. LtnI. Knlu Leslings Werke vill. 5 <-.s> Antiquarischer Briefe zwey und zwanzigster. Stein zu schneiden, zwischen die Zeiten des Pölykratcs und Zsmcnias wollen vermuthen lassen. (°) Er sagt: pai^c-atis Fomma, 7 trailunt, multo anto Laeekiaclas Oorintno Quitos. Diese Vertreibung der Bacchiadcn geschah durch den Cypsclus, lim die drey- ßigstc Olympiade; und das multo snto des Plinius bringt das Zeitalter des Thcodorus den Zeiten des Romulus ungleich näher: ja beide können gar wohl als völlig zcitvcrwandtc Personen betrachtet werden. Aus dem Clemens Alcxandrinus lernen wir zwar, daß Polykratcs mit einer Leyer gesiegelt; (*) und Zunius vermuthet, daß diese eben das Sinnbild gewesen, welches Thcodorus auf jenen Stein geschnitten. Aber wir wissen, daß man in den ältesten Zeiten auch mit Ringen von blossem Metall siegelte, in welches die Namen oder Sinnbilder gegraben waren: und folglich kann die Nachricht des Clemens ihre Richtigkeit haben, ohne daß darum die Nachricht des Plinius falsch ist. Denn in dieser ist nicht von blossen Siegelringen, sondern von Siegelringen mit geschnittenen Steinen die Rede; und es ist der Natur der Sache gemäß, daß jene längst im Gebrauche gewesen, ehe diese aufgekommen. Drey und zwanzigster Brief. Zum Beweise, daß die Cyrcnäcr von je her als ein der Verschwendung und Wollust äusserst ergebenes Volk bekannt gewesen, führt Aclian aus dem Eupolis an, daß der geringste von ihnen einen Ring von zehn Minen getragen, <5? «v- ?UIV r^x^x^wT-vl; ^«^t(5«>; xt^L 6xx« ^>.VU!V; und setzt hinzu: 6« ^«^I.oi^xo'^oci n«t 7-0^1? Ft«^x^icpov7-«? 7-01^ cso-XT^- kcoi^; „denn man hatte Ursache die, welche die Ringe gcsto- „chcn hatten, zu bewundern." Aber hier muß man den Zusatz des Aclians, von dem Zeugniß des Eupolis unterscheiden. Es ist blos die Auslegung des Aclians, daß dicsc Ringe wcgcn der Arbeit des Steinschneiders so kostbar gewesen. Denn o-Px«^^, wie schon erinnert, hcisscn nicht eben nothwendig Ringe mit geschnittenen Steinen; und wenn sie cs auch hier hicsscn, so ist darum noch (°) pivllng, IU>1. III. i>. S89. ?ott. 5° l'.8 Antiquarischer Briefe drey und zwanzigster. nicht ausgemacht, ob der Stein, oder die Arbeit in dem Steine, das mehrestc gekostet. Ich weiß wohl, auch Christs) hat das letztere angenommen, um daraus zu zeigen, wie hoch die Alten die Kunst des Stcinschncidcns geschätzt, und wie gut sich die Meister derselben bezahlen lassen. Er evaluirt die zehn Minen über hundert und sechs und sechzig Thaler itzigcn Geldes; und meint, daß dieses der ganz gewöhnliche Preis eines geschnittenen Steines gewesen. Aber ich finde, daß die geschnittenen Steine zu eben den alten Zeiten weit wohlfeiler gekauft wurden. Zsmcnias durste für einen Smaragd, auf welchem eine Amymonc gestochen war, nicht mehr als vier güldene Denare bezahlen, ob er gleich gern sechse dafür bezahlt hätte; und vier güldene Denare machen, nach eben dem Fuße evaluirt, welchen Christ angenommen, nicht viel mehr als sechzehn Thaler. Nun ist der Unterschied von sechzehn auf hundert und sechs und sechzig Thaler ohne Zweifel zu groß, als daß er blos von der mehr oder weniger trefflichen Arbeit hätte entstehen sollen; und die Ringe der Eyrcnäcr müssen nicht blos besser geschnittene, sondern auch an und für sich selbst ungleich theurere Steine gehabt haben. Was Plinius von dem Smaragde des Zsmcnias erzählt, ist von Harduin und andern sehr falsch verstanden worden, so deutlich auch die Worte des Plinius sind. Erlauben Sie mir, sie her zu setzen! ^Xec cleincle alia, yuse traäatur, magno^ers Aommarum elnritns vxktat npucl suetoros: privtorynam Ismeninm elioraulom, inullis lulAvntiliuskiuo uti solitum, eomitanto tadula vsnitntem vjus, inclioatn in t^»ro jox nurois clennriis tmarnFclo, in «juo luornt seulpta ^mvmono, ^„Mlle numvrnii: A cum 6uo relnti «klont, imminuto protio, male lioroulos curatum, clixiktv: inultum «nim cletrsetum Avmma! cÜAnitati. Zsmcnias erfährt, (°) c«i»,»e»t. l-ips. litt. Vol. l. I>. JZS. Wenn Christ die Worte des Aclians daselbst anführt, so sagt er: IIs-<- »ulem e»nt e^jus verb», m- inenlariis l!!ui>»Ii» pelila, tuper morlbus c^>renenNum. Aclian aber citirt den Eupolis blos und Marikas war der Titel mies seiner Lustspiele, in welchem er der Verschwendung der Cvrcnäcr olnic Zweifel nur in, Vorbeygehen gedachte. Wie hat Christ aus diesem Lustspiele eigene Om- meiittiiii lupin' moribu« l,'>rene»si»m Machen konncn? (°°) XXXVll. leel. 3. Antiquarischer Briefe drey und zwanzigster. daß in Eypern ein geschnittener Smaragd für sechs güldene Denare zu verkaufen sey; geschwind schickt er einen hin, der solchen um diesen Preis für ihn kaufen soll. Der Besitzer läßt sich handeln; Zsmcnias bekömmt den Stein für vier Denare, und zwey Denare wieder zurück. Anstatt aber, daß er hierüber vergnügt seyn sollte, ist er vielmehr ärgerlich. Der Stein, sagt er zu dem Unterhändler, ist nun das nicht mehr, was er gewesen; um so viel wohlfeiler du ihn bekommen, um so viel schlechter hast du ihn gemacht. Die Worte, 65 cum äuo rc-lati o5- tont, beziehen sich offenbar auf tleosrios aureos. Harduin aber nimmt es so, als ob bey cluc> zu verstehen wäre SmaraAäi, und glaubt, Zsmcnias hätte für seine sechs Denare zwey Smaragde statt einem bekommen. lVIoreatorew, sagt er, puäuit tanti sekti- musto vvl unicum: pretlo perkoluto cluos emptori odtulit. Eben so hat auch unser deutscher Ucbersetzer den Plinius verstanden. „Es sey in Cyprus ein Smaragd für sechs goldene Denare feil „geboten worden, in welchem die Amymone cingegrabcn war, „und er habe das Geld dafür bezahlen lassen: als man ihm „nachher zwey dafür brachte, habe er gesagt, u. s. w." kowti kann nur auf etwas gehen, was Zsmcnias wiederbekam; was er erst gegeben hatte; und das waren die zwey Denare. Wie hätte auch der Verkäufer, statt einem solchen Steine, gleich zwey geben können, da es kein blosser, sondern ein geschnittener Smaragd war? Die Sache spricht für sich selbst. Zsmcnias war ein Zeitvcrwandter des Antisthcnes wcl- (°) Plutarch merkt in dem Eingänge zu dem Leben des Pcriklcs a», daß es Gcschicklichkcitcn gäbe, die wir bewundern kömitcn, ohne die, welche sie besitzen, hoch zu schätzen; daß wir uns über ein Werk freuen können, dessen Meister wir verachten. Antisthencs habe daher sehr wohl gesagt, als cr gehört, daß Zsmcnias ein sehr geschickter Flötenspieler scv: „doch muß er „ein schlechter Mensch seyn, sonst wäre er kein so guter Flötenspieler." Antisthencs liebte die Musik überhaupt nicht, die cr zu den Wcichlichkcitcn dcs Lebens zahlte, an welchen der Wci.se kcincn Gcschmack haben müsse. Als einst bcv eincm Gastmahle jemand zu ihm sagte; Singe: so antwortete cr ihm; Und du, blase mir. Dl-covrog «i^-o -e«^« zro?ov^ I».oi, ZZ-IZ<7I,V, Die Antwort sagt gar nichts, wenn sie nicht eben das sagt, was wir bey den deutschen Worte» verstehen würdenI Ganz gewiß «ine sehr unsläthigc Grobheit; die sich aber ein Cvnikcr gar wohl erlaubte. 7,' Antiquarischer Briefe drey und zwanzigster. chcr den Sokrates überlebte. Man kann annehmen, daß er gegen die neunzigste Olympiade geblühet. Ohngcfehr in eben diese Zeit muß die Komödie des Eupolis fallen, aus welcher Aelian sein obiges Zeugniß von der Verschwendung der Cyrc- näcr entlehnte. Denn wir wisse» aus dem Quintilian, daß Eupolis unter seinem Maritas den Hyperbolus verstanden habe, Doch ich will hier nicht von dem Haße des Antisthcncs gegen die Musik, auch nicht von dcr Möglichkeit odcr Unmöglichkeit reden, durch unabläßige Uebung eine nichtewürdige Gcschicklichkeit auf den höchsten Grad ihrer Vollkommenheit zu bringen, und dabey dennoch ein guter rechtschaffener Mann zu seyn: ich betrachte itzt nur das Urtheil des Antisthenes, als einen Beweis, daß Js- menias ein Zcitverwandtcr dieses Philosophen gewesen. Nun hatte Antisthcncs selbst schon Schüler, als er sich zum Sokrates in die Schule begab, und kann diesen nicht viel überlebt haben. Folglich kann auch Jsmcnias, welcher bey Lebzeiten des Antisthenes schon ein vollkommner Meister war, nicht viel älter geworden seyn als dieser. Sokrates starb gegen den Anfang dcr 95 Olympias; man lasse den Antisthenes zwanzig Zahre länger als den Sokrates, und den Jsmcnias zwaiizig Jahre länger als den Antisthcncs gelebt haben; so ist Jsmcnias doch in dcr 1o3tcn Olympias schon todt gewesen. Gleichwohl lese» wir bey dem Mitarch (^.-w^A-. L«<5. x«-, LMt. «enr. siuvii. in 8, p. 304.) unter den denkwürdigen Sprüchcn des Athcas folgendes: I--^>crkv co-ll^o'c». ^«-v/^«^o^!>!V ^-c^o-u Xtzk^-^o^ros. „Athcas, oder wie ihn Plutarch schrcibt, Atcas, habc dcn berühmten Flötenspieler Jsmcnias gcfangcn bekonimcn, und ihn vor sich blasen lassen. Als ihn nun die andern schr bcwundcrt, habe Athcas geschworen, das Wichcrn cincs Pferdes sey ihm weit angenehmer." Dieser Athcas war der König dcr Scythen, mit welchen Philippus König von Maccdonicn Krieg führte; und dieser Krieg fällt in die tlo Olympiade. Wie ist es wahrscheinlich, das; dieser Jsmcnias nnscr Jsmcnias gewesen sey? Wenn er auch damals noch leben können, so wird cin Mann von scincm Alter doch nicht mehr in dcn Kricg gezogen seyn. Er lebte nnd lehrte zn Athen: wie wäre er nnter das Hcer des Königs von Maccdonicn gckommcn ? Hier ist nicht die geringste Wahrscheinlichkeit, nnd dcr Flötenspieler, welchen Athcas gefangen bckam, muß entweder cin ganz andrer Jsmcnias gewesen seyn; odcr dicscr Name ist selbst bey dem Plutarch verschrieben. Ich glaube das letztere. Dcn» obschon Pliilarcl) das nchmlichc Histörchcn »och an zwcy andern Oricn seiner Schriften wicdcrhohlt hat; (nehmlich cinmal in dcr Abhandlung O-, o-uü- -<^lv ^ö-u? X«/ L«xoTitzov I>. III. 2vt«. und das andcrcmal'in dcr zweyten Niede -r-c>ö riz? ^.?^^«vö^oi> T^x'?? ^ «tzcr-^? >>. m. sss) und ob. gleich an bcidcn Orten, nach dcr Ausgabe des Hcnricus Slcphanus, deren ich mich bediene, so wie in den denkwürdigen Reden, l^u.^^«^ gelesen wird: Antiquarischer Briefe drey und zwanzigster. 71 welcher in der zwey und neunzigsten Olympiade zu Samos umgebracht wurde. (°) Dieser Synchronismus leitet zu vcrschiedncn Schlüssen in der Geschichte der ältesten Kunst. Als in Griechenland die geschnittenen und ungeschniltcncn Steine nur erst ein eitler aber fast unentbehrlicher Putz für die Finger der Flötenspieler waren; als ein Zsmcnias von Athen bis nach Cypern schickte, um Einen, lieber theurer als wohlfeiler, für sich kauffen zu lassen: waren sie in Ländern von Afrika schon so gemein, daß der geringste Cyrcnäcr keinen schlechtem, als für zehn Minen, zu tragen pflegte. Zu den Cyrenäcrn war die Kunst ohne Zweifel von den Acgyptcrn gekommen; aber von der Ausbreitung der Kunst aus diesem ihrem Gebuhrts- lande gegen Afrika, wissen wir sonst wenig oder nichts. Der sechsjährige Krieg, welchen die Athcnicnscr, in der acht und neun und siebzigsten Olympiade, in Acgyptcn führten, machte die Griechen, dünkt mich, mit den Künsten der Acgyp- tcr bekannter, als sie es bisher durch Vermittelung verpflanzter Familien und Völker, durch die Gemeinschaft des Handels, und durch Reisen cinzlcr Personen werden können. Ich erinnere mich aus dem Thucydides, (*°) daß, als damals die Athcnicnscr endlich von dcn Pcrscrn wieder aus Acgyptcn vertrieben wurden, der Rest von ihnen sich durch Libyen nach Cyrcne rcltctcn, und von da in ihr Vaterland zurück kamen. Und ohne Zweifel waren es diese, welche von der Pracht und Verschwendung der Cyrcnäcr so vicl Aufhebens machten, daß die Komödicn- schrcibcr noch verschicdne Jahre nachher darauf anspielten. so ist doch gewiß, das; nicht alle Ausgaben so lesen, folglich nicht alle Handschriften so gelesen haben, nnd man in verschiedenen^"«^«? anstatt lo-^- vl«? findet. Paulus Lcopardus (iüm>;»a.il. M. xii. cap. s.) will zwar jenes in dieses verwandelt wissen, allein aus den von mir angeführten Gründen, hätte er vielmehr grade das Gegentheil rathen sollen. Auch Xvlandcr schreibet in seiner lateinischen Ucbcrsctzung der Dcntsvriichc ^meinia» anstatt isme- »las; und Aminias ist endlich auch nichts weniger als ein ungewöhnlicher Name. (°) i'»uov>i. >ii>. Viil, H. t3. (°°) kidr. I. §. tt». 7'.' Antiquarischer Briefe drey und zwanjigster. Aus der Anmerkung des Plinius(^), daß die Eitelkeit, sich mit vielen glänzenden Steinen zu schmücken, bey den Griechen Anfangs den Flötenspielern eigen gewesen, glaube ich eine Stelle des Aristophanes besser zu verstehen, als sie von alten und neuen Auslegern verstanden worden. Wenn nehmlich Sokratcs den Strepsiadcs bereden will, daß die Wolken wirkliche Gottheiten wären, so macht er ihm eine Menge Personen namhaft, die alle durch sie lebten; Sophisten, Wahrsager, Aerzte, Zcpzioc^o^x«?/«^^^«-,' u. s. w. Dieses Wort bedeutet, nach seiner Zusammensetzung, Leute, welche ihre Finger bis an die weisscn Nägel mit Stcinringcn bestecken: und man hat nichts als «o-wT-oi^, Weichlinge darunter verstanden; wie es denn auch die Dacier blos durch IZI7omin<-s übersetzte. Doch, wenn man erwägt, daß es unter Namen von Leuten steht, welche irgend eine windigtc, betricgcrischc, eitle Kunst treiben, und sich erinnert was Plinius, in Rücksicht auf die damaligen Sitten, tiliiclnum gloiia tumers nennt: so ist wohl kein Zweifel, daß Aristophanes mit dieser komischen Benennung die Flötenspieler anstechen wollen. Auch davon, daß erst in den Zeiten des Pcloponncsischcn Krieges, sich die Griechen der geschnittenen Steine zu Siegeln zu bedienen angefangen, glaube ich in dem Aristophanes die Spur gefunden zu haben. Denn unter andern Dingen, welche er die Weiber in seinen Thcsmophoriazusen dem Euri- pidcs zur Last legen läßt, ist auch dieses, daß er die Männer gelehrt habe: — K-ptirr^x?' o^p«^6t« L^«iji«^i.xvov?. — Vordem hätten die Männer sich nur ganzer schlechter Schlüssel und Ringe bedient, wenn sie etwas verwahren wollen; die (*) Ilie (lsme»i»i>) videlur iiitliluille, >tt oimx-s mutw»: ailit, lülv «tiioyuv vklenlslione vvnsüreiUur, — >lU!iU»m lu» vxeiiipli!« initio vo- lumlinu vliliUis ilckverku« Mos, i Ii-Ulu vtwiili»li»uem ut t>»lilm e»» lUiieinum glvii» IlUUviv I. e. (°°) Kuli. V. 33t. (°°°) v. 435. 36, Antiquarischer Briefe vier und zwanzigster. 73 Wcibcr hätten sich, für ein sehr weniges, dergleichen können nachmachen lassen; Hj>k>?c>Ti c>^v aX.X' i^itot^cxl H»t,7zci'«^l.!V«l,0't cso.^T'^^lov ^t^jZo^oi^ — aber der verwünschte Euripidcs sey es, der ihnen die Laconischcn Schlüssel mit drey Zacken, und die o-cpp«^^« ^-.^Fx^-x bekannt gemacht habe. Wirkliches von Würmern gefressenes Holz, dergleichen man sich in den allerersten Zeiten zu Siegel» soll bedient haben, kann eben darum hier nicht zu verstehen seyn. Es müssen also entweder Steine verstanden werden, die nach Art eines solchen Holzes geschnitten waren; oder das ^^ckx?« ist blos figürlich von der so besondern Kleinheit der in dem Steine enthaltenen Figuren zu nehmen, daß sie eher von Würmern hinein genagt, als von Menschen hinein gearbeitet scheinen sollten. Zn beiden Fällen erhellet so viel, daß der Gebrauch mit geschnittenen Steinen zu siegeln, unter den Griechen damals noch sehr neu gewesen, weil ihn sonst die Wcibcr unmöglich zu einer Erfindung des Euripidcs hätten machen können. Vier und zwanzigster Brief. Wir haben, über die Nachsuchung, zu welcher Zeit die Kunst in Stein zu schneiden bey den Griechen in Schwung gekommen, den Hrn. Klotz ganz aus dem Gesichte verloren. — Zch wollte Sie von scincr Kenntniß der Edelsteine, als Edelsteine unterhalten. Wenn Hr. Klotz aus dem Maricttc anführt, daß sich so gar schöne Smaragde und Rubinen fanden, auf welchen alte Steinschneider ihre Kunst gezcigct, so setzt er, wie Sie gesehen, hinzu: „aber dieses scheinet mir selten geschehen zu seyn, am „seltensten mit dem Rubin, wegen seiner Härte und grossem Werthe." Die erste Hälfte dieses Zusatzes versteht sich von selbst; zwar bey Hr. Klotzen sollte sie sich nicht von selbst verstehen, der kurz zuvor die Neigung der Alten zu geschnittenen Steinen so sehr übertrieben, und so sehr wider den vermeinten neuern Geschmack an blossen Steinen geprcdigct hatte, „die ungeheure „Summen kosten, ohne daß die Erfindung oder Arbeit des 7L Antiquarischer Briefe vier und zwanjigsicr. „Steinschneiders sich auf eine Art daran gezeigt hätte, die nns „unterrichten oder ergötzen könnte." Denn bey einem solchen Eifer für das Schöne der Kunst, als er den Alten beylegt, hätte dem Liebhaber kein Stein zu kostbar, und dem Künstler keiner zu hart seyn müssen. Doch in diese ZnconscPienz mußte Hr. Klotz fallen: also nichts weiter davon! Nur hätte er sich die Ungereimtheit der andern Hälfte seines Zusatzes ersparen können: „am seltensten mit dem Rubin, „wegen seiner Härte und grossem Werthe." Denn das heißt, die Zeiten gewaltig verwechseln; das heißt sich einbilden, daß eben der Rang, daß eben die Schätzung, die wir itzt den Edelsteinen geben, ihnen auch von den Alten gegeben worden; das heißt, schlechterdings nicht wissen, was jeder wissen kann, der seinen Plinius fleißiger gelesen, als Hr. Klotz. Wenn nehmlich gleich itziger Zeit der Rubin die nächste Stelle nach dem Diamante behauptet: so hat er sie doch nicht immer behauptet, sondern das Alterthum ertheilte sie dem Smaragde, lertla imetoritas, sagt Plinius, nachdem er die erste Würde dem Diamante, und die zweyte der Perle, nach dem einstimmigen Urtheile seines und aller vorigen Zeitalter, zuerkannt hatte, tertia auotmütas tmarag^is porliidvtur pluridus cle caulls. i/) Folglich hätte es Hr. Klotz gerade umkehren und sagen müssen, daß, wenn die Alten nur selten in Rubin und Smaragd geschnitten, sie es am aller seltensten in den letzter!?,, und nicht in den erstem, dürften gethan haben; denn nicht den Rubin, sondern den Smaragd setzten sie, unter andern Ursachen, auch wegen seiner Härte, gleich nach dem Diamante. Aon derjenigen Gattung des Smaragds, welcher aus Scythicn und Acgyptcn kam, sagt Plinius ausdrücklich: lnwrum äuntia taota ett, ut vvWeant vulnoi-ari. Die Rubine hingegen, scheinen ihm nur wenig bekannt gewesen zu seyn, und weder die Griechen wissen von ihrem ^.vA-p«^, noch die Römer von ihrem l^rbuneulus etwas zu sagen, was dem Smaragde im geringsten den Borzug streitig machen könnte. Hierzu kömmt noch dieses: der Smaragd war bey den Alten nicht allein in Höhcrm Werthe, als der Rubin, sondern es (°) XXXVll. lvet. tö. Antiquarischer Briefe vier uud zwanzigster. 75 war auch sogar verbothen, ihn zu schneiden; wegen seiner wohlthätigen Wirkung auf das Auge. Auch dieses lehrt uns Plinius: «jusrn'nptor clvereto Iiominnm !is pareitnr, teslpi votitis.^) Ich weiß zwar wohl, was Goguct (^) gegen dieses Vorgeben erinnert: „Man begreift nicht, sagt cr, worauf sich Plinius „gegründet, wenn cr anmerkt, daß es überhaupt nicht erlaubt „gewesen, in Smaragd zu schneiden. Die alte Geschichte begehrt uns von dem Gegentheile. Der Ring, welchen Poly- „kratcs ins Meer warf, und der in dem Bauche eines Fisches „wiedergefunden ward, war ein Smaragd, den Theodorus, ein „berühmter Künstler des Alterthums, geschnitten hatte. Dcsglei- „chen meldet Thcophrast, daß viele Leute die Gewohnheit gehabt, „Siegel von Smaragd zu führen, um sich durch ihren Anblick „das Gesicht zu stärken. Za, Plinius selbst hatte verschiedene „Beyspiele von dergleichen geschnittenen Steinen vor sich." Doch, diesen Einwürfen ist zu begegnen. Nors erste glaube ich nicht, daß Plinius sagen wollen, es sey ein positives, wirklich nicdcrgcschriebncs und unter einer gewissen fest gesetzten Strafe, promulgirtcs Verboth, in Smaragd zu schneiden, vorhanden gewesen. Dergleichen läßt sich kaum denken: und wo wäre es gewesen? Es hätte doch nur in einzeln Ländern von Kraft seyn können, und in allen übrigen würden sich Künstler und Liebhaber darüber weggesetzt haben. Die Worte des Plinius (lloeroto Iiomiimm iis parcitur) scheinen weiter nichts anzudeuten, als ein allgemeines aber stillschweigendes Ucbcrciiikommcn der Menschen, durch welches sich die Sache selbst verboth. Denn, da man den Smaragd nur seines lieblichen Anblicks wegen suchte, seiner Farbe wegen, welche das Auge so angenehm füllet, ohne es zu sättigen: so konnte es unmöglich eine Empfehlung für ihn seyn, sein Convolut durch die Kunst zu verringern. Jedermann liebte ihn wegen seiner Bestandtheile, und alles was diese verminderte, mußte nothwendig auch seinen Werth vermindern. Wer hätte also Lust haben können, ihn zu schneiden, da cr ungcschnitten mehr gelten, mehr Käuffcr finden konnte, als noch so künstlich geschnitten? c°1 l. c. (°°) Ile rorigiiw lws livix, >Iei- ^llij H-o. r»w. I. ?»r>. ll. v. S3b, 7l> Antiquarischer Briefe vier und zwanzigster. Sollte indeß, was auf diese Weise unterblieb, wohl ohne alle Ausnahme unterblieben seyn? Wer kann sich das vorstellen? Vielmehr haben deren aus eben der Ursache, welche das allgemeine Gesetz veranlaßte, von dem sie die Ausnahmen sind, entspringen können und müssen. Die Ursache, warum man den Smaragd nicht schnitt, war, wie es Solinus ausdrückt: no ollonlum lloeus Imiiglnum laeuius corrumporotur. Wenn nun aber dem Künstler ein Smaragd in die Hände siel, der irgend einen kleinen Fehler der Farbe oder des Körpers hatte, von welchem er sahe, daß er eben durch dergleichen imnz'inum Iseuuas heraus zu bringen sey: wird er ihn nicht eben darum geschnitten haben, warum er ihn ohne diesen Fehler nicht hätte schneiden müssen? Und dieses wäre die Antwort überhaupt auf alle die einzeln Beyspiele von geschnittenen Smaragden, die man dem Plinius entgegen setzen könnte. Von denen aber, die Goguet anführet, läßt sich bey jedem noch etwas ins besondere anmerken. Daß der Stein des Polykratcs ein Smaragd gewesen, ist so ausgemacht nicht. Herodotus zwar sagt es; aber Plinius giebt ihn für einen Sardonyr aus. Wäre cs aber auch wirklich ein Smaragd gewesen, so habe ich schon gezeigt, wie wenig cS erwiesen, daß cs ein geschnittener gewesen. Das Zeugniß des Thcophrast (°) beweiset vollends nichts. Denn Thcophrast, wenn er anmerkt, daß der Smaragd für die Augen gut sey, sagt blos: 6io o-cpp«^-^« cpo?o^o-tv «^5^, io^s sZ^x^xt^; welches weiter nichts bedeutet, als daß man ihn daher gern in Ringen geführt. Was endlich die geschnittenen Smaragde anbelangt, die bey dem Plinius selbst vorkommen sollen, so erinncre ich mich nur des einzigen, bereits gedachten, den Zsmenias in Cypern kaufen ließ. Dieser beweise, sagt Plinius, daß damals j'eal,,, otiam rmmaZckos I0M08. „Man schnitt damals auch sogar Smaragde." Das otiam ist deutlich mit Beziehung auf das streitige Verboth gesagt. Freylich wird man, zu Anfange der Kunst die ersten die besten Steine geschnitten haben, die unter die Hände kamen. (°) Seite 62. der Englischgricchischc» Ausgabe von Hill. Antiquarischer Briefe fünf und zwanzigster. 77 Das Verboth, oder die stillschweigende Uebereinstimmung der Menschen, die Smaragde nicht zu schneiden, kann nicht mit der Kunst zugleich entstanden seyn. Dabey mußten Erfahrungen voraus gesetzt werden, wie wenig der Schnitt dem Smaragde zuträglich sey: und so nach widerspricht sich Plinius auch hier so wenig, daß er sich vielmehr bestätiget. Fünf und zwanzigster Brief. Was ich aber zu so vielen geschnittenen Smaragden sage, die sich in den Cabincttcn finden? Daß es keine wahren Smaragde sind; daß es Steine von einer geringern Gattung sind, welche dem alten Smaragde mehr oder weniger bcykommcn. Die meisten dürsten vielleicht das seyn, was die Italiener Plasma di Smeraldo nennen. PlaSma di Smeraldo, sagt Hr. Winkclmann, ist die Mutter oder die äussere Rinde des Smaragds. Ich will ihm das hier nicht streitig machen: aber erlauben Sie mir eine etymologische Anmerkung über das Wort Plasma. Man würde sich sehr irren, wenn man es für das Griechische ^«c?^>.« halten wollte. Es ist weiter nichts, als das sanfter ausgcsprochnc Prasma; denn Zanetti,(^) und andere, schreiben allezeit prasma, anstatt Plasma, äi Smoralclo; und Hr. Lippert macht daher ohne Grund Plasma und Prasma zu zwey verschiedenen Steinen. Er ist auch ganz falsch berichtet, daß die Italiener unter Plasma einen gräulich gesprengten Hornstcin verstünden. Weder einen Hornstein, noch weniger einen gräulich gesprengten! Vielleicht zwar, daß das letztere blos bey Hr. Lippcrtcn verdruckt ist, und es anstatt gräulich, grünlich hcissen soll. Was er Plasma heißt, muß eben der Stein seyn, den er anderwärts Prasma nennt; und an einem dritten Orte, Pras (5). Denn kurz, Plasma und Prasma und Pras ist alles eins. Aber wie das? Alle drey sind nichts als der k>ratms, (') Anmcrk. zn der Gesch. der K. S. 48. (°°) »AetvI. Sanett. p, 17. Dactyl, Erstes Tausend Nr. 178. und zweyte» Tausend Nr. 39t. (f) Ebend. f. Erstes Tausend, Nr. 270. 78 Antiquarischer Briefe fünf und zwanzigster. oder die gomma prskina der Alten. In prallna war der Punkt verwischt, in ward für m gelesen, und so entstand das Prasma, oder Plasma, welches wir Deutsche itzt in Pras verkürzen, nachdem das alte Präscm(^) aus dem Gebrauche gekommen. Die Griechen und Römer scheinen, unter Prasius oder Prasircs, alle Steine von einer unreinen grünen Farbe begriffen zu haben; indem das Wort selbst weiter nichts als eine solche Farbe andeutet. Da es aber unter diesen nothwendig einige geben mußte, welche dem schönen Grüne des Smaragds näher kamen: so machten die neuern Stcinkenncr für sie den zusammengesetzten Namen, ?rasma 6! 8inersl«to, Smarald- präscm, welches im lateinischen 8mail>Aus, welche alle ihre besondere Namen hatten! Der alte geschnittene Stein, den man Smaragd nennt, wird also sicherlich eher von der einen oder der andern, als ein wahrer Smaragd seyn. Denn da es Plinius ausdrücklich sagt, daß dieser nicht geschnitten worden, so kann man es glauben, und muß es glauben. Wie hätte sich Plinius so etwas können in den Kopf setzen lassen, wenn es nicht wahr gewesen wäre? Er sollte uns eine falsche Nachricht hinterlassen haben, deren Widerlegung ihm alle Tage hätte vor Augen kommen können? Ich finde noch einen Umstand bey ihm, der dieses Vorgeben bestätiget. Diesen nehmlich, daß die Smaragde meistens hohl geschliffen wurden; (^") iklem ploi-umque A coneavi, ut vilum col- liA-mt: eine Form, welche sie zum Schneiden ganz ungeschickt machte. — Doch von dieser concavcn oder convcxcn Form der alten Gemmen, einmal in einem besondern Briefe; wo es sich zeigen wird, daß die Meinung des Salmasius, (5) welcher das (°) voeliu» lle Loot ex rsceiis. ^tlrisni ?oll> i>. S03. (°°) vsetvl. 2snelt. I. e. (°°°) XXXVII. lset. 16. (f) äil Solinum p- t96. Antiquarischer Briefe sechs und zwanzigster. 7l> Verboth die Smaragde zu schneiden, nur auf die concav geschliffenen einschränken will, nicht Statt haben kann. Sechs und zwanzigster Brief. „Selten, setzt Hr. Klotz hinzu, sind auch ihre Werke in „ Sapphir." Was für einen Sapphir meinet er? Den Sapphir der Alten, oder unsern? Denn er wird wissen, daß dieses zwey ganz vcr- schicdnc Steine sind. Von jenem wäre es kein Wunder, denn Plinius nennt ihn ausdrücklich inutilom toslpturaz, intervvnlenti- bus crMalllms contris. (*) Ueber diesen aber wird noch gestritten, ob er den Alten überhaupt bekannt gewesen. Und kannten sie ihn ja, so kannten sie ihn doch nur als eine Art des Amethysts oder Berylls. Er hatte den Werth nicht, den er bey uns hat; und wenn sie ihn schnitten, so geschah es mehr von ungefehr, als in der Meinung einen kostbarern Stein zu schneiden. „Am häuffi'gstcn, fährt Hr. Klotz fort, brauchten sie zu hohl „gegrabncn Werken den Carneol oder Agat, von einer Farbe, „so wie sie sich bey crhobnen Werken der verschicdncn Agato- „nyche und Sardonyche bedienten." Hier möchte ich erst eine orthographische Kleinigkeit fragen? Warum schreibt Hr. Klotz beständig Agat? Der Stein und der Fluß, von welchem der Stein den Namen hat, haben im Griechischen ein und nur die Franzosen müssen, wegen ihrer schi- schcndcn Aussprache des cn, dieses x. in ein s verwandeln. Aber warum wir? Daß es Hr. Klotz thut, ist also ein Beweis, mit welcher Oscitanz er seinen französischen Währmännern nachschreibt. Aus eben dieser Oscitanz schreibt er Bcrill und Amc- thist, anstatt daß er Beryll und Amethyst schreiben sollte. Sodann möchte ich wissen, ob sich Hr. Klotz in dieser Stelle mehr als Antiquar oder als Naturkundigcr, mehr in der Sprache der alten oder der neuern Stcinkcnncr habe ausdrücken wollen? Denn gewiß ist es, daß er sich nur nach einer und eben derselben hätte ausdrücken, und nicht in der nehmlichen Periode bald diese bald jene führen müssen. c°) I/iI-r. XXXVII. locl, 39. 50 Antiquarischer Z'ricfc sechs und zwanzigster. Hat er mit den alten Stcinkcnnern sprechen wollen: so hätte er sich des Wortes Carncol enthalten, lind nicht von cinfär- bigcn Achaten sprechen müssen. Die Achate der Alten waren lauter vielfarbige Steine. HciX,X,« /l.i,LV o'vv z>x« «z^cxroi^ tckeo'^oet. ^) Nur nach der unter diesen vcrschiedncn Farben am meisten hervorstechende», zum Grunde liegenden, herrschenden Farbe, bekam er verschicdnc Name», und hieß bald Ccrachatcs, bald Hämachates, bald Lcukachatcs u. s. w. Ich weiß wohl, daß Pli- nius eines Achats gedenkt, ^-v unius coloris lit, und der, von Ringern getragen, sie unüberwindlich mache. Aber Salma- sius hat sehr richtig angemerkt, ("°°) daß man anstatt unius eo- Ion's, mini! coloris lesen müsse; nicht zwar aus dem Grunde, daß die Alten von keinem einfarbigen Achate gewußt: aber dieser Grund ist darum doch nichts minder wahr. Was bey den Alten Achat heisscn sollte, mußte Streife oder Punkte von anderer Farbe haben, als die übrige Maße des Steines war; und alle einfarbige Steine, die ihrer übrigen Eigenschaften wegen zu den Achaten gehört hätten, hatten ihre eigene Namen. Nur die neuern Stcinkcnner und Naturkundigcr, die ihre Classen mehr nach den Bestandtheilen zu ordnen gesucht, sind es, welche den Namen Achat zu einem Gcschlechtsnamen gemacht haben, unter welchem sie alle durchsichtigere Hornstcinc bcgreiffcn, sie mögen eine oder mehrere Farben zeigen. Hat Hr. Klotz aber sich mit diesen ausdrücken wollen: so hätte er bedenken müssen, daß so nach der Carneol selbst mit zu den Achaten gehöret. Er hätte nicht sagen müssen, daß die Alten zu hohlgc- grabnen Werken am häuffigstcn den „Carneol und Achat von einer Farbe" gebraucht: denn wer wird erst eine einzelne Art nennen, und dann das Geschlecht? Sondern er hätte sagen müssen, daß sie gemeiniglich Achate von einer Farbe, und unter, diesen am häuffigstcn den Carncol dazu gebraucht haben, in so fern man unter Carncol, welche Benennung den Alten unbekannt war, den Sardcr mit verstehen darf. l") 0lMl!»5i >I>- l>SMMu». V. jV3. <7°z Iiili. v. tevt. S4, (°°°) ä.« Solmum i>. 135. Antiquarischer Briefe sechs und zwanzigster. 81 Mit einem Worte: die Stciickcnntniß des Hrn. Klotz, ist eine sehr ungclehrtc Kenntniß. Sie ist lediglich ans den Namenverzeichnissen der vcrschicdnen Daktyliotheken, und besonders der Lippcrtschcn, zusammengestöppelt. Was wird uns aber in diesen Verzeichnissen nicht oft aufgeheftet! Was für Monstra von Namen, kommen nicht da zum Vorschein! Ein solches Monstrum ist der Achatonyx, dessen sich, nach Hr. Klotzen, die Alten zu erhobncn Werken verschiedentlich sollen bedient haben. Auch Hr. Lippcrt braucht diesen Namen sehr hänfig. Aber er ist bey den Alten ganz unerhört) und selbst die spätern Schriftsteller Marbodus, Albertus Magnus, Eamil- lus Leonardus, Baccius, Conrad Gcsncr, und wie sie alle hcissen, kennen ihn nicht, so daß er aus einer ganz neuen Hecke seyn mnß. Aber was sollen wir uns dabey denken? Es läßt sich schlechterdings nichts dabey denken. Der Onyx gehört unter die Achate; und wie läßt sich eine Zwittergattung aus dem Geschlechte und der Art zusammen setzen? Blos die reguläre Lage der farbigen Strciffe, macht den Achat zum Onyx; und ich verstehe nicht, wie diese Strciffe zugleich regulär und auch nicht rcgulär seyn können. Ganz anders ist es mit dem Sardonyx: hier ist Art und Art zusammengesetzt, und man hat für gut befunden, denjenigen Onyx, dessen Strciffe von der Farbe des Sarders sind, durch diesen Zwitternamcn auszuzeichnen. O, des glücklichen Gelehrten, der so zahm und fromm alles ans Treu und Glauben nachschreibt, und sich alle pedantische Discußionen erspart! Was schadet es ihm, wenn man auch manchmal über ihn lächeln muß? — Weil Hr. Lippert den Abdruck eines Kopses beybringt, der in einen Diamant geschnitten seyn soll:(*) „so haben wir, nach dem Hrn. Klotz, nun „nicht mehr nöthig, uns aus blosse Muthmassungcn zu verlassen, daß die Alten in Diamant gegraben haben. Durch diesen einzigen Diamant ist Goguct, und wer es mit Goguet hält, auf einmal zum Stillschweigen gebracht. Er befindet sich in der Sammlung des Mylord Bcdsort, dieser Diamant! Was (°) Zweytes Tausend, Nr. 387. C°) S. 42. LessingS Werke viii, g 82 Antiquarischer Briefe sechs und zwanzigster. für eine Kostbarkeit nnd Seltenheit kann man nicht einem My- lord zntrauen! — Es wäre sehr natürlich, aus dem Lächeln darüber ins Lachen zu fallen. — Doch, ich will lieber ganz ernsthaft den Hrn. Lippcrt und den Hrn. Klotz bitten, mich zu belehren, woher sie es so gewiß wissen, daß dieser Stein des Mylord Bedfort ein wahrer Diamant ist? Welche Versuche sind damit angestellt worden? Wie, wenn es ein gebrannter Amethyst, oder Sapphir, oder Smaragd wäre, deren orientalische Gattungen, wenn sie durch das Feuer ihrer Farben beraubt worden, so viel von dem wahren Glänze und Wasser des Diamants haben, daß der erfahrenste Juwelier damit betrogen werden kann? (*) Hätte kein Antiquar diesen Betrug versuchen können? Wäre es aber auch ein wahrer Diamant, konnte die Arbeit darauf nicht das Werk eines neuen Künstlers seyn? Wer kann dafür stehen, daß sie es nicht ist? Hier müssen Beweise aus Büchern mehr gelten, als der Augenschein. Wenn die Bücher der Alten keiner geschnittenen Diamante erwähnen; wenn hundert Umstände hingegen in ihnen vorkommen,, die es schwer zu begreifst» machen, daß sie deren gehabt, die es sogar zweifelhaft machen, ob sie auch nur geschliffene Diamante gehabt: so wäre es eine grosse Einfalt, jemanden in der Welt, er sey wer er wolle, auf sein blosses Wort zu glauben, daß sich da oder dort ein solcher alter Diamant wirklich befinde. Sieben und zwanzigster Brief. Aber Hr. Klotz hat sich eine zu gute Entschuldigung ausgespart, warum er so kahle nnd verwirrte Kenntniße von Edelsteinen zeigt, als daß ich mich länger bey dieser Materie verweilen darf. Er sagt nehmlich, (*°) „daß in Ansehung der Benennungen, welche die alten Schriftsteller den Edelsteinen beygelegt haben, eine grosse Dunkelheit herrsche. Die Neuern hätten zwar die alten Namen beybehalten; allein sie hätten ganz andere Steine damit beschenkt, als die Alten." (°) S> Hills Slmiicrkmigcii ,'ibcr den Thcophrast, S. 83. (°°) S. 4». Antiquarischer Briefe sieben nnd zwanjigster, 83 Das ist nun zwar sehr selten geschehen, nnd es ist in diesem Theile der natürlichen Geschichte weit mehr Ungewißheit und Verwirrung daher entstanden, daß man anstatt der alten Namen ganz neue eingeführt, (wie z. E. die Namen des Rubins mit seinen Abänderungen, Ballas, Rubincll, Spinell;) als daher, daß man die alten Benennungen auf Steine, denen sie ehedem nicht zugekommen, übergetragen. Doch bey dem allen, es mag so seyn: wir wollen von Hr. Klotzen nicht verlangen, daß er mehr wissen soll, als er versichert, daß man wissen kann. Und so gicngcn wir weiter, nnd kämen auf die mechanische Ausübung der Kunst, von der er nur wenig sagen zu können sagt. Aber er sagt gar nichts davon: und das ist freylich sehr wenig; vielleicht auch ein wenig zu wenig, um in dem Folgenden allen seinen Lesern verständlich zu seyn. Hr. Klotz schreibt: (") „die neue Entdeckung von dem Stein- „schneiden der Alten darf hier nicht wohl Übergängen werden, „welche Christ glaubte gemacht zu haben. Er überredete sich, „daß die Alten mit Diamant allein geschnitten hätten, ohne „sich des Rades dabey zu bedienen." — Alles was Hr. Klotz wider diese Meinung sagt, hat er Hr. Lippcrtcn abgcborgt; nur daß dieser gerechter gegen Christen ist. Hr. Lippcrt schreibt blos, Christ, (den er, wie ich sehe, gar nicht einmal nennt) (") habe geglaubt, „daß man vor Alters „auch mit dem Diamant allein geschnitten habe. „Auch! das wäre noch eher recht. Aber Hr. Klotz läßt dieses Auch ans, nnd stellt uns folglich Christen als den Mann vor, der es überhaupt nicht Wort haben wollen, daß die alten Steinschneider das Rad gekannt und gebraucht hätten. Davon war Christ weit entfernt. Christ behauptete blos, daß sich die alten Steinschneider des Rades seltner bedienet, als die neuern; (*") daß sie mehr mit der (°) S, 45. (°°) Vorrede zur Daktt'l, S, xxx. ("°) kss» vvro »on «ludilo, l>ui» Kra?ei nrir»i'I!in nilllwos rilrw« Iiae innelii»», cuMis c-ei'lo inxonimn evnin«;»»li»in>inrsnecl»n>- a>»?>iS»I, In gemini« :i»»ul!>li»u« koiUneruN« usi Niei'ml, v> k!n»ii»v«l> I.i,>c, Llilernrii I. secl, 3. i>. !Z»4. 6* Antiquarischer Briefe sieben und zwanzigster. Diamantspitze gearbeitet, als die neuern; (") und daß besonders die sehr kleinen Steine nicht wohl mit jenem, sondern lediglich mit dieser von ihnen gcfertiget werden können. Dabey leugnete er kcineswcges, daß man nicht Steine die Menge finde, auf welchen sich eben so wohl die Spuren des Rades, als der Diamantspitzc zeigen. (^) Vielmehr gestand er selbst, daß auf einigen ältern, und besonders acgyptischcn Steinen, ihm das Rad alles gethan zu haben scheine, und sich durchaus keine Spur der Diamantspitze äussere, s-j-) Das war Christs Meinung: und diese Meinung nennt Hr. Klotz gerade zu eine lächerliche Meinung? Es ist ihm nicht möglich, ihr einen gelindem Namen zu geben? „Wer dieses glaubt, fährt er fort, muß niemals in Stein „haben schneiden sehen, muß auch die Natur und Gestalte der „Diamante gar nicht kennen. Wie stellt er sich wohl vor, daß „der Diamant gefaßt werden könne, um die kleinen Tiefen ans- „zugraben? oder wie glaubt er, daß man die kleinen Diamant- „körncr mit einer so grossen Spitze, als hierzu erfodert wird, „versehen können? Was muß er für Begriffe von der Grösse „und Kostbarkeit der Diamante haben, wenn er sich einbildet, „daß man grosse Diamante so spitzig zuscylcifen könne, als diese „Arbeit erfodert? Kurz, die ganze Sache ist unmöglich, und „wenn Christ oder andere sich in den Werkstätten umgesehen „hätten, so würden sie niemals diese Meinung behauptet haben." Zm Vorbeygehen: Christ hatte sich sicherlich in den Werk- (°) 8e>-, qusmvis ms^ore iMkioilivreyne neZotio, yuvck oxus lamen »vnlius suwiliusMe nrivslivret,, sSI-ibuM« eo» puto crutlss sllAinsnli» üi »oMiMivuin fsMßisIk» mueronein «k'o. iliiü. (°°) >'!»in vrininm in minimis qullmsilsm xemmulis pvlior loli mucronl kttlsmaiilis <5 cruMs »cnlitlimis loens kuerst, non kere orliicnlo terebris »e rol»rum. iviil. n. 336. ("") ^ lanquiim N in «inni »nnnlo sculnsntio vnus utrumilue, lerelir«: -10 nmeroni» «ilsmanlini ÄllnidUnm fuiskel. I» quibustlam six veleres exisss, quomodo conleixwnt iili, liabimn«; conspeelus «xemplorum In «Iscty- livlnecis mnltoruin, Isiilliiüin in re i,r»:kvnl>, Mull kers xrobitt. idiil. (^) velnSe veteres Aliilusz xemmiv, nrrel'ertim ^ex^plii«, arros-e «Anlui,! Ii-'^enis mlln qniilem vilwnttir. nullo mueronis »illiiliili veNlZIo. Nii U. Antiquarischer Briefe siebe» und zwanzigster. stätten mehr umgesehen, als Hr. Klotz. Ich habe Christen gekannt, und Christen gehört, und ihn über diese Sachen selbst gehört. Zch habe schon gesagt, alle die Einwürfe, die Hr. Klotz gegen Christs Meinung macht, sind Lipperts Einwürfe. Aber Hr. Klotz drückt sie nach seiner Art aus: das ist, er mischt ein wenig Nonsens mit unter. — Er fragt z. E. „wie glaubte Christ, „daß man die kleinen Diamantkörner mit einer so grossen Spitze, „als hierzu ersodcrt wird, versehen könne?" Freylich müßte Christ ein sehr lächerlicher Mann gewesen seyn, wenn er geglaubt hätte, daß man kleine Diamantkörner mit grossen Spitzen verschen könne. Lippert hat so seltsam nicht gefragt. Gleichwohl bin ich um Hr. Lippcrten besorgt, daß ihn sein Eifer zu weit geführt, wenn« er ausruft: „lauter Unsinn, der „aus einer verderbten Einbildungskraft, und aus grober Unwissenheit von den Möglichkeiten und den Vortheilen, die zu „dieser Kunst gehören, entstanden ist!" Denn diesen Unsinn dichtet sich Hr. Lippert, zum größten Theil, selbst. Christ verstand unter dem muercmo aäamkmtilio eben so wenig Diamantkörner, als grössere spitzig zugeschliffenc Diamante: sondern spitze Splitter von zerschlagnen Diamanten. Die Möglichkeit solcher Splitter giebt Hr. Lippert selbst zu: und er ist nur verlegen, wie sie gehörig zu fassen. — Doch man wird sagen: ist einem Künstler nicht in seiner Kunst zu glauben? Thut Hr. Klotz also nickt besser, daß er Hr. Lipperten folgt, als ich, der ich mich lieber an Christen halten will? Nein; es ist nicht Christ, an den ich mich halte; auch bey mir gilt der Künstler in seiner Kunst alles. Aber Ein Künstler, macht nicht alle aus: und wenn die Künstler selbst unci- uig sind, muß es dem Gelehrten frey stehen, sich auf die Seite des einen oder des andern zu stellen, ohne zu fürchten, daß man ihn für unwissend, oder gar unsinnig schelten werde. Kurz; Natter ist es, der mich kühn genug macht, an den Aussprüchen des Hrn. Lippert zu zweifeln. Natter zeigte, an einer dazu ausgesuchten Folge alter Steine, die offenbaren Spuren des Rades, um zu beweisen, daß auch die alten Künstler das Rad gebraucht hätten, und folglich bey Antiquarischer Briefe siebe» uud zwanzigster. ihrer Arbeit überhaupt ungefehr eben so verfahren wären, als unsere Künstler. Für Christen durste er eigentlich dieses nicht beweisen: denn Christ, wie ich schon gesagt, hatte den Alten den Gebrauch des Rades nichts weniger als abgesprochen. Er mag es aber bewiesen haben, für wen er will; wir sind ihm Dank schuldig, daß er es bewiesen, weil er uns dadurch vor mancherley chimärischen Begriffen verwahret hat, die wir uns sonst von dem Verfahren der alten Artisten machen könnten. Aber, dieses den Alten vindicirtcn Rades ohngcachtct, wo hat Natter jemals den Gebrauch der Diamantspitze so weit herabgesetzt, als ihn Hr. Klotz herabsetzt? „Allerdings, sagt Hr. „Klotz, braucht man die Diamantspitze, aber alsdcnn erst, wenn „durch das Rad das Gehörige verrichtet ist. Nehmlich; man „kann mit dieser eingefaßten Diamantspitze, wovon das Werkzeug beym Marictte abgebildet ist, die vom Rade noch übrig „gcblicbnen groben und nicht zart genug verarbeiteten Partien „sanfter und vcrlauffcnd machen." Wer hat dem Hrn. Klotz das gesagt? Zn wie vielen Werkstätten hat er es gesehn, daß man die Diamantspitze nur dazu brauche? — Ich will ihm seine Widerlegung beym Natter, fast auf allen Blättern, zeigen. Urtheilet nicht Natter ausdrücklich, daß an den Hetrurischen Steinen Contur und Muskeln mit der Diamantspitze ausgcgra- bcn zu seyn scheinen? (") Schließt nicht Natter, daß verschicdnes mit dem Rade gemacht worden, weil es mit der Spitze des DiamantS nicht so leicht und kühn zu machen gewesen? — Nicht so leicht, nicht so kühn: aber doch zu machen. Erkennet nicht Natter an den beiden Othryaden, daß, so wie an dem einen alles mit dem Rade geschnitten sey, so sey (°) torles >Iö Arsvui'eg s»»i or>Ii,i»irement en soit ba» reliek; le conlour, ö5 los miilcles lont Irop ci'eulvs K paroissent avoir «tv kails sveo I» poinls >Is viamk»«. Tratte cle I» lUetli. »nt. p. 10. (°°) II pilloil kuM viMiIement le bouolier ett k-ut au 'I'vuret, üvee im dnlil peu t»ill!>nl, Ie Iiiirtliv^s, in itutN iÄi.iIi!me»l -ivvc I» poinle >Iu I)ii»«!>n>, IIii>l> p. IS. Antiquarischer Briefe sieben und zwanzigster. 57 an dem andern das meiste mit der Diamantspitzc gefertiget? (") Sagt er nicht mit klaren Worten, daß eben in diesem Gebrauche der Diamantspitze die eigene Manier bestanden, welche der Meister des zweyten gehabt? Acusscrt sich nicht Natter von seinem Faune, auf einem ausscr- ordcntlich kleinen Onyx, daß in Betrachtung der korrekten Zeichnung auf einem so eingeschränkten Raume, er nothwendig glauben müsse, der Artist habe sich meistens der Diamantspitze dabey bedient? Und was ist das viel anders, als was Christ von dergleichen kleinen Steinen überhaupt sagt? Alles das endlich zusammengenommen: ist es nicht unwidcr- sprcchlich, daß Natter einen weit ausgebreitetem Gebrauch der Diamantspitze an den alten Werken erkennet, als Hr. Klotz einräumen will? daß er eben denselben daran erkennet, welchen Christ behauptet, wenn er von den alten Künstlern sagt, non moclo extremam «iieri manum tealpvllis illlsmantinis nllliibuiklo, tod jiroisus rniliinenta, figni oxesvanlli kic poktuitto vtiam? (1°) Ich möchte (um von der vorzüglichen Feinheit der Nattcr- schcn Werke, die ohnstreitig unter allen neuern Werken den besten Griechischen mit- am nächsten kommen, einen Grund mehr angeben zu können) ohne Bedenken hinzusetzen, daß Natter diesen ausgcbreitctcrn Gebrauch der Diamantspitze, den er an den alten Werken erkannte, sich ohne Zweifel selbst werde eigen gemacht haben, ohne sich in vieles Reden und Aufheben darüber einzulassen. Denn es ist bekannt, daß Natter mit seinen Instrumenten und Handgriffen ein wenig geheim war. Doch, es sey mit dieser Vermuthung, wie es wolle: genug, (°) eelui-ei » rvxlü lon deslein tur la msnlers nüNieuIiero »ver, c'etl-it-6ire, pour pluvsrt svee I» poiiUe lle Dwiniint. — IIii>1> n.St. (^°°) Kette vieee el°t eklimalile psr l» Iieünle, li7 p^r I» cvrreclio» üu ilessein, iZsn» nne ekvücs ti nelit que I'on a >Ie I» peine it ^ rieu >>i- llinxner » i'oeil nu>I, quelo.ue Kon qu'U seit, >k7 «ins I on ett korce ,1'nvoir reoours »u Alieroseone nour nouvolr '^ien lexaniiner. v'ett ce Ze i>>. p. 36. (°-°) Siehe oben S. 48. Note °° (f) I. e. v. 3S!>. 85 Antiquarischer Briefe acht und zwanzigster. daß Natter, nach dem, was ich von ihm angeführt, nothwendig für Christs Meinung seyn mußte, und es Christ also nicht verdient hat, daß ihm Hr. Klotz dcssalls so verächtlich begegnet. Müßte es Hr. Klotzen wohl einkommen, sich gegen diesen Mann zu messen? Gleichwohl ergreift er jede Gelegenheit, ihn zu mißhandeln. Ich mag noch von Christen lesen, was ich will: ich lernt immer etwas. Es sollte mir lieb seyn, wenn ich das auch von denen sagen könnte, die itzt so verächtlich auf ihn zurückschicken. Wie viel lieber wollte ich seine kleine Abhandlung luper (Zvmmis gedacht und geschrieben, als zehn solche Büchclchcn, von dem Nutzen und Gebrauch der alten geschnitt- nen Steine, zusammen gelesen haben. Acht und zwanzigster Brief. Nachdem ich mich Christs angenommen, kann ich nicht umhin, auch für den Plinius ein Wort zu sprechen. Hr. Klotz weiß sich mit den Stellen des Plinius, wo er des Steinschneidens erwähnt, nicht anders zu helfen, als daß er behauptet, Plinius sey von dieser Kunst nicht unterrichtet gewesen, er habe aus Unwissenheit, wie die Steinschneider in ihrer Kunst verfahren, so und so geschrieben. „Freylich, fügt Hr. Klotz hinzu, (") wird diese Kühnheit „diejenigen beleidigen müssen, welche in den alten Schriftstellern keine Fehler finden wollen, und ehe sie diese zugeben, lie- „ber auf Unkosten ihrer eignen Ehre die seltsamsten Erklärungen und Vertheidigungen unternehmen. Aber unparthcyischc „Kunstrichter, welche sich überzeugt halten, daß man an je- „mand Fehler finden, und seine Einsichten und Verdienste doch „zugleich hochschätzen könne, werden wider diese Muthmassung „desto weniger aufgebracht werden, je mehr sie Bewegungsgründe, ein solches Urtheil zu fällen, und Entschuldigungen „für den, welcher es ausspricht, auch bey dem Plinius, dessen „grosse Gelehrsamkeit sie übrigens mit Recht verehren, gefunden haben." Geschwätz, das nur abzielen kann, nähern Untersuchungen Antiquarischer Briefe acht und zwanzigster. t>ö vorzubauen! Die alten Schriftsteller haben fehlen können; aber mich zu überzeugen, daß sie wirklich gefehlt haben, dazu gehört mehr als diese blosse Möglichkeit. Besonders, wenn der vermeinte Fehler Sachen bctrift, die ihnen alle Tage vor Augen gewesen. Bey der unzählichen Menge von Steinen, bey dem Ueberfluße an Künstlern dieser Art, die sich bey den Römern, zu Folge jener Menge, finden müssen: sollte Plinius in der Unwissenheit von dem eigentlichen Verfahren derselben geblieben seyn? Aber wenn es seine eigene Worte beweisen? — Das sagt Hr. Klotz, und ich leugne es. Urtheilen Sie, mein Freund — Vor allen Dingen aber bilden Sie sich wohl ein, daß Pli- nius nirgends von der Kunst des Steinschncidens ausdrücklich handeln wollen. Er gedenkt blos, bey Gelegenheit der Steine, bey Gelegenheit der Mittel, sie zu bewältigen, etwas von dieser Kunst; und man muß dergleichen Stellen sorgfältig alle zusammen nehmen, ehe man entscheidet, ob er im Ganzen einen richtigen Begriff davon gehabt oder nicht. Und doch wäre es kein Wunder, wenn man dieses auch alsdenn noch nicht entscheiden könnte; weil er, wie gesagt, nur gewandtswcise von der Sache spricht. Findet man indeß nur, daß er nicht augenscheinliche Ungereimtheiten sagt, so ist es billig, daß wir das Beste, nicht das Schlimmste, von ihm annehmen. Nun zu den Stellen! — Ich fange bey der an, die den meisten Streit veranlasset. Plinius redet von dem Diamantc, von der ausserordentlichen Härte desselben, von dem sonderbaren Mittel über diese Härte dennoch zu siegen, und fügt hinzu: (°) cum tolicitor rumpeie coutiUt, ia tam zzarv-ts t'ranUtur eruttas, ut ooroi vix poMrit. Lxpetuntur s lcalptorilzus, fvrro^uv mcluäuritur, vullam v>on cku- ritiam vx kscili cavantes. Diese Stelle, sagt Hr. Klotz, habe Christen auf die lächerliche Meinung gebracht, daß die alten Steinschneider nur mit der Diamantspitze gearbeit. Ich habe erwiesen, daß Christ diese lächerliche Meinung nicht gehabt hat. Christ schloß aus (°) liilir. XXXVIl. lect. tS. W Antiquarischer Briefe acht lind zwanzigster. dieser Stelle, daß die Alten mit der Diamantspitzc gearbeitet; aber keincswegcn, daß sie einzig und allein damit gcarbcit. Doch, Hr. Lippert behauptet, daß hier überhaupt von keiner Diamantspitze die Rede sey; sondern von dem Diamantpul- ver, welches anstatt des Smirgcls an das Rad gestrichen worden. Dieses Rad werde vorne ein wenig ausgedrehet, damit der Smirgcl oder das Diamantpulver besser hafte: und daher das Wort mcluclunw,-. Ich antworte Hr. Lipperten: wenn sich auch schon das Wort inclulllintur so auslegen läßt; so braucht Plinius doch noch ein anderes, welches dieser Erklärung durchaus widerspricht. Plinius sagt: cum klieiter rumpvrv eontiglt. Hr. Lippert merke auf das felieiter. Dieses zeigt auf eine glückliche Spaltung des Diamants, und passet kcincsweges auf seine eiserne Büchse, oder auf jede andere Weise der blossen Zckmalmung des Diamants in Pulver. Bey dieser ist weder ein lelicitor noch inlv- iieitor zu denken; wohl aber bey einer solchen Sprengung des Diamants, die eine gewisse Art von Splittern gewähren soll. Auch Hr. Klotz ist über dieses lolieitvr hmgchuscht. Aber er hält sich an das mow-luntu,'; und weil er nicht zugeben kann, daß sich dieses Wort von dem blossen Bcstrcichcn verstehen lasse: was thut er? Er entscheidet, daß Plinius von einer Sache gesprochen, die er nicht verstanden. Das ist nun freylich der kürzeste Weg, sich aus den Schwierigkeiten, die man bey den alten Schriftstellern findet, zu helfen. Der ehrliche Künstler wollte den Plinius retten: der stolze Gelehrte verweiset ihn in die Schule, in die Wcrkstätte, da erst zu lernen, wovon er schreiben wollen. Hr. Klotz hat Recht: das inelucluntur, und noch weniger das lelicltvr erlaubet, die Stelle des Plinius vom Diamantpul- ver zu erklären. Aber folgt daraus, daß Plinius nicht gewußt, was er schreibe? Sagt nicht Solinus das nehmliche? Und Zsidorus? Und Marbodus? Hr. Klotz wird sagen, das sind Ausschrcibcr des Plinius. Ich gebe es zu: aber auch Ausschrcibcr hätten leicht so etwas besser wissen können; wenn Plinius wirklich so unwissend gewesen wäre, als er ihn machen will. Antiquarischer Briefe acht und zwanzigster. Und warum soll es, warum kann cs denn nicht bey dem Verstände bleiben, den die Worte des Plinius nach ihrer eigentlichen Bedeutung geben? Warum soll denn nun, mit Gewalt, alle Erwähnung der Diamantspitze aus dieser Stelle ver- drengt werden? Hr. Klotz giebt ja zu, daß die Steinschneider die Diamant- spitze brauchen, und wenn es auch wahr wäre, daß sie sie nur dazu brauchten, wozu er sagt; wenn es auch wahr wäre, daß die alten Künstler gleichfalls sie nicht weiter gebraucht hätten: würde sie dem ohngeachtct nicht verdienen, unter den Werkzeugen der Steinschneider genannt zu werden? Was will denn Plinius hier mehr, als ein solches Werkzeug nennen? Er spricht ja nicht von der Kunst überhaupt; er sagt ja nicht, daß dieses Werkzeug das einzige sey, welches 'die Kunst brauche; er merkt ja nur an, daß gewisse glückliche Splitter von zerschlagenen Diamanten von den Steinschneidern sehr gesucht würden, daß sie ihnen sehr zu Statten kämen, weil sie allen harten Steinen damit abgewinnen könnten. Wie gesagt; wenn die Diamantspitze auch nur den Nutzen hätte, den ihr Hr. Klotz giebt, warum sollte Plinius diesen Nutzen nicht hier haben anmerken dürfen? Und hat sie gar einen noch grössern, den Natter selbst, wie ich gezeigt habe, cingestcht: so begreife ich vollends nicht, warum man Schwierigkeit macht, ihn hier bey dem Plinius zu finden. Neun und zwanzigster Brief. Ich habe gesagt, PliniuS erwähne in jener Stelle der Diamantspitze als eines einzeln Werkzeuges, nicht aber als des einzigen: denn in andern Stellen erwähnt er anderer Werkzeuge. Wo er lehret, wie falsche Edelsteine zu erkennen, kömmt er auf die verschiedne Härte der wahren, und sagt:(") t-mta cM'orvntia ckt, ut al'iN lerro Ivalpi non pottiilt, alise non niti r>Iir. XXXVll. leot. ?«. / 92 Antiquarischer Briefe nenn und zwanzigster Diese Stelle hat Hr. Klotz selbst angeführet; aber wie es scheint blos, um den kindischen Fehler des Harduin aufzumutzen, welcher sich einbildete, daß die bohrenden Instrumente der Steinschneider erst warm gemacht werden müßten. Hr. Klotz hat sehr Recht, daß unter dem tervor der geschwinde Umlauf des Rades zu verstehen. Also erkennt er doch hier das Rad? Also hat Plinius nicht behauptet, daß die alten Steinschneider blos mit der Diamantspitze gearbeitet? Und gleichwohl soll Plinius, wie Hr. Klotz sagt, die Sache nur halb verstanden haben? Warum denn nur halb? Hier halb, und dort halb: zwey Hälften machen ein Ganzes. Dort gedenkt Plinius der Diamant- spitze; hier des Rades: was will denn Hr. Klotz noch mehr? Ich wollte wetten, daß es Hr. Klotz sey, der die Sache nur halb verstehe. Denn sonst hätte er es uns wohl mit klaren dürren Worten gesagt, worinn sich Plinius auch hier geirrct habe. „Auch hier, sagt er, vermißt man eine genaue und „richtige KenMniß der Steinschnciderkunst." Wie denn? warum denn? Mit der Sprache heraus, wenn man tadeln will. Wenn ihm diese Stelle nicht richtig, nicht genau genug scheinet, so kann es nur daher kommen, daß er gar nicht einsieht, was Plinius sagen will, daß er nicht einmal die Ausdrücke des Plinius begreift. Besonders muß er gar nicht wissen, was Plinius unter dem stumpfen Eisen, lerro retulo, verstehet, welches über gewisse Edelsteine mehr Gewalt habe, als das scharfe Eisen, Denn wenn er es wüßte: würde er den Gebrauch des Rades in ihm nicht noch weit deutlicher gesehen haben, als in dem teredrarum tervor? Zch bilde mir ein, den ganzen Vorrath der Werkzeuge der alten Steinschneider in dieser Stelle des Plinius zu finden. Zch glaube sogar eine ganze Gattung darunter zu bemerken, von welcher die neuern Steinschneider gar nichts wissen. Doch ich will mich nicht verleiten lassen, mit dieser Meinung eher hervor zu treten, als bis ich sie durch Versuche be- stättigen kann. Antiquarischer Briefe dreyßigster. Sie ist genau mit einer eigenen Betrachtung über die Tor- ncvtik der Alten verbunden, von welcher ich glaube, daß wir Neuern sie nur zur Hälfte ausüben, und daß es, um mich so auszudrücken, ein gewisses «vT-^ocpov von ihr geben könne, und wirklich gegeben habe, durch welches Dinge möglich zu machen, deren Bewirtung Salmasius ihr schlechterdings abspricht, und nur der Torevtik zuerkennen will. Dreyßigfter Brief. Hr. Klotz erkannte in der vorigen Stelle des Plinius das Rad. Das Rad muß man auch in der Stelle voraussetzen, wo Plinius von den verschiednen Sandarten handelt, durch deren Hülfe die Marmor und Edelsteine gesäget und geschnitten wurden. Denn was er von der Sägung des Marmors sagt; (") arens koc üt, A terro viäetur iiori, lori-a in prsotenui liuoa pre- inonto arenss, vortÄnlloyuo tractu ipl'o fscantv: das gilt ebenfalls von den Instrumenten des Rades. Verstehen wir uns auch über das Wort Rad? Bey der Beschreibung, die Hr. Lippcrt davon macht, könnten wir Gefahr laufen, uns nicht zu verstehen. Ich weiß nicht, warum Hr. Lippcrt, und die deutschen Künstler, denen er hierinn ohne Zweifel folgt, das, was er auf der zwey und dreyßigsten Seite seines Vorberichts, neben der Büchse, uns vorgezeichnct hat, das Rad nennen. Es ist, so viel ich sehen kann, die Bouterolle; nicht also das Rad, sondern nur eines von den Znstrumenten, welche in das Rad gesetzt werden. Was ich das Rad nenne, scheinet er das Schlcgezcug zu nennen. Doch, das find Kleinigkeiten: wenn wir uns nur verstehen. Genug, ich begreifst unter dem Rade alle und jede eiserne oder kupferne Werkzeuge, welche nach Erfordernis; der Wirkung, die sie hervorbringen sollen, in das Rad gesetzt, und von dem Rade herumgetrieben werden. Von diesen Werkzeugen ist es unstreitig, daß sie, eben wie die Marmorsäge, eigentlich selbst nicht schneiden, sondern nur zu schneiden scheinen, indem sie den Smirgel, oder was man sonst für eine feinere Sandart dazu (°) IUK. XXXVI. keizt. 9. 9i Antiquarischer Briefe dreißigster. brauchet, dem Steine cinrcibcn: aron!» Iioe tit, , Naxiuin lliu plseuit ante sli.i: ita vncantur eotes in t!v^ro inj'ulil Aonitsz. Vieero pottea ex ^rmonia vectN. Naxium hieß also das Pulver, welches die alten Steinschneider Anfangs anstatt unsers Smirgcls brauchten; und ward aus Cyprischem Schleifsteine gemacht. Zn der Folge zog man das vor, welches aus Armenischem Schleifsteine verfertiget wurde. Salmasius macht über diese Stelle einen trefflichen Wirrwarr. Weil Plinius an einem andern Orte, wo er die verschiedncn Arten der Diamante crzchlet, auch eines Eyprischcn Diamants gedenket: so soll jener Eyprische Diamant, und dieser Eyprische Schleifstein, aus welchem das Naxium gemacht wurde, nur eins seyn. Er meinet, Plinius habe irgendwo den (Zyprischen Schleifstein, wcgcr seiner Härte aclsmas genannt gefunden, so wie selbst das Eisen aus eben der Ursache diesen Namen führe. Dadurch sey Plinius verleitet worden, dort unter die wirklichen Diamante zu rechnen, was er hier einen blossen Schleifstein nenne. Hose reim vsrie, setzt er hinzu, yma, ox vsriis suetoribus kumptg. ^uetori i^itur vol ^'«cllcium vvl »tinm clvsuit eomponvncki j'imilia intvr to, «zuoe g^,nll «livort'os nuetoro« irivonorat, ao cliMmilia socoriiencli. Kurz; Salmasius Will von keinem Eyprischen Diamante wissen; sein Solinus muß es das- mal besser verstanden haben, als PlüiiuS; was Plinius ,I<- insula Oypio meinet, das soll tl (°°°) .-^ll «olinum l>. tlvt> Ltlil. ?«ris. (f) MS. t«S4. Antiquarischer Briefe ein und dreißigster. nen finde; und was man den Cyprischcn Diamant gcnennt, das sey nichts als der Cyprische Schleifstein. Ueber den sonderbaren Mann! Wozu denn nun alle diese Verdrehungen? Kann denn nicht eben dieselbe Znscl beides, Diamante und Schiefer, hervorbringen? Doch, warum will ich blosse Möglichkeiten gegen ihn anfuhren? Cypcrn hat wirklich Diamante, und noch itzt sind die Cyprischcn Diamante unter dem Namen der Diamante von Baffa bekannt. Ich weis wohl, daß die Kenner diese Diamante nicht so recht für ächte wollen gelten lassen. Aber eben dieses macht es um so viel wahrscheinlicher, daß Plinius die nehmlichen gemeint habe. Denn auch die Cyprischcn Diamante des Plinius sind ihm von dcr schlechteren Gattung; weder so hart noch so klar, als die Aethiopischcn, Arabischen und Makedonischen. Ein und drcnßigster Brief. Ich wollte in meinem Vorigen von dem Cyprischcn Schiefer ' sprechen; (denn alle Schleif- und Probiersteine gehören uutcr die Schicferarten, und nur ihr besonderer Gebrauch giebt ihnen den besondern Namen:) und kam auf die Cyprischcn Diamante. Ich wollte mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, den Sal- masiuS zu widerlegen. Merken Sie unsere Weise? Wir widerlegen immer die am liebsten, aus denen wir das meiste lernen. Aus einem kleinen Stolze, meine ich, daß wir doch etwas besser wissen, als sie. Oder meinen Sie, vielmehr aus Dankbarkeit, damit sie wiederum etwas von uns lernen mögen? — Mit dem Meursius, der einen andern Fehler in dcr Stelle des Plinius findet, dürfte ich nicht so bald fertig werden. Er sagt, das Naxium sey nicht von Cyprischcn sondern von Creti- schen Schiefern gemacht worden; Plinius habe Crcta für Cypcrn schreiben wollen; denn nicht auf Cypcrn, sondern auf Creta liege ein Naxus. («) Und es ist allerdings wahr, daß bey andern Schriftstellern, Narischer Stein durch Schleifstein aus Creta erkläret wird. (°) «Vliri lid. II. esp. s. IS. cirei«! Ii,-> I. esp. IS. W Antiquarischer Briefe ein und dreyßigstcr. Harduin hatte den Einfall, anzunehmen, (°) daß dieser Naxischc Schiefer zwar wirklich in Cypern gebrochen, aber in Naxus auf Crcta vollends zu rechte gemacht, und von da nach Rom gebracht worden, wodurch er seinen Bcynamcn erhalten. Doch dieser Einfall empfiehlt sich durch nichts, als durch die Gutherzigkeit, auf seinen Schriftsteller durchaus keinen Fehler kommen zu lassen. Ehe wir den Alten einen so unnöthigcn Transport von Cypern nach Crcta verursachen: dächte ich doch, wir liessen den Plinius sich lieber verschrieben haben. Solche Fehler können die Menge im Plinius seyn, und sind wirklich darinn; obschon gewiß die wenigsten von ihm selbst herkommen mögen. Ganz anders ist es mit Fehlern, wie sie ihm Hr. Klotz aufheften will: mit Fehlern einer unbegreiflichen Unwissenheit, der er so leicht hätte abhelfen können. Warum hätten die Cyprischen Schiefer nicht gleich in Cypern in die Form der Schleifsteine gebracht, oder zum Gebrauche der Steinschneider in Pulver verwandelt werden können? Warum hätte man sie erst deswegen nach Naxus auf Crcta bringen müssen? Endlich, was liegt daran, ob man den Narischcn Stein in Cypern oder in Creta gebrochen? Ich will ihn ja unsern Steinschneidern, eben so wenig als den Armenischen, statt des Smirgels, empfehlen: ich habe eine ganz andere Absicht, warum ich seiner gedenke. Genug, es war ein pulverisirtcr Schleifstein, dessen sich die Alten zum Ausarbeiten ihrer Gemmen bedienten. Ein Schleifstein, wiederhohlc ich: um meine Verwunderung damit zu verbinden, daß man den Alten einen so allgemeinen Gebrauch des Diamantpulvers, anstatt des Naxium, anstatt des Armenischen Schicfcrpulvcrs, andichten will. Hr. Lippert wenigstens scheinet sich wirklich überredet zu haben, daß das Diamantpulver den alten Steinschneidern eben so gewöhnlich gewesen, als den unsrigen der Smirgel:^) denn er entschuldiget diese, wegen des Gebrauchs des letztern, durch die Seltenheit und Kostbarkeit der Diamantc; daher die wenigsten zum Gebrauche des Diamantpulvers angeführet werden t") I. c. s°°) Vorb, der Dakt. S. 34. Antiquarischer Briefe ein lind dreyßigster. !17 konnten, und also, an den Smirgcl einmal gewöhnt, wenn sie mit jenem schneiden sollten, oft zu viel von einem Orte wegnehmen wurden; indem das Rad, mit Diamantpulvcr be- strichcn, weit geschwinder und schärfer schneide, als mit Smirgcl. Ich bin gewiß, daß die Ersparung der Zeit, die Hr. Lip- pcrt den alten Künstlern machen will,^) ihnen so nicht zu Statten gekommen. Ihr Naxium kann, in Betrachtung der Natur des Schiefers, weder geschwinder noch schärfer geschnitten haben, als der Smirgcl, wohl aber feiner; so daß es ihnen einen grossen Theil der Polirung ersparte. Kurz; wenn ich schon nicht behaupten wollte, daß die Alten das Diamantpulvcr überhaupt nicht gekannt und gebraucht: so darf ich doch kühnlich leugnen, daß sie es zur Ausschlciffung geringerer Edelsteine angewendet haben. Denn Hr. Lippcrt mag von der itzigcn Kostbarkeit der Diamantc sagen, was er will: so waren sie bcl) den Alten doch noch ungleich kostbarer; denn sie waren ungleich seltner. Die Alten wußten von keinen Brasilischen Diamanten, die so neuerlich Europa überschwemmet haben. Unsere Künstler müßten den Aufwand, den das Diamantpulvcr erfordert, also weit eher machen können, als ihn die alten Künstler machen konntcn. Und wer sagt cs denn, daß diese ihn gemacht? Plinius? wo denn? Da, wo er ausdrücklich des Mittclkörpcrs erwähnt, durch den die Instrumente des Rades in den Stein wirken, sehen wir ja, daß er das Narium, daß er das Armenische Schiefcrpulvcr nennet. Konnten die Künstler seiner Zeit aber damit fcrtig werdcn, was für Grund hat man, ihnen noch den Gebrauch des Diamantpulvcrs zuzuschreiben? Weil Plinius ihnen anderwärts denselben zuschreibt? Wo anderwärts? — Zwey und dreyßkgster Brief. „Die Alten, sagt Hr. Klotz, kannten die Kraft des „Diamantstaubcs, die feinen Steine anzugreifen, und sie bedienten sich, welches unleugbar ist, desselben." Welches unleugbar ist! Warum wär es denn unleugbar? C) Borb. der Dakt, S. 3?. C°) S. 42. Leslmgs Merk- vnr. 7 >^ Antiquarischer Briefe zwey und dreißigster. Weil es Hr. Klotz bey dem Goguet dafür ausgegeben fand ? Und warum giebt cs Gognct dafür aus? (") „Weil es Pli- „ittus ausdrücklich sagt; und weil, wenn Plinins auch nichts „sagte, die Meisterstücke der alten Stcinschncidcrkunst, welche „wir noch vor Augcn haben, cs deutlich genug zeigen würden." Aber diese Meisterstücke können das nicht zeigen: denn niemand leugnet, daß sie nicht auch mit Hülfe des Smirgels, des Nariums, des Armenischen SchieferpulvcrS, oder eines jeden andern ans einem orientalischen Steine verfertigten Nagcmittels Mord-mt,) cbcn so gut, obschon nicht cbcn so geschwind, hätten gearbeitet werden können. Alles beruht folglich auf dem Zeugnisse des Plinius; in welcher Absicht sich Goguet auf zwey Stellcn desselben beruft. Die erste ist die nehmliche, welche ich in dem acht und zwanzigsten Briefe bereits untersucht habe, und die von psrvis cinktis eines glücklich zerschlagnen Diamants rcdet, dcrcn sich dic Steinschneider bcdicntcn. Allein, ich habe cbcn da crwiescn, daß untcr dicscn eruttis kein Staub, kein Pulver verstanden wcrdcn kann; sondern spitze schneidende Splittcr zu verstehen sind, welche gefaßt werden können. Die andere Stelle beweiset noch weniger; wo es nur überhaupt heißt, daß sich alle feine Steine ohne Unterschied mit dem Diamante graben liessen: vorum omnos sclamanto lealpi pot- fiint. (*°) Denn können hier nicht eben so wohl jene parviv cruN-v des Diamants, jene kleine schneidende Splittcr verstanden wcrdcn, als Diamantstaub? Besonders muß Hr. Klotz auf den Beweis, der in der erster» Stelle liegen soll, gänzlich Verzicht thun; indem er selbst bekennt, daß das Wort incluclunwr nicht erlaube, etwas zu verstehen, welches dem Werkzeuge des Rades blos angestrichen (°) II est eonslüiit yiie lo« ^Viicwns vnl parfsilement comiu I» pro- sniv>>! I» pomlr«! >Iu Niamimt nour morilro t»r les nivrreü tines; il» »nt nour le» xrsver, yue nour les IsiUer. ?Iiiio I» üit exnress^meiU; >l7 i>us»>> il no I'iUiroil Ms ait, les «lies-«I^oeu- vre« e le« ^ncions vnl vroiliills en ce ßenri;, >^ que nous »von» eneore tons venx, le fnroienl alles eonnnilre. (") Lid. XXXVII. lecl. 7«. Antiquarischer Briefe zwey und drcyfiigsicr. werde. Findet er nun aber da kein Diamantpnlvcr, sondern Diamantsplitter, von welchen es sich PliniuS blos habe weiß machen lassen, daß man sie zum Stcinschncidcn brauche; wo findet er es denn? Er wird es nirgends finden; und ich biete ihm Trotz, mir bey Griechen oder Römern sonst eine Stelle zu zeigen, die zu diesem Behufe angeführet werden könnte. Und nun lassen Sie mich es gerade heraussagen: ich glaube, die Alten haben das Diamantpulver ganz und gar nicht gekannt. Denn nicht genug, daß die zwey einzigen Stellen, wo man dessen Erwähnung finden wollen, seiner nicht erwähnen; daß diese Stellen nicht von dem Diamantpulver, sondern von Dia- mantsplittcrn reden: ich getraue mir, die eine sogar zu einem klaren Beweise gegen das Tiamantpulvcr zu machen. Plinius sagt: ^llanias, cum feüeiter rumpi contiAlt, !n tam ^grvas sranAitur crustas, ut cerni vix pollirit. I^xpotuntur a tealptorilms, tvn'rl1 ilo pouvair lo rompro, Aber das ist falsch, das kann Plinius nicht haben sagen wollen; denn es war kein blosser glücklicher Zufall mehr, wenn sich der Diamant in Stücken schlagen ließ; man wußte, nach dem Plinius, ein sicheres Mittel, daß er in Stücken springen mußte; ob schon mit Mühe, aber doch ganz unvermeidlich; Iili-cmo s.inAuiiio, oo^uo i-oeonti cali«lo«zno> maeeiaw. Folglich gehört das iolieiter zu rumj>cro, und Plinius wollte sagen, „wenn es sich trift, daß er glücklich „springt:" nehmlich daß er in solche kleine schneidende Splitter springt, wie sie die Steinschneider suchen, und brauchen können. Es war kein Glück, daß er unter dem Hammer zersprang: es war ein Glück, wenn er so und so zersprang. Ist aber das: nun so ist es auch klar, daß die Alten den Diamant nicht zu schleifen verstanden haben, daß sie nicht ge- 7* 100 Antiauarischer Briefe zwey und dreyßigsier. wußt haben, der Diamant lasse sich durch seinen eigenen Staub schleifen. Denn hätten sie das gewußt, so hätte der Diamant mögen springen, wie er gewollt hätte; die Splitter hätten mögen von einer Art seyn, von welcher es sey: sie hätten ihnen immer nachhelfen, sie hätten ihnen immer durch das Schleifen die Spitze, die Schneide ertheilen können, welche der Künstler daran suchte. Aber das konnten sie nicht; und nur weil sie es nicht konnten, mußten sie es bloß auf einen glücklichen Zufall ankommen lassen, dergleichen Splitter zu erlangen. Ich bin versichert, Gognet, wenn er noch lebte, würde dieser meiner Auslegung am ersten beytreten. Denn nur durch sie fällt ein Einwurf wider seine Meinung, daß die Kunst die Diamante zu schleifen und zu brillantiren dem Alterthume gänzlich unbekannt gewesen sey, weg, den er zwar selbst berührt, auf den er aber nur sehr obenhin antwortet. Wenn nehmlich die Alten das Diamantpulvcr gekannt und gebraucht haben, wie Goguct zugestehen zu müssen glaubt: wie kam es, daß sie es nicht an dem Diamante selbst versuchten? „Dieses scheint, antwortet Goguct, „allerdings schwer zu begrciffcn: gleichwohl ist „es nun nicht anders. Auch finden sich mehr solche Beyspiele „von Schranken, die sich der menschliche Geist gleichsam selbst „zu setzen pfleget. Auf einmal bleibt er stehen, wenn er eben „dem Ziele am nächsten gekommen, und ihm noch kaum ein „Schritt fehlet, um es völlig zu erreichen." Es ist wahr, diese wunderbare Erfahrung hat man. Gleichwohl möchte ich mich doch so selten, als möglich, darauf berufen; eben, weil sie so wunderbar ist. Wenn wir ohne sie fertig werden können, desto besser. Und hier können wir es: die Alten versäumten das Diamantpulvcr an dem Diamante selbst zu vcrsuchcn, weil sie überhaupt das Diamantpulver nicht brauchten, nicht kannten.*) °) Auf einem kleinen Zettel hat sich Lessing noch folgende beyde Gründe angemerkt, die ihm zu beweisen schienen, daß die Allen die Kraft des Diamanlsiaubes nicht gekannt haben: „1. Wcilplinius nur von einer einzigen Art des Diamants, und nur von der, welche Diamant mehr heißt als ist, sagt, daß sie mit einem andern Antiquarischer Briefe drey und dreyßigster. Drey und dreyßigster Brief. Wenn ich gesagt, daß die alten Künstler das Diamantpul- ver wohl nicht gebraucht haben dürften, weil die Diamante vor Alters noch weit seltner, weit kostbarer gewesen, als sie itziger Zeit sind: so würde man diesen Grund freylich um so viel mehr auch gegen die Diamantsplitter anwenden können. Wie viele Diamante hätten sie oft zerschlagen müssen, ehe sich einer, wie sie ihn brauchten, fand! Plinius scheinet ihre Seltenheit durch das vxpotunwr a rcslptorikus selbst anzudeuten. Sie waren so gemein nicht, daß sie jeder Artist leicht haben konnte. Vielleicht, daß manche sich ohne sie behelfen mußten. Aber was thaten diese? Mußten sie folglich alles durch das Rad vollführen? Nach dem Plinius nicht. Zn Ermanglung des Diamants, fand sich ein andrer Stein, dessen Splitter das nehmliche verrichteten. Er sagt von dem Ostracitis: l^) llurior! tant» inest vis, ut i>ÜN gemm-o k-slpantur liaZruvn- tis Hus. Ich getraue mir nicht zu sagen, was dieses für ein Stein gewesen, wie er itzt heissc, wo er zu finden: aber wird deswegen das Vorgeben des Plinius ungewiß, oder gar falsch? Was er dort oruttas nannte/ nennt er hier fragmenta: und dieses Wort kann eben so wenig als jenes, Pulver von genanntem Steine bedeuten. Das Nehmliche also, mit so ähnlichen Worten, von zwey verschiedncn aber zu einerley Zwecke dienlichen Dingen behauptet: zeiget, daß Plinius seiner Sache hierinn sehr gewiß gewesen. Er hat sich in das Mechanische keiner einzigen Kunst tiefer eingelassen; und, alles zusammen genommen, kann ich behaupten, Diamante durchbohrt werden könne; die andern könnten nur durch Bocksblut überwältigt werden. 2. Weil er nicht allein von diesen andern, sonder» auch von noch mehr Edelsteinen sagt, daß sie sich durchaus nicht schneiden lassen; z. B. von den Scvthischcn und Acgvvtischc» Smaragden, yuvrum amMs tsnis, «N, ut neyueiU vulner»ri." I. jLscheilburg. (') !/>>>. XXXVll. leel, 65. 102 Antiquarischer Briefe drey und dreyßigsicr. daß er von der Steinschneiderkunst, die er am wenigsten soll verstanden haben, gerade die meisten und positivsten Data angegeben hat. Er gedenkt der verschiednen Instrumente, nach Verschiedenheit der Härte der Steine; er gedenkt des Rades; er gedenkt der Diamantspitzc; er gedenkt anderer scharfen Stcin- splitter, welche bey gewissen Steinen die Stelle der Diamant- spitze vertreten können; er gedenkt verschiedncr Anen des Smir- gcls, um Smirgel hier für die allgemeine Benennung des Mittelkörpcrs bey dem Ausschlcifen zu brauchen. -Was hat ein Mann mehr sagen können, der von dieser Kunst nicht ausdrücklich handeln wollen; der mir beyläufig ihrer erwähnet, indem er auf die Materialien kömmt, deren sie sich bedienet? Und dennoch soll er nur halbe Kenntniß davon gehabt haben? Das glaube Herr Klotzen wer da will: mich hat er zu scheu gemacht, ihm irgend etwas auf sein blosses Wort zu glauben. — Von ungefehr sehe ich eben itzt ein Wort bey ihm genauer an, von dem ich in einem meiner Vorigen anmerkte, daß er es unrecht schreibe. Ich sagte, er schreibe Agat, anstatt Achat, nach dem Franzosen oder Engländer, welcher seine Ursachen habe, das ei, in ein x zu verwandeln. Aber nein; er schreibt nicht blos Agat, sondern gar Agath. Bewundern Sie den gelehrten Mann, dem eben seine Kenntniß der Griechischen Sprache so vortrefflich zu Statten kam! Als er bey dem Ma- riette, oder wer weiß wo, .^Fatv las: so fiel ihm zwar nicht ein, welche Verändrung der Franzose mit ek mache; aber es fiel ihm ein, daß er oft das tli in ein blosses t verwandele, und dieses brachte ihn auf das Wörtlein u^o-A-o?. Von diesem Wörtlein also leitete er die Benennung des Steines ab, und schrieb Agath; mit Norbchaltung, ohne Zweifel, diese Ableitung einmal gegen den Theophrast und Plinius, wcitläuftig zu erhärten. Wenn dieses ist: so will ich dem Hn. Klotz allenfalls einen Vorgänger nennen; den Andreas Vaccius nehmlich, welcher wie ich vermuthe auf eben diese Weise seine Kenntniß der Griechischen Sprache zeigen wollte. I^>i« ^cliatos, ver- versichcrt er, !>c äiews tmt, «zuuli lociadili!- . ts. l.i>>. ii. Antiquarischer Briefe fünf und drcyßigster. 106 einmal cinnimt. Es kömmt also mehr dem Körper selbst, als einer Veränderlichkeit desselben zu; und man würde berechtiget seyn, gerade umgekehrt zu fragen: «zu!ä voro ott obnlxo Zraclu? sä iclem quocl odnixo genu? Denn sicherlich ist es der Fuß, und nicht der Schritt oder Tritt des Fusses, welcher entgegen gcstcm- mct wird. Ich habe keine Auwres mit Erythräischen Registern zur Hand; aber dem ohngcachtct wollte ich wohl wetten, daß Herr Klotz keine Parallclstclle für odnixo graclu finden dürfte. Denn Fi-aclus twdilis, Zraclus eertus ist das noch lange nicht. Auch die Handschriften des Ncpos, glaubt er gegen mich anziehen zu können. Wenn Ft>i? Lllnc ceris tenkuiu lovus i>oslulst> porro nlerorumy.uk coitieum levlio Viro ei. »itver- lslur. lism in iis lexilur obnixociuv genu kcuto nro^e«l»Z> Verdum que iwn poltet öeess«, N ?c> iculo con^jui-xi «levsret cum ^ Iiskl». venique üvxlra m»nus tl-Tlu«, quiv pro^eetaw ksktitm tenel, srlikcs reeenliore sückils vN. Iiule nilüt vsrli Se Iise tlitlu» lliei potekl. (°) Hawb. Corrcsp. Nummer 1S4. d. v. Z. s,24. Sept. 17L8.j Antiquarischer Briefe sechs und dreyßigster. 107 in meinem Laokoon gewesen zu seyn scheine. Ein Tag lehret den andern. Laokoon war kaum gedruckt, als ich auf einen Umstand gerieth, der mich in dem Vergnügen, über meine vermeinte Entdeckung sehr störte. Zudem fand ich mich von Herr Winkelmanncn selbst gewis- sermaaßen irre gemacht. Denn es hat sich in die Beschreibung, welche er uns von dem Borghcsischen Fechter giebt, ein Fehler eingcschlichen, der ganz sonderbar ist. Herr Winkelmann sagt:(") „die ganze Figur ist vorwärts gcworffcn, und ruhet aus dem „linken Schenkel, und das rechte Bein ist hinterwärts auf das „äußerste ausgestreckt." Das aber ist nicht so: die Figur ruhet auf dem rechten Schenkel, und das linke Bein ist hinterwärts ausgestreckt. Vielleicht mochte dasjenige Kupfer, welches mir aus denen, die ich vor mir gehabt hatte, am lebhaftesten in der Einbildung geblieben war, nach einem nicht umgezeichneten Bilde gemacht seyn. Es war durch den Abdruck links geworden, und bestärkte folglich die Idee, die ich in der Winkelmannschen Beschreibung fand. Ohne Zweifel mag auch ein dergleichen Kupfer den Fehler des Herrn Winkelmanns selbst veranlaßt haben. Wahr ists, der erste Blick, den ich auch in einem solchem Kupfer auf die Figur im Ganzen gcworffcn hätte, würde mich von diesem Fehler haben überzeugen können. Denn derjenige Arm, welcher das Schild trägt, muß der linke seyn, wenn er auch schon im Kupfer als der rechte erscheinet; und der Fuß, diesem Arme gegenüber, muß der rechte seyn, wenn er schon in dem Kupfer der linke ist. Aber ich muß nur immer auf diesen allein mein Augenmerk gerichtet haben. Genug, ich bin mißgcleitet worden, und habe mich allzu sicher mißleiten lassen. Doch kömmt denn so viel darauf an, ob es der rechte oder linke Fuß ist, welcher ausfällt? Allerdings. Vcgetius sagt:(°°) Loivnclum prazterea, cum mittililius NFitur, linistros peäes inantv luilites Iialivro cloderv : ita vnim vidrallclls tpiculis venomvntior ictus ett. 8ecl cum aa pila, ut appellimt, venitur, K msmi aä inanurn gwälis puZnatur, tun«: äoxtros peclos inanto militos Iia (°) Geschichte der Kunst S. 395, (°°) ve rs miUl. UIi. I. e. Z0. 108 Antiquarischer Briefe sechs und dreißigster. doro llodont: ut vt latvra eorum sudäuoantur ad kottidus, nv zioktint vulnus aeeijieio, ^ proximior clvxtra lit, «zuse plgAsm z,oMt Inforre. So will es die Natur. Andere Bewegungen, andere Aeusserungen der Kraft, verlangen den rechten, andere verlangen den linken Fuß des Körpers voraus. Bey dem Wurfe muß der linke vor stehen; desgleichen wenn der Soldat mit gefälltem Spieße den anrückenden Feind erwarten soll. Denn der rechte Arm und der rechte Fuß, müssen nachstosscn und Nachtreten können. Der Hieb hingegen, und jeder Stoß in der Nähe, will den rechten Fuß voraus haben, um dem Feinde die wenigste Blöße zu geben, und ihm mit der Hand, welche den Hieb oder Stoß führet, so nahe zu seyn, als möglich. Folglich, wenn ich mir den Borghcsischen Fechter mit vorliegendem linken Schenkel, den rechten Fuß rückwärts gestreckt, dachte: so konnte es gar wohl die Lage seyn, welche Chabrias seine Soldaten, nach dem Nepos, nehmen ließ. Denn sie sollten in einer festen Stellung, hinter ihren Schilden, mit gesenkten Lanzen, die anrückenden Spartaner erwarten: die Schild- scite, und der Fuß dieser Seite mußte also vorstehen; der Körper mußte auf diesem Fuße ruhen, damit sich der rechte Fuß heben, und der rechte Arm mit aller Kraft nachstoßen könue. Hätte ich mir hingegen den rechten Schenkel des Fechters vorgcworffen, und den ganzen Körper auf diesem ruhend, lebhaft genug gedacht: so glaube ich nicht, — wenigstens glaube ich es itzt nicht, — daß mir die Lage des Chabrias so leicht dabey würde eingefallen seyn. Der vorliegende rechte Schenkel zeigt unwidersprcchlich, daß die Figur im Handgemenge begriffen ist, daß sie einem nahen Feinde einen Hieb versetzen, nicht aber einen anrückenden von sich abhalten will. Sehen Sie, mein Freund; das hätte Herr Klotz gegen meine Deutung einwenden können, einwenden sollen: und so würde es noch geschienen haben, als ob er der Mann wäre, der sich über dergleichen Dinge zu urtheilen anmaaßcn darf. Und gleichwohl ist auch dieses der Umstand nicht, von dem ich bekenne, daß er schlechterdings meine Muthmaßung mit eins vernichtet. Gegen diesen wüßte ich vielleicht noch Ausflüchte: aber nicht gegen den andern. Antiquarischer Priese sieben »nd drcyßigster. IM Sieben und dreyßigster Brief. Sie sollen ihn bald erfahren, den einzigen Umstand, gegen den ich es umsonst versucht habe, mich in dem süßen Traume von einer glücklichen Entdeckung zu erhalten. Denn eben hat ihn ein Gelehrter berührt. Und zwar eben derselbe Gelehrte, nm dessen nähere Erklärung über den Vorwurf der Verwechselung des Borghcsischen Fechters mit dem Milcs Vclcs zu Florenz, ich mir in dem drcyzchntcn dieser Briefes) die Freyheit nahm, zu bitten. Er hat die Güte gehabt, mir sie zu ertheilen. Lesen Sie beylicgcndcs Blatt. „Herr Lessing ist mit dem Recensenten der Winkelmannischen „Monument! inoäiti in unsern Anzeigen unzufrieden, daß er ihm „Schuld giebt, als habe er den Borghcsischen Fechter mit dem „sogenannten Miles Velcs im Museo Florcntino verwechselt. „Herr Lcssing hat Recht; dcr Recensent hätte allerdings dieses „wenigstens durch ein, es scheinet, ausdrücken solle». Herr „Lcssing lehnt auch wirklich einen solchen Verdacht auf eine „nachdrückliche Wcisc von sich ab. Hierzu kömmt in der That „noch dieses, daß der Milcs Vclcs den Schild cbeu so wenig „vor sich an das Knie gestemmt hält, und daß also das „odnixo Avnu teuto eben so wenig statt findet; obgleich sonst „die Stellung eines Kriegers, der seinen Feind erwartet, „und insonderheit das gebogene Knie, auf die beschriebene „Stellung des Chabrias eher zu passen schien; in so fern man „annehmen kann, daß des Chabrias Soldaten den Schild auf „die Erde angesetzt, ein Knie gebogen und daran gestemmet, „und auf diese Weise ihre Kraft verdoppelt haben. Eben diese „Vorstellung hatte dem Recensenten Anlaß zu jener Vermuthung „gegeben, welche freylich Herr Lessing mit Grunde von sich abreiset, und abweiftn kann. Zcnc Stellung läßt sich vielleicht „auch cbcn so gut, und noch besser im Stehen denken, so daß „dcr Soldat das Knie an den Schild anschließt, um dem anbringenden Feinde mit Nachdruck zu widerstehen." — (°) S. 4z. (°°) Go'ttingschc Anzeign, Et, 130. S. 1068 vorigen Jahres. tt0 Antiquarischer Briefe sieben nnd dreyßigfier. Das ist alles, was ich verlangen; das ist alles, was ich von einem rechtschaffnen Manne erwarten konnte! Er, dem cs blos nm die Aufklärung der Wahrheit zu thun ist, kann wohl dann und wann ein Wort für das andere, eine Wendung für die andere ergreifen; aber sobald er sieht, daß dieses unrechte Wort, daß diese unrechte Wendung einen Eindruck machen, den sie nicht machen sollen, daß kleine hämische Kläffer dahinter her bellen, und die nnwissendc Schadenfreude den Wurf, der ihm entfuhr, für abgezielt ausschrcict: so steht er keinen Augenblick an, das Mißverständnis? zu heben; die Sache mag noch so geringschätzig scheinen. Was wäre es denn nun, zwey Statuen verwechselt zu haben? — Freylich wäre cs für die Welt weniger als nichts: aber für den, der sich einer solchen Nachläßigkcit schuldig machen könnte, und gleichwohl von dergleichen Dingen schreiben wollle, wäre cs viel. Das tjuiä pro quo wäre zu grob, um das Zutrauen seiner Leser nicht dadurch zu verscherzen. Ich will mich erklären, in wie fern ich auf dieses Zutrauen sehr eifersüchtig bin. Niemanden würde ich lächerlicher vorkommen, als mir selbst, wenn ich auch von dem aller eingeschränktesten unfähigsten Kopfe verlangen könnte, ein Urtheil, eine Meinung blindlings, blos darum anzunehmen, weil cs mein Urtheil, weil cs mcinc Meinung ist. Und wie könnte ich so ein verächtliches Zutrauen fordern, da ich cs selbst gegen keinen Menschen in der Welt habe? Es ist ein weit anständigers, worauf ich Anspruch mache. Nehmlich: so oft ich für meine Meinung, für mein Urtheil, Zeugnisse und Facta anziehe, wollte ich gern, daß niemand Grund zu haben glaubte, zu zweifeln, ob ich diese Zeugnisse auch wohl selbst möchte nachgesehen, ob ich diese Facta auch wohl aus ihren eigentlichen O-uellcn möchte geschöpft haben. Ich verlange nicht, mit dem Kaufmanne zu rcdcn, für einen reichen Mann geachtet zu werden: aber ich verlange, daß man die Tratten, die ich gebe, für aufrichtig und sicher halte. Die Sachen, welche zum Grunde liegen, müßen so viel möglich ihre Richtigkeit haben: aber, ob auch die Schlüßc, die ich daraus ziehe? da traue mir niemand; da sehe jeder selbst zu. Antiquarischer Briefe sieben und dreyßigstcr. 111 Sonach: wenn man den Borghcsischen Fechter, den ich für den Chabrias halte, nicht dafür erkennen will; was kann ich dawider haben? Und weitn man mich wirklich überführt, daß er es nicht seyn könne; was kann ich anders, als dem danken, der mir diesen Irrthum benommen, und verhindert hat, daß nicht auch andere darein verfallen? Aber wenn man sagt, der Bor- ghcsischc Fechter, den ich zum Chabrias machen wolle, sey nicht der Borghesische Fechter: so ist das ganz ein anderes. Dort habe ich mich gcirrct, indem ich die Wahrheit suchte: und hier hätte ich als ein Geck in die Lust gesprochen. Das möchte ich nicht gern! Doch, wie gesagt, es ist nicht geschehen; der Göttingschc Gelehrte hat auch gar nicht sagen wollen, daß es geschehen sey; nur Hr. Klotz hat, ohnstrcitig aus eigner Erfahrung, einen solchen Blundcr für möglich halten können; jener würdigere Widersacher hat blos sagen wollen, daß meine Deutung besser auf eine andere Statue, als auf die, von der ich rede, passen dürfte. Doch auch hierauf, wie Sie werden bemerkt haben, scheinet er nicht bestehen zu wollen. Denn auf der einen Seite erklärt er sich, daß die Stellung des Milcs Velcs gleichfalls nicht vollkommen der Beschreibung des Nepos entspreche, indem das obolxo Zvnu Icuto, nach der gemeinen Auslegung, eben so wenig von ihm, als von dem Borghesischen Fechter gelte: und auf der andern räumt er ein, daß der stehende Stand des Borghesischcn Fechters sich mit den Worten des Nepos eben so wohl zusammen räumen lasse, als der kniende des Milcs VelcS. Er hält sich auch in der Folge lediglich an meine Deutung selbst, und zeigt blos umständlicher und genauer, warum diese nicht Statt haben könne, ohne sie weiter seiner Florcntinischcn Statue zueignen zu wollen. Denn lesen Sie nur: „Nun bleiben aber doch gegen die andere von Hrn. Lcssing „vorgebrachte Meinung, daß der Borghesische Fechter den Cha- „brias vorstellen solle, folgende Schwierigkeiten übrig, welche „der Recensent damals freylich nicht beybringen konnte. Nepos „beschreibt die Stellung der Soldaten des Chabrias so, daß sie „einen Angriff des eindringenden und anprallenden Feindes ha- „ben aufhalten wollen: reliyuam plialanZvm loco vetuit eoäere, 112 Antiquarischer Briefe sieben und dreyßigstcr. „ vlimxosMv ALnu scnto ^ro^oetauo kiatta imjiotum oxel^vro I»o- ^ktlum clocnlt. Der natürliche Verstand der Worte scheinet der „zu seyn, daß die Soldaten das Knie an den Schild anstemmen, „und so den Spieß vorwärts halten mußten, daß der Feind „nicht einbrechen konnte. Diese Erklärung wird durch die bci- „den Parallelstcllcn im Diodor und Polyän, und durch die Lage „der Sache Mit den übrigen Umständen selbst, bestätiget; denn „der Angriff der Lacedcmonier geschah gegen die auf einer An- „höhc gestellten Thcbaner. (Vergl. Xe-iopu. ker. . 94. «k? IV. II vreles» KliuIiiUorv löiudra sl»I»» eretta in memor'ia cl'nn xneriiero eiiv tl i?rs sexnalnw »eil' »sleM» M Icne ein». 8" 116 Antiquarischer Briefe sieben und drcyßigster. Wenigstens, glaube ich, würde er einen Ausfall der Belagerten haben annehmen müssen, wenn man in ihn gedrungen wäre, sich umständlicher, auch nach der übrigen Lage der streitigen Vorstellung, zu erklären. Denn nur bey dieser kaun der Belagerer mit dem Feinde, zugleich aus der Ferne und in der Nähe, zu streiten haben; nur bey dieser kann er gcnöthigct seyn, sich von oben her gegen das, was von den Mauern der belagerten Stadt aus ihn gcworffen wird, zu decken, indem er zugleich handgemein geworden ist. Handgemein aber ist diese Figur, die wir den Fechter nennen; das ist offenbar. Sie ist nicht in dem blossen unthätigen Stande der Vertheidigung; sie greift zugleich selbst an, und ist bereit, einen wohl abgepaßten Stooß aus allen Kräften zu versetzen. Sie hat eben mit dem Schilde ausgcschlagcn, und wendet sich auf dem rechten Fuße, auf welchem die ganze Last des Körpers liegt, gegen die geschützte Seite, um da dem Feinde in seine Blöße zu fallen. Bis hichcr ist also von den Einwendungen des Göttingschcn Gelehrten, dieses die schlicsscndcre! „Der Soldat des Chabrias „sollte den anprcllcnden Feind blos abhalten; die Stellung des „ Borghcsischcn Fechters aber ist so, daß er nicht sowohl den „Angriff aufhält, als selbst im lebhaftesten Ausfalle begriffen „ist: folglich kann dieser nicht jener, jener nicht dieser seyn." Sehr richtig; hierauf ist wenig, oder nichts zu antworten; ich habe mich in meinem vorigen Briefe auch schon erkläret, woher es gekommen, daß mich das Angreifende in der Figur so schwach gerührt hat: aus der Verwechslung der Füße nehmlich, zu welcher mich Winkelmann wo nicht verleitet, in der er mich wenigstens bestärkt hat. Acht und dreyßlgster Brief. Aber noch war ich in meinem Vorigen nicht, wo ich sey» wollte. — Der bildende Künstler hat eben das Recht, welches der Dichter hat; auch sein Werk soll kein bloßes Denkmal einer historischen Wahrheit seyn; beide dürfen von dem Einzeln, so wie es existirct bat, abweichen, sobald ihnen diese Abweichung eine Höhcrc Schönheit ihrer Kunst gewähret. Antiquarischer Briefe acht und dreyßigsier. 117 Wenn also der Agasias, dem es die Athcnienser aufgaben, den Chabrias zu bilden, gefunden hätte, daß der unthätige Stand der Schutzwehr, den dieser Feldherr seinen Soldaten geboth, nicht die vorthcilhaftcste Stellung für ein permanentes Werk der Nachahmung seyn wurde: was hätte ihn abhalten können, einen spätern Augenblick zu wählen, und uns den Helden in derjenigen Lage zu zeigen, in die er nothwendig hätte gerathen müssen, wenn der Feind nicht zurück gegangen, sondern wirklich mit ihm handgemein geworden wäre? Hätte nicht sodann nothwendig Angriff und Vertheidigung verbunden seyn müssen? Und hätten sie es ungefehr nicht eben so seyn können, wie sie es in der streitigen Statue sind? Welche hartnäckige Spitzfindigkeiten! werden Sie sagen. — Zch denke nicht, mein Freund, daß man eine Schanze darum sogleich aufgicbt, weil man voraussieht, daß sie in die Länge doch nicht zu behaupten sey. Noch weniger muß man, wenn der tapfere Tydcus an dem einen Thore stürmt, die Stadt dem minder zu fürchtenden Parthcnopäus, der vor dem andern lauert, überliefern wollen. Beschuldigen Sie mich also nur keiner Sophisterey, daß, indem ich mein Unrecht schon erkenne, ich mich dennoch gegen schwächere Beweise verhärte. — Das Wesentliche meiner Deutung beruhet auf der Trennung, welche ich in den Worten des Nepos, obnixo Fvnu 5euw, annehmen zu dürfen meinte. Wie sehr ist nicht schon über die Zweydeutigkeit der lateinischen Sprache geklagt worden! Scuto kann eben sowohl zu oknix» gehören, als nicht gehören: das eine macht einen eben so guten Sinn als das andere; weder die Grammatik, noch die Sache, können für dieses oder für jenes entscheiden; alle hermencvtischc Mittel, die uns die Stelle selbst anbietet, sind vergebens. Zch dürfte also unter beiden Auslegungen wählen; und was Wunder, daß ich die wählte, durch welche ich zugleich eine andere Dunkelheit aufklären zu können glaubte? Aber gleichwohl habe ich mich übereilt. Zch hätte vorher nachforschen sollen, ob Nepos der einzige Schriftsteller sey, der dieses Vorfalles gedenkt. Da es eine Griechische Begebenheit ist: so hätte mir einfalle» sollen, daß, wenn auch ein Grieche 418 Antiquarischer Briefe acht und dreyßigsicr. sie erzählte, er schwerlich in seiner Sprache an dem nehmlichen Orte die nehmliche Zweydeutigkeit haben werde, die uns bey dem lateinischen Scribcntcn verwirre. Und wenn ich dann gefunden hätte, daß das, was Nepos durch olimxo Zonu keuto so schwankend andeutet, von einem durch «o-^F«^ n^o? ?o ^ov^ n^tvov?«?, und von dem andern durch «o^F-^ )/ovi^ ^oxpxto-oc^xvo^? ausgedrücket werde: würde ich wegen des eigentlichen Sinnes jener lateinischen Worte wohl noch einen Augenblick ungewiß geblieben seyn? Unmöglich. Nun findet sich wirklich das eine bey dem Diodor, und das andere bey dem Polyän. (^) Beider Ausdruck stimmt fast wörtlich übercin, und gehet dahin, uns die Schilde an, oder vor, oder auf dem Knie denken zu lassen. Der andere Sinn, den ich dem Nepos leihen konnte, ist in die Griechen nicht zu legen, und muß folglich der unrechte auch nothwendig bey dem Lateiner seyn. Kurz: die Parallelstellen des Diodor und Polyän entscheiden alles, und entscheiden alles allein; obgleich der Göttingschc Gelehrte sie mehr unter seine Velites als Triarios zu ordnen scheinet. Sie nur hatte ich im Sinne, als ich sagte, l^") ^daß man mir gegen meine Deutung ganz etwas anders einwenden können, als damals noch geschehen sey, und daß ich nur diese Einwendung erwarte, um sodann entweder das letzte Siegel ans meine Muthmaßung zu drucken, oder sie gänzlich zurück zu nehmen." Ich nehme sie gänzlich zurück: der Borghcsische Fechter mag meinetwegen nun immer der Borghesische Fechter bleiben; Cha- brias soll er mit meinem Willen nie werden. Zn der künftigen Ausgabe des Laokoon fällt der ganze Abschnitt, der ihn betrift, weg: so wie mehrere antiquarische Auswüchse, auf die ich ärgerlich bin, weil sie so mancher ticfgelchrte Kunstrichter für das Hauptwerk des Buches gehalten hat. (°) nwa, Sie. liib. XV. c. SS. Lüil. >VetteI. 'r> II. p. 27. (°°) Llr-U. Mi. II. cap. I. S. C") Br. xm. S> 43. Antiquarischer Briefe neun und dreyßiger. Neun und dreyßigster Brief. Meinen Sie, daß es gleichwohl Schade um meine» ChabriaS sey? Daß ich ihn doch wohl noch hätte retten können? — Und wie? Hätte ich etwa sagen sollen, daß Diodor und Polyäu spätere Schriftsteller wären, als Nepos? Daß Nepos nicht sie, wohl aber sie ihn könnten vor Augen gehabt haben ? Daß auch sie von der Zweydeutigkeit des lateinischen Ausdrucks verführt worden? Ey nun ja, das wäre wahrscheinlich genug! Doch ich merke Zhre Spöttcrcy. Die Henne ward über ihr Ey so laut; und es war noch dazu ein Windcy! Freylich! Indeß, wann Sie denken, daß ich mich meines Einsalls zu schämen habe, weil ich ihn selbst zurücknehmen müssen: so denken Sie es wenigstens nicht mit mir. — Zn dem antiquarischen Studio ist es öfters mehr Ehre das Wahrscheinliche gefunden zu haben, als das Wahre. Bey Ausbildung des erstem war unsere ganze Seele geschäftig: bey Erkennung des andern, kam uns vielleicht nur ein glücklicher Zufall zu Statten. Noch itzt bilde ich mir mehr darauf ein, daß ich in den Worten des Nepos mehr, als darinn ist, gesehen habe; als daß ich endlich beym Diodor und Polyän gefunden habe, was ein jeder da finden muß, der es zu suchen weis. Was wollen Sie auch ? Hat meine Muthmaßung nicht wenigstens eine nähere Discussion veranlaßt, und zu verdienen geschienen? Und ob ich schon der streitigen Statue aus der Stelle des Nepos kein Licht verschaffen können: wie wenn wenigstens diese Stelle selbst ein größeres Licht durch jenen unglücklichen Versuch gewänne? Ich will zeigen, daß sie dessen sehr bedarf. — So viel ich noch Ausleger und Uebersetzcr des Nepos nachsehen können, alle ohne Ausnahme haben sich die Stellung des Ehabrias als kniecnd vorgestellt. So muß sie auch der Göttingschc Gelehrte gedacht haben, weil er sie in dem Miles Velcs zu Florenz zu finden glaubte, der auf dem rückwärts gestreckten linken Knie liegt, und das rechte Schienbein vorsetzet. So muß sie nicht weniger Herr Prof. Sachse annehmen, der eine Achnlichkcit von ihr, auf einem geschnittenen Steine, ebenfalls zu Florenz, in der 120 Antiquarischer Briefe neun und drcyßigsicr. Figur des verwundeten Achilles zu sehen meinet, welche das linke Schienbein vorsetzend, auf dem rechten Knie lieget, und sich den Pfeil nächst dem Knöchel dieses Fußes herauszieht. Kurz, sie müssen alle geglaubt haben, daß das eine Knie nicht gegen das Schild gestemmt seyn können, ohne daß das andere zur Erde gelegen. Aber haben sie hieran wohl Recht? — Wo ist ein Wort beym Ncpos, das auch, nur einen Argwohn von dieser knicendcn Lage machen könne? Wo bey dcmDiodor? Wo bey dem Polyän? Bey allen dreyen befiehlt Chabrias seinen Soldaten weiter nichts, als 1) geschlossen in ihren Gliedern zu bleiben — Inco votult coclero — ^ ^l.xi'ov?«^ — irpochoi^l.xt,'!.', vxcv -rso-^x^i 2) die Spieße gerade vor zu halten — prv^cta Iiailt.l — op^u) ?ui ckopwT'l ^svetv — c5o5>«?'« o^A-« ^oT-xcvcx^-vo^?; 3) die Schilder gegen das Knie zu senken, oder an das Knie zu schließen — odmxo gonu teuto — «c/?rt. Fllc? ?rc>o^ ^'o'v'u x^tvovT'«^ — ?cx? «o'iclFllc^ x-; ^-ovi^ zr^o x^o-^^i^i.'?. Da ist nichts vom Niederfallen; da ist nichts, was das Niederfallen im geringsten crfodcrn könnte! — Man erwäge ferner, wie ungeschickt sogar die kniecnde Lage zu der Wirkung gewesen wäre, die sich Chabrias versprach. Kann der Körper im Knieen wohl seine ganzen Kräfte anstrengen? Kann er den Spieß so gerade, so mächtig vorhalten, als im Stehen? Das 09^« 6oji«?-« will, daß die Spieße horizontal gesenkt worden. Sie sollten dem Feinde gerade wider die Brust gehen; und im Knieen wurden sie ihm gerade gegen die Beine gegangen seyn. Noch weniger würde sich das Knieen zu einem Umstände schicke», der dem Diodor bey Beschreibung dieser Evolution eigen ist. Er sagt, Ehabrias habe seinen Soldaten befohlen, ci^oii 501^ n5oX.x^>,ioi^ sc«7'«7cxcs?z>ov^xo7'(t>5, die Feinde ganz verächtlich zu empfangen; und der Feind habe sich wirklich durch diese x«7-«cppoviio-tv abschrecken lassen. Die kniecnde Lage aber hat von diesem Verächtlichen wohl wenig oder nichts; sie verräth gerade mehr Furchtsames, als Verächtliches; man sieht seinen Gegner darinn schon halb zu seinen Füßen. Man wende mir nicht ein, daß noch itzt das erste Glied des Fußvolks den Angriff der Rcitcrcy auf dem Knie empfängt. Antiquarischer Briefe neun und dreyßigstcr. 121 Dieser Fall ist ganz etwas anders. Das erste Glied befindet sich bey Erthcilung der letzten Salve schon in dieser Lage; der Feind ist ihm schon zu nahe, sich erst wieder aufzurichten. Zudem ist wirklich die schiefe Richtung des aufgepflanzten und mit der Kolbc des Gewehrs gcgcn die Erde gesteiften Bajonets dem ansprcngcnden Pferde gefährlicher, es spießt sich von oben herein tiefer. Wenn aber Fußvolk, Fußvolk mit gesenktem Bajonett auf sich anrücken siehet, bleibt das erste Glied gewiß nicht aus den Knieen, sondern richtet sich auf, und empfängt seinen Feind stehend. Eben das thaten die Triarii bey den Römern. So lange die fordern Treffen stritten und standen, lagen sie auf ihrem rechten Knie, das linke Bein vor, ihre Spieße neben sich in die Erde gesteckt, und deckten sich mit ihren Schildern, n«- ktnntvSz wie Vegetills sagt, venientibus teils vulnerarentur. Allein sie blieben nicht auf den Knieen, wenn die fordern Treffen geschmissen waren, und der Streit nunmehr an sie kam. Sondern sodann richteten sie sich auf, conlui-Aoliant, und gingen dem Feinde mit gefällten Spießen entgegen. Nicht also ihre SuIirvMo intra nicht ihre Bergung hinter dem Schilde auf dem Knie, in der sie noch keinen Feind vor sich hatten, und sich blos gcgcn das Geschoß aus der Ferne, so wie es über die fordern Treffen flog, deckten: nicht die, sondern ihre aufgerichtete aoies selbst, «zm»; listtis vvlut vsllo le^ta inkorre- dat, kann mit dem Stande der Soldaten des Ehabrias verglichen werden. Nur daß diese den Feind blos festen Fußes erwarteten, und ihm nicht entgegen rückten, um den Vortheil der Anhöhe nicht zu verlieren. Das ist unwidersprcchlich, sollt ich meinen; und ich habe sonach die Stelle des Nepos, da ich einen stehenden Krieger darin» erkannte, doch immer noch richtiger eingesehen, als alle die, welche sich cincn kniccndcn einfallen lassen. Ja es ist so wenig wahr, daß Hrn. Sachsens verwundeter Achilles, in Betracht seiner Stellung, mit dem Chabrias könne verglichen werden; oder daß der Milcs Beles, wie ihn Gori genannt hat, eher noch Ehabrias seyn könne, als der Borghcstschc Fechter, wie der Göttingschc Gelehrte will: daß vielmehr an jene beide 122 Antiqu.irischcr Briefe neun und drcyßigsier. auch gar nicht einmal zu denken ist, wenn man unter den alten Kunstwerken eine Achnlichkcit mit jener Stellung des Chabrias aufsuchen will. Sie kniccn; und die Statue des Chabrias kaun schlechterdings nicht geknicct haben. Was liesse sich gegen den Miles Vcles nicht noch besonders erinnern! Er hat im geringsten nicht das Ansehen eines Kriegers, welcher seinen Feind erwartet: denn er liegt auf dem linken Knie, und der nehmliche Arm mit dem Schilde weicht zurück. Könnte man auch schon annehmen, daß „des Chabrias Soldaten den Schild auf die Erde angesetzt, ein Knie gebogen und daran gcstcmmct, und auf diese Weise ihre Kraft verdoppelt hatten:" so müßte doch dieses eine gebogene Knie das linke gewesen seyn, das rechte hätte es unmöglich seyn können; von dem Miles Vcles aber liegt das linke zur Erde. Auch ist der rechte Arm desselben gar nicht so, wie er seyn müßte, wenn er mit demselben irgend ein Gewehr gegen den anrückenden Feind halten sollte. Nicht zu gedenken, daß die Figur bekleidet, und die Arbeit römisch ist, ob sie gleich keinen Römer vorstellet, und noch weniger einen Griechen vorstellen kann. Ich habe das Museum Florcntinum nicht vor mir, um mich in einen umständlichen Beweis hierüber einlassen zu können. Aber des Schildes erinnere ich mich deutlich, das dieser vermeinte Miles Vcles trägt. Es hat Falten; welches zu erkennen giebt, daß es ein Schild von bloßem Leder war; kein hölzernes mit Lcder überzogen. Dergleichen 6x^,i,«?wot A-upsoi aber waren den Karthaginenscrn, und andern Afrikanischen Völkern eigenthümlich. (") Doch was halte ich mich bey einem Werke auf, das mich so wenig angeht? Mein Gegner selbst gestehet, „daß sich die Stellung des Chabrias vielleicht eben so gut und noch besser im Stehen denken lasse, so daß der Soldat daS Knie an den Schild anschließt, um dem andringenden Feinde mit Nachdruck zu widerstehen." Und was ist das anders, als seine Vermuthung, daß jene kniecnde Figur Chabrias sey, mehr als um die Hälfte zurücknehmen? Ich schmeichle mir, wenn er meine (°) V. liiMus >w IMM. Num, Ii>!. lll. viiU, t. l>> m> t»li. Antiquarischer Briefe neun und dreyßigster. 123 Gründe in Erwägung ziehen will, daß er sie auch wohl ganz zurücknimmt, und sich überzeugt erkennet, daß die Stellung des Chabrias sich nicht blos auch oder besser im Stehen denken lasse, sondern daß sie durchaus nicht anders gedacht werden könne, als im Stehen. Nun aber, diese stehende Stellung als ausgemacht betrachtet: wie müssen wir uns die Haltung des Schildes selbst vorstellen, UM das olmixum Fenn des Ncpos, das xX,tvx/,v Trpo^ 7-0 ^>ov^ des Diodorus, und das r-; ^ov^> «po^ülFscr^-xl des Polyänus davon sagen zu können? Ich denke so! — Sie wissen, ohne es erst von Hr. Klotzen aus geschnittenen Steinen gelernt zu haben, (") daß es an den Schilden der Alten innerhalb zwey Riemen gab, die zur Befestigung und Regierung des Schildes dienten. Durch den obern ward der Arm bis an das Gelenke gesteckt, und in den untersten griff die Hand. Hr. Klotz nennt, so wie er überhaupt stark ist, sich von allen Dingen auf das eigentlichste und bestimmteste auszudrücken, beide diese Riemen Handhaben, und sagt, daß die Soldaten den Arm durch beide gesteckt. Die Griechen haben ein doppeltes Wort für diese Riemen, o'x«vov und ?ropir«^; und ich meine, daß ox,«vov eigentlich den obern Riemen, den Armriemen, (wenn man sich dieses Wort dafür gefallen lassen will) 71097^ aber den untern Riemen bedeutet, der allein die Handhabe hcissen kann. (*"°) An dem ox-n'u, (°) S, 40Z. (°°) „Linguett hätte die Steine betrachten sollen, auf welchen man den „doppelten Riemen am Schilde deutlich sieht, durch den die Soldaten den „Arm steckten. Auf andern ist nur eine dergleichen Handhabe zu sehen. I. 0. (°°°) Lipsius (.4n»l> »cl, imiii. r>. m. XVll.) hat sich von diesem Unterschiede nichts einfallen lassen, und o'x°»'o" und -rc>^«- für völlig gleichbedeutende Wörter genommen. Daß sie dieses aber nicht gewesen, zeiget selbst die Stelle beym Svidas, oder dem Scholiastcn des Aristophancs, in der es ungewiß gelassen wird, ob den Armricmen oder die Handhabe bedeute. Ich sage also auch nicht, daß o'x«,'<»> und nie verwechselt worden, und daß es keine Fälle gegeben, wo man unter dem einen auch das andere verstanden. Sondern ich rede blos von der eigenthlimlichen Bedeutung eines jede» dieser Wörter, wenn sie so stehen, daß »ur einer von beiden Tragrie- 124 Antiquarischer Briefe neun und dreyßigsicr. blieb das Schild beständig fest: den uropir«^ aber konnte der Soldat fahren lassen, und ließ ihn fahren, so oft er die linke Hand nöthiger brauchte. Dieses scheinet Lipsius nicht erwogen zu haben, wenn er aus dem größern Schilde, welches die Tria- rii geführet, schlicsscn will, daß ihre Spicsse nicht allzulang könnten gewesen seyn, weil sie dieselben nur mit einer Hand führen müssen. Sie konnten die andere Hand dazu nehmen, und nahmen sie wirklich dazu, wenn sie die Spicsse mit grösserer Macht vorhalten, oder irgend einen kräftigern Stooß damit führen wollten. Und nun überlegen Sie, wenn der Soldat die Handhabe des Schildes fahren ließ, um mit der Linken zugleich den Spieß zu fassen, und das Schild nur blos an dem Armricmcn hangen blieb: in welche Lage das Schild nothwendig fallen mußte? mcn gcmcinct scvn kann. Alsdann, sage ich, hcissct der Armriemcn, welches mich die Stelle des Hcrodotus lehret, wo er sagt, dass die o'x«'« der Schilder von den Caricru erfunden worden, da man sie vorher blos mit Riemen um den Hals gehangen, und so die linke Seite damit geschützt habe. Denn -cc>tz-r«x-?, Handhaben, mußten an den Schilden nothwendig auch damals schon scvu, um sie von dem Leibe abzuhalten und nach Befinden zu lenken. Die Caricr erfunden blos, das; es besser scv, die Schilde an dem Arme selbst zu befestige», als um den Hals zu tragen. 'v l-ime» eere«, Iiilst-e Müllen niiiu« lunizie, nee ut iVIseeclunui» l»iissie, (>»i iMuisfeni? teulum i»ii- ^u» linikti» ?liiuii gerevaiU; nee viUeiUlii »is> unit »lim» comnwilv trs- eliMv Mit» Iiüllil». Antiquarischer Briefe neun und dreyßigsier. 125 Da der Armricmcn mehr gegen den obern Theil befestiget war: so konnte der übrige Theil nicht anders als herabsinkcn, gegen den vorgesetzten linken Fuß herabsinken, und wenn es lang genug war: das Knie desselben bedecken. Das Knie konnte sich sodann an das Schild stemmen: und kurz, es erfolgte der völlige Stand, den Chabrias seinen Soldaten zu nehmen befahl. Er befahl ihnen, in ihren Gliedern stehen zu bleiben; die Handhabe des Schildes fahren zu lassen, wodurch die Schilde auf das Knie herab sanken, « ^ovi^ n^iv-zv^«^; zugleich mit der Linken den Spieß zu ergreifen, und so, -v o^A-ui 7-UI 60?«?-, ^ev-n', mit gefällten Spicsscn den Feind zu erwarten. Das ist die ungezwungenste Umschreibung der Worte des Diodor, und kann es eben sowohl von den Worten des Ncpos und des Polyänus seyn. Wollten Sie zweifeln, ob die Alten wirklich ihren Schild blos an dem Armricmcn hangen lassen, um die linke Hand mit zu Führung des Spiesscs zu brauchen: so werfen Sie einen Blick auf einen Stein beym Natter. Er ist, als ob ich ihn zum Behuf meiner Meinung ausdrücklich hätte schneiden lassen; und ich kann mich daher nicht enthalten, Ihnen einen Abriß davon beyzulegen.^) Betrachten Sie: hier hängt offenbar das Schild des stehenden Soldaten, der seinen verwundeten Gefährten vertheidiget, an dem bloßen Armricmcn, und hängt so tief herab, daß es völlig das vorgesetzte Knie decken könnte, wenn der Spieß nicht so hoch, sonder» mehr gerade aus gcführct würde. Wundern Sie sich aber nicht, daß das Schild innerhalb dem Arme hängt; der Künstler wollte sich die Ausführung des linken Armes ersparen, und versteckte ihn hinter dem Schilde, da er eigentlich vor ihm liegen sollte. Vielleicht erlaubte es auch der Stein nicht, in den Schild oben tiefer hineinzugehen, und so den Arm herauszuhohlen, als unten der Kopf des liegenden Kriegers herausgchohlet ist. Dergleichen Unrichtigkeiten finden sich auf alten geschnittenen Steinen die Menge, und müssen, der Billigkeit nach, als Mängel betrachtet werden, zu welchen die Beschaffenheit des Steines den Künstler gezwungen hat. (°) S. Taf. 11. Beym Natter ist es die munte Tafcl, 120 Antiquarischer Briefe rierzuisicr. Vierzigster Brief. Und mm wieder zu Hr. Klotzen! Es wäre unartig, wenn wir ihm mitten aus dem Eollcgio wegbleiben wollten. Er lehret nns zwar wenig: aber dem ohngcachtet können wir viel bey ihm lernen. Wir dürfen mir an allem zweifeln, was er sagt, niid nns weiter erkundigen. Wo blieben wir? — Bey der Art, wie die alten Steinschneider in ihrer Kunst verfahren, von der Plinius wenig oder nichts gewußt haben soll. Daß Hr. Klotz nichts davon weiß, haben wir gesehen. Doch will er noch „zwey Anmerkungen beyfügen, die beide das Mechanische der Kunst betreffen." Die erste dieser Anmerkungen geht auf die Form der Steine. „Die alten Künstler, sagt Hr. Klotz, „pflegten gern ihre „Steine hoch und schildförmig zu schleifst»." — Einen Augenblick Geduld! Die alten Künstler? Sie selbst? Das heißt, ihnen auch sehr viel zumuthcn. So weit, sollte ich meinen, hätten sich die alten Künstler die Steine wohl können in die Hand arbeiten lassen. Es sind ja itzt drey ganz verschied»? Leute, die sich in die Verarbeitung der Edelsteine getheilt haben: der Steinschleifer lc- I^pilluire; der Steinschneider, lo ki-avour v» pil-rros lmes; und der Juwelier, !Ie i'»5mer ou lle elilriker les voriislines les vn^x, vu l!t quiliNile i>i'i»ÜAieule >Ie O»r»»Ii»es ünes L lusl xritvöes que les ^nciens iivus o»t IrilnsmisesZ Isnclis - «n uns eiUre nulle >zui sit le meine seu. II ^ » encore (lautres riüsviis plus kvrles L zilus convsineiiittes e» filveur ils eette eoi^eciure; msis Zs laislv ilu.v Ourieux !t le« üeviiier, vn sttemlsut ijue ^e lrvuve iine »utre oee!»ti«ii üe les leur eomiuuiii. XXXVII. Leet. 74. (°°°) XVI. Seol. 18. 128 AntuMiischcr Vriefe vicrjigsicr. Aus den Händen dieser politomm zemmmum empfingen also die Se-U^tm-os die Steine, in welchen sie ihre Kunst zeigen wollten. Sie von ihnen selbst zuschlcifcii lassen, heißt den Bildhauer in die Kluft schicken, daß er den Marmorblock, den er beleben will, auch selbst brechen soll. Die Ompvl'itoi'os gemm-u'um waren die, welche die geschliffenen oder geschnittenen Steine faßten, und so, wie sie sich nach ihren Farben am beste» zusammen schickten, ordneten. Denn da die Alte» einen ganzen Schmuck von lauter Steinen einer und eben derselben Farbe vielleicht nicht liebten, im Grunde auch so leicht nicht zusammen bringen konnten, als es uns bey der ungleich größern Menge von Steinen jeder Art möglich ist: so kam sehr viel darauf an, die Steine von vcr- schiedne» Farben so zu verbinden, daß keiner den andern schändete, und sie alle zusammen eine gute Wirkung auf das Auge machten. Dieser eomvoNtoiun» gedenkt Plinius, wo er von dem Opale redet: l^) Opali kmarilAcl!« tantuin cotleiites. Inclia Ivla koium v5t matei'; at» ^lotiollltiniis gvmmis comii-iiilti ma- ximv inonari seilen» clocloro tlisliLuItatem, num Femiuis slüs, «juaium kimilituciiiiom refeiuiit^ ^otioros vos liilliori o^>oitvret. Es ist wahr, nun versteh ich es recht wohl, was Harduin will: aber eine solche unaussprechliche Schwierigkeit kömmt mir doch auch sehr seltsam vor. Eine unaussprechliche Schwierigkeit, einem Dinge einen Werth zu setzen, was keinen bestimmten Werth haben kann! Es kam ja lediglich auf den Gc- (°) I.Uir. XXXVIl. rsp, 0. Antiquarischer Briefe vierzigster. 129 schmack des Liebhabers an. Meinetwegen mag also Harduins Verbesserung gefallen, wem sie will; ich bleibe bey der alten Lesart, die doch wohl auch Manuskripte muß für sich gehabt haben, und auf alle Weise dem Zusammenhange gemäßer und des Pliuius würdiger ist. Nur weil Harduin, wie es scheint, nicht wußte, welche Zdec er sich eigentlich von den hier erwähnten Künstlern machen sollte, kam ihm die ganze Stelle dunkel vor. Er bildete sich vielleicht ein, daß eompokitores gemma- i'um so viel als mANAones, »dultei-atores Aemiriarum seyn sollten: und sie waren das, was ich gesagt habe. Sie faßten und setzten; und bey dieser Arbeit erfuhren sie denn, daß der Opal, dem pretioMtima Zloria als eines seltenen Steines zukomme, der nur in Indien gefunden werde, zugleich moiisri-aliilein äifli- eultatom habe; nehmlich in Ansehung seiner Verbindung mit andern Steinen. Denn da der Opal keine bestimmte Farbe hat, sondern mehr als eine zeiget, so wie man ihn wendet und die Lichtstrahlen sich durch ihn brechen: so muß ihm sein Platz bey andern farbigen Steinen sehr schwer anzuweisen seyn, die sich unmöglich nach allen seinen Veränderungen einmal so gut wie das andere zu ihm schicken können. — In Absicht der Fertigkeit und des guten Geschmacks in Verbindung der verträglichsten Farben, vergleicht Paschalius(^) die eompolitmes Zemmarum sehr richtig mit den Windcrinncn der Blumenkränze, (Z7-x^«voirX.o- xmc) dergleichen Glycera war, mit welcher Pausias wetteiferte. Ein und vierzigster Brief. S,H,jRAi -wntt» luv ,kmq,n?,«L ^,6« Httu-ta-i.-^ lizWs^««iH Also schliffen sie eben nicht gern, die alten Künstler, ihre Steine hoch und schildförmig: sondern sie bedienten sich nur gern so geschliffener Steine. Und warum? Das will uns nun Hr. Klotz lehren. „Hierdurch, sagt er, befreiten sie sich von dem Zwange, „den ihnen der enge Raum des Steines anlegte: und sie konn- „tcn die äußern und vom Leibe abstehenden Theile der Arme „und Beine ohne Verkürzung geschickt herausbringen. Die (°) corvuariiin Mi. II. e«x. 12. Lcsimgs Werk- vin. 0 130 Antiquarischer Nriefe ein und vierzigster. „alten Steinschneider liebten die Verkürzungen nicht, und nur „die unvermeidliche Nothwendigkeit mußte sie antreiben, sie zu „bilden. Man hat aber doch Beyspiele." Ich bitte Sie, mein Freund, lesen Sie das noch einmal; — und noch einmal. Denn nur Einmal, so obenhin gelesen, klingt eS wirklich, als ob es etwas wäre. Und es ist nichts; nichts als Worte ohne Sin»! Allerdings ist es wahr, daß der Raum einer convcrcn Fläche großer ist, als der Raum einer ganz ebenen, in der nehmlichen Peripherie eingeschlossen. Aber wie dieser größere Raum dem Steinschneider könne zu Statten kommen, das ist über meinen Begriff. Denn das Relief der Figur, welche er cinschneidct, wird ja nicht concav, sondcrn es muß sogleich oder so ungleich erhaben seyn, als es die Form dieser Figur erfodcrt. Blos in der glatten ^rc-n des Steines erkennet man noch seine Eonvexi- tät. Der Künstler kann also schlechterdings weder größere noch mehrere Gegenstände auf eine schildförmige Fläche bringen, als sich auch auf eine ganz platte von gleicher Ausscnlinie bringen lassen. Ganz anders ist es, wenn man auf eine solche schildförmige oder sphärischc Fläche zeichnet oder mahlet: auf der Fläche eines Hemisphärü z. E. lassen sich freylich mehrere Objecte, oder die nehmlichen Objecte größer zeichnen, als auf einen ebenen Zirkel von gleichem Diameter gehen würden. Das macht, wir können das Hcmisphärium wenden, oder uns um dasselbe hcrumbcwcgcn, und in Gedanken jedes einzelne Stück desselben applanircn. Sollte aber dieses Hcmisphärium aus dem Punkte seiner höchsten Erhöhung oder Vertiefung auf einmal übersehen werden, wie eine geschnittene Gcmma: so würde für den Mahler auch nicht mehr Raum darauf seyn, als auf dem platten Zirkel von gleicher Peripherie. Za in diesem Falle wäre es so wenig wahr, daß ihm das Sphärische seiner Fläche dienlich wäre, die Glieder oder Theile seines Objects in ihren wahren völligen Maaßen zu zeichnen, daß vielmehr gerade keines so gezeichnet werden könnte, und er überall Verkürzungen oder Verlängerungen anbringen müßte, wenn er dem Auge glauben machen wollte, anstatt eines sphärischen Körpers, eine bloße zirkelrunde Fläche bemahlt zu sehen. Antiquarischer Briefe ein und vierzigster. 131 Das alles sind bekannte Dinge! Können sie aber wohl Hr. Klotzen bekannt seyn, wenn er uns weiß machen will, daß sich die alten Künstler durch das Schildförmige von dem Zwange befreiet, den ihnen der enge Raum des Steines anlegte, und daß sie das Räumlichcrc der schildförmigen Fläche darzu genutzt, um die vom Leibe abstehende Theile der Arme uud Beine ohne Verkürzung heraus zu bringen? Auch diese Theile müssen im Abdrucke so heraustreten, als ob sie gänzlich aus dem Vollen gearbeitet wären, und sie würden sehr krüpplig erscheinen, wenn man ihnen im geringsten anmerkte, daß sie sich auf ciucr con- caven Flächc herumzögen. Die Ncrkürzungcu, die sich der Steinschneider auf der schildförmigen Flächc zu ersparen weiß, kann er sich cbcn sowohl auf der platten ersparen: der Unterschied des Raums zwischen dieser platten und dieser schildförmigen Flächc von gleicher Peripherie, kann ihm dazu nichts helfen. Hr. Klotz fährt fort: „Jene schildförmig gcschliffenc Stcinc „waren zur Abwechslung in dem mehr oder weniger Erhabnem „bequem. Wir haben vortreffliche Stcinc von dicscr Art, die „wir nicht genug bewundern können." Das soll doch wohl ein zweyter Nutzen seyn, den Hr. Klotz den geschnittenen Steinen beylegt? Als dicscr hätte es die Deutlichkeit erfordert, ihn mit dem Vorhergehenden durch ein Auch zu verbinden. Doch was Deutlichkeit? Die wollte ich ihm gern erlassen, wenn denn nur Wahrheit zum Grunde läge, die es der Mühe lohnte, aus seiner verworrenen Schreibart heraus zu sitzen. Also fand der alte Künstler auf dem schildförmigen Stcinc nicht allein mehr Platz, sondern er war ihm auch „zur Abwechslung in dem mehr oder weniger Erhabnem bequem!" Nur der schildförmige hierzu bequem? Das versteh ich nicht. Sind denn die flachen Srcine nicht auch dazu bequem? Zeigen dcnn dic Werke der neuen Künstler, die in flache Stcinc arbeiten, keine Abwechslung in dem mehr oder weniger Erhabnen? Oder soll bequem hier nur so viel hcisscn, als bequemer? Aber wie dcnn, warum denn bequemer? — O, lassen Sie uns weiter gehen, mein Freund, damit ich gelegentlich auf etwas komme, das erörtert zu werden verdienet. 9« 132 Antiquarischer Briefe zwey und vierzigster. Hr.Klotz weis nicht, was cr will; seine Fehler, die nur seine Fehler sind, sind so armselige Fehler, daß sie auch nicht einmal Anlaß geben, etwas Eigenes anzubringen. Um sie in ihr Licht zu stellen, muß man fast eben so trivial und langweilig werden, als cr selbst ist. Zwey und vierzigster Brief. Nicht wahr? Nun glauben Sie mich ertappt zu haben! Wie ungerecht ich doch bin; und zugleich wie unvorsichtig! Alles, was ich in meinem Vorigen an Hrn. Klotzen tadle, hat nicht Hr. Klotz, sondern Hr. Lippcrt gesagt. Herr Klotz hat, nach dem Rechte, das ihm als Eommentator des Hrn. Lipperts zustand, diesen blos ausgeschrieben. Das hat cr freylich. Aber gleichwohl ist cs falsch, daß ich in dcm Ausschrcibcr den Ausgcschricbncn getadelt habe. Als Hr. Klotz Lippcrtcn plünderte, entwandte cr nur Lippcrtsche Worte und Redensarten; der Sinn darum war ihm zu schwer; den konnte er nicht mit fortbringen; den ließ cr, wo cr war. Das soll sich gleich zeigen. Lassen Sie uns nur Hr. Lippcrtcn selbst hörcn, wie er sich übcr dcn Nutzen der schildförmigen Steine erklärt. Die Hauptstcllc ist in seinem Vorbcrichte, wo cr von dem gänzlichen Mangel der Pcrspcktiv auf alten Kunstwerken redet, dabey aber des Vortheils erwähnt, wodurch in erhabner Arbeit das Auge noch cinigcrmaaßen betrogen, und jenem Mangel in etwas abgeholfen werde. Dieser besteht, wic bekannt, darinn, „daß die voranstchcndcn Figuren stärker und erhabner, oder bey geschnittenen Steinen tiefer herausgchohlct, die hintern aber flächcr gearbeitet sind, so wie sie mehr oder weniger entfernt scheinen sollen." Und nun fährt cr fort: „Ein andrer „Vortheil that bey geschnittenen Steinen noch mehr; sie nah- „men einen hohen und schildförmig geschliffenen Stein, in wcl- „chcn sie auf oberzähltc Art die Figuren cinschnitten; die Fläche, „welche nun im Abdruck hohl crschicn, machte, daß die Nebcn- „figurcn, wie von der Seite oder herumgcstellct und von der edi > .-5ml»rK m,m Vwchk'.nikm-Snn- ?iD m'stM i<7< iWK-tt ,,MIN<6 öv'im 5ua chiwi?k?I,g Anitquarischer Briefe zwey und vierzigster. 133 „Hauptfigur entfernet aussahen, da diese, wie gesagt, stärker „ausgedruckt war." Die Anmerkung ist richtig und fein. Da die Theile einer concavcn Fläche wirklich in verschiedener Entfernung von unserm Auge liegen, da sich wirklich nähere und tiefere Gründe darauf finden: so ist es gar wohl möglich und begreiflich, daß die Natur der zu kurz fallenden Kunst hier zu Statten kommen, und die Wirklichkeit an die Stelle der verfehlten Nachahmung treten kann. Das ist: es können und müssen Figuren, auch ohne nach den Regeln der Pcrspektiv behandelt zu seyn, mehr oder weniger entfernt scheinen, — wenn sie wirklich mehr oder weniger entfernt sind. Da aber der Künstler zu seiner Täuschung nur den Schein, und nie die Wahrheit selbst brauchen soll; da die Vermischung des Scheines und der Wahrheit auch einem ungclchrten Auge bald merklich wird, und es beleidiget; da das, was die eingemischte Wahrheit leistet, noch weit von dem entfernt seyn kann, was nach den Gesetzen des Scheines geleistet werden sollte; da sogar das Wirkliche, welches in dem einen Falle der Nachahmung bchülflich ist, in andern Fällen ihr vielleicht gerade zuwider laufen wird: so ist es wohl unstreitig, daß dieser angegebene Vortheil der schildförmigen Steine nur sehr zufällig, nur sehr mißlich, nur sehr gering seyn kann. Herr Lippert gesteht es selbst; denn er setzt hinzu: „Die Höhlung „macht freylich einen Eindruck im Auge von einer ziemlichen „Weite des Raumes, wodurch beym ersten Anblick der Verstand „betrogen wird. Er wird aber auch bey genauer Betrachtung, „wegen der Möglichkeit und Wahrheit gar bald in Zweifel gc- „ setzt, den man, ohne Begriffe von Kunstrcgcln nicht sogleich „heben wird, und von der Schönheit des Werks gereitzt, ver- „gißt man leicht, was mancher, auch als ein Unwissender, nur „für ein Ncbcnwcrk hält, weil er nicht nach der Wahrheit und „nach der Kunst zugleich urtheilet." Es ist nicht zu leugnen, daß sich Hr. Lippert hier nicht ein wenig bestimmter hätte ausdrücken können. Aber so verlegen man auch in dem Stile eines Künstlers um die Wortfügung seyn mag: so leuchtet doch immer der Sinn hindurch; besonders für den, der nur einigermaaßcn im Stande ist, mit dem Künst- 134 AitticMttschcr Briefe zwey und vierzigster. ler zu denken, lind zn beurtheilen, was der Künstler ohngefchr habe sagen können, und was er nach den Grundsätzen seiner Kunst schlechterdings nicht habe sagen können. Kurz; es ist lediglich ein perspektivischer Vortheil, lediglich ein Vortheil, durch den der Stein ein augenblickliches Blendwerk von Pcrspcktiv erhalten kann, ohne die geringste Perspektiv zu haben, den Hr. Lippcrt der schildförmigen Fläche desselben beylegt. Und nun sagen Sie mir, was Sie von diesem Vortheile bey Hr. Klotzen finden? Nicht eine Syllbe. Aber wohl hat er diesen Vortheil in einen andern umgcschaffcn, von dem sich weder Lippcrt noch ein Mensch in der Welt träumen lassen: in den Vortheil der größcrn Räumlichkeit; in den Vortheil der Befreyung von dem Zwange, den der enge Raum des Steines dem Künstler anlegt. Kann man sich etwas lächerlicheres und sinnloseres denken! Zndeß begreif ich wohl, wie es mit dieser possierlichen Verwandlung zugegangen. Denn daß sie vvrsetzlich seyn sollte; daß Hr. Klotz dem Lippertschcn Nutzen, den er etwa für falsch erkannte, einen andern von seiner eignen Bemerkung sollte sub- stituirt haben: das müssen Sie sich auch gar nicht einfallen lassen. Sein Fehler ist nicht, daß er unrichtig, sondern daß er schlechterdings gar nicht gedacht hat, als sich Lippertsche Worte in Klotzische Perioden fügen mußten. Sehen Sie nur nach, wo Hr. Lippert, in dem Werke selbst, den bemerkten Vortheil der schildförmigen Fläche an einzeln Beyspielen zeigen will! So sagt er z. E. bey einem Jupiter Ammon auf einem Zaspis: (°) „Der Stein ist erhaben und „schildförmig geschliffen. Diesen Vortheil, die Steine hoch und „schildförmig zu schleifen, brauchten die Alten, wie ich schon „im Vorbcricht erinnert habe, um die Figuren in allen Theilen „stach zu schneiden, und doch auch die vom Leibe abstehende „Arme und Beine, ohne sie zu verkürzen, geschickt heraus zu „bringen." Nun lesen Sie noch einmal, was Hr. Klotz hieraus gemacht hat: „Durch das Schildförmige bcfrcytcn sich die „allen Künstler von dem Zwange, den ihnen der enge Raum (°) Erstes Tausend, Nummer 6. z lUll n6 ^NZ6 z Antiquarischer Briefe zwey und vierzigster. 135 „des Steines anlegte; und sie konnten die äussern vom Leibe „abstehende Theile der Arme und Beine ohne Verkürzung geschickt herausbringen." Kann man wörtlicher, und doch zugleich ungetreuer abschreiben! Herr Klotz behält ein jedes Wort, und ein jedes Wort sagt bey ihm etwas anders als es bey Herr Lippertcn sagt. Hr. Lippcrts Meinung ist die! Da auf einer schildförmigen Fläche gewisse Theile wirklich dem Auge näher, und andere weiter von ihm entfernt liegen: so kann der Künstler seine darauf zu schneidende Figur so stellen, daß gewisse Glieder derselben uns näher oder weiter scheinen, ohne daß sie darum viel tiefer oder viel flacher geschnitten sind, als andere. Die ganze Figur kann gleich flach geschnitten seyn, und dennoch kan durch den Vortheil der schildförmigen Fläche dieses Glied mehr vorzutreten, und ein anderes mehr zurück zu weichen scheinen. Nehmlich was zurück weichen soll, bringt der Künstler der Mitte der schildförmigen Fläche, als welche in dem Abdrucke die größte Entfernung erhält, so nahe als möglich; und was vortreten soll, entfernt er von der Mitte, und bringt es auf die im Steine abfallenden und im Abdrucke aufsteigenden Theile der Fläche. An einem Beyspiele läßt sich das am deutlichsten einsehen. Zch wähle eines aus dem Natter, wobey das Profil gezeichnet »st; die Zägcrinn Diana, auf der ein und drcyßigstcn Tafel. — Wie glücklich kömmt hier die concave Fläche der zurückweichenden linken, und der hervortretenden rechten Hand zu Statten! Die rechte Hand, durch die sich die Figur oben an dem Spieße heben will, ist mit ihrem Anne nur sehr flach geschnitten: gleichwohl tritt sie noch über das Gesicht hinaus. Wie könnte dieses aber möglich seyn, wenn sich die Fläche selbst, an der sie ruhet, nicht hervorbicgtc? Wie tief hätte der Künstler arbeiten müssen, um sie so aus einem platten Steine hcrauszuhohlen? Weit tiefer, als es der Umfang der Hand erlaubet, die nicht frey stehen kann, und einen Träger (8>i,^„,rt) haben müßte. Was für einen Träger aber hätte er ihr geben können? Wenn er nicht auch hier eben den Fehler hätte begehen wollen, den er mit dem linken Knie begangen, (welches so weit vortritt, ohne daß der Raum hinter der Beugung desselben weiter eine Stütze oder 136 Antiquarischer Briefe zwey lind vierzigster. Füllung hat, als in dem Abdrucke von dem Wachse von selbst zurückbleibt:) so hatte er ihr keinen andern geben können, als ihren eignen Arm, wonach aber nothwendig der ganze Arm weit mehr hatte verwendet, und folglich verkürzet werden müssen. Und diese Verkürzung ist es, welche die schildförmige Fläche dem Künstler ersparte. Sie ersparte sie ihm aber nicht, weil sie gcräumlichcr als die platte Fläche ist, weil der völlige Arm auf ihm Raum hat, der auf der platten nicht Raum haben würde: deswegen gar nicht; das ist die schülerhafteste Zdce, die man haben kann. Sondern sie erspart sie ihm dadurch, weil sie ihm die Wirkung des Vortretens gewähret, die er sonst nicht anders, als vermittelst einer gewaltsamen Verkürzung hätte erhalten können. Das, und nur das kann Hr. Lippert meinen, wenn er sagt, „daß sich auf einem schildförmigen Steine die von dem Leibe abstehende Arme und Beine, ohne sie zu verkürzen, ohne sie merklich tiefer zu schneiden, geschickt herausbringen liessen." Ein Exempel mehr kann nichts verderben. Betrachten Sie den Faun auf der zwey und zwanzigsten Tafel beym Natter. Beide Arme desselben sind ohne alle Verkürzung; besonders scheinet der rechte dadurch, daß er nicht gegen uns zu verkürzt ist, so weit hinterwärts zu fallen, daß er in der Natur ohmnöglich so seyn könnte, ohne ganz aus dem Schultcrknochen verrenkt zu seyn. Gleichwohl müßte sowohl seine Hand, als die Hand des linken Armes, wenn der Stein merklich schildförmiger wäre, als er vielleicht seyn mag, vorzutreten scheinen, ohne deswegen viel tiefer geschnitten oder auf den verkürzten Arm gestützt zu seyn, blos weil diese Hände in dem Abdrucke auf der concavcn Fläche unserm Auge wirklich näher zu liegen kommen. Auch Natter hatte diesen optischen Vortheil der convercn Steine, vor Lippcrtcn, schon bemerkt. Lesen Sie nur nach, was er, bey der sechzehnten Tafel von den spitzen Ohren des Sirius, (") und bey der siebzehnten von dem Schwänze des Löwen (°) Leite «onvex'Uv ksrl encore iei ä relever tl'av«nlsxre- wUes lies oreille«, <5 -t Iss rsniZre plus kues, 6o ksyon Yu'eUes pilrvisseitt s'svsucvr ^uslju's, la lululeui- lies >oux. Antiquarischer Briefe drey und vierzigster. 137 sagt. (2) Aber Natter war zu vorsichtig, dieses sehr zufälligen Bortheils wegen, die convexen Steine überhaupt anzupreisen. Denn Herr Lippert mag auch noch so viel Beyspiele anbringen, wo die Convcxität der Fläche eine gute Wirkung hat: so wird cr doch selbst nicht in Abrede seyn, daß sich nicht noch weit mehrere anführen lassen, wo eben diese Convcxität die Erscheinungen gerade falscher macht. Und gesteht er es nicht selbst, daß auch in den Fällen, wo die Convcxität der Täuschung des Auges zuträglich ist, dennoch „der Verstand bey genauer Betrachtung wegen der Möglichkeit und Wahrheit gar bald in Zweifel gesetzt werde?" Drey und vierzigster Brief. Sollte nun das Büchclchcn des Herrn Klotz ein Commen- tar über das Lippertsche Werk seyn: was hätte der Commentator hier thun müssen? Er hätte müssen erinnern, daß Herr Lippert aus dem Bortheile der convexen Steine ein wenig zu viel mache; daß sie dieses Vortheils wegen nicht überhaupt empfohlen zu werden verdienten; daß diese Convcxität eben so oft nachthcilig seyn könne; und daß cs lediglich auf die zu schneidende Figur ankomme, ob der Künstler lieber cincn platten odcr einen convexen Stein zu wählen habe. Diese letzte Erinnerung hat auch schon Natter gegeben, und dadurch den Vorzug der convexen Steine richtiger und genauer bestimmt, als man wohl sagen möchte, daß es von Hrn. Lipperten geschehen sey. Anstatt dessen aber, was hat er gethan, der treffliche Commentator? dieser stolze Scribent, der sich zutrauen durfte, so- (°) l^s «.ueui- du z^ioir Il'utt M8 vrokmiile, Mais il lewlile «.ue 5ori «xtremilv s'eleve »resMe perneiMcuIaireiueiil, » k«, lele; ee Ie»>. ue Ar. v. 45, Nercure-ei n'snroit nss ele propre a otra gravv üsns uns pierre korl convexe, Mree yue I« corns >A Iv krit» auroieiit ele tror, enkoncvs, »vsut o. 9. Loci reprelerilo Mio pierre !l larlÄce eonvexv, »vee UN vutil yue l'on v spplicius, K e'est pour monlrer l'avsnwAe riu'il >- » üe ir»vailler ces lorlss ris pierres; c»r I'eipkee yui k« troirve enlre I» pierre 1'vulil eümt plus eon5l>lersdle tlims u»e pierre eonvsxe, yue «iitns uuo pierre xlale, il »rrive Se-I» Pie I'vulil peut peneirer plus »vsitt, tsire une xravure Mi« protuiule «liuis l» pierre eonvexe yiie >!»ns I'«iUre. Vo^es le >o. 10, ou le mewe Vulil touolrö dien plülol aux Iionls >>e I» Pierre plsts. 142 Antiquarischer Briefe vier und vierzigster. dem mehr oder weniger Erhabnen bequem sey, eben so gut kann man auch behaupten, daß sie nicht minder bequem sey, eine Figur durchaus flach darauf zu schneiden, ohne daß darum alle Theile dieser Figur gleich nahe oder gleich weit entfernt zu seyn scheinen. Ich will ein ganz einfältiges Exempel geben, welches beide Fälle erläutern kann. Man nehme an, es solle ein rundes bauchichtcs Schild mitten auf einen sphärisch convexen Stein geschnitten werden. So wie man verlanget, daß sich dieses Schild auf diesem Steine zeigen soll, ob auch von seiner convexen oder von seiner concavcn Seite: so wird auch der con- vexc Stein sich bald mehr, bald weniger dazu schicken. Soll das Schild seine convcxe Seite zeigen, so ist klar, daß der Künstler aus dem convexen Steine den Umbo des Schildes so tief hcraushohlen kann, als er nur will, ob schon auch mit viel unnöthigcr Arbeit mehr, als er auf einem platten Steine haben würde. Soll das Schild hingegen seine concave Seite zeigen, so ist eben so klar, daß er das ganze Schild, wenn er will, ziemlich gleich flach schneiden und doch mit aller Täuschung vollenden kann, indem der höchste Punkt des Steines im Abdrucke den tiefsten Punkt des concavcn Schildes von selbst giebt. — Das freyere Spiel indeß, welches die Werkzeuge bey einem convexen Steine haben, erinnert mich wieder an das Vorgeben des Salmasius, welches ich in meinem fünf und zwanzigsten Briefe berührte. (") Weil auch Salmasius die Nachricht des Plinius, daß man sich ehedem enthalten, die Smaragde zu schneiden, nicht so recht wahrscheinlich fand: so glaubte cr den Plinius dadurch zu retten, daß er annahm, es müsse diese Nachricht nur von einer gewissen Art Smaragde verstanden werden. Da nehmlich vor den Worten, (jusproptor (Zocreto Iiommum iis parcitur kcslpi vetiti«, gleich vorhergehet, iiclem plorumyuv A coneavi, ut vikum colliZant: so will er, daß jenes i!s auf dieses eoneini, nicht aber auf iictom gehe, und der Sinn dieser sey, daß nicht alle Smaragde überhaupt, sondern nur die concav geschliffenen zu schneiden verbothen gewesen. Doch nicht zu gedenken, daß (°) S, 78. (°°) I" scincr Anmerkung iibcr die Worte des Solinus: x«c -Main vii caulÄm plaeuU ul non tcalvelenlur (Lm»r»s>U,1 ne olkenlum üeeus, im»- Antiquarischer Briefe vier und vierzigster. 143 dem üs sonach Gewalt geschiehet, wenn man es auf das nächst- stchcndc Subject ziehet; auch ohne zu wiederholen, daß ich aus einer Parallclslcllc des Plinius unwidersprechlich gezeigt habe, daß das streitige Verboth von den Smaragden überhaupt zu nehmen sey: will ich hier bloß auf dem Widersprüche, der in der Sache selbst liegt, bestehen. So bequem die convcxcn Steine zum Schneiden sind, so unbequem müssen nothwendig, aus der nehmlichen Ursache, die concavcn dazu seyn. Ze weiter an jenen die Werkzeuge von dem Rande des Steines bleiben, desto geschwinder nahen sie sich ihm an diesen, und der Künstler ist alle Augenblicke genöthigct, um das Anstoßen zu vermeiden, den Stein zu wenden, und das Werkzeug mit einem Sotto Squa- dro hineingehen zu lassen. Endlich: sind es denn nur die concavcn Smaragde, welche die Alten, weil es Smaragde waren, ginum lacunis corrumnereinr. Ich setze sie ganz her, ans Ursache, die sich gleich Zeigen wird, ve conosvis live lsnlum llieit t?Iinius: liclem ulvrum- yue S cenoavi, ut Visum colliAgnt, iluspronl er «leeret» Uo- winum ii« vsroilur soslpi velitis. gui cllncsvi sunt (tuvcl vitum eollißsnl, ^ collixenuo msxis aeiem reereent »k7 juvent, icleo Islos non scslni vlseero. nvsler in Universum smsrsZilos seslv! neu solllos lüelrca kseit, ne olkensum «lecus imsginum, seslnluriv csvis eorrumneretur. gussi noc liintum expelili suerint smsraßcli olim, ut imsZines reuckerent, n.uo>I sveculs melius kseiunl. ?rssleres, qui eoncsvi sunt, imsZines non reels reuüunt, sea quorum pliinilies exlenls «k7 resuniu», ut iüem ?I!uius vslen- alt. Nseo ZZilur ex !»o.uo s verilste ?iinli mente iliscouunl. Hier ist ein klares Exempel, daß Salmasius dem armen Solinus auch manchmal zu viel thut! Solinus sagt: ne olkensum Serms, imsxinum Iscunw eorrum- pereiur, und so ließ Salmasius selbst den Text des Solinus abdrucken. In der Anmerkung aber nimmt er an, als ob das Komma zwischen oeeus und imitxinum erst »ach iinskiuum stehe, und man lesen müsse: ne olkensum äs- eus imsxinum, Isounis eorrumneretur. Solinus wollte sagen, man habe die Smaragde darum nicht geschnitten, damit ihr wohlthätiger Glanz nicht durch die Vertiefungen der darum gearbeiteten Bilder verdorben werde. Salmasius aber laßt ihn sagen, „damit die sich iu ihnen spiegelnden Bilder der vorstehenden Objecte nicht durch die Vertiefungen des Schnittes vereitelt würden." Und mit welchem Rechte laßt er ihn das sagen? Wenn Solinus ja einen falsche» Begriff von der Spicglung auf concavcr Fläche gehabt: so verdient er den Tadel deswegen doch erst in dem Folgenden/ wo er sagt, cum eoncsvi sunl, iiisneclsnlium kscies Minulanlur, nicht aber hier, wo er von den Smaragden überhaupt, und nicht von den concav geschliffenen insbesondere redet. 444 Antiquarischer Briefe fünf und vierzigster. überhaupt zu reden, ungeschnitten gelassen? Zn was für con- cavc Gemmen haben sie denn sonst zu schneiden, großes Belieben getragen? Denn ich will eben nicht sagen, daß es durchaus ganz und gar keine geschnittene Steine von concavcr Fläche gegeben. Es giebt deren noch. Von einigen habe ich, — wenn ich mich recht erinnere, — irgendwo bey dem Verton gelesen, und ein Paar habe ich selbst vor mir, da ich dieses schreibe. Aber das kann ich sagen, daß sie äußerst selten sind, und allem Ansehen nach blos das Werk der Armuth oder des Eigensinnes gewesen. Folglich konnte die Vesorgniß, daß man die theuerste Art eines so theuren Steines, als der Smaragd war, allzuhäufig durch den Schnitt verderben würde, auch nicht so groß seyn, daß man ihr mit einem ausdrücklichen Gesetze hätte vorbauen müssen. Fünf und vierzigster Brief. Aber eben dieser Vettori hat in der nehmlichen Stelle des Plinius noch etwas ganz anders gefunden. Spuren des Vcr- größrungsglascs. Denn da er selbst vcrschicdnc alte geschnittene Steine von so ausscrordcntlichcr Kleinheit besaß, daß man mit bloßen Augen nur kaum erkennen konnte, daß sie geschnitten wären, aber durchaus nichts darauf zu unterscheiden vermochte:^) so meinte er, daß sich dergleichen Steine auch nicht wohl, mit bloßen Augen gearbeitet zu seyn, denken ließen. Manni hatte schon gcurtheilet, daß man den Alten das Vergrößerungsglas, oder so etwas ähnliches, nicht ganz absprechen könne; er hatte sich besonders auf die mit Wasser gefüllte gläserne Kugel, deren Scncca gedenkt, gcstützct: und Vettori glaubte, durch das, was Plinius von den Smaragden saget, iiclem plerumyuo concavi, ut vitum colliAiint, diese Meinung noch mehr bestätigen zu kön- (°) visiert. Klvpwsi'. p. 107. KxNimt in IVInteo Violoiio xvwi»!e sliqu»! ila vnrvut»:, ul t^iuicutsö gri»»»» Mi» tluplo i»!>^»8 Nt; ck? lsmeii iu üs vel l'einiexl'lsnle» tixurre, vel incisiv xariter li»!vla»ttir: nvere i» »re» l»m sMrvutil tsne iuwui'imöo, «u-i» vcul» lunlo, vix ineil-is esse M- üicsveriij. Antiquarischer Briefe siinf und vierzigster. 145 nen. IZitur, sagt er, ti eoneavi plorumizuo vrsrit apull vvteres 8m»raAc1i, ut sacilo vil'um eolliZerv pottvnt, laue no» uiti arto opticit illam eavitstem iiilluillont, nu»m aitom iäoo porsvetv fei- vikto piüetumeiiilunl vitletur. Moronis LmargAllum, «^uo lu- «los Fla6iiltoiios t'poctsro conl'uvvorut, pari arAumonto, conca. vum suisso, licet srAuoro. Aber Vettori muß wenig von der Wissenschaft verstanden haben, von der er glaubt, daß sie die Alten so vollkommen ausgeübt. Sonst hätte er ja wohl gewußt/ daß durch eine concavc Fläche die Dinge kleiner, und nicht großer erscheinen; nnd daß aller Aorlhcil, den Hohlgläscr den Augen verschaffen, nur für kurzsichtige Augen ist, für die sie die Strahlen auf eine gemäßere Art brechen. Diese Brechung aber, wenn es auch wahr wäre, daß sie die Alten gekannt hätten, würde durch vil'um colliZoro gerade nicht ausgedrückt seyn: sondern vil'um eolliZorv würde sich eher von der Brechung der Strahlen durch convcrc Gläser sagen lassen. Denn der Presbytc, der sich convcxcr Gläser bedienet, bedienet sich ihrer nur deswegen, damit die Strahlen, welche in seinem Auge zu sehr zerstreut sind, mehr gebrochen, und dadurch eher an dem gehörigen Orte zusammengebracht werden, welches denn wohl vil'um colliZolv hcisscn mochte. Der Myops hingegen, der zu conca- ven Gläsern seine Zuflucht nimmt, nimmt sie nur deswegen dazu, weil die Strahlen, welche in seinem Auge zu früh zusammen treffen, durch sie erst zerstreuet und sonach zu einer spätern Vereinigung an dem rechten Orte geschickt gemacht werden, welches gerade das Gegentheil von jenem ist, und schwerlich auch vitum co»iFeio hcisscn könnte. Doch es ist ausgemacht, daß die Alten von diesem allen nichts gewußt habcn, und die Worte des Plinius müsse», nicht von gebrochenen, sondern von zurückgeworfenen Strahlen verstanden werden. Sie müssen aus der Katoptrik, nicht aus der Dioptrik erkläret werden. Zn jener aber lernen wir, daß, da die von einer convcxcn Flache rcflcctirtc Strahlen divcrgircn, die von einer concavcn hingegen convergircn, nothwendig die concavc Fläche das stärkere Licht von sich strahlen muß. Und diese Verstärkung des Lichts, wie folglich auch der Farbe, ist Lessings Werk- vm, 1 g Antiquarischer Briefe fünf und vierzigster. es, was Plinius durch vitum colliZoro meinet, und warum er sagt, daß man die Smaragde meistens concav geschliffen habe. Der Smaragd des Nero beweiset nichts. Nero kann den Fcchterspiclcn durch einen Smaragd zugesehen haben, und gleichwohl brauchte dieser Smaragd weder concav noch convcx geschliffen zu seyn. Denn Plinius sagt auch, daß man die Smaragde ganz platt gehabt; und es kann ein solcher platter Smaragd gewesen seyn, dessen sich Nero als eines Conscrvativglases, vornehmlich wegen der dem Auge so zuträglichen grünen Farbe, bediente. Man betrachte nur, wie die Worte bey dem Plinius auf einander folgen, und man wird nicht in Abrede seyn, daß dieses ihre natürlichste Erklärung ist. liclem plerumyuv A con- cavi, ut visum oolliAgnt. Huspronter clecroto Iiominum iis psr- citur, lcalpi vetitis. Huan. Sl. (°°) I^kr. Xl> lecl. 5». IZ>M. Niir«. Borbcricht S. xxxv 10 " 148 Antiquarischer Briefe fünf und vierzigster „Buchstaben ihr Alter sicher angeben könnte; aber auch da fin- „dct man, daß sie das Alter des Euclidcs sehr weit übersteigen. „Indeß halte ich es für gar möglich, daß die Vergrößerungsgläser sehr zeitig, und nur zufälliger Weise können erfunden „worden seyn. Ein einziger Tropfen Wasser, der von ungefehr „auf einen kleinen Körper gefallen war, konnte hierzu Gelegenheit gegeben haben, ohne daß man dabey denken darf, daß „solche nach den Regeln der Dioptrik verfertiget worden. Denn „viele alte Steine sind ganz rund und schildförmig, wie die „Microscopia, geschliffen; auch brauchten die Alten öfters Cry- „ stall, oder andere eben so reine und durchsichtige Edelsteine, „besonders den Beryll. Es durste nur ein Erystall von ungc- „fchr linsenförmig geschliffen worden seyn, so war das Vergrößerungsglas entdeckt. Vom Nero weis man, daß er einen „geschliffenen Smaragd gebraucht, um dadurch die Zuschauer „wenn er aufs Theater kam, anzusehen." (*) Das wird einem flüchtigen Leser annehmlich genug dünken. Urtheilen Sie aber aus folgenden Anmerkungen, wie weit es für den Untersucher Stich halte» dürste. 1. Aus dem Plinius habe ich erwiesen, daß Nero ein Prcsbyte war. Da er mm durch seinen Smaragd nach entfernten Gegenständen blickte, (Herr Lippert sagt, nach den Zuschauern des Spektakels; Plinius, nach dem Spektakel selbst) so geschah es nicht, um den Fehler seiner Auge» dadurch zu verbessern; sondern blos, mn sie weniger anzustrengen, um sie, während der Anstrengung selbst, durch das angenehme Grün des Steines zu stärken. Die Fläche desselben brauchte nicht convcx zu seyn; denn er wollte nicht nahe Gegenstände so dadurch sehen, als ob die Strahlen derselben von entfernten kämen: und concav durste sie nicht seyn; denn sonst wären ihm die entfernten Gegenstände, nach welchen er damit sahe, eben so undeutlich geworden, als ihm die nahen für das bloße Auge waren. Sondern sie mußte platt seyn diese Fläche, und die Strahlen nach eben der Richtung durchlasscn, nach welcher sie einfielen. Als ein platter durchsichtiger Körper aber, hatte der Smaragd des Nero mit den (°) vgcciu« >Ie Kemm. niUura p. 49. Antiquarischer Briefe fünf und vierzigster. 149 Brillengläsern nichts weiter gemein, als in so fern man auch die bloßen Conscrvativgläscr Brillengläser nennen will, ob sie schon zur Schärfung des Gesichts nichts beytragen, von welcher gleichwohl die Rede ist. Ich finde, daß selbst Baccius, den Herr Lippcrt anfuhrt, den Plinius nicht anders verstanden hat. KmarsAclus, schreibt er, Moronis ^uo^uv Femma iippellatur, yuem glsdiatorum puFnas 8maraZ6o, tan^uam Ipeeulo, lpectstlv s^unt: ^ mea lzuiiloin lontentir», ut vjus afpvctu vculorum rociesrot 2ciem, «zu» rstionv nos ^uo^uv crMallo, v!tris k. Antiquarischer Briefe fünf und vierzigster. 163 tilms lonFv vflo M-I^ara. Auch darf man gar nicht meinen, daß sie, besonders in diesem Falle, die Ursache der Vergrößerung dem Wasser zuschrieben, in so fern es in der hohlen Manschen Kugel gleichfalls in eine sphärische Fläche zusammen gehalten wird. Nein; an die sphärische Fläche dachten sie ganz und gar nicht: sie dachten einzig an eine gewisse Schlüpfrigkeit des Wassers, vermöge welcher die ungewissen Blicke so abgleiteten, so — was weis ich, wie und was? Mit einem Worte: diese Schlüpfrigkeit war nicht viel anders als eine quslltas oo> culta, durch die sie die ganze Erscheinung mit eins erklärten. — Und so dünkt mich, ist es fast immer gegangen, wo wir die Alten in der Nähe einer Wahrheit oder Erfindung halten sehen, die wir ihnen gleichwohl absprechen müssen. Sie thaten den letzten Schritt zum Ziele nicht darum nicht, weil der letzte Schritt der schwerste ist, oder weil es eine unmittelbare Einrichtung der Vorsicht ist, daß sich gewisse Einsichten nicht eher als zu gewissen Zeiten entwickeln sollen: sondern sie thaten ihn darum nicht, weil sie, so zu reden, mit dem Rücken gegen das Ziel standen, und irgend ein Vorurthcil sie verleitete, nach diesem Ziele auf einer ganzen falschen Seite zu sehen. Der Tag brach für sie an: aber sie suchten die aufgehende Sonne im Abend. 6. War sie nun einmal da, die gläserne Kugel des Sencca, durch welche man noch so kleine und unleserliche Buchstaben deutlicher und größer erblickte: warum hätte man sich ihrer nicht auch bey andern, wegen ihrer Kleinheit schwer zu unterscheidenden Gegenständen bedienen können? — Du Cange theilte dem Menage eine Stelle aus einem noch ungedrucktcn Gedichte des ProcoprodomuS mit, welcher um das Zahr 11Z0 lebte, wo es von den Aerzten des Kayscrs Emanucl Comncnus heißt: 'Lz>xov5«l> ^xiro^io'tt' xvA-^, xx«?o^» G^po^crt x«i 7« crxi^jZ«^« ^«5« ?»v i^x^tov — „sie kommen, betrachten ihn starr, fühlen ihm an den Puls „und beschauen die Auswürfe mit dem Glase." Menage war Anfangs nicht ungcneigt, unter diesem Glase eine Brille, oder sonst ein Vergrößrungsglas zu verstehen: endlich aber hielt er es für wahrscheinlicher, daß blos ein Glas darunter verstanden werde, welches über das Gefäß, worinn die Auswürfe waren. 154 Antiquarischer Briefe fünf und vierzigster. gelegt wurde, um den Übeln Geruch abzuhalten. Molincux und Smith stimmen dieser Auslegung bey; und letzterer mit dem Zusätze, daß sonach die Stelle auch wohl nur blos von der Besichtigung des Harnes zu erklären sey. Ja Manni selbst sagt:(") „dieß ist in der That auch der wahre Verstand; wie man eben „diese Gewohnheit noch heutiges Tages an einigen Orten fin- „dct: oder man müßte das Glas für eine Art von lonte erklären; „wiewohl ich zweifle, daß die Alten dergleichen Gläser gehabt „haben." Aber wenn Manni hieran auch mehr, als gezweifelt hätte; wenn er völlig überzeugt gewesen wäre, daß die Alten dergleichen Gläser schlechterdings nicht gehabt: folgte denn deswegen nothwendig jenes? Die Alten hatten keine linsenförmig geschliffenen Vergrößerungsgläser: folglich war das Glas, wodurch die alten Aerzte die Exkremente ihrer Kranken betrachteten, „mehr die Nase zu schützen, als den Augen zu helfen?" Ein Arzt, dächte ich, sollte so cckcl nicht seyn, und wenn er aus der genauern Betrachtung des Koches etwas lernen kann, sich lieber die Nase zuhalten, als den Koth weniger genau betrachten wollen. Das ^x?-« i-o-u-6-^0-^ sagt also wohl etwas mehr: und warum könnte denn auch nicht eben die gläserne Kugel des Sencca darunter verstanden werden, die Manni selbst so wohl kannte? Es befremdet mich, daß Manni auf diesen so natürlichen Gedanken nicht fiel. Aber cr würde ohne Zweifel darauf gefallen seyn, wenn cr gewußt oder sich eben erinnert hätte, daß es den alten Aerzten gewöhnlich gewesen, sich einer vollkommen ähnlich gläsernen Kugel zu einer verwandten Absicht zu bedienen. Invenio Neäioos, sagt Plinius, s^) yuse tunr urvnclkt «orporum, non sliter utilius iä iieri znitsro, . 10. (°°°) l.il.i. XXXVI. t«et. 67. ^auu-t a-t»» vUren pilM low »6verl» i» limttim oxvsiulelcunl, ut velles exuiiml. Antiquarischer Briefe fünf und vierzigster. 155 nehmliche durchsichtige Kugel, welche brennet, nothwendig auch vcrgrösscrn muß, und daß es schwer zu begreifen ist, wie man sich ihrer lange zu der einen Absicht bedienen kann, ohne die andere gewahr zu werden. — Ein Umstand nur, dürfte hicrbey auffallen. Dieser nehmlich; wenn die Kugel, womit die Aerzte brannten, durch die sie folglich auch die Dinge vergrößert erblicken mußten, nicht von Glas, nicht hohl, nicht mit Wasser gefüllt, sondern durch und durch Krystall war: so müßte ja wohl das falsche, die Alten nach meiner Meinung von Entdeckung der eigentlichen Vergrößerungsgläser entfernende Rai- sonncmcnt, als liege der Grund der Vergrößerung in den Bestandtheilen des Wassers, wegfallen; und was hinderte die Alten sodann, die Wahrheit, die ihnen unmöglich näher liegen konnlc, zu ergreifen? Hierauf könnte man antworten: das Zeugniß des Plinius ist später, als das Zeugniß des Scncca; zu den Zeiten des Sencca brannte und vergrößerte man nur noch durch gläserne mit Wasser gefüllte Kugeln; zu den Zeiten des Plinüis wußte man, daß sich beides auch durch dichte krystallene Kugeln thun lasse; und das war eben der Schritt, welchen die Kenntniß der Alten in diesem Zeiträume gethan hatte. Oder man könnte eben das antworten, was Salma- sius,(°) bey Gelegenheit einer andern Stelle des Plinius sagt: Vitrum pro erMalln aecopit Vilnius; 770 xpv^Oc^^cicpocve^ cx^-rc ?7I? Die Kugel, von der er gelesen hatte, daß sie die Aerzte zum Brennen brauchten, war von Krystallglasc, und nicht von wirklichem Krystalle; es war die nehmliche Kugel, die er an der andern Stelle beschreibt; also die nehmliche Kugel, mit der Scncca vergrößerte. Auch ist es überhaupt den Schriftstellern damaliger Zeit gewöhnlich, alle Körper in cao- cliclo tl'kmslucotttss, es mochten Produkte der Natur oder der Kunst seyn, das reine Glas sowohl als die edlcrn farblosen Steine, crM-ül» zu nennen. Doch wozu nur so halb befriedigende Antworten? Die volle Antwort, dünkt mich, ist diese: es sey die Brcnnkugcl des Plinius immer von wirklichem Krystall gewesen; wer sagt uns denn, daß sie dichte durch Krystall gewesen ? (°) ä,»ril. Antiquarischer Briefe fünf und vierzigster. Krystall läßt sich hohl drehen, und die Alten haben es hohl zu drehen verstanden. Was hinderte also, daß die wirklich krystallene Kugel, durch welche die Alten brannten und vergrößerten, nicht auch mit Wasser gefüllt gewesen? Nichts hinderte; vielmehr fand sich die nehmliche Ursache, warum sie die Kugel von Glas mit Wasser füllen zu müssen glaubten, vollkommen auch bey der Kugel von Krystall. Sie füllten die Kugel von Glas mit Wasser, weil sie sich einbildeten, daß ohne die dazu kommende Kühlung des Wassers, das Glas die erforderliche Erhitzung durch die Sonnenstrahlen nicht aushalten könne; daß es ohne Wasser springen müßte. Das sagt Plinius selbst ausdrücklich: autein color!« impstions (vitrum,) in prseeellst kri- Kiclus liizuor: cum aällita »yua vitrosv pilsz kolo säverto in tantum exosnäelc-mt, ut voktes exur-mt. Nun aber glaubten sie auch von dem wirklichen Krystalle, daß es die Hitze eben so wenig vertragen könne, und mußten es, vermöge der seltsamen Meinung, die sie von der Entstehung des Krystalles hatten, um so vielmehr glauben. (*) Folglich konnte gleiche Besorgniß nicht wohl anders, als gleiche Vorsicht veranlassen: füllten sie die gläserne Brcnnkugcl mit Wasser, so mußten sie auch die krystallene damit füllen. K. Und nun, dem Hrn. Lippcrt wieder näher zu treten: was ist es, was er eigentlich mit seiner Muthmaßung, die Brillen und Vergrößerungsgläser der Alten betreffend, will? Warum trägt er sie vor? warum trägt er sie eben hier vor? Er trägt sie vor, ohne Zweifel, weil er sie für neu hielt, wenigstens den Grund für neu hielt, den er von den durchsichtigen bauchicht geschliffenen Steinen für sie hernahm. Aber warum hier? hier, wo die Rede von den so bewundernswürdig kleinen Werken der alten Steinschneider war? Glaubt Herr Lippcrt wirklich, daß dergleichen Wcrkc durch cin Vergrößerungsglas leichter und besser zu machen sind, als mit bloßem Auge? Ich habe mir das Gegentheil sagen lassen, und ausserordcntlichc Künstler im Kleinen, deren ich mehr als einen kenne, haben mich alle versichert, daß ihnen ein Vergrößerungsglas bey der Arbeit schlechterdings (°) ?Ii»iu« lib. XXXVIl. leet. 9. kr^slsllum xlaciem eu« cerwm elt - iileo calvris iwxaliens »on »iti krißiiw xowl -MlicUur. Antiquarischer Briefe fünf und vierzigster. 157 zu nichts dienen könne, da es Stein und Znsirument und Hand, alles gleich sehr vergrößere. Es ist wahr, sie können durch das Vergrößerungsglas erkennen, wie viel ihrer Arbeit an der Bollendung noch fehlen würde, wenn sie bestimmt wäre, dadurch betrachtet zu werden. Aber da es lächerlich wäre, nur deswegen kleine Kunstwerke zu macheu, um das Vergnügen zu haben, sie durch das Glas vergrößert zu sehen: so sind alle Mängel, die man nur durch das Glas erblickt, keine Mängel, und der Künstler braucht nur denen abzuhelfen, die ein gesundes unbcwaffcn- tes Auge zu unterscheiden vermag. Aber auch hicrbcy muß er die größere Schärfe seines Gesichts, so zu reden, in der Hand haben; er muß mehr fühlen, was er thut, als daß er sehen könnte, wie er es thut. Wenn also auch schon die alten Steinschneider, es sey die gläserne Vcrgrößcrungskugcl des Sencca, oder einen durchsichtigen sphärisch geschliffenen Stein, zu brauchen gewußt hätten: wozu hätten sie ihn eben brauchen müssen? Und nur daher begreif ich, wie jene gläserne Vcrgrößcrungskugcl zu den Zeiten des Plinius bekannt seyn konnte, ohne daß er ihrer jemals, bey so vielfältiger Erwähnung mikrotcchnischcr Werke, gedenket: da er im Gegentheil verschiedne Mittel, deren sich besonders die Steinschneider bedienten, die natürliche Schärfe ihres Gesichts zu erhalten und zu stärken, sorgfältig anmerkt. (") Andere alte Schriftsteller gedenken noch andrer solcher Mittel, die man alle itziger Zeit, da der Gebrauch der Vergrößerungsgläser so allgemein geworden, ohnstreitig zu sehr vernachläßigct: so daß die Frage, ob der Sinn des Gesichts bey den Alten, oder bey den Neuern der schärfere? eine Unterscheidung erfodert. Wir sehen mehr, als die Alten; und doch dürften vielleicht unsere Augen schlechter seyn, als die Augen der Alten: die Alten sahen weniger, wie wir; aber ihre Augen, überhaupt zu reden, möchten leicht schärfer gewesen seyn, als unsere. — Ich fürchte, daß die ganze Vcrglcichung dcr Altcn und Neuern hierauf hinauslaufen dürfte. (°) liib. XX. lecl. S1. 6 Nil. XXXVII. levl. tk. 168 Antiquarischer Briefe sechs und vierzigster. Sechs und vierzigster Brief. Ich habe mich bey der ersten Klotzischcn Anmerkung über das Mechanische der Stcinschncidcrknnst etwas lange verweilet. Bey der zweyten werde ich um so viel kurzer seyn können. Sie lautet so: (°) „Die natürlichen Adern und Flecken eines Steines, dienten „den Alten bey erhaben geschnittenen Werken oft zur Erreichung „ihres Endzwecks, die jedem Dinge eigenen Farben zu geben „und die schönste Mahlerey zuwege zu bringen. Sie wußten „hierdurch ihren Werken eine Lebhaftigkeit zu geben, die sich „der Natur näherte, und machten dem Mahler seinen Vorzug „zweifelhaft. Die Farben sind so gebraucht, daß die Farbe, „welche zu einer Sache angewandt worden, sich nicht auf eine „andere zugleich mit erstreckt, nnd alle Unordnung ist vermieden." Welch schielendes Wortgcprängc! welche abgeschmackte Uebertreibung von der ctwannigcn Wirkung eines glücklichen Zufalls, oder einer ängstlichen Tändclcy! Also war es, bey erhaben geschnittenen Werken, der Endzweck der Alten, „jedem Dinge die ihm eigene Farbe zu geben?" Der Endzweck! kann man sich ungereimter ausdrücken? Und diesen Endzweck halfen ihnen die natürlichen Adern und Flecken des Steines erreichen? und so erreichen, daß die schönste Mahlerey daraus entstand? Die schönste Mahlerey! Eine Mahlerey, die dem Mahler seinen Vorzug zweifelhaft macht! Kann man kindischer hypcrbolisiren? Gerade so würde ein spielendes Mädchen, das Kupferstiche aus- schncidet, und sie mit bunten seidenen Fleckchen ausleget, dem Mahler seinen Vorzug zweifelhaft machen. Was kann ich mehr von der ganzen Anmerkung sagen, als was bereits ein Gelehrter davon gesagt hat, welcher gleichfalls sein fremnüthiges Urtheil über die Schrift des Hrn. Klotz fällen wollen, ohne sich vor dem Kothe zu fürchten, den Lotterbuben dafür auf ihn werfen würden? „Ich habe, sagt Hr. Naspe, (°°) „viele geschnittene Steine dieser Art gesehen. Sie kommen mir „vor, als die Akrosticha und Chronodisticha in der Poesie. (°) S. 63, (") Ilnmcrkuiigcn zc. S. 31. (Casscl 1768. in 12.) Antiquarischer Briefe sechs und vierzigster. 169 „Viel Zwang und etwas Farbe ist gemeiniglich ihr ganzes Verdienst." Auch Hr. Lippen erkennet diesen Zwang fast an allen so mahlerisch geschnittenen Steinen, die er seiner Dakty- liothek dem ohngcachtct einverleiben wollen. Wozu also in einem Büchclchcn so viel Aufhebens davon, das die Gemmen hauptsächlich zu Bildung des Kunstaugcs und des Geschmackes empfiehlt? Hier würde vielmehr gerade der Ort gewesen seyn, die Liebhaber vor dergleichen Afterwerkcn der Kunst zu warnen. Setzen Sie noch hinzu, daß die besten unter diesen Afterwerkcn der Kunst, diejenigen, meine ich, welche die richtigste ungezwungenste Zeichnung und Anordnung zeigen, vielleicht Betrug sind: ich will sagen, daß sie nicht aus Einem Steine bestehen, dessen Streife von verschiedener Farbe man so kunstreich genutzct, sondern daß es verschiedene Steine sind, die man so unmcrklich auf einander zu setzen verstanden. Sardori^enes, sagt Plinius, o tornis zlutmantur gommis, ita ut äopiolionill srs non pottit: sl!umlro Krate» rolinyuitui-, tum gommarii lüanlvliu^sm vel t?ameum vocaot, tivo l>n^x, sivv 8sräo»^x tit. Es ist gleichviel, welche von den Schichten der Künstler zu der Figur nimmt, ob die lichtere, oder die dunkelere: aber freylich, wenn ihm die Wahl frey stehet, wird er lieber die dazu nehmen, deren Farbe für die Figur die natürlichste oder schicklichste ist; wenn er einen Mohrenkopf z. E. auf einen Onyx schneiden soll, der eine gleich hohe weisst und schwarze Schichte hat, so wäre es wohl sehr ungereimt, wenn er (°) I.idr. II. es?. 84. p. 234. Llill. ?ollli. Ich citire hier den Boot, weil sei» Werk, mit den Anmerkungen und Zusätzen des Tollills lind Laet, ohnstrcitig das vollständigste und gewohnlichste Handbuch in dieser Art von Kenntnissen ist. Denn sonst hätte ich eben so wohl andere, als z. E. den Cäsalpinus, citircn tonnen, welcher Mir. II. »lel-miois esp. 36. das nchni- liche, fast mit den nehmlichen Worten, sagt: lcülpuiii s«-iili>iarii ims lc>i,>cil-l«) vitrio mvtlo. Si e»im orusl!^ kwa slteri nixr»: superpoNl» til, »ut teeun- «tum itlivs eolores, nt ruben«, slkss !»ut nixr!«, »ut e oonvvrlo, sc»Ii>v»t in superiorl imsginem, ut inkvrior vvluli tlraluin sit, >>»« vulgo l?»ine»ii voo»»t. Es ist bekannt, daß Cäsalpinus einige Jahre früher als Boot schrieb; lind aus solchen gleichlautenden Stellen hat daher Caplus den Boot zum Plagiarius des Cäsalpinus zu machen, kein Bedenke» getragen. „Dieser Schrift- „stcllcr, schreibt Cavlus, (in seiner Abhandlung vom Obsidianischcn Steine S. 31. deut. Ucb.) „hat oft ganze Stücke aus dem Tcrte des Cäsalpinus „abgeschrieben, indem er nur einige Ausdrücke daran verändert, oder hinzugesetzt. Er ist nicht zu entschuldigen, daß er hiervon gar nichts gedenkt und „den Cäsalpinus unter der Zahl der Schriftsteller, deren er sich bey Bcrscr- „tigung seines Werks bediente, nichl einmal gencnnt hat." Diese Anklage ist hart: aber Boot hat ein Verzeichnis; so vieler andern Schriftsteller, die c.r gebraucht, seinem Werke vorgesetzt; warum sollte er nun eben den Cäsalpinus ausgelassen haben, wenn er ihn wirklich gebraucht hätte? Er hätte ihn doch wahrhaftig nicht mehr gebraucht, als irgend einen andern. Folglich kann es gar wohl seyn, das; Boot mit seinem Buche, das 1609 zuerst gedruckt ward, längst fertig war, als das Buch des Cäsalpinus zu Rom herauskam, oder in Deutschland durch den Nürenbcrger Nachdruck von 1602 bekannter ward. Ich wüßte auch wirklich nicht, was Boot nur aus dem Cäsalpinus hätte nehmen können; was er nicht eben so gut schon in ältern Schriftstellern hätte finden können. Wo er daher mit dem Cäsalpinus, »lehr als von ungefehr geschehen könnte, zusammen zu treffen scheinet, dürfen sie beide nur eine Quelle gebraucht haben. Ja, ich wollte es wohl selbst auf mich nehme», bev dc» mchrestcn Stellen, wo Cavlus den Boot für den Ausschreibe! des Cäsalpinus halten können, diese beiden gemcinschaflichc Quelle nachzuweisen. Antiquarischer Briefe sieben und vierzigster. 161 die wcisse zum Kopfe und die schwarze zum Grunde nehmen wollte. Hier muß er der Farbe nachgehen, weil er ihr nachgehen kann, ohne seiner Kunst den geringsten Zwang anzuthun: und von diesem Mahlerischen des Steinschneiders, sehen Sie wohl, habe ich nicht reden wollen. Ucbrigcns kann es jedoch bey dem itzigcn Sprachgebrauch? nur bleiben, und es mag immerhin ein jeder erhaben geschnittener Stein ein Camee heißen, ob schon die von einer Farbe so nicht heißen sollten. Aber das Wort Camee selbst? — Ich bekenne Zhncn meine Schwäche: mir ist es selten genug, daß ich ein Ding kenne, und weis, wie dieses Ding heißt; ich möchte sehr oft auch gern wissen, warum dieses Ding so und nicht anders heißt. Kurz, ich bin einer von den entschlossensten Wort- grüblcrn; und so lächerlich als vielen das etymologische Studium vorkömmt, so geringfügig mir es selbst, mit dem Studio der Dinge verglichen, erscheinet, so erpicht bin ich gleichwohl darauf. Der Geist ist dabey in einer so faulen Thätigkeit; er ist so geschäftig und zugleich so ruhig, daß ich mir für eine gemächliche Ncugicrdc keine wollüstigere Arbeit denken kann. Man schmeichelt sich mit dem Suchen, ohne an den Werth des Dinges zu denken, das man sucht: man freuet sich über das Finden, ohne sich darüber zu ärgern, daß es ein Nichts ist, was man nun endlich nach vieler Mühe gefunden hat. Aber jede Freude theilt sich auch gern mit: und so müssen Sie sich schon das Wort Camee von mir erklären lassen. Wir neuern Deutsche haben Camee ohnstrcitig gerade zu, von dem Italienischen O-imec, entlehnt. Meine Untersuchung muß also auf dieses, oder auf das ihm entsprechende Französische eama^ou gehen. Nun lassen Sie uns vors erste den Menage unter Liun-i^on nachschlagen, lind die daselbst gesammelten Ableitungen erwägen. Gasfarcl und Huet machen es ursprünglich zu einem hebräischen: Menage selbst aber, zu einem griechischen Worte. Gasfarcl sagt, Lama^eux hießen in Frankreich figurirtc Achate, und weil man wäßrichtc oder gewässerte Achate habe, welche (") vic!. ktvm. >?« I-t k^.insne Lessmgs Werk,-vui. 11 162 Antiquarischer Briefe sieben und vierzigster. vollkommen wie Wasser aussähen, (*) so hätten die Juden, die seit langer Zeit in Frankreich gewöhnet und in deren Händen der Stcinhandel größten Theils gewesen, das Wort vielleicht von dem Hebräischen ^kemaha gemacht; welches so viel heisst, als Himmlische Wasser, oder nach dem eigenen Ausdrucke dieser Sprache, sehr schöne Wasser. — Aber was sind wäßrichtc oder gewässerte Achate? Was sind Achate, die vollkommen wie Wasser aussehen? Sind das Achate, die so klar sind als das reinste Wasser? Oder Achate, deren vielfarbige Flecken den Wellen des Wassers gleichen? Und waren die figu- rirtcn Steine denn nur solche Achate, solche seltene Achate? Gab es denn nicht eben so viele, nicht unendlich mehrere, die mit dem Wasser durchaus nichts ähnliches hatten? Kaum daß ein so seichter Einfall eine ernstliche Widerlegung verdienet. Gründlicher wäre noch der Einfall des Huct. Auch Huct leitete l^amgzsou aus dem Hebräischen her: aber von Kam!», welches etwas bedeute, das man an den Hals hänget, um dem Gifte oder andern Schädlichkeiten zu widerstehen; mit einem Worte, ein Amulct. Denn, sagt er, man legte dergleichen Steinen, auf die von Natur irgend eine Figur geprägt ist, sehr große Tugenden bey. Doch Huct hätte wissen sollen, daß Xami-t nicht eigentlich ein Hebräisches, sondern ein Rabbi- nisches Wort ist; das ist, ein solches, welches die Juden selbst aus einer fremden Sprache entlehnet haben. Und so fragt sich: aus welcher? und was bedeutet dieses Wort in der Sprache, aus der sie es entlehnt haben? Menage würde uns desfalls zu dem Griechischen verwiesen haben. Denn er sagt, t^ms^ou komme her von tief, weil sie tief gegraben worden. Aber wie? es sind ja gerade nicht die tief, sondern die erhaben geschnittenen Steine, die man vorzüglich L-zwa^oux nennet. Außer diesen Ableitungen, ist mir weiter keine bekannt, als (°) esulu M'o» vvit llvs ^Vclialvs onllües, lepresenlaul Mif-Ute- nient >Is te»u. (°°) I>ai'ce>iu'<>n sllrililloU «I« grimäes vorius » «es pim ro«, hui lunt emi'l'viiUe« »»lurellemoul ll« !5 iiZure». (°°°) ^ caulv lla ervux ou «es vierres tont lsill«!««. Antiquarischer Briefe sieben und vierzigster. 163 die von x«i_>^i,«, die Cerutus (°) (nach dem Camillus Lconardus glaub ich,) angicbt. heißt Brand; und daher sey v-im-v gemacht, weil diese Art Steine an sulphurischcn und hcisscn Orten gefunden würden. Cerutus versteht die Onyxe darunter: aber woher beweiset er, daß die Onyxe nur an solche» Orten erzeuget würden? Und gesetzt, er bewiese es; wie hat man den Namen Camce, in diesem Verstände, gleichwohl nur den geschnittenen Onyxen beygelegt? Was hatten diese vor den ungcschnittcncn Onyxen voraus, daß man sie allein nach ihrem Erzeugungsorte benennte? Noch kahler werden Ihnen alle diese Grillen, gegen die wahre Abstammung gcstcllct, erscheinen. Zch will Ihnen sagen, wie ich auf diese gekommen bin. Die mineralogischen Schriftsteller des scchszchntcn und siebzehnten Jahrhunderts haben mich darauf gebracht, und Sie wissen von selbst, daß die frühesten nnd besten derselben fast lauter Deutsche waren. Bey ihnen fand ich nehmlich, das Italienische l^moo, das Französische (^ms^ou, das Lateinische l^moku^», wie es Boot nennt, bald komoliuiil.-,«, bald Gammenhü, bald komm.il,»,», auch wohl gar gctrcnnct, als zwey Worte, Komma liu^a geschrieben. Was ich daraus aber schließen mußte, ist klar: folglich sind die ersten Syllbcn von k-rm-r^ou oder s!->mvr>, das lateinische komm-»; und die ganze Schwierigkeit ist nur noch, was die letzten Syllbcn in Camolilij-t oder kemmalm^a bedeuten sollen. (°) Mus. l'klcanliii-. «ecl. III. n. SlS. Lam!« » »o»»»IU» voeinNur, liimnUl >w»»»iii>!Ui<>»c! !t von«! x^lvek x»T>/>,«, ! >?sl iilüi» «jNioll inee»» >Ii»mi ilicintt tt!li»quv iu tttt>iln>rei^ >!7 enliai^ inveniii. (°°) Nicht, wie es dir alten Römer genannt haben. Diese kannlen das Wort zuvcrläsiig nicht; welches ich wider den Hrn. Lronstedt erinnere. S. dessen Versuch einer neuen Mineralogie, deut. Nrbcrs. Seite St. (°°°) ««nioii» iU-l« schreibet csErasnnis Stclla, dessen iiu«e,»e!-i- «»^»nnu N^miiuuuiu, das zn Nürnberg 15,17 zuerst gedruckt worden, Brnck- niann 17li6 wieder auslegen lassen, p-o-w III. eun. s. kemm»?! .-»>> »liUv- püm eruiUli ilixero , >-'e !>>> im»!:!»,!« i» viü t^!,Ii»!i»l!>s sunt z 1,-li imi I(-»ie si^nisivAiNiir, n^s >>rin- >!>»>»> <>ll^>l, !i»r Os^, Mo'Mn- nu>a>>>i i,nrNiri>!iNi>>u» >l' kliai» I>!N(>1 <>. Eamincnlni schreibt es i>onrad Gesncn s>> ia>'ianm ,,. W> 11- , 164 Antiquarischer Briefe sieben und vierzigster. Alis den Worten des Stella, die ich in der Note angeführet, dürfte man fast auf die Bermuthung kommen, daß so viel als das Deutsche hoch, aufgeschwollen, trächtig, hcisscn solle. Doch wer würde sich einen solchen latcinischdcutschen Hybrida, den Franzosen und Italiener von uns angenommen hätten, leicht einreden lassen? Und damit Sie auch nicht weiter lange hcrumrathcn: so mache ich cs kurz, und sage Ihnen, daß ku^-t so Viel ist, als on;eliia; und sZemmkllni^a folglich nichts mehr und nichts weniger, als das zusammengezogene und verstümmelte lZenima on^ekia. Aus Kc-mma ov^cliia ward kommakuja; aus lZommaliu^Ä ward (^mekuis; aus lüamoliirja ward eams^mi: so wie wiederum aus lZommatiu^, Gammcnhü, e-rmoo; ja allem Ansehen nach, auch das Rabbinische kami-i. Ich halte dafür, diese Ableitung ist an sich so einleuchtend, daß ich nicht nöthig habe, mich viel nach andern Beweisgründen umzusehen. Der vornehmste indeß würde dieser seyn: daß, vom Cäsalpinus an, cs durchgängig von allen mineralogischen Schriftstellern angenommen wird, daß der Camchuja oder Ca- meo nicht eine besondere Art Steines, sondern nur ein besonderer Name eines unter einem andern Namen bekannter» Steines sey; nehmlich des Onyx. 0n>x, oder Onickcl, oder Hiceolo, sagen sic alle, heißt dieser Stein, wenn er nur geschliffen, oder so ist, wie er von Natur ist: Camco aber heißt er alsdann, wenn er geschnitten ist, und zwar so geschnitten, daß Figur und Grund von verschiedener Farbe sind. (*) Zst nun aber ?jZuri ISLS.Z Kemuisrii vero leu tcslplore» ßemwsriim xenims» mwu« öur!t!> inl Iwe lliligunl: ut livrmimi vulxo » leiii molliliv pulo, Speckstein npMii-uu, Ganimenhü. vviiiiu-Uiui» schreibt cs Jot). Kentmann: Hvmenolslura rernm koMNuiit I»> 32. vemm» liu^ja schreibt cs Agricola: (bcvm Gcsncr I. c.) I-spi-?, qaem, quis H»s cvlor csi»litlu», piiixuior vicletur ess?, Keim-lni ex lurilo iwini- ns,Vi!ru,i!, («imilsm voc-lill xemmam I>u^am) lim?» »IInis >Iis>i»!;uit invtl» »igr-tiu, iiioclo ciueresi» msleriimi. L^u» p-lrs poliMmum e-uuNdÄ litlior, Iur»s. (°) e-vralpillus 6e klel^llieis IU>. II. c»p. 122. llos umuvs iio- llie Kiccolos vvcsnt, cum roliim perpolili sunl: exsvuliilos sulew, ul tul)» llralum -»lerius ovloiis til, v-lmeo». Antiquarischer Briefe sieben und vierzigster. 46Z jeder Eamco ein Onyx; bezeichnen beide Namen den nehmlichen Stein: wärmn sollen die Namen selbst nicht auch ursprünglich die nehmlichen Worte seyn, wenn sie es so leicht und natürlich seyn können, als ich gezeigt habe? Vor dem Eäsalpinus, wurde der Camehuja bald für diesen, bald für jenen Stein ausgegeben; auch wohl zu einem eigenen besondern Steine gemacht. Würde dieses aber wohl geschehen seyn, wenn man sich um die Abstammung des Worts bekümmert hätte? Und hieraus lernen Sie denn auch, mein Freund, ein wenig Achtung für meine liebe Etymologie überhaupt! Es ist nicht so gar ohne Grund, daß oft, wer das Wort nur recht versteht, die Sache schon mehr als halb kennet. Zu einem besondern Steine machte den Camehuja, Kcnt- niann. Auch wohl, vor diesem, Eamillus Lconardus. Denn der Stein, den Lconardus kamam nennt, kann wohl nichts anders als der iüamvo, die Fvmma on^eliis, seyn, wie aus den Kennzeichen, die er selbst angicbt, erhcllct. Aus dem Lconardus hat Boot diesen kamsm in sein Verzeichnis; unbckann- tcr Edelsteine übergetragen; und nun wissen Sie doch ungefehr, was Sie von dem kaman, wie ihn Boot daselbst schreibt, denken müssen. Sie glauben kaum, wie sehr ich in diesem Verzeichnisse mit meiner Etymologie aufräumen könnte! Hingegen zu irgend einem andern Steine, als dem Onyx, machten den Gcmmahuja, Stella und Agricola. Und zwar Stella (°) Xoinenc-I. Ner. lots. l. c. (°°) Xiimsin leu Kitliswiu», «st »Ibu» vsiiis color^Iius «IMinctus, ,87 » Xsumsle itieitur, vuoil incenuwm imiwrl»!: reneiilur in loc!« kuli>l>u- rei«, sc c»Ii>Ii»; krequenlislinie oiiix«: (On^elii) !i>Ii»ixln8. Hu» twle» iiiiniU!«,. vlrtus null» elt, leck virlulem ex senlvlnri« seu imsxinNins, c>uN in M» scnlpl-v tunt, aeoipit. ll>e l.snia. IU>. II. p. KS. LUU. Hsmd.) Diese Stelle hatte ich im Sinne, als ich oben sagte, das; es wohl Lconardus seyn möchte, aus dem Cerutus die Etvmologic von Camco genommen. Wenigstens zeiget diese nehmliche Ethmologic, und die nehmliche Angabe der Er- zcugungsvrtc, daß der Camco des Ccrntus und der Kam-lw des Lconardus, mir cin und eben derselbe Stein seyn könne». Dazu kommen noch die übrigen Merkmahle des Lconardus, daß der Kamam an dem Onyx öfters anwachse, und daß cr seine ganze Kraft von den darauf geschnittenen Figuren erhalte; welches allcs den Camco verräth. IKK Antiquarischer Briefe sieben und vierzigster. zur Päantis der Alten. Ich habe kurz vorher gesagt, zu welchem Irrthume die Worte des Stella, po-mticles, yuW U (Zomoliui- Ien»z signisicantui', wohl verführen könnten; nehmlich in den letzten Syllbcn von Gemmahuja, unser deutsches hoch zu finden. Aber hier kann ich Ihnen nun genauer sagen, was Stella eigentlich will. Er fand in seinem Plinius: piesntillvs, quss «znielam tZomoniclas vocant, ^loeZnantvs tiori Ä ^ikiioro tlicuntur mveleritjue parturienti- bus. Dieses kemmiillas fiel ihm auf, es hatte ihm mit dem Worte Gemmahuja so viel ähnliches, daß er glaubte, beide könnten auch nur das nehmliche Ding bezeichnen; er formte also sein (Zvmokulclas vollends darnach, und so ward der Gemmahuja zur Päantis, zu dem Steine, von welchem die Alten glaubten, daß er für Gcbährcrinncn heilsam sey, weil er selbst seines gleichen gebähre. Aber Harduin versichert, daß er in allen seinen Handschriften des PliniuS, anstatt lZomomclns, lZM-miäas gefunden: und nun denke man, wie viel auf eine so zweifelhafte Lesart zu bauen. Hätte Stella in seinem Pli- nius auch kseattläg« gelesen, so wäre sicherlich der Gemmahuja nie zur Päantis geworden. (") Auch mißbilligte schon Agricola diese Meinung gänzlich, der den Gemmahuja für den Speckstein ausgab. Doch das ist wider allen Augenschein; unter hundert alten geschnittenen Steinen, sowohl erhabnen als tiefen, wird man nicht einen so tho- nichtcn finden. Denn wenn die thonichtcn Steine schon gut zu schneiden sind, so waren sie doch den Alten desto untauglicher (°) Indeß läßt sich freylich von i!is eben so wenig Ncchenschafr geben, als von «eiiivni>i!«8> mir daß man aus jenem leichter abuehmr» kann, daß Plinius ohne Zweifel ein von )>-?-^«-^ oder von )>vv>, abgeleitetes Wort durste geschrieben haben. Vielleicht ^vo»«^-^«?, welches sodann Marbo- dus ausgedrückt hätte, wenn er von der Päantis, oder wie er das Wort schreibet, Peanitcs, sagt- ?eminel sexus resereiis imU-mito I-Uiores. (°") (^puc! kesnerum l. e.) quem, yuis Hus eolvc vsntliclus piiißuivr viclettir esse, kerm»»i ex Isrclo iwminaveruni, («tunlsm vocsnt «emmam I>u^m) limes »»nis ^islinZuit mocto i>ik>sm, moito el- »eream materiam. — Lrssmus 5!>eU!t kemoliui>lss nc»ni»i«»s, e-tsclein vele- rump-eitntiSvs »on levlv sneil, Antiquarischer Briefe sieben »ud vierzigster. 467 zum Abdrucke: es wäre denn — Aber von dieser Vermuthung an einem andern Orte. Unter den Neuern kenne ich nur den Hrn. D. Vogel, von dem man sagen könnte, daß er mit dem Agricola den Gem- mahuja zum Specksteine mache: wenn es nicht billiger wäre, von ihm anzunehmen, daß er nur zum Verständnisse derjenigen seiner Vorgänger, die es wirklich gethan, unter die verschiedenen Namen des Specksteins, auch den Namen Gcmmahuja setzen wollen. Einem kleinen Einwürfe will ich noch zuvorkommen, den man mir gegen meine Auflosung des (^mokHa in Komma on^ckia machen könnte. Man dürfte sagen: warum sollten die Alten mit zwey Worten ausgedruckt haben, was sie mit zwey Syllbcn sagen konnten? warum Fvmma »n^enia, da sie kürzer mit Or-vx dazu kommen konnten? Darum, antworte ich: weil 0n)x bey den Alten nicht allein der Name eines Edelsteines, sondern auch einer Marmorart war; ja sogar der Edelstein diesen seinen Namen von dem Marmor bekommen hatte. Zum Unterschiede also, und wenn ein großer Theil (°) Pract. Mincralsvstcm S. 100. (°°) (pliiüu» I.ilir. XXXVII. fl-cl. St.) Lxpoiu-iiu-t «-N L vii^elii-i iMus »sluru, propter »vmuüs soeietiUew: Iioe in xeminiuu lrkuililit ex I»- l^rm-mi-:. An der ander» Stelle, wo Plinins des Marmors dieses Namens gedenkt, (i.iu. xxxvi. koct e,) siehet anstatt viirm»»!», welches eine Provinz in Pcrsicn war, «l-riu-uii-i. Aber Salmasins hat schon angemerkt, (»>I Loliiium v. S58.) daß dieses ein bloßer Schreibfehler seh, lind Harduin hatte daher nnr ininicr l'-liumni-l, anstatt verm-tiii», dort I» den Text nehmen sollen. Er hat diese Ehre wohl streitiger» Lesarten erwiesen. Indes; giebt mir das, was er daselbst in der Note hinzusetzt, Gelegenheit zu einer andern Anmertiittg, ^»v<- i>uiro, schreibt Harduin, o»>el>em Iwv loeo pul«» !t pliui« pro ßumiim ea »cliini, iiuuiu noklri vocsiil i«rre i>r«civukv, emlivlliu tle vi-iiic», «le tlivvitd» eouleurs. Sehr gründ, lich! Aber in einem Wörterbuchc möchte man auch gern lernen, wo das Wort selbst herkomme; und davon findet sich nichts. Ich will es kurz »lachen: e-iMuoiiie ist »ichls als ei» alberner Schreibfehler, den die Umvissciihcit forlgevsia»zct, n»d nnn fast güllig gemacht hat. Es soll Oitieeuowe hcisscn: (Zu»- uottiu t.Ailieotlvuiit uuüU, ,15 cvliunlo «.'»llvlloili!», sagt La et. Denn 168 Antiquarischer Briefe sieben und vierjigsier. des Werths von diesem Unterschiede abhicng, mußte man ja wohl gcmma on^okia oder ori^cliina sagen. Und nun noch ein Paar Anmerkungen, die ungefehr eben so wichtig sind, als der ganze Brast, mit dem ich diesen Brief vollgepfropfet habe. Wenn ein Cameo, oder lÄma^ou, nur cm solcher erhaben geschnittener Stein gchcisscn hat und eigentlich heissen sollte, dessen Grundlage von einer andern Farbe ist, als die darauf geschnittene Figur; der also zuvcrläßig ein Onyx seyn wird, weil unter den Edelsteinen nur die Onyxe dergleichen reguläre Lagen von verschiedener Farbe haben: so wird man leicht daraus errathen köuncn, von welcher Beschaffenheit diejenigen Gemählde seyn müssen, welche die Franzosen gleichfalls l^mg^oux nennen, und einsehen, warum dergleichen Gemählden dieser Name beygelegt worden. Nicht weil sie das Basrelief nachahmen, heissen sie Cama^eux; wie sich Pcrnety und andere einbilden: denn ich wüßte nicht was x«^«-,, wovon er das Wort mit dem Menage ableitet, mit dem Basrelief gemein hätte? Sondern sie heissen so, weil sie ganz aus Einer Farbe auf einen Grund von einer andern Farbe gcmahlet sind, und hierum die geschnittene gomma cm^elna nachahmen. Ucbcrhaupt will ich hier noch hinzusetzen, daß das Erhabene so wenig das Wesentliche des Cameo ausmacht, daß auch sogar tief gcschnit- der milchfarbene trübe Achat, den wir itzt Chalccdon nennen, hieß in spätem Zeiten weisser Onvr. Wie cr aber zu dem Namen Chalccdon gekommen, ist schwer zu sagen; da cr mit allen den Steinen, welche bey den Allen von Karchcdon, oder Kalchcdon, ihren Bevnamcn habe»/ nicht das geringste ähnliches hat. So viel weiß ich nur, das; er diesen Namen nach den Zeiten des Marbodus muß bekommen haben. Denn der Chalccdon des Marbodus ist weder unser Chalccdon, ncch sonst ein onvrartigcr Stein, sondern der kalchc- donische Smaragd des Minus, vermengt mit eben desselben smaragdartigcm Jaspis, Granimatias oder Polvgrammos genannt, wie aus dem Zusätze, daß cr den Rednern und Sachwaltern dienlich seu, erhellet. Weder die Ausleger des Marbodus, noch Salmasius, dcr den Chalccdon des Marbodus blos für des Plinius lurbiüg, 5all>i-j, yu-im t'-iiciiedvii mUwdsi, hielt, haben dieses gehörig bemerkt. (°) Diel. >Ie ?oinl, niv«, ne itevroit tvrvir IM« ponr le» biiü-reliek,', puikizu'jl >ire ton »01» >Ui »wl xree gut NZuUle IiitL, » l«rre. Maricltc, und aus ihm Siichelet, ncbst andern Wörterbüchern, sagcn cbc» das. Antiquarischer Briefe sieben und vierzigster. 169 tcne Steine (Onyrc versteht sich) Camcen hcisscn können nnd hcisscn sollten, sobald sie dnrch die obere einfarbige Schichte bis auf die untere Schichte von einer andern Farbe geschnitten worden, und also die Arca von dieser, und das Bild von jener Farbe erscheinen. Es ist noch nicht so gar lange her, daß die Franzosen selbst das Wort Lams^ou eben so wohl von tiefer, als von erhabner Arbeit brauchten. I^es ^miaillors los I^apiclairos, schrieb Felibim in seinem viotionauo 60s ^rts, nommvnt Ls- ms^oux los Onz oos, Karllninos ^ sutres piorros tsilloos va reliot ou on croux. Nur die Worte A autros piorros tailloos hätte cr sollen weglassen. Denn höchstens können nur die Sardonyrc noch dazu gerechnet werden, als welche von den Alten mit unter dem allgemeinen Namen der Onyre begriffen wurden, und allein einer ähnlichen Bearbeitung fähig sind. Nicllcicht auch ist dieser ältere und weitere Gebrauch des Französischen eams^ou die Ursache, warum die neuern Schriftsteller dieser Nation, wenn sie erhaben geschnittene Steine durch ein Kunstwort ausdrücken wollen, lieber pioiro e-mioo, als campen sagen. Wir Deutsche wenigstens wollen, zu dieser Absicht, nur immer das fremde nnd neue Eamec lieber fort- brauchcn, als das alte Gcmmenhü ernencrn. Es wäre denn, daß wir es ganz in seinem lautersten Verstände erneuern, lind nicht'alle und jede erhaben geschnittene Steine, auch nicht nur allein erhaben, sondern auch tief geschnittene Steine, an welchen das Bild eine andere Farbe als die obere Fläche zeiget, damit belegen wollten. Wenn wir sodann diesen genuinen Begriff wiederum damit verbinden lernten, so sehe ich nicht, warum wir nicht, eben so gut als die Franzosen, auch die einfarbigen Gemählde auf einem Grunde von einer andern Farbe, Gcm- mcuhüc, oder Gemählde auf Gcmmcnhüart, nennen könnten. Acht und vierzigster Brief. Noch finde ich bey den Exempeln, welche Herr Klotz zur Erläuterung seiner zweyten Anmerkung über das Mechanische der Kunst beybringet, einiges zu erinnern, welches ich freylich übergehen müßte, wenn mir nur um Herr Klotzen zu thun wäre. Zch will es also nur gegen seine Währmänncr erinnert haben, 170 Antiquarischer Briefe acht und vierzigster. «md Herr Klotz hat sich von dem Tadel mehr nicht anzunehmen, als davon auf die Rechnung des jahmcn Nachschrcibcrs fallen kann. „Herr Winkclmaim, sind seine Worte, gedenkt eines Sar- „donych, welcher aus vier Lagen, einer über der andern, besteht, „und auf welchen der vierspännige Wagen der Aurora erhaben „geschnitten ist." Erst, mit Erlaubniß des Herrn Klotz: Win- kelmann gedenkt keines Sardonych, sondern eines Sardonyx. Warum man in der mchrcrn Zahl noch wohl, wenn man will, Sardonychc sagen darf, das weis ich: aber wie man auch in der einfachen Zahl Sardonych sagen könne, das ist mir zu hoch. Vielleicht zwar ist einem lateinischen Gelehrten, der sich herabläßt, deutsch zu schreiben, ein solcher Schnitzer allein erlaubt. Und so habe er denn seine Schnitzer, oder Druckfehler, wie er sie nennen will, für sich! Was ich eigentlich hier anmerken will, ist gegen Winkelmann. Winkclmann hatte Unrecht, einen Stein, von dem er selbst sagt, daß er vier Lagen von vier verschiedenen Farben habe, einen Sardonyx zu nennen. Der Sardonyx muß schlechterdings nur drey Lagen von drey Farben zeigen; (*) zwey, die er als Onyx haben muß, und eine dritte, welche dem Sardcr oder Carncol gleichet, lind wodurch er eben der Sardonyx wird. Plinius, Zsidorus, Marbodus nennen diese drey Farben, schwarz, weiß, roth. Aber die erste ist so unveränderlich nicht; denn sie kann eben so wohl grau oder braun, als schwarz seyn. Nur die zweyte und dritte sind unumgänglich; denn ohne die zweyte könnte er kein Onyx, und ohne die dritte kein Sardonyx heisscn. (°) (?Unli!S I.ili, XXXVIl. seet. 75.) LitriZ»»; ol-ei- e lern!» xluli- iiiuUur xemmis — stiuulle nixro, iiliunile «»„MSu, »liuniiv mwiv, kuiupli« viu»i>ni» i» tue genere iirok-umimi«. Vor dem Harduin las man zwar in dieser Stelle anstatt v lernis, <- eersunii-j, nnd diese alte Lesart hat auch der deutsche Uebcrsetzcr beybehalten, bey dem es sonderbar genug tlingt, „aus Donnerkeilen zusammen gckütlrt," Doch Harduius Verbesserung ist unwidcr- srrechlich, wie man bey ihm selbst nachsehen mag. Außer dein Isidorus hätte er auch noch den Marbodus für sich anfuhren tonnen, der eben so ausdrücklich von dem Sardonyx sagt: 'I're» citpit ex IiiiUL u»u« Ii»i>i8 il»! euluru«; ^IIiuu >L7 Uwe niger ett, rulieu« suveremiiivl !>U^u. Salmasius will zwar, (»U 8uU»ui» ) daß die Arabische» Sardonyrc nichts von der rothen Farbe gehabt- allein in der Stelle des Pli- Antiqucirischcr Briefe acht und vierzigster. 171 Nun aber ist unter den vier Farben des von Winkclmaim sogenannten Sardonyx, die dritte gerade nicht; und das ist sonach der zweyte Grund, warum ihm dieser Name abzusprechen. Meinem Bcdünkcn nach hätte ihn Winkclmann schlechtweg Onyx, höchstens einen viclstrcifigcn Onyx nennen sollen. Denn ob man dem Onyx schon nur zwey Schichten von zwey Farben beylegt; so ist dieses doch nur von dem Onyx, wie er in kleine Stucken gebrochen, nicht aber, wie er wächset, zu verstehen. Ich will sagen: da diese zwcyfarbichte Schichten wcchsclsweisc parallel laufen, so kann jede mehr als einmal, und die dunklere auch mit verschiedenen Schattirungcn, wieder kommen, wenn man dem Steine Dicke genug läßt. Da aber eine solche Dicke zu Ring- inid Siegelstcincn eben nicht die bequemste ist: so wird er freylich aus der Hand des Steinschleifers selten anders als mit zwey Schichten kommen. Nur wenn diese Schichten dünne genug sind, oder das Kunstwerk, zu welchem er bestimmt wird, eine größere Dicke erfordert, wird er, wie gesagt, jede der zwey Schichten mehr als einmal, und die dunklere nach verschiedenen Schattirungcn haben können. Und das ist hier dcr Fall. Die vier Lagen des Winkclmannischcn Steines sind in ihrer Folge, schwarzbraun, braungelb, wciß und aschgrau. Alle diese Farben und Schichten kommen ihm als Onyx zu; und besonders, sieht man wohl, sind die zwey ersten nichts als Verlauf dcr nehmlichen Schichte ins Hellere: so wie die vierte, die aschgraue, (wenn sie ihm anders hicr nicht aufgesetzt ist,) nichts als all- mäligc Vcrdunkclnng dcr weisscn Schichte in die natürlicher Weise wiederum angrenzende schwarzbraunc odcr braungclbe, scyn dürfte. Freylich ist die rothe Farbe, die dcn Sardonyx zum Onyx macht, im Grunde auch nichts als eine Variation dcr braunen; denn bcidc sind, ihren Bestandtheilen nach, auch vollkommen dcr nehmliche Stein: aber wenn denn nun einmal »ins, worin» cr das findcn will, finde ich cs nicht. Ebcn so wenig kann ich mir mit ihm einbilden, daß Plinius geglaubt, Sardonvx solle so viel hcisscn, als Sarkonvx, odcr daß cr auch nur andeuten wollen, als sey dicses von einigen geglaubt worden. Denn Plinius sagt zu ausdrücklich: sal-ilon^in-L «Um, M ox uomiue ij'lu .inMrol, iuIvIUgtiliünlur ckuelvre j» LsrN». 172 Antiquarischer Briefe acht und vierzigster. für diese Variation ein besonderer Name bestimmt ist, warum will man ihn einer andern beylegen? — Ein zweytes Exempel nimmt Hr. Klotz aus der Daktyliothck des Zanctti. „Zn der Zanettischen Sammlung, sagt er, wird „ein Tiger aus dem orientalischen Steine, Maco, bewundert, „wo sich der Künstler der Flecken des Steines bedient hat, um „die Flecken des Tigers auszudrücken." Maco? Wer hat jemals von einem solchen Steine gehört? Da wird sich ganz gewiß wieder der Setzer versetzt, oder der Schreiber verschrieben haben. So ist es: denn Eori, von dem die Auslegungen dieser Daktyliothck sind, sagt: exteulptum Is^illo vnentsli, v^Iwrs !U »>i« ^ime csU IVIoelioklones, but imprvnerlx; kor IIwv sro not Uiv ?i'»«Iuot »k llliit Kinxiloin, Iiut are onlx utvli lo de IirvuM krum vlltvr lZoimIiie» »litt slüi>i>'tl Ilit-rv kor Ilie I5ko ok our RarelisiUs. Antiquarischer Briefe nenn und vierzigster. 173 Sie erinnern sich, was ich bereits in meinem fünf und zwanzigsten Briefe, wegen der pralma Lmai-aFllinoa Wider ihn angemerkt habe. Einer solchen Prasma fand er den Stein sehr ähnlich, auf welchem er den Kopf des jungen Tibcrius erkannte: (°) und wie sagt er, daß man diesen Stein nenne? (Zuom Igla- rinm alliwüimt: oder mit den Worten seines Ucbcrsctzers, Igiacla inolto dolla, cl>o al pratma cli 8mer»I«Io stkal 1"> avvicina. Sie sollen zwanzig Naturalisten aufschlagen, ehe Sie dieser Zgiada auf die Spur kommen. Und werden Sie wohl glauben, daß es weiter nichts, als der verstümmelte spanische Name eines sehr bekannten Steines ist? Die Spanier nennen pieclia clo Iihacla einen Igpiävm neplniticum, einen Nierenstein, den sie häufig aus ihren amerikanischen Provinzen bringen. Dieser hat auch wirklich die Farbe eines Prasius oder Präscm; aber bey weiten nicht dessen Härte, und kann folglich auch dessen Politur nicht haben. Dazu ist der Name Jgiada bey dem Gori um so viel unschicklicher, weil, wenn es eine wirkliche pioclia clo Iihacla wäre, die Arbeit darauf unmöglich alt seyn könnte. Sollte ein Gelehrter dem unwissenden Pöbel die Worte so aus dem Munde nehmen, wenn es nur an ihm liegt, sich von dem nehmlichen Dinge ohne sie, eben so richtig als allgemein verständlich, auszudrücken? Sollte er, einen Stein zu benennen, lieber mit dem Juwelier und Seefahrer, als mit dem Griechen und Römer, als mit dem Naturforscher sprechen? Gleichwohl ist es in den spätern Zeiten fast immer geschehen; und nur dadurch sind in diesem Theile der Naturgeschichte der Dunkelheiten und Verwirrungen so viel geworden, die sich nothwendig auch je länger je mehr häufen müssen, wenn sich ein jeder nach eignem Gutdünken, oder mit dem ersten dem besten Worte, das er gehört, darinn ausdrücken darf. Schon der ehrliche Stclla, vor mehr als zwey hundert Jahren, eiferte wider diese Unart: aber was half es? Seine Worte sind der Beyspiele wegen merkwürdig. 8v non parum aclmiraii, schreibt er, viros »liocjuin clo- ctos, in Ins rekus, lju»z uatura tanta oruatlot pulcinituclino, (*) ix. p. t?. l") I.»et I.wr. I. cai,. zg. (°°°) ?r-ek. lulerprel. vem. 174 Antiqlicirischcr Briefe neun und vierzigster. Iiardaia ac plodoia uti nunennntiono, ut teil, (üarduneulos kulii- nos, I^^clinitos ^manclinos, 8an<1arvt1o8 tiranatos, iünr^- tnlitlias ^itrinos, cliccront Ä ploralyuv alias inc^t!st'il»is vc>- caliulis ap»ollarent, «jUN tamen vloFantifj'imis nominibris ar»uc1 terij,t(,res, tum (Zroecos, tum I^atinos eolclirarontur. Den Rubin ausgenommen, über den man durchgängig einig ist, wird man die übrigen ncugcprägtcn Namen, von nachhcrigcn Schriftstellern auf ganz andere alte zurückgeführet finden. Sie mögen darin» auch leicht eben so viel Recht haben, als Stella: nur wegen des Amandins möchte ich es lieber mit diesem halten. Ein Wort hierüber. Die I^vckms und der Orlmnculus ^ladancu'cus ist bey deut Plinius ein und ebenderselbe Stein; einmal nach einer ihm besonders zukommenden Eigenschaft, und einmal nach der Gegend, wo er vornehmlich gefunden ward, so genannt. Denn beide sind dem Plinius aus dem gsnero axlcntium, beide sind ihm mAriores oder romittioros cardnrieuli, und von beiden sagt er, daß sie in Ortlintia cautv oder circa Ortliollam gefunden würden. Wenn also Stella den Amaiidi» der Neuern zn der I^elinis der Alten macht: so macht er ihn zugleich zum car- dunculo alaliaixiico, das ist, zu einem dunkclrothcn Rubin. Cäsalpinus hingegen, Boot, Laet und die ganze Hccrde ihrer Nachfolger, machen den Amandin zum Iroosonius des Plinius, das ist, zu einem Rubin mit wcisscn Flecken. Doch unterscheiden eben diese den Amandin von dem Almandin, welchen letzter» sie für den carlnineiilum aladanclicum ausgeben, ob schon ohne im geringsten zu vermuthen, daß dieser und die I^clmis ein und eben derselbe Stein sey. Zch habe aber nicht finden können, »nt welchem Grunde sie den Almandin und Amandin zu zwey verschiedenen Steine» mache»: beide Namen scheinen nur Ein Wort, beide nichts als das verstümmelte ^Ial>anÜ5 Innoeentikt'imi inttar omni smoro cli^na llt. ^Ii lioe nomino lorto «loiluctum noniczn illucl Kor- inan'ieum, ilrlo III. e,ii>. i. c°) ri>Ill!tM>!i'S IMlvlV vl Slu««:.>>, p, 4«. C") I/lli. II. c»l>. 4K. ('^) gu.iüiiun I>!ee xvmins köret, liuüm l!l»>opeie >^ !«I insüiiwm >'o- niuü klililmal'fLt, quilm exo vpnluin llmn» itixislem, convlv!« «wlvri »>>>I>n- num ms ttiosre ileliere clgi»il»li!»n. — VUin Nlirüiioriim, DplUi Inen 176 Antiquarischer Briefe nenn und vierzigster. würde er nicht umgekehrt geglaubt haben, daß Orplianus die Uebcrsctzung von Wayse sey, auch würde er den Opliimus nicht blos zu einer geringern Art des Opals gemacht haben, da aus den Worten des Stella erhellet, daß damals alle Opale Orphanc hießen, und man kaum jenen alten echten Namen mehr dafür erkennen wollte. Auch Frischen muß der Ursprung des Wcsc unbekannt geblieben seyn; er führt das Wort, das er nach dem Pcuccr durch ^Nerios und Lrittslis erkläret, in seinem Wörtcrbuchc nur kaum an; und wenn er aus eben demselben beybringt, daß die Deutschen diesen Namen mchrern Edelsteinen beylegten, so hätte er, zu Vermeidung der Mißdeutung, wohl hinzusetze» mögen, was für mchrern? Keinen andern als solchen, die, so wie sie gewendet werden, in verschiedene Farben spielen, und folglich insgesammt unter das Geschlecht der Opale gehören. Fünfzigster Brief. Auch finden sich die nichtsbcdcutcndcn Namen, Achatonyr, Achatsardonyr, zum öftcrn bey dem Gori; und er ohne Zweifel ist es, der dem Hrn. Lippcrt damit vorgegangen. Wenn es indeß keiner Ungereimtheit an einem Vertheidiger fehlen soll: so hat der Achatonyr den scinigcn an einem Zcnai- schen Recensenten des ersten Theiles dieser Briefe bereits bekommen. (") Dicscr lcugnct, daß man heut zu Tage unter dem Namen Achat, als einem Geschlcchtsnamcn, alle edlere Hornsteine begreife, und sagt, „wir haben noch nie gehört, daß man „den Chalcedon einen Achat genannt." Wir! So muß dieses Wir überhaupt nicht viel von dergleichen Dingen gehört haben. Brückmann sagns^*) „Der Achat wird von den mehrcsten „Schriftstellern, die von Edelsteinen geschrieben haben, für „das Hauptgeschlccht aller dicscr Steine ausgegeben, welche wir „in diesem Abschnitte beschrieben haben." Und was hatte er NrMaiii »viuen Nil^sllttil-re, iä ve»!sss, »>i iä vliin-tnitum vlielilcoinis ex- pugiisiuliim in ^Vlbeili colliciUo Iwv vooA>iulum. vnüIumMe Hus loco in- seiilienSuin kure. (°) St. 96. Jahr 1768. (°°) Abhandlung von Edelsteinen S. 85. Antiquarischer Briefe fünfzigster. 177 in diesem Abschnitte für Steine beschrieben? „Ouarzartige, im „Anbruch glatte oder glänzende, halb durchsichtige und undurchsichtige Edelsteine, die auch von einigen hornartige, der „Achnlichkeit zufolge, gencnnt werden." Ja er setzt ausdrücklich hinzu: „Z. E- von halb durchsichtigen Steinen wird der „Ehalccdon, der Carneol u. s. w. von undurchsichtigen der Onyx „für Achatartcn angenommen." — Aus welchen Büchern hat denn nun das Jenaischc Wir, viclwisscnden Tones, seine Mineralogie gelernt, daß es so bekannte Dinge Theils leugnet, Theils nie gehört hat? Und so, wie die mchrcstcn Schriftsteller vor Brückmannen den Achat zum Geschlechtsnamen aller cdlcrn Hornsteinc, den Ehalccdon nicht ausgeschlossen, gemacht: so haben dieses auch noch viele nach ihm gethan, von welchen ich Vögeln statt aller nennen will. (") „Der Name, Achatonyx, fährt der Zcncnser fort, „ist kein „Monstrum, wie Lcssing glaubt, wenn gleich Achat und Onyx „zu einem Geschlechte gehören. Auf solche Art müßte der Chal- „ccdonyx auch ein Monstrum seyn." Mit Erlaubniß: ich habe ihn ein Monstrum genannt, nicht in so fern Achat und Onyx zu einem Geschlechte gehören, und nur verschiedene Arten des nehmlichen Geschlechts sind, die sich allerdings componircn lassen, wie ich bey dem Sardonyx zugestanden habe, und aus dem Ehalcedonyx nicht erst zu lernen brauche; sondern in so fern, als Achat das Geschlecht und Onyx die Art ist, und alle Com- posita aus Geschlecht und Art widersinnige Composita sind. Gleichwohl möchte man sich auch den Ehalcedonyx verbitten: denn nicht einmal unsern Chalcedon kannten die Alten unter diesem Namen, geschweige den Ehalcedonyx. Und was will man denn damit? Die weisst Schichte des Onyx ist jederzeit Ehalccdon; nehmlich was wir itzt Ehalccdon nennen, ein milchfarbener Achat. Wenn eine dunklere Schichte dazu kömmt, so heißt der Stein Onyx: aber wenn und warum soll er Ehalcedonyx heisscn? Wenn er durchsichtiger ist? Schon der Onyx ist ja nicht immer ganz undurchsichtig; und es muß daher wohl eine sehr mißliche Sache seyn, mit Brückmannen den ganzen (°) Mmcralspstcm S, 132, (°°) S. 71 und 80. Lessiiigs Werke vni, 12 -178 Antiquarischer Briefe fünfzigster. Unterschied zwischen ihm lind dem Chalccdon ans dem Mehr oder Wenigem beruhen zu lassen. Ich begreife zwar, warum man für die wcissc Schichte des Onyx, die gar wohl allein seyn kann, die man zu kleinen tief gegrabenen Werken auch allein brauchen kann, einen besondern Namen für nöthig erachtet; und da einmal der Name Chalccdon hierzu genommen worden, so mag er es nur immer bleiben. Aber wozu man aus diesem Chalccdon nun wiederum einen Chalccdonyx machen soll, das kann ich nicht begreifen. Es ist freylich blos willkührlich, ob man den Namen Achat, oder einen andern, zum Geschlcchtsnamen der edlem Hornstcinc machen will. Brückmann hielt es darum nicht für thulich,(°) weil der Achat nichts als eine Zusammensetzung mehrerer solcher an Färb und Durchsichtigkeit verschicdncr Hornsteine sey; gegen die er sich gleichsam wie die Glockenspeise zu den Ingredienzen derselben verhielte. So ungereimt es nun herauskommen würde, Messing oder Bley zu einer Art Glockenspeise zu machen: eben so ungereimt sey es, den Carneol oder Chalccdon oder Onyx für cincn Achat auszugeben. Das mag seyn; und wenn man will, mag man daher auch lieber mit Brückmanncn dcn Chalccdon, anstatt dcs Achats, zum Gcschlechtsnamcn aller dieser Steine aussondern. So viel bleibt doch immer unstreitig, daß sie alle zu Einem Geschlechte gehören, und daß, wenn man auch schon dcn Onyx nicht zu einem Achate machen sollte, dennoch beider Bestandtheile die nehmlichen sind, und sie sich folglich mir nach dcn Farben, oder der Lage dieser Farben untcr- scheidcn können. Aber auch das sollen sie nicht, zu Folgc dem Zcnaischen Recensenten: denn er sagt, „daß die reguläre Lage „der farbigen Streife den Achat zum Onyx mache, müsse er „darum bezweifeln, weil die Streife keine nothwendige Eigenschaft des Onyx wären, und es auch genug Achate gäbe, „die eine reguläre Lage von farbigen Streifen hätten, und „gleichwohl darum noch nicht zu Onyxen würden." Daß doch solche Herren mcistenthcils das Beste in petto behalten! Zch wäre wohl begierig, einige von dergleichen Achaten, die eine (°) S. 86. Antiquarischer Briefe fünfzigster. 179 reguläre Lage von farbigen Streifen haben, lind gleichwohl keine Onyxe sind, von ihm kennen zu lernen. Zch will ihm Dank für seine Belehrung wissen. Nur muß er mir nicht mit den sogenannten Bandstcinen aufgezogen kommen. Denn es ist zwar wahr, daß die Bandsteine eine reguläre Lage von farbigen Streifen haben, und doch keine Onyxe sind: aber sie sind auch keine Achate. Sondern es sind Zaspisartcn; wie sie denn auch bey Kennern Vändcrjaspis hcissen, und nur von ganz Unwissenden Bänderachat gencnnct werden. Schon Thcophrast hat die reguläre Lage der farbigen Streifen mit für ein Hauptkennzeichen des Onyx angegeben; das ist sie auch beständig gewesen lind ist es noch ißt, da man sich an die Farben selbst, welche Thcophrast angab, nicht mehr bindet. (°) Wahrlich, es verlohnt sich der Muhe, die ausgemachtesten Sachen zu bezweifeln, die angenommensten Systeme zu verwerfen und überall das Oberste zum Untersten zu kehren, um nur den Herrn Klotz nicht Unrecht haben zu lassen! Der einzige Sinn, den man noch allenfalls mit dem Namen, Achatonyx, verbinden könnte, wäre dieser, daß man einen Onyx darunter verstünde, der an Achat angewachsen, oder noch nicht ganz von dem Achate getrennt worden, in welchem er gewachsen. Zn diesem Sinne kann sich auch wohl der Naturalist dieses Namens bedienen, um ein dergleichen Stück in seinem Cabincte zu bemerken: so wie er noch tausend solcher Namen machen kann, ähnliche Verbindungen verschiedener Körper anzudeuten. Aber diese Namen zu Benennungen besonderer Arten machen, und von ihnen etwas sagen, was sich nur von eignen Arten sagen läßt, (wie z. E. mit Hr. Klotzen, (°) Thcophrast sagt, daß das Weisst und Braune, aus welchen der Onyx bestehe, parallel liegen müsse- Das Ilcbrige will ich init den Worten seines englischen Commcntators bekräftigen, i'iie 2v»e8, sagt Hill, sre i-Uck !n per- keot kexulilrit^, muZ >Zo not , »ccorSIiiß to tlw ^uilAment »f II»e nicesl vi- Miixuisllkl« ok tlw nrelent, 1'ime», <>xel»lte U frvm >I»e v»vx List«, ok vl>s>soever ciolour l>>e^ sro, excepl reU; in vvlücii e-ile i> wkes lke >'gme ok 8srtl>>»vx> 'l'Ue »lour ok »>v tZrou>u! «iut Nezulitiit)' ok Nie 2ones, üre Uierekors Ike iIwinxuiNiiiiA eiiiirseteriüics vk tlii» «tone: »nS in Nie I-ikt, nsi-ticulsll;-, it Sitker» krvm INe ^Zste, vlneli oklen Iis« kume Lo» Io»>», pl!>ce>I in irreßulttr vlouit», Veins, or «.pol». 180 Antiquarischer Briefe ftinftigster. daß sich dic Alten zu erhabenen Werken am häufigsten der Achat- onyre bedienet,) das ist eine große Ungereimtheit, dic sich durch nichts, als durch ein aufrichtiges Geständnis; der Unwissenheit entschuldigen läßt. Das nehmliche gilt von dem Achatsardonyx und allen den Compositis, die ohne Beyspiel der Alten gemacht worden. Hr. Lippcrr ist daran sehr reich. Er hat nicht allein Achatonyrc und Achatsardonyxc, sondern auch Achatchalcedonicr, Sapphir Achate, und wie die Raritäten alle heissen. Gleichwohl zweifle ich, ob er einen von diesen Namen in dem Sinne will verstanden wissen, von dem ich gesagt, daß man ihn allenfalls noch könne gelten lassen. Ich zweifle, ob er z. E. unter seinem Sapphir Achat einen Sapphir versteht, der an einen Achat angewachsen, oder nicht vielmehr einen etwas durchsichtigcrn Achat von der Farbe des Sapphir. Und diese Zweydeutigkeit allein hätte ihn bewegen sollen, dergleichen eigenmächtige Eomposita zu vermeiden. Ein und fünfzigster Brief. Sie wundern sich, daß ich eines Jenaischcn Recensenten meiner Briefe gedenke, ohne Zhncn noch gemeldet zu haben, was denn Herr Klotz selbst dazu sagt. Ich habe lange bey mir angestanden, ob ich Sie davon unterhalten soll. Dic Ränke schlechter Schriftsteller, wann sie sich in dic Enge getrieben fühlen, sind Zhncn ja wohl schon aus andern Beyspielen bekannt. Neue hat Herr Klotz deren eben nicht erfunden. Trotz meiner Erwartung, ihn wenigstens hier Original zu sehen, hat er es bey den alten bewenden lassen, die er jedoch treulich alle durch versucht, ohne sich daran zu kehren, daß die letztem immer die erstem wieder aufheben. Als er nur noch den Anfang der Briefe in den öffentlichen Blättern gesehen hatte, gab er sich alle Mühe, in der fcyerli- chen Kälte einer Standesperson davon zu sprechen. Es befremdete ihn, daß ich über einige Zweifel, dic er mit aller Bescheidenheit vorgetragen, so empfindlich werden können; er versicherte, daß ihm sein Bewußtseyn der untadclhaftcstcn Absichten nicht erlaube, jemandes Unwillen, am wenigsten meinen Zorn Antiquarischer Briefe ein lind fünfzigster. 181 zu befürchten; er erklärte, daß unser Zwist das Publikum, in dessen Angcsichte ich, ihn zu belehren, auftrete, wenig interessire, daß er nicht einsehe, welchen Nutzen Künste und Wissenschaften davon haben würden; er sprach von seinem verewigten Freunde, dem Grafen Caylus; er bezeigte seine Dankbarkeit gegen die Herren Hagedorn, Lippert und Winkelmann, denen er das Wenige, was er von der Kunst wisse, schuldig sey; er gab es zu, daß er mich nicht könne verstanden haben, merkte aber zugleich an, daß ich ihn über einen gewissen Punkt ja auch nicht verstanden, und führte mir schlüßlich zu Gemüthe, daß ich ihn wohl ehedem einen Gelehrten von sehr richtigem und feinem Geschmacke genannt hätte. (*) Was ich auf alles dieses damals antwortete, — oder antworten hätte können, — war, wie folget. Herr Klotz sagt, „unser Zwist interessire das Publicum wenig." — Wenn ich mir nun aber das Publicum als Richter denke?*) Ein Richter muß alle Zwiste anhören, und über alle erkennen, auch über die geringschätzigsten;*") sie mögen ihn interessiren, oder nicht. Zudem, wer sind denn die Schriftsteller? wer sind wir beide, Herr Klotz und ich, denn unter den Schriftstellern, daß wir das Publicum zu interessiren verlangen können? Alle Leser, auf die wir rechnen dürfen, sind hier und da, und dann und wann, irgend ein studierter Müßiggänger, dem es gleich viel ist, mit welchem Wische er sich die lange Weile vertreibet, irgend ein neugieriger oder schadenfroher Pedant, irgend ein sich erhohlm oder sich zerstreuen wollender Gelehrte, irgend ein junger Mensch, der von uns, oder mit uns, oder an uns, zu lernen denkt. Und diese Handvoll Zndividua haben wir die Impertinenz das (°) Man schc den bündigen Aufsatz des Hrn. Klotz, im 133stcn Stücke des Hamburg. Corrcsp. vorigen Jahres. s19. August 4768. Z Das Wesentlichste von meiner nachstehende» Antwort, war dem 433sten Stücke der Ham- burgischcn Ncnen Zeitung eingeschaltet. s?6. August 1768>j °) In der neuen Zeitung „Wenn ich mir daS Publicum als Richter denke, so darf dieses keine Ursache seyn, das Publicum damit zu verschonen." ") Zn der neuen Zeitung folgt „Erlauben Sie mir also immer, mein Herr, diesen unsern Zwist noch um ein Wort zu verlängern. — Aber Herr Klotz sagt zugleich- „er sehe nicht ein," n. s. w. ?mchliWMtti» W^i'tt^ MMÄ^HmmMjH »n6 u?Z 2t, °) Dieser ganze Absatz fehlt in der neue» Zeitung, 184 Antiquarischer Briefe ein und fünfzigster. Häßlichkeit zu seyn aufhöre, und entweder lächerlich oder schrecklich werde? Vielmehr wenn Thcrsitcs in dem Homer blos eine häßliche Person wäre, so hätte Herr Klotz, nach meiner Meinung, sehr Recht, ihn wegzuwünschen. Aber er ist nicht sowohl häßlich, als lächerlich; und aus eben dieser Ursache, aus welcher ihn Herr Klotz wegwünscht, sage ich, daß er bleiben muß. Die fcycrliche Harmonie des epischen Gedichts, ist eine Grille. Eustathius rechnet das Lächerliche ausdrücklich unter die Mittel, deren sich Homer bedienet, wieder einzulenken, wenn das Feuer und der Tumult der Handlung zu stürmisch geworden. Wenn Thersitcs, weil er lächerlich ist, weg müßte: so müßten mehr Episoden aus gleichem Grunde weg. Das Lächerliche ist dem Homer nicht entwischt: sondern er hat es mit großem Fleiße und Verstände gesucht.. Das ist es, was ich an einem andern Orte weitläuftigcr zu erklären, im Laokoon versprach. Das ist es, wovon mir damals Hr. Klotz ganz und gar keine Zdee zu haben schien, ob ich ihn schon für einen Gelehrten von sonst sehr richtigem und feinem Geschmacke erkannte. Aber ein richtiger und feiner Geschmack, ist nicht immer ein allgemeiner und großer. Auch ist ein Mann von Geschmack noch lange kein Kunstrichter. Zu diesem finde ich in Hr. Klotzen itzt noch eben so wenig Anlage, als damals. Und auch für jenen würde ich ihn nicht erkannt haben, wenn er schon damals die deutsche Bibliothek dirigirt hätte: cm Werk, worinn ich sehr gelobt worden, und welches ich ganz gewiß wieder loben würde, wenn ich Lust hätte, weiter darinn gelobt zu werden. — Auf diese Antwort, und nachdem Hr. Klotz den Verfolg meiner Briefe erhalten hatte, erschien ein zweyter Aufsatz von ihm, in dem nehmlichen Correspondciitcn. (") Er merkte, daß es mit der vornehmen, abweisenden Mine nicht ganz gethan seyn dürste: er ließ sich also auf die Rechtfertigung seines Tadels ein, und hören Sie doch, was er diesem Tadel überhaupt für Ä ^> IlNssl!^ ^) (°) St. 464, SS. vor. Jahr, f24. und 27. Scptcmbcr 4768. Z Antiquarischer Briefe ein und fünfzigster. 185 eine Beschönigung giebt! „Wenn Hr. Lessing, lauten die Worte, „über die Zweifel, die ich gegen seinen Laokoon auf die bcschci- „dcnste Art gemacht habe, mir so deutlich seinen Unwillen bezeugt, so kann mich dieses nicht anders, als sehr befremden. „Hr. Lessing verlangte in einem Briefe vom 9ten Junii 1766 „meine Widersprüche ohne allen Rückhalt, und er bezeugte „mir in so gefälligen und höflichen Ausdrücken sein Verlangen „über mein Urtheil von seinem Laokoon, daß ich es sogar für „meine Schuldigkeit hielt, ihm meine Meinung über einiges zu „sagen. Zch habe auch dieses, wie ich glaube, auf eine Art „gethan, die der Höflichkeit, welche mir Hr. Lessing erwies, „gemäß war. Es war mir blos um die Liebe zur Wahrheit „zu thun: nie habe ich den Willen gehabt, ctwann Fehler aufzusuchen, und dadurch Herrn Lessing beschwerlich zu werden. „Wäre dieses meine Absicht gewesen, so würde ich gewiß seine „Hypothese vom Borghcsischcn Fechter zuerst angegriffen haben. „Ehe noch in den Göttingschen Anzeigen (1768. S. 176.) „diese Erinnerung gemacht wurde, hatte ich bemerkt, daß Hr. „Lessing zwey Statuen mit einander verwechselt habe. Denn „die Stellung des Fechters (s. Villa LorAkoso S. 217.) kann „ganz und gar nicht dem Chabrias beygelegt werden." O des unschuldigen, friedlichen, mit dem Mantel der christlichen Liebe alle Mängel bedeckenden, nur aus Gefälligkeit widersprechenden Mannes! Wie unleidlich, wie zänkisch, wie mir selbst ungleich, muß ich gegen, ihn nicht erscheinen.' — Wenigstens legt er es darauf an, daß ich so erscheinen soll. Seinen bis itzt so freundschaftlich »ersparten Vorwurf, den Borghcsischcn Fechtcr betreffend, haben wir schon vorgehabt. (*) Wenn es wahr ist, daß auch Er, und Er noch früher als der Göttingsche Gelehrte, meine Verwechslung dieses Fechters mit einer andern Statue bemerkt hat: so mache er sein Wort nunmehr gut. Er zeige, wie und worinn diese Verwechslung geschehen: es liegt seiner Ehre daran, dieses zu zeigen. Denn zeigt er es nicht, kann er es nicht zeigen: so war er auch hier nicht.blos der kahle Nachbeter, sondern der plagiarische Nach- oUr> .chA .Wil'.»»k» jinikiij zss i» ^ hi!ttLg°.-mwilchN!t'-'-' (°) Brs. 36. 186 Antiquarischer Briefe zwey und fünfzigster. beter, der bey allem seinen Nachbeten immer noch selbst gelesen, selbst gedacht haben will. Er merke aber wohl, es ist von der Verwechslung, nicht von der Deutung der Statue die Rede! Von den besondern Rechtfertigungen seines Tadels, führe ich nichts an. Er hat getadelt, und ich habe mich verantwortet: er besteht auf seinem Tadel, und ich schweige. Mich selbst wiederholten, ist mir noch eckelhaftcr, als es dem Leser seyn würde: neue Erläuterungen aber, sehe ich nicht hinzu zu setzen. Das letzte Wort will ich ihm gern lassen. Nnr die Einbildung kann ich ihm nicht lassen, jemanden in der Welt überredet zu haben, daß ich ihn um sein Urtheil über meinen Laokoon gebeten. Und das hätte ich nicht gethan? Gewiß nicht. Aber er beruft sich, ja auf eine Zuschrift von mir? Sie sollen bald hören, was es damit für eine Bewandtnis; hat. Denn nun war der erste Theil dieser Briefe erschienen; und kaum war er erschienen, so war er auch schon in dem siebenden Stücke der Deutschen Bibliothek des Hrn. Klotz — wie soll ich es nennen? wie würden Sie es nennen, was Sie da von Seite 466 bis 78 gelesen haben; oder geschwind noch lesen müssen? Zwey und fünfzigster Brief. Herr Klotz sahe, daß ich es nicht bey der Schutzwchr wolle bewenden lassen; er sahe, daß ich ihm den Krieg in sein eignes Land spiele: lind das war ihm zu arg! Nach diesem Hoch- vcrrathc war weiter an keine Schonung zu denken, und er brach mit seiner ganzen Artillerie von Voraussetzungen, Verdrehungen, Verleumdungen und Vergiftungen wider mich auf. Hatte ich es doch gedacht! Indeß, meinen Sie, müsse es damit wohl seine Richtigkeit haben, daß ich den Hrn. Klotz um sein Urtheil über meinen Laokoon ersucht. Denn er erzähle ja die ganze Geschichte, wie er auf die Prüfung desselben gekommen, und diese fange er mit einem Briefe an, den ich aus Berlin, unterm !)tcn Jun. 1766, an ihn geschrieben. Schlimm genug, daß er sie damit anfängt. Ich habe also wohl zuerst an ihn geschrieben? Nicht Er ist es, sondern ich Antiquarischer Briefe zwey u»d fünfzigster, 487 bin es also wohl, der die Korrespondenz zwischen uns eröffnet hat? Oder hat er es im Ernst vergessen, daß mein Brief vom 9ten Znn. nichts als eine Antwort ans seine Zuschrift vom itten May war? Hat er es im Ernst vergessen, daß er mich in dieser seiner frühern, seiner ersten Zuschrift, um Erlaubniß bat, mir seine Zweifel über den Laokoon in den ^eti« litte,-, mittheilen zu dürfen? Wenn das ist, so bin ich genöthigct, ihm sein Gedächtniß aufzufrischen; und er kann es nicht übel deuten, daß ich in der Art, es zu thun, seinem Beyspiele folge. Wenn ihm erlaubt war, eine Stelle aus meinem Briefe drucken zu lassen: so kann mir nicht anders als vergönnt seyn, eben das mit seinem ganzen Briefe zu thun. Hier ist er, von Wort zu Wort! „Ich erinnere mich, mein werthester Herr, Sie in meinem „zartesten Alter bey meinem Vater in Bischofswcrde gesehen zu „haben, wohin Sie ein gewisser Herr Lindncr, wo ich nicht irre, „begleitet hatte. Sie können nicht glauben, wie sehr ich mich „freue, so oft ich meinen Freunden sagen kann, daß ich Sie „von Person zu kennen das Glück habe. Warum ich es für „ein Glück halte, würde ich Ihnen erzählen, wenn ich glaubte, „daß man Ihre Freundschaft durch eine Sprache verdienen „könnte, welche Ihnen verdächtig scheinen möchte, da sie so oft „von der Verstellung gebraucht worden. Aber erzeigen Sie mir „immer die Wohlthat und glauben Sie mir auf mein Wort, „daß ich es allezeit für meine Pflicht gehalten, einer Ihrer „auftichtigstcn Verehrer zu seyn, und daß vielleicht wenige Sie „so zärtlich, so ohne alle Nebenabsichten geliebt haben, als ich. „Wie viel Vergnügen macht mir nicht Ihr Laokoon! Ich „bin Ihnen es schuldig, daß ich einmal an einem Orte, wo „Barbarcy und Unwissenheit herrscht und wo ich nur verdrießliche Geschäfte habe, auf einige Tage aufgchcutcrt worden. „Ein Mann von Ihrer Dcnkungsart nimmt mein Gcständniß „nicht übel, daß ich nicht überall mit Ihren Meinungen zufric- „den bin. Ja ich bin so frey zu glauben, daß Sie mir erlauben, wenn ich meinen Zweifeln weiter nachgedacht habe, solche „in den ^ctis littor. Ihnen mitzutheilen. Ich thue es um noch 188 Antiquarischer Briefe zwey und fnnfjigster. „mehr von Ihnen zu lernen. Denn wie viel habe ich nicht „schon in Ihrem Buche gelesen, das ich zuvor nicht wußte! „Ich habe mir vorgenommen, eine neue Ausgabe der „Upl>. klomvno. zu machen. Es sind mir verschiedene geschnittene Steine und andere Monumente vorgekommen, woraus „ein ziemlicher Zuwachs von Anmerkungen entstanden. Das Ge- „ dicht des Sadolcts über den Laokoon hatte ich aus ^oli. „Nattliazi?oteg»i lüarmin. poetar. illutt. Italoium (lautet!:« 1377.) „wo es im 2tcn Theile S. 132 stehet, mir gleichfalls angemerkt. Nun sehe ich, daß Sie mir zuvorgekommen sind. „Vielleicht ist dem Lieblinge der Griechischen Muse es nicht „unangenehm, wenn ich noch hinzusetze, daß die noch nicht bekannte Anthologie des Strato nun völlig in meinen Händen „sey. Ich habe einen Theil dieser kleinen Gedichte meinem „Eommcntar über den Tyrtäus eingewebt, welchen Richter itzt „mit einer vielleicht übertriebenen Pracht druckt. Ein großer „Theil aber ist zu frey, als daß er wenigstens von mir bekannt „gemacht werden könne. — Doch ich trage Bedenken, weiter „mit Ihnen zu reden, bis ich die Versicherung habe, daß Sie „mir erlauben, Ihr Freund zu seyn. Unterdessen bin ich doch „allezeit Zhr Halle, den 9 Mav, gehorsamster Viencr, Klotz. Diesen Brief erhielt ich, als mir ein Brief von dem Manne aus dem Monde gerade nicht mehr und nicht weniger erwartet gewesen wäre. Aber beantwortet mußte er doch werden. Und wie? Der Ton war angegeben, in welchen es die ungesitteste Kälte gewesen wäre, nicht einstimmen zu wollen. Hr. Klotz erinnert sich, mich in seinem zartesten Alter in dem Hause seines Vaters gesehen zu haben: ich werde mich dessen auch erinnern müssen. Herr Klotz versichert mich, allezeit einer der aufrichtigsten Verehrer von mir gewesen zu seyn: von mir als Schriftsteller, versteht sich; und Herr Klotz war auch Schriftsteller. Herr Klotz bekennt, vieles aus meinem Buche gelernt zu haben, was er vorher nicht wußte; das will sagen, wenn man vieles nicht weis, kann man aus dem ersten dem besten Antiquarischer Briefe zwey lind fiinfzigsicr. 189 Bliche, oder richtiger zu reden, aus dem ersten dem schlechtesten, vieles lernen: lind also auch dieses Kompliment kann ich ihm, in aller Demuth, zurückgeben. Endlich; Hr. Klotz ist nicht überall meiner Meinung; er hat Zweifel über mein Buch; er will diesen Zweifeln weiter nachdenken; er glaubt, daß ich Ihm sodann erlauben werde, mir sie öffentlich mittheilen zu dürfen: erlauben! und wenn ich es ihm nun nicht erlauben wollte? Was für Ungereimtheiten man nicht alles aus lieber Höflichkeit zu schreiben pflegt! Also nicht blos erlauben muß ich ihm das: ich muß ihm wenigstens versichern, mich darauf zu freuen. Allein diese Versicherung — ich frage Sie, mein Freund; ich frage einen jeden, der Lust hätte, mir darauf zu antworten — ist diese Versicherung, daß mir das Urtheil, die Anmerkungen, die Zweifel, die mir Herr Klotz zuerst anbietet, willkommen seyn werden, ist diese Versicherung eine eigentliche von mir hcrstammcnde Bitte, um dieses Urtheil, um diese Anmerkungen und Zweifel? Kann man sagen, daß ich ihn um das ersucht habe, was ich von ihm anzunehmen, mich nicht weigern durfte? Gleichwohl sagt es Hr. Klotz; gleichwohl darf er sich unterstehen, es mit meinen eigenen Worten beweisen zu wollen. Meine eigene Worte sollen diese gewesen seyn: „Ich verspreche „meinem Laokoon wenige Leser, und ich weis, daß er noch wenigere gültige Richter haben kann. Wenn ich Bedenken trug, „den einen davon in Ihnen zu bestechen, so geschah es gewiß „weniger aus Stolz, als aus Lehrbcgicrdc. Zch habe Ihnen „zuerst widersprochen; und ich würde sagen, es sey blos in der „Absicht geschehen, mir Ihre Widersprüche ohne allen Rückhalt „zu versichern, wenn ich glaubte, daß ein rechtschaffner Mann „erst gcrcitzt werden müßte, wenn er nach Ueberzeugung sprc- „chcn sollte. Der häßliche Thersites soll unter uns eben so „wenig Unheil stiften, als ihm vor Troja zu stiften gelang. „Schreibt man denn nur darum, um immer Recht zu haben? „Zch meine mich um die Wahrheit eben so verdient gemacht „zu haben, wenn ich sie verfehle, mein Fehler aber die Ursache „ist, daß sie ein anderer entdeckt, als wenn ich sie selbst entdecke. Mit diesen Gesinnungen kann ich mich auf Ihr ausführliches Urtheil in den ^ct!s littvr. nicht anders als freuen." 1W Antiquarischer Briefe zwey und fnnfjigster. Zch erkenne in diesen Worten meine Denknngsart: es mögen also gar wohl meine eigenen Worte gewesen seyn. Aber was daraus für Hr. Klotzen? Es waren, wie Sie gesehen, erwiedernde Worte, nicht auffodcrnde Worte. Za so wenig auffodernd, daß sie ihn vielmehr hatten stutzig machen müssen. Zch lasse ihm merken, daß ich über meinen Laokoon nur sehr wenige Richter für gültige Richter erkennen dürfte: und wenn ich ihn ißt einen Augenblick für diesen annehme, so geschieht es nur, weil er sich so zuversichtlich für jenen aufwirst. Er will Richter seyn; und daraus schließe ich, daß er sich aus der kleinen Zahl der gültigen zu seyn, fühlen müsse. Konnte ich ihn damals schon besser kennen, als er sich kannte? — Aber ein Wort von dieser so stolz klingenden Aeußerung selbst! Sie klingt es blos; sie ist es gar nicht. Nicht darum, meinte ich, könne mein Laokoon nur sehr wenige gültige Richter haben, weil ganz ausserordcntliche Kenntnisse, ein ganz besonderer Scharfsinn dazu erfodcrt würden: wahrlich nicht darum. Zch müßte ein großer Geck seyn, wenn ich das gemeint hätte. Der Männer, die unendlich mehr Kenntnisse von dahin einschlagenden Dingen besitzen, als ich; der Männer, die unendlich mehr Scharfsinn haben, als ich, — giebt es überall die Menge. Aber deren, die beides, Kenntnissc und Scharfsinn, auch nur in einem leidlichen Grade in sich vereinigen, giebt es so viele schon nicht. Unter diesen wenigem giebt es noch wenigere, welche diesen Scharfsinn, den sie haben, auf dergleichen Kenntnisse, die ihnen auch nicht fehlen, anwenden zu können, oder zu dürfen glauben. Die mehrcsten von ihnen halten Scharfsinn auf solche Kenntnisse angewandt, für eine unfruchtbare Spitzfindigkeit, die selbst dem Vergnügen, das sie aus diesen Kenntnissen ziehen, nachthcilig werden müsse. Nur hier und da wagt es einer dann und wann, dieses sein Vergnügen auf das Spiel zu setzen, um in der Bcschauung und Musterung und Läuterung desselben Vergnügen zu finden. Und so wie diese höchst seltenen Grübler nur meine Leser seyn werden, so können nur die geübtesten derselben meine Richter seyn. Aber Tausend gegen Eines, daß sich unter diesen kein Dichter, kein Mahler finden wird. Es hat daher nie meine Absicht seyn können, unmittelbar für Antiquarischer Briefe drey und fünfzigster. 191 den Dichter, oder für den Mahler zu schreiben. Ich schreibe über sie, nicht für sie. Sie können mich, ich aber nicht sie entbehren. Um mich in einem Gleichnisse auszudrücken: ich wickle das Gcspinnsic der Scidcnwürmcr ab, nicht um die Sei- denwürmcr spinnen zu lehren, sondern aus der Seide, für mich und meines gleichen, Beutel zu machen; Beutel, um das Gleichnis; fortzusetzen, in welchen ich die kleine Münze einzelner Empfindungen so lange sammele, bis ich sie in gute wichtige Goldstücke allgemeiner Anmerkungen umsetzen, und diese zu dem Kapitale sclbstgcdachtcr Wahrheiten schlagen kann. — Drey und fünfzigster Brief. Das also ist erwiesen, daß ich den Hrn. Klotz um sein Urtheil nicht gebeten habe. Ich habe es blos nicht verbeten. Ich war nie begierig darnach gewesen, ehe mich seine Zuschrift begierig darnach machte. Aber ich erinnerte mich, daß ich ihn zu dem öffentlichen Widersprüche, zu welchem er sich aufwarf, wohl könne gcrcitzt haben. Gereitzt! denn ich hatte ihm selbst gelegentlich widersprochen. Doch mußte ich ihn auch nicht glauben lassen, daß ich ihn für gereitzt hielte: oder mußte es ihm nur durch die Versicherung, daß ich ihn nicht dafür hielt, merken lassen. Kurz, ich sehe noch nicht, wie ich ihm damals hätte anders antworten können, als ich ihm geantwortet habe. Aber hören Sie weiter. — Nach Verlauf von fünf Monaten, erschien das Stück von den ^etis litt. (°) in welchem Hr. Klotz Wort hielt; und er hatte die Güte, es mir mit einem zweyten Schreiben selbst zuzuschicken. Zch theile auch dieses ganz mit; denn da Hr. Klotz es einmal für gut befunden, unser Publikum in einen Privatbricf gucken zu lassen: so mag diesem Publico nun lieber gar nichts verhalten bleiben, was unter uns vorgefallen. Es lautet so: „Nachdem ich einen ganzen Sommer auf Ihre Ankunft in „Halle, mein werthester Herr, gewartet, und mit dieser Hoff- (°) Voluminw IIl> l>nrs III. 492 Antiquarischer Briefe drey und fünfzigster. „nung mir alles das Unangenehme, welches mein Professoramt „bey sich führet, versüßt hatte, bringt mir mein Freund, Hr. „Hausen, die Nachricht, daß Sie in Berlin sind. Es bleibt „mir also nichts übrig, als, um mir das Vergnügen, Sie zu „umarmen, zu verschaffen, selbst nach Berlin zu reisen, und ich „hoffe gewiß, daß ich auf Ostern meinem Verlangen werde ein „Genüge leisten können. Unter die Vortheile, die ich mir von „dem Warschauer Ankrage versprach, rechnete ich immer auch „den, daß ich Sie einige Wochen genießen würde. „Sie haben mir die Erlaubniß gegeben, das nieder zu „schreiben, was ich bey dem Lesen Ihres vortrefflichen Laokoons „gedacht. Wenn Sie einige Augenblicke beygelegter Schrift „gönnen wollen, so werden Sie sehen, daß ich mich derselben „bedient habe. Ein Mann von gegründetem Ruhme und cdelcm „Bewußtseyn seiner Verdienste, erlaubt dem andern gern, seine „schwachen Bemühungen, ihm nachzuahmen, zeigen zu dürfen, „und wenn er auch gleich einsieht, daß er ihn nicht erreicht, „so verzeiht er ihm doch den Mangel an Kräften, und liebt „ihn wegen seines guten Willens. Dieser Gedanke verspricht mir eine freundschaftliche Aufnahme meiner Einfälle „von Ihnen. „Es war mir genug, daß Herr Hausen mir sagte, daß „einige Berlinische Gelehrte sich über meinen Auszug aus der „allgemeinen Wclthistorie gewundert hätten, um die ganze Ar- „bcit wieder aufzugeben. Die Umstände, in welchen ich mich „befand, da sie mir angetragen wurde, nöthigten mich, eine „Sache zu unternehmen, bey der ich blos den Fleiß eines Tagelöhners anzuwenden brauchte. Allein, schon der Wink eines „einsichtsvollen Kmistrichtcrs zwingt mich zu crröthen, und lieber alles einzubüßen, als Vertrauen und Gunst der Männer, „gegen deren Urtheil ich nicht gleichgültig seyn kann. /,Jch hoffe nun bald durch Bücher und andern Verrath „mich in den Stand zu setzen, ein Buch von der alten Stcin- „schnciderkunst zu verfertigen, wozu ich den Plan seit einigen „Zahren gemacht, und an dessen Ausführung mich die allhicr „herrschende Barbarey, und der Mangel an Hülfsmitteln „gehindert. Antiquarischer Briefe drey und fünfzigster. „ Mit einer Hochachtung und Ergebenheit, in deren Aufrichtigkeit ich niemanden in der Welt nachgeben werde, habe ich „die Ehre zu seyn, Ihr Halle, dm 11 Oct. gehorsamster Diener, "66. Klotz. Was sagen Sie zu diesem Briefe, mein Freund? Ist es nicht ein feiner, artiger, süßer, liebkosender Brief; voller Freundschaft, voller Vertraulichkeit, voller Demuth, voller Hochachtung? O gewiß! — Und die Schrift erst, die dabey lag! Das nenne ich eine Recension! Das ist ein Mann, der zu loben versteht! O, wie schwoll mir mein Herz! Nun wußte ich doch, wer ich war! Ich war oleAantiktimi in^eni! vir; ich war verus (Zratia- I'UM Alumnus; mir hatten die Musen «uäum prineluizm inter kormimise ornamc-nta loeum zuerkannt; ich war es, der nicht anders als ooAiiitis «ntimis ferv omilium zuopulcirum libri's, ar- t'ium natura porl'neots, conMietaljuo sntikjuiirun, littorarum seien- t!a cum roeontiorum auctorum loetiono, die Feder ergriffen. Nun war mir mein Buch erst lieb! Denn es war dem Hrn. Klotz ein kniroolus lidellus, und er rief einem jeden, der es in die Hand nehmen wolle, mit den Worten des Plato zu, vorher den Grazien zu opfern! Was werde ich auf diesen Brief, und auf diese Recension, dem allerliebsten Verfasser nicht alles geantwortet haben! Mit welcher entzückenden Dankbarkeit werde ich ihm ein ewiges Schutz- und Trutzbündniß gelobet haben! Nicht wahr? — Ich ersuche den Herrn Klotz, meine Antwort auf dieses sein zweytes Schreiben, auf diese seine Recension, drucken zu lassen. Sie wird mich freylich jetzt beschämen, wenn sie so ausgefallen ist, wie ich glauben muß, daß er sie erwartet hat. Aber er schone mich nur nicht; ich muß gcdemüthiget seyn: und was könnte mich mehr demüthigen, als mit ihm das klulus mulum gespielt zu haben? Vier und fünfzigster Brief. Die Wahrheit, mein Freund, ist, daß ich dem Hrn. Klotz auf sein zweytes Schreiben, auf seine Recension — ganz und Lcsimgs Werk-vili. '13 194 Antiquarischer Briefe vier und fünfzigster. gar nicht geantwortet habe; daß ich ihm noch heute darauf antworten soll. Ich hatte an seinem zweyten Briefe genug: meine Antwort würde nur vielleicht einen dritten nach sich gezogen haben; und was wäre es, ob ich erst bey dem dritten, oder bey dem vierten abgebrochen hätte? Abbrechen hätte ich doch einmal müssen: und ich denke, je früher eine solche Unhöflichkcit erfolgt, desto kleiner ist sie. Auf den ersten Pries konnte ich dem Hrn. Klotz verbindlich, aber doch noch mit Bestände der Wahrheit antworten. Ich nahm den Mann vorläufig so an, als ich ihn zu finden wünschte: und wer hat es je für Beleidigung der Aufrichtigkeit gehalten, die Anrede eines Unbekannten mit guter Freund zu erwiedern, weil sich endlich findet, daß dieser Unbekannte weder gut, noch Freund ist? — Mit dem zweyten Briefe hingegen, war es anders. Zhm verbindlich darauf zu antworten, hätte ich schlechterdings gegen meine Ueberzeugung sprechen müssen: und nach meiner Ueberzeugung mit ihm zu reden, das hätte ihm leicht empfindlicher fallen mögen, als ich von dem bloßen Stillschweigen befürchten durfte, von welchem er sich noch immer eine Ursache denken konnte, wie sie seiner Eitelkeit am wenigsten auffiel. Und zwar hatte diese Alternative, gegen Hr. Klotzen entweder den Schmeichler zu spielen, oder ihm unangenehme Dinge zu sagen, einen doppelten Grund. Seine Lobsprüche waren mir äußerst eckel, weil sie äußerst übertrieben waren: und seine Einwürfe fand ich höchst nüchtern, so ein gelehrtes Maul er auch dabey immer zog. Ueber jenes hätte ich ihm sagen müssen: „Mein werthester Herr, ein anderes ist, einem Weihrauch streuen; und ein anderes, einem, mit Wcrnickcn zu reden, das Rauchfaß um den Kopf schmcissen. Ich will glauben, daß Sie das erste thun wollen: aber das andere haben Sie gethan. Ich will glauben, daß es Ihre bloße Ungeschicklichkeit in Schwenkung des Rauchfasses ist: aber ich habe dem ohngcachtct die Beulen, und suhle sie. Daß ich ein ziemlich gutes Büchelchcn geschrieben, kitzelt mich freylich, selbst von Ihnen zu vernehmen. Es kitzelt mich freylich, mich von Ihnen unter die Zierden Deutschlands Antiquarischer Briefe vier und fnnfjigflcr. 196 gezählt zu sehen: denn wer will nicht seinem Baterlande wenigstens gern keine Schande machen? Aber nun genug mit dem Kitzeln: denn sehen Sie, ich muß mich schon mehr krümmen, als ich lachen kann. Oder denken Sie, daß meine Haut Ele- phantcnlcdcr ist? Das müssen Sie wohl denken: denn Sie machen es immer ärger, und Sie werden mich todt kitzeln. Sie ertheilen mir unter den Zierden Deutschlands nicht allein eine Stelle: Sie ertheilen mir eine von den ersten, wo nicht gar die erste. Za, nicht Sie blos ertheilen sie mir: Sie lassen sie mir von den Musen ertheilen; und lassen sie mir von den Musen damals schon längst ertheilt haben, l^u! ttuclum ziilncipvm inter tüoi'man'iW oniameMa Iveum Alut-v tiiduorunt! Mein werthester, werthester Herr, mir wird bange um Sie. Wenn Sie im Ernste so denken: so haben Sie das Pulver wohl nicht erfunden. Sagen Sie es aber nur, ohne selbst ein Wort davon zu glauben, blos um mich zum Besten zu haben: so sind Sie ein schlimmer Mann. Doch Sie mögen leicht weder so schlimm, noch so einfältig seyn: Sie preisen die Fclscnkluft wohl nur des Widerhalls wegen. Sie schneiden den Bissen nicht für meine, sondern für Ihre Kehle: was mir Würgen verursacht, geht bey Zhncn glatt herunter. Wenn das ist, mein werthester Herr: so belauere ich Sie, daß Sie an den unrechten gekommen. Den Ball, den ich nicht fangen mag, mag ich auch nicht zurückwerfen. Sie sind zuvcrläßig gelehrter, als ich: aber Sie darum unter die Zierden Deutschlands einzuschreiben, Sie hinzustellen, wo Sie mich hinstellen wollen; das kann ich nicht, und wenn cS mir das Leben kostete! Haben es die Musen bereits gethan: so weis ich nichts davon, und ohne sichern Grund möchte ich den Musen so was nicht gern nachsagen. Wollen es die Musen noch thun: das soll mich freuen; aber lassen Sie nns fleißig seyn, und warten. Die Ehre ist am Ziele, und von dem Ziele läuft man nicht aus." — Ueber den zweyten Punkt hätte ich dem Herrn Klotz sagen müssen: „Mein werthester Herr, ich finde, daß Sie ein sehr belesener Mann sind; oder sich wenigstens trefflich darauf verstehen, wie man es zu seyn scheinen kann. Sie mögen auch wohl hübsche Eollcctauca haben. Ich habe dergleichen nicht; ich mag auch nicht ein Blat mehr gelesen zu haben scheinen, als ich wirk- 13" 19k Antiquarischer Briefe vier und fünfzigster. lich gelesen habe; ich finde manchmal so gar, daß ich für meinen gesunden Verstand schon viel zu viel gelesen habe. Mein halbes Leben ist vergangen, um zu lernen, was andere gedacht haben. Nun wäre es bald Zeit, selbst zu denken; oder, wenn es damit zu spät seyn sollte, wenigstens das, wovon ich gelernt habe, daß es andere gedacht, mir so zu ordnen, mir so zu berichtigen und aufzuhellen, daß es zur Noth für meine eigene Gedanken gelten kann. Es scheinet nicht, daß Sie schon da halten, wo ich halte; es scheinet nicht, daß Sie das Bedürfniß, in Ihrem Kopfe aufzuräumen, schon so dringend fühlen, als ich es fühle: Sie sammeln noch; und ich werfe schon wieder weg. Ich erkenne es mit Dank, daß Sie so geschäftig und dienstfertig um mich seyn wollen: aber bemerken Sie doch mir, mein werthester Herr, daß Sie mir fast lauter Dinge in die Hand geben, die ich dort schon in den Winkel gestellt habe. Vieles geben Sie mir auch für etwas ganz anders in die Hand, als cS ist. Ucberhaupt aber verkennen Sie meine Absicht; Sie halten sich bey den beyläufigen Erläuterungen auf, und über die Hauptsache fahren Sie dahin. Ich möchte Sie wohl um mich haben, um Sie als ein lebendiges Register zu nutzen: an Seitenzahlen würden Sie mich nicht Mangel leiden lassen; nur für die Gedanken müßte ich selbst sorgen. Wohl zu behalten, daß ich Ihnen auch noch die Seitenzahlen nachzubcrichtigen, nicht versäumte! Denn oft sagt das Register etwas ganz anders, als das Buch. Ich versprach mir an Ihnen einen Mann, der mit mir denken würde; und ich finde einen, der für mich nachschlagen, und in den Kupferbüchern für mich bildern will. Wenn Ihnen ein Gefalle damit geschieht, so sollen Sie mit jeder Ihrer Erinnerungen völlig Recht haben: was mein Buch beweisen und erläutern soll, beweiset und erläutert es darum nicht ein Haar weniger." — So, und nur so, hätte ich dem Herrn Klotz antworten können, ohne meiner Freymüthgkeit Gewalt zu thun. Aber wenn ich mich fragte; wozu diese Gewalt? so fragte ich mich auch zugleich; wozu diese Frcymüthigkeit? Was wird sie nutzen, als daß du dir, aus einem ungewissen Freunde, einen gewissen Feind machst? Wähle das Mittel; erspare deiner Freymüthgkeit Antiquarischer Briefe fünf und fünfzigster. 197 die Gewalt, indem du dir die Freymüthigkeit selbst ersparest; schweig! — Und ich schwieg. Fünf und fünfzigster Brief. Ich schwieg in das zweyte Zahr; und ich würde sicherlich noch schweigen — „Wenn Herr Nicolai mit seiner Allgemeinen Bibliothek nicht wäre." So sagt Hr. Klotz! „Damals, sagt er,(°) „als ich noch „an keine Deutsche Bibliothek gedacht, (als meine Deutsche „Bibliothek noch nicht Schuld war, daß Herr Nicolai von sei- „ner Allgemeinen Bibliothek weniger Exemplare auf der Messe „verkaufte,^)) stand ich bey Herr Nicolai und seinen Freunden noch in Gnaden. Aber sobald ich mich an die Spitze „der über den kritischen Despotismus Unzufriednen stellte, so „sahe man mich auch mit andern Augen an: dann schrieb der „jüngere Herr Candidat Lcssing in Berlin wider mich Zeitungsartikel, wovon der eine so ehrenrührig war, daß er auf Be- „fehl eines großen Ministers unterdrückt wurde: dann ergriff „Hr. Magister Lessing die Feder: dann ward ich selbst in der „Allgemeinen Bibliothek gemißhandelt." — Dieser Magister Lessing soll ich seyn, und dieser Candidat Lcssing soll mein Bruder seyn, und wir beide sollen blos und allein wider den Hrn. Magister Klotz die Feder ergriffen haben, um die Nahrung des Hrn. Buchhändler Nicolai aufrecht zu erhalten! Ich kann mich rühmen, daß ich schon manche tüchtige Lüge von mir und wider mich zu lesen, das Vergnügen gehabt habe: aber so eine grobe, aus der Luft gegriffene, hämtückische ist mir doch lange nicht vorgekommen, als diese Klotzische! Mein Bruder mag sich selbst rechtfertigen, wenn er es der Mühe werth hält. Ob er Zeitungsartikel wider Hr. Klotzen gemacht hat, das weis ich nicht; daß er ehrenrührige gemacht haben sollte, das glaub ich nicht; und gewiß ist es, daß ein solcher ehrenrühriger Artikel von ihm, auf Befehl eines großen Mi- (°) S. 468. (") Mische Zeitung 1768. St. 81. 198 Antiquarischer Briefe fünf und fünfzigster. nistcrs nicht kann seyn unterdrückt worden, weil in Berlin kein Minister, sondern nur ein Gchcimdcrrath die Zeitungen cen- sirct. Ein Echcimdcrrath kann ja wohl einem andern Gchcim- dcnrathc, auch einen blos empfindlichen Artikel haben ersparen wollen: und ein empfindlicher Artikel ist noch lange kein ehrenrühriger. Ich möchte Herr Klotzen wohl fragen, ob er diesen ehrenrührigen Artikel selbst gelesen? und ob er es ganz gewiß weis, daß mein Bruder, und niemand anders, ihn geschrieben? Hat er ihn nicht selbst gelesen, weis er dieses nicht ganz gewiß: so denke er doch einen Augenblick nach, welche Grausamkeit es ist, einen jungen unbekannten Menschen auf Gcrathewohl der Welt damit zuerst bekannt zu machen, daß man ihm nachsagt, er sey fähig, ehrenrührige Dinge zu schreiben? Eine solche Beschuldigung ist ehrenrührig; und wenn sie Herr Klotz nicht un- Widcrsprechlich erweisen kann: so ist Er der ehrenrührige Schreiber, zu dem er hier meinen Bruder machen will. Doch wie gesagt, ich will nur meine Thüre rein halten: und was braucht es dazu mehr, als eine Erklärung, die ich vielleicht schon längst hätte thun sollen? Diese nehmlich: Herr Nicolai ist mein Freund; aber mit seiner Allgemeinen Bibliothek habe ich nichts zu schaffen. Sie ist bereits bis auf die Hälfte des neunten Bandes angewachsen, und noch soll ich die Feder für sie ansetzen. Da ist nicht eine einzige Recension, nicht eine einzige kleine Nachricht, welche sich von mir hcrschricbe! Da ist kein einziges Urtheil, auf welches ich, mir wissentlich, den geringsten Einfluß gehabt hätte! Zn dem fünften Bande waren gewisse Psalmen und Thre- nodicen, die ich noch lesen soll, anders angezeigt worden, als es sich der Verfasser und dessen Freunde versehen hatten. Sogleich erschien ein langes Sendschreiben an mich,(*) in welchem ich auf die bitterste und verächtlichste Weise darüber zur Rede gestellt ward. Ich möchte nun, hieß es, jene hündische, escl- haste Critik selbst gemacht haben, oder nicht: so sey es doch immer gut, mir den Kopf dafür zu waschen! Denn es sey doch einmal wcltkundig, daß ich einer der vornehmsten Mitarbeiter (°) Zn Leipzig bcv Hilfthcrn. 1703, Antiquarischer Briefe fünf und funfMstcr. an der Allgemeinen Bibliothek sey; es geschehe doch unter meinem Namen, daß ein so entsetzlicher Mensch einem der größten Dichter miscrcr Zeit ein so himmelschreiendes Unrecht zufüge; ich müsse also einem solchen Unwesen steuern, oder wenigstens, wenn mir an der Hochachtung der Welt noch das geringste gelegen sey, öffentlich meinen Abscheu dagegen bezeigen und erklären, daß ich ihm nicht zu steuern vermöge. Wie man gewisse Dinge gerade deswegen nicht thut, weil gewisse Leute behaupten, daß man sie thun müsse: so bezeigte und erklärte ich von allem, was der Scndschreiber meinte, daß ich nothwendig bezeigen und erklären müsse, schlechterdings nichts. Dieser Elende, dacht ich, der fähig ist, einen bey sich niederfallenden Stein in der Wuth aufzugreifen, und ihn dem ersten, den er in die Augen fasset, an den Kopf zu werfen, — dieser Elende mag von dir glauben, was er will! Wer wird es ihm nachglauben? Aber hierum betrog ich mich. Den» ich habe nachher nur allzuoft die nehmliche Sprache wider mich führen hören. Selbst in diesem Augenblicke lege ich ein Zcitungsblatt des Hrn. Ric- dcls aus der Hand,(°) in welchem er von dem letzten Stücke der Allgemeinen Bibliothek anmerkt, „daß in zwey Recensionen die Panheylichkeit gar zu sichtbar sey; in der von den Reliquien, und in der, welche die Nachricht von Künstlern und Kunstsachen bctrift." „Der bittere Tadel des Herrn von Hei- „neke, setzt er hinzu, „und das Lob, welches ihm neulich Hr. „Lessing ertheilte, machen einen Gegensatz aus, bey welchem „wir nicht wissen, was wir denken sollen." Nichtwissen, was wir denken sollen! Und warum denn nicht? Ohnstrcitig, weil Hr. Nicdel das simpelste und natürlichste nicht denken will! Oder wäre es das simpelste und natürlichste etwa nicht, auch schon aus diesem einzigen Ercmpcl zu schließen, wie wenig ich mit der Allgemeinen Biblothck colludire? Was geht es mich an, wie die Allgemeine Bibliothek urtheilet? Warum muß ich ihr Urtheil nothwendig zu meinem machen? Warum sie, mein Urtheil zu ihrem? Das Einvcrständniß, das Herr Ricdel zwi- (°) Erfurtischc zeichne Zeitung, 4?stes Stück. 200 AntuMtisckftr Briefe fünf und fünfzigster. sehen ihr und mir voraussetzt, worauf gründet es sich? Was für Beweise kann er davon geben? Doch Er, und sein theuerster Freund, Herr Klotz, haben es sich nun einmal vorgenommen, der Welt eine Berlinische Litteraturschule aufzuheften, und mich zu einem von den Stiftern derselben zu machen. Diese Schule soll in den Journalen, welche Herr Nicolai seit zwölf Zahren besorget, leiben und leben, und den unerträglichsten Despotismus üben. Der Mißvergnügten über diesen Despotismus sollen in Deutschland unzählige seyn, und Hr. Klotz will sich endlich an die Spitze derselben gestellt haben. Viel Glück zu diesen Erscheinungen, und zu allen daraus folgenden Rittcrthatcn! Aber möchte ein freundlicher Genius die Augen dieser Helden, wenigstens nur in Absicht auf mich, erleuchten. Ich bin wahrlich nur eine Mühle, und kein Niese. Da stehe ich auf meinem Platze, ganz außer dem Dorfe, auf einem Sandhügcl allein, und komme zu niemanden, und helfe niemanden, und lasse mir von niemanden helfen. Wenn ich meinen Steinen etwas aufzuschütten habe, so mahle ich es ab, es mag seyn mit welchem Winde es will. Alle zwey und dreyßig Winde sind meine Freunde. Von der ganzen weiten Atmosphäre verlange ich nicht einen Fingerbreit mehr, als gerade meine Flügel zu ihrem Umlaufe brauchen. Nur diesen Umlauf lasse man ihnen frey. Mücken können dazwischen hin schwärmen: aber mulhwillige Buben müssen nicht alle Augenblicke sich darunter durchjagen wollen; noch weniger muß sie eine Hand hemmen wollen, die nicht stärker ist, als der Wind, der mich umtrcibt. Wen meine Flügel mit in die Luft schlci- dern, der hat es sich selbst zuzuschreiben: auch kann ich ihn nicht sanfter niedersetzen, als er fällt. - Seit dem Zahre 61 habe ich für die Journale des Hrn. Nicolai gerade einen kleinen Octavbogen geliefert, welcher die Anpreisung eines Werkes enthält, über dessen Güte wir alle einig sind. Dennoch darf Hr. Klotz mich zum gcschwornen Verfechter des Hrn. Nicolai machen. Dennoch darf — Doch genug hiervon. Schon wird meine eigene Rechtfertigung mir selbst zum Eckel. Antiquarischer Briefe sechs und fünfzigster. 201 Sechs und fünfzigster Brief. Aber wenn cs nicht Hr. Nicolai war, wer war es denn, der mich gegen Hr. Klotzen aufbrachte? — Denn aufgebracht soll ich doch nun einmal seyn. Zch weis nicht, was ich bin, oder zu seyn scheinen mag. So viel weis ich, daß ich das, was ich bin, mit sehr kaltem Blute bin. Es ist nicht Hitze, nicht Uebercilung, die mich auf den Ton gestimmt, in welchem man mich mit Herr Klotzen höret. Es ist der ruhigste Vorbedacht, die langsamste Uebcrlcgung, mit der ich jedes Wort gegen ihn niederschreibe. Wo man ein spöttisches, bitteres, hartes findet: da glaube man nur ja nicht, daß cs mir entfahren sey. Zch hatte nach meiner besten Einsicht gcurtheilet, daß ihm dieses spöttische, bittere, harte Wort gehöre, und daß ich es ihm auf kciue Weise ersparen könne, ohne an der Sache, die ich gegen ihn vertheidige, zum Verräthcr zu werden. Was war Hr. Klotz? Was wollte er auf einmal seyn? Was ist er? Herr Klotz war, bis in das Zahr 66, ein Mann, der Ein lateinisches Büchclchcn über das andere drucken lassen. Die ersten und meisten dieser Büchclchcn sollten Satyren seyn, und warm ihm zu Pasquillen gerathen. Das Verdienst der besten, war zusammengestöppelte Gelehrsamkeit, Alltagswitz, und Schulblümchen. Bey solchen Talenten konnte er seinen Beruf zum Journalisten von Profeßion, nicht lange verkennen. Er ward cs: doch auch nur erst auf Latein. Man lernte aus seinen ^etis litterariis, daß er manch gutes Buch zu Gesicht bekomme: aber daß er über ein gutes Buch selbst etwas Gutes zu sagen wisse, davon sollen uns diese ^eta noch den ersten Beweis geben. Wovon sie uns die häufigsten Beweise gaben, war der unglückliche Hang des Verfassers, in seine Urtheile die diffamircndsten Persönlichkeiten cinzuflechten. Wenn z. E. ein Gelehrter, der, nach Hr. Klotzens eigenem Geständnisse, sich in seinen ersten Schriften mit Ruhm gezeigt hatte, in seinen letztem allmälich sinket, oder einen Wisch mit unterlaufen läßt, in welchem man ihn gänzlich verkennet: was thut da Herr 202 Antiquarischer Briefe sechs und fünfzigster. Klotz? Zst cS ihm genug, den Verfall dieses Mannes anzumerken? die Nachlaßigkciten desselben ins Licht zu stellen? über die anscheinende Unwissenheit zu spotten? Zst es ihm genug, auf die Zerstreuungen von weiten anzuspielen, aus welchen jene Nachlässigkeiten vielleicht entspringen? Zwar wäre auch dieser Schritt schon viel zu vermessen; schon viel zu weit über die Grenze der Critik. Und doch wie unschuldig wäre er gegen den, den sich Hr. Klotz erlauben dürfen. Lesen Sie, wie er dem D. Conradi mitgespielt, und erstaunen Sie! (") Aber erstaunen Sie, nicht sowohl über die Frechheit, als darüber, daß ihm eine solche Frechheit ungcnosscn ausgegangen. Um seinen Lesern begreiflich zu machen, wie die neuesten Schriften dieses Gelehrten so schlecht ausfallen können; um zu verhüten, — o des wahren Frelons, der sich einbildet, alle Menschen müßten, wie er,(°°) lieber an ihrer Rechtschaffenheit als an ihrer Gelehrsamkeit zweifeln lassen! — um zu verhüten, daß man nicht nach diesen neuesten Schriften die Wissenschaft ihres Verfassers schätze, ut <^onra6i 6oetr!nsm earum fort« ^Ullieio vmclicvt, hui eurn non n'iti U>. Vol. II. ?. IV. p. 4S5. (°°) Der sich ruhig ?ripon nennen läßt, aber sobald cr sich msuvsi» suleur nennen höret, erbittert ausruft: ^rreiös, »il vous pisii; »n peui »li»i>uur mes mosurs; m»is vour irul rvpuüuii!» ,1'iiuleui', ^ ne Is luussririü ^iinisj». (°°°) Hier ist die ganze Stelle: Iisilll rsrv «ioeiiMmorum iuxenio- rum Iiioe kortun», ut, ilum xeuio suo »uuis imlulgein, redus » Mir!» vlÄNL alieiii» kücile Siflrslisntur. 'I°i>Iem queciue exnerlu» ekl ^uriü eivili» »nvrime peritu» Lonrsaus, qui, Uum I>iv5ilo MrisinuUeuIism Äocuil, vllilis inUio liliriü exreßiii», eru»Iili 10>i nvmvn sidi psrsverst, »l p»5>ei» eum »>I Iiilioncli slutlium <^ vliiilrium cummvrcium, ijuoll »on Nn« »Norm» invilli», >k7 iiillgni creililvinm eommoilu exervekst, ss vonverlilket, sece- ptiiiu ^jsm lituill in » vtlerv «Ivlieliaf, vel iliiuci cu^iiüilitm, Ins in litteris mi- »ims verliUi, oxera uwrelur, vel ivs>-, «.uw-iuul w meinem veniktv«, iu Antiquarischer Briefe sechs und fünfzigster. 203 Recensent, wer verlangt das zu wissen? Sag uns, ob das Buch schlecht oder gut ist: und von dem übrigen schweig! Auch wenn alles wahr ist, schweig: denn die Gerechtigkeit hat dir es nicht aufgetragen, solche Brandmahle auf die Stirne des Unglücklichen zu drücken! — Zwar hat Herr Klotz diesem Schandurthcl die Buchstaben 8. ^. untersetzen lassen; ohne Zweifel, um uns damit zu sagen, daß er es nicht selbst abgefaßt habe. Aber selbst, oder nicht selbst: es ist darum nicht weniger seilt Werk. Denn der allgemeine Titel, ^eta littei-ana knallt klowius, macht es dazu; und der Wirth, der in seiner Kncipschenkc wissentlich morden läßt, ist nicht ein Haar besser, als der Morder. Dieses und unzähliger ähnlicher Frevel ungeachtet, deren ein einziger hinreichend seyn müßte, auch den besten Criticus der öffentlichen Verachtung so auszusetzen, daß er sich in seinem Leben nicht wieder unterstünde, seine Stimme hören zu lassen, gelang es Hr. Klotzen, sich einen Anhang zu crschimpfcn, und einen noch großem, sich zu erleben. Besonders hatte er einen Schwärm junger aufschießender Scriblcr sich zinsbar zu machen gewußt, die ihn gegen alle vier Theile der Welt als den größten, ausscrordcntlichstcn Mann ausposaunten, und ihn in eine solche Wolke von Weyhrauch verhüllten, daß es kein Wunder war, wenn er endlich Augen und Kopf durch den narkotischen Dampf verlor. Zn dieser Betäubung wurde ihm das Reich der Lateinischen Sprache zu enge, und er beschloß, seine Eroberungen auch über das Reich der Deutschen zu verbreiten. Die c^cn Strcifc- rcyen dahin, wagte er in ein Paar Wcrklein, die, höchst arm an Gedanken und Sachen, mit deutschen Worten, aber wahrlich nicht deutsch geschrieben waren. Dennoch wurden auch diese bis in den Himmel erhoben; ihr Verfasser hieß in utroyus e-klar; und der gute Mann vergaß cs in vollem Ernste, daß alle diese Zujauchzungen nichts, als der vervielfältigte Wiederhat! seiner eigenen Bewunderung waren. cnarwm roiüicerei. Lu»>I yuutviu non mslkvol» »nima, »ut cillumniis csuka sdl'ikimus, svtl M l,'onr»tli äoclriiiilm iili eorum korlo Mäioio vuiSicomuy, hin e»m nun nM ex vultrvinis leriolis novvrunt. ^kunlem, «zu» f»mi kiimNuuu co»s«Ioi«l, Iiinlis »Mit in nnlrikm luaw, »lsrliurZum, ckc. 204 Antiquarischer Briefe sechs und fünfzigster. Auch das hätte mögen hingehen! Unverdiente Lobsprüche kann man jedem gönnen, und wer sich deren selbst ertheilet, ist damit bestrast genug, daß er sie schwerlich von andern erwarten dürfen. Nur wenn ein so precsrio, so äolote berühmt gewordener Mann, sich mit dem stillen Besitze seiner erschlichenen Ehre nicht begnügen will; wenn der Irrwisch, den man zum Meteor aufsteigen lassen, nunmehr auch lieber sengen und brennen möchte, wenigstens überall um sich her giftige Dämpfe verbreitet: wer kann sich des Unwillens enthalten? und welcher Gelehrte, dessen Umstände es erlauben, ist nicht verbunden, seinen Unwillen öffentlich zu bezeigen? Bon einem Manne, der nur eben versucht hatte, über einen Kohl, den er zum sieben und siebzigstcnmale aufwärmte, eine deutsche Brühe zu gießen, ward Herr Klotz urplötzlich zum allgemeinen Kunstrichter der schönen Wissenschaften — und der deutschen schönen Wissenschaften! Unter dem Verwände, daß er und seine Freunde, mit verschiedenen Urtheilen, die bisher von Werken des Genies gefällt worden, nicht zufrieden wären, langte er nicht blos seine Läuterungen desfalls bey dem Publico ein, sondern errichtete selbst ein Tribunal; und welch ein Tribunal! Er, das Haupt! Er, namentlich' und nicht ohne seinen bürgerlichen Titel! — Wer ist der Herr Klotz, der sich aufwirft, über einen Klopstock, und Moses, und Rammler, und Gerstenberg Gericht zu halten? — Es ist Hr. Klotz, der Gehcim- derath. — Sehr wohl; damit muß sich die Schildwache in einer Preußischen Vestung begnügen: aber auch der Leser? Wenn der Leser fragt; wer ist der Hr. Klotz? so will er wissen, was dieser Herr Klotz geschrieben hat, und worauf sich sein Recht gründet, über solche Männer laut urtheilen zu dürfen. Nicht diese Männer nehmen ihn wegen dieses Rechts in Anspruch: sondern das Publicum. Die Nachsicht, die das Publicum hierum gegen einen ungenannten kritischen Schriftsteller hat, kann es gegen ihn nicht haben. Der ungenannte Kunstrichter will nichts als eine Stimme aus dem Publico seyn, und so lange er ungenannt bleibt, läßt ihn das Publikum dafür gelten. Aber der Kunstrichtcr, der sich nennet, will nicht eine Stimme des Publici seyn, sondern will das Publicum stimmen. Seine Urtheile sollen, nicht blos durch Antiquarischer Briefe sechs und fünfzigster. 206 sich, so viel Glück machen, als sie machen können: sie sollen es zugleich mit durch seinen Namen machen; denn wozu sonst dieser Name? Daher aber auch, von unserer Seite, das Verlangen, diesen Namen bewährt zu wissen! daher die Frage, ob es verdienter Name, ob es verdienter Name in diesem Bezirke ist! Zeder andere Name ist noch mehr Betrug, als Bestechung. Und wann Hr. Klotz Staatsminister wäre, und wann er der größte lateinische Stilist, der erste Philolog von Europa wäre: was geht uns das hier an? Hier wollen wir seine Verdienste um die deutschen schönen Wissenschaften kennen: und welche sind die? Was hat unsere Sprache von ihm erhalten, worauf sie gegen andere Sprachen stolz seyn könnte? Stolz? was sie sich nur nicht schämen dürfte, aufzuweisen! So steht es mit dem Haupte: wie mit den Gliedern? — Ich frage nicht, wer die Freunde des Hrn. Klotz sind. Sie wollen unbekannt seyn, und ich denke, sie werden es bleiben. Weder ihren Namen, noch ihren Stand verlange ich zu wissen. Es mögen sich mehr Geheimderäthe unter ihnen finden, oder nicht, sie mögen Professorcs oder Studenten, Candidatcn oder Pastorcs seyn; sie mögen auf dem Dorfe, oder in der Stadt wohnen; sie mögen von ihrer Schreibercy leben, oder nicht: alles das ist eines, wie das andere. Nicht aus dem, was sie sind, laßt uns beurtheilen, was sie schreiben: sondern aus dem, was sie schreiben, laßt uns urtheilen, was sie seyn sollten. Wahrlich, keiner von ihnen sollte Professor seyn, wenigsten nicht Professor in den schönen Wissenschaften. Alle sollten sie noch Studenten, und fleißige, bescheidene Studenten seyn. Denn welcher von ihnen verräth im geringsten mehr Kenntnisse, gründlichere Einsichten, als jeder angehende Student haben sollte? Was ist in ihrer ganzen Bibliothek, das nur ein Mann hätte schreiben können; nur ein Mann, der sich in seinem Fache fühlte? Welches ist die Gattung des Vertrags oder der Dichtung, sie sey so klein als sie wolle, worüber einer von diesen Großsprechern nur eine einzige neue und gute Anmerkung gemacht hätte? Schale, platte Wäscher sind sie alle; keiner hat auch nicht einmal seinen eigenen Ton; alle schreiben sie ein Deutsch, das nicht kraftloser, dissolutcr seyn kann. Sie mögen 2VK Antiquarischer Briefe sechs und funfjigsicr. sich zum Theil darauf verstehen, einer Uebcrsctzung aus alten Sprachen an den Puls zu süblcn, oder einer aus den neuern Sprachen das Wasser zu besehen: das müßte aber alles seyn, womit sie sich, zu ihrer Uebung, abgeben könnten. Nicht einmal über Schriftsteller, von dem Maaße ihrer eigenen Talente, sollten sie urtheilen wollen: denn es ist ein ccklcr Anblick, wenn man eine Spinne die andere fressen sieht, und meistens crgiebt es sich zu deutlich, daß sie das getadelte Werk, noch lange so gnt nicht, selbst hcvorgcbracht haben würden. Aber wenn sie vollends an die wenigen Verfasser sich wagen, denen es Deutschland allein zu danken hat, daß seine Litteratur gegen die Litteratur anderer Völker in Anschlag kömmt: so ist das eine Wcrmcsscnhcit, von der ich nicht weis, ob sie lächerlicher, oder ärgerlicher ist. Was sollen diese von ihnen lernen? Soll Klopstock von ihnen etwa lernen, in seine Elcgiccn mehr Fiction zu bringend und Rammler, in seine Oden weniger? So hirnlos dergleichen Urtheile sind, so viel Schaden stiften sie gleichwohl in einem Publico, das sich zum größten Theile noch erst bildet. Der schwächere Leser kann sich nicht cntwchrcn, eine geringschätzige Idee mit dem Namen solcher Männer zu verbinden, denen solche Stümper solche Armseligkeiten unausgcpfiffcn vordocircn dürfen. Endlich, das stinkende Fett, womit diese Herren ihre kritischen Wassersuppen zurichten! Auf jedem von ihnen ruhet der Geist ihres verschmähenden Herausgebers siebenfältig; und wenn jemals die Unart elender Kunstrichter, zur Mißbilligung und Verspottung des Schriftstellers die Züge von dem Menschen, von dem Gliede der bürgerlichen Gesellschaft zu entlehnen, einen Namen haben soll, so muß sie Klotzianismus hcisscn. Sieben und fünfzigster Brief. Zeder Tadel, jeder Spott, den der Kunstrichter mit dem kritistrten Buche in der Hand gut machen kann, ist dem Kunst- richter erlaubt. Auch kann ihm niemand vorschreiben, wie sanft oder wie hart, wie lieblich oder wie bitter, er die Ausdrücke eines solchen Tadels oder Spottes wählen soll. Er muß wissen, welche Wirkung er damit hervor bringen will, und es ist nothwendig, daß er seine Worte nach dieser Wirkung abwäget. Antiquarischer Briefe sieben und fünfzigster. L07 Aber sobald der Kmistrichtcr verräth, daß er von seinem Autor mehr weis, als ihm die Schriften desselben sagen können; sobald er sich aus dieser nähern Kenntniß des geringsten nach- thciligen Zuges wider ihn bedienet: sogleich wird sein Tadel persönliche Beleidigung. Er höret auf, Kunstrichter zu seyn, und wird — das verächtlichste, was ein vernünftiges Geschöpf werden kann — Klätscher, Anschwärzer, Pasquillant. Diese Bestimmung unerlaubter Persönlichkeiten, und eines erlaubten Tadels, ist ohnstrcitig die wahre; und nach ihr verlange ich, aus das strengste gerichtet zu seyn! Herr Klotz klagt mich an, meine antiquarischen Briefe mehr gegen Zhn, als gegen sein Buch gerichtet zu haben, welches „aus den persönlichen Beleidigungen, den Zudringlichkeiten, dem „Stil, der oft mehr als blos satyrisch sey, kurz aus dem Tone „erhelle, welcher uns, wider unsern Willen, an den Verfasser „des Vademccum für Herr Langen zu denken zwinge."^) Persönliche Beleidigungen! Hr. Klotz klagt über persönliche Beleidigungen! Herr Klotz! lZuis tulent kiaeckos M sie in seinen Schriften da liegen? Ich habe ihn ein oder zweymal Geheimderrath gcnennt; und auch das würde ich nicht gethan haben, wenn er nicht selbst mit diesem Titel unter den Schriftstellern aufgetreten wäre. Was weis ich sonst von seiner Person? Was verlange ich von ihr zu wissen? Zudringlichkeiten! — Ich habe mir nur Eine vorzuwerfen; die im Laokoon. Das nicht uneingeschränkte Lob, welches ich Herr Klotzen da ertheilte, mußte mir ihn freylich auf den Hals ziehen. Aber nachher sind alle Zudringlichkeiten von seiner Seite. Was ich dagegen gethan, sind nichts als Ab- wchrungcn; auf itzt, und wo möglich, auf künftig. (-) Deutsche Bil?l, stebcntcs Sück. S. 465. 208 Antiquarischer Briefe sieben und fünfzigster. Der Stil, der oft mehr, als blos satyrisch ist! — Es thut mir leid, wenn mein Stil irgendwo blos satyrisch ist. Meinem Vorsatze nach, soll er allezeit mehr als satyrisch seyn. Und was soll er mehr seyn, als satyrisch? Treffend. Der Ton, welcher an das Vadcmecum für Hr. Langen zu denken zwinget. — Nun denn? Aber zu wessen Beschämung wird diese erzwungene Erinnerung gereichen? Zu meiner? Was kann ich dafür, daß sein Buch eben so kindische Schnitzer hat, als der Langische Horaz? Kurz, von allen diesen Vorwürfen bleibt nichts, als höchstens der Skrupel, ob es nicht besser gewesen wäre, etwas säuberlicher mit dem Hrn. Klotz zu verfahren? Die Höflichkeit sey doch eine so artige Sache — Gewiß! denn sie ist eine so kleine! Aber so artig, wie man will: die Höflichkeit ist keine Pflicht: und nicht höflich seyn, ist noch lange nicht, grob seyn. Hingegen, zum Besten der Mchrcrn, frcymüthig seyn, ist Pflicht; sogar es mit Gefahr seyn, darüber für ungesittet und bösartig gehalten zu werden, ist Pflicht. Wenn ich Kunstrichter wäre, wenn ich mir getraute, das Kunstrichterschild aushengcn zu können: so würde meine Tonleiter diese seyn. Gelinde und schmeichelnd gegen den Anfänger; mit Bewunderung zweifelnd, mit Zweifel bewundernd gegen den Meister; abschreckend und positiv gegen den Stümper; höhnisch gegen den Prahler; und so bitter als möglich, gegen den Cabalenmachcr. Der Kunstrichtcr, der gegen alle nur einen Ton hat, hätte besser gar keinen. Und besonders der, der gegen alle nur höflich ist, ist im Grunde gegen die er höflich seyn könnte, grob. Ucberhaupt verstehen sich auf das Raffinement der Höflichkeit, die höflichsten Herren am wenigsten. Einer von ihnen sagte zu mir: „aber Herr Klotz ist doch inmer so höflich gegen Sie „gewesen. Sogar seine Recension der antiquarischen Briefe ist „noch so höflich! Noch so höflich? Der Bauernstolz selbst, hätte sie nicht gröber und plumper abfassen können. Antiquarischer Briefe sieben und fnnsMsicr. 209 Was will Herr Klotz, der mich sonst immer nur schlechtweg Lcssing genannt hat, was will er damit, daß er mich in dieser Recension Magister Lcssing ncnnct? Was sonst, als mir zu vcrstchen geben, welche Kluft die Rangordnung zwischen uns befestiget habe? Er Gchcimderrath, und ich nur Magister! — Was ist denn Bauernstolz, wenn das nicht Bauernstolz ist? Und doch wird mir Herr Klotz erlauben, den Abstand, der sich zwischen eincm Gcheimdcnrathe, wie Er, und zwischen einem Magister befindet, für so unermeßlich eben nicht zu halten. Ich meine, er sey gerade nicht unermeßlicher als der Abstand von der Raupe zum Schmetterlinge, und es zieme den Schmetterling schlecht, eine Spanne über den Dorncnstrauch erhaben, so verächtlich nach der demüthigen Raupe auf dem Blatte herab zu blicken. Ich wüßte auch nicht, daß sein König ihn aus einer andern Ursache zum Gcheimdenrathc ernannt habe, als weil er ihn für einen guten, brauchbaren Magister gehalten. Der König hätte in ihm den Magister so gcchrct, und er selbst wollte den Magister verachten? Za, der Magister gilt in dem Falle, in welchem wir uns mit einander befinden, sogar' mehr, als der Gchcimdcrath. Wenn der Herr Gchcimdcrath Klotz nicht auch Herr Magister Klotz wäre, odcr zu seyn verdiente: so wüßte ich gar nicht, was ich mit dem Herrn Gcheimdcrath zu schaffen haben könnte. Der Magister macht es, daß ich mich um den Gchcimdenrath bekümmere: und schlimm für den Gchcimdenrath, wcnn ihn sein Magister im Stiche läßt! LMigö Wctte viil > > e i ii c Untersuchn!? g. 1 7 09. Vorrede. Ich wollte nicht gern, daß man diese Untersuchung nach ihrer Veranlassung schätzen möchte. Ihre Veranlassung ist so verächtlich, daß nur die Art, wie ich sie genutzt habe, mich entschuldigen kann, daß ich sie überhaupt nutzen wollen. Nicht zwar, als ob ich unser itziges Publikum gegen alles, was Streitschrift heißt und ihr ähnlich siehet, nicht für ein wenig allzu cckcl hielte. Es scheinet vergessen zu wollen, daß cS die Aufklärung so mancher wichtigen Punkte dem bloßen Wie die Alten den Tod gebildet. 211 Widerspruche zu danken hat, lind daß die Menschen noch über nichts in der Welt einig seyn würden, wenn sie noch über nichts in der Welt gezankt hätten. „Gezankt;" denn so nennet die Artigkeit alles Streiten: und Zanken ist etwas so unmanierliches geworden, daß man sich weit weniger schämen darf, zu hassen und zu verleumden, als zu zanken. Bestünde indeß der größere Theil des Publici, das von keinen Streitschriften wissen will, etwa aus Schriftstellern selbst: so dürfte es wohl nicht die bloße Politcsse seyn, die den polemischen Ton nicht dulden will. Er ist der Eigenliebe und dem Sclbstdünkel so unbehaglich! Er ist den erschlichenen Namen so gefährlich! Aber die Wahrheit, sagt man, gewinnet dabey so selten. — So selten? Es sey, daß noch durch keinen Streit die Wahrheit ausgemacht worden: so hat dennoch die Wahrheit bey jedem Streite gewonnen. Der Streit hat den Geist der Prüfung gc- nährct, hat Borurthcil und Ansehen in einer beständigen Erschütterung erhalten; kurz, hat die geschminkte Unwahrheit verhindert, sich an der Stelle'der Wahrheit festzusetzen. Auch kann ich nicht der Meinung seyn, daß wenigstens das Streiten nur für die wichtigern Wahrheiten gehöre. Die Wichtigkeit ist ein relativer Begriff, und was in einem Betracht sehr unwichtig ist, kann in einem andern sehr wichtig werden. Als Beschaffenheit unserer Erkenntniß, ist dazu Eine Wahrheit so wichtig als die andere: und wer in dem allergeringsten Dinge für Wahrheit und Unwahrheit gleichgültig ist, , wird mich nimmermehr überreden, daß er die Wahrheit blos der Wahrheit wegen liebet. Ich will meine Denkungsart hierinn niemanden aufdringen. Aber den, der am weitesten davon entfernt ist, darf ich wenigstens bitten, wenn er sein Urtheil über diese Untersuchung öffentlich sagen will, es zu vergessen, daß sie gegen jemand gerichtet ist. Er lasse sich auf die Sache ein, und schweige von den Personen. Welcher von diesen der Kunstrichtcr gewogener ist, welche er überhaupt für den bessern Schriftsteller hält, verlangt kein Mensch von ihm zu wissen. Alles was man von 14 » 212 Wie die Alten den Tod gebildet. ihm zu wissen begehret, ist dieses, ob er, seiner Scits, in die Wagschaale des einen oder des andern etwas zu legen habe, welches in gegenwärtigem Falle den Ausschlag zwischen ihnen ändere, oder vermehre. Nur ein solches Bcygewicht, aufrichtig ertheilet, macht ihn dazu, was er seyn will: aber er bilde sich nicht ein, daß sein bloßer kahler Ausspruch ein solches Bcygewicht seyn kann. Ist er der Mann, der uns beide übersieht, so bediene er sich der Gelegenheit, uns beide zu belehren. Bon dem Tumultuarischen, welches er meiner Arbeit gar bald anmerken wird, kann er sagen, was ihm beliebt. Wann er nur die Sache darunter nicht leiden läßt. Allerdings hätte ich mit mehr Ordnung zu Werke gehen können; ich hätte meine Gründe in ein vortheilhasteres Licht stellen können; ich hätte noch dieses und jenes seltene oder kostbare Buch nutzen können; — was hätte ich nicht alles! Dabey sind es nur längst bekannte Denkmahle der alten Kunst, die mir freygestandcn, zur Grundlage meiner Untersuchung zu machen. Schätze dieser Art kommen täglich mehrere an das Licht: und ich wünschte selbst von denen zu seyn, die ihre Wißbegierde am ersten damit befriedigen können. Aber es wäre sonderbar, wenn nur der reich heisscn sollte, der das meiste frisch gemünzte Geld besitzet. Die Vorsicht crfoderte vielmehr, sich mit diesem überhaupt nicht eher viel zu bcmcngcn, bis der wahre Gehalt außer Zweifel gesetzt worden. Der Antiquar, der zu einer neuen Behauptung uns auf ein altes Kunstwerk verweiset, das nur er noch kennet, das er zuerst entdeckt hat, kann ein sehr ehrlicher Mann seyn; und cS wäre schlimm für das Studium, wenn unter achten nicht sieben es wären. Aber der, der, was er behauptet, nur aus dem behauptet, was ein Boissard oder Pighius hundert und mehr Zahre vor ihm gesehen haben, kann schlechterdings kein Bctricger seyn; und etwas Neues an dem Alten entdecken, ist wenigstens eben so rühmlich, als das Alte durch etwas Neues bestätigen. Wie die Alten den Tod gebildet. 213 Veranlassung. Immer glaubt Herr Klotz, mir auf den Fersen zu seyn. Aber immer, wenn ich mich, auf sein Zurufen, nach ihm umwende, sehe ich ihn, ganz seitab, in einer Staubwolke, auf einem Wege cinhcrzichcn, den ich nie betreten habe. „Herr Lcssing, lautet sein neuester Zuruf dieser Art,(°) „wird mir erlauben, der Behauptung, daß die alten Artisten „den Tod nicht als ein Skelct vorgestellt hätten, (f. Laokoon „S. 422. ls.Band VI, S. eben den Werth beyzulegen, den „seine zween andern Sätze, daß die Alten nie eine Furie, und „nie schwebende Figuren ohne Flügel gebildet, haben. Er kann „sich sogar nicht bereden, daß das liegende Skelct von Bronze, „welches mit dem einem Arme auf einem Aschcnkrugc ruhet, in „der Herzoglichen Gallcrie zu Florenz, eine wirkliche Antike „sey. Vielleicht überredet er sich eher, wenn er die geschnittenen „Steine ansieht, aus welchen ein völliges Gerippe abgebildet ist. „(f. LuoniU'otti (M. topr. sie. Votri t. xxxvm. 3. und Lipperts „Daktyliothck, zweytes Tausend, u. 998.) Zm Museo Floren- „tino sieht man dieses Skelct, welchem ein sitzender Alter et- „was vorbläst, gleichfalls auf einem Steine, (f. I^os Satire« (°) In der Vorrede zmn zweyten Theile der Alchmidlimgen des Grafen Cavlus. 2l4 Wie die Alten den Tod gebildet. „(Ic-Pvito i>!>r Siimc-r S. 3V.) Doch geschnittene Steine, wird „Herr Lcssing sagen, gehören zur Bildersprache. Nun so verweise „ich ihn auf das metallene Skelct in dem Kirchcrschcn Mnsco. „(s. li'ieoroni Kommas ant!«^. rarior. t. vui.) Ist er auch hic- „mit noch nicht zufrieden, so will ich ihn zum Ucbcrflnssc crin- „ncrn, daß bereits Herr Winkclmann in seinem Versuch der „Allegorie S. 8t. zwoer alten Urnen von Marmor in Rom „Meldung gethan, auf welchen Todtengerippc stehen. Wenn „Hr. Lcssingcn meine vielen Beyspiele nicht vcrdrüßlich machen, „so setze ich noch Suoiil! Nisoc-II. ^,nt!q. Liud. Soot. I. ^rt. ui. „hinzu: besonders v. Z. Und da ich mir einmal die Freyheit „genommen, wider ihn einiges zu erinnern, so muß ich ihn auf „die prächtige Sammlung der gemahlten Gefäße des Hrn. Hamil- „ton verweisen, um noch eine Furie auf einem Ccfäßc zu er- „blickcn. (Oolloetion c>k Utrutcim, (Zrecian lioman ^nt'umi- „tlos feom tlio Ladinvt of tlie llon. ^Vm. Hamilton n. 6.)" Es ist, bey Gott, wohl eine große Freyheit, mir zu widersprechen! Und wer mir widerspricht, hat sich wohl sehr zu bekümmern, ob ich verdrüßlich werde, oder nicht! Allerdings zwar sollte ein Widerspruch, als womit mich Hr. Klotz verfolgt, in die Länge auch den gelassensten, kältesten Mann verdrüßlich machen. Wenn ich sage, „es ist noch nicht Nacht: so sagt Herr Klotz, „aber Mittag ist doch schon längst vorbey. Wenn ich sage, „sieben und sieben macht nicht fünfzehn: so sagt er, „aber sieben und achte macht doch fünfzehn. Und das heißt er, mir widersprechen, mich widerlegen, mir unverzeihliche Irrthümer zeigen! Ich bitte ihn, einen Augenblick seinen Verstand etwas mehr, als sein Gedächtniß zu Rathe zu ziehen. Ich habe behauptet, daß die alten Artisten den Tod nicht als ein Skelet vorgestellt: und ich behaupte cs noch. Aber sagen, daß die alten Artisten den Tod nicht als ein Skelct vorgestellt: heißt denn dieses von ihnen sagen, daß sie überhaupt kein Skelct vorgestellet? Ist denn unter diesen beiden Sätzen so ganz und gar kein Unterschied, daß wer den einen erweiset, auch nothwendig den andern erwiesen hat? daß wer den einen leugnet, auch nothwendig den andcru leugnen muß? Wie dic Alten den Tod gebildet. 215 Hier ist ein geschnittener Stein, und da eine marmorne Urne, und dort ein metallenes Bildchen: alle sind ungczweifclt antik, und alle stellen ein Skclct vor. Wohl! Wer weis das nicht? Wer kann das nicht wissen, dem gesunde Finger und Augen nicht abgehen, sobald er es wissen will? Sollte man in den antiquarischen Werken nicht etwas mehr, als gebildcrt haben? Diese antike Kunstwerke stellen Skclete vor: aber stellen denn diese Skelctc den Tod vor? Muß denn ein Skelet schlechterdings den Tod, das pcrsonifirtc Abstraktum des Todes, die Gottheit des Todes, vorstellen? Warum sollte ein Skelet nicht auch blos ein Ekelet vorstellen können? Warum nicht auch etwas anders? Untersuchung. Der Scharfsinn des Herrn Klotz geht weit! — Mehr brauchte ich ihm nicht zu antworten: aber doch will ich mehr thun, als ich brauchte. Da noch andere Gelehrte an den verkehrten Einbildungen des Hrn. Klotz, mehr oder weniger, Theil nehmen: so will ich für diese hier zwcyerlcy beweisen. Bors erste: daß die alten Artisten den Tod, die Gottheit des Todes, wirklich unter einem ganz andern Bilde vorstellten, als unter dem Bilde des Skclets. Bors zweyte: daß die alten Artisten, wenn sie ein Skelet vorstellten, unter diesem Skelcte etwas ganz anders meinetcn, als den Tod, als dic Gottheit des Todes. I. Die alten Artisten stellten den Tod nicht als ein Skelet vor: denn sie stellten ihn, nach der Homerischen Idee, als den Zwillingsbrudcr des Schlafes vor, und stellten beide, den Tod und den Schlaf, mit der Ähnlichkeit unter sich vor, die wir an Zwillingen so natürlich erwarten. Auf einer Kiste von Ccdcrnholz, in dem Tempel der Zuno zu Elis, ruhten sie beide als Knaben in den Armen der Nacht. Nur war der eine weiß, der andere schwarz; jener schlief, dieser schien zu schlafen; beide mit über einander geschlagenen Füßen. Hier nehme ich einen Satz zu Hülfe, von welchem sich nur (°) I?.. 5 v. «81. 8S. (°°) ?»u5-»>Ias LIi!ie> lÄi>, XVIII. I>. tSS> LM> liuli, Laokoo» S. 121. IBano VI. S. 445,j 21k Wie die Alten den Tod gebildet. wenige Ausnahmen finden dürften. Diesen nehmlich, daß die Alten die sinnliche Vorstellung, welche ein idealischcs Wesen einmal erhalten hatte, getreulich beybehielten. Denn ob dergleichen Vorstellungen schon willkührlich sind, und ein jeder gleiches Recht hätte, sie so oder anders anzunehmen: so hielten es dennoch die Alten für gut und nothwendig, daß sich der Spätere dieses Rechtes begebe, und dem ersten Erfinder folge. Die Ursache ist klar: ohne diese allgemeine Einförmigkeit, ist keine allgemeine Erkenntlichkeit möglich. Folglich auch, jene Ähnlichkeit des Todes mit dem Schlafe von den griechischen Artisten einmal angenommen, wird sie von ihnen, allem Vermuthen nach, auch immer seyn beobachtet worden. Sie zeigte sich ohnstrcitig an den Bildseulcn, welche beide diese Wesen zu Laccdämon hatten: denn sie erinnerten den Pau- sanias (*) an die Verbrüderung, welche Homer unter ihnen eingeführet. Welche Ähnlichkeit mit dem Schlafe aber läßt sich im geringsten denken, wenn der Tod als ein bloßes Gerippe ihm zur Seite stand? „Vielleicht, schrieb Winkclmann, war der Tod bey den „Einwohnern von Gadcs, dem heutigen Cadix, welche unter „allen Völkern die einzigen waren, die den Tod verehrten, also „gestaltet." — Als Gerippe nehmlich. Doch Winkclmanu hatte zu diesem Vielleicht nicht den geringsten Grund. Philostrat (^*) sagt blos von den Gaditanern, „daß sie die einzigen Menschen wären, welche dem Tode Päanc sängen." Er erwähnt nicht einmal einer Bildscule, geschweige daß er im geringsten vermuthen lasse, diese Bildscule habe ein Gerippe vorgestellt. Endlich, was würde uns auch hier die Vorstellung der Gaditancr angehen? Es ist von den symbolischen Bildern der Griechen, nicht der Barbaren die Rede. Ich erinnere beyläufig, daß ich die angezogenen Worte des Philostrats, ^ocvcx^vv iot «vA-puiireov 7r«t,«vt^civ?«c, nicht mit Winkelmanncn Übersetzen möchte, „die Gaditancr wä- (") I.aeonic. c-tp. XIIX. I>, 253. («) Allcgo. S, 83. <"") Vim Apollo. IM. V. e. 4. Wie die Alten den Tod gebildet. 217 ren unter allen Völkern die einzigen gewesen, welche den Tod verehret." Verehret sagt von den Gaditancrn zu wenig, und verneinet von den übrigen Völkern zu viel. Selbst bey den Griechen war der Tod nicht ganz ohne Verehrung. Das Besondere der Gaditaner war nur dieses, daß sie die Gottheit des Todes für erbittlich hielten; daß sie glaubten, durch Opfer und Päane seine Strenge mildern, seinen Schluß verzögern zu können. Denn Päane hcisscn im besonderem Verstände Lieder, die einer Gottheit zur Abwendung irgend eines Uebels gesungen werden. Philostrat scheinet auf die Stelle des Acschylus anzuspielen, wo von dem Tode gesagt wird, daß er der einzige unter den Göttern sey, der keine Geschenke ansehe, der daher keine Altäre habe, dem keine Päane gesungen würden: Oi^ci' x«^t /3^>.o^, oiÄx 5r«tll)Vt^x7'«i. — Winkelmann selbst merket, in seinem Versuche über die Allegorie, bey dem Schlafe an,(") daß auf einem Grabsteine in dem Pallaste Albani, der Schlaf als ein junger Genius, auf eine umgekehrte Fackel sich stützend, nebst seinem Bruder, dem Tode, vorgestellet wären, „und eben so abgebildet fänden sich „diese zwey Genii auch an einer Begräbnißurne in dem Collc- „gio Clcmcntino zu Rom." Ich wünschte, er hätte sich dieser Vorstellung bey dem Tode selbst wiederum erinnert. Denn so würden wir die einzig genuine mch, allgemeine Vorstellung des Todes da nicht vermissen, wo er uns nur mit verschiedenen Allcgoriccn verschiedener Arten des Sterbens abfindet. Auch dürfte man wünschen, Winkelmann hätte uns die beiden Denkmähler etwas näher beschrieben. Er sagt nur sehr wenig davon, und das Wenige ist so bestimmt nicht, als es seyn könnte. Der Schlaf stützet sich da auf eine umgekehrte Fackel: aber auch der Tod? und vollkommen eben so? Ist gar kein Abzeichen zwischen beiden Gcniis? und welches ist es? Ich wüßte nicht, daß diese Denkmähler sonst bekannt gemacht wären, wo man sich Raths crhohlcn könnte. Jedoch sie sind, zum Glücke, nicht die einzigen ihrer Art. Winkelmann bemerkte aus ihnen nichts, was sich nicht auch auf mchrcrn, und längst vor ihm bekannten, bemerken ließe. (°) S, 76. 218 Wie die Alten den Tod gebildet. Er sahe einen jungen Genius mit umgestürzter Fackel, und der ausdrücklichen Ucbcrschrift Somno: aber auf einem Grabsteine beym Boifsard erblicken wir die nehmliche Figur, und die Ucbcrschrift 8om»o Oreltil-a I?il!a läßt uns wegen der Deutung derselben eben so wenig ungewiß seyn. Ohne Heb ersehnst kömmt sie eben daselbst noch oft vor: ja auf mehr als einem Grabsteine und Sarge kömmt sie doppelt vor. l^") Was kann aber in dieser vollkommen ähnlichen Verdoppelung, wenn das eine Bild der Schlaf ist, das andere wohl schicklicher seyn, als der Zwillingsbruder des Schlafes, der Tod? Es ist zu verwundern, wie Altcrthumsforscher dieses nicht wissen, oder wenn sie es wußten, in ihren Auslegungen anzuwenden vergessen konnten. Ich will hiervon nur einige Beyspiele geben. Vor allen fällt mir der marmorne Sarg bey, welchen Bcl- lori in seinen ^mii-snäis bekannt gemacht,«^") und von dem letzten Schicksale des Menschen erkläret hat. Hier zeiget sich unter andern ein geflügelter Züngling, der in einer tiefsinnigen Stellung, den linken Fuß über den rechten geschlagen, neben einem Leichname stehet, mit seiner Rechten und dem Haupte auf einer umgekehrten Fackel ruhet, die auf die Brust des Leichnames gcstützct ist, und in der Linken, die um die Fackel her- abgrcift, einen Kranz mit c^nem Schmetterlinge hält, (-j-) Diese Figur, sagt Bcllori, sey Amor, welcher die Fackel, das ist, die Affekten, auf der Brust des verstorbenen Menschen auslösche. Und ich sage, diese Figur ist der Tod! Nicht jeder geflügelte Knabe, oder Züngling, muß ein Amor seyn. Amor, und das Heer seiner Brüder, hatten diese Bildung mit mehrcrn geistigen Wesen gemein. Wie manche aus dem Geschlecht der Gcnii, wurden als Knaben vorgestellet! (1"!-) Und was hatte nicht seinen Genius? Zeder Ort; jeder Mensch; jede gesellschaftliche Verbindung des Menschen; jede Beschäftigung (°) rovosiaiili, ?»Ne III. p. 4S. (°°) ?arle V, p. 22. 23. (°°°) 'I'sl>. I>XXIX. (1) Man sche das Titelkupser. ('I-f) Larliiius .-ul Nulilii M>. I. v, »27. p- 121. Wie die Alten den Tod gebildet. 21!) des Menschen, von der niedrigsten bis zur größten;(") ja, ich möchte^ sagen, jedes unbelebte Ding, an dessen Erhaltung gelegen war, hatte seinen Genius. — Wann dieses, unter andern auch dem Herrn Klotz, nicht eine ganz unbekannte Sache gewesen wäre: so würde er uns sicherlich mit dem größten Theile seiner zuckersüßen Geschichte des Amors aus geschnittenen Steinen,^") verschonet haben. Mit den aufmerksamsten Fingern forschte dieser große Gelehrte diesem niedlichen Gotte durch alle Kupfcr- büchcr nach; und wo ihm nur ein kleiner nackter Bube vorkam, da schrie er Amor! Amor! und trug ihn geschwind in seine Rolle ein. Ich Wunsche dem viel Geduld, der die Musterung über diese Klotzischc Amors unternehmen will. Alle Augenblicke wird er einen aus dem Gliede stoßen müssen. — Doch davon an einem andern Orte! Genug, wenn nicht jeder geflügelte Knabe oder Jüngling nothwendig ein Amor seyn muß: so braucht es dieser auf dem Monumente des Bcllori am wenigsten zu seyn. Und kann es schlechterdings nicht seyn! Denn keine allegorische Figur muß mit sich selbst im Widersprüche stehe». Zn diesem aber würde ein Amor stehen, dessen Werk es wäre, die Affekten in der Brust des Menschen zu verlöschen. Ein solcher Amor, ist eben darum kein Amor. Vielmehr spricht alles, was um und an diesem geflügelten Jünglinge ist, für das Bild des Todes. Denn wenn es auch nur von dem Schlafe erwiesen wäre, daß ihn die Alten als einen jungen Genius mit Flügeln vorgestellt: so würde auch schon das uns hinlänglich berechtigen, von seinem Zwillingsbruder, dem Tode, ein Gleiches zu vermuthen. 8omni iäowm tem!« sinFitur, schrieb Barth auf gut Glück nur so hin, um seine Interpunktion in einer Stelle des Statuts zu rechtfertigen. tÄimme c^io rnorni, juvonis i>IavüM1u«z llivürn, ()uovo ei'i'oi'e miler, «loiüs ut 1'»Iu8 oALi'vm 8oum<; tu!« ? — (°) Iilom ibi>t> p. 128. (°°) Ueber den Nutze» und Gebr. der alt. >Mh. St> von S. 194 bis 221. (°°°) ätl si-uimn, 8Uv, V. -l. 220 Wie die Alten den Tod gebildet. flehte der Dichter zu dem Schlafe; und Barth wollte, daß der Dichter das^uvon!« von sich selbst, nicht von dem Schlafe gesagt habe: (ürimino huo merui juvcnis, plaoiäMmv äivum <^!o. Es sey, weil es zur Noth seyn könnte: aber der Grund ist doch ganz nichtig. Der Schlaf war bey allen Dichtern eine jugendliche Gottheit; er liebte eine von den Grazien, und Zuno, für einen wichtigen Dienst, gab ihm diese Grazie zur Ehe. Gleichwohl sollten ihn die Künstler als einen Greis gebildet haben? Das wäre von ihnen nicht zu glauben, wenn auch in keinem Denkmahle das Gegentheil mehr sichtbar wäre. Doch nicht der Schlaf blos, wie wir gesehen, auch noch ein zweyter Schlaf, der nichts anders als der Tod seyn kann, ist sowohl auf den unbekanntem Monumenten des Winkelmann, als aus den bekanntem des Boissard, gleich einem jungen Genius, mit umgestürzter Fackel zu sehen. Ist der Tod dort ein junger Genius: warum könnte ein junger Genius hier, nicht der Tod seyn ? Und muß er es nicht seyn, da ausser der umgestürzten Fackel, auch alle übrige seiner Attributen die schönsten, rcdcnsten Attribute des Todes sind? Was kann das Ende des Lebens deutlicher bezeichnen, als eine verloschene, umgestürzte Fackel? Wann dort der Schlaf, diese kurze Unterbrechung des Lebens, sich auf eine solche Fackel stützet: mit wie viel größcrm Rechte darf es der Tod? Auch die Flügel kommen noch mit größcrm Rechte ihm, als dem Schlafe, zu. Denn seine Ucbcrraschung ist noch plötzlicher, sein Ucbergang noch schneller. — — — 8vu me trancjullla Konootus Hxpvctai, leu Uorg atiis oiioimvolat a1i8: sagt Horaz. s") Und der Kranz in seiner Linken? Es ist der Todtcnkranz. Alle Leichen wurden bey Griechen und Römern bekränzt; mit Kränzen ward die Leiche von den hinterlassenen Freunden bcwor- fcn; bekränzt wurden Scheiteihaufc und Urne und Grabmahl. Endlich, der Schmetterling über diesem Kranze? Wer weis nicht, daß der Schmetterling das Bild der Seele, und besonders der von dem Leibe geschiedenen Seele, vorstellet? (°) 1.1b. II. 8-U. I. V. 57. S8. (") Litt'. I>!ttt!lii>Ui kui'»ii!U'UM Ii>i. IV. v. s. Wie die Alten den Tod gebildet. 221 Hierzu kömmt der ganze Stand der Figur, neben einem Leichnam, und gestützt auf diesen Leichnam. Welche Gottheit, welches höhere Wesen könnte und dürste diesen Stand haben: wenn es nicht der Tod selbst wäre? Ein todter Körper verunreinigte, nach den Begriffen der Alten, alles, was ihm nahe war: und nicht allein die Menschen, welche ihn berührten oder nur sahen; sondern auch die Götter selbst. Der Anblick eines Todten war schlechterdings keinem von ihnen vergönnt. - - I?^.l.o^ 01^ A-x^t? csiA^oi^ oz>«v sagt Diana, bey dem Euripidcs,(°) zu dem sterbenden Hippolyt. Za, um diesen Anblick zu vermeiden, mußten sie sich schon entfernen, sobald der Sterbende die letzten Athemzüge that. Denn Diana fährt dort fort: Oi^c? o^i/i.« Apocivxtv ^mvoccr^i.ot. <5tx5p«^/i.xvoi^ ?c>^ ?rc>6«?. Diese Worte giebt der lateinische Uebcrsetzer durch, «Mortis uti'mcmo peclibus; und der Französische durch, les pivcls eontrc-f-uts. Zch fragte: was sollen hier die krummen Füße? wie kommen der Schlaf und der Tod zu diesen ungestaltcnen Gliedern? was können sie andeuten sollen? Und in der Verlegenheit, mir hierauf zu antworten, schlug ich vor, c>lx-7p«^i.xvc>^ 701^ ?roc>«5 nicht durch krumme, sondern durch über einander geschlagene Füße zu übersetzen: weil dieses die gewöhnliche Lage der Schlafenden sey, und der Schlaf auf alten Monumenten nicht anders liege. Erst wird es, wegen einer Verbesserung, die Sylburg in eben den Worten machen zu müssen glaubte, nöthig seyn, die ganze Stelle in ihrem Zusammenhange anzuführen: n^o^T-o-t 6s ?r«i,6« Xxi^xov nol^7L^F'^L'l xvlxo?'«, «^.i.lp«^.i/i.zvc>i.^ ?c>^ nockw-;. Sylburg sand das (°) ^Vonn!» Lerxcil. III. >>e Ve»iii>, c»p> S H> 7. S. 121, I Band VI, S, 440^ Wie die Alten den Tod gebildet. 223 ^x?9«^xvo^? anstößig, lind meinte, daß es besser seyn würde, <5-,-?55>«^i/l.x2'ov dafür zu lesen, weil rocxo?cx vorher gehe, lind beides sich auf ««-,6« beziehe, l^) Doch diese Veränderung würde nicht allein sehr übcrflüßig, sondern auch ganz falsch seyn. Ueberflüßig: denn warum soll sich nun eben das <5l«-7pxcpxo'5«c auf n:«i(s« beziehen, da es sich eben sowohl auf «^l.cpo?xz>c>-v? oder?ro<5«? beziehen kann? Falsch: denn sonach würde «^>po. T-epo-u? nur zu -rock«? gehören können, und man würde übersetzen müssen, krumm an beiden Fußen; da es doch auf das doppelte ?roi-,(5« gehet, und man übersetzen muß, beide mit krummen Füßen. Wenn anders -5lx?5>«^^xvoe hier krumm heißt, und überhaupt krumm hcissen kann! Zwar muß ich gestehen, daß ich damals, als ich den Ort im Laokoon schrieb, schlechterdings keine Auslegung kannte, warum der Schlaf und der Tod mit krummen Füßen sollten seyn gebildet worden. Ich habe erst nachher beym Rondell) gefunden, daß die Alten durch die krummen Füße des Schlafes, die Ungewißheit und Betricglichkeit der Träume andeuten wollen. Aber worauf gründet sich dieses Vorgeben? und was wäre es auch damit? Was es erklären sollte, würde es höchstens nur zur Hälfte erklären. Der Tod ist doch wohl ohne Träume: und dennoch hatte der Tod eben so krumme Füße. Denn, wie gesagt, das «^0^901^? muß schlechterdings auf das doppelte vorhergehende ?c«iF« sich beziehen: sonst würde «^05-90^, zu ro-u^ ?ro-5«5 genommen, ein sehr schaler Pleonasmus seyn. Wenn ein Mensch krumme Füße hat, so versteht es sich ja wohl, daß sie beide krumm sind. Oder sollte wohl jemand auch nur deswegen sich die Lesart des Sylburg (Flk<79«^/I.xvov für <5tL-7ji-x^/i,xvoT^) gefallen lassen, um die krummen Füße blos und allein dem Schlafe beylegen zu können? Nun so zeige mir dieser Eigensinnige doch irgend einen antiken Schlaf mit dergleichen Füßen. Es sind sowohl ganz runde als halb erhabene Werke genug übrig, in welchen die Alterthumskundigcn einmüthig den Schlaf erkennen. (°) kecUus ö-,k5-tz«/^,ik^ov, ul sntes cot«orw, retxiciimt enlm ^eeii- liUivum ?k«cöa. (°°) Lxpos. Ligin vsleris 1'olliiliii p> S94. ?orUliloruvl 5scol>i ?»IM. 224 Wie die Alten den Tod gebildet. Wo ist ein einziger, an welchem sich krumme Füße auch nur argwohnen ließen? Was folgt aber hieraus? — Sind die krummen Füße des Todes und des Schlafes ohne alle befriedigende Bedeutung; sind die krummen Füße des letztern in keiner antiken Vorstellung desselben sichtbar: so meine ich, folgt wohl nichts natürlicher, als die Vermuthung, daß es mit diesen krummen Füßen überhaupt eine Grille seyn dürfte. Sie gründen sich auf eine einzige Stelle des Pausanias, auf ein einziges Wort in dieser Stelle: und dieses Wort ist noch dazu eines ganz andern Sinnes sähig! Denn 6tL0"!-j,«/>/i.xvo5, von 6t«o-?9L-pxlv, heißt nicht sowohl krumm, verbogen, als nur überhaupt verwandt, aus seiner Richtung gebracht; nicht sowohl tortuatus, Mtortus, als odliyuus, trankvorlus: und?ro6^ ,', sagt der Verfasser der kritischen Wälder, „scheint dem Sprachgcbrauchc zu widersprc- „chcn; und wenn es aufs Muthmaßcn ankäme, könnte ich „eben so sagen: sie schliefen mit über einander geschlagenen „Füßen, d.i. des einen Fuß streckte sich über den andern hin, (°) Beym Maffci, (v. xciv.) wo man sich nocr den Geschmack dieses Auslegers ärgern muß, der eine so unanständige Fignr mit aller Gewalt zu einem Bacchus machen will. (°°) l'ad. Erstes Wäldchen S> 83. Lessiugs Werke vill. 15 226 Wie die Alten den Tod gebildet. „um die Verwandtschaft des Schlafes und Todes anzuzei- „gcn u. s. w. Wider den Sprachgebrauch? wie das? Heißt St-o-^«^.,^- vv-; etwas anders, als verwandt? und muß denn alles, was verwandt ist, nothwendig krumm seyn? Wie könnte man denn einen mit übergeschlagenen Füßen auf Griechisch richtiger und besser nennen, als ^ixo'^Lc^^i.xvov ^«5«) «als«-;? oder <5txci-?-p«^i.evo^'-,' ?o^? nci-s-x^, mit unter verstandenem x^oi^«? Ich wüßte im geringsten nicht, was hier wider die natürliche Bedeutung der Worte, oder gegen die genuine Eonstruction der Sprache wäre. Wenn Pausanias hätte krumm sagen wollen, warum sollte er nicht das so gewöhnliche i dc» Tod gebildet. '.'27 cincn Fliß über den andern geschlagen; und diese Besonderheit des Standes, glaube ich, kann eben sowohl dienen, dic Bedeutung der ganzen Figur zu bestätigen, als dic anderwcits erwiesene Bedeutung derselben das Charakteristische dicscs besondern Standes festzusetzen hinlänglich seyn dürste. Doch es versteht sich, daß ich so geschwind und dreist nicht schließen würde, wenn dieses das einzige alte Monument wäre, auf welchem sich dic über einander geschlagenen Füße an dem Bilde des Todes zeigten. Denn nichts würde natürlicher seyn, als mir einzuwenden: „wenn die alten Künstler den Schlaf mit über einander geschlagenen Füßen gebildet haben, so haben sie ihn doch nur als liegend, und wirklich selbst schlafend so gebildet; von dieser Lage des Schlafes im Schlafe, ist also auf sciucn stchcndcn Stand, odcr gar auf dc» stehenden Stand des ihm ähnlichen Todes, wenig odcr nichts zu schlicsscn, und cS kann cin bloßcr Zufall seyn, daß hier einmal der Tod so stc. hct, als man sonst den Schlaf schlafen ficht." Nur mehrere Monumente, welche eben das zeigen, was ich an der Figur beym Bcllori zu sehen glaube, können dieser Einwendung vorbauen. Ich eilc also, dcrcn so viele anzuführen, als zur Znduction hinrcichcnd sind, und glaube, daß man es für kcine bloßc übcrflüßigc Auszicrung halten wird, einige der vorzüglichsten in Abbildung beygefügt zu finden. Zuerst also crschcinet der schon angeführte Grabstein beym Boissard. Weil dic ausdrücklichen Überschriften desselben nicht verstatten, uns in der Deutung seiner Figuren zu irren: so kann er gleichsam der Schlüssel zu allen übrigen Dcnkmählcrn hcissen. Wie aber zcigct sich hier dic Figur, welche mit 8omn„ Oi-olMa Inlia überschrieben ist? Als ein nackter Jüngling, cincn traurigcn Blick seitwärts zur Erde hcftcnd, mit dcm cincn Arme auf eine umgekehrte Fackel sich stützend, lind den einen Fuß über den andern geschlagen. — Ich darf nicht un- erinncrt lassen, daß von eben diesem Denkmahle sich auch eine Zeichnung unter den Papieren des Pighius, in der König!. Bibliothek zu Berlin befindet, aus welcher Spanhcim dic cin- (°) S. dic btt'gcfligtcn Kupscc, Niim, t, 15° 228 Wie die Alten den Tod gebildet. zelnc Figur des Schlafes seinem Comincntar über den Kalli- machus einverleibet hat. (°) Daß es schlechterdings die nehmliche Figur des nehmlichen Denkmahls beym Boissard seyn soll, ist aus der nehmlichen Ucbcrschrift unstreitig. Aber um so viel mehr wird man sich wundern, an beiden so merkliche Verschiedenheiten zu erblicken. Die schlanke, ausgebildete Gestalt beym Boissard, ist beym Pighius ein fetter stämmiger Knabe; dieser hat Flügel, und jene hat keine; geringerer Abweichungen, als in der Wendung des Hauptes, in der Richtung der Arme, zu geschweige». Wie diese Abweichungen von Spanhcimcn nicht bemerkt werden können, ist begreiflich; Spanhcim kannte das Denkmahl nur aus den Znnschriftcn des Grutcr, wo er die bloßen Worte ohne alle Zeichnung fand; er wußte nicht, oder erinnerte sich nicht, daß die Zeichnung bereits beym Boissard vorkomme, und glaubte also etwas ganz unbekanntes zu liefern, wenn er sie uns zum Theil aus den Papieren des Pighius mittheilte. Weniger ist Grävius zu entschuldigen, welcher seiner Ausgabe der Grutcrschen Znnschriftcn die Zeichnung aus dem Boissard beyfügte, und gleichwohl den Widerspruch, den diese Zeichnung mit der wörtlichen Beschreibung des Grutcr macht, nicht bemerkte. Zn dieser ist die Figur lZonius alatus, crioitus, obel'us, tlormion«, «lextl-a, manu in Iiumerum limstrum, a ijuo velum re- trorlum ävpoliclvt, potlta: und in jener erscheinet sie, gerade gegen über, so wie wir sie hier erblicken, ganz anders; nicht geflügelt, nicht eben von starken Haaren, nicht fett, nicht schlafend, nicht mit der rechten Hand auf der linken Schulter. Eine solche MißHelligkeit ist anstößig, und kann nicht anders als Mißtrauen bey dem Leser erwecken, besonders wann er sich noch dazu nicht einmal davor gcwarnct findet. Sie beweiset indeß so viel, daß unmöglich beide Zeichnungen unmittelbar von dem Denkmahle können genommen seyn: eine derselben muß nothwendig aus dem Gedächtnisse seyn gemacht worden. Ob dieses die Zeichnung des Pighius, oder die Zeichnung des Boissard sey, kann nur der entscheiden, welcher das Denkmahl selbst damit zu vergleichen Gelegenheit hat. Nach der Angabc des lctz- ' (°) ^V(> vsr, 23t. U;m, in Heluw, l>. 5S4. I5lli>. Lin. (-') ?i»s. vcciv, / Wie die Alten dc» Tod gebildet. 229 tcrn, befand es sich zu Rom, in dem Pallaste des Cardinals Lest. Dieser Pallast aber, wenn ich recht unterrichtet bin, ward in der Plünderung von 1627 gänzlich zerstöret. Verschiedene von den Alterthümern, welche Boissard daselbst sahe, mögen sich itzt in dem Pallastc Farnesc befinden; ich vermuthe dieses von dem Hermaphrodit, und dem vermeinten Kopfe des Pyrrhus. (*) Andere glaube ich in andern Cabinettcn wiedergefunden zu haben: kurz, sie sind verstreuet, und es dürfte schwer halten, das Denkmahl, wovon die Rede ist, wieder aufzufinden, wenn es noch gar vorhanden ist. Aus bloßen Muthmaßungen möchte ich mich eben so wenig für die Zeichnung des Boissard, als für die Zeichnung des Pighius erklären. Denn wenn es gewiß ist, daß der Schlaf Flügel haben kann: so ist es eben so gewiß, daß er nicht nothwendig Flügel haben muß. Die zweyte Kupfertafel zeiget das Grabmahl einer Clymcne, ebenfalls aus dem Boissard entlehnt. (°°) Die eine der Figuren darauf, hat mit der eben erwähnten zu viel Ähnlichkeit, als daß diese Achnlichkcit, und der Ort, den sie einnimmt, uns im geringsten ihrentwcgcn ungewiß lassen könnten. Sie kann nichts anders als der Schlaf seyn: und auch dieser Schlaf, auf eine umgekehrte Fackel sich stützend, hat den einen Fuß über den andern geschlagen. — Die Flügel übrigens fehlen ihm gleichfalls: und es wäre doch sonderbar, wenn sie Boissard hier zum zweytcnmale vergessen hätte. Doch wie gesagt, die Alten werden den Schlaf öfters auch ohne Flügel gebildet haben. Pausa- nias giebt dem Schlafe in dem Arme der Nacht keine; und weder Ovidius noch Statius legen, in ihren umständlichen Beschreibungen dieses Gottes und seiner Wohnung, ihm deren bey. Brouckhuyscn hat sich sehr versehen, wenn er vorgicbt, daß der letztere Dichter dem Schlafe sogar zwey Paar Flügel, eines an IIIUus »uSu«, artv i. p. 4. 5. Mittelmanns Anmerkungen über die Geschichte der Kunst. S, 93. (") I'ar. VI. i>. tt». 230 Wie die Alten den Tod gebildet. dem Kopfe und eines an den Füßen, andichte. (") Denn obschon Statius von ihm sagt: Iple ^iio^no <^ vollerem Arollum ^ vontoli» ollavlt ^em^ora: so ist dieses doch im geringsten nicht von natürlichen Flügeln, sondern von dem geflügelten Petasus und von den Talarus zu verstehen, welche die Dichter nicht blos dem Merkur beylegen, sondern auch häusig von andern Göttern brauchen lassen, die sie uns in besonderer Eil zeigen wollen. Doch es ist mir hier überhaupt nicht um die Flügel, sondern um die Füße des Schlafes zu thun; und ich fahre fort, das -5^59«^lxvov derselben in mchrern Monumenten zu zeigen. Auf der dritten Kupfcrtascl siehet man eine Pils, oder einen Sarg, der wiederum aus dem Boissard genommen ist. (°°) Die Aufschrift dieser Pila kömmt auch bey dem Grutcr vor, wo die zwey Genii mit umgekehrten Fackeln, zwey e»pil1in>. II. Dleg, I. V. 8S. tw ciaUIem novl-e nlvriclui! vmnes, vulvlieot M iNa» Iiiilmerit Ulc Seu« in Immeiis. ?kniniu5 »mein, kuo yuoiliun Mio neouli»,-!, «las «i in neilidus 6" in csnil« a^tingil, 1^, 10. riieli. v. jgt. (°°) I-ili-, V. n. I tS, ("") »ccxil. ^ Wie die Alten den Tod gebildet. 231 diesen stehenden; lind ich habe auf mehr Grabmählern einen los- gespannten, oder gar zerbrochenen Bogen, nicht als das Attribut des Amors, sondern als ein von diesem unabhängiges Bild des verbrauchten Lebens überhaupt, gefunden. Wie ein Bogen das Bild einer guten Hausmutter seyn könne, weis ich zwar nicht: aber doch sagt eine alte Grabschrift, die Leich aus der ungcdrucktcn Anthologie bekannt gemacht, s°) daß er es gewesen, ^17c>^« «uFoccret xi^oT>ov «^xrn> ocxai^' und daraus zeigt sich wenigstens, daß er nicht nothwendig das Rüstzeug des Amors seyn muß, und daß er mehr bedeuten kann, als wir zu erklären wissen. Ich füge die vierte Tafel hinzu, und auf dieser einen Grabstein, den Boissard in Rom zu St. Angclo (in lomplo ^unonis, quock ett in loro pilcatorio) fand, wo er sich ohne Zweifel auch noch finden wird. (^) Hinter einer verschlossenen Thüre stehet, auf beiden Seiten, ein geflügelter Genius mit halbem Körper hervorragend, und mit der Hand auf diese verschlossene Thüre zeigend. Die Borstcllung ist zu redend, als daß uns nicht jene «Icimus exilis plutonis, einfallen sollte, aus welcher keine Erlösung zu hoffen: und wer könnten die Thürstchcr dieses ewigen Kerkers besser seyn, als Schlaf und Tod? Bey der Stellung und Aktion, in der wir sie erblicken, braucht sie keine umgestürzte Fackel deutlicher zu bezeichnen: nur den einen über den andern geschlagenen Fuß hat auch ihnen der Künstler gegeben. Aber wie unnatürlich würde hier dieser Stand seyn, wen» er nicht ausdrücklich charakteristisch seyn solltet Man glaube nicht, daß dieses die Beyspiele alle sind, welche ich für mich anführen könnte. Selbst aus dem Boissard würde ich noch verschiedene hichcr ziehen können, wo der Tod, entweder als Schlaf, oder mit dem Schlafe zugleich, den nehmlichen Stand der Füße beobachtet. (5) Eine ganze Erndte von Figuren, so wie die auf der ersten Tafel erscheinet oder erscheinen (°) Sepulc, c-». XIV. t°°) x-lNe V. p. 22. (°°°) 'kolNi I5xi>»s. v^I, S!>2. (f) Als ?!»r. ill p> e». und vicllcicht auch V. p- 23. 232 Wie die Alten den Tod gebildet. sollte, würde mir auch Maffci anbieten. (") Doch wozu dieser Ucbcrfluß? Vier dergleichen Denkmähler, das beym Bcllori ungerechnet, sind mehr als hinlänglich, die Vermuthung abzuwenden, daß das auch wohl ein bloßer unbedeutender Zufall seyn könne, was cincs so nachdenklichen Sinnes fähig ist. Wenigstens wäre ein solcher Zufall der sonderbarste, der sich nur denken tießc! Welch ein Ungefehr, wenn nur von Ungefehr in mehr als einem unverdächtigen alten Monumente gewisse Dinge gerade so wären, als ich sage, daß sie nach meiner Auslegung einer gewissen Stelle seyn müßten: oder wenn nur von Ungefehr sich diese Stelle gerade so auslegen ließe, als wäre sie in wirklicher Rücksicht auf dergleichen Monumente geschrieben worden. Nein, das Ungefehr ist so übereinstimmend nicht; und ich kann ohne Eitelkeit behaupten, daß folglich meine Erklärung, so sehr es auch nur meine Erklärung ist, so wenig Glaubwürdigkeit ihr auch durch mein Ansehen zuwachsen kann, dennoch so vollkommen erwiesen ist, als nur immer etwas von dieser Art erwiesen werden kann. Ich halte es daher auch kaum der Mühe werth, diese und jene Kleinigkeit noch aus dem Wege zu räumen, die einem Zweifler, der durchaus nicht aufhören will zu zweifeln, vielleicht einfallen könnte. Z. E. die Zeilen des Tibullus: I^osllzuv VL»it laeilii« tiilcis olroiimlllllus nlis Komnu«, <^ inooito lomii!» vlN'a potle. Es ist wahr, hier wird ausdrücklich krummbeiniger Träume gedacht. Aber Träume! und wenn die Träume krummbeinig waren: warum mußte es denn auch der Schlaf seyn? Weil er der Vater der Träume war? Eine treffliche Ursache! Und doch ist auch das noch nicht die eigentliche Abfertigung, die sich mir hier anträgt. Denn die eigentliche ist diese: daß das Beywort var» überhaupt, sicherlich nicht vom Tibnll ist; daß es nichts, als eine eigenmächtige Lcscart des Vrouckhuyscn ist. Vor diesem Eommcnlator, lasen alle Ausgaben entweder nlFia oder vana. Das letzte ist das wahre; und es zu verwerfen, konnte Brouckhuyscn nur die Leichtigkeit, mit Veränderung cincs cinzi- (°) iul,s>.>» veion, r-tii, cxxxix, (°°) II. KI«-!,', l. V. 8S. vo. Wie die Alten den Tod gebildet. 233 gcn Buchstaben, seinem Autor eine fremde Gedanke unterzuschieben, verleiten. Aber wenn schon die alten Dichter die Träume öfters auf schwachen, ungewissen Füßen cinhcrgaukcln lassen; nehmlich die täuschenden, bctriegcrischen Träume: folgt denn daraus, daß sie diese schwachen ungewissen Füße sich auch als krumme Füße müssen gedacht haben? Wo liegt denn die Nothwendigkeit, daß schwache Füße auch krumme Füße, oder krumme Füße auch schwache Füße seyn müssen? Dazu waren den Alten ja nicht alle Träume täuschend und betrügerisch; sie glaubten eine Art sehr wahrhafter Träume, und der Schlaf, mit' diesen seinen Kindern, war ihnen eben sowohl rutui-I csr- tus als poslimus -metor. l") Folglich konnten auch die krummen Füße, als das Symbolum der Ungewißheit, nach ihren Begriffen nicht den Träumen überhaupt, noch weniger dem Schlafe, als dem allgemeinen Vater derselben, zukommen. Und doch, gestehe ich, würden alle diese Vcrnünftclcyen bey Seite zu setzen seyn, wenn Brouckhuyscn, außer der mißverstandenen Stelle des Pausanias, auch nur sonst eine einzige für die krummen Füße der Träume und des Schlafes anzuführen gewußt hätte. Was vskus heißt, erklärt er mit zwanzig sehr übcrflü- ßigcn Stellen: aber daß vsius ein Beywort des Traumes sey, davon giebt er keine Beweisstelle, sondern will sie erst machen; und, wie gesagt, nicht sowohl aus dem einzigen Pausanias, als aus der falschen Ucbcrsctzung des Pausanias machen. Denn fast lächerlich ist es, wenn er uns, da er keinen krummbeinigen Schlaf aufbringen kann, wenigstens einen Genius mit krummen Fußen in einer Stelle des Persius zeigen will, wo Fenius weiter nichts heißt als incloles, und varus weiter nichts als von einander abstehend: - - Lemmo«, Iwi'oleopo, varo I^llxlilois Aenio.-- Ucbcrhaupt würde diese Ausschweifung über das Ft«<7?«^/i.e- vc,^? des PausaniaS, hier viel zu weitläustig gerathen seyn, wann sie mir nicht Gelegenheit gegeben hätte, zugleich mehrere antike Abbildungen des Todes anzuführen. Denn mag es denn (°) Senec-i Ilere, t'ur. v. 1070. (°°) 8st. VI. v. t8. 234 Wie die Alten den Tod gebildet. mm auch mit seinen und seines Bruders übergcstclltcn Füßen seyn, wie es will; mag man sie doch für charakteristisch halten, oder nicht: so ist aus den angeführten Denkmählcrn doch so viel unstreitig, daß die alten Artisten immer fortgefahren haben, den Tod nach einer genauen Achnlichkcit mit dem Schlafe zu bilden; und nur das war es, was ich eigentlich hier erweisen wollte. Za, so sehr ich auch von dem Charakteristischen jener besondern Fußstcllung selbst überzeugt bin: so will ich doch kcincswc- ges behaupten, daß schlechterdings kein Bild des Schlafes oder Todes ohne sie seyn können. Vielmehr kann ich mir den Fall sehr wohl denken, in welchem eine solche Fußstcllung mit der Bedeutung des Ganzen streiten würde; und ich glaube Beyspiele von diesem Falle anführen zu können. Wenn nehmlich der über den andern geschlagene Fuß, das Zeichen der Ruhe ist: so wird es nur dem bereits erfolgten Tode eigentlich zukommen können; der Tod hingegen, wie er erst erfolgen soll, wird eben darum eine andere Stellung crfodcrn. Zn so einer andern, die Annäherung ausdrückenden Stellung glaube ich ihn auf einer Gemme beym Stcphanonius, oder Li- cctus, (°) zu erkennen. Ein geflügelter Genius, welcher in der einen Hand einen Aschcnkrug hält, scheinet mit der andern eine umgekehrte, aber noch brennende Fackel ausschlcidcrn zu wollen, und siehet dabey mit einem traurigen Blicke seitwärts auf einen Schmetterling herab, der auf der Erde kriechet. Die gcsprcitztcn Beine sollen ihn entweder im Fortschreiten begriffen, oder in derjenigen Stellung zeigen, die der Körper natürlicher Weise nimmt, wenn er den einen Arm mit Nachdruck zurück schlcidcrn will. Ich mag mich mit Widerlegung der höchst gezwungenen Deutungen nicht aufhalten, welche sowohl der erste poetische Erklärer der Stcphanonischcn Steine, als auch der hicrogly- phische Licctus von diesem Bilde gegeben haben. Sie gründen sich sämmtlich auf die Voraussetzung, daß ein geflügelter Knabe nothwendig ein Amor seyn müsse: und so wie sie sich selbst unter einander aufreiben, so fallen sie alle zugleich mit einmal weg, sobald man auf den Grund jener Voraussetzung gehet. (°) Sclieinsle VII. p. 1S3> dem Anfange dicscr Untersuchung vor- gcsctzt, S. t. Wic die Slltm dcn Tod gebildet. Dieser Genius ist also weder Amor, der das Andenken des verstorbenen Freundes in treuem Herzen bewahret; noch Amor, der sich seiner Liebe einschlägt, aus Verdruß, weil er keine Gegenliebe erhalten kann: sondern dieser Genius ist nichts als der Tod; und zwar der eben bevorstehende Tod, im Begriffe die Fackel auszuschlagen, auf die, verloschen, ihn wir anderwärts schon gestützt finden. Dieses Gcstus der auszuschleidcrnden Fackel, als Sinnbild des nahenden Todes, habe ich mich immer erinnert, so oft mir die sogcnantcn Brüder, Eastor und Pollux, in der Villa Ludo- visi vor Augen gekommen. (°) Daß es Eastor und Pollur nicht sind, hat schon vielen Gelehrten eingeleuchtet: aber ich zweifle, ob dcl Torre und Mlaffci der Wahrheit darum naher gekommen. Es sind zwey unbekleidete, sehr ähnliche Genii, beide in einer sanften melancholischen Stellung; der eine schlägct seinen Arm um die Schulter des andern, und dieser hält in jeder Hand eine Fackel; die in der Rechten, welche er seinem Gespielen genommen zu haben scheinet, ist er bereit, ans einem zwischen ihnen innc stehenden Altare auszudrücken, indem er die andere, in der Linken, bis über die Schulter zurückgeführet, um sie mit Gewalt auSzuschlagcn; hinter ihnen stehet eine kleinere weibliche Figur, einer Zsis nicht unähnlich. Del Torre sahe in diesen Figuren zwey Genii, welche der Zsis opferten: aber Maffci wollte sie lieber für den Lucifer und Hcspcrus gehalten wissen. So gut die Gründe auch seyn mögen, welche Maffci gegen die Deutung des Del Torre beybringet: so unglücklich ist doch sein eigener Einfall. Woher könnte uns Maffci beweisen, daß die Alten den Lucifer und Hcspcrus als zwey besondere Wesen gebildet? Es warm ihnen nichts als zwey Namen, so wic des nehmlichen Sternes, also auch der nehmlichen mythischen Person. Es ist schlimm, wenn ein Mann, der die geheimsten Gedanken des Alterthums zu errathen sich getrauet, so allgemein bekannte Dinge nicht weis! Aber um soviel nöthiger dürfte es seyn, auf eine neue Auslegung dieses trefflichen Kunstwerkes zu denken: und wenn ich dcn Schlaf und dcn Tod dazu vorschlage, so will ich (°) Beym Maffci 'k-Ui, «XXI. (°°) »vgiilus ?oi!l. ä,Nr. I.ikr, ll. esp. 4S. Wie die Alten den Tod gebildet. doch nichts, als sie dazu vorschlagen. Augenscheinlich ist es, daß ihre Stellung keine Stellung für Opfernde ist: und wenn die eine Fackel das Opfer anzünden soll, was soll denn die andere auf dem Rücken? Daß Eine Figur beide Fackeln zugleich auslöscht, würde nach meinem Vorschlage sehr bedeutend seyn: denn eigentlich macht doch der Tod beidcm, dem Wachen und dem Schlafen, ein Ende. Auch dürfte, nach eben diesem Vorschlage, die kleinere weibliche Figur nicht unrecht für die Nacht, als die Mutter des Schlafes und des Todes, zu nehmen seyn. Denn wenn der Kalathus auf dem Haupte, eine Zsis, oder Cybclc, als die Mutter aller Dinge kenntlich machen soll: so würde mich cs nicht wundern, auch die Nacht, diese — K-xu/v H/xvLT'Llp« — (5« x«l «vch>k>v, wie sie Orpheus nennet, hier mit dem Kalathus zn erblicken. Was sich sonst aus der Figur des Stcphanonius, mit der beym Vcllori verbunden, am zuverläßigsten crgiebt, ist dieses, daß der Aschcnkrug, der Schmetterling, und der Kranz diejenigen Attributa sind, durch welche der Tod, wo und wie cs nöthig schien, von seinem Ebcnbildc, dem Schlafe, unterschieden ward. Das besondere Abzeichen des Schlafes hingegen, war ohnstrcitig das Horn. Und hieraus möchte vielleicht eine ganz besondere Vorstellung auf dem Grabsteine eines gewissen Amcmptus, eines Freygelassenen ich weis nicht welcher Kayscrinn, oder kayscrlichcn Prin- zcßinn, einiges Licht erhalten. Man sehe die fünfte Tasel. (") Ein männlicher und weiblicher Eentaur, jener auf der Leyer spielend, diese eine doppelte Tibia blasend, tragen beide einen geflügelten Knaben auf ihren Rücken, deren jeder auf einer Oueer- pfeifc bläset; unter dem aufgchabcncn Vordcrsuße des einen Centaur lieget ein Krug, und unter des andern ein Horn. Was kann diese Allegorie sagen sollen? was kann sie hier sagen sollen? Ein Mann zwar, wie Herr Klotz, der seinen Kopf voller Liebesgötter hat, würde mit der Antwort bald fertig seyn. Auch das sind meine Amors! würde er sagen; und der roeise Künstler hat auch hier den Triumph der Liebe über die unvändig- (°) »«^--illilU!- I'itl. IU> P. ttt. Wie die Alten den Tod gebildet. 237 sten Geschöpfe, und zwar ihren Triumph vermittelst der Musik, vorstellen wollen! — Ey nun ja; was wäre der Weisheit der alten Künstler auch würdiger gewesen, als nur immer mit der Liebe zu tändeln; besonders, wie diese Herren die Liebe kennen! Indeß wäre es doch möglich, daß einmal auch ein alter Künstler, nach ihrer Art zu reden, der Liebe und den Grazien weniger geopfert, und hier bey hundert Meilen an die liebe Liebe nicht gedacht hätte! Es wäre möglich, daß was ihnen dem Amor so ähnlich sieht, als ein Tropfen Wasser dem andern, gerade nichts Lustigeres, als der Schlaf und der Tod seyn sollte. Sie sind uns beide, in der Gestalt geflügelter Knaben, nicht mehr fremd; und der Krug auf der Seite des einen, und daS Horn auf der Seite des andern, dünken mich nicht viel weniger redend, als es ihre buchstäblichen Namen seyn wurden. Zwar weis ich gar wohl, daß der Krug und das Horn auch nur Trinkgeschirre seyn können, und daß die Centaure in dem Alterthume nicht die schlechtesten Säufer sind; daher sie auch auf verschiedenen Werken in dem Gefolge des Bacchus erscheinen, oder gar seinen Wagen ziehen. ^) Aber was brauchten sie in dieser Eigenschaft, noch erst durch Attribut« bezeichnet zu werden? und ist es nicht, auch für den Ort, weit schicklicher, diesen Krug, und dieses Horn für die Attribute des Schlafes und des TodcS zu erklären, die sie nothwendig aus den Händen werfen mußten, um die Flöten behandeln zu können? Wenn ich aber den Krug oder die Urne, als das Attribut des Todes nenne, so will ich nicht blos den eigentlichen Aschcnkrug, das (Muarlum oder einoranum, oder wie das Gefäß sonst hies, in welchem die Ucbcrreste der verbrannten Körper aufbewahret wurden, darunter verstanden wissen. Ich begreife darunter auch die ^x^o^?, die Flaschen jeder Art, die man den todten Körpern, die ganz zur Erde bestattet wurden, beyzusetzen pflegte, ohne mich darüber einzulassen, was in diesen Flaschen enthalten gewesen. Sonder einer solchen Flasche blieb bey den Griechen ein zu begrabender Leichnam eben so wenig, als sonder Kranz; welches unter andern verschiedene Stellen des Aristophancs sehr (°) Komme imlielill volle siioti^ioui tli ?. ^> sialtei, ?srte III, 68. 238 Wie die Alten den Tod gebildet. deutlich besagen,^) so daß cs ganz begreiflich wird, wie beides ein Attribut des Todes geworden. Wegen des Hornes, als Attribut des Schlafes, ist noch weniger Zweifel. An unzähligen Stellen gedenken die Dichter dieses Hornes: aus vollem Hornc schüttet er seinen Segen über die Aligcnlicdcr der Matten, - - - Illos zwl'k vnliiei'ü jokl'os Lxeopt»imiuo Irieniem, eoi'iiu poi'j'uclLi'at, omni Lcmiinis; — mit geleertem Hörne folget er der weichenden Nacht nach, in seine Grotte, üt, Uox, A eoin» ku!zi,?I>at 8omnus inuni. Und so wie ihn die Dichter sahen, bildeten ihn auch die Künstler. (°") Nur das doppelte Horn, womit ihn die ausschweifende Einbildungskraft des Romcyn de Hooghc überladen, kannten weder diese noch jene. Zugegeben also, daß cs der Schlaf nnd dcr Tod seyn könnten, die hier auf den Centauren sitzen: was wäre nun der Sinn der Vorstellung zusammen? — Doch wenn ich glücklicher (°) Besonders in den Ekklcsiazuscn, wo Blcpyrus mit seiner Prora- gora schilt, daß sie des NochtS heimlich aufgestanden nnd mil seinen Kleidern ausgegangen sey: (Z, 533-34.) 5ZXv^> xai'a^Tro'uo'' wo^k^kl ?yoxk,,,<>,ki-m'. Der Scholiast setzt hinzu: zioitz -N!-, V-XIZM' ro-uro »oik»'. Alan vergleiche in dem nehmlichen Stücke die Zeilen 1022-27, wo man die griechischen Gebräuche dcr Leichenbcstaltung beysammen findet. Daß dergleichen den Todtcn beyzusetzende Flaschen, X^ii>i monuis »>,sii»Neren»ir, illiumw ex ^rikloulictue iimottiil. Ich wnnschtc, cr hätte uns dieses -uwnae nachweisen wollen. 8«rvi>i« ittt ^.en ei > 'rue^itiä. VI. v. 27. sie !l >>ieU>ri>ji>» N,»»l!»Iur, Itt liquillnin smimmm ex eunul kuu^'r <>»>i»ieil!e!« vi>>e»lur elluullere. ("°°) Denkbildcr der alte» Völker. S. 193. deut. Ucbers. Wie die Alten den Tod gebildet. 239 Weise einen Theil errathen hätte: muß ich darum, auch das Ganze zu erklären wissen? Vielleicht zwar, daß so tiefe Geheimnisse nicht darunter verborgen liegen. Vielleicht, daß Amcm- ptus ein Tonkünstlcr war, der sich vornehmlich auf die Instrumente verstand, die wir hier iu den Händen dieser unterirdischen Wesen erblicken; denn auch die Ccntaure hatten bey den spätern Dichtern ihren Aufenthalt vor den Pforten der Hölle, <üentaui'i in ioi'Ilins stgliulant, — und es war ganz gewöhnlich, auf dem Grabmahle eines Künstlers die Werkzeuge seiner Kunst anzubringen, welches denn hier nicht ohne ein sehr feines Lob geschehen wäre. Ich kann indeß, von diesem Monumente überhaupt, mich nicht anders als furchtsam ausdrücken. Denn ich sehe mich wiederum, wegen der Treue des Boissard, in Verlegenheit. Von dem Boissard ist die Zeichnung; aber vor ihm hatte schon Sme- tius die Aufschrift, und zwar mit einer Zeile mehr, (") bekannt gemacht, und eine wörtliche Beschreibung der darum befindlichen Bilder beygefügt. Interius, sagt Smetius von den Hauptfiguren, Centaur! cluo lunt, slter nms, I^noea inKestus, 1)rsm tanFvns, eui Konius sl^tus, Mula, Kormaniooe moclornse limili, canons inticlet: sltor l'vllmirm, Mulls cluadus j"imul in os inl'örtis eanvns, eui alter lu»Ias. Ilic comes in le^uiom vei'Aeris l:»k«i'. ütl, ul>! Ln<:«'I>enoir!>lil)us allk, Hl oum Hloi'lo jaeet: nulliljiio ea iiitlis imliAv. Za, wenn einer alten Jnnschrift zu tränen, oder vielmehr, wenn diese Znnschrift alt genug ist: so wurden sogar Bacchus und der Schlaf, als die zwey größten und süßesten Erhalter des menschlichen Lebens, gemeinschaftlich angebetet. (") Es ist hier nicht der Ort, diese Spur scharfer zu verfolgen. Eben so wenig ist es ihr meine Gelegenheit, mich über meinen eigentlichen Norwnrf weiter zu verbreiten, und nach mchrcrn Beweisen umher zu schweifen, daß die Alten den Tod als den Schlaf, und den Schlaf als den Tod, bald einzeln, bald beysammen, bald ohne, bald mit gewissen Abzeichen, gebildet haben. Die angeführten, und wenn auch kein einziger sonst auf- zutrciben wäre, erhärten hinlänglich, was sie erhärten sollen: und ich kann ohne Bedenken zu dem zweyten Punkte fortgehen, welcher die Widerlegung des Gegensatzes enthält. II. Zch sage: die alten Artisten, wenn sie ein Skclct bildeten, meinten damit etwas ganz anders, als den Tod, als die Gottheit des Todes. Zch beweise also, 1) daß sie nicht den Tod damit meinten: und zeige 2) was sie sonst damit meinten. 4) Daß sie Skelctc gebildet, ist mir nie eingekommen, zu leugnen. Nach den Worten des Hrn. Klotz müßte ich es zwar geleugnet haben, und aus dem Grunde geleugnet haben, weil sie überhaupt, häßliche und cckle Gegenstände zu bilden, sich enthalten. Denn er sagt, ich würde die Beyspiele davon auf geschnittenen Steinen, ohne Zwcisel, in die Bildersprache verweisen wollen, die sie von jenen Höhcrm Gesetze der Schönheit losgesprochen. Wenn ich das nöthig hätte, zu thun, dürfte ich nur hinzusetzen, daß die Figuren auf Grabsteinen und Todtcnurncn nicht weniger zur Bildersprache gehörten: und sodann würden von allen seinen angeführten Erempcln nur die zwey metallenen Bilder in dem Kirchcrschcn Musco, und in der Gallcric zu Florenz, wider mich übrig bleiben, die doch auch wirklich nicht unter die Kunstwerke, so wie ich das Wort im Laokoon nehme, zu rechnen wären. (°) coiv. Inlcripl. p. I>XVII. 8. ?es«m-,§ Werke vin IN '.^2 Wie die Alten den Tod gebildet. Doch wozu diese Feinheiten gegen ihn? Gegen ihn brauche ich, was er mir Schuld giebt, nur schlechtweg zu verneinen. Ich habe nirgends gesagt, daß die alten Artisten keine Skclctc gebildet: ich habe blos gesagt, daß sie den Tod nicht als ein Skclct gebildet. Es ist wahr, ich glaubte an dem echten Alterthume des metallenen Skclcts zu Florenz zweifeln zu dürfen; aber ich setzte unmittelbar hinzu: „den Tod überhaupt kann „es wenigstens nicht vorstellen sollen, weil ihn die Alten an- „dcrs vorstellctcn." Diesen Zusatz verhält Hr. Klotz seinen Lesern, und doch kömmt alles darauf an. Denn er zeigt, daß ich das nicht geradezu leugnen will, woran ich zweifle. Er zeigt, daß meine Meinung nur die gewesen: wenn das benannte Bild, wie Spcnce behauptet, den Tod vorstellen soll, so ist es nicht antik; und wenn es antik ist, so stellt es nicht den Tod vor. Ich kannte auch wirklich schon damals mehr Skclctc auf alten Werken: und itzt kenne ich sogar verschiedene mehr, als dcr unglückliche Fleiß, oder dcr prahlerische Unflciß des Herrn Klotz anzuführen vermögend gewesen. Denn in dcr That stehen die, die er anführt, bis auf cincs, schon alle beym Winkclmannzs") und daß cr dicscn, auch hicr, nur ausgeschrieben, ist aus cincm Fehler sichtbar, welchen sie beide machen. Winkelmaiin schreibt: „Ich merke hicr an, daß nur „auf zwcy altcn Denkmahlen und Urnen von Marmor, zu „Rom, Todtcngcrippc stehen, die eine ist in dcr Nilla Mcdicis, „dic andcrc in dcm Musco dcs Eollcgii Romain; cin anderes „mit cincm Gcrippc findet sich beym Spon, und ist nicht mehr „zu Rom befindlich." Wegen dcs ersten dicscr Gerippe, welches noch in dcr Ailla Mcdicis stehe, beruft er sich aus Spons kc-cli. cl'^uti,j. p. 93: und wcgcn des dritten, das nicht mehr in Rom vorhanden sey, aus eben desselben Gelehrten klilcvl. ant. p. 7. Allein dieses und jmcs beym Spon, sind nur cincs und das nchmliche; und wcnn das, wclchcs Spon in scinc» kocliorekies anführt, noch in der Villa Mcdicis stchct, so ist das in scincn klilcoll-mvls gcwiß auch noch in Rom, und in dcr nehmlichen Nilla auf dem nehmlichen Platze zu sehen. Spon (°) Allegorie S. 81. Wie die Alten den Tod gebildet. zwar, welches ich zugleich erinnern will, sahe es nicht in der Villa Mcdicis, sondern in der Villa Madama. So wenig also Winkclmann die beiden Citate des Spon verglichen haben konnte; eben so wenig kann es Hr. Kloß gethan haben: denn sonst würde er mich nicht, zum Ucberflusse, wie er sagt, ans die beiden Marmor, die Winkclmann in seinem Versuche über die Allegorie anführt, verweisen, und dennoch gleich darauf auch das Denkmahl beym Spon in Rechnung bringen. Eines, wie gesagt, ist hier doppelt gezahlt, und das wird er mir erlauben, ihm abzuzichn. Damit er jedoch über diesen Abzug nicht verdrüßlich werde: so stehen ihm sogleich, für das Eine abgestrittene Gerippe, ein Halbdutzcnd andere zu Dienste. Es ist Wildbret, das ich eigentlich nicht selbst hege, das nur von ungefehr in meine Gehege übergetreten ist, und mit dem ich daher sehr freygebig bin. Vors erste ganzer drey beysammen, habe ich die Ehre, ihm aus einem Steine aus der Daktyliothck des Andrcini zu Florenz, beym Gori,(") vorzuführen. Das vierte wird ihm eben dieser Gori auf einem alten Marmor, gleichfalls zu Florenz, nachweisen. (") Das fünfte trift er, wenn mich meine Kundschaft nicht trügt, beym Fabrctti: und das sechste auf dem andern der zwey Stoschischen Steine, von welchen er nur den einen aus den Lippcrtschcn Abdrücken beybringet. (5) Welch elendes Studium ist das Studium des Alterthums, wenn das Feine desselben aus solche Kenntnisse ankömmt! wenn der der Gelehrteste darinn ist, der solche Armseligkeiten am fertigsten und vollständigsten auf den Fingern herzuzählen weiß! Aber mich dünkt, daß es eine würdigere Seite hat, dieses Studium. Ein anderes ist der Altcrthumskrämcr, ein anderes der Altcrthumskundigc. Jener hat die Scherben, dieser den (°) I»5<-ripI. uiUill, YUM iu LiruriM vi'KUniü exslsnt ?»r. l. p> 453. (°°) Niill, p, 382, — 1'iUiuIil, i» ilua lud lilulu sculplum esl esni- slium , IiiiiN coroll»!, kazimas, eoriim iiwiit-i Iripode i» IvclMernio Ueeum- Iiens, ?Iuic> «lUüUrix«, veclus imiinam i»plens, privouiUe Slercurio pels- lÄIo >^ c!UlucL!Ull, yui ruluiiilam ttomiii» IulriU, prope sjusin ^jscet k^elelus. (°°°) c-io. I. II. 17. vom Gori am letztem Orte angeführt. (-s) vetcrixt. lies kierre» gi> p. 6t7. n. Ltl. 244 Wie die Alte» dcn Tod gebildet. Geist des Alterthums gccrbct. Jener denkt nur kaum mit seinen Augen, dieser sieht auch mit seinen Gedanken. Ehe jener noch sagt, „so war das! weis dieser schon, ob es so seyn können. Man lasse jenen noch siebzig und sieben solcher Kunstgcrippc aus seinem Schütte zusammen klauben, um zu beweisen, daß die Alten den Tod als ein Gerippe gebildet; dieser wird über dcn kurzsichtigen Fleiß die Achsel zucken, und was er sagte, ehe cr diese Siebensachen alle kanntc, noch sagen: entweder sie sind so alt nicht, als man sic glaubt, odcr sic sind das nicht, wo- für man sie ausgicbt! Dcn Punkt dcs Altcrs, cs scy als ausgemacht, oder als nicht auszumachend, bey Seite gesetzt: was für Grund hat man, zu sagen, daß diese Skclctc dcn Tod vorstellen? Weil wir Ncucrn dcn Tod als ein Skclct bilden? Wir Neuern bilden, zum Theil noch, dcn Bacchus als cincn fetten Wanst: war das darum auch die Wildling, die ihm die Alten gaben? Wenn sich ein Basrelief von der Gcburth dcs Hcrku- lcs fandc, und wir sähen cinc Frau mit krcutzweis cingcschlagc- licn Fingern, cli<;!tis z,oetinstim iritcr 5s imploxis, vor der Thüre sitzen: wollten wir wohl sagen, diese Frau bete zur Zuno Luciua, damit sic der Alkmcne zu cincr baldigen und glücklichen Entbindung helfe? Aber wir betcn ja so? — Dicscr Grund ist so elend, daß man sich schämen muß, ihn jemanden zu leihen. Zudem bilden auch wir Neuern dcn Tod nicht einmal als ein bloßes Skclct; wir geben ihm eine Sensc, odcr so was, in die Hand, und dicsc Scnsc macht erst das Skclct zum Todc. Wenn wir glaubcn sollen, daß die alten Skelcte dcn Tod vorstellen: so müssen wir entweder durch die Vorstellung selbst, odcr durch ausdrückliche Zeugnisse alter Schriftsteller davon überzeugt werden können. Aber da ist weder dieses, noch jenes. Selbst nicht das geringste indircctc Zeugniß, läßt sich dafür aufbringen. Ich nenne indircctc Zeugnisse, die Anspielungen und Gemählde der Dichter. Wo ist der geringste Zug bey irgend einem römischen odcr griechischen Dichter, welcher nur argwohnen lassen könnte, daß cr dcn Tod als ein Gerippe vorgestellt gefunden, oder sich selbst gedacht hättc? Wie die Allen den Tod gebildet. 245 Die Gemählde des Todes sind bey den Dichtern häufig, und nicht selten sehr schrecklich. Es ist der blasse, bleiche, fahle Todz(°) er streifet auf schwarzen Flügeln umher; ("'') cr führet ein Schwcrdt; er fletschet hungrige Zähne; er reißet einen gierigen Rachen auf; s-j-) er hat butigc Nägel, mit welchen er seine bestimmten Opfer zeichnet; seine Gestalt ist so groß und ungchcur, daß er ein ganzes Schlachtfeld überschattet, (1"^) mit ganzen Städten davon eilet. (^"t"i"j-) Aber wo ist da nur ein Argwohn von einem Gerippe? Zn einem von den Trauerspielen des Euripidcs wird er sogar als eine handelnde Person mit aufgeführet, und er ist auch da der traurige, fürchterliche, unerbittliche Tod. Doch auch da ist er weit entfernt, als ein Gerippe zu erscheinen; ob man schon weis, daß die alte Skcvopöic sich kein Bedenken machte, ihre Zuschauer noch mit weit gräßlichern Gestalten zu schrecken. Es findet sich keine Spur, daß er durch mehr als sein schwarzes Gewand," und durch den Stahl bezeichnet gewesen, womit er dem Sterbenden das Haar abschnitt, und ihn so den nntcrirrdischcn Göttern wcihctc;" Flügel hatte er nur vielleicht."'"' Prallet indeß von diesem Wurfe nicht auch etwas auf mich selbst zurück? Wenn man mir zugicbt, daß in den Gemählden der Dichter nichts von einem Gerippe zu sehen: muß ich nicht (°) ?-lIIi wrwa Ilor«. (") ^Vliii- ciloumvowt alis. Ilol-lt. Sitt, II. I. v. 63. ("") loiuium t-ulu melit, SliNius >I'IieI>. I. v. «33. (°°°°) VIvrs nvilliü imllnl» ilenllliu!-. Luneos Her. ?nr. (-s) ^villosj oi'is Iu!»us MmM. I>Ivm 0»>>ii>». (1"!°)° ?r-«c!i>uoti iuiiiw iiiiimii>«,^-rk-rXo^ »cmitt. °° Eben daselbst, Z. 76. 77., wo er von sich selbst sagt: lktzo; »^irc>5 ^10^ x^k>^^? ^ci»>v, llioTi ^oü' c^x^^' >>z«^o? ^l^tc^c^ T-^i-x«. Wen» anders das -ri^-oio? »ö«? in der 261stcn Zeile von ihm zu verstehen ist. 24« Wie die Alten den Tod gebildet. hinwieder einräumen, daß sie dem ohngcachtet viel zu schrecklich sind, als daß sie mit jenem Bilde des Todes bestehen könnten, welches ich den alten Artisten zugcrcchtct zn haben vermeine? Wenn ans dem, was in den poetischen Gemählden sich nicht findet, ein Schluß auf die materiellen Gemählde der Kunst gilt: wird nicht ein ähnlicher Schluß auch aus dem gelten, was sich in jenen Gemählden findet? Ich antworte: Nein; dieser Schluß gilt in dem einen Falle nicht völlig, wie in dem andern. Die poetischen Gemählde sind von unendlich wcitcrm Umfange, als die Gemählde der Kunst: besonders kann die Kunst, bey Pcrsonifirung eines abstrakten Begriffes, nur blos das Allgemeine und Wesentliche desselben ausdrücken; auf alle Zufälligkeiten, welche Ausnahmen von diesem Allgemeinen seyn würden, welche mit diesem Wesentlichen in Widerspruch stehen würden, muß sie Verzicht thun; denn dergleichen Zufälligkeiten des Dinges, würden das Ding selbst nnkcnntlich machen, und ihr ist an der Kenntlichkeit zuerst gelegen. Der Dichter hingegen, der seinen pcrsonifirtcn abstrakten Begriff in die Classe handelnder Wesen erhebt, kann ihn gewis- sermaaßcn wider diesen Begriff selbst handeln lassen, und ihn in allen den Modifikationen einführen, die ihm irgend ein einzelner Fall giebt, ohne daß wir im geringsten die eigentliche Natur desselben darüber aus den Augen verlieren. Wenn die Kunst also uns den pcrsonifirten Begriff des Todes kenntlich machen will: durch was muß sie, durch was kann sie es anders thun, als dadurch, was dem Tode in allen möglichen Fällen zukömmt? und was ist dieses sonst, als der Zustand der Nnhe und Unempsindlichkcit? Zc mehr Zufälligkeiten sie ausdrücken wollte, die in einem einzeln Falle die Zdce dieser Ruhe und Unempfindlichkcit entfernten, desto nnkenntlichcr müßte nothwendig ihr Bild werden; Falls sie nicht ihre Zuflucht zu einem beygesetzten Worte, oder zu sonst einem convcntionalcn Zeichen, welches nicht besser als ein Wort ist, nehmen, nnd sonach, bildende Kunst zu seyn, aufhören will. Das hat der Dichter nicht zu fürchten. Für ihn hat die Sprache bereits selbst die abstrakten Begriffe zu selbständigen Wesen erhoben; und das nehmliche Wort hört nie auf, die nehmliche Zdce zu erwecken, Wie die Alten den Tod gebildet. 247 so viel mit ihm streitende Zufälligkeiten er auch immer damit verbindet. Er kann den Tod noch so schmerzlich, noch so fürchterlich und grausam schildern, wir vergessen darum doch nicht, daß es nur der Tod ist, und daß ihm eine so gräßliche Gestalt nicht vor sich, sondern bloß unter dergleichen Umständen zukömmt. Todt seyn, hat nichts Schreckliches; und in so fern Sterben nichts als der Schritt zum Todtscyn ist, kann auch das Sterben nichts Schreckliches haben. Nur so und so sterben, eben itzt, in dieser Verfassung, nach dieses oder jenes Willen, mir Schimpf und Marter sterben: kann schrecklich werden, und wird schrecklich. Aber ist es sodann das Sterben, ist es der Tod, welcher das Schrecken verursachte? Nichts weniger; der Tod ist von allen diesen Schrecken das erwünschte Ende, und es ist nur der Armuth der Sprache zuzurechnen, wenn sie beide diese Zustände, den Zustand, welcher unvermeidlich in den Tod führet, und den Zustand des Todes selbst, mit einem und eben demselben Worte benennet. Ich weis, daß diese Armuth oft eine Quelle des Pathetischen werden kann, und der Dichter daher seine Rechnung bey ihr findet: aber dennoch verdienet diejenige Sprache ohnstrcitig den Vorzug, die ein Pathetisches, das sich auf die Verwirrung so verschiedener Dinge gründet, verschmähet, indem sie dieser Verwirrung selbst durch verschiedene Benennungen vorbauet. Eine solche Sprache scheinet die ältere Griechische, die Sprache des Homer, gewesen zu seyn. Ein anders ist dem Homer «-19, ein anders s«^«^: denn er würde S«vo-5ov «19« nicht so unzahligcmal verbunden haben, wenn beide nur eines und eben dasselbe bedeuten sollten. Unter versteht er die Nothwendigkeit zu sterben, die öfters traurig werden kann; einen frühzeitigen, gewaltsamen, schmähligen, ungelegenen Tod: unter s«v«?o? aber den natürlichen Tod, vor dem keine «19 vorhergeht; oder den Zustand des Todtscyns, ohne alle Rücksicht auf die vorhergegangene «19. Auch die Römer machten einen Unterschied zwischen I^etlium und Nors. IZmeiAit lale Oll!« elioius, lioi'i'üla Lrlnu^s, IZollona mluax, lÄollius^uv armaln KIvAsera, I^Ltliuin^iK.', Iiil'icliuxiuiZ, ^ lui'Icla klorlls ünago: , sagt Pctron. Spence meinet, er sey schwer zu begreifen, dieser 248 Wie die Alten den Tod gebildet. Unterschied: vielleicht aber hätten sie unter I^otnum den allgemeinen Saamcn, oder die Quelle der Sterblichkeit verstanden, dem sie sonach die Hölle zum eigentlichen Sitze angewiesen; unter Nms aber, die unmittelbare Ursache einer jeden besondern Aeußerung der Sterblichkeit auf unserer Erde. Ich, meines Theils, möchte lieber glaube», daß I^tlium mehr die Art des Sterbens, und NarZ den Tod überhaupt, ursprünglich bedeuten sollen; denn Statius sagt:(^) Nillo moclis letlii lnitei'08 klors Ulla lalißut. Der Arten des Sterbens sind unendliche: aber es ist nur Ein Tod. Folglich würde I^otlium dem Griechischen l<^9> lind Nois dem S«u«?os eigentlich entsprochen haben: unbeschadet, daß in der einen Sprache sowohl, als in der andern, beide Worte mit der Zeit verwechselt, und endlich als völlige Synonyma gebraucht worden. Zndcß will ich mir auch hier einen Gegner denken, der jeden Schritt des Feldes streitig zu machen verstehet. Ein solcher könnte sagen: „Ich lasse mir den Unterschied zwischen ^9 nnd s«^«7-c>i,' gefallen; aber wenn der Dichter, wenn die Sprache selbst, einen schrecklichen Tod und einen nicht schrecklichen unterschieden haben: warum könnte nicht auch die Kunst ein dergleichen doppeltes Bild sür den Tod gehabt haben, und haben dürfen? Das minder schreckliche Bild mag der Genius, der sich auf die umgekehrte Fackel stützet, mit seinen übrigen Attributen, gewesen seyn: aber sonach war dieser Genius nur s«- Wie steht es mit dem Bilde der Wenn dieses schrecklich seyn müssen: so ist dieses vielleicht ein Gerippe gewesen, und es bliebe uns noch immer vergönnt, zu sagen, daß die Alten den Tod, nehmlich den gewaltsamen Tod, für den (°) pol^mvlis, p. 261. I'lio Nomnn pools ivmstimes m»Xo ,1 üillinelion Iioln-ov» I.eNium s»u klors, ^vluoU Nie uuvorlv uk our I-liiAiiiiAe vM »vt »Ilo^v us w expross; »ml v>'luol> il is vvon uillicull oiiouxU >o conceivo. ?eil,»ns, tliox meitnt Ii^ I.e»>u»i, Ui-tt xeneisl piinoiiilo or suuroe vk muil!llil>', ^vlileu >I>o^ suvnulvil lo Iisvo Us prover lesiilonoo i» ana Ii^ Nur«, or »lorles, (kor lliex Ii-tü lovorsl ok Nioi») Nl« iiume- «I'iiUo «!»u5o «f oiioli uartioulsr inNiuioo ns wurliUilx ou our e!>r»>, (") 'r»ol«litl. IX. v. SSO, Wie die Alten den Tod gebildet. 249 es unserer Sprache an einem besondern Worte mangelt, als ein Gerippe gebildet haben." Und allerdings ist es wahr, daß auch die alten Künstler die Abstraktion des Todes von den Schrecknissen, die vor ihm hergehen, angenommen, und diese unter dem besondern Bilde der 1^9 vorgestellet haben. Aber wie hätten sie zu dieser Vorstellung etwas wählen können, was erst spät auf den Tod folget? Das Gerippe wäre so unschicklich dazu gewesen, als möglich. Wen dieser Schluß nicht befriediget, der sehe das Factum! Pausanias hat uns, zum Glück, die Gestalt aufbehalte», unter welcher die vorgestellet wurde. Sie erschien als ein Weib mit gräulichen Zähnen und mit krummen Nägeln, gleich einem rcisscndcn Thiere. So stand sie auf eben der Kiste des Cypsc- lus, auf welcher Schlaf und Tod in den Armen der Nacht ruhctcn, hinter dem Polyniccs, indem ihn sein Bruder Etcoklcs anfällt! ^V'U HoX,i^-5lXoi^ 6s vAlco'^xv oiÄ«v ^«.x^uiT^oT^ A->^t,c>i^, n«l noit, Ax^c-vv xiv'tv Lirix«^i.7rx^ c)t ov^^e^' xic^9«^i.^^« <5x xir' «'^>?^ cp«o-t, L^5>0!. ^) Bor dem scheinet ein Substmitivum in dem Texte zu fehlen: aber es wäre eine bloße Chicane, wenn man zweifeln wollte, daß es ein anders als seyn könne. Wenigstens kann es Zx^^o? doch nicht seyn, und das ist mir genug. Schon ehemals hatte Hr. Klotz dieses Bild der ^9, gegen meine Behauptung von dem Bilde des Todes bey den Alten, brauchen wollen:(") und nun weis er, was ich ihm hätte antworten können, ist nicht der Tod; und es ist bloße Armuth derjenigen Sprache, die es durch eine Umschreibung, mit Zuziehung des Wortes Tod, geben muß: ein so verschiedener Begriff sollte in allen Sprachen ein eigenes Wort haben. Und (°) I^IIu-. V. csp. j9. I>, 426. Lau. Ivull. (") ^e>. I>ln. Vol. lll. l>!Hlv III. >>. 28g. Ooillweiemu« l,uas- >l»m liAMS« kl'csz III louipl« VI>i»z>ii:o iiisvuI^tA«. Iiilvr v»8 »I>- psrvt zi^u^ oüo?-rLll; x. — Vvil^ui» X^l^« rccle exjiliciU Iiul»>i»« »lvrlem k^Iitlem, uuciu» loco rcfu>i«ri i>osc>- vitlulur ^»vtorw vi>I»iu >>u minu» tvriidili suiiua »wili :U) !inliV durch A-o-vocT-iWopo? ^l^otp-x, nicht durch s«. ucx-roc,- ?rx^9^i.xvo^ erkläret. ^ Endlich will ich an den Euphemismus der Alten erinnern; an ihre Zärtlichkeit, diejenigen Worte, welche unmittelbar eine cckle, traurige, gräßliche Idee erwecken, mit minder auffallenden zu verwechseln. Wenn sie, diesem Euphemismus zu Folge, nicht gern geradezu sagten, „er ist gestorben," sondern lieber, „cr hat gelebt, er ist gewesen, er ist zu den Mchrcrn abgegangen,"^ und dergleichen; wenn eine der Ursachen dieser Zärtlichkeit, die so viel als mögliche Vermeidung alles Ominösen war: so ist kein Zweifel, daß auch dic Künstler ihre Sprache zu dicscm gelindem Tone wcrdcn hcrabgcstimmt haben. Auch sie wcrdcn dcn Tod nicht untcr cincm Bilde vorgestellt haben, bey welchem einem jeden unvcrmcidlich alle die cckcln Begriffe von Moder und Verwesung einschießen; nicht untcr dcm Bilde des häßlichen Gerippes: denn auch in ihren Compositioncn hätte der unvcrmuthcte Anblick eines solchen Bildes cbcn so ominös wcrdcn können, als die unvcrmuthcte Vernehmung des eigentlichen Wortes. Auch sic wcrdcu dafür licbcr ciu Bild gewählt haben, welches uns auf das, was es anzeigen soll, durch einen anmuthigcn Umweg führet: und welches Bild könnte hierzu dienlicher seyn, als dasjenige, dessen symbolischen Ausdruck die Sprache selbst sich für dic Benennung des Todes so gern gefallen läßt, das Bild des Schlafes? -' - I^uIII^UL ea triltis imugo! Doch so wie der Euphemismus die Wörter, die er mit sanftem vertauscht, darum nicht aus der Sprache verbannet, nicht schlechterdings aus allem Gebrauche setzt; so wic cr viclmchr cbcn diese widrigen, und itzt daher vermiedenen Wörter, bey cincr noch gräulichcrn Gelegenheit, als dic miudcr beleidigenden, vorsucht; so wie er z. E., wenn er von dem, der ruhig gestorben ist, sagt, daß cr nicht mchr lcbc, von dcm, dcr untcr dcn (°) ViUliikt.'l'u« uovi InUiumviUi t>vlu vi»v- XIX. Wie die Alten den Tod gebildet. 251 schrecklichsten Martern ermordet worden, sagen würde, daß er gestorben sey: eben so wird auch die Kunst diejenigen Bilder, durch welche sie den Tod andeuten könnte, aber wegen ihrer Gräßlichkeit nicht andeuten mag, darum nicht gänzlich aus ihrem Gebiethe verweisen, sondern sie vielmehr auf Fälle »ersparen, in welchen sie hinwiederum die gefälligern, oder wohl gar die einzig brauchbaren sind. Also: 2) da es erwiesen ist, daß die Alten den Tod nicht als ein Gerippe gebildet; da sich gleichwohl auf alten Denkmählern Gerippe zeigen: was sollen sie denn seyn, diese Gerippe? Ohne Umschwcif; diese Gerippe sind QarvW-. und das nicht sowohl in so fern, als I^arva selbst nichts anders als ein Gerippe heißt, sondern in so fern, als unter I^arvaz eine Art abgeschiedener Seelen verstanden wurden. Die gemeine Pnevmatologic der Alten war diese. Nach den Göttern glaubten sie ein unendliches Geschlecht erschaffener Geister, die sie Dämoncs nannten. Zu diesen Dämonen rechneten sie auch die abgeschiedenen Seelen der Menschen, die sie unter dem allgemeinen Namen I^omures begriffen, und deren nicht wohl anders als eine zweifache Art seyn konnte. Abgeschiedene Seelen guter, abgeschiedene Seelen böser Menschen. Die guten wurden ruhige, selige Hausgötter ihrer Nachkommenschaft; und hießen Ikaros. Die bösen, zur Strafe ihrer Verbrechen, irrten unstät und flüchtig auf der Erde umher, den Frommen ein leeres, den Ruchlosen ein verderbliches Schrecken; und hießen I^arvae. Zn der Ungewißheit, ob die abgeschiedene Seele der ersten oder zweyten Art sey, galt das Wort ZVI-mos. (") (°) /Vpillelux de I)eo 8oer»Ns. (p. tlv. I5MI. Las. per Ileu. 1'elri) Lsl ,5 sseunlla sixiiaiii lpeeie« tliemomu», »nimus I»n»»u»ki exulus. Mier, Mpenckii« vil-e corpore luo kkjuralii!. Ilu»e velere I.!Ui»i» I'mgua reperio 7>vmurem (lielUntm». Lx lulee ergo l.eiuurUius, i>ui potlervrum luorum curam torlilu-«, paciU» l5 huiel» iu»»i»e lluiiuim poflldet, l>»r >Ii- eUur siuniliilriti. (>ui veru propter »>>vers!t vil-e inerUid, iiuUis »»»i» feili- I)U» iueerl» virg-iiiuue, eeu «tuotliliu exillo punilur, !n!l»e lerrieulümeulm» dvni» IlvmuiUnis, cielerui» noxiui» MitUs, Imue pteruiue l,!irv!lu> perUUient. t!ui» vero iueerlum efl >5 Iiunuri» grsli» Uei vuenliu- Uim >»>>>ittim vkl. 252 Wie die Alten de» Tod gebildet. Und solche I^rvav, sage ich, solche abgeschiedene Seele» böser Menschen, wurden als Gerippe, gebildet. — Ich bin überzeugt, daß diese Anmerkung von Seiten der Kunst neu ist, und von keinem Antiquare zu Auslegung alter Denkmähler noch gebraucht worden. Man wird sie also bewiesen zu sehen verlangen, und es dürfte wohl nicht genug seyn, wenn ich mich deS- falls auf eine Glosse des Hcnr. Stephanus berufte, nach welcher in einem alten Epigramm 6i 2>^x?ol durch Nanes zu erklären sind. Aber was diese Glosse nur etwa dürste vermuthen lassen, werden folgende Worte ausser Zweifel setzen. ^<-m<, tam pner ett, sagt Sencca (^), ut Lorliormn timvat, A tonoln'g«, A I^iu-vm-uni Imkltum nuclis oMIius coliNrvntium. Oder, wie es unser alter ehrlicher, und wirklich deutscher Michael Herr übersetzt: Es ist memanrs so kindisch, der den Lerberns forcht, die Finsterniß und die todten Gespenst, da nichts dann die leidigen Bein «n einander hangen. (°°) Wie könnte man ein Gerippe, ein Skclct, deutlicher bezeichnen, als durch das nuclis »Minis coliivrons? Wie könnte man es gcraderzn bekräftiget wünschen, daß die Alten ihre spukenden Geister als Gerippe zu denken und zu bilden gewohnt gewesen? Wenn eine dergleichen Anmerkung einen natürlichern Ausschluß für mißverstandene Vorstellungen gewähret, so ist es ohn- strcitig ein neuer Beweis ihrer Nichtigkeit. Nur Ein Gerippe auf einem alten Denkmahle könnte freylich der Tod seyn, wenn es nicht aus anderweitigen Gründen erwiesen wäre, daß er so nicht gebildet worden. Aber wie, wo mehrere solche Gerippe erscheinen? Darf man sagen, so wie der Dichter mehrere Tode kenne, 8iaub elrcuin, vailüc^uv ex vicline kloi'les: so müsse es auch dem Künstler vergönnt seyn, verschiedene Arten des Todes jede in einen besondern Tod auszubilden? Und wenn auch dann noch eine solche Eomposition verschiedener Gc- (°) KM, XXIV. (°°) Sittliche Zuchtbücher des hochberühmtcu Philosoph! Scncca. Strasburg 1336. in Folio. Ei» späterer Ucbcrsetzcr des Sencca, Conrad Fuchs, (Franks. 1L2»,) giebt die Worte, S ^-»viilum iliMlum »um» viMus cuiinreiuiuui, durch „und der Todten gebcinichlc Lompancv." Fein zierlich und toll! Wie die Altcii den Tod gebildet. 263 rippc, keinen gesunden Sinn giebt? Ich habe oben eines Steines, beym Gori, gedacht, auf welchem drey Gerippe zu sehen: das eine fahret ans einer Biga, mit grimmigen Thieren bespannt, über ein anderes, das zur Erde liegt, daher, und drohet ein drittes, das vorstehet, gleichfalls zu überfahren. Gori nennet diese Vorstellung, den Triumph Scs Todes über den ToV. Worte ohne Sinn! Aber zum Glucke ist dieser Stein von schlechter Arbeit, und mit einer gricchischschcincndcn Schrift vollgefüllt, die keinen Verstand macht. Gori erklärt ihn also für das Werk eines Gnostikers; und es ist von je her erlaubt gewesen, auf Rechnung dieser Leute so viel Ungereimtheiten zu sagen, als man nur immer, nicht zu erweisen, Lust hat. Anstatt den Tod über sich selbst, oder über ein Paar neidische Mitbewerber um seine Herrschaft, da triumphircn zu sehen; sehe ich nichts als abgeschiedene Seelen, als Larven, die noch in jenem Leben einer Beschäftigung nachhängen, die ihnen hier so angenehm gewesen. Daß dieses erfolge, war eine allgemein angenommene Meinung bey den Alten; und Virgil hat lmtcr den Beyspielen, die er davon giebt, der Liebe zu den Rennspiclcn nicht vergessen: (°°) - - - huae Aratia oui'i'um ^i'mm'umcluo luit vivis, ^une our» niteiU«Z8 oijll08, oaclem telliire ie^>ol'tos. Daher auf den Grabmählern und Urnen und Särgen, nichts häufiger, als Gcnii, die — nli^iins m'tes, rmlihuae imll.imina vitae, ausüben; und in eben dem Werke des Gori, in welchem er diesen Stein mitgetheilt, kömmt ein Marmor vor, von welchem der Stein gleichsam nur die Carrikatur hcisscn könnte. Die Gerippe, die auf dem Steine fahren und überfahren werden, sind auf dem Marmor Gcnii. jllp'ü ' ? / llUZINIi NI ;«»!>«'«>»' 5n °««V1-N »luü« '»»!»I«lSZ!1«! «Ittvlnl Wenn denn aber die Alten sich die Larven, d.i. die abgeschiedenen Seelen böser Menschen, nicht anders als Gerippe dachten: so war es ja wohl natürlich, daß endlich jedes Gerippe, wenn es auch nur das Werk der Kunst war, den Namen (°) S. 243. t") ^vnvi.I, VI. V. 653. 264 Wie die Alten den Tod gebildet. I^arva bekam. I^rva hicß also auch dasjenige Gerippe, welches bey scyerlichcn Gastmahlen mit auf der Tafel erschien, um zu einem desto eilfertiger» Genuß des Lebens zu ermuntern. Die Stelle des Pctrons von einem solchen Gerippe, ist bekannt: (*) aber der Schluß wäre sehr übereilt, den man für das Bild des Todes daraus ziehen wollte. Weil sich die Alten an einem Gerippe des Todes erinnerten, war darum ein Gerippe das angenommene Bild des Todes? Der Spruch, den Trimalcio dabey sagte, unterscheidet vielmehr das Gerippe und den Tod ausdrücklich: 8ie ei'Imlls ouneli, pokt^uam uos initdel Oi'eus. Das heißt nicht: bald wird uns dieser fortschleppen! in dieser Gestalt wird der Tod uns abfodcrn! Sondern: das müssen wir alle werden; solche Gerippe werden wir alle, wenn der Tod uns einmal abgcfodcrt hat. — Und so glaube ich auf alle Weise erwiesen zu haben, was ich zu erweisen versprochen. Aber noch liegt mir daran, zu zeigen, daß ich, nicht blos gegen Herr Klotzen, mir diese Mühe genommen. Nur Hr. Klotzen zurechtc weisen, dürfte den meisten Lesern eine eben so leichte, als unnütze Beschäftigung scheinen. Ein anders ist es, wenn er mit der ganzen Heerdc irret. Sodann ist es nicht das hinterste nachbla'ckcndc Schaaf, sonder» die Hcerde, die dc» Hirte» oder den Hund in Bewegung setzt. Prüfung. Ich werfe also einen Blick auf bessere Gelehrte, die, wie gesagt, an dc» verkehrte» Eiubildungc» des Hrn. Klotz mehr oder weniger Theil nehmen; u»d fange bey den: Mainic a», der Hr. Klotze» alles i» allem ist: bey seinem verewigte» (°) ?olim>iln>8 erxo, S kccur-UiMiuils I,»>ii» luutic-ws mirünMtti«, larvam krgeutvsin »ttulit lervus lie i»i>liUiliu, ul »rlieuli Hu« vvrlvlirrciiue laxsl»! i» »mnem psrlvm veNeienlur. Ilitiio , ciusm lottis Iiomunv'w ii» ekl! Sie eiiiims euueli, potlr/uain nos itusvrel vrcii«. Lrgo x'ivamus, >Ium licet esse I)ene. (LtlU. »liell. ll-tilr. p. ttS ) Wie die Alten den Tod gebildet. 265 Freunde, dem Grafen Laylus. — Was für schöne Seelen, die jeden, mit dem sie, in einer Entfernung von hundert Meilen, ein Paar Eomplimcntc gewechselt, stracks für ihren Freund erklären! Schade nur, daß man eben so leicht ihr Feind werden kann! Unter den Gemählden, welche der Graf Caylus den Künstlern aus dem Homer empfahl, war auch das vom Apoll, wie er den gereinigten und balsamirtcn Leichnam des Sarpcdon dem Tode und dem Schlafe übergicbt. (") „Es ist nur vcrdrüßlich, sagt der Graf, „daß Homer sich nicht auf die Attributa eingelassen, die man zu seiner Zeit dem Schlafe ertheilte. Wir „kennen, diesen Gott zu bezeichnen, nur seine Handlung selbst, „und krönen ihn mit Mahn. Diese Zdccn sind neu, und die „erste, welche überhaupt von geringem Nutzen ist, kann in dem „gegenwärtigen Falle gar nicht gebraucht werden, in welchem „mir selbst die Blumen ganz unschicklich vorkommen, besonders „für eine Figur, die mit dem Tode gruppiren soll.Ich wiederhole hier nicht, was ich gegen den kleinen Geschmack des Grafen, der von dem Homer verlangen konnte, daß er seine geistige Wesen mit den Attributen der Künstler ausstaffircn sollen, im Laokoon erinnert habe. Ich will hier nur anmerken, wie wenig er diese Attributa selbst gekannt, und wie unerfahren er in den eigentlichen Vorstellungen beides des Schlafes und des Todes gewesen. Bors erste erhellet aus seinen Worten unwidcrsprechlich, daß er geglaubt, der Tod könne und müsse schlechterdings nicht anders als ein Gerippe vorgestellet werden. Denn sonst würde er von dem Bilde desselben nicht gänzlich, als von einer Sache, die sich von selbst verstehet, geschwiegen haben; noch weniger würde er sich geäußert haben, daß ciue mit Blumen gekrönte Figur mit der Figur des Todes nicht wohl gruppiren möchte. Diese Besorgnis; konnte nur daher kommen, weil er sich von der Achnlichkcit beider Figuren nie etwas träumen lassen; weil er den Schlaf als einen sanften Genius, und den Tod als ein ccklcs Ungeheuer sich dachte. Hätte er gewußt, daß der Tod ein eben so sanfter Genius seyn könne, so würde er (°) IliStl. -r. V. «8t. (") 'l'ichlenux tirvs >1v l'IIIiuIe, ck°o. 266 Wie die Alten den Tod gebildet. seinen Künstler dessen gewiß erinnert, und mit ihm mir noch überlegt haben, ob es gut sey, diesen ähnlichen Gcniis ein Abzeichen zu geben, und welches wohl das schicklichste seyn könne. Aber er kannte, vors zweyte, auch nicht einmal den Schlaf, wie er ihn hätte kennen sollen. Es ist ein wenig viel Unwissenheit zu sagen, daß wir diesen Gott, außer seiner Handlung, nur durch die leidigen Mahnblumcn kenntlich machen könnten. Er merkt zwar richtig an, daß beide diese Kennzeichen neu wären: aber welches denn nun die altcn genuinen Kennzeichen gewesen, sagt er nicht blos nicht, sondern er leugnet auch geradezu, daß uns deren überliefert worden. Er wußte also nichts von dem Hörne, das die Dichter dem Schlafe so häufig beylegen, und mit dem er, nach dem ausdrücklichen Zeugnisse des Scrvins und Lutatius, auch gemahlt wurde! Er wußte nichts von der umgestürzten Fackel; er wußte nicht, daß eine Figur mit dieser umgestürzten Fackel aus dem Alterthume vorhanden sey, welche nicht eine bloße Muthmaßung, welche die eigene ungczwcifclte Ncbcrschrift für den Schlaf erkläre; cr hatte diese Figur weder beym Boissard, noch Grutcr, noch Spanhcim, noch Neger, noch Brouckhuyscn (") gefunden, und überall nichts von ihr in Erfahrung gebracht. Nun denke man sich das Homerische Gemählde, so wie cr es haben wollte; mit einem Schlafe, als ob es der aufgeweckte Schlaf des Algardi wäre; mit einem Tode, ein klein wenig artiger, als cr in den deutschen Todtcn- tänzcn hcrumspringt. Was ist hicr alt, was griechisch, was homerisch? Was ist nicht galant, und gothisch, und franzosisch? Würde sich dieses Gemählde des Caylus zu dem Gemählde, wie es sich Homer denken mußte, nicht eben verhalten, als Hudarts Ucbersctzung zu dem Originale? Gleichwohl wäre nur der Nachgebet des Künstlers Schuld, wen» dieser so cckcl und abcn- theucrlich modern würde, wo cr sich, in dcm wahren Geiste (°) Brouckhnvscn hat sie, aus dcm Spanhcim, scincm Tibull einverleibet, Bcgcr aber, welches ich oben (S, 228,) mit hätte aumcrkm sollcu, hat das ganze Monument, von welchem diese cmzclnc Figur gcnommcn, gleichfalls ans den Papieren des Pighius, in scincm «pieiii-gio ^Viuiiziiil-uis i>. tvk. bekannt gemacht. Bcgcr gedenkt dabey so wcnig Spanhcims, als Spanhcim Vcgcrs. Wie die Alten den Tod gebildet. 2Z7 des Alterthums, so simpel und fruchtbar, so anmuthig und bedeutend zeigen könnte. Wie sehr mußte es ihn reihe», an zwey so vortheilhaftcn Figuren, als geflügelte Gcnii sind, alle seine Fähigkeit zu zeigen, das Achnliche verschieden, und das Verschiedene ähnlich zu machen! Gleich an Wuchs, und Bildung, und Mine: an Färb und Fleisch so ungleich, als es ihm der allgemeine Ton seines Colorits nur immer erlauben will. Denn nach dem Pausanias war der eine dieser Zwillingsbrüder schwarz; der andere weiß. Ich sage, der eine und der andere; weil es aus den Worten des Pausanias nicht eigentlich erhellet, welches der schwarze, oder welches der weisst gewesen. Und ob ich es schon dem Künstler itzt nicht verdenken würde, welcher den Tod zu dem schwarzen machen wollte: so möchte ich ihn darum doch nicht einer ganz ungczwcifeltcn Uebereinstimmung mit dem Alterthume versichern. Nonnus wenigstens läßt den Schlaf ^> ^«voxpoov nennen, wenn sich Benus geneigt bezeigt, der wcissen Pasithea so einen schwarzen Gatten nicht mit Gewalt aufdringen zu wolleu:(") und es wäre leicht möglich, daß der alte Künstler dem Tode die wcisse Farbe gegeben, um auch dadurch anzudeuten, daß er der fürchterlichere Schlaf von beiden nicht sey. Freylich konnte Caylus aus den bekannten Jkonologischen Werken eines Riva, Chartarius, und wie deren Ansschreibcr hcisscn, sich wenig oder gar nicht eines Bessern unterrichten. Zwar das Horn des Schlafes, kannte Ripa:(^) aber wie bctrüglich schmücket er ihn sonst ans? Das wcisse kürzere Ober- klcid über ein schwarzes Unterkleid, welches er und Chartarius ihm geben, (°^) gehört dem Traume, nicht dem Schlafe. Bon der Gleichheit des Todes mit ihm, kennet Ripa zwar die Stelle des Pausanias, aber ohne zu jenes Bild den geringsten Gebrauch davon zu machen. Er schlägt dessen ein dreyfaches vor; und keines ist so, wie es der Grieche oder Römer würde erkannt haben. Gleichwohl ist auch nur das eine, von der Erfindung des Canüllo da Ferrara, ein Skclet: aber ich zweifle, (°) I.il). XXXIll, V. 40. (") Icouoloß!, p. 464, >5>Ui. Nom, 46V3, (°°°) Imüg, veornm p. 143, t'rnncok. 4S87. Lcsmigs Wecke vm, 17 268 Wie die Alten den Tod gebildet. ob Ripa damit sagen wollen, daß dieser Camillo es sey, welcher den Tod zuerst als ein Skclet gemahlet. Ich kenne diesen Camillo überhaupt nicht. Diejenigen, welche Ripa und EhartariuS am meisten gebraucht haben, sind Gyraldus, und Natalis Eomes. Dem Gyraldus haben sie den Irrthum, wegen der wcissen und schwarzen Bekleidung des Schlafes, nachgeschrieben; (°) Gyraldus aber muß, anstatt des Philostratus selbst, nur einen Übersetzer desselben nachgesehen haben. Denn es ist nicht ^nvo?, sondern '0v^5>oL> von welchem Philostratus sagt:(*") -v «vec- ^I.L^'U> ?u> Lt6st ^x^j>«7r?«t, xcxt eo'K^i'oi c^kt e?rt ^lL- i'o, o^i.«l, v^x?^ «^iT'o^i ^x^' ^i^ez>«v. Es ist mir unbegreiflich, wie auch der neueste Herausgeber der Philostratischen Werke, Gottfr. Olearius, der uns doch eine fast ganz neue Übersetzung geliefert zu haben versichert, bey diesen Worten so äußerst nachläßig seyn können. Sie lauten bey ihm auf Latein: Iplo lomnus remitka pietus ott saeie, esnlliilainyuo super rÜFi'a veKem nal»et, so, ut puto, «zuoä nox tit iptius, ^5 «zu-v cliom exelpluot. Was heißt das, A czugz cliem exelpiunt? Sollte Olearius nicht gewußt haben, daß ^eA-' i^-po-v intercliu Heisse, so wie v^xT-n? noetu? Man wird müde, konnte man zu seiner Entschuldigung sagen, die alten elenden Übersetzungen auszumisten. So hätte er wenigstens aus einer ungeprüftcn Übersetzung niemanden entschuldigen, und niemanden widerlegen sollen! Weil es aber darinn weiter fort heißt; Oarnu is (so- mnus) manibus «zucx^uv tonet, ut oui intomnia per vvram portam inäueers 5c>Ioat: so setzt er in einer Note hinzu: Lx koc vero pliiloKrati looo pstet optimo ^jure portss illas komni clici potte, ?, ist es auch ihm, welcher die Träume durch die wahre Pforte einläßt. Folglich ist dem Mrgil noch immer (°) UM. »eorum IX. i>, 3tt. LSil. 3o. lenlii, (°°) lnonum Ii>). I. L7, Wie die Alten den Tod gebildet. 269 nicht anders, als durch die Anmerkung des Turnebus zu helfen, wenn er durchaus, in seiner Erdichtung von jenen Pforten, mit dem Homer übereinstimmen soll. — Von der Gestalt des TodcS schweigt Gyraldus gänzlich. Natalis Comcs giebt dem Tode ein schwarzes Gewand, mit Sternen. (") Das schwarze Gewand, wie wir oben gesehen,^) ist in dem Euripidcs gegründet: aber wer ihm die Sterne darauf gesetzt, weis ich nicht. Träume eontortis erm-ibus hat er auch, und er versichert, daß sie Lucian auf seiner Znsel des Schlafes so umher schwärmen lassen. Aber bey dem Lucian sind es blos ungestaltete Traume, «^oxq-oc, und die krummen Beine sind von seiner eigenen Ausbildung. Doch würden auch diese krummen Beine nicht den Träumen überhaupt, als allegorisches Kennzeichen, sondern mir gewissen Träumen, selbst nach ihm, zukommen. Andere mythologische Compilatores nachzusehen, lohnt wohl kaum der Mühe. Der einzige Banier möchte eine Ausnahme zu verdienen scheinen. Aber auch Banier sagt von der Gestalt des Todes ganz und gar nichts, und von der Gestalt des Schlafes mehr als eine Unrichtigkeit. Denn auch Er verkennet, in jenem Gemählde beym Philostrat, den Traum für den Schlaf, und erblickt ihn da als einen Mann gebildet, ob er schon ans der Stelle des Pausanias schlicsscn zu können glaubet, daß er als ein Kind, und einzig als ein Kind, vorgestellet worden. Er schreibt dabey dem Montfaucon einen groben Irrthum nach, den schon Winkclmann gerügt hat, und der seinem deutschen Ucbcrsctzcr sonach wohl hätte bekannt seyn können, (-k?) Beide nehmlich, Montfaucon und Banicr, geben den Schlaf dcS Algardi, in der Billa Borghcse, für alt aus, und eine neue Vase, die dort mit mchrern neben ihm stehet, weil sie Montfaucon auf einem Kupfer dazugcsetzt gefunden, soll ein Gefäß mit schlafmachcndem Safte bedeuten. Dieser Schlas des Algardi selbst, ist ganz wider die Einfalt und den Anstand t°) lU^Mo!, Ii>>, III. csp, t3. S, 245, ("°) Erl-iut. der Götttrlehrc, vicricr Band, S> 147 deut. Ucbcrs. (f) Vorrede zur Geschickte der Kunst, S. XV. 17 « 260 Wie die Alten den Tod gebildet. des Alterthums; er mag sonst so kunstreich gearbeitet seyn, als man will. Denn seine Lage und Gcbehrdung ist von der Lage und Gcbehrdung des schlafenden Fauns, im Pallastc Barbcrino, entlehnet, dessen ich oben gedacht habe. (») Mir ist überall kein Schriftsteller aus dem Fache dieser Kenntnisse vorgekommen, der das Bild des Todes, so wie es bey den Alten gewesen, entweder nicht ganz unbestimmt gelassen, oder nicht falsch angegeben hätte. Selbst diejenigen, welche die von mir angeführten Monumente, oder denselben ähnliche, sehr wohl kannten, haben sich darum der Wahrheit nicht viel mehr genähert. So wußte Tollius zwar, daß verschiedene alte Marmor vorhanden wären, auf welchen geflügelte Knaben mit umgestürzten Fackeln den ewigen Schlaf der Verstorbenen vorstellten. Aber heißt dieses, in dem Einen derselben, den Tod selbst erkennen? Hat er darum eingesehen, daß die Gottheit des Todes von den Alten nie in einer andern Gestalt gebildet worden? Von dem symbolischen Zeichen eines Begriffs, bis zu der festgesetzten Bildung dieses pcrsonifirten, als ein sclbstständigcs Wesen verehrten Begriffes, ist noch ein weiter Schritt. Eben dieses ist vom Gori zu sagen. Gori nennet zwar, noch ausdrücklicher, zwey dergleichen geflügelte Knaben auf alten Särgen, (Zenlos 8omnum üloi'tizm reloi-ontes: (^*) aber schon dieses rekerontes selbst, verräth ihn. Und da gar, an einem andern Orte, ihm eben diese Gcnii Äloitem <8- I?unus llotiZiiantos hcisscn; da er, noch anderswo, in dem einen derselben, Trotz der ihm, nach dem Buonarotti, zugestandenen Bedeutung des Todes, immer noch einen Cuvido sieht; da er, wie wir gesehen, die Gerippe auf dem alten Steine für Mortes erkennet: so ist wohl unstreitig, daß er wenigstens über alle diese Dinge noch sehr uncins mit sich selbst gewesen. Auch gilt ein gleiches von dem Grafen Maffci. Denn ob auch dieser schon glaubte, daß auf alten Grabsteinen die zwey (°) S. 225. In »vlis »tl IloiuIeUi kxnosUiunvi» 8. 1°. p. S9S. ("") Inlennl. »»!, qn»: in Llrini-v vrl>il>»5 ex5l!>»I, I-s,I<- III. p, Xcill. (f) r.. I>. I.XXXI. Wie die Alte» den Tod gebildet. 261 geflügelte» Knaben mit umgestürzten Fackeln, den Schlaf nnd den Tod bedeuten sollten: so erklärte er dennoch einen solchen Knaben, der ans dem bekannten Conclamationsmarmor in dem Antiquitätcnsaalc zu Paris stehet, weder für den einen, noch für den andern; sondern für einen Genius, der durch seine umgestürzte Fackel anzeige, daß die darauf vorgestellte verblichene Person, in ihrer schönsten Blüthe gestorben sey, und daß Amor, mit seinem Reiche, sich über diesen Tod betrübe.^) Selbst als Dom Martin ihm das erstere Vorgeben mit vieler Bitterkeit streitig gemacht hatte, und er den nehmlichen Marmor in sein Museum Vcroncnse einschaltete: sagt er zu dessen näherer Bestätigung schlechterdings nichts, nnd läßt die Figuren der IMsten Tafel, die er dazu hätte brauchen können, ganz ohne alle Erklärung. Dieser Dom Martin aber, welcher die zwey Gcnii mit umgestürzten Fackeln auf alten Grabsteinen und Urnen, für den Genius des Mannes und den Genius der Gattinn desselben, oder für den doppelten Schntzgcist wollte gehalten wissen, den, nach der Meinung einiger Alten, ein jeder Mensch habe, verdienet kaum widerlegt zu werden. Er hätte wissen können und sollen, daß wenigstens die eine dieser Figuren, zu Folge der ausdrücklichen alten Überschrift, schlechterdings der Schlaf sey; und eben gerathe ich, glücklicher Weise, auf eine Stelle unsers Winkclmanns, in der er die Unwissenheit dieses Franzosen bereits gerügt hat. „ Es fällt mir ein, schreibt Winkclmann, daß ein andc- „rcr Franzos, Marun, ein Mensch, welcher sich erkühnen kön- „nen zu sagen, Grotius habe die Sicbcnzig Dollmctschcr nicht „verstanden, entscheidend und kühn vorgicbt, die beiden Gcnii „an den alten Urnen könnten nicht den Schlaf und den Tod „bedeuten; und der Altar, an welchem sie in dieser Bcdcutnng „mit der alten Überschrift des Schlafes und des Todes stehen, „ist öffentlich in dem Hofe des Pallastcs Albani aufgestellt." Ich hätte mich dieser Stelle oben (S. 217.) erinnern sollen: denn (°) Lxplie. lw tlivers Alo»uilic r»>ip«rl », I» N>. lixiv» >Ies plus !mc'»!»s peuples, p!tr le It. I>. vom k p, gg. (") Vorrede zur Ecsckickie der Kunst S, XV?. 262 Wie die Slltcn den Tod gebildet. Winkelmaim meinet hier eben denselben Marmor, den ich dort ans seinem Versuche über die Allegorie anführe. Was dort so deutlich nicht ausgedrückt war, ist es hier um so viel mehr: nicht blos der eine Genius, sondern anch der andere, werden aus diesem Albanischen Monumente, durch die wortliche alte Ucbcr- schrift für das erkläret, was sie sind; für Schlaf und Tod. — Wie sehr wünschte ich, durch Mittheilung desselben, das Siegel ans diese Untersuchung drücken zu können! Noch ein Wort von Spcncen; nnd ich schliessc. Spcnce, der uns unter allen am positivsten ein Gerippe für das antike Bild des Todes aufdringen will, Spence ist der Meinung, daß die Bilder, welche bey den Alten von dem Tode gewöhnlich gewesen, nicht wohl anders als schrecklich und gräßlich seyn können, weil die Alten überhaupt weit finstrere und traurigere Begriffe von seiner Beschaffenheit gehabt hätten, als uns gegenwärtig davon beywohnen könnten. Gleichwohl ist es gewiß, daß diejenige Religion, welche dem Menschen zuerst entdeckte, daß auch der natürliche Tod die Frucht und der Sold der Sünde sey, die Schrecken des Todes unendlich vermehren mußte. Es hat Wcltwcisc gegeben, welche das Leben für eine Strafe hielten; aber den Tod für eine Strafe zu halten, das konnte, ohne Offenbarung, schlechterdings in keines Menschen Gedanken kommen, der nur seine Vernunft brauchte. Von dieser Seite wäre es also zwar vermuthlich unsere Religion, welche das alte heitere Bild des Todes aus den Grenzen der Kunst vcrdrungcn hätte! Da jedoch eben dieselbe Religion uns nicht jene schreckliche Wahrheit zn unserer Verzweiflung offenbaren wollen; da auch sie uns versichert, daß der Tod der Frommen nicht anders als sanft und erquickend seyn könne: so sehe ich nicht, was unsere Künstler abhalten sollte, das scheußliche Gerippe wiederum auszugeben, und sich wiederum in den Besitz jenes bessern Bildes zu setzen. Die Schrift redet selbst von einem Engel des Todes: und welcher Künstler sollte nicht lieber einen Engel, als ein Gerippe bilden wollen? (°) ?oI>Ml->i!> p> ses. Andreas ScultctuS. 263 Nur die mißverstandene Religion kam« uns von dem Schönen entfernen: und es ist ein Beweis für die wahre, für die richtig verstandene wahre Religion, wenn sie uns überall auf das Schöne zurückbringt. Gedichte von Andreas Scultetus: aufgefunden von Gotlhold Ephraim Lessing. *) Aus zwei) Briefen an den Herrn Prof. Zachariä. (von Hamburg, 1769.) I. Es ist so, mein Freund, wie Ihnen unser iLberr gesagt hat. Ich besitze, schon seit geraumer Zeit, von einem deutschen Dichter, einem Schlesicr, einem Zeitvcrwandten des Opitz, den man längst wieder vergessen hat, wenn er anders je ausser den Mauern seiner Stadt bekannt geworden, verschiedene gedruckte Stücke, die es sehr wohl verdienten, daß man sie, wenigstens auf einige Zeit, der Vergessenheit wieder entrisse. Er heißt Andreas Scultetus. Der Geschlcchtsname Scultetus, kömmt in der Rolle der Reimer und Vcrsmachcr häufig genug vor. Aber von einem Andreas werden Sie, weder bey dem Neumeisier, noch Iohn, noch irgendwo, die geringste Er- wehnung finden; welches mir lange Zeit unbegreiflich gewesen. Das erste Stück von ihm gcricth mir, vor länger als zwanzig Jahren, zu Wittcnberg, in dasiger Universitätsbibliothek in die Hände, wo ein glücklicher Zufall unter einem Wüste alter Leichen- und Hochzcitlicder, meine Augen darauf lenkte. Der Titel versprach Bombast: ^nc^etto KeMek', Fo?es/a»ü', Gester- liche Triumphposaune. ° Doch er betrog mich, auf eine angc- °) Oder, ohnc diesen Titel, in F. W, Zachariäs auserlesenen Stücken der besten Deutschen Dichter, Bd. il, S. 327; Braunschwci.q, 177t- ° Gedruckt zu Brcslau mit Baumamiischcn Schriften 1642, auf zwcv volle» Bogen i» Quart. 264 Andreas Scultclus. nehme Art. Nicht zwar, als ob mir gar nichts von Schwulst in einem Gedicht, welches so abcnthcucrlich angekündiget ward, aufgcsiosscn wäre. Aber ich fand doch weit mehr wahres Erhabene, als Schwulst. Auch schrieb ich mir es von Wort zu Wort ab: und ich habe es nach der Zeit so oft gelesen, so oft vorgelesen, mir es so oft vorlesen lassen, daß ich jede gute Zeile darinn getreulich aus dem Gedächtnisse wieder herstellen konnte, wenn die wenigen Abdrücke, die vielleicht noch in dem oder jenem Winkel stecken, mit sammt meiner Abschrift, alle auf einmal verschwanden. Gleich der Anfang überraschte mich ausscrordentlich: und was mich damals überraschte, gefällt mir noch immer. Laß, Zebaoth, in mir das kalte Herze brennen: Dich, HErr, kann ohne dich kein Mnttermcnsch erkennen. Du pfropfest in die Brust der Sinne Wunderkraft, Die uns zu Menschen macht- du Pflanzest Wissenschaft, Die uns in Götter kehrt. Ich nähre schlechte Gaben: Doch mein Vermögen ist, Vermögen wollen haben. Trägt meine Sinngeburth nur keinen Spott davon, So schätz ich mich berühmt. Des Welterlcnchters Thron, — — — sein strahlumzirktes Licht Verschmäht den Mittelpunkt, ihn auszuwirken, nicht, Zeucht Wasser auch empor: so brechen schlechte Leute Zu Zeiten auch heraus. Wohl gut, so höre heute See, Himmel, Erd und Luft, was immer hören kann, Das höre mich geneigt, mich Ostcrsäugcrn an. Der wahre Ton des Opitz, wo er am meisten Opitz ist! Die Gedanken richtig, edel und neu: der Ausdruck leicht und doch stark, gewählt und doch natürlich. Zn dieser so demüthigen als zuversichtlichen Anrufung, kündiget der Dichter seinen Vorwurf mit einem einzigen Worte an: mich Ostersönger! Wozu auch deren mehr? Und so mit eins, voll von den Wundern und den seligen Folgen des großen Tages, den er besingt, ist er mitten in dem Lobe desselben. Er vergleicht ihn mit andern berühmten Tagen, welche seit dem schrecklichen Tage, Andreas Scultetus. 266 Da über die Natur Reptunus sich erhub, Und, was sich regt, gcsammt der Erde selbst, begrub, Da alles Wasser war — — — in dem Wuche der Zeit aufbehalten worden. Einen jeden dieser Tage stellt uns sein flüchtiger, aber sicherer Pinsel, mit einem einzigen Zuge vor das Auge, der täuschender ist, als ein ganzes wcitläuftigcs Gemählde seyn würde. Der Tag — — — — — da Israels Geschlechte, Das Zcptervolk der Welt, des Cheuchres Ziegelkncchte, Das Zuchthaus segneten;-- der Tag, als den Amalck — EOtteS General, durch zweyer Hände Bitten Vielmehr, als Josua durch tausend, welche stritten, Die Flucht zu geben zwang; — der Tag, als — — — aller Himmel GOtt Den trüben Sinai mit Flammen sein Gebot Herabgedonncrt hat; — der Tag, als — — — — David unverzagt Dem Goliath den Tod zur Stirnen eingejagt; — der Tag, als Elias, der Prophet, mit einem schnellen Feuer Im Himmel Einzug hielt; — der Tag, als — du, o Sonnenlicht, den überschifften Ort Zum ersten wiederum, auf Jesaias Wort, Roch einmal hast besucht; — welche Tage! Aber was sind sie dem Dichter alle, gegen den Tag seines Liedes? Und so wie sich ihm dieser Tag zu allen andern großen Tagen verhält: so auch der Held dieses Tages zu allen andern Helden. Er berührt einige der vornehmsten, mit ein oder zwey Worten; entwirft die Hauptzüge dessen, der sie alle unendlich zurück läßt, und fängt nun an, die Glorie desselben, nach dem Muster eines wahren alten Triumphes, zu beschreiben. 266 Andreas ScultetuS. ES geschieht nach diesem Muster sogar, daß er von dem Stande der Erniedrigung selbst ausgehen zu müssen, glaubet. — — — — — Wie aber bey den Allen Den Führern, welche sich im Felde steif gehalten, Nachdem sie überkränzt, mit Schimmeln trinmphirt, Der Schauplatz um und um mit Flecken ward schattirt, Wo ihre Faust gekämpft: so führ ich auch im Schilde Des Höchsten Niedrigkeit in meiner Versen Bilde Hauptsächlich darzuthun. Er zielet aus die Verkleinerungen und Spottlicder, unter welchen der gemeine Soldat seinem triumphirenden Feldherrn folgte. Die Wendung ist sonderbar: aber die Bilder, zu welchen sie Gelegenheit giebt, sind größten Theils vortrefflich. Urtheilen Sie nach der Frage, mit welcher er ausbricht. — — — — — wo blühte seine Pracht, Als Christus eingestallt die Mutter angelacht? Im Lächeln blos allein und in den Pcrlenzähren — Oder lieber nach dem Gcnmhlde der Mutter am Kreutze. Wie JEsus in der Luft die Arme weit gereckt, Und sich, die ganze Welt zu fassen, ausgestreckt. Wie seine Mutter kocht, die zwischen Furcht und Zagen Ihr aufgeschwelltes Leid mit Kummer kann ertragen; Die tausend Tode stirbt, und tausend Tode lebt. Ihr Herze pocht und schwürt; ihr rechtes Herze webt In diesem, welches stirbt. Die Thränen siiessen dichte; Kein Tropfen Menschenblut erregt sich im Gesichte, Als welcher obenher von GOttes Wunden fällt, Und ihren Mutterleib nach Donners Art erschällt. Denn ich überspringe diesen ganzen Ort, ob er gleich bey weiten den größten Theil des Gedichtes ausmacht; um Ihnen noch einiges von den Schilderungen des Vrunkes und Jubels, mit welchen nun endlich der Dichter die Auferstehung Christi von der gesammten Natur feycrn läßt, niederschreiben zu können. Hier kommen Stellen vor, die des größten Dichters würdig sind. — Suchen Sie mir eine, in allen Dichtern seines Jahrhunderts, die mit folgender verglichen zu werden verdienet! — Andreas SculietuS. 267 — — — — — Die Werkstatt dieser Welt Staffirt sich stattlich aus und nimmt, als ein Eczelt, Den Siegesherzog auf. Der Erde Lustgehege Besetzt ihm um und um mit Blumen seine Wege. Violen schicssen auf, und geben, auf den Schlag Der Tclamoner Frucht, mit Blattern an den Tag, Wie viel er Wunden führt. Des Rindes lange Mühen, Die Aecker, hegen Streit, wer mcisies könne blühen, Den Festtag zu begeh». Der Cypern Blume bloß, Als welcher Mutter ihm das jarte Haupt verschloß, Behaget halb und halb, sich schamroth zu verstecken, Und anderwärts zur Gunst den Zierrath aufzudecken. Der andern Kräuter Rest, so keinen Namen hat, Stand überall bereit, wohin er tröstlich trat, Und schienen allzumal, als hätten sie gebeten, Ihr Herrscher wolle sie zu ehren niedertreten. Welche Phantasie! welche Empfindung mit einer solchen Phantasie verbunden! Die Rose, die sich lieber verstecken möchte, weil ihre Mutter, die Dornhcckc, das heilige zarte Haupt zer- ritzct! Der namenlose Rest von Kräutern, die keine andere Ehre verlangen, als von dem göttlichen Fuße zertreten zu werden! Und doch ist die Beschreibung, welche der Dichter von der süßen Freude eines lautern Theiles der Schöpfung macht, fast noch schöner. ein siiller Zephyrus, der Lieblichkeiten Kind, Fleugt allerwegen aus, und federt von den Seen Anf ein Gesangturuicr des Flügelvolks Armeen. Als jedermann erscheint, so schickt die Nachtigall, Das Orgelwerk, so lebt, den tausendfachen Schall In DelienS Losier. Hier sausen hundert Zinken, Hier wird das Meisierwerk zu steigen und zu sinken, Auf einmal augewandt. Der Vogclpöbel summt, Auf ihren Mund ergrimmt: das mcisie Theil verstummt. Die Lerche bittet bloß ihr Tiretircliren Der Fugenkünstleriun hernach zu prakticiren, Und schweifet trotziglich, bis an der Wolken Port, Auf allerhand Manier mit lauten Kreisen fort; 268 Andreas ScultttuS. In Augen ist sie nicht, nur immer in den Ohren, Den Vorzug giebt sie zwar, die (?hre nicht verloren. Aber wie? Erinnern Sie sich wohl, bey einem von unsern neuern Dichtern, die letzte ohne eine Zeile, fast von Wort zu Wort bereits gelesen zu haben? In Augen ist sie nicht, nur immer in den Ohren. Sagt nicht auch Rleist, ebenfalls von der Lerche? Die Lerche, die im Auge nicht, Doch immer in den Ohren ist. Sollte es wohl möglich seyn, daß an eben derselben Sache zwey Dichter von selbst eben denselben kleinen Umstand bemerket, und ihn von selbst mit eben denselben Worten ausgedrückt hätten? Warum nicht möglich? Besonders, wenn der Umstand so wahr, so einleuchtend ist, und die Worte so ungcsucht sind, als hier. Man sollte sich einbilden, man könne eine Lerche gar nicht hören, ohne anzumerken, daß das Auge, geblendet von dem Schimmer der frühen Sonne, in welchem sich der Sänger badet, schwerlich abnehmen könne, wo der Ton herkomme. Aber gleichwohl ist dieses der Fall hier nicht: sondern die Wahrheit ist, daß Rleist den gemeinschaftlichen Umstand nicht unmittelbar aus der Natur genommen hat. Zu der Zeit nehmlich, als er das Gcburtslicd verfertigte, in welchem er ihm einen Platz gegeben, hatte ich das Gluck täglich um ihn zu seyn. Er machte mir öftrer das Vergnügen, ihm Stellen aus meinem Scultctus vorzusagen, den ich nur im Gedächtnisse bey mir führte: und ich hatte es bald weg, daß die Lerche sein Liebling geworden war. Als er mir daher sein Gedicht vorlas, sahe er mich, bey dem Worte Lerche, mit einem Lächeln an, das mir alles voraus sagte. Ich schlug vor Freuden in die Hände. Aber! setzte ich hinzu; ich bin fest entschlossen, über lang oder kurz, meinen Dichter wieder drucken zu lassen. Und alsdcnn? Freylich wird es immer Ehre genug für ihn seyn, wenn ich anführen kann, daß er hier eben der feine Bcmcrkcr gewesen, der — Mit Nichten! siel mir der beste Mann in das Wort. Nur unter der Bedingung, daß Sie mich sodann bloß als seinen Kopisten nennen, will ich mir es indeß erlauben, mir eine fremde Schönheit als meine anrechnen zu lassen. — Andreas Scultetus. 269 Ich lebe eine sehr angenehme Stunde, indem ich mich für Sie mit meinem alten poetischen Findlinge — und zugleich mit dem Andenken eines Freundes beschäftige, dessen geringste Eigenschaften der Dichter und der Soldat waren. Aber dem ohn- geachtct erfahren Sie ißt von jenem weiter nichts. Ich muß erst hören, welche Aufnahme er, auf diese Kundschaft, sich von Zhncn zu versprechen hat. II. Ich freue mich, daß ich so viel meines altvaterischen Geschmacks in Zhncn finde. — Und nun sollen Sie auch alles wissen und alles haben, was ich von meinem Dichter weiß und besitze. — Aber wenn die Folge dem Anfange nicht entspricht — wer kann wider das Schicksal? — Es waren zehn Zahre, und drüber vergangen, und ich war auf gutem Wege, den ganzen Andreas Scultetus zu vergessen: als ich nach Schlesien kam. Dort in seinem Vaterlande, seiner Geburtsstadt so nahe, — denn Sie werden bemerkt haben, daß er sich auf dem Titel seiner Ocstcrlichcn Trimnphposaunc einen ZSunczlauer nennet — Wächte die Ncugicrdc, ihn näher kennen zu lernen, um so natürlicher auf, je wahrscheinlicher ich sie da befriediget zu sehen hoffen durste. Die Schlcsicr, (und ich liebe sie auch darum,) sind noch große Verehrer derjenigen ihrer Dichter des vorigen und itzigcn Jahrhunderts, durch die es fast zu einem allgemeinen Vorurthcile eines guten Dichters in Deutschland geworden war, ein Schlcsicr gebohrcn zu seyn. Aber bey wcm ich mich auch von ihnen nach einem Andreas Scultetus erkundigte, der des Opitz eigentlicher Landsmann, und nach meinem Bcdünkcn der würdigste Zögling seiner Muse gewesen sey; die alle gestanden, daß sie seinen Namen von mir zuerst hörten. Selbst Gelehrte, die aus der Litteraturgeschichte ihres Landes sich ein eigenes Studium gemacht hatten, — (Ich muß Ihnen hier ein Paar würdige Freunde, die Herren Arlctins und Älose in BrcSlau nennen, deren ersterer sogar einen reichen Schatz von Opitisnis besitzt, die entweder noch nie, oder wenigstens nicht in den Sammlungen der Opitzischcn Werke gedruckt worden) — selbst diese Männer hörten die 270 Andreas Scultetus. oesterlicke (Lrmmphposaune bey mir zuerst;' und wunderten sich nicht weniger als ich, von dem Virtuosen selbst nirgends die geringste Spur zu finden. Ich schäme mich, Ihnen zu gestehen, wie viel Zeit und Mühe ich angewandt, unter der unendlichen Menge Schlesischer Gelcgcnhcitsdichtcr aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, den Namen meines Sculcems irgendwo wieder ansichtig zu werden. Endlich war ich so glücklich, noch ein Paar andere Gedichte von ihm auszntrcibcn, die ans Vorfälle zu Brcslau eben daselbst, theils in dem nehmlichen zwey und vierzigsten, theils in dem nächstvorhergchendcn Zahrc, verfertiget und gedruckt waren. Doch auch diese gaben mir von dem Verfasser selbst weiter kein Licht, bis ich noch auf ein anderes, an den bekannten Christoph Lolcrus, damaligen Conrcctor des Gymnasii zu St. Elisabeth in Brcslau, gerieth, in welchem er sich für einen Schüler desselben bekennet; worauf mir endlich auch eine kurze poetische Condölenz an den Buchhändler Jacob in Brcslau, über den Verlust seiner Gattinn, aus dem Jahre 1640. von ihm aufstleß, die ich unter ähnlichen Condolcnzcn vcrscyicdner Gymnasiasten zu erblicken glaubte. Der Vermuthung, die ans beiden diesen Umständen erwuchs, war leicht aus den Grund zu kommen. Hr. Arletius hatte die Güte, die Matrikel des gedachten Gymnasii für mich nachzuschlagen: und siehe da! so fand es sich wirklich. Der Dichter, dem ich so lange nachgespürct hatte, war ein junger Gymnasiast; und alles, was ich zum Theil mit so vielem Vergnügen von ihm gelesen hatte, waren Versuche eines Schülers. Die Matrikel besagte, daß sein Vatcr ein Schuster in Buntzlau gewesen sey, und daß er den 25. August 1639. auf das Gymnasium nach Brcslau gekommen, wo er von dem Rektor Ellas 5Na>or inscribiret worden. Ich könnte Ihnen aus eben der Quelle noch sagen, wo er zu Brcslau gewohnt hat: aber ich wünschte lieber, daß ich Ihnen sagen könnte, was in der Folge aus ihm geworden. Allem Vermuthen nach muß cr, entweder noch auf der Schule, oder bald auf der Universität, gestorben seyn. Denn ich glaube nicht, daß andere Umstände, als der Tod, so frühe und so besondere Talente so gänzlich wurden haben Andreas ScultetuS. 271 ersticken können, daß nirgends weiter von ihnen etwas gehöret worden. Meine Achtung für ihn ward indeß durch diese Entdeckung eher vermehrt, als vermindert. Denn wenn ich ihm nun die Schönheiten, die ich eines weit reifern Genies nicht für unwürdig gehalten hatte, um so viel höher anrechnen mußte: so lernte ich zugleich seine Fehler von einer Seite betrachten, von welcher sie mehr als bloße Verzeihung verdienen. Der vornehmste dieser Fehler ist das Bestreben überall Gelehrsamkeit zu zeigen, durch welches auch in seinem besten Gedichte verschiedene Stellen ganz unerträglich geworden. Es kommen Anspielungen vor, die auch mir, seinem so fleißigen Leser, noch zu gelehrt sind: obschon nicht gelehrt genug, um nur ein einziges Buch darum nachzuschlagen. Wenn ein Mann diesen Fehler hat: so ist es cckele Pedantercy. Aber wenn ein Züngling darein verfallt: so zeigt er von einem vollen Kopfe, und ist einer von den wollüstigen Auswüchsen, die ein wenig mehr Geschmack in der Folge schon beschneiden wird. Etwas von diesem Fehler haben zu können, wäre manchem von unsern itzigen jungen Dichtern sehr zu wünschen. Noch mehr aber manchem von unsern itzi- gen jungen Kunstrichtcrn: denn da diese Herren selbst keine Verse machen, so würden sie keine damit verderben, wohl aber in denen, welche nur damit verdorben sind, andere Schönheiten darüber nicht zu verkennen, geneigter seyn. Eine von solchen schadloshaltendcn Schönheiten bey unserm Dichter ist die Sprache, die so reich, so stark, so mahlerisch ist, daß sie nur mit der Opitzischcn verglichen zu werden verdienet. Flemming und Tscberning, und wie sie alle heissen, die dem Opitz damals nacheiferten, kommen ihm bey weiten darum nicht gleich. Doch alles das wird Ihnen ohne mich zur Gnüge einleuchten, wenn Sie sich die Mühe nehmen, die Stücke nach der Reihe nun selbst zu lesen, die ich Ihnen hierbey sende. Es stehet bey Ihnen, welchen Gebrauch Sie davon machen wollen. Wollen Sie denselben einen Platz in Ihrer Sammlung gönnen: so können Sie wenigstens auf Eines Dank gewiß rechnen. 272 Andreas Scultetus. Ich lege noch einige Anmerkungen über verschiedene Worte und Ausdrücke des Dichters bey, wie ich sie zu einer andern Ihnen bewußten Absicht ausgezogen habe: und auch mit diesen können Sie schalten, wie Sie es für gut finden. — Wie gern möchte ich mit schönern Blumen das Grab eines jungen Dichters bestreuen, der eine Zeile gemacht hat, um die ihn Rietst beneidete! L.cssing. I. Oestcrll'chc Triumphposaune, s „Ich merke ausser dem, was in den vorgesetzte» Briefe», von diesem Gedichte gesagt werde», liier »ur »och an, daß i» dem Originale, hinter dem Titel, eine latcinisckc Zuschrift des Verfassers an einige vornehme Brcslaucr stehet, an welcher der Leser aber nichts verlieret, wenn ich sie unabgcdruckt lasst." Laß, Zebaoth, in mir das kalte Herze brennen! Dich, Herr, kann ohne dich kein Mutterniensch erkennen. Dn Pfropfest in die Brust der Sinnen Wnndcrkraft, Zebaoth^ Der Fehler, dieses Wort, welches in seiner Sprache bloss Hecr- schaare» bedeutet, oh«c weiter» Zusatz, als einen Namen Gottes zu brau^ chen, war bey den zcitvcrwandtc» Dichter» des Scultetus fast allgemein, und kann ihm insbesondere, daher für keine Unwissenheit angerechnet werden. Luther selbst scheinet an diesem Fehler Schuld gehabt zu haben, weil er durchaus Gott Zebaoth, Herr Zcbaoth, ohne den erforderliche» Artikel vor Zebaoth, geschrieben. Die ältern deutschen Übersetzungen sagen dafür Gott der Heere: aber ihm war ohne Zweifel das leiwv.i. neiiaoiii ans der Bulgata zu geläufig. — Ich möchte mir von einem Michaelis erklären lassen, woher es wohl komme, daß in den ältern Büchern der Schrift, als im Hiob und bcvm Moses, diese Benennung Gottes »ach dc» Zebaoth sich nie findet? Sollte man daraus nicht leicht vermuthen dürfen, daß das Wort Zebaoth nicht sowohl die Heere des Himmels, die Schaarcn der Engel, sondern etwas anzeigen müsse, welches erst in dem Tempel sichtbar geworden? Kein Muttermensch^ Ei» Idiotismus der Schlcsicr, der ihucn nachdrückli- licher zu seyn scheinet, als das bloße kein Mensch. So sagen sie auch Mntterseelen allein, für ganz allein, ohne alle menschliche Gesellschaft. Der Sinnen Wnndcrkraft^ Die Sprachlehrer geben die Siegel, daß bev den aus zwey Substantive» zusamnieugesetzten Wörtern, wie dieses Wun- dcrkraft ist, das erste Substantivum die Stelle eines Genitiv! vertrete. Andreas Scultctus. 273 Die uns zu Menschen macht; du pflanzest Wissenschaft, Die uns in Götter kehrt. Ich nähre schlechte Gaben; Doch mein Vermögen ist Vermögen wollen haben. Trägt meine Sinngeburt nur keinen Spott davon, So schätz ich mich berühmt. Des Welterleuchters Thron, Sein Antlitz von Smaragd, sein goldbehester Wagen, Der ohne vierzig fast von viermal hundert Tagen Herum getrieben wird, sein stralumzirktes Licht Verschmäht den Mittelpunkt, ihn auszuwirken, nicht, Zeucht Wasser auch empor: so brechen schlechte Leute Zu Zeiten auch heraus. Wohl gut! so höre heute See, Himmel, Erd und Luft, was immer hören kann, Das höre mich geneigt, mich Ostersänger an. Du Marschall dieser Welt, du König aller Stralen, Die das gewölbte Haus, den Himmel, iibermalcn, Du großer Jahrwirth, du, von jener ersten Zeit, Da dir das A und O, der Herr von Ewigkeit Den Zirkel eingeräumt, nach jenen Wasserwogen, Die mit ergrimmter Macht das Erdreich überzogen, Da über die Natur NeptunuS sich erhub Und, was sich regt, gesammt, die Erde selbst begrub; Da alles Wasser war, sowohl in hohen Lüften, Die selbst der Luft bedurft, als in den tiefen Klüften, Wohin das Hohe fiel; nach dieser Wassersluth Hast du, Hypcriou, kein solches großes Gut, Als heute, sehn entsteh». Da Israels Geschlechte, Das Zeptcrvolk der Welt, des ChenchrcS Ziegclkiicchlc, Aber diese Regel möchte wohl nicht überall passe»; und es giebt dergleichen Zusammensetzungen, in welche» das erste Substantivuni durch sei» Adjectivum erkläret werde» muß, als eben dieses Wunderkcaft: welches bloß eine wunderbare Kraft, nicht aber die Kraft des Wunders bedeutet; nicht die Kraft, welche ei» Wunder, es sey iu der physikalische» oder moralische» Welt, es sey i» Zerrüttung der natürlichen Ordnung der Dinge oder in Befeuerung unseres Beyfalls, äusscrt. auszuwirken^ Dieses Wort steht hier in dem Verstände des Lateinischen «iex-jere, oder des gemeine» knäten; den Teig durcharbeite», daß er gehörig ausbackc» und genießbar werde» kau». Etwas ähnlichcs schreibt der Dichter der Sowie i» Absicht auf die Erde zu. LesMigs Week-vm. 13 274 Andreas ScultctuS. Das Zuchthaus segucten; wie das Crythcr-Mecr, An zweyer Berge statt, das ausgepreßte Heer Ncrmanrct und verschanzt, hingegen dessen Wagen, Der sich, nicht Gott, getrotzt, in einen Klos geschlagen: Das war ein großer Tag. Wie Ainalek hernach Nicht anders, als ein Bar, aus seinen Gränzen brach, Den Gottes Cencral durch zweyer Hände Bitten Vielmehr, als Josua durch Tausend, welche stritten, Die Flucht zu geben zwang; wie aller Himmel Gott Den trüben Sinai mit Flammen sein Gebot Das Zuchthaus segneten^ Segnen hat eine» guten und schlimmen Sinn, und begreift ursprünglich alles, was Feinde oder Freunde bey ihrer Trennung einander sagen und anwünschrn. Daher heißt es auch überhaupt perlassen, sich von etwas scheide», in welcherlei? Gesinnung es auch scv. Und in dieser letzten Bedeutung steht es hier, wo man eben so wenig den Begriff der Verwünschung nothwendig damit zu verbinden braucht, als bey dem Segne Gott nnd stirb der Frau des Hiebs. Das Wort entspricht in allem dem Hcbrciischm ii»r->e: oder vielmehr, nach diesem haben es die deutschen Bibelübersctzcr einzurichten nnd verschiedentlich zu brauchen, sich die Freyheit genommen. Daß bcv dem Segne GOtt und stirb eben a» kein Lastein und Verfluchen GOltcs zu denke», hat auch unser neuester Ucbcrsetzcr des Hiobs bestätiget. Aber ich bctanre fast, daß er darum für gut befunden, das Wort segnen überhaupt dabev nicht zu brauchen, sonder» dafür zu setzen: „Sage Gott gute Nacht und stirb." Ich fürchte, daß dieses gute Nacht sagen niehrcr» zu gemein vorkommen dürfte. Vielleicht hätte es »och eher heisst» könne», Scheid ab von Gott und stirb. Die deutsche» Bibclübersrtzcr vor Luther» brauche» i» dieser Stelle, anstatt segne»/ gesegnet!/ n»d sage«: Gcsegne dem Herrn und stirb. Ich gebe zu daß weder das eine »och das andere in diesem Verstände ursprünglich Deutsch ist; aber jenes ist es doch »uu cimiial geworde«, und die Stelle uuscrs Dichters zeigt, was für ei» g«tcr kräftiger Gebrauch sich davon machen läßt. in einen Klos geschlagen^ die gemeine Sprache sagt dafür in einen Klumpen schlagen; und der Dichter hat das Klumpe» bloß veredle» wolle». Es sind aber Klumpen und Klos nicht völlig eiiicrlcv, Klumpen kann von jeder Masse gesagt werden, von Bleu, von Thon: aber ich zweifele, ob ä»ch KloS. Denn bcv den Alten ist KloS das eigentliche ßleiiü,, ohne die nmiöthigc Verlängerung in ErdkloS oder ErdcnkloS, die es in den neuer» Zeiten bckommcn. So sagt Lulhcr: (Hiob xxxvm. 38.) Wenn der Staub begossen wird, daß er zu Hausse lauft, und die Klöße an einander kleben. Die ältern Uebcrsctzcr habe» für Klöße in dieser Stelle das Wort Schollen. Andreas ScnltctuS. 276 Herab gedonnert hat: dic Tage sind bcklicbcir, Und aller Ewigkeit zuni Denkmal aufgcschricbcu. Der Tag. wic der Jordan zn cincr Scitcn stoß, lind auf dcr andern sich mit seinen Fluthen schloß, Ist heute noch berühmt. Wie vor dcr Priester hallen Die hochgethürmtc Stadt auf einmal eingefallen; Wic Ai nbcrgicng: die Tage geben Schein, Weil auf der kranken Welt nur Tage werden seyn. Als Adonijcdck mit seinen Rottgcscllcn, So scheußlich sie geschnaubt, zurücke müsse» prcllcn, Da sich dcr Wolkcn Feld gcstcint hernieder ließ, Und etlich tanscnd Mann zu Gottes Boden stieß; Da dein rmidceltcr Sitz, o Sonne, nicht gcsnnkcn, Und Amoritcr Blut vor Doris Salz getrunken: Dcr Tag verjüngt sich stets; und jener cbcn auch, In welchem Hazors Pracht in einen feuchten Rauch Verwandelt worden ist. Wie Ehud Gott gerochen, Dcm Fürsten das Rappier in feinen Wanst gestochen, Ganz Moab fortgejagt; wic Jacl mit Betrug Dcm Sisscra das Kraut um beyde Schlaft schlug, sind bcklicbcn^ Das Wort bcklcbcn oder bekleiden schcinci sich, sowohl in scincr eigentlichen, als tropischen Bcdcutnng, ganz ans dem itzia.cn Gebrauche verlieren zn wollein In dcr cigcntlichcu Bcdcntnng hört man fast durchgängig dafür sagcn, kleben bleiben: und in dcr lropischrn, z. E, von Bäumen, welche Wurzel gefaßt, von Blülhcn, wclchc slchcn gebliedc» und zur Frucht gcdichcn, kömmt es bey Schriftstellern noch weniger vor, als i» dem mündlichcn Gebrauche. Gleichwol ist cs rin gntcs bcdeutendcs Wort, wclchcs die Altcn sogar von dcm Saamcn in dcr Mutter gcbrauchl; dahcr Marici Bcklcibuug für Maria Empfängnis;, wovon dic Srcmpcl bevm Arisch n»d Haltaus iiachziischcn, kranken Well^ Krank hcißt überhaupt schwach, hinfällig, vergänglich; und ward vor Alters nicht bloß von dcr Schwache ciucs animalischcn Körpers gebraucht. gestciiit hernieder lieU So viel als, in Steine», im Stcincn hernieder ließ; welche Umschreibung des Hagels dcr Dichtcr ohne Zweifel von dem latcinischcn w>,ui>!« oder i-ti>i>iiitti>j iNix-ro cnllchncl hat. Rappier^ hieß sonst nicht bloß, was cs itzt hcißt, ein Fcchtdcgcn, eine a» dcr Spitzc verwahrte Klinge, womit man fechten lernet: sondern überhaupt ein jeder langer Degen, das Kraut um beyde Schlafe schlug^ Jacl schlug dcm Sisscra einen ei- 18" 276 Andreas Scnllctus. Davon Er ewig schlaft; wie Dcbora gesungen, Und Barak neben ihr mit Jauchzen aufgesprungen Zu mehrer Herrlichkeit; So auch, als Gideon Den Feind aus Midian durch Fcldtrompctcn Ton, Wie triumphircnd schmiß; als Scbah Leib und Leben Dem Helden in der Flucht zur Schlachtbank aufgegeben; Wie jener, den die Angst in ein Gelübde trieb, Der Amoriter Volk wie Stoppeln, niederhieb: Die Tage tagen noch. Wie Saimiel der Priester Den Himmcl überwand, der schleunig die Philister Mit Schlossen niederwarf; wie Kises Sohn durch Streit Sein königliches Amt um Jabcs eingeweiht; Wie Gott durch Jonathan ein ganzes Heer gespalten, Da Israel den Platz viel eher hat behalten, Als an den Feind gesetzt; wie David unverzagt Dem Goliath den Tod zur Stirnen eingejagt; Wie eben dieser Mann nach ungestimmen Kriegen, Nach hundertfacher Angst, nach wunderbaren Siegen Jerusalem erlangt, und mit der frommen Hand Zu nnterschiedncr Zeit nicht Eine Stadt und Land Mit Ketten angefaßt; wie Absolon gehangen: Kein solches Tagelicht ist jemals eingegangen. Wie Salomon alldar den Tempel aufgebaut, Wo Jsaac jener Zeit den Holzstoß angeschaut: Der Tag crstirbct nicht. Wie der Thisbiter Seher Die gelben Furien und frechen Rechtsverdreher, Die VaalSkroten schlug; wie Syrien verblich serncn Nagel durch die Schläfe. Warum aber der Dichter eine» Nagcl hier zu einem Kraute macht, muß ich bekennen, nicht einzusehen. jener Zcit^ So viel als, ehedem, vor diesem, zu jener Zeit. Dieser adverbiale Ecnitivus ist bey den Schleslschcn Dichtern sehr gebräuchlich. So sagen sie alter Zeit/ für vor Alters; dieser Zeit, für anitzt. S. das Wörterbuch hinter der neuen Ausgabe des Logau. crstirbct nichts Ersterben heißt, nach und nach, endlich sterben; welche Nebenbedeutung das vorgesetzte er mchrern Zeitwörtern giebt, als, erhören, erreichen. verblich^ Begleichen heißt hier so viel als, blaß werden, erblassen, nehmlich vor Furcht und Schrecken. Andreas Scultetus. 277 Und vor der Handvoll Volk aus Israel entwich Mit solcher Reutcrey; wie aller Welt Bedrauer Elias der Prophet, mit einem schnellen Feuer In Himmel Einzug hielt: Wie jener Feind gespurt, Daß ihn des Saphats Sohn in Amri Stadt geführt; Wie zu Samarien die Theurung abgenommen; Wie Joram um den Hals mit AHabs Vettel kommen; Wie Ich» unvermerkt auf frischer Frevelthat Der BaalSpfaffen Schwärm vor Gott geopfert hat; Wie Athalia siel; wie, den die Frommen lieben, Der Syrer Hauptarmee von Salem abgetrieben; Wie du, o Sonnenlicht, den »verschiffte» Ort Zum ersten wiederum auf JcsaiaS Wort Roch einmal hast besucht; wie Daniels Gesellen Des Königes Vesuv, der andre Pful der Hölle», Zum Himmelreiche ward; wie den, der sie gelehrt, Der Löwen Grimm noch mehr, als Pcrsie», geehrt; Wie das verwaiste Kind, die Esther, mit der Schöne Den AhasveruS fieng, des Allerhöchsten Söhne Dem fahlen Achcron aus seinem Rachen riß, Und ihrer Feinde Trotz in einen Hanffeu stieß, Das Wunderwerk der Zucht; wie Gorgias gefallen, Und Judas einen Psalm dem Höchsten lassen schalle»; Wie Lysias verspielt: die Jubcltage stehn, Wo deine Pferde stets in vollem Bügen gehn, Du Mann der Clymenen. Was aber sind die Tage? Wann ich sie allzumal auf eine Stelle trage, Ob ihrer tausend noch, auch drüber, möchten seyn, So überwiegt sie doch dieß Osterfest allein, Das allen Völkern hilft; da unsrer Seelen Leben den überschifften Ortl Ein schönes und hier sehr mahlerisches Beywort, für den Ort, welchen die Sowie in ihrem Laufe schon zurück gelegt hatte. Auch die lateinischen Dichter brauchen, wie bekannt, le-mare für irsusvo- Isre. So sagt Birgil vom Merkur: el Wi-I-Wa tränst nuliil-l. mit der Schönes Die Schone heißt hier so viel als, die Schönheit. Es ist hinter dem Logau bereits angemerkt, und mit Ercmpcln bestätiget worden, daß es den Schlcsischcn Dichtern sehr gewöhnlich ist, das Beywort in dem ungewissen Geschlechte als ein Hauptwort zu brauchen. 278 Andreas Scultclus. Den Tod gctödtct hat; da Pluto sich ergeben, Der Prinz der Finsterniß; da sich die Luft erfreut Und durch das Wcltrcvier die Botbschaft ausgestreut, Der Held aus Jsai sey wieder auferstanden, Er führe den Cocyt, die Bande selbst in Banden, Und mache, die der Tod in schwarze Fessel schloß, Als wie ein Sieger pflegt, von allem Jammer loß. Der unverzagte Held! der Held, vor dem die Helden, Wie viel mau ihrer zählt, sich kcincswcgcS melden. Bcllerophou vcrstarrt, der Thesens gicbct nach, Der Iason, Hcctor selbst, der alles Ungemach In Ungemach gestürzt, wird hier den kürzern ziehen, Protcsilans mnß mit seinem Tode fliehen. Des Pclcus Brüdern Sohn, der König in Hyant, Und der vor beiden ihm den größten Ruhm crrant, Verdorren an Beruf. Die Römer müssen weichen Mit ihrem Curtius, und andern Wnndcrzcichen Der menschlichen Natur. Der Held, der Helden Held, Jehovah, unser Arzt, erlanget blos das Feld Ans diesen Lstcrtag. Wer hat sich je gefunden, Der aller Feinde Feind auf einmal überwunden? Er schleudert durch den Tod den Tod zu Boden hin Und setzt uns Sterbliche für Mangel in Gewinn, In Unschuld für die Schuld. Er kommet anf die Erde, Damit ich Sündcnaaß ein Himmclsbürgcr werde! Er wird ein Menschenkind, und führt, was Menschen sey», In aller Engel Burg zu Gottes Kindern ein. O Sanftmmh ohne Grund! Wie oft ich das Geschenke, Sein Leben, seinen Tod mit der Lcrnunft bedenke, So stirbt mir die Neruunft. Er hat so viel gethan, verdorren an Berufs Beruf wird itzt lediglich für die Ernennung, Auf- fvderung zu einem Amte, oder für das Amt selbst gebraucht. Gleichwohl war es auch ehedem in dem Verstände, in welchem es der Dichter hier braucht, allerdings gewöhnlich, ob schon weder Frisch noch der Spate davon etwas sagen. Man darf dcsfalls aber auch nur dcu Henisch nachschlagen, welcher beruffen durch berühmt, ceiebris, und Beruf durch Lob, Ehre, i>8 erklärt und übersetzt. Andreas ScultetuS. 279 Daß keine Wunde mehr im Körper haften kann. Ans heute giebt er uns, der Eumcninnen Sklaven, Uns wiederum zn Theil. Er langet an den Hafen; lind, wie er unser war in seiner Schmach und Pein, So räumt er im Triumph sich uns zn eigen ein, Der milde Jacobsstern. Wie aber bey den Alten Den Führern, welche sich im Felde steif gehalten, Nachdem sie überkränzt mit Schimmeln trinmphirt, Der Schauplatz um und um mit Flecken ward schattirt, Wo ihre Faust gekämpft: so führ ich auch im Schilde Des Höchsten Niedrigkeit in meiner Verse Bilde Hauptsächlich darzuthuu. Wo blühte seine Pracht, Wie Christus eingestallt, die Mutter angelacht? Im Lachen blos allein uud in den Pcrlcnzährcn Die beyderseits alldar zusammen wollten schweren. Was kann geringers seyn als Krippen, wo er blinkt S Die Schwachheit der Natur, zu der die Gottheit sinkt. Die Hirten laufen zu, begeben ihre Waffen Dem Hüter Israels, und werden selbst zu Schaafe», Zn Erstlingen der Welt. Hernach faßt Simeon Der Erden ihr Bezirk und aller Himmel Thron In seine kalte Schoos, indem er, nächst Erbarmen Uud harter Prophezcy, mit lnstverjüngtcn Armen Das Jesuskind umschleußt. Indessen hat die Luft Die Weisen in den Stall von Osten her gcruft. HerodeS aber schnaubt, hat Gott und sich vergesse», der Schauplatz mit Flecken ward schattirt^ Die Wahrheit ist, daß den Triumphatoren oft in sehr bcisscnden Liedern von ihrem eigenen Gefolge laut vorgeworfen ward, daß eben das Land, in welchem sie Lorbeer» eingesammelt, auch von ihren Thorheiten und Lastern zu saa.cn wisse. Z. E. dem Cäsar bey dem Gallischen Triumphe: ^>uum i» v-uu» u, s, w. Unser Dichter aber nennt dergleichen Thorheiten und Laster hier bloße Flecke», und den schimpflichen Borwurf derselben ein bloßes Abschattircn: wie man leicht begreift, von wegen seiner eignen Anwendung. begebe» ihre Waffe» dcm^ Einem etwas begeben hieß sonst einen« etwas abtreten, überlassen. Als ein Neciprokum brauchen wir begebe»/ mit dem Genitivs der Sache, noch in diesem Acrstande. 280 Andreas Scultetus. Läßt das Ermordeschwerd viel Städtvoll Kinder fressen, Verdringet den Saturn. Der aber greift zur Flucht, Ten diese Tyrannei) zn schlachten aufgesucht, Kommt in Egypten an. Der Gcon wird erschrecket, Wald thut er sich hervor, bald fleußt er zugedecket, lind duldet ihn verschämt, bis jener Höllebrand Dem dürren EacuS die ungcsialte Hand (Vor der das Nächtekind in ihren Schlangcnlockeil Und mit Proserpincn der Pluto selbst erschrocken) Die blutvcrstockte Hand, die Hand von Stahl und Siein Vor seinem Richtersiuhl zu unerschöpfter Pein Mit Heulen überreicht. Drauf Archelaus kommen Und dieses Regiment zu führen angenommen: Da ist Emanucl in Nazarcth gekehrt, Und hat, was Joseph ihm von seiner Hand begehrt, Bemüht ins Werk gestellt; bis daß er in dem Tempel Den Schriftgelchrten sich zum lichten Zuchtexcmpel Persönlich vorgesetzt. Sie merken auf das Kind Und werden ingesamt vor seinen Stralen blind, Als Kinder an Vernunft. Die schnellen Jahre laufen, Das Amt erfodcrt ihn. Er läßt sich diesen taufen, Der durstig vor ihm her den Glauben ausposaunt, Und auf der Frevler Kopf gehagclt und kartannt. Nach diesem führet ihn der Teufel in die Wüsten, Und läßt sich wiederum den Ucbermuth gelüsten, Der Lucifcrn gestürzt, versucht die schwarze Kunst Und scheut sich abgebrandt vor keiner FcucrSbrunst. Sein Elend macht ihm Muth. Er kann nicht weiter sinke», Doch weiter Schaden thun, wo Gott nicht einen Rinkcn Ihm durch die Nasen zeucht. Hier hat er ihm gewehrt StädtvolH Ist nach dem gewöhnlichen Handvoll, Mundvoll, von den. Dichter gemacht. verbringet den Saturns Verbringen, gleichsam von seiner Ehrcnstcllc, heißt hier, in Vergessenheit, in mindere Achtung bringen, kartaunetl Aus Kartauncn auf sie geschossen! mochte hier wohl zu kühn seyn. Indes, gehet das Zeitwort von Kartaune unsern Wörterbüchern insgesammt ab. Andreas Scultetus. 281 Und ist in Cana drauf zur Hochzeit eingekehrt, Allda er ohne Frucht der viel beäugten Reben, Den besten Rebensaft zu trinken aufgegeben. Hierauf erhebt er sich in Gottes Opferhaus, lind peitscht den Unterschlcif des Kramcrvolkes aus. Der Nicodcmus rennt, und forscht von ihm bey Nachte, Was einem wohl den Weg zum wahren Tage machte, Erlanget auch Bescheid. Nun geht das Zielmaas an, Nachdem er Wunder blos geredet und gethan. DcS Hoferathes Sohn, der, welchen AnSsatz naget, Der Kriegesdiener wird der Schmerzen loß gcsaget, Und Peters Schwicger auch. Der Achelous hört, Wie taub er immer ist, und ob er alle stört, So liebckoßt er ihm dem Fürsten seiner Wellen. Die Teufel, so auf ihn aus zweyen Leibern bellen, Versenken sich ins Meer. Viel andres mehr geschieht; Jairus Tochter lebt; ein stockgeblendter sieht; Die dürre Hand genest, Ein Hauptmann trägt Vertrauen, Er würde seinen Knecht durch ihn gesunder schauen. Erhält auch, was er Host. Zu Nain sieht das Thor Ein sohnverwaistcs Weib: er, JesuS, gehet vor, Und schenkt dem Kinde Geist, der Mutter aber Leben. Der stumme Teufel fleucht; fünf Gcrstenbrodte geben Vor fünfmal Tausend Kost. Um Sidon kömmt ein Weib, Vor Roth und Zuversicht erschüttert um den Leib, Fleht weiblich, heult und schreyt, hält männlich an mit Bitten, den Unterschlcif des Kcamervolkesl Unterschlcif bedeutet scincr Ablcitung nach etwas, das mit mttcr schleift, mit unlcr schlupfct: und mich dünkct dieses Wort hicr schr gut gebraucht. Eine Art von Krämcrcv und Wechsel war, zu Erkaufung des Opfcrviehs, zu Einwechsclung des h. Sekcls für die ankommenden Fremden, i» dem Tempel zu Jerusalem gewisscrmaa- ßcn nöthig. Aber unlcr diesem Borwande hatten sich ohne Zweifel alle Arten von Berkäufcrn und Wuchcrcr» mit cingcschlichcn: und cs war mehr dcr Mißbrauch, als der eigentliche Gebrauch, welcher Christum in den heiligen Eifer setzte. stört^ Aus Exempeln bcvm Frisch kann man scheu, daß stören sonst eigentlich von Sturm und Ungcwitlcrn gebraucht worden; von welcher Bedeutung sich vielleicht auch hicr noch ein Rest annehmen läßt. 282 Andreas Scultctns. Bis daß sie durch Bestand den Heiland übcrstritten. Der fähret weiter fort, thnt Wunder, und erschreckt Wer ihn erschrecken will. Der Lazar wird erweckt lind dankt den Wurmen ab. Nach drey erfüllten Tagen Verlanget ihn das Joch für unsre Schuld zu tragen. Bald naht er zu der Stadt. Jerusalem erschallt, Die Straße wird bekränzt, ihr Hosianna hallt, Das weil es wächst, verbricht. Denn Judas macht Gedinge, lind trägt den Meister feil für dreyßig Silbcrlinge. Er, unser Siloh, hebt das Osterlämmlcin auf, Und bringt sein Abendmahl für dieses in den Lauf, vr seufzet, matt und schwach, des Natcrs Zorn zn stopfen, Zerschmelzt von Traucrbrunst, und rinnt voll Purpurtropfcu, Des Lebens Balsambaum. Die Juden reißen ihn, Als wie ein frommes Schaaf die Wolfe grimmig zieh», Vor Hannas Richtersitz. Der schickt ihn vor die Priester, Wo dieses Priester sind, das Rhadamantgeschwister, So bey dem Caiphas hier die Unschuld iugcsammt lind sich hiedurch sclbsclbst, zum Tode hat verdammt. Man spcyt ihn hönisch an, man schmeißt ihm Wackcnschlägc, Er steht zum Leiden keck, zum Wiederracheu träge Wie ein Marpcsusstcin; darob die schwarze Nacht lind Cinthia verblaßt, bis Venus Post gebracht, Ihr Hofsehcrr sey da. Aurora kommt gegangen, Erzchlt dem Firmament, ihr Schöpfer sey gefangen, DaS sich ob dem entfärbt. Das Tagclicht erschrickt, Und dankt den Wurmen abZ Sehr nachdrücklich! Eine» abdanke» und einem abdanken ist indeß nicht einerley: einen abdanken, heißt einem Abschied geben; aber cincin abdanken, heißt von einem Abschied nchmcn. Der Plnralis von Wurm hieß ehedem Würmc; welches ohnstrcilig richtiger und wohlklingender ist, als unser Würmer. verbricht^ D. i. zum verbrechen ausgelegt wird. sclbsclbst^ Well die Schlcsicr sclbandcr, sclbdritlc, und so weiter sagen: so haben sie geglaubt/ auch sclbsclbst sagcn zu müsscn, um alle Mcbrhcit schlcchtcrdiugs zu vcrncinc», ihr Hoffehcrr sey da^ Ohne Zweifel daß der Dichter hiermit auf dcn versprochenen Stern aus Jacob sieht, den cr die Bcnns, oder dcn Morgcn- sicrn, ihrcn Hoffchcrrn, oder ihrcu Herrn dcr Hoffnung, ncnncn läßt. Andreas Scultetus. 283 Wie bald es seinen Gott beym Pontius erblickt; Wie ihn HerodeS schmäht; wie aller Juden Zungen Mit Creutzigunggcschrcy auf seinen Hals gedrungen; Wie ihn der Henkersknecht mit scharfen Ruthen schlägt, Und seinen ganzen Leib, als einen Acker ccgt, Wo unser Leben wächst; wie ihn die wilden Rotten Mit Dornen einer Krön und Purpurmantel spotten; Wie JcsuS in der Luft die Armen weit gereckt, Und sich, die ganze Welt zu fassen, ausgestreckt; Wie seine Mutter kocht, die zwischen Furcht und Zagen Ihr aufgcschwelltcs Leid mit Kummer kann ertragen, Die tausend Tode stirbt und tausend Tode lebt; Ihr Herze pocht und schwürt, ihr rechtes Herze webt In diesem, welches stirbt; die Thränen fließen dichte; Kein Tropfen Mcnschcnblut erregt sich im Gesichte, Als welcher obenhcr von GotteS Wunden fällt, Und ihren Mutterleib nach Donncrsart crschällt. Die kann der Phöbus nicht mit ihrem Sohne schauen, Er blutet und verschwarzt, verstellt der Himmel Auen, Und hüllt sich in sich ein. Er zittert, welkt und bricht; Der allen Licht ertheilt, hat weder Kraft noch Licht, Und trauret, daß an ihm kein Flecken mehr zu finden, Der zu verdunkeln sey. Das Banwerk will «erblinden, kocht^s Diese metaphorische Bedeutung des Worts kochen von Brängstig- tcu, von Zornigen, Sterbenden, bey welchen alles in dem tiefste» Aufruhre ist, dünkt mich sehr schön. mit Kummers Heißt hier so viel als kaum; und man sollte es für die Ueberschung des Französischen » pe!»« halten, wenn nicht aller Wahrscheinlichkeit »ach kaum selbst von kumni, dem Stammwortc von Kummcr herkäme. ihr Herze pocht und schwürt^ Ich bin ungewiß, ob schwurt hier so viel hcisscn soll, als schwäret/ oder als schwirret/ welches letztere von einer zitternde» Bewegung, u»d besoiidcrs von dem daher entstehende» Klänge, gesagt wird. nach Donnerart erschöllt^ Erschallen heißt erschallen ertönen machen. Hier aber sieht der Dichter mehr auf die innere Bewegung der kleinsten Theile eines Körpers, durch welche der Schall entsteht, als auf eine sinnliche Vernehmung desselben. daS Bauwerk will »erblinden^ d. i. Dmikcl und Nacht will sich durch 284 Andreas ScultetuS. Die Felsen bersten auf, der Erdenklos zerspringt, Der Scharlach reißt cutzwey, der schwarze Tod verschlingt Das Leben aller Welt. Der alles kann bewegen, Weiß weder Hand noch Fuß am Krcutze mehr zu regen, DaS Leben löscht ihm aus. Der Christen Tod verschwand, Der Himmel Erd und Luft war alles umgewandt, Ihr Herze gleichfalls auch. Wie ans dem CydnuSstrande Der Hauptstadt, die der Feind errettet aus dem Brande, Philippus Sohn für todt ins Lager ward gebracht, Was deckte dazumal für eine Jammersnacht Die Kriegcsmanner zu? Der Muth den Feind zu jagen War Ach und Wehgeschrey. Sie brannten erst zu schlagen, Bald flößen sie vor Angst, und funden weder Schiff Noch Führer in ihr Land. Das ganze Wesen schlief, Bis ein Acarner rieth. So ist es hier gegangen, Des Welt-Erlösers Werk war gleichfalls angefangen, Wie dort die Monarchie. Er stieg in Charons Meer, Wie jener in den Fluß. Sein glaubenreiches Heer Erbebte, wie Er starb. Wer sollte sie bewachen? Tibcrius zerriß mit anfgeblehtcm Rachen, Wer ihm vor Angen kam. Als jcderman verzagt, Da war es endlich Zeit, daß Joseph sich gewagt, So erst das Licht gescheut. Der kaufet Leichentücher, lind legt ihn in ein Grab. Entweicht, ihr weisen Bücher, Mit eurem Mansolce! Hier schläft kein Würmerspott, Zwar ein entseelter Mensch, doch auch ein wahrer Gott. Dann wäre Gott, als Gott verstorben und begraben: Die Erde müßte bald den Sterbekittel haben. Der Sabbat strich vorbey, ein andrer Morgen kam. Wie Besten KindeSkind vom Titan Urlaub nahm, So sprang das Erdreich auf vor übcrhäufter Wonne; Ein Herold fuhr herab. Der Christgetaufflen Sonne Gicng mit der Sonnen anf. Der Himmelsfackeln Ehor den ganzen Ban der Welt verbreiten. Verblenden ist ein Bcrbm» aclivum; verbünden aber Neutrum: jenes heißt blind ober finster machen; dieses aber blind oder finster werden. Wenn man die Fenster verblendet: so vcrblindet das Gebäude. Andreas ScultelnS. 286 Verblendet Cynthins: ihm schimmert Christus vor. Kein Unterscheid restirt im ganzen Himmelreiche: Die sechs Geschwister sind der Letzten alle gleiche, Die andern Lampen auch. Der Erden Augenschein Greift an der Majestät dem blauen Bogen ein. Die Sonne fällt vor ihr mit sammt dem Throne nieder. Wir, auf der Erde, sehn die Himmelssonne wieder, So aus der erden steigt. Deß, unsers Phöbus, Zier^ Umfängt, wie Phöben dort, die Magdalena hier. Der Seraphincn Paar, so in dem Grabe halten, Die haben dich, Merkur und Venus, zu verwalten. Die dreygevierte Schaar, als ThicrkreyS, bleibt davon, Bis ihr Apollo kommt, ein falscher Scorpion, Der Judas, ist entleibt. Der todversuchte Kämpfer, Des faulen Ercbns unübcrmannter Dämpfer, Verklärt sich im Triumph. Die Werkstatt dieser Welt Staffirt sich stattlich aus, und nimmt, als ein Gezclt,' Den Sicgesherzog auf. Der erden Lustgehcge Besetzt ihm um und um mit Blumen seine Wege. Violen schicsscu auf, und geben, auf den Schlag Der Telamonerfrucht, mit Blättern an den Tag, Wie viel er Wunden führt. Des Rindes lange Mühen, Die Aecker, hege» Streit, wer meistcs könne blühen, Den Festtag zu begchn. Der Cypernblnme blos, Als welcher Mutter ihm das zarte Haupt verschloß, Behaget halb und halb sich schamroth zu verstecken, ihm schimmert Christus vvrl Einem vorschimmern heißt hier, einen an Schimmer übertreffen. Greift au der Majestät dem blauen Bogen cinZ Für einem in etwas eingreifen, sagen wir itzt weit mattcr, einem in etwas Eingriff thun, auf den Schlags d, i. nach Art und Weise. deS RindeS lange MühcN^ Ich zweifle, ob sich der Pluralis von Muhe sonst wo finden dürste: und doch steht er hier so schön als kühn. verschloß! Ich bin hier ungewiß, ob verschloß hier so viel hcisscn soll, als umschloß; oder ob es nicht vielmehr von verschlcisseN gemacht ist. Verschleißen aber ist so viel als zerreiben, zunichte machen, welches der Dichter von der Mutter der Rose, der Dornhccke, welche das Haupt Christi zcrritzte, wohl könnte gesagt habe». 286 Ilndrc.iS Scnllctns. Und anderwärts zur Gunst den Fierrath aufuidecken. Der andern Kräuter Rest, so keinen Namen hat, Stand überall bereit, wohin er trostlich trat, Und schienen allzumal, als hätten sie gebeten, Ihr Herrscher wolle sie zu Ehren niedertreten. Tic Thaborhöhc wiegt mit ihren Prachten schwer. Und führt, als Capitain, die Felder nm sich her. Das Ascriunen Thal begehret aufzuspringen; Ganj Cana will den Weg mit Palmcnfrucht vcrdringcn; Der Cedern Fluß, Jordan, crgeußt sich, jnbclirt, Und ruft den Hinterhalt, der trächtig fortspatzirt, Aus Libanon hernach. DaS hohle Lnftgcfilde Erzeigt sich im Geruch und kühlen Adern milde. Der Aeol unternimmt des CauruS Tonncrwind; Ein stiller Zcphyrus, der Liebligkeitcn Kind, Fleugt allerwegen aus, und sodcrt von den Seen Auf ein Gcsangtnrnicr des Migclvolks Ilrmcen. Als jedermann erscheint, so schickt die Nachtigall, Das Orgelwerk, so lebt, den tausendfachen Schall In TelicnS Losicr. Hier sausen hundert Zinken, Hier wird das Meisterwerk zu steigen und zn sinken, Auf einmal angewandt. Der Nogclpobcl fummt, Anf ihren Mnnd ergrimmt: das meiste Theil verstummt: Die Lerche bittet bloß, ihr Tirctirelircu Tcr Fugcnkunstlerinn hcruach zu vrakticiren, Und schweifet trotziglich bis an der Wolken Port kühlen Ader» ^ Adern wird von allerley Gängen und Zügen gesagt: warum nicht also auch von der strömenden, »ach einer gewissen Gegend sich bewegende» Lust? Aeol unternimmt^ Sollte nicht unternehmen hier das Lateinische ini«rci- xere ausdrücke», uiid überhaupt so viel als «-»reeru coUiiiere sey»? welches dem Acolus in Ansehung der stürmische» Winde vo» dc» Dichtern beygeleget wird. Löstet Oder wie wir es itzt aussvrcchcn Loschicr, als ob es nothwendig von dc»l Französische» i.oxe oder loxer hcrkonnne» inüßtc. Es töiintc aber leicht sey», daß es nrspriniglich doch Deutsch wäre, n»d eigentlich eine durch das LooS angewiesene Wohnung, dcrglcichc» die Wohnungen der Soldaten ehedem gewesen, bedeute: so wie der Spate vermuthet. Andreas Scnltctus. 287 Auf allcrhand Manier mit lauten Kreisen fort. In Augen ist sie nicht, nur immer in den Ohren; Den Vorzug giebt sie zwar, die Ehre nicht verlohren. Das thut die Unterwelt. Der Himmel, ob er zwar Ihm vor Verwunderung sclbsclbst benommen war, Putzt seine Flammen anch- Die Bären, Hund und Schlangen Berichten, was vor Vieh auf Erden sey gefangen; Der Mumencn Sohn, in seiner Löwenhaut, Zeucht kniegebogen auf und trägt Vnlkanns Kraut Dem Höllenstürmcr vor. Des ThraccrkünstlcrS Lcycr Mit samt dem Schwane dient; Caßiopecns Freyer Ecstellet sich samt ihr; der Böcke Zwilling scheint Zn Urkuno, wie uns Gott so herzlich gut gemeint, Das Opfer unsrer Schuld. Dem Perseus will gebühren Ein blankes Richterschwerd, als Marschall, vorzuführen. Andromcda begreift der Menschheit Ebenbild- Sie lag von Gott verdammt; der Teufel war das Wild, Der hätte, was versteht, auf einen Biß verschlungen, Wann der im Himmel nicht uns wäre bcygespruugeu, Der seines Sohnes Haupt dem Würger vorgelegt, Davon er minder noch, als Steine, sich bewegt; Zum Zeugniß ist der Stern. Daß nichts crfodert werde, So tritt auch Pegasus, ein Ausbund aller Pferde, Mit Ucbcrmuth hervor. Ein Pfitschpfeil wird gespürt; Arions Wasscrgaul zum Wunder aufgeführt; Ein Adler vorgestellt: die andern zu geschweige», So aller Orten sich in großer Menge zeigen. Jedoch bcstirne dich, du blaues Silberdach, Bcpcrle deinen Sand, du Sonnen Schlafgemach; Bcwcstc, Juno, dich, bcblumet euch ihr Auen, Laßt euren Ucbcrfluß in allen Gütern schauen: Noch wird euch au Gestalt, der heute triumphirt, daß nichts crfodert werde > Daß nichts mangle, nichts vermißt werde. Den» was mangelt, pflegt crfodert zu werden: das Vorgehende für da? Nachfolgende. bewcße l Bewcste» heißt dem Dichter so viel, als sich mit Westen, Westwinde» versehen; nur die sanfteste», lieblichste» Winde wehen lassen. 288 Andreas Sciiltctus. Weit überlegen seyn. Das Haupt ist balsamirt Mit Tropfen früher Luft; die gelben Locken fliegen, Vor welcher Schwenken sich die leichten Winde biegen; Die Augen flammen Gunst; die Wangen fcurcn ganz Und sämen, wie Rubin und Chryfoliten, Glanj; Die Brust, der andre Leib sind Alabasterfarbcn; Die Striemen leuchten durch; wie viel gepreßte Narben, So viel Gestirne stehn: er brennet ganz und gar, Durchsichtig, himmelrcin, ermuntert, sonnenklar. Die Blöße ziert ihn aus. Der Glanz besteht zum Kleide: Doch trägt er gleich sowohl ein köstliches Geschmeide, Der Unschuld weissen Rock. Sein Leib zwar rühmt sich nicht Der Uebermenschlichkeit; des Leibes Ostcrlicht Ist göttlich genaturt. Ich bebe, um zu sagen, Was einer um ihn her für ungeheure Plagen Gefangen wandern sieht, die Misgunst, Sterblichkeit, Gesetze, falschen Wahn, Verdamniß, Krieg und Streit, Verzweifeln, Furcht und Noth, Geschwisterkind zusammen; Summanus, welcher ihm von Nebel, Dampf und Flammen Ein Kürißkleid gemacht; die andren Götter auch, Wie damals an der Zahl der Götter Staub und Rauch Die Menschen übertraf; der kühne Damenjägcr, Dem Erd und Himmel zwar, doch über Freund und Schwager Sonst niemand dienen kann, ich meyne Jupitern; Sein Bruder auf der See, so auch bey Frauen Stern Und Lagerstätte sucht; der Säugling zahmer Affen, Der Bluthund Camulus; der Straußhan, dem sie schaffen, Der Schwellkopf Eleleus, das Lampsacencr Schwein (Egypten ehret nicht den Krocooil allein, Auch die sind solcher Art) und wie sie alle heisscn, sämen 1 Ist ohnstreitig das natürlichere Zeitwort von Saamen; und meinem Bedanken nach, auch wohlklingender als säen, welches einen so unangenehmen m-uus in sich hat. der Glanz besteht zum Kleides Bestehen, wenn es von flüssige» Dingen, dergleichen auch der Glanz zu ftv» scheinet, gesagt wird, heißt so viel als gc- - rinnen, gefrieren, oder sonst eine Art von Festigkeit gewinnen. Was könnte also schöner gesagt seyn, als, der Glanz besteht zum Kleide? der Glanz selbst, ward das Kleid. Andreas Scultetus. 289 So ihren Götterruhm mit Ueppigkeit bcschmeissen; Der Apameer Bel, der Moabitcr Cham, lind den der Syrer ihm mit Namen Adad nahm, Der Moloch, andre mehr, sind alljumal gebunden. Der Delpher Wcltprophet beklagt sich überwunden; Der Hammoniter auch; viel andre, wo sie seyn, Die gehen, Herr, vor dir, du Trostorakel, ein; Und wären diese nicht in der Bestrickten Haufen, Das Erdreich mußte sich um seine Helfer raufe». Die Opfer hemmt man auch. Er, Tempel und Altar, Er, welcher Opfer selbst und Hoherpriestcr war, Hält über sie Triumph. Die Engel dichten Lieder, Und schwingen über ihm sich lustig auf und nieder. Dir, freyes Menschenkind, gehört ein solcher Ton: Jehovah hat den Sieg, den Nutzen du davon. Ach beuge deine Knie, fall Ihm nur zu den Füßen: Dann anders darfst du itzt nicht deine Laster büssen. Die Güte fleußt umsonst, nimm sie uiusoust nur an: Dann keiner, welcher glaubt, hat dieß umsonst gethan. So sey mir nun gegrüßt, du Gott und Menschenschlichlcr, Du Weg, du mein Compaß, du Beystand, du mein Richter, Mein Nordstern, mein Gewinn. O! wende dich zu mir, Ich wende mich durch mich sonst nimmermehr j» dir. O! reiß mir aus der Brust der Bübcrcy Geniste. Mein Brnder sey nicht weit, ach Bruder, Bruder Christe! Ein Engel ist vor dir nur Diener blos allein: Mehr freu ich mich ein Mensch, als Gabriel, zu seyn. II. BlutschwiHender und todesringender Jesus. Der Sternen Oberhaupt und schnelle Zcitcnhalter War längst vorbey gerückt; sein voller AmtSverwalter, Des Monden Silber, gab dem Schalten seine Macht, ° Dieses Gedicht ist gleichfalls bey Baumann zu Brcslau auf zwey Bogen in Quart gedruckt, aber ohne Zahrzahl. Es ist von weit geringerm Werthe als das vorhergehende: ich vermuthe, daß es daher auch eine frühere Gcburth des jungen Dichters gewesen. Es hat ungleich mehr schülerhaftes; und dem vhngeachtet manche sehr glückliche Zeile, und manches sehr malerisches Bild. Lcssmgs Werk-VII l. 19 290 Andreas Scultetus. Und zierte die Gestalt der abgrundschwarzen Rocht Mit Lichtfignren aus: wie unser Seligmachcr, Der gegen Höll liiid Tod geschworne Widersacher Den Kidron überschritt. Der klargekreißte Bach Khrystallte bis in Grund; das blaugewölbte Dach Hatt', um den Höchsten recht in Augenschein zu fassen, Mit allen Bildern sich in diesen Quell gelassen, Und ließ, v Heiland, dich in Elcichnißweise fast, Wie du dich Himmel ab zu uns gesenkct hast, Durch dieses Werk versteh». Du bliebst im Ucbergehen, Mein Jesus, eine Zeit, bey diesem Wasser stehen, Erwugest, wie alldar der gleichgehaufte Sand Jemchr unwandelbar am Boden sich befand, Jcmehr von obenher die Wellen sich bewegten, Und auf den Grund hinzu die Wogen überlegten. So wankt mein Todesschluß im allermindstcn nicht, Wie heftig Fleisch und Blut demselben widerspricht: Gedachtest du, mein Herr, und giengest fort mit Beten Vor Gottes Gnadenthron und Richterstuhl zu treten. Wie folget aber ihr in solches Ungemach, Das euren Meister drängt, so nberdrüßig nach, O hochgeliebten Drey? Wie daß ihr euch verweilet? Nehmt wahr, wie euer Fürst ohn alles Halten eilet. Bis an den Himmel hat der Thabor euch entzückt, Jetzt aber haltet ihr die Augen zugedrückt. Ist, Peter, auch allhier gut Hütten aufzubauen? Wir würden nimmermehr das Himmelreich beschauen, Wie dein zur Zeit noch nicht erlauchter Sinn gedacht, Hcitt unser Heiland sich nicht auf den Weg gemacht, Für uns genung zu thun. Wie hebt er an zu zagen, Weil alle Missethat der Welt auf ihn geschlagen, Bleyccntncrwichtig hangt? Indem ihr stehen bleibt, O Jünger, und für Schlaf die Aogenbremen reibt, Ist allbercit der Herr von euch hinweg gegangen, Das Leiden mit der Angst des Todes anzufangen. Sein Garteneintritt macht den Adamiten Raum, Ins Paradies zu gehn. Er henkt in Lcbensbaum Andreas Scultetus. Durch seinen Blutschweiß auf, was Eva weggerissen lind, in der bösen Lust verteufelt, angebissen. Steig, mein Erlöser, steig den Oelberg immer an; Ich folge dennoch dir, wie lang ich folgen kann, Mit Sinnen emsig nach, die aber vor Erschrecken In Schlafsucht eben auch, wie deine Junger, stecken. Nicht anders, als zur Zeit, da Gott durch Waffcrmacht Der blindverstocktcn Welt ihr Recht zu thun gedacht, Sich augenblicklich bald die ausgehölten Graben, Mit Strudeln angefüllt, viel Klaftern hoch erhaben, Ein nebelschwarzer Dampf das Erdreich überraucht, Der nordwestfeuchte Wind den Luftplatz angehaucht; Wie damals gegen sich die Mcergcbirge rungen llnd alles um und an erbittert in sich schlungcn, Das Feuerelement doch gleichwohl der Gefahr, Die Erd und Luft betraf, nicht eingeschlossen war: So eben, da dein Blut des Höchsten Rachschwcrd hemmen, Die ganze Christcnwelt mit Unschuld überschwemmen, Den Tod ertränken soll, beginnt dich diese Last, Die du von Ewigkeit dir aufgebürdet hast, O Gott und Menschensohn, zur Erden hinzuschmeisseu, llnd will die Seele dir aus deinem Leibe rcissen, Steckt alle Glieder an; das Herze wallt umpflanzt Mit Stücken grimmer Pein, und wankt doch nicht, verschanzt Mit göttlicher Natnr, die eben, wie das Feuer Die Sündflulh nicht gefühlt, des SchmerzcnS Ungeheuer Niemals erdulden darf. Du liegest da verblaßt, Die Rede, so dein Sinn zu halten abgefaßt, Schickt Seufzer zuvor au, und eudet sich mit Klagen. Mein Vater! wilt du nicht nach deinem Kinde fragen? Bist du dann, sagt dein Mund, o Zorngotl, unbewegt < Soll der, den du gezeugt, ins TodeSstaub gelegt Und aufgeopfert sey»? Es müssen Steine spalten, Und todte Menschen sich in Gräbern nicht behalten, Der Sonnenanttitz mnß vcrschwarzen auf den Tag, Da mir von deiner Hand der letzte Donnerschlag Die Brust zerschmettern wird: dieß, welchem zu empfinden, 19° 292 Andreas Scultetus. In andern Fällen gleich der Sinnen Mittel schwinden, Bewegt mein Jammerstand. Du, Anfang der Natur, Bist unempfindlicher, als keine Crcatur, Auf mich gccigcnschaft. Ach übcrweh mir Armen! Ich heule, wie ich will, so ist doch kein Erbarmen. Was soll mir immermehr für Herzeleid geschehn. Weil du, mein Ursprung, mich mit Gnaden anjuschn Durchaus dich nicht verstehst? Die Pässe zn genesen, Sind allesamt gesperrt. Dein unbezirktes Wesen, Das, weil es keiner Art des Reigens Unterthan, Anch derohalben nicht Erbarmung schöpfen kann, Ncrendurtheilct mich. Herr, deinen Zorn zu stillen, Beliebt mir nicht zu thun nach meines Fleisches Wille»; Es sey, was dir behagt. Dein Handel ist gerecht, Und strafest gleich sowohl den Herren für den Knecht, Den Freund an Feindes statt? Werd ich doch vor der Plage, Die meine Schultern drückt, nicht innen, was ich sage. Ich leide, wie ein Knecht und Feind, den ärgsten Spott, Verdien, als Freund und Herr, bey dir, du strenger Gott, Der Welt Gerechtigkeit. Vor Anbruch aller Zeiten, Da keine Hölle war, hab ich sie zu bestreiken Aus Vorbewust erwählt. Die Meynung steht und bleibt, Da mich das schwache Fleisch zurück und abwärts treibt, In Tod getrost zu gehn. Mein unbeflecktes Leben Will ich den Sündern hin und für die Sünder geben. Dein Wille sey vollbracht! Mit diesem liefest du Noch uncrholt, mein Herr, auf deine Junger zu. Die schnarchen unbesorgt, Vernunft und Sinn beranket. Vor andern bleht sich auf der Petrus, käucht und schnaubet, Stößt um sich, strampfelt, schlägt, knirscht mit den Zähnen, banmt Mit andern Gliedern hoch, weil ihm nicht anders träumt, Dann daß er in Person mit dem PilatnS schmisse, Und zu Jerusalem die Mauren niederrisse. JacobuS führt zu Rom ihm einen Schanpallast bäumen I Oder bäumen, sich in die Höhe strecke», wird itzt als ei» Ncc!- prokmn nur noch von Pferden gebraucht. Die Ztalicmer sagen »iiiai-sitt, in dein iiehmlichcii Verstände. Andreas Sculletus. In seinem Schlafbild auf. Johannes redet fast lind meyncl anders nicht, dann daß er mit der Zungen Der Pharisäer Schaar durch ihren Sinn gedrungen. Ach, schreyest du sie an, hangt ihr zu dieser Zeit Der Schlafbegierde nach, da Christus allbercit Feil ausgcboteu ist? Ach, Simon, Wundersachen! Der mit mir sterben will, kann jetzt nicht mit mir wachen. Er aber war vertieft, besann sich kaum hernach, Daß solche Worte selbst der Meister ju ihm sprach, Liebäugelt und beginn jetzt Antwort schon zu sagen, Wie ihm der Schlaf mit Macht die Lippen zugeschlagen. Du laßt ihn dergestalt im Rasen ausgestreckt, Betrachtest, wie du zwar da Menschen aufgeweckt, Hingegen schläft für sich entäußert aller Gnaden, Der dir den HcrzcnSprast zu tragen aufgeladen, Und solchen weiter mehrt. Dein Geist wird ganz entsinnt, TaS eißgefrorne Blut in allen Adern rinnt, Was ctwan übrig ist, das kommt mit Hellem Haufen, AIS in die Flucht gejagt, dem Herzen zugelaufen, Das aber selbst, erstaunt für übcrmachter Pein, Wie stark es widcrhält, doch weder aus noch ein Sich zu erheben weiß. Du willst vor Gott dich biegen, Und bleibst aus Mattigkeit ganz auf dem Antlitz liegen. Die Zunge zittert blos, wird nicht, wie recht, bewegt, So folgendergcstalt ihr Elendklagen hegt. Du GotteScbenbild! Hab ich nicht in den Bauden Der menschlichen Natur genugsam ausgestanden, O Vater? winselst du. Werd ich dann also hin, Der ich durch einen Stall ins Leben kommen bin, Durchs Kreutz aus diesem gehn? Sin Kind noch mußt ich flieh Und in Sgyptenland mit meiner Mutter ziehen; Ich hab in HungerSnoth durch vierzig Tag und Nacht Mit Thränen meine Zeit und Wchmuth zugebracht; Viel weiter mehr verdaut. Kann dieses ausser Sterbe», Den Menschenkindern nicht die Seligkeit erwerben? Wie oftermalen ich den Athem eingeschluckt, Hab ich mir den Verderb zugleich in Leib geruckt: 294 Andreas Scuitctus. Und du begehrest mehr? Die Berge fort zu heben, Wird deiner Allmachthaud nicht großen Kummer geben, Da dieses, welchem du den Willen beygefügt, Sich iiiimnermehr verrückt. Wohlan, so sey vergnügt, Dein Wille werde wahr! Das hast du kaum gesaget, Wie dich ein neuer Wurm des Schreckens wieder naget, Der Mark und Bein durchfrißt. Mein Geist, der also brennt, Wird dieser für die Welt geopfert nicht erkennt? Der Wille, welcher dir sich ganz und gar ergeben, Und alles eher kann, als dir, Herr, widerstreben, Steht der nicht (flehest du zum Nater) für die That? Ein Seufzer, den dein Sohn herausgelassen hat, Kanu der mit seiner Kraft nicht einer Menge Bösen Zu deiner Gnadenhaud ihr Leben wieder lösen? Wo möglich, ach, so laß den Eiugebornen loS; Ich bitte hoch uud sehr! Jedoch geschehe blos, Was du für Recht erkannt. Mit diesem kommst du wieder Ein wenig zu dir selbst, und hebst die Augculicder lim Antwort willen auf, in dessen sein Gezelt, Der dich von Anbeginn, und vor dem Nichts der Welt, Zum Schlachtlamm auserkießt. Sein Antlitz aber schauet Dich nebelfinster an. Es schneidet dich, und drauct Zornstralend lantcr Blut; das Schwerd in seiner Hand, So dich zerstücken will, ist anders nicht bewandt, Dann deines in dem Thal des Josavhats zu brauche», Wann du den Sündenrest in Feucrpcchvfuhl tauchen, Uud überdamvfcu wirst. Jetzt gehet erst das Flehn, Herzpochen, Wehgeschrey, Lähnklapfen, Händcdrchn, Mein Jesus, mit dir an, da du, auf den du bauest, Unherzzertrümmcrt nicht mit nassen Blicken schauest, Wie er, den du verklärt, sich gegen dir gebahrt, Und voller Zorubcgier nunmehr schon auf der Fahrt Dich hinzuwürgen ist. Du suchest aller Enden, Und findest nirgend nicht, wohin dir anzulanden, O Angstmensch, tröstlich sey; nimmst endlich deinen Lauf Nach deinen Jüngern hin, hebst Hand und Armen auf. Man wird mich, sagest du, iu dieser Stunde fangen, Andreas ^cultetuS. 295 U»d ihr begehrt amioch dem Schlaft nachzuhängend Seyd angemahnet, wacht! O träge, weil ihr schnaubt, Wird dieser, dem ihr dient, von euch hinweg geraubt. Sie schlummern aber fort. Ach, denkst du, was zu machen? Die Jünger treiben Schlaf, die Pharisäer wachen, Mein Hauptbeschirmer zürnt. Ihr werdet mich forthin Sobald nicht wiedersehn; blickt, weil ich bey euch bin, Einmal noch munter auf! O unglückhafte Stunde! Seyd ihr doch wider mich, vermeyn ich, auch im Bunde, O Falsche! klagst du laut. Das Herz im Leibe bricht, Und schmelzt für Traurigkeit; beym Vater gelt ich nicht, So sind die Junger taub: hat alles sich empöret? Wird mein Befehlswort ganz von keinem nicht gehöret? Und, was für Klagen mehr dein Trauergeist gespürt, Auch durch den matten Mund gen Himmel abgeführt, Sey so dahin gestellt. Jetzt nimmst du an den Zweigen, Die um dich ringsherum sich ehrerbietig neigen, Dich auzustciffen vor, weil du nicht weiter Kraft Allein zu wandeln hast. ES rinnt ihr süßer Saft An deiner Hand herab, ihr Stärkung einzugeben, Die sonst im Beten sich noch einmal aufzuheben, Richt sattsam Macht gehabt. Du gehst gemach, gemach, Mit Schmerzen überhäuft den Oelbaumlaubcn nach, lind auf den Betört zu. Indessen ruft der Flammen (5rzabgott, Lucifer, sein Nabenvolk zusammen, Das aus dem Fcuersumpf, auch bis auf einen, gar In dieser JndaSnacht heraus gelaufen war. Die Stadt Jerusalem war damals ihre Hölle, Und gab dem Schlangenvich ans allen Dächern Stelle. Das eben kam gesammt, wcitschritiig, ans (Scheiß Des Alleroberstcn, gewandert in den Kreis, Den Belial umschrieb. Der FeuerSbrunsten Speyer, Der alte Drachenkopf und Feldherr aller Geyer, Hub Donnerwetter an, sprüt eine» Waldvoll Staub Und Loderfunkcn aus. WaSZ brüllt er, wird der Raub, Den unsre Tapferkeit vor Zeiten weggetragen, Uns also lüdcrlich, von einem abgeschlagen, 290 Andreas Scultctus. Der Hand u»d Fuß anitzt mit Kummer nach sich zeucht, Ja, wie ein Bcttelhund und armer Sünder, kreucht? Ließ ihn die Wüsten gleich aus unsrer Fanst entrinnen, So können dicßmal wir die Schanze noch gewinnen. Der Razarencr geht für Angst verzweifelt auf, Ihr Brüder, wo ihr helft. Bcclzebnl, drauf, drauf! Ihr andern, fort hernach, seyd hurtig, laßt uns streiten! Der droben, glaub ich, steht selbselbst auf unsrer Seite», lind mordblickt auf den Sohn, habt der Gelegenheit, Den Stürmer unsres Reichs zu fällen, in der Zeit, Ihr meine Helfer, Acht! TaS Licht ist uns genommen: Wir sollen auch nunmehr um unsern Nachtort kommen? Tann der von Bethlehem verkauft den Sündern Heil. Wir haben nimmermehr an Menschen weiter Theil, Wo er se n Werk vollführt. Darum so laßt uns laufen, lind um die Seelen uns noch eines mit ihm raufen. Sie murmeln allzumal, grimmbriuiimen, find erhitzt, Wie eines Engels Glanz auf ihren Haufen blitzt, Davon sie über Hals und Kopf zurücke prellen. Und, was sie vorgehabt, in ein Vergessen stellen. Der Anwalt Gottes nun, mit Himmelskraft bethaut, Nachdem er weit von sich die Teufel wcgbcdraut, Stund Schildwach in der Luft. Die Haargoldlocken flogen, Sein Rock war himmelblau mit Sternen überzogen, Die Flügel trotzen selbst dem Westwind balsamrcich, Sein Angesicht nur ist vor Mitbctrübniß bleich, Sonst auf den Ort gelenkt, da Jesus hingegangen, Den Kreutzkelch von der Hand des Vaters zu empfangen. Was diesem nun für Angst aus seinem Herzen stößt, lind, was er in die Luft vor Seufzermörsel löst, Die zehlt er allesammt. Kann ich dann nichts erhalten? Schreyt unser Seelentrost; muß sich mein Leben spalten? Bin ich, (ach ich!) der Sohn? Dein Zorn ist Dcmaiitstcin, Der wird durch unser Blnt zersplittert müssen seyn, Sonst steht kein Mittel vor. Wohlan ich bin, mein Lebe» Begierig für die Welt in Fluch dahin zu geben. Zehn hundert tausendmal zu sterben hätt ich Lust; Andreas Scultctus. Du weißt es, wäre mir, mein Vater, nicht bewußt, Wie viel verdammtes Volk mit Ketzereyen hageln, Mit Sünden anders mich an neue Krcutze nageln, Und sonst verfolgen wird. Ach, soll die saure Pein Den mehrern Theil umsonst dann überdauret seyn? Ach, willst du dieses nicht racheyfersvoll betrachten? Ich muß, ach Gott, ich muß, und werde bald verschmachten. Die Adern sind zermalmt, das Blut der Leber schwillt, Bis daß es hochgeströmt aus allen Gliedern quillt. Schau an! wie blutig ich, du Herzzerstosser, bete! Hab Acht, wie roth besprengt ich deine Kelter trete! Was foderst du doch mehr? Die Schweißgewässerflulh, Das mir durch Mark und Bein herausgepreßte Blut, Die Zahren, die den Kreis der Wangen überlaufen, Sind diese deine Gunst nicht gültig zu erkaufen, O zornentbrannter Gott? Wo möglich, ach so sey Zum letztenmal ersucht: laß den Gerechten frey!" Der Vater dennoch dringt ihm auf, den Kelch zu lriiikcn, Darob er sinnersiarrl alsbald in Ohnmacht sinken, lind fast zerbersten muß. Der Engel fleucht in Eil, Und andrer Weise nicht, dann eines Bogens Pfeil, Auf ihn, den Herren, zu, reibt seine blasse Wangen, Ertheilt von neuem ihm den Athem zu empfangen, LöSt seinen Gürtel auf, und, wie er Regungsmacht Dem Höchsten wiederum nach Nothdurft beygebracht, Hat er so schnell und stark in Himmel sich geschwungen. Daß Wolken hin und her auf seinen Flug zersprungen. Mein Heilerwerber gab dem Erdreich einen Kuß, Und sagte: „Schluck in dich den Blut- und Wasserfluß, Durch diesen wird der Fluch, den Gott gethan, zerschlagen, Narcissen sollst du mehr, als Dornen künftig tragen. Ach! alle Feuchtigkeit ist weg von mir gerennt, Ich feure durch und durch, mein starker Geist entbrennt. Ihr Juden, kommt herbey, ich will nicht widerstehen, Ja euch, wo ihr verzieht, selbselbst entgegen gehen. Richt diesen Augenblick gemartert sollen seyn, Weiß Gott, das martert mich nur einzig und allein." 298 Andreas Scultctus. Herr Christ, du Lebensbaum, der alle Menschen speist, Wie hast du dich dieß OrtS so wunderbar beweist? Du sollst zur Schädelstätt noch deine Seele bringen, Und hebst mit Todesangst so zeitlich an zu ringen S O Werk, in welchem mir zu grübeln nicht gebührt, Doch das, eracht ich, Herr, von deiner Liebe rührt. Durch welcher Antrieb du natürlich sterben sollen, Und mit dem Tode nicht natürlich ringen wollen! Ach was? ich irre weit. Dein Trauerkörper fangt. Bis daß er zwischen Erd und Himmel nachmals hangt, Hier zu erkalten an, durch welches lange Sterben Du, uns mit lleberfluß den Segen zu erwerben, Mein Bruder, vorgehabt. Noch eines wundert mich, Daß die gestirnte Burg vor deinen Seufzern flch In Stücke nicht zertheilt! daß alle dein Verlangen Und Abbitt in den Wind vergebens fortgegangen! Eottgenaturtcr Mensch, wie daß du sonder Sieg, Blutrünstig überschwitzt, den BetenSandachtkrieg Hinaus geführet hast« Warum wird deinen Klagen Der angelegte Sturm so grausam abgeschlagen? Was frag ich? haben sie doch überaus empört, Durch Aufstand sich zertrennt, und derowegen hört Der WeltkreiSschöpfcr nicht. Die Menschheit will genesen, Hingegen kämpft in dir dein göttlich hohes Wesen, Verjagt, was menschlich ist, steht wider dich und flammt Aus Rachgier lichterloh, reißt dich in Tod verdammt Für unsre Schulden hin. O unerhörte Sache! Du schüttest aus selbselbst, und leidest auch die Rache. Du sitzest, als ein Gott, dem Richter an der Hand, Und führest, als ein Mensch, des angeklagten Stand, O Davids Hinimelzweig! Ich weiß nicht, wo mein Denken In Obacht dieser Angst noch endlich hinzulenken. Hat, wenn die Menschheit dich mit Schrecken übereilt, Dir deine Gottnatur nicht wieder Kraft ertheilt? Ach nein! sie hat vielmehr mit neuen KummerSwogcn Die Geister, welche dich bewegten, überzogen. Ein Mensch beklagt sich auch, erbebt und winselt wohl, Andreas Scultetns. 299 Weiß aber oftmals nicht, ob das sich finden soll, Vor dem er sich entsetzt. Du aber hast im Herzen Erblickt und abgezehlt, wie viel dir Foltcrschmerjen Dein Stammvolk anthun wird. Wie manch und vielerlei) Blntmordspektakel ihm der Juden Tyrannei) An dir zu sehn gedacht, schien dir, als Gott, obhanden, Daher du auch, als Mensch, schon Marter ausgestanden. Mich dcucht, Gemütherarzt, sammt daß du hier bereit, Was dir das Tenfelsvolk für Unbarmherzigkeit Hernachmals zugefügt, was auch für rauhes Leiden In deiner Seelen dir der Himmel zubescheiden, Schon übertragen hast. Allhier verlassen dich Die Jünger schlafversenkt; allhier befindet sich, Was du hernach gesagt, dein Geist von Gott verlassen. Die Juden schleppten dich gebunden durch die Gasse»: Hier, da die Hände selbst zu beten sich geschraubt, Kanst du, mein Herr Gott, auch der Kräfte» ganz beraubt, Den Leib kaum nach dir zieh». Sie werden um dich lege» Ein PurpurspottungSkleid; hier macht der Blutschweißregen Zum Purpur deinen Rock; ja, wie man dir hernach I» deiner Kreutzigung durch Händ und Füße brach. So ebe» hast du dich auf Erde» hier gestrecket. Ich weiß nicht, was noch mehr für Wunder etwan flecket; Doch über alles bürgt ein wunderbares Gut Das ungefedert selbst hervor gedrungne Blut. Ach Seelcnspicauard! ach lcbeuShafte Gabe! An der ich meinen Geist und kranke Sinnen labe, Ein Tropfen fälle sich in vielmal hundert Theil, Ach Kraftblut, alle Welt macht eines dieser heil, Und seelengüterreich. So wird kein Balsam fließen/ Noch auch der Weinbeersaft dem Winzer sich ergießen. Als hier durch Haut und Fleisch dein Licfcrblut sich dringt Und, einer Wolkenbrust fast zu vergleichen, springt, O Gnadenqucll, mein Gott! Es ist in dieser Stunde Dein roth durchstriemter Leib nur Eine bloße Wunde, Liefcrblut^ so viel als geliefertes, d. i. geronnenes, coagulirtcs Blut. So sagt auch Flemming: „Geliefert Blut und Eiter rinnt häufig von ihm weg. 300 Andreas Sciilteliis. Daher Geblüte dann, hoch überaus geschwellt. An allen Enden röhrt. Es wäre wohl bestellt, Wann, Magdalena, dn die Blutabtrauffelflockcn, So unser Herr geschwitzt, in deiner goldnen Locken Fußtrockentuch gefaßt. Ich halte meinen Mund Zu diesem Blut hinan, hier wird mein Geist gesund. Zu Rom mag immerhin das Fechterblut erfrischen, Das einer in sich sanft, wann noch desselben Gischeu Aus dem Verletzten schäumt. Da ist der ganze Christ, Wo du, sein Blut, auch nur in einem Tropfen bist. Was aber soll ich nun von dir, o Garten, sagen? Du wirst hinfort nicht mehr den Oelbaum langsam tragen, Weil über dich das Blut des Allerhöchsten fleußt, Und ringes sich herum auf deinen Grund ergcußt. Mit was für Blumen wird dein Erdreich künftig prangen, Demnach eS diesen Saft des Lebens aufgefangen? Ein andrer erndle Frucht, von dir, o Garten, ein, Mir wird nichts liebers nicht, als deine Düngung seyn. III. Auf das Absterben der Ehefrau des Buchhändler Jacobs in Breslau.* Nicht anders, als ein Schiff jwar seinen Fährmann misset, Doch aber Angesichts, wenn einer cingebüsset, Man einen andern wählt, dem Schiffe vorjustehn, Das samt den Leuten gleich zu Grunde wollte gehn: So mißt auch Euer Haus die treue Hand der Frauen, Und kann in höchster Angst auf keinen Helfer bauen, Als bloß auf Euren Fleiß. Seht auf, als wie ein Mann, Und schätzt euch doch nicht schwer, Herr, was ein Weib gethan! ° Diese Kleinigkeit, vom Jahre 1640. und die drey folgenden Stücke, sind nichts als Gelegenheitsgedichte; die aber deswegen schon werth waren, wieder gedruckt zu werden, um auf einmal alles übersehen zu können, was von ihrem Verfasser bis itzt sich auftreiben lassen. So unbeträchtlich sie ihrer Gegenstände wegen sind: so viel eigenes hat jedoch auch das geringste derselben; und in allen sieht man den guten Kopf, der nach Plan, und immer »ach seinem eigenen Plane arbeitet. Andreas Sc»ltet»S> 301 IV. Auf den Namenstag Herrn Balth. Zoffels, Kanserl. Naltraths." Der Unterhimmel wird mit Nebel überdeckt, Mit Donner, Blitz und Ranch erschrecklich angesteckt; Auf Erden kömmt zusammen Der Winde leichter Lauf; Die abgeworfnen Flammen Fängt jeder Abgrund auf. Der Oberhimmel geht in seiner Silberpracht, Dahin sich ewig auch nicht eine Wolke macht; Er ruhet frey von Winden, Vor sich, stets ungewandt; Da ist sonst nichts zu finden, Als lieblicher Bestand. So, weil die grimme Glut, die MarS hat angelegt, Auch über unser Haupt mit Macht zusammen schlägt, Muß mancher Geist der Erden Des schnelle» TodeS seyn; Wer größer können werden, Dem jagt sie Schrecken ein. Der höchste Himmelgeist sieht solchem Jammer z», Schlägt Angst und Kummer ans, hat bey dem Kriege Ruh. Er läßt sich nicht verkehren, Wenn alles knakt und bricht; Und weiß sich steif zu wehren: Sein Herze wanket nicht. ° Zst von 1641. Raitrath ist so viel als, Rath bey der Rechnungs- kammer: vo» dem alttii raircn, rechnen. Sciiltctns sagt von diesem Zoffel, daß er des Spitz Freund gewesen, und von ihm Gedichte besessen. Ich kann mich nicht erinnern, ob unter den gedruckten Ovitzischcn Gedichten etwas an ihn vorkömmt. 302 Andreas ScultetuS, Herr Zoffel, Euer Sinn geht dieser vielen für, lind glänzt dem Meister gleich; ist Aller werthe Zier. Ihr habt bey jungen Jahre», Da manche müßig gehn, Den rechten Griff erfahren, Wie Noth sey anSzustehn. Wenn einer etwas schon bey junger Feit gethan. So kommt ihn dieß hernach im Alter leichter an. Im Kriege ward empfnndcn, Wie wohl Ihr mit der Hand Vor Schlägen Nath gefunden, Doch besser durch Verstand. Da habt Ihr freyen Weg zur Tugend Euch gemacht, Zu welchem manchen kaum ein grauer Kopf gebracht. Man sah Euch thätig lehren Am kleinen, daß Ihr werth Des größten Standes Ehren; Die auch zu Such gekehrt- Als Eures Namens Ruhm bis an die Sternen drang, lind an derselben Bild, des KayserS Hof, sich schwang. Da ist er auch beklieben; Und bis ins dritte Haupt Bey Gunst und Ruhm geblieben, Groß, herrlich, unberaubt. Wer Einem Kayser bloß in Dienste» wohlgefällt, Den ehrt, und zwar mit Reckt, ein jeder Ort der Welt. Wer Dreyen kann gefallen, Als, mein Herr Zoffel, Ihr, Geht dieser, wo nicht allen, Nicht derer meisten für? Was schlag ich Zeiten ans! Der dritte Ferdinand Hat Euch bey ihm ein Amt rechtmäßig zuerkannt; Andreas Scnltctus. 3NZ Gleich, als uns wollte todten Das wilde KriegeSschwcrdt, Da solches Volk vonnothen, Das mit Verstände wehrt. Dermaßen pflegt Ihr hier zu wehren Euren Mann, Samt alles, was Ihr thut, Euch selber sey gethan: Könnt so zu Rathe halten, Als sey eS andrer Theil, lind treulich auch verwalten Dieß allgemeine Heil. Ihr tragt mit großer Lust die chrcnwerthe Last, Dieweil Ihr mit Geduld und Kräften wohlgefaßt. Euch hat das Joch erwecket, Und an das Licht gebracht, Das andre Leute schrecket, Und allzu müde macht. Der Willen machet Euch, was schwer ist, leicht und schlecht; Durch ihn wird alles Thun verrichtet wohl und recht, Wie, wenn ein Vogel zittert, Und sich dem Leim entschlägt, Er sich doch ganz zersplittert, Und in die Federn legt: So, wer die Sorge fleucht, dem wird die Bürde schwer; Wer aber willig trägt, der geht darunter leer. Wohlan, Ihr habt den Sorgen, Rathschlägen Unterthan, Vom Abend bis zum Morgen Bisher ihr Recht gethan. Jyt schlagt des Amtes Last uud andern Kummer ans, Heut ist ein Ehrentag, erfreuet Euer Haus. Wer immer ihm ergeben Dem Amte stehet für, 304 Andreas ScnltetuS. Der mag auch lustig leben Bisweilen nach Gebühr. Muß unser schnöder Leib zur Nuhstatt täglich gehn, So laßt den müden Geist doch eines ruhig stehn. Legt hin die Kammcrschrciben, Der tiefen Sorgen Sitz; Wer kunmicrlos kann bleiben, Der hat den besten Witz. Sucht in den Kasten auf der Verse treues Pfand, Wie Such für seinen Freund Herr Opitz hat erkannt, Der oben bey der Sonnen Der weisen Welt bewußt: Was seine Faust gesponnen, Wirkt Rachdacht und auch Lust. Wo dessen Vers nicht hilft, so faßt die Kanne Wein, lind schenket in ein Glas zugleich den Kummer ein. Wir leben nicht auf Erden, Daß wir durch Müh und Pein, Die nicht gebrechen werden, Am Leben Mörder seyn. V. An Herrn Goldbach, bey seiner Verheyrathung." Nun fällt der Tag herein, in dem Euch an die Seiten Sin uttbeflecktcS Bild der alten Väterzeiten Gesetzct werden soll; der freudenvolle Tag, In welchem weiland sich der wilde Heide pflag Nach Bachen umzuthun: die schrieen in die Wette, Gleich als der Säufer Gott sie angetrieben hätte, Verhüllten ihren Kopf mit Blättern um und an, Und schlössen überdies zum Tanzen einen Plan, ° Ist von 1V42. Andreas ScultctuS. Das sinnenlosc Volk! Ihr könnt genauer wissen, Woher auf diesen Tag die Fastnacht Freuden flieffcn, Herr Goldbach, zweifelt nicht! Betrachtet Euer Haus, Schickt Augen und Vernunft nach wahrer Bothschaft ans Nehmt aller Freunde wahr, wie muthig sie sich weisen, Und Eure Braut gcsammt mit einem Munde preisen. Dann welcher wüßte sich so steinern um die Brust, Dem dieses Conterfey der wahren Tngendlusi Verschmählich sollte seyn? Wohlan, so habt Gedanken, Mit was für Einigkeit sie mit einander zanken lim Eurer Liebsten Zucht. Der Eine hält dafür, Sie sey der Sara gleich, und würde nach Gebühr Euch zu Gebote stehn. Der Andre will sie gleichen Der Tochter Bethucls, dieweil sie Hand zu reichen Und wohl zu thun gewohnt. Der Dritte bringet an, Wie ihre Freundlichkeit das Herze brechen kann, Nach Rahels ihrer Art, um welcher Anmuth willen Der Jacob vierzehn Jahr, die keusche Brunst zu stillen, In Diensten hingebracht. Der Vierte macht Geschrey, Wie daß sie an Geduld der Lea Schwester sey. Der Fünfte bricht hervor, getrost ihr beyzumcsseii, Wie JaelS starker Muth ihr allen Sinn besessen. Der sechste Biedermann der übergeht den Muth, lind giebet ihrer Hand vor dir, du theure Ruth, Du unverdroßne, Platz. Sein Nachbar kann bewahren, Sie werde nimmermehr sich nach dem Winde kehren,- Das Elend bräche schon von Ost und Morgen ein, Vielmehr, wie Michal, Euch zum Schirme dienstlich seyn. Da nimmt der Achte dann ihm Anlaß, sie zu preisen, Und denkt Abigaii persönlich auszuweisen Durch ihren MannSvcrstand, Der Neunte giebt Bericht, Weil jedermann von ihr ein gutes Urtheil spricht, So schiene sie, und sey in diesem großen Stücke Der Judith zugethan. Der Zehnte sinnt zurücke, Wie ihr Gesichte flammt, und langet ans den Grund, Daß Esters Wangenschmink und roscnglcicher Mund Sie angcstorbcn sey. Den Eilften deucht Susanna '.'esimgg Werke vni. 20 30K Andreas ^cultetuS. Richt keuscher seyn, als sie. Ein andrer paart die Hanna Mit ihr in Frömmigkeit. Und immer so fort an, Wie ich nicht alles hier mit Namen nennen kann, Nimmt dieses Lobgcspräch und angenehme Streiten Roch starker überHand; weit anders, als vor Feiten Der ersten Römer Kern vor Ardca bezecht, Ein jeder sein Gemahl, und Collatin mit Recht In das Gestirne hub. Hier zielen alle Zungen, Nicht wie ein jeder da für seinen Schatz gerungen, Auf Euer HcrzenSlicb. Mir kommt es eben vor, Wie in der Singeknnsi ein wohlbcstclltcs Chor, In welchem keiner nicht dem andern gleiche singet, Doch Eine Mclodcy im Untcrscliicdnen klinget: So stimmen, welche hier von vieler Meinung seyn, O Gönner, allzumal im Hauptpunkt überein. Ach! scclig soll man Euch und aber scclig achten Bey einer solchen Braut! Ihr Leben Thun und Trachten Steht vor das HcyrathSgut: denn aller Geldgewinn Fallt oft geschwinde zu, und oft geschwinde hin; Das aber hat Bestand. Ihr könnet von den Sachen, Dnrch Hülfe der Vernunft, Euch leichte Rechnung machen, Daß eine reicher sey, die mit beherzter Hand lind nberschifflcr Rast des Gangis seinen Sand Zusammen lesen kann, als welche mit dem Gelde Den Kasten überbrückt. Die Tugend zeucht zu Felde, Sucht Beute Tag und Nacht; hat, was sie in der That Noch lange, lange nicht ihr zu geworfen hat, Und bleibt mit sich vergnügt. Das werden alle wissen, Die Weisheit anSstaffirt; Ihr aber auch gemessen An Eurer werthen Braut. Sie wünschet allbcrcit, Und hoft die Wiederkunft der wunderschönen Feit, In der die Sonne sich dem Westen wird vertrauen, Und dieser Erdenrund, den Tempel Gottes, bauen Mit Werken der Natur. Da weiß sie auch mit Lust Die Unlust anszustchn. Dem Werder ist bewußt, Wie sauer sie geschwitzt. So wird sie künftig wachen, Und andern einen Muth mit ihrem Fleiße machen. Andreas Scultetns. 307 Dann, haut ein Führer selbst den Feinden in das Dach, So setzt sein Kricgcshecr ihm unerschrocken nach: Nicht anders geht es hier. ES lasse nur die Mühen Der Kreaturen Herr nicht ohne Frucht verblühen: Er lenke was Ihr thut: (mit ihm führt eine Hand Vielmehr, als tausend, aus) er segne diesen Stand In den ihr heute kommt. Doch soll ich prophejeyen, So, meyn ich, wird er wohl zum Ucbcrsluß gedeyen. Hegt Ihr nur gleichen Sinn, und mischt das fromme Blut! Wie Mann und Weib gebahrt, sind Ehen falsch und gut. VI. An seinen Lehrer, den Prof. Christ. Colcrus, bey dessen Namenstag." Auf! Mutter Schlesien, du Rüsthaus großer Güter, Du Abgott der Natur, du Amme der Gemüther, Die fcucrhertzig sind! Auf schönes Vaterland, Wiewohl dich dieser Zeit Eradivus Tonnerhand Zum Schandspcktakel führt! Vergiß der Hauptbcschwcrdcn, Die durch Vergessenheit zum Theil erleichtert werden. Und fcyre neben mir Herr Cölcrn dieses Fest, Der wider deinen Schimpf und unsrer Zeiten Pest In vollen Waffen steht. Der Europäer Wunder, Der deutschen Völker Ruhm, der BoberSsöhne Zunder, Mein kluger Opitz brach durch unerschöpftcn Fleiß, Durch unentfärbtcn Ernst, der Mutterrcden Eis Uns Allemännern auf. Nach diesen seinen Thaten, Die eine That verbracht, befand er an Soldaten, Dem nachzustreben war. Ein Führer in der Schlacht, Nachdem es seine Faust auf guten Weg gebracht, Der weicht ermüdet aus, schaft andern nachzuhalten: Sein Rittergrimm verlischt; der Feinde Rücken schauen A'egnügt den Löwcnmuth. So, wie allhicr die Flucht Der Sprache Barbarey, das graue Thier, gesucht, " Ist gleichfalls von 1642. als nach welchem Zahrc mir weiter nichts von dem Dichter vorgekommen. 20° 308 Andreas Scultetus. Ließ Opitz den Beruf der deutschen Phöbus Sinnen, Verstieg sich anderweit erhitzter auf die Zinnen, Wo grüner Ruhm hausirt. Die Sache ward bestürzt, Und durch des Meisters Rast im wachsen schon verkürzt, Als wenig unterbaut. Wer hat sich da gefunden, Der unsrer Lcyer sich so eyfrig untcrwundcn, Als, werther Cölcr, Ihr? Der Unsern Vaterland Hat mit der ersten Milch den himmlischen Verstand In Euren Sinn geflößt. Wen diese Stadt der Erde» Zum Bürger ausgesetzt, dem muß der Himmel werden; Der steigt, wie Feuer, auf. Auch ihr ParnassuSlicht, Das durch die kalte Nacht der grimmen Laufte bricht, Verdienet dieses Lob. Mincrvenbrüdcr Sonne, Ich meyne, Gruter, dich, der hatte seine Wonne, Wann Eure Muse sich durch einen Lustgesang Bis an den Rittcrfitz der Adromcden schwang: Und Buchner noch anjetzt. Wen solche Seelen lieben, Der hat sein Ehrenschiff schon hoch genug getrieben, Entstände gleich auf ihn die ganze Welt ergrimmt. Und eine LiebeSglut, die solcher Orte glimmt, Ist dieser vorzuzichn, so anderwegen brennet, Die Tugend aber nicht für ihren Zweck erkennet, Als wie AntistheneS. Bey Euch verfängt er wohl: Ihr liebet, was an Euch geliebet werden soll, Und ehret, was man ehrt. Die deutsche Picrinnc Ist das geringste fast an Eurem reifen Sinne, Wie hoch sie euch erhebt. Was Tacitus verschweigt, Der Sachen oft und viel nicht redet, sondern zeigt, Verschweigt er Euch doch nicht. Was dessen Mitgesellc, Der Einen Ruhm mit ihm, Ein Alter, Eine Stelle, Ein Herze hat geführt, was dieser Mann geblitzt, Hat Aufenthalt bey Euch. Was Florus ausgeschwitzt Ist Euer Labetrank. Was jener aufgeschrieben, Der diesen Tag zu Rom mit zwanzig Wunden blieben Und dreyen noch dazu; was LrispuS vorgestellt, In dem die lleppigkeit und Tugend sich gesellt, Versteht Ihr ohne Falsch. Was Victor hat besonnen, Andreas Scultctns. Dem denkt Ihr weiter nach. Was andre mehr gesponnen, DaS wirkt Ihr künstlich aus. Was weiland der Schlcidan, Und unser Tacitns, der wichtige Thuan Von Weltgeschichten zeugt, kann einer uiivergraben Bey Euch auch ohne Buch in guter Ordnung haben. WaS die gehöfte Welt, wo Silis sich crgeußt lind das atlanter Meer die letzte Gränze schleußt, Für Art zu herrschen hat, ist alles Eurem Herzen Bekannter als bekannt. Ihr gleichet Euch der Kerzen Bey Alexandria: dann Euer Sinn der steht, Und wird auch weit gesehn. Er weiß, so was geschieht, Was drauf geschehen soll; hält scharfe Hut und Wache, Hat mit der Ewigkeit nicht eine schlechte Sache, Die keinen Lassen liebt. So lebet Ihr, mein Licht; Und welcher anders lebt, der lebt bey weitem nicht. Wer aber lebt, wie Ihr, kann doppelt scelig leben, Und, muß er seinen Geist den Parcen übergeben, So reißt er dennoch aus, durchwandert alle Welt Als eine Bürgerstadt, und schlaget sein Gczclt Bis an den Himmel auf. Ach, sollten dieses wissen, Die ihre junge Feit vorüber lassen fliesscn, Wie würden ste nach Euch und Eurer Lehre stehn! Ach könnte dieses mir doch recht zu Herzen gehn! Ach daß ich mit der Zeit, mein Thales, Eure Lehren Die, als Orakel, sind, gehirnter könne mehren, Was Euer Fleiß von mir zum Lohne bloß begehrt! ' Ach daß auf diesen Tag mein Wahn sich nicht verkehrt! Sonst will ich alles wohl mit gutem Muthe leiden, Nur das verziehen nicht. Doch sagt mir, was zu meiden, Was fortzufallen sey; ertheilt mir Eure Gunst, Die mehr, als Lehren, gilt. Ich weiß noch keine Kunst, Dann Unterthan zu seyn. Doch hab ich recht vernommen, So sind von dieser Kunst die andern alle kommen. Schaft Ihr nur mir getrost die Wissenschaften an. Laßt sehen, ob ich nicht getroster folgen kann, O Ursprung meiner Zucht. Wie bey den alten Tagen Den jungen Greis von Gent der Skaliger getragen, Andreas Scultetus. Wie Berncggerus Such mit Treuen hat gemeint, Wie AnaxagoraS, Pcrikles, dir gescheint; So steht Ihr auch bey mir. Was bin ich am Verstände, Das nicht von Eurem kömmt? Ich trüge Spott und Schande, Für Federung davon, wenn Euer Geist gethan, Dem ich in Ewigkeit nicht Dank erweisen kann. Der Höchste gönne nur Euch spate Lebenstage, Bis daß ich, als ein Baum, die goldncn Früchte trage, So Ihr in mich gepflanzt. Die streichet nachmals ein; Dann alles unser Thun soll Euer ewig seyn. Nun, das Perenncnfcst ist gar gcnung besungen. Ich wünschte mir dazu auf heule tausend Zungen: Doch, wann ein solcher Sinn, wie meiner ist, gebricht, So reichen dieß zu thun auch tausend Zungen nicht. Predigt über zwei Tezle. 1769.«) .....In Lesfmgs Briefwechsel mit Hrn. Hofr. Ebcrt las ich neulich, daß Lesfing in einem Briefe vom 28 Dez, 1769 schreibt: „Al- „bcrti befindet sich wohl; und was mich an ihm eben so sehr frenl, „als seine Gesundheit, ist, daß seine Versöhnung mit Goezcn ei» falsches Gerücht gewesen. ZZsr-ik wird daher wohl predigen, und „seinen Sermon mit nächsten einsenden." — Dies wird schwerlich jemand verstchn. Wie kömmt Äjorik z» Alberti und Eöze»? — Hr. Hofr. Ebcrt hat diese litterarische Anekdote bei der Herausgabe seiner Briefe nicht erläutert; und dies veranlasset mich, es hier zu thun, zumal da ich dabei ein kleines Bruchstük von Lessings Ideen mittheilen kann, das mir seit zwanzig Jahren im Gedächtniß geblieben ist, und vielleicht sonst ganz verloren ginge........ Während Lessing in Hamburg lebte, entstand daselbst ein großer Theologischer Zwist. — Seit langer Zeit war in den Hamburgischcn Kirchen an den Bußtagen ein Äircheiigcbct abgelesen worden, worin un- ") Aus einem Aufsatze von Fr. Nicolai in der Berlinische» Monatsschrift, Band xvil (1791), S. 30-45. Predigt über zwei Texte. 311 ler andern auch die Worte aus Psalm IvXXIX, <>: Schütte deinen Grimm auf die Heiden und auf die Königreiche, die deinen Namen nicht anrufen/ standen. Im I. I76ö hielt Alberti, und ein anderer Prediger (wenn ich nicht irre, Liebrecht,) eS wider ihr Gewissen, diese Worte ferner von der Kanzel zu sprechen, uud ließen sie aus dem Bußgcbete aus, Goezc, streitsüchtigen Andenkens, unterließ nicht, darüber Lärm zu schlagen und seine Kollegen aufs bitterste zu verunglimpfen. Alberti kam auch in Eifer; der Pöbel nahm Partie für Goezen, und wollte Gottes Grimm über Alle ausgeschüttet wissen, die nicht wie Eoeze und der Pöbel dachten. Der Lärm ward endlich so arg, daß der Magistrat Herrn Goeze bei Strafe der Suspension befahl (°), die Sache ruhen zu lassen. Lcssing billigte gewiß Goezcns hämische Verunglimpfungen nicht, und war gewiß kein Freund davon, daß der Grimm Gottes sollte erbeten werden. Aber er ward von seinen Freunden nun gcnckt, daß er seinen Vertrauten Gceze, so wie er sonst zuweilen gethan hatte, vertheidigen möchte. Seine .... Neigung, in gesellschaftlichen DiSpüten sich auf die schwächste Seile zu schlage», machte, daß er «un auch wirklich das Kirchengebct in Schutz nahm. Er hatte alle Stimmen wider sich, und besonders erstaunte Alberti natürlich sehr, daß Lcssing Partie gegen ihn nahm. Ticser aber setzte die Verthcidi- gnng mit seinem gewöhnlichen Scharfsinn fort, und sagte unter andern: „Man müsse in dieser Sache wohl distinguircnz dann werde „sich finden, in welcher Rüksicht man' sehr wohl so beten könne und „so beten müsse." Alberti rief auS: „Hier helfe keine Tistinktion, „denn in aller Betrachtung sei cS abscheulich, ein solches Gebet zu „beten." Lessing verfocht seinen Satz. Beide Theile wurden heftig. Alberti lief endlich auS: „Christus sagt: 2ni sollst deinen Nächsten „lieben als dich selbst!" Lcssing versetzte: „Das sollen uud wollen „wir auch, uud mögen doch wohl Gottes Grimm über die herbeirufen, die ihn verdienen!" Alberti rief mit einer Art von Triumph aus: „Die Distinktiv» möchte ich schcn, mit welcher Sie dies vereinigen wollten!" Lcssing sagtc: „VaS sollen Sie sehen!" Alberti uud Andere lachten. Lcssing ging fort und machte in wenigen Tagen fertig: (°) Man s. Allgcin. Deutsche Biblisch, xil, 2, S. 93, 98; XVII, 2, S. 017. , 312 Predigt über zwei Texte. »Line predigt über zwei Texte; iiber Psalm I^XXIX, 6: Schürte deinen Grimm über die Heiden u. s> w.; und über Matth. XXII, 39: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst; von Aorick. Aus dem Englischen übersetzt. t?r ließ ven dieser Predigt in der Druklerci seines Freundes Dode/ auf dessen Verschwiegenheit er rechnen konnte, einen halben Bogen, worauf der Titel und ein Theil der Vorrede war, absetzen, und nur cm halb Dutzend (.'xcmplaricn abdrukkc», wovon er eins seinem Freunde Alberti unvermerkt in die Hände kommen ließ, als ob cS unter der Presse wäre. Alberti übersah mit einem Blikkc, daß mit einem Manne wie Lcssing nicht zu scherzen sei, und daß bei der damaligen Eährung diese Predigt, wenn sie bekannt würde, eine für ihn sehr nachthcilige Wirkung anf das, gegen ihn bereits unbilliger Weise aufgehetzte, damalige Hamburgischc Publikum haben könnte. Der edle Lessing hatte kaum einige Verlegenheit in der Miene seines Freundes bemerkt, als er ihn umarmte, und ihn versicherte, cS sei bloß Scherz, und die Predigt solle nicht bekannt werden; obgleich im Grunde Gocze mit derselben auch gar nicht würde zusricdcn gewesen sein. Nur Alberti und einige andere von LcssingS vertrauten Freunden, und unter denselben auch ich, bekamen sie unter dem Siegel der Verschwiegenheit zu lesen; und diese damals nöthige Verschwiegenheit hat auch bis itzt Niemand derselben gebrochen. Diese Predigt war wirklich in ihrer Art ein Mcisicrstük, und es wäre ein großer Verlust, wenn das Manuskript, wie ich fast befürchte, völlig sollte verloren gegangen sein. Joricks Manier war völlig erreicht; eben die Simplizität, eben die scharfsinnige und gutmüthige Philosophie, eben die uienschcnsrcnndliche Thcilnehmung und Toleranz, eben die Ausbrüche heiterer Laune, die aus dem ernsthaftesten Gegenstände ganz natürlich entsteht!. Ich erinnere mich, sie mit unbeschreiblichem Vergnügen zweimal gelesen zu haben; (°) aber von der Predigt selbst habe ich nichts in einigem Zusammenhange behalten. Es ist mir nur der Inhalt eines Theils der Vorrede sehr lebhaft im Gedächtniß geblieben; eine Dichtung, welche die Veranlassung enthält, die Zorick gehabt haben sollte, diese Predigt zu verfertigen. Ich will sie hier mittheilen. Sollte je Lesstngs Manuscript/ oder wenigstens (*) Als Lcssing das lctztcmal in Berlin war, hatte er sie nebst andern Aufsätze», die nur seine Freunde sehen sollten, mitgebracht...... Predigt über zwei Texte. Z13 ei» Exemplar der Paar gcdrukten Blatter, noch zum Vorschein komme»; so wird ma» vermuthlich sehe», daß ich das Wesentliche sehr fest im Gedächtniß gefaßt habe. Findet man aber alsdann diese nur aus dem Gedächtniß von mir aufgesetzte Erzählung unter Lcssing; so erin- uere ma» sich, daß ich dies hier selbst im voraus zugebe. Sollte indessen nichts von der Predigt und ihrer Vorrede übrig geblieben sein, so wird ein Brnchstük eines schätzbaren Kunstwerks, wenn es auch einige» Schade» gelitten hat, noch immer etwas werth sein. Die Idee der Erzählung ist folgende: Ter Oberst Shand)» ging eines TagcS mit seinem getreuen Trim spatzicren. Sie fanden am Wege eine» mager» Mciischen in einer zerlumpten Französischen Uniform, der sich auf eine Krükkc stutzte, weil ein Fuß verstümmelt war. Er nahm stillschweigend mit niedergeschlagenen Augen den Huth ab; aber sein kummervoller Blik sprach für ihn. Der Oberst gab ihm einige Schillinge, ungezählt wie viel; Trim zog einen Pennt) aus der Tasche, und sagte, indem er dcnscl- bcn gab: Irenclr 8 Bercnganus Tnrencnsts. Freund, — kaum verdiente, daß Sie sich die geringste Mühe gaben, ihn zu einem Deutschen zu machen. Er sey ein Deutscher, oder ein Wähle, oder was er will, gewesen: er war einer von den ganz gemeinen Leuten, die mit halb offnen Augen, wie im Traume, ihren Weg so fortschleudern. Entweder weil sie nicht selbst denken können, oder aus Kleinmut!) nicht selbst denken zu dürfen vermeinen, oder aus Gemächlichkeit nicht wollen, halten sie fest an dem, was sie in ihrer Kindheit gelernt haben: und glücklich genug, wenn sie nur von andern nicht verlangen, mit Gutem und Bösen verlangen, daß sie ihrem Beyspiele hierinn folgen sollen. Lieber wollte ick, daß Sie mir den Zöerengarius zu cincin Deutschen machen könnten! — „Den Zöerengarius? diesen „Ketzer? diesen doppelten Ketzer? Ketzer in seiner Trennung „von der Kirche: Ketzer in seiner Rückkehr zu ihr." Wäre das auch alles so: nichts destowcnigcr! Das Ding, was man Ketzer nennt, hat eine sehr gute Seite. Es ist ein Mensch, der mit seinen eigenen Augen wenigstens sehen wollen. Die Frage ist nur, ob es gute Augen gewesen, mit welchen er selbst sehen wollen. Za, in gewissen Jahrhunderten ist der Name Ketzer die größte Empfehlung, die von einem Gelehrten auf die Nachwelt gebracht werden können: noch grösser, als der Name Zaubrer, Magus, Tcufclsbanncr; denn unter diesen läuft doch mancher Betricgcr mit unter. Daß Nercngan'us in einem solchen Jahrhunderte gelebt, das ist wohl unstreitig. — Also auch: wcniv Ihnen die Wahl noch itzt frey stünde, ob Sie lieber vom Aöelmann, oder vom Zderengar, etwas an das Licht bringen wollten; wem würden Sie Ihren Fleiß wohl am liebsten widmen? Doch, das bedarf keiner Frage. Sie wissen über dieses zu wohl, wie unbekannt noch bis itzt der wahre Zöercngan'us ist; wie unzuverlä- ßig sich noch bis itzt von seiner wahren Meynung urtheilen lasse; und wie sehr, auch daher schon, alles erhalten und bekannter gemacht zu werden verdienet, was ihn angehet, und dieser Unzuvcrläßigkcit abhelfen kann. Zöerengarins selbst hat alles gethan, um die Nachwelt, wegen seiner eigentlichen Lehre nicht in Zweifel zu lassen. Er Bcrcng.irius Tiironcnsis, 3l!> hat sie in mehr als einer Schrift vorgetragen, und gegen seine Widersacher in mehr als einer vertheidiget. Das bezeugt Sigcberrns Gemblaccnsis. (°) Aber wo sind sie, diese Schriften? Hielt man es nicht der Mühe werth, sie zu erhalten? Oder hielt man es der Mühe werlh, sie vorschlich zu vernichten? Wenn die Schriften seiner Gegner zugleich mit dahin wären: so möchte leicht jenes eben so wahrscheinlich seyn, als dieses. Aber da kann man, ausser Ihrem Adclmann, — wenn man will, — noch einen -L.KN- francus, einen Gm'tmunSus, einen Algerus, cincn Deodninus, und wie sie alle hcisscn, der verderbenden Zeit zum Trotze, lesen ; die sich alle trefflich mit dem armen Bcrcngarius hcrum- zankcn und — Recht behalten. Wie natürlich: denn man hört nur immer einen sprechen; und wenn der andere ja einmal etwas sagt, so sagt er es durch den Mund seines Gegners. Es müssen abcr, schon zu des Flacius Zeiten, die Schriff- tcn des Dcrcngarius so gut als aus der Welt gcwcsen seyn. Man kennet den unverdrossenen Fleiß dieses Mannes, (seinen irn^iodus labor, in jedem Verstände, wie man sagt) mit welchem er alles überall zusammen suchte, was er zu seiner Absicht dienlich hielt. Gleichwohl war ihm weiter nichts von dem Zöercnganus bekannt geworden, als was jedermann kannte; seine Palinodie auf der Kirchenversammlung zu Rom, untvr Nicolaus dcm zweyten, und die wenigen Stellen, welche aus seiner nachhcrigcn Verdammung dieser Palinodic uns Ä.anfran- cus aufzubehalten für gut befunden hat. Dieses waren denn auch die Beweisstücke alle, auf die man sich in den unglücklichen Sacramcntarischcn Streitigkeiten berufen konnte, wenn von der einen, oder von der andern Gemeinde der Protestantischen Kirche, des Dcrengarius, zum Schutz oder zum Trutz, Erwähnung geschah. Ich wünschte nur, daß es von beiden Theilen mit mehr Mißtrauen in die Glaubwürdigkeit derselben geschehen wäre. Ein Wicdcrruf, den ein (°) ScrinNt cnnlrit ^uelmimnum — uefcnuens lusm lle mvNeriis t!I>riM senlenliiim. IZt quiil mulli Nil eimi, vel onnlra eum super Iiüc re tcripserii»!, Iori>>l1t K inle !«I vel contra eo«. — /)e >Hn',/»/. /?cc?> c»/,. 154. »- L-S/. Zcc?> ^V-S^ici,'. x. III. 320 BcrcngarinS TnroncnsiS. vermeinter Irrgläubiger gezwungen unterschreiben muß; einzelne, unzusammenhangende Stellen, die seine Gegner ihren Widerlegungen aus seinen Schriften einverleiben, beweisen wohl, was diese Gegner sich eingebildet, daß dieser Zrrgcist geglaubt, beweisen wohl, was sie verlangt, daß er an dessen Statt glauben sollen: aber das, was er eigentlich geglaubt hat, kann von beiden, von dem einen so wohl als von dem andern, gleich weit entfernt seyn. Sucher hatte hier kein Arges; er nahm das, was für die wahre Meynung des Bercng«rius von den Widersachern desselben ausgegeben ward, dafür an; und da er immer noch der Transsubstantiation geneigter blieb, als dem blossen Tropus, da er sich überführt hatte, daß diese Auslegung mehr mit dem Wesentlichen des Glaubens streite, als jene: so bezeigte er seinen ganzen Unwillen gegen den Dercngarius, und erkannte nicht allein die von dem Pabst gegen ihn gebrauchte Gewalt für Recht, sondern billigte auch die Ausdrücke des ihm aufgedrungenen Wicdcrrufs sogar mehr, als sie selbst von manchen Katholiken waren gcbilligct worden. (°) Berengar ward in seinen Augen das Schlimmste, was er seyn konnte, ein Vorläufer der ihm so verhaßten Sacramcntircr, dessen Irrthum Larl- siadr und Zwinglias bloß erneuerten: und was Dcrenga- riu» in Luthers Augen war, das blieb er in den Augen seiner orthodoxen Nachfolger, der Mcstphale und Selncckcr, die ihn mit aller Strenge behandelten. Mir ist unter den ältern Theologen unserer Kirche nur ein einziger bekannt, welcher gelinder und vortheilhaftcr von dem Zberengarius urtheilet; (°) „Darum thun die Schwärmer unrecht, sowohl als die Elossa im geistlichen Siecht, daß sie den Pabst Nicolans strafen, daß er den Bcrcn- ger hat gedrungen zu solcher Bekännlniß, daß er spricht: Er zudrücke und zuriebe mit seinen Zähne» den wahrhaftigen Leib CHristi, Wollte GOtt, alle Päbstc hätten so christlich in allen Stucken gehandelt, als dieser Pabst mit dem Berenger in solcher Bckänntniß gehandelt hat." Kurhers Bekenntniß vom Abendmahl THristi, im Jahr 1628. t°°) „Carlstadt erneuerte den greulichen Irrthum ZZercngarii vom Sacrament des Abendmahls, daß daselbst nur Brodt und Wein u, s. w. Alirifaber, im Bericht, was sich mit Luther und seiner Lehre in den Jahren 1624. und 26. zugetragen. Berengarius TlironensiS, 321 und dieses ist eben der Flacius, (6) der gleichwohl zu seiner bessern Meynung von ihm, nicht mehr Data hatte, als jene zu ihrer schlimmern. Arnolden könnte ich ihm allenfalls noch beygesellen: aber in dessen Plane war es, sich aller Ketzer anzunehmen. Hingegen liessen es die, welche sich zur Meynung des Arvinglius bekannten, sich nicht zwcymal sagen, daß Berenga- rius ihr Vorgänger gewesen sey; sie griffen begierig zu, und setzten sich ganz in den Besitz dieses Mannes. Wer kann es Ihnen verdenken? Es war ihnen daran gelegen, daß ihre Lehre für keine Neuerung angesehen ward; es mußte ihnen lieb seyn, in frühern Jahrhunderten die Spuren davon aufweisen, und dadurch wahrscheinlich machen zu können, daß ihr Glaube kein andrer, als der Glaube der ersten Christen sey. Dabey war Derengarius ein so angesehener, so gelehrter, so scharfsinniger, und von Seiten seines Lebens, selbst nach Zeugnissen seiner Feinde, so untadelhaftcr Mann gewesen, daß sie im geringsten nichts wagten, sich frcywillig für seine Nachfolger zu bekennen. Von jeher haben daher auch die angesehensten Reformirten Theologen, wo sie in ihren dogmatischen, oder polemischen, oder historischen Schriften auf den Aercngarius kommen konnten, sich sehr gern bey ihm verweilet, und ihn mit so vieler Geflis- scnheit, mit so vieler Wärme vertheidiget, daß Lutherische Gelehrte davor warnen zu müssen, nicht umhin zu können glaubten. (**) (°) Sowohl in seinem c»>. Veril,, als auch in den Magdcburgi- schen Centurien, die unlcr seiner Aussicht ganz in dem Geiste jenes Werks verfaßt wurde». (°°) Inler eos, izui UMvrigm Le-'enZ'a?'» conkignÄrunt, eireuuisoeoto et e-lute lexvnlli lunt Nesorinsti, yU!>i>Suiiuil>em i>I »xuni, vt xurZenl Ss- renxsrium, specivley»« öekeiul»»!, quollum rekero losnneiu Lpiscopum vunelme»5em. ^ec/itt»« N!in- iwiionis l>!>i>aiis, zu Bremen 4678. nachgedruckt worden. Er hatte aber eben sowohl einen Mornäus, Forbesius, Usserius/ und zwanzig andere nennen könne», welche Tribbechovius, ohne Zweifel in Gedanken hatte, wenn er schrieb: Ilse cke cerlsmine KeienAa?-- neu me», 5e<> LMoricorum tiSe Socere votui, cuin viSerem ex kefoiwiUis iion xsucos appolilo ver- dorum colors, oliseuralis «liquidus, nonnuIU» elism Nlenlio xrescis, riiwi» Lessings Werke vui. 21 Bereiigarins Turonensis. Nur endlich, zu Anfange dieses Jahrhunderts, hätten leicht die Wagschaalcn für den 2berengarius umschlagen können. Ausser verschiedncn Kleinigkeiten von ihm, welche fleißige Gelehrte aus Handschriften nach und nach bekannt machten, die aber mit seiner Streitigkeit vom Abendmahle in geringer oder gar keiner Verbindung stehen, brachten nehmlich ZNariene und ZOurand eine von dem Derengarius selbst aufgesetzte Verhandlung von der, unter Grcgorius dem siebenden, im Zahr 1078 seinetwegen gehaltenen Kirchcnvcrsammlung, aus einem Manuskripte zu Gcmblon an das Licht. Hatte man bis dahin wohl noch gezweifelt, ob überhaupt Berengarius unter nur gedachtem Pabstc nochmals persönlich zu Rom verdammet und zum Wiederrufe gezwungen worden:(") so sahe man nun nicht allein ans dieser eigenen Schrift des Derengarius, daß solches allerdings geschehen, sondern man sahe auch zugleich, wie es geschehen, und daß es ungefehr eben so damit zugegangen, als es zwanzig Zahre vorher, unter Nicolans dem zweyten, zugieng. Zderen- garius lies wiederum die Furcht über sich Meister werden, und bequemte sich wiederum seinen Feinden: kaum aber war er auch wiederum in sein Frankreich, und da in Sicherheit, als er wiederum mündlich und schriftlich bezeugte, wie fest er noch an seiner Lehre hange, und wie wenig ein abgedrungener Eid auch diesesmal auf ihn wirken könne und solle. Indem er dieses bezeugte, hatte er zugleich Gelegenheit, seine Lehre selbst abermals in ihr richtiges Licht zu setzen; und es ist klar, daß be- «ludism et ineerlllin reöllillisse AeT-enFa?'!, liislorism. /)e Soc/o»iiu» Kcüo- /o/?ic,'>«, c'a^,, (°) ^cl» Oiieilü komiinj, lud <, /,, 99. (^°) l^oneiliuium rlispsvÄu«, ex L/on-/o >oe loea ei «X sllperiu» lliolis Iialet, Lek'enA'a?','«»« realem, vt sinnt, ckriM pr-esenlisin »nmillsto in LueliittiM«, sed Irimslubsliinll«- tionem pr-elertim «um negsste, ick quv>> proliat muUisyue exemplis llemon- ltr«t no5>er H/aiiÄoniu» in pr-ekal. sck 8-ecuIum VI. LeneS. 'lonw II. /. z». 107. (°°) Hoc teriptum oliin inveni in vililiotnecs vemulscenli, quK s»Ie psucos «nno^, »o» levi reivulilic-e liuerariss Setrimento, incenllio con- kiimvla es«, ^»-ae/. / Saeci-tt ^ / v,-'eseio, sn Se vers, ein« Iivckie sentei»!» li»is »peile eonNet. Sunt l ore>litlerit, corpuz el ssnguinem vere exuilieri. gultliiuitl eius retliU, i>> mulwm Iisliet dsrlisriei et »IilcurUiUis, »egue sliUim lexenli lenlus sv- püret vocütnilorum, !erelur, vccull-lsl'e smdiguo prvpotuiste, eochscsrii. //-/tiVut. //-/ reptjyue. Wen» sie die Zeit bestimme» wollen, um welche Lanfrancus sein Werk geschrieben, so niuthmaßen sie i» dcm zuvcrsichtlichstcn Tonc: II v u lvut tu^jet >!v cruire, que Ilieu 5» teivit lle rs meme eeril, pour «uvrir les ^eux et touclier le cozur a eet inkorluuu 8eoli>ttiIs kes »UeriUjuiis, vu kitltitieslions urewe » ciler les ?eres, >Ze ts» sutre» grlikee» pour laute- »ir et repsnilre seserreurs, Ue ti» fsuste lli-tlecliciue, Ue sit pertillle, Us se» pilr^jure», >Ie tes propre» conlrgclictions. II >' «ronv» tls plus une rekulsllon complele >I» toutes ses oli^jeolions prelendues triomplutiiles, et I» crolsuoe eoinmune >Io I'Lglite eli»I>Iie ,1'une m-iniere iuviiicilile. Und wcn» stc von dem ähnlichen Werke rcdcn, wclchcs Guitmundus dcni Be- rcncrarius entgegensetzte, so behaupten sie gerade zu: ves e //e -/e />«n^e, 'V. ^///. />. 2»tj. 212. 2l3. Bcrengarins Turoncnsis. 32-1 nichts und wieder nichts angewendet seyn sollen. Ich bctauere, daß sein frommer Eifer gegen jeden vermessenen IZi-Fotom-, der ihm seine gute Meynung von der Schrift des L.Knfmncns streitig machen will, nicht Vernünfteleyen und Schlüssen, die er verachtet, sondern dem Augenscheine und der Sache selbst, leider wird weichen müssen. Denn mit seiner Erlaubniß: eben daS Manuskript, welches ich Ihnen ankündige, ist die Antwort des Berengarius auf jene unwidcrlcgtc und unwiderlcglichc Schrift seines K.anfran- cus! — Und nun wird es Ihnen doch bald wahrscheinlich werden, daß ich nicht zu viel Aufhebens davon gemacht habe? — Aber Sie wollen wissen, wie ich zu dieser Entdeckung gekommen? und wie es möglich gewesen, daß sie mir aufbehalten bleiben können? Auf den ersten Punkt antworte ich Ihnen, daß es, genau zureden, keine Entdeckung, sondern, wie ich es schon genannt habe, ein Fund ist. Man entdeckt, was man sucht: man findet, woran man nicht denkt. Ich war dabey, mir, meiner itzigcn Bestimmung gemäß, die Manuskripte der Bibliothek näher bekannt zu machen, als es aus den blossen Verzeichnissen geschehen kann. Ich hatte meine Ursachen, warum ich mit den sogenannten U?eissenburgischen, deren Geschichte Ihnen ungefehr aus dem DurkharS bekannt seyn wird, (°) ansangen wollte. In dem festen Vorsätze, Stück nach Stück vor die Hand zu nehmen, und keines eher wieder wegzulegen, als bis ich mir eine hinlängliche Idee davon gemacht, traf ich gleich Anfangs auf einen Band, der von aussen li'setaws c?o Lozna vom'mi et ^r-mslukttantmtiono neuerlich beschrieben war. Ungefehr die nehmliche Aufschrift, äs ecvo» vom!»! prsololtim c?<- I>aiisluli- Ltantiatlono, hatte eine andere etwas ältere Hand innerhalb, auf den untersten Rand des ersten Blattes gesetzt. Ihr AOelmann- war mir noch im frischen Gedächtnisse; und da die Handschrift eines mit seinem Briefe so verwandten Inhalts, mir, dem Alter nach, seinen Zeiten sehr nahe zu kommen schien: so können Sie leicht denken, ob sie meine Ncugier weniger rechte, als (°) Mtl. »II)I> ^uguNiv I'srlv I> v- SS6. 330 Berciigarius Turoiiciisis. eine andere. Um in der Geschwindigkeit alles davon zu wissen, was andere schon davon gewußt hätten, nahm ich meine Zuflucht zu den Catalogis. (°) Doch in diese fand ich mehr nicht eingetragen, als was jene Aufschriften besagen; bloß mit dem Zusätze, ^non^mi. Dieser Zusatz selbst machte mir schlechte Hoffnung, meinen Mann kennen zu lernen: angenommen nehmlich, daß man nur denjenigen Schriftsteller einen Anonymus nennen sollte, der sich vor seinem Werke nicht allein nicht genannt, sondern auch in dem Werke selbst alles sorgfältig vermieden hat, was seine Person verrathen könnte. Das Beste, was ich mir also versprach, war, einen nahmlosen Mönch des zwölften Zahrhnnderts vor mir zu haben, der vielleicht die feine Lehre des Paschasius aufs Reine bringen helfen. Doch fing ich an zu blättern; und das erste, was mich zu etwas wichtigerm vorbereitete, war die Rasur eines Namens, welche mehr als einmal vorkömmt. Ich erkannte diesen radierten Namen gar bald für loanncs Seotus; und welcher wichtigere Name hätte mir, in einer Schrift vom Abendmahlc, aus diesen Zeiten, ausstossen können? Sein Buch über diesen Glaubensartikel, wenn es nicht noch unter einem fremden Namen vorhanden ist, (°) Leibniy, zu dessen Zeile» die Weissenbur-gsschen Manuscrivtc in die Bibliothek gekommen waren, mid der die erste Gelegenheit ergriff, ihrer zu gedenken, sagt: ^V»«!»»« L>«tt«ni, Iionit ex piiNe reeeiilenlur, qui nuper lZuelkerb^tum fuers trsnsiali. Es war natürlich, daß ich also auch diesen Latalogus aussuchte, welcher sich hinter dem ^uZuslinu« <>e eoncurclw Lu!»>selisl!trum (Xio. 3y.) befindet. Doch sobald ich sahe, daß der Abt, unter welchem er geschrieben worden, Folmarus sey, der bereits 1043. mit Tode abgegangen, so fiel es von selbst weg, das Manuskript des Berengarius darin» zu erwarte». Wer sonst diesen Catalogus zu kenne» wu»scht, den verweise ich auf des Ungenannten Serie», ^bkstum IUun»s!eri> ^Veissei>>iu>ke»5is beym SchaNNat (^/»ck, /itt. c?ott. /. 8.) wo er, nur wenig verschieden, eingerücket ist. Die darin» benannte Werke, ausgenommen was eigentliche Kirchenbücher sind, finden sich sast alle hier; bis auf wenige, unter welche» leider die drey Bände eines deutschen Psalters sind. Dafür aber sind eine beträchtliche Anzahl anderer dazu gekommen, welche das Kloster, ohne Zweifel erst nach dem Abt Folmar, angeschafft hatte. BercnganuS Turoucnsis. 3^1 oder eben so unerkannt, wie Zöerengarius, in irgend einer Bibliothek stehet, ist verloren: aber Stellen aus ihm durfte ich in meinem alten Buche, wenn es anders ein noch unbekanntes Buch wäre, zu finden glauben, welche zu vielerlei) zu brauchen stunden. Zugleich siel mir sehr häufig, bald ein Inyms tu, bald ein In^uio eZo in die Augen, welche anzeigten, daß der Vortrag polemisch sey. Das war mir um so viel lieber; und nun fing ich mit Ernst an zu lesen. Doch kaum hatte ich einige Blätter gelesen, und dabey mich in Vlimmcrs Sammlung (°) mit umgesehen, als ich auf einmal erkannte, daß jenes l'u L.anfrancus, und dieses Lgo Screngarius wären. Kurz, ich fand, was ich gesagt habe: ein Werk, worin Derengarius dem L.anfrancus Schritt vor Schritt folget, und auf jedes seiner Argumente und Einwendungen nach der nehmlichen Methode antwortet, welche sein Gegner wider ihn gebraucht hatte; nehmlich, daß er erst die eigenen Worte desselben anführet, und sodann seinen Bescheid ausführlich darauf ertheilet. Was ich Ihnen über den andern Punkt zu sagen hätte, werde» Sie zum Theil, aus der nähern Beschreibung des Manuskripts ermessen. Es gehöret, wie ich bereits erwähnet habe, zu den N)eijsenburglschen Manuscripten, welche der erste grosse Zuwachs waren, den die Bibliothek nach den Zeiten des Herzogs August erhielt. Ihm, und seinem Lonring, dessen Urtheil er über jede beträchtliche Handschrift zu Rathe zog, die Zhm in den letzten Jahren seines Lebens vorkam, dürfte Zdc- rengarius wohl schwerlich unerkannt geblieben seyn. So lange sich Aeibnirz der Bibliothek annahm, hatte er sein vornehmstes Augenmerk auf die Geschichte: und eben so hingen die folgenden verdienten Männer, welche die Bibliothek nutzten, oder ihr vorstanden, ihrem Hauptstudio viel zu emsig nach, als daß sie ausser ihrem Wege nach Abenthcurcn hätten umhcrschauen sollen. Das Manuscript selbst ist auf Pcrgamcn, und macht einen mäßigen Band in klein O-uart, von hundert und vierzehn Blättern. Es hat alles Ansehen, noch in dem eilften, längstens zu Anfange des zwölften Jahrhunderts, geschrieben (°) vs veiilalL l>urlS fitiiguilli» ^e. l,'I>, in Lueli. siicr» .^ullw- >«« velulli. l^ouiinii tü6t> Svo. 332 Bcrcngarius Tiironensis. zu seyn. Nur war es nicht mit der Sorgfalt geschehen, daß eine spätere Hand nicht viel Fehler und Lücken darin zu verbessern und zu füllen sollte gefunden haben. Doch hat auch diese spätere Hand noch alle Merkmahle des zwölften Jahrhunderts. Das Schlimmste ist dieses, wovon Sie vielleicht aus der schwankenden Angabe des Titels schon etwas besorgt haben: es hat weder Anfang noch Ende. Ich darf glauben, daß nicht die blosse ohne Absicht verwüstende Zeit an dieser Verstümmelung Ursache ist; sondern, daß Vorsatz mit dabey gewaltet. Man hat das Werk den Augen der Neugierde entziehen wollen: man hat die gemeinen Leser, welche der Name Lcrenganus zu häufig anlocken dürfte, wollen vorbcyschicsscn lassen. Vielleicht hat man es auch vor einer gänzlichen Vernichtung, die es von dummen Eiferern und eigennützigen Zwangslehrern zu besorgen hatte, dadurch in Sicherheit setzen wollen: man hat die kenntlichsten Theile aufgeopfert, um das Ganze zu bergen. Mit beiden Absichten reimet sich der besondere Umstand sehr wohl, dessen ich schon gedacht habe: daß nehmlich der Name Scorus, bis auf den Anfangsbuchstaben, durchgängig ausgekratzt war. Und dieser Vorsorge, das Werk eines Erzketzers, es sey nun weniger in die Augen fallend zu machen, oder vor dem Untergänge zu retten, habe ich es denn ohne Zweifel vornehmlich zu danken, daß die Wicdcrcrkcnnung desselben mir aufgesparet bleiben können. Doch noch eines scheinet hierzu fast nothwendig! Dieses; es müssen sonst keine Abschriften von diesem Werke des Bercn- garius mehr vorhanden seyn, die Unsere muß die einzige sey», die sich, vielleicht durch Hülfe ihrer Verstümmlung, erhalten: oder man müßte annehmen, daß noch itzt Bibliotheken dergleichen haben könnten, ohne es haben zu wollen; daß es noch itzt Gelehrte geben könne, die wohl wüßten, wo so etwas im Verborgenen stecke, und es mit gutem Fleisse im Verborgenen liessen. Dieses zwar anzunehmen, dürfte leicht wenig gewagt seyn; und mehr als ein Umstand könnte sogar dazu berechtigen. Zum Exempel: schon Ä.abbe und De Roye haben angezeigt, daß die erste Schrift des 2>ercnggrius, auf welche sich die BercNjZannS TmoneiisiS, 333 Widerlegung des K.anfr»ncus beziehet, in der Königlichen Bibliothek zn Paris ganz vorhanden sey. (°) S.anfrancns führet nur einzelne Stellen daraus an, bekennet aber, daß in dem Uebrigcn, welches zum Theil nicht zur Sache gehöre, Bcrenga- n'ns seine Dornen mit Rosen untcrflochtcn habe. Wie kömmt es, dürfte man fragen, daß uns keine von diesen Rosen aus dem vollständigen Werke jemals mitgetheilet worden? XNartene, XNabillon und ihres gleichen, haben so viel unnützes Zeug aus Handschriften an das Licht gebracht: warum haben sie diesem vollständigen Werke des Bercngarius nicht eben den Dienst erwiesen? Wenn ich mich recht erinnere, so bekennet XNabillon so gar, an einem Orte, der mir itzt nicht wieder in die Hände fallen will, daß er es ganz gelesen: aber was er darin gelesen, wüßte ich nirgends bey ihm gefunden zu haben. Sicherlich hätte er es lesen können: und die mehr belobten Benediktiner hätten es lesen müssen, da wenigstens ihnen nicht unbekannt seyn konnte, daß die Treue, mit welcher Aanfrancus die einzeln Stellen behandelt, vom Gudinus und andern in Zweifel gezogen werden. (^) Auch kommen in mehrcrn Bibliotheken Frankreichs und Italiens, Handschriften unter dem Namen des Derengarins vor, die vielleicht mehr enthalten, als der Titel, den sie vor der Welt führen, besagt. Verschiedene hcissen eonfesllo oder lio cantatio Lvronggiii: (1°) und so ganz gewiß ist es doch wohl nicht, daß es die blossen aus wenig Zeilen bestehende Bekenntnisse oder Widerrufst wären, die 2)crengarms auf den Kirchen- versammlungcn ablegen und unterzeichnen müssen. Nur um zwey dergleichen Handschriften, die sich aber in Brittischen Bibliotheken befinden, hat sich der einzige Gndinus näher bekümmert. Die eine ist die, welche das Dreysaltigkeits- C) Mll> liwr. >Ie ?,'imeI vmni» responkurus sum, yuiit spinis rolÄii interlsrls, ei -ilkis »ixris Lolorilius Ms»I!tsin!» >uum «loxingis, quiellain elism äi- eis, quse nilul peiliileiU ^«1 propoMum qua-tlioius. //. ^i. 232. ZM. Sac/i. (°°°) vommenl. <1o Lcripl. LccI. amiij. II, p. K3l. ('s) Bevm Montfaucon in dcr vikiiolii. vMioii»ec»rum sili>>orum »achzufthcn. 334 Beren.zarilis Tmonettfis, collegium zu Dublin besitzt, unter dem Titel, LoronAailus «1« 8-><:r!,mL.anfran- cus erkannte: so dürfte eine nochmalige genauere Besichtigung nicht ganz unnöthig seyn. Denn cS wäre möglich, daß, der Worte des L.anfrancus ungeachtet, womit das verstümmelte Werk anfängt, es dennoch kein Werk des S.anfrancus, sondern ein Werk des Zöerengarius, wäre und zwar das nehmliche Werk, welches ich vor mir habe. Wie ich nehmlich schon angemerkt, wollte Zdercngaruis seinem Gegner in dessen eigener Methode begegnen, welche eine Art von Dialog seyn soll: und indem er also, Stelle vor Stelle, den Ä.anfrancus, durch ein ln-iuis tu, redend einführt: so hätte es sich sehr leicht fügen können, daß eben das Blatt mit einer solchen Stelle angefangen, an welchem auch dort die Wuth, es sey der Zeit, oder der Barbarey, oder des frommen Eifers zuerst ermüdete. Doch dem allen sey, wie ihm wolle. Genug, so weit wir die ungedruckten Schätze der vornehmsten Bibliotheken in Europa bis itzt kennen, darf ich mit Grund behaupten, daß unsere Fürstliche an dem wiedererkannten Werke des Derengarius ein Kleinod besitzet, dessen sich keine andere rühmen kann, BmnM-uiil Tnroiicnsis. ja dessen gleiche» auch nur, sowohl an Seltenheit, als am innern Werthe, ihnen alle» schwer seyn möchte, uns entgegen stellen zu können. III Ist nnscr Zöercngansches Werk einzig: so kann es ja wohl nicht anders, als den höchsten Grad der Seltenheit haben. Doch, was Seltenheit? wenn es nichts als Seltenheit wäre. Ich getraue mir zu behaupten, daß der nützliche Gebrauch, der sich davon machen läßt, nahe so groß ist, als seine Seltenheit. Und gesetzt nun auch, daß es zu weiter nichts dienen könnte, als die zuversichtlichen Benediktiner unwiederbringlich abzuweisen, die uns das Buch des Aanfrancus so gern als ein unwidcrlegt gebliebenes Buch, als ein Buch anschwatzcn möchten, durch welches die Bekehrung des Bcrengarius vornehmlich mit bewirket worden: wäre es denn auch schon dann nicht wichtig genug? Wie viele alte Schriften treten denn noch itzt an das Licht, durch die dergleichen partheyische Verkleide? der historischen Wahrheit augenscheinlich zu Schanden gemacht werden? Die so genannte Bekehrung des Bercngarius beruhet auf so unerheblichen Zeugnissen, und sie ist an und für sich selbst so unwahrscheinlich, so unbegreiflich, daß wenn sie auch auf ungleich gültigern Zeugnissen beruhte, ich mir dennoch die Freyheit nehmen würde, daran zu zweifeln. Ja, ein grosser Theil meiner Beruhigung würde von diesem Zweifel abhängen. — Ein Mann, wie Zderengarms, hätte die Wahrheit gesucht; hätte die gesuchte Wahrheit in einem Alter, in welchem sein Verstand alle ihm mögliche Reife haben mußte, zu finden geglaubt; hätte die gefundene Wahrheit muthig bekannt, nnd mit Gründen ander? gclchret; wäre bey der bekannten und gelehrten Wahrheit, Trotz allen Gefahren, Trotz seiner eignen Furchtsamkeit vor diesen Gefahren, dreyssig, vierzig Zabre beharret: und auf einmal, in eben dem Augenblicke, da unter allen erworbenen Schätzen, dem Menschen keine werther seyn müssen, als die Schätze der Wahrheit, die einzigen, die er mit sich zu nehmen Hoffnung hat, — eben da, auf einmal, hätte seine ganze Seele so umgekehret werden können, daß Wahrheit für ihn Wahrheit zu 33K BcrciigciriuS TuronenfiS. seyn aufhörte? — Wer mich dieses bereden könnte, der hätte mich zugleich beredet, allen Untersuchungen der Wahrheit von nun an zu entsagen. Denn wozu diese fruchtlosen Untersuchungen, wenn sich über die Vorurlhcilc unserer ersten Erziehung doch kein dauerhafter Sieg erhalten läßt? wenn diese nie auszurotten, sondern höchstens nur in eine kürzere oder längere Flucht zu bringen sind, aus welcher sie wiederum auf uns zurück stürzen, eben wenn uns ein andrer Feind die Waffen entrissen oder unbrauchbar gemacht hat, deren wir uns ehedem gegen sie bedienten? Nein, nein; einen so grausamen Spott treibet der Schöpfer mit uns nicht. Wer daher in Bestreitung aller Arten von Vorurthcilcn niemals schüchtern, niemals laß zu werden wünschet, der besiege ja dieses Worurthcil zuerst, daß die Eindrücke unserer Kindheit nicht zu vernichten wären. Die Begriffe, die uns von Wahrheit und Unwahrheit in unsrer Kindheit beygebracht werden, sind gerade die allerflachstcn, die sich am allcrlcichtcstcn durch selbst erworbene Begriffe auf ewig überstreichen lassen: und diejenigen, bey denen sie in einem spätern Alter wieder zum Vorschein kommen, legen dadurch wider sich selbst das Zeugniß ab, daß die Begriffe, unter welchen sie jene begraben wollen, noch flacher, noch seichter, noch weniger ihr Eigenthum gewesen, als die Begriffe ihrer Kindheit. Nur von solchen Menschen können also auch die gräßlichen Erzchlun- gcn von plötzlichen Nückfällcn in längst abgelegte Irrthümer auf dem Todbcltc, wahr seyn, mit welchen man jeden klcinmü- thigcrn Freund der Wahrheit zur Verzweiflung bringen könnte. Nur von diesen; aber von keinem Rcrengarius. Ein Bercn- garins stirbt sicherlich, wie er lehrte; und so sterben sie alle, die eben so aufrichtig, eben so ernstlich lehren, als er. Freylich muß ein hitziges Fieber aus dem Spiele bleiben; und, was noch schrecklicher ist als ein hitziges Fieber, Einfalt und Heuchele») müssen das Bette des Sterbenden nicht belagern, und ihm so lange zusetzen, bis sie ihm ein Paar zwcydcutigc Worte ausgc- ncrgclt, mit welchen der arme Kranke sich blos die Erlaubniß erkaufen wollte, ruhig sterben zu können.-- Allerdings bedarf eine so befremdende Erscheinung in der menschlichen Natur, als die endliche Bekehrung eines Bcrenga- Berengariiis Tlironensis. rius gewesen wäre, auf alle Weise ausstaffirct zu werde», wenn sie auch nur der Allerblödsinnigste glauben soll; und ich betauerc die Männer, die es für ihre Pflicht halten, dergleichen fromme Gespenster ausstaffiren zu helfen. Nur müssen diese Männer es denn auch nicht übel nehmen, wenn ein andrer es gleichfalls für seine Pflicht hält, ihre Ausstaffirungen wieder abzurcisscn, und das Ding zu zeigen, wie es ist; sie mögen darüber zum Gespötte werden, oder nicht. Es ist fast unglaublich, was für seltsame Wendungen die gnten Benediktiner nehmen, was für Verdrehungen sie sich erlauben, was für Armseligkeiten, die sie bey jeder andrer Gelegenheit gewiß verachtet hätten, sie sich zu Nutze machen, um es nur ein wenig wahrscheinlich heraus zu bringen, daß Zderen- ganus durch das Werk des Ä.anfrancns bekehret worden. Alles, wie man leicht sieht, kömmt hicrbcy auf die Zeit an, wenn Aanfrancus dieses Werk geschrieben: und die gemeine Meynung hierüber, taugte in ihren Kram ganz und gar nicht. Wenn Zdercngarius unter Gregorius dem sicbenven, im Zahre 107l1, nochmals wicdcrruffcn; und wenn er auch von diesem Wicder- ruffc nochmals rückfällig geworden: so muß nothwendig L.an- francus erst nach diesem Jahre geschrieben haben, oder er war es nicht, welcher den Berenganns bekehren half, wenn der jemals bekehret worden. Und nun, wie fangen sie es an, zu erweisen, daß K.a>lfrancus wirklich nicht früher geschrieben? Es verlohnet der Mühe, sie nach der Länge selbst zu hören. „Wegen der Zeit, wenn Ä.anfrancns (schreiben sie in dem Leben desselben) (*) „sein Werk verfertiget, ist man sehr uneinig. „Die Chronike der Abtey zu Äcc^") sagt, daß es im Zahre „4053. geschehen sey: welches ein offenbarer Irrthum ist; weil „die Schrift des Bcrcngarius, welche L.anfrancus darin» widerlegt, wenn sie früh erschienen, erst sechs Zahr nachher kann „erschienen sey». Don Mabillon, nachdem er über diesen „Punkt ein wenig veränderlich gewesen, entschloß sich endlich (°) r. vin. ?. 2?s. (°°) ciironicon Lvcvense in .-Vpxenil. n>> Oper» I.snfrünci, k>nris. IS48. k»I> p, S. Lcssings Werke vm, 22 ,^38 Bercngarins TlironciisiS. „für ^069. Ucberhaupt kömmt man darinn übcrcin, daß „der Verfasser noch Abt in dem Kloster des heil. Stcphanus „zu Lacn gewesen, als er sein Buch herausgegeben. Doch die, „welche für dieses allgemeine Datum sind, das acht bis neun „Zahrc in sich faßt, gründen sich einzig und allein auf die „Meynung, nach welcher man voraussetzt, daß es eben das „nehmliche Werk gewesen, welches -ü.anfrancns von Lantcrbury „aus, an den Pabst Alexander den zweyten, schickte, und von „welchem er selbst saget, daß er es noch als Abt verfertiget „habe. (") Eine Voraussetzung, die sehr zweydeutig, ich will „nicht sagen, gänzlich falsch ist: und zwar aus folgenden Gründen! „Die Schrift, welche K.anfrancus an benannten Pabst schickte, „war zwar wirklich gegen den Dcrenganus; aber sie heißt doch „nur ein blosser Brief: I5pistNni« 8. v«zne>Iieli IX, p. 633. ikUI. pr«f. tz. 57. Or,I. 8> Lenell. 63. r. V. 8- 4S. ("1 I.-iiiIV-inc. KP. 3. 303. vs 8c,!,,I. Keiles, o»,,. BcrcngariuS TnroncnsiS. 339 „drucke darinn widerlegt habe: Scnntit Invcctivas conti-a Sa- „?s?!Aa?'tt«»t I^uinnonsem eziittnlas, rol'ellons feilet» v!us; Worauf „Sigcberrus insbesondere den Tractat unsers Erzbischofcs vom „Abcndmahlc sehr genau beschreibet. Nichts kann klarer seyn, „als das Zeugniß dieses Schriftstellers; auch ist es hinlänglich, „die Voraussetzung zu vernichten, die man gemeiniglich wegen „der vom Aanfrancus an den Pabst Alexander übcrschicktcn „Schrift zu machen pflegt. Es war nicht sein Tractat vom „Abendmahle, der bis auf uns gekommen ist; sondern es war „einer von den ersten Briefen, die er über den nehmlichen Gegenstand, wie wir gesehen, an den Bercngarius geschrieben „hatte, und dessen uns die Unfälle der Zeit beraubet haben. „Was das eigentliche Datum des Tractats anbelangt, von „welchem wir hier handeln, so muß solches aus dem zweyten „Kapitel desselben genommen werden. Kanfrancus redet daselbst „von dem, was unter der Regierung Gregorins des siebenden „zu Rom wegen des Dercnganus verhandelt worden, und „führet von Wort zu Wort das ganze Glaubcnsbckcnntniß an, „welches dieser Archidiaconus, auf der, im Februar 407l1. gefallenen Kirchcnvcrsammlung, sechs Zahrc nach dem Tode des „Pabst Alexanders, unterzeichnet hatte. Folglich kann L.an- „francus selbst dieses höchstens nur in dem nehmlichen, oder „clwa dem folgenden Jahre geschrieben haben, in welches die „Bekehrung des Zöcrengan'us fällt, zu der das Werk des K.an- „francns, wie anderwärts von uns bemerkt worden, das Sei- „nigc gar wohl beygetragen haben mochte. Doch der Ort, auf „den wir dieses Datum gründen, wird in vcrschicdncn Handschriften, und in den nach selben besorgten Ausgaben vermißt; „ob er sich schon in den Ausgaben von 454», 4648 und 4K77 „befindet. Was kann hieraus folgen? So viel, sagt man, „folge hieraus, daß L.anfrancns, der diesen seinen Tractat geschrieben, als er noch Abt zu Cacn gewesen, ihn nach der „Zeit müsse wieder überschn, und mit dem vermehret haben, was „sich unter Gregorius dem siebenden zugetragen. Allein so „schliessen, heißt mehr errathen wollen, als schliesscn. Weit „natürlicher ist es, daß die Lücke durch Unachtsamkeit eines Abschreibers entstanden ist. Es braucht nur Einer den Fehler 22° 340 BerengarmS Tnronensis. „begangen zu haben, und er kann sich in mchrcrn Manuskripten „finden, die nehmlich nach seinem gemacht worden. Der Beyspiele von dergleichen Lücken sind unzählige-- „Sollte sich mit dem allen ein Ncrnünftler (IZi-Fytonr) fin- „dcn, der unsrer Meynung zu widersprechen, dieses als einen „Grund anführen wollte, daß man sonach keine Ursache absehen „könne, warum es F.anfrancus an die zwanzig Zahre verschoben habe, die Schrift des 25erengarius zu widerlegen: so dür- „fen wir nur wiederum fragen, warum er, nach der gemeine» „Meynung, es gleichwohl zehn Zahre verschoben hätte? Wenig- „stenS erhellet ans seinen Worten selbst, daß er es nicht eher „als nach dem Tode des Kardinal -Hnmberms gethan, folglich „doch erst ganze fünf Zahre nachher, als Bcrcngarius scinc „Schrift ausgehen lassen. Man dürfte sehr verlegen seyn, eine „kategorische Ursache von dieser Verzögerung anzugeben. Nur „die, welche wir anführen können, ist sehr natürlich, und grün- „dct sich auf Facta. K^anfrancus, der, wie Siegebcrt verflachen, die Irrthümer des Dcrengarius schon mehr als einmal „besinnen halte, sahe, daß andere Schriftsteller, wie Zvurandus, „Abt zu Troarn, wie Eusebins Bruno, Bischof zu Angers, „auch vielleicht wie Guirmundus, und wer sie sonst waren, „ihnen sehr einleuchtende Schriften entgegen setzten. Er hoste, „daß Tiercngarius endlich dadurch zum Stillschweigen gebracht, „und diese ärgerliche Streitigkeiten geendet werden sollten. Als „er aber eines Theils bemerkte, daß sich noch niemand angelegen seyn lassen, die Schmähungen abzulehnen, mit welchen „dieser Ketzer den Kardinal ^Humbenus angegriffen hatte, und „andern Theils sehen mußte, daß er seine falsche Lehre durch „die Schrift erneuere, in der er auch demjenigen Bekenntnisse, „welches er 107!) unterschrieben hatte, entsagte: sodann entschloß „sich -L.anfrkncns nicht sowohl diese, als vielmehr das ältere „Werk des 25erengarius gegen sein erstes zwanzig Zahre vor- „hcr unterschriebenes Bekenntniß, zu widerlegen. Warum er „sich aber lieber an dieses, als an jenes Werk halten wollte, „kam wohl daher, weil beide die nehmlichen Spitzfindigkeiten „und Trugschlüsse enthalten, in dem erstem aber sich die schimpfli- „chen Vorwürfe befinden, deren wegen er den -Humbertus und BercuganuS Turoneiisis, „die Römische Kirche rächen wollte. Indem also Lanfrancus „seine Waffen gegen die erste Schrift des Derengqrius richtete, „so gelang es ihm nicht allein, diesen seinen Vorsatz zn errci- „chen, sondern auch die eine Schrift sowohl als die andere zu „widerlegen. Mit einem Worte, eine Gelegenheit mußte L.a>i- „francus haben, wider den Dercngarius zu schreiben. Die „Bekanntmachung der 4l)69 ausgefertigten Schrift desselben, „war diese Gelegenheit nicht, indem er, wie andere Kritici „wollen, wenigstens fünf, wo nicht gar zehn Zahre verstreichen „ließ, ehe er darauf antwortete. Sondern die Schrift von 4079 „schaftc ihm diese Gelegenheit, und setzte ihn gleichsam in die „Nothwendigkeit, seinem Gegner den Mund zu stopfen. Wir „haben uns bey diesem Punkte der Kritik vielleicht ein wenig „zu lange aufgehalten: aber allgemein angenommene Vorurlhcilc „machen es öfters nöthig, daß man sich umständlich einlassen „muß, um sie desto gewisser aus dem Wege zu räumen. „Diesem Grundsätze zu Folge, erlaube man uns also nur „noch eine einzige Anmerkung, die mit zur Bestätigung unsrer „bisher dargcthancn Meynung dienen kann. Seitdem Aanfran- „cus zum Bischof erhoben war, hatte er dem Studio und Gebrauche der weltlichen Wissenschaften gänzlich entsagt. (") Dic- „ses versichert er nns selbst; und ohne Zweifel muß man auch „die Dialektik darunter begreifen, als die einen Theil derselben „ausmacht. Hiermit vergleiche man nun, was er von dem „Gebrauche dieser Kunst in seinem Werke wider den Bcrenga- „rius sagt, dem er vorwirst, daß er in Ermangelung gültiger „Beweisstellen seine Zuflucht zu ihr nehme.Aanfrancus „bekennet, daß er seines Theils in Dingen, welche die Religion „betreffen, keinen Gefallen an den Regeln der Dialektik habe, „weil er nicht gern scheinen wolle, sich mehr auf sie, als auf „die Wahrheit selbst, und auf das Ansehen der heiligen Väter „zu verlassen. Sogar wenn der Gegenstand des Streits von „der Beschaffenheit wäre, daß er sich durch diese Regeln am „leichtesten auseinander setzen lasse, bemühe er sich, sie so viel „möglich zu verstecken, indem er sich glcichgcltender Ausdrücke (°) Lpill. S3. (°") c«i>. ?. 342 Bcrengarius Turoiieusis. „bediene. Aus der Beschreibung, welche Siegeberr von des ,,-ö.anfrancus Auslegungen der Briefe Pauli macht, hat man „gesehen, daß er sich der nehmlichen Enthaltsamkeit von dieser „Kunst bey weitem nicht beflissen, als er nur noch Abt war. „Folglich muß er schon Erzbischof gewesen seyn, als er die Schrift „gegen den 2öereng«rins aufsetzte, die uns noch von ihm übrig „ist; ob er sich schon darin» keinen andern Titel, als den Titel „eines katholischen Christen von GOttcs Barmherzigkeit, giebt. So viel halb wahres, so viel falsches auch in dieser langweiligen Stelle ist, so würde es doch schwer fallen, sie, ohne unser Manuscript, auf eine schlechterdings befriedigende und un- widcrsprcchlichc Art zu widerlege». Denn alles, was man dagegen sagen könnte, wurde doch die Möglichkeit des Gegentheils nicht anfhcbc», die nur alsdann in keine Betrachtung mehr kömmt, wenn man ihr das Wirkliche entgegen stellen kann. Ich würde daher zwar nur meine Zeit verschwenden, wenn ich, mit Zurückhaltung des alles entscheidenden Augenscheines, Vermuthungen blos mit Vcrmulhungc» bestreiken wollte. Aber dennoch kann ich mich auch nicht enthalte», wemgstciis über ei» Paar Puuktc, ohne Rücksicht auf meinen stärkern Hinterhalt, einige Anmerkungen zu mache». 1. Woher weiß es denn der Benediktiner, daß Aanfran- cus selbst sein noch vorhandenes Buch wider den Äercngarius I^ilior Leintill-n-um überschrieben habe? Es sey immer wahr, daß Vromron in seiner Ehronikc(°) es unter diesem Titel anführet. Aber da in keiner von den Handschriften, aus welchen es hernach abgedruckt worden, die geringste Spur davon muß anzutreffen gewesen seyn, als in welchen es schlecht weg Lider äo Loi'nm-tZ vt LaiiZuIno voniini geheißen: so könnte ja gar wohl eine so spielende Aufschrift, das Zbuch der Funken, der witzige Einfall eines spätern Mönchs seyn. Daß mehrere Abschreiber diesem Buche des K.anfrancus einen Titel nach ihrem Gutdünken gegeben, bestätiget auch das Excmpcl der heil. Dicmuöe beym Pey, (") die es Ooi>llictus ^«tt/i-ano- contra Fe^iFa- n'um benannte. Andere haben es DisIaAus geheißen. Aber bey (°) llislori»- ^«gl. Lcripl. P, SSS. (°°) riiek. ^nsvll. I. l. k>rk. v. Sl. §. 37, Bereiigarius Turoueusis. 343 dem allen kömmt ihm doch schlechterdings keine Benennung mit mehren» Rechte zu, als die Benennung eines Briefes, die ihm K-anfrancus selbst in seinem Schreiben an den Pabst Alexander giebt. Denn ist es dann nicht wirklich ein Brief? eine schriftliche Anrede eines Abwesenden? Kann die Stärke oder Weitläufigkeit desselben machen, daß es ein Brief zu seyn aufhöret? ^.anfrancus hätte seine Schrift mit der gewöhnliche» Bricfformel angefangen, (°) und er sollte Bedenken getragen haben, sie gegen den Pabst einen Brief zu nennen? 2. Müßten wir es denn aber schlechterdings dem Nromton auf sei» Wort glaube», daß die noch vorhandene Schrift des S.anfrancus gegen dc» Bcrengarius, vo» dem Verfasser selbst, Imitier Scintillarum überschriebe» gewesen: warum müßten wir ihm nicht ebenfalls auf sein Wort glauben, daß S.anfrancus dieses so übcrschricbcnc Werk als Prior der Abtey zu Bec verfertiget habe? Denn beides sagt er in der nehmlichen Stelle, so zu reden, mit dem nehmlichen Zuge der Feder: ^an/i-««««» Lvocvnl'i« t^iior tonan- tvrn librum contra /»öi'«?»AM'tt«»t ocliclit, yuem Ko/ntt^a?'?«,« intitu Iilvit. Kann, diesen Worten zu Folge, das Buch, welches L.an- francus an den Pabst Alexander senden mußte, »icht desselben noch vorhandene Schrift wider den Zderengarins seyn, weil diese Likör Keiiitillilium überschrieben gewesen: so kann ja, eben diese» Worte» zu Folge, die uehmlichc Schrift nicht unter Grcgorius dem siebenden abgefaßt seyn, welches der Benediktiner doch mit aller Gewalt behaupten will, als unter dessen Regierung /^anfran- cus längst nicht mehr Prior zu Bec, sondern bereits Erzbischof zu Canterbury war. Aber, was das vornehmste ist, wo sagt denn Bromton, daß eben das noch vorhandene Buch des -S.an- francns wider den Derengarius I^idm- Semtillaium betitelt gewesen? Zn den angeführten Worten sagt er es doch wahrlich nicht. Der Benediktiner selbst beruft sich so nachdrücklich auf das Zeugniß des Sigebertus, daß Aanfrancus mehrere Bücher gegen den Zderengarius geschrieben. Nun wohl; wir müssen ihm zugeben, daß nach diese»! Zeugnisse das Buch wider den Beren- ggrius, welches Aanfrancus an den Alexander schickte, »icht (°) ^an/>anc»z mikri<:«>r>Iis vvi O-ttliolleus, Lei'enH'ai'io esIIiolicÄZ Lci-IeUW ÄtlVLrlÄrio. 344 Bcrciigcirilis Turonensis. eben das »och vorhandene muß gewesen seyn; daß es ein anderes gewesen seyn kann. Muß er aber nicht hinwiederum zugeben, daß nach eben dem Zeugnisse, dieses noch vorhandene Buch auch nicht nothwendig dasjenige seyn muß, welches I^ilior Sein- tillarum überschrieben gewesen? Denn warum könnte es kein anderes gewesen seyn, das diesen Titel gcführet? Kann es aber ein anderes gewesen seyn, wo bleibt sein Schluß? Za es muß ein anderes gewesen seyn, wenn das Ansehen des ZZromton überhaupt etwas gelten soll. Das noch vorhandene Buch ist augenscheinlich eine geraume Zeit nach dem Tode des Kardinal Hum- berttis geschrieben; da sogar die Schrift des Äcrengarius, die es widerlegen soll, erst nach diesem Tode aufgesetzt zu seyn scheinet. Nun starb -Humbertns 4<1t!Ij: und wann L.anfre?ncus in diesem Zahrc nicht schon Abt von St. Stcphanus zu Cacn war, so ward er es doch wenigstens. Folglich kann er sein noch vorhandenes Buch gegen den Berengarius, als Prior zu Bcc nicht geschrieben haben, und das 2Zuch der Funken, welches er in dieser Würde schrieb, muß ein anders gewesen seyn. Za, ich glaube sogar nicht unwahrscheinlich angeben zu können, welches andere Buch es gewesen. Sie erinnern sich, daß Ä.an- francus von sich selbst crzchlet, er sey auf der Kirchenversammlung zu Rom unter L.eo dem neunten, welches die erste war, die gegen den Berengarins gehalten ward, fast selbst in den Verdacht gekommen, daß er der Meynung des Berengarius zugethan sey. Der Pabst habe ihm also befohlen, sich zu rechtfertigen, ein Bekenntniß seiner Orthodoxie abzulegen, und die allgemeine Lehre der Kirche, nicht sowohl durch Gründe der Vernunft, als durch Beweisstellen aus der Schrift und den Vätern zu erhärten. Dieses habe er denn auch gethan, und den Beyfall der ganzen Versammlung erhalten. (°) Wenn man nun annehmen darf, daß dieses nicht blos mündlich geschehen, sondern daß Ä.an- francus sein Bekenntniß, seine Erörterung der katholischen Lehre, entweder vorher oder nachher, auch schriftlich, werde aufgesetzt (°) Post Iiieo l>i!?covlt vt exo turxerem, Allem mesm expoiie- rom, exxoMsm plus lÄcri« Ä»II>oriIatiu»s, Viam srxumei»is prolisrem. Ilaque lunexi, iinoil senli aixi, quv>I Sixi pr«I>»vi, > i>rv>>»vi omiuliu« Mvlül, iiuIU lN«i>livuil. x. Z34. Sacü. BcrciiMius Turonciisis. 316 habe»: so dürfte ein solcher Aufsatz vielleicht am ersten, es sey von ihm selbst oder von ander», mit dem Titel des 2Znchs der Funken seyn belegt worden. Denn, wie gesagt, es sollte vornehmlich eine Sammlung einzelner von dort und da zusammengetragener Beweisstellen, gleichsam also einzelner Funken seyn, aus welchen sich die leuchtende Flamme der Wahrheit erzeuge. Hingegen einen Tractat so zu benennen, wie der noch vorhandene des L.anfrancus ist, in welchem man einen Gegner Punkt vor Punkt widerlegen, und die ganze streitige Materie, nach allen Gründen für und wider, erschöpfen will, würde so abgeschmackt seyn, daß man sich schwerlich bereden könne, es sey von dem Verfasser selbst geschehen. Auch war es insbesondere als Titel zu diesem Tractatc, daß ich ihn, in dem Vorhergehenden, für den witzigen Einfall eines spätern Mönchs erklärte. 3. Es ist sehr seltsam, mit dem Benediktiner anzunehmen, daß Aanfrancus ganze zwanzig Zahre angestanden haben sollte, den Derengarius förmlich zu widerlegen, und daß er, als er sich endlich dazu entschlossen, sich lieber dabey an die allererste, längst vergessene Schrift desselben hätte halten wollen, als an die allerncuestc. Aber noch seltsamer ist die Beschönigung, daß Aanfrancus doch auch, nach der gemeinen Meynung, wenigstens fünf, wo nicht gar zehn Zahre seine Widerlegung verzögert habe. Als ob zwanzig und zehn und fünfe, alles eines wäre! Und worauf gründet sich denn nun auch diese Beschönigung? Woher hat es denn der Benediktiner, daß L.anfrancus, auch nur fünf Zahre verstreichen lassen? Es ist wahr, Ä.anfrancus hat erst nach dem Tode des-Hnmbertus, das ist, nach 1963 geschrieben, lind Zöcrcngarius hatte bereits im April 1969 zu Rom wicder- ruffcn. Das macht freylich fünf Jahre; aber muß denn darum auch gleich im Zahre 59 Zdcrengarius seinen Wicderruf öffentlich zurückgenommen, und die Schrift, in welcher er es that, allen bekannt gemacht haben? Wer hat dem Benediktiner das gesagt? Zst es nicht vielmehr höchst wahrscheinlich, daß die Klugheit dem Derengarius angcrathcn, vorher den Tod sowohl des Pabstes als des Kardinals abzuwarten, die ihn zu dem Wiedcrruffc gezwungen? Auch ergicbt sich auö mehr als einem Umstände, daß er diesem Rathe der Klugheit wirklich gcfolgct. 346 Bcrcugarius Turoiicnfis. N'icolaus starb 1061, und Humberms das zwcytc Zahr darauf. Von 59 bis 03 ist kein Zahr verflossen, in welchem nicht zu Rom, oder in Frankreich, ansehnliche Kirchcnvcrsammlungcn gehalten worden. Aber auf keiner wurde des Verengarius und seiner erneuerten Ketzercy gedacht. Nur erst in dem nehmlichen 63sten Zahre, fand man auf der Kirchenvcrsammlung zu Rouen wieder für nöthig, die Schlüsse der Kirche gegen den Berengarius und seine Anhänger zu wiedcrhohlcn. Za, wie ich schon angemerkt, die Worte des Vercngarius selbst, mit welchen er des Humbertus in seiner Schrift gedachte, scheinen nicht von der Art, daß sie von einem noch lebenden Kardinale gesagt worden. — 8ciij>tum //?«,/ike?'t/ Lui Auncli, (zuem /e- Koma; Lpiteopum (^sillinalvm, uall prolitoii orroeom «is^^/t//»' LuiFuntli. Ich denke, nur von einem Todten spricht man in diesem lange nachher crzchlendcn und freimüthigem Tone. Vielleicht schien auch sonst diese Zeit dem Zderengarius vorzüglich bequem, einen so kühnen Schritt zu thun, als die öffentliche Zurücknahme seines Wiedcrrufs war. Die oberste Gewalt der Kirche war gc- thcilct; zwey zugleich, und mit mächtigen Unterstützungen, herrschende Päbstc sicherten ihn vor der Tyrannei) des einen und des andern. -Honorms der zweyte, oder vielmehr die Kirchenvcrsammlung zu Dasei, die ihn erwählte, hatte sogar alle That- handlnngen und Schlüsse seines Vorgängers, Nicolaus des zweyten, für null und nichtig erkläret, (") als worunter die Verdammung des Äcrcnggrius und seiner Lehre nothwendig begriffen war. Indeß will ich den Einfluß, den dieser letztere Umstand auf den Äerengarius gehabt haben kann, für nichts als eine Vermuthung geben: genug, daß aus den übrigen sattsam erhellet, daß die Schrift des Dercngarins schwerlich vor 1l>63 bekannt geworden. Und nun kann sie K.anfr«ncus, ei», zwey, drey Zahre darauf beantwortet haben: wer will das bestimmen!? Nur daß er bis 69 sollte damit verzögert haben, .Vi>UtI >>> L. tUIil, / //»imci'i/. (°°) />> N'tk»-/ii ^«.'I-l l!»neil, 'L. VI. l-Sr. I> p- tt?> BereiMiius Turonensis, 347 das ist wenigstens daraus nicht zu schlicssen, woraus es 5Na- billon schlicssen will. (°) Es ist wahr, L.anfrai»cus schickte seine Widerlegung, nicht eher als 70 oder 7t, an den Pabst Alexander; aber nicht darum, weil sie nicht eher fertig war; sondern darum, weil sie der Pabst nicht eher verlangt hatte. Oder schickte etwa jeder Mönch, der ein Buch geschrieben hatte, ein Exemplar sofort an den Pabst? Alexander ohnedem verfuhr mit dem Vcrengaruis sehr säuberlich; es sey nun, weil er ihn für so irrgläubig nicht hielt, oder weil er in der Verfassung war, alles gern zum Freunde zu behalten, was nur immer sein Freund seyn wollte. Dieses wissen wir noch itzt: warum sollte es nicht auch damals -L.anfrancus gewußt haben? Und wußte er es, so wird er sich gewiß nicht übereilt haben, sein heftiges verketzerndes Buch eher an den gelinden Pabst zu senden, als er es ausdrücklich von ihm verlangte. 4. Gleichwohl wird man sagen, geschieht doch in dem Buche des Aansranens des Wiedcrruss, zu welchem sich Dcrengarius auch unter Grcgorius dem siebenden gebracht sahe, nicht allein Mcldung, sondern dieser Wicdcrruf selbst ist von Wort zu Wort daselbst eingerückt. Wie wäre das möglich, wenn nicht Aanfrancns nachher erst geschrieben hätte? — Durch die unbesonnene Interpolation eines Abschreibers, antworte ich, war es möglich; und man sollte sich schämen, diese hier leugnen zu wollen. Doch, was ich in dem einen Manuscripte für ein- gcschobcn erkläre, erkläret der Benediktiner in den andern Manuskripten sür ausgelassen. Wie wird das zu entscheiden seyn? Ich sollte meynen, daß hier sehr vieles schon auf die Anzahl der Manuscripte ankomme. Eingeschaltet hat sich die streitige Stelle nur in einem einzigen Manuscripte gefunden; nehmlich in dem, nach welchem Franciscns I. Ii>). Xlll. t9, (°°) I/Meri» eum liNis smice p>':vi»o»uil, vl a Secl» 5u» ee-jlÄoU, nee »mplius siliielsiin IüeeIeN»m keüiul-Uixilrel. ^/io»i,»i»s I/a^-?. //. 0<»ici/, />. /, />, 1015. 348 BereiiMiuS Turoncnfis. Abschriften genommen worden? oder dieses, daß die eine verfälschte Abschrift glücklicher Weise ohne weitere Abschrift geblieben? Die Ausgabe des Guadraws erschien zu Rouci! 1540; und c^uaOratns bildete sich fest ein, daß er das Werk des Ä.an- francus zuerst an das Licht brächte. — Novum, sagt er in der Zucignungsschrist, llixi Diopter c-os, kju! vol vel neseio e»ins o^ors tioc ^iim ocütlim essus ihm bereits zuvorgekommen war. Diese Ausgabe des Sichard ist zu Basel 1528 in Oc- tav gedruckt, und mit dem Philasknns verbunden, den dieser um mehrere alte Schriftsteller verdiente Mann gleichfalls zuerst drucken ließ. Er hatte beider Handschriften in einer alten Bibliothek zu Tarier entdeckt; und in der von dem Werke des /Z.anfrancns, fand sich die streitige Stelle nicht. Da indeß dem (üuadratus sein Vorgänger so völlig unbekannt geblieben war, so konnte ihm so leicht kein Argwohn darüber beyfallcn, und wir können es ihm nicht verdenken, daß er alles drucken ließ, wie er es vor sich hatte. Nur dem Dacbcnus, der die gesammten Werke des K.anfrancus 1K48 herausgab, ist es zu verargen, daß er dem (Uuavratns die Ehre der ersten Ausgabe bestätigte, da er doch wußte, daß überall, wo der Tractat des L.anfrancus sonst abgedruckt war, von mehr gedachter Stelle nicht die geringste Spur zu sehen sey. Dieses hätte ihn ja wohl eine andere Quelle müssen vermuthen lassen; und indem er dieser nachgeforscht, würde ihm SicharS nicht haben entgehen können. Denn obschon auch Vlimmer, nach dem Cwadra- tue, eine Ausgabe von dem Vnche des Ä.anfrancus 1561 besorgt hatte, in welcher sich die Stelle gleichfalls nicht befindet: so konnte ZOacherius darum doch nicht glauben, daß man in allen den grossen Sammlungen, in welche das Buch des francus aufgenommen worden, dem einzigen Vlimmer gefolgt sey. Denn einige derselben sind früher, als vlimmers Ausgabe; z. E. das IVItxpoirx'xo'^fcxov von 155<1 und die villiolloxo- von 1555, bey welchen beiden man nur allein der Sichardschcn Ausgabe kann nachgegangen seyn, da man in ihnen Gregon'us des siebenden an dem zweifelhaften Orte BcrengariuS Turoiieiisis. eben so wenig crwehnt findet, als beym Sickard. Kurz, T>a- cherius hatte sehr Unrecht, sich an den einzigen ü^uadratus zu halten, und indem er den Text desselben allen übrigen vorzog, gleichsam den Grund zu den verführerischen Unwahrheiten zu legen, welche der Benediktiner in der Folge darauf zu bauen beliebte. Denn glauben Sie ja nicht, daß die drey Ausgaben von 1540, 1048 und 1677, in welchen er sagt, daß sich die Stelle vom Grcgorius befinde, drey wirklich verschiedene Ausgaben sind. Die von 1Z40 ist das Original des (vuadratus; die von 1048 ist die Sammlung des Dacberins, der jenem blindlings folgte; und die von 1077 ist der Abdruck in dem 18ten Bande der Lilil. max. Patrum, in welcher man eben so blindlings sich an den Dacberins gehalten hat: so daß man überall auf den leidigen Onadrattis zurückkömmt. Ich gebe es zu, daß die Ausgabe des Sichard höchst selten ist. Auch die größten Bücherkenncr, wenn sie ja etwas von ihr wissen, haben nur einen sehr verwirrten Begriff davon, welches ich Ihnen mit dem Beyspiele des Fabricius beweisen könnte. (") Aber den Dachcrius kaun das noch lange nicht entschuldigen. Er hatte doch sonst sechs bis sieben gedruckte Ausgaben vor sich, und ausser diesen, wie er selbst bekennet, noch drey Manuskripte, welche alle der Interpolation des Quadralus widerstritten. Was hatte dieser einzige gegen so viele bey ihm vermögen sollen? Zwar will er sich durch die Vermuthung rechtfertigen, (°) I.iker /^a»!/)'»nci conlr» üe!'cnA'a?'i'um primum eelitus e5t s ^>eo sivv Hun^?-a/n, veccensl eit!l, relinkiiü eu»> pliiliislrio, IZi>I">>> j528, jSSl. 8. et eum likr» per 40 zu Nouc» den Lanfrancus herausgegeben: eben diese Ausgabe von Nouen und benanntem Jahre ist die Ausgabe des (Quadratus, und Guil- Ratus heißt nur der, welchem sie (Quadrarus zuschrieb. Ich kann nicht begrciffcn, woher diese Verwirrung entstanden. Denn cinc blosse Verwirrung kann es doch nur seyn, ob ich sie schon auch von Hr. Hambergern wicderhohlt finde. Zuverläßige Nachrichten, Ty. S. 805.^ Bcrcngarius TlironeujiS. daß S.«nfrancus vielleicht selbst die Stelle in nachfolgenden Zeiten cingcschoben, um sein Buch desto vollständiger zu machen. Aber wo ist der Verfasser, der sein Buch auf Unkosten aller Ordnung, alles Zusammenhanges, alles gesunden Mcnschcnvcr- standcs, mit einer einzigen Nachricht vermehren wollte, die man bey ihm gar nicht sucht? Und daß dieses hier der Fall wäre, wird jeder empfinden, der sich die Mühe nehmen will, die ersten zwey Kapitel in einem Striche zu lesen. Ein anderes wäre es, wenn noch sonst Spuren der Umarbeitung und Vermehrung in dem Terte des Gn«draws sich fänden. Allein keine einzige, als diese, und eine so unförmliche: das ist schlechterdings unglaublich. Dennoch, wie bescheiden ist noch Dacke- rius im Vergleich mit dem Benediktiner, dem L.anfrancns nicht bloß so verwirrt ergänzt, sondern gleich Anfangs geschrieben haben soll! Ist es möglich, daß dieser Mann, auch nur den Anfang des Werks, mit Aufmerksamkeit kann gelesen haben? 6. Denn endlich: was erhellet aus diesem Anfange unwi- dcrsprcchlichcr, als daß L.anfrancus nicht in England geschrieben? Z.anfrancus wirft dem Ncrenganns vor, daß er ihm ausweiche, ihn vermeide, daß er sich mündlich mit ihm nicht einlassen, kein freundschaftliches Gespräch über die streitige Materie, unter Zuziehung frommer und einsichtsvoller Schiedsrichter, Mit ihm eingehen wolle. 81 tlivin-t piet-is corcii wo inh,!- rare «liFngi'etur, yuatenns i-efneetn epis, atnuo iinim-v tun? n?o- ^iz^tt volles, Incum^ue oiipoitunum in yua icl enmjietenter poslet lwl'i, j'.iluuri clolikviatinne cliAeres: multum lVu taste til>i, prociil cluliio autem iis conkuleres, «uns 8ocl sttiia oleAikti ^ravitatom, «^uam somol in>l»il>ifti, cla»iiei"tin!s tlil'jiiitatinnibus -iznul im^orltns tuei-i; nalani gutem at^uo in au- lllvntia sancti Loneilii vrtliocloxam siilcm non amoro veiltatis, (°) r»ein6v «ollalo 'rrÄctsi» Sll Irlil VUiNoliiecsriim Rexi>!v, kiliilo lüinon seciu» ?>llilil»inoiil!t vsle <>u»! proNNimn«, no» est e»r üssirmemu», qu»>it>oIein illl^vissv en v> I.?»>Ni»ie>im, vlüliorilsfeque vt «mplior »>que emsinlulior kniet liliellus, vero simillii»!, vsl r»!io-, qiwti ei tolenl xlvrique »iiolores s»?i>iii« iiwuiiem revo» cnre, /)«i?/te? ivs ^ec^oi e»!. BcreiigariuS Turonensis. 361 keil timorv mniüs conliteri: ^rn^torea??,e, roluZis reli- Aiofas ^erfnnas, 9 fallen muß, in welchem Zdcrengarius zuerst geschrieben, S.anfrancns ihn widerlegt, und crstrer auf die Widerlegung geantwortet haben kann. So viele Zahrc können auch gar wohl darüber verflossen seyn: denn so Schlag auf Schlag liessen sich die gelehrten Streitigkeiten im cilftcn Jahrhunderte ohne Zweifel noch nicht führen, als wir sie itzt, im achtzehnten, geführt zu sehen gewohnt sind. IV. Wenn es ^uZ-v sind, womit ich Sie in meinem vorigen Briefe unterhalten habe, so sind es doch ZXug-v ans der Klasse derer, «ju-ie lei-Ia cluemit-. und das muß mich entschuldigen. Eine handgreiflich untergeschobene Stelle sey eine noch so klägliche Nichtswürdigkeit: das, wozu man diese Stelle brauchen will, ist wenigstens keine Nichtswürdigkeit- Denn übersehen Sie nur den ganzen Weg des Benediktiners; von wannen er ausgehet, und nach welchem Ziele er fortschreitet. Wann die Stelle des K.anfrancns, schließt er, nicht nntcr- gcschobcn ist, so hat lZ^iifrancus viel später geschrieben; hat er viel später geschrieben, so kann er wohl gar den Zberengarius bekehrt haben; hat er ihn bekehren können, so hat er ihn gewiß bekehrt; und hat er ihn, den Patriarchen aller Feinde der Transsubstantiation bekehret, so ist es blosse Hartnäckigkeit von mir, und von Ihnen, und von uns allen, wenn wir uns nicht gleichfalls durch seine Gründe bekehren lassen. Aber, wird man sagen, so schloß vielleicht nur ein einziger Benediktiner; so schlössen höchstens nur diejenigen Benediktiner, die gemeinschaftlich an einem Werke arbeiteten, das die Sanction ihrer Kirche weder erhalten hat, noch jemals erhalten wird: diese billiget dergleichen Fcchterstrcichc eben so wenig, als sie deren bedarf. Nun wohl: so wollen wir alle die kleinen Vortheile, die unser Manuscript gegen nnbcfngtc Parthcygängcr an die '.'Mings W-rk- viii, 23 364 Bcrcngarins Turonensis. Hand giebt, für nichts rechnen, und zu wichtigern Dingen kommen. Mit einem Worte, mein Freund, ich verspreche Ihnen nichts geringeres, als die Aufklärung lind Berichtigung der gesamten Zderengarischcn Händel, in einem Grade, welcher schwerlich mehr zu erwarten stand. Sowohl die eigentliche Meynung des Berengarins, als die vcrschiednen Wege, welche man einschlug, diese Meynung in ihm zu unterdrücken, wohin vornehmlich die gegen ihn gehaltenen Kirchcnvcrsammlungcn gehören, nebst der räthselhaften Nachsicht, die er bey allen seinen anscheinenden Rückfällcn fand: alles das sollen Sie in einem schlechterdings neuen Lichte erblicken, welches Ueberzeugung und Befriedigung auf den geringsten Umstand verbreitet. Aber erlauben Sie mir, was ich Ihnen von der eigentlichen Meynung des Derengarius aus dem Manuskripte mitzutheilen habe, noch vors erste bey Seite zu setzen. Ich halte es für schicklicher, bey dem bloß Historischen anzufangen, und Ihnen, nach der Zcitordnung, nicht unerhebliche Erörterungen über folgende besondere Stücke vorzulegen: als nehmlich, 1) über die erste Anklage des Berengarius bey dem Pabstc; 2) über die Zeit, wenn Bcrengarms seine Lehre zu behaupten und zu verbreiten angefangen; 3) über die erste wider ihn zu Rom unter K.eo dem neunten 1050 gehaltene Kirchcnvcrsammlung; 4) über die Kirchcnvcrsammlung zu Vercelli, des nehmlichen Jahres; 6) über, die zu Paris in Gegenwart -Heinrichs des ersten, gleichfalls von diesem Jahre; 6) über die zu Tours von 1065; und endlich 7) über die zu Rom, von 1059, unter Nicolans dem zweyten, als der nähern Veranlassung der zwischen dem Ä.anfrancns und Aerengarius gewechselten Streitschriften. Alles, was wir von diesen Dingen bisher gewußt haben, schreibet sich, wie bekannt, fast einzig und allein aus der Schrift des L.anfrancus her. Selbst der zeitvcrwandtc Anonymus, dessen Aufsatz eom>5 ?»i>ie, «ieliUa ett Ii-sresis lus s>> spotlo- esm leilem. gui eum S^nodo prsstuloiel, sc leMeiot tecum »oi> v»rv!« 23" 356 BerenMius Turoncnsis. Brief über das Abendmahl an ihn, nach der Normandie, geschrieben: weil er (L-anfrancus) aber allda gleich nicht gegen« wärtig gewesen, so sey der Brief vcrschiednen Geistlichen in die Hände gerathen, weiche ihn gelesen, und den anstößigen Inhalt weiter bekannt gemacht hätten. Er sey darüber in den Verdacht gerathen, als ob er es wohl selbst mit dem Derengarins, es sey aus blosser Freundschaft, oder aus Ueberzeugung, halte: und dieser Verdacht habe sich sogar in Rom verbreitet, als der Brief ihm von einem Geistlichen aus Reims, dahin nachgebracht worden. Der Pabst habe davon gehöret; und weil er eben ein Concilium um sich versammelt gehabt, so sey der Brief öffentlich verlesen, und die darin geäußerte Meynung cinmüthig verdammt worden; er selbst aber habe, auf päbstlichcn Befehl, auftreten und die reine Lehre der Kirche, zu seiner eigenen Rechtfertigung, dagegen erhärten müssen." Was nun den Brief selbst anbelangt, welcher alle das Unheil angestiftet haben soll: so hat L.Knfrancus nicht für gut befunden, ihn uns mitzutheilen. Aber Dacherius hat, aus einer Handschrist in der königlichen Bibliothek zu Paris, einen Brief des Berengarins an den Ä.anfrancus bekannt gemacht, welchen er für den nehmlichen hält.(°) Er ist so kurz, und jedes muUitutlo ISnjlcuporui», ^V>idiU»m, uiverNlltie oruiiu« it uiversi« rexionikus lelißiomrum perlen»! um, Mstum ett i» oiuuium sutlientii» recitsri, >iuss milii >Io l!urnore et SüNAuiue vomini liier»» lrsnsmMNi, ?«Ni>or quipne esrum lexiUus luu» mo in Xorniauniit »011 reperlu, tr!»>iilit eu« <>>nl)usil!lm clerieis; lue s»c>um esl, vt neu äelerivr Se tu quiim ue mv kuvrit »rlu, suspieio, sä >U!» tv «Uüxerei», vei fule «lim ru ver» il» esse nun tlukilsiiler lenerem. Ixilur euin » «luoiliim Ilemeusi clorico Iiom»i>i perl-uss rveUitlor lederet, iiileiieeln yuetl /oannem ^o/»»« exlvlleres, /'a/c/i»/?!/?» (litmnurei!, evminuni uv LuetutiiN!» Ntlei !»>v> >s!l lentil'i«, pio- mnlizslit est i» te >iit»>»»tio»i» feuienti» >»iv»»8 ,»mmuui»ne sniiela: IZccleliu:, iju»,» tu viivuie s»uel!l e^u» eoiumuiiiune s»l»Le>i»». t'vst I>ie«! prtceei»it !>»>>», vt vi?» suigerei», n>»vi rumori« !t ine iu»cul»u> »lislerge- >»i», Nuem me»m exneoerem -ji'e. /i. />n,/t. (°) I» Kotii! et vbserv. all vitiU» ^u»/ ÄS> Vci'cüganliö Turoncnsis. 357 Wort desselben verdienet in Absicht dessen, was ich darüber zu sagen habe, erwogen zu werden, daß ich ihn gar wohl hier ganz einrücken kann, und muß. rnäikl i^ixrRänco vLkLNkäkivs. porvonit gi? mo, dritter I^iZnfianeo, ! I)ous non ns^ornaliilo eontulit, iirivproporsm soronclo sontontiiim. I^onclum onim acloo satogitti in 1"criptura tlivina cum tuis cliliAolitiorilm». I?t nunc ei-Ali, Krater, s^uantumlil»ot rudis in illa kerintnra vollem tantum nuclilv clo on, 5i o^nortimum mini tivrct, aclliil^itis s 60 I^ueliaril'tikl prolia- mus, nalienclus til»i vst IiNi-otious ^mlirokius, Hioron^mns, ^u- Fiil'tinus, vt clo eirtoris taceam. Dem Dackcnus sind, in seiner Meynung von diesem Briefe, die gelehrtesten Männer der katholischen Kirche ohne Bedenken gefolgt. De Roye schloß so: aus dem Briefe, welcher auf dein Concilio vorgelesen ward, ersähe man, daß Nercngarius dem Johannes Scoms bcytrcte, daß er den Paschasink verdamme, lind daß er einen andern Glauben von dem Abcndmahle habe, als den gemeinen Glauben der Kirche; diese drey Punkte sind auch aus gegenwärtigem Briefe zu ersehen; folglich ist dieser jener, und jener dieser. Lossarrius billigte diesen Schluß, und bestätigte ihn noch durch die Vcrglcichung mit einer Stelle aus dem Briefe des Berengarins an den Ascelinns, die freylich sehr entscheidend ist. 1^) Zch übergehe den Du Pin, (°") und andere, welche gleich ihm die Entdeckung des Zvachcrius stillschweigend billigen, indem sie dieselbe nutzen. Der einzige Mabillon erkannte hicbcy eine Schwierigkeit, die allerdings so groß ist, daß man sich wundern muß, wie sie (°) concilioium 5. XII. I>. 5430. (°°) Xouv. VWI, lies ä,u>. kccl. r. VUI. I>. 7. 368 Bcreiigarius Turoncnsis. von allen seinen Vorgängern hat können übersehen werden. Wenn nehmlich schon die vom De Roye und Lossartius angeführte Merkmahle eintreffen, so ist doch noch ein anderes, und gerade das wichtigste Merkmahl übrig, welches auf den vom Dacherius bekannt gemachten Brief schlechterdings nicht passen will. Ich meyne den Verdacht, welcher aus dem Briefe des Bercngarius wider die Rechtgläubigst des Aanfrancus selbst, soll entstanden seyn. Einen solchen Verdacht, sagt N?a- billon, hat der gegenwärtige Brief dem Ä.anfrKncns nicht zuziehen können, weil ausdrücklich darum gesagt wird, daß -L.an- francus der Meynung des Dercngarins nicht gewesen, und daß er sie sogar als ketzerisch verworfen habe. Folglich, urtheilet Mabillon, müsse es ein andrer Brief gewesen seyn, welcher in dem Concilio verlesen worden; und dieses sey ohne Zweifel der frühere gewesen, welcher den K.anfrancus in der Normandie nicht gefunden. (") Nun ist zwar das letztere ganz ohne Grund. Denn aus den Worten des L.anfrancns erhellet im geringsten nicht, daß Berengarius zwcymal an ihn, während seiner Abwesenheit aus der Normandie, geschrieben habe: sondern der Brief, welcher ihn in der Normandie nicht fand, ist eben der, welcher von da nach Reims geschickt, und von Reims ihm nach Rom gebracht wurde; wie solches eben der Benediktiner, mit welchem ich mich in meinem Vorigen hcrmngcstrittcn, sehr wohl zeiget. Aber dem ohngcachtct bestehet der Einwurf des Mabillon in aller seiner Stärke: und entweder ist es nicht wahr, daß K.an- francus selbst durch den Brief des Äerengarius verdächtig ge- ^nle lias liUerg.» Ae^en^«?'/,» ^an/,'nttc,«n »li»«, vt viilelur, urwres perkereiulss lrsllitlerst euiüsi» »uiilio, qui, ^«/i/>«nco In ?ioi»,iui- ni» minime reperto, ea» »vsruit, et «luidusilsm lulzeiitlss privliuit. M»o, vt kunt proui -ui Niiistra ^juilici» morlsles, noii «Zewrior lle /?e?>en»'<»'io Ipso, qusm >Ie I,a»/>a»c<> oniuio, lu»>> nra:>Iicla: episloliv eunvenir« non nvlsft, i» q»» » Ae- »e/iFnii» iliskvnlire »perlu llieitur: Slleoyuiz »ecesse ett, Alias »tlmilwru Leic«A-«i!! »cl /^a?i/?a»cu>» urlores liUkiiis, in quilius »mlco eum eu ilo ^us errore H/aö-V/o«, ^/ci. Ka»ci!o?'ll»i t),c>?. Lc/te-/. H«ee. i^/ //. ^ae/. §. 13. (°°) Niki. lil. ,I<- l» r. Vlll. u. SS!i. Bereiigarius TuroncnsiS. 35,9 worden, oder der Brief, durch welchen er es ward, ist nicht der, welchen wir vor uns haben. Daß Mabillon sich lieber an die letzte Folge halten wollte, als an die erste, ist natürlich. Wie hätte er die erste mit der Verehrung reimen können, die er gegen einen Heiligen seiner Kirche zu haben schuldig war? Der heilige Mann sagt es ja selbst, daß seine eigene Orthodoxie durch den Brief des Derengarios verdächtig geworden: wie sollte nicht alles wahr seyn, was so ein heiliger Mann sagt? Und dennoch ist es nicht wahr! Es war ein blosser Vorwand, den K-Kttfrancus zu brauchen beliebte: und Berengarms unterläßt nicht, diesen Vorwand in unserm Manuskripte gerade zu für das, was er war, für eine Lüge zu erklären. Denn freylich war der vor uns liegende Brief eben der, der in dem Concilio verlesen worden. Berengarius hatte ihn seiner Antwort ganz eingerückt. Leider zwar auf den ersten Blättern, welche verloren gegangen. Aber dem ohngcachtct erhellet aus dem, was er in der Folge davon sagt, unwidcrsprcchlich, daß wir uns unmöglich irren können, wenn wir den Brief bey dem Dacheriris für den nehmlichen, und für so authentisch halten, als ob er aus den Verlornen Blattern selbst genommen wäre. Eben das also, wodurch er dem MalMon verdächtig werden wollen, ist das, was ihn am allcrkcnntlichsten machen muß. XNabillon sagt, daß durch diesen Brief -L.anfrancus selbst unmöglich in Verdacht gerathen können; eben dieses sagt auch Berengarius von dem, welchen er eingerückt hatte: folglich ist es gewiß, daß sie beide den einen und eben denselben meynen. Hier sind die Stellen aus dem Manuskripte selbst, welche das gut machen werden, was ich gesagt habe. Es ist, wie Sie wissen, überall K.anfrancns, mit dem Berengarins redet, „(juocl mvum s<1 t«z teriptum tovtvnt'ias lialwiste clo corpore ot sanFiiiniz Ooinini äieoro voluM, mdiFnistimo tua voritliel- täte leriritilti, ollit, vt Iiuziiüi-. ljua e»im sroiito l'eiil>ei-o ^otuisti l'usz>ieior>em cn»i>» te te tu- liste senteiitiam, et vt »»> t't!iij>tiii-!>«. IXee f-liii ei-A« oo^itis l'iiit, aliizuill enntia te lul^ieari ^^rc)ual»ai>t. 1)on!tum illucl ,zui voluorit, et niliil cenft.intius ve^ukro valeliit, «juiiin no» zintuislo oiin inus Turoncnsis, folget zu werden, sie die Irrthümer ihres ihnen sonst so lieben Nächstens, ihres Bruders in CHristo, finden. Es wäre schlimm, wenn ans der folgenden Untersuchung über die Zeit, 2. wenn eigentlich Berengarius seine Lehre zu behaupten und zu verbreiten angefangen, die Hcuchclcy des ^.anfrancus noch schwärzer und verhaßter erscheinen sollte. Der Brief des Berengarius war kurz vor, oder während der Kirchenvcrsammlung geschrieben, welche zu Reims in den letzten Monaten des Jahres 4!) gehalten wurde: denn er ward dem Aanfrancus, welcher sich mit darauf befand, dahin nachgeschickt. Lediglich auf diesen Brief ward denn auch der Stellet desselben, in dem nächstfolgenden Zahrc, zu Rom und Bcr- cclli verdammt. A.anfrancus sagt zwar, daß zu Vcrcclli die Lehre des Berengarius der Kirchcnversammlung vorgelegt worden, welches auS dem blossen Briefe nicht wohl geschehen können, und daher andere authentische Schriften sollte voraussetzen lassen. Mein, was Berengarius dem Ä.anfrancus hierauf, in unserm Manuscriptc antwortet, ist höchst merkwürdig; nehmlich: „(jucxl kentontiam merim seriliis Voroollis !n cantestu illo e.xnntitam: clioo cl«z roi voiitsto et teKImonlo ennl'viontii« nieiv, niillum ec> temz,m' veiiwto vc> tompore pernestus non^ium tüm ciili- izonti in terinturis «ontilioiationv tiitoAeram." Was meynen Sie? Wenn wir einer so fcycrlichcn Nersichc- rung glauben dürfen; — und ich wüßte nicht, warum wir nicht dürften? — wenn es wahr ist, daß in dem Zahrc 50 schlechterdings kein Mensch die Lehre des Berengarius vortragen können, weil er sie noch selbst nicht aufs reine gebracht hatte, weil er sich noch selbst um den Gegenstand derselben so genau nicht bekümmert hatte, als ihn die Verfolgungen, die er nachher darüber erdulden mnßtc, zu thun nöthigten: wie wird es um die stehen, welche so zuvcrläßig wissen wollen, daß er 362 BcrcngariuS TlironeusiS. weit früher angefangen habe, seine Kctzcrey zu verbreiten, und ihr durch Uebcrrcdung und Bestechung Anhänger zu verschaffen? Ich übergehe die elende Fabel, daß 2)erengarius eine besondere Neigung zur Heterodorie schon als Schüler des Bischof Fnlbert zu Lhartres verrathen habe, und daß der sterbende Fulbert ihn nicht vor seinen Augen leiden wollen, weil er einen Teufel ihm Nachtreten gesehen. Wenn das geringste davon wahr wäre, so würde sein gewesener Mitschüler, Zhr Adclmann, gewiß nicht unterlassen haben, in seinem Briefe es ihm vorzuhalten. Einigen Schriftstellern zu Folge, soll Adelmann das auch wirklich gethan haben, und Naralis Alexander schreibt ausdrücklich: aäolescentom potulant!« inzonii et acl novltatos pro- penli prazec-ptor l'-metist'imus Iimtabatur n- mannus tottatur ia Lpirtola »cl iptum clat-z. (°) Aber wie muß dieser Mann gelesen haben? Sie haben den Brief des Adelmanns gewiß aufmerksamer gelesen, und wissen, daß die Ermahnungen des Fulbert, auf dem einmal gebahnten Wege zu bleiben, seinen Schülern überhaupt, nicht aber dem Berengarms ins besondere, gegolten. Hätten sie die geringste besondere Beziehung auf den Derengarius gehabt: so würde, wie gesagt, Adelmann sicherlich sich dieses Vortheils gegen ihn da nicht begeben haben, wo er ja wohl eines ganz besondern Eindruckes fähig gewesen wäre. Auch bey dem Baronius brauche ich mich nicht zu verweilen, nach welchem Berengarms durch seine Kctzcrcy bereits im Zahre 1t)35 Unruhen soll erregt haben. Denn daß dieses falsch sey, haben Nacalis Alexander und Ant. Pagi aus eigenen anderweitigen Nachrichten des Baronins gezeigt; und es ist nur zu verwundern, wie Zdasnage dem 2öaronins so blindlings nachschreiben können. Aber pagi selbst nimmt dafür das Zahr 45 an, in welchem die Ketzercy des Berengarius zuerst ausgebrochcn sey; und gründet sich dcßfalls nicht sowohl auf die Zeugnisse verschiedener Geschichtschreiber, an deren Genauigkeit sich noch wohl zweifeln C) vist. lelect. !, l>. t»g6. Z. 10. BcrengariuS TnroncusiS. liesse, als vielmehr auf die mit diesen Zeugnissen übereinstimmende Berechnung, welche sich aus dem Briefe des Adclmanns anstellen läßt. Und diese ist es, welche hier in nähere Erwägung gezogen zu werden verdienet. Sie erinnern sich, daß man aus den Worten des Adclmanns, ?«zuton!eas aures, intor czuas wm lliu pcr«ZAr!nor, schlicsscn ZU dürfen glaubet, daß er noch der Schule zu Lüttich vorgestanden, als er seinen Brief an den Berengarius geschrieben. Sie erinnern sich, daß man als unstreitig annimmt, Bischof zu Brescia sey er in dem Zahre 48 geworden. Hieraus würde nun freylich folgen, daß auch der Brief längcstcns in diesem Zahre, wo nicht noch vorher, geschrieben worden; und da es in demselben so gar heißt, daß bereits zwey Zahre vorher der Ruf von der irrigen Lehre des Berengarius dem Avelmann zu Ohren gekommen; so würde eben so unstreitig weiter folgen, daß Berengarius schon gegen 46 damit Aufsehen gemacht habe. Wäre nun aber dieses, wie würde es um seine Versicherung stehen, daß vor 60 keinem Menschen seine wahre Meynung bekannt gewesen? Müßte er nicht entweder hiermit die Unwahrheit geschrieben haben, oder leichtsinnig genug gewesen seyn, eine Lehre zu behaupten, und auszubreiten, die er selbst noch nicht hinlänglich untersucht halte? Zch denke nicht, daß eines von beiden nothwendig folgt. Er kann gar wohl vor 50 eine Meynung gcäusscrt haben, welche den blinden Anhängern des Paschasius ärgerlich war. Aber es war bis dahin nicht sowohl seine eigene Meynung, als die Meynung des Scotus. Denn so viel Ucbcrgcwicht als damals auch schon die Lehre des Paschasius mochte gewonnen haben: so war sie doch noch durch keinen Schluß der Kirche für die einzig wahre erkannt worden. Die Lehre des Scotus war noch unverworfen; und es mußte einem jeden Gliede der Kirche noch frey stehen, sich für die eine oder für die andere zu erklären. Auch thut Berengarius in dem Briefe an den L.anfrancns selbst weiter nichts, als daß er, zu Folge dieser Freyheit, den Aanfrancus vor Uebercilung und eigenmächtiger Verdammung eines Mannes warnet, in welche die unsträflichsten Väter der Kirche mit verwickelt werden könnten. 364 Bcrcngarius Tm'oncnsis, Sie werden sagen: „alles das, so befriedigend es auch immer seyn möge, könne doch mir für den Brief des ASclm>?nns befriedigen; aber diesen Brief habe Bcrcngarius nicht ohne Antwort gelassen; beträchtliche Fragmente von dieser Antwort wären vorhanden; und diese Fragmente wenigstens widersprächen der angezogenen Versicherung ihres Verfassers, daß bis zur Kir- chcnvcrsammlung zu Vcrcclli, sie selbst eingeschlossen, niemand von seiner Meynung hinlänglich unterrichtet gewesen; angcscbcn in diesen Fragmenten im geringsten nicht von der Meynung des Scorus, sondern von der eigenen Mcvnung des Bcrcngarms die Rede sey, die er sowohl durch Schlüsse, als durch Stellen aus den Vätern zu behaupten suche." Recht; Sie setzen nehmlich voraus — Doch ehe ich es vergesse' Es ist ohne Zweifel ein blosses Versehen Ihres Setzers, oder Abschreibers, mein Freund, daß nurgcdachtc Fragmente, in Ihrer Ausgabe, als ein einziges fortlauffcndcs Fragment gedruckt worden. Marcene lind Dnrand hatten sie nicht in blossen Absätzen drucken lassen, sondern die Absätze selbst noch durch die Worte I6c-m inlra von einander getrcnnct: und diese Worte sind es, welche ich ungern bey Ihnen vermisse. Nicht sowohl deswegen, weil man ohne sie nun leicht einen Zusammenhang suchen möchte, wo keiner seyn soll: als vielmehr deswegen, weil ohne sie dem Leser so leicht nun nicht eine Frage beyfallcn kann, die nicht so ganz für die lange Weile seyn dürfte. Nehmlich die: das Manuskript, aus welchem N7a«ene und Durand jhrc erste Ausgabe besorgten, enthielt es ebenfalls nur die mitgetheilten Fragmente aus der Antwort des Zderengarius? oder enthielt es diese Antwort ganz? Wenn gleichfalls nur die mitgc- . theilten Fragmente: warum sagte man uns das nicht deutlich? Wenn die Antwort ganz: warum erhielten wir sie nicht ganz daraus? Was für Recht hatten diese Benediktiner, das Uebrigc zu unterdrücken? In welchem Verdachte müssen uns solche Unterdrückungen bestärken? Ich habe diese unangenehme Saite schon einmal berühren müssen. (°) Nun wäre es leicht möglich, daß das, was sie so zurückgehalten, gänzlich aus der Welt wäre: denn das Manuskript, welches sie brauchten, wird ohne (") In dem zweyten Briefe, S. 333. BercnM'ius TuroncnsiS. 365 Zweifel zu Gcmblou mit verbrannt seyn. Aber wieder in das Gleiß. - Sie setzen, sage ich, voraus, — daß, wenn man das Datum eines Briefes wisse, man in dem Dato der Antwort nicht eben sehr weit schien könne; daß also, wenn der Brief des AOelmanns vor 48 geschrieben worden, die Antwort des 25c- rcngarius wohl schwerlich erst 60, und später, werde erfolgt seyn. Gleichwohl, so natürlich diese Voraussetzung ist, so muß sie doch hier einem unstreitigen! Beweise nachstehen. Der Brief des Adelmanns mag geschrieben seyn, wenn er will: die Antwort des Bcrengarms ist gewiß erst nachher geschrieben, als er mit dem L.anfrancus bereits in Streit gerathen war. Dieses ist aus den Worten nnwidersprechlich: ^äveisarü ergo, vul- Aus, vt cum vulAo Insimientizs, patelisi'ius, I^iinsraneus et hui- cuwMv alii ita cautsm inteiiileliklnt: ^,anom et vinuin, per eor- runtionem vel sdl'iimntionem lui, in psrtieulam csrnis Llnisti lonfualiter tranllro et laoguiols. Wie hätte Äerengarius des A.anfrancus hier, und auf solche Weise, gedenken können, wenn er nicht bereits jenen Brief an ihn geschrieben gehabt hätte, vor welchem er noch kaum wußte, wie sehr abgeneigt Aanfrancus von der bessern Meynung des Scolus scy? Halte er aber jenen Brief bereits geschrieben: so ist seine Antwort an den Avelmann auch zuverläßig später, als die Kirchcnvcrsamm- lung von Vcrcclli, in welcher man ihn wegen einer Meynung verdammte, von der, wie er versichert, noch kein Mensch wissen konnte, ob es seine Meynung sey, oder nicht. Nur durch diese, und die kurz vorhergegangene Römische Kirchcnvcrsamm- lung, lernte Derengarius selbst den L.anfrKncns erst recht kennen; und wenn er einige Monate vorher noch zweifelte, ob es auch wahr sey, was ihm Ingelrannns aus Chartrcs von dessen Gesinnungen erzchlt hatte: so wird er ihn gewiß nicht noch früher zu dem blödsinnigen, rasenden Pöbel gerechnet haben, wie er in der Antwort an den Aöclmann thut. Ob nun aus dem so bestimmten spätern Dato dieser Antwort, auch auf das spätere Darum des Briefes selbst, müsse zurückgcschlosscn werden, will ich nicht zu entscheiden suchen. Gesetzt, es müßte: so würde höchstens nur das Zahr, wenn 366 BcrcngariuS TmoncnfiS. Avelmann Bischof zu Brescia geworden, dadurch zweifelhaft werden. Denn jeder andere Grund, warum Adelmann nicht nach der Verdammung des Berengarius zu Ncrcclli könne geschrieben haben, ist so viel als keiner. Man fragt z.E., ob er ihn auch wohl sodann noch tanotv Krater angeredet haben würde? Liweto nun wohl nicht; als welches Sie selbst für den Zusatz eines Abschreibers erkennen: aber Erster doch ohne Zweifel. Denn krator nennet ihn ja auch Ascelinns in einem Briefe, der sicherlich nach den ersten Kirchcnvcrsammlungcn geschrieben war, die den Zöerenganus verdammet hatten. Und so, dächte ich, wäre die Versicherung des Berengarius, von welcher die Rede ist, gegen alle ihr entgegenstehende Behauptungen gerettet. Nun setze ich noch einen positiven Umstand hinzu, der es schlechterdings unglaublich macht, daß Dc- rengarius schon vor 6l) als ein Keßer bekannt gewesen. Nehmlich; wenn es nicht wahr ist, was Nercngarius von sich versichert, daß die Kirchcnvcrsammlung zu Vercelli von seiner Meynung über das Abendmahl nichts wissen können, weil er noch selbst keine gehabt, die er sein eigen nennen können; wenn es im Gegentheil wahr ist, daß schon lange vorher der Ruf von seiner Ketzcrey sich nicht allein in Frankreich, sondern auch in Italien, und sogar in Deutschland, wie Adelmann sagt, verbreitet: wie kam es, daß sie auf keiner frühern Kirchcnvcrsammlung gcrügct ward? Wie kam es, daß besonders auf der zu Reims, bey welcher Ä.eo der neunte selbst zugegen war, ihrer nicht im geringsten gedacht ward? Man sage nicht, daß die mit andern Dingen beschäftiget gewesen. Zn dem Eingange ihrer Verhandlungen, welche Baronius bekannt gemacht, heißt es ausdrücklich, daß auch <1k!i'. 100s L 1VV7. Bcrcng.inuc! TuroncnsiS. 307 send das Stillschweigen dieser Kirchcnvcrsammlung zu Reims sey. Donlans ist nahe daran, den ganzen Schluß zuzugeben: und die einzige Wendung, mit welcher er ihm noch auszuweichen glaubt, ist so gezwungen, daß man ihr seine Verlegenheit dabey nur zu sehr ansieht. (") lüum in setis, sagt er, conellii kemvntis vulla vläoatur iacta tuislo invntio Le^onFgrli, crvtli- I^ilo ott tum nooclum ^Ia»o cloctrinÄM illam extra telivlas ^iro- clisso, sut ti lzuiä äo va ivlstum ett, I^c-uaem noluisto agitsii, no ti cvrru^tistimis IZeclotiatticorum tem^oridus illa tjuMttio Iiliev movorotur, plurimvs invoniret fsutorvs z»r^tert!m in ?isi>. vdi vitciplina plunmum vlaiiFuerat. Dieser Vcdcnklichkcit, welche er dem L.eo leihet, sie möchte nun zu billigen seyn oder nicht, widerspricht L.anfrancus selbst, wenn er mit deutlichen Worten sagt, daß die Kctzcrcy des Dercngarius erst nach der Kirchcnvcrsammlung zu Reims dem Pabstc zu Ohren gekommen, als er das Zahr darauf ein neues Concilium zu Rom um sich versammelt gehabt. L.eo wollte sie also zu Reims nicht vertuschen: sondern er hatte schlechterdings von ihr noch nichts gehöret, und das erste, was er davon erfuhr, erfuhr er aus dem Briefe an den L.anfrancus. Hicdurch wird auch alle Vermuthung abgeschnitten, ob sich nicht unter den zu Reims verdammten Kctzc- reycn, deren keine eigentlich benennet wird, die Kctzcrcy des Derengarius wirklich mit befunden. Denn wenn sie schon in den geschriebenen Verhandlungen nicht namentlich vorkommen müssen: so hatte sie doch namentlich müssen verdammt seyn; und auch dann hätte Aanfrancus nicht sagen können, daß sie erst das Zahr darauf zu Rom vor den Päpstlichen Stuhl gebracht worden, und die Gelegenheit darzu der eigene Brief des Derengarius gegeben habe. Kurz; so gewiß es ist, daß in diesem Briefe nichts vorgekommen, wodurch Aanfrancus selbst verdächtig werden können: eben so gewiß möchte nun wohl auch erhellen, daß der nehmliche Brief das erste und einzige war, was Bercngarins zur Zeit noch über die streitige Materie geschrieben hatte. Gleichwohl aber diese erste und einzige Schrift, in welcher nichts bestimmet wird, in welcher bloß zu einer vertrauten Unterredung cingcla- (") Ilitt. Vniverl. ksrit. r. I. l>. 416. A'crcngcn'ius TnroncnsiS. dcn wird, in welcher bloß, bis zu deren Aüsgangc, vor übereilten und stolzen Entscheidungen gewarnct wird; — gleichwohl diese freundschaftliche, bescheidene, schmeichelnde Schrift, so hämisch zu einer förmlichen Anklage zu machen! o heiliger K.anfrancus, wenn du dir das erlauben konntest, — bitte für mich nicht! Das war es denn auch, wodurch ich besorgte, daß das Betragen des L.knfrancns noch schwärzer erscheinen dürfte. Aber ich komme 3. auf die Kirchenvcrsammlung zu Rom, umcr Leo dem neunten, nun selbst; und wenn ja zur Entlarvung des Heuchlers noch etwas gcfchlct hat, so wird es sich hier finden. Als K.anfrancus zu Rom war, wohin ihm der Brief des Bcrengarius nachgeschickt ward, was machte er daselbst? was waren seine Verrichtungen damals zu Rom ?! Diese Frage ist mchrcrn eingefallen, als mir; und die meisten antworten darauf: das wissen wir nicht. Nur hier und da hat es einer zu errathen gesucht, der vielleicht fühlte, daß es für dcn Aanfrancus doch wohl gut wäre, wenn man es wüßte, um auch hierdurch einem Verdachte vorzubeugen, den er selbst so gern von sich ablehnen wollen. De Roye wollte uns glauben machen, ^.anfrancus sey damals in Angelegenheiten seines Herzogs zu Rom gewesen; nehmlich des Herzogs Milhclm von der Normandie, welcher eine zu nahe Blutsverwandte gchcyrathct hatte, und darüber mit samt seinem Lande in dcn Päbstlichcn Bann gerathen war. Eine verwirrte Stelle in der Chronikc von Bcc hatte, ohne Zweifel, den De Roye verführt. Aber schon Dubais, und nachher Lossartins, haben ihn dcßfallS widerlegt; und es ist unleugbar, daß jcnc Angelegenheit unter Nicolaus dem zweyten sich cräugnct. Zu ihrem Behufe that -L.Knfr«ncus ciuc zweyte I>»»fr!»>eu« livl! !>»«<> Ii»itt!l»> vviwrsl, »l inlvi >>>u>e» mni>utt>>»5, liu'i !i>win»t Lunciliv, !>s>Ui>. >!»mwm Nie LvceeiiNü ^Vliii.i« Uxl^ii)> l!ü>lu »>>» i»>uiiN»> luunmiln >:!>ttl» pvriexissu liunulin evilum vsi, cum eit «üuit-t n«u ^>> I.>!«u(^» IX, s>->> Xicol-ium I't'. ,,^l>iiu!!>l. ////!, ^cv/. / />. ti?t)> (°°) Coluli c!vnmUo>»m r. XI. l>- 1428. NcrcnganuS Tiironcnsis, 369 Reise nach Rom; lind hier ist nicht von seiner zweyten, sondern von seiner ersten die Rede. Mein Benediktiner konnte in diesen Fehler nicht fallen. Um jedoch auch den Aanfrancus nicht das erstemal nach Rom reisen zu lassen, bloß um wider zurückreisen zu können, hat er eine andere Muthmaßung erhascht, die ihm so glücklich und sicher dünkt, daß er sie ganz in dem Tone einer ausgemachten Wahrheit vorträgt. (°) „Der Brief des Derenganus, sagt er, „wurde »ach der Normandic geschickt, wo er aber den K.anfran- „cus nicht fand. Aanfrancus hatte sich auf das Concilium „nach Reims verfügt, welches im Anfange des Octobcrs 104!», „unter dem eigenen Vorsitze Pabsr L.eo des neunten, gcfcycrr „ward. Dieses ist ein Factum, welches allen Geschichtschreibern des Aanfrancus entwischt ist, gleichwohl ganz natürlich „aus dem folget, was Aanfrancus selbst in dem dreyzchnten „seiner Briefe crzchlt. Er berichtet uns darinn ausdrücklich, „daß er sich in dem Gefolge dieses Pabstcs befunden, als er „auf seiner Rückreise durch Lothringen die Kirche zu Remire- „monr eingcwcyhet. Und seht, (voilü!) das war die wahre „Ursache seiner ersten Reise nach Rom, die bis auf diesen Augenblick unbekannt geblieben." Und seht, daö ist wieder ein Frcundschaftsstück, wie es nur immer ein todter Benediktiner von einem lebendigen erwarten kann! Ich will dem sinnreichen Manne die Marschrute, die er dem -S-anfrancris nachzeichnet, nicht streitig machen; er scheinet ihm nicht unglücklich nachgespürt zu haben: Lanfrancus mag immer von Bcc nach Reims, von Reims nach Rcmirc- mont, und von Rcmircmont weiter mit dem Pabstc nach Rom gercisct sehn. Aber wenn wir wissen, wie er gcrcisct ist, wissen wir darum auch, warum er gcrcisct ist? Die Einwcyhung der Kirche zu Rcmircmont war etwas, das er auf der Reise mit ansähe. Aber die Absicht seiner Reise konnte sie doch gewiß nicht seyn. Was hätte ein Mönch aus der Normandic bey der Einwcyhung einer Kirche in Lothringen, zu thun gehabt? Und hätte er ja etwas dabey zu thun gehabt: warum von da nicht C) um, >u> I» t'r> 'k> VIII, p. »63. LessingS ZLerke VIII. 21 Z70 Bcrcngarius TnronensiS. wieder nach Hanse, in sein Kloster? Warum weiter mit dem Pabstc nach Rom? Die Wahrheit zu sagen, ich weiß schon nicht, was L.anfrancns auf dem Concilio zu Reims zu thun gehabt. Er war noch nicht Abt von Bec. Wenn er also nicht eigene Angelegenheiten daselbst hatte: im Namen seines Klosters brauchte er nicht da zu seyn. Aber wie, wenn er wirklich dergleichen eigene Angelegenheiten gehabt hätte? wenn diese eigene Angelegenheiten eben die vorhabende Anklage des Verengarius gewesen wäre? Wie, wenn wir annähmen, er habe den Brief des 2)ercngarins schon zu Bec erhalten; er habe sich sogleich entschlossen, seine Anklage auf diesen Brief zu gründen; er sey damit nach Reims auf das Concilium gercisct, aber zu Reims habe er nicht für gut befunden, damit heraus zu rücken, es sey nun, weil er unter der daselbst versammelten Geistlichkeit zu viele bemerket, die es ebenfalls mehr mit dem Scotus, als Paschaslus hielten, oder weil ihm Dcrengarius selbst noch zu nahe war, zu geschwind selbst bey der Hand seyn konnte, sich mündlich zu vertheidigen; er sey also von Reims dem Pabstc nachgefolgt, in der Versicherung, mit einem Pabste eher fertig zu werden, als mit einem Concilio; er habe nach Rom den Brief sich nachbringen lassen, mit allerley darüber ausgesprengten ihm selbst nachthciligen Auslegungen; er selbst habe unter der Hand zu Rom über diesen Brief des Redens und des Aergernisses so viel zu machen gewußt, bis endlich der Pabst davon gehöret, bis der Pabst ihm selbst eine Erklärung darüber abgefodert, und so die erste Flamme ausgcbrochen? Wie wenn wir dieses annähmen? Wäre es denn so etwas ganz unerhörtes, daß der zuerst Feuer gcruffcn, welcher das Feuer selbst angelegt? Und was darf man sich von einem Manne nicht zu argwohnen erlauben, den man einmal auf einer offenbaren Unwahrheit ertappt hat? Erwarten Sie indeß nicht, daß ich diesen Plan von Verfolgung und Tücke mit Stellen aus unserm Manuskripte belegen werde. Dergleichen hätten müssen bald im Anfange vorkommen, welcher verloren gegangen. Aber dafür habe ich einen andern Gewährsmann aufzustellen, welcher hier noch wohl BereiigarinS TnroneiisiS. 371 glaubwürdiger ist, als Zöercngar-'ns selbst. Es ist der eigene Biograph des Ä.Knfrancus, tNilo Lrispinns, der kurz nach dem -Ü.anfrancu6 in dem nehmlichen Kloster zu Bcc lebte. A>ian fragt, und zerfragt sich, in welcher Absicht Lanfran- cus das erstemal nach Rom gereisctz man antwortet bald das, bald jenes, bald gar nichts: und wie? Hat man denn auch schon seinen Biographen darüber vernommen? Oder soll das Zeugniß desselben nichts gelten? Hat dieses Zeugniß noch niemand bemerkt? Oder hat es niemand bemerken wollen? Was sagt N7ilc> Lrispinus? (°) I^gnti-ancus iteium komanum pgpam an>onto altnns sliter iloZmati^gligt «zuam Lcelella tenet. Kann etwas ausdrücklicher gesagt werden? lkomani petlorat c--tuta LerenFarii! Heißt das- etwa nur: auch beschäftigte ihn in Rom die Sache des Aercngarius? Oder heißt es nicht unwidcrsprcchlich: er reisete eigentlich darum hin? Es ist wahr, kurz darauf scheinet lNilo Crispmus sich zu widersprechen, wenn er von eben derselben ersten Angelegenheit des L.anfrancus zu Rom sagt: at tum feite I^anli'kmcus sä u,I>vm prosoetus ernt. Aber wer versichert uns, wo sich dieses l'orto herschrcibt? Sollte dieses einzige Wort, welches sehr leicht ein- gcschobcn seyn kann, eine vollständige Enunciation, welche es nicht seyn kann, Lügen strafen ? Und wenn es sich auch von dem Lrispinus selbst herschricbe: so könnte es doch für weiter nichts, als eine unschickliche Einlcnkung angesehen werden, um die Sache nunmehr, so viel möglich, nach dem eignen Sinne und mit deil eignen Worten des Aanfrancus zu crzehlen. Zch habe kurz vorher einer verwirrten Stelle in der Chronike von Vec gedacht, welche ohne Zweifel den De Ro)'e verführt habe. Sie lautet so:(°*) »t A c. Handgreiflicher Unsinn, in Verwirrung, oder vielmehr Zusammcn- schmclzung zweyer Päbste nnd Zeiten! Nichts ist wahrscheinlicher, als daß die mit Cursiv gedruckten Worte eine Glosse sind, die von dem Rande in den Text gekommen, wo es vielleicht gc- bcisscn, r>uam ^am säiorat tomol oceatione kveretlei LeronZarii, oder was Sie sonst für Chronikenlatcin dafür setzen wollen. Und gleichwohl wurde die Stelle auch so, wie sie itzt gelesen wird, noch mit dem Zeugnisse des Lrispinus übereinstimmen. Denn können Sie das (juamvls iturus est'et oeeakionv LerenAsrii anders verstehen, als „Er reifere in Angelegenheiten seines Herzogs nach Rom, ob er schon ohnedem auch des Zdercn- garius wegen dahin gereiset seyn rvürde? Erst also sage man mir, warum beide diese Zeugnisse nicht gültig seyn können, ehe man von mir weitere Beweise verlangt, daß A.anfrancus in der ausdrücklichen Absicht nach Rom gereiset, um den Derengarius der Ketzerey anzuklagen. Setzen Sie dieses aber auch, wenn Sie wollen, als ganz unglaublich bey Seite, und betrachten Sie nur das übrige Betragen des Aanfrancus, Es sey, daß es der blosse Zufall war, welcher den Brief des Berengariuö vor den Pabst brachte; es sey, daß K.anfrancns wirklich selbst darüber in einen Verdacht gerieth, den er durch die nachdrücklichste Vertheidigung der gegenseitigen Lehre zu vernichten, sich gcmüßigct sahe: hätte man darum so weit gehen sollen, daß man nicht allein die Lehre des Scotus, sondern zugleich die Lehre des Zöcrengariue verdammte, und nicht allein die Lehre verdammte, sondern zugleich mit eins den, der sie hä'gte, ohne die geringste Abmahnung, in den Bann that? Hätte dieses K.anfrancus zugeben sollen? Wer hätte mehr Recht gehabt, sich darwider zu setzen, als er? Wen würde man gewisser gehört haben, als ihn, wenn er sich darwider gesetzt hätte? Die Lehre des Scotus für irrig zu erklären, darzu mochte der Pabst immer Stoff und Macht haben. Das Buch lag da, worinn Scotus diese Lehre behauptet hatte. Nach den Gründen, auf welche er sie gcbauct, konnte er gerichtet werden. Aber woher wußte man denn, wie viel, oder wie BereiiMins Tiironeiisis. 373 wenig Verengan'us von dieser Lehre annahm? Woher wußte man, daß er das, was er davon annahm, nicht mit andern nnd bessern Gründen unterstütze, als bey dem Scotns sich fanden? Aus dem Briefe an den A.anfrancus konnte man das wahrlich nicht wissen, und andere schriftliche Belage waren nicht vorhanden. Doch zugegeben, es habe sich aus dem Briefe allerdings ersehen lassen, daß seine Lehre in allen Stücken die Lehre des Scolus sey. Wohl, so konnte man freylich die eine in der andern verdammen; aber auch weiter nichts als die Lehre verdammen: und 2>erengarius ward zugleich ercommuni- circt! Wenn das nicht übereilt, wenn das nicht grausam war: so ist es nie in der Welt etwas gewesen. Denn, wie schon gesagt, die Lehre des Scotus war noch nie von der Kirche verworfen worden; nnd niemand konnte also gestraft werden, weil er ihr bisher angehangen. Sollte sie von nun an verworfen seyn: so konnten nur die vors erste mit Strafe bedrohet werden, die ihr weiter anhangen würden. Aber Berengarius ward nicht erst bedroht, er ward Knall und Fall bestraft: und eines Irrglaubens wegen bestraft, der noch nie für einen erklärt worden. War hier der Geist der Unterweisung und der Zucht, oder der Geist der Verfolgung uud der Rache geschäftig? Sie können sich leicht einbilden, daß Derengarius auch noch in nnscrm Manuskripte die bittersten Klagen über diese schreyende Ungerechtigkeit führet. Wollen Sie höken? „ tjuocl promuIZatÄM clieis in mv 6amn»tion!s kontentism, tacrileZN tÄneto illi tuo I^voni notsm prsecipitstionis asllZis. In^uttum emm vsto piivteriliunt tam kumana Hura yusm tiivin», ilmullitum conclomnsri. kontra ynocl 8»ir!tus tanetus, Mn/et^'- csnt W, et t« üe»ot?«coL,- et b. ^uFuttinus in libro clo Verdo- Domini, «ttic»/» /o/m't ^'tt/ttt/a; et d. KroZorius in t>ua<1am Homilia, H?/« in^uit, ^AttNt/t /o/vonk?t t«/tKte /e ^li'iva^ /ttttte ^»'o /?t^c/tto??«?/i ?no?'i'k«5, /ec^ ^»o voi?ttitat«L Mott'Ä?«L e.T.e,cot. Nsxime eum mo k^vo illv uecorkistvt, äonvo eeitum sierot, vtrum pr-vtvntiam ejns aclirv fulluForom, tusston^vnl^Ia s»it j'ontontia, vt ro vera en- Fnoscvret, Pioä liUristinnim Ii-rdot tcriptum tuum, lzusenam vgo oommuni siäei aävorka tontirom, vdi inäignum to facis, vt jam 374 BcreiiMiiiS Turouensis, ckixi non komol, kjuock eommunom lickom eommunom ckieis vrio rom. IZxpvotanckum inc^uam lnorat, vt per mo vviliis anckne- tnr aut tcriptis, i^uN ogo in ^okannv 8eoto appiobarew, yuiv in pafokasin, (üoilioionti Nonaono, conckomnarom. Doch wer kann sich alles das nicht selbst denken? Lieber will ich Ihnen eine Sclle abschreiben, welche den Charakter Ä.eo des nennten naher kennen lehrt. Denn freylich spielte der Pabst hier noch immer eine wichtigere Rolle, als L.anfrancus selbst. Wenn -L.anfrancus hamtückisch genug war, eine so ungerechte Verdammung, so viel an ihm lag, nicht zu hintertreiben: was mußte das für ein Pabst seyn, der sie ergchen ließ? Gerade so einer, wie er dazu nöthig war: mcnschengefällig, leichtsinnig, ungewiß mit sich selbst, jedem Winde auf ihn stossendcr Meynungen und Rathschläge nach allen Seiten, zu allen Stunden, beweglich und richtbar. Zwar gehöret die Stelle, welche ihn so zeiget, eigentlich zu dem folgenden Concilio von Ncrcelli. Doch da ich von diesem ohnedem genug zu sagen habe, und sie eben sowohl der Schlüssel von dem Concilio zu Rom ist: so will ich sie hier einrücken. Machen Sie sich gefaßt, mehr als eine Nachricht zu lesen, wovon die Geschichtschreiber der Kirche nur kaum murmeln. — ^.anfrancus ist stolz auf den allgemeinen Beyfall welchen sein Wortrag bey dem Concilio erhalten habe; und hierauf antwortet ihm Zercngarius: „ Dieon^omnilms plaouisto, «zusti neeostario mo eomnollis ckicviv illiquid cko inckiZnitato tui illius ^vostoliei, vt conAl'v- Agti tuno ab oo Loncilii, lompnro vnim, yuo to Vereollis acktuisto teiiutisti, I^pitoonus V'oreollovtls avuneulo tuo, No- mlium psnise cuickam, spontan» suam pudlico llsAitio abttule- rat. Loo ilaAitium per provinoiam omnos ^jurv commovvratz omnium contra IZpiseoiii votanianl iivlo Oei suseitavvrat evrcka. I^o>>il!s illo panionl'is illatam Iln! a Z^epoto svantse prseroptve injuriam a)U8 sdulteri tumptibus per llies non paueo« ex ooptus o5t, oa6om clumo, ooclem non lluliitans partieipiiro coavivio, cuin Interim j/'apionkis pro illat» a ?>vpoto in- ^»ris> foris, intus, in veelefi!», in oontesHbus orunia tentsrot, oiunilius, ti forto spull ^pvstolicum pro tunto aciultorio vl» tinerent, inolvl'tus esko no» clvtiKeret. I^itiil otkoeit, otiam intucti» vjus caut» roniansit. Z>inilon>inus Papa iclom, oun» suisset » lz>iii)usc?i»m sclmonitus, yuull ssceret contra veclokialti- es« rstionvs, roor>, Quorum oonkilio rovräittutionos l'uoerat, our Voreollis contraciietoriliUL illis gll no» reorclin.inllum oesilst'et; in orroroin roliiit, atn,uo poi't in! vulunt^toi» eorur», <>ui lioniiv luorunt, maximv Hmu- »orti illiu« tui, roorllinsvit t^pil'oopuni 1ie6o»o»1'om, ^/«A?itt,» llonlinlz, I^pil'oopum I^onioviceiil'en» inecrtum"), coFnomvuto tÄ^»eo/?tttt, ^uüston» ljuoiki erant ot mveum <1o oo, rjuvd liomn: Fottum t'uit, ipti vAerant, no «piis mo putot llo opinionv, non 6v rei voritato teriptiste. Noe llo p»pa illo I^onno malvo'ioonlli voto nioc rosero, enn» »ullivrim ox IZvanizolio, ?ie^»e i/tti/ee/iet i'öANkttn Döi t/e^?ttit; teil vt prodituilius liat vis, r^ui Iisee fort« lo^orint, rjuo<1 tanti kiieit illum pspam teriptum tuun>, non «lo rei vo» riwto, tod llo mea tiui oltlumnia procvslisto. — ') C- A, Schmidt 37k BerciigannS Tmonensic-. Es sind zwey verschiedene Punkte, welche in dieser Stelle dem Pabste zur Last fallen, und deutlich zeigen, was für ein schaalcr, leerer, veränderlicher Mann er gewesen, quanta imli- A-! roftltult. Das Verbrechen ist bey beiden das nehmliche; und auch das, was sie von dem Betragen des Pabstes sagen, kann sehr wohl bey einander bestehen. Derengarins sagt weiter nichts, als daß der Pabst, während seiner Anwesenheit zu Vcrcclli, seinem strafbaren, aber freygebigem und prächtigem Wirthe durch die Finger gesehen: Her- mannus hingegen sagt, daß er ihn das Zahr darauf excommu- niciret habe. Vielleicht, weil ihm zu Nom auch wegen dieser Nachsicht Vorwürfe gemacht worden, und der beleidigte Theil von seinen Klagen nicht abstand. Genug, daß die Bestrafung selbst, da der Verbrecher so bald und so leicht Genadc fand, nur zum Scheine ergangen zu seyn scheinet, und ZScrengarius also, wenn er auch Nachricht davon gehabt hätte, als er das schrieb, immer berechtiget gewesen wäre, sie für so gut als keine anzusehen. Aber bewundern Sie einmal, wie sehr man das Zeugniß des -Hermannus Lomractus, ohne Zweifel, weil es das einzige war, zu entkräften und zu verfälschen sich nicht gc- schämct hat! Was man, nur aus dem -Hermannns, wissen konnte, das findet man bey dem Ughellus folgender Maasscn Berciigarius Turonensis. 377 crzehlt:(") (!um lonuont! anno komm iuom I^oo pontitox Concilium »Zitastot, Veroollontom (Zrogorium apucl patres, k»6ul- torii, aliorumkjuo toolorum clicnnt kuisso oxpostulstum, adllontom- «nie ankitnomato porcussum; vorum latse sontontia; oortiorom saetum illico liomsm aclvolasto, olijeetlln,no crlm'in» cliluisto. Wenn Hermannuö sagt, der Bischof habc Genugthuung versprochen, — und diese verspricht man doch nicht anders, als nachdem man sich schuldig erkannt: mit welcher Stirne hat man das in eine gänzliche Rechtfertigung wegen der vorgeworfncn Verbrechen, verwandeln können? Zwar freylich, es war ein Italienischer Bischof: und wer wird in einer Itaüa laera so etwas auf einen Italienischen Bischof kommen lassen? Was es für Vewandtniß mit der Rcordination habe, ist Ihnen bekannt. Der Streit darüber war eine Folge von den Bemühungen, welche die Päbste anwandten, der eingerissencn Simonie zu stcurcn. Dabey fragte sich nehmlich, ob diejenigen, welche von Bischöfen ordiniret worden, die durch Simonie zu ihrer Würde gelangt, für gehörig ordinirt zu halten wären, oder aufs neue ordiniret werden müßten? Schon unter Clemens dem zweyten war die Sache dahin entschieden worden: Vt «zui- cunnmo » Limoniaoo eontocratus oslot, in ipt'o Oräinationis Ina; tomnoro non ignorans 8imon!-»cum, cni so obtulorat pro- movonäum, (zusilraAinta nurie älorum posnitontlam liAorot, vt tie aeeopt! Orclinls oMeio mi»istraret.(^") Aber unter Ä.eo dem nennten kam sie aufs neue in Bewegung; und aus der Er- zchlung des Zderengan'ns sehen Sie, wie schlecht Se. nntrieg- liche Heiligkeit sich dabey zu nehmen wußte. Petrus Damiani, darf man wohl sagen, half endlich durch sein Bnch, (Zratistlmus, den Zwist beylegen. Sie kennen dieses Buch: aber wenn Sie darin» gelesen,^"*) lpiou croseento iluetuationis amdiZuo vato- nus 5it proeosl'um, vt nonnullos constot IZpilcopas a Kimoniaeis vroinatos LIvrioos clonuo eont'ocraslo: so hätten Sie wohl nicht geglaubt, daß der Pabst selbst sich unter diesen ketzerischen Bic schöfcn befunden. Dammni hatte daher wohl Ursache, so lcis- (°) lile. r. IV. p. 77S. (°°) . 3S. (°") l>r!!0k> »ä UemriLUM v- 4S3. L>Iil. l.ug»- Iiuiiws, lvll i^vi-ra »on leeumlui» l^w„l!»>», — siMi-N-jNi»»» I»onlil>x von» lulluis e»srae>u Ivmporis, IviUu xrn>I>i i»»>>i» Mt-Uuri, >>»!»» iw» »>i!jq»u >>eri<:ul» forru prieciiierv Ie I^vugwl >>u k'rvsilox, p> 46. 382 BcrengariuS Tnronensis. müssen? ob er wohl erscheinen dürfen? Daß Ä.anfrancus, ein Italiener von Gcbnrth, an alles das nicht dachte, oder wenigstens nicht that, als ob sich daran denken lassen könne, ist mir begreiflich. Aber daß auch nie einem Franzosen der Gedanke eingekommen, das Ausbleiben des Berengarills aus diesem Gesichtspunkte zu rechtfertigen, wenigstens als verzeihlich vorzustellen, das läßt sich nicht anders, als ans einem alles überwiegenden Abscheu gegen Ketzer und Ketzercy erklären. Mag doch das eine und das andere verdammt seyn, wie es will: wenn es denn nur verdammt ist! Und das war das erste, wovon ich gesagt, daß es den Berengarius entschuldigen konnte. Doch der rcchtschafne Mann braucht nicht immer die Entschuldigung, die er brauchen könnte; besonders läßt er gern von den eigenen Vorrechten nach, die ihm als Glied irgend einer Gesellschaft zustehen, wenn er durch diese Entäusscrung Wahrheit und Tugend befördern kann. Zn solchen Angelegenheiten ist ihm jeder Richter sein Richter, sobald er sich, ohne Vorurtheil von ihm gehöret zu werden, versprechen darf. Man kann wohl nicht sagen, daß sich dieses auch Beren- garius ganz gewiß zn versprechen hatte: gleichwohl war er bereit, es darauf ankommen zu lassen. Nichts konnte ihn zwingen, sich vor einen Pabst zu stellen, wenn es auch ein noch so würdiger gewesen wäre: alles widerrieth ihm, sich vor einen zu stellen, der ihn ungchört schon vorläufig verdammt hatte. Aber dennoch wollte er der Würde die Ehrfurcht nicht entziehen, deren sich der, welcher sie bekleidete, verlustig gemacht hatte: er wollte sich stellen. Nur vor sich selbst durfte er es zu thun nicht wagen; er mnßte höhere Erlaubniß dazn haben, und keine geringere, als des Königs selbst. Er macht sich auf, diese zu suchen; er kömmt nach Paris; und - Was meynen Sie, daß ihm geschieht? Sie meynen, daß ihm der König eine dem Ansehen seiner Kirche so nachtheiligc, dem Derengarius selbst so gefährliche Erlaubniß versagte? So mitleidig grausam war der König nicht. Und wohl, daß er es nicht war! Als ob, würde es doch nur itzt heissen, sich dergleichen Verweigerungen nicht einleiten, nicht erschleichen liessen! Rathen Sie besser-- NcrcnganuS Turviiensis. 383 Vcrengarius kömmt nach Paris, lind — wird ins Gefängniß geworfen; und wird alle des Scinigcn beraubt; »nd wird mit einer nncrschwinglichcn Gcldbussc belegt; und wird so lange fest gehalten, bis das Concilium zu Vercelli verstrichen ist. - Der ungehorsame, lichtscheue Ketzer, daß er dem ohngeachtet nicht auf dieses, zu seiner Besserung lediglich angestellte, Concilium kam! Wo sind Sie mit Ihren Gedanken, mein Freund! Hätten Sie diese Auflösung sich wohl träumen lassen? - Sie werden fragen: „aber erfuhr man denn hiervon zu Vercelli nichts? Warum schickte Zdercnggrius gleichwohl zwey Männer dahin, die seine Lehre für ihn vortragen und vertheidigen sollten? Er hätte dieses Geschäft schlechterdings sich selbst vorbehalten, und vor itzt über das ihm zugefügte Unrecht nur klagen sollen." Das ist sehr wahr. Diese zwey Männer waren aber auch keine Abgeordnete von ihm, und hatten nichts weniger als den Auftrag, seine Lehre zu vertreten. Die Sache war so. Als man zu Tours das Unglück des Derengarius erfuhr, schickte die Kirche des heil. Martinns, an welcher er stand, unverzüglich einen aus ihrem Mittel an den Pabst nach Vercelli, um ihn zu bitten, sein Ansehn bey dem Könige zum Besten des Nercngarius zu verwenden, der im Begriff gewesen sey, ihm zu gehorchen, und auf eine so grausame Art daran verhindert worden. Diesen Abgeschickten begleitete ein Freund, wie es scheinet, aus blosser Neugicrde: und es waren nichts als wenige zufällige Worte, die beiden, ausser dem Auftrage, entfielen, wodurch sie sich als Anhänger der Lehre des Berengarius verdächtig machten. Wie es ihnen dafür ergieng, scheinet -L.knfrKnc.us mit Fleiß in einen zwcydcutigen Ausdruck versteckt zu haben; wenigstens ist es gewiß, daß er nicht immer gehörig verstanden worden. Doch warum Verzögcrc ich länger, den Derengarius selbst reden zu lassen? Lesen Sie, lesen Sie: das schlechte Latein werden Sie über den Inhalt vergessen. „^.cl vk>m 8^noc!um vocatum me non vonisl'o lciixtiKi, yucxl /enlieas manitokwin item loo!l"ti MÄ.itiN tuiv oalunuiism, m»Alio- pvro ccmteiiäons omncs, «zui 1"ci!ntum loZisl'ont luum, a veri- 384 BcreNjM'iuS TmoiiensiS, tato revocatos in mvum oclium eoneitarv, ud! smam maxima vt mini in Iioc negotio et redus numanis eommileratio llelio- datui-, maxima nilnlomiiius panm illi incliFnatio Pionier nimiam a me et a eliristiana et anottolioa naternitate aveikionem l'uam. poi'venerat enim all me, priveenisl'o I^oonvm illum, vt vgo VeievIIenti illi eonvontui, in ,mn tamon nullam Papa: llodedam onodientiam, non cleesl'vm. Olsl'ual'erant seeuullum eeelelia- ttiea^ura, toeunclum cuiaz nullus extra provineiam acl ^ullicium ire eoZonllus ett, pertona; ecelet'iatticiv; «tistuaterant amiei. I?Ao o» rovorontiam pontilieatus lioniani multo liomam itor lalioro l'useeneram, et vt irem securius aä liegem ll?ranei!v, I^eeloll!«, ciijus vram Llorieus, ^dl^atem, aeeosl'oram; niliil a rozia cliAnitate, niliil ad ^likatis naternitate kinittrum oxnoota- dam; non all lerulalom äescenllero in Ivrieno, 1'ocl all lericno in lerulalem conteenllore eogitadam, eum me earceranllum ac re- lius omoibus oxspolianclum euillam clellit. Hoe ll^eo illo Vvrevl- lis auclivit, nnn apol'tolica cliFnitato, non natorna initoratione, non »umarm motus ett eomnastione, lzmi ti nnn milii, anoKolie»! saltim tocli, a<1 «zuam iustus contenclobam, «laro llebuit gloriam, vt 5i non pro mo, saltim pro ^pottolica 6iAnitate, lmantus hostet, vxl'urAerot in eum, «^ui me all to intenllontem careere elauterat, redus exspoliakat, pro me in eum glackium enri- ttianix animaävertionis extereret. H.vroticunl me pntius voce 1'aerileza, (non enim, mil'eratione äivina, vvrilliea; verda au- tem saeeiuotis loriptura clieit, aut vera ant tacriloZa) in eon- ventu illo Vorcellenl'i pronuneiavit. I^on illum roli^io, non Iiumanarum rvrum ad compatienilum permovit eonllitio. I^on- gum taeio, /t.- non attvn- «lvntv, non intcrvsfv niliil intvr ÜFuram vvl signum rei c^uiv nuriMam fuit, rvi nonclum oxliiliitse pr^nunviatoriam, vt iiFU- »am vvl i'iF»um rei vxiltvntis, rv! ^am vxlnbit!« eommonvfaeto- rism. Dv cliversis, in^uis, muncli partiuus convvnvraot: all liov littis responäi — — t)uano,uam falsiskimo teriptcris, ^« ^«,'^'6«», eum clo v^jusclem rvgionis vt lingua: ii<1 VvrevIIivum tumultum illum eonvvneriot. (°)---Immo li huis tvntvntiam, ticut svribis, in conlestu illa vxnotuit mvam, non tamvn ^jus veelvt'iul'tieum lialivliat, alilvntem ioacl- monitum«^uv alicjuom clovvrv damimri, in «^no tolo, ti omittantm alill, clo eoncilii Vvrevllonlis cliÜAvntia potvl't eo?'!tm; ^pottoli otiam, csui clicit, />! no5 n?«t s^e coe^o ev«?!Aö/t?a?ie?'it vo^», M. — — Duos ciorieos meos Vei-vellis stluiste scriptisti: nee miranclum vsnuo eo, ti alius nünviis rmam tu tis eruclitionis tanwm ad inviäi» tu» et ociio tilü kumerot libertstom men- tiencli. kliki in toi-ipto tuo calumnigris, nuocl minus attonclam ^uici clieam, clum Ijumueitnm illum tuum in vclium a6clucam: vnclv ego non in^una tiui äieo, c?«»» te ^/e«//ce. u»n- tam eZo numcjusm pocuniam novorsm, eontilio eommuni sil I^vonom illum mitit VvrevIIss, ^) ki fnrtv infortuuio moo vom- pativns, etuil'tiano riZoro sliijuill pro mo »6oriretur. j^lulo, «um etlvt in eonvontu illo Vereollonti, vt czuiclam intorroFutus a ?ar>a refponrleret »cl intvrroMts kznocl refnoncienäum uuta- vit, visuni vK illi, tieut mini ipto narravit, «tsrv illum tonten- tism, uem a» Leeletm ». klai tini mistun» clioo, non igno- tus, eum viclissot lilivllum losnnis 8eoti ox nutu et libito tuo contcinlli, nouili peiniotus selo non tseuit, timilitor rwslo vonteincli librum itlis>uom privpioporitntor Ii. v^uZuitini, non -i^tiiliit--» mora et lim.i, vtium eonteinclonclus estet, tulneienti« vonficloiationi«. Ita ldetum eK, vt ^uneret I^eo illo vtrumlzuv l°) „mini ^-<-«-//<^" C. ?l> Schund. ^^ttM^i^?^'^^^^ ->^-»-^ NerengciriiiS TuioncnsiS. ^ -. ^ AM» 387 tsnvri, nan tamvn, vt i^so ^oltekl vxjionvliat, et rvi vxitus iip^rodÄvIt, vt illis kili^nicl iri^uiliv tioret aut moloKI-v, keck nc: turliit fortv iu illos ilüeitum aäorirotur sli^uicl. Ita inclignum eiutütiono tu-t sori^tum contl»u!t tsntani fill^itutom tuum: „e/?«, e/e?'/? »tto ^e/«?ce??«^. Julius cum v!s taltim fororiki moclostia ratianem pokult; »on illi esulsm nioam vxvonoriz, vel llosenclvio t"unt acloiti. - Lasse» Sie sich von Ihrem Erstaunen durch eine lind die andere Anmerkung zerstreuen, die unter dem und jenem besondern Orte dieser Stelle einmal Platz finden kann, wenn das Ganze im Drucke erscheinet. 1. Zdcrenggrius nennt den König, den Abt seiner Rirche: Ucelokin:, cujus vrsm s)I>> rt-rum t'r. p. üvt. 25' 388 BercngariuS TuroncnsiS. man sich wundern, es auch bey vornehmen Layen, und an den Höfen zu finden? 3. Der Petrus, K-omanse ^celotiN Diaconus, von welchem Bercnggrius sagt, daß er dem Aanfrancus beygcfallcn, kann kein andrer, als der nur gedachte Petrus Zvamiani seyn, dessen grobe Begriffe von der Gegenwart CHristi in dem Abendmahle Sie ohnedem aus seinen Schriften kennen werden. Die Erzchlungcn, die er von der sichtbarlichen Verwandlung des geheiligten Brodes uns aufheften will, oder sich aufheften lassen, sind so ärgerlich, als eckcl. (*) Was wir aber ganz neues aus seiner Erwähnung bey dem Zderengarins lernen, ist dieses, daß er bey dem Concilio zu Vercclli gegenwärtig gewesen, und schon in der Würde eines Diaconus der Römischen Kirche gegenwärtig gewesen. Dieses wußte keiner seiner Lebcnsbeschreiber, nach welchen es läßt, als ob Stephanus der nennte ihn vom blossen Abte eines geringen Klosters zum Kardinal erhoben habe. 4. Ich finde bey dem Zdulöus, daß De Ro^e (denn das Werk des De Roye selbst, habe ich zur Zeit noch nicht brauchen können) errathen oder muthmasscn wollen, die beiden Geistlichen, welche -L.anfr«ncus für Bevollmächtigte des Beren- garius ausgicbt, hätten Zrcwald und !Valdo gchcissen. Daß er falsch gerathen oder gcmuthmassct hat, das wissen wir nun gewiß. Den einen, welches der eigentliche Abgesandte der Kirche des h. Martinus zu Tours war, nennet er zwar selbst mit Namen nicht, beschreibt ihn aber als seinen Mitcanonicus an gedachter Kirche, und als einen ehemaligen Schüler des Bischofs Ga;o von Lüttich, welcher 4047 gestorben war, und bey den Sammarthanis Vazo geschrieben wird. Der andre hieß Stephanus, und war ein Landsmann des K-anfrancus. 6. Von diesen beiden Männern sagt L.anfrKncns, volontes to llviousloro in niimo ttatim ailitu lioleeorunt, et esnti lunt: und ich habe im Vorbeygehen bemerkt, daß nicht alle den gan- (°) I)e mirueuwsis narrslionüius, i>. L8S. vxerum Lüil. I.us>I, (°°) //.//. l/mve-^ !'«?--/'. /. /»^ 422. miM vero ,-uilum («e,» susi»i- cstur kui«so ?rev«I>Ium ^Viililonem erioris »>INil>uIiUoisiil!>kjlie uowme nxere,». BcrcngariuS TuronensiS. 38S zcn Sinn dieser Worte gehörig gefaßt haben. Nicht allein Nasnage (°) übersetzt sie bloß durch: ils i°o trouverent ,»r!s llavorä, et sdklnäonneront lour maitre. Sondern selbst Du Pin (") giebt sie schlecht weg durch: ils voulurvnt ent, oprendre ta clekente, mais ils n'evrent pss plütot eommence ii parier ils te trouverent emliarrsskes, et recluits ^ garcler Iv tiloncv. Ohne Zweifel konnten sich beide nicht einbilden, wie man Bevollmächtigte ins Gefängniß werffcn könne, weil sie alles für ihren Bevollmächtigcr sagen, was sich für ihn sagen laßt? Und wer konnte sich leicht träumen lassen, daß es auf den Kirchen- vcrsammlungcn damals, auch solche nicht ausgenommen, bey welchen der Pabst selbst zugegen war, so wild und unbändig zugegangen, daß man Beklagte, oder deren Fürsprecher, aus blosser Vorsicht ins Gefängniß setzen müssen, damit ihnen nicht etwas weit ärgeres von dem gemeinen Haussen zugefüget würde?-- Noch ist ein wichtiger und merkwürdiger Gebrauch, der sich aus vorliegender Stelle machen läßt, zurück: und dieser wird sich bey dem zeigen, was ich 5. von der Kirchenversammlung zu Paris zu sagen habe, welche, wenn GOtt will, in dem nehmlichen Zahre 4050, kurz nach dem Concilio zu Ncrcelli, ebenfalls wider den Berengarius, auf Befehl Heinrichs des ersten, soll seyn gehalten worden. Mit einem Worte, mein Freund; diese Kirchenvcrsammlung ist ein Unding: oder, es mit einem weniger abstrakten Worte zu sagen, eine Lüge; eine so unverschämte Lüge, als je eine in der Normandic, wo sie sich hcrschrcibt, gemacht worden. Denn hier habe ich es nicht mit dem L.anfrancus zu thun. Weder S.anfrancus, noch Berengarius selbst, noch der Anonymus des Lhiflet, gedenken dieser Kirchenvcrsammlung mit einer Sylbe. Und schon das müßte sie sehr verdächtig machen. Auch wußte bis auf 1648 kein Mensch etwas von ihr; ausser daß Zöaronius, aus einem Briefe eines Bischofs von Lüttich an den König Heinrich, schlicsscn wollte, sie müsse im Werke gewesen (°) mn. >1e I'I5gM(!, I.iv. XXIV. olisv, s. §. IS. (°°) x»uv, vil)l. twL ^Vul. LccI, 1', VIII, v. ö- 3W .Bcrcug.niuS TuroneusiS. seyn. Aber er urtheilte auch aus dem nehmlichen Briefe, daß sie nicht zu Stande gekommen. Ihr einziger Gewährsmann ist der Verfasser eines Tractats clo Loi-poi-lz ot 8anguin«z Llnitti, den Dackerius im besagten Zahre als einen Anhang zu den Werken des Aanfrancus, zuerst herausgab. Zn dem letzten Abschnitte dieses Tractats wird eine kurze Geschichte der ersten Ncrcnganschcn Unruhen beygefügt, und der Erzehlcr spricht als ein Mann, der zu den Zeiten selbst will gelebt haben. Dackerius fand ihn in seiner Handschrift DuranSus, Abt von Troarn, genannt; und weil allerdings ein Abt dieses Klosters, und dieses Namens, ein Zcitver- wandtcr des Derengarius gewesen: so blieb, wie billig, auch in der gedruckten Ausgabe, dieser Durandns der Verfasser des Tractats, und ward auf einmal eine sehr zuverläßige Quelle in der Geschichte der Ketzcrcy des Bcrcngarius. Eine sehr zuverläßige Quelle! Dafür sollte man sie wenigstens halten, wenn man sieht, wie allgemein sie, seit ihrer Entdeckung, genutzt worden. Doch wenn anders eine Alissage dadurch, daß sie uncndlichmal wiedcrhohlt worden, um nichts währer wird, als sie für sich selbst ist: so scheue ich mich nicht, wenn der gutherzigen Nachschreiber auch noch mehrere wären, die Aussage dieses DuranSus für nichts weniger als glaubwürdig zu erklären. Gerade heraus; alles, ohne Ausnahme, was dieser Duran- dus Historisches von dem Berengarius beybringt, ist erlogen; und freylich muß ich es unserm Manuskripte vornehmlich danken, daß ich zu dieser Einsicht gelangt bin; obschon auch ohne dieses, so viel Widersprüche von selbst in die Augen leuchte», in welche er sowohl mit sich, als mit andern gültigern Zeugen verfällt, daß man alle Mühe gehabt hat, ihn bey Ansehen zu erhalten. Lesen Sie nur, was unter andern Lossarnus für Wendungen zu nehmen, nöthig findet: und doch kann er es nicht übeall in Abrede seyn, daß sich Duranvus wohl möge geirrct habe». Den Beweis meines Urtheils in allem seinem Umfange zu führen, muß ich mir indeß auf eine andere Gelegenheit vorbe- (°) liarii. Onoii. IV. ?. I. p. lgzz, SS. Vcreiiganuö Tni-oiiciisis, 39 l halten. Die Weitläufigkeit der Sache will, daß ich mich hier lediglich auf die Kirchenversammlung zu Paris einschränke. Lesen Sie, was Durandus davon sagt, und erwcgen Sie folgende Punkte. Sie soll, diese Kirchcnvcrsammlung, bald nach der zu Ver- celli, im Monat Oktober des nehmlichen Zahrcs, seyn gehalten worden, welches das Zahr 1069 war. Ich will hier dem ZOuran- vns nicht von neuem aufmutzen, daß er dafür das Zahr 1053 angicbt: denn auch die, welche ihn sonst für einen sehr glaubwürdigen Mann halten, erkennen einmüthig, daß ihm hier sein (°) t?um »ulem tsnli Mali kilni.1 erelirelceret, et omnwm coril» siils- Nuin velieoienliu!« percelleret, perque muitos Iiu^usmoili virus littenler. et »perle jsm serperel, conli^it, vt sü »ures etiüm Nexis ?r»neorum llen- riei pvrveniret, r>ui contullu tui rexni poiUikicni» procerumque, eoneiliuin ?!lliliis cogi oeeimo seplimo Xslenüss Xoveiuliri» prNcepit, ac ^i?v-e/«/»m LeienAa»-um^ vt üut su» «liela pitlrum aulerilitle Nrm»rel, mullis Nlii vl>li»e»til>u», »nt li es nefeiulvre neiiuiret, in eüUiolieili», cui oliviiire non passet, kiiiem prullenler Irs»5iret, »i/e^?^/e /an<«»uoi coetui F^a/^um im- ^e^avi/. Intereit conüietit ve»er»l «lies, treiiuvusliuv conventus prsekulum »c reliquornm süneli orUinis lllericorui», nee neu nokiliuin litieorum, ?s- rilns kiictus est, se>> ^sm uielus Ke?°en»n?/»5 miilss eonseienliie pereulsus terrore, vt jussus eritt eo venire üitluiit, feque cuin vrnnene suo, vitle- liest Dpiscopo ^»lleMvenll, lull quo ^reli'nliiteeni kunZelislur >>o»ore, pr» vv müxime conlinuit, llui» eoüein erroie vlpole lauti viri creuulus et ipse »v»ee>>»tur involvi. Inlereit pr-vsul ^urelignenNs ciuesililin »piees i» sel>e>>» I>!»UlI p-irv» «lißesws in conspeetu «i»»ium et Ilexis, wlereritt enim, pro- lulil> I?t pr-ecipiiU, inquit, vvflrit «»»clilüs, li»» lillerkts » verenxilri« ellilii« si Ii>>et recilüri, quüs e»o lliiwem sd ipso netluitliuitin »eeepi, se>> cui» e»s euitlitm suo fsi»ili»ri, »online I>ilula, per vereöitrium äiri^eret, ,i»?en/e?' ?>«^ue. guilius tuseepli» et it>I recililinlum tritiiiti», oonnum »u- res eriguntur, er» i» silenliuin coinpvnunlur, eoru» it^I inlelligeiuluni, «>uiv conIinediUUur i» eis, p> !vp!t> iuilur, seil i»ler legenuut» mullum repenle fit murmur, vt per lingulit sdsurlli sentu» verliil xritvi« inflrepit fremilu». Ililri»« «m»il>u» Islis leelio, >sereti, velte- menler >Zi«p>ieuil, «Z^wnsto pru'müe eommuni te»te»tl!t litlium nueture, li« e^us eemplieiliu«, cum coüice losnuis 8c»Ii, ex il»u eit q»!L >>!»»»!»- Iisulur suinplit viueliülitur, eoueUiu teluto iliseetituui eN, e» e»i»Iilin»e, vt nisi reNpiüeereiit Hui-nwtli perveitUiltis »ucler, eum tequiteiiius tu'15, ilti omni exereilu ?r!lncor»i» pr!euu»Mi»>>! <.Iericij> cniu eceletiaslieu »ppit- ratu iiislilnler >>u»!kiti, vliieum<>ue eo»ve»i--tei>I eu vs>>»e oliNiIerenlur, llo- nee »ut vonsenlirent Li>UwIic!« sitlei, irut inurliü pu.>»it8 luiluri cttperenlur. — Oae/t. o/ic,^»» !.-»i//u»ei, p. tv?. 392 Bcreiigarius Turoncnsts. Gedächtniß müsse einen Streich gespielt haben, weil ein Schreibfehler, wegen der nicht mit Ziffern, sondern mit Worten ausgedruckten Zahl, nicht leicht anzunehmen sey. Ich will auch nicht fragen? wenn Bcrengarius nur eben zu Wercclli von dem Pabste selbst verdammt war, wozu ein neues Concilium zu Paris? Denn auch schon Lossarlius hat diese Frage berührt, und sie so gut beantwortet, als er gekonnt hat. Sein schlechtester Bescheid darauf, eauf-v tubosso pntuorunt, hu->s iAnoriimus, soll mir begnügen. Nur hätte T>uranvus sonst keinen Umstand müssen cinflicsscii lassen, von dessen Ungrund wir nunmehr überzeugt sind. Er versichert nehmlich, Zöerengarius selbst sey von dem Könige auf das Concilium nach Paris gcfodert worden, aber aus Furcht feines bösen Gewissens nicht erschienen. Wie? Wissen wir denn nicht, daß Zderengarius während dem Concilio zu Bercclli des Königs Gefangner in Paris war? Wenn der König einen Monat darauf ein neues Concilium halten wollte, so mußte es damals ja wohl schon ausgeschrieben seyn? War man wohl so thöricht, den Schuldigen auf die kurze Zeit noch lauffen zu lassen, in Hoffnung, daß er gehorsam genug seyn werde, sich wieder einzustellen? Man hatte es ihm doch wirklich nicht darnach gemacht. Nein; ZOurandus, da er einmal das Concilium uns aufheften wollte, hätte zugleich mit erdichten müssen, daß Neren- garins dabey zugegen gewesen wäre. So würde sich dieses doch nun mit der eigenen Erzchlung des Derengarius besser reimen, und die, bey denen er Unrecht haben und behalten muß, könnten immer noch sagen, es sey blosse Verleumdung, daß er ein förmliches Concilium in eine so unrcchtlichc Procedur verwandele. Ein andrer Umstand, dessen völlige Widerlegung ebenfalls aus unserm Manuskripte herzuhohlcn, ist dieser, daß es der Bischof von Grleans gewesen seyn soll, welcher die Stelle des Anklägers vertreten. Zch will die strafbare Nichtswürdigkeit nicht rügen, welche DnmnSus den Bischof von sich selbst bekennen läßt, daß er nehmlich den vertrauten Brief des Screnga- rius an einen Freund, aus welchem sich die Kctzcrey desselben zeigen sollte, mit Gewalt rauben lasse». Der Bischof ist ganz gewiß unschuldig; und der Erzchlcr mochte wohl eher, als der Bischof, einer solchen frommen Straßcnräubcrey fähig seyn. BcrciigariuS TuroncnsiS. 393 Dieser Bischof von Orleans mußte Iiambardus geheissen haben, welcher den Stuhl von 1033 bis wenigstens 63 besessen. Da nun auch ein Bischof von Orleans, einige Jahre darauf, 1066. bey dem Concilio zu Tours gegenwärtig war: so könnte auch dieser kein anderer, als der nehmliche Itambardus gewesen seyn. Nun aber berichtet von diesem uns Zderengarins selbst Dinge, die sich mit dem, was uns Durandus von seinem Bischöfe zu Orleans erzchlt, schlechterdings nicht reimen. Hier, auf dem Concilio zu Paris, hätte Iianibardns aus einem eigenen Briefe des Ncrengarins die Kctzcrcy desselben umständlich ersehen; hätte sie selbst weiter bekannt gemacht; hätte ihre Verdammung dadurch bewirket; wäre dieser Verdammung bcygctretcn: und wenig Zahre nachher sollte eben dieser Isambardus, dort zu Tours, kaum mehr gewußt haben, wessen man den Nerengarius beschuldige? sollte nicht gewußt haben, durch welche Beweisstücke man ihn des Beschuldigten überführen könnte? sollte sich mit der ersten der besten nähern Erklärung haben befriedigen wollen? Jenes sagt Duranvns, und dieses sagt Dercngarins selbst; und wenn sich beides nicht widerspricht, so widerspricht sich nichts in der Welt. Denn, wie gesagt, beide Bischöse von Orleans sind nur ein und eben derselbe Mann: und es ist wohl keine Frage, welcher den rechten am besten gekannt hat, ob Duranvns oder Dercngarms? Die Stelle ans dem Manuskripte, welche hichcr gehöret, wird weiter hin, unter dem Concilio von Tours, vorkommen. Ztzt will ich nur noch einen Punkt berühren, der durch die Nachricht von der Mißhandlung, die Berengarins zu Paris über sich müssen ergehen lassen, und auf welche das ganze Pa- risischc Concilium hinausläuft, eine ganz besondere Aufklärung erhält, und zugleich diese Nachricht selbst bekräftiget. Sie erinnern sich eines kurzen Briefes, vom Nerengan'us an einen gewissen Richard geschrieben, den Dacherius zuerst ans Licht brachte, und der hernach durchgängig als ein Anhang zu den Verhandlungen des Concil» zu Paris mit durch- lauffen müssen. Er fängt an; ro mv facerotis, si foito Iiiimsnitatis, üueiali- tstis, cÜFnitatisizmo reAiW, iit«z»c: k/7o/« /?r?'e«^a>// »ni k/uui^ post co»ei>i»i» Vercvlwnle, ineminil: lliU-i ilvi» >»>k> piti i>i>,'«s>!, cui» silclum M>i !> Ilvxo lUoiil ii^urism. Liiiiiii vuii» iUiiim? t7«ttc//> Vl. I>. I. 1024. (") »mv le kvi i-wit .V>>>»! >I,^ !?ulni 1^1«,li» >I« l'oiiiü, U >I»nu>t o>'>Irv » N>;roilpier lu ivv«.»u qu'U lirvit »» >l>u>IU>! >I>i l'I>i!»»ii»: ll» eelle «!;U5<-> /V-?u,i, ll-/'/> /^cc/e/. .V//. />. 54t- BereiigariuS Turonensis. 396 Folge eines förmlichen Concilii, belegen wollen, ein damnum hätte nennen können, ciuoä is olorieo IZeelvtl»! tu»; In^ustistimi?, ao reo dem nennten wider den Derengarins gesprochene, non ofluUt Fueeoskoiom quo^ue 5uum sn^icis Hlo moriiv, papam V ietoivm. 8ocl yuleyuicl clo lisc ro tou eivteris i^,t8 Berengcirins Turonensis. Hören Sie ihn dieß alles selbst crzehlcn: „(üompollit mv, volim noliw, lonZum taeoro vontinua kerint! tui monacnatu tuo incliFiiisllma taltitas. panam Viotoroni concilium ?uroui convocasl'o per logatos script'M: pan-v Vi ctoris neo alltuorunt Iv^sti, noo pr-rsuviunt Loovilio l'uio- nonü; num«^uam mini ävfonclenä! psitos mvas ontionvm <1v- clvrunt IvZati psnm Victnris. ZXon aul'um mo fuisto ävl'onilvrv partvs mogs, immoota falsitato sorinlIKi; ^jurasto mo sicut liom-v, stunvncla mvnclacio oontiimat'ti; communom siävm, l^uo tuum non>!no Ii«no ^-illiittti orrorom, inlanis, mo nrokcs- I'um knistv; oeelvsiiv clicis, kjuoä turliN orratio.ie vvrius tlicorv ^otuitti. I^ongum saei'o, t°oij onormitsto taltAiltis t'vil^t! tui eomnvllor. Dicts roneto nuniz«»-» ^a^iu Victor per 1v, vcl ^orl^vAgtos, mvoum vgit 60 nlont'-» tlominiea; nuniizuam i» vo miki clvsonclvnlli «zuse stlerrvm ontionvm focit; nuncjuam panso Vietoris logstis communom incntorum orrorom, «juom communom IZcolot'!.-» snnollaro non cluditas ticlvm, confvsl'us !>Ii,^u!t1 ^'uravi. 8vcl czuis alinno sunorel't Hilävdrauclus, ^ui tlo voritatv eonsultus tota cliAnitato vK aclliue rvlponv!vrv iclonvus, lzu-im^uam loliUZsimum tsciam, vil'um oft llv Loocilio ^uro- nvnti tzuocl ro! vvritas Iml>uit, nv,zuo tamvn 00 niti naueis- tlmis tomnorv innotuit, palam sacvro omnilius, ran! auilito, in oa tlnuitavviit, omii'mo 1'ul'- tioio; non voniont! acl oxniomanäum Doo vivonti, u<1 «licon- llum Domino, ik?««?'?«^ »-ecee/e » ?!0^«L, ^ordonllum mv cum glittlüs ot suktilms; toll ve» °) „tUei-t invi<1ii»n>, at«zuv incntnium tumultum compesevret; veto- >uin izuocl ad inttantia ^eitineiot, ll vvllont Lnit'eovi, «zui con- voneriilit, vx mora gAvrv clv IZuclisriltia, dareutur eis in manus, iocis dvnotatis tiAnis adliiliitis, clivcisorum liüii, «z>uos unclveun- «juv llilclvdriinllus i^,sv feeerat compoi-tari; si vero sola res«on- siuno kinv i^il'ius rvt^,o»tionis ^,ertiavtationv contonti, vonvenit vnim sli^uanilo serinto adveil'aiiis et non sententia, sicut ^rris» nis vt Latliolieis, I^ativm I?ilio vs^o ms^jorem, slis pviZorvnt pertrsvtai-o iivgoti»; suluto vorum eonventu revta vAo cum Ijit- dobranllo ad liomanum pontifieem, sieut sunia dietum vst, ski- remus. I^^iseonorum vrZo tju! vonvvnorant voluntas in vo kuit, vt «midsm vniuin ino, IZpiteonus ^urelianvntis, at«zuv ünileo- z,us ^utisiodorvntis, eum ^remo^itcopo I'uronvnki, 60 Luelis- ril'tia ton-iratim cum Lloi'ivis tuis »udirvnt. Ita vrZo laetum; con«juesti sunt mv acvito I^vileoni illi duo, ijuod euln» mva a ^roniiarum vos Levlotiaium pcrtractandis nvZotiis ivvoearvt; <^uam moam vuipam divvi'viit, intvrroAati rvtponderunt: dioerv mv, jianvm sanotum sltaiis panvm tantum vsl'v, uvo differrv al» incontoerato z>ano mons« communis. (juom in eo acvul'atorom mvum Iialivivnt? ^,rodueerv neminvm notuviunt, ita diftamatum mo so audisfo rvspondorunt. vt t^uid dioorom, cum nvizarvm il- lud, »udiio voluorunt. Hic vZo i»o,uio: evrtistimum Iiavotv, di- coro mv, panvm »t«juo vinum altaris i,ott cont'vcrationvm (^kri- tti vslv rvvvra cornus vt sanFuinom. tjuo audito, nikil sliu»1 vx^ieetarv a niv alias, s^ui in Leclesia 8. klauricii vonl'väerant, dixvrunt I^niteonos, «juam vt in vorum «zuvhuv Auclivntia viulvin non taevlvm, et ita vos liveinm nal»ituros, vt lua «juis«juv s^vrv nvFvtis non lliüvnvnt. Vvni vrAo cum iis, l^ui mv tv^aratim su- divrant, ^urolianviiii atc^uo ^utitiollorensi I?^,isvo^is, in von- ileslum aliorum, vt czuso separatinl kjuiliusd-im clixerani, in au- «livntiit »mnium rspvtivi. l^uni^uv ^'»m ^,vnv murarvm: «i- H-tte v»tttt/i/^//a?'» /?o/^ co7i/ec»'a^'c»?e?tt /eo?^)?» (,'/t?v/^t ?«o «»'e ^o/e?'?'«»?, /?«?«?»ie?ito ^' cvi t^e ^s?ie? öz contra M'g, tamvn tam tvcularia cmsm cceivsia- stica, l'ieut prseclixi, conl'ilio vorum, <^ui mecum vvritatis minimv vrant iAnai!, ljuos t'uverius nominavi. Ita Ril^ovianclus, lio man-« Leclvsiiv I^egatus, «uri libros vnllecunimo comnarari 5»- cvrat, vt vx vorum auctoritato latis köret clv Luelmrittig, nro cu- jus cliliAvntiori contiäerationv vt vvritatis, Ilvi mil'oricorllig, vom- ^rolivnHonvz ÜNrvtis mv inllmulsvergnt Iiominvs niliil t'civntos vt suvvriorvs 5o in tcientia alios non se^uo snimo tolorantvs, tu» darum, tiu-v aä illuä maxirno valvnt vt clamont, o^uo«I liom.i: ^juravvrin» mv luroni ^uravisto I^czutis pa- pN Vietoris. - Die Hauptsache ist hier ohne Zweifel die Zeit, wenn und unter welchem Pabstc dieses Concilium zu Tours gehalten worden: und ich sollte nicht meynen, daß man das geringste Bedenken haben könne, das Zeugniß des Derengarms hierum °) „^«-K<-tt«e»/-5". C- A, Schund. Berenganus Turonensis, 401 allen andern vorzuziehen. Daß er am besten davon unterrichtet seyn konnte, ist unstreitig; und was für Vortheil, was für Absicht hätte er dabey haben können, uns von einem so unerheblichen Umstände etwas anders als die lautere Wahrheit zu sagen? Ich nenne den Umstand unerheblich, in Beziehung auf die eigne Angelegenheit des Derengarius, die dadurch weder verbessert noch verschlimmert werden konnte, ob das Concilium unter dem Legaten des einen, oder des andern Pabstcs, wäre gehalten worden: nicht aber in Beziehung auf die Geschichte, die allerdings dadurch sehr berichtiget wird. Wenden Sie nicht ein, daß es gleichwohl schwer zu begreiffen sey, wie sich L.anfrancue so sehr könne gcirrct haben, da er doch selbst auf diesem Concilio zu Tours mit gegenwärtig gewesen ; wie Grdcricus Viralis versichere. Denn das ist er nicht gewesen, und Viralis verdienet mit diesem seinem Zeugnisse nicht den geringsten Glauben, ob es schon Ant. Pagis") ohne Bedenken angenommen hat. Wäre ^.anfrancns selbst gegenwärtig gewesen, so würde er gewiß nicht ermangelt haben, uns dessen auch selbst zu versichern. Und was hätte ihn damals nach Tours bringen sollen? Er konnte ja nicht wissen, daß die Sache des Dercngarius auf dem Concilio daselbst vorkommen würde. Es geschahe auf eigenen Betrieb des Vcrcnganus, daß man sie ausscrordcntlich vornahm; und das Concilium war ganz und gar nicht ihrcntwcgcn ausgeschrieben worden, welches uns so viel neuere Scribcntcn, als z. E. ^»pus^*) gern möchten glauben machen. Selbst das Zeugniß des sonst mit dem K.Knfrancus genau übereinstimmenden Gmmmnüus, welcher des Concilii zu Tours gleichfalls erwähnet, ist dießmal für ihn nicht. Denn Guit- mundns schreibt nur alles, was darauf verhandelt worden, dem Hildcbrand zu, ohne des Pabstcs, dessen Lcgatus -HildebranS war, namentlich zu gedenken. Der Umstand endlich, daß gerade während dem Concilio die Nachricht von dem Tode des Pabstcs eingetroffen, ist so besonders, zeichnet sich so merklich aus, daß Vergeßlichkeit oder Verwirrung sich kaum dabey denken läßt. (°) In L.nn»Ie» Lsr> SNNUIN t03S, §. 7. (°°) vperum r. V. p. k. 7. LessngS Werk- viil. 26 402 Bcrcng.iriuS TurencnsiS, War nun aber Hildebrand, als cr das Concilium z» Tours hielt, noch Ä.com's dcs nennten Legatusz war cs der Tod dieses -L.es, der es unterbrach: so gehöret cs auch nicht in das Zahr 4066, sondern in das vorhergehende 54; als an dessen ncunzchntcm April -L.eo starb. Was weiter hieraus für Verbesserungen in der Geschichte, und Veränderungen in der Ordnung der Concilien sich ergeben, ist klar. Nicht allein müssen die Concilia zu Florenz und zu Lyon nunmehr nachstehen, indem das zu Tours sogar noch dem zu Narbonnc vorgehen, und unmittelbar aus das vierte Römische unter -S.es dem nennten, folgen muß: sondern auch alle die andern drey Concilia, welche in dem Zahre 66 wider den Bcrengarins sollen seyn gehalten worden, sind in so fern für Erdichtungen zu erklären, als Victor der zweyte daran Antheil gehabt haben müßte. Auch widerlegt sich noch ein Umstand, durch den sich das Concilium zu Tours merkwürdig gemacht hätte, aus dessen unumgänglicher Versetzung, nunmehr von selbst. Nach dem Barom'ns nehmlich, — oder vielmehr nach dem Mariana, auf den sich Baronius lediglich bezicht, — soll Kayscr-Heinrich der zweyte, bey diesem Concilio den König FerdinanSus von Castilicn verklagt haben, daß cr sich den Titel eines Kayscrs von Spanien anmaassc, und seine Abhängigkeit von dem Römischen Reiche weiter nicht erkennen wolle; und Victor der zweyte soll zum Besten des Kayscrs den Ausspruch gethan haben. Die ganze Sache klingt ein wenig fabelhaft, und cs wäre wenigstens sehr sonderbar, wann sich ein deutscher Kayscr, mit seinen Beschwerden gegen einen König von Spanien, an eine kleine Kirchen- versammlung irgendwo in Frankreich, sollte gewandt haben; denn daß ein Päbstlicher Legat dabey zugegen gewesen, das macht sie eben um so viel wichtiger nicht. Es sey aber die Sache selbst, so wahr als sie wolle: von beiden Umständen kann doch nur einer Statt gehabt haben. Ist sie auf dem Eoncilio zu Tours anhängig gemacht worden, so hat sie Victor auf diesem Concilio nicht entschieden: hat sie Victor entschieden, so kann sie auf dem Concilio zu Tours, auch nicht einmal vermittelst seines Legaten, seyn vor ihn gebracht worden. Bcrcngarmö Tnronciisis. ä03 Einen einzigen Weg wüßte ich, die Erzchlimg des XNanana noch zu retten: und dieser wäre, wenn man annähme, daß kurz auf einander zwey Kirchcnvcrsammlimgcii zu Tours gehalten worden; die erste, von welcher Derengarius redet, und die zweyte das Zahr darauf, auf welcher die Gesandten des Kaysers möchten erschienen seyn. Zn der That finden sich auch Spuren von einer solchen zweyten, die bey den Sammlern der Concilien nicht vorkömmt. Doch was geht mich das hier an? Sie werden nicht wollen, daß ich mich von unserm Manne noch weiter entfernen soll. - Die Stelle haben Sie nun ohne Zweifel erwogen, aus die ich mich oben, wegen des Bischofs von Orleans bezog. Der Widerspruch mit dem DnranSus ist, denke ich, so klar, daß ich nicht nöthig habe, noch etwas hinzu zu setzen. Dafür erlauben Sie mir, Sie einen Augenblick bey dem Bischöfe von Angcrs zu verweilen, der ebenfalls auf dem Concilio zu Tours gegenwärtig war. Es war LLusebius, mit dem Zunamen Bruno, welcher diese Würde seit 10i7 bekleidete; es war eben der, der nach einigen, den Derengarius zu seinem Archidiaconus in Angcrs gemacht hatte. Nach andern zwar, müßte Derenganus das bereits im Zahre 1040 gewesen seyn, und ich weiß nicht, was ich zu den Beweisen davon sagen soll.(^) Gewiß ist es, daß er, während dem Concilio zu Vcrcclli, noch Canonicus an der Kirche des heil. Martinus zu Tours war; gewiß ist es, daß er, auch während des Concil» zu Tours, noch eben da, und nicht zu Angers lebte. Wenn er nun dem ohngeachtet auch Archidiaconus zu Angers hätte seyn können, und wirklich gewesen wäre: so müßte man sich wohl nicht sehr an den alten Kanon, vt von mll in vnius oivltatis Lceloj'iis «jnisyukun ali^uocl Llenealv oflieium aeci- plat, gekehrt haben, ob er schon auch damals, in einem Concilio über dem andern, aufs neue eingeschärft wurde. Doch dem sey, wie ihm immer sey; Bercngarius sey auf dem Concilio zu Tours bereits des Ensebius Archidiaconus gewesen, oder nicht: genug, daß Euscbins der Meynung des Zderenganus war. (°) ^/aS-llo» ä,cls L!U>Ll. vicl, 8. «enell, LiSLUli Vl> pürw II. piivf, K. IS. 26° 404 Berengarius TmoncnsiS. Dieses Zeugniß giebt ihm, wie Sie gelesen haben, Derengarius selbst: „cesti tsmeri contillo Lpitcopl ^riclvMventis, atsjuv >iat!s ma^joiis Nonstterii widert!, csui mo öe tcriptuns Kaders certi orant, rjuoä äioerem. Es ist also keine Verleumdung, keine ungcgründete Sage, was man schon aus dem Durandus und iLbeovuinus von ihm gewußt hat, und weswegen ihn zu retten, sich so manche ganz vergebliche Mühe gemacht haben. Besonders ist es Naralis Alexander,^) und nach ihm sind es die mehrgcdachten Französischen Benediktiner,^) welche den Verdacht durchaus nicht auf ihm lassen wollen, daß er jemals der Lehre des Derenganus ernstlich zugethan gewesen. Sie beziehen sich desfalls vornehmlich auf einen eigenen Brief des Eu- sebius, welchen Claudius Menmdus zuerst herausgegeben. Nun ist es wahr, daß Eusebius in diesem Briefe dem Zberen- garins sein Mißfallen über die noch fortdaurende Streitigkeit zu erkennen giebt; aber dieses Mißfallen an der Streitigkeit, als Streitigkeit, ist nichts weniger als eine Mißbilligung der Meynung des Berengarins. Vielmehr spricht er von der ineptla atcjuo inlama I^nlranci, oder wiederhohlt doch wenigstens diese Ausdrücke des Dcrengarius, ohne das geringste dagegen zu erinnern, welches er gewiß nicht würde unterlassen haben, wenn Aanfrancus mehr Recht bey ihm gehabt hätte, als Zberenga- rius. Easebius wollte nur überhaupt über dergleichen Dinge nicht gestritten wissen; er wollte, daß man sich einzig und allein an die Worte der Schrift in Einfalt halte, und allen spitzfün- digcn Grübeleycn über das Wie und Warum entsagen sollte. Das war so übel nicht: werden Sie meynen. Allerdings nicht: und zuverläßig ist in dem ganzen eilsten Jahrhunderte nichts vortrcflicheres von einem Theologen geschrieben worden, als dieser Brief des LLuscbius. Die Französischen Benediktiner wundern sich, daß er nicht in die neuesten Sammlungen der Concilien aufgenommen worden. Aber ohne Zweifel sahen die Be- sorgcr dieser Sammlungen ihn nicht so ganz mit ihren Augen an. Zch zweifele, ob sie selbst ihn in eine Bibliothek der Kirchcnvä- (°) In Hin. kccl. 8-ecuIi XI. visier!. I. Sri. 4. (") «ist. Iit> I» ?r. V. VIII. p> ivl, ("°) In Aolis »6 ^uZuslini likrns poNeriorez «ilvorlu» Ixlisnum, p. 499. Berengarius TuronciisiS. 405 ter aufnehmen würden, deren Ansehen und Gebrauch er so sehr auf ihren wahren Werth herabsetzt, porro, nos nan Patrum teripta eoutemiielltss, l°eä nee illa, ea j'eeuritste, i, tleut 1'uneiius llietunr vtt, rosnonclen^Ii licvntia, euni von i»n<1eres ^,ro tuie Haitis dvseiitwno »Ii«jui<1 rv- l^ontiere, jiivtate motiis acl nreevs tuas prieccpit tracli teii»tukam tilii, ,^u»n> tunernis «otui. Was DercngKrius aber hierauf antwortet, lautet so: „ljuvil <1ie!s eonipeiisl'o pirpam IVieol-ium, clo eoräe tuo lo- «jueris, non )ore vltronous, 1"i non nrodrinclus, multo essem minus eum prN- eipitiitione cismnanclus, t"ocl pvtius ex otio elnistiana mankuetu- tline suclionclus, piiteina clili^entia a^^roliandus, miterieercliSz li ita res exiZerot, admvnonclus vrAenclns<^uv. 8olum milii vt in Ijilllo»ranclllm(^) !l"t» coo^ieervm, paua resnonckit. Ita nee 6e mutatione Kileramontoium, ljuam, noviwto verl)i contra artem, vlli cle Aenoratione vt corriintionv üiu^octi »Aitur, et eontr!» conl'uvtullinem telinturaruin, vui Iialies, Ae»ie?ttt«o?ze» t.K!^' t?t teimatoriitlem äieore volnit'ti, il>i«juis, c>uocl ineatitur serij»tum tuum, »6 pilpam eZo proevs keei. cnm olimutuistsm, ve mecum Lnrittianismo 5uo in^igno SForent, corcle eonvolvens, Iiumi proeukui; et loeunclum koe, l^uocl 6ieis, illuni reetisi'ime pr-eeepisto, In^uttistiwe äiceros, ti verum äieere voluistes." Hier wird des -Humbcrtus nicht gedacht; sondern alles scheinet durch die Hände des Kardinal -Hildebrand gehen zu sollen. Wie schon gesagt, ich kann nicht angeben, auf welche Weise dieser gleichwohl endlich allen Einfluß auf das Geschäfte vcrlohr. Aber haben wir nicht gesehen, wie stürmisch es auf den Kirchcnversamm- lungen damals zugieng? wie sehr selbst der Pabst das wilde Geschrey der kleinern Clcriscy fürchten, und ihm nachgeben mußte? L.Knfrancns war hier selbst zugegen, und er mochte seinen Mann an dem Humberrus bald kennen lernen. Wer das meiste Ler^ mcn machen konnte, überkam die meiste Gewalt: und auf das Lermen, das Toben, das Verdammen, das Nothzwingcn, wer verstand sich besser, als Humbert? Er hatte davon eine vor- trcfliche Probe kürzlich in Constantinopcl abgelegt: was ihm da mit dem N'icelKS Pectorarus gelungen war, das glaubte er, könne ihm mit dem 2dercngarms nicht fehlen. Der stolze häßliche Mann war dazu versehen, alle Trennungen der Kirche auf das Acusscrstc zu treiben! Schon in der ersten Schrift mochte ihm Dcrcngarius ziemliche Gerechtigkeit haben wicderfahrcn lassen; aber Ä.anfrancus fand nicht für gut, mehr davon auszuziehen, als gerade nöthig war, die Vertheidigung und Heiligprcisung desselben anzubringen. Sie werden also hier nicht ungern ein Paar Stellen lesen, die Dercngarius dieser Heiligprcisung seines Verfolgers in unserm Manuskripte, als seiner zweyten Schrift, entgegensetzt. „8crvum vei Humkertum u'ixM, yuocl, ljuantnm all icl c>uocl terlbebaSz vere ciieoro nv^uitti. Lx^eitus in illc» VAN luiu non Oe! tervuMz i'e«! ^ntielnisti membrum, csuoä inkvrius gppsrebit. ?ilii gutem s-metum saeiet tii-l eiFa me ealumnia omnom, «jui veeorcHiL tu!v ineptus usl'eiil'uiii vou negaverit." Berengarius Turoiiensis, 40!) Und weiter hin: „Huod 6Io .^2>'mo el ?ermentiU» sxua La?o»i«m, XI. I>. 7tS. 410 Berengarius Turonensis. das Brod, welches ausser jenem gewissen Genusse nichts weiter sey, als Brod, unbrauchbares Brod. Ilcbcrtrctcne Folgen also aus einer Lehre, die sie nicht annahmen, die sie nicht kannten, legte ihnen Humbertus als Ketzereien zur Last: und er selbst scheint fast geglaubt zu haben, daß das verwandelte Brod sonst überall, im Wasser und in der Erde, zertrennet und zerstöret werden könne, nur nicht in dem menschlichen Körper. Einem solchem Manne trug man es denn auf, für die gestimmte Kirche zu sprechen und zu schreiben! Welcher Widerspruch hätte unsinnig genug seyn können, zu welchem er den Zderengarius nicht mit Schwcrd und Knüttel (Zl-lllüs et fustiuus, wie dieser mehr als einmal sagt) eben so wohl gezwungen haben würde, wenn er ihn einmal für einen Lehrsatz seiner Kirche gehalten hätte? Auch pflegte er mit niemanden, über die abzufassende Formel, die geringste Rücksprache; am wenigsten mit dem Bcrcngarius selbst. Nach dem K.anfrancns sollte es zwar scheinen, als ob dieses allerdings geschehen, indem er ihn mit so vieler Dreistigkeit fragt; cur ergo lcri^tum koo msZIs klcllcribitur llum>>ertc> L^ileo^o yuam tilii, huam Nieoliw pontiliei, is coneilio, yuam cleuisjuo omnidus lCoelet'iis, ^u-v icl ourn llv- liita rvveientia luseoporllnt? (") Aber Zderengarius antwortet: „luttisl'imo icl cznnlem; «zum Humbvrtus iuietor l°eiipti erronvi fuitz vAo in corllo orrori nori acltenll. klitnu «julllom — —- — ----(°") t'ulil'crlpt'i, veruin vt clo conl'Liij'll ^ronuncimom meo, nvmo oxegit. ?i»ntun» timore prNl'entis ^jam mortis scriptum illuä, alisyuo vlla eool'cilZlltia mva ^jam tactum, mani- (°) II. Ldit. 0ac/t. I>. 233. (°°) Hier fehle» einige Worte, die ich nicht heraus bringe» können. Den» die Stelle ist von der ersten Seite des Manuskripts, die mehr als andere gelitten. l„ Diese Lücke habe ich zu ergänzen, und dadurch die ganze Stelle zu berichtigen, das Glück gehabt. Die herausgebrachten Worte der beynahe völlig verwischte» ersten Seite der Handschrift, geben einen Sin», der dem gerade entgegen ist, worauf Leßing, durch das falsch gelesene: m»»u xu-Äe»» — lublurioti I1< — verfallen war. Die Stelle lautet »ach der richtige» Ergänzung so: lUitnn, ^uo«? ?ne»c?actte?' «c? ^ic^ue»!^ no« tuliteripli; nnul te «viisentu »r«nu»ciilrem iu«o, nvmo LXkAit- Bcrcugaritts hatte also seine Unterschrift nicht widerrufe», oder abgeleugnet; er hatte die Schrift des Hunibcrtus gar nicht unterschriebe»." >Z.'. A- Schmidt BerengariuS Turoucnsis. 411 Iius aeeopi. AI-tAls vtiam Humkerto <^uam ^ieolao iuU'crilivn- tlum fu'it, usm verum clixeris, villvrit tu» nrofeslio, viüerit eruäitio. Julius onim smicorum lte ec> inveum i^uocl loriuis egit, nullus a mv lzuoä ^juraverim, vnäs 1a- tis tu^erins Inm loeutus, auclivit: nullus mo cloeuit. 8olus Hnm kertus i»o, inconvento et inauclito me, tino rnora et lim» clili- geutioris lecunäum teririturas eliuli^erationis, «^uocl voluit leri- ^>t'it, n!mia<^uo levitato ^ieolaus ille, cle cn^us iuoruclitiono et morum incliznitato saeile milii erat non inlusiieienter lerilioro — — yuocl clixerat Humliertus a^>prodavit." Ueber seine Schwachheit, daß er aus Furcht des Todes die Wahrheit verleugnet, druckt sich Derengarius sehr wohl aus; und was er darüber sagt, ist eben so rührend, als die Einrede des K.anfrancus, „Marino rn'Mltskat, 1'i vvram llclom tv liaboro putalias, vitam koneltam morte ünire, «juam ^>erjurium laevre, perülliam Kurare, liclom »Kurare? grausam und höhnisch ist. 0 intelix korno, o milerrima anima, fahrt -L.anfrancus fort, eur to crvtloro ^urabas, ^ui» tantonere inter te clitticleio intelli- gelius? Warum? antwortet Serenganus, aus Furcht; aus einer Schwachheit, deren ich nicht Meister war: aber wenn ich darum ein unseliger Mensch, eine verlorene Seele bin, so waren Aaron und Petrus eben so unselige Menschen, eben so verlorene Seelen; Aaron, der aus Furcht vor dem Murren des Volks, ihm einen Götzen machte; Petrus, der, aus Scheu vor einer Magd, seinen Meister verleugnete, von dem er kurz vorher ein so übermenschliches Zeugniß abgelegt hatte. - Zch erspare Zhncn die Stelle selbst, die Sie Zeit genug in dem Originale lesen werden. °) „«um couüUS cocco A. Schmid, 412 Berengarius Turoiieiisis. Nur einen Augenblick stehen Sie noch mit mir stille, um den ganzen Weg, den wir zurückgelegt, auf einmal zu übersehen. Und ich denke, wir sind eben auf eine Anhöhe gelangt, die uns die ungehindertste Aussicht nicht allein rückwcrts, sondern auch vorwcrts gewähret. Hier liegen alle Krümmungen des genommenen und noch zu nehmenden Weges deutlich vor unsern Augen, und wir erkennen überall die Ursachen, warum er so, und nicht anders lanffen müssen. Zch meyne, das Räthsel, wie sich Berengarius gegen so viele Kirchcnvcrsammlungcn verhärten können, wie er es wagen dürfen, immer wieder zu seiner entsagten Meynung zurück zu kehren, und wie eS gekommen, daß die Kirche sich gleichwohl gegen einen so hartnäckigen Relapscn so sanft und nachsichtsvoll erwiesen, dieses befremdende Räthsel ist gclösct. Denn einmal haben wir gesehen, daß die Anzahl der gegen ihn gehaltenen Kirchenversammlnngen, und die Anzahl seiner Wicdcrruffe und Abschwörungcn, bey weitem so groß nicht ist, als sie ausgegeben wird. Das Concilium zu Paris ist ganz erlogen. Der Synodus zu Brione wird nicht viel besser seyn; wenigstens ist sicherlich mit Zuziehung des Zöerengarius da nichts verhandelt worden. Die Concilia unter Victor dem zweyten fallen alle weg. Auf den Kirchcnversammlungen zu Rom und Vcrcclli, unter Ä.ec> dem neunten, ward er ungchörct und abwesend verdammet. Auf der zu Tours, die seinetwegen gar nicht angestellt war, ward nichts untersucht, ward nichts von ihm abgeschworen; sondern er übergab da lediglich sein Glaubensbekenntnis), und ließ sich nur gefallen, mit einem Eide zu bekräftigen, daß solches Bekenntniß seine wahre, eigentliche Meynung enthalte: so daß, nach aller Strenge, dieses Concilium nicht wider, sondern für ihn ist, indem man mit seinem Glauben zufrieden war, und nur die Bekräftigung verlangte, daß es sein wahrer Glaube sey. Folglich bleibt nichts übrig als das Concilium zu Rom unter Nicolao dem zweien, von dem man sagen könnte, daß es ihn seiner Kctzercyen überführt habe; von dem man sagen könnte, daß es ihn hätte verbinden müssen, weil er sich seinen Aussprüchcn unterwarf. Aber wie unterwarf er sich diesen? Wie sehr Recht hatte er, sich noch immer für Bcrcngamis Turonenfis, 413 nichts weniger als sachfällig zu halten, nnd nach Niedcrlcgung seiner Protcstation, einen besser unterrichteten Pabst, ein freyeres und würdigeres Concilium abzuwarten? Wie natürlich endlich war es, daß ein folgender Pabst, der sich durch das Zutrauen des Bercngarius geschmeichelt fühlte, der es erkannte, wie nnrcchtlich man mit ihm verfahren, seine Angelegenheit für unabgethan, ihn für unverdammt erklärte, indem er sie aufs neue vornahm, und mit ihm den einzigen Weg einschlug, gegen dessen Rcchtskräftigkcit er nichts einzuwenden haben könne, nehmlich den Weg der vorläuffigcn Prüfung, deren man den Beklagten noch nie gcwürdigct hatte? Und wer war, zweitens, dieser billigere, bessere Pabst? Kein anderer als Gregorius der siebende; als eben der Hil- debrand, welcher von der Rechtgläubigkeit des Berengarins überzeugt war,(") welcher (verlwtis siei'spiculww coFniw) den Derengarius überredet hatte, sich getrost mit ihm zu S.eo dem neunten zu verfügen, der, ob er ihn schon ungehört, auf die einseitige Klage seines Feindes, verdammt habe, dennoch nach mündlicher Vernehmung des andern Theiles, gewiß nicht ermangeln würde, dem Neide seiner stolzen, und dem Tumulte seiner abgeschmackten Gegner ein Ende zu machen. Ohne Zweifel hatte dieser -Hildebrand zwar, als Derengarius nachher, in ähnlicher Hoffnung, sich Nicolaus dem zweien darstellte, ihn, wie man es in der gemeinen Sprache auszudrücken Pflegt, vurchfallen lassen: das ist, er hatte ihn, und seine gute Sache, dem Widerstände, den sie fanden, aufgeopfert; er hatte, um nicht zugleich mit ihm untcrzulicgcn, sich selbst aus der Schlinge gezogen, uncrachtet die Schlinge den Zurückgelassenen dadurch um so viel stärker zuschnüren mußte. Aber es war doch auch, allem Anschn nach, eben dieser Hildebrand gewesen, welcher unter dem nachfolgenden Pabste, Alexander dem zweyten, wiederum dem Derengarius so viel Nachsicht auswirkte, daß er ungeahndet seinen Wicderruf zurücknehmen, und sich so frey und kühn gegen den vorigen Pabst erklären durfte, welches alles (°) S. oben S. 399. (°°) euttiü »utorilits luperborum mvilliiun, »lque insiUonim lumuUum compeseerel. Ebcndils. 414 Vcrengarins Tnrvncnsis, Alexander weiter nicht rügte, als daß er ihn ganz freundschaftlich ermähnte, von seiner Sekte abzulassen, und die heilige Kirche nicht weiter zu ärgern. (") Denn -Hildebrand war dieses Alexanders Kanzler, iionos yuocl oflieium univerlgz komanm Uecloliiv nilminiltratio vertebstur, wie Zr. Pagi gegen den 6?ohcllins erwiesen hat. (*°) Und als er nun selbst Pabst ward, dieser Hildcbrand, was hätte ihn hindern sollen, einen Versuch zu wagen, um der erkannten Wahrheit und seinem ungern verlassenen alten Freunde wieder aufzuhelfen? Dieser Versuch waren die Kirchenvcrsammlungen von 78 und 7ll zu Rom, wo Ve- rengarius selbst zugegen war, und Gregorms der siebende alles für ihn that, was sich nur immer sicher thun ließ. Wenn er denn nun aber auch hier nicht durchdrang: so kennen Sie seine Geschichte lind seinen Charakter zu wohl, um leicht einzusehen, warum er weder recht konnte, noch recht wollte. An Einsicht fehlte es ihm gewiß nicht: aber ein Mann von seinem Ehrgeize setzet die Wahrheit nur alsdcnn mit aller Macht durch, wenn er sei» Ansehen und seine Gewalt mit ihr zugleich befestigen kann. Lauffen diese hingegen die geringste Gefahr, so giebt er sie auf: er herrschte gern über erleuchtete Menschen; aber ehe er denn lieber nicht herrschte, mögen sie so uncrleuchtct bleiben, als sie wollen.-Gedenken Sie nur an die gefährliche Parthey des Denno, welche Gregorms wider sich hatte, und wie hämisch ihn diese auch dann noch, als er den Verengarms zu seinem letzten Bekenntnisse vermocht hatte, als einen Anhänger desselben verschrie. Lächerlich aber ist es, wenn Va- ronmss^") daraus, daß er den Zderengarms bey seiner Lehre nicht geschiitzet, beweisen will, daß ihn die Parthey des Zdenno auch in diesem Stücke verleumdet habe. Zn diesem Stücke, wie wir nun wissen, that sie ihm gewiß nicht zu viel: und GOtt wolle nur, daß verschiedene von ihren übrigen Beschuldigungen weniger gegründet waren! (°) ^lexsucker, luceeslor Kicolsl I>i>n!v, lilei'is Lerenxsriuin lsli« iliniee nriemonuit, ut » kecl» lus ceüsiirel, nee üin>>Uu8 siliielsm eccleluu» le-li»!»- Ii2!»ret> ^»on?/»iu« t7i-/?e'./. ?>aA-. 1015. (°°) Liev. '1'. ll, p. 388. Lclil. ^»l^erp. (°°°) »imum tv79. 8> s. r. xi. BcmigariuS Turolicnsis, V. Allerdings mußte die Beschaffenheit der Lehre des Zderen garius selbst darzu kommen, daß er den Anfallen seiner Feinde so lange widerstehen konnte. Sie mußte, diese Lehre, so irrgläubig und der Kirche so fremd nicht seyn; er und-Hildebrand, und etwa noch Eusebms Bruno, mußten die einzigen nicht seyn, die sich von ihr überzeugt hielten. In wie weit dieses, zum Theil, selbst Gelehrte der Römischen Kirche neuerlich zugestanden, habe ich in dem ersten Briefe bereits berührt. (°) Wenn Sie aber wollen, mein Freund, daß auch ich, nach Maaßgcbung unsers Manuskripts, mich etwas weiter darüber auslassen soll: so müssen Sie mir erlauben, nur unter allgemeinen Benennungen davon zu sprechen, und die Namen von Lutheranern und Rcformirten ganz aus dem Spiele zu lassen. Zch wünschte, daß ich dieses schon dort gethan hatte. Denn ich möchte den Argwohn nicht gern auf mich laden, daß ich die Lippen einer Wunde, die man so gern sich schlicsscn sahe, aufs neue klaffen zu machen gesucht, nachdem so viel würdige Männer beider Kirchen alles gethan haben, die Harschung durch Heftpflaster zu erzwingen; das ist, sich wenigstens in Worten einander zu nähern, welches dem und jenem so trefflich gelingt, daß man das ganze Heftpflaster nur für ein Schminkpflästerchcn halten sollte. Zch sage also so; wenn es eine Kirche, oder Gemeinden einer Kirche giebt, welche die sichtbaren Stücke des Abendmahls für blosse Zeichen erkennen, welche keinen andern Genuß darin» zugeben, als einen geistlichen, welchen dieser geistliche Genuß weiter nichts, als eine Zurechnung im Glauben ist: so können diese Kirche, diese Gemeinden, keinen Anspruch auf die Bcy- stimmung des Derenganns machen. Denn Derengarws lehrte und bekannte eine wahre, wesentliche Gegenwart des Leibes und Blutes: und es würde sehr unbillig und grausam seyn, wenn man bey ihm einzelne Theile der Ausführung, zufällige Erläuterungen, nicht nach dem ausdrücklichen Bekenntnisse, sondern (°) Scilc 323. 416 Berengarins Turoneiisis. dieses nach jenen verstehen und beurtheilen, und aus ctwani- gcr Zweydeutigkeit jener schlicssen wollte, daß er etwas anders mit dem Munde bekannt, und etwas anders im Herzen geglaubt habe. Ich setze hicrbey als bekannt voraus, was ein zeitvcrwandtcr Gegner des Dcrenganus, der die Anhänger desselben tief und genau ausgehöhlt zu haben versichert, ihm aus dem Munde dieser Anhänger für ein Zeugniß ertheilet hat. So schreibt nehmlich Cuitmundus: (°) LerenFsrian! omves yulclom in !>oo conveniunt, ljuia pkmis et vinum oslentisliter non mutantur: fscl vt extur^uers A ljuiuusdam potui, multum in Iioo clitkerunt, «juncl iiikil omnino mgS Werk-viii, 27 4l8 Bcrcnganns Turoncnsis. von dem müßte man vorher erwiesen haben, daß ihm ein solcher stiller Vorbehalt bekannt und geläuffig gewesen. Und wie hatte Llericus es anfangen wollen, das von dem Derengarius zu erweisen? Wo hat Derengarius jemals sich merken lassen, daß ihm das Wort seyn so viel hcissc als bedeuten? Es ist wahr, auch er nennet das Brod und den Wein Zeichen: nehmlich, in so fern sie das Sichtbare sind, unter welchem und mit welchem wir das Unsichtbare wirklich zu erhalten glauben. Aber ist das der Sinn, den Llericus mit dem Worte Seichen verband? Gewiß nicht; ihm hieß ein Zeichen nichts als ein Ding, woran man sich eines andern Dinges erinnern kann, ohne daß man darum, indem man jenes besitzt oder überkömmt, auch nothwendig dieses besitzen oder überkommen muß. Wenn die Gegner des Berengarius ihn auf den Zahn fühlen wollten, ob er nicht bloß ans dem Vorurthcile des Ma- nichäischcn Irrthums, daß der Leib CHristi ein leeres Blendwerk gewesen, die wesentliche Verwandlung des Brodes leugne: wie konnte er anders, als in den angeführten Worten dagegen protcstircn? Aber konnte er in dem Antimanichäischen Verstände den Leib CHristi nicht einen rvabren Leib nennen, und doch auch glauben, daß dieser wahre Leib auf eine eben so wahre Art in dem Abendmahl? empfangen werde? Allerdings konnte er das zugleich glauben, und glaubte es wirklich zugleich. Zum Beweise berufe ich mich auf die Stelle, die ich Ihnen in meinem vorigen Briefe von dem Concilio zu Tours augeführt habe. Was er hier durch, panvm et vinum t'scista in slt-ui vs5v ve- vt Inimanum eiiriM corpus ausdrücket, das hat er dort (°) durch, pgnom athue vmum alwiis pott enoteeraticmvm LnriKi vsl'v T'ovö?'« cnrvus vt i'ii»Fuinem ausgedrückt. Daß aber rever», als ein Adverbium, zu vsiv gehöret, und nicht zu voraus, wer kann das leugnen ? Und wer muß nicht zugeben, daß folglich sein vollständiges Glaubensbekenntnis), wenn er Lhicancn hätte vorherschcn können, die man ihm nach sieben hundert Zahrcn machen dürfte, beide Ausdrücke verbinden lind sonach „p-mvm vt (°) Seite 399. BereiigariuS Turonenfis. 419 vinum sltsris pott conkecratiooem esl'o »°eve?'K «s»'?«M corrius et l'anguloem l^kiisti" lauten würde? Oder könnte auch das sodann weiter nichts hcissen, als daß Brod und Wein wirkliche Zeichen eines wirklichen menschlichen Leibes wären? Denn es gibt ja wohl auch verblühmre Zeichen! Zch bin versichert, mein Freund, daß unser Manuskript dergleichen bis in das Unendliche lauffenden Vermuthungen ziemlich Schranken setzen wird. Denn da seine vornehmste, einzige Absicht dahin gehet, die von dem Hnmberkris aufgesetzte Formel, zu welcher sich Zdcrengarius unter Nicolao dem zweyten, bekennen müssen, gegen die Rechtfertigungen des Ä-anfrancus, in allen Stücken aufs neue zu bestreiken und zu widerlegen; diese Formel aber beides, so wohl die Lehre, welche Berengarius abschwören, als auch die Lehre, welche er beschwören müssen, enthält: so werden Sie, in Ansehung erstrcr, welche 'Humbcrtus in die Worte gefaßt hatte, panem et vinum, «zu»? in altari po- nuntur, poK couleerationom kolummoclo laeismeatum, et non verum eorpus et lÄnFumem OkriKi este, so deutliche, so feierliche, so oft wiederhohlte Erklärungen finden, wie dieses die Meynung des Verfassers schlechterdings nicht sey, und nie gewesen sey, daß er der größte, schimpflichste Heuchler von der Welt seyn müssen, wenn er dem ohngcachtet bey dem, was er für seine wahre Meynung ausgicbt, nichts mehr gedacht hätte, als was sich bey der Lehre von den blossen Zeichen denken läßt. Hingegen werden Sie in Ansehung derjenigen Lehre, zu welcher er sich gezwungen bekennen mußte, nichts anders als solche Gründe und Einwürfe von ihm gebraucht finden, die schlechterdings nur wider die Transsubstantiation, und kcincswc- gcs gegen die wirkliche Gegenwart überhaupt, zu brauchen stehen. Er ist weit entfernt, seinen Gegnern im geringsten streitig zu machen, daß in Kraft der Consecration eine wunderbare Veränderung mit dem Brode und dem Weine vorgehe; wovon die, so viel ich verstehe, doch wohl nichts zu sagen haben können, welche Brod nnd Wein für blosse Zeichen erkennen. Er streitet einzig und allein über die Art und Weise dieser Veränderung; und behauptet, daß die, welche Paschas-us zuerst gc- 27" 4?0 VerengariuS Turonensis. lehret, so unmöglich, so abgeschmackt sey, daß sich ohne offcnl'ar »vidcr einander lauffcnde Worte auch nicht einmal davon sprechen lasse. Von dieser nur, welcher im Grunde der Name Veränderung gar nicht zukomme, indem sie auf der einen Seite eine wahre Vernichtung, und auf der andern eine neue Entstehung sey, sagt er, daß sie weder in der Schrift, noch in den Vätern, den geringsten Grund habe. „Da clo propketa, clv ^pot'tnlo, <1v Lv-MAeütt» loeum all- «zuom, unllo maoilel'tistimum 5it, !ta liedoiv tontiri llo !'i»ei!ticio populi elnMain, vt nun !n eo til»I conktet kuli^eetmn panis. ?s<: minnivl'tum, verba ikta tua, i'emniis?'« ^»»isitt et »i //t/»» os/o?!ttt5.: et t"> panem videat, lzui eonimunicst ment-e llnm'mieN, non tsmen, «^unä panem l'entualeni vicloat, 5il>i liclem tlebere Iialiere, miliiculc» icl »ttriliuenäuni esl'o, vt ratum Iiakoa- tnr t Ini^uam psnis «zuocl nunilpisin ante eonseerationom l'uerut kscls, von toluin to, teä et snZelum item. Oum clicis convcrti in ve- rsm Oliril'ti carnem et tanAuinem, I >l>iilleui Leruum vei t>»ul> Iluniililsle ^»»vtl n«!»m ii^ Iv seiii>tui>l ^juvtl pronmlxiilsm Ili,:«»» omni>iu!i /V>> «?»m k^IwtlllM 0, » seiUenIiitm 1.'oinpel>il me l)uo>> >>« ciinuvrNoiie «uotl Si^iü inkitmsrv (»u»tl tlivi« eompvriksi- Ij» »>s nroMvl!» Seite 1. Zeile 8. Seite 3Z>>, — 1. — 13. — 4t». — S. — 6. — 403. — 7. — 2t. — 409. — 9. — 20. — 359. — 11. — 20. — 373. — 14. — 1. — 374. — 15. — 22. — 383. — 13. — 17- — 36l. — 23. — 2. — 398. — 30. — 1. — 420. — 41. — 18. — 411. — 43. — 0. — 407. — 64. — S. — 420 " C. A- Schmid. Vermischte Schriften. Erster Theil. 1771. V o r b e r i ch t. Von den Lcssingschen Schriften, welche in den Jahren 4763-Fk zu Berlin in sechs Duodczbändcn an das Licht gekommen, war der größte Theil seit langer Zeit verdammt, der Vergessenheit gänzlich überlassen zu werden. Verfasser und Verleger waren darüber einig geworden; und besonders glaubte jener diesen Entschluß sowohl sich selbst als dem Publikum schuldig zu seyn. Das Publikum wächset täglich an Einsicht und Geschmack: aber viele Verfasser bleiben zurück, und wehe dem, der es auch nicht einmal fühlet, daß er zurück geblieben, und eitel genug ist, noch immer auf den Beyfall zu rechnen, den er vor zwanzig Zahrcn erhalten zu haben vermcynet. Nur der Nachdruck, welchen man besagten Schriften öffentlich drohet, hat dem Verfasser den Wunsch abgelockt, das hämische Vorhaben, ihn in seiner ganzen armseligen Kindheit wieder auf den Platz zu bringen, vereiteln zu können. Und lediglich in Absicht auf diesen Wunsch hat er sich zu einer neuen Sammlung entschlossen, in die er aus jener ältern alles aufzunehmen gesonnen, worauf die Licbhabercy des allcr- nachsichtvollcstcn Lesers nur immer einigen Werth legen könnte. Gegenwärtiger erster Theil kann davon zur Probe dienen; wobey der Verfasser weiter nichts zu erinnern findet, als daß die neu hinzugckommencn Stücke desselben auf eben die Entschuldigung Anspruch machen, welche die billige Kritik den alten nicht verweigern kann. Es wäre Thorheit, zu Ausbesserung einer baufälligen Hütte, Materialien zu verschwenden, von welchen ein ganz neues Gebäude aufgeführet werden könnte. Anmerkungen über das Epigramm. 42.; Zerstreute Anmerkungen über das Epigramm, und einige der vornehmsten Epigrammatisten. i. Ueber das Epigramm. (1) Man hat das Wort Epigramm verschiedentlich übersetzt: durch Uebcrschrift, Aufschrift, Znnschrift, Sinnschrift, Sinngedicht, u. s. m. Uebcrschrift und Sinngedicht sind, dieses durch den Gebrauch des -L.ogau, und jenes durch den Gebrauch des Ivernicke, das gewöhnlichste geworden: aber vermuthlich wird Sinngedicht auch endlich das Ucberschrifc vcrdrengen. Aufschrift und Znnschrift müssen sich begnügen, das zu bedeuten, was das Epigramm in seinem Ursprünge war; das, woraus die so genannte Dichtungsart nach und nach entstanden ist. Wenn Theseus, in der Landenge von Korinth, eine Säule errichten, und auf die eine Seite derselben schreiben ließ: Hier ist nicht Peloponnesus, sondern Arrika; so wie auf die entgegenstehende: -Hier ist Peloponnesus, und nicht Attir'a: so waren diese Worte das Epigramm, die Aufschrift der Säule. Aber wie weit scheinet ein solches Epigramm von dem entfernt zu seyn, was wir bey dem Marrial also nennen! Wie wenig scheinet eine solche Aufschrift mit einem Sinngedichte gemein zu haben! Hat es nun ganz und gar keine Ursache, warum die Benennung einer bloßen einfältigen Anzeige endlich dem witzigsten Spielwerke, der sinnreichsten Kleinigkeit anheimgefallen? Oder lohnt es nicht der Mühe, sich um diese Ursache zu bekümmern? Für das eine, wie für das andere, erklärte sich Vavassor(°). Es keuchte ihm sehr unnütz, den Unterricht über das Epigramm mit dem anzufangen, was das Wort seiner Ableitung nach bc- (°) /1e e/iiA'-'amma/e ca/>. 3. ?rurlr» vilienlur feiiiitores IiHus srliki kuifke, qui no» i»ml piimum iulmonilos vlle voluerunl, epigruminit !l>>luv i»»ril,Iioi,l,'i>l li»ui» soiiitre. — ?ilcile inwlligimu!-, msnlitle vvliom, muliUit tiL»il>l,'iUi>i>iv t-l pot^llille vvcis. 4?6 Vermischte Schriften, erster Theil. deute, und ehedem nur bedeutet habe. Genug, daß ein jeder von selbst sehe, daß es jetzt dieses nicht mehr bedeute. Das Wort sey geblieben: aber die Bedeutung des Wortes habe sich verändert. Gleichwohl ist gewiß, daß der Sprachgebrauch nur selten ganz ohne Grund, ist. Das Ding, dem er einen gewissen Namen zu geben fortfährt, fähret ohnstrcitig auch fort, mit demjenigen Dinge etwas gemein zu behalten, für welches dieser Name eigentlich erfunden war. Und was ist dieses hier? Was hat das witzigste Sinngedicht eines Marrial mit der trockncstcn Aufschrift eines alten Denkmahls gemein, so daß beide bey einem Volke, dessen Sprache wohl am wenigsten unter allen Sprachen dem Zufalle überlassen war, einerley Namen führen konnten? Diese Frage ist nicht die nehmliche, welche Skaliger, zu Anfange seines Hauptstücks über das Epigramm, aufwirft. (") Ska- ligcr fragt: „warum werden nur die kleinen Gedichte Epigrammen „genennt? — „Das heißt annehmen, daß alle kleine Gedichte ohne Unterschied diesen Namen führen können, und daß er nicht bloß einer besondern Gattung kleiner Gedichte zukömmt. — Daher können mich auch nicht die Antworten des Skaligcrs befriedigen, die er, aber auch nur fragwcisc, darauf ertheilet. Etwa, sagt er, eben darum, weil sie klein, weil sie kaum mehr, als die bloße Aufschrift sind? Oder etwa darum, weil wirklich die ersten kleinen Gedichte auf Denkmähler gcsetzct wurden, und also im eigentlichen Verstände Aufschriften waren? Jenes, wie gesagt, setzt etwas falsches voraus, und macht allen Unterricht über das Epigramm überflüßig. Denn wenn es wahr ist, daß bloß die Kürze das Epigramm macht, daß jedes Paar einzelne Verse ein Epigramm sind: so gilt der kaustische Einfall jenes Spaniers, von dem Epigramme vornehmlich; „wer ist so dumm, daß er nicht ein Epigramm machen (°) I^oettces W. ca/»> 126. — Lu»m v>> c»u5iim Lj>I«5Smn>!Ui» vox Iirvvilms liuilllm liciemiUiiL prvpri» siiel» vkt? ^V» pioplvr i>>l»i» Iiro» viliUvm, quitsi »Uul -^ prieler ii>sim> instiripliniiem? ä,» i!«it!, imii^inUius, i>ru elozziis '»UvrwelisiUur, e» primo veioijuv lixnilicilUi iipiLrilimuiU» kum !M>«IIi»a? Anmerkimgcn über das Epigramm. 427 „könnte; aber wer ist so ein Narr, daß er sich die Mühe nch- „mcn sollte, deren zwey zu machen? — Dieses aber sagt im Grunde nichts mehr, als was ich bey meiner Frage als bekannt annehme. Ich nehme an, daß die ersten kleinen Gedichte, welche auf Denkmähler gesetzt wurden, Epigrammen hießen: aber darinn liegt noch kein Grund, warum jetzt auch solche kleine Gedichte Epigrammen heißen, die auf Denkmähler gesetzt zu werden, weder bestimmt noch geschickt sind. Oder höchstens würde wiederum aller Grund auf die, beiden gemeinschaftliche, Kürze hinaus laufen. Zch finde nicht, daß die nenrern Lehrer der Dichtkunst, bey ihren Erklärungen des Epigramms, auf meine Frage mehr Rücksicht genommen hätten. Wenigstens nicht Doileau, von dem freylich ohnedem keine schulgcrcchte Definition an dem Orte(") zu verlangen war, wo er sagt, daß das Epigramm oft weiter nichts sey, als ein guter Einsall mit ein Paar Reimen verzieret. Aber auch Nktceux nicht, der das Epigramm als einen interessanten Gedanken beschreibt, der glücklich und in wenig Worten vorgetragen wird. Denn weder hier noch dort sehe ich die geringste Ursache, warum denn nun aber ein guter gereimter Einfall, ein kurz und glücklich vorgetragener interessanter Gedanke, eben eine Aufschrift, ein Epigramm heißt. Oder ich werde mich auch bey ihnen beiden damit begnügen müssen, daß wenige Reime, Ein kurzer Gedanke, wenig und kurz genug sind, um auf einem Denkmahle Platz zu finden, wenn sie sonst anders Platz darauf finden können. Gewiß ist es, daß es nicht die Materie seyn kann, welche das Sinngedicht noch ietzt berechtiget, den Namen Epigramm zu führen. Es hat längst aufgehöret, in die engen Grenzen einer Nachricht von dem Ursprünge und der Bestimmung irgend eines Denkmahls eingeschränkt zu seyn, und es fehlet nicht viel, so erstreckt es sich nun über alles, was ein Gegenstand der menschlichen Wißbegierde werden kann. Folglich aber muß es die Form seyn, in welcher die Bcant- C) />oe«7. Ie llcmx ilmv» «rue. 428 Vermischte Schriften. Erster Theil. wortung meiner Frage zu suchen. Es muß in den Theilen, in der Zahl, in der Anordnung dieser Theile, in dem unveränderlichen Eindrucke, welchen solche und so geordnete Theile unfehlbar ein jedesmal machen; — in diesen muß es liegen, warum ein Sinngedicht noch immer eine Überschrift, oder Aufschrift heißen kann, ob sie schon eigentlich nur selten dafür zu brauchen stehet. — Die eigentliche Aufschrift ist ohne das, worauf sie steht, oder stehen könnte, nicht zu denken. Beides also zusammen macht das Ganze, von welchem der Eindruck entstehet, den wir, der gewöhnlichen Art zu reden nach, der Aufschrift allein zuschreiben. Erst irgend ein sinnlicher Gegenstand, welcher unsere Ncugicrde reizet: und dann die Nachricht auf diesem Gegenstände selbst, welche unsere Ncugicrde befriediget. Wem nun abcr, der auch einen noch so kleinen, oder noch so großen Aorrath von Sinngedichten in seinen Gedanken überlaufen kann, fällt es nicht sogleich ein, daß ähnliche zwey Theile sich fast in jedem derselben, und gerade in denjenigen am deutlichsten unterscheiden lassen, die ihm einem vollkommenen Sinngedichte am nächsten zu kommen scheinen werden? Diese zerlegen sich alle von selbst in zwey Stücke; in deren einem unsere Aufmerksamkeit auf irgend einen besondern Vorwurf rege gemacht, unsere- Ncugicrde nach irgend einem einzeln Gegenstände gcrcizet wird; und in deren andern: unsere Aufmerksamkeit ihr Ziel, unsere Ncugicrde einen Aufschluß findet. Auf diesen einzigen Umstand will ich es denn auch wagen, die ganze Erklärung des Sinngedichts zu gründen; und die Folge mag es zeigen, ob sich nach meiner Erklärung sowohl das Sinngedicht von allen möglichen andern kleinen Gedichten unterscheiden, als auch aus ihr jede der Eigenschaften herleiten läßt, welche Geschmack und Kritik an ihm fodcrn. Ich sage nehmlich: das Sinngedicht ist ein Gedicht, in welchem, nach Art der eigentlichen Aufschrift, unsere Aufmerksamkeit und Ncugicrde auf irgend einen einzeln Gegenstand erregt, und mchr oder weniger hingehalten werden, um sie mit eins zu befriedigen. Aiiiiierklingcn iibcr das Epigramm. 429 Wenn ich sage „nach Art der eigentlichen Aufschrift": so will ich, wie schon berührt, das Denkmahl zugleich mit verstanden wissen, welches die Aufschrift führet, und welches dem ersten Theile des Sinngedichts entspricht. Zch halte es aber für nöthig, diese Erinnerung ausdrücklich zu wicdcrhohlen, ehe ich zu der weiter» Anwendung und Entwickelung meiner Erklärung fortgehe. (2.) Unbemerkt sind die zwey Stücke, die ich zu dem Wesen des Sinngedichts verlange, nicht von allen Lehrern der Dichtkunst geblieben. Aber alle haben, sie von ihrem Ursprünge gehörig abzuleiten, vcrnachläßigct, und auch weiter keinen Gebrauch davon gemacht. Skaliger ließ sich bloß durch sie verführen, eine doppelte Gattung des Epigramms anzunehmen. (*) Da er sie nehmlich in der eigentlichen Aufschrift nicht erkannte, in welcher er nichts, als die bloße einfache Anzeige einer Person oder Handlung sahe: so hielt er dasjenige Epigramm, in welchem aus gewissen Vor- ausschickungcn etwas hergeleitet wird, und in welchem also die Vorausschickungcn, und das was daraus hergeleitet wird, als zwey merklich verschiedene Theile sich nicht leicht verkennen lassen, für völlig von jenem unterschieden. Die Subtilität fiel ihm nicht bey, daß bey jenem, bey der eigentlichen Aufschrift, zu der Wirkung desselben das beschriebene Werk selbst das Seine mit beytrage, und folglich bey dem andern, dem eigentlichen Sinngedichte, das, was er die Vorausschickungcn nennet, dem beschriebnen Wcrkc, so wie das, was aus diesen Voraus- schickungen hergeleitet wird, der Aufschrift selbst entspreche. Der wortreiche Davassor hat ein langes Kapitel von den Theilen des Epigramms, deren er gleichfalls nur zwey, unter dem Namen der Verständigung und des Schlusses, annimmt, und über deren Bearbeitung er wirklich mancherley gute An- (") kpigriimm» ixilur est poems, dreve cm» limpliei cii^iispism rei, vel perlonre, vvl ksoN iiMeatioue: »ul ex prvi>»NU8 sliquitl tleäucens. yuW «leknilio luuul eomxleclUur elism lilvitionem: ve yuis ilswiiel pro- Uxilalem. c. 430 Vermischte Schriften. Erster Theil. mcrkungen macht. (°) Aber auch er ist weit entfernt, diese Theile für nothwendig zu halten, indem er gleichfalls eine einfachere Gattung erkennet, welche sie nicht habe, und überhaupt aus ihnen weder für die Eigenschaften, noch für die individuelle Verschiedenheit des Epigramms das geringste zu folgern verstanden hat. Daneux sagt ausdrücklich: „Das Epigramm hat nothwendiger Weise zwey Theile: der erste ist der Vortrag des Subjekts, der Sache, die den Gedanken hervorgebracht oder veranlasset hat; und der andere der Gedanke selbst, welchen man „die Spitze nennt, oder dasjenige was den Leser reizt, was „ihn intcrcssirct." Gleichwohl läßt er unter seinen Exempeln auch solche mit unterlaufen, die diese zwey Theile schlechterdings nicht haben, deren Erwähnung ohnedem in seinem ganzen übrigen Unterrichte völlig unfruchtbar bleibet. Folgende vier Zeilen des Pelisson z. E. ' (ii'.incleui', j'avoir, renoiumee, ^.mitio, plkiilu' A visu, u'eK c^ue veiit, uiiv lumäo: ?our inilivx illi'v, tout n'<.'5t, rieo. mögen ihm immerhin einen noch so interessanten Gedanken enthalten. Aber wo ist die Veranlassung dieses Gedankens? Wo ist der einzelne besondere Fall, — denn ein solcher muß die Veranlassung seyn — bey welchem der Dichter daraus gekommen ist, und seine Leser darauf führet? Hier ist nichts als der bloße interessante Gedanke, bloß der Eine Theil: und wenn, nach ihm selbst, das Epigramm nothwendiger Weise zwey Theile haben muß, so können diese, so wie alle ihnen ähnliche Zeilen, unmöglich ein Epigramm heißen. — Zum Unglück ist es nicht bloß ein übclgcwähltcs Exempel, woraus ich dem Zöat- teux hier einen Vorwurf mache. Sondern das Schlimmste ist, daß aus diesem Exempel zugleich das Fehlerhafte seiner Erklärung des Epigramms erhellet, „nach welcher es ein interessanter „Gedanke seyn soll, der glücklich und in wenig Worten vorgc- (°) <7n/>. 13, «?e />«?'/iiu5 e/>'A°?'»»ima,iAri>mm!Ui» — l» ilio xenere primo M>nl tl-Uuii»U!> lio>i>Ueii> A »»iusmvitt epixiümmillis. — Anmerkungen über das Epigramm. 431 „tragen worden." Denn, wenn sich ein interessanter Gedanke mich ohne seine individuelle Veranlassung vortragen läßt, wie sich aus dem Beyspiele, wenn es schon kein Epigramm ist, dennoch crgicl't: so wird wenigstens die Anzahl der Theile des Epigramms, welche Barrcur selbst für nothwendig erkläret, weder in seiner Erklärung liegen, noch auf irgend eine Weise daraus herzuleiten seyn. — Wenn uns »«vermuthet ein beträchtliches Denkmahl aufstößt, so vermenget sich mit der angenehmen Ucbcrraschung, in welche wir durch die Größe oder Schönheit des Denkmahls gerathen, sogleich eine Art von Verlegenheit über die noch unbewußte Bestimmung desselben, welche so lange anhält, bis wir uns dem Denkmahle genugsam genähert haben, und durch seine Aufschrift aus unscrcr Ungewißheit gesetzt worden; worauf das Vergnügen der befriedigten Wißbegierde sich mit dem schmeichelhaften Eindrucke des schönen sinnlichen Gegenstandes verbindet, und beide zusammen in ein drittes angenehmes Gefühl zusammenschmelzen. — Diese Reihe von Empfindungen, sage ich, ist das Sinngedichte bestimmt nachzuahmen,- und nur dieser Nachahmung wegen hat es, in der Sprache seiner Erfinder, den Namen seines Urbildes, des eigentlichen Epigramms behalten. Wie aber kann es sie anders nachahmen, als wenn es nicht allein eben dieselben Empfindungen, sondern auch eben dieselben Empfindungen nach eben derselben Ordnung in seinen Theilen erwecket? Es muß über irgend einen einzeln ungewöhnlichen Gegenstand, den es zu einer so viel als möglich sinnlichen Klarheit zu erheben sucht, in Erwartung setzen, und durch einen unvorhergesehenen Ausschluß diese Erwartung mit eins befriedigen. Am schicklichsten werden sich also auch die Theile des Epigramms, Erwartung und Aufschluß nennen lassen; und unter diesen Benennungen will ich sie nun in verschiedenen Arten kleiner Gedichte aufsuchen, die fast immer unter den Sinngedichten mit durchlaufen, um zu sehen, mit welchem Rechte man dieses geschehen läßt, und welche Klassifikation unter ihnen eigentlich einzuführen seyn dürfte. Natürlicher Weise aber kann es nur zwcycrley Aftcrgattun- gcn des Sinngedichts geben: die eine, welche Erwartung erregt, 432 Vermischte Schriften. Erster Theil. ohne uns einen Aufschluß darüber zu gewähren; die andere, welche uns Aufschlüsse giebt, ohne unsere Erwartung darnach erweckt zu haben. ^> Ich sänge von der lctztcrn an, zu welcher vornehmlich alle diejenigen kleinen Gedichte gehören, welche nichts als allgemeine moralische Lehren oder Bemerkungen enthalten. Eine solche Lehre oder Bemerkung, wenn sie aus einem einzelcn Falle, der unsere Neugicrde erregt hat, hergeleitet oder auf ihn angewendet wird, kann den zweyten Theil eines Sinngedichts sehr wohl abgeben: aber an und für sich selbst, sie sey auch noch so witzig vorgetragen, sie sey in ihrem Schlüsse auch noch so spitzig zugearbeitet, ist sie kein Sinngedicht, sondern nichts als eine Maxime, die, wenn sie auch schon Bewunderung erregte, dennoch nicht diejenige Folge von Empfindungen erregen kann, welche dem Sinngedichte eigen ist. Wenn Martial folgendes an den Dccianus richtet (°), ()noä maglli Iln'alece, eovtummali^ue Latoni8 Dogmata lie 5ec^uei'is, lalvus ut olle velis; poetoio uoe miclo Krietos iueuiiis in o»kes, <)no<1 toeille velim to, Deciims iaois. Nolo virum, k-ioili reilimit c^ui lsnFuius samgm: Ilurie volc», laullai'i c^ui Uns inoilo potel^t. was fehlt den beiden letzten Zeilen, um nicht ein sehr interessanter Gedanke zu heißen? und wie hatte er kürzer und glücklicher ausgedrückt werden können? Würde er aber allein eben den Werth haben, den er in der Verbindung mit den vorhergehenden Zeilen hat? würde er, als eine bloße für sich bestehende allgemeine Maxime, eben den Reiz, eben das Feuer haben, eben des Eindruckes fähig seyn, dessen er hier ist, wo wir ihn auf einen einzeln Fall angewendet finden, welcher ihm eben so viel Ueberzeugung mittheilet, als er von ihm Glanz entlehnet? Oder wenn unser Vvernike, zur Empfehlung einer milden Sparsamkeit, geschrieben hätte: Lieb' immer Geld und Gut; nur so, daß dein Erbarmen Der Arme fühl': und flieh die Armuth, nicht die Armen: (°) /. e?. S. Anmerkungen über das Epigramm. 433 wäre cs nicht cbcnsalls ein sehr interessanter, so kurz als glücklich ausgedrückter Gedanke? Aber wäre cs wohl eben das, was er wirklich an den sparsamen Lelidor schrieb?^) Du liebst zwar Geld und Gut; doch so, daß dein Erbarmen Der Arme suhlt. Du fliehst die Armulh, nicht die Armen. Der Unterschied ist klein: und doch ist jenes, bey vollkommen eben derselben Wendung, doch nichts als eine kalte allgemeine Lehre, und dieses ein Bild voller Leben und Seele; jenes ein gereimter Sittcnspruch, und dieses ein wahres Sinngedicht. Gleichwohl ist eben dieser Vvernike. so wie auch der altere K.ogKu, nur allzu reich an so genannten Überschriften, die nichts als allgemeine Lehrsätze enthalten; und ob sie schon beide, besonders aber Vvernike, an Vortheilen unerschöpflich sind, eine bloße kahle Moral aufzustützen, die einzeln Begriffe derselben so vortheilhaft gegen einander abzusetzen, daß oftmals ein ziemlich verführerisches Blendwerk von den wesentlichen Theilen des Sinngedichts daraus entstehet: so werden sie doch nur selten ein feines Gefühl betricgcn, daß es nicht den großen Abstand von einem wahren Sinngedichte bis zu einer solchen zum Sinngedichte ausgefeilten Mariine bemerken sollte. Vielmehr ist einem Menschen von solchem Gefühle, wenn er ein oder mehrere Bücher von ihnen hinter einander liesct, oft nickt anders zu Muthe, als einem, der sich mit einem feinen Weltmann? und einem steifen Pedanten zugleich in Gesellschaft findet: wenn jener Erfahrungen spricht, die auf allgemeine Wahrheiten leiten; so spricht dieser Sentenzen, zu denen die Erfahrungen in dieser Welt wohl gar noch erst sollen gemacht werden. Bey keinem Epigrammatistcn aber ist, mir wenigstens, die ähnliche Abwechselung von Empfindungen lästiger geworden, als bey dem Orvcn. Nur daß bey diesem der Pedant sich unzählig öfterer hören läßt, als der feine Mann von Erfahrung; und daß der Pedant mit aller Gewalt noch oben drein witzig seyn will. Ich halte den, in allem Ernste, für einen starken Kopf, der ein ganzes Buch des Gwens in einem Zuge lesen kann, ohne drehend und schwindlicht zu werden. Zch werde es unfchl- . (°) Erstes Buch S. 14. der Cchweitzcris. Ausgabe von 1703. Lcssiugs ^erke vm. 23 434 Amnischle Schriften, erster Theil. bar, und habe immer dieses für die einzige Ursache gehalten, weil eine so große Menge bloß allgemeiner Begriffe, die unter sich keine Verbindung haben, in so kurzer Zeit ans einander folgen: die Einbildung möchte jeden gern, in eben der Geschwindigkeit, in ein individuelles Bild verwandeln, und erliegt endlich unter der »ergebnen Bemühung. Hingegen ist das Moralisiren gerade zu, des Martials Sacht gar nicht. Ob schon die meisten seiner Gegenstände sittliche Gegenstände sind: so wüßte ich doch von allen lateinischen Dichtern keinen, aus dem sich wenigere Sittcnsprüchc wörtlich ausziehen ließen, als aus ihm. Er hat nur wenig Sinngedichte von der Art, wie das angeführte an den Dccianus, welche sich mit einer allgemeinen Moral schlössen: seine Moral ist ganz in Handlung verwebt, und er moralisiret mehr durch Beyspiele, als durch Worte. Vollends von der Art, wie das dreyzchnte seines zwölften Buchs ist, ^4c! ^4 tüenii«. .-Xiicle, Ilici'i «Uvites iialient iram. 0m poluit contemln KIneius igne, Ilane tneetaro mimum I^urlena non notuit. Denn auch das ist noch nicht vielmehr als Geschichte; und wodurch es ein völliges Sinngedicht wird, sind lediglich die endlichen letzten Zeilen: Aajor ma ekt, et Zlor!» ü'exlrse: 8i uon errallel, keeerat illa minus. Denn nun erst wissen wir, warum der Dichter unsere Aufmerksamkeit mit jener Begebenheit beschäftigen wollen; und das Vergnügen über eine so feine Betrachtung, „daß oft der Jrr- „thum uns geschwinder und sichrer unsere Absicht erreichen hilft, „als der wohlüberlegte, kühnste Anschlag," verbunden mit dem Vergnügen, welches der einzelne Fall gewähret, macht das gestimmte Vergnügen des Sinngedichts. Ohnstrcitig hingegen müssen wir uns nur mit der Helfte dieses Vergnügens bey einigen Stücken der griechischen Anrho- (°) /. c/,. 22. Amiicrkungeil iibcr das Epigramm. logie, und bey noch mchrcrn vcrschicdner ncurern Dichter behelfen, die sich eingebildet, daß sie nur das erste das beste abgeschmackte Histörchen zusammen reimen dürfen, um ein Epigramm gemacht zu haben. Ein Beyspiel aus der Anthologie sey dieses L,x x^tVkz^ ^>«p » ?°.xv «i^i'lov L^riD, ?ov <5' ^?rvo^> ?toi_>^^ xp^x xc>?ro^. „Ein Wahnwitziger und ein Schlafsüchtigcr lagen beysammen „auf Einem Bette, und einer wurde des andern Arzt. Denn „in der Wuth sprang jener auf, und prügelte diesen, der im „tiefsten Schlummer vergraben lag, durch und durch. Die „Schläge halfen beiden: dieser erwachte, und jener schlief vor „Müdigkeit ein." Das Ding ist schnurrig genug. Aber was denn nun weiter? Vielleicht war es auch nicht einmal wahr, daß beide kurirct wurden. Denn der Schlafsüchtigc schläft nicht immer, sondern will nur immer schlafen, und so schlief er wohl auch hier bald wiederum ein: der Wahnwitzige aber, der vor Müdigkeit einschlief, konnte gar wohl als ein Wahnwitziger wieder aufwachen. Doch gesetzt auch, sie wären wirklich beide durch einander kuriret worden: auch alsdann sind wir um nichts klüger, als wir waren. Das Vergnügen über ein Histörchen, welches ich nirgends in meinen Nutzen verwenden zu können sehe, über das ich auch nicht einmal lachen kaun, ist herzlich schwach. Zch will nicht hoffen, daß man mir hier vorwerfen werde, daß es mir am Geschmacke der griechischen Simplicität sehlc. Es gehöret wohl zu der griechischen Simplicität, daß ein Ding keine Theile zu viel habe: aber daß es ihm an einem nothwendigen Theile fehle, das gehöret doch gewiß nicht dazu. Es ist nicht der witzige Schluß, den ich vermisse: sondern der Schluß überhaupt, wozu aber der bloße Schluß des Faktums nicht hinlänglich ist. Ich gestehe, daß ich, aus eben diesem Grunde, (°) l. cap. 45. Lermischtc Schriften. Lrsier Theil. ein anderes sehr berühmtes Epigramm auch nur für ein halbes Epigramm halte. Nehmlich das, über das Schicksal eines -Hermaphroditen. <)unm mea mo gemti'ix xraviäa geklaret, in alvo, <)>iiit; oeeiclet lni>Ü8: »lurs oince: ?Iiveli»s iii^uis. 8oi'8 ?i»la c^ulv^ue 5»It. ^il^oi' »Immvrat a^uas: ittisvvns Ii.vsit ismls, eajiut inoidit amne: tulil^ne ?em!v!>, vir, neutrum, Ilumina, ielli, eruoein. Die Erfindung dieses kleinen Gedichts ist so künstlich; der Aus- drnck so pünktlich und doch so elegant, daß noch jetzt sehr gelehrte Kritiker sich nicht wohl überreden können, daß es die Arbeit eines neuen Dichters sey. Denn ob de la Monnoye schon erwiesen zu haben glaubte, daß der pulex, welchem eS in den Handschriften zugeschrieben wird, kein Alter ist, wofür ihn Polirian und Skaliger und so viele andere gehalten haben; sondern daß ein Winccntincr aus dem fünfzehnten Jahrhunderte damit gemeiner sey: so möchte Herr Burmann, der jüngere, doch lieber vermuthen, daß dieser pulci, wie er eigentlich geheißen, ein so bewundertes Werk wohl aus einer alten Handschrift abgeschrieben und sich zugeeignet haben könne; da man ihn ohnedem als einen besondern Dichter weiter nicht kenne, s*) Ich habe hierwidcr nichts: nur für ein Muster eines voll- kommncn Epigramms möchte ich mir das Ding nicht einreden lassen; es mag nun alt oder neu seyn. Einem so unfruchtbaren schielenden Märchen fehlet zum Sinngedichte nichts gcrin- gcrs, als der Sinn. Begreise ich doch nicht einmal, ob die Vorsehung der Götter damit mehr verspottet, oder mehr angepriesen werden soll. Sotten wir uns wundern, daß von so vcrschicdncn Göttern ein jeder doch noch immer so viel von der Zukunft wußte? oder sollen wir unS wundern, daß sie nicht (°) ^t«//-, /-ü. ///, e/i, 77. Aiimcrkiuigcii iibcr das öpi^ranim. 43S mehr davon wußten? Sollc» wir glauben, daß sie vollständiger und bestimmter nicht antworten wollen ^ oder nicht antworten können? und daß eine vierte höhere Macht im Spiele gewesen, welche den Erfolg so zu lenken gewußt, daß keiner zum Lügner werden dürfen? Sollten aber gar nur die Götter als glückliche Errathcr hier aufgeführt werden: wie viel stiinrcichcr und lehrreicher ist sodann jenes Histörchen, — im Don 'i^c/«^, o^.l^.^«?'« ^^cr>oc. Wer ist so blödsinnig, daß er die großen Wahrheiten, von welchen diese Erzchlungcn Beyspiele sind, nicht mit ihnen zugleich denke? Und was auf eine so vorzügliche Art einen Sinn in sich schließt, das wird doch wohl ein Sinngedicht heiße» können? Doch auch das nicht. Und warum sollte es ein Sinngedicht heißen, wenn es etwas weit besseres heißen kann? Mit einem Worte: es ist ein Apolog, eine wahre äsopische Fabel: denn die gedrungene Kürze, mit welcher sie vorgetragen ist, kann ihr Wesen (°) 21. (°°) /. c»/>. 4. 440 Vermischte Schriften. Erster Theil. nicht verändern; sondern allenfalls nur lehren, wie die Griechen solchcrlcy Fabeln vorzutragen liebten. — Es kommen deren, außer den zwey angeführten, in der Anthologie noch verschiedene vor, von welchen in den gewöhnlichen äsopischen Sammlungen nichts ähnliches zu finden, die aber auch um so viel mehr von einem Ncvelet oder Hauptmann ihnen beygefügt zu werden verdienet hätten. Alle sind mit der äußersten Präcision erzchlt, und die wcilläuftigstc, welche aus zwölf Zeilen bestehet l/), hat nichts von der Geschwätzigkeit, aus welcher neuere Fabeldichter sich ein so eigenes Verdienst gemacht haben. Unser Gelle« that also zwar ganz wohl, daß er jene, vom Lahmen und Blinden, unter seine Fabeln ausnahm : nur daß er sie so sehr wässerte, daß er so wenig belesen war und nicht wußte, wo sie sich eigentlich herschrcibc; daran hätte er ohne Zweifel ein wenig besser thun können. — Der wesentliche Unterschied, der sich zwischen dem Sinngedichte und der Fabel findet, beruhet aber darum, daß die Theile, welche in dem Sinngedichte eines auf das andere folgen, in der Fabel in eins zusammenfallen, und daher nur in der Abstraktion Theile sind. Der einzelne Fall der Fabel kann keine Erwartung erregen, weil man ihn nicht ausgchöret haben kann, ohne daß der Aufschluß zugleich mit da ist: sie macht einen einzigen Eindruk, und ist keiner Folge verschiedncr Eindrucke fähig. Das Sinngedicht hingegen enthält sich eben darum entweder überhaupt solcher einzeln Fälle, in welchen eine allgemeine Wahrheit anschauend zu erkennen; oder läßt doch diese Wahrheit bey Seite liegen, und ziehet unsere Aufmerksamkeit auf eine Folge, die weniger nothwendig daraus fließt. Und nur dadurch entstehet Erwartung, die dieses Namens wenig werth ist, wo wir das, was wir zu erwarten haben, schon völlig voraussehen. Wenn denn aber so nach, weder Begebenheiten ohne allen Nachsatz und Aufschluß, noch auch solche, in welchen eine einzige allgemeine Wahrheit nicht anders als erkannt werden kann, die erforderlichen Eigenschaften des Sinngedichts haben: so folget darum noch nicht, daß alle Sinngedichte zu verwerfen, in wel- l°) /.-'S. /. 22. e/1. 9. (°°) Die 16lc des ersten Theils. Anmerkmia.cn libcr das Epigramin. 411 chcn der Dichter nichts, als ein bloßer Wicdcrcrzchlcr zu seyn scheinet. Denn es bleiben noch immer auch wahre Begebenheiten genug übrig, die entweder schon von sich selbst den völligen Gang des Sinngedichts haben, oder denen dieser Gang doch leicht durch eine kleine Wendung noch vollkommncr zu geben stehet. So fand unser Rleist das heroische Beyspiel, mit welchem Arria ihrem Manne vorgicng, in seiner genauesten historischen Wahrheit, mit Recht sür hinlänglich, ein schönes Sinngedicht abzugeben. Als Pätus auf Befehl des Kaysers sterben sollte, Und ungern einen Tod sich selber wählen wollte: Durchstach sich Arria. Mit heiterem Eesicht Eab sie den Dolch dem Mann, und sprach: Es schmerzet nicht. Martial hingegen glaubte, daß das erhabene „Es schmcrzct nicht" noch einer Verschönerung fähig sey, und ohne lange diese Verschönerung auf seine eigne Rechnung zu setzen, legte er sie der Arria selbst in den Mund:(") Lasta luo Alacliuin cmn trälleret ^Viria ?seto, Huern äs vilcerilius iraxerst ipla luis: 8i lsu» liücs, vulmis, ksuoä keci, non 6o1et, i»«^uit: 8ed c^iiocl in lade«, Iioo mlln, ?!«te, 6vlet. Ohne Zweifel mochte dem Martial das bloße „non clulet" zu mannhaft, zu rauh vorkommen; und er wollte das zärtliche Weib in der Verächtcrinn des Todes mehr durchschimmern lassen. Ich wage es nicht, zwischen beiden Dichtern zu entscheiden: da ich ohnedem damit nur ein Beyspiel geben wollen, wie die wahren Begebenheiten aussehen müssen, denen zum Sinngedichte nichts, als eine glückliche Vcrsifikation fehlet, und wie sehr auch in diesen der crsindsame Geist des Dichters noch geschäftig seyn kann, ohne die historische Wahrheit zu verfälschen. — (3.) Nicht genug aber, daß nach meiner Erklärung das Sinngedicht sich von mehr als einer Art kleiner Gedichte zuvcrläßigcr unterscheiden läßt, als nach den sonst gewöhnlichen Erklärungen geschehen kann: es lassen sich auch aus eben dieser Erklärung (°) l-w. I. ei>. l4. 442 Vermischte Schriften. Erster Theil. die Eigenschaften besser herleiten, welche ein Sinngedicht zu einem vollkonmmcii Sinngedichte machen. ^. Wenn der erste Theil des Sinngedichts, den ich die Erwartung genannt habe, dem Denkmahle entsprechen soll, welches die Ausschrift führet: so ist unstreitig, daß er um so viel voll- kommncr seyn wird, je genauer er einem neuen, an Größe oder Schönheit besonders vorzüglichen Denkmahle entspricht. Vor allen Dingen aber muß er ihm an Einheit gleich seyn; wir müssen ihn mit einem Blicke übersehen können: unverwehrt indeß, daß der Dichter durch Auseinandersetzung seiner einzeln Begriffe ihm bald einen größcrn, bald einen geringern Umfang geben darf, so wie er es seiner Absicht am gcmäßcsten erkennet. Er kann ihn eben so wohl aus fünf sechs Worten, als aus eben so vielen und noch mchrcrn Zeilen bestehen lassen. Zn folgendem Sinngedichte des Nangcrins(°): /^z///i«A0?'«e ^t?»it/ac?'t). Onem tolles vixil7o iwima recleunto reiiatuiu Nutato lama ett cornoro I^llia^orimi: <üeruiZ, iterum ut «Icioli c-rlo geiieratus .^l^-Ii« Vival; ut snti^uum loivet ii> oiv ilecus. DiAnum ull^iM oerte volvit: Ire lionto Ivvvi« oetore iotus uliit. ?»llot et illo altos animi clesirameie lenl'us: 8eil, velorl vlil'lriolus idliAiono, lilet. sind die ersten sechs Zeilen, welche die Erwartung enthalten, nichts als eine Umschreibung des Subjekts. Aber was hier sechs Zeilen füllet, wird in dem griechischen Originale, welches sich Naugerius eigen gemacht, mit vier Worten gesagt (""): ^?ov H-I.'^«^»?!^ <1 ^U.^«ls>og- ^x5« cs>cvvki? Z^Fx^ clv, x^x ^«^xiV II^A'oc^'oji^^. „Da steht er, der wahre Pythagoras! Auch die Stimme würde „ihm nicht fehlen, wenn Pythagoras hatte sprechen wollen." Dieses übersetzte Fanstus Sabäns so: l^ili-iAorani ^>!otor ^»terai llnxlll'L losnienloui. Voruin l'^tliagoraiu couiieuill'L juvat. (°) «per. p. t9S. ?-il!»v. t7I8. 4lo. (°°) ^ntUol. Üb. IV. c»l>. S^. Anmerkungen über das Epigramm. 443 lind wir könnten es durch die einzige Zeile übersetzen: „Warum dieß Bild nicht spricht? Es ist Pythagoras." wenn die cinzeiligtcn Sinngedichte in unsrer Sprache eben so gewöhnlich iliid angenehm wären, als sie es in der griechischen lind lateinischen sind. Das wahre Maaß der Erwartung scheinet indeß, in dem gegenwärtigen Beyspiele, weder Naugcrius noch dieser Grieche getroffen zu haben: sondern ein andrer Grieche, welcher eben den Einfall in vier Zeilen brachte, und diesen bescheidenen Raum, nicht wie Naugcrius zu leeren Ausrüstungen mißbrauchte, sondern zur Berichtigung des Einfalls selbst anwendete. Denn sollte man auS dem Naugcrius, und dem angeführten griechischen Originale, nicht schließen, daß Pythagoras immer geschwiegen hätte? da das Schweigen doch nur gleichsam eine Vorübung in seiner Schule war. Wie viel schöner und genauer also Inlianus so! ?c>v cx^-cxTrr^ici'o'ov?'« cji'uo't.v n!oXi^i,^5tV «c>l^>.ll!D 'tl^x^sv o ?r^«<5>^ Hi^«^-o^v i'x^xo'«^ L.^X,oc i-ov o'i^iz ittv^?ocs>5>ovi» sc«t ci^iu^v IZvK-rv «nDxzi^TrT'Zi, x«t ?ocs' x/,^^ »^cxcrcxl. „Nicht den Pythagoras, wie er die geheime Natur der Zahlen „erkläret, hat der Künstler darstellen wollen: sondern den Pythagoras in seinem weisen Stillschweigen. Daher verbarg er „die Stimme, die er vernehmlich zu machen, sonst gar wohl „verstand." Die Hauptregel also, die inan, in Ansehung des Umfanges der Erwartung, zu beobachten hat, ist diese, daß man nicht als ein Schulknabc erweitere; daß man nicht bloß erweitere, um cin Paar Verse mehr gemacht zu haben: sondern daß man sich nach dem zweyten Theile, nach dem Aufschlüsse, richtc, und urtheile, ob und wie viel dieser, durch die größere Ausführlichkeit der Erwartung, an Deutlichkeit und Nachdruck gewinnen könne. Es giebt Fälle, wo auf diese Ausführlichkeit alles ankömmt. Dahin gehören vor andern diejenigen Sinngedichte, in welchen der Aufschluß sich auf einen relativen Begriff beziehet. Z. E. (°) ä,nU>, I. c> 444 Vermischte Schriften. Erster Theil. solche, in welchen ein Ding als ganz besonders groß, oder ganz besonders klein angegeben wird, und die daher nothwendig den Maaßstab dieser Größe oder Kleinheit vorausschicken müssen; ja lieber mehr als einen, und immer einen kleinern und kleinern, oder großem und großem. Es wäre freylich schon ein Epigramm, wenn Martial auf das ganz kleine Landgütchen, mit welchem ihm ein gern freygebiger Freund so viel als nichts schenkte, auch nur diese Zeilen gemacht hätte: Doiiatti, I^upe, rus lull urbe uoliis: 8ecl rus ett milii insjus in tenestra. //oo hu» tempoio pilvclillm llollikti, HIalleiil tu luiin prauüium cledill'es. Aber wie viel launigtcr und beißender wird dieses Epigramm durch die eingeschalteten noch kleinem Maaße, als ein Gärr- chcn vor einem Fenster ist. Und wie sehr wächst unser Vergnügen, indem der Dichter den Abstand von diesem bis zu einem Mund voll Essen, durch noch so viel andere Verkleinerungen zu füllen weiß.(") Oona/ti, /.u^is, T'U« ^ui ui'is noii«.' Kec? 7U« e/! Nii/it »»«/u« »i lius doo rlieeio, ius potos voeare! In huc> ruta iaoid neruus Diauoe, ^.rgut«: iezii :>Ia huoil oieadoe^ <^uoc1 mruiiea clie comeüit unc», tüauk«: oui iolium ivl-« coioria ekt: In hiio non M!>Z!s iiivoniiui' Iiei^a, <)u!>m colli kolium, z>ijZLrvv oruämu: I» huo vee cueumis jaoore ilzeius, !^ee koijZvns Iial^itare tut» jiolM. Hlueam mnle pakoit Iiculus unam, . XI. ex, 19. Anmerkungen über das Epigramm. 445 l'anhulun lus (Äl^tlonius tliuetur; ludlala volantis unguo ?ioci>es In niclo teges otl^ Iiiiuulllmuo, Lt enm kiel, lino kalee, mvnluln^ne, I>on ett illmicllo loens I'iuatto. Vix imnlet coclileam noraeta moslis, !5t muttun» lluco vonäimus nleata. I^rratti, I^une, liteia 5oü una. ^nm ^«a /t-ni/ioie ^zaec?t«>» c/ec///ii, A?a/^>«l nit'/it /»'kliil/tUM Es haben dergleichen hyperbolische Sinngedichte, wie man sie nach der darinn herrschenden Figur nennen könnte, ihre eigene Anmuth. Nur müssen sie nicht auf die bloße Hyperbel hinauslaufen: so wie dieses griechisches): '^.^pov I^Ii^vocpcxv^? U)V^0'«?'<1, x«i 6i« x,t^l,ov 'ksc 6^>i^o^ oc^^o^l«^ «i^T'ov «zk^^x^^^^^'- I^k^v 6' «i.iT'ui ^Z«X>x»' oi_'x !v «i^ui^-xi', '^X.^' ^«cs,^ ^tcr^ov i'tv« ?uiv o,tl^oz>lt>i'. IZc 6' e^/^iu oc^ov i'ov ^li^vocsi«vo^? 'L?ccxo^. 3. 446 Vermischte Schriften, erster Theil. tcr sich hat. Man lese das drey und dreißigste Sinngedicht seines achten Buches, um ein sehr einleuchtendes Exempel hiervon zu haben. ^au?/«m. De nrsetoricia lolluni milii, ?aulle, eorons IVIittis, et Iioe nlnal« nomon liniiere julies. Ilao kuvrat nuner nelinla tilil vexma peruiretnm, ?!>1IIiIa «jiiam riiliri «lilirlt uncla erooi. maxis nktuii clern5a ett ungue ivlni5tri Lraeten, <1s kulero, huocl reor elle, tuo? III» potett eulicem lange tentire volalltem, üt iniuimi penna napillonls i>Al. I5xiKu.se volitat 5u.5neri5a vsnore liioerooe, leviter knto rumvitur ilta mero. Iloe linitur soirto .Irmi osr^ola <üaleir6is, ^n.im lort oum nnrvo lorclitlus st?e clieiis. I^outa minus Aiacili crescunt eoloealia lilo: I^Iena mnzis uimio lilia 1"ole cadurrt: iXee V!>A» taiir tenui äilenrlst sranea tela: ^'nm leve nee Iioml^^x nenllulus urget onus. OiMoi- in 5ae!v vetulse ttat erst» kaliullse: lüraltior otkein^v dulla tumeleit ii^use. li'ortlor et tartos lervat vetiea canillos, Lt inntat I^atias snums Lo.to.va oomas. Ilav eute Leilceo vettitur pullus in ovo: lunata snlenia Irnnte lecleut. ^ni<1 tid! eum nlnuls, liAuIam eurn wittere nolkes: klittere clini volles vel eoelileare rniln? UgAna niniis loc^ulmur, eoclilesm eum niittere noll'es: Deuic^ue ouni volles niittere, Gaulle, niliil. Alle die hyperbolischen Nergleichungen, die der Dichter hier anstellet, stehen nicht bloß um ihrer selbst willen da; sondern mehr, um endlich gewissen Leuten, welche sich gern große Verbindlichkeiten mit wenig Kosten erwerben möchten, zu verstehen zu geben, wie viel besser sie thun würden, wenn sie lieber gar nichts, als so unbeträchtliche Kleinigkeiten schenkten. Denn es ist nicht Anmerkungen über das ca^i. 3. Vociiri in k»I>- Niliui» Iirevilslis I>emms> Nve Inlcrinlio LnixrammnUs polekl. guum enim »»rrslione et exnoMioiie rei, li»se esl ima LniZrümmiiUs psrs, xlures vle- IiU. L. ß. Iv^Uur i»Ier »es»» I?nigliU»m»>» UIuiI: ,,(ZuiiI Mv-ll nli! Uucls xrulem st>er!ire puellit? „vt reuares pnerum, perlli», inevls, virnin. I.eimn» esl: /»^cnem, ^»oc? ?»a/c»/»« -//i ?no» /»i» ^/,o » cc?//>e,»»8 (!irea iv, I^igurlno, tolituclo: <)uiil Iit l"eire cuin8? n!mi« poota '>>>, 29 450 Vermischte Schriften. Erster Theil. live vallle vitium ner!eulo5uin ekt. ?^oii liziis catuli« ellata rnntis, ?>!on lllpsas me«l!o perulta kole, ^iee lle teoipius imur»I)U8 timetur. Nam tsutos, roxo, c^uis terat lickoi'e«? 1^ sl.iiiti lezis^et leg!s ledonti. Luireuti legi«, et leg!« eaeuuti. In tliermas tugio: 5ona« !»l aureni. piseinnm peto: von lieet nalsre. ^.tl eosnnm piopero: ten«8 euntem. ^cl eosnam venio: iugas leilvntem. I^allus tlorinio: susciws jiieenlem. Vis, Quantum saeias mali, visiere? Vir juktus, prolius, iunoeoiis timei'i«. Und wer hat eben Recht, auf eine» Dichter liiigchaltcn zu seyn, der uns, statt Eines Epigramms, in Einem zwey geben will? Besonders, wenn sie sich so gut, wie hier, in einander fügen; auch das eine durch das andere im geringsten nicht geschändet wird. Nur aus dergleichen nicht unglücklichen Auswüchsen eine Regel der Schönheit machen zu wollen: das ist zu arg. Gleichwohl that es Skaliger; und nach seinen Worten zu urtheilen, müßte dasjenige Epigramm das vollkommenste seyn, das aus eben so viel andern kleinen Epigrammen besteht, als es Disticha enthält. Doch sein eigenes Exempel von einem solchen Dpi- gi-amm->tZi'!>, Dente lamis llii'oe clilei-iiciati» perlt, ^ll neyueam, uili lie, iinire itolore clolorem? ^tcnie kei'iim lluem tollere Lne truci? Heu insele inkoimi, larvitt» lieu Ial»e kuroiem, Dt kunu» plus nuam kuneie nioevenien8. (°) /^oe//c?-- ///. c«^>. 126. Lxemplum Mi»» «Ii»«rli lioe »n»m esl», i» yno coiilinenlur yugluor Lplßriumn.'U«. Amnerkinigcn über das Epigramm. 451 t) vilsm invilain: o ineommolla eommmla: Inx nox! 81, ne nlis^uill ji»8, evAeils ell« niliil. Es ist zu verwundern, wie sehr sich auch die gelehrtesten Leute verblenden können, so bald sie aus ihren eigenen Beyspielen etwas abstrahiren wollen. Dieses Epigramm soll vier Epigramme enthalten; und es ist zur höchsten Noth kaum eines: nur daß der schale Aufschluß desselben in jeder Zeile, wie eine Wasserblase, mehr und mehr aufschwället, bis er endlich in ein wahres Nichts zerstiebet. Eher war unser Nlernike der Mann, der zu dieser vollgepfropften Art von Sinngedichten ein Muster hätte machen können. Zn der Theorie dachte er auch ziemlich wie Skaliger; indem er diejenigen Sinngedichte, „wo der Leser fast in je- „der Zeile etwas nachzudenken findet, wo er unvermerkt, und „zuweilen ehe er es verlangt, zu dem Schlüsse gcführet wird," den andern weit vorziehet, „in welchen der Leser nur durch „weitlauftige und nichts bedeutende Umstände von dem allein „klingenden Ende aufgehalten wird." N)ernike hatte allerdings Recht, wenn es wirklich, in allem Verstände, nichts bedeutende Umstände sind, durch die der Leser endlich zu dem Aufschlüsse gelangt. Aber wenn denn nur jeder ihn aufhaltender Umstand, ob er schon für sich selbst nicht viel sagen will, dennoch seine besondere gute Beziehungen auf Vas allein klingende Ende hat: so ist es schon genug; und das Ganze, welches daraus entstehet, bekömmt eine so gefällige Einheit, daß es unendlich schwer ist, wegen des Mangels derselben einen Leser von richtigem Geschmacke durch noch so häufig eingestreute Ncbcnzüge schadlos zu halten. Das eigene Beyspiel des Ivcrnike ebenfalls, welches er von jener vorzüglichern Art des Sinngedichts geben zu können glaubte, macht seine Theorie nicht gut, sondern bestätiget vielmehr, was ich von dem Mangel der Einheit gesagt habe("). Auf Mutius Skävola. „Als Skävola, zum Mord verführt durch seine Jugend, „So wie das Laster fiir die Tugend (°) Seite 38, ?9" 452 Vermischte Schriften, erster Theil. „Den Schreiber für den König nahm, „Und nach vollbrachter That erst zur Erkenntniß kam, „Da wußt er der Gefahr den Vortheil abzuzwingen, „Und, durch die Schande nicht verzagt, „Das was das Laster ihm versagt, „Der Tugend selber abzubringen: „ör machte, daß der Haß sich in Vcrwundrung wandt, „Verbrennt, cutwafnete sein und des Feindes Hand; „Und weil die edle Wuth man ihm zur Tugend zählte, „erreicht' er seinen Zweck, indem er ihn verfehlte." Mich dünkt, der Dichter hätte mit der achten Zeile, „der Tugend selber abzubringen" aufhören sollen; wenigstens mit dem Gedanken, den sie enthält. Denn alles was folgt, ist nur schleppende Umschreibung dieses Gedankens; mit einer Antithese beschlossen, die weder wahr ist, noch, wenn sie auch wahr wäre, hierher gehöret. Sie ist nicht wahr: denn Skävola erreichte seinen Zweck nicht, indem er ihn verfehlte, sondern nachdem er ihn verfehlt hatte; nicht durch den Fehler, sondern durch das, was er darauf folgen ließ. Sie gehöret nicht hierher, wenn sie von Seiten der Wahrheit auch schon noch zu rechtfertigen wäre: denn sie zeigt uns die ganze Handlung nunmehr aus einem völlig verschiedenen Gesichtspunkte, als wir sie vier Zeilen vorher sehen; dort wird sie uns als eine außerordentliche Anstrengung von Tugend angepriesen; hier bewundern wir sie als das Werk eines glücklichen Zufalls. Der doppelte Gesichtspunkt aber ist in der Poesie kein geringerer Fehler, als in der Pcrspektiv. 3. Wenn endlich die beiden Theile des Sinngedichts zugleich, dem Denkmahle und der Aufschrift zugleich, entsprechen sollen: so wird auch das Verhältniß, welches sich zwischen jenen befindet, dem Verhältnisse entsprechen müssen, welches diese unter sich haben. Zch will sagen; so wie ich bey Erblickung eines Denkmahls zwar nicht den Inhalt der Aufschrift, wohl aber den Ton derselben aus dem Denkmahle errathen kann; wie ich kühnlich vermuthen darf, daß ein Denkmahl, welches traurige Ideen erregt, nicht eine lustige oder lächerliche Aufschrift führen werde, oder umgekehrt; eben so muß auch die Anmerkungen über das Epigramm. 453 Erwartung des Sinngedichts mich zwar nicht den eigentlichen Gedanken des Aufschlusses, aber doch die Farbe desselben voraussehen lassen; so daß mir am Ende kein widriger Kontrast zwischen beiden Theilen auffällt. Mich dünkt gegen diese Regel verstößt folgendes Sinngedicht des XNartials auf den Tod der LLrotion, eines kleinen liebenswürdigen Mädchens, der Tochter eines seiner Leibeigenen, deren Verlust ihm so nahe gieng("). /?» ^ae/um. pnella lenidlls äuloior irntu evoni8, Hgria Lalell inollior?lialar>tiiii, lüonelia liuoillli äelioatior kaAlli: t!ui ueo Iavillo8 r»i«:teia8 ürz^tliroeos, IVeo inoüo politum peeuäis Indieoe llentvm, ?>live8^ue prirnas, lilinm^ue aon taetum; ^uae criruz vioit Loetici greZIs vellu8, knenic^ue voclos, ameamcme nitellam; kragravit ore cruoü rotarium pvetti, <)uvll ^ttiearuin prima raeUa oeiarum, ^uall tneclnoiuin rar>ta cle llianu glelia: aratu8 ill<1ecen8 erst pavo, Illamabilis levurus, et kreizueus vlweulx: ^ätlne receuti tevet Lrotion Iiutto, <)uarn petiimoruro lex avara katorum 8exta peregit u^emv, nee tawell tota; I^oüros amores, xauälumciuo, Iusu8<7ue. olle triktem rno meu8 vetat l^ivtus: ?eetu88 vous öto8 alinlis, tt «III UI»i»8 Ii> jllüjlltt'l V0U8 L8 ltvllic)li8! jl u'eK ^>oinl. 8 AIa>Iii ^ouvoii. I)c>i8-je tiouvou iiiuuv!>i8 «^u'llii mvvliuiil I^vui'sivlnl. lloir, t)ul m'a liuie clvux »»8, Ivit. sieicv ^iar le couiie? Der Posse thut seine Wirkung. Gleichwohl ist auch hier der Sprung nicht völlig unvorbereitet. Zn der pompösen Erwartung mangelt es nicht ganz an burlesken Ausdrücken, durch die wir unmcrklich auf ihn ansetzen: und mag er doch gerathen, wie er will; wir sollen ja nur lachen. Ich könnte hier anführen, daß das Original dieses skarron- schcu Sinngedichts, oder Sonncts, das Epigramm eines alten unbekannten Dichters zu seyn scheine, welches Barch zuerst bekannt gemacht hat, und das noch lächerlicher ausfällt, wenn es anders wahr ist, was Licero irgendwo anmerkt, daß das Ob- Anmerkungen über das epigramm. scönc das Lächerliche vermehre. Denn anstatt der durchgestoß- ncn Weste — Doch wer Lust hat, kann es bey dem Zdarch selbst nachsehen (°). Es ist vielmehr Zeit, daß ich dergleichen Sinngedichte überhaupt, in welchen der Leser seine Erwartung, nicht ohne Vergnügen, vielmehr getäuscht, als erfüllet sieht, von einer allgemeinen Seite betrachte. (4.) Einige Leser dürften bey allem, was ich bisher von dem Sinngedichte gesagt habe, noch immer das Beste vermissen. Sie kennen es als das sinnreichste von allen kleinen Gedichten; als eine witzige Schnurre wohl nur: und doch ist des Witzes von mir noch kaum gedacht worden; geschweige, daß ich die verschiednen Quellen des Sinnreichen anzugeben gesucht hätte. Ich habe die ganze Kraft, die ganze Schönheit des Epigramms in die erregte Erwartung, und in die Befriedigung dieser Erwartung gesetzt; ohne mich weiter einzulassen, durch welche Art von Gedanken und Einfällen solche Befriedigung am besten geschehe. Was die lateinischen Kunstrichter aeumins, und die französischen nointes nennen, habe ich weder erfodert, noch bisher verworfen. Wenn indeß unter diesen Worten nichts anders verstanden werden soll, als derjenige Gedanke, um dessen willen die Erwartung erregt wird, der also natürlicher Weise nach der Erwartung, am Ende des Ganzen, stehen muß, und sich von allen übrigen Gedanken, als die nur seinetwegen da sind, nicht anders als auszeichnen kann: so ist es wohl klar, daß das Sinngedicht ohne dergleichen acumon oder poinw schlechterdings nicht seyn kann. Es bleibt vielmehr, dieses scumon, das wahre allgemeine Kennzeichen desselben, und man hat Recht, allen kleinen Gedichten, denen es mangelt, den Namen des Sinngedichts zu versagen; wen» sie auch sonst noch so viel Schönheiten haben, die man ihnen auf keine Weise darum zugleich streitig macht. Wenn hingegen unter »minien, oder pointv, man etwas meynet, was bloß das Werk des Witzes ist; mehr ein Gcdan- kcnspiel, als einen Gedanken; einen Einfall, dessen Anzügliches (°) ^tlver», I/I>I. XXXVI. c, ll. 466 Vermischte Schriften. Erster Theil. größtenthcils von der Wahl oder Stellung der Worte entstehet, in welchen er ausgedrückt ist; oder von dem wohl gar nichts Gesundes übrig bleibt, sobald man diese Worte ändert, oder versetzt: so ist die Frage, ob das Sinngedicht nothwendig eine dergleichen polnw haben müsse? der Frage vollkommen gleich, ob man besser thue, seine Schulden in guter, oder in falscher Münze zu bezahlen? Denn so wie es nur der Mangel an guter Münze ist, welcher falsche Münze zu prägen verleitet: eben so ist es nur die Schwierigkeit, jede erregte iLrrvartung immer mit einem neuen und doch wahren, mit einem scharfsinnigen und doch ungekünstelten Aufschlüsse zu befriedigen, — nur diese Schwierigkeit, sag ich, ist es, welche nach Mitteln umzuschauen verführet, durch die wir jene Befriedigung geleistet zu haben, wenigstens scheinen können. Glücklich, wenn man unter diesen Mitteln nur noch die erträglichsten zu wählen verstehet! Denn es giebt in der That auch hier p«duanische Münzen, die zwar falsche aber doch von so schönem, und dem wahren so nahe kommenden Stempel sind, daß sie gar wohl aufbehalten zu werden verdienen. Za es giebt noch andere, deren innerer Werth nur wenig geringer ist, als der echten; so daß der Münzcr wenig mehr als den Schlageschatz dabey gewinnen konnte. Besonders möchte ich mit dergleichen weder ganz falschen, noch ganz echten Münzen, die, wenn sie schon nicht im Handel und Wandel gelten können, doch immer schöne Spielmarken abgeben, zwey Gattungen von Sinngedichten vergleichen, die, ohne zu den vollkommncn zu gehören, doch von je her, auch unter Leuten von Geschmack, ihre Liebhaber gefunden haben, und so noch ferner finden werden. Unter der ersten Gattung verstehe ich die, welche uns mit ihrer Erwartung hintergehen: und nn- ter der andern die, deren Aufschluß in einer Zweydeutigkeit bestehet. — Von jeder ein Wort, 1. Das Neue ist, eben weil es neu ist, dasjenige, was am meisten überrascht. Ob nun gleich dieses Ucberraschcndc nicht das einzige seyn muß, wodurch das Neue gefällt, so ist es doch unstreitig, daß schon die bloße Ueberraschung angenehm ist. Anmerkungen über das Epigramm. 467 Wenn es denn aber nur selten in des Dichters Vermögen steht, seinen Leser mit einem wirklich neuen Aufschlüsse zu überraschen: wer kann es ihm verdenken, wenn er seinem gemeinen Einfalle eine solche Wendung zu geben sucht, daß er wenigstens diese Eigenschaft des Neuen, das Ueberraschende, dadurch erhält? Und dieses kann nicht anders geschehen, als durch eine Art von Betrug. Weil er dem Leser nichts geben kann, was dieser auf keine Weise voraussehen könnte, so verführt er ihn, etwas ganz anders voraus zu sehen, als er ihm endlich giebt. Er hebt z. E. von hohen Dingen an, und endet mit einer Nichtswürdigkeit; er scheinet loben zu wollen, und das Lob läuft auf einen Tadel hinaus; er scheinet tadeln zu wollen, und der Tadel verkehrt sich in ein feines Lob. Doch so ganz einander entgegengesetzt brauchen die Dinge auch nicht einmal zu seyn: genug wenn der Blick des Lesers auch nur gerade vorbey schießt. Ein einziges Exempel aus dem XNartial sey statt aller (*). Kanctr'tim. Niliil e5t mitei'ius, nee Zulolills 8anotra. lieetam voeatuZ cam onouriit a<1 ooenam, <)lik»m tot «Uolilis nooliliuscjue vsntavit; ?or polcit apri glaullulas, c^uater Iumliurri, I5t utram^ue coxam lenor!«, et lluos armos: IVeo oiubelcit pejoi-are cle turllo, oktieorum liiere liviäos cn'i'os. üueois ^illlLLllt«: ttirtlidum lillit rna^^iitui. Illio et uvve oolloeaiitur ollares, Lt puitioorulli pauca graua maloium, exeavat«: pollis illllecens vulva:, Lt linpa lleus, lleviliLcjllo Iioletus. 8eä mappa euin jum mille lumpltur surtis, liolos ie^onti s^ond^Ios linn eouclit, 6vvoralo ca^ilv tuituivm truneuni. tlnlligvrc: loiiA» tiu-jx: uee ^»utat äoxtra ^nalevlu, kjiiivlzuicl ot cnnes ielic>lloruni. k^ev olvulLlita lullioit guli« ^rivlla, (°) I>U>. vp. 19. 458 Vermischte Schriften. Erster Theil. Alil'to luZeiiittu reglet i>ei' tlucviltas cuin ckomum tulit lealü--, 8en.uo ol»l'eiaia elutlt auxius cvlla, (^ulokus ille ^o^Ieio tlle — venllit. Bis auf das allerletzte Wort erwarten wir noch immer ganz etwas anders, als wir finden. Noch immer denken wir uns den Sanr'cra als einen leckern Fresser, der nie genug hat: auf einmal wendet sich die Medaille, und wir finden, daß der leckere Fresser ein armer Teufel ist, der nicht darum die schmutzigsten Brocken so gierig zusammen raste, nm noch eine Mahlzeit davon zu halten, sondern um sie zu verkaufen, und sich andere Bedürfnisse des Lebens dafür anzuschaffen. Denn daß dieses schon gcwisscrmaaßen in dem Worte iniloriu« des erste» Verses stecke, das hatten wir längst wieder vergessen, wenn wir es anch ja hätten merken können. — Wie häufig die Epigramma- tisten, aller Zeiten und Völker, aus dieser Quelle geschöpft haben, darf ich nicht erst sagen. Ich will sie aber darum doch nicht mit meinen, sondern lieber mit den Worten des Licero empfehlen 8«itis esto notifkimum ritlieuli Aenus, cum »liucl oxpeetamus, aliucl <1ie!tiir. Hic noliismeti^lis noktor orrnr ri- lum movvt. 2. Cicero setzt hinzu: (juoll ki -ulmlxtiim ett etism amdi- xuum, sit tslsius. Und das wäre die zweyte Gattung. Denn es ist allerdings eine wichtige Erfordernis; des Zwcydeutigcn, daß es so wenig als möglich vorher gesehen werde. Was aber die Zweydeutigkeit überhaupt sey, brauche ich nicht zu erklären: eben so wenig, als ich nöthig habe, Beyspiele davon anzuführen. Aber gut ist es, gewisse allzu cckle Richter von Zeit zu Zeit zu erinnern, daß sie uns doch lieber das Lachen nicht so schwer und selten machen wollen. Zwar auch das heißt ihnen schon zu viel zugegeben; die Zweydeutigkeit ist nicht bloß gut zum Lachen, zum bloßen rilu lliäueerv rietum: sie kann sehr oft die Seele dcS feinsten Scherzes seyn, und dem Ernste selbst Anmuth ertheilen. IZx AinKiAno clivti», sagt ebenfalls Cicero, vcl iu^utillii».-» putan- tur, seil no» j'emper in ^oeu, f^ie otiam in gravitiitv veil'antur. (°) >>>- vr»Iurv UIi. ll, o. 6». Amiicrkmigc» über das Epigramm. 459 Denn wen» die Zweydeutigkeit etwas mehr als ei» kahles Wortspiel ist, so ist von dem doppelten Sinne, den sie hat, der eine wenigstens wahr, und der andere, wenn er falsch ist, diente bloß zum Uebcrgange auf jenen. Und was dienet uns in der Folge unserer Zdccn nicht alles, um von einer auf die andere überzugehen! Wir lassen uns von der Aehnlichkcit der Worte wohl in wichtigen Dingen leiten, und wollten bey einem Scherze nicht damit vorlieb nehmen? — Doch was läßt sich hiervon sagen, was nicht schon hundertmal gesagt wäre? — Ich schließe also diese allgemeinen Anmerkungen über das Epigramm; und da ich einmal in Anführung des Cicero bin, so schließe ich sie mit einer Stelle aus ihm, die ihnen statt eines Passes bei denjenigen Lesern dienen kann, welche dergleichen Untersuchungen über Werke des Witzes insgesammt nicht lieben, und ihnen kühnlich allen Nutzen absprechen, weil sie einen insbesondere nicht haben können ("). Lgo in Ins piMeeptis ksne vim, et Nano utilitatem osfe arliitror, non ut a,I reporioi,. S7. 460 Vermischte Schriften, erster Theil. Es sind kleine giftige oder obscöne Tiraden, die weder Erwartung erwecken, noch Erwartung befriedigen; die mehr, um gegenwärtige dringende Empfindungen zu äußern, hingeworfen, als mit Absicht auf eine besondere Dichtungsart ausgearbeitet sind. Wer Z. E. ein 8slve, noo minlmo puella nsio("), ein OitertMmv komuli oepotuw(^), ein (^neli, I^osbia aottra, I^osdia für Sinngedichte halten kann: der muß Lust haben, selbst auf die wohlfeilste Art ein epigrammatischer Dichter werden zu wollen. So gar sind die nie genug gepriesenen kleinen Stücke, dergleichen sä pliatellum, . (f) /.-ö. ^. e?. 78> 8ic inler vvteres lexsr Pools«, >oo mullos milii iirNfer.iL prioros, vno le<> lidi lim minor l'slullo. (-sf) esrmen !>2. 9ö. 1VS. Catull. 4K1 . 699. 0p. Vsvsslo- ris. — vlilervsli«»«» inieellimoa: in ^»olores v. 6 n. Vol. II. r. II. SN8> 4K2 Vermischte Schriften. Erster Theil. chcs auch daher schon erhellet, weil er, nach dem Riccius(°), die Priapeia allen andern Epigrammen dieser Art weit vorgezogen. Sondern er sahe lediglich ans die Sprache, die sich in dem Martial viel zu weit von der Reinigkeit und dem vollen männlichen Gange des ciccronischcn Zeitalters entferne. Wir wissen, was für ein Eiferer für die Sprache dieses Zeitalters er war; er, dem Polm'an und Erasmns viel zu barbarisch schrieben. Wenn er also ja die zugespitzten Schlußfälle des Martials zugleich mit verwarf, so geschahe es doch gewiß nur in so weit, als eben sie es sind, die von jener Lauterkeit sich zu entfernen, und jenem reichen Flusse von Worten zu entsagen, am ersten verleiten. Denn die nehmlichen Schlußfällc, so bald sie nur einer alrrömischern Diktion fähig waren, mißfielen ihm gar nicht. Man sehe das zwölfte, das siebzehnte, das zwey und vierzigste seiner Gedichte, in der Ausgabe der Vnlpii. Das letztere ist aus sein eigenes Bildniß, in welchem ihm der Maler einen Harnisch angelegt hatte, und schließt: — IXon huoil l"lin NNAUS vorlstus in nll-1, Usev Immei'is nietor inclult lu'ina mois. Verum, Iioe r^uoll liello, Iioe ?!>tr!i« i^uoll lolnnoi'v iuicnio, I^eire vel imliellem cjiiemlibot arm» 6eeot. Was kann mehr in dem Geschmacke des Martial seyn, als dieser Schluß? Nur freylich, daß ihn Martial vielleicht mehr zusammen geprcssct, und anstatt in vier Zeilen, nur in zweyen würde gesagt haben. Denn die letzte ohne eine Zeile, das Latein mag so gut seyn, als es will, ist doch wahrlich sehr prosaisch. Vielleicht dürfte es auch überhaupt nicht wahr seyn, daß Naugcrius ein so besonderer Verehrer des Eatulls gewesen. Denn Paul Iovius crzchlt zwar, daß er alle Jahre, an einem gewissen den Musen geheiligten Tage, eine Anzahl Exemplare vom Martial dem Vulkan geopfert, das ist, verbrannt habe. Aber es ist, wie bekannt, ein eigenmächtiger Zusatz des Famia- nus Srrada, daß diese Verbrennung dem Catnll zu Ehren geschehen sey. Nangerius zeigt sich, in seinen Gedichten selbst, (°) L»r»wl. Nioeiu» Imilslslione Üb. I. (5.,tull. 463 auch nur als einen sehr entfernten Nachahmer des Catulls: er ist bey weitem kein Lorm, der, nm eben diese Zeit, seinen Landsmann mit allen den offenbarsten Fehlern nachahmte, und besonders in der Rauhigkeit des catullischcn Pentameters eine Schönheit suchte, die nur für ganz eigene Ohren seyn kann. Zwar wenn Cotta dieses in dem Geiste that, in welchem es schon zu der Zeit des jungem Plinius geschah: so habe ich nichts dagegen. Denn schon damals bediente man sich zu Rom der Schreibart des Catulls, so wie letzt französische Dichter sich der Schreibart ihres XNarors dann und wann bedienen. Nicht als ob diese Schreibart noch jetzt die reinste, und richtigste, und beste wäre: sondern bloß, weil ihre veralteten Ausdrücke und Wendungen zum Theil kürzer und kräftiger sind, überhaupt aber Nachlässigkeiten erlauben, die der Dichter in der jetzt üblichen Sprache auf keine Weise wagen dürfte. ?»eit vertus, schreibt Plinius von dem Pompefns Saturninus (°), Duales l^stullus aut Lslvus. tjuantuni illis Ivsmris, cluleotlinis, smarituäims, smoris interit! jÄne, lvll llata onora inolliutculos, leviukculos- «zuo, 6ur!usculos yuosdam: vt Iioe, ljugj'l LatuIIus aut l^alvus. Mich dünkt, es ist kein Wunder, daß uns von diesen Versen des Sarurninns nichts übrig geblieben: wer sich nicht in der Sprache seines eigenen Zeitalters auf die Nachwelt zu kommen getrauet, nimmt vergebens zu einer ältern seine Zuflucht. Die Nachwelt hat genug zu thun, wenn sie auch mir die Muster in jeder Gattung aufheben soll; und es ist nichts mehr als Verdienst, daß der originale Martial, vor dem vollkommensten Nachahmer des Catulls, auf lins gekommen ist; wenn es auch schon wahr wäre, daß Catull selbst dem Martial unendlich vorzuziehen sey. (3.) Ich ergreife diese Gelegenheit, eine kleine Entdeckung an den Mann zu bringen, die ich einst über den ersten Wicder- auffinder des Catulls, gemacht zu haben glaubte; und von deren Ungrundc ich auch jetzt nicht so völlig überzeugt bin, daß ich sie nicht wenigstens für geschickt hielte, eine glücklichere einleiten zu können. (°) l-p. 16. !/>>>. i. 464 Nermischtc Schriften. Erster Theil. Es ist nicht eigentlich bekannt, wer es gewesen, der, bey allmäliger Herstellung der schönen Wissenschaften in dem fünfzehnten Jahrhunderte, unsern Dichter wieder zuerst an das Licht gebracht hat. Aber es giebt ein Epigramm in ziemlich barbarischem Latcine, und eben so räthsclhaftcn Ausdrücken, das bestimmt gewesen, uns das Andenken dieses Mannes, und die nähern Umstände seines glücklichen Fundes, aufzubehalten. Dasselbe stehet vor mehr als einer der neuern Handschriften des Catnlls, die von dem ersten wieder aufgefundenen Manuskripte genommen zu seyn scheinen. Der jüngere Skaliger machte es, zu Anfange seines Kommentars über den Dichter, bekannt; wo es so lautet: pati'iam recloo longls a linibu8 exul. lükmls mel reclitus compatriot» kuit. 8eilicet a t^slamis tiüiuit cui krane!» nomen: <)uihue uotat eurtuln proeteieunlis iter. <^uo liest inZeiiio vettrum revoeatv Lstiiilum, ^uoius tud raoillo claula pax^rus erst. So viel versteht man gleich, daß das Buch selbst, oder vielmehr der Dichter selbst, redend eingeführet wird, um uns zu sagen, durch wen, und von wannen, er aus dem Elende wieder in sein Vaterland zurückgekommen sey. Auch dieses crgicbt sich sogleich, daß solches durch einen Landsmann von ihm, durch einen Veroneser also, und aus einer sehr entfernten Gegend geschehen sey. Wenn nun Skaligcr bloß hätte vermuthen wol? len, daß diese entfernte Gegend vielleicht Frankreich gewesen sey: so möchte es hingehen. Allein er behauptet gerade zu, daß sie es wirklich gewesen, und will damit nichts mehr behaupten, als ausdrücklich in dem Epigramme selbst stehe. In (Zalliis so «zum reveritlo illo iplo, hui putilieavit, opiFismmato teÜstus vK. Gleichwohl ist es offenbar, daß die ersten zwey Zeilen dieses nicht besagen, und daß unter dem lonZIs a linidus eben so wohl Deutschland, und jedes andere Land, verstanden werden kann, als Frankreich. Zwar wird Frankreichs in der dritten Zeile gedacht: aber im geringsten nicht, um damit das Land anzugeben, wo zeither Catull im Staube und in der Dunkelheit gelegen; sondern bloß, um ans der Sprache dieses Landes ein Catull. 465, Merkmahl anzugeben, ans welchem wir den Namen des Finders errathen sollen. Denn die Worte, Scilicet a (Miamis trilmir cui ?isne!a nomen, können unmöglich etwas anders heißen, als daß der Name dieses Finders, dieses Kompatriorcn des Catulls, dieses Ncroncscrs also, auf welchen nur allein das cui sich beziehen kann, in der französischen Sprache a eslamis hergenommen sey. Folgt aber hieraus, daß er sich darum nothwendig auch auf französischem Grunde und Boden müsse befunden haben, als er seinen Fund that? Möglich kann es seyn: nur aus diesen Worten fließt es nicht schlechterdings. Es war sonach dem K.Kurcntt'us Pignorins, als er einmal seine Empfindlichkeit darüber äußern wollte, daß man in Frankreich behaupte, Italien sey diesem Lande bey Wiederherstellung der schönen Litteratur sehr vieles schuldig, nicht zu verdenken, daß er, unter andern, auch dem Skaligcr die in Frankreich geschehene Wiederentdcckung des Catulls durchaus nicht einräumen wollte ("). Er merkte an, daß das nehmliche Epigramm sich bereits in einer alten gedruckten Ausgabe des Eatulls befinde, wo es dem Guarinus zugeeignet werde. Aber er sagt nicht, welchem Guarinus; und giebt auch diese alte Ausgabe selbst nicht näher an. Woher es also Herr Hambcrger hat, daß Baptista Guarinus zu verstehen sey, kann ich nicht wissen. Nur so viel weiß ich, daß sich Herr Hambcrger irret, wenn er diesen Baptista Guarinus selbst zu dem Wicderaufsindcr des Catulls macht (°°). Dieses hat Pignorius auch gar nicht sagen wollen, als der bloß meldet, daß das Epigramm vom Guarinus sey; nicht aber, daß es auch zugleich von ihm handele. Vielmehr unterscheidet er den Verfasser des Epigramms, den Guarinus, ausdrücklich von dem Kompatrioten und Erretter des Catulls; und der Fehler, den er dabey begeht, ist nur dieser, daß in eben der dritten Zeile, in welcher Skaligcr zu viel sahe, er seines Theils zu wenig erkannte. Er behauptet nehmlich, daß die Worte, a Lulamis triduit cu! ?rancia »omen, weiter nichts sagen (°) S^mdolarum epiuvliesrum XVI. St. pslsvii tSZ3. 8vo. (°°) Zuverlässige Nachr. Ty, l. S-470, „Was noch vorhanden ist „(vom Catull nehmlich) hat Baptista Gnarinns, aus Berona, In Frankreich „zuerst gefunden." Lessmgs Werke, vui. Vermischte Schriften, erster Theil. sollten, als daß der Wicdcrauffindcr Zrancisd'us geheißen habe. Und das ist augenscheinlich falsch: denn er soll ja nicht seinen Namen von xrancia haben, sondern 1?rane!a soll ihm seinen Namen » eawmis beygelegt haben. Indeß muß ich auch nicht unterlassen, zur Entschuldigung des Pignorius anzuführen, daß er die ganze dritte Zeile anders intcrpunktirt gelesen, als Skaliger. Nehmlich so: 8cilicot a (ÄInmIs; trlduit cui ?i'!woia uomvn Und so hat er ohne Zweifel das a e-lwmis für die nähere namentliche Bestimmung des longis a kimdug, in der ersten Zeile gehalten; wonach die Worte, triduit cm I?ranc!» nomcn, für sich allein genommen, freylich nichts mehr sagen können, als er sie sagen läßt. Allein was wäre denn unter diesem a ealsmis für ein Land, oder für ein Ort, oder für ein Volk zu verstehen? Ich wüßte nicht; und sicherlich muß es Pignorius auch nicht gewußt haben, weil ja sonst der ganze Streit zwischen ihm und dem Skaligcr auf einmal entschieden wäre. Uebcrhaupt sieht man wohl, daß weder Skaligcr noch Pigno- rius es der Mühe werth gehalten, einer solchen Kleinigkeit auf den Grund zu gehen: denn sonst hätte es ihnen ja wohl nicht schwer seyn können, die wahre Meynung zu erkennen, und einen Gcschlcchtsnamcn ausfündig zu machen, der im Französischen sich wirklich a calamls ableiten lasse. Angenommen nehmlich, daß a calamis so viel heißen soll, als von Schreibfeoern, welches es ohnstrcitig heißen kann; und nun sich erinnert, daß Schreibfcdcrn auf Französisch plumos heißen: was ist leichter und natürlicher, als auf den Namen plumatlus zu verfallen? Aber, wird man fragen, giebt es denn einen solchen Gcschlechts- namen? Haben wirklich Männer ihn geführt, denen man es zutrauen könnte, daß sie die Entdecker des Catulls gewesen wären? Allerdings; und wenigstens lebte um eben diese Zeit, das ist, in der letzten Hclfte des fünfzehnten Jahrhunderts (°) Zwar steht bey ihm selbst das Semikolon nach triduit; aber wohl nur durch einen Druckfehler. Xeizue vero ille versus, 8«»x/a »omen, illimn inwrprLlüNonöm rveiM, quain » ciuocwm reperlui» M- cubi »l korle iu Iwlivu) voilioviu <.'iUuUi. Lalull, 4K7 ein berühmter Medikus, Namens Nernardiiuis Plumatins: lind was das sonderbarste ist, dieser Bcrnardinus Plumatius war auch wirklich ein gcborner Ncroncscr. Noch kenne ich ihn zwar mir aus dem Freher und Popa- dopoli^), und habe nie Gelegenheit gehabt, die Quelle, aus welcher diese ihre Nachricht von ihm geschöpft, selbst nachzusehen: eben so wenig, als es mir gelingen wollen, eines von seinen Büchern, deren er verschiedene geschrieben und bekannt gemacht, habhaft zu werden. Ich kann also auch nicht sagen, ob in diesen oder in jener etwas vorkömmt, welches die Vermuthung, daß er es wohl selbst seyn könne, der den Catull wieder an den Tag gebracht, entweder bestärke oder vernichte. So viel ich aber doch von ihm weiß, war er kein bloßer schlechter Medikus; sondern er galt zugleich für einen scharfsinnigen Philosophen, und damals hatten die Philosophen in Italien schon ziemlich angefangen, sich mit den schönen Wissenschaften wieder auszusöhnen. Wenn er es aber auch nicht selbst war, der sich um den ersten Dichter seiner Vaterstadt so verdient zu machen Gelegenheit hatte: so könnte es doch wenigstens einer von seinen Vorfahren oder Anverwandten gewesen seyn. Denn das, muß man gestehen, ist doch immer sehr merkwürdig, daß an einem von diesem Geschlechte beide Merkmahle zugleich eintreffen, welche das Epigramm angicbt: ein Plnmatius war des Eatulls ^ompatliow; von einem Plumarius kann man sagen, daß ihm ^raiioia a calamis den Namen beygelegt habe. Kaum wird man nun aber auch begreifen, warum ich dcm- ohngeachtet eine so wahrscheinliche Vermuthung, gleich Eingangs, vor dem völligen Beyfall verwahret habe. Ich will es kurz machen. Die Ursache ist die: weil ich seit einiger Zeit ungewiß geworden, ob das a cslamis auch für die wahre und rechte Lesart zu halten. Denn in einem Manuskripte des Ea- tulls, in der fürstlichen Bibliothek zu IVolfcnbnttcl, welchem das Epigramm gleichfalls vorgesetzt worden, lese ich, anstatt a cnlami«, deutlich und ungezwcifelt a tnlnmi,«, daS ist, tli.il.im!^. (°) IMwii.'i kvmiinlu I>nu«vi»>, r> II, p> I?4> ZV" 468 Vermischte Schriften, Erster Theil. Und da läge sie min ans einmal, meine einzige Stütze, wenn diese Lesart ihre Richtigkeit hätte; und ich könnte mein Rathen nur wieder von vorne anfangen! Doch lieber will ich einen andern sein Gluck versuchen lassen; und nur noch anmerken, daß besagtes Manuskript, auch sonst einiges nicht völlig so lesen läßt, als Skaligcr gelesen hatte. Zn der vierten Zeile, <^>iihu!,!. 'j', I, p. 53, Marti.,l. -j6i> IN. M a r t i a l. (1) Es hat unzählige Dichter vor dem Martial, bey den Grieche» sowohl als bey den Römer», gegeben, welche Epigramme» gemacht: aber eine» Epigrammatiste» hat es vor ihm nicht gegeben. Ich will sagen; daß er der erste ist, welcher das Epigramm als eine eigene Gattung bearbeitet, und dieser eigene» Gattung sich ganz gewidmet hat. Bor ihm lag das Epigramm unabgcsondert unter dem Schwalle aller kleinen Gedichte, die von zu unendlicher Verschiedenheit sind, als daß man sie noch alle hätte klassificiren können, oder wollen. Der Name selbst ward auch allen kleinen Gedichten ohne Unterscheid beygelegt; Lplzi-ammst», IchIIia, LoloNse, waren völlig gleichgültige Benennungen; und noch der jüngere Plinius stellte es frey, welche von diesen Benennungen man seinen poetischen Kleinigkeiten beylegen wolle, die er bloß nach deni allen gemeinschaftliche» Sylbcnmaaße überschrieben hatte. (*) Martial, wie gesagt, war der erste, der sich eine deutliche, feste Zdce von dem Epigramme machte, und dieser Idee beständig treu blieb. So verschieden seine Sinngedichte auch immer in Ansehung der Einfälle seyn mögen: so vollkommen ähnlich sind sie einander doch alle in Ansehung ihrer innern Einrichtung. Das schlechteste und das beste, das größte und das kleinste, haben ohne Ausnahme das Merkmahl, woran ihre Berwandlschast und Bclangung zu der nehmlichen Klasse auch ein Leser empfindet, der nichts weniger als Kunstlichter ist. Und so wie dem Martial der Ruhm des ersten Epigram- matistcn, der Zeit nach, gehöret: so ist er auch, noch bis ietzt, der erste, dem Werthe nach, geblieben. Nur wenige haben so " viele Sinngedichte gemacht, als er: und niemand unter so vielen so viel gute; und so viel ganz vortreffliche. Wer ihm, aus alle» Zcite» und Völkern, noch am nächsten kömmt, ist unser wernike- Beyder Reichthum ist fast gleich groß: »ur daß (°) /.ii, It. prointlv sivv «pi^rkium»«», sive >>>;'»'>!», Nv» eclogk», tivv tut inuUi) po>!»>i»ia, ke» > »In»! voonrv niilwviis, livv- liit voevs: exo Isiiluiu U«.'»u>.'cslvU»>io« priest». 470 Ncrmischte Schriften. Erster Theil. man dein Ncichthumc des Deutschen ein wenig zu sehr die Mühe und den Schweiß ansieht, den er gekostet. Martial gewann den scinigcn unter Menschen und von Menschen: Wcr- nike födcrtc seinen, oft nicht ohne Lebensgefahr, aus dem Schoosc der Erde zu Tage. Wcrnike besaß mehr von den Metallen, woraus Geld zu münzen: und dem Martiale gicng mehr gemünztes Geld durch die Hände. Man schweige doch nur von dem falschen Witze des Martial! Welcher Epigrammatist hat dessen nicht? Aber wie viele haben das, was den falschen Witz allein erträglich macht, und was Martial in so hohem Grade besitzt? Martial weiß, daß es falscher Witz ist, und giebt ihn für nichts anders: seine müssigen Finger spielen, und kaum ist das Spiclwcrk fertig, so bläset er es aus der Hand. Andere hingegen wissen kaum, woran sie schneiden und polircn, ob es ein echter oder unechter Stein ist; sie geben sich mit dem einen eben so viel Mühe, als sie nur mit dem andern sich geben sollten; mit gleich wichtiger, gleich fcycrlichcr, gleich ehrlicher Mine bieten sie den unechten eben so theuer als den echten. Auch wüßte ich fast kein Exempel, wo Martial in eben demselben Sinngedichte falschen und wahren Witz vermischt hätte. Er hat sehr oft wahren Witz; auch wenn der Gegenstand sehr klein, sehr lächerlich, sehr verächtlich ist. Aber nie zeigt er falschen Witz bey einem ernsten, würdigen, großen Gegenstände. Er kann bey einem solchen eben so ernst, eben so würdig, eben so groß seyn: und nur das ist der wahre Probierstein des witzigen Mannes, dem man den Witz zu keinem Schimpfe anrechnen darf. Seine Vertheidigung in diesem Punkte wäre nicht besser zu führen, als durch Gcgenstcllung neurcr Sinlidichter, die sich gelüsten lassen, über den nehmlichen ernsthasten Vorwurf mit ihm zu wetteifern. Ich will nur eine einzige dergleichen angeben; wozu ich das Sinngedicht auf den Tod der Porcia wähle. Das Original des Martials, — wer kennt es nicht? — ist dieses. (°) LonjuAis aullillet latum eum ?oi'ola Li'llti, Ht l'uliti'acl.'l lllii ^uiLieret^ arma äolor: (°) l.i,i> >-v, 43. M.Mial, -171 IVoruIum svitis, alt, moi'Iein non stille iivMvi? (üieiliclei.ini 1'ulls Iwc vo« cloeuillv patiem. Lixit, et avclontes avlllo Iiibit oro savillas: I nune, et iei'i'iim, lurda moleltki, nega. Aortrcfflich! ob schon nichts, als das historische Faktum. Nur daß der Dichter das, was Porcia bloß durch ihre Handlung sagte, sie mit Worten ausdrücken läßt. Man sage nicht: „aber mit einer ziemlichen Unschicklichkeit, wenn die That anders so geschehen ist, als Plmarch berichtet, daß nehmlich Porcia, nachdem sie die brennenden Kohlen verschluckt hatte, den Mund fest verschloß, und durch Zurückhaltung des Athems ihren Tod bcföderte." Freylich hat sie nichts weiter gesprochen, und konnte wohl auch nichts weiter sprechen. Doch wer heißt uns denn, die letzte Zeile als Worte der Porcia ansehen? Ich weiß wohl, daß es Ausleger des Martials giebt, die dieses zu thun ausdrücklich anweisen; wie z. E. R«Oerus(°): dagegen ich keinen weiß, der vor dieser Mißdeutung gcwarnct hätte. Gleichwohl ist es sicherlich eine; und die Worte, l nune, vt tn-rum, wrda molotta, nvF-t! sind Worte des Dichters, der auf einmal sich dünken läßt, bey der Handlung selbst gegenwärtig zu seyn, und ganz in dem Geiste der Porcia, der vereitelten Aufsicht mit diesem Epiphoncma spottet. Mit der Arria, die man bey dem ähnlichen Entschlüsse, mit ihrem Gemahle zu sterben, an der Ausführung gleichfalls hindern wollte, und die mit dem Kopfe gegen die Mauer rannte, daß sie für todt niederfiel, wäre es ein anderes gewesen. Denn diese ward wieder zu sich gebracht, und hätte also selbst ein solches I nun« zu der lästigen Schaar ihrer gutherzigen Aufseher sagen könncn; wie sie denn auch wirklich so etwas sagte. C") Aber der Porcia, mit den brennenden Kohlen im Schlunde, es in den Mund zu legen: so eine Ungereimtheit konnte dem Martiale unmöglich einfallen. Und nun, nachdem ich ihn von diesem angeschnitten Flecke gc- rcinigct, höre man seine Nacheiferet'. (°) Bcy dem dicse letzte Zeile l»s»U!u»I-i iliilWuNü purelu: viclli- eis vox heißt. (°°) 16,t'ueUUUttz iUxor.li», i»imilia et lAne clomum. Und nun, welcher Abfall' Zch will nicht tadeln, daß die Ser- mocination, welche von vorne herein nicht angegeben wird, mit der fünften Zeile so nachläßig abbricht; ich will nicht anmerken, daß dem Leser schon die ganze That der Porcia bekannt seyn muß, wenn er die letzte Zeile nur cinigcrmaaßen verstehen soll: sondern ich will bloß fragen, was wir bey dieser letzten Zeile, außer der dunkeln Andeutung der That, überhaupt denken sollen? Oder was hätte Porcia wohl selbst gedacht, wenn ihr wirklich in dem kritischen Augenblicke solche Worte entfahren wären? Wie kam sie darauf, sich einem Hause zu vergleichen? Was heißt, ein Haus mit Feuer prüfen? Was kann es in dem figürlichen Verstände heißen, in welchem es hier gebraucht seyn muß? — Doch diese Armseligkeit ist so vieles Ernstes nicht werth. Ungefehr um gleiche Zeit mit dem Casanova, versuchte auch Faustns Sttböus sein Heil; und so:(°°) Ijl'ulo cÜAUil viio, AenLioti Iiatc» (!gtonis, I5bil>is arov>. II-U> ?. II. t>- Martial. 473 auftrocknen wollen? Sie habe — Doch was ist leichter, als über so was zu spotten? Ich eile zu einem dritten, dem N'ir'olans Grudius: dem Bruder des zärtlichen Johannes Geknndns; leider nur einem leiblichen Bruder, und keinem Bruder in Apcllo. — Aber sein Epigramm ist so lang — ich glaube ich werde mit dem bloßen Schlüsse davon kommen können. Er läßt die Porcia gegen ihren todten Gemahl in zwölf Versen betheuren, wie gern und wie unfehlbar sie ihm unverzüglich folgen wolle; und setzt endlich hinzu:(") Iloee Umlll; aiclenti limul odKruit 01 a kavilla. t)ua: potias klaxrims tela minittiet smor? yuR potius? Ich dächte lieber einen von seinen eigenen Pfeilen; besonders, wenn ihm von jenen vertauschten noch einer übrig ist. Oder, wenn es ja Feuer seyn mußte, warum nicht lieber seine eigene Fackel? Es folget endlich Nlernir'c; und es thut mir leid, daß ich ihn muß folgen lassen. Er hat zwey Sinngedichte auf die Porcia; beide ungleich besser als die Sinngedichte des Casanova, des Sabäus, des Grudius; aber beide doch noch unendlich unter dem Muster des Martials.(") 1. „Man hört nicht Porcia vergebens sich beklagen, „Noch daß dieß edle Weib in Ohmnacht weibisch sinkt; „Sie kann, gleich ihrem Mann, den Tod beherzt ertragen, „Und isset Feur, weil er aus Lethe Wasser trinkt. 2. „Schau an die Porcia, die kein Geschicke beugt, „Die mit dem Tode weiß, wie Cato selbst, zu scherzen: „Die Kohl' in ihrem Munde zeigt, „WaS für ein Feur in ihrem Herzen. Zch hätte große Lust, nach dem Beyspiele des Plutarchs, elenden Witz mit elendem Witze zu verlachen, und hinzuzusetzen: Wunder, wenn unter allen diesen frostigen Einfällen die glü- (°) poewala Irium lrslrum vvlgsrum, p> 69. (") Zweytes Buch, S. 45, 474 vermischte Schriften. Erster Theil. hcndcn Kohlen nicht verloschen wären, und Porcia anstatt Feuer nichts als Staub hinunter geschluckt hätte! — Noch könnte ich mir ein kleines Fest mit dem N7nretus machen, dem Martial nichts als ein Souira ilv trivio war. Denn bxy alle dem hat Murctus in seinen Epigrammen den Martial doch sehr oft nachgeahmt, und immer sehr unglücklich. Das einzige worinn er den alten Posscnrcisscr übertrifft, sind die Wortspiele. Doch des Murctus Gedichte heißen luvonüia: und das kritische Urtheil fällte er, wenn Gott will, in seinem r'ei- fcn Aller. Ich lasse also den Mann ruhen; und sage über den poetischen Werth des Martials überhaupt nur noch das. Wenn Aelius Verus, welcher den Martial seinen Virgil nennte, weiter nichts damit sagen wollen, als daß Martial in seiner kleinen Dichtungsart eben das sey, wofür Airgil in seiner großem gelte; wie sich verschiedene Gelehrte dieses eingebildet: so hat sich niemand zu schämen, ebenfalls von so vornehmen Geschmacke zu seyn. Aber ohnstrcitig wollte dieser Cäsar damit mehr sagen; und es hat nie an Leuten seines Ranges gefehlt, die eine lustige schmutzige Kleinigkeit in allem Ernste dem größten Werke des Gcnics vorgezogen, das nur irgend einige Anstrengung, ihm nach zu empfinden, fodcrt. Sie überschätzen, was ihnen gefällt, ohne sich zu bekümmern, was ihnen gefallen sollte. Höchstens ist eine dergleichen Überschätzung nur dem Verfasser selbst zu vergeben. Martial selbst mochte immer glaube», daß seine Epigrammen eben so viel werth wären, als anderer ihre Heldenlieder und Trauerspieles): denn es gehört dazu, um in irgend einer Sache vortrefflich zu werden, daß man sich diese Sache selbst nicht geringfügig denkt. Man muß sie vielmehr uiiablässig, als eine der ersten in der Welt betrachten: oder es ist kein Enthusiasmus möglich, ohne den doch überall nichts Besonders auszurichten stehet. Nur wehe dem Leser, der sich von diesem den Verfassern so nützlichen Sclbstbetrugc immer mit fortreißen läßt! Am Ende wird er selbst nicht wissen, was groß oder klein, was wichtig oder unwichtig ist; und damit aufhören, daß er alles verachtet. (°) I.W. IV. <-t>. 49. Martial. 475 (2.) Nichts hat dem Ruhme des Martials in den ncurcrn Zeiten mehr geschadet, als der unzüchtige Inhalt, den seine Sinngedichte nicht selten haben. Nicht zwar, als ob man leugnen wollen, daß etwas ästhetisch schön seyn könne, wenn es nicht auch moralisch gut ist. Aber es ist doch auch so gar unbillig nicht, daß man jenes Schöne verachtet, wo man dieses Gute nicht zugleich erkennet. Diejenigen mcyntcn es daher noch immer sehr treu mit ihm, die lieber alle seine juckenden, kranken, ansteckenden Theile aus- schncidcn, als ihn gänzlich aus den Händen unschuldiger und mit einer zartem Stirne begabter Leser verbannet wissen wollten. Ramires de Prado mußte nicht klug im Kopfe seyn, daß er dem ehrlichen Raver wegen einer so guten Absicht so übel mitspielen konnte. Ein anderes wäre es gewesen, wenn das Ausgeschnittene zugleich vernichtet worden; oder wenn noch jetzt leicht zn besorgen stünde, daß was in Einer Ausgabe unterdrückt wird, darüber wohl völlig vcrlohrcn gehen könnte. Die eigene Entschuldigung des Martials über den Punkt der Ilnzüchtigkeit, I^aloiva ol't uol>!s i>»gllia? vlta piolia o5d — will nicht weit reichen. Und doch haben die, welche meynen, daß nichts darwidcr einzuwenden sey, sie noch nicht einmal so weit ausgedehnet, als sie ohngcfähr reichen würde. Sie haben uns nicht einmal erklärt, wie es möglich ist, daß ein reines Leben bey so unreinen Gedichten bestehen könne; noch worauf es ankomme, wenn der Schluß von dem einen auf das andere wegfallen soll. — Nicht so wohl um ihrer Meynung überhaupt bcyzutrctcn, als vielmehr bloß um einiges zum nähern Verständnisse des Dichters beyzutragen, will ich hierüber ein Paar Anmerkungen niederschreiben. 4. Wenn man von je her, so wie denen, welche mit leiblichen Schäden umgehen, also auch denen, welche sich der Besser rung des sittlichen Verderbens unterziehen, erlaubt hat, eine freye Sprache zu führen, und sich mit den eigentlichen Worten über alles auszudrücken, was der Wohlstand, außer dieser Absicht, entweder gar nicht zu berühren, oder doch zu bemänteln 47« Vermischte Schriften. Erster Theil. gebieten würde: was hindert, den Martial in dem Gesichtspunkte Eines der letztern zu betrachten? Augenscheinlich wenigstens ist es, daß er die Absicht nicht hat, auch nur eine von den groben unnatürlichen Wollüsten anzupreisen, deren bloße Benennungen bey ihm uns schon so viel Abscheu erregen: vielmehr, wo er ihrer erwähnt, geschieht es nie anders, als mit Spott und Verachtung. Hieran muß aber varassor im geringsten nicht gedacht haben, der ein gewisses Epigramm, worinn ich zur Rechtfertigung des Martials gerade am meisten zu finden glaube, so ansieht, als ob sich der Dichter selbst dadurch das Urtheil gesprochen. Es ist das drey und vierzigste des zwölften Buchs, an einen nicht ganz schlechten Poeten, dessen er unter dem Namen Sabellns mehrmalen gedenkt. kgeuiillos milii cle liiiiäiliotis I^vgitti nimiain, Lalielle, vertu«: (Duales ueo Oiclvmi telunt puell«, Nee rnollvs Llepdanliclos lidelli: 8uut illie Veneris vovLe ü^urse: ^usles perclitu« auäeat kiitutvi'; k'roel'tellt et taeeant c^uicl exoletl; <)iic> tvmiiIeZmate yuiiihiiv eopulentur, <)ua plures teneaotur a e.iteua; üxiinetsm lieeat l^iüd ack lueeinam. ^lavtl neu erst eile te 6i5eilam! Vavassor erkennet in diesen Versen, ich weiß nicht welchen Triumph, den die Ehrbarkeit auch oft über die erhalte, von denen sie am muthwilligstcn unter die Füsse getreten werde. Wenn sich unter dem Sabellus, sagt er, Marrial nicht selbst meynet: so prallet doch der Pfeil, den er gegen dieses sein Ebenbild abdrückt, unmittelbar auf ihn zurück ("). — Zch kann mich (°) t?a/>. .V/. — Nunqusm milii witxi» nweuii lUnrlialis, qusm cuin ku»m vernorum iuwwperitnlism ulius «5! ins« per lu, v> »lull», quss con- knurosvit, >ie cori« kno, il» N Ivqui licvt, silliüfvei«. Alirum illuS svU la- men verum. Seriolit contra le klsrliillis, vi sücluin ü»mnavil suum, iwn mmlo, ut iiiUeil nol'ui, excussvit. Qexs »o ^uilie». />ac»»c/o-i >«i/ii >io. Wer ist hier die erste Person? der Dichter? Nichts weniger: der Dichter ist vielmehr gerade der, mit welchem jene erste Person spricht. Der Kayscr Domirianus selbst ist cS, welchen Martial so redend einführet, ohne uns weder in dem Gedichte noch in der Aufschrift den geringsten Wink davon zu geben. Was er also hier unterließ, warum könnte er es auch nicht öfterer unterlassen haben ? Warum könnte nicht in mehrcrn Epigrammen, nicht Martial selbst, sondern ein Freund und Bekannter desselben sprechen? Martial bekennt ohnedem, tnß er nicht immer aus eigener Willkühr gedichtet. Er ließ sich auch wohl den Gegenstand zu einem Epigramme aufgeben; denn er beklagt sich gegen einen gewissen Cacilian, daß er ihm so ungeschickte Gegenstände vor- 480 Vermischte Schriften. Erster Theil. lege, über die es ihm nicht möglich sey, einen gescheiten Einfall zu haben ("). Viviäa cum poseas epigrammst», inorl.ua nonis Lemmata: yui jieri, Loeciliano, potelt? Alolla jube8 Il^bloea tivi, vel Ilz^mettia natci, üt tuz?lns (üeeropiaz Lorliea vonis spi. Nun frage ich, wenn so ein Cäcilian über den und jenen, über dieß und das, ein Epigramm verlangte, wird es der Dichter nicht ganz in dem Geiste desselben gemacht haben? Wird er es ihm also auch nicht selbst in den Mund gelegt haben? Allerdings ist durch diese Wendung gewissermaaßen von dem moralischen Charakter des Martials nun alles abzulehnen, was ihm nachthcilig seyn könnte. Aber wenn der Dichter so schlimm nicht war, als sein Buch: wird denn darum auch das Buch im geringsten besser? Gewiß nicht: — doch dieses, gegen Tugend und Wohlstand in einen unbedingten Schutz zu nehmen, darauf war es von mir auch gar nicht angefangen. (3.) Einen Augenblick will ich mich noch bey der letztem Anmerkung verweilen. Sie dürfte leicht aus der Luft gegriffen zu seyn scheinen, bloß um den ehrbaren Wandel des Dichters, den er von sich selbst versichert, desto wahrscheinlicher zu machen. Es verlohnet sich also der Mühe, sie, ohne Rücksicht auf diesen Punkt, durch einige Beyspiele mehr zu erhärten; und wo möglich durch einige einleuchtendere, als das einzige angeführte, in welchem zwar freylich nicht der Dichter, sondern Domitianus spricht, aber doch mit dem Dichter spricht. Aus diesem Umstände, dürfte man meynen, verstünde es sich von selbst, daß die erste Person darinn nicht der Dichter seyn könne; aber eben dieser Umstand müsse sich dann auch bey den andern Beyspielen zeigen, von welchen sich das nehmlich verstehen solle. Das ist: man dürfte die Anmerkung, nach Maaßgebung dieses Musters, nur von solchen Epigrammen wollen gelten lassen, die der Dichter an sich selbst überschrieben. Was ich nun hierüber zu sagen habe, wird zusammen auf nichts schlechteres hinauslaufen, als auf eine Untersuchung über — (°) I.idr. XI. oi>, 43. Martial. 481 die Fran des XNarrials, Hat Martial, während seines vier und dreyßigjahrigcn Aufcnlhalts zu Rom, eine Frau gehabt? oder hat er keine gehabt? Von welcher Sorte war sie? und wie lebte er mit ihr? — Wollen wir hören, was er alles in der ersten Person hiervon meldet? Allerdings hat er zu Rom eine Frau gehabt: sagen die Ausleger. Denn als er von dem Kayser das lus timm I!b(!inu>iiU!»u, live »wiluiliu, LesimgS Wette viii, ZI 482 Ncrmischte Schriften, erster Theil. sagt von ihr, was man nun freylich von seiner Frau eben nicht einem jeden ans die Nase bindet ("): I^t pall.ir moeelimn, rogal uxoi-, Lalle, teil unum. IIu!e vZ» non »eulos ein«, Lalle, cluos? Die gute Frau, nnd der häßliche Mann! Was konnte sie nach den damaligen Sitten weniger verlangen? Muß er ihr gleich die Augen ausreißcn »vollen? Es war doch sonst eine so gesetzte, so ehrbare, nnd in dem Ehebette selbst so keusche Matrone! Sie war ihm nur zu keusch: worüber er in einem langen Epigramme mit ihr zankt t"). Dxor valle sm.15, aut moi'!!»»« ulere nollei«! Non ezo lum <ü>li!»8, nou Nunia, non 1a>!us. - - 8i to «leloelal giavitas, I.ueiell.-» lola 8!s liest usknie ilio: I^ailla noele volo. Anderswo scheinet sie es zwar naher gegeben zu haben; ja näher, als es Martial selbst von ihr verlangtes). Aber doch nur alles aus aufrichtiger, inbrünstiger Liebe gegen ihren Mann; nv VNAIIS Ä tlialamls eon^iiZls erret omvi: so daß es kaum zusammen zu reimen stehet, wie eine, ihrer' Gemüthsart nach so sittsame, und aus Gefälligkeit gegen ihren Mann so nachgebende Frau, gleichwohl noch einen Gehülfen hat verlangen können, und von ihrem Manne selbst hat verlangen können? Ich bin unbesorgt, daß die, welchen Martial schlechterdings zu Rom soll vcrhcyralhct gewesen sevn, und welche daher überall, wo von einer Ehefrau in der ersten Person bey ihm die Rede ist, seine eigene darunter verstehen, nicht auch noch weit widersprechendere Nachrichten von ihr sollten zu vergleichen wissen. Aber begierig wäre ich zu hören, was sie zu denjenigen Epigrammen sagen, in welchen sich Martial mit eben so klaren Worten für unvcrheyrathct ausgicbt? Denn dieses thut er doch wohl, wenn er z. E. jene güldene Heyrathsrcgel ertheilet? (-j-j-) Dxorem c^uare loeunlelem clueei'v nolim (^uan-itlü? Ilxoii nuliei'e nolo mere. Iiikei'Ioi' maliona s»o lil, I^-Ilee, maiüo: I^ori alitei' liiei'int /oemin-i vii'ljuo nai'es. (°) l.ib. IN. ep. 9S. s") I.i>>. XI. ep. 103. I.id. XI. ep. 41. (sf) I.ili. VIII. «.pigr. IS. Martial. 483 Oder wenn er die Ursache angiebt, warum er die Thelcsina nicht hcyrathe, »nd warum er sie dennoch wohl hcyralhcn möchte? (*) Ilxorvm nola ^Iielellnam äucero: «^uaie? Uoeelia ett — — — — — — Wollen sie wohl sagen, daß man die Zeiten unterscheiden müsse, und daß Martial damals wohl könne Wittwer gewesen seyn? Oder wollen sie lieber sagen, daß hier Martial in eines andern Namen spreche? — Wenn aber hier, warum nicht auch dort? Und wenn wenigstens eines von beiden, hier oder dort: warum nicht überhaupt an mchrcrn Orten? — Und das war es nur, worauf ich sie bringen wollte. Ob nun aber auch gleich sonach weder für, noch wider die Frau des Martials aus den angeführten Epigrammen etwas zu schließen: so ist es doch wahrscheinlicher, daß er zu Nom keine gehabt, sondern, daß er sich erst in Spanien vcrhcyrathct, als ihn Verdruß und Mangel in seinem Alter wieder dahin zurück brachten. Hier erst fand er eine liebenswürdige Person, die es sich gefallen ließ, noch so spät sein Glück zn machen. Dieser erwähnt er daher auch erst in dem zwölften Bnche, welches er in Spanien schrieb; und erwähnt ihrer da namentlich, und erwähnt ihrer mit so individuellen Umständen, daß man wohl sieht, da allein sey es ihm Ernst gewesen, von seiner wirklichen Frau zu sprechen. (^) Er sagt von ihr unter andern auch, daß sie nie in Rom gewesen: und also halte er sie auch nicht in Rom; anzunehmen aber, daß er dcmohngcachtct mit ihr schon verhcyralhct gewesen, und die ganzen vier und dreyßig Zahrc, die er dort zubrachte, sie in Spanien allein sitzen lassen, das hieße ja wohl etwas sehr unwahrscheinliches annehmen, um etwas sehr wahrscheinliches zu leugnen. (4.) In eine ähnliche Untersuchung anderer LcbcnSnmständc des Dichters, will ich mich nicht einlassen. Zch möchte nach dem Masson, dessen Schrift mir eben nicht bey der Hand ist, wenig Neues vorzubringen haben. Dazu sind das wahre Leben eines (°) l.ili. II. epiA. 49. (") I.il>. XII. ep. 21. II. 31» 484 Vermischte Schriften. Erster Theil. DichtcrS, scinc Gedichte. Nur was vvn diesen zu sage« ist, das allein kann noch jetzt einen wahren Nutzen haben: und die »richtigsten Nachrichten von einem alten Verfasser sind nur in so weit wichtig, als sie seinen Werken zur Erläuterung dienen können. Was und wie viel uns von dem Martial übrig ist, brauche ich nicht zu sagen. Wenn einiges, was seinen Namen ictzt führet, nicht von ihm seyn sollte: so vermissen wir dagegen vielleicht manches andere, das wirklich von ihm war. Ich verstehe unter diesem vornehmlich eine Sammlung jugendlicher Gedichte, an deren ehemaliger Existenz ich nicht sehe, warum Nik. Antonio (°) zweifeln wollen. Er gedenkt ihrer doch so ausdrücklich in dem hundert und vierzehnten Epigramme des ersten Buchs, l^uscouucjuo lull jiiveni8 et puor liuomlam, /^)ina«sjiio noklras, l^uas nee i^ke jain novi, IVIal« collociu'o li Iionns voles Iioi»8, I?t invülolils olio tuo, loetor: ^ Vnlei'Iimo ?ollic> pole? <)uilleto, I^or r^iivm ^iei!r/) IM,. vv»IS, >>. «s. Martial. daß ihn nicht schon mehrere gehabt haben. Ich glaube nehmlich, daß sie nicht so ganz untergegangen, sondern verschiedene derselben noch übrig sind, und nur verkannt werden. Der alte Scholiast des ZuvcnalS führt eine Stelle aus dem Martial an, die sich letzt bey ihm nirgends sindct. Allerdings haben wir sonach den Martial nicht ganz: aber darum auch seine Epigrammen nicht ganz, wie Sknver argwohnet? (") Warum könnte diese Stelle nicht eben in den Zugcndgcdichten gestanden haben, von denen wir gar nichts übrig zu seyn glauben? Doch wenn gerade nur diese davon übrig wäre: so wäre es freylich so viel als gar nichts. Das Mehrere, worauf ich ziele, sind diejenigen acht Epigrammen, mit welchen Iunius seine Ausgabe des Martials vermehrte. Er fand sie in einer Handschrift der bodlcjanischcn Bibliothek; und ohne Zweifel, daß sie in dieser Handschrift an eben den Orten eingeschaltet waren, an welchen sie in seiner Ausgabe vorkommen (""). ES giebt nur wenig spätere Herausgeber dcS MartialS, die sich diese Einschiebsel so völlig gefallen lassen. Am ungestümsten aber stieß sie Sb'rivcr wieder aus; und kaum, daß er ihnen noch ganz am Schlüsse seiner Ausgabe den Platz Vergönnte, no aü^ms vx lu»Ain»l> i»k»I- tis moriaolils et lLi'iuis cleliramonta Iiivo ^roseeta tunt I^uu- «jiiam mv»Iius üclius vatum liadvat o^oitet, «jui itt» talia no» ^>!mo Katim ocloro llvolienclk»t. ^liter catuli vlo»t, uliter kuvs. Wer giebt auf solche kritische Trümpfe nicht gern zu? Wer läßt nicht lieber ein wenig Unrecht über Dinge, die kein Gefühl haben, ergehen, als daß er sich durch ihre Acrlhcioigung den Worwurf eines elenden Geschmacks zuziehen wollte? Aber mag doch mir geschehen, was da will: ich kann mich unmöglich enthalten, über die seine Nase des Skrivcrs eine Anmerkung zu machen. Ich glaube es, daß sie Schweine und Hunde recht gut zu unterscheiden wußte; ich gebe es ihr zu, daß alle die Fch- (°) ^niminl. in Lpvetiic. I>. 28. (°°) Nehmlich IV. 78. VII. »g. too. 101. XII. 7». 101. IVZ. 103. 48K Vermischte Schriften. Erster Theil. lcr, von welchen sie in den streitigen Epigrammen Wind hatte, wirklich darum liegen; kurz, ich habe-für die Nase, als Nase, alle Hochachtung. Aber wer hieß denn ihrem Eigenthümer, mit einer Nase mehr empfinden zu wollen, als man mit einer Nase empfinden kann? Wer hieß Skrivern. mit der sinnlichen Empfindung sogleich ein Urtheil verbinden, und beide hernach mit einander vermengen? Er hat Recht, daß die armen Dinger, denen er den Namen dcS Martials durchaus nicht lassen will, gar nicht sehr witzig sind, daß sie auch nicht immer in einer so guten Sprache geschrieben sind, als man von Schriftstellern der damaligen Zeit noch wohl erwarten konnte, und bey dem Mar- tial wirklich findet: aber folgt daraus, daß sie darum Martial auch nicht gemacht hat? Kann ein Verfasser in seiner Jugend, in seiner Kindheit, nichts gemacht haben, was den Werken seines reisen Alters, weder an Gedanken noch Ausdruck, durchaus nicht ähnlich sieht? So lange man noch unter sich selbst ist, ist man um so viel mehr auch unter seiner Zeit. Sie mußten ja wohl, die Jugcndposscn des Martials, weder viel gute Sprache, noch viel guten Witz haben: sonst wüßte ich gar nicht, warum er sich ihrer sollte geschämt haben? Verhält sich dieses aber so: warum sollte es nicht möglich seyn, daß ein Liebhaber einige derselben, die ihm noch am besten gefallen, in sein Exemplar der Epigrammen eingetragen hätte? Warum sollte es nicht glaublich seyn, daß eben daher Ein Mannskript Zusätze haben könnte, die man in allen übrigen vermißt? Gewiß ist es doch wohl, daß das ausdrückliche Zeugniß eines Manuskripts immer glaubwürdiger in solchen Dingen ist, als der kahle Machtspruch eines KritikuS, der sich auf nichts als auf seine Nase beruft. Damit ich jedoch nicht scheinen möge, alles ans meine eigene Hörner zu nehmen: so will ich anführen, daß es vor und nach Skrivcrn, auch gar nicht an Gelehrten gefehlt hat, welche weit glimpflicher von den Vermehrungen des Junius gcurthcilct haben. So nennt Ramircs ve Pravo das eine Epigramm: / /» t^a , eokiiiun uujxu' Vai-us cuni iorlo voeavit, (IriiAtus cllves. purvula eoona iuit. M.Mial. 487 Hmo, non l?!>jiiI)U8 onoratur mvusa, mliustri ^j>^>ouuut oeulls ^»lurluia, ^>auoa Kiilio. luno o^o, non oculos, toll ventiein z)l>loi«z «la^os, Vare, vol aukl!r »^>os. vloZans vt poota tliZnum. Und Darlh (°) sagt von einem andern: Oe ^/«/o?le. Nil» mi non e5t: peieAie ^lilono pioseolc» ^rva vaeaut: uxor »on minus iuclo j>ar!t. tüur tlt »Zor ^orüis, cur uxor leelilot, eäam: <^uo kocklatur sxer non Iialie^ uxor Ii.idct. ob er es schon selbst für kein Werk des Martials erkennet, erudita tamon Ini^iis I^^iFrammsti« l'entont!» el't. l^am logo puto eautum fuittv &o. Wenigstens, wo ist das Möuchmäßige in diesen zwey Proben? Und was haben sie, das schlechterdings nicht aus der Feder eines jungen Römers könnte geflossen seyn, welcher noch keine Verse machen kann, sondern sich erst im Wersemachen übet? Eben das gilt von den übrigen sechscn; so gar das aller schlechteste In pontieum nicht ausgenommen, weil es doch noch immer der kindische Versuch eines angehenden Epigrammatisten, auch aus einer Zeit seyn kann, in der der mittelmäßigste Dichter eine weit bessere Sprache hatte. Denn, wie ich schon erwähnt, der übende Schüler ist weder seinem Zeitalter überhaupt, noch dem insbesondere ähnlich, wozu er selbst mit den Zahrcn gelangte. Kcincswcgcs aber will ich in dieses gelindere Urtheil auch diejenigen Stücke mit eingeschlossen wissen, mit welchen Sr'rivcr selbst die Zusätze des Iunius vermehrte. Denn in diesen herrscht allerdings viel MönchSwitz, wie ihn kein römischer Knabe, von noch so weniger Erziehung, haben konnte. Dazu sehe ich auch nicht, daß Sk'river sie ausdrücklich sür Epigrammen ausgegeben, die er unter dem Namen des Martials angeführt gefunden. Er sagt blos, daß es Epigrammen sind, die er aus alten Pcrgamcncn, besonders aus alten GlossariiS zusammengeschrieben habe: und dieses hätten die neuern Herausgeber des Martials nicht aus der Acht lassen sollen, welche sowohl jene (°) ä,t>vell, m. XXIU. c»l>, o. 488 Vermischte Schriften. Erster Theil. avthcntischcrcn Zusätze des Zunius, als diese weit verfänglicheren des Skrivers, ohne Unterschied Slartiali akiieta genannt, lind ihrem Autor beygefüget haben. Weit eher könnte ich jetzt selbst jene bessern Stücke mit einem vermehren, welches aus einer sehr alten Handschrist genommen ist, die eine große Anzahl meistens noch ungcdrucktcr Epigrammen verschiedncr lateinischer Dichter enthält. Ich meyne das bekannte Manuskript, welches Salmasius vom Ioh- L.a- kurnöns bekam, und das gegenwärtig in der königlichen Bibliothek zu Paris aufbewahret wird. Von einem Theile desselben hat Gudins eine Abschrift genommen, die sich unter seinen Papieren in der Bibliothek zu Wolfcnbüttcl befindet; und in dieser sehe ich dem Martial folgendes Epigramm zugeeignet, von dem ich nicht wüßte, daß es sonst schon irgendwo gedruckt wäre. Nee volc» me tiimmis soi'tuna nee acipüeet irnis, 8ec! rneälum vitve tempoiet ills Araäurn. Illvlclia exeoltos, inope8 illiuria vexat: (^iisin iolix vivit r^uiscsui's utro^ue carel.! Auch dieses, meyne ich, könnte sich gar wohl aus seinen Zu- gendgedichtcn hcrschreiben, da es nichts als eine feine moralische Gesinnung ausdrückt, von der er in reifern Jahren nicht glaubte, daß sie zu einem Epigramme hinlänglich sey. Vielleicht ließe sich überhaupt die Frage auswerfen, ob nicht ohnedem schon aus den Zugcndgedichtcn des Verfassers mehrere in die Epigrammen übergetragen worden; und dieses in so frühen Zeiten, daß es kein Wunder, wenn sie nach und nach in alle Handschriften gekommen. Wenigstens, wenn Martial zu Ende seines ersten Buchs sagt: <üu! leAllls tat!« non o5t epigi'zmmats eentuw, Nil M tatis ckt, Oseoiliane, msli; dieses erste Buch aber jetzt nicht hundert, sondern hundert und neunzehn Epigramme enthält: so ist es so gar ausgemacht wohl noch nicht, ob er bloß eine runde Anzahl ungefähr angeben wollen, oder ob sich wirklich neunzehn fremde mit cingcschlichcn. Dem letzter» Falle zu Folge dürfte ein Archey-pcm (°), oder (°) I.i>>. VlI. ep. tv. Martial. 48!) eine von dem Dichter selbst durchgesehene und verbesserte Abschrift, der strengen Kritik leicht weit weniger Stoff zum Tadel gegeben haben, als ihr ein Letzt gedrucktes Exemplar gicbct, welches wider seinen Willen mit verschiedenen sehr mittelmäßigen Stücken vermehrt worden, in deren Verwerfung er ihr längst zuvorgekommen war. (Z-) Ich habe oben angemerkt, daß der Buchhändler, welcher die Jugciidgcdichtc des Martials zu verkaufen hatte, Gmnktus Pollius Valcri«nns hieß; daß aber die Epigrammen nicht bey eben demselben, sondern bey einem andern, Namens Alrcb'tus, zu finden waren, wie der Dichter selbst zum Schlüsse des ersten Buches anzeigt Wenn ich nun hinzusetze, daß ein dritter Buchhändler, Namens kLryphon, (der nehmliche, durch den (Quinktilian sein Werk ausgehen ließ) besonders die A5enia und Apophorcta desselben gehabt zu haben scheinet so sollte man fast vermuthen, daß auch schon damals jeder Buchhändler seine eigenen Vcrlagsbüchcr, wie wir es jetzt nennen, besessen, und nicht die ersten die besten abschreiben lassen, die ihm vor die Faust gekommen, und auf die sich ein anderer bereits eine Art von Recht erworben hatte. Sie können auch leicht gewissenhafter unter sich gewesen seyn, als manche ihrer theuern Nachfolger jetziger Zeit zu seyn pflegen. So gar hat es das Ansehen, daß sie bey einem Buche, welches starken Abgang hatte, sich über die verschiedenen Formate von Abschrift verglichen; so daß der eine die großen Abschriften für die Bibliotheken, und ein anderer die kleinen portativen Abschriften besorgte. Ich glaube dieses deutlich in einem Epigramme zu sehen, von welchem ich behaupten darf, daß es kein einziger Ausleger gehörig verstanden hat. Es ist das dritte des ersten Buchs. l)ui tvouin eupis eile meos uvicum^ue liliollos, I^t oomitos loriA!» (juocris üal>orc; vise; II08 eine, huos aretat lirevilius monmi'-um inlivlli«: Loi'illia lla luagnis, uic: munus un» cl>jttt. ZXo lilMon i^uores ulii tun veuul!», et vi-i-cs Di'Iio v-iizus tola: wo tluce corlus vils. (°) üx. ttS. (") l/.I>. XUl. e». 3. Vermischte Schriften, vrsier Theil. I^IIiei'Ium clooti I^ueenlig s^ii!«i'!s; welches letztere nicht von jedem großen Werke, sondern allein von der größer» Ausgabe der Werke des Dichters zu verstehen, die aufgerollt wurde: dahingegen das erstere eine Handausgabe bezeichnet, die aus kleinen entweder zerschnittenen, oder bloß über einander gefalzte» Blättern bestand; nach Art der 'Schrcibtafcln. Und nur mit dieser gab sich der Freygelassene des Sckundus L.ncensis ab: denn wie gesagt, die größere Ausgabe besorgte Arrektus, und vielleicht auch außer ihm Tryphon, (°) weil einer allein ohne Zweifel sie nicht bestreiken konnte. Daß alle diese Leute mit dem Verkaufe der Gedichte des Martials sehr gut fuhren, ist begreiflich, da rr in Rom und außer Rom so allgemein gelesen ward. Sie ließen sich die Exemplare auch theuer genug bezahlen; und ich finde, daß der Dichter selbst dem Tryphon darüber einen Stich giebt. (") in Iioo Ai'iioili xomni'um lui^a liliello, (üonstaliil. numniis c^uiUioi' viuln tilil. <)u!>luoi' est nimium, i>oloi'!t cviistsi'v duolius, Kt. jaoiot luci'um Iiililiopola li^pliou. Ob er für sein Theil von dcm^Gcwinnstc etwas abbekommen, will ich dem zu untersuchen überlassen, welcher Lust hat, die Alterthümer der Autorschaft umständlicher zu erörtern. Zch warne den gelehrten Mann nur, der sich durch diese Arbeit unsterblich machen will, daß er sich vom Siniver nicht noch einen fünften Buchhändler oder Verleger des Martials weiß (°) I/>1i. IV. vp. 7Z. <") l/ili. XIII, ep. 3. Marti.il. 4S1 machen läßt;(") nehmlich dcn Pompesus Aukens, von welchem das flinfzigstc Epigramm des siebenden Buches redet. Es ist klar daß dieser Aukrus ein Rcchtsgclchrtcr war, und ganz andere Geschäfte hatte, als Mit Büchern zu handeln. Er brachte die Epigrammen des Martials auch auf einem ganz andern Wege unter die Leute, als es die Buchhändler thun; und war wohl gar Schuld, daß manches Exemplar weniger gekauft ward. Denn er konnte die erbaulichsten auswendig, so daß ihm keine Sylbe daran fehlte, und ward gar nicht müde, sie dcn Leuten vorzusagen. 8io tenot. i>l)lent«Z8 noktros, oanlal^uo liliollos: 11t pereat ellarl.is litleia null» rriels. Ich weiß gar nicht, wie es Skrivcrn einkommen können, einen solchen Mann in einen Buchhändler zu verwandeln. (6-) . Der Stellen sind ziemlich viele, wo nach meiner wenigem Einsicht die Ausleger den Martial insgesammt mißdeuten. Am gewöhnlichsten geschieht es da, wo von Werken der Kunst die Rede ist, oder gewisse kleine Gebräuche zum Grunde liegen, die sie mit ein wenig Scharfsinn aus dem Dichter selbst hätten errathen können, deren Erläuterung sie aber lieber in andern Schriftstellern, eben so mühsam als vergeblich, aufsuchen wollten. Damit ich dieses nicht ganz ohne Beweis gesagt habe: so will ich nur ein Paar Beyspiele anführen. 1. Eines von der letztem Art sey das zwölfte Epigramm des ersten Buches, welches -Hcralvus unter die allcrdunkclstcii im ganzen Martial rechnet. t.'um tlala liut e^iM Iils s^üna nuiuIl'miUu, liu!U'o Lis lleeies lolus, Kexliliaile, Iiüiis? lam lleloelllet parlimivs cnlcla iuiuitli'08, 81 noii i>ot!N'es, Loxtiliano, morum. Die ältesten Ausleger, als Dommus und Pcrottus, habe» es von der logo rumnwiu-i.i, verstehen wollen, die einem jeden Römer nach seinem Stande vorschrieb, wie viel er höchstens auf eine Mahlzeit verwenden dürfe: doch das ist längst widerlegt. (°) ^Iiimittlvvrl, i» Lvigr, ttli. I. p. 37. 492 Lcrmischtc Schriften. Erster Theil. Denn daß sich Sertilian keiner Unmäßigkcit in seinem Hause, an seinem eigenen Tische, sondern im Theater schuldig machte, erhellet aus dem zweyten Epigramme, mit welchem ihn der Dichter durchzog (°): Lextilirmo liilils, Quantum sulilollia hnlnhuv, 8olus: ac^UÄ totios olirius ello potcs. I^eo oc»ntol?»iiun vioina iiumillU!>!!l taul.urn, ^era 5od u euneis ulloi'lora pells. IVon liseo I^eliAnis ogltur vinclenila pvvells, Dva noe in ?uleis nsteilui' il'ta juAiu. Ivtla tvcl anllf^ui 5olix Lecatui' 0^>!mi, ÜAeiit ot niAros N.islica eella eailos. ^ cau^ior«; lll»i locx lualelana peiatur, 8i ^»lus t>ui»iu cleeics, Loxtiliario, diliis. Lulitollia, emioi, bezeichnen offenbar das Theater. Zm Theater, wie gesagt, war es also, wo Sertilian fünfmal mehr des kostbarsten Weines in sich goß, als für ihn allein, und einen seines gleichen, bestimmt war. Wie nun das? Es ist bekannt, sagen die Ausleger, daß die Kayscr auch wohl im Theater Lporwlas unter das Volk vertheilen ließen; welche L^ortul-o entweder in wirklichen Erfrischungen bestanden, oder in Gelde gegeben wurden, wofür sich jeder bey denen, welche Erfrischungen im Theater feil trugen, kaufen konnte was und wie viel ihm beliebte. Daß das letztere damals geschehen, meynen sie einmüthig, sey klar: denn die Summe werde ausdrücklich benennt, wie viel an Gelde auf eincii. Ritter gekommen; nehmlich tju!»iuv numiknmta. Nur darüber sind sie nicht völlig einig, was diese lj»i»czuatic>nom trefflich den Text liefet, und augenscheinlich darthut, daß sie, ein Numilma für einen Leltc-itius genommen, nicht hundert, sondern hundert und sechzehn Quadranten betragen. Nun will ich gar nicht (°) lUIl. l. ep. s?. Martial. 493 fragen, was der eine oder der andere für ein Recht gehabt, das Numllma eben für einen Sottertms zn halten, und warum, wenn IVumilma eine wirkliche Silbermünze bedeuten soll, nicht eben so wohl ein Denarius oder Viktonams darunter verstanden werden könne: sondern ich will nur überhaupt fragen, wenn die qu'mliuo numitmata, wirkliches Geld waren, mit welcher Stirne konnte Sextilian deren eines oder mehrere, aus der Nähe und ans der Ferne, von andern verlangen? und wer wäre so ein Thor gewesen, daß er einer Saufgurgcl gleich hingegeben hätte, was er ja wohl zu andern Dingen besser anwenden können, wenn er es schon nicht selbst vertrinken wollen, oder können? Noe oonsvll'orum viclna numilmata tautuw, ^.era tsü A vunois ulloi'ioi'!» petis. Dieses ist gerade die größte Schwierigkeit; aber auch gerade das, was die Ausleger am wenigsten bekümmert: nur daß einige die NiMIia in der Angst herbey ziehen, damit sie wenigstens nicht ganz verstummen dürfen. Doch ich will mich bey einzeln Widerlegungen nicht aufhalten, sondern kurz sagen, worinn ihrer aller Irrthum liegt. Es ist falsch, daß die fünf Numitmktta, welche jeder Ritter im Theater damals hatte, fünf wirkliche auch außer dem Theater gangbare Geldstücken waren: es waren nichts als fünf Zeichen, Marken, Zahlpfcnnigc, die sie bey dem Eingänge, oder vorher, erhielten, und gegen deren Wicdcrablicfcruug ihnen etwas Ausgemachtes, hier namentlich Wein, verabfolget ward. Mit einem Worte, es waren 1'esf'!v: und so wie es lollorN fl'umentiN'iiv, oloarise, clvna- ri-L, nummanN gab (°), warum sollte es nicht auch lotsei-N vln-il'!»! gegeben haben? Ganz gewiß; die quinyuo numltmata waren «juln^uo toller!« vinm'Ii«, und dieses ist der einzige wahre Schlüssel zu beiden Epigrammen. Solche ^oksoi-v galten außer ihrer Bestimmung nichts; und wer keinen Gebrauch von ihnen machte, wo er ihn machen sollte, besaß an ihnen auch weiter nichts. Dieses allein macht es begreiflich, wie man im Theater so freygebig damit seyn konnte. Warum sollte (°) rarrenllus »>> Lust, ^ux- c. 4l. 494 Vermischte Schriften, erster Theil. man einen andern nicht darauf genießen lassen,- was man selbst nicht genießen mochte? Hätte sich Scxtilian nur seiner Unmä- ßigkcit nicht zu schämen gehabt: die Zeichen hätte er immer ohne Scham annehmen, auch wohl von seinen Bekannten ohne Scham fodern können. Zu mehrerer Bestärkung dieser meiner Auslegung merke ich nur noch an, daß numilm-t auch bloß für den Stempel, für das Gepräge auf einem Geldstücke gebraucht wird, und daß das Wort tellcia nach keiner Abänderung in das clcgicische Sylbcnmaaß geht, wodurch allein schon Martial gezwungen werden konnte, ein anderes Wort dafür zu brauchen. 2. Zum zweyten Beyspiele wähle ich das ein und fünfzigste Epigramm des achten Buches, in welchem von einem Kunstwerke die Rede ist; nehmlich von einem kostbaren Trink- gcschirre, welches der Dichter von dem Rufus geschenkt bekam, und das er daselbst folgcndcnnaaßcn beschreibt: <)u!s Ial>oi' in jilnala? docti ülvos, anne Alvrouis? Alentorls 1i«e mimus o5t, na, I>»lvclete, tua? I^iveteit null» ealiAine lulea, nee ocllt I5xpIoi'!»torL8 nuliila inalla locos. Vera minus llavo ral eaner ^enlio ^livuani vollere I^Iirvxi tünltus, oli Iine m.illet vecla snille toroi'. II»ne nee (^invnllius tonlor violaveiit, et tu Inle tun nutei vlle, I>v»?e, velis. ^'erZ.i Eremit necorls gcminis ^mor aureus !>Ii?, 1'allllilius tenero lolos al^ ore sonal. 8Ie Uelilvmna?<> gavitus Griene «lelnlnn, I^ngniila non taeitnm ner krela vexlt ouus. Imlinat ezreZium <1Ixnc> milii neetare munus iVon FreAe clv cloruini, teil tuc», Lesle, inanus -- Was ich mit dem allgemeinen Namen Trinkgcschirr benennet habe, war eigentlich eine Schaalc mit einem ganz runden Boden, so daß sie auf diesem Boden nicht stehen konnte, sondern auf den Rand umgestürzet werden mußte, wenn sie ruhig liegen Marlial. 495 sollte. Das ist die Beschreibung wenigstens, die uns Arhenans aus dem Apollovorns von Athen und aus dem ZL>ion)-sms Thrax von einer pliml-t macht ?c>v ?r^^^v« <5^>«^l^xvi^ Tv^xo'K'oit x«l r^xl(5xo'^cxc, !alas fonas in eben so viel XNaulcsclinnc»! zu verwandeln. Doch bey dem allen leugnet er es selbst nicht, was ich als ausgemacht annehme. Und nun Zeile vor Zeile erwogen! (°) i/>>i. xi. svt xuu. vüieeii. (") 4. vilie ^lex. Lev. 496 Vermischte Schriften. Erster Theil. Die ersten zwey, in welchen der Dichter den Meister seiner schönen Schaalc errathen will oder zu wissen verlangt, sollen mich dadurch nicht irre machen, daß sich von dem N7ys, dem M>-ron, und dem Mentor, nur Werke in Erzt oder Silber angeführet finden. Die alten Statuarii waren allgemeine Bildner, und wer in Erzt gießen konnte, der konnte gewöhnlich auch in jeder andern Materie arbeiten. Nom PolMct wenigstens finden sich, eben sowohl Werke in Stein als in Erzt, bey alten Schriftstellern genannt. Wenn also schon diese Zeilen nichts für mich beweisen, so bin ich doch auch ganz ruhig, daß sie im Grunde nichts gegen mich beweisen können. Vielmehr ist es billig, daß sie sich in ihrem Sinne nach den übrigen Zeilen bequemen. Gleich die zweyte und dritte nun; Iiivel'eit nulla onliglnc: sutcg, neo mlit üxploiatorvs nuliila mall» ioeos: wie ist es doch immer möglich, daß man die vom Golde verstehen kann? Wie kann Gold rmnila mafia heißen? Wie kann man vom Golde sagen, daß es nulla esIiFine luleum sey? Wie kann man sagen, daß ein goldenes Gefäß das Feuer nicht zu scheuen habe? Nudila mulla kann schlechterdings nur von einer Masse gesagt werden, die weder ganz undurchsichtig noch ganz durchsichtig ist; nur von einer Masse, durch die wir die Gegenstände gleichsam wie durch einen Nebel erblicken, dergleichen alle Hornstciiic in ihren klaren Stellen sind. Auch kann das Gold im Schmelzen durch keinen Rauch etwas leiden; und wenn es noch so unscheinbar aus der Kapelle kömmt, so ist es doch gar bald polirct, und Färb und Glanz werden an einer Stelle, wie an der andern. Ein goldenes Gefäß aber zu probircn, wer in der Welt wird es in den Schmclztiegcl werfen, wenn er sein Gefäß nicht am längsten will gehabt haben? Hat man denn sonst kein Mittel zu erforschen, ob das Gold lauter und rein, oder mit Zusatz verfälscht sey? So wenig alle diese Ausdrücke aber auf das Gold passen, so vollkommen passen sie hingegen auf eine schöne Stcinart, die an allen Stellen das Licht in einem gleichen Grade durchläßt, ohne dichtere Flecken zu haben, wo es fast ganz undurchsichtig ist. Auch nur von einer Stcinart gilt es, daß sie die Probe des Feuers nicht zu scheuen Martial. 497 hat. Denn es ist gewiß, daß eine wahre cdcle Stewart einen höhern Grad des Feuers aushalten kann, als irgend eine Komposition. Und dessen, daß die Masse der Schaalc keine Komposition, sondern echter natürlicher Stein sey, konnte der Besitzer auch höchstens nur versichert zu seyn verlangen; wie auch sich wirklich versichern, wenn er sie mit der gehörigen Behutsamkeit einem Feuer ausstellte, dem keine Komposition, ohne Nachtheil an Klarheit und Farbe, Widerstand gehalten hätte. Der fünfte Ncrs ohne Zweifel war der verführerischste: Vera minus tlavo radiant olevlra molallo. Es fragt sich: was sind hier die vora klectra? Zst das eigentlich so genannte Erdpcch, der Bernstein, das Succ'mum, und wie es sonst heißt, damit gcmeynet? oder sollen wir die Art Goldes verstehen, die wegen ihrer blaßgclben Farbe den griechischen Namen des eben so blaßgelben Bernsteins bekam? Die Ausleger behaupten: das letztere. Denn, sagen sie, auch von diesem Elektrum gab es zwcycrlcy Sorten, eine natürliche und eine nachgemachte. Sie beruffcn sich deshalb auf das Zeugniß des Plinins, gegen welches nichts einzuwenden ist.(°) Omn! auro mvtt argontum vano nonäoro. — Düleunyuo rjuiuta argvati vor- tlo ett, oloetrum voeatur. — I?it et cura oloetrum arzonto aclclito. Von dieser zweyten nachgemachten Sorte, meynen sie, sey die Schaalc gewesen; und Martial habe in den Worten, Vera minus llavo raüm»t vlc-elra metallo, von ihr rühmen wollen, daß sie dcmohngcachtct an der erforderlichen Farbe dem natürlichen Elektrum nichts nachgegeben, oder ihm wohl gar noch vorzuziehen gewesen. Das alles klingt recht gründlich und gut; und gleichwohl ist es so viel wie nichts. Denn man sage mir doch nur, wie es möglich ist, dem Golde, welches ein Fünslheil Zusatz von Silber hat, es anzusehen, daß es diesen Zusatz von Natur habe, oder daß er ihm durch die Kunst ertheilet worden? Man sage mir doch nur, woher zwischen dem Golde in dem einen Falle, und dem Golde in dem andern Falle, der geringste Unterschied kommen könne? Feines Gold ist feines Gold; und ein Fünfthcil Silber ist in der Hand der Natur nicht mehr und (°) X-U. II>s>. Mi, XXXlll, e> 4. LcslingS Werke vm. 498 Vermischte Schriften, erster Theil. nicht weniger, als in den Händen der Kunst. Zch begreife auch nicht, wie beide Stücke die Eine inniger vermischen könne, als die Andere; da sich die Natur selbst keiner andern Hülfsmittel dazu bedienen kann, als die Kunst von ihr entlehnet. Zch weiß wohl, daß Plinius dem natürlichen Elcktrum, dem Golde, welches die Natur selbst mit einem Fünsthcil Silber vermischt hat, eine Eigenschaft zuschreibt, die er dem künstlichen Elcktrum sonach abspricht, weil er sie namentlich nur jenem beyleget, (juoä ott nativum, sagt er, et vonens, äe^rvlioinlit. Aber die Sache würde nicht sehr wahrscheinlich seyn, wenn sie auch schon nicht, durch die ungereimte Unterscheidung zweyer Dinge, an denen nichts zu unterscheiden ist, noch unwahrscheinlicher gemacht würde. Grillen, die kaum der Widerlegung werth sind: denn kurz, vora vloctr» sind dem Martial allerdings hier eigentlicher wahrer Bernstein, wahres Elcktrum; und nicht jene bloß so genannte Mischung Goldes und Silbers. Daß er aber von dem Bcrn- steinc sagt, tlsvo racliat mvwllo, das hat freylich alle diejenigen verwirren müssen, welche nicht wußten, oder sich nicht crinncr- tcn, daß die Lateiner das Wort Netallum nicht bloß von denjenigen mineralischen Körpern brauchen, von denen wir es letzt brauchen, sondern mehrere kostbare Massen, die aus der Erde gegraben wurden, damit belegten. So nennet Martial selbst, den laconischcn Marmor, welcher auf dem TaMtus gebrochen ward, grünes Metall: (*) Illie l'a^geU viront lnowll». Za, wenn dieses und mehrere ähnliche Exempel auch nicht wären, warum könnte in unserer Stelle das llavo motallo nicht auch bloß von der Farbe des gelben Metalls verstanden werden? Und wenn Martial in diesem Verstände sogar von der gclblich- tcn Wolle der spanischen Schafe sagen dürfte: Voller» nalivo pallont ulii üava iiivlglla; lediglich mit Beziehung auf die Farbe des kostbarsten aller Metalle: warum hätte er nicht auch von dem Bernsteine sagen dürfen: VeiÄ minus llavo r-ttlianl oleetiÄ melallo; (°) l.i„. VI. »p. 42, («) ix. °i>. «s. KWWWS Martial. ohne daß darum Wolle Wolle, lind Bernstein Bernstein zu seyn aufhören müßte? Ich komme auf die sechste Zeile, in welcher ebenfalls ein zwcydcntigcs Wort vorkömmt, dessen falsche Auslegung den Irrthum bestärken müssen. I5t oivonm lvüx puktula vineit ir. puttula heißt eigentlich jede kleine Entzündung, die sich auf der Haut äußert; ein Blatter, eine Maser, und dergleichen. Weil nun aber so eine Blatter, oder Maser, über die Haut hinaustritt, so sind einige Ausleger der Meynung, daß hier unter jiuktula die erhabenen Figuren der Schaalc verstanden würden. Andere aber ziehen das arZvotum puttulatum hierher; ohne uns jedoch zu sagen, was es hier soll. Soll die Schaalc selbst von diesem feinsten Silber gewesen seyn: wie war sie denn auch zugleich von Elektrum? Sollen aber nur die erhabenen Figuren daraus gewesen seyn: wer sieht denn nicht, daß diesem der Dichter selbst ausdrücklich widerspricht, wenn er weiterhin den schönen goldgelben Bock beschreibet? Eben dadurch werden denn auch die erstem widerlegt. Denn wenn hier von den erhabenen Figuren, von der nuttula, gesagt wird, daß sie das Hclfcnbcin an Weiße übcrtroffcn: wie können sie denn dort als goldgelb angegeben werden? Genug der Widerlegung: der wahre Verstand ist dieser, puttula schließt nicht nothwendig den Bcgrif der Erhöhung in sich, sondern heißt auch oft weiter nichts als ein bloßcr Flcck; wcitcr nichts als das allgemeinere maeula; eine Stelle, wo die Farbe eines Dinges durch eine andere Farbe un- tcrbrochcu wird. Beides ist eben das, was bey dem Plinius auch vorrue-v heißen: und so wie Pliuius maeuliv und vc-nuc-r verbindet, wenn er von den Edelsteinen sagt, daß sie nach Verschiedenheit derselben verschiedene Namen bekamen; so nennt er auch ähnliche Flecken oder Mackcln, besonders in den künstlichen Steinen, ausdrücklich ^uttulas , als die in solchen von einem verfangenen Luftbläßchcn entstanden zu seyn scheinen. Und (°) ^v»t> 7/i/ü. /-'S. ^ .vVc. 12. nwtl vero meiuiuissv convs- niel, increleviilwu» vniiv »lilculi-i nc verruviü - - mulari ss-pius iionüiiit i» eiulvm ploiumiuw mnwliii, c»/»> 13. I?!>vlitiis puktuliv in pro- kumlu !>pv»rent. 32« .100 Vermischte Schriften, erster Theil. was kann nun deutlicher seyn, als daß der Dichter sagen wollen, der kostbare gelbliche Stein, aus welchem die Schaalc geschnitten, habe einen sehr glücklichen weißen Fleck? Aber, wird man fragen, warum glücklichen? Fast erweckt es Mitleiden, wenn man höret, was die Ausleger darauf antworten. ?elix puttula n'icitur, vvl yuocl tolieiter et inFvnIokv öltet ela- dorsta, vol yuoä nottruin povtani Iivsret. Nicht doch! diese pu- stul» hieß glücklich, weil die Ausleger so glückliche Muthmaßungen einmal darüber haben sollten. Ernstlich von der Sache zu sprechen, glaube ich, das Glückliche dieses Flecks in den folgenden Zeilen zu finden: Uateria; non oeüit onus: tio alliAat oi-Iiein l^lin-inn» cuin tola lamn-nle I^una intet. Wie kömmt der volle Mond aus einmal hierher? O das wissen uns die Ausleger auf so viclcrlcy Art zu erklären, daß wir die Wahl haben. Die gemeinste ist, daß die Schaalc die Figur des vollen Mondes gehabt habe. Und wem das nicht genügt, dem giebt Räder zu bedenken, ob nicht vielmehr — Zch muß seine eigenen lateinischen Worte hcrschrcibcn; denn ich weiß sie wahrlich nicht zu übersetzen — ^.n notius clauält (7«n^ ordem ^liialiL eieculo eloganti^ue vmulematv? an imnlet et encinüt? — Wie oft beneide ich die gelehrten Männer, welche Lateinisch schreiben; denn sie allein dürfen so etwas hinsetzen, wobey kein Mensch etwas denken kann. Man urtheile, ob sich mit meiner Auslegung noch eher ein Begriff verbinden läßt. Zch meyne nehmlich, daß wirklich ein voller Mond auf die Schaalc gc- schnittcn gewesen; und daß der Künstler eben jenen weißen Fleck, eben jene tollx nuktula zu diesem vollen Monde genutzt hatte; so daß eben durch diese Nutzung, eben durch diesen glücklichen Einfall des Künstlers, den blassen vollen Mond daraus zu schneiden, der Fleck selbst ein glucklicher Fleck gencnnt zu werden verdiente. Wie viel dergleichen glückliche, oder glücklich genutzte Flecke, es auf alten besonders erhaben geschnittenen Gemmen giebt, ist bekannt. Und hiermit breche ich ab, da sich die übrigen Zeilen von selbst erklären. Martial. 601 A« ander» Stellen haben die Ausleger den Sinn des Dichters verfehlt, weil, ihn nicht zu verfehlen, wenigstens etwas von einer Eigenschaft crfodcrt wird, die ihnen leider noch öftrer abgeht, als Scharfsinn: ich meyne, feines Gefühl. Wer sollte z. E. glauben, daß folgendes kurze Epigramm, welches die Leichtigkeit und Deutlichkeit selbst zu seyn scheinet, noch bis auf den heutigen Tag nicht richtig genug erkläret worden. (°) <)ui älicl8 vullus, ei, non logls ist!» ülienter, OnniIIius iiividoas, Ilvi^e, nomo Aber wie ist das möglich? wird man fragen. Was ist da viel zu erklären? was kann noch mehr darum stecken, als die trockenen Worte besagen, welche die ganze Welt versteht? Martial wünscht, daß der, welcher dieses nicht gern liefet, und ein höhnisches Gesicht darüber ziehet, alles beneiden möge, ohne von jemanden in der Welt beneidet zu werden. — Sehr recht! Aber wie steht es denn mit dem dieses? worauf geht denn das INa? Was ist denn das, was der Dichter, bey einer so hohen Verwünschung, durchaus ohne Mißgunst und Hohn will gelesen wissen? Neun Zchnthcilc der Ausleger thun, als ob sich das ja wohl von selbst verstünde; und das Eine Zchnthcil, welches sich ausdrücklich darüber erklärt, versichert im Namen aller, daß unter dem itta Martial seine eigenen Epigrammen überhaupt verstehe. Denn was wohl sonst? — Wahrlich, schlimm für den Martial, wenn sich sollst nichts darunter verstehen läßt! Denn sage mir doch, wer nur einiges Gefühl hat, was für ein Geck der Dichter seyn muß, der durchaus verlangt, daß man seine Verse mit Vergnügen lesen soll; der durchaus nicht leiden will, daß man auch nur eine Mine darüber verzicht? Und was für ein bösartiger, unmenschlicher Geck er seyn muß, wenn er gar allen, die keinen Geschmack an seinen Versen finden, das Schrecklichste dafür anwünschcn kann, was sich nur denken läßt? Gewiß, so ein Geck, so ein bösartiger Geck war Martial nicht: ja, wenn er es auch im Grunde gewesen wäre, glaubt man wohl, (°) Dill, I, Lp, 4l. 502 Vermischte Schriften. Erster Theil. daß cr sich dafür bloß gegeben habe? Es ist sonderbar, wie er gerade da eine so kleine citele Rolle spielen muß, wo er ganz von Freundschaft und Bewunderung fremder Tugenden überfloß? Denn mit einem Worte: das itta beziehet sich einzig und allein auf den Inhalt des nächst vorhergehenden Epigramms, in welchem er seinem Freunde dem Decianns ein so seltenes Lob ertheilet, daß cr, nicht seine eigenen Verse, sondern dieses Lob gleich darauf gegen den Neid sichern zu müssen, selbst für nöthig erachtete. Man lese nur: 8i hui« oi'il, i'aros iutor nuuivravclus amioos, s>ualo8 jii'Iloa liiles, j!>m»lsue novit, l»ius: 8j lMs t?Loi'ovise mittliiliis I^Iivehue Maervoe ^riivus, et veia limnlicitate Konus: 8i c^uis orit leeti euKos, imitatoi' IwueKi, üt niliil aioano c^ui loget orv lleos: 8i k^uis eilt mkignoe luvm'xus rovoio mentis. Dituoream, li noii lüe DLeisiius orit. Und nun verbinde man hiermit so fort das folgende; und urtheile selbst. ()ui clueis vultus, vt uoii IvAis ilta liueutei', dmiiluus invideas, livitle, nomo til>i. Sollten Leser, die sich nicht sehr um den Martial bekümmert haben, wohl glauben, daß die augenscheinliche Verbindung dieser zwey Epigrammen unter sich, schlechterdings noch von keinem Ausleger bemerkt worden? Was durch Gelehrsamkeit in den alten Dichtern zu erklären stehet, das ist uns, die wir jetzt leben, ziemlich vorweg genommen. Aber auf mein Wort: von dem, was sich in ihnen bloß durch Geschmack lind Empsin. dung erklären läßt, ist uns noch manches übrig gelassen, was wir zuerst bemerken können. Ich weiß nicht, ob ich hichcr auch die unzulängliche Erklärung eines andern kurzen Epigramms rechnen darf, das so oft nachgeahmt, so oft übersetzet worden. (") ?>iupilem> ^am tv ll alltüetum mitlitt, tuiilonlia eam^ci, Vehilllo iAiioial, ljuod level^ vnlo 0!>^>»i. Das Zeugniß ist klar und deutlich; und was wir daraus lernen, hat auch sonst seinen Nutzen, indem wir sonach zugleich die Ursache erfahren, warum die VvhMonv« in dem römischen Rechte für unehrlich gehalten worden, welches ihnen als bloßen Todtcngräbcrn schwerlich hätte begegnen können, und daher immer sehr fremd geschienen. (8.) Ucbcrhaupt fehlt cs uns noch gar sehr an cincr recht guten Ausgabe des Martials. Die vom Farnabiue, und besonders so, wie sie Scbrevel vermehrt hat, von 1ti66, ist noch immer die 604 Vermischte Schriften, Erster Theil. beste Handausgabe, und derjenigen weit vorzuziehen, welche Vin- centins Rollesso, zum Gebrauche des Dauphin, 4680 besorgt hat. Wenn man alles so ziemlich beysammen haben will, was über den Martial geschrieben worden, so muß man, außer der Ausgabe deß Raverns, noch die Pariser von 1617 bey Mich. Sonnius in Folio, und die Skriversche von 1619 in Duodez, zu bekommen suchen, welche beide letztem die Anmerkungen von nahe zwanzig verschiedncn Gelehrten enthalten. Es ist nur Schade, daß wir das Beste, was in ihnen zerstreuet ist, nicht in einem vollständiger» und beurtheilendem Auszuge, als Far- nabius und Schrcvcl davon gemacht haben, besitzen sollen; und daß kein Nurmann oder Lotte den ganzen Text des Dichters gegen gute Manuskripte neuerlich verglichen, als woran es ihm noch immer sehr nöthig ist. Sollte sich noch ein fleißiger Mann finden, der sich dieser Mühe zu unterziehen Lust hätte: so zeige ich ihm hiermit an, daß die fürstliche Bibliothek zu Wolfenbüttel vier Handschriften vom Martial besitzet, wovon drey auf Pcrgamen sind. Doch nur eine, die aber an vielen Stellen sehr verloschen, ist von etwas beträchtlicherm Alter: denn die andern beide sind aus der ersten Helfte des fünfzehnten Jahrhunderts, und scheinen entweder eine von der andern, oder beide von einer und der nehmlichen dritten abgeschrieben zu seyn; so sehr stimmen sie in allen Stücken übcrcin. Das eine dieser gleichlautenden Erem- plare ist deswegen mit merkwürdig, weil es dem Antonius Pa- normita gehört hat, der es von seinem Freunde dem Anrispa geschenkt bekommen, wie am Ende desselben durch die Worte ^ntoni panlioi'mitiv lilior: ^uiih,-e äonum angezeigt wird. Zum Schlüsse des andern steht: 8cr!ptum Ferrari»; per manu« Hioo- cleiiei Nieolai Werken dv ^Vl»livul)rovlc. ^nno llomini noltri ^etu ciuitti 144«. Zch kann aber, die Wahrheit zu sagen, von allen diesen drey Handschristen auf Pcrgamcn, so wie auch von der vierten auf Papier nicht viel Rühmens machen, Sie haben fast durchgängig die Lesarten des Domilius, und ganz eigene, welche Aufmerksamkeit verdienten, sind sehr dünne gcsäet. Eine und die andere ist mir jedoch in die Augen gefallen, die ich ohne Martial. 605 Bedenken in den Text aufnehmen würde. Z. E. in dem neun nnd dreyßigsten Epigramme des neunten Buchs; auf einen geschickten Balansircr, (Vontilatoi) welcher ein kleines rundes Schild in die Luft warf, und es jedesmal mit vcrschicdncn Theilen seines Körpers in der Balanse wieder aufsing. Von diesem sagt Martial, in allen gedruckten Ausgaben: 8unima liaet velox, ^.gattüno, porieula luck.is, I^oii tarnen oslloles, ut tibi parma caclat. I^olentoin lecruitur — — — — — — — — Mir ist von jeher das poricula luclas verdächtig vorgekommen. Denn perieula luclvriz mag nun heißen sollen, so viel als eum periculo lucloro, oder so viel als cootomnorv ^or'ieula, ot poriocle lullere parma, ac H nnllum oskot catus porieulum; Wie es uns die allzugütigen Ausleger freystcllcn: so streitet doch, das eine sowohl als das andere, ganz mit dem Sinne des Dichters, welcher es durch einen eben so witzigen als dem Künstler schmeichelhaften Einfall verneinen will, daß viel Gefahr und Kunst bey dem Spiele sey, indem das Schild ihm wider Willen nachfolge, nolc-litom le«iu!tui-, und sonach mehr Kunst dazu gehören würde, ihm auszuweichen, es fallen zu lassen, als es zu fangen. Nun lesen drey von unsern Manuskripten anstatt perleula luäas, deutlich und klar pcrleula lauäos: und ich bin völlig versichert, daß diese Lesart die richtigere und wahre ist. Ich verstehe das porlcula laucles nehmlich so, daß dergleichen Künstler, wie sie cs noch thun, mündlich die äußerste Schwierigkeit ihrer Kunststücke anzupreisen pflegten; und würde daher die ganze Stelle übersetzen: „Rühme nur, gewandter Agathin, wie viel Gcfahr- „niß bei deiner Kunst sey! Es steht ja doch nicht in deiner „Macht, das Schild fallen zu lassen; cs verfolgt dich wider „Willen, u. f. w. Auch besitzt die Bibliothek ein Exemplar der grutcrschcn Ausgabe des Martials, zu welcher Salmasius einiges an den Rand geschrieben. Und ob Salmasius schon selbst das Beste davon hin und wieder in seinen Werken, besonders in den IZxoicit. ?lin. angewcndt hat, woraus cs hernach Schrevcl in seine Ausgabe übergetragen: so dürfte doch wohl noch cine kleine gute Nachlese zu halten seyn. .506 Vermischte Schriften. Erster Theil. Ich schließe diese Rhapsodie über den Martial mit einer litterarischen Anmerkung über ein Paar Uebcrsetzcr desselben; in Meynung, daß ich wohl jemanden ein vergebenes Nachschlagen damit ersparen könnte. Martial hat das Glück gehabt, sogar in das Griechische übersetzt zu werden. Nicht zwar ganz; auch nicht von wirklichen Griechen, wenn es schon nur von den spätern wäre, dergleichen den Zul. Cäsar, den Eutropius, den Sittenlehrcr Kato, in ein Griechisches übertrugen, das nun freylich nicht das Griechische des Thucydidcs, des Xcnophon, des Thcognis ist. Sondern die dem Martial diese Ehre erwiesen, waren Gelehrte des vorigen Jahrhunderts, die ihn aus einer erlernten Sprache in eine andere erlernte Sprache übersetzten. Will man eine dergleichen Arbeit mehr für eine Schulübung, als für die anständige Beschäftigung eines wahren Dichters halten: so habe ich nichts dagegen. Aber es giebt Männer von sehr berühmten Namen, die zu ihrer Zeit mit dergleichen Schulübungcn sehr viel Aufsehens machten. Der vornehmste derselben ist ohnstreitig Ioseph Skaliger. Im Bette, bey schlaflosen Nächten, ohne Licht und Bücher, wie er selbst sagt, übersetzte er vor langer Weile diejenigen Epigrammen, welche er auswendig wußte: und so entstand das griechische xiorilvAium Nartialis, welches Is Rasaubonus, zu Paris 1607, zu erst heraus gab. Es enthält das dem Martial beygelegte eine Buch von Schauspielen ganz, das drcyzchnte und vierzehnte Buch fast ganz, und von den übrigen zwölf Büchern eine ziemliche Anzahl. Kasaubonus rühmte die Zierlichkeit dieser Uebersctzung außer alle Maaßen, und sie war ihm ein Werk, yuo llv ^tKenN ipti« magis ^ttic-v. Gleichwohl hat, hundert Zahre nachher, ein Mann, der sich lange nicht weder ein Skaliger noch ein Kasaubonus dünkte, ausführlich gezeigt ("), daß sie voller Schnitzer wider die Quantität, voller Barbarismen und Solöcismen, voller andern Fehler sey, die zu entschuldigen dem Verfasser und dem Herausgeber hätte schwer fallen sollen. (°) Nehmlich Monnoye, iu seiner Ausgabe der lUi-naxiniii,, iv i. vag. »SS-336. L>M> äv Paris. Martial. 607 Und hierauf, dciikc ich, konnte jeder auch schon voraus schwören, der noch so wenig von der Sache verstand. Da mau diese Nachtgcburthcn des Skaligers der großen Pariser Ausgabe des Martials einverleibet hat, so habe ich lange in dem Wahne gestanden, daß sie allda weit vermehrter zu finden wären, als irgendwo. Endlich habe ich entdeckt, daß diese vcrmcyntc Vermehrung eine bloße Nachlässigkeit desjenigen ist, der benannte Ausgabe des Martials besorget hat. Denn was sich darum an griechischen Übersetzungen mehr findet, als in dem riorlleAlo stehet, das gehöret nicht dem Skaliger, sondern dem Fr. N7orellus, dessen Namen man zum Unterschiede ein jedesmal beyzufügen, nicht hätte unterlassen sollen. Kaum daß noch Morellus in dem vorgesetzten allgemeinen Verzeichnisse der genutzten und eingeschalteten Ausleger, genannt wird: in dem Werke selbst ist seiner nirgends gedacht, welches außer dem Antonios") schon manchen mag befremdet haben. Es hatte aber XNorellus seine griechischen Übersetzungen, noch vor dem Skali- gcr gemacht, und sie, auf zwey einzeln Bogen in Quart, wie ich vermuthe um 1Kl)0, aus seiner eigenen Druckcrey ausgehen lassen. Weil ich diese Bogen selbst, die eine große Seltenheit sind, vor mir habe, so will ich, weitern Irrthum zu verhindern, in der Note alle die Epigrammen angeben, die sie enthalten, und die aus ihnen unter dem Namen des Skaligcrs in gedachte Ausgabe des Martials gekommen sind. Zn geringerer Anzahl haben der ältere Dons«, Emanuel ;Narrinns, Menage und andere, martialische Epigrammen in das Griechische übersetzt. (°) Mlil. IM», vol. l, e, (°°) Es sind folgende: I.U-. Spvcl. lt.) (5.) (8.) Lp. l.ib. I. («.) 10. 17. 48, 111. (112.) 113. I.ib.II. 3. 13. 15. 18. 19. 73. I.ib. III. 10. 12 21. 73. 88. I.Ui. IV. 9. 47. I/i>i. V. 41. 44. 54. l.id. VI. 43. 53. 87. I.il). VII. 42. 48. S6. 75. l.il>. VIII. 1. S. 19. 27. 29. 35. 49. «9. 74. I.Ui. IX. 11. 47. «3. X. 4. 43. 47. 54. I.i>>. XI. 18. «8. 69. 90. 104. !.il>. XII. 10. 47. I.i». XIII. (59) (70) (78) I.W. XIV. 38. Die in Haken cingcschloffcnc» fehlen aber i» der Ausgabe des Martials, weil es solche sind, die Skaligcr gleichfalls übersetzt hatte, und man sich mit dessen Einer Ucbcrsctzung begnüge» wollte. Nur I. 112. und XIII. 76 fehlen dennoch auch, ob sie schon Skaligcr nicht iibcrscht halte. 6,18 Vermischte Schriften. Erster Theil. Was die Übersetzungen in neuere Sprachen anbelangt: so glaube ich, daß die französische die einzige ist, die eine ganz vollständige ausweisen kam,. Und zwar eine doppelte, eine in Prosa und eine in Versen; und diese doppelte noch dazu von einem und eben demselben Manne. Doch da dieser Mann der Abt Marolles ist, so fällt alle Ursache weg, die Franzosen darum zu beneiden. Einzelne Stücke sind die Menge auch in alle andere Sprachen übersetzt worden, denen es nicht ganz an Poeten fehlet. Daß sich eine ziemliche Anzahl spanischer Übersetzungen, von einem iümanuel Ve Salmes, in des K.orenzo Gracian ^rto äc-Ingenio finden, merke ich deswegen an, weil sie sich der Kenntniß sowohl des Antonio und Velazque;, als, welches eben so sehr zu verwundern, unsers mit der spanischen Litteratur so genau bekannten Ucbersctzers des letzter», entzogen zu haben scheinen. IV. P r i a p e i a. Ist es wohl noch vergönnt, so wie es ehedem mehr als einem ernsthaften Manne vergönnt gewesen, zur kritischen Berichtigung dieser unsaubern Thorheiten einige Zeilen zu verlieren? Doch warum nicht? Da sind sie doch einmal: und besser ist überall besser. Kann sich hiernächst kein Arzt mit Schäden beschäftigen, ohne seine Einbildungskraft mit dem Orte, oder den Ursachen derselben zu beflecken? Ich habe ein Paar Handschriften von ihnen überlaufen, in welchen ich verschiedene bessere Lesarten angetroffen, als in den gedruckten Ausgaben sämmtlich zu finden. Ich denke, daß hier gerade der rechte Winkel ist, in welchen ich so etwas, auf Nothfall des Gebrauchs, hinwerfen, oder in Entstehung alles Gebrauchs — wegwerfen kann. 1. Die eine dieser Handschriften ist hier in der fürstlichen Bibliothek, und führet den Titel: pudlii VirFlIii IVIaronis t?o vita et moildus I^mnlaconvrum lidor. Sie ist auf Papier, und kann nur kurz vor Erfindung der Druckcrcy geschrieben seyn. So offenbar fehlerhaft sie an vielen Stellen ist, so hat sie doch wiederum andere, an welchen in ihr auf einmal ein Licht auf- Priapeia. 609 gehet, nach dem sich die Scioppii vergebens umgesehen. Eine Probe sey das fünf und siebzigste Gedicht. I^tax««. OlnI^uis, natlneoe, cniilk mv fnectatls oeollis? Non ttal^ in iiiZuiiiilius montnla tenta inols. <)>ico tamon oxaniinis nuno vtt, et inntile liAvum: Iltiüs Ilsec, ararn II orit. Es ist sonderbar, das Priapus einen Altar verlangen sollte, nnd zu so einem Behufe: ^.ram ti cloäentis. Zhm war um ganz andere Huldigungen zu thun. Scioppius glaubte daher, das? man arao ti äl-cloritls dafür lesen müsse. Ita logo, sagt er, kniia, ox altora loctiono bonurn Konsum vruorv no^ulvi. Iltilis orit, ki vam in aram uktulanclam claditis. Lock noo noe miki /'stisfiteit. Za wohl taugt auch das nicht; oder vielmehr es taugt noch weniger. Ein einziger Buchstabe giebt dem Dinge eine andere Wendung. Man lese nehmlich, anstatt sram, nrram oder ariliam, so wie das Manuskript will: und auf cimnal ist Sinn und Witz wiederum da. Priapus nehmlich will eben das sagen, was Martial der alten PhylliS sagte, dessen Epigramm an sie hier der beste Kommentar ist. (*) L1anc>ili!>8 nelvis: clalio, lliv, iilii millln cenluin. üt «lalic» 8outlui jugeva oulla toli. ^ooino vina, «lomnin, nucros, clu^lentlela, inonli>8: IXil onus ekk — — — Ans eben diesem Manuskripte könnte ich auch ein ganzes noch nngcdrncktcs, zwar nur einzeiliges, Epigramm a,l rinonclam, sniomnäo clouoat 5orv!io priano mittheilen, welches sich zwischen dem zwey und drcyßigstcn und drey lind drcyßigstcn bcstndct: doch was von dieser Art nicht schon bekannt ist, soll es durch mich gewiß nicht werden. Und dazu ist es so plump! 2. Die zweyte Handschrift, mit der ich, vor länger als zehn Jahren, eine leere Stunde verdorben, ist unter den rhc- digerschen Manuskripten der Bibliothek des Gymnasii zu St. Elisabeth in Breslan. Auch diese liefet manche Zeile viel schmcidigcr, und dem Verstände gemäßer: wovon ich nur ein Paar Beyspiele geben will. (°) Xl. ep. so. 610 Vermischte Schriftein Erster Theil. t?a?'ine?l ^kk^. aci ^ualivus Ilinpomenes ravuit 8o1wenei>la nomis: ^)lialibu» Iletneiiäum uouilis Iic»tu8 eiat: <)nalla erecliliile^ elt l'»atil»ntein ruie naierno Niwlieaam pleno s-rve tulllke linu: t^uitlo suit malllm, c^uocl liteia «iuxit ^eonti, <)iia leew, cuviclo paeta nuella viro ett: laliaeumizue puoi' äominus iloien^is »Aelli Imjiotuit menloe, nuäe ?iÄne, tuse. Hier ist von sehr schönen Acpfeln die Rede, die mit den schönsten ans dem ganzen Fabelrciche verglichen werden. Wie schickt sich mm zu diesem das taliaeunrjue, da eunyue gemeiniglich etwas Verkleinerndes bey sich hat, wie Denrley über den Horaz anmerkt ("). Scioppius sahe sich daher auch gedrungen in seinen Anmerkungen zu sagen: 70 cunyue ir-^-^xxi. Aber was ist so ein ür-xpxX-xxt anders, als die gelehrtere Benennung eines Flickworts? welches wir uns hier ersparen können, wenn wir mit dem rhcdigcrschcn Manuskripte lesen wollen: lalia k^uiiif^uo vuer lloininus llorenti» aAelli >. vi. Priapcia. 611 rhcdigcrschcn als wolfcnbuttelschcn Manuskripts vollkommen so licsct. Es ist auch nothwendig, daß man so lesen muß: denn vvrnacula voma waren es ja wirklich nicht, sondern sollten es nur bedeuten. 3. Daß Fr, Aindenbrncl? den sogenannten Anhang des Nirgils, mit Jos. Skaligers und seinen Anmerkungen herausgegeben, ist bekannt. Aber das ist nicht bekannt, daß er eine zweyte, verbesserte und vermehrte Ausgabe davon zum Drucke fast fertig gehabt, wovon das Exemplar, in welches er seine Verbesserungen und Vermehrungen eingetragen, in hiesiger Bibliothek befindlich. Auch er hat darum die Priapcia mit einem Manuskripte verglichen, und mancherley Lesarten bcygcschricbcn, deren aber die meisten offenbare Schreibfehler sind; wenigstens ist keine einzige darunter, die ich mit meinen vertauschen möchte. Warum sonst spätere Herausgeber völlig ausgemachte Dinge nicht nutzen wollen, um uns den Text dieser Kleinigkeiten, die vollends des Lesens nicht werth sind, wenn man sich erst den Kopf darüber zerbrechen soll, so korrekt zu geben, als ihnen möglich war: daran kann nichts als Nachläßigkeit schuld seyn. Wenn Skaliger z. E. bereits angemerkt hatte, daß das vier und zwanzigste Epigramm aus dem Griechischen des L.eonidas, in der Anthologie genommen sey: warum hat man dcmohngc- achtct bisher unterlassen, die Interpunktion der zwey letzten Zeilen, Iialieas ^oviinm, lieot inillgucre, tcü'.imhuo ?i^)toi' vlus, llivas, Iioc ogo, pi'vjitor ol>i8. nach den griechischen Zeilen, ^>?o ck' x;>u ci^,t)/U1V. zu berichtigen? nach welchen sie nothwendig so aussehen muß: — — — — — — — — kvi'.iiiMie I^ro^ter »lus, llioas, Iioo ? Procter olus. Und so hat sie auch Salmasius in seinem Exemplare des gru- tcrschcn Martials wirklich bcygcschricbcn. 612 Vermischte Schriften, erster Theil. V. Griechische Anthologie. (1) Zch will hierunter sowohl das Werk des Planudes als des Rephalas verstanden wissen. Wenn das letztere eben dieselbe Anthologie ist, welche seit den Zeiten des Salmaslus so oft unter dem Namen der ungedruckten angeführet und genutzct worden: so haben wir es dem Hrn. D. Reiste zu verdanken, daß sie dieses Beyworts zum größten Theil nicht weiter bedarf. Wenn ich aber hinzusetze, daß beide Anthologicen diesem würdigen Gelehrten noch mehr zu verdanken haben möchten; daß es ihm gefallen möchte, uns auch seines scharfsinnigen Fleißes über die planndische nicht zu berauben: so mag er bedenken, daß es Männer giebt, von denen man um so viel mehr fodcrt, je mehr sie gutwillig leisten. Ich wüßte wenigstens nicht, wodurch er seine so großen Verdienste um die gcsammtc griechische Litteratur stolzer krönen könnte, als durch die Erfüllung dieses Wunsches. Und doch muß ich mich gegen- ihn schämen, diesen Wunsch gethan zu haben, so lange sein patriotischer Eifer, der leider mehr als uneigennützig hcisscn muß, wahrlich nicht zur Ehre unserer Zeit und unsers Vaterlandes, fortfährt, so wenig Unterstützung zu finden. (2.) Es ist aber, selbst nach der Bemerkung des Hrn. D. Reisre, so gewiß nicht, daß die Anthologie des Rcphalas, welche er aus der leipziger Abschrift herausgegeben, die von dem hcidcl- bergischcn, nun vatikanischen Manuskripte genommen worden, die einzige noch jetzt vorhandene ungcdruckte Anthologie ist. Seine Vermuthung von dem barbcrinischcn Kodex, welchen Holstein und Allatins gebraucht, scheinet sehr gegründet zu seyn(°): und welch ein Glück wäre es, wenn sich in diesem, wenigstens nur die unverfälschte Anthologie des Agachias fände, und mit der Zeit an das Licht käme. Schon aus ihr, wenn denn nun auch die ursprünglichen Sammlungen des Meleager (°) ?r-»k»t. ail äulll. coun. i>. XIX. Ericchischc Antl'olcgic, 513 und Phtlippus auf immer verloren wären, würden wir, denke ich, von dem epigrammatischen Genie der Griechen einen etwas andern Begriff bekommen, als wir uns jetzt davon zu machen, vielleicht nur verleitet worden. (3.) Denn was stellet sich der größere Theil von Lesern, welcher die Anthologie nur vom Hörensagen, und höchstens aus wenig Beyspielen daraus kennet, überhaupt darunter vor? Was sonst als eine Sammlung eigentlicher Sinngedichte, ganz in der Manier, welche den Griechen, zu ihren besten Zeiten, eigen war? Und diese Manier wofür hält er sie anders, als für das klare platte Gegentheil der Manier des Martials, welche sich vornehmlich durch Witz und boshafte Ucbcrraschung empfiehlt? Gleichwohl geht von dieser Vorstellung, wenn man sie auch nur bey dem Planndes und Äcphalas auf die Probe bringt, sehr vieles ab. Und wie viel mehr würde von ihr abgehen, wenn wir sie gar gegen jene ersten ursprünglichen Sammlungen, oder auch nur, wie gesagt, gegen die erste noch erträgliche Verfälschung und Verstümmelung derselben halten könnten! Zn dieser, des Agathias nehmlich, war ein eigener Abschnitt saty- rischcr Sinngedichte; noch eines andern, welcher lediglich dem Lobe des Weines und der Schmauscrey gewidmet war, nicht zu gedenken. Wenn diese aber nun in dem Rcphalas gänzlich fehlen; wenn sich Kcphalas, außer den verliebten Abschnitten, in welchen freylich mehr Empfindung als Witz seyn mußte, nur auf die dcdikatorischcn und scpulkralischcn, überhaupt nur auf die eigentlichen Aufschriften eingeschränkt, deren größtes Verdienst allerdings die Simplicität ist, deren Wirkung aber nicht aus dieser bloßen Simplicität, sondern zugleich aus dem sinnlichen Eindrucke entsprang, welchen das Denkmahl machte: wie kann man ihn dcmohngeachtet zum allgemeinen Maaßstabe annehmen, nach welchem es auszumesscn, wie viel Witz die Griechen in allen vcrschicdncu Gattungen des Epigramms ge- licbct und zu brauchen vergönnet haben? (4-) Es mag sich nun freylich wohl aus dem satyrischen Abschnitte, welcher in dem Rcphalas mangelt, verschiedenes in der Samm- '.'essingS Werke vin> Z3 Zlä Vermischte Schriften, Erster Theil, llliig des Planudcs finden. Allein was sich denn auch in dieser dahin gehöriges findet, das ist von der Manier des Mar- lials so weit lange nicht entfernt, als man sich einbildet. Za, cs sind nicht wenige Stücke darunter, die Martial selbst nicht geschraubter und spitzer hätte machen können; und die, wenn man sie übersetzte, manchen vermcyntcn Kenner der griechischen Simplicität gewaltig irre sichren würden. Ein Dutzend von dieser Art habe ich unter meine Sinngedichte gcstrcuct: aber ich will den sehen, welcher sie, ohne sie sonst zu kennen, von denen unterscheiden soll, die ich aus dem Martial nachgeahmt oder übersetzt habe. Es ist nur Thorheit sich einzubilden, daß Witz nicht auch den Griechen sollte Witz gewesen seyn: ihnen, die so gern lachten, als irgend ein Volk in der Welt, und bey denen sich mehr als Ein Schriftsteller bemüht hatte, der Kunst, das Lachen zu erwecken, eine scientisische Form zu geben, wobey doch alles vornehmlich auf die Quellen der bey dem Martial so sehr verschrieenen Pointen hinauslaufen mußtet). Man ist nicht zu fein, sondern zu stumpf geworden, wenn man an einer Gattung intellektueller Schönheit deswegen kein Vergnügen findet, weil sie nicht gerade die vornehmste und interessanteste ist. Alles ist gut, wenn cs an seiner Stelle ist; aber von allen Arten des Geschmacks ist der einseitige der schlechteste. Man ist sicherlich weder gesund noch klug, wenn man seine Schöne nicht anders als in der Kleidung einer unschuldigen Schäferinn lieben kann. (5.) Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sich Martial sogar nach solchen griechischen Stücken gebildet hat, welche seinen so ähnlich sehen. Er kannte den 5Nele«ger; und warum sollte er nicht auch die Anthologie desselben gekannt haben, da er sich eines von des Mcleagcrs eigenen Epigrammen, welches sich noch jetzt darin» findet, ganz zu eigen gemacht? Nehmlich die Grab- schrist, welche Melcager einem Aestgencs setzte(°°), I7«^^^?c>^> )^ X^V^' 01^ ^Zocpw ^ccrt^evTjV, xoci.^»i x/rr^ot^ oe^oe^e. (°) cicero (w c>rs«> Iil>. II. esp. «>? » 7t. (°°) änw. lik. lll, cap. I. Griechische Anthologie. .515 hat er fast wörtlich in den Schluß der Grabschrift auf seine kleine liebe Erotion übergetragen.^) klollla nee i'lAiilus «vspes teZat olla, neo illi, ^eria, Aravi8 tuoii«; non kuit illi» tilii. Indeß muß ich, den eigenthümliche» Reichthum des Martials nicht verdächtig zu machen, hier anmerken, daß dieses Exempel das einzige in der gcsammten Anthologie ist, nach welchem es ganz und gar keinen Zweifel leidet, daß er sich dann und wann auch mit griechischen Einfällen behelfen. Denn so viel Achn- lichkeit auch mehrere von seinen Epigrammen, mit dem oder jenem griechischen zu haben scheinen: so versteht es sich darum nicht gleich von selbst, daß eben Er der Nachahmer gewesen. Ich muß von dem Alter des griechischen Verfassers sicher überzeugt seyn, ehe ich das soll auf ihn kommen lassen. Denn offenbar ist es bey den meisten, daß nicht die Griechen von ihm, sondern er von den Griechen geplündert worden, als von welchen man zeigen kann, daß sie lange nach ihm gelebt haben. So äußert sich zwischen dem Epigramm eines gewissen Marinas ("), ^ T'r^oixov'i? e^lv ex^t? 6s o^> xvloei^oi^ ^Xt^ roo'o'ci^it,- ?pi^^ ?rxv7'«zcopui'l/ t^xoe^Z^, ^ccr^cpc»^ ^».«^^ x«t ^x^zc«^tk>vo^ «6xX,^>rz. L-xn^e <5s ^x^vcoc^, xoct iroco'l „nd diesem vom Martial Klamm!»» atcmo tatas lialiot ^ü'i»: seä i^)sa iaiaium Dioi et mAminai'um inaxim-i mamma potett. zwar allerdings eine große Verwandtschaft, und schwerlich dürfte das eine ohne Hülfe des andern seyn gemacht worden. Denn beide verspotten sie eine eitle Närrinn, die gern jünger scheinen möchte, als sie ist: nur daß das eine von ihr wirklich crzehlt, was das andere ihr in dieser Absicht zu thun nur rathet. Aber welches ist hier das Original, und welches die Kopie? Das Alter des Marinas ist ungewiß; und Herr D. Rciske giebt es (°) 1.1b. V. ep. ss. (") ^nUi. Ml. II. c»p. s. (°°°) I. <-!>. 101. 33" Zltt Vermischte Schriften. Erster Theil. selbst für nichts als eine Vermuthung aus, daß dieser Myrinas der Rhctor Ä.> L.icinius varro Mnrena seyn könne. Hingegen ist zwischen folgendem des Martials ("), I^otus noliikoiaui e5>, Iiilai'is ooenavit; et iclem Invontus mano ett mortu»5 ^nlIr»Korgs. I'gm luliitaz mnrtis eaull'nm, Vnuslim?, iv^uiris? In lomnis mvtUv^m viclerat Ilvrmovvatc'm. und diesem des S^ucilius (-j-) RAtl.o^ev>i ?v lckuiv /Xtoc^«v?o? ^?r-l.'0l?, x?' «v^^-^^, x«i ?rxpt«^i.^l.cx cpxpuiv. die Sache außer Streit: und Rader hätte nicht so unbcdacht- sam mit einem e (ZrNea Iioo ott vxpret'tum das Original des Martials geradeweg zur Nachahmung erniedrigen sollen. Denn von dem L.ucilius oder L.ucillius, dem das Griechische gehört, ist es ausgemacht, daß er geraume Zeit nach dem Martial gelebt. Am ungcrnstcn möchte ich dem Martial sein so Bekanntes, und noch immer so oft Anzuwendendes s-j-j-) ?»Ic>n llv vi, nocjiiv ooeclo, nee veiieno, 8ed lis ett, inilii cle tii>)us oa^ellis. Violiii c^uoroi' lins kuito. Hoo juilex tibi polVnIat prolimi: 1u (üannas, Alitlirlclatiouinc^io Iiellum, pei'jui'Ia ?unipoI1i8. streitig gemacht wissen. Gleichwohl schreibt Farnabms in seinen Anmerkungen, villo I^ucilli epigr. lib. 2. csp. 4V. ^»tliol. unäe Iioc oxprostum. Das wäre mir ein schöner Kommentator, der mich so ungevnifter Sache hinter meinen Nachahmer setzte! Oder verlohnte es sich nicht der Mühe, so etwas genauer nachzusehen: was verlohnte sich denn der Mühe über den Martial anzumerken? Der Aucillius, den Farnabius hier zum Erfinder macht, ist der nehmliche vorgcdachtc, von dem, wie gesagt, so viel gewiß ist, daß er spater als Martial gelebt. Denn er hat unter (°) «oM. ?°sl. ^nllwl. p. 2t8. (") I.ib. VI. ex, S3. (5) ^ull>. lib. II. c»l>. SS. (j-j-) I.id VI. e?. t!>. Griechische Anthologie. 617 andern auch ein Epigramm auf den Arzt Magnns gemacht Nun möchte ich zwar unter diesem nicht, wie Fabricius gethan«^"), den sogenannten Iarrosophistcn verstehen, als wonach Lucillius bis in das vierte Jahrhundert herunter kommen würde. Wenn denn aber auch nur der tNagnus aus dem zweyten Jahrhunderte gcmeynet ist, welcher Leibarzt bey den Antoninen war: so bleibt doch immer derjenige Dichter, der ein Epigramm auf den Tod desselben machen können, wenigstens noch fünfzig Zahre hinter dem Martial zurück. Die Nachahmung des Lucillius selbst, ist nicht schlecht: sie hat sogar eigenes genug, daß sie wohl auch ganz und gar nicht Nachahmung des Martials, sondern eines dritten Musters seyn könnte; besonders wenn es wahr wäre, was dem Erasmus bedünktc, daß der Schluß derselben aus einem Sprichwortc entlehnet seyund nicht vielmehr das Sprichwort selbst seinen Ursprung daher hätte. Hierüber aber, daß sich in einer alten griechischen Anthologie mehr Stücke finden sollen, welche aus dem Martial nachgeahmet worden, als solche, welche Martial daraus nachgeahmet, können sich nur diejenigen wundern, welche überhaupt die Verfasser derselben nicht recht kennen. Es finden sich darunter nicht nur sehr viel spätere Griechen, denen es üblich war, die lateinische Sprache zu lernen, sondern auch nicht wenig geborene Römer, die Griechisch genug gelcrnct zu haben glaubten, um ein Epigramm darinn wagen zu dürfen. (<;.) Auch ist, um sich von der gepriesenen Simplicität, selbst der ältesten und besten griechischen Epigrammen, keinen zu allgemeinen und übertriebenen Begriff zu machen, die Anmerkung des Batteux sehr richtig und dienlich, „daß wir öfters nur nicht „alles wissen, was man wissen müßte, um richtig davon zu „urtheilen, und nichts von so geringen Umständen abhänge, als „ein witziger Einfall." Es ist, z. E. sehr möglich, und sehr glaublich, daß in manchem griechischen Epigramme, in welchem wir nichts als die (°) Mi. I. e»v. 39. (") »i>,I. kl. l.ib, III. «!>.I>. Z8, I>, 7tS, (°°°) ä,il»kioi. III. xx,.,, I. 618 Vermischte Schriften. Erster Theil. trockene kahle Anzeige eines historischen Umstandcs zu sehen glauben, eine sehr feine Anspielung auf ganz etwas anders liegt, und der historische Umstand selbst nichts weniger als nach den Worten zu verstehen ist. Ei» Exempel wird meine Meynung deutlicher machen. Es ist bekannt, was Plinius und Valcrius N7aximus, die ihre Nachricht ohnstreitig aus den zuverlässigsten Quellen werden genommen haben, sehr einstimmig von dem Tode des Sophokles melden: nehmlich, daß die Freude ihn um das Leben gebracht habe, als er bey einem tragischen Wettstreite mit genauer Noth endlich den Sieg davon getragen; 8ori»buit(°). Nun vergleiche man hiermit das Epigramm des jungem Simonides auf den Tod dieses Dichters (««). Lci'öxo'A'^ 2vcpox?^,xx^, «^'A-oc,' «»^ltiv, O^'uii^o'r' /Zorpi^l' ^>xir?'o^i.xi'0^. Nach diesem soll Sophokles an einer Weintraube erstickt seyn. Zwey sehr verschiedene Todcsarten, dem ersten Ansehen nach. Vor Freuden sterben, und an einer Beere den Tod finden, davon scheinet eines dem andern ziemlich zu widersprechen; daher uns denn auch die Lcbcnsbcschrcibcr des Sophokles recht gern die Wahl lassen, ob wir lieber dieses, oder jenes glauben wollen. Wie wäre es gleichwohl, wenn im Grunde keine Wahl hier Statt fände? wenn Simonidcs, richtig verstanden, gerade eben das sagte, was Plinius und Valcrius versichern? wenn er, als ein Dichter, nur unter einem schicklichen und schonen Bilde hätte sagen wollen, was diese, als Geschichtschreiber, ohne Bild sagen müssen? Denn man erinnere sich nur, unter wessen besondern: Schutze das Theater, und alles was zu dem Theater gehörte, stand. Eben der Gott, welcher die Menschen den Wein gclchrct hatte, galt dafür, daß er sie auch, durch die wilden und groben Freuden der Weinlese, zu den feinern und menschlichen Freuden des Drama geleitet habe. Von ihm hießen Dichte V»I. Nlax IUi. IX. c. 12. ?Iinius IMl. Iil>. VII. osp. 53. (°°) ^nlti. Mi. III. csp. SS. Griechische Anthologie. ter lind Spieler dionysische Künstler; und wenn es vergönnt war, das eine seiner Geschenke für das andere zu setzen: so konnte gar wohl der Sieg, den er einem Dichter oder Spieler verlieh, eine süße Traube heißen, womit er diesen Liebling belohnen wollen. War nun aber die Freude über die Nachricht von einem solchen Siege dem Sieger tödtlich: wie konnte dieses in der poetischen Sprache, mit Fortsetzung der nehmlichen Metapher, anders lauten, als daß cr an einer Beere dieser süßen Traube leider erstickt sey? Eine dergleichen Auslegung, weiß man wohl, kann auf keine strenge Art erwiesen werden: sondern der Leser, bey dem sie Glück machen soll, muß ihr mit seinem eigenen Gefühle zu Hülfe kommen. Wer indeß ihr seinen Beyfall nur darum versagen wollte, weil noch andere alte Schriftsteller eben das von dem Tode des Sophokles berichten, was das Epigramm des Simonidcs, den Worten nach, zu sagen scheinet, der thäte sehr Unrecht. Denn alle diese andern Schriftsteller sind jünger als Simonides, und haben den poetischen Ausdruck desselben entweder in seinem Geiste nachgebraucht, oder wider seinen Geist verstanden. Jenes kann SocaOes gethan haben: dieses hingegen ist von dem kläglichen Zusammcnschreiber der klo-xpo^v sehr glaublich, welches K.ucian unmöglich kann gewesen seyn. Es ist nicht jedem Auge gegeben, die Hülle zu durchschauen, in welche der Dichter eine Wahrheit zu kleiden sür gut findet: aber wenn eine dergleichen Hülle einmal für den Körper selbst gehalten worden, so ist ganz begreiflich, wie sich mehrere hintergehen lassen, und der Betrug endlich dahin gedeihen kann, daß er schwerlich mehr zu widerlegen stehet. (7.) Freylich dürfte, bey dem allen, dieses Exempel sehr einzig in seiner Art scheinen. Ich füge also ein zweytes bey, welches diesen Anstoß nicht haben wird, ohne darum weniger merkwürdig zu seyn. Vorgcdachter K.ucillius hat an einen Demostracus, der sich einem schlechten Augenarzte unter die Hände begab, folgendes gerichtet. (') (°) ä,NM, !>>>. II. ?!>>', ss. 620 Vermischte Schriften. Erster Theil. Hpt,v xo?ro<; x^l ^t!^>v. ^i^ovov k^ei'^icsiX'ttio'sv tiXl^i.iclxoi', «X,^« ckt cxuT'oi.! Llxo^'cx; ^ Lcx^v ^X-xc^vi^ x>^Z«^xi/. Der Dichter giebt in diesen Zeilen dem Kranken den Rath, ehe er die Salbe des Dion brauche, immer in voraus von dem licbcir Tageslichte Abschied zn nehmen. Denn, sagt er, dieser Dion ist seiner Sache so gewiß, daß er einen andern Patienten, welches ei» olympischer Sieger war, nicht allein selbst stockblind gemacht, sondern anch die Bildsäule desselben zugleich mit um ihre Augen gebracht hat. Die Bildsäule zugleich mit um ihre Augen gebracht! das ist ja wohl eine sehr frostige Uebertreibung. Hat denn eine Bildsäule Augen, mit welchen sie wirklich sieht? Kann ein unglücklicher Quacksalber sie blinder machen, als sie wirklich ist? Oder, wenn nur die nachgebildeten todten Augen zu verstehen sind, u?ie hat er die Bildsäule um diese gebracht? Wirkte die schädliche Salbe durch Sympathie? Oder schlug er ihr, brach er ihr die Augen mit Gewalt aus? Dieses zwar sagen die Worte, wenn man sie genau nimmt. Aber warum sollte Dion diese verwüstet haben? Wenn man schon zur Verhöhnung eines elenden Augenarztes sagen kann, daß er der geschworene Feind aller gesunden Augen sey: darf man darunter auch Augen verstehen, die ohnedem so sind, als ob sie aus seinen Händen gckommcn wären ? Eben so sinnreich würde man ja wohl alsdcnn anch sagen dürfen, daß er allen Augen so fcind sey, daß er selbst die Augen an den treibenden Bäumen zu zerquetschen Vergnügen finde? Man sieht sich vergebens bey den Auslegern nach etwas um, wodurch dieser schaalc Witz Geist und Schärfe bekommen könnte. Sie übersetzen die Worte sehr treulich: aber wem es von ihnen eingefallen, eine Umschreibung oder Erklärung hinzuzuthun, der macht uns sicherlich verwirrter damit, als wir waren. So sagt z. E. Opsopous: Rori solum vxeveeavit Ol^mpicum, socl proprer imsgmom c^uam IialivIi.Tr, vtiam palpodrus ejus o^eeit. Man sieht wohl, daß er durch prnpter im-iZInc-m das <5z' klxovo« ausdrücken wollen. Aber was soll es heißen? Beneidete der Griechische Anthologie, Arzt seinen Patienten wegen der Ehre, sich im Bilde aufgestellt zu sehe»? und war es Neid, warum er diesem Wilde die Augen ausschlug? Das wäre noch der einzige Verstand, den das propwr imsAinem haben könnte: aber es wäre auch gerade der, welcher am meisten mit der Absicht des Ganzen stritte. — Etwas erträglicher lautet das griechische Scholion, das sich bey diesem Epigramme findet; denn es sagt doch wenigstens keine Ungereimtheit: r>^cpX.c>^ ov?0!; «I^ov xv<5x^7'«i I'sjv xt'xov« T-^X-^V ^vocc. Der Scholiast meynct nehmlich, der Dichter habe weiter nichts sagen wollen, als dieses: „Da der „Sieger blind geworden, so habe auch die Bildsäule nicht an- „ders als blind seyn können," Hiermit, könnte man sagen, bezog sich der Scholiast auf das Zkonische der Statuen, welche die olympischen Sieger erhielten, auf das Gesetz der Hcllanodi- kcn, nach welchem eine Art dieser Statuen nicht idealisch, sondern nach der besten und strengsten Ähnlichkeit gearbeitet seyn mußte. Aber es ist sehr zu zweifeln, ob dieser gelehrtere Umstand dem Scholiastcn bekannt war; und wenn er ihm bekannt war, wenn er wirklich darauf gczielet, so hat er offenbar eine ganz falsche Anwendung davon gemacht. Denn erstlich galt das Gesetz von Beobachtung der möglichsten Achnlichkcit nur bey dem Dreimaligen Sieger, für welchen man den in der Aufschrift ohne Beweis annehmen müßte: und zwcytens mußte sich ja wohl diese Achnlichkcit auf den Zustand, in welchem er siegte, bczichcn, und nicht auf einen nachhcrigen, in welchen er durch Unglücksfällc gericth. Endlich, was wäre denn auch bcu dieser Auslegung der ganze Einfall? Wo läge denn nun das größere Bcrbrcchcn des Arztes? Und wie könnte ihm eine natürliche nothwendige Folge als ein zweyter freywilliger Frevel angerechnet werden? Kurz; der wahre, einzige Aufschluß dieses Epigramms ist aus einer Bemerkung an den alten Bildsäulen herzuleiten, welche man bey den alten Schriftstellern zwar von weitem angedeutet findet, die aber nur erst von den neuesten Altcrthumsforschcrn, aus wirklich noch vorhandenen Stücken dieser Art, in ihr völ- <°) rimws », kl. lil-, XXXIV. leet. i). 622 Vermischte Schriften. Erster Theil. liges Licht gesetzct worden. (") Da nehmlich die Bildhauerei) nur das eigentlich Körperliche, nur das, was durch Vertiefung und Erhöhung auf der Fläche sichtbar ist, ausdrücken soll: so kann sie von dem menschlichen Auge weit weniger nachahmen, als die Malcrcy. Der ganze Augapfel, auf welchem diese so vieles zu unterscheiden findet, ist für sie weiter nichts als eine rundliche ebene Fläche. Weil nun aber hierdurch ein großer Theil des Lebens für sie verloren gehen würde: so haben es schon sehr alte Meister gewagt, durch einen Schritt über die Grenzen ihrer Kunst, die Malcrcy hier wiederum cinzuhohlcn. Sie machten nehmlich den Augapfel entweder aus einem weißern, glänzender» Marmor, als die Bildsäule selbst war; oder übcrzogcn den Augapfel mit einem dünnen Silbcrblcchc, welches die weiße Hornhaut vorstellte, in der Mitte aber ausgeschnitten war, um einen Stein zu fassen, der die Farbe der Zris nachahmte, und in dessen Mittelpunkte wiederum ein Edelstein befestiget war, welcher den Stern bildete. Nun nehme man an, daß die Augen der Bildsäule, von welcher in unserm Epigramme die Rede ist, von solcher Beschaffenheit gewesen, und erinnere sich zugleich eines anderweitigen Vorwurfs, welcher den allen Aerzten sehr oft gemacht wurde: und ich meyne, wir verstehen den Dichter nunmehr so, wie wir ihn verstehen sollen. Es war aber, was man den alten Aerzten, außer ihrer Unwissenheit und Vermesscnhcit sonst vorwarf, nichts geringeres als dieses, daß sie nicht immer reine Hände behielten, und aus den Häusern ihrer Kranken gern etwas mitgehen hießen. Dieses Schlages war jener Arzt in der äsopischen Fabel, dem eine alte Frau, die er wirklich an schlimmen Augen kurirct hatte, gleichwohl den bedungenen Lohn, unter dem zweydcutigcn Verwände nicht zahlen wollte, weil sie unmöglich glauben könne, daß ihre Augen völlig hergestellet wären, mit welchen sie verschiedene Dinge in ihrem Hause nicht mehr sähe, die sie vor den Besuchen des Arztes doch zuvcrläßig darin» gesehen habc.(") Dieses Schlages war jener-HcroSco, von welchem Martial crzehlet: (°) WinkclmamiS AnmcrkuiMN über s. Ecschichlc der Kirnst. S> 8l. (°°) t'ill), St. (°°°) I.ili> IX. op. 98. Griechische Anthologie. 623 Llinieus Ileiocles tiullam tulicliixolül^ »Avo: Deprvutu« tlixit, ttulto, c^uici vrAc, lilliis? Dieses Schlages war ein ungenannter Arzt, von welchem es in der Anthologie heißt: (°) ch«9^^«sic^o't v >,x7rp«v x«t ^otpcxck«? cx^A, l'oc/.X,« Ttcxv/ oc!^>xi x«i 6^)^« c5>c-cp^i.cxxt(0'r>. Und, mit einem Worte, eben dieses Schlages war unser Dion. Dergleichen eingesetzte Augen, als ich gesagt habe, waren Dinge von Werth; und diese brach Dion der Bildsäule seines Kranken bey einer guten Gelegenheit aus. Das ist der eigentliche zweyte Vorwurf, den ihm der Dichter macht; und der ganze epigrammatische Witz liegt in der Ähnlichkeit, welche dieser zwischen der That, deren sich Dion als Dieb schuldig machte, und der That, die er als ein ungeschickter Arzt verübte, zu finden wußte. (8.) Außer ihrem poetischen Werthe hat die griechische Anthologie noch einen andern, der, wenigstens in den Augen des Gelehrten, jenem bey weiten den Vorzug streitig macht. Sie enthält einen Schatz von Nachrichten und Erläuterungen, die sonst nirgends zu finden, und auch lange nicht so verbraucht sind, daß nicht noch itzt hundert Dinge, die man entweder gar nicht, oder nicht hinlänglich versteht, ein ganz neues Licht daraus erhalten könnten. Ich begnüge mich, hiervon nur ein einziges Beyspiel anzuführen. Wer kennt nicht das Gedicht des jünger» Mnsöus? und wer weiß nicht, wie viel Gelehrte sich mit Aufklärung der geringsten Schwierigkeiten desselben beschäftiget haben? Was haben nicht Daniel Pareus und Rromayer alles darüber zusammengetragen? Und gleichwohl, darf ich behaupten, ist ein sehr wesentlicher Umstand, der durch das ganze Gedicht herrschet, von ihnen allen völlig uncrörtert geblieben. Ich meyne den Umstand des Orts, an welchem eigentlich der interessanteste Theil der Geschichte vorgeht. Es heißt nehmlich, daß Hero, die Heldinn des Gedichts, fern von ihren Aeltcrn am Meere in einem hohen Thurme gewohnt habe. (") (°) I.U-. II. vill>. SS. ep. tk. (°°) Ver. IS. Z24 Vermischte Schriften. Erster Theil. H-v^ov cx^o irzio^-ovcov ^i^ovt n«ts A-cxX«o'!?^. Wie kömmt cs, daß man uns so gar nichts von diesem Thurme sagt? Ich kann nicht glauben, daß schlechterdings kein Ausleger gewußt, was es mit diesem Thurme für eine Bewandtnis; gehabt. Aber wer cs von ihnen gewußt hat, der hat wenigstens sehr Unrecht gethan, seine Leser für eben so gelehrt, als sich selbst zu halten. Denn wahrlich versteht sich die Sache nicht von selbst. Hcro war Pricstcrinn der Venus zu Scstos; der Tempel dieser Göttinn, an welchem sie stand, lag in der Stadt; in diesem Tempel in der Stadt ward das Fest geseyert, bey dem sie Leander zu erst erblickte: wie nun, daß sie gleichwohl nicht in diesem Tempel in der Stadt, sondern außer der Stadt, am Meere, in einem Thurme wohnte? Was war das für ein Thurm? und was waren ihre Verrichtungen in diesem Thurme? Zch bekenne, daß ich mir selbst auf diese Fragen, über die, wie gesagt, in allem, was Noten über den Musäus heißt, ein tiefes Stillschweigen beobachtet wird, lange nicht zu antworten gewußt habe: bis ich endlich auf zwey Epigrammen in der Anthologie traf, die mir völlige Befriedigung darüber gewährten. In beiden erscheinet Venus als die Beherrscherinn des Meeres; in beiden wird eines Hauses, und einer Stätte gedacht, welche der Göttinn an dem Ufer gchciligct waren. Allem Ansehen nach war also auch die VcnuS, die zu Scstos ihren Tempel hatte, eine Venus Pomias, oder iLnpIoa, oder was sie sonst für einen Namen in jencr Würde führte: und der Thurm, welchen ihre Priestern», bewohnte, war gleichsam eine zu jenem Tempel gehörige Kapelle, die außer der Stadt an dem Ufer, zu mehrerer Bequemlichkeit der Schiffer und Reisenden, erbauet war. Das erste dieser Epigrammen gehört einem Annpatcr, und lautet so: ^tT'ol; /il.ot, cko^uo? oui'o^, ?ra^>« xi^lxT't ?r>^^> ^IH>'v^loci, vv?^^-; '5xc/?rll?l-; 'i^uvui;) ^.^X,« c^tXoc;' 7coV5Ui xivt, ?rX«?>^ ^v X.'unHtV. e^k> 6s crot ^ xi^ xpuiT-t Ov;'io^, ^«poirui?cvsi^o' ^uipo^, xilLt czit^ov LirX,??«v ?rs^cx)/o^ Ocs>p« c^t^ov iiw^w^o't T'x)^ n^oov, «^l,cpt, <5e nVV?o^ X«^l.?iHov 6xpxo^l,xvo^ <^o«vov. „Der Kypris ist diese Stätte! Zhr gefällt, vom festen Gestade „immer auf ruhige glänzende Fluchen zu blicken; dem Schiffer „zur glücklichen Fahrt. Zhr strahlendes Bild erscheinet: die „Wogen erschrecken und fallen." Aus den letzten Worten ist sicher zu schließen, daß, bey entstehenden Stürmen, das Bild- niß der Venus zu oberst auf dem Thurme ausgestellet worden, um das tobende Meer durch Erblickung seiner Beherrscherinn zu besänftigen. Diese Ausstellung war denn also das Geschäfte der Pricstcrinn: und ich irre mich sehr, wenn nicht hieraus auch der streitige Verstand einer besondern Stelle des Musäus außer allem Zweifel gesetzt wird. Musäus nehmlich nennet die Leuchte, welche Hcro dem verliebten Schwimmer zum Ziele steckte, -9^0? 626 Vermischte Schriften. Erster Theil. lind die Ausleger sind äußerst uneinig, wie dieses «^«^-x hier zu übersetzen; ob durch «mulaerum, oder siZnum, oder torma, oder inclicium, oder tolatium. Ich glaube aber, «)/«^>.« soll das ^o-xvov der Anytc ausdrucken; denn beides bedeutet eine Bildsäule, und der Dichter hat gar wohl die ausgesteckte Fackel, mit Anspielung auf die Ausstellung der wirklichen Bildsäule der Göttinn der Liebe, ein Bild der Liebe nennen können. Folglich wäre die erste Uebersctzung, durch llmulacrum, die richtigere; oder wenn man ja sigvum dafür brauchen wollte, so mußte es doch nur in dem Verstände geschehen, in welchem dieses Wort, nicht für ein Zeichen überhaupt, sondern für eine Art von simulacrls genommen wird, und das Beywort I-üwdilo, welches Rromayer dabey für nöthig erachtet, wäre eben so überflüssig als falsch. Auf welchen von solchen Ufcrtempcln der Venus das eine oder das andere dieser Epigrammen eigentlich gehe, ist nicht zu bestimmen. Es gab deren an den Küsten von Griechenland und den Inseln des ägeischcn Meeres mehr als einen, wie aus verschiedenen Stellen des Pausanias zu ersehen. (9.) Nicht minder reich an dergleichen, sonst nirgends vorkommenden Nachrichten und Erläuterungen ist die Anthologie des Re- phalas. Eine einzige dieser Art, was für grundgelehrten und wundersinnreichen Muthmaßungen kann sie nicht auf einmal den Garaus spielen, z. E. Wer war wohl der Glyb'on, dessen in den bekannten Zeilen des Horaz,("°) IVon pokÜ8 ovulo Quantum coiitonclkre I^noeus, Non tsmen icloireo eoiitemnss li^pus inungi: I^ec, «zuis iletperes invieti inemlii'a (A^coms, IXoclola voraus not!« proliibere «MraArs — gedacht wird? Allem Ansehen nach, ein berühmter Athlete zu den Zeiten des Dichters. Mehr ergiebt sich von ihm, aus der Stelle selbst, nicht: aber wie wenig ist das für einen Ausleger, der Gelehrsamkeit zeigen soll! Hemsius erinnerte sich, bey dem (°) Vvr. 8. (°°) KW, l. KM. I. V. S8, Griechische Anthologie. 627 Laertius gelesen zu haben, daß der pcripatetischc Philosoph kon, das dritte Haupt dieser Schule nach dem Aristoteles, ein vorzuglich guter Ringer gewesen sey. Weil nun dieser Lykon, wegen seiner süßen Beredsamkeit auch wohl Ghkon gcnennet worden: so entschied Heinsius, daß Horaz keinen andern, als ihn gcmeynct habe. Es ist sonderbar, auf diese Weise einen Philosophen, der zum Vergnügen und der Gesundheit wegen die Gymnastik übet, in einen Ringer von Profession zu verwandeln. Und doch ist diese Meynung des Heinsius noch lange so aben- theucrlich nicht, als eine andere, welche Spcnce uns gern eingeredet hätte. Weil nehmlich der farnesiscbe Herkules, eine der berühmtesten Bildsäulen, die aus dem Alterthume übrig geblieben, nach Aussage der Aufschrift, von einem Künstler, Namens Glyr'on, gearbeitet worden: so urtheilte Spence, der so gern Anspielungen auf Kunstwerke in den alten Dichtern fand, daß eben diese Bildsäule schon zu den Zeiten des Horaz vorhanden und berühmt gewesen, und daß sie es sey, welche der Dichter, unter dem Namen ihres Meisters, wolle verstanden wissen (v). Er machte also aus einem Ringer, einen Gott; aus einem Menschen, einen Stein. (") ?be lnkcrinllon vn lbe bslis ok lbe I'srneke Hercules teils us, il wss mktlie b> an »rlikt cslleil l-I^con. ^s ve now csll it, tbe ?»r- riete Ilercules, für >Iikli»clion^ lbe^ mi^bt vvry »eil ok ol>I Iiilve cslleil it, Nie Hercules Kl^cvnis, kor »>e kilme reiito». Sucb Siklinclions »er« more necekkiir^ lbe», lbilll nov; becktuke tbex bitä it inucb greitter nuwbor ok klstues in lioine ok »IS. Ik lbe^ ulii ukuklli^ cklU lbl» kixure, tbe ller- cules Klxconis, in Horktce's time; bs migbt verv ^vell esll il, Ute e>i lo bktve been tbe cilke, tl>e inlent »ntl trus mesninK ok tl>e pitklage krom bim, vill be kts kollo»s. „'kou c»n never come to kev kbsrpl^ »s I>?nceu»; v>ouiii >ou tberekore kukker ^our e^e» to xet out? Von ckl» »ever ktcquire tlie ktrenßlb siui kirmnek» ok Hercules; ^vouill >ou tberekore kukker >our boilv to run to ruin, klnll lo Iio cripoled »-ilb uise-ikes ?" I knoulll tlie ritlber titke tbis t» bo lbv cilke, beckttike it keem» mors vvrlb^ ok ko N«»l> a vriter, in tn-o inklnncvs ko ciokelx unileS, lo usve lslic» lbem bolb krön» tue itntienl m^lbolox^; Ibsn lo litke one krom tbitt, itnll lbe ulber krow -t s.kunooke>I) ßliläiiltor ok bis ovvn tiwe. 1'lie epitliet »k i»i>ic/u« Ivo, vouiü bitve it Mrticuisr pronriety, ik »pnlieil lo lbv ktlrueke Ilercules. ?or lbilt kixure rexrekenls bim ss bilvi»^ "M?d.^ Vermischte Schriften. Erster Theil. Es würde Muhe kosten, einem -Heinsins und Spence die innere Ungereimtheit ihrer Meynungen so deutlich zu zeigen, daß sie selbst davon abstehen zu müssen glaubten. Ein Glück also, daß uns ein altes Epigramm in der Anthologie des Rcphalas dieser Mühe überhebt, in welchem wir einen Athleten Glykon, aus den Zeiten des Horaz, kennen lernen, der zuverlässig kein anderer gewesen, als der, welchen Horaz selbst zum Beyspiele angezogen^). Es lautet so: Z7)>/i^xuiv, ?c> Hx^a^,l.^voi> '^.ov6t x^-xo^, O 7r«^/l.«xk>v n^oc^vo^, o n^«?^ O x«tvo^ ? «vlx^T-cii '^ppov T'oto'vcse N^oo'A'xv o^?r' 'l?«X.oc^ 'O^^' ^^,X,«ckt ?c> ?rj>l07-c>v, c>^?-' '^.c/t^t O Vtxuiv '^tl5>^? «vL-'pnTrxv. Ich sage, daß der Glykon, auf dessen Tod dieses Epigramm gemacht worden, eilt Zcitvcrwandtcr des Horaz gewesen. Denn ob schon der Verfasser desselben nicht völlig gewiß ist, indem es einige einem Ann'pater, andere einem Phillppns zuschreiben: so haben doch beide, wenn man unter crstcrm den Thcssalonicr verstehet, zu den Zeiten des Augustus gelebt. Das Beywort des Unüberwundenen, welches sowohl Horaz, als der griechische Dichter diesem Glykon giebt, scheinet die Sache vollends außer Streit zu setzen. ^jutt tinMiea Ide Istt litdour ei^oinea to lüm I>v >I>e vrükr »s lun»; »t is, ^'utl vlien sl>s Iiiul zziven up >>«r puisllil nk I>im, « >,> rs»» not to I>e coittiuvrniZ Ii^ »nv >Iif5«:uIlit!8. (?«/i,?neIi. csrwen 78S. LSit. Neis. p. t«8. Ueber die so genannte Agrippine, unter den Alterthümern zu Dresden. 17 7 1.°) Eine weibliche sitzende Figur, über Naturs Größe, das Haupt gestützet auf die rechte Hand, wird unter den Alterthümern zu Dresden für eines der schönsten und vollkommensten Werke gehalten, und hat von langer Zeit den Namen einer Agrippine geführt. Ulinkelmann selbst ließ ihr diesen Namen; und sagte: „daß ihr schönes Gesicht eine Seele zeige, die in tiefe Betrachtungen versenkt, und vor Sorge und Kummer gegen alle äu- „ßere Empfindungen fühllos scheine. Man könnte muthma- „ßen, setzte er hinzu, der Künstler habe die Heldin in dem „betrübten Augenblicke vorstellen wollen, da ihr die Verweisung „nach der Znsel Pandataria war angekündigt worden." Woran aber dann und wann ein Kenner nur gezweifelt, das hat vor Kurzem Herr Lasanov« sin seiner Abhandlung über verschiedene Denkmähler der Dresdner Antikensammlung) ausdrücklich vestrittcn; nicht ohne Verwunderung über Winkel- manncn. „Auch Vvinr'elmann, sagt er, legt dieser Statue „den Namen einer Agrippine bey: denn auch er ist bisweilen von der Seuche der Antiquare befallen worden, welche „die Kenntniß der Künste aus der bloßen Lektüre besitzen, „und deren Auge eben nicht der feinste Sinn ihres Körpers ist." Unstreitig wird ein Gelehrter, ohne ein feines Auge, aus bloßen Büchern, in Dingen dieser Art oft sehr falsch urtheilen. Aber ist denn das feine Auge ganz untrüglich? Und sollte es nicht möglich seyn, daß ein Mann, der sich das aller- feinste Auge zutrauet, ohne Zuziehung schriftlicher Nachrichten, nicht eben so falsche Urtheile fällen könnte? Herr Lasanova sagt: „die Statue kann keine Agrippine „seyn, weil der Kopf keinem andern Kopfe der Agrippine, „weder auf Münzen, noch an der berühmten Statue der sitzen- „den Agrippine in Rom, gleichet." °) Aus der Braunschwcigischcn Zeitung, St. 68 vom Z. 1771, in den zehnten Theil der Lcssingischcn Schriften (1792) aufgenommen und danach hier gedruckt. Lessings Werke VIII. Z4 530 Ueber die so genannte Agrippine. Ich will itzt nicht untersuchen, ob IVinkelmann nicht eine ganz andere Agrippine in Gedanken gehabt, als von der ihn Herr Casanova verstehet. Sondern was ich eigentlich hier anmerken will, betrifft beyde; NAnkelmannen sowohl, als den Herrn Casanova. IVinkelmarm sagte, es sey eine Agrippine; denn ihr Ropf habe viel Achnlichkcit mit dem Ropfe einer stehenden Agrippine in dem Vorsaale der Bibliothek zu St. Markus in Bcncdiq. Herr Casanova sagt, es sey keine Agrippine; denn ihr Ropf gleiche keinem andern Ropfe der Agrippine. Mnr'elmann sagte, ihr schönes Gesicht zeuge von Sorgen und Kummer. -Herr Casanova sagt, sie sitze mehr in einer nachdenkenden tiefsinnigen, als traurigen Stellung; und ihr Gesicht sey das schönste Ideal. Aber was reden sie denn beyde uns so viel von dem Kopfe und von dem Gesichte vor? Wußte denn Nlinr'elmann nicht, und weiß es Herr Casanova selbst nicht, daß aus diesem Kopfe nichts zu schließen ist? Dieser Ropf ist neu; dieser Ropf gehöret, rvie noch manches andere, zu den Ergänzungen dieser dem ohngeachrec vortrefflichen Statue- Sollte es möglich seyn, daß man dieses in Dresden nie gewußt hätte? Und doch scheinet es fast. Denn nur bloß vergessen können weder die Gelehrten noch die Künstler daselbst einen Umstand haben, auf den, bey allen Vermuthungen, was die Statue vorstellen soll, es einzig und allein ankömmt. Indeß habe ich weder diesen noch jenen nöthig, meine Behauptung wcitläuftig zu erweisen. Herr Casanova und die Künstler haben das Werk selbst vor sich, das sie nach ihrer Kenntniß des Alten und Neuen nur etwas genauer prüfen dürfen. Die Gelehrten aber werden mir leicht auf die Spur kommen, und es bald heraus haben, worauf ich mich gründe. Denn wahrlich verlohnt es sich kaum der Mühe, daß ich es ihnen sage: ob es sich schon sehr der Mühe verlohnet, die Sache selbst wieder allgemein bekannt zu machen.