^»-s-7 ^6S6??^5 I I^ellAft. ßllliMl-Uuiic^ivklt . / ^ ^ «t.^»/«^ Geschichte des Buch Handels und der Buchdruckerkunst von Friederich Met.?. Erstes il ii d zweites Buch. D a r m ft a d t. Verlag von Frieder ich Metz. 1 8 3 4. Sr. Hochwohlgeboren dcm Herr n Friedrich Sch mi tth e n n e r, Grosihcrzoglich Hcssischcm Obcrstudienrathc, in Verehrung und Dankbarkeit .zcwidmct von Fr. Met;. Vorwort. «Nachfolgende Blätter, seit meinem beinah fünfzehn- jährigen Leben im Buchhandel zu eigenem Gebrauche gesammelt, waren ursprünglich zu keiner Veröffentlichung durch den Druck bestimmt. Sie wurden indessen Mehreren meiner College« bekannt und ich zu deren Herausgabc sowohl durch das Buchhändlerwochenblatt als privatim aufgefordert. Ich bringe sie schüchtern dar. Bei der wenigen Zeit, die mir nach vollbrachtem Tagewerk blieb, hatte ich mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, weil ich nur Nachts daran fördern konnte. Daß daher das Ganze weit hinter meinen Wünschen und den Anforderungen der Kritik zurück bleibt, fühlt Niemand besser als ich. Dennoch mög' es bei den angedeuteten Umständen für meinen Willen und meine Liebe zu der Sache sprechen. Jüngeren Buchhändlern und Buchdruckern namentlich wollte ich dadurch einen Leitfaden in die Hände geben, der sie mit der Geschichte ihrer Geschäfte im Allgemeinen bekannt mache. Daß ich die Vorläufer von Beiden hinzuzog, bedarf wohl keiner Entschuldigung; eben so der Titel keiner weiteren Rechtfertigung. ' V! Der Eingeweihte wird nicht" viel Neues darin finden; die Bequemlichkeit abgerechnet, daß er Vieles beisammen hat, was er außervem in hundert Büchern suchen muß; der Ungeweihte dagegen möge zu einem Studium angeregt werden, das tausendfältig lohnt. Im ersten Buche habe ich die Hülfsmittel überall angegeben, und zum zweiten die besten Werke, welche darüber vorhanden sind, benutzt. Daß ich bei Allem kurz verfahren mußte, lag in der Bestimmung des Ganzen. Ich hätte sonst eben so viel Bände als Bücher drucken lassen können! Das dritte Buch verbreitet sich speziell über die Geschichte des Buchhandels seit Erfindung der Buchdruckerkunst und folgt in der kürzesten Zeit nach. Besondere Sorgfalt werde ich denjenigen Buchhändlern widmen, die sich durch Einfluß auf die Literatur mittelst großer und schöner Verlagsunternehmungen, durch Unterstützung von Gelehrten und durch bedeutende Etablissements ausgezeichnet haben, die all- mählige Gestaltung des Merkantilischen dabei nicht außer Augen lassend. Den Beschluß macht eine Genealogie der jetzt bestehenden Buchhandlungen, das Jnhalts- und Druckfehlerserzeichniß. Die Druckfehler bitte ich zu entschuldigen; ich habe nur in später Nacht corrigiren können. — Möge das Ganze die wohlwollende Aufnahme finden, die ich wünsche; und den Nutzen stiften, den ich beabsichtigt habe. Ich bin dann reichlich belohnt! Darmstadt im Lenzmonat 5834. Metz. Einleitung. Ueber die ursprüngliche geistige Beschaffenheit der Menschen. Semitische Sagen schildern uns die ersten Menschen als unschuldige und unwissende Naturkinder, die ihre erste geistige Entwickelung nur dem Umgänge und unmittelbaren Unterrichte höherer Wesen verdankten. Auch die Platv- nische Philosophie läßt die ersten Menschen von Genien gebildet, in Künsten und Wissenschaften unterrichtet werden; und nachdem später die Vorstellung: daß aller geistige Erwerb der Menschen blos die Frucht ihrer eigenen innern Kraft seyn müsse, die unter der Anleitung der ganzen großen Schöpfung, ihrer einzigen Erzieherin, entwickelt worden, lange herrschend gewesen, ist nun auch die neueste Philosophie zu der Ueberlieferung der Alten: daß die Menschen ursprünglich in allen Dingen, die zu ihrer Sicherheit und Bequemlichkeit und zur ersten Bildung ihres Geistes gedient, eine unmittelbare Unterweisung höherer Wesen zu Theil geworden, zurückgekehrt. — Die Beweise für die eine oder die andere dieser Meinungen liegen hinter den Coulissen der Vorzeit, in die noch,nie der Blick eines Sterblichen gedrungen ist. Die Data znr Beantwortung der Frage über die ursprüngliche geistige Beschaffenheit der Menschen bedeckt und verbirgt ein Vorhang, den noch keine profaue Hand gelüstet hat. Wir finden uns daher hin- 1 2 Einleitung. sichtlich derselben, wie bei allen unseren Speculationcn, blos ans Reflexionen beschränkt. Schließen wir indessen, in Ermangelung historischer Beweise, nach der Analogie, so gewinnen die übereinstimmenden ersten und letzten Vorstellungen über die zweite ein großes Uebergewicht. Die Urwelt ist nämlich die Kinderwelt oder der Zustand der Natur. Die ersten Menschen waren also Kinder oder Naturmenschen. Als Solche mußten sie erzogen und gebildet werden. Erziehung und Bildung konnten sie sich aber nicht selbst geben; sie mußten sie nothwendig von Anderen, von Gebildeten erhalten. Ohne Berührung, ohne Umgang mit Solchen vermag di,'r Naturmensch, wie die Erfahrung bei den Wilden zu Genüge beurkundet, sich nicht über seine» ursprünglichen Zustand ans einen höheren Grad von Geistesbildung zu erheben. Er bedarf hierzu des Beistandes, der Anweisung Anderer. — Wer konnten aber wohl diese Anderen bei den ersten Menschen seyn? Andere Menschen gewiß nicht; denn Jene waren ja die ersten. Es konnten daher nur höhere Wesen seyn, denen Jene die erste Entwicklung ihres Geistes verdankten; und darauf scheint auch die älteste Urkunde des Menschengeschlechts hinzudeuten,^) deren Acchthcit und Glaubwürdigkeit durch ihre Uebereinstimmung mit der Geschichte der Menschheit selbst bestätigt und im Alterthume nie bezweifelt, nur in neuereu Zeiten aus Gründen, die nicht einmal eines Beweises fähig sind, zwar angefochten^ ihre Unächthcit aber noch von Niemand bewiesen worden ist. Die Bildung der Menschen in der Periode ihrer Kindheit konnte sich natürlich nur auf die ersten Elemente beschränken. Mehr waren diese Naturmenschen in ihrer Kindheit nicht zu fassen fähig, am wenigsten, wenn nach der zweiten Meinung der menschliche Geist sich selbst überlassen, durch seine eigene, l) t^nesis 2. 19. 2N> Einleitun g. 3 innere Kraft sich aus dem ursprünglichen Zustande gänzlicher Unwissenheit selbst emporarbeiten mußte. Beide Vorstellungen führen auf das nämliche Resultat. Die erste Bildung des menschlichen Geistes aber beginnt bei der Sprache. Sie ist das merkwürdige, dem Menschen eigenthümliche Vermögen, seine Empfindungen und Gedanken mittelst der Stimme durch verständliche Töne zu äußern und Anderen kund zu geben, die Tendenz hierzu verräth sich schon durch das Seufzen, Weinen und Lachen; die Sprache aber wird erst durch den Verstand hervorgebracht. Wie der Ton und die Stimme von dem Gefühle, so wird die Sprache von dem Verstände beherrscht. Jedes Gefühl, jede Idee der Vernunft, kurz: Alles, was sich durch Worte äußern will, muß, ehe es gesprochen werden kann, die Region des Verstandes durchgehen und von diesem begriffen werden. Ebenso wirkt anderseits die Sprache durch das Gehör zunächst wieder auf den Verstand, erweckt Gedanken und durch diese erst Gefühle und Ideen. Der triftigste Beweis für die Wichtigkeit der Sprache als erste Grundlage der Entwickelung des menschlichen Geistes. Mögen nun die Menschen ihre Sprache uranfänglich durch unmittelbare Unterweisung vom Schöpfer erhalten, oder sich im Verlauf von Aeonen allmählig selbst zu derselbe» befähigt haben, so konnte sie, in beiden Fällen lange Zeit nür in wenigen artikulirten Tönen bestehen, die zur Bezeichnung der dürstigen Begriffe des ersten Menschenalters hinreichen mochten. Durch die Vermehrung der Menschen nnd das Beisammenleben einer größeren Menge derselben entwickelte sich indessen ihre Sprache mehr und mehr nnd wurde nach und nach auch um Vieles bestimmter. So lange die ersten Menschen auf einem kleinen Raume beisammen wohnten, hatten sie nur eine, Allen gemeinschaft- 1* Einleitung. liche und verständliche Sprache, i) Als sie sich aber, nach dem bekannten Ereignisse in Sincar-) in andere Gegenden zerstreuten, fanden sie unter den fremden Himmelsstrichen, wo sie sich niederließen, eine Menge ihnen bisher unbekannter Naturgegenstände, neue Bedürfnisse und Genußmittel und andere Beschäftigungen, die znm Theil eine gänzliche Veränderung ihrer früheren Lebensweise zur Folge hatten. Der enge Kreis ihrer Begriffe erweiterte sich und sie sahen sich genöthigt, zur Bezeichnung derselben mehr und mehr neue Worte und Redensarten zn erfinden, in welchen von der ursprünglichen Stammsprache mehr oder weniger Spuren sich erhielten. 2) Ob übrigens nach Herodot") die Phrygische, oder nach dem Spanier Peter Muia oder Messias aus Sevilla die Hebräische, als die älteste auf uns gekommene Sprache, die Sprache der ersten Menschen gewesen sey, vermögen wir nicht zu entscheiden. Uns inleressirt hier zunächst nur ihre Erfindung, durch welche nuu zur weiteren Entwickelung und Fortbildung des menschlichen Geistes die Bahn gebrochen war. Sie ist die wichtigste Erfindung der Urwelt, von welcher aller gesellschaftliche Verkehr, die ganze fortschreitende Vervollkommnung des Geschlechts abhing. Indessen schritte» die Menschen in ihren ersten Wohnplätzen, uuter dem glücklichen Klima des westlichen Asiens, wo ihnen die Natur so Vieles von selbst gewährte, was sie unter anderen, weniger günstigen Himmelsstrichen erst durch mannichfaltige, geistige und körperliche Anstrengungen erlangen konnten, in ihrer Bildung mir sehr langsam vorwärts. Rascher ging es daher in denjenigen Gegenden, wo die ausgewanderten 1. ) Mose II, I. 2. ) Ebendas. 11,8. 3. ) Fabricius, allglM. Hijr. d. Gclehrs. ii>- S, I7!i. 17!- 4. ) Hcrodot «. 2. S. ff. g.) 1^0» llive>'8. 12, 8. cax. 26, 25 eap. 2S, 18- cap. 21, iil. cap. 3K, 2» — 22. eap. 28, 19. cap. 32, 3ft- cap, 35, 7. 14- 15. — 2 Mose >»i>. 12, 2K. «ap. 13, 8- 14. 5 Mose cap. »7, 2. — 2 Josua cap. 7, 25- 2S. olix 4, 5 — g. 24, 2!). — I C h r 0 n. vap. 14, II. ccx. 15, 7. II. . 2.) tZoxuet, cke I'ariFine »le« »rt« et lies seiencvs. ?aii» 1728. Inin. I. tiv. II. e. d., so wie ^litrtini, Iiistnirv >Io lit Llii- ne, I. p. 21., und sei nie: des moniinient», yui ont snnp- 1^ au äejlaut ite t'ecriture et servi 85. 2. ) ä'II e 1 t> 0 I 0 t kilil, nrieiit. v. ^rnautli. u. I2!>. 3. ) Nlirtini a. a. Orte. 4. ) M. Denis, Einltg. i. d. Bücherkunde. 2. Aufl. ir.TH. S.Z5. 5. ) Busch, Handbuch der Erfindungen. Ilr Th. S. 2v7. 8 Erstes Buch. Erster Abschnitt. man nicht mehr das ganze Bild des darzustellenden Gegenstandes, sondern nur einige kenntliche Züge von demselben abzeichnete. Um z. B. einen Walker anzuzeigen, malte man zwei Menschcnsüße im Wasser. ^) Immer indessen beschränkte sich diese zweite Art zn schreiben, blos auf die Darstellung körperlicher, in die Angen fallender Gegenstände, zur Bezeichnung körperlicher Dinge aber, die zwar gedacht und gesprochen aber nicht gezeichnet und gemalt werden konnten, war sie bei Weitem nicht hinlänglich »nd durchaus nicht anwendbar. Da sie ans unförmlichen Bildern natürlicher Gegenstände bestand, so bekam sie den Namen Bilderschrift.' ^ ^ :w S^S M^MKG Dem Mangelhasten derselben abzuhelfen, begann man zunächst die Bedeutung der schon vorhandenen Bilder auch auf einen allegorischen Sinn auszudehnen, den nicht das Auge, sondern nur der Verstand zu erkennen und zu verstehen vermochte. So bedeutete nun der Zirkel nicht mehr allein die Sonne, sondern auch Gott, den Himmel, das Jahr. Körperliche nnd unkörperliche Dinge, Empfindungen, Eigenschaften, Tugenden und Laster, Handlungen, Gemüthsbewegungen und ganze Geschichten wurden durch Bilder von Vögeln und auderen Thieren so wie von leblosen Dingen ausgedrückt, die Anfangs eine naturgemäße Bedeutung hatten, nachher aber einen geheimen nnd allegorischen Sinn bekamen. So bezeichnete das Bild des Pelikans, die List; das Bild des Habichts oder Sperbers, die Geschwindigkeit; eine Taube, die Unschuld; ein Pfaüeuschwanz, die Vergänglichkeit der Schönheit, der Pracht und des Reichthums; eine Schlange, die sich in den Schwanz biß, die Ewigkeit, welche Bedeutung auch oft der Zirkel hatte. Ebenso erhielten einzelne Theile des menschlichen Körpers einen besonderen Sinn Ein Auge z. B. zeigte die Vorsclmng an; ein auf den Mnnd gelegter Finger, die Ver- I.) klnr, ^.pvU». I>, I. >m>!. l>'i. Erstes Buch. Erster Abschnitt. 9 schwiegenhcit; eine Hand, die Stärke oder Tapferkeit; eine Nase, aus der ein Dampf aufstieg, den Zorn u. s. f. Oft wechselte man mit den Zeichen, die einerlei Bedeutung hatten. So drückte man durch ein Schloß ebenfalls die Verschwiegenheit aus. Oeftcrs endlich setzte man, besonders bei der Bezeichnung von Vorfällen, einen Theil für das Ganze, Wollte man z B. die Belagerung einer Stadt anzeigen, so malte oder zeichnete man nur eine Sturmleiter, i) Die größte Rolle aber spielten bei dieser Art zu schreiben, besonders bei den Aegyptern, die Thiergestalten. Nicht mit Unrecht bemerkt Ta- citus,") daß sie ihre Gedanken durch Figuren von Thieren nnd Vögeln bezeichnet hätten. Alle Wände des Labyrinths zu Theben waren mit solchen bemalt; ^) und selbst die höchste Würde, den König, bezeichneten sie durch die Figur einer Biene,") Diese dritte Art zn schreiben, nennt man die tropische oder sy mbolische Schreibekunst. Sie war bei vielen Völkern des Alterthums, bei den Phöniziern, 5) den Scpten^) und noch zur Zeit der Entdeckung von Amerika bei den Mexikanern?) üblich, welche den Mon- teznma von der Landung des Cortcs durch eine Zeichnung in Kenntniß setzten. Eine ähnliche Art zn schreiben haben selbst jetzt noch die Japaneser und Chinesen, deren Schrift ans nicht weniger als LVMO verschiedenen Zeichen besteht, die ebenfalls keine Wörter, sondern nur Sacken und ganze Begriffe bezeichnen. Welcher dortige Gelehrte wird sich wohl rühmen können, alle diese Zeichen zu kennen! —Bei keinem Volke der alten Welt hatte 1. ) Busch, Handb. d. Erf. Zlr Th. S. 2!>8. 2. ) Liii'». 'i'üei t. I>i«tnr. l,. g. ^.) ^lum i ilii Zsi»l'l!«II. Ii. 2- I>llg> 2Ü2. 4.) 8tra1><>. I. Ili. 5) Iiiieitnu« !. Z> «>.) ^itblonsk)' allg. Lcr, I. Thl. S. 202. 7.) All gem. Reisen, s, d. Eroberung von Mexico. 10 Erstes Buch. Erster Abschnitt. die symbolische Schreibekunst einen so hohen Grad von Ausbildung erreicht, als bei den Aegyptern, oder vielmehr ihren Priestern, die im ausschließlichen Besitz derselben waren, weswegen sie anch die Griechen die Hieroglyphen- oder die heilige Schrift uanitten. Spuren derselben findet man noch jetzt an den Trümmern mehrerer ägyptischen Denkmäler, besonders ans den Obelisken. ^) Der Sinn dieser Hieroglyphen war blos den Priestern bekannt, von welchen eine besondere Klasse sich beständig mit dieser Kunst beschäftigte, und deswegen die Klasse der Bilderschriftansleger hieß. 2) Späterhin wußten indessen diese selbst den Sinn der alten Hieroglyphen nicht mehr zu erklären. Denn da derselbe, in Ermangelung einer anderen Schrift, nicht aufgeschrieben, sondern nur durch mündlichen Unterricht fortgepflanzt werden konnte, und man bei fortschreitender Kultur zur Bezeichnung der dadurch erlangten neuen Begriffe stets auch neue Hieroglyphen erfinden mußte: so kam endlich, durch die Menge derselben, der Sinn der alten ganz in Vergessenheit. Auch scheint es, daß der Sinn der symbolischen Bilder nicht bei allen Völkern der nämliche, oder wenigstens nicht bestimmt genug, ja sogar manchmal einer ganz entgegengesetzten Deutung fähig gewesen. Denn als Darius den scythischen König Jdan thu ras'mit Krieg bedrohte, sandte ihm dieser eine Maus, einen Frosch, einen Vogel, einen Pfeil uny einen Pflng. Diese symbolischen Geschenke deutete Orontopagas, einer der Feldherren des Darius ganz zum Vortheile der Perser, indem er daraus abnehmen wollte: daß ihnen die Scythen durch die Maus ihre Wohnungen, durch deu Frosch ihr Wasser, durch den Vogel die Lust, durch den Pfeil ihre Waffen und durch den Pflug ihre Aecker übergäben. Ganz entgegengesetzt aber war die Meinung des Xiphodres, eines andern persischen Befehlshabers Wenn wir, sagte er, uns nicht wie die Mäuse in die Z ) l'kevenot recuell vo^aAes, II. 2.) Busch a. a. O. S. 300- Erfindung der Schreibekunst. 11 Erde verkriechen oder wie die Frösche im Wasser untertauchen, oder wie die Vögel durch die Luft entfliehen, so werden wir den Pfeilen der Scythen nicht entrinnen und demnach nicht in den Besitz ihres Landes kommen, i) Um nicht endlich das ganze Thierrcich zu symbolisiren, sahen sich die ägyptischen Priester genöthigt, auch willkührliche Zeichen unter die Hiroglyphen aufzunehmen. Dadurch entstand eine gemischte Schrift, deren sich die Priester von nun an hauptsächlich zu ihren wissenschaftlichen Werken bedienten, daher sie auch die Gelehrten- oder Priesterschrift hieß, zum Unterschiede von der reinen Hieroglyphenschrift, die bei öffentlichen Denkmälern gebraucht wurde. §. 4. Bei allen diesen Fortschritten der Schrcibekunst blieb aber dieselbe immer nur auf die Bezeichnung von Sachen und Begriffen beschränkt. Durch die Aufuahme ganz willkührlicher Zeichen unter die Hieroglyphen mußte mau indessen bald auf den Gedanken verfallen, auch willkuhrlichc Charaktere für einzelne Worte zu gebrauchen, nnd bezeichnete nun z. B. ein Haus durch ein Kamccl durch 2; eine Hacke durch j?; einen Zahn durch s, ^ - dadurch entstand nnn die vierte oder die Wortschrist. §. 5. Man mußte indessen bald zu der Ueberzeugung gelangen, daß diese Art zu schreiben nie vollständig zu erlernen sey, indem deren Erfindung so vieler besonderer Charaktere bedürfte, als die Sprache Wörter hatte. Da nun eine Sprache so wenig, als der Kreis der Begriffe, deren der menschliche Verstand fähig ist, sich als geschlossen denken läßt, so hätte man für jeden neuen Begriff ein neues Wort und zur Bezeichnung 1. ) vlkm. ^Vlex. Strömst. I/. V. p. »72. 2. ) Busch a. a. O. S. 301. 12 Erstes Buch. Erster Abschnitt. jedes neuen Wortes stets wieder ein neues Zeichen erfinden müssen, wodurch die Zahl derselben bis ins Unendliche vermehrt worden wäre, und die Menge der besonderen Zeichen weder zu erlernen, noch ihre Bedeutung im Gedächtnisse zu behalten gewesen wäre, wie dieß schon bei den Hieroglyphen der Fall war. Man ging aber noch weiter. Da man nämlich bei Erfindung der Wortzeichen bemerkt, daß jedes Wort ans einer Anzahl von Lauten oder Sylben bestehe, und man nun einmal Alles durch Zeichen auszudrücken suchte, so bemühte man sich auch für jeden Laut der Wörter besondere Zeichen zu erfinden, wodurch dauu die fünfte oder die Sylbenschrift entstand, deren sich aber nnr wenige Völker bedienten, i) §. 6. Hätte diese Erfindung nicht zu einer anderen geführt, so wäre sie der Schrcibekunst noch weniger förderlich gewesen, als die Erfindung der Wortschrist; indem die Sylbenschrift noch weit mehr, und zwar so viele besondere Zeichen erforderte, als Sylben sich in einer Sprache denken lassen. Aber bei genauerer Aufmerksamkeit auf die Artikulation derselben, fand man, daß jede Sylbe aus einem einfachen Tone oder Selbstlaute, den man mit offenem Munde ausstoßc, und etlichen zusammengesetzten Tönen oder Mitlauten bestehe, welche durch Zuthun der Gurgel, oder des Gaumens, oder der Zunge, der Zähne, Lippen oder endlich der Nase hervorgebracht würden. Man brauchte nunmehr nur allen diesen verschiedenen, unendlich scheinenden, an sich aber gar nicht zahlreichen Tönen, aus welchen alle Wörter zusammengesetzt, gewisse Zeichen beizulegen, aus welchen mau die Aussprache erkennen könnte, und — die Buchstabenschrift war erfunden, z) lZoAliet a. a. O. 2.) M. Denis Eltg. in d. Bü'cherk. I. Thl. S. 27. Erfindung der Schreibekunst. 13 §. 7. Der Name dieser Schrift oder vielmehr ihrer Charaktere im Allgemeinen war von jeher bei allen Völkern, je nach seiner Anleitung, verschieden. Die deutsche Benennung „Buchstab" wollen Einige von den hölzernen (buchenen) Stäbchen herleiten, durch welche manche Völker des Alterthums, die noch des Schreibens unkundig waren, sich aus der Ferne ibre Gedanken mitzutheilen suchten. ^) (S. §, 1>) Verschieden ist auch die Meinung hinsichtlich der Ableitung der Gestalt der ältesten Schriftlichen, die Einige von der Form, welche der Mund bei dem Aussprechen der einzelnen Laute bildet; Andere von dcu Umrissen der Gesäße, womit man Wasser schöpft;'^) und wieder Andere aus Abkürzungen der Aegyptischen Hieroglyphen °) herleiten wollen. Eine sehr wahrscheinliche Meinung hierüber äußert Fromann,") indem er behauptet: daß man aus der Menge der vorhandenen Zeichen, deren man sich in der Bilderschrift oder vielmehr der Hieroglyphcnschrift bedient, so viele Zeichen ausgewählt, als zur Bezeichnung der Töne nöthig gcw-sen. „Mau wählte aber," fährt er fort, „solche Zeichen hierzu, deren Name sich mit dem Laute anfing, der dadurch bezeichnet werden sollte; daher erhielten die ältesten morgenläudischen Buchstaben solche Benennungen, die nicht nur einen gewissen Laut, sondern auch eine gewisse Sache bezeichneten. Weil z B. die Fignr x in der ältesten Zeichensprache einen Ochsen bezeichnet, der bei den Morgenländern Alcph genannt wurde, so wählte man dieses Zeichen, dessen Name sich mit -» anfing, zur Bezeichnung des Lautes », und nannte es auch Aleph. Desgleichen wählte Z.) Fabricii Allgcm. Hist. der Gelehrs. ir Thl. S. 183. 2. ) Jntellig. Blatt der Ällgem. Lit. Ztg. Jena 1602. Nr. 58. 3. ) ck» kuixuos M-m. äüns I'Iiistoiiü ,Ie I'^«»>1emiv llvs in- svi'iptioi>8 XXIX. p. 1 — 2U. 4. ) visx, lll? eausi» iiominunt litvi'iii!ini Ividr, i» seinen npus,?, 1'mii. I. i>. I0Z, 133. 14 Erstes Buch. Erster Abschnitt. man wegen des Anfangsbuchstabens die Figur welche Beth heißt, und in der Zeichensprache ein Haus angezeigt hatte, zur Bezeichnung des Buchstabens b, und ebenso die Figur "1, welche Daleth hieß und eine Thür bedeutet hatte, zur Bezeichnung des Tons ,1 u. s. w. Wir werden weiter unten noch einmal auf diesen Gegenstand zurückkommen. §. 8. Durch die Erfindung der Buchstabenschrift konnte die Schreibekunst erst ihren heilsamen Einfluß auf die fortschreitende Geistesbildung, den wechselseitigen Verkehr und alle industrielle uud gesellige Verhältnisse der Menschen änssern, welchen Amclang!) und Andere schon bis in das Kleinste verfolgt haben, weswegen wir uns hier einer so oft wiederholten Schilderung desselben füglich enthalten zu dürfeu glauben. — Schon die Alten scheinen eine Ahnung dieses Einflusses gehabt zu haben; denn sie hielten die Erfindung der Buchstabenschrift für so wichtig und übermenschlich groß, daß Einige sie Gott selbst zueigneten, der sie schon dem Adam, nach Anderen aber dem Moses eingegeben.2) Allein daß sie nicht unmittelbar göttlichen Ursprungs sey, scheint die Unvollkommenheit des hebräischen Alphabets zu verbürgen. Auch läßt sich nicht denken, daß Moses eine so wichtige Eingebung oder Anleitung ganz unerwähnt und ungerühmt gelassen hätte. Andere schreiben diese Erfindung ebenfalls dem Vater des Menschengeschlechts oder seinem Sohne Seth oder wenigstens dem Henoch zu, weil, wie sie glauben, die wahre Lehre sich nicht durch bloße, mündliche Ueberlieferung hätte erhalten können.") z.)Amelang, von dem Alterthume der Schreibekunst in der Welt, besonders zu Briefen zc. Leipzig Z800. S. Z. 3. ff. 2. ) G. Chr. Hamvergcrs Nachrichten von den vorzüglichsten Schriftstellern, die vom Anfange der Welt bis um 1500 gelebt haben. 3. ) Heumanns acw pllilos, Vol. I. p. 80«. 4. ) Hambergcr a. a. O. H. 3. Erfindung der Schreibekunst. 15 Bei den öfteren göttlichen Erscheinungen indessen und der langen Lebenszeit der ersten Menschen i) war eine mündliche Fortpflanzung derselben um so leichter möglich, als dieselbe sich zugleich an gewisse rohe Denkmäler, durch die man vor der Erfindung der Schreibekunst das Andenken wichtiger Begebenheiten zu erhalten suchte, knüpfen und dadurch unterstützt werden konnte. Auch haben so manche des Schreibens unkundige Völkerschaften des Alterthums: dieJndier,2) Thrazier») und mehrere andere ihre Lehren blos durch mündliche Ueberlieferung bis in ziemlich späte Zeiten fortgepflanzt, wodurch obige Behauptung augenscheinlich widerlegt wird. §. 9. Daß indessen die Buchstabenschrift schon einige Zeit vor Moses erfunden wnrde und diesem bekannt gewesen sey, ersehen wir aus dem Buche Erodus, wo es, »och bevor er die zwei Tafeln empfangen hat, heißt: Kap. 17, 14. „Und der Herr sprach zu Mose: Schreibe das zum Gedächtniß in ein Buch :c." und Kap. 24, 4. „Da schrieb Mose alle Worte des Herrn ic" Die Erfindung der Buchstabenschrift, muß demnach in den Zeitraum zwischen N oah und Moses sallen; nur in dieser Periode lenken vorzüglich die Phönizier und die Aegypter unsere Aufmerksamkeit auf sich. Beiden Völkern, den cultivirtesten jener Zeit, wird anscheinend mit gleichem Rechte diese wichtige Erfindung zugeschrieben, von einigen Andern aber die Ehre derselben den Aethiopiern, Babyloniern und Assyriern zugedacht. Lucan^) und Plinius5) sprechen sür die Phönizier, Tacitus^) Z.) 1 Mose 5. 2-) Strali» kenxi'. I.. V. Baseler Ausg. S. 673. 3. ) ^olian v-lr. Ilikt. I,. Vlll. <:. k, Züricher Auög. S. 445. 4. ) ?!i -irs-ll. 1. III. p. zz. 5. ) Iiist. Niit, I.. V. n>. II. 1>. 18. 2. ) vioil, I. ZK. III, 3. 3. ) Busch, Handb. d. Erfind. 2r. Thl. S. 350. Erfindung der Schreibckunst. 17, und unter diesen dem Thot oder Taaut die Ehre der Erfindung der Buchstabenschrift gebühre. Der älteste Gewährsmann dafür ist der Phvnizische Geschichtsschreiber S an ch n u i a- ton, nach Einigen aus Bcrytus, nach Andere» aus Tyrus gebürtig, der eine Geschichte seines Volks in der Sprache derselben -geschrieben, von welcher nur einzelne Bruchstücke einer griechischen Übersetzung seines Landsmanns Philo ans uns gekommen sind. Sanchuniaton dedicirte seine Geschichte dem Abibal, König von Bcrytus, welcher «ach der Rcgententafel der Phönizier beinah hundert Jahre vor der Zerstörung Trojas gelebt hat. Daher sagt Ensebius^) Sanchuniaton habe v.or dem Trojanischen Kriege gelebt, und Porphyrius^) Mrichtet von ihm und von Abibal, ihr Zeitalter grenze an das Zeitalter Mosis. Philo hingegen, ein Zeitgenosse des Kaisers Hadrian, lebte und übersetzte demnach Sanchuniatous Schrift erst im zweiten christlichen Jahrhundert, weswegen Einige sie für untergeschoben erklären und Philo's Zeugniß der Acchtheit derselben verdächtigen wollten. Aber dieses Argument giebt dnrchans keinen Beweis; denn wie viele ältere Schriften, deren Aechthcit Niemand bezweifelt, sind erst in späteren Zeiten übersetzt und herausgegeben worden, weil sie keinen früheren Uebersetzer und Herausgeber fanden! Sanchuniatous Glaubwürdigkeit bezeugt auch Eusebius, welcher gewiß keine Auszüge aus Philo's Übersetzung in seine Schrift aufgenommen haben würde, wenn er, der sorgfältige und genaue Prüfer und Kenner ächter und unächter Schriften, Sanchnniaton's Geschichte für untergeschoben erachtet hätte. Philo aber charakterisirt seinerseits denselben als einen gelehrten nnd sorgfältigen Geschichtschreiber, dem Suidas auch eine Schrift von der Physiologie ves Hermes und eine Acgyptische Theologie zuschreibt. Z.) kräp, LvilNF. I.. l. 2.) Omiti-it Llirist. I.. IV. ».) In seinem historischen und geographischen Wörterbuche. S 18 Erstes Buch. Erster Abschnitt §. ZI Sanchnniatvn, der um 2790 schrieb, schöpfte seine Geschichte auö Städteurknnden und Tempclarchivcn; als seine Hauptquellc aber nennt er den Taaut, und sagt gleich im Eingänge seiner Schrift: „was er vom Anfang der Dinge erzähle, habe er in Taants Kosmogcnie gesunden." Besonders merkwürdig in den auf uns gekommenen Fragmenten ist die Stelle aus Sanchuniatons Geschlechtsrcgister Her Aegypti- schen Könige, wo er sagt: „der erste ist Misor, dessen Vater Ham oder Cronus war; der zweite Taaut, welcher das SchreiEcn der ersten Buchstaben crfuMen, den die Aegypter Tooth, die Alexandriner Toyth und die Griechen Hermes genannt haben" Ferner heißt es: „als Cronus das männliche Alter erreicht,' brauchte er den Hermes Tris- megistus als seinen Rath und geheimen Schreiber. Da er in die mittägigen Gegenden kam, gab er ganz Acgvpten dem Gott Taautus zum Königreich Diese Begebenheiten schrieben die Cabiren oder Dioskuren auf Befehl des Gottes Taautus in Denkbüchcr." — Nach Sanchnniaton war also Taaut oder Thot keine fabelhafte Person, wozu ihn Einige machen wollten, ') sondern er lebte wirklich, war von Geburt ein Phönizier, wurde König von Acgvpten, — wo seine Nachkommen gegen Jahre regiert haben, ^) — nnd war der Erfinder der Buchstabenschrift. — Diese Nachrichten Sanchnniatons finden wir auch von älteren griechischen Schriftstellern bestätigt. Herodot, der sich lange in Aegupten aufhielt, um Rachrichten für seine Geschichte zu sammeln, erwähnt zwar nicht des Namens Thot, wohl aber des Hermes und zwar seiner Stadt und seines Tempels in der Nähe, der Göttin Vubastis. Plato,°) welcher mehrere Jahre als Schüler 1. ) ^ it I> I X » « Ic ^ ?i»ntli. ^«xz p- ? III. I>. 17ij. s!. ^.nt. V»I. III. i>. 0? — !>5. Z ) In I» I> i I o k » IV II. p, 18 . Erfindung der Schreibekunst. 19 der Aegyptischen Priester im Tempel zu Heliopolis wohnte, wo Strabo noch sein Zimmer sah, beurkundet ebenfalls Thots Namen und Erfindung. „Ein Aegypter Theut, (Thot, Taaut, Hermes ?c.) er mag nun ein Gott oder göttlicher Mensch gewesen seyn, soll zuerst die Unendlichkeit der Töne in Selbstlauter und Mitlauter unterschieden, alle ihre Arten geprüft, und so die ewig dauernde Stimme, wie er die Schrift nennt, weil man durch dieselbe auch nach dem Tode zu den entferntesten Nachkommen spricht, erfunden haben." Anderswo schreibt Plato'dem Thoyth ausser mehreren anderen Erfindungen auch die Erfindung der Schrcibekunst zu, und nennt ihn den „Vater der Buchstaben." — Unter den Ptolemäern schrieb Mauctho, ein Aegyptischer Priester, auf Befehl des Ptolemäus Philadelphus eine Geschichte Aegyptens, wozu er nicht nur die seiner Aufsicht anvertrauten Tempelurknnden benutzte, sondern, nach des Syncellus Zeugniß, auch Nachrichten von Säulen nahm, an welchen Thot, der erste Hermes, in heiliger Sprache nnd mit heiligen Buchstaben Aufschriften gemacht hatte- Von dieser Aegyptischen Geschichte haben nns Julius Afrikauus, Euscbius und Syncellus Bruchstücke aufbewahrt, welche Scaliger erklärt hat. — Auch den Römischen Schriftstellern war Thot nicht unbekannt. Bei Cicero -) ist der Aegyptische Thot der fünfte Mercurius, welcher die Aegypter - Gesetze und Buchstaben gelehrt habe, uud dessen Name bei ihnen auch der erste Monat sichre. Nach Livius°) haben ihn die His- panier unter dem Namen Mercnrius Teutates als eine Gottheit verehrt, welche Ehre ihm nach Lucanus^) anch die Gallier erwiesen. — Endlich war Thot auch den christ- 1. ) In ?kaeckrn IV II ». 276. 2. ) vv n-iwra III, 22. Z.) I-lv. Ii. 26. 4.) I/»e au. I. 2* 20 Erstes Buch. Erster Abschnitt. lichcn Kirchenvätern nicht fremd, Clemens von A l e r a n - drien^), selbst ein Aegypter, liefert uns ein Verzeichnis seiner Schriften über die Astrologie, Geographie, Medizin, Politik, Religion. :c., und Lactantius^) erwähnt desselben in seinem Werke 6e tiil---,, religione. — Daß Einige den Thot eine Aegyptischc Gottheit, Andere einen Aegyptischcn König nennen, begründet durchaus keinen Zweifel an seiner Persönlichkeit, indem die Aegypter mehrere ihrer frühesten Könige als Götter verehrt haben. Bei Allen aber gilt er als der Erfinder der Buchstabenschrift. §, IS. Wenn indessen alle diese Zeugnisse darin übereinstimmen, daß Acgypten das Land der Erfindung der Buchstabenschrift sey, Andere aber diese Erfindung den Phöniziern beimessen, von welcher z. B. Lucanus sagt: pnoenioe« xrimi, kam» si oreMur, nusi Alaiisuram rurlibus vooem signarv tiZuris.^) und Plillius: 6en« plioenioum in mgZ»» glvri-» liter.irum inventionis, 2) so scheint dies allerdings einigen Widerspruch zu begründen. Will man uuu zur Hebung desselben San- chuniatous oben angeführtes Zeugniß nicht für hinreichend halten, so höre man hierüber die Meinung eines Gelehrten unserer Zeit. „Die Namen und Buchstaben des ältesten Alphabets", sagt Pros. Hug^), „drücken Gegen stäude aus, z.) Sti'nmat. Ii. >>. 2. ) 1^. 1. o. «. 3. ) E. F. Webers Versuch einer Geschichte der Schreibekunst. Göttingen. Z807. S. 52. Ein vortreffliches Werk, das beste und erschöpfendste, das uns über diese» Gegenstand bekannt ist. Wir nehmen keinen Anstand zu gestehen, daß wir dasselbe hier vorzüglich benutzt haben. — 4. ) ?Ii-irs!l1. I. III. Leidener Ausg. Zv2N8. V»I. X. I., VIII. ?. II. WitteNV. Ausg. S. 33«. Vnl. I.III. x. 577. Vnl. I.IV. 1>. 58 u. 1N5. 4) »lein, äv 1'^eaciem. äes Inseript. ^. XXVI. l>. 577- ^. XXX. x. 4»5. 5. ) kecueil d'^ntlc^nit. lÜFZ'pt. 1°. I. i>. K5 U. 74. 6. ) Bcrgleichungstciseln der Schriftarten verschiedener Völker, II. Nr. 2. 7 ) Lxvlicatimi !v villanviis Geschichte d. schönen Wissensch, u, freien Künste; übersetzt«. F. E.Kappe. Lpzg, 174» l.Thl, I.Kap. S-4, S) Caylus, Büttner, Butens u, s, w- a. d. oben anges- Orten- 24 Erstes Buch. Erster Abschnitt nur durch die schmale Meerenge Bab - el-Mandeb von ihnen getrennten Nachbarn, den Aethiopiern gelernt, mit denen sie bereits seit den ältesten Zeiten einen sehr lebhaften Handelsverkehr trieben, war ihnen schon ungefähr 1700 Jahre vor dem Ansang der christlichen Zeitrechnung bekannt. Ihre älteste Schriftart war die Homeri tische oder Hamjarische, die sie erst knrze Zeit vor Muhamcd mit einer anderen verwechselten, die sie von den Syriern angenommen hatten. Man nannte diese Schrift al Moramer, nach ihrem Erfinder Moramer Jbe Morea und Boschcir führte sie zu Muhameds Zeit in Mekka ein. Seit dem Jahre 1652 bedienten die Araber sich der Cu fischen Schrift, die ihren Namen von der Stadt Cufa oder Cufan in Mesopotamien erhielt, welche die schönsten Abschriften des Korans lieferte. Noch im zehnten Jahrhundert wurde derselbe mit dieser Schrift geschrieben, und man findet sie selbst noch auf Münzen und Inschriften aus dem vierzehnten Jahrhunderte. Auf die Cn- fische Schrift folgte die Carmatische, und auf diese die Schriftart Nesch i, die um 935 von Jbe Moklah erfunden und im folgenden Jahrhundert mehr ausgebildet wurde. Die letzigen arabischen Buchstaben stammen aus d'er Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, uud wurden von Jaknt, dem Geheimschreiber des letzten unglücklichen Califen von Bagdad eingeführt. In allen eroberten Ländern drangen die Araber deir unterjochten Völkern anch ihre Schriften auf. So zwang Omar nach der Eroberung Persiens im Jahre 630 auch die Perser, ihre bis dahin beibehaltene alte Schriftart gegen die Arabische zu vertauschen. — Der Buchstabenschrift bedienten sich in Asien außerdem auch sehr frühe schon die Mcder uud Kleinasiaten, besonders die Phrygier, zu welchen sie, nach Cicero, der zweite Herkules gebracht haben soll, und in Afrika die Earthaginenser, Cyreucr nnd andere Colouialvölker der Phönizier und Griechen längs der nördlichen Küste. ^) I.) B usjch Handb. d. Erfind. 2r Thl. S. 33» u. 360. Erfindung der Schreibckunst. 25 H, 15, Ueber das Alter der Buchstabenschrift in Griechenland hat man in neuerer Zeit eine, den Nachrichten der alten klassischen Autoren widersprechende Meinung behaupten und dasselbe nicht über die Zeiten Homers Hinanssetzen, ja sogar diese» selbst der Unkundc im Lesen und Schreiben beschuldigen wollen. Diese leere Behauptung Woods und Merlans haben I, G. Amelang und C, F. Weber siegreich widerlegt, so daß wir diesen Meiunngsstreit als beendigt ansehen und uns hier einer abermaligen Erörterung desselben enthalten.— Die Namen und die Gestalt der griechischen Buchstaben zeugen sür ihre Phönizische Abstammung und die Geschichte sitzt dieselbe außer allen Zweifel. Um das Jahr der Welt 2489 oder 1519 vor Christi Geburt kam zur Zeit des atheniensischen Königs Amphictvon, der Phönizier Cadmus, ein Sohn desAge- nvrs mit einer Colonic nach Böotien und brachte den Griechen die Buchstabenschrift.Er kam aber nicht unmittelbar aus Phönizicn, sondern ans Thebc in Obcrägypten, wo die Phönizier, wie zu Memphis, eine Niederlassung hatten, und führte, mit seinem Stamme von dort vertrieben, denselben nach Böotien, wo er zum Andenken an die ägyptische Mutterstadt die gleichnamige Stadt Thebc erbaute, iu deren Anfang Herodot den Anfang der Buchstabenschrift setzt. — Nach Tacitns und Plinius bestand das dahin gebrachte phönizische Alphabet aus 16, nach Hug aber nur aus 15 Buchstaben und hatte keine Vocale. In diesem Znstande nutzte dasselbe iu.Griechenland nur den Phönizische» und Aegypti- Z.) ^ » t, v. >Von- niens!» ete. Oxk, Zl>74. 2. ) l!nini»e»t les i-eienee« injluent daiis lii nncüle, in Mein, ile I'^eilll. lle kei'Iin 17gl> et «1. 3. ) Ilvrnilot lili.V.n. 58.— vioii 8!eu1, III. kg. — N!nx. I^-iert VII, Z». ?Iinii Iilst. n-it. VII. 57 — 6 lein. .41 ex. Strom. 1^.1. Luseliiu« ?rae». üvanA. I 10. — Koxuvt a. a. O. II. x. 5t>. u. A. m. 26 Erstes Buch. Erster Abschnitt. schcn Ansiedlern, deren Sprache so beschaffen, daß man in derselben die Vocale entbehren konnte, für die Griechen aber war es ohne dieselben gar nicht branchbar. Gleichwohl dauerte es noch volle 300 Jahre bis endlich nach 2790, zur Zeit des Trojanischen Krieges, Palamedes die Vocale einführte'), und dadurch das Alphabet auch sür die Griechen brauchbar machte, weswegen ihn Einige sür den Erfinder desselben hielten. Er veränderte aber nur das Aleph, He, Jod und Ain mit einer kleinen Wendung in e. i und v. und mit diesen vier Vocalen behalfen sich die Griechen mehrere Jahrhunderte. Das o mußte die Stelle von n vertreten und erst später nahmen sie das o zum ü; sür den Vocalen u halten sie ein eigenes einfaches Zeichen. Die ältesten griechischen Buchstaben erscheinen auf einer Hermaischen Statüc, die jetzt verstümmelt, an der Stelle des alten Sigäums in einem geringen christlichen Dorfe vor der Kirche liegt; ferner in einer Aufschrist auf einem Marmor zu Sklabackori, dem alten Amiklä Die erste hat Sherard, englischer Consul zu Smvrna, und die andere der Abt Fourmont ans einer gelehrten Reise nach Griechenland entdeckt-). Die älteste griechische Buchstabenschrift war die Quadralschrift. Diodor bemerkt ^), daß die allen Griechen beständig an den Cadmeischen Buchstaben etwas zu putzen, zu feilen und zn verbessern gefunden hätten. „Erst schrieben sie", sagt Herodot, „die erhaltenen Buchstaben eben so wie die Phönizier, sowohl nach ihrer Figur und ihren Zügen, als nach ihrer Führung von der Rechten zur Linken. Im Fortgangc der Zeit nahmen sie eine Veränderung damit vor. Sie veränderten die Figuren, den Gang der Reihen und die Aussprache, oder die Namen der Buchstaben; und waS dann noch von der alten Urschrift, 1. ) Hug a'. a., O. Mcusel Lcitfad. z. Gcsch. der Gelehrskt. Iste A'btylg. S. 22«. 2. ) M. Denis Eltg. in d. Bücherk. Ir Thl. Z. 34. Z.) vinil. 8i<:ul. I. 5. Erfindung der Schreibekunst 27 ihr ähnlich, übrig blieb: das nannten sie aus Erkenntlichkeit, wie es auch recht war, Phönizisch." — Ans Anrathcn des Archlaus Athenäi Sohn wurde unter dem Archon Eukli- des im I. d. W. 3634 das griechische Alphabet von 24 Buchstaben zu Athen eingeführt ; die kleinen griechischen Buchstaben kamen erst im siebenten Jahrhundert nach Christi Geburt iu Aufnahme §. 16. Im Jahre 2730 führte Evander, ein Sohn der Ni- costrata, die mit der Carmenta und Themis für eine Person gehalten wird, eine Colonie Arkadier nach Latium, und brachte die Kenntniß der griechischen Buchstaben dahin, aus welchen das lateinische Alphabet gebildet wurdet). Anfangs hatte dasselbe ebenfalls nur 16 Buchstaben und wurde gleich dem Griechischen erst nach und nach ausgebildet, zuletzt noch zur Zeit des Kaisers Augustus durch deu Buchstaben x vervollständigt"). Auch die älteste lateinische Schrift war viel größer. Ucbcrbleibsel derselben findet man unter andern auf dem Grabmahle des l.. «oipio k^rlint«« im IVten Buche der Pariser Ausgabe der Sirmoudischen Werke; auf einem Gefäße im Isten Theile der Wiener Ausgabe der Winkclmanu'schcn Kunstgeschichte V. Cap.; auf dem Pie- destalc der im IXten Theile des ?Iie?i»vru« Itnlise krnev. beschriebene Ehrensäule des 0. vmllins, und auf der in der kaiserlichen Bibliothek zu Wien befindlichen, ehernen Tafel mit dem «ennt von«, wider die Bacchanalien 5). Die jetzigen kleinen lateinischen Buchstaben kommen zuerst im vierteil Jahrhundert vor b). Auch die Hetruskicr erhielten die 1. ) Fab ricius allgcm. Historie d. Gclehrskt. 2r Bd. S 12». 2. ) Ebene, ir S- 114 u, 2r Bd. 415 41«!. vinn^g Halic. 1^. I. c. ZI u. rü. I^iv. Zl I, 7. ?!in. Iiisl. VII. sv. 4.) I^ipsiu« il Chr. G. in den Norden eindrang, znerst eine Art Buchstaben aus Asien dahin mitbringen. Andere halten die Runen für Phönizischen Ursprungs^); die Deutschen selbst aber schrieben ihre Erfindung einem Tuisco, Tuito oder Teutü)zn, welcher vermuthlich mit den Taaut eine Person ist. Einige setzen die Einführung der Runenschrift in daS dritte, Andere dagegen erst in das fünfte, sechste uud siebente Jahrhundert ?). Jeder hat für seine Meinuug auch seine eigene Gründe, die aber sämmtlich ans mehr oder weniger wahrscheinlichen Hypothesen beruhen. Da den, so lange in 1. ) voi'N. I'il,!, I,!«t. II, 2. ) Busch a, O. 2r Thl. S, 366, 3. ) Denis a. a, O. S' 33. 4. ) Fabricius a. a. O, 2r Bd. S- 123, s) ?otvr ?r i L lt l i eil 8utl»ls silillleilL 8krirtor. VII, Loel. I7SI. «.) Fabricius a, a, O. 2r Bd. S- 548, S4v- 7.) Von Ihre ilo runilrui» in suceiil ilntili»ltllte, I1>'Sil1 176!). Erfindung der Schreibekunst« 29 Unwissenheit lebenden, nordischen Völkern eine eigene Erfindung von Buchstabenschrist nicht zuzutrauen, über die Entstehung der Ruuen aber durchaus keine autheutische Nachricht vorhanden: so müssen wir uns freilich nur mit blosen Vermuthungen einstweilen hierüber begnügen und unterdessen derjenigen folgen, welche die meiste Wahrscheinlichkeit für sich hat. Dieß scheint nun die von Friedrich Schlegel, unter andern in seinen Vorlesungen über alte und neue Literatur aufgestellte Hypothese zu seyn, nach welcher die Buchstabenschrift durch die, bekanntlich im höchsten Alterthume schon die Meere und auch die Ostsee befahreudeu Phönizier den Anwohnern jener Küsten bekannt wurde und daraus sich die ihnen eigenen Runeu bildeten, deren Gebrauch von der ziemlich in sich geschlossenen Priestcrkaste bewahrt und von ibr zu mancherlei magischen und vorgeblich zauberischen Künsten angewendet wurde. Die Aehnlichkcit mit manchen Schrift- zügcn der Römer kann gegen diese Annahme nichts beweisen, da diese ja auch ihre Schrift, wenigstens mittelbar, aus derselben östlichen Quelle erhielten und nothwendig daher eine Urstammvcrwandtschaft sich zeigen muß. Daß auch in Spanien und anderen südwestlichen Ländern Europas Ueberreste sich von Nunen und Runensteinen (mit Runenschrift bezeichnete Steine, die zn Grab- und Marksteinen dienten) finden, ist aus der Stammverwandtschaft der neuen Bewohner jener Gegenden seit den Zeiten der Völkerwanderung den Einwohnern des alten Germaniens und Skandinaviens sehr leicht erklärlich. > Im sechsten Jahrhundert sollen die Runen von Juden in Großbritannien gelehrt worden und von da erst im siebenten Jahrhundert nach Norwegen gekommen seyn. Als hierauf im eilften Jahrhunderte viel fremde geistliche Engländer, Deutsche und Dänen dahin gekommen nnd fremde Wissenschaften mitgebracht hätten, sey die Runenschrift verdrängt und statt derselben die lateinische eingeführt worden ^). Die Ru- I.) Suliin a, a. O, 3l1 Erstes Buch, Erster Abschnitt nenschrift, welche man in Dänemark gefunden hat, ist von Wormius gesammelt und erklärt worden ^). In Schweden findet man keine Runenschriften aus den heidnischen Zeiten mehr, und setzt ihr Zeitalter von Jahr 1000 bis 1Z50 2). — In Island war dieselbe auch schon vor Einführung des Christenthums bekannt, wurde aber bei der Verbreitung der christlichen Religion ebenfalls durch die lateinischen Buchstaben verdrängt 2). §. 1k. Im südwestlichen Deutschland lernte man sehr frühe schon auch die griechischen Buchstaben, und zwar durch die Gallier kennen, bei denen sich die Druiden bereits zn Cäsars Zeiten derselben bedienten Die Gallier erhielten sie von den ausgewanderten Phocäern, die im Jahre 3445 Marseille erbauten, und theilten sie den Franken mit, als diese Gallien eroberten. Doch wurde die Schrcibekuust unter den Deutschen vor dem vierten Jahrhundert nicht gemein 5). Erst im Jabr 365 erfand Ulfilas oder Wolf, ein Kappadocier nnd Bischof der Möso-Gothen, die sogenannten Gothischen Buchstaben, die älteste deutsche Schriftart, die er aus dem Alpabet der Grieche» bildet b). Ucberhaupt machten sich die ersten christlichen Religionslehrer Und Apostel der verschiedenen Völker nm die Verbreitung der Buchstabenschrist sehr verdient. So versuchte der Slaven-Apostel Cyrillus 863 die Slavonische Sprache mit griechischen Buchstaben zu schreiben, und da er mit diesen nicht zureichte, so fügte er mehrere Tonzeichen hinzu, woraus das aus 44 Buchstaben bestehende Cy- 1. ) >V»linius ,Ie litci'iltur» rimnlca. 2. ) H. Sjöbergs Eltg- z. Kenntniß der vaterl. Antiquitäten, z. Abthlg Lund 1797. s,) Webrs vom Papier. ??8S. S- 51. 4, ) ^ul. Luesnr ile »eiln ^uUicn, 1^. VI. c. Z4> 5. ) v»n>. inx ile «i'I^ine jur. kerm, I, p. I. v. 2. p, 3. k.) Meusels Leitf. z. Hist. d- Gelehrs. 2. Abthlg. S. 5L!i, Erfindung der Schreibekunst. 31 rillische Alphabet') der Russen entstand. Aelter noch als dieses soll das Glagolitische seyn, dem das Lateinische zu Grunde lag^).' Als die Deutschen Religionslehrer bekamen, führten diese das lateinische Alphabet ein und versuchten damit Deutsch zu schreiben. Besonders geschah dieß bei den Franke», die sich in Gallien festsetzten. Die Sachsen nahmen das Alphabet der Angelsachsen in England an, das mit einigen Veränderungen ebenfalls aus dem lateinischen entlehnt war. Als sie aber von den Franken besiegt wurden, mußten sie dasselbe gegen das Fränkische vertauschen »). C arl der Große führte statt der Gothischen die von ihm selbst verbesserten lateinisch-longobardischen Buchstaben ein''), aus welchem im Mittelalter die Möuchsschrift und aus dieser unser heutiger Druckcharacter entstand. Unter Ludwig dem Deutschen fing man zuerst an in deutscher Sprache, aber noch immer mit lateinischen Buchstaben zu schreiben. Eine auf diese Weise geschriebene Bibel aus jener Zeit befindet sich in der öffentlichen Bibliothek zu St. Gallen; die deutsche Sprache aber war damals noch so arm, daß den ganzen Text hindurch nicht nur eine Menge lateinischer Wörter, sondern auch häufig ganze solche Sätze vorkommen, die man im Deutschen noch nicht auszudrücken wußte. Die jetzige» deutschen Buchstaben kamen erst unter Friedrich II. im 13tcn Jahrhundert auf und wurden durch Kaiser Maximilian im I5ten Jahrhundert verbessert 2). §, 19. Hinsichtlich der Richtung, in welcher die alten Völker ihre Buchstaben und Zeilen zu schreiben pflegten, kann man folgende Arten annehmen. Erstens die kreisförmige, von welcher uns Pausanias ein Beispiel auf dem Schilde des 1. ) Fabricius a. a- O- 2r Bd. S. 564. 2. ) Allg. Lit. Ztg. Jena 1«ni. Il ». Zü»5. ^unveiiu ttaitiZ llk ckiploniat. 1'. I. x. II. 8e<:t. 2. «:. 7. 4.) Nov. tlies. vvtt. inscrixt. IV I. I'ilti. 2. s.) ?. 27 der Vorrede zu lil-lainl« I>i»t. nt' li^Is»»!, Iwnilon 1773. u.) Isi il. 0>ix> VI. — lli». 81«. II. !>8. Erfindung der Schreibekunst. 33 Vervollkommnung der Schreibckunst. Anch ist sie der Natur selbst angemessener als die orientalische Schreibart. Die erste Bewegung der Hand geschieht bei jedem Gebrauch derselben gewöhnlich von innen nach außen; selbst die Züge der orientalischen Buchstaben werden hänfig von der Rechten zur Linken gemacht Ueberlcgt man überdies), daß bei der letzten oder unserer jetzigen Art zu schreiben, die Wörter einer Linie oder Zeile immer unverdcckt vor uns liegen, bei der morgenländischen hingegen zum Theil von der Hand und der Feder verdeckt werden, so wird man gewiß unserer Schreibart den Vorzug vor der orientalischen einräumen müssen. § 20. Nach den verschiedenen Schrift- und Schreibarten der alten Völker verdienen nun auch die Materialien bemerkt zu werden, die ihnen zum Schreiben gedient haben. Sie bestanden theils aus harten, theils aus weichen Stoffen. Zn den ersten gehörten Steine, Metalle, Holz, Elfenbein und Thierknochen. Von der Steinschrift zeugen die in Grotten bei dem Aegyptischen Thebe aufbewahrten Säulen Thots oder Taauts, auf die er seine Lehren und Begebenheiten, Namen von Ländern und Städten, von Völkern und Königen, seine Sentenzen und Rezepte schrieb, nnd die, nicht nur dem Sanchuniaton nnd Manetho als Urkunden bei Abfassung ihrer Geschichtsbücher, sondern auch den Philosophen Griechenlands, Pythagoras und Plato als Quellen ihres philosophischen Studiums dienten. Ferner die Säulen des großen Sesostris, der bald nach den Hyksosaden, den berüchtigen Hirtenkönigen, Aegypten beherrschte; imgleichen mehrere Statuen, wie unter anderen die des Königs Sethon in dem Tempel des Vulkans ^); endlich die Pyramiden, unter welchen die von König Cheops mit ihren vielen untcrirrdischen Gemächern, so wie die von dem König Asychis von Ziegelsteinen erbaute, zu den mcrk- Z) Hcrodot II. 141, 8 34 Erstes Buch. Erster Abschnitt. würdigsten gehören. Alle diese steinernen Denkmäler trugen Inschriften theils in symbolischer Schreibart, durch Abbildung von Thicrgestalten und theils in Buchstabenschrift u). — Bei den Jsraelitcn waren die zehn Gebote in zwei steinerne Tafeln und ans dem Brustschilde des hohen Priesters die Namen der zwölf Stämme in Edelsteine gegraben^). Schon Hiob nist aus"): „O möchtenmeine Reden mit dem Meisel in Stein gegraben werden." Noch jetzt trifft man im peträischen Arabien eine ganze Reihe von Felsen mit uralten bisher noch nicht entzifferten Schriftzügen an, die in neuerer Zeit durch Reiscbeschreiber unter dem Namen 6edel ei Mak-tt-rl, (die beschriebenen Berge) bekannt geworden sind, weil man lauter Schriftzüge erblickt 5). Auch schrieben die Araber anf die Schulterblätter der Schöpse und Kamele, in die sie die Schrift eingruben, die Knochen dann durchbohrten, mit eiuem Stricke zusammenreihten und sie als Chronik aufbewahrten b). Die Babylon ier schrieben ihre ersten astronomischen Beobachtungen anf gebrannte Steine?); und der nordische König Harald Hyldetand ließ zur Zeit des Kaisers Gallienus die Tbateu seiner Ahnen in die Blekingischen Felsen hauen«). Hiob nennt auch das Blei oder Erz als Schrcibmatcrial^), und Plinius macht dasselbe zum Stoff öffentlicher Urkunden w). Pausanias hat Hesiods Werk auf Blei gesehen "), und der zu Mutina belagerte Consul Hirtius unterhielt mit Brutus auf Blei 1. ) Iloroä. II. 124. ^- r-li-iti äiinal. XI. 14. 2. ) liiill. II. 123. 13k- 3. ) LxmI. 31, IS. . 4. ) v. XIX, 23. 24. 5 ) Hczels Anm. zu Hiob- XIX, 24. 6. ) I> >'! ,1 v 51 uX ViIe Hlilliameli. p. 3g. 7. ) I^Iinii !>i«t, n-tt. VII. 5g. 8. ) 01. >Vnriuii Hirn. I^iter-lt. anti^iiiss. 1g3«i. «. 2». !>,) XIX, 24. 10. ) «ist. N-tt. XIII. v. II. 11. ) I.. IX p. 588. Erfindung der Schreibekunst. 35 einen Briefwechsel^). Indessen wurde der Daner wegen das Erz vorgezogen. Als die Römer die ersten 10 Gesetz- tafcln noch mit zwei neuen vermehrten, nahm man hierzn 2 Tafeln von Erz und gnib die Gesetze hinein. Auch der Bund der Römer und Machabäer stand auf ehernen Tafeln geschrieben; und unter Vespasian schmolzen 30,000 dergleichen beschriebene Tafeln im Capitel durch einen Brand zusammen Ein Paar merkwürdige Ueberreste davon sind das in der kaiserlichen Bibliothek zu Wien befindliche 8en. Oon«. 6e 1>-> e l>!» iial ib u 5 und Tranjans tabula ii-Iimeiitsri» zu Piacenza°). — Zur Zeit des Jesaias") und des Ha- bacuc^) schrieb man auf Holz. Moses schrieb auf Je- hovahs Befehl die Namcu der zwölf israelitischen Stämme auf zwölf hölzerne Stäbe 6); Solon seine Civilgesetze auf hölzerne Bretter?); und die Gesetze der Römer sollen Anfangs ebenfalls auf zehn eichenen Tafeln geschrieben gewesen seyn. Reichere Leute bedienten sich elfenbeinerner Täfelchen, auf die sie mit schwarzer Farbe schrieben»). Wenn sie nur aus zwei Blättern bestanden, so nannte man sie vipt^od-i. Es gab aber auch ganze Bücher aus diesem Stoffe und Ul- pian versichert: man habe Rathschlüsse, welche die Kaiser betrafen, lange Zeit auf Elfenbein geschrieben?). Endlich schrieben die Athener die Namen gcfürchteter Bürger, welche des Landes verwiesen werden sollten, auf Muschelschaalen (o?9c-xc,i-) und stimmten damit bei der Volksversammlung. Daher der Name Ostracismus I) »in c-tss. I., X, v VI 1> 3,5, 2,) I>i»»v<.'iiii tiaitö llv >»>», IV I, >>. II I, I. Z) Alakksi Nii5, Veron. >>> 4«>. 4.) ^vsiiiil« 30, 8. S>) II!ttl!l n II v 2, ». k.) 4 Aln-iv 17, 17. IS. 7. ) Hannovers. Maga'z. 1774. St. II- S. 170- 8. ) Uiu-tinl Ii. IV. op. 5. i>.) Im XXX. der Pandecten- 10) viail, Sie. 3* ZK Erstes Buch. Erster Abschnitt. Die weicheren Stoffe, auf die in älteren Zeiten geschrieben wurde, bestanden in verschiedenen Baumblättern, in Bast von verschiedenen Bäume, in Wachs, Leinwand, Seidenzeugen, den auf verschiedene Weise zubereiteten Häuten und Eingeweiden von mancherlei Thieren und dem Aegyptischeu uud Chinesischen Papier. — Die Aegyptcr schrieben zuerst auf Palmblätter, indem sie die Züge mit einem eisernen Griffel ins Blatt ritzten, und dasselbe nachher mit einem Oele überstrichen, welches die Schriftzügc schwarz färbte >). Bei diesem Schrcibmaterial wird es erklärlich, wie Thot außer den Inschriften seiner Säulcu zu einer Zeit, wo die Schreibekunst noch in der Periode ihrer Kindheit war, so viele Bücher habe schreiben können, deren Clemens von Alerandrien nicht weniger als 42 zählt uud Jambi chlus ihm sogar 36,000 bcimißt, worunter indessen nur so viel Linien zn verstehen sind. Ein Palmblatt, das von manchen Palmarten, wie z. B von dem Palmbaum Makarequeau, auf dessen Blätter die Malaien noch gegenwärtig schreiben, 1^ Klafter lang und l Schuh breit ist, bildete ein ganzes Buch. Auf Palmblätter schrieb wahrscheinlich auch Sanchuniaton seine Geschichte, und waren die Denkwürdigkeiten von Städten und die Tempelnrknndcn geschrieben (S. 11.) Der Palin- blätter bedienen sich noch jetzt zum Schreiben alle Völker, die von Anderen nichts angenommen habe» und auf der Kulturstufe stehen blieben, auf welche sie ihre erste Geschichte stellt, wie: die Indianer) Malabarcn, die Bewohner von Ceylon, Java und anderen Inseln des indischen Oceans. Zum Beweise dienen die Bibelübersetzungen auf Palmblättern, welche dänische Missionäre aus Ostindien nach Europa gebracht Haben s. Auch die Chinesen, Japaner, Tibetaner und Perser schrieben vor der Erfindung des Papiers auf Baumblätter, und zwar die Chinesen auf Bambusblätter, die sie, ohne die 1. ) plinN Iiist. nat Ii. XIII. «. II. 8eitIIx,!l Var vM8l.. z>. 13. 2. ) Baumgartcn v. merkn?. B- 9r Bd. S. 28S- Erfindung der Schrcibekunst. 37 Haut von denselben abzunehmen, am Feuer trockneten und po- lirten, wodurch sie eine weit größere Daner als unser Pergament erhielten. Mehrere solcher übereinander gepreßter Blätter machten ein Bnch aus Andere Völker des Alterthums schrieben auch auf Blätter der Malvcn^), der Pappeln ^) und deS Oelbanms"). Ein anderes sehr srühcs Schreibmaterial war das Wachs, womit jedoch wahrscheinlich nur hölzerne Tafeln und sonst unbiegsame Stoffe überzogen waren. Schon der Vertrag, welchen die Römer mit den Albanern schlössen, war cmsWachs- tafeln geschrieben 5). In dem alten Herkulanu m sand mau mehrere wahrhafte solcher Tafeln, die rings mit einem Rande von starkem Silbcrblech umgeben waren. Diejenigen aber, die man unter den Dresdener Alterthümern zeigt, hat Winckelmanu für falsch erklärt6), In Frankreich giebt es uoch viele solcher Wachstafeln aus späteren Zeiten; auch befinden sich Einige in der Stadt-Bibliothek zu Genf?) Auch der Leinwand bedienten die Alten sich schon ziemlich frühe als Schreibmaterial»), die man bekanntlich in Aegypten bereits in den ältesten Zeiten verfertigte. Daß man daselbst aber ans Leinwand so frühzeitig geschrieben habe, wird von C. F. Weber sehr bündig widerlegt v). Auch bezweifelt derselbe, ob man vor den Römern irgend eine Nation mit Sicherheit werde nachweisen können, deren älteste Denkmäler der Literatur auf Leinwand abgefaßt seyen. Nach S v m- i.) Hist. aller Reisen. 22r Thl, S- 281 ff. 2) Isillor Lt)in»Inx. I.. Vlll, Z2. Z>) Zlvlvvt, Linn» in oittiiic.« t. vot, pu^'t. z>, 2IZ- 4. ) Pottcrs griechische Archäologie, ir Thl. S- 2!>Z, 5. ) o>!. 15 6. ) Winckel Manns Sendschreiben v. d. Herkul, Entd. S. 8iZ. 7. ) I^elivnts Alvulviie toua»t I'usii^e l!'v'<:rii'« --ur titlilettes 6e vili- ett^.; Mlem. ä«- 1'aoall. ä«8 insciii>t. XX. p. 2«7. S ) I^iv. vcc. I. I.. IV. o.) C. F. Weber, Versuch einer Gesch. d. Schreibet, S. «s ss. 38 Erstes Buch. Erster Abschnitt. machus waren die Sybillinischen Weissaguna.cn nach Livius die Jahrbücher der Römers, und nach Plinius noch 300 Jahre nach der Erbauung der Stadt Rom die StaatsUrkunden ans Leinwand geschrieben ^>). Bücher von diesem Stoffe befanden sich in der Ulpi scheu BibliothekIndessen macht es Breitkopf schr wahrscheinlich, daß viel alte Handschriften, deren Material man für Leinwand hielt, auf Baumwolleugcwebc geschrieben warcn^). Die Chinesen druckten ZlZ Jahre vor Chr. G nach der Herrschaft des Tsin, die in Holztastln eingeschnittenen Charaktere auf Stücke von Seide oder Taffcnt, oder malten auch die Schriftzüge mit dem Pinsel darauf, wie es bei der Leinwand geschaht). Die Pctrther webten ihre Schriften in die Kleider?), — vermuthlich in Stoffe, die zur Kleidung dienten,— oder man stickte auch die Buchstaben mit Goldfäden auf Mäntel«), Um 1l40 vor Ch. erfanden die Chinesen ein Papier aus der Rinde des Baumes Tschuku. ?) Auch die Aegypter blieben hierin nicht zurück, nnd schon zu Mosis Zeiten schrieb man auf die innere dünne Haut der Bäume, welche unter der Rinde den Stamm des Baumes umgicbt. Die Römer benutzten hierzu besonders das Bast der Linde. ^) Dieses Baum- bastpapicr wurde durch Waschen, Trocknen, Schlagen, Plannen, Leimen und Glätten zubereitet und war sehr stark, z ) ? I! nii Iiist. -litt. Iu. XIII. 2 ) I-i v, ve<:. I. Iv. 4 3. ) ?Iin. Incn KNj>r» citiit, 4. ) Vni'isiii« in ^»rel'iln». i>. 271. 5. ) I. G- I. Breitkopf, Versuch den Ursprung der Spielkarten, die Einführung des Lcinenpapiers und den Anfang der Holzschneidekunst zu entdecken. Ir Thl. S- S7 ff. «.) Busch Handb. d. Erf. 1r Thl. S. 30!>- 7.) I>ti»ii Iii8t. ni^t. XXXV. i>. <>!N. S.) IIoro,1 nt tili. VI. 9.) Busch a. a. O. ZV.) Lvllrliniis In kistnr. cninuenij. I'. I. p. I7l>- Erfindung der Schreibekunst. 39 hatte aber den Fehler, daß sich das oberste Häutchcn, worauf die Buchstaben standen, sehr leicht ablößte. Die Aegypter verfertigen dieses Schrcibmaterial aus der Biblus, welche nichts anders als die Rinde des Papyrus ist. Bei Hero- dot ist Biblus immer diese bekannte ägyptische Pflanze, nnd in mehreren Stellen des zweiten Buchs, oder in der Beschreibung Aegyptens bedenket Biblus bald den Papyrus selbst, bald die Rinde desselben, so wie o-l /Zv/Z?.ol nicht nur den Papyrus wieder, worauf die Bücher geschrieben wurden, sonder» auch die Bücher selbst bedeuten; ein sicherer, historischer Beweis, daß zn Hcrodots Zeiten die Bücher oder Schriften selbst Bi b l en genannt wurdeu. —Sollte wohl der Name der heiligen Schrift oder der Bibel noch einer anderen Ableitung bedürfen? — Varro setzt beim Pliuius') die Erfindung dieses Aegypti- schen Schrcibmatcrials in die Zeit bald nach Erbauung Alexandricns. Abgesehen vou den allerdings etwas Zweifel-" haften Gründen, die schon Plinius gegen diese Meinung angeführt, hat dagegen Guilandines in seinem Commentar?) vom Papier bewiese», daß es schon Auakreon, Alkaus, Plato und Andere gekannt. Varro's Meinung wird auch durch Herodot widerlegt, welcher schon ein Jahrhundert zuvor die Acgyptischen Priester auf die Papyrusriude schreiben sah und auch von den Jonicrn bezeugt, daß sie sich derselben als Schrcibinaterie bedient. Endlich erwähnt Aristoteles Alexanders Lehrer, der Motten auf Papyrus, welcher zum Schreiben gebraucht worden, als einer bekannten Sache,») wornach also der Gebrauch derselben als Schreibmaterial nicht erst zn seines Schülers Zeit kann begonnen haben. GleichwM hat Varro so unrecht nicht; er irrt sich weder in der Marerie, I ) !>Iii>!»8 I. «iijinl <-!>ilt, ». <;sg. 2.) In ti'i.i n!^nr!8 llv »up^in. IU<>indi,> Z, .4m- 1>erxne IglZ, x. 29- g) Bristol. Iiistoi. aniin. V. 30. 40 Erstes Buch. Erster Abschnitt. noch in der angegebenen Zeit; nur verwechselt er das ältere oder eigentliche Rindenpapier mit der späteren Olisrts, s>!»l>Xi'ea ex eil i v nl a Iierdsre ^.eg^itia- o»e, welche beide nicht mit einander vermengt werden dürfen. Das Erste war lange schon vor Alexander in Rom und anderwärts bekannt, und soll an mehreren Orten auch aus der Rinde oder vielmehr ans dem Baste verschiedener Bäume verfertigt worden seyn; ja der Gebrauch dieses Rindenpapiers, uach dem Petrus v en erad il i s, in Frankreich bis ins zwölfte Jahrhundert gedauert haben, weil, wie Breitkopf meint, es in allen Ländern Bäume gab, deren innere dünne Schale dazu angewendet werden konnte. ^) Allein nach Denis sind einige Handschriften, die man ehemals als Beweise angeführt, daß man auch aus Baumrinde Papier bereitet habe, später für Papier der ägyptischen Papyrusrinde erkannt worden, und die Verfasser des Xouveau trs-ite 6e Sil>1om»tie, die für die Existenz des Banmrindenpapicrs stritten, konnten nur eiu einziges Manuscript aus der Abtei St. veiwitin ,Ie ?rc!8 anführen, das ihnen aus Baumrinde verfertigt zu seyn schien.^) Das Aegyptische Papier, worauf ausser verschiedenen, in Hercnlanum gefundenen und von Winckelmann angezeigten Büchern, die vti-n-ln, kavennns in der kaiserlichen Hosbibliothck zu Wien von 504, eine andere, die man in dem Archiv der Schule cli »an Niovolo äe kievi zu Venedig von 553 entdeckt, so- wie die von Mitdillon angeführte Olisrts. sevuritstis in der königlichen französischen Bibliothek von 564^) u. s w, geschrieben sind, scheint sogar nicht mehr aus der Rinde des Papyrus, sondern nach der zweiten verbesserten Methode, nach Einigen aus den feinen Häutchen des Halmes, nach Anderen der Wurzel gemacht zu seyn. Ehe wir von der Zubereitung des Z.) Brei tkopfa. a. O. S. SV. Z.) Denis a. a. O. S. 45. 3. ) ?kouv<;i»u tritits llv «li^Ivm. 1. <:. z>. g. 4. ) AI at> i 11 on , llv re iliploiuittiero genannt, aus welcher der Ritter Saverio l/»ri- 6o1in» in Syracus, nach der Vorschrift des Plinius ebenfalls Papier zu machen versuchte und die Proben davon an die Göttingcr Societät schickte. -) Nach der Beschreibung, welche Plinius nach dem Theophrast von dem ägyptischen Papyrus giebt, erreichte diese Pflanze eiue Höhe von 9 bis 19 Cubik- suß, und ihr dreieckiger Stengel eine Dicke, daß man ihn mit der Hand umspannen konnte. Auf dem Gipfel trug er eine Blüthendolde, war an seiner Basis von Scheidenblättern umgeben, und endigte sich in eine krumme, zwiebelähnliche Wurzel, an deren stumpfer Spitze sich ein Busch von langen, schwachen, haarähnlichen Fäden befand. ^) Diese Pflanze war den Aegyptcrn von großem und vielfältigem Nutzen. Sie machten Kleider, Schuhe, Schiffe, Segel und Seile daraus, das Mark derselben mit Wachs überzogen, diente ihnen zu Lichtern, der Theil des Stengels gleich oberhalb der Wnrzel zur Nahrung, indem sie den süßen Saft aussaugten, und aus der Wurzel selbst verfertigten sie Papier, dessen 1. ) ?I!nii Kist. nat. 1^. zz. ^. II 2. ) Allg. Lit. Ztg. Jena 1788. Nro. 2-». z ) Vilnius I. eit. 42 Erstes Buch. Erster Abschnitt. Zubereitung ganz einfach darin bestand, daß sie die zarten Häutchen, deren sich von jeder Wurzel nicht mehr als 20 absondern lassen, mittelst einer Nadel behutsam von derselben ablösten, sie der Länge nach auf einem glatt polirtcn Brette an einander fügten und dann mit anderen Querlagen überkreuzten, welche mittelst des etwas leimigen Nilwassers mit einander vereinigt, hierauf gepreßt und an der Sonne getrocknet wnrden. Nach Anderen nahm man hierzu die unter der äusseren Rinde des Stengels liegenden feinen Häntchen, die natürlich weit länger waren; vermuthlich aber nahm man dieselben sowohl vom Stengel als von der Wurzelzwiebel. Sobald sie getrocknet waren, wurden sie nach ihrer Größe, Stärke und Weiße sortirt und darnach die Preise der verschiedenen Sorten des ägyptischen Papiers bestimmt. Dieses zweite verbesserte Verfahren, den Papyrns zum Schreibmaterial zuzubereiten, fällt, wie Varro ganz richtig bemerkt, in die glückliche Periode Aegyptens, bald nach Erbauung Alerandriens, also in die Zeit der griechischen Herrschaft; und Alerandrien, wohin sich nach Zerstörung von Tyrus, der Welthandel geflüchtet, wurde auch der Hauptstapelplatz des ägyptischen Papiers, welches von hier aus in alle kultivirte Länder der alten Welt versandt wurde. Dieses verbesserte ägyptische Papier erhielt nun zum Unterschiede von dem weit älteren Rohrpapier, den Namen Charte und verhielt sich zu der Papyruspflanze wie die Leinwand zum Flachs; d. h. der Papyrus war das rohe Produkt der Natur, und die Charte das aus demselben verfertigte Kunsterzeugniß,^) an welchem der ursprüngliche rohe Stoff eben so wenig, als an der Leinwand mehr zu erkennen war. — Als später die Römer in den Besitz Aegyptens kamen und die Papyruspflanze «ach Rom gebracht wurde, um dort ebenfalls zu Papier verarbeitet zu werden, verwendeten die Römer auf die Bereitung desselben noch immer weit größeren Fleiß, als die I.) Weber a. a. O. S. 179. 180. Erfindung der Schreibekunst. 43 Aegypter, wie wir aus folgender Beschreibung des Plinius ersehen, Statt des trüben Nilwassers, dessen sich dieselben zum Leimen des Papiers bedienten, verfertigten die Römer einen Leim aus dem feinsten Mehl, das sie in siedendes Wasser eingerührt, iu welches sie einige Tropfen Weinessig gössen; denn der Leim der Handwerker und der aus Harzen ist schwach und spröde. Noch besser ist der Leim aus Sauerteig oder die Krumme von gegohrcnem Brode, die man in siedendes Wasser rührt, uud solches durch ein Tuch seihet. Es setzt sich auf diese Weise um so weniger etwas dazwischen und der Papierstoff wird um so stärker. Jeder Leim aber darf nicht mehr und nicht weniger als ein Tag alt seyn Nachdem das Papier zum erstenmal geleimt ist, wird es mit dem Hammer dünner geschlagen, hierauf wieder durch den Leim gezogen und dann unter die Presse gebracht, damit es die Runzeln verliert und durch Hammerschläge ausgedehnt wird. Zuletzt wird es mit einem Zahne oder einer Muschel geglättet, wodurch es seine Rauhigkeit verliert, die Buchstaben/aber weniger dauerhaft werden, indem diese Politur dem Papier zwar Glanz giebt, aber das Eindringen der Dinte verhindert. — Diese Erzählung des Plinius wird vom Cassiodorus bestätigt, welcher hinzufügt: daß die Blätter der Papierpflanze, wie sie zu seiner Zeit gebraucht wurden, weiß wie der Schnee und aus einer großen Anzahl einzelner Stücke zusammengesetzt gewesen, ohne daß man dieß habe bemerken können. Das auf diese Weise verfertigte Papier brachte man in beliebige Formen und heftete es auch bogenweise zusammen. 2) Plinius nennt uns 9 verschiedene Arten von Charten, welche in Rom verfertigt wurden: dieHieratische oder heilige Charte, welche man besonders zu heiligen Schriften brauchte; die Augusta; Livia; die Amphitheatrisch e; die Charte aus der Offizin des erfinderischen Fannius; die Saitische; 1. ) ?Iiniu« Iiist. nat. XIII. zg. 2. ) Halle fortges. Magazin. S. 312. 4-t Erstes Buch. Erster Abschnitt. Laneotische, die Claudia und die Emporetica oder das Packpapier. Die vorzüglichste von Allen war die Clandia, die unter dem Kaiser Claudius gemacht wurde und von ihm den Namen erhielt.^) Die Charten waren von verschiedener Breite. Die beste hatte 13 Zoll; die Hieratische 11, die Fannianische 10, die Amphitheatrischc 9, die Saitische 8 und die Emporctische oder das Packpapier nur 6 Zoll. Die Vollkommenheit des Papiers bestand in seiner Zartheit, Festigkeit, Weiße und Einförmigkeit. Uebrigens hatte man ausser den genannten noch eine Menge anderer Papicrsorten, die theils nach dem Orte, wo sie gemacht, theils nach ihrem Erfinder benannt wurden, und von verschiedener Beschaffenheit und Breite waren. Die Alten verstanden schon die Knnst, nicht nur das Papier auf verschiedene Art zu färben,^) sondern auch das mißrathene Papier und dessen Abfälle wieder zu weißem Papier umzuarbeiten. Letzteres geschah schon in früher Zeit zu Sais in Aegvpten, von welcher Stadt die oben erwähnte vtiili t-t «aitio», die ans den Papierabgängen gemacht wnrde, ihren Namen erhielt. Außer den Pflanzeiistoffen benutzte man im Alterthume auch die Häute und Eingeweide verschiedener Thiere zum Schreiben. Blos als Merkwürdigkeit el-wähnen wir hier einer in der Bibliothek zu Alerandrien aufbewahrten Drachenhaut, auf welche Homers Werke mit goldener Schrift geschrieben waren, und eines 120 Fuß langen Drachcndarms in der im Jahre 476 nnter der Negierung des Kaisers Basilicus zu Constantinopel verbrannten Bibliothek, auf welchem ebenfalls Homers Jliade und Odyssee mit goldenen Buchstaben geschrieben standen Nach Jsid or") schrieben die Alten auch auf Elephantendärme; nach Herodot die Jonier in den 2.) Plinius a- a. O. 23. 24, 2,) Merkwürdigkeiten der Stadt Nürnberg. S. 282, Z.) Keoi'N Keilrenu« 1. e. x. SSI. 4.) VI. v. II. Erfindung der Schreibekunst. 45 ältesten Zeiten auf ungegcrbte Hammel - und Ziegenfelle und nach Diodor 2) die Perser von alten Zeiten her ihre Annalen aus Häute u, s. w.; Felle und Häute aber, auf die man in alten Zeiten schrieb, können nicht ganz roh gewesen seyn, und müssen wenigstens ihrer Haare beraubt, getrocknet worden und außerdem auch noch einer anderen Bearbeitung unterlegen seyn, wenn wir gleich nicht mit Bestimmtheit wissen, worin sie bestanden, sonst hätte man wohl schwerlich darauf schreiben können. Nach der Erfindung des Papiers bedienten sich die meisten Völker und unter ihnen auch die Jonicr, statt der Thierfelle, zunächst des ägyptischen Rohrpapiers und später der Charte zum Schreiben und bezogen solche von Alcrandricn, Nach dem Tode Alexanders des Großen bildeten sich in den von im eroberten Ländern verschiedene Königreiche, und so in dem asiatisch^griechischcn Lande Pergamus, das Königreich gleiches Namens, dessen Beherrscher den nämlichen Eifer und die gleiche Liebe für die Wissenschaften bewiesen, wie die Ptolemäer in Aegypten. Sie legten, wie diese, in Alerandrien, eine große Vüchersammlung iu Pergamus an, die nach Antonins ans den Wunsch der Cleopatra nach Alerandrien bringen ließ. Es herrschte ein edler litcrärischer Wetteifer zwischen beiden Städten, zwischen Ptolemäus von Aegypten und Eumenes von Pergamus. Allein der Erstere, der, wie Plinius ^ erzählt, nicht wollte, daß seine Bibliothek von irgend einem Anderen übertroffen würde, verbot ans Eifersucht die Ausfuhr des Papyrus und der Charte aus Aegypten, nm den Eumenes an der Ausführung seines Vorhabens zu verhindern. Ob indessen wirklich Mißgunst oder vielmehr der eigene Papierbedarf den Ptolemäus zu diesem Verbote bewogen, verdiente wohl ans anderen Quellen näher erörtert zu werden. Ebenso auch die Frage, von wel- 1. ) Ii. V. n. 5«, oder Tcrpsich. I. >'!. <:. S8, 2. ) Lilil. Iiixt«»'. I. P- «4. 3. ) Inst, nat. Iv. XIII. 2l, 46 Erstes Buch. Erster Abschnitt. chem Ptolemäus und von welchem Eumenes bei Pli'nius cim angeführten Orte die Rede sey, da es von beiden Namen mehrere Könige von Aegypten und Pergamus gab und Plinins sich'hier- nber nicht näher erklärt. Die wahrscheinlichste Vermuthung fällt aufPtolemäus Epiphanes und Eumenes II. ^), welche beide im 38sten Jahrhundert nach der gewöhnlichen Zeitrechnung regierten. Da auf jenes Ausfuhrverbot Pergamus des Papyrus und der Charte entbehren mußte, so verfiel man auf eine bessere und künstliche Verarbeitung der Thierhäute, um sich derselben zum Schreiben zu bedienen, und erfand das Pergament, dessen Name die Stadt verewigt, in der es erfunden worden ist. Dieses Material bestand nicht mehr wie sonst aus dem ganzen Felle des Thiers, sondern ans den inneren, zarten Häutchen oder Membranen, die sich zwischen der äußeren dichten Haut und dem Fleische befinden, und durch Wässern, Reinigen, Schaben und Reiben, besonders mittelst des Kalks zu Blättern zubereitet wurden. Das Pergament hat wegen seiner Vestigkeit und Dauer einen wesentlichen Vorzug vor der Charte, von welcher es sich auch noch dadurch unterscheidet, daß das auf dasselbe Geschriebene ausgelöscht nnd das Membran aufs Neue wieder znm Schreiben gebraucht werden kann. — Nach dem Josephus wurde das Pergament und seine Zubereitung auch den Ju« > den bald bekannt; denn das hebräische Exemplar der heiligen Schrift, welcher der hohe Priester Eleazar dem Könige Ptolemäus Philadclphus geschickt, und aus welchem ^ zu Alerandrien die griechische Uebersetzung gemacht worden ist, soll auf Pergament geschrieben gewesen seyn, dessen Feinheit der König nicht genug habe bewundern können. Ebenso lernten auch die Perser dasselbe sehr bald kennen. Denn Diodor erzählt, daß Ctesias seine Bücher von der Persischen Geschichte ex membr-uii« reAiis, d, h. «US den königlichen, 1. ) Denis Ir Thl. S- 1l. 2. ) lo««1>IlU6, ^ntiljiilt. Inil, XII. 2. Erfindung der Schreibekunst. 47 anfPergament geschriebenen Urkunden zusammengetragen habe >). Es läßt sich denken, daß dasselbe den Griechen noch früher bekannt geworden sey, da die Zubereitung der Membrane zum Schreiben eine Erfindung ihrer asiatischen Brüder war, mit denen sie in sehr lebhafter Verbindung standen. Aber man findet nirgends, daß daS Pergament in Griechenland eine größere Vollkommenheit erlangt hätte. Diese gaben ihm dagegen die Römer, die sich desselben nicht nur sehr häufig bedienten, sondern auch in der Kunst semer Zubereitung Perga- mus weit übertrafen. Mit dem römischen Pergamente konnte in Ansehung der Geschmeidigkeit und Glätte, der Feinheit und Dauer das in Pergamus uud Griechenland verfertigte auf keine Weise verglichen werden. Auch in Hinsicht der Farben hatte das Römische Pergament den entschiedensten Vorzug vor anderen. Pergamus nnd Griechenland lieferten nur gelbes, in Rom machte man auch weißes, und gab ihm sogar die violette und Purpurfarbe auf beiden Seiten, welche dann mit goldenen oder silbernen Buchstaben beschrieben wurden 2). Auf der Bibliothek zu Upsala befindet sich noch ein Mcmuscript der vier Evangelien, welche Ulphilas in die gothische Sprache übersetzt hat. Alle Anfangsbuchstaben sind mit Gold und die anderen mit Silber auf solch purpurfarbiges Pergament geschrieben, daher diese Handschrift der silberne Coder genannt wird. — Allmählig verbreitete sich der Gebrauch des Pergaments auch in andere Europäische Länder. In Deutschland bediente man sich desselben vorzüglich mir zn wichtigen Urkunden zum gewöhnlichen Gebrauche aber des ägyptischen Papiers, bis dasselbe im Mittelaltcr durch das von den Arabern eingeführte, viel wohlfeilere Baumwvllenpapier verdrängt wurde. §. 2t. Nach den Schreibmaterialien, deren man sich im Alterthume bediente, kommen nun auch noch die Werkzeuge in Be- 1. ) vinil. 81.!. liidlintli. Iiist. I, ,,. 84. 2. ) Wehrö vom Papier. S- HZ. Ebendas. 48 Erstes Buch Erster Abschnitt. tracht, mit welchen man auf dieselben zu schreiben pflegte. Sie waren natürlich nach der verschedienen Beschaffenheit der Schreibmaterialien ebenfalls verschieden.— Zu Steinschriften konnte begreiflich kein anderes Werkzeug als der Meisel dienen, so wie zur Metallschrist eine Art Grabstichel. Bei wächsernen oder mit Wachs überzogenen Tafeln bediente man sich eines Griffels, wovon man in dem Nouve»« rrnito Iom. mehrere Abbildungen findet. Er war von Eisen oder einem anderen Metalle, an dem einen Ende spitzig, an dem anderen platt, um das Geschriebene im Wachse wieder auslöschen zu können, was die Lateiner «tilum vertere nannten 2). Diese Griffel müssen von ziemlicher Größe und ein gefährlicheres Instrument gewesen seyn, als dasjenige, dessen wir uns bedienen, indem Cäsar bei seiner Ermordung den Eassius, einer seiner Mörder, mit einem Schreibgriffel 2) durchstach, und Caligula einen Senator, welcher auf die Eurie gieng, mit solchen Griffeln durchbohren ließa). Die eisernen wurden verboten, und es scheint, daß man sich hieraus der beinernen bediente 5), obgleich der eisernen zu allen Zeiten Erwähnung geschieht 6). Zum Schreiben auf Pergament oder Papier bediente man sich eines Schilfrohrs wovon die besten Gattungen von der Insel Gnidns, vom Anaitischcn See, aus Asien und Aegyptcn kamen«). Die Schreibrohrc hatten, wie man in der Villa Vorghese auf einer Begräbnißurne iu der Hand einer Parze bemerkt, den Schnitt und Spalt unserer Federn 9), und sind im Oriente noch jetzt im Gebrauche. — Z.) 1V,m. I. ?. II. 8>, 53S. 2. ) Z. B. Horaz 1^. I. 8crm. X. 3. ) Suetnn. Vit-t v-»Ioin. I. cit. 7. ) 8 <: !i vuri! i i vxvrcitittio ilv variit gupelleet. rei likrar. V« tt. §. 7. «.) ?,!!„. I. c. p. 27. — Nartial. I.. XIV. Lpix. 38. 9.) Winckclmann, M- d. Herkul, Entdeckung. S. 4«. Erfindung der Schreibekunst. 49 Zu deil übrigen Requisiten, welche die Alten zum Schreiben nöthig hatten, gehörten: eine kleine Bleischeibe, die Zeilen vorzuzeichnen, oder statt derselben ein Lineal ^); gerade und gekrümmte Messer, um Rohre, Pergament und. Papier zu schneiden 2); Bimssteine, den Schreibstoff zu glätten, die Federn zu schaben und zu spitzen °); auch wohl ganze geschriebene Membrane abzufegen, um etwas Anderes darauf schreiben zu können, wodurch die tüoclioes resvripti entstanden endlich noch Schwämme, um einen gemachten Schreibfehler sogleich auszubessern 2). — Ihre schwarze Dinte bestand, wie uns Dioscorides«-), Vitruv?), Plinius»), Jsi- dorv), Leo Allatius^) und Caneparius^) lehren aus anderem Stoffe als die unsrige. Daß sie nicht sehr flüssig gewesen, beweisen die erhabenen Buchstaben der Herkulanischen Schriften, die dabei noch sehr schwarz sind, da sie sich in anderen Codicibns meist braungelb verfärbt haben, welches W Nickel mann der Beimischung des Vitriols zuschreibt ^2). — Des Schreibzeugs gedenkt schon Ezechiel^), indem er eines Mannes in leinenen Kleidern erwähnt, der ein Schreibzeug an seiner Seite hängen hatte, wie es bei den Morgenländern üblich war. Die Dintengefäße nannten die Alten ^tr»men- tiu'ww und oamvlllllw"). In späteren Zeiten bekamen sie 1. ) 8 v ii r 2, I-, cit. Z. 3. 4. 2. ) liniiern. H. Z. 3. ) Iliiileiii. Z. k. 4. ) Iliiilviu. tz. 17. z.) Iliiilki». S. 12. k.) 0 i » s n ori lies, ile iiiiittziiü invilicii, 1^. V. c, ult. ?.) Vitrnv ckv ^rÄiiteotlin». I«, VII. «. 1t). 5. ) ?Iini! Iiist. nat. XXXV. e. 1i. «.) Is ick, Oiix. I- XIX. o. 17. 1V.) » ^Itiitiiiü, »,! »ntiijuit. Ltruso. ?i»is z>>4l. II.) t>>i»oi>!irii Illier 6i!»irinui-nlis,welches ganz v.d.Dinten bandelt. IS.) Winckelmanns Sendschreiben b. d. Herkul. Entdeck. I>. 83. 13. ) LöLeiiivl «. ». 2. 14. ) n kra, I. ü. Z. II. 4 > 50 Erstes Buch. Erster Abschnitt. auch die Gestalt eines Horns und hießen dann Oornns. Sie enthielten aber nicht immer blos schwarze Dinte. Der Titel, die Ansangsbnchstaben, Randglossen nnd Unterschriften der Bücher, wurden oft mit Purpur-, Zinnober-, Mcuig-, zuweilen auch mit blauer, grüner oder gelber Dinte geschrieben, daher der Name Rubrik entstanden >). Prachtvoll aber war besonders die Gold- und Silberschrist, womit bisweilen von eigenen Künstlern eine wahre Verschwendung getrieben wurde-). Montfaucon^) beschreibt ans einigen alten Schriftstellern die Art, wie diese Metalle znm Schreiben zubereitet wurden. — Was endlich die Schristzüge betrifft, so schrieben die Römer in früheren, wie noch in späteren, Zeiten gewöhnlich mit IInein.1 - Buchst abcn. Doch bedienten sie sich auch öfters der kleineren oder Cursivschrift, wie diese mit solchen Charakteren geschriebenen Handschriften beweisen, die man um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Herkulanum gefunden hat, welche Stadt mit Pompeji und Stabia unter der Regierung des Titus mit der Lava des Vesuvs bedeckt wurde. §. - 22- Nach Erfindung der Schreibekunst gab es bald auch Leute, die sich ausschließlich mit derselben beschäftigten. In Aegypten waren es die Priester, die sich dadurch so sehr um die Literatur und Gelehrsamkeit verdient gemacht haben. Ihnen schreibt Herodot ausdrücklich die Kenntniß dieser Kunst zu. Sie gebrauchen, sagt er, zweierlei Buchstaben: ihre eigenen nämlich werden die heiligen, die" anderen die gemeinen genannt"). Nach Plato^) und Strabo^) hatten die Priester und unter ihnen besonders die sogenannten heiligen 1 ) ?kniVL!ttl tiüitv ,!e ,I!i>Ic»u. I. e, vitp II. 2.) IIit'.'»n.vi»n» XVIII acl I!ii«t>,<.!>. I^ili. IVUZ. 'IV»ii IV. j>. 2. i>. 4!Z. «yiz. 2 ) Z-Ionlkaucoil ?itlae»xr. Aiav<'. 1^. I. I. Z.) II« i n ll » t. II. 28 et 3«. 4.) ?I»tn im Timäus- z.) 8li-il1>„ 15. 17. Erfindung der Schreibekunst. 51 «Schreiber, sowohl für die Aufbewahrung dessen, was ihre Vorgänger ihnen überliefert hatten, Sorge zu tragen, als auch die merkwürdigen Ereignisse ihrer Zeit in Schriften aufzuzeichnen, welche dann in den Tempeln niedergelegt wurden und die Tcmpclurkunden die wichtigsten Quellen der alten Völkergeschichtc bildeten. Die ältesten Schreiber und Abschreiber dürften sich unterdessen unter den Priestern, Leviten und Prophetenschülern der Juden finden. Schon in Gosen hielten die Letzteren ihre Schoterim oder Schreiber, welche die Stammtafeln der Familien u. f. w, besorge» mußten; und Esra, der sonst Priester war, bekam den Namen So pH er oder Schreiber, weil er die Bücher des alten Testaments abschrieb oder abschreiben ließ.— Groß war ohne Zweifel auch die Anzahl von Schreibern und Abschreibern in Griechenland, noch weit größer aber in Rom, wo Legionen derselben für Privatpersonen ^) und für den Staat ^) gleichsam als Tagelöhner arbeiteten Fast jeder bemittelte Bücherfreund hatte unter seinen Freigelassenen oder Leibeigenen einige Schreiber»). Selbst die Frauenzimmer hatten ihre ^u- vill»8 libraria«, und Freigelassene erwarben sich durch Abschreiben znwcilcn ihren Unterhalt 5). Auch die Buchhändler unterhielten eine Menge Schreiber, durch die sie die Werke der Gelehrten abschreiben ließen, mit welchen sie Handel trieben. Man unterschied die Schreiber in Schön schreib er und Geschwindschreiber oder Notarien, deren Schnelligkeit im Schreiben von Martial besonders gerühmt^) und von Auson bewundert wird?). Sie schrieben aber eben 1. ) Licer» s,I >1iv. V. 2t> 2. ) Ictenr in Verrein. Onrnelii Lmnenes: uns re veril. 8icut sunt, mercenitrii «crilttl existimilntur, 4,) I^aur. ?iAn»r!i Lnmillent. »le servis. ^miiteloll. IL74. p> 2,8. 5 ) ^>iven»I. sat. VI. v. 475. ö.) lU-irtl-tl I.. XIV. Splxr. 18, 7.) ^n«nii. varmen 0X1/, 4 5 53 Erstes Buch. Erster Abschnitt. so wenig als unsere jetzigen Geschwindschreiber, die Wörter ganz aus, sondern kürzten sie ab, oder bedienten sich statt derselben anderer willkürlicher Zeichen, welche bei den Griechen Xenophon zuerst gebrauchn) und bei den Römern Cicero gelehrt haben soll. Von den Kalligraphen oder Schönschrei- bern sagt man, daß sie ein gewisses Augenmittel vom Salze, «/!.c-rioi' genannt, gebraucht hätten, um die zu ihrer Arbeit nöthige Schärfe des Gesichts zu erhalten 2), Sie zeigten ihre Kunst vorzüglich in den Anfangsbuchstaben, den ersten Zeilen und den Einfassungen der ersten Blätter, wovon noch in mehreren Bibliotheken Proben vorhanden sind, deren anmuthige Frische der Farben die Unrichtigkeit der Zeichnung übersehen läßt. Am Ende der Schrift setzten sie gewöhnlich ihren Namen, Stand, Ort, Jahr und Tag ihrer Vollendung, oder bemerkten sonst einige Zeitumstände, die zur richtigen Beurtheilung des Alters oder der Aechtheit eines Coder sehr viel beitragen. Schreiber der christlichen Zeit, denen im Alter Aug' und Hand den ferneren Dienst versagten, weihten dann ihr Schreibgerät!) dem Merkur oder den Musen. H. 23. Den ersten Stoff zum Schreiben bot, wie es die Ge» schichte bei allen ältesten Völkern beweist, die Religion. Sie war der Gegeiistand der frühesten Schriften der Hebräer und AegMer wie aller anderen orientalischen Völker, daher sich die Schreibekunst in den ersten Zeiten allenthalben in den Händen der Priester befand. Außer der Religion und ihren Gebräuchen enthielten die ersten Schriften der Hebräer auch ihre bürgerlichen Gesetze, so wie die Genealogie nnd die Annalen des Volkes; die Schriften der Babylonicr oder Chaldäcr und Aegnvter in der Folge noch Astronomie und Astrologie, Magie, Physik und andere Wissenschaften der älteren Zeit, in deren ausschließlichem Besitz sich ebenfalls die Priesterkasten jener 1. ) Ilioxencs I/>üertlU8, l'niii, I ^n>8teloä. It>98> I^> 2. p 10g. 2. ) ? itl a N I'»I>li i !l Ai'kküa, 1^. I. »> 5> Erfindung der Schrcibekunst. 53 Völker befanden. Die Schriften derselben wurden allenthalben in den Tempeln unter der Aufsicht der Priester aufbewahrt' die sie allein zu schreiben, zu lesen und zu erklären verstanden. Selbst der Karthaginensische Suffet Hanno, der um das Jahr 550 vor Christus eine Entdeckungsreise und Colonisa- tionsfahrt längs der Westküste von Afrika unternahm, weihte nach seiner glücklichen Zurückkauft eine Tafel mit der Nachricht von seinem Unternehmen, nach altem Brauche als Denkmal in dem Tempel des Kronos zu Karthago. Daß Sanchunia- thon seine Geschichte Phöniziens aus den dortigen Tempelarchiven und der Aegyptische Priester Manetho die Geschichte Aeguptens aus den, seiner Aufsicht anvertrauten Tempelurkunden geschöpft habe, ist schon oben erwähnt worden. §. 24. Die zu einem Maunscnpte gehörigen cinzelen Blätter bildeten zusammen ein Buch, lateinisch über. Den deutschen Namen leitet von Ludewigi) von dem Baume ab, den wir Buche nennen, dessen Rinde, Blätter und geschliffenes Holz man ehemals als Schrcibmaterial benutzte; der lateinische Name stammt von einem anderen Stoffe, nämlich von dein Baumbaste, auf welchen man ebenfalls schrieb, und der in der lateinischen Sprache über heißt 2). Eben so führen die Blätter eines Buches, koli», ihren deutschen uud lateinischen Namen von den Baumblättern, welche das erste Schreibmaterial nach der Erfindung der Buchstabenschrift waren ^). ' S- 25. Die äußere Gestalt der Bücher im Alterthume war von der jetzigen sehr verschieden. Man faltete anfänglich die Blät- 1, ) ve I^urlvviA, Vita Austin, ö, 27. 2. ) Riervn ziou» exist. 42. kurtius VIII, 9. 15. kil^iollarii^ 1^. XI. r. ZK. Isiil. Oiix, I/. VI. <:. Z2. Z.) Einige leiten die Wörter Buch und Bogen von dem deutschen Zeitwort biegen ab. S. Frisch 's deutsch - lat. Wörterbuch, Berlin I74i; und Adelungs Versuch eines Wörterbuchs- Leipzig i??t. 54 Erstes Buch. Erster Abschnitt. ter, je nach der Materie, aus welcher sie bestanden, entweder nach Art der Fächer oder der spanischen Wände und hieß solche Bücher ?Iio»tile« oder Faltcnbücher. Da indessen sowohl die Papier- als Pergamentschristen an den scharfen Ecken der Falten bald Brüche und Risse bekamen, so wurden sie ihrer ganzen Breite nach über Stäbe aufgerollt uud hießen dann Rollschriften oder Volumina. Mau trennte zu diesem Ende mehrere Bogen Pergament oder Papier der Länge nach einander, welches das Geschäft der lZIuli »»toi-os war, und bevestigte au ciuem Ende der Rolle oder auch an beiden einen cylinderformigen Stab, Vmliilious genannt, von Holz, Knochen oder Elfenbein, dessen an beiden Seiten hervorragenden Ende (Oorlius) mit gedrechselten nnd bemalten Knöpfchen, oft aber auch mit Gold, Silber uud Edelsteinen geziert waren. Ueber diese Stäbchen wurde das Manuskript aufgerollt, und mit eiuem Bande, welches die Rolle zusammenhielt, umwunden. Schon zn Aristoteles Zeiten wurden, um deu Bücherrollen ein besseres Ansehen zn geben, die beiden Seiten derselben, die man trautes nannte, beschnitten i), hierauf mit Bimsstein abgerieben und geglättet, welches die p umio-ttvi es oder Polirer zu besorgen hatten, nnd endlich bemalt. Auf die Außenseite der Rolle pflegte mau einen PergameiRstreifen zn leimen, welcher den Titel des Bnchs und den Namen seines Verfassers enthielt, und der In6ex genannt wurde. Der Titel des Werkes stand auch auf dem ersten Blatte dn> Rolle, welche Tspiro/o^.civ, so wie das letzte Blatt, worauf das Ende des Bnchcs durch einen Kranz angedeutet war, e<7^«rn hieß. Die Papyrnsrollen sowohl, als die Pergamentrollcn, waren nur auf einer Seite beschrieben; die Rückseite wurde, außer bei Schriften, die zum Privatgcbrauche dienten, stets leergelassen 2). Die Rollen gegen das Verderben zn schützen, brauchte man Cedernöl; auch wer- 1.) ^luretu«, ar. die voranstch. üKupfcrt. Flg. a. s.) Lrnesti ^i'<:Iil«>I»A. 1!t?r. ?. II. e. I. p. 34. Z.) ÄInntkiUKXm pnIi'inA. Ariiec. i>. Ig. 4) Oo drvvit, vilne. c. 13. » 56 Erstes Buch. Erster Abschnitt. auf die Decken selbst. Da man die Bücher aber noch nicht in Bibliotheken stellte, sondern legte, so wurden die Ornamente nur auf die obere Seite verwendet. Als man in der Folge die Bücher aufrecht stellte, wurden beide Seiten verziert, kostbare Bücher in Sammet und Seide eingebunden, im 12. und 13. Jahrhundert auch die Ecken des Einbandes mit Beschlägen und die Bücher mit Clausuren versehen, wodurch sie zusammengehalten wurden. Immer bemerkte man indessen noch Unvollkommenheitcn in der Znsammenfngnng der Blätter selbst, bis man endlich darauf verfiel, sie bogenweise mit Nadel und Faden an einander zu heften, wodurch der Einband sich immer mehr unserem jetzigen näherte. Im Jahr 1433 gab es in Nürnberg schon eigene Buchbinder,?) und im 16. Jahrhundert war es schon üblich, den Schnitt der Bücher zu vergolden oder mit Farben anzustreichen. — Doch wir haben diesen Gegenstand bereits bis in das Mittelalter verfolgt und brechen nun davon ab. Was noch ferner darüber zu sagen wäre, gehört in die Geschichte der Buchbinderknnst, die ausser dem Plane unseres Werkes liegt. §. 26. Die in den ältesten Zeiten geschriebenen Bücher waren ohne Zweifel sehr beschwerlich zu lesen; denn ihr Inhalt lief ohne alle Abtheilung in Abschnitte oder Kapitel, vom Anfange bis zum Ende in einem Zusammenhange fort. Noch schwieriger war es, nachdem man sie gelesen, einzele Stellen wieder zu fiuden, die man aufsuchen wollte. Diese Bemerkung drängte sich srühe schon den Hebräern auf, daher sie die Bücher Mosis in größere oder kleinere Abschnitte, und jeden größeren wieder in sieben kleinere theilten. Diese Abtheilung, die älteste die man kennt, fällt in die Zeiten Esra's, der um 3668 nach Erschaffung der Welt lebte, 1. ) llivrnn^m,,« >3. ^«m. IV I>. 2. x. 4». 8ys. S- 227. Valesius all Luselili Iiist. ecclcs. VI. c, FS. -j.) rrivetus in seinem Chroniko» beim Jahr 122». 4. ) I'ri t Iie ii i >,» llo «l-riptor: eecl«s. x, 894. 5. ) Bayle, histor. krit. Wörterbuch, Gottsched's Ausgabe. I- S. sis. 58 Erstes Buch. Erster Abschnitt. abzutheilen, um die Stellen in denselben leichter finden und anzeigen zu können. Bald folgten Mehrere seinem Beispiele, und theilten auch andere Autoren auf gleiche Weise ein. Der Urheber der heutigen Eintheilung der Kapitel in Perioden und Verse war der 164g 'verstorbene Professor Matthias Bern egge r, welcher bei den Classikern den Anfang machte, und zuerst die Verse zählte, die er am Rande dann mit Zahlen bemerkte. Wir erfahren dieß von seinem Schüler und Schwiegersohne Johann Fr eins beim, welcher in der Vorrede zum Florns erzählt, daß Bernegger alle Autoren des bequemeren Gebrauchs wegen in Verse abgetheilt habe. Die Abtheilung des Tacitus in Perioden stammt übrigens, wie man aus der Dcdication des Florus erfährt, vou Freins- heim selbst. §. 27. Die ältesten schriftlichen Urkunden suchen Einige bei den Aegyptern, als den Erfindern der Bilder- und Hieroglyphen- schrist, und es ist sogar mehr als wahrscheinlich, daß Moses, in Acgypten geboren und erzogen, und von den dortigen Priestern in allen ihren Wissenschaften unterrichtet, folglich mit ihrer Literatur bekannt, beider Abfassung seiner Schriften Aegyptische Urkunden benutzt habe. Auch hat venon in Aegypten eine Papyrusrolle entdeckt, die ein unschätzbares, über 4000 Jahre altes Mannscript ist, welches man für das älteste bekannte Buch in der Welt hält. Wir können daher die Babylonier, deren in Steine gehauene, astronomische Beobachtungen Einige für die ältesten schriftlichen Aufzeichnungen hielten, um so füglicher übergehen, als über das Alter derselben ohnehin verschiedene Meinungen herrschen. Nach der erwähnten ägyptischen Papyrusrolle sind die älteste» auf uns gekommenen Bücher: die Schriften Mosis, der um 2453 schrieb, und das Buch Hiob, welches Einige ebenfalls dem Mosis zuschreiben. Das höchste Alter nach diesen behaupten wohl die uns durch Euscbius^) überlie- Z.) Lu8el>> priiejiitr, Lvüii^. IX, lg. Erfindung der Schreibekunst. 59 fcrten Fragmente von Philo's griechischer Uebersetzung der Schriften des Phöniziers Sanchuniaton, der um 2763, also ungefähr 300 Jahre nach Moses lebte. Obgleich man die Aechthcit dieser Uebersetzung oft bezweifelt hat, so ist ihre Unächthcit doch nie bewiesen worden. ^) (S. oben H, 10). — Die ältesten ans unsere Zeit gekommenen Schriften der Griechen sind die Werke Homer's und Hesiod's. Beide lebten um das Jahr 3000, und waren Dichter. Das älteste auf uns gekommene griechische Buch in Prosa ist Herovor, welcher zugleich der älteste griechische Geschichtschreiber ist, dessen Schriften wir besitzen. ) Unter den Römern wird bald C. Amafanius, bald Livius Andro- nicus für den ersten Schriftsteller gehalten. --) Letzterer soll im Jahr 3710 die erste Tragödie in Rom aufgeführt haben. Er war aber ein geborener Grieche, und hat, uach den Namen und Fragmenten seiner Stücke, nur Griechische Trauerspiele übersetzt, — Der erste deutsche Schriftsteller, der seine Bücher aber in lateinischer Sprache schrieb, war der Sachse Zlndelmus (709), dessen Schriften in der Alaxims. dil,lio- tl,e(!!t likltruw, LuKiIum 1677. Z?ol. 'I'om. 13 verze-chnet sind. Auf ihn folgte Eginhard, der zu Ende des 8. bis in die Mitte des 9. Jahrhunderts lebte. Das erste und früheste Buch in deutscher Sprache ist der bekannte Wachen- donk'sche Coder, der seinen Namen von seinem Besitzer Arnold Wache udonk, einem Holländer, führt und aus einem lateinischen Psalter besteht, in welchem über jeder Zeile die deutsche Ucbcrsctznng sich befindet. Das zweite älteste deutsche Buch ist danu die von Ottfried, einem Mönch in dem Elsassischen Kloster Weißenburg um das Jahr 870 gemachte und noch vorhandene Übersetzung der vier Evangelien in deutschen Reimen. — Unter den Slavischen Schriften sind die von Cyrillus um 863 verfertigte Bibcl- Z.) Meusels Seitfaden z. Gesch. d. Gclehrskt. I. Abthlg. S. 2-M. 2. ) Licern llv IeA. I, I. 3. ) Oiceroni» <;uae«t. nosrleiii. 1,2. — l'uscul. IV. 2- 60 Erstes Buch. Erster Abschnitt. Übersetzung und seine liturgischen Ausarbeitungen die ältesten nnd unter den Angelsächsischen: die Gedichte des Benediktiners Kädmon ans dem 7. Jahrhundert. 2) Es ist eine nicht zu übersehende Merkwürdigkeit, daß die ersten Schriftsteller der meisten Völker in Versen schrieben. — tz- 28. Da die Schreibekunst im Alterthume nicht allgemein war, und das Abschreiben der Bücher sehr viel Zeit und Muhe erforderte, die Schreibmaterialien selbst auch in hohen Preisen standen, so läßt sich leicht denkeu, daß die Bücherpreisc sehr beträchtlich seyn mußten, besonders wenn der Autor berühmt, und die Copie seiner Schriften als correkt anerkannt war. Bei der großen Unwissenheit der Abschreiber, die oft das, was sie copirten, nicht verstanden, waren aber die Abschriften gewöhnlich sehr fehlerhaft, und schon Cicero klagte zu seiner Zeit: «!e istiiiis libri«, czuo we vertsw, nesvio; il» menclose et soribrmtur et veneu-it. 2) Zu welchen Preisen die Schriften bei den Griechen verkauft wurden, ersehen wir aus Diogenes Laertius, welcher erzählt, daß Plato für drei Bücher des Pythagoras 100 Minen, ^) welches nach jetzigem Gelde 1500 Reichsthaler oder 2700 Gulden beträgt, bezahlt habe; und Aristoteles für die Werke des Peu- sippus, der Plato's Enkel war, drei attische Talente, nach dem heutigen Geldwerthe W0 Reichsthaler 6) oder 4050 Gulden gab. — Bei den Römern würden die Preise ohne Zweifel noch höher gestiegen seyn, wenn sich mit der Menge der Bücherfreunde nicht auch die Zahl der Abschreiber vermehrt hätte, durch deren Concurrenz dem steigenden Verlangen nach Büchern genügt und einer übermäßigen Erhöhung ihrer Preise vorgebeugt wurde. Z.) Allgem. Lit. Zeitung. Jena Z7i>7. Nro. 59- 2.) Meusel's Leitf. z- Gesch. d, Gelehrskt- 2- Abthlg. S, S47. 3 ) Lpi 8 t. !»>! H. ? r ntI ) vivAsnes I^aort. lid. III. 5.) IIiIckvin. I.. IV. Bibliotheken :c. im Alterthume. Zweiter Abschnitt. Bibliotheken und Handschriftenhandel im Alterthume. §, 29. Das Wort Bibliothek ist griechischen Ursprungs und eine Zusammelisetzung von /Z,/Äos odei /?-/N-o»-, ein Buch, und 6?/xi? ein Behältniß und bezeichnet sowohl einen Büchersaal oder Bücherschrank als auch einen Büchervorrath selbst. Es kam so allgemein in Gebrauch, daß es sogar das den Lateinern eigene Wort I i d rari s, verdrängte i). Bei uns Deutschen hieß noch bis ins I7te Jahrhundert eine Bibliothek: eine Lieberei. Die älteste Büchersammluug, deren die Geschichte erwähnt, ist die des Osymanduas, Königs von Thebe inAegyptcn, welcher der, in seinem Mausoleum zu Memphis angelegten Bibliothek die passende Aufschrift: „Arznei der Seele" gab^). Ueber die Zeit, wann er gelebt, herrschen die verschiedensten Meinungen, indem ihn Einige zu einem Zeitgenossen Abrahams, Andere zu einem Zeitgenossen Davids machen), Einige ihn für einerlei Person mitMemnon halten und sein Leben in die Zeit des trojanischen Krieges^) und Anderere gegen das Jahr 3000 d. W, setzen. — Bei den Jsraeliteu läßt sich nicht wohl eine Bibliothek früher als nach Mosis Tode denken, da man dann anfing, seine Schriften in dem Heiligthume aufzubewahren 5), die nachher durch Josuas und der Hagiographen immer vermehrt, in dem I.) I^ipsil ,Ie Iiibliotliec!» s^ntaAiiii». ^. III ^i,tvvri>. I»73. I>»x. »23. S.) vioit. Sie. I.. I. 47, 48, -t!>. — kilil. Iliüt. Lä. >Ve,I. Il-innliv. Zgg4. Ii. I. p. 45. «Pj. Z) Meus'cl a. a. O. iste Abth. S. 22». 4.) Goguct vom Ursprünge d. Gesch. II. Thl. S. l-'z. Z) 0 eilt ei » u n 111. e. 31, 2<>. l>2 Erstes Buch. Zweiter Abschnitt. Tempel und den Synagogen aufbehalten und am Sabbathe öffentlich vorgelesen wurden. Nach der Babylonischen Gefangenschaft machte sich Esra um die Herstellnng der heiligen Bücher verdient. Nehemias errichtete eine öffentliche Bibliothek zu Jerusalem welche durch Esra vermehrt und nach der Verwüstung des Antiochus Epiphanes durch Judas Maccabäus^) wieder hergestellt wurde, aber mit dem zweiten Tempel unter Titus abermals vkrfiel. Länger mögen sich die Bibliotheken an den Synagogen erhalten haben, deren von der Zerstörung Jerusalems nicht weniger als vier Hundert und achtzig in dieser Ctadt allein nach anderen aber weit wahrscheinlicher so viele in ganz Judäa gewesen seyn sollen, worunter die zu Tiberias die berühmteste war, weil dort von den sogenannten Mosorethen die Masora, oder Revision, Punctation und Accentuirung der hebräischen Bibel veranstaltet worden ^. Um l8ö nach Chr. Geb. wurden die jüdischen mit dem Talmud, dem «Körper des kirchlichen und bürgerlichen Rechts, der Polizei-, der Ceremonien- und Sittcnlehre dieses Volkes vermehrt, den die Rabbinen als das zweite, dem Moses auf dem Sinai von Gott mündlich überlieferte Gesetz betrachten. Dieses Werk zog, gleich der Bibel, eine Menge Commentatoren nach sich, wodurch der Büchervorrath der Juden sich sehr vermehrte. Durch die im zwölften und den darauf folgenden Jahrhunderten gegen sie verhängten Verfolgungen gingen aber ihre meisten Bibliotheken ganz zu Grunde. — Die Veranlassung der nachher so berühmten Alerandri- nischen Bibliothek gab Demetrius Phalerens, ein 1. ) ^e l, e ni. ». I. sq-t- 2. ) 2 Alaccali. 2, 2!j. Z.) Ibill. I, SS. S». 4.) IZuxtorkii l'ibeilns, sive ^uminciitni'ins Alosoreteini« tri- plex, Lssileiiv IUKS. — Des Abts ?<>urm<,»t äissertiltion «il- tiizuv sur I'^ioiue äv lii xonctatittn !,<>tn'in Hlem. cle öes In««,-, ^om. XIII. p. 491. Bibliotheken zc. im Alterthume. 63 Schüler Thevphrasts und großer Redner, der von De- metrius Polyorketes ans Athen verdrängt , sich zum Ptolemäus Logi nach Aegypteu begab und diesem rietb, alle Bücher über die Staatsknnst zu sammeln und daraus eine Bibliothek zu bilden, aus welcher er mehr Rathschlüsse schöpfen könne, als seine Freunde ihm zu geben vermöchten '). Pto- lomäus folgte seinem Rathe, ließ viele Bücher sammeln und legte so den Grnud zu jeuer berühmten Bibliothek, bei welcher Demetrius Phalereus als erster Bibliothekar angestellt wurdet. Nach dem Tode des Ptolemäus Logi i. I. 3700 vermehrte sein Sohn und Nachfolger Ptolemäus Philadelphus diese Bibliothek immer mehr. Er ließ durch 72, vom hohen Priester Eleazar an ihn abgeschickte Dolmetscher die hebräische Bibel in das Griechische übersetzen, erpreßte von den Athenern durch das Verbot der Zufuhr und verpfändete 15 Talente die Originalschriften des Aeschylus, Sophokles und Euripides zumCopiren und schenkte ihnen dafür nach genommenen Abschriften nicht nur das Pfand, sondern auch die Zollfreiheit"). Nach Cedrenus sollen sich allein die Uebersetzungen aus dem Chaldäischen, Aegyptischen und Lateinischen in diesem Bücherschatze auf 100,000 Stücke"), nach Seneca die Anzahl aller Codices auf 400,000 5), und nach Ammian Marcellin«-) und Aul. Gellius?) auf 700,000 belaufen haben. Der größere Theil dieser Bibliothek befand sich entweder in dem Mnsenm selbst oder ganz in der Nähe desselben in dem Stadtviertel Bruchium, der der andere Theil aber von 300,000 Rollen in dem Serapis- Z.) Oliven, clu La lau eil« Gesch. d. schönen Wissensch. 2r THI. IS. Kap. 220 und 221. ^ ) Oleiil ^Iox> «trnniilt, I,. I. p, 341. ii.) I/ttineiei-, II LelliiliU. c, s. p. 73. 4.) LSit. ?ili-l«. IK47. I. p, I«Z. Z.) vv ti il n IN, I. z>. 94S. z.) II>i«I. 945. 4.) Meusel a, a. O. 2. Abthlg. S. 429. 5) ^ in in i.1 n. Al -i i >: o 11. I <:. >z.) Ueber die jüngsten Schicksale der Alerandrinischen Bibliothek, von Carl Reinhard- Göttingen, 1792. S. SS- ff. 7. ) Histoirv imivers. tritiluitlz llo I'^nxtiiis. ^»m. XV. l>. 3S8- 8. ) »ist. ?I. I. 2>) Fabricius a, a> O. lr. Bd. 1752. 14. Hauptst. 171, Z.) viorl. Sieul. I-ikl. Iiist. I.. II. p. 84- 4) «In Killäe kistoire cke 1» LInnv. I'viu. I. p. z^, 5.) ?iititr<:I» in l'Iirse» p. >. S.), I?Iin, I. suprii vit, I>. VII. c. 54> 5 06 Erstes Buch. Zweiter Abschnitt. mos, Euklid es von Athen, Nikokrates aus Cypern, der Dichter Euripides, der Tyrann Pisistratus und Aristoteles genannt l). Polykrates lebte fast 200 Jahre vor dem Aristoteles. Da man aber in Griechenland schon lange vor dem Polykrates Bücher schrieb, so waren vermuthlich auch schon vor ihm Büchcrsammlungen vorhanden, die aber vielleicht nicht ansehnlich genug waren, um bekannt zu werden. Pisistratus, der zn Solons Zeit, nicht lange nach dem Polykrates lebte, und sich i, I. d. W. 3424 zum Herrn von Athen aufwarf, soll Homers zerstreute Rhapsodien zuerst in die Ordnung gebracht haben, in der sie sich jetzt befinden 2), und errichtete unter den Griechen die erste öffentliche Bibliothek zn Athens, wodurch er vielleicht seine Bedrückung erträglicher machen wollte. Als Xerres sich Athens bemei- sterte, ließ er diese Bibliothek nach Persicn bringen, von wo sie aber durch die Fürsorge des Seleucus Nicator oder Nicanor wieder nach Athen zurückgebracht wurde Sie blieb daselbst bis zur Eroberung der Stadt durch Sulla, welcher daraus eine Bibliothek im Tempel des Apollo errichten ließ. Zur Zeit des Sokrates (1- 3584) besaß unter den Atheniensern Euthydemus eine zahlreiche Büchersammlnng. — Nachdem Beispiele des Pisistratus errichtete auch Klerarch, Tyranu von Heraklea, in dieser Stadt eine öffentliche Bibliothek, um auf gleiche Weise wie Jener, den Bürgern sein Joch zu erleichtern. Cr war Plato's und Isokrates Schüler und starb gegen 3600. — Auch Plato selbst und Philolans besaßen Bibliotheken. Berühmter aber war die des Aristoteles, dem es übrigens nicht schwer fallen mochte, dieselbe zu Stande zn bringen, da er sehr reich, sein Zögling Herr der Welt und selbst ein so großer Freund von Büchern war, daß ihm Harpalus auf seinen Zügen die Werke des Z>) Ilona«: us Iv. I. c> I. 2.) kivero 6e orat. Ii. III. Lilit. Ll-ev. IV I. >i> ,21. Villei. Zlaxilii, 1^, XII!. c, 4,) ^ulii kl-IIii N»ct. ätt!-?, I.. VI. o, 17. Bibliotheken zc. im Alterthume. 67 Philists, viele Stücke der drei Tragi'ker, die Dith-y- ramben des Telestes und Philorenus u. s. w. nachsenden mußte i). Wir wissen, daß Aristoteles die Werke des Peu- sippus um drei attische Talente gekauft hat. (S. oben §. 18.) Vor seinem Tode vermachte er seine Bibliothek dem Theo- pH r a st, und von diesem kam sie an seinen Schüler Neleus von Skepsis, der dieselbe an den Ptolemäus Philadelphia verkaufte, mit Ausnahme der von Aristoteles selbst geschriebenen Werke, die er bei seinem Ableben unwissenden Erben hinterließ, die sie ans Furcht, vor den Pcrgamenischen Königen, den Beherrschern von Skepsis, derselben beraubt zu werden, in unterirrdische Gewölbe vergruben, wo sie durch Nässe uud Würmer sehr beschädigt wurden. Nach 130 Jahren entdeckte sie Apcllikon, ein reicher Bücherliebhaber aus Teos, der sie um einen hohen Preis kaufte, nach Athen bringen, sie dort neu abschreiben und was darin unleserlich geworden war, so gut es gehen wollte, wieder ergänzen ließ. Nach dessen Tode ließ Sulla seine hinterlassene Bibliothek nach Rom führen, wo Tyrannion, ein gelehrter griechischer Grammatiker — heut Kritiker— und Freigelassener des Mäcenas, der selbst einen Vücherschatz von 30,000 Rollenbändm besaß, die Erlaubniß erhielt, die Werke des Aristoteles zu benutzen. Von ihm kam eine Abschrift derselben an Andronicus in Modus, durch welchen sie mehr bekannt gemacht wurden Da sowohl Andronicus als Tyrannion sich mit der Wiederherstellung der aristotelischen Schriften beschäftigten, so kann man sich leicht denken, in welchem Zustande dieselben auf uns gekommen sind, wenn sich nicht etwa die Abschriften besser erhalten haben, die Ptolemäus für seine Bibliothek von Neleus kaufte. Vor dem Ende des zweiten punischen Krieges war es den Römern um Gelehrsamkeit wenig zu thun. Erst mit der I.) ?1utiti'cl> in .4Iex!liilI><>, !'!<>. IK24, p- 08«, '.'.) Stralin, k«nz?ril>>I,, I, XIII, p, ,;g->, 5" 68 Erstes Buch, Zweiter Abschnitt Zahl der Bücher kam bei ihnen anch hie Lust zn sammeln. Dieß konnte ihnen gar nicht schwer fallen, da sie allenthalben Unterthanen, Bundesgenossen oder Feinde hatten, bei denen ihnen Alles zn Gebote stand, was sie verlangten. Ihre früheren Sammlungen von Schriften betrafen blos die Religion und Politik und waren keine Bibliotheken, sondern blos Archive, wie sie anch Tertnllian nennt, als er von der Aufzeichnung der Geburt Jesu in dem römischen Census redet — Die erste Bibliothek iu Rom errichtete der Con- sul L Aemilius Paulus (5 3800), der, nachdem er den Mazedonischen König Perscus besiegt hatte, eine Menge Bücher aus Makedonien nach Rom bringen ließ,^) die er zunächst für seine wißbegierigen Söhne bestimmt, ^) Ihm folgte hierin Lncins Cornelius Sulla, der, als er in dem Mithridatischcn Kriege Athen eroberte, alle daselbst gefundenen Bibliotheken, worunter sich auch die des Apellikon aus Teos befand, nach Rom schickte (s, oben). — Nachdem Lucullus den Mithndatcs besiegt, brachte er aus Asien noch weit mehr Bücher nach Rom, als die beiden vorigen dahin gebracht hatten. Er legte nicht nur in der Stadt selbst eine große Vüchersammlnng an, sondern ließ anch seine Land- gürer mit Bibliolheu versehen. Von der Ersteren sagt P lu- tarch: Erinnerungs- »nd lobenswürdig ist es, daß Lucullns viele und gut geschriebene Bücher gesammelt, und noch einen löblicheren Gebrauch davon gemacht hat Seine Bibliothek und die daran gebanteu Galerien und Lesezimmer standen Jedermann offen. Die Griechen kamen frei hin, wie in eine Musenherberge, und brachten die Tage ungestört und angenehm mit gelehrten Arbeiten zu. Er selbst ließ sich öfters in diesen 1. ) Hin», I/aet. in vitis pliilns. I. p, zz». 2. ) I/ili. IV, Nlivei«, Hliixüonvni, <:, 7, p, 417 !i) Isiii, vrix, Ii. VI ,-, 4- ^!ul8. i>, 74, Bibliotheken :c. im Alterthume. 69 Gängen sehen und unterhielt sich mit den Philosophen, u, s. w. — Auch Cicero besaß eine ansehnliche Bibliothek, welche durch die Bücher seines Atticus vermehrt wurde, von denen er sagte: sie seyen ihm lieber als die Reichthümer des Crassus.'^) Mehrere Nachrichten von seiner Bibliothek findet man in vio. l. III. lle ün. Iiouoi'. et llialor.' o»p. 2 et 3, wo er auch einer Bibliothek auf dem Landgute des Sohnes von Lucullus und in den oMt. sä, ^ttio. I.. IV. v. 10 jener des Faust us, eines Sohnes von Sulla erwähnt, die zu Puteoli in Campanien stand. — M. K. Varro, der gelehrteste Römer seiner Zeit und Julius Cäsar hatten ebenfalls Bibliotheken. Der Letztere beschloß zuerst in Rom eine öffentliche Bibliothek zu errichten, die an Zahl und Vortrcfflichkeit der Werke alle übrigen übertreffen sollte. Die Auswahl und Anschaffung derselben wollte er dem Varro übertragen.^) Auch Pompejus Macer war zu diesem Geschäft bestimmt. ") Allein der i. I. d. W. 3940 erfolgte Tod von Cäsar verhinderte die Ausführung seines Vorhabens, So wnrde nun die Ehre, die erste öffentliche Bibliothek in Rom zu errichten, dem Senator Asinius Pollio, dem Freunde des Kaisers Augustus zu Theil, auf dessen Anrathen er den Vorsaal des Tempels der Freiheit ans dem Arentinischcn Hügel bante und ihu mit der Dalmatinischen Beute, besonders aber mit einer griechischen und lateinischen Bibliothek, wozu er seine eigene vorzügliche, berühmte Bücheisammlung widmete, und mit den Bildnissen der Schriftstellern schmückte. 5) Ueberhaupt wurden unter Augustus zuerst Bibliotheken in öffentlichen Gebäuden errichtet. Nach der Sitte der alten Welt wählte man hierzu heilige Ge- Z.) ?IutnreI> in I>ivuIIn. p, 51g. 2. ) tüvei-n ezilst. inl ^Nic. I. 4. >>. 573, 3. ) Sueto». «, tt. L,Iit, vas-iuli. ?aris Zklg, i>. 8. syy, t.) Itiiil. ^. Zg, >>. 11. S.) ?1in. Iiist. nat. VII. Gelehrten waren. Augustus stand seinem Freunde Pollio in der Bücherlicbs nicht »ach. Er baute auf jener Stelle des Pal- latinms, die von einem Wettcrstrahle getroffen worden war, nach dem Ansprüche der Wahrsager dem A p'o l l einen Tempel, und stiftete an demselben eine griechische uud lateinische Bibliothek/) die hernach bei Nero's berüchtigtem Lnstfeuer ein Raub der Flamme wurde. -) Dann baute Augustus unfern des Theaters des Marcellus Galcrieen und Büchersäle, die er nach seiner Schwester Octavia, die Octaviani- schen nannten. ^) Auch errichtete er die Capitolische Bibliothek, die zur Zeit des Commodus, als der Blitz in das Capitel schlug, vom Feuer verzehrt wurde. ^) Wahrscheinlich ist diese Bibliothek aber eine andere als die zuerst genannte; denn man weiß eigentlich nur von zwei öffentlichen Bibliotheken, die Augustus in Rom errichtete. Zn seiner Zeit war aber anch zu Antiochien eine bedeutende öffentliche Bibliothek, die im Tempel Trojans stand, aber durch Jo- vian verbrannt wurdet) Tiberius legte in dem von ihm erbanten Theile des Palatinms, der unter dem Namen der Teiles ^iderisn-r bekannt ist, ebenfalls eine öffentliche Bibliothek an, die indessen nicht so berühmt war als die im Tempel des Friedens, für bereu Stifter man Vespasian hält. Wahrscheinlich sind alle diese Bibliotheken bei den großen Fcuersbrünsten unter Nero und seinen Nachfolgern in Flammen aufgegaugen, wie dieses meistens bei denen der Fall war, die Augustus errichtet hat. 6) Die durch diese Feuers- 8 IIt! ton in ^iiAiistn. <:. 29. ück. sn»iit eit. n, 23. 2.) l'-ieit. ^nn-il. Ii, XV. e, Ü9. Z.) Hin vils« D. 49. p. 417. 4. ) 8 iIv I.» r» enii I!I>. >!<; tcnivln et 1>!»l!otlie^!l ^»ollini« ?!Uütini; -ichoctii est vis«. t. 1°. IV, «, 2IZS 2132. S) ?Iinii epist. 1^. I. «zpist, 8. K.) Iliiäcin I/, II. vplst. 18- 72 Erstes Buch. Zweiter Abschnitt. §. 30. Endlich ist auch über die Bibliothekgebäude selbst, ihre Lage und innere Einrichtung noch Einiges zu bemerken. Vitruv will zunächst, daß die Hauptseite der Bibliotheken gegen Morgen sehen soll; denn, sagt er, der Frnhgebrauch derselben fordert vor Allem Licht. Auch erhalten sich in solchen Bibliotheken die Bücher: da sie hingegen in jenen, die gegen Mittag oder Abend liegen, von den Motten und der Feuchtigkeit leiden, welche die von daher wehenden Winde hervorbringen und die Weiße der Blätter dnrch die feuchten Dünste vcrlohren geht, i) Dcm Jsidor zufolge sollen die erfahrensten Baumeister kein vergoldetes Gewölbe und keinen anderen Fußboden als von karystischem Marmor in den Bibliotheken geduldet haben, weil das Gold blende, die grüne Farbe des Marmors aber die Angen erfrische. 2) Nach Bocthius gab es Bibliotheken, in denen die Wände mit Elfenbein nnd Glas eingelegt waren. °) Die Bücherschränke (armarm) mit ihren Fächern — niäi, Loruü, looulawenta, — die Lesepulte — xlutei — und die Sitzbänke in ihren Reihen — vunei — befanden sich demnach wahrscheinlich in der Mitte. Man hatte Schränke, die aus Cedcrnholz und Elfenbein bestanden.") Die größte Zierde aber gaben der Bibliothek die aufgestellten Statuen brühmter Männer, 5) So ließ Asinio Pollio des noch lebenden Varro's Bildsäule in seine Bibliothek setzen, b) Gleiche Ehre erwies Tiberius den griechischen Dichtern Euphorien, Rhianus und P arth enius. Trajaus Statue kam in die Bibliothek zu Prusa;«) in 1) Vitruv I.. VI. «?. 7. 2) Isick. viiF. I.. VI, c. IN. 3. ) Lnvtliius dk consolat. vliilnsovl», 1^, I. x. S. Lll. velxli. ?!N. P. 74. 4. ) Sonoea cke trarnzuilititte. v. 9- 5) ?1in. 1>ist. »at. lid. XXXV. e. 2- 6 ) Iliill. 1'. I. I, VII. c. 3l. 7,) Suvton in l'itierlo v. 70. S) klinii epist. Ii. X. 85. Bibliotheken :c. im Alterthume. 73 die Ulpische die Bildsäule Numeri ans mit der schonen Unterschrist: iVumerisno Oessi'. or-ttorr. I'emngribns. «ui«. l»otenti««imn; ^) und Sidon Appolinaris erfreute sich die seinige dort zu habend) §. 31. Allenthalben, wo Bibliotheken angelegt wurden, gab es auch Leute, die eiue Art von Buchhandel trieben uud das Sammeln von Büchern oder vielmehr von Handschriften erleichterten. Bei den Hebräern waren es vorzüglich die Se- phirim und Lav harnn, die sich damit beschäftigten. Sie schrieben die Bücher des alten Testaments ab und verkauften sie Anderen für Geld. Mehrere derselben hielten sich in Kiriathseph er, einer Stadt in Palästina, auf, die vielleicht daher ihren Namen hat. b) Uebcrhaupt trieben in den ältesten Zeiten diejenigen, welche Bücher abschrieben, auch Handel damit, und waren also Abschreiber und Buchhändler zugleich.") Aber auch ausser den Abschreibern gaben sich srühe schon Viele imt dem Ein- und Verkaufe von Handschriften ab. Zu Alcrandrien in Aegyptcn hatten die Griechen einen eigenen Platz, wo sie ihre Bücher verkauften.^) In Griechenland selbst ließ sich schon aus der Blüthe der Wissenschaften auf deu Handel mit Handschriften schließen, weun wir auch keine ausdrückliche Zeugnisse dafür hätten. Bei dem Aristomenes, Pollur und Lucian findet man oft die Worte: Lt/Z?.<07rw^,?/?, /?t^l0ü«7r,'/^,os und x«7r?/?>os rai,> Besonders soll sich Hcrmodorus mit dem Buchhandel beschäftigt haben. ^) Nach Pollur gab es in Athen öffentliche Läden, in welchen Handschristen verkauft Z.) Vovis in I^iiinoii-in». I'oin II. p-ix. 301. 2. ) 8i.273. 3. ) Sclinttxvn äv liuriirüs vt Iiittlinpnlig iii>t!. ?ollux in nnainilst. 1^. IX. o.) Michaelis Einltg. in's neue Testament. 3. Aufl. S. 247. 74 Erstes Buch. Zweiter Abschnitt. wurden. ^) In solchen Bnchlädcn hatten die Gelehrten gewöhnlich ihre Zusammenkünfte nnd in einem derselben machte der Philosoph Zeno die Bekanntschaft des Crat es. — Bei den Römern war nicht mir das Abschreiben, sondern auch der Handel mit Handschriften gewöhnlich ein Geschäft der Sclaven und Freigelassenen. Diejenigen, die sich mit demselben beschäftigten, hießen tidr-trii, obgleich dieser Ausdruck nicht selten blos die Abschreiber bezeichnet. Selbst Unter dem Worte ditiliop ol» verstand man bald einen Abschreiber, bald einen Handschriftenhändlcr, welches daraus leicht zu erklären ist, daß beide Geschäfte oft mit einander verbunden waren. Die Lilitiopoliie oder eigentliche Handschriftenhändler unterhielten besondere librarios oder Abschreiber blos in ihrem Geschäfte, wenn sie solche nicht unter ihren Dienern oder Leibeigenen fanden. Atticus, der sich mit dem Buchhandel besonders befaßte, nahm keinen Knecht an, der nicht im Schreiben geübt war. Unter den Kaisern kamen der Buchhandel und die Lit>Iioi>oI»e sehr in Flor. Zur Zeit des Horaz waren die Gebrüder Sosii die berühmtesten Buchhändler in Rom/-) wozu ihre Sorgfalt für schöne und korrekte Abschriften und ihre geschmackvolle, äussere Ausschmückung der Bücher durch lockende Einbände u. s. w. nicht wenig beitrügen. Ein anderer berühmter römischer Buchhändler war l'rviilion, der sich nicht darauf beschränkte, die gemachten Abschriften sogleich dem ersten besten Käufer zu überlassen, sondern ans Qninc- tilians Rath dafür sorgte, daß sie zuvor von den Autoren und Kritikern durchsehen und rczcnsirt wurden. Cicero, Horaz, Martial, Catull und Andere nennen uns ausserdem als Buchhändler ihrer Zeit: ^traiotus, veeius, Illpius, Va- lerianvs, ^uvunllus, I?e1ix, vicin^siu«, 1'ettie- nu8, >8ec!uiiiZll5, pkr^xus eto., welcher Letzterer sogar den Nameu (tootor lilirarius erhielt. Auch die römische» z.) Iincn 3. November. S. 269. ff. 5, ) Busch, Hdbch, d. Erfind. 2r Thl. 2. Abthlg. S. 344. 7K Erstes Buch. Zweiter Abschnitt. schrieben und daher die möglichste Vervielfältigung und Verbreitung ihrer Schriften nicht ungern sehen mochten. Auch findet man weder in Griechenland, noch in dem alten Rom eine Spur von einem Privilegium zum ausschließliche» Ver- kaufe irgend eines Werkes, durch dessen unbefugte Abschrift und Feilbietnng ein Anderer den Privilegirten nm den Gewinn des Alleinverkaufs hätte bringen können. Die Betrügereien der Bibliopolcn war von ganz anderer Art. Sie brandmarkten z. B. öfters den Namen eines berühmten Autors, indem sie denselben auf den Titel eines elenden Machwerks setzten; oder sie benutzten den Tod eineS vielgelescncn Schriftstellers, um unter seinem Namen schlechte oder unbedeutende Aufsätze und Abhandlungen als seine hinterlassene Schriften ins Publikum zu bringen. Solche Betrügereien, besonders die der letzteren Art, waren übrigens schwer zn verhüten, und blieben, da sich nur in höchst seltenen Fällen ein Kläger gegen sie finden mochte, anch wohl meistens ungeahndet. Dagegen verfuhr man schon im Alterthume mit aller Strenge gegen Schriften, von denen man glaubte, das sie der Religion, den Sitten oder dem Staate gefährlich seyen. So verbot man zu Athen die Schriften des Protagoras, eines Schülers des Democrits, verbrannte alle Abschriften derselben, so viel man deren habhaft wurde, und verbannte ihn selbst aus Athens) So ließ auch der römische Staat die Schriften Numa's, die man in seinem Grabe gefunden hatte, verbrennen, weil sie der eingeführten Staatsreligion nicht zusagten; 2) i,,id als bei eingetretenen, öffentlichen Unglücksfällen das niedergeschlagene römische Volk in mancherlei Aberglauben verfiel, befahl der Senat, alle abergläubischen und Wahrsagerbücher dem Prätor zu überliefern,^) welcher Befehl in der Folge noch öfters wiederholt wurde. ") Eben so streng verfuhren auch die Kaiser I.) Oi » xviie « iiertiiis IX. e. 52. — Lirvia ile nat. «iear. I. 2Z. 2 ) Iiivius Xl^ 2». — ?1in. Iii«t. n-it. XIII. 3. ) Iiiv iiis XXV. 1. 4. Ilii-I. XXXIX. ,k. — ^aviti »iiii-U. 17. 12. Bibliotheken :c. im Alterthume. 77 gegen dergleichen Bücher, und Augustus ließ einst mehr als 2VW derselben auf einmal verbrennen. ^) Nächstdem verbot er alle anzüglichen und Spottschristen und ließ daher die des 1>itu« Lawenus den Flammen übergeben, worüber Osssius Heverus spottweise zu sagen pflegte: man müßte ihn lebendig verbrennen, weil er die Schriften seines Freundes I^abienu« auswendig wüßte. Ebenso findet man in den römischen Gesetzen, namentlich in den Digcsten und im Coder mehrere Verordnungen, welche von den liliris iwiirolist'do leotioni«, wsK'Ioi« körte et dis «imilibu«, von welchen Ulpian sagt, daß man sie, wenn man sie unter der 5)interlasseuschaft Verstorbener fände, sogleich zerreißen und verbrennen müßte. ^) In Syrien ließ Antiochus Cpiphanes, welcher in seinem ganzen Reiche einerlei Gottesdienst einführen wollte, die Bücher des Gesetzes Gottes der Juden verbrennen. ^) Das gleiche Loos traff in den Zeiten der Christenverfolgungen unter den römischen Kaisern auch die christlichen Schriften; und Diocletian vernichtete sogar die Bücher der heilige» Schrift. 5) Aber nicht milder verfuhren bald darauf auch die christlichen Kaiser und Kirchensürsten mit den Schriften ihrer Antagonisten. So verdammte das Nicäische eoneiiium die Schriften des Ärius; die Kirchenversammlung zu Ephesus die Nestor ianischen Schriften; das Chalccdonische ^onoilium die Schriften des Eutyches :c., worüber man in dem Theodosianischen und Jnstinianischen Coder mehrere Verordnungen findet. §. 33. Die ersten Christen, ohnehin mehr bemüht, fromm zu leben als Bücher zu schreiben, fanden unter den heftigen Verfolgungen, die von mehreren Kaisern gegen sie verhängt wurden, auch nicht die nöthige Ruhe dazu. Aber selbst von 1. ) 8 >ieton, !n Luxust». c. 31. 2. ) I' ii c i t. I. a, I. 78, ii.) Htpian. I. 4. 4.) I. Alaccsb, I. 23, 24. 5) ^rnoliius »Zr. kent. III. Lusebii Iiist. ecvles. VIII. 2. 78 Erstes Buch. Zweiter Abschnitt. den wenigen Schriften der ersten Zeit winde der größte Theil von den Glaubcnsfeilidcn vertilgt, »nd von den übrigen gingen wegen der geringen Anzahl von Abschriften nach und nach viele verloren. Von den unmittelbaren Schillern Christi und einigen ihrer Zeitgenossen und Gefährten erhielten sich indessen einige historische Schriften, eine Reihe vou Briefen nnd ein prophetisches Bnch, welche die authentischen Quellen unserer Religion bilden. Aus diesen Briefen beurkundet sich zugleich auch die Büchcrlicbe der ersten Christen, So befiehlt z. B. schon Paulus dem Timotheus: „den Mantelsack, den ich zu Troas bei Carpus zurückließ, bringe mit, wenn dn kannst, und auch die Bücher) besonders die Pergam entrollen. 5) Paulus besaß demnach Bücher, sowohl ans Papyrus als Pergament geschrieben. — Vom dritten Jahrhundert an vermehrten sich, besonders durch den Fleiß der Kirchenväter, die Schriften der Christen und mit ihnen zugleich die Lust zum Sammeln. Der fruchtbarste Schriftsteller unter allen war ohne Zweifel Origenes, von welchem Hieronymus sagt: „Wer von uns könnte wohl alle die Bücher lesen, die er geschrieben hat?" 2) Daß Hieronymus selbst eine auschnlichc Büchersammlung besaß, erhellt aus einem seiner Briefe an Eustochius, dem er ans Palästina schrieb: „daß er die Bibliothek, die er sich mit vielem Fleiß und vielerMühe erworben, durchaus nicht entbehren könne. °) Auch Athana- sius hatte fleißig gesammelt, verlor aber zu Alerandrien seine ganze Bibliothek, welche die Ariancr bis auf den letzten Buchstaben verbrannten.") Alexander, Bischof zu Jerusalem, hatte daselbst eine große Büchersammluug angelegt, wclcheEusebins zn seiner Kirchengeschichte sehr benutzt hat. ^) z.) !>r Brief. «. -I, 13. 2) Iluetii v l !5 i an i a. I,. III. I>. 1">». N. I<>8>>, >>, 6KS. 5. ) Lu«el>ii nist. L. 0 in Loliinlll. !Z.) silier tle 1, r o « i 1> u s , »il q»«,! vult neun,, v, 8!>. Lliit ?aris. r. VIII. p. 27. 4.) Lu8vl>ius I. IV. äv vil-t konstant. Lil, «ui>ri>. cit. x. 132. S) riieillistlu» Oiat. IV. «.) 2 08 iinus Iiist. oav. I,. III. vxou. Z g7>>. x. IZg. ?-) In Julians von Spanhcim herausgeg. Werken c. 3«. p. 411. 80 Erstes Buch. Zweiter Abschnitt. besaß, die sein Nachfolger Jovian verbrennen ließ, Kaiser Valens scheint ebenfalls ein. Frcnnd der Bücher gewesen zn seyn. Man kennt von ihm noch den Befehl an seinen Statthalter Klearch, ihm sowohl zum Schreiben neuer, als zur Wiederherstellung alter 0o> x. 104. <>.) I'o««erin. ^>>viui,tii8. ?»iu, II, vol. äx>'i>>. IliVS, p, 42- 7.) k « «z>. Bibliotheken :c. im Alterthume. 8t §. 34. Während im morgenländischen Reiche Künste und Wissenschaften blühten, entflohen diese nach und uach ans dem Abendlaude; verscheucht, theils durch die langwierigen Zerstörungen der Römer und den darauf entstandenen Despotismus, unter dessen Druck sich des menschlichen Geistes eine allgemeine Lähmung und Trägheit bemächtigt, und theils durch deu fanatischen Eifer der Geistlichkeit gegen alle Werke der Literatur und des Geschmacks, die in irgend einer Beziehung mit dem Heidcnthume standen. ^) Die von deu Heiden ererbten Künste und Wissenschaften schienen so innig mit ihrem verabscheuten Religionssysteme verbunden; in ihren Werken des Geistes und Geschmacks stieß man so unausgesetzt auf mythologische Gräucl, daß bei den noch von frischem Eifer beseelten Christen ganz natürlich der Haß von Einem auch 'auf das Andere überging. Wie früher die Kaiser die Bücher der Christen bekriegt halten, so wnrden jetzt Kunstwerke und Bücher der Heiden Gegenstand einer frommen Verfolgung; und Manches, was der Unsterblichkeit würdig, ging unwiederbringlich zu Grunde. So waren Völker und Länder, die bisher edlere Kenntnisse besaßen, allmählig zur Barbarei reif geworden, deren Anfang dnrch den Einbruch roher, nordischer Völker nur beschleunigt wurde. In zahlloser Menge wälzten sich diese, das Eine immer von dem Anderen gedrängt und vorwärts gestoßen aus dem hohen Norden hervor, an ihrer Spitze das mächtige Volk der Gothcn, welches von den noch mächtigeren Hunnen ans seinen Wohnsitzen vertrieben, mit Genehmigung des Kaisers Valens und in Folge eiues mit ihm abgeschlosseneu Vertrags — 376 — friedlich über die Donau setzte, bald aber durch vertragswidrige Preiserhöhung aller Lebensbedürfnisse und schändlichen Verrath seiner Minister empört, die Fahne des Aufruhrs schwang und nach der Schlacht bei Adrianopel — 9. August 378 — die dem Valeus Heer und 1.) Lieltllnrn'« Inttvi'!'ii'F«5,:I>i<'I>t>!, ernle Ilälkto. p. 574, 6 8S Erstes Buch. Zweiter Abschnitt. Leben kostete, sich unter schrecklichen Verwüstungen feindlich über das abendländische Reich verbreitete. Das Erscheinen der Gothen bezeichnet den Anfang der Völkerwanderung und mit dieser begannen die Jahrhunderte der Barbarei. Den Gotheu folgte nach nud nach eine Flnth von anderen Völkern vou noch wilderer Gesittung, die ihren Zug durch alle Gräuel der Vcrwüstnng bezeichneten, — Den ersten Stoß versetzten die hercinströincnden Horden den Wissenschaften durch die Zerstörung der Schulen, wie durch Vernichtung der Bibliotheken; und die dadurch herbeigeführte" Barbarei verlängerte sich durch dcu immer mehr zunehmenden Mangel an nützlichen Büchern. Zn arm an Geist, um etwas Neues zu schaffen, hatte man kaum noch den Geschmack, das Bessere zur Abschrift auszuwählen. Die Manu- seripte verschwanden, und der Geist der Menschen, dem es vollends an Nahrung und Erhebung gebrach, versank in völlige Lethargie. So war es in den Provinzen und nicht besser iu der Hauptstadt selbst. Unter dem Kaiser Honorius i. I. 408 erschien Alarich, König der Gothen, zum erstenmal vor Rom, begnügte sich indessen mit einem ungeheuren Lösegelde und zog mit seinem Heere ab, ohne die Stadt zu betreten. Gereizt durch den Trotz und die Unredlichkeit der römischen Minister kehrte er aber gleich in dem darauf folgende» Jahre zurück und zog nach einer zweiten Belagerung siegreich in den Palast der Cäsaren ein, Nachdem er den Attalus zum Kaiser erklärt, bald darauf aber, der Aussöhnung mit Houorins willen, wieder abgesetzt hatte, brach er nochmals mit diesem Manne des Erbarmens und eroberte 4lt) die Hauptstadt der Welt mit Sturm. Schrecklich wüthete nun das Schwert der Rache schnaubenden Gothen, deren Weiber und Kinder — die Geiseln ihrer Treue — die Römer ermordet hatten, unter der wehrlosen Volksmenge. Sowohl die öffentlichen als Privatreichthümcr uud Schätze der Literatur und .Äunst gingen durch Plünderung und Zertrümmerung z» Grunde, und ein verworfener Pöbel und rachclustig? Sklaven benntzten Bibliotheken :c. im Alterthume. 83 die allgemeine Verwirrung zu tausendfältigem Frevel. Das nämliche Schicksal bereitete 45 Jahre später unter der Regierung des Marimus der Wandalen König Genserich der einst weltberühmten Roma. Gerufen von der Kaiserin Eudoria, deren Gemahl Valentinian durch Marimus ermordet worden war, kam der Vaudale aus Afrika herüber, plünderte und mißhandelte Rom viel grausamer als Alarich gethan hatte, und schleppte eine unermeßliche Beute, die letzten Ueberreste der Reichthümer der ehemaligen Weltstadt von bannen. Künste und Wissenschaften flohen beim Anblicke solcher Verwüstung; und die verarmten Einwohner, denen es an Mitteln der physischen Existenz gebrach, konnten unter solchen Umständen nicht mehr an Verschönerung und Veredlung ihres Daseyns denken. Die meisten Bibliotheken waren verbrannt und znr Wiederherstellung derselben die Zeiten zu stürmisch und — zu bedrängt. Noch ehe Odoacer, ein kühner Abentheurer, vou ungewisser Abkunft aber große» Talenten und Anführer eines vermischte», barbarischen Haufens römischer Bundcstruppen im Jahre 476 uuter Regierung des Kaisers Romulus Augustns' dem abeudläudischen Reiche ein Ende machte, war mit den Schätzen der Literatur und Kunst längst auch der Handel mit denselben verschwunden. — Dritter Abschnitt. Zustand des Bücherwesens im Mittelalter. " H. 35. Indessen ging doch nicht Alles verloren; und wir mögen uns bei Erwägung der langwierigen und weit verbreiteten Schrecken der Völkerwanderung und aller übrigen Drangsale jener sturmbewegten Zeit eher darüber verwundern, daß noch Einiges und so Vieles gerettet worden ist, als daß Unermeßliches zu Grunde ging. Bei den allgemeinen Verwüstungen 6 » 84 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. wurden durch den religiösen Eifer der neubekehrten, siegreichen Barbaren wenigstens die christlichen Kirchen und Heiligthümer, und wie es scheint, auch die dabei angelegten Büchersamm- lungcn verschont. Denn Cassiodorus, der unter Odoacer und dem gothischen König Thcodcrich und seinen Nachfolgern rraeteoru« ?raetorii war, hatte eine Bibliothek zu Rom, vermuthlich auch eine zu Ravenna, wo er lange in Staatsdiensten lebte; und als er sich in seinem 70steu Jahre in das von ihm erbaute Nivariensische Kloster begab, war er hauptsächlich besorgt, für die Mönche Bücher zu sammeln. ^) Schon vor ihm hatte der Pabst Hilarius zwei Bibliotheken in dem Lateranischen Taufgcbäude errichtet, und um 482 wird einer Kirchenbibliothck erwähnt, worin die Schriften des Pabstcs Gelasius wider den Eutvches und Nestorius waren niedergelegt worden. Später, um 741 stiftete auch Pabst Zacharias eine Bibliothek, die den Beinamen des heiligen Petrus führtet) Es mußten also noch Bücher vorhanden seyn, um diese Bibliotheken bilden zu können. Wirklich waren auch trotz der allgemeinen Verwilderung iu einigen wenigen Ländern, wie z. B. im Oriente, zumal in Constantinopel, dessen Manern den Wogen der Völkerwanderung trotzten, und in Italien, vessen milder Himmel selbst die Barbaren sänftigte, auch in wenig Gegenden Spaniens nnd Galliens einige, wenn auch dürftige Reste des Geschmacks, der Wissenschaft und Literatur geblieben. Um sie zu vervielfältigen, bedürfte man nur der Abschreiber; uud an diesen war nach der Zerstörung so vieler Bibliotheken eben kein fühlbarer Mangel. Sie hießen jetzt Mliliatoi-ex nnd standen meistens im Solde der Bischöfe. Aber ein großes Hinderniß der schnelleren Verbreitung von Schriften entstand seit der Unterbrechung des Handels mit Papyrus im siebenten Jahrhunderte durch den Mangel eines bequemen und wohlfeilen Schreibmaterials und durch die Aufhebung aller wissenschaftlichen Verbindung bei der damaligen öffentlichen 1. ) Deniö Eltg. in der Büchcrkde. Ir Thl. S. 12. 2. ) 11>!ci'im!. Z. 10. 4. ) vn vliesne Iiist. I'iaiie. kcript, Ini», li. ?ni'is I KZli. 182, 5. ) kalli-is vliris ti.ni so ?om. IV. 1!i5t>, l>, 521. k.) Fabricius allgem. Hist. d. Gclchrskt. ir Bd. 14. Hprft. Z. 171. 2r Bd. S. 543. .1.0. li sehr ansehnlich vermehrt wurde. 2) Die Universitätsbibliothek zu Hei- Z.) vu Ltlvsiiv I. «. c. p. Igg. 2. ) Fabricius a. a, O. S. 543. 3. ) Meuscls Leitf. zur Gesch. d. Gelehrs. 2. Abthlg. S. S3S. 4. ) Eben das. S. «-84. 5. ) Denis Eltg. in d. Bücherkunde, ir Thl. S. 202. Zustand des Bücherwcsens im Mittelalter. 87 delberg verdankt ihre Entstehung den Vermächtnissen des Kanzlers Conrad von Gcyln Hausen und des ersten Rektors Marsilins von Jngben. Um dieselbe Zeit legte Ludwig der Bärtige nach seiner Zurückkunft von der Kirchcnversammlung zu Constanz die Kurfürstliche Bibliothek an, welche Kurfürst Otto Heinrich mit den kostbarsten Werken vermehrte und beide Bibliotheken unter dem Namen der Kur- und Landesbibliotbek vereinigte, über welche die Universität die Aufsicht erhielt. ^) 1622 wurde diese Bibliothek durch Till» zum Theil zerstört, zum Theil dem Kurfürsten Maximilian von Bayern als Beute überlassen uud dieser Theil 1662 an Pabst Gregor XV. nach Rom gesandt. Nach dem Mjährigeu Kriege stellte Kurfürst (Zarl Ludwig die Universität Heidelberg wieder her uud stiftete die mittlere Bibliothek. Desgleichen der Kurfürst I o- hann Wilhelm die nene Bibliothek 1705, kaufte auch die Bibliothek ^. k. viaevii und schenkte solche der Universität. 2) Die nach Rom gewanderten .Handschristen nnd Bücher, von deck Kurfürsten von der Pfalz öfters fruchtlos zurückverlangt, wurden endlich nach dem letzten Pariser Frieden, hauptsächlich aus Verwendung des Kaisers Franz, wenigstens zum größten Theil der Universität Heidelberg wieder gegeben. — Zu Ladcnberg wurde ebenfalls eine Büchersamm- lung von Ioh. M. Dalburg errichtet. — Die Bibliothek zn Wien wurde von Kaiser Friedrich III. gestiftet und von Maximilian dem Zweiten erweitert. 1484 wurde die Bibliothek zu Frankfurt a, M. uud 1529 die Nathsbibli othck zu Hamburg, 1537 die Stadtbibliothek zu Angsburg, 1538 die S t a d t b ib l i o t h e k zu Nürnberg aus deu Bibliotheken aufgehobener Klöster errichtet. 2) 1.) Ailgem. Literar. Anzeiger Z7U8. Nro. 77. S. 786. S.) Ebcnd. 1797^ Nro. ZZb. Ebend. 17!>7. Nro. 108. 4. ) Ebend. I7!>3. Nro. 77. 78«. 5. ) Kleine Chronik Nürnbergs. Altorf 17W. S. <>2. 88 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. 1543 entstand die Universitätsbibliothek zu Jena und 1588 die Kurfürstliche Bibliothek zu Dresden. Ferner wurden im löten Jahrhundert gestiftet: die Univer- sitäts- oder Pauliner Bibliothek zu Leipzig; die Kurfürstliche Bibliothek zu München; die Universitätsbibliothek zu Jngolstadt, die mit der Universität selbst erst nach Landshnt und dann nach München transportirt wurde; die Bibliothek der Prämonstratenser Chorherrn des königlichen Stifts Strahof zu Prag. Im 17ten Jahrhundert, und zwar 1604 die Herzoglich Braunschweigische Bibliothek zu Wolfenbüttel durch Herzog August, den Jüngeren; 1661 die Bibliothek zu Berlin durch König Friedrich I.; dann die fürstliche Bibliothek zu Carls ruhe, die Herzogliche Bibliothek zu Gotha von Herzog Ernst, dem Frommen; die Fürstliche Bibliothek zu Cassel; um 1660 die königlich kurfürstliche Bibliothek zu Hannover von Herzog Johann Friedrich; 1677 die Rathsbibliothck zu Leipzig; 1691 die Herzogliche Bibliothek zu Weimar vom Herzoge Wilhelm Ernst; die Bibliothek zu Zcitz vom Herzoge Moritz, die Bibliothek zu Gottorp von Ioh, Adolph von Holstein; die Stadtbibliothek zn H amburg , mit welcher später die Bibliothek des Pastors I. C. Wolf verbunden wurde. Unter dem im löten Jahrhnndert angelegten Bibliotheken Deutschlands verdienen vorzüglich die Königliche Universitätsbibliothek zu Göttingen, gestiftet 1734, die Universitätsbibliothek zu Erlangen 1743, die 1777 eröffnete neue Universitätsbibliothek zu Wie.» und die errichtete herzogliche Bibliothek zu Stutt- gardt, genannt zu werden. Außerdem besaßen die meisten Dom- und Collegialstifter und Abteien Deutschlands zum Theil sehr ansehnliche, noch aus früheren Zeiten stammende Bibliotheken, deren Werke aber bei der Säcularisation der Stifter und Klöster im Jahre 1803 theils zerstreut, theils den öffentlichen Bibliotheken einverleibt wnrden. Die Privatbibliotheken können hier um so weniger eine Erwähnung fin- Zustand des Bücherwesens im Mittelalter. 89 den, als erstens ihre Zahl zu groß und zweitens hier nur vou öffentlichen Bibliotheken und zwar nur von den vorzüglicheren die Rede ist. Die erste Bibliothek in Ungarn stiftete Matthias Corvinus nm 1476. Er ließ in Griechenland und Asien sammeln, hielt 4 Schreiber zu Florenz und 30 in seiner Hauptstadt, die meistens auf Pergament arbeiteten und die Codices mit den schönsten Miniaturen zierten. Die Anzahl seiner Bücher stieg nach und nach auf 50,000. Allein seine Nachfolger Vlad islaus und Ludwig achteten ihrer so wenig,daß sie viele davon an Wiener Gelehrte verschenkten. Noch mehrere kamen nach der Eroberung Ofens durch Svliman von Christen uud Türke» abhanden und der Rest kam 1686 in die kaiserliche Bibliothek nach Wien ^ Von dieser wurde die schou früher bestandene Bibliothek zn Lemberg in Galizien ansehnlich verstärkt. 2) In Polen hatten die Jesuiten und wahrscheinlich auch andere geistliche Communitäten ansclmlichc Büchersammlnngcn. 1746 wurde zu Warschau die herrliche Zaluskische Bibliothek eröffnet, die 1761 mit dem größeren Iesuitcrkollcgium zn Warschan vereinigt, aber nach der Aufhebung des Ordens vom Staate in Besitz genommen wurde.s) In Preußen wurde 1540 zu Königsberg die erste öffentliche Bibliothek gestiftet, neben welcher sich jetzt auch eine Universitäts- nnd eine Stadtbibliothck befinden. — 1696 wurde die Rathsbibliothek zu Danzig gestiftet, wo auch das akademische Gymnasium eine Büchcrsammlnng besitzt. In Rußland errichtete der Czaar Alerius zncrst in Moskau eine Bibliothek. In Petersburg sind die kaiserliche Bibliothek und die der Akademie der Wissenschaften zn bemerken. Z.) Denis a. a. O. Zr Thl. S. 204 und 2U5. 2. ) Ebend. Zr Thl. S. 220. 3. ) Ebend. Ir Thl. S. l->7. 4. ) Denis a. a. O. Ir Thl. S. 198. 90 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. In Dänemark wurde 1624 die Bibliothek der Ritler- akademie zu Soroe und 1657 die Universitätsbibliothek zu Kopenhagen eingeweiht. Letztere verlor aber durch'den großen Brand im Jahr 1728 den größten Theil ihrer literärischen Schätze, wurde indesseu nach und nach so wieder hergestellt, daß sie gegenwärtig an 40,000 Druckwerke und 1600 Handschristen enthält. Die königliche Bibliothek zu Kopenhagen wurde von Friedrich III- gegründet und zählt gegenwärtig über 100,000 Bände. — Unter den Bibliotheken in Schweden verdient besonders die seit der Reformation gestiftete Universitätsbibliothek zn Upsala erwähnt zn werden, die an 1000, zum Theil vaterländische Handschriften besitzt, unter welchen sich der oben angeführte silberne Coder des Wulfila befindet, 2) Nicht minder berühmt ist die königliche Bibliothek zu Stockholm, zn welcher schon Gustav I. einen schwachen Grund legte. Sie vermehrte sich in der Folge sehr ansehnlich; aber Gustav Adolph schenkte seine ganze Bibliothek der Universität zu Upsala. Die Königin Christine sammelte eine neue Bibliothek, nahm sie aber, als sie das Reich verließ, als ihr Eigenthum mit. Der Wiederherstelle»' der königlichen Bibliothek war Carl Gustav, der sie durch seine Eroberungen in Polen und Dänemark, so wie durch gekaufte oder der Krone durch die Reduction auheimgefallcne Privatbibliotheken ansserordentlich vermehrte. Allein bei dem großen Schloßbrandc im Jahr 1697 verbrannten 17386 Bücher und der Uebcrrest wurde sehr beschädigt. Erst unter Gustav IV. wurde eine neue Bibliothek errichtet, die in dein neuen königlichen Schlosse aufgestellt und durch mehrerePrivatsammlungen und Gnstav'slll. Handbibliothek von 15000 Bänden verstärkt wnrde. ^) Die Universitäten zu Abo und Lund besitzen ebenfalls Bibliotheken. 1. ) Denis a. a. O. S. Z9v. 2. ) Ebendas. Z.) Busch Handb. d. Erfind. 2r Lhl. 1. Abthlg. S. t8. Zustand des Bücherwesens im Mittelalter. S1 Bei der Domkirchc zu Lund wurde schon 1124 der Anfang zu einer Büchersammlung gemacht, Den ersten Anfang einer Büchersammlung in England machte König Alfred im letzten Viertel des 9. Jahrhunderts, und ließ zu diesem Ende die ersten Bücher aus Rom nach England kommen. In diesem löblichen Vorhaben folgten ihm auch noch andere angelsächsische Könige, die sich viele Bücher aus Irland verschafften, wo die Wissenschaften schon früher blühten. Die bedeutendste Bibliothek war damals zu York- Indessen gingen die vorhandenen Büchersammlungen bei den verheerenden Einfällen der Normänner fast alle zu Grunde. 2) 1450 wurde die öffentliche an der Paulskirche und im siebenzehnten Jahrhundert die königliche Bibliothek zn W e st- münster durch den Prinzen von Wales, Jacobs I. Sohn, angelegt, welche unter Georg II. mit dem 1752 gestifteten britischen Museum vereinigt wurde. Dieses zerfällt in drei Abtheilungen, wovon die erste die aus 40,000 Bänden bestehende Bibliothek des gewesenen Präsidenten der königl. Societät der Wissenschaften, Hans Sloan, und die 90,000 Bände starke königl, Bibliothek; die zweite Abtheilung über eine Million verschiedener Naturprodukte; und die dritte, die für die Handschriften bestimmt, an 30,000 in Büchern und Urkunden enthält, 2) welche nach ihren ehemaligen Besitzern: dieHarlcyischen, B irchischen, Sloanischen, Königlichen uud Cottori scheu genannt werden. Ausserdem besitzt die königl. Societät der Wissenschaften eine besondere Bibliothek. Eine der größten Büchersammlnngen in England besaß der Großkanzlcr und Schatzmeister Augervvle, welcher dieselbe der Universität zu Oxford vermachte und dadurch den Grund zu dem dortigen berühmten Bücherschatze legte.Jedes Collegium dort hat seine eigene Bibliothek; unter allen aber Z.) Busch Handb. d. Erfind. 2r Thl. Abth. S. 48. 2. ) Meusel a. a. O. 2. Abthlg. S. 53«. 3, ) Dcn is a. a. O. Zr Thl. S. IS2. ^>),Meusel a. a. O. 2. Abthlg. S. ti«8. 92 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. ist die aus 130,000 Bände bestehende Bodleyanische am ansehnlichsten. Die untersten Bücher in derselben sind an Ketten angeschlossen. Sehr beträchtlich ist auch die Universitätsbibliothek zu Cambridge, die, 1450 gestiftet, einen reichen Schatz von Manuscripten enthält.') Endlich verdient auch die Universitätsbibliothek von Edinburg, Dublin und Glasgow bemerkt zu werden. Unter den Niederländischen Bibliotheken ist die zu Leyden eine der bedeutendsten. Sie wurde 1586 gegründet, aber erst seit dem Anfange des 17. Jahrhunderts gehörig eingerichtet, und enthält allein über 3000 Manuskripte. Ausser derselben sind auch die Universitätsbibliotheken zn Utrecht, Franeker, Gent, Gröninger und Löwen, die Stadtbibliothek zn Hartem und die öffentlichen Bibliotheken zu Brüssel und Antwerpen bemerkenswerth. Die berühmtesten Büchersammlungen in Spanien sind: die j595 gestiftete Bibliothek des heil. Lorcnz im Cscurial mit 6000 arabischen und orientalischen Handschriften; die königl. Bibliothek zu Madrid mit 130,000 Bänden und 2000 Manuskripten; die Bibliothek von San Jsidoro; die der Akademie der Künste und der Geschichte, so wie die reichen Bücherschätze der Herzoge von Medina, Ccli und von Asuna, sämmtlich zu Madrid; dann die Dombibliothek zu Toledo mit 700 seltenen Handschristen; die 2 öffentlichen Bibliotheken zu Valencia und die Universitätsbibliotheken zu Alcala, Salamanca und Saragossa. —In Portugal hauptsächlich : die aus 80,000 Bänden bestehende königl. Bibliothek zu Lisboa und die Universitätsbibliothek zuCoimbra, ausser welcher es noch mehrere Klosterbibliotheken giebt, unter denen die des Klosters M a fra, freilich die beträchtlichste unter allen, 80,000 Bücher enthält. 2) — Z.) Denis a> a. O. ir Thl. S. 2.) Baveris Reise» von London nach Genua. Ir Thl. 29r Brief. S. 180. Zustand des Bücherwesens im Mittelalter. 93 Die erste Büchersammlung in Frankreich soll der heilige Ludwig in der Kapelle zu Paris angelegt haben. Als eigentlicher Gründer der königlichen Bibliothek in Paris wird jedoch der König Johannes betrachtet, dessen ganzer Büchervorrath aber bei seinem Tode in etwa zehn Büchern bestand, Sein Sohn und Nachfolger Carl v. vermehrte indessen denselben, so daß im Jahre 1373 die Bibliothek schon 910 Bücher zählte. Carl von Orleans hatte zu Blois ebenfalls eine Sammlung angelegt, mit welcher Franz l. seinen, aus Asien, Griechenland und Italien angekauften Vorrath in Fontainebleau vereinigte. Unter Heinrich IV. wurden diese Bücher der königl. Bibliothek zu Paris einverleibt, und diese auch noch mit mehr als 800 Handschriften vermehrt, welche Catharina von Medizi aus Italien mitgebracht hatte'. Unter den folgenden Königen gewann diese Bibliothek immer mehr Zuwachs. Bei dem Tode Ludwig's XIV. enthielt dieselbe schon über 70,000 Bücher. Auch Ludwig XV. ließ fleißig sammeln, und unter der Staatsverwaltung seines Ministers, des Cardinals Fleury waren bis 1732 allein über 10,000 orientalische, ostindische und chinesische Handschriften hinzugekommen. Sie vergrößerte sich fortwährend, am meisten, aber unter dem Kaiser Napoleon, und ist, selbst nach dem 1815 erlittenen Verluste, sowohl an Prachtausgaben und Handschriften, als au wissenschaftlichen Werken in Inkunabeln eine der reichhaltigsten der Erde mit mehr als 400,000 Bänden und 24000 Handschriften. Ausser der königlichen sind an öffentlichen Bibliotheken in Paris noch zn bemerken: die Mazari Nische oder die Bibliothek des Colle- giums der 4Nationeu; die Bibliothek des Pantheons; die Bibliothek des Arsenals; die Staatsbibliothek; die Bibliothek der Abtei der heil. Genofeva; die Bibliothek des Oratoriums, und die der Abtei 8t. 6er- I.) ^uvenel 6e e-ilenoil» Geschichte der schönen Wissenschaften und freien Knnste, übers, von Kappe. 2r Thl, 2N. Cap. S. 257. 94 Erstes Buch. Dritter Abschnitt, main deren erste Grundlage der an Handschriften und merkwürdigen 1. ) Li>!8t, Naril. «juirlnum. 1'nrlei. 17^8- 2. ) Zu den Merkwürdigkeiten derselben gehört auch ein Fragment der Ausgaberechnungen Philipps des Schönen, welches in sechs hölzernen, mit einer wachsartigcn Materie überzogenen Täsclchcn besteht, worauf die Buchstabe» eingegrabcn sind. Ueber die Handschriften s. O-ttiilvAuv raisnnn,- ile« Aliinu- svi'ipt« «lang la Indliotlieyiie llv Ke^eve. ä lZenvve 1779. S.) Unter Anderen ein zirkelrunder, silberner Schild, S4 Unzen schwer mit erhabenen Figuren und der Inschrift: I-arxitu« v, K Valvntlniilni ^uAusti, welcher im Jahre 1721 in dem alten Bette der Arve gesunden worden ist. 96 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. Werken über die Geschichte der Schweiz sehr reiche Bibliothek des sehr verdienstvollen Alt-ScckclmeisterS von Balthasar bildet. Die Stadtbiblioth ek zu Solothurn wurde von dem Domherrn Hermann gestiftet und besteht bereits aus mehr als 10,000 Bänden. — Die 1549 gegründete akademische Bibliothek zu Lausanne, welche durch die Büchersammlnng des IlMointlios 6e guiros, eines geborenen Spaniers, der 1750 vom päbstlichcn Hofe nach der Schweiz kam, Protestant nnd Professor der Kirchengeschichte zn' Lausanne wurde, einen bedeutenden Zuwachs erhielt. — Die ehemalige Kloster- jetzt Kantonsbibliothek zu St. Gallen in dem Klostcrgebäude, und die in dem 1598 gcstiftewn Stadtgymnasium aufgestellte Bürgerbibliothek, welche die Büchersammlnng Vadians enthält, zu welcher viele Handschriften, wovon ausser einer Chronik und 13 Foliobänden eigenhändiger Briefe der Reformatoren und anderer Gelehrten der damaligen Zeit, das Meiste gedruckt ist. — Die Stadtbibliotheken von Zug, gestiftet 1478 von dem Pfarrer Eberhard; von Chur und mehreren anderen Städten der Eidgenossenschaft. — Daß in Rom nicht alle Päbste wie Gregor I. gedacht, welcher ans christlicher Eifersucht auf die heidnischen Denkmäler, mit diesen zugleich anch den Rest der palatinischen Bibliothek zerstörte, ^) haben mehrere seiner Vorgänger und Nachfolger bewiesen, unter denen wir im vorigen H. den Zustand des Bücherwesens in Italien bis in das achte Jahrhundert kennen lernten. Im I3ten Jahrhunderte gründete Kaiser Friedrich II. die Bibliothek zu Neapel. 2) Die meisten Bibliotheken befanden sich indessen in den Klöstern. Im I4ten Jahrhunderte veranlaßte das Beispiel Petrarca's und Boccacios die Anlegung mehrerer Privatbibliotheken. So errichteten König Robert in Neapel, Herzog Johann 1. ) 5. Sarisliorivnsis in knlicratica. IV III. c. 26. p. I2Z. 2. ) Fabricius a. a. O. Ir Bd. I4s Hptst. 171. Zustand des Buchmvesens im Mittelalter. 97 Galeazzo Visconti zu Mailand, der Kanzler der flo- rentinischen Republik Coluccio Salutati ansehnliche Bibliotheken, und 1450 legte Pabst Rico laus V. den Grund zu der Va titanischen Bibliothek/) zn deren Vergrößerung Sir tu s IV. und Leo X. sehr viel beitrugen. Im löten Jahrhundert wurde auch die königliche Bibliothek zu Turin gestiftet, und zu eben dieser Zeit der Grund zu der M ed i- cieischen in Florenz und der Marcus - Biblioth ek zu Venedig gelegt. 1709 wurde die Ambrosische Bibliothek zu Mailand, j?14 die M a ch lia b c ch isch e zu Florenz errichtet, zn welcher Zeit anch die herzoglichen Bibliotheken zu Modena und Parma berühmt waren. 2) Von der näheren Veranlassnng zur Errichtung dieser und vieler anderen Bibliotheken wird weiter uutcn die Rede seyn. Im orientalischen Reiche wurden im siebenten Jahrhunderte sehr viele Bibliotheken durch Feuersbn'lnste und Kriege, besonders durch den Persischen Eroberer Kosroes zerstört; und bei den Streitigkeiten über den Bilderdienst im achten Jahrhundert gingen viele Klosterbibliotheken zu Grunde. Unter der Regierung des Kaisers Basilius in der zweiten Hälfte des 9tcn, und unter den Comneneu im litten Jahrhundert wurden im griechischen Kaiscrthume, besonders in den Klöstern auf den Inseln des Archipelagus und auf dem Gebirge At-Hos mehrerö Bibliotheken errichtet. Die griechischen Patriarchen selbst waren große Bücherfreunde, und der Patriarch Photius Besitzer eiuer der reichsten Privatbibliotheken zu Constantinopel, Als im l3ten Jahrhundert die Kreuzfahrer aus dem Abcndlande dahin kamen, wurde ein großer Theil der Bibliotheken durch öftere Feucrsbrüuste zerstört, nnd was die Kreuzfahrer übrig gelassen hatten, vernichteten im Jahre 1453 die Türken bei der Eroberung Con- stantiuopcls. Z.) Mensel a. a, O, 2te Abthl.,. S. «87 u. «88. -'.) Busch Handbuch d. Erfind. 2r Thl. I. Abthlg. S. 2-il. 7 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. Auch bei nicht christlichen Völkern zeigen sich im Mittelalter Beispiele einer großen Büchcrlicbe, n»d Zwar zunächst bei den Araberin Den Schandflecken Omars, welcher die Bibliothek zn Alcrandrien zerstörte, tilgten in der zweiten Hälfte des 8tcn Jahrhunderts die abbassidischcn Khalifen Harun Al Naschid und Al Mamun durch ihre besoudere Liebe zn den Wissenschaften. ^) Sie zogen ohne Unterschiede der Religion die Gelehrten an ihren Hof nach Bagdad, nnd schafften mit vielen Kosten eine Menge hebräischer, syrischer und gnrchischcr Bücher, die sie in das Arabische übersetzen ließen, herbei, wodurch der litcrarische Vorrat!) der Nation, mit Inbegriff der Originalwcrke so anwuchs, daß Sa lad in, als er im lAen Iahrbniidcrt Acgvptcn eroberte, in dem Palaste der Khalifen allein 100,000 arabische ^oclive« fand. Aber nicht blos die Herrscher, auch manche Privatpersonen besaßen ansehnliche Vnchersammlnngen. So lehnte z, B. Ismael Isniabad den Rnf an den Hof eines persischen Königs nur deswegen ab, weil er znm Transport seiner Bibliothek 40V Kameele nöthig gehabt hätte V^i allen ihren höheren Lehranstalten hatten die Araber znm Theil sehr beträchtliche Bibliotheken, die vorzüglich aus arabischen Uebcrsetzungen griechischer Schriften bestanden. So hatte Abu- Mansn r- Baharam Flruzabad eine öffentliche Bibliothek angelegt, die gleich anfänglich 7000 Bände'enthielt. ^) 'Die Araber nahmen ihre Bücherlicbe von der afrikanischen Knstc auch mit nach Spanien hinüber. In dem von ihnen eroberten Theile dieses Landes gab es nicht weniger als 70 öffentliche Maurische Bibliotheken, von welchen die zu Cordova 250,000 Bände entbalten und ihr Verzcichniß 44 Bände erfordert haben soll.") Selbst unter den Barbarcsken ans der afrikanischen Küste be- 1. ) Denis a. a. O. ir Thl. S. ?!>. 2. ) Derselbe a. a. O. ir Thl. S. 8». -i.) Busch a- a, O. 2r Thl. I. Abthl. S. 2^t0. ^. Meusel a. O. 2. Abthl. S. <>«5. Zustand des Büchcnvesens im Mittelalter. 99 saßen noch im löten Jahrhundert einige Herrscher ^beträchtliche Büchersammlnngcn. Als Carl v. Tnnis eroberte, bedauerte der Dey Muley Hassan nichts mehr, als den Verlust seiner Bibliothek, für die er gewiß die ganze Stadt gegeben haben würde. ^) Zu Algier zeigte der Dey einem Jesuiren eine zahlreiche Büchersammlnng, in welcher er einen in das Türkische übersetzten Thomas a Kempis allen übrigen Schriften vorzog -) Auch zu Fez soll sich eine Bibliothek von 32,000 Bänden erhalten haben, wovon der Kaiser t760 die Ueberrestc unter die Kadis oder Nichter vertheilen ließ.2) Selbst in Constantinopel befinden sich gegenwärtig mehrere türkische Büchersäle; aber die Bibliotheken der griechischen Kaiser hat bereits Amurat IV. vernichtet. — Der Sturz des griechischen Kaiserthums hatte mittelbar einen sehr günstigen Einfluß auf die Wiederherstellung der Wissenschaften und die Errichtung vieler neuer Bibliotheken in dem Abendlande. Denn viele gelehrte Griechen flohen vor dem Schw erbte der Türken nach Italien und brachten ihre Bücherschätze mit dahin. Einer der Ersten war Emanuel Chrysolovas, welcher schon 140? zunächst zu Venedig und hierauf zu Padua, Florenz, Rom und Pavia die griechische Sprache lehrte. Nach der Eroberung Coustantinopcls durch die Türken flüchteten sich noch mehrere griechische Gelehrten, als: Emanuel Moschopulus, Johannes Argyropu- lus, Constantin Laskaris, sämmtlich ans Constantinopel, Demetrius Chalkondylas aus Athen, Georg von Trapez unt aus Crcta n. a. m. ebenfalls nach Italien, wo sie bei ihrem gelehrten Landsmanue, dem Cardinal und Bischof zu Tripoli, Bessarion aus Trapeznnt, Schutz und Unterstützung fanden. Bald entstand ein edler Wetteifer unter mehreren Fürsten und edlen Häusern: den Mediceern, den Herzogen von Mailand aus dem Hause Sforza, deu Fürsteu 1.) Denis ci. a. O., wo auch die Quellen angegeben sind. S>) Derselbe. 3.) Derselbe. 7 5- KW Erstes Buch. Dritter Abschnitt. vom Hause Este zu Fcrara, den Königen vou Neapel, den Herzoge» von Urbino, den Markgrafen von Montferrat :c. sich als Beförderer der alten Literatur auszuzeichnen, flüchtige Griechen aufzunehmen, prächtige Gebäude zu Bibliotheken aufzuführen, Handschriften, für sie aufzukaufen, Gelehrte durch Belohnungen aufzumuntern, Handschriften zn vergleichen, griechische Werke in das Lateinische zu übersetzen und zn vervielfältigen, ') Von nun wnrdc in Italien nicht blos auf den Universitäten, sondern auch fast in alle» größeren Städten die alte Literatur gelehrt. Vou Italien verbreitete sich dieselbe durch dcu Cardinal Nie. de Cusa, den Domimkancr Peter Schwarz, durch Rud. Agricola, Conrad Celtes Protucius, Reuchlin und Erasmus von Rotterdam nach Deutschland; durch den Trinitarier R o b, Gagninus und Wilh Bndäus nach Frankreich; durch deu Cardinal Linienes, den Ant. von Nebrira und Ludwig Vives nach Spanien, und durch Rich. Crocus, den Cauzler Thomas Morus und den Cardinal Rcginald Polus nach England Allenthalben boten die Fürsten den mit Unwissenheit und Vüchermaugcl kämpfenden Gelehrten die Hand.'^) Wie im Men Jahrhundert durch Gerbert — Pabst Sylvester — der selbst zn Cordova studirtc, der Weg zu der arabischen Literatur, so war er nun durch die geflüchteten Griechen und ihre Schüler zu der alte» classischen geöffnet; und durch die Kreuzzügc auch dem bis dahiu iu deu Abendländern so fühlbaren Mangel an Papier abgeholfen worden; es fehlte also nicht mehr an wohlfeilem Schreibmaterial, die literarischen Schätze des Alterthums durch Abschreiben zu vervielfältigen nnd allgemeiner zu verbreiten. tz- 37. Bis nach Erfindung der Buchdruckerkuust geschah dieß hauptsächlich in den Klöstern, unter deren Schutz sich zur I.) Eichhorns Litrcrär>irschichte. 1. Hälfte S.21-i. S.) Deni'6 a. a. O. ir THI. S. ss. Zustand des Bücherwesens im Mittelalter. 101 Zeit der Völkerwanderung die Literatur überhaupt zurückgezogen hatte. Die von so manchen Schriftsteller» unserer Zeit so sehr gelästerten Mönche, die sich fast das ganze Mittelalter hindurch im ausschließlichen Besitze der Schrcibeknnst befanden, gaben sich vor allen Anderen damit ab, öffeutliche Akten zu schreiben, geistliche und weltliche Satzungen, Bibeln und Manuscripte zu copireu. Sie leiteten die Lehranstalten, und von ihnen ging aller Unterricht ans. Sie waren die einzigen Depositare der noch übrigen Schätze des Alterthums, des griechischen und römischen Fleißes, die den Zerstörungen der Zeit entgangen waren. In ihren Archiven befanden sich die meisten Manuscripte. Warcu ihre Einsichten öfters auch beschränkt, so dürfen wir doch nicht vergessen, daß sie in den traurigen Zeiten der Läudervcrhecrungen, während der Alles umgebenden Finsterniß, gleichwohl die einzigen Gelehrten waren, die uns die alten Schätze der Weisheit aufbewahrt und vervielfältigt haben. — Vor dem Untergänge des weströmischen Reiches empfingen die geistlichen ihre , Vorbcrcitnngsstudicn in den kaiserlichen Schule». Als diese durch die Einfälle der Barbaren aufhörten, mußte die Geistlichkeit entweder auf die weltlichen Studien, als Vorbereitung zu ihren geistlichen Aemtern verzichte», oder für Schulen sorgen, in welchen die weltlichen Studien gelehrt wurden. Die Geistlichkeit wurde dadurch gezwungen, anch die Cultur der weltlichen Wissenschaften zu übernehmen und war somit im Mittelalter der einzige, gelehrte Stand. Anfänglich flüchteten sich die weltlichen Wissenschaften in die bischöflichen Schulen; erst später wurden sie in den Klöstern gepflegt, und zwar zunächst in dcucu der Benedictiucr, welchen ihr Ordensstiftcr Bencdict von Nursia in der Ordensregel befahl, in jedem Kloster Unterricht zu ertheilen, Bücher abzuschreiben und eine Büchcrsammluug anzulegen. Von diesem Orden sagt I. David Köhler in der Vorrede zu xrelieri öirevt. dist. o to. ZVorirad. 1734: edemus illustri so vetll8la,e v. veueäivtl tarolliite svriritivnem 102 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. a multis retro saeoulis, itewkjue eonservatio- «ew welloris äootrinae in I»i«toria etv." Nach den Benediktinern bildeten sich die Institute der Bettclmönche und zwar in solcher Menge, daß sich die Päbste genöthigt sahen, sie auf vier einzuschränken, Sie hatten sich bei ihrer Entstehung durch Lehren und Predigen allgemeine Achtung erworben. Die Mönche der älteren Orden wnrdcn 'dadurch eifersüchtig, weil sie täglich mehr in Verachtung sanken. Um dem allgemeinen Spotte thätig zu begegnen, suchten sie ebenfalls in allen ihren Klöstern wissenschaftliche Anstalten einzuführen. So sah man schon frühzeitig in den meisten Klöstern Schulen und am Ende des 13ten und im Anfange des 14ten Jahrhunderts in den größeren Abteien Studienanstaltcn entstehen. Wer von ihnen nicht zum Lehren fähig war, wurde zum Abschreibe» und wieder Andere zum Einbinden und zur Verzierung der .Handschriften gebraucht. Wie sie diese Arbeiten unter sich vertheilten, ersehen wir aus den Satzungen der Bursfcldcr Congregation, wo es heißt: ,,vxera, «zuilius se ovoui, are<>« iZiz«vrio- LeIi« IiI, ro 8 , per vominuIN II o 8 t r II IN I o 8 II IN Oliristuin et gloriosmn e^jus aävenlum, in quo veiiiet^ucliviire vivo 8 et m.c> rt u o 8 , ut v o nteia s quoil 8viv8eri8et ewvncie« iiit exeinnlaii» e », äe qiiibii« 8vrip8eri8, nili^eoter. IZt Iioe üüjurn- tiouis genii8 t r a n 8 v r i l> » 8 et lr.in s fers-z in eiim vo itio em, q iiein ^ eso ri nseris." Ob diese Bes6)wörnng ihren Zweck erreicht habe, wissen wir nicht. Die abschreibenden Mönche des Mittelalters scheinen sie indessen, wenn sie dieselbe auch gekannt, wenigstens nicht auf die Handschristen der Klassiker ausgedehnt zu habcu. Sie änderten oft an diesen kostbaren Schätzen des Alterthums, wie es ihnen nach ihren Vorurthcilen und Meinungen gut dünkte, meistens aber vielleicht aus bloser Unwissenheit. Viele ihrer Abschriften sind noch jetzt der Gegenstand bitterer Klagen unserer Philologen. Nur wenige jener schätzbaren Werke wurden uns rein überliefert: und wir würden noch mehr darüber zu klagen haben, wenn nicht eben wieder die Benediktiner für eine genauere Revision der Abschriften der römischen Classikcr gesorgt hätten. Von ihrem Orden, der zugleich auch die Landschnlen hatte, sagt Conring: „Xc>8 Kermsni prima vli rist!»niie ,1 o v t r i n >i e e x u i it i » illis voenoditis c?edeinu8. I »> o >t ebemii8 illis i niti» omni 8 vuItiirae melioris » tu. ue e r u !>juv >i>ril!/i«v 'IV ^!II. p 17^ 2. ) vv iintiiz. ni:ii>!eiii. äiss. Ill, Iltlmst. Z>i?I. P. 04. Z.) Wachlkr Handb. d. Gcsch. d. Ut. Cultur, ir Thl. S NW. 104 Ersteö Buch. Dritter Abschnitt. § 39. Wir müsse» hier eines merkwürdigen Instituts erwähnen, welches in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts in den Niederlanden entstanden, sich bald in Deutschland und den benachbarten Ländern verbreitete und dessen Hauptzweck der Unterricht der Jugend und das Abschreiben alter Handschriften war. Von diesem merkwürdigen Institute, das sich durch die Tugenden und Talente seiner Glieder und die Verfolgung eines edlen und rühmlichen Zweckes die allgemeine Achtung erwarb, theilt uus S ch a ab folgende nähere Nachrichten mit:^) Gerard de Groot, geboren 1340 zu Deveuter, war der Stifter desselben. Seine Schüler führten nach dem Beispiele des heil. Augustins ein gemeinsames Leben, ohne an ein Gelübde gebunden zu seyn. Keiner durste etwas Eigenthümliches besitzen. Ihre Hauptbeschäftigung sollte das Abschreiben von Mannscripten seyn. Gerard dc Groot lehrte sie: der Hang, Bücher zu sammeln, sey von größerem Werthe, als alle Geldschätzc. Der Verdienst ihrer Arbeit kam in eine gemeinschaftliche Kasse, daher sie sich Brüder des gemeinsamen Lebens — Lratre« vommunis vitae — nannten. Sie wurden nach ihren hohen runden Hüten auch Kogelh erren genannt. Unter dem Gehorsam eines Rektors wohnten sie beisammen, nnd kleideten sich nach dem Beispiel ihres Stifters mit einem grauen Rocke, einer Kapuze und Gürtel. Erst nach seinem, am 20. August 1334 erfolgten Tod errichtete sein Nachfolger die Hauptcongrcgation zu Win des he im im Herzogthume Geldern. Von hier aus wurden Colonien in der Nähe und Ferne gegründet. Eine solche war ans der Wei- denbach in Cöln, von welcher die Patronatshcrren des im Nheingan hinter Geisenhcim gelegenen Klosters Marien - odcr Mergenthal, mit Bewilligung des Kurfürsten Z.) Die Geschichte der Erfind, der Buchdruckerkunst durch Joh. Geus- fleisch, genannt Gutenberg in Mainz. Mainz 1831. Zr Thl. S- 358 u. ff. Zustand des Bücherwesens im Mittclalter. 105 Adolph II. i. I. 1N3 einige Brüder begehrt, und ihnen dieses Kloster mit seinen Renten und Gefallen übergeben haben. Im Jahr 1477 waren es vier Priester des gemeinsamen Lebens, die es bewohnten, und mit dergleichen Häusern zu König st einend Butzb ach in Verbindung standen. Die Epoche ihrer Niederlassung in der Nahe von Mainz war für sie nicht die günstigste. Die daselbst erfundene Bnchdruckerkunst machte die Quelle ihres Hauptnahrnngszweigs, das Abschreiben von Manuskripten, versiegen. Sie wurden nicht mehr gesucht, und durch Abschreiben war nichts mehr zu verdienen. Gutcnbergs Presse in Eltville und Fust's und Schöffers Pressen in Mainz waren in voller Thätigkeit, und hier galt: iu>I>i'lmit ille Iicti. IV. VI. n. <>. Zustand des Bücherwesens im Mittelalter. 107 für 15 Goldgulden; und noch im Jahr 1462 mnßtc Ludwig XI. der medizinischen Facultät zu Paris für die Werke des Rhases, eines arabischen Arztes, die sie ihm geliehen hatten, eine beträchtliche Menge Silberzeug zum Faustpfande geben, und noch ein Edelmann sich für die Rücklieferungen nach einer bestimmten Zeit verbürgen. 2) Gegen Ende des 15. Jahrhunderts kostete eine deutsche Bibel 400 Kronen, die biblischen Concordanzen in Paris 100 Goldgnldcn, Cicero's Briefe in Italien 10 Dncaten. Die geschriebenen Bücher standen allenthalben in so hohem Werthe, daß die Besitzer sie als den schönsten Theil ihres Eigenthums betrachteten imd darüber in ihren Testamenten nicht nur im Allgemeinen verfügten, sondern anch auf die Art festsetzten, wie in Zuknnst für ihre Erhaltung gesorgt werden sollte. So verordnete Herrmann vonEschenwcg e, Probst z» Braunschweig und Cauouicus zu St. Stephan in Mainz iu seinem Testamente vom Jahre l30Z: daß von den zwei Büchern, die er der St. Srcphanökirche zu Mainz vermache, das Eine im Chor, wo er immer zn stehen pflege, mit einer Kette zu ewigen Zeiten solle angeschlossen bleiben, und der Dechant und das Kapitel kein Recht habe, eines dieser Bücher je zu veräußern oder zn verpfänden. Johann von Selheim von Ämöneburg, Probst der Licb- fraucukirche zu den Staffeln in Mainz schenkte die Bücher seines Freundes, des Doctors der geistlichen Rechte Johann Kempen, der Licbfraucnkirche unter der Bedingung: daß sie in der Bibliothek derselben aufgestellt und angekettet werden sollten. ^) In dem Copialicnbuche des St. Pcterfliftö zn Mainz heißt es aus dem Testamente des Probstcs Heinrich Ernfels: „Item vermache ich der St, Peterskirche meine Decrctalen mit dem Gerichtsspiegel, daß sie in der Z.) Wachler a. a. Oi Ir Thl. S. 34ö. 2. ) l) II >I p 1> v 11 v Miliiuvl lle I» tz zinAr.ixliii: kiillisllise. ?iills Z826. 18. 3. ) Schaab a. a. O. 3r Thl. S. 3S-t. 3V3. ss. 108 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. Bibliothek angekettet, und weder verkauft, noch außer der Bibliothek Jemanden gegeben werden; sollte das Gegentheil geschehen, so können sie die Herrn der hohen Dcmkirche begehren, welchen sie auf diesen Fall vermacht seyen, nm sie in ihrer Bibliothek zu verwahren." ^) Ebenso verfugte der Cantor Bertold des St. Peterstiftes in seinem Testamente vom 14, Jan. 1296: „Item, meine Meßbücher, welche mir I o- hann, genannt Pincerna, Vikar meiner Kirche, geschrieben, vermache ich zum hohen Altar von St. Peter und ich will nicht, daß sie verkauft, verliehen oder sonst darüber geschaltet werde. Wir sehen bier, daß sich nicht blos die Mönche, sondern auch Welt- nnd Stiftsgeistliche mit Bücherabschreiben beschäftigten; nnd wirklich war unter den Stiftshäusern des genannten Liebfraucnsiifts zu den Staffeln in Mainz i. I- 1315 eine vurm «vriptoi-nm libi orum. ^) Ein merkwürdiger Gebrauch, den mau, wie es scheint, besonders bei den Stiftsbibliothckcn von den Büchern machte, war, daß man dieselben auf Jahre oder anf lebenslang gegen die Bezahlung bestimmter Zinsen verlieh. So vermachte Heinrich von Mannendal,") Domherr zu Mainz — -j- 14 l5 — seine auf 120 Gulden geschätzten zwei Bücher: das IZi-evia- i'iuln und das I'sktltoriuw seiner Kirche niiter der Be- dingniß, daß sie der älteste der vier Priestervräbendaten lebenslänglich gebrauchen und dafür 24 Gulden an die Präsenz bezahlen sollte. — In dem Protokolle des St. Viktorsstifts daselbst liest man: „Am Mittwoch des Jahrs 1446 nach dem Sonntage quasimoilo g-enM bekannte Johann von Ly- sura, Säuger, daß er die vom Probste Ehrcnfels der Kirche vermachte Bibel habe, und für ihren Gebrauch nach seinein Revcrsbrief zehn Gulden bezahle;" und in dem Stiftsproto- l>) Schaab a. a. O. 3r Thl. S. 364, 3VS. ff. 2.) Ebendas. ».) Ebendas, 4.) Eden das. Zustand des Bücherwesens im Mittelalter. 209 kolle des St. Petersstifts von 1486: „die Herren verliehen die GcsclMcher, nämlich: die alte und neue Digeste nebst dem Coder dem Jacob Koler für zwei Pfund jährlich, so zwar, daß er nach errichteter Bibliothek, sie darin liefern müsse, wenn es die Herrn verlangten. ^) Wie in Mainz, wird das Bücherverleihen gegen die Entrichtung einesZinscs wohl auch an anderen Orten stattgefunden haben. §. 4l. Wie das Abschreiben der Handschriften, so war im Mit- tclalter auch der Handel mit denselben ein vorzügliches Geschäft der Klostcrgcistlichen, Es gab aber auch Laien, die sich mit dem Abschreiben und dem Schriftenhandcl beschäftigten. Sie hießen vilili-ttores — (§. 25 ) — und auch 8t»tio- ll»rii, und wenn sie studirt hatteu, Olerioi, und bildeten in Bologna uud Paris eine eigene Classe. In Deutschland war der Vücherverkauf zugleich ein gewinnbringendes Nebengeschäft der Pergamenthändler, die auf den Messen ihren Vorrath in den, ihnen gegen Bezahlnng eingeräumten Plätzen im Inneren der Kirchen aufstellten. Sogar die Juden, deren Aufmerksamkeit ohnehin nicht leicht ein gewinn- voller Handelszweig entgeht, handelten mit Handschriften, ohne daß durch ihre Coucurrenz die Preise derselben verringert wurden. Um den oft übertriebenen Forderungen der Verkäufer zu begegnen, und den Ankauf nützlicher und nothwendiger Bücher zu erleichtern, wurde zunächst bei solchen, die znr geistlichen Amtsführung unentbehrlich waren, der Verkaufspreis im t5tcn Jahrhunderte von der Obrigkeit bestimmt; so z B- für das Passauer Missale auf Papier zu 4/^ fl.; für das Bamberger mit Musik» oten, ungebunden zu 4 fl. 2) Die Bücherverkäufer liehen zugleich ihre Werke in einer größeren oder kleineren Anzahl Heften — in Bologna jedesmal mir vier auf einmal — zum Lesen oder Abschreiben 1. ) Schaab a. a. O. 3r THI. S. ZK«. 2. ) Wachlcr a. a. O. Zr Thl. S. 347. 110 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. aus. Der Lese- oder Abschrcibczins war bei den verschiedenen Werken sehr verschieden, aber anch diese Benutzung von Schriften so theuer, daß Aermere eben so wenig daran denken konnten, große Werke zu lesen, als sie zu kaufen. In Paris suchte man die übertriebenen Preise der Bücher dadurch zu ermäßigen, daß Jeder, der mit Büchern handeln wollte, hierzu die besondere Erlaubniß der Universität nachsuchen mußte. Dann wurden die Abschriften von dazu veordncten Personen durchgesehen, berichtigt und zugleich der Preis derselben bestimmt. Ein Schulbuch von 100 Seiten durfte höchstens nur 10 Sols kosten. Bei Studenten durften die Buchhändler glicht mehr als 6 Deniers, von anderen Personen aber 10 Deniers vom Livre Profit nehmen. Buchhändler, die, von der Universität nicht in Pflicht genommen waren, durften nur Bücher verkaufen, die nicht über 10 Sols kosteten. Die Aufsicht hierüber war den Dominikanern übertragen. Auf einigen anderen Universitäten, z. B. der Wiener, die nach der Pariser errichtet war, hatte man ähnliche Einrichtung getroffen. ^) §- 42. Ans Allem kann man auf den geringen Stand der Bibliotheken in damaliger Zeit schließen. Ein Büchcrvorrath von 100 Bänden galt schon als sehr ansehnlich. Ludwig III., Kurfürst von der Pfalz, vermachte den seinigen von 152 Bänden der Universität Heidelberg. Carl IV. schenkte seinen ganzen Vorrath von 114 Codices, die er aus der Vcrlassen- schaft des Dechants Wilhelm von Hasenburg auf dem Wischchrad an sich gebracht, seiner Universität zu Prag. Johann, Herzog von Berry besaß 85 Bücher.— Peter Engclbrecht, Maximilians 1. Informator und nachheriger erster Bischof zu Wieuerisch-Neustadt, verschaffte seinen Geistlichen 80 Bücher. — Der ganze Büchcrvorrath des berühm- 1. ) Meusel a. a. O. 2r Abschnitt S. LS4. 2. ) Rößig, Handbuch des Buchhandelsrechts. S. »s. Zustand des Bücherwesens im Mittelalter. 111 teil Rechtsgelehrten C. Accursius bestand in nicht mehr als 20 Bänden, worunter nicht einmal ein Oorpug ^uri« war — s. §. 40. Vom Lehrer kann man auf die Schüler schließen. Ueberhanpt galt überall, was der Gcschichtsschrei- ber Carl VI. von den Bibliotheken in Frankreich sagte: ,11 u'x »voit k^ue les t?rj»ves et le« ArsncI« Seilern«, qui ziuissent k»ire ile L i bli o tli eizii e« et i er! ompen ^er ia i»erno / Zcach der Eroberung Aegyprens durch die Araber im zweiten Viertel des siebenten Jahrhunderts, von welcher Zeit aller Verkehr zwischen den christlichen und sarazenischen Länder» unterbrochen war, hörte in den ersteren auch die sonst gewöhnliche Zufuhr des ägyptischen Papiers auf, dessen Stelle nun das weit kostspieligere aber auch dauerhaftere Pergament, oder bei geringfügigen Schreibereien, das einheimische, leicht brüchige Banmbastpapicr ersetzen mußte. Es ist sogar wabrscheinlich, das unter der Herrschaft Omars, des Zerstörers der Alcrandrinischcn Bibliothek, und der nachfolgenden Khalifen aus dem Geschlechte der Oinariaden die Papicr- sabrication in Aegypten selbst ins Stocken gericth, da bis znm Khalifate der Abassiden daselbst keine neuen Büchersammlungen angelegt wurden, folglich sehr wenig zu schreiben, und daher der Papierbedarf im Lande selbst ganz unbedeutend, der Absatz nach Außen aber völlig abgeschnitten war. Ueberdicß lernten die Araber bei ihren Eroberungen in der Bucharei i. I. 804 zu Samarkand das Baumwollenpapier ken- Z.) Dcniö a> a. O> ir Thl. S. ill. «2. U2 Erstes Buch. Vierter Abschnitt. nen, welches vor dem ägyptischen aus der Papyruspflanze den Vortheil gewährte, daß dasselbe in kürzerer Zeit und mit weniger Mühe in weit größerer Quantität gemacht werden konnte. Sie brachten diese Kunst nach Afrika zurück, und machten von derselben bald darauf zn Septa Gebrauch, von wo ans sie sowohl Sicilien, nach welcher Insel sie schon 652 übersetzten, als Spanien, wohin sie 7l0 kamen und später beide Reiche eroberten, uud Italien, welches sie im Jahre 8-i2 besuchten, mit dem von ihnen verfertigten Baum- wolleupapicr versahen, bis endlich, und zwar erst im Uten Jahrhundert in Spanien, zu Sateba oder Xativa, Valencia, Toledo und an anderen Orten ebenfalls dergleichen Fabriken entstanden, ^) Auch die Griechen, besonders in Constantinopel, lernten durch ihren Verkehr mit der Vucharei das Baumwollenpapier kennen, und verbreitete» es noch als die Araber von Spanien aus in die anderen Länder Europa's, Durch die Griechen wurde dasselbe zunächst in Italien bekannt, wie die Bullen der Päbste Sergins II,, Johannes XIII, Agapetus II. beweise.», die keineswegs, wie Mabillon glaubt, auf ägyptisches Papier geschrieben waren, 2) bereits im Nen und 10ten Jahrhundert gebraucht wurde. ^) Die Fabrication des Baumwollenpapiers aber wurde durch die Araber über Sicilien, wo es schon zu.Anfang des 12ten Jahrhunderts eine Baum- wollenpapiermanufactur gab, ^) nach Italien gebracht. Wegen der frühen Bekanntschaft der Siciliauer mit den Arabern kann man dieselbe für eine der ersten Papiermannfacturen halten. 1, ) I. G, I. Breitkopf, Versuch den Ursprung der Spielkarten, die Einfuhrung des Leinenpapiers und den Anfang der Holzschneidekunst in Europa zu erforschen. Leipzig Z78t, Zr Thl. S. 52. 2. ) ülakillnn ile rv lliplom. p. 3^) II arv in 1i e i'F i I Inst, eecles. Ki»n<1er-jl>. «liploni, p. gg, S7, VI, 107 n. «19. t ) üa<:«Z>i ?iri saern, I/. IV. p. 92. Schreibmaterialien im Mittelalter. 113 die in Italien waren, wo erst im t4tcn Jahrhundert eine andere berühmte Fabrik bei dem adclichen Schlosse Fabriano in der Mark Ancona errichtet winde, die den nachherigen Papiermanufactnren Italiens zum Muster gedient zu haben scheint. 5) Aus mehreren von Breitkopf angeführten Urkunden erhellt unwiderlegbar, daß vom 9ten bis um die Hälfte des i4ten Jahrhunderts in Italien kein anderes als Baum- wollcnpapier im Gebrauche war. Daß aber dasselbe damals von schlechter Beschaffenheit gewesen seyn mnß, beweist ein Befehl Kaiser Friedichs II. vom Jahre 1221: „daß künstig alle öffentliche Instrumente blos auf Pergament geschrieben werden sollten; daß mit Instrumenten, die auf Papier geschrieben wären, kein Beweis solle geführt werden können und alle auf Banmwolleupapier geschriebene Docnmente binnen zwei Jahren umgeschrieben seyn müßten." 2) Noch über hundert Jahre später mußten die Notarien geloben, kein Instrument iu eiinrt-t bamk^vina auszufertigen. ^) Die Angrenzung Frankreichs an Spanien und Italien läßt vermuthen, daß der Gebrauch des Baumwollenpapiers aus beiden Ländern sehr bald dahin gelangt sey. Aber die Kunst, solches zu bereiten, wurde den Franzosen, wie wir weiter unten sehen werden, viel später als den Spaniern und Italienern bekannt, und das Baumwollenpapier ihnen, wie im 5ten und 6ten Jahrhuudert das ägyptische, von anderen Nationen zugeführt. Die Zeit, zu welcher man sich desselben in Frankreich zu bedienen anfing, ist uicht mit Gewißheit zu bestimmen, da es durchaus an Nachrichten über die in früheren Jahrhunderten daselbst gewöhnlich gewesenen Papicrarten mangelt. Wir wissen nur I') Liii'talil« 8 I> illi ik , ti'ilot, «Ik in«!x»is rt ürmin rulir. H, 2 ) eonsliwtwnes 8iatnrit It-ili-,»», All»!»-»» 177Z. I'nm V. p. 77. 8'^ 11-t Erstes Buch. Vierter Abschnitt. daß die ersten sicheren Beweise von dem Gebrauche des Lei- ncnpapicrö in diesem Lande aus dem I4ten Jahrhunderte stammen, woraus zu schließen ist, daß man sich bis dahin neben dem Pergamente allgemein des Banmwollcnpapiers bedient habe. Eben so dürftig und unsicher sind die Beweise über Ansang nud Ende des Gebrauchs des Baumwollcnpapiers in England. Da indessen die Lürmiiia »ure» 8 al ouionit- rexi« in griechischer und lateinischer Sprache, die sich in der Königl. Englischen Bibliothek befinden, noch im l4tcn Jahrhundert auf solches Papier geschrieben sind, so dürfte wohl bei den älteren papiernen Handschriften derselben schwerlich ein anderes Schreibmatcrial zn erkennen seyn. Kanin hatte man in Italien angefangen sich des Banm- wollrnpapicrs zn bedienen, als es auch schon iu Deutschland bekannt, und sowohl bei öffentlichen Urkunden, als bei Privat- schriftcn gebraucht wurde. Den ältesten Beweis davon findet man in dem Werke über die Malerei, das ein deutscher Mönch in St. Gallen, ^Iioiiliilus i?re«d^ter oder ZVIonitokus am Ende des achten oder zn Anfang des neunten Jahrhunderts in lateinischer Sprache hinterließ.-) Das Buch führt den Titel: ä e o iv »i s- vienti» » rtis pinxen,Zi. Im Listen Capitel: ,Ie -ruii i>oli!>!>. nennt er bei der Anweisung Goldblättchen zur Malerei zn schlagen , wozu sowohl Pergament als Vanmwollcnpapier gebraucht wurde, das erstere IierAnmenum vituli und das letztere piircüimenn, K' r n e o », quae ki t ex I» n » I i x »i. Außerdem kömmt es auch öfters unter dem Namen der ^ii-ict» vat tu nea, oat- tuiie» dowb^oiiia, x^lina, «I.imnsoen» und des Tuch Pergaments vor. Ein anderes ebenfalls sehr altes 1, ) OatilloFno «k tlie Muni«>^rii>ts ok tliv kiiiA» litirarz^, Ilüviil llilsl«:)'. I^unilnii I7ZI. "2. 2. ) Brcitkopf a. a. O.-ir Thl. S. Si. Note n. Scite 5S. Notc «. S. Ä!> Note a. Schreibmaterialien im Mittelalter. I!5 Zeugniß liefert das Verzeichnis! der Schätze, oder das pie- imiium der Gandersheimischen Dom- und Collegialkirche aus dem 10ten Jahrhundert, welches zugleich beweist, daß man damals noch das Vaumwollenpapier aus der Bucharci erhalten habe. Das ?Ien»rnim ist unter dem Kaiser Heinrich II. auf Vaumwollenpapier geschrieben, nnd von dessen Notarius Axel Peransa i. I. 1007 mit der kaiserlichen Confirmation bezeichnet. >) Der päbstlichen Bnllen aus dem 9ten und lOten Jahrhundert auf Baumwollenpapier ist oben schon erwähnt worden. Auch die vom Kaiser Heinrich VI. zu Worms, den V. Onl. ^unü 1077 für die Kirche zu Utrecht gegebene Urkunde ist anf Vaumwollenpapier geschrieben. Von ganzen Mannscripten auf solchem Papier befindet sich eins auf der Bodleya nisch en Bibliothek zu Oxford vom Jahre 104L; ein anderes von 1050 auf der königlicben Bibliothek zu Paris und ein drittes vom Jahre 1095 besitzt die kaiserliche Bibliothek zu Wien. Der Gebrauch des Baumwollenpapiers in , Deutschland scheint sich bis in das t4te Jahrhundert erhalten zu haben,2) Mit den Griechen und Arabern wetteiferten die italienischen Handclsrcpnbliken, besonders Venedig, die verschiedenen europäischen Länder mit Baumwollenpapier zn versehen. Sie holten dasselbe auf einem kürzeren Wege als Jene, — von den Arabern selbst an der afrikanischen Küste; und als im 9ten und Men Jahrhunderte durch öftere Verbote und selbst durch ein päbstliches Interdikt der Handel mit den Sarazenen untersagt worden war, führten sie einen nur um so vortheilhafteren Schleichhandel mit denselben, bis endlich, noch vor dem Ende des zehnten Jahrhunderts, die vcnetianische Regierung den einträglichen Verkehr ihrer Bürger mit den Erbfeinden der christlichen Kirche selbst beförderte und durch freundschaftliche Gesandtschaften mit den Sarazenischen Fürsten 1. ) Brcilkopf a. a. O. N Thl. S. VN. 91. 2. ) Denis a. a. O. Ir Thl. S. 4K. 8* 116 Erstes Auch. Vierter Abschnitt. in nähere Verhälnisse trat. ^) Im I3ten Jahrhunderte legten die Venetianer eine Handelsniederlassung an der Mündung des Tanais an, von wo aus sie einen unmittelbaren Verkehr mit der Bucharei unterhielten. Aber unter ihren von dorther bezogenen Waaren dürfte sich wohl schwerlich auch Baum- wollcnpapier befunden haben, da um diese Zeit schon in den meisten europäischen Ländern Papierfabriken bestanden, welche das fremde Papier entbehrlich machten. §, 44. Das Baumwollenpapier war schon einige Jahrhunderte lang in Europa bekannt, ehe man von den Arabern anch die Kunst, es zu verfertigen, erlernte. Spanien war unter den europäischen Ländern das Erste, wo dasselbe zubereitet wurde. Ungefähr im Uten Jahrhundert entstanden die schon oben erwähnten Papiermamifacturen zu Xativa, Valencia und Toledo, 2) die ersten in Europa, und die zugleich in kurzer Zeit zu einer solchen Vollkommenheit gediehen, daß der Nu- bische Geograph S cherif al Edri si, der um 1051 lebte, als Augenzeuge versichert, daß zu Tativa das beste und unvergleichlichste Papier verfertigt werde, welches Zeugniß von einem anderen arabischen Schriftsteller, Cacim Aben Hegi, der von der Eroberung Spaniens durch die Araber geschrieben, mit den Worten bestätigt wird: daß das zu seiner Zeit zu Xativa verfertigte Papier das feinste und wcißcstc in der Welt sey. 2) Diese Papiermanufactureu bestanden nach der Vertreibung der Manrcn noch fort, scheinen aber durch die auf dieselbe» gefolgten christlichen Künstler ihren alten Ruhm verloren und so schlechte Waare geliefert zu haben, daß König Peter II. von Valencia oder der IV. von Aragonien sich im Jahre 1338 zu einem Befehle veranlaßt sah, wodurch die Papiermacher zu Valencia und Tativa bei Strafe des Be- I.) Hüllm'ann's Stodtewesen im Mittelalter, ir Thl. S. 93. z.) Breit köpf a. a. O. ir Thl. S. öl. «4. 7«. «2. ü.) Elicndas. Schreibmaterialien im Mittelaltcr. 117 tmgs angewiesen wurden, das Papier wieder auf die alte Güte zurückzubringen, Nicht viel jünger, wenn nicht gleich alt, war die Baum- wollcnmauufactur in Sizilien, welches schon 55 Jahre früher als Spanien von den Arabern erobert wurde. Es hat sich sogar aus einer sehr frühen Zeit noch der Name einer dortigen Papiermachcrfamilie in einer von 21, daß künftig alle öffentliche Urkunden nicht mehr anf Baumwollcupapier, sondern blos aus Pergament geschrieben werden sollten. Die erste Papiermanufactur in Italien war die bei dem Schlosse Fabriano in der Mark Ancona, deren Bar- tolus um das Jahr 1340 gedacht hat.-) Aus seiner Beschreibung, daß sie aus vielen Gebäuden bestauben habe, in deren jedem eine besondere Papiersorte mit einem verschiedenen Zeichen gemacht worden sey, woran man bemerken könne, in welchem Hause dieselbe verfertigt werde, erkennt man deutlich eine Anzahl verschiedener Papiermühlen, die allmählig an dem- Z.) Breitkops a. a. O. Ir Thl. S. 51. K4. 70. 82. 2. ) Ebendas. 3. ) Weck mann, Anleitung zur Technologie. Göttingen 1787. S. 118. 118 Erstes Buch. Vierter Abschnitt. selben Orte entstanden, nnd von welchen Jede ihren besonderen Eigenthümer gehabt hat. Es waren dieß die ersten Wasser- stampfmühlcn, vor deren Erfindung man sich znm Zermalmen der Lumpen blos der Handmühlen bediente. — Tiraboschi gedenkt sogar einer Papiermühle zn Treviso im Venctianischen Gebiete, die schon vor dem Jahre 1Z/W Lei neu papier verfertigt habe, und einer anderen ähnlichen bei Padua, deren erster Erfinder ein gewisser Par von Fabians gewesen seyn soll. ') Es ist aber noch eine unentschiedene Frage, ob er wirklich der Erste gewesen ist, der die Verarbeitung leiueucr Lappen zu Papier erfunden habe, oder ob, was sehr wahrscheinlich ist, diese Erfindung in Italien nur zuerst nachgeahmt würd e. Im 16ten Jahrhunderte entstand auch eine Papiermühle zn Foligni, im Herzogthume Spoleto im Kirchenstaate, deren Papier Angel us Rocche in Libliotk. ^i>o8tol> Vltt!o»n. mit dem zu Fabriano vergleicht, und behauptet: daß daselbst das beste große, zu Foligni aber die besten kleinen Papiere gemacht würden. 2) In Deutschland ist mit Sicherheit keine Papiermühle vor dem Jahre 1390 nachzuweisen. In demselben aber legte der Senator Ulmann Stromer zur Verfertigung des Leinen- papiers eine große Papiermühle an, in welcher schon im ersten Jahre 2 Räder 18 Stampfen bewegten. ^) Er nahm eine Menge Arbeiter dazu au, die sich auf Lebenszeit eidlich verbindlich gemacht hatte», Niemanden Papier machen zu lehren, noch selbst Papier für Andere zu machen. Unter ihnen befanden sich auch drei Italiener: Franciscus und Markus de Marchia nebst ihrem Knechte Bartolomäns. Aus dem Namen der Marchia will man schließen, daß sie aus der Mark Ancona nnd zwar ans der Papierfabrik, von Fabriano gewesen seyen. Sie mußten insbesondere sich noch verbin- 1. ) A. a. O. S. 77. 2. ) Breitkopf a. a. O. Zr Thl. S. 88. 3. ) Keine Chronik Nürnbergs. S. 24. 4. ) Murr, Merkwürdigkeiten der Stadt Nürnberg. 1778. S. «78. Schreibmaterialien im Mitttlalter. 119 den: in allen deutschen Ländern diesseits des Lombardischen Gebirges für Niemanden Papier zu machen, noch machen zu lehren, noch Anweisung, Rath, Hülfe, noch Steuer zu geben, daß Jemand ans Italien komme, Papier zn machen, als für ihn und seine Erben, so lange sie bei ihm in Dienst wären. Auch sollten sie mit den beiden, ebenfalls in seinem Dienste stehenden deutschen Arbeitern Klcs und Georg Thicrniann nichts zn beschicken haben, Ucbrigcns scheinen sie mit dem Papiermache« schon bekannt gewesen zu seyn, weil sie vor Anknnft der Italiener bereits zur Papiermacherei angenommen waren. Auch machte sich Georg Thiermaun uur verbindlich, nicht innerhalb zehn Jahren für sich selbst zn arbeiten, nach deren Verlauf aber könne er Lehrlinge annehmen und für sich allein Papier macheu. In Frankreich wurde» die ersteu Papiermühle» um 13^0 zu Troyes und Essonc angelegt. 2) Wir übergeben alle Papiermühlen, die i» deu verschiedenen Ländern nach Erfindung der Buchdruckerkunst angelegt worden sind, weil sie seitdem nicht mehr als Seltenheiten und Zeugnisse gelte» können, aus welchen sich mit einiger Gewißheit die Zeit der Einführung des Leincnpapicrs angeben ließ. In allen anderen Ländern außer den bisher angeführten sind keine Papiermühlen, die vor jener Epoche entstanden, bekannt. §, 45. Die beiden Papierarten, das Baumwollen- und Leincn- papicr folgen sich in ihrem Gebrauche so unmittelbar auf einander und siud sich so ähnlich, daß es sehr schwer ist, sie an äußerlichen Kennzeichen von einander zu unterscheiden. Bei Papieren aus dem 13teu, i4ten bis in die Mitte des 15tcn Jahrhunderts ist dieß um so schwieriger, als in jenen Zeiten Z.) Breitkopf a. a.-O. S. I0!i. 2.) Allg. Journal f. Händig. :c. von Schedcl und Sinapius. isvo. Febr. S. 118. 120 Erstes Buch. Vierter Abschnitt. oft die Stoffe beider Papierarten unter einander gemischt worden sind. „Die Bearbeitung des Baumwollcnpapiers," sagt Breitkopf a. a. O., „geschah aus roher Baumwolle und ist von den Arabern bis aus die Benutzung der abgetragenen baumwollenen Lappen wohl nicht, ausgedehnt worden, wie denn die morgcnländischen Volker diese und andere Materien zu .ähnlichem Gebrauche noch jetzt roh verarbeiten." — In der Note 5. x. 53 bemerkt Breitkopf: Chinesische nnd Japanische Papiere sind sehr gebrechlich, lassen sich nicht gern ohne Schaden zusammenlegen, und beweisen, daß sie aus rohen Materien gemacht sind, welches nach ctu lilaliZe am gewöhnlichsten Baumwolle, Hanf, Bambusrinde, Maulbeerbaum- und anderer Bäume Schaalen sind, obgleich er auch versichert, daß sie Papier aus Lappen von Hanf machen. Hingegen gedenkt Gerbillon auf seiner Reise im Gefolge des Kaisers 1637 der Hanspapicrmauufactur in der Stadt Ming-Hya, unweit der großen Mauer, dabei der Hanf nur gcstoßeu und mit Kalkwasser vermischt werde. In Tibet, Tnnkin, Siam nnd Madagaskar macht man Papier aus Wurzeln und Rinden, die man stampft und kocht. — Da der Baumwollengewächse so vielerlei Arten sind, deren Wolle sich einigermaßen von einander unterscheidet: so mußten die Papiere sich nothwendig auch von einander unterscheiden, rauher und zarter dichter und schwammigter werden. Aber auf diese Art vermochten ihre,wolligtcn Theile sich nicht so genau zu vereinigen, daß ein festes und dauerhaftes Papier daraus entstehen konnte, da sie so wenig bearbeitet winden: denn bei dem Mangel an Wassermühlen, die noch jetzt bei den Mauren, Arabern und Türken unbekannt sind, indem sie sich mit Mörsern, Hand- und Thiermühlen behelfen, konnten sie ihre Wolle weder hierdurch, noch durch Kochen und Schlagen so zu Mus machen, I.) ir Thl. S. 53. ff. Schreibmaterialien im Mittclalter. 121 daß nicht jedesmal noch ihr wolligter Grundstoff an ihren Papieren zn erkennen wäre." — „Auch das Geschirr zum Schöpfen der Materie war Anfangs wahrscheinlich nicht die jetzige, künstliche Form, durch welches das Wasser abläuft und die Masse darauf vereinigt zurückbleibt; daher mußten ihre Papicrbogcn dick und pappenartig werden, uud das starke pergamentartige Glätten derselben nothwendig machen, daß daher dem Papiere auch der Name Pergament zugeeignet wurde. Dieses Papier macht sich überhaupt dadurch kenntlich: daß es zerbrechlich ist, sich nicht gut zusammeulegen läßt und gelblich ausfällt. Die das Wasser durchlasscnden Formen, die Anwendung der baumwollenen Lappen uud der Mühlen bei dem Papiermachcn, sind spätere Verbesserungen, die nicht von den Arabern, sondern vermuthlich von den christlichen Nachfolgern derselben gemacht worden sind." „Die oben genannten Papierfabriken zu Xati'va, Valencia und Toledo haben bis in die Zeiten, die die Mauren wieder aus Spanien verdrängten, sicherlich kein anderes, als dergleichen Baumwollenpapier geliefert. ^) Wahrscheinlich haben die Spanier bei den ihnen bekannten Wassermühlen Versuche gemacht, die Baumwolle besser zn mahlen; vermuthlich sind sie dabei auch auf die Anwendung der baumwollenen Lappen gekommen, die sich durch die Stampfen der Mühle besser und eher klar stampfen lassen, als die Wolle selbst; und davon rühren denn auch vermuthlich die Papierarten unter den christlichen Königen her, die dem Lcinenpapier näher kommen und von solchem schwerer zn unterscheiden sind; vielleicht haben sie auch versucht, leinene Lappen unter zu mischen, wo- 1.) Dieß stimmt aber nicht mit den oben angeführten Zeugnissen der arabische» Schriftsteller Schcrif al Edrisi und Cacim Aben Hcgi überein, von welchen der Erste um 1051 lebte; da die christlichen Nachfolger der Mauren erst seit 1083 in den Besitz von Toledo und seit I2!i« vom Königreiche Valencia kamen, in welchem Xativa liegt. 122 Erstes Buch. Vierter Abschnitt. durch denn diese Papiere anch einen näheren Grad der Achn- lichkeit mit dein leinenen erhalten haben." Soweit Vreitkopf. Es ist leicht einzusehen, daß der Erfindung des Leinen- papiers nothwendig der Versuch, aus baumwollenen Lappen und aus einer Vermischung dieser mit leinenen, Papier zu machen, voransgchen mußte, ehe mau zn demselben die letztere allein auwendcn konnte. Es ist aber nicht wahrscheinlich, daß Spanien, obgleich es in Europa die ersten Papiermühlen besaß, sich die Anwendung der leinenen Lappen zur Verfertigung des Papiers werde zueignen können, indem doch anzunehmen ist, daß in dem Lande, worin das Lcinenpapicr erfunden worden ist, auch die ersten Schriften auf demselben vorkommen müssen. Nun haben zwar die spanischen Gelehrten Grogorins Manjansius zu Oliva, Franciscus Perez zu Toledo, Ferdinand Valcöco zu Madrid und Finestrosius sich alle Mühe gegeben, die Ehre der Erfindung des Lcinenpapiers ihrem Naterlandc zuzueignen und wirklich ein Mannscript vom Jahre 1079 entdeckt, das ganz kenntlich auf solches Papier geschrieben ist. Allein bei näherer Untersuchung erkannte man die Schrift für viel zu neu, als daß obige Jahreszahl auf dieses Papier bezogen werden könnte, woruach sich dieses Manuseript also blos als eine neuere Abschrift eines alten, das in jenem Jahre, aber gewiß nicht auf Leincnpapier geschrieben war, herausstellt, da. viele spätere Proben, die sie dem Herr» von Meermann zur Untersuchung eingesandt haben, sämmtlich für Baumwol- leupapicr erkannt wurden. Das erste Mannscript ans wahrem Leinenpapier in Spanien ist des Ii»nvi«vi Lximii Vita et .-Vota VKristi vom Jahr 1367, welches aus Papier mit verschiedenen Papicrzeichen, mit Pergamentblättcrn untermischt, besteht. Ol^dasselbe aber in Spanien fabrizirt worden sey, ist sehr zweifelhast; denn die verschiedenen Papierzcichen bei so wenigen Bogen zeugen nicht nur von der Seltenheit desselben Papiers in Spanien, sondern auch, daß es von mehreren Fabriken zusammengebracht worden und höchstwcchrschein- Schreibmaterialien im Mittelalter. 123 lich aus anderen Ländern, zunächst wohl aus Italien dahin gebracht werden sey, wo damals schon berühmte Fabriken bestanden, deren Papiere die nämlichen Zeichen führten. Daß später, besonders um die Zeit der Erfindung der Buchdruckerkunst, die sich schon im letzten Viertelndes I5ten Jahrhunderts in Spanien verbreitete, die dortigen Papierfabriken zu Valencia, Xativa und Toledo, Leincnpapier verfertigt haben werden, läßt sich schon daraus abnehme», daß die ersten Druckereien gerade in den Gegenden, wo sich schon lange Papiermühlen befanden, errichtet wurden, Den ältesten, unzweifelhaften Beweis vom Gebrauche des Leinenpapiers in England besitzt die, dem britischen Museum einverleibte Cotto nianische Bibliothek. Er besteht in Zetteln, die während der Regierung Königs Eduard III. im Jahre 1342 auf Leincupapicr geschrieben sind, deren mehrere, selbst noch ältere daselbst zu finden seyn sollen. Ebenso soll auch iu der Kanzlei des Bischofs vonNor- wich sich ein Verzeichnis? der Vermächtnisse vom Jahr 1370 befinden, das ganz auf Leincnpapier geschrieben ist/-) Spätere Beweise aus dem 15. Jahrhundert sind hier zu unserem Zwecke nicht mehr zu berücksichtigen. Das älteste Dokument ans Leinenpapier in den Niederlanden ist die Bibel — Mblia rli^mioa, — welche Jacob Märlant in Niederländische Reime gebracht hat. Ein Manuscript derselben vom Jahr 1322 befand sich in der Bibliothek des Jsaac le Long, welches von Me ermann bei Gelegenheit des öffentlichen Verkaufes derselben zu Amsterdam im Jahr 1744 selbst gesehen hat. Andere, frühe Beweise sind drei verschiedene, in der Kanzlei der Deutsch- Ordens - Valley zu Utrecht gefundene Dokumente auf Leinen- papier, von welchen zwei im Jahr 1353 und das dritte im Z.) Breitkopf a. a. O. Zr Thl. S. 03 — 7Z. 2.) Ebend. S- S0. Ä1. 124 Erstes Buch. Vierter Abschnitt. Jahr 1369 geschrieben sind. ^) Die erste Nachricht von der Kenntniß des Lumpenpapiers in Frankreich findet man in ?etri Venei abilis, Abtes zu Cluguy 'rravt. kontra ^uSaoos, den er um 1126 oder 1121 geschrieben hat, und in welchem er des Papiers ex rasuri« veterum x»u- norum erwähnt. Aber man weiß eben so wenig, ob er von leinenen oder baumwollenen Lappen redet, als man daraus abnehmen kann, daß er von Papier rede, welches in Frankreich gemacht worden sey. Alle übrigen Nachrichten geben nnr zu erkennen, daß vor 1314 oder 1316 das Lcinenpapicr nicht im Gebrauche gewesen sey, und daß es vor dem 15. Jahrhundert dort keinerlei Papiermanufakturen, weder von Baumwollen- noch von Lcinenpapicr gegeben habe, sondern beide Papierarten vom Ausland eingeführt wurden. Aelter, als in allen diesen Ländern, sind die Zeugnisse von dem Gebrauche des Lcincnpapiers inItalicn und Dentsch - land, bei denen es anch zweifelhaft ist, welchem von beiden die Ehre seiner Erfindung gebühre. Für Italien sprechen folgende Zeugnisse. In den alten Kirchenbüchern des Domkapitels zu Tre- v iso wird das Papier, worauf sie geschrieben sind, üomw- ein» genannt. Im Jahr 1365 aber steht statt dieses Ausdruckes : i>ro isto libra xap^ri; ein Beweis vielleicht, daß es damals in Trcviso schon eine andere Art Papier gegeben habe. Diese Vermuthung wird durch das Zcngniß eines Instruments von der Aufnahme eines Notarius im Jahr 1367 bekräftigt, worin derselbe versprechen muß: nee soriliet in (Ui-ti-t» Iiomb^eis vel zi^p^ri, welcher Name in den älteren Urkunden nicht vorkommt. Endlich versichert auch Scipio Maffei, daß er keine ältere Handschrift auf Leiuenpapier gefunden habe, als ein Dokument aus seiner eigenen Familie vom Jahr 1367, nämlich: eiteras investi- turae äevimoruw des Bischofs Petrus della Scala 1.) Brcirkopf a. a. O. ir Thl. S. 9». Z»0. Schreibmaterialien im Mitlelalter. 125 aus Verona an Gregorius Maffei, Rolandin's Sohn, InDentschland hingegen versicherte Prof. Popcwitsch zu Wien, im Jahr 1740 in dem Stadtarchive zu Windisch- grätz ein Diplom auf Leinenpapier gesehen zu haben, das im Jahre 1303 ausgefertigt gewesen sey. Wenn man diese Anzeige als ein bloses Gedächtuißwerk, auch nicht als einen vollgültige» Beweis des Alters des Leinenpapiers in Deutschland gelten lassen will; so verdient dagegen ein Stück Papier vom Jahre 1308, welches v, Senkenberg unterm 12. März 1763 an v. Meer mann sandte, desto mehr Aufmerksamkeit: Es ist stark, gut gemahlen, weiß und mit den Merkmalen der Drathform versehen, an welchen Zeichen man das Leincnpapier erkennt. Aber es ist auch glatt und glänzend, und hat ganz das äusserliche Ansehen des Pergaments, welches sonst lauter Kennzeichen des Vanmwolleiipapiers sind. Daher erklärte es die königliche Societät der Wissenschaften zu Göttingen für eine Mischung von banmwollcnem und leinenein Stoffe, und hält dafür, wenn wegen der Jahreszahl kein Zweifel entstehen darf, daß man diesen Zeitpunkt für den Anfang des Lcinenpapiers annehmen könne; ansserdem glaubt dieselbe, daß es in Deutschland in der Nähe Italiens gemacht sey. — Noch sicherer endlich sind zwei Urkunden von 1318 auf Leinenpapicr im Archive des Hospitals zn Kaufb euren. Das Papier ist dick wie ein starkes Kanzleipapier, ziemlich weiß, wohl geleimt, aber der Rauhigkeit wegen gleichwohl geglättet; an den Stellen, wo es sich vom Zusammenlegen etwas zerstoßen, so zart von Fasern als das heutige gewöhnliche Schreibpapier und vollkommen den Papieren ähnlich, deren, man sich um 1470 zum Druck bedient hat. In dem Stadtarchive zu Kaufbcuren befinden sich ebenfalls Urkunden auf Leinenpapicr aus den Jahren 1Z24, 1326 und 1331. Ausser allen diesen führt Brcitkopf noch I.) Breitkopf a. a. O. S. «7. 126 Erstes Buch. Vierter Abschnitt. folgende in Deutschland entdeckte, sichere Dokumente auf solchem Papier im 14. Jahrhundert an: ein deutsches Bienenbuch in der Hulsianischen Bibliothek, das i, I. 1330 zu Frankfurt a. M. geschrieben war; ein Dokument von 1333 am Freitag nach Himmelfahrt ausgefertiget, in dem Hohen- lohc'schen Archive; — ein von Kaiser Karl IV. der Aebtissin Ermingardc gegebener Lchnbrief von 1339 am Tage der heil. Viti, Modesti und Crescentii, in dem Stiftsarchive zu Quedlinburg; — verschiedene von I. D. Fladius zu Heidelberg entdeckte Dokumente, worunter das älteste von 1342 ist; — ein Kaufbrief über einen Acker Land, den ciu Priester in Hclmstädt von einem Herrn von Wederen gekauft und dem Magistrate zu Calvörde gegeben hat, von 1343; verschiedene nach der Versicherung des Kanzlers von Ludwig in dem Magdeburger Landesarchive befindliche Diplomate von 1350; — ein von Gatterer in dem Holzschucr'schcn Familienarchive zu Nürnberg entdecktes Leinenpapierdokumeut von 1389; endlich eine Abschrift von Hugo von Trimberg's deutschem, poetischen Werke, betitelt: der Renner, in der akademischen oder Paulinerbibliothek zn Leipzig, von einem Wilhelm von Tornow im Jahr 1391 geschrieben. ^) Breitkopf hält es überflüssig, die Zeugnisse von dem in Deutschland zeitig vorhandenen Leinenpapier weiter zn führen, „da nunmehr die Zeugnisse von Deutschlands eigenen Papierfabriken einträten, die man bisher nur aus dem Gebrauche des Leinenpapiers habe vermuthen können." Diese Vermuthung könnte aber nur dann als gegründet erscheinen, wenn zuvor erwiesen wäre, daß Deutschland im 14. Jahrhundert sein Leinenpapier nicht vom Auslande erhalten habe. Allein die Stadt Gör- litz in der Obcrlausitz führt den Gegenbeweis, indem sie in den.Jahren 1375 bis 14Z6, also selbst noch 36 Jahre nach 1.) Breitkopf a. a. O. ir Thl. S. VZ. Schreibmaterialien im Mittclalter. IS7 der Entstehung der oben erwähnten Nürnberger Papiermühle, ihr Papier aus Venedig bezog, und das Buch anfänglich mit Ii/z Groschen damaliger, schwerer Münze oder 10 Groschen jetzigen Geldes, hernach aber das Nies von lZ5 Büchern mit 40 schweren Groschen oder Rthl. 6, 16 gr. bezahlte, i) Wegen des urkundlich älteren Gebrauchs des Leinenpapiers, sowie des Leinengcspinnstes und Gewebes in Deutschland möchte man ihm gerne auch die Erfindung dieser Papicrart zueignen. Allein die Erfindung derselben setzt auch nothwendig Papiermühlen voraus, in welchen jenes Papier verfertigt wnrdc; aber — wir haben vor der Nürnberger von 1390 keine frühere nachzuweisen. Daß diese die erste, eigentliche Papiermühle in Dentschland gewesen sey, scheint auch schon daraus hervorzugehen, daß sich die dortigen italienischen Papiermeister eidlich verbindlich machen mußten, ihre Kunst diesseits der Alpen Niemanden zu lehren — Wollte man indessen dieses Gchcimbaltcn blos auf die iuncre Einrichtung der Wasser- stampsmüblcn beziehen und bcbanptcn, daß, wenn früher auch keine solche, doch wenigstens Hand mühten vorhanden gewesen seyen, in welchen das Leiuenpapier in Deutschland erfunden und bereitet wurde: so ist es blos eine Vermuthung, die zwar durch die oben angeführten Umstände einige Wahrscheinlichkeit erhält, wogegen sich aber mit Grnnd einwenden läßt, daß, wenn dem wirklich so wäre, sich erstens, doch irgendwo eine Nachricht von einigen in der 1/ Hälfte des 14. Jahrhuudetts in Deutschland vorhandenen Papierfabriken hätte finden, und zweitens, das in deuselbc» verfertigte Leinenpapier bei dem frühen Gebrauche und Ueberflusse des Leiucn- gewebes um Vieles wohlfeiler als das Italienische zu stehen kommen und dieses entbehrlich machen müssen. Erwägt man dagegen, daß Italien schon 1340 ansehnliche Papicrmanufak- tnren gehabt habe, und Deutschland selbst noch im 15. Jahrhundert von dorther Papier bezog: so scheint Italien allerdings Z.) Deutsches Museum 1777, 96 Sttick, S. 233 ff. 128 Erstes Buch. Vierter Abschnitt. gegründetere Ansprüche auf die Ehre der Erfindung des Leinenpapiers machen zu können, als Deutschland. §. 46. Das alte und mißrathcne Papier und die Abgänge desselben wieder zu neuem zu verarbeiten, ist eine uralte Erfindung, die schon zu Sais in Acgvpten bekannt, gewiß auch den späteren in Afrika und Europa entstandenen Papierfabriken kein Geheimniß blieb. Daß hierbei das Verfahren nach den verschiedenen Stoffen, woraus das Papier verfertigt wurde, auch verschieden seyn mußte, bedarf kaum einer Erwähnung, Auch in der Papiermühle zu Trcviso im Venctianischen wurden schon 1366 die Abgänge des Papiers wieder zu weißem umgearbeitet. In Folge eines von dem Rathe zu Venedig derselben im 1366 ertheilten Privilegiums dursten keine alten Papiere oder Abgänge aus Venedig anderswohin verführt werden, als nach der Papiermühle zu Treviso, ^) woraus sich zugleich schließen läßt, daß sich mich schon anderswo Fabriken befanden, welche die Abgänge auf gleiche Weise benutzten. Die zu Trcviso machte bei diesem, ihr auf zehn Jahre ertheilten ausschließlichen Privilegium so gute Fortschritte, daß der Rath von Venedig ihr dasselbe im Jahre 1374 erneuerte. 2). Noch zu Eude des I7ten Jahrhunderts sollen die Niederländers das zu Joachimsthal in Böhmen verfertigte Papier — vermuthlich von geringer Qualität und darum wohlfeil — gekauft haben, um es zu Schreibpapier umzuarbeiten. Aber aus bedrucktem und beschriebenem Papier wußte man in Europa bis zum 18teu Jahrhundert nur Pappe zu machen. 2) — Die ersten Papiere waren zum Schreiben bestimmt, und daher auch alle stark geleimt. Auch konnte man zu den ersten gedruckten Büchern kein anderes als geleimtes Papier brauchen, weil immer noch viel hineingemalt und geschrieben wurde. 1. ) "I'iral, »sei»! I. c. p. 7g. 2. ) Murr, Litteratur- und Kunsijournal» sr Thl. S- Sv. Z.) Busch, Handb. d. Erfind. Z»r Bd. 2te Abthlg. S. 4S. Schreibmaterialien im Mittelalter. 129 Erst im löten Jahrhundert fand man, daß auch auf unge- leimtes Papier gedruckt, und durch die Buchbinder nach dem Drucke beim Einbinden dem Papiere noch eine Art von Leim, doch nicht so stark als beim Papiermachen gegeben werden konnte, wodurch die Druckpapiere um Vieles wohlfeiler zu steheu kamen. Die späteren Verbesserungen und neueren Entdeckungen in der Papierfabrikation, sowie die mannichfaltigen und zum Theil gelungenen Versuche zur Anwendung verschiedener bisher ungewöhnlicher, thierischer und vegetabilischer Stoffe zur Vereitung desselben :c. werden, als zur Geschichte der Papiermacherkunst selbst gehörend, hier, wo blos von der Erfindung des Leinenpapiers die Rede war, übergangen. § 47. Bei Erwähnung der Schreibmaterialien im Mittelalter dürfen auch die Schreibfedern nicht Übergängen werden. Daß man sich vor dem Gebrauche der Gänsekiele zum Schreiben eines gewissen Rohrs, wohl auch mehrerer Arten desselben hierzu bedient habe, und schon die Alten dem Schreiberohre auch den Schnitt und den Spalt unserer Schreibfedern gegeben, ist bereits im §> 21 gemeldet worden. Daß sie unsere Federkiele gekannt, beweist Demosthencs, der 322 vor Christi Geburt, während der Verfolgung durch Antipater au selbst genommenem Gifte, welches er in einer Feder bei sich trug, starb. Aber zum Schreibe» haben sie sich derselben nicht bedient. Zwar kommt eine Stelle im Juvenal vor, die auf das Gegentheil bezogen werden kann; aber sie leidet mehrere Auslegungen, und kann deßhalb nicht als Beweis gelten. Das älteste bis jetzt bekannte Zengniß vom Gebrauche der Schreibfedern findet sich bei Jsidor,^) welcher im Jahr 636 nach Christi Gebnrr starb. Er gedenkt zuerst der Federn und ihrer gespaltenen Spitze, erwähnt aber neben denselben auch noch des Schreiberohrs, woraus erhellt, daß damals der Gebrauch der Federkiele zum Schreiben noch neu war. 1, ) ^nvvriülis süt)'. t, Z tg. 2. ) liiitlor . 13. 132, 9 130 Erstes Buch. Fünfter Abschnitt. §. 48. Endlich verdienen auch noch die im Mittelaltcr bei dem Schreiben üblichen Schriftarten bemerkt zn werden, worüber wir ans den von I. G I- Breitkopf hinterlassenen, und von I. C. F. Roch herausgegebenen Papieren kürzlich nur Folgendes anführen. Die deutsche Schrift begann erst im I3tcn Jahrhundert unter der Regierung Kaiser Friedrichs II. gemein zn werden lind bestand nur aus zwei eigenen Schriftarten, der Fraktur- und Kanzleischrift, indem die Kanzlcischrift blos eine zum Geschwindschreiben eingerichtete Fraktur ist, iu welcher die Buchstaben mehr gebogen und mit einander verbunden sind. Die Fraktur selbst bildete sich aus der im Uten Jahrhundert entstandenen Mönchsschrift, Erst am Ende des l5ten Jahrhnnders kam auch bei dem Drucke, statt der bisher üblichen geradestehenden Schrift, die Current- odce Cursivschrift iu Gebrauch, welche der ältere Aldus Mannt ins in Venedig erfand. Im lktcn Jahrhundert aber erhielt die deutsche Schrift ihre vorzüglichste Ausbildung durch Albrecht Dürer, welcher Anfangs nur für die Fraktur, nachher aber auch für die übrigen Schriftarten die gehörige Proportion vcstsetzte, worauf sie dnrch seine Schüler und die Schönschreiber allmählig die jetzige, regelmäßige Gestalt erhielten. Fünfter Abschnitt. Erfindung v e r sch i e d e n er'K ü n ste, welche die Erfindung der Buchdruckerkunst vorbereitet. § 49. Eine Kunst, die ihre Erfindung nicht dem blosen Zufalle, sondern dem scharfsinnigen Nachdenken und den vielfältigen, 1.) Brcitkopf, Ursprung der Spielkarte» ?c. S. 24 u. ff. Erfindung verschiedener Künste :c. 131 fruchtlosen Versuchen ihres Urhebers verdankt, muß nothwendig durch die Betrachtung der Werke und Erzeugnisse anderer, ihr ähnlicher Künste entstanden nnd erst nach und nach in verschiedenen Abstufungen und Verwandlungen zu dem ausgebildet worden seyn, was sie ist nnd seyn sollte. Dieß war auch bei der Buchdruckerkunst der Fall, welcher die Erfindung mehrerer anderer Künste, die als Vorspiele derselben zu betrachten sind , vorausging. Die älteste vntcr allen ist ohne Zweifel die schon allen kultivirteu Völkern des Alterthums bekannte Knnst, Inschriften auf Holz, Stein und Metall in erhöhter oder vertiefter Arbeit einzugraben, um ihre Erfahrungen und Gesetze, das Andenken wichtiger Begebenheiten, oder die Thaten und Namen ausgezeichneter Männer der Nachwelt zu überliefern. Wie die Aegyptier ihre Götter in Holz und ihre Hieroglyphen ans Pyramiden und Obelisken, so ließen, nach Homer, die Fürsten Griechenlands ihre Gesetze auf hölzerne Tafeln ein- graben. Solchen Tafeln waren auch Solon's Gesetze und Numa's religiöse Gebräuche auvertraut- Nicht minder grub man erhabene und verNefte Figuren, Verzierungen, Namen und ganze Devisen auf Ringe, Siegel, Münzen, Vasen und Geschirre; goß oder prägte schon im hohen Alterthume Münzen mit einer Inschrift, einem Bildnisse oder irgend einem anderen Zeichen in erhabener Arbeit., Die Phönizier, Aegyptier, Hetrurier, Griechen und Römer hatten schon Stempel, womit sie ihren Ringen und Siegeln Buchstaben und Worte anf- drnckten. Solcher heiß gemachter eiserner, nnr größerer Stempel bedienten sich die Griechen und Römer, um damit ihre Thiere, Sclaven, Missethäter nnd selbst Soldaten zu bezeichnen.i) Bekannt sind ausserdem die tessor» sign»- tori-t der Römer, theils von Holz und theils von Metall, die sie ihre» irrdenen Geschirren, sowie ihren Begräbniß- und Bodentafeln, Aschenurnen und Vasen von gebrannter Erde l) Nicolai lle siAilli» vcwrum, p. I7N. 9* 133 Erstes Buch. Fünfter Abschnitt. und sogenannter terr» «ig-illntn, aufdruckten. Allein diesem Verfahren liegt schon eine dunkle Idee von bewegliche» Buchstaben zu Grunde, welche letztere sogar in den Zeiten der ersten römischen Kaiser und in den ersten christlichen Jahrhunderten in Rom schon ziemlich allgemein bekannt, und — freilich nicht zum Drucke von Büchern — im Gebrauche waren. Auffallend ist in dieser Hinsicht eine Stelle in Cicero's Buche Se n»turs, «leorum,^) wo er denen, welche an die Möglichkeit glauben, daß die Welt durch ein Spiel des Zufalls habe entstehen können, antwortet: „Wer dieses möglich glaubt, muß ebenfalls für möglich halten, daß, wenn mau eine große Menge Buchstaben von allen ein und zwanzig des Alphabets, seyen sie von Gold oder irgend eiuer anderen Materie, ans die Erde wirft, diese in solche Ordnung fallen könnten, daß sie die Annalen des Ennius lesbar darstellten." Wäre ein Römer darauf verfallen, die von Cicero geäußerte Idee weiter zn verfolgen und auf den Druck von Büchern in Anwcndnng zu bringen, so wäre Cicero schon l5t)0»Jahrc früher als G utenberg fürten Erfinder der Buchdruckerkunst zu halte«.— Merkwürdig ist auch eine Stelle im Quinctilian, wo er vou den elfenbeinernen Buchstaben redet, mittelst welcher man die Kinder spielend lehren könne. 2) Einige Jahrhundert später schrieb auch der heilige Hierony- mus der Römerin Läta: sie möchte sich zum Unterrichte ihrer Tochter Paula der von Burbaum holz oder Elfenbein verfertigten Buchstaben bedienen, wovon Jeder einen Namen habe; mir diesen solle sie spielen, d am i t dieß selb st für sie Unterricht sey.») Es ist sast unbegreiflich, daß die Kenntniß der beweglichen I.) I<> ll, <-. 2N. S.) Instit. »litt. 1^. I. 5. 2- Z. 21, g.) Djiistol. v. Ilil'i'v», >.'»»> k<:Iln!üs I^rasiui. ?inis izzz Erfindung verschiedener Künste Zt. 133 Buchstaben nicht schon in jenen Zeiten zur Erfindung der Bnchdrnckcrknnst gefuhrt, welches sich cinigermaaßen dadurch entschuldigen läßt, daß das literärische Bedürfniß, ungeachtet der hohen wissensciiaftlichen Kultnr der Römer unter Augustus doch nicht so allgemein fühlbar gewesen, und die ticse Unwissenheit, Robheit und Sclaverei der folgenden Jahrhunderte jede geistige Idee nothwendig verscheuchen mußte. 50. Der Kenntniß, durch Zusammsetznng einzelner Buchstaben Worte und ganze Sätze zu bilden und mit Stampillen von Holz oder Metall niit erhabenen, verkehrt ausgearbeiteten Buchstaben anderen Gegenständen aufzudrucken, mußte natürlich erst die Holzschneidekunst vorausgehen, dereu Ursprung sich in die ältesten Zeiten verliert. Sie kündigt sich zunächst durch Gewohnheit, die Siegel statt des Wachses mit einer schwarzen Farbe aufzudrucken, die schon in den frühesten Zeiten bei den Morgenländern bekannt war und nocl, jetzt bei ihnen üblich ist. ) Wahrscheinlich haben die Römer bei ihren Kriegen und Eroberungen im Oriente diesen Gebranch dort kennen gelernt und zu Hanse nachgeabmt. Auch dürfte es kaum eiucm Zweifel unterliegen, daß der Ursprung der nachher bei ihnen eingeführten Gewohnheit, — die Namenö- untcrschristen durch gegossene metallene Stempel, deren Gußformen doch wohl erst ebenfalls durch hölzerne Stempel gebildet werden mußten, mit dicker Dinte zn drucken, nicht minder iu diesem orientalischen Gebrauche zu suchen sey. Durch die Römer wurde derselbe auch iu Deutschland bekannt, und besonders bei den fränkischen und deutschen Kaisern üblich, die ihre Unterschriften unter die Dokumente mit Stampillen zu drucken pflegten. Wenn auch diese nicht von Holz gcwcseu, worüber keine sichere Beweise vorliegen, sondern ans Metall geschnitzt, oder wie die römischen ^«.^ei-se Z.) Dapper, Beschreibung von Syrien. S. 162. — Lüdecke Beschreibung des türkischen Reichs. Leipzig 1771. S. 304. 134 Erstes Buch. Fünfter Abschmtt. gegossen waren, so müssen doch hierzu gleich wohl, nach dem technischen Ausdrucke der Gußarbeiter, vorhergegangene hölzerne Patronen vermuthet werden. Die leichtere Arbeit indessen und die Ähnlichkeit mit den hölzernen Münzstempcln zu den Hohlmünzen mache», wenigstens in den ersten Zeiten der deutschen Regenten, auch die hölzernen Stampillen sehr wahrscheinlich. Solche aufgedruckte Unterschriften enthielten indessen selten die ganzen Namen der Regenten, sondern bestanden größten- thcils aus künstlichen Namenszügcn oder Monograiu.mcn, von welchen mehrere durch ihre Zierlichkeit bei dem ersten Anblick zn erkennen gaben, daß sie durch Einschnitte in Holz oder Blech gezogen worden. Man schnitt nämlich, und schneidet noch gegenwärtig die Buchstaben des Alphabets einzeln in ganz dünnem Silber- oder Messingblech ans, legt sie, wie man sie eben braucht, neben einander und überfährt das auf diese Weise zusammengesetzte Wort mit einem in Tusche oder Dinte getauchten kleinen Pinsel, worauf dasselbe nach abgenommenen Formen so schön, wie von dem besten Meister geschrieben , auf dem Papier erscheint. — Auf ähnliche Weise soll man schon dem griechischen Kaiser Jnstinus die vier ersten Buchstaben seines Namens durch ein liölzcrnes Tafclchcn geschnitten, und ihm, der nicht schreiben konnte, demnach die Hand geführt haben, nm durch die Ausschnitte dieses Täfcl- chcns die Buchstaben nachzumalen. ') Etwas Achnliches erzählt man auch von dem ostgothischen König Thcoderich,'^) In Deutschland war der Gebrauch der Monogramme schon vor Karl dem Großen üblich, und dauerte bis in die späteren Zeiten fort. Auf der Reichsvcrsammlmig in Constanz i. I. 1507 erklärte Maximilian I. wegen der großen Menge von Unterschriften: „er hätte einen Druck einer Signatur machen lassen, und also geordnet, daß demnach alle Briefe 1. ) ? I-» »I> p i u 8 in kli«t. itrennii. Lil. Llellol. p, lg. 2. ) ^a». Lv^lilitvus in vitii l'kevä. p. Z!>9, Erfindung verschiedener Künste :c. 135 durch die dritteHand falsch zu vermeiden, zu ganzer Fertigung gehen müßten." Allem diese Verordnung soll, wie Häberlin meint, nie ausgeführt worden seyv. §. 5l. Man dürfte sich schwerlich irren, wenn man, in Europa wenigstens, die Stampillen und Patronen als Anfang der Formschneidekunst zum Behufe der Xylographie oder des Tafclsdrucks betrachtete, da die Formen des letzteren aus hölzernen Tafeln bestanden, in welche man Buchstaben, Figuren, Thiere, Blumen und Verzierungen einschnitt, um solche durch dcu Abdruck auf Papier, Pergament, Leder oder irgcud ein Gewebe von Seide, Baumwolle, Leinen :c, zu übertragen. Den Ursprung dieser Kunst haben wir in Indien, Persieu, China, überhaupt im Orient zu sucheu, wo sogar nach dem Berichte des .-^nAel. üovo» der Tafeldrnck von Büchern schon vor Christi Geburt bekannt gewesen seyn soll. >) Die Jesuiten, wi'lche dort als Missionäre lebten, und Sprache, Sitten und Küustc dieser Völker studierten, geben indessen den Tafeldrnckcn von Chinesischen Büchern ein jüngeres Alter. Die von ihnen beschriebene Art des Verfahrens ist bei der Stabilität der Chinesen in allen ihren Künsten wahrscheinlich noch jetzt die nämliche. Das znm Druck Bestimmte wird zunächst durch einen Schönschrciber aus ciu feines durchsichtiges Papier copirt, uud diese Copie auf eine polirte Holztafel be- vcstigt; dauu werden alle Züge der Schrift mittelst einer Radiernadel auf das Holz eingeritzt uud hierauf erhaben ausgeschnitten, indem alles um und zwischen den Buchstaben, befindliche Holz mit feinen Schncidewerkzengen herausgeschnitten wird. Die dadurch erhaben erscheinenden Buchstaben werden alsdann mit Tusche bestrichcn und ein feines, weißes oder farbiges Papier durch ein gelindes Ueberfahren auf die eine Seite desselben abgedruckt. Fast alle große Bibliotheken be- 1.) ^»z;>1 p. 419. 136 Erstes Buch. Fünfter Abschnitt. sitzen ein oder mehrere, auf solche Art gedruckte Bücher, welche die Jesuiten aus Indien nach Europa gebracht haben. Die Vollkommenheit derselben lM Mehrere veranlaßt, die Erfindung der Bnchdruckerkunst diese» Völkern zuzuschreiben; allein solche Taftldrncke sind noch kein Buch zu nennen; und zu der Zeit, wo Gutenbcrg auf die große Idee verfiel, Bücher zu drucken, herrschte iu Europa noch eine große geistige Finsterniß, und war ihm noch kein chinesisches Blich zu Gesicht gekommen. Auch bedürfte er zu seiner Erfindung keines solchen Musters; er hatte schönere in seiner Nähe. — Mehr als znm Druck der Schriften bedienen sich die Indianischen Völker seit undenklichen Zeiten des Tafeldruckes zu ihren gefärbten Stoffen und Papieren. Ihre gedruckten Zeuge von Seide und Baumwolle :c., sind bewunderungswürdig und von einer Vollkommenheit, die noch von keinem anderen Volke erreicht wurde. §, 52. Der Holztascldruck war in Europa lauge vor der Erfindung der Buchdruckerkunst bekannt, ohne daß irgend ein anthcn- tisches Dokument uns über die Epoche und Veranlassung, noch nber das Land, den >Ort und Namen seines erstell Erfinders eine historische Gewißheit verschafft. Breitkopf, Deni s '^) u. A. sind geneigt, den Ursprung des Holztafcldrucks von dem Gebrauche der Spielkarten abzuleiten; allein man ist jetzt von dieser Meinung zurückgekommen und darüber einverstanden, daß die Fabrikation der Karten der Erfindung der Holzschneidekunst gcfolgt, und daß beide den Deutschen angehören, da Einige die Erfindung der letzteren den Niederländern zuschreiben wollten. 3) „Die Hauptvcranlassung zu solchen Holzschnittdrucken," sagt Schaab," mögen wohl die Gnadenbildcr der Orte ge- Z.) Breitkopf a. a. O. Zr Thl. 2.) Denis a. a. O. Zr Thl. S. 95 ff. ü.) Heller, Geschichte d. Holzschneidekunst. Bamberg IS23.1.299. Erfindung verschiedener Künste :c. 137 wesen seyn, wohin Wall- oder Bittfahrten gingen. In der Mittc des leiten Jahrhunderts war Deutschland und der größere Theil von Europa durch die lang anhaltende Pest und andere, darauf gcfolgre Plagen geschreckt. Man sah dieses Unglück als eine besondere, von Gott verhängte Strafe an; Alles eilte zur Buße, machte Gelübde; uud um diesen genug zu thun, wallfahrte man einzel und vereint in laugen Zügen an Orte, wo sich Gnadcnbilder befanden, die wegen ihrer Wunder berühmt waren. Ganze Gemeinden verließen Haus und Hof und machten solche Bittgänge, um von Gott Verzeihung ihrer Süudcn zu erstehen. Die Geistlichkeit beförderte diese Stimmung, um den frommen Geist des Volks zu erhalten, und fand dazu in der Abbildung jeuer Gnadcnbilder, welche sie den Wallfahrenden mit nach Hanse gaben, ein schickliches' Mittel. Man theilte sie den Besuchenden uuentgcldlich am Gnadcnbilde aus, nachdem sie daran berührt worden. Sie mußten daher so vervielfältigt werden, daß man sie zu Hunderten und taufenden vertheilen konnte, was nur durch Abdrücke der Holztafeln auszuführen war. Ein solcher Holzschnitt ist der des heilige» Christophs mit dem Jahre 14ZZ bezeichnet, welchen Herr von H einecke 1769 in der Karthausc zu Bur- beim auf dem Hinteren Deckel eines i, I. 1417 gefertigten Manuscripts, das den Titel: H>»u8 vii-Zinis hatte, aufgeklebt entdeckte. Er ist von.der Größe eines Folioblattes und auf die Art der Spielkarten illnminirt. Unten stehen die beiden Verse: OIi ri« t»pl> er i kaviem äiv qunounyue tueris III» newxe äie in orte ms,I» von morivri«. AIi1Iv«imo cooc-XX. tertio. — Immer ist er noch der erste, mit einer Jahrzahl versehene Holzschnitt, und um so merkwürdiger, da mir das einzige Exemplar von ihm bekannt ist.i) I.) Schaab, Erfindung der Buchdruckcrkunst. Mainz ISZI. 3r Bd. S. 333. ff. 138 Erstes Buch. Fünfter Abschnitt. Herr von Heinekc entdeckte auf seinen Reisen in Bibliotheken und Cabiuctten noch mehrere andere alte Tafeldrucke, die er als Kunstkenner untersucht, verglichen und mühsam beschrieben hat. Es sind dieß vorzüglich: Historik» V. et ^. I'estamenti, oder Lidlia xsuperum, lateinisch uud deutsch auf 4 Blättern in Fol. — kliktori» s. ^o-tnnis IZvking. e^jns^ue viKione« o 0Äl)'i>tivao ans 48 bis 50 Blättern in Fol. — »i'storin, seu proviclelltiki. Virg-. AIari-te ex v-tiitioo e-»nt. 16 Blätter in Quart- In diesen 3 Stücken ist mir etwas Text hin und her auf den Bildern selbst vertheilt; in den folgenden aber nimmt er cigeuc Tafeln ein: Der Endkrist mit einein Anhange der Zeichen, die vor dem letzten Gerichte hergehen sollen, 39 Bl. in kl. Fol. ^.rs morlenäi notabilis per kiAur-ts KVÄiiK'elititkrum, ^5 Bl. Bilder und eben so viel Text in Fol. — ^rs u>c>rienar » s t r a ll i» m u s. P- 4li- 2. ) B r e i'tko p f a. a. O. Erfindung verschiedener Künste :c. 141 aus dem Morgcnlande zu uns gekommen sey; indem es in den Ländern, die weiter gegen Osten und Süden liegen, früher als in den westlicheren Ländern gebräuchlich war. §, 54. Die ersten Karten waren nur gemalt. Für solche erkennt v. Murr auch die oben erwähnten italienischen Karten vom Jahr 1299, und im Jahr 1392 wurden zu den Zeiten Königs Carl VI-in Frankreich an den Maler ^»oquemili kriiiA-onnour für 3 Spiele Karten 39 Schil. aus der königlichen Rcntkammer bezahlt. Diese Spielkarten sollen mit Gold und verschiedenen Farben ausgemalt gewesen sey:'., und dem Könige zur Unterhaltung in den gurcn Zwischenzeiten seiner Krankheit gedient haben. ^) Nach Andern soll man silberne Täfelchen mit den jetzt gewöhnlichen Kartenfiguren zn dem gleichen Zwecke erfunden haben, wofür sich die Rechnung von 56 Sols noch in den 1780er Jahren bei der königlichen Rechnnngskammcr zn Paris vorgefunden. Ueberhanpt aber scheint an den Höfen mit den Spielkarten ein großer Lurus getrieben worden zu seyn. So soll der Herzog P hilivp Maria Visconti zu Mailand im Jahre 1430 seinem Sccretär Margiand da Tortona für ein einziges Spiel Karten fünfzehn Hundert goldene Scudi bezahlt haben; und Brcitkopf versichert,^) selbst eine Spielkarte, der Zeichnnng nach von einem niederländischen Künstler ans dem löten Jahrhundert verfertigt, in Händen gehabt zu haben, die ans lauter silbernen Blechen bestand, worauf Figurcu ge- stvchcu und vergoldet waren. ^) In den rvvüeivlies di«- torilzues «ur les oaitv« -V jour macht Bullet die Bemerkung: daß die Karten für vornehme Personen gemalt, für den gemeinen Mann aber gedruckt worden seyen, und gesteht ausdrücklich: daß die Deutschen zuerst 1. ) Nachrichten vonKünstl. und Kunstsachcn. I7V». 2rThl. S.So. 2. ) B r e i t k o p f a. a. O. Zr THI. S. 39. 3. ) Ebcnd. a. a. O. ir Thl. S. 41. not<- in. 1-!3 Erstes Buch. Fünfter Abschnitt. Karten gedruckt hätten. Ebenso bezeugt Mini 8 trier in seiner dMiotlieqrie vurieuse et ilistrvvtivo, daß die Deutschen die ersten Holzschneider gehabt, und daß diese auch die ersten Kar- tenformen, die mit extravaganten Figuren angefüllt gewesen. Mit diesen beiden Franzosen vereinigt sich auch der Herausgeber des Gedichts vom Abbate Bcttinelli über das Kartenspiel, worin die Erfindung der Karten den Italienern zugeschrieben wird. Indem er in seinen Anmerkungen die Meinung von französischer Erfindung widerlegt, macht er die Deutschen zu Erfindern der Holz- oder vielmehr F ormsch n ei- dekunst und anch der Karten, so wie zu den ersten Ausbreitern des Kartenspiels in der Mitte des I5tett Jahrhunderts. Obgleich nun aber die Erfindung der Spielkarten selbst, wie im vorigen tz. gezeigt wurde, uns Deutschen nicht angehört, so räumen uns doch selbst die Ausländer durch obige Zeugnisse den Vorzug ein, die Ersten gewesen zu seyn, welche die Formschueidckuust bei den Karten in Anwendung gebracht haben- T. 56. ' ''>^W^^^^U Kann man gleich Zeit nnd Ort, wann und wo der Kartendruck in Deutschland zuerst begonnen, nicht mit voller Gewißheit bestimmen; so läßt sich doch beides mit ziemlicher Sicherheit aus anderen Umständen schließen. Von Murr hat ein Nürnbergischcs Polizeigesetz, das zwischen den Jahren 1380 nnd l384 geschrieben ist, entdeckt, durch welches das Kartenspiel ausdrücklich verboten wird, °) Ein gleiches Verbot desselben erfolgte 1397 auch zu Ulm und 1400 zu Augsburg. Wurde aber das Kartenspiel schon 1380 und 1Z84 1. ) Breitkopf S. 2. ) Von Murr Journal zur Kunstgesch. -c. 2r Thl. S. 81. — Merkwürdigkeiten der Stadt Nürnberg. S- «75. «76,— 3. ) Kleine Chronik Nürnbergs. Altorf 1790. S. 23. 4. ) Kunst- Gewerbs- und H a nd w erk s ge sch i ch te der SradtAugsburg. 1788. S. 227. Erfindung verschiedener Künste zc. 143 zu Nürnberg verboten, so ist auch sicher anzunehmen, daß es daselbst schon eine geraume Zeit zuvor bekannt gewesen sey. In den Nürnbergischeu Stadtbüchern wird bereits 1433 der Kartenmacher uud schon vor dem Jahre 1438 der Karten- malcr gedacht, die sich 1449 Briefmaler und 1436 Jlln- minirer nannten. ^) Im Jahre 1441 beschwerten sich schon . die Vcnctianischen Kartenmacher über die fremde» Spielkarten die nach Venedig geschickt wurden, und bedienten sich in ihrer an den Rath von Venedig gerichteten Bittschrift der Ausdrücke: „Spielkarten und gedruckte Bilder, die man in Venedig macht;" ferner „Karten zum Spielen und gemalte, gedruckte Figuren außerhalb Venedig gemacht." Man sieht daraus, um welche Zeit man bereits in Deutschland und Italien Karten gedruckt; Hoch soll dieß in Nürnberg noch früher als 1433 und zwar schon gegen das Ende des l4ten Jahrhunderts stattgefunden habend) tz. 56. Durch den Kartendruck kam die Formschneidekunst sehr in Aufnahme. Formschneider und Briesmaler erhielten durch sie einen großen Verdienst, und ihre Anzahl vermehrte sich bald so sehr, daß sie in Deutschland und den Niederlanden eigene Brüderschaften, Innungen oder Gilden uud Zünfte bildeten, in welchen sie sich nach ihren Beschäftigungen: Holzschneider, Formschneider, Bilderdrucker, Kartenmaler, Briefdrucker undJlluministcn nannten,5) In Deutschland hatten sie ihren Hauplsitz in den Reichsstädten Nördlingen, Nürnberg, Augsburg, Ulm, Frankfurt a- M,, Strasburg u. a. m. Der älteste Form- schneider iu Nördlingen wird in den dasigen Steuerbüchern 1. ) Kunst-, Gcwerbs- und Handwerksgeschichte der Reichsstadt Augsburg 1778. S. 227. 2. ) Kleine Chronik Nürnbergs. S. ül. S.) wettere plttoricliv. V. 2Z1. 4.) Antipandora. 1789. III. S. 448. I.) Neue Bibl. d. schönen Künste und Wissenschaften. I. 115. 144 Erstes Buch. Fünfter Abschnitt. Wilhelm Briefdrucker genannt und lebte um 1428.^) Unter Brief verstand man sonst jedes cinzele ans einer Seite bedruckte oder bemalte Blatt, welches nun entweder eine Spielkarte, oder ein Holzschnitt seyn konnte. Erst in der ersten Hälfte des löten Jahrhnnders unterschied man Karten und Briefe genauer und verstand unter den letzteren Holzschnitte. Im Jahr 1470 wurden zn Nördlingen die hölzernen Tafeln zu der deutschen Armenbibel verfertigt. Einen Theil dieser Holzschnitte verfertigte Friedrich Walther aus Dunkels- bühl, der auch Glasmaler gewesen seyn soll, und 1460 zu Nördlingen Bürger wurde. Auf der letzten Tafel eines vollständigen Eremplars der deutschen Liblis. pauperum, welches Hofrath Eschenburg besaß, nennen sich Friedrich Walthcr zu Nördlingen und Hans Hürning als Ver- fcrtiger derselben. Beider Namen -fand auch Herr von Stetten — s. dessen Angsbnrgische Kunstgeschichte — auf dem letzten Blatte eines, in der Bibliothek des Karmeliter- klosters zu Augsburg befindlichen, unvollständigen Eremplars der deutschen Armcnbibel, deren Jahrzahl er 1414 angiebt, die aber nach Beyschlags Urtheil 1470 heißen soll. °) Unter die ersten bekannten Formschneidcr zu Nürnberg, die sich durch ihre Arbeiten ausgezeichnet, gehören: Johann Schnitzer; Sebald Gallendorfcr; Hans von Eulenbach;") Johann Meide nbach; der um 1445 arbeitete und für Gutenberg die Holzformen z» den Anfangsbuchstaben des' Mainzer Psalters von 1457 schnitt; Michael Wohlgemuth, geboren 1434 zu Nürnberg nnd gestorben 1519; Wilhelm Pleydenwurf um 1500; und der 1. ) Beyschlag, Beiträge z. Kunstgesch. der Reichsstadt Nördlingen. Zs Stück 1798. 2. ) Intelligenzblatt Rro- 40 zur Allg. Jenaer Literaturztg. 1793. 3. ) Beyschlag a. a. O. 4. ) Unnnel ckes Lurieux et ilv« ^wiltvurs äe 1'ilrt etc. vsr Ilulier vt Rost. 2 1'vni. Aüricl» 1797. Erfindung verschiedener Künste :c. 145 größte und berühmteste unter allen deutschen Künstlern: Albrecht Dürer, gebor?!! 1470 zu Nürnberg und gestorben 1528. — Im Frankfurter Bürgerliche steht unter denen, die im Jahr 1440 aufgcschworen haben: „It. Henne Cruse von Menge Druckerworunter man gewiß nicht Buchdrucker verstehen kann, da diese Kunst noch nicht erfunden war. Zu Anfang des löten Jahrhunderts machten nach Semm- ler die Formschneidcr auch die Formen, womit die Buchbinder die Figuren auf den Ucberzug der Bände einzudrucken pflegen. Man findet, sagt derselbe, schon vom Jahr 1524 Bücher, deren Bände mit Formschncidcrarbeit geziert find. ^) Allein weil merkwürdiger in dieser und anderer Hinsicht ist ein in dem ehemaligen Dominikaner-Kloster zu Würzburg befindlich gewesenes Manuskript mit einem Einbande von weißem Leder, auf welchen eine historische Vorstellung geschlagen oder vielmehr gebranut ist, um welche folgende Worte stehen: ^.nno vomini M.eeoc-XXXXII lider iste IiA»tu« est per LratromOllnraällm I'oi st er von- ventus Nurenbei-Kensis or«jiiiis i> r » e ä i v itt o - ruw. 2) Aus dieser Umschrift erhellt, daß Buchbinder schon im Jahre 1442 Aufschriften auf ihre Einbände mit beweglichen Lettern machten, ohne zu ahnen, daß in dem darauf folgenden Jahrzehend die. Kunst, ganze Bücher damit zu drucken, erfunden werde. — Verfolgen wir nun bis zu dieser so merkwürdigen und einflußreichen Erfindung die weiteren Fortschritte der Holz - und Formschneidckunst. H. 57. Hatten es die Holz- und Formschneider einmal so weit gebracht, einzele Bilder der Heiligen oder andere Figuren in Holztafeln einzuschneiden und durch den Abdruck zu vervielfältigen, so war es ihnen auch ein Leichtes, mehrere Figuren, Ver- 1. ) Semmler, Samml. zur Geschichte der Formschncidekunst in Deutschland. Zs St. Leipzig I7S2. 2. ) Hirsch ing B i b l io t h e e c n g c sch i ch te, 7r Bd. S. 295. 10 146 Erstes Buch. Fünfter Abschnitt. ziernngcn, selbst ganze biblische Scenen auf solchen Tafeln darzustellen und ihnen sogar mehrere Worte zur Erklärung, oder kleine Gebete und kurze Sätze aus der Bibel zur Belehrung der Jugend und Erbaunng der Alten beizusügen. So entstanden nach und nach xylographische oder vielmehr rvloty- pische Werke als Productc der Holz- und Formschncidckunst. Alle waren nur aus einer Seite gedruckt. Die erklärenden Texte, welche bald aus dem Munde der Figuren gehen, bald unter dieselben oder die ganze Borstellung gesetzt sind, schnitt man entweder gleich mit in die Holztafel ein, oder sie wurden auf einzele Tafeln geschnitten und baun auf den schon abgedruckten Holzschnitt an den Ort, wo man sie haben wollte, aufgedruckt. Gewöhnlich machten Maler oder gute Zeichner die Zeichnung auf die Holztafel, und der Formschneidcr schnitt sie dann aus. Das Verfahren bei dem Abdruck der Holz- tafelu war sehr einfach. Die cingeschnittene Holztafel wurde mit Lampenruß überstrichen, das Papier darüber gelegt nnd mit einem Stucke Holz, welches man den Reiber nannte, oder mit einer zarten Bürste überfahren.^) Der erste mit einer Jahreszahl versehene Holzschnitt ist das oben erwähnte Bild des heil. Christophs auf dem Deckel eines ehemals in der Karthause zu Burheim, nnn aber in der Bibliothek des Lords Spencer zu Althorp befindlichen Manuscripts, wo es mit vielen anderen deutschen Kunstschätzen sein Grab gefunden hat. Von den übrigen noch vorhandenen alten Holzschnitten lassen sich mit Gewißheit weder Zeit noch Ort ihres Ursprungs bestimmen, da keiner derselben mit irgend einer Bezeichnnng oder Datiruug verschen ist. Diejenigen, auf welchen sich viel Druck befindet, scheinen erst nach der Erfindung der Buchdruckcrkuust von Menschen verfertigt, die ihr Handwerk nicht verstanden. Denn Form und Buchstaben, ihre Rohheit, Satz und Abdruck beweisen 1.) Schaab a. a, O. Bd. S. -l-i'i ff. Erfindung verschiedener Künste :c. 147 Unwissenheit, der Guß aber die Epoche ihrer Entstehung n a ch der Erfindung der Buchdruckerkunst und Schriftgießerei, ') tz, 58. Die Werke der Formschneiderei und der Drnck von Bildern und Worten auf hölzernen Tafeln gehörten zu den nächsten Vorläufern der Buchdruckerkunst. Selbst die ersten Versuche Guteubergs waren noch Werke der Xylographie oder der Formschneiderei nnd des Drucks mit hölzernen Tafeln. Dergleichen waren seine ABC-Tafeln, womit er Donate zu drucken versuchte, wie wir weiter unten vernehmen werden. Aber solche Werke waren noch keine Werke der Buchdruckerkunst, deren Idee, bewegliche Buchstaben zum Drucke von Büchern anzuwenden, der Formschncidekunst fremd war. Die Xylographie war blos ein Vorspiel der Buchdruckerkunst, wie sie unseren Tagen durch die Stereotypie auch wieder das Nachspiel derselben geworden ist. Man endigte mit der Plattcndrnckerei, mit der man angefangen, und damit war der Zirkel durchlaufen.'^) ,,Die Erfindung der Buchdruckerkunst," sagt Schaab, verdrängte nicht die Kunst der Formschneidcr. Man liebte damals Bilder und bildliche Vorstellungen. Bücher mit solchen fandcu Liebhaber und Absatz. Die Buchdrucker benutzten sogar den Hang des Zeitalters, die bildlichen Darstellungen mit bunten Farben zu verzieren, was man illuminiren nannte, um damit ans den blos schauenden Theil der Biicherkaufer zu wirken, und nahmen Form- und Holzschneider in ihre Dienste. Diese bekamen dnrch die Buchdruckerkunst einen neuen Nah- rungszwcig, indem sie statt der sonst gemalten Anfangsbuchstaben, solche in Holz cinschnitten. Buchdrucker- und Form- schncideknnst waren dadurch vereinigt. Das schönste Produkt dieser Verbindung beider Künste bleiben die fast »unachahm- lichen Initialen der Mainzer Psalterien vom Jahr Z.) Schaab a. a. O, S. !»K. 2.) Ebendas. S. Z»8. ff. 10* 148 Erstes Buch. Fünfter Abschnitt. 1457 und-4459, Man kennt auch xylographische Werke bis zu deu achtziger Jahren des I5tcu Jahrhunderts, worin man es soweit gebracht, daß man beide Seiten des Blattes bedruckte, was sonst, so lange man sich des Ncibers bediente, nicht möglich war. Später sieht man keine mehr, und die Holz- und Formschneider müssen wegen der schweren Manipulation der Tafeldrnckc, und der Schnelligkeit des Drucks mit beweglichen Buchstaben, der Xylographie gänzlich entsagt haben, welche von da aus der Reihe der bildenden Künste verschwand." §. 59. Nicht so die Knpferstecherknnst, die ebenfalls mit zu den Vorspielen der Buchdruckerkunst gehört und zu deren Erfindung beigetragen hat. Die Kunst Schriften mit dem Grabstichel in Metall einzugraben, war schon den Alten bekannt. Die Cretenser und andere griechische Völker gruben ihre Gesetze in eherne Tafeln/) worin ihnen die Römer nachfolgten.^) Denn als bei der Eroberung Roms durch die Gallier die Gesetze der 12 Tafeln verbrannten, wurden sie anfs Neue in Erz gegraben; nud aus Livius erhellt, daß auch die Bündnisse der Alten in eherne Säulen gegraben wurden; °) wie denn der Bund zwischen deu Maccabäern und Römern ebenfalls auf messingene Tafeln geschrieben war.") Besonders berühmt waren die Arbeiten der Orusts-rii im Alterthume, welche Schriften, Figuren und Laubwerk mit dem Grabstichel eingruben, und solche dann mit Schmelzarbeit, Gold oder Silber ausfüllten. PliNius rühmt vorzüglich die incrustirte Arbeit der Teurer und die Trinkgeschirre des Pytheas. 5) Die Läden, wo die Alten dergleichen Waaren 1. ) pliltn in Mn. p, 5l>8- 2. ) Oviil. Alet-im. I. v. 91. 92- 3 ) lloc-ul. I. Ii. 2, 4 ) I. Zl-Il! 2. 2. ) AUgem. Künstlerlericon. Erstes Supplem, S> 100. 3. ) Ebendas. S. IM. Erfindung verschiedener Künste zc. 151 Anto-n Pollajuolo die Knpferstecherkunst verbessert,') dann Vasari zufolge auch Alexander Filipepi und nach dems<-bcn Baccio Baldini, ein Goldschmiede zu Florenz um 1460, nach Anderen zu Padna 1551 geboren wurde und 1571 starb, in Kupfer gestochen haben. Er verbesserte die Kupfcrstecherkunst; und Einige behaupten, daß seine Kupferstiche die ältesten in Italien und im Jahr 1465 erschienen seyen -) 2hm folgte Marc Antonio Raymondi, der eine Zeitgenosse Albrecht Dürers war.») Doch genug von Italien, um einzusehen, wie zweifelhaft seine An> sprüche auf die Ehre der Erfindung der Knpferstecherkunst zu halten sind. In Deutschland hat sich dieselbe unstreitig ans der Formschneidekunst entwickelt. Diese war hier längst erfunden; die iu Holz geschnittenen Figuren und ganzen Darstellungen hatte man abzudrucken verstanden; ein Leichtes war es, dieses Verfahren auf Metallplatteu anzuwenden; und gewiß gab dieß unseren deutschen Künstlern eine nähere Veranlassung, als die eingravirten und cisselirtcn Gold - und Silberarbciten der italienischen und deutschen Goldschmiede, die auch ganz und gar nicht zum Abdrucke geeignet waren, indem sich das Eingegrabcne bei dem Abdruck verkehrt darstellt. Doch findet man anch in Deutschland alte Kupferstiche, die von Gold- und Silberarbcitern herrühren, wie wir weiter unten sehen werden. Es geht uns indessen in Deutschland mit den Kupferstichen ebenso, wie mit den Holzschnitten. Die ältesten gingen theils verloren, tbcils vermag man bei der auf denselben fehlenden Da- tirung ihr Alter nicht mit Gewißheit zu bestimmen; doch kann man aus denen, die auf uns gekommen sind, schließen, daß die Erfiudnng der Knpferstecherkunst in Deutschland wahrscheinlich in den Zeitraum von 1400 fällt. Z.) Allgem. Künstlerlexicon. Erstes Supplein. S. 22«. 2. ) Ebendas. 2tes Supplem. S. 120. — Jablonsky, allg. Lex. aller Knuste und Wissensch. Leipz. I7K7 I. p, 755. 3. ) Nachrichten von Künstlern u. Kunstsachen. 1758. Zr Thl. S. 2U4. 152 Erstes Buch. Fünfter Abschnitt. Für die ältesten Kupferstiche ohne Jahreszahl hält man diejenigen, deren Meister sich des Zeichens I? 8 bedienten, worauf Jene folgen, die mit L X >8 bezeichnet sind, die Saudrart dem Bartel Schön, einem Brndcr des Martin Schön zueignen will. Die gewissere Epoche der Knpfer- stechcrkunst in Deutschland beginnt mit dem Jahre >1440. In dem Buche der ältesten Kupferstiche in der Silberradischen Kunstsammlung findet sich eine Passion von 11 Blättern, die v. Murr für die älteste Seite der Kupferblättcr erkennt. Auf einem Blatte ist die Kreuzigung Christi vorgestellt. Die Figuren sind erbärmlich gezeichnet, nach Goldschmidtsart grob gestochen und gehämmert. In Paul Bchaimbs des Jüngeren Verzeichnisse vom Jahr 1618 über seine anser- lesene Sammlung von Holzschnitten und Kupferstichen, wird dieser Passion mit den Worten gedacht; „eilf Stück einer uralten Passion von geschrotener Arbeit mit der Jahrzahl 1440, hoch 8^."— Der älteste Kupferstich nach diesen ist derjenige, welcher Sandrart unter den alten Kupferstichen x»s'. 220 beschreibt. Er stellt einen alten Mann und ein junges Mädchen vor, und ist mit der Jahreszahl 1455 und mit bezeichnet. Der Meister ist eben so wenig, als der des vorigen bekannt. Einige behaupten aber, das Zeichen bedeute Hans Schäufelein. 2) Von einem ebenfalls unbekannten deutschen Meister, der seiue Werke mit ü. K, bezeichnete, besitzen wir über 120 Blätter, und mit der aufgezeichneten Jahreszahl 1466 den bekannten Kupferstich: die heilige Maria zu Einsiedel. Alle zeigen in der Führung des Grabstichels, in der Reinheit des Abdrucks und in der Schönheit der Schwärze, eine Vollkommenheit, welche Bewunderung erregt und beweist, daß dieser deutsche Meister seine Kunst schon früher getrieben habe. °) — Ein Kunst- 1. ) Nachrichten von Künstlern u. Kunstsachen. 1768. Ir Thl. S. 278. 2. ) Mg. Lit. Ztg. 1797. 5i. 143. S. 36Z. 3. ) Schaab a. a. O. sr Bd. 3Z9. Erfindung verschiedener Künste zc. 153 kenner fand im Jahre 1803 in .einem der ältesten deutschen Klöster einige Abdrücke einer vorzüglich schätzbaren Platte in gr. Folio mit der Jahreszahl 1^77, mehreren Figuren, auch mit dem Nameu >VoI5K»iiAlis .4.uri Malier und anderen Wörtern in Gothischer Schrift besetzt. Die Platte wurde durch Zufall ruinirt.i) — Das älteste Buch mit Kupferstichen, daS in Deutschland heraus kam, war das M«s-»1e lleMpo- lense V. I. 1481. Für den ältesten Kupferstecher in Deutschland, dem Einige auch selbst die Erfindung der Kupferstecherkunst zuschreiben wollten,2) halten viele den Israel von Mecheln, dessen Vater, der eben diesen Namen führte, ein Goldschmidt war und ebenfalls in Kupfer gestochen haben soll, welches Letztere aber durch Nichts zu beweisen ist. Sein Sohn Israel wurde wahrscheinlich in dem Flecken Mecheln, zwei Stunden von der Stadt Bocholt an den Grenzen der Grafschaft Zütphen und des Clevischen, hinter Anhalt,— also nicht in der Stadt' Mecheln in den Niederlanden, — geboren. Man nennt ihn bald Israel Meck, bald von Mcckerik, Meodliensis, von Meckenem, auch Israel von Münster, von Mayenz, Moguntliliis, ZNetxo, von Münster, von Broeckhold,Boeckho.ld, Bo cholt oder Buchholt, welche Namen sämmtlich aus der willkührlichen Auslegung der Buchstaben I. M. oder I. V. M, entstanden, womit er seine Stücke bezeichnet. 2) Mau hat Kupferstiche vom Jahre 1450, die mit I. v. M. bezeichnet sind, welches man dnrch Israel von Mecheln erklärt nnd darans schließt, daß er 1450 zn arbeiten angefangen. Mehrere seiner Blätter verfertigte er zu Bocholt im Münster'schen uud setzte deswegen auch den Namen dieser Stadt, den man nachher ans Mißverständniß seiner Z.) Reichsanzeiger l«03 Nr. 217. 2. ) Unter Anderen selbst der Italiener I^oma^n in seiner ISva llclli! PIttlll'i», p. ,>!1g. 3. ) Nachrichten von Kiinstl. u. Kunsts. ir THU S. 27t>. — Mg. Künstler Lex. 3s Suppl. 1777. S. 130. 154 Erstes Buch. Fünfter Abschnitt. Person beilegte, i) Man schätzt die Anzahl seiner Blätter auf 136. Sein letztes ist vom Jahre 1302; daher man vermuthet, daß er 1503 gestorben sey. — Einer der ältesten deutschen Kupferstecher, dessen Namen man mit Gewißheit kennt, ist Martin Schön, welcher zu Kuleubach, — jetzt Kulmbach, — von augsburgische» Aeltern, unbekannt in welchem Jahre, geboren und nachher zn Colmar lebte. Er hielt sich lange in Italien auf, wo er »oninartino, AI»rtino äe Seen oder Svlionin und auch sehr häufig Alartino S'^vers-» genannt wurde, weil die Italiener glaubten, er sey ans Antwerpen. Er fing um 1460 an in Kupfer zu stechen. Prof. Gottsched in Leipzig besaß einen Kupferstich, die Grabt legung Christi, M. S. bezeichnet, welcher ein früher Versuch von ihm zu seyn scheint. Er enthält fast lauter Umrisse von schöner Zeichnung, aber wenig oder gar keine Schattirung. Man soll auch noch einige andere Stücke aus den Jahren 1466 und 1467 von ihm haben. Wo sich diese befinden und was sie darstellen, wird aber nicht angegeben. Von seinem Bruder Bartel Schön sollen ebenfalls noch einige Kupferstiche von 1479 vorbauden seyn, unter Anderen ein heiliger Antonius, der vom Teufel in die Lust empor gehoben wird, und der dem Michel Angelo so wohl gefallen, daß er ihn mit der Feder abgerissen habe. 2) Martin Schön starb zu Colmar im Jahre 1436, als eben Albrecht Dürer zu ihm in die Lehre kominen sollte,») worauf ihn sein Vater dem Michael Wohlgemuth übergab. Dieser wurde 1434 zu Nürnberg geboren und starb 1519. Von seinen Arbeiten wissen wir keine anzuführen. Desto berühmter machte sich seiu Schüler Albrecht Dürer, dessen gestochene Blätter sich auf 104 Kupferstiche belaufen, worunter 4 noch auf Zinn Z.) Nachrichten von Künstl. u. Kunsts. ir Thl. S. 27k. — Mg. Künstlcr-Lex. 2s Suppl. S. Z34. 135. 2. ) Ladvocat's hist. Handwörterb. 4r THI. Ulm Z7V3. S. 305. 3. ) Nachrichten v. Künstl. u. Kunsts. Zr S. 287. Allg. Künstler- Lex. Zürich I7S3 S. 781. Erfindung verschiedener Künste :c. 155 gestochen und 6 geätzt sind. Er fing schon 1497 an in Kupfer zu steche» und erweiterte diese Kunst um 1512 durch die Erfindung der Actzkunst oder des Radierens, so wie sich von ihm auch diejenige Art der Kupferstecher hcrschreibt, die ins Kleine arbeitet, und daher Kleinmeister genannt werden. Dürer starb 1526, nachdem er mehrere Schüler gezogen hatte, 5) Unter die letzteren gehört Georg Pcns, der nm 1530 seine ersten Kupferstiche herausgab, 2) und 180 Blätter geliefert haben soll, — Zu Anfang des löten Jahrhunderts machte sich auch Martin Zink als Goldschmiedtund Kupferstecher in München bekannt. — Für dcu ältesten uutcr allen deutschen Kupferstechern und sogar für den Erfinder der Kupferstecherkunst haben Einige eiucu gewissen Ruprecht Ruft halten wollen, welchen Andere Luprecht Nyst oder Riß nennen, °) nnd von dem ohne allen Beweis behauptet wird, daß er der Lehrmeister des Martin Schön gewesen sey.") Andere wollen ihn wenigstens zu eiucm der ältesten Meister im Kupferstechcu machen, der um 1450 geblüht. Allein man hält gegenwärtig die ganze Geschichte von Rüst für eine Fabel, da iu derselben so viele Dunkelheiten und Widersprüche vorkommen, nnd gründliche Historiker seiner gar nicht erwähnen. Dagegen verdienen noch zwei deutsche Kupferstecher genannt zu werden, die sich im I5ten Jahrhundert ausgezeichnet haben. Aus der Zueignungsschrift der im Jahre 1478 zu Rom erschienenen ersten gedruckte», lateinischen Ausgabe des Ptolo- mäus erhellt nämlich, daß die dabei befindlichen 27 in Kupfer gestochenen Landkarten von zwei Deutschen: Conrad Schwein- Heim und Arnold Bücking, die seit 1467 in Rom lebten, mit Zuziehnng einiger Mathematiker gestochen wurden, wobei sie drei Jahre zugebracht, und daß diese beiden Deutschen da- Allg. Künstlerlcx. S. 404. 2.) Kernhlstorie aller freien Künste u. Wissens», i. d. Gesch. d. Kupferstecherk. S. 8!>. Z.) Allg. Kü'nstlerlex. Zs Supplem. S. 342. 4.) Ebend. 2s Suppl. S. 176. 156 Erstes Buch. Fünfter Abschnitt. selbst die Kunst, Landkarten in Kupfer zn stechen, gelehrt hätten. Auf diesen Karten findet man zwar keine Figuren; aber sie beweisen doch, daß das Kupfcrstcchen um 1467 in Deutschland schon sehr bekannt war; nnd daß die Kunst, Landkarten in Kupfer zu stechen, durch Deutsche zuerst nach Rom gebracht worden sey. ^) Wir werden weiter unten, bei der Geschichte der Verbreitung der Buchdruckcrkunst, noch einmal ans diese Männer zurückkommen, die eigentlich gelernte Buchdrucker waren, und 1467 die erste Buchdruckerei in Rom anlegten, wobei es ihnen aber so schlecht ging, daß sie sich auf das Kupferstechen, welches sie in Deutschland ebenfalls gelernt hatten, verlegten. §. 61. Keines der übrigen Länder Enropa's vermag durch frühere, einheimische Werke der Knpfcrstechcrknnst und durch ältere Meister, als Deutschland und Italien auszuweisen haben, irgend einen Auspruch auf die Ehre dieser Kunsterfindnng zn begründen. Auch Frankreich muß auf dieselbe Verzicht leisten. Das erste französische Buch mit Kupferstichen, das man kennt, ist: ?ereg rinatioa «le vultremei- en terre sainte. I^ou 1488.2) Für einen der ältesten bekannten Kupferstecher in Frankreich wird Natalis oder Noel Garnier gehalten, der nach den Zeichnungen des Joh. Cousin stach und auch ein Blatt von Albrecht Dürer copirte, woraus man den sehr unsicheren Schluß ziehen will, daß er zu dessen Zeit gelebt habe. ^) Wie unzähligemal wurde nicht Dürer copirt, als er längst schon im Grabe ruhte! — Die Kunst, Landkarten in Knpfer zu stechen, wurde zuerst durch iZtienne §.63. Die Erfindung der Buchdruckerkunst gehört nicht nur zu den größten und wichtigsten Begebenheiten der Weltgeschichte, sondern übertrifft selbst alle andere durch ihren wohlthätigen Einfluß auf die gcsammte Menschheit und alle ihre geistige und gesellige Verhältnisse. Ihre Folgen und Wirkungen beurkunden sich durch den großen und gänzlichen Umschwung, den sie iu alle Theile der geistigen, sittlichen und bürgerlichen Kultur der Menschen gebracht, und ihr Einfluß auf dieselben wird weder durch die Zeit begrenzt, noch durch eine äussere Macht unterdrückt, unwiderstehlich und mehr nnd mehr veredelnd fortdauern bis an'6 Ende der Welt. Welches Menschen Geist vermöchte bis dahin alle Wirkungen dieser folgereichcn Erfindung zn überschauen, sie, die nach Jahrtausenden noch die Bewunderung der Welt seyn wird? Ungeachtet eines fast vierhundcrtjährigen Genusses ihrer Segnungen, stehen wir doch ihrem Wicgenalter noch zu nah, nm ihre letzten Wohlthaten voraus sagen zu können. Ihre erste war eine schnelle, allgemeine Verbreitung der klassische» Literatur. Doch waren die Werke derselbe» damals noch in zu geringer Anzahl vorhanden, um die Presse sogleich in Anspruch W0 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. zu nehmen; auch stand die größere Volksklassc noch auf einer zu niedrigen Stufe der geistigen Bildung, um für jene Werke Beschäftigling und Empfänglichkeit zu besitzen. Daher warf sich der spekulative Geist der ersten Buchdrucker, welche die göttliche Kunst Anfangs selbst nur als Mittel des Erwerbs betrachteten, zunächst nur, auf Werke, die im Geiste des Zeitalters geschrieben: auf den Bedarf der Geistlichkeit in der Ausübung des Gottesdienstes und den der Schulen, die überhaupt einen schnellen Absatz versprachen. Eine Bibel, ein Psalterium oder eine Sammlung der Psalmen und Chorgcsänge und einige kleinere und größere Wörterbücher für die Schulen, so wie einige damalige Volksbücher, der Kalender mit den Aderlaßtäfelchen -c., machten die ersten Producte der Kunst aus. Dieser Kreis erweiterte sich allmählig durch den Druck einiger Werke der Theologie voll spitzfindiger, scholastischer Untersuchungen und anderer, mit Mönchstheorien ausgeschmückter Bücher, die den Fortschritten der Wissenschaften und der allgemeinen Aufklärung eben nicht sehr förderlich waren. Bei solchen Werken und dem damaligen Mangel an alten klassischen Autoren hätte die Geschäftigkeit der Presse bald in's Stocken gerathen müssen, oder doch nur geringen Nutzeu stiften können; glücklicherweise aber fügte es sich, daß um jene Zeit mehrere griechische Gelehrte sich vor dem Schwerte der Türken nach Italien retteten, und nebst vielen Werken des griechischen Alterthums, zugleich auch die zum Verstehen und Erklären nöthigen Sprach- und Hülfskenntnisse mit dahin brachten. Nun halfen Buchdruckerkuust und alte Literatur sich einander fort. Ohne die Erste wäre die Letzte wahrscheinlich nnr eine vorübergehende Erscheinung gewesen; die angekommenen Griechen hätten weniger Beschäftigung gefunden, und nach ihrem Tode wäre der Eifer für bie griechische Literatur ans Mängel einer allgemeinen Circulation wieder erloschen. Die Werke der alten Weisen waren der Gefahr Nahe, der Nachwelt ganz verloren zu gehen. Die Schreibekunst hätte sie nicht zu retten, am wenigsten sie in ihrer Rein- Erfindung der Buchdruckerkunst. 16Z heit fortzupflanzen vermocht, wie die noch vorhandenen, oft äußerst fehlerhaft geschriebenen Codices zur Genüge beweisen; min aber wurden jene Werke, unter der Aufsicht der griechische» Gelehrten vervielfältigt, nicht nur in den Schulen der wesentlichste Theil des Unterrichts, sondern auch die Lektüre der Ge- ' bildeten, und der Eifer für dieselben, durch die aus der Presse neu erscheinenden Klassiker stets unterhalten, stieg bis zuin Enthusiasmus. Das Studium der griechischen Sprache vermehrte und stärkte auch die Liebe und den Eifer für die römische , nnd breitete sich, früher oder später, von Italien her über alle Länder Europa's aus. Durch die literärischen Werke der Griechen und Nonrer kam mittelst des Drucks eine reiche Fülle von Ideen nnd Ansichten in Umlauf; alle alten Künste traten wieder ins Leben, die vorhandenen Wissenschaften nahmen eine andere Gestalt an und die specnlativen erheben sich zu einer höheren Weihe. Durch die Erfindung der Bnch- druckerknnst kamen die Volker aller Zonen in eine nähere Verbindung; die wechselseitigen Verhältnisse verketteten sich, und die ganze Welt wurde eine große Werkstätte, worin alle sinnreichen Köpfe au der Veredelung des Menschen arbeiteten, Alle konnten jetzt an den Erfindungen, an den besseren Einsichten Einzelner Theil nehmen, und Künste und Wissenschaften wurden ein Gemeingut der ganzen Menschheit- Man könnte Folianten schreiben, um alle die Wirkuugeu aus einander zu setze», welche die Erfindung der Bnchdrucker- knnst auf alle Verhältnisse des geselligen und Privatlebens und selbst auf die Verwaltung der Staatsangelegenheiten hervorbrachte, die bisher fast ausschließlich von Geistlichen, als den einzig, wissenschaftlich gebildeten Männern geleitet wurden, zu deren Verwaltung aber mm auch weltlichen Gelehrten der Weg geöffnet war. Kurz, die Folgen waren unermeßlich, und geben dem ganzen Leben eine edlere, höhere Richtung. tz. 64. Drei hundert und achtzig Jahre lang erfreute sich bereits die ganze gesellige Welt der segensreichen Wirkungen und 11 162 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. Folgen der Buchdruckevkunst, und noch fehlte es an einer umfassenden, zusammenhängenden, aus authenthischen Quellen geschöpften Geschichte dieser großen Erfindung. Von Wem hätte man solche wohl eher erwarten sollen, als von den Gelehrten der Stadt Mainz, welcher der unsterbliche Urheber derselben angehört, und wo er die große Idee, die ihn so" lange beschäftigt, unter fortwährenden Bedrängnissen und harten Kämpfen mit allerlei Widerwärtigkeiten und Hindernissen endlich glückvoll in Ausführung gebracht? Die Mainzer wußten sehr wohl, daß Johann Gensfleisch, genannt Gutenberg, die Buchdruckerkunst in ihrer Vaterstadt erfunden habe. Allein das typographische Jahrhundert war vorüber, Gutcn- b erg selbst hatte seine Erfindung als ein Geheimniß behandelt sein Gesellschafter Peter Schöffer sie ebenfalls in einen dichten Schleier gehüllt, und dessen ruhmsüchtiger Sohn Johann schrieb sie seinem mütterlichen Großvater Johann Fust zu. Dieß veranlaßte widersprechende Berichte gleichzeitiger Schriftsteller; die Zeit entrückte die Hanptnmstände dem Gedächtniß, und die Hauptquellen, woraus man hätte schöpfen können, lagen argwöhnisch bewacht und Keinem zugänglich in den Archiven von Mainz verschlossen. Dazu kam in Mainz noch die Vernachlässigung der vaterländischen Geschichte, während die Studien daselbst von einer Gesellschaft von Männern geleitet wurden, die an Archivalarbeiten kein Vergnügen fanden. So überzog nun ein tiefes Dunkel die ganze Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst, worin sich Niemand mehr zu finden wußte; und der Erfinder und sein Werk waren in Mainz vergessen. Den Mangel einer aktenmäßigen Geschichte dieser, benutzten zwei andere Städte: Haarlem und Straßburg, der Stadt Mainz die Ehre der Geburtsstadt des Erfinders und der Erfindung streitig zn machen, und sich selbst zuzueignen, ja sogar dem edlen Gutenberg, zum Theil der schändlichsten Verunglimpfung die Ehre und den Rnhm seiner großen Erfindung abzusprechen. Erfindung der Buchdruckerkunst. 163 §. 6S. Durch Letzteres befleckte sich besonders die Stadt Haarlem, die sich nicht scheute ihre Verlänmdung und Anmaßung auf eine blose Sage, die einem alten holländischen Arzte nach erzählt, ohne irgend einen historischen Beweis, das Gepräge einer offenbaren Luge an der Stirne trägt. Der Urheber des Mährchcns war Adrian Jnnius — holl. Jonghe, — der 1611 zu Horn in Westfriesland geboren, lange zu Haarlem die Arzneiknnst ausübte,, sich während des spanischen Krieges nach Seeland zurückzog nnd am löten Jnni 1575 im 64sten Jähre seines Alters zu Middelburg starb. Fünf Monate vor seinein Tode hatte er seine in lateinischer Sprache verfaßte Beschreibung von Holland beendigt, die aber erst dreizehn Jahre nach seinem Tode, i. I. 1588 in der Plantinischen Offizin zu Levden im Drucke erschien. In diesem Bnche erzählt er nun: — vor hundert acht und zwanzig Jahren, also von 1575, an rückwärts, i. I. 1447, habe zu Haarlem in einem sehr schönen Hause auf dem Markte, dem königlichen Pallaste gegenüber, Lorenz, Sohn von Johann gewohnt, welcher den Beinamen Küster von sci.ier Familie geführt, die dieses einträgliche Ehrenamt (!!!) erblich an sich gebracht hätten. Dieser habe einst auf einem Spaziergangc in einem nahe gelegenen Gcbölze zu seiner Unterhaltung aus Buchen rinde einige Buchstaben geschnitten, mit denen er nachher, als er sich ihrer verkehrt geschnitten, wie eines Pctt- schasts bedient, einige Zeilen gedruckt, um den Enkeln seines Schwiegersohnes zu einer Vorschrift zu dienen. Als ein er- findsamer Kopf sey er dadurch auf höhere Ideen gekommen und habe mit. seinem Schwiegersohne Thomas, Sohn von Peter, zuerst eine dickere und haltbarere Dinte erfunden, hierauf ganze Blätter mit Bildern gedruckt, welchen er Schriftsätze beigefügt. Das erste in der Muttersprache von ihm gedruckte, von einem unbekannten Verfasser geschriebene Buch habe den Titel: der Spiegel unsers Heils geführt. 11» 164 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. Diese buchenen Formen habe er nachher in bleierne, und später in zinnerne verändert, um sie dauerhafter, stärker und weniger nachgiebig zu machen. Aus dem, was von diesen Buchstaben übrig geblieben, habe man in der Folge Weinflaschen gegossen, die noch in jenem alten Lorenz'schcn Hause zu scheu seyen. Unter seinen Gehülfen habe sich ein gewisser Johann, sey es nun, daß er, wie man vermuthet, den heillosen Nameu Faust geführt, weil er seinem Herrn die Treue gebrochen, oder daß er ein Anderer, dieses Namens gewesen: genug, dieser, als Drucker beeidigt, habe, nachdem er sich eine hinreichende Kenntniß der Verbindung der Buchstaben, - der Art sie zn gießen und was sonst noch dahin gehört, verschafft, den günstigen Augenblick der Christnacht, wo alle Menschen dem Feste der Geburt Christi beigewohnt, benutzt, sich in das Arbeitshaus geschlichen, alle Werkzeuge, die sein Herr so künstlich zn Stande gebracht, aufgepackt uud mit dem Raube davon gegangen. Zuerst habe er sich «ach Amsterdam, hierauf nach Cöln und von da nach Mainz begeben, wo er, als anßer dem Pfcilschnssc, in einer offenen Werkstätte die Früchte seines DicbstahlS eingeerndtet habe. Wenigstens sey es gewiß, daß er in dem darauf gcfolgteu Jahre 1442 («io.) mit den nämlichen Buchstaben, deren sich Lorenz zu Haarlem bedient, als Erstgeburt das Doctrinal von Alerandcr Gallus, eine damals geschätzte und sehr im Gebrauch gewesene Grammatik, ferner den Traktat von Peter Hispanus gedruckt habe. „Dieß ist," fährt der Lügenapostcl fort, „was ich von glaubhasten alten Männern, — vermuthlich ein Druckfehler, und soll heißen: von alten Weibern, — gehört habe, welche dieses von Mund zu Mund gleich einer brennenden Fackel weiter trugen. Auch noch Andere haben mir das Nämliche erzählt und bezeugt. Ich erinnere mich, daß mir mein Lehrer Niklas Gal, ein Mann von eisernem Gedächtnisse nnd achtbar durch seine weißen Haare, erzählte, daß er als Knabe mehr als einmal von einem gewissen Cornelis, einem achtzigjährigen Greise, welcher als Buchbinder in Lorenzcus Offizin gestände,?, Erfindung der Buchdruckerkunst. 165 diesen ganzen Vorgang und selbst die Art der Erfindung, wie sie ihm von seinem Herrn mitgetheilt worden sey, vernommen, nnd so oft ihm der Alte diesen Diebstahl erzählet, sey er durch dessen Abschenlichkeit so ergriffen gewesen, daß er unwillkühr- lich Thränen vergossen habe. Der Alte habe sich gewöhnlich wegen dem, durch diesen Ranb ihm entzogenen Ruhm so entrüstet, daß er gern das Amt des Henkers übernommen hätte, wäre der Dieb noch am Leben gewesen ?c. Die nämliche Erzählung habe ihm der Bürgermeister Quirin Talcsins gemacht, und ihn versichert: daß er beinah das Nämliche aus dem Muude dieses Buchhändlers vernommen hätte." Zum Schlüsse fügt Junius noch hinzu: „er glaube wohl, tauben Ohren zu predigen; wie dem aber auch seyn möge: so sreuc es ihn, dem Andenken des Erfinders und dem Ruhme seiner Stadt nach Kräften genutzt zu haben." Der ganze Ranm dieses Buches würde kaum hinreichen, wollten wir hier alle die Lügen, PZidcrsprüche und Albernheiten einzel bezeichnen, aus welchen diese ganze Erzählung zusammengesetzt ist. Selbst der Name des angeblichen Haar- lemer Erfinders ist untergeschoben, und es hat sich bei näherer Untersuchung sogar herausgestellt, daß es nie einen Knster Lorenz Johannessohn oder Janszoon in Haarte m gegeben hat. Gleichwohl hat dieses Mährchen 4V Jahre nach Junius einen Bertheidiger an dem Haarlcmcr Scriver gefunden, welchem später die gelehrten Holländer Borheim Seitz, Meermann und, bei Gelegenheit der j. I. 1856 von der gelehrten Gesellschaft zn Haarlem ausgeschriebenen Preisfrage über die Kuster'sche oder holländisch: Costcr'sche Erfindung, der dortige Gcrichtsschreiber Koning folgten, welcher letztere auch den ausgesetzten Preis von 50 Dukaten erhielt. Endlich erkannte die Stadt Haarlem im Jahr 18ZZ durch eine Jubelfeier ihrem Knster Lorenz Jans- zoon förmlich und feierlich die Erfindung der Buchdruckcrkunst zu. Gleich nach dem Säkularfestc trat ein, wegen seiner Kenntnisse und literärischer Bildung allgemein geachteter deut- 166 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. scher Gelehrter, Bibliothekar Ebert in Dresden, als Sachwalter der Haarlemer auf, baute aber, wie alle seine genannten Vorgänger, seine Vertheidigung auf Conjectnren, welche durchaus nicht als Beweisgrunde für diese Sache gelten können. — Keiner der holländischen Schriftsteller des l5ten Jahrhunderts, die bereits über die Literatur ihres Vaterlandes ein so großes Licht verbreitet, und Keiner der älteren Geschichtschreiber Hollands, die bis zum Jahr 1555 gehen, redet ein Wort von der Haarlemer Erfindung. Selbst die des 16ten Jahrhunderts erwähnen derselben mit keiner Sylbe; eben so wenig Karl von Mand er, der wenige Jahre nach Junius, im Jahr 1583 zu Haarlem seine Geschichte der Holländischen Künstler schrieb, die er 160Z im Druck erscheinen ließ. Er würde aber des großen Erfinders der Buch-- druckerkunst, des Formschneiders und Buchdruckers Lorcnz von Häarlem gewiß nicht vergessen haben, hätte er oder sonst Jemand etwas von demselben gewußt. Selbst Jakob von Jonghe, der Karl von Manders Künstlcrhistorie wieder neu herausgab, sagt in einer Note: „daß man dem Küster Lorenz die Ehre der Erfindung der Buchdruckerkunst in Holland und selbst in Haarlem bestreike und behaupte, er habe nie allda gelebt." — Das allgemeine Schweigen aller alten Schriftsteller Hollands und besonders seiner Geschichtsschreiber über die Erfindung der Buchdruckerkunst in Haarlem, zu einer Zeit, wo alle Geschichtschreiber sie der Stadt Mainz zuschrieben, ist gewiß der schlagendste und entscheidendste Beweis gegen die Haarlemer Ansprüche, die indessen auch die Mainzer Gelehrten nicht unwiderlegt ließen. Daß sie die Ehre ihrer Vaterstadt nicht schon in früherer Zeit in Schutz genommen, davon haben wir die Hauptnrsachen schon weiter oben angeführt. Später haben sich aber die Umstände geändert und die Archive den Gelehrten zum Behuf ihrer historischen Untersuchungen geöffnet. Als nun ein gewisser Loosjes die Haarlemer Anmaßungen im Jahr 1824 in einem 456 Seiten starken Buche abermals aus einander setzte und dasselbe sogar mit dem schön gestochenen, Erfindung der Buchdruckerkunst. 1L7 angeblichen Portraite Lorenz Eosters zierte, von welchem man weiß, daß es das Bildniß eines spanischen oder hollandischen Inquisitors und Doktors der Theologie, Namens Tapper ist, übernahm es Bibliothekar und Professor Lehne in Mainz zuerst, die Gaukeleien und Far?cn der Haarlemer in einer Flugschrift «ach Verdienst , zu würdigen Im Jahr 1831 erschien dann das, durchaus auf Urkunde» gegründete, und in seiner Art klassische Werk: „die Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johann Gcnsflcisch, genau ut Gutenberg zu Mainz" von I)r. A. C. Schaab, ältestem Nichter an großherz, hessischem Kreisgerichtc daselbst, welcher seiner Vaterstadt durch die uuwidersprechlichsteu, aus den Archiven geschöpften urkundlichen Beweise, die Ehre dieser großen Erfindung vindicirlc und alle Anmaßungen der Stadt Haarlem und ihrer gelehrten Gesellschaft siegreich niederschlug. Er begann mit der Zergliederung der Junius'schen Erzählung, zeigte von Satz zn Satz die albernen Lügen und Widersprüche, die sie enthält nnd aus denen sie zusammengestöppelt, und machte zugleich ihre Vertheidiger durch die triftigste» Beweise der Nichtigkeit aller ihrer dafür angeführten Gründe a»f ewig verstummen. tz. 66. Durch dieses treffliche Werk wurden zugleich auch die Ansprüche Strasburgs beschwichtigt. Sie waren indessen bei Weitem nicht so leer und anmaßend als die der Stadt Haarlem, und beschränkten sich blos auf die, daß Gntcn- » berg die Buchdruckerknnst in dem Dccennio von 1434 bis 1440 zu Strasburg erfunden hccbe. Urkunden beweisen, daß er in jener Zeit daselbst wirklich gelebt, sich mit Stcinschncidcn, Steinschleifen, Spiegelpoliren und anderen Künsten beschäftigt, und den Andreas Drit- zehen, Johann Riffe und Andreas Heilmann gegen Entrichtnng einer Summe Geldes zu Mitarbeiter augenommcn habe. Diese dringen so lange in ihn, bis er ihnen auch seine 1K8 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. Versuche, Bücher mit beweglichen Buchstaben zu drucken, entdeckt. Im Jahr l4Z8 stirbt Andreas Dritzchen Sobald Gutenberg dieß erfährt, schickt er seinen Diener Lorenz Bcildcck zn des Verstorbenen Bruder Niklas Dritzehen und läßt ihm sagen: „Andres Dritzchen uwcr Bruder selige hat vier stücke und cinan in einer pressen ligen, da hatt uch Hanus Gutenbcrg gebetten, daß ir die darusz nemcut und uf die presse legen t von einander so kan man nit gesehen, was das ist." Nun will Georg Dritzehen statt seines verstorbenen Brnders in die Gesellschaft; und als er nicht angenommen wurde, fordert er von Guteubcrg gerichtlich den Aufwand zurück, den sein Bruder gemacht. Es werden Zeugen abgehört, in deren Aussagen deutlich von Zerlegung der Presse, vom Bleikaufe, von Formen, vom Drucken :c. Meldung geschieht. Dennoch bleibt die Kunst unerforscht; und nach beigelegtem Handel setzt Gutenberg die Gesellschaft mit Riffen und Heilmann bis zum Jahr 1445 fort, von welcher Zeit an er aus den Urkunden verschwindet, und um 1.450 wieder in seiner Vaterstadt Mainz gefunden wird. Indessen führt Schöpflitt 5) mehrere Bücher an, die von Guteubergs Gehülfen und Nachfolgern zu Strasburg gedruckt seyn solle», als: Vests, Onristi. XI Blätter in 4. — S olil o qui u m Ilngonis, in 4. — ve Mss» liber. XXVIII in 4. — ve .1u>1»eoi'um et Oliri'stiiuwruiu Oommunione. kl. Fol. — Ilen- rioi 6e Ilassia exzwmtio «vper vomim'oum Or-ttionem. XV Blätter, kl. 4. — Oonsnetuilines renclornw. Fol. — Psalterium latiinim. 12. — Allein kcius von diesen Werken ist mit dem Druckort und dem Drnckjahr bezeichnet. Nur Eius, welches er ausser denselben noch anführt: leider 6e mi.«er!t kumniia vomlioionis eto. trägt das Jahr 1448. Allein dieß ist nicht das Drnckjahr, sondern das Jahr der gemachten Abschrift des Traktats, welches der Drucker von dem Titel I.) F. v. 8cli<>i>51in. Vimlie. I^inxr.ipli. ^ixentor. 7760. , Erfindung der Buchdruckerkunsi. 169 nicht weglassen wollte. Gesetzt aber auch, es wäre das Druckjahr, so konnte, da kein Druckort angegeben, diesen Traktat Gutenberg eben so leicht in Mainz gedruckt haben. Das erste Buch mit gedruckter Datirung, welches zu Straß-' bürg erschien, ist das vooretum «r-tti-ini aus der Offizin von Heinrich Eggestein von 1471, also von einer Zeit, vor welcher nicht allein Mainz, Augsburg und Nürnberg, sondern auch schon Rom, Venedig und Mailand ihre gewisse typographische Produkte aufweisen konnten. Mainz prangt mit einem solchen, der 42zeiligen Bibel, aus Gutenbergs und Fusts Druckerei, sogar schon von 1456.^) Da nun aus den von Schöpflin mitgetheilten Urkunden erhellt, daß Gutenberg in Straßburg wirklich mit der Errichtung einer Druckerei beschäftigt gewesen, man aber durchaus keiu Druckwerk mit einiger Bestimmtheit aufweisen kann, das aus seiner dortigen Presse hervorgegangen, und diese selbst, wie man aus den weiter unten angeführten Zeugenaussagen ersehen wird, nach Andreas Dritzehens Tode nicht einmal mehr vorhanden war; so geht aus Allem hervor, daß'Gntenberg in Straßbnrg versucht, seine große Erfindung auszuführen; daß ihm dieses dort mißlungen, in Mainz aber von ihm glücklich zu Stande gebracht wurde. — Auf mehr als die ersten Versuche Gnten- bergs, seine große Idee, die ihn gewiß schon viele Jahre beschäftigt, in Straßburg in Ausführung zu bringen, kann also die Stadt keinen Anspruch, und eben so wenig als die Stadt Haarlcm, die Erfindung der Buchdrnckcrknnst der Vaterstadt ihres großen Erfinders streitig machen. — Diese Erfindung ist in jeder Beziehung zu wichtig, und zu genan mit der Geschichte ihres Urhebers und seiner beiden Gehülfen in Mainz, Johann Fust und Peter Schöffer verwebt, als daß die Kenntniß der Fanülicnverhältnisse dieser drei ersten Typographen in der Welt nicht ebenfalls von wesentlichem Interesse für uns seyn sollten. Wir verbinden darum eine kurze Schilde- 1.) S chaab a. a. O. ir Thl. S. 228 u- 233. / 170 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. rung derselben zugleich mit der Geschichte der Erfindung ihrer Kunst. - S. 67. Johannes Gutenberg, der wahre Erfinder der Buchdrnckerknnst, stammte aus einem sehr alten mittelrhcini- schen, stiftsfähigen und ritterlichen Patrizicrgeschlechte der Stadt Mainz. Aus einem, ehemals in dem Archive der Familie zum Jungen in Frankfurt aufbewahrten Dokumente weis man, daß Friele — Friedrich — zum Gens fleisch sein Vater, und Elfe zn Gntenberg seine Mutter gewesen, daß er einen Brndcr gehabt, der ebenfalls Friele geheißen und zu Eltville im Rheiugau gewohnt. Daß die Stadt Mainz unseres Gutenbergs Geburtsstadt war, ersieht man aus den, der ersten und zweiten Auflage der iu den Jahren 1468 und 1472 aus Peter Schöffers Officin hervorgegangenen Institutionen Justinians, so wie den Decretalen Gregors IX. vom Jahr 1473 beigedruckten lateinischen Versen, wo es heißt: „Welche beide Johannes — nämlich Johann Gutenbcig und Johann Fust — die Stadt Mainz geboren hat." Ueber die Epoche seiner Geburt fiudet man nirgends eine genaue. Auskuuft; sie wird von den Gelehrten allgemein in die letzten Jahre des I4ten Jahrhunderts und v. Rotteck in das Jahr 1397 gesetzt. Ob Gntenberg in seinem väterlichen Familienhofe zum Gensfleisch, oder in seinem mütterlichen zum Gutenberg das Licht der Welt erblickt habe, ist eben so ungewiß, als von wem er seinen Jugend- untcrricht erhalten. Ans einer ungedruckten, von Schaab zuerst bekannt gemachten Urkunde vom Jahr 1Z32 erhellt, daß Friele Gcnsfleisch Stammvater der beiden Gens- fleischischcn Familienzweige, in seinem Hofe zum Genöfleisch, nach der damaligen Sitte der adeligen Patrizierfamilien einen „K indervfassen" gehalten. Unser Gntenberg hat demnach wahrscheinlich seinen ersten wissenschaftlichen Z.) Carl v. Rotreck's allgem. Gesch. 8te Äufl, 5r Bd. S. 2^k, Erfindung der Buchdruckerkunst. 171 Unterricht ebenfalls von einem selchen Hansgcistlichen erhalten. Die Familie Gensfleisch war unter den adeligen Patriziergeschlechtern der Stadt Mainz, zu denen sie vier Jahrhunderte lang gehörte, eine der angesehensten. Es läßt sich nicht genau bestimme«, wann der erste Gensfleisch sich in Mainz niedergelassen. Der Pilger in dem Wappen dieser Familie läßt vermuthen, daß Einer derselben den Erzbischof Conrad I. schon auf seinem ersten Krenzzuge im Jahr 4196 nach Palästina begleitet habe; wenigstens haben mehrere, andere Patrizier, die ihm auf seinem Krenzzuge dahin gefolgt, das Andenken an denselben auf ähnliche Weise in ihren Fa- milicnwappen verewigt. Einer der Merkwürdigsten unter den Gensfleischen war der oben erwähnte Friele, der geachtetste und gefürchtetste Patrizier der mächtigen freien Stadt Mainz, dessen großer Hof zum Gensfleisch zur Zeit der bürgerlichen Unruhen i. I. 1332 der Sammelplatz der mißvergnügten Adeligen war, an deren Spitze er sich selbst stellte. Er theilte sein ausehn-, lichcs Vermögen unter seine beiden Söhne Petermann und Claus, von welchen der Erste die Hanptlinic sortsetztc, Claus aber eine neue gründete, von welcher die Abkömmlinge in der vierten Generation im Jahre 1432 und 1435 sich nach dem Namen eines in Mainz besessenen Hauses, von Sorgenloch oder Selgenloch nannten, welchen Namen sie dem Gensfleisch vorzusetzen pflegten nnd sich demnach von Sorgenloch oder Selgenloch, genannt Gensfleisch schrieben. — In der Hauptlinie gründete Petermanns Sohn Friele eine Seitenlinie, die sich zur Laden nannte, von einem eben so genannten Hause in Mainz, das ihm von seiner Gattin, einer Grcde Gelthn-ß vom jungen Aben zur Laden in die Ehe gebracht worden war, — Ein anderer Friele, Enkel von Petermaun, welcher die Elfe zu Gutenberg zur Frau hatte, gründete den Gensfleisch- Gutenbergischen Stamm, der mit seinen Söhne Friele 172 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. und Henne— Johann —wieder erlosch. Dieser Zweig blühte durch drei Generationen an Hundert Jahren, blieb stets im Besitze des Familienstaimnhofcs zum Gensfleisch, und keiner dieser Linie setzte je seinem Familiennamen den von Sorgenloch bei. Nach dem Ansstcrben dieser Linie blüthe die Sorgenloch-Gensfleischische noch durch sechs Generationen fort; und dieses späte Erlöschen derselben veranlaßte, daß man sie, obgleich sie die jüngste war, in den neueren Zeiten für den Hauptstamm gehalten hat. Dieß das Wesentlichste von Gutenbergs Fa- milienverhältnissen. Ein allgemeiner sehr ernster Aufstand der Mainzer Bürger gegen die dortigen adeligen und Palrizicrgcschlechter zwang die letztern im Jahre 1420, entweder auf ihre alten Freiheiten und Vorrechte zu verzichten, oder die Stadt zn verlassen. Sie wählten das Letzte, und begaben sich theils auf ihre Güter, theils in andere Städte in der Nähe und Ferne, um dort eine ihnen günstige Aenderung der Dinge zu erwarten. Auch die Gensflcischische Familie wanderte aus und mit ihr unser Gutcnbcrg, Obwohl man aber anS verschiedenen Umständen snit Wahrscheinlichkeit schließen kann, daß er sich mit seinen Aeltern und seinem Bruder Frielc nach Eltville in das Rheingau begeben, so hat man doch hierüber keine völlige Gewißheit, und es herrscht sowohl über seinen Aufenthalt daselbst als über sein damaliges Treiben ein tiefes Dunkel. Friedliebend und still verband er mit einem scharfsinnigen und unternehmenden Geiste eine große Neigung zu mechanischen Künsten, und hatte sich in mehreren derselben nicht gemeine Kenntnisse erworben. Zn einer Zeit, wo es einem Adeligen fast zu einer Schande gereichte, wenn er schreiben konnte, setzte er sich über die Vor- urtheilc seines Standes weg und beschäftigte sich am liebsten mit mechanischen Arbeiten, wobei er sich so beruhigt fand, daß er sogar im Jahre 1430 nicht die mindeste Lust zeigte, in seine Vaterstadt znrück zu kehren, als der Erzbischof Con- rad III.' eine Uebercinkuust zwischen den adeligen und bürgerlichen Geschlechtern der Stadt Mainz abgeschlossen, worin Erfindung der Buchdruckerkunst. 173 ihm die besondere Auszeichnung wurde, namentlich unter jenen Ausgewanderten genannt zu werden, welche das Recht hätten, in ihre Stadt zurückzukehren. Wahrscheinlich schwebte ihm schon damals die große Idee vor, die er einige Jahre später in Straßbnrg auszuführen versuchte. Die Zeit, wann er daselbst angekommen, läßt sich nicht genau bestimmen. Daß er sich aber am 23. April 1434 bereits dort befand, bezeugt ein von diesem Tage datirtcr, öffentlicher Akt, dnrch welchen er den Mainzer Stadtschreiber, den er wegen der ihm von Mainz rcstirenden Zinsen hatte verhaften lassen, seines Arrestes und des ihm gethanen Gelöbnisses entläßt. Gutenbcrg war iu Straßburg blos Hintersaße, wurde aber zu den adeligen Einwohnern gezählt, die man damals Konstabler nannte. Gleichwohl finden wir ihn dort fortwährend mit verschiedenen mechanischen Künsten beschäftigt, durch deren Ausübung er sich warscheinlich eine Quelle zn seinem Unterhalte verschaffen wollte. Entfernt von semer Familie und seiner Baterstadt und ohne ein, zur Ausführung seiner großen Idee hinreichendes Einkommen, befand er sich stets in Geldverlegenheit, zu deren Abhülfe er die Mittel in seinen Talenten suchte. Man wußte, daß er sich mit verschiedenen Künsten beschäftigte, die er geheim hielt. Im Jahre 1436 bat ihn Audreas Dritzehen, ein wohlhabender und angesehener Bürger Straßbnrgs, mit dem er in freundschaftlichen Verhältnissen stand, ihn einige dieser Künste zu lehren. Gutenberg entsprach seinem Wnnsche, und lehrte ihn edle Steine schleifen und Spiegel zn poliren, woraus Dritzehen einen bedeutenden Gewinn gezogen haben soll. In dem darauf folgenden Jahre wurde Gutenberg von einem adeligen Fräulein, Anna zu der eisernen Thüre, der letzten ihres Geschlechts, wegen eines angeblich ihr gethanen Ehevcrsprechens bei dem bischöflichen Richter zu Straßbnrg verklagt. Da die Klägerin nachher in dem Straßbnrger Pfcnnigs-Zollbnche unter dem Namen Ennel G utenberg er vorkommt, so ist zn vermuthen, daß er sich mit ihr vermählt. 174 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. obgleich sich nirgends eine Spur findet, daß er mit ihr gelebt habe. Ungefähr um dieselbe Zeit errichtete Gutenberg mit Johann Riffe, einem Richter zu Lichteuau über dem Rhein, zur Betreibung seiner Kunst, „aus der man auf den Messen zu Aachen Nutzen zieheil könne," einen Gesellschaftsvertrag zufolge dessen Gutenberg zwei Theil und Riffe einen Theil des Nutzens genießen sollte. Als Dritzehen hiervon Kenntniß erhielt, bat er Gutenberg, ihn ebenfalls in die Gesellschaft aufzunehmen. Um dieß Nämliche bat ihn auch ein gewisser Anton Heilinann für seinen Bruder Andreas. Gutenberg war es zufrieden und es wurde festgesetzt: daß er von dem Gewinne zwei Theile, Riffe einen Theil, Dritzehen und Heilmanil aber zusammen einen Theil und die beiden Letzteren gemeinschaftlich dafür, daß er diese Kunst sie lehre, 160 Gul- deu bezahlen sollten, welches auch geschah. — Während sich aber diese Reise zur Messe nach Aachen um ein Jahr verzögerte, entdeckte Dritzehen uud Hcilmann, daß er sich noch mit anderen Künsten beschäftige, und drangen in ihn, sie solche alle zu lehren, und keine für sich allein zu behalten. Gntenberg war diesem Verlangen ebenfalls nicht entgegen und forderte dagegen, daß sie ihm nebst den schon bezahlten 160 Gulden, noch 250 Gulden und zwar Jeder sogleich baar 60, die übrigen 200 aber in bestimmten Terminen bezahlen sollten. Nachdem hierüber ein neuer Gesellschaftsv ertrag auf fünf Jahre geschlossen war, bezahlte Heilmann seine 50 Gulden sogleich, Dritzehen aber nur 40 Gulden abschläglich, so daß nach seinem zu Ende des Jahrs 1438 noch der Rückstand mit 10 Gulden und die Hälfte der 200 mit 100, also im Ganzen 110 zu bezahlen waren. Statt des Verstorbenen verlangte nun dessen Bruder Georg Dritzehen, daß Gntenberg entweder ihn um seinen Bruder Niklas in die Gesellschaft aufnehmen, oder ihnen das von seinem Bruder dazu geschossene Geld zurückbczahlen solle. Als Gutenberg das Erste verweigerte und hinsichtlich des Erfindung der Buchdruckcrkunst. 175 Letzteren behauptete, daß er von dem, was er von ihrem verstorbenen Bruder empfangen, nur noch 15 Gulden herausznbezahlcn schuldig sey, kam es zwischen ihm und den Gebrüdern Dritzehen zu einem Prozesse, in welchem bei dem großen Rath in Straßburg, bei welchem derselbe anhängig gemacht war, siebenzchn Zeugen abgehört wnrden. Die Akten dieses in Beziehung aus Miseren Zweck höchst merkwürdigen Prozesses haben sich mit dem Protokolle des großen Rathes bis auf unsere Zeit erhalten, und sind von dem Elsassischcn Geschichtsforscher Schöpft in in seinen Vinllioiis 'rvsioZr. zuerst bekannt gemacht worden. Sowohl die Klage der Gebrüder Dritzehen und die Antwort des Beklagten, als die Aussagen verschiedener Zeugen verbreiteten über die früheste Epoche der Erfindnngsgeschichte der Bnchdruckerkunst ein zu großes Licht, als daß wir nicht das Wesentlichste daraus hier mittheilen sollten. Außerdem, was wir bereits von der Klage der Gebrüder Dritzehcn wissen, führen sie in derselben auch an, daß ihr verstorbener Bruder an mehreren Orten, wo sie Blei und Anderes, was zu ihrem Gewerbe gehört, gekauft, dafür Bürge geworden, was er anch bezahlt hätte. Hierauf antwortet Gntenberg: „daß unter den Gesellschaftern in einem versiegelten Briefe oder Zettel ausdrücklich bedungen worden, daß wenn einer von ihnen während der fünfjährigen Dauer der Gesellschaft mit Tod abgehe, alles Geschirr und gemachte Werk den Anderen verbleiben und des Verstorbenen Erben nach Ausgang der Kontraktszeit nur huudert Gulden dafür erhalten sollten. Er habe den verstorbenen Andreas Dritzehen solche Kunst gelehrt, deren er sich bis an seinen Tod gerühmt, und brauche also, nach Abzug der ihm von demselben noch schuldigen 85 Guldeu, dessen Erben nur noch 15 Gulden zu bezahlen, so seyen die 100 Gulden entrichtet. Uebrigens habe Andreas Dritzehen sich nirgends für Blei für ihn verbürgt." Unter den Zeuge» erklärt die Ehefrau des Lorenz Schultheiß: „Gutenbergs Bedienter Lorenz Beildeck 176 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. sey zu ihrem Vetter Niklas Dritzehen gekommen, und habe ihm gesagt: Euer verstorbener Bruder Andreas hat vier -Stück in einer Presse liegen. Gntenberg bittet Euch, solche aus derselben zu nehmen und sie auseinander zu legen, damit Niemand wissen könne, was es sey, denn er habe nicht gern, daß dieß Jemand sehe." Das nämliche erklärte auch der Mann dieser Frau und fügte.hinzu: „Niklas Dritzehen habe die Stücke gesucht, aber nicht gefunden.^ Damit trifft auch die Aussage eines anderen Zeugen, des Conrad Sahspach, Verfertiger von Gutenbergs Druckerpresse, übereiu, welcher erklärte: „Andreas Heilmann sey in der Krämergasse zu ihm gekommen, und habe ihm gesagt: der Andreas Dritzehen ist todt, du hast die Presse gemacht nnd weißt um die Sache; gehe also hin, nehme die Stücke aus der Presse und verlege sie von einander; alsdann weiß Niemand, was es ist. Da er nnn ans vergangenen St. Stephan's Tag dieß habe thu» wollen, so wärc'das Ding weg gewesen." Gutcnbcrgs Bedienter, Lorenz Beil deck erklärte: daß ihn sein Herr nach Andreas Dritzchens Tode zu dessen Bruder Niklas geschickt, ihm zu sagen, daß er die Presse, die er bei sich hätte, Niemanden zeige, was er Zeuge auch gethan habe; daß er denselben ferner gebeten, an die Presse zn gehen um die zwei Schrauben zu öffnen, wodurch die Stücke von selbst aus einander fallen würden; er möge sie dann nur in oder auf die Presse legen, und so könnte Niemand etwas sehen oder errathen." Anton Heilmann, als von Gutenberg anfgeführter Gegenzeuge, erklärte: „daß er wohl wisse, daß Gntenberg kurz vor Weihnachten seinen Bedienten zu den beiden Andreas geschickt habe, alle Formen zu holen; sie wären unter seinen Augen zerlegt worden, wo er etliche fehlerhast gefunden. Da er (Zeuge) nach Andreas Tode wohl gewnßt, daß die Leute die Presse gern gesehen hätten, so habe - Erfindung der Buchdruckerkunst. 177 Gutenberg gesagt, sie sollten Jemanden nach der Presse schicke», er fürchte, daß man sie sehe, und habe seinen Diener hingeschickt, nm sie zu zerlegen " Der Goldschmied Johann Düne erklärte als Zenge, „daß Gutenberg ihn vor beiläufig drei Jahren bei hundert Gulden habe verdienen lassen, blos für Sachen, welche zum Drucken gehörten," Ein anderer Zeuge, Midehart Stock er, sagt uns von Andreas Dritzchen die Worte gehört zu haben: „Helfe ihm Gott, daß das gemachte Werk in der Gemeinschaft vertrieben — verkauft — würde, so hoffe und traue er, aus allcu seinen Nöthen zu kommen." Dieß das Wesentlichste der Zeugenaussagen vor dem großen Rathe zn Straßburg. Durch das am 1?, Dezember 1439 erfolgte Urtheil wurde dem beklagten Gntenberg sein Antrag richterlich zuerkannt, ihm aber und seinen Gesellschafter Rieffe uud Heilmann auferlegt, die Wahrheit des eingegangenen Vertrags durch eiuen Eid zu bekräftigen; auch solle Gutenberg noch besonders schwören, daß ihm die erwähnten 85 Gulden von den Verstorbeneu nicht seyen bezahlt worden. Aus den Erklärungen sowohl der Kläger und des Beklagten, als der Zeugen, geht nun hervor: 1) die Bestätigung alles dessen, was wir von den geheimen Beschäftigungen Gn- tenbergs in Straßburg und den Verhältnissen zwischen ihm und seinen Gesellschaftern bereits oben erzählt haben. 2) Daß Gutenberg sich von Conrad Sahspach eine Buch- drnckerpresse habe verfertigen lassen, die in Andreas Dritzehcn's Wohnung aufgerichtet gewesen, und daß in derselben vier Stücke gelegen, die durch zwei Schrauben zusammengehalten worden seyen, so, daß wenn man diese öffnete, die vier Stücke dergestalt aus einander fielen, daß man nicht mehr erkennen konnte, was es vorher gewesen; daß endlich Gutenberg nach Andreas Dritzehcn's Tode ängstlich besorgt gewesen, es möge Jemand diese Stücke sehen, und daher Alles aufgeboten habe, dieses so geschwind als möglich durch Zerlegung 12 178 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. derselben zu verhindern. Aus dem Zerfallen in vier einzelne Stücke erkennen wir aber 3) deutlich den Gebrauch von Setzbr eitern und h i n eing esctzten Buchstaben, folglich die ersten Elemente der Bnchdrnckcrkunst, welche demnach Gutcnberg nicht mit hölzernen Tafeln, sondern durch Aneinanderreihung beweglicher Buchstaben ausgeübt und folglich der einzige Erfinder und Leiter des ganzen Werks gewesen sey. 4) Läßt sich daraus, daß derselbe Sachen, die zum Drucken gehörten, durch einen Goldschmied verfertigen ließ, so wie aus der Erwähnung des Bleikanfes in Drit- zehens Klage mit großer Wahrscheinlichkeit schließen, daß Gutcnberg sich schon beweglicher Buchstaben ans Blei bedient habe, indem er solches zu seinen übrigen erwähnten Künsten, dem Steinschleifen und Spicgelpolircn nicht brauchen konnte, und der Goldschmied Düne ausdrücklich erklärt, daß er für zum Drucken gehörige Sachen an hundert Gulden bei ihm verdient habe. Wo und wodurch Gutcnberg zuerst aus die Idee seiner großen Erfindung geleitet wnrde, ist nicht bekannt. Vielleicht wurde dieselbe durch das Anschauen der schönen Aufschriften der in Mainz und der Umgegend häufig ausgegrabenen römischen Gefäße in ihm erweckt; vielleicht mich durch den Anblick seines Siegelrings, wahrscheinlicher durch die von Formschueidern in Holztafeln eingcschnittcnen Buchstaben. Schaab vermuthet, daß er zuerst seine hölzernen Tafeln in einzcle Buchstaben zerschnitten habe; und diese Vermuthnng wird durch Daniel Speckltn, welcher, nach seiner Straßburger Chronik, solche Buchstaben gesehen, gewissermaaßcn bestätigt. Er sagt von ihnen: „sie wareiz von Holz geschnitten, und ganze Worte und Sylbe» hatten neben Löchleiu, daß man sie mit einem Drat oder starken Faden konnte zusammen fassen." Das Ausschneiden und der Gebrauch solcher Bnchstabcn aus hölzernen Tafeln hatte große Schwierig- Erfindung der Buchdruckerkunst. 279 keiten. Sie mußten gleiche Höhe haben, damit jeder sich abdrucke, und mußten auch von gleicher Dicke und Breite seyn, um bei ihrer Zusammensetzung zu passen und in ihrer Richtung bei einander zu bleiben. Der durch die Löcher gezogene Drat oder Faden konnte sie unmöglich so vest zusammenhalten, daß sie dem Druck der Presse widerstehen und bei langen Seiten alle Wörter sich gehörig abdrucken konnten. Nach vielen fruchtlosen Versuchen mußte sich Gutenberg auch überzeugen, daß er durch das Einfädeln der Buchstaben nicht zum Zweck gelangen konnte, und verfertigte darum, wie wir aus den Zeugenaussagen vernahmen, mit Schrauben versehene Rahmen, um in denselben die einzelen Buchstaben vester zusammen zu halten. Von den hölzernen Buchstaben verfiel er auf bleierne. Aber diese vermochten dem Druck der Presse noch weniger zu widerstehen, da sie noch weicher waren als jene. Alle diese Versuche, die ihu gewiß mehrere Jahre beschäftigt, waren unzureichend, den Druck eines auch nur kleinen Buchs zu Stande zu bringen. Auch hat Strasburg von allen diesen, dort gemachten Versuchen nicht ein einziges Druckfragment aufzuweisen, wie denn die Zeugenaussagen in Dritzehen's Prozesse keine Spur verrathen, daß auch nur ein Blättchen mit der von Gutenberg errichteten Presse in Strasburg gedruckt worden sey. Nach dem, von dem großen Rathe zu Strasburg gefällten Urtheil vom 12ten Dezember 1439 sollte die Gesellschaft zwischen Gutenberg, Rieffe und Heilmann bis zn dem Ablauf des fünfjährigen Kontraktes noch fortbestehen, welcher demnach erst mit dem Jahr 1443 zu Ende ging Es ist aber nirgends auch nur eine Andeutung zu finden, was aus dieser Gesellschaft geworden, wohin die Presse und die bei Andreas Dritzehen's Tode in derselben gelegenen vier Stücke gekommen. Alles war spurlos verschwunden, und Strasburg kann auch durchaus nicht mit einiger Sicherheit irgend ein Werk, mit oder ohne Datnm, nachweisen, das nachher noch von dieser Gesellschaft gedruckt worden wäre. Das erste in Strasburg IS* 180 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. erschienene Werk mit gedruckter, also sicherer Datirung, ist, wie oben schon erwähnt wurde, das veoretum ke-ui-mi, nebst den Ooustit. oiementis V, beide durch Eggestein, im Jahr 1471 gedruckt, nachdem schon 1457 Gutcnbergs 42 zeilige Bibel in Mainz erschienen war. Der Tod Andreas Dritzchen's und die dadurch veranlaßte Räumung des Hauses, in welchem sich die Presse befand, der Prozeß mit dessen Brüdern und Mangel au Geld und Unterstützung mußten Guteubcrg jede Leistung unmöglich macheu. Was er in Strasburg unternahm, waren blos mißlungene Versuche, seine Erfindung auszuführen. Wäre aber Strasburg auch wirklich die Wiege derselben, so wäre es, nach Schaab's treffendem Ausdrucke, doch immer nur eine Wiege ohne Kind. Gutenberg befand sich nicht nnr während der ganzen Dancr seines Gescllschastsvertrags, soudern wie aus den von Schöpflin a. a. O, mitgetheilten Docnmcnten —Nro,5,6, und 7. — erhellt, auch noch im Jahr 1444 zn Strasburg, wo er nach Beendigung des Prozesses mit den Gebrüdern Dritzehcn Schulden auf Schulden machte und sein noch übriges Vermögen vollends zusetzte. Dieß und das Mislingcn seiner daselbst gemachten Versuche, und wahrscheinlich anch die Noth, bewogen ihn endlich, in seine Vaierstadt zurückzukehren, wo er zur Ausführung seines großen Vorhabens von seinen reichen Verwandten und anderer Pers.nen auf Unterstützung rechnen konnte. Zu Ende des Jahrs 1444 oder Anfangs 1445 langte er mit seinem trenen Bedienten Lorenz Beildcck iu Mainz an, ohne in Strasburg einen Zögling, noch ein Produkt seiner Knnst znrückgelassen zu haben; nur seine Gattin ließ er dort. Mit was sich Gutenberg in den ersten süufJahren seines Aufenthaltes in Mainz und selbst von 1439 bis zu seiner Abreise in Strasburg beschäftigt habe, ist durchaus unbekannt. Ohne Vermögen und Credit wurde er in Mainz von seinen Verwandten uuterstützt, namentlich von seinem Vetter A rno ld Gelthuß z»m Echtzcller, welcher bei zwei Edelleuten, dem Erfindung der Buchdruckcrkunst. 18l Reinhard Brnmsar, aus dem Geschlechte der Brömser von Rüdesbeim, und Hennchin von Rodcnstein-ein Kapital von 150 Goldguldcn aufnahm und es Gntenbcrg zustellte. Gewiß aber war dieser bei seiner gewohnten Thätigkeit mit der Verfertigung neuer Werkzeuge uud Fortsetzung seiner Versuche im Kleinen zur endlichen Ausführung seiner großen Idee beschäftigt; und uur seiue, in Strasburg schon bewiesene, ängstliche Besorgnis), es möge Jemand von seinem Geheimnisse etwas erfahren, mag Ursache seyn, daß wir so «oenig von seinem Treiben in dieser Zeit mit Bestimmtheit wissen. Endlich schien er sich aber überzeugt zu haven, daß ihn seine geheimen Arbeiten, das Buchstabenschnitzeu, Presscn- uud Formenscrtigen, die ihn schon unendliche viele fruchtlose Versuche, Zeit, Mühe und Geld gekostet hatten, doch nicht zum Ziel führen würden, und noch eine Menge Requisiten erforderlich wären, zu deren Anschaffung seiue Kasse nicht hinreichte. Er suchte sich also einen thätigen und reichen Gesellschafter nnd fand diesen im Jahre 1450 in der Person Johann Fust's, einen der reichsten Bürger von Mainz. Wir verlassen hier unseren Gutcnberg auf kurze Zeit, um seinen neue» Gesellschafter etwas näher kennen zu lernen, worauf wir den Faden seiner Geschichte von Neuem aufnehmen werden. §. 67. Johann Fust stammte aus einer bürgerlichen Familie, welche durch zwei Jahrbundertc in der Stadt Mainz in geistlichen und weltlichen Aemtern und in Reichthum und Ansehen stand. Er nannte sich nie anders als Fust, und so nannten ihn auch, sein Schwiegersohn Peter Schöffcr und alle ihn betreffenden öffentlichen Akten. Auch sciu Sohn Johann, sein Bruder Jacob und alle ihre Verwandten und Abkömmlinge schrieben sich noch ein halbes Jahrhundert lang Fuji- Nur sein Enkel Johann Schöfser, der, wie wir weiter unten hören werden, sich so viele Unwahrheiten zu sagen erlaubte, nauute ihn im Jahre 1505 in der, Dedication der von ihm gedruckten 282 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. deutschen Uebersetzung des Livius an den Kaiser Maximilian nicht Johann Fust, sondern Johann Faust, von welcher Zeit an sich fast alle Glieder dieser Familie nicht mehr Fust, sondern Fan st schrieben. — Vor Anfang deö l4ten Jahrhunderts findet sich in keiner Urkunde der Stadt Mainz ein Fust. Der Erste kommt in einem alten Zinsbuche der Pfarrei St. Quintin vor, bei welcher 14ZZ ein Herrmann Fust zum Glöckner angenommen wird. Auch wird dort ein Jacob Fust, Herrmann's des Bartscheerers Bruder erwähnt, von welchen Beiden Einer, wie vr. Schaab vermuthet, des Buchdruckers Johann Fust's Vater war. Von , da an kommen in öffentlichen Urkunden sehr viele Fuste vor, die theils geistliche, theils weltliche Aemter bekleideten. Einer derselben wurde im Jahre 1^t38 zum Richter bei dem welllichen Gerichte in Mainz ernannt; — damals eine seltene Auszeichnung für einen Bürgerlichen. Er hieß Niklas Fust, und führte in seinem Wappen die zwei Fust'schen Hacken oder Äugeln mit einer geballten Faust im oberen Winkel. Er war Goldschmied und in dem Schreckcnsjahre 1462 erster Bürgermeister. Sein Wappen ist ganz das nämliche, wie man solches in Johann Fust's Druckwerken findet, und besteht ans den zwei Hacken oder Angeln, aber ohne Faust, woraus zu schließen, daß der genannte Niklas Fust zu einer anderen Linie gehörte. Wir übergehen die übrigen Fuste oder Fauste, wie sie sich später nannten, es kommen derselben bis ins Löte Jahrhundert noch sehr Viele vor. Wir bemerken hier nur, daß das bürgerliche Geschlecht dieses Namens mit dem adeligen der Faust von Aschaffenburg durchaus in keinen verwandtschaftlichen Verhältnissen stand. Die Letzteren waren schon im 15ten Jahrhundert in Aschaffenburg ansäßig uud Lehnträger des Kurfürsten von Mainz. Ein Johann Faust war im Jahre 1646 adeliger Stadtschulthciß zn Aschaffenburg Sein Sohn Johann heirathete 1561 die Tochter eines der adeligen Geschlechter des Hauses Limburg zu Frankfurt und kam dadurch in diese Gesellschaft. Ihr Wappen ist von Erfindung der Buchdruckerkunst. 183 dem der Mainzer Fauste ganz verschieden. Das Schild derselben enthält statt der Angeln eine geballte Faust, ans dem Hclme ist eine Krone und darüber ein einfacher gekrönter Adler. Diese Verschiedenheit der W.ippen beurkundet allein stbon die Geschlechts - Verschiedenheit der Mainzer und Aschaffcnburger Fanste, welche Letztere im Jahre 1724 mit Georg Friedrich Faust zu Aschaffenburg ausstarben. Unser Johann Fust von Mainz, der uns hier allein in- tcrcssnt, scheint, wie Gulenbcrg, in den letzten Jahren des l4ten^ Jahrhunderts oder zu Anfang des I5tcu geboren zu seyn und sich der Rechtswissenschaft gewidmet zu haben. Er war, wie aus den Nekrologien der Dominikaner Kirche iu Mainz vom Jahre 1473 erhellt, mit einer Margaretha verhei- rathet, deren Familiennamen gänzlich unbekannt ist Mit ihr erzeugte er zwei Kinder, einen Sohn, Namens Johann, der sich in den geistlichen Stand begab und durch seine Gelehrsamkeit und Tugend zu hohen geistlichen Würden gelangte, und eine Tochter Christina, welche Peter Schöffers Chcfran wurde. Von Johann Fust'6 Geschwistern nennen die öffentlichen Urkunden nur einen Bruder: Jacob Fust, welcher Goldschmied und Bürgermeister zn Mainz war. Johann Fust war ein sehr reicher und unternehmender Mann, welcher von seinem Vrnder, dem Goldschmied, bei der Zurichtung und Vervollkommnung der Werkzeuge, bei der Scheidung, Mischung uud dem Gießen der Metalle Rath und Hülfe haben konnte. Die Goldschmicdekuust war damals von größerem Umfange als jetzt und griff in mehrere andere, ihr verwandte Künste ein. Die Goldschmiede waren Graveurs, Cisselcurs und Gießer, und standen mit den Malern und Formschneidern in Berührung, Wir wissen, daß Gutenberg sich schon in Straßburg des Goldschmieds Dünne bediente. In Mainz mochte er sich zu gleichem Zwecke an Johann Fust gewendet, und in ihm einen zur Ausführung seines Vorhabens besonders tauglichen, dabei zugleich vermögenden Mann gefunden haben, der auch das zum Geschäft erforderliche Geld schießen konnte 18t Zweites Buch. Sechster Abschnitt. und schloß daher um 1450 mit ihm einen Gcsellschaftsvcr- trag. Dieser wurde schriftlich in einem Zettel aufgesetzt, der aber eben so wenig als jener Straßburgcr Contrakt auf uns gekommen ist. Erst aus den Akten des schändlichen Prozesses, welchen Fust im Jahr 1455 gegen Gutcuberg anhängig ^machte, lernt man die Bedingungen des zwischen Beiden abgeschlossenen Vertrags keimen, die im Wesentlichen darin bestanden, daß: 1) Fust ein Kapital von 800 Gulden in Gold in die Gesellschaft schießen solle, mit welchem Gutenberg das Werk vollbringe, es koste mehr oder weniger. 2) Daß Gutenberg diese Summe jährlich mit sechs vom Hundert verzinsen und dem Fust zur Sicherheit sein sämmtliches Druckgeräth verpfänden solle, so daß wenn sie in der Folge uneinig würden, Gutcuberg die 800 Gulden an Fust zurückzahle oder seine Druckwerkzeuge ihm überlasse. 3) Daß das Druckgcschäft ein gemeinsames Unternehmen sey und auf beiderseitige Rechnung geführt werde. 4) Daß Fust dem Gutenberg jährlich 300 Gnlden für Kosten bezahlen und anch den Lohn des Gesindes, den Hauszins und die Auslagen für Pergament, Papier, Diute :c. vorlegen solle:c. Aus dem Zusammenhange der Prozeßverhandlnngcn vom 6. November 1455 ergicbt sich noch Folgendes: 1) daß dieser Gesellschaftsvcrtrag in der zweiten Hälfte des Jahrs 1450 geschlossen wurde, indem der Zinsenrückstand von den zuerst in die Gesellschaft geschossenen 800 Gulden von Fust auf 250 Gulden angegeben wird, welches gerade die Zinsen von 5 Jahren 2'/, Monaten sind, mithin die Zahlung im August 1450 geschehen seyn muß. 2) Daß bei dem Abschlüsse des' Vertrags noch keine Druckgcräthschaftcn vorhanden gewesen, sondern solche erst mit Fust's Gelde zugerichtet und gefertigt werden sollten; worans sich ergiebt, daß Gntcnberz keine von Straßburg mit nach Mainz gebracht, uud sich vor Abschließuug des Contracts auch keine in Mainz angcschaft habe. 3) Daß Fust selbst anerkannt, die Erfindung gehöre Gutenberg an, Erfindung der Buchovuckerkunst. 185 dem er zur Ausführung desselben Geld vorgeschossen habe, und es sich also nicht anders denken lasse, als daß Gutenbcrg gleich nach Abschluß des Vertrags die Hand an das Werk gelegt, um nene Drnckwerkzenge zu fertigen, und daß er dabei von Fnst unterstützt worden sey. 4) Endlich, daß die von Fust beigeschossenen 800 Gulden schon nach zwei Jahren verausgabt gewesen und zur Vollendung des Werks nicht zugereicht haben, daher Fust auf Verlangen Guteubergs gegen den 6ten December 1452 noch weitere 800 Gulden vorgelegt habe. Als Gutenberg mit Fnst's Geldvorschuß die Druckerei eingerichtet hatte, begannen sie nnn die große Idee der Ersteren gemeinschaftlich in Ausführung zu bringen. Wie dieß ge- geschehen, und mit welchen Hindernissen sie zu kämpfen hatten, erzählt der berühmte Trilhttnins,,Abt zn Spanheim, nachher des Schottenklosters St. Jakob in Würzburg, wie er es um t4»4 aus dem Munde Peter Schöffers, ihres nachherigen dritten Gesellschafters selbst vernommen. „Zu diesen Zeilen" schreibt der wegen seiner Gelehrsamkeit und Wahrheitsliebe allgemein geschätzte Prälat, „wurde in der Stadt Mainz am Rhein in Dentschland, und nicht in Italien, wie Einige fälschlich geschrieben, jene beroundernö- werthc, früher unbekannte Kunst: Bücher durch einzelne Buchstaben zu druiken, von einem Mainzer Bürger, Johann Gutenberger, erfunden und ausgedacht, der, als er beinah sein ganzes Vermögen für die Erfindung dieser Kunst aufgewendet, un) dem es unter beständigem Kampfe mit den größten Schwierigkeiten bald in Diesem, bald in Jenem mißglückte, so oaß er beinah verzweifelnd das ganze Geschäft aufgegeben, bis er endlich dnrch Rath und Vorschuß der Kosten von Johann Fnst, ebenfalls Mainzer Bürger, die angefangene Sacke vollbrachte. Zuerst druckten sie mit hölzernen Tafeln das Wörterbuch, Katholiken genannt, konnten aber mit denselben Tafeln nichts Anderes drucken, weil die Buchstaben in dieselben eiugcschnitteu und daher unbeweglich wiren. Nach diesen Erfindungen gingen 186 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. > sie zum Feineren über, und erfanden es zuerst, Formen für alle Buchstaben des lateinischen Alphabets zu gießen, welche sie Matrizen nannntcn, aus denen sie wieder, zu jedem Drucke zureichcude Buchstaben, sowohl aus Erz als Zinn gössen, die sie früher mit den Händen geschnitten hatten. In der That hörte ich vor beinah 30 Jahren von Peter Schöffer von Gcrnsheim, einem Mainzer Bürger nnd Schwiegersohn des ersten Erfinders: diese Kunst zu drucken habe im Anfange ihrer Erfindnng viele Schwierigkeiten gehabt. Denn als sie die Bibel druckten, hätten sie über 4000 Gnlden ausgegeben, ehe sie die dritte Quateniion zu Stande gebracht. Allein der erwähnte Peter Schöffcr, damals Gehülfe, nachher Schwiegersohn des ersten Erfinders Johann Fust, ein geistvoller und kluger Mansch, hatte eine leichtere Art, die Buchstaben zu gießen ausgedacht, um die Kunst zu der Vollkommenheit gebracht, wie sie jetzt ist. Diese Drei hatten eine Zeit lang die Art zu drucken geheim gehalten, bis sie durch die Arbeiter, ohne deren Dienste sie die Knust nicht ansüben konnten, verbreitet wurde, und zwar zuerst nach Straßburg, dann allmählig zu allen Nationen .... Diese drei ersten Erfinder der Bnchdruckcrkunst, nämlch Johannes Guteuberg, Johannes Fust und Peter Schöffcr, siin Schwiegersohn, wohnten zu Mainz im Hanse znm Jungen genannt, welches bis zur gegenwärtigen Zeit das Druckhaus genannt wird." Soweit der Abt Tritt)emius. vr. Schaab unterscheidet in dieser Erzählung sehr richtig die Stellen, wo der ehrwürdige und wahrheitsliebende Prälat spricht, von jenen, aus welchen der ehrsüchtige Geist des schlanen Peter Schöffcrs hervorblickt. Im Anfange seiner Erzählung eignet Trithemius die Erfuduug der Buchdruckerkunst ausschließlich dem Johann Guteuberg zu. Erst als er beinahe sein ganzes Vermögen seiner Erfindung aufgeopfert, habe er den Rath und den Reichthum von Johann Fust benutzt, und das Werk zu Stande gebracht. Der mißgünstige und ehrsüchtige Peter Schöffer macht Gutenberg zu einem Erfindung der Buchoruckerkunst. 187 Mainzer Biirger, da ihm doch wohl bekannt war, daß dessen Familie zn den alten, adeligen Patrizicrgeschlcchtern der Stadt Mainz, »nd nicht zu den bürgerlichen, wie sein Schwiegervater Fust gehörte. Ebenso erkennt man Schöffers Prahlereien in den Schlnßschristen seiner Druckwerke, wenn Trithemius ihn dcu Schwiegersohn des ersten Erfinders nennt, und ihn nebst Fust in eine Parallele mit Gutenberg setzt, indem er sagt: „diese drei Erfinder hätten beisammen im Hause zum Juugen gewotmt," „Zuerst druckten sie mit hölzernen Tafeln, worin die Buchstaben eingeschnitten waren -c." erzählt Trithemius, und bezeichnet in dieser Stelle die erste Epoche der Buchdrucker- kuust iu Mainz, nämlich die tabellarische durch veste Holztaseln. Es sind deren wirklich noch Einige vorhanden. Unter Anderen besitzt die königliche Bibliothek zu Paris zwei derselben, worin die Buchstaben erhaben und verkehrt eiuge- schnittteu sind. Gutenberg und Fust verfielen wahrscheinlich aus den Gedanken, ABE-Täfelchen, einige kleine Gebete und kurze Auszüge aus größeren Grammatiken als Kleinigkeiten und erste Versuche aus Holztaseln einzuschneiden und abzudrucken, welches leichter war, als die einzelen Buchstabe» aus freier Hand zu schneiden und sie dann mühsam zusammen zu setzen. Solche kleine und allgemein brauchbare Sachen ließen einen schnellen Absatz hoffen, und darum mußte es Gutcnberg und Fust hauptsächlich zu thun seyn. Wenn aber Peter Schöffer dem Abt Trithemins von einem Kat Holikon erzählt, welches Jene während der Dauer ihrer Gesellschaft, noch i.or der lateinischen Bibel, mit hölzernen Tafeln gedruckt haben sollen, so ist darunter keineswegs das erst nach aufgehobener Gesellschaft aus Gutenbergs neu errichteter Druckerei im Jahr 1460 erschienenen Katholiken von Johann Balbi, sondern nach der einstimmigen Meinung aller Bibliographen eine Sammlung von Auszügen ans größeren Grammatiken zu verstehen, welche man Donate nannte, nach einem alten Schulmanne, welcher eine Grammatik für Schulen geschrieben 188 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. und Donat geheißen hat. Trirhcmins verstand unter dem Namen Katholiken nichts Anderes, als nach dem eigentlichen Sinne dieses Wortes: ein allgemeines Buch. Damit stimmt auch von Hein ecke in seiner IlZee K) Von der Pergamentausgabe: j) Die königliche Bibliothek zu Paris: die prachtvolle ^ oben erwähnte Mainzer Benediktt'ner-Bibel, jetzt in 4 Bände eingebunden. 2) Die königliche Bibliothek zn Berlin l Ercmplar mit, in Gold, Silber und anderen Farben eingcmalten Initialen, in 2 Bänden. 3) Die Bibliothek Barbarini in Rom 1 Eremplar in 2 Bänden. 4) Die Universitätsbibliothek in Leipzig i Eremplar in 4 Bänden. 5) Die Bibliothek des Lords Grenville zu London 1 Eremplar. ti) Die Bibliothek des Bierbrauers Pcrkius zu London das Eremplar, welches Merlin von Thionville aus der Mainzer Universitätsbibliothek geraubt und an den Buchhändler Nicol in London verkauft, der es dem Bierbrauer Perkius um 504 Pfund Sterling überlassen. 7) Die königl. Sächsische Bibliothek zu Dresden, nur ein Fragment. k) Von der Ausgabe auf Papier: Z) Die königliche Bibliothek zu Paris: die ehemal. Churf. Mainzische Bibel mit den beiden Aufschriften des Vikars Eremer. 2) Die kaiserliche Bibliothek zu Wien, ein sehr gut erhaltenes Eremplar. 3) Die königliche Hofbibliothek zu München 2 Ercmplarc, wovon das Eine aus dem ehemaligen Kloster Andcchs, das Andere aus dem Kloster Rotenbuch. 4) Die Bibliothek des letzten Kurfürsten von Mainz zu Aschaffenburg in dem jetzigen königlichen Schlosse 1 Eremplar in zwei in braunes Leder gebundenen stark Erfindung der Buchdruckerkunst. 1W beschlagenen Bänden. Vom 3ten und 4ten Buch Esra sind 14 Blätter herausgerissen. 5) Die Stadtbibli-othek in Frankfurt a. M 1 Exemplar in 2 Holzbänden. 6) Die Stadtbibliothek zu Trier, nur den ersten Theil dieser Bibel. 7) Die Bibliothek deS mazariuischen Collcgiums zu Paris 1 Exemplar. 8) Die Bibliothek des Lords Spencer zu Althorp. Daß diese 42 zeilige Bibel mit keiner Datirung versehen, ist oben schon bemerkt worden. Die Ursache dieser Unterlassung scheint keine andere gewesen zu seyn, als weil Gutenbcrg und Fust die neue Kunst, Bücher zu drucken, noch geheim halten wollten, um das Werk zn den hohen Preisen der geschriebenen Bibeln verkaufen zu können. Während der Zeit als Gntenbergs Presse mit dem Drucke der Bibel beschäftigt war, erschienen auch zuwcileu kleinere Sachen aus derselben, als: Schulbücher, Judulgeuz- oder Ablaßbriefe, Kalender ic. Unter diesen kleineren Druckmonu- mcnten verdienen besonders nachfolgende, als die ersten, die mit einiger Datirung versehen, unsere Aufmerksamkeit: Die Judulgenz- oder Ablaßbriefe, mit den Jahren 1454 und 1455 bezeichnet. Ein Exemplar ans Pergament gedruckt besaß der Professor und Prediger Albrecht Fr ick zu Ulm, welches derselbe an Schelhorn und dieser dem Herrn von Mcermann im Haag übersandte. Ein zweites Exemplar dieser Auflage sah Herr v. Heineckc — läee A-ener. i>. 2K1 ». v.— bei Vreitkopf in Leipzig; zwei andere Exemplare vom Jahre 1455 besitzt gegenwärtig der Lord Spencer; ein fünftes .Herr Heywood iu Bristol, der es aus einer dritten Hand, von Herrn vi. Kloß in Frankfurt erhielt; und ein sechstes mit dem aufgedruckten Jahre 1455 die Universitätsbibliothek zu Leipzig. Diese 6 Exemplare von Jndulgenzbriefen mit der Jahreszahl 1454 und 1455 sind sämmtlich mit kleineren und netteren Typen als die 200 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. HZzeiligc Bibel gedruckt, die nach dem einstimmigen Urtheile aller Bibliographen nur durch das verbesserte Gusiverfahren Peter Schöffers entstanden seyn konnten. Sie sind daher zur nähereu Bestimmung der Epoche, wann derselbe diese Verbesserung eingeführt, von großer Wichtigkeit und beweisen, daß solches schon im Jahre l454 müsse geschehen seyn. — Alle spätere Ablaßbriefe von den Päpsten Sirtus IV., Jnno- centius VIII. u. m. a^, deren es noch eine Menge giebt, und von welchen mehrere ebenfalls in Mainz gcdrnckt wurden, -sind für unseren Zweck von geringerem Interesse. Den zweiten Rang unter den Erstlingen der Guteuber- gischcn Drucke behauptet die Mahnung der Christenheit wider die Türken oder der Kalender vom Jahre 1455, welcher von dem Königl. Baieriscken Hofbibliothekar Docen in dem ehemaligen Jesnitenklostcr zu Augsburg entdeckt worden, und sich jetzt in der königl. Bibliothek zu München befindet. Es ist ein Aufruf au die Häupter der Christenheit, die Waffen gegen die Türken zu ergreifen, die bekanntlich am 18. Mai 1453 Constantinovel erobert, beginnt mit einer Anrufung Gottes und besteht ans 12 Abtheilungen, wovon Jede mit dem Namen eines Monats überschrieben ist, ohne aber die Tage und Namen der Heiligen, wie die gewöhnlichen Kalender zu enthalten. Unter der Überschrift: Hartmandt oder Januar steht der erste Aufruf, an den Pabst gerichtet, nach welchem, nutcr deu Uebcrschriflen der anderen Monate die Aufrufe oder Bitten an den römischen Kaiser, an die Könige, Erzbischöffe, Bischöffe, Herzoge und die freien Städte folgen. Der Monat December enthält eine Schildernng der Gefahren, mit welchen die ganze Christenheit durch die Türken bedroht, und schließt mit dem Wunsche: „Eyu Gut heilig nnwc Jahr." Am Schlüsse der ersten Abtheilung steht die Jahreszahl mit den Worten: „Als ma zclc nach die gcburtoffeubar Aieeeei^V jähr." Da nun der Aufruf an den Pabst mit den Worten Erfindung der Buchdruckerkunst. 201 beginnt: „Wohlan Stathalter unsers Heren ihesus du hei lg er Vater bab st Rico laus," und dieser Pabst schon 1455 gestorben, so kann wohl die Nichtigkeit der Jahreszahl nicht bezweifelt werden; und es muß dieser sogenannte Kalender gegen Ende des Jahres 1454 oder zu Anfang 1455 gedruckt worden seyn, und zwar unr in der Gutenberg- Fust'schen Druckerei in Mainz, anßer welcher damals noch nirgends in der Welt eine andere bestanden hat. Bei dem ersten Anblicke dieses Kalenders erkennt man sogleich, daß er mit hölzernen Lettern gedruckt ist, welche beweisen, daß man sich derselben in Gutenbergs Druckerei hier und da auch noch nach der Erfindung der Schriftgießerei bediente, als man zum Drucke des großen Bibelwerks bereits gegossene Buchstaben gebrauchte. Der dritte Rang unter den ersten datirtcn Druckwerken, die ans Guteubergs Presse iu Mainz hervorgegangen sind, gebührt dem, vom ehemaligen Professor, jetzt kaiscrl. Russischen Staatsrath Fischer i. I, 180Z in Mainz entdeckten Kalender mit der Jahreszahl 1457, der mir anf die eine Seite eines offenen Folioblattcs gedruckt, als Umschlag einer Präbcndrechnung des St. Gangolfstiftes in Mainz diente, welche, dessen Vikar Joh. Keß für das Jahr 1457 geführt. Der Kalender hat eine geschriebene und eine gedruckte Datirung, welche Letztere am Kopfe des Blattes steht, und angenscheinlich mit Metalltypen gedruckt ist, die ihrer Form uach zu den kleineren Missaltypen gehören, ähnlich denjenigen, womit die Zgzeilige Bibel und andere Druckmonm mente jener frühen «Epoche der Kmist gedruckt sind. Herr Fischer hat diese» Kalender damals in die Nativnalbibliothck nach Paris geschickt, wo er sich gegenwärtig in der königlichen Bibliothek befindet. Die kleinen und netten Typen der Jndnlgenzbriefe von 1454 und 1455 unterscheiden sich, wie schon oben erwähnt, sehr vortheilhaft von denen der 4Zzeiligen Bibel, und werden von allen Bibliographen als das Produkt eines besseren Guß- 20S Zweites Buch. Sechster Abschnitt. Verfahrens erkannt, welches nach dem Berichte des Abtes Tri- thcmius das Werk Peter Schöffcrs war, den wir mm ebenfalls etwas näher kennen lernen wollen. tz. 68. Peter Schöffer, der sich manchmal auch Schoyffer nnd Schoiffer schrieb, von andern aber öfters Schoffer, Scheffer, Schäfer, lateinisch vpilio, zuweilen anch Petrus kern eim e » si « nnd Petrus Selioefter veri, slieim genannt, wird, war zn Gcrnsheim, einem ehemals Mainzischen, jetzt Großhcrzoglich Hessischen Landstädt- chcn ans dem rechten Rheinnfer, vermuthlich in dem Jahr- zehend zwischen 1420 und 1420 geboren. Näheres läßt sich nicht über die Zeit seiner Geburt, und ebenso wenig über die Namen seiner Aeltcrn erkunden, weil bei Verheerung der Pfalz im Jahre 1689 durch die Franzosen unter dem schändlichen Kriegsminister l.ouvoi« die alten Kirchenbücher von Gcrnsheim mit der Stadt selbst ein Nanb der Flammen wurde». Von Schöffers Jugendjahrcn weiß man nur, daß er- sich im Jahre 1449 in Paris anfgehaltcn, und da er eine schöne Hand schrieb, seinen Unterhalt durch Abschreiben von Manu- scripten erworben habe. Die Stadtbibliothck zu Straßburg bewahrt noch eine von ihm in Paris gefertigte Schrift,?in welcher man häufig die Meisterzüge der großen und prächtigen Initialen der Psalterien entdeckt. Er scheint im Jahre 1450 oder 1451 nach Gernsheim oder Mainz zurückgekehrt, und in Fust's Hause, oder vielleicht seiner schönen Handschrift wegen in Gutenbergs Druckerei-aufgenommen worden zu seyn. Denn Johann Schöffer sagt iu der Säilußschrift des von ihm im Jahre 1515 gedruckten Liev. liist. kr-uro. des Abtes Tri- methius: „daß im Jahre 1452 die von Johann Fust erfundene B uch druckerkunst mit der Hülfe Gottes und den vielen nöthige» Erfindungen Peter Schöffers von Gernsheim, seines Gehülfe» und adoptirten Sohnes, dem er als Belohnung seiner Erfindung der Buchdruckerkunst. 293 Mühen und vielen Erfindungen seine Tochter Christina zur Ehe gegeben, ins Werk gesetzt worden sey." Peter Schöffcr muß also nothwendig schon im Jahre 1450 oder 1451 sich schon bei Fust befunden haben, um sich die zu seinen' Erfindungen vor Allem erforderlichen technischen Kenntnisse des Druckverfahrens eigen zu machen, die er sich nirgends anders verschaffen konnte, da außer der Gutenbergischen Presse sich noch keine andere in der Welt befand. Da wir die Resultate seines verbesserten Verfahrens zum erstenmal in den Jndulgenz- oder Ablaßbriefen von 1454 und 1455 erkennen, und Fust ihm zur Belohnung dafür seine Tochter Clm'stina zur Ehe gab, so muß seine Verheiratung mit ihr in die Jahre 145A oder 1454 fallen, die wohl auch die Epoche bezeichnen mögen, wann Peter Schöffer in die Gesellschaft von Gutenberg und Fust aufgenommcu wurde. Einige wollen indessen seine Verheirathung erst in die Jahre 1462 und 1465 setzen, weil er in der zweiten Auflage des Psalters von 1459 und in der lateinischen Bibel von 1462 noch Olerieus genannt werde, und Fust ihn zuerst in seiner Auflage des vioero äe oküoiis vom Jahre 1465 seinen Schwiegersohn, xuei-um siinm, nenne. Allein das Wort vierious bezeichnete damals' noch keinen Geistlichen, sondern wie noch jetzt das davon abstammende französische und auch englische Wort Olsi-o, — Z. B. in «Iialce.^eare's lite b/ l'isok »nck I^wi-s," um ein ganz neues Beispiel anzuführen, einen Schreiber oder Abschreiber; und wenn sich Schöffer nach dem Jahre 1462 nicht mehr eierious schrieb, so beweist dieß nur, daß er sich schon jetzt schämte, für einen blosen Schreiber gehalten zu werden. Die Schlußschrist der Auflage des Cicero von 1465, wo Fust sagt- „prassen« Alarvi 'I>uI1N vlarissiwum op»8. ^okannes Lust AIoAiintina« Oivi«. non »trltmento i>Ium»Ii van» neyue aere«. seck arte q«g,«Iitiii p erpulern,. petri manu pueri mei Leliviter ekkivi tinitriii,." Da es hingegen in allen vorherigen, aus Fust und Schöfferö Officin hervorge- 204 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. gangenen Werken beißt: „oonsumatnm ,>or ?u«t et K«knessei," beweist nur, daß der alte Fust sich damals des Druckgeschäfts nicht mehr sehr annehmen mochte und es ganz seinem Schwiegersöhne überließ. Die Verheirathung Schöffers in den Jahren 7454 oder 1455 läßt sich aber um'so gewisser annehmen, als schon in der ersten Auflage des Psalters vom Jahre 1457 die Wappen von Faust und Schöffer neben einander und mit einander verbünde» unter der Schlußschrist am Ende des Werkes erscheinen. Schoffer war ein talentvoller Mann von erfinderischem Geiste. Seiner Aufnahme in Fust's Haus verdankt die Buchdruckerkunst eine frühzeitige Vervollkommnung. Sein Scharfblick übersah bald die Vortheile, die sich von Gntcnbergs Erfindung erwarten ließen, aber anch die Mängel seines Verfahrens, die den guten Fortgang des Geschäfts hinderten. Als Schönschreiber gewohnt, nur schöne Buchstaben mit seiner Feder zu bilden, konnten ihm die ungleichen, plumpen und unförmlichen Buchstaben von Gutenbergs Druckschrift, welche dem Auge bei dem ersten Anblick wehe thaten und das Lesen beschwerlich machten, unmöglich gefallen. Es waren dieß die damals gothischen und halbgothischcn Buchstaben, die nun Schöffer durch nettere und dem Auge gefälligere Formen zu ersetzen suchte. Durch Gntcnbcrg's und Fnst's seitheriges Versahreu konnte dieser Zweck nicht erreicht werden. Ihre Behandlung mußte Rauhhciten erzengen, da ihre Werkzeuge rauh und mwollkommeu waren. Anch war ihr Verfahren zu mühsam, erforderte zu viel Zeit und'verursachte unnötkige Kosten. Allein dem mußte abgeholfen und ein Verfahren erfnnden werden, wo bei größerer Schnelligkeit bessere Erzeugnisse des Gusses erzielt wurden. Bisher wurden die Anfangs - und andere große Buchstabe» nicht mit dem Schriftsatze gesetzt oder durch Formen eingedruckt, souderu später durch fremde Hände eingemalt oder eingezeichnet. Die Druckschwärze hatte keine Haltbarkeit, wurde durch jede Feuchtigkeit aufgelöst, durch die Zeit brocklich und fiel ab, wie man häufig in Gutenbergs ersten Erfindung der Buchdruckerkunst. 205 Drucken wahrnehmen kann. Schöffers Scharfsinn und erfinderischer Geist wußte überall Rath zu schaffen und allmählig allen diesen Mangeln abzuhelfen. Sein taoilior moar die dritte Epoche in der Erfmdungsge- schichte der Buchdruckerkuust, deren Vervollkommnung das Verdienst Peter Schöffcrs ist. Schöffer scheint, wie sein Schwiegervater Fust, einige Rechtsstudicn gemacht zu haben; denn er wird nicht nur in den verschiedenen Mainzer Auflagen der Institutionen Jüstiuians Magister genannt, sondern der Kurfürst ernannte ihn auch später zum Richter bei dem weltlichen Gericht in Mainz, welches immer eine Rechtskenntniß voraussetzt. Diese Ernennung war zugleich eine große Auszeichuung für ihn, indem sonst immer nur Adelige oder Doktoren der Rechte als Richter ernannt wurden. Sein Siegel bestand aus einem Schilde mit zwei, im Winkel oben zulaufenden, unten ausgcspitzten Sparren Mit drei scchsspitzigen Sternen; um das Schild schwingen sich Bänder mit der Inschrift: k»et. SedöNer Ml. s?«. Miliv. mvKunt. Er bekleidete sein Richteramt vom Jahre j-189 bis zu seinem Tode. Durch seine Verheirathung mit Fust's einziger Tochter und durch den Verkauf seiner 206 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. Druckwerke scheint er in glückliche Vcrinögcnsvcrhältm'sse gekommen zu seyn. Am 6. September 1476 kaufte er das Haus zum Korb und vereinigte es mit seinem großen Druckhofe, nebst welchen beiden er noch ein drittes Haus, zur Wyden genannt, besaß. Am 11. Mai 1477 übernahm durch gerichtlichen Akt von seinem Schwager Johann Fust 180 Exemplare der Dekretalen auf Papier und 20 auf Pergament, um solche in seinem Buchhandel zn verkaufen. Zur Erleichterung und weiteren Ausdehnung desselben ließ er sich am 6. September 1479 gegen Bezahlung von 10 Pfund und 4 Schilling zu Frankfurt als Bürger aufnehmen und leistete dort den Bür- gcrcid. Doch wir können die Geschichte Peter Schöffers nicht ferner von der seiner beiden Gesellschafter und der Geschichte ihrer neuen Knnst trennen, mit welcher die der Ersteren auf das Innigste verwebt ist, und sich schon von 1455 an fast" einzig auf die des Letztereu bezieht, weswegen wir nun zu jenem Jahre zurückkehren müssen. §. 69. Durch die Aufnahme Peter Schöffers in die Gesellschaft und seine nahe Verbindung mit Fust, befanden sich nun beide in dem Besitze des Geheimnisses, welches Gutenberg so lange und so sorgfältig bewahrt hatte. Die Druckerei war von ihm vollständig eingerichtet, das Gnßverfahren durch Schöffer verbessert und Gutcnberg nun Beiden entbehrlich. Sie wußten, daß er den ganzen Nest seines Vermögens in die Druckerei verwendet hatte und nicht im Stande war, die ihm vorgeschossenen Gelder auf der Stelle zurück zu zahlen. Auf dieses Unvermögen Gutenbcrgs gründeten Fust und Schöffer den schändlichen und ruchlosen Plan, die Druckerei ganz an sich zu reißen, und Gutenberg nicht mir aus der Gesellschaft zu verdrängen, sondern ihm auch künftig alle Concurrenz mit ihnen unmöglich zu machen. Der Vorwand zu dieser Schurkerei lieferten ihnen die Kosten der lateinischen Bibel. Es scheint aber, daß der Erfindung der Buchdruckerkunst. 207 abscheuliche Plan den arglosen Gutenbcrg 41m die Früchte seiner Erfindung und seines Fleißes zu bringen, schon länger in Fusi's schwarzer Seele gelegen habe; denn, obgleich einer der reichsten Bürger von Mainz, hatte er dennoch absichtlich das Geld zu den gemachten Vorschüssen bei Christen und Juden aufgeuommen, um seinen vorgehabten Wucher zu beschönigen und eine unerlaubte Zinsforderuug von sechs Procent durchzusetzen. Fust forderte nun Gutenbcrg vor Gericht und verlangte von ihm: j) die Znrnckbezahlung seiner in das Geschäft geschossenen........... MO fl. 2) die Zinsen davon vom Tage des D-arzählens, dem 22. Zlngust 1450 bis 9. November 1455, /also von 5 Jahren und 2^/, Monaten zu 6 Procent mit...........2S0 „ 3) die ferner vorgesehenen....... 800 „ 4) die Zinsen vom Tage des Darleihens, dem 6. December 1452 bis 6. November 1455, also von 2 Jahren und N Monaten zu 6 Prozent mit...........140 „ 5) endlich an Zinsen von Zinsen, welche er selbst an Juden und (Zhristcn habe zahlen müssen 36 „ oder in runder Summe 2,020 fl. Hieraus antwortete Gutenberg: 1) Daß Fust versprochen habe, ihm jährlich 300 fl. für die Kosten zu geben, und den Lohn des Gesindes, den Hanszins, die Ausgaben für Pergament, Papier, Diute :c. vorzulegen. 2) Daß die erste» 800 fl. zur Vollbringung des, Druck- zengs geschossen worden seyen. 3) Er dieselben nicht nach Inhalt des Zettels ganz und ans einmal erhalten babe zusammen 2,026 fl. 208 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. 4) Fust ihm gesagt habe: daß er nicht begehre Zinsen von ihm zu nehmen, obschon sie im Zettel stünden. 5) Er ihm wegen der weiteren 800 fl, Rechnung thun wolle; endlich 6) Er ihm davon weder Zinsen noch Wncherzinsen zugestehen tonne. Ganz arglos traute Gutenberg den hinterlistigen Worten Fnst's und ahndete nicht entfernt, daß er einst den schriftlichen Zettel gegen ihn geltend machen würde. Er unterließ daher, sich über Fnst's Versprechungen etwas Schriftliches zu verschaffen. Auch scheint Letzterer selbst den ersten Punkt in Betreff der seinem Gesellschafter versprochenen jährlichen 300 fl. und der Vorlage HauSzinses, des Gcsiudclohnes :e. nicht erfüllt und die ersten 800 fl. nicht cmmal ganz und auf einmal bezahlt zn haben. Gleichwohl berechnete er ihm davon Zinsen und sogar die Zinsen von den Zinsen, welches, sowie der Zinsfuß zu 6 Prozent selbst durch die damals bestandenen weltlichen und geistlichen Gesetze untersagt war. Demungeachtet erkannte das Gericht: 1) Daß Gutenberg Rechnung stellen solle über alle Einnahmen und Ausgaben, welche er auf das Werk zu beiderseitigem Nutzen gemacht habe.' 2) Wenn sich daraus ergebe, daß er mehr Geld empfangen als ausgegeben und nicht in ihrem Nutzen, sondern zu seiuem eigenen, so solle er das an Fust herauszahlen. 3) Würde Fust durch einen Eid oder rechtliche Kundschaft darthun, daß er das angegebene Geld auf Zinsen genommen und nicht von seinem eigenen dargeliehen habe, so solle Gntenbcrg ihm solche Zinsen auch bezahlen nach Inhalt des Zettels. Am 6tcn November 1455 leistete Fust in dem Ref^ectorium des Barfüßerklosters in Abwesenheit Gutenbergs, jedoch im Beiseyn mehrerer Personen vor dem Notarius Helmasber- ger, den ihm vom Gericht auferlegten Eid und erhielt hierüber die verlangte Abschrift seines Akts. Da nun, wie wir Erfindung der Buchdruckerkunst. 299 bereits wissen, Gutenberg ausser Stand war, die seinem Gegner gerichtlich zugesprochene Summe zu bezahle», so säumte Letzterer nicht, aus die Auslieferung des ihm verschriebenen Unterpfands anzutragen, welches ihm auch überliefert wurde, und zwar in so überschwenglicher Vollständigkeit, daß er nicht nur die Presse sammt allen Druckwerkzeugen, sondern auch die schon gedruckten Bogen der lateinischen Bibel und alles vorräthige Pergament und Papier, welches gemeinschaftlich war, und worauf er kein Pfandrecht gehabt, an sich zog. Den Beweis davon finden wir darin: 1) Daß Gntenberg sich bald darauf mit fremden Gelde wieder eine neue Presse verschaffte; 2) Die ganze 42 zeilige Bibel, sowie die von. Schöffer mit seinen Capitalbuchstabcn gedruckten Donate und besonders seine .4A«zn«I->, AloArmtin-t von 1480 ganz mit dcu Guten- bergischen Urtypeu gedruckt; und 3) Die nach Guteubergs Trennung aus seiner neuen Offizin hervorgegangen?» Werke, als sein Katholikon und die Bechtermünz'schcn Vocabularien mit einer, von den Typen seiner ersten Druckerei und jenen der Fust-Schöffer'schen Druckwerke ganz verschiedenen Typen, gattung gedruckt siud. Durch Fust's schändlichen Prozeß und das höchst partetische Urtheil des weltlichen Gerichtes in Mainz war nun unser ehrliche und arglose Gutenberg um alle Früchte seiner großen Erfindung und aller seiner Anstrengungen gebracht. Schon Köhler machte^ in seiner Ehrenrettuug Gutenbergs S. 29 über dieses Urtheil die Bemerkung: „daß es Fust wohl bekannt gewesen, daß ihm das Gericht durch die Finger sehen müsse;" und der Mainzer Dichter B ergel nennt in seinem lateinischen Gedicht auf die Buchdruckcrkunst, Vers 229, das Gericht ein ..tarum psvi^Ium," ein furchtsames Gericht, das vor der mächtigen Fust'schen Familie möchte Furcht gehabt haben. Denn die Fuste ge- 14 210 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. hörten zu den ersten zünftigen Familien von Mainz, standen in großem Ansehen, und waren sehr gefürchtet. Fust und Schöffcr hatten ihren Zweck erreicht. Die Gesellschaft war aufgelöst, und die Druckerei in ihren Händen. Gntcnbergs gänzliche Vcrmögenslostgkeit ließ sie nicht befürchten, daß er irgendwo zur Errichtung einer neuen Druckerei Unterstützung durch Vorschüsse finden und mit ihnen in Con- currenz treten dürfte; vielmehr hofften sie, daß er durch die vielen Kränkungen und den Verlust seines Vermögens abgeschreckt, diesem Vorhaben gänzlich entsagen würde. Allein sie irrten sich. Gutenberg hatte nur sein Vermögen, aber nicht seinen Muth verloren. §. 70. Es lebte damals in Mainz ein wegen seiner Kenntnisse sehr angesehener und vermögender Mann, Conrad H umery, Doktor der geistlichen Rechte und städtischer Syndikus, bekannt in der Mainzer Stadtgeschichte als ein geschickter und eifriger Geschäftsmann, der ohne Zweifel das ungerechte Urtheil des weltlichen Gerichts mißbilligt und Gutenbergs große Verdienste erkannt haben mochte. Er nahm keinen Anstand, Letzterem auf sein Verlangen so viel Geld vorzustrecken, als er bedürfte, um sich eine neue Druckerei anzuschaffen. Aber die Einrichtung derselben forderte viel Zeit, da Alles, was dazu gehörte, durch Gutenbergs Hände verfertigt werden mußte. Wie lange er mit dieser Arbeit zugebracht, und in welchem Hause er seine neue Druckerei errichtet, ist nicht genau zu bestimmen. Da sein Haus zum Gutenberg in alten Urkunden nie das Druckhaus genannt wird, so ist es wahrscheinlich, daß er seine Offizin im Hofe zum Jungen errichtet habe, welcher, sowie das Haus zum Humbrecht noch lange Jahre diesen Namen behielten, nachdem sich keine Druckereien mehr darin befanden. Fünf Jahre lang gab Gntcnbergs nene Presse kein Lebenszeichen vou sich. Erst 1460 erschien aus derselben: Erfindung der Blichdruckerkunst. 211 ^oli. «1e Lkldis , hieß, lebte in der zweiten Hälfte des I3ten Jahrhunderts und war, obgleich ans einer adeligen Familie abstammend, ein gelehrter Dominikaner 14* 2!2 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. Mönch, und nannte sein Werk vatliolioon, — gleichbedeutend mit Allgemein, — weil es Alles enthalten sollte, was znr Erlernung der lateinischen Sprache erforderlich sey. Von dem Catholikon. hat Gutcnberg eine Auflage auf Pergament und eine auf Papier veranstaltet. Sowohl die großen Initial- als auch alle andere Hauptbnchstaben sind cingcinalt; in einigen Exemplaren auf Pergament sind sie in Gold- unö Purpurfarbe. Die Buchstaben des Textes sind zwar augenscheinlich nach Peter Schöffer's verbessertem Druckverfahren gegossen, aber mager, ungleich und übel geformt, vermuthlich weil man die Justirung der Matrize nach der Einsenknng der Punze vernachlässigte. Von der Pergamentausgabe des Ca- tholikons besitzen gegenwärtig noch: die kaiserliche Hofbibliothek zu Wien . 1 Exemplar die königl. franz. Bibliothek zu Paris . 1 die Stadtbibliothck zu Besanyon . . 1 5 die königl. sächs. Bibliothek zu Dresden . 1 - die königl. Baier. Hofbiblioth. z. München 2 - die Bibliothek im Schlosse zu Aschaffenbnrg 1 - die Bibliothek d- Kirche z. Abila in Spanien 1 - die Bibliothek des Lords Grenville . . 1 - die Stadtbibliothck zu Frankfurt a. M. . 1 - die Bibliothek d, Hospitals zu Cuß a. d. Mos. 1 - Außer diesen befinden sich noch zwei Exemplare dieser Auflage in den Händen unbekannter Privaten; und von der Auflage auf Papier: In der königl. franz. Bibliothek zu Paris . 2 Erempl. - - - Hofbibliothek zu München . 1 - - - St. Genovefenbibliothck zu Paris . 1 - defcct. - - Bibliothek des Arsenals zu Paris . 1 - - - - Großherz. Bibliothek zu Darmstadt . 1 - - - Stadtbibliothek zu Mainz .... 1 - - - Herzogl. Bibliothek zu Wiesbaden . 1 - - ^- Stadtbibliothek zu Trier .... 1 - - - Stadibibliothek zu Nancy .... 1 - Erfindung der Buchdruckerkunst. 213 In der Bibliothek d> Lords Spencer z. Althorp i Exemplar - - Bibliothek des vr. Kloß zu Frankfurt 1. - Mehrere andere Exemplare sollen sich noch in Privathänden befinden. Sehen wir nun auch nach der Druckerei von Fust und Schöffer und ihrem Treiben nach der Trennung von Gutenberg. §. 71. Durch den Besitz einer vollständig eingerichteten Druckerei hatten sie auf mehrere Jahre den Vorsprnng vor Gutcnbcrg gewonnen, und sich der großen Vortheile versichert, die ihnen aus dem Verkaufe ihres ersten Druckwerkes zufließen mußte». Sie hatten Gutenbergs Druckerei aus dem Hofe zum Jungen in Fust's Haus zum Humbrccht iu der Quintiliansgasse verlegt, welches nun ebenfalls das Druckhans genannt wurde. Im Besitze aller zum Druck der lateinischen Bibel gebrauchten, Lettern und anderer, nach Peter Schöffers verbesserten Verfahren gegossenen Typen, brachten sie schon 18 Monate nach ihrer Trennung von Gutenberg ein Werk zu Staude, das noch jetzt als das größte Meisterstück der Buchdruckerkunst, von keinem anderen an Schönheit und Pracht übertroffen, als das herrlichste Denkmal der kaum erfundenen Kunst, die Bewunderung aller Kenner erregt. Es ist dieß das berühmte und allen Bibliographen bekannte ?«irlteriuio. Das erste Druckwerk der Welt, welches durch die Benennung des Druckers uud des Drnckortes und die Bezeichnung des Tages und Jahres seiner Erscheinung eine vollständige Datirung enthält. Die ganze Auflage ist auf schönes Pergament mit fortlaufenden Zeilen, in großem Folioformat Mit prachtvollen Initialen gedruckt und jetzt eine so kostbare Seltenheit, daß noch im Jahre 1817 der. König von Frankreich bei der Versteigerung der Bibliothek des Grafen Mac- Carthy in Toulouse, dessen Exemplar, obgleich sechs Blätter an demselben fehlten, um 12,000 Franken für die königliche 214 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. Bibliothek zu Paris erkaufen ließ. Das vollständige Exemplar enthält 175 Blätter. Auf der Rückseite des letzten befindet sich blos die merkwürdige Schlußschrist in sieben Zeilen mit kleinerer Schrift und rother Farbe gedruckt. Sie lautet zu deutsch: „Gegenwärtige Sammlung der Psalmen, durch schöne Capitalbnchstaben geziert, und nach Rubriken hinreichend abgetheilt, ist durch die künstliche Erfindung zu drucken, ohne Hülfe der Feder also gefertigt, und zur Verehrung Gottes nach vieler Mühe und Arbeit zu Staude gebracht worden durch Johann Fust, einen Mainzer Bürger, und Peter Schöffer von Gernsheim, im Jahr unsers Herrn: Tausend vier hundert sieben und fünfzig am Tage vor Maria Himmelfahrt." Die Psalterien sind Sammlungen der Psalmen Davids, aus welchen die für den täglichen Chorgebrauch der Stiftsund Klostcrgeistlichen bestimmten Chörgesangbücher bestehen. Sie enthalten nicht alle, sondern mir 23 Psalmen, und diese nicht in der Ordnung, wie sie in der Bibel auf einander folgen, sondern vielmehr, wie sie nach der Zeit und Gewohnheit im Chor gesungen zu werden pflegten. Merkwürdig ist bei dem Fust- und Schöffcrischcn Psalterium, daß uicht alle Exemplare die gleiche Blätterzahl haben, indem Einige nur 136, Andere 143, und, soviel man bis jetzt weiß, nur drei Exemplare 175 Blätter zählen. Die Ursachen dieser Verschiedenheit sind nicht mit Bestimmtheit anzugeben. Möglich, daß man wegen der Kostspieligkeit des Pergaments nur wenige Exemplare vollständig abdruckte, und die übrigen mit dem 136tcn und I37ten Blatt endigte, wo die Sammlung der Psalmen aufhört, weil diese zum gewöhnlichen Gesänge des Chors zureichten. Wahrscheinlich richtete man sich hierin nach dem Verlangen und Bedarfe der Kirchen, um das Werk wohlfeiler erlasse» zu köunen. Indessen ist ohne Unterschied jedem Exemplar die oben angeführte Schlußschrist beigefügt. Obgleich zur Zeit der Erfindung der Buchdruckerkunst der Gebrauch des Leinenpapiers schon allgemein war, und die Erfindung dcr Buchdruckerkunst. 215 Buchdrucker in dcr Regcl nur wenige Exemplare ihrer Druckwerke auf Pergament drucken ließen, so mußte» Fust und Schöffcr bei dem Druck des Psalteriums auf seineu täglichen Gebrauch im Chor Rücksicht nehmen und dazu das haltbarere Material wäblen. Nach den wenigen Exemplaren, die man von diesem Psalter noch kennt, mögen übrigens mir wenige davon abgedruckt worden seyn. So viel man bis jetzt weiß, sind von dieser ersten Auflage nur noch 8 Exemplar vorhanden, und zwar: In der kaiscrl. Hofbibliothck zu Wien 1 Er. - - königl. Bibliothek zu Paris 2 Er. - - königl, Bibliothek zu Dresden 1 Er., welches nur aus 121. Blättern besteht. - - königl. Bibliothek zu Windsor 1 Er. - - Großhcrzogl. Bibliothek zu Darmstadt 1 Er. - - Bibliothek des Lords Spencer 1 Er. - einer unbekannten Bibliothek in England 1 Er. Kaum waren zwei Jahre verflossen, so war die erste Auflage vergriffen, und schon am 29tcn August 1459 erschien die zweite Auflage des Psalteriums, ebenfalls ganz auf Pergament, mit den nämlichen Initialen in ihrem herrlichen Farbenschmuck und mit den nämlichen größeren und kleineren Typen, kurz eben so prachtvoll als die erste, nur in einem etwas größeren Format, weil jene für die hohen Lesepulte im Chor zu kurz war. Auf der Rückseite des letzten Blattes befindet sich wieder die Schlußschrift, mit dcr vollständigen Datirnng, in welcher Peter Schöffcr: Peter Schoiffer und zum erstenmale oierious genannt wird. Diese zweite Auflage des Psalters hat nur 136 Blätter und eine von der ersten ganz verschiedene, innere Einrichtung. 160 Psalmen folgen hier z. B. nach der Ordnung der Bibel, und füllen mit den sie begleitenden Antiphonen, Hymnen und Gebeten die ersten 102 Blätter. Die letzten Blätter enthalten die Vigilien, die Vesper und Gebete dcr vornehmsten Jahres- 216 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. feste, welche sämmtlich mit den kleinen Ehoraltypen gedruckt sind. Mau zählt in dieser Auflage nur 293 mit Holz gedruckte Initiale, deren sich in der ersten 306 befinden. Auch ist die Datinmg nicht durch dcu Festtag, sondern durch den 29ten August bezeichnet. Man kennt von dieser Auflage nur noch 12 Exemplare, Davon besitzt gegenwärtig: Die königl, franz. Bibliothek zu Paris . . 1 Er. Die Stadtbibliothck zu Mainz.....1 Er. Die Herzog!. Bibliothek zn Gotha . . . . 1 Er. Die königl, Bibliothek zu München . . . 1 Er. Die königl. Bibliothek zn Windsor . . . . 1 Er. Die Bibliothek des Lords Spencer zu Althorp 1 Er. Sir John Thorold, Bart, zu Syllow Park 1 Er. Sir Hibbert zu Clapham bei London . . . 1 Er. Sir Roscar in England....... 1 Er. Die Bodlejanische Bibliothek zu Orford . . 1 Er- Ein Privatmann zu Edinburg.....1 Er. Herr Willet zu Mcrly in Dorsctshire , . 1 Er- Es befinden sich demnach von diesen 12 Ercmplaren der zweiten Auflage des Psalters: 8 in England, 3 in Deutschland und 1 in Frankreich. Nicht volle sechs Wochen nach Erscheinung dieser zweiten Auflage, am 6tcn Oktober 1459 ging aus Fust's und Schöf- fcr's Presse ein drittes Werk hervor, nämlich: Our»nili Nationale «Zivinorum otkioiorum, ebenfalls ein typographisches Meisterstück und das erste Buch, welches ganz mit den Typen der verbesserten Gnßart Peter Schöffer's gedruckt, dessen schöne Handschrift in der Form der Buchstaben nicht zu verkennen ist. Es besteht aus iWFolio- blätteru, ohne Seitenzahlen, Eustodeu und Signaturen, aber mit großen Initialen und Summarien in rothen Buchstaben auf zwei Eolumuen, jede zu 65 Zeilen. Am Ende der zweiten Eolumne des letzten Blattes befindet sich mit rothen Buchstaben die Datirung: ^Vnno ,lomini MIIe«imvilkelwus vursnäus, auch vm'-uito genannt, war früher Mönch des Predigerordens, nennt sich aber in der Vorrede IZpisvoiius St. Muatensis eoolesiüe, und starb 1396. Sein Buch enthält eine Beschreib bnng der Ursachen und Bedeutungen der Kirchengebräuche im 13teu Jahrhundert, und war lange Zeit die einzige Norm, nach welcher die römische Kirche ihre Gebräuche einrichtete. Von diesem schönen Werke, dessen ganze Auflage auf Pergament, kein einziges Exemplar auf Papier gedruckt wurde, kcunt man gegenwärtig noch ungefähr 60 Exemplare, die sich in den ansehnlichsten öffentlichen und Privatbibliotheken Deutschlands, Frankreichs, Italiens und mehrer anderer Länder zerstreut befinden. Nnr die königliche Bibliothek zu Paris besitzt 3 Exemplare; die 3 prächtigsten aber befinden sich in der dortigen St. Genovefeubibliothek, der Bibliothek im Vatikan zu Rom und der k. k. Hofbibliothek zu Wien. Ju allen diesen Dreien sind die Initialen mit Gold und schönen Farben eingemalt. Ucbcrhaupt unterscheidet man bei dieser Auflage zwei Gattungen von Ercmplareu. In einigen derselben sind die großen Initialen mit Holzformen und in schönen rothen und blancn Farben ausgedruckt; in anderen Ercmplaren dagegen hat man Platz gelassen, um die Anfangsbuchstaben niil Gold und Purpurfarben hinein zu malen, wie man dieß sonst bei den alten kostbaren Manuscripten gethan hat. Kein volles Jahr später, am Loten Juni 1460 folgte diesem Werke aus Fust's und Schöffcrs Offizin das vierte vollständig datirte Buch: vlemenlis V. Oon5titutioiie«. oum ^piial'ittu ^onanni« ^,nilr»e. Es ist die erste Auflage der Sammlung der Dekretalen des Conciliums von Vienne und der Constitutioucn des Pabstes Clemens v., die unter dem Namen der Clementinen bekannt, zum erstenmal unter Pabst Johann XII. im Jahr 1217 erschienen sind, und denen Johann Audrä, ein geschickter Rechtsgelehrter zu Bologna, seine Bemerkungen beigefügt hat. / 218 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. Dieses Werk entbehrt wieder aller Signaturen, Custodcn und Blattzahlen, ist aber hinsichtlich der Ausführung und besonders der zum Text gebrauchten ganz neuen Typen, ebenfalls ein typographisches Meisterstück zu nennen. Die zu dessc» Drucke zum erstenmal gebrauchte Schriftgattung ist aus der römischen und gothischen zusammengesetzt, um ein Drittheil größer als die von Nur-uM Nationale, und wurde immer für die schönste gehalten- Von dieser ersten Auflage der Cle- mentinen, welche ebenfalls ganz auf Pergament gedruckt und äußerst selten ist, kennt man nur noch 1t Exemplare, wovon sich 1 in der königlichen Bibliothek zu Paris, 1 - - Bibliothek des Herru Calmct in Tour, 1 - - kaiserlichen Hofbibliothek zu Wien, 1 - - königlichen Bibliothek zu München, 1 - - Bibliothek des Königs vou England, 1 - - - - der Stadt Nürnberg, 1 - - Paulinerbibliothck zu Leipzig, 1 - - Bibliothek des Lords Spencer zu Althorp, 1 - - - - des Herzogs von Marlborongh zu Bleuheim, j im Besitze des Buchhändlers Payne zu London, und 1 in Florenz befindet. Außer diesen waren noch 6 andere Exemplare, nämlich das der Abtei Weingarten, der regulirten Chorherren des Nenstifts Tyrol, des Convents in Bologna, des päbstlichcu Legate» Doria zu Cöln, des Buchhändlers Dewards und das von Willct bekannt, von welchen man aber nicht weiß, wohin sie gekommen sind. Das im nämlichen Jahre aus Gutenbcrgs neuer Presse erschienene Catholicou mochte Fust's und Schöffers Eifersucht erregen. Sie boten daher Alles aus, ihre Offizin durch ciu Werk berühmt zu machen, das an Größe und typographischer Eleganz Gutenbergs Catholicon weit übertreffe. Sie verfielen auf den Druck einer lateinischen Bibel, wozu sie Erfindung der Buchdruckerkunst. 219 ganz neue Lettern verfertigten, die hinsichtlich des Verhältnisses und Ebenmaaßcs und ihrer gefälligen Form für die schönsten ihrer Offizin gehalten wurden. Und so erschien mm aus derselben am l4ten August 146?, also an dem nämlichen Tage, an welchem sie fünf Jahre früher ihr erstes datirtes Druckwerk, den Psalter, erscheinen ließen, die Lidliit saer» latinit vulZatite eclitioni«, ex transIiUione et vum i>rae5iltioue K. Hieronimi. 2 Bände in gr. Fol. Sie ist die erste vollständig datirte Bibel und behauptet deswegen, so wie wegen ihrer inneren typographischen Schönheit vor allen gedruckten Bibeln den ersten Rang. Sie ist vorzugsweise unter dem Namen der Mainzer Bibel bekannt, obgleich sie nicht die erste ist, die in Mainz gedruckt erschien. Dieses Prachtwerk wnrde sowohl auf Pergament, als auf Papier gedruckt. Der erste Band, welcher sich mit den Psalmen endigt, zählt 242, der zweite nur 239, das Ganze also 431 Blätter. Jedes Blatt ist in 2 Columnen getheilt, wovon jede aus 48 Zeile» besteht mit Ausnahme des Buches Hosea, wo die Columne nur 47 Zeilen hat. Uebrigens fehlen in dieser Bibel wieder die Signaturen, Custoden und Seitenzahlen. Die Initialen sind in den ans Pergament gedruckten Exemplaren gewöhnlich in roth und blan, zuweilen aber in Purpur und Gold hincingemalt und bei dem Drucke dafür die Plätze immer frei gelassen. Man findet auch Exemplare, wo sie leer geblieben sind. Eben so sind die fortlaufende» Numer der Capitel iu römischen Zahlen nicht aufgedruckt, sondern mit rother Farbe eingemalt. Am Ende eines jeden Theils befindet sich die Schlußschrift zugleich mit den rothgedruckten Fust- und Schöffcr'schen Wappen. In einigen Exemplaren ist aus unbekannten Ursachen die Schlußschrift abgekürzt. Von dieser Bibel, theils mit der ganzen, theils mit der verkürzten Endschrift kennt man noch gegen 70 Exemplare, die sich in den meisten öffentlichen und in vielen bekannten 220 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. und unbekannten Privatbibliothcke» befinden, und deshalb hier Übergängen werden. In dem nämlichen Jahre 1462 erschien, wenige Monate vor diesem großen Bibelwcrkc aus Fnst's und Schöffers Osfizin auch eine kleine aber sehr merkwürdige Schrift: Diethers, Churfürsten zu Mainz Manifest wider Adolph von Nassau, dessen Zweck war, einen öffentlichen, staatsrechtlichen Beweis zn führen, daß Diethcr unrechtmäßigerweise vom Pabst und Kaiser seines Erzbistbums entsetzt worden, um durch dieses Manifest Hülfe und Unterstützung gegen seine Feinde zn erwirken. Es war der erste gedruckte Akt der Diplomatie oder die älteste zur'Erreichung politischer Zwecke gedruckte Schrift, und wurde in vielen Ercmplaren gedruckt, an die benachbarten Fürsten, Städte und Corporationen versendet, anch an öffentlichen Orten angeheftet. Seine Datirung beschränkt sich blos auf die Angabe des Tages nnd Jahres: Dienstag nach dem Sonntage Lätare — 4. April — 1462, ohne Benennung des Druckers und Druckortcs. Dieser Mangel einer vollständigen Datirnng veranlaßte bei mehreren Bibliographen Zweifel: aus welcher von den beiden, damals in Mainz bestandenen Druckereien dieses Manifest hervorgegangen sey. Nach einem Manuscripte eines unbekannten Mainzer Schriftstellers, welcher die Fehde Diethers von Jscuburg mit dem ihm vom Papst und Kaiser entgegengesetzten Adolph von Nassau beschreibt, eignet den Druck desselben der Officin Johann Gutenbergs, und auch Lcbmann's Spcyercr Chronik dem ersten Buchdrucker von Mainz zu, ohne dessen Namen zu nennen Aber die Typen des Manifestes beweisen nnwidcrlcglich, daß es nicht Gntenbergs, sondern Fust's und Schöffer's Offizin angehöre- Anch läßt es sich nicht denken, daß Gutenbcrg das Manifest Diethers gegen Adolph gedruckt habe, da er und seine Familie zur Partei des Letzteren gehörten; der ihn, wie wir weiter Erfindung der Buchdruckerkunst. 221 unten sehen werden, einige Jahre später unter seine Hof- cavalicre aufnahm. Bon diesem Manifeste kennt man nur noch drei vorhandene Exemplare. Das erste befindet sich, im Stadtarchive zu Frankfurt a> M., das andere in der königlichen Hosbibliothek zn München, und das dritte besitzt der Lord Spencer zu Althorp. Die Fehde zwischen dem Erzbischof Diether von Jsenburg und dem, zu seinem Nachfolger ernannten Adolph von Nassau führte nach der Erscheinung des eben erwähnten Manifestes eine, für Mainz höchst tranrige Katastrophe herbei, die zugleich den dortigen Pressen auf einige Jahre Stillstand gebot, aber für die Geschichte der Buchdrnckcrkunst und ihre schnelle Verbreitung in andere Länder von der größten Wichtigkeit war. §. 72. , Seit der Regierung des Bischofs Adelbert aus dem Hause der Grafen von Saarbrücken hatte die Stadt Mainz so ansgedchnte Freiheiten besessen, daß sie sich füglich zn den deutschen Freistädten zählen konnte. Diese Freiheiten, in welchen sie sich selbst gegen den kriegerischen Erzbischof Siegfried III. von Epstein im Jahr behauptet, wurden ihr sowohl von den nachfolgenden Erzbischöfcn, als vom Kaiser bestätigt. Sie erfrente sich derselben auch unter Diether von Jsenbnrg, und war daher, als Papst Pius II. ihn auf den Antrag eines Theils der Mainzer Domherren seines Erzbisthums entsetzte, die Domherren an seiner Stelle Adolph von Nassau erwählten und hierauf beide Parteien zu den Waffen griffen, dem Erzbischof Diether treu geblieben. Dafür suchte Adolph sich zu rächen und durch List und Verrätherei der Stadt sich zn bemächtigen. Es gelang ihm nur zu gut. In der Nacht vom 27ten auf den Wtcn October 1462 wurde durch den Verrath verworfener Einwohner die Stadt durch Adolphs Anhänger erstürmt, ihre edelsten Bürger ermordet, die Meisten ihres Vermögens beraubt uud aus der Stadt vertrieben. Nur Wenige blieben zurück, und an diesen 222 Zweites Buch Sechster Abschnitt. wurden alle Arten von Bosheit verübt, und kein Alter, kein Stand, kein Geschlecht geschont, die Häuser geplündert, die Beute öffentlich verkaust und unter die Kriegsleute vertheilt. Das freie, volkreiche und durch Handel und Gewerbe blühende Mainz war in wenigen Tagen menschenleer, aller seiner Freiheiten beraubt und ganz zu Grunde gerichtet. Wenig fruchtete des Kurfürsten Adolphs II. öffentliches Ausschreiben am Samstag »ach St. Thomastag des nämlichen Jahres, worin er allen Denen, die zurückkehren würde», Schutz und Sicherheit der Person und des Eigenthums verhieß. Es dauerte lange, bis die Ausgewanderten nach und nach zu den Ihrigen einzel zurückkehrten. Aber auch Diethcr hatte die Hoffnungen der Bürger getäuscht. Als er nach dem Tode Adolphs wieder zur Regierung gelangte, errichtete er in Mainz zwar eine Universität, dachte aber eben sowenig an die Wiederherstellung ihrer Freiheit, die sie doch dnrch ihre Anhänglichkeit an ihn verloren, daß er sie vielmehr der Herrschaft des Domkapitels überließ; und als die Bürger sie nicht anerkennen wollten, ließ er sogar eine vcste Burg in ihren Mauern aufführen, um sie ganz zu unterjochen. Er selbst hatte seine Residenz nach Eltville verlegt. Der schreckcnvolle Tag des 28ten Oktobers, der alle Gewerbe in Mainz- ins Stocken brachte und alle Arbeiten verscheuchte, lichtete auch die Offizinen der beiden Vuch- druckereien. Die in denselben angestellten Arbeiter, sämmtlich durch einen Eid zur Bewahrung des Kunstgeheimnisses verbunden, flüchteten aus der Stadt, hielte» sich durch die schrecklichen Ereignisse ihres Eides entbunden und verbreiteten ihre geheime Kunst in nahe und ferne Länder. Gegen die chronologische Ordnung der Geschichte der Buchdruckcrknnst wende» wir uns nach den schandervollen Begebenheiten in Mainz zuerst wieder zu Gutenberg, dessen Presse wahrscheirlich das gleiche Schicksal wie die von Fust und Schöffer erfahren, und von allen Arbeitern verlassen wurde. In Mainz findet man von dieser Zeit an keine Erfindung der Buchdruckerkunst. 223 Spur ihrer Thätigkeit mehr, so wie überhaupt über das Leben und Treiben Gntenbergs bis zum Jahr 1465 ein tiefes Dunkel waltet. §- 73. Auf St. Antoninstag — 17tcn Januar — 1465 ernannte ihn der Kurfürst Adolph II. zu seinem Hofcavalier, mit der Bestimmung: was er als solcher lebenslänglich zn genießen habe. I» dem ihm hierüber ausgefertigten Anstellungbricsc heißt es im Eingange: „Adolph ic. bekennen, das wir haben angesehen, annemige und willige Dinst, die uns und unserm Stift uuser lieber getruwer Johann Gudcuberg gethan halt zc," Unter diesen angenchmen und willigen Dienste» verstand der Kurfürst uicht seine große Erfindung, sondern vielmehr jene, die er ihm bei seiner Fehde mit Diclhcr geleistet hatte, wodurch die weiter oben geäußerte Vermuthung, daß Gutenberg zur Partei Adolphs II. gehört, bestärkt zu werden scheint. Gutenberg, dem es in Mainz ohnehin nicht mehr behagen mochte, begab sich unaufgefordert an das Hoflager des Kurfürsten nach Elt- ville im Rheingan, wohin er auch seiue Druckerei bringen ließ. Dort wohnte» auf ihren Gütern die Brüder Heinrich und Nicolaus Bechtermünz aus einem alten adeligen Mainzer Patriziergcschlechte, das in Mainz einen eigenen großen Hos, zum Frauenstein oder Bcchtelmünz, besaß. Der ältere Bruder Heinrich hatte eine Grethe aus der Familie der vou Schwalb ach zur Frau, und mit ihr einen Sohn Johann, und eine Tochter Elfe, die sich im Jahre 1464 mit dem, ebenfalls in Eltville wohnhaft gewesenen Jacob Sorgenloch, genannt Geußsleisch verheirathet, wodurch eine nahe Verwandtschaft zwischen der Gutcnbergischen und Bechtcrmünzischen Familie entstanden. Diese verwandtschaftlichen Verhältnisse scheinen eine nähere, freundschaftliche Verbindung zwischen unserem ' Gutenberg und dem Vater der Else herbeigeführt haben. Gutenberg war alt und konnte oder wollte, vielleicht wegen seines Hofdienstes sich nicht »lehr mit 224 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. dem Druckgeschäst befassen. Er unterrichtete demnach, wie die Folge beweist, den Heinrich Bcchtermünz in der Buch- druckcrkunst, und überließ ihm seine Druckerei, jedoch nur miethzinslich, da solche dem vr. Humery, welcher zur Errichtung derselben das Geld vorgeschossen hatte, als Eigenthum verschrieben war. Äls im Juli 1467 Heinrich Bcchtcrinünz mit Tode abging, wurde das Druckgeschäst von seinem Bruder Nicolaus und einem anderen Adeligen, Namens Weist, and Spies von Orten berg fortgesetzt.- Als erstes Produkt ihrer Presse, dessen Erscheinung aber Heinrich nicht mehr erlebte, ging am 4. November 1467 aus derselben hervor: Vooitlmlilniim lntino teutoiiioum. Es ist ein Auszug aus Gutcnbergs Cat Holicon von 1460, in klein 4, mit den nämlichen Lettern gedruckt, und das erste Werk, welches aus Guteubcrgs Presse mit einer vollständigen Datirung erschien. Es enthält 165 Blätter, auf deren letztem sich die Schlußschrist befindet, in welcher gesagt wird: „daß er durch den Fleiß des Heinrich Bcchtermünz, frommen Andenkens, zu Eltvillc — ^Vlt» vill» — begonnen und endlich auf St. Lconhardstag, am 4. November 1467 durch dessen Bruder Nicolaus Bcchtermünz und Wcigand Spies von Ortcnbcrg vollendet worden." Da die erste Seite des Buches mit den Wörtern Lx yuo beginnr, so erhielt dasselbe den Namen Vokabularium ex «zuo. Das einzige noch vorhandene Eremplar, welches man kennt, hat mit Gold- und Silberfarben illuminirte Initialen, und befand sich in den Händen des bekannten Kunstsammlers Baron von Hübsch in Cöln, der es 1783 mit noch anderen, minder wichtigen Druckwerken des I5ten Jahrhunderts, um den geringen Preis von 30 Louisd'or au die königliche Bibliothek zu Paris verkaufte, wo dasselbe sich gegenwärtig noch befindet. Nachdem Gutcnbcrg noch die Freude erlebt, dieses Werk aus seiner Presse zu Eltville hervorgehen zu sehen, neigten sich bald daranf seine Lcbenstagc zu Ende. Am 24. Febrnar 1468 war er nicht mehr am Leben. Denn an diesem Tage Erfindung der Buchdruckerkunst. 225 stellte der Mainzer Stadtsyndicus vr. Humcry dem Kurfürsten Adolph II. über die ihm geschehene Überlassung des ihm nach Gutenbergs Tod als Eigenthum verfallenen Druckwerkzeugs einen Revers aus, durch welchen er sich verbindlich machte, „sich desselben nirgends als in der Stadt Mainz zu bedienen, nnd falls er dasselbe verkaufen wollte, und ein Mainzer Bürger ihm dafür eben so viel als ein Fremder geben würde, Ersterer vor Letzterem den Vorzug haben sollte." So lange Gutenberg lebte, konnte seine Druckerei nicht dem vi Humcry vom Kurfürsten überlassen werden, da sie erst nach des Ersteren Tod in Humery's Eigenthum überging. Gutenberg mußte also bei Ausstellung dieses Reverses todt seyn- Da er indessen am Erscheinungstage des Voesliulai-ii ex quo noch gelebt, muß also sein Todestag in die Zeit vom 4. November 1467 bis zum '^4. Februar 1468 fallen; näher ist derselbe nicht mehr zu bestimmen. Ans einer auf «ns gekommenen Grabschrift, die Adam Gclthuß, Einer seiner Verwandten, auf ihn verfertigt, wissen wir nur, daß er in seiner Familiengruft in der Minoritenkirche zu Mainz beigesetzt wnrde. Diese Grabschrift'lautet: o. 0 M. 8. ,,.Ioanni kennlleison, srti^ impressoriiie repertori, «le omni natione et lingua vptime nieritc» in noininis sui me- mnrinm immortslem ^lZswus Keltlius po^uit." „Oss» ejr>8 in evvlesia v. Ursneisei AInZuntin» telioiter vubant." Zu deutsch: „Dem um alle Nationen und Sprachen hochverdienten Erfinder der Buchdruckcrkunst, Johann Genßfleisch, hat Adam Gelthus zum ewigen Andenken seines Namens dieses Denkmal gesetzt." „Seine Gebeine rnhen sanft in der Kirche des heil. Franciscns." Aber diese Kirche eristirt längst nicht mehr. Sie wurde am Ilzten Juli 1577 den Jesuiten übergeben, welche dieselbe, 13 2s6 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. da sie sehr baufällig geworden, im Jahr 1742 ganz abreißen und daneben eine neue erbauen ließen, die in der Belagerung der Stadt Mainz im Jahr 179Z ebenfalls zu Grunde ging. Von einem Denkmale Gutenbergs war nirgends eine Spur in derselben zu finden. Dagegen befand sich in der alten Miuoritcnkirchc allerdings das Grab von Gutcnbergs Aeltern und Vorältcrn; kenntlich durch die nach damaliger Sitte ausgehangenen Familienwappen. Dort sah sie noch in der ersten Hälfte des 17tcu Jahrhunderts der gelehrte, in ganz Deutschland bekannte Johann Maximilian zum Jungen, und schrieb in ein altes, ehemals der Faustischen Familie zu Aschaffenburg gehöriges Manuskript, das sich jetzt in der Stadtbibliothek zu Frankfurt a. M. befindet, welches den Titel führte: „Sagen von alten Dingen der Stadt Mentze 1581," an den Rand des 56ten Blattes: „llenolnn sii erg' ex tÄmilis, tZeiisüeisoli, primus et verus ille t/poKranIiise »rtis Inventar » üomo diMtatio- nis, ?riw KuckenderZ «liota, «tenominatus, Mtreque trilone VaensiieistzK untus. Obiit itenique et anuil m»jore8 se- pviltu» AloZuntiite in IZevIe«in> v. ?r»noislii, ^o. «Im. , ioiäemizue iusiKaia e^jus Kentili-t «unt «uspens»." Zn deutsch: „Henchin zuGudenberg ans der Familie Genßflcisch, der erste und wahre Erfinder der Buchdruckerkuust, hatte den Namen von seinem Wohnhans, zum Gutenbcrg genannt, und zum Vater den Frilo Genßfleisch. Als er starb, wurde er zu Mainz in der Kirche des heiligen Franciscus im Jahr 1463 begraben; dort sind seine Familienwappen ausgehangen." Johann Gnteuberg war der letzte seines Stammzweiges, während der Gens fleisch-Sorgen locher Stamm noch fast zwei hundert Jahre lang fortblnhtc, und endlich in Frankfurt, wohin derselbe später ausgewandert war, um die Mitte des siebenzehntcn Jahrhunderts erlosch. Für die unendlich vielen Opfer, die Gutenberg seiner großen Idee gebracht, Erfindung der Buchdruckerkunst. 227 und für die rastlose Anstrengung, mit der er dieselbe ausgeführt, wurden ihm nur Undank und Verfolgung zn Theil. Seine schönsten Hoffnungen blieben im Lebe» unerfüllt. Er theilt das Schicksal so vieler großen Menschen, deren Andenken die Nachwelt mit Dankbarkeit, Liebe und Bewunderung verehrt, während sie von ihrer Mitwelt verkannt und vernachlässigt waren. — Sehen wir nun noch, was aus seiner Druckerei wurde. Wir wissen, daß dieselbe nach Gutenbcrgs Tod das Eigenthum des Mainzer Stadtsyndicus tti Humcry geworden, und kenneu dessen Revers, gemäß welchem er sich derselben, im Falle des Selbstgcbrauchs, nirgends anders als in der Stadt Mainz bedienen, im Falle des Verkaufs aber ein Mainzer Bürger bei gleichem Gebot deu Vorzug vor Fremden haben sollte. Gleichwohl kam ' diese Druckerei nicht nach Mainz, sondern blieb in Händen des in Eltville wohnenden Nicolans Bcchtcrmünz, der sie wahrscheinlich mit Erlaubniß deS Kurfürsten Adolphs II.'von vi. Hnmery känflich an sich brachte, welches um so weniger Anstand finden mochte, als Bechtcrmünz zu einer alten, in Mainz eingebürgerten und hausgcsesscnen Patrizierfamilie gehörte, und daher, obschou er zu Eltville wohnte, dennoch als Mainzer Bürger betrachtet wurde. Anch scheint es, daß Weigand Spies an diesem Kaufe keinen Theil gehabt habe, oder bald nach Gntcubergs Tod aus der Gesellschaft mit'Nicolans Bechtcrmünz trat. Denn in der, am 5ten Jnni 1469 ans dieser Druckerei her- vvrgegangencu zweiten Auflage des Voeitdulkirii Iktino teutonioi, die in dem gleichen Format und mit den nämlichen Lettern der ersten Auflage des Vovadvl-trii ox yuo und Gutenbergs O-ttlloIivon gedruckt, ebenfalls auf 165 Blättern erschien, ist in der Schlnßschrift als Drucker nur Nicolans Bechtcrmünz genannt und des Namens Weigand Spics gar nicht erwähnt. Von dieser zweiten Auflage kennt man nur noch 5 Exemplare, wovon das erste die königl, Bibliothek zu 15* 2L8 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. Paris, das 2te der Herzog von Sachsen - Coburg-Gotha, das 3te der Lord Spencer, das 4tc der Herzog von Marborongh zu Blenheim, und das 5te die Stadtbibliothek zu Trier besitzt. Drei Jahre darauf, am 12tcn März 147Z, erschien zum drittenmal aus der nämlichen Druckerei: V«i«z»1>ul!trium liUino teutoniomn, aber mit größeren Typen als die vorhergegangene» Auflagen von 1467 und l469 gedruckt. Auf der letzten Seite des I65tcn Blattes steht die Schlußschrift, in welcher dießmal der Drucker nicht genannt wird. Allein da bei der am 29teu Dezember 1477 erschienenen vierten Auflage des Voosbul»rii ex yuo Nicolaus Bechtermünz sich wieder als den Drucker nennt, so ist kein Zweifel, daß auch die dritte aus seiner Offizin hervorgegangen sey. Diese 4te Auflage ist die letzte, welche aus Gutenbcrgs Presse zu Eltville gedruckt hervorging. Sie unterscheidet sich von der früheren Auflage dadurch, daß sie 171 Blätter zählt, jene sämmtlich aber nur 165 enthalten. Es scheint, daß Nicolaus Bechtermünz bald nach Erscheinung dieser vierten Auflage, oder noch gar vor der gänzlichen Vollendung ihres Drucks gestorben sey, und seine Druckerei, da er selbst keine Leibcserben hinterlassen, an die Kinder seines Bruders überging, und diese dann das Werk nach seinem Tode noch unter seinem Namen herausgegeben haben. Denn nach Bodmanns Rheingauischen Alterthümern I. S. 136 soll er schon 1476 ohne Leibeserben gestorben und sein beträchtliches Vermögen an seines Bruders Kinder gefallen seyn. Man weiß nicht, ob diese das Druckgeschäft fortgesetzt; es ist wenigstens kein unter dem Namen Eines derselben erschienenes Werk bekannt. Bodmann behauptet a. a. O. S. 138: die Erben von Hanns Bechtermünz hätten das Drnckwerkzcug Gutenbcrgs den Kogel- herren — krstre« ommminis viti»e — zu Maricuthal über- Erfindung der Buchdruckerkunst. lassen, und diese dasselbe dem Mainzer Buchdrucker Friedrich Heumann oder Haumann verkaust. Da wir die Geschichte Gntenbergs bis zu seinem Tode fortgesetzt babcn uud seine Druckerei bereits in ganz fremden Händen finden, so kehren wir nun zu Fnst und Schöffcr zurück, um zu sehen, was nach der Katastrophe von 1462 aus ihnen nnd ihrer Druckerei geworden ist. §. 74. Unter den Schrecknissen des 27. und W. Octobers jenen Jahrs wurde auch ihre Wcrkstätte, wie alle übrigen iu Mainz, von den Arbeitern verlassen und ihre Presse dadurch in Stillstand versetzt. Vielleicht mochten ihnen auch durch die eidbrüchig und flüchtig gewordenen Gesellen, Typen und andere Druckgcräibe abhanden gekommen seyn, die sie erst wieder ergänzen mußten, ehe sie ihre Druckarbeiten aus's Neue beginnen und fortsetzen konnten. Doch erholten sie sich früher als Gu- teubcrg, uud am 17. Dezember 1465 erschien aus ihrer Presse: iZou'itiiviri« VIII. Iiiliei' sextu» «ieei'vwlium, mit den Glossen ^ok-runis .^.nili-le. Es ist eine Folge der ans Befehl Gregors IX. gesammelten fünf Bücher der Dccrctalicn und heißt deswegen liber «extu«. Das ganze Werk zählt 141 Blätter in Folio nnd ist wieder ohne Signatnren, Custoden, Seitenzahlen und Initialen, die in einigen Eremplaren, z. B. in dem der Stadt- bibliothck zu Frankfurt, abwechselnd mit rother und blauer Farbe eingemalt sind. Noch indem nämlichen Jahre erschien aus Fust's uud Schöffcrs Offizin der erste lateinische Classikcr, nämlich: AI. 'I'. <üioer» I«z owvii« befanden, zum zweitenmal dahin. Eine Note am Ende eines Exemplars dieses Werks von der Auflage von 1466 von der Hand des Besitzers geschrieben, das sich in der Bibliothek zu Genf befindet, beweist, daß Fust solches demselben zu Paris im Monat Juli verkauft, also iu diesem Monat dort gewesen sey. Da nun von dieser Zeit an nichts mehr von ihm verlautet, und die Pest in den Monaten August und September an 40,000 Menschen wegraffte, so ist zu vermuthen, daß er Erfindung der Buchdruckerkunst. 231 dort ebenfalls ein Opfer dieser Seuche geworden sey. Aus einigen vorhandenen Urkunden geht hervor, daß sein Tod zwischen dem Monat Juli 1466 nnd dem 6tcn März l467 erfolgt seyn muß. Näher läßt sich derselbe nich bestimmen. §. 75. Fust scheint sich vorzüglich mit dem Buchhandel beschäftigt zu habeu, wozu er als ein speculativer Kopf besondere Talente mag besessen haben. Nach seinem Tode konnte dieß Geschäft auch durch einen Anderen besorgt werde»; die Druckerei aber stand lediglich unter der Obsorge Schöffcrs. Obgleich indessen das ganze Geschäft zwischen ihm und seinem geistlichen Schwager gemeinschaftlich blieb, so scheint Letzterer sich doch nicht mit demselben befaßt zu haben, und alle aus ihrer Osficin hervvrgegangenc Werke erschienen allein unter Peter Schöffcrs Unterschrift, der er nur das gemeinschaftliche Wappen beizufügen fortfuhr. Er war sehr thätig und schon am 6. März 1467 erschien ans seiner Werkstättc: 8. Vliom»« >1e ^ijuino sevunrlae parti« aus 258 Blättern ohne Signaturen, Custodeu, Seitenzahlen und Initialen. Am Ende der Schlußschrift heißt es zum erstenmal blos: vnnsmnatum per 1'etrum 8ekesser ite Kerns- keim, ^nno vomüii AIl)t!Ol)l>XVII «ext» clie mensis Assroii. — Dann am 8. Oktober des nämlichen Jahres: die zweite Mainzer Auflage von klewens V. Oon^titulione« oum iMmratll ^olinnnis ^nitrne. Ferner am 24. Mai 1468: ^ustinianus. Instilutiones eum An««», und noch in dem nämlichen Jahre Krsimnittic:» vetus rlixtmic», als zweite Auflage derselben von 1466, in zwei Theilen, wovon der Erste 17, der zweite 26 Blätter enthält und ein Con>- mcntar über den ersten ist. Hicranf folgten: 1476: vcmitüoii Vlll l.ilier sexlus «loorelillium enm .-Xplmr-ttu^od. ^nclrae. Zweite Auflage, 137 Blätter. 232 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. 1470: 8. llieionimi ej,istol»e. 2 Bde. gr. Folio. A-l-tmmttti-itvtli«, ein Wörterbuch der damaligen geistlichen Literatur. 1471: Valorius Äl-tximus lider t»vtorum et rtte- k-ttinne «. »ieronimi. 2 Vol. gr. Folio. 2te Auflage der Mainzer Bibel von 1463 1472: Ki'-ttianu« üevrvtum «eu cliizvoi^aotium Osnonum vonooräi». Oum Z'lnssi« ksrtolomei Lrixiensis et ^oliannis Veutooniei. gr. Folio. Es ist dieß eine dritte Auflage der von dem Mönch Gra- tian veranstalteten Sammlung der Decrctalen, die schon 1471 von Heinrich Eggestein in Straßburg gedruckt und im Jahre 1472 von ihm aufgelegt wurden 1472: ^ustiniani Institution es vum Alossa. gr Folio- 2te Auflage. 1473: Lonitavius VIII. I.i». VI. «Zevretslium, vum »l>lmr»tu ^oti. ^»6r-te. gr. Folio. 3te Mainzer Auflage der Decretalen. — 8. ^HKu.«tinu». vo vivitste r»eoepto- rum äeo. I?o1. 1473: ^ustiinani lüoclex. Oum A'1o«8is. gr. Fvl. — vern»i«Zus — Ol.ii'N'iiU: —^ Sermones. ?ol. Wir wissen, daß Fust sich im Jahre 1466 mit vielen Exemplaren seiner Druckwerke nach Paris begab, und im nämlichen Jahre dort an der Pest gestorben ist. Nach seinem Tode schickte Peter Schöffer einen Factor, Namens Hermann von Stathoen, aus dem Bisthum Münster gebürtig, dahin, um die von seinem Schwiegervater hinterlassenen Bücher in Empfang zu nehmen und den Buchhandel fortzutreiben. Als auch dieser mit Tode abging, ohne ein Naturalisationspatent, oder das Recht zu testiren erhalten zu haben, trat also durch seinen Tod das gegen jeden Fremden in Frankreich bestandene Heimfallsrecht — 6roU ä'^ud-üne — ein, und königliche Commissäre nahmen im Namen des Königs alle, in dem Magazine dieses fremden Buchhändlers befindliche Bücher in Beschlag. Als Peter Schöffcr hiervon Kenntniß erhielt, verschaffte er sich hohe Empfehlungen und Fürschreiben, und begab sich mit Conrad Henlief, den er vermuthlich an des verstorbenen Hermanns von Stathoen als Faktor seines Buchhandels angenommen, persönlich nach Paris, le- gitimirte sich als Eigenthümer der in Beschlag genommenen Bücher und verlangte die Aushändigung der noch vorhandenen und zugleich eine Entschädigung für die bereits für königliche Rechnung verkauften Werke, deren Betrag sich auf 2325 Goldthaler und 3 Sols — nach Lambinets . Berechnung 11,000 Liv. — bclief. Seinem Antrage wurde entsprochen und König Ludwig XI. befahl, daß vom 1. October 1475 an jährlich 800 Liv. an den Reklamanten bezahlt werden sollten, bis die ganze Forderung getilgt sey. Nachdem Schöffer seinen Zweck erreicht, ließ er den Conrad Henlief zur Betreibung seines Buchhandels in Paris zurück und begab sich wieder nach Mainz, wo er in den daraus folgenden Jahren mit 234 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. ' erneueter Thätigkeit folgende Werke aus seiner Offizin hervorgehen ließ: 1476: Ijonikaoius VIII. I/iIior «extus cleoretalimn ouin »ppar-Ull ^o^nnis ^nilrao. gr. Fol. die 4tc Mainzer Aufl. — Lodanne« tle ^urreoiewtttld expositio su>>er toto psalterio; die 2te Mainzer Auflage, ganz ähnlich der ersten von 1474. — ^ustininni In.<>tutic»ii>8. Die Zte Mainzer Auflage. — Nouif-'n;iu5! VIII. I.ider «extus iZevrot-ilimn eum Element!« V. Oon«titutionibus et !>^n»rstu ^n- Ii.inni-i .^»ilrae. 1477: Vsvi«omie8 uotse koinns. gr. Fol. — Lustiniani i>.'uveli»e vonstitutioneii, ^ullienliol», vonsuetulUni-z keuäorum et eoiZivis lii-ri treü nasteriores, oum er tnta l««altei'io. Die 3tc Mainzer Aufl. — Lnrtlwlomeus ^e Oliitvmis- InterroAstorium seu Onnkessionsle. 4. 1479: «regoriu« IX. veoretalös. Fol. — Lnn. 6e 1'urreoremittit Meäitationes in eevle^ii» 8. Marine lZe Minerva komae iZe^ivtae. — Loanni« «lo VVe«»1ikl. ?»rkuloxa. 1480: ^Aena-t MoKiintin». Fol. Sie wird auch ^Keinla vietlieri genannt, weil sie von dem Erzbischof Diether veranstaltet wurde. 1483: Missale MoZuntinum. Fol. 1484: llerdarius vam derbnrum llZuris. 4. mit 1öO Holzschnitten. 1485: Ilortus sanitatis, utl teutsok ein A-irt äer Ke- sunüneit. Fol. — Missale evelesiav Missiensis. Erfindung der Buchdruckerkunst. 235 1486: Sreiäeii1i!to!l. Oimsoul. sauo. pervA. — - - die heilige veyscn. 143?: Alis«» Oravovieusv. 1490: ?s»lmorum Ooilex. 1491: llm-tus lsanitatis. Zweite Mainzer Auflage. 1492: Chroncken der Sassen. I^ioktenberKer pronostivittin Ist. > 1493: Mssale. AloZunt. 1495: Orvenung der römis. ko. ma. Camerge- richt mit allen seinen Puncten vn arti- ckcln wie das dan vff der versamblung des heiligen Reichsdag zu wormß jm jar Aoeoo^eV durch vnsern aller- gnedigsten Hern Maximilian vom- ko. die Churfürsten, Fürsten vn gemeyn Versamblung des heiligen Reichs geordnet gesetzt vnd beslossen ist. 1499: Aliss» >Vi'ati«I-lviense. 1502: l>«altei-mm. — Die vierte Auflage dieses schätzbaren Druckwcrks und mit den Typen der ersten Auflage, auch wie diese auf 175 Blätter gedruckt. Schon von dem Jahr 1493 an erschienen gegen die früheren Jahre auffallend wenige Druckwerke aus Peter Schöffers Offizin. Wahrscheinlich gestattete ihm sein Richtcr- amt bei dem weltlichen Gerichte zu Mainz nicht, sich so thätig wie vorher mit dem Druckgeschäft zu befassen. Vielleicht gewährte dasselbe auch keine so große Vortheile mehr; und endlich mochte ihm wohl auch die von dem Kurfürsten Berthold im Jahr 1486 eingeführte Censur das Geschäft selbst verleidet haben. Ueberdieß zählte Schöffer schon zwischen 70 und 80 Jahre und seine Lebenslage neigten sich zu Ende. Das eben erwähnte Psalterium war das letzte Druckwerk, dem er seinen Namen untersetzte. Dieß geschah am Vorabend des heiligen Thomastages — 21ten Dezember 1502. Da nun am Vorabend des Palmsonntages 1503, welcher ge- 236 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. wohnlich in die letzten Tage des Monats März oder in des Aprils erste Tage fällt, seines Sohnes und Nachfolgers Johann Schöffers erstes Druckwerk erschien, so muß Peter Schöffers Tod zwischen dem 21ten Dezember 1502 und dem Palinsonntage 150Z fallen. Geuauer läßt sich sein Sterbetag nicht nachweisen. Merkwürdig ist es aber, daß das nämliche Meisterwerk, dnrch welches er seine Kunsttalente zum erstenmal kund that, auch die Laufbahn seines laugen nnd thätigen Küustlcrlebeus schloß. — Leider weiß man nicht einmal mehr, wohin er begraben worden ist, und eben so wenig kennt man den Sterbetag und die Grabstätte seiner Gattiu Christine. Die alten Kirchenbücher der Mainzer Pfarreien wurden bei der Besetzung der Stadt durch die Schweden im Jahre 1631 geflüchtet und kamen nicht mehr zurück. Ein sonderbares Schicksal, daß nicht einmal mehr die Ruhestätten der Mäuuer, denen die Stadt Mainz ihren größte» Ruhm nnd die ganze Menschheit die größte Wohlthat verdankt, bekannt sind. Hat Peter Schöffer auch keinen Theil an dem Ruhme der Erfindung der Bnchdruckerkuust, so gebührt ihm doch die Ehre, ihr erster Verbesserer zu seyn. Gntenbergs Genie und energischem Fleiße verdanken wir die Erfindung, und Schöffers erfinderischem Geiste die Vervollkommnung derselben. Fnst hat weder an dieser noch an jener Theil. Er steht zwischen Beiden, wie Judas unter den Aposteln. Wenn Gntenbergs und Schöffers Bildnisse einen Denkstein zieren, so unterscheide sich der scinigc zur Bezeichnung seines habsüchtigen und hinterlistigen Charakters dnrch einen Geldbeutel in der Hand. §. 75. Peter Schöffer hinterließ zwei Söhne, von welchen der ältere nach seinem mütterlichen Großvater Johann, der jüngere nach seinem Vater, Peter hieß, Beide widmeten sich der Buchdruckerkunst und der ältere Johann blieb im Besitze des väterliche» Druckhauses und Geschäfts. Nach den alten Mainzer Rathsprotokollcn der Jahre 1510 nnd 1511 war er Mitglied des Raths und gehörte zu den vornehmsten Erfindung der Buchdruckerkunst. 237 und ausgezeichnetsten Bürgern der Stadt, in welcher er Besitzer und Eigenthümer von drei Häusern war, ans deren Eines er im Jahr 1516 mit seiner Gattin Katharina — ihr Geschlcchtsnamc ist nicht bekannt — dem Domstift eine Gült von sünf Goldgnlden konstituirte. Durch die Druckwerke, die in drcisig Jahren seines Künstlerlcbens, von 1502 bis 1532 aus seiner Offizin hervorgingen, und sämmtlich für typographische Seltenheiten gelten, hat er seinen Namen verewigt. — Das erste Werk, welches bald nach seines Vaters Tod aus seiner Druckerei und unter seiner Firma erschien, war 1303: Mervuiius ^rismeZistus. — Dann folgte im nämlichen Jahre — I»toi mi»tio clo A-euenInAi-l Ii, VirZinis xpi L-u'bnro. 4. und 1303: It^miselie Ilistoiio uss l'ito I^ivio gesogen. Folio mit Holzschnitten. Es ist die erste Auflage der deutschen Übersetzung des Titus Livius. Das Werk hat 410 Blätter und ist dem Kaiser Maximilian I. zugeeignet. In der Dedikation sagtJohann Schöffcr: „daß in löbl. Stadt Mainz die wunderbare Kunst, Bücher zu drucken, und zwar zuerst durch den kunstreichen Johann Gutenbcrg im Jahr 1459 sey erfunden, und hernach durch Fleiß und Arbeit des Johann Faust und Peter Schöffer verbessert worden. Aber nicht immer war Johann Schöffer so aufrichtig und wahr? sondern suchte vielmehr durch lügenhafte Schlußschrifren seiner nachhcrigcn Druckwerke, deren man noch gegen hundert zählt, alle Welt über den ersten Erfinder der Vuchdruckerkunst zu täuschen, dem verdienstvollen Gutenberg die Ehre zn rauben und seinem mütterlichen Großvater Johann Fust zuzuschreiben. Weit aufrichtiger war sein Vater Peter Schöffer in seiner dem Abt Trithemins gemachten Erzählung. Wären des Letzteren Annalen des Klosters Hirsau, welche, dieselbe enthalten, früher und nicht erst 1690 — 174 Jahre x 238 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. nach dessen 15 lk erfolgten Tode — erschienen, so würde Johann Schöffer sich wohl schwerlich, im Widersprüche mit seines Vaters aufrichtigem Geständnisse, eine solche Lüge erlaubt haben, durch die er, da ihn Niemand zu widerlegen wußte, über die Geschichte der Erfindung der Buchdrnckerkunst im ganzen löten und 17ten Jahrhundert ein tiefes Dunkel verbreitete, welches die Städte Straß bürg und Haar lein benutzten, Gutcnberg und seiner Vaterstadt Mainz die Ehre dieser Erfindung streitig zn machen, die erst durch die Erscheinung jener Annalen beiden wieder vindizirt wurde. Das letzte Buch, welches Johann Schöffcr druckte, war die dritte Auflage der Bambergischen Halsgcrichts- ordnung. Da diese mit vollständiger Datirnng am 2vten Mai 1531, und im Monat August des nämlichen Jahrs das erste Druckwerk seines Nachfolgers Jvo Schöffcr erschien, so ist nicht zu bezweifeln, daß Johann Schöffer in dieser Zwischenzeit gestorben sey. Er hinterließ vier Kinder: Johann, Anna, Ursnla und Hilgard, von denen nichts weiter bekannt ist, als daß sie 1535 noch Eigenthümer des Druckhauses waren, ohne jedoch an der Druckerei selbst Antheil zu haben. Es ist oben schon erwähnt worden, daß auch Peter Schöffers jüngerer Sohn Peter Buchdrucker war. Er besaß, als väterliches Erbe, das Haus zum Korb genannt, und war mit einer Katharina verheirathet, deren Familienname nicht bekannt ist Mit ihr erzeugte er einen Sohn, der in der Tanfe den Namen Jvo erhielt und sich in der Folge ebenfalls der Buchdruckerkunst widmete. Peter Schöffer's, des Sohnes, Vermögensverhältnisse scheinen sich schon sehr bald ans unbekannten Ursachen verschlimmert zu haben. Denn im Jahr 1511 sah er sich genöthigt, bei dem St. Petcrsstifte zu Mainz ein Capital von 50 Goldguldeu aufzunehmen und dafür eine Güldc von 3 Goldgnlden auf sein Haus zum Korb zu kon- stituireu, und noch im nämlichen Jahre hatte er der Wittwe eines gewissen Ulrich Jsenkrämers gegen einen gewissen Geld- Erfindung der Buchdruckerkunst. 239 Vorschuß sein Haus zum Korb auf ihre Lebenszeit zur Wohnung verschrieben. Im daraus folgende» Jahr 1512 verkaufte er sogar sein Haus und verlegte seinen Wohnsitz nach Worms. Aber erst um 1518 gab er ein Zeichen seiner typographischen Thätigkeit von sich. In diesem Jahre erschien aus seiner Druckerei: Eyn wolgcordnet und nützlich Bllchlin,wie man bergwerk suchen und finden sal, von allerley Metall mit fcynen Figuren. Wormbs Peter Schöffer. I5l8. 8. Mit Holzstichen. — Ferner 1528 : ?-milec:tgrun> veterw et novi testnmenti.IVINXX VIII men«e «entemd. IZxomielMt Peter Hekeller. ^Vor- innlie. 8. 1529: 1> re >iooim itrtieuli^uileorum. Item eo in- I>eni>lum elegaus Iii^tori»rum ^osepnl vomplevtens. ^Vorwatie IVIVXXIX men8e «eptbr. 8. Aber auch iu Worms scheint es ihm nicht nach Wunsch gegangen zu seyn. Denn 1542 befand er sich in Venedig, wo er ZVInrenrili eni^tol^e m eil i oi »ales druckte. Ein Weiteres ist uns von ihm nicht bekannt. Seines älteren Bruders Johanns, Sohn Jvo befand sich 1531 in dem Besitze der Druckerei seines, iu diesem Jahre verstorbenen Oheims Johauu Schöffer, iu dessen Offizin er wahrscheinlich schon bei seinen Lebzeiten gearbeitet hat. — Jvo war ein eben so thätiger.Typograph als sein Oheim Johann, und es gingen eine Menge Druckwerke aus seiner Offizin hervor. Noch im Monat August 1531 erschien: Vital!« — l)»rclin»Iis. — pro oonservanüa «»- nitate tuemlüque pro«i>era vitletniline totius ku- wkmi eorporis morlios et aegrilu«lines, ^»m prl- imzm e tenedri« erutus. kol. In der am Ende des Buchs befindlichen Schlnßschrist sagt der Drucker: 240 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. Alvxuntine i>i>uil Ivonem Solioesser, a oujns ^>ionve losnne ?au«t olinIvnAi-aiillia olim in urlze mn^untiae-t mi- mum nso nsquam -llihi invvnta, exei-eitaque est. etv. Jvo Schöffer begann demnach sein erstes. Druckwerk sogleich mit einer Lüge, indem er seinem Urgroßvater Johann Faust die Erfindung der Buchdruckerkunst prahlerisch zuschreibt. Er wird sich aber später inconsequent, oder suchte seine» Fehler vielleicht dadurch wieder einigermaßen gut zu machen, daß er seinen Auflagen der deutschen Übersetzung des Livius die Dedication an den Kaiser wieder vorsetzte, die sich vor der älteren, ersten Auflage seines Oheims Johann Schöffcr, von 1505 befand, in welcher Johann Gutenberg als der eigentliche Erfinder der Buchdruckerkunst ausdrücklich und namentlich angegeben wird. — Von den vielen aus Jvo Schöffers Pressen hervorgegangenen Werken, ist: ,.ves deil. liöwisvlieu lieioks 0r«!nonA'en. Die Aul- tlen dullit, 8»mi>t aller Kekaltner Iteionst-igalisouieclen- VrkIüiunK' tvt" mit der am Ende befindlichen Schlußschrift: „In «ler l»bl. unit vlmrtui-stliouen Statt me^nti? trvvkts ^vo Svliösser. vollenäet am x^ventxi^sten tsg' ^ammrii als man i?slet navu cker KLbvrt un«ers lielzen Herrn jesa Oliri^ti AI v 1 II Das letzte Buch, dessen Endschrift Jvo Schöffers Namen trägt. Es ist daher zu vermuthe», daß er im Jahr 1552 gestorben sey. Er hinterließ keine Kinder. Seine Gattin war Erbe seines Vermögens und heirathete nachher den Dr. Philipp Kolgen von Schweppenhausen, welcher dnrch sie in den Besitz der Druckerei und des Druckhauses kam, das im Jahre 1568 von Dr.- Wahinger bewohnt war. Man ersieht dieß aus der älteste» Aufnahme der Stadt Mainz von jenem Jahre, worin es bei der Beschreibung des Druckhanses Xra. 1003 heißt: „das Hans zum Druckhof genannt, mit seinem Bezirke :c. dem Barfüßerkloster über. Ist weiland Jvo Schöffers selig hinterlassener, jetzo des Herrn Philipps Schwep- F Erfindung oer Buchdruckerkunst. 241 penhausen Hausfrau eigen, bewohnt der Herr Johann Wahin- ger, der Arzney Doctor;" woraus zugleich abzunehmen ist, daß sich schon damals keine Druckerei mehr in diesem Hanse befand. Mit Jvo Schöffers kinderlosem Tode erlosch die Familie Peter Schöffers in Mainz; nicht aber in Gernsheim, wo noch Schöffer oder Schefcr in 3 Stämmen leben, die sich seiller Verwandtschaft rühmen, auf die sogar die schwedischen Grafen von Schafer Ansprüche machen. Mit Jvo Schöffer starb nun zwar die Fust-Schöffer'sche erste Buchdruckerfamilie, nicht aber die Buchdruckerei selbst in Mainz aus. Es bestanden vielmehr seit dem Jahre 1486 daselbst stets mehrere Offizinen neben einander, so daß diese Kunst, wie wir ans nachstehendem von Nr. Schaab mitgetheilten Verzeichnisse ersehen, seit ihrer Erfindung bis auf unsere Zeit in Mainz blühte. tz. 76. Nach der Trennung Gutenbergs von dem arglistigen Fnst bestanden von 1457 an, wo Ersterer mit Dr, Humerys Gcld- vorschuß eine neue Druckrrci errichtete, bis zum Jahre 1465, wo derselbe an das kurfürstliche Hoflager nach Eltville als Hofcavalier kam und seine neue Druckerei dahin mitnahm, in Mainz zwei Buchdruckereien. Die dritte errichtete in Mainz 1486 Gerhard Rewich oder Reinrich, von Utrecht gebürtig, welcher den Mainzer Domdcchautcn Brevdenbach auf seiner Reift nach Jerusalem begleitet und nachher dessen Neisebeschreibung in den Jahren 1486 und 1488 in deutscher, holländischer und lateinischer Sprache gedruckt hat. Die vierte Buchdruckerei in Mainz errichtete 1490 ein dortiger Bürger Namens Jacob Meidend ach, vermuthlich ein Sohn oder Enkel des Johann Meidenbach, welcher für einen Gesellschafter oder Gehülfen Gutcnbergs gehalten wurde. Z) Breitkopfs Geschichte d. Mind. d. Buchdruckerkunst. S. 47- ' 16 242 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. Die fünfte Druckerei wurde daselbst im Jahre 1494 von Peter Friedberg, vermuthlich von Friedberg in der Wct- tcrau, errichtet, aus dessen Offizin von 1494 bis 1498 vierzehn Druckwerke hervorgingen, worauf nichts weiter von ihm verlautet. Die sechste im Jahr 4509 in Mainz errichtete Druckerei war die von Friedrich Heumaun, Haumann oder Hewmann aus Nürnberg, der im Jahr 1508 den Kogclhcrren zu Marienthal die von den Bechtermünzischen Erben entstandene neue Guteubcrgischc Druckerei abkaufte, und sie iu Mainz im Hause zum Saulöffel im Kirschgarten ausschlug. Die siebeute eröffnete 1532 iu Mainz Peter Jordans. In mehreren seiner Druckwerke sind die Titelblätter mit den Wappen der Kurfürsten und Domkapitulare umgeben. Man findet seine Drucke nur bis zum Jahre 1536. Die ächte Buchdruckern wurde 1539 vor der Stadt Mainz zwischen den Stiftshäuscrn des Viktorstifts uud Weisenau von Franz Behcm aus Meißen in Böhmen errichtet, welcher sich daher Behem, BoheiM, Latiewius nannte. Von 1540 bis 1552 gieng eine Menge schöner Werke aus seiner Offizin hervor. In dem Lateinischen steht iu den Endschriften bei seinem Namen: AloK'iintiao »pint vivum Viotorem; uud in den Deutschen: bei Mainz zu St. Victor. Es ist schon weiter oben erwähnt worden, daß der Dichter Arnold von Bergel, der Verfasser des Lobgcdichtes auf Gntenberg und seine Erfindung, in Behems Druckerei als Corrector angestellt war. Als im Jahr 1532 Markgraf Albrecht von Brandenburg sich der Stadt Mainz feindlich näherte, flüchtete Behem mit seiner Druckerei in die Stadt und errichtete dieselbe in dem von ihm erkauften Hause zum Maulbäum, welches von dieser Zeit an den Namen der Drnckerei erhielt. Im Jahre 1554 war seine Offizin wieder in voller Thätigkeit, und um diese Zeit muß er mit einem anderen Buchdrucker Namens Theobald Spengel in Gesellschaft getreten seyn; dem die Erfindung der Vuchdruckerkunst. 243 beiden Druckprivilegieu, die er von dem Kaiser Ferdinand am 23. September 1555 und am 19- August 1559 zum Druck des Ncichsabschieds dieser beiden Jahre, und dieses ^Kaisers Münzordnung von 1559 erhielt, lauten ans: „unsere und des Reichs lieben Bürger Franz Behem und Theo- bald Spengel Bürgern zu Meyntz :c.;" auch steht unter dem Drncke des Ncichsabschieds von Regensburg von 1557: „Zu Meyntz bey Franz Behem und Theo- bald Spengcln, jm M «Vl.v.l.VlI." Um 1568 wurde Franz Behem vom Kurfürsten zum Kanfhansmeistcr ernannt, und um diese Zeit scheint er seinem Sohne Casper das Druckcreigeschäft überlassen zu haben. Das erste Buch mit Casper Behcms Namen; „Historien de s durchlauchtigsten und durchleuchtigen Hans Est" erschien 1580. Casper Behem heirathete die Wittwe eines reichen Goldschmieds Namens Heinrich Brehm, der einen Sohn gleiches Namens hinterließ. Dieser hatte bei seinem Stiefvater die Buchdruckerkuust erlernt, übenicihm 1586 dessen Druckerei und führte bis zum Jahr 1598 fort, wo er starb. Er hinterließ eine Tochter und einen Sohn, über welche der Buchdrucker Johann Albinns Vormund wurde und bald darauf die Wittwe heirathete. Dadurch kam er in den Besitz des Hauses zum Maulbaum und der Franz Behemschen Druckerei. Es sind Spuren vorhanden, daß Johann Albinns schon vorher die Druckerei Friedrich Heumanus im Kirschgarten besessen und mich fortgeführt habe. Er war ein sehr thätiger Buchdrucker und ein eben-so thätiger Buchhändler, und druckte nicht nur eine Menge großer und kleiner Werke, sondern hatte auch zu Mainz nnd Frankfurt a. M. zwei offene Buchladen. Nachdem 1696 seine Frau, die Wittwe Heinrich Behems, gestorben war, heirathete er ^zum zweitenmal und erzeugte in dieser Ehe zwei Kinder, die nach seinen: 1620 erfolgten Tode, mit der Mutter im Besitze der Druckerei und des Hanfes znm 16* 244 Zweites Buch. Sechster Abschnitt. Maulbaum blieben, bis beide während der Occupation der Schweden von 1631 bis 1635 gänzlich ruinirt wurden. Neben der Druckerei Franz Behem's bestand in Mainz gleichzeitig noch eine andere berühmte Offizin, die des Bal- thasar Lipp oder Lippius, der, wie aus mehreren Umständen höchst wahrscheinlich wird, von der Wittwe des Jvo Schöffer oder ihrem zweiten Ehemann, Nr. Kolgen von Schweppenhausen, die erste Gutenbergischc, nachher Fnst- Schöffcrsche Druckerei, die erste und älteste der Welt, an sich brachte. Nach der zweiten topographischen Aufnahme der Stadt Mainz vom Jahr 1594 war das Jvo Schöffersche Druckhaus schon in anderen Händen, und vr. Kolgen von Schweppenhausen bewohnte damals ein ihm eigenthümliches Haus an dem Flachsmarkte, in welchem auch Balthasar Lipp wohnte und seine Druckerei aufgerichtet hatte. Da nach Jvos Tode sein Druckereigeschäft weder von seiner Wittwe, noch nach ihrer Wiederverheirathung von ihrem zweiten Manne fortgesetzt wurde, und Lipp das seinige im Hanse des Letzteren am Flachsmarkte betrieb, so ist es sehr wahrscheinlich, daß er die Druckgeräthc Jvo Schöffers von vr. Kolgen übernommen habe. Was noch besonders dafür zeugt, sind die Privilegien, welche diese Druckerei, vermuthlich noch von den Fust-Schöf- ferschen Zeiten her, ausschließlich besaß, und die auf ihre Besitzer forterbten. Den handschriftlichen Nachrichten des gelehrten Professors Dürr zufolge, soll dieselbe allein das Recht gehabt haben, Gesellen und Magister zu kreiren, ihre Besitzer die legalen Büchercensoren gewesen, alle zu dieser Druckerei gehörige Gesellen bei der Mainzer Universität als vlves »v»- emii ausdrücklich: „Sie hielten diese Kunst gegen alle ihre Diener und Hausgenossen geheim, und verbänden sie durch einen Eid, sie auf keinerlei Art bekannt zu machen, welche jedoch dieselbe im Jahr 1462 in verschiedene Staaten verbreitet, nicht geringen Zuwachs erhielt" Dieses Jahr wird allgemein als die Epoche der ersten Verbreitung der Buchdruckerkunst betrachtet, in welchem die Mainzer Buchdrucker unter den, dnrch Adolphs von Nassau Ucberrumpelung der Stadt veranlaßten Gräuel- scenen ihre Werkstätten in Mainz verließen, nnd die neue, sonst noch nirgends bekannte Kunst in andere, nahe nnd ferne, Länder verbreiteten. Indessen druckte schon vor jener Epoche Albert Pfister zu Bamberg die ihm von den meisten Bibliographen zugeschriebene 36 zeitige Bibel — ?—, welche der vr. Paul von Prag im Jahr 1459 in Bamberg gesehen hat; ferner Verbreitung der Buchdruckerkunst :c. 249 Boners Edelstein oder Fabelbuch in deutschen Reimen, und die vier Historien von Joseph, Daniel, Judith und Ester, welche beide Werke mit den nämlichen Typen der Bibel gedruckt sind. Die Endschrift des Fabclbuches kantet: „Zu Bambe rg dies Büchlein geendet ist, nach Geburt unsers Herrn I e su C h ri st, da man zahlt tausend und vierhundert Ja r, und im ein und sechzigsten das ist war. An St. Valentins Tag." In der Schlußschrist der vier Historien heißt es: „D e puch - lein ist sein ende geben, tzu Bambergh in derselben Stat, das albrecht pfister gedrucket hat. Da man zalt Tausent und vierhundert jar, im zwei und sechzigsten das ist war, hat lang nach Sa n t w alp u r g e n tag." / Die Erscheinung dieser Druckerei vor der Epoche von 1462 macht es sehr wahrscheinlich, daß Albert Pfister sich in Guteubergs und Fusts Offizin zum Buchdrucker gebildet hat, wie dieß auch nirgends anders hat geschehen können, da ausser dieser noch nirgendwo in der Welt eine Druckerei bestand, und sich bei der durch ihre Trennung am Ende des Jahres 1455 augenblicklich entstandenen Geschäftsverwirrung mit einem Vorrathe kleiner Missaltypen nach Bambcrg davon machte; oder, daß ihm dieselben von einem anderen Arbeiter dieser Offizin dahin gebracht worden seyen, womit er denn in den Jahren 1456 bis 1459 seine lateinische Bibel gedruckt und sie im letzteren Jahre hat erscheinen lassen. Da er der Einzige war, der von 1462 ausserhalb Mainz druckte, so kann dadurch keineswegs der Beweis einer früheren Epoche der Auswanderung der Mainzer Bnchdruckergehülfen begründet werden, durch welche die Kunst nach und nach allgemein bekannt und verbreitet wurde. Wir wollen ihnen, soviel möglich, allenthalben folgen, wohin sie sich von Mainz gewendet haben, und in chronologischer Ordnung die merkwürdigsten Städte und Orte hier anführen, wo sie und ihre Zöglinge im Laufe des 15ten Jahrhunderts Buchdruckereien errichteten. 250 Zweites Buch. Siebenter Abschnitt. H. 78. Von den Auswanderern nahmen Conrad Schwcyn- heim -und Arnold Pa n narz ihren Weg nach Nom. Auf ihrer Reise besuchten sie das Kloster Sabiaco, wo sich mehrere deutsche Mönche befanden, und drucktM hier im Jahr 1465: l>i»ota»tii institiuinne«. Hierauf begaben sie sich nach Rom, wo die Marchcsen Massimi und der Bischof Johann Andrea ihnen allen Vorschub leisteten. Die Ersteren räumten ihnen ein Haus eiu, uud der Letztere übcruahm die Verfertigung ihrer Zncignuugsschristen, Vorreden und die Besorgung ihrer Correcturen. ' Im Jahr 1^67 erschiene» die kl>>5tc>tae fzimil«,'«« Oioeinni« in schöner lateinischer Schrift. Sie waren so thätig, daß sie im Jahr l472 schon von 28 Werken, theils Kirchenvätern, theils Classikcrn, 12745 Erem- plare abgedruckt hatte». Aber sie geriethcu ans Mangel au Absatz in große Geldverlegenheit, so daß sie sich genöthigt sahen, Sirtns IV. nm Unterstützung zu bitten, weil sie ganz verarmt seyen. Conrad Schweynheim legte sich in der Folge auf die Kupferstechcrkuust, wie aus der Vorrede von Ptolcinäus Geographie hervorgeht, welche Arn«ld Bücking — ohne Zweifel kein Anderer als Arnold Pannarz, der wahrscheinlich von dem deutschen Worte Buch oder- Buchdrucker in Rom den Beinamen Buckina, oder Bücking erhielt — im Jahr 1473 mit 27 in Kupfer gestochenen Karten herausgab. Ulrich Hau begab sich ebenfalls nach Rom, Da er sich zuweilen knllu« schrieb, so haben die Franzosen einen le Ooq aus ihm machen wollen; allein in den Schlußschristen verschiedener von ihm gedruckten Werke unterschrieb er sich ausdrücklich: vllalrioris Knllur, ^Inmn,ni,5, nlius vx I»s'el5t»llt vivis XVivnen«!«. Das erste gewisse Produkt seiner Offizin sind des Cardinals Johann von Tnrre- crcmata Äle-äitiUlnnes oder Ooiitemnlationes von 1467. Von deutschen Buchdruckern in Rom keimt man im 15ten Jahrhundert noch: Simon Nicolen, Georg Lauer, Verbreitung der Buchdruckerkunst :c. 251 Georg Sachsel von Reichenhall, Barth. Golsch von Hohenbart, Eucharius Silber sonst Frank, Stephan Panck von Passau u. a. m. Im Jahr 1468 errichtete Günther Zeyner aus Reut- livgcn die erste Buchdrucker« in Augsburg. Sein erstes Druckwerk war: 'knomas g, Xemnis imitatione OkriM. Mit rühmlichem Eifer folgten ihm: Johann Schüßler, Anton Sorg, Johann Bämler und Johann Schön- sp erger, aus deren Pressen eine Menge deutscher Werke hervorging. Die erste Druckerei zu Venedig errichtete Johann von Speier im Jahre 1469 und e"öff>iete seine Offizin mit den sehr schön gedruckten IZm'stolis Oioeroms »ä tÄmiliares. Cr druckte noch ferner die Naturgeschichte des Plinius, starb aber während des Druckes von ^u^ust- c!e eivitnte vei. Sein Bmder Wendelin vollendete nicht nur dieses, sondern druckte auch noch andere prächtige Werke. Ihnen folgte im Jahr 1470 Nicoläus Ianson, der nämliche, welchen, handschriftlichen Nachrichten zufolge, Carl VIl. oder Ludwig XI nach Mainz geschickt hatte. Er konnte sehr schön, aber auch sehr schlecht drucken.— Das Nämliche gilt von Johann von Cöln und Johann Manthon vo-i Gheretzem, die gleichzeitig in Venedig in Gesellschaft arbeiteten. Ihre scholastischen Druckwerke sind größtenteils schlecht, ihre ?ü II. Li-ttm'i-t reruw uvique Aestslllii, von 1477 ein typographisches Meisterstück zu nennen. Johann von Cöln druckte auch einigemal mit Wendelin und Janson — Hieraus erschien Erhard Radolt von Augsburg, der 1482 seinen Euclid zu Venedig, vom Jahr 1487 aber wieder in Augsburg druckte. — Von den übrigen deutschen Buchdruckern in Venedig nennen wir blos: Franz Renner von Heilbronn oder äo konte salutis, wie sein Landsmann I. Lucil Santritt er seinen Geburtsort nennt, Meister Adam von Rotweil :c.; und von den italienischen Typographen daselbst: O-ctavian Scoti 252 Zweites Buch. Siebenter Abschnitt. von Monza und AlduS Manutius, deren Verdienste um die Kunst wir später kennen lernen werden. Im Jahr 1469 errichtete Philipp Lavagna die erste Buchdruckern zn Mailand und eröffnete diese mit: .^loliuni Hlir»oo!i lie Klorio«-» uei-ßeoe M-liin. Er druckte viel und schön; und mit ihm wetteiferten hierin Ant. Zarrotus von Parma und Christoph Waldarfer von Rcgens- vurg. Außer diesen verdienen noch Leonhard Pachcl, Ulrich Scinzcnzler, beide aus Baiern, und Alexander Minutiauus genannt zn werden, welcher Letztere 1498 zum erstenmal Cicero'6 sämmtliche Werke in 2 Foliobän- den druckte. Der Prior von Sorbonc zn Paris) Johann Steynlin — I.!»m>Iitttus oder lit piörio — ein Deutscher, berief 1470 drei Buchdruckern Ulrich Gering von Constanz, Martin Kranz nnd Michel Frciburger von Colmar, welche dort die erste Druckerei iu Frankreich errichteten. Von ihren deutschen uyd französischen Nachfolgern machte sich im 15tcn Jahrhundert Keiner besonders berühmt, mit Ausnahme vielleicht von Anton Verard, welcher 1,487 die erste französische Bibel, aber anch eine Menge elender Rittcrromanc druckte, während in Italien der Drnck der Classiker fast alle Pressen beschäftigte. In dem nämlichen Jahre 1470 errichteten Johann Sensenschmid und Heinrich Kefer die erste Buchdruckerpresse zu Nürnberg, aus welcher zunächst rr-uiv. ile Itetxg. eomestniium Vitioruin hervorging. Der thätigste' Buchdrucker daselbst war ohne Zweifel Ant. Co bürg er oder Kobcrger, aus dcsseu Offizin allein 17 Bibelwerke erschienen. Besonders verdient auch sein Boetlnus von 1473 mit der deutschen Uebersetzuug bemerkt zu werden. Coburger soll 24 Pressen und über 100 Arbeiter beschäftigt haben. Auch Friedrich Creusner zeichnete sich durch die schönen Typen seiner Mönchsschrift aus. Verbreitung der Buchdruckcrkunst :c. 353 In eben diesem Jahre wurde auch durch Acmilian de Orsinis und Johann Neumeister die erste Druckerei zu Foligni angelegt, Neumeister druckte 1472 den ersten Dante uud in der l479 erschienenen Ausgabe der Meclita- tione8 c?arvaveo2i 8pe- vulum erschien erst 1473. Nach diesen Beiden wurde die Buchdruckcrkunst in Straßburg durch Martin Flach, Johann Prüß, Johann Grüninger und Heinrich 254 Zweites Buch, Siebenter Abschnitt. Knobloch, aber nicht auf eine ausgezeichnete Weise fortgesetzt. Im Jahr 1475 brachten Bernhard Cenninius und sein Sohn Dominiens die Kunst nach Florenz, und Petrus Adam nach Man tua, wo indessen in dem nämlichen Jahre noch Andere druckten. Im darauf folgenden Jahre 1473 errichteten die ersten Druckereien zu Ul m, Johann Zeyner von Rentling en. Zu Löwen, Johann aus Westphalen. „ Messina in Sicilien, Heinrich ausDcutsch- land. Im Jahr 1474 zu Turin: Johann Fabri von Langres und Johannin de Petrö. Zu Genua: Matthias von Olmütz und Michel von München. Zu Eßlingen: Conrad Fyner von Gerhausen. Im Jahre l475 erhielt Basel die erste Buchdruckerei durch Bernhard Richel, welchem Michel W enßler, Johann Amerbach und Niklas Keßler folgten; und in eben dem Jahre Vicenza durch Hermann Lichtenstein, oder vielmehr Leichten stein, da er sich lateinisch I^evilKM nannte. Er war von Cöln gebürtig. Lübeck durch Lucas Brau bis von Schas, nnd sogar Blaubeuren durch Conrad Manez. 1476 Lyon dnrchBarth. Buyer, welchem Joh. Trech- sel und Ioh. Klein folgten. 1477 London durch Will). Carton, und im nämlichen Jahre Palermo in Sicilien durch Andreas von Worms. Im Jahr 1473 erschienen zu Genf: livre «les ssints ^nZes des Minoritcn Frantiscus Erimenes und le livre 8Ä,,ienoe eines gewissen vu/ «le kove. / Verbreitung der Buchdruckt'rkunst zc. 255 1480 Haben Conrad Kachelofen, nach Einigen aber Marx Branden oder Brandts und nach Anderen Andreas Frise die erste Druckerei zu Leipzig, und Michael Mreyff oder Gryff zu Reutlingen, 1481 Conrad Fpner zu Urach, vorher zn Eßlingen. 1482 AlbrcchLK u nue von Dudcrstadt zu M e m in inge n. 1483 Johann Schnell zu Stockholm. . 1486 Iacobus Britanniens zu Briren, und im nämlichen Jahre ein Unbekannter zu Stuttgart. 1^t88 Johann Othmar von Neutlingcn zu Tübingen und 1489 Ein Unbekannter zu Constanz errichtet, in welchem Jahre auch 'Hioma« n Xempi8 ans der Offizin eines jetzt nicht mehr bekannten Buchdruckers zu Jngol- stadt hervorging. 1491 Druckten Mcnrad Ungut, Paul von Cöln, J o h. Pegnitzcr von Nürnberg und zwei andere Deutsche zu Scvilla, denen bald darauf Jacob Cromberger, Johann Rosenbach, Peter Hagenbach u. m. A. in verschiedenen Städten Spaniens folgten. 1493 Kennt man als Drucker: Gottfried von Themen zu Kopenhagen und Friedrich Niederer von Mühlhauscn zu Frei bürg im Brciögan. 1497 I^aurontius üv kiiiiei« zn Ferrara. 1^t99 Johann Vissclus und Bcnedictus Mangius zn Mailand, um welche Zeit Johann Haller von Nürnberg die Bnchdruckerci auch nach Polen brachte. Unter den Oesterreichischen Erblanden war Ungarn das Erste, wohin sich die Bnchdruckerknnst verbreitete. Im Jahr 1473 druckte Andreas Hess, von König Matthias aus Italien berufen, zu Ofen eine lateinische Chronik der Ungarischen Nation. Doch schien in Ungarn der Buchhandel früher S56 Zweites Buch. Siebenter Abschnitt. als die Buchdruckcrknnst in Flor zu kommen. Denn in bem, ganzen letzten Viertel dieses Jahrhunderts und selbst dem größten Theile des folgenden geschieht von keiner neuen Druckerei in diesem Lande mehr Erwähnung, während die Ofener Buchhändler in Venedig, Augsburg und Strasburg drucken ließen. In Böhmen wurde die erste Buchdruckerei zu Pilsen angelegt, wo 1476 die St »tut» ^»«"lalia des Erz- bischoffes Arnestus und 1479 ein Missale gedruckt wurden. — 1478 debütirte die Kunst zu Prag den lat. und böhm. Nim- bnrger Artikeln der Utraquistischen Stände, welche 1483 wieder aufgelegt wurden. Ihnen folgte 1487 der böhmische Psalter und 1488 die ganze böhmische Bibel. In der Unterschrift erscheinen nebst den beiden Bürgermeistern J o h. Pytlik und Severin Kramär noch Johann zu den Störchen und Matthäus zum weißen Löwen, vermuthlich nach ihren Häusern so benannt, die wahrscheinlich die Drncker waren. Diese Bibel wurde in dem darauf folgenden Jahre zu Knttenberg, wo übrigens schon 1480 dieAesopischen Fabeln gedruckt wurden, durch Martin von Tischnow wieder aufgelegt, und mit Holzschnitten verziert. Außer den Obigen druckten in Prag auch noch Malantrich, Paul Severin, Niklas Strauß, Johann Kokorsky, Georg Nigrinus u. A. — Auch zu Arnau, Jung- bunzlau, Leutmischel, Weißwasser Nnd Winterberg warcu schou im Jahr 1434 Pressen in Thätigkeit; demungeachtet ließen die Prager Buchhändler noch zu Anfang des löten JahrhunderS mehrere Werke zu Venedig, Leipzig und Nürnberg drucken, vermuthlich nur, weil dort schöner gearbeitet wurde. Im Jahr 1482 wurde endlich auch in Wien eine Buch- dntckerei errichtet, ohne daß man mehr den Namen ihres Urhebers kennt. Ob dieser dort nur sich habe versuchen wollen und Wien bald wieder verlassen habe, oder dort gestorben sey, ist unbekannt. Man weiß nur, daß seine Druckerei sehr bald wieder eingegangen ist. Der erste Wiener Buchdrucker, den Verbreitung, der Buchdruckerkunst :c. 257 man kennt, ist Johann Win ter burger, und das erste bekannte Produkt sind die 1492 erschienenen Satyr en des Persius in 4. Seine übrigen Ausgaben sind größtentheils liturgisch und gehen bis 1519. — Im nämlichen Jahr 1432 kam die Druckerei durch Johann Alakraw, C. Stahel und Benedict Mair nach Passau. Im Jahr 1486 wurde die Bnchdruckerkunst auch in Mähren bekannt, und es erschienen in diesem Jahre zu Brunn ^oemZa «evuiilium Oborum Olowiic!., und 1499 wurde zn Olmiltz ein Almanach gedruckt. 1491 druckte Johaun Petri zu Passau M. ?auli Wann ?atilv. ?rae«!ivittori^ et Omionioi Serwoiiss «Ivmmi- valss, und 1493 Kilian Piscator zu Freiburg im Breisgau Lonavontllrae ?eilustr»tio in IV libros sententiarum. Auch die Niederlande dürfen wir nicht mit Stillschweigen übergehen. Die erste Druckerei gründete, wie bereits oben erwähnt, Johann von Westphalen im Jahr 147Z zu Löwen. In dem nämlichen Jahre wurde noch eine Druckerei zu Alost in Brabant und eine zu Utrecht in Holland errichtet. Ueberhaupt druckten in den 70ger Jahren des löten Jahrhunderts in den verschiedenen Städten der Niederlande, ausser Johann von Westphalen, noch: Theodor Martcns, Gerhard Len, Matthes von der Gons, Kettclaer, Van Leempt und Johann Neldenacr. Johann Andrä Sohn und Jacob Bellard errichteten 1483 gemeinschaftlich die erste Buchdruckern zu Haar lein, die aber nach drei Jahren wieder einging. Es scheint, daß die ersten Buchdrucker in Holland und den Niederlanden öfters ihre Druckorte gewechselt und von einem zu dem anderen gezogen seyen, indem man oft einen und denselben Drucker im Verlauf von wenigen Jahren an verschiedenen Plätzen findet. Es schien daher für unseren Zweck 17 258 Zweites Buch. Siebenter Abschnitt. hinreichend, blos die Namen der Männer hier anzuführen, durch welche die Kuust zuerst in jene Länder verbreitet wurde. §> 79. Die Buchdruckerkunst erhielt in verschiedenen Gegenden und in den verschiedenen Zeiten auch verschiedene Namen. Die ältesten sind wohl: .-^inventin imi>rimen,N «eu viu-avteri- g-kuM, und .-Vrs imi>re5soi'i», wie sie in den Schlußschristen der ältesten Mainzer Drucke genannt wird. Dann hieß sie eii!tIoc,Kr»,,i,i!t, welcher Name mitunter »och im löten Jahrhundert vorkommt. Man findet ihn z. B. noch in den Freibriefen des Kaisers Maximilian vor Schöffcrs Livius V. I. 1518. Der Name V/imKrai>I>i!» dürste schwerlich vor 1489 gebraucht worden seyn. In dem seltenen Psalterium quiiituplex des ?»!»-i ,«it!»i>ul«msi« von 1509 heißt die Druckerei des. Heinrich Stephani OMonm vli»lootz?i,!t; in des ^n<1ov. Oliontovnei IZIuoiiZstoririm IZeviesiastieum von 1516 ebendaselbst die Bnchdrnckerkunst .4r« tormulari» und in H»^- moms IZxpositio in p->uli Hi>i«tola«, Strasbnrg bei Renat Veck 1519, werden die Lettern «iannei valmni genannt. Die Buchdrucker selbst hießen Anfangs impl'e^ores, dann (?ImIl,oKr»M. Plado de Bene- dictis zu Bologna nennt sich in seinem daselbst gedrnckten Sueton von 1488 sogar: vrkis oju^-lem SwmMorem, ein Ausdruck, der schon vor der Erfindung der Bnchdruckerknnst, im Jahr 1441 in einer Urkunde von den Spielkarten vorkommt, die in derselben Osrte xuKar e l!Ani-e «ii^inte Stiimpicko genannt werden. Z. 30. Was die Charakteristik der verschiedenen znm Druck gebrauchten Typcngattungen angebt, so muß dieselbe zunächst bei jenen der ersten Mainzer Presse beginnen, die nach der Ordnung, wie sie erschienen, in vier besondere Hauptgeschlechter zerfallen. Das erste Geschlecht bilden die Typen der frühesten Ver- snche Gutenbergs in ABC-Tafeln, Gebetbüchern, Beichtspie.' Verbreitung der Buchdruckerkunst :c. 853 geln, Donaten und der 42zeiligcn Bibel. Sie sind die Ur- typen aller Mainzer Pressen, und theils aus der Hand geschnitzt oder in Tafeln geschnitten, »nd theils gegossen. Die beiden Ersteren sind dick, roh, stark und einander ungleich, sämmtlich durch ihre lange eckige Form und dicke Grundstriche ausgezeichnet und kennbar. Die gegossenen sind in Größe und Form den aus freier Hand geschnitzten gleich. Nur die allgemeine Gleichheit der einzclen in allen Wörtern und Zeilen, wo sie vorkommen, beweist, daß sie gegossen sind. Der Schnitt dieser Typen ist oft gothisch, oft halbgothisch. Das zweite Typcngeschlecht ist die kleine abgerundete Type der gewöhnlichen Handschrift, der heutigen Schwabacher Schrift ähnlich. Sie ist semigothisch und nähert sich bald mehr bald weniger durch Netthcit und Abrundung der schönen Mönchsschrift des 13ten und 14ten Jahrhunderts. Von den vevisiones rotse romarise, welche t477 damit gedruckt wurden, nennt Fischer^) sie die Rotatype. Als erstes Untergeschlecht derselben ist die CatholiconS- type zn betrachten. Sie ist kleiner, dünner und kracklicher als die gewöhnliche Rotatype, wurde von Gntenberg in seiner neuen Offizin gegossen und zum erstenmal bei seinem großen Calholicon 14K0, uud nachher zn den 1467 und 1469 in seiner Druckerei zu Eltville von den Bechtermüuzeu veranstalteten zwei ersten Auflagen des Voosliulsrii ex «zuo gebraucht. Selbst diese Catholicoustype erhielt zu Eltville ein zweites, etwas großer gezeichnetes Alphabet, womit die 3te und 4te Auflage des Vt>e»b. ex qno gedruckt wnrde. Ein zweites Untergeschlecht bilden die Panlus typen, von Fischer so genannt, weil mit denselben das ?»u!u« Se Sannt!» Maii-t «vi-iitimuw «vripturnrum von 1478 gedruckt wurde. Sie sind etwas größer und stärker als die Rotatypen, haben von allen kleinen Typengattnngen die eckige und I.) Fischer, Beschreibung typogr, Seltenheiten. 2. Rürbcrg 1801. 17* 260 Zweites Buch. Siebenter Abschnitt. gothische Form und entscheincn zum erstenmal in der Schlnß- schrift des Alnmotrnetu« von 1470. Das dritte Typengeschlecht bilden die Missalt Wen, von welchen es ebenfalls eine größere und kleinere Gat- tnng giebt, die beide in ihrer Form durch die abgerundeten Köpfe sich auszeichnen. Die größere Gattung diente nur zum Drucke der Chorbüchcr; die kleinere, welche die eigentliche Missaltype war, wurde nach den geschriebenen Meßbüchern gefertigt und zu ihrem Drucke verwendet. Die vierte Typengattnng sind die schönen Bibeltupcn, mit welchen die Mainzer lateinische Bibel von 1462 gedruckt ist. Sie ist die schönste von allen Mainzer Typen und verräth nur wenig von der eckigen semigotischen Form. Selbst die wenigen Reste von Ecken sind sanft abgerundet, welches die Schrift nett und der schönsten lateinischen ähnlich macht. Im Jahr 1467 brachten Conrad Schwcynheim und Arnold Pannarz in Rom die ^ntiqu», eine Art lateinischer, aufrecht stehender Buchdruckerschrift ans, wozu thuen wahrscheinlich die besseren Manuskripte, die sie in Italien gefunden, znm Vorbilde gedient haben. Ulrich Han, Johann von Speycr, und besonders Ianson vervollkommneten die ^.iitilju» und Günther Zeyner führte sie in Dentsch- land ein. Griechische Buchstaben findet man schon in den aus der Fnst- und Schöfferschen Offizin in Mainz hervorgegangcncn ?ar»llc>xiK ^ioerouis; aber sie waren schlecht nnd ungestaltet; etwas besser die im Schwcynheimischen vellius zu Rom von 1469. Um diese Zeit goß Anton Zarrotus aus Parma, der von 1469 bis 1504 zu Mailand druckte, sehr niedliche griechische und lateinische Typen. Das erste ganz griechische Bnch, Constantin Laskaris Grammatik, druckte Dio- nysius Paravisinus zu Mailand 1476. Im Jahre 1481 veranstaltete daselbst Johann Crestonus, ein Carmeliter- mönch von Piaccnza, die Ausgabe eines lateinischen nnd griechischen Psalters, und 1488 druckte Bernardin Verbreitung der Buchdruckerkunst :c. 261 Ncrlins zu Florenz den ganzen griechischen Homer. In Paris war Egidius Gourmont der Erste, der mit griechischen Lettern druckte. Im Jahre 4507 ging aus seiner Offizin der griechische Hesiod hervor. Conrab Fyner zn Eßlingcn machte 1475 den ersten Versuch mit hebräischen Lettern in des Dominikaners Peter Schwarz 'piavtatus oonti-n, xertiilns Fuileos, und l477 in eben desselben Stern Meschiah. Aber die erste vollständige Auögabc erschien zu Mantua, wo 1476 Abra- ha-m K o na th die erste der vier Ordnungen,genannt Orach Chajim — ^cbcnspfad — druckte, dem noch in dem nämlichen Jahre Abraham Ben Chajim mit der zweiten Ordnung, genannt Jorek Deha — Weisheitslehrcr — und l477 mit dem Commentar des R. Levi Bcu Gerson über den Job folgte. Im Jabr 1490 erfand Aldus Pins Manutius zu Venedig die liegende oder Cursivschrift, die man Italien nennt. Das erste mit solcher Schrift gedruckte Buch ist die erste Aldinischc Ausgabe von Virgils A encis vom Jahre 1501. Aldns hatte überhaupt große Verdienste um die Vervollkommnung der Buchdruckerkunst, so wie um die Literatur selbst. Er verbesserte die Unterscheidnngszeichen, führte zuerst die Cola und Scmicola ein, und druckte nicht nur schön und korrect, sondern auch richtig in Absicht auf den Text. Ihm nnd seinen beiden Söhnen Paulus und Aldus Manutius ist darum weiter unten ein eigener § gewidmet. 1516 drnckte P. P. Porrus zu Genua zum erstenmal Arabisch, da Aug. Gi u stin ia ni, Bischof zu Nebbio, den Psalter in fünf Sprachen bei ihm erscheinen ließ. Von dem ersten Gebrauch anderer fremden Lettern in der Druckerei kann Lcssers "I'xpoKi'iipl, ^uliil. v. 4 nachgesehen werden. JmJahr lSZZ brachte Johann Neudörfer, der ältere, die rechten Maaße der zierlichen und schönen Schriften im Deutschen und Lateinischen hervor. Ncudörfer war indessen 262 Zweites Buch. Siebenter Abschnitt. nicht Buchdrucker, sondern ein berühmter Modi st oder Schön- schreibcr uud zugleich Rechenmeister zu Nürnberg, welcher den Schriftschneidcrn die Vorschriften zu den von ihnen zu verfertigten Punzen lieferte. Besonders bält man ihn für den Erfinder oder Verbessercr der deutschen Fraktnrschrift. „Deutschland" sagt Brcitkopf/) „hat im Ganzen nur zweierlei eigene Schriftarten: die Fraktur- und Cursivschrift " Die sogenannte Kanzleischrift ist nichts Anderes, als eine zum Geschwindschreiben eingerichtete Fraktur, in welcher die Buchstaben mehr gebogen und mit einander verbunden sind. Die Bnchdrnckerci hat daher in Deutschland nicht so Vielerlei nachzuahmen gehabt, als andere Länder in Europa, doch haben diese Schriften sich in jedem Zeitpunkt ebenfalls mit der Handschrift geändert." Da die deutschen Gelehrten sich vor Erfindung der Buch- druckcrkunst mehr mit der lateinische,! als deutschen Sprache beschäftigten, so war auch ihre Handschrift der lateinischen immer etwas ähnlich. Die Ersten, welche Bücher in deutscher Sprache druckten, waren die Brüder Zevner in Augsburg und Ulm und Knoblauch over Knoblocher in Straßburg in den Jahren von 1471 an; und ihre Schrift war nach eben dieser Art etwas mehr lateinisch als eigentlich deutsch, welcher nur die nothwendigen deutschen Buchstaben untermischt waren. So druckte auch außerhalb Deutschland Erh. Rat- d olt von Augsburg zu Venedig noch 1483 „das Buch von den zehn Geboten" in deutscher Sprache mit halbgothi- scher Schrift; Bämler und Sorg in Augsburg warfen mehrere lateinische Buchstabe», aus, und ihr Druck näherte sich daher auch der deutschen Schrift mehr. Endlich kam in Mainz 1486 bei Breitenbachs Reisen die mehr deutsche Schrift hervor, die wir Schwabacher nennen, uud mit einer kleinen Veränderung einiger Buchstaben noch in unseren Druckereien, vbschon nicht zum Druck ganzer Werke, sondern I) Breitkopf, Ursprung der Spielkarten ?c. Verbreitung der Buchdruckerkunst zc. 263 wie die Cursivschrift bei dem lateinischen Drucke, zur nöthigen Unterscheidung besonderer Stellen bei der Frakturschrift haben. Wie sich also die liegende Cursivschrift von der stehenden Antiqua, so unterscheidet sich die runde Schwabacher von der gebrochen geraden Fraktur. Da Peter Schösfer 149!^ die Chronik der Sachsen mit eben dieser Schrift gedruckt hat, so ist fast zu vermuthen, daß der bei der Unterschrift von Brcitenbachö Reisen als Drucker angezeigte Erhard Rewich von Utrecht, welcher als Maler diese Reise mitmachte, nur für den Herausgeber des Buches zu halten, das Buch selbst aber von Peter Schöffer gedruckt und auch diese Schrift von ilnn hervorgebracht worden sey. Denn außer diesen Reisen ist kein Werk mehr vorhanden, das den Namen Rewichö führte zc. Woher diese Schrift den Namen Schwabacher hat, ist weder bemerkt noch untersucht worden. Da sie in Mainz zit Stande gekommen ist, so kann sie von der Stadt Schwabach in Franken nichts Anderes erhalten haben, als daß sich Schöffer dabei eines Künstlers ans dieser Stadt bedient, der nach der Gewohnheit jener Zeit von seinem Geburtsorte der Schwabacher genannt wnrde. Die andere deutsche Schrift, mit welcher wir gewöhnlich jetzt drucken, und die wir ihrer gebrochenen Ecken wegen Fraktur nennen, ist ans halbgothischcr Schrift entstanden, so wie diese vorher aus der Mönchsschrift geformt und um 1/t70 in dic Drnckerei aufgenommen war. Wie unsere Fraktnr sich allmählig ausgebildet, und wer zuerst in jetziger Gestalt damit gedruckt habe, ist wohl so gar sicher noch nicht zu bestimmen. Es waren mit der erstgenannten Schwabacher bis znr Erscheinung der ganz geformten Fraktur manche Verändcrnngcn vorgenommen worden, wobei sie von der ersten Form bald mehr, bald weniger abging, und öfters sich der nachbcrigen Fraktur näherte. Allem Vermuthen nach hatten die damals in Nürnberg sich gebildeten Schönschrciber oder Modistcn 264 Zweites Buch. Siebenter Abschnitt. etwas dazu beigetragen, und wahrscheinlich hat die nachher erschienene Frakturschrift auch keinen anderen Geburtsort als Nürnberg, wo Albrecht Dürer auch die Vorschriften zu der geometrischen Richtigkeit derselben gegeben hatte, die hernach in seiner „Unterweisung der Messung mit dem Zirkel und dem Richtscheide" bekannt gemacht wurde. Ans der ganze» Bildung dieser Schrift erkennt man die in Nürnberg damals herrschende Schreibekunst der Modisten, unter welchen besonders Paul Fischer gute Schüler gezogen hatte, die bald darauf Johann Ncudörfer, der ältere, ganz ausbildete, und aus dessen Schule die kaiserlichen Secretäre genommen wurden. Einer dieser Hofsccretäre, Vincenz Röckner, machte nach dem von Johann Ncuvörfer hinterlassenen Mannscripte „von der Kunstgeschichte seiner Zeit," zu der Theuerdankschrift die Probe, welche der Kaiser durch eigenhändige approbirende Signatur bezeichnete. Die Schrift, welche zu dem Drucke des Thcuerdanks zuerst angewendet wurde, hat den Namen Theil crdank bis in das 17te Jahrhundert sowohl in Deutschland als in Holland behalten. Alle die anderen deutschen Schriften haben sich nach und nach in allen Größen, mit Weglassung der vielen Zierathen darnach eingerichtet, und den Namen Fraktnr erhalten, bis jene Schrift endlich die geworden ist, welche wir jetzt-Te^t- fraktur nennen. In manchen Ländern heißt sie auch wohl Sevunil-t, wenn eine etwas größere, die wir jetzt Doppclmittel nennen, als die prima angenommen wird, und die darauf folgende die Benennung Tertia erhält, auf welche die Mittelschrift oder Ale Offizin die Buchdrnckcrknnst erlernt hatte, studirte er mebrcrc Jahre Mathematik und Mechanik und begab Hch 1809 nach London, um dort die Idee einer verbesserten Buchdruckerpresse, die ihn schon während seiner Lehrjahre beschäftigt hatte, in Ausführung zu bringe». Er verband sich zu diesem Ende mit einem anderen Deutschen, dem mathemathischen Jnstru- mcntenmachcr Bauer aus Stuttgart, und beide brachten eine Druckmaschine zu Stande, auf welcher am 29. Novcmbrr 1814 zuerst die ^ime-? gedruckt wurden. Nach Erbauung mehrerer ähnlicher Maschinen in England begaben sie sich nach Deutschland zurück'und errichteten in dem von der Baier'schen Regierung erkauften ehemaligen Kloster Oberzell bei Würzburg eine mechanische Werkstättc, eine Eisengießerei zc. und begannen den Bau von vier großen Drnckmaschinen, wovon sich zwei in der Haude- und Spener'schen jetzt Spiker- schen Zcittingsdruckerei und zwei in der D c ck er'schcn Hofbuchdruckerei in Berlin befinden. Zwei andere verfertigten sie für Herrn von Cotta znm Druck der Taschenausgaben von Schiller, Göthc, Herder und der Allgemeinen Zeitung in Augsburg. Alle diese Pressen werden durch Dampfmaschinen iu Bewegung gesetzt, und sind daher vorzüglich nur in großcu Druckereien von entschiedenem Vortheile. Mau hat sie indessen durch verschiedene Verbesserungen auch für kleinere Etablissements anwendbar gemacht, indem mau statt der Dampfmaschine ein einfaches Schwungrad anbrachte, durch welches zwei Männer ohne besondere Anstrcuguug die Druckmaschine in Bewegung setzen. Diese vereinfachten Maschinen finden fortwährend sehr großen Beifall, so daß bereits mehrere derselben nach Hamburg, Kopenhagen, Berlin, Leipzig, Frankfurt, Coblcnz und selbst nach Paris geliefert wurden. Die Herren König und Bauer verfertigten hauptsachlich drei Arten von Druckmaschinen und zwar 1) die vollständige Maschine, die nur durch eine Dampfmaschine in Bewegung gesetzt werden kann, den Bogen auf beiden Seiten druckt, nnd in einer Stunde 900 bis t000 Bogen liefert, Verbreitung der Buchdruckcrkunst zc. 271 zu deren Abnehmen und Anlegen zwei Bursche erforderlich sind. 2) Die doppelte Maschine, welche den Bogen nur auf einer Seite drnckt und in einer Stunde 2400 Abdrücke liefert, wobei zwei Bursche zum Anlegen und zwei zum Abnehmen der Bogen nöthig sind. 3) Die einfache Maschine, wovon es zwei Arten giebt, zn großem und kleinem Formate, die aber beide ans dem nämlichen Mechanismus beruhen. Die Eine wie die Andere druckt den Bogen ebenfalls mir anf einer Seite und liefert in einer Stunde 1400 Abdrücke, wobei nnr zwei Bursche mit Anlegen und Abnehmen beschäftigt sind. Der Mechanismus aller dieser Schnellpressen ist äußerst sinnreich, aber so komplicirt, daß er selbst nur durch öfteres Anschauen begriffen werden kann, weswegen wir eine Beschreibung derselben für unnöthig und zwecklos halten. — Ganz verschieden von dem Mechanismus und der Einrichtung der Schnellpressen wurden in neuerer Zeit mehrere Arten von Buchdruckerpressen von Gußeisen erfunden, die eigentlich nur ebeu so viele Verbesserungen der gewöhnlichen Pressen sind, aber in ihrer Eonstnlction von einander sehr abweichen. Die meisten derselben wurden in England erfnnden und in Deutschland nachgeahmt, und znm Theil verbessert. Die bemerkenswertesten derselben sind: 1) die S tan h op c-Presse; 2) die Covpers-, 3) die Ruthweu-, 4) die Rüssels-, 6) die Clymer- oder Colnmbia-Prcsse; 6) die Albion-Presse nnd 7) die 1»^6 erfundene Presse des Me- chanikus C. Hoffmann in Leipzig. tz, 82. Auch die Arbeit der Setzer wurde durch verschiedene Erfindungen erleichtert. So erfand Wilhelm Haas in Basel die systematische Zusammcnse tz nng der St ü ck- linien und Zwischenspäne, um der Unbequemlichkeit abzuhelfen, welche die gegossenen Zwischenlinien verursachten, die häufig für das Format zu lang oder zn knrz waren. Er machte nämlich sechs Längen ausfindig, nach welchen alle Zwlschenlinien gegossen werden, durch deren Zusammensetzung 272 Zweites Buch. Siebenter Abschnitt. alle mögliche Längen der verschiedenen Formate ausgefüllt werden können. — Ebenso verbesserte Franz Ambro si u s Didot in Paris die Stege, d. h. die verschiedenen Stücke, deren sich die Setzer bedienen, um die Seiten von einander zn sondern und die Rande zu bilden. Man hatte die Stege bisher von Holz gemacht; da dieses beim Abwäschen aber nach dem Abziehen vom Wasser aufquoll, so verfertigte Didot dieselben von dem nämlichen Stoffe, aus welchem die Lettern bestehen. Er erfand auch den Typometer zn genauer Bestimmung des kubischen Inhaltes nnd der Höhe der Lettern, welche Erfindnng ihn zugleich veranlaßte, die Abstufung der Schriftarten, die man bis dahin fast mit unverständlichen Benennungen belegt hatte, auf eine einfachere und zweckmäßigere Art zn bezeichnen. §. 83. Ihre höchste Vollkommenheit erreichte die Buchdruckerkunst aber durch die Erfindung der Stereotypen, oder der Kunst, mit stchenbleibendcu Formen zn drucken- Sie besteht darin, daß die aus beweglichen «Lettern zusammengesetzten Seiten mittelst eines Gusses in unbewegliche Tafeln verwandelt werden, die man hin- und herstellen und damit umgehen kann, wie man will, ohne daß dadurch auch nur ein Buchstabe verrückt oder aus der Form gezogen wird. Die Erfindnng des Stereotypdrnckes wird dem Holländer I. van der Mey, dem Vater des berühmten Malers dieses Namens, in Leiden zugeschrieben, der bereits zu Ende des 17tcn Jahrhunderts mit Hülfe des Predigers der dortigen deutschen Gemeinde, Johann Müller, welcher für eine genane Correktur sorgte, Stcrcotypenformen zu einer holländischen Bibel verfertigte, von welcher noch jetzt viele Eremplare vorhanden sind. Diese Stereotypplatten, die aus zusammengesetzten und untcu zusammengegossenen Lettern bestehen, befinden sich jetzt in den Händen des Buchhändlers Elwe in Amsterdam, der noch im Jahr 1791 damit eine Bibel in 2 Foliobänden druckte. — Zu Anfang des I8ten Jahrhunderts erfand Verbreitung der Buchdruckerkunst:c. 273 auch ein Schotte Namens veä die Kunst, von gegossenen Platten zu drucken, und erhielt von der Universität von Cambridge den Auftrag, Bibeln lind Gebetbücher zu drucken, welches aber durch Intriguen verhindert wurde. Indessen vollendete er zur Nachtzeit im Jahr 1736, ohne von seinen Collegcn bemerkt zu werden, einen Sallust, der von zu- sammcngclöthcten Letteru abgedruckt war. — Im Jahr 1785 versuchte» Hoffmau-n in Paris nnd Carar in Toul etwas Aehnliches, was der Erstere Polytypage und der Letztere Homotypage nannte. Man irrt darnm, wenn man Firmin Didot, dem Sohne des obenerwähnten Franz Ambrosius Didot die Erfindung des Druckes mit ganzen Platten zuschreibt, da er in und außer Frankreich schon mehrere Vorgänger hierin hatte. Allein er hat diese Kunst sehr verbessert und bereits 1795 Callets trigonometrische uud logarithmische Tafeln mit Stcrcotyplcttern gedruckt. Sein verbessertes Verfahren besteht dariit, daß er zn den Stereotypen etwas kürzere Letteru nimmt, die von einer härteren Materie als die gewöhnlichen sind. Diese werden nun wie bei dem sonstigen Drucke gesetzt, Probcbogen abgezogen und korrigirt, bis der ganze Satz fehlerfrei ist. Hierauf wird jede mit diesen Lettern gesetzte Seite mit einer Prägmaschine in eine, dem Formate des Buches entsprechende Form vom weichsten Blei abgedruckt, welche sonach als Matrize für eine ganze Seite dient. Diese wird sofort in einem eng und vestgcschlossenen Kasten mittelst eines Mouton's oder einer besonderen Vorrichtung auf eiue gewisse geschmolzene und bis zur Teigconsistenz erkaltete Masse mit Gewalt hcrabgeschmettcrt oder abgeklatscht, die nun eine solide Masse mit erhabenen Lettern bildet und zum Abdrucke dient, nachdem sie ans der Rückseite gleichge- hobclt oder abgedreht worden ist, um gerade die gehörige Dicke zu haben. Bei dem Abdrucke werden diese verschiedene Platten oder Seiten auf eine messingene Platte geschoben, welche die Stelle der Form vertritt und deswegen nothwendig ist, weil ohne dieselbe die sehr dünnen stereotypischen Seiten 18 274 Zweites Buch. Siebenter Abschnitt. oder Columnen schwerlich dem Drucke widerstehen könnten. Ueber dieses verbesserte Verfahren erhielt Firmin Didot am Wtcn Dczemhcr 1797 ein Patent. — Kürzer, und noch zweckmäßiger scheint das Verfahren des Stereotypdruckes des Grafen von Schlabcrndorf, des Bürgers Herhan und ihrer Gehülfen Rcnouard und Errand, welches darin besteht, daß man mit gewöhnlichen Typcnstempcln oder Patrizen eine Art- beweglicher Matrizen verfertigt, die ungefähr den gewöhnlichen Lettern gleichen, nur daß iu der Matrize die Buchstaben vertieft und gerade, statt daß sie anf den Drucklcttcrn erhaben und verkehrt sind. Die Matrizen werden dann gerade so, wie das gedruckte Buch seyn soll, von der Linken znr Rechten gesetzt und damit sogleich die zum Druck bestimmten Colnmnen oder Tafeln abgeklatscht, wodurch mithin mehrere Prozeduren erspart werden. Hcrhan, der eigentliche Erfinder dieser Methode, bat hierüber ebenfalls ein Patent erhalten. Noch wichtiger aber ist seine Erfindung, bewegliche Sätze kalt in Kupfer zu schneiden, wovon jeder Buchstabe in ein viereckiges, auf der Drahtinnhlc gezogenes Prisma geschnitten ist. Es werden auf diese Art aus Kupfer verfertigte Matrizen zusammengesetzt und von diesen eine erhabene Schriftplatte abgeformt, mit welcher gedruckt wird. Bei der Kunstausstellung zu Paris hat er die nach seinem ucnen Verfahren gedruckte Stereotypansgabe des Sa,ilust und eine Seite in groß Folio aufgestellt, wofür ihm eine goldene Dcukmüuzc zuerkannt wnrde. Im Gleichen erhielt der Bürger k-ttte-mx in Paris am 17ten Februar 1798 ebenfalls ein Patent über eine besondere Art, mit Stereotypen zu drucken. — Aber nicht nur in Frankreich, sondern auch in England und den Oesterreichischen Staaten sann man auf Vereinfachung der Stereotypen uud war damit in London schon im Jahr 1800 so weit gekommen, daß die Auflage einer gewissen Bibel, die mit beweglichen Lettern 1000 Pfund gekostet hatte, mit dem verbesserten Stereotypen- drnck nur auf 150 Pfund zn stehen kam. — In Wien verfiel Verbreitung der Buchdruckerkunst :c. 275 Samuel Falka aus Biksalva in Siebenbürgen von selbst ans die Erfindung des Stereotypendrucks und legte am Neu Juni 1798 dem Kaiser seine erste und vollkommen gelungene Probe vor. — Ebenso der Graf Prosper von Sinzen- dorf, welcher zuvor nie ein französisches Stereotypenmuster gesehen und den ersten Versuch mit dem Drucke von Denis kurzer Elegie „In I"umrilum ?ii VI. Pont, max." machte. Im Jahr 1800 wurde hierauf mit Sinzendorfs Stereotypen auch Carl von der Lühe's „Hymnus an Ceres" gedruckt. Die erste Stereotypengießerei in Deutschland legte Carl Tauchnitz in Leipzig an. Die Vortheile des Stereotypendruckes sind einleuchtend und bestehen hauptsächlich in größerer Correktheit und Gleichheit des Druckes, längerer Benntzung der Lettern, in Ersparnis am Material und Wohlfeilhcit der Bücher. Die einmal verfertigte Form kann, ohne daß es eines neuen Satzes bedarf, so oft und zu welcher Zeit man will, neu abgedruckt werden. Man hat daher nicht nöthig, bei Werken, deren großer Absatz gewiß ist, aber allmählig erfolgt, gleich auf einmal die ganze Auflage zu drucken; der Verleger erspart demnach viel am Kapital Und braucht sich nicht mit einem zu großen Vorrathe von Papier zu versehen, sondern die Stärke der Auflage mir im Verhältnisse seines muthmaßlichen Absatzes des Werkes von einer Zeit zur anderen zu machen. Aber auch nur bei solchen Werken kann der Stereotypendruck, besonders der verbesserte, sich rentiren, nicht bei Werken von geringerem Belange, am wenigsten bei blos periodischen, die von keiner bleibenden Wichtigkeit sind und keine öftere Auflagen versprechen. Bei solchen wäre es zwecklos, die Schrift stereotypiren zu lassen und die Formen aufzubewahren, die man nicht hoffen darf noch mehr zu gebrauchen. Die Buchdruckerkunst begann mit dem Abdrucke vou ganzen Tafeln, in welche die Buchstaben eiugeschuitten, folglich unbeweglich waren. Die Erfindung des Druckes mit beweglichen Lettern bezeichnete den ersten Schritt zu ihrer 18* 276 Zweites Buch. Achter Abschnitt. allmählige Vervollkommnung. Jetzt verwandelt man die ans beweglichen Lettern zusammengesetzten Seiten wieder in solide Massen oder Tafeln, die wie Jene, zum Abdruck dienen. Mit dem Tafeldrucke nahm also die Buchdruckerkunst ihren Anfang und scheint nun nach vielen und mannigfaltigen Verbesserungen mit dem Tafeldrucke auch endlich ihre höchste Vollendung erreichen zu wollen — Achter Abschnitt. Berühmte Typographen, die sich vom ißten Jahrhunderte an in verschiedenen Ländern durch Vervollkommnung ihrer Kunst und durch schönen und correkten Druck der aus ihren Offizinen hervorgegangenen Werke besonders ausgezeichnet haben. §. 84. . ' Die Mlitnnuovii zn Venedig. Aus dieser gelehrten Buchdruckerfamilie machten sich nach einander Aldus der ältere, sein Sohu Paulus und sein Enkel Aldus der jüngere sowohl um die Wissenschaften als um die Buchdruckerkunst besonders verdient. Aldus Man utius,^) der sich vou seinem geliebten Schüler Albertus Pius, Fürsten von Carpi, auch Aldus Pius Manutius und hernach R omanuS nannte, war 1447 wahrscheinlicher aber 1449 Basseno im Venetianischen geboren. Er hatte das Unglück in die Hände eines unwissenden Pädagogen zn fallen, der, statt mit Geschicklichkeit die glücklichen Anlagen seines Zöglings zu entwickeln, ihn mit Aus- 1) Sein Geschlechtsname wurde von ihm und seinen Nachkommen bald Müiiuli,, oder M anu ni a, bald IUa>inu<:l:io oder IVlnunu- cio und auch N.ii»iu«^i geschrieben. Berühmte Typographen zc. 277 wendiglernen der Elemente der Grammatik in dem vootrinale ^lexmulri 6e VIII» Lei, einem elenden und unverständlichen Machwerke in platten und und barbarischen Versen zu ermüden. Auch konnte AlduS nie vergessen, wie sehr ihn dieses unglückliche Buch gequält habe, welches ihn bewog, selbst eine lateinische Grammatik zu schreiben, welche von 150 l an sowohl in seiner eigenen Offizin zu Venedig, als in mehreren anderen Städten Europa's eine Menge Auflagen erlebte. Er verließ diesen unwissenden Lehrer und begab sich nach Rom, wo er den Unterricht zweier berühmter Gelehrten^ des v»,- sparo 6i Veron» und Dominio OsIZei'inc, genoß, unter denen er" die schnellsten Fortschritte machte. Er fühlte sich stets von dem innigsten Danke gegen sie durchdrungen und gab ihnen in mehreren Stellen seiner Vorreden die überzeugendsten Beweise seiner .Hochachtung und Verehrung. Er wurde in der Folge Erzieher des Alberto Pio, Fürsten von Carpi, der ihm neben anderen Gunstbezeügungen den Beinamen Pius ertheilte. Es scheint, daß seine ersten Studien sich hauptsächlich auf die lateinische Sprache beschränkt haben, und daß er sich erst im reiferen Alter mit dem Griechischen beschäftigte, nachdem er Rom verlassen und sich nach Ferrara begeben hatte, wo er den Unterricht des berühmten kiovarmi S-tttist» kuarim benutzte, welcher in dieser Stadt damals das Griechische lehrte. Die Menge von griechischen Ausgaben, die Aldus in der Folge veranstaltete und die von ihm selbst herausgegebene griechische Grammatik beweisen, welche Kenntniß er sich in dieser Sprache erworben hatte. Als im Jahr 1482 Ferrara von den venetianischen Truppen eingeschlossen wurde, verließ Aldus die Stadt und begab sich Anfangs zu dem gelehrten Fürsten JohannPico von Mirandola, nachher aber zu seinem Zögling Alberto P i o nach Carp i, wo bald daranf auch der Fürst Pico eintraf. Man darf vermuthen, daß bei dieser Zusammenkunft zuerst der Plan beschlossen wurde, eine Buchdruckerei zu er- 278 Zweites Buch. Achter Abschnitt. richten , die sich vorzüglich mit dem Drucke correkter und eleganter Ausgäben der besseren griechischen und lateinischen Autoren beschäftigen sollte, wozu die Beiden, sür die Wissenschaften so sehr eingenommenen Fürsten wahrscheinlich die ersten Vorlagen machten, da Aldus nicht Vermögen gcnng besaß, dieselben aus seinen eigenen Mitteln zn bestreiken. Zur Ausführung dieses Planes wurde sehr glücklich die Stadt Venedig gewählt, wo damals für Künste und'Wissenschaften sehr viel Geschmack herrschte. Im Jahr 1488 begab sich Aldus dahin; und nachdem er dort seine Offizin eingerichtet hatte, debütirtc er als Buchdrucker mit dem kleinen Gedichte des Musäus, das griechisch und lateinisch erschien und mit der knlsaw^omavkiit, die er in griechischer Sprache herausgab. Beide waren in 4to und ohne Datum, ohne Zweifel vom Jahre 1494. Diesen folgte noch im nämlichen Jahre die griechische Grammatik von konstant in Laska- ris. Kein volles Jahr darauf gab Aldus die Sammlung grammatikalischer Abhandlungen des Theo dorus, Appo- lonius und Hcrodianus heraus und beschäftigte sich in der Zwischenzeit mit nnglanblichem Eifer mit der Sammlung, Vergleichung und Corrcktnr der Schriften des Aristoteles, die bis dahin noch nicht griechisch erschienen waren, obgleich von denselben im 15ten Jahrhundert eine Menge lateinischer Auflagen veranstaltet wurde. Die Herausgabe dieser Schriften war um so schwieriger, als die verschiedenen Manuskripte theils beinahe ganz unleserlich geschrieben, theils durch die Un- wissenhenheit der Abschreiber entstellt oder verstümmelt waren und fast Alle ganz verschiedene Lesarten darboten. Gleichwohl erschien schon im Jahre 1495 der erste Band dieser wichtigen Ausgabe, die im Jahr 1498 vollendet wurde, und durch ihre schöne und corrckte Ausführung Aldus unter den Buchdruckern und Verlegern seiner Zeit den ersten Rang anwiest. Es liegt außer unserem Plane, die Menge der griechischen, lateinischen, hebräischen und italienischen Werke hier aufzuzählen, die nach und nach aus seiner Offizin hervorgingen, und Berühmte Typographen :c, 379 wodurch er so mächtig auf die Erleichterung der Studien und die Verbreitung der Wissenschaften in ganz Europa eingewirkt hat. Zu einsichtsvoll, um nicht den ganzen Umfang seiner Aufgabe zu erkennen; und zu bescheiden, um sich den Schein zu geben, dieselbe ganz allein zu lösen; unterhielt er in seinem Hanse eine gelehrte Gesellschaft, der er selbst den Namen .41<1i ZVe»e!>i?emi» gab, und in welcher man sich gemeinschaftlich über die Wahl der abzudruckenden Schriftsteller nnd die Verbesserung des Tcrteö berieth. Diese Gesellschaft bildete sich im Jahr 1500 und leistete den Wissenschaften großen Vorschub, lößte sich aber durch den Tod und die zufällige Zerstreuung der Mitglieder schon nach einigen Jahren wieder ans, ohne daß Aldus sie zu rcgencrireu vermochte. Indessen wurde er dennoch in seinen gelehrten Arbeiten von vielen anderen Gelehrten unterstützt, welches er in seinen Vorreden immer dankbar anerkannte. Um 15(10 vermählte sich Aldus mit der Tochter des Andreas Torresano von Asola, der im Jahr 1480 die Druckerei des Rico laus Jauson an sich gebracht hatte, und seit dieser Zeit iu Venedig druckte, wo er sich einen gewissen Ruf erworben. Er besaß ein ansehnliches Vermögen und gewährte seinem Schwiegersöhne die Geldmittel, seine Unternehmungen fortzusetzen und weiter auszudehnen. Der Krieg, welcher 1506 ganz Italien und einen Theil von Europa verheerte, veranlaßte Aldus, Venedig zu verlassen und alle Arbeiten seiner Druckerei einznstellen. Er sah sich seiner ziemlich bedeutenden Landgüter beraubt und alle seine Versuche, sie wieder zu erhalten, blieben sruchtlos. Von mehreren ausgezeichneten Gelehrten eingeladen, begab er sich nach Mailand nnd hatte den Verdruß, von Soldaten des Herzogs von Mantua, die ihn fnr einen Spion oder sonst verdächtigen Menschen hielten, gefangen genommen und nach Cancto ins Gefängniß geschleppt zu werden, aus dem er indessen durch die Vermittelung des Vicekanzlcrs des mailändischen Senats, .inli'i'cäo O»ro1n, Eines derjenigen, die ihn nach Mailand 280 Zweites Buch. Achter Abschnitt. berufen, bald wieder befreit wurde. Acriner und verschuldeter als er Venedig verlassen hatte, kehrte er nun dahin zurück und begann 1507 seine Arbeiten aufs Neue; aber Mangel an Mitteln lahmte seine Unternehmungen, bis ihm im darauf folgenden Jabrc sein Schwiegervater aus seiner Verlegenheit half und sich mit ihm ganz verband. In den Jahren 16i0 und 1611 ging aus der Aldinischen Offizin nicht ein einziges Werk hervor- Der Krieg, zu welchem sich mehrere Mächte Europa's gegen die einzige Republik Venedig verbunden hatten, verursachte diese lauge und verderbliche Unthätigkeit, während welcher Zeit Aldus Venedig abermals verließ und sich theils zu Bologna und theils zu Ferrara aufhielt. Erst im Jahr 151,2 setzte er seine Druckerei wieder in Thätigkeit. In den Jahren 1513 und 1514 legte er viele Werke auf und bereitete den Druck einer noch größeren Anzahl vor, als er am 6teu Februar 1616 durch drei Mörder tödtlich verwundet, in seinem 67ten Jahre der Wissenschaften und seiner Familie unvermuthet entrissen wurde. Sein , Leichnam wnrde nach Carpi gebracht und dort in der Kirche S»n I-ateriii-iuo beigesetzt. Er hinterließ vier minderjährige Kinder, nämlich: drei Söhne Manutia, Antonio und 1'aolo und eine Tochter, deren Namen unbekannt ist, welche sämmtlich von ihrer Mutter, unter der Vormundschaft ihres Großvaters erzogen wurden, der auch die Leitung der Druckerei übernahm und sie mit seinen beiden Söhnen xisiive««» und xeckerivo bis zu seinem 1639 erfolgten Tode fortsetzte. Der älteste Sohn des Aldus, M-tnutio, wurde geistlich ^iiw lebte zu Asola, wo er 1668 in seinem zwei und sechözigsten Jahre starb, nachdem er seinen Neffen, Aldus den jüngere» zu seinem Erben eingesetzt hatte. Aldus zweiter Sohn Anton widmete sich den Wissenschaften und war einige Zeit, wenn nicht Buchdrucker, wie Einige vielleicht der irrigen Meinung sind, doch wenigstens Buchhändler zu Bologna, wo er die Herausgabe mehrerer geschätzte» Werke besorgte und im Jahr 1558 oder 1669 starb. Sein jüngerer Bruder Paul wurde Buch- Berühmte Typographen :c. 281 drncker, übernahm die Druckerei seines' Vaters und that für die lateinische Sprache, was dieser für die griechische gethan hatte. Von der Tochter des Aldus, deren Namen man nicht einmal kennt, weiß man nur, daß sie an einen gewissen ^ulio entone von Mantua vcrheiralhct war, dem sie einen Sohn gebar, der in der Tanfe den Namen seines Vaters erhielt. Die Verdienste, die sich Aldus der ältere um die Wissenschaften erwarb, sind oben knrz angedentet worden. Nicht minder verdient machte er sich auch nm die Verbesserung der Bnchdruckcrknnst, welche durch ihn ungcmcin vervollkommnet wurde. Er enthielt sich der bisher gewöhnlichen Mönchsschrift, und führte die sogenannte .^ntiqr,-» ein; erfand die Cnrsiv- lcttcrn, die er bei einem gewissen i<'i-!,»oe5o. Lembo, Sn eervin», der nachher unter dem Namen Marool II. auf einige Tage Papst wurde, und kehrte nach einem kurzen Aufenthalt in Rom nach Venedig zurück, wo er mit den Wissenschaften, seiner Druckerei und seinen häuslichen Angelegenheiten eifrigst beschäftigt, sich auch noch mit dem literärischen Unterrichte von zwölf jungen vcnetiani- schen Nobilili's befaßte. Als er nach drei Jahren denselben 284 Zweites Buch. Achter Abschnitt. aufgab, besuchte er mehrere ältere Bibliotheken Italiens, um Materialien für seine künftigen Ausgaben zn sammeln. Um diese Zeit wurden ihm die Lehrstühle der Beredsamkeit' zu Venedig und Padua angetragen, die er aber ausschlug, um sich mit ungetheilter Sorgfalt' seinem Drnckereigcschäfte zu widmen. Allein zwei Jahre später erhoben sich neue Zwistig- keiten zwischen ihm und seinen beiden Oheimen, die auch Ursache waren, daß in den folgenden drei Jahren nur ein einziges Werk: „I.e vo^o urvni" aus seiner Presse hervorging. Im Jahr 1540 gelang es ihm endlich, die Gesellschaft mit seinen Verwandten aufzuheben, und führte er nun das Geschäft unter dem Namen der Söhne des Aldus allein fort. Er trat nun mehr und mehr in die Fußstapfen seines Vaters. Da indessen das Feld der ungcdruckten griechischen Schriften schon ziemlich aufgeräumt war, so befaßte er sich vorzüglich mit der lateinische» Literatur, uud man kann versichert seyn, in allen seinen neuen Auflagen immer einige Verbesserungen, theils im Texte, theils in den Noten oder Schotten zu finden. Im Jahr 1646 macht er eine zweite Reise nach Rom und vcrheirathete sich dort mit Margaretha Adoni — Tochter des Girolamo und Schwester von Carlo und Ri- ualdo Adoni, die ihm 1647 einen Sohn gebar, dem er in kindlichem uud achtungsvollem Andenken an seinen Vater in der Taufe den Namen Aldus gab. Außer diesem gebar sie ihm in der Folge noch zwei Söhne, welche beide schon im Kindesalter starben, und eine Tochter, die er später — 1673 — au einen jnngcn Mann vcrheirathete, der als Advokat in gutem Rufe stand — Als er nach Venedig zurückgekehrt war, widmete er sich seinen literärischen und typographischen Arbeiten mit solcher Anstrengung, daß er sich dadurch eine mehrjährige Krankheit zuzog, zu welcher sich noch ei» heftiges Augeuübcl gesellte. Gleich wohl gingen während derselben iu den Jahren 1564 — 1568 aus seiner Druckerei viele trefflich ausgestattete Werke hervor. Eben so wenig Berühmte Typographen :c. 285 hielt ihn seine Krankheit ab, im Jahre 1755 seinen Bruder Anton, der aus unbenannten Ursachen für immer aus Venedig verwiesen war, in Bologna zu besuchen; bei dem er anfs Neue rückfällig, eine geraume Zeit aushalten mußte. Die Bologneser bezeigten ihm sehr viele Aufmerksamkeit und boten ihm sogar einen jährlichen Gehalt von 350 Scudi nebst anderen Einkünften an, wofür er keine andere Verbindlichkeit haben sollte, als gute Bücher zu drucken, die der Wissenschaft Nutzen und der Stadt Ehre brächten. Er nahm dieses Anerbieten an, machte aber noch einige andere Bedingungen, welche die Sache in die Länge zogen und am Ende gänzlich rückgängig machten. Anch von der Stadt Perusa und dem Kardinal Hippolyt von Este erhielt er sehr vortheilhafte Anträge, die er beide aber ablehnte. Im Jahr 1556 errichtete ?ei!er, v»lioaro oder La- üoei-a, einer der ausgezeichnetsten Senatoren der Republik Venedig, in seinem eigenen Palaste eine Akademie der Wissenschaften, mit welcher eine Buchdruckern verbunden, deren Leitung Paul Manutius übertragen wurde. Auch übernahm er bei derselben den Lehrstuhl der Beredsamkeit. Die Akademie besaß außerdem eine Bibliothek und Buchhandlung, hauptsächlich zum Debit der von ihr herausgegebenen Schriften, deren Anzahl sich im Ganzen auf 57 größere und kleine Bände, zum Theil bloße Hefte, belief. Indessen bestand diese Akademie, welche die ansgezeichnetsten Gelehrten von ganz Italien zu ihren Mitgliedern zählte, und bei welcher Bernardo Tasso, der Vater des berühmten und unglücklichen Torquato Tasso als Kanzler angestellt war, nur bis zum Jahr 156l, in welchem ihr Stifter Bankerott machte, in dessen Folge sich das ganze Institut auflöste, oder vielmehr durch einen Staats- beschlnß aufgelöst wurde. Noch in demselben Jahre wurde Paul Manutius vom Pabst Pius.IV, durch den Kardinal Scripandi nach Rom berusen, nm den Druck der Kirchenväter zu übernehmen. Die Bedingungen waren eben so vortheilhaft als ehrenvoll: ein 286 Zweites Buch. Achter Abschnitt. jährliches Firum von 600 Scudi, Vergütung seiner Reisekosten und des Transport's seiner Druckerei, welche im Kapitol aufgestellt wnrde. Er gefiel sich hier jetzt sowohl, daß er bald nach seiner Ankunft in Rom, auch seine Gattin, seine Tochter und seinen Sohn zu sich berief, dessen wissenschaftliche Bildung er gern selbst leiten wollte. Das Erste, was er hier druckte, war ein kleiner Band mit 2 Schriften des Kardinals Pool: ve Oonoilia, et «!o ktokormirtione vVnKli»e, 1462 in 4to, welche sehr selten geworden sind. Hierauf folgten noch 1563 die Schriften des heiligen Cyprians und verschiedene unbedeutende Sachen bis zum Jahr 1564, wo Paul Manutius seine Druckerei in Rom erst in volle Thätigkeit setzte. Das Hauptprodukt derselben in diesem Jahre war die Sammlung der Beschlüsse des Conciliums von Trient, wovon Panl Manutius im Laufe des nämlichen Jahres nicht weniger als zehn Auflagen »nd zwar drei in Folio, eine in Quart, und sechs in Octav veranstaltete. Sein Sohn Aldus, der unterdessen nach Venedig zurückgekehrt war und bereits die von seinem Vater zum Theil dort zurückgelassene Druckerei besorgte, machte ebenfalls mehrere Auflagen davon, die sämmtlich das Datum des Jahres 1564 trugen Panl erhielt auch den Auftrag, den Katechismus des Conciliums von Trient in gnteS Latein zu übertragen; und er druckte denselben 1566 in Folio nnd nachher noch mehreremal zu Rom und Venedig in Quart, und Octav Bis znm Jahr 1569 gingen noch die Kpistol-te s. niernn/mi, Hnlvikmu«, eine lateinische Bibel nebst vielen anderen, zum Theil sehr bedeutenden Werken aus seiner Druckerei in Rom hervor, deren Aufzählung außer unserem Plane liegt. Für so viele Arbeiten war Paul bei Weitem nicht gehörig belohnt. So lange Pius IV. lebte hatte er zwar wenig Ursache, sich zu beklagen. Aber nach dem Tode dieses Pabstes verschlimmerte sich seine Lage sehr, indem er mit vieler Mühe kaum zu seinem stipulirten Gehalte gelangen konnte. Verdruß und Krankheit erregten sofort in ihm den Wnnsch in sein Vaterland zurückzukehren. Er verließ demnach im September Berühmte Typographen :c. 287 1570 Rom, wo er neun Jahre voll Arbeit zugebracht, ohne seine ökonomischen Verhältnisse im Mindesten verbessert zu haben. Während seines Aufenthaltes in Rom war seine Druckerei in Venedig keineswegs unthätig. Jedes Jahr lieferte dieselbe eine ziemliche Anzahl von Ausgaben, unter welchen sich mehrere von seinen eigenen Werken befanden. In der letzten Zeit wurde diese Druckerei von seinem Sohne Aldus geleitet, dessen Fähigkeit und Kenntnisse sein Alter weit überstiegen. Nachdem Paul Manutius nach einer neunmonatlichen Krankheit Rom verlassen hatte, war er mehr für die Wiederherstellung seiner ganz zerrütteten Gesundheit als für seine Druckerei besorgt, die er seinem Sohne getrost anvertrauen durste. Er suchte Ruhe, der, er so sehr bedürfte, auf dem Lande, und zog sich zunächst nach Picvc de Sacio zurück. Im Oktober 157 t beschloß er, eine Reise durch Italien zu machen, besuchte Gcuua, Reggio und endlich Mailand, wo er den Winter bei seinem Freunde Barth. Capra und in Gesellschaft des Octaviano Ferrari zubrachte. Obgleich sich seine Gesundheit eher verschlimmert als verbessert hatte,.so konnte er seinen gxwohnten Studien doch nicht entsagen, nnd widmete alle seine sreie Zeit seinem Commcntare über die Redcu Cicero's, dcu er schon zu Pievc dcl Sacio angefangen hatte. > Im Mai 1572 kam er wieber nach Venedig, begab sich aber von da ungesäumt nach Rom, nm seine Tochter abzuholen, die er bei seiner Abreise dort, 1579, zur Vollendung ihrer Erziehung einem Kloster anvertraut hatte. Diese Reise sollte nur von kurzer Dauer seyn, und er hoffte nach eiuigen Wochen wieder zu Hanse einzutreffen; allein ein eben so unverhofftes als glückliches Ereiguiß hielt ihn in Rom für immer zurück. Seine Frennde unter den Kardinalen, größtentheils gelehrte Männer, die seinen Umgang sehr ungern vermißten, brachten es nämlich dahin, daß ihm Pabst Gregor XIII. ohne sein Ansuchen ans eine eben so ehrenvolle als schmeichelhafte Weise eine ansehnliche Pension auswarf, die ihm bei 288 Zweites Buch. Achter Abschnitt. seinem Zustande physischer und ökonomischer Entkräftung um so erwünschter kam, als sie ihm nicht nur seinen Unterhalt in Rom sicherte, sondern auch außer seinem Aufenthalte daselbst, durchaus keinerlei Verbindlichkeiteü auferlegte, so daß er sie in der, vollkommensten Ruhe genießen konnte. Mit erneuetem Eiser setzte er nun seinen Commentar über Cicero's Reden fort und erlaubte sich in seinen Arbeiten keine Unterbrechung, als die ihm sein kränklicher Zustand gebot. Im Jahr 1573 verheirathete er seine Tochter an einen angesehenen jnngen Rechtsgelehrten Kiov. ?ietro Ronario, und schien nun, im Genusse einer sorgenfreien Existenz, geschätzt und geehrt von Allen die ihn kannten, und zusammenlebend mit seiner Tochter und ihrem Gatten, die er beide zärtlich liebte, für das Glück seines Lebens nichts weiter mehr zu wünschen, als dasselbe noch einige Jahre auf die gleiche, seinem Geschmack und seiner Gewohnheit entsprechende Weise genießen zu können. Dieß Glück war ihm jedoch nicht be- schieden. Im Jahr 1573 nahm sein Krankseyn einen sehr ernsten bedenklichen Karakter an. Zwar fühlte er sich drei Monat später wieder etwas besser; doch blieb ihm fortwährend eine große Schwäche und heftiges Kopfweh, welches ihn oft der Sprache berankte. Alle dagegen angewandte Mittel waren fruchtlos und sein Uebel verschlimmerte sich täglich. Ans die erste Nachricht davon eilte sein Sohn Aldus nach Rom, um ihn nach Venedig abzuholen, wo er ihn mit größerer Sorgfalt verpflegen zu können hoffte. Allein er kam gerade noch, um seinen letzten väterlichen Segen zu empfangen. Panl starb in den Armen seines Sohnes am 6. April 1574 im noch nicht ganz vollendeten 6Aen Jahre seines Lebens und wurde in der Dominikanerkirche zu Rom beigesetzt. So lebte und starb Paul Manntius, die Ehre seiner Kunst und seiner Familie, von Allen betrauert, weil er allgemein geschätzt war. Unter seinen vielen literärischen Arbeiten zeichnen sich seine lateinischen besonders dnrch eine, elegante, reine, wahrhaft ciceronische Diction, durch eine lichtvolle Klar- Berühmte Typographen :c. 289 heit und gesunde Kritik vor den meisten Werken anderer Autoren damaliger Zeit aus. Auch seine italienischen Briefe sind mit Sorgfalt, aber vielleicht in einem weniger eleganten Style geschrieben als seine lateinischen. Die beste Ausgabe der ersteren ist von 1560, aber sehr selten. Viele seiner italienischen und lateinischen Briefe findet man noch ungedruckt auf der Ambrosianischen Bibliothek zu Mailand. Seine Arbeiten über den Cicero bestehen außer einer sehr sorgfältigen und genauen Recension des ganzes Textes, in Commentarcn über fast sämmtliche Schriften dieses Classikers, im Noten über den Nirgil und vier Abhandlungen über die römischen Alterthümer, als: 1) vs l.eg'iIiuK, 2) ve Sen-ttu, 3) ve Oomitüs, nnd 4) ve Oiv'itktte kom-ui». Anch übersetzte er die pliilippio» des Demosthenes in sehr gutes Latein, wovon 1549 und 1551 zwei Auflagen erschienen. Er wollte sich' auch in anderen Wissenschaften versuchen, nnd gab z. B. 1557 eine kleine Ab- handlilNg veKÜ IZlewenti, e ile' loro notabili etkstti herans. Allein er hatte die Natur nicht so gut studirt als den Cicero, und seine Abhandlung, eine Zusammentragung aus älteren Werken, ist gegenwärtig vergessen. §. 86. Nicht minder berühmt als Paul Manutius machte sich sein Sohn Aldus, welcher schon während des letzten Aufenthaltes seines Vaters in Rom, seiner Druckerei in Venedig vorgestanden hatte, und nach dessen Tode dieselbe unter seinem eigenen Namen, Aldus der jüngere, mit gleichem Eifer fortführte. Er war am 13. Februar 1548 zu Venedig geboren. Sein Vater, der ihn zu einem gelehrten und geschickten Buchdrucker zu bilden wünschte, verwendete die größte Sorgfalt auf seine Erziehung, deren Leitung er, sobald derselbe der ersten Kindheit entwachsen, selbst übernahm. Er wußte aus eigener Erfahrung, wie viele und gründliche Kenntnisse erforderlich seyen, um sich in diesem Berufe über die Mittelmäßigkeit zu erheben, und wünschte nichts sehnlicher, als daß sein Sohn hierin seinem Beispiele folgen möchte. 19 290 Zweites Buch. Achter Abschnitt. Aldus war ein so genanntes srühreifes Kind und zeigte schon in seinem Kindcsaltcr eine Leichtigkeit im Begreifen und einen Eifer im Lernen, welches voraussehen ließ, daß er ein eben so guter Grammatiker wie sein Großvater, und ein eben so gründlicher Gelehrter wie sein Vater werden und vielleicht beide übertreffen dürste. Mit lebhaftem Vergnügen sah sein Vater ihn in seiner Jugend anhaltend mit litcrärischen Arbeiten beschäftigt, die ihm nicht nur Ehre machten und seine Kenntnisse allmählig erweiterten, sondern auch zugleich vor den Gefahren bewahrten, denen der Müßiggang und die Zerstreuung ihn ausgesetzt habeu würden. Ant. Aug. Renonard sah bei dem ^!>b6 Morelli zu Venedig ein kleines Heft von zwei gedruckten Bogen in 6. mit dem Titel: ,.l)iFiiti>Iiiae Mkniioeii I'nuli Ml. ^Illi !>?. oom>>enilil)lum ut nrierilibns «vliolis >z«ui esse i>os5iit, vonteotum," welches man, obgleich das Datum fehlt, als seinen ersten litcrärischen Versuch betrachtet. Im Jahr 1556 erschien die erste Ausgabe der ,.LIeZi>nxe clell-r li-igu» l'os- l^na e latlns, «vielte ,1» ^lclo Msnutio," welche ein ganzes Jahrhundert sehr oft wieder aufgelegt wurde, gegenwärtig aber völlig außer Gebrauch gekommen ist. Diese Zusammenstellung, die ursprünglich mir aus 7Z Blättern bestand, wurde in den verschiedenen nachfolgenden Ausgaben ansehnlich vermehrt. 1561 gab Aldus seine ,,OrIimo r-ttin^ heraus, die sich hauptsächlich auf die römischen Denkmäler, besonders ans Inschriften, Medaillen nnd Handschriften gründete. Als er im darauf folgenden Jahre zu seinem Vater nach Rom berufen wurde, bcuutzte er. seinen Aufenthalt in dieser Stadt, die bedeutendsten Bibliotheken und Museen zn besuchen, ausser welchen ihm auch die in so großer Menge vorhandenen alten Monumente sowohl für seine Studien, als auch zur größeren Vervollkommnung seines Werkes über die Orthographie von besonderem Nutzen waren: Er kopirte von denselben eine Menge Inschriften, mit welchen er 1566 die neue Ausgabe seines Werkes bereicherte, dem er auch eine Abhandlung über Berühmte Typographen :c. Sl)I die Abkürzungen derselben ans den alten Denkmälern: ,,ve' veterum notnium ex>)Iiiu-ttiiinenebst dem im Jahr 1555 zum erstenmal von seinem publicirtcn allen römischen Kalender beifügte. Man weiß nicht genau, wie lange Aldus bei seinem Vater in Rom geblieben sey; gewiß aber ist, daß er sich im Jahr 1565 wieder in Venedig an der Spitze seiner Druckerei befand, die während seines Vaters Aufenthalt in Rom sich weniger mit dem Drucke neuer Werke, als mit wiederholten Auflagen der vorzüglichsten Bücher beschäftigte, die bereits den Fonds des Buchhandels dieser Familie bildete». Hierunter gehören vorzüglich die Schriften Cicero's, von welchen schon von 15^0 an jedes Jahr einige Bände, oder wenigstens einige Commentare über eins seiner Werke ans den Aldinischen Pressen hervorgingen. Im Jahr 157^ verhciralhelc Aldus sich mit Vinnoe- vit I^uorexi» kiunti von Florenz, von welchen ein Zweig sich seit langer Zeit in Venedig niedergelassen hatte, der mit Auszeichnung die Buchdruckerkuust ausübte. Im daraus folgenden Jahre gab Aldus „1>e looutioni dell' Lin«tolo e." In dem nämlichen Jahre gab er zu Bologna auch: „I.n Vit» ,11 O'v5,mn ,Ie Meitivi," des ersten Großherzogs von Toskana heraus und dcdicirte dieses mit vieler Sorgfalt geschriebene Werk Philipp II, König von Spanien. Es scheint, daß dasselbe von dem regierenden Großhcrzoge Franz von Me- dicis, dem Sohne Cosinus des Großen, sehr gut ausgenommen wurde, indem ihm dieser Fürst sogleich uutcr sehr vortheilhaftcn Bedingungen die Professur der schönen Wissenschaften an der Universität zu Pisa anbiete» ließ, die er auch anzunehmen beschloß. Zur nämlichen Zeit erhielt er auch einen eben so ehrenvollen Ruf nach Rom an die Stelle des berühmten Marc. Ant. Murel's, der sein und seines Vaters langjähriger Freund, 1585 mit Tod abgegangen war. Entschlossen indessen, nach Pisa zn gehen, lehnte er diesen Ruf von sich ab. So groß aber war die Achtung, die man in Rom für seine Talente und Person hegte, daß man Berühmte Typographen ?c. 293 seinen Namen gleichwohl in die Liste der Professoren eintrug und den Lehrstuhl erledigt ließ. Im Jahr 1587 verließ er Bologna und begab sich über Florenz nach Pisa, wo er zum vovrm- utriu^iuc- ^uri» befördert und bald darauf in die Akademie von Floren; aufgenommen wurde. Einen Theil der Herbstferien deS Jahrs 1588 brachte Aldus in Lucca zu, weniger seines Vergnügens wegen, als um Materialien zu einer Lebensbeschreibung des berühmten On-sti'uvein O.xlraeane zu sammeln, welcher gegen Anfang des 14ten Jahrhunderts Sonverain oder vielmehr Tyrann von Lucca und den angrenzenden Ländern war. Er fand anch sowohl in den öffentlichen Archiven als bei Lei- imräo ^ntelminelli,'einem Abkömmlinge dieser Familie, die umfassendsten Urkunden, deren Genanigkeit er nicht im Mindesten bezweifeln konnte. Nach einem zweijährigen Aufenthalte zu Pisa entschloß sich Aldus auf wiederholte Einladung seiner Freunde in Rom und selbst des Pabstcs Sirtus V. endlich zur Uebernahme der ihm noch aufbewahrten Professur, die ihm ohnehin weit größere Vortheile als sei» Lehrstuhl in Pisa bot, nnd begab sich 1588 nach Rom. Bald nach seiner Anknnst daselbst erschienen von ihm zwei kleine Werke: „Instruttione politie» 61 Lioerizne sei'itt» in una piütvle » Huiuto il krntello nuo- vswente tr»«1ott» in linZuit volAsre. In Rom», per II 8»nti e vompsgni, 1583 in 12.," und „V-»rie »rii?i?i»te ä» ^Illo, » petiK-ione «11 c?!>mi!Io 1'aleotto," die er seit einiger Zeit schon vollendet hatte. Da er beschlossen, sich in Rom für immer zu firiren, so trachtete er, die von seinem Großvater angelegte und von seinem Vater und ihm selbst sehr vermehrte höchst ansehnliche Bibliothek von Venedig nach Rom kommen zu lassen, welches ihm durch die großmüthige Unterstütznng seiner hohen Gönner anch möglich gemacht wnrde. Um seine Dankbarkeit gegen die Stadt Bologna zu beweisen, gab er im Jahr 1589 ein, unter den Papieren seiner 294 Zweites Buch. Achter Abschnitt. Bibliothek gefundenes, ein Jahrhundert früher schon von Be- nedict Morando geschriebenes kleines Werk: „IZs Lo- nomso liüvclibus" heraus, welches er mit einer Vorrede oder vielmehr Zueignungsschrift ,.VexiIIikri, presso il o ov n>n^!!i, in O.uarl, heraus, die er I.uilov ioo Moeio, einem Mailändischen Edelmanne widmete. In den fünf letzten Jahren vor seinem Tode beschäftigte er sich mir mit seinen öffentlichen Vorlesungen und der Vatica- inschcn Druckerei. Blos 1596 erschien von ihm eine Rede des schon seit einem Jahrhnndcrt verstorbenen .-^uielio ^>>pi>ö vranilolini«, welche Aldus seinem Freunde Angela kkoovid zueignete, der Prälat uud 8»vn»-ts pontiüoü geworden war. Diese Schrift führt den Titel: „vi-ntia «le vietutibu^ v. ^. ^ esu t?tiri^ti in e^us ?»s«ione oxten^i«, Roinlie »>1 ^lexan- ctium VI. AI. in paiitsieve Ii»Iiit!t et«, kamae ex t^po- tzispli'm vamuiü kir^e, 1596 in Quart. Er hatte noch die Absicht, eine sorgfältig durchgesehene Ausgabe des Plautus, begleitet mit seinen Commentaren, und eine genaue Beschreibung von Italien mit Abbildnngen der Städte zu veranstalten; ein Werk, das, wenn es nach seinem Plane wäre ganz ausgeführt worden, sowohl eine allgemeine als besondere Geschichte dieses Landes gebildet haben würde Das von ihm beschriebene »nd herausgegebene Leben des i>o zu Florenz und Venedig zwei Buchhandlungen und Buchdruckereien, die nicht nur ebenfalls ihre Glanz- 298 Zweites Buch. Achter Abschnitt. Perioden hatten, sondern auch die Manuzische Buchdruckern überlebten und ihren nach einander folgenden Eigenthümern weit größere ökonomische Vortheile brachten. Nachdem l^o-^lltonio ^uata mehrere Jahre lang den Buchhandel zu Florenz getrieben hatte, verlegte er um 1480 sein Geschäft von da nach Venedig und ließ hier von 1482 an eine beträchtliche Anzahl Werke drucken, die sämmtlich, ausser seinem Namen, auch den eines venctianischen Buchdruckers enthalten. Um 1510 errichtete er selbst eine Druckerei, aus welcher in eben diesem Jahre: „poutitioalis l,il,er" in Folio, vur», arte atyiiö sumptibus. ^iitonii ^until hervorging. Eine der hauptsächlichsten Handelsspeculationen des Junta'schen Hauses zu Venedig scheinen die Werke des Galenits in lateinischer Sprache gewesen zu seyn. Im Jahr 1525 erschien bei den Manuziern in 5 Foliobänden die erste griechische Ausgabe der zahlreichen Abhandlungen dieses Autors, von dem man schon viele lateinische besaß. Wahrscheinlich machte die griechische Ausgabe nicht viel Glück, da die Manuzier sie nie wieder auflegten. Die Junte richteten ihre Aufmerksamkeit mehr auf die lateinische Uebersetzung, in welcher dieses Werk ein allgemeines ärztliches Bedürfniß und den gewohnlichen Heilkünstlern von Profession verständlicher war, als der griechische Tert; daher die lateinische Ausgabe der Junie von 1522 bis 1626 nicht weniger als 11 Auflagen erlebte, von welchen jede nachfolgende stets einige Vorzüge vor der vorhergehenden behauptete. Die vier letzten sind die besten. Diese zahlreichen Ausgaben, fast sämmtlich vergriffen, sind sehr selten geworden, und die beiden ersten von 1522 und 1528 beinahe ganz unbekannt, alle aber sehr gesucht und unter dem Preise der gewöhnlichen Bücher. Die letzte von 1625 ist die vollständigste und verdient daher den Vorzng vor allen übrigen. l.uo-.-Votvllio ^unta, welcher wohl einsah, wie sehr dieses Buch Bedürfniß war, besaß Klugheit genug, sich durch die Berühmte Typographen:c. 299 richtigste aller Combinationen, nämlich durch gute Ausgaben und wohlfeilen Preis den Debit desselben fast ausschließlich zuzueignen, durch dessen über ein Jahrhundert lauge ununterbrochene Fortdauer sich ohne Zweifel diese Familie das große Vermögen erwarb, in dessen Besitz sie sich lange Zeit zu erhalten wußte. I^llv-^ntonio führte sein doppeltes Geschäft des Buchhandels und der Buchdruckerei bis zu seinem 1537 oder 1638 erfolgten Tode fort, nach welchem dasselbe durch seinen Sohn Thomas unter dem Namen der Erben von I,uv-^ntomo Funt» oder auch nur „nnuil ^untas" fortgeführt wurde. Thomas hinterließ bei seinem Tode keine Kinder; aber die seiner beiden Brüder M-u-iotto und kio-AIaris behielten die letztbcmerkte Handluugsfirma bei und führten ihre Geschäfte mit solchem Vortheile, daß ein Enkel vio-IVIaris's im Jahr j626 und 16Z8 seinen beiden Töchtern hunderttausend Scndi zur Aussteuer geben konnte. Diese beiden Töchter, Liane» und Luoieti», Heiratheien zwei vcnetianische Edelleute, 'kos- varini und varlo vorn-tro und mit ihnen starb die Familie zu Venedig aus. ^ranoo^va 1>uoretia, .die, wie wir weiter oben bemerkt haben, im Jahr 1572 Aldus den jüngeren heirathete, war eine Enkelin Mariotto's. Mit der vcnctianischcn Familie hörte nicht auch ihre Druckerei daselbst auf; und es scheint, daß die sehr zahlreichen Junte von Florenz dieselbe durch ihre Abkömmlinge fortgesetzt haben; denn im Jahr It^t-i befand sie sich unter der Leitung Modesto's, eines der acht Söhne Philipp's, eines Sohnes von Bernhard Junta. Dieser Modesto pflanzte die Juntische Familie fort, von welcher noch im Jahr 1791 ein Nachkomme am Leben war. T. 88. ?ilippo ^unt-i, blieb in seiner Vaterstadt Florenz, und scheint seine Arbeiten viel später als I>uc;-Antonio begonnen zu haben, welcher vermuthlich sein älterer Bruder war. 300 Zweites Buch. Achter Abschnitt. Das Erste, was aus seiner Presse hervorging, war ein kleines griechisches Werk von 66 Blättern in 4.: „Aenodii I'i-overdik" 1497 mit den Charakteren des 1488 in Folio erschienenen slorenti Nischen Homers. Ein zweites griechisches Buch: „Orpliei ^iKon^utio-t" 1S00 in 4. von 51 Blättern, welches eben so selten und kostbar als der 2enobius geworden ist, war mit den nämlichen griechischen Lettern gedruckt, die nachher nur noch in einigen lateinischen Ausgaben erscheinen, in welchen sich eine kleine Anzahl griechischer Worte befindet. Nach diesen beiden Werkchcn beschäftigte Philipp sich ausschließlich und mit großer Thätigkeit mit lateinischen uud italienischen Ausgaben, besonders in kleinem Oktavformat, die mit der von Aldus erfundenen Cursivschrift gedruckt sind. Erst 1514 kam er wieder auf griechische Werke zurück. Das Erste war: „Lnotnriilion vramwÄtiealis Intro- äuvtionis" in 8. mit der Unterschrist: „Impensis PKiliM ^nntse, I-chore vero et «lexteritste Ijsrtlwlomsei IZrimanei," welche es zweifelhaft macht, ob dieses Werk wirklich in der Offizin von Philipp Junta gedruckt wurde. In diesem Falle wäre Barlholomäus von Brescia vielleicht nur in seiner Druckerei angestellt gewesen. Allein man kennt auch noch ein anderes Buch: „puiliuiii kslilavtum voritani ZXox illuwin-tta" mit der Unterschrift: „I^ni-e, per «»rtolcimeo i>rI>Iiis, snti!trec>. Mau kennt auch einen Cosimo Junta, der ein Neffe des lctztcu Philipp Junta war und eine Druckerei in Florenz besaß. Ob diese die gemeinschaftliche Drnckerei der Familie, oder ein eigenes Etablissement war, ist nicht bekannt. Die vielen Abkömmlinge der Florentiner Junta machen ihre Verzweigung, besonders in späteren Zeiten sehr dnnkel und verworren. Der älteste Junta, den man kennt, ist I^apo genannt I.ajnno Lliunw cli Orclln, welcher Z35V florentini- scher Gesandter zu Rom war. Von seineu Kindern selbst ist- nichts bekannt. Aber er hatte zwei Enkel oder Urenkel, ^vc>i>c» und viunta, die l432Wollenwaarenhändlcr waren und mehrere Söhne hatten, von welchen wohl alle übrigen Junta zu Florenz und Venedig abstammen mögen. §. 89. Jodocus Badius, Michael Vascosan, die Morelli, Joh. Benenatus u. die Stephani in Paris. Unter den Typographen, welche durch ihre Gelehrsamkeit ihren Geschmack und ihre Thätigkeit der, gegen das Ende des Berühmte Typographen zc. 3l>3 I5ten Jahrhunderts ziemlich in Versall gerathenen Buchdrucker« wieder aufhalfen, verdient zunächst Jodocus Badius genannt zu werden. Er war 1462 zu Asche bei Brüssel geboren und nannte sich nach diesem seinem Geburtsorte auch ^Vsven«w«. In einer Zueignungsschrift vor den ^nnotatiomdus Null. .-Vokami in IV. lib. seot. I,u^> 1595 ^er ^od. rreol^el nennt Badins die Deutschen seine vvllxoi'w-rnos und Oo»Ism»n9.«. Er widmete sich mit allem Fleiße den schönen Wissenschaften, lehrte zuerst zu Brüssel die lateinische und griechische Sprache, und erhielt eine Tochter Johann Trechsel's zur Ehe, die ihm einen Sohn und zwei Töchter gebar. Im Jahr 14W begab er sich nach Paris, lehrte dort ebenfalls die alten Sprachen und errichtete eine Druckerei, aus welcher viele schöne und correkte Ausgaben mehrerer alten Autoren, Tcrenz, Birgt l :c. hervorgingen, die er mit gelehrten Anmerkungeu bereicherte. Auch gab er 15l4 des Benedicliners ^.imoia fränkische Geschichte, l5?4 Krunoüis c»iic?i-» mit vielen Holzschnitten geziert, und eine Menge anderer Werke heraus, wodurch er dem Studium der Wissenschaften großen Vorschub leistete, und sowohl seiner Offizin als der typographischen Knust im Allgemeinen Ehre machte. Er gehörte zn den gelehrtesten Buchdruckern seiner Zeit und besaß sehr viel Geschmack in der Auswahl der von ihm herauezugebeuden Werke, daher viele noch jetzt sehr geschätzt sind. Um die Kunst in seinem .Hause gleichsam zu familiarisircu, verheirathetc er seine drei Töchter: Pctronella, Johanna und Katharina an drei andere berühmte Typographen. Michael von Vascosan, Johann Roiggny und Robert Stephanus und starb Z635 im siebenzigsten Jahre seines Lebens. Nach seinem Tode übernahm Conrad Badius seine Buchdruckerei und trat, mit vielen wissenschaftlichen Kenntnissen ausgerüstet, als Buchdrucker und Gelehrter ganz in die Fußstapfen seines Vaters. Da er sich zur reformirtm Religion bekannte, wich er den, gegen seine Glaubensgenossen in Frank- 304 Zweites Buch. Achter Abschnitt. reich verhängten Verfolgungen ans, und begab sich bereits 1549 nach Genf, wo sich seit 1541 auch Calvin befand. Er schrieb hier einige Werke, übersetzte auch des Erasmus Alberus Schrift: „der Barfüßer Mönche Eulen- spiegel und Alkoran" ins Französische, veranstaltete sehr schöne Ausgaben mehrerer anderer Werke nnd vermehrte den Eulen spiegel mit einem zweiten Theile, wie solcher 1560 zu Genf in einer Dnodezauflagc erschien Von seinen-sonstigen Verhältnissen hat man keine Kunde, und selbst die Zeit seines Todes ist nicht genau bekannt. Man weiß nur so viel, daß er im Jahre 15W nicht mehr am Leben war. §. 90. Unter den auegezeichneten Typographen des löten Jahrhunderts verdient auch Michael von Nascosan eine ehrenvolle Erwähnung. Er war, unbekannt in welchem Jahre, zu Amieus geboren, nnd widmete sich nach einer gründlichen wissenschaftlichen Ausbildung ziemlich frühe schon der Buchdruckerei. Im Jahr 1530 begab er sich nach Paris nnd errichtete dort eine eigene Presse. Obgleich er sehr wohl einsah, wie schwer es sey, lateinische und besonders griechische Werke fehlerfrei zn drucken, so siegte doch sein Fleiß nnd der Wunsch, durch seine Arbeiten Anderen nützlich zu werden, über alle Bedenklichkeiten, nnd im Jahre 1532 gab er ,,«e- levtionek! ^ttivae Immune 1'üomae AIl>Ki«tri eto." heraus, womit er in Paris dcbütirte. Diesem Werke folgten in den nächsten Jahren der ^lvinnu«, die Grammatik von Theodor Gaza nnd des Nicol. Clerardi griechische Institutionen und Meditationen. Nachdem er sich mit Glück in griechischen Ausgaben versucht hatte, ging er mit leichterem Muthe an die Lateinischen und machte den Anfang mit den rhetorischen Werken, von welchen er noch im Jahre 1533: „kv«lol- xki L.Arieolk,e inventions llinlevtik» likrl oum loannis Mlittl>»ei?kri8«emii sotioliis und Oiveroni« ^usoul. c>«»estio- nes ovm Lero-llili et tZkorZii V»IIae vouimkiiwriis" erscheinen Berühmte Typographen :c. 305 ließ. Mit den Rednern scheint er besonders Glück gemacht zu haben, indem er die Institutionen des Quinctilian viermal wieder auflegen mußte, und nach nnd nach beinah alle Werke Cicero's mit den Commentaren ausgezeichneter Gelehrten herausgab. Auch auf die Geschichtsschreiber richtete er seine Aufmerksamkeit, deren Werke in beiden Sprachen ans seiner Presse hervorgingen. . In der Griechischen druckte er den Thuend id es; in der Lateinischen: Cäsars Commentarien, den Vellcjus Paterculus, zweimal den Livius und mehrere Andere. Er beschränkte sich aber nicht blos auf die Alten, sondern nahm auch Rücksicht auf die Neueren; und um sich nicht nur seinen Landsleuten, sondern auch Auswärtigen gefällig zu bezeigen, fügte er dem Paulus Aemilius als unwürdige Begleiter den Paulus Jovius und Petrus Bambus bei. Von den Dichtern findet man außer dem Terenz, Ho- raz, einigen Fabeln des Plautus, dem Ovid, Juvenal und Marti al, wenige Ausgabe» von ihm. Diese aber, so wie die der Grammatiker, Mathematiker, Aerzte, Rechtsgelehrten und Theologen, die aus seiner Offizin hervorgingen, sind mit einer Correktheit und Eleganz ausgestattet, die nichts zu wünschen übrig lassen. Bis zum Jahr 4532 bediente er sich keines typographischen Kennzeichens; von da an aber führen seine Druckwerke meistens die Unterschrift: „in, »eilibus ^«oensisnisdenn in diesem Jahre starb sein Schwiegervater I. Badius oder As- censius, dessen Tochter Katharina er zur Ehe hatte; und Vas- cosan druckte nun mit seinen Pressen bis 1539 , in welchem Jahre auch sciue Gattin gestorben zu seyn scheiut, indem er sich einige Zeit nachher mit Robina Coing, der Tochter eines anderen berühmten Buchdruckers vermählte. Im Jahr 155Z wurde er geschworener Buchdrucker und Buchhändler der Pariser Universität, und 1566 königlicher Buchdrucker. Nachdem er unter Franz I., Heinrich II. und Carl IX. sich seinem Berufe mit rühmlichen Eifer ge- 20 306 Zweites Buch. Achter Abschnitt. widmet halte, starb Vascosan in hohem Alter unter der Regierung Heinrichs III. im Jahr 1576. Man zählt nicht weniger als 297 Ausgaben, ohne die Menge von oft wiederholten Auflagen, die im Vc>laufe seines 44jährigen Bnch- druckerlebcns aus seinen Pressen hervorgegangen sind. Er hinterließ, vermuthlich aus seiner ersten Ehe, eine Tochter, die er an einen feiner Gesellschafter, Friedrich Morelli ver- heirathete, welcher nachher ebenfalls königlicher und Universitäts- buchdrucker und Buchhändler wurde, uud sich sowohl durch seine gelehrten Kenntnisse als seine typographische Thätigkeit großen Ruhm erwarb. Aus seiner zweiten Ehe hatte Vasco- san zwei Söhne, Peter nud Michael, von welchen der Erstere am 13ten April 1542, der Zweite am 23ten August 1545 geboren war. Beide scheinen sich einem anderen Berufe gewidmet zn haben; denn in dem Verzeichnisse der Pariser Buchdrucker des 1(>ten Jahrhunderts findet man weder den Namen des Einen noch des Anderen, und ihr Schicksal ist ganz unbekannt. tz. 91. Die Pariser Bnchdrnckergeschichte des Mcn Jahrhunderts erwähnt auch noch mehrerer Mitglieder der Familie M orelli, die sich als Gelehrte und Typographen rühmlichst ausgezeichnet haben, und daher ebenfalls nicht übersehen werden dürfen. Der Erste dieses Naniens, der in den Annalen der Bnch- druckerknnst erscheint, ist Wilhelm Morelli, in dem Flecken I.e ^illeul in der ehemaligen Grafschaft Mlontiun in der Normnndie von armen Eltern geboren,, die sür seine Erziehung uud wissenschaftliche Bildung wenig zu thun vermochten. Dieß hinderte ihn indessen nicht, sich gründlich zu unterrichten und mit allem Fleiße den Wissenschaften zu widmen. Den ersten Beweis seiner erlangten Kenntnisse lieferten im Jahr 1545 seine gelehrten Commentare zu Cicero's Büchern ile Mmbus, welche Morelli dem Kanzler der Pariser Universität/ Jacob Spifamins, zueignete, den er in seinem Briefe bat: „ut k»8 Berühmte Typographen :c. 3V7 suorum 8tnotlus teneros üores so primo« vou-lt,!' 8u«vi^>i-tt." Den Druck derselben übernahm Joh. Ludw. Tiletanus, bei welchem Morelli als Correktor seiner griechischen Druckwerke angestellt war, und zugleich die Bnchdruckerknnst lernte. Das Zweite, was ans seiner gelehrten Feder sloß, waren: „OompeiMoss, sie veterum vliiloso- plinrum al-iKine, «uline^sione, »et»te titdula ex ?Intaiono, I-nertia eto. vollevts." Nachdein er sich in der Offizin des Tiletanus die erforderlichen typographischen Kenntnisse erworben hatte, beschloß er eine eigene Druckerei zu errichten, wozu er am 7ten Dezember 1547 das königliche Privilegium erhielt. Im darauf folgenden begann c/ gemeinschaftlich mit Jacob Bogard die Institutionen Quinctilian's zu drucken, die er mit seinen Noten begleitete. 1550 bereicherte er die Bücher des Johann Carlo durch einen Anhang und versichert die Leser in seinem Briefe, daß er dieselben, soviel nur immer möglich, von Fehlern gereinigt, herausgegeben habe. Im folgenden Jahre wählte ihn Jacob Turnebus, königlicher Typograph zu seinem Gesellschafter; und beide gaben nun vereint mehrere Werke heraus, von welchen Turncbus öfters den griechischen Text, und Morelli die lateinischen Interpretationen besorgte. Als Turncbns, dem die Leitung der königlichen griechischen Bnchdruckerci übertragen war, in das Collegium der königl. Professoren aufgenommen wurde, und man einen würdigen Nachfolger in seinein bisherigen Amte suchte, schlug er hierzu seinen Gesellschafter Wilhelm Morelli vor, welcher demselben vier Jahre lang mit eben so vieler Kenntniß als Fleiß in seiner eigenen Druckerei vorgestanden; und am lllen Juli erhielt Morelli wirklich das Decrct als königlicher Typograph. Die meisten Bücher, die er herausgab, pflegte er nicht nur sorgfältig nach den Handschriften zu korrigiren, sondern auch öfters durch Note» und Bemerkungen der verschiedenen Lesearten zu erläutern. So z.B. das Astronomicon des 20* 308 Zweites Buch. Achter Abschnitt. Hyginus und die Kirchenväter, auf deren Ausgaben er viele Mühe und Kosten verwendete, den Dionysius Areopagita, den er dem Kardinal von Lothringen zueignete, den Hipvolit, den Jguatius; die Reden des Basilius; die Catecheseu des Ciryllus und den Cvprian; die Briefe des Jguatius uud das Buch- von der Bilderverehrung übersetzte er ins Französische. Auch gab er einen Traktat unter dem Titel: „Ilne brieve «levlmation ile I'»utnritv lies s. IZoritures et llu S. 8»erewent ile I'^utel," und Oammentarios äe veidis Arnevae Iin>>u»e snomillis, et verdorum I^tinarum eum Kraeei» kallivisque vouiullvtorum" heraus, wodurch er öffentlich den Beweis ablegte, wie sehr er der griechischen Sprache mächtig und der ihm anvertrauten Stelle würdig sey. Er beschäftigte sich nun vorzüglich mit Ausgaben griechischer Schriftsteller, druckte Plato's und Aristoteles meiste Abhandlungen, einige der alten Aerzte, nicht wenige von Dichtern, die wenigsten von Lateinern und zwar keine ausser dem Ausonius, Terenz und Cicero's Büchern von den Gesetzen; und um sich um alle Theile der Literatur verdient zu machen, gab er auch: „Olmlllnnm proverbioi'um Zg-Iomnni« intei >>relatiijiie»i, KrÄmmatioae^lie Odsliwiene tsduins, Meroero -»eouisute,^ heraus. An einige Werke hinderte ihn der Tod die letzte Hand anzulegen. Er starb zu Paris am IZteu März 1564. Bei allen seinen Arbeiten sah Morelli mehr auf den allgemeinen Nutzen als auf seinen eigenen Vortheil, und befand sich daher meistens in Übeln Umständen. Was zu diesen noch besonders beitrug, war, daß ihm während der innern Unruhen unter Car^IX., welche das Land und die öffentlichen Finanzen zerrüttet hatten, der ihm von .Heinrich II. stipulirtc Gehalt nicht ausbezahlt wurde. Zu seinen bedrängten ökonomischen Verhältnissen gesellten sich anch noch viele Ver- drüßlichkeiten, die ihm seine ehemaligen Glaubensgenossen, die Neformirten, verursachten. Er war in dieser Religion geboren und erzogen, vertauschte sie aber mit der katholischen, oder Berühmte Typographen :c. 309 mußte vielleicht zu derselben übergehen, als er zum königlichen Typographen ernannt wurde, und zog sich dadurch die Feindschaft seiner früheren Glaubeusbrüder zu, die ihn selbst nach seinem Tode noch verfolgten, wie nachstehende Grabschrift beweiset, welche Heinrich Stephanus auf ihu verfertigte: Kulielmi Morelli IZvttapkilliii. vovtus tu«? quomtum, wnxnl ^-ttien^que laliorls (.^uxili.i Iigev sitis llingna t^twArspliivse) Keil tjjUittlnv» liiijus ie«i>oa«tent vltiina zirimi?, .-Vrs beno ü«t» iiiiu«, »ev dsne tili» m»net. iXeo mirare, lläem quoit et »rs sua krogei-it illi: ^-timjiie ililtltm Okrixto kregoist ille üilem. Heinrichs' Charakter war etwas mürrisch und nie härter, als wenn er auf die katholische Religion zu sprechen kam. Seine Verse ans Morelli gleichen mehr einer Satyrc als einer Grabschrift. Wenn er ihm übrigens vorwirft, daß er als Calvin ist ein besserer Buchdrucker, denn als Katholik gewesen sey, so entfernt er sich aus Partheisncht sehr weit von der Wahrheit. Denn vergleicht man die Werke, deren Morelli eine ziemliche Anzahl nach dem Jahr 1656 herausgab, mit seine» früheren, so findet man unter Jcnm anch nicht ein Einziges, daö minder trefflich ausgestattet wäre, als diese. Im Gegentheile dürften wohl manche seiner früheren Ausgaben den späteren an Schönheit nachstehen. Alle aber sind von einer Eleganz, die Heinrichs Drucke nicht immer erreichten und niemals übertrafen. Will er aber durch seine Verse auf Morelli's traurige Vermögensvcrhältnisse anspielen, so ist'er ein sehr ungerechter Richter, welcher sein Urtheil auf zufällige Ursachen gründet. Denn nichts ist gewöhnlicher, als daß die Guten von großen Uuglücksfällcn heimgesucht werden, während die Bösen zu Vermögen und Reichthum gelangen. Ucbrigens war die Kunst dem armen Morelli dennoch getreuer als dem reichen Heinrich Stephanns, indem Jener wenigstens zu Hause, umgeben von den Scinigen, dieser aber zu Lyon im Spitale starb. 310 Zweites Buch, Achter Abschnitt. Morelli hinterließ eine Wittwe und zwei Töchter. Erstere setzte das Geschäft nach dem Tode ihres Gatten fort, und ließ in den darauf folgenden zwei Jahren mehrere Bücher drucken. Sie verschaffte sich sogar ein königliches Privilegium auf fernere sechs Jahre und veranstaltete 1566 eine griechische Ausgabe von Homer's Odyssee. Um endlich ihren zerrütteten Vermögcnsverhältnissen wieder aufzuhelfen, heirathcte sie den Buchdrucker Johann Benenatus; Morelli's Tochter Johanna aber schon früher einen ebenfalls ansgezeichne- ten Typographen Stephan Prävost. Zn den berühmten Typographen von Paris gehörte auch Friedrich Morelli, ans einem edclcn Geschlechte in Capua im Jahre 1523 geboren. Er stndirte mit dem größten Fleiße die alten Sprachen, wurde königlicher Dolmetscher und beurkundete seine Fähigkeit zn diesem Amte sowohl durch mehrere von ihm selbst in französischer Sprache geschriebene Werke als durch andere, die er aus dem Griechischen und Lateinischen in's Französische übersetzte. Alle athmen einen Geist der Frömmigkeit und zengen nicht nur von der Gelehrsamkeit, sondern auch von der eben so großen Redlichkeit ihres Verfassers nnd Ueber^etzers. Friedrich Morelli lernte bei Jacob Tnsanus die Buch- druckcrkunst und leitete nachher die Druckerei der Carola Guillard. Im Jahre 1557 fing er an als Typograph berühmt zn werden, heirathete Vascosan's Tochter uud gab mit seinem Schwiegervater die von Lalamantins ins Lateinische übersetzten Tragödien des Sophokles, die Geometrie von Carl Bovillus und Scaliger's Traktat «le «ulitilititte heraus, für welche Werke Vascosau in seinem Namen ein königliches Privilegium erlangt hatte. I» dem nämlichen Jahre wurde er Typograph nnd Buchhändler der Pariser Universität. Unter den nachher aus seiner Offizin hervorgegangenen Werken bemerke» wir vorzüglich: Quincti- lian's Deklamationen mit den Scholien von Petrus Aerodius und Philibert Delorm's Werk über die Berühmte Typographen :c. 31! Architektur, welches mit vielen architektonischen Zeichnungen geschmückt und wie alle seine Ausgaben, mit den elegantesten Typen gedruckt erschien. Im Jahre 1571 erhielt er das Diplom als königlicher Typograph, welches Amt er 1531 seinem Sohne Friedrich abtrat und zwei Jahre darauf, am 17ten Juli 158Z im sechzigsten Jahre seines Lebens starb. Er hinterließ mehrere Söhue, Michael, Friedrich und Claudius, von welchen die beiden letzten ebenfalls ausgezeichnete Typographen wurden, Friedrich aber uuter allen Morelli's sich durch seine Gelehrsamkeit den größten Ruhm erwarb. §, 9Z. Friedrich Morelli II., Friedrich's Sohn, übertraf sowohl an Kenntuisscu, als durch seiue Schriften uud Aus- gabeu alle seine Vorgänger und ersetzte der gelehrten Welt den Vcrlnst, den sie durch deu Tod Jener erlitten hatte. > Er zeigte von Kindheit an eine außerordentliche Lernbegierdc, und machte sast in allen wissenschaftlichen Kenntnissen so schnelle Fortschritte, daß er schon in seiner frühesten Jugend Beweise einer seltenen Gelehrsamkeit ablegte. Als seiu Vater im Jahr 1576 die von Matthäus Toscanus aus dem Hebräischen in lateinische Verse übersetzten Psalmen Davids herausgab, begleitete er dieses Werk mit einer Dissertation, i» welcher er die verschiedenen Arten dieser Gesänge, deren Anzahl sich über vierzig belief, auf die kcnntuiß- und lichtvollste Weise erklärte. Daß ihm sein Vater im Jahr 1581 die Stelle als königlicher Typograph abtrat, ist bereits oben erwähnt worden. Keiner unter allen Typographen hat vor ihm noch so viele uud ehrenvolle Aemter begleitet als Friedrich Morelli, der jüngere, die er zu einer Zeit, in welcher die typographische Kunst, diese Erhalten» der Wissenschaften, durch die Unwissenheit und blos handwerksmäßige Ausübung so vieler Buchdrucker in Frankreich allmählig iu gänzlichen Verfall zu gerathen drohte, allein seinen ausgezeichneten und seltenen Kenntnisse» und Verdiensten verdankte. Zuerst wurde er königlicher Typograph, daun Dolmetscher, hieraus Pro- 312 Zweites Buch. Achter Abschnitt. fessor der griechischen Sprache und der Beredt- samkeit, nachher Architvpograp h, und endlich Dekan des Collegiums der Dolmetscher und Professoren. Allen diesen Aemtern stand er allein und ohne fremde Beihülse vor, die ihm sein Genie, sein Fleiß und seine unermüdliche Thätigkeit entbehrlich machten. Höchst selten mir bediente er sich zu seine», typographischen Arbeiten der Hülfe Peter Mettayers und Stephan Prävost's. Die meisten Bücher pflegte er nicht nur mit einem königlichen Privilegium, sondern, wenn sie religiöser Tendenz waren, auch unter der Sanction der Pariser Theologen erscheinen zn lassen. Die ersten Werke, die 1584 nach seines Vaters Tode aus seiner Osfizin hervorgingen, waren: „I^v»pnrom-.! e»s- ---niiil-kt, in lateinischen Jambeu, aus dem Griechischen von Jos. Scaliger; Viil. ?ab. t'idrnoü 'l'etrastivlm vsllie» in griechischen und lateinischen Versen von Flor. Christ; desselben i'rneoentkt Mgrali» Iieroi: von Aug. Prerotius; Littliln iinpeigtoris exliortalionum viiniln per »crolivlnclem ai! I^eouew Mmm, und iZeorAli pjsii'ne Opitioium rnrinili et öe vanit-tte vitne poeM-U». Beide Werke gab er nicht nur griechisch heraus, sondern übersetzte zugleich beide ins Lateinische, den Basilius in Prosa, den Pisidas metrisch im Versmaaße des Originals. Dem Ersteren sugte er ein lateinisches Gedicht pro Hsnrioi III In»uA'nratis>ne, dem Pisidas einen griechischen Brief an den Cardinal Sirlet, einen lateinischen an den Leser, einige lateinische Verse Io»n»emn,S. ^inlreg, und verschiedene, keineswegs überflüssige Noten bei. Diesen Werken, die seine nmsassende Gelehrsamkeit überhaupt, wie insbesondere seine gründliche Kenntniß der griechischen und lateinischen Sprache, so wie seine Gewandtheit, in beiden sowohl in Prosa als in Versen zu schreiben, zur Genüge beurkunden, ließ er noch im nämlichen Jahre: „kennt, LirsKi «n- umliim" mit seinen eigenen Zugaben in lateinischen und griechischen Versen vermehrt, und „Tratte des tnilles p-u- ^enn ^omdes" folgen. Berühmte Typographen :c. 313 Wir überschritten unsere Grenzen, hier alle Werke anzuführen, die im Laufe seines so thätigen, den Studien, seinen Amts- und Bernfspflichten so gewissenhaft gewidmeten Lebens, aus seinen Pressen hervorgingen. Siebenzchcn Jahre nach ihrer Eröffnung fand er diese schon nicht mehr hinreichend, alle von ihm herauszugebenden Werke an das Licht zu fördern, und beschäftigte mit denselben vom Jahr 160t) an, auch häufig die Pressen seines Bruders Claudius, und als dieser am I6ten November 1626 gestorben war, übernahm er zu seinen vielen eigenen Geschäften auch noch die Sorge für dessen verwaiste Offizin. Friedrich Morelli lebte so ganz den Wissenschaften, daß er dieselben sogar bei seiner Ehe zu Rathe zog. Er wollte keine andere als eine ihm in dieser Beziehung gleich gesinnte Gefährtin, und glaubte diese Wahlverwandtschaft in der Familie des gelehrten königlichen Professors Leodcgarius a Queren, einer der vertrautesten Freunde des Adrian Turne bus zu finden, dessen Tochter Jsabella ihm auch ihre Haud reichte. Er lebte mit ihr in einer glücklichen Ehe, und konnte an ihrer Seite seinen literäriscbcn Arbeiten um so weniger entsagen, als ihr Anblick ihn stets erinnerte, welchen Schwiegervater er sich gewählt habe, und welchen Schwiegersohn dieser in ihm erwarte. Ei-war eben mit einer Ueber- sctzung des Libanius beschäftigt, als man ihm anzeigte, daß seine Gattin in den letzten Zngen liege: „Ich habe," antwortete er, „nur noch zwei oder drei Perioden zu übersetzen, und werde nachher zu ihr komm?«." Aber noch ehe er damit fettig war, wurde ihm gesagt, daß seine Frau ebeu verscheide» werde. „O!" erwiederte er, „ich habe nur noch zwei Worte zu schreiben und bin danngleich bci ihr" Auf die Nachricht endlich, daß sie wirklich verschieden sey, antwortete er ganz kalt: „das thut mir doch leid; denn es war eine gute Frau. Drei Jahre nach der Herausgabe des Libauius starb auch Friedrich Morelli selbst am 27ten Juui 1630, und 314 Zweites Buch. Achter Abschnitt. hinterließ eine Tochter, Katharina, welche bereits seit fünfzehn Jahren an Claudius Prävost, königlichen Rath und Uuterpräfecteu verheirathet war, und zwei Söhne, Johannes und Nicolaus, von welchen der Erste Prinzipal des Col- legiums zu Rhcims wnrde und mehrere Werke herausgab; Nicolaus aber in die Fnßstapfcn seines Vaters trat, auch in die Zahl der königliche» Dolmetscher aufgenommen wurde und Vieles schrieb, wodurch er sich deu Ruf eines zuverlässigen und geschickten Uebersclzers und zugleich eines eben so guten Dichters erwarb. §- 94. Claudius Morelli, Friedrichs des älteren Sohn und des jüngeren Bruder, war akademischer Buchhändler und Buchdrucker zu Paris, und machte sich zuerst 1599 dnrch die Herausgabe vou -,?etri Kami Vita per Wo. >VaoeIiuin bekannt. Sowohl seine vielen Ausgaben alter Autoren, als auch die Beihülfe, die er seiuem Bruder Friedrich bei scincu gelehrten Arbeiten geleistet hatte, beweisen, daß er selbst den Wissenschaften nicht fremd war. Um 1623 wurde er iu die Zahl der königlichen Typographen aufgenommen und druckte mit königlichen Typen, theils allein, theils in Gesellschaft mit Michael Sonnius und Sebastian Carmoisy die Kirchenväter, starb aber schon am löten November 1626, vier Jahre vor seinem Brnder Friedrich, noch ehe die Ausgaben derselben vollendet waren, welche seine Wittwe in Gemeinschaft mit den genannten, ebenfalls ausgezeichneten beiden Typographen nach seinem Tode fortsetzte, und noch mehrere andere Werke aus ihrer Offiziu folgen ließ, Claudius hinterließ seiner Gattin Johanna vier Söhne: Friedrich, Carl, Claudius und Aegidius. Von dem Ersteren ist nichts weiter bekannt; die drei Letzten aber, die Erben der Arbeiten und des Ruhms ihres Vaters, sorgten dafür, daß mit ihrem Vater und Oheim die typographische Kunst in ihrer Familie nicht ganz ausstarb. Berühmte Typographen :c. 315 Von Claudius Morclli, dem Sohne, wissen wir indessen mir, daß er den Druck einiger von seinem Vater angefangenen Werke vollendete und schon am I4ten Juni 1634 starb, Carl Morelli, des Vorhergehenden Bruder, wurde schon 1628 zum königlichen Typographen ernannt, und druckte unter diesem Titel noch im nämlichen Jahre: ,.lVieoI-ü iZei-Kier, cle 1>udliei5 liomiinormn viis Iiistoi!amdanu 1629: ^l'ar- tureti iiar.illelit etlue» et ^juriilio»;" und ,,IVlnrt: Kslwirsii I'linins in Kolinum exeioitntione?!." Von seiner typographischen Thätigkeit zeugeu die vielen Schriften der Kirchenväter, welche nebst einer Menge anderer Werke in einem Zeiträume von zehn Jahren aus seiner Offizin hervorgingen. Nach 1639 ist kein Druckwerk mehr von ihm bekannt. Um diese Zeit ernannte ihn der König zu seinem Sekretär, woranf er seine Druckerei mit allen dazu gehörigen Geräthen seinem Bruder Aegidius, den er schon einige Zeit zu seinem Gesellschafter angenommen hatte, überließ, und nach Hof zog. Aegidius Morelli eröffnete seine Offizin im Jahr 1637 mit: „Ov'xlü HIetamni'l,Ii. vum üg'nri« et nnti.i'rnnmno xni'nalni," worauf er 1638: „vreg. ZV/solien over-r gr. l-ttin. NNd Isiilor I'elu« eMtol. I,br! quin^ue Zr, Int. etv. folgen ließ. Am 18ten September 1639 wurde er zum königlichen Buchdrucker ernannt. Von Profanschriftstcllcrn finden wir unter seinen Ausgaben besonders: „.^ristotnl!« oper» Kr. Int. veterum »v reiioentioi um intcrjiretum stuitio emeuiisti»- «im» etv." die er 1639 herausgab. Weit zahlreicher aber als Jene sind seine Ausgaben der Kirchenväter, deren Werke überhaupt die Presse der Morellischen Familie vorzugsweise beschäftigten. Und damit Aegidius hierin alle seine Vorgänger übertreffe, gab er im Jahr 1643: „Msxnnm p-ttrum et Kvri^toium evvlesiitstivorum liililiotlieoam" etv. Zraeo. Int. 17 Vol. Fol. heraus, wodurch er sich nicht nur den Dank der Theologe», sondern auch der ganzen christlichen Welt verdiente. Nachdem er diese Arbeit vollendet, verkaufte er 316 Zweites Buch. Achter Abschnitt. sein ganzes Druckgeräthe an Simon Pigct, den er seit einiger Zeit schon zu seinem Gesellschafter angenommen hatte, ging von der Literatur zur Gesetzgebung über und wurde Mitglied des großen Raths. Ausser den bisher Genannten finden wir im letzten Viertel des löten Jahrhunderts unter den Buchdruckern zu Paris auch noch einen Valthasar Morelli, von dem es aber ungewiß ist, ob er zu der Familie der Vorhergehenden gehörte. Er druckte 1530: „^obiinnis » Itoderteria I'uionensis topioan ^uri» lidros qustuor, und des Nämlichen Ni^iuwtimium ^uris libros yuatuor in lldro« institi^ionum imueriitlium 8.; dann 1590: ^ao«M Severtü orb. e-ttoptrio. in Fol., ausser welchen sonst nichts von ihm bekannt ist. Beinah ein ganzes Jahrhundert blühte der Name Morelli unter den ausgezeichnetsten Buchdruckern vou Paris. Der Ruhm der Gelehrsamkeit und der typographischen Kunst und Thätigkeit war gleichsam ein Erbstück, welches von den Vätern auf die Söhne und Enkel überging und sich von 1557 bis 1646 sorlwährend in ihrer Familie behauptete, mit der sich in dieser.Hinsicht, die Familie der Stephani ausgenommen, keine andere vergleichen kann. §. 95. Das Haupt dieser letzteren war Heinrich StephannsI,, der in den ersten Jahren des löten Jahrhunderts eine Druckerei in Paris errichtete, aus welcher >509: „lli-ttm-iit ^siae et Kurvn»«, s, I'io I'.ijm vausoriM, 4,, und Psalterium quin- tuplox geschicktesten Hellenisten wurde, sondern auch schon in seinem Wsten Jahre Anmerkungen zum Horaz herausgab. Nachdem er sich auch in den mathematischen Wissenschaften schöne 320 Zweites Buch. Achter Abschnitt. Kenntnisse erworben hatte, lernte er die Buchdrnckerknnst bei seinem Stiefvater Simon Colinäus; machte nachher eine gelehrte Reise nach Italien, hielt sich einige Jahre zn Venedig, Rom, Neapel nnd Florenz auf, um die dortigen Bibliotheken zu benutzen, aus welche» er sich kostbare Abschriften mehrerer Classiker verschaffte, besuchte zu dem gleichen Zwecke anch England und die Niederlande, und kam mit reichen literärischen Schätzen beladen, im Jahr 1S5Z nach Paris zurück, als sein Vater eben im Begriffe war, nach Genf abzugehen. Ob er ihm dahin gefolgt, ist ungewiß; denn 1554 befand er sich in Paris, um bei dem König um die Erlaubniß zur Errichtung einer Buchdruckerei nachzusuchen, die er auch erhielt. Noch ehe er aber von dieser Gebrauch machte, begab er sich zur Vergleichuug verschiedener Codices, besonders des Xenophon und Diogenes Laertins abermals nach Italien, und errichtete erst nach seiner Zurückkuuft im Jahr 1557 in Paris eine eigene Offizin, aus welcher nun einige der mit so vieler Mühe, Sorgfalt und Kosten von ihm gesammelten Werke erschienen. Seine Reisen, sein mehrjähriger Aufenthalt im Auslande und die Errichtung seiner Druckerei hatten seine Mittel indessen so erschöpft, daß es ihm unmöglich gewesen wäre, die mit seinem Unternehmen verbundenen Kosten zu bestreiken, wenn nicht Ulrich Fugger ihn mit dem nöthigen Gelde unterstützt hätte. So lange dieser lebte, nannte Heinrich Stcphanus sich aus Dankbarkeit gegen ihn, einen Buchdrucker Fuggers. Der Tod seines Vaters ging ihm so zu Herzen, daß er darüber in den tiefsten Kummer und in eine lange Unthätig-- kcit versank. Um ihn aus seiner Lethargie zn reißen, riethen ihm seine Freunde, sich zu vcrheirathen. Nachdem er ihrem Rathe gefolgt, genaß er wieder zu neuer Thätigkeit, die indessen, da er sich öffentlich zur reformirten Kirche bekannte, durch mancherlei Verfolgungen öfters unterbrochen wurde. Z666 besorgte er eine neue Ausgabe von Valle's lateinischer Uebersetzung des Hervdot, in deren Vorrede er den Vater der Geschichte gegen den ihm öfters gemachten Vorwurf der Berühmte Typographen :c. 321 Leichtgläubigkeit vertheidigt. Diese Apologie Herodot's, die er zugleich, mit vielen beißenden Ausfällen gegen i>ie Priester und Mönche gespickt, in einer französischen Uebersetzung herausgab, würde den Haß und die Verfolgungen der Klerisey gegen ihn noch um Vieles vermehrt haben, wenn sie den anonymen Verfasser gekannt hätten. Unter den von seinem Vater geerbten Mannscripten befanden sich nebst vielen anderen auch schätzbare Materialien, die derselbe zur Herausgabe eines griechischen Wörterbuchs gesammelt hatte. Heinrich setzte diese Arbeit mit eben so vielem Fleiße und noch größerer Kenntniß fort, und gab 1572 seinen bis jetzt noch unübertroffenen ^'Iies-aurus linZuae Arsevae heraus: ein Werk von solcher Gelehrsamkeit und Kritik, wel- ches allein hinreichen würde, seinem Verfasser einen dauernden Ruhm zn sichern und ihm. auch einen ansehnlichen Gewinn gebracht haben würde, wenn er nicht, wie einst Gutenberg durch Fust und Schöffer, durch seinen treulosen Gehülfen Johann Scapula, um die wohlverdienten Früchte seiner Mühe und Arbeit und seines großen Kostenaufwandes betrogen worden wäre. Scapula hatte zu Lausanne studirt und darauf in der Offizin Heinrichs Stephanus gearbeitet, eben als dieser mit der Herausgabe seines Thesaurus beschäftigt war. Scapula besaß Kenntniß genug, um den hohen Werth und die Nutzbarkeit dieses Werkes einzusehen; zog aus demselben das Nützlichste und Brauchbarste für Studierende heraus und brachte so ein griechisches Wörterbuch zu Stande, welches er ohne Vorwissen seines Prinzipals 1580 zum erstenmal herausgab, und nachher noch öfters auflegte. Als Auszug aus jenem großen nnd umfassenden, aber auch weit theuerern Werke fand derselbe seines viel geringeren Preißes wegen einen weit stärkeren Absatz als Jenes und stürzte den Verfasser des Letzteren in die tiefste Armuth, wie er selbst, klagend, in folgenden Versen gesteht: „Vkesauri momento alii clituntiiue dekmtyue, Lt ksviunt Oroesum, qui prior Irus er»t. S1 322 Zweites Buch. Achter Abschnitt. 'I'Iivsauius we luo ex «Zivile keoit eAe-num, Lt kaoit, ut ^juvenem r'vKkt «enilis siet. Heil milii opum levi« est, levis est ^»vtura Mveutae, Fuliivio Iiituä levis est si Isdor iste tuo." Um sich zu zerstreuen, oder vielleicht auch, um sich neue Hilfsquellen zu eröffnen, durchreiste Heinrich Stcphanns hierauf einen Theil von Deutschland, kehrte aber, ohne den letzteren Zweck erreicht zn haben, nach Paris zurück, wo ihm Heinrich III. zwar für sein Werk: ,,ve I-» preeeüenee ikuiK'ua«-e kianoois" eine Gratiftcation von ZWO Livr. und einen Jahrsgehalt von Z00 Livr. versprach, um ihn znr Aufsuchung von Handschriften aufzumuntern; die zerrütteten Vcr- mögensumständc aber, mit denen Heinrich Stephanns stets zu kämpfen hatte, machen es wahrscheinlich, daß ihm jene Gelder nie ausbezahlt wurden. Er führte von nun an ein uustätes Leben, hielt sich bald zn Orleans, bald zn Paris, Frankfnrt, Genf und Lyon auf, und starb 1598 am letzteren Orte, wie behauptet wird, geistig zerrüttet im Hospital. Dieß das traurige Ende eines der gelehrtesten und thätigsten Männer, der sich um die alte Literatur die größte» Verdienste erwarb und eines besseren Looses würdig war. Die aus seinen Pressen hervorgegangenen Drucke übertreffen iu der Zahl noch die seines Vaters und stehen diesen, wenn auch an Schönheit, doch nicht an Gehalt und Correkthcit nach, und haben hinsichtlich des Textes allen späteren Ausgaben zur Grundlage gedient. Voll Geist und Kenntnissen war er dabei sanft und zartfühlend, liebte den Scherz, ertrug aber keinen Widerspruch und erlaubte sich gegen seine Widersacher oft beißende Epigramme, meistens in lateinischen Versen, die er mit der größten Leichtigkeit machte. Heinrich hinterließ zwei Töchter, Dionysia und Florentia, nnd einen Sohn, Paulus. Dionusia starb unverheirathct; Florentia aber heirathctc den gelehrten Isaac Casaubouus. Sein Sohn Paulus studierte zu Genf,, wo er den Unterricht der gelehrtesten Männer genoß; durchreiste Berühmte Typographen :c. 323 dann die Niederlande, England und Deutschland, und machte allenthalben die Bekanntschaft der berühmtesten Gelehrten, deren Achtung er sich durch seine frühzeitigen Kenntnisse erwarb, kehrte endlich nach Genf zurück und trat als Gelehrter und Typograph in die Fnßstapfen seines Vaters. Aus seiner Offizin gingen mehrere treffliche Werke hervor, deren er auch selbst einige herausgab, wie z. B.: „?-mU «teptmm versiouvs IZliiZrsmllllituw evorvm ^ntkoloZiss Istiuis versibus. Husüem ^uveuilia. 8. 1593. Von den Ausgaben seines Vaters erschien bei ihm: .,5iovum testsmentum Ilenrivi «tejidnni. IZilitio terti^, 12. 1604, und Siovum restamenwm- c>Ii«vuii<>iuiii vooum et yuoi'umlam lo«zueuäi Keuerum itvou- rstae müKnite^us »ovession^«. ^os: ".'' Mathias oder Al-MIix«, erster Sohn Ludwigs I., erscheint zuerst auf der „eas-trsuietÄtion ite 8tevin und auf dessen ?invelle tortilieation u-n- veluse«," wo er sich als Geschäftsführer des Bonaventura Elzevir ankündigt. Beide Werke sind von 1618. Da kein späteres mehr seinen Namen trägt, so hat er um diese Zeit wahrscheinlich das Geschäft aufgegeben. Er starb 1640 und hinterließ fünf Söhne, von welchen Jsaac, Abrabam und Bonaventura sich als Buchdrucker auszeichneten. Acgidius, zweiter Sohn Ludwig's I., war blos Buchhändler im Haag, an welchem Orte mehrere Werke, unter Berühmte Typographen :c. 325 anderen: „I.a nnviA-Uwn" von Linschot unter seinem Namen erschienen. ..^ In dem Frankfurter Meßkataloge findet man den ersten Band der „OriZineü bslgique«^ von S trie v!iiu«, 1614 in Fol. in flamändischer Sprache unter der Unterschrist: l'nt .^w^terclnm 'i'Kemtor LIxovir angezeigt; da aber von diesem Theodor nirgends anders eine Spur zu finden ist, und der zweite Band desselben Werkes 1616 mit der Unterschrift von Louis Elzevir zu Leiden erschien', so ist es wahrsckeiulich, daß sich in den Katalog von Frankfurt ein Fehler cingeschli- chen habe und dieser Theodor Elzevir niemals eristirte. §. 100. Jsaac Elzevir, Enkel Lndwigs I. und Sohn des Matthias, druckte von 1617 an verschiedene Werke, unter welchen sich auch die des Constantin Porphyrogena- tes befinden. Im Jahr 1618 gab er mehrere Werke mit der Unterschrift nprul IZI/.evirc»-' oder ex nMeina IZIxevirciruru heraus, welches beweist, daß damit eine Handelsgesellschaft zwischen mehreren Brüdern oder Verwandten der Familie Elzevir bestand. Unter den merkwürdigsten Werken, die aus den Pressen Jsaac's hervorgingen, befindet sich der erste Gesang von Homer's Odyssee, mit der Unterschrift: '1>i>!5> Ix»ac!i Mxeviri, Sumntidus tleuriel I^urüntü, 16l9 in kl. 4. — Wir wissen nicht, ob dieses Werk fortgesetzt wurde. Jsaac bezeichnete seiue Drucke einige Zeit mit der Devise Ludwigs I.; in der Folge aber wählte er eine Ulm?, um deren Stamm und Zweige sich eine Rebe schlingt, mit dem Einsiedler nud den Worten: „Nnn salus." Dieß Zeichen war auch das, welches Bonaventnra, Abraham und Johann Elzevir führten, und mag als Symbol der Freundschaft auf die Gesellschaft der beiden Brüder gelten, welche mehr noch die Gleichheit der Gesinnungen als die Bande des Blutes und die Gcschäfts- vcrhältnissc vereinigt. Der Einsiedler bei dem Baum ist ein anderes Symbol, welches die Arbeit am Schrcibetische im einsamen Cabinette bezeichnet und sich für jeden Gelehrten paßt. 326 Zweites Buch. Achter Abschnitt. der mit Scipio sagen kann: „se nunctunüi minus e««e «olum, quain^vum esset solus," welcher damals aus seiner Einsamkeit die schönsten Früchte zog. Das letzte Druckwerk Jsaac's ist der „ll/mmis 1,'ab-loi" von Thor ins, vom Jahr 1628 in 4., weswegen zu vermuthen ist, daß er in diesem oder dem darauf folgenden Jahre starb. §. l0l. Bonaventura und Abraham Elzevir, beide Söhne des Matthias, gründeten während ihrer mehr als zwanzigjährigen Geschäftsverbindung, die nur der Tod auflöste, den Ruhm der Elzevire. Abraham war der ältere Bruder und ungefähr ein Jahr nach der Vcrhcirathung seines Vaters geboren, wogegen Andere glaube», Beide seyen als Zwillinge zu gleicher Zeit zur Welt gekommen, weil sie dieselbe auch ungefähr zu gleicher Zeit wieder verlassen haben. Bonaventura und Abraham erhielten unterm 15. Mai 16?6 von den Generalstaaten von Holland das Privilegium für ihre „keinen Republiken," und von dieser Epoche datirt sich der Ruhm der Elzevire. Obgleich die beiden Brüder an mehreren Orten, und besonders im Eingange ihres Cäsars v. I. 1635 versichern, daß ihr einziges Bestreben und ihr einziger Zweck sey, sich durch correkte Ausgaben der besten alten Autoreu um die Republik der Wissenschaften verdient zn machen, so konnten sie doch nicht dem Vorwurfe der Gewinnsucht entgehen. Während indessen die Einen sie beschuldige», vertheidigen die Anderen sie; und die Vorwürfe, die man ihnen macht, mögen wohl keine andere seyn, als solche, die von jeher die Autoren und Buchdrucker sich wechselseitig gemacht haben und fortwährend machen werden. Mit besserem Grunde könnte man die Elzevire wohl der Langsamkeit beschuldigen; aber die beiden Brüder waren außerordentlich beschäftigt und haben allein eine größere Anzahl von Ausgaben veranstaltet, als alle übrigen Elzevire zusammen. Ein anderer Vorwurf, deu man den Elzcvirischen Ausgaben mit einigem Rechte machen zu können scheint, ist der Berühmte Typographen zc. 327 der Jncorrcktheit, welcher besonders ihren Virgil von 1636 trifft, über den sich Hcinsins selbst beklagt. Dagea^MMr die Ausgabe von l676 um so vorzüglicher, und dicntHWh jetzt allen besseren Ausgaben des Virgils zur Grundlage. Ueberhaupt aber sind die Elzcvirisckcn Drucke wegen der Schönheit ihrer Ausführung vorzüglich beliebt. Gleichwohl siud die französischen Werke dieser thätigen Künstler auch eben so cor- rckt, als diejenigen, welche zur'nämlichen Zeit in Frankreich selbst gedruckt erschiene!!; uud ihre Ansgabcu der alten Klassiker stehen, mit weniger Ausnahme, keinen von allen übrigen nach. Sie kannten das Verdienstliche ihrer Arbeiten uud den Werth ihrer Ausgaben selbst sehr gut, und sagen in ihrem Sendschreiben an Borhornius in ihrem schönen Sallust: „Wir wollen hier nicht unsere Werke und die Eleganz unserer Charaktere loben; die Gelehrten und die Nachwelt werden hierüber entscheiden." Sie bemerken ferner: „Daß mit der typographischen Schönheit eines Buches keineswegs Alles gethan sey, sondern, daß auch der Text ganz fehlerfrei seyn müsse." Wir fügen hinzn: daß ihnen wegen der ausscrordcutlicheu Menge ihrer Arbeiten eine kleine Nachlässigkeit in ihren Correkturen um so mehr zu verzeihen sey, als sie durch die Anzahl und Vollkommenheit der aus ihren Pressen hervorgcgangenen Werke sich die gegründetsten Ansprüche auf die Achtung uud deu Dank der Nachwelt erworben haben. Die beiden Brüder waren eben so geschickte Buchdrucker als Buchhändler, nnd haben mehrere Reisen gemacht, um sich iu beider Hinsicht auszubilden. Sie drucktcu selbst nur zu Leiden uud man findet wenige Bacher, die sie auf ihre Kosten anderwärts drucken ließen. Ihre letzten Ausgaben sind von 1652 und schon am/tten August des uämlichen Jahres starb Abraham, den sein Bruder Bonaventura nur ganz kurze Zeit überlebte. Es scheint, daß ihre beiden Söhne, Johann — Sohn von Abraham, — und Daniel — Sohn von Bonaveu- 328 Zweites Buch. Achter Abschnitt. tura —, noch im Jahr 165Z einige Werke unter dem Namen iluMVäter gedruckt haben. ^ §. 10?. Johann und Daniel Elzevir arbeiteten seit 1652 gemeinschaftlich und druckten unter Andern um 1653: „l'Iio- was » Xempis eto. ve Imitstions Oiiristi liw'i qutttuor, I^uKlluni spuck ^od. et vnn. IZI^evuios — ohne Datum, — unstreitig eines der schönsten, seltensten und beliebtesten Werke der Elzevire. Aber schon 1655 löste sich ihre Gesellschaft auf, Johann führte die Druckerei zu Leiden allein fort und verherrlichte sie durch mehrere prachtvolle Ausgaben, die er aus derselben hervorgehen ließ. Er machte dem berühmten ki-cing- vius sehr vortheilhafte Anträge, um ihn nach Leiden zu ziehen und ihu bei den schönen Ausgaben, die er zu veranstalten sich vorgenommen hatte, z» unterstützen. Es ist zu bedauern, daß er nicht mehr Zeit hatte, sein schönes Vorhaben, dessen Ausführung er bereits mit so glücklichem Erfolge begonnen, zu vollenden. Er starb am 8ten Juni 166 l, kaum 40 Jahre alt. Obgleich er seine Kunst nur 10 Jahre lang ausgeübt, so machte er sich doch durch die Wahl der Autoren und durch die schöne Ausführung ihrer Werke so berühmt, als irgend Einer der berühmtesten Buchdrucker seiner Familie. Nach seinem Tode erschienen noch einige Werke, z. B. Ooooe^l Summ» tneoloxiae mit der Unterschrift: I>UA-ck, L-ttsv. spuck vickuilw et Ii-töreckes ^od> Llseviril svsck. /t/poKr. Es scheint jedoch, daß die Wittwe und die Erben von Johann Elzevir dem Berufe, in welchem ihre Familie sich so viel Rnhm erworben, nicht nur bald entsagt, sondern sogar ihre Druckerei den Elzeviren von Amsterdam abgetreten habe, die iu der That mehrere Werke Herausgaben, die zu Leiden gedruckt scheinen. §. 103. Minder berühmt als die genannten waren I) Jacob Elzevir, ein Sohn des Matthias, welcher 1626 zu Leiden, soviel bekannt, nur ein einziges Werk, I» ^r-Me cke« Siuus Berühmte Typographen zc. 329 von Albert Girard druckte, wovon er 1629 eine neue Ausgabe veranstaltete. Da man in den öffentlichen Registern der Stadt Leiden keine Spur von einer Nachkommenschaft von ihm findet, so ist zu vermuthen, daß er kinderlos starb. — Z) Peter Elzevir, ein Enkel des Matthias, war Buchdrucker und Buchhändler zu Utrecht, wo er 1669 des Benjamin Priolo's Werk denelioio In- ventnrii antreten würden, worüber Grävins wiederholt an Heinsius schrieb: „dieß Ereigniß setzt alle Buchdrucker in Verzweifelung. Nach dem, was dem Daniel begegnet, qui Iiujus om'poi-15 prineeps erat, fürchten sie, ihren Credit zn verlieren und wollen nichts Bedeutendes mehr unternehmen. Uebrigcns ziehen sie von allen Seiten ihre Fonds ein und legen sie in Bereitschaft für die Elzcvirische Versteigerung: iu qu» Qlviis, Kenvkii«, 'kaoitis, ^nstini«, ^ulliisque eMs iusi^Iantiii-." Endlich fand gegen Ende Juli die Versteigerung statt. Man hatte befürchtet, der Geldmaiigel möchte derselben sehr nachtheilig 332 Zweites Buch. Achter Abschnitt. seyn; und siehe da: die Bücher der Elzevire, d. h. diejenigen, welche sie gedruckt hatten, wurden für mehr als ZWMt) Franken verkauft. Trotz der schwierigen Umstände, unter welchen Daniel Elzcvir gelebt, hat er dennoch seine Kunst mit dem glücklichsten Erfolge betrieben uud steht keinem seiner Vorgänger «ach. — Die Bücher, die er gemeinschaftlich mit Johann Elzcvir, so wie die Bände im kleinen Format, die er allein druckte, sind wegen ihrer schönen Ausführung besonders merkwürdig. Was ihm aber den Vorrang vor allen Mitgliedern seiner Familie verschafft, sind die beiden bewunderungswürdigen Ausgaben des vorpvs ^llris vivili« in 8. uud Fol., vou welchen besonders die letzte zu deu schönsten Resultaten der Buchdruckcr- kunst gehört. ' Nach dem Jahr 1680 erschien angeblich ans den Offizinen einiger Nachkommen der Elzevire noch eine kleine Anzahl Werke, die aber weder in typographischer Hinsicht noch wegen ihres Inhalts merkwürdig sind und übcrdieß, wenigstens theil- weisc, von ganz Anderen gedruckt wurden. Gegenwärtig lebt kein einziger Elzevir mehr, der sich mit der Knust beschäftigt, durch welche sich diese Familie so großeu Nnlun erworben. §. 106. Ungeachtet der Freiheit, welche die Elzevire unter dem Schutze der republikanischen Regierung Hollands genossen, fanden sie dennoch für gut, gewisse Werke, die aus ihren Pressen hervorgingen, nicht unter ihren Namen erscheinen zu lassen. Oft gaben sie solche anonym oder unter dem Namen von Buchdruckern anderer Städte, selbst anßer dem Gebiete der vereinigten Provinzen heraus, und nicht selten gebrauchten sie Namen von Buchdruckern und Städten, die nie oder nirgends cristirten, wie z. B, bei der Utopia von Thomas Morns; pietrn, kiel varnAone cle Lneealini und il 8e- vret-tiio lli Apollo vom Nämlichen, — unter dem man den Lovo», rr-mva verstehen will, — beide Werke aus Cosmo- poli hatirt. Eben so ist die Lebensbeschreibung Cäsar's Berühmte Typographen :c. 333 Borgia aus Montechiaro bei vwv. L»tt. Veri angekündigt. Die Ursachen, welche die Elzevire zu dieser Art von Mystifikation bewegen konnten, waren 1) Theils politisch. Auch der Republikaner, wenn er Kaufmann ist, wie es die Elzevire waren, hat ein Interesse, sowohl die Könige und Fürsten, als auch die mächtigen Cor- porationen, religiösen Sekten u, dergl, zu schonen. Die Ersten konnten den Eingang aller von den Elzcviren gedruckten Büchern in ihren Staaten, und die Anderen in den von ihnen abhängigen Congregationen oder Niederlassungen verbieten. In einem Werke über die Staatsverwaltung Ferdinands II. von 1637, vou dem man weiß, daß es aus den Pressen der Elzevire hervorgegangen, erklären sie dem Leser, daß sie Ursache hätten, weder den Verfasser noch den Drucker zu nenueu. Diese Ursachen, die sie zwar nicht anführen, die aber augenscheinlich politischer Natur waren, bewogen sie auch, die Anonymität bei der Herausgabe der „Nefenoes ite Ucxzuet," so wie der Werke des Barons it'l«ol», welcher von Spanien bezahlt war, die Rechte Ludwigs XIV. und der Königin anzugreifen, und vieler besonderen Druckschriften zu beobachten, die gegenwärtig allenthalben wieder aufgelegt werden dürfen, damals aber diejenigen sehr blosgestcllt haben würden, die sich als die Verbreiter derselben angekündigt hätteu. Einmal jedoch gereichte der Verrath der Anonymität den Elzeviren zum besonderen Vortheile. Als nämlich der Prinz von Conde höchst aufgebracht über die 1644 erschienenen iviemoiros . 10 von dem königlichen Bibelwcrke schreibt: „^ria« Alontiinu« ln, llt im^rimer i!ar le» I'Inati»«, aelodres Erliste« keiii-me-t druckte, die ihm allein schon seinen Platz unter den geschicktesten Buchdruckern anweisen. — Einen ansgezeichneten Rang unter denselben behauptet auch: Hierouymus Commelinus, von Douay aus Flandern gebürtig, der sich der damals so berühmten Heidelberger Bibliothek wegen in dieser Stadt niederließ und in griechischen Ausgaben dein Stephanus verglichen wnrde. Sein Atha- uasins und Chrysostomns sind Meisterwerke der typographischen Kunst. Schade nur, daß er ihre Vollendung nicht erlebte. Ferner machte sich Ernst Vögelin aus Coustanz, der eine Druckerei zu Leipzig errichtete, durch schöne und correkte Ausgaben berühmt. Da er aber kryptocalvinischc Schriften gedruckt hatte, so mußte er Leipzig verlassen und ließ sich 1578 in Heidelberg nieder. Von den sonstigen Verhältnissen dieser drei Buchdrucker ist wenig bekannt. Indessen beschränkt sich die Zahl unserer berühmten deutschen Typographen keineswegs auf diese drei. 340 Zweites Buch. Achter Abschnitt. Da aber die übrigen neben ihren Offizinen zugleich auch ansehnliche Buchhandlungen besaßen: so glaubten wir, wegen ihres um so größeren nnd wichtigeren Einflusses auf die Beförderung und Verbreitung der Literatur, ihnen ihre Stelle im folgenden Buche unter den deutschen Buchhändlern passender anweisen zn müssen. — Gedruckt in der Will' schkn Buchdruckcrci.