TYPANNIE SCENE AUS ALTGRIECHISCHER STADT AUS DEM GRIECHISCHEN UBERTRAGEN VON PETER VON URI IM PEGASOS VERLAG MCMXXXIX TYPANNIE Der Tyrann Der Scherge Vergeblich wäre unsrer herrschaft dräuen Vermässen die bezwungnen sich zum trotz Gebot und strenge Satzung nicht zu scheuen So treffe derber keil den derben klotz. Du scherge geh spür auf die Widersacher Verbirgt sie auch ein winkel unsrer Stadt. Geh schlepp vor meinen thron aufruhrs entfacher. Des henkers schwert erharrt sie kalt und glatt. Zuvor entbiet den richter mir ... Scherge ab Als stütze Der jungen herrschaft gilt rechtlicher mann. Der fürst Verberg sich doch den helfer nütze Berechnend er. Wenn sich der streit entspann Und urteil fiel so ists der strenge richter Nicht ich der milde fürst der tod verhäng . . Ich mild befrei die Stadt nur vom gelichter Dass sich die menge kriechend wieder dräng Bejuchzend dass nur ich den wanst ihr mäste. Indess was frei im wind die blicke hebt: Austilgen will ich lächerliche reste Von solchen dass ihr fürst in ruhe lebt.. . Dort tritt der richter ein: Dich den getreuen In eil empfang ich da mir kundschaft ward Von denen die geheim die Zwietracht streuen. Die Stadt im dunkel gährt, vom hass sie starrt. Der Richter O herr von alters mit der Stadt geschicken Verbunden tret ich sorgend vor dich hin — Nicht richter deines tuns — in meinen blicken Lies ob ich helfer oder opfer bin Für dein weitschichtig unergründlich planen. Du hast die Stadt berückt mit list und macht — 6 Mehr macht als je besassen unsre ahnen — Du hast der Widersacher trotz verlacht Und sieg gekettet an die eignen fahnen. Du wurdest herr. Trotz deiner Übermacht In stahl und goldnen spangen lass dich mahnen: Tu unsern schönsten nachwuchs nicht in acht! Ein spross der strahlend blühn wird ob den landen Hegst du ihn treu er wird dir arglos nahn Tilgst du ihn aus wirst selber du zuschanden Und grauen folgt wie wir es niemals sahn. Der Tyrann Du irrst! Es gab mir selbst das volk die stimme. Ich selber hob den thron auf seine höhn. Die frevler all entgelten meinem grimme Verletzte hoheit büsst ihr mit gestöhn. Du bist der richter der den spruch verkündet Ich bin als fürst bestätiger schwerer schuld. Die dumpfe menge hat sich selbst entmündet. Ihr all hängt ab von meiner strengen huld. Ich weiss kein wanken spare nicht an peinen Wenn einer unklug in den weg sich stellt: Ich räuchere ihn aus mit all den seinen Er köpflings meinem stern zum opfer fällt. Doch es geschieht dies nur zu Volkes besten Dass es die fette weide friedlich äst. Ich überschütt euch gern mit fest nach festen. Ach dass Verachtung nur im blick ihr läst Auf alle die ihr stumpfen muts euch gängeln Lasst. Aber wenn die jugend euer joch Abwerfen will fluch ich den dreisten bengeln Und ruhe nicht bis ich die frechheit roch. Doch seht! der scherge führt von dieser rotte Uns zwei heran. Blickt nicht ihr auge dreist? Fügt es nicht ohne schäm den trotz zum spotte? Ein füllen das in wut den zaum zerbeisst! 8 Der Richter Ach herr! wie kannst du blindlings so verkennen Wie edler stolz in jungem auge blitzt! Wie könnte anders einer es benennen Der über knaben zu gerichte sitzt? Der Tyrann Walt deines amtes und besteig den sessel Der ernsten richterwürde wohl bewusst. Du scherge schnür um ihren arm die fessel Bedenk dass du den herrn beschützen musst Vor tückischem anfall wild ruchloser hände Dass nicht des hohen herrn kostbares blut Statt ihres feilen diesen estrich schände Und dass zu spät sie zahlen tollen mut. Der Altere der Jünglinge Ein sonderbarer brauch! du schickst den häscher Nach uns die wandelten im ungefähr Beziehtest uns als fremden blutes näscher! Was solls mit dieser ungereimten mär? Der Tyrann Du leugnest deine schuld arglistiger bube! Dein antlitz mich an fast vergessnes mahnt: Unheil verhängt in dunklen Schicksals schube Von deinesgleichen hat mir lang geschwant. Vor tagen stand ich lauernd an der fähre Des grossen flusses wo der kreuzpfahl winkt Im harren mürbe ob sich mir gewähre Die fiirstenkrone ob mein stern versinkt Wenn ich zur Stadt den roten fluss durchquere — Mir sinnbild allen grausens das nun reift — Und dem dem ich gebiete atem wehre Wenn sich mein schwert an jungem leib vergreift. Als ich noch schwankte trat zu mir der ferge Er glich an jugend dir und hohem wuchs Und forschte was mein finsterblick verbärge \ 10 Für trüben anschlag — ich durchbohrt ihn flugs. So sind mir feind die jungen die dir gleichen Ich weiss es wohl: kaum öffnet ihr den mund Ringt sich aus meiner brüst ein hohles keichen Das ich ersticken möcht im tiefsten Schlund. Der Jüngere der Jünglinge Du würgtest schon der lieben brüder einen Der mir verbunden war in sang und spiel. Noch trocknet mir die wange nicht vom weinen So ist mein andrer freund dein böses ziel. Der Tyrann Ja grad darum weil ihr euch brüstet freunde Zu heissen in der Stadt von mann und braut! Nur ihr allein seid ni cht gesetze scheunde Heilsam gesetz auf dem tyrannis baut: Wo aufbegehrnde kraft im buhlgemache Der mann verströmt. . . und was sich daraus heckt 11 Den frischen nachwuchs führ ich auf die blache Des Schlachtfelds das ihn früh zu boden streckt. Dann bring entmündigten ich faulen frieden ... Doch ihr! von eurer sippe aufruhr droht. Argwöhnisch eures heissen blutes sieden Gewahr ich doch vergolten seis mit tod! Der Altere der Jünglinge Den fürcht ich nicht noch jener mir zur seite. Auf immer sind wir deiner wut entrückt. Seit ewigkeiten dauert mein geleite Für Ihn. Doch wenn dies tagwerk Dir missglückt Schallt schmerzensruf und fluch aus tausend kehlen In ewigkeit verworfen und verdammt! Indess uns abgeschiednen fernen seelen Berghoch in reiner nacht der holzstoss flammt. Der Richter Ich hab euch beide angehört und finde 12 t Kein todeswürdiges vergehn kein fehl In ihrer haltung. Herr gib dem gesinde Sie loszufesseln schleunigen befehl! Der Tyrann Niemals! die argen gäben den kumpanen Verrates-zeichen: heller aufruhr droht! Waffenlärm draussen Vom fenster fort! Sie hissen schon die fahnen Ein schwertknauf leuchtet auf brandfackel loht. Das urteil sei vollstreckt. Unausgesprochen Bleibts zwar von dir. Es leidet nicht Verzug: Des fergen tod er bleibe ungerochen Wenn meine hand auch diese beiden schlug. Er ersticht die Jünglinge Der Richter Zu spät! des alten hand kann nicht mehr retten Wo letzter hauch der jungen leib entwich. Fort steinern herz! lass mich die toten betten Auf goldnes pfühl und trauern inniglich. Doch fürst! von nun ich deinem dienst entsage. Des richteramtes ist jetzt nicht mehr not. Dreifache schuld an deiner kehle nage! Du sinkst im meer von blut bis in den tod. Richter ab /rann Der Tyr Als letztes bollwerk wird berannt die stiege Verzagte wachen wichen vom portal... Verspielt verträumt sind alle meine siege. Prunken von einst schärft heute mir die qual. So seh ich alle meine pläne scheitern Und blutige opfer sind umsonst gebracht. Der feind pocht an er kriecht empor die leitern Zu meinem fenster durch die dunkle nacht. Entrinnen nicht — verstecken nicht — vergebens Ist alle ausflucht — bleibt allein der tod. 14 Noch wählst du frei das ende deines lebens Sonst stampfen sie dich lebend in den kot. Ich trog mich selbst trog alle meine sassen. Erklügelt glück zerbarst wie sprödes holz. Du scherge komm: die armbrust sollst du fassen Die senne spann genau leg auf den bolz. Hörst du dann tür und fenster klirrend splittern Leg furchtlos an ziel mitten auf die brüst Zunächst dem herzen ohne alles zittern Vergällst du doch dem feind die letzte lust. Verbirg dich hier. Die äussersten minuten Die mir das leben gönnt lass mich allein. Bedenk ichs recht muss ich mich hurtig sputen: Abrechnung soll es meiner taten sein. Scherge ab Der Tyrann nach kurzem Sinnen Und ihr die stumm liegt auf dem goldnen pfühle 15 Seid opfer ach! bezichtigt eitler schuld. Stumm bleibt ihr! Wie ich herz und hirn zerwühle Ring ich mit mir vergeblich um geduld. „Dreifache schuld an deiner kehle nage!" Der alte sagt's doch sagt er nicht den schluss: Zur antwort bleibt mir eine schlimme frage Bevor er mich ereilt der letzte schuss. Doch jetzt fällts mir vom blöden aug wie schuppe. Reiss auf die zähne schluck es in den Schlund Und löffle kläglich aus die bittre suppe: Der eignen jugend mord wirft dich zum grund. Denn wenn vor fremder jugend du erkeuchtest Sie jagst erlegst mit mörderischem stahl Und insgeheim das trübe auge feuchtest Und trägst an deiner stirn ein schändend mal: So nur weil deiner zarten jugend träume Du selbst mit eignem fuss zu staub zertratst. . . Du bist am argen ziel. Nicht länger säume Bis du Vergeltung jetzt von ihnen batst. Doch eh .. . 16 Er sinkt ins Knie vor der Bahre. Man hört ein Klirren. Der Scherte tritt mit gespannter Armbrust ein und erschiesst den Tyrannen von hinten der lautlos zu Boden sinkt. Scherge verschwindet. Der Chor tritt von verschiedenen Seiten ein: Jünglinge zwei zu zweit mit gezückten Schwertern. Zuerst stürmisch dann der Toten ansichtig mit gemessenen Gebärden in den Halbkreis um sie tretend. Chor Brüder schimmernde leuchte Steckt in die scheide den stahl Wenn er auch eben euch deuchte Rettung bringender strahl. Chorführer Zu spät erreicht die räche Verwegnen Wüterich. In eignen blutes lache Sein unstern ihm verblich. Steckt hoch auf jene picke 17 Hinauf sein frevelnd haupt Dass es die Stadt erblicke Nun lorbeerunbelaubt. Chor Wende die trauer und klage Unseren brüdern sich zu. Einmal ihr herz noch schlage Vor ihrer ewigen ruh! Die Einen Ziehet in engen kreisen Zwei zu zweit schnell im paar. Summet uralte weisen Ihr die heilige schar. Die Andern Neiget in tiefem verbeugen Haupt ihr und williges knie. Wollet dem toten bezeugen Liebe die er euch lieh. Der Chorführer Die toten seht die euern Sie wollen ihren bund Im scheiden noch erneuern Mit ihrem bleichen mund. Umstellt bevor sie scheiden Den leib mit dunklem Strauch Mit tüchern weich und seiden Umschling sie totenbrauch. Vereint zum grab sie leitet. . . Aus ihrem tod gebar Sich freiheit neubereitet Schwingt rasch empor: ein aar. Colophon „Tyrannis" wurde in der Lutetia-Letter von }. van Krimpen gesetzt und auf Hellas-Text Papier gedruckt. Es wurden nur 100 Exemplare hergestellt. Dies ist No. 97