Hefi 44/42 Karl Helfferich: Kriegsfinanzen Reichstagsreve am ^to. März ^9^5 politische Klugschriften Herausgegeben von Ernst Lackh Deutsch« Verlags-Ansta« Stuttgart - Nertin Der Deutsche Krieg Kolitische Flugschriften.^.'?^ Ernst Zackh preis jedes Heftes 50 Pfennig Äisher sind erschienen: 5. Paul Rohrbach, Warum es der Deutsche Krieg ist! 2. Friedrich Naumann, Deutschland und Frankreich 3. Prof. Dr. E. H. Becker, Deutschland und der Islam 4. Gottfried Traub, Der Krieg und die Seele 5. M. Erzberger, M.d.R., Die Mobilmachung 6. prof.vr. H.Oncken, Deutschlands Weltkrieg u.die Deutschamerikaner ?. Axel Schmidt, Die russische Sphinx s. Geheimrat Prof. Dr. Rudolf Gucken, Die weltgeschichtliche Bedeutung des deutschen Geistes 9. Prof. Dr. Gustav Roloff, Deutschland und Rußland im Widerstreit seit 200 Iahren 50. Oberfinanzrat Prof. Dr. Hermann Losch, Englands Schwäche und Deutschlands Stärke 55. vr. Paul Nathan, Die Enttäuschungen unserer Gegner 52. Geheimrat Prof. vr. O. Binswanger, Die seelischen Wirkungen des Krieges 53. vr. Carl Anton Schäfer, Deutsch-türkische Freundschaft 54. vr. Frih Wertheimer, Deutschland und Ostasien 55. vr. Gertrud Bäumer, Der Krieg und die Frau 56. Graf Ernst zu Reventlow, England, der Feind 57. Prof. Friedrich Q'enhard, Das deutsche Elsaß 5S. Prof. vr. Arnold Oskar Meyer, Worin liegt Englands Schuld? 59. Geheimrat Prof. vr. Erich Marcks, Wo stehen wir? 20. prof.vr.Gustav E.pazaurek, Patriotismus,Kunstu.Kunsihandwerk 25. Prof. vr. G. Kampffmeyer, Nordwestafrika und Deutschland 22. Richard Eharmah, Österreich-Ungarns Erwachen 23. vr. Alfons paquet, Nach Osten! 24. vr. Ernst Zäckh, Die deutsch-türkische Waffenbrüderschaft 25. Anton Fendrich, Der Krieg und die Sozialdemokratie 26. vr. Hugo Aöttger, M.d.R., Das Geld im Kriege 27. Leonore Niessen-Oeiters, Krieg, Auslanddeutschtum und Presse 28. Prof. vr. Arthur Binz, Die chemische Industrie und der Krieg 29. Prof. v. Martin Rade, Dieser Krieg und das Ehrisientum 30. /35. vr. Norbert Stern, Die Weltpolitik der Weltmode 32. Geheimrat Prof. G. v. Schulze-Gaevernih, M.d.R., Freie Meere! Fortsetzung auf der Z. llmschlagseite! Der Deutsche Krieg politische Flugschriften Herausgegeben von Ernst Zäckh Heft 41/42 Deutsche Verlags-Ansiali Stuttgart und Äerlin H9^5 ^- Kriegsfinanzen Michstagsrede am ^0. März ^915 von vr. Karl Helfferich Staatssekretär des Reichsschahamts eine Äerren, zum dritten Male, seit die Waffen das große Wort sprechen, haben Sie sich hier zu einer Kriegstagung versammelt, um im Verein mit den verbündeten Regierungen über die Reichsgeschäfte zu beraten. Der Äauptgegenstand Ihres Arbeitsprogramms ist Feststellung des Reichshaushaltsetats für das kommende Rechnungs- jähr und die Bereitstellung der für die Fortführung des Krieges erforderlichen Mittel. Diesem Umstände verdanke ich als Leiter der Reichsfinanzen die Ehre, Ihre Beratungen einleiten und Ihren Arbeiten namens der verbündeten Regierungen Erfolg und Segen wünschen zu dürfen. Ich zweifle nicht, daß diese guten Wünsche und die Hoffnungen, mit denen das ganze Land Ihre Beratungen begleitet, in Erfüllung gehen werden; denn ich weiß — und der Äerr Präsident hat das vorhin in seiner Begrüßungsansprache ausdrücklich bestätigt —, daß auch dieses hohe Äaus von dem einen großen Gedanken durchdrungen ist, der heute in allen deutschen Äerzen wohnt, von dem einen Gedanken: zusammenhalten und durchhalten, alleKrä'fre einsetzen und alle Opfer tragen bis zum endgültigen und vollgültigen Siege. (Lebhaftes Bravo.) Meine Äerren, es ist mir heute zum ersten Male beschieden, als Vertreter der verbündeten Negierungen vor diesem hohen Äause zu erscheinen. Ich glaube, eine Pflicht zu erfüllen, und auch in Ihrem Sinne zu sprechen, wenn ich bei dieser ersten Gelegenheit zum Ausdruck bringe, wieviel das Reich und wieviel die Finanzen des Reiches meinem hochverehrten Äerrn Amtsvorgänger verdanken. (Lebhaftes Bravo) Sie haben meinen Herrn Amtsvorgänger viele Jahre hindurch an der Arbeit gesehen, Sie kennen alle das vorbildliche Pflichtgefühl und die treue Hingebung, die gesunde Klugheit und die vielersahrene Sachkenntnis, die den Staatssekretär Kühn auszeichneten. (Bravo!) Die Finanzierung der letzten Heeresvorlagen durch den Wehrbeitrag ist, wie wir alle wissen, in erster Reihe sein Werk. Er hat sich durch diese Tat seinen Platz in der deutschen Geschichte gesichert. (Bravo!) Die Gründe, die meinen Herrn Amtsvorgänger bewogen haben, die Würde seines Amtes niederzulegen, sind ein ehrenvolles Zeugnis für seine peinliche Gewissenhaftigkeit. Er hat geglaubt — vielleicht zu Anrecht —, daß seine gesundheitlichen Kräfte den großen und schweren Anforderungen, die dem Leiter der Reichsfinanzen aus dem Kriege erstehen, nicht mehr voll gewachsen seien. Er hat daraus die Folgerung gezogen, daß es seine Pflicht gegu. über dem Vaterlande sei, das ihm in mehr als zwanzigjähriger Tätigkeit liebgewordene Amt für einen Nachfolger freizumachen. Meine Herren, das Vertrauen Seiner Majestät des Kaisers hat mich zum Nachfolger des verdienten Mannes bestimmt. Sie dürfen mir glauben, daß der Entschluß, das verantwortungsvolle Amt auf mich zu nehmen, mir nicht leicht geworden ist. Vor mir sah ich und sehe ich ohne Unterlaß riesengroß die Aufgaben, die der Krieg, die der Friedensschluß und die schließlich die militärische und wirtschaftliche Wiederherstellung für den Leiter der Reichsfinanzen mit sich bringen. Aber ich fühlte auch, daß ich nicht das Recht hatte, in solcher Stunde klein zu sein und zu versagen. Das Soldatenherz, das in jeder deutschen Brust schlägt, sagte mir ein kategorisches „Du mußt!" (Lebhafter Beifall.) In diesem Geist, meine Herren, habe ich mein Amt übernommen, und in diesem Geist will ich es führen. Was ich meinem Kaiserlichen Herrn gelobt habe, was ich mir selbst versprochen 6 habe, das will ich an dieser Stelle vor den erwählten Vertretern des deutschen Volkes wiederholen: Meine ganze Kraft und meine ganze Person sollen der Ausgabe gehören, die mir in dieser unerhört ernsten und schweren, aber auch unerhört großen und stolzen Zeit zuteil geworden ist. (Beifall.) Äber eines bin ich mir dabei klar: die allererste Voraussetzung erfolgreichen Wirkens auf diesem schweren Posten ist das Ver- trauen und die Unterstützung aller zur Mitarbeit Berufenen. Am dieses Vertrauen und um diese Mitarbeit möchte ich Sie eindringlich bitten. Ich werde mit schweren Fragen an Sie herantreten müssen, mit Fragen, die gewaltige Interessen auf das tiefste berühren. And das weiß ich im voraus: ich werde nicht immer das Glück haben, mit Ihnen allen einer Meinung zu sein, (Heiterkeit) schon deshalb nicht, weil Sie ja unter sich selbst nicht die Gepflogenheit haben, immer am selben Strange zu ziehen und die Schuhe über den gleichen Leisten zu schlagen. (Zustimmung und große Heiterkeit.) Aber ich hoffe, ein Äauch des Geistes, der, seit die große Stunde geschlagen hat, durch alle deutschen Lande und alle deutschen Äerzen geht, wird auch die künftigen Meinungsverschiedenheiten und Jnteressenkonflikte auf meinem Arbeitsgebiete abmildern. Ich weiß sehr wohl, daß die Gegensätzlichkeiten der Weltanschauungen und der materiellen Interessen auch durch diesen Krieg nicht aus der Welt und aus dem deutschen Volke verschwinden werden. Ich weiß sehr wohl, daß Sie nicht darauf verzichten können und nicht darauf verzichten dürfen, die Anschauungen und Interessen Ihrer Kreise, Ihrer Berufsstände, Ihrer Parteien zu vertreten. And ich glaube, das ist gut sol Was Lebenskraft hat und wachsen will, muß sich rühren und wehren. Reibung erzeugt Wärme — das gilt auch im Leben der Völker! Nur darf die aus dem Leben geborene und Leben spendende Wärme nicht zum zerstörenden Fieber und zur verheerenden Feuersbrunst werden. Der wohltätige Widerstand, der hier eingeschaltet werden muß, 7 ist das alles überragende Bewußtsein unserer deutschen Lebensund Kulturgemeinschaft, die alles umfassende Liebe zu unserem großen deutschen Vaterland. (Lebhafter Beifall.) And nun, meine Herren, lassen Sie mich etwas näher an den Gegenstand unserer heutigen Tagesordnung herankommen. Ich habe Ihnen den Haushaltsentwurf für das Rechnungsjahr 1915 zu erläutern und zu begründen. Ich nehme an, daß es Ihren Wünschen entspricht, wenn ich mich in meinen heutigen Ausführungen nicht hierauf beschränke, zumal da zum Etat selbst nicht allzuviel zu sagen ist. Ich beabsichtige, Ihnen im Anschluß an die Etatsbegründung einen Überblick über die Entwicklung und die Lage auf dem finanziellen Kriegsschauplatz zu geben, einen Überblick sowohl über unsere eigenen Maßnahmen als auch über die Maßnahmen unserer Feinde. Nur aus einem solchen Überblick heraus glaube ich Ihnen die Notwendigkeit des im außerordentlichen Etat von uns angeforderten neuen Kriegskredits von 10 Milliarden Mark näherbringen zu können. Ich möchte hier aber auch gleich sagen, worüber ich nicht zu sprechen gedenke: das ist mein finanzielles Programm für die Zukunft — und zwar aus dem sehr einfachen Grunde: der Schelm gibt mehr, als er hatl Ein praktisches und praktikables Programm braucht einen festen Antergrund von Tatsachen. Dieser Antergrund ist heute noch nicht da. (Sehr richtig I) Er wird erst durch den Ausgang des Krieges und durch die Bedingungen des Friedensschlusses geschaffen werden. Ich hoffe also, Sie sind nicht enttäuscht, wenn ich das abwarten will. Heute möchte ich Ihnen nur eins sagen: Ich werde an die großen Aufgaben, die in jedem Fall kommen werden, herantreten ohne jede Befangenheit und unbeirrt durch Schul- und Parteimeinungen. Wir alle, meine Herren, werden wohl in manchen Punkten überkommene Anschauungen daraufhin prüfen müssen, ob sie gegenüber den Erfahrungen dieses Krieges und gegenüber den durch den Krieg geschaffenen neuen Problemen einer Revision 8 bedürfen. Mir scheint, wir werden alle mehr oder weniger umlernen müssen; denn die Zeit, die wir durchmachen, ist das größte Erlebnis, das je einer Generation beschieden war — und Erleben heißt für den denkenden Menschen Lernen. Aber ich wollte nicht von der Zukunft sprechen, sondern von der Gegenwart. Ich komme also zum Haushaltsentwurf. Der Entwurf ist in der Geschichte des Deutschen Reiches das erste Kriegsbudget. Sie dürfen sich deshalb nicht wundern, wenn er schon äußerlich anders aussieht als seine unmittelbaren Vorgänger. Es geht ihm wie so manchem einst wohlbeleibten Landwehrmann und Landsturmmann draußen im Felde: er ist um einige Pfund magerer geworden. (Heiterkeit.) Aber, meine Herren, das ist leider nur äußerlich; (erneute Heiterkeit)! der innere Anterschied geht nach der andern Seite, und dieser innere Unterschied ist beträchtlich größer. Die Summen, die wir für die Weiterführung des Krieges benötigen, lassen diesen Etats- entwurf in seiner Gesamtheit mit mehr als 13 Milliarden Mark abschließen, also mit einer Summe, die etwa viermal so groß ist als der größte Etat, der Ihnen bisher jemals vorgelegt wurde. Meine Herren, die 10 Milliarden für die außerordentlichen Kriegsausgaben geben dem Haushaltsentwurf sein eigentliches Gepräge. Aber die Wirkungen des Kriegszustandes erschöpfen sich keineswegs in dem außerordentlichen Etat, — sie greifen weit hinüber in das Ordinarium. Bei dem ordentlichen Budget standen wir geradezu vor einer unlösbaren Aufgabe. lDas Budget soll seiner Natur nach ein Voranschlag der zu erwartenden Einnahmen und der zu leistenden Ausgaben sein. Ein solcher Voranschlag ist bei der Ansicherheit über die Zeitdauer des Krieges und bei der Ansicherheit über die Einwirkungen des Krieges auf die verschiedenen Etatspositionen geradezu eine Unmöglichkeit. Auf die Gestaltung des Reichshaushalts im laufenden Rechnungsjahre komme ich gleich zurück. Aber auch diese Ge- 9 staltung gibt, obwohl acht Monate des jetzt ablaufenden Rechnungsjahres bereits in die Kriegszeit fallen, keinen genügenden Anhalt für eine Veranschlagung. Schon in normalen Zeiten gilt ja von dem Äauhaltsentwurf nur allzu oft das Wort: was sind Pläne, was sind Entwürfe! Die Wirklichkeit sieht sehr oft anders aus als die Anschläge, die wir vorlegen können. Anter den jetzigen Verhältnissen eine nur einigermaßen zutreffende Veranschlagung vorzunehmen, dazu gehört mehr Voraussicht, dazu gehört mehr Mut, als ich mich zu besitzen rühmen kann. Des- halb, meine Äerren, verzichten wir auf die Veranschlagung, die sonst ja ein wesentlicher Teil des Haushaltsentwurfs ist. Dieser Verzicht bedeutet keineswegs, wie Sie an der Tatsache der Vorlage sehen, daß wir überhaupt von einem Äaushaltsetat Abstand nehmen wollen. Abgesehen von dem Zwecke der Veranlagung hat ja das Budget noch zwei andere Aufgaben. Diese beiden Aufgaben sind erstens, die verfassungsmäßige Grundlage für die Reichsfinanzwirtschaft zu schaffen, und auf diese verfassungsmäßige Grundlage wollen wir auch jetzt während der Kriegszeit nicht verzichten. Der zweite Punkt ist die Sicherung des kalkulatorischen technischen Schemas für die gesamte Wirtschaftsführung, für die Verrechnung, für die Rechnungslegung und für die Rechnungsprüfung. Sie finden deshalb in dem Ihnen vorgelegten Entwurf dasselbe Schema, dieselbe Anordnung von Kapiteln, Titeln und Positionen wie gewöhnlich. Sie finden bei diesen Kapiteln, Titeln und Positionen Ansätze, die vielleicht, wie noch niemals bisher in einem Jahre, bis auf ganz wenige, aber wichtige Ausnahmen mit denen des vergangenen Jahres in Äbereinstimmung stehen. Dies kommt daher, daß wir davon abgesehen haben, soweit es sich ermöglichen und durchführen läßt, in diesem Etat mit neuen Forderungen an Sie heranzutreten. Wir haben im laufenden Etat insbesondere davon abgesehen, Ihnen irgendwelche neuen Stellen in Vorschlag zu bringen. Wir haben bei den einmaligen Ausgaben des ordentlichen Etats lediglich zweite Raten für die !0 bereits angefangenen Bauten und andere Arbeiten angefordert und außerdem nur einige ganz wichtige Neuforderungen, z. B. bei der Post, für Zwecke, die keinen Aufschub duldeten. Meine Äerren, von diesem Grundsatz, die Ausgaben und Einnahmen so einzustellen wie im letzten Jahre, aber Ihnen gleichzeitig ein detailliertes Schema zu liefern, sind wir nur abgewichen bei dem Etat der Heeresverwaltung, des Reichsmilitärgerichts, der Marine und der Kolonien. Die Gründe, aus denen wir geglaubt haben, bei den Kriegsressorts von einer Detaillierung absehen zu können, sind folgende. Der ordentliche Etat für Äeer und Marine ist mit der Mobilmachung gewissermaßen außer Kraft getreten. Von dem ersten Tage der Mobilmachung an sind die sämtlichen und mußten die sämtlichen Ausgaben für Äeer und Marine über das Kapitel 6 des außerordentlichen Etats geleitet werden. Seit der Mobilmachung haben wir kein Friedensheer und keine Friedensmarine mehr, sondern nur noch ein ungeteiltes Kriegsheer und eine ungeteilte Kriegsmarine. Erst wenn der Tag der Demobilmachung gekommen sein wird, wird der ordentliche Etat für die fortdauernden Ausgaben für Äeer und Marine wieder aufleben. Meine Äerren, ich weiß nicht, wann dieser Tag kommen wird — wir hoffen alle, es wird im Laufe des kommenden Rechnungsjahres der Fall sein —, aber das eine weiß ich bestimmt: wenn dieser Tag kommt, werden wir Ihnen einen Nachtragsetat vorlegen müssen, der die dann erst zu übersehenden Friedensbedürfnisse für Äeer und Marine berücksichtigt. Wir werden Ihnen aber unter keinen Amständen ein Brot vorsetzen können, das wir heute schon backen. Aus diesem Grunde also haben wir geglaubt, bei den Kriegsressorts darauf verzichten zu können, Ihnen eine detaillierte Aufstellung wie bei den Zivil- ressorts zu geben. Ähnliche Gründe, meine Äerren, bestehen für die Kolonien. Wir müssen in dieser für unsere Kolonien so schweren Zeit den örtlichen Instanzen für die Maßnahmen, die sie zur Verteidigung der ihnen anvertrauten Gebiete für notwendig halten, den aller- N weitesten Spielraum lassen. Wir wissen, daß wir das können und dürfen. Die heldenmütige Gegenwehr, von der uns der Feind wider seinen Willen Kunde geben muß, zeigt uns — wenn wir es nicht schon vorher wußten —, daß draußen in unseren Kolonien Männer mit dem Äerz auf dem rechten Fleck auf der schweren Wacht stehen. (Bravo I) Wir wissen, daß diese Männer das Menschenmöglichste tun, um gegen einen mit allen Mitteln kämpfenden Feind das in harter Arbeit erworbene und nutzbar gemachte Land zu schützen, die ihnen anvertrauten Menschenleben zu sichern, sich selbst und der deutschen Flagge Ehre zu machen, ja — ich stehe nicht an, das zu sagen —: den Namen und die Ehre und die Zukunft des weißen Mannes in den fremden Kontinenten zu retten. (Lebhaftes Bravo!) Angesichts solchen Kampfes, in den unsere Schutzgebiete mit allen Fasern verstrickt sind, konnten und wollten wir keine ins einzelne gehende Etatsvorschriften in Vorschlag bringen. Wir haben Ihnen deshalb lediglich einen kurzen Etatsgesetzentwurf, ohne die üblichen detaillierten Anlagen, vorgelegt. Durch diesen Gesetzentwurf soll, nach Art eines Notgesetzes, den Männern draußen in den Kolonien die Möglichkeit gegeben werden, unter Anwendung — soweit das möglich ist — der Grundsätze, wie sie bisher bestanden, die Finanzwirtschaft weiterzuführen. Alle Einzelheiten, die zu diesem kurzen Entwurf über das Etatsgesetz für die Kolonien zu bemerken sind, darf ich mir für die Kommission vorbehalten. Meine Herren, das wäre ungefähr das, was ich über die formale Behandlung des Etats zu sagen hätte. Materiell habe ich einiges hinzuzufügen. Der Bedarf an fortdauernden Ausgaben für Reichsheer, Neichsmilitär- gericht und Marine, wie wir ihn für jede der drei Verwaltungen in einer einzigen Summe ausgeworfen haben, stellt nicht den vollen Iahresbedarf, sondern die Äälfte des normalen Jahres- bedarfs dar. Dieser Ansatz, der vielleicht aufs erste überraschen 12 kann, steht im Zusammenhang mit der Äöhe der von uns im außerordentlichen Etat angeforderten Kriegskredite. Wenn die 10 Milliarden Mark, um deren Bewilligung wir Sie bitten, aufgebraucht werden sollten, so würde das heißen, daß der Krieg ungefähr bis zum Spätherbst dauert, daß also bis zum Spätherbst zu Lasten des ordentlichen Etats für Äeer und Marine Ausgaben überhaupt nicht zu leisten sind. Geht der Krieg früher zu Ende, so wird allerdings der ordentliche Etat für mehr als für den Bedarf eines halben Jahres in Anspruch genommen werden müssen; aber dann wird ein großer Teil der außerordentlichen Kredite frei. Dauert umgekehrt der Krieg länger, so wird die rechnungsmäßige Ersparnis bei den fortdauernden Ausgaben des ordentlichen Etats entsprechend höher sein, während auf der anderen Seite weitere Kredite von Ihnen wohl würden verlangt werden müssen. Llnter allen Amständen aber — das habe ich schon vorher erwähnt — werden wir beim Friedensschlüsse gezwungen sein, mit einem Nachtragsetat zu kommen, der den dann erst zu übersehenden Friedensbedürfnissen für Äeer und Flotte Rechnung trägt. Bei diesem inneren Zusammenhang zwischen dem außerordentlichen Kriegsbudget und den fortdauernden Ausgaben für Äeer und Marine haben wir geglaubt, daß die vorgeschlagene Regelung der inneren Ökonomie des Gesamtetats entspricht. Meine Herren, so gern ich nun die Erörterung im einzelnen der Budgetkommission überlassen möchte, so glaube ich mich doch verpflichtet, gleich hier im Plenum noch auf einen wichtigen Punkt im Etat hinweisen zu sollen, nämlich auf den Etat der Neichs- fchuld. Zunächst möchte ich feststellen, daß wir uns nicht verlaßt gesehen haben, die planmäßige Tilgung der Reichsschuld einzustellen. Sie finden im ordentlichen Etat für Tilgungszwecke rund 68 Millionen, gegen 6^/2 Millionen Mark im Vorjahre. Ob diese Tilgung im Wege von Rückkäufen auf dem Markt oder durch Absetzung von den bewilligten Krediten vorgenommen wird, das dürfen Sie wie in den früheren Iahren der Reichsfinanzverwaltung überlassen. Wichtig und wesentlich erschien mir nur, 13 daß die nach so vielen Mühen endlich eingeführten Grundsätze einer planmäßigen Schuldentilgung auch jetzt in der Kriegszeit und für die künftige Friedenszeit aufrechterhalten werden; und ich glaube, mich hierin mit dem hohen Kaufe in Äbereinstimmung zu befinden. (Bravo I) Für die Kriegsanleihen selbst haben wir allerdings von einer Tilgung abgesehen. Das ist ein Punkt, der natürlich der Regelung nach dem Friedensschluß überlassen bleiben muß. Sie finden ferner bei dem Etat der Reichsschuld einen sehr starken Mehrbedarf für die Verzinsung, einen Mehrbedarf von nahezu einer Milliarde Mark. Das erklärt sich daraus, daß die Reichsschuld, die beim Ausbruch des Krieges rund 5 Milliarden Mark betrug, inzwischen auf rund 15 Milliarden Mark angewachsen ist, und daß sie, wie Ihnen schon die neue Kreditforderung zeigt, weiter wachsen muß, wenn der Krieg länger andauert. Das Erfordernis für die Verzinsung der Reichsschuld steigt also durch die Inanspruchnahme der Kriegskredite in ganz außerordentlichem Maße. Es ist das derjenige Posten des ordentlichen Budgets, welcher vorläufig durch den Krieg am meisten betroffen wird. Auch hier haben wir geglaubt, nicht darauf verzichten zu sollen, solange wir das können — zurzeit können wir es noch! —, die Zinsen auch für die Kriegsschuld in den ordentlichen Etat einzustellen. Ich war der Meinung, daß wir auch in Kriegszeiten nach Möglichkeit vermeiden müssen, auf die schiefe Ebene zu kommen, daß Schuldenzinsen wieder aus Schulden bezahlt werden. (Beifall.) Wie sich nun die Verhältnisse bei der Reichsschuld späterhin gestalten werden, das hängt ganz und gar von dem Kriegsausgang und von den Friedensbedingungen ab. Wir werden nicht darauf verzichten können, und wir denken nicht daran, darauf zu verzichten, daß unsere Feinde — abgesehen von allem anderen — uns für den materiellen Schaden aufkommen müssen, den sie mit diesem frevelhaft angezettelten Kriege angerichtet haben. (Beifall und Zustimmung.) 14 Meine Herren, ich darf mir nicht versagen, das tote Gerippe des Haushaltsentwurfs für 1915, das ich Ihnen bis jetzt vorgetragen habe, mit etwas mehr Fleisch und Blut durch einige Mitteilungen darüber auszufüllen, wie sich der Reichs Haus halt im laufenden Finanzjahr, von dem acht Monate in die Kriegszeit fallen, gestaltet hat. Aber ich will es kurz machen und genauere Angaben in der Budgetkommission geben, wenn solche gewünscht werden. Zunächst kann ich Ihnen mitteilen, daß die Rechnung für das zu Ende gehende Finanzjahr trotz des Krieges nicht mit einem Fehlbetrag, sondern voraussichtlich mit einem Überschuß abschließen wird. (Hört! hört! Bravo I) Nach den Ianuarergebnissen, die bereits vorliegen, wird dieser Überschuß etwa 38 Millionen Mark betragen. Meine Herren, ich will Ihnen Ihre Freude nicht gern stören, (Heiterkeit) aber die Gewissenhaftigkeit erfordert, daß ich ,hinzusetze: der Überschuß ist ein rechnungsmäßiger, (Heiterkeit) dessen Bedeutung sich nur aus den Faktoren beurteilen läßt, aus denen er sich ergibt. Diese Faktoren — ich nehme an, daß Sie das interessieren wird — sind die folgenden: Die Einnahmen des ablaufenden Etatsjahres ergeben voraussichtlich ein Minus von 535 Millionen Mark, also von mehr als einer halben Milliarde. Die fortdauernden Ausgaben zeigen gleichfalls ein Minus — also eine Ersparnis —, und zwar in Höhe von 561 Millionen Mark. Die einmaligen Ausgaben bleiben mit 10 Millionen Mark hinter dem Voranschlag zurück. Aus diesen Ziffern ergibt sich das rechnungsmäßige Schlußresultat, das ich vorhin nannte, der Überschuß von 38 Millionen Mark. Wenn Sie die Verteilung des Einnahmerückganges auf die wichtigsten Quellen interessiert: Der Ertrag der Zölle 15 und Steuern ist um 176 Millionen Mark niedriger als im Voranschlag. Die Post zeigt einen Minderertrag ihres Überschusses gegenüber dem Voranschlag von 129 Millionen Mark. Bei den Reichseisenbahnen beläuft sich der Ausfall auf 58 Millionen. Dazu kommt beim Wehrbeitrag das erhebliche Minus von 175 Millionen, das in den Vorbemerkungen zum Etat Ihnen ja ausreichend begründet und erläutert ist. Dieser Fehlbetrag beruht hauptsächlich darauf, daß die ursprüngliche und, wie sich gezeigt hat, zutreffende Schätzung des Ergebnisses von einer Milliarde auf eine Milliarde 200 Millionen Mark erhöht worden ist. Diese Erhöhung hat sich leider nicht als gerechtfertigt erwiesen. Die Ersparnis an fortdauernden Ausgaben in Äöhe von 561 Millionen ist in sich ein komplizierteres Gebilde und geht natürlich in erster Linie darauf zurück, daß, wie bereits erwähnt, vom Tage der Mobilmachung, also vom I.August an, der ordentliche Etat für die fortdauernden Ausgaben für Äeer und Flotte überhaupt nicht mehr in Anspruch genommen worden ist. Daraus ergibt sich eine rechnungsmäßige Ersparnis von nahezu drei Viertel Milliarde. Auch bei den Zivilressorts sind größere Ersparnisse erzielt worden, die in der Hauptsache darauf beruhen, daß ein großer Teil der Beamten unter den Waffen steht, und daß ihre Bezüge zum Teil infolge dieser Tatsache aus dem Kriegsfonds fließen. Auf der anderen Seite ist bei den fortdauernden Ausgaben zu berücksichtigen, daß die Verzinsung der Reichsschuld gegenüber dem Voranschlag aus den Ihnen vorhin dargestellten Gründen einen erheblichen Mehrbetrag erfordert hat. Ähnlich wird im Gesamtergebnis der ordentlichen Ausgaben die rechnungsmäßige Ersparnis auf 561 Millionen Mark herabgedrückt. Diese Entwicklung des abgelaufenen Finanzjahres gibt uns einige Möglichkeit, eine Prognose zu stellen, wie sich die Dinge im laufenden Finanzjahr bei Fortdauer des Krieges entwickeln werden. Wir dürfen annehmen, daß einmal die sicher gegenüber dem formalen Anschlag zu erwartenden Ausfälle in den Einnahmen einen teilweisen Ausgleich finden in Ersparnissen bei den 16 Ausgaben, die in der alten Äöhe eingestellt sind, und wir dürfen weiter erwarten, daß in dem Betrag von 1200 Millionen Mark, der jetzt für den Schuldendienst eingesetzt ist, eine nicht unerhebliche stille Reserve liegt, die vielleicht ausreichen wird, um schließlich im Endergebnis die Rechnung in Balance zu bringen. Soweit sich also die Gestaltung der Neichsfinanzwirtschaft in dieser außerordentlichen Zeit überhaupt voraussehen läßt, glaube ich annehmen zu dürfen, daß der Etat, wie wir ihn Ihnen vorgelegt haben, nicht nur äußerlich balanciert, sondern auch, immer in den Grenzen der Möglichkeit, ein inneres Gleichgewicht in sich selber trägt. Meine Äerren, daß ich Ihnen dieses Arteil aussprechen darf, und zwar auf Grund der Ergebnisse einer achtmonatlichen Kriegszeit, zeigt Ihnen, wie solid die Fundamente sind, auf denen unsere Reichsfinanzwirtschaft beruht. Wir dürfen die Beruhigung in uns tragen, daß der Llnterbau, den deutsche Arbeit, deutsche Intelligenz und deutsche Methoden geschaffen haben, selbst für eine Welt von Feinden schlechthin unzerstörbar ist. (Lebhaftes Bravo.) Meine Äerren, während die Friedensarbeit in Wirtschaftsund Finanzgebarung weitergeht, fordert der Krieg seine Rechte. Das gigantische Ringen ohnegleichen in der Weltgeschichte sprengt alle Formen und Maße, in denen wir bisher zu denken und zu rechnen gewohnt waren. Die Zahl der Riesenheere, die Verluste an Menschenleben, der Verbrauch an Material, die Zerstörung von Werten, der Kummer und das Äerzeleid im ganzen Lande, vom Palast bis zur Äütte, aber auch der Opfermut und die Willenseinheit von ungezählten Millionen — das alles sind Vorstellungen, an deren Weite und Tiefe die Menschheit sich erst gewöhnen muß. And nicht anders geht es uns mit dem materiellsten der Begriffe, mit dem Gelde. Wir müssen heute mit Summen rechnen, die geradezu Schwindel erregen könnten. Der Iahresertrag mancher Finanzreformen, und zwar nicht nur der kleinen, wird heute aufgebraucht Selfferich, Kriegsfinanzen 2 17 durch die Kosten einer einzigen Kriegswoche. Ich habe versucht, mir ein Bild über die wöchentlichen Ausgaben der kriegführenden Großmächte zu machen, und bin auf einen Betrag gekommen von I V2 Milliarden Mark. (Bewegung.) Ich muß es mir hier versagen, Ihnen genauere Ziffern über unsere eigenen Kriegskosten vorzutragen; das muß ich mir aus naheliegenden Gründen für die Budgetkommission vorbehalten. Ich möchte Sie deshalb bitten, sich damit zu begnügen, daß ich Ihnen sage: die verbündeten Regierungen sind genötigt, Sie zu ersuchen, zu den bereits bewilligten Krediten von zweimal Z Milliarden Mark dem im außerordentlichen Etat für 1915 geforderten weiteren Kriegskredit von 10 Milliarden Mark Ihre Zustimmung zu erteilen, um auf diese Weise die nötige finanzielle Bewegungsfreiheit für die Weiterführung des Krieges bis zum Spätherbst zu sichern. Meine Herren, wir sind durchdrungen von der Größe des Opfers und von der schweren Belastung, die sich in der Ziffer von 10 Milliarden, wie sie niemals von einem Parlament der Welt verlangt worden ist, ausdrückt; aber wir sind ebenso stark durchdrungen von der Überzeugung, daß kein Opfer zu groß und keine Last zu schwer sein kann, wenn es sich um unser ein und alles, wenn es sich um den Bestand und die Größe unseres Vaterlandes handelt. (Bravo I) So schwer die 10 Milliarden und aber 10 Milliarden wiegen, das schwerste Opfer sind sie leider nicht; das schwerste Opfer ist das gute deutsche Blut, das die Blüte unserer Jugend und Manneskraft draußen vor dem Feinde vergießt, ohne Murren und ohne Verzagen in der Selbstverständlichkeit einer heiligen Pflichterfüllung. (Lebhaftes Bravo I) Meine Herren, vor diesem Opfermut können wir Daheimgebliebenen, denen es nicht vergönnt ist, mit den Brüdern draußen Not und Tod, Kampf und Sieg zu teilen, uns nur still verneigen. (Bravo I) 18 Wir können uns nur geloben, daß alles, was an uns liegt, geschehen soll und getragen werden soll, um den Äelden draußen ihre Aufgabe und ihr Los zu erleichtern und die Früchte ihres Heldentums zu sichern. (Bravo I) Meine Herren, das geringste, was wir nach dieser Richtung tun können — und ich sage das als Leiter der Reichsfinanzverwaltung —, ist die Bewilligung der Mittel, die für die Fortführung des Krieges unbedingt notwendig sind. (Sehr richtig!) Aber, meine Herren, mit der Bewilligung allein ist es nicht getan. Ihr Beschluß, die 10 Milliarden zu bewilligen, legt die 10 Milliarden dem Deutschen Reich nicht als Ostergeschenk auf den Tisch des Hauses nieder. Ihre Bewilligung bedeutet im Grunde genommen nicht mehr als die Autorisation für die Regierung, den von Ihnen bewilligten Betrag im Anleihewege flüssig zu machen, und deshalb, meine Herren, möchte ich einen dringenden Appell an Sie richten: begnügen Sie sich nicht mit dem stolzen Gefühl, die Mittel bewilligt zu haben, beteiligen Sie sich auch an der Aufbringung nicht nur nach Ihren eigenen finanziellen Kräften — das nehme ich als selbstverständlich an —, sondern beteiligen Sie sich an der Aufbringung dadurch, daß Sie als gewählte Vertreter des deutschen Volkes in denjenigen Kreisen, die Ihnen ihr Vertrauen geschenkt haben, wirken für die weitest- gehende, ausgiebigste Beteiligung an der neuen Kriegsanleihe, wirken im Sinne der Aufklärung dafür, wie sehr die Mitwirkung an der Aufbringung der für den Krieg erforderlichen Mittel eine patriotische Pflicht ist, der sich niemand entziehen darf. (Bravo!) Besonderer Anlaß für diesen Appell ist die Tatsache, daß wir vor kurzem die zweite Kriegsanleihe aufgelegt haben, und daß der Termin für die Zeichnung auf diese Kriegsanleihe am 19. dieses Monats, also in relativ kurzer Zeit, abläuft. Die erste Kriegsanleihe vom vorigen September war, wie Sie alle wissen, ein Erfolg von ungeahnten Dimensionen. 19 Sie hat rund 4^2 Milliarden gebracht, einen Betrag, der alle bisher dagewesenen Finanzoperationen einschließlich der französischen Kriegsentschädigung 1871 in Schatten stellte. Meine Herren, wir hatten diesen Erfolg zu verdanken dem durch die zähe Arbeit des deutschen Volkes im raschen Fortschritte vermehrten Wohlstand, wir hatten ihn zu verdanken der opferwilligen Vaterlandsliebe aller Bevölkerungsschichten, der vorzüglichen Friedens- und Kriegsorganisation unseres Geld- und Kreditwesens und der ausgezeichneten Leitung des Anleihegeschäftes. Meine Äerren, es ist mir hier ein Bedürfnis, zu bekunden, welches unvergängliche Verdienst um unsere Kriegsbereitschaft und speziell um die Führung des Anleihegeschäftes sich die Reichsbank und insbesondere der Reichs bankpräsident erworben hat. (Lebhafter Beifall.) In jahrelanger zäher Arbeit hat der Neichsbankpräsident darauf hingewirkt, unser Kreditwesen krisen- und kriegsfest zu machen. (Sehr richtig!) Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, daß der Reichsbankpräsident bei diesem Bestreben mitunter auf Zweifel und Bedenken gestoßen ist, aber auch, daß er schließlich in der großen Linie Verständnis gefunden hat, Verständnis in dem Maße, daß ohne gesetzlichen Eingriff unsere deutsche Kreditorganisation in den gewaltigen Stürmen des Kriegsausbruchs sich besser bewährt hat als diejenige irgendeines anderen Landes. (Zustimmung und Beifall.) And dieses ruhige Sichbewähren in den ersten kritischen Wochen hat neben den unvergleichlichen Waffenerfolgen unserer Truppen nicht zum wenigsten dazu beigetragen, dem ganzen Volke das sichere Gefühl des Vertrauens zu geben, das die wichtigste Voraussetzung für die Durchführung dieses Völkerkrieges ist. (Zustimmung.) Aber der glänzende Erfolg der ersten Kriegsanleihe ist nur ein erster Schritt. Eine gewonnene Schlacht ist noch kein gewonnener Feldzug. Sie brauchen nur den Betrag der ersten Kriegsanleihe, so gewaltig er an sich war, im Verhältnis zu den Krediten zu 2« setzen, die Sie bereits bewilligt haben, und die wir weiter von Ihnen verlangen müssen, dann werden Sie die Notwendigkeit verstehen, daß der zweite Appell an die deutschen Sparer und Kapitalisten ausgiebigsten Widerhall finden muß. Dazu können und müssen Sie uns helfen. Wir haben die Organisation, die im September für die erste Kriegsanleihe geschaffen worden ist und so vorzüglich funktionierte, jetzt nach Möglichkeit ausgebaut. Wir haben den Kreis der Zeichnungsstellen für die Kriegsanleihe wesentlich erweitert. Diesmal nehmen nicht nur Banken, Versicherungsgesellschaften, Sparkassen usw. Zeichnungen für die Kriegsanleihe an, sondern auch die sämtlichen Kreditgenossenschaften haben sich zur Verfügung gestellt, und an denjenigen kleineren Plätzen, an denen nicht wenigstens eine Sparkasse besteht, stehen die Postanstalten für die Zeichnung zur Verfügung. Wir haben uns ferner mit den einzelnen Bundesregierungen in Verbindung gesetzt, um durch die Werbearbeit von Gemeindevorstehern, von Geistlichen und von Lehrern die Aufklärung über die patriotische Pflicht, bei der Kriegsanleihe mitzuwirken, und über die finanziellen Vorteile, die die Kriegsanleihe den Zeichnern gewährt, in die breitesten Schichten der Bevölkerung hineinzutragen. In ungezählten Exemplaren haben wir ein Merkblatt verbreitet, das alles Wissenswerte über die Kriegsanleihe enthält und, wie ich glaube, in allgemein verständlicher Weise auseinandersetzt. Meine Herren, es gilt, dem ganzen Volke klarzumachen, daß dieser Krieg mehr als irgendeiner zuvor nicht nur mit Blut und mit Eisen, sondern auch mit Brot und mit Geld geführt wird. Für diesen Krieg gibt es nicht nur eine allgemeine Wehrpflicht, sondern auch eine allgemeine Sparpflicht und eine allgemeine Zahlpflicht. (Sehr richtig!) Keiner darf sich entziehen, auch der Kleinste nicht. Der Verschwender notwendiger Lebensmittel und der Mammonsknecht, der sich nicht von seinen Ersparnissen trennen kann, ist um kein Kaar besser als der Deserteur, der sich seiner Wehrpflicht entzieht. (Zustimmung.) 2l Wie es für das Äeer auf jeden Arm ankommt,, der noch die Büchse spannen kann, so brauchen wir alle die großen und kleinen Ersparnisse. Niemand darf sich mit der billigen Redensart entziehen: auf meine paar Groschen kommt es doch nicht an. Es kommt auf jede Ersparnis an. Das deutsche Volk muß auch in dieser Beziehung leisten, was es irgend leisten kann. Ich wiederhole, auch unser Ruf, der Ruf der finanziellen Kriegsleitung, geht an alle, an groß und klein, und Schande über jeden, der sich taub stellt! (Beifall.) Das akute Thema der Kriegsanleihe hat mich von dem Reichshaushaltsetat auf ein weiteres Feld geführt, auf das große Schlachtfeld der finanziellen Kriegführung. Ich möchte Sie einladen, auf diesem Felde mit mir eine rasche Llmschau zu halten, eine Llmschau, die Sie in den Stand setzen soll, die materiellen Opfer, die das deutsche Volk bringen muß, einzustellen in den großen Zusammenhang der finanziellen Kriegsvorgänge, und ich hoffe, daß es mir auf diesem Wege gelingen wird, Ihnen wenigstens einen gefühlsmäßigen Maßstab für die finanziellen Größenverhältnisse zu geben, die sich der verstandesmäßigen Auffassung nahezu entziehen. Vor allem hoffe ich, daß Sie sich überzeugen: wenn jeder seine Pflicht tut, kann uns auch auf diesem Felde der Sieg nicht fehlen. Meine Äerren, das Ausland hat lange die Augen vor unserem wirtschaftlichen und finanziellen Wachstum verschlossen. Vor allem die Nationen des alten Reichtums, Frankreich und England, sahen, bei allem Respekt vor unserer militärischen Macht, auf unsere finanzielle Leistungsfähigkeit mit unverhohlener Geringschätzung herab. Noch im Jahre 1911, zur Zeit der Marokkokrisis, glaubten die Franzosen, durch die Zurückziehung ihrer Guthaben, deren Amfang sie in phantastischer Weise überschätzten, uns auf die Knie zwingen zu können. Sie haben uns damit ungewollt die Gelegenheit gegeben, gewissermaßen eine Generalprobe unserer finanziellen Kriegsbereitschaft abzulegen. Die Generalprobe ist günstig für uns ausgefallen; aber die Franzosen haben aus diesem Verfahren nichts gelernt. Sie blieben nicht 22 nur bei ihrer Anterschätzung unserer und bei der Überschätzung ihrer eigenen Finanzkraft, sondern sie bildeten sehr bald die sür die französischen Ohren ebenso angenehme wie für den Weltfrieden gefährliche Legende: nur die Gefahr des finanziellen Zusammenbruchs habe Deutschland damals vor einem Überfall auf Frankreich abgehalten. Das war die Meinung, der man in den Iahren nach der Marokkokrisis in Paris ungefähr überall begegnen konnte. Auch England hat unsere wirtschaftliche und politische Leistungsfähigkeit zu gering veranschlagt. Die Kenntnis der Verhältnisse anderer war ja niemals Englands starke Seite. (Sehr richtig!) Mein britischer Kollege Mr. Lloyd George, der eine bilderreiche Sprache liebt, hat wenige Tage nach dem Kriegsausbruch das Wort von der „letzten Milliarde" und von den „silbernen Kugeln" gesprochen, mit denen England den Krieg gewinnen werde. Meine Äerren, da ich mich begreiflicherweise dafür interessiere, wie sich die Welt und namentlich wie sich dieser Krieg in den führenden Köpfen unserer Feinde malt, habe ich mir den Wortlaut dieser Rede von Lloyd George beschafft und etwas näher angesehen. Ich bin dabei, abgesehen von der selbstverständlichen Überzeugung von Englands unbedingter Überlegenheit über die ganze Welt, auf eine Vorstellung des Krieges und auf eine Geschichtsauffassung gestoßen, die ich glaube diesem hohen Äause nicht vorenthalten zu sollen. Lloyd George sprach damals vor einer Delegation der Grafschaften und der Munizipalitäten. Er machte den Herren begreiflich, daß sie den Kapitalmarkt jetzt nicht für ihre Bedürfnisse beanspruchen dürften, sondern ihn ausschließlich der Negierung für die Kriegszwecke überlassen müßten. Sie sehen also, in diesem Punkte verfährt doch das stolze England genau so, wie wir in Deutschland verfahren. Dann fuhr er fort — ich will das wörtlich verlesen —: Wir brauchen jeden Penny, um gegen den gemeinsamen Feind zu kämpfen, und unsere erste Sorge muß sein zu gewinnen . . . Die ersten hundert Millionen kann der Feind so 23 gut aufbringen wie wir, die letzten hundert Millionen hat der Feind, Gott sei Dank, nicht... (Heiterkeit.) Mit den silbernen Kugeln haben wir schon früher gewonnen. (Heiterkeit.) Wir haben Europa finanziert in dem größten Kriege, den wir je durchgefochten haben, und das ist es, was den Krieg gewonnen hat... Meine Herren, das ist wörtlich übersetzt. Nur der Vollständigkeit wegen sei hinzugefügt, daß Lloyd George auch bei dieser Gelegenheit auf die unerschütterte und unerschütterliche Herrschaft Englands über die See hinwies, die England nicht nur den eigenen Handel sichere, sondern England auch gestatte, einen guten Teil des Handels seiner Feinde sich anzueignen. Er setzte hinzu: Natürlich muß das Geschäft aufrecht erhalten werden, denn das Geschäft ist immer nötig, um den Krieg in Gang zu halten. (Heiterkeit.) Also, meine Herren, Lloyd George ist stolz darauf, daß der größte Krieg, den England bisher in seiner Geschichte zu führen hatte, nämlich der Krieg gegen Napoleon I., mit silbernen Kugeln gewonnen worden sei, und er hat die stolze Hoffnung, diesmal werde die durchschlagende Kraft der silbernen Kugeln abermals den Ausschlag zugunsten Englands geben. Ich meine, Lord Wellington — von dem braven Marschall Vorwärts ganz zu schweigen — muß sich bei dieser Einschätzung seiner Taten durch einen seiner Epigonen im Grabe umdrehen. (Sehr richtig!) Nein, meine Herren, mit dem dicken Geldbeutel allein, auch wenn er mit allen Künsten der Subsidie und Bestechung gehandhabt wird, sind damals Schlachten nicht zu gewinnen gewesen, und heute sind sie damit erst recht nicht zu gewinnen. (Sehr richtig!) Den preußischen Grenadieren, die bei Waterloo zur rechten Zeit noch Wellingtons Truppen herausgehauen und damit Schlacht 24 und Feldzug und Jmperatorenschicksal entschieden haben, waren silberne Kugeln eine ganz unbekannte Munition, (sehr richtig I) und unsere Zweiundvierziger und unsere Unterseeboote schießen auch nicht mit silbernen Kugeln, (Heiterkeit) sondern mit gutem Stahl, der durch deutscher Äände Arbeit gewonnen und gehärtet ist. (Bravo!) Ich kann nicht umhin, zu sagen, die Äußerungen meines britischen Kollegen haben mir stärker als irgendein anderes Wort der englischen Staatsmänner in dieser Zeit den Unterschied klargemacht, der zwischen englischer und deutscher Auffassung vom Krieg besteht. (Sehr gut!) ! Das bekannte Wort von Clausewitz „Der Krieg ist die Fort- ! setzung der Politik mit anderen Mitteln" muß in das Englische ! übersetzt werden: die Politik und der Krieg sind die Fortsetzung des Geschäfts mit anderen Mitteln. (Heiterkeit.) Die Engländer betrachten in der Tat den Krieg als ein Geschäft, das mit Gewaltmitteln abzuwickeln ist. (Sehr richtig!) Der Deutsche dagegen sieht in dem Kriege die schwerste, aber auch idie erhabenste Prüfung, die das Geschick einem Volk zuerteilen ! kann, eine Prüfung, die alle moralischen, intellektuellen und materiellen Kräfte auf den Plan ruft und auf das äußerste anspannt. Diese Auffassung, auf die wir unsere Zuversicht bauen, ist, glaube ich, ein festeres Fundament als alles Gold und Silber der Welt. (Beifall.) Aber es ist gut, daß wir den Gegner kennen und wissen, auf welche Waffen er sein Vertrauen setzt; und noch besser ist, daß wir sicher sind, ihm mit seinen eigenen Waffen ausreichend dienen zu können. Diese felsenfeste Zuversicht möchte ich hier aus meiner 25 innersten Überzeugung heraus mit allem Nachdruck und aller Eindringlichkeit bekunden. (Bravo!) Diese Überzeugung stützt sich nicht nur auf die Entwicklung unserer Wirtschaft und unseres Wohlstands, sondern auch auf die Er fahrungen des bisherigen Kriegsverlaufs. Sie wissen alle, daß die Entwicklung unseres Volksreichtums und unseres Volkseinkommens vor dem Kriege auf einem Punkt angelangt war, der uns gestattete, uns England gegenüber als gleichwertig und Frankreich gegenüber als überlegen zu betrachten. Ich setze hinzu: unsere vermögenbildende Kraft hat in den letzten Iahren vor dem Krieg diejenige der beiden Länder zweifellos übertroffen. Wenn unsere ausländischen Rivalen, ja wenn vielfach wir Deutschen selbst unsere Wohlstandsentwicklung nicht richtig und jedenfalls nicht voll einschätzten, so lag das namentlich an folgenden zwei Punkten: unser erarbeiteter und ersparter Kapitalzuwachs fand vor allem und in erster Linie lohnende Verwendung in der heimischen Volkswirtschaft. Der Ausbau und die Modernisierung unserer deutschen Industrie stellte an den Kapitalmarkt Jahr für Jahr ganz gewaltige Ansprüche. Äalten Sie sich nur vor Augen, daß vor 12 Iahren noch unsere Produktion von Roheisen mit 10 Millionen Tonnen gerade die englische Produktion, die uns vorher überlegen war, erreicht hatte, und daß im Jahre vor dem Krieg, im Jahre 1913, unsere Roheisenproduktion mit rund 20 Millionen Tonnen die englische Produktion, die stabil geblieben war, genau um das Doppelte übertraf! (Äört! hört!) Aber auch die Landwirtschaft hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte in einer Weise rationalisiert und in einer gewissen Beziehung — möchte ich sagen — industrialisiert, daß ihre Erzeugung nicht nur mit dem starken Wachstum unserer Bevölkerung Schritt hielt, sondern auch — auf die gleiche Bodenfläche bezogen — einen erheblich größeren Ertrag lieferte als die Landwirtschaft irgendeines der mit uns konkurrierenden Länder, von 26 denen die meisten unter besseren Bodenbedingungen und besseren klimatischen Verhältnissen arbeiten als wir. (Äört, hört! und Sehr richtig!) Ansere deutsche Landwirtschaft ist heute in der ganzen Welt nicht nur unübertroffen, sondern auch unerreicht. (Bravo!) Der Ausbau unserer Industrie und die Entwicklung unserer Landwirtschaft hat, wie gesagt, den weitaus größten Teil unseres jährlichen Kapitalzuwachses gebunden. Es blieb mithin, da uns das Äemd näher liegt als der Rock, für das Ausland nur ein relativ bescheidener Teil unserer jährlichen Ersparnisse zur Verfügung. In welchem Maße dies der Fall ist, werden Sie an wenigen Zahlen sehen, die ich Ihnen geben will. In den letzten 5 Iahren vor dem Krieg betrug der Anteil der öffentlichen Emissionen, der auf auswärtige Anlagen kam, in Deutschland 15°/„, in Frankreich 69°/». (Äört, hört!) Von den englischen Emissionen kamen 46°/<> auf ausländische Anlagen, 36°/„ auf die Kolonien und nur 18°/g auf inländische Anlagen. An dem Maßstab der Auslandsanlagen gemessen, sind wir allerdings ein armes Volk geblieben. Dieser Maßstab ist aber sast so falsch, wie wenn man den Vermögenszuwachs, die Wohlstandszunahme eines Mannes beurteilen wollte nach dem äußerlichen Aufwand, den er treibt. Das Verhältnis ist oft genug ein umgekehrtes! (Zustimmung und Heiterkeit.) Meine Äerren, dieselbe Tatsache, von der ich eben sprach, die relativ geringe Menge verfügbaren Kapitals für Auslandszwecke, hat ihr Gegenstück in dem Verhalten des Geldmarktes im Innern. Der Geldmarkt war bei uns durch das starke Bedürfnis für die Entwicklung von Industrie, Landwirtschaft und Äandel während der letzten Jahre stärker in Anspruch genommen als derjenige unserer ausländischen Konkurrenten. Die zeitweise stürmische Auswärtsbewegung hat gelegentlich zu Pressungen geführt, die das Ausland als einen Beweis unserer 27 finanziellen Rückständigkeit und Schwäche ansah, während diese Pressungen in Wirklichkeit nur die Begleiterscheinungen einer intensiven Betätigung unserer Kräfte und schlimmstenfalls notwendige Wachstumskrankheiten waren. Wo wirklicher Kapital- zuwachs vorhanden war und wo äußerer Schein sich breit machte, das hat sich gerade in unserem Verhältnis zu Frankreich schon in den Monaten vor dem Ausbruch des Krieges mit aller Deutlichkeit gezeigt. Das hat sich gezeigt, als der französische Markt und die französische Bankwelt unter dem Druck der aus Prestigesucht wahllos übernommenen Auslandswerte und unter der Wucht gewaltiger Verluste an leichtfertig eingegangenen überseeischen Engagements spekulativsten Charakters in allen Fugen zu erzittern begannen. Meine Herren, die Begleiterscheinungen des Kriegsausbruches und der bisherige Verlauf des Krieges haben denjenigen recht gegeben, die unser finanzielles Kräfteverhältnis gegenüber unseren Gegnern günstig bewerteten. Die vielen Jahre von Arbeit und Sparsamkeit haben bei uns Kräfte angesammelt, die durch die wohlvorbereitete Organisation der finanziellen Mobilmachung in der wirksamsten Weise zur Geltung gebracht werden konnten. Wohl sahen wir, daß, ebenso wie in anderen Ländern, in den ersten Tagen der Bestürzung und der Beunruhigung, der Verwirrung und der Kopflosigkeit, ein törichtes Zurückhalten und Zurückziehen von Bargeld stattfand. Aber den wohlüberlegten Maßnahmen der Regierungen und der Behörden, dem zielbewußten Eingreifen der Reichsbank, der sofortigen Errichtung der Darlehnskassen, dem ruhigen und selbstsicheren Verhalten der Geldinstitute, Banken und Sparkassen gelang es in der kürzesten Frist, die Zahlungsmittelkrisis zu überwinden und im Geldverkehr Vertrauen und normale Verhältnisse wiederherzustellen. Wir hatten zu diesem Zweck nicht nötig, wie die Bank von England, den Diskont auf 10°/« zu erhöhen, sondern sind mit 6°/„ ausgekommen; wir hatten auch nicht nötig, wie die englische Negierung, nahezu eine Woche von sogenannten „Bankfeiertagen" zu dekretieren, nur um die Bankwelt vor der Zahlungseinstellung 28 zu schützen; und wir hatten auch schließlich nicht nötig, wie die anderen kriegführenden Staaten und die meisten übrigen Länder, ein allgemeines Moratorium zu erlassen, das sehr viel leichter eingeführt als wieder aus der Welt geschafft ist. (Sehr richtig I) Auch unser Staatskredit hat sich wesentlich besser gehalten als derjenige Frankreichs und auch besser als derjenige Englands. Die dreiprozentige französische Rente ist seit Kriegsausbruch um 12°/„ und zeitweise über 15°/„ zurückgegangen, unsere deutsche Neichsanleihe nur um 5^2°/<>. Auch die englischen Konsols haben einen Rückgang erfahren um 7 °/«. Aber hier kommt in Betracht, daß die englische Negierung Minimalkurse dekretiert hat, die im freien Verkehr zeitweise um 3°/o bis 4°/g unterschritten worden sein sollen. Wenn Sie aber noch etwas zurückgehen und berücksichtigen, daß wir die ganze Periode von der Marokkokrisis über den Tripoliskrieg und die Balkankriege bis zum jetzigen Weltkriege schließlich als ein gemeinsames Ganzes ansehen müssen, wenn Sie also das Jahr 1910 für diese Betrachtung zum Ausgangs- punkt nehmen, so kommen Sie zu folgenden Zahlen: Der Durchschnittskurs der französischen Rente im Jahre 1910 war 98, derjenige der deutschen dreiprozentigen Reichsanleihe 84; die französischen Dreiprozentigen standen also um volle 14 "/o höher als die deutsche Reichsanleihe. And heute ist seit einiger Zeit die französische dreiprozentige Rente unter den Kurs der deutschen Neichsanleihe heruntergegangen. (ÄörtI hört!) Der ganz kolossale Vorsprung der französischen Rente von 14°/„ ist also im Laufe von vier Iahren verloren gegangen zu unseren Gunsten. Lassen Sie mich nun in kurzen Zügen darstellen, wie die bisherige Finanzierung des Krieges bei Freund und Feind sich abgewickelt hat. Dazu muß ich zunächst ein Wort sagen über die Kriegskosten bei den einzelnen Staaten. Äber unsere eigenen Kriegskosten sind Sie ungefähr im Bilde. Die näheren 29 Mitteilungen habe ich mir für die Budgetkommission vorbehalten. Die Kriegskosten der verbündeten Donaumonarchie blieben angesichts der geringeren Effektivstärke der österreichisch-ungarischen Armee hinter den unsrigen zurück. Anser anderer Verbündeter, die Türkei, war stets dafür bekannt, daß sie es meisterhaft versteht, ihre Kriege mit einem Mindestmaß von finanziellem Aufwand zu führen. Natürlich geht es auch hier nicht ganz ohne Geld. Der Mitwirkung, die über die eigenen, im übrigen nicht zu unterschätzenden Hilfsmittel der Türkei hinaus notwendig ist, hat sich Deutschland niemals bisher entzogen, und es wird sich dieser Mitwirkung auch weiterhin nicht entziehen. (Bravo!) Ich bin in den Angelegenheiten der finanziellen Kriegführung in Fühlung mit meinem Freunde Dschavid-Bei, dem früheren türkischen Finanzminister, den die ottomanische Regierung mit Spezialauftrag für diese Dinge hierhergesandt hat. (Beifall.) Was nun die Kriegskosten unserer Feinde anbelangt, so kann ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung sagen, sie sind noch ein gutes Stück größer als die unserigen und die unserer Verbündeten. Für sich allein genommen, trägt Deutschland allerdings die stärkste Last, aber die Kriegskosten Englands zeigen in den letzten Monaten und Wochen eine so erfreuliche Zunahme, (Heiterkeit) daß sie jetzt wohl kaum mehr hinter unseren zurückbleiben. Die silbernen Kugeln müssen in England eben mancherlei ersetzen, was bei uns einer solchen Nachhilfe nicht bedarf. (Sehr gutl) Also nach dem letzten Material, das ich habe zusammenstellen lassen, stellen sich die englischen Kriegskosten für die mit dem Monat März ablaufenden 8 Monate auf nicht weniger oder auf kaum weniger als 9 Milliarden Mark. Dabei haben die Engländer mit sehr kleinen Kriegskosten angefangen und sind dann sehr rasch und sehr stark mit ihren Kriegskosten in die Äöhe gegangen. Sie sind heute auf einer täglichen Kriegsausgabe von 30 etwa 2 Millionen Pfund, d. h. von 40 Millionen Mark angelangt, und ich glaube, die Ziffer wird wohl bald überstiegen werden. Über die Kriegskosten von Frankreich und Rußland ist mir Zuverlässiges nicht bekannt, außer den gelegentlichen Mitteilungen, die nicht dort in diesen Ländern, sondern im englischen Parlament gemacht worden sind. Aus einer Äußerung des englischen Schatz- kanzlers schließe ich, daß die Kriegskosten von Nußland und Frank- reich zusammengenommen kaum geringer sind als die doppelten Kriegskosten Englands. Der Unterschied, der dort angedeutet wurde, ist nicht sehr erheblich. Wenn ich nun noch alle die Nebenkosten hinzunehme, die Kosten für die sogenannte belgische Regierung und die belgische Armee, (Heiterkeit) für Serbien und Montenegro, so wird die Summe der täglichen Kriegskosten unserer Gegner eher jenseits als diesseits von 120 Millionen Mark pro Tag liegen. Das sind 3 Milliarden 600 Millionen Mark in einem einzigen Monat. (Bewegung.) Sie werden sich nun fragen, auf welche Weise die kriegführenden Staaten bisher diesen gewaltigen Anforderungen gerecht geworden sind. Die Mittel der Finanzierung eines modernen Krieges sind im wesentlichen die folgenden: Erstens die Aufnahme von Anleihen, zweitens die Inanspruchnahme der Noten- und Papiergeldpresse, drittens die Verminderung von Ausgaben und Kriegssteuern. Lassen Sie mich mit der letzten Position beginnen. Die laufenden Ausgaben eines geordneten Staatswesens stehen zum weit überwiegenden Teile durch gesetzliche Verpflichtungen des Staates und durch tatsächliche Staatsnotwendigkeiten in solchem Maße fest, daß eine Reduktion nur in bescheidenem Amfange möglich ist, wenn nicht wichtige allgemeine Interessen leiden sollen. Wir haben in unserem Etat eine solche Reduktion nur in bescheidenem Amfange, innerhalb der Grenzen des Möglichen, namentlich bei den einmaligen Ausgaben des ordentlichen Etats, vorgenommen. Die übrigen Kriegführenden scheinen ähn- 31 lich zu verfahren. Die Summen, um die es sich dabei handeln kann, sind gegenüber den gewaltigen Kriegsausgaben, die überall ein Mehrfaches des normalen Budgets betragen, natürlich ganz minimal. Zu neuen Steuern oder zu Steuererhöhungen hat sich in größerem Amfange bisher nur England entschlossen. Rußland hat sogar seine stärkste Einnahmequelle, das Alkoholmonopol, abgeschafft. Es hat — man kann nicht sagen: zum Ausgleich, denn dazu ist es zu wenig —, es hat gleichzeitig, und auch jetzt in letzter Zeit wieder, Steuererhöhungen und neue Steuern eingeführt, die aber unmöglich einen ansehnlichen Betrag bringen können. England folgte in der Einführung von Steuererhöhungen einer alten und an sich gesunden Tradition, indem es den Versuch machte, einen Teil seiner Kriegskosten durch Kriegssteuern zu decken. Aber auch wenn sich England nach dieser Richtung anstrengte: es bliebe doch bei einem Versuch mit unzureichenden Mitteln. Das Parlament hat auf Vorschlag der Regierung zwar an sich recht stattliche Zuschläge zur Einkommensteuer genehmigt, daneben eine gewaltige Steuererhöhung auf Bier und einen sehr hohen Extrazoll auf Tee. Aber die Aufrechterhaltung der „guten und vornehmen Tradition", auf die sich der britische Schatzkanzler gegenüber dem Anterhause berief, ist gleichwohl nur eine äußerliche. In den früheren Kriegen, sogar in den großen Kriegen, von denen Lloyd George vorhin sprach, in den Kriegen gegen Frankreich zu Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts, die sich über zwei Jahrzehnte erstrecken, wurden 40 °/„ der Kriegskosten und mehr durch Steuern aufgebracht. Die Steuern, die England jetzt als Kriegssteuern eingeführt hat, stellen, so belastend sie sind, nur einen ganz bescheidenen Bruchteil des Kriegsbudgets dar. Ihr Betrag wird für das jetzt laufende Finanzjahr nur auf 15 Millionen Pfund geschätzt bei einer Kriegsausgabe von mehr als 440 Millionen Pfund. Der Ertrag der neuen Steuern reicht nicht einmal aus, um den erwarteten Einnahmeausfall und die durch die Kriegsschuld vermehrte Zinsenlast zu decken. Das Budget für das laufende Jahr wird in England vielmehr nur dadurch zum Balancieren 32 gebracht, daß die regelmäßige Schuldentilgung in Äöhe von 3 Millionen Pfund unterdrückt wird; der Betrag, der bisher für Schuldentilgung ausgeworfen wurde, mußte also in England zur Balancierung des Budgets herbeigezogen werden. Im kommenden Finanzjahre werden die Steuererhöhungen allerdings beträchtlich mehr bringen; aber dann wird auch der Einnahmeausfall und die Zinsenlast der Kriegsschuld so stark gestiegen sein, daß der Mehrbetrag absorbiert werden wird. Die englischen Kriegssteuern tragen also in Wirklichkeit zu den Kriegskosten überhaupt nicht bei, sondern sie erschöpfen sich darin, daß sie ein Loch ausstopfen, das der Krieg in das ordentliche Budget gerissen hat. Meine Herren, Sie haben gesehen, daß unser Etat für das ablaufende Finanzjahr nicht nur balanciert, sondern voraussichtlich einen bescheidenen, wenn auch nur rechnungsmäßigen Äberschuß bringt. Sie haben gesehen, daß unser Budget für das kommende Finanzjahr immerhin, soweit es in solchen Zeiten noch möglich ist, ein Gleichgewicht in sich trägt, und dies, obwohl wir nicht nur die volle Verzinsung der Kriegsschuld auf das ordentliche Budget übernehmen, sondern auch — im Gegensatz zu England — die planmäßige Tilgung für die beiden Finanzjahre aufrecht erhalten. Der zwingende Anlaß, aus Gründen der rechnungsmäßigen Ba- lancierung des ordentlichen Etats zu neuen Steuern zu greifen, liegt also, im Gegensatz zu England, für uns nicht vor, jedenfalls zurzeit noch nicht. Anter diesen Umständen haben die verbündeten Negierungen geglaubt, zurzeit von der Einbringung von Kriegssteuern Abstand nehmen zu können. Sie haben geglaubt, dem Lande das Tragen der ohnedies schweren Kriegslasten nicht durch neue Steuern oder Steuererhöhungen noch schwerer machen zu sollen, solange aus der Gestaltung des ordentlichen Neichshaushalts heraus eine Notwendigkeit hierzu nicht vorliegt. Sie sind in dieser Stellung- ^ nähme durch die Tatsache bestärkt worden, daß auch die schärfste Steuermaßnahme nur wenige Prozent der gewaltigen Kriegsausgaben würde decken können, daß überdies der gegenwärtige Krieg nicht nur für die Gegenwart, sondern vor allem für unsere Zukunft Selffertch, Kriegsfinanzen Z ZZ geführt wird, und daß wir an der Hoffnung festhalten, die Rechnung für den uns aufgezwungenen Krieg beim Friedensschluß unseren Gegnern präsentieren zu können. (Beifall.) Wie die Dinge in diesem großen Kriege liegen, werden also die Kosten so gut wie ausschließlich durch Anleihe und durch Noten- und Papiergeldausgabe beides geht ja bis zu einem gewissen Grade ineinander über ^ aufgebracht werden müssen. Je mehr durch Anleihen aufgebracht werden kann, desto besser. Die Inanspruchnahme der Notenbanken und gar erst die der Papiergeldpresse wird, solange es irgendwie geht, nur als temporäres Auskunftsmittel benutzt werden dürfen. Auf diesem Felde der Kriegsfinanzierung haben wir durch die im September ausgegebene erste Kriegsanleihe einen großen Erfolg erzielt. Wir haben mit einer einzigen Operation gegen 4^/2 Milliarden aufgebracht. Die bis zur Anleiheemission entstandenen Kriegskosten waren teils durch den Kriegsschatz, teils durch bereite Bestände der Neichshauptkasse, teils durch Begebung von Schatz wechseln bei der Reichsbank gedeckt worden. Auch die großen Beträge, die inzwischen über den Erlös der Kriegsanleihe hinaus für die Kriegszwecke bereitgestellt werden mußten, wurden auf diesem Wege flüssig gemacht. Es liegt nun aber keineswegs so, daß die bei der Reichsbank diskontierten kurzfristigen Schatzwechsel samt und sonders bei der Neichsbank geblieben wären. Für einen großen Teil war die Reichsbank lediglich Durchgangsstation. Die Neichsbank konnte bei der großen Geldflüssigkeit, die sich im Laufe des Krieges heraus- entwickelt hat, immerhin erhebliche Beträge bei privaten Geld- nehmern rediskontieren. Sie sehen dies schon an dem günstigen Stande der Reichsbank, der keineswegs eine übermäßig große Anspannung aufweist. Darauf komme ich gleich noch zurück. Dabei dürfen Sie nicht übersehen, daß die Anforderungen des Reichs an die Reichsbank jetzt wieder ihrem Kulminationspunkt nahe sind. Denn sobald die Gelder auf die neue Kriegsanleihe eingehen, wird die Inanspruchnahme der Reichsbank entsprechend abgebürdet. Die 34 Einzahlungen auf die neue Kriegsanleihe werden natürlich verwendet, um die bei der Reichsbank diskontierten und fällig werdenden kurzfristigen Schatzwechsel einzulösen. Die Reichsbank wird auf diese Weise frei und kann ihre ausgezeichnete Organisation und ihre reichlichen Mittel für die weiteren Bedürfnisse des Reichs aufs neue zur Verfügung stellen. Meine Herren, es freut mich, feststellen zu können, daß auch die verbündete Donaumonarchie mit ihrer Kriegsanleihe vom November vorigen Jahres einen sehr ansehnlichen Erfolg erzielt hat. Die Anleihe hat in den beiden Reichshälften zusammen mehr als 3300 Millionen Kronen erbracht, eine Summe, die unseren Gegnern, wenn sie überhaupt sehen und hören wollen, zeigen muß, daß sie nicht nur Deutschlands Finanzkraft, sondern auch die Finanzkraft der mit uns verbündeten österreichisch-ungarischen Monarchie ganz bedeutend unterschätzt haben. (Zustimmung.) Von unseren Gegnern hat lediglich England auf dem Gebiet der Anleihepolitik einen Erfolg erzielt, der sich neben dem unsrigen sehen lassen kann. Zunächst hat sich England mit sechsmonatlichen und einjährigen Schatzscheinen beholfen, von denen es mehr als 90 Millionen Pfund auf den englischen Markt begeben hat. Erst im November, also zwei Monate später als wir, entschloß sich England zur Ausgabe einer Anleihe, und zwar gleich in dem formidablen Betrage von 350 Millionen Pfund; das sind 7 Milliarden Mark. Die englische Regierung hat alles getan, um dieser Anleihe einen Erfolg zu sichern. Zunächst hat sie die Einzahlungen über einen wesentlich längeren Zeitraum verteilt als wir. Während bei uns die letzte Einzahlung bereits im Dezember zu leisten war, laufen die Einzahlungen auf die englische Kriegsanleihe noch weiter. Die letzte Einzahlung hat erst stattzufinden am 26. April. Ferner wurde die Bank von England veranlaßt, die Zeichnungen auf die Anleihe in einer in der Geschichte der Notenbanken beispiellosen Art zu erleichtern. Das ist um so interessanter und bedeutsamer, als die englische Presse sich nicht genugtun konnte, den Erfolg unserer Kriegsanleihen durch spöttische Be- 35 merkungen über die Mitwirkung unserer Darlehnskassen zu verkleinern. Die Mitwirkung unserer Darlehnskassen bei unserer ersten Kriegsanleihe — und sie wird auch bei der zweiten Kriegsanleihe stattfinden, wir lassen uns durch kein Geschrei von jenseits des Kanals irre machen —, diese Mitwirkung ist ein Kinderspiel gegenüber den Kreditfazilitäten, welche die Bank von England nach Lloyd Georges Zeugnis „in patriotischer Weise den Zeichnern auf die Kriegsanleihe zu gewähren sich bereit erklärt hat". Diese Kreditfazilitäten bestanden darin, daß die Bank von England gegen Hinterlegung von Kriegsanleihe ohne weitere Sicherheitsleistung Vorschüsse bis zur vollen Äöhe des Emissionskurses zu 1°/<> unter dem Banksatz und auf volle drei Jahre gewährt. (Äört! hörtl und Heiterkeit.) Das ist das patriotische Zugeständnis, das die Bank von England den Zeichnern auf die Kriegsanleihe gemacht hat. Demgegenüber bevorschussen unsere Darlehnskassen die Kriegsanleihe nicht voll, sondern, wie Sie wissen, zu 75°/<,; sie bevorschussen sie auch nicht zu 1°/« unter Banksatz, sondern zu Vi°/o über Banksatz, und dann nicht auf drei Jahre fest, sondern auf sechs Monate, wobei allerdings die Prolongation vorbehalten bleibt. Wenn also die Herren Engländer behaupten, der Erfolg unserer Kriegsanleihe sei nur künstlich, die Darlehnskassen hätten unsere Kriegsanleihe in Wirklichkeit finanziert, so können wir hier mit gutem Gewissen und mit größerem Recht behaupten: die Bank von England hat der englischen Kriegsanleihe zu einem Scheinerfolg verholfen. (Sehr richtig!) Die Tatsachen, wie sie sich nach der Emission entwickelt haben, bestätigen das. Die Vorschüsse der Darlehnskasse auf die 4^2 Milliarden Kriegsanleihe betragen nur wenig mehr als 300 Millionen Mark, (hörtl hört!) also etwa 8^/2°/«; dagegen hat die Bank von England bisher nicht verlauten lassen, wie groß ihre Vorschüsse auf die englische Kriegsanleihe sind. 36 Weiter hat sich der Kurs unserer Kriegsanleihe bald über den Ausgabekurs von 97Vü°/o hinaus gehoben, zeitweise über Pari; und wir sind daher in der Lage, unsere zweite Kriegsanleihe zu einem um höheren Emissionskurs als die erste ausgeben zu können. Llnsere erste Kriegsanleihe ist also echt und gut untergebracht; sonst wäre diese günstige Kursentwicklung schlechterdings nicht möglich. Dagegen hat die englische Kriegsanleihe ihren Ausgabekurs von 95°/„ nicht behaupten können. Der Kurs ist alsbald nach der Emission gefallen und zeitweise um mehr als 1°/« unter den Ausgabekurs zurückgegangen. (Äört! hört!) Es ist ein offenes Geheimnis, daß die Zuteilung aus die englische Kriegsanleihe für die Zeichner eine Überraschung war: sie war viel stärker, als die Zeichner erwartet hatten. (Heiterkeit.) And es ist ferner ein offenes Geheimnis, daß trotz der sehr weitgehenden Kreditfazilitäten, trotz der sehr weitgehenden Beleihung der Bank von England viel schwimmendes Material von der Kriegsanleihe sich heute noch auf dem Markt befindet. Wir können ruhig abwarten, zu welchen Bedingungen England unter diesen Amständen seine zweite Kriegsanleihe hinausgibt; und kommen muß diese zweite Anleihe, viel rascher, als man noch vor wenigen Monaten in England glauben wollte. Als Lloyd George im November 1914 die große Anleihe ankündigte, erklärte er, hiermit sei die Finanzierung des Krieges so weit gesichert, daß ein weiterer Appell an das Publikum vor dem nächsten Juli nicht nötig sein werde. Jetzt in diesen Tagen läßt die britische Regierung sich die Autorisation zu einer Schatzscheinanleihe von 50 Millionen Pfund geben, um die demnächst fällig werdenden Schatzanweisungen, die im vorigen Kerbst emittiert waren, einzulösen, die eigentlich planmäßig aus dem Erlös der konsolidierten Anleihe hätten eingelöst werden sollen. Aber außerdem läßt die britische Regierung in diesen Tagen in der Presse erklären, daß eine zweite große Kriegsanleihe in nächster Zeit 37 gebieterisch notwendig werde, und daß Lloyd George ein diesbezügliches Gesetz gleich nach Ostern einbringen werde. (ÄörtI hört!) Inzwischen ist bereits ein neuer Kriegskredit von 250 Millionen Pfund im Parlament eingebracht worden. Dieser neue Kriegskredit soll nach einer Erklärung des Premierministers Asquith bis Juli vorhalten, also nur für drei Monate und nur bis zu dem Zeitpunkt, zu dem ursprünglich die Anleihe von 350 Millionen ausreichen sollte, das heißt, für die Zeit, für die die Anleihe von 350 Millionen Pfund veranschlagt war, sind 600 oder richtiger 650 Millionen Pfund erforderlich geworden. (Äört! hört!) Ich wende mich nun zu den beiden anderen mit uns im Kriege liegenden Großmächten. Nußland sowohl wie Frankreich haben bisher nicht vermocht, eine einheitliche große Finanzoperation zur Deckung ihrer Kriegskosten in die Wege zu leiten. Bei Rußland kann dies nicht überraschen, und es hat auch niemand überrascht; denn Nußland ist schon in Friedenszeiten für sein Geldbedürfnis auf die ausländischen Kapitalmärkte in großem Amfange angewiesen. Diese ausländischen Märkte sind ihm jetzt verschlossen, und zwar auch die Märkte seiner Verbündeten; denn diese mit ihm verbündeten Länder haben ihre eigenen Geldsorgen. Nur Paketweise und niemals ohne große Gegenleistungen ist es Nußland gelungen, in England und in den Vereinigten Staaten kleine Beträge an Schatzanweisungen unterzubringen, im ganzen bisher 600 Millionen Mark. In Frankreich, dem überfließend reichen Geldgeber von ehemals, hat Rußland bisher kein Glück gehabt. Erst in der jüngsten Konferenz der drei Finanzminister in Paris scheinen gewisse, auch Frankreich heranziehende Abmachungen getroffen worden zu sein. Aber dies ist ein Kapitel für sich. In Nußland selbst will Rußland größere Beträge von Schatzanweisungen und Staatsschuldverschreibungen untergebracht haben. Es liegen darüber aber keine zuverlässigen Mitteilungen vor. Aus den Nachrichten in der Presse seiner Verbündeten, also Frankreichs und Englands, läßt sich kein klares Bild ge- 38 winnen, wie weit es Rußland gelungen ist, auf seinem eigenen Markte und bei seinen inländischen Banken größere Beträge zu placieren. Jedenfalls ist sicher, daß ein großer Teil der Geldbeschaffung durch die russische Reichsbank übernommen worden ist, deren Status eine sehr starke Anspannung zeigt. Daß der russische Finanzminister das dringende Bedürfnis nach der bisher allzu kargen Äilfe seiner Verbündeten verspürt, beweist seine Bittfahrt zu seinen französischen und englischen Kollegen in Paris. Wenn wir uns über die russische finanzielle Bedrängnis nicht zu wundern brauchen, so ist doch Frankreichs Unvermögen zu jeder durchgreifenden Aktion selbst für solche Leute erstaunlich, die — wie ich — seit langer Zeit die Finanzkraft und Finanzkunst dieses Landes mit einigen Zweifeln betrachteten. Frankreich hat bekanntlich kurz vor Kriegsausbruch im Juni 1914 eine Zi/zprozentige Anleihe von 800 Millionen Franken herausgebracht. Es hat mit allen Künsten der Regie, auf die man sich in Paris ausgezeichnet versteht, eine vierzigfache Äberzeichnung arrangiert und dadurch einen überwältigenden Scheinerfolg der erstaunten Welt vorgezaubert. Aber schon vor der kritischen Zuspitzung der politischen Verhältnisse hielt dieser Erfolg nicht Stich. Die Anleihe ging bald unter den Ausgabekurs herunter. Dann kam der Kriegsausbruch, und es stellte sich heraus, daß ein großer Teil der Zeichner, die die vierzigfache Äberzeichnung zuwege gebracht hatten, nicht in der Lage waren, die fällig werdenden Einzahlungen zu leisten. An eine neue Anleihe im Inland war unter diesen Umständen zunächst überhaupt nicht zu denken. Der französische Kapitalmarkt war total desorganisiert. So eröffnete Frankreich seine finanziellen Kriegsoperationen mit einem gewiß nicht überwältigenden Pump von 2 Millionen Pfund Sterling in London. Es erfolgten dann im November und Januar zwei kurzfristige Operationen in London und Neuyork, deren Gesamtertrag etwa 20 Millionen Pfund Sterling ausmacht. An den Inlandsmarkt wagte man überhaupt nicht mit einer einheitlichen Finanzoperation heranzutreten; viel» 39 mehr beschränkte sich der Finanzminister darauf, vom Oktober an Schatzscheine mit einer Laufzeit von drei bis zwölf Monaten, je nach Wahl der Abnehmer, zum freihändigen Verkauf zu stellen. Das sind die sogenannten „öons 6e w äetenZe nationale", für die man in Frankreich nach dem Finanzminister Nibot den kür- zeren Namen „Nikotins" geprägt hat. Diese „Nikotins" wurden dann gewissermaßen nach der Elle verkauft, (Heiterkeit) wie das Geschäft gerade ging. Wieviel davon insgesamt abgesetzt worden ist, wieviel inzwischen wieder fällig geworden ist, ist nicht genau in Erfahrung zu bringen. Ich habe mir Mühe gegeben, nachzurechnen und abzusetzen, was an Schatzscheinen bereits vor dem Krieg im Umlauf war, und bin auf einen Betrag von rund 2 Milliarden Franken gekommen als Betrag neuen Geldes, der bisher Frankreich aus seinen finanziellen Operationen aus dem Inlandsmarkt zugeflossen sein kann. Selbst im günstigsten Fall bleibt die Gesamtleistung des französischen Marktes für den Krieg bisher weit hinter derjenigen des von Frankreich bisher gering geschätzten österreichisch-ungarischen Marktes zurück. Der weitaus größte Teil der finanziellen Last wird in Frankreich von der Zentralbank, von der Bank von Frankreich, getragen, die von der Regierung veranlaßt worden ist, ihr einen Kredit von nicht weniger als 6 Milliarden Franken zu eröffnen. (ÄörtI hörtl) Freilich in der allerjüngsten Zeit hat sich die französische Finanzverwaltung zu einer größeren Aktion aufgeschwungen, zu einer Aktion, die in manchen Zügen unserer eigenen Kriegsanleihe nachgebildet ist, z. B. darin, daß der Betrag nicht limitiert wurde, sondern daß ein unbegrenzter Betrag zum Angebot gelangte. Diese Anleihe, die sünfprozentig ist und in spätestens zehn Jahren, vielleicht aber schon in fünf Iahren, zurückgezahlt werden soll, wurde zu 96,S°/„ nominal aufgelegt; aber es wurde ausdrücklich bedungen, daß die Zinsen halbjährlich vorausbezahlt werden sollten, so daß bei der Zeichnung gleich ein Betrag von 2^2 °/o abgezogen wurde, also die Zeichner nicht den Nominalkurs von 96,5 40 sondern nur von 94°/« zu bezahlen hatten. Sie sehen also: der Kurs, zu dem diese fünfprozentige Anleihe herauskommt, ist wesentlich ungünstiger als der Kurs, zu dem wir unsere Kriegsanleihe unterbringen können. Nun kommt aber die allermerkwürdigste Bedingung in diesem neuen Anleihegeschäft. Sie besteht darin, daß die Einzahlungen auf die neue Anleihe nicht ausschließlich in Bargeld zu leisten sind, sondern daß sowohl Stücke der verunglückten Anleihe vom Juni 1914 als auch die sogenannten Ribotins auf die Anleihe in Zahlung genommen werden. Die Stücke der Anleihe von 1914 werden sogar zum ursprünglichen Emissionskurs von 91 angenommen, während der Kurs auf dem Markte inzwischen um mehr als 1v°/g zurückgegangen ist. (HörtI hörtl) Ich kann mir nicht denken, daß es in Frankreich einen Kerl gibt, der so dumm ist, daß er unter diesen Umständen nicht seine Anleihe von 1914 zurückbringt und dafür die neue fünfprozentige Anleihe nimmt. (Zustimmung und Heiterkeit.) Die ganze Operation mag sich also darin erschöpfen, daß die französische Regierung möglicherweise einen Milliardenerfolg erzielt, daß vielleicht gegen 3 Milliarden gezeichnet werden, daß sie aber nicht einen Centime bares Geld für diese 3 Milliarden bekommt. (Erneute Heiterkeit.) Ich habe heute, gerade als ich zur Sitzung ging, noch ein Telegramm gelesen, nach dem die Zeichnung, die jetzt schon geschlossen sei» sollte, verlängert worden ist, weil bisher nur so etwas wie 609 Millionen gezeichnet worden seien und davon nur 80 Millionen Franken in barem Geld. Meine Herren, Sie sehen also: die französische Finanzpolitik scheint in diesem Kriege ihren Ehrgeiz zum großen Teil darin zu suchen, aus Papier mit großer Kunst — Papier zu machen. (Heiterkeit.) Die recht großen russischen und französischen Schwierigkeiten lassen es begreiflich erscheinen, daß die Finanzminister der beiden 41 Staaten den lebhaften Wunsch hatten, den stärkeren englischen Bundesgenossen etwas intensiver finanziell zu fruktifizieren. Der russische Finanzminister, Herr Bark, begab sich also auf Reisen. In Paris traf er sich mit seinen französischen und englischen Kollegen. Die Presse des Dreiverbandes erging sich einige Wochen lang in tiefgründigen Betrachtungen über die Dinge, die jetzt kommen sollten. Daß eine gemeinschaftliche Anleihe des Dreiverbandes zustande kommen werde, daß auf diese Weise — in der Sprache der französischen Presse zu reden — „die Einheit des Handelns (Heiterkeit) auch auf finanziellem Gebiet sanktioniert werden würde", stand außer Zweifel. Nur ob der Betrag der gemeinschaftlichen Anleihe 15 Milliarden Franken oder 20 Milliarden Franken oder gar 1 Milliarde Pfund, also 20 Milliarden Mark, betragen sollte, schien noch einer Diskussion zu unterliegen. Die drei Finanzminister haben sich während mehrerer Tage gründlich ausge» sprechen. Aber ausgerechnet von diesem Moment an verfiel die Presse des Dreiverbandes in ein rätselhaftes Schweigen. Trotzdem wissen wir, wie die Dinge gelaufen sind; denn Lloyd George selbst hat im britischen Parlament eingehend über die Ergebnisse der finanziellen Konferenzen Bericht erstattet. Das Wichtigste dieser Ergebnisse ist nun, daß der Plan einer gemeinschaftlichen Anleihe, den Rußland und Frankreich zu verwirklichen strebten, an dem Widerstand Englands gescheitert ist. (Hört! hört!) Lloyd George führte im Unterhaus mit der anerkennenswerten Offenheit, die ihn auszeichnet, aus, daß ein solches Gemeinschaftsgeschäft den Kredit des bestgestellten Staates, d. h. Englands, auf das Niveau des schlechtestgestellten Staates, d. h. Rußlands, herabbringen werde, (Heiterkeit) also sei es besser, jede der drei Großmächte sorge für ihre eigenen Bedürfnisse soweit wie möglich im eigenen Lande (Zuruf) 42 — es wäre besser so —; nur soweit ein Geldbedarf für Käufe im Ausland in Betracht komme, sei eine gegenseitige Unterstützung in Erwägung zu ziehen. Die nähere Betrachtung zeigt nun allerdings, daß diese Gegen- seitigkeit etwas einseitig gedacht ist; denn unter den Käufen im Ausland, für die man sich gegenseitig unterstützen will, sind hauptsächlich russische Käufe in England zu verstehen. (Heiterkeit.) Für solche Käufe sollen Rußland von England und Frankreich zusammen 50 Millionen Pfund Sterling zur Verfügung gestellt werden, d. h. Frankreich soll gestattet werden, englische Lieferungen an Nußland finanzieren zu helfen. England kommt also bei diesem Handel nicht zu kurz. (Heiterkeit.) Vorläufig sind allerdings von den 5V Millionen, von denen in Paris die Rede war, nur zehn in London zur Zeichnung aufge- legt worden, in Paris überhaupt noch nichts, und die Londoner Zeichnungen sollen nicht übermäßig gut gegangen sein. Auch in einem anderen nicht unwichtigen, ganz interessanten Punkte zeigte sich England hilfsbereit. Russische Kaufleute sind an englische Kaufleute stark verschuldet. Der Rückgang des Nubelkurses, durch den der englische Handel schwer leidet, ist für Rußland ein begreiflicher Schmerz. England hat sich bereit gefunden, dem Rubelkurs aufzuhelfen, indem es sich für seine Kaufleute an Stelle der unbezahlten Rubelwechsel russischer Kaufleute Schatzwechsel der russischen Regierung — ich nehme an, daß sie auf Gold lauten sollen — geben ließ. (Hört! hörtl) Schließlich aber hat sich England gesagt, daß alle diese seine Leistungen eine Gegenleistung verdienen, und man hat unschwer eine Gelegenheit für die Verbündeten gefunden, sich erkenntlich zu zeigen. Englands finanzielle Rüstung hat seit einiger Zeit angefangen, einen schwachen Punkt zu zeigen, den man in England nicht ohne Sorge betrachtet. Das ist der relativ niedrige Goldbestand der Bank von England. Er ist 4Z nur halb so groß als derjenige unserer Neichsbank. Er ist bedroht durch die Notwendigkeit großer Zahlungen an das Ausland, namentlich an Amerika, für die von dort importierten sehr nützlichen Dinge. (Heiterkeit.) Die englische Negierung hat diesem Punkte schon seit dem Kriegsbeginn ihre besondere Sorgfalt gewidmet. Sie hat z. B. ohne weiteres einen Teil der Goldreserve des indischen Reiches dem Goldbestand der Bank von England einverleibt. Ebenso hat sie den Goldbestand der ägyptischen Nationalbank nach England gebracht und der Bank von England überantwortet. Sie ist wahrscheinlich ebenso verfahren mit dem Goldbestand der belgischen Nationalbank, (Heiterkeit) den sie gerade noch rechtzeitig von Antwerpen nach London gerettet hat. And als Rußland im Dezember vorigen Jahres zum erstenmal an den englischen Markt herantrat mit der Bitte, 12 Millionen Pfund Sterling zur Bezahlung von Lieferungen aus England und zur Bezahlung von Zinsen emittieren zu dürfen, da hat die englische Regierung dies nur unter der Bedingung zugestanden, daß die russische Reichsbank gleichzeitig an die Bank von England 8 Millionen Pfund in barem Golde überwies. (Äört! hörtl) Jetzt bei der Pariser Finanzkonferenz mußten sich Frankreich und Rußland verpflichten, für den Fall, daß der Goldbestand der Bank von England unter einem gewissen Punkt, den Lloyd George als einen „kairl^ kiZK point" bezeichnete, herabgehen sollte, daß dann die Banken von Frankreich und Rußland mit ihrem eigenen Goldbestand der Bank von England zu Äilfe kommen sollten. Die Banken von Rußland und Frankreich bilden also heute Reserven, auf die die Bank von England, wenn es nötig ist, nach Belieben zurückgreifen kann. Sie sehen, meinem britischen Kollegen ist eine gewisse Ge- schicklichkeit im Verhandeln nicht abzusprechen. Er weiß auch im 44 Verkehr mit seinen Bundesgenossen die Grenze zwischen Freund- schaft und Geschäft genau zu respektieren. (Große Heiterkeit.) Wenn ich vorhin die französische Finanzpolitik dahin charakte- risiert habe, daß sie die Kunst verstehe, aus Papier Papier zu machen, so kann ich der englischen Finanzpolitik die viel größere Kunst nicht abstreiten, daß sie es versteht, aus dem mürben Leder ihrer Schutzbefohlenen und Verbündeten für sich selbst goldene Riemen zu schneiden. (Sehr gut!) Aber, meine Äerren, trotz aller dieser Künste, deren Nachahmung jenseits der Grenze unseres Ehrgeizes liegt, (Sehr gutl) glaube ich versichern zu können, daß wir mit unserer klaren und sicheren Anleihepolitik bisher nicht schlecht abgeschnitten haben, daß wir das Recht und den Erfolg auf unserer Seite haben; und dieser Eindruck wird bestätigt durch einen Blick auf die Notenbanken der beteiligten Länder. Ansere Reichsbank hebt sich aus dem Kreise der sämtlichen großen Zentralnotenbanken geradezu glänzend heraus durch die Tatsache, daß es gelungen ist, ihren Goldbestand in einem ungeahnten Maße zu stärken. Sie hat ihren Goldbestand, der bei Kriegsausbruch rund 1 Milliarde 250 Millionen Mark betrug, auf etwa 2 Milliarden 300 Millionen Mark erhöht, also um rund eine Milliarde. Die ganze Bevölkerung hat dabei mitgewirkt und hat dazu beigetragen, die stattlichen Goldreserven des freien Verkehrs in die Bank überzuleiten, also an diejenige Stelle, wo in Kriegszeiten das Gold am wirksamsten ist; und dieser Zustrom dauert fort. Woche für Woche kann die Reichsbank eine Anzahl von Millionen neues Gold aufzeigen. Ich möchte nicht unterlassen, von dieser Stelle aus allen zu danken, die sich in patriotischem Sinne um diese Stärkung unserer Zentralbank und damit um die finanzielle Wehrkraft unseres Vaterlandes ver- dient gemacht haben. (Bravo I) 45 Ich möchte dabei ganz besonders anerkennen, daß diese Stärkung des Goldbestandes der Neichsbank sich durchaus im Wege freiwilliger Betätigung vollzogen hat unter dem Einfluß einer wohlorganisierten Aufklärung und Aneiferung, aber ohne jeden Zwang. Ich möchte dies mit um so größerem Nachdruck feststellen, als die uns feindliche Auslandspresse die albernsten Märchen über die Ursache der Zunahme unseres Goldbestandes kolportiert und als ich selbst seit Übernahme meines Amtes unzählige Zuschriften erhalten habe und täglich noch erhalte, die im Äbermaß eines an sich löblichen Eifers allerlei Zwangsmittel in Vorschlag bringen. Meine Herren, überhaupt die vielen Briefe mit guten Ratschlägen! (Heiterkeit.) Auch die neue Kriegsanleihe hat mir wieder einen ganzen Stoß davon eingebracht! Wenn es auch nicht so schlimm ist, wie bei dem Generalfeldmarschall Äindenburg, (Heiterkeit) so ist es doch immerhin so schlimm, daß ich es mit Rücksicht auf meine auch sonst etwas in Anspruch genommene Zeit längst aufgeben mußte, mit dem Lesen nachzukommen, geschweige denn mit dem Antworten. Jedenfalls wollen wir beim Gold für die Reichsbank auch künftig ohne Zwang auskommen und stolz darauf bleiben, daß wir den von Woche zu Woche sich vollziehenden Zuwachs ausschließlich der vaterländischen Gesinnung unseres deutschen Volkes zu verdanken haben. (Beifall.) Wir wollen um so mehr stolz darauf sein, als die Zentralnotenbanken der uns feindlichen Länder in keiner Weise auch nur entfernt ähnliche Erfolge aufzuweisen haben. Die russische Reichsbank hat ihren Goldvorrat nicht nur nicht erhöhen können, sie hat vielmehr seit Kriegsausbruch ungefähr diejenige Einbuße erlitten, die der Äberführung von 8 Millionen Pfund Gold an die Bank von England entspricht. Die Bank von Frankreich hat zwar kein Gold herausgelassen, aber sie bekam trotz der krampfhaftesten Anstrengungen auch keine 46 irgendwie nennenswerten Beträge hinein. Ihr Goldbestand ist heute fast noch der gleiche, wie er bei Beginn des Krieges war. Die Bank von England schließlich hat es durch die Anwendung der Gewaltmittel, von denen ich bereits gesprochen habe, also durch den Griff in die Goldreserve Indiens, durch die Hereinnähme des Goldbestandes der ägyptischen Nationalbank und des Goldbestandes der belgischen Nationalbank, durch die freundliche Aufnahme der russischen 8 Millionen, durch die Einrechnung von Gold, das in Kanada, in Südafrika und in Australien liegt, — durch alle diese Mittel hat sie es allerdings fertig gebracht, ihren Goldbestand von ungefähr 40 Millionen Pfund zu Kriegsbeginn bis auf 72 Millionen Pfund im November des vorigen Jahres zu steigern. Aber seit dieser Zeit ist ein unaufhaltsamer und kaum unterbrochener Rückgang eingetreten bis auf 59 Millionen Pfund nach dem letzten Ausweis. (ÄörtI hörtl) Sie werden nun verstehen, warum der britische Schatzkanzler sich bei der Pariser Konferenz von seinem russischen und französischen Kollegen eine Unterstützung für die Bank von England ausbedungen hat für den Fall, daß deren Goldbestand unter ein gewisses Minimum, unter einen gewissen anständig hohen Punkt herabgehen sollte. Rußland und Frankreich sollen England helfen, das Gold für die Bezahlung seiner amerikanischen Einfuhr aufzubringen ! (Sehr gutl) Nun ist die absolute Äöhe des Goldbestandes oder auch dessen Bewegung an sich noch kein ausreichendes Kriterium für die Stärke und für die Leistungsfähigkeit einer Notenbank. Aber auch in jeder anderen Beziehung steht unsere Reichsbank an erster Stelle. Ich will nur einen Punkt erwähnen. Nach den letzten Ausweisen, Ende Februar und Anfang März, betrug die Golddeckung der Noten und der sonstigen täglich fälligen Verbindlichkeiten bei der Reichsbank 35,2°/«, bei der Bank von Frankreich Z1,5°/o und bei der Bank von England weniger als 30°/«. (Äört! hört!) 47 Dabei steht bei uns eine Abbürdung der Inanspruchnahme der Neichsbank durch die zweite Kriegsanleihe in naher Aussicht. Meine Herren, der gute Stand der Neichsbank wird auch nicht beeinträchtigt durch die Tatsache, daß neben den Neichs- banknoten Darlehnskassenscheine sich in Amlauf befinden. Der Betrag der ausgegebenen Darlehnskassenscheine beläuft sich zurzeit auf rund 770 Millionen Mark bei einer autorisierten Ausgabe von 3 Milliarden. Der ausgegebene Betrag ist kaum größer als derjenige, den die englische Negierung ihrerseits an Staatsnoten in Amlauf gesetzt hat. Von dem ausgegebenen Betrage liegen übrigens bei uns etwa 200 Millionen Mark in der Neichsbank selbst, so daß sür den freien Verkehr der Amlauf nur etwa 570 Millionen Mark beträgt, gewiß keine Summe, die im Verhältnis zu den übrigen Zahlen, die ich Ihnen hier vorgetragen habe, irgendwie beängstigen und erschrecken kann. Die günstige finanzielle Situation, wie sie sich in den Ausweisen der Reichsbank spiegelt, erfährt ihre Bestätigung durch allerlei Wahrnehmungen aus dem allgemeinen Geldverkehr. Der Markt zeigt eine große Geldflüssigkeit; bei den Großbanken haben die Einlagen, die in den Wochen der Anruhe bei Kriegsausbruch durch Zurückziehung aus dem Publikum stark angegriffen wurden, in den letztverflossenen Monaten wohl durchweg eine erhebliche Steigerung erfahren und, soviel mir bekannt ist, bei einzelnen Instituten geradezu Rekordziffern erreicht. Das gleiche sehen wir bei den Sparkassen. Die Einlagen bei den deutschen Sparkassen waren am Ende des Jahres 1914 um nicht weniger als 900 Millionen Mark höher als ein Jahr zuvor. (Lebhafte Rufe: Äört! hörtl) Dieser Zunahme um 900 Millionen Mark bei den deutschen Sparkassen steht bei den französischen Sparkassen ein Abgang um 120 Millionen Franken gegenüber. (Äört! hörtl) Der Monat Januar allein — da kommen ja nun Mieten, Zinsen und ähnliches mit in Betracht — hat bei den deutschen Sparkassen 48 nach einer vorläufigen Berechnung eine Zunahme in der kolossalen Summe von 390 Millionen Mark erbracht, (hört! hörtl) während in Frankreich der Rückgang sich fortsetzt. And bei der Beurteilung der Zunahme für das Jahr 1914 dürfen Sie überdies nicht vergessen, daß unsere Sparkassen und die Einleger unserer Sparkassen sich in großem Amfange an der Zeichnung der ersten Kriegsanleihe beteiligt haben, daß allein mehr als 800 Millionen Mark bei unseren Sparkassen auf die Kriegsanleihe gezeichnet worden sind. Die Ursache dieser auf den ersten Blick erstaunlichen Entwicklung ist, daß unsere Volkswirtschaft sich in geradezu wunderbarer Weise dem Kriege angepaßt hat, daß ferner die großen Zahlungen des Reiches für den Krieg so gut wie ausschließlich dem inländischen Verkehr wieder zufließen, sei es direkt durch die Bezahlungen für Lieferungen an die Landwirtschaft, an die Industrie usw., sei es indirekt durch die Auszahlung der Besoldungen im Felde, die ja dann durch Sendungen unserer Truppen zum größten Teil wieder nach Deutschland zurückkommen. Es liegt also hier ein Kreislauf vor, und zwar nicht etwa ein circulus vitiosus, sondern ganz im Gegenteil ein sehr gesunder und wohltätiger Kreislauf, ein Kreislauf, der uns hoffen läßt, daß auch die Zeichnung auf die zweite Kriegsanleihe den notwendigen vollen Erfolg bringen wird. Meine Herren, nach allen diesen günstigen Momenten darf ich einen Punkt nicht übergehen, in dem die feindliche Kritik, die Kritik in der Presse des feindlichen und teilweise auch des neutralen Auslandes, am stärksten einsetzt, um unsere Finanzkraft zu diskreditieren. Dieser Punkt ist der ungünstige Stand unserer auswärtigen Wechselkurse. Ich hatte in den letzten Wochen und Monaten häufig Gelegenheit, mit Finanzleuten neutraler Länder zu sprechen, und zwar auch mit solchen, die es mit Deutschland zweifellos gut meinen und die uns wohlwollen. Äberall konnte ich feststellen, daß der Stand unserer auswärtigen Wechselkurse, der den Ausländern als Entwertung unserer Reichsmark Selfferich, Kricgsfinanzcn 4 49 erscheint, die Leute etwas kopfscheu gemacht hat. Das Faktum ist nicht zu leugnen, daß wir heute in unserem deutschen Geld den Schweizer Franken, den holländischen Gulden, die skandinavische Krone und den amerikanischen Dollar höher bezahlen müssen als in normalen Zeiten. Man darf hier den Kopf uicht in den Sand stecken, sondern muß versuchen, die Zusammenhänge zu verstehen und, wo es nötig ist, für Aufklärung zu sorgen. Ich möchte deshalb auch hier von dieser Stelle aus, von der aus man weithin gehört wird, dasjenige ungefähr sagen, was ich meinen besorgten neutralen Freunden gesagt habe. Meine Herren, die Entwicklung der ausländischen Wechselkurse steht nach meiner Ansicht in gar keinem Zusammenhang mit der inneren Stärke unserer finanziellen Position. (Sehr richtig!) Sie beruht lediglich auf gewissen technischen Momenten unseres auswärtigen Verkehrs. In normalen Zeiten kann Deutschland alle seine Verpflichtungen an das Ausland, insbesondere sür seinen Warenimport, reichlich decken durch Forderungen aus seinem Warenexport und durch die Zinsen seiner ausländischen Kapitalsanlagen. Die Unterbrechung unseres Verkehrs mit den überseeischen Gebieten macht es uns unmöglich, die dort anwachsenden Zinsen, Dividenden usw. einzuziehen, wenigstens für den weitaus größten Teil. Sie wissen, daß Deutschland große Kapitals- anlagen und große Wertpapiere liegen hat in Ländern, mit denen wir heute im Kriegszustand stehen, namentlich in England, und diese Kapitalsanlagen stehen unter Sequester. Die Forderungen, die wir an Zinsen und Dividenden haben, sind gesperrt. Dazu kommt, daß Deutschland in der .Hauptsache Rohstoffe und Nahrungsmittel importiert, die schon in normalen Zeiten usance- gemäß in bar bezahlt werden oder in kurzfristigen Wechseln, während der größte Teil des deutschen Exports aus industriellen Produkten besteht, für die lange Buchkredite gewährt werden. So hat z. B. auf Rußland die deutsche Maschinenindustrie kolossale Summen laufen, die zurzeit vollständig uneintreibbar sind. Das Mittel, die Forderungen des Auslandes an uns durch 50 unsere Forderungen an das Ausland zu saldieren, ist uns also jetzt in der Kriegszeit verschlossen. Überdies hat unsere Ausfuhr jetzt im Kriege noch stärker gelitten als unsere Einfuhr, und unsere Einfuhr konzentriert sich in der Hauptsache auf eine bestimmte Anzahl von neutralen Ländern. Wir müssen die Zahlungsmittel für diese Länder schaffen, und diesem Bedarf an Zahlungsmitteln steht kein entsprechendes Angebot gegenüber. Der Ausgleich würde allerdings erfolgen können durch Goldsendungen nach dem Ausland. Aber wir sind der Ansicht, daß die Erhaltung eines möglichst starken Goldbestandes zurzeit wichtiger ist als die Bewertung der deutschen Mark im Ausland. (Sehr richtig!) Die niedrige Bewertung der Mark im Ausland hat zur Folge, daß wir gewisse Artikel, die wir aus dem Ausland beziehen müssen, in unserem Gelde entsprechend höher bezahlen. Aber diesen Nachteil können und müssen wir in Kauf nehmen, zumal da die unsere Valuta beeinflussenden ungünstigen Momente lediglich vorübergehender Natur sind. Im übrigen, meine Herren, der englische Äohn über die ungünstigen deutschen Wechselkurse ist doch in der letzten Zeit etwas schüchterner geworden. Denn trotz fortgesetzter Goldabgabe der Bank von England hat der Kurs des Pfundes Sterling, der für die Engländer ein unverrückbarer Pol in den Bewegungen und Schwankungen des internationalen Geldmarktes ist, eine Entwertung bis 3°/o gegenüber dem amerikanischen Dollar erfahren. (Äört! hört!) Das ist eine Erscheinung, wie sie seit hundert Iahren, seit dem Abschluß der Napoleonischen Kriege, niemals dagewesen ist. Der britische Äohn beginnt also auf seine Arheber zurückzufallen. Ich glaube also, wir dürfen auch gegenüber den Erscheinungen auf dem Wechselmarkt durchaus unser kaltes Blut behalten. Nach dem Kriege aber wird ohnedies die beste Valuta die Valuta des Siegers sein. (Sehr richtig!) 51 Meine Herren, wenn es uns bisher gelungen ist, den gewachsenen finanziellen Anforderungen des Krieges so gut und besser zu genügen als die mächtigsten unserer Feinde, und wenn wir mit Vertrauen der weiteren Entwicklung dieses Teils des großen Völkerringens entgegensehen dürfen, so wollen wir uns in aller Bescheidenheit klar darüber sein, daß dieser Erfolg nicht lediglich auf den vor dem Kriege angesammelten Kapitalien, auch nicht lediglich auf der gesunden und leistungsfähigen Organisation unseres Geld- und Kreditwesens, auch nicht etwa nur auf der Kunst der finanziellen Kriegführung beruht. Die Grundursachen liegen tiefer. Starke Finanzen sind undenkbar ohne starke Volkswirtschaft, und — Gott sei Dank! — eine starke Volkswirtschaft haben wir. Meine Kerren, wer mitten in den großen Ereignissen steht und in der täglichen Arbeit, wie wir das alle tun, am sausenden Webstuhl der Zeit mitwirkt, der muß sich von Zeit zu Zeit geradezu einen Ruck geben, um gewissermaßen Distanz zu den Dingen zu gewinnen und sich der Größe der welthistorischen Vorgänge bewußt zu bleiben. Mit das allergrößte Phänomen in all dem Wunderbaren, das um uns vorgeht, ist die Anpassung der deutschen Volkswirtschaft an die durch den Krieg gänzlich veränderten Vorbedingungen des wirtschaftlichen Lebens und die durch den Krieg geschaffenen Bedürfnisse. (Lebhafte Zustimmung.) Meine Herren, wir müssen uns mit diesem Nuck, von dem ich sprach, daran erinnern, daß Deutschland vor dem Krieg einen Außenhandel hatte, der die Jahressumme von 20 Milliarden Mark überschritt, einen Außenhandel, der nur noch von demjenigen Englands unerheblich übertroffen und nur von demjenigen der Vereinigten Staaten annähernd erreicht wurde. Einfuhr und Ausfuhr mit ihren Riesensummen bildeten einen so großen Bestandteil unserer gesamten Volkswirtschaft, waren so eng mit den wichtigsten Zweigen unserer Produktion und unseres Konsums verflochten und verwachsen, daß ein Stillegen dieses gewaltigen Außenhandels ohne die schwersten Störungen, ja ohne lebens- 52 gefährliche.Hemmungen des ganzen volkswirtschaftlichen Organismus jedem von uns doch geradezu als undenkbar erschienen wäre. (Zustimmung.) Darauf ging die Rechnung unserer Gegner, vor allem die Rechnung unseres gefährlichsten Feindes. Man hoffte, uns durch die Anterbindung unseres Außenhandels zum elenden Ver- kommen zu bringen, wie den Fisch, den man auf den Dünensand wirft. Aber, wie der Äerr Präsident schon vorhin ausführte: diese Rechnung hatte ein Loch. Sie hat übersehen, daß die produktiven Kräfte, die Deutschland auf heimischem Boden in harter körperlicher und geistiger Arbeit und unter dem Schutze seiner Wirtschaftspolitik entwickelt hat, ausreichen, um den deutschen Volkskörper in Nahrung zu setzen und in Tätigkeit zu halten. Sie hat übersehen, daß das deutsche Volk genug Opfermut besitzt, um die sich aus der Anterbindung des Außenhandels ergebenden Einschränkungen willig zu tragen; schon beginnt ja den Engländern vor dem deutschen Kartoffelbrotgeist bange zu werden. (Heiterkeit.) And die Rechnung der Gegner hat schließlich übersehen, daß die Spannkraft und Anpassungsfähigkeit des deutschen Volkes groß genug ist, um die wirtschaftlichen Energien von den gesperrten Kanälen in neue, durch den Krieg erschlossene Bahnen zu leiten, um aus der ganzen deutschen Volkswirtschaft in wenigen Monaten eine einzige gewaltige, von einem unüberwindlichen und alles überwindenden Willen beseelte Kriegsmaschine zu machen. Meine Äerren, wir sind umringt von Feinden, die kein Recht achten und kein Erbarmen kennen; wir sind von dem größten Teil unserer auswärtigen Verbindungen abgeschnitten; unsere Ausfuhr, unsere Einfuhr, unsere Schiffahrt sind lahmgelegt; unsere Zinsen- und Kapitalforderungen an das Ausland sind großenteils gesperrt, unsere Kapitalinvestierungen beschlagnahmt — und trotzdem atmen und leben wir! Die Schwingen sind uns gewachsen für den weiten Weltenraum — das haben wir in der S3 Vergangenheit gezeigt —; aber wir haben die Wurzeln unserer Kraft im heimischen Boden behalten, und solange uns der heimische Boden bleibt, und solange wir uns seiner würdig erweisen, so lange wird es keiner Äunger- und keiner Erdrosselungspolitik gelingen, uns die Lebensluft abzubinden! (Lebhafte Zustimmung.) Zu dieser Zuversicht sind wir heute, nach mehr als sieben Kriegsmonaten, in denen sich das Wunder der Anpassung der deutschen Volkswirtschaft vollzogen hat, vollauf berechtigt. Ich will dieses Wunder nicht im einzelnen darstellen; das sind Dinge, die Ihnen geläufig sind, und ich darf Ihre ohnedies stark miß- brauchte Zeit nicht mehr länger in Anspruch nehmen. Sie wissen so gut wie ich, daß das Gespenst des Stillstandes der Betriebe und der Arbeitslosigkeit gebannt ist, daß die Schornsteine rauchen im deutschen Land, und daß die Räder surren, daß unsere Eisenbahnen bis auf einen Bruchteil die Verkehrsleistungen der Friedenszeit wieder erreicht haben. Sie wissen so gut wie ich, daß es unserer Industrie in weitem Umfange gelungen ist, für ausländische Rohstoffe Ersatz zu schaffen. Ich darf das nur mit einem Beispiel belegen. In wenigen Monaten wird Deutschland seinen ganzen landwirtschaftlichen, industriellen und Kriegsbedarf an Stickstoffverbindungen — das sind mehr als eine Million Tonnen pro Jahr! —, ein Bedarf, der bisher zur weit überwiegenden Äälfte aus dem Ausland importiert worden ist, durch die einheimische deutsche Industrie voll und ganz decken können. (Lebhafter Beifall.) Das ist eine Leistung, die uns kein Land auf der ganzen Welt nachmachen kann. (Erneuter lebhafter Beifall.) Meine Herren, Sie wissen schließlich so gut wie ich, daß wir dank der hohen Stufe unserer landwirtschaftlichen Entwicklung, dank der Tüchtigkeit unserer Landwirte aus eigener Kraft werden durchhalten können, wenn nur jeder einzelne die nötige Sparsamkeit und den nötigen Gemeinsinn walten läßt und sich willig und ver- S4 ständnisvoll fördernd den Maßnahmen fügt, die zur vollen Ausnutzung und zur richtigen Verteilung der vorhandenen Bestände erforderlich sind. (Sehr richtig!) Jedes Opfer und jede Entbehrung, aber auch jede Meinungs- Verschiedenheit im einzelnen muß klein erscheinen gegenüber dem Gedanken, daß es bisher gelungen ist und weiter gelingen muß und wird, ein Volk von 70 Millionen, das mii tausend Fäden in die Weltwirtschaft verflochten war, auf sich selbst zurückzuführen, ein Volk von 70 Millionen durch die Mittel wirtschaftlicher und sozialer Organisation ohne Elend und Verschmachten durch den größten Krieg in der Weltgeschichte hindurchzuleiten, durch einen ruchlosen und kulturlosen Krieg, den ein kalter, erbarmungslos aufs Ganze gehender Feind nicht als einen Krieg der Waffen dem deutschen Keere, sondern als einen Äunger- und Vernichtungskrieg dem ganzen deutschen Volke angesagt hat. Meine Herren, wir alle können uns der Größe der Zeit nur würdig zeigen, wenn wir uns Tag für Tag und Stunde für Stunde von dem ganzen schweren Ernst der dem deutschen Volk auferlegten Prüfung bis ins Innerste durchdringen lassen, wenn jeder sich als Mitkämpfer fühlt, wenn jeder täglich und stündlich sich das große Ziel vor Augen hält und täglich und stündlich bereit ist, sein Bestes für das große Ziel herzugeben. Wir haben das leuchtende Beispiel an unseren braven Soldaten, die zu Lande und zu Wasser, in Regen und Wind, in Frost und Schneegestöber, im Unterseeboot und im Flugzeug zu jeder Stunde Blut und Leben einsetzen. Anseren braven Soldaten und ihren Führern verdanken wir es, wenn kaum mehr ein Feind auf deutschem Boden steht; ihnen verdanken wir es, wenn der verheerende Krieg den heimischen Fluren ferngehalten wird, und wenn der Ansturm der Feinde sich an den Bajonetten, den Gräben und Verhauen im Feindesland bricht. Zeigen wir uns den Brüdern draußen an Mut und Selbstverleugnung, an Zähigkeit und Disziplin ebenbürtig, fühlen wir uns alle mit ihnen als ein Äeer, wie wir mit ihnen ein Volk und ein Blut sind! Dann 65 kann uns mit Gottes Äilfe der Lohn nicht fehlen, dann werden wir durchhalten und durchkämpfen bis zum vollen Sieg, bis zum ehrenvollen Frieden und bis zum Siegespreis, der allen den unsäglichen Opfern Ausgleich und Versöhnung bietet. Dann wird das deutsche Volk vor dem Weltgericht bestehen, und die Zukunft wird uns gehören I (Lebhafter wiederholter Beifall.) 5li