Aeichsgold. Studien über Währung und Wechsel von Ludwig Samlierger. , > Leipzig: . F. A. B r o ck h a u s. 1876. ' M^^MW»» Inhalt. Seite 1. Ausgangspunkt, Weg und Endziel........... 1 2. Deutsche Goldausfuhr nicht erst durch die Müuzreform ermöglicht, nicht einmal durch sie erleichtert. ...... 10 3. Nothwendigkeit so wenig wie Möglichkeit des Goldcxports erst durch die Miinzrcform herbeigeführt ....... 16 4. Die Fähigkeit auSzuwaudcru Grundbedingung jeder guten Münze.....................29 5. Die Utopie der Weltinünze uud der Miiuzccnventioneu . . 35 6. Die Einheit des Münzmetalls die einzige sachgemäße Verwirklichung der Weltinünze und Grundlage des Wechsels 51 7. Die richtigen Grenzen für die Verschiedenheit des Geldes bei der Einheit des Metalls..............67 8. Die Empfindlichkeit der Währung Symptom ihrer Gesundheit 76 9. Deutsche Geldzustande................88 10. Die einfache Währung als Ergebniß der Metalleinheit. . . 101 11. Verheerende Wirkungen der Doppelwährung.......110 12. Die Theorie WolowSky's............... 119 13. Die Geldansfuhr und die öffentliche Mcinnug......123 14. Geldausfuhr und Handclsbalanz............131 15. Holländische G.eldznstände............. . . 145 16. Die Bewegungen von Curs und Geld in den Ländern mit incorrectcr Währung........'........ 155 VI Seite 17. Die Entwerthung des Silbers..........^ . . 162 18. Deutschlands Antheil an den Ursachen der Silberentwerthung 171 19. Die Ausführung der deutschen- Müuzreform.......179 20. Wahre Bedeutung nnd richtige Behandlung des Uebergaugs- zustandes.....................186 Schlußwort.....................198 Berichtigung. Seite-175, Zeile 10 v. u,, statt: Neunfache, lies: Neunhundertfache. 1. Ausgangspunkt, Weg und Endziel. Es läßt sich beobachten und es läßt sich auch verstehen, i>aß gegen ein großes Beginnen gerade in dem Zeitpunkte die meisten Zweifel sich andrängen, da es dem Gelingen bereits ganz uahc gerückt ist. Das gewaltige Unternehmen, den Deutschen eine gemeinsame uud rationelle Münzvcrfassung zu geben, war wie gemacht, ein solches Schicksal zu erfahren. Schwerlich wird jemals iu die breiten? Schichten der Nation die volle Erkenntniß der segensreichen Bedeutung dieses Werkes eindringen, welches, zum ersten mal seit ihrem Bestehen, einen freien und gesunden Blntumlauf in die Adern ihres Verkehrs leitet. ES gehört auch zum Wesen der höchsten Nützlichkeit, daß ihre Gaben, kaum empfangen, schon nicht mehr als eiu Gut empfunden werden. Nicht fern liegende Zeiten werden sich durchaus keine Vorstellung mehr machen könncu von den Gcldzustäudcu, iu welche das Deutsche Reich bei seinem Wicdcrcrwachen eintrat. Manches wird seiner Seltsamkeit wegen noch hier und da aus der Erinnerung auftauchen, aber die an daö natürlich Gute gewöhnten Menschen werden nicht mehr im Stande sein, sich eiu Bild zu Bambcrger, Rcichsgold. 1 I.' machen von dcm greulichen Babel, ans dem wir in diesen Tagen uns herauszuarbeiten gezwungen waren. Gar erst zu ermessen, was geschehen wäre, wenn das Uebel noch weiter bestanden und damit tiefer und weiter gegriffen hätte, davon mögen sich die wenigsten der Mit- lebcndcn deutlich Rechenschaft geben und den Kommenden wird es verschlossen bleiben. Lernten Volker nicht noch weniger ans der Erfahrung als einzelne Menschen, so wäre es der Mühe werth, den Nachkommen eine Schildernng der Hindernisse zu überliefern, welche diesem rcformntorischcn Unternehmen in den Weg gestellt wurden, nicht sowol der Hindernisse, welche aus dein Wnst unserer staatlichen Vorgeschichte erwuchsen, als derjenigen, welche die ans dem Wust von Irrthum und Leidenschaft erzeugte Begriffsverwirrung aufthnrmtc. Das unversöhnliche politische Sektircrthum machte den Streit um die Beschaffenheit der Münzen zu eiuer wahren Brutanstalt für Gebilde von Haß und Wahn. Ohnehin ist der fasciuircndc Anblick des Geldes dazn angethan, das Denken in Bande zu legen, nnd seine ungeheuere Macht ist auch wiederum geeignet, die Gedanken in ausschweifende Weiten hinauszulocken. Wen hier gelüstete, mit den buutcn, heißen Farben der Phantasie uud Leidenschaft zn malen, dcm konnte es an Publikum uicht fehlen. Dieselben innern Gesetze beherrschen anch die scheinbar weitest von einander getrennten Verhältnisse. Uebcrall sind es die gleichartigen politischen Grnppcn, welche anch in diesen Fragen mit dcm Trug hauticren. Ucberall sind es die falschen Volksfrcuudc, wclchc falsches Geld wollen, so die klerikalen Gönner der Doppelwährung in Belgien wie die demokratischen Gönner ^ der Papierwährung in Nordamerika; so insbesondere die noble Gesellschaft der verbündeten Kreuz-, Volks- und Gottcs- mä'nner in Deutschland. Es darf nicht wundern, daß die Läuterung des' öffentlichen Denkens unter solchen Umständen eine pcnclopcische Arbeit ist, jedoch es darf auch uicht abschrecken. Gerade in dem Moment, in welchem die Thatsachen den Zweifeln siegreich auf den Kopf treten, ist es am allcrersprießlichsten, die Gedanken zurechtzuschmicden. Die lange, mühsame und ausführliche Erörterung, welche im Schose des Reichstags sozusagen vor versammelter Natiou geführt worden, hat durchaus nicht hingereicht, Ordnung in den Köpfen zu schassen. So schnell gehen diese Dinge nicht von statten, nicht einmal innerhalb der Schranken, geschweige denn draußen. Ein einziges Phänomen, die zeitweise Ausfuhr des ueugeprägtcn Goldes, hat genügt, um unter einer wahren Sündflut von thörichten Deutungen alles zu begrabeu, was irgend an correcten Vorstellungen im Laufe dreier Jahre auf die Beine gebracht worden war. Es ist nicht zu beschreiben, welche Landplage von widersinnigen Fragen uud Auffassungen in dieser Zeit an denjenigen herankam, dem eine Art Zuständigkeit oder Mitverantwortlichkeit in Sachen der Münzrcform zugedacht ward. Die Anregung zu nachfolgender Arbeit kam zunächst vom eigenen Bedürfniß, sich aus diesem Wirrsal Luft zu machen; sie ist weiter gefördert worden durch die Betrachtung, daß hier untrüglichermaßcn ein allgemeines Bedürfniß nach wiederholter und gründlicher Aufklärung vorliege. Der Vorsatz, dieser zu dienen, mußte, wie schou einmal*). 5) Bei der Schrift über dciS Bankwesen im Herbst 1874. »WMMMIMMWWWDMMMWWWAWMKW^ 4 vor allem sich angelegen sein lassen, ans allgemeine Verständlichkeit Bedacht zu nehmen. Und dazu genügt nicht etwa, mit den untersten Voraussetzungen anzufangen und sich der Deutlichkeit in Worten zn befleißigen. Ungleich wichtiger ist es, den Gang der Bctrachtuug dem Gange des öffentlichen Denkens überhaupt auzupasscu. Wer für Schüler schreibt, die nicht aus dem Leben kommen, mag nach Com- pcndienart mit Begriffen und ihrer Zerlegung anheben. Wer für die im vollen Leben Stehenden arbeitet, muß aus Leben anknüpfen, welches ihnen die Begriffe nur gauz in den Dingen verborgen zuführt. Das vorübergehende, durchaus gesetzmäßige Phänomen der Goldausfuhr hat allein Deutschen und Ausländern mehr zu denken und zu reden gegeben als alle Gesetzentwürfe und Beschlüsse, die seit vier Jahren in dieser Angelegenheit ergangen waren. Darnm war es angezeigt, gerade an dieses Phänomen anzuknüpfen, um von ihm allmählich aufsteigend den Uebcrblick über das ganze große Gebiet der Währnngsfrage zn gewinnen, den Weg zu durchlaufen, den jeder zum Nachsinnen Aufgelegte zu be- schreitcn versucht sein mußte, weuu er sich über den Inhalt der ihm auffälligen Erschciuuug Rechenschaft zu geben für der Mühe werth hielt. So stellte sich zunächst die Frage ein, ob denn jener als etwas Unerhörtes aufgenommene Vorgang wirklich etwas Neues, ob er etwas Beklagenswertes und ob, wenn er das wäre, der Vorwnrf gegen das neue Grundgesetz der deutschen Münzvcrfnssuug zu richten sei, alles Fragen, die nach eingehender Prüfung unbedingt verneint werden müssen. Und da die Vorwürfe gegen die vermeintlich begangenen Fehler zumeist auf die Anpreisung eines verschmähten bessern Systems hinauslaufen, als solches aber das eines Anschlusses an internationale Münzverbände im allgemeinen und an die sogenannte Lateinische Münzconvcntion insbesondere sich bei hoch uud niedrig noch immer großen Beisalls erfreut, so war es nothwendig, anch diesen Gedanken einmal fest ins Auge zu fassen und mit ihm eine endgültige Abrechnung zu halteu. Es stellt sich dabei heraus, daß die Idee, in ihrem landläufigen Sinne gefaßt, unannehmbar und unausführbar ist, ohne daß sie deshalb zum Schluß für ganzlich unverwerthbar erklärt werden muß. Vielmehr, iudem das Wesentliche und Mögliche sich vom Unwesentlichen und Utopischen scheidet, ergibt sich ein Gewinn von auch auf andern Gebieten zu benutzender Einsicht, wie die neuerdings wieder aufgenommenen allgemein menschlichen Verbrüdcruugsgcdankcn zwischen Staat und Staat cineu gesunden, der Weiterentwickclnng fähigen Kern in sich tragen, wie sie aber auch umgekehrt durch hohle Uebertreibung in Miscrcdit gerathen müssen. Der Nachweis, daß das einzige dauerhaft die Völker verbindende Tauschmittel in der vernunftgemäß für sich selbst bcgründcteu eigenen Gcldvcrfassung jedes einzelnen Staates gegeben ist, leitet zur Erkenntniß, daß das Gesetz der innern und der äußern Harmonie, der nationalen wie der internationalen Selbsterhaltung hier ein und dasselbe ist. Die Wirkung von Land zu Land fällt in den Bereich des Wechsels uud des Wechsclcurscs. Nachdem schon der viclbcrufcne Goldabfluß als ciu Rückschlag aus dieser internationalen Sphäre cmpsunden worden, trat am betreffenden Wendepunkte der Untersuchung unausweichlich die Aufforderung entgegen, die Fnnction des Wechsels zu ermitteln, welche sich von der Fnnction der Währung nicht anders unterscheidet l! als das Object der Physik von dem Object der Chemie. Der Wechsel ist die Währung der größern Distanz, die Währung ist der Wechsel der nächsten Berührung. Da sich aber die Bewegung des Wechsels wiederum nicht erschöpfend verfolgen läßt, ohne den Einfluß ins Spiel zn ziehen, welchen die gcsammte Güterbcwcgung von Land zu Land auf ihu ausübt, so durste auch die jüngsthin wieder mit besonderer Aufmerksamkeit und uuter ucucn Gesichtspunkten beleuchtete Frage der Handels- und Zahlungsbalanz nicht unerörtert bleiben. Endlich konnte das Ganze nicht zum Abschluß gebracht werden, ohne mit den allerdings schon oft erwogenen Fragen der Doppclwährung und der künftigen Bestimmung des Silbcrmetalls noch einmal kurz uud bündig sich aus- cinaudcrzusetzcn. Und da der ganze Weg weniger am Bande logischer BcgriffSentwickclung als auf der Spur der erlebten Thatsachen, deren Sprache verstanden sein will, zurückgelegt wurde, so boten sich unter der Hand von selbst die Gelegenheiten, zu beobachten, wie die in der Durchführung der großen Münzrcform aufgcstoßcnen Hindernisse nichts anderes waren als die Ucberbleibsel der als falsch erwiesenen Systeme, in denen sich die Vergangenheit bewegt hatte. Es waren dieselben Ucberbleibsel, welche in Gestalt subjectiver Nemi- nisccnzcn eine Zcit lang auch den Blick der leitenden Personen bei der Ausführung unserer Reform in etwas getrübt haben. Aus jenen Reminiscenzen entsprangen Zögerungcn, aus den Zögcrungen störende Eindrücke, die eine von vornherein schärfer aufs Ziel losgehcnde Bewegung vielleicht vermieden hätte. Daß, wenn überhaupt etwas, gewiß nicht mehr als ein vorübergehender Eindruck zu bcklageu war, ist heute bereits klar. Uud nachdem diese Miscmpfindnng selbst 7 gerade den unschätzbaren Dienst geleistet, die Nachtheile der Säumuiß deutlich zu machen und zur Energie anzuspornen, bleibt an dem heute beinahe überwundenen Zwischcnstadium eigentlich nichts zu bedauern. Die Anfechtungen, welche dem großen Werke im Innern, die Zweifel, welche ihm im Auslande gcgcnübcrgctrctcu, werden nach der Hand nur dazu dienen, das Selbstvertrauen der Nation zu befestigen und die falschen Propheten zu entlarven. Anch die Fremden, welche sich zum Echo dieser Prophctcu gemacht, werden ihnen uicht dankbar sein. Die unbefangenen uutcr dcu sachverständigen Ausländern habcu ihucn vou voruhcrciu miStraut. Auf der letzten pariser Confcrcuz der Latciuischcn Münz- convcntion versicherten zwar einige Redner, daß die deutsche Münzrcfarm als gescheitert zu betrachten sei; allein die schweizer Dclcgirtcu haben keinen Anstand genommen, in dem amtlichen Berichte an ihre Regierung diese Auffassung als eine vollständig irrige hinzustellen.^) In keinem Lande vielleicht ist uns so lebhaft verdacht worden, wie in der Schweiz, daß wir uicht die Fraukcurcchnnug angenommen, aber kein Zeugniß spricht so sehr wie das in den schweizerischen Acten über die Müuzfrage niedergelegte zu Gunsten des Weges, den wir zur reinen Goldwährung eingeschlagen. ES kann nicht schwer sein, von dieser Erkenntniß auch zu der zu gclaugcu, daß es reiue Thorheit von nns gewesen wäre, das Frankcnsystcm anzunehmen. Wir werden im 5) Der Bericht (S. 14) sticht sich ausdrücklich auf das bei mir darüber eingeholte Gutachten, und ich bin dem Berichterstatter, Hru. Fecr-Hcrzog, besonders dankbar, daß er ans diese Weise mein uner- schütterteS Zutrauen im kritischsten Zeitpunkte actemnäßig festgestellt bat. 8 Verlaufe unserer Untersuchung noch manchmal Gelegenheit haben, auf jene schweizerischen Aetcn zu verweisen. In so großen Aufgaben wie die einer nationalen Müuzvcrfnssung gilt es zwar, mit seinem Urtheil ganz und gar aus eigenen Füßen zu stehen. Aber cS darf doch ciu erfreuliches Zeichen darin erblickt werden, daß der stammverwandte, so eifrig auf die erleuchtete Pflege seiucs Gemeinwesens bedachte Nachbarstaat, hingestellt zwischen Deutschland und Frankreich, nnd mit seinen überlieferten Sympathien viel mehr lctztcrm zuneigend, in der Münzpolitik wie in der kirchlichen sich nicht cntbrcchcu kauu, uus recht zu geben. Wcuigeu Völkern wird es so schwer gemacht, ihr Schicksal zu verbessern, wie uns, weil wenige es sich selbst so schwer machen. Es bcdnrfte unerschütterlicher Ueberzeugung, um uicht durch das Stimmengewirr der Tadlcr beirrt zu werden auf dem Wege, den wir zur Rettung unserer Vcrkchrsgruud- lagcn bcschrittcn. Und doch hatten wir, noch ehe wir am Ziele angelangt, die Genugthuung, daß die skandinavischen Staaten und Holland sich - zn uuscrcr Ansicht bekehrten. Wir dürfen hente die Gewißheit aussprcchcn, daß ihr allein die Zukunft gehört. Bor Jahrcssrist hatten wir das Problem der Bankcinrichtnng zu löscu. Die Frage nach der besten Begründung des Baukpapicrs als eines künstlich in den Organismus des umlaufcudcu Mittels cingeschobcuen Surrogats wird je nach den Verhältnissen und Gewohnheiten eines Landes in vielen Puuktcu stets ciuc offene bleiben. Nicht so die Frage des Geldes oder der Währnng selbst. Diese ist von Haus aus ein unentbehrliches Or.gan des frei pnlsircndcn Lebens, alles iu ihr ist ursprünglicher Natnr und von nothwendiger Gestaltung; jedes einzelne folgt mit 9 zwingender Unabänderlichkcit aus dem andern, wenn Gesundheit walten soll. Währung heißt, was selbst währt und dadurch allem Gewähr leistet; in solchen Urbcdingungcn ist kein Raum fürs Schwanken, sondern nur die gerade Linie der Einen Wahrheit gegeben. 2. Deutsche Goldansfnhr nicht erst durch die Miinzrcform ermöglicht, nicht einmal durch sie erleichtert. Gegen die Neige des Jahres 1874 verbreitete sich zum ersten mal mit Lebhaftigkeit die Kunde, daß namhafte Beträge des ncngeprägtcn Neichsgoldcs ins Ausland wanderten, und bald erhob sich ein Fragen, Klagen, Bangen oder auch Triumphiren über das, was beinahe jedermann als eine ver- hängnißvolle Wendung ansehen zu müssen glaubte. Die mit der Leitung der großcu Münzsachc Betrauten waren fürs erste geneigt, nicht sowol an dem Rechte zu so übler Auslegung als am Bestand der Thatsachen selbst das meiste abzudingen. Da nun aber gegcu die Sommcrhöhc zu der Strom des nach außen fließenden Goldes immer mächtiger und breiter, als nicht mehr von Millionen, sondern von Hunderten von Millionen gesprochen ward, da schien mit dem unleugbaren und in gewaltigem Maßstabe auftretenden Factum auch der in dasselbe gelegte böse Sinn die vollste Bestätigung zu erfahren. Die zahlreichen Gegner nnscrcr Reform frohlockten, die Anhänger schienen verzagen zu wollen — alles ob dieser ciuzigen Erscheinung willen. Nicht blos, daß hier ein schweres Uebel eingetreten, schien ausgemacht, n sondern auch, daß ganz allein die neuen Münzgcsetze es verschuldet hätten. Keinem der Ankläger fiel ein, zu fragen, ob denn die Ausfuhr gcprügteu Goldes wirklich ciue neue Thatsache, ob sie unter der ältern Münzvcrfassnng nicht vorgekommen sei? ob sie, auch ohne die neue Gesetzgebung, uicht zur selben Stunde wieder hätte vorkommen können und müssen? Wo goldene Münzen vorhanden sind, können und zeitweise müssen sie auch abfließen, das wird niemand bestreitcn. Finden wir demnach, daß schon vor der ucucn Reichs- münzgcsctzgcbnng Goldmünzen in Deutschland bestanden und gegolten haben, so tritt nns als Thatsache entgegen, daß Ausfuhr von Goldmünzen aus Deutschland schon vor jener Reform möglich gewesen, daß sie nicht erst durch jene Reform bedingt worden. Ja wir wissen, auf ganz unangreifbare Ziffern gestützt, daß dies von jeher der Fall gewesen. Den amtlich vorgenommenen Nachforschungen znfolge sind von den Ländern des heutigen Reichsgebietes in den letzten hundert Jahren 540 Millioueu Mark in verschiedenen Goldmüuzeu geprägt worden. Davon wurden durch die Regierungen selbst im Laufe derZcitcu nur wieder ciugezogeu 7 ^'2 Millionen, von den übrigbleibenden 532 ^ Millionen waren in den Jahren 1873 und 1874, als das Reich die Goldmünzen frühern Gepräges einberief, nur noch vorhanden beinahe 100 Millionen. Wo waren die andern hingekommen? Sie waren eingcschmolzcn oder auch waren sie in ihrer ursprünglichen Gestalt ins Ausland gewandert. Nicht also blos die Möglichkeit ist nach unserer frühern Münzvcrfassung vorhanden gewesen, daß Goldstücke ins Ausland flössen, sondern die Gewißheit ist gegeben, daß dies im beträchtlichen Vcr- 12 hältniß von 80 Proccut dcS Vorhandenen stattgefunden. Folglich wcndct sich das Wehklagen über dic Goldauöfnhr ganz mit Unrecht an das neue Reich. Wie die Thatsachen bis heute vorliegen, hat sich nichts geändert, als daß die Goldstücke, welche ehedem FricdrichSdor, Pistolen, Goldkronen, Dukaten, Zehn- nnd Fünfgnldcnstückc hießen, nunmehr in Zwanzig- und Zehnmarkstücke umgewandelt siud. Will etwa jemand behaupten, daß der Name oder das Gepräge oder das Gewicht dieser neuen Münzen allein sie hinanstrcibe? Nehmen wir für einen Moment an, es wäre vom Deutschen Reiche die Einführung der Goldwährung nie beschlossen oder überhaupt dic Münzordnnng gar nicht in Angriff genommen worden; es wäre alles hübsch beim alten geblieben. Würden wir etwa in den Jahren 1873 und 1874 keine Goldmünzen cxportirt haben? Unterblieben wäre das nnr unter zwei Bedingungen: entweder daß wir nichts an Goldmünzen besessen oder daß dieselben bei der Ausfuhr nicht Rechnung gegeben hätte». Betrachten wir uns eins nach dein andern. Bereits hier oben ist erwähut, daß iu den Jahren 1873 und 1874 an dcntschen Goldmünzen auf Anordnung dcS Reiches eingezogen wnrdcn für 100 Millionen Mark; diese waren also unlcng- bar vorhaudcn. Ferner ist bekannt, daß in deutschen Landen nach altem bunten Branche Silber- nnd noch viel mehr Goldmünzen ans aller Herren Ländcru mit Bürgerrecht und Freizügigkeit versehen sich Umtrieben. Das Bedürfniß nach Goldmünzen war in alten und namentlich in neuern Zeiten so stark, daß wir in Ermangelung eigener die fremden einbürgern mußten. In den entlegensten Winkeln Deutschlands, für die täglichen Geschäfte selbst des bäuerlichen Verkehrs, 13 bediente man sich aller denkbaren Goldstücke vom amerikanischen Eaglc bis zum russischen Jmpcrial. Zu diesem bereits eristircndcn Vorrath von deutschen und fremden Goldsorten kam nun der ganze Betrag, welchen die französische Kriegsentschädigung uns zuführte: nach den ofsiciellen Angaben an französischen Münzen 320 Millionen Mark oder genau der Betrag, den Frankreich in Goldmünzen zahlte (273 Millionen Franken), wurden in deutsche Münzen umgeprägt. Veranschlagen wir die vorher umlaufenden fremden Goldsorten ganz gering nur auf die Hälfte der von der Sechandlung im Jnlande für den Prägcbcdarf zusammengerafften Sununc in Napoleons, d. h. auf 75 Millionen Mark (im ganzen lieferte die Seehandlung 150 Millionen Mark Napoleons und 116 Millionen Mark anderer fremder Goldmünzen), und rechnen wir die einberufenen eigenen und die Beträge der Kriegsgelder hinzu, fo befinden wir uns gegenüber der Gcsammtsummc von 395 Millionen Mark; und wie hoch wir auch die schwer zu berechnende Quantität der exportirten Rcichsgoldmünzcn schätzen mögen, gewiß wird sie diese Ziffer nicht erreichen. So kommen wir demnach zu dem Resultat, daß auch ohne die neue NeichSgcsctzgcbnug, bei ganz unveränderten Zuständen, Gold genug in Deutschland vorhanden war, um das Material zum Golderport zu liefern; ja wir wissen, daß selbst nebenzn anch 340 Millionen französische Silbcr- münzcn abflössen, blos wegen ihrer Verwandtschaft zu dcu Münzen der Länder, die unser Gold anzogen. Wären etwa die in NeichSgoldmünzcn umgeprägten fremden Goldstücke in ihrer ursprünglichen Gestalt weniger znm Export geeignet gcwcscu als unsere neuen Ncichsmünzen? Von dem I-j- größten Theil derselben, von den französischen Zwanzigfranken ist gerade das Gegentheil gewiß. So neu und demgemäß vollwichtig unsere Doppelkronen auch sind, Franzosen und Engländer nehmen sie doch nur an mit der Absicht, sie einzuschmclzcn und umzuprägen, was sie mit ihren Napoleons nnd Sovcrcigns nicht zu thun brauchen, eine Vercinfachnng nnd Kostcn- crsparniß, welche also deu größern Theil unserer Goldvorräthe ohue unsere Münzreform nnr exportfähiger gelassen hätte, als er nach ihr wurde. — Was sonst in Deutschland an Goldstücken vorräthig, war theils gut vollwichtig, wie die bremcr Kronen, die amerikanischen nnd russischen Münzen, theils nicht so sehr abgeschliffen, daß es bei hohem Goldagio von der abziehenden Strömung verschont geblieben wäre. Diejenigen Goldmünzen endlich, welche durch Abnutzung oder Beschneidung zur Ausfuhr unbrauchbar gemacht waren, erlangten ihre Exportuufühigkcit unr auf Kosten ihres jeweiligen deutschen Besitzers, der ein Goldstück zu einem scheinbaren demselben nicht mehr innewohnenden Werth an Zahlung empfangen hatte. Wir sehen schon hier den Satz hervorkeimen, den wir später als die Grundlehre aller Gegner der deutschen Münzreform herausfinden werden, den Satz nämlich: ein Geld bleibt um so sicherer im Lande, je schlechter es ist. Wer ein vollwichtiges Stück besitzt, kaun es bei Goldausfuhr nach dem Auslande verwenden; wer aber ein mit Schcidewasser oder mit der Feile verringertes hat, der muß cS behalten, er fände denn einen LandcSgcnosscn, dem er es aufhängen kann; denn der Ausländer, der das deutsche Gold nicht um des Gepräges oder des Nameus, sondern um des Metalls wegen nimmt, wird das Stück nicht blos ansehen, sondern vor allem wägen. — Schlechtes Geld 15 bleibt zu Hause. Je sicherer mau sein will, sein Geld niemals auswandern zu scheu, desto weniger innern Werth mnß man ihm geben, und der Vorwurf, daß ciu Geld exportfähig, ist kein anderer, als daß es vollwerthig geschaffen worden. Wir werden dieser Weisheit unserer Mißvergnügten auf Schritt und Tritt begegnen. Nothwendigkeit so wenig wie Möglichkeit des Goldexports erst durch die Mnnzreform herbeigeführt. Halten wir also fest: Die Goldausfuhr, wegen deren die deutsche Münzrcform verklagt wird, hat seit jeher stattgefunden, und wäre bis in die letzten anderthalb Jahre, soweit sie von dem Vorhandensein exportfähiger Münzen abhing, möglich gewesen anch ohne die Herrschaft des Marksystems. Damit aus Möglichkeit Nothwendigkeit wurde, mußte mir mit dieser Voraussetzung eine andere zusammentreffen. Nämlich es mußte ein internationales Schuld- Verhältniß zwischen Deutschland nnd andern Ländern eintreten, welches bewirkt, daß Deutschland einen Theil seiner Geschäfte mit dem Auslande nicht mittels Waarcnscndungen oder Wechseln, d. h. Compeusation von Forderungen gcgcu Schulden ausgleicht, sondern zu baarcu Zahlungen zu greifen sich veranlaßt sieht. Dies Verhältniß wird bestimmt durch die Summe uud die Natur der sämmtlichen Gcschäftsbczichnngcn, die zwischen Deutschland und dem Auslande schweben. Das neue Münzsystcm hat offenbar auf die Vorkommnisse dieser Richtung nicht die geringste Eiiiwi'" !'g auSübcu können. Die Einkäufe, die wn^im ?l1>?lani-. milchten, die > . ' °' ' Zlj,'.t Waaren, die wir an dasselbe abgaben, haben nichts gemein mit der Einführung der Reichsmark oder des Goldfußcs. Wenn nnter der Einwirknng besonderer Ursachen unsere Kundschaft im Auslande nicht im selben Maße zugenommen hat wie unser Verbrauch an ausländischen Waaren; wenn ferner die Ausfuhr von Metall weniger theuer zu stehen kam als die Ansfnhr vou Waaren, so ist auch für den blindesten Gegner unserer Münzrcform diese daran unschuldig. Ganz andere und viel tiefer liegende Einflüsse sind hier im Spiele. Befanden wir uns demnach, unabhängig von jenen Gesetzen, in der Lage, Baarzahlungcn ans Ausland zu machen; hatten wir an Baarmittcln, nach wie vor jenen Gesetzen, sowol Gold- als Silbcrmünzcn, so bleibt uns noch das Eine zu untersuchen: ob anch unter der Herrschaft unserer ältern Münzverfassnng die Goldstücke vorzugsweise vor den einheimischen Silbcrstückcn oder vielmehr mit Ausschluß dieser Silbcrstücke vom Handel zum Exports zur Ausgleichung unserer Balanz mit den Nachbarländern bcnützt worden wären? Ein Blick auf die Münzlagc der Welt gibt uns auch hierüber Aufschluß. Der Verbrauch der Industrie erschöpft nur geringe Quantitäten edler Metalle, im Verhältniß zu dem Bedarf der Münzen. Der Bedarf an fcinhaltigen Silbcrmünzcn hat aber seit den letzten Jahren in der Welt, mit Ausnahme des fernen Asiens, beinahe ganz aufgehört. In England wird das Silber bekanntlich nur als Scheidemünze geprägt, nnd beinahe sämmtliche andern Länder Europas, sowie die Vereinigten Staaten von Nordamerika, befanden sich seu den letzten Jahren in einer Lage, welche die Ausprägung ^ ober Silber münzen wesentlich hemmte, soweit sie dieselben überhau"! uoch uicht systematisch aus- Bamberger, RcichSgold. I 1^ schloß. Die großen Staaten, wie Nordamerika, Rußland, Frankreich, Oesterreich, Italien, waren einer nach dem andern infolge ihrer finanziellen Erlebnisse znr Einstellung der Baar- znhlungcn nnd znr Annahme eines Zwangspapicrgeldcs gekommen; damit hatte natürlich auch der Bedarf an Silber zur Ausprägung in großem Maßstabe abgenommen. Zu dieser thatsächlichen Beschränkung trat uun mit dem Jahre 1873 noch eine förmlich gesetzliche. Die Länder der sogenannten Lateinischen Münzconvcntion verpflichteten sich uutcr- cinandcr, daß jegliches auf seinen Münzstätten nur eine bestimmte, niedrig gegriffene Quantität von groben Silbcr- münzcn ausprägen lassen dürfe; und Holland, obgleich nicht, zu dieser Convention gehörend, untersagte sich durch ein eigenes Gesetz gleichfalls das Ausprägen von Silber. Die drei skandinavischen und die Vereinigte!? Staaten von Nordamerika beschlossen, die einen demnächst, die andern für 1879 die alleinige Goldwährung einzuführcu, und setzten damit selbstredend der Silberprägnng ein Ziel. Für seinen Münzbc- darf war also kcins dieser Länder in der Lage, unser Silber zu verwenden. Keine fremde Nation gestattete, daß der deutsche Schuldner sein Silbcrgeld auf ihren Münzstätten in ihr Landesgeld umpräge, um es danach zur Zahlung an ihre Angehörigen zu benutzen. Wollte Deutschland also überhaupt Silber im Auslande verwerthen, so konnte cS dasselbe nur als Edelmetall in Barrcnform auf den Weltmarkt bringen. Nun stand aber der Preis des Silbers in Gold ausgedrückt auf diesen: Weltmarkt bereits seit 1872 so niedrig, daß deutsches Silbcrgeld cinznschmelzcn und dem Gewichte nach - in London zu verkaufen, ein viel schlechteres Resultat ergebcu hätte als das Einschmelzen und Verkaufen von deutschen /! oder das Ausführen fremder Goldmünzen. Und zwar keineswegs wegen des Verhältnisses unserer neuen Goldmünzen zu unsern Silbcrmünzcn. Auch hier hat die Neuerung, soweit sie thatsächlich eingriff, durchaus nichts verändert. Wie in der ganzen bisherigen Untersuchung auf der Voraussetzung stehen bleibend, daß gar kein deutsches Münzgesetz iu der Welt wäre, kommen wir auch hier zu dem gleichen Resultate, daß angesichts der in dein Verbrauche und Preise der Edelmetalle eingetretenen Veränderung, vermöge der allseits Wirte» Silberpräguugcu und der damit in Wechselwirkung stehenden Silbercutwcrthung, unter der alten deutschcu Münzverfassuug, uicht minder als unter der neuen, ausschließlich Goldmünzeu zum Export hätten Verwendung finden müssen. Sowol unsere alten Friedrichsdor, Zehnguldeustttcke, Dnkatcn, Bremer Kronen, als die von Frankreich für die Kriegsentschädigung erhaltenen Napoleons und Sovercigns, also uuser gcsammtcr Goldvorrath, vorausgesetzt, daß wir ihn nicht zu Rcichömünzcn von 10 und 20 Mark umgeprägt hätten, würde vorbehaltlich des Abschluss im selben Verhältniß wie letztere Nutzen bei der Ausfuhr gelassen haben im Gegensatz zu unsern Silberthalcrn und Gulden. Und zwar aus dem einfachen Grunde, weil mit hier verschwindenden Schwcbungcn auf- oder abwärts die alten Goldmünzen im selben Verhältniß zu den alten Silbcrmünzcn ausgebracht sind, Wie uuserc ueuen Ncichsgold- mllnzcn zu unsern alten Silbcrmünzcn/') Noch strenger 5) Während dieses neue Verhältniß ans 15'/z zn 1 beruht, ergibt z. B. das der preußischen Friedrichsdor a 6,03 per Stück das Verhältniß von 15,67 zu 1 uud selbst das Durchschnittsgewicht der großen 2» 20 ist dieser Satz anwendbar auf das Verhältniß, welches einerseits zwischen unsern alten Silbermünzen uud unsern ncnen Goldmünzen und andererseits zwischen crstcrn nnd den französischen Goldmünzen besteht. Der deutsche Gesetzgeber hat — aus Gründen, die hier keinen Platz finden, die aber in der öffentlichen Berathung sehr wohl erwogen worden sind — für diese Gcgcnscitigkcitsvcrhältnissc keine Neuerung geschaffen, und dieselben Preisverändcrungen, welche uuser ucucö Gold hinaustricbcn, müßten auch das französische, ja sogar mit verstärkter Gewalt, hinaustreiben. Hiermit haben wir denn alle Voraussetzungen untersucht, auf denen die Möglichkeit uud Nothwendigkeit der seit anderthalb Jahren aus Deutschland nach außen hin erfolgten Goldbewegung bernhte, uud sind zu dem Ergebnisse gekommen, daß keine einzige derselben eine Consequenz der neuen Münz- ordnuug gewesen ist. (Den Einwnrf, daß letztere die maßgebende Ursache der Silbercntwcrthnng überhaupt gewesen, widerlegen wir später. Vgl. Nummer 18.) - Wir haben gesehen, daß, wenn Goldmünzen vorhanden sein müssen, um Goldmünzen auszuführen, Deutschland auch ohne seine Neuerung deren einen stattlichen Vorrath besessen hätte. Wir habeu gesehen, daß, unabhängig von dieser Neuerung, Deutschland sich in die Lage gebracht hatte, Baar- Particn der abgenützten, das sich bei der amtlichen Einziehung auf 6,006 fein stellte, steigert das Verhältniß noch nicht auf ganz 15^. Selbst bei dem hohen Curs von 58°/« für die Unze Silber, den wir seit Mitte 1874 nicht mehr'gesehen haben und der das Verhältniß von Gold zu Silber erst auf 1 zu 16°/z2 herunterbringt, würden Fried- richsdor, zum Durchschnittsgehalt der ciugezogeucu berechnet, noch 5 Proccnt besser nach London rendiren als Silberthalcr. 21 Zahlungen in Edelmetall ans Anstand zu machen, und endlich, daß in dem Gewichts- nnd Feinheitsgehalt der früher cursircndcn Goldmünzen vor deren Umprägung zu Zwanzig- markstückcn derselbe innere Antrieb zum Export mit Ausschluß der Silbcrmünzcn lag wie nach dieser Umprägung. Und so wäre alles Geschrei, welches die Luft mit der Klage erfüllte, als ob die Gesetzgebung des Deutschen Reiches die Ursache der seit anderthalb Jahren vorgekommenen Goldausfuhr wäre, in sein Nichts zurückgewiesen. Einen Punkt haben wir dabei nicht berührt, weil er so wesenlos fern zur Sache steht, daß das Hineinziehen desselben die Auseinandersetzung nur hätte beeinirächtigcn und verwirren können. Da jedoch Unklarheit oder absichtliche Entstellung — meistens beide Elemente uutcr sich vcrschwi- stert — auch ihn als Einwand vorführen, so müssen wir ihm ans Vorsicht an dieser Stelle ein wenig Aufmerksamkeit zuwenden. Nicht selten taucht nämlich der Satz auf: es sei nicht zum Vcrwuuderu, daß das Gold mit Ausschluß des Silbers vou dauncu gehe, weil nach unserm Gesetz von 1873 dem Silber im Verhältnisse znm Golde uoch mehr als ehedem ein unverdient hoher Werth beigelegt sei. Nnn ist allerdings so viel wahr an der Sache, daß besagtes Gesetz dem neuen in Mark auszuprägenden Silber ein stärkeres Wcrthvcrhältniß zum Golde zu Grunde gelegt hat, als dasjenige ist, welches sowol zwischen den allen Gold- und den alten Silbcrmünzcn wic auch zwischen den neuen Gold- und dcu alten Silbcrmünzen zum Ausdruck kommt. Ehedem machten wir aus 1 Pfund fein Silber 30 Thaler, also 90 Mark, und aus 1 Pfund fein Gold machen wir heute 1395 Mark. Das erzeugt eben zwischen altem Silber » 22 und neuem Golde das Verhältniß von 90 zn 1395 oder 1 zu 15V2- Statt dessen haben wir. jetzt das Verhältniß von 100 zu 1395, denn wir prägen von dem neuen Silbcrgcldc aus 1 Psund Silber 100 Mark, sodaß nach unserm neuern Münzfiche 1 Pfund Gold seinen gleichen Ausdruck in 13,95, sagen wir rnud in 14 Pfund Silber findet, während nach dem ältern Fuße 15Vs Pfund dazu gehörten. Es ist ganz richtig, daß der Wcrthabstand zwischen Gold und Silber so von: Gesetz enger zusammengezogen wordeu ist, während ihn der GanZ der Wcltgcschäftc thatsächlich weiter auseinandergerückt hat. Im Jahre 1871 war das lebendige Ge- genscitigkeitsverhältniß noch wie 1 zu I0V2, seitdem ist es hinaufgegangen zeitweise bis ans 1 zu 17; das ucuc deutsche Münzgesctz hat es aber fixirt aus 1 zu 14, d. h. um 10 Procent dem Silber günstiger als früher. So wahr dies ist — und der deutsche Münzgesctzgcbcr hatte eben seinen guten Grnnd dafür, weil er das Silber überhaupt als Geld abschaffen uud nur als Scheidemünze beibehalten wollte — so kann der ganze Umstand noch weniger als alle früher erwähnten hier angerufen werden, um daraus die Erscheinung zu erklären, daß Gold sich besser zur Ausfuhr eignete als Silber. Deun es gcuügt, daran zu erinnern, daß von dem auf dem alten Fuße stärkern Gewichts (im Gewicht nämlich, nicht im Feingehalt, wie man oft sagen hört, liegt der Unterschied zwischen unserer alten und unserer neuen Silbcr- münze) geprägten Silber wenigstens noch sechsmal soviel im Umlauf war und bis heute in? Umlauf ist, als von dem nenen leichtern. Läge mithin in dem alten Verhältnisse von 15'/-z zu 1 ein Grund, nicht Gold-, sondern Silbermünzen auszuführen, so hätte man das Bedürfniß nach Ausfuhr 23 reichlich mit alten befriedigen können. Man begreift aber andererseits ohne Mühe, daß, wenn die Preisstcllnng auf dem Weltmarkte sich von 1 zn 15'/s auf 1 zn 17 verrückt hat, d. h. um 10 Procent Abstand gegen das frühere normale Verhältniß, man begreift, daß es für die Verwendung der nicht mehr Gewinn gebenden Waare ganz gleichgültig ist, ob sie einen Verlust von 10 oder von 20 Proccnt ergibt. Der Kaufmaun wird ebenso wenig versucht sein, eine Waare mit 10 wie mit 20 oder 30 Procent Schaden umzuschlagen, und es war für den vorliegenden Fall daher völlig gleichgültig, ob neben dem Golde nnr Silber alten Schlages oder nur Silber neuen Schlages oder beider Art nebeneinander cxistirtc. So greifen ringönm von allen Seiten die Thatsachen ineinander znm nndnrchbrcchbareu Beweise, daß von allen zu einer Goldausfuhr erforderlichen Vorbedingungen nicht eine aus der neuen deutschen Münzvcrfassung entsprungen; daß sie, sobald nur der Zug der Geschäfte auf ciueu' Geldcxport hinführte, unter der alten Verfassung gerade so eingetreten wären wie unter der ncueu, erst bruchstückweise ius Leben getretenen. Die bestimmenden Ursachen der beklagten Erscheinung, selbst wenn sie verdiente, beklagt zn werden, hätten wir . also gar nicht in unserer Rcichsgcsctzgcbung, sondern anderwärts zu suchen. Der Beweis läßt sich aber noch anschaulicher durch den Hinweis auf Frankreich führen. Wie, wenn das Nachbarland, mit dessen Geschäftslage wir heute die unscrigc so oft zu unserer Beschämung vergleichen hören, in diesem Moment unter ganz derselben Münzvcrfassung stände wie wir? Aus Deutschland ging das Gold nach Frankreich. Deutschland ward deshalb beklagt, Frankreich gepriesen. Deutschlands 24 Münzvcrfassnng sollte im Gegensatze zu der von Frankreich die Erklärung dazu liefern, und siehe da! genau besehen, befinden sich unter dem Gesichtspunkt der metallenen Zahlungsmittel beide Länder in der gleichen Lage. Denn thatsächlich ist das für Deutschland geltende Münz- rccht bis zurVcrkündung dervollenRcichsgoldwä hrung*) dermalen folgendes: Bon der ältern Silbcrwährung ist uoch derjenige Theil in Kraft, dem zufolge mit den nicht außer Cnrs gesetzten alten Silbermüuzcn jede Summe beliebig ausgezahlt werden kann, und diese Nechtsbcstimmung findet ihren realen Boden in dem Vorrathe solcher Münzen, die ausreichen, um jedes aus den Geschäften entspringende Bedürfniß zu befriedigen. Dagegen räumt der Staat weder seiner eigenen Gewalt noch weniger den Privaten die Fähigkeit ein, eben jenen Vorrath au grobeu Silbcrmllnzen zu vermehren. Die Möglichkeit, Silberbarren iu grobe Silbcr- münzen zu verwandeln, ist abgeschnitten, d. h. der Zusammenhang zwischen dem Metall als Waare, die man sich verschaffen, und als Geld, mit dem man zahlen kann, ist durchbrochen. Das Silbcrgcld ist zu einer Münze geworden, welches nicht kraft seines Gehalts, sondern nur kraft seines Stempels zu brauchen ist. Anders verhält es sich mit dem Golde. Nicht blos nach dem Buchstaben des Gesetzes, sondern kraft der lebeudig wirkenden Thatsachen ist das Deutsche Reich bereit, jeden beliebigen Betrag von Goldbarren in, Goldmünzen nach dem vorgeschriebenen Satze zu verwandeln. Unter voller Rcichsgoldwähruug verstehe ich den Zustand, bei dein die (noch nicht außer Cnrs gesetzten) alten Silbermiin- zen nicht gleich dem Golde fiir große Zahlungen verwendbar sind. Dieser Zustand tritt mit dem 1. Januar 1876 noch nicht ein. 25 Aus Silber kann nicht länger Silbcrmünzc, aber ans Gold kann jederzeit Goldmünze gemacht werden. Umgekehrt, wer Zahlung zu cmpfaugcn hat, muß sich zufrieden geben, daß ihm die alte grobe Silbermiiuze gegeben werde, die noch gesetzliches Zahlungsmittel ist, und er hat nicht das Recht, statt derselben Goldmünze zu begehren. In Frankreich nun verhält sich alles gerade so: Das Recht, welches früher der Staat und die Privaten besaßen, Silberbarren znr Münze zu bringen und zur Zahlung als geprägtes Geld zu verwenden, ist seit 1873 aufgehoben. Der Lateinischen Münz- couvcntion zufolge hat Frankreich sich gebunden, nicht mehr als im ganzen für 60 Millionen Franken Silbcrmünzcn im Jahre zur Ausprägung kommen zu lassen (die Ucbcreinkunft wurde seitdem verlängert) und mit der Begrenzung aus diese für das Land geringe Snmme (von der, beiläufig gesagt, zwei Drittel jedesmal bereits durch anticipirtc Prägevcrpslichtungeu verschlungen waren) ist dem freien Uebcrgange von Silber- mctall in Silbermiiuze gerade so wirksam ein Riegel vorgeschoben wie in Deutschland. Frankreich so wenig als Deutschland gegenüber wird jemand sagen: Wenn ich nur Silberbarren besitze, so kann ich mittels Umprägnng in die Landcsmünze sie zu Zahlungen verwenden. Desgleichen ist die Mllnzfrcihcit für Gold iu Frankreich gesetzliche und thatsächliche Wahrheit gerade wie in Deutschland. Soviel Goldbarren jemand iu die Müuzc liefen? will, über soviel Goldmünzen kann er verfügen, nach dem gesetzlichen Tarif sie umwandeln; und dieser gesetzliche Tarif beruht genau aus demselben Werthvcrhältuisse von 15^2 zu 1, welches zwischen unsern neuen Gold- nnd unsern noch thcilwcisc die Circulation ausfüllenden Thalermünzcu die Grundlage bildet. Endlich, 26 um die Uebereinstimmung zu vollenden, ist gerade so wie bei uns auch bei den Franzosen das Recht des ZahlungnchmcrS beschränkt. Er hat uicht das Recht Gold zu verlangen, er muß sich mit Silbcrzahlung begnügen, oder, was noch weniger, aber im vorliegenden Falle gleichbedeutend ist, mit Papicr- zahlnng. Bei uns ist der Schuldner, um sich zu liberircn, verpflichtet, wenigstens grobe Silbcrmünzen zu geben, in Frankreich kam? er statt dieser sogar die mit Zwangscnrs versehene Banknote an Zahlung geben. Factisch ist beides gleichbedeutend, wenn auch scheinbar darin nnscr Znstaud den Borzug verdient. Ein Geld, das uicht, in Metall umgewandelt, gerade so hoch zn verwerthen ist wie in seiner ausgeprägten Form, lost seine Bedeutung los von dem Material, aus dem es zusammengesetzt ist. Dieses Material bedeutet für den Weltverkehr nur so lange etwas, als es bis auf einen allcrklcinstcn Brnchthcil dem Werthe entspricht, den das Gepräge ausdrückt. Von dem Augenblick ab, daß es unter diesen Werth hinabsinkt, wird es in seiner Eigenschaft als Material dem großen Gcldvcrkchrc gegenüber ein gleichgültiges Ding. Ob es nun um 1 Proccnt oder um 50 Procent, .oder sogar um 100 Proccnt hinter seinem Ncnnwcrthe an Inhalt zurücksteht, ist für den freien Weltverkehr einerlei. Sobald nicht mehr der metallische Inhalt das Bestimmende ist, tritt ein ganz Anderes an dessen Stelle und dieses Andere entlehnt seine Kraft ganz andern Facto- rcn.5) Ebenso wie nach Obigem deutsches Silber gleich unbrauchbar zur Zahlung nach außen geworden, einerlei ob aus eiucm Pfund Silber 90 Mark gemacht wcrdcu *) Vgl. hierzu später Nummer 16. ^7 wie ehedem oder 100 wie jetzt, gerade so ist es für den franzosischen Zahlungsempfänger völlig gleichgültig, ob er wie der Deutsche in Silbcrmünzen oder wie bei sich zu Hause in Papier bezahlt wird. Die Banknote von 100 Franken gilt nicht als glcichwerthig mit 100 Franken Waare, weil das Papier, aus dem sie gedruckt ist, einen solchen innern Werth besitzt; ebenso wenig gelten 20 Fünffraukenstücke aus Silber als gleichbedeutend mit 5 Zwanzigfrankenstücken aus Gold, weil sie cingeschmolzcn um gleichviel verkauft werden könnten, denn sie könnten es eben nicht. Ganz genau so verhält es sich mit unsern Silberthalcrn. Französische Noten, französisches Silbcrgeld, deutsches Silbcrgcld, alle drei haben jetzt nur einen fictiven Werth. Wie viel die Fiction zum wirklichen Inhalt zulegen muß, um den vollcu Nennwert!) zu erzeugen, ob 100 Procent wie beim Papier, oder nur 6 Proccnt wie beim Silber, ist ganz einerlei da, wo ein Verlust von 1 Proccnt schon hinreicht, um ein Geldmaterial aus dem Weltmarkt unbrauchbar zu machen. Dieser Unterschied ist gerade so gleichgültig als der, wieviel Gift jemand nimmt, wenn die Quantität nur hinreicht, ihn zu todten, ob den zehnten Theil eines Grammes oder zehn Gramme; in beiden Fällen ist er gleich todt. Will man übrigens die Vcrgleichnng auch von der kleinen Schattirnng befreien, welche noch den deutschen vom französischen Zustande unterscheidet, so hat man nur Belgien an die Stelle von Frankreich zu setzen. In' Belgien ist kein Zwangscnrs für -Papier, in Belgien kann der Empfänger ans Silber bestehen, muß sich aber mit diesem zufrieden geben, hat kein Recht auf Gold; in Belgien ist das freie Prägcrccht für Silber aufgehoben, dem Buchstaben uach auf 12 Millionen beschränkt, 28 also volle Identität mit der factischcn gegenwärtigen deutschen Münzlage; und dennoch wanderte bekanntlich ein namhafter Theil unsers Goldes gerade in die brüsscler Münzstätte. Wir haben zuerst unsere Gegenwart mit unserer eigenen Vergangenheit, jetzt eben uuscrc Gegenwart mit der Gegenwart anderer Länder verglichen. Bcidcmalc sind wir den gleichen thatsächlichen Voraussetzungen begegnet, die unsere Uebergangszcit charakterisiren. Also kann es gewiß nicht am ncucu Gesetze liegen, wenn wir Klage vernehmen über eine Erscheinung, die weder in jener unserer Vergangenheit geführt wurde, noch gegenwärtig in den andern Ländern erhoben wird. So sind wir denn dahin gedrängt, die Erklärung im Bereiche des sich selbst bestimmenden freien Verkehrslebens zu suchen, und das wollen wir nunmehr unternehmen. 4. Die Fähigkeit auszuwandern Grundbedingung jeder guten Münze. Wir'haben bereits angedeutet, welche Zustände zusammentreffen müssen, damit gemünztes Geld aus einem Lande ins andere fließe. Schuldvcrhältuisse von Land zn Land müssen sich derart begegnen mit den Prcisverhältnissen, daß ein gewisser Schuldbetrag vorteilhafter mittels Geldes als mittels Waaren zu begleichen ist. Stillschweigende Voraussetzung ist dabei eiue derartige Beschaffenheit der Münze, daß sie sich zu dieser Ucberleituug qualificirt. Angenommen, es wäre ein Uebel, daß Geld ins Ausland geht, und eine Pflicht der Gesetzgebung, hiergegen einzuschreiben, so wäre das vermeintliche Uebel klärlich nur au einer der beiden Seiten dieser Erscheinung zu fassen. Entweder müßte man verbieten, daß Waaren sei es überhaupt, sei es wenigstens über eine gewisse Quantität aus der Fremde bezöge» werden. Oder man müßte verhindern, daß ein Land seinem Gelde eine Beschaffenheit gebe, die es-zum Gebrauche fürs Ausland tauglich macht. Das erstere, die Beschränkung der Waarcneinfuhr durch Zollerhohung zu bcwirkeu, wird zwar von Zeit zn Zeit auch 30 in Deutschland wieder vorgeschlagen. Aber es wagt doch niemand mehr, sich dabei auf den Grund zu berufen, der weiland dafür maßgebend war: daß man nämlich fremde Waaren ausschließen müsse, damit nicht das baare Geld außer Landes gehe. Die, welche ein Monopol und Bann- recht zum bessern Absatz ihrer Fabrikate ans Kosten ihrer Mitbürger begehren, suchen weniger thörichte Vorwände dafür auf; und mit der Theorie, welche einst das Kaffectriukcn verbot, weil dafür klingendes Geld an fremde Länder bezahlt wird, scheinen wir vorerst noch verschont bleiben zn sollen. Aber wir sind doch nur scheinbar über diese Borurtheile vergangener Jahrhunderte hinaus; wer den Dingen auf den Grund sehen will, kann sich nicht verbergen, daß noch jeden Augenblick die vermeintlich überwundenen Albernheiten in ncner Gestalt mit Prunk aufgetragen werden. Alles Geschrei gegen die Goldausfuhr ist nichts als die Ausgeburt jener alten Verirrung, der gemäß es für Staatsweisheit galt, dem Handel seine Wege sowol für sciue Bezugsquellen wie für seine Absatzwege amtlich vorzuschreiben. Kommt es doch ganz" auf das Gleiche heraus, ob ich dem Kaufmann verbiete, Waaren im Auslande zu kaufen, oder ob ich eine Münzvcr- fassung gebe, welche ihn verhindert, mit dem Gelde, das er einnimmt, den Ausländer zu bezahlen. Denn soll er im Auslande einkaufen, so muß er auch Schulden gegen das Ausland contrahiren können, und contrahirt er Schulden, so mnß er zahlen. Es gibt allerdings anch volkswirtschaftliche Anschauungen, welche davon ansgchcn, daß es nicht nöthig sei, Schulden zu bezahlen; aber in der Praxis sind sie nicht zu verwerthen, weil die Operation des Schuldcn- machcnö ohne zu zahlen im Geschäftsgänge nur ein ein- iz.wMH- !s-WMMM?ss ^l ziges mal angeht, der Geschäftsgang aber auf ununterbrochener Wiederholung der Operationen beruht. Ein Gcld- systcm wollen, das zur Zahlung der Schulde» ans Ausland nicht zu brauchen, heißt deshalb nichts anderes, als ein Schutzzoll- und Prohibitivshstem der gröbsten Art anstreben. Auch bestätigt die Erfahrung, daß die in schlechte Geldwirthschaft versunkenen Staaten denjenigen ihrer Angehörigen, welche vom künstlichen Schntz ihrer Gcwerbthätigkcit Vortheil ziehen, damit höchst willkommene Dienste leisten. Schutzzöllnerci und Papierwirthschaft gehen überall Hand in Hand, und diese genügt, um jene zu ersetzen. Es ist bekannt, daß in Oesterreich wie in Italien ein erheblicher Theil der Großindustrie eifrig das Papiergeld vertheidigt, weil es den Geldverkehr zwischen ihrem Lande und dem Auslande unterbindet und damit dem Handel die freie Anfsnchnng und Benutzung der Bezugsquellen abschneidet. Daß ein Volk für die Befriedigung seiner Bedürfnisse sich ans das eigene Landesgebiet beschränken müsse, wagt heute niemand mehr zu behaupten. Der Gedanke schon, einer Welt, die ihre unentbehrlichsten Nahrnngs- und Bcklci- dungSmittel, Getreide, Wolle uud Baumwolle, von? äußersten Osten und Westen herbeiholt, ein HandclSgebict abzustecken, stellt sich unfaßbar dar; er uähme auch den weltumspannenden und wcltdurchflicgenden Verkehrsmitteln, in welche die Gegenwart ihren Stolz und ihr Gedeihen setzt, alleu Sinn. Die Theorie der Schutzzölle selbst versteckt sich da, wo sie ihr Haupt erhebt, hinter den ganz besondern Vorwand nur vorübergehender Einrichtnngcn zur Erziehung gewisser Gcwcrbszwcige. Dem Welthandel, dem allseitigen Austausch der Prodnctc zwischen allen Ländern im großen 32 und ganzen wagt niemand offen entgegenzutreten, und jeder Versuch der Art würde als baarcr Wnhusirm verlacht werden. Wer aber ciucn Welthandel will, der mnß anch ein Weltgeld wollen. Wer will, daß der Kaufmann in allen Wcltthcilcu soll kaufen, der muß wollen, daß er auch überall soll zahlen können. Die nothwendige Schlußfolgc ist die, daß er sein Land mit einem Gelde muß versehen wollen, das überall am leichtesten zu brauchen ist. Welcher Art muß aber ein solches Geld sein? Offenbar der Art, daß es am leichtesten abfließt. Nur diejenige Münze, die mit dem geringsten Opfer überall dahin versandt werden kann, wo etwas zu holen ist, entspricht dem Bedürfniß des dehnbarsten und bequemsten Weltverkehrs. Also die beweglichste Münze zn haben, ist das Ideal des gedeihlichen Industrie- und HandclSstaatcs, die beweglichste, d. h. die auswärts gerade so hoch geschätzt wird wie zu Hause; und welche andere Gruudbcschaffcnhcit könnte ihr diese Art von Beweglichkeit geben, als daß sie die beste, die beliebteste, die kostbarste in der Welt ist? In der That, eine brauchbare, eine gute, ciuc bewegliche, ciue dies- wie jenseit der Grenze beliebte Müuzc habeu wollen — was alles dasselbe ist — und eine, die nicht bei gewissen Schwankungen außer Landes geht: das heißt nichts anderes als ein Feuer haben wollen, das nicht brennt, und einen Fluß, der nicht fließt. Aber so wunderlich verwirrt sind die Gedanken der Menschen noch über diese Dinge, daß dieselben Leute, welche zur Zeit der Bcrathschlaguug über uuscr Müuzgcsctz begeistert für das System ciuer Wcltmüuzc eintraten, oder welche verlangten, daß wir uns dem französischen Systeme als dem weitest verbreiteten anschließen, daß dieselben Leute schwer « 33 nachdenklich werden, wcnn sie in Erfahrung bringen, unsere Goldstücke gingen über die Grenze. Woran dachten sie nur, als sie es so schöu fanden, wenn für die ganze Welt nur eine Art von Geld bestände? Der Gedanke ist ja ein sehr edler, schöner, etwa so erhaben und human wie der von den „Vereinigten Staaten Europas", vou der Abschaffung der stehenden Heere und dem ewigen Frieden. Bei näherer Betrachtung ist auch gerade dieser Gedanke der Weltmünze nicht als praktisch ausführbar vorzustellen, ehe nicht jeue andern Ideale erreicht sein werden. Aber daß die meisten Menschen, welche die Wcltmünze unter die Zahl ihrer Herzenswünsche anfnahmcn, an nichts weniger als an dcrcu wahre Bestimmung dachten, nämlich an die Aufgabe, sie unbehindert von Land zu Land ziehen zu sehen, das beweist der Schrecken, der sich in denselben Reihen verbreitet, sobald es heißt: „Es sind deutsche Goldstücke uach Brüssel versandt worden." Sie wollen eine Wcltmünze, und wenn dieselbe dem einzigen damit vernünftigerweise zu verbindenden Gedanken nur so uahe kommt, daß sie 30 Meilen weit über die Grenze geht, so verlieren sie schon die Fassung. ES gibt wenige Dinge auf der Welt, die einen so tiefen Sinn in sich bergen, als das Geld, uud wcuige, unter deren alleräußerlichste Oberfläche eiuzudriugen den Menschen so schwer wird. All die Zeiten her, in denen die Umgestaltung des deutschen Münzwcscns auf der Tagesordnung staud, konnte man täglich erleben, daß zwei Gedanken am meisten, wcnu nicht ausschließlich den Geist der sich darüber auslastenden Weltlcntc beherrschten, der Gedanke ans Reisen und der Gedanke an die Trinkgelder. Man Hütte wirklich glauben können, das ganze Leben der Nation erschöpfe sich Bamberger, Rcich-Zgold. g ^4 in Fcrienrcisen und Thccabcnden. Ob sich die viertcl- und halbjährlich wiederkehrende Zahlung Tausender noch hundert Jahre lausender Zinsschuldcn zu Hause nur mit unendlichen Brnchtheilen in Franken übersetzen lasse, erschien den Lenten gleichgültig, wenn sie mir in Zuknnft die Leichtigkeit erlangten, ihre Hotelrechnung in Genf oder ihre Modcwaa- renrcchnung im ^IaM3w än I^ouvre ohne Kopfbrechen zu regeln; und ob eine der Entwertung verfallende Silber- währnng Verwirrung in alle Preisverhältnissc bringen müsse, schien ihnen zu fragen nicht der Mühe werth, wenn sie nur die Möglichkeit erlangten, in Zukunft mit einem Franken Trinkgeld auszukommen, wo sie jetzt eine Mark zn geben haben. 5. Die Utopie der Weltmiinze und der Miinzconventioneil. Auch die wirkliche Weltmünze aus Edelmetall hat als Gedanke ihre Berechtigung. Nur daß die einzige Art, ihm näher zu treten, genau auf den Weg führt, welchen das Deutsche Reich eingeschlagen hat, nämlich ein Geld zn schaffen, welches geeignet ist, in der ganzen Welt stets die gleiche Geltung zu haben. Wer nur am äußern Schein der Dinge haftet, glaubt, dieses Ziel erreichen zn können, indem er vorschlägt, den Münzen aller Länder das gleiche Bild und die gleiche Zahlcnbcncnnnng zu geben. Er Übersicht dabei die Gefahren, die dem Verkehr gerade dadurch bereitet werden, daß die große Menge mit Nothwendigkeit an der Oberfläche der Dinge haftet. Denn unter dem Schein der Gleichheit der äußern Form werden im Laufe der Zeiten durch Abschwächnng des Inhalts dem Trug und Irrthum .die Wege geebnet. Eben was die Gleichheit erzeugen sollte, erzeugt dann die Verwirrung. In dem Unterschieben neuen Gehaltes unter alte Form faßt sich die Geschichte aller Münzcalamitäten zusammen. Wie schwer ist es nicht im eigenen Staatsgebiet, die Angehörigen gegen die Macht der 3* 36 Verführung zu sichern, welche dem falschen Scheiu beiwohnt. Ja Schein! bleiben wir nur einmal bei dem Wort, welches die Sprache so tiefsinnig hier anwendet. Einen Kassenschein nennt sie mit Recht ein Stück Papier, welches nur den Schein einer Kasse darbietet, und einen wilden Schein denjenigen, der nur aus dem verwilderten Schcinwcscn unsers vormaligen deutschen Gcldvcrkehrs herauswuchern konnte. Und trotzdem die Sprache selbst sich dergestalt das Amt der öffentlichen Warnung auferlegte, gelang es nicht, gelingt es kaum mit den strengsten Gesetzen, das wahre Geld vor der Vermischung mit dem falschen Schein zu bewahren. Und nun denke man erst an die Sicherung eines Weltgcldsystcms, das gegen die Künste nnd Geschicklichkeitcn aller Staaten dies- und jenseit des Meeres Deckung gewähren sollte, während es ihnen doch den Misbrauch des äußern Scheins unter der Gestalt der gleichbedeutenden Münze gestattete. Mnnzconventionen — und ohne Münzconvention ist doch selbstredend die Weltmünze oder etwas ihr Nahekommendes nicht denkbar — gehören zu den Verträgen, die ebenso sehr gegen die Natur des Völkerrechts gehen, wie der Sklaverei- Vertrag gegen die Natur des Personcnrechts. Ein Mensch kann seine Freiheit nicht dnrch Vertrag veräußern, und ein Staat kann seine Freiheit nicht durch einen Münzvcrtrag veräußern. In seinem Geldsystem liegt das Princip seiner leiblichen uud geistigen Existenz. Sein Geldumlauf ist wie der Blutumlauf eiue der Grundbedingungen seiner Erhaltung, und diese Existenzbedingung au andere Existenzen zu binden, ist ebenso unerlaubt wie unausführbar. Man sehe sich doch nur au, was aus den zwei großen Münzconvcntioncn unserer Zeit geworden ist. Im Jahre ^7 1857 schlössen dic deutschen BundcSstaatcn, zu denen damals Oesterreich gehörte, einen Mllnzvcrtrag, der noch lange nicht die Durchführung eines gleichmäßig in allen Stufen herzustellenden UmlnusSmittels zum Gegenstand hatte. Nur innerhalb der drei den Bund im ganzen beherrschenden Systeme, des Thalers, des süddeutschen und des österreichischen Guldens, sollte eine gewisse und verbürgte Uebereinstimmung erzielt werden. Und was davon ward zur Wahrheit? Der österreichische Guldcu, vou dem 45 Stück ans einem Pfund fein Silber geprägt wcrdcu sollten, ward in der Hauptsache — ein Stück Papier. Und als Deutschland nach seiner Neugestaltung daran dachte, sich eine wirkliche uud lebensfähige Münzeinheit zu geben, mußte es froh sein, daß der Krieg von 18M, beziehungsweise der Prager Friede, jenes uns an dic österreichische Geldconfnsion kettende Band einer Mllnz- convcntion durchschnitten hatte; doch nicht, ohne uns ein böscö Erbtheil zu hinterlassen. Dic österreichischen Guldcu- stücke, gerade wegen ihrer systematischen Uebereinstimmung mit dem Thalerfuß, wurden ein bedrohliches Element für die Rciucrhaltung unsers künftigen Geldumlaufs. Denn während dieser ausschließlich auf das Gold begründet, mit dein Silber nur als Scheidemünze und deshalb mir in genau vorgeschriebenen, vom Reiche controlirten und dem Reiche Vortheil gebenden Silbcrstückcn versehen werden sollte, blieben wir dcr Gefahr ausgesetzt, von einem fremden Silberstück aufgesucht zu werden, das unserm Zweimarkstück dem Schein nach gleich ist, aber ohne unser Zuthun uud zu unserm Nachtheil auswärts fabricirt werden konnte. Der Deutsche Reichstag hat sich bekanntlich von diesem Bedenken nicht abhalten lassen, das Zweimarkstück in die Münzen unsers Systems 38 einzureihen, was nicht viel beweist, wenn man erwägt, daß in der schwachen Mehrheit, welche so beschloß, religiöse nnd politische Motive den Ausschlag gaben; aber die RcichS- rcgicrnng hat vollkommen recht, wenn sie, von ihrer aus- führeudcu Gewalt einen verständigen Gebrauch machend, sich vorerst weigert, Zweimarkstücke zn prägen. Mit der Zeit, wenn unsere neue Münzverfassung sich eingelebt, wenn die Spuren des alten Lotterwcscns so wcit übcrwnnden sein werden, daß fremde Geldstücke vom deutschen Volke wie von einem jeden mit StaatSgcsühl erfüllten Volke stillschweigend zurückgewiesen werden, dann mag auch von der Ermächtigung, Zweimarkstücke zu schlagen, Gebrauch zu macheu sein. Ein noch viel schlimmeres Erbstück der 18ö7er Münzconvcntion ist der iu Oesterreich geprägte Thaler, dem wir auch nach dem Präger Frieden das einmal erlangte Bürgerrecht nicht entziehen konnten und den wir mit dem um 6—10 Proccnt theuerer gewordenen Golde einlösen müssen. Weil Oesterreich seine Barzahlungen einstellte, wurde sein Silberthalcr dort zu einem Luxus, dessen sich der Verkehr entledigte, um sich des im österreichischen Jnlaude glcichgcltcnden Papiergeldes zu bedienen; da er aber nach der Convention auch bei uns galt, so kam das letzte Stück nach Deutschland, um deu Vortheil zu genießen, mit dem mehrwcrthigcn Thaler Gold sich zn vermengen. Und das waren doch nur die Nachtheile einer Münzconvcntion, welche einerseits nicht einmal zur vollen Nnification zwischen beiden Staaten führen sollte und andererseits dnrch Krieg und Friedensschluß im ganzen noch rechtzeitig gelöst werden konnte. Noch viel crasser stellt sich die Sache heraus, wenn wir ciucu Blick auf die berühmte Lateinische Münzconvcntion 39 werfen, die man uns als Mustcr und sogar als Kernpunkt zum Anschluß so häusig empfohlen hat. Die vier Staaten, welche im Jahre 1865 sie untereinander abschlössen, waren Frankreich, Jtalicu, Belgien, die Schweiz (später trat als fünfter Griechenland hinzn). Eine rcspcctable Gruppe, sagte mau, vou damals beiläufig 75 Millionen Seelen. Die Grundlage des vereinbarten Münzshstcms war bekanntlich die Doppelwährung nach dem französischen Verhältniß von Gold zu Silber. Es dauerte jedoch uicht füuf Jahre, so hatteu drei der vier Staate» sich gezwungen gesehen, einen Riß in die Convention zu machen. Bon den 75 Millionen haben einzig und allein 5 Millionen Belgier sich stets, in 5en Grenzen der Uebcreinkunft bewegt und diese zu ihrem Schaden und mit Widerwillen. Griechenland mit seinen anderthalb Millionen Seelen, das Königreich mit dem angeborenen Bankrott, ist zwar im Jahre 1868 der Münz- convcntion bcigctrcten, aber nnr, um die darin vorgesehene nntcrwerthige Scheidemünze zu prägen. Die vollwerthige Courantmünzc hat es bis auf den heutigen Tag noch nicht ausgebracht; wohl aber von der unterwcrthigcn mehr, als ihm vertragsmäßig zukam. Italien setzte an die Stelle des Silbers und des Goldes einen Papicrschein, der zeitweise bis zu 15 Procent Verlust bei der Umwcchsclung in Gold oder Silber ergab. Frankreich wurde durch den Krieg gezwungen, an die Stelle des Silbers und des Goldes ciuc uncinlösbare Banknote zn setzen, die zeitweise bis 3 Procent unter den gleichnamigen Metallwcrth fiel, die allerdings seitdem sich wieder zur Gleichwertigkeit und sogar darüber hinaus erhob, aber vermöge solcher Fügungen, die sich jeder gesetzlichen Einwirkung, jeder Bestimmung ihrer Dauer und jeder 40 Berechnung entziehen; die Schweiz endlich sah sich bei AnS- bruch des französischen Krieges gezwungen, den ganz außerhalb der Lateinischen Convention stehenden, nach andcrm Schrot nnd Korn geprägten englischen Sovcreign dnrch Gesetz vorübergehend in ihr Umlanfssystem aufzunehmen und später mit Opfern auf Staatskosten wieder einzulösen. So wurde nach wenigen Jahren eine zwischen wenigen znm Theil wahlvcr- wandtcn Staaten abgeschlossene Müuzcouvcntion zum Messer ohne Heft und ohne Klinge. Die contrahircndcn Staaten stellen sich heute an, als Hütte sie ihren dreifachen Tod überlebt und bestehe noch weiter. Aber kein halbwegs Sachverständiger täuscht sich darüber. Was jene Staaten hindert, sich und der Welt die Wahrheit offen cinzngcstchen, ist die politische Anhänglichkeit an Frankreich, welches diesen Rest seiner Suprematie ungern abgeleugnet sähe, und dem die Sympathie der in Belgien am Nudcr befindlichen Katholiken gern diesen Tribut bringt, während die regierende Partei Italiens nicht blos von gleicher Sympathie beseelt ist, sondern auch bei der eigenen hülfloscn Finanz- und Papicrwirthschaft gar kein Interesse daran hat, einen Vertrag zu kündigen, dessen durchlöcherte Falten vielmehr noch dazu dienen, die eigene Blöße mit einem Nest von Anstand zu decken. Die Schweiz würde gern wie die liberalen Staatsmänner Belgiens sich dem formalen Zwange der zum wesenlosen Schein hcrabgcsunkencu Convention entziehen, nm je eher desto lieber zu dem einzig möglichen System der Zukunft, zur ausschließlichen Goldwährung überzugehen, wcun nicht mancherlei Rücksichten sie von dem entscheidenden Schritt zurückhielten. Wer unbefangen die Gesammtheit aller politischen und commerziellen Verhältnisse überblickt, aus welchen sich die Durchschnittsgcsinnnng 4l des schweizer Volks zusammensetzt, wird cS nicht miSbilligen, daß die schweizer Bundesregierung sowie ihre Vertreter auf der letzten Müuzeoufcreuz vou 1875 nicht Frankreich den Kummer bereiten wollten, die längst vollzogene Nichtigkeit der Lateinischen Münzconventiou offen darzulegen und ihren Staat frei vom Büudniß zn erklären. Anch die bloßen Sympathien haben einen sehr concrcten Werth und ein Recht ins Gewicht zu fallen, und uns Deutsche» steht es um so übler an, mit Geringschätzung von ihnen zn reden, als bei unserer ausgezeichneten Ungeschicklichkeit, deren zu erwerben oder anch nur zn erhalten, die Moral der sauern Trauben uns mit bestem Fug entgegengehalten werden köuutc. Aber die schweizer officicllen Actcnstücke selbst machen nicht das geringste Hehl daraus, daß sie einerseits nicht an den rechtskräftigen Fortbcstand der Lateinischen Münzconvention glauben, und daß sie andererseits wider bessere Ueberzeugung und znm Schaden des Landes die neuen Ucbcrcinkommen nntcrzcichnct haben, welche seit 1873 unter dem Namen zwar von Additioualvcrträgcu zur Lateinischen Mllnzconvcntion von 186ö abgeschlossen werden, der Sache nach jedoch nichts anderes sind als nagelnenc Verträge, ans den Trümmern der alteu errichtet. (Siehe den höchst interessanten „kapport au Lonseil lWeral suis^e sur la colM'Lnes Alonstairö des mni^ clö -lg,nvier kt ?övrier l87ö, par I^ein et I<'eLr- lIsl^yA, Oöleguv^ cle lii Luisse".) Wie die Schweizer, so drückt sich Frere-Orban, die größte ökonomische und finanzielle Autorität Belgiens, der langjährige erste Minister der liberalen Regierung, der bedeutendste lebende Staatsmann seines Landes, aus: „Der Lateinische Münzbnnd ist sozusagen factisch entzwei, vorausgesetzt auch, er bestände noch dem 42 Buchstaben nach, was ich dermalen nicht in Untersuchung ziehen will. Frankreich und Italien haben den Zwangscnrs des VaukbillctS decretirt; die Schweiz und Belgien allein haben noch eine Mctallwähruug, welche ausschließlich der Münzvertrag zum Gegenstand hat." (Sitzung der belgischen Zweiten Kammer vom 23. Juli 1873.) Ja sogar im Schosc der französischen Regierung selbst regt sich der Geist des Unbehagens. Das Einströmen des italienischen Silbers veranlaßte die Bank von Frankreich, sich gegen dasselbe zu vertheidigen, und es kam zn Rcclamationcn. Der schweizer Bericht von 1874 drückt sich hierüber aus wie folgt: „So sehr wir auch die groß angelegten internationalen Ideen einiger französischen Dclcgirtcn anerkennen, so war andererseits nicht zu übersehen, daß in gewissen Regionen der obersten Verwaltung ein feindseliger Geist gegen die Convention von 1865 selbst und gegen ihre Eonscqncnzc» cxistirt, d. h. gegen die Gemeinsamkeit des Münzumlaufs der vier Staaten, sowie gegen das Recht, welches jeder aus dem Bestehen der Convention ableitet, die Müuzgrundsätzc der drei ander» diöcutircu zn dürfen! Diese latente Opposition gegen die wesentliche» Grundlagen des Vertrags von 1865 schien uns eine Erklärung zu biete» für die verzögerten Vcrhandlungcu und für das relativ unbefriedigende Ergebniß derselben." — Wie viel gibt dieses Geständniß zu dcukcu! Zu den großen Nachtheilen nnd Behinderungen, in welche die cinzelucu Thciluchmer durch jene Convention verstrickt worden sind, tritt noch ein finanzieller Schade, von dem sich jeder durch einen Blick ins tägliche Leben überzeugen kanu. Ncbcu den Gold- und groben Silbermünzcn, welche die Grundlage der Uebcreinknnst bilden sollten, wurde die Aus- 43 Prägung von Scheidemünze (2 Franken, 1 Frank und V2 Frank) in uutcrwcrthigcm Silber verfügt, d. h. mit einem Zusatz von mehr als in Kupfer (^^oon). Da im Klcinvcrkchr diese Scheidemünze als gleichwerthiger Bruchtheil der voll- haltigen Courantmüuze umläuft, der prägende Staat also den ganzen Unterschied des Kupferzusatzcs als Gewinn einsteckt, so mußte auch vertragsmäßig festgestellt werden, wie viel solcher Scheidemünzen ein jeder der contrahirendcn Staaten auszubringen ermächtigt sei. Dagegen mußte man andererseits den so ausgebrachten Scheidemünzen auch gegenseitigen Zutritt gewähren. Und die Folge ist, daß die zum Vortheil der italienischen Finanzen ausgeprägten Scheidemünzen heute das Umlaussgebiet von Frankreich, Belgien und der Schweiz ausfüllen. Die unterwcrthigen Franken- und Zweifrankenstücke verlassen mit dem Jnstinct der im Herbst südwärts fliegenden Zugvögel das Gebiet, wo sie Brnchtheile werthlosen Papiers sind, um die glücklichen Gefilde auszusuchen, in denen sie die Brnchtheile, die Repräsentanten, die Mitbürger sei es höher stehenden Papiers wie in Frankreich, sei es vollwertigen Metalls wie in der Schweiz und Belgicu sind. Gerade so ging es ja, ob erwähntermaßen, mit deu österreichischen Guldeu, die nach Deutschland wanderten, und wie es jetzt mit den österreichischen Andert- halbguldcnstückcn gekommen, daß wir sie, um weder dem Einzelnen gegenüber ein Unrecht zn begehen, noch auf halbem Wege stehen zu bleiben, mit unserm neuen, höherwerthigcn Gelde werden einlösen, cinschmclzen und mit Schaden werden verkaufen müssen, gerade so wird es einst den besser situirten unter den Staaten der Lateinischen Münzconvcntion mit den fremden Courantsilberslückcn gehen, welche dieses Vcr- 44 hältniß ihncn zuführen mußte. Diese wuchtigen Thatsachen in so kurzen Zeitraum zusammengedrängt mögen genügen zn zeigen, daß alle Münzconvcntioncn von Haus aus auf einer die Thatsachen verkennenden Abstraction rnhen. Man braucht aber solche schlagende Vorgänge, um nachzuweisen was so viele Meuschcu zu crfasscu sich weigern, weil es ihren Licb- lingsidcen widerspricht. Führt nicht ein Blick auf den Lebcnslanf der knrzlcbigen Deutschen und Lateinischen Münzconvcntion znr besten Aufklärung über den eigentlichen Sinn eines Vertrags, durch den mehrere Nationen ihr Münzwescu zusammenketten, ja in Eins verschmelzen? Das bedeutet so viel, daß sie ihr ganzes Schicksal zusammenketten, ineinander verschmelzen! Denn so wie eine Nation in ihrem Schicksal getroffen wird, ist sie in ihrem Gcldkreislauf getroffen. Sprichwörter mannichfaltigen Ursprungs haben die letzte Entscheidung des Krieges, d. h. die letzte Entscheidung der Existenzfrage im Kampf ums Staatsdascin in den Geldbeutel verlegt.' Nun ist zwar aus jedem Blatt der Lehre vom Geld und Kapital mit Recht Verwahrung eingelegt gegen die Verwechselung beider als Begriffe, gegen die gemein-menschliche Auffassung, welche baares Geld uud Vermögen als gleichbedeutend nimmt. Allein das hindert nicht, daß die Kraft, über baares Geld zu verfügen, eins der untrüglichsten Ergebnisse des Vermögens- besitzcs ist, uud daß der Verfall des Vermögens sich am ersten an der Verlegenheit, dasselbe in baares Geld zn verwandeln, ankündigt. Aus der Stockung entspringt der Miscrcdit, aus dem Miscrcdit die Lähmung. In unsern hcutigcu Cultur- zuständcn sind Privatcrcdit und öffcntlichcr Credit so innig miteinander verwachsen, daß jeder Schlag, der dem Staate 45 eine Verlegenheit im Punkte der baaren Zahlmittel bereitet, auch die Wirthschaft jedes Einzelnen erschüttert. Wir haben seit hundert Jahrcu kciu Land, wie mächtig es immer gewesen, in einen schwierigen Krieg verwickelt gesehen, ohne daß sein Geldsystem dadurch in Verwirrung gebracht wordcu wäre. Die reichsten, mit Naturgaben am glücklichsten ausgestatteten, mit angehäuften Schätzen und gewerblichen Fähigkeiten am üppigsten ausgerüsteten Länder, England, Nordamerika, Frankreich, so gut wie Oesterreich, Nußland, Italien haben jähre- und jahrzehntelang sich Hülflos im förmlichen Staatsbankrott, der Papicrzahlung, hcrumgeqnält, wenn Kämpfe nach innen oder nach außen den politischen Bestand ins Schwanken brachten. Ja die neueste französische Kricgs- erfahrnng kann sogar in dem Sinne aufgefaßt werden, daß eine vorausberechnende Staatswcisheit sogleich im Beginn eines Krieges nicht übel thut, aus purer Vorsicht, uoch ehe die Nothwendigkeit dazn zwingt, die Baarzahluug einzustellen und Papier als Geld aufzunothigcn, damit für den eigentlichen KricgSbedarf und den Fall der Noth das Metall dem öffentlichen Schatze gesichert bleibe. Wenn aber unbczwcifclbar Münze im internationalen Sinne nur als vollwichtiges und vollwcrthigcs Geld verstanden werden soll, so heißt mit einem Staate eine Münzconvcntion abschließen nichts anderes als ihn verpflichten, daß er weder einen Krieg noch eine Revolution noch vielleicht eine Miscrnte erleben soll — ein Versprechen, so thöricht von sciten des Gebers wie des NchmcrS, uud daher doppelt thöricht, wenn, wie bei wechselseitiger Verpflichtung, jeder Theil Geber und Nchmcr ist. - Um in Fragen der öffentlichen Geldvcrfassnug nicht von der richtigen Spnr abzukommen, ist cö unerläßlich, die doppelte 46 Natur dieses subtilen Wesens fortwahrend im Auge zu behalten. Wer die Wichtigkeit der Form als des verbürgenden Maßstabes Übersicht, verfällt in den Irrthum derer, welche Banknotenfrciheit und dergleichen die öffentliche Sicherheit gefährdende Experimente befürworten, im Verlaß darauf, daß die Betheiligten mit eigenem Maßstabe prüfen köunen, ob die innere Kraft des Zahlnngsmittels der äußern Augabe entspreche. Wer umgekehrt auf die Erkennbarkeit des äußern Maßstabes einseitig den Werth legt, gleitet noch leichter vom Wege ab, denn er übersieht, wie leicht in der Welt der beweglichen Thatsachen unter dem Deckmantel einer festen äußern Form der innere Gehalt der Dinge sich verschiebt. Und gerade in diesen Fehler verfallen auch, wie vielfach zu beobachten, solche, welche mit exacten Wissenschaften und deren scharfen, unserm Gegenstände verwandten Begriffen umzugehen gewohnt sind. Ja diese ihre Gewohnheit gerade treibt sie auf den Abweg. Mehr als einmal ist von Mathematikern und Physikern scharfer Tadel darüber ausgesprochen worden, daß das Deutsche Reich nicht die Frankenrcchnuug angenommen habe. Sie meinen, nachdem das große Werk der Maß- und Gewichtseinignng mit seiner nicht hoch genug zu veranschlagenden civilisatorischen Bedeutung, nachdem der nicht minder segensreiche Wcltvcrband der Post und Tcle- graphic gerade auf Deutschlands eifriges Betreiben ins Werk gesetzt worden, sei es um so bedauerlicher, daß das deutsche Müuzsystcm auf diesem so wichtigen Gebiete die trennende Losung gegeben habe. Was sie verleitet, diesen Saltomortalc, diesen halsbrcchenden Sprung vom Meter und Kilogramm zum Geldstück zu machen, das ist eben, daß sie vor allem Mathematiker sind, d. h. Leute, die blos in den abgezogenen 47 Begriffen der an sich stoffloscn Maßstäbe leben, daß sie beim Gelde nur an die Forin, nicht an das Object denken. Wäre das Geld nur ein Meßinstrument, nur ein Mcßiuittcl wie der Meter und das Kilo, wäre das Geld wie diese nur eine Form, welche an einen Stoff angelegt wird, so könnte man mit Hülfe der für die ganze Welt gleichbedeutenden, weil nur im Verstände vorhandenen Zahlen auch ein unabänderliches Weltgeld einsetzen. Da aber mit dem Zahlcn- auSdruck ciu Stoff zusammenfallen muß, für welchen dieser Zahlcnausdruck den trügerischen Schein unterzuschieben nur gar zu sehr geneigt ist, so befinden wir uns eben hier an der Grenze der Unisication, solange die Welt nicht in ein gemeinsames StaatSwesen mit gemeinsamer Leitung und gemeinsamem Schicksal zusammcngeschmolzeu ist. Welche Ironie läge beispielsweise in einer identischen gemeinsamen Münze, welche zu Paris mit der Naudschrift „Disu pi otegs !a Kranes" geprägt würde, d. h. Gott wird uus schon Metz und Straßburg zurückverschaffcn, und zu Berlin mit der Randschrift „Gott mit uns", d. h. Gott wird uns helfen, cucrc Absichten zu Schaudcn zu machen. Für die Wcltmünze ist nicht eher der Moment gekommen, als bis auch die Naudschrift lauten kann: „Gott beschützt die Welt." Wann das sein wird, mögen die Friedenöcongrcsse bestimmen. Wie weit denn hätten wir es gebracht, wenn nun Deutschland, die Rücksichten anderer Art beiseitesctzcnd und alles der Uebereinstimmung mit den Ländern der sogenannten Lateinischen Union opfernd, seine Münzen in Franken und Cents eingetheilt hätte? Wäre heute der deutsche Frank mit> dem französischen, dieser mit dem italienischen oder letzterer wieder mit dem erstern gleichbedeutend? Wir brauchen ja 48 nur dcn italienischen Franken mit dcm französischen zusammenzuhalten, um auf dcn ersten Blick uns vom Gegentheil zu überzeugen. Für ciucu Wechsel von 1V0 Franken auf Genua gibt man in Paris heute (Mitte 1875) nur 93 Franken, und während mau in Bcrliu für ciucu Wechsel von 10i) französischen Franken 81 Mark bezahlt, würde man für einen Wechsel von 100 italienischen Franken nur 75 Mark bezahlen. Ist das nun bei der gleichen Benennung noch die gleiche Sache? Der Abstand war sogar schon doppelt so groß, wie er heute ist, er kann es bci jeder Biegung des Weges wieder werden, sowie er auch iu andern Zeiten ganz verschwinden kann. Von wieviel tausend Zufällen hängt das alles ab! Ob das Königreich Italien einen klugen oder einen unfähigen Finauzministcr hat, ob seine Bewohner glücklich odcr unglücklich ins Parlament wühlen, ob die Scidcnwürmcr der Halbinsel gesund oder krank sind — je nachdem diese odcr andere unberechenbare Fügungen in das Geschick dcS LandcS cingrcifcn, wird dcr italienische Frank bald mehr, bald weniger bedeuten; und was hier an den groben Verhältnissen der italienischen Finanzvcrlcgcnhcit auch dem nngcübtcn Auge sichtbar wird, dasselbe kommt, uur in feinern Schwankungen und Abweichungen, zwischen allen Ländern zum Vorschein. Und gerade die Uebereinstimmung der Bezeichnung bewirkt, daß dcr Wissende es bequemer hat, dcu Uuwisscndcu im Handel zu übcrvorthcilcu, währcud doch umgekehrt dic landläufige Auffassung dahin geht, daß dic Verschiedenheit dcr Hiuthciluug uud Bezeichnung dcr Münzcn dcr AuSbcutuug dcs Publikums durch die Geschäftsleute Vorschub leiste. Dic Verschiedenheit gerade nöthigt von selbst znm Nachdenken 49 über das Verhältniß des auswärtigen Geldes zum iuläudischcn, zum Vergleichen, zum Rechnen. Ein Uebel wird sie nur durch Kleinstaaterei und die damit zusammenhängende Staatcn- viclhcit, welche zu oft nöthigt, Verschiedenheiten zu berechnen. Besonderes Aergerniß entsteht natürlich, wenn die Miinz- grenzcn im selben Lande liegen, wie dies bis jetzt in Deutschland und früher in Italien und der Schweiz der Fall war. Soll damit gesagt werden, daß die Sicherheit des Geld- vcrkchrs zwischen zwei Ländern gerade auf der Verschiedenheit ihres MünzshstcmS beruhe? daß, je verschiedener die Namen, Gattungen und Beschaffenheiten ihrer Umlaufsmittel gegeneinander dastehen, desto weniger Schwierigkeiten und Opfer mit dem Austausche verbunden seien? Nachdem alle Folgerungen aus dem zu Grunde gelegten Satz zur Ausführung gekommen, wird sichtbar werden, daß hier nichts weniger als der Nutzen der Verschiedenheiten gepredigt werden soll; vielmehr das Gegentheil: die größte Uebergangserleichtcrung, mir gesichert durch diejcuigc Selbstbcschränkung, welche ein Grundgesetz aller Danerbarkcit ist. Alles crslicßt aus dem einen Satze, daß Form und Inhalt des Umlaufsmittels von ebenmäßiger Wichtigkeit für dasselbe sind, daß vou bcideu Bestimmungen, Form wie Inhalt, jegliche nach ihren eigenen Anforderungen beschaffen sein muß, keine der andern aufgeopfert werden darf. Alle Misgrisfc in der Anwendung entspringen aus dem Verkennen der Ebenbürtigkeit beider Elemente, daraus, daß bald dieses jenem, bald jenes diesem hintangesetzt wird. Gerade um diese Misgriffc nicht durch theoretische Bcgriffszcrlcguugcu, sondern durch crfnhruugsmäßigc Anschauung dem Auge nahe zu bringen, haben wir hier die scheinbare Abschweifung über Wcltmnnz- Bambcrgcr, Rcichsgold. 4, 50 systcmc und Münzconventionen cingeflochtcn, auf daß an ihnen sich zeige, zu welcher Selbstvcrnichtung die einseitige Pflege der Form des Geldes führt. Wir haben hier gesundcu, daß die Verschiedenheit der Form von Großstaat zu Großstaat eine Bedingung der Sclbstcrhaltung und der richtigen Erkenntniß im Gebrauch der Geldzeichen ausmacht. n. Die Einheit des Miinzmetalls die einzige sachgemäße Verwirklichung der Weltmünze nnd Grundlage des Wechsels. Betrachten wir nun das andere Element, den Stoff, aus welchem das Geld gemacht wird, so werden wir — um es gleich vorauszusagen — gerade die entgegengesetzte Vorschrift entdecken, die nämlich, daß für den Völkcrvcrkchr die Gleichartigkeit des Stoffs nothwendig ist. Die Erkenntniß dieses Grundgesetzes wird uns dann weiter von selbst znr Einsicht hiuleitcu, erstens: daß, einmal die Einheit des Stoffs gegeben, auch die Art oder vielmehr der Grad der Verschiedenheit der Form sich von selbst ergibt, und zwar mit der aus der Natur der Sache selbst sich ergebenden Schlnß- folge einer möglichst einfachen, leicht zu übersehenden, in bequeme Zahlcnverhältnisse zu fassenden Verschiedenheit. Denn es läßt sich wohl begreifen, daß eine Gleichheit des Stoffs, sofcru sie überhaupt von Grund aus nothwendig, sich wieder selbst aufheben würde, falls sie mit schwierigen, verschrobenen, starke Hindernisse bietenden arithmetischen Verhältnissen zusammenstieße. Wenn wir aber so festgestellt haben werden, daß Verschiedenheit der Form, Gleichheit des Stoffs und als gemeinsames Ergebniß beider ein möglichst einfaches 52 Zahlcnverhältniß in der Abmessung der verschiedenen Formen die richtige Grundlage des internationalen Münzsystems bilden, so werden wir — die Thatsachen vergleichend — finden, daß Deutschland auch für die Erleichterung des internationalen Geldverkchrs Alles und das Beste gethan hat, was von ihm gethan werden konnte. Wir werden aber aus der Fcsthaltung jener einfachen Sätze einen noch viel kostbareren Gewinn ziehen durch die Erlangung der Einsicht, daß die vielcrwogcne und viclnmlärmte Frage der sogenannten Doppelwährung sich mit Hülfe der obigen Voraussetzungen von selbst löst. Denn — um auch noch dies in Einem Wort vorauszuschicken — was könnte sich schließlich aus der für den Weltverkehr nothwendigen Bedingung des einheitlichen Stoffs der Umlaufsmittel anderes ergeben, als daß jene Grnndbedingnng durch das Schaukelshstem zweier Grundstoffe geradezu aufgehoben wird? Die Reichsmark, fußend auf der ausschließlichen Goldwährung, ist das einzige rationelle Geld, das zu schaffe» war, uud darum auch dasjenige, welches allein in ein lebensfähiges internationales Weltmünzsystem sich einfügt. Nachdem wir mit diesen hier einstweilen nur als Wegweiser aufgestellten Sätzen die Richtung voraus abgesteckt, um deren Verfolgung zu erleichtern, wollen wir zu der Wirklichkeit der lebendigen Vorgänge zurückkehren, getreu der Ueberzeugung, daß diese die besten Lehrmeister sind. „Es geht deutsches Reichsgold ius Ausland!" das war der Schreckcnsruf. Gerade deshalb ließen wir ihn uns zu Herzen gehen, um den Sinn zu finden, der in diesen Worten stecken kann, und, Sinn von Unsinn scheidend, zu beurtheilen, ob vernünftig war, was als Gesetz beschlossen wurde? ^ Warum denn gcht jenes Gold fort? Weil, wird die Antwort lauten, der Wcchselcurs auss Ausland hoch steht. — Hoch steht, was heißt das? — Nun, höher als der sogenannte Paricnrs. — Paricnrs, was heißt das? — Das heißt der Cnrs, wie er von Rechts wegen sein sollte. — Aber wie denn sollte er von Rechts wegen sein, sagen wir beispielsweise auf Frankreich! Nun 81! Was bedeutet 81? Für je 100 Fraukcu 81 Mark. Und warum ist gerade 81 von Rechts wegen der Curs oder, wie man sagt, die Parität des Curses, zu deutsch das vom Gesetz beabsichtigte Werthverhältniß der Reichsmark zum frauzösischcn Franken? Um diesen einen Begriff bewegen sich alle Betrachtungen, welche der Sache nahe kommen, und es wird daher vor allem noththnn, daß wir eine klare und faßbare Vorstellung des damit bedeuteten Sachverhalts an die Stelle des bloßen Wortes setzen. Fassen wir zuerst die Frage so, ob eö denn in der Absicht des Gesetzes von vornherein liegt, ein officicllcs Verhältniß des inländischen Geldes zum auswärtigen zu bestimmen? Antwort: ganz gewiß nicht! Keines Staates Mnnzvcrfassung besagt, was die eigene Münze, verglichen mit der des Nachbars, werth sein solle. Was denn thut das Gesetz? Es bestimmt einfach die Quantität von Edelmetall, die jedes seiner eigenen Geldstücke enthalten soll. Für die Mark begnügt sich das Deutsche Reich zn sagen: aus einem Pfnnd Gold sollen 1395 Mark geprägt werden; eö macht also aus solch einem Pfund 54 139-/2 Stücke von 10 Mark oder 69^ Stücke von 20 Mark. Das französische Gesetz kümmert sich ebenso nur um seinen Franken. Es sagt, daß aus einem Kilo Gold 3100 Franken, d. h. 310 Stück von 10 oder 155 Stück von 20 Franken, geprägt werden sollen. Beiläufig bemerkt, weicht die Sprache der beiden Münzgesetze hier in einem Punkte voneinander ab. Nicht etwa im Punkte der Pfunde und Kilo, welche sich durch einfache Verdoppelung oder Halbirung ausgleichen, sondern dariu, daß das deutsche Gesetz von Feingold spricht, das französische jedoch von Münzgold. Der Unterschied liegt nicht in der Sache, sondern nur in der Art, sich auszudrücken. In der Sache meinen und wolleu beide Gesetzgeber das Gleiche. Auch wir, obwol wir im Gesetz von Feingold reden, prägen nur Münzgold, d. h. solches, welches einen Zusatz von Kupfer hat, wie ihn die Widerstandskraft des Goldes gegen die Reibung verlangt. Und zwar haben wir genau das Verhältniß von einem Zehnthcil Kupfer auf 9 Zehu- thcile Gold gewählt, wie Frankreich und der ganze Lateinische Münzbund, uns hierin demselben anschließend im Gegensatz zu^ Großbritannien, das sein Gold nur, mit einem Zwölftel Kupfer versetzt. Unser deutsches Gesetz sagt deshalb auch an einer andern Stelle, indem es die Anzahl der auszubringenden Geldstücke um '/i„ herabsetzt, es sollen aus einem Pfund Münzgold 125,55 Stück von 10 oder 62,775 Stück von 20 Mark geschlagen werden. Jeder Staat 'bestimmt demnach, indem er den Gehalt seiner eigenen Münze bestimmt, auch das Verhältniß der- ^) ß. 4 des Gesetzes betreffend die Ausprägung von Neichsgold- niüuzcn vom 4. December 1871. 55 selben zur Münze des Auslandes, vorausgesetzt, daß beide sich desselben Metalls bedienen. Was ist nun der Wechsel? Er ist das Instrument, mittels dessen Zahlung von einem Lande zum andern bewerkstelligt wird. Wenn ich einen Wechsel von 300 Franken brauche, um ein Faß Wein, das ich von Bordeaux kommen lasse, zn bezahlen, so beanspruche ich damit einen doppelten Dienst, den, daß das Geld von Deutschland nach Bordeaux komme, und den, daß mein deutsches, z. B. in Berlin befindliches Geld, wenn es in Bordeaux ankommt, in Franken verwandelt sei. Für diese Doppclopcration gibt es zwei Arten der Ausführung, eiue, die sich einzig auf dem Wege der rechnungsmäßige» Ausgleichung durch einen bloßen Gedankenaustausch vollzieht, und eine andere, in der beide Elemente des Umsatzes stofflich durchgeführt werden, sowol der Transport als die Umformung des Geldes. Bekanntlich ist die erstere, die blos auf dem Papier vorgehende, die weitaus am meisten zur Anwendung kommende, obwol die letztere die eigentlich grundlegende ist. Der Ausgleich auf dem Papier oder vielmehr vermittels desselben, d. h. durch Wcchsclopcratiou, ist nur das Erzeng- uiß, sozusagen die Blüte der materiellen mit Müuzcu bewerkstelligten Ausgleichung. Wir wollen dies am lebendigen Vorgänge verfolgen. Wenn ich ein Faß Wein in Bordeaux mit 300 Fraukcn zu zahlen habe, dagegen der Bordelcscr für schlcsischcs Zink etwa 240 Mark nach Berlin schuldet, so findet die wechselseitige Schuld auf dem Wege der Bankgeschäfte ihre Auö- gleichuug. So einfach, wie sie hier geschildert, wickelt sich die Sache in der Wirklichkeit allerdings nicht ab. Weder die Beträge noch die Wege begegnen sich so geradlinig. Der 56 eine kaust für 300 Franken Wein in Bordeaux, der andere für 500 Franken Seide in Lyon und ein dritter für 1000 Franken Bronzcwaarcn iu Paris. Dagegen ist eine mehr als das Ganze zusammen betragende Partie Zink von Breslau oder Getreide von Danzig nach Nantes verkauft worden. Der französische Käufer in Nantes schreibt seinem Getreidcvcrküufcr in Danzig: Bitte, machen Sie sich bezahlt, indem Sie den Betrag Ihrer Factum in einem „Wechsel" auf mich ziehen. Der Franzose nämlich — und dieser Zug ist im Beispiel der Wirklichkeit entlehnt — ist im Puukte des Verkehrs mit dem Auslande ein bequemer Mensch, er schert sich ungern um fremder Leute Geld, Gewicht oder Sprache. Ich will, sagt er im vorliegenden Falle, hier in Nantes in Franken zahlen, was ich in Danzig in deutschen Mark schuldig geworden. Also, mein Herr Verkäufer, sorgen Sie gefälligst dafür, daß Sie Ihre Mark von Nantes nach Danzig zu sich hinüberziehen. Aus Nantes kann man wol Franken nach Danzig hinüberziehen, aber keine Mark, denn die gibt es in Nantes nicht. Also muß er weiter an den Verkäufer des Getreides die Bitte richteu: Besorgen Sie auch, daß bei dem Hinüberziehen die Franken, in Danzig ankommend, in Mark verwandelt seien, und da ich mir mit Ihren Mark den Kopf nicht warm machen will, ich kenne nur Franken („das einzige vernünftige Geld der Welt!" denkt er bei sich), so berechnen Sie mir gleich, wieviel Franken Sie hier von Nantes wegziehen müssen, damit sie in die nöthige Anzahl Mark verwandelt dort bei Ihnen in Danzig eintreffen. Der Deutsche ist gar willig hierzu. Sich mit fremden Formen und Gcwohuhcitcn herumzuschlagen ist ihm leicht und lustig, er weiß auch, daß dem Zimmcrmann die Späne gehören. S7 und er verachtet keinen Span. Er macht sich also daran, den Betrag seiner Factnra von Nantes nach Danzig herüberzuziehen, oder, wie man sagt, er zieht den Betrag auf Nantes. Er zieht das Geld zu sich, indem er den Wechsel auf den Schuldner zieht. Zug um Zug. Ganz in der gleichen Weise wird die Sache zwischen dem berliner Wcinkänfer und dem bordelescr Verkäufer abgewickelt. Obwol hier die Rollen des Käufers und Verkäufers getauscht sind, so übernimmt doch wieder der Deutsche die Arbeit. Der Bordelescr schwillt: Sorgen Sie, daß ich meine ZOOFrankcu hier in Bordeaux, also auch in,französischem Gelde empfange. Der Deutsche scheut sich uicht vor der Arbeit noch dem Kopfzerbrechen, die damit verbunden sind, die in seiner Kasse besinnlichen Reichsmark nach Bordeaux zu schaffen, sodaß sie in Franken umgewandelt daselbst ankommen. Nnn hat also der Manu in Danzig aus Frankreich herzuziehen, der in Berlin hinzuschicken. Was einfacher, als daß sie eS untereinander ausgleichen, daß sie ihre beiden Aufgaben auswechseln, ein Wcchsclgcschäft abschließen? Hier beginnt nun die eigentliche Lösung der Aufgabe. Der danzigcr Verkäufer soll den Betrag seiner Factnra nach Deutschland zichcn, der berliner Wcinlicbhabcr soll sein Geld nach Bordeaux schicken. Das ist schon ganz gut, daß die beiden Deutschen an Ort und Stelle die Sache miteinander ausmachen, indem sie übereinkommen, daß der berliner Wcinkänfer den dauzigcr Gctrcidcvcrkäufcr bezahle und der nantcr Gctrcidckäufer den bordelescr Wcinvcrkäufcr. Das Hin- und Herschicken wäre damit schon besorgt, d. h. erspart. Aber wie mit dem Umwandeln der Mark in Franken? Die beiden Franzosen wollen nichts davon wissen, sie wollen mir in 58 Franken zahlen und in Franken empfangen. Also müssen sich anch die beiden Deutschen die Köpfe zerbrechen, wie sie sich untereinander abzufinden haben, damit ihr diesseitiges, in Mark zu vollziehendes Geschäft jenseits in Franken erscheine. Sie haben neben dem zu ersparenden Transport auch die Verwechselung der Mark iu Franken zu besorgen. Den Lauf des Geldes zwischen Frankreich und Deutschland und die, Verwechselung des hiu- und herlaufenden untereinander haben sie zn betreiben. Nunmehr heißt's, den wahren Sinn des Rechts und der Verpflichtung ergründen, die jedem von beiden zukommen. Was verlangt eigentlich mein iiantcr Käufer von mir, sagt der danziger Verkäufer, in dem Ansinnen, daß ich so viel Franken von ihm herüberziehe, als ich brauche, um den mir geschuldeten Betrag Mark daraus zu machen? Was heißt das: Frank, was heißt das: Mark? Nun schlägt er die beiden Urtexte nach, die ihm allein auf seine Frage Antwort geben können, nämlich die beiderseitigen Münzgesetze.- Da findet er die Definition, die BcgriffSzcrlegnng seiner Rechte nnd Pflichten. Mit einem Franken, sagt ihm der französische Text, meine ich ein Gewicht an Gold gleich dem 3100ten Theil eines Kilo, vorausgesetzt, daß das Gold zu fein sei. Unter einer Mark, sagt ihm der deutsche Text, verstehe ich ein Gewicht Gold gleich dem 1255ten Theil eines PfnndcS Gold von V/ig Feinheit. Was, so wird der berliner Weinlicb- habcr, wenn er eigentlich der Sache auf den Grund kommen will, sich fragen, was verlangt eigentlich meine bordclescr Firma von mir? Ich soll ihr so viel Gold schicken, als in 300 Franken enthalten, d. h. 300mal den 3100ten Theil eines Kilo oder KOOmal den eines Pfundes. Wo finde ich ein 59 Pfund feines Gold? Aber liegt es nicht in meiner Kasse in Gestalt von 1255 Mark oder 125 goldenen Zchnmark- und l'/in goldenen Fünfmarkstücken? Den 3100teu Theil dieses Kasscnvorraths finde ich, wenn ich ganz einfach mit 3100 in 1255 dividire. Das macht 0,40484. Und da ich, um meine 300 Franken zn beschaffen, 600mal diesen Bruchtheil Gold brauche, so muß ich nun mit '600 multipliciren. Das ergibt 242,90 Reichsmark. Also sagen mir die beiden Gcsetzestcxte, ncbcncinandergchalten, ganz einfach und deutlich, was ich eigentlich zu thun habe, um dem Manne in Bordeaux seincu Willen zu thun. Bei der Verwechselung von Mark in Franken brauche ich nur 242,90 deutsche Ncichsgoldmark, um 300 französische Franken zu machen, oder, die Sache ans die leichte Zahl 100 zurückgeführt, den dritten Theil, d. h. 80,96^/z, sagen wir rund 81 Mark, um mir 100 Franken zu bereiten. Der Danzigcr hat sich von seiner Seite dieselbe Rechnung gemacht, nur umgekehrt gefunden, wieviel Napoleons er sich von Nantes beschreiben muß, um den ihm geschuldeten Betrag von Mark daraus herzustellen. Natürlich ist er ganz auf dasselbe Resultat gekommen: 100 Franken in Gold geben 80,962/z Mark in Gold. Diese Ziffer also, es ist kaum nöthig, das jetzt noch zn sagen, ist der Ausdruck des wechselseitigen Verhältnisses der Zahlungsmittel beider Länder zueinander. Sie enthält die Angabc des „WechselparicurseS". Und sie enthält sie auf die untrüglichste, zuverlässigste, unveränderlichste Weise. Weun jeder Staat nur treu und fest an seinem eigenen Münzgcsctze hält und dieses Münzgcsctz auf rationeller Grundlage rnht, so ist damit die beste aller Müuzcouvcutioncn gegeben. Wie aber das Gesetz beschaffen sein muß, um eine vernunftgemäße Grundlage zu haben, ist 60 aus dem Verfahren unserer beiden Kaufleute leicht abzusehen. Lassen wir zunächst dieses Geschäft sich vor unsern Angcn zu Ende spielen. Die beiden Leute waren sich, um einen festen Boden für ihre Unterhandlung zu gewinnen, jeder im stillen darüber klar geworden, daß er mit 81 Mark 100 Franken schaffen könne und umgekehrt. Das kaufmännische, jedem erreichbaren Vortheil nachspürende Interesse des Wcin- käufers ist also darauf gerichtet, etwas weniger Mark als 81 für 100 Franken zu zahlen, das des Gctrcidevcrkäufcrs, etwas mehr als 81 für 100 Franken zu erhalten. So entsteht der Kampf um den Wcchselcnrs, dessen Nuhepunkt in 81 steht. Nun könnte zunächst einer dem andern vorrechnen, was er an Unkosten und Gefahren erspart, wenn er das Geschäft durch Compcnsation ans dem Papier erledigt, statt Goldstücke zu schicken oder kommen zu lassen. Das wären Porto, Assccuranz, Umprägungskostcn, Commissionen u. s. w. Aber in allen diesen Sachen sind beide Theile gleichgestellt und jeglicher hat dieselben Nachtheile und dieselben Vortheile zu gewärtigen. Ihre Argumente heben sich mithin gegenseitig ans und sie kommeu wieder auf den alten Paricurs zurück. Nun sagt aber der Danziger: Lieber Freund, Sie mögen mir noch so scharf vordcmonstrircn, daß ich beim Herziehen von Napoleons gerade so viel Unkosten habe, wie Sie beim Hinschieben von Doppclkroncn; es bleibt mir immer noch ein besonderes und ganz unwidcrlcglichcs Argument dem Ihrigen gegeuüberzusctzen: Mein Nachbar, der Bankier, gibt mir für je 100 Franken, in einem Wechsel ans Bordeaux gezogen, 81Mark (die Verhandlung spielt im Juni 1875). Das ist allerdings eine ultima ratio, noch stärker als die berühmte der Kanone. Das Mehrgcbot bestimmt den Preis. öl Woher aber kann dieses Mehrgcbot kommen? Die Antwort liegt im eben belauschten Zwiegespräch. Wie jeder den andern überzeugen wollte, daß die Umschlagskostcn bei wirklicher Goldverscndung die gleichen seien, standen sich beide in ganz gleicher Stellung gegenüber, jeder mit dem gleichen Bedürfniß. Das Gewicht der Vor- und Nachtheile wog sich in beiden Wagschalen einander ans. Dem entsprach ohne Zweifel, den Umtausch zum Paricurs von 8l.zu machen. Setzen wir aber nun den Fall, neben dem Weinkäufer taucht plötzlich ein zweiter auf, der auch eine Zahlung nach Frankreich zn machen hat, der Gctreideverkäufer aber bleibt allein. Nun hat sich das Verhältniß geändert: dem einen, der das Bedürfniß hat, seinen Bezug von Gold aus Nantes zu ersparen, stehen zwei gegenüber, die gleiches Bedürfniß haben, eine Geldsendung nach Frankreich zu ersparen. Sosort wird die Lage des erster» die stärkere. Beide bewerben sich um das, worüber nur einmal verfügt werden kaun. Der Wettbewerb tritt ein. Daraus erklärt sich, daß der Nachbar Baukicr für 100 Franken auf Bordeaux 81^ bietet. Bei ihm haben sich mehr Leute gemeldet, die in der Lage unsers Wcinkäufcrs sind, als solche, die wie der danzigcr Kaufmann ans Frankreich ziehen können, d. h. mehr Leute, die iu Frankreich gekauft, als solche, die dahin verkauft haben. Letztere sind die Herren der Lage. Aber wie weit sind sie die Herren? Können sie ihre Ansprüche beliebig hochhalten, je nachdem die Bewerbung um das, was sie zu geben haben, steigt? Mit andcru Worten: Gibt es eine Grenze für die Entfernung des jeweiligen Cnrses von der Mittelachse des Paricurscs? Hier ist es, wo die Unterscheidung zwischen richtigen und falschen Geldvcrhältnisscn zncrst sichtbar wird. 62 denn hier haben wir gelernt, cin Maß der Dingc finden, um die es sich handelt. Als unsere zwei ersten Kauflcntc einander gegenüberstanden, hatte keiner Gewalt über den andern, ihm noch etwas von dem Betrage der Unkosten abzudingen, deren Ersparung jedem gleichen Vortheil brachte. Als die Bewerber von der einen Seite sich mehrten und es galt, einander den Rang abzulausen, trat au die Stelle des früher geschilderten Monologs ein anderer. Wieviel Mark kann ich für 100 Franken geben, fragt sich der Weinkaufcr, nachdem er von der ersten Verhandlung ohne Resultat heimgekommen, um meiuc Nebcn- buhler zu überbieten? Wie weit zu gehen habe ich noch einen Grund? Nun beginnt eine neue Rechnung zu der frühern. Als er sich zum ersten mal besann, hat unser Wcinkäufer nnr die beiden Gcsetzcstcxte verglichen und die Ziffer 80,96 ermittelt. Jetzt stellt er sich die Frage so: Was kostet mich im schlimmsten Falle die Operation, wenn ich die 242 Mark ?0 Pfennige nach Bordeaux schicke? Nun bcgiuut die Ausstellung aller kleinen Ausgaben, die mit dieser Sendung und Umpragnng verbunden wären. Wir haben sie bereits erwähut und brauchen hier nicht mehr zu wissen, als daß sie -— nehmen wir an — zusammen sich auf etwas wie Procent belaufen, iu uuserm Falle also ^ Proccnt auf je 81. Mark oder 60 Pfennige. Klar ist also, daß mehr als 8l,60 für 100 Franken zu zahlen kein Grund ist; dagegen, dicsseit der bezeichneten Grenze, immer noch mehr Vortheil ist, den Preis zu bietcu, als selbst die Goldvcrsendnng vorzunehmen. Wenn in unserm Beispiel im Juni 1875 der Nachbar Bankier sogar 81,75 bot, so war theils der Grund im Spiele, daß der Vorrath des znr Versendung brauchbaren 63 Goldes nicht reichte, theils der Lohn, den er sich für seine Dazwischcnknnft berechnet und welchen der andere willig gibt, da er auf die einschlagenden Hantierungen mehr Mühe und Kosten verwenden müßte. Aber welches auch die Schranke sei: wir haben hier eine Antwort gefunden auf unsere Frage. Der jeweilige Wcchsel- curö kaun sich von der Mittelachse des ParicurseS nicht weiter entfernen als um das Maß der Unkosten und Opfer, welche durch die Versendung des einen LandcsgcldcS und seine Umwandlung ins andere bedingt werden. Für die Verhältnisse der großen Handelsländcr des europäische» Festlandes liegt die äußere uud innere Grenze dieser Abweichung zwischen 1 und ^ Proccnt. Selbstverständlich kann die Erscheinung ganz uach der audern Seite ebenso weit umschlagen, wie wir es hier uach der ciucn gezeigt haben. Wenn der danziger Verkäufer Nivalcn neben sich auftrete» sieht und der Weinkänfer allein bleibt, geht der Curs statt Wer 81 hinauf unter 81 hinab, und zwar bis 80,40, beziehungsweise 80,25. In diesem Falle sagt man, der Curs sei zu Frankreichs Ungunsten, im andern, er sei zu dessen Gunsten. Was hier am Verhältniß zu Frankreich gezeigt worden, gilt natürlich von dem Verhältniß zn jedem andern Lande, und was als Ergebniß der dirccten Ausgleichung vou Land zu Land gilt, kommt uicht minder zn Stande, wenn der Umweg über ein drittes und viertes Land geht. Hat das eine Land Schuldcu nach Frankreich zu bezahlen, aber keine Forderungen an dasselbe, dagegen Forderungen an ein drittes Land, gegen welches Frankreich Schulden zn tilgen hat, so setzt sich die Rechnung der zu ersparenden Verscnduugs- und UmschmclzuugSkostcn aus den Factoren zusammeu, die von «!4 drei Seiten sich kreuzen, und so ins Unendliche. Der Mode- waarcnhändler in Montevideo bezahlt seinen Lieferanten in Paris mit der Fordcrnng, welche der Fellhändler in Bucnos- Ahrcs an den londoner Importeur hat, weil einem andern englischen Hause in Paris für Baumwolle geschuldet wird. Der Wechselkurs von Paris auf London ist nicht das ausschließliche Facit der Geschäfte zwischen Frankreich und England, sondern aller Geschäfte, welche beide mit allen Ländern lanfcn haben; nnd die jedesmalige Abweichung dieses Tageskurses von dem festen Punkt des Paricnrses ist das Facit aller auf dem Erdenrund angestellten nnd sich kreuzenden Berechnungen der Kostenersparnisse bei Gcldverscndungen. Das alles gilt natürlich nur zwischen Ländern, die eine als Metall verwerthbare Münze besitzen. Wo diese fehlt, treten ganz andere Elemente hinzu. Die Zahle», die dcu Preis ausdrücken, um welchen Forderungen und Schulden von einem Lande zum andern jeweilig ausglcichbar sind (die Tagescurse der Wechsel), stellen die Summe unendlich vieler AnziehungS- und Abstoßnngs- kräftc im Weltraum des Verkehrs dar, die sich sämmtlich jeden Angenblick nach ihrem wachsenden oder abnehmenden Schwergewicht untereinander in ihrem Einfluß bestimmen. In der Schreibstube des Bankhauses befindet sich das Observatorium, welches alle Wirkungen dieser beständig sich verschiebenden Gravitatiouscrschcinnngcn berechnet, und das Anstellen dieser Berechnung so wie deren Verwerthung nennt die Gcschäftssprachc mit einer ganz richtigen und feinen Bezeichnung: „arbitragircn" oder „arbitrircn", d. h. ausgleichen. Das Arbitragcgcschäft im wahren Sinne ist die gesunde Grundlage und der eigentliche Beruf des Bankgeschäfts, eine -Thätigkeit, die natürlich in der unbegrenzt vcrvielsültigtcn 65 Bewegung des heutigen Weltverkehrs durch tausenderlei Formen hindurchgeht und sich mit tausenderlei Abarten geschäftlicher Thätigkeit' verbindet. Das bloße Kapital- und Spccnlationsgcschäft zieht mehr die Aufmerksamkeit der Draußenstehcnden auf sich, weil es in seinem Wesen und Gang leichter zu fassen und in seinen Wirkungen gröber ist. Aber die Arbitrage bildet nichtsdestoweniger den Kern jedes wahren Bankgeschäfts, und auch heute noch, trotz der großen Rolle, welche die kapitalistischen nnd speculativcu Opcratioueu spielen, füllt es bei weitem die größere Masse der Bauk- thätigkeit aus, sowol nach der Zahl der sich damit befassenden Personen, als nach den darin verwendeten Beträgen gerechnet. Es saß an der Wiege des Welthandels im 14. und 15. Jahrhundert, wie es noch heute den bewegenden Apparat des riesenhaften Austausches von Waaren und Kapitalien zwischen allen fünf Wclttheilcn bildet. Das Zerrbild, nntcr welchem in den Augen der Menge (und wer gehört uicht alles zur Meugc!) das Bankgeschäft sich darstellt, verhält sich zur Sache selbst wie zur Chemie und Astronomie der Stein der Weisen nnd das Horoskop, die so lange als deren Bcrufsobjcctc angesehen wurden. Wir haben soeben gesagt: Zwischen allen Ländern mit rationeller Gcldvcrfassnng bildet der Paricurs den Rnhepunkt, vou welchem der Zeiger des Tagcscurses nur eiuc geringe Abweichung markircn sollte. Dennoch kommen starke Abweichungen vor, offenbar da, wo die Geldvcrfassuugcu nicht mehr rationell beschaffen sind.*) Und wir werden das auch alsbald verstehen, wenn wir uns 5) Vgl. sMer Nummer 1k. B a m li crg cr, NeichSgold. 5 66 nur zurückbegeben wollen zu den Elementen, aus dcncu wir den Wechsclcurs zusammengesetzt gefunden haben. Der Wechsclcurs ist vou Ncchts wegen nichts als dic abgezogene Formel für dicVerscndnng und Umschmelzung von Edelmetall. Unter dem Scepter derselben Gesetzgebung zahlt man mit Münze, d. h. mit der für beide Theile gleich rechtskräftig verbürgten Form von Metall. Zwischen Parteien, die unter verschiedener Gesetzgebung stehcn, zahlt man mit Metall, das jedwede nach den Normen ihrer Gesetzgebung prüft uud umbildet. Es gibt auch einen binncnländischen Wcchsclcnrs; die Elemente seiner Abweichung von der Parität setzen sich aber nur aus den Unkosten und Gefahren mäßiger Ortsverändcrung, nicht auch ans denen der Umgestaltung aus einer Müuze in die andere zusammen. Noten, Bankverbindungen uud Postvcrkehr habcn daher die binncnländischen Cursschwanknngcn auf ganz kleine Verhältnisse zurückgeführt. Nuht aber der normale Wechsclcurs, d. h. dic Bcrechcn- barkcit dcr Waarcntauschvcrhältuisse von Land zu Land aus dcr Ucbcrscudung und Umbildung des Metalls, so ist damit gesagt, daß eben diese Bercchcnbarkcit auf zwei unerläßlichen Voraussetzungen begründet ist, nämlich der Identität dcr gebrauchten Metalle und dcr Zuverlässigkeit ihrer Umwandluug aus einer Münze in die andere. > 7. Die richtigen Grenzen für die Verschiedenheit des Geldes bei der Einheit des Metalls. Hier haben wir die Stelle erreicht, wo die wahre Naiur der die Welt nach höchster Zweckmäßigkeit verbindenden Münzen sich zn erkennen gibt. Sie ruht in dem Zusammentreffen von Einheit mit Beweglichkeit und Umbildsamkcit des Metalls. Indem der Nachdruck auf die Grnndbcschaf- fcnhcit des Stoffes gelegt wird, sind alle Gefahren beseitigt, die aus dem falschen Scheine entstehen können. Nicht auf den Gleichklang des Namens zielen die Fragen des Bcthei- ligtcn, sondern auf einfache Gewichts- und Mischungsverhältnisse. In der Wahl des gleichen Metalls liegt die einzige Möglichkeit, ein stetiges und stets berechenbares Vcrbin- dungsmittel von Land zu Land zu besitzen. Dadurch gelangt das Geld dazu, diesseits der LandeSgrenze vor den Gefahren sicher zu sein, gegen die ihm nur die Bürgschaft des eigenen Staates Schutz gewähren kann, und doch jenseit der Grenze nicht blos Waare zu werden, die nach unsicher» ewig schrankenlos schwankenden Bedürfnissen und Maßen berechnet wird. In jedem Staate, der sein Geld nur aus einem bestimmten Metall herstellt, wird die Quantität des Münzmctallö s* ein für allemal für jede Werthbestimmung fixirt, und es handelt sich bei der Ausgleichung von Land zu Land hernach nur noch um die Vertrautheit mit den Gcwichts- nnd Mischungsverhältnissen, welche am betreffenden Orte zur Anwendung kommen, sowie um die Kosten der Versendung und Umgestaltung. Es ist klar, daß die großen Zwecke, welche der Mechanik des Weltgeldverkehrs im Gegensatze zu der des Binnenverkehrs anvertraut sind, nicht durch die ausübende Thätigkeit des Dilettantentums versorgt werden können, sondern wie jede wichtige und eigenartige Function des Gesammtlcbens ihre berufsmäßigen Träger verlangen. Für diese bilden begreiflicherweise auch die feinern Verschiedenheiten in der Verwendung des Metalls zur Münze keine Hindernisse. Wenn England seine Goldmünze zu "/^ fein und Kupfer mischt, statt wie Frankreich und Deutschland zu ^g, wenn das deutsche Münzgesetz die Fehlergrenze in dieser Mischung auf fixirt, der Lateinische Münzbund sie auf Vioon rcducirt hat uud die Engländer sogar bis auf Vioooo Probiren, so spielen alle diese zarten Schwellungen ihre Rolle in der Berechnung des Austauschs der Goldmüuzcu von Land zu Land und üben ihren ganz bestimmten Einfluß auf den Wechselkurs, in dem sie, wie alle mitwirkenden Gravitationskräfte, sich schließlich rcflcctircn. Aus der Feinheit selbst der Verschiedenheiten leuchtet aber hervor, wie grob und falsch die vom Redner- und Schrciberpobcl verbreiteten Ansichten sind, daß der Betrieb des Edclmctallgcschüfts ins Gebiet der mit außerordentlichem Gewinn arbeitenden Geschäftszweige gehöre. Wo sich alles um so feine Schwellungen dreht, welche für die schwächste Concurrcnzströmung in !!l> ihrer Ab- und Zunahme empfindlich sind (man vergleiche die diesem Gange genau entsprechenden Schwankungen des Wechselthermometcrs), ist breiter Spielraum für die Vor- thcilzichung schon an sich ausgeschlossen. Will man außerdem in Erwäguug zichcu, daß in diesen sich um die metallische Quintessenz des Geldes drehenden Trausactioueu ebendeshalb jedes Element fictiver Natur grundsätzlich ausgeschlossen ist, so wird man unschwer begreifen, wie plump die Vorstellung ist, welche sich den Umschlag der Edelmetalle als eine Art Börscngcschäft denkt. Unwissenheit und Lüsternheit gerathen sofort in höchste Erregung, sowie das Wörtlcin „Gold" in ihrem Gesichtskreise auftaucht, gerade so wie sie sich auch etwa vorstelle», daß nach Gold oder Silber graben unendlich mehr Gewinn bringt, als nach Blei oder Kohlcu graben. Für die internationalen Bedürfnisse des Laien, welcher in mancherlei Fragen und Lagen des Lebens die Münzen zweier Länder miteinander zu praktischen Zwecken zu vergleichen hat, soll übrigens die Münzgcsetzgcbung nicht gleichgültig sein. Nachdem sie ihrer ersten Pflicht Genüge geleistet, dem großen Verkehr seine wahren Bürgschaften zu verschaffen, d. h. Müuzsystcme einerseits mit wohlverwahrter Selbständigkeit, und andererseits mit universeller Geltungskraft, darf uud soll sie auch der zahlreichen Individuen gedenken, welche auf Reisen oder bei Geschäften Veranlassung finden, die Kenntniß der Müuzvcrschicdcuheit zu berücksichtigen und zn verwerthen. Die Gesetzgeber des Deutschen Reiches habcu diesen Gesichtspunkt nicht mit Geringschätzung behandelt. Sie haben ihm mit die erste Stelle in ihren Erwägungen eingeräumt, als es sich darum handelte, eine 70 Münzverfassung zu geben. Wer die betreffenden Verhandlungen des Reichstages und die ungeheuere sich um dieselben gruppircnde Literatur nachschlagen will, wird erfahren, daß nicht weniger als vier Eintheilungsartcn der Münze sich das Recht streitig machten, die stärkste Anziehungskraft auf das vom deutschen Volke neu auszmichmcnde System auszuüben. Anschauungen der Politik, Vcrkehrsgewohnhcitcn und kosmopolitische Neigungen hatten namentlich einem Theil der süddeutschen Bevölkerung für den Gedanken an den Beitritt zum Fraukensystem seit langer Zeit ciuc Art Hcr- zcnsneigung eingeflößt. Der Norden und besonders die großen Seeplätze mochten dem mit nicht geringerm Nachdruck die weltumspannende Herrschaft des englischen Pfund Sterling gegenübcrsetzcn. Dasselbe durfte um so eher den Vorrang beanspruchen, als es — damals allein — der Repräsentant derjenigen Gcldgcmcinschast war, welche auf der auch von Deutschland angenommenen ausschließlichen Goldwährung ruht. Der Entschluß, sich letzterer zuzuwenden, hatte nämlich nichts gemein mit der Eiutheilung der Münzen. Er stand für Deutschland aus wohlerwogenen Gründen ganz anderer Art fest, bevor die Einthcilnng in Frage kam, und mußte vorher in unabhängiger Weise festgestellt werden. Nachdem wir aber zu der ausschließlichcu Goldwährung gekommen waren, standen die größten Bedenken einem Vorschlage gegenüber, welcher in die neue Schöpfung des Reiches schon bei ihrer Geburt eine Zweideutigkeit hineinzutragen drohte. Der Frank ist einheimisch in dem Münzbcreich der grundsätzlichen Doppelwährung; d. h. unter dem Franken versteht man gleichzeitig eine bestimmte Gewichtseinheit Silber und eine Gewichtseinheit Gold. Den Aus- 71 zangspunkt der deutschen Münzreform bildete aber gerade 5er Grundsatz, daß es vom Uebel sei, unter einer und derselbe» Bcgriffsbczcichnung zwei verschiedene Sachen zu verstehen. Wie durchaus falsch wäre es nun gewesen, in dem Augenblicke, da man diesem Fehler im eigenen Lande ans dem Wege gehen wollte, ihm dadurch doch wieder in den Nachen zu laufeu, daß man die gleiche Bcgriffsbczcichnnng mit dem Doppclsinne der Nachbarländer annahm. Dieser Grund allein mußte ausreichen, um das Frankensystem unmöglich zu machen, obwol er — wie das zuweilen geht — sonderbarerweise weder in den Motiven des Gcsctzvorschlags noch in den parlamentarischen Verhandlungen zu fiudcn ist.-") Auf diese Weise hätte der Sovereign sicher noch den Vorzug vor dem Franken verdient. Nun aber war sowol dem Franken als dem Sovereign ein drittes System gegenübergestellt, eins nämlich, welches den Grundgedanken des Lateinischen Münzvcrbandes in einem höhcrn Sinn realisircn wollte, indem es eine neutrale, neue, gemeinsame Münzeinheit erdachte, die als Compromiß zwischen allen großen Nationen angenommen werden sollte. Es war dies die Goldmünze im Betrage von 25 Franken^) rund (zu einem Ge- Die Sache findet ihre Erklärung darin, daß zur Zcil des ersten Entwurfs betreffend die Einführung einer ReichSgoldmiinzc die Srage der einfachen oder Doppelwährung formal noch schwebte, obwol sie doch durch den Gesetzentwurf bereits als entschieden angesehen werden dnrftc. Im übrigen wenden sich die Motive des Entwurfs mit energischen und zutreffenden Ausführungen gegen den Gedanken der internationalen Münze. 5*) Die fixe Idee vom Fünfundzwauzigsraukenstiick verfolgt noch immer unser Zwanzigmarkstück, svdaß mau iu der Schweiz fortwährend von deutschen Reisenden klagen Hort, das Zwanzigmartstück erleide wicht von 7,2581 fein), der sich sowol dic französische als die englische, amerikanische nno deutsche Gcldgcwohnhcit vermöge einer leisen Abweichung von ihren bisanhcri- gen Typen mit Leichtigkeit anpassen ließe. Andere wiederum schlugen vor, denselben Zweck auf einem theoretisch noch idealcrn Wege zu erreichen, indem eine rnndc Gewichtseinheit in Gold (1 oder I V2 Gramm) als das einzig vernunftgemäße Maß zur Univcrsalmünzc erhoben werde. Dies waren die drei verschiedenen Ziele, auf welche dic Inschriften des WeiserS am Kreuzweg der Reform hinzeigtcn, nnd der lctztbeschricbcnc der drei Wege theilte sich, wie wir gesehen, sofort wieder in zweierlei Pfade nach verschiedenen Richtungen. Aber ans der vierten Seite wies noch eine letzte Inschrift kurzwcg nach dem heimischen Herde. Sie enthielt die Mahnung, daß, bevor wir auf dic Bequemlichkeit der Uebereinstimmung mit den 75 Millionen Lateinern oder mit den 250 Millionen Großbritanniens und seiner Colonicn oder gar mit der gesauuntcn Menschheit mehr oder weniger erfolglos hinarbeiteten, die Uebereinstimmung mit uns selbst nicht das letzte der zu erstrebenden Ziele wäre. Die vorwärts blickenden Wcltumarmcr vergaßen, daß man eine Gcldverfassung noch viel weniger als eine politische Magna-Charta auf ein weißes Blatt Papier schreibt; daß die Vermögens- und darum auch dic Gcldvcrbindlichkcitcn sich von Geschlecht zn Geschlecht fortspinncn; uud daß eine Reform, ehe sie die Fäden jenseits der Grenze anknüpft, auch daran zu denken hat, dieselben diesseits nicht mit solcher einen Verlust, weil es nämlich mit Recht nicht fiir 25 Franken passirt, da es nnr 24,69 werth ist. Ich habe viele wahrhaft komische Lcencn ans diesem Anlaß erlebt. 73 Gewalt abzureißen, daß Millionen festgeknüpfter Verhältnisse- auf unberechenbare Perioden hinaus in unerträgliche Wirrungen gerathen müssen. Alle die unzähligen Zahlungsverpflichtungen, die auf lange, oft hundertjährige Termine hinaus in einem Lande von 40 Millionen begründet sind, waren sie nicht ebenso nothwendig umzurechnen als die neucu Geschäfte, die wir in Zukuuft mit dem Auslande, mit beiden Hemisphären erst abzuschließen gedachten? Alle Lasten des Grund uud Bodens, alle Staatsvcrbindlichkeitcn, alle Vcr- briefuugcn der großen Industriebetriebe (mau denke nur an die 99jährigen Eisenbahn-Schuldentilgungen!), von Millionen anderer Verhältnisse nicht zu reden mit ihren sich vicrtcl- oder halbjährlich wiederholenden Zinslcistnugcu, sie alle waren aus unsern Guldcu- uud Thalerwähruugcn in die nen- vorgcschlagcncn umzurechnen. Und ncbstdcm hatte jeder Einzelne, um sich mit dein ncncu Gelde vertraut zu machen, bei jeder Ausgabe die vergleichende Operation zwischen seinen alten Wcrthvorstcllungcn nnd den nenen Begriffen zu machen. Auch diese Rechnung sollte, nach jenen verschiedenen Vorschlägen, mehr dem Zwecke untergeordnet werden, künftige freiwillige Beziehungen des Deutschen zum Auslande, als unfreiwillige in der Vergangenheit begründete Beziehungen aller Deutschen zu sich selbst zu erleichtern. In der That, ein echt deutscher Gedanke, während dem Franzosen die Idee der Wcltmüuze im Moment der Empfängnis; nur iu der Gestalt der Erhebung seiner eigenen Münze zu derjenigen der ganzen Erde erschien. Die gegebene Nothwendigkeit, sich zwischen vier bis füns Wegen zu entscheiden, führte unvermeidlich dazn, drei bis vier von ihrem Rechte und ihrer Einsicht durchdrungenen 74 Parteien tiefe Unzufriedenheit zu bereiten, und vielfache Klagen hätten die deutsche Münzreform überlebt, wie sie auch immer sich gewendet. Daß sie in so beschaffener Lage zunächst dem heimischen Bedürfniß gerecht zu werden für das Richtigste hielt (LImrit)' degins a,t> Iioms), wird bei ruhiger Erwägung ihr selbst derjenige einräumen, der nicht Misere Ueberzeugung theilt, daß eine nominelle Münzeinheit mit dem Auslande nicht wünschenswert!) ist, oder vielmehr, daß man, um ein bekanntes Wort anzuwenden, die Münzverschic- dcnheit unter den,Ländern erfinden müßte, wenn sie nicht cxistirte. Und bei allcdcm hat unsere Reform dem Bedürfnisse des Weltverkehrs, das niemand in Deutschland unterschätzt, so viel zu Liebe gethan als nur immer anging. Nachdem sie eine Münze zu Grunde gelegt, welche sich mit der mcistverbrcitc- tcn herrschenden Thalcrmünzc vollkommen deckt, ging sie auch so nahe als möglich an die eine der vorgeschlagenen Wcltmünzcn heran, welche zugleich den Vortheil bot, daß sie sich dem Typus des auf dem gemeinschaftlichen Gedanken i»er ansschlicßlichcu Goldwährung ruhcudeu englische» Münzfußes äußerlich mehr anbequemte, und nichtsdestoweniger ihre Umrechnung in den französischen dennoch leichter machte, als bisher der Fall gewesen war. Das Zwanzigmarkstück rückt bis auf 2'/^ Procent an den Goldwerth des Pfund Sterling heran, und die Mark rcprä- scntirt bis auf deu Abstand von Procent zum Franken das Verhältniß von 4 zu 5. Für den berufsmäßigen Geld- ncrkchr haben diese Annäherungen allerdings keine Bcdentnng, denn seine Arbeit beginnt erst innerhalb der Grenzen jener kleinen Abweichungen, welche das Bedürfniß des Laien über- ,75 ficht. Für dieses, das, auf seinen richtigen Platz gestellt, auch das Recht hat, an Trinkgelder und Wirthshansrcchnun- gen zu denken, genügt jene gröbere Rechnung, daß die Mark 1'/4 Frank oder 1 Shilling ist, und ebenso genügt diese Rechnung für die tausendfachen Anlässe, bei denen wir im Beurtheilen von Zahlen, die in fremder Münze ausgedrückt find, das Verlangen tragen, dieselben uns in vertrauten Vorstellungen zur Empfindung zu bringen. Wenn wir lesen, daß 20 Millionen Franken für die Ueberschwemmten in Frankreich gesammelt worden, so können wir ganz gut ausreichen mit der Betrachtung, daß diese Summe der von 16 Millionen Mark entspricht, was zu berechnen weder Feder noch Tinte nöthig ist. . , " . ^ ^ ^ ^ ^ !l^>s!v MitIMKt'-'i.M^!l-!^>>«st!i,».H,.-.j«i, »->>«!. pijtNji ^1 8. Die Empfindlichkeit der Wahrung Symptom ihrer Gesundheit. Der oberste Grundsatz von der für den Weltverkehr wahrhaft nothwendigen Einheit des Metalls hat uns dazu geführt, einen Seitenblick auf die Bedingungen zu werfen, welche für die Verschiedenheiten in der Form das richtige, auch nicht zu schrankenlos gezogene Maß liefern. Kehren wir jetzt zur Einheit des Stoffs zurück. Sie wäre nutzlos als gemeinsames Material, wenn nicht zu der physischen Möglichkeit, eine Münze in die andere zu verwandeln, die gesetzliche Möglichkeit hinzuträte. Zahlt man anch von einem Lande zum andern nur in Metall, nach dessen Gewicht und Mischung, so besteht doch der letzte Act jeder Zahlung darin, daß man nicht ein gewisses Gewicht, sondern eine gewisse Anzahl bestimmter Münzen auf den Tisch legt, und zwar nicht fremdländischer, sondern an Ort und Stelle nach Recht und Gesetz einheimischer. In der That müssen Recht und Gesetz dem Metall ihren Stempel, den Mllnzstempel, aufdrücken, damit es seinen Dienst verrichte, die Untersuchung ihres innern Werthes bei jedem Zahlgeschäst entbehrlich mache. Die höchste Staatsautorität tritt mit ihren Herr- 77 schaftsabzcichen dafür auf. Die Zngfrciheit, welche dem Metall zu gewähren ist, muß daher auch verbunden sein mit der Befähigung, für das Zuziehende sofort das Bürgerrecht im Ankunstsstaate zu erwerben. In der Sprache des Mnnzwescns heißt diese Freizügigkeit: freies Prägcrccht. Ohne dieses entbehrt auch die sonst noch so scharf durchgeführte Identität des Münzmaterials jedes Sinns, weil jedes Nutzens. Was kann es frommen, daß zwischen meiner Münze und der meines Gläubigers nur eine Formverschic- denheit an Gewicht und Prägung besteht, wenn er darauf angewiesen ist, Zahlung nur in Form seines Landcsgcldes zu nehmen, und sein Gesetz mich hindert, mein Material in diese Form umzugießen? Die staatliche Macht also, welche dem Grundsatz huldigen will, daß Geld als Zahlungsmittel nicht blos im Jn- landc, sondern auch im Auslande brauchbar sein soll, — und nur unter dieser Bedingung kann es auch seine Bestimmung nach innen erfüllen — diese staatliche Macht muß also auch sich darauf ciurichteu, daß jegliches dem Rohstoff ihrer eigenen Münze vollkommen gleiche Metall vermittels ihrer Prägc- anstalten in solche Münzen umgeformt werdeu kann. Dieser Möglichkeit Hindernisse entgegenstellen, ist dasselbe wie verbieten, daß die eigenen Landcsmünzcn ausgeführt oder ein- gcschmolzcn werden, nur daß der Verstoß iu letzterm Falle nach einer entgegengesetzten Seite geht. Dergleichen Verbote, und besonders nach der lctztgcschildcrtcn Richtung hin, gehören ja nicht zu den Seltenheiten in der Geschichte des Münz- wcscns, welche au Uurecht und Thorheit nicht ärmer ist als irgendeine andere. Doch so bestimmt heute auch der nur dürftig in diesen Dingen Bewanderte weiß, wie widersinnig und erfolglos die Versuche sind, auf polizeilichem Wege Ausfuhr oder Eiuschmelzung einer Gcldsortc zu verhindern, ebenso- gewiß steht fest, daß die Verhinderung der umgekehrten Bewegung auf demselben Irrthum, nur von der andern Seite angeschaut, beruht. In einem Punkte allerdings unterscheiden sich beide Bewegungen. Während die des Einschmelzens nicht wirksam verhindert werden kann, ist die des Ausprä- gcns ohne ausdrückliche Ermächtigung des Gesetzes nicht möglich. Die Präganstaltcn müssen ihrer Natur nach unter staatlicher Aussicht stehen. Während also zur Möglichkeit der Verwerthung des eigenen Geldes nach außen hin eine gesetzliche Sanction nicht erheischt wird, ist- dieselbe unentbehrlich zur Möglichkeit, das Geld des Auslandes ins Inland zu ziehen, d. h. das als identisch vorausgesetzte Material in heimische Müuze auszuprägen. Dieses Recht der freien Prägung, auch Privatprägerecht gcuannt, war in den Verhandlungen des Deutschen Reichstages der Gegenstand langer, wiederholter, heftiger Für- und Gegenrede. Die von der Rcichsregicrung ausgearbeiteten Gcsctzcsvorschläge enthielten nichts davon. Es galt, sie hineinzubringen und zwar in solcher Weise, daß sie uicht blos todter Buchstabe bliebeu. Die Förderer des Gesetzes auf der Negierungsseite hatten niemals die Richtigkeit des Grundsatzes verkannt oder abgeleugnet. Das wäre auch ganz unmöglich gewesen sür Männer, die sich von dem Sinn einer rationellen Münzversassung, zu der sie die Initiative ergriffen, Rechenschaft gaben. Aber eine gewisse Schwerbcweglichkeit und Acngstlichkcit gegenüber den Conscqnenzcn der eigenen Grundgedanken charaktcrisirte von Anfang an den Jdccngang dieser Reformvorschlägc. Der energischen Ueberzeugung im 79 Schoße der Volksvertretung gelang es in nichrcrn Anläufen, als den Schlußsatz des Münzgesctzcs und der Goldwährung das freie Prügcrecht zu stabilircn. Seine volle und wirksame Einsetzung erlangte es durch den Artikel 14 des Ncichsbankgesctzcs.^) Die verschiedenen Staaten haben diesen Grundsatz in verschiedener Form verwirklicht, namentlich entweder auf unsere eben geschilderte Weise vermittels ihrer Bankeinrichtnug, oder dadurch, daß sie das Prägcgcschäft überhaupt zu ciucr nur unter Staatsaufsicht stehenden Privatindnstric machten. Letzteres ist die französische Methode. Die englische entspricht im Punkte der Bankoermittclnng der unseligen, geht aber, was die Verkchrsfrcihcit zwischen Publikum und königlicher Prägcanstalt betrifft, in den Consccmcnzen des wahren Princips weiter als wir. Diese Verschiedenheiten ins Einzelne zu beschreiben, würde von der Aufgabe ablcuken, die einzig darin besteht, den wahren Beruf des Geldes und daraus die maßgebenden Grundsätze seiner richtigen Beschaffenheit kennen zu lernen. Nur als Princip ist festzuhalten: mit je weniger Verlust die Umgestaltung des einen Geldes in das andere ermöglicht wird, desto mehr wird das Ideal des Geld- bcrufs verwirklicht. Fassen wir zusammen, was wir bis hierher festgestellt haben. Der Weltverkehr läuft in den Bahnen des Wechscl- vcrkchrs, aber der Wechsclvcrkchr selbst länft ans der Achse des Gcldverkchrs. Ein solcher Verkehr verlangt zu seiner sichern Erhaltung die Selbständigkeit und Eigcnartigkcit des 5) Artikel 14: „Die NeichSbauk ist verpflichtet, Barrengold zum festen Satz von Mark für das Pfund fein gegen ihre Noten umzutauschen." Münzsystcms in der Form, die Gleichheit im Inhalt von Land zu Land. Die Gleichheit dem Inhalt nach selbst verlangt zu ihrer Wirksamkeit die Ucbertragbarkcit des identischen MünzmctallS aus dem Gepräge des einen Landes in das Gepräge des andern. Hier wären die Pfeiler eines correcten Gcldsystems für bie Beziehungen der Nationen untereinander festgestellt. Indem wir vor allem darauf bedacht waren, diese aufzurichten, fanden wir Gelegenheit, den ganz richtigen Gedanken einer Wcltmünze zu würdigen, aber ihm zugleich die einzig lebensfähige Bedeutung und Gestaltung zu geben, zn zeigen, daß nicht iu utopischen Münzvcrbrüdcrungen, sondern in gleichen Währungen und wohlverstandener Freizügigkeit das vorschwebende Ziel zu erreichen ist. Wir treten nunmehr an Erscheinungen heran, welche einerseits geradezu aus der eben abgeschlossenen Betrachtung ihre Losung ziehen, andererseits in das Gebiet hinübcrlcitcn, wo die Tauglichkeit uud Geltung der Münze im Auslande sich als Probirstein ihrer Würdigkeit nnd Branchbarkeit im Jnlande erweist. Erst bei Erledigung dieses lctztern Gesichtspunktes wird sich rechtfertigen lassen, warum unsere Untersuchung ihren Ausgangspunkt von den internationalen Verhältnissen genommen hat, um von da zn der richtigen Anordnung der häuslichen Geldcinrichtung zn kommen. Wir gaben um so mehr dieser Wegrichtung den Vorzug, weil wir damit uns dem Gange der öffentlichen Auffassuugswcise anpassen konnten, die ja ihre Zweifel an der Nichtigkeit unserer deutschen Münzreform zum ersten mal mit Ungestüm laut werden ließ, als sie eine ihrer Empfindung nach incorrccte Bewegung unsers neuen Geldes von innen nach außen wahrzu- 8l nehmen vermeinte. Auf demselben Wege, aus dem die Beun- ruhiguug heraufzog, findet sie ihre Beschwichtigung. Einblick gewinnen in das, was berechtigt und was unberechtigt ist an dieser Beunruhigung, heißt zugleich Einblick gewinnen in das, was gut ist oder möglicherweise nicht gut sein könnte an unserer Rcichs-Mnnzvcrfassung. Der Schmerz verräth das Uebel. Naturforscher und Philosophen mögcu darüber streiten, ob dieser Zusammenhang etwas wie einen Plan oder eine Absicht der Erhaltung verrathe; für den Betrachter des thatsächlichen Verlaufs der Diuge genügt es, am Zusammenhange selbst festzuhalten. Ein Uebel, das sofort bei seinem ersten Herannahen sich durch ciucn Schmerz ankündigt, können wir in sciueu Anfängen bekämpfen; die schleichende Krankheit, die, dem Patienten und seiner Umgebung kaum bemerkbar, nicht eher zum Bewußtsein kommt, bis sie rettungslos den Organismus ausgehöhlt hat, ist die verderblichste. Je mehr die Münzvcrfassung eines Landes darauf eingerichtet ist, jede in der Geltung der Münze vorgehende Veränderung zur Empfindung zu briugen, desto vollkommener ist diese Verfassung. Je mehr ein Geld ausarten kann, ohne daß der Volkskörper in Schmerzen darüber aufschreit, desto schlimmer steht es damit. Man sollte denken, das sei einfache Wahrheit, die jeder einigermaßen mit den Regeln des Lebens Vertraute stets vor Augen habe. Aber die Erfahrung lehrt jeden Tag das Gegentheil. Noch lange nicht haben wir abgethan mit dem Pöbclwahnsinn, der die Bäcker todtschlägt, wenn sie bei seltenerem Korn das Brot theuerer verkaufen. Solange unsere deutsche Müuzverfassung dnrch innere Entartung einem stillen, unaufhaltsamen Ver- Bambcrgcr, Reichsgolv. g fall entgegenging, regten sich die Volks- und Freihcitsqnack- salber nicht. Erst seitdem wir mit dem Anfang der Umkehr zu besseren Zuständen vermöge der Goldwährung unsern Gcld- organiSmus wieder lebendig und daher auch für Störungen empfindlich gemacht haben, beginnt ihr Geschrei, und sie klagen die heilbringende Wirkung an, statt die böse Ursache zu erkennen. Bereits vor AuSbruch des französischen Krieges waren die Wcchselcursc Deutschlands so ungünstig geworden, wie iu der ersten Hälfte des Jahres 1875 (siehe die Seite 83 gegebene Auf- stcllnng),das heißt: die Abwesenheit von Fordcrnngcn zur Com- pcnsatiou von Schuldcu (ungünstige Handclsbalanz), verbunden mit erschwerter Beschaffung geeigneter Zahlungsmittel zum auswärtige» Gebrauch (innere Entartung der heimischen Währung), hatte den Wcchselcurs der deutschen Handelsplätze aufs Ausland wesentlich höher hinaufgetrieben als auf den Paricurs, ja als auf den Paricurs, vermehrt um die Kosteu der Versendung und Umschmclzung. Aber niemand beunruhigte sich darüber. In der Vorstellung der Massen war eine Aufmerksamkeit für diese Dinge überhaupt uicht'vorhanden, denn es gab kein Schauspiel, das augenfällig den Sinnen sich aufdrängte, wie z. B. Goldansfuhr. Selbst die Geschäftswelt blieb sich gauz unklar über die innere Natur einer Erscheinuug welche äußerlich zu consta- tireu sie nicht umhin konnte. Als der Wechsel aufs Ausland immer mehr stieg und immer weniger Miene machte, zu seinem frühern langjährigen und normalen Stand zurückzukehren, wunderte sich wol dieser und jener über die eigenthümliche Wendung der Dinge. Aber niemand kam ans den Gedanken, sie für eine definitive, u.ud daher für das Shmp- 83 ZF Q QQ-^>Q^QQ^I-^-QQQ O c^> Q Q Paris auf Sicht LOWÄÄÄÄ??««Z0OWc>2 Ä Ä Ä Ä Ä 8 r? Paris Bank- disconto ^1 !7^^>?^?,^ 51 51 51 50 ?Z 51 S Monat Paris ^ ^ ^ «z M 00 l» ^ I» O Q'v-i' Ueber i Parität »!c ci-^> ^ ^-Q-2> ci> ci? ^> s Q ^^^-^^^^^ÄÄ^Ä N^ZZKÄ ^ s QQQÄ -2- ^- <2> O Q l^1O15I5Z5>!^>205>!^>5I5>r?» Q ^' s O 51 51 51 51 51 5> 51 s Zßi Z^Z -.^Z^^-.» 0? c??z?? r»<^>l^>l^,>^>!7a?o^>l^>l^>z i-z m m m 51 51 51 51 51 51 51 >-> ^0 ->S ^> ^? Z K Z^ZKKKÄÄZZZZ Ä 51 Ä 8 Ä 8 8 s ^ ^ I > ' I ' U^L^ ^ ^ Z..... A « ^ A A AG <Ä NK ^ ^ ^ « > . . > Z 'S Z Z.Z Z L^tNK N K L?c?7 ?^-DRRZ KZZ^?NZ ^Z""^-- eZ-Z^ßKA Ä ^Zs^ »V-Z^ ^-. -YN^AU -ZL»-> II ..ISS"° — > ?! ---G - --^'Z S Q -^^-I,-. ^SA-S -Z-I^^ZS. A"Z ^ - L «LSZ^^ - ^ - « ^H-^^^Z^^ ZU?^LZH z ^ s L - . s ^ " °LL^--AZZ -?7^-- Z-«»s^^S ^ L "^^«zZ ?ßHKSZA^ AD-AZZD^ "Z^ »»L KZ » - Z r^?^ZMs L SZZ^^. -ZZ?^^ ^ Z-SL LL^I s Z^ZL 6» 84 tom einer innern organischen Zersetzung unserer Geldvcr- fassung anzusehen. Es war thatsächlich herrschende Anschauung in den allcrsachverständigstcn Geschäftskreisen, daß über kurz oder lang doch wieder ein Umschlag znm vormaligen Verhältnisse eintreten müsse, bei welchem der Wechsel von Deutschland aufs Ausland sich in der Nähe der Silbcrparität behauptet, ja durchaus uicht selten uuter derselben gestanden hatte. Diese Auffassung entsprach ganz und gar dem Geiste der Routine, welcher dem Betriebe der Tagcsgcschäftc naturgemäß inncwohnt. Auf Steigen folgt Fallen und umgekehrt, so sagt sich die an dem blos äußerlichen Verlaufe der Dinge haftende Beobachtung. So sagt sie sich namentlich bei der ersten Wahruehmuug jedes veränderten Barometerstandes. Gerade bei den mit starker Reserve von Mitteln arbeitenden Geschäftsleuten bildet sich auf Grund ihrer Erfahrung eine Methode aus, welche die Lehre von dem unvermeidlichen Gesetze des Auf- und Abwogcns, das iu allen Lebenssphärcn herrscht, zur Richtschnur ihres Verfahrens macht. Ihnen gegenüber steht die sanguinische kurzlebige Masse der Kleineren, welche iu ihren Eindrücken wie in ihren Handlungen dem Augenblick opfern, über den sie nicht hinaussehen, über den hinaus zu opcriren die Mittel ihnen anch nicht zur Verfügung stehen. Irren sie, so zahlen sie's sofort mit ihrem ganzen Einsatz, denn sie haben weder Fassung noch Proviant genug, in ihrer Lage auszuharren, bis die wieder zurückrau- schcnde Welle auch ihncu wieder recht gebe. Ihr Widerpart, der gewiegte, auf langes Aushalten vorgesehene Mann des Faches, wartet ruhig den Tag ab, der seinen Irrthum wieder corrigirt, weun er einen begangen hat. Aus dem Gebiete der Spcculation gilt ohne Zweifel, was man oft mit Un- 85 recht vom Gcsammtgcbicte der Geschäftstätigkeit aussagen hört, daß die Kleinen von den Großen aufgefressen werden. Je weniger die Kleinen spcculircn, desto besser ohne Zweifel für sie und mithin für die Welt im ganzen. So gur wie dem seit alten Tagen bejammerten Uebel des Krieges von Zeit zu Zeit ein Lobreduer auftaucht, der die fruchtbare und wcltcrhaltcnde Aufgabe der völkcrverhccrcndcn Kämpfe mit ernst überzeugten Reden lobpreist, so gut läßt sich freilich des Ticfbcrcchtigtcn vieles auch über den Nutzen der Spekulation sagen. Beide haben das miteinander gemein, daß sie zum regelmäßigen, ruhigen Verlaufe des gesunden Lebens den feindliche» Gegensatz bilden, aber periodisch dem gefährlichen Stillstand, der sich ans der Rnhc und Regel entwickelt, mächtig mit nenerndem Stnrmeswchcn entgegenwirken. Schwerlich wird jemals die organisirte Waffengewalt aus dem Organismus der Völkergemeinschaft verschwinden, wie Menschenfreunde predigen, weil das letzte Wort der Schöpfung doch immer das in der eigenen Kraft ruhende Gesetz der Sclbstcrhaltnng bleibt. Ebenso wenig ist anzunehmen, daß jemals eine Welt des Verkehrs bestehen werde ohne Spcculation, welche nichts anderes ist als das Gesetz der ewigen Veränderlichkeit, verwerthet vom Einzelnen zu seiner Sclbstcrhaltnng, aber zum Nutzen des Ganzen. Der Beruf der Spcculation liegt in der Ausgleichung zwischen Gegenwart und Zukunft. Sie stellt, wie ihr Name besagt (Zpeeulum), das Spiegelbild der künftigen Gestaltung corrigircnd der heutigen gegenüber. Als Gott dem Pharao den Tranm von den sieben Kühen schickte, ricth cr ihm eine Kornspcculation an im Interesse seines Volkes. Dennoch bleiben Krieg wie Spcculation immer außerordentliche Phä- 86 nomenc, welche ungesunde Zustände kennzeichnen, wenn sie sich mit den normalen Lcbensfnnctionen verbinden, wenigstens wenn sie in stärkerer Zugabe den Sitten sich beimengen, als überhaupt auch den friedlichen Regionen des Daseins die stürmischen sich fühlbar machen. Die Spc- culatiou bezeichnet die Wendepunkte großer Umgestaltungen oder kritischer Verwickelungen in der Erzeuguugs- uud Vcr- brauchsthätigkcit der Welt. Die Perioden ihres uaturgc- mäßen Eintretens sind die der großen Entdeckungen und Erfindungen, ihr naturgemäßer Boden sind Großindustrie und Welthandel. Wo die Speculatiou als häusliche Gewohnheit ganzer Generationen sich niederläßt, uoch mehr, wo sie sich der unentbehrlichsten Arbeit der Ernährung und Erhaltung bemächtigt, da ist etwas krank im Gemeinwesen. Der Gang der Civilisation ist, Unwissenheit nnd Ungewißheit durch Wissen und Gewißheit zn verdrängen. Trotz alter Ausschweifungen des Börscnwescns ist das Spiel doch in unserer Zeit vou einem Hähern Nauge, den es in älteren Zeiten einnahm, herabgckommcn. Frau Aveutiurc, vormals ein göttliches Wesen den edelsten Recken hold, ist jetzt die Schutzpatrouin des Abenteurers, der sich dem fahrenden Nittcrthume der Industrie geweiht hat. Die Spielhöllen sind aus den Palästen der Großen in die Winkel der Gauner verwiesen und nur noch verschäintcrwcise in gcmcsscncu Grenzen verlocken väterliche Regierungen ihre Unterthanen zum Lotto, das sie ehedem an jeder Straßenecke mit Pauken und Trompeten zusammenrief. Die großen Gctrcidcspccula- tioucn von Extrem zn Extrem sind durch den heutigen Welthandel in den Culturländcrn bereits unmöglich geworden wie die Hungersnoth. Auch das groteske Börsenspicl wie 87 die groteske Erscheinung der Börsenabentcurcr sind vorübergehende Ausgeburten ucucr Civilisationsformcn. Wer die Einzelheiten aus der Geschichte der englischen Luddles nnd der Rue Quiucampoix nachlesen will, wird sich sagen müssen, daß die Bcthörten jener vergangenen Tage noch mit einer viel wilderen Gier uud viel crassereu Leichtgläubigkeit sich iu die verzehrende Flamme stürzten als die Gcwinndurstigcn unserer Tage. In den Nationen, welche ihre tollen Zeiten gehabt, tritt allmähliche Heilung ein. Man kann es in England und besonders iu Frankreich beobachten, wie die Sucht nach Spiclpapicreu dem Verlangen nach sicheren Anlagen bei den bescheidenen Vermögen Platz gemacht hat. Deutschland hat in den letzten Jahren der Neuheit seiner Berührung mit den guten und schlechten Seiten industriclleu und kapitalistischen Aufschwungs seinen Tribut bezahlt. Die meisten Betrüger haben sich dabei nicht weniger grün und sanguinisch unwissend gezeigt als die Betrogenen. Von solchen Thorheiten wird die Menschheit so wenig wie von anderen jemals ganz curirt, aber sie wird, vonRückfall zu Rückfall, mehr befreit. Die Civilisation, welche sogar die Kraft der Epidemien abstumpfen lernte, lernt noch viel sicherer sich von solchen Geisteskrankheiten befreien. Man darf hoffen, daß wachsende Aufklärung mit anderem auch diesen Köhlerglauben uud seine Ausbeuter allmählich zurückdrängen wird, trotzdem von Zeit zu Zeit uoch immer wieder- eine Luise Latcau auftaucht und gelehrte Leute Bücher über sie schreiben. 9. Teutsche Geldzustande. Wie kamen wir auf die Speculation zu reden uud wie- dazu uns ihren Sinn des genauern zu betrachten? Einfach weil wir auf dem Punkte standen zu erinnern, daß in Deutschland bereits vor dem Kriege die Speculation sich des ausländischen Wechsels bemächtigt hatte, und dies uns ein untrügliches Zeichen sein muß, daß unsere inneren Gcld- zuständc bereits in ihrem Mark erkrankt waren. Denn der Curö des zwischen dem eigenen Lande und dem Auslande laufenden Wechsels ist — das haben wir in genauster Einzelheit gezeigt, nichts audcrcs als der von der Handels- balanz beeinflußte Ausdruck des eigenen GeldinhaltcS verglichen zu dem Geldinhaltc anderer Länder. So wie dieser Ausdruck auf lange Zeit so stark' in Schwankungen gerathen kann, daß Speculation sich an seine Sohlen heftet, so ist die Gewißheit da, daß etwas faul ist am eigenen Gelde oder am fremden; und wem? das Verhältniß nicht zu einem besondern von besonderen Störungen betroffenen Lande, sondern zu der Allgemeinheit der Verkehrslüuder ,<> eintritt, so ist das Ucbcl zu Hausc zu suchen. Es gibt kein Ding, dessen Bestimmung es so durchaus widerspricht, Gegenstand der Spcculatiou zu werden, als das Geld. Diese Bcstimmuug, allgemeinster und dauerhaftester Maßstab des Tauschwcrthcs für alle Gegenstände zn sein, findet gerade ihre Verneinung in starker Veränderlichkeit von Moment zu Moment nnd von Ort zu Ort, welche die Voraussetzung aller Speculationcn ausmacht. Die deutsche Münzrcform, indem sie ciu einziges Metall und 'als solches das Gold zum Gcldmaterial machte, hatte gerade und allein dieses Ziel im Auge: in dem unveränderlichsten aller hier denkbaren Stoffe die Möglichkeit aller Specnlation auszuschließen; und nichts charaktcrisirt so sehr den Aberwitz als die Vermuthung, daß diese Neuerung einer Specnlation zu dicncu berufen sei. Umgekehrt liegt der wahre Zweck ihres Daseins in der Beseitigung desjenigen Zustandes, von welchem die Gcldspceulation sich ernährt. „Aus der Doppelwährung", sagt der schweizer Bericht von 1875, „ergab sich, daß die Privatspcculation, indem sie jeweilig das gegenüber dem legalen Verhältniß von 15'/2 zu 1 cutwcrthctc Metall zuführte und zwar in willkürlichen Beträgen, die Beschaffenheit uud Zusammensetzung unsers MttnzumlaufS beherrschte. So sahen wir von 1867 bis 1873 für 895 Millionen Fünffrankcnstückc Prägen, wovon 307 allein in 1873. Das Verschwinden des Goldes wurde immer fühlbarer, die Wirkung der Spcculation immer offenkundiger" (S. 10 des Berichts). Die deutschen Geschäftsleute verfielen zu Ende der sechziger Jahre der geschilderten Aussassnng, daß in dem Steigen des Wechsels auf Frankreich und England ein Phänomen I>" vorübergehender Natur aufgetreten sei. Und nicht sie allein bewegten sich in den Schranken dieser gewohnheitsmäßigen Denkweise. Ihre Geschäftsfreunde jenseits der Grenzen kamen ihnen auf halbem Wege entgegen. Das ist eben der Unterschied zwischen blos empirischem Verfahren und methodischer Erkenntniß, daß schlechtweg nach einigen feststehenden Symptomen hin und her curirt wird, ohne in die Besonderheit der Ursachen einzudringen. Hier galt es zu unterscheiden, , ob dem Fallen des deutschen GeldwcrtheS nur eine vorübergehende Strömung oder ciu innerer Rückgang zu Grunde liege. Die Bankiers des In- und Auslandes entschieden sich ohne Besinnen fürs erste. So fühltcu sie sich auch veranlaßt, ans das Phänomen der Gegenwart eine Spcculatiou zu gründen, welche das Phänomen der Zukunft rechtfertigen sollte. Wäre ihre Voraussetzung richtig gewesen, so lag einer der Fälle vor, wo die Spcculation wohl angebracht ist und ebendeshalb ihren höhern Zweck erfüllt. Die Ausführung bestand hier darin, daß sie Wechsel zogen, ohne daß Forderungen dafür cxistirtcn. Wir wissen aus oben augc- stclltcu Beobachtungen, daß der eigentliche Wechsel nur- das Werkzeug ist, um vorher begründete Forderungen einzuziehen. Eine solche Forderung im weiteren Sinne kann auch vorhanden sein, wenn der Zicher nicht Gläubiger ist, sondern im Gegentheil die Wcchsclopcration macht, um eine Schuld zu coutrahircu. Durch den Coutract der Crcditgcwährung wird er für den Bezug des Darlehens im ersten Augenblick des Rechtsgeschäfts zum Ziehen auf den Darleiher berechtigt. An Stelle der Waare wird hier das Versprechen der Rückzahlung geliefert, gcgcu welches momentan eine Forderung des künftigen Schuldners au den künftigen Gläubiger cutstcht. UI Wechsel auf solche Verhältnisse begründet spielen eine große Rolle im Tauschvcrkchrc der Länder. Sie sind kein eigentlicher Waarcnwcchsel, ohne deshalb SpcculationSwcchscl zu sein. Ihr DascinSgrund liegt nicht in der Hoffnung auf einen Umschlag der Wechsclcnrse, sondern in einem Borg- gcschäft. In unserm Fall handelt es sich aber um die Wcchselziehung, begründet auf die Erwartung eines Umschlags in der Balanz, der Wiederausglcichnng der wagc- rcchten Mitte des Parikurses zwis6)cn den Ländern. So kamen dem Handel, der für wirklich contrahirtc Waaren- schulden Zahlungsanweisungen ans Frankreich, England oder Belgien braucht, die Bankhäuser entgegen mit dem Angebot von fictivcn Forderungen an Frankreich und England. Dem berliner Weinkäufcr trat nicht der danzigcr Gctrcide- vcrkäuser gegenüber, sondern ein Bankier, welcher ihm einen Wechsel auf Paris anbot. Um diesen ohne Mitwirkung eines Waarenvcrkäufcrs ziehen zu können, hatte er sich mit dem pariser College» verständigt in folgendem Siuu: „Mein berliner Client braucht Franken, nm seinen Wein in Bordeaux zu bezahlen. Da er keinen deutschen Verkäufer gefunden hat, welcher ihm seine Forderung ans Franken in Frankreich anbot zum diesseitigen Tausche von Thalern gegen Thaler"), so mußte er sein Angebot stark über den Paricurs steigern, und da dieser Zustand nicht dauern kaun, so borgen Sie mir inzwischen Franken, die ich ihm anweise und die ich Ihnen demnächst wiedererstatte, wenn ich, woran nicht zu zweifeln, in Deutschland billigere Anweisungen auf Franken cinthun werde." Wir wollen für den Augenblick dahingestellt Wir befinden uns in der Zeit vor 1872. 92 sein lassen, ob der Curs mehr oder weniger über das Aeaui- valent der Verscndnngskostcn von Metall hinausging, d. h. wir sehen für den Augenblick von der Frage ab, ob Material in Deutschland zu solcher Ausfuhr vorhanden war oder nicht, ob die Möglichkeit der Deviation vom Nuhcpunkt der Parität in bestimmte Grenzen eingeschränkt war oder nicht. Das hohe Gebot hatte den Bankier zur Spcculation auf den Umschlag ins Gegentheil gelockt, und nun gab er dem Wcinkänfcr einen Wechsel in der Hoffnung, später, zunächst vor Ablauf der üblichen Frist von drei Monaten, umgekehrt einen Gctreidcvcrkäufer zu fiudcn, der keinen Wcinkänfcr mehr anfzutrciben im Stande wäre, und der dann seine Forderung cbcnso weit unter dem Paricnrse abtreten müßte, wie die fictive über demselben abgetreten worden war. Wir können uns die Operation selbst beliebig von deutschem oder französischem Boden ansetzend, für deutsche, französische oder gemciusame Rechnung gemacht denken. Es fügte sich hierbei, daß der SpcculatiouStrieb zusammentraf mit einer andern Richtung des deutschen Geldgeschäftes, nnd beide sich wechselseitig begünstigten. Es war vor einem Jahrzehnt noch mehr Sitte in Deutschland, mit sictiven Kapitalien Unternehmungen zu betreiben, als dies heute der Fall ist, vor zwanzig Jahren war es noch mehr der Fall als vor zehn. Tausende von Kaufleuten uud Industriellen arbeiteten mit einem nicht znr Hälfte oder znm Viertel wirklichen Betriebskapital. Der Rest wurde ergänzt durch Crcditbcnutzung in Gestalt von Wcchsclzichuugcu auf credit- gcwährcnde Bankiers — Reitwechsel, d. h. solche, welche nicht bestimmt waren, bei Verfall ausgeglichen, sondern durch Erneuerung ins Unendliche fortgesetzt zu werden. Sie bildeten 93 «inen Bestandtheil des ganzen Systems unsolider Wirthschaft, von welchem ein anderer Bestandtheil unser Papiergeld- und Banknotcnwcscn bildete. In Sachsen ersetzte eingestandenermaßen das Papiergeld die Wechselreiterei. Die Regierung wurde dadurch gleichsam zum Schwiudclbankier der kapitalbc- dürftigcn Industrie. Diese erlogeucu Betriebskapitalien wurden nicht blos in Form von Ziehuug aus deutschen Jndustrie- plätzcn auf deutsche Wcchsclplätze — Frankfurt, Hamburg, Berlin u. s. w. beschafft, sondern auch aus ausländische. Entweder nahmen die Kaufleute selbst oder an ihrer Stelle nahmen viele diesen Dienst ccntralisircndc deutsche Bankhäuser die Credite des Auslandes in Anspruch, welche sie im Wege der Ziehuug von Wechseln, nicht auf Grund gelieferter Waaren, fondcrn auf Grund gewährter Darlehen rcalisirten. Als nun zu dieser Gewohnheit, auf Borg zu ziehen, der Anreiz kam, Wechsel auf Speculation zu ziehen, trat mit andern Worten zu der chronischcu Krankheit eine acute hinzu, und jede verschärfte die andere. Aber wohlverstanden, waö für den tiefern Einblick Symptom eines geschärften Uebels war, das erschien dem in den Tag Lebenden mir als eine erfreuliche Wendung der Dinge. Hatte die mit mangelhaftem Kapital arbeitende Industrie seit lange ihre künstliche Thätigkeit nur mittels der Stimulantien der Wechselreiterei im Gange erhalten, so kam ihr jetzt das Reizmittel der Speculation mit einer freiwilligen Zugabc entgegen. Jede Wechselreiterei aufs Ausland enthält schon gezwungenermaßen eine Wcchselspcculation und umgekehrt jede Wcchsclspcculatiou ciu Creditgeschäft. In dcr Praxis fallen beide zusammen, nur die Motive sind verschieden. Das Auge des Kenners kann einem Wechsel wohl ansehen, ob er gezogen ist, um eiue 94 wirkliche Waarcnfordcrnng cinzukassircn odcr nicht; aber cs ist unmöglich zu unterscheiden, ob der Zichcr von der Absicht geleitet war, eiuc Zeit lang aus einer fictiven Forderung Geld zu machen, odcr eine zu hohem Curs verkaufte Forderung durch eiuc niedriger cinzuthucnde mit Gewinn zu deckcu. Für die doppelte Krankheit waren so doppelte Täuschungs- und Reizmittel in Bewegung gesetzt. Zu der chrouischcu des Kapitalmangels trat die acute des Mangels an Com- pensations- uud Zahlungsmitteln hinzu, und dem entsprechend ward das Reizmittel der Wcchsclspcculation -auf das altgewohnte Stimulanz der Wechselreiterei gesetzt. Da scheint unu natürlich der Kranke aufzuleben; kommt aber ein heftiger Witterungswechsel und wirft ihn auf die Nase, so hat das plötzlich eingetretene schlechte Wetter und nicht die altcingcwurzclte, lange gehegte Krankheit cs gethan. Ein Krieg odcr eine Handelskrisis gibt der übertünchten Gcldwirthschaft den Stoß, dessen erste Wirkung hinreicht, um das Uebel dcr Gcldcntwcrthung in seiner ganzen Vchcmenz zu entfesseln. Bis zu welchem Grade eine solche innere, den Katastrophen voraus cxistircndc, schleichende Zchrung bei uns entwickelt war, ist hier nicht dcr Ort zu untersuchen. Mögen andere sich gcfallcu in Betrachtungen über das, was uns bevorstand, wenn die Schlachten von 4. bis 6. August 1870 verloren gingen. Fest steht nur die doppelte Thatsache, daß deutsche Geschäftsleute seit Jahren Credit durch Wcchscl- zichnngen auf Frankreich und England als Betriebskapital verwendeten, und daß die hohen Cursc des Wechsels ans diese Länder iu den letzten dem Kriege voranSgcgangcncn Jahren noch dicsc Operationen, namentlich in ihrcr Richtung auf Frankreich zu, crmuutcrt und vermehrt hatten. Sie wurden, als beim- ersten Ablanfstermin der erwartete Umschlag nicht eingetreten war, erneuert. Fiugirte Forderungen und Spc- culation auf bessere Wendung lieferten einstweilen die DccknngSmittel für eine Handclsbewcgnng, der es thatsächlich au Compcnsationsforderungcn gegen die ans Ausland gemachten Schulden gebrach. Je mehr man den Blick iu dcu Gang der deutschen Dinge vor nnd nach dem Kriege versenkt, desto tiefer erschließen sich ihm die innern Zusammenhänge, in denen dcv Krieg das ganze Leben der Nation gefunden, erfaßt nnd errettet hat. Wer sich Rechenschaft geben will von der Geld- vcrfassuug der deutschen Bundcsstaatcn vor Z870, wird zu dem Ergebnisse gelangen, daß eine wirtschaftliche Katastrophe ganz anderer Art, als die eben bestandene, sich langsam vorbereitete. Die Unvcrantwortlichkcit und Unwissenheit (das Wort ist nicht zu stark) in staatswirthschaftlichcn Dingen, welche dem seiner Form nach selbständigen, seiner Natur nach unselbständigen kleinen und halvgroßcn Landcsrcgiment angeboren ist, hatte sich vieler Orten zu allcu Excessen der unsolidesten Crcditwirthschaft misbrauchcu lassen. Es wurden Fabriken und Concessionen für Geldpapicr nud Papiergeld in die Welt gesetzt mit nicht anderen Gedaicken, als womit in Monaco oder Saxclu Nonlcttcntischc aufgerichtet wcrdcu. Daß Geld eiu Metall bedeute, war beinahe vergessen. Groß und klciu hatte sich in die Anschauung eingelebt, daß baarcs Geld und baares Vermögen ein bloßer Luxus sei. Mit fictivcn Werthzcichen und mit geliehenem Kapital zu arbeiten wurde Lebcnsuorm. Es bedürfte nicht einmal einer 96 übergroßen Katastrophe, in der es gilt, Farbe zn bekennen, d. h. mit vollwcrthigcm Metall zn zahlen, so schössen wir unaufhaltsam die schiefe Ebene hinab zn der österreichischen Papierwährung. Das merkwürdige Ineinandergreifen elementarer LcbcnSbcdiugnngcn, auf dem die Möglichkeit großer historischer Schicksalswcndungcu beruht, hat gewollt, daß der glücklich geführte Krieg uns ucbcu so vielem andern anch alles zugleich verschaffte, was nöthig war zur heilbringende» Umgestaltung unsers ganzen Geld- und Crcditwesens. Er schuf die höhere politische Lebensform des Reiches, in der allein die Aufforderung znr großgedachtcn Einkehr in unsere hänslichc Wirthschaft lag, und schuf zugleich die gesetzgeberische Kraft, welche nöthig war, um die thatsächliche Anwendung der gewonnenen Einsicht zu machen. Er bereitete dazu auch uoch die handgreiflichen Mittel, nm das schwierige große Werk dieser Reform praktisch so weit möglich zn erleichtern, wenu nicht überhaupt möglich zn machen. Wenige Tage nach der Schlacht bei Sedan ward in einer Begegnung auf clsässischem Boden zuerst dem Gedanken Ausdruck gegeben, daß ein günstiger Friede auch rasch benutzt werden müsse, die deutsche Mlluzverfassuug ans dcu rationellen Boden zu stellen. Nicht die unmittelbare Goldbcschaffuug durch Kriegsentschädigung war hierbei ius Auge gefaßt, sondern die Drehung des Verhältnisses, welche Deutschland auf eine Zeit lang zum Gläubiger des Auslandes machen nnd seine Wechsclcursc aufs Ausland dergestalt hcrab- drnckcn mnßte, daß eine Ausfnhr seiner ucnznbcschaffcudeu Münze während der empfindlichen UcbcrgangSpcriodc nicht zn befürchten staud. Wenn hier mit einem Wort schon angedeutet werden darf, inwieweit die Durchführung unserer V7 Mttuzrcform im Anfange zn wenig gerade anfs Ziel loSging, so lag dies in dem Einen Punkte, daß die Wichtigkeit dieser vorübergehenden Eonstcllation unterschätzt, ihre Dauerhaftigkeit überschätzt wnrdc. Wir werden im letzten Theile nnscrcr Auscinandcrsctznng dieser Untersnchnng ein besonderes Kapitel zu widme» haben. (Vgl. die Nnmmcru 19 und 20.) Also das Glück des große» Krieges war sogar auch der Spcculatiou zu statten gekommen, nm ihr den niedrigen Wechselcnrs aufs Ausland herzustellen, aus deu sie sonst vergeblich geharrt hätte. Die Forderung der fünf Milliarden lieferte Material zur Abtragung der internationalen Schulden, zn dercu Bezahlung wir weder CompcusatiouSfordcrungcn noch Baarmittcl besaßen. Dieser ihnen so günstige Umschlag bewirkte aber natürlich, daß die Spccnlanten nicht gewahr wurden, ans welchem Wege sie bereits ein großes Stück vorangegangen waren. Ja sogar zu der uatürlichcu Strömung, die jetzt dadurch hcrvorgctricbcu wurde, daß Deutschland — bisher Schuldner — nunmehr für fünf in kurzer Zeit abzuzahlende Milliarden Gläubiger des Auslandes wurde, trat von neuem die verstärkende Wirkung der Spc- cnlation hinzn. Diese veranschlagte den Einfluß, wclchcu sowol die Milliardcuschuld als die ZwaugSpapicrwührnng auf den französische» WechselcnrS habe» mnßtc, weit stärker, als späterer Erfahrung gemäß berechtigt war. Nachdem die combinirte Wirkung beider Elemente iu viel rascherer Zeit aufgesogen wordeu, als wol irgcndjcmand, auch der Skeptischste in Deutschland und der Sanguinischste in Frankreich, sich vorgestellt hatte, traten die Strömlingen der alten Zeiten und Verhältnisse wieder in ihre Rechte ein. Mehr infolge noch der Voraussicht des Rückganges als infolge der Bambergcr, Rcichsgold. 7 V8 thatsächlich wirkenden Umstände sank eine knrzc Zeit hindnrch unmittelbar nach dem Friedensschlüsse der pariser Wechselkurs in Berlin bis zn 77'/^ fü^' Zwcimonat-Papier, d. h. 78 für kurzes, also beinahe -1 Proccnt unter die Parität. Hierzu trug offenbar die Spcculation ein Wesentliches bei, indem sie wieder Franken im voraus verkaufte. Im Jahre 1872 erhob sich der kurze Curs schon wieder auf 80^, d. h. beinahe Parität, ging dann im Moment der stärksten Abzahlungen der Kriegsschuld auf 7L^ zurück, um sich nach Erledigung derselben bald zu 81^ zu erheben, d. h. 1 Proccnt nbcr Parität, abcr immer noch nicht so hoch, wie cr beispielsweise im August 1869, d. h. ein Jahr vor dem Kriege uud vor jedem Ge- daukcu an unsere Münzrcforin gestanden hatte. So ist alles, was wir auf diesem Gcbictc in den jüngsten Jahren erlebt haben, in den Schlußsatz zusammenzufassen: Die ungünstigen Geld- und Wechsclverhältnissc Deutschlands zum Auslande wurden auf drei bis vier Jahre durch die außerordentlichen Gegenwirkungen der KricgScrfolgc unterbrochen, beziehungsweise umgekehrt, um alsbald nach ihrer Ausgleichung von neuem, uud zwar mit verstärkter Gewalt hervorzutreten. Der Dieust, den unsere frühere Münzorduuug oder vielmehr Münzunorduung dabei verrichtet, hatte uicht darin bestanden, uns vor dem Misverhältnisse zu bewahren, sondern uns unempfindlich dagegen zu machcu; die wichtige Aufgabe, die unserer großen Reform vorbehalten war und welche zu erfüllen ihr gelang, sogar noch bevor sie halbwegs zur Ausführung gekommen, beruhte darin, daß sie uuö die Augen öffnete, daß sie als Warnsignal die Abweichung unserer NmlaufSmittcl von der richtigen Bahu verkündigte, alle Bcthciligtcu aufforderte, diesem verhäng- 99 nißvollen Lauf Einhalt zu thuu. Jetzt erregte die Thatsache, daß die goldenen Zwanzigmarkstücke über die Grenze zogen, Aufsehen, Schrecken, Unwillen. Nicht erst die Masscnausfnhr der Monate Mai bis Juli 1875, sondern schon die ersten schwachen Ansänge der vorangegangenen Zeiten wurden bemerkt, wurden Gegenstand der Erörterungen oder Anklagen in Presse und Parlament. Wann war Aehnliches früher bei uns geschehen? Gesetzt anch — obwol wir das Gegentheil znm Eingänge dieser Schrift nachgewiesen — gesetzt anch, es wäre niemals geprägtes Geld zum Einschmelzen ins Anstand gegangen, sondern nur der Wechselkurs aufs Ausland zu ungewöhnlichen Dimensionen gestiegen, Iveu im ganzen Bereiche der öffentlichen Meinung hätte das berührt? Der WechsclcnrS aber ist der wahre Ausdruck für die innern Gcldvcrhältnissc des Landes. Er kaun — das wird ein besonderes Kapitel noch erläutern — er kann einem Lande, dank der Handclsbalanz günstig sein, obgleich dessen Gcldmctall cntwcrthet ist; aber er kann einem Lande nie um ciu Namhaftes jenseits der Parität uugüustig sein, solange dessen Gcldsubstanz uucutwcrthct ist. Es sei auch zugegeben, daß die allgemeine Aufmerksamkeit besonders deshalb lebhaft auf den Vorgang des Geldcrportcs gezogen wurde, weil er eine von vielen Seiten lebhaft angefochtene gesetzliche Neuerung praktisch oder theoretisch zu widerlegen schien, und weil namentlich die Gegner derselben sich angelegen sein ließen, aus dem Vorgänge Kapital zn schlagen. Aber wir können überzeugt sciu, daß auch in Zukunft bei vollkommen eingebürgerter Goldwährung die Empfindung für die Bewegung des Metallgeldes uud für den Stand des Wechsels zum Auslande, welcher dieser Bewegung sowol 100 als Ursache zu Grunde liegt wie als Zeiger dient, nicht mehr absterben wird. In England ist die öffentliche Aufmerksamkeit, ist namentlich die der Presse unablässig auf diese Dinge gerichtet, trotzdem es seit mehr als einem halben Jahrhundert ununterbrochen im Besitze der normalen Goldwährung sich befindet, der wir entgegengehen. Warum? Weil dort das Geld seinem wirklichen Berufe entspricht, ein vollwcrthigcs uud für jede Werthvcränderung mit hochgradiger Empfindlichkeit begabtes Instrument zu sein. Bei uns aber hatte sich ein gefälschtes, innerlich verringertes, unempfindliches, im Absterben begriffenes Geldwesen allmählich cingeschlichcn. Wir hatten noch nicht den Zwangscnrö des Papiers, aber wir hatten etwas, das man ganz gut den freiwilligen Zwangscnrs nennen könnte: ein System von Umlaufsmittcln, das in allerlei Sorten von papierenen fin- girten Gcldformcn lebte, deren keine in die Lage kam, auf die Probe gestellt zu werden, ob fic auch fähig sei, in jedem Moment auf Verlangen sich in das Metall zn verwandeln, welches zu vertreten ihr Wortlaut vorgab. 10. Die einfache Währung als Ergebniß der Metalleinheit. Es gibt Lcute, welche ein Land glücklich preisen, wenn es zu einem auf diese Weise empfindungslos gewordenen Gelde gelangt, zu einem Gelde, das für andere Länder werthlos oder unbrauchbar gcwordcu und das deshalb mit Ausfuhr nicht bedroht ist. Wer das Glück hat, ciu hölzernes Bein zu bcsitzcu, wird uie vom Schuh gedrückt, er weiß aber auch nicht, wo ihn der Schuh drückt. Mit dem Absterben der Empfindung für die iuucrn Werthvcrändernngeu an dem, was als Geld umläuft, kommt den Menschen anch der Begriff, die Vorstellung von der Bedeutung des Wortes abhanden. Sie vergesse» allmählich, daß Geld einzig und allein ciu Mctallstück von Werth ist, welches, seiner Prttgeform entkleidet, mir um ein Geringes weniger -gelten darf als vorher. Sie leben sich iu den Gedanken ein, daß Zeichen von Papier, nicht weil sie Anweisungen auf solches Metall enthalten, sondern kraft stillschweigender Verabredung oder gesetzlicher, Anordnung auch zu wirklichem Gelde werden könnten. Ans solchen GcistcSvcrirrungcn entspringen dann die Theorie» der Volksbcglückcr, welche verlangen, daß der '^Ni - ! 102 Staat massenhaftes Papiergeld fabricirc, um jedem Angehörigen so viel zu geben, als er brauche; eine Theorie, welche merkwürdigerweise in dem Streite um die Doppelwährung auch von einem bekannten belgischen National- d'konomcn") angerufen wurde, mit der Motivirung, daß je billiger (also je werthloscr) das Gcldmaterial sei, desto besser. Die Wirkungen stillschweigender Ucbcreinkunft uud gesetzlicher Machtgcbote sind nicht zu unterschätzen. Sie vermögen viel über die Vorstellungen der Menschen und können mittels deren auch zeitweise über die Verhältnisse der Wirklichkeit täuschen, ja über dieselben forthelfen. Wenn alles Volk sich einbildet, ein Stück Papier sei wirkliches Geld, so wird man vielleicht Jahr und Tag damit kaufen nnd verkaufen, d. h. bis zum Tage, an welchem die Wirklichkeit ihre Rechte geltend macht mit ihrer ranhcn Hand. Diese rauhe Haud wird aber zuerst fühlbar, wenn es zur Berührung kommt mit dem Bereiche jenseits der eigenen Grenzen, innerhalb deren die häusliche Uebcrcinkunft uud das häusliche Machtgcbot uoch gilt, außerhalb deren es seinen Zauber uud sein Ansehen verliert. Wäre ein internationales Geld nicht uu- cutbchrlich zum steten gleichartigen und sichern Verkehre mit dem Auslande, so wäre es schon unentbehrlich als unbestechlicher Zeuge für den innern Werth desselben. Müßte die Freizügigkeit des Geldes (gesetzliche Prägcfrcihcit) nicht begehrt werden, um der Sicherheit des auswärtigen Verkehrs willen, so bliebe sie doch als die einzige wahre Bürgschaft zu ver- ^) Euulc'dc Lavclcyc. 103 langen für dic gesund^ Erhaltung des innern Verkehrs. Nur die unerbittliche und unbestechliche Probe, welche das AnSland ans unsere Geldzeichen macht, gewährt nns dic Sicherheit, daß keine Täuschung sich cingeschlichcn bei uns, sei es in der Gestalt, daß wir die Eutwcrthung eines Metalls nicht mcrkcu, sei es iu der, daß wir gar die Unterschiebung eitler Versprechungen an die Stelle von erfüllbaren nicht mehr fühlen. Diese in der empfindlichsten Bcrühr- barkcit mit dem AuSlaude gegebene Garantie ist nm so mehr erheischt als von der andern Seite dic hochentwickelte Natur des Verkchrslcbcns der künstlichen Ersatzmittel nicht cnt- bchrcu kann. Je mehr diese Ersatzmittel (Banknoten — nicht Papiergeld, welches überhaupt nur auf der empirisch bedingt zulässigen Erlaubniß geringer Abweichung von der geraden Linie richtiger Principien beruht), je mehr diese Ersatzmittel auch dem Leben unentbehrlich geworden, desto schärfer ist ihre Tugend zu hüten. Hier ist die Linie übrigens, an der das Verständniß des Geldwesens in das Gebiet des Zettclbankwcscns hinübcrgcht, wegen dessen auf die frühere Arbeit verwiesen werden kann.^) Die Tugend der Zahlungsmittel ist zu hüten. Und was ist Tngcnd? Innerer Werth! Werth, der nicht ans Fiction, Ucbcrcinknnft, äußcrm Schutz beruht, sondern auf eigener Kraft. Des Geldes Kraft liegt im Metall, nur und allein in diesem. Sowie hinter dem Namcu des Geldes etwas steht, das weniger Kraft besitzt als die volle Quantität und Qualität des Metalls, von dem es den Namcu ableitet, so Vgl. in der Schrift: „Die Zcttelbaukeii vor dem Reichstage", hauptsächlich besonders Kapitel 5, 6 und 9. 104 ist der Empfänger betrogen. Er kann -jahrelang in seiner Täuschung sich fortbewegen, wieder ausgeben nnd einnehmen, der Tag wird kommen, an dem er zn seinem Schaden innc wird, daß er betrogen war. Es ist der Tag, an dem er mit seinem minderwcrthigcn Gelde dem Ausläudcr gcgcuübcrtritt, der nicht mehr nach dem Namen, sondern nur nach dem Inhalt des Geldes fragt; es ist auch der Tag, an dem innere Erschütterung das Vertrauen von LandSmann zu LandSmann aufhebt, deu Bürger zwingt, die Leistung seiucs Mitbürgers wie' die eines Fremden zu controlircu, uicht mehr auf Kraft und Schutz der Gesetze zu bauen, sondern nnr ans die letzte Zuflucht, die ihm bleibt, die eigenen Mittel der Tclbstcrhaltnng. Innere Katastrophen, Bedrohungen des eigenen StaatSwcscnS, Revolution und Krieg enthüllen dann auch im inucrn Verkehre alle die Mangclhaftigkcit des Gcldwcrthcö, welche der falsche Schein so lange gedeckt hatte. Dem Gelde seine Kraft erhalten, heißt nichts anderes, als ihm stets den gleichen Inhalt des gleichen Metalls gewährleisten, die allein ihm den unveränderlichen Werth sichert. Unveränderlich? Gibt es etwas Unveränderliches in der Welt? Nichts entzieht sich dem ewigen Wechsel; auch der Fels, aus dem wir den hnndcrttanscndjährigcn Bestand der Erde heraus lescu, ist dem Gesetze der Zerstörung, d. h. der allmählichen Veränderung nntcrworfcn. Wir werden uus daher auch niemals bereden, daß wir irgendein Material zu Geld prägen können, dessen iuucrcr Werth unveränderlich sei. Die Wcltcommission, welche jüngst in Paris den Maßstab des einheitlichen Metermaßes herzustellen und zu htttcu eingesetzt wurde, hat durchaus nicht übernommen, einen 105 ^ Stamm-Meter zu schmieden/ der niemals' unter dem Einflüsse der Temperatur seine Ausdehnung verändern könnte. Sie ist sich ganz wohl des Gegentheils bewußt. Niemals ist in dem Universum absolute Nuhe, die ewige Bewegung bedingt für alles, ewige Umgestaltung. Aber nichtsdestoweniger hat diese Wcltcommission ihre erste Anstrengung darauf gerichtet, eine möglichst wenig veränderliche Substanz zum Rohstoffe ihres Stamm-Meters zu suchen. Und wer' würde jemals für möglich halten, diese Aufgabe in der Weise zu lösen, daß zwei Stamm-Meter aus zwei verschiedenen Mctallsnbstanzen nebeneinander gleichberechtigt den Messungen zn Grunde gelegt würden? Hier fiele auch dem Laien sofort auf, wie vernunftwidrig cö wäre, die ewige Veränderlichkeit aller Dinge, statt sie auf ihr Unvermeidliches zn beschränken, mit zwei zu multiplieircn. Gleichwol sott es Weisheit sciu, die Unveränderliche des GcldwcrthcS dadurch zu verbürgen, daß man ihm zweierlei Grundstoffe mit voller Gleichberechtigung zu Grunde legt! Niemand wird behaupten, daß Gold allein oder Tilber allein stets dcu gleichen Werth in der Welt behaupten. Die Geschichte ist da, um das Gegentheil zu beweisen. Aber wie unendlich heißt es das Problem erschweren, wenn man von der Idee ausgeht, daß die zwei Metalle in ihrer Veränderlichkeit stets gleichen Schritt halten, also unter sich unveränderlich sciu werden. An keinem Dinge der Welt aber rächen sich solche irrige- VoranSsetznngcn so pünktlich und so rasch als gerade am Gelde. Es ist bckauut, daß, wo Gelegenheit gegeben ist, unter demselben Namen zweierlei Geld zn verwenden, stets das wcrthvollcrc verschwindet und das werthloscrc im Umlauf 106 bleibt. Auch hier schwimmt das Leichtere immer oben. Der Satz ist so bewährt aus der Erfahrung aller Zeiten und aller Länder, daß er in voller Kraft gelten müßte, auch wenn er nicht mit einigem Nachdenken sich von selbst begreiflich machte. Wer unter demselben Namen zweierlei Dinge geben kann, wird stets das mindcrwerthige gcbcu. Vollends aber da, wo wie im Gcldvcrkchre der Eigennutz, das MiStraucn und die Gewinnsucht der Negcl nach am schärfsten angespannt sind. Denke man sich die Sache nur etwas grob, uud sie ist mit unbcwasfnctcm Auge täglich sichtbar. Wird jemand in Italien, wo zwischen 20 Franken iü Gold und zwischen 20 Franken in Papier ein wirklicher Preisunterschied von 2 Franken ist, sich bcikommen lassen, eine Schuld von 20 Franken mit einem gleichnamigen Goldstück zu bezahlen? Aber ebenso wenig wird der Wissende ohne Unterscheidung zahlen, wenn ein Wcrthuntcrschicd zwischen der silbernen und der goldenen Münze besteht, der znr Folge hat, daß ans dem Weltmarkt auch ein Preisunterschied, auf den jeweiligen Wcrthuutcrschied begründet, zu erzielen ist. Wenn das eine Metall weniger werth ist als das andere, so wird er gerade so zwischen beiden wählen, wie im obigen Falle zwischen Papier uud Metall gewählt wurde. Solange die Unterschiede gering und vorübergehend sind, werden sie nnr von den Eingcwcihtcsteu benutzt, aber der Wcltgang sorgt schon dafür, daß bei einiger Intensität oder Dauer derselben Strömung auch der weniger Eingeweihte zu derselben Methode hingclcitet wird. Indem ihm die Wissenden sein mchrwcrthigcs Geld abnehmen und ihm mindcrwcrthiges dafür zurücklassen, wird er von selbst in die Lage versetzt, sich zur Erfüllung aller Verbindlich- _.__ 107 leiten des mindcrwerthigcn Geldes zu bedienen. Man läßt ihm eben gar keine Wahl mehr. Verhielten sich die Dinge schon so in den Zeiten, da von einem Weltverkehre kaum die Rede sein konnte, wie erst jetzt! Gerade die Gleichartigkeit und freie Beweglichkeit der metallischen Substanzen, welche mit Recht als die Grundbedingung des Geldes verlangt wird, ist untreuubar von seiner Nachgiebigkeit gegen jede Veränderung, die es nach außen lockt. Eben die mit dem allgemein gültigsten Werthe logisch untrennbar verbundene Wechselwirkung bewirkt, daß der Gegenstand immer dahin gezogen wird, wo er den höchsten Preis erzielt, sich von da entfernt, wo er von diesem etwas einbüßt. Letzteres aber ist unvermeidlich der Fall da, wo zufolge gesetzlicher Borschrift ein minderwerthiges Object als gleichberechtigt auftritt. Das thatsächlich höher berechtigte entfernt sich schmollend, um dem niedrigern Platz zu machen, - das ein widernatürliches Gesetz ihm als gleichberechtigt zur Seite stellt. Seitdem die französische Gesetzgebung des Jahres XI der Republik nnd die ihr nachgebildeten Münzverfassungcu cö unternommen haben, daö gegenseitige Wcrthvcrhältniß von Silber zu Gold auf die Zahl lö^/s ZU 1 festzunageln, hat das Kommen und Gehen niemals aufgehört. Die Schwankungcn/wclche das gesetzlich festgestellte Normalverhältniß zwischen beiden Metallen alterirtcn, waren bald geringer, bald stärker, bald nach lange anhaltenden Richtungen fortströmcnd, bald in kürzern Zwischenrämnen wechselnd, aber Stillstand war niemals vorhanden. Eins der großen Argnmcute, auf welches die Vertheidiger der Doppelwährung sich berufen, geht dahin, daß nach mehr als 60 Jahren das 108 Verhältniß von Gold und Silber wicdcr einmal gerade an dem Punkte von lo'/? zu 1 angekommen war, wie zur Zeit seiner Vcrkündung. Aber sie vergessen dabei, welche Schwankungen cS zwischenzeitlich durchgemacht, und daß jede Schwankung von dein entsprechenden Ab- und Zuzug der betreffende» Metalle begleitet gewesen, der einerseits wicdcr die Wechselcnrse von Land zu Laud, durch diese endlich die Preise rcgulirtc. Weuu nach 60 oder L'> Jahrcu wieder einmal eine Epoche eintrat, in welcher die Thatsachen mit dem gesetzlichen Verhältnisse zusammentrafen, so beweist dies nichts anderes, als daß im Laufe der Jahre auch diese Zahl wicdcr aus der Schwankung hervorgehe» kann. Und hierbei darf der andere iuzwischcu praktisch gewordene Gesichtspunkt nicht entgehen, daß eine Bewegung, die bis zu einem gewisscu Zeitpunkt zwischen zwei Richtungen altcrnirt hatte, definitiv in einer derselben verharren, die andere für immer aufgebe» kauu. Ueber die Falschheit des Princips der Doppelwährung habe» sich übrigens ihre gesetzlichen Begründer nicht entfernt der Täuschung hingegeben, welche in der Anffassnng der heutigen Vertheidiger ihrer Methode steckt. Die Väter dcö französischen Mllnzgcsctzcs vom Germinal des Jahres XI haben mit klarcn Worten in den schriftlichen Motiven ausgesprochen, daß die Fixirnng eines gesetzlichen Verhältnisses zwischen beiden Edelmetallen unmöglich auf alle Zcitcu beschlossen werden könnc; daß vielmehr vorbehalten werden müsse, je nachdem später ein Umschwung eintreten möchte, auch mit dcu gesetzliche» Verhältniswahlen nachzurücken. Es ist klar, daß dieser Gedanke vom Geiste der Nachfolger theoretisch nicht festgehalten worden ist, wenn auch die Praxis schou dafür sorgt, daß sie ihn nicht ignorircn können. Heute, wo 109 Ivir es erlebt haben, daß an der einzigen Stelle, an welcher der innere Werth der Metalle zu seinem wahren Ausdrucke kommt, nämlich am Markte des Welthandels, das Verhältniß von Silber zu Gold sich auf 17 zu 1 verrücken konnte, d. h. um eine Abweichung von 10 Procent gegen die gesetzliche Bestimmung, heute wäre gewiß, wem? je der Moment gekommen, von jenem Vorbehalte, wie ihn die Väter des Gesetzes verstanden, Anwendung zu machen. Es geschieht dcunoch nicht. Aber was ist die Folge? Daß die ganze Doppclwährung thatsächlich abgeschafft ist. Die Beschränkung der Silbcrprägnngen nach den erwähnten Conventionen des Lateinischen Mnuzbnndcs ist nichts anderes als eine verschämte Form dcr Abschaffung dcs Systems selbst, und eine Form des Ucvergangs zur reinen Goldwährung, in welche das jetzige Provisorium auslaufcu muß, sobald es- nur den provisorischen Charakter ablegt. 11. Verheerende Wirkungen der Doppelwährung. Wer den Sinn einer vollwcrthigcn Münze erfaßt hat, kann den Gedanken nicht preisgeben, daß jedem,, der das entsprechende Quantum Metall besitzt, die Befugniß gewahrt sein muß, ihm mittels der Prägung den Münzcharaktcr zu gcbcu. Wo diese Befugniß fehlt, wo mithiu die Möglichkeit, aus Metall vollhaltige Münze zu machen, ein Monopol ist, steht wie hinter jedem Monopol der künstliche Werth, der falsche, der übertriebene. Prägungsmonopol heißt: Vorrecht, das geprägte Metall durch privilcgirtc Verkäufer dem Volke theuerer zu verkaufen, d. h. in höherm Werthe au Zahlung zu geben als demjenigen, welcher den Herstellungskosten entspricht. Zwischen dem Prägungsinonopol uud der Gcld- papicrwirthschast besteht grundsätzlich kein Unterschied, beide legen es in die Hand des formgcbcnden Theils, wie hoch er sich die gesetzliche Form will bezahlen lassen, möge er diese in ihrem Verhältnisse znm Material nnr um 1 Pro- ccnt oder wie beim Papier um 100 Proccut zu- hoch verrechnen. >> 111 Ist aber dic frcic Prägung gegeben, so wird sie auch jede greifbare Abweichung benutzen, um von zwei gesetzlich gleichgestellten Metallen dasjenige cinzuschmclzcn und aus den Weltmarkt zu bringen, welches an demselben in besserem als dem gesetzlichen Verhältniß zu verwerthe», und dagegen dasjenige ausprägen zu lassen, welches in niedrigerem zu erhalten ist. Wie dies abwechselnd thatsächlich geschehen, erzählen Hunderte von Denkschriften. In allen ist nachzulesen, wie insbesondere seit der Mitte unsers Jahrhunderts die Länder der gesetzlichen Doppelwährung zu Operationsfeldern der Mctallspccnlation geworden sind, je nachdem der Gang der Weltgeschichte bald das Gold, bald das Silber zum bevorzugten Edelmetall erhob. Als das Gold mit Entwcrthnng bedroht schien (von 1849 an) floß in dic betreffenden Präge- anstaltcn Gold und dem Umlaufe wurde das Silber entzogen; als dann umgekehrt jcuc Furcht (in der zwcitcu Hälfte der fünfziger Jahre) sich zerstreute uud der Znknufts- bcruf des Goldes sich am Horizont zu zeichnen begann, nahm man ihnen daö Gold und brachte ihnen das Silber zurück. Dann kam wieder der Secessionskrieg und die Scidcuwürmcr- krankheit^ um deu Bedarf uach Silber über die maßcu zu steigern, flugs schmolz man die silbernen Thaler ein und ersetzte sie durch goldene Zwanzig-, Zehn- nnd Fünffrankenstücke, um auch das wieder im umgckchrtcu Sinne aufzuwickeln, als jcuc Conjuncturcu ihr Eude erreicht hatte». Und als nnn dic dentsche Mi'mzrcform und die Entdeckung der großen Silbcr- minen im amerikanischen Westen endlich daö unzweideutige Zeichen gaben, daß in dcr-Gcldwirthschaft ein welthistorischer Moment eingetreten; daß der Niedergang des Silbers nicht 112 cinc jener oft dagewesenen sinkenden Bewegungen bedeute, welche nach gegebener Zeit von der emporsteigenden abgelöst wird, sondern einen unwiderruflichen Wendepunkt, da stürzte sich die Spekulation erst mit voller Macht zu dcu Münzstätten dcS lateinischen und holländischen Gebietes, um uoch den letzten Moment zn benutzen, der ihr gestattete, cnt- wcrthetcs Silber zu voller Münze zu adeln, oder auch gar noch höhcrwerthigcö Gold dagegen einzutauschen. Ernste Vertheidiger der Doppclwährung, solche, welche den Gegenstand nicht mishandeln, weil sie mit Hülfe ihrer Ignoranz ihrem religiösen oder politischen ZclotiSmus zu dienen suchen, haben behaupten wollen, das sei gerade der Vorzug dieser Doppclwährung, daß sie, wenn ein Metall sich verthcucre und deshalb wegziehe, das andere dafür cinschiebc. Wie gewandt und gelehrt sie anch sonst sein mögen, im Moment solchen AnSspruchcs haben sie gauz und gar vergessen, was Geld ist; daß sein Wesen nicht in der Form, sondern im Gehalte liegt, nnd daß jede Ersetzung eines Geldes durch ein solches, welches am Weltmärkte geringern Werth hat, nichts bedeutet, als daß mit dem Augenblick der Unterschiebung des minderwertigen Metalls an Stelle des höhcr- wcrthigcn cinc Verschickung dcr Prcisvcrhältnissc unfehlbar eintritt. Rufen wir nns nnr zurück, wie wir zum Einblick in den innersten Mechanismus des Geldvcrkchrö zwischen den Ländern, zur Erkenntniß dessen, was dcr Wechselkurs bedeutet, gelangt sind. Dieser, d. h. das Verhältniß von Land zu Land, findet stets seinen letzten Ausdruck in dcr Quantität Gcldmctall, welche man zum Behuf von Zahlungen wegschicken, znm Behuf von Erhebungen beziehen kann. 113 . Eutwcrthung cincs Mctalls heißt abcr nichts anderes, als daß mehr davon denn früher gegeben werden muß, um eine Quantität irgendwelcher Waare dafür zu kaufen. Diese Cntwcrthung tritt uuwidcrstehlich ein auf dem Weltmarkt, nach dessen Maßstab der internationale Verkehr rechnet. Hat nun der unvermeidliche Gang der Spekulation in den Verkehrsadern ciues Laudes mit Doppelwährung beispielsweise das entwcrthete Silber dem beliebter» Gold substituirt, so richtet sich auch der Wcchselcurs auf das Laud danach, daß in letzter Justanz nur Silber daraus bezogen nnd uoch Silber dahin geschickt werden kann. Das heißt, der auswärtige Handel verkauft ihm das, was er ihm schickt, um eine Höhcrc Quantität Silbcr als früher und bezahlt das, was er ihm nimmt, gleichfalls mit einer höhern Quantität Silber. Mit andern Worten: Sowol die Einfuhr- als die Ausfuhrartikel steigen im Jnlandc au Preis, müssen von dcucn, wclchc ihrcr bcdürseu, höher bezahlt werden. Der Einfuhrartikel, weil der auswärtige Verkäufer ihn nur um mehr Silbcr als früher hergibt, der Ausfuhrartikel, weil ihm mit Höhcrm Gebot Coucurrcnz gemacht wird. Alles, was Gegenstand des Handels von Land zu Land ist, wird theuerer, sobald ein miudcrwerthigcs Metall dank dcm Doppclmaß des Gesetzes die Stelle des mchrwcrthigcn ciunimmt, und das min- dcrwcrthigc uimmt unfehlbar jedesmal diese Stelle ein, sobald ciu Nollcuwcchscl der Metalle auf dcm Weltmarkt bewirkt wird. Nicht so geht cS mit deujcuigcn Dingen, wclchc außerhalb dcS internationalen Verkehrs stehen. Ihr Preis .wird nicht an dem frcibcwcglichcn Maßstabe des wahren Gcld- gehaltcS gcmcsscu, der dcm Waarcuhandcl und Wcchselcurs zu Grunde liegt, sondern au dcm formalen Ausdruck der Bamberger, Reichsgold. 8 114 Geldbczcichnung, die für ihn festgesetzt ist. Zwanzig Franken bedeuten für den Staat, der den Beamten bezahlt, für den Schuldner, der seine Zinsen oder sein Kapital entrichtet, für dcnTagclöhncr, der seiner Hände Werk vermiethet, das Gleiche, ob sie in einem goldenen Zwanzigfrankenstück oder in vier silbernen Fünffrankcnstllcken bezahlt werden. Alle schwer beweglichen Güter bleiben in dem Maße, als sie von der Lan- dcsgrcnze entfernt sind, unberührt von der Preisverändcrnng, welche zunächst die Gegenstände des Zwischcnvcrkchrs trifft. Auch der Getreidcpreis innerhalb der Grenzen wird notorisch erst später und schwächer von solchen Schwankungen berührt, und der Landmann verkauft seine Ernte noch um die alten Preise, wenn er seine Bedürfnisse von Import- und Exportartikeln bereits höher bezahlt/') Es ist gauz derselbe Vorgang bei jeder Bewegung der Metalle im Lande der Doppelwährung, wie wenn bei irgendeiner Calamität Metallgeld durch Papier mit Zwangscurs in übermäßiger Fülle ersetzt wird. Ein Theil des Verkehrs, der, welcher vom Auslande bemessen wird, richtet sich sofort durch Preiserhöhung nach dem entwertheten Gelde, der andere, auf die bloßeu Zahlcn- bcncnnungcn der innern gesetzlichen Fiction angewiesen, bleibt unverändert. Ganze Klassen von Beziehungen nnd der in ihnen hauptsächlich verkehrenden Bevölkerungsthcile bleiben mit ihren Einnahmen unter dem veränderten Niveau des Geldmaßstabcs, während sie mit ihren Ausgaben gezwnugen sind zu folgen. Und in dem Maße, als ihr Beruf dem 5) Trotz alledem hörte man bei uns wie oft! dreist dranf los behaupten, die Goldwährung werde das Leben, namentlich für den kleinen Mann, vertheuern! 115 auswärtigen Handel ferner liegt, werden die Bcvölkcruugs- krcise von diesem Gegensatz mehr geschädigt. Es dauert lange, bis die oft wiederholten und empfuudcucn Tausch- berührungeu ihre nivcllirenden Wirkungen überall hingetragen haben. Wenn jemand die Geschichte der französischen Assignaten liest, die es dahin brachten, daß ein Pfuud Taglichter 200 Livrcs kostete, so wird er sich beleidigt fühlen bei dem Gedanken, man traue ihm kein Verständniß für den Schaden zu, welcher einem Lande durch solche Schwankungen bereitet wird. Aber wen» er soviel Logik als Empfindlichkeit besäße, so würde er finden, daß in dem gesetzlichen Schankcl- spiel mit zweierlei Metallen genau dieselbe Erscheinung gegeben ist, welche ihn so lebhaft ergreift, wenn das Spiel zwischen Metall und Papier vor sich geht. Denen, welche sich darauf stützen, daß über ein halbes Jahrhundert hinaus das Verhältniß von Gold zu Silber das gleiche geblieben sei, kann man nicht besser antworten, als wenn man ihnen die monatlichen Schwankungen der londoner Mctallprcisscala über diesen Zeitraum hiu unter die Augen breitet. Jede dieser Schwankungen aber übte nach der Beweglichkeit des Welthandels ihre Wirkung auf die Wcchselcurse und Preise aus und jede darum wurde von denen bezahlt, welche den Ni- vcauvcrändcruugcu nicht so rasch folgen konnten wie die, welche an der großen Schüssel des Verkehrs stehen. Wer die Fenchtigkcitsnicdcrschläge einer Gegend messen will und nur die Wolkcubrüchc zählte, würde nicht unrichtiger zn Werke gchcu, als wer die Schädiguugcu durch Mctallschwan- knng nnr nach den großen Katastrophen berechnen wollte. Der Hygrometer allein sagt, was in der Luft vorgegangen, und die Quantitäten, die er ankündigt, haben nicht minder 8" 116 ihre Wirkungen erzeugt, weil sie nicht von Donner und Blitz begleitet waren. Wie ein falsches Princip sich in seinen eigenen Schlingen sängt, ist ergötzlich zu scheu, wenn man das Verhalten der großen Landcsbanken in Gebieten der Doppclwährung bei starken Umschlägen der wechselseitigen Metallvcrhältnisse beobachtet. Diese Banken sind die großen Niederlagen der gemünzten und uugemüuzteu Edelmetalle, und auf sie stürzt sich der Mctallhandel zuerst, wenn die Wagschalc in neue Schwankung gcräth. Ihr natürlicher Antrieb stachelt sie dann an, das für sich zu behalten, was man begehrt, das anzubieten, was man nicht will. Und da das Gesetz der Wahl auch für sie und für sie vor allem gilt, so zahlen sie min ausschließlich in dem Gelde, dessen metallischer Rohstoff vou der Ungunst des Weltmarkcs betroffen worden', und häufen das begünstigte an. So helfen sie dem Uebel selbst, das von außen auf das Laud eindringt, sich ausbreiten, werden die stillen Verbündeten des internationalen Metallhandels, welcher das cntwcrthete Geld von außen hinein-, das höherwcrthige von iuucn herausführt. Während der Handel dieses Pump- uud Saugcwerk von diesseits nach jenseits der Grenzen in Bewegung setzt, pumpt die Bank aus ihrem Reservoir von unten nach oben das schlechtere Geld dem Verkehr zu und von oben nach untcu das bessere ab. So ent-' stchcu gleichzeitig zwei Doppelströmungcn, um das Landesgeld in vierfach beschleunigtem Tempo aus seiner cdlcrn Beschaffenheit in die unedlere überzuführen, d. h. die Preise der im auswärtigen Handel verwerthbaren Dinge auf einseitige Weise zu erhöhen. Doch nicht genug damit, daß die Centralbanken, deren höchste Bestimmung ist, den Gcldver- 117 kchr cincS Landes möglichst stetig und solid zu erhalten, damit selbst zum Werkzeug seiner Zersetzung werden; es bleibt auch im Fortgang der falschen Bewegung die Strafe nicht aus in Gestalt wahrhast komischer Verlcgcuheit. Die Bank hat, an einem gewissen Pnnkt der Druck- und Saug- arbcit augckommcn, so wacker darauf los gepumpt, daß sie ihr Ideal erreicht hat. All ihr entwertetes Geld hat sie ans den breiten Rücken des Publikums abgeladen, und ihr eigener Hort besteht ausschließlich in höhcrwerthigcm Metall. Aber es braucht nicht erst gesagt zu wcrdcu, daß damit für die Gcwiuulust gerade ein neuer stärkerer Anziehungspunkt geschaffen ist. Nun erst umkreist dieselbe mit ihrer scharfeu Witterung die sichere und lockende Beute. Man weiß es ja jetzt: Jede von der Bank in baar zu zahlende Forderung kann uur in dem bessern Metall geleistet werden, denn des schlechter» hat sie sich entledigt. Jeder bei der Bank laufende Crcditposten, jedes Bankbillct wird zum Löffel, mit dem man das ein Aufgeld erzielende Metall ohne Aufgeld aus den Kellern der Bank herausholen kann. So wird das vorsichtige Institut durch seine eigene Taktik in die Falle gelockt. Man lese in dem bereits erwähnten Buch vou Frerc-Orban*) die erbauliche Beschreibung nach, wie namentlich auf dem classischen Bodeu der Doppelwährung, bei der Französischen Bank, diese Verlegenheiten sich zu wahrhafter Komik steigerten; wie zur Zeit der vorübergehenden Golocntwerthuug in den 1850 er Jahren die Bank so gut operirt hatte, daß sie all ihr Gold los geworden war, ihre Keller ausschließlich von Silber strotzten; wie, nachdem dieses Ziel erreicht, nun °) ,,1iÄ (juestion monstaiss", S. 241 fg. 118 erst recht alles auf diese Keller losdrängte, um ihuen dcu Schatz zu entreißen, und wie nun die Bank der Reihe nach bei ihren Schwestern in London, Petersburg uud Brüssel betteln gehen mußte, daß sie so gnädig sein möchten, ihr das eben uoch so heiß begehrte Silber wieder abzunehmen uud das verschmähte Gold dafür zurückzuschaffen, damit der Gierde uach Silber, welche jetzt im Zuge sei, ihren Baar- schatz überhaupt davonzutragen, der Appetit verdorben werde. Mit solcher Gewalt sorgt im lebendigen Tansch der Kräfte jeder Werth für seine eigene Anerkennung, so eitel ist es, gegen die wirklichen Verhältnisse mit gesetzlichen Aktionen ankämpfen zu wollen. Ein ähnliches MiSgcschick bedrohte die Preußische Bauk, als sie im letzten Jahre den Moment herannahen sah, in dem ihr Silber erschöpft und dann das Goldngio die Bentclust reizen mußte, sich mit Noten zur Einwechselung zu präscntircn. Sie überlegte schon, ob es dann gestattet sein werde, statt mit Gold mit Zchn- groschcnstückcn Noten einzulöseu, eiue Eventualität, die sonst nur aus zu großer Armuth entspringt, hier aber aus zu großem Reichthum entsprang. Selbstredend lag die Schuld der Verlegenheit nicht an der Bank, sondern an, den eigenthümlichen Zuständen des Ucbcrgangcs. 12. Die Theorie Wolowsky's. Man fragt sich, wie angesichts solcher aus dem Begriff der Dinge selbst entspringenden Nothwendigkeit und der von der Erfahrung dazu gelieferten Belege die Doppelwährung noch ihre Vertheidiger finden könne. Und die Wahrheit ist, daß sie anch kaum deren findet. Ihre Anhänger stehen in der Doctrin ganz vereinzelt da. Der einzige von allen, der ihre Theorie auf eine rationelle Gruudlage aufzubaucu versucht und ihr das Ansehen eines in der Wissenschaft anerkannten Namens geliehen hat, ist Herr Wolowsky. Auf ihn allein berufen sich die zahlreichen Empiriker, welche ein Zcngniß für die Nichtigkeit ihrer Ansicht brauchen, während man überhaupt nur die Liste der in der Volks- und Finanzwirthschaft zählenden Autoritätcu aufzuschlagen braucht, um allenthalben den Anhängern der Einhcitöwährung zu begegnen. Der Grundgedanke Wolowsky's aber entspringt aus dem Irrthum, daß willkürliche Anordnungen in diesen Dingen die Natnr der Sache bezwingen können. Wenn in der ganzen Welt die beiden Metalle gesetzlich im nämlichen Gc- gcnscitigkeitsvcrhältniß zu Gcldmatcrial erhoben würden, 120 so müßte das künstlich erzwungene Verhältniß solche Kraft aus dieser allgemeinen Ucbcrcinkunft ziehen, daß es einem natürlichen in der Sache selbst ruhcudcu Verhältniß gleichkäme. Das ist, wenn man den Kern herausschält, der Zuhält des Wolowsky'schcu Systems. Daß es aber in diesen Dingen keine bindenden Ucbercinkünste geben kann, nicht einmal feierlich verbriefte, geschweige denn stillschweigende, das ist oben hoffentlich znr Genüge bewiesen worden. Ein zweiter, sehr sinnreich erfundener Stützpfeiler des Systems verliert seine Tragkraft, sobald jene erste, eben geschilderte Voraussetzung fehlschlägt. Es ist allerdings, wie dort gesagt wird, etwas Wahres daran, daß die Bcrthcucrnng, beziehungsweise Narifieatiou des einen Edelmetalls bis zu einem gewissen Grade auch dem minder begehrten zu statten kommt, welches als Vertreter des sich zurückziehenden ciucn größcrn Nanm als bisher ausznfüllen hat und dadnrch selbst an innerer Spannung zunehmen muß. Allein dieser Hülsssatz beruht zum ersten doch ans der unzulässigen Voraussetzung, daß die Vcrtrctbarkeit des einen Metalls dnrch das andere (die Doppelwährung) sich stets ciues gleich großcu gesetzliche» Bodens erfreuen werde; und zweitens kann er doch im besten Falle mir darauf rcchueu, daß die Störung des bisherigen Verhältnisses einigermaßen durch eine innere Gcgcuwirkung sich ausgleiche» werde, ohne annähernd bestimmen zn können, ob diese Wirkung genau das mathematische Gegengewicht liefen: werde, welches ausreicht, um das alte Verhältniß zn sichern. So wie aber die Identität des gesetzlich festgestellten Verhältnisses zwischen beiden Metallen um etwas in Frage gestellt wird, tritt jene oben beschriebene Störung ein, unter welcher die Gesammtheit leidet. 121 wenn cs ihr auch nicht deutlich zur Empfindnng kommt. Vielmehr gerade in der Aufhebung der Empfindung, welche durch die leise Jnfiltrirnng der einen Substanz an Stelle der andern herbeigeführt wird, liegt der Schaden und die Gefahr der Doppelwährung. Der mchrcrwähnte Bericht der schweizer Dclegirtcn bei der jüngsten Confcrcnz des Lateinischen Münzbundcs schildert die Vorgäuge und Nachtheile dieser heimlichen Vergiftung des Vcrkchrslebens in den lebhaftesten Ausdrücken. Wir haben oben eine Stelle citirt, in der beschrieben wird, wie je nach der vorherrschenden Störung der Münzschatz vom Metallhandel bald so, bald anders geleert und überfüllt wnrdc. An einer andern Stelle zeigt er, wie die gcsnndc .Doctrin auch in Frankreich auf Beseitiguug der Doppelwährung dringt, und die Gegner der Goldwährung sich vorwiegend auf eiue gewisse Autorität stützen, die ihre Kraft aus ihrer hohen Börsenstellung zieht.") „In den beiden Ländern", sagt der Bericht an einer andern Stelle, „die das Gesetz der Doppclwährung nicht dnrch den Zwangscurs paralysirt haben, in der Schweiz und in Belgien nämlich, sehen die Bewohner seit 1373 immer mehr das Gold verschwinden nnd das Silber den Verkehr beherrschen, die Geschäfte immer mehr erschweren und vcr- theucrn." So der officiclle schweizer Bericht, der Bericht einer Republik, dessen Autorität vielleicht von unseren nltramoutaneu Finanzschriftstcllcrn nicht anerkannt, aber von *) Der vorerwähnte „Rapport", S. 11: ,,1'antorits, Hus Isui- donns uns ncmts Position 6s dourss" (das HauS Nothschild). 122 ihren dcmokratisircndcn Kampfgefährten nicht wohl bcstritten werden darf. Das Gold, welches, wie uns triumphircnd vorgehalten wird, aus der deutschen Münze in die brüsseler wandert, geht nicht dahin, um deu Umlaufsschatz des belgischen Volkes zu bereichern, sondern um mit Agio weiter verkauft zu werden. 13. Die Geldausfuhr uud die öffentliche Meinung. Stehen wir bei der letzterwähnten Erscheinung still. Sie ist unbestrittene, unbestreitbare Thatsache. Das Spiel der allmählichen Unterschiebung des einen Münzmetalls an Stelle des andern im Gebiete der Doppelwährung vollzieht sich, sobald es über das erste Stadium latenter Bewegung hin- ausgcdichcn, vermittels eines Agios oder Aufgeldes. Das heißt, die aus dem momentan begünstigten Metall geprägte Münze erzielt cineu höhcrn Preis, als ihr Nennwert!) sagt. Worin denn kann dieser Preis entrichtet werden? Offenbar nur.in andern: Metallgeld. Gemäß der Natur der Sache sollte jede Wcrthvcrändcrung einer Münze nicht als Prcis- verändc'rnng an ihr selbst, sondern als Preisvcränderuug aller audcrn Waarcngnttnngen empfunden, aufgefaßt und ausgedrückt werden. Wem? die Goldmünze mehr Wolle oder NeiS erzielt als bisher, so sagt man nicht, der Preis des Goldes ist gestiegen, sondern der Preis der Wolle oder des Reises ist gefallen. Preis bedeutet eben Tanschwcrth in Geld ausgedrückt. Eiu Aufgeld zu Gunsten des einen Metalls (Agio) kann, wie schon der Wortlaut besagt, nur 124 gewährt werden dadurch, daß anderes Geld und zwar iw einem höhern Nennbetrag als das dagegen gelieferte verabreicht wird. Dies andere Geld kann nnr das andere Glied der doppclglicdcrigcn Währung sein. Es versteht sich damit von selbst, daß ebenso gut wie das begünstigte Geld einen hohcrn Preis in Forin des minder begünstigten erzielt, das minder begünstigte selbst einen niedrigern Preis bedingt. Sobald im Gebiete der Doppclwährung beispielsweise das Gold mit 1 per Tausend Aufgeld bezahlt wird, kann man mit demselben Recht sagen: daö Goldgcld sei theuerer, wie das Silbergeld sei wohlfeiler geworden. Und dies, trotzdem das Wesen der Doppclwährung darin ruht, daß beide Geldarten in cincm unwandelbaren Verhältniß zueinander stehen. Daß solchergestalt Aufgeld bezahlt wird, ist offenkundige Thatsache, die wir ja unter anderm gerade bei uns eben beklagen hörten uud dic nicht deshalb bei uns vorkam, wie der Aberwitz behauptet, weil wir die einfache Goldwährung besaßen, sondern weil wir sie noch nicht besaßen*), vielmehr an ihrer Stelle eine UcbergangSdoppclwährung. Ein Aufgeld auf Gold ist eben unmöglich, wenn kein anderes Geld existirt als Goldgcld. Ein Gesetz, das die Doppelwährung einsetzt, führt die Nothwendigkeit mit sich, daß zum Behufe der Substituirung einer Gcldsorte an Stelle der andern zeitweise ein Aufgeld bezahlt, d. h. daß das eine Geld mehr, das andere minder werth wird als das gesetzlich vorgeschriebene Verhältniß. Mit anderen Worten: das Gesetz der Doppclwährung ist ein Gesetz der Fiction. Auch zur Stunde noch nicht besitzen. l25 Das höhere Recht der einfachen Währung tritt schon allein aus dieser einzigen Bewandtnis; uns siegreich entgegen. Wo nur Ein Geld ist, kann ein Aufgeld, eiu Agio uicht cxistiren. Wo ausschließlich Gold oder ausschließlich Silber Geld ist, kaun es sich doch selbst nicht kaufen, cS kann nicht zugleich mehr- und mindcrwerthig sein. Hier hat also kraft eingeborener Nothwendigkeit das Geld nur Einen Preis, oder vielmehr es hat keinen Preis. Denn das allein ist das Richtige, das allein entspricht dem Berufe des Geldes. Sowie es einen Preis hat, ist es nicht länger Geld, sondern eine gemeine Waare wie jede andere. Geld sein heißt der letzte, oberste, alleinige Maßstab des Preises sein. Man kann ebenso wcuig corrcct ein doppeltes Geld wie eine doppelte Gottheit denken. Das allgemeinste Maß der Dinge kann nicht wieder an seinesgleichen gemessen werden, denn entweder sind beide Dinge einander völlig gleich, dann sind sie nicht zweierlei, oder sie sind verschieden, dann ist kcinS von beiden der oberste Maßstab. Innerhalb der Grenzen seines gesetzlichen Gebietes darf die Verschiebung des Werthes zwischen dein Gelde und anderen Dingen nur au letzteren sichtbar werden. Darin eben muß cS sich von allen übrigen Dingen unterscheiden, daß cS, das Geld, das unveränderliche bleibt, wenn auch mir scheinbar, während die Preise der Waaren sich verändern. Das eben stempelt es zum Maßstabe. Mag immerhin die Ursache des veränderten Warenpreises uicht aus einer Wcrthvcrändcrung des Kanfobjcctcs, sondern aus einer Werthverändcrung des gcldbildcndcn Metalls sich hcr- schrcibcn, die Wcrthvcräudcrung muß als WaarcnprciS zum Vorschein kommen, nicht als Geldpreis. Dem? Geldpreis ist ein Widerspruch iu sich selbst, eine Lonti^äictio in lulMto. 1^6 Erst wenn das Geld über seine gesetzlichen GcbictSgrcnzcn hinaustritt, wird es selbst Gegenstand des Preises, und darf es werden, eben weil es eins der beiden Attribute verliert, die untrennbar und nnthcilbar seine Natur ausmachen, nämlich das Attribut der gesetzlichen Autorität. Das Geld des Auslandes, sei es gut oder schlecht beschaffen, bestimmen wir nach seinem Preise, dieser Preis heißt Wechselkurs. Das Gesetz des Auslandes bildet keinen Maßstab für uns, wir fragen also nur uach dem Gehalt und bestimmen ihn in unserm Gelde als dem unveränderlichen. Indem wir dazu kommen, für das eigene Geld einen Preis, einen Ausdruck wieder in Geld zu brauchen, verrathen wir, daß es seinen Charakter verloren, assimilircn wir es dem auswärtigen. Und diese Entartung tritt allemal ein, wenn bei der Doppclwährung dank einer der periodischen Schwankungen im gegenseitigen Verhältniß der Metalle die eine der beiden Gcldartcn ein Aufgeld, einen Preis erzielt, beide Geldartcn einander kaufcu, sich selbst zu Waaren herabwürdigen, recht eigentlich dcmonctisiren. Wo zweierlei Gcldstoffe mit einem vom Gesetz unabänderlich festgestellten Verhältniß sich ins Regiment theilen, zerstören sie gegenseitig ihre Bestimmung; und für das von ihnen beherrschte Gemeinwesen tritt die Rettung nur dadurch ein, daß das eine und zwar das höhere vom andern, dem geringern, ans der Herrschaft verdrängt, von ihm zum Lande hinauöcomplimcntirt wird. Und die Unkosten dieser Usurpatiou zahlt der Klcinvcrkchr. In den Jahren 1874 und 1875 ward der für die Absicht der Müuzrcform unbequeme Goldabfluß aus Deutschland nur dadurch möglich, daß man für dieses Gold mit einem andern Gelde bezahlen und, weil dieses letztere 127 ein auf dem ganzen Weltmärkte verschmähtes Geld war, auch ein Aufgeld über das legale Verhältniß hinaus zufügen kouute. Hätten wir nur Goldgcld bescsscu, so wäre der Abfluß uicht eher möglich gewesen, als bis wir an Gold allein für unsere Verhältnisse zu viel besaßcu. Und nicht eher, als bis wir das Silbcrgcld (mit Ausnahme der wahren Scheidemünze) werden beseitigt haben, sind wir gegen den unzeitgemäßen Abfluß des Goldes gesichert. Die möglichst rasche Einführung der vollen Goldwährung, welche auch den Banken die Möglichkeit beuimmt, Papicrcirculation an die Stelle des Goldes in mehr als gesunden Proportionen unterzuschieben, ist unabwciölichcs Bedürfniß. -Die 5proccutigc Notcnstener ist ein Hemmschuh, aber kein Hinderniß gegen zu starke Papicrcirculatiou. Nur die Verpflichtung, mit einem exportfähigen Gelde, d.h.mit Gold einzulösen, bietet das wahre Gegengewicht. Solange eiuc Bank mit Silbcrthalcrn einlösen kann, ist sie in der Lage, jedem Notcninhaber die Lnst zur Einlösung zu vertreibe». Das Definitivum der reinen Goldwährung trägt sciu selbst erhaltendes Princip in sich, das Zwi- schcnstadium ist der Reform größter Feind. Das Zwischcn- stadium hat uns die mislichc Erscheinung einer kurzen und heftigen Goldausfuhr gebracht, deren Wirkung mehr für das Gefühl als für den Besitzstand der Nation zu bcklageu war. Es ist in hohem Grade bemcrkcnSwerth, wie die ungünstigen Veränderungen in den UmlanfSvcrhältnisscn eines Landes sich auch für das allgemeine Gefühl verschiedentlich änßcrn. Im Laudc mit absterbender einfacher Währung, wie wir sie vor unserer Reform der Wesenheit nach in Deutschland hatten, bleibt das Gefühl stumpf für die Verschlechterung, für die steigende Verschuldung gegen das Aus- 128 land. Wo einmal exportunfähigcs Geld die Regel bildet, tritt die Veränderung blos am geschriebenen und gerechneten Wechselcnrs zu Tage nnd verletzt den äußern Sinn nicht. In den Ländern der gesunden einfachen und der noch lebendigen Doppelwährung (d. h. derer, die thatsächlich uoch ein besseres And e-in schlechteres Metall besitzen) hingegen tritt Mctallaus- fuhr ein und berührt das öffentliche Gefühl, ab'cr sie berührt es in verschiedener Weise. In den beiden letzter» Füllen erfüllt die AnSfuhr ihren innern Zweck, durch unangenehme Empfindung zum Bcwußtsciu zu bringen, daß eine Veränderung stattfindet, durch Schmerz zur Heilung aufzufordern; mir in Ländern, die gar kein exportfähiges Geld besitzen, wird ein Land gegen das Ausland verschuldet uud verändert seine innern Productiousvcrhältnissc, ohuc daß cS der Gesammtheit gleichmäßig zum Bewußtsein kommt. Aber während im Lande der einfachen Währung sich die Erscheinung sofort als eine Krisis kennzeichnet, an der Alle thcilnchmcn und auf welche Alle sich ciurichtcu, um sie zu bekämpfen, nimmt die Ausfuhr des im Werthe gestiegcucu Metalls im Lande der Doppclwährung den Charakter eines Uebels an, das man sieht, ohne seine Wirkung klar zu empfinden, nnd welches daher eine Situation voll Unbehagen, Mistraucn und Aufregung erzeugt. Alle Welt fühlt, daß hier etwas vorgeht, was uicht vorgehen sollte, ahnt, daß einst böse Nachwirkung daraus entstehen wird, uud verfällt der unbehaglichen Empfindung, daß ein in seinem Erfolg noch nicht berechenbarer Nachtheil beigebracht wird, gegen den man waffenlos ist. Dies war die Verstimmung, die mau auch bei uns empfand, als es hieß: „das Gold geht fort". Denn Gcldvcrthcucrung war für den Moment noch nicht oder nnr vermöge einiger 129 künstlichen und wirknngslosen Anstrengungen damit verbunden. Ebenso ging es früher in Frankreich, wenn zeitweise massenhaft Silber oder Gold weggeführt wnrde. Jenes Odium, welches dem Volksgcfühl der Export der Münzen erregt, ist viel stärker in Ländern der Doppelwährung; es entspringt aus dem vagen Gefühle der Hilflosigkeit, des ohnmächtigen Zornes gegen einen Zustand, iu welchem der Buchstabe des Gesetzes die Unterschiebung eines schlechtem Geldes an die Stelle eines bessern durch sciue Fictiou auto- risirt; es entspringt auch aus der Ahnung, daß etwas Widernatürliches vorgeht, wenn Geld mit Geld bezahlt wird, wcnu das hohcrwcrthigc dem nur vermöge eines Aufgeldes ihm gleichkommenden den Stempel der Erniedrigung aufdrückt, während das Gesetz zwingt, dieses in denselben Proportionen wie früher anzunehmen. Das Misgcfühl bei Geldausfuhr ist im Lande der Doppclwährung berechtigt; das Misgcfühl gegen die Ausfuhr unserer Kroncn war insofern minder berechtigt, als eine gewisse Form der Doppclwährung uuvcrmcidlich verbunden war mit dem Ucbcrgange zur reinen Goldwährung; dies Gefühl war gegründet, wenn es sich nur gegen Maßregeln wendete, welche den Ucbcrgang schwerfälliger machen konnten; es ward aber vollständig irregeleitet, wenn cS sich aufstacheln ließ gcgcu den Znstand, der künftig allein der Wiederkehr des Uebels vorbeugen kann, nämlich den Zustand der reinen Goldwährung. Wir sagen: der Zustand der reinen Goldwährung allein kann feste, unerschütterliche Grundlage für die Preisvcrhält- nissc nach innen und außen schaffen, insofern dieselben von der Beschaffenheit des Geldes, natürlich nicht insofern Bai» berger, Reichsgold. g 130 sie von den übrigen das Angebot und die Nachfrage der Waaren selbst bestimmenden Ursachen herrühren. Auch Augebot und Nachfrage des Geldmctalls entziehen sich nicht den Schwankungen aller im Verkehre befindlichen Dinge, aber einmal das Princip gegeben, daß nur eine vollwcrthigc und einzige metallische Grundlage gesundes Geld schafft, kann über die Wahl des Goldes kein Zweifel aufkommen. Einstweilen setzen wir hier den concreten Begriff „Goldwährung" nur vorgreifend für den abstracten Begriff: „einfache Währung" im Gegensatz zu allem, was man Doppcl-, Alternativ- oder Parallelwähruug genannt hat. 14. Geldausfuhr und Handelsbalanz. Zwischen den Ländern mit freier einfacher gleicher Mctalt- währung können die Wcchselcurse nicht um ein Höheres schwanken als um den Betrag der Versendung und Umprägung. Allen im Vorausgehenden geschilderten Uebeln entgehen sie nur durch eine solche Verfassung. Es ist daher das höchste Interesse aller Länder, das gleiche Metall einzig und allein zur Basis ihrer Währung zu machen. Auch gehen wir dieser Zukuuft mit Gewißheit entgegen. Nicht Verträge werden die großen Nationen untereinander auf solche Weise verbinden, sondern das wohlverstandene Interesse jeder einzelnen, gerade wie auch die Zukunft des Waarcuhaudcls uicht in den Handelsverträgen, sondern in der von der eigenen Einsicht jeder Nation dictirtcn Handelsfreiheit liegt. Alle Gcldvcrfassungcu, welche dieser Grundlage entbehren, sind, möge die momentane Lage sie in noch so günstigem Lichte erscheinen lassen, durchaus unsicherer Natur. Bestimmte Richtungen des Handels können die Unvollständigkcit einer Gcldvcrfassnng der Empfindung entziehen; aber wer verbürgt die Dauer einer Handclöconjuuctur? Wer kann sie bcrcch- 9 * 132 neu? Wer einen Einfluß auf sie ausüben? Sie liegt außerhalb der Macht des Gesetzgebers, der doch die Geldverfassung zu geben hat. Und was er nicht beherrschen kann, darf er in seine Voraussetzung nicht aufnehmen. Das Bild einer solchen Ausnahnislagc bietet uns zur Zeit Frankreich. Keine Theorie der Welt vertheidigt den Zwangscurs uneinlösbarcn Papiers, welcher vielmehr als die Signatur des tiefsten Geldverfalls dasteht. Frankreich hat augenblicklich den Zwangscurs. Gleichwol beklagt es niemand, leidet es nicht, sind seine CurSverhaltnisse zum Auslande solche, welche man die günstigsten nennt. Der Grund ist der, daß eiue Seite der Bestimmung des Geldes, nämlich die, überschüssige Schulden ans Ausland zu zahlen, nicht zur Anwendung zu kommen braucht. Frankreich bedarf keines Metalls zur Ausfuhr, und so sühlt es nicht als Entbehrung, daß ihm diejenige Function der freien und vollen Währung fehlt, welche gcstattct> jede Zahlung in vollwerthiges Metall zn verwandeln und dieses auszuführen. Die audcre Seite der freie» volleu Währung besitzt es in Form der unbegrenzten Zulässigkcit des Goldes aus seinen Münzen. Es hat nicht hcranszuzahlcn, sondern Überschüsse zu empfangen; zum Empfangen hat es die normale Einrichtung der Prägfrciheit für Gold, und da es für das Ausgeben kein Bedürfniß hat, so empfindet sein Wcchsclstand nicht den Mangel des betreffenden Organs. Wir haben bereits oben gezeigt, daß thatsächlich Deutschland in diesem Augenblicke dieselbe Münzverfassung hat wie Frankreich. Die Verschiedenheit der Wirkung ist einzig und allein bedingt dnrch die Stellung der Handclsbalanz. Eine günstige Handclsbalanz kann, wenn mit freier Zulassung 133 von Metall verbunden (passive Metallwährung), über die Mängel einer unvollkommenen Währung hinaushclfcn. Seitdem die Ausfuhr unsers neuen Goldes große Aufmerksamkeit erregt, hat sie auch die wohlthätige Folge gehabt, den Staud unserer Handelsbalanz in den Vordergrund der öffentlichen Angelegenheiten zu rücken. Der Gang, welchen die Beobachtung hierbei eingeschlagen, mag knrz so geschildert werden. Als die Erscheinung des Goldabflusses nnan- gcnehm berührte, wurde nach der Ursache gefragt, und Die, welche nicht so thöricht waren, die Münzreform dafür verantwortlich zu machen, daß das Land ein vortheilhaftcrcs Mittel zur Zahlung seiner Schulden gefunden (sonst würde es nicht dieses ncn gebotene Mittel ergriffen haben), richteten ihre Blicke nach dem Gange des Handels und erklärten, die Höhe unserer Wcchsclcursc aufs Ausland (zugleich Ursache der Goldausfuhr) köuuc nur entspringen aus dem Uebcrschusse unserer Waarcncinfuhr über die Ausfuhr. Nun wurden die Ziffern unserer Aus- uud Einfuhr zu Nathe gezogen. Sie waren schon vordem regelmäßig gesammelt und von Einzelnen beachtet worden; aber niemals hatte sich die öffentliche Meinung Wege» ihrer in Unkosten gesetzt. Es mußte erst das eigcuthümliche Schauspiel des Goldabflusses kommen, um Nachdenke» zu erregen über das, was längst im Gange gewesen und nur mit größcrn Opfern bcstrit- ten worden war. Die Ziffern der letzten Jahre wiesen erschreckende Dimensionen nach, sechzig Proccnt mehr Ein- als Ausfuhr. Auf diesen ersten Schrecken erfolgte eine Anstrengung, das Ungeheuerliche der Erschcinuug zu berichtigen. Sowol die Thatsache wie die Theorie wurde neuer Prüfung unterworfen. Die Thatsache erfuhr eine Milderung durch 134 Correcturen, die zwar noch nicht unumstößlich feststehen, aber mit großer Wahrscheinlichkeit als zutreffend gelten dürfen. Professor So et beer berechnete, daß in den zur öffentlichen Anzeige kommenden Angaben die Ausfuhr um etwas wie 25 Proccut zu niedrig fignrirc, und die von dem kaiserlichen Statistischen Amte angestellten Untersuchungen sind zu demselben Ergebniß gelangt. Doch auch die so berichtigten Ziffern lassen immer noch einen namhaften Ucbcrschuß der Einfuhr über die Ausfuhr bestehen.*) Gegen die Bedenken, welche die auch so berichtigte Thatsache noch zurückließ, wurde nun des weiter» eine Beschwichtigung aus der Doctriu beigebracht. Und zwar ganz mit Recht. Die sogenannte ungünstige Handelsbalanz trägt diesen ihren Namen mit Unrecht. Er ist ein Ucbcrblcibscl des alten McrcantilsystcmS, das in jeder Einfuhr ein Uebel sah. Nicht blos ist es nicht schlimm für ein Land, wenn es mehr Waaren ein- als ausführt, sondern die Mehreinfnhr ist das unvermeidliche Merkzeichen seines Gedeihens. Wenn es nicht in letzter Instanz mehr Werth ein- als ansführt, so wird es doch klärlich seinen Exporthandel mit Schaden betreiben; und wenn man einen Blick auf die Statistik der blühendsten Länder wirft, so findet man, daß gerade sie die größte Mchrcinfuhr haben, in erster Linie England. Wenn man sämmtliche Ziffern der Welthandelsstatistik miteinander vergleicht, so drängt sich der Gedanke auf, daß überall große Irrthümer unterlaufen miissen, denn beinahe alle Länder weisen beträchtlich mehr Ein- als Ausfnhr auf. Man findet als letztes Resultat nach allen Seiten hin ein enormes Plus von Mchreinsuhr, für das keine Mehraussuhr auskommt, für das der bloße Handelsgewinn nicht ausreicht. 135 Die Erklärung für die Möglichkeit, daß ein Land mehr Waaren ein- als ausführt, ohne mit baarcm Gelde den Überschuß auszugleichen, liegt übrigcus nicht blos in dem Gewinne, welcher auf die ausgeführten Waaren erzielt wird, sondern noch mehr in dem Verhältniß der Kapitalvorschüssc, welche ein Land dem andern macht in Gestalt von Darlehen an Staat, Gemeinden und industrielle Unternehmungen. Die Zahlung von Zinsen und die Rückzahlung von Kapitalien bilden eine regelmäßige Einnahme von Land zu Land, welche nicht in der Ansfnhrlistc figurirt, nnd die zu einem wesentlichen Theile als Ausgleichungsmittel für bezogene Waaren dient. Diesen Gedanken ausführend hat Soetbecr mit Recht eine Unterscheidung aufgestellt zwischen der Waarcn- balanz und der ZahlungSbalanz der Länder.^) Und er hat auf unsere besondern Verhältnisse aus diesen so diffcrenzir- ten Voraussetzungen die Nutzanwendung gemacht, daß Deutschland einen großen Theil seines Waarcnbezngs mit den Einnahmen ans den Kapitalanlagen bezahle, welche wie bekannt, seine Angehörigen in fremden Wertpapieren zu machen eine besondere Neigung haben. Hat das alles seine Richtigkeit, so löst es uns noch nicht die. Frage, ob diese verschiedenen Umstände vereinigt die Thatsache aufheben, daß wir alles in allem mehr Werthe vom Auslande beziehen als wir ihm in irgendeiner Form verabfolgen; mit andern Worten: ob die Zahlen der Waarcnbalanz combinirt mit denen der Zahluugsbalanz die Ausgleichung der beiden Strömungen herstellen. *) Siehe hierüber außer den neuesten Schriften von Soetbeer auch die von Seydt uud die Denkschrift von Leon Sah über die 5 Milliarden. 136 Die erste Antwort, welche sich dem Nachdenken aus diese Frage darbietet, ist die: daß alle amtlichen Zahlen, alle Berechnungen der gegenseitigen Waaren- uud Kapitalbewc- gungcn mit Irrthümern durchsetzt sein und ein falsches Bild geben können. Aber eins kann nicht täusche», uämlich der Wechselscurs auss Ausland. Ist er durch hohe Anspannung unbefriedigter Nachfrage gesteigert, so ist vou selbst der Beweis geliefert, daß die ZahlungSbcdürfnissc sich nicht ausgleichen, daß ein mehr oder minder großes Residuum von abzutragenden Schulden ans Ausland übrigbleibt. Ist dies unter allen Umständen ein berechtigter Rückschluß? Solange es sich um die Waareubalauz handelt, ohne Zweifel. Der inländische Waa-rcnvcrkänfcr hat ein ebenso dringendes Bedürfniß, den Erlös seiner nach Außen gegangenen Waaren an sich zu ziehen, als der inländische Käufer, seinen im Auslande geschuldeten Preis zu zahlen. Findet letzterer nur mit Mühe ein Gegenangebot, so kann er sicher sein, daß nicht so viel Waaren verkauft als gekauft wordcu. Aber steht es gerade ebenso mit den Forderungen aus der ZahlnngSbalanz? Ganz gewiß nicht! Das Bedürfniß des Kapitalisten, die Zinsen oder TilgungSbcträge seiner im Auslande angelegten Gelder bei Verfall hereinzunehmen, ist durchaus uicht so gebieterisch wie das des Waarcnvcr- käufcrs. Er kann es vorziehen, diese Eingänge wieder im Auslande anzulegen. In dem Moment, da er dies thnt, vereinigt er die Wirkuug seines Verfahrens mit dem Verfahren derjenigen, welche Waaren einführen. Wir haben bereits oben gezeigt, daß der, welcher einem Fremden Geld vorschießt, zwar aus entferntere Zeit hinaus dcsscu Gläubiger, aber für den Moment der Erfüllung des Vorschußcon- 137 tracts Schuldner wird. Dic Schuldurkunde ist dic Waare, die er bezicht, der Vorschuß der Preis, den er bezahlt. Welchen Grund soll der zu auswärtige» Anlagen geneigte Kapitalist haben, wegen Ucbcrschusscs der Waarcneinfnhr über die Ausfuhr seiner Neigung halt'zu gebieten? Was geht's ihn an, wenn das Land nach außen für Waaren ein. Mehr schuldet? Hier stellt sich nun eiue weitere Entgegnung ein. Der hohe Wechsclcurs aufs Ausland muß den Kapitalisten reizen, seine Forderung dem danach fragenden Waarcnkäufcr abzutreten. Solange dic auswärtige» Wcchselcnrsc in der Nähe der Parität stehen, mag er noch versucht sein, überschüssige Einnahmen von auswärts stehenden Forderungen wieder im Auslande zu verwenden. Aber dcr hohe Wechsclcurs muß ihn bestimmen, den Gewinn an diesem der neuen Anlegung im Auslande vorzuziehen. Man kann diesen Satz noch weiter ausdehnen und zu einer allgcmcincn Regel erheben, die nicht blos den eben geschilderten Fall, sondern alle Geldanlagen in auswärtigen Werthen trifft. Dcr hohe Wechsclcurs vcrthcuert dic Anlagen im Auslande nnd muß folglich zu deren Einschränkung führen. Ein Kapitalist wird sich vorrechnen, daß er mit einem Wcrthpapicr in England weniger Zinsen macht, wcnn cr für das Pfund Sterling 20 Mark 45 Pfennige, als wcnn cr wic chcdcm 30 Mark 35 Pfennige dafür gibt. Also die Neigung dcr Kapitalisten, Eingänge dcr Zahlungsbalanz im Auslande zu lassen oder durch neue Anlagen im Auslande im Sinne dcr Waarcncinfnhr zir wirken, hat ihr Gegengewicht im Bedarf der Waarcnbalanz, wcnn die Zahlungsbcdürfnisse derselben unbefriedigt sind und dadurch dcr Wechsel steigt. 138 Danach findet dic Aussage sich bestätigt, daß ein hoher Wechselkurs aufs Ausland unfehlbar eine mangelhafte Ausgleichung selbst im Punkte der gcsammtcn Zahlungen und nicht blos im Waarcntausche nachweist. Ist nun damit ein letzter Aufschluß gegeben? Antwort: Ja und Nein, je nach der Gcldvcrfassung des Landes. Im Lande der vollwcrthigen einfachen Währung trifft alles vollkommen zu; im Lande der entarteten oder der doppelten Währung können wir von allen diesen Rückschlüssen keinen Gebrauch machen. Im Lande der vollen einfachen Währung treibt der Wechselkurs, wie wir gesehen, wenn er ans einen gewissen Punkt gekommen, das baare Geld nach außen. Dadurch entsteht im Jnlande Mangel an Geld und die Crcditbcdingungen verschärfen sich, die Preise der Wertpapiere gehen herab. Den Kapitalisten muß der hohe Wechselkurs aufs Ausland bestimmen, seine von auswärtigen Eingängen herrührenden Forderungen zu verkaufen und sie zu Anlagen in den vor- thcilhaftcr gewordenen Anlagen des Inlandes zu verwende»; derselbe Umstand hält ihn ab, seine Kapitalien ins Ausland zu senden. Aber die ganze Kette dieser Wirkungen ist unterbrochen, wcnu das im Jnlande umlaufende Geld nicht zur Verscu- duug ans Ausland zn brauchen ist. Der Wechsel kann dann steigen, auch über die ohnehin ihres Sinnes beraubte Parität, ohne daß die Menge dessen, was innerhalb der Grenzen noch Geld ist, an Vorrath abnehme, ohne daß die Crcdit- bcdingnngen sich verschärfen, ohne daß die Geldanlagen hohcrn Zins abwerfen. Daher kommt es, daß in Ländern mit voller einfacher 139 Währung dic lcitcndcn Banken am Zinsfuß eine Handhabe besitzen, um dem Steigen der Wechselcursc aufs Ausland entgegenzuarbeiten; im Lande der entarteten oder der doppelten Währung bleibt ihre Anstrengung fruchtlos.^') Das minderwertige Geld, bestehe es nun als einfache Währung oder als das eine Glied der Doppclwährung, wird vom Auslande nicht begehrt, bleibt im ersten Fall in seiner Fülle unangetastet oder tritt im zweiten Falle an dic Stelle des abfließenden hohcrwcrthigcn. Man konnte diesen Vorgang noch vor wenigen Monaten bei uns beobachten. Als um dic Mitte dcs Jahres 1875 die Ausfuhr unsers Ncichsgoldcs iu wachscudcm Maßstabe zunahm, versuchte dic Preußische Bank, die Wechsclcurse aufs Ausland zu drücken, indcm sie ihren Zinsfuß hinaufsetzte. Allein damals erreichte sie nichts damit. Der Zinsfuß im freien Verkehr folgte nicht, oder kanm um eine Schwcbung. Es war ja Geld genug da. Uuscr Silber reizte niemand, die damals noch bestehende Fülle unserer Banknoten, die nnr gegen Silber cinlösbar waren, noch weniger. Diese zusammen bildeten dcn Stamm des umlaufenden Geldvorrates, und da er unangetastet blieb, so ging dic Bank mit ihrer Zinsstei- gcrung voran wic cin Trommler, dem die Soldaten nicht folgen. Anch dcr Wcchsclcurs fiel nicl)t und die Goldausfuhr hörte nicht auf. Erst andere Umstände, namentlich die stärkere Einziehung der Banknoten, mußten zutreten, um eine Wendung zum Bessern herbeizuführen. Die Zins- bcstimmungen einer lcitcndcn Bank haben nnr Wirkung, Bgl. hicvübcr „Die Zettelbcmk", 8. Abschnitt. 140 wenn sie ihren Sinn dcn thatsächlichen Zuständen entnehmen. Geht das Gold aus einem Lande, wo es den einzigen Geldvorrath bildet, so wirkt die innere Tendenz des Geldmarktes den Verfügungen der Bank in die Hände, und die Gegenwirkung bleibt nicht aus. Haben wir einmal die reine Goldwährung, so werden die Zinscrhöhungcn der Ncichsbank auch dem Goldabflnß steuern. In dem hybriden Zustande, in dem wir um die Mitte des Jahres noch verkehrten, verfehlten sie ihre Wirkung. Die Besserung, die wir seitdem erlebten, ist die erste Wirkung unserer thatsächlichen starken Annäherung an den reinen Goldumlauf. In dem Lande, dessen Währung nach der Seite der Ausfuhr zu gelähmt ist, gibt daher nicht einmal der sonst die Lage so scharf verrathende Stand des Wcchsclcurses eine zuverlässige Andeutung über den Stand der Balanz zum Auslande. Die Waarengeschäftc können Schuldner sein, während die Kapitalisten fortfahren, Geld im Auslande anzulegen. Ist dabei die Währung nach Seite der Mctallzusuhr in normaler Verfassung, so läßt sich aus ihrer hier allen Eindrücken zugänglichen Bcwcgungsfähigkcit der Rückschluß auf dcn Gang des Handels machen. Während die active Seite der französischen Währung, man könnte sagen ihr motorischer Ncrvenapparat, durch dcn Zwangscurs gelähmt war, blicb ihre passive Seite, ihr sensibler Ncrvcnapparat, der Möglichkeit des Zuströmcns von Gold offen, und aus der Thatsache, daß er fortwährend neues Gold aufnahm, konnte mit Gewißheit gefolgert werden, daß ein Ucberschuß vou Forderungen ans Ausland vorhanden war. Die Lähmung des motorischen Apparats war so lange gleichgültig, weil seine 141 Functioncn nicht begehrt waren. Ist aber vollends das in einem Lande geltende Circnlationsmittcl sowol activ nicht zur Zahlung ans Ausland, als Passiv nicht znm Empfang von Zahlungen des Auslandes zu brauchen, so entzieht sich die Schwankung seiner Wechselcurse jeder Berechnung. Denn statt auf irgcudciucr metallischen, wahrnehmbaren Grundlage zu rnhen, sind sie das undurchsichtige Schlußcrgcbniß einer unendlichen Reihe von Geschäften, die sich theils um sämmtliche Aus- und Einfuhrartikel, theils um die Totalität -der Crcditgeschäfte drehen. Anknüpfend an den Zustand, uuter dessen Herrschaft das Land noch eine brauchbare metallische Währung hatte, entwickelte sich allmählich ciu Spiel von Tauschbewcgnngcn, bei welchem die Prcisverschicbungcn der inländischen Waaren- und Crcditgeschäfte nach mehr oder minder zufällige» Umständen den Wechsclcurs aufs Ausland bestimmen. Die inländische Münze, vom metallischen Siuu gauz losgelöst, wird Fiction, und ihr Werth bestimmt sich nicht mehr nach einem ihr selbst beiwohnenden Gehalte, sondern blos nach den Dingen, welche mit ihr bezahlt werden, nach der Stellung in Angebot und Nachfrage der Waaren untereinander. Diese wechselnden Stellungen werden in den Zahlen des fictivcn Geldes ausgedrückt, und zu dcu Ein- flüsseu der Waarcubcwcguug gesellt sich der Einfluß, welchen die Ncgicrnngsgcschäftc auf dieselbe fictive Währung ausüben. Dann wird mit der Zeit der Werth eines solchen Geldes unberechenbar und dnnkcl; und die Erfahrung gibt uns blos gewisse Fingerzeige, um von ohngcfähr zu errathen, welche Vorkommnisse die eine oder die andere Strömung verstärken werden. Aber Grenzen lassen sich nicht 142 ziehen wie bei der metallischen Grundlage. Wir haben m den Ländern der Papierwährung, in Oesterreich, in Rußland, in Amerika Schwankungen gesehen, dercu Extreme Abstände bis 25 Proccnt darboten. Znr Zeit der englischen Bankspcrre während der Napolconischcn Kriege erreichte die Abweichung 21 Procent. In solchen Fällen kann man stets sicher sein, daß der inländische Käufer und Verkäufer die Kosteu bezahlt, der internationale Geschäftsmann sich vor Schaden mit viel höherer Gewandtheit zu bewahren weiß. So groß ist die Unsicherheit für alle inländischen Tauschbczichungeu, daß in solchen Ländern sich bei den großen Bankgeschäften die Sitte ausbildet, cincu Theil des Activums jahraus jahrciu in Wechseln aufs Ausland wie einen Kriegsschatz zu bewahre», um ciu flüssiges Bcsitzthum zu haben, das sich rer Unbe- rcchcubarkcit seines Werthes entzieht. In Oesterreich bürgerte sich mit dem Zwangöcurs des Papiers die Sitte ein, daß alle großen Häuser immerdar ansehnliche Beträge von Wechseln auf London bei sich beherbergten. Es ist diese Sitte, nur ins Kaufmänuische übersetzt, keine andere als die, welche den kleinen Mann in Kriegskünsten veranlaßt, sein Geld zu vergraben. Ein Gleiches thut er in Ländern mit ZwangSpapicr, nur daß er statt zu vergraben einfach sich der Geldkiste bedient. Der österreichische Bankier, der sich ein Portefeuille von Wechseln auf London hält, thut ganz dasselbe, nur daß er auch für Zinsen sorgt. Papierwährung ist, wie Kriegszustand, Suspcudiruug der Cultur, und jede Währung, welche sich der Fictiou uähcrt, streift an diesen Zustand an, so auch die Doppclwährung bei jeder Störung des Gleichgewichts. Wer in Deutschland an dem Gelingen unserer Münzrcform zweifelte, mußte vorsichtigcrwcisc einen 143 Theil seiner Wcrthanlagcn in Papieren auswärtiger Goldwährung machen, um gegen die unbcgrcnzbare Entwerthnng des Silbers gewappnet zn sein. Die Ungewißheit über das Schicksal unserer Valuta vcrläugcrn hieß zu Anlage» im Auslande anspornen und den auswärtigen Wechsel verthcuern helfen, desseu Theuerung gerade unsere Reform erschwerte. So drehten wir uns in einem cireulus vitiosus herum, aus dem nur ein energischer Entschluß befreien konnte. Znr vollen That ist auch heute das letzte Wort noch nicht gesprochen, doch hat schon das nahe Herantreten an dieselbe so heilsam gewirkt, daß langer Aufschub nicht mehr denkbar ist. Wie schädlich die aus der Zögerung entspringenden Zweifel wirken, tritt noch viel deutlicher hervor, wcuu wir die Sache vom Standpunkte des Auslandes ins Auge fassen. Ein Theil des Auslandes hält bereits unsere Münzrcform für gescheitert, wie urkundlich belegt ist. Natürlich mußte der Fremde vor jeder Geldanlage in Deutschland mit dem Bedenken stillstehen, ob ihm nicht Rückzahlung in entwcrthe- tem Silber drohe. Wie so oft hatte auch hier unser Man-- gcl an Selbstvertrauen erst die Zweifel des Auslandes gezeugt/') Zum raschen Aufschwünge, mit welchem das französische Papiergeld (die Banknote mit Zwangscurs) sich auf die Höhengleiche des baaren Geldes erhoben, hat neben den unbestreitbaren Charaktcrvorzügen des französischen Gcwerb- sleißcs auch das Zutraucu der Franzosen in ihre eigenen Finanzen beigetragen. Sie haben ihre fremden Papiere 5) Nichr blos in den Verhandlungen der letzten pariser Miinz- conferenz vernehmen wir dies Echo, sondern anch noch in dem aus Berlin (1. Juli d. I.) datirten im österreichischen Brannbnch niedergelegten Bericht. 144 Hegen inländische vertauscht und dadurch die Kraft des Auslandes zur Wiederherstellung ihrer heimischen Finanzen herbeigezogen. Das MiStrauen iu die eigene Kraft charaktcrisirt zum Theil die Gcbaruug unserer Kapitalisation, und es ist dieselbe Erbschaft staatlicher MiSbildung, welche die Schuld an diesem MiStranen wie an manchen andern Schäden uuscrcr nationalen Empfinduugswcisc trägt. Dieselbe Gattung von Deutschen, welche im Juli 1870 erwarteten, daß Mr geschlagen würden, wollte auch jetzt nicht au daö Gelingen der Müuzrcform glauben. Ein starkes selbstbewußtes Reich wird auch das ökonomische Selbstvertrauen der Nation heben, allerdings uur wenn es den Anschein zu vermeiden weiß, als ob es berufen wäre, socialpolitischc Experimente zu machen. Sollte neben der verderblichen Propaganda, die so viel dazu beitrug, unsere gewerblichen Leistungen hcruntcrzu- briugcn, auch noch z. B. die Theorie der Staatsciumischnug in die Privatgeschäfte praktisch versucht werden, so würden wir zu dem Verlust durch den verringerten Absatz unserer gewerblichen Productiou auch dcu Verlust durch den mangelnden Znfluß au Kapital fügen. Der hcrrschsüchtigc Bü- chcrgeist, der sich nicht blos auf unsern Hochschulen breit macht, birgt eine Gefahr in sich, die nicht zu unterschätzen ist, und er ist in seiner Art gefährlicher als der Schwindcl- geist, der den Geldmarkt jüngst verheert hat; dcun er hat den Schein der Ehrlichkeit voraus. 15. Holländische Geldzustände. Die Verglcich»ng französischer Zustände der jüngsten Zeit mit den deutschen hat viel dazu beigetragen, die Begriffe zu verwirren. Die Gunst einer momentanen Lage hat dazu getrieben, deren innere Gefahren dem Blicke zu entziehen. Znnächst ward darüber vergessen, daß jedes äußere oder innere Ereigniß beunruhigender Natur im Handumdrehen Frankreich in alle Couvulsioncn einer fictivcn Währung zurückversetzen kann. Weiter ließ man sich zu dem falschen Schlüsse verführen, Glück und Unglück hingen nur vom Stande der Handels- balanz ab. Anch eine unvollkommene Währung, meinte man, kann bei günstiger Ausfuhr ruhig dem Grundgesetze des Verkehrs „ein Schnippchen schlagen". Man braucht aber nur von Frankreich nach Holland hinübcrzugchcn, nm eines bessern belehrt zu werden. Holland hat mit Frankreich die Thatsache gemein, daß seine AnSfnhr in den letzten Jahren viel größere Summen aufbringt, als seine Einfuhr verzehrt. Blos nach diesem Maßstabe gemessen, müßte man also denken, es befinde sich Bambcrgcr, Rcichsgold. 1y » 146 Deutschland gegenüber in derselben vorthcilhaftcn Lage wie Frankreich. Dennoch haben wir aus Hottand bis auf die letzten Tage Klagen vernommen, welche — so verschieden auch die Zustände — mehr an unsere Beschwerden als an die Zufriedenheit der Franzosen erinnern. Während nämlich Holland mit Frankreich im Punkte der günstigen HandclS- balanz übereinstimmte, unterschiedet es sich von demselben darin, daß es keine passive Währung hatte. ES hatte seit lange die Goldwährung abgeschafft, vermöge deren man ihm seine Forderungen in Gold hätte bezahlen können; und obgleich nicht an der Lateinischen Münzconvcntion bcthciligt, hatte es ans freien Stücken die SilbcrauSmünzung beschränkt oder aufgehoben, weil es sich gezwungen sah, vor den unverkennbaren Nachtheilen der Silbcrentwcrthung Schntz zu suchcu. Wer also einen Uebcrschnß zu bezahlen hatte, konnte kein Metall finden, in dem er seine Schuld abtragen mochte. Und während wir Deutschen jetzt darüber klagen, daß wir Mühe haben, unsere Schulden zn zahlen, klagt Holland ebenso beweglich, daß es Mühe habe, seinen Ucberschuß von Forderungen cinzukassircn. Nichts ist belehrender gerade zur Läuterung der Gedanken, die bei uns in dem letzten Jahre angeregt wurden, als das Bild der holländischen Zustände. Es sei daher gestattet, etwas bei diesem Bilde zu verweilen. Die Verglcichung unserer Lage uud der Frankreichs schien darauf hinzuweisen, daß nicht die Achnlichkeit der Münzzuständc, sondern die Unühnlichkeit der Handelsvcrhältnisse das Wesentliche sei. Bei gleichen Münzzuständcn sind wir übel daran, die Franzosen sind es nicht. Also fühlt sich der Verstand beim ersten Anlauf bewogen zn sagen: nur die Handclszustände sind 147 entscheidend, Frankreich befindet sich Wohl dank seiner günstigen Handclsbalanz. Da kommt Holland uns entgegen mit einer noch günstigeren Balanz, nur daß ihm zur Plage wird, was Frankreich Wohlthat war. Warum? Hier müssen wir uns also wieder dem anderen Element zukehren: den Münzzuständcn. Worin unterscheidet sich Holland, das eine Handclsbalanz ähnlich derjenigen von Frankreich hat, in Währungssachcn von diesem? Im Punkte der activen Wahrung sind sie einander gleich. Nur in dem einen Punkte bleibt noch ein Unterschied bemerkbar zwischen dem behaglichen Zustande Frankreichs nnd dem unbehaglichen Hollands, daß jenes die passive Goldwährung besitzt, dieses nicht.''') Also auch ein Laud, welches nichts ans Ausland hcrauSzuzahlcn hat, kann in Verlegenheit gerathen, wenn sein MllnzorganiSmns an einer Seite gelähmt ist. Litten wir Deutschen an dem Umstände, der Holland bedrückt, hätten wir mehr zu empfangen als zu zahlen, so wären wir ebenso wenig in Verlegenheit gerathen wie die Franzosen, denn man kann uns jede Schuld in Gold abtragen. Beständen in Holland die Münzznständc, wie sie bei uns bestanden, so würde seine Handclsbalanz ihm keine Verlegenheit bereiten. Welches waren dic Unannehmlichkeiten, über wclchc in Holtand so lebhaft geklagt wurde, daß die Gesetzgebung einschreiten mußte? Bei uns zn Hause dachte man bis jetzt, Beunruhigung könne nnr daraus entspringen, wenn infolge gestörter Umlaufsmittcl mit ungünstiger Handclsbalanz ein Steigen des Wechsels aufs Ausland, eine Entwcrthnng der eigenen Valuta platzgreifc. Wie kommt cs, daß man auch inHolland klagt? Dort 6) D. h. bis zu seinem neuesten Gesetze uicht besaß. 10* 148 sind sie ja gerade in der entgegengesetzten Situation. Was geht es sie an, daß ihre Schuldner Mühe haben, Zahlungsmittel aufzutreiben, um sie, die Gläubiger, zu befriedigen? Ist es nicht sehr schön,, wenn das eigene inländische Geld an Werth zunimmt, verglichen zum ausländischen? Vor Jahr und Tag war ein holländischer Gulden 1 Proccnt weniger werth als ein rheinischer, und am Rhein wurde als schreiender Misbrauch empfunden, daß holländische Gulden sich ins Land einschlichen, die statt der rheinischen in Umlauf kamen. Anfang 1875 dagegen waren solche 99 holländische Gulden mehr werth als 100 rheinische, und wer noch welche von damals bewahrt hatte, konnte sie vortheilhaft verkaufen. Und eben während wir klagen, daß unsere Thaler und Gulden und Mark im Verhältniß zu den französischen Franken, englischen Pfunden und holländischen Gulden so stark entwerthet worden, klagten die Holländer über das Gegentheil, uämlich darüber, daß ihr Geld im Vergleiche zn dem nnserigen und anderer Länder so viel theuerer geworden. Wie in aller Welt ist das zu verstehen? Die Denkschriften, welche im Laufe dieses Jahres sowol von dem Ministerium als von den Handelskammern und den Banken in dein Königreiche der Niederlande ausgegangen sind, hclfeu uns der Sache auf den Grund kommen. Diese Auseinandersetzungen stellen sich in ihren Beschwerden beinahe ausschließlich auf den Standpunkt desjenigen, der von Holland aus Waaren ins Ausland verkauft. Und dies ist das Hauptgeschäft der Nation. Oder sie stellen sich auf den Standpunkt desjenigen, der Kapitalrenten vom Auslande zu beziehen hat; auch dieses ist den Holländern vielleicht in höherm Maße als allen Anderen eigenthümlich. Und indem 149 wir uns mit ihnen auf diesen ihren Standpunkt begeben, finden wir ihren Verdruß gerade so begreiflich wie den unseligen. Wenn bei uns der Curs auf Holland steigt, so denken wir zunächst daran, daß wir Käufer in Holland sind und daß wir jede Anweisung von 100 Gulden holländischer Währung, die wir vor Jahresfrist noch mit 99 Gulden rheinisch bezahlt hatten, jetzt mit 101 Gulden zu bezahlen haben. Also wird uns der Kaffee theuerer, und da wir von der Gesammtheit der Länder einen Ucberschnß von Waaren beziehen, so haben wir für unsern Verbrauch mehr Geld auszugeben. Hören wir nnn aber einmal die holländischen Kaufleute! Wenn der Wechsel auf Holland bei uns steigt, so entspricht dem selbstredend, daß der Wechsel auf Deutschland bei ihnen fällt. Wenn wir, um eine Anweisung auf Holland zu kaufen, 101 Gulden rheinischzahlen müssen, so erhielt ein holländischer Kaufmann für eine Forderung auf Deutschland im Betrage von 100 Gulden kürzlich nur 99 Gulden holländisch, während er noch vor Jahresfrist 101 Gulden seiner Währung dafür erhielt. Dieweil wir also zu Hause klagen, daß das Geld für unsere Einkäufe uuS theuer zu stehen kommt, klagen jene, daß der Erlös für ihre Verkäufe ihnen wenig einbringt. Und im Schosc derselben Nation muß die Auffassung wechseln, je nach dem Berufe nnd der Lebensstellung eines Jeglichen. Wer Zucker, Kaffee, Zimmt, Butter oder Käse bei uns aus Hollaud bezicht, wird klagen, daß ihm der Preis vcrthcuert ist durch die Preiserhöhung des holländischen Gnldcns. Wer aber baumwollene Gewebe, Tuch, Wir nehmen den rheinischen Gulden znm Maßstabe, weil er die leichteste Rechnungseinhcit zum Vergleiche liefert. 1ö0 Bauholz nach Holland verkauft, der wird sich freuen, daß er die Anweisung auf Holland um so theuerer vcrkanfcu kann als das Jahr vorher. Der Käufer vou Kaffee muß dem Verkäufer von Holz seine Forderung für Holz theuerer abnehmen. Jener verliert, was dieser gewinnt. Gerade das Umgekehrte findet auf der holländischen Seite statt. Dort klagen die Verkäufer von Kaffee und frohlocken die Käufer von Holz. Die Gcsammtlage einer Nation erhält denn schließlich ihr hervorstechendes Gepräge durch diejenigen Erscheinungen, welche vorherrschen. In den Niederlanden laufen die Ausführungen der Handelsgesellschaften alle mehr oder weniger darauf hinaus, daß die Nation wesentlich augcwicscu ist, Gcldlcistuugcu vom AnSlande zn beziehen. Der Werth der Fabrikate und Roh- producte, welche sie. vom Auslande hereinnehmen, bleibt beträchtlich zurück hinter dem Werthe der Colonial- und Fctt- waarcn, die sie abgebe». Dazu kommt noch ein Zweites. Die Niederländer sind ein Volk von Kapitalisten, die von jeher ihre Ersparnisse dem Auslande geliehen uud infolge dessen alle sechs Monate namhafte Summen vom AnSlande zu beziehen haben. Wer aber vor Jahresfrist 1 Pfuud Sterling von London zu erhalten hatte und seinem Wechsler diese Forderung abtrat, der erhielt z. B. im September 1874 noch 11 Gulden 87 Cents dafür, aber beim folgenden Coupon, am 3l. März, nur uoch 11 Guldeu 68 Ccntö, d. h. beinahe ^ Procent weniger. Versetzen wir uns iu die Lage der Beteiligten, so konneu wir uns nunmehr ganz gut vorstellen, wie die niederländischen Beschwerdeführer dazu kommen, in den lcbhaf- 151 testen Ausdrücken zu bejammern, daß ihr umlaufendes Geld an thatsächlichem Werth höher stehe als an Gehalt. Sonst beklagt man ein Volk, dessen Münze die Geltung nicht mehr behaupten kann, die ihr Name beansprucht. Hier haben wir ein Volk, das jammert, weil seine Münze mehr erzielt, als sie beanspruchen kann. Wir in Deutschland müssen uns sagen lassen, unsere Verlegenheit erkläre sich dadurch, das; unser Silbcrthalcr, der nach dem officicllen Maßstabe des Müuzgcsctzcs gleich drei Zchntheilen einer Goldkrone sein solle"), auf Grund des hcrabgcsnnkcncn Silbcrwcrthcs nur uoch etwa 2'/i>, derselben Krone rcpräscntirc. Ganz mit Recht wird hinzugesetzt, daß, da unser Thalcrfuß der einzige, in welchem Zahlung zu erzwingen, wir eigentlich vorübergehend in die Reihe der Länder eingetreten seien, welche eine fietive Währung haben. Denn wenn anch ein Thaler nicht absolut wcrthlos sei, wie ein Stück Papier, so sei doch jede Münze, die nicht mehr ihren Nominalwcrth an Voll- gchalt rcpräscntirc, cinc nicht auf Wahrheit, sondern auf Fiction beruhende. Mit gewissem Rechte, wenn anch nicht mit vollem, aber Um das Ucble der Lage möglichst scharf zu charaktcrisiren, sagte man dann: Wir behaupteten kaum cinc bessere Stellung in der europäischen Geldgescllschaft als Oesterreich, Italien oder Rußland mit ihrem papierenen Zwangscurs. Was aber werden die also Klagenden dazn sagen, daß die niederländischen Beschwerdeführer von ihren eigenen geradezu entgegengesetzten Zuständen genau in dcnsclbcn Ausdrücken Wir lassen hier die leichter geprägten neuern Silbcrmiinzcn außer Frage, um die Beispiele nicht nunüthig zn verwickeln. 152 redeten! Die Denkschrift des niederländischen Ministeriums selbst erwähnt als einer-sehr bedenklichen Thatsache des Um- -standcs, daß das holländische in Silber geprägte Geld an Werth im Verhältnisse zum Gold statt zu fallen gestiegen sei und nach dem Münzwerthe beider Metalle einen unverdienten Mehrwert!) vou 9 Proccnt darstelle. Das Ministerium spricht davon, daß man suchen müsse, das holländische Geld wieder ans einen wahren Mctallfnß herabzusetzen, und daß dazu kein anderer Weg offen bleibe, als die Goldwährung einzuführen. Dort findet man also, daß auch eine Münze, die höhern Werth aus dem Weltmarkte behauptet als ihreu Mctallwerth, eine fictive Münze ist, und spricht ebenso davon, daß man ihr wieder ihren echten Mctallwerth sichern müsse, dnrch herabmindernde Maßregeln, wie wir das Umgekehrte dnrch Verbesserung ihres Gehaltes erstreben. Und logisch wie ökonomisch ist die Ausführung von Grund aus gerechtfertigt. Die rotterdamcr Handelskammer klagt in ihrer Denkschrift, daß jetzt, da die Unze Silber in London nur noch 57'/-, Pence werth sei, 1 Pfund Sterling in holländischem Silbcrgeld nach des letzter» Gewicht gerechnet 12'/2 Gulden kosten sollte. Statt dessen könne man sich 1 Pfund Sterling mit diesem holländischen Silbcrgeldc um den Spottpreis von ll^/s Gulden verschaffen. Früher, sagt sie, bekamen wir in Holland für 1200 Gulden unsers Geldes 100 englische So- vcrcigns; jetzt bekommen wir 102 dafür, und was das Schlimmste ist, unsere 1200 Gulden sind doch eigentlich nur 36 solcher Sovcreigns werth! Halten wir diese Klage mit der unserigcn zusammen, daß wir ehedem Thaler für 153 solch cincn Sovereign zahlten, jctzt abcr^) 6'/« Thaler' zahlen müssen, so könnte man sich vielleicht fragen, ob nicht" einer der beiden Beschwerdeführer ein bischen verrückt sei. Aber beide sind bei ganz gesunden Sinnen und haben mit ihren Klagen gauz recht. Ja, trotzdem wir es als Misstand bezeichnen, mehr als früher für den Sovereign zu geben, und die Niederländer den Misstand darin finden, daß sie weniger geben, trotzdem könnten wir noch in dem Einen Punkte zusammeustimmcn, daß uach dem Marktpreise der Metalle wir beide mehr für das Pfund Sterling geben sollten, als wir thun. Denn, wie die Holländer, befinden wir uns in der Lage, nach dem Silbcrgchalt unserer Thaler berechnet, die Sovercigns, über deren Theuerung wir klagen, noch zu niedrig zu bezahlen. Richtete sich der Preis, den wir in Silbcrthalcrn für Sovercigns bezahlen, nur uach dem Wcrthvcrhältnissc, das beide Metalle ans dem Weltmärkte gegenseitig bcdiugen, so müßten wir statt was wir als höchsten Preis gaben, vielmehr 7^ Thaler zahlen. Und damit niemand glaube, cS handle sich hier um die Mysterien des Wcchsclcnrscs, so möge au die Stelle der Tratte auf London der bisherige Sovereign gesetzt sein, der als einHandclsgcgenstand beim Geldwechsler zukaufen ist. Wenn wir den Sovereign cinschmclzcn und 7^ Silbcr- thalcr cinschmclzcn, so erzielen beide Mctallquautitätcn bei einem Silbcrprcise von 57 ^ auf dem Markte den gleichen Verkaufspreis; gerade so verhält es sich mit den 102 holländischen Gulden, die cingcschmolzcn nicht mchr als em- gcschmolzcnc 96 Sovercigns werth sindT^ Juli 1875. 154 Wir sind gezwungen, aus dieser Erscheinung rückwärts zu schließen, daß trotz der entgegengesetzten Stellung zur Handclsbalanz doch auch etwas UcbcrcinstimmcndcS zwischen unserm Silbcrcourant und dem holländischen Gelde besteht. Dieses Ucbcreinstimmcndc liegt darin, daß das binncnlän- dischc Geld beider Länder in seinem Heimatsgcbictc einen fictivcn Werth hat, der zeitweise um 6 bis 8 Proceut sciucu Marktwcrth übersteigt. Beide Länder berichtigten ihre Tauschgeschäfte mit dem Auslande zu keinem nenncnswcrthcn Gelaugt) mittels des Silbermctalls, welches die Grundlage ihres UmlaufsmittclS bildete, sondern im Waarcntausche. Holland, welches Überschüsse zu fordern hat, konnte dadurch einen größcrn Abstand zwischen dem innern Werth nnd dem Marktwcrth seines Geldes erreichen. Deutschland, dessen Valuta nach der entgegengesetzten Seite in Spannnng ist, hatte etwas mehr die Tcndcuz seine inucru Waarcuprcisc dem Marktpreise seines Silbers zn accommodircu. Die Differenz dieser Spauunng drückt sich in der Differenz aus, welche einerseits zwischen dem holländischen Silber nud dem englischen Golde, andererseits zwischen dem deutschen Silber und dem englischen Golde aufkommen konnte. Die Differenz bewegte sich im letzten Jahre in den Grenzen von 2 Proccnt zwischen Holland und Deutschland. 5) Einen gewissen Beitrag zu unserer Ausfuhr lieferte ciuc Zeit laug das ciugcschinolzenc Silbergcid, das wir verkauften, nnr zu laugsam leider! 16. Die Bewegungen von Cnrs und Geld in den Ländern mit incorrecter Währung. Die Erklärung des letztgenannten Phänomens ist in der bereits früher geschilderten Kaufkraft zu suchen, welche ein auch entwertetes Geld, dank gegenseitiger Uebcreinkunft und staatlicher Anordnung (Steuergeld), innerhalb seiner Grenzen behält. Je mehr es vermöge der Gnnst innerer Verhältnisse gelingt, diesem fictiven Tanschmittel die Kraft des vollwcrthigen zu erhalten, desto stärker ist auch seine Kaufkraft gegenüber dem ausländischen Gelde. Man hat sich nur an die Stelle eines entwerteten Metalls wiederum ein bloßes Papier zu denken, so wird das Phänomen noch leichter verständlich. Entspräche der WechselcurS von einem Lande anfs andere nur dem jedesmaligen innern Wcrthverhältniß der beiderseitigen Gcldartcu, so müßte der WechselcurS eines Landes mit Papiergeld auf das Land mit vollwerthigcm Metallgeld unendliche Proceut Agio stehen; in einem Lande, in welchem alles mit Zwangsnoten bezahlt wird, wäre beispielsweise ein englischer Sovcrcign um keinen Preis zu haben. Dies ist aber bekanntlich nirgends der Fall. Auch cntwer- thctes ZwangSpapicr tauscht immer noch eine Quantität 156 Waaren im Jnlandc ein, zahlt Steuern u. s. w. Mit diesen Waaren kann wiederum das Ausland bezahlt werden, und ihr Verhältniß zum Stande des innern fictivcn Geldes regelt den Curs zwischen beiden Ländern. Wie man im Lande dcS Papiergeldes stets doch noch den Sovcrcign zu einem gewissen Preise in Papiergeld haben kann, so umgekehrt bezahlt man auch in der Heimat des Sovcrcigns das fremde Papiergeld mit einer gewissen Verhältniswahl Sovcrcigns. Warum? Weil man im Hcimatlandc dcS Papiers mit letztcrm Waaren kaufen und entweder davon leben oder sie cxpor- tircn kann. Beispielsweise sahen wir in Frankreich diesen fictivcn Werth auf der Hohe des vollen Metalls, in Holland über denselben hinaus, in Deutschland um 6 bis 8 über seiucn wahren Werth gesteigert, aber um 1 bis 2 Procent hinter der ehemaligen Parität zurückbleibend. Insoweit das Geld der Länder mit cntwcrthctcm Metall au Tanschkraft über dcm Preise dieser Metalle steht, ist es Papiergeld; und wir haben uns das deutsche wie das holländische Umlanfs- mittel als ein solches zu denken, welches theils aus Silber, theils aus Fiction (sonst Papicr) zusammengesetzt ist. Die Kraft des fictivcn Elements in dieser Znsammcnsetznng hängt genau wie die Kraft des reinen Papiergeldes von den Fac- torcn dcr HandclSbalanz und der Finanzpolitik des betreffenden Landes ab, diese natürlich wieder von seiner Gesammt- lage. Man kann beobachten, daß in den Pausen zwischen großen geschäftlichen oder politischen Erschütterungen auch dcr Wechsclcnrs dcr Papicrländcr sich in ein gewisses dauerndes Niveau setzte. So haben wir Jahre hintereinander den Wechsclcnrs auf Rußland nur um weuige Proccntc schwanken sehen, nachdem cr von seinem Metallausdruck um 2>) Procent 157 zurückgewichen war. In solchem Fall hat sich ein dauerndes Verhältniß der innern Kaufkraft des Papiers und eine dauernde Waarcnströmung ausgebildet. Der Grad des Zutrauens in seine schließliche Wiedercinlösung, welche das Papier im Jnlande selbst einflößt, ist einer der Hanptfactoren dabei. Die zur Ansgabe von Zwangspapiergeld berechtigten Banken in Oesterreich, Rußland, Frankreich besitzen alle größere oder geringere Schätze von Edelmetall, welche in verschiedenen Graden den innern Werth, d. h. die Zukunft ihrer Banknoten verbürgen, und deren Werth mitbestimmen. Alle diese Banken halten auch das Verfahren ein, daß sie zeitweise, je nachdem es die Conjunctur erlaubt, diesen Schatz vermehren oder vermindern, und auch diese Methode trügt dazn bei, ciu gewisses Gleichmaß in den Stand der Dinge zu bringen. Der Französischen Bank ist es bekanntlich gelungen, ihren Baarschatz auf den hohen Bestand zu erheben, welcher den Zwangsenrs entbehrlich macht, und es wäre wol schon jetzt die Beseitigung desselben ins Auge gefaßt, wenn uicht hinter dieser Maßregel die zwingende Nothwendigkeit stünde, in Sachen der Doppelwährung einen definitiven Entschluß zu fassen. Ja, zu einem gewissen Maß ist die Wiederaufnahme der Zahlungen bereits durchgeführt, vermittels der vor einiger Zeit getroffenen Maßregel, welche die kleinsten Banknoten (von 5 Franken bis zu 20) gegen Gold einzog. Die Gunst der Handclsbalanz erhält den bis jetzt dadurch freigegebenen Goldvorrath (300 Millionen Franken) auf der Höhengleiche des Papiers. Bei uns war die Hau- delsbalanz immer noch so gut, daß z. B. bei einem Curs von 20,42 für das Pfund Sterling unsere Thaler zu ciucm innern Werth von 19,20, den LVz derselben in Silber a 57'/-z besitzen, einen Znsatz von 1'/^ Mark Fictivwcrth enthalten, die eine Art unsichtbare Lcgirnng rc- präscntircn. Mag nnn aber statt dieses Zusatzes das Ganze Fictiv- ivcrth, d. h. Papier sein, wie bei Frankreich, Italien, Oesterreich, Nußland n. s. w., oder mag nur ein Theil Fiction Zusatz bilden, wie bei Deutschland und Holland, mag in jedem der beiden Fälle der Vollwcrth des Metalls erreicht werden (Frankreich), möge darüber hinausgegangen (Holland) oder dahinter zurückgeblieben werden (Deutschland), der Grundzug bleibt immer die Fiction, die Abhängigkeit vom Gange der Politik und der gestimmten Productiou der Welt und daher die Unsicherheit. Die Tugend der reinen und vollen Währung liegt in der Freiheit ihrer Bewcguugsfähigkcit uud in der Bcrcchcubarkcit ihrer Grenzen von Land zu Land, ans welcher wieder die Begrenzung der Schwankungen im Jnlandc sich ergibt; in der Abwesenheit solcher Grenzen liegt der Fehler aller andern Geldvcrfassnngcn, wie sehr anch zu Zeiten die Gunst der Umstände dahiu wirken möge, diesen Fehler vergessen zu machen. Nichts ist charakteristischer für daö Mistraucn in sich selbst, das den Ländern unregelmäßiger Währung auf> genöthigt wird, als gewisse Ausnahmsmaßrcgcln, die sie gegen ihr eigenes Geld zu nehmen sich vcrurthcilcn. Wenn Italien seine Eingangszöllc nicht in seinem eigenen Zwaugs- vavicrgcldc annimmt, sondern verordnet, daß dieselben in Metall zu cutrichten seien; wenn Oesterreich für die Fahrpreise seiner Eisenbahnen Tarife verkündet, welche je nach dcu Cnrsschwankuugcü dcs Wechsels verschoben werden; wenn alle Länder dieser Kategorie sich bequemen müssen, ihren aus- 159 wärtigen Schuldnern Kapital und Zinsen in anderer als ihrer eigenen Münze zu zahlen, so bestätigen sie damit aufs feierlichste für und gegen sich selbst, daß der von ihnen dahciin angeordnete Gcldfnß nicht einen Augenblick erlaubt, ernstlich in irgendeiner Frage von Mein und Dein auf ihm zu fußen. Und falls es denkbar wäre, daß die Länder der Doppelwährung ihr System dem Buchstaben gctren ins Leben zurückriefen (indem sie die jetzt beschränkte SilberauSmünzung wieder freigäben), so würde auch für sie bald die Nöthigung eintreten, gewisse Verbindlichkeiten zn ihren Lasten und zu ihren Gunstcu, auf deren unverminderten Eingang gerechnet werden muß, ausschließlich in Gold gegensätzlich zum Silber zu stipulircn. In dem Streite, welcher sich wegen der in Thalern zahlbaren österreichischen Eisenbnhnpapicre erhoben hat, sehen wir bereits das sehr ernste Vorspiel dieses künftigen Geschäftsganges. Die österreichischen Gesellschaften können sich nach durchgeführter deutscher Goldwährung, wenn sie sich mehr auf den Buchstaben ihrer Urkunde als auf dcrcu Siun stützen wollen, der Pflicht entziehen, den in Thalern geschuldeten Betrag in Mark Gold zu'zahlen"), aber wer künftig Verträge mit ihnen eingeht, wird ausdrücklich verlangen, daß Zahlung in Gold verbürgt werde, wie 5) Wenn schon jetzt, ehe die volle ReichSgoldwährnng in Kraft ist, gewisse österreichische Gesellschaften die deutsche Münzrcforiu zum Borwaudc nehmen, um in österreichischein und nicht iu deutschem Silber zu zahlen, so ist das eine bloße Chicanc. Wer sich ans den todten Buchstaben eines Textes stützt, »m an seiner Verpflichtung zn mäkeln, darf sich nicht ans die bloße Wirkung des Gesetzes berufen, um damit zu beweisen, daß sie schon im voraus den Werth des Thalers gesteigert habe. 160 dies im Verhältniß zu den Vereinigten Staaten von Nordamerika bereits zur Regel geworden. Man wird sich künftig ebenso gegeu die Schwankungcu des Silbers vorsehen, wie man es längst gegen die Schwankungen des PapicrS zu thun gewohnt ist. Genau genommen brauchen wir auch gar nicht erst in die Zukunft zu schauen, um nnS zu überzeuge», daß das Silber iu die Kategorie der unsichern Zahlungsmittel hinabgesunken ist, auf welchen kein Vertrag mehr fußen kann. Lauter noch als der über die cbcncrwähntcn österreichischen Wertpapiere ausgcbrochenc Streit und die damit verknüpfte Prcis- vcrmindernng derselben spricht für diese Ueberzeugung der Entschluß Hollands, seine Silberprägung uicht länger offen zu halten, aber das Gold zur freien Prägung zuzulassen, und noch.deutlicher als dieser Entschluß sprechen die urkundlich niedergelegten Beweggründe für denselben, die wir in den Acten finden. Sie besagen ausdrücklich, daß nicht die günstigen Wechsclcnrse") aufs Ausland das hauptsächliche Uebel seien, sondern die Unzuvcrlässigkcit, die unberechenbare, zum endlosen und unbegrenzten Schwanken verurtheiltc Natnr dieser Cursc herrührend von der Silbervalnta. Mit einem wahren SchmcrzensanSrnf bricht die rottcrdamcr Handelskammer in die Worte aus: „Niedcrland, cius der reichsten Länder der Welt, hat sich freiwillig in denselben Zustand 6) Ob in normaler Geldr-crfassung die sogenannten günstigen oder ungünstigen Wechselkurse aufs Anstand vorzuziehen, ist eine Frage, die nicht unbedingt mit Ja oder Nein beantwortet werden kann. Göschen, die englische Autorität für diese Fragen, spricht sich iu seiner Theorie"dcr Wechselcurse nach einigem Schwanken mit Maß für den Vorzug der günstigen ans. .^^ 161 versetzt, wozu nur aus Noth und zu ihrem größten Schaden Oesterreich, Nußland, Italien und die Vereinigten Staaten sich bequemen mußten. Dieselben Verluste, welche diese Staaten durch ihr Papiergeld mit ZwangscurS erleideu, trägt Niederland durch seinen Zwangscnrs für gemünztes Silber, d.h. dadurch, daß es seinen Angehörigen nicht mehr gestattet, Silber auszuprägen!" So die Handelskammer. Da aber Holland, hätte es länger als geschehen die Silberprägung freigegeben, genau in die Lage eines Landes gekommen wäre, welches die Ausgabe von Papiergeld freigeben wollte, so ist eben damit nichts anderes bewiesen, als daß die günstigste Handelsbalanz selbst zu einem unerträglichen Uebel werden kann, wenn sie mit einer nicht voll- werthigen einfachen Währung verbunden ist. 17. Die Entwertung des Silbers. Verweilen wir einen Augenblick, um rückwärts den Weg zu überschauen, auf dem wir zn den eben abgeschlossenen Betrachtungen gelangt sind. Anknüpfend an die Idee einer Weltmünze haben wir gefuudeu, daß diese au sich berechtigte Idee auch ausführbar ist in der Weise, daß ein einziges Metall bei allen Culturvölkern ausschließlich zum Rohstoffe der Münze bestimmt uud daß dieser Münze die freie Bewegung nach allcu Seiten, namentlich in Gestalt des freien Prägcrechts, verbürgt werde. Wir haben gefunden, daß ein so beschaffenes Geld für die seinem Gebiete angehörenden Staaten auch zugleich der einzige zuverlässige Regulator der innern Preisbewegungen, ferner, daß es allein im Stande ist, in getrübten Währuugszustnudcn jede zwischen den Parteien zulässige Täuschung auszuschließen. Wir haben sodann erfahren, welche modificircnden Einflüsse die unregelmäßigen Währungszustände durch den Stand der Handclsbalanz, beziehungsweise der Zahluugsbalauz, erfahren können; wobei wir jedoch die Einsicht gewannen, daß die günstige Zahlungs- 163 balanz selbst unter Umständen wieder gleich einer ungünstigen Waarenbalanz. wirken kann. Wir haben schließlich an dem merkwürdigen Beispiel von Holland gelernt, wie in Gegenwart einer entarteten Währung gerade die günstige Balanz zur Geisel wird. Das letzte Wort aller dieser Beobachtungen ist: daß das höchste zu erstrebende Ziel die möglichst geringe Veränderlichkeit im Tauschwerthe des Geldstoffs selbst ist, daß Veränderungen gleich übel wirken, mögen sie nun in einer Zu- oder in einer Abnahme dieses Werthes sich äußern. Doch indem wir bis hierher gelaugt sind, haben wir unversehens uns mit einem Problem beschäftigt, das wir vorher noch nicht ausdrücklich zur Sprache gebracht. Von den Nachtheilen der Doppclwährung handelnd waren wir zu den Einflüssen der Balanz gekommen, und diese führten uns wiederum zur Beleuchtung der eigenthümlichen Lage, in welcher sich die Gcldvcrfassnng der Niederlande seit zwei Jahren befunden hatte. Ehe wir hier zum Abschluß kamen, hätten wir eigentlich uns selbst unterbrechen müssen mit dem Einwürfe: daß wir das Gebiet der Doppclwährung bereits verlassen und uns gerade auf das erwählte System der einfachen Währung begeben hätten. Denn das Königreich der Niederlande hatte seit dem Ende der vierziger Jahre die einfache Silbcrwährung angeuommen; aus dieser einfachen Silberwährung entsprangen die geschilderten Verlegenheiten, und um sie zu beseitige» cutschloß sich Holland, neben seiner bestehenden Silbcrmünze eine neue Goldmünze einzuführen. Sollte man nicht denken, hier sei gerade durch die Thatsachen unser System widerlegt? Die einfache Währung hat 11* IV4 das Uebel herbeigeführt, die doppelte soll es heilen. So stellt sich der Schein der Sache dar. Jedoch ihr Inhalt ist ganz entgegengesetzter Natur, ein Beispiel eigenthümlich belehrender Art zu der Ncgcl, Worten zu mistranen. Holland ist nämlich nicht zur Doppelwährung übergegangen, sondern es hat an Stelle der einfachen Silber- die einfache Goldwährung angenommen. Diese Thatsache ist ausgesprochen in der gesetzliche:? Bestimmung, nach welcher die freie Silberpräguug sistirt uud die Goldprägung frei zugelassen ist. , Aufgehobenes Prägcrecht macht das ans ihm gefertigte Geld zur Scheidemünze, zum Geuosseu des Papiergeldes; freies Prägcrecht macht es zum Vollbürgcr. Holland ist jetzt in derselben Gcldvcrfassung wie wir, die wir im vollen Uebcrgangc zur reinen Goldwährung uns befinden, und die latcinischeu Staaten selbst, welche das Prägcrecht des Silbers bis auf ein Geringes sistirt und das Prägcrecht des Goldes freigegeben, sind, ohne cs zn wissen und zu wollen, ebenfalls im Uebcrgangc zur rcinen Goldwährung begriffen. Also zum Argument für die Doppelwährung kann Hollands jüngster Entschluß uicht verwendet werden. Vielleicht aber als Argument gegen die einfache Währnng? Allerdings, wenn sic dcnkbarcrwcise so aufzufassen wärc, daß jedwedes Metall, gleichviel welches, sofern es nnr allein regiere, die beste Währung verbürge. Aber es versteht sich von selbst, daß zum ausschließlichen Währungsmctall auch das bcstgceignctc erwählt werden muß. Die Uebereinstimmung aller Culturländcr in Einem Metall kann sich nur im bestgeeigneten erfüllen. Und darum gerade sind wir gauz folgerecht im Gange unserer Betrachtung zum Einblick in die 165 holländischen Verlegenheiten gelangt, weil sie uns darauf hinführen, daß es nicht gcuügt, die einfache Währung zu haben, sondern der Grundsatz derselben richtig gefaßt lautet: die einfache Währung im bestgceigneten Edelmetall. Die Geschichte Hollands auf diesem Gebiete ist bekannt. Es ließ sich Ende der vierziger Jahre von dem damals auf dem Wege der Doctrin verbreitete:? Glauben, daß das Gold einer großen Entwcrthung entgegengehe, verleiten, seine Goldmünze abzuschaffen und sich der ausschließlichen Silberwährung zu widmen. Der Schritt geschah im besten Glauben, im ernsten Bestreben, die bcstgeeignetc einfache Währung zu besitzen, in etwas übertriebener Hingabe an wissenschaftliche Autoritäten nnd mit namhaften Opfern. Daß es ein Mis- grisf war, hat jetzt Hollaud selbst augenfällig bekundet, und der eben vollzogene Act seiner Bekehrung ist einer der stärksten Beweise, welche überhaupt zu Gunsten der Zukunft der einzigen Goldwährung beigebracht werden rönnen. Wenn man alle seither geschilderten Vorgänge mit dem hier durchgeführten System zusammcnhält, erscheint es überflüssig, im Kampfe der Theorie für das Gold und gegen das Silber noch eine Lanze zu brechen. Mau kann die Theorie der Doppclwährung vertheidigen; aber wenn man zur einfachen sich bekennt, ist es nicht möglich, zwischen dem Silber und dem Golde zu schwaukcu. Die Vorzüge des Goldes als Münzmctall sind in den letzten Jahren so oft dargestellt worden, daß angenommen werden darf, jeder, welcher dem Gegenstände einige Aufmerksamkeit zngcwcndct hat, ist mit dicscn lcicht faßlichen Seiten der Sache bekannt. Wir können uns deshalb damit begnügen, anzudeuten, wie unwiderstehlich der äußere Gang der Dinge selbst seit einem 100 Jahrzehnt die Alleinherrschaft des Goldes vorbereitet hat. Schon Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre war für den Beobachter das Herannahen dieser Herrschaft klar bemerkbar.Aufhaltend trat ihr vorerst noch entgegen die Wirkung, welche im Weltverkehr gleichzeitig durch den Secessionskrieg und durch die Krankheit der südcuropäischcn Seidcnwürmer herbeigeführt wurde. Für seiucu nothwendigsten und seinen schönsten Bcklcidungsstoff, für Baumwolle und Seide, sah sich Europa plötzlich auf den entferntesten Osten angewiesen, der nur Silber in Zahlung nahm. Dieses eigenthümliche Zusammentreffen unterbrach auf einige Jahre die natürliche Bewegung der Dinge, welche aber nach dem Verschwinden jener Conjunctur sich sofort wieder um so vollere Geltung verschaffte. Wir wissen bereits von Holland, Deutschland und dem Lateinischen Münzbuude, daß sie thatsächlich die Alleinherrschaft des Goldes anerkannt haben, der letztere, trotzdem er im Jahre 1865 auf einem Fundament aufgebaut wordcu, das eigens bestimmt war, für die Zukunft der starke Träger der Doppelwährung zu werden. Weder Vorsatz noch Bündnis; hatten Kraft genug, dem Gauge der Diugc zu widerstehen. Im Jahre 1874 mußten die Verbündeten, wie auch Holland, auf die freie Silberprägung verzichten. Sie mußten es thnn, trotzdem noch andere Länder, wie Spanien und Oesterreich, sich ihrem System feierlich, theilwcise durch Vertrag ange- Meine Abhandlung „Die Gold- und Silberfrage" im ersten Jahrgange der „Deutschen Jahrbücher für Literatur und Politik" sprach sich bereits 1861 entschieden in diesem Siune aus. 167 schlössen, die Zahl der verbündeten. Köpfe aus etwas wie 130 Millionen erhöht hatten. Mehr als zwei Fünfthcile Europas, das reichste Land des Continents an der Spitze, konnten uicht Tragfähigkeit gcuug aufbringen, um das Zahlcn- vcrhältniß von 15^ zu 1, welches sie auf dem Thron befestign? wollte», zn stützen. Es brach zusammen, und der Lateinische Mllnzbnnd selbst mußte es zu den Todten legen, wenn er sich auch noch nicht hat entschließen können, es zu begraben, in der eiteln Hoffnnng, daß cS nur scheintodt sei und wieder auferstehen könne. Während dies geschah, beeilten sich die drei skandinavischen Staaten, zur reinen Goldwährung überzugehen, verkündeten die Vereinigten Staaten von Nordamerika, daß sie mit dem Jahre 1879 in ebendieselbe eintreten wollen.^) Solches ist die Sprache der Thatsachen. Alle Staaten rufeu das -Gold herbei, jeder stößt das Silber von seiner Schwelle zurück. Selbst Oesterreich, dessen Papiergeld nahezu auf die Höhengleiche des Silbers gekommen, nicht dank der Verbesserung seines Papiers, sondern dank der Verschlechterung des Silbers, besinnt sich, und mit Recht, ob es diese Gelegenheit ergreifen soll, um ebenen Wegs vom Papier zum Silber überzugehen, was vor Jahren noch seinen schönsten Wünschen entsprochen hätte. Im Einklänge mit diesem Gange der öffentlichen Maßnahmen hat sich die Preisbewegung des Silbers — in Gold *) Ob es ihnen schon 1879 gelingen wird, ist eine Frage, die mit der thatsächlichen Anerkennung des Princips, dessen Ausführung eine bloße Frage der Zeit ist, nichts gemein hat. 168 ausgedrückt — vollzogen. Im Laufe von vier Jahren ist der Preis des Silbers von 61 bis 55'/^), d. h. um etwas mehr als 9 Proccnt, gewichen, oder noch deutlicher ausgedrückt: ein Pfund Gold war Ende Jnni 1875 statt lo^-Mal, wie noch vor vier Jahren, 17 mal soviel werth als ein Pfund Silber. Das ist eine gewaltige, eine bisjctzt unerhörte Thatsache. So weit die historische Forschung zurückgreift, vorr den ältesten Zeiten AcgyptcnS und Asiens bis heute ist noch niemals der Werth des Silbers, am Golde gemessen, so niedrig gewesen wie in unsern Tagen. In dem langsamen Rückgänge dieses Metalls, den die Forscher ans den ältesten Steintafcln bis auf den heutigen Tag verfolgen könne», hat diese sinkende WcrthrclatioU drei volle Jahrtausende gebraucht, um von dem Verhältniß 12 zu 1 (mir vorübergehenden Deviationen bis zu 11:1) auf das Verhältniß von 15'/-. zu 1 hcrabzugchcn, dagegen haben wir im Laufe der letzten vier Jahre die Bewegung von 15^2 Z» 1 auf 17 zu 1 erlebt, d. h. der fallende Silbcrwcrth hat in vier Jahren 40 Proccnt dcr Gcsammtbahu von 3—4000 Jahren zurückgelegt oder die Geschwindigkeit seiner Fallbewcgung hat sich um das Drcihuudcrtfünffachc gesteigert. Die Weltgeschichte kennt keine ähnlich schnelle Entwcrthung der Edelmetalle, wie sic, ganz vereinzelte Intervalle abgerechnet, keinen gleich niedrigen Wcrthstand des Silbers kennt. Selbst die Zeiten der großen Umwälzung in den Wcrthrelationcn, *) Bisjctzt die niedrigste londoner Notirung; seitdem ist der Preis wieder bis 56^ (Herbst 1875) gestiegen, vermuthlich nnter dem momentanen Einflüsse einer in den Vereinigten Staaten angeordneten Ausprägung silberner Theilnngsmüuzcn. 169 welche durch dic Entdeckung der amerikanische» Silbcrmincn bestimmt wurde, haben keine so rasch um sich greifenden Störungen auszuweisen. Der starke Rückgang, der sich vom Ansang bis Ende des 17. Jahrhunderts vollzog und der in runden Zahlen von 1:11 zn 1 :15 fortrückte, brauchte dazu eben doch eiu ganzes Jahrhundert, d. h. ein Viertcljahrhundcrt, um so viel Weg zurückzulegen, als wir in den letzten vier Jahren zurücklegen sahen.*) Es ist gar nicht nöthig, zu untersuchen, ob dieses Verhältniß sich noch im selben Sinne fortentwickeln wird. Möge man auch hierbei immerhin auf das Unvorhergesehene verweisen, um das Unwahrscheinliche in Aussicht zu stellen: die gegebene Thatsache dieser ungeheuern und rapiden Entwer- thung, verbunden mit dem Umstände, daß dem so sehr verminderten Bedarf gegenüber ^die Production in starkem Annehmen begriffen ist, genügt, um zu zeigen, wie dringend es geboten war, daß Deutschland seine Silbcrwährung beseitigte. Es kann allerdings versucht werden, aus dem Umstände, daß der Silbcrprcis sich vou seiner tiefsten Notirung wieder bedeutend erholt hat, auf eine gänzliche Erholung desselben zu schließen. Man kann behaupten, daß, so gut er von 55^2 wieder zu 56^ gestiegen (Octobcr 1875), er auch auf 61 zurückkommen könne. Allein die Erwäguug, daß von sämmtlichen zur Abstoßuug des Silbers bestimmten Ländern nicht eines gründlich schon jetzt Hand ans Werk gelegt hat, zwingt zur Auuahme, daß die jüngste Hebung Vgl. hierzu Soetl'ccr's ucucstc Abhandlung „Dic Werthrelatioir der Edelmetalle" iu Hirth's Annaleu. 170 des Preises nur aus dem Wellenschlage einer constant cbbcndcn Bewegung hervorgegangen ist. Im Hintergründe nicht sehr entfernter Zeiten steht der unvermeidliche Uebcrgang Frankreichs zur reinen Goldwährung, damit der vou Belgien und der Schweiz. Holland selbst hat ihn erst in latenter Weise bewerkstelligt, noch nicht förmlich ausgesprochen, geschweige denn vollzogen. 18. Deutschlands Antheil an den Ursachen der Silliercntlvcrthung. Man muß darauf gefaßt sein, von gegnerischer Seite den Einwurs zu vernehmen, der jedenfalls mehr wie alle andern dieser Art, wenn nicht überhaupt einzig und allein, mit haltbaren Mitteln argumcntirt. Es wird zugegeben, daß angesichts einer so furchtbaren Entwertung uud Abstoßung des Silbers Deutschland wohlgethan hätte, seine eigene Silbcrwährung zu beseitigen; allein es wird hinzugesetzt: daß . gerade und ausschließlich Deutschlands Schritt, sich vom Silber abzuwenden, dieses zu so tiefem Falle gebracht habe. Ohne die deutsche Münzrcform wäre das Verhältniß von Gold zu Silber nicht alterirt worden, und die ander» Länder wären nicht dem deutschen Beispiel nachgefolgt, wie sie jetzt mußten, um der von uns hcraufbe- schworcucn Entwcrthnng aus dem Wege zu gehcu. Ein Streit über das, was geschehen wäre, wenn etwas, das geschehen ist, nicht geschehen wäre, ist endgültig nicht zu schlichten. Den Thatsachen, die allein in letzter Justanz hier sprechen können, ist der Weg verlegt. Aber wer einigermaßen mit unbefangenem Sinn sich die Natur des Streit- 172 objectcs ansehen und die Symptome der jüngsten und vor- jüngstcn Zeiten ins Ange fassen will, wird die Mängel der ganzen Hypothese nicht einen Augenblick verkennen. Ist es nicht an sich unfaßbar, daß ein elcmentarischcs Ercigniß, wie es die eben geschilderte Wcrthbcwcgnng des Silbers ist, von einzelnen Entschließungen, sei es auch eines großen Landes, abhängen könnte? Erscheint es glaublich, daß die gesetzliche Maßnahme eines Landes von 40 Millionen Seelen den Ansschlag geben könnte für die Bedeutung des Münzmaterials der gcsammten sich des Metallgeldes bedienenden Welt, die wir, auf ihr Minimum geschätzt, zum Zwanzigfachcn aunehmcn können? Hält man für möglich, daß der Silbcrwcrth auf diese Weise durch Deutschlands Entschluß hätte beeinflußt werden können, wenn dieser Entschluß gegen die Natur der Sache, gegen die der Wcrth- bcwcguug des Silbers innewohnende Tendenz angegangen wäre? Solche Tendenz kann dnrch einzelne Maßnahmen momentan gefördert, aber sie kann nicht umgekehrt werden. Bor den großen Zahlen, welche zur Sprache kommen, wenn es sich um den Betrag des iu der Welt vorhandcncu Silbers handelt, den Massen, die jährlich gefördert und consumirt werden, verschwindet die Zahl, welche als Ergebniß der deutschen Reform übrigbleibt. Hätte Deutschland gesündigt gegen den natürlichen Wcrthgang der Edelmetalle, so würden die übrigen Staaten, weit entfernt, seinem Beispiel zn folgen, sich becisert haben, von seinem Fehler Nntzcn zn ziehen. Nehmen wir einen Augenblick an, wir wären so thöricht gewesen, uns vom Golde loszusagen und die alleinige Silber- währnng zu decrctircn. Mit Wonne hätten uns die andern Länder unser Gold abgenommen und uns Silber dafür gc- 173 geben! Will man auch die Behauptung zulassen, der erste Schrecken der Silber besitzenden und erzeugenden Länder über die deutschen Beschlüsse hätte cincu ungerechtfertigten moralischen Druck auf den Silbcrmarkt ausgeübt, so müßte doch seitdem annähernd das Gleichgewicht sich hergestellt haben*),besonders angesichts der schwachenSilbcrcinziehungcn, die bei uns stattgefunden, denn diese haben den« eigentlichen Stock unserer Silbervorräthe noch gar nicht berührt, folglich auch noch nicht auf den Mctallmarkt gebracht. Bon i>er Zeit an, da bei uns die Einführung des Goldfußcs beschlossen wnrdc, thatsächlich von Anfang 1872 bis zum 24. Juli 1875, sind im Deutschen Reiche umlaufende Sil- bcrmünzcn eingezogen worden zum Belaufe von 202' 2 Millionen Mark, und etwas mehr als die Hälfte dieses Betrags (116 Millionen) war bis ebendahin an neuen Rcichsmünzen wieder ausgeprägt. Da jedoch diese neue Ncichsmünze um ein Zehnthcil leichter an Silbcrgcwicht geschlagen wird als der alte Thalcrfuß, so befänden wir uns in Gegenwart einer Wiederverwendung von I0IV2 Millionen Mark gegenüber einer Einziehung von 202^2 Millionen, bleibt Ucberschuß 98 Millionen Mark. Obwol die letzten Berichte über die nach dem Auslande bewerkstelligten Silber- vcrkäufe uus nicht vorliegen, so können wir rnhig annehmen, daß von diesem Uebcrschnß noch ein Theil auf Lager und für Verwendung zu Neuprägungen zurückgehalten wird. Wir greifen gewiß zu hoch, wenn wir den Betrag von 90 Mil- *) Auch der seitSS'/z wieder erzielte höchste Preis von 56^ stellt immer noch eine Werthrelation von 16°/g zu 1 dar, d. h. einen Rückstand von 7 Procent gegen das normale 15'/- zn 1. 174 lioncn Mark oder 30 Millionen Thalcr als dcn bisher vom Deutschen Reiche ans dcn Mctallmarkt der ganzen Welt gebrachten Silberwerth veranschlagen"), und zwar über einen Zeitraum von rund drei Jahren vertheilt, also 30 Millionen Mark im Jahre. Der Silbcrbedarf für Ostasien ist nach Berechnungen, die sich in den letzten Jahren als zutreffend erwiesen haben, durchschnittlich etwas wie 120 Millionen Mark. So hätten wir also nur 25 Procent des ganzen Bedarfs für diesen Abzngskanal auf den Markt gebracht. Berücksichtigen wir aber den Prägcverbranch blos der Länder des Lateinischen Münzbnndes, so finden wir, daß schon er allein unsern Abschub um ein Gewaltiges überstieg. In dem einzigen Jahre 1873, als nämlich das Schicksal des Silbers der Welt klar wurde und die Speculation sich darauf warf, die Länder des Lateinischen Bundes noch damit vollzupfropfen und ihnen ihr 'Gold abzunehmen, giugcn ans dcn Prägcanstalten von Frankreich, Italien und Belgien für 307 Millionen Franken Silbcrmünzen hervor, d. h. 2V2wal soviel, als nnscr ganzer denkbar höchster Silbcrausstoß in dcn letzten drei Jahren. Und in dcn Jahren 1872 bis Mitte 1875, während wir im ganzen 98 Millionen Mark oder 122 Millionen Franken Silber mehr eingezogen als ausgeprägt haben, wurden in den Anstalten der vier lateinischen Staaten für 549 Millionen Franken Silbermüuzcn ausgeprägt""), d. h. gerade 4'/-Mal soviel als uuscr gesammtcr 5) Nach meinen approximativen Berechnungen bleibt er unter 70 Millionen/ In dieser Ziffer bringen wir die erste Hälfte von 1L7S mit der Hälfte des Contingents, welches die letzte Convention von 1875 175 Einzug, den wir noch nicht einmal ganz zn Markte gebracht haben. Wie ungereimt erscheint neben diesen Ziffern der Vorwurf, daß wir mit unserer Silberanöstoßung den Markt gedrückt hätten! Fassen wir die Sache von der andern Seite auf, d. h. von derjenigen der Silbcrgcwinnung, so greifen ihr gegenüber ?ic Ziffern unsers Angebots ebenso bescheiden ein wie gegenüber dem allgemeinen Verbrauch. Die Einfuhren von Silber aus den Vereinigten Staaten nach England allein belaufen sich in den letzten Jahren auf so viel als die europäischen Silberausfuhren nach Indien, uud die Gcsammt- production der Welt wurde schon in den sechziger Jahren sicher viel zu niedrig auf das Doppelte des iudischen Verbrauchs, d. h. auf 240 Millionen Mark im Jahre veranschlagt. Seitdem haben namentlich in Nevada die Silberfünde noch riesenhafte Fortschritte gemacht. Die Einfuhr von Silber nach England aus der ganzen Welt belief sich in den letzten Zeiten auf etwa 300 Millionen Mark, nnd die Silbcr- production blos der Vereinigten Staaten, die bis Ende der fünfziger Jahre 50000 Dollars jährlich aufbrachte, belief sich 1873 auf 44'/2 Millionen, d. h. das Neunfache, oder auf mehr als das Doppelte unsers deutschen SilbcrcinzngS. Wer will nach all dem glanbcn, daß die geringe Anfuhr, welche Deutschland auf den Silbermarkt gebracht hat, hinreichte, um deu Stand desselben so durchaus zu verändern, den lateinischen Staaten fixirte, in Anschlag und bleiben damit entschieden hinter der Wirklichkeit znrnck. Die Silbergewinnnng selbst in Europa hat letztlich so zugenommen, daß sie eine merkbare Stcigcrnng im Preise des zur Scheidung nöthigen Bleies nach sich gezogen hat. 176 'wie wir dies in den letzten Zeiten erlebt haben! Wäre das deutsche Angebot nicht mit der innern Tendenz der Waare zusammengetroffen, so wäre cö beinahe spurlos an ihrem Werth und Preis vorübergegangen. Auch die moralische Wirkung unserer neuen Müuzpolitik ist au der Stärke des Umschlags viel weniger bcthciligt, als man gemeinhin behauptet. Denn in der Zeit, da unser Ucbcrgaug zur Goldwährung thatsächlich zum Beschluß erhoben wurde, ließ sich der Markt wenig davon beeinflussen; das Zeugniß der Marktpreise ist ein unwiderlcgliches. Der londoner Silberprcis hielt sich das Jahr 1872 hindurch bis Ende November noch in der Schwebe zwischen 60 und 61, ganz wie vor unserer Reform. Und alles, waö seitdem bei uns geschah, war vielmehr geeignet, die Furcht vor unserer Einwirkung auf den Markt wieder zu zerstreue». Nicht blos erschienen wir mit homöopathischen Portionen in London oder in Shanghai, sondern in unsern parlamentarischen Verhandlungen ward anch von maßgebender Stelle mit möglichstem Nachdruck verküudet, baß wir überhaupt nicht gemeint seien, viel Silber nach außen abzugeben; daß wir einerseits gar nicht so viel besäßen, als man gewöhnlich voraussetze, daß wir andererseits sehr viel Bedarf an Thcilungsmünzen hätten; und diese Aeußerungen waren nicht etwa nur in der Absicht hingeworfen, den Silbcrmarkt bei guter Laune zu erhalten, sondern sie enthielten, wie man sich aus unserm ganzen Verfahren überzeuge» konnte, deu leitenden Gedanken unserer ausführenden Münzpolitik. So hatten wir also weder durch wirkliches Angebot, noch durch unsere Tendenz etwas Namhaftes dazn gethan, die Wendung herbeizuführen, welche im Verhältniß des Silbers zum Golde eingetreten ist. , 117 Erst andcrc Erscheinungen mnßtcn hinzukommen, um der Welt zu zeigen, daß wir nichts Anderes gethan hatten, als den richtigen Weg betreten, den Weg, aus dem gan; Europa uns nachfolgen wird. Nicht weil sie ein vereinzelter Entschluß, sondern weil sie der Anfang einer unvermeidlich gewordenen Evolution des Abendlandes war, hat unsere Münz- rcform ihren Einfluß ausgeübt. Sie hatte nur das Verdienst, die erste zu sein, die den richtigen Weg mit Gewißheit erkannte und zur That erhob. Wenn die drei skandinavischen Staaten scheinbar nur unser Beispiel befolgt haben, wenn Holland sich zum Golde bekehren mußte, so knüpfen diese Entschlüsse durchaus nicht einseitig an unsern Vorgang au. Sie sind, wie thatsächlich so auch im Bereich der theoretischen Anschauungen, auf andcrc und namentlich ans ältere Manifestationen zurückzuführen. Es ist bekannt, daß die erste große Münzconfcrenz, welche im Jahre 1865 in Paris zusammentrat, also lange ehe jemand an ciuc Münzrcsorm des Deutschen Reiches denken konnte, sich bereits aufs lebhafteste mit der Frage befaßte, ob nicht dem damals iu Angriff genommenen Vertrage die alleinige Goldwährung zu Gruude gelegt werden solle. Drei von den vier Staaten der spätern Convention, Belgien, die Schweiz und Italien, befürworteten lebhaft einen, solchen Entschluß. Nur gewisse theoretische Anschauungen, unterstützt von gewissen thatsächlichen Interessen, die auch heute noch maßgebend sind, widersetzten sich. Im Jahre 1L67 wurden die Conferenzen wegen einer universellen Münzeinignug wieder aufgenommen. Es kam, wie zn erwarten war, hier zu keinem Ergebniß, aber ciuc Confcrcnz der Delcgirtcn widmete sich ucben der eigentlichen Aufgabe dcö abzuschließende» Vertrags Bambcrgcr, ReichZgold. 178 noch dcr leichter erreichbaren einer wissenschaftlichen Verständigung über die Grundlinien einer künftigen rationellen Münzpolitik. Und hier erklärte sich die überwiegende Mehrheit für die ausschließliche Goldwährung. Nur ciu einziger Staat sprach sich mit Entschiedenheit für die Silbcrwährung ans, Holland nämlich, welches acht Jahre später mit unter den ersten durch die Thatsachen eines bessern belehrt werden sollte. Gleichzeitig tagte damals in Paris jener Ausschuß für europäische Maß-, Gewichts- und Münzbcstimmnngcn, aus welchem heute die Mctcrconunission in definitiver Gcstaltnng hervorgegangen ist. Auch dieser bekannte sich mit einer an Einstimmigkeit grenzenden Mehrheit zur Goldwährung. Die Herrschaft der Goldwährung über das Abcudland war so im Kreise der maßgebenden Ansichten mit Machr vorbereitet. Die Anzeichen ihres Nahens lagen bereits in dcr Luft. Sie mußte einige Jahre früher oder später zum Durchbruch kommen. Es war ein Glück für Deutschland, daß ihm die Umstände erlaubten, sich au die Spitze der unvermeidlichen Bewegung zu stellen; wenn auch vou diesem Vortheil durch die Art dcr Ausführung wieder etwas sollte eingebüßt worden sein, es bleibt nach wie vor ein Glück, daß wir ohne Möglichkeit dcr Umkehr und — was man immer inzwischen gcsagt haben mag — mit der Gewißheit schlicßlicher Durchführung als die ersten in die Reform eingetreten sind. 19. Die Ausführung der deutschen Miinzreform. Das letzte Wort in allem Streit um die Zuträglichkcit gewissen Handelns haben die Thatsachen. Ihnen allein bleibt die Aufgabe vorbehalten, die Zweifler zu widerlegen und zu beschämen, und sie werden das hier um so siegreicher vollbringen, je rascher sie dem letzten Ziele des gesetzgeberischen Gedankens sich nähern. War diesem gesetzgeberischen Gedanken sein Ziel klar vorgczcichnct in Gestalt der reinen und vollen Goldwährung, so konnte die Art, wie der Weg zu bcschrcitcu, nicht zweifelhaft sein. Die beste Lösung der Aufgabe lag in der größten Schnelligkeit. Und zwar mußte diese Methode der Ausführung nicht, wie man denken könnte, aus Rücksichten allgemein wcltklugcn Verfahrens, sondern in Anwendung des innersten Princips, zu dem man sich bekannte, eingehalten werden. Wer die vorausgehende Gcdankcncntwickelung verfolgt hat, wird sich von dem eben ausgesprochenen Satz nach wenigen Worten selbst Rechenschaft geben. Der Ucbcrgang aus unserer alten Währung, welche thatsächlich eine einfache Silbcrwährung geworden war, in die einfache Goldwährung war nicht zu be- 12* 180 w crkstclligcu, ohne daß vorübergehend beide Währungen nebeneinander bestanden, mit andern Worten: ohne daß vorübergehend Doppclwährung eintrat. Ist aber die Doppelwährung schon an sich ein Uebel, so wuchs die Gefahr dieses Uebels noch bedeutend, indem es gerade zu dem kritischen Moment des Uebergangs sich gesellte, wie eine Krankheit doppelt verderblich wird, weil sie in die Eutwickclungs- periode eines Organismus fällt. Schon nach dem alltäglichen Gange der Dinge mußte im Zustande der Doppelwährung, der Tendenz der beiden Metalle entsprechend, das Gold abfließen, das Silber entwcrthet zurückbleiben. Zu dieser Wirkung des allgemeinen Gesetzes trat hier der heftige Impuls, welcher durch das Vorgehen des Deutschen Reiches gegeben wurde. Unsere Münzrcsorm ist nicht Ursache, daß die Herrschaft des Silbers als Gcld- metall selbst zu Ende geht; aber, indem sie zuerst von der Einsicht, daß dieser welthistorische Umschlag sich vorbereite, die Nutzanwendung machte, wurde sie Ursache, daß derselbe der gcsammtcu Welt plötzlich und unwiderstehlich zur Erkenntniß kam^ Die schon vorher dem Golde innewohnende Tendenz, dem mitrcgicrcndcn Silber zu weichen, mußte dadurch bedeutend verstärkt werden. Das Verharren des Silbers in unserm Umlauf, die Flucht des Goldes war um so mehr erleichtert, als das Gold erst neu in die Adern des Verkehrs hiucin- gclcitct werden sollte, das Silber von alters her darin kreiste. So ward die schädliche Tendenz, die in der Doppelwährung liegt, verstärkt, die Schädlichkeit der Wirkung durch die Lage unvcrhältnißmäßig gesteigert. Der Nachtheil, welcher dem Gemeinwesen wie oben erwiesen dadurch beigebracht wird, daß das hohcrwcrthigc Geld entflicht und das 181 mindcrwerthigc zurückbleibt, crhob sich hicr zu dcr verhttng- nißvollcn Bedeutung, daß gerade das Object entfloh, mittels dessen die Neuerung hergestellt werden sollte, und das Object znrückblicb, in welchem die alte zu übcrwiudcudc Verfassung rnhtc. Wenn wir zn Eingang dieser Schrift gesehen haben, daß dcr Goldabfluß dcr letzten zwei Jahre nicht durch die Anfänge der Rcichsgoldwährung als etwas Neues herbeigeführt worden ist; wenn wir im wcitcrn Verlauf gesehen haben, daß bei dcr cinfachcn Goldwährung dcr Goldabsluß durchaus kein Uebel ist, sondern nur eintritt, wenn und soweit die Uebereinstimmung dcr Preise mit denen dcr Cultnrwelt es fordert, so wird damit dcr Satz nicht angefochten, daß Goldabfluß im Moment, da die Silbcrwährung durch Goldwährung ersetzt werden soll, ein Uebel sei. So sind wir an dieser Stelle, nachdem wir alle Stadien dcr Betrachtung durchlaufen, zur Beantwortung dcr Frage gelangt, die wir uns ganz zu Anfang gestellt hatten: Ob die öffentliche Meinung von einem richtigen oder falschen Jnstinct beseelt gewesen, indem sie über den Abfluß unserer ncnen Reichsgoldmünzcn sich erschreckte? Ganz verneinend beantworten können wir diese Frage nicht, trotz allem, was bisher auseinandergesetzt worden ist. Als ganz verkehrt zwar muß zunächst jeder Vorwnrf bezeichnet werden, insofern er die Reform selbst verwechselte mit dem Schaden, dcr sic bcdrohtc, dicsc dafür verantwortlich machte, daß sic überhaupt bedroht werden konnte. An sich betrachtet, kennzeichnet ein so gemeinter Vorwurf sich schon von selbst als ein vollkommener Widerspruch; dcnu entweder war die Reform ein wünschenswcrthcs Ziel, dann durfte 182 man nicht klagen, daß sie beschlossen worden; oder sie war nicht wünschenswert!), dann durfte man nicht klagen, daß sie bedroht sei. Der einzige richtige Standpunkt war also, entweder zu sagen, daß man die Reform als etwas zwar Wünschenswertes aber Unerreichbares nicht hätte versuchen sollen, oder daß man es nicht richtig angefangen, um sie durchzuführen. Auf deu Einwurf der Unmöglichkeit der Durchführung wird die Antwort erfolgen durch die Thatsache der Durchführung. Auf den Einwurf mangelhafter Durchführungsmcthode darf man nur eingehen, nachdem man mit höchster Sorgfalt die Schwierigkeit der Aufgabe geprüft hat, die zu lösen war. Niemals vielleicht hat ein großer Staat eine so kühne und so großartige Finanzoperation unternommen, wie das Deutsche Reich es mit dieser Reform gethan hat. Die vielgcrllhmtc und auch wohlgeleitctc Beschaffung der französischen Milliarden war zu unserm Problem verglichen etwas Leichtes, weil viel Einfacheres. Es hat sich uns ja bereits auf deu ersten Blick gezeigt, daß hier sozusagen der dramatische Conflict in der Natur der Aufgabe selbst lag. Von der Silber- währnng znr Goldwährung übergehen, das hieß nichts anderes als den Conflict beider Währnngen selbst hcranfbcschwörcn, in dem unvermeidlichen Moment, da die eine geschaffen werden mußte, ehe die andere beseitigt war. Diesen Moment möglichst verkürzen, hieß den Conflict selbst auf das Minimum des Uebels zurückführen. So sehen wir die Vorwürfe, welche schon nicht mehr dem Gesetz, aber noch der Ausführungs- mcthodc gemacht werden konnten, von vornherein zu einer bloßen Quantitätsfrage herabgedrückt. Ganz zu vermeiden war der üble Moment nicht, nnd nur die Frage bleibt übrig: Ist auf dessen Verkürzung mit der ganzen gebotenen Energie hingearbeitet worden? Solange nicht die Ncichsgoldwährung in ihrem vollen Sinn ss. Schlußwort) verkündet ist, läßt sich diese Frage nicht endgültig beantworten. Solange noch der gesetzliche Zwang besteht, Beträge von mehr als 20 Mark in Stücken von 1 und 2 Thalern Silber anzunehmen, ist die Zwischenströmung nicht überwunden. Für hente läßt sich nur feststellen, daß früher als zum 1. Januar 1876 der Zeitpunkt zur Inkraftsetzung des ganzen Gesetzes überhaupt nicht eintreten konnte. Die Beschränkung des Banknotcnumlaufs und die Möglichkeit des Eingreifens der Reichsbank sind erst mit diesem Moment gegebene, unentbehrliche Grundbedingungen zur gefahrlosen Einsetzung der Goldzahlung. Dieser nächste Moment ist nun allerdings von der Rcichsrcgicruug nicht ergriffen worden. Doch dafür, daß sie nicht bis zu diesem Entschluß gedieh, mag sie gewichtige Gründe aurufen. Sie mag es für vorsichtiger halten, erst durch stille Einziehungen von grober Silbermünze sich gegen die Möglichkeit eines zu starken Andrangs von solchen, die ihr zur Auswechselung gegen Goldmünzen nach Artikel 9, Absatz 2 des Münzgesetzes ^) präsentirt werden könnten, zu sichern; sie mag durch weitere Erhebungen die viel erörterte Artikel 9, Absatz 2 des Müuzgcsetzes: „Bon dcu Reichs- und Landeskassen werden Reichssilbcrmnnzcn in jedem Betrage in Zahlung genommen. Der Bundesrat!) wird diejenigen Kassen bezeichnen, welche Reichsgoldmünzcn gegen Einzahlung von Rcichssilbcrmnuzen in Beträgen von mindestens A)t) Mark oder von Nickel- und Kndfermiinzeu in Beträgen von mindestens 50 Mark auf Verlangen verabfolgen." 184 Strcitfrag über dcn wirklichen Betrag des noch umlaufenden Silbcrcourants zn lösen versuchen, ehe sie Hand daran legt, es außer Cnrs zu setzen; sie mag endlich Anstand nehmen, ein zwar durch die Umstände angezeigtes, aber im Münz- gcsctz nicht wörtlich vorgesehenes Zwischcnstadinm dadurch zu schaffen, daß sie die grobe Silbermünze zwar als Con- rantsilbermünzc außer Cnrs setzt, aber als Scheidemünze im Verkehr läßt, damit dieselbe der noch nicht in genügendem Umfange ausgeprägten Neichssilbermllnze vorübergehend als Ergänzung diene. Kann unter solchen Umständen ein gerechter Vorwurf nicht daraus gemacht werden, daß mit der Ncichswährung für den 1. Januar noch nicht sofort die Rcichsgoldwährnng verkündet worden, so ist damit die dringendste Aufforderung zu verbinden, daß dieser Tchlnßstcin in möglichst kurzer Frist eingesetzt werde. Erfolgt dies, so bleibt für eine wirkliche Kritik kein Raum. Eine hypothetische Kritik für dcn Fall unbegründeter Sänmniß zu erheben, hätte selbstverständlich keinen Sinn. Vielmehr ist einzuräumen, daß die Vcrkündung der Reichswährung als naher Vorbereitung für die Rcichsgoldwährnng in der kürzest möglichen Frist erfolgt ist. Aber eine andere Frage ist die, ob parallel mit dieser formalen Vorbereitung des definitiven Abschlusses auch die materielle Vorbereitung in energischer Weise gchandhabt worden ist. Heute läßt sich behaupten, daß es gewagt sein könnte, sich den Conscqucnzen der vollen Goldwährung in Gestalt der EinwcchsclungSpflicht der Silbcrcourantmünzcn ohne weiteres auszusetzen. Es ist aber zur möglichst schleunigen Beseitigung dieses Bedenkens eben in Gestalt rascher Silbercinzichung nicht das Wüuschcnswerthc geschehen. Ge- 185 rade wcil die Action der Reichsbank und die Beschränkung des Notenumlaufs erst mit dem Jahre 1876 eingreifen konnten, mußte die Zwischenzeit benutzt werden, um einstweilen entweder dergestalt mit dem Silber aufzuräumen, daß es im gegebenen Moment nicht mehr als ein drohendes X der Vcrkündnng der Goldwährung entgegenstand, oder man mußte auf irgendeine Weise die Probe darauf zu inachen suchen, daß eine solche Einziehung nicht nöthig sei. Wie die Dinge heute liegen, kann kein Vorwurf daraus erhoben werden, daß Rcichswährung und Ncichsgoldwährung nicht zugleich am 1. Januar 1876 in Kraft treten. Aber daß die Diuge so liegen, ist nicht ganz die Schuld der Umstände, sondern auch die Schuld des Irrthums, dem man sich hingab, indem man weder thatsächlich erkannte, daß wir vorerst im Strom der Doppclwährung lavircn, noch alles that, sowol um ihm entgegenzuarbeiten, als um aus ihm herauszukommen. Das Herauskommen war durch Silber- vcrkanf gegen Gold, das Entgegenarbeiten durch eine vorsichtigere Behandlung der fünf Milliarden zu erzielen. 20. Wahre Bedeutung und richtige Behandlung des Ueliergangszustandes. Aber befinden wir uns denn in der Doppclwährung während der Zeit des Uebcrgangcs? So oft diese Behauptung auftauchte, wurde ihr gerade von den Vertheidigern der Münzrcform eine directc Verneinung entgegengestellt und zwar mit folgenden Gründen. Zum ersten kann nicht als Doppelwährung ein System bezeichnet werden, in welchem die freie Prägung des Silbers aufgehoben ist; zum zweiten ist nach dem Münzgcsetze (Artikel 9) jeder Silberthaler gleich einer Anweisung auf 3 Mark in Gold; er ist nur noch äußerlich und vorübergehend Silber, in Wahrheit und fürs Definitivum ist er zu Golde geworden. Beide Argumente waren in ihrem thatsächlichen Inhalte unanfechtbar, ihre Schlußfolgerung konnte zutreffend erscheinen. Die aufgeworfenen Bedenken schienen zurückgewiesen. Und deunoch waren sie es in Wirklichkeit nicht. Den theoretisch richtigen Sätzen standen reale Vorgänge gegenüber, deren 187 Besonderheit die Wirkung der Voraussetzungen von allgemeiner Natur paralysirte. Auch die Motive zum Münzgesetzc gaben sich einer etwas zu optimistischen Auffassung hin, indem sie (S. 9 des Entwurfs) sagten: cS sei „ein Ucbcrgangszustand geschaffen, welcher in der Mitte zwischen der sogenannten Doppclwährung und der reinen Goldwährung liege". In der Mitte lag der Zustand eben nicht, sondern sehr hart nach der Seite der Doppelwährung zn. Das erste Argument, daß die Silbcrprägung eingestellt sei, verlor seinen Werth, weil die ZahlungSbalanz überhaupt keinen Zufluß von Metall verlangte, die passive Seite der Währung außer Fuuction war (s. Nummer 16). Da wir keinen Uebcrschuß zu empfangen hatten, so lag die Gefahr der Doppclwährung nicht nach der Seite der Metalleinfuhr, sondern der Ausfuhr. Allerdings verhütete die Sperrung der Silber- prägc noch größern Zufluß, allein das, worum es sich momentan handelte, dcn Goldabfluß verhüten, konnte sie nicht. Das zweite Argument, nämlich daß jeder deutsche Silbcrthalcr ein Goldversprcchen des Deutschen Reiches sei, besaß seine Bedeutung für die Zukunft ganz und voll, war aber deshalb für die Gegenwart nicht ausreichend. Bezahlen heißt sofort zahlen, Bezahlen ist das gegenwärtigste aller Zeitwörter; cS gibt futurale Begriffe und Bezeichnungen für diese Action, welche mehr oder weniger dem Sinne nahe kommen, aber zur volle» Dcckuug reicht keiner aus. Deu Einwand der Doppelwährung mit dem. Hinweise auf die küuftigc Einwechselung in Gold widerlegen, hätte ungefähr so viel bedeutet, als wenn man einen Soldaten, der mit einem schlechten Gewehr ins Feld rückt, damit beruhigte, daß dieses nach vollendetem Fcldzuge gegen ein besseres aus- 188 getauscht werden solle. Hier mein Sohn, würde das etwa heißen, hast dn eine Flinte, die nur auf 300 Schritte sicher trifft; aber gehe nur getrost gegen den Feind, der auf 1000 Schritte schießt, denn über Jahr und Tag bekommst du aus der kaiserliche» Gcwchrmanufactur eine Waffe, die auf 1200 Schritte trägt. Der Mann hätte schwerlich dies Argument treffend gefunden, und ebenso thäte der Gläubiger des Auslandes, wenn der deutsche Schuldner ihm einen Silbcrthalcr aubictcu wollte, mit der Beschwichtigung: daß er in gegebener Zeit ihn bei den deutschen Reichs- und Staatskassen werde gegen Gold eintauschen können. Und da wir den Ausländer zu bezahlen hatten, so mußte entscheiden, was dieser sagte. Für die Action brauchten wir fertige Werkzeuge und keine Anweisung auf künftige. Das Goldstück behauptete dadurch ungeschmälert seinen Vorzug vor dem Silber. So mußte nach beiden Richtungen hin die Ucbergangszcit sich zu einer Zeit der Doppelwährung gestalten, trotzdem mit den richtigsten Theorien das Gegentheil bewiesen werden konnte. Nur Ein Mittel gab es, der schädliche» Wirkung dieses Zustandes aus dem Wege zn gehen. Dieses Mittel, wir verfügten darüber, es schaffte uns die Hauptkraft zur Bcwcrk- stclligung des Ueberganges; wenn ein Fehler begangen wurde, so bestand er darin, daß das Maß der Wirkungs- fähigkcit dieses Mittels nach Inhalt und Dauer überschätzt wurde. Uud das war verzeihlich, denn die ganze Welt wurde überrascht von seinem frühen Versagen. Die schädliche Wirkung der Doppelwährung kouute gesperrt werden durch die günstige Stellung der Zahlungs- balanz (s. Nummer 14 und 16). Gleichwie jüngst die Bank von Frankreich gegen ihre kleinen Noten rnhig Gold in Umlauf 189 setzen konnte, weil der französische Wechsel aufs Ausland so niedrig stand, daß an einen Baarabflnß nicht zu dcnkcu war, so konnten wir, während unser deutscher Wechsel sich in gleicher Lage bcfaud, uubcdcnklich unser Gold ncbeu dem Silber in Umlauf bringen. Wir thaten dies auch und gerade gestützt auf diesen Stand des Wechsels. In diesem Stande verkörperte sich die Gunst des Schicksals, welche uus gestattete, die Voraussetzungen der Möglichkeit zur Durchführung der Münzrcform zu gewinnen. Jeder Sachverständige mußte von der Eigenthümlichkeit dieser Situation durchdrungen sein, die meisten bezeugten dies anch in unzweideutigen Ausdrücken. Als der preußische Fiuauzministcr gelegentlich der ersten Verhandlungen über die Einführung von ReichSgoldmünzcn (Sitzung des Reichstages vom 1l. November 1871) den Zweiflern an der Ausführbarkeit sicgcsgcwiß entgegenhielt, daß in jenem Angcnblickc ein deutscher Thaler die gesuchteste aller Müuzcn im Auslande sei, traf er den Nagel auf den Kopf. Diese Constcllation sicherte uns, so lauge sie dauerte, vor dem Abströmen des neuen Goldes. Damit war aber auch gesagt, daß allein nntcr ihrer Gunst die Sache zu machen war. Um vom Ufer der Silbcrwährung zum Ufer der Goldwährung überzusetzen, mußten wir unvermeidlich eine Strömung von Doppelwährung durchschiffen. Aber wir hatten im niedrigen Wcchsclstaudc eine günstige Brise, die verhieß, uns glücklich dnrch die Gefahr der Strömung hindurchzu- tragcn, weil sie in entgegengesetzter Richtung blies. Alles kam daraus an, ans jenseitige Ufer zu gelangen, ehe der Wind nmschlng. Und dies ist nicht geschehen. Wir haben ans die Kraft und Dauer des güustigcu Windes noch 190 mchr gerechnet, als die Thatsachen rechtfertigten. Die Folge wird sein: nicht daß wir Schisfbruch leiden, aber daß wir nur mit Aufwand von etwas mchr Mühe und Opfern anK Land kommen, als zu erwarten war. Es sei hierbei eingeräumt, daß auch denen, welche stets ihre Stimme erhoben, um vor zu großem Sicherhcitsgcfühl zu warnen und zur Eile -zu treiben, der Umschlag überraschend früh kam. Auch wer alle Gefahren der fünf Milliarden erkannt Hütte"), würde nicht gewagt haben, sich zu der Befürchtung zu versteigen, daß vor dem Ablaufe dreier Jahre der ungeheuere Druck, welchen die Zahlung der Kriegsentschädigung auf den Wechselkurs ausüben mußte, erschöpft sein würde. In diesem Punkte, kann man wohl sagen, war die ganze Welt im selben Irrthume befangen. Zu erklären, wie diese ungeheuere Kraft, so rasch ausgebraucht, in ihren Gegensatz umschlagen konnte, ist hier nicht der Ort. Unendlich viel ist bereits darüber gesagt und geschrieben worden. Sünden von unteu kamen zu Versehen von oben; nicht zu vergessen aber ist die ohne Zweifel beträchtliche Nachwirkung viel älterer Sünden, auf die bereits hingewiesen worden (s. Nummer 9). Wäre Deutschland nicht lange vor dem Kriege der Schuldner des Auslandes gewesen, so hätten alle Sünden der Spcculation und die Fehler der Finanzoperationen so> rasch es nicht wieder zum Schuldner des Auslandes machen können. Haben die Ausschweifungen des Verkehrslebcns 5) Siehe meine Abhandlung: „Die fünf Milliarden", in den Preußischen Jahrbüchern, Jannar 1373, anch separat verlegt (Berlin, Reimer). 191 dazu beigetragen, die glückliche Durchführung unserer Münzreform einen Moment lang zn beeinträchtigen, so hat die ausgleichende Gerechtigkeit des „Krach" auch auf diesem Felde das Gleichgewicht wieder herbeiführen geholfen. Die mit dem Katzenjammer nothwendig verbundene Fastenzeit erträgt am leichtesten die Einschränkung an umlaufenden Geldmitteln, welche nöthig ist, um das Gold festzuhalten durch Herabstimmung des Wechsels. Ganz mit Recht hatten der Reichstag und die Leitung der Reichsfinanzcn von vornherein diesen Gesichtspunkt auch mit in ihren Betracht gezogen. Hatte letztere, wie geschildert, anch die günstige Wirkung der Milliarden auf dcu Staud der Zahlnngsbalanz überschätzt und nicht alles gethan, was nothwendig war, um diese Wirkung zu verläugern, so erkannte sie doch willig das Grundgesetz an, daß eine Gegenwirkung gegen schädlichen Abfluß von Baarmitteln höherer Art in der Verminderung der ihnen zum inländischen Ersatz dienenden Umlanfsmittcl niederer Art gegeben sei. Sie hatte ganz recht, wenn sie zu dieser niedern Art vor allem die nur in Silber cinlösbaren Banknoten rechnete, uud sich den Vorschlägen anschloß, welche in diesem Sinne vom Reichstage ausgingen, nämlich Beseitigung der kleinsten Notcn- abschnittc, Ordnung des Bankwesens. Aber bestimmt durch den vorhin beschriebenen Irrthum, daß keine Doppelwährung mehr in Kraft sei, verschmähte sie, den richtig erkannten Grundsatz mit gleicher Energie aus das grobe Silbcrgcld anzuwenden. Sie hätte diesen Irrthum um so eher durchschauen müssen, als die von ihren Maßnahme» getroffenen Banknoten selbst nichts anderes waren als Silbcrmünzcn. Hätte das Silber eine bessere Bedeutung gehabt als das> 192 Papier, so würde das Publikum nicht verfehlt haben, die Einwechselung der letzteren gegen Silber am Schalter der Banken zu begehren. Daß es nicht geschah, bewies, daß beide Gcldarten gleich entwerthct waren, uud schon ans diesem Grunde hätte man einsehen müssen, daß die Verminderung des Silbers ebenso geboten war wie die der Noten. Erst mit dem Augenblicke, da die Rcichsgoldwährung ihrem ganzen Sinne nach verkündet wird, hört diese Identität von Papier und Silber auf. Denn nun wird Gold allein Zahlungsmittel, Papier muß mit Gold eingelöst werden, und durch diese Verpflichtung, mehr als dnrch jede andere Vorschrift, beschränkt sich der Banknotcnumlauf von selbst auf sein richtiges Maß. Ein Zwischcnstadium der vorhin geschilderten Art, welches das alte Courantsilbcr noch als Scheidemünze im Verkehr ließe, könnte natürlich nicht in Gegenwart jedes beliebigen noch im Umlaufe befindlichen Quantums dieser Münzen eingerichtet werden. Denn ein Uebcrschuß von Scheidemünzen wirkt in seiner Art in derselben Weise auf den Abfluß des edlcrn Metalls wie die Doppclwährung. Eine uutcrwcrthigc Scheidemünze ist nur gestattet, wenn sie genau in den Dimensionen bleibt, die ihrer Bestimmung entsprechen. Der Gcsammtbctrag der Silbcrscheidcmünzcn ist im Artikel 4 des MünzgesctzcS mit Recht scharf begrenzt.^) Wenn die Reichsregicrung die Goldwährung proclamirte, ehe sie so viel grobes Silber eingezogen, daß dasselbe zum neugcprägtcn Kleingelde hinzugerechnet unterhalb der im Artikel 4 vorgeschriebene!? 5) Auf 10 Mark per Kopf der Bevölkerung, also ruud 400 Mill. Mark. WWWWWMMUWM 193 Grenze bliebe, so beginge sie noch keine Gesctzcsvcrlctzung. Aber sie würde auch, wenn dessen für den Verkehr zu viel umliefe, alsbald von selbst gezwungen werden, diesen Fehltritt wieder gut zu machen, da sie nach Artikel 9 des Münzgesetzes gezwungen ist, alle Scheidemünze auf Verlangen in Gold umzuwechseln. Weil sie die nothwendigen Con- seqnenzen dieser Zwangslage unmöglich vernachlässigen dars, muß sie in dem Augenblick, da sie die Neichsgoldwührung verkünden wird, sich auch mit dcu nöthigen Widerstandskräften ausgerüstet haben. Das allzu langsame Verfahren im Silbereinzug hat noch einen andern Schaden, zwar nicht für das organische Gedeihen der Reform, aber für die Finanzen des Reiches nach sich gezogen: der Verlust au dem nach außen zu verkaufenden Silbermctall ist wahrscheinlich größer geworden, als nothwendig war. Allerdings ist es heute nicht möglich, buchstäblich zu beweisen, wie weit wir die Preise gedrückt hätten, wenn wir sofort im Jahre 1872 uns entschlossen hätten, energisch einzuziehen nnd loszuschlagen, aber sehr vieles spricht für die Vcrmuthuug, daß wir bessere Preise bedungen hätten als die, welche uns künftig erwarten. Zunächst spricht an sich die Thatsache, daß beinahe im ganzen Jahre 1872 der Silbcrprcis sich zwischen 6l und 60, im Jahre 1873 bis November zwischen 60 und 59, ja sogar bis gegen Ende 187-1 noch zwischen 59 und 58 bewegt und erst im Jahre 1875 seinen großen Niedergang bis 55^ erfahren hat, letzteres gewiß ohne Mitschuld unseres gerade damals geringen Angebots. Was unter anderer Voraussetzung geschehen wäre, ist nicht zu beweisen, aber was geschehen ist, enthält immer einige Beweiskraft. Sodann faßten erst im Laufe Bamberger, Reichsgold. lg .« 194 der Jahre 187Z und 1874 alle andern Staaten den Entschluß, ihr Silber abzuschaffen oder dessen Prägung ganz oder thcilwcise zu sperren. Drittens ist die Zunahme der wcstamcrikanischen Silberausbcutc ein neues Factum. Man kann freilich der Finanzleituug des Reiches nicht zumuthen, ein solches Factum vorauszusehen, allein man kann ihr zumutheu, nach den Lehren einer guten Geschäftserfahrung eine an sich schon gefährdete Situation nicht den unbekannten Gefahren der Zukunft mehr als unvermeidlich preiszugeben. Eine Vertröstung auf die Zukuuft ist kaum zulässig. Was niemand kennt, kann niemand anrufen. Soweit aber Wahrscheinlichkeit aus Gründen aufzubauen ist, steht sie nicht auf feiten jener Hoffnung — ganz abgesehen davon, daß ein langes Speculiren mit baarcm Metall Zinsen kostet. Es ist als Grund gegen die Einziehung des Silbers auch angeführt worden, daß bis zur Ausfüllung des Verkehrs mit dem ihm nothwendigen Vorrath von Goldmünzen die Silbcrmüuzeu geradezu unentbehrlich gewesen wären. Man beruft sich darauf, daß vieler Orten ein Bedürfniß nach solchen Silbcrmünzcn in dringendster Form, manchmal bis zur Verlegenheit gesteigert, zum Ausdruck gekommen. Dieses Bedürfniß konnte in anderer Weise gedeckt werden, wenn dem rechtzeitigen Antrage auf Schaffung von Münz- schcinen Gehör gegeben wurde, welcher in genauer Voraussicht einerseits der Gefahr zu langsamer Silbereinziehuug, andererseits des eventuellen Bedarfs an UmlaufSmittcln, eingebracht worden war."') Diese Münzschcinc, ausgegeben *) Der Antrag des Verfassers lautete: „Der Reichskanzler ist ermächtigt, gegen eingezogene Silbervorrä'thc, die noch nicht zur Ber- ' 195 in Vertretung eingezogenen und noch nicht verkauften Silbers oder angeschafften und noch nicht zur Ausprägung gelangten Goldes, hätten alle Vortheile der Silbermünze besessen und deren Nachtheile vermieden. Sie hätten den Vortheil besessen, verbriefte Anweisungen ans den gleichen Goldbetrag zu sein, ganz wie die Silbermünzen nach Artikel 9 des Münz- gcsctzes es sind. Sie hätten auch den Vortheil besessen, im kleinern Verkehre dem Bedürfnisse nach baarem Gelde zu dienen. Dabei hätten sie aber den Nachtheil vermieden, die rechtzeitige Einziehung des Silbers zn hemmen, und soweit Abfluß unserer Reichsgoldmünzen vor Einsetzung der vollen Rcichsgoldwähruug vom Uebel war, hätten sie ihm kein Material geliefert. Aber der Vorschlag, solche Müuzscheine zu machen, klang nach oben wie nach unten so neu, daß er beinahe durchaus mit MiStraucn aufgenommen ward. Selbst Personen, die sonst mit der Materie vertraut sind, schreckten vor der Neuheit des Gedaukcus zurück, und glaubten ihre Weisheit und Tugend bewähren zu müsseu, indem sie vor „Papiergeld" warnten, ein Beleg abermals, wie auf diesem Gebiet überall die Gefahr der Begriffsvcrwcchsclung lancrt. werthung, oder gegen Goldvorräthc, die noch nicht znr Ausprägung gekommen sind, Rcichsiuüuzscheiuc auszugeben. Dieselben lauten ans mindestens 100 Mark" (durch Unterautrag Hammachcr im Einverständnisse mit dem Antragsteller ans die Beträge von 2V, 10 nnd 5 Mark herabgesetzt) „nnd sind im Verlaufe der fortschreitenden Ausprägungen gegen Goldmünzen einzuziehen. Der Betrag der im Umlaufe befindlichen Müuzschciue muß durch die im Besitze des Reiches befindlichen Gold- nnd Silbcrvorräthe reichlich gedeckt sein." (Actenstücke der Zession von 1673, Nnminer 49, III, nnd Nummer 55.) Siehe dessen Begründung nud die darüber geführten Verhandlungen in der Sitzung des Reichstages vom 26. April 1873. ' 13* 196 Die Einbuße auf das noch zu verkaufende Silber ist, abgesehen vom Schaden der Verzögerung, der einzige materielle Verlust, welcher hierbei zu beklagen. Der Goldabfluß brachte nicht nur keinen Verlust, sondern es läßt sich, so absonderlich dies klingen mag, mit gutem Recht das Gegentheil behaupten. Wenn Gold ausgeführt worden ist, um unsere Balanz mit der Fremde auszugleichen, so können wir gauz gewiß sciu, daß in diesem Golde das vorteilhafteste Zahlungsmittel gegeben war, jedes andere theuerer zu stehen gekommen wäre. Die allgemeine Regel des Geschäftsganges ist vollständig ausreichend, um uns darüber zu beruhigen. Indem die NcichSvcrwaltung Gold einheimste zur Zeit, als es noch bedeutend billiger war, und der deutsche Handel Gold ausführte, als es bedeutcud im Preise gestiegen, hat beider vereinte Thätigkeit das geleistet, was den Inbegriff jeder guten Wirthschaft ausmacht: wohlfeil einkaufen und theuer verkaufen. Die Leute allerdings, welche meinen, eine Nation durch hohe Zollmaucrn vor dem Unglück billiger Einkäufe bewahrcu zu müssen, werden auch zu dieser Auffassung den Kopf schütteln. Sie hätten ohne Zweifel vorgezogen, daß Crcditvcrlüngcrungen oder Prodnctcnansfuhr, die uns theuerer zu stehen kommen, an Stelle des Goldes getreten wären, und hätten entfernt nicht gemerkt, daß darin ein Mehraufwand au Kraft lüge, den schließlich die Nation selbst zu tragen hat. So und immer so geht es zu in diesem großen Kapitel, das ein berühmter Ockonom überschreibt: „Was man sieht nnd was man nicht sieht!" Selbst für die Vcrsänmniß im Punkte der Mnnzscheine haben wir einen guten Trost, den nämlich, daß ohne das aufregende Schauspiel der slichcuden Goldstücke weder die 197 Geschäftswelt noch die Neichsregicrung die heilsame Warnung erhalten hätten, der wir hoffentlich in Bälde die Verkündung der vollen Rcichsgoldwährung zu verdanken haben werden. Wenn dann an dem ganzen Zwischenspiel außer dem Curs- verlust am Rest unsers Silbers*) nichts mehr zu beklagen bleiben wird als der moralische Schaden, den die Zweifel an dem Gelingen eines großen Gesetzgcbungswerkes im Gefühl der Menschcu diesseits und jenseits der deutschen Grenzen angerichtet haben, so erzielen wir Hie beste Ausgleichung dieses Schadens, wenn wir nicht säumen, das Banner unserer Reform frei und ganz zu entfalten. Auch die Prägekosten unsers Goldes sind nur- zum Theil verloren, denn der Zufluß durch die Privatpräguug bestreitet diese aus der Tasche der Privaten, nnd diese arbeiten nnr, wenn sie ihre Rechnung dabei finden. Schlußwort. Als um die Zeit dcr Sommcrhohe dieses Jahres die deutsche Münzreform Gegenstand einer beinahe verzweifelten Stimmung wurde, gab mir dcr Vorsatz, letztere zu bekämpfen, die Feder in die Hand. Es galt, einen dreifachen Zweck zu erreichen. Zunächst angesichts dcr offenbar ungenügend befestigten Ueberzeugung auf dem Wege principieller Verständigung die Nothwendigkeit und Richtigkeit des großen Unternehmens von Grund aus nachzuweisen. Sodann Zutrauen in das schließliche Gelingen herzustellen. Endlich dahiu zu drängen, daß das Ucbcrgangsstadium, dem die Beunruhigung entsprungen, möglichst rasch aus dcr Welt geschasst werde. Während die Arbeit ihrem Abschlüsse nahe rückte, trat in den äußern Vorgängen eine Wendnng ein, welche den nächsten Anlaß der Aufregung beseitigte. Aber so weuig damit die bei dieser Gelegenheit zu Tage gekommenen innern Ursachen des Zweifels verschwuudcu sind, so wenig ist deren Wiederkehr ausgeschlossen, so wenig ist der provisorische Zustand, in dem sie wurzelten, überwunden. 199 Die am 22. September dieses Jahres für den 1. Januar 1876 verkündigte kaiserliche Verordnung hat die Reichste ährung eingeführt, aber nicht die Rcichsgoldw äh rnng, wie vielfach fälschlich angenommen wird. Mit gutem Vorbedacht hat der erste Artikel des Münzgesetzes vom 9. Juli 1873 einen Unterschied gesetzt zwischen Reichsgoldwährung und bloßer Neichswährnng. Die letztere allein regelt unsere Münzverfassung, solange der erste Absatz des Artikels 15 unseres Müuzgcsetzes in Kraft steht. Derselbe lautet: „An Stelle der Reichsmünzen sind bei allen Zahlungen bis zur Außcrcurssctzung anzunehmen: 1) im gesammtcn Buudesgcbietc an Stelle aller Reichsmünzen die Ein- und Zwcithalcrstückc deutschen Gepräges unter Berechnung des Thalers zu 3 Mark." Diese Außercurssetzung, welche nach Artikel 8 desselben Gesetzes vom Buudcsrathc angeordnet wird, ist bis jetzt noch nicht erfolgt. Erst wenn sie verkündet wird, und das Silber nicht mehr als gleichberechtigtes Geld neben dem Golde umläuft, erst dann ist Sinn und Absicht des Gesetzes in Erfüllung gegangen. Aber nach der Vorschrift des Gesetzes (Artikel 4) soll auch silberne Scheidemünze im Verhältniß von 10 Mark auf den Kopf der Bevölkerung angefertigt werden. Das Bedürfniß ist mit dieser Begrenzung auf etwa 400 Millionen Mark gewiß nicht zu hoch veranschlagt. Dem gegenüber ist es Thatsache, daß heute erst l30 Millionen Mark in solchen silbernen Scheidemünzen ausgeprägt siud. Wäre der Grundgedanke des Münzgesetzcs so auszulegen, daß die Goldwährung bei sonstiger Ausführbarkeit 200 nicht chcr ins Leben treten dürfte, als bis ihr das nöthige und vorgesehene Quantum von Ncichssilbcrmünzen zur Seite stünde, so müßten wir das Ende der Prägearbcit abwarten und darüber noch Jahr und Tag verstreichen sehen. Allein der Geist des Gesetzes selbst wie die ihm vorangegangenen Erörterungen weisen auf eine Lösung anderer Art hin. Für die alten Thalcrmünzcn soll nämlich eine Periode eintreten, in welcher sie nicht mehr die ebenbürtigen Genossen der Rcichsgoldmünzen, aber dennoch nicht sammt und sonders eingezogen sein werden. In diesem Zwischenstadium solleu sie als silberne Scheidemünze aushclfcn, bis die neuen Stücke in genügender Zahl hergestellt sein werden. Damit wird nicht nur ein unter diesem Gesichtspunkt ganz unbegründeter Aufschub erspart, sondern es wird auch der Möglichkeit gedient, dem für die erste Zeit wahrscheinlich mehr als 400 Millionen Mark Hülfsmllnzen beanspruchenden Verkehre ein Geld zu liefern, welches zwar nicht als gleichberechtigt mit dem Golde aufgeuöthigt, aber bei wechselseitigem Belieben neben demselben gebraucht werden kann, und zwar so, daß die Reinheit und Wirksamkeit der Goldwährung nicht geschädigt wird. Um auf diesem abgekürzten und vorsichtigen Wege in die reine Goldwährung einzutreten, bedarf es keines neuen Gesetzes, nicht der leisesten Aenderung des bestehenden, dem Worte oder dem Geiste nach. Der Bundesrath, welcher nach Artikel 8 befugt ist, die Thaler außer Curs zu setzen, ist nach den einfachsten Ncchts- rcgcln auch befugt, sie um einen Grad in ihren Fuuctioncn herabzusetzen, nach dem alten Spruche: wer das Plus kaun, kaun das Minus. Auch die Vorschrift des Artikel 4 wird damit 201 nicht verletzt, denn er bestimmt die Maximalgrenze von 400 Millionen nur für die neu auszuprägende Reichssilbermünze, nicht für den aus alten und neuen Silbermünzen, zusammengesetzten Bestand. Endlich würde die fundamentale Einrichtung, in welcher die reine Goldwährung ruht, selbstredend, wie bei den neuen Reichssilbermünzen, so bei den ihnen assimilirten alten Thalern in Geltung treten müssen, d. h. gemäß Artikel 9 des Münzgesetzes wäre niemand verpflichtet, Thaler im Betrage von mehr als 20 Mark in Zahlung zu nehmen, und die Reichskassc wäre verpflichtet, jeden ihr in Thalcrmünzen angebotenen Betrag von 200 Mark gegen Gold umzuwechseln.^) Nur ob sie die Folgen dieser letztern Verpflichtung in einem gegebenen Zeitpunkte aus sich nehmen kann, hätte dann die Reichsrcgicrung noch mit sich auszumachen. Der Nachweis, daß die dazu nöthigen Vorbereitungen mit aller erdenklichen Anstrengung betrieben zu werden verdienen, ist eine der wesentlichsten Aufgaben, welche sich diese Blätter gesetzt haben. Berlin, Anfang October 1875. 5) Der soeben in Eisenach von Professor Nasse gemachte Vorschlag trifft in der Absicht mit obigem zusammen, hat aber den Nachtheil, den vom Gesetz auf 20 Mark begrenzten Betrag der facultativen Silbcrzahlnng auf ZVi) Mark zu erhöhen, also eine materielle und formelle Veränderung des Gesetzes zn erheischen, ohne deshalb den etwa noch zu überwindenden Schwierigkeiten der unbedingten Gold- zahluugspflicht des Reiches besser aus dem Wege zu gehen. Druck von F. A. BrockhauS in Leipzig, VWM«