'-'vi.'I!/ Erinnerungen von Ludwig Bamberger. asdasd Vorwort. Am 14. März d. I. ist Ludwig Bamberger nach ganz kurzer Krankheit gestorben. Aus der Scheide dieses Jahres zum vorhergehenden hatte er noch eine umfangreiche Studie, voll von geistiger Lebenskraft, gedankenreich uud vorurteilsfrei — „Bismarck PostHumus" —, angeregt vor allem durch des Kauzlers „Gedanken und Erinnerungen" und durch Buschs „sseröt veröffentlicht. Keine Gestalt hatte Bamberger so gefesselt, wie die des ersten Kanzlers des deutschen Reiches. In diesem „Bismarck PostHumus" setzte sich Bamberger mit deu großen Problemen des politischen Werdens und der politischen Fortentwicklung des neuen Deutschen Reiches, die untrennbar mit der Gestalt Bismarcks verknüpft sind, auseinander. Deutschland und später Bismarck, der Formgeber des deutschen Einheitsstrebens, blieben sein Leben hindurch Mittelpunkte seines Denkens. Seit dem Jahre 1893 gehörte Ludwig Bamberger dem Deutscheu Reichstag nicht mehr an. Er war nicht aus der Volksvertretung geschieden, weil er seine Kraft erlahmen gefühlt hätte. Bis zuletzt trugen seine Reden das alte wohlbekannte Gepräge: gesunde, klare Gedanken, die in streng wissenschaftlicher Erkenntnis wurzelten. Diese gradlinige exakte Erkenntnis aber stellte er vor den Hörer in der Rundheit und in dem Farbenreichtum des realen Lebens hin, wie das uur jener vermag, der zugleich über einen großen Schatz praktischer Erfahrungen verfügt. Die iuuere korrekte Folgerichtigkeit und die plastische Fülle — Knochenban uud anschauliche IV Vorwort. Körperlichkeit — erhielten schließlich ihr ganz individuelles Gepräge in den Linien von weltmännischer Feinheit und Grazie, die beide Elemente einheitlich umschlossen. Ein kleines Blatt Papier in der Hand, fast ohne Gesten, die gebrechliche, schmal aufragende Gestalt ein wenig vornüber geneigt, so sprach Bamberger von seinem Platz aus in fließender, durch klare Betonung belebter Diktion, die schwache, manchmal belegte Stimme durch kluge Behandlung eindrucksvoll und tragfähig machend. Oder er saß da nachdenklich zuhörend, wie es die Aufnahme an der Spitze dieses Buches zeigt. Seine Reden waren wie seine Unterhaltung. Die feinen Reize der Unterhaltung wurden nur aus der Intimität in die größeren Linien des rednerischen al krsseo-Stiles übertragen. Er war zu der Zeit, da ich ihn kennen lernte, bei seinem Alter erklärlicherweise, kein Redner mehr, der in hinstürmender Furie die Hörer mit sich vorwärts riß; aber er erschien mir neben Bismarck, als Redner, die reichste und vielseitigste Individualität des Reichstages, und dieser geistige Reichtum, der nicht des warmen Glanzes echter und tiefer Überzeugungen entbehrte, machte Bamberger zu einem unserer großen Parlamentarier. So war er bis zuletzt. Wenn er im Jahre 1L93 ein neues Mandat nicht annahm, so war der Grnnd mir der, daß seine Hoffnung gesunken war, er könne während des Restes seines Lebens noch wesentlich zu einer Kräftigung uud Neubelebung des durch kleiue und kleinliche Gegensätze zerrissenen und uutereinander verfeindeten Liberalismus beitragen. Das erwartete er von einer Entwicklung, die nach ihm kommen sollte. Zwischen jenem Scheiden aus der parlamentarische» Thätigkeit und dem „Bismarck Posthnmus" liegt trotz vorübergehender ernster Erkrankung gleichwohl eine rege öffentliche Thätigkeit; schriftstellerisch, vor allem in der „Nation", und auch rednerisch, wie bei Zusammenkünften des Freihandelsvereins, zuletzt noch in Hamburg. Vorwort, v So steht die Individualität Bambergers allen jenen, die an dem geistigen Leben Deutschlands Anteil nehmen, auch heute lebensvoll vor Augen; wer — moderner Schulung — sich mit den wirtschaftlichen Problemen beschäftigt, kann den Jdeenkreis nicht unberücksichtigt lassen, der von Bambergerschem Geist erhellt ist, und wer den Fragen der Politik fern steht, der kennt doch Bamberger als jenen erlesenen Essayisten, dessen reife Lebensphilosophie das Ergebnis von so viel Kultur und so viel echter Menschenfreundlichkeit ist. Wie er war, das wissen wir noch Alle, und wie er wurde, das sagt er selbst auf den nachfolgenden Blättern. Es kann daher die Versuchung nicht an mich herantreten, in flüchtigen Strichen diesen Lebenslauf hier meinerseits zeichnen zu wollen; uud für ein ausgeführtes Bild fehlt mir an dieser Stelle der Raum. Ich beschränke mich darauf, zu sagen, wie ich meine Pflicht als Herausgeber geübt habe. Ich wünschte nicht, die Thatsache möglichst zu verschleiern, daß hier eine nachgelassene Arbeit vorliegt, an die Ludwig Bamberger selbst die letzte Hand nicht hat legen können. Da es nicht erwiesen zu werden braucht, daß der Tote ein hervorragender Schriftsteller war, so verzichtete ich unbedenklich darauf, für die „Erinnerungen" eine gleichmäßige Rundung zu schaffen; sie hätte sich nur herstellen lassen, wenn ich bei ganzen Abschnitten zu einer Überarbeitung geschritten wäre; und so vorsichtig solche Überarbeitung vorgenommen wird, sie läßt sich uur ausführen auf Kosten der individuellen Eigenart. Wir aber lieben heute uicht vor allem die Glätte, sondern die charakteristische Selbständigkeit; wir kratzen daher mit Recht von alten Bildern die Übermalung herunter, und wir entfernen von den antiken Statuen die Er- gänzuugeu, weil nns ein Torso und weil uns ein Gemälde mit schadhaften, unausgeführten Stellen weit lieber ist, als die wohlmeinendste Nachbesserung. Dieser Grundsatz war auch für mich maßgebend. Der Fehler, VI Vorwort. zu wenig geändert zu haben, erschien mir viel erträglicher als der Vorwurf, in dieser Richtung zu weit gegangen zu sein. So bemühte ich mich denn nicht, den Stil dieser Auszeichnungen, die in Jahren entstanden waren, gleichmäßig durchzufeilen, uud auch Gebauten, die wiederkehren, merzte ich nicht aus, vorausgesetzt, daß an der neuen Stelle doch eine nene Nnance hinzukam. Ich glaube nicht, daß Lndwig Bamberger ein einziges Mal seine „Erinnerungen" im Zusammenhange durchgesehen hat; mir hat er stets nur kleine Bruchstücke bei passender Gelegenheit an stillen Vormittagen in Jnterlaken vorgelesen; es ist daher ein Zeichen für sein ausgezeichnetes Gedächtnis und für seine Fähigkeit zu komponieren, daß er gleichwohl diese Mitteilungen ans seinem Leben, wenn nicht völlig druckfertig, doch fast drucksertig zurückgelassen hat, so daß es möglich war, die mit fester Hand flüchtig geschriebenen Seiten vielfach ohne Änderungen und immer ohne eingreifende Änderungen zum Satz zu bringen. Der Plan für diese Aufzeichnungen hat sich freilich vollständig verschoben. In dem Vorwort zu seinen „Charakteristiken"*) sagte Bamberger das Folgende: „Oft und seit längerer Zeit an mich herangetretenen Anregungen und Wünschen, mehr als meinem eigenen Urteil folgend, lasfe ich zunächst in diesem Bande eine Sammlung älterer und neuerer Studien über einzelne Persönlichkeiten veröffentlichen. Ein jüngerer sachverständiger Freund hat sich aus eigenem Antrieb der Mühe unterziehen wollen, die Herausgabe zu leiten und zu übernehmen." Es war den anderen Freunden und mir nicht ganz leicht geworden, Bamberger dazu zu veranlassen, daß seine Schriften — freilich mit einer gewissen Auswahl — in einer gesammelten Ausgabe neu herausgegeben wurden. Er glaubte nicht, daß ein Bedürfnis hierfür vorliege; schließlich aber wurde für das deutsche Lesepublikum mit den „Charakteristiken" — als einer besonders leichten *) Rosenbaum ck Hart 1894. Vorwort. VII und anmutenden litterarischen Speise — ein Versuch gemacht; und als er geglückt war, stand der Ausführung des ganzen Planes kein Hindernis mehr im Wege. In den Jahren 1894, 1895, 1896 und 1897 erschien je ein Band, und es war beabsichtigt, als ersten Band an die Spitze der Sammlung eine etwas ausführlichere Einführung in die nachfolgenden Schriften, vor allem Mitteilungen über ihre Veranlassung und ihre Schicksale, zu stellen. Dementsprechend lautete der Anfang zu den „Erinnerungen" ursprünglich folgendermaßen: „Die Aufgabe, die ich mir hier gestellt habe, gilt nicht der Erzählung meiuer persönlichen Erlebnisse nach dem Maßstab, welcher bei Denkwürdigkeiten oder Autobiographien zur Anwendung kommt. Zwar wäre es vielleicht keine undankbare Aufgabe, den Verlauf meines Daseins auf dem Grunde wechselnder Zeiten und Umgebungen eingehend zu schildern, und da jede treue Schilderung dieser Art interessant ist, könnte ich hoffen, daß die meinige nicht schlechter ausfallen würde, als viele andere. Aber vorerst liegt mir diese Absicht aus verschiedenen Gründen nicht nahe. Vielleicht, wenn Zeit und Umstände es noch erlauben, lasse ich mich bestimmen, dies für einzelne Epochen, in denen ich Gelegenheit hatte, gewisse bedeutende Vorgänge zu beobachten, nachzuholen. Einstweilen beschränke ich mich daraus, im Folgenden nur eine Skizze hinzuwerfen, deren Zweck ist, das Verständnis der in diesem und den folgenden Bänden gesammelten Schriften vermittelst der Darstellung meines persönlichen Entwicklungsganges dem Verständnis näher zu rücken." Allein ganz unmittelbar wuchsen die Auszeichnungen so an Umfang, der Stoff nahm Ludwig Bamberger so schnell gefangen, daß aus den Erläuterungen zu den gesammelten Schriften „Erinnerungen" geworden sind — glücklicherweise! Schon als der zweite Band der Gesammelten Schriften herauskam, wurden knrze VIII Vorwort. Einleitungen, soweit es nötig war, vor jeden einzelnen Abschnitt gestellt; und als der erste Band der gesamten Reihenfolge erschienen nnnmehr die „Studien und Meditationen"") statt der geplanten Einführung in die nachfolgenden Bände. Im Frühjahr wurde gewöhnlich der Inhalt des neu zu veröffentlichenden Bandes der Gesammelten Schriften zwischen Ludwig Bamberger und mir vereinbart, und alsdann ging während des Sommers der Meinungsaustausch über die Druckbogen zwischen Jnterlaken und Berlin hin und her, bis ich schließlich das Imprimatur erhielt. Neben dieser Sommerarbeit wuchsen allmählich die „Erinnerungen"; nnnmehr eine völlig selbständige Arbeit. Nur mit vielen Unterbrechungen arbeitete Bamberger daran, bald in Berlin an den seltenen ruhigen und freien Vormittagen im Winter, bald in Jnterlaken, wohin in jedem Frühjahr zur Auffrischung des Gedächtnisses eine Kiste voll von Briefen und Skriptnren, die für die zunächst zu behandelnden Personen und Jahre in Betracht kommen konnten, mitgenommen wurde. Den Charakter dieser Art der Entstehung tragen die „Erinnerungen". Ohne ängstlichen Zwang folgt Bamberger seiner Straße; er schreitet zwar vorwärts, aber er trägt keine Scheu, abzuschweifen; er weilt hier, uud er eilt dort, und er verknüpft das zeitlich weit Auseiuanderliegende. Es entrollt sich eine reiche und abwechslungsvolle Szenerie. Eine ganze Schar hervorragender oder merkwürdiger Männer und Frauen zieht vorüber, politische und wirtschaftliche Zustände und soziale Eigentümlichkeiten werden erörtert. Vom Jahre 1894 bis ins Jahr 1898 hinein hat Ludwig Bamberger an seinen „Erinnerungen" in Stunden, für die dringendere Beschäftigung nicht vorlag, zwanglos und wie zur Erholung geschrieben; denn ihm war das Schreiben keine An- Die gesammelten Schriften, fünf Bände, sind erschienen bei Rosenbaum ck Hart, Berlin. Vorwort. ix strengung. Leicht und schnell führte er die Feder über das Papier, kaum daß hier oder dort ein einzelnes Wort gestrichen wurde. So hatte er die Arbeit fortgeführt fast bis znm Wiederbeginn seiner politischen Thätigkeit in Deutschland. Sie bricht ab mitteu in jenem Teil, der aus den pariser Schilderungen den Übergang zur eudgiltigen Rückkehr in das öffentliche Leben des Vaterlandes bilden sollte. Der Abschluß ist jäh nud zufällig wie bei jemandem, dem das Geschick plötzlich, ohne Vorbereitung, die Feder ans der Hand reißt; auch diesen Eindruck wollte ich nicht abschwächen. Und gleichwohl erscheint mir das, was von den „Erinnerungen" fertig vorliegt, in sich abgeschlossen und in seiner Abgeschlossenheit von ganz besonderem Wert. Das Bild der zweiten Hälfte des Bambergerschen Lebens, wie es sich wiederum in der deutschen Öffentlichkeit — vor allem im Parlament — abgespielt hat, läßt sich eher nachschaffen; dem Leben in der Fremde, der Werdezeit, wäre kaum noch erfolgreich nachzuspüren gewesen. Dieser Abschnitt liegt nun von Bam- bergers eigener Hand vor. Wie wissenschaftliche Erkenntnis und reiche Erfahruugen, die wechselvolle und dann groß angelegte Verhältnisse lieferten, zusammenschössen und sich harmonisch verbanden; wie diese Individualität von den feinsten künstlerischen Reizen des Lebens noch mehr als von der Kunst angezogen und erzogen wurde, um dann im persönlichen Verkehr, als Schriftsteller und als Redner mit solchen künstlerischen nud weltmännischen Reizen ausgestattet zu wirken; und wie dieses Leben trotz seiner heitren Genußfreudigkeit nnd seiner Vorurteilsfreiheit im tiefsten Innern auf sachlichen Erust, auf echte menschliche Anteilnahme nnd ans Liebe zum Vaterlande, zu moderner Humanität und Freiheit gestimmt blieb — das zeigen die „Erinnerungen." Was Ludwig Bamberger sür Deutschland als Kulturmensch und als Politiker war, was er sür Deutschland schuf uud mitschaffen half, das ist bekannt genug. Die reichen Quellen aber, Bambergers Erimiermigen. * X Vorwort. die die Entfaltung dieser Persönlichkeit gefördert haben, lernt man ans diesen „Erinnerungen" kennen. In seinem Testament befindet sich die charakteristische Bestimmung, voll schlichter Bescheidenheit, voll Objectivität gegen sich selbst und ein wenig auch von rnhiger Gelassenheit diktiert gegen alles, was nach dem Tode kommt, daß die „Erinnerungen" veröffentlicht werden dürsten, doch nicht müßten. Es konnte nie zweifelhaft sein, daß diese Aufzeichnungen gedruckt werden mußten. Bamberger hat im Dienste Deutschlauds gelebt, und dieses ist seine letzte Gabe. 14. November 39. P. Nathan. Inhaltsverzeichnis. Seite Vorwort "i Erstes Kapitel: Die Knabenjahre in Mainz 1 Zweites Kapitel: Uuiversitätszeit und juristischer Berns 7 Drittes Kapitel: Die Revolution. 1848 24 1849 149 Viertes Kapitel: Briefwechsel mit der Braut 179 Fünftes Kapitel: Flüchtlingsleben in der Schweiz und in London 137 Sechstes Kapitel: Kaufmännische Lehrjahre 224 Siebentes Kapitel: Paris 266 Achtes Kapitel: Beziehungen zn Deutschland uud erste Reisen inS Baterland 499 Erstes Kapitel. Die Knabenjahre in Mainz. Je mehr wir an Jahren vorrücken, desto häufiger stoßen wir — und ganz natürlich — aus die Wahrnehmung, daß der größte Teil der Mitlebenden von der Vergangenheit, deren Substanz sich unbewußt mit unserm Sein nnd Denken vermischt hat, nur eine höchst dunkle nud mangelhaste Vorstellung hat. Kommt dazn, daß wie im heutigen Deutschland, die letzten Jahrzehnte, eine ganz veränderte Welt geschaffen haben, so findet sich der Abstand zwischen älterer und jüngerer Generation noch ganz besonders erweitert. In meiner Kindheit nnd Jugend war das anders. Sie fielen in die Friedenszeit, welche aus den napoleonischen Krieg folgte. Die Alten lebten noch in den Erinnerungen aus dem Ende des vorigen und dem Anfang dieses Jahrhunderts, und wir Jungen lauschten ihren Erzählungen, ohne durch die Bewegung der Gegenwart abgezogen zn werden. Selbst die französische Jnlirevolntion des Jahres 1830, deren ich mich noch deutlich erinnere, was bei einem Alter von sieben Jahren nichts Ungewöhnliches ist, unterbrach wohl einigermaßen die Stille der Atmosphäre, aber sie schloß sich als eine Fortsetzung und Erneuerung an das bisher Vernommene an. Wie ganz anders steht das Geschlecht, das jetzt ins Jnnglings- oder Mannesalter tritt, zn uns Älteren. Bamberger Erinnerungen. ^ 2 Erstes Kapitel, Noch mehr als die politische bildet die ökonomische Umwälzung eine Wetterscheide, die zwei ganz verschieden aussehende Welten von einander trennt. Keine Eisenbahn, kaum der Anfang einer bescheidenen Dampfschiffahrt. In meinen ersten Erinnerungen spielt noch das Marktschiff, mit welchem Goethe von Frankfurt nach Mainz fuhr, eiue Rolle. Wie die Bewegung stand die Organisation der Wirtschaft auf dem Bodeu alten Herkommens. Der Bürger der mittleren Städte hatte bei uns noch die Gewohnheit, seine Ersparnisse in Grund und Boden anzulegen; von Papieren wußten nnr die Eingesessenen großer Handelsplätze. Dem Redakteur der einzigen Zeitung, die damals in Mainz erschien, erzählte man nach, er habe aus einem französischen Blatt die Meldung, Iss bons ösxg,ZlloIs 8) In dein damals (l868) von Julius Rodenberg herausgegebenen „Salon" uuter dem Titel: „Ans grünen Tagen". 26 Drittes Kapitel. ersten Stock herunter in den unteren, um, wie es hieß, die Deputation der Heidelberger Studenten zu empfangen. Im Triumph wurden wir die Treppe hinaufgeschoben, dort mit Umarmungen und Vivats aufgenommen, uud alles war ein Jubel. Man begleitete uns mit einem großen Gefolge in unsere Herberge (der tiefe Keller genannt) zurück und kam am anderen Morgen schon in aller Frühe uns abzuholen und zu offiziellen Siegesfestlichkeiten einzuladen. Während der Nacht waren wir nämlich zu einer Deputation der deutschen Universitäten herangewachsen. Die Stadt schwamm in einem Meer von Aufregung, überall Fahnen, Kokarden, Ansammlungen um einzelne, die von einem Prellstein oder einer Haustreppe herab die neuesten Zeitungsberichte vorlasen; elektrische Telegraphen gab es noch nicht, und der Lufttelegraph war sehr lakonisch. Des Nachmittags betheiligten wir uns an einer offiziellen Versammlung, die in einem großen Saale stattfand, wobei man uns Ehrenplätze angewiesen hatte. Meinen beiden Freunden, die dicht vor dem Examen standen nnd den politischen Tenfel viel weniger im Leibe spürten als ich, wurde aber allgemach die Sache etwas unheimlich. Sie gaben zu bedenken, daß die Zeitungen sich der Sache bemächtigen und sie bis Heidelberg tragen könnten, wo man mit ihnen nnsauft ins Gericht gehen würde. Ich fügte mich einsichtig ihren Erwägungen nnd am folgenden Tag fahren wir heim. Als' wir uns Karlsruhe näherten, drang die Kunde auf den Zug, daß daselbst eiue politische Bewegung ausgebrochen sei. Sofort beschloß ich, mich von meinen Gefährten zn trennen, ließ sie allein nach Heidelberg fahren uud ging nachKarlsruhe hinein, wo ich einen Bekannten anffnchte. Er erzählte mir, daß man sich allerdings nicht ganz geheuer in der Stadt und bei Hofe fühle, da es heiße, es seien allerhand verdächtige Subjekte angekommen; für den Nachmittag sei deshalb eine Bürgerversammlung auf dem Rathaus augesagt. Er bot mir an, mich dahin zu begleiten, und ich nahm an. In der sehr friedlichen Versammlung wurde über die besten Maßregeln zum Aufrechthalten der öffentlichen Ordnung beraten und namentlich wurde empfohlen, Lehrlinge und Kinder zu Hause zu halten. Auch eine Erklärung an den Großherzog ward abgegeben, daß er sich inmitten seiner treuen Residenz recht sicher fühlen möge, zu welchem Zweck ihm angeboten Journalist und Volksredner. 27 wurde, das Schloß des Nachts von einer Abteilung Bürgermiliz bewachen zu lassen. Ob er es angenommen hat, weiß ich nicht. Ich sah, daß hier nichts zu erleben war, und fuhr zunächst nach Heidelberg. Hier hatte sich inzwischen der durch diePariserNachrichteu augesachte Freiheitsdrang damit Lust gemacht, daß selbigen Nachmittags auf Anregung der verehrlicheu Schneiderzunft ein Pöbelhause den Laden eines jüdischen Kleiderhändlers stürmte, der durch seine Konfektionswaare das legitime Gewerbe gegen sich erzürnt hatte. Im Königreich Sachsen nahm die „Revolution" in ihren Anfängen im breiteren Maßstab diese zünstlerische Richtung an. Als ich am folgenden Tag nach Mainz zurückkam, hatte die Aufregung natürlich anch hier bereits die lebhaft geartete Bevölkerung ergriffen. Wie iu den meisten Kleinstaaten wurden Stimmen laut, welche grundsätzliche Verbesserungen in Verfassung und Institutionen, vor allem Preßfreiheit von der Regierung verlangten, denn bis dahin hatte noch die Zensur unbestritten ihr Recht behauptet, ein Zustand, von dem das heutige Geschlecht sich keine Vorstellung mehr machen kann. Die Form, in welcher das Verlangen znm wirksamen Ausdruck kam, bestand gewöhnlich in öffentlichen Versammlungen oder in einem friedlichen, aber etwas stürmisch auftretenden Zug uach der Residenz, an dessen Spitze die liberalen Notabeln gestellt wurden. Die erste Versammlung wnrde bereits am 23. Febrnar in Mainz abgehalten nnd endete mit einer Adresse an die zweite hessische Kammer, in welcher die bekannten Freiheiten und ein deutsches Parlament verlangt wurden. Der Hervorragendste unter den Mainzern, welchem eine besondere Rolle zufiel, war Franz Zitz. Nach wenigen Wochen sollte dieser Name durch ganz Deutschland gehen „so weit die deutsche Zuuge klingt". Im Volkslied ward er neben Hecker, Struve und Robert Blnm als einer derer genannt, die dem Volk die Freiheit bringen. Schon seit obengenannter erster Versammlung stand er in Mainz an der Spitze aller Demonstrationen. Aber jenseits der Grenzen seiner Provinz ist dieser Name jetzt in Vergessenheit geraten. Da er mit den Ansängen meines politischen Lebens in engem Zusammenhang stand, muß ich seiner hier gedenken, und ich thue es um so lieber, als ich nur Gutes uud Ehrenhaftes von ihm zu sagen weiß. 28 Drittes Kapitel. Zitz war ein echtes Mainzer Kind, aber in der besten Bedeutung des Wortes; auf dem Grund des lebhaften und lebenslustigen Temperamentes saß ein tüchtiger, braver und starker Charakter. Er trug später die Folgen seiner schmerzlichen Schicksalswendung mit einem wahrhaft wunderbaren Gleichmut. Er war der glänzendste und meistbeschäftigte unter den Mainzer Advokaten, damals in der Fülle jugendlicher Manneskraft. Eine herkulische Gestalt, hoch von Wuchs und breit von Schultern, die eine etwas nach oben gezogen wie vom Tragen der Akten. Damals war nämlich bei nns die weiche Ledermappe (Ssrvistts) noch nicht bekannt. Der Anwalt trug seine Akten mit einem Gnrt zusammengeschnallt in eigener Person zum Tribunal und von da zurück, und wenig Beschäftigte nahmen wohl auch eine Anzahl überflüssiger Faszikel (Dossiers) mit in die Sitzung, um nicht eine gar zu erbärmliche Figur zu machen. Auch der Kopf war bei Zitz von riesigen Dimensionen, von einem röthlichblonden Backenbart (Hambacher) umrahmt; das übrige rasirt; das hellblaue Auge blickte heiter und klng in die Welt mit einem schelmischen Ausdruck von Zweifel, der, auch um die Lippen spielend, wie eine Warnungstafel vor Ueberlistungsversuchen wirkte. Trotz einzelner Difformitäten war Zitz ein schöner Mann uud ein nichts weniger als erfolgloser Anbeter des schönen Geschlechts. Ein eigenthümliches Verhängnis hatte ihn zum Junggesellen und zum Ehemann zugleich gestempelt. Eine Mainzer Schriftstellerin, Kathinka Halein, hatte sich sterblich in ihn verliebt, und ob er ihr nun Beweise der Gegenseitigkeit gegeben oder nicht, eines Abends wurde er in aller Eile zu ihr beschicken, wo der anwesende Arzt ihm erklärte, sie sei infolge von Vergiftung am Sterben aus Verzweiflung, daß er sie nicht heiraten wolle und verweigere hartnäckig, Gegengift zu nehmen. Zitz ließ sich rühren und erweichen und versprach die Ehe, worauf Kathiuka zugab, gerettet zu werden. Sklave seines Wortes ging er die Ehe mit ihr ein. Aber nach der Trauung verabschiedete er sich von ihr und machte die Hochzeitsreise mit eiuem Freund. Die Frau sah er nie wieder. Sie nannte sich von da an Kathinka Zitz-Halein5 und hat jahrzehntelang die Feuilleton-Litteratur mit zahllosen Novellen und Nomaneu versehen. Ihre Schwärmerei für den Treuen wider Willen hielt, trotz- Journalist und Volksredner. 29 > dem er jahrelang einen Prozeß auf Scheidung vergeblich mit allen erdenklichen Mitteln betrieb, bis zuletzt vor; niemals fehlten bei den ihm gebrachten Ovationen ihre Kränze, ihre Rosen zum Ingrimm des vom Gesetz gefesselten Idols. Zitz war ein gnter Redner im Geist der französischen Advokatenart. Ein leises Anstoßen mit der Zuuge wirkte nicht unangenehm und ein klangvolles Organ aus der breiten Brust stimmte zum Gewaltigen der Erscheinung. Er war Mitglied der zweiten hessischen Kammer und wurde später von Mainz ins Frankfurter Parlament gewählt. Der Ausgangspunkt seiner Popularität war die Präsidentschaft des Karnevalsvereins. Darin war er ein Analogon zu einem anderen vielgefeierten Liberalen jener Tage, dem Köluer Kaufmann Franz Raveanx, dessen politische Anfänge mit den gleichen Präzedenzien zusammenhingen. Diese öffentlichen Belustigungen trugen damals noch nicht ganz den skurrilen Charakter, den sie in neuerer Zeit angenommen haben. Ju der Zeit des politischen Elends flüchtete sich der froudierende Geist in diese Verkleidung, um unter ihrem Schutz nach Hofnarrenart den Mächtigen etliche Wahrheiten zu sagen. So kam es, daß die Führerschaft des Karnevalsvereins zur politischen designierte. Anch der Nachfolger von Zitz, ein Advokat namens Müller Melchiors, rückte gleich ihm vom Karnevals- Präsidenten zum liberalen Führer auf. In anderen minder humoristisch angelegten Teilen Deutschlands hatte die politische Auflehnung die Gestalt der religiösen Neuerung angenommen. Robert Blnm kam aus dem Deutsch-Katholizismus in die politische Führung. Das solenne Karnevalswesen beruhte übrigens in Mainz nicht ans alter Ueberlieferung. In meiner Knabenzeit wnßte man nichts davon. Nur Kinder und ältere Lente ans den aller- untersten Volksklasfen zeigten sich maskirt ans den Straßen. Das übrige beschränkte sich auf Bälle und Wirtshausbelustigung. Erst im Anfang der vierziger Jahre wurden Karnevalsgesellschaften und theatralisch ausgestattete Umzüge von Köln nach Mainz verpflanzt, wo sie vom lokalen Naturell und von den obersten 30 Drittes Kapitel. Autoritäten als Anstalten harmloser Unterthanenfreuden begünstigt wurden'). Am 6. März wurde von der Großherzoglichen Regierung in Darmstadt, wie damals die Formel lautete: „alles bewilligt", nachdem Tags vorher der alte Grobherzog seiuen Sohn zum Mitregeuten ernannt hatte. Der Minister du Thil, ein Diplomat, der Metteruich'scheu Observauz wurde abgesetzt nud Heinrich von Gagern, der nnr „Heinrich Gagern" unterzeichnete, an dessen Stelle Minister. Hessen schwamm in der Wonne einer neuen Ära. Die Sache war so gekommen. Die am 28. Febrnar beschlossene Adresse an die zweite Kammer wurde am 2. März durch eine Deputation »ach Darmstadt gebracht. Zitz hatte sie aus ihren Händen angenommen, der zweite Mainzer Abgeordnete, ein Obergerichtsrat Null, aber abgelehnt. Als Zitz mit dieser Nachricht am Abend von Darmstadt zurückkam, gab es Tnmnlt; in der Wohnnng Anlls wurden die Fenster zertrümmert und bei der guten Gelegenheitbezeichnenderweise auch die des Steuererhebers. Darauf am Z.März neneVolksversammlungen, infolge derenBürger- meister, Gemeinderäte und zahlreiche notable Bürger in elf Punkten neue Forderungen aufstellten. Folgenden Tags ging auch diese Adresse wieder nach Darmstadt, aber auch sie hatte lioch nicht die erhoffte Wirkung. Daher am 5. März neue Volks- oder wie man damals sagte, Bürger-Versammlung, in der beschlossen wurde, daß am 8. des Monats alle Bürger Hessens nach Darmstadt ziehen sollten, nm „standhaft" ihre Rechte zu verlangen. Durch Extraboten i) Mit wie tief begründetem Recht, sollte noch viel spätere Erfahrung unter ganz veränderten Umständen mir bestätigen. Zm Wahlkreis Alzey- Bingen war die Mehrheit der Liberalen, gleich mir im Jahre 1884 in die aus der Sezession und der alten Fortschrittspartei gebildete, Freisinnige Partei eingetreten. In Mainz wollte es lange nicht zu solcher Neugestaltung kommen. Eines Tages kam einer meiner Anhänger des Alzey-Binger Kreises mit einem Gleichgesinnten aus Mainz ins politische Gespräch und warf die Frage auf: Warum bildet Ihr nicht auch in Mainz eine freisinnige Partei? — Ach, sehen Sie, erwiderte der Angeredete, das ist so mißlich, diese Spaltungen, wenn dann der Karneval kommt, macheu sich die vorangegangenen politischen Reibungen lästig sühlbar. Journalist und Volksredner. 31 wurden nach allen Seiten Proklamationen mit folgendem Inhalt abgesandt: „Bürger steht fest und wanket nicht! Die Zeit drängt. Letzte Aufforderung an alle Bürger Hessens. Wer Freund ist von Volk und Vaterland, wem für Wahrheit, Freiheit und Recht ein Herz im deutschen Busen schlägt, der wird zu künftigem Mittwoch mit nach Darmstadt ziehen. Ihr Rheinhessen, nicht wahr, Ihr geht alle mit zn unsren Brüdern, die uns so erwarten. Wer zurückbleibt, verdient nicht mehr den Namen eines freien Bürgers." Dieser Aufmarsch versprach große Dimensionen anzunehmen, und die Nachricht, daß sich das gauze Läudchen in Bewegung sehe, verbreitete Schrecken in der Residenz. Darum entschloß sich der Großherzog zu den erwähnten Bewilligungen. Es erging eiue Publikation, in welcher er erklärte, daß er von den Wünschen Kenntnis genommen, welche durch eine Adresse seiner lieben Stadt Mainz ihm mitgeteilt worden seien, und daß er die Erfüllung aller zehn Punkte genehmige. Das nannte man die hessische Revolution, und sie zu feiern wurde der zweitfolgeude Tag ausersehen. Es war Mittwoch, der 8. März. Tags vorher hatte das Bürgerkomitee beschlossen, daß in das Rathaus von Mainz eine Marmorplatte eingemauert werde mit folgender Aufschrift in Buchstaben von Bronze: 6. März 1848. Denkwürdig für Heffen nnd Deutschland dnrch den Sieg der Freiheit, errungen durch die moralische Kraft des Volkes, den männlichen Mut des Vertreters der Stadt Mainz, Dr. Franz Zitz, und die Hochherzigkeit seines Fürsten. Auch ein Nationalgeschenk für Zitz wurde votiert, mit der Vorschrift, daß niemand mehr als 24 Kreuzer unterschreiben dürfe, und eine Zitz-Stiftung zur Unterstützung notleidender Arbeiter und Handwerker. Am Festtage selbst begannen schon in aller Frühe die Glocken zu läuteu, Choräle von den Türmen zu ertönen. Ein Tedeum ward im Dome abgehalten. Am Abend des 8. März erglänzte Mainz in Illumination, Fackelzug, Trausparenten, anf denen vor allem der Name „Zitz" in Brillantfeuer strahlte. Begeisterte Massen wälzten sich dnrch die Straßen. Auf dem Platz, wo die Statue Gntenbergs steht, vom Balkon des Theaters herab, hielt Zitz die Festrede, in welcher er die „Errungenschaften" verherrlichte, nicht minder den „hochherzigen Fürsten", der sie gewährt hatte. Diese Erstlinge der beginnenden Ernte waren: Petitions- und Versammlungsrecht, Preßfreiheit und Abschaffung eines verhaßten Polizeistrafgesetzes. Das Schlußwort der Rede ist für die Stimmung und den Stil jener Tage so bezeichnend, daß es der Mühe lohnt, es nach einem damals verfaßten Bericht wiederzugeben. „Mitbürger! Der Unterthan schwört Treue seinen! Fürsten und dem Gesetze; der Soldat schwört zu seiner Fahne; der freie deutsche Maun schwört ans die Freiheit, diese leuchtende Standarte der Völker! Laßt mich diesem feierlichen, uuter den Sternen des Himmels abzulegenden Eide ein Gebet vorausschicken. (Der Redner fährt knieend fort) Freiheit! Begeisterung des JüuglingS, Glück des Mannes! Trost des Greises! Wir haben dir in dem Herzen deutscher Natiou einen Hochaltar errichtet, und nie soll das heilige Fener darauf erlöschen! Wir haben dir im Willen und in der Kraft des deutschen Volkes einen Tempel gebaut, in dem wir deine erhabene Gottheit andächtig verehren! Freiheit, in der Vergangenheit unser sehnsüchtiger Traum, du bist uns zur beglückenden Wahrheit geworden. Breite deine schützenden Flügel über dein treues Volk, das zu dir emporjauchzt und sich dir nnd nur dir zu eigeu ergibt! Mitbürger! Beuget das Knie und schwört alle: Wir schwören für die Freiheit zu leben uud zu sterben!" Die Tausende (so fährt der Bericht fort) erhoben alle die Hand zum Schwur. Eine Rakete erhob sich in die Lüfte, und in demselben Augenblick stand der Dom in einem Lichtmeere gleich einem Riesenaltar. Und mit begeisterter Stimme rief der Redner in die erfolgte lautlose Stille: „Es lebe die Freiheit! Mitbürger! Wen» unserer jungen Freiheit Gefahr droht, wenn enre Volkstribuueu euch rufen — wer dann nicht einsteht mit Gut und Blnt zum Schutze des Errungenen, der hat den eben geschworenen Eid gebrochen — er ist ein Verräter an der heiligen Sache. Es lebe die Freiheit!!!" Und den Bürgermeister der Stadt umarmend, schloß der Redner: „Freiheit und Ordnung, sie wandeln Hand in Hand znm Schutze deK Landes, zum Glück des Volkes, Freiheit, Orduuug und Gesetzlichkeit hoch!" Ich staud frei vou jeder aktiven Beteiligung unter der Masse auf dem Platz, nicht ahnend, daß ich einst zweinndzwanzig Jahre später von derselben Stelle, aus Frankreich kommend, nach der Schlacht bei Sedan unter ähnlichem Apparat, doch wohlverstanden ohne Kniebeugung noch Eidschwur, die Notwendigkeit der Wiederherstellung des deutschen Kaisertums verkünden würde. Drittes Kapitel. Journalist und Vvlksredner. 33 Meine Gedanken waren an jenem Abend des 8. März 1848 geteilt zwischen der neuen Freiheit und einem jungen Mädchen, das ich im Gedränge fest am Arme hatte. Derselbe Tag, welcher Hessen seine Errungenschaften gebracht, hatte einen Herzenskampf hold zu Ende geführt, und diese Errungenschaft überlebte glücklicherweise die der hessischen Freiheit. Wie der Zufall damals die beiden für mich beglückenden Wendungen auf einen Schlag zusammengefügt hatte, so klangen sie, ein einziger helltönender Akkord, in meinem Innern zusammen, so sind sie in meiner Erinnernng an die Stimmung jenes Abends bis auf den heutigen Tag unlösbar verbunden geblieben. Nach allen Richtungen ist jener Tag für meine Zuknnft entscheidend gewesen. Aber so gewaltig auch der augenblickliche Triumph der Freiheitsgedauken und so freudig er mich erfaßte, darin blieb meine Empfindung innerlich vom ersten Moment an geteilt, daß ich niemals das scheinbar erworbene Gut für geborgen hielt. Auch inmitten des Freudenrausches protestierte meine innere Stimme gegeu das Vertrauen zu den Regierenden, von welchem die Demonstrationen Überflossen. Hatten doch die fackeltragenden Bürger ihre Ovation nicht bloß ihrem Helden Zitz, sondern, auch im Vorüberziehen dem preußischen Vizegouverneur und dem österreichischen Platzkommandanten dargebracht. So jung und so neu in der praktischen Politik ich war, die Bonhomie, mit der diese Generale sich die Hochs des freien einigen Deutschland gefallen ließen, kam mir selbst in diesen feierlichen Stunden sehr verdächtig vor. Bei aller Begeisterung für das, was man damals in Dentschland die Revolution nannte, empfand ich noch lebhafter den Trieb, die dankbare Vertrauensseligkeit der Liberalen vor den Gefahren der Selbsttäuschung zu bewahren. Das gutgemeinte, aber theatralische Pathos, welches Zitz an jenem Abend entfaltete, ließ mir einen herben Nachgeschmack zurück. Später, als wir gute Kameraden wurden und zu allen Zeiten blieben, hatte ich noch manchmal Gelegenheit, seinen natürlichen, warmherzigen Schwung mit etwas Kritik abzukühlen, uud das trug mir in den Reihen unserer gemäßigten Liberalen, die bald Bainbergers Erinnerungen. Z Z4 Drittes Kapitel. unsre Gegner wurden, auch manchmal den Vorwurf ein, daß ich eigentlich Zitzens böser Genius gewesen sei. Was immerhin in meiner Empfindung überwogen haben mag, das Wohlgefallen an dem großen Aufschwung, oder das Mißfallen an seiner Unschuld, unthätiger Zuschauer konnte ich nicht bleiben. Und den natürlichen Weg, den unwiderstehlichen Thatendrang zn befriedigen, zeigte natürlich die Tagespresse. Es gab damals eine „Mainzer Zeitung." Sie erschien im Format eines einfach zusammengefalteten Qnartblättchens und mit bescheidenen Ansprüchen. Eigentümer und Verleger war Theodor von Zabern, von der bekannten Verlegerfamilie, ein heitrer Biedermann, Familienvater und Jäger, von liberaler Gesinnung. An der Spitze der Redaktion stand vr. Karl Bölsche, ein Braunschweiger, dem Alter nach ein angehender Dreißiger, Philologe von Studium, besonders vertraut mit französischer Litteratur, ein kleiner beweglicher Mann von lebhaftem Geist, der eine Mainzerin geheirathet und sich gnt in die Natur der Bevölkerung gefunden hatte. Ich kannte persönlich weder Zabern, noch Bölsche. Dem kleinen, litterarisch angehauchten Kreise, in dem ich bis dahin verkehrt hatte, gehörten sie nicht an. Ich war der jüngste jenes Kreises, in dessen Mittelpunkt eine Zeitlaug Berthold Auerbach während einer ziemlich lange fortgesetzten Niederlassung in Mainz gestanden hatte. Später kam Karl Grün hinzu; er hatte vorher in Mannheim eine — soweit es damals erlaubt war — radikale Zeitung redigiert und eiuige Bäude Prondhons ins Deutsche übersetzt. Manchmal erschien der Braunschweiger Karl Andree, ebenfalls Journalist und Geograph. Um sie gruppierten sich einige Juristen, einige bildungsbestrebte Kaufleute und sogar drei preußische Offiziere der Garnison, Artilleristen, welche auch in militärischen Sachen vom Geist der Zeit berührt waren, später aber, nach Ausbruch der politischeu Stürme, sich von uus zurückziehen mußten. Am Tage »ach dem großen abendlichen Freiheitsfest beschloß ich, nach einiger Ueberlegung, mein Glück bei der „Maiuzer Zeitung" zu versuchen. Ich ging zn dem Verleger uud bot ihm meine Dienste au, die uach eiuer kurzen Auseinandersetznng angenommen wurden. Für die Nummer des 10. März, dieselbe, in Journalist und Volksredner. 35 welcher der ausführliche Bericht über die große Freiheitsfeier des 8. März erschien, lieferte ich meinen ersten Leitartikel. Er trug die Ueberschrift: „Die französische Revolution und die Stimme in Deutschland." Sein Inhalt galt der Bekämpfung des Versuches, Furcht vor eiuer französischen Invasion zu erwecken, um den unruhigen Geist in Deutschland nach außen hin abzulenken. Der drei Tage darauf geschriebene Leitartikel mit der Überschrift: „Die Freiheit; Zwei Worte zur Verständigung" trägt ein, besonders für diese aufgeregte Zeit, wunderlich doktrinäres Gepräge. Obwohl ganz neue und uahevorliegeude Begebenheiten dabei ins Ange gefaßt waren, fing er mit weit ausholenden Begriffs- zergliederuugen an, eine Untugend, die mir aus den in jenen Jugendzeiten mit großer Liebhaberei getriebenen philosophischen Studien noch lange nachhing. Ganz verloren hat sie sich nie; aber wenn sie von Zeit zu Zeit stets wieder auftaucht, wird sie in Selbsterkenntniß zurückgedrängt; nicht immer! Manchmal gelingt es bis auf diesen Tag dem alten Adam, unbewachterweise sein Spiel zu treiben. Der erste Teil jenes Artikels, den man eher eine Scholie nennen könnte, predigt vor allem Toleranz uud zwar nach allen Seiten, insbesondere auch gegen die gestürzten Minister nud sonstigen politischen Gegner. Der Schluß aber ist einer Belehrung gewidmet, die einen sehr praktischen, von den Vorgängen des Tags aufgedrungenen Zweck im Auge hat. Die ersten Straßentumulte hatten nämlich wie an vielen Orten, so auch bei uns, dazu gcdieut, den Unwillen derer zn bewaffnen, welche sich durch irgend eine gewerbliche Neuerung im hergebrachten Verdienst beeinträchtigt sahen. Ich habe schon oben erzählt, wie unmittelbar uach dem Bekanntwerden der Pariser Revolution die Heidelberger Schneider gegen die Kleiderhändler ihre Menschenrechte im Stnrm auf deren Läden zurückzuerobern versuchten. Nicht zwar das Gleiche, aber ähnliches spukte bei uns nnd sollte bald zu Gewaltsamkeiten führen. Eine Warnnng vor solch falsch verstandener Anwendung der juugen Freiheit bildete den Schlnß des Artikels, der auch einige wohlmeinende mäßig sozialistische Beruhigungsphrasen enthielt. Zwei Tage vorher hatte Zitz in einer großen Volks-Ver- fammlnng, von Darmstadt kommend, Bericht erstattet, den Sturz 3* 36 Drittes Kapitel. vieler gehaßten höheren Beamten verkündet, dazu als freudiges Ereignis, daß der Erbgroßherzog und Mitregent nebst seiner Gemahlin in den nächsten Tagen der Stadt ihren Besuch machen würden. Die Versammlung, in welcher man sich mit der Anrede „Bürger" titulierte, brach darüber in begeisterten Jubel aus, und der ebenfalls die Redner als „Bürger" So und so aufführende Zeitungs-Bericht fügte hinzu, daß das Komitee sich zur Aufgabe mache, das „hochherzige" Fürstenpaar würdig zu empfangen. Ich hatte den Eindruck, als ließe sich auch bei diesem Anlaß Zitz vou seiuem fauguiuifcheu Gefühl etwas zu weit fortreißen, und suchte ihn in seiner Wohnung auf, um mich mit ihm Darüber ins Klare zu setzen. Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen, uud nun gab ich mir Mühe, etwas kaltes Wasser auf seine Dankbarkeit uud seiu Vertrauen zn gießen, zugleich gegen ein Uebermaß von Ovationen zu protestieren. Es gab eine etwas scharfe Disknssion, an deren Schlnß ein Kompromiß zwischen uns zustande kam. Ich entwarf für die Zeitung einen Artikel, welcher zwar ehrerbietig, aber doch ernüchternd gehalten war. Nach einigen Ansstellnngen uud Zufätzeu wurde er zwischen uns beiden vereinbart: „Keinen Akt der Unterthänigkeit, sondern einen Akt der politischen Sympathie, der politischen Herzlichkeit wollen wir begehen. Wenn die Vorsteher der Mainzer Bürgerschaft einen warmen Empfang in diesem Sinne bereiten, können sie ans die Mitwirkung aller zählen." Jedenfalls entsprach diese Zurückhaltung dem Sinn des hohen Gastes mehr als ein Aufschwung der Gefühle. Der spätere Großherzog Lndwig lll. war ein kühler Verstand von etwas eynischer Aufrichtigkeit gegen sich und andre. Ihm war später vorbehalten, unter der Leitung seines Ministers Dalwigk eine Hochburg für jeue süddeutsch partikularistifche Kamarilla zu liefern, mit der Bismarck manches Hühnchen zu rupfen hatte. Am liebsten hätte er, nngeschoren von allen deutschen Angelegenheiten, in seinem Großherzogtum geschaltet und gewaltet, durchaus nicht bösartig, wie sein kurhessischer Vetter, souderu nur seinen Liebhabereien lebend, zu denen auch das Soldatenspiel alten Stils gehörte, obwohl er, man sagte aus bequemer Scheu, niemals zu Pferde stieg. Berlin Journalist und Volksredner. 37 war ihm ein Greuel. Einmal nach 1870 mußte er freilich anstandshalber seiueu Besuch dort abstatten. Gegen Speichelleckerei hatte er eine ehrliche Abneigung. Mau erzählte, er sei an jenen Besuch iu Mainz schwer Heraugegangen. Die Mainzer standen noch im Gernch der Abstammung von den ehemaligen Klubisten, und es schien nicht ganz so geheuer in ihrer Mitte wie in dem loyalen Darmstadt. An der Landspitze, wo der Main in den Rhein vor Mainz mündet, soll allerdings nach sehr unverbürgten Angaben, der fürstliche Wagen still gestanden haben, um Zeit zu eiuer mit dem Fernglas vorgenommenen Rekognoszierung des verdächtigen Gebietes zu lassen. Es lief natürlich alles sehr friedlich ab, wieder mit Fackelzug nnd Illumination. Ich hatte mich bei der Ankunft des Mitregenten iu den Hof des Schlosses begeben, um den Empfang zu beobachten. Eine Anzahl der neugebildeten Bürgergarde war daselbst als eine Art Ehrengarde ausgezogeu, aber ohne Waffen uud ohne Uniform. In dem Augenblick, da die großherzoglichen Equipagen sich näherten, musterte der Kommandant seine kleine Schaar, und nm seinen Amtseiser zu bethätigen fand er nichts, als plötzlich auf einen seiner Mannen loszustürzen und ihn anzuherrschen: „So knöpfeu Sie doch wenigstens Ihren Rock zu." Dies „wenigstens" amüsirte mich sehr. Es gab wohl dem Schmerz Ausdruck, daß man kein Gewehr zum Präsentieren hatte. Da mein erster Leitartikel ewiges Aufsehen gemacht und in den liberalen Kreisen des Publikums Beifall gefunden hatte, und da gleichzeitig die Bewegung nah und fern täglich größere Dimensionen annahm, trat ich an den Verleger mit dem Ansinnen heran, das Format der Zeitung zu vergrößern. Willig ging er daraus ein. So kündigte schon am 15. März, wenige Tage nach meinem Eintritt in die Redaktion, das Blatt an seiner Spitze in großer Fettschrift für den folgenden Tag seine neue Ausstattung an. Am 16. März erschienen wir in einem Großfolio, welches noch heute als nicht unansehnlich bezeichnet werden dürfte. An der Spitze marschierte ein Leitartikel mit der Ueberschrift: „Das deutsche Parlament; Geständniß eines Staatsverbrechers" 38 Drittes Kapitel. mit dem Motto (natürlich mußte ein Motto dabei sein): „Das Verbrechen des Hochverrats wird begangen durch Angriff oder Verschwörung ... 2) gegen die Selbständigkeit des Staates (Gr. Hess. Strafgesetzbuch Art. 129)". Der Grundgedanke, auf den sich auch obige Schlagworte beziehen, findet sich am einfachsten ausgedrückt in folgendem, dem ersten Teile entnommenen Satz: „Heraus Ihr Schwerter der Justiz! ich will Euch einen Hochverräter denunzieren. Über ihn, Männer der Gerechtigkeit! ich zeige ihn Euch. Ganz Deutschland heißt der Bösewicht! Ja, im Angesicht von achtunddreißig Gesetzbüchern stehen achtnuddreißig Millionen Verbrecher. Ihr Losungswort heißt: „Deutsches Parlament Der einstimmige Ruf nach einem deutschen Parlament ist bloß der Ausfluß der allgemein uud ohne Widerspruch anerkannten Wahrheit: Daß nichts wünschenswerter sei, als Deutschland in einen einzigen Staat verwandelt zu sehen." Diese Worte enthielten mein damaliges Glaubensbekenntnis, und daß sie lebhaften Beifall fanden, rührte eben daher, daß diese Anffafsnng die bei uns vorherrschende war. Ihre Bedeutung lag darin, daß wir uns den deutschen Nationalstaat nur als Einheitsstaat denken konnten. Der Gedanke an die Forterhaltnng eines dynastischen Föderativstaates wollte uns nicht einleuchten. Und zwar ans den verschiedensten Gründen. Zunächst weil dies, vom sozusagen natürlichen Staatsrecht aus beurteilt, als etwas Ungeheuerliches erschien. Man kannte Föderativ-Repnbliken, aber ein freier Staat, auf fürstlichem Herrscherbund begründet, hatte noch nie bestanden. Sodann die Form, in der etwas damit zu Vergleichendes bisher existiert hatte, der Deutsche Bund, war der Gegenstand des allgemeinen Abscheus. Die ganze Generation, welche seit dem Wiener Kongreß herangewachsen war, bezeichnete mit dem Wort „Deutscher Bund" den Inbegriff aller politischen Niedertracht und Erbärmlichkeit. Und da diese Institution dem Zweck diente, den Machtbesitz der großen nnd kleinen Fürsten zu sichern, so breitete sich das Odium von der Institution aus die Personen aus, abgesehen von der Mißliebigkeit oder dem Haß, den einzelne der regierenden Herren, wie in Kurhessen, Nassau, Journalist und Volksredner. 39 Hannover, Preußen anch außerhalb ihrer Grenzen ans sich gezogen hatten. Deutscher Bund und deutsche Fürsten standen also in dem Bild der Zeit einfach als die geborenen nnd geschworenen Gegner der deutschen Einheit da, nnd deshalb erschien die deutsche Einheit auch notwendig als der deutsche Einheitsstaat, welcher die Vielheit der Fürsten, d. h. der Buudesstaaten, wegwischen mnßte. Ob nuu daraus eine nnitarische Monarchie oder Republik werden sollte, darüber kam man sich damals nicht zur Klarheit. Aber es springt in die Angen, daß die ganze Geistesrichtnng in jenen Landstrichen zur republikanischen Konsequenz hindrängen mnßte. Schon das Mißtranen in die Negentenhünser verbot, die Verfassung eines deutschen Staates in ihre Hand zu legen. Bei der Mißachtung, welche sich gegen viele deutsche Regenten festgesetzt hatte, bei der Abwesenheit aller dynastischen Anhänglichkeit an ein Fürstengeschlecht, das erst vor einem Menschenalter zur Herrschaft gekommen und der Bevölkerung innerlich und äußerlich fremd geblieben war, hatte die republikanische Ver- fassnngsform einen natürlichen Vorsprung. Dazu kam bei uns jungen Studioseu und einigen alten politischen Köpfen der Knltus der französischen Revolution. Gleichwohl überragte in unserem Dichten nnd Trachten das Ziel der Einheit. Wie gesagt, die Republik selbst, wenn wir sie auch heimlich liebten, erschien uns doch noch mehr unter dem Zeichen eines sicheren Werkzeuges zur Herstellung der Einheit, denn als Selbstzweck. So wenigstens in jenen Anfängen, vor dem Ausbruch der Konflikte, welche von neuem den Beweis zu liefern schienen, daß deutsches Dynasten- tnm uud deutsche Einheit zwei unverträgliche Existenzen seien. Wenn ich mich in die Denkart jener Zeiten zurückversetze, so will mir scheinen, daß niemand durch die Umwälzung der Jahre 1870 und 1871 mehr gewonnen hat, als die Geschlechter der regierenden Familien. Meine Erinnerung, als vornehmlich aus den Eindrücken der linksrheinischen Heimat schöpsend, mag ja nicht im selben Maße für das übrige Deutschland gelten. Aber mutatis wuta-nZis verhielt es sich auch in vielen Kleinstaaten und Provinzen bis in den Osten und Norden hinein so, daß die Loyalität von seiten der Bevölkerung sowie die Volks- 40 Drittes Kapitel. freundliche und nationale Sinnesart bei den regierenden Häusern entschieden gegen die Zeit vor Gründung des Reiches sich vermehrt und befestigt hat. Man könnte eine lange Abhandlung darüber schreiben. Der Ursachen, die dazu beitrugen und bis auf den heutigen Tag dazu beitragen, sind eine große Anzahl. Am stärksten hat mitgewirkt eine gewisse Beruhigung, welche über beide Teile gekommen ist. Die fürstlichen Häuser sehen sich weder von unten noch von oben in dem, was ihnen von Souveränität geblieben ist, bedroht, und die Bevölkerung ihrer Länder empfindet keinen Drang nach Veränderung, sieht auch keinen Gewinn dabei winken. Schon dieses Ruhegefühl bringt eine gegenseitige freundliche Meinnng zuwege. Sodann sind die großen Streitpunkte aus der Landespolitik in die Reichspolitik verlegt. Ferner hat die nationale Erziehung der Landesherren Fortschritte gemacht, einmal durch den modernen Geist überhaupt, sodauu eben durch die Einsicht, daß die Reichsverfassung ihnen nicht an Kopf und Kragen will, so daß die beste Bürgschaft ihrer Fortexistenz gerade in ihr liegt. König Wilhelm und Fürst Bismarck haben das, jeder in seiner Weise und aus den verschiedensten Gesichtswinkeln heraus, bei der Grundlegung der Reichsverfassung im Auge gehabt. Der König aus dem Selbsterhaltungstrieb des Legitimitätsprinzips heraus, dem er allerdings nicht allzustarr anhing, als es nach Königgrätz galt, Hannover, Kurhessen und Nassau der preußischen Monarchie einzuverleiben. Aber das Kriegsrecht gehört ja auch zum Legitimitätsprinzip. Wie der König sich znr Uebernahme der deutschen Kaiserkrone stellte, ist noch nicht ganz aufzuhellen. So viel scheint gewiß und auch innerlich wahrscheinlich, daß er der Form nach den Schritt jedenfalls von der Einwilligung der Landesfürsten abhängig machte. Man weiß aus der Anekdotengeschichte der Versailler Zeit, mit welchem Humor die Findigkeit des Bismarckschen Ingeniums die Zustimmung Ludwigs von Bayern nach langen Schwierigkeiten herbeigeschafft hat. Dagegen soll, nach einer von Bismarck selbst herrührenden Version, der König mit dem Titel „Deutscher Kaiser" nicht zufrieden gewesen sein. Sein Sinn ging mehr auf Kaiser von Deutschland oder mindestens Kaiser der Deutschen. Der obenerwähnten Version Journalist und VvlkSredner, 41 zufolge hätte sich dieses Mißvergnügen in Gestalt eines gewissen Schmolleus bei dem großen Verkündigungsfest im Schmucksale zu Versailles Luft gemacht. Der neue Kaiser habe seinem Kanzler damals eine bezeichnend kalte Miene gezeigt. Man kann sich ganz gnt denken, daß eine solche Empfindlichkeit für den Vollklang der neuen Würde zusammen bestanden hätte mit dem Widerstreben, gegen welches eine Zeitlang das Ganze der Sache in des Königs Sinn anzukämpfen hatte. Sollte es einmal sein, so auch mit möglichst hoher Würde angethan. Daß der König selbst nicht leichten Herzens sich zu der Veränderung entschloß, ist andererseits wohl erklärlich. Ein alter Mann, wie er war, mochte er überhaupt nicht ohne eine gewisse Bangigkeit daran gehen, die traditionelle Stellung seines Hauses in einer Neuerung verschwinden zu lassen. Auch die Eriunernng an die Schroffheit, mit welchem fein Vorgänger einst die ihm vom Frankfurter Parlament angebotene Krone zurückgewiesen hatte, mag in dem Gesamtbild der'vor der Entscheidung auftauchenden Stimmung sich mit abgespiegelt haben. So weit es möglich ist, in die viel kompliziertere uud ^undurchdringlichere Ideenwelt Bismarcks hineinzublicken, verhielt dieser sich zu der Schaffung der Kaiserwürde ziemlich neutral. Sie zog ihn nicht besonders an, aber sie stieß ihn auch nicht ab, und als er gewahrte, welche große Popularität die Idee für sich hatte, ging er ohne weiteres darauf ein. Ein anderes war sein Verhalten in Sachen der Erhaltung der Fürstenrechte. Da lag es ihm gar nicht am Herzen, reinen Tisch zu machen. Vielmehr schien ihm alles Luxus, was nicht znr Stärkung der Wehrhaftig- keit Deutschlands nach anßen erforderlich war. Jener Satz, daß eigentlich das Deutsche Reich nur aus zwei Hauptbestandteilen zusammengefügt sei, aus dem kaiserlichen Kriegsoberbefehl uud dem alten Zollverein, jener Satz, der später bei heftigen Zusammenstößen mit dem Reichstag so oft wieder seinen Lippen entfuhr, beherrschte ihu im Gruude schou 1866 und noch mehr 1870 und 1871. Ich glaube, daß selbst die Einheit der übrigen elementaren Institutionen, wie Münz-, Maß- und Gewichtseinheit, die des Zivil- und Strafrechts, uud alle Einzelheiten dieser Art ihm gleichgültig waren und nur bei ihm durchdrangen, weil sein Verstand 42 Drittes Kapitel. für die Richtigkeit dieser Konsequenz plädierte. Sein Gefühl sagte ihm nichts bestimmtes in diesen Dingen, sei es, weil sie überhaupt an und für sich ihm kein sachliches Interesse einflößten, sei es, weil er an ihrer Mannigfaltigkeit, je nach Orts- und Landessitte, keinen Austoß nahm. Damit hing auch z. B. zusammen, daß er sich sür die Verlegung des Reichsgerichtes uach Leipzig entschied. Für ihu war gewiß die Rücksicht uicht maßgebend, welche so viele Liberale bewog, gegen Berlin zu stimmen, nämlich die Annahme, daß ein oberster Gerichtshof abseits der Residenz und der Zentralgewalt unabhängiger im Geiste sein werde. Ihm schien nur die Gelegenheit gnt, dem Königreich Sachsen ein Kompliment zn machen, welches der Krone Preußens kein Opfer kostete. Nebenher soll noch mitgespielt haben, daß die Ansammlung einer großen Anzahl hoher Richter in Berlin diesen eine Erleichterung gewährt hätte, um ohne besonderen Aufwand Mitglieder des Reichstags zu werden. Und ein Zuwachs an Juristen dieser Art schieu ihm nicht gerade wünschenswert. Anch kannte er seine Deutschen so gnt, daß er seine Rechnung viel sicherer mit ihren partiknlaristischen Instinkten zu finden gewiß war, als mit uuitarifcheu. Die Art, wie er Bayern, nicht bloß dem König, sondern auch dem bayrischen Staatsbewußtsein bei jeder Gelegenheit den Hof machte, beruhte auf der wohlerwogenen Erkenntnis dieses deutschen — im Grunde unpolitischen — Charakterzugs. In verjüngtem Maaßstab hielt er diese Linie mit den anderen Kleinstaaten ein. Selbst Hamburg wurde, nachdem es bei eiuem kurzeu Versuch der Auflehnung ans Anlaß des Zollanschlusses terrorisiert worden war, wieder zärtlich behandelt und nach dem ersten, durch den heilsamen Schreck erzielten Schritt unterwürfigen Entgegenkommens sofort mit reichen Schmerzensgeldern bedacht und immer mehr dann zum Liebkind erwählt. Gehorsame, zitternde kleinstaatliche Regierungen entsprachen am vollständigsten seinem System des national geeinigten Deutschlands. Deswegen pflegte er anch bei allen Gelegenheiten, wo er im Reichstag ans Widerstand stieß, die nationale Gesinnung der Regierungen herauszustreichen nnd die Opposition der auseinanderstrebenden Tendenzen anzuklagen. Wollte einmal in der Sphäre der Einzelregierungen sich Einer ein Mannsen fühlen, so bekam er sofort einen Denkzettel, Journalist und Vvksredner. 43 der allen seinen Kollegen im Reich in die Glieder fuhr, wie der unglückliche bayrische Gesandte von Rudhart. Man kann nicht leugueu, daß in seiner Art das System wohl durchdacht, einerseits zwar dem Ingenium des Meisters entsprungen, aber andrerseits doch auch dem der Nation angepaßt war. Es hat sich im Laufe der Entwicklung immer deutlicher herausgestellt, daß der Geist der proviuzialen, landschaftlichen Stammeseigentümlichkeiten viel stärker ist, als jene unitarische Auffassung, an die ich in den Zeiten vou 1348 wie in den Jahren 1866 und 1370 geglaubt hatte. Ich muß selbst gestehen, daß ich von der Erfahrung unter diesem Gesichtspunkt gelernt habe. Ans Prinzip wie aus der Selbsterziehung heraus war ich in beiden Epochen strenger Unitarier. Aber ich habe immer mehr eingesehen, daß nur eine kleine Minderzahl von diesem Geist beseelt ist. Was mich früher nnd später unitarisch stimmte, war nicht sowohl die Ansicht von der besseren technischen Arbeit eines einheitlichen Staatsmechanismus, als der Siuu für die geistige Erziehungskraft des Großstaates. Der breite und starke Luftstrom, welcher die Millionen eines großen Staates gleichzeitig und gleichmäßig in Bewegung setzt, und dies Gesamtbewußtseiu auf der Höhe des großen Lebens hält, war für mich und blieb das Ideal des politischeu Lebens, selbst mit der Gefahr, die Zentralifation mit einigen ihrer Schattenseiten zu fördern. In den Zeiten großer Ereignisse tritt als deren-Wirkung wohl das Partiknlaristische zurück, und die Deutschen bilden dann eine Art moralischen Großstaates. Dies täuschte auch den Unitarier in jeueu großartig angeregten Epochen. Aber der unpolitische Geist, in welchem der partiknlaristische wurzelt, wird immer wieder Herr bei uns, sowie normale Zeiten zurückkehren. Es ist dann kein Bedürfnis mehr nach großem Staatsleben vorhanden. Nnr in den mit dem Gegensatz zum Ausland zusammenhängenden politischen Empfindungen und in dekorativen Demonstrationen bleibt die Gesamtstimmung lebendig; das übrige kehrt je eher und je mehr desto lieber zu der Weise der Abgesondertheit zurück. Wenn es noch eines besonderen Anstoßes bedurft hätte, um diese zentrifugale Richtung zu verstärken, so wurde er mit der Zeit Drittes Kapitel. immer mehr gegeben durch diejenigen Erscheinungen in der inneren preußischen Politik, welche dieselbe von jeher zum Gegenteil einer Staatsweisheit gestempelt hatte, die geeignet wäre, sogenannte moralische Eroberungen zu machen. Darin liegt eines der Geheimnisse, welche die deutsche Entwickklug gehemmt und in ihrer Klein- geisterei bestärkt haben. Zuletzt kam noch ein Unglück hinzu wie der Tod Kaiser Friedrichs. Je weniger Preußen um den in seinen höchsten Regionen herrschenden Geist beneidet wird, desto wohler suhlen sich gerade die liberaleren Bestandteile der Einzelstaaten am eignen kleinen Herd, und dies Wohlgefühl wirkt wieder auf ihre Regierungen zurück, die ja ihre Rechnung bei jener Antipathie finden. So hat sich schließlich gerade seit der Begründung des Deutschen Reichs die Kleinstaaterei uud der Partikularismus immer mehr befestigt. Man kann fagen, der Kampf gegen dieselben ist im Herzen aller Parteien aufgegeben, uud Deutschland hat sich eingerichtet, seine Zukuuft in unabsehbarer Zeit darans weiter zn bauen. In dieser Welt, in der alles nur relativ gut oder schlecht ist, muß auch ein Andersdenkender sich das gefallen lassen und sich damit bescheiden, daß jeder Nation erlaubt sein muß, nach ihrer Fayon selig zu werden. Auch die nationalliberale Partei, welche ursprünglich am meisten den Beruf fühlte, nach entgegengesetzter Richtung zu steuern, hat längst das Ruder eingezogen. Die Radikalen der Richter'schen Schattierung wie die süddeutsche Demokratie haben von jeher aus Instinkt wie aus Ueberleguug das Unitarische bekämpft, wenn auch aus verschiedenen Motiven. ZurKennzeichnuug des politischeu Seeleuzustaudes des heutigen Deutschlands gehört, daß unter der Guust dieser Gesamtstimmung anch das patriarchalische Verhältnis zwischen Landesvaterschaft und Unterthanen nicht nur auf das Maß der alten, glaubensfrommen Zeit zurückgekehrt, sondern noch darüber hinaus gewachsen ist- Ich glaube, nicht zu irren, wenn ich meine, daß die lyrischen Unterthänigkeits- uud Anhänglichkeitsgefühle bis in die kleinsten Zwergstaaten hinein wärmer angeweht sind als zu irgend einer Zeit. Niemals war z. B. das bayrische Nationalbewußtsein so Journalist und Volksredner. 45 stolz und breit ein- und aufgepflanzt, nnd das pflanzt sich in seiner Art bis iu die thüringischen Staatsinfusorien fort, welche dem modernen Ange nur uuter dem Zeichen komischer Ueber- bleibsel prähistorischer Zeiten erscheinen. Innerhalb ihrer Grenzen finden ihre glücklichen Bewohner, das alles äußerst natürlich, uud bei jeder soleuueu Gelegenheit, Hochzeit, Tod oder Geburt im Fürstenhause quillt der Enthusiasmus für dessen Fortbestand ganz freiwillig aus den loyalen Herzen. Etwas hat dazu auch gethau die mehr verbreitete und gesteigerte Erwecknng des patriotischen und nationalen Sinnes für Festlichkeiten dieser Art, eingegeben dnrch die Begeisterung für Kaiser uud Reich uud dann fortschwingend in allen möglichen Formen der Huldigung. Die Fahnenstangen mögen sich in Deutschland seit 1870 wohl um viele Hunderttausende vermehrt habeu, und wenn einmal die Fahnenstangen da sind, wollen sie auch gern jede Gelegenheit benutzen, um herausgesteckt zu werden. Ich bin mit dieser Abschweifung der Zeit, von der ich erzähle, um -ein halbes Jahrhundert beinah vorausgeeilt. Aber da ich nicht erzähle, um äußere Vorgänge chronologisch aneinander zu reihen, sondern nm das Gewordene mit der Gegenwart zusammenzuhalten, schien es mir erlaubt, ja wohl augebracht, Ausgangsund Endpunkt, bis auf die neneste Zeit, hier, wo es sich um Grundstimmnngen handelt, zusammenzufügen, wenigstens insofern sich ein Stück der Vergangenheit und Gegenwart in meiner eignen Denkweise spiegelt. Damals, im Jahre 1848, erschien uns der Bundesstaat, aus den großen und kleinen Monarchien zusammengesetzt, als unerläßliches Opfer aus dem Altar einer deutschen Wiedergeburt fallen zu müssen; aber der Gang der Dinge seit 1866 hat im entgegengesetzten Sinne entschieden. Ob er recht hatte oder nicht, kommt nicht in Frage, da er einstweilen recht behalten hat; und daß er recht behalten hat, geschah aus dem Geist der Nation heraus. Damit ist alles gesagt. Diesem anch entspricht es, wenn das landschaftliche und dynastische Eigenleben noch am ehesten in militärischen Dingen sich zur lebendigen Verschmelzung in einander gefügt hat. 46 Drittes Kapitel. Ja es scheint, als wolle sich ähnliches wiederholen an dem ganz entgegengesetzten Ende politischer Gestaltung, aus dem Gebiete der sozialistischen Triebkräfte, und zwar ohne Unterschied zwischen den vom Staat ausgehenden in regelmäßige Gesetzesform gebrachten Neuerungen bis in die äußersten Regionen sozial- demokratischen Begehrens hinaus. Ohne Zweifel ist auch gerade dieses Element des Gesamtlebens am wenigsten dazu geeignet, hinter den Schlagbäumen der Landesherrlichkeiten stehen zu bleiben. Schon daß der Sozialismus überhaupt nicht in der Vergangenheit wurzelt, entzieht ihm den Vorwand zur Einkapseluug in die abgesonderten, vom historischen Zufall geschaffenen Fürstendomänen. Die Sozialdemokratie im vollen Sinne des Wortes ist sogar kosmopolitisch, überspringt anch die Grenzen des Nationalstaates, wie viel mehr die der Partiknlarstaaten. Der offiziell anerkannte Staatssozialismus, welcher mit der Sozialdemokratie gemeinsame Wurzeln hat, ist eben darnm auch am wenigsten in der Scheu der unitarischen Entfaltnng befangen. Es ist ganz interessant, daß diejenigen Zweige politischen Berufs, zu welchen die deutsche Nation neuerer Zeit am meisten Anlagen gezeigt hat, anch die sind, welche sie aus den Schranken des kleiuseligen historischen Vegetierens uud Seutimentalisiereus in die freie Luft des unitarischen Großstaatswesens hinüberleiten. Vielleicht sogar könnte man den Gedanken noch weiter ausspinnen, indem man die innere Verwandtschaft zwischen Militarismus und Sozialismus zum Gegenstand der Untersuchung machte. Das aber ginge nun wirklich über das Maß der berechtigten Abschweifung von meinem Vorsatz hinaus, und ich nehme daher den Faden meiner Erzählung da wieder auf, wo ich ihn seitwärts zn spiuuen begonnen hatte, von dem persönlichen Kampf der Mainzer republikanischen Unitarier gegen die hessendarmstädtische Regierung. Mein hochverräterischer Artikel im ersten vergrößerten Blatt der Zeitung sollte die Gegensätze alsbald in Helles Licht setzen. Das neugeschaffene Darmstädter Ministerium Gagern hatte sich mit eiuem Stab liberaler Männer nmgeben, an deren Spitze als Präsident des Staatsraths ein biederer älterer Beamter, namens Janp, berufen ward, der, obwohl der rechtsrheinischen Journalist und Volksredner. 47 Provinz angehörig, doch seit Jahren auch mit der linksrheinischen Fühlnng gehabt hatte, nnd sich wie Gagern einer gewissen Popularität erfreute. Seine Ernennung, wie die des Ministers selbst, galt als das sichere Zeichen einer schönen Zukunft. Die „Mainzer Zeitung" stand ihm aber dadurch nahe, daß seine Tochter mit dem Verleger derselben verheiratet war. Mein Feuerbrandartikel mußte ihm daher sowohl aus politischen wie aus persönlichen Gründen recht übel auf die Nerven schlagen. Er setzte sich sogleich hin, einen geharnischten Artikel dagegen zu schreiben, den er mit Namen und Würde, aus Darmstadt vom 16. März unterzeichnete nnd in die Zeitung einzurücken bat. Natürlich geschah das aus allen möglichen Gründen sehr gerne mit der Ueberschrift: Eingesendet vom Staatsrat Jaup in Darmstadt. Der Artikel begann mit dem Zugeständnis der bisherigen Mißwirtschaft, mit dem Hinweis aus die edlen deutschen Fürsten, welche jetzt die Hand zum Besseren böten, und mit dem Ausspruch, daß jetzt nur eines not thue: Eintracht. Der Artikel der Zeitung aber trenne; er sage, das Interesse der Fürsten stehe der Vereinigung im Wege; er verwerfe für die Reichsverfassung ein Kollegium der Fürsten, als ein schädliches Zweikammersystem. — „Fern", heißt es dann weiter, „seien nns die Ideen einer deutschen Republik . . . . gegen republikanische Gelüste erhebe ich meine Stimme." Zn seiner Legitimation sührt dann der Verfasser noch an, wie er seit langer Zeit für die Institutionen des französischen Rechts, für Geschworenengerichte, für freie Presse geschrieben und geredet. Er beschwört die Rheinhessen, nicht undankbar zu sein gegen ihre Fürsten und legt ihnen dar, daß, wenn auch an den Ufern des Rheins eine Republik denkbar wäre, dies gewiß nicht auf Sachsen, Preußen und Oesterreich anwendbar sei. Meinem guten, friedliebenden Verleger war diese Philippika seines Schwiegervaters natürlich viel unwillkommener als mir. Darum gab ich mir auch Mühe, meine Replik, die am 19. März mit der Ueberschrift „Gegenerklärung" an der Spitze des Blattes erschien, möglichst respektvoll, wenn auch in der Sache entschieden abzufassen, eine Entschiedenheit, die um so leichter einfloß, als gerade in diese Tage die revolutionären Ausbrüche von Wien und Berlin fielen. 48 Drittes Kapitel. Jaup hatte das Fürstenkollegium im Hinweis auf die ersten Kammern von England, Norwegen, Belgien gerechtfertigt. Das gab Gelegenheit, ihm eine Vorlesung über den Unterschied zwischen diesen nnd einem deutscheu, aus Vertretern der Dynastien gebildeten Oberhaus zu halten, wobei übrigens eine Bewegung gegen das englische Haus der Lords prophezeit wurde, welche die Erfahrung der neueren Zeit wahr gemacht hat. Dann sprang ich über zum Waruuugsruf: „keiue deutsche Republik!" Da heißt es: „Nicht wir haben die deutsche Republik ausgerufen, nicht wir, Herr Jaup Hat es gethan. Wir haben nur für die Einheit gesprochen, Herr Jaup hat daraus gefolgert, daß wir auch für die Republik sprechen. Wenn er Recht hätte, wenn die Einheit Deutschlands nur auf dem Wege der Republik möglich wäre, dann wäre es Zeit, daß er seine Republikscheu abzulegen suchte." Man muß sich die Ereignisse jener Tage und die dadurch geschaffenen Zustände vergegenwärtigen, um zu verstehen, daß die Erörterung der republikanischen Staatsform für Deutschland durchaus nicht den Eindruck der Extravaganz zu machen branchte. Hatte doch in der badischen zweiten Kammer der Abgeordnete Welcker in seinem Bericht über Bassermanns Antrag auf Einsetzung einer deutschen Buudeseiurichtung mit Nationalvertretung unter anderem den Vorschlag aufgenommen, daß das Bundeshaupt von den deutschen Fürsten anf je drei Jahre gewählt werden sollte. Der Sieg der Revolution in Wien und Berlin hatte bei nns und in ganz Süddeutschland die Gemüter nach zwei Richtungen hin aufgeregt: Begeisterung für Oesterreich, Entrüstung gegen den preußischen König. Der Gedanke an ein preußisches Oberhaupt flößte wahren Abscheu ein. In der Stadt Mainz wnrden den Wienern Ovationen dargebracht, während an die Darmstädter Regierung Proteste gegen die Idee einer preußischen Hegemonie abgingen. Ausschüsse der verschiedensten Art, gewählte nnd selbsternannte, bildeten sich in der Bürgerschaft, und Reibungen der verschiedensten Art gaben ihnen genug zu schaffen. Besonders machten die Ausbrüche zu schaffen, welche wirtschaftlicher Unverstand auch bei uns ins Werk fetzte. Zwischen Maiuz und Frankfurt hatten feit alten Zeiten die Reisenden am meisten eine Art des Verkehrs benutzt, der einen Journalist und Vvlksredner. 49 Teil des Mainz gegenüberliegenden Städtchens Kastel ernährte. Der Kasteler Kntscher war eine typische Gestalt. Sein Fuhrwerk war meistens von ziemlich geringer Beschaffenheit, die Bespannung desgleichen und der Rosselenker entsprach dem übrigen. Obwohl die Taunusbahn von Wiesbaden-Kastel bis Frankfurt schon seit dem Jahre 1840 im Gange war, hatte sich der Grimm dieser Zunft gegen die boshafte Neuerung noch nicht verloren, und an einem Morgen der ersten schönen Freiheitstage erfuhren die Mainzer, daß die Kasteler Kutscher die Schienen der Eisenbahn aufgerissen hatten. Es war in der That für mein, den nenen Geist der Zeiten so lebhaft begrüßendes Gemüt ein schmerzlicher Eindruck, als ich über die Brücke gelangte, und das Schauspiel mit eigenen Augen wahrnahm, das übrigens rasch beseitigt wurde. Viel beschwerlicher wurde der Kamps mit einer ähnlichen Auflehnung am diesseitigen Ufer des Rheins längs der Stadt selbst. Der Teil der Bevölkerung, welcher von der durch die Schifffahrt bedingten Handlangerarbeit lebte, galt von jeher für besonders rauh, wild und gefährlich. Es war ein derber und vorwitziger Schlag handfester Männer und Frauen, auch letztere oft von gewaltiger Körpergestalt, die man gewohnt war, mit schwersten, schwebend aus dem Kops getragenen Lasten zugleich an einem Strickstrnmps arbeitend, daher wandeln zu sehen. Die Elite dieser Truppen wurde mit dem eigentümlichen Namen „Schlewitze" bezeichnet, und man hütete sich, mit ihnen in nähere Berührung zu kommen. Ein Teil dieser Bevölkerung hatte früher den Beruf, die Segelschiffe, welche deu Rhein herauf kamen und an der Stadt vorüber weiter aufwärts gingen, zu Fuße an langen Tauen weiter zu ziehen, bis jenseits der städtischen Ufergrenze die Beförderung wieder der Pferdebespannung überliefert wurde, welche an der Nordseite abgekoppelt worden war. Die Leute nannten sich Fähranzieher, was aber in der volkstümlichen Etymologie als von Voranziehen abgeleitet, verstanden ward. Ihnen war durch die Dampfschleppschiffahrt, die damals in ihren Ansängen stand, das Handwerk verdorben worden. Und auch das galt für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die im Namen der siegreichen Freiheit ausgerottet werden müsse. Die Fähranzieher brachten es durch Angriffe ans die Nemorqnenre wirklich so weit, daß Bambergers Erinnerungen, ^ 50 Drittes Kapitel. diese einige Tage lang ihren Dienst ausgeben mußten, und nun konnte man das erhebende Schauspiel mit ansehen, wie unter dem Jubel der Uferbevölkerung die Männer sich an die eroberten Schiffe anspannten, das Halfter über die Schulter gezogen, sie im Triumph den Rheiu entlang wieder aufwärts schleppten. Und dies geschah in einer Provinz, die seit einem halben Jahrhundert keine Spur von Zunftzwang mehr gekannt hatte, in der damals viel mehr Gewerbefreiheit herrschte, als hentigestags nach der Reichsgewerbeordnung. Natürlich konnte der Unsng ans die Länge nicht geduldet werden, und so wurde die neu gebildete Bürgerwehr aufgeboten, um, mit ihren eben empfangenen Flinten bewaffnet, die Ordnung wieder herzustellen. Der Tag gehört zu den unvergeßlichen in meinen Erinnerungen, weil ich hier, noch mehr als bei der Zerstörung der Eisenbahn, inne werden sollte, wie schwer der Kampf mit der wirtschaftlichen Unvernunft ist. Als ich ans Ufer kam, war der Konflikt gerade auf seinem Höhepunkt. Die Fähranzieher hatten sich wieder eines Schiffes bemächtigt, und da sie auf Zureden es nicht freigeben wollten, ward befohlen, sie auseinander zu treiben. Aber große Teile der Bürgerwehr waren dazu gar nicht zu haben. Als Zuschauer einer solchen Szene der Weigerung mischte ich mich selbst in das Gedränge nnd stellte einige der Mannschaft, behäbige Bürger, zur Rede. Wie erstannte ich, als ich von ihnen hörte, daß sie für die Anzugreifenden Partei nahmen und mir erklärten, die Leute hätten ganz recht. Und als der handgreifliche Widerstand endlich doch ohne Blutvergießen beseitigt war, gab es noch eine lange Fehde, bei welcher das Recht auf Schiffziehen seine beredten Verteidiger sand. Ein angesehener Kaufmann, den sein Geschäft in enger Verbindung mit der Schiffahrt hielt, erließ einen Aufruf an die Bürger von Mainz mit der Anrede „Brüder!", welcher mit den Worten begann: „Die heldenmütige Bürgerschaft von Mainz nnd der Umgebung hat wieder ihr altes Panier entfaltet, das Panier der Zivilisation, des Fortschritts, welches sie sonst weithin lenchten Journalist und Volksredner. 51 ließ." Und im Anschluß an diese Huldigung schlägt der Manu vor, von der Regierung zu verlangen, daß der Transit von Frachtgütern auf der Eisenbahn durch das hessische Gebiet untersagt werde, daß Schleppschiffe keine Güter an Mainz vorüberschleppen dürfen, daß die Rheinschiffahrt-Konvention gekündigt und der alte Zwang zum Umschlag der Güter (Stapelrecht) wieder hergestellt werde. „Dann", heißt es zum Schluß, „werde der neue Fürst mit jugendlichem Mute die Hand zum Wiederaufbau unseres Glückes bieten können." Bis auf den heutigen Tag lese ich selten eine schöne Rede für Schutzzölle oder Staffeltarife, ohue an jene heldenmütigen und fortschrittlichen Freiheitskämpfer zu denken, welche den Dampf- schleppern den Tod geschworen. ?Ius ya, ebg,nZs, plus o'sst 1a illöms obo8ö. Der Stamm der Schlewitzen hat sich ins Meer der Zeit verloren; die Kasteler Kutscher begehren nicht mehr nach Frankfurt zu fahren, aber die Grundsätze der einen wie der andern beherrschen die Mehrheit der Regierungen und der Parlamente in breiterem Maße als damals. Je schneller die Technik des Lebens voranschreitet, desto langsamer hinkt der Geist der Gesetzgebung nach. Während damals die Gärung der Zeit in solcher Weise trübe uud helle Fluteu durcheinander mischte, war der Moment herangekommen, in welchem der nationale Drang zur ersten improvisierten Gestaltung kommen sollte. Eine patriotische, aus einer Art von Notabeln in Heidelberg anfangs März zusammengetretene Versammlung hatte den Anstoß zum sogenannten Vorparlament gegeben, welches auf deu 31. März sich in Frankfurt a. Main versammeln sollte, gebildet aus Mitgliedern der bestehenden Kammern und anderen notorisch das öffentliche Vertrauen genießenden Männern. Ich begab mich nach Frankfurt, um selbst den Bericht für die Zeitung zu machen. Meine ersten Eindrücke legte ich in einem Bericht vom 30. März nieder. Sie waren im Anschluß an die bisherigen, von verstärkten Zweifeln im Hinblick auf dauernden Gewinn durchzogen. Alles, was ich sah und hörte, bestätigte mir, daß eine allzuleichte Bseriediguug über das oberflächlich Errungene eine Zukunft der Enttäuschung vorbereitete. 52 Drittes Kapitel. Hier sah ich zum ersten Male die Männer, welche in den nächstfolgenden Zeiten zu vergänglichem oder bleibendem Ruhm, zu Helden und zu Verfehmten volkstümlicher Ausbrüche werden sollten. Da waren vor allem die gefeierten Parlamentarier der badischen Kammer, der alte Jtzstein, ein scharf geschnittener Kopf, dessen von beiden Schläfen aufwärts zusammenstrebende, weiße Haare ihm das Ansehen eines ehrwürdigen, aber strengen Vaters aus einem Jsflandschen Stück gaben. Daneben Professor Welcker mit einem grimmigen Ausdruck in Mienen, Bewegungen und Sprache; der dicke Advokat Soirou, auf dessen breit hervorragender Weste eine dicke Uhrkette befriedigt hin und her pendelte. Dann Friedrich Hecker, ein blauäugiger Jünglingskopf mit schönem Haar nnd Bart, feurig und fröhlich in die Welt hineinschauend und provozierend. Strnve, unansehnlich und säuerlich wie eiu Vege- tarianer und Phrenologe, der er war. Robert Blnm, bei dessen Anblick man zweifeln konnte, ob er ein Brauer oder ein Zimmergeselle sei, vierschrötig, eckig, struppig, stumpfnasig, durch und durch derb, meist in Hemdärmeln, wie geschaffen, das idealisierte Proletariat zu repräsentieren, dabei nicht ohne eine gewisse autoritäre und imponierende Wirkung in seinem Auftreten. Franz Naveaux, der Kölner Karuevalspräsident, eiue stattliche Figur, deren Ganzes daran erinnerte, daß er, jetzt Weinhändler, einst uuter den Christinos in Spanien als Offizier seine Kriegszüge gemacht hatte, hoch aufgewachsen, kerzeugrade, kohlschwarz im Haar, mit eben solchem Schnurr- und Knebelbart. Darmstadt hatte vor allem seinen Gagern geschickt, damals eiu Idol, von dem man sich Unendliches versprach, äußerlich ganz dazu angethan, für einen großen Staatsmann zu gelteu, auf mittelgroßem Körper ein schönes feierliches Haupt mit stark gewölbten Brauen, einem gebieterischen Mund nnd feierlichem Organ. Die erste persönliche Bekanntschaft machte ich mit Jnlius Fröbel. Seine edle, wunderschöne männliche Erscheinung war mir an der 6'böts aufgefallen, und ich war durch sein zweibändiges Buch „Neue Politik," welches er uuter dem Namen Jnnius herausgegebeu, aus dem ich mit Eifer studiert hatte, gut auf ihn vorbereitet. Wir schloffen uns rasch au einander, obwohl er etwa zwanzig Jahre älter war als ich, entstand sehr bald ein Journalist und Volksredner. 53 kameradschaftliches Verhältnis unter uns. Gleich nach den ersten Tagen hatte ich übrigens ein komisches Erlebnis mit ihm. Mir war an verschiedenen öffentlichen Sammelplätzen eine weibliche Erscheinung von sonderbarem Zuschnitt aufgefallen, sehr jung, hellblond, kurz geschornes Haar, auffallend mager und einfach gekleidet, mit eiuem scharf geschnittenen Gesicht, weder hübsch noch häßlich, doch sehr unabhängig in die Welt hinaussehend. Nach mehrfach, doch immer nur aus einiger Distanz angestellter Beobachtung, kam mein Scharfsinn auf die Vermutung, daß ein Student sich den Spaß mache, als Mägdlein verkleidet umherzugehen. Ich sprach von meiner Vermutung mit Fröbel, als plötzlich auf der Galerie des Saales, in dem wir uns befanden, meine interessante Gestalt wieder auftauchte. — „Sehen Sie, da ist er" rnf ich hinzeigend Fröbeln zu. — „Ach, das ist ja meine Frau" war die Antwort. Eine schöne Bescherung, die übrigens unsere Freundschaft nicht störte. Der Frau, einer Züricherin, kam ich niemals nahe. Sie spielte damals in Fröbels Leben keine bedeutende Rolle nnv starb uach einigen Jahren. In Amerika heiratete er bekanntlich eine bayrische Gräfin Armansperg, die Wittwe eines badischen Flüchtlings, Florian Mördes, mit der er später nach Enropa zurückkehrte. Es war ein anregender Verkehr für mich; er hatte bereits eine Vergangenheit als Schriftsteller, Buchhändler und einigermaßen auch als Politiker hiuter sich, da er in Zürich, wo er als Buchhändler sich niedergelassen, sowohl mit den schweizerischen als mit den deutschen treibenden Geistern in Verbindung gestanden. Von Hause aus der Naturwissenschaft ergeben, hatte er seinen Sinn vorzugsweise auf Geographie und Ethnologie gerichtet. Er war in der Politik Republikaner, aber kein Formalist, vielmehr ein beweglicher Geist, der mit Leichtigkeit umfassende Pläne entwarf, Zukunftsgestaltungen konstruierte und bei einer sehr elastischen, reichen Phantasie prädestiniert war, in seinem künftigen Lebensgang noch mancherlei Wandlungen durchzumachen. Auch als diese gauz in Widerspruch zu seiner Vergangenheit waren und zur direkten Anfeindung gegen mich ausarteten, habe ich ihm nie ernstlich böse sein können, weil ich ihn als von der Natur zu solchen Wechselbildungen geschaffen, ansah und wußte, wie leicht er sich guten Gewissens in sie hinein- 54 Drittes Kapitel. dachte. Auch haben wir uns, etliche Jahre nachdem wir aus- und aneinander gekommen waren, wieder zusammengefunden. Ich werde seiner noch öfter im Fortgang meiner Erlebnisse zu gedenken haben. Diese Tage des Vorparlamentes sollten mich auch zum erstenmale in meinem Leben zu einem rednerischen Anlanf treiben. Gerade am Abend vor der Eröffnung, also am 30. März, hatten sich die verschiedenen politischen Gruppen ein Stelldichein in verschiedenen Wirtschaften gegeben; die demokratische Schattierung traf sich in dem recht großen Saale eines Lokales, welches „zum Wolsseck" hieß. Hier war eine schwarzrotgolden kolorierte Rednerbühne aufgeschlagen. Die neuen Größen traten auf, besonders Raveaux und Robert Blum; sehr entschieden, aber für meinen Geschmack doch noch viel zu vertrauensvoll. Ich war nicht entfernt mit der Absicht gekommen, in die Verhandlungen einzugreifen. Es verbot sich eigentlich von selbst, da ich in diesem Kreise gänzlich unbekannt war. Aber bei einigen vertrauens- seligen Sätzen der Redner packte mich mit einemmale der Geist des Widerspruchs, und ehe ich mich dessen besann, stand ich oben auf der Tribüne. Was ich sagte, weiß ich nicht mehr, aber heftig war es gewiß und erregte dadurch die Aufmerksamkeit der Versammlung. Mich selbst überkam bei der gänzlichen Ungewohntheit öffentlichen Auftretens und der Glut meiner Ueberzeugung ein Gefühl, das ich einem brennenden Schmerz vergleichen möchte, der durch den ganzen Körper znckte. Als ich von der Rednerbühne herab kam, sah mich ein guter Bekannter aus Mainz, der dicht davor gestanden hatte, erstaunt an. „Ach, du bist's!" rief er aus, „ich hatte dich gar nicht erkannt." So heftig hatte die Erregung und Anstrengnng meine Züge verändert. Als etliche der Anwesenden folgenden Tags nach Mainz kamen, ward in meinem väterlichen Hause berichtet, ich hätte am selbigen Abend im Wolsseck zu Frankfurt vorgeschlagen, daß „geteilt" werden solle. So erging es mir bei meiner ersten öffentlichen Rede. Noch ein zweitesmal, bald daraus, erlebte ich ähnliches. Ueber gewisse Punkte, während der Verhandlungen des Vorparlamentes selbst, war es zu so heftigem Gegensatz zwischen der Journalist und VolkSredner. 55 äußersten Linken nnd den übrigen Parteien gekommen, daß jene beschloß, den Saal der Panlskirche zu verlassen. Als Reporter blieb ich zurück, um nach Schlnß der Sitzung den Abgetretenen zu berichten. In dem Gasthof, wo die Gesellschaft zu Tisch saß, bestieg ich einen Stuhl. Ich erinnere mich, daß ich vor Aufregung am ganzen Körper bebte, während ich sprach. Gleiches begegnete mir nicht mehr. Ich glaube sogar, daß ich gerade in der nächsten Folgezeit, in diesem bewegten Jahr, mit mehr Unbefangenheit ans Reden ging, als jemals später. Ueber die Kaltblütigkeit beim öffentlichen Auftreten ließe sich viel fagen. Ich will hier nur soviel einschalten, daß meines Trachtens, d. h. meiner Beobachtung an mir und an andern zufolge, wohl schwerlich ein Mensch sich rühmen kann, von jeder Nervenerregung frei zu bleiben, nicht sowohl während er öffentlich spricht, als unmittelbar vorher. Und ich glaube sogar, daß, je mehr und je inhaltreicheres einer zu sagen hat, desto mehr ist er jener Erregung ausgesetzt. Gewohnheitsredner, welche so oft als möglich das Wort ergreifen, bewegen sich meistens in Gemeinplätzen, und es stießt ihnen natürlich leicht und ruhig von der Zunge herunter. Wo aber das Reden mit intensiver Gedankenarbeit verbunden ist, wo das Gehirn in erhöhte Thätigkeit versetzt wird, nnd zwar, wo, wie in den meisten Fällen, auch eine Empfindung mitspricht, also auch das Herz in rascheren Gang kommt, wird beinahe immer ein körperlicher Zustand eintreten, der sich nnd zwar in nicht wohlthätiger Weise vom normalen unterscheidet. Wenn man nach der Art, wie es neuerdings bei gewissen Zeitungsredaktionen Mode geworden ist, einen Fragebogen an die bekannten Redner verschiedener Länder herumgehen ließe, um von ihnen auf Grund ihrer an sich gemachten Erfahrungen Geständnisse zu erzielen, würden wohl die ehrlichen alle dies zugeben. Es giebt ja verschiedene Grade und Haltungen aus diesem vielgestaltigen Gebiete. Ein anderes ist, ob man mit einer vorbereiteten Rede ans dem Platz erscheint, oder erst, durch die Gelegenheit herausgefordert, während andere sprechen, seine Gedanken znrecht legt, Im einen wie im andern Fall bleibt man 56 Drittes Kapitel. nicht frei von dem, was der Schauspieler das Lampenfieber nennt. Hat man Zeit gehabt, sich vorzubereiten, so arbeitet unwillkürlich bis zur Aussprache das Gehirn daran, das einmal Erfaßte festzuhalten, und zu diesem Festhalten gesellt sich unvermeidlich das Anschießen neuer, angezweigter Gedanken. Es ist ein den Parlamentariern bekannter widerwärtiger Zustand, lange mit einer fertigen Rede im Leibe herum zu gehen. Ist man z. B. von Ansang an bestimmt, bei eiuer Debatte mitzuwirken, und bringt einen der Gang der Verhandlungen dazu, daß man erst am dritten oder vierten Tag, oder auch nur in der fünften oder sechsten Stunde zum Wort kommt, so gerät man in eine aus Gespanntheit und Zerreibung gemischte Geistesverfassung, die auch das Körperliche Gesamtgefühl unangenehm ergreift. Die glücklichsten,' beneideten Redner sind die, welche bei Verhaudlungeu möglichst früh daran kommen. Sie Md nicht immer die wirksamsten. Selbst wenn einer zu Beginn einer Debatte eine recht gnte Rede gehalten hat, ist der Eindruck in der späteren Entwicklung oft verwischt und durch die Widerlegungen, die ihm der Reihe nach zu teil geworden, abgeschwächt. Aber immerhin, er ist die Last, die ihm auf Kopf, und ich möchte sagen, auf dem Magen lag, los gewordenen»!) fühlt sich erleichtert. Zum Schlimmsten gehört, wenn man mit einer großen Rede im Bauche nicht nur lange hinausgeschoben worden, sondern wenn während der darüber hingehenden Verhandlungen eine Menge von neuen auftauchenden Gesichtspunkten in den vorgefaßten Redeplan mit hineinverwoben werden müssen. Diese Notwendigkeit, in den eigenen Denkzettel immer wieder andre Fäden noch mit einschlagen zu müssen, gehört zu den schwierigsten Ausgaben ^ des Debaters. Mittelmäßige Redner machen sich meist die Sache leicht, indem sie solche unbequemen Zugaben ignorieren und ihr eigenes Gespinnst, unbekümmert um alles andere, abwickeln. Es ist ein ungeheurer Vorteil, deu die Geschäftsordnung des deutschen Parlaments den Regierungsvertretern gegeben hat, daß sie jeder Zeit das Wort nehmen können. Dadurch sind sie von der Notwendigkeit befreit, ganze Reihen von Gegenbemerkungen sich aufhäufen zu lassen; sie können jeden Redner sofort in Angriff nehmen und ihr Gehirn entlasten. In der Kunst, eine Menge von Punkten zusammenkommen zu Journalist und Volksredner. 57 lassen und dann in einem Fluß abzufertigen, war Windthorst, der sich wegen seiner schlechten Augen keinerlei schriftliche Notiz machen konnte, der größte Meister. Er konnte, erst gegen Ende einer Debatte das Wort nehmend, alle darin vorgebrachten Hauptargumente der Reihe nach abwickeln, ohne sich auch uur der kleinsten Nachhilfe zu bedienen. Das habe ich nicht einmal an Bis- marck, an Bennigsen oder an Eugen Richter konstatieren können, obgleich es dieseu drei an allen nötigen Eigenschaften nicht gebricht. Wahrscheinlich hatte die durch die mangelhafte Sehkraft dazu nötigende Selbsterziehung des Gedächtnisses hierzu beigetragen. Auch von dem bedeutenden Rechtsgelehrten, Obertribunalrat Planck, der total erblindet ist, erzählen seine Kollegen aus der Kommission für das bürgerliche Gesetz ähnliches. Bei Windthorst kam die Kaltblütigkeit der Niedersachsen, das Alter und die hohe unangefochtene Stellung hinzu. Doch habe ich ihn auch, allerdings in seltenen Fällen, namentlich wenn er Gegenstand eines persönlichen Angriffs gewesen, mit erhöhter Temperatur reden hören, bis zu leibhaftigen Zornesausbrücheu. Seine starke Seite waren die Schlußreden, wenn die Wogen lange hin- und hergegangen waren; das Auditorium wußte, die Debatte könne nicht zu Ende kommen, ohne daß er sein Teil dazu gegeben, und wenn er nun, äußerst laugsamen, gemessenen Schrittes von seinem Platz, gesenkten Hanptes, nach der oberen Stufe der zur Rednerbühne führenden Treppe hinaufschritt, ebenso langsam da, am Fuße, nicht auf der Rednerbühne selbst, Stellung nahm, die Hand auf irgend einen Stützpunkt lehnte, noch eine Pause machte, uud immer vor sich hiu zur Erde niederschauend, nicht zum Auditorium gewaudt, ließ er jetzt die Spoudeen seiner Prosa tropfenweise von den Lippen fallen. Manchmal stimmte der Inhalt der Sätze gar nicht zu der schwerwiegenden Bedeutsamkeit des Vortrags; ja, nicht selten mußte der feierliche Ton die Gemeinplätzlichkeit des Gedankens durchschleppen; aber die Genauigkeit, mit der er reiu aus dem Gedächtnis heraus ganze Bündel von Bruchstücken aus andren Reden wieder hervorholte, war immer Gegenstand meines Erstaunens. ZWir andern hatten sür solches Bedürfnis, wenn auch nur zu unserer Beruhigung, ein Notizblättchen zur Hand. An diese Gedächtnisstärke reihte sich bei Windthorst sehr günstig die Jmprovisations- 58 Drittes Kapitel. kraft guter Einfälle bei Unterbrechungen an, die ihm stets willkommen waren. Er hörte eben so fein, wie er schlecht sah, und die leiseste Zwischenbemerkung ward von ihm ausgegriffen, wenn sie ihm dienen konnte. Er sagte mir einmal, er gehe nicht auf die Rednerbühne, weil er da zu hoch stehe, um mit dem Gehör unterscheiden zu können, in welchen Schwingungen die Versammlung sich beim Gange seiner Rede bewege. Von allen, die ich lange Jahre hindurch zu meinem Privatstudium über dies interessante Kapitel parlamentarischer Psychologie beobachten konnte, war er derjenige, dem man es am wenigsten am Ausdruck des Gesichts ansehen konnte, wenn er eine Rede halten wollte. An Bismarcks Mienenspiel z. B. konnte man das lange voraus deutlich erkennen, uud ich wüßte auch sonst keinen zweiten zu nennen, der es ganz zu verbergen imstande gewesen wäre. Dies Vorstadium nämlich, nicht das Reden selbst, ist der kritische Zeitabschnitt. Hat man erst einmal angefangen zu sprechen, so ist das Unangenehme überwunden. So wie man einmal ansängt, den Zapfen auszustoßen und die Gedanken hinausfließen zu lassen, kommt ein Gefühl der Erleichterung über einen, vorausgesetzt, daß man nicht auf Unachtsamkeit stößt, die viel tödlicher wirkt als Widerspruch. Nachdem ich die beiden erstenmale, wie geschildert, von heftiger Erregung durch und durch gerüttelt worden war, habe ich gleiches später nicht mehr erlitten —, immer unter dem Vorbehalt, daß ohne ein gewisses Maß von beschleunigter Blutbewegung es bei irgendwie ernsten rednerischen Anläufen nicht abgeht, besonders auf parlamentarischem Boden. Mit diesem ist kein anderes Feld zu vergleichen. Ich habe vor Gericht in eigener Sache plädiert, in feindselig gestimmten, tnmultuarischen Volksversammlungen gestritten, lehrhafte Vorträge gehalten — aber uicht zu vergleichen mit den Klippen und Untiefen des parlamentarischen Meeres. Wenn man so bei der bloßen Umschau gewahr wird, wie etliche hundert feindliche oder mißtrauische Zuhörer auf den kleinsten Mißgriff lauern, um sich draufzustürzeu, wie jeder unliebsame Zwischenfall sofort unrettbar der breitesten Oeffentlichkeit überliefert weiter läuft, wenn man aus der eigenen Erfahrung an sich und an anderen gelernt hat, wie schwer es ist, gerade stärkere Effekte zu Journalist und Volksredner, 59 erzielen, ohne in eine ungeahnte Falle zu treten, dann fühlt man ein Gebot, sich während des Sprechens zu einer Aufmerksamkeit aus Vermeidung solcher Fehler zn konzentrieren, welche mit dem Drang des lebhaft pochenden Mitteilungsbedürfnisses sich in gleichem Tempo zu bewege» hat. Das ist für den Redner, welchem das Gelingen nicht gleichgültig ist, und der die Tücken des Geschäftes kennt, die schwierige Kombination zweier ganz entgegengesetzter Bewegungen. Redner extremer Parteien haben darin einen Vorteil. Das Heftige hat au sich schon eine Plastik, die für starke Wirkuug sorgt, uud die Gewißheit, Anstoß und Widerspruch zu erregen, giebt im voraus einen Pauzer gegen alle Anfechtungen. Man erzählt, daß die alten Soldaten die Gefahren des Krieges mit der Zeit immer mehr scheuen, weil sie sie immer mehr kennen lernen. Etwas ähnliches mag alten Parlamentariern begegnen. Wenigstens entspricht das meiner Selbstbeobachtung. Ich kann sagen, daß ich zu keiner Zeit, weder im Ansang noch später ein schüchterner oder verlegner Redner gewesen bin, ich bin auch nie aus dem Konzept gekommen; aber in den Ansängen meiner oratorischen Praxis, während des ganzen Jahres 1848 und in dem ersten Abschnitt der mit 1863 beginnenden Periode bin ich doch viel dreister und unbefangener mit dem öffentlichen Wort draus los gegangen als später. Bei der Eroberung fremder Sprachen kann man etwas Analoges an sich erleben. So lange man in die Feinheiten nicht eingedrungen ist, geht es flott vorwärts. Ist man aber einmal tief eingedrungen, so kennt man die Menge der Fehler, die zu vermeiden sind, und stürmt weniger voran. So auch lernen ungebildete Menschen, wenn sie sich im fremden Lande aushalten, dessen Sprache schneller und sicherer parlieren als Gebildete. In allen schwierigen Aufgaben besteht die richtige Lösung des Problems darin, das erforderliche Maß von Selbstvertrauen mit dem erforderlichen Maß von Selbstkontrolle und Selbstkritik zu paaren. Jeder Mensch hat seine eigne Art, sich zu waschen; so auch jeder eine andere, seine Reden vorzubereiten. Mir ist es nie gelungen, eine im voraus schriftlich auszuarbeiten, obwohl ich es einigemale bei wichtigen Anlässen ernstlich versucht hatte, weil 60 Drittes Knpitel. ich nichts dem Zufall, der Improvisation überlassen wollte. Es ging eben einfach nicht, nach den ersten Sätzen versagte mir die Geduld, an der es mir sonst nicht fehlte. Ich habe mich daher ausnahmslos begnügt, wenn überhaupt die Umstände Vorbereitung geboten, einen Gedankengang in ganz knappen Stichworten zu entwerfen, bald sorgfältiger, bald sorgloser, je nach der Wichtigkeit des Anlasses und des Auditoriums. Meine Methode der Vorbereitung war von Anfang meiner Praxis bis znm Ende die folgende. Ich legte ein Blatt vor mich hin und warf ohne Besinnen alle Gedanken, Daten, Einfälle, die sich auf mein Thema bezogen aufs Papier in buuter Reihe nieder. Hatte ich eine geraume Zeit damit verbracht uud das Gefühl, daß ich allen zur Sache gehörigen Vorrat ans dem Gehirn oder aus deu Hilfsquellen herausgezogen, so fing ich au, Ordnung in den Haufen zu bringen. Ich gab mir zunächst von ungefähr Rechenschaft von der Reihenfolge, in welcher die Hauptgesichts- punkte auseinander zu entwickeln seien, nnd gab jedem Gesichtspunkt eine Nnmmer. Mit diesem Schema im Kopf nummerierte ich dann die betreffenden Stellen, nnd danach stellte ich alle unter die Rubrik derselben Ziffer gehörenden Notizen zu einander. Damit war das Skelett der Rede in der Hauptsache ausgebaut. Besondere Aufmerksamkeit ward hierauf den Eingangs- und den Schlußworte» gewidmet. Beide sind für den Erfolg besonders wichtig; der Schluß noch mehr als der Eingang. Es ist möglich, ganz unbedeutend anzufangen und doch Glück zu haben. Aber eiu unbedeutender Schluß ist immer ein Unglück. Eine andere mit dem Schluß verbundene Gefahr besteht darin, daß er zu wiederholten Malen kommt. Es giebt viele Redner, welche die leidige Gewohnheit haben, nicht mit dem Schluß schließen zu können. Der Hörer glanbt an einer gewissen Stelle, nach Form und Inhalt, auch nach dem Tonfall des Vortrages, am Ende dieses Satzes werde der Redner sich triumphierend niedersetzen. Aber bewahre! Der Redner nimmt nun einen neuen Anlauf, um wieder einen Schluß, der es doch nicht ist, an dessen Ende zu setzen. Ich könnte aus dem deutschen Reichstag ein paar Redner nennen, die mich, so oft sie sprachen, durch diese Gewohnheit, die ihnen selbst am meisten schadete, znr Verzweiflung brachten. Sie Journalist und Volksredner, 61 waren wie Leute, die nicht fortgehen können nnd immer wieder anfangen, wenn sie schon an der Thüre stehen und adieu gesagt haben. Ein Schluß darf auch nicht zu abrupt hereinfallen, sonst kann er bei aller Trefflichkeit seinen Effekt verfehlen. Der Hörer muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß jetzt das Ende kommt, die Konklusion, die Moral oder die Beschwörung. Der Hörer darf nicht, erst nachdem der Redner sich gesetzt hat, entdecken, daß ihm eben der Haupteindruck hätte gemacht werden sollen. Das kommt auch vor und ist höchst fatal. Aber es ist nicht so ermüdend und widerwärtig wie das Aneinanderreihen von einem halben Dutzend Schlußperioden, an deren letztem Ende der Hörer sich sagt, aber erst, wenn er den Redner hat untertauchen sehen: So, jetzt scheint er fertig zn sein! Ouk! Ein guter Schluß will in weder zu langer noch zu knrzer Vorbereitung herbeigeführt sein. Ton und Inhalt müssen zusammenwirken, um anzukündigen, daß er jetzt herankommt, und dann muß er auch ohne zu lange Spannung und Ermüdung alsbald eintreten. Bei einiger taktvoller Begabung macht sich das meiste davou von selbst. Was ich hier sage, ist mehr das Ergebnis rückschanender Beobachtung als vorbedachter Anwenduug. Hier, wie in alleu Diugen heißt es: praetiea sst inultiplsx. Nur keine Pedanterie! Jeder Fall will die Regel anf seine besondere Art angewendet haben, und die unreslektierte Reflexion des Verständigen uud Wissenden behält die letzte Entscheidung in der Hand. Für Einleitung und Schluß suchte ich mir nach Möglichkeit auch, gauz gegen alle sonstige Gewöhnung, den Wortlaut, wenn auch nicht schriftlich, doch im Kopfe im voraus zu fixieren. Nur zum Teil deshalb, weil der Gang der Rede hier besonderen Anspruch auf Schmuck zu machen hat; mehr noch aus subjektivem Grunde. Es ist wichtig, im Moment, wo man zum Wort gelangt, möglichst ruhig zu sein. Weiß man also schon ganz genau vorher, was und wie man das erste zu sagen hat, so trägt das zur Kaltblütigkeit wesentlich bei. Und hat man einmal kaltblütig angefangen, so ist schon ein großes Stück gewonnen. Etwas Ähnliches hat es mit dem Schluß auf sich. Ich spreche hier immer von einer längeren Rede, von einer, die mehr als eine 62 Drittes Kapitel. halbe Stunde dauert. Gegen Ende der ersten Stunde wird man warm, innerlich und äußerlich. Die Parlamentssäle und gar die oft niedrigen Tanzsäle der ländlichen Volksversammlungen, mit Menschen angepfropft, erzengen eine böse Temperatur. Ich bin bei Bergbesteigungen selten in so starke Transpiration gekommen wie bei mehrstündigen Reden. Da nun der Schluß so wichtig ist, so entspricht es der oratorischen Vorsicht, möglichst wenig dabei der spontanen Produktion eines überheizten Gehirns und ermüdeten Körpers zu überlassen. Man muß mit Sicherheit in ihn hinübergleiten können, statt ihn mit der letzten Kraft zn improvisieren, mit Behagen die Hand nach dem festgelegten Vorrat ausstrecken und sein Panier aufpflanzen. Allerhand Zwischenfälle können dieser Vorbereitung Hindernisse in den Weg legen, aber mit ein bischen Gewandtheit läßt sich das leicht wieder einrenken. Es wird selbst einem geübten Redner bei einem langen Vortrag äußerst selten gelingen, daß er von dem, was er sich im voraus eingeprägt, nicht eines oder das andere vergäße. Solche Rester finden sich meistens, wenn man hinterher seinen Denkzettel nachliest. Manchmal überspringt man auch absichtlich einen Gedanken, der in die Reihenfolge eingestellt war. Denn erst der Moment entscheidet über die Opportunist. Es giebt Einfälle, die, vorans gedacht, sehr glücklich erscheinen in dem Momente der Konzeption, und die einen Mißton hervorrufen würden, wenn man sie im entscheidenden Augenblick anbrächte. Ein geübter Redner wird sich immer mit einigen Pointen versehen, um von Zeit zu Zeit Leben in seinen Vortrag zu bringen, aber er darf sich nicht verführen lassen, damit herauszukommen, wenn die Stimmung nicht dazu paßt, z. B. mit einem Witz, wenn sich Ernst über die Gesellschaft gelagert hat, oder umgekehrt. Ein solcher Verzicht ist auch kein großes Opfer. Was man einmal nicht verbraucht, kann ein andermal dienen. Ein guter Witz ist ein gern gesehener Gast. Aber witzige Reden zn halten, wird für den Redner auf die Länge verderblich. Es setzt ihn, trotzdem man seine Fähigkeit anerkennt und sich daran ergötzt, um einen Grad herunter. Der Mensch, besonders der in Massen uud ganz besonders der deutsche Mensch, will ernst genommen sein. In den Jahren nach 1866, wo ich, bei eben so viel Lust und Frische, wie im Jahre 1848, Journalist und Volksredner. 63 eine größere Sorgfalt auf meine populären Reden verwandte, als ehemals, hatte ich eine Zeitlang die Neigung, die scherzhaften Pointen, namentlich in Volksversammlungen auf dem Lande, zu häufen. Der gescheiteste unter meinen Anhängern, der in jenen Jahren mit unübertroffener Virtuosität die Bewegung in meinem Wahlkreise leitete, erwies mir damals den Dienst, mich vor dieser Neigung zu warnen. Jedesmal, ehe ich auf die Rednerbühne ging, raunte er mir in die Ohren: „Nur nicht zu viel Witze!" Ich ließ mir's gesagt seiu uud befand mich wohl dabei. Für populäre politische Reden, namentlich für Wahlreden, gilt meiner Erfahrung nach als Hauptregel, und das möchte ich als Rezept den Lernbegierigen empfehlen: nnr nicht zu sehr ins Detail der Dinge eindringen. Wer breite, genaue Sachlichkeit in Volksversammlungen auseinanderrollt, wird schwerlich Glück machen. Hier gilt es zu elektrisieren, und man elektrisiert nur mit allgemeinen Gedanken, die auch an das Gefühl appellieren. Ein französischer Republikaner sagte eiumal zu mir: „In meinen Kandidatenreden wüte ich, wenn ich vor Bauern stehe, noch immer gegen den Zehnten, welchen vor hundert Jahren der Adel und die Kirche erhoben, uud warne vor deren Wiederkehr. Das wirkt noch immer." Grade was in Wahlversammlungen zündet, erkältet in den parlamentarischen. Wenigstens in Deutschland, wo das vorherrschende norddeutsche Element kritisch kalt ist. Unvergeßlich ist mir der peinliche Eindruck, den einer der bravsten und begabtesten süddeutschen Demokraten, ein alter Achtundvierziger, bei seiner ersten Rede im Reichstage machte, als er Robert Blums Mahnruf an „Das brechende Auge der sterbenden Freiheit" aus dem Grabe der Paulskirche heraufbeschwor. Manchmal allerdings verstieg sich auch ein echter Pommer, Kleist-Retzow, auf die oberen Sprossen der pathetischen Leiter hinauf; aber das natürliche Fener des jugendlich ungestümen Greises erzwäng sich eine Art physiologischer Bewunderung, nicht zu vergessen, daß er ein Junker war und somit gerade die Koterie der kühlsten Spötter auf seiner Seite uud darum zu andächtigen Hörern hatte. Wer sachlich interessantes, möglichst neues Material einfach vorträgt, ist sicher, das Ohr des Hauses zu habeu, besonders wenn man ihm anmerkt, daß er aus dem Leben, selbst gesammeltes Drittes Kapitel. Wissen schöpft, nicht erst eben entliehenes anbringt. Ich habe es mehrmals mit Genuß erlebt, wie die ganze Versammlung an den Lippen des Sozialdemokraten Schwartz hing, wenn er, ehedem Schissskoch, aus seinen Erfahrungen auf der hohen See Belehrendes vortrug; überhaupt eine prächtige Figur, mit seinem breiten Schädel, breitem Brustkasten und breitem Fritz Reuter- schen Dialekt, die zu dem Eindruck zusammenwirkten, daß er selbst alles glaubte, was er sagte, eine Hanptbedingnng, um Andacht zu erzielen. Aber wer solche treffliche Mitteilungen machen will, der hüte sich vor allem, viel abzulesen. Nichts ist tödlicher als das. Nach mehr als ein paar Zeilen fällt das Auditorium ab. Es ist sehr merkwürdig, wie ein an den lebendigen, mehr oder weniger improvisierten Vortrag gewöhntes Auditorium der Zumutung, sich etwas vorlesen zu lassen, widerstrebt. Selbst wenn man überraschende Zahlen vorzutragen hat, solche z. B., die eine vorher von einem Gegner aufgestellte Behauptung in schlagender Weise aä Äbsui-clum führen, mnß man so sparsam wie möglich mit dem Lesen umgehen, wenn irgend thnnlich sich die Ziffern ins Gedächtniß prägen, um sie frei vorzutragen, oder das Ganze in Portionen verteilen, die von lebendigen Redeteilen unterbrochen werden. Andererseits jedoch wirkt wieder einMrzes Zitat, wo es sich um Konstatiernng eines Wortlauts handelt, gelesen sogar besser als gesprochen. Das Blatt oder das Buch in der Hand des Redners giebt dem Vorgang die Gestalt einer authentischen Beglaubigung. Ein solches Vorlesen einer kurzen prägnanten Rede kann den Gegner kräftiger vernichten als ein noch so genaues freies Vortragen. Einer der schlechtesten Dienste, die sich ein Redner leisten kann, besteht darin, daß er znr Unterstützung des Gesagten irgend welche sinnlichen Gegenstände, Bilder, Muster, Instrumente und dergl. auf „den Tisch des Hauses" niederlegt. Das Begaffen und Begucken hat nun einmal einen solchen Reiz für die Menschen, daß er sie sofort heranzieht. Und wären es auch nur einige Röllchen Garn oder Düten Mehl: so wie sie erscheinen, sammeln sich Grnppen um den Tisch, hören nicht zu, und schieben sich zwischen den Redner und den Rest seines Publikums. Das Beschauen ist soviel verführerischer als das Verstehen; das ist das Journalist und Volksredner. 65 Geheimniß der illustrierten Litteratur und ihres geschäftlichen Erfolges. Ich habe immer meinen Freunden geraten: wenn Ihr etwas auf den Tisch des Hauses niederzulegen habt, wartet bis Ihr mit Eurer Rede zu Ende seid. Wenn dann uach Euch einer von der andern Seite dran kommt, hat er gegen die Zerstreutheit der Beschauenden anzukämpfen. Das sind so etliche von den Erfahrungen, die ich mir im Laufe der Jahre aus der Beobachtung an mir selbst und an anderen gesammelt habe. Sie greisen hier dem Gang der Dinge vor, aber da ich keine Schlachten und keine Romane zu erzählen habe, so kommt ja nichts daranf an, ob ich früher oder später erzähle, was zur Aussprache einigermaßen geeignet scheint. Ich bin auf das Thema gekommen, als ich meiner ersten im heftigen Affekt vollbrachten rednerischen Ausbrüche Erwähnung that. Von Methode war damals so wenig dabei wie von Vorbereitung. Während des ersten Abschnittes meines öffentlichen Auftretens in den Jahren Acht- und Neunundvierzig habe ich mir wohl nicht ein einziges mal eine schriftliche Notiz über das gemacht, was ich sagen wollte. Und doch habe ich wohl in keinem Zeitraum so viel kurze und lange Reden gehalten wie damals. Aber ich war so voll von meiner Sache, so unbesorgt wegen des äußerlichen Gelingens, auch so fern von der Ueberlegung, daß es hier Knnst zu verwenden gäbe, so von der eilenden und drängenden Zeit hingerissen, daß immer nur der Augenblick den Anstoß gab, und dann auch Inhalt und Form lieferte. Es war eine sonderbare Verbindung zweier Gegensätze: ein überaus entzündliches Temperament und ein scharf kritisches Verhalten. Beides vereint sollte mir auch zu dem ersten großen Erfolg den Weg bahnen und für meine ganze Zukunft entscheidend werden. Stadt und Land wimmelten Ende März von Komitees, von Versammlungen, von Proklamationen, Aufrufen und allem, was sonst zu einer plötzlichen Eruption friedlichen Thatendranges gehört. Im Anfang machte sich alles lustig. Aber bald nahmen die Dinge eine etwas philisterhafte Wendung. Ich fing an, mit dem in Mainz improvisierten Bürgerkomitee unzufrieden zu sein, namentlich weil es gegen den Unfug der Bambergers Erinnerungen. 66 Drittes Kapitel. Eisenbahnzerstörung zu schüchtern und weil es bei dem Empfang des Mitregeuten für meinen Geschmack zu loyalitätseifrig aufgetreten war. Ich schrieb einen Leitartikel unter der Ueberschrist „Aufregendes". Das Bürgerkomitee antwortete; ich replizierte und verlangte, daß eine Volksversammlung einberufen werde, um das Komitee neu zu wählen und sich über die streitigen Punkte auszusprechen. In den letzten Tagen war ich mit meinem Namen in die Oesfentlichkeit aus der bisherigen Anonymität der Zeitung heraus- getreteu. Als Redakteur hatte bis dahiu nur Karl Bölsche figuriert. Vom 4. April an erschien mein Name mit dem seinigen vereint als für die Redaktion verantwortlich. Die Zeiten waren damals so unschuldig, daß man keinen Anstand nahm, zwei wirkliche Redakteure der Rache des Gesetzes anzubieten, wo man später sich einen Strohmann zum Sitzen suchte. So hatte der Konflikt mit dem Komitee eine persönliche Spitze bekommen, da man wußte, daß die scharfen Artikel von mir herrührten, aber im übrigen war von meiner Person noch nichts wahrnehmbar geworden. Mein Verlangen, eine große Versammlung einzuberufen, wurde jedoch beherzigt. Es handelte sich damals zugleich um die Vorbereitung der Wahlen zum Parlament, zur deutschen Nationalversammlung, die vom Vorparlament beschlossen und vom Bundestag ratifiziert worden war. Die Art der Wahl war damals den einzelnen Landesregierungen anheim gestellt nnd eine der heftigst umstrittenen Fragen war die, ob das Volk seine Vertreter direkt oder indirekt durch Wahlmänner ernennen solle. Die ganze liberale Partei unserer Gegend, bis in die Reihen der Gemäßigten hinein, war für direkte Wahlen, die aber später nicht durch drangen. Ans Sonntag den 16. April Nachmittags wurde also vom Bürgerkomitee eine große Volksversammlung einberufen, und zwar in den Hof des ehemalige» kurfürstlichen Schlosses. Die Lokalität war vortrefflich für die Sache geeignet. Der Hof ist geräumig und faßt leicht viele Tausende. Dabei ist er von allen Seiten von mehr oder minder hohen Mauern umgeben nnd gepflastert, so daß für einen guten Widerhall des Wortes gesorgt ist. Die Journalist und Volksredner. 67 Jnnenräume des Schlosses dienten damals teils zur Lagerung von unverzollten Waren, teils zu Diensträumen des Zollamtes. In der Mitte des Hofes war eine sehr hohe Rednerbühne ausgeschlagen. Den Verlaus der Sache kann ich nicht besser schildern, als iudem ich den Bericht wiedergebe, den ich selbst darüber in die „Mainzer Zeitung" als Leitartikel setzte. Er trng die Überschrift: „Eine republikanische Volksversammlung in Maiuz^). Wir haben hente eine Kunde mitzuteilen, welche Frende und Erhebung im ganzen freigesinnten Deutschland hervorrufen wird. In Mainz, der Buiidesfestuug Mainz, der Stadt, welche den Uebergangspuukt vom Süden zum Norden Westdeutschlands bildet, hat die Freiheit, hat — sagen wir es kurz — die republikanische Gesinnung Boden gefaßt, einen festen, großen Boden, von dem sie nicht mehr zu vertreiben sein wird. Die Entfaltung des gestrige» Tages ist so wichtig, daß wir zu dessen besserem Verständnis für auswärtige Leser, wie zur gründlicheren Auffassung für unsere Mitbürger, etwas auf die vorhergehenden Wochen zurückgehen müssen. Die kecke, entschiedene Stimmung der ersten Märztage schieu verraucht, die Zerrüttung der Geschäfte, die Uuentfchiedenheit der Lage Deutschlands hatte verstimmt, Straßenexzesse, die aller- diugs eine etwas plumpe Auffassung der Zeiten durchschauen ließen, hatten mich bei vielen Guteu Zweifel iu die Aufklärung und die Ordnungsliebe eines Teils des Volkes hervorgernfen. Die Freigesinnten wnrden stiller uud die Unglückspropheten lauter. Die vorherrschende Gesinnung war das Produkt beider Elemente, war mittelmäßig und die Mittelmäßigkeit führte das Wort. So kamen die Tage von Frankfurt herbei: da scholl es auf einmal nach Mainz zurück, Zitz habe sich entschieden der republikanischen Partei angeschlossen, nnd gleichzeitig kamen andächtige Zuhörer aus dem Vorparlamente znrück, welche die klugen Reden der Vertrauenspartei gierig verschlungen hatten. Sie klangen so beruhigend, so unbestimmt, so bescheiden; nichts wurde verlangt als Begeisterung für Einheit uud Inkompetenz; da war eine beqneme Freisinnigkeit von einer alten und reuommierten Firma gratis zu haben. Und anf der anderen Seite, Leute, die offen von der Republik sprachen, die eine radikale Veränderung der Dinge ver- *) In die Sammlung der Leitartikel jener Zeit, die ich nnter dem Titel „Flitterwochen der Preßfreiheit" herausgab, und deren eine Anzahl im Band III meiner gesammelten Schriften sich befindet, hat obiger nicht Ausnahme gefunden. 5» Drittes Kapitel. langten, Leute, welche die Sachen besser verstehen wollten, als Welcker und Bassermann, Leute endlich, die nicht bloß schrieen, als sie voraus wußten, daß es nichts helfen würde, sondern — es ist schauerlich zu hören — die sogar schrieen, als sie erwarten konnten, durchzudringeu. Schrecken und Unwille, unter allen Toastbringern! Sie erhoben sich, wie Ein Mann, die verwegenen Menschen zu verwünschen, die das Ding mit der Freiheit und Gleichheit so heillos ernst genommen hatten. Einen Augenblick schien diese Stimmung obenan zu schwimmen, und der Zustand, der daraus geboren wurde, war der jämmerlichste, den man sich denken kann. Man hatte das alte Regiment entwaffnet und erschrak, als man die Verlegenheit eines Sieges kommen sah. Das Alte und das Neue guckten verdutzt einander an, als wollten sie sagen: wären wir mir beide daheim geblieben: es ward wörtlich die schöne Geschichte: Zwei Memmen balgten sich: Der eine wich im Schrecken So lang zurück, bis er an einer Mauer stand. „Ha!" dacht' der andere, „die verfluchte Wand! Nun ist es Zeit, die Fuchtel einzustecken." Es war zum Verzweifeln, wie es so unheimlich gedrückt unter deu Guteu, und so lant unter den Furchtsamen zuging. Die Sache ging so weit, daß sie sogar die Stimme gegen Zitz erheben wollten. Aber da war gerade das Maß voll, nnd zu rechter Zeit kam das indirekte Wahlgesetz, dieser Bastard, welchen der alte Patentliberalismus mit der Monarchie von Gottes Gnaden erzeugt hat. Man sah, daß es am Ende doch ein blöder Narrenstreich wäre, den Abgeordneten Zitz dem Minister Gagern zu opsern. Kanni war dieser Gedanke einmal wieder an das Licht gekommen, so fiel es den Leuten wie Schuppen von den Augen, es frente sich, so zn sagen, alles, seiner natürlichen Gesinnung wieder Laus lassen zn können, nnd seit zweimal 24 Stunden geht unsere Stadt wieder dahin stolzen Hauptes. Huldigung auf Huldigung wurde dem vou Darmstadt zurückgekehrten Zitz gebracht. Eine Adresse mit 4000 Unterschriften wurde ihm überreicht, er wurde zum Obersten der Bürgergarde erwählt, und gestern mittag nm 12 Uhr sammelten sich die Nationalgarde, die Turner, der Arbeiterverein auf dem Schloßplatz, uud zogeu von da mit Fahnen und klingendem Spiel an der Wohnung von Zitz worüber, der von seinem Fenster aus die doiiueruden Zurnfe der Defilierenden empfing. Nachmittags um 3 Uhr große Bürgerverfammlnng im Hof des kurfürstlichen Schlosses. Über 2l)0v Menschen in dem großen rings von den hohen Schloßgebänden umschlossenen Ranm, von der Sonne bestrahlt, vou geputzten Männern und Franen auf Journalist und Volksredner. 69 den Fenstern und Balkönen umgeben, in der Mitte eine aus rohen Brettern errichtete Rednerbühne, die aufmerksamste Stille, die schönste Ordnung, — es werden noch wenig solche wahrhaft schönen Volksversammlungen gehalten worden sein. Als die junge Garde der Republik, die Turner, einmarschiert waren und sich in Reih uud Glied zur äußersten Linken der Rednerbühne aufgestellt hatten, begannen die Verhandlungen. Strecker leitete sie. Hestermann, Mitglied des Bürgerkomitees, las das von demselben angenommene und früher von uus mitgeteilte Programm vor und erklärte, er werde darüber abstimmen lassen, ob die Versammlung mit diesem Programm einig gehe. Ein Redner — der Name ist uns leider nicht bekannt — war der Ansicht, man solle sich über die Verfassung Deutschlands gar nicht erklären, sondern warten, was die Nationalversammlung beschließen werde. Bamberger, der nach ihm auftrat, begann damit, daß er diese Ansicht bekämpfte. Wenn alle Deutschen so zusammenkommen könnten, wie die eben Gegenwärtigen, so brauchte man gewiß die Versammlung in Frankfurt nicht. Diese werde also bloß ein Ersatz sein sür den allgemeinen Ausspruch des Volkes, sie sei uur da, seinen Willen zu verkünden, und nicht das Volk, um den ihrigen zu hören. Sie also habe aufzumerken, was das Volk verlange, und deswegen sei mau heute versammelt, nm sie von unserer Seite das wissen zu lassen. Er wolle also wohl einen Ausspruch über die Wünsche des Volkes heute herbeiführen. Er sei mit den ersten 12 Punkten des Programms einverstanden, wie wohl alle, allein der dreizehnte, welcher von der wünschenswerten Regierungsform sür Deutschland spräche und diese nur durch die Bestimmung „demokratische Zentralregierung und naturgemäßere Einteilung Deutschlands" bezeichne, sei ihm nicht deutlich genug fürs Volk und nicht bindend genng fürs Komitee. Er frage, ob man noch länger 38 deutsche Staaten uud 34 Fürsten haben wolle. Er frage weiter, ob, wenn dies nicht der Fall sei, man einen oder mehrere konstitutionelle Monarchen für nötig halte, d. h. solche, deren vollkommenste Muster Viktoria von England, Leopold von Belgien nnd Otto von Griechenland seien? Leute, die nichts gelten, aber viel Geld verzehren sollten? Er frage, ob das deutsche Volk sür nötig halte, eine Zivilliste an seine Spitze zu stellen? Was man aber auch immer deuke, jedenfalls niöge man sich deutlich und klar im Programm fassen, und er beantrage eine entschiedene Fassung des Art. 13. — Die Versammlung änßerte bedeutende Uebereinstimmung mit diesem Verlangen. Götz, Student, der nachfolgte, hielt eine knrze, feurige, geistreiche Anrede. Er warf den bestehenden Regiernngen die schimpfliche Niederlage in Drittes Kapitel. Schleswig vor und ging sogar so weit zn behaupten, dieses und jenes Kabinet habe es gerne gesehen, daß die kräftigsten Stützen des Volkes, die jungen Leute, Studenten und Turner, hilflos zusammengehauen wurden. Er begreife nicht, wie die Regierungen so blind rückwärts schreiten könnten, wie neuerdings wieder in Deutschland. Das sei eiu großer Trost für die Freiheit, daß die Regierungen durch ihre Dummheit die Republik herbeiführen helfen. Erschloß mit dem Rufe: es lebe die Republik! Jetzt trat Zitz auf und wurde mit donnerndem Hoch begrüßt. Er begann damit, die Verunglimpfungen, welche sich gegen die Republikaner erhoben hätten, zurückzuweisen; mau habe „Republikaner" fast zn einem Schimpfworte gemacht; man habe die Lächerlichkeit behauptet, er wolle mit der Waffe in der Hand Deutschland eine Meinung aufdringen helfen. Was den Art. 13 des Programms betreffe, so sei er, uud zahllose in Deutschland seien mit ihm Republikaner, allein auch entschlösse» in der Regierungsform sich dem zu fügen, was die bestehende Sitte des Volkes als Eigentümlichkeit besitze. Und die Sitte sei in einem großen Teile von Deutschland für Monarchie. Es wäre darum zu bedenken, ob man nicht dahin nachgeben müsse, einen Monarchen au die Spitze zu stellen, keinen von Gottes Gnaden, sondern einen von Volkes Gnaden, einen Diener der öffentlichen Meinung, der auch nicht prasse im Schweiß des Landes, der keinen Schweif hochbezahlter Beamten nach sich ziehe. Das sei die Hauptsache. Wenigstens eine republikanische Monarchie müsse man haben. So weit es immer die Sitte des Volkes zugebe, müsse man sich der Republik nähern, und der Art. 13 des Programms umfasse dieses Bekenntnis vollkommen. Bamberger erwiderte: Daß für den Bürger Zitz das Programm tanglich sei, das bezweifle er nicht, in dessen Hände lege er es ruhig. Nicht daS habe er daran auszusetzen, daß es zu wenig freien Spielraum, sondern daß es zn viel gebe. Hätten wir 30 Lente, wie Zitz, so wäre es schon vollkommen ansreichend als Glaubensbekenntnis des Komitees z dann würde er ruhig auf jedeu weitereu Zweifel verzichten, allein das sei bei weitem nicht der Fall. Es kämen jetzt schwierige Zeiten herbei, nnd wenn man nicht genug entschiedene Charaktere habe, so müsse man sie dnrch das Unterpfand entschiedener Erklärungeu sicher stellen. Diesen Grundsatz festzuhalten, sei jetzt namentlich wichtig, wo es sich bald um die Parlamentswahlen handle. Er müsse deshalb darauf bestehen, daß der Art. 13 des Programms abgeändert werde. Strecker brachte nun zuerst zur Abstimmung, ob das Programm angenommen werden solle, nnd es schien, daß sich die Majorität mit Häudeanfheben dafür erklärt habe. Doch schien Strecker sowohl Journalist und Volksredner. 71 an der richtigen Auffassung, als an der sichere» Mehrheit Bedenken zu haben, und stellte deshalb die weitere Frage, ob Bambergers Antrag, den Art. 13 bestimmter zu fassen, angenommen werde. Mindestens neun Zehntheile aller Hände erhoben sich dafür. Bamberger erklärte nun, es habe sich die Meinung ausgesprochen, daß die beiden letzten Abstimmungen unverträglich mit einander seien, man könne das Programm nicht mehr abändern, nachdem man es ganz angenommen habe. Allein wenn das wahr sei, so beweise das nichts, als daß die erste Abstimmung nicht der vollständige Ausdruck der Meinungen gewesen sei. Hier handele es sich nicht um Formalitäten, sondern um die Erkeuuuug des Volkswilleus, und diese habe sich bei der letzten Abstimmung viel unzweideutiger ausgesprochen. Er halte also dafür, daß es entschieden sei, der Art. 13 müsse bestimmter gefaßt werden. Nunmehr frage sich: wie? Vorhin sei die Meinung geäußert worden, es sei die Form der Versassung, ob Monarchie oder Republik, mehr oder weuiger gleichgültig, wenn nur die Sache da sei. Er glaube, dies sei ein jetzt viel mißbrauchter Satz. Die Form sei sehr wesentlich, um den Inhalt zu sichern, und durch die schlechte Form sei man immer um den guten Inhalt betrogen worden. Es sei nicht genug, den Fürsten gute Grundsätze mit ans die Welt zu geben, man müsse ihnen unmöglich machen, diese Grundsätze zu umgehen. Die Erfahrung habe aber gezeigt, daß so lange keine Sicherheit da wäre, daß ein Fürst seine Stellung nicht mißbrauche, als überhaupt ein Fürst da wäre. Begreifen könne er nicht, wie man von der republikanischen Monarchie reden möge angesichts des eben verjagten Lndwig Philipp. Anch dieser habe sich einst angekündigt als der Diener des Volkes nnd nach 18 Jahren, während Frankreich verdorben, sei er vertrieben worden. Ob etwa jemand hier sei, der das bedanre. — (Nein! Nein!) Wie man jetzt hier stehe, so habe das französische Volk 1830 vor dem Stadthanse von Paris gestanden, und Lasayette an der Seite Ludwig Philipps habe leichtgläubiger Weise die konstitutionelle Monarchie als die „beste der Republiken" vorgeschlagen. Ob die Anwesenden Lust hätten, dasselbe Experiment uoch einmal durchzumachen. (Nein!) So beantrage er also, daß iu das Programm die Verwerfung der Monarchie aufgenommen werde. Zitz: er sehe es wohl, wie alle Herzen der Republik entgegenschlagen, und wie mau nicht länger wählen und wägen, sondern sich frei aussprechen wolle. Nichts könne mehr mit seiner eigenen Ansicht übereinstimmen. Er glaube aber, weil hier kanm eine Stadt, viel weniger ein Staat vereinigt sei, so habe man nicht das Recht, eine bestimmte Staatsform als die notwendige zu bezeichnen. Nur als Anhänger des Grnnd- / Drittes Kapitel. satzes möge man sich aussprechen, daß niemand, als das Volk, in größeren Teilen, das Recht habe, eine Verfassnng zu machen. Wie diese bei uns ausfallen werde, darüber sei kein Zweifel: Volksfreiheit! das sei der Wille aller, und der ungeschmälerten Volksfreiheit bringe er ein Hoch. (Hoch!) Er trage jetzt darauf an, abzustimmen über die Frage: Erkennt die Versammlung den Grundsatz an, daß allen einzelnen deutschen Staatsgebieten, welche bisher den deutschen Bund gebildet haben, das Recht zusteht, sich nach der politischen Ueberzeugung der Bewohner ihre Staatsverfassung selbst zu geben; daß für die Ausübung dieses Rechts gewirkt und nur nach dieser Entscheidung die künftige Staats- verfassnng Deutschlands bestimmt werden soll; daß, abgesehen von diesen auf selbständige Weise zu bildenden Staaten die Einheit der deutscheu Nation durch ein Volksparlament ohne Fürstenkammer erzielt werden soll. — Dieser Antrag wurde mit enormer Majorität angenommen. Darauf wurde entschieden, daß ein neues Bürgerkomitee gewählt werden solle, und zwar nächsten Dienstag uud Mittwoch vermittelst auf dein Stadthanse abzugebender Stimmzettel. Endlich trat noch Metternich ans und verlangte, daß alle, welche hiermit gegen die von der Regierung dekretierte indirekte Wahl protestieren wollten, die Hände in die Höhe erhöben. Ein Wald von Händen flog nnter donnerndem Geschrei in die Höhe, einstimmig war der Protest ausgesprochen. — Diese Volksversammlung, in der eine nie gesehene Ordnung und Weihe herrschte, und welche sich so entschieden aussprach, wird große Früchte tragen; sie wird anfeuernd wirken auf die Gesinnungen aller unserer Nachbarn, und mehr als Gesinnungen brauchen wir nicht. Keine Waffeu sind nötig, nur Köpfe; laßt alle erklären: wir wollen frei sein, und wir sind frei! Die Regierung wird erfahren, daß sie uns nicht mit schönen Redensarten beherrschen kann. Ans das Wahlgesetz werden wir antworten — mit einem Komitee von entschiedenen, intelligenten, wahrhaft freien Männern d. h. von Republikaner». Und uuu Dienstag nnd Mittwoch zur Wahl! Jeder Mann an seine Pflicht!" So hatte ich meinen ersten Sieg erfochten. Ich war nicht mit dem entschiedenen Vorsatz, das Wort zu nehmen, in die Versammlung gegangen, aber doch mit dem Gedanken, daß ich dazu würde genötigt sein, einzugreifen. Im richtigen Moment griff ich zu. Nur wenigen war ich von Person bekannt; eine größere Zahl hatte, seitdem ich mit meinem Namen in der Zeitung figurierte und die Sprache derselben Aufsehen erregte, von mir gehört. Im großen Ganzen war ich ein unbekannter junger Journalist und Volksredner. 73 Jurist, dessen äußere Erscheinung zu nichts weniger angethan war, als der Masse zu imponieren. Aber ich hatte die Stimmung der Masse, und namentlich der heißblütigen, für mich, und meine Gedanken, so wie die lebhafte Art, sie vorzubringen, war nach ihrem Herzen. Nach den ersten paar Sätzen schon hatte ich das Gefühl, die Versammlung zu beherrschen und fortzureißen, und das übte natürlich wieder seine Wechselwirkung auf mich aus. Trotz der Weite des Hosraums drang meine an sich durchaus uicht starke Stimme überall hin. Ich hatte von Anfang an den richtigen Instinkt, daß es weniger auf den lauten Ton als auf das deutliche Artikulieren ankommt. So habe ich mich in der Regel anch in späteren Zeiten besser vernehmbar machen können, als von meinen Stimmmitteln zu erwarten war. Wenn ich durch besondere Umstände genötigt wurde, die Stimme anzustrengen, bekam sie etwas Scharfes, das mir den unangenehmen Anschein persönlicher Gereiztheit gab, wo solche gar nicht vorhanden war. Ich habe daher in den letzten Jahren meiner parlamentarischen Thätigkeit, als meine etwas angegriffenen Bronchieen die Stimme zn schonen nötigten, vorgezogen, weniger verständlich zu sein, um nicht den Eindruck der Gereiztheit zu machen. Denn es thut der rednerischen Wirkung Eintrag, wenn sie aus persönlichem Affekt heranszukommen scheint; nicht zu verwechseln mit Unwille und Entrüstung. Ein gerechter Unwille, im richtigen Moment und Maß zum Ausdruck gebracht, kaun dem Redner sehr zu statten stommen. Große Staatsmänner besaßen von jeher das Geheimniß, sich dieses Mittels der oratorischen Instrumentation zu bedienen. Das Reden im Freien ist für Menschen mit schwacher Stimme nicht so schwer, wie man glauben sollte. Die reine Luft, welche den Lungen zuströmt, gewährt gegen die verdorbene der geschlossenen Versammlung einen die Vorteile des beschränkteren akustischen Gebietes überschießenden Gewinn. Noch in höheren Jahren habe ich oft mit wahrem Wohlbehagen nnd weit hinaus vernehmbar auf freien Plätzen sprechen können, einmal, wie ich mich erinnere, sogar in rauher Jahreszeit unter Schneegestöber. Am Abend jenes 16. April war ich ein populärer Mann in 74 Drittes Kapitel. Mainz und Umgegend. Ich vermute, daß diese Entdeckung mir wohlthat. Deutlich entsinnen kann ich mich der Stimmung jener Tage nicht mehr. Die Freude am Reden und Schreiben, und an dem Sieg meiner Ueberzeugung war jedenfalls ebenso lebhast wie die an dem persönlichen Erfolg. Das nächste war natürlich, daß ich in das neue Bürgerkomitee gewählt ward. Dasjenige, welches durch meine Opposition am Sonntag gestürzt worden war, hatte sofort tags nach der Versammlung mir dies bescheinigt, indem es einen Aufruf „an die Bürger von Mainz" erließ, der mit nachstehenden Worten begann: „In der gestrigen Volksversammlung ist die Wahl eines neuen Komitees beschlossen worden, und das bisherige Komitee hat sofort die neuen Wahlen angeordnet. Der Rücktritt desselben war geboten durch das von der Volksversammlung durch Znrns angenommene Amendement des Herrn Bamberger, wonach sich die Bürgerschaft von Mainz bestimmt dafür aussprechen soll, daß die konstitutionelle Monarchie in Deutschland aufhören und die republikanische Form eingeführt werden soll. Die Volksversammlung fand diesen Anssprnch nicht in dem Programm des Komitees, welches sonach der Zustimmung der Bürgerschaft nicht mehr versichert ist." Aus diesem Ton spricht die Gegnerschaft, mit der ich von jetzt an zu rechnen hatte, und der Rückschlag meines Triumphes sollte mir bald fühlbar werden. Im Grunde hatten beide Teile recht; ich, insofern ich den Bürgschaften der Einheit und Freiheit, welche die gemäßigten Liberalen für ausreichend hielten, von Grund aus mißtraute und dunkel in die Zukunft schaute; meine Gegner, indem sie für unmöglich hielten, aus ganz Deutschland oder auch nur aus einer einzelnen Proviuz eine Republik zu machen. Ja, ich muß zugeben, daß, wenn zwischen zwei UnWahrscheinlichkeiten eine größere und eine kleinere zu wähleu war, die Republik noch weniger Aussichten hatte als ein konstitutioneller deutscher Gesamtstaat mit einer monarchischen gewählten Spitze, wie ihn die Liberalen im Auge hatten. Von jetzt an galt ich bei ihnen in Mainz als der Hauptanstifter aller überspannten Freiheitsideen, als ein verwünschter Journalist und Volksreduer, 75 Aufwiegler. Daß Zitz sich schließlich für die Republik erklärte, wurde für das Werk meiner Teufelei erklärt, und ein bischen Wahrheit war dabei. Da mein Haar eine ziemlich stark ins Rötliche spielende Farbe hatte, so hieß ich bald im Doppelsinn des Wortes „der rote Bamberger", und da ich blaß im Gesicht und beispiellos mager am Körper war, so sagten sich die Mitleidigen untereinander: es sei alles nur Ausgeburt eines krankhaften Wesens, das sich in kurzem an seinem eignen Sein verzehren müsse. An Prophezeiungen eines knrzen Erdenwallens hat es mir nie gefehlt. Auf der Universität hieß ich „der Wagehals", weil ich wagte, aus meinen dünnen Beiuen durch die Welt zu gehen. Am meisten bekam ich zu hören, daß ich viel zu jung sei, um den Staat reformieren zu wollen, und ich habe in Wort und Schrift mehr als eine Lanze für das Recht der Jugend gebrochen. Wenn ich einiges davon heute wieder lese, finde ich, daß lange nicht alles falsch war an meinen Einwänden, besonders aber, daß ein heiliger Eiser und ein ungestümes Drängen für einen großen Gedanken der Jugend wohl ansteht, und daß der nicht zu beklagen ist, der sich von diesem Funken etwas für den Rest des Lebens zu bewahreu imstande ist. Für die Verschärsuug der Gegensätze war reichlich gesorgt, besonders durch deu Umstand, daß Mainz eine Bundesfestung war, in welcher preußische und österreichische Garnison lag. Schon bald in den Märztagen war es zu bösen Auftritten zwischen Bürgern und Soldaten in den Straßen gekommen, die durch redliche Bemühungen der beiderseitigen Behörden wieder ausgeglichen wurden. Wie schon bemerkt, waren es von jeher die preußischen Soldaten, gegen welche sich die Antipathieen richteten. Während der Wiener Aufstand vom 13. März vor allem wegen der Verjagung Metternichs die ohnehin als Repräsentanten der Gemütlichkeit behandelten Oesterreicher verstärkter Vorliebe empfahl, hatten die Berliner Kämpfe des 18. März nnd die weiteren Vorgänge am selben Schauplatz die antipreußischen Stimmungen noch beträchtlich verschärft. Die neugebildete Bürgergarde, welche aus ausdrückliches Verlangen aus dem Darmstädter Zeughause mit Gewehren versehen worden war, gab dem Festungs- gonvernement zu denken. Die Übungen im Exerzieren, die auf dem der Garnison dienenden Platz vorgenommen wurden, führten zu Spöttereien des geschulten Militärs über das bürgerliche Soldatenspiel, was alles sehr natürlich war und bei ähnlichen Gelegenheiten immer vorkommt. In dem neugewählten Bürgerkomitee kam es sehr bald M heftigen Auseinandersetzungen. Die Mehrheit, welche aus sechszehn Demokraten meiner Schattierung bestand, ward angeklagt, daß sie sich der obersten Gewalt in der Stadt bemächtigen, eine Art Wohlfahrtsausschuß bilden wolle. Die Minderheit von elf Mitgliedern beschloß daher auszuscheiden. Der Stadtvorstand, der Bürgermeister an der Spitze, nahm für diese Partei und erklärte in einem Aufruf die Mehrheit als eine ans Usurpation und Gesetzesverletzung ausgehende Partei. Nun entschloß sich auch diese Mehrheit, ihr Mandat den Wählern zurückzugeben und eine Neuwahl zu verlangen. Ein Zankapfel war besonders der für die Parlamentswahlen zu beobachtende Modns. Die großherzogliche Regierung hatte mit Zustimmung der Kammern die indirekte Wahl angeordnet. Die demokratische Mehrheit des Komitees riet, statt dessen doch direkt zu wählen und die Entscheidung des Parlamentes in Frankfurt darüber herbeizuführen. Aber beim Herannahen des Wahltermins kam den so Gesinnten doch das Bedenken, daß sie mit ihrer Methode nur der Wahl eines gegnerischen Kandidaten Vorschub leisten würden. So ^widerriefen sie denn ihren Beschluß und forderten zur Wahl auf für eine Liste von solchen, die sich auf den Namen Zitz verpflichteten. Daß sie daran wohlgethan, bewies der Erfolg, denn ihre Liste drang mit solcher Mehrheit durch, daß bei der definitiven Wahl Zitz von 291 Stimmen 241 erhielt. Damit hatte die Partei, welche man jetzt die republikanische nannte, einen glänzenden Sieg errungen. Bei der Wahl zum Parlament konnte ich nicht mitwirken, weil ich die zum aktiven wie zum passiven Wahlrecht erforderten fünfundzwanzig Jahre noch nicht erreicht hatte. Ehe dieser jAbschnitt der Bewegung eingetreten war, hatte mein Schicksal seinen ersten Stoß erhalten. Die lebhafte Gegenströmung aus den Reihen der vornehmeren Bürger, besonders aber die Bitterkeit, mit welcher ich meine Opposition gegen das Ministerium versetzte, war meinem wackeren VerDrittes Kapitel. Journalist und Volksredner. 7? leger immer mehr zur Oual geworden. Von Mitte April an wurde Zaberu durch Abgesandte aus den bezeichneten Kreisen gedrängt, mich zu entlassen und bedroht, daß man andernfalls das Abonnement abbestellen werde. Er blieb unerschüttert. Man kann sich denken, daß seine übrigeus liebenswürdige und vortreffliche Frau ihm die Unannehmlichkeit einer Verfeindung mit ihrem Vater, dem genannten Staatsratspräsidenten Jaup vorhalten mußte. Und bei aller Gereiztheit, mit der ich meinerseits den Streit führte, ging mir die Pein, welche ich meinem Ehrenmann von Verleger bereitete, doch sehr zu Herzen. Ich bot ihm an, unser Verhältnis wieder zu lösen, und er nahm den Vorschlag dankbar aus. So trat ich am 5. Mai, nach nicht ganz zwei Monaten, von der Redaktion wieder ab, allerdings um später in verschiedenen Formen wieder zu ihr zurückzukehren. Was mir die Sache besonders empfindlich machte, war, daß sich grade im selben Moment die Gründung eines Blattes vollzog, welches meine Gegner, im Volksmunde mit einer von mir erfundenen Bezeichnung „die Wohldenkenden" genannt, zur Bekämpfung meiner Zeitung ins Leben gerufen hatten, unter dem Titel der „Rheinischen Zeitung" (nicht zu verwechseln mit der in Köln unter gleichem Namen von Karl Marx herausgegebenen). An der Spitze der neuen Redaktion stand sogar ein alter intimer Freund von mir, Or. Julius Creizenach, der ältere Bruder des bekannten Litteraturhistorikers Theodor Creizenach. Der ältere Bruder war einige Jahre älter als ich, ebenfalls Jurist und ein Mann von umfassender Bildung und ernstem Streben. Auch er hatte zu dem oben erwähnten engen, litterarisch angehauchten Kreis gehört, und wir hatten uns nahe aneinander angeschlossen, in täglichem Verkehr namentlich philosophische Studien getrieben. Wenige Monate vor Ausbruch der Februarrevolution hatten wir uns wegen eines ganz einfältigen Streites entzweit. Und unn tauchte der alte Kamerad an der Spitze der mir feindlichen Kohorte wieder anf. Sein Blatt, welches man nach heutiger Klassifikation natioualliberal nennen würde, hat nicht lange bestanden. Später, als ich in Paris lebte und er einmal dahin kam, versöhnten wir uns wieder, und merkwürdiger Weise gerieten wir uns — ohne aber persönlich auseinander zukommen — von neuem bei dem großen 78 Drittes Kapitel. Meinungskonflikte der Jahre 1866 und folgenden wieder in die Haare. Während ich mit demselben Feuer wie ehemals für die Republik, für Preußen und Bismarck eintrat, wurde Creizenach ein unerbittlicher Großdeutscher. Ju wahrhaft herzlichen nnd tief in die Sache eindringenden Briefen ermähnte er mich, nicht für den freiheitsmörderischen Norddeutschen Bund einzutreten, ließ den abschreckenden Ruf von dem „rusrs in ssrvitiuw" ertönen. Aber das machte bei allem Respekt, den ich vor dem älteren Freund hatte, keinen Eindruck auf mich, und ich habe das nie bereut. In die Wahl zwischen das damalige Großdentschtnm und die Partei des Norddeutschen Bundes gestellt, bin ich bis auf meine alten Tage Lismarolc kor svsr, so viel ich es je gewesen. Julius Creizenach ist in den achtziger Jahren als Rat am höchsten Gericht in Darmstadt gestorben. Er hat eine Anzahl bemerkenswerter juristischer Arbeite» veröffentlicht, auch eine staatsrechtliche und nationalökonomische Abhandlung über die französische Tabaksregie. Ich zähle ihn unter diejenigen, denen ich wegen ihrer Anregung und Förderung ernsterer wissenschaftlicher Studien viel verdanke. In der Nnmmer vom 5. Mai nahm ich Abschied von den Lesern der „Mainzer Zeitung", indem ich ihnen des breiteren den Hergang der Dinge nnd mein Bekenntnis vortrug. In einer der nächstfolgenden Nummern widmete mir mein bisheriger Mitredakteur Karl Bölsche einen außerordentlich kameradschaftliche», anerkennenden und liebenswürdigen Nachruf. Für meine Teilnahme am öffentlichen Leben bedeutete diese Aeuderung nicht viel. Die Agitation im Dienst der nengestisteten demokratischen Partei in der Stadt uud Provinz einerseits, und andererseits das Frankfurter Parlament, bei dem ich mich als Reporter habilitierte, ließen meinem Drang nach Beteiligung an den öffentlichen Angelegenheiten noch Wege genug offen. In den vorausgehenden Wochen hatte meine Schreiblust in vollstem Maß sich austoben können. Einen Tag nm den andern habe ich im beflügelten Tempo meine Leitartikel zu Papier gebracht, manchmal in Ausdehnung von drei enggedruckten Foliospalteu, die mir im Lauf von anderthalb Stunden unter den Händen herausströmten. Etwas Pause that mir nicht übel, wenn ich auch damals noch nicht empfunden habe, welche erschöpfende Arbeit Journalist und Volksredner. 79 das Redigieren einer täglichen Zeitung ist, soll es mit Aufmerksamkeit, Hingebung und eigner Produktion betrieben werden, dieses nie stille stehende Nad, bei dem man nie zu der Empfindung kommt: Jetzt bist du fertig, weil im selben Augenblick die Sorge für die folgende Nummer einsetzt. Ich war übrigens in so gntem Einverständnis mit Eigentümer und Redaktion ans der Zeitung geschieden, daß ich schon nach Wochensrist als Outsider wieder einen Leitartikel mit meinem Namen unterzeichnet hineinsetzte, welcher der „Rheinischen Zeitung" in einem scharf gepfefferten Angriff zu Leibe ging. Er war charakteristisch für eine Polemik, die sich noch oft in Deutschland wiederholen sollte, nämlich die gerechte Abwehr gegen die unsterbliche Kategorie der „besten Männer", welche nie Reaktion sahen und für den Fall, daß Reaktion käme, derselben mit ihrem furchtbaren Widerstand drohen. Außerdem fuhr ich fort — ohne Namen und Abzeichen — meine Beiträge in einer Sprache zu liefern, welche den Autor nicht unkenntlich zu machen suchte, insbesondere auch in den Berichten über den nen gegründeten demokratischen Verein, in den ich nnn meine Hauptthätigkeit verlegte, sowie in meinen Sitzungsberichten aus der Paulskirche. Hier wie dort fand ich die Gelegenheit, mich für das politische Leben einzuüben und für alle Folgezeit den Grund zu legen. Der demokratische Verein ward der Mittelpunkt für alle radikalen Elemente der Stadt und der nächsten ländlichen Umgebung und erfreute sich sowohl eines sehr starken Anhangs als sehr zahlreicher thätiger Mitarbeiter. Die Parteiorganisation, welche wir damals schufen, überlebte in ihrer Ueberlieferung die Reaktionszeit der fünfziger Jahre, und als ich nach achtzehn Jahren mit meiner Kandidatur für das Zollparlament unter ganz veränderten Umständen und in einer wesentlich anderen Richtung meinen Wählfeldzug führte, waren es noch die Grundlagen jener alten Vereinsbilduug uud ihrer Methode, welche zu meinem Erfolg ein gutes Stück beitrugen und so mir die Früchte eiuer längst vergangenen Arbeit einbrachten, denn ich hatte damals von allen diesen Dingen einen beträchtlichen Teil übernommen. Am 5. Mai hatte ich mich von der „Mainzer Zeitung" verab- schiedet. Acht Tage später brachte dieselbe den Bericht über die konstituierende Versammlung des demokratischen Vereins, welche im Saale des „Frankfurter Hofs" abgehalten wurde. Dieses Lokal war sehr gut gewählt. Im zurückliegenden Hof eines in einer verkehrsreichen Straße stehenden Hauses befindlich, war der Saal geräumig, hoch und mit breiten Zuschauergalerien auf drei Seiten versehen. Er dient noch bis auf heutigen Tag zu solchen Zwecken. Bezeichnender Weise ging er nach eingetretener Reaktionszeit aus dem Besitz der Demokratie in den der Ultramontanen über, welche noch immer ihre großen Versammlungen dort halten. Im Verlaus der Zeit führten wir auch den Branch ein, daß das weibliche Element Zutritt hatte, und dies war uns begreiflicher Weise für unsere Propaganda so nützlich wie angenehm. Die Damen saßen ans den vordersten Bänken, der Estrade des Vorstandes und der Rednerbühne zunächst. Aktiv beteiligten sie sich nicht an den Verhandlungen, aber ihre passive Assistenz leistete doch das ihrige. Mainz ist sür die Schönheit seiner Bewohnerinnen mit Recht berühmt, und wir hatten ein gutes Kontingent derselben zu begeisterten Anhängerinnen. Auch etwas Toilette wurde für die Sitzuugsabende nicht verschmäht, ganz unbeschadet des heiligen Ernstes, welchen diese Fraueu und Mädchen, denn auch solche waren dabei, nach ihrer Art, in die Sache legten, und der nicht unwesentlich dahin mitwirkte den Sitzungen einen gewissen weihe- und würdevollen Charakter zn geben. Ich war beauftragt worden, den Statutenentwurf zu machen, und hatte nun nach den ersten Formalitäten denselben vorzutragen. Zunächst aber hielt ich natürlich eine Einleitungsrede. Einige Sätze aus demselben mögen zur Charakteristik damaliger allgemeiner und persönlicher Stimmung hier aus dem Bericht angeführt sein, der übrigens nicht von mir verfaßt war. Der Zweck des Vereins, so hieß es da, sei kein beschränkter, in Ausdehnung und Mitteln eng abgegrenzter; vielmehr erstreckt er sich weit, nämlich er habe nichts weniger im Ange als den Umsturz und die Reorganisation unserer ganzen politischen nnd sozialen Verhältnisse; unser politisches und soziales Leben, vor Hunderten von Jahren begründet, passe nicht mehr zu unseren heutigen Begriffen, namentlich nicht zu unserer Vorstellung vom Zweck des Drittes Kapitel. Journalist und Volksredner. 81 Lebens. Ehemals hatte man diesen Zweck vorwiegend ins Jenseits verlegt, und die irdische Existenz nur als eine Vorbereitung dafür behandelt. Nunmehr gelte es aber umgekehrt, alles für das Diesseits einzurichten. Diesen Grundsatz mittels der Volkssouveränität durchzuführen, sei jetzt die Aufgabe. Manche seien nun hier der Ansicht, man dürfe nur eine historisch und langsam aus dem Volke selbst hervorkeimende Entwicklung dulden. Diese Auffassung rühre von Männern her, die gleich Akademikern des Fortschritts, diesem seine Grenzen vorschreiben uud sagen wollen: bis hierher und uicht weiter! Aber, wenn wir allerdings nicht aus Jahrzehnte hinaus alle möglichen Eventualitäten unseres Beginnens ausrechnen könnten, — nun eben darum, weil wir dies nicht können, dürfen wir nicht länger zusehen. Der Mensch denkt, Gott lenkt. Wir aber sagen: Wir sind reif; wir wollen nicht länger warten. Stürmischer, lang fortgesetzter Beifall. Am Schluß der Sitzung nahm Zitz das Wort zu einer großen Rede, in welcher er vor den Gefahren, die von dem noch in Frankfurt tagenden Bundesrat drohten, warnte; sein Aufruf zur Wachsamkeit gegen die Reaktion erweckte hohe Begeisterung. In der wenige Tage darauf anberaumten Sitzung kam es alsbald zu sachlichen Verhandlungen, zn denen ich die Initiative ergriff. Die Anspielung, welche Zitz auf die Machinationen der alten Bundestagsversammlung gemacht hatte, knüpfte an einen eigentümlichen Vorfall au. Es war bekannt geworden, daß jene Körperschaft ihr Augenmerk vor allem darauf richtete, künftigen Übergriffen des demnächst beginnenden Parlaments vorzubeugen. In der Sitzung vom 4. Mai hatte ein Mitglied ein Promemoria verlesen, welches sich mit Vorschlägen dieser Art beschäftigte. Der Grundgedanke war der, daß ein regelrechtes Verfahren, um die selbständige Festsetzung der Machtgrenzen der konstituierenden Nationalversammlung in Sachen ihrer Kompetenz zu verhindern, schwer in Gang zu bringen sein möchte; daher die Klugheit eher gebiete, von seiten der Landesregierungen sich Einfluß aus die Wahlen zu verschaffen, damit eine denselben geneigte Mehrheit hervorgehe. Nun war es gar der großherzoglich hessische Geheime Rat, Herr von Lepel, welcher Urheber dieses unglücklichen Aktenstückes war. Dasselbe erregte natürlich überall den lebhaftesten Unwillen, zu- Bambergers Erinnerungen. A 82 Drittes Kapitel. mal aber in unserem Ländchen. In der Darmstädter Kammer wurde heftig interpelliert; Minister von Gagern desavouierte seinen Gesandten, der auch abberufen ward. Noch ehe das alles aber geschehen konnte, machte ich den Vorgang zum Thema meiner Rede im Verein. Man kann sich denken, daß ich mit starken Ausfällen nicht karg war. Wenn ich jetzt die Reden und Artikel jener Zeit wieder ausehe, so erstaune ich selbst über die unbegrenzte Preß- und Redefreiheit, in deren Besitz wir damals uns ganz unbefangen gütlich thaten.- Sie kann in der nordamerikanischen Republik uicht größer sein. Nichts vermag ein deutlicheres Bild von der Betäubung zu geben, welche damals die Regierungen nud ihre Behörden paralysierte, als die unbedingte Sorglosigkeit, mit welcher deren Gegner sich Luft machen konnten, ohne daß es ihnen oder irgend jemandem einfiel, zu fragen, ob darin nichts Strafbares liege. Erst gegen Ende des Jahres, als der Umschlag schon stark vollzogen war, besannen sich die Staatsanwälte, und es traten Verfolgungen ein, doch wenigstens bei uns nicht wegen der in der Zeit der faktisch anerkannten Lizenz gesprochenen oder geschriebenen Verstöße. So konnte ich in jener Rede ausrufen: „Mitbürger! Wäre ich im Fünfziger-Ausschuß gewesen (dies war die vom Vorparlament dem Bundestag zur Seite gesetzte permanente Kommission), so hätte ich beantragt, folgenden Beschluß zu fassen: In Erwägung, daß jedes Wort des Promemorias das Gepräge des Betrugs am deutschen Volke trägt, aus diesen Gründen erklärt der Ausschuß dasselbe für ein elendes Bubenstück uud die, welche darau teilgenommen, für eine Bande von Verrätern an der Freiheit der Nation (Endloser Beifall)." Aus meinen Antrag wurde dann eine Adresse an die konstituierende Versammlung beschlossen, die verlangte „jenes Machwerk und die, welche daran teilgenommen, der Verachtung der Mit- uud Nachwelt zu überantworten." Um den richtigen Maßstab an die Denk- und Ausdrucksweise jener Tage zu legen, müßte man sich vergegenwärtigen, welches das Durchschnittsmaß der Sinnesart auch bei gemäßigten Liberalen war. So finde ich z. B. in der „Mainzer Zeitung" vom 18. Mai 1848 die Notiz, daß in die zweite hessische Kammer für die Stadt Mainz der Advokat Herr Görz gewählt worden, daß Journalist und Volksredner. 33 derselbe ein gesinnungstüchtiger, gemäßigter Republikaner sei. Dieser Herr Joseph Görz, der bei meiner Kandidatur im Jahre 1868 mich aufs wärmste unterstützte, war damals und seitdem immer seiner ganzen Natur uach eiu sehr gemäßigter Nationalliberaler. Er ward im Verlauf seiner höheren Jahre Präsident der hessischen Kammer und des höchsten Gerichtshofes. Wenn er 1848 als gemäßigter Republikaner bezeichnet werden konnte, so mag man sich leicht erklären, wie die Jüngsten und am wenigsten Gemäßigten beschaffen waren. Znr unbedingten Lizenz der Rede und Presse wirkte ohne Zweifel auch der Umstand mit, daß bei dem unmittelbaren Übergang ans der Praxis der Zeusur in die der Freiheit der Gedanke an eine strafgesetzliche Grenze nicht aufkam. Man hatte keine Gelegenheit gehabt, mit dieser Klippe des öffentlichen Auftretens Bekanntschaft zu machen, und deshalb ganz übersehen, daß sie zu berücksichtigen sei. Nicht bloß den Politikern ging es so, sondern auch den Behörden. Mit der Eröffnung des Frankfurter Parlaments begann nun ein neuer Abschnitt für mich. Ich übernahm die Berichterstattung sür die „Mainzer Zeitung". So sing meine Schulung für eiue zwanzig Jahre später zu betretende Laufbahn ganz rationell mit der Vorstudie des Reporters an. O, wie gut hatten wir es, wenn ich dies Leben vergleiche mit dem der Kollegen im heutigen Berlin. Wenn nicht alle, so doch die, welche sich einige Begünstigung erobern konnten, saßen in einer Reihe von Zuhörer-Logen, die sich ebner Erde um den Kreis der Abgeordneten gürtelsörmig herumschlangen. Wir hatten also zunächst Ohr und Auge gar nicht anzustrengen. Das ist schon ein gewaltiger Vbrteil sür die Berichterstattung. Dazu kam, daß wir, nur durch die Logeubrüstung von den Abgeordneten getrennt, in aller Bequemlichkeit mit denselben sprechen konnten. Meine Loge lag noch dazu auf der äußersten Linken, so daß auch die Volksvertreter meiner Farbe stets zur Hand waren, um Gedanken auszutauschen. Mein Nachbar war ein Herr Starklof aus Oldenburg, ein seiner Zeit ziemlich bekannter Schriftsteller, der später durch Selbstmord endete. An der andern Seite war 6' 84 Drittes Kapitel. mein Nachbar August Lewald, der Herausgeber der „Europa", ein vor 1848 sehr einflußreicher und vielfach thätiger Antor. Er trug eine Tiroler Joppe, was damals etwas auffallender war als heute. Hinter uus dreien saßen keine Reporter, sondern stammgastliche Damen, mit denen wir natürlich sehr bald uns zu einer kleinen Gemeinde zusammenschlössen. Es waren die Frauen der Abgeordneten Günther, Robert Blum und Wesendonck, die beiden letzteren jung und anmutig; Blums Marie eine frische, rundliche Blondine; Fran Wesendonck eine elegante, schlanke Rheinländerin. Die Strapazen des Berichtens waren unter so behaglichen Umständen sehr gut zu ertragen. Das ganze parlamentarische Leben in der Paulskirche und um sie herum trng einen etwas schlaraffigen Zug. Es wurde stark der Hof gemacht und nicht übel geschlemmt. Ju der Paulskirche gab es keine Restauration, aber gauz in der nächsten Nähe war ein Konditor, Knecht mit Namen, sür seinen Kuchen berühmt, dem stark zugesprochen ward. Keinen hab' ich so regelmäßig da getroffen, wenn ich hinkam, als den Turuvater Iahn mit seinem schwarzen Großvaterhauskäppcheu auf dem ehrwürdigen, lang bebarteten Haupt. Der Charakter Frankfurts und eine Art heitere Aufgeschlossenheit, welche anfangs das Ganze schon wegen seiner Neuheit beherrschte, gab der ganzen Atmosphäre eine Art Feststimmung. Die Witze, die Karikaturen nahmen mehr Ranm ein, als der Situation entsprach. Es lag ein Vorgeschmack von Selbstironie darin, von übler Vorbedeutung. Mein Eindruck von der ersten Sitzung trug die Spureu dieser Wahrnehmung. Obwohl ich niemals das Pathos liebte und alles, was znr feierlichen Maskerade neigte, mich abstieß; obwohl ich mit dem im Lauf der Wochen eher verstärkten als abgeschwächten Zweifelmut an die Eröffnung des Parlaments herantrat, verletzte mich die trockene, nüchterne Formlosigkeit, mit welcher eine immerhin welthistorische Handlung eingeweiht wurde. Zwischen dieser Abwesenheit von Formeusiuu und einem Uebermaß theatralischer Inszenierung, welche bei romanischen Völkern in solchen Dingen Platz greift, liegt eine richtige Mitte, welche deutschen Parlamenten zur Beherzigung empfohlen werden könnte. Sie würden auch ihren Nutzen daraus ziehen, indem ihnen in den Augen der Umgebung und besonders der mit Journalist und Bolksredner. 85 ihnen konkurrierenden Gewalten eine gewisse Zubuße an äußerem Respekt daraus erwüchse. Es ist ja richtig, daß die thatsächliche Macht einer Körperschaft nicht in Widerspruch mit den Formen ihres Auftretens stehen darf; uud iu diesem Punkt ist die Innenseite der parlamentarischen Machtstellung bei uns von so zweifelhafter Konsistenz, daß ein zu majestätisches Gebahren die Ironie herausfordern würde. Aber etwas mehr Sinn für eine der immerhin bedeutenden Stellung nach außen entsprechende Form des Auftretens wäre sicher auch im deutscheu Reichstag wohl am Platze. Das meiste hängt von dem Präsidium ab. Ich habe nur zwei Männer gekannt, welche dieses zugleich in der Würde des Auftretens gebührend zu repräsentieren verstanden: in der Paulskirche Gagern und im Reichstag zu Berlin Simson. (Bei der Eröffnung in Frankfurt fungierte noch nicht Gagern, sondern ein Alterspräsident.) Alle anderen machten die Sache so, daß sie einen ordinären Charakter trug, den ich mit keinem Worte passender zu bezeichnen wüßte, als was man familiärer Weise: „Kommiß" zu nennen pflegt. Der Schlimmsten einer war darin der sonst so vortreffliche Forckenbeck. Sachlich war er vielleicht der beste Leiter der Versammlungen, und wenn es auf Wahrung ihrer Rechte ankam, der schärfste. Aber die Natur hatte ihn für seine ganze Person in allem, was mit dem Sinn für Äußerlichkeit zusammenhängt, so stiefmütterlich ausgestattet, wie wenige Sterbliche, ein Mangel, der um so stärker auffallen mußte, als Forckenbeck mit einer prächtigen, wie zum Repräsentieren geschaffenen Körperlichkeit ausgestattet war. Die Nemesis sorgte dann auch dafür, daß der Nachfolger, welcher vor versammeltem Reichstag seines Todes zu gedenken hatte, diese Pflicht im weihelosesteu Aktuarston erfüllte. Mit noch einem oder zwei obskuren Kollegen, die in derselben Zwischenzeit gestorben waren, wurde einfach und trocken der Name des Mannes heruntergeschnurrt, der eine Reihe von Jahren an der Spitze des Hauses gestanden hatte und eine Zeitlang mit seinem hohen Amte verwachsen zu sein schien. In keinem andern Lande der Welt wäre so etwas denkbar. Aber in keinem andern Lande wäre es auch sreilich denkbar, daß der Präsident der Volksvertretung eines großen Reiches bei den solennsten öffentlichen Feierlichkeiten, wie beispielsweise bei der Einweihung des National- 86 Drittes Kapitel Denkmals auf dem Niederwald, sozusagen im Angesicht aller Völker der Kulturwelt, in der abgelegten Uniform eines Majors der Landwehr figurierte. Dieser Zug ist charakteristisch für das ganze öffentliche'Leben in Deutschland. Hier kommt zu dem Mangel an Formensinn noch die sichtbare Unterordnung der bürgerlichen Existenz unter die militärische zur Anschauung. Diese Unterordnung, die sich gleichfalls im Hofzeremoniell spiegelt nnd natürlich am Hofe Wilhelms I. sich der höchsten Legitimität erfreute, trägt das ihre zu der schwächlichen Stellung der Volksvertretung auch nach außen hin bei. Wenn schou Fürst Bismarck, namentlich zur Konfliktszeit und später, als er mit widerspenstigen Mehrheiten im deutschen Reichstage zu thun hatte, es oft für zweckmäßig hielt, die Versammlungen despektierlich zu behandeln, so kann man ihm doch nicht vorwerfen, daß er grundsätzlich dahin neigte, sie äußerlich herabzudrücken. Ein durchgehender Zug seiuer praktischen Weisheit bestand darin, in allen Dingen soviel Sehnen als möglich an seinem Bogen zu haben. Er konnte auch in die Lage kommen, einmal einen imposanten Reichstag gegen irgend eine andere Potenz im Staate zu brauchen, und auch dafür durfte die Möglichkeit nicht abgeschnitten werden. Und wie wußte er, wenn die Gelegenheit es verlangte, den höheren Ton anzuschlagen. Auch im Takt war der innerlich so ungebundene, für die von ihm in die deutsche Sprache eingeführte Wurstigkeit berühmte Manu ein unübertroffener Meister, wenn es ihm darauf ankam. Wie konnte er z. B., wenn es galt, dem Ausland eins hinters Ohr zu schreiben, den Grundton der parlamentarischen Öffentlichkeit hinaufstimmen. Wie vollendet war, bis ins kleinste hinein, sein oratorisches Auftreten, als er den Tod Kaiser Wilhelms verkündete. Nicht mit Unrecht hat man gesagt, daß ein guter Staatsmann auch etwas vou einem guten Schauspieler haben müsse. Im Grunde gilt dies von allen, die mit der Öffentlichkeit zu thnn haben. Nur darf es keiu merkbares Komödiantentnm fein. Dagegen das grundsätzliche Verachten der Form, wie man es in Deutschland bewußt und unbewußt bei sehr tüchtigen Männern oft findet, bewegt sich auf einer falschen Fährte. Journalist und Volksredner. 8? Welche Muhe hat es gekostet, bei dem neuen Gerichtswesen den Talar durchzusetzen. Manche meiner besten Freunde waren grimmige Gegner dessen, was sie als einen Mummenschanz verachtetem Der weltkluge Windthorst dagegen stimmte ganz mit mir zu gunsten der Sache überein. Wir könnten noch manche Verbesserung nach dieser Richtung hin brauchen. So verletzt es mich jedesmal, wenn ich einer Ziviltrauung beiwohne, daß der Akt vielfach mit eiuer empörenden, geradezu salopp zu nennenden Formlosigkeit vollzogen wird. Nachdem das Gesetz einmal den Nachdrnck auf die Handlung vor dem Standesamte verlegt hat, sollte dieselbe doch einigermaßen den Charakter des Feierlichen an sich tragen. Selbst für die, welche die kirchliche Trauung als die Hauptsache ansehen, hätte eine anstands- volle bürgerliche Trauuug nichts Unangenehmes. Aber die Sache wird meistens so gehandhabt, als sei es die Aufgabe, dem kirchlichen Element gegenüber das rechtliche möglichst tief hinabzudrücken. Das komischste, was mir im Punkt der Formverachtuug begegnet ist, erlebte ich, als ich zum erstenmal nach achtzehn Jahren wieder einer politischen Versammlung in Deutschland beiwohnte, und es mutete mich unter diesen Umständen natürlich um so seltsamer an. Es war im Frühsommer 1867, als nach Stuttgart eine Versammlung süddeutscher Notabeln ausgeschrieben war, die sich wegen der kommenden Dinge verständigen sollten. Das Zollparlament stand damals am Horizont. Ich ergriff gern die Gelegenheit, um meinen Platz auf dem neu eröffneten Kampffelde auch in Person zu markieren, nachdem ich mit der Feder bereits eingegriffen hatte. Gehobener Stimmung und erwartungsvoll betrat ich den Saal, in dem ich mich nach so langer Zeit wieder auf heimischem Boden, wieder wie ehedem mit bedeutenden Gesinnungsgenossen zu gemeinsamer Aktion zusammenfinden sollte. Die Glocke des Beginnens ertönt, und der provisorische — später auch definitiv gewordene — Präsident Hölder erhebt sich. Und was vernehme ich? — Die Weisheit der Geschäftsleitung verlange vor allem, daß man sich über das Wirtshaus einige, in welchem man 88 Drittes Kapitel. am Abend nach erfüllter staatsmännischer Pflicht sich bei Bier und Wein des Lebens freuen könne. Ob jemand außer mir sich an dieser Eröffnungsfeierlichkeit gestoßen hat, ist mir nicht bewußt geworden. Herr Hölder hat später als zweiter Vizepräsident des Reichstags seine Funktionen mit eben derselben Grazie versehen. Wie er es als erster Präsident der württembergischen Kammer gehalten hat, weiß ich nicht. Doch wird es schwerlich anders gewesen sein. Was den Verhandlungen in der Panlskirche ihren besonderen Ton gab, war die aktive Mitbeteiligung der Zuhörer auf der Galerie. Natürlich trug das nicht zur Erhöhung der Würde und Feierlichkeit bei, aber es hinderte doch, daß die Sache gar zu ledern verlief. Man kann wirklich hier den trivialen Ausdruck anwenden, das Mitspielen des Pnbliknms brachte doch etwas Leben in die Bude, uud da die Galerie selbstverständlich auf Seiten der fortgeschrittensten Parlamentarier war, so empfanden wir Anhänger derselben das noch besonders angenehm. Es wurde aus Leibeskräften applaudiert und gezischt. Dies Verhältnis zwischen Volk und Volksvertretung führte sogar einmal zu einer mehrtägigen stürmischen Debatte, einer der heftigsten, deren ich Zeuge gewesen. Während der Tage, da die Frage der provisorischen Spitze des Reichs verhandelt wurde, wegeu deren Gestaltung die Gegensätze zwischen Monarchisten und Republikanern am wildesten gegeneinander prallten, hatte der als Hamburger Republikaner besonders monarchisch gesinnte Abgeordnete Heckscher, eine bissige und sarkastische Advokaten-Natur, einen Antrag der äußersten Linken als vor Allem wohlgefällig für die Galerie und zu deren Freude bestimmt bezeichnet. Nun brach von dieser Seite natürlich eine Entrüstung los, die zu beschwichtigen weder dem Präsidenten noch dem Urheber des Skandals gelingen wollte. Es dauerte zwei Tage, bis die Sache beglichen war. Außer mit Fröbel hatte ich seit dem Vorparlament noch keine persönliche nähere Berührung mit den einzelnen Mitgliedern der Linken selbst. In Frankfurt wohnte ich mit zwei Landsleuten zusammen, welche dem Parlament angehörten. Der eine war Zitz, der zweite war ein Präsident Mohr, welcher auch iu der Journalist und Volksredner. 89 Rheinprovinz gewählt war. Wir hatten uns eine sehr hübsche und elegante gemeinsame Wohnung auf dem Hirschgraben, dicht neben dem Goethehaus, ausgesucht. Mohr war eine Figur, wie sie vor eiuem halben Jahrhundert in unserer Provinz nicht ganz selten war. Daselbst geboren, war er als juuger Mann in die Napoleonische Armee eingereiht worden und hatte als Lieutenant deu ganzen spanischen Feldzng mitgemacht; davon war ihm, in seiner hohen Gestalt, eine stramm militärische Haltung geblieben. Ans einem kräftigen, aber eher knochigen als wohlgenährten Körper saß ein schöner, starker Kopf, nach antikem Mnster geschnitten, mit wallendem granen Haupthaar und Bart, nnd das Ganze bekam noch einen der Klassizität nicht widersprechenden Anstrich dadurch, daß Mohr, seitdem er pensioniert war, das Leben eines Landmannes führte, uud die militärische Haltung, besonders aber der römische Kopf mit einer biederen rustikalen Patina überzogen war. Nach dem Pariser Frieden war der Offizier, wie manche damals thaten, aus der Armee zur Justiz übergetreten und im Lauf der Zeit bis zum Präsidenten aufgestiegen. Seine liberale Gesinnung hatte ihm dann die Entlassung mit vollem Gehalt eingetragen, was damals noch gesetzlich möglich war. Uebrigens soll der freiheitliebende Mann, wie man im Justizpalast erzählte, zur Zeit, als er noch Unterfnchnngsrichter war, ein ziemlich tyrannischer Inquisitor gewesen sein. Freilich nach dem Geist, der an französischen Gerichten herrschte, kein ungewöhnlicher Fall. Zur Zeit, als ich Mohr kennen lernte, lebte er als Patriarch, wenn auch als kinderloser, mit seiner vortrefflichen Frau auf seinem Gute in Ober-Jngelheim zwischen Mainz und Bingen, besonders der Pflege seiuer Rosen in seinem großen Garten gewidmet. Er hatte sich auch der deutsch-katholischen Bewegung angeschlossen, und in der ganzen Gegend ringsumher galt er als das unbestrittene Oberhaupt für alle liberalen Bestrebnngen in Staat und Kirche. Er war ein schlichter, freundlicher Mann, dabei nicht ohne Würde. Der Typus solcher wohlhabender, gebildeter, von einem politischen Geist kerniger Unabhängigkeit beseelter Männer war dazumal in dem ländlichen Teil der mittelrheinischen Provinzen, in Rheinpfalz, Rheinhessen, Nassau keine seltene Er- 90 Drittes Kapitel. scheinung und manches erinnerte noch in den sechsziger Jahren an diese Gestalten. In dem Landstädtchen Ober-Jugelheim und seiner nächsten Umgebung hatten sie sich, vielleicht auch dank der von Mohr gegebenen Richtnng, ziemlich zahlreich zusammengefunden, besonders die Ärzte lieferten einige wackere Mitarbeiter, daneben Ökonome, Notare, Pfarrer, Gerichtsbeamte. Es bildete sich ein Kern daraus, welcher gerade diesen Winkel des Ländchens zu einem Stammsitz eines robusten liberalen Geistes machte, der auch heute noch nicht ausgestorben ist, wennschon die gegen Ende der siebenziger Jahre hineingekommene Spaltung „für oder gegen Bismarck" störend eingegriffen hat. Als ich nach der Schaffung des Norddeutschen Bundes meine politische Thätigkeit ans dem lieben alten Boden wieder aufnahm, wachten alle die schönen Reminiszenzen jener Achtundvierziger Zeit wieder auf, und die Nachfolger des inzwischen verstorbenen Präsidenten Mohr wurden meine besten Bundesgenossen. Noch will ich bemerken, daß diesem von solchen Ansehen getragenen Mann jede Beredsamkeit abging. Es war peinlich, seinen stockenden und ungeordneten Vortrag anzuhören. In der Paulskirche hat er uie gesprochen. Im Lauf der nächsten Wochen kam ich natürlich persönlich den Abgeordneten der Linken näher. Ich will die nennen, zn denen sich meine Beziehungen mehr oder weniger bleibend oder intim gestalteten. Unter den älteren waren es besonders Johann Jacoby nnd Arnold Rüge. Beide sind bekannte Figuren aus jener Zeit und der ihr vorangegangenen Periode. Jaeobys Bekanntschaft hatte ich zur Zeit des Vorparlaments gemacht. Er ward dann Mitglied des Fünfziger-Ausschusses behufs Berufung der Natioual-Ver- fammlung und blieb in Frankfurt, bis er Ende Juni in die Preußische Nationalversammlung in Berlin eintrat. Unser Verhältnis befestigte sich besonders dadurch, daß ich in seinem Auftrag die parlamentarische Berichterstattung für die „Königsberger Hartung'sche Zeitung" neben der für meine Mainzer übernahm. Es umgab ihn die Glorie des großen Eindrucks, welchen vor Jahren (1841) seine Vier Fragen eines Ostpreußen auf ganz Deutschland gemacht hatten, umsomehr als auch unablässige Journalist und Volksredner. 91 politische Verfolgungen noch ein übriges thaten, um den Rnhm des Mannes zu erhöhen. Es war die Zeit, wo die höheren Preußischen Tribnnale oftmals die von den niederen Instanzen gefällten Verurteilungen wieder aufhoben. Die Erscheinung uud das Auftreten des Mannes hatte etwas zur Verehrung Einladendes. Das nichts weniger als schöne Gesicht hatte scharfe, bedeutnngsvoll geschnittene Züge. Man sah ihm die jüdische Abstammung an, aber im Ausdruck über das Rassengepräge durch Objektivität hinausgehoben. Das ganze Wesen atmete eine eigentümliche Mischung von Charakterfestigkeit und Milde. Seine besondere Vorliebe für die fpinozistifche Philosophie hatte etwas von dem Widerschein der Vorstellung, die man sich von dem portugiesisch hebräischen Weltweisen macht. Es gab Leute, die wissen wollten, er sei eitler, als man denken sollte, und seine Beziehungen zu dem ihm anbetend zugethanen schönen Geschlecht seien nicht so unweltlicher Natur. Ich habe im Leben immer gefunden, daß mit keiner Verdächtigung leichtsinniger umgesprungen wird, als mit der der Eitelkeit. Einer in ihren unendlichen Spielarten so schwer definierbaren und so weit verbreiteten Eigenschaft ist schwer beizukommen, und wenn sie einem auch gegen allen Anschein zugeschrieben werden soll, so bleibt immer die Zuflucht, daß sie, weil so tief sitzend, auch ganz im Innern des Beschuldigten verborgen sei. Von Jaeoby kann ich ans eigener Beobachtung nur sagen, daß ich in ihm immer den Mann seines Wortes fand. Wie er redete, so handelte er im größten wie im kleinsten. Es war nirgends der geringste Abstand, aus dem mau einen Widerspruch hätte ableiten können. Sein Benehmen war, bei aller Unbeugsamkeit, unter Umständen Schroffheit der Grundsätze, ein überaus bescheidenes und verbindliches. Ich hatte etwas später, im Herbst des folgenden Jahres, da wir uns als Flüchtlinge in Bern begegneten, noch die Freude eiues fortgesetzten Umgangs. Er wollte mich damals, weil ich mit meiner Juristerei im Ausland nichts anzufangen wußte, bestimmen, mich ans sein Fach, die Medizin, zu werfen. Änßere Bedenken hielten mich davon ab, seinem Rat zu folgen, obwohl ich starke Lust dazu hatte und später manchmal bereute, es nicht gethan zu haben. 92 Drittes Kapitel. Von der Peinlichkeit seines — soll ich sagen unabhängigen — Sinnes ist mir ein drolliges Beispiel in Erinnerung geblieben. In Bern wohnte ich mit einem Kameraden zusammen, und da wir beide ans sparsamen Haushalt angewiesen waren, so ließen wir uns von der Vermieterin unseres einzigen gemeinsamen Zimmers auch das Mittagessen bereiten. Eines Tages rühmten wir Jacoby unsere wohlseile Kost nnd baten ihn, sich einmal bei uns zu Gast zu laden. Gesagt, gethan. Mein Jacoby erschien, beteiligte sich fröhlich an unserem frugalen Mahle, blieb noch ein Stündchen zum Plaudern da, und dann, im Begriff sich zu erheben, zog er sein langes, dünngefülltes, grünes, gehäkeltes Geldbeutelchen heraus uud zählte die paar Rappen des ihm früher genannten Kostpreises auf den Tisch. Alles Protestieren half nichts. Er habe sich selbst und stillschweigend nur unter dieser Bedingung eingeladen. Er nahm Hut nnd Stock, und uns blieb nichts übrig, als die Schadloshaltnng einzustreichen. Es war das gerade in den Tagen, wo die Frage brennend wnrde, ob er sich den preußischen Gerichten wegen der gegen ihn erhobenen Anklage des Hochverrats stellen sollte. Da wir alle uns in ähnlicher Lage befanden, so schien nichts natürlicher, als daß er es machte, wie die anderen, und ruhig da blieb, ohne die Gefahr einer harten Verurteilung zu laufen, und das ward ihm von allen Seiten zu Gemüte geführt. Aber er verlor kaum Worte darüber, sondern bedeutete uns einfach, er werde hingehen uud sich stellen. So that er auch, und man weiß, wie glänzend ihm sein Entschluß belohnt wnrde, als die Königsberger Geschworenen ihn, nachdem er noch eine Zeitlang in Untersuchungshaft gehalten worden war, nnter dem Jubel seiner Mitbürger freisprachen. Später fand ich ihn zum erstenmal wieder bei der Einweihung des Heinrich-Simon-Denkmals am Wallensee in der Schweiz. Er war noch ganz der alte. Und endlich fanden wir uns in Berlin zur Zeit des Norddeutschen Reichstags wieder. Damals standen wir freilich in getrennten Lagern. Er war der streng prinzipielle Gegner der Bismarckschen Politik geblieben. Unsere persönliche Begegnung litt nicht viel darunter. Aber Journalist und Volksredner. 93 etwas Befangenheit mußte der so ganz verschiedene Standpunkt doch als Schatten darauf werfen. Nicht so erging es mir mit Arnold Rnge, denn wir sollten in der Folge der Zeiten immer uns auf der gleichen Linie bewegen. Auch er war, als ich ihn persönlich kennen lernte, viel älter als ich und auch kein Unbekannter. Nicht der Nimbus Jacoby's schwebte um sein Hanpr, das auch für Nimbus gar nicht geschaffen war; allein ich war schon als Student in Gießen ein eifriger Leser seiner Halleschen Jahrbücher gewesen. Sein munteres, fideles Wesen zog mich um so mehr an, als sein kaustischer Humor sich in philosophischen Wendungen gefiel, die meinem damaligen Geschmack entgegenkamen. Da ich vor dem geaichten Hegelianer gebührenden Respekt hatte, so störte mich die unverfrorene Selbstbewußtheit seiner Aussprüche nicht, besonders da sie im Tone lockerer Bonhomie vorgebracht wurden. Seine Physiognomie war die eines echten blonden Pommern, halb Schulmeister, halb Unteroffizier. Seine liebenswürdige, gutmütige Frau war beinah immer in seiner Gesellschaft. Obwohl er zwanzig Jahre älter war als ich — hatte er doch schon 1830 mitgemacht und sechs Jahre Festung hinter sich! — so kamen wir doch sehr bald auf den Fuß des vertraulichen „Du", mit dem übrigens im Jahre 1848 nicht geknausert wurde. Wir blieben ihm auch später treu. Mit Jacoby war ich nie in diese Versuchung gekommen. Wieder eine ganz verschiedene Gestalt war Ludwig Simon von Trier, ein junger Mann, der damals außerordentlich schnell beliebt und berühmt wurde, aber später sich mir noch wenig und nur vorübergehend bemerkbar machte. Er war Advokat und mit einer südlich gearteten sprudelnden Beredsamkeit geboren. Ich bin im Lauf der Jahre oft zu der Vermutung hingeführt worden, daß in jenen Gebieten des Mosellandes Elemente nicht germanischen Ursprungs sitzen geblieben sein müssen, ob wallonischen, keltischen oder romanischen Ursprungs; das zu bestimmen müßte ich den schädelmessenden Völkerkundigen überlassen. Ich habe aber Individuen von derselben Beschaffenheit aus jeuer Gegend und zwar beiderlei Geschlechts, beobachtet, die ebenso wie Simon , , ^ 94 Drittes Kapitel. in der äußeren Erscheinung wie in ihrem Temperament vom germanischen Typus stark abwichen. Der junge Redner, dessen Name als Simon von Trier, im Gegensatz zu seinem Namensvetter Heinrich Simon von Breslan, bald in aller Munde war, hatte zunächst vou Mutter Natur eine gar wohlgefällige Ausstattung erhalten. Zwar eher klein zu nennen, war seine Gestalt ebenmäßig gefügt und in alleu Gliedmaßen fein nnd zierlich durchgeführt. Auf kräftigen, nicht zu breiten Schultern saß eiu von üppigem, beinah schwarzem Haar bewaldeter runder Kopf, aus dem unter dunklen, schön geschwungenen Brauen ein paar überaus freundliche und helle, große, intensiv blaue Augen herausleuchteten. Den anmutigen, etwas kirschenförmigen Mund umrahmte ein prächtiger, iu mäßigen Dimensionen gehaltener Bart. Dazu ein Organ vom vollklingendsten Metall, und eine fröhliche, ehrliche, feurige Seele. Man kaun sich denken, daß ihm die Herzen leicht zuflogen; besonders die weiblichen stürzten sich auf ihn, und ich glaube, sie hatten nicht oft Gelegenheit, eine so gute Beute zu machen. Denn er war in diesem Punkt, wie in den meisten, von rührender Naivetät. Seine natürliche Beredsamkeit ruhte auf einer ebenso merkwürdigen wie einfachen Unterlage. Er hatte außer seiner Gymnasialbildnng und Jurisprudenz sehr wenig gelernt; ich habe selten in dieser Sphäre einen so unbelesenen Menschen gekannt. Böse Zungen erzählten, er habe im Exil zum erstenmal eine Geschichte der französischen Revolution gelesen. Dafür hatte er in seinem Gehirn einen dialektischen Apparat, der alles, womit er in Berührung gesetzt ward, sofort logisch zerkleinerte uud synthetisch wieder aufbaute. Das Wunderbare daran war, daß er nicht einmal irgendwelche philosophischen Studien gemacht hatte. Nur die Hegelschen Formeln, welche noch in der Luft herumschwirrten, hatte er sich instinktiv angeeignet, und sie waren ihm in Fleisch und Blnt übergegangen. So blieb er sein Lebenlang. Als er nach vielen Jahren, während deren ihn ein chronisches Unterleibsleiden zur Unthätigkeit verurteilt hatte, sich entschloß, nach einem Broterwerb zu greiseu und demzufolge ganz als Neuling eine Stelle in eiuem kleineren Pariser Bank- Journalist und Volksredner. 95 geschäft antrat, war er nach einigen Monaten schon im stände, sich seine eigene Metaphysik des Wechselkurses in herzstärkender Weise zurecht zu legen. In ähnlicher Weise arbeitete er für seinen nie ganz von den Nachwehen der Krankheit frei gewordenen Magen eine diätetische Logik aus, nach der er pedantisch lebte. Wie verschieden entwickeln sich dieselben Anlagen. Auch Fröbel, wie ich oben ihn schilderte, war ein wesentlich konstruierender Verstand. Aber er verzehrte ungezähltes Material aus allen Regionen des Wissens und Schanens, nnd seine Konstruktionen waren daher immer iu wechselnder fruchtbarer Bewegung, die sich dem Gang der Ereignisse assimilierte. Bei Simon blieb der eigene Apparat die Hauptsache, der sich mit gauz wenigem als Nahrung begnügte, und daher immer sich um sich selber drehte, ohne von der Stelle zu kommen. Beide glänzende Koryphäen des kurzen Freiheitslenzes, eng verbrüdert. Dann treibt es den einen, nachdem ihm durch seine wunderbare Gewandtheit dem Standgericht des grimmen Windischgrätz seinen Kopf abzudisputieren gelungen, durch Nord- und Mittelamerika auf die abenteuerlichsten Wege, wo er mitten unter dem buntesten Wechsel der Beschäftigung weltverbindende Pläne entwirft, so mit prophetischem Blick mir von Honduras aus in seinen Briefen voraussagt, hier eher als in Panama sei der Weg der Zukunft vom Atlantischen Ozean ins Stille Meer. Hierauf kehrte er nach Enropa zurück, wird da Emissär des ultramontanen großdeutschen Österreich, steuert von diesem Ufer wieder an das Bismarckisch- Prenßische hinüber, um schließlich in Asien uud Afrika als Konsul des nenen Deutschen Reichs seine Lansbahn abzuschließen. Während derselben Zeit arbeitet sich der andere ehemalige Gefährte langsam in die Handgriffe eines kleinen Bankgeschäftes ein, und gründet danach noch ein viel kleineres für eigene Rechnung; zieht sich schließlich mit einem sehr bescheidenen Vermögen ins Privatleben zurück und heiratet eine hübsche Wirtstochter (der andere holt sich in zweiter Ehe in Zentralamerika eine bayerische Gräfin aus großem Hause), mit der er bis an sein vorzeitiges Ende, Anfang der siebziger Jahre, ein stilles Hänschen am Genfer See bewohnt. In seinem politischen Verhalten ist er dem Programm von 96 Drittes Kapitel. Es ist ein eigenes Ding um Freundschaft nnd politische Sinnesgemeinschaft. Ich habe ans diesem Gebiete mancherlei zu erfahren Gelegenheit gehabt. Im Jahre 1866 namentlich kam es mit einigen der besten alten Kameraden znm harten Anprallen. Ich selbst blieb von der Seite des Gemütes immer unempfindlich für solche Divergenzen, aber oft ohne Gegenseitigkeit. Am unausstehlichsten waren mir immer solche, welche ihr tiefes Weh über den gefallenen Freund in priesterlichem Abscheu zu erkennen gaben. Es waren in der Regel die unbedeutendsten. Ja, ich habe sogar diese Erfahrung in dem Verhältnis zu meinen französischen Freunden uach dem Krieg gemacht, allerdings mir bei wenigen, ein Zeichen, daß ich nicht schlechte Wahl getroffen hatte. Nur ein einziger zog sich unter das Zelt des nationalen Grolls znrück, nnd ich kann auf Gewissen sagen, daß er der miudest- wertige von allen war. Das stille persönliche Urteil ist eben in der Welt so viel freier uud besser als alles, was mit der Öffentlichkeit zusammenhängt. Wenn ich bedenke, wie brutal seit jener 1848 mit Herz und Verstand unverbrüchlich tren geblieben. Er war nicht mit mir einverstanden, als ich 1867 ins Bismarcksche Lager ging. Aber er nahm mirs nicht übel. Schwerer dagegen behandelte er den Fall von 1871. Er verurteilte die Einverleibung von Elsaß-Lothringen und alle die, welche diese Politik mitmachten. Als wir uus damals wiedersahen, ließ er mich empfinden, daß dies doch unserer laugen Freundschaft einen Stoß gegeben, wenn schon noch geung übrig geblieben war, daß wir nach ein paar Stunden gleichgültiger Unterhaltung zum Schluß mit warmem Händedruck schieden. Nicht lange darauf sollte er zur ewigen Rnhe sich niederlegen auf jenem fchönen Kirchhof von Montreux, an dem ich damals von ihm Abschied genommen. Moritz Hartmann, in vielen Stücken sein Gleichgesinnter, hat ihm den verklärenden Sprnch aufs Grab gedichtet: „Da starb ein Braver — still, fast unbeweint, Als ein Verlorner Posten und vergessen, Ausharrend treu uud hingestreckt, indessen Schon ferne ziehen Freund uud Feind — ' Die Weltgeschichte selbst — auf neuen Bahnen Mit neuem Losungswort und neuen Fahnen." 1872. Journalist und Volksredner. 9? Zeit bis auf den heutigen Tag der Zorn über einen unglücklichen Feldzug aus das Urteil über die persönlichen Eigenschaften der Individuen übertragen wurde, und wie anders die Sache sich in meinem Privatverhältnis zu gebildeten Menschen gestaltete, so tritt mir daraus mit am deutlichsten hervor, wie viel größer der Prozentsatz an Dummheitselementen in der öffentlichen Atmosphäre eines Landes ist, als in der privaten. Nur die Klugheit und Ehrlichkeit, welche die Meuscheu iu ihren Privatangelegenheiten anwenden, erhält die Welt und treibt sie vorwärts; dank ihnen ist auch die öffentliche Dummheit nicht im stände, die Welt zu Grunde zu richten oder rückwärts zu treiben. Auf dieser aus der Erfahrung gewonnenen Ueberzeugung beruht mein unerschütterliches individualistisches Bekenntniß, handle es sich nun um Staatssozialismus oder um Sozialdemokratie. Ein Individuum, das sich aus eigner Kraft um eine Sprosse der wirtschaftlichen Leiter hinanfarbeitet, ist für die Gesamtentwicklung wertvoller, als hundert, die von vormundschastlichen Wohlfahrtsanstalten — angeblich — hinaufgezogen werden. Im politischen Leben der Heimat hat es immer großen Reiz für mich gehabt, mit anders Gesinnten auf gntem Fuß zu stehen, und es gab eine Zeit in Deutschland, wo man auf diesen Genuß nicht ganz zu verzichten brauchte, wenn schon nach der ganzen Beschaffenheit unserer staatlichen und gesellschaftlichen Zustände, andere große Länder darin auf eiuem viel höheren Standpunkt stehen. Bei alledem, muß ich aber doch auch das Geständnis machen, daß volle, warme, lebendige Freundschaft andrerseits nicht haltbar ist ohne kräftige politische Uebereinstimmung, natürlich zwischen politisch empfindenden Männern. Sie reicht nicht aus, um Freundschaft zu begründen, die in viel tiefer liegendem Boden wurzeln muß; aber sie hilft sehr wesentlich tragen und fördern, und ihre Abwesenheit setzt der vollen Intimität ein nie ganz zu überwindendes Hindernis entgegen. Man kann eher in Sachen religiöser oder philosophischer Ueberzeugung aus verschiedenem Standpunkt mit einem Freund stehen, als in Sachen der Politik. Das Uebersinuliche läßt sich leichter iu den Hinter- Bambergers Erinnerungen. 7 gründ schieben, als das Sinnliche oder Weltliche. Die gläubige Seele einer klugen Frau wird einen klugen Ungläubigen nie hindern, sie wirklich zu lieben. Unter den dauernden Freundschaften mit solchen, die sich damals einen Namen machten und später auf dieser Höhe blieben, hätte ich aus jener ersten Frankfurter Zeit nur noch Moritz Hartmann zu nennen. Doch knüpfte sich unser gegenseitiges engeres Verhältnis erst in einer späteren Zeit, die in der Schweiz begann und sich zunächst in London fortsetzte. In Franksnrt hatten wir nur wenige Male uns miteinander unterhalten, und nach langen Jahren innigster Verbrüderung hat es uns oft ergötzt, wenn Hartmann schilderte, wie ganz entgegengesetzt ich bei jenen ersten Begegnungen ans ihn gewirkt hätte. Ein Beleg dazu, daß der erste Eindruck doch nicht immer der richtige ist. Drittes Kapitel. Die Paulskirche sollte gleich in den ersten Tagen von Mainz den Anlaß zu sehr stürmischen Verhandlungen bekommen. Ich habe schon erwähnt, daß die Errichtung einer bewaffneten Bürgerwehr bei dem Militär sehr starkes Mißgefühl erregt hatte. Nach verschiedenen unbedeutenden Reibungen kam der latente Konflikt am Abend des 21. Mai znm hellen Ausbruch. Schlägereien zwischen preußischen Soldaten (die österreichischen blieben immer aus dem Spiel) und Bürgern arteten zu einem heftigen Kampf aus; es wurde von Hieb- und Schußwaffen Gebranch gemacht; auf Seiteu des Militärs gab es einige Tote; auf Seiten der Bürger Verwundete. Und diesen Anlaß ergriff der preußische Vizegouverneur, General von Hüser, als einen willkommenen Vorwand, um der ihm mißfälligen Soldatenspielerei ein Ende zn machen. Wenn auch beklagenswerte Opfer gefallen waren, so hatte doch der gesamte Vorgang nicht eine Sekunde lang den Anschein geliefert, als ob für deu militärischen Besitz der Stadt und Festnng die kleinste Gefahr bestehen konnte. Die ganze Störnng hatte nur wenige Stunden gedauert, der eigentliche Kampf entfernt nicht so lange. Journalist und Volksredner. 99 wache der Bürgergarde nahe gelegenen Wohnung dahin geeilt. Als ich kam, war bereits alles rnhig, nur ein Verwundeter lag auf der Pritsche der Wache und wartete der ärztlichen Hilfe. Sonst alles still. Doch sofort wurden die Festungswälle mit Kanonen und Mörsern armiert, Vorbereitung zum Glühen von Kugeln getroffen, und etliche Stunden später erschien eine von dem General Hüser und dem österreichischen Platzkommandanten v. Jetzer unterzeichnete Proklamation, in der unter der Drohung eines Bombardements der Stadt befohlen wurde, noch am selben Abend binnen zwei Stunden sämtliche Waffen der Bürger auszuliefern. Aus dringendes Bitten der städtischen Behörde wurde diese lächerlich kurze Frist bis zum anderen Morgen zwölf Uhr erstreckt. Ob wirklich bei Nichterfüllung die Stadt zusammengeschossen worden wäre, hat natürlich nie festgestellt werden können. Aber die städtischen Behörden nahmen die Drohung sehr ernst und konnten wohl nicht anders. Später wurde zur Beschönigung dieser extravaganten Drohung angegeben, die Soldaten der Besatzung seien dermaßen erbittert gewesen, daß man zu ihrer Beruhigung diese ernsten Anstalten hätte treffen müssen. Genug, die tausend Gewehre, welche einige Wochen vorher das Darmstädter Zeughans auf den Altar der Volksbewaffnung niedergelegt hatte, um damit ebenso viele in blauen Kitteln uniformierte Mainzer Bürger zu bewaffnen, wurden nebst einer Anzahl Jagdflinten und alter Pistolen nnd Säbel abgeliefert, und damit war die Gefahr, daß die Festung einer Garnison von mindestens achttausend Mann entrissen werde, für immer beseitigt. In der Paulskirche hatte die Sache das Nachspiel, daß sehr erregte Debatten darüber hervorgerufen wurden, daß das Parlament eine Deputation zur Berichterstattung nach Mainz hinübersandte, daß diese auch ihre Schuldigkeit that, daß aber schließlich ein Antrag von Zitz und anderen Mitgliedern der Linken auf Wiederherstellung des normalen Zustandes, auf eiuen Wechsel der Garnison uud auf ein Verbot des Waffentragens anßer Dienst verworfen wurde. Gleiches Schicksal hatte ein sehr bescheidener Antrag der parlamentarischen Kommission selbst, uud schließlich siegte die einfache Tagesordnung. Die Debatten, 100 Drittes Kapitel. welche unter großem Tumult, lebhafter Mitbeteiliguug der Galerie uud leidenschaftlicher Erreguug im Saale geführt worden waren, gaben uuter anderem dem Fürsten Felix Lichuowski Anlaß zu einer Rede, die, in jenem bekannten Kavaliertone gehalten, nicht wenig zur Aufreizung der Gemüter beitrug und den Redner zuerst zur Zielscheibe des Hasses machte, dessen trauriges Opfer er einige Monate später werden sollte. Ich habe noch sehr lebhaft die Erinnerung, wie provozierend das ganze Auftreten des jungen Aristokraten wirkte. Es war die leibhaftige Verachtung und Heransfordernng der bürgerlichen Kanaille, die aus Worten und Bewegungen sprach, dabei war der Fürst eigentlich ein gnter Redner und hatte durchaus nicht jenes unangenehm näselnde Organ des pommerschen oder schlesischen Gardejunkers, welches im Reichstag zur Ausstattung dieses Typus gehört. Er war ein bildschöner Mann, vielleicht zu bildschön, etwas nach dem wächsernen Kopf im Schaufenster eines Haarkünstlers geartet, oder, gelinder geurteilt, ein Operntenor im schönsten Haar- und Bartschmnck mit einem Teint von Lilien und Rosen, der Liebling der vornehmsten Damen. Eine in den Schauseusteru aller Bilderläden ausgestellte Karikatur stellte sein sprechend ähnliches Gesicht auf dem Rumpf eines Bologneser Hündchens und dieses auf dem Schoß einer bekannten Schönheit aus der höchsten Gesellschaft dar. Das thatsächliche Resultat jener ganzen Mainzer Begebenheit, welche noch zu langen Verhandlungen im Bundestag und in der Darmstädter Kammer führte, bestand in einer Verstärkung der Mainzer Garnison durch ein italienisch-österreichisches Regiment. Die Bürgerwehr kam nicht mehr zur Auferstehung. Hatte dieser — an sich nicht viel bedeutende — Zwischenfall schon die Gegensätze in der Panlskirche zu heftigem Aufschäumen gebracht, so bereiteten sich nun Dinge weit ernsterer Natur vor, die in viel größerem Maßstab zur Scheidung der Geister führen sollten. Es handelte sich um die Verfassung des deutschen Gesamtstaates und namentlich um dessen Spitze. Meine vou Aufaug au genährten Zweifel hatten sich mittlerweile immer mehr befestigt. Ich war lange vor dem Ausgang Journalist und Volksredner. 101 überzeugt, daß aus der ganze» Sache schließlich nichts Lebensfähiges hervorgehen, binnen knrzem alles in die alten Geleise zurückgekehrt seiu werde. Bereits am 11. Juni schrieb ich der „Mainzer Zeitung" u. a. folgendes: „Sie machen mir Vorwürfe, daß ich Ihnen nur trockene Berichte schicke, und ich kann nicht anders als Ihnen recht geben. Nur mildernde Umstände möchte ich anführen, welche in der Aufgabe selbst liegen. Es fehlt eben dem, welcher den Lebensprozeß der Frankfurter Versammlung verfolgt, jede innere Aufforderung oder Anregung zn einem Gesamturteil; es fehlt jeder Ruhepunkt, jede Handhabe das Wahrgenommene in ein Resultat zusammenzufassen und zwar deshalb, weil so wenig festgestaltete Meinung uud Absicht und so wenig scharfes Selbstbewußtsein iu der Versammlung wohnt, weil eben darnm ihr Gang der eines verlegen hin uud her trippelnden Menschen ist, der nicht weiß, wohin er gehen will. Die Wahlen sind zum großen Teil konservativ ausgefallen, und so haben wir denn das eigentümliche Phänomen, daß ein gesetzgebender Körper in seinen einzelnen Teilen dazu bestimmt und beauftragt scheint, mehr oder weniger sich bedeutende» Neuerungen zu widersetzen, während er zugleich nicht leugnen kaun, daß deuuoch die Gesamtheit der Nation, daß der ganze Begriff seiner Existenz ihn zu Großartigem auffordert, und er darum auch immerhin unter dem Eindruck dieser Vorstelluugsweise steht. Sollte ich es kurz ausdrücken, so würde ich sagen: Was diese Leute (die konservative Mehrheit der Versammlung) wollen, das ist sehr klein; sie fühlen aber die Notwendigkeit, dem Publikum, das etwas Großes zu sehen uud zu hören erwartet, auch einigermaßen zn genügen. Danach können Sie sich schon denken, wie man sich arrangiert: die Größe spendet man in Worten, uud die That bleibt klein der Vorwurf, welchen die Versammlung mit Recht verdient, ist nicht sowohl, daß mit ihren bisherigen Verhandlungen nichts gethan ist, als daß die bisherigen Verhandlungen gezeigt habe», daß sie in Zukunft nichts thnn wird." Um die Mitte des Monat Juni war der lang erwartete, von Dahlmann verfaßte Majoritäts-Bericht des wegen Errichtung einer provisorischen Zentralgewalt von der Nationalversammlung niedergesetzten Ausschusses fertig geworden. Er ging in der entscheidenden Bestimmung darauf hinans, daß bis znr definitiven Begründung einer Regierungsgewalt für Deutschland ein Bnndes- direktorium zur Ausübung dieser obersten Gewalt in allen gemeinsamen Angelegenheiten der deutschen Nation bestellt werden 102 Drittes Kapitel. soll. Dasselbe sollte aus drei Männern bestehen, welche von den Regierungen ernannt und von dem Parlament bestätigt werden. Gegen diesen Vorschlag erhob sich alles, was an dem Grundsatz der Volkssouveränität als dem für die ganze Neugestaltung der Dinge maßgebenden festhielt. Diese Strömung war noch so stark, daß ihr selbst vou der Mittelpartei Zugeständnisse gemacht wurden. Die Verhandlungen jener Tage erhoben sich auf die Höhe einer hochgespannten Stimmung und weckten innerhalb wie außerhalb des Hauses zu erregter Teilnahme ans. Die beiden historischen Worte: das von Robert Blnm, der an das „brechende Auge der sterbendeu Freiheit" mahute, und Gagern's Wort vom „kühnen Griff" sind in jenen Tagen gefallen. Wenn Blum meinte, die Ernennung eiues Reichsverwesers aus fürstlichem Geblüte schaffe die Diktatur, so überschätzte er die Tragweite des Beschlusses ebenso tragisch wie Gagern, als er meinte, es gehörte eine erhabene Kühnheit dazu, diese Ernennung vorzuschlagen. Um die Volkssouveränität zu retten, stellte sich nämlich Gagern dem Dahlmannschen Projekt gegenüber. Er that seinen kühnen Griff, indem er die unmittelbare Ernennung eines Reichsverwesers durch die Versammlung beantragte. Man wußte bereits, daß dafür die Person des Erzherzogs Johann von Oesterreich ins Ange gefaßt, und daß eine große Mehrheit dafür zu haben sei. Es war damals meine bestimmte Ueberzeugung, daß der durchschlagende Grund für die Popularität dieses Gedankens sich aus einer bestimmten Thatsache herleitete; der Erzherzog hatte eines Postmeisters Tochter geheiratet. Ich habe bis ans diesen Tag keinen Grund, an der Richtigkeit meiner damaligen Auffassung zu zweifeln. Auch foust galt er für einen gemütlichen Mann, und da er zudem aus dem gemütlichen Oesterreich kam, so waren die guten Deutschen entzückt, das Haupt ihrer neuerrungenen Selbstherrschaft iu den Schoß dieser Strohpuppe zu legen, die Oesterreich, sobald der richtige Augenblick gekommen, wieder in den Kasten, aus dem sie genommen, zurücklegen konnte. Die Verhandlungen über die Bildung der provisorischen Zentralgewalt zogen sich in endlose Breite. Das Geschäft der mehr oder minder getreuen Wiedergabe des Wortlautes der Journalist und Volksredner. 103 Reden war mir allmählich langweilig und lästig geworden. Das ist schon deutlich zwischen den Zeilen meines hier oben erwähnten Schreibens au meine Zeitung zu leseu. Ich machte mir meine eigene Art zurecht, die mehr räsonnierend als reproduzierend war, mehr Kopfarbeit und weniger mechanische. So schrieb ich auch am 23. Juni wieder einen Bericht, in dem ich der Hauptsache nach folgendes bemerkte: Eigentlich sei der Streit um die Form einer nur für diesmal provisorisch einzusetzenden Zentralgewalt viel zu sehr ausgesponnen, aber thatsächlich handle es sich dabei für immer um das Priuzip, ob Volkssouveränität oder Fürstenautorität, und darum werde der Kampf so hartnäckig geführt, zugleich aber ohne Aufrichtigkeit, weil von beiden Seiten mit dem Gegensatz der Prinzipien nicht offen vorgegangen werde. Hier heißt es u. a.: „Die Rechte streitet für die Anerkennung als selbstberechtigt, die Linke dagegen; die Rechte streitet außerdem für den Kultus der konstitutionellen Monarchie (das nannte man damals rechts) in allen Sphären, die Linke für die Einführung der Republik, wenigstens in dem Ausdruck der Staatenföderation. Dies sind die Zielpunkte. Was sonst in der Diskussion vorgebracht wird, sind mir Mittel, durch Nebengründe zu bestimmen. Die einen^ weisen aus den Konflikt hin, der mit dem Volke zu erwarten steht, wenn man dessen Souveränität verleugnete, die andern auf den Konflikt mit den Fürsten und dem fürstlichen Anhang, wenn man diese Kaste hintansetzt; die sagen: nur die volkstümliche, jene: nur die fürstenprotegierte Gewalt werde stark sein; alle wiederholen: Das Baterland sei in Gefahr Hervorstehende Gesichtspunkte aus den einzelnen Reden wüßte ich bis jetzt keine außerdem auszuführen'; nur einzelne hervorstehende Wirkungen durch individuelle Behandlung. Sie werden aus den vorletzten Sitzungen viel über Jordans und noch mehr über Vinckes Reden gehört haben. Ich muß gestehen, daß ich beide für sehr unglückliche Behandlungen des Gegenstandes halte. Jordan*) sagte viel Geistreiches gelegentlich der Zentralgewalt, aber daß er dialektisch eine Meinung vertreten habe, kann man nicht sagen. Künstlerisch, schriftstellerisch ist das berechtigt, aber in einer so rein dem Zweck gewidmeten Sphäre, wie ein politisches Kollegium, muß diese geistreiche Ergehuug unterdrückt werden. Außerdem hat Jordan seine Rede mit Bildern und Gleichnissen überladen; *) Wilhelm, später Marinerat der unglücklichen deutschen Flotte, Verfasser von Deminrgos. 104 Drittes Kapitel. sie machte den Eindruck einer altmodischen, gemalten Speisesaaltapete, wo neben Beduinen in der Wüste, Englander an dem Rheinfall von Schaffhausen nnd jagende Damen mit dein Falken auf der Hand einen in brennenden Farben umlagern. Jordan vergißt, daß man mit Gleichnissen erläutert, aber nicht überzeugt. Das Hauptargument seiner Rede war: wegen derselben zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Geuau weiß ich es nicht; es ging damals mit den übrigen schwereren Verurteilungen in einem hin. Man hat manchmal die Frage aufgeworfen, was wohl ans Blnm geworden wäre, wenn er die Epoche überlebt und sich mit der nachfolgenden deutschen Politik weiter entwickelt hätte. In viel späterer Zeit kam Bismarck einmal in einem Gespräch unter vier Augen mit mir aus diesen Pnnkt zu reden. Es war im Hauptquartier zu Versailles in dem Moment, wo die Stimm- sührer der Nationalliberalen, an ihrer Spitze Lasker, ihm Schwierigkeiten machten, in die projektierte Verfassung des deutscheu Reichs die weitgehenden Sonderrechte aufzunehmen, die er den Südstaaten nnd insbesondere Bayern eingeräumt hatte. Ich hatte es übernommen, zwischen Bismarck und meinen parlamentarischen Freunden zu vermitteln. An jenem Tage war Bismarck sehr heftig erregt über den ihm bereiteten Widerstand, dessen Seele natürlich nnd, wie ihm bekannt, Lasker war. „Wenn Robert Blnm heute noch am Leben wäre, rief er einmal im Laufe des Zwiegespräches aus; er wäre gewiß viel gemäßigter als Lasker." Wer will sagen, ob er nicht damit Recht behalten hätte. Es lag bei aller Entschiedenheit ein starkes Maß von Besonnenheit und Anpassnngssähigkeit in Blum. Sein Ende wirkte auch eben darum so tragisch, weil er eigentlich nicht der Mann war, sein Leben leichtsinnig aufs Spiel zu setzen. Niemand hatte damals die Idee, daß ein Auflehnen im Namen der gesetzlichen Freiheit im Handumdrehen aufs Blutgerüst führen könne. Aus Fröbels Schilderungen, der bis zum letzten Tag Blnms Gefangenschaft teilte, geht die gleiche Stimmung hervor. In Deutschland, nnd namentlich in unserer Nähe, wnrde noch eine Reihe von Totenfeiern abgehalten. Städte, Flecken, Dörfer wollten, jedes in seiner Weise, dem Alle bestürmenden Gefühle irgend einen sinnlichen Ausdruck geben. Wo Lustbarkeiten ausgeschrieben waren, wurden sie abbestellt. Die Deutsch- Katholiken, die sich auch Neukatholikeu nannten, verehrten in Blnm einen ihrer Stifter. Sie hielten gleichfalls Totenämter fnr ihn ab. So viel ich den Gesamteindruck der Wiener, Berliner nnd Frankfurter Ereignisse mir wieder vergegenwärtige und aus den Belegen rekoustruiere, war mit ihnen der Glaube an die Möglichkeit, auf konstitutionellem Wege etwas aus der Märzbewegung zn retten, in den Massen und in der radikalen Führnng ganz und gar erloschen. Dagegen hatte sich der Drang nach WiderDrittes Kapitel. Journalist und Volksredner. 143 stand nicht abgestumpft, vielmehr verschärft. Die Ohnmacht der parlamentarischen Versammlungen, namentlich der Frankfurter, trieb zu dem Schluß hin, daß auf sie gar keine Hoffnung zu setzen sei, aber die Entrüstung gerade darüber setzte sich in ein direktes Vertrauen um, daß ans anderem Wege noch Rettung herbeigeführt werden könne. Dies führte den republikanischen Tendenzen neue Nahrung zu. Anfangs Juli hatte in Hauau eine allgemeine Tnrner- verfammlung getagt, die mich zu ihrem Vorsitzenden erwählt hatte. Dabei war es über die Frage, ob sich der Bund zu einem politischen Programm bekehren solle, zu einer Spaltung gekommen; die Leitung desjenigen — etwa die Hälfte der Vereine umfassenden — Teils, welcher sich als demokratischer Turnerbnnd konstitnierte, war nach Mainz, d. h. in meine Hand gelegt worden. Nun, Ende November, unter den Einwirkungen der geschilderten Art, entschlossen wir uus, auch mit einem Manifest hervorzutreten. Dasselbe motivierte in ziemlich umständlicher und etwas doktrinärer Weise die Notwendigkeit, das Tnrnwesen auf eine politische Grundlage zu setzen, und schloß mit dem Satz, daß „die Einheit und Freiheit des Vaterlandes ihre Verwirklichung nur in der Republik finden könne." Die Linke des Frankfurter Parlamentes suchte nach Mitteln außerhalb ihrer Sphäre, um ihrer Mission nachzukommen. Es bildete sich damals der sogenannte „Märzverein" aus gemäßigten und radikalen Abgeordneten — v. Trützschler, Ra- veanx, Eisenmauu, Wesendonck, — der in Filialen über ganz Deutschland Stützen zu einem selbständigen Vorgehen suchte. Die Bewegung des die Gesamtheit durchdringenden Sinnes für Politik war in jener Zeit noch breiter und intensiver als in den ersten Monaten des Aufschwungs. Von dieser Anregung getragen, widmete ich mich mit erneuerter Lust meiner Redaktion. Zu den fast täglichen langen leitenden Hanpt- und Nebenartikeln schrieb ich manchmal auch noch Fenilletons, z. B. einen Briefwechsel zwischen Karl und Marie über „die Politik und das Leben" gegen quietistifche Auffassung der ästhetischen Gesellschaft — ein andermal Rezensionen 144 Drittes Kapitel. von Büchern. Daneben natürlich immer die Reden in Versamminngen, auch ans dem Lande, und die Leitung der Vereinsthätigkeit. So sehr auch die Reaktion iu Berlin uud Wien bereits praktisch eiugriff, bei uns trat die Regierung doch noch sehr vorsichtig auf, und wir thaten uns in Rede und Schrift gütlich nach Herzenslust. Eine Episode der Polemik machte mir besonderen Spaß. Sie möge mit der sie reproduzierenden Stelle aus der Zeitungs- unmmer vom i0. Dezember ihren Platz hier finden: „Der Lehrer Mohr in Heimersheim saß in der Kirche. Der Pfarrer auf der Kanzel predigte. Er predigte vom Fegfeuer. Und der Pfarrer erhob seine Stiinine nnd sprach wie folgt: „Liebe Christen, wie, schmerzt es Euch nicht, wenn Ihr Euch am kleinen Finger verbrennt. Nun rechnet einmal, wie weh das Fegfeuer thnt!" Der Lehrer Mohr, der teuflische Mohr, machte bei dieser Gelegenheit eine ungläubige Geberde. Darauf richteten mehrere Bürger von Heimersheim — sicher ohne Mit- wisfen des Pfarrers — eine Beschwerdeschrift an die Regieruugs- kommission, weil der Lehrer Mohr über den Thermometerstand der Hölle mit dem Pfarrer nicht einig sein wolle. Herr Pfannebecker schrieb darauf an den Lehrer Mohr, er möge um Versetzung einkommen, weil er daS Ver- tranen seiner Gemeinde verloren habe und nicht mehr segensreich wirken könne. Mohr, dessen schwarze Seele sich schon in seinem Namen spiegelt, wollte dies nicht begreifen. Ohne Fegfeuer kein Vertrauen! Das ist doch wohl klar. Mohr, der verstockte Mohr, war blind nnd taub für diese einfache Wahrheit! O, wie wird er einst dafür in der Pfanne des Fegfeuers gebacken werden! Er kam also nicht um Versetzung ein — und siehe da! — weil Mahomed nicht zum Berge gehen wollte, ging der Berg zu Mahomed. Mohr wurde von oben herab versetzt, weil er nicht von unten hinauf versetzt sein wollte. Herr Pfannebecker, den der Allgütige noch mehr mit frommer Demut und kindlichem Glauben, als.mit politischer Weisheit gesegnet hat, Herr Pfannebecker, der fromme Mann, konnte es nicht dnlden, daß Mohr, ohne Zweifel aus „demokratischem Nihilismus", über das Fegfeuer lächle. Von dem Zweifel an dem Fegfener bis znm Zweifel au Herrn Pfaunebecker ist ja nur ein Schritt! Es wurde also dem Ungläubige» geschrieben: „Wenn er auch mir gelächelt, so müsse er deshalb versetzt werden." Wir wollten dem Lehrer Mohr nicht raten, den Widerspenstigen zu machen, sonst könnten ihm Reichstrnppen im Garten wachsen. Die Reichstruppen haben ebenso gut wie für die moralische Erziehung, auch dafür zu sorgen, daß die bestehende Fegseuer- Ordnnng nicht dnrch die Anarchistenpartei nnter Blut und Trümmern Journalist und Volksredner. 145 umgestürzt werde. Alles für nicht mehr als 34 000 fl.! ein wahres Spottgeld!" Der gute Regierungskommissär Pfannebecker, mit dem ich damals meinen übermütigen Spott trieb, sollte nach zwanzig Jahren sich mit mir in derselben Fraktion der Nationalliberalen des Zollparlaments wieder zusammenfinden. Ich war Vertreter von Mainz und er des benachbarten Worms, wo er als Ein- geborner und oberster Verwaltungsbeamter saß und in harmloser Gesinnung der Pflege seiner Weinberge und dem Genuß ihrer Erzeugnisse oblag. In dieser Zeit haben wir mit der vollen Spannkraft unserer P arteiorganisation noch einen interessanten Sieg erfochten. Schütz, der Mitredakteur der „Mainzer Zeitung", war wegen seiner in Frankfurt auf der Pfingstweide gehaltenen aufrührerischen Rede vom Staatsanwalt in Verfolgung gesetzt und hatte sich, wie berichtet, ins Ausland, nach Belgien, geflüchtet. Bald darauf starb der rheinische Abgeordnete der Paulskirche, Brunck, welcher den Kreis Bingen vertreten hatte. Die Neuwahl ward aus den 23. Dezember anberaumt. Sie war, uach dem damals geltenden indirekten Verfahren, durch Wahlmänner zu vollziehen. Nach der Verfassung war ein Mitglied der Nationalversammlung ohne Zustimmung derselben nicht zu verfolgen, und besonders nicht zu verhaften. Gelang es uns, Schütz wählen zu lassen, so konnte er vorerst nach Mainz zurück. Nun setzten wir alles in Bewegung. Auf einer Vorversammlung wurde er von der Partei nominiert. Am Tag vor dem 23. kam er über die belgische Grenze heimlich in Bingen an und wurde bis zur Eröffnung der Wahlversammlung verborgen gehalten. Unsere Gegner hatten einen gemäßigten Liberalen, namens Langen, aufgestellt, welcher Schattierung auch Bruuck angehört hatte. Der Wahlkommifsär hielt in der öffentlichen Wahlversammlung eine Rede, die mit dem Zauupsahl für Laugen winkte. Ein Freund sekundierte nach diesem. Dann trat einer der Unsern für Schütz ein. Es war nämlich so die Sitte, unmittelbar bei und vor dem Wahlakte noch einmal in solcher Gestalt kontradiktorisch zn verhandeln. Der Redner für Schütz war ein protestantischer Pfarrer, namens Matthy, der damals uud lauge noch eine bedeutende Stellung Baml'ergers Erinnerungen. 10 146 Drittes Kapitel. unter den Liberalen des Landes einnahm. Anfänglich war er der Mitkandidat von Schütz gewesen. Aber die Parteidisziplin brachte ihn zum Verzichten. Um so wirksamer war jetzt sein Eintreten. Als er geendet hatte, holten wir plötzlich Schütz, den wir bis dahin versteckt gehalten, ans der Tiese hervor. Man kann sich den Theatereffekt denken. Schütz hielt eine Ansprache. Kein Mensch dachte daran, daß die Behörde sich seiner bemächtigen werde. Sofort ging man zur Abstimmung über, und Schütz wurde mit starker Mehrheit gewählt. Nun war er gefeit, und wir begingen einen lustigen Triumph. In einem Leitartikel, den zu lesen, mir noch jetzt nach siebenundvierzig Jahren Spaß macht, feierte ich den Sieg als den Erfolg unserer Organisation und des Geistes, den sie geweckt hatte. Da heißt es u. a.: „Die demokratischen Vereine sind bei uns kein Zeitvertreib, keine dem momentanen Impuls geweihte Äußerung, sie sind ein Lebenselement, ein Stück Natur im Volk geworden. Man geht in deu demokratischen Verein, wie der Fromme in die Kirche. Am Versammlnngstage erwacht uian mit dem Gedanken, heute Abend ist Sitzung." Waren schon mit den Schlägen in Berlin und Wien die letzten Hoffnungen auf eine fruchtbare Weiterbildung der gesetzlichen Einheits- und Freiheitsgrundlagen mittelst des Frankfurter Parlaments zu Boden geschlagen, so kam jetzt von Frankreich her eine Entscheidung, welche in ihrer Weise noch deutlicher zeigte, daß die Ära der Revolution für Europa ihr Ende gefunden habe. Das war die auf den Prinzen Louis Napoleon gefallene Wahl zum Präsidenten der französischen Republik. Ungarn allein stand nun noch ausrecht; überall sonst war die Niederlage der im Februar begonnenen Bewegung mit dem Ende des Jahres besiegelt. Der am 10. Dezember erfochtene Sieg des napoleonischen Präsidenten hatte natürlich seine größte Bedeutung dadurch, daß er am Ausgangspunkt der ganzen europäischen Erhebung sich abspielte. Frankreich hatte mit seinem Sieg über die Dynastie der Orleans den Reigen eröffnet, seine Rückkehr zur bonapartistischen schloß die Kette wieder. Die Wendung kam in Frankreich selbst, wie im Ausland, dem größten Teil der politisch Denkenden und besonders den Liberalen ganz überraschend. Kanm daß man Journalist und Volksredner. 147 Louis Napoleon ernst genommen hatte. Seine früheren Abenteuer in Boulogne und Straßburg hatten einen lächerlichen Anstrich; sein Auftreten in der republikanischen Nationalversammlung hatte den Eindruck des Unbedeutenden uud Schwachen zurückgelassen. Sein Gegner, der General Cavaignac, schien turmhoch über ihm zu stehen. Die Nachricht, daß der Napoleonide mit überwältigender Mehrheit aus den Wahlnrnen hervorgegangen sei, wirkte tief niederschlagend aus die liberalen Gemüter. Es war zum erstenmal in der neuen Zeit eine jener Überraschungen des allgemeinen Stimmrechts, an die man sich seitdem etwas mehr gewöhnt hat, die aber alle das gemein haben, daß sie unberechenbare, dunkle Einfälle der sogenannten Volksseele zu Tage bringen, welche die mit Vernunftgründen rechnenden Politiker als uuterwertig zu vernachlässigen pflegen. Ihre Niederlage hat in solchen Fällen auch noch den besonders bitteren Beigeschmack, daß die enthüllte Thorheit der „Volksseele" der demokratischen Ueberzeugung eine beschämende Verlegenheit bereitet. So ergiug es den Radikalen in Frankreich und Deutschland am 10. Dezember 1848. Die, welche auf die Zauberkraft des „imperialen Märchentraumes" gerechnet hatten, waren die Klugen gewesen, weil sie die politische Reife der Massen weniger hoch geschätzt hatten, als ihre unaufgeklärten republikanischen Gegner. Innerlich deprimiert, gab ich mir damals Mühe, die Sache auf irgend eine Weise vor der Vernunft zu retteu. In meinen Leitartikeln quälte ich mich, nachzuweisen, daß nicht die Ruhmesfahne des despotischen Eroberers über die Republik triumphiert habe. Ich glaube, daß ich es damit so ehrlich meinte, wie das durch den zur Selbsterhaltung des eigenen Glaubens erforderlichen Selbstbetrug bedingt ist. Ich fand sogar eine Erklärung, die nach Ausweis späterer sranzösischer Erfahrungen sehr gut als die richtige hätte befunden werden können, wenn die einfache Wahrheit nicht doch noch eine richtigere geliefert hätte. Ich führte ans: Nicht der Bonapartismus hätte gesiegt, foudern das Provisorium; die Franzosen hätten in Louis Napoleon eher ein verschiebbares Provisorium gesehen als in Cavaignac, und jenen deshalb vorgezogen. 10" Drittes Kapitel. Es ist unter der dritten Republik vieles geschehen, was aus dem Geheimnis, daß das Provisorische in Frankreich leichter ertragen wird als das Definitive, sich erklären läßt. Allein darüber kann ebenfalls nach den Lehren der Erfahrung kein Streit sein, daß es die leibhaftige bonapartistische Legende war, welche die Wahl vom 10. Dezember 1848 gemacht hat. Thiers und Beranger, welche der Ära des Imperators den liberalen Farbenschmuck der Trikolore geliefert, hatten richtig in der „Volksseele" gelesen. Zur Zeit des zweiten Kaisertums mußte der Sänger der „Louvsmrs ?supls" Rede stehen, weil er durch seine Poetisiernng die neue Knechtschaft heraufbeschworen, und seine Popularität erlitt damals einen nicht mehr verwundenen Stoß. Aber die Bauern, welche 1848 den neuen Kaiser wählten, waren nicht durch den Dichter verführt. Er hatte nur richtig in ihrer Seele gelesen, als er sang: Oll parlsra cls sa ^loirs 8ous lo ebs,urlls bisn loo^tsrups. I/bumlils toit, c>sn8 oin^UÄlltö aus, Ns oollllsitra. plus «i'autrs bistoirs. Es hat, wie wir in den neuesten Zeiten erlebten, nicht fünfzig, sondern achtzig Jahre lang vorgehalten. Ende Achtundvierzig stieg, wie ich aus meinen Leitartikeln sehe, auch schon der Gedanke des russisch-französischen Bündnisses auf. Aber der Glaube an die französische Demokratie, der durch die Wahl des 10. Dezember eine so schwere Enttäuschung erlitten hatte, sträubte sich auch gegen diesen Gedanken. Journalist und Volksredner. 149 1849. Ein Jahr, wie das eben vollendete, hatte mit Ausnahme der hochbetagten Menschen, welche sich der ersten französischen Revolution erinnern konnten, die lebende Generation noch nicht au sich vorübergehen sehen. Vergangenes und Künftiges drängten zu den tiefsten Betrachtungen. Es fehlte auch bei uns nicht daran, und ich entzog mich natürlich nicht der Aufgabe, meiner Sinnesweise Ausdruck zu geben. Die Zeitung, die ich jetzt in der Hauptsache fast allein redigierte, und die Vereinsthätigkeit gaben mir reichlich Gelegenheit dazu. Aus allem, was noch vorhanden ist, weht der Geist einer unverminderten Angeregtheit; eine eigentümliche Mischung von Jllusionslosigkeit gegenüber der thatsächlichen Gestaltung der Dinge, und von gesteigertem Aufschwung im Dienste künftiger Herrlichkeit, deren Inbegriff wir uuter dem Worte „Revolution" zusammenfaßten. Ich sah schon längst die Revolution des Februar und März 1848 als völlig mißlungen an, aber ich hielt die Ära der Revolution überhaupt nicht für abgeschlossen und fühlte lebhafter als je zuvor die Lust, in ihrem Dienst zu wirken. Dieser eigentümliche Dualismus erklärt sich dadurch, daß die Ohnmacht und das herannahende Ende der Frankfurter Volksvertretung als vollendete Thatsachen mit Händen zu greifen waren, daß aber der Zustand freiester politischer Bewegung aus der Anfangszeit sich wenig eingeengt erhalten hatte, und daß diese Bewegung gerade vermöge des Unwillens über die zerstörten Illusionen aus der breiten Masse des Volkes immer mehr Feuer und Nahrung erhalten hatte. Die Ellbogen waren noch genügend frei, und die Atmosphäre war von Entrüstung erfüllt. Im Gegensatz stand der sichtbare Einsturz des ganzen ephemeren Reichsgebäudes und die ebenso sichtbare Wiederkehr der alten Mächte. Das gab eine verdoppelte Kampsesstimmuug, und das jugendliche Gemüt suhlte sich wohl in der schrankenlosen Heftigkeit, mit der es sich in diese Brandung stürzen konnte. 150 Drittes Kapitel. Dies Glücksbewußtsein einer potenzierten Geistesthätigkeit dominierte. Diese Gedanken sind in einem Leitartikel zu finden, den ich für den Nenjahrstag schrieb. Das Glück, in einer so bewegten Zeit zu leben, übersprudelt darin alles andere. Es gibt Heuer keinen Nenjahrstag, keinen Festtag mehr. Jeder Tag ist ein Feiertag, denn jeder bringt neue Anregung. Auch die Frage, ob uns die „Revolution" Vorteil gebracht, muß verschwinden. Daß sie da war und weiter wirkt, selbst im äußeren Niedergange, ist ein Triumph des Menschengeistes. Unmittelbar hinter dem in weihevollem, begeistertem Ton gefaßten Leitartikel druckte ich im selben Blatt der Zeitung die „Grundrechte des deutschen Volkes" ab, welche im Reichsgesetzblatt erschienen waren. Am Vorabend hatte der demokratische Verein seinen Sylvester unter meinem Vorsitze gefeiert, und ich hielt natürlich anch die Weihrede. Die unfaßbare Fülle der Ereignisse, sagte ich, kann ich zusammenfassen in das einzige Wort: „Revo- lutiou; die ganze Zukunft, das, was diese Revolution anstrebt, in den einen Gedanken: Bestimmung des Menschengeschlechts." Daran schloß sich eine Mahnung zum Ernst. „Nnr wenn der Grundton des Lebens ernst ist, dann ist im Scherze Wahrheit. Möge Ihnen jedes Mal, so oft Sie über die Schwelle dieses Saales gehen, das Bild des Ernstes vor die Seele treten." Dann erzählte ich, wie wir, ein Dutzend Kameraden, im März die Anfänge eines demokratischen Vereins improvisiert hatten, und hieran schloß sich die Schilderung des erstaunlichen Wachstums, an Zahl, an Einflnß: „Unser ganzes Land (Rheinhessen) ist ein einziger Demokratenverein . . . Kein Unterschied mehr zwischen Stadt und Land. Überall dieselbe politische Fähigkeit und überall dieselben Verhältnisse der Aufklärung, und das Alles in seiner Wirkung gesteigert, durch die enge, geregelte Verbindung aller Teile. Die Freude, der Stolz, mit welchem uus das Bewußtsein dieser Wirksamkeit erfüllen darf, kann uuS viel Trost geben gegen die Triumphe unserer Gegner." Am Schluß der Festsitzung wurden zweitausend Exemplare einer mit Arabesken ausgestatteten „Erklärung der Meuschen- Journalist und Volksredner. 151 rechte" des Konvents an die Mitglieder und an die Zuhörer auf der Galerie verteilt. In unserm guten Humor ließen wir uns durch die näher rückenden Vorboten praktischer Belästigung seitens der heraufziehenden Reaktion nicht stören. Preßprozesse waren bereits in erheblicher Zahl eingeleitet in allen drei Provinzen des Großherzogtums; einige Redakteure in Gießen und Darmstadt waren verhastet, andere flüchtig. In den ersten Tagen des Januar lief gegen die Redakteure der „Mainzer Zeitung" bereits die vierte Klage und Vorladung vor den Untersuchungsrichter ein, die wir in dem Blatt bei der Meldung mit „Hurrah" begrüßten. Bald darauf sollten wir den Triumph feiern, daß sowohl das erstrichterliche wie das Appell-Erkenntnis uns der Anklage wieder enthob. Mein Mitredakteur Bölsche, Familienvater und Eigentümer der 'höheren Mädchenschule, mußte diese Fährlichkeiteu aber doch eruster nehmen als ich, und so zog er mit meiner Zustimmung seinen Namen von der Unterschrift des Blattes zurück. Ich figurierte von jetzt an allein als verantwortlicher Redakteur, nicht immer zur Freude meines Verlegers, denn der Kamps gegen seinen Schwiegervater Jaup und dessen Gönner Heinrich von Gagern, der nur noch spottweise „der Edle" genannt wurde, uahm eine heftige Temperatur an. Aber die Strömung war so vorherrschend zu Gunsten meiner Richtung und damit auch meiner Person gewachsen, daß die Existenz des Blattes unentrinnbar damit verwachsen war.! Einmal in diesen Tagen kam es sogar zu einer spaßhaften Auseinandersetzung zwischen dem braven Herrn von Zabern und mir wegen einer nicht politischen Lizenz, die ich mir gestattet hatte. Am 10. Januar begann ich eine Serie von Leitartikeln unter der Überschrift: „Nachtgedanken eines Reichsbürgers". Im Eingang wird geschildert, wie die verjagten Gewalten bereits zurückgekehrt und in den vorigen Stand eingesetzt sind. Dann heißt es weiter: „Die Revolution ist in der Geburt umgekommen. Sie war zn groß snr den gebärenden Mntterschoß; sie drohte, sollte sie ganz zn Tage 152 Drittes Kapitel. kommen, der Mutter selbst, der jetzigen Welt, das Leben zu kosten: in der Angst um die Kreisende, in der Ungewißheit über die Lebensfähigkeit des neuen Geschöpfes, folgte man der ärztlichen Regel und entschied im Zweifel der Wahl für das Bestehende gegen das Werdende, für die Mutter gegen das Kind. Das Kind wurde über dem Akte der Geburt zerstückt, um den Leib der Mutter zu erhalten. Die Revolution starb an ihrer eignen Größe. Jetzt begraben sie die blutigen Stücke des Riesenkindleins, und die überlebende Mutter, die alternde Welt, sie zittert noch ängstlich ergriffen hin und her zwischen der Freude um das erhaltene Leben und der Trauer um das geopferte Kind." Der jungen Frau von Zabern, die natürlich jeden Tag die Zeitung las, hatte dieser geburtshelserische Realismus begreiflicher Weise einen schauderhasten Eindruck gemacht, und ihr guter Gemahl hielt mir halb in ernster, halb in lustiger Tonart eine Strafpredigt über das Thema: wie ich Gelbschuabel dazu komme, mit solchen Bildern aus den intimsten Vorgängen des Geschlechtslebens Staat zu machen. Aber über solche Prüderie war selbstredend meine Vorurteilslosigkeit turmhoch erhaben, und ich belächelte nur nachsichtig die ehrbare Kritik. Sehr getreu spiegelt sich in einem der folgenden, diesen Nachtgedanken gewidmeten Leitartikel der Zustand der Dinge und der Gemüter jener Epoche ab. Das Thema ist: kein Mensch glaubt au den Bestand dessen, was im letzten Jahr geschaffen worden, und mit dessen Ausbau man fcheinbar noch beschäftigt ist. Man könne nicht sagen, heißt es da u. a., daß das Volk gleichgültig sei für politische Dinge; im Gegenteil, das politische Urteil und der politische Sinn haben unendlich mehr Boden, als zur Zeit der ersteu Bewegung: „Aber das Eigentümliche ist, daß niemand an den Ernst der gegenwärtigen Unternehmungen glaubt. Wie nahe liegt die Möglichkeit, daß in vier Wochen ein deutscher Kaiser proklamiert sei, und man suche jetzt einmal unter groß und klein einen Menschen, der nicht mitleidig lächelte, wenn man ihm vom künftigen deutschen Kaiser spricht. Selbst das bischen Enthusiasmus, das bei Eiusehuug des Reichsverwesers aus alle» Luugeu geblaseu wurde, wie kläglich ist es verraucht! Herr Raveaux schämt sich zu Tode, daß er mit Extrapost nach Wien gefahren ist, nm den vermeintlichen Vaterlandsretter im Triumphe abzuholen, und wenn man fragen wollte, wer bei dem Kölner Domjubel Vivat geschrieen (Zusammenkunft des Erzherzogs Johann mit dein König von Prenßen), es würden sich wohl keine zehn Leute melden." Journalist und Volksredner. 153 Mitte Januar kam die große Krisis näher, die sich seit einiger Zeit vorbereitet hatte: Der Austritt Österreichs aus dem Gesamtreich Deutschland, der den Austritt der österreichischen Abgeordneten aus der Nationalversammlung zur unvermeidlichen Folge haben mußte. Die gemäßigt liberalen und doktrinären Elemente der Paulskirche hatten sich mit dieser Idee befreundet und der eines engeren Deutschland unter einem preußischen Kaiser zugewendet. Die Demokratie war natürlich darob entrüstet. Trotz aller Rechtfertigung, welche zwanzig Jahre später diesem Programm xdnrch die Geschichte zugebracht wurde, ein Programm, zu dem ich selbst seit der Wiederherstellung des Bundestages in den fünfziger Jahren überging, war der damalige Widerstand gegen die Trennung von Österreich sehr begreiflich, hauptsächlich darum, weil die Aussicht auf das zum Ersatz herbeigezogene preußische Kaisertum schon damals aus dem Nullpunkt stand. Friedrich Wilhelm IV. hatte genugsam zu erkennen gegeben, daß er die „aus Dreck und Blut zusammengeknetete Kaiserkrone" aus den Händen einer illegitimen Volksvertretung nicht annehmen werde. Der Rücktritt Österreichs war nur das Borspiel zum letzten Akt der ganzen Frankfurter Parlamentskomödie. Am meisten aber empörte uns die Kaltblütigkeit, mit der die Wendung von der in Gagern personifizierten Partei aeceptiert nnd verherrlicht wurde. Hatte sie doch eine Reihe von freiheitlichen Forderungen bekämpft, um Österreich in dem neuen Deutschland festhalten zu können. Hatte sie doch den österreichischen Erzherzog als Reichsverweser erfunden und verherrlicht. Und nun verlangte sie Vollmacht vom Parlament, nm mit Wien über den Austritt der Habsburgischen Monarchie zu unterhandeln. Der Stimmung jener Tage giebt ein Leitartikel, den ich am 16. Jauuar 1849 schrieb, einen prägnanten Ausdruck. Er trägt die Überschrift: „Es war alles nur provisorisch." Die ersten Worte charakterisieren die Lage mit wenigen Strichen: „261 Abgeordnete gegen 224 haben auf Antrag des Herrn v. Gagern beschlossen, daß Osterreich nicht zu Deutschland gehören soll, uud daß die Herren v. Gagern und v, Schmerling die wilde Ehe zu regulieren 154 Drittes Kapitel. haben, in welcher ferner Österreich mit Deutschland zu leben bestimmt ist. Wollen unsere Leser, daß wir hieran Betrachtungen knüpfen? Unsere Betrachtungen liegen in allem, was wir seit zehn Mvuaten gesagt haben. Wir haben Recht behalten, leider Recht behalten mit nnferen Warnungen. Hätte uns doch diesmal der Erfolg Lügen gestraft! Die Hoffnung war einen Augenblick in uns aufgegangen, daß wir heute sagen könnten: Gottlob, wir haben uns betrogen, man hat wirklich die Freiheit erschlagen, weil man den Schatten einer Einheit am Leben erhalten will. Wir haben Recht behalten. Das Ende vom Liede ist da. Die deutsche Einheit hat ihren Dienst gethan: die Freiheit ist gemordet; nun deutsche Einheit, letzter Schein der Deutschen Einheit hebe dich weg! Das also ist das Werk des deutschen Parlaments; wir sind um ein Stück ärmer als zuvor; wir sind kleiner, als uns der Bundestag verlassen hatte .... Jetzt stellt man sich hin und spielt den weltweisen Politiker und deduziert aus den Eingeweiden der Erde heraus, daß alles so sein müsse. Habt Ihr auch das gewußt, als Ihr den Reichsverweser machtet? Hat es der große Ministerpräsident gewußt, als er „mit kühnem Griff" den Erzherzog herbeiholte? Hat er damals gesagt: Ich hole den Reichsverweser, aber ich werde ihn im Jannar wieder laufen lassen? Hat er gesagt: mein „kühner Griff" ist mir ein provisorischer, und in sechs Monaten werde ich die Hand wieder öffnen und das Gegriffene fahren lassen? Und als er die gloriosen Briefe von Linz und Wien verlas, von dem schwarz-rot-goldnen Jubel, hat er damals gesagt: die goldenen Hofkarossen, in denen man die Deputation abgeholt, sind nur provisorisch? Und als man sich in der „Maienlust" weinselig in den Armen lag, als Jordan und Lichnowski den Landesvater sangen, als man den Rhein heruntertriumphierte und der Gürzeuich von Einheitschampagner überfloß — alles nur provisorisch? Uud der große Politiker des Jahrhunderts, der deutsche Mann, der edle Mann- der offene Mann, der einfache Mann, der hat damals schon gewnßt, daß nach sechs Monaten Erzherzog nnd Oesterreicher uud Wien nnd Linz und Don an und schwarz-gelb-rot-gold, daß das lanter Theaterkulissen seien, die man znr Ausschmückung des Belagernugözustaudes brauchte und mit Neujahr in die Rumpelkammer werfen werde? O großer Mann, das hast du gewußt und hast es still in deine edle Brust geschlossen? Und wie du alle die geschwenkten Taschentücher und gefüllten Gläser, den Jubel des uuschuldigeu Volkes uud die Reden des Reichsverwefers und die Tedenms der kölnischen Christenheit mit angesehen, da hast dn still in der Seele für dich hingedacht: „'s ist alleS provisorisch, man mnß dem guten alten Mann uud deu gute» kleinen Kindern ihre Freude lassen." Uud um sie nicht zn stören, hast du mitgeredet, mitgeweint und mitgetrunken? O großer Mann, „edler Manu", o männlicher Manu, wie staune» wir dich an, daß du so un- Journalist und Volksredner. 155 vergleichlich mitspielen konntest, ohne daß jemand ans deinem Gesichte lesen konnte, was in deinem Herzen-stand: „'s ist alles provisorisch!" Bei dem von jeher allem Preußischen feindseligen, allem Österreichischen holden Geist unserer Bevölkerung kaun man sich denken, wie solche Angriffe einschlugen. Unmittelbar auf den Beschluß, welcher zu diesem Vorstoß Aulaß gegeben hatte, folgten dann die Verhandlungen der Frankfurter Versammlung über die oberste Reichsgewalt iu erster Lesung am 19. Januar. Ein Mitglied, Rotenhan, schlug vor, ein aus dem Kaiser von Österreich, dem König von Preußen, Sachsen, Bayern, Hannover und Württemberg bestehendes Direktorium; Welcker schlug vor, eine zwischen Preußen uud Österreich vou sechs zu sechs Jahren abwechselnde Reichsverweserschaft. Ein Minoritätsgntachten der Kommission schlug vor: Die Ausübung der Neichsgewalt wird eiuem Reichsoberhaupt übertragen; wählbar ist jeder Deutsche; andere schlugen einen Neichsstatthalter, noch andere einen verantwortlichen Präsidenten vor. Das alles wurde abgelehnt, dann wnrde der Kommissionsvorschlag unter Namensaufruf mit 258 gegen 2l1 Stimmen angenommen: die Würde des Reichsoberhauptes wird eiuem der regierenden Fürsten übertragen. Am 22. Januar kam es hierauf zur Entscheidung über die Anwendung der zuletzt angenommenen Bestimmung, aber ohne daß irgend ein Vorschlag eine Mehrheit fand. In dieser Sitzung war es, daßUhland den historisch gewordenen Anssprnch that: „Glauben Sie mir, es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, welches nicht mit einem vollen Tropfen demokratischen Öles gesalbt wäre." Am meisten Stimmen, 211 gegen 263, erhielt noch der Vorschlag, daß die Würde des Oberhauptes im Hause des Fürsten, dem sie übertragen, erblich sein solle. Bescheidnere Anträge, auf Lebens- läuglichkeit, auf zwölf Jahre, fauden nur wenige Anhänger; relativ viele jedoch der auf sechs Jahre, 196 Stimmen gegen 264. Bekanntlich kam die Wahl des Königs von Prenßen zum Kaiser der Deutscheu erst später bei der zweiten Lesung, anfangs April, znr Annahme. Dieser erste resultatlose Ausgang der Oberhauptfrage, in Verbindung mit dem Ausscheiden Österreichs, verbreitete natürlich 156 Drittes Kapitel. auch im Kreise derer, welche noch nicht vom Skeptizismus ergriffen waren, tiefe Niedergeschlagenheit. Ich aber war von der Erfolglosigkeit der in Frankfurt begonnenen Dinge schon lange, von Anfang au überzeugt gewesen; ich konnte dnrch die neuesten Wendungen nicht auf andre Gedanken kommen. Von der gesetzlichen Entwicklung etwas zu erwarten, hatte ich längst aufgehört oder vielmehr nie begonnen. Dagegen war ich allerdings in dem Irrtum befangen, daß die revolutionäre Bewegung zunächst nicht zum Stillstand kommen, ja daß sie von neuem sich erheben werde. Der frische Geist, der in meiner nächsten territorialen Umgebung herrschte, verführte mich zu diesem falschen Glauben, der erst einige Monate später traurigen Erfahrungen weichen sollte. Hatte ich, anläßlich der Verhandlungen in der Paulskirche, soeben meine „Nachtgedanken" veröffentlicht, so hielt ich es jetzt an der Zeit, mit den „Morgengedanken eines Reichsbürgers" hervorzutreten. Den Anknüpfungspunkt gaben mir zunächst die Verhältnisse der nenen Präsidentschaft in der französischen Republik. Seit der Wahl vom 10. Dezember waren die Dinge zu einiger Beruhigung gekommen. Und da Paris nach wie vor für den Ausgangspunkt alles Anstoßes zu neuen Bewegungen galt, so schien anch für Deutschland die Ära der Revolutionsanffrifchuug geschlossen. Gegen diese Resignation machte ich nun Front. Ich suchte zu beweisen, daß die Welt nach allem, seit einem Jahr Geschehenen, so leicht nicht wieder zur Ruhe kommen könne. Für die nächste Zeit hatte ich allerdings damit mich gründlich verrechnet, aber nach einiger Zeit kam doch zutage, daß, anknüpfend an 1848, die europäische Welt sich umgestalten solle. Am Schluß meiner ersten Serie der „Morgengedanken" heißt es: „Deutsche! Die Weltgeschichte hat Euch die Thore geöffnet. Wollt Ihr umkehren, weil Euch der Weg zu laug ist? Saget nicht: das Lied ist ans. Ich sage Euch: es geht erst recht an. Wo Ihr hinblicket, seht Ihr große Gedanken heranwälzen; Habsbnrg streckt die Arme auö nach einem verjüngten Weltreich; Hohenzollern streckt die Arme ans nach Deutschland; und Napoleon — weil er einen Monat sänmt, glaubt Ihr, er wolle i» vier Jahren vom Präsidentenstlihl steigen? Zu diesem Augenblick wird mehr Geschichte gemacht, als im Monat März. Schlaft nicht ein, sonst macht man sie ohne Euch. Darnm fortgepredigt, sortgeschrieben, Journalist und Volksredner. 157 fortgetrommelt, gehofft und geglaubt! Noch wenige Monate und Ihr seid es gewohnt. In diesem Augenblicke gilt es, das Größte zu begründen: daß die Politik in die Sitte des Volkes gehe. Schaffet das, nnd wir wollen sehen, ob es gelingen wird, das Volk wieder zu ignorieren." In dieser Stimmung ging die Zeit herum, die uns nun eine große Demonstration bescheren sollte: das Jahresfest der Pariser Revolution vom 24. Februar. Ein großes Bankett sollte die Hauptfeier bilden; wareu doch Bankette der Ausgangspunkt des Losbruchs vom vorigen Zahr in Frankreich gewesen. Unsre Verlegenheit bestand nnr darin, daß auch der größte Festraum nicht entfernt ausreichen konnte, um die Zahl der Liebhaber zu fassen. Unser Ausschuß war zu dieser Zeit zu einer Art Volksregierung über die ganze Provinz ausgebildet. Seine Publikationen lauteten wie Amtserlasse, z. B. Überschrift in fetten großen Buchstaben: „Der Hauptort des Bezirksverbandes von Rheinhessen und Krenznach an sämtliche Demokratenvereine dieses Bezirks. Wir haben in der Wohnung des Bürgers Cathiau, zum Hahuerhof, auf der Augustinerstraße in Mainz, eine Kommission, bestehend aus Mitgliedern des Ausschusses des hiesigen demokratischen Vereins, niedergesetzt, welche jeden Dienstag nnd Freitag (dies waren die Tage, an dem die Landleute zum Markt kamen) von 1 bis 3 Uhr des Nachmittags nicht allein Auskunft über die Beziehungen und Verhältnisse unseres Vereiuslebeus zu geben, sondern auch allen Vereinsmitgliedern der Provinz in ihren privatrechtlichen, politischen oder Gemeindeangelegenheiten Rat zu erteilen beauftragt ist. Mainz, den 6. Februar 1849. Das Bezirksdirektorium." Am 19. Februar ergingen die ersten Ausforderungen zum Festbankett im Theater. Bereits am folgenden Tag mnßte die Lokalität in die große Fruchthalle verlegt werden, weil der Ranm des Theaters nicht ausreichte. Aber auch dieser größere Raum erwies sich sofort als viel zu eng. Eine am folgenden Tag ergangene Verkündigung ging dahin, „daß die demokratischen Vereine des Bezirks Wahlen vor- 153 Drittes Kapitel. nehmen könnten, um sich auf dem Bankett vertreten zu lassen, daß aber die Zahl der Vertreter nicht je sechs übersteigen dürfe". In einem andern Anfrnf wurden die Turner von ihrem Vorstand zur Beteiligung aufgefordert. In den betreffenden Zeitungsinseraten finde ich schließlich am Vorabend des Banketts noch eine Mitteilung, die lebhaft an die Anordnungen erinnert, welche heutzutage bei Reichstagseröffnungen im kaiserlichen Schloß zu Berlin veröffentlicht werden: wer durch die Hauptthüren, wer rechts, wer links durch die Galerien zu gehen hat. Die Damen haben ihre Eintrittskarte für die Galerie an der Thüre rechts vorzuzeigen. So, im großen Maßstab mit Umsicht uud größter Aufmerksamkeit vorbereitet, kam das Fest heran. Die Fruchthalle, welche jetzt nicht mehr existiert, war ein großes Rechteck, aus rotem Sandstein erbaut. Die vier nackten Wände trugen ohne Hilfe von Pfeilern das mit Schiefer gedeckte Dach. Die Bestimmung des Raumes war dem wöchentlich abgehaltenen Getreidemarkt Schntz vor der Witterung zu gewähren. Die Halle war schmucklos, aber sie war bei weitem die größte vorhandene geschlossene Räumlichkeit. Der Markt, Fruchtmarkt genannt, da man am Rhein für Getreide schlechthin Frucht sagt, ward regelmäßig am Freitag abgehalten. Der 24. Februar 1849 fiel auf einen Samstag. Binnen vierundzwanzig Stuuden brachten es viele hundert freiwillige Arbeiter fertig, einen reich geschmückten, mit Galerien versehenen Festsaal herzustellen. Alle Künste und Handwerke lieferten ihr Kontingent. In einem Bericht heißt es: „Wer immer ein Talent anzubieten hatte, der kam und bot es an. Das war ein Leben und Treiben, fast schöner nnd origineller als das Fest selbst. Zimmerleute, Schreiner, Bäcker, Metzger, Küfer, Messerschmiede, Tapezierer, Gärtner, Architekten, Maler, Mnsiker nud hundert andere dilettantische Festtalente drängten sich dienstfertig herzu, und das Land gab seinen Teil, indem es Wagen voll Bäume und Laubwerk schickte." So konnte es geschehen, daß in der Halle, wo am Freitag um ein Uhr noch Getreide verkauft wurde, am Samstag um sechs Uhr zweitausend Menschen in glänzend geschmückten Ränmen festlich zu Gaste saßen. Ans den Galerien zwölfhundert beiderlei Geschlechts. Journalist und Volksredner. 159 Einer in Frankfurt verlegten Brochüre: Demokratenfest in Mainz; Jahresfeier der französischen Revolution; nach stenographischer Aufzeichnung; zum Besten der deutschen Flüchtlinge. Druck von E. Adelmann. 1849 — entnehme ich die charakteristische Beschreibung des Festsaales. Ans der Ostseite das Präsidium und darüber die Rednerbühne, über welcher Robert Blums Büste stand. Auf sie herab wehte die rote Fahue; ihr zur Seite die amerikanische und die französische; neben dieser die italienische und die polnische Fahne. Daneben eine deutsche, feruer die der Arbeiter und Turuer u. s. w. Rechts von der Tribüne prangten folgende Inschriften: 24. Fe- brnar 1848. — Robert Blnm. — Berlin, 18. März 1848. — Robespierre. — Spartaens. — Hecker. — Wien, 14. März 1848. — Gutenberg. — St. Just. — Börne. — Zur Seite zehn deutsche Fahueu uud zwei weiß-rote (Hessen). Dann ein großes Tableau mit der Inschrift: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. — Dann ein Musikkorps von siebenzig Mann. Statne Gutenbergs. Zu dessen Seite die Inschriften: Thomas Moore. — Franklin. — Reformation. — Warschau, 30. November 1830. — Rom, 18. Februar 1848. — Washington — Rousseau. — Koseiuszko. Die Reihe der Redner eröffnete der Präsident des demokratischen Vereins, Bürger Friedrich Schütz, mit einer Verherrlichung der neuen Epoche der Weltverbrüderung der Nationen. Dann gab er das Wort „dem Bürger Bamberger von Mainz". Meine Rede galt, wie schon oft, der Warnung vor Illusionen. Ich wolle nicht der Feststimmnug die Wahrheit opfern. „Sie werden es mir danken, daß ich hier der Wahrheit zuerst die Ehre gegeben nnd das Bekenntnis in unser Festprotokoll niedergelegt habe: die Revolution ist kein Frendenmahl! Wir können noch nicht triumphieren. Ein Ozean von BlntSthränen liegt noch zwischen uns uud dem ueuen Lande der Freiheit. Aber wie wir hier vereint sind, sind wir Männer der Zukunft. Heute seieru wir eiu Fest, indem wir, auf die Vergangenheit zurückgehend, im Geiste anknüpfen an jene schöue Zeit der Zukunft, die unsre Enkel erleben werden. Dieses heitre, frohe Mahl, das trotz aller Wahrheit heiter uud froh sein soll, es ist der Abglanz einer künftigen Zeit, wo die Sonne der Wahrheit eine Welt erleuchten wird, in der für alle Menschenkinder Platz ist an dem Gastmahl des Lebens." 160 Drittes Kapitel. Nach dem üblichen „donnernden Bravo" gab der Präsident das Wort „dem Bürger Fröbel über die Revolution". Dieser, mit der Glorie seiner Wiener Erlebnisse um das Haupt, wird stürmisch begrüßt und beginnt mit der Anrede: „Freunde und Brüder", was bemerkt zu werden verdiente, weil im Grunde Fröbel, eine durch und durch aristokratische Natur und Erscheinung, mit welcher auch seine spätere Zukunft harmonierte, sich doch nicht der herrschenden Stimmung entziehen konnte. Sein Thema war: Ganz Europa, der Osten wie der Norden, muß die Revolution durchmachen, ehe sie zu einer nachhaltigen Umgestaltung der internationalen, wie der gesellschaftlichen Zustände führen kann. „Der Revolution, welche alle europäischen Volker in sich begreift, welche im Westen dem hungernden Jrländer Nahrung schafft und im Osten die Ketten der Leibeigenen am Ural löst, welche im Süden den Lazzaroni zum Staatsbürger macht und den russischen Norden der Idee der Freiheit öffnet, der europäischen Revolution bringe ich mein Hoch!" Dann brachte der Bürger Würth (genannt der Tyrann von Sigmaringen) ein Hoch aus die Republik ans. Ihm folgte Römisch aus Leipzig mit einer langen brünstigen Rede, die mit dem Hoch ans die sozialen Bestrebungen endete. Es ist bezeichnend, daß der Sozialismus bereits damals von Sachsen vertreten war, welches der sozialistischen Partei im nenen Reich die stärksten Legionen zuführen sollte. Bei den Worten: „Die wahre Demokratie ist die soziale Demokratie", brach ungeheurer Jubel aus, und die Mnsik mußte mit Tusch einfallen. — Bürger Rühl aus Hanan, das Oberhanpt der Stadt und der deutschen Turner, redete für den Bund der freien Völker. Zitz, der Liebling der Mainzer, feierte daranf die Franzosen als die eigentlichen Schöpfer der Revolution und insbesondere der sozialen, „die Sie alle im Herzen tragen." Merkwürdig war die Prophezeiung: „Ich glaube, daß die Franzosen alles als Wahrheit hinstellen werden, woran deutsche Professoren und deutsche Theoretiker verzweifeln." Gerade den deutschen Professoren und Theoretikern war es doch vorbehalten, im Lanf der Zeiten die Lehrer der Franzosen im Sozialismus zu werden. — Das zum Schluß ausgebrachte Hoch aus die Franzosen ward von Journalist und Volksredner. 161 der Musik mit der Marseillaise begleitet, welche ein Teil der Versammlung im französischen Texte sang. — Tasel und Zimmermann von Stuttgart, letzterer der Geschichtsschreiber des Bauernkrieges, ließen das Volk und die Wiener leben. Dann bestieg Moritz Hartmann aus Böhmen die Tribüne. Er war neben Fröbel, Lichnowski und Ludwig Simon einer der schönsten Männer der Paulskirche, namentlich mit einem prächtigen Kopf, wenn auch einer im Verhältnis zu demselben kleinen Gestalt. Auch er war mit Robert Blum in Wien gewesen und durch ein Wnnder lebend entronnen. Er begann seine Rede damit, daß unter den im Umkreis der Inschriften glänzenden Namen einige fehlten, nämlich die der größten Römer: „Wo sind die beiden Gracchen, die ersten großen Sozialisten, die ersten Freunde der Armen und Notleidenden? Wo ist Brutns, der Tyrannenmörder? Wo ist Cassius, der Ahnherr aller Demokraten?" Von da ging er über aus die heutigen Italiener, auf die Revolutionen von Florenz nnd Rom und beantragte eine Adresse an die römische Republik. Deutsch aus Wien behandelte das Thema: Die Männer der Paulskirche, welche Österreich aus Deutschland ausschließen und ihm die Aufgabe stellen, die Knltnr nach Osten zu tragen, irren sich. Österreichs Aufgabe ist: auseinanderzufallen zu Gunsten von Polen, Italien, Deutschland, Ungarn. Sein Hoch gilt den Magyaren. Am Schluß seiner Rede intoniert die Musik: Noch ist Polen nicht verloren; die Versammlung singt das Lied. Unmittelbar darnach erhob sich ein Pole, der sich als Heinrich Romainsky vorstellte, und las nun eine an die Linke der Frankfurter Versammlung gerichtete Adresse vor. Dann hielt das Parlamentsmitglied Wesendonck aus Düsseldorf eine Rede über das Thema, daß die Einheit nur in der Republik erreichbar fei: „Eines müßt Ihr fest behalten, Soll die Einheit sich gestalten, Dürft Ihr nicht die Fürsten halten." Löwenthal aus Frankfurt, später unter dem Namen Loening als Inhaber des noch hente bestehenden Verlags „Literarische Anstalt" bekannt, und ehedem in Mannheim Verleger von Gntz- kows Wally, die als unsittlich bei ihrem Erscheinen (1835) zn B.imbergers Erinnerungen H 162 Drittes Kapitel. einem der ersten Preßprozesse gegen das junge Deutschland Anlaß gegeben hatte, sprach nunmehr. Seine Rede galt der Ehrnng Friedrich Heckers, der damals schon in Amerika lebte. Eine Rede auf die Damen beschloß die Feier. Sie hatten in der That um die politische Bewegung in unserem Ländchen sich ernstlich durch begeisterte Mitarbeit verdient gemacht. — Wie sorgsam die Bankettveranstaltungen getroffen waren, geht n. a. daraus hervor, daß in den nächsten Tagen die Festkommission dreitausend Stück Teller zum Verkauf ausschrieb. Obwohl die Vereine der ländlichen Umgebung durch ihre Vertreter am Feste beteiligt gewesen waren, so ließen doch einzelne Landgemeinden es sich nicht nehmen, ihre besondre Revolutionsfeier abzuhalten. Unter ihnen that sich besonders das Dorf Ober- olm, etliche Wegstunden von Mainz entfernt, mit auch heute uur etwa 1500 Einwohnern, hervor. Die ganze Gemeinde gehörte damals, mit wenigen Ausnahmen, dem demokratischen Verein an, dessen Unkosten aus der Gemeindekasse zu bestreiten, vorgeschlagen ward. Auch versammelte man sich zum Fackelzug im Gemeinde- Hanse selbst. Interessant ist, daß später, nach Begründung des Deutschen Reichs, die ultramoutaue Partei in derselben Ortschaft die Oberhand bekam. Aber während der immer lebhafter angeregte Geist der Bevölkerung uns aufrecht hielt, verschloß ich auch ferner nicht mein Auge dem sichtbar heranziehenden Ende der deutschen Umwandlungsbestrebungen, soweit sie von der Nationalversammlung ausgehen sollten. Eine Hoffnung, aber eine wohl doch schon innerlich stark augezweifelte, knüpfte sich an die jenseits der deutscheu Grenze noch im Kampf begriffenen Erhebungen, namentlich in Italien und Ungarn, während der Bonapartismus in Frankreich sich als der stärkere zeigte. In einer Reihe von Artikeln, unter der Aufschrift: „Die Stunde der Entscheidung", hielt ich Heerschau über die Lage in den verschiedenen Staaten und sagte richtig voraus, daß innerhalb zweier Monate die Würfel endgiltig gefallen sein würden. So kam es. Im Mai war mit der Ablehnung der preußischen Kaiser- / Journalist und Volksredner. 163 kröne und dem Auszug des Parlaments von Frankfurt nach Stuttgart für Deutschland definitiv die Ära des Bundestags wieder angebrochen. Interessant erscheint mir, wenn ich die alten Blätter zur Hand nehme, wie stark die soziale Tendenz in der Tiefe der Bewegung sich mir aufgedrängt hatte. So schrieb ich am 2. März: „Die Revolution ist heutzutage — mau sage, was man wolle — eine rein soziale." Ich führe da weiter aus, wie diese Erkenntnis viel mehr wirkt in denen, welche der Revolution Widerstand leisten, als in denen, die sie betreiben. Znm Schluß heißt es: „Jeßt steht es wohl fest, daß der Kampf der Gegenwart ein rein sozialer ist. Nirgends ist dies beiden Teilen klarer als in Frankreich, und eben diese Klarheit und dieser Zwiespalt hat die frühere Leichtigkeit, eine Revolution in diesem Lande zu machen, bedeutend aufgehoben." Unter diesem Eindruck geschah es auch, daß ich den praktischen Versuchen P. I. Prondhons, mit dessen Werken ich mich in den letzten Jahren viel beschäftigt hatte, besondre Aufmerksamkeit zuwandte. Er gründete damals fein Unternehmen der äu ?6uxls. Das Statut war so genan ausgearbeitet, daß es einen Schein sehr realer Veranlagung um sich verbreitete; im Grund war es natürlich chimärisch, da es seine Funktionen der Hauptsache uach nicht auf Noten, die in Geld einlösbar waren, sondern in Anweisung auf Leistungen gründete. Trotzdem die allerdings auf sehr kleine Einzahlungen beschränkten Beteiligungen zahlreich einliefen, hatte die Sache natürlich keinen Bestand. Aber Prondhon war bei allen seinen sozialistischen Konzeptionen doch ein positiver Geist, der seine gewagten Entwürfe in ganz konkrete Formen zu kleiden wnßte und sich gegen den Verdacht verschwommener Utopie wehrte. In der Einleitung zu den Statuten erklärte er, daß er keinerlei Augriffe gegen die Grundlagen der Gesellschaft, namentlich nicht gegen das Eigentum im Schilde führe und nur bezwecke, der kleinen Arbeit zur Organisation des Kredits zu verhelfen. Die komische Bühne bemächtigte sich der Sache. Wenn ich nicht irre, im Palais Royal ward ein Stück aufgeführt uuter dem Titel: I«, ton-6 aux iclssg. Unter and erm kommt da ein Mann vor, dem für feine Ware eine Anweisung auf die Dienstleistungen eines Zahnarztes übergeben wird. Der Mann hat sehr gesunde Zähne. Aber 11* Drittes Kapitel. er will es doch nicht riskieren, daß er erst nach Jahren seinen Schein soll verwerten können, und um ihn nicht zu verlieren, entschließt er sich, znm betreffenden Zahnarzt zu gehen und sich einen gesnnden Zahn herausziehen zu lassen. Und allerdings lauteten im Kapitel IV der Statuten „von dem Kreditpapier der Volksbanken" die Artikel 16, 17 und 18 kurz zusammengefaßt so: das Papier der Volksbanken trägt den Namen: Zirknlationsnote, bau äs Liroulatioa. Es wird in Abschnitten von 5 bis 50 Franken ausgegeben. Zum Unterschiede von den gewöhnlichen Banknoten, die in Gold zahlbar sind, ist das Papier der Volksbanken eine mit dem unerlöschlichen, allgemeinen Geschäftscharakter bekleidete Liesernngsanweisung, welche nach Sicht von jedem Gesellschafter und Adhärenten in Produkten oder Dienstleistungen seines Geschäftes oder Handwerks auszuzahlen ist. Bevor ich diese Statuten veröffentlichte, verwahrte ich mich zwar gegen den Glauben an den praktischen Erfolg, aber ich nahm die Sache doch ernst genug, um ihr wenigstens der Absicht nach meine Huldigung darzubringen; und daß durch fünf Nummern der Zeituug an erster Stelle diese Veröffentlichung sich erstrecken konnte, beweist, wie sehr ich auch auf das Interesse meines Publikums dabei rechnete. Meine Bewunderung für den französischen Sozialisten hinderte mich nicht, mit meiner hessendarmstädtischen Regierung über einige Fragen der positiven Finanzwirtschaft ins Gericht zu gehen. Sie hatte wie die meisten Kleinstaaten damals Papiergeld drucken lassen, und es kam zu meiner Kenntnis, daß von Regiernngswegen Anstrengungen gemacht wurden, das Papier in Umlauf zu bringen. Ich interpellierte darüber in der Zeitnng, nnd da ich kein Dementi bekam, trnmpfte ich auf. Als eine Stilprobe, wie man damals mit seiner Regierung reden konnte, lasse ich den Artikel folgen. „Mainz, 22. März. Gott zum Gruß, Herr Finanzminister Exzellenz! Entschuldigen Em. Hochwohlgeboren, daß wir uns ehrfurchtsvoll dero hochpreislichen Gnaden nähern, aber unser getreues Unterthanenherz schmachtet in peinlicher Verlegenheit uud Besorgnis über Hochdero allerhöchste Gesundheit, sintemal schon 14 Tage darüber Hingegaugen sind, daß Ew. Gnaden uns nicht durch dero würdigen Dieuer, Herrn Journalist und Volksredner. 165 Dräxler-Manfred, in dero würdigem Organ, der „Darmstädier Zeitung", mit einigen Züchtigungen bedenken ließen, wie sie einem demokratischen Lügenblatt doch von Gottes uud Rechts wegen von Zeit zn Zeit gebühren. Und unsere Beunruhigung ist um so größer, als wir Jhueu vor einiger Zeit eine Frage über Ihr unvergleichlich solides Papiergeld gestellt haben, eine Frage, die sogar etwas verfänglich ist, und die uns zu der Erwartung berechtigte, daß Sie nns in bekannter Freigebigkeit ein Dntzend „Lügner", „demokratische Verleumder" und andere dergleichen Hessen-Darmstädtische Garantien der Ruhe und Ordnung oktroyieren würden. Ew. Hochwohlgeboren müssen sehr, sehr krank sein. Wie käme es sonst, daß wir seit 14 Tagen noch keine Antwort erhalten haben auf die von uns bescheideutlich gestellte Anfrage: „Ob es nicht wahr ist, daß von Darnistadt ans an rheinhessische Finanzstellen die Weisung ergangen, so viel als möglich Silber- nnd so wenig als möglich Papiergeld hinüber zu schicken?" Haben wir doch besagte Frage mit gesperrter Schrift drucken lassen, und ist sie durch alle hessische demokratische Blätter gewandert! Und dero würdiger Diener ist in dero würdigem Organ noch immer nicht über diese Frage mit edlem Unwillen und iu seiner bekannten edlen Hofsprache hergefallen? Dieses Schweigen bennruhigt uns erschrecklich. Gott im Himmel! wenn etwa Ew. Hoch- wohlgeboren sich infolge vielen Nachdenkens ein Gehirnleiden zn gezogen Hütten? doch hoffentlich kein organischer Fehler? Wie? Wer sollte dann das Geld für alle die schönen Soldaten auszahlen, welche nächstens eingekleidet werden? Wer sollte die Papierscheine unterzeichnen? Wo käme die gr. Hess. Ruhe und Ordnung hin? Antworten Sie doch bald, damit wir aus dieser Uuruhe erlöst werde». Uud sehen Sie, die Sache hat außer Ihrer werteu Person noch eine weitere, allerdings untergeordnete Bedeutung, die Wohlfahrt des Landes nämlich. Da giebt es Leute, und namentlich Demokraten, welche aus Ihrem Stillschweigen schließen, daß die betreffende Weisung wirklich von Darmsladt ergangen sei. Wir nnsererseits bemühen uns allerdings, diesen Leuten die UnWahrscheinlichkeit einer solchen Verfügung vorzustellen. Wir haben diesen Leuten auseinandergesetzt, daß ja eine solche Maßregel nicht bloß für Rheinhessen verderblich, sondern sogar den Stainmprovinzen gleich nachteilig sei, daß sie vollends das neue Papiergeld ruinieren müßte; daß ja ein Kind begreifen könnte, daß ein Papiergeld, welches die eigene Regierung nicht haben will, auch das letzte Vertrauen verliert, uud daß es nicht schneller entwertet werden kann, als wenn es systematisch in einem Teil des Landes, dem belebtesten dazu, znsaimnengestant, gleichzeitig aber alles Metall aus demselben herausgezogen wird. Das alles haben wir den Leuten vorgestellt und sie gefragt: Glanbt ihr denn, daß ein gr. Hess. Finanzministerium so bodenlos unwissend uud borniert sein könnte, um nicht 166 Drittes Kapitel. einzusehen, daß es mit einer solchen Maßregel sein-m eigenen Finanz- syslem den Todesstoß geben würde? Und — denken Sie sich Exzellenz — was diese Menschen, diese Demokraten wollt' ich sagen, geantwortet haben? O, es giebt Verworfene, die vor keinem Gedanken zurückschrecken. Und diese Unmenschen gehen dann hin nnd sagen zu ihren rheinhessischen Mitbürgern: ihr müßt dafür Sorge tragen, daß nicht alles Geld nach Darmstadt und alles Papier nach Rheinhessen fließt, und daß wir nicht vollends ruiniert werden, nnd ihr müsset deshalb alle enre direkten und indirekten Abgaben in Papier auszahlen. Und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß diese verderbliche Lehre in Rheinhessen täglich mehr um sich greift, und daß ein gewisser Mensch (wir kennen ihn persönlich) erst gestern im demokratischen Verein von der Tribüne herab aufgefordert hat: jeder solle, bevor er Steuern zahlt, sein Silber in Papier umwechseln, und daß eine zahlreiche Versammlung das mit Akklamation aufgenommen hat. Das ist die traurige Folge davon, daß Sie uns noch nicht ans unsere Frage mit einer derben Lektion geantwortet haben, womit Sie doch sonst so pflichteifrig. Wir ersterben nnterthänigst." Während wir uns noch im kleinen Krieg gegen die kleine Landesregierung gütlich thaten, schritt der große Auflösungsprozeß am Sitze der Nationalversammlung und im großen Reich von Tag zu Tag unaufhaltsam weiter. Die Verhandlungen zwischen Frankfurt und Wien über einen moclus vivsuäi hatten nur zur Beschleunigung der Trennung geführt. Der Gesamtstaat Österreich dachte nicht daran, ganz oder teilweise sich eng mit Deutschland zu einem Reich zu verbinden. So wurde derjenige Teil der gemäßigt liberalen Partei, der spätere Gothaische, die gegen ein preußisches Kaisertum unter Lostrennung Österreichs gestimmt hatte, gezwungen, sich für dasselbe zu erklären. Karl Welcker, welcher diesen Gegensatz am schärfsten in sich verkörperte, stellte im Namen des Verfassungsausschusses den dahinzielenden Antrag. Am 17. März hielt Welcker seine Rede, in welcher er, da Österreich abgelehnt habe und die Republik unmöglich sei, für das preußische Kaisertum eintrat, um das Vaterland zu retten. Die Rede, welche mit den heftigsten Gestikulationen nnd glühendem Antlitz unter gewaltsamer Anstrengung der Stimme nach Welckers eigentümlicher, sanguinisch-cholerischer Art vorgetragen wnrde, machte auf die Gegner einen um fo abstoßenderen Eindruck. Journalist und Volksreduer. 167 Unter diesen süddeutschen Staatsgelehrten waren einige, deren heißes Temperament vom salbungsvollen Pathos der Mehrzahl ihrer Kollegen sonderbar abstach. Der wildeste, bissigste war der Schwabe und Märzminister Römer, die „Reichshyäne" genannt. Das Gegenstück lieferten die feierlichen und getragenen, an deren Spitze Gagern und Gabriel Riesser standen. Es war auch bei dieser Debatte, daß, nach einer Rede Messers für den Welckerschen Antrag, Gagern diesen, als er von der Tribüne herabstieg, pathetisch umarmte: „Dem Riesser gab, nach Klub-Beschluß, Der Gagern einen dicken Kuß" heißt es in der Reimchronik des Pfaffen Mauritius (Moritz Hartmaun). Aber, ob cholerisch oder phlegmatisch-, diese Staatsmänner waren von einem so überquellenden sittlichen Hochgefühl erfüllt, daß sie uns, ihren radikalen Widersachern, eine unbegrenzte Antipathie einflößten. Seit Jahresfrist hatten wir ihnen ihre Selbsttäuschung vorgehalten, von Stufe zu Stufe waren alle ihre vertrauensvollen Erwartungen zu Schanden geworden, und jetzt, wo sichtbar die letzten Reste in Trümmer fielen — denn an das Zustandekommen des preußischen Erbkaisertums konnte kein Vernünftiger glauben — apostrophierten sie noch die Mitwelt mit Orakelftimmen voll strotzender Unfehlbarkeit. Gewiß, wir jungen Republikaner trieben auch in Thorheiten hinein, aber wir waren doch nicht mit Blindheit geschlagen über die Zustände und Thatsachen und unterschätzten nicht die daraus drohenden Gefahren. Darnm reizte uns diese Mischung von Überlegenheitsprätention uud Schwäche unsrer Gegner — ein Typus, der uach Jahrzehnten wieder gerade so im neuen Deutschen Reich aufleben sollte, — zu bitterem Grimm und Spott. Das Auftreten Welckers erregte in unseren Reihen einen wahren Sturm der Empörung. Ich machte mir Lust, indem ich einen Leitartikel schrieb: „Die Rede, welche ich gehalten hätte, wenn ich Herr Welcker wäre." 168 Drittes Kapitel. Natürlich war er darin als zerknirschter und gebrochener Sünder hingestellt, der in Verzweistnng über seinen verhängnisvollen Mißgriff, sich zum Schluß ein Leids anthut. — Und jedenfalls habe ich nicht geirrt, als ich damals schrieb: „Ob ein Kaiser gemacht wird, oder nicht: alles Positive ist unmöglich. Es giebt gar nichts, was die Nationalversammlung noch thnn kann. Vor ihr liegt das reine Nichts. Es giebt, was sie immer beschließe^ möge, keinen preußischen Kaiser." Allerdings auch die „Kreuzzeitung" hatte recht, als sie damals schrieb: „Schon hängt das Gebäude der Paulskirche in einem Winkel von neunzig Grad. Viele fürchten sich vor dem Einsturz, weil daraus ein Ausstand in Südwest-Deutschland hervorgehen könnte, allein ein nicht allzugroßes preußisch-österreichisches Armeekorps dürfte hinreichen, um die friedliche Eroberung des südwestlichen Deutschlands zu stände zu bringen." Die Aufregung in Südwest-Deutschland, ans welcher etwa zwei Monate später der angekündigte Aufstand hervorgehen sollte, begann bereits in diesen Tagen sich zu zeigen. Ueberall verlangte man nach Volksversammlungen. In einem Erlaß: „Der Hauptort des Bezirksverbandes von Rheinhesfen und Kreuznach an die sämtlichen Demokratenvereine des Bezirks" erklärt derselbe: „Es liegen uns eine Reihe von Einladungen zur Mitwirkung und zum Besuch von Volksversammlungen in unserem Bezirk vor, denen wir nachzukommen durchaus nicht im stände sind, teils weil mehrere Einladungen auf einen Tag zusammenfallen, teils weil Einladungen wiederum anf Tage lauten, an denen wir beschlossener- oder zugesagtermaßen anderwärts beschäftigt sind". Dann wird auf einen ausgearbeiteten Plan für alle Versammlungen hingewiesen. Daraus gewinnt man am besten ein Bild der Aufregung, die sich der öffentlichen Meinung bemächtigte in dem Maße, als die Katastrophe in Frankfurt näher rückte. Am 28. März zeigte infolge des Beschlusses, das preußische Kaisertum einzusetzen, Erzherzbg Johann an, daß er das Amt des Reichsverwesers niederlegen werde. Es war in der That nicht zu verwundern, daß Hohn uud Unwille losbrach über die Politiker, welche im grellsten Gegensatz Journalist und Volksredner. 169 zu ihrem eigenen Verfahren diesen AuSgang als einen Erfolg priesen. Am 31. März schrieb ich unter dein Titel: „Kaiserliches" einen Rückblick, der also anfing: »Jetzt giebt's also Fastnacht oder Fußtritte, wahrscheinlich beides: erst Fastnacht und dann Fußtritte. So ist's ja immer in Berlin gewesen, 1815, 1840 und 1848. Nun zieht wieder — o köstliches Bild! — eine Schar Auserwählter aus den Vertretern der „souveränen Nation" dahin, um eiueu neuen Herrn für die souveräne Herde herbei- zubetteln. Himmlische Volksvertreter das! Alle 6 Monate rutschen sie auf den Knieen nach einer anderen Weltgegend und winseln einmal in Wien, einmal in Berlin, daß doch ein Manu von fürstlich reinem Blnte sich in Mitleid und Herzensgüte der dreißig Millionen Unglücklicher erbarme und allergnädigst drein willige, sie als erbeigentümliches Geschenk anzunehmen, auf daß sie unter dem Schutze seines heiligen Geblütes vor sich selber bewahrt bleiben. Nun wird's wieder Reisebeschreibungen und Speisezettel abgeben, damit das Volk erfahre, wie stolz es anf seine neue „Herrschaft" feiu könne. Zwar ist Heckscher nicht dabei, aber Herr Rieffer, der auch in der Hamburger Küche Schnle gemacht hat; zwar ist Jucho nicht dabei, aber Herr Biedermann, der so republikanisch, ganz so geistreich und noch reiner gewaschen ist. Und ist nicht Herr Baron von Soiron dabei, anch ein Republikaner und ein Baron dazu, der den Champagner verstehen wird, und Herr Reh aus Darmstadt, den die Zerstreuung der Reise von seinen erhaltene» Mißtrauensvoten herstellen soll? Ach, wenn ich noch denke an die besoffenen Briefe, die dazumal von Nürnberg, Regensburg, Linz und Wien kamen, Briefe voll Fahnen, Illuminationen, weißen Jungfrauen, ausgespannten Pferden und Hvsequipagen, Briefe, verkündend das schwellende, himmelhohe Glück, welches über Deutschland mit dem Reichsverweser heraufsteige! Und wenn ich gedenke an die Rheinfahrt nach Köln, wie der Reichsverweser in den Armen des Königs von Preußen lag und Gagern dabei stand, Thränen vergießend, geweiht der Einheit Deutschlands, der Verbrüderung der beiden großen Herrscherhäuser, der beiden großen Volksstämme! Wo ist der Reichsverweser, wo ist Linz, wo ist Wien, wo ist der Champagner des Gürzenich? Herr von Gagern uud Herr vou Soiron müssen eS wissen. Bewuudernswert in der That die Aus- daner dieser großen Staatsmänner, die sich so oft nnd so glänzend aufs Maul geschlagen haben und immer wieder neues Pathos und neue Thränen uud neue Küsse haben, wenn sie eine neue Albernheit machen; bewuudernswert vor allem der Mauu, welcher den kühnen Griff nach Wien that uud heute darauf besteht, daß die österreichischen Abgeordneten ans der PanlSkirche scheiden. „DaS müsse» Sie mir lassen", rief der 170 Drittes Kapitel. Edle, „das müssen Sie mir lassen, daß ich es immer redlich gemeint habe!" und in sein Reichsorgan, in die löbliche Oberpostamtszeitung, die es stets ebenso redlich gemeiiÄ hat, läßt er schreiben: „Die deutsche Revolution ist gelungen!" Mehrere Tage lang hielten sich noch die Illusionen über den Erfolg der nach Berlin entsandten Kaiserdeputation mühsam ausrecht. Dann brach mit der definitiven Weigerung Friedrich Wilhelms auch die Hoffnung der Zähesten zusammen. Der König erklärte, daß die Frankfurter Versammlung gar kein Recht habe, über das zu verfügen, was sie ihm anbot, daß nur aus den Händen seiner Mitsürsten er etwas der Art annehmen könne; zugleich wies er den Gedanken, sich der Reichsverfassung, wie sie in Frankfurt beschlossen war, zu unterwerfen, weit von sich ab. Die stückweise einlaufenden Berichte über diese Verhöhnung der mit so viel Pomp an Worten und Gesinnungen, mit so viel Kunst und so vielen Kreuz- und Querzügen zum Abschluß geführten Proklamation eines preußischen Erbkaisertums, entfesselten natürlich einen Sturm von Spott und Entrüstung in den Reihen der radikalen Gegner. Und diese Stimmung wurde noch geschürt durch das, was darauf folgte. Während die einen noch immer ihren Traum nicht aufgeben wollten, sondern sich auf neue Versuche vertröstete», suchten die anderen die Trümmer zu retten, indem sie wenigstens die Versassung in Sicherheit zu bringen und die Qberhauptssrage in andrer Weise provisorisch zu lösen suchten. Damals tauchte auch der Gedanke auf, einstweilen eine Regentschaft aus fünf Erwählten an die Spitze zu stelleu, um der Verfassung eiu Notdach zu geben. Bekanntlich vollzog sich auch die Sache, aber als die letzte Erscheinung des Todeskampfes im Rumpfparlament zu Stuttgart. Interessant ist, daß in jener Zeit mehrmals das Gerücht umging, Friedrich Wilhelm wolle abdanken, sein Nachfolger, der Prinz von Preußen, werde die Kaiserkrone annehmen. Daran war natürlich nichts wahr und nicht zu denken. Denn der Prinz war damals in der öffentlichen Meinung noch unbeliebter als sein regierender Brnder. Aber merkwürdigerweise sollte doch das da- Journalist und Volksredner. 171 mals abenteuerliche Gerücht nach etwa einem Vierteljahrhundert zur Wahrheit werden. Wenn man die Enttäuschung, Verwirrung und Aufregung jener Tage in den Verhandlungen und Stimmen der Zeitgenossen wieder nachliest, so begreift man, wie das alles mit einer, wenn auch noch so aussichtslosen Volkserhebung ausgehen mußte. Selbst die Gemäßigten und Friedliebenden konnten es nicht fassen, daß alles so ganz und gar mit dem kahlen Nichts, der Wiedereinsetzung des alten Bundestags enden sollte, und wagten nicht zu widersprechen, wenn die Notwendigkeit des Widerstandes in irgend einer Form sich Lust machte. Am 23. April sagte Welcker in der Paulskirche: „Es scheint, wir stehen am Anfang vom Ende. Eine Revolution, furchtbarer als die vou 1848, will sich vor uns öffnen"; und er fchließt damit, daß wir an der Schwelle eines Kampfes stehen zwischen Volksfreiheit uud Fürstensouveränität, eines Kampfes auf Leben und Tod! Bereits in jenen Tagen sah ich die Gefahr einer unaufhaltbaren Erhebung voraus und fuchte, ihr vorzubeugen. Ich verfaßte eine „Aufforderung", die, anderthalb Spalten an der Spitze der Zeitung vom 27. April iu gesperrter Schrift füllend, Öl auf die Wogen zu gießen versuchte. Nachdem im Eingang das volle Maß des Unwillens uud des Mißtrauens über die Gemäßigten ausgeschüttet worden, die in diese Sackgasse geführt hatten, nimmt der Aufruf doch noch einmal eine versöhnliche Wendung und redet der Möglichkeit eines loyalen Zusammengehens gegen das drohende Verhängnis das Wort. „Das alles, Mitbürger, sind nur Schatten von Möglichkeiten, und es ist Hundert gegen Eins zu wetten, daß Parlament uud Parlamentsleute wieder sich blamieren und das Volk wieder im Stich lassen. Aber auch der hundertste Fall schien uns wichtig genug, ihu in Erwägung zu ziehen, d. h. ihn in einer großen Parteiversammluug der Besprechung zu unterwerfen. Wir haben uns deshalb veranlaßt gefühlt, auf Souutag, den 29. April, nächsthin eine große Volksversammlung nach Bingeu zu berufen. Wir laden dazu alle Demokraten Rheinhessens ein und ersuchen die Kantonshanptorte uud Vereiusvorstäude dahin zn wirken, daß aus jeglichem eugereu und weiteren Verbände Beteiligte so viel als möglich auweseud seien. Wir laden zugleich die Demokraten der angrenzenden 172 Drittes Kapitel. Gebiete, von dies- und jenseits des Rheins, Preußen und Nassau, zu zahlreichem Besuch ein. Endlich aber ist es keineswegs nnsre Absicht, die, welche nicht sich bereits zur strengen Demokratie bekennen, auszuschließen. Wir wollen eine allseitige Prüfung der Frage herbeiführen. Jeder Beitrag von Meinungen, woher er auch rühre, ist uns willkommen. Wir wollen die beregten Versuchungen uud Zweifel im Schoße unserer eigenen Partei zn einer allgemeinen Entscheidnng bringen. Die andren Parteien werden einsehen, daß hierin vielmehr eine Aufforderung zur Teilnahme, als eine Zurückweisung liegt." Und in der That hatte gerade dieser Schluß meiner Aufforderung eine überraschende Wirkung. Unsre gegnerische Partei, die gemäßigten Liberalen, die man die „Wohldenkenden" nannte, und heute die Nationalliberalen nennen würde, kurz, die vornehme Bürgerschaft beteiligte sich ganz hervorragend an der Bürgerversammlung. Die Einladung zn derselben, in großen Lettern in den Zeitnngen ergangen, gab als Tagesordnung an: Beratung gemeinsamer Mittel zur Aufrechterhaltung „der Reichsverfassung". Die zwei letzten Worte, waren in Gänsefüßchen eingerahmt, wohl um anzudeuten, daß wir diese für ein sehr zweideutiges Wesen hielten. Gerade die, welche noch am längsten zn den Vertrauensvollsten gehört hatten, waren durch den Auflösungsprozeß iu Frankfurt am meisten aufgeregt, und während bisher die erbittertste Feindschaft zwischen ihnen und uns geherrscht hatte, schlössen sie sich eifrig nnsrer Demonstration an. Am Sonntag, 29. April, strömte es von allen Seiten nach Bingen. Von Mainz gingen vier vollbeladene Dampfboote ab. Zitz ward zum Vorsitzenden erwählt. Unter den Sekretären figuriert ein Obergerichtsrat, Glaubrech, aus Mainz, eine der angesehensten Persönlichkeiten, der zur Bürgerpartei gehörte. Die Debatte drehte sich vornehmlich nm die Frage, mit welchen Mitteln die Reichsverfassung zn halten sei. Ein sehr konservativer Gymnasiallehrer, namens Schöller, that den Ans- spruch, auch seiue Partei wolle die vieruuddreißig Fürsten beseitigen. Alle Redner erinnerten an die Täuschungen von 1813 und 1830. Es wurde der Antrag gestellt und angenommen, Geld für Waffen zu sammeln, ebenso wurde eine Adresse an die Soldaten beschlossen. Journalist und Volksredner. 173 Charakteristisch für deutsche Parteizustände und die sich ewig wiederholenden Konstellationen war, daß in der radikal-republikanischen Partei selbst ein Zwiespalt ausbrach. Ludwig Simon von Trier, einer der strammsten Doktrinäre der republikanischen Partei, hatte in einer Versammlung, die in Frankfurt in der Katharinenkirche gehalten wurde, verlangt, man möge, um alle Kräfte für das bis jetzt Erstrittene zu sammeln, sich um die in der Abstimmung der Paulskirche festgestellte Verfassung, trotz ihrer Mängel, und sogar eingeschlossen das erbliche preußische Kaisertum, schareu. Während ein Teil seiner ebenso radikal gesinnten Freunde ihm beitraten, erbosten sich die übrigen dagegen, als eine Verleugnung republikanischer Prinzipien und eine Konzession an die Halbheit. Wenn irgend jemand ein Mann des Prinzips war, so war es Simon, und ebenso war sein feuriges Temperament allen Schwachheiten fern. Aber es schien ihm richtig, in diesem Augenblick der letzten Möglichkeit, diese nicht auszuschlagen. Darüber erhob sich nun eine Verketzerung, wie wir sie in unsren Tagen so oft wieder erlebt haben. Gewiß, anch feine Taktik vermochte nicht mehr zu retten, was unrettbar verloren war, denn die alten Gewalten, entschlossen mit allen „Errungenschaften" des Jahres 1848 radikal aufzuräumen, fühlten sich bereits unwiderstehlich. Aber die Anklagen gegen Simon und seine Taktik waren nichtsdestoweniger absurd. Auch in meiner Zeitung spiegelte sich der Streit ab. Die „Mannheimer Abendzeitung", ein Organ der „Unbeugsamen", schleuderte den Bannstrahl gegen die Abtrünnigen. Ich trat als Unparteiischer dazwischen. Immer wieder von neuem erfaßt mich Verwunderung, wenn ich das damals Geschriebene nachlese und die buchstäbliche Wiederkehr vou Streitigkeiten konstatiere, die seitdem so oft, und bis auf den heutigen Tag, sich im deutschen liberalen Lager wiederholt haben und die Unfruchtbarkeit der Liberalen erklären. Aus der einen Seite die endlose Selbsttäuschung, daß man durch ewiges Zurückweisen etwas erhalten könne. Am 3. Mai polemisiere ich gegen die, welche allen Widerstand der Nationalversammlung verpönten, weil Widerstand nur schaden könne. „Nur nicht unbesonnen, und keinen Widerstand, nur keinen Vorwand zu Gewaltmaßregeln, sonst ist die Nationalversammlung verloren — um den reaktionären Mächten keinen Vorwand zu geben, ergreift diese kein Mittel, sich gegen eine Auflösung zu verteidigen. — In dem Augenblick, wo man sie auseinander oktroyiert, wird sie sicherlich beschließen: gehen wir ruhig nach Hause, um keinen Vorwand für reaktionäre Maßregeln zu geben." Aber ich wandte mich nicht minder nach der andren extremen Seite. Ein Leitartikel vom 5. Mai mit der Überschrift: „Die demokratischen Prinzipreiter", könnte ebensogut im Mai 1893 wie im Mai 1849 geschrieben sein. „Es ist ein Jammer, daß wirklich in Deutschland nicht drei Menschen zusammenstehen können. In unserer Politik giebt eS Streitigkeiten, von welchen praktische Völker wohl keine Idee haben. Läßt sich was Lächerlicheres denken, als wenn zwei Menschen, die ausgehen, um einen Hasen zu schießen, sich, noch ehe sie das Wild erjagt haben, darüber prügeln, ob es gesotten oder gebraten werden soll? Gleichwohl ist eine solche Prügelei die Hauptbeschäftigung unserer deutscheu Demokratie. Während alle Schattierungen der Partei noch unter einer gemeinsamen Knute stehen, während sie insgesamt noch bettelarm sind, haben sie nichts Eifrigeres zu thun, als sich um die Verwendung der Schätze herumzuzanken, welche sie einst als Sieger besitzen werden. Auf allen demokratischen Kongressen, in allen Blättern und Versammlungen spielen diese Zänkereien die erste Rolle, nnd es ist gewiß schon erlebt wordeu, daß zwei Demokraten, welche im selben Znchthanse saßen, sich nicht vertragen konnten, weil der eine blutrot und der andre karminrot war. Bei nns will keiner siegen helfen, ehe er weiß, daß genau seine Partei herauskommt. Das ueunt sich dann Charakterfestigkeit nnd hält sich in seiner eisernen Unbeugsamkeit für was sehr Großes .... Ich habe noch selten Menschen mit „eiserner Konsequenz" gesehen, welche mit scharfem Verstand begabt gewesen wären." Mit dem schönen Monat Mai war der Auflösungsprozeß dessen, was man die deutsche Revolution nannte, in sein allerletztes Stadium getreten. Er zeigte wahrhaft die Symptome einer galoppierenden Schwindsncht. Im Mittelpunkt, im Frankfurter Parlament, Schlag ans Schlag das Zusammenbrechen der ganzen Gestalt; im Volke die heftigste Aufregung mit den Drittes Kapitel. Journalist und Volksredner. 175 letzten Illusionen über die Möglichkeit eines gewaltsamen Widerstandes. Ende April war die definitive Ablehnung der Kaiserkrone und Verfassung von Berlin eingetroffen. Es reihten sich daran die Anträge der Verzweiflung von seiten der gemäßigten wie der radikalen Parteien. Der Dreißiger-Ausschuß — so hieß die Kommission, in welcher der Geist der gemäßigten, national gesinnten, Majorität vorherrschte — beriet einen aus sieben Punkten zusammengesetzten Antrag, demgemäß n. a. die Nationalversammlung eine Aufforderung an die Regierungen, die gesetzgebenden Körper, die Gemeinden und das gesamte deutsche Volk ergehen ließ, die Reichsversassung zur Anerkennung zu bringen. Es sollten am 15. Juli neue Wahlen zu einem am 15. August zusammentretenden neuen Reichstag stattfinden. Für den Fall, daß Preußen sich fernhielte, sollte das Oberhaupt des größten der mitthuenden Staaten Regent sein. Ein Minoritätsantrag von Karl Vogt ging dahin, sofort einen Reichsstatthalter zu ernennen; alle Truppen sollen, zur Not ohue Mitwirkung der Regierungen, auf die Verfassung vereidet werden, alle Landesvertretungen werden zu selbstständigem Einschreiten gegen widerstrebende Regierungen aufgefordert. Solche Manifestationen, welche auch von der gemäßigten Partei Vorbereitungen zum letzten Widerstand bedeuteten, hatten nach obenhin erklärlicherweise nur die Wirkung, zu stärkerem Gegendruck zu ermuntern. Nach österreichischem Vorbilde riefen nun auch Preußen und Bayern ihre Abgeordneten aus der Paulskirche ab. Es folgte natürlich nur ein Teil dem Rufe. Dagegen war doch den Bleibenden klar, daß man ihnen nicht mehr lange ruhig zusehen werde. Das Gespenst der gewaltsamen Vertreibung aus der Paulskirche durch die preußisch-österreichische Garnison ging bereits beim hellen Tage um. Daher wurden vorsorgliche Beschlüsse präpariert wegen Verlegung nach einem andern Ort und Verminderung der beschlußfähigen Zahl. Bekanntlich wurde, nachdem die Gefahr noch schärfer herangerückt war, in der That die Verlegung nach Stuttgart beschlossen, mit einer Beschlußfähigkeit 176 Drittes Kapitel. bei hundertfünfzig Anwesenden. Ein Antrag von Moritz Mohl, auf Errichtung eines „Parlamentsheeres" (etwas spät), blieb in der Minderheit. Die Bewegung in Deutschland entsprach diesen schmerzlichen Zuckungen. Sie charakterisierte sich zum Teil darin, daß die Parteien, welche bis dahin einander entgegengestanden hatten, sich vereinigten, um für die Verfassung einzutreten. So war es in der oben geschilderten Versammlung in Bingen geschehen. Anch die Zahmen wurden von dem Gedanken einer bewaffneten Verteidigung ergriffen. Neunundzwanzig deutsche Regierungen hatten die Verfassung anerkannt, und man wähnte, sich noch aus sie stützen zu können. Vom Ausland kamen gleichfalls die Botschaften, welche die Niederlagen der nationalen Bewegungen verkündeten. Die bonapartistische Republik vertrieb die Scharen Garibaldis aus Rom, und der russische Kaiser schickte seine Truppen nach Ungarn. Der Unmut über die grenzenlose Enttäuschung brachte bereits in den ersten Maitagen an vielen Punkten, auch in Deutschland, vielfache Aufstände zum Ausbruch. Der bedeutendste vollzog sich in Dresden, andere am Rhein, besonders in Elberfeld und Düsseldorf. In der Pfalz bereitete sich eine Art provisorischer Regierung vor. Dieselben Männer, deren Hilferuf uns von Mainz in den Pfälzer Aufstand hineinziehen sollte, traten schon anfangs Mai zusammen und bildeten einen Landesausschuß zur Verteidigung der Verfassung mit dem Sitz in Kaiserslautern. In Baden gärte es besonders im Oberlande von nenem. In Rheinhessen drängte eine Versammlung die andre. Am 7. Mai beschloß die Redaktion der „Mainzer Zeitung", täglich zwei Ausgaben zu machen, weil der Drang der Begebenheiten von Stunde zu Stunde zunahm. Die Zeit der Leitartikel war vorüber. In der Nummer vom 7. Mai berichtete ich über eine große Versammlung, die am 5. in Oppenheim stattgefunden hatte. Zitz hatte präsidiert. Das Vaterland wurde in Gefahr erklärt. Ich beantragte, daß nicht mehr die Frage, ob für die Verfassung einzusteheu sei, sondern nnr das Wie? zur Beratung gestellt werde. Das wurde auch Journalist und Volksredner. 177 angenommen. An vielen Orten hatten bereits die Gemeindevertretungen Geldmittel und Geldsammlungen für Bewaffnung angeordnet. In Mainz bildete sich ein Franenhilfsverein für die Pflege der Verwundeten aus sehr ehrbaren Damen. Der Bericht vom 7. Mai war der letzte, den ich in der „Mainzer Zeitung" schrieb. Einige Tage darauf ging ich mit dem rheinhessischen Hilfskorps in die Pfalz. Mein Name figurierte noch eine Zeitlang für die verantwortliche Redaktion am Schluß des Blattes. Dann gesellte sich wieder der von Karl Bölsche dazu. Am 8. Juni verschwand mein Name, und Bölsche war wieder allein Redakteur wie vor dem März 1848. Noch einmal beschäftigte sich die Öffentlichkeit mit mir in diesen letzten Tagen. Zitz hatte seit einiger Zeit, angewidert von der Fruchtlosigkeit der Frankfurter Verhandlungen, sein Mandat niedergelegt. Die Darmstädter Regierung machte keine Miene, die Nachwahl anzuordnen. Obwohl bei dem sichtbaren nahen Ende diese Sänmnis nicht unnatürlich war, erregte sie in unsrem demokratischen Lager doch Unwillen. Und da man in jenen Tagen immer mehr zur Selbsthilfe zu greifen sich gewöhnte, so beschloß die Partei, die Ersatzwahl auf eigne Faust auszuschreiben. Ein Ausschuß konstituierte sich dazu, an dessen Spitze höchst ehrenwerte und gesetzte Bürger standen. Da die Wahl eine indirekte war und der Körper der Wahlmänner noch bestand, so war die Sache ziemlich einfach. Das darmstädtische Ministerium erließ ein Verbot gegen das Vorgehen, indem es dasselbe als Anmaßung eines Amtes mit einem Paragraphen des Strafgesetzes bedrohte. Der Wahlvorstand erließ eine, in Lapidarfchrift gedruckte Gegenerklärung, daß er in seinem Rechte sei uud von der ministeriellen Verwarnung keine Notiz nehme. Die Wahl ward auf den 12. Juui ausgeschrieben. Von den 196 Wahlmännern erschienen 163, und 158 derselben stimmten für mich. Ich war also, allerdings in tumultuarischer, zweifelhafter Form, aber doch von der Mehrheit der Körperschaft, gewählt. Die Wahlakten wanderten zum Rumpfparlament nach Stuttgart und, wie dessen Präsident, Löwe-Kalbe, mir später mitteilte, sind sie dem Archiv einverleibt worden, das, wenn ich nicht irre, Bcimbergers Erinnerungen. 178 Drittes Kapitel. Journalist und Volksredner. jetzt beim Reichstag in Berlin ausbewahrt wird. Geprüft und gutgeheißen ist meine Wahl nicht. Sie kann mir also nicht aus den Grabstein geschrieben werden. Während meine Akten in Stuttgart einliefen und ich selbst in der Pfalz umherfuhr, erhob die Staatsanwaltschaft in Mainz ihre erste Anklage auf Landesverrat und Hochverrat gegen mich, Zitz und einige andre. So war dafür gesorgt, daß ich das am 9. Mai 1849 verlassene Mainz sobald nicht wieder sehen sollte. Viertes Kapitel. Briefwechsel mit der Bmiit- 179 Viertes Kapitel. Briefwechsel mit der Graut. Die Linie, die ich mir zog, als ich die Feder ansetzte, glanbe ich bis hierher eingehalten zu haben. Der Gedanke, eine subjektive Schilderung meines Lebens zu geben, lag und liegt mir, auch an diese Stelle gelangt, noch fern. Nur so viel die eiguen Schicksale den Gang der Zeiten von einem bestimmten Punkt aus widerspiegeln, will ich von ihnen erzählen. Doch kann ich, indem ich mich anschicke, die nun folgende Wendung und alles, was sich im Lause der Jahre daraus ergab, zu schildern, mich uicht der Erkenntnis entziehen, daß zum Verständnis des Kommenden Aufklärung über einige intimere persönliche Zustände und Verknüpfungen unentbehrlich ist. Dieselben wirkten so ganz allein entscheidend für mein Handeln, daß ich, um es verständlich zu machen, das Widerstreben überwinden muß, welches mich sonst, meiner Empfindung nach, von solchen Aufschlüssen abhalten würde. Denn ein Vorsatz, etwas wie Bekenntnisse, Konfessionen, zu fchreiben, liegt mir weit ab. Mein Leben wäre ohne Zweifel ein ganz anderes geworden, wenn ich damals, als die politischen Ereignisfe mich ans Deutschland hinausschleuderten, sür mich allein dagestanden hätte. Aber dem war nicht so. Von der Universität her hatte ein Verhältnis sich geknüpft, und dies hatte sich in den fünf Jahren, die seitdem verflossen waren, so befestigt, daß die Bedingungen meiner Existenz sich durchaus danach zu richten hatten. Wie es fo oft vorkommt, war es eine fchöne Kousine, welche meine Neigung gefesselt hatte. Aber wenn auf solche Fälle auch der Satz angewendet werden könnte, Gelegenheit macht Diebe, so waren diesmal die Umstände anders als gewöhnlich. Wir waren nicht zusammen aufgewachsen und durch bequemeren Verkehr einander nahe gebracht worden. Die Eltern des jungen Mädchens waren seit ihrem zweiten Jahre faktisch getrennt, wenn auch uicht gesetzlich. Sie hatten nur dies einzige Kind, welches beim Vater 12> 180 Viertes Kapitel. geblieben war und von ihm argwöhnisch vor jeder Berührung mit meiner, der mütterlichen Familie gehütet wurde. Der Vater lebte in dem Städtchen Alzey, dessen Vertreter ich am Ende meiner politischen Lanfbahn beinah zwanzig Jahr lang werden sollte. Die Mutter, der meinigen Schwester, lebte bei ihren Verwandten bald in Mainz, bald in Antwerpen. In der Familie webte sich im Lauf der Jahre ein geheimnisvoller Schleier um die aller Berührung entzogene, im Verborgenen aufwachsende Tochter des in der unheimlichen Beleuchtung eines bösen Zauberers vorgestellten Vaters. Einmal, als ein Annäherungsversuch gemacht wurde und die Mutter zu diesem Zweck nach Alzey fuhr, hatte ich als galanter Gymnasiast und Neffe deren Begleitung übernommen. Das Kind war damals vierzehn Jahre alt, ich siebenzehn. Zwei Jahre später, als ich im vierten Semester in Heidelberg studierte, erfuhr ich, daß der Vater, Josef Florian Belmont war sein Name, die Tochter nach Mannheim in eine Pension gethan hatte. Eines Tages kam mir der Gedanke, hinüber zu fahren, um Schneewittchen wiederzusehen. Der Eindruck war gewaltig. Aus einem kleinen, mageren Backfischlein war eine üppige hohe Jungfrau geworden, mit Augen, die es Einem anthun konnten. Natürlich war nach ganz wenigen Besuchen, die sich schnell wiederholten, ein zärtliches Einverständnis hergestellt. Seinen Abschluß fand es, als ich im Frühling 1852, etwa acht Jahre später, in Rotterdam heiratete. Aber diese acht Jahre waren ein ewiger Kampf mit den trübseligsten Verwirrungen, unter denen das nun zwischen Vater und Mutter hin und her geworfene uud von beiden aufs bitterste gequälte junge Wesen entsetzlich litt. Über diese Schicksale, sowie über die wahrhast abenteuerlichen Kinderjahre meiner Frau, die der Vater blutarmen Bauersleuten anvertraut hatte, ließe sich ein Roman schreiben. Unsere litterarischen Freunde, denen sie manchmal Bruchstücke daraus mit einem reizenden Darstellnngstalent erzählte, bestürmten meine Frau unzählige Male, sie möge diesen, ihren wunderlichen Lebeuslauf, zu Papier bringen; wie er in der elenden Stube eiues armen Bauernmusikanten, die im Winter auch die Ziege beherbergte, ansing und sich, nach langen aufreibenden Wirren, zu einer die geistige Welt einer Briefwechsel mit der Braut, 181 gefeierten Pariser Umgebung beherrschenden Persönlichkeit entfalten sollte. Aber, wie viele der besten, so blieb auch dieser Roman ungeschrieben. In den langen Jahren, seit das Band fürs Leben sich in Heidelberg geknüpft hatte, — sie damals siebeuzehn, ich zwanzig Jahre alt, — bis zu der eudlich auf holländischem Boden geschlossenen Ehe, sollte ich die Freuden und uicht minder die Leiden eines solchen Romans, in allen ihren Höhen uud Tiefen, durchkosteu. Zum erstenmal, seitdem sie geschrieben wurden, habe ich jetzt die vergilbten Briefe aus jener Anfangszeit, 1845 bis 1852, wieder entfaltet, eine unendliche Zahl. Ich wollte mir die Empfindungen jener Tage in ihrem Wechsel vergegenwärtigen, und wenn auch die Erinnerung weder abgeblaßt noch von der Wahrheit abgekommen war, mußte ich doch erstaunen über die breite dunkle Schicht schwermütiger Stimmung, die über jenen Jugendtagen lagerte, und die im Lause der Zeit immermehr dem Gleichgewicht der Seele Platz machen sollte. Sei es die Wirkung mehr nud mehr geebneter Lebenswege, fei es die Wirkung von Alter und Erfahrung, mit andren Worten innerer Reife, in dem Maß als die Jahre fortschritten, gewann die Heiterkeit des Temperaments die Überhand. Zwar fehlen anch in den jnngen Jahren die Anwandlungen des Humors nicht; aber im Wechsel der Tage und Stuuden überwog die Trübsal. Daran trug ganz allein die Schuld das Bewußtsein der Verantwortlichkeit für die Existenz eines geliebten Weseus, die sich an die meinige gebunden hatte, während jeder Ausblick in eine erlösende Zukuuft ehlte. Ob ich uun den von Anfang betretenen Weg der Advokatenlaufbahn verfolgte, ob ich, nach meinem inneren Drang, mich dem akademischen Beruf widmete: immer legte sich uoch ein Jahrzehnt zwischen die geradezu unerträgliche Gegenwart und die Möglichkeit einer eignen unabhängigen Stellung. Aber so schwer ich au diesem Konflikt trug, ich ließ mich nie ganz von ihm niederdrücken. In einer eigentümlichen Weise, die mir aus meiner Vorliebe für philosophische Studien erwuchs, arbeitete ich unablässig an mir, auf dem Weg der Selbstaualyse zur Beruhigung uud zum 132 Viertes Kapitel. Lebensmut vorzudringen, jede Desperation, die zum Aufgeben seiner selbst und zur Flucht iu die Resignation verführen konnte, zu bekämpfen und das Heil in dem Ergreifen konkreter Aufgaben zu erblicken. Wenn ich die bogenlangen Briefe jetzt wiedersehe, welche diese inneren Kämpfe erzählen, muß ich lächeln über die Pedanterie der Zergliederung, mit der ich das eigne Ich und die Welt zu konstruieren nicht müde wnrde, aber ich finde doch schließlich immer den Grundgedanken wieder, daß alle Anwandlung von Schwäche zurückgewiesen und der Kampf mit dem Schicksal und allen seinen Widerwärtigkeiten durchgekämpft werden müsse. Dieser Grundzug gab mir später auch die genügende Kraft, als es in den ersten Jahren des Exils galt, einen neuen, von Anfang an nichts weniger als sympathischen und anmutenden Berufsweg einzuschlagen. Die erste Wendung zum Besseren kam, wenn auch nur vorübergehend, mit der entscheidenden Epoche der Februarrevolutiou. Eine Laune des Zufalls hatte es gefügt, daß wenige Tage vor dem Hereinbrechen dieser Epoche eine Verstimmung, wie sie in langen Liebesgeschichten so oft vorkommt, dieser ein Ende gemacht zu haben schien. Zch finde in meinen alten Briefen an meine Geliebte einen vom 17. Februar 1848, aus Heidelberg datierten, mit einer förmlichen, schwermütigen Verabschiedung. Gerade dieser momentane, scheinbare Bruch hatte mich damals bestimmt, wie oben erzählt, meine beiden ehemaligen Göttinger Kameraden, die ihre Studien in Heidelberg fortsetzten, aufzusuchen, um mich von Mainz, wo die letzten Herzenskonflikte sich abgespielt hatten, zu entfernen. In Heidelberg schlug, wie berichtet, die erste Kunde von Ludwig Philipps Vertreibung an mein Ohr. Von dort unternahm ich die abenteuerliche Expedition nach Straßburg und kehrte alsdann, in gewaltig angeregter Stimmung, nach Mainz zurück. Ergriffen von ganzer Seele, wie ich durch diesen politischen Umschlag war, hätte ich vielleicht das persönliche Verhältnis um so eher verschmerzen können. Aber die menschliche Natur machte sich doch gerade iu entgegengesetzter Richtung geltend. Ein seelischer Aufschwung begünstigte den anderen. In jenen ersten Tagen des März, da ein neues Lebeu in Deutschland auf- Briefwechsel mit der Braut. 183 blitzte, führte mich der Zufall auch wieder mit der Geliebten zusammen, und — das Ende vom Lied war eine neue Befiegelung des alten Verhältnisses, stürmischer als je zuvor. Das geschah an jenem 6. März, an welchem der Großherzog in Darmstadt seinen getreuen Hessen alle die berühmten Errungenschaften bewilligt hatte. Zwei Tage später, an dem Abend, wo die Stadt in einem Lichtmeer von Illumination und in Enthusiasmus schwamm, wanderten wir Arm in Arm durch die Straßen und standen schräg unter dem Balkon des Theaters, von dem Zitz herab der Freiheit ewige Treue schwor. Es sollte mir noch manchmal später begegnen, daß meine innersten Herzensschicksale sich mit politischen Bewegungen in eins verschmolzen, im Guten, wie im Schlimmen, wie sie sich in den Besitz meines ganzen Fühlens teilten. Dann kamen meine ersten öffentlichen Erfolge und mein Eintritt in die Redaktion der „Mainzer Zeitung". Sie gaben mir zum erstenmal den Halt eines gewissen Glaubens an meine Leistungsfähigkeit, und als ich nun anch sofort von der „Mainzer Zeitung" mit einem Gehalt von ganzen achthundert Gulden im Jahr angestellt wnrde, war der Beweis geliefert, daß ich mit der Zeit sogar aus eignen Kräften einen Haushalt würde bestreiten können. Denn ein Sprnng von nichts zu obiger Summe war damals sür mich etwas ganz Unerhörtes. In einem Briefe vom 24. März, an die wieder zu ihrem Vater nach Alzey Zurückgekehrte, die ich erst von damals an vor der Welt und der Familie als meine Braut behandelte, obwohl wir uns nie förmlich verlobt hatten und es auch später niemals nachholten, schilderte ich die Eindrücke jener ersten vierzehn Tage einer vits, unovs,. „Ich lebe im Sturmschritt der Beschäftigungen. Aber es ist mir eine große Genugthuung, daß die erste Sache, die ich leichtsinnig anpackte, mir so über alle Erwartung zu gelingen scheint. Ich habe es in vierzehn Tagen dahin gebracht, daß ein obsknres Winkelblättchen allgemeine Sensation erregt. Ich habe, unbekannter Anfänger, nach einigen Besuchen auf der Redaktion die ganze Leitung in meine Hand bekommen. Der Verleger betrachtet mich als eine vortreffliche Acqnisition. Das alles, so wenig es 184 Viertes Kapitel. im Grunde ist, giebt mir Vertrauen, was ich vorher nicht zu mir besaß. Gestern haben wir auch die Geldsachen geordnet. Er fragte mich, was ich wollte. Ich: Wenn sein Blatt nicht bis jetzt mit Schaden betrieben worden wäre, würde ich mich taxieren. So aber, da er — schon ohne mich zu bezahlen — 400 Guldeu jährlich zusetze, wolle ich mehr auf ihn als auf mich Rücksicht nehmen. Deshalb verlangte ich nur achthundert Gulden. Zabern schlug gleich ein uud sagte, er hätte mir auch tauseud Guldeu gegeben, wenn ich sie verlangt hätte, denn er setze das größte Vertrauen in mich. Mir ist es doch so lieber, uud ich bin unbesorgt, bei Zaberns Ehrlichkeit, daß er mir bei Besserung der Sache entgegenkommen wird. Ich wollt', ich könnte schon das Geld so verwenden, wie ich Dir's an der österreichischen Hauptwache angedeutet habe. Und nun bist Du wieder draußen, frei! Ach schreib mir doch, schreib mir Deine ganze Seele, daß ich wenigstens weiß, wie ich Dich mir denken soll. Freitag Mittag auf der Redaktion." Sechs Tage später war ich in Frankfurt zur Eröffnung des Vorparlaments. Ich hatte meinen Bericht an die „Mainzer Zeitung" abgeschickt (Gesammelte Schriften Band III, S. 14). Dann war ich in die Versammlung im „Wolsseck" gegangen, wo ich zum erstenmal mich auf eiue Rednerbühne wagte. Und ins Gasthaus zurückgekehrt, schrieb ich meiner Braut. Auch dieser Brief findet sich noch in meiner Sammlung. Er ist in ungewöhnlich großen, offenbar in heftiger Erregung hingeworfenen Zügen, aus einen großen Bogen geschrieben. „Frankfurt, 30. März. Nachts Halbzwei Uhr. Ich schreibe in folgender Position. Ich sitze im Bett und habe die Schieblade des Nachttisches, die ich herausgezogen, umgestülpt als Schreibpult aus den Knieen liegen. Ich bin hente hierher gekommen für die „Mainzer Zeituug". Meine Berichte über Stadt und Versammlung erhälst Du durch die Zeituug. Morgen iu der Paulskirche, wo die Versammlung abgehalten wird, hab ich einen guten Platz, indem ich mit vier bis fünf andren Redakteuren (auch einem von den „Times") dicht neben der Rednerbühne an einem Tisch sitze. Heute abend habe ich in einer großen Versammlung im „Wolfseck" öffentlich gesprochen und 'war einer der wenigen Republikaner, Briefwechsel mit der Braut. 185 die ihre Stimme unverhalten und mit Energie hören ließen. Ich habe zweimal mit Anerkennung das Wort ergriffen. Theodor Creizenach war mein Hauptgegner. Die Republikaner sind sehr in der Minorität. Jedenfalls ist das Leben hier interessant und anregend. Auch an Bekanntschaften fehlt es nicht. Man lebt doch iu einer ganz anderen Weise als vor vier Wochen und sieht den wirklichen Anfang eines Lebens in seiner Hand." In einem Brief vom 5. April heißt es dann weiter: „Ich lebe seit den Tagen von Frankfurt wie im Stnrm; die Erfahrungen, die ich dort gesammelt, den Wendepunkt, den die Dinge jetzt vielleicht in meinen ganzen Lebensgang bringen werden, kann ich noch nicht veranschlagen . . Was kommen mag, und es wird noch viel Schlimmes kommen, ich bin resigniert und schwimme mit dem Strom, der die Zeit treibt." Wieder vierzehn Tage später schreibe ich: „Die ganze Woche habe ich Dein Schweigen und also Deine tiefe Stimmung trübselig mit mir herumgetragen. Gestern morgen hat mich Dein Brief ein wenig erlöst. Die Popularität, zu der ich hier gekommen bin, erfüllt mich lange nicht so, wie die Leute meinen. Der Mangel an tüchtigen Lenten ist ebenso sehr die Ursache dieser leichten Karriere, als das, was einen darin nicht froh werden läßt. Ist es uicht ein Armutszeugniß für die ganze Geschichte, daß ich so schnell an die Spitze gedrungen bin, und daß ich, trotzdem ich lange nicht so viel von mir halte wie die Leute, und wie die Lente meinen, daß ich trotzdem so wenige sehe, die sich mit mir messen können? Ich war nie deprimierter als am Abend jener Demonstration (eine Serenade mit Fackeln). „1.6 xsuxls n'sstxas clu Wut subliras«; so kommt mir alles zeitweise vor, wenn ich die Sachen und Personen im einzelnen betrachte. Wer in der Welt wirken will, darf sie selbst und ihre Bestandteile nur als Kollektivbegriff nehmen. Daß ich jetzt auch viele Freunde habe, versteht sich von selbst. Im ganzen kann ich sagen, daß im Punkte der Ambition hier für mich nichts mehr zu thun, nur zu verlieren wäre. In eiu paar Tagen werde ich wieder Ruhe haben vor der Berühmtheit und mit Selbständigkeit und Ruhe für die Sache arbeiten können. Ins Parlament melde ich mich nicht. Die Kandidaten standen bereits fest, ehe ich bekannt 186 Viertes Kapitel. war. Teils mag ich auch nicht mich der indirekten Wahl unterwerfen, teils habe ich nicht Lust, zu dem Ende auf dem Lande herumzureisen, was dazu nötig wäre. Ob ich zur Berichterstattung nach Frankfurt gehe, ist noch zweifelhaft." Am 20. April, nach dem Erfolg ans der Volksversammlung im Schloßhof, berichte ich über diesen in einem großen, vier Qnartfeiten füllenden Brief. Da heißt es nach einigen Zeilen: „Dn bist irre, wenn Dn meinst, das lebhafte Treiben, in dem ich mich jetzt bewege, könne mich von Dir abziehen oder gar aufrichten von den düstren Vorstellungen, die sich mit Deinem traurigen Leben verbinden. Der Gedauke, endlich einmal Dir und — ganz ehrlich gesprochen — auch mir felbst zeigen zu können, daß ich Deiner wert sei, hat einen größeren Anteil an der Befriedigung, die ich aus meiner neuen Wirksamkeit ziehe, als ich draußen gestehen dürfte. Ich felbst bin überrascht von dem Erfolg, der mich iu allen diesen Unternehmungen begleitet. Wo hätte ich je gedacht, daß ich öffentlich reden, und zwar daß ich mit solchem Glück vor dem Volk reden könnte. Fünf Minuten, ehe ich die Tribüne bestieg, wußte ich noch nicht, daß ich sprechen würde, und doch gelang es mir, so über die Maßen, daß ich allein gegen alle anderen Redner, selbst gegen Zitz, den Willen der Versammlung leitete. Ich hatte, indem ich sprach, keine Ahnung davon, daß ich etwas Besonderes geleistet hätte, und war überrascht von dem stürmischen Beifall, der die Rede begleitete. Ich hätte Zitz, der sich schwankend benahm, sehr in der öffentlichen Meinung herunterbringen können, allein ich zog der Sache halber vor, ihn zu treiben und zu umgehen. Er verstand mich und schloß sich an, aber mit einer so plötzlichen Wendung, daß alle Gescheiteren es merkten." Nach einer längeren Schilderung der Zustände, die sich daraus entwickelten, heißt es dann: „Die Anstrengungen, welche gemacht werden, mich zu stürzen, erfüllen mich mit einem Respekt vor mir, der mir nie in den Sinn gekommen wäre — kurz, es ist ein närrisches Treiben." Der Schluß lautet: „Richte Dich auf, Liebe, Teure. Bei allem, was mir gelingt, wie ehedem bei allem, was mir nicht gelang, bist Du mein erster und letzter Gedanke. Richte Dich auf." Am Ende dieses langen Briefes steht als Nachschrift: „Ver- Briefwechsel mit der Braut, 187 nichte diesen Brief! Vernachlässige es nicht!" — Eine Lehre für die, welche sich auf solche Nachschriften verlassen, aber auch ein Trost für die Vergeblichkeit der Mahnung. Am 6. Mai meldete ich in einem kurz hingeworfenen Brief meinen Austritt aus der Redaktion der Zeitung. Am 7. schreibe ich darüber: „Viel Liebe! Du wirst mein Gestriges, also der Hauptsache uach die beiden Zeitungen, erhalten haben nnd ohne Zweifel auf eine Aufklärung neugierig sein. Die Sache ist einfach: Zabern (der Verleger) ist es gegangen, wie vielen. Sie nehmen einmal ihren Mut zusammen, halten einen großen Choc ans, triumphieren und — behalten davon eine solche Mürbheit übrig, daß sie bei der uächsteu leisen Berührung zusammenstürzen. Er hatte kühn dem Angriff der „Wohl- denkenden" die Spitze geboten und beugte sich heute unter die endlosen Quälereien seiner Familie, verbunden mit dem Eindruck der Schreckensherrschaft in Baden (nach dem Mißlingen des von Hecker geführten Putsches). Er war komplett verhetzt, hat seine Zeitung, die in sechs Wochen um zweihundert Abonueuteu zugenommen hatte, schwer geschädigt, weiß sich schon hente nicht mehr zn helfen und dauert mich sogar, weil er grundbrav, aber ein bischen zu dick ist. Mir ist's gar nicht uuaugeuehm. Die momentane Erholung thnt mir wohl. Ich helfe noch ein bischeu aus an der Zeitnng. Adressiere Deinen nächsten Brief direkt an mich. Die Emanzipation von der Verschämtheit mag damit ansangeu." Der Sommer verging bei wechselndem Ausenthalt zwischen Franksnrt und Mainz, wo ich nach den Septembertagen, als der Redakteur Schütz slieheu mußte, wieder in die Redaktion der Zeitung eingetreten war. In einem nach Alzey gerichteten Brief vom 13. Oktober schilderte ich mein Leben, indem ich die Seltenheit meiner Briefe entschuldigte: „Die Art, wie seit Schütz die „Mainzer Zeitung" geführt wird, und welche nnn auf das Interim übergegangen ist, ist nicht auf mich eingerichtet. Schütz schüttelte jeden Tag eine Elle salbnngsreicher Phrasen aus dem Aermel und hantierte noch Viertes Kapitel. allerhand daneben. So ist Bölsche aus den Leitartikeln herausgekommen. Ich nun brauche mehr Zeit als Schütz für den Stil und für die Gedanken, und so gehen die Tage, deren jeder einen Artikel will, darauf. Zabern hat mich angegangen, nächsten Monat auf alle Fälle — selbst wenn Schütz wiederkommen sollte — vom November an wieder die oberste Direktion der Zeitnng zu übernehmen. Ich habe mir Besiunnngszeit ansgebeten, aber erklärt, daß ich jedenfalls mir aeceptiere, wenn er drei Redakteure anstellt und mehr Geld auf Korrespondenzen verwendet. Er will beides thun. — Ich möchte lieber den Winter für mich arbeiten, und zu dem Zweck war ich schon entschlossen, nach einer stillen Universität zu ziehen. Aber die politischeu Diuge siud so bewegt, daß man sich ihnen noch nicht entziehen kann, uud daß ich deshalb mich wahrscheinlich zur Zeitnng entschließen werde. Ich bin von den demokratischen Vereinen der Provinz als Abgeordneter zn dem auf den 26. d. Mts. festgesetzten Kongreß nach Berlin ernannt. Wenn nicht vorher der Gang der Ereignisse eine Entscheidung der deutschen Zustände auf eine oder die andere Weise herbeiführt, so gehe ich Sonntag über acht Tage weg. Doch glaube ich, daß vorher entschieden sein wird, ob vollständiger Sieg der Revolution oder der Reaktion. In der Wiener Frage mnß sich das lösen". — Und zum Schluß: „Liest Du Bücher — welcherlei? Hast Du Gedanken — welcherlei? Dn brauchst sie doch nicht, wie ich Armer, alle drucken zu lassen." Um nach Berlin zn reisen, schlug ich den Weg über Köln ein, wohin ich mich mit dem Dampfboot begab. An Bord desselben schrieb ich wieder nach Alzey, unterm 22. Oktober. Der Brief beginnt mit der Klage über zersplitterte Thätigkeit. „Ich habe den ersten Moment, der mich aus Mainz und damit aus eiuer greulich absorbierenden Beschäftigung herausbrachte, abgewartet, um endlich wieder einmal als Ich und uicht bloß als Gesundheitsschildwache Dir eiu Lebenszeichen zu geben. Bei aller Geschäftigkeit zerzause ich doch immer eiue solche Menge von Zeit, daß meine bisherige Oberflächlichkeit nicht blos jetzt, sondern von der ersten Stnude an mir sündhaft vorkam. Es ist auch weniger das Zeitmaß, das mir zu knapp war, als der Gedankenspielraum; denn man kann ja wohl nichts anderes als eine wüste Briefwechsel inu der Braut. 189 Denkmaschine werden, wenn man, wie ich, seit mehr als einem Monat jeden und jeden Tag einen ?rsmisi- schreiben muß. Davon wird mich nun zwar die nächste Zukunft nicht befreien, denn ich habe mich auf den Winter wieder mit der „Mainzer Zeitung" verheiratet und keine große Aussicht auf Vermehrung des Redaktionspersonals; aber ich habe mir zur Erlösung jeder Art wenigstens vorgenommen, die Regelmäßigkeit in meine Arbeit zu bringen, welche mehr als freie Stunden die Zeit und den Kopf zusammenhält. Bis auf diesen Tag war mein Leben, wenn auch mit mehr Anstrengung in der letzten Zeit, doch eine Fortsetzung des provisorischen Jrrlichtelierens, das in Frankfurt seinen Anfang nahm. Hunderterlei zurückgelegte Geschäfte, die durch das Verschieben immer lästiger und schwerer wurden, spiegelten sich auf einem Tisch, der mit verwirrten Papierstößen bedeckt war, und so lange ich nicht zn einem säubernden Abschluß kam, verfolgte mich stets die Unbehaglichkeit und die vagierende Lust des alten Nomadenlebens. Nun soll es anders werden. Gestern, vor meiner Abreise, habe ich alles aufgeräumt und in Ordnung gebracht, und bin überzeugt, daß ich bei meiner Rückkehr eine viel besser benutzte und beruhigendere Zeit beginnen kann. Meine Angelegenheiten treiben mit dem vielgewundenen Strom der Zeit selber planlos, wie es uicht anders sein kann, voran. Ich habe Dir, glaube ich, schon geschrieben, daß ich von meinem ursprünglichen Plane, den Winter der stillen Muße au einem zurückgezogenen Platze zu widmen, abgekommen bin, weil bei dem fortwährenden Steigen und Fallen der Bewegung nicht zu erwarten ist, daß ich mich irgendwo dem Forum entziehen könnte. So hoffe ich jedoch, wie bemerkt, meine Thätigkeit zu regeln, daß ich gleichzeitig mit dem Produzieren wenigstens den Stoss der Tagesgeschäfte — und das ist am Ende das beste uud meiste aus allen Stoffen — solider in mich aufnehmen kann. Da mein Gehalt erhöht ist (1000 Gnlden), so werde ich vielleicht noch für einen Universitäts- oder sonstigen Aufenthalt erübrigen. Von der Berliner Mission (zum demokratischen Kongreß) erwarte ich nichts. Es ist mir aber immer eine angenehme Reise, der Einsicht in die Welt und in die politischen Dinge wegen." Am 6. November wieder auf dem Dampfboot und dem Rück- 190 Viertes Kapitel. weg von Berlin schrieb ich dann: „Abermals auf dem Dampfboot, Freitag morgen. Ich weiß nicht, ob ich zn Hanse angekommen, einen Brief von Dir finden werde und will deshalb auf alle Fälle mich in den Stand setzen, Dir meine Rückkehr sofort anzuzeigen, damit ich wieder ein paar Worte von Dir höre. Über den Kongreß wirst Du in den Zeitungen gelesen haben. Die Geguer machen sich ein großes Fressen daraus, aber ich sage Dir: sie sind Esel und Stümper, sonst würden sie noch hundertmal besser es ausbeuten können. Er war der Superlativ aller Erbärmlichkeiten, und ich war ruckweise so von Ekel gegen die dummen Jungen erfüllt, welche das große Wort führten, daß ich an mir und der Sache zu zweifeln anfing. Der Kongreß war elend, aber ich habe viel gelernt in Berlin, nnd was ich als Trost mitgenommen habe, ist die Erfahrung, daß die fähigeren Menschen der Partei in allen Teilen Deutschlands genau übereinstimmen, und daß man, um der Partei anzugehören, nicht mit den dummen Zungen solidarisch zu sein braucht. Berlin ist eine schöne, große Stadt, die aber keinen Eindruck auf einen macht. Sie ist nur quantitativ von kleineren Städten verschieden. Die „Intelligenz", die philosophische Theebildung, ist, wenigstens heute, nicht mehr wahr. Volk und einzelne tragen durchaus das allgemeine Gepräge." Und uuu halte ich es nicht für Geschmacklosigkeit und Jnteressantmacherei, wenn ich ansnahmsweise den nächstfolgenden Brief in seiner Totalität hier wiedergebe, obgleich er von Begebenheiten nichts erzählt und nur die innerlichste Subjektivität abspiegelt. Aber ich darf wohl annehmen, daß dem, welcher mein Leben in seinen Ersahrungen und Beobachtungen bis hierher verfolgt hat uud weiter verfolgen will, es nicht unwillkommen sein wird, diesen kurzen Einblick in eine Selbstschilderung zu thun, die, indem ich nach einem halben Jahrhundert sie zum erstenmal wieder zu Gesicht bekomme, mich selbst nur als einen Vergessenen und darum halbwegs Unbekannten wieder vorführt. Manches macht mich lächeln, und doch erkenne ich im ganzen den alten Adam wieder, in dem der Privatmensch mit dem öffentlichen sich schlägt und sich verträgt, wie gleicherweise die unmittelbare Empfindung mit der nimmer rastenden pedantisch doktrinären Selbstanalysierung. Briefwechsel mit der Braut. 191 Am folgenden Tag, 7. November schreibe ich: „Dienstag Abend*). Liebe Anna. Wenn nicht auf dem besonderen Felde, auf dem unsere Korrespondenz wächst, der Mystizismus etwas verfänglich Lächerliches hätte, so möchte ich mich aus einen Traktat über die sympathetischen Beziehungen zwischen räumlich getrennten Menschen einlassen: denn es hat mich am Samstag und Sonntag eine Sehnsucht nach Dir, Liebe, verfolgt, deren Gegenstück zu meiner höchsten Freude, ich darf nach Deinen letzten Briefen sagen: zu meiner süßen Überraschung, aus Deinem gestern eingetroffenen Schreiben mich umwehte. Wie ich überhaupt dann mit dem heftigsten Verlangen an Dich denke, wenn ich am meisten in lebhafter Thätigkeit nach außen absorbiert bin; so überfiel mich schon aus dem Rückweg von Berlin und noch mehr nach Deiner Ankunft die süßwehmütige Begehrnis, bei Dir zu sein. Je anregender, nnd vollends je geräusch- und bewegungsvoller mein politisches Treiben ist, desto mehr ruft es jedesmal in mir die Notwendigkeit hervor, daß ich mich in mir selber, daß ich den eigentlichen, den Privatmenschen wiederfinde; und den habe ich nirgends, nirgends auf der Welt, als bei Dir. Wie wahr, wie sehr aus der innersten Natur entsprossen immer eine Thätigkeit sei, wie die meinige, das Bewegen im öffentlichen Leben hat immer und seiner notwendigen Form nach etwas Gemachtes, Pathetisches, und weckt in jedem vor sich selber aufrichtigen Menschen das Bedürfnis, in sich selbst zurückzukehren. Aber dieses echte Selbst kann nicht der bestimmungslose Jn- disferenzpnnkt des nackten Ich sein. Ein solches von der Welt, von allen Bestimmungen des Daseins abstrahiertes Ich giebt es nicht; selbst der abgeschmackteste christliche Einsiedler oder der büßende Inder findet es nur in der Bestimmtheit durch die Natur oder die Religion; der wahre Mensch findet es in der Nur die wenigsten der Briefe tragen ein Datum von Monat und Jahr. Diese profanen Bezeichnungen werden in solchen Stimmungen regelmäßig verschmäht — ein sehr verwerflicher Usus für späteren Gebrauch. Aber wer deukt iu solchen Momenten an den, der nach achtundvierzig Jahren das Datum feststellen möchte. Glücklicherweise kannte man damals den fertigen Briefumschlag »och nicht, und die letzte Briefseite trägt anf ihrem Rücken die Adresse und deu Poststempel. 192 Viertes Kapitel. höchsten menschlichen Beziehung, in der Beziehung, welche Dich mir verbindet. Auch in der Liebe ist Pathos, aber das reine, durch die eigne, individuelle Natur bestimmte, von allen Zufälligkeiten der äußeren Welt befreite Pathos, das wahre Pathos, das ans den gesteigerten und in ihren Gründen aufgeregten Anlagen des Charakters selbst hervorgeht; in ihr liegt darum die reiuste, über alles gehende Wahrheit des Lebens, und sie wird daher vom nächsten Gegensatz, durch das mehr oder minder falsche Pathos des öffentlichen Lebens hervorgernsen. Allerdings enthält die politische Thätigkeit als echten Kern die volle Wahrheit der Menschenliebe, aber es ist die Eigentümlichkeit aller allgemeinen Verhältnisse, daß sie die Wahrheit nur stark vermischt mit hundert Verleugnungen und Vernachlässigungen des Prinzips enthalten; wie ja das Leben überhaupt nicht in Allgemeinheiten sondern in Individualitäten der That nach besteht, während alles Allgemeine uur eine Abstraktion des Gedankens ist. In den Beziehungen zum Allgemeinen ist für deu Meufcheu keine volle Befriedigung, sie ist nur in den Beziehungen zum anderen Menschen. Darum ist nichts falscher, als was oft und auch von Dir dann und wann hingeworfen worden, daß nämlich diese höchste Beziehung zwischen Mensch und Mensch, diese Beziehung zwischen Dir und mir in dem großen Welttreiben für etwas Untergeordnetes, Entbehrliches erklärt werde. Wie überhaupt alles Schöne nnd Große, ist diese höchste menschliche Beziehung, die Liebe, nie höher gestimmt, als wenn die anderen Thätigkeiten gesteigert und entfaltet sind, und die Wahrheit und Notwendigkeit dieser Verbindung nnd dieses Gegensatzes, glaube ich, ist es, welche den Tragiker immer zwingt, in seinen Schöpfungen große Thaten vor der Welt und stille Beziehungen des Herzens in eins zu verflechten. Das alles mag Dir abstrakt und gedrechselt klingen; aber mir ist es nur die unvollkommene Beschreibung des täglich Erlebten uud Empfundenen, das man allerdings auch besser erleben und empfinden als auseinandersetzen kann. Wenn Du doch endlich einmal es selbst miterleben, oder richtiger, wenn Du mich dahin bringen könntest, daß ich nicht bloß in der Sehnsucht und dem Bedürfnis, sondern in der Thatsache es erlebte! Dieses Verlangen verfolgt mich seit Briefwechsel mit der Braut. 193 meiner Rückkehr von Berlin von neuem aus eine unbeschreibliche Weise, die mir fast das Herz zerspringen macht. So sehnsüchtig und begehrungsvoll erregt es mich, daß ich vorgestern eine kindische Freude daran fand, nach Wörrstadt zum Bezirkskougreß ein groß Stück zu Dir hinzugehen*). Unter diesen Umständen kannst Du Dir denken, welche Freude mir Dein gestriger Brief machte. Ist wirklich eine Spur von Ernst in der darin angedeuteten Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen? Sage mir doch ernstlich, wie es darum steht? Nur einen Ruhepunkt für mein Verlangen, und sei es auch aus viele Wochen hinaus, nur einen Ruhepunkt, an dessen Herannahen ich mich weiden kann. Lebe, lebe wohl, mein einziges Leben! D. L." Zwei Tage später, als die Reise nach Mainz lebendige Gestalt anzunehmen versprach, meldete ich zugleich, daß die Befürchtung, ich möchte mich als Nachfolger des verstorbenen Brunck sür die Wahl nach Frankfurt präsentieren und darum meist ab- weseud sein, uicht begründet sei. Denn „als Ersatzkandidaten für Brunck ins Parlament habe ich selbst Schütz vorgeschlagen. Das giebt dem armen, tief in der Tinte sitzenden Tensel die Möglichkeit, nach Deutschland unangetastet zurückzukommen, und für dies Parlament ist er lang gut genug. Ich selbst hätte mich lange, lange besonnen, ob ich als Kandidat für jenes Parlamentsspital auftreten solle, selbst wenn jene Gründe nicht vorzugsweise für Schütz gesprochen hätten." Am 13. November ein kleines Blatt. „Heute mußt Du mit einem Lebenszeichen zufrieden sein. Ich bin überladen mit Geschäften. Dazu die Stimmung. Seit vorgestern schwebte ich in unaussprechlicher Angst wegen Fröbel (in Wien). Er ist glücklich entkommen und damit mir ein Stein vom Herzen. Wann kommst Du? Nie hab ich der süßen Sammlung in Deiner Nähe mehr bedurft, als jetzt. Unsere Zustände sind furchtbar erregt." Ende November kam die Ersehnte nach Mainz. Es folgten Tage unbeschreiblicher Glückseligkeit. Dies dauerte etwa drei Monate, in denen Politik und Liebe eines, wenn auch nicht ungetrübten Glücks genossen. *) Wörrstadt liegt halbwegs zwischen Mainz und Alzey. Bambergers Erinnerungen, 1Z 194 Viertes Kapitel, Im März ward das Leben der Tochter bei der Mutter wieder so erschwert, daß sie zum Vater uach Alzey zurückkehrte; und nun beginnt eiue neue Reihe von zärtlichen und zu Tode betrübten Korrespondenzen, von meiner Seite gewöhnlich in später Nacht, nach beendigter Arbeit in der Redaktion uud in den Versammlungen, beschaulich uud sorgfältig in einsamer Stille zu Papier gebracht. Im April winkte die Aussicht auf eine große Volksversammlung in Alzey, und diese Möglichkeit wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Aber für diesmal wenigstens mißlang es. Ein Brief vom 29. April schafft dem Unmut darüber Luft. Er lautet: „Alzey an allen vier Ecken anzünden, und alles, was darin ist, eine einzige Menschin ausgenommen, verbrennen, das ist das einzige, was helfen kann. Nun schreiben wir eiue große Volksversammlung aus, bitten um Zusage vom demokratischen Verein. Aber wer uns sitzen läßt, ist der Herr demokratische Verein. So wurde denn die Volksversammlung nach Bingen verlegt. Und heute erst, statt Montag kommt der Brief von Alzey, der uus zusagt; nun, da es für diesmal zn spät ist. Ist das nicht zum Tollwerden? Neueste Nachricht: Komorn entsetzt, die Ungarn in Mähren eingefallen, in Pest Kampf zwischen Einwohnern uud Garnison." Einige Wochen nach Abfassung dieses Briefes führte mich der Auszug in die Pfalz durch Alzey, wo wir Mittagsrast machten, nach Kirchheimbolanden. Natürlich pflückte ich anch diese Freude am Wege, und so lange unsere Freischaren in dem benachbarten Rheinbayern standen, machte ich manchen stillen Ritt nach Alzey oder nach einer zwischen beiden Orten halbwegs gelegenen Mühle zum trauten Stelldichein. Dann gings nach dem Schiffbruch hinaus in die Fremde, der dunklen Zukunft entgegen. Zum Schmerz der Trennung auf ungewisse Zeit kam das gesteigerte Gefühl der Verantwortlichkeit für die Existenz der Zurückgelassenen, deren häusliche Lage dadurch, daß ich aus allen Bahnen herausgeworfen war, natürlich noch sehr verschlimmert wurde. Dies Gefühl lastete unendlich schwer aus mir. Wie es mich beherrschte, und wie ich dann Briefwechsel mit der Braut. 195 wieder seiner Herr zu werden suchte, rückt mir am lebhaftesten eiu Brief wieder vor Augen, den ich im Dezember desselben Jahres 1849 aus London nach Alzey schrieb. Da heißt es: „Überschaue ich Vergangenheit und Gegenwart uud Zukunft, so resümiert sich letztlich alles in Anklagen, die ich gegen mich selbst zu richten habe. Und welche Erleichterung kaun es Dir sein, wenn mir dies gelingt? Höchstens, daß Du Dich uud mich noch mehr beklagst, als zuvor. Wenn man sich auf allen Seiten herumgeworfen, sieht man, daß die wenigst schlimme Partie, die man ergreifen kann, noch die ist, sich zu fassen, und daß sich in Worten auszutoben, um so mehr unrecht ist, als nicht der, welcher sich so seiner Heftigkeit entäußert, sondern der, welcher den Brief empfängt, die Kosten dieser Aufregung bestreitet: nicht aus dem Hammer, sondern aus der Saite springt der Ton." Diese wenigen Auszüge aus einer langen leid- und freudvollen, aber doch mehr leid- als freudvollen Herzensgeschichte solleu, wie oben bemerkt, dazu dienen, das Verständnis für meine späteren Entschlüsse zu bereiten. Bald nachdem ich jenen Brief aus London geschrieben, entschloß ich mich, als Lehrling in ein Bankgeschäft einzutreten, weil mir damit noch der sicherste und kürzeste Weg eröffnet schien, der unerträglichen Lage, die ans mir lastete, ein Ende zu machen. Es ward mir damals furchtbar schwer. Aber Pflichtgefühl mehr noch als Hoffnung half mir über die ersten peinvollen Jahre nach jenem Entschluß hinaus. Ich ahnte damals nicht, daß, was ich als eiuen Verlust im Bildungsgang ansah, sich für mein reiferes Urteil als ein Gewinn Heransstellen sollte. Als ich den kaufmännischen Beruf antrat, glaubte ich, von meiner akademischen Höhe herabzusteigen. Es ist die abschließende Überzeugung meiner seitdem gesammelten Erfahrungen, wenn ich sage, daß ich über Welt und Menschen in dieser Lanfbahn mehr gelernt habe, als wenn ich mein ursprüngliches Ideal hätte verwirklichen können. Ob dies nur möglich war, weil ich bis dahin für den gelehrten Beruf mich vorgebildet hatte, mag dahinstehen. Ich habe manche Geschäftsleute kennen gelernt, die von 13» 196 Viertes Kapitel. Briefwechsel mit der Braut. Anfang an nur für diesen ihren Beruf vorbereitet wurden und dennoch für die höhereu Aufgaben des Lebens so viel Einficht und Urteil eingesammelt hatten, wie Männern der Wissenschaft von der besten Sorte es auch nicht vollkommener hätte gelingen können. Schon daß ich den, besonders in Deutschland noch vielfach festsitzenden Dünkel, der auf den Nichtstndierten herabsieht, loswurde, betrachte ich als einen großen Gewinn, der mir aus dem auferlegten Zwang erwuchs. Fünftes Kapitel. Flüchtlingsleben in der Schweiz nnd in London. 197 Fünftes Kapitel. Flüchtlingsleben in der Schweiz nnd in London. Nun kehre ich zurück, um den Faden der Erlebnisse wieder anszuuehmen da, wo ich ihn fallen gelassen hatte; zugleich will ich für die nächste Fortsetzung dessen, was der Auszug in die Pfalz brachte, auf die im dritten Band meiner gesammelten Schriften*) enthaltene Erzählung verweisen. Sie bricht ab an dem Tage, da ich nach dem Zusammenbruch des Unternehmens und der Auflösung der rheinhessischen Freischaren Karlsruhe verließ, um uach der Schweiz zu fahren, wohin in diesen ersten Tagen die Eisenbahn noch frei war. Es geschah dies am 22. Juni 1849. In Basel angekommen, war das nächste, was ich zu thun hatte, daß ich mich legte, um mein entzündetes Fußgelenk richtig auszuheilen. Ich stieg mit Zitz, dem ich mich angeschlossen hatte, in einem bescheidenen Gasthof ab; denn nicht bloß hatten wir vorerst überhaupt uns vor unnötigen Ausgaben zu hüten, sondern wir waren auch momentan ohne alles bare Geld, und, von der Heimat abgeschnitten, in Verlegenheit, uns solches zu verschaffen. Nachdem ich einige Tage in horizontaler Lage verblieben war und meinen Fuß behandelt hatte, konnte ich wieder ausgehen und wandelte mit Zitz durch die Straßen von Bafel etwa wie im Hauffscheu Märchen der in Störche verwandelte Kalif und sein Vezier, denen das erlösende Wort entfallen war. „Stumm und traurig wandelten die Verzauberten durch die Felder"; diese Worte fielen mir ein, als wir, über ein Mittel zu Gelde zu kommen, nachsinnend auf der schönen Rheinbrücke stillstanden. Da kam Hilfe wie im Märchen. Plötzlich tauchte eine wohlbekannte liebe Physiognomie vor mir auf. Es war die eines alten Heidelberger Kameraden, Nothpletz aus Aarau, der später als Oberst in der eidgenössischen Armee eine angesehene Stellung eingenommen hat nnd noch zur Zeit, da ich dies schreibe, in Zürich Bei Rosenbaum und Hart 1835. 198 Fünftes Kapitel. lebte. Natürlich mußte ich ihm meine Schicksale erzählen, und da er in sehr guten Verhältnissen war, nahm ich anch keinen Anstand, ihm die Ebbe unseres Bentels zu verraten. Seine bereitwillige Hilfe stellte mir das für mich wie für Zitz Notwendige zur Verfügung. Später konnten wir uns auf Umwegen mit Mainz in Verbindung setzen. In Basel zu bleiben, war nicht unsere Absicht. Vielmehr wollten wir zunächst uns in Zürich festsetzen. Ich kam zum erstenmal in die Schweiz, hatte keinen weiteren Grund, den einen oder anderen Ort zu bevorzugen, wußte aber, daß Fröbel da noch halb zu Hause war und anch einen Bruder dort wohnen hatte, der eine Kunstgärtnerei betrieb. So entschieden wir uns für Zürich. In Zürich nahm ich, immer gemeinschaftlich mit Zitz, ein kleines bescheidenes Logis vor der Stadt, am Ufer des Sees. Da ich längst keine Hoffnung mehr auf einen glücklichen Ausgang der deutschen Bewegung genährt hatte, so kam auch keiu Schmerz über die vollzogene Thatsache zum Ansbrnch. Im Gegenteil; nach den aufreibenden und qualvollen Wochen der letzten Episode trat eine Art von Beruhigung und Erleichterung ein, als man dem Tnmult und dem Elend entronnen war. Die herrliche Natur der Schweiz, die ich bei dieser Gelegenheit zum erstenmal sah, in der günstigsten Jahreszeit, trug das ihre zur Besänftigung bei. Die Stadt wimmelte bereits von deutschen Flüchtlingen. Aber Zitz und ich hielten uns ziemlich einsam und führten ein höchst einfaches und frugales Leben. Wir hatten nns beide zur Regel gemacht, möglichst sparsam zu wirtschaften. Zitz, weil er nicht wußte, ob man ihm sein nicht unansehnliches Vermögen herausgeben werde, nachdem er in Anklagestand versetzt worden, und ich, weil ich meinen nur mäßig vermögenden Eltern durch mein Verschulden möglichst wenig Ausgaben verursachen wollte. Ich habe damals wie im späteren Verlauf Zitz immer bewundert. Aus dem bis dahin mit glänzenden Einnahmen aus seiner Advokatur in Üppigkeit lebenden Mann wurde ein frugaler Philosoph, der sich mit Heiterkeit in die kärgsten Gewohnheiten fügte. Mir wurde das leicht, denn wir waren als Kinder sehr Flnchtlingsleben in der Schweiz und in London. 199 streng und enthaltsam, besonders im Punkte des Essens, erzogen worden. Jenen Tagen in Zürich verdanke ich eine Erfahrung, die ich weder vorher noch nachher zu machen Gelegenheit hatte. Ich denke nämlich noch jetzt mit Neid auf mich selbst daran, daß ich damals den wahren Hunger kennen lernte. Ich freute mich, wenn Zitz seine Portion Weißbrot des Morgens oder Abends nicht aufzehrte und mir der Rest zufiel. In Zürich fing ich auch sofort an, meine Erlebnisse aus der Pfälzer Erhebung niederzuschreiben, die rasch vollendet wurden. Nachdem dies geschehen, erwachte natürlich die Lust, das Land weiterhiueiu kennen zu lernen. Julius Fröbel, der es genau kannte und ein gewandter Tourist war, erbot sich, uns zu führen. Noch zwei andere Flüchtlinge schlössen sich uns an. Theodor Kaufmann, ein Maler, der den Dresdener Aufstand mitgemacht hatte, und das österreichische Mitglied des Frankfurter Parlamentes Wiesner. Ich habe Kaufmanns Bilder nie gesehen. Er gefiel sich aber so sehr in philosophischen Vorträgen über die großen Fresken, in denen er den Kulturgang der Menschheit darzustellen unternommen habe, daß ich über Zweifel an seiner Technik nicht hinausgekommen bin. Später heiratete er in Amerika eine Pfälzerin, Mathilde Hitzfeld, die während des Aufstandes eine schwärmerische Anhängerin unserer Sache gewesen und der Emigration ins Ausland gefolgt war. Freund Kapp, ein Meister in der Schilderung komischer Szenen aus der Flüchtlingswelt, wußte nachmals lebhaft zu erzählen, wie der knnstbeslissene Ehemann unter dem Despotismus seiner republikanischen Gefährtin ein zweites Flüchtlingsleben in Newyork antreten mußte und mehr Mühe hatte, sich ihrem rächenden Arm als dem der sächsischen Nemesis zu entziehen. Wiesner war der Typus des guten, setten, behaglichen Österreichers. Auf unserer Wanderschaft hatte er viel Mühe, gleichen Schrittes mitzukommen, besonders wenn es bergauf ging. Dann blieb er keuchend stehen und rief den Vorausgehenden wehklagend nach: „So bewuudern's doch a wenig!" Wir machten die ganze Reise zu Fuß, unsere Habseligkeiten 200 Fünftes Kapitel. im Ränzel. Mein geringes Schwergewicht machte mir das Steigen leicht. Ich war beinah immer an der Spitze. Jugend, Neuheit der großartigen Eindrücke, die beflügelnde Wirkung der Höhenluft, dies vereint brachte mich in heitre Stimmung, die alle Schmerzen der Vergangenheit und Sorgen der Zukunft vergessen machte. Daß wir haushälterisch mit unsrem schmalen Zehrpseunig umgiugen, war selbstverständlich. Es wird schwerlich heute noch einer eine Wanderung von Zürich nqch Genf durch das Berner Oberland über die Gemmi nach Wallis, das Rhonethal hinab und durch das Waadtlaud in zwöls Tagen machen und dabei mit weniger als hundert Franken auskommen, wie wir damals thaten. Es ist auch schwerlich noch Sitte, daß man beim Eintritt in ein Gasthaus, allerdings nicht ersten Ranges, mit dem Wirt über die Preise in eine parlamentarische Unterhandlung tritt. Manchmal genossen wir bei braven Radikalen, M die sich Fröbel Empfehlungen verschasst hatte, antike Gastfreundschaft. Besonders wurde sie mir bei einem biedren Landmann in Frutigeu zuteil. Aus dem Abeudgespräch, das er mit uns führte, ist mir ein Moment unvergeßlich, weil wir da eine unverzeihliche Dummheit begingen. Die Rede ging nämlich über die Schweizer Politik; der Sonderbundkrieg stand ja noch in frischem Andenken, und unser auf die Siege der Liberalen stolzer Wirt belehrte uns über die Führung des Krieges, beklagte uns, daß wir in Baden nicht genug Kanonen gehabt hätten, da es besonders auf diese ankäme, und „Schwyz (die Schweiz) hat viel Kanonen". „Aber", setzte er alsbald berichtigend hinzu: „die Hauptsache jedoch, man muß Prinzipien haben". „Wisset Ihr, was das ist, ein Prinzip?" Diese Frage an snns arme Tenfel gerichtet, deren einer, Fröbel, zwei starke Bände über Politik geschrieben, und deren jeder eine Anzahl Reden darüber gehalten hatte, nnd die gerade über dem Mangel an Kanonen und dem Überfluß au Prinzipien zu Falle gekommen waren, das mußte doch die Engel im Himmel lachen machen. Wären wir nun keine Esel gewesen, so hätten wir dem braven Schwyzer geantwortet, wir wüßten nicht, was das ist, ein Prinzip. Aber unser einfältiger Hochmutsteufel packte uns natürlich alle süns im Nacken und einstimmig beteuerten wir, daß wirs Flüchtlingsleben in der Schweiz und in London. 201 wüßten, was das wäre, ein Prinzip! So sind wir um die Definition unsres braven Gastfreundes ärmer geblieben, was ich noch heute, nach beinah einem halben Jahrhundert, nicht verschmerzt habe. Unterwegs trafen wir allenthalben auf Flüchtlinge aus allen deutschen Landen, zum größten Teil in noch schlechterer Finanzlage als wir. Einer, der sich eines vorzüglichen Humors erfreute, versicherte uns, er sei im Besitze nur eines einzigen Strumpfes, den er, um beide Füße zu schonen, alle paar Stuuden abwechselnd, bald dem rechten, bald dem linken zuteil werden lasse. Zitz uud ich hatten beschlossen, uns vorläufig in Geuf niederzulassen. Wir mieteten uns wieder eine kleine Privatwohnung. Eine der ersten Begegnungen auf der Straße war die mit meinem Freunde Friedrich Kapp. Das war uns beiden ein wahres Freudenfest, denn wir waren seit Heidelberg gute Kameraden, von stets gleichartiger Sinnesweise gewesen, und an wenig Menschen hatte ich von der ersten bis zur letzten Stunde solche Herzensfreude, wie an dem schlanken, blonden, blauäugigen Westfalen, der stets von guter Laune übersprudelte. Kapp machte sofort den Vorschlag, daß wir, um unsre letzten Schicksale auszutauschen, uns angesichts des blauen Sees auf der gastlichen Bank eines Estaminets niederlassen sollten, wo ich vor allen Dingen mit seiner neuesten Entdeckung, den Verdiensten des Gewächses von Chablis, Bekanntschaft machen mußte. In diesem Punkte auch machte er seiner blonden und blauen Farbe Ehre; zu einer gemütlichen Sitzung mußte die Flasche aus dem Tisch stehen und ganz entschieden der Inhalt von Heller Farbe sein. Zum „undeutschen" Roten mochte er sich nie bekehren. Er war kein Trinker, aber der frische Trunk gehörte zu seinem Behagen. Sein, durch die weitherzigste Gastlichkeit berühmter kleiner Haushalt in Newyork war bekannt für den zwiefältigen Zapf, den es da gab. An gewöhnlichen Tagen gab er „vom einen", bei besondren Anlässen „vom andren". Vater Zitz, sein Sozius in Amerika, ein feiner Sachverständiger, sorgte zu jener Zeit für die richtige Beschaffung. Nachdem wir uns wechselseitig unsre letzten Irrfahrten beschrieben, erzählte mir Kapp, daß er hier eine sehr angenehme Stellung als Erzieher bei einem, aus seinem Vaterland verbannten Fünftes Kapitel. Russen, Alexander Herzen, gefunden habe, dessen Geist, Kenntnisse und Charakter er über die Maßen rühmte. Neben der Erziehung des einzigen Sohnes, der noch in zartem Alter stand, hatte Kapp auch dem Vater in litterarischen Arbeiten Beistand zu leisten, namentlich bei Übersetzung aus dem Französischen ins Deutsche. Entsprechend der Gesinnung des Vaters sollte der Sohn von Anfang an als Atheist erzogen werden, und das war für meinen Frennd, der eine Kirche nie anders als einen „Pfaffenkasten" bezeichnete, ein gefundenes Fressen. Er selbst hat seine Kinder nicht taufen lassen. Nur als die Töchter nach seiner Rückkehr aus Amerika nach Deutschland allmählich ins heiratsfähige Alter traten, überlegte er sich, daß er, um ihnen Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu räumen, sie die Zeremonie durchmachen lassen müsse. Auf dem kleinen fchlesifchen Landhaus in Charlottenbrunn, wo er die letzten Jahre seinen Sommer verbrachte, ließ er sie von einem protestantischen Geistlichen mit dem unentbehrlichsten Religionsunterricht versehen. Das war nötig; denn früher hatte ein Pfarrer zu seinem starren Stannen, ein mal entdeckt, daß die jungen, im übrigen sehr unterrichteten Damen von der christlichen Religion so gnt wie gar nichts wußten. „Haben Sie nie von Jesus gehört?" fragte er. „O doch", antwortete eine der jüngeren, „Papa sagt: Jesus war ein Gentleman". Das hat die Töchter nicht gehindert, später vortreffliche Gattinnen und Mütter zu werden. Auch der Sohn Herzens, wie der Vater Alexander genannt, der dann seiner gottlosen Erziehung treu geblieben, wurde ein sehr achtbarer Gelehrter, Vater vou ueun Kindern, in glücklicher Ehe mit einer Italienerin von bescheidner Herkunft vermählt, die er als junger Mensch aus Liebe heiratete. Er ist gegenwärtig Professor der Physiologie an der Universität von Lausanne. Kapp bot mir natürlich an, mich mit Herzen bekannt zu macheu, was ich mir nicht zweimal sagen ließ. Der interessante Mann fand bei der ersten Begegnung Freude an mir, und es wuchs daraus eine warme Freundschaft. Der Umgang mit Herzen, der einen großen Kreis der verschiedensten Menschen um sich sammelte, sollte meinem mehrmonatlichen Aufenthalt in Genf den Hauptreiz verleiheu. Herzen sprudelte von Geist und Lauue Flüchtlingsleben in der Schweiz und in London. 203 in der Konversation. Sein Aufenthalt in Paris hatte ihn, den lebensvoll Angeregten, zum gewandten Weltmann ausgebildet. Obwohl er des Deutschen durchaus mächtig und seinen Studien uach mehr deutsch als französisch war, liebte er doch mehr, französisch zu sprechen, und ich war, obwohl ich zum erstenmal französisches Sprachgebiet betrat, genug vorbereitet, um ohne Schwierigkeit die Unterhaltung zn führen. Herzens Persönlichkeit ist der Zeitgeschichte ihren Umrissen und ihrer Wirkung nach bekannt. Ich brauche ihn also hier nicht erst einzuführen. Der Grnnd seiner Bildung war die deutsch-philosophische Richtung der vierziger Jahre, die der Junghegelianer. Er hatte vor 1848 regen persönlichen Zusammenhang mit Arnold Rüge gehabt. In einem von diesem verfaßten satyrischen Theaterstück ist jene philosophische und lebenslustige Gesellschaft, zu der auch Baknuiu gehörte, geistreich dargestellt. Über die deutsche akademische Bildung hatte sich dann in Herzen, während des Pariser Aufenthaltes, die französische Schicht, für die er als vornehmer Russe vorbereitet war, gelagert. Der Untergrund behielt natürlich Züge des Russischen, besonders jenen Zug der gradlinigen äußersten Konsequenz, die das Produkt des unvermittelten Übergangs aus der barbarischen Nacht zum freidenkerischen Tag zu sein pflegt. Wie im Süden für die Natur, giebt es in diesem Norden für die Kultur keine Dämmerung, sondern einen plötzlichen Übergang von der Dunkelheit zur Helle. Herzen war zwar kein Vollblutrusse, sondern von mütterlicher Seite deutsch. Sein Vater hieß Jakovleff und war sehr reich. Herzen war der Name seiner Mutter; die Ehe war nach nicht- rnssischem Ritus vollgiltig. Trotz der mütterlichen Abkunft trug Herzens Physiognomie mehr den slavischen Typus, aber mit angenehmem, anziehendem Ausdruck; lebhafte dunkle Augen, eine schöne Stirne, dnnkles langes, schlicht herabhängendes Haar, breite Schultern mit feinen Gliedmaßen, das Ganze überglänzt von einem überaus freundlichen, heitren, liebenswürdigen Ausdruck. Ju Paris hatte sich Herzen, seiner ganzen Richtung entsprechend, den Lenten der äußersten Linken angeschlossen und be- sonders mit Proudhon befreundet. Nach Niederwerfung der letzten Emeuten im Mai 1849 mußte er, als der Regierung verdächtig, das Feld räumen und ging nach Genf. Das war zur Zeit, als ich ihn kennen lernte. Später kam er öfter dahin zurück und ist schließlich während eines vorübergehenden Aufenthaltes auch da an einer Lungenentzündung gestorben (1870). Seinen größten Einfluß auf Rußland übte er anfangs der fünfziger Jahre in London aus, wo er den „Kolokol" (die Glocke) redigierte. Durch diese Publikation war er eine Zeitlang eine geachtete und gefürchtete Macht in Rußland geworden. Freiwillige Mitarbeiter aus deu höchsten Klassen versahen das Blatt mit allen amtlichen Geheimnissen. Verschiedenemale schickte die oberste Polizeibehörde aus Petersburg Agenten nach London, um Herzeus Existenz und Thätigkeit zu überwachen, aber regelmäßig war der Emissär schon mit genauem Signalement vorher bei Herzen augemeldet, so daß er von ihm zum besten gehalten werden konnte. Als um diese Zeit die beiden jungen Großfürsten, der Thronfolger und sein Bruder, Paris besuchten, ließen sie durch den Fürsten Nikolas Trubetzkoy, in dessen Haus sie verkehrten, den mit dem Fürsten bekannten Herzen ersuchen, er möge doch in seinem „Kolokol" nichts Unangenehmes über sie schreiben, was auch befolgt wurde. Herzens Einfluß kam durch den Polenaufstand von 1863 zu Falle. Der „Kolokol" nahm Partei für die Polen, und sofort wandte sich das radikale Juugrußlaud aus Nationalitätsbegeisterung von Herzen ab. Von damals au war der ehemals so mächtige Mann ans der öffentlichen Meinung Rußlands gänzlich ausgelöscht. Wie eigentümlich aber vorher die Dinge verkettet waren, erhellt aus der eben erzählten kleinen Geschichte, die mir aus direkten Mitteilungen zuging, weil ich selbst mit dem Fürsten Nikolas Trubetzkoy und seiner Familie befreundet war. Das kam daher, daß mein Freund Moritz Hartmann während seines Ausenthaltes in Paris durch einen Zufall in des Fürsten Haus gekommen und allmählich der Lehrer der einzigen, damals noch sehr jungen Tochter geworden war. Fünftes Kapitel. Flüchtlingsleben in der Schweiz und in London. 205 Der Vater, Trubetzkoy, war katholisch und lebte mit seiner Familie meistens in Paris. Im Winter bewohnte man ein großes Mietshaus im Fanbourg St. Honore, im Sommer ein eignes in Fontainebleau gelegenes Schloß, Bellefontaine. Die Fürstin Mutter war eine sehr gebildete und intelligente Dame, die wegen wahrer oder eingebildeter Leiden ihr Leben auf der Chaiselongue, in meist ernster Lektüre, verbrachte. (Ich halte die Anklage nur eingebildeter Übel der Regel nach für verleumderisch; es giebt mehr Übel, als man sehen kann.) Sie war Freigeist, während der Gemahl bigott-katholisch war, und z. B. sich in der Osterzeit regelmäßig auf einige Wochen in ein Kloster zurückzog, um Buße zu thun. Sie hatten große Einkünfte von ihren Gütern in Rußland und machten davon den großmütigsten Gebrauch für alles, was in ihre Nähe kam. Ich habe nie gutmütigere Menschen gekannt, als dies Ehepaar. Sonst grundverschieden gesinnt, stimmten sie in diesem Punkt aufs Schönste überein. Hartmann war der Tochter nicht Erzieher im strengsten Sinne des Wortes. Er lebte nicht im Hause Trubetzkoy, sondern ganz unabhängig, vorübergehende Besuche in Bellefontaine abgerechnet, und gab der Tochter nnr etlichen Unterricht. Aber die ganze intellektuelle Atmosphäre des Hauses staud unter dem Stern des geistvollen und liebenswürdigen, schönen Mannes. Seine Schülerin hing kindlich an ihm, bis an ihr zu frühes schmerzliches Eude. Vater und Mutter verehrten ihn; alle Damen des Hauses, die englische Gouvernante, die zwei französischen Gesellschaftsdamen schwärmten für ihn. II 5g.isg.it I». xlais st Is dsgu tsinps. Die junge Prinzessin, Katharina mit Namen, wuchs zu einer stattlichen, schönen, überaus liebenswürdigen Jungfrau heran und heiratete den damaligen Prinzen, späteren Fürsten Orloff, der im Krimkrieg beim Sturm auf Silistria ein Auge verloren hatte und es unter einer Binde trug. Er wurde nach seiner Heirat mit Katharina Gesandter in Brüssel und starb als Botschafter in Berlin, wohin er nach dem französischen Krieg und dem Tode seiner Frau gesandt worden war. Katharina war ein ungemein warmherziges uud interessantes Wesen. Ihrem Reiz hatte sich selbst Bismarck nicht entzogen. Er lernte sie kennen, als er mit Napeoleon III. in Biarritz zusammenkam. Dort knüpfte sich ein feinsinniger Flirt zwischen dem nicht mehr jungen Diplomaten nnd der jungen lebhaften Frau an, der später in Paris fortgesetzt wurde. Im Nachlaß der Fürstin-Mutter befand sich eine Sammlung Briefe des preußischen Diplomaten an die russische Freundiu. Zwei davon habe ich zu lesen bekommen. Wenn die Sammlung jemals aus dem Nachlaß, der in die Hände des jungen Orloff übergegangen ist, der Welt geschenkt würde, könnte man sich auf eine interessante und genußreiche Lektüre freuen. Man weiß, welch ein Virtuose auch des Briefstils Bismarck war. Es giebt auf diesem Gebiete nur wenige, die ihm an Form und Inhalt gleichkommen, und die, welche der in unsrer Zeit etwas in Mißachtung geratenen Liebhaberei am Korrespondieren noch huldigen, mögen sich damit trösten, daß sie einen solchen Kollegen haben. Die Fürstin Katharina ist auch die russische Dame, zu welcher, wie ich in meinem Zlonsieui- 6s LisM-n-clc*) erwähne, er im Jahre 1862 sagte: er werde binnen kurzem der populärste Mann in Deutschland, dessen Cavonr sein. Es geschah dies bei Tisch in Bellesoutaine, dem Schloß der Trubetzkoys. Gleichzeitig mit Herzeu lerute ich damals Georg Herwegh kennen. In den der Revolution vorangegangenen Jahren hatten seine „Gedichte eines Lebendigen" uns alle mit Bewunderung erfüllt. Ich weiß noch hente ein gut Teil davon auswendig. Ihr frischer, verwegener Geist, ihre packende und wohllautende Form rechtfertigten den ungeheuren Erfolg, den sie damals hatten. Ich war sehr erstaunt, als Herzen mir diesen Freiheitssänger vorstellte, das Bild eines vollendeten Stutzers des Boulevard des Italiens. Anch Herzen trug sich sehr elegant, aber ohne Gesuchtheit nur wie ein Pariser von gntem Geschmack. Herwegh war ein wunderschöner Mann. Er sah mit seinem seidenen dunklen, schon etwas gelichteten Haar nnd dem seinen Bart, den glühenden Augen, der gelblichen Gesichtsfarbe und den weichen Zügen, auch den kleinen zierlichen Händen und Füßen viel eher *) Gesammelte Schriften Bd. III, S. 345. Fünftes Kapitel. Flüchtlingsleben in der Schweiz und in London. 207 wie ein Südländer aus, als wie ein Schwabe. Den einstigen Zögling des theologischen Stifts in diesem raffinierten Lebemann zu erkennen, wäre auch dem schärfsten Ange nicht gelungen. Herwegh hatte sich iu Paris mit Herzen eng befreundet uud war mit ihm nach Genf gekommen. Sie wohnten zusammen im Hotel des Bergues Die Geschichte dieser Freundschaft, in welcher der deutsche Dichter eine unschöne Rolle spielte, hab ich hier nicht zu erzählen. Ich verkehrte viel weniger mit Herwegh als mit Herzen. Zwar war Herweghs Unterhaltung interessant, aber sein blasiertes Wesen neigte weniger zum Anschluß an andre, wie es diese auch weniger anzog. Er trieb damals naturwissenschaftliche, auch mikroskopische Studien, alles übrige, natürlich vor allem die Politik, für Schund erklärend. Dagegen beteiligte er sich gerne an den zahlreichen Soupers, die Herzen hänfig des Abends seinem kleinen Freundeskreis in der trefflichen Restauration von Chevrand anf der 11s Möns gab. Manchmal besuchte man vorher das Theater, was daun der Unterhaltung bei Tisch noch einen besonderen Anreiz gab. Es war eine Wonne, mit Herzen, der von Ideen, von Humor uud Witz sprudelte, zu plaudern. Für einen guten Trunk war er nicht unempfänglich. Darin hatte es Kapp gut getroffen. Seine Fassungskraft war unbegrenzt, auch die Tageszeit war ihm dabei gleichgültig. Mehrmals kam er am Vormittag zu mir und fragte mich, ob ich mit ihm ein neues, ihm empfohlenes Gewächs probieren wolle, das man ihm verraten habe, so z. B. einen vorzüglichen moussierenden Burgunder, der irgendwo in Genf zu haben sei. Für solche Expedition war ich natürlich nicht zn haben. Ich habe, glaube ich, schon einmal irgendwo den Ausspruch erzählt, den Herzen eines Tags aus einem gemeinsamen Spaziergang machte. Wir kamen an ein Haus, über dessen altertümlicher Pforte eine etwas unleserliche Inschrift stand. „Nun", sagte Herzen, „entziffern Sie mir das einmal." „Warnm soll ich es besser können, als Sie", erwiderte ich, worauf er: „Ions Iss ^Ilsraalläs 8vnt pliiloloZuss, ooraws tous Iss Rus8ö8 sorit ivroZuss." Zum engeren Kreis gehörte James Fazy, der Präsident der Regierung, in Wahrheit damals der Diktator von Genf. Er 208 Fünftes Kapitel. war ein Radikaler aus der Pariser Schule des „National", an dem er unter Armand Carrel mit gearbeitet hatte, stets bereit seine Gegner ohne viel Federlesens zu unterdrücken, nnd als alter Junggeselle allen Freuden des Lebens nach Herzenslust opfernd. Wenn die Rede darauf kam, daß die in der letzten Revolte unterdrückte Gegenpartei versuchen möchte, ihm Schwierigkeiten zu bereiten, so sagte er: „sie solleus nur unternehmen, ich werde ihnen zeigen, daß ich nicht mit mir spaßen lasse; Isnr rnontrsr^i Hus 8UI8 xg,8 raallokot." Doch ließ er sich auch von seinen eigenen Anhängern nichts auferlegen, was ihm nicht zusagte. So zog er sich den Ingrimm namentlich der Flüchtlingswelt zu, als er Mazzini, der sich mehrmals heimlich auf das Genfer Gebiet begeben hatte, um zu konspirieren, durch Gendarmen abfassen ließ und auswies. Er wollte keiue Händel mit den Nachbarn haben. In der That waren die Flüchtlinge in der ganzen Schweiz für die Behörden die Quelle vieler Tribnlationen. In Genf waren sie aus aller Herren Ländern versammelt, Deutsche, Franzosen, Italiener, Russen, zu deueu nach der Katastrophe von Vilagos noch die Ungarn kamen; ebenso waren alle Schattierungen vertreten von den einfachen soldatischen Typen, wie Klapka und Türr, bis zu dem deutschen, damaligen Kommunisten Braß (nachmals Redakteur der „Norddeutscheu Allgemeinen Zeitung") und zu Johann Philipp Becker. Man konnte Menschheitsstndien in Hülle und Fülle machen. Besonders wertvoll war für mich auch das Wiederbegegnen mit Moritz Hartmann. In Frankfurt hatten wir nns nnr oberflächlich kennen gelernt, und ein einziges Mal uns eingehend unterhalten. Hier in Genf hatten wir nun Zeit und Gelegenheit, uns näher zu kommen; Hartmann trat anch in den Kreis von Herzen ein. Die Lebhaftigkeit dieses bunten Treibens, die Herrlichkeit dieses zum erstenmal gekosteten, schon südlichen Erdstrichs vermochte jedoch den stets Nächstliegenden Gedanken, die Sorge um die Zukunft, nicht zu bannen. Wie manchmal wandelte ich in herrlichen Nächten, deren Sternenpracht einem tropischen Himmel vergleichbar war, an den Ufern der sanftrauschenden Rhone bis- Flüchtlingsleben in der Schweiz und in London. 209 lange über Mitternacht umher nnd wälzte die Frage, was nun werden sollte, im Kopf herum. Von verschiedenen Plänen, die geschmiedet wurden, kam endlich einer zur festeren Ausgestaltung. Der Blick der Flüchtlinge war begreiflicher Weise vor allem nach Amerika gerichtet. Auch Kapp und Zitz trugen sich mit der Idee, dahin zu zieheu, denn die Stellung bei Herzen, so angenehm sie war, konnte für Kapp, der, wie ich, ein ihm in der Stille angelobtes Mädchen in der rheinischen Heimat zurückgelassen hatte, keine Versorgung bieten. Zitz sehnte sich nach seiner juristischen Praxis zurück. So machten wir den Plan zu einer internationalen Advokatur in Newyork und gemeinsamer dreifacher Assoziation. Es wurde beschlossen, daß Zitz und Kapp über London vorausgehen und in Amerika das Terrain sondieren sollten; ich behielt mir vor, dann nachzufolgen. Mit dieser Verabredung reisten die beiden von Genf ab. Hierher war mittlererweile mein alter Freund Heinrich Bernhard Oppenheim gekommen, der sich am badischen Aufstand beteiligt, d. h. eine Stellung in der Karlsruher Regierung au- genommen hatte. Ihn zog es mehr nach Bern zurück, von wo er gekommen, und wo in der Bevölkerung wie in der Flüchtlingswelt das deutsche Element überwog. Ich ließ mich bereden, mitzugehen, und wir nahmen nun in Bern gemeinsam eine Wohnung. Hier war auch die Blüte der Linken aus dem Frankfurter, später Stuttgarter Parlament versammelt. Vor allem bildete Karl Vogt den Mittelpunkt, dessen Vater Professor der Medizin an der Universität und praktischer Arzt war. Hier waren Löwe-Kalbe, der letzte Präsident des Stuttgarter Parlaments, Johann Zakoby, Lndwig Simon von Trier, auch der blutrote kölnische Advokat D'Ester von der „Rheinischen Zeitung", Mitglied der preußischen Nationalversammlung, endlich eine Anzahl österreichischer Flüchtlinge. Man kam des Abends in einer echt deutschen Kneipe zusammen, und das Gesprächsthema war von selbst gegeben. Der Galgenhumor beherrschte natürlich die Stimmung, und der Flüchtlingsklatsch lieferte die Zubuße. Zukunftsillusionen und BambergerS Erinnerungen. 210 Fünftes Kapitel. Spionenriecherei waren beliebte Themata. Eines Abends, als lebhaft über die Möglichkeit eines Umschlags in Deutschland und einer Rückkehr dahin debattiert wurde, meiute ein guter Österreicher, der den Kneipnamen Wühlhuber führte, bis die Trauben gekeltert würden, wären wir wohl schon wieder daheim. Freund Oppenheim warf zaghaft ein: wenn wir bis znm nächsten Frühjahr warten müßten, dürsten wir uns anch glücklich preisen, worauf mein guter Wühlhuber mit einem bedeutsamen Blick sich seinem Nachbar zuwendend, demselben leise bemerkte: „Der Oppenheim, der Oppenheim ist mir verdächtig." Ein andrer trefflicher Österreicher war der gute Tyroler Mareck, Mitglied des Frankfurter Parlaments. Meinem Geschmack gemäß kam ich nicht viel in die Kneipe, und darunter hat mein Anekdotenschatz sicher gelitten, denn es war viel wunderliches Volk da versammelt. Dagegen fand ich sehr freundliche Aufnahme im Hause des berühmten Physiologen Valentin, der Professor an der Universität war. Er war ein gütiger leutseliger Maun, seine Frau eine geistig sehr angeregte, lebhaste Dame. Oppenheim und ich waren stets willkommene Gäste und genossen den Vorteil eines in dem wüsten Flüchtlingstreiben doppelt wohlthuenden häuslichen Verkehrs. Valentin war eine der Leuchten der neuen physiologischen Schule, und da er als Jude damals in seiner Heimat Preußen (er war Schlesier) keine Professur bekommen konnte, war er einem Rufe nach der Schweiz gefolgt. Er hatte sich eine äußerst pietätvolle Anhänglichkeit ans Judentum bewahrt. Sie gab einmal Anlaß zu einem komischen (Zuiä pro yuo. Auf gegenseitigen Wunsch hatten wir Löwe-Kalbe, der ja Mediziner war, zu Valentin gebracht und einen geselligen Abend mit ihm da verlebt. Valentin hatte sich vorzugsweise mit Löwe unterhalten. Anderen Tags fragte ich ihn, worüber er so eifrig mit seinem Gast gesprochen; über jüdische Dinge war die Antwort. Valentin hatte Löwe für einen Juden gehalten, und dieser hatte ihn nicht enttäuscht. Löwes äußere Erscheinung konnte allerdings dazu verführen; seine Physiognomie, seine Gestalt, endlich sein Name legten die Vermutung nahe. Als ich Löwe nachträglich damit neckte nnd sein verdächtiges Fliichtlingsleben in der Schweiz und in London. 211 Äußere, namentlich auch seine etwas lispelnde Aussprache uud seiueu etwas vorragenden Unterleib zu Valentins Entschuldigung anführte, stellte Löwe zur Widerlegung eine eigene Theorie über die Banchsormationen auf. Er meinte der semitische Bauch unterscheide sich vom arischen dadurch, daß dieser rund, jener spitz abgedacht sei, der seinige aber der ersteren Formation zuneige. Ich überliefere die Theorie den Rassenschnüfflern zur weiteren Untersuchung. Je mehr der Sommer zu Eude neigte, desto mehr drängte die Entscheidung. Von Newyork waren noch keine Nachrichten da. Mittlerweile lnd mich mein jüngerer Bruder, der in London im Bankhause meiner Verwandten eine Anstellung hatte, ein, zu ihm zu kommen. Da der Weg nach Amerika über England führt, folgte ich seinem Rnf. Von der Schweiz nach England zu reisen, war damals für einen deutschen Flüchtling keine einfache Aufgabe; nirgends war man argwöhnischer, als in der französischen Republik, die sich im Schutze ihres nenen Präsidenten Louis Napoleon nicht ängstlich geuug vor allen fremdländischen Eindringlingen bewahren zn können glanbte. Die eidgenössische Behörde durfte keiue Pässe nach Frankreich ohne das Visum der französischen Gesandtschaft geben, und diese ermächtigte nur zur Reise bis zur ersten französischen Präfektnr, von welcher man das weitere zu erwirkeu, angewiesen wurde. Ich weiß nicht mehr, war es die Wichtigkeit, mit der die Sache angesehen ward, oder war es ein uatürlicher Ausfluß des patriarchalischen Regiments, geuug, die Anfertigung meines Passes ward iu einem gemütlichen Wts-a.-tZts zwischen mir und demjenigen Mitglied des höchsten Bundesrats, welches an der Spitze der auswärtigen Angelegenheiten stand, vorgenommen. Es war dies ein behaglicher, kluger Herr aus dem Waadtlande, Drney mit Namen, der, indem er sich eingehend mit mir unterhielt, eigenhändig das Formular ausfüllte. Besonderen Aufenthalt machte dabei die Definition meiner Nase. Nach aufmerksamer Besichtigung unterbreitete mir der hohe Beamte den Vorschlag, sie als eine Stumpfnase, uss rstrousss, im Signalement zu charakterisieren, womit ich mich sehr geschmeichelt einverstanden erklärte, denn das ewige „gewöhnlich", womit die 14' Fünftes Kapitel. einzelnen Bestandteile des Gesichts beschrieben zn werden Pflegen, nnd mit dem sich anch meine angestammte hessendarmstädtische Behörde in dem mir gewidmeten Steckbrief begnügt hatte, klang mir besonders verächtlich. Nachdem alles unterschrieben und besiegelt worden, wandte ich mich an die französische Gesandtschaft mit der Bitte um ein Visum uach Calais, mußte mich aber mit einer Abschlagszahlung bis zur nächsten Präsektnr an der Grenze, Besanyon, begnügen. So machte ich mich denn mit ziemlich schwerem Herzen und ziemlich leichtem Gepäck auf den Weg in die dnnkle Znknnft. Von Eisenbahn war in dieser Gegend damals noch nicht die Rede; die Reise ging über Pontarlier nach Besanyon, wo ich folgenden Tags ankam und im Gasthof abstieg, um mich beim Präfekten zu melden. Es machte auf meine, damals an die Widersprüche zwischen schönem Schein und gemeinem Sein noch wenig gewöhnten Augen einen eigentümlich schmerzlichen Eindruck, als ich über dem Thore des Präfektnr- gebändes, auf dem ich mich der polizeilichen Kontrolle stellen sollte, in hohen flammenden Buchstaben die geheiligten Worte: LZalits, ?rg.tsrllits prangen sah. Ans dem Sekretariat befragt, welchen Weg ich nach Calais einzuschlagen gedenke, antwortete ich natürlich: über Paris. Aber da kam ich schön an. Einen solchen Abgrund vou Gefahr für die republikanische Verfassung zu eröffnen, schien geradezu ein absurder Gedauke. Der Beamte schrieb nun an den Rand des Passes eine von Ort zu Ort bezeichnete Reiseroute, welche streng einzuhalten war. Da sich darunter eine Anzahl meiner französischen Geographie unbekannter Namen befand, kam mir die Sache etwas bedenklich vor. In den Gasthof zurückgekehrt, zog ich den Oberkellner zu Rate. Nein! rief er bei dem Anblick dieses Jtinerariums aus, das ist ja unmöglich. Wie kann man Sie anf solchen Um- und Abwegen nach Calais zu fahreu zwingen? Dem muß Abhilfe geschaffen werden. — Aber wie? fragte ich. — Warten Sie, sagte er nach einigem Besinnen, ich weiß vielleicht einen Rat. An unserer ä'Iröts speist regelmäßig ein Herr, der vor der Präsidentschaft im Anfang der Republik erster Staatsanwalt, avoeat Zsriöi-kü, war. Als Napoleon Präsident ward, nahm er Flüchtlingsleben in der Schweiz und in Lvndon. 213 aus Grundsatz seinen Abschied und ist jetzt wieder Advokat. Aber er steht noch sehr gut mit alleu Behörden. Ich werde Sie neben ihn setzen, suchen Sie mit ihm ins Gespräch zu kommen und ihm Ihre Sache vorzutragen. Er ist ein liebenswürdiger Herr nnd wird Ihnen helfen. Gesagt, gethan. Zwischen einem politischen Flüchtling und einem der aufgehenden napoleonischen Sonne abgewandten Republikaner waren die Anknüpfungspunkte schnell gefunden, uud ehe wir beim Braten angekommen, hatte ich das mir von dem guten Kellner gesteckte Ziel ohne viel Kunst erreicht. Herr Oudet — so hieß mein Nachbar — beschied mich auf deu Nachmittag zu sich, um von da mit mir auf die Präfektur zu gehen. Daselbst angelangt, drangen wir sofort bis zum Präfekteu in Person durch, der seinen politischen Gegner mit der Liebenswürdigkeit empfing, die bei wohlgearteten, lebenskundigen und politisch gebildeten Nationen im persönlichem Verkehr die Verschiedenheit der Parteien ignoriert. Nachdem der Präfekt mein Schicksal und mein Verlangen zur Kenntnis genommen, musterte er mich mit einem mir unvergeßlichen Blick von oben nach unten — ich sah damals, womöglich, noch unherkulischer aus als jetzt — und sagte: „Also Sie haben Regierungen umgestürzt?" (Vons g,vs? äoiio i'suvsrsö äss Zouvernöinöirts?) — „Ach", antwortete ich, „Herr Präfekt, leider nicht genügend!" Ich weiß nicht, war es diese zwar richtige aber etwas vorwitzige Antwort, die mein jugendlicher Leichtsinn nicht zurückzuhalten vermochte, oder war es ohnehin beschlossene Sache, genug, der Weg über Paris ward auch in dieser Instanz, trotz meines Beschützers und eines nur für kurze Zeit begehrten Ausenthaltes, für ganz unmöglich erklärt. Dagegen sollte mir sonst jede Erleichterung gewährt sein. Die alte Zwangsroute wurde also mit zwei schön gewellten Linien senkrecht durchstrichen und eine neue daneben gesetzt, welche sich nordöstlich über Gray, Vesoul, Langres, Nitry, CHZ,lons, Rheims nach St. Quentin zog, an letzterem Ort begann die Eisenbahn bis Calais. Zum ewigen Gedächtnis hab ich den Paß mit der Stumpfnase und der ersten in die zweite verbesserten, immerhin noch vielgestaltigen Zwangs- route aufbewahrt. Als ich mit meinem neuen Beschützer auf die Straße 214 Fünftes Kapitel, kam, war bereits die Dunkelheit eingetreten. Er fragte mich, was ich jetzt mit meiner Zeit anfangen wolle? Ich war ohne bestimmte Absicht. „Sie sind ganz fremd hier", sagte er, „Sie kennen keinen Menschen, was wollen Sie anfangen? Kommen Sie mit mir nach Hause." Ich ließ mich natürlich nicht zweimal bitten. In seiner Junggesellenwohnung angekommen, zündete Herr Ondet das im Kamin aufgeschichtete Holz an; ich machte damals die erste Bekanntschaft dieser traulichen Flamme am offenen Herd, die einen großen deutschen Mediziner im Feldzug von 1370 zu einem kleinen poetischen Meisterwerk angeregt hat. Die ganze Situation, die menschenfreundliche Zuvorkommenheit, die ich in der weltfremden Stadt gesunden hatte, war natürlich dazu angethan, in mir die entsprechende wohlthuende Stimmung zu erweckeu. Wir saßen lange bei Kaffee und Zigarre plaudernd zusammen, an Stoff fehlte es nicht. Ondet war sieben Jahre älter als ich, ein angehender Dreißiger und hatte auch schon des Schicksals Tücke erfahren. Beim Abschied unterbrach er das Gespräch mit den Worten: „Sie haben eine lauge, langweilige Reise vor sich; es gehen nicht einmal zwischen allen Punkten Schnellwagen; sind Sie auch ordentlich mit Lektüre versehen?" Ich hatte zwar etliche Bücher bei mir, aber viel war es nicht. „Warten Sie, ich will Ihnen was suchen", mit diesen Worten trat er au seiue nicht unansehnliche Bibliothek heran und überflog prüfend die Reihe der Bände. „Kennen Sie das?" damit reichte er mir ein Bäudchen in Duodezformat hin. Es waren die soxliiswss sLOllomiguss von Frederic Bastiat. Ich kauute sie nur dem Namen nach, da sie erst drei Jahre vorher erschienen waren. So bat er mich, sie zum Andenken mitzunehmen, und nur wenige Andenken habe ich in den seither verflossenen vier- nndvierzig Jahren treuer und dankbarer bewahrt, als dieses Büchlein, welches mir bei einem dem Gemüte so erfreulichen Anlaß zu einer den Geist so erquickenden Bekanntschaft verhelfen sollte. Als Student hatte ich meine nationalökonomische Lehrzeit unter der Leitung des alten Ran in Heidelberg, damals des an- Flüchtlingsleben in der Schweiz und in London. 215 gesehensten Vertreters der Schule des Adam Smith, begonnen, sekundiert von dem mir wohlwollenden Morstadt, dem scharfsinnigen Übersetzer I. B. Says. Dann, nach Göttingen gewandert, geriet ich, wie berichtet, unter den Zauber des wenige Jahre vorher erschienenen Hauptwerks von Friedrich List, „Das nationale System der politischen Ökonomie," dessen Schutzzollpolitik sich allerdings zu der unsrer heutigen Agrarier etwa so verhält, wie das Christenthum Schleiermachers zu dem von Stöcker. Nach Ablauf der Universitätszeit zum nachhaltigen Studium der klassischen Schule zurückgekehrt und damit zur Freihandelslehre, fand ich nun an dem kleinen Bastiat einen wahrhaft entzückenden Reisebegleiter. Es ist wohl jetzt Mode, daß die hochgelahrten Herren der Zunft mitleidig die Achseln zucken über diesen „flachen" Mann, der allein mehr Verstand und Geist besaß, als ein Dutzend der heute auf dem ethisch-pathetischen Roß daher trabenden Ritter der Sozialpolitik. Die Petition der Kerzen- und Lampenfabrikanten, welche zum Schutz ihrer nationalen Industrie den Ausschluß des Sonnenlichts verlangen, ist ein noch immer nnwiderlegter Kommentar auch zu dem Ruf nach teurem Brot, der — natürlich ganz allein zum Heil des Vaterlandes — immer von neuem durch die Lande braust. Aus der langen Reise, manchmal nicht einmal in der Diligenee, sondern in der sogenannten Patache, hatte ich Zeit, meinen Bastiat mehrfach zu lesen und ihn wahrhast lieb zu gewinnen. Wie man sich auch zu seiner Theorie stellen mag, das wird unbestritten bleiben, daß niemals auch nur von ferne so scharf und so amüsant zugleich ein wirtschaftliches Thema behandelt worden ist, wie in diesen Loxbismss sc0uolliiIlilv80ZZKis ^lU8 IgrZS. ^S 8ui8, oll llS zzsui xlll8z lrsursux äs vou8 g.voir ill8pirs äs 8i dollns8 xg.AS8. Lroz^sx g. ms8 8SlltiillSllt8 Iss plus 8^wpgtlric^llS8 st lss j?lu8 äöV0US8. l?!. lisng.n. Bambergers Erinnerungen. 18 Von diesen Aussprüchen ist natürlich eine gute Portion auf die bei Renan besonders ausgebildete Höflichkeitsphraseologie zu schreiben, aber der Kern bleibt bestehen, da er dem innersten Gedanken des Schreibenden entsprach. Ich kehre nach diesem Exkurs zu dem kleinen MtsI äss troig trörs8 zurück. Es war eigentlich kein Gasthaus für Reisende, sondern das, was man im älteren Stil eine ?snsior> boui-Zsoiss nannte, in der einzelne bescheidene, nicht ganz seßhafte Personen beiderlei Geschlechts zeitweilig sich niederließen. An der Spitze stand hier wie meistens eine unjunge Dame, deren Äußeres Spuren ehemaliger Schönheit nud entsprechender Lebenserfahrungen verriet. An der ä'böts gab es einige Stammgäste, unter denen der bewußte pensionierte Major nicht fehlen durfte. Die Ausstattung war, wie die Wirtin und der Major, vom Zahn der Zeit benagt und nicht von holländischer Reinlichkeit. Siebentes Kapitel. Ein Geruch von ranziger Butter und von Fett, das beim Rösten des Bratens ins Feuer läuft und den dazu eigens erfundenen Namen Zraillou trägt, empfing mich regelmäßig beim Eintritt ins Haus und ist mir so unvergeßlich damit verbunden, daß ich noch heutigen Taaes, wenn ich ins Feuer gelaufenes Fett rieche, an das liebe öötsl äs« troi8 üsrss zurückdenken muß. Denn lieb war es doch. Wie viel gute Stunden haben wir da verbracht, und wie haben wir gelacht! Ich weiß nicht, ob es nur der Übermut der jungen Jahre war (Jünglinge im wahren Sinne des Wortes waren wir alle nicht mehr) oder der Einfluß der heitren Pariser Atmosphäre, oder die besondere Natur der hier vereinigten Individualitäten — genug, wenn ich zurückdenke, es war bei allem Ernst des Lebens und des Denkens doch ein Zug sprudelnden Humors über unseren Verkehr ausgegossen, der ihn von späteren Abschnitten des Lebens deutlich unterschied. Hielte nicht die Fnrcht vor dem I^uZatoi- tsmxoris soti zurück, so wäre ich versucht, zu sagen: wenn ich die heutige Jugendlitteratur mit ihren moralischen und sozialen Katzenjammer- Romanen und -Dramen einsehe, muß ich sagen, daß wir damals lustiger iu die Welt sahen, obgleich sie als Flücht- Paris. 275 linge aus allen Himmeln unserer ersten Anläufe herabgestürzt hatte. Das kleine Hotel beherbergte damals von Deutschen zunächst meine Freuude Moritz Hartmann und Heinrich Bernhard Oppenheim, nebst ihnen den Maler Ferdinand Heilbuth, der sich ihnen angeschlossen hatte. Er war kein Flüchtling der Politik, sondern des ehrsamen Kaufmannstandes. In feiner Vaterstadt Hamburg zu diesem bestimmt, aber innerlich nicht berufen, hatte er sein künstlerisches Talent in sich entdeckt und seine Ausbildung zum Maler zunächst im Atelier des berühmten Meisters Gleyre in Paris, dann in Rom erworben. Mancher Deutsche hat sich im Lauf eines langen Lebens den Pariser Typus mehr oder weniger angeeignet; doch habe ich das öfter an Geschäftsleuten, Journalisten oder Lehrern beobachtet, als an Künstlern. Selbst Meyerbeer, dessen Originalität und dessen Triumphe ihren Schauplatz recht eigentlich und vor allem in Paris fanden, stellte in seinem persönlichen Auftreten ganz und gar den Berliner der älteren Periode dar. Aber Heilbuth hatte sich im Lauf weniger Jahre mit einer unglaublichen Virtuosität in die Eigentümlichkeit des Parisers und zwar der bestimmten Figur des angehenden Malers, des sogenannten Rapin hineingelebt. Er sprach mit dem vollendeten Accent des Boulevard dessen Jargon und produzierte einen so übermütigen Bnmmelwitz, wie wenn er im Fanbourg Montmartre zur Welt gekommen wäre. Dabei fiel es ihm nicht ein, den Deutschen zu verleugnen, er gehorchte nur ohne alle Affektation einem natürlichen Assimilationstrieb. Bekanntlich brachte er es zu eiuer bedeutenden Höhe in seiner Kunst. Der Krieg von 1870 hatte auch ihn aus Frankreich vertrieben, und er hatte wie beinah alle, auch noch so sehr in Frankreich eingebürgerte Deutsche, unter der Verfolgung zu leiden, welche von Neid und Mißgunst unter der patriotischen Flagge ins Werk gesetzt wurde. Er schlug damals auf einige Zeit nochmals sein Zelt in Rom auf. Dort fand ich ihn im Jahre 1871 wieder, voll Grimm über erlittene Unbilden, aber doch zugleich voll von zurückgehaltener, stiller Sehnsucht nach seinem alten Paris, in 18* 276 Siebentes Kapitel. das er so gut hineinpaßte. Auch kehrte er einige Jahre darauf wieder dahin zurück, drang mehr noch als vorher zur vollsten Anerkennung durch und beschloß in noch nicht vorgerücktem Alter dort sein Leben. Der wahre Anziehungspunkt im Hause war jedoch Moritz Hartmauu, noch nicht so sehr zur Zeit meiner Ankunft, als einige Jahre später, nach seiner Rückkehr aus der Türkei, wohin er während des Krimkriegs als Berichterstatter der „Kölnischen Zeitung" gegangen war. Er hatte sich während seines Aufenthaltes in der Dobrudscha eine Entzündung der Knochenhaut am Unterschenkel zugezogen, die ihn für mehrere Jahre bei sonst gesundem Leibe bettlägerig machte. Sein Zimmer war im sechsten Stock des Hotels, und das war noch nicht der höchste; es gab noch einen siebenten mit den Mansarden. Dies Zimmer ward in jener Zeit das Stelldichein eines Teils der besten gebildeten Gesellschaft von Paris; hier machte ich viele der ersten interessanten Bekanntschaften, die mein Leben angenehm bereicherten. Der Umstand, daß man sicher war, den Inhaber des Zimmers zu jeder Zeit zu Hause zu finden, trug neben der anziehenden Persönlichkeit am meisten dazu bei, daß nach und nach diese mehr als bescheidene Stätte tagsüber nnd bis zum späten Abend von Künstlern, Schriftstellern, auch Leuten der großen Welt, Herren wie Damen besucht wurde, und zwischen den Besnchern sich eine Art Kameradschaft bildete. Hartmann war zwar manchmal schwer leidend und flößte uns monatelang die schwersten Besorgnisse ein. Aber die meiste Zeit war er munter und für Besuche dankbar. Seine Konversationsgabe war eine der vollendetsten, die mir vorgekommen sind, sein Erzählertalent mündlich dem schriftstellerischen noch überlegen, wie überhaupt bei allen schönen Eigenschaften feiner fruchtbaren und leichtbeweglichen Feder der Mensch in ihm das wahrhaft bezaubernde und alles andere überragende war. Der wuuderschöne Kopf, ein paar entzückende Angen, ein Organ, dessen lieblicher Silberton allein schon die Herzen bezwäng, das alles mit dem Ernst seines Geistes nnd Charakters verbunden, machten ihn, und mit Recht, zu einem der beliebtesten Menschen seiner jeweiligen Umgebung. Auch der Arzt, der ihn behandelte, war ein interessanter Mann. Ein Ungar Namens Grnbi, oder wie er sich schrieb Grouby, der bereits damals, anfangs der fünfziger Jahre, sich viel mit Vivisektion beschäftigte und die Suggestion bei seinen Patienten, namentlich aber bei seinen Patientinnen, zur Heilung verwertete. So erinnere ich mich eines Falles, in dem er einer mir bekannten, an chronischen Halsschmerzen leidenden Dame verschrieb, sie müsse jeden Tag in einem bestimmten Laden sich eine Düte spanischer Trauben kaufen, dieselben in den Garten des Palais Royal mit sich nehmen uud dort vor zwölf Uhr mittags antreten, dann bei jedem Glockenschlag eine Beere uuzerdrückt hinunterschlingen. Das Mittel half, und seitdem haben ähnliche ohne Zweifel noch oft ihre Dienste gethan. Für Hartmann bewährte er sich nicht nur als vortrefflicher Arzt, sondern auch als hingebender Freuud. Der klnge Mann steht noch heute, hochbejahrt, als beliebter Arzt in großem Ansehen. Grouby war zu Hartmann auf Veranlassung eines ungarischen Landsmannes, Friedrich Szarvady gekommen. Dieser war seit der Zeit, da er als Sekretär bei der von der Kossuthschen Regierung nach Paris geschickten Gesandtschaft fnngiert hatte, daselbst zurückgeblieben. Als altes Mitglied der europäischen Emigration und mit angeborener Gewandtheit für den menschlichen Verkehr, hatte er sich eine gute Stellung in Paris gemacht, war in den verschiedensten Zirkeln eine beliebte Persönlichkeit und trug viel zur Belebung unseres Kreises bei, in welchem er herzlichster Freundschaft teilhaftig ward. Besonders interessant wurde er noch nach seiner im Jahre 1855 erfolgten ehelichen Verbindung mit einer schon damals und bis auf den heutigen Tag gefeierten Künstlerin, der Pianistin Wilhelmine Clauß aus Prag. Die auch als Persönlichkeit höchst anziehende Dame war, beinah noch ein Kind, in Begleitung ihrer Mutter nach Paris gekommen. Die Mutter erkrankte plötzlich und starb. Der verzweifelten Waise nahm sich besonders die Familie des Gelehrten Sabatier au, der mit der österreichischen berühmten Sängerin Unger verheiratet war. Die beiden Paris. Siebentes Kapitel. österreichischen Landsleute Szarvady und Hartmann thaten das ihre, um diese Protektion zu fördern. So sah man sich viel bei Sabatier, und die beiden schönen und interessanten Männer verliebten sich gleichzeitig in das hübsche interessante Kind. Der freundschaftliche Krieg der beiden Rivalen spielte noch vor der Zeit meiner Ankunft in Paris, aber in meinem Briefwechsel mit Oppenheim, der, wie erwähnt, für dergleichen einen ungemein empfänglichen Sinn hatte, finde ich noch zahlreiche Episoden des romantischen Wettlaufs verzeichnet. Als ich nach Paris kam, war die Palme schon in Szarvadys Händen. Er war mit der herzigen Wilhelmine verlobt, mit der er bis zu seinem erst im Jahre 1882 erfolgten Tode in der glücklichsten Ehe leben sollte. Im Laufe der Zeit hatte er eine bedeutende journalistische Thätigkeit entwickelt, indem er durch eine sehr verbreitete lithographierte Korrespondenz die Presse verschiedener Länder, vorzugsweise die deutsche, über die französische Politik unterrichtete. Er hatte in den sechziger Jahren ein stattliches Personal von Mitarbeitern, und manche, deren Namen später zu einem guten Klang gelangten, haben ihre ersten praktischen Ersahrungen bei ihm gesammelt, z. B. Wilhelm Lauser und Joseph Regnier, die später nach Wien gingen, Heinrich Homberger, der nach Florenz übersiedelte, Wilhelm Lexis, jetzt Professor in Göttingen, einer unserer ersten Nationalökonomen. Szarvady in Paris und Max Schlesinger in London waren die ersten, welche solche Korrespondenzgeschäste einführten. Sabatier, in dessen Haus der Roman sich abspielte, ist identisch mit dem Autor der französischen Faustübersetzung, die vor etlichen Jahren durch ihre genaue Anpassung an die Formen des deutschen Originals Aufsehen machte. Hartmann hat das Haus Sabatiers I,g.tour äs lai-Ass bei Montpellier, in seinem „Tagebuch aus Lauguedoe und Provence", einem seiner besten Bücher, verherrlicht. Unter den deutschen Flüchtlingen, die bei Hartmann aus- nnd eingingen, war Ludwig Pfau aus Schwaben eine eigentümliche Figur. Von Hanse aus war er Kunstgärtner, und als es Paris. 279 galt, ihm einen Lebensunterhalt zu verschaffen, gelang es durch Hartmanns Vermittelung, ihm eine Anstellung in den Gärtnereien von Ferneres, dem fürstlichen Landsitz des Barons James Rothschild, zu besorgen. In dem nachmals durch die Kriegsgeschichte des Jahres 1870 berühmt gewordenen Ferneres glaubte man den wohlgenährten und rotbärtigen Naturburschen aufs beste aufgehoben. Aber sein demokratisches Haupt mochte sich nicht gern dem Joch der regelmäßigen Arbeit im Dienste der Finanzaristokratie beugen. Sein stiller Groll suchte sich auf die verschiedenste Weise Luft zu machen, unter anderm dadurch, daß er seinen Flüchtlingssrennden kostbare Früchte aus den Treibhäusern des Barons zum Geschenk machte. So treffliche Ananas wie dazumal hab ich nie mehr gegessen. Es dauerte aber auch diese Herrlichkeit nicht lange. Eines Tags erschien unser Pfau wieder in Paris und erklärte uns, daß er das Joch von Ferneres definitiv abgeschüttelt habe. Dies war schon gut, aber was jetzt? Nuu wurde die Flüchtlingschaft in Bewegung gesetzt, ihm eine andre Beschäftigung zu fucheu; sie hatte auch ein Interesse daran, deun als echter fahrender Scholast lag er bis dahin einstweilen auf ihr. Endlich wünschte man sich Glück, für ihn einen guten Posten gefunden zu haben. Ein angesehener Deutscher, der eine Kautschukfabrik hatte, gab ihm aus Wohlwollen eine Stelle als Aufseher in seiner Werkstätte. Aber nach wenigen Wochen nahm anch dieser Berns sein Ende. Pfau kam zurück und erzählte voller Entrüstung; in der Fabrik würden die Arbeitszeiten so pünktlich eingehalten, daß mit dem letzten Glockenschlag der Anfangsstunde die Thüre geschlossen und der Späterkommende nicht mehr eingelassen würde. Dieses Unglück hatte ihn, den Anffeher, just am meisten betroffen, oder wie er es nannte, diese „Tyrannei". Man kann sich denken, daß solche Denkart auch nicht geeignet war, den schwäbischen Demokraten später mit dem Gedanken einer preußischen Vorherrschaft über Deutschland zu versöhnen. So blieb also für jetzt nur die Schriftstellern. Zum Zeitungskorrespondenten war Pfau bei seiner unweltlichen und beschaulichen, unregelmäßigen Lebensweise anch nicht zu brauchen. Hartmann zog ihn zu seiner Übersetzung bretonischer Volkslieder heran, zu der er durch seine originelle Beherrschung des deutschen Sprachschatzes besonders geeignet war. Eine andre Arbeit, ohne Zweifel die, welche ihm am besten in seinem Leben gelungen ist, die Übersetzung des Onkel Benjamin von Clande Tillier, wnrde ihm auch durch Hartmaun zugetragen. Psan hat in seiner Vorrede zn dieser meisterhaften, dem Original ganz ebenbürtigen Übersetzung eine kleine Geschichte erzählt, die aber nur zur Ornamentierung der Eingangspforte von ihm erfunden ist. Er berichtet da nämlich, wie er eines Tages, im Anfang der fünfziger Jahre, durch Paris schlendernd, vor einer jener fliegenden Buchhandlungen stehen blieb, welche auf den Brüstungen der Quais und unter den Schwibbogen der Häuser ihren Kram ausbieten. Da fielen, so heißt es weiter, seine Augen aus ein geheftetes Bändchen von schadhaftem Aussehen. Kein Umschlag, kein Titel, kein Vorwort, weder Verfasser noch Drucker — nichts als ein angeklebter Schmutztitel mit den drei Worten: Non onols LsllMinill. Es fühlte sich schnell unser kundiger Poet durch den Geist, der ans diesem Findelkinde zu ihm sprach, so lebhast angezogen, daß er es um ein geringes sofort käuflich erwarb, damit in den Garten des Lnxembonrg ging, sich allda hineinversenkte und so lange unter einem Kastanienbaum verzaubert sitzen blieb, bis er das Buch zu Ende gelesen hatte. Wie schön ist diese Geschichte, und wie verzeihlich dies bsn trovato, um des Lesers Appetit zu reizen. Darum wird sein Schatten wohl auch ein beifälliges Lächeln dafür aus den Elyfäischen Gefilden herabsenden, wenn hier die etwas prosaischere Wahrheit des Herganges erzählt wird. Kein fliegender Buchhändler, kein Kastanienbaum, kein ungenannter Verfasser traten dabei auf. Die Sache ging vielmehr mit folgenden natürlichen Dingen zu. In Brüssel lebte in jener Zeit eine geistreiche Dame von lebhaftem litterarischen Sinn, Frau Engenie Oppenheim, geborene Emden, aus Frankfurt a. M., an einen Bankier vermählt. In diesem Hause verkehrten die deutschen Schriftsteller, welche sich seit den vierziger Jahren zumeist in Brüssel aufhielten. Den Grund Siebentes Kapitel. Paris. 281 hatten Kuranda und Jakob Kaufmann gelegt zu der Zeit, als sie die deshalb so getauften „Grenzboten" in Brüssel in den vierziger Jahren Herausgaben, die später nach Leipzig und unter Gustav Freytags Hand kamen. Moritz Hartmann hatte verschiedene Male Brüssel besucht und bei Frau Oppenheim verkehrt. Diese zeigte ihm eines Tags das Büchlein Non onele als ein interessantes, bisher ganz unbekanntes Geistesprodukt. Hartmann las es und teilte die Bewunderung der Entdeckerin. Sie schenkte ihm das Bändchen; er brachte es zu uns nach Paris, und in dem kleinen Kreis deutscher Flüchtlinge, die sich um ihn im Hötsl äss troi8 ü-srss versammelten, erstand die Gemeinde der Verehrer, zu denen auch Psan sich gesellte. Es bedürfte auch keiner gelehrten Nachforschungen, um den Verfasser aus dem Schutt der Vergangenheit auszugraben. Denn sein Name Claude Tillier staud in sehr lesbaren Buchstaben auf dem Titelblatt. Das Bändchen war auch nicht verschmutzt uud zerrissen, sondern sein säuberlich in Kalbleder gebunden, wie es dem Geschmacke der eleganten Besitzerin entsprach. Das merkwürdige war mir, daß in unserem großen Kreis französischer Gelehrter und Schriftsteller kein einziger von der Existenz dieses interessanten Werkchens etwas wnßte. Die Erklärung dieses Wunders ist darin zu suchen, daß es in der Provinz, in Revers, erschienen war und nicht in Paris. Sogar vier Bände desselben Antors teilten dieses Schicksal, sehr bezeichnend für die Pariser Zentralisation. Das Nähere darüber ist in Pfaus biographischem Vorwort zu der im Jahre 1866 bei Emil Ebner in Stuttgart erschienenen Übersetzung zu lesen, die viel belehrendes Material in dem kunstvoll, einfach geschmückten Stilgewand des Verfassers bringt. Nur die kleingeistige demokratische Selbstgewißheit, die ihn durchs Leben begleitete, ohne deshalb seinen Wandel zu einem klar puritanischen zn machen, bringt manchmal einen leisen Mißton in die gute Laune des Ganzen. So lange ich in Paris lebte, blieb Non oirols LsuMniir das ausschließliche Besitztum unseres deutschen Kreises. Erst nach dem Siebentes Kapitel. Krieg erschien eine neue französische Ausgabe und zwar eine prächtig ausgestattete, höchst sein illustrierte, teure in zwei Oktavbänden*). Nichtsdestoweniger ist meiner Beobachtung uach das Buch, dank Pfaus Übersetzung, in Deutschland noch heute viel mehr bekannt als in Frankreich. Einen schlagenden Beweis finde ich in folgendem: In Bonillets sonst sehr vollständigem I)iotiollllM6Ullivsi'3öi cl'Uistoirs st cls 6, I^orrams." Natürlich sollte das nur dazu dienen, mir seine Verzweiflung zu charakterisieren, nicht seine uupatrioti- sche Gesinnung. Denn er war mit Leib und Seele Franzose, mit allen glänzenden Vorzügen seiner Nation. Ein Causeur ersten Ranges. Das floß und sprndelte in jovialer Weise unaufhörlich, stark mit geschlechtlichen Ingredienzien gewürzt. Ein paar derbe Zoten und Anekdoten fehlten selten in der Unterhaltung. Er war sich dessen bewußt, ohne darin ein Fehl zu finden. Nur bemerkte er mir einmal, er habe seine Korrespondenz vernichtet, damit sie nicht einmal mit allen den Cochonnerien, die darin vorkämen, veröffentlicht würde. Paris. 293 So stark ausgesprochen wie bei Dneamp habe ich diese Neigung bei wenigen anderen Franzosen gefunden. Aber durch die Bank nimmt bei ihnen in der Unterhaltung der Männer das Verhältnis zum andern Geschlecht einen viel breiteren Ranm ein, als bei uns. Was bei uus Ausnahme, ist bei ihnen Regel. Man wird nicht oft eiue Stunde lang mit französischen Männern zu Tisch sitzen, ohne daß das Gespräch ans die Weiber käme, und dieses Kapitel liefert einen wesentlichen Beitrag zur Ernährung der Konversationsgabe. Es sind keineswegs nur frivole Männer, die diesem Geschmack huldigen. Ich habe dereu eiue gauze Anzahl sehr ernster gekannt, die ihn teilten. Mein etwas jüngerer Freuud, der Historiker Laufrey beispielsweise, war seiuer ganzen Richtung nach eigentlich ein harter Rigorist, nicht nnr in seinem Urteil, sondern in seinem persönlichen Verhalten. In politischen Dingen z. B. konnte ihn keine Locknng zu der geringsten Konzession gegen seine Grundsätze bestimmen. Aber eine stark gepfefferte Unterhaltung machte ihm großen Spaß. Er war ein starker Courmacher, und im Gespräch mit Damen wagte er sich bedenklich weit voran, natürlich meist ungestraft. Er war ein hübscher, blonder, viel jünger als nach seinen Jahren aussehender Mauu, in Savoyen geboren, aber eher nordisch erscheinend. Unter den Damen unseres Kreises uauute man ihn oft den Chernbin (Pagen aus Figaros Hochzeit) oder „Roseukuospe" „boutvll 6s rose". Eines Tages saß ich in einer größeren zu Tisch geladenen Gesellschaft neben ihm; auf seiuer anderen Seite saß eine junge elegante hübsche Fran, die Gattin eines Richters. Bei Gelegenheit eines Zwiegesprächs, das sich im g. pari zwischen ihm und mir entspann, fiel mir eiue Anekdote mehr als schlüpfrigen Inhalts ein, die ich ihm leise zum besten gab. Er brach in ein unbändiges Gelächter aus, und daraus fragte ihn seine Nachbarin, woran er sich so gewaltig ergötze. Wie staunte ich, als mein Lanfrey der juugeu Dame ganz unverblümt die derbe Geschichte wiedererzählte. Uud sie nahm es ganz fröhlich hin. Gar nicht 294 Siebentes Kapitel. selten geschah es, daß Damen aus der besten Gesellschaft, allerdings nicht mehr junge, sich sehr ungeniert über dergleichen Dinge anssprachen. Eines anderen Tages in einem anderen, ebenfalls höchst respektablen Hause erlebte ich folgenden Spaß. An einem Ende der ziemlich langen Tafel saß Emannel Arago, der Sohn des großen Astronomen, der 1848 knrze Zeit Gesandter der zweiten Republik in Berlin gewesen war und später (Nachfolger Lanfreys auf diesem Posten) Gesandter der dritten Republik in Bern wurde. Als ein schöner stattlicher Mann aus so berühmtem Hause hatte er in seiner Jugeud und auch später manche interessante Verbindung gehabt, unter andern auch mit der George Sand und ihrer Tochter, verehelichten Clesinger, in enger Berührung gestanden und nicht minder mit den Damen des trallyg.i8. Er war einer der fruchtbarsten Anekdotenerzähler; ich verdanke ihm eine Menge meines eigenen Schatzes; übrigens seinem großen Vater an Geist nicht ebenbürtig. Die Rede kam aus das berühmte Schwesterpaar Augustine und Madeleine Brohan, und Arago erzählte irgend ein Erlebnis der letzteren. Da er ein gewaltiges sonores Organ hatte (welches seinen parlamentarischen Erfolg nicht wenig förderte), so konnte man am entgegengesetzten Ende des Tisches, wo ich saß, seiner Erzählung sehr gut folgen. Neben mir saß die Nichte Lamartines eine große, nicht schöne, aber interessant aussehende Dame inmitten der Vierzig, von frischem Humor. Als Arago seine Anekdote über Madeleine Brohan schloß, rief ihm die Marqnise über den ganzen Tisch hinüber: ^.vouW c^us vous avW un xsn ooucliots AV66 eil«! Mein Frennd Louis Ulbach, von dem ich später noch ausführlicher zu reden haben werde, erzählte mir eines Tages, eben von der George Sand kommend, mit der er mich bekannt gemacht hatte, er habe sie im Bett getroffen. Kurz vorher war ihr letzter Liebhaber gestorben (den Namen habe ich vergessen). Sie war sich bewußt, daß nun schwerlich noch ein Nachfolger zu erwarten sei, und indem sie die Schnblade ihres Nachttisches anf- zog, holte sie eiueu Revolver heraus und zeigte ihn dem Be- Paris. 295 sucher mit den Worten: ing,ir>tsni>,iit^s ns ooue^s xlus <^u' avse und einem Seufzer. Diese Vorliebe für erotische Unterhaltung ist natürlich nur der Reflex einer auf die Sache selbst gerichteten Sinnlichkeit — oder, ich möchte nicht sagen: Sinnlichkeit in des Wortes grober Bedeutung, sondern vielmehr in der Bedeutung dessen, was man mit dem Worte Galanterie bezeichnet, als eine Mischung von sinnlichem, aber auch ästhetischem Luxus. Die Sinnlichkeit ist überall die allmächtige Göttin; aber in der besonderen Weise, wie sie in Frankreich das Leben beherrscht, drückt sie nur da demselben ihren eigentümlichen Stempel auf. Es ist eine aus Sinnenlust und Schönheitstrieb und Geschmacksverfeinerung gemischte und sogar auch mit intellektuellem Ehrgeiz versetzte Atmosphäre, in welcher die galante Gesellschaft sich bewegt; und wie weit ist ihre Peripherie gespannt! Was die Hofgeschichte der Jahrhunderte von der Maitressenherrschaft erzählt, spielte zu allen Zeiten in verschiedenen Abstufungen in Adel und Bürgerthum, und drückt dem ganzen, sichtbar an die Oberfläche tretenden, wie dem intimen Verkehr ein besonderes Gepräge auf. Die Verbindung der schöngeistigen Schriftstellerwelt mit der Halbwelt ist nirgends so vorherrschend, wie in Paris, und da andererseits das Salonleben der Schriftsteller nicht entbehren kann, so bilden sie den natürlichen Übergang von der legitimen zur illegitimen Gesellschaft. Zum Stolz einer berühmten Dame der Halbwelt gehört es nicht minder, ihr litterarisches Gefolge zu haben, nicht bloß von solchen, die leichte Romane und Vandevilles schreiben, sondern auch von ernsten Gelehrten. Prosper Msrimse und Sainte-Beuve waren die Zierden der Diners bei den großen Hetären ihrer Zeit. Denke man sich so etwas bei uns! Der sozusagen vornehmste Teil der Halbwelt huldigt darum auch, uud uicht immer bloß um die Mode mit zu machen, der Kunst uud der Litteratur, verlegt sich auf Liebhaberei am Sammeln artistischer Gegenstände und bildet dabei seinen Geschmack. Die großen Schauspielerinnen, die ohne Verwandtschaft znr allgemeinen Knltnr, es nicht anf die Höhe ihrer Leistungen 296 Siebentes Kapitel. bringe» können, zählen wie im vorigen Jahrhundert so im gegenwärtigen beinah ausnahmslos znr galanten Welt. Die philosophischen Sonpers, bei denen die Sterne der Encyklopädie sich um die Sterne der Halbwelt sammelten, bilden einen anziehenden Bestandteil der Memoirenlitteratnr, und eine der hübschesten Kleinigkeiten der Mussetschen Muse ist die Erzählung seines Abends bei der Rachel. Man beurteilt das französische Naturell falsch, wenn man die, namentlich ans dem Hintergrund von Paris so stark überwuchernde Erscheinung der freien Liebe einseitig als die Herrschaft des Unsittlichen ansieht. Die Sitteulosigkeit ist selbst nur eine Seite und ein Produkt des allmächtigen Anteils, welchen die Lebhaftigkeit des geschlechtlichen Sinnes am Leben der Nation hat. Natürlich führt diese Anlage auch mehr zn Exzessen nud zu nnverhüllterem Auftreten derselben. Aber dieselbe konstitutionelle Eigenschaft erstreckt ihre Allmacht anch in die Kreise des geordneten und gesitteten Lebens hinein. Man hat ganz mit Recht oft genng der oberflächlichen Ansicht widersprochen, als stehe das französische Familienleben überhaupt unter dem Zeichen der Sitteulosigkeit, das iu Romanen, in den Theaterstücken, und im augenfälligen üppigen Straßenlebeu vorherrscht. Es giebt in Frankreich nicht weniger redliches Familienglück als bei anderen Nationen, ja die Bande der Blutsverwandtschaft halten, soweit ich beobachten konnte, die einzelnen Mitglieder einer Familie, nachdem sie dem elterlichen Hause entwachsen sind, mehr zusammen, als etwa iu Deutschland. Ein, wenn auch nur äußerliches, doch recht bezeichnendes Symptom spricht z. B. aus dem Brauch, bei Todesanzeigen die einzelnen Verwandten bis in den dritten und vierten Grad der Seitenlinie mit Namen und Stand aufzuführen, wo in Deutschland die namenlosen Hinterbliebenen meist im Dnnkel bleiben. Man hat sich öfter darüber lustig gemacht, daß in der französischen Gefühlsromantik die Mntter, m», msi-s, eine stereotype Rolle spiele. Aber es liegt ein wahrer Zug zu Grunde, uud man geht vielleicht nicht fehl, wenn man aus der Anziehungskraft, welche Paris. 297 das Weibliche ausübt, auch die gesteigerte Empfiuduug für den Kultus der Söhne für die Mutter ableitet. Auch darin hat persönliche Beobachtung mich belehrt. Namentlich das Verhältnis zwischen Sohn und Mutter konnte ich in der That auf dem Boden des französischen Familienlebens besonders zärtlich geartet im Kreise meiner Freunde und Bekannten wahrnehme». Jüngst führte der Zufall der Unterhaltuugslektüre mir wieder nach einander drei Autobiographien modernster Zeit vor die Augen: Renan, Gonnod, Meissonier. In allen dreien tritt das Verhältnis zur Mutter, wie zu einer angebeteten Heiligen, gauz unaffektiert hervor. Wie kalt steht Göthe der seinen, in jeder Beziehung so ausgezeichneten Mutter gegenüber. Der Einfluß, den die Frauen in allen Beziehuugen des privaten und öffentlichen Lebens ausüben, entspringt der nämlichen physiologischen Veranlasfuug; sie sind sich der Macht bewnßt, die ihr Geschlecht über die Männer besitzt, nnd der Trieb, bei jedem Anlaß davon Gebrauch zu machen, ist zu einer Art willkürlicher Reflexbewegung in der Landessitte ausgebildet. Es braucht dazu entfernt nicht im einzelnen konkreten Fall eine persönliche geschlechtliche Anziehungskraft zu wirken. Das Verhältnis von Frau zu Mann genügt. Bringt es eine Dame in der Gesellschaft zu einer glänzenden Stellung, so seht sich das alsbald in ihre erhöhte Leistungsfähigkeit zur Unterstützung in öffentlichen und privaten Angelegenheiten um. In jedem, den regierenden Kreisen nahestehenden Salon werden Präsekten, Unterpräsekten, General-Steuer-Ein- nehmer und ähnliche, besonders begehrenswerte Posten vergeben, von kleineren nicht zu reden. Das Bureau de Tabae ist die Versorgungswelt abgelegter Maitressen. Von den Fällen, die zu meiner eigenen Kenntnis kamen, ist mir bis auf einzelue nur die allgemeine Erinnerung geblieben; doch besiuue ich mich noch ans einige typische, z. B. folgenden: Eine Dame meiner nächsten Bekanntschaft hatte eine Schwester, die ein sehr großes Hans ausmachte. Ein Frennd dieses Hanses wird Minister des Innern. Sofort sagt der Schwiegersohn meiner 298 Siebentes Kapitel. Freundin, welcher einen Posten im Unterrichtswesen bekleidet, zn dieser: Der Hausfreund Deiner Schwester ist Minister des Innern geworden. Diesen Moment darf man nicht vorübergehen lassen. Du mußt jetzt von Deiner Schwester verlangen, daß ich auf eineu höhereu Posten befördert werde. Die Schwester findet diese Logik so nnwiderleglich, daß sie sich alsbald und zunächst an die neue Frau Ministerin mit ihrer Empfehlung wendet. Auch dieser leuchtet die Sache ohne weiteres ein, nur scheint, nach Besprechung mit dem Gatten, die Sache noch ein wenig schwierig, weil dieser doch nicht selbst Unterrichtsminister ist, sondern erst mit Hilfe seines Kollegen zum Ziel kommen kann. Da alle nötigen Einfädelungen besser den feinen weiblichen Händen anvertraut werden, so begiebt sich die Frau Ministerin des Innern zur Frau Ministerin des Unterrichts und trägt dieser ihre gerechte Angelegenheit vor; dieselbe übernimmt sie ad reserendnm an den Gatten. Nach etlichem Gehen und Kommen erscheint sie bei der Kollegin des Innern mit einem günstigen Bescheid, der nur noch an einer kleinen Nebenbedingung hängt. Nämlich der Unterrichtsminister ist bereit, dem Schwiegersohn der Schwester der Freundin den erstrebten Posten zu geben, aber er kann das nur gewähren, weuu der Minister des Innern dem Schützling einer Freuudin seiner Frau einen ähnlichen Genuß in seinem Departement zn teil werden läßt. Auf diefeu billigen Handel hin wird die Sache abgeschlossen; beide Aspiranten erhalten ihre Beförderung und haben sich ihrer Zeitlebens erfreut. Etwas Arges sah keine der zahlreichen dabei mitwirkenden Personen beiderlei Geschlechts in dieser glücklichen Lösung. Ein Liebesverhältnis' war dabei nirgends im Hintergrunde. Wie iustiuktmäßig, nnreslektiert ans dem Gehirn der Französin diese Jdeenverbindnng aufsteigt, habe ich selbst nach dem Kriege sogar erfahren, und zwar sehr bald nach Schluß desselben, als die Flamme des Zornes noch in ihrer fürchterlichen Glut gegen Deutschland loderte. Unter der Präsidentschaft von Thiers ward nämlich ein mir erst in den letzten drei Jahren des Kaisertums uäher getretener jüngerer Mann Unterstaatssekretär im Finanzministerium. Kaum Paris. 299 stand die Ernennung im Monitenr, so erhalte ich in Berlin einen Brief von einer Freundin aus Paris, worin sie mich bittet, bei dem Neueruannten für einen ihrer Verwandten, der sich um eine Stelle beworben, einzutreten. Ich bin überzeugt, mein guter Bekannter hätte auch garnichts darin gefunden, wenn ich auf die Bitte eingegangen wäre. Ich kam aus dieses Thema, indem ich die mächtige Rolle des Weiblichen behandelte. Aber dabei darf nicht vergessen werden, daß dieses selbst wiederum ein Teil des allgemein ausgebreiteten Gewohnheitsrechts persönlicher Rücksichtsnahme und Empsehluug ist, welches in romanischen Ländern nnd besonders in Frankreich einen so breiten Platz einnimmt. Auch in Italien behaupten die rispstti s kg.voi'i ihre Rechte, und in der ganzen Welt wissen Protektion und persönlicher Einfluß das ihrige in der Verteilung von Rollen, von Gunst und Ungnnst zu thun. Die englische Patronage und die amerikanischen Ringe sind sprichwörtlich, und schließlich sind die Menschen überall die nämlichen. Alles ist nur eine Frage der quantitativen Unterschiede. Und nach diesem Maßstabe gemessen, dürfte wohl Frankreich der erste Rang zufallen. Zu erklären ist diese starke Ausbildung persönlicher Einflüsse ans dem lebhaften Sinn für den persönlichen Znsammenhang unter deu Menschen. Dasselbe Element, auf dem die Lust an der Geselligkeit, der Sinn für Konversation, die Befähigung zum Roman, zur dramatischen Dichtung und zur dramatischen Darstellung beruht, führt auch zur Macht des persönlichen Einflusses, und diesem wieder wird mittelst der geschlechtlichen Anziehungskraft ein besonderes Gepräge aufgedrückt. Gewiß tritt dadurch viel Willkür bestimmend eiu, wo der abstrakten oder gesetzlichen Voranssetzuug nach objektive Motive walten sollten. „Man brauchte einen Sekretär nnd nahm einen Kriegei", heißt's im Beaumarchais. Das Schädliche dieser Beeinflussung steigert sich noch dnrch die Macht, welche der katholische Geistliche, Beichtvater und Hausfreund über die Frauenwelt besitzt. In verjüngtem Maßstabe kommen alle diese Erscheinungen auch in anderen Ländern vor. Bismarck war z. B. der Ansicht, daß die Freimaurerei am preußischen Hof unter Wilhelm I. vielfach in die Politik eingegriffen habe. In der Beförderung der Söhne und des Schwiegersohnes that er sich keinen Zwang an, so wenig wie er seine Leibärzte mit Staatsanstellungen zu belohnen verschmähte. Ein Element, das bei uns in den letzten Jahrzehnten sehr merkbare Begünstigung verschafft, ist das Korpsbnrschenwesen. Bekanntlich lassen die Familien heutzutage nicht selteu ihre Söhne um den Preis unverhältnismäßig großer Geldopfer in die eleganten Korps eintreten, weil für das Fortkommen der jungen Lente die Beziehungen zu diesem über die akademische Zeit hinaus fortwirkenden Verbände einen bedeutenden Vorsprung gewähren. Es giebt Regierungspräsidenten, die offiziell uud eiugestaudenerweise keinen Assessor in Dienst nehmen, der nicht Korpsbursche war. Am ausfälligsten war mir, als ich zum erstenmal damit Bekanntschaft machte, wie in Frankreich die persönliche Berührung im Gerichtsleben offiziell zur Anerkennung gelangt. Als Jurist, der mit dem französischen Recht und seiner Praxis aus meinen jungen Jahren vom Rhein her vertraut war, fiel mir in unsrem Pariser Geschäft natürlich auch die Überwachung der streitigen Angelegenheiten zu. Bei der Mannigfaltigkeit der Unternehmungen und Beziehungen konnten anch Prozesse nicht ausbleiben. Es machte mir Vergnügen und war von beträchtlichem Nutzen, daß, soweit nicht die offizielle Vertretung vor Gericht den Anwalt in Person erheischte, ich das übrige präparieren und betreiben konnte. Den Anwälten selbst war diese Hilfe, die ihnen ein gnt Teil der Mühe abnahm, sehr willkommen. Ich habe im Lauf der Jahre auf diese Weise mit vielen und hervorragenden des Standes Bekanntschaft gemacht und stand in sehr angenehmem Verhältnis zu ihnen. Sie schätzten meine Mitarbeit. Bei dem ersten Prozeß, den ich leitete, uud der vor dem Pariser Handelsgericht schwebte, hatte ich zum Mitinteresfenten in derselben Sache einen sehr geriebenen Geschäftsmann. Es handelte sich um einen ziemlich ansehnlichen Betrag. Die Sache wurde plädiert uud der Spruch auf vierzehn Tage ausgesetzt. In dieser Zeit kam unser Mitinteressent, um mit mir über die Siebentes Kapitel Paris. 301 Sache zu sprechen, und im Lauf der Unterhaltung fragte er mich, wann ich den mit dem Referat betrauten Richter zu besuchen gedenke, und zwar warf er diese Frage als etwas ganz Selbstverständliches hin. Ich riß die Augen auf und fragte ihn, was er meine. Er antwortete im Ton vollendeter Harmlosigkeit: „Man muß doch seinen Richter aufsuchen". Ich konnte das noch immer nicht verstehen, und so mußte er wahrnehmen, daß ich vollständiger Neuling war in einem Gebrauch, der in Frankreich durchaus rezipiert sei. 0n VA voil- 8öS so lautete die Formel. Ich sagte ihm, wer in Deutschland so etwas wage, würde mindestens zur Thür hinausgeworfen, und nie in meinem Leben könnte ich mich dazu entschließen. Nun war die Reihe au ihm, mir zu erklären, wie das nach französischem Begriff nicht bloß etwas Zulässiges sei, sondern die Unterlassung für einen Mangel an Höflichkeit angesehen werde. Wenigstens müsse man seine Visitenkarte bei dem Richter abgeben. Aber auch das widerstrebte meinem Gefühle so sehr, daß ich mich nicht dazu entschließen mochte. So kam der Tag, an dem das Urteil verkündet werden sollte, heran. Ich wohnte damals, im Sommer 1858, in der Nähe von Paris in Nille d'Avray nnd fuhr täglich zur Stadt. Als ich im Zuge saß, fiel mir ein, daß heute der Tag der Entscheidung sei, und in der Spannung darüber kam mir das Gefühl der Verantwortung, die ich, als Leiter des Prozesses für mein Haus, damit auf mich genommen, daß ich einen als förderlich angesehenen und von der Praxis für zulässig erklärten Schritt unterlassen hatte. Mein Weg vom Bahuhof der Rue St. Lazare führte mich dicht an der Rue Jonbert vorbei, wo der mit dem Referat betrante Handelsrichter wohnte. Im letzten Augenblick sagte ich mir: Am Ende sollte ich doch mein Widerstreben überwinden und wenigstens noch eine Karte bei ihm abgeben, wenn auch oder gerade weil für ihn das Urteil jetzt schon feststeht. Gesagt, gethan. Es war neun Uhr vormittags. Ich klingle und gebe dem öffnenden Diener meine Karte. Sofort wurde ich in das Kabinett des Richters geführt; der sitzt vor seinen Akten und ruft mir in freundlichstem Tone zu: Sie kommen mir sehr gelegen. Gerade war ich daran, Ihre Sache zu studieren. Nuu können Sie selbst mir alles erklären. 302 Siebentes Kapitel. Ich ließ mich nicht darum bitten. Nach einer Unterhaltung von etwa zwanzig Minuten empfahl ich mich sehr erleichtert durch den glatten Verlaus. Um Mittag ward das Urteil gesprochen zu Gunsten meines Hauses. Es war gerecht; ich habe nie eiueu Prozeß geführt, an dessen Güte ich den leisesten Zweifel hegte. Aber ob mein Besuch mit iu der Themis Wagschale gewogen hatte, blieb mir eine ungelöste Frage. Diese Erfahrung machte ich mir natürlich zu nutze, und in späteren Fällen richtete ich mich danach leichteren Herzens. Ich muß aber einschalten, daß ich trotz des Besuches einmal in einer großen Sache, es handelte sich um drei- malhunderttansend Franken, in der ersten Instanz auch vor dem Handelsgericht, unterlag. Im Appell wnrde ich jedoch wieder Sieger. Endgültig habe ich vor den Pariser Gerichten nie einen Prozeß verloren. So verwerflich von unserm deutschen Standpunkt der Brauch, persönlich den Richter in seiner Wohnung aufzusuchen, erscheint, so läßt sich auch manches zu seiner Verteidigung sagen. Wenn beide Parteien diesen Schritt thun, so gleicht sich die Gefahr der Beeinflussung aus. Uud angenommen, der Richter faßt die Sache als ein gerechter Mann aus, so wird in den Fällen, wo es sich um bestrittene Fakta handelt, seine Einsicht in das Wesen des Prozesses und der Parteien dnrch die lebendige Unterhaltung oft gefördert werden können. Aber freilich, zugleich eröffnet dieser Brauch dem Mißbrauch Thür und Thor, gerade in einem Land, wo die persönliche Beziehung einen so breiten Platz einnimmt. Der Richter hat eine Frau, und nicht selten — besonders in der höheren Instanz — eine Maitresse. Geriebene, weltkundige, wenig skrupulöse Leute, die einen Prozeß betreiben, fragen sich dann in erster Linie: wer ist seine Frau, oder noch lieber, wer ist seine Maitresse, und dann, wie kommt man an sie? Anekdoten giebt es darüber, freilich nur sehr unbeglaubigte. Ich hatte einmal eine Sache vor dem Kassationshof schweben, und eiuer meiner Mitinteressenten lag mir besonders in den Ohren, daß ich mich nach guten Empfehlungen umsähe, in Anbetracht dessen, daß die Gegenpartei zu dem Präsidenten des Gerichts, einem gläubigen Katholiken, durch priesterliche Verbindung sehr gute» Zugang habe. Paris. 303 Zch muß übrigens sagen, daß ich während der fünfzehn in Frankreich verlebten Jahre die Rechtsprechung als regelmäßiger Leser der „Gazette des Tribunaux" sehr aufmerksam verfolgt habe und mir wenige verdächtige Entscheidungen aufgefallen sind, was allerdings nicht sehr viel beweist, weil in diesen Publikationen nur hervorstechende Fälle zur Kenntnis kommen. Der Brauch, dem Nichter seinen Besuch zu machen, gilt nicht für ganz Frankreich ohne Unterschied. In einer ganz bedeutenden Anzahl von Gerichtssprengeln ist er unbekannt, und selbst da, wo er durch alte Tradition geheiligt ist, wie in Paris, entzieht er sich der Kenntnis der nicht mit den Tribunalen verkehrenden Kreise. Noch vor wenigen Jahren geschah es mir, daß ich der Sache einem von Jugend an in Paris ansässigen Gelehrten erwähnte. Er hielt das für eine deutsche Verdächtigung und bestritt aufs heftigste die Möglichkeit einer solchen Praxis. Ich bat ihn, sein Urteil zu vertagen und erst bei einem Nechts- anwalt sich zu erkundigen. Nach einigen Tagen kam er betrübt mit der entdeckten Wahrheit zurück. In Racines „Plaideurs" ist dem alten Herkommen ein Denkmal errichtet, und es fehlt nicht an illustrierenden Anekdoten, die gewiß nicht buchstäblich zu nehmen sind. Eine sehr hübsche erzählte mir ein befreundeter Advokat und Deputierter eines Tages als ein ebeu Geschehenes. Der Präsident einer Zivilkammer hatte das ergangene Urteil nach Vorschrift in der öffentlichen Sitzung zn verkünden. Er war selbst Referent in der Sache und hatte im Drang der Geschäfte die Sache nur mit flüchtigen Notizen vorbereitet. Der Advokat der einen Partei folgt mit großer Befriedigung der Verlesung der Motive, welche mit der bekannten Formel attenclu czus dem Urteilsspruch, dem sogenanten „visxositik«, vorhergeht. Die ganze Reihe dieser Erwägungsgründe, „Lonsiciörlmts" genannt, wickelt sich siegreich zu Gunsten seines Klienten ab; dann kommt der Urteilsspruch, und siehe da: er hat verloren! Nicht möglich, hier muß ein Irrtum geschehen sein. Er will protestieren, aber die Ordnung erlanbt das nicht; er muß das Unbegreifliche über sich ergehen lassen. In großer Aufregung wartet er den Schlnß der Sitzung ab. Dann stürmt er zum Präsidenten in dessen Kabinet. Sein Protest war 304 Siebentes Kapitel. unwiderleglich. Der Präsident hatte sich in der Schlußfolgerung vergriffen; der Advokat hätte den Prozeß gewinnen müssen. Aber, was ist da zn machen? Zum Unglück ist das Objekt unterhalb des Geldinteresses, das zum Appell berechtigt. Die Gegenpartei hat der öffentlichen Verlesung beigewohnt. Sie kann sich des ihr erworbenen Rechts nicht berauben lassen. Alles Poltern und Beschwören des entrüsteten Advokaten bricht sich hilflos an der Unerschütterlichkeit des Präsidenten. Endlich, des zwecklosen Streites müde, wendet der sich begütigend an seinen Dränger: „Um Gottes willen, beruhigen Sie sich doch endlich, ich werde Sie dafür einen anderen Prozeß gewinnen lassen!" vous ksrm MZnöi- uir autrs proess. — Das Geschichtchen ist, auch nur als bsn trovkto, zu uett, um nicht der Vergessenheit entrissen zu werden. Wie erwähnt ist die Beeinflußbarkeit der Richter durch persönliche Rücksichten mir niemals zu notorischer Kenntnis gelangt, und es wäre auch ungerecht, sie als einen charakteristischen Zug der französischen Justiz hinzustellen. Es handelt sich trotz alledem nnr um vereinzelte Fälle. Anders steht es freilich ans politischem Gebiet. Das Charakteristische ist hier das Verhältnis des Abgeordneten zu der Regierung eiuer- und den Wählern andererseits. Der Wähler hat zunächst von dem Deputierten seines Wahlkreises die Vorstellung, daß er in erster Reihe die Aufgabe habe, dnrch seinen persönlichen Einflnß bei den Ministern die Interessen nicht nnr seines Wahlkreises, sondern auch jedes einzelnen Wählers zn wahren und zu fördern. Der Grundgedanke geht davon aus, daß die Minister, um am Ruder zu bleiben, eine Mehrheit in der Kammer nötig haben, und daß jede Gefälligkeit, die sie dem Deputierten gewähren oder abschlagen, ihn zu einer sicheren oder unsicheren Stütze machen muß. Da die Minister selbst schon mit dieser herkömmlichen Ausfassung ans Ruder kommen, so betrachten sie auch solche Rücksichtnahme als etwas Natürliches und Berechtigtes. Der Abgeordnete fühlt sich somit auch im Besitz eines legitimen Anspruchs auf Ausübung seines Einflusses uud tritt den Weg zum Ministerium auf Grund seines gnten Rechtes ohne Besinnen so oft an, als sich eine Gelegenheit dazu bietet. Manchmal macht das Übermaß Paris. 305 dieser Heimsuchungen ihm selbst die Sache recht lästig. Aber was will er thun? Wie der Minister von den Abgeordneten, so hängen diese von den Wählern ab, und nach Landessitte übersetzt sich das alles in persönliche Dienstleistungen und Gefälligkeiten. Der Abgeordnete hat zunächst die lokalen Angelegenheiten seines Kreises und dessen einzelner Gemeinden bei der Landesregierung zu betreiben. In Ermangelung anderer Objekte war es unter der Restauration und Louis Philipp herkömmlich, daß der Deputierte sür ein Altarbild in der oder jener französischen Kirche sorgte. Die Regierung als Gönnerin der schönen Künste hatte Jahr aus, Jahr ein bei aufstrebenden Malern Bilder zu bestellen. Das gab ihr schon Gelegenheit, wohlwollende Unterstützung an hoffnungsvolle Künstler zu verteilen, und um für die gelieferten Bilder Verwendung zu finden, fügte sich von selbst daran die Verteilung an Gemeinden, denen man seine Aufmerksamkeit unter Vermittlung ihrer darum besonders bei der einflußreichen Geistlichkeit gut angeschriebenen Deputierten beweisen wollte. So wusch eine Hand die andere, und so dauert im ganzen die Praxis noch fort, modifiziert durch die Ausdehnung des Wahlrechts einerseits nnd die starken Schwankungen der Mehrheiten in der Kammer andererseits. Aber nicht bloß in den von der Regierung abhängenden Einzelfällen, namentlich in Sachen der Ämterbesetzung, muß der Abgeordnete immer aus deu Beinen sein, sondern nebenher zur Erhaltung derVolksgnnst auch inunzähligen anderen Dienstleistungen die Suprematie seiner Mandanten anerkennen. Er ist sür vieles, was sie in der Hauptstadt zu besorgen haben, ihr Kommissionär. Ich hielt mich einmal in der Hauptstadt eines Wahlkreises auf, als der Abgeordnete, mit dem ich befreundet war, ihm einen kurzen Besuch abstattete. Da sah ich mein blaues Wuuder. Er besaud sich von morgens bis abends in einer Art von Belagerungszustand. Sein Zimmer wurde nicht leer von Sollizitanten. Wenn er aus dem Hause trat, warteten schon Scharen anf ihn, die nicht ins Zimmer gedrungen waren, und zogen auf der Straße hinter ihm her. Der Fall war möglicherweise darum drastischer als der Durchschnitt, weil der Betreffende als ein sehr reicher Mann bekannt war, der sich sein Mandat was kosten ließ. BambergerS Erinnerungen. 20 306 Siebentes Kapitel. Vielleicht hängt auch mit dieser Stellung des Repräsentanten zu seinen Repräsentierten die eigentümliche Erscheinung zusammen, daß der Titel inousisur lö vsplits in dem täglichen Verkehr als Anredeformel sehr gebräuchlich ist, während im übrigen bekanntlich Titel in der Umgangssprache ignoriert werden. Nur der militärische wie (Zöllki-al u. s. w. macht darin noch eine Ausnahme und sogar in seiner Übertragung aufs Weibliche. Man sagt Naclams I». Ns-rsobglö, aber nicht Ug,äg.mö Is, Osputss. In Deutschland wird gerade der Titel Herr Abgeordneter im Gegensatz zu allen andern nur ganz ausnahmsweise in der mündlichen Ansprache gebraucht, höchstens von sehr uuterthäuigeu Bittstellern. Die geschilderten Schattenseiten hängen natürlich auch mit Lichtseiten zusammen. In Deutschland, wo der Abgeordnete wenig zu sagen hat und in der Hofetikette hinter dem Major rangiert, kann auch von einem Mißbrauch des ihm nicht zustehenden Einflusses nicht viel Böses gesagt werden, und Minister, die nicht viel danach zu fragen brauchen, ob sie eine Mehrheit für sich haben, lassen sich zu persönlichen Gefälligkeiten nicht so leicht verführen. Das System des labilen Gleichgewichts im streng konstitutionellen Staat hat, wie alles, seine Nachteile, und die geschilderten gehören noch zu den kleinen. In den nach sranzösischemMuster zugeschnittenen Repräsentativstaaten geht es überall ähnlich zu, wie in Frankreich, wenn auch das Vorherrschen der persönlichen Beziehungen die Wirkung nicht so auf alle Verhältnisse des Lebens ausdehnt. Ich erinnere mich, daß während meines Aufenthalts in Belgien einmal ein liberales Ministerium den Tarif der Eiseu- bahn für Pfefferkuchen herabsetzte, als es in einem kritischen Augenblick galt, einen Wahlbezirk, der diese Fabrikation betreibt, zu gewinnen. In Frankreich wie in Belgien spielt schließlich eine große Rolle als Verbindungsglied zwischen Regierung, Abgeordneten und Wählern die Bewerbung um das rote Bändchen; da Ä'konllöur genannt und hellrot, hier Orclrs äs I^sopoläs und dunkelrot. Jeder Franzose kommt mit dem Anspruch auf diese Zierde zur Paris. 307 Welt und hat seinen Beruf irgendwie verfehlt, wenn er stirbt, ohne es erlangt zu haben. In Deutschland ist etwas Ähnliches in Gestalt des Kommerzien- und Geheimen Kommerzienrates bei den Kaufleuten, des Sanitätsund Medizinalrats mit dem Aufsteigen ins Geheime in den letzten Jahrzehnten auch sehr stark in Schwnng gekommen, und ein sehr nützliches Instrument für die Herstellung loyaler Gesinnnng, namentlich im Kaufmannsstand, geworden. Es kann aber schon deshalb seine Wirkung nicht so sehr ins Breite erstrecken, weil es einerseits nur ans wenige Stände anwendbar ist, und weil andrer- feits kein Parteiwechsel in den Regierungen Platz greift, so daß immer nnr die Anhänger derselben Partei oder ganz ventraler Richtnng der Wohlthat teilhaftig werden. In Frankreich, wo jede Partei ans Ruder kommt, beherrscht der Drang nach dem roten Band auch alle Kreise. Ich kehre nach dieser langen Abschweifung zurück an das Krankenbett meines Freundes Hartmann und zu den Gestalten, die da an mir vorüberzogen. Hier taucht zunächst die Gräfin d'Agoult auf, die Freundin Liszts, die Schwiegermutter Richard Wagners, die Mutter von Kosimas, welche als erste Frau Bülows und zweite Wagners in Deutschland zu hervorragender Stellung gekommen ist. Madame d'Agoult lebte von ihrem Manne, der Gouverneur der Banque de France war, getrennt. Aus der Ehe war eine legitime Tochter hervorgegangen, die mit einem Comte de Charnaes verheiratet war. Auch diese Ehe war faktisch getrennt. Frau von Charnacs, gleich ihrer Mntter eine Frau von Geist und hoher Bildung und schriftstellerisch thätig, lebt noch heute in Versailles. Ich sah sie daselbst im Jahre 1870 während meines Aufenthaltes im Hauptquartier wieder. Sie verhielt sich ganz vorurteilslos den Deutschen gegenüber. Frau d'Agoult war vou französischen Eltern, de Flavigny, in Frankfurt geboren (1805) und mit der Familie Bethmann verwandt. In ihren Memoiren schildert sie ihre in Deutschland verbrachte Kindheit. Sie blieb auch in Paris stets in lebhafter Beziehung zu Deutschland und zu Deutschen. Adolf Stahr und Fanny Lewald, die von Zeit zu Zeit zu längerem Aufenthalt er- 20* 308 Siebentes Kapitel. schienen, gingen sehr viel bei ihr aus und ein. Es mutete uns andere, die wir ganz nach Landessitte gewöhnt waren, direkt und indirekt sie nur als Madame d'Agoult zu bezeichnen, seltsam an, wenn Adolf und Fanny einmal über das andere vou der Gräfin in schmelzendem Tone sprachen — ähnlich wie Lassalle, der Volksmann, auch immer seine Gräfin im Muude führte. Bekanntlich hat Frau d'Agoult als Schriftstellerin unter dem Namen Daniel Stern eine reiche schriftstellerische Thätigkeit entfaltet. Sie rechnete sich zur republikanischen Partei. Ihr Hauptwerk ist eiue Geschichte der Revolution von 1848, das als zeitgenössische Darstellung nicht ohne Wert ist. Ich traf des öfteren mit ihr au Hartmanns Bett zusammen; gewöhnlich war sie vou ihren beiden Töchtern, Kosima und Blandiue (später Frau Ollivier) begleitet. Sie war eine imposante Erscheinung und trat sehr selbstbewußt auf. Ihre Memoiren, die auch lesenswert sind, können als Beleg zu beidem dienen, denn eine recht schmeichelhafte Schilderung ihrer körperlichen Vorzüge wird darin gegeben. Anßer diesen beiden Töchtern hatte sie von Liszt noch einen Sohn, Daniel genannt. Ihr wildeheliches Verhältnis zn dem großen Musiker hatte in der Zeit, da ich sie kennen lernte, schon sein Ende erreicht. Beide Teile hatten sich anderen Gottheiten zugewandt. Zu den nennenswerten Deutscheu, die damals viel bei Hartmann verkehrten, gehörte auch Alfred Meißner. Beide waren von Kindesjahren befreundet gewesen, zuerst in der böhmischen Heimat, dann bereits als liberale Preßflüchtlinge in Dresden und Leipzig verbrüdert, trafen sie zu jener Zeit wieder in Paris zusammen. Wie einst Hartmanns „Kelch und Schwert", so hatte Meißners „Ziska" dessen Dichterruf verbreitet. Ihre Namen wurden im Munde derer, welche sich an der jungen Freiheitspoesie der vierziger Jahre freuten, oft verbunden genannt, und ein entsprechend inniges Verhältnis hatte sich zwischen ihnen befestigt. Meißner war zwar kein auffallend schöner Mann, wie sein Busenfreund, aber immerhin eine angenehme, etwas zierliche Erscheinung, blond, mit zarter Gesichtsfarbe nnd rosigen Wangen. Er war in nahe Beziehung zn Heinrich Heine getreten, die er später anch litterarisch verwertete. Piiris. 309 Gerade in der Zeit, als ich Meißner bei Hartmann kennen lernte, trat übrigens allmählich zwischen den beiden eine gewisse Spannung ein, die immer schärfer wurde und schließlich zu völliger Entzweiung führte. Was die Ursache war, ist mir nicht mehr erinnerlich; ich meine, es waren Weibersachen. Hartmann verband mit seiner überlegenen äußeren Liebenswürdigkeit ein strenges Urteil, besonders in allen den Charakter berührenden Dingen. Hatte er einmal einen Menschen auf irgend einer Falschheit oder Unznverlässigkeit ertappt, so war er fertig mit ihm, und es gab keinen Pardon. Daß er an Meißners Charakter etwas Anstößiges entdeckt, fand nach vielen Jahren eine Beleuchtung in dem tragischen Ende des armen Meißner, der sich überflüssigerweise mit fremden Federn geschmückt hatte, obwohl er in sich Stoff genug hatte, seinen Mann zu stellen. Ich habe Meißner nach Jahren in Berlin als spät verheirateten glücklichen Ehemann einer jnngen Frau wiedergesehen, und mir so wenig wie irgend einem andern ahnte nur von fern, welche Last auf ihm lag. Es Hütte mir zu jener Pariser Zeit nahe gelegen, dnrch Meißner mich bei Heine einführen zn lassen. Aber Heine lag damals schon so schmerzlich krank darnieder, daß ich mir nicht getraute, ihn zu belästigen, da meine Person kein Interesse für ihn haben mochte. Ich bin nie ein Berühmtheitsjäger gewesen und habe es immer dem Znfall überlassen, mich mit Menschen, die mich interessierten, zusammenzuführen. Er hat mich auch gut darin bedient, aber uach dem Tode dieses oder jenes berühmten Mannes that mir's doch leid, daß ich dicht an ihm vcrübergegangen war, ohne ihn zu sprechen. Man hat eine unvergleichlich viel lebendigere Vorstellung von einem, dessen Stimme man gehört, mit dem man, wenn anch nur eiumal, persönlichen Gedankenaustausch gehabt hat. So habe ich es nicht verschmerzt, daß ich Heine, wie später Gustav Freytag, uie gesprochen habe, uud ich bin Berthold Auerbach zeitlebens dankbar geblieben, vaß er mich bestimmte, bei einem kurzen Aufenthalt in Darmstadt David Friedrich Stranß aufzusuchen. Die Zahl der fchriftstellernden Deutschen, namentlich ans der politischen Flüchtlingswelt, die bei Hartmann verkehrten, war 310 Siebentes Kapitel. natürlich unabsehbar. Die Österreicher besonders hielten zu ihm. Unter ihnen gehörte Johannes Nordmann und Kolaczek zu den bekanntesten. Nordmann war ein schwerfälliger Geselle, der sich besonders an Ludwig Pfau angeschlossen hatte, und im Punkt philosophischer Anpassung an eine problematische Existenzweise gut zu Pfau paßte. Er kam später, uach Wien zurückgekehrt, zu einer großen Stellung in der Presse und zum Vorsitz des angesehenen Vereins Konkordia. Ich habe mir nie erklären können, wie dies unfruchtbare Phlegma diesen Aufschwung nehmen konnte. Kolaczek, ehemaliges Mitglied des Frankfurter Parlaments, gab, wie schon oben erwähnt, eine Zeit lang eine deutsche Monatsschrift heraus. Er ging dann nach Amerika und konute später nach Wien zurückkehren, wo er zur Zeit des Italienischen Krieges in das Lager der österreichischen Regierung ging, ein offiziöses Blatt redigierte, und, wie Fröbel, mich wegen meines Eintretens für Italien mit persönlichen Verdächtigungen heftig angriff. Auch an Künstlern fehlte es nicht in diesem Kreise. Neben Heilbnth, der damals noch nicht den bedeutenden Namen hatte, zn dem er später gelangte, verkehrten hier die Deutschen Karl Müller und Henneberg, jener durch ein großes Bild, der Ausruf der in der Coneiergerie gefangenen Girondisten zur Hinrichtung, dieser durch seine „wilde Jagd" berühmt geworden; ferner der Berliner Güterbock. Sie sind später nach Deutschland zurückgekehrt. Sie waren damals alle jung und brachten zu dem Humor, der in unserer Gesellschaft vorherrschte, noch ihr besonderesKontingent der dem Atelier eigentümlichen Ausgelassenheit. An Bummelwitz war Heilbnth allen voran. Eines Tages sprach irgend ein dunkler Ehrenmann über die große Zahl der Sterbefälle der letzten Wochen recht salbungsvoll. Mit trockenem Ton siel Heilbnth ein: „Ja, ich fürchte, mit dem Sterben ist's überhaupt noch nicht zu Ende." Ein andermal unterhielt man sich über einem befreundeten Maler, der die Ehrenlegion zurückgewiesen habe. Heilbnth, der sie ebenerhalten hatte und darüber sehr vergnügt war, bemerkte: „Ja, wenn man die Ablehnung im Knopfloch tragen könnte, das wäre allerdings noch schöner." Als im Jahre 1857 der Erzbischof Sibour in der Kirche St.Etienne du Mout vou einem ehemaligen Priester am Altar erdolcht wnrde, redete eine fromme Dame Heilbnth mit schmerz- PnriS. 311 vollem Ausdruck darauf au: „Hns äitss-vous, monsisnr, äs os tsrribls attsutg-t?" — 6s ollkmes, erwiederte er einfach mit eiuem sanften Achselzucken. Hartmaun, der als schöner und liebenswürdiger Mann auch einer a konuss korwuss war, kam eines Abends spät in der Nacht in sein Nöwl xorÄws ins Leben rief. Sie war Polin von Geburt, ihre jüngere Schwester war die Gemahlin Ferdinand Hillers, des Paris. 313 Komponisten, Virtuosen und Kapellmeisters von Köln, wo sie erst im Jahre 1896 starb. Zwischen Ricard und Madame de Calonne bestand eine sehr intime Freundschaft. Das Bild von ihr ist ein uuübertreffbares Muster geistiger Personifikation und technischer Vollendung zugleich, eine sprechende Widerlegung dessen, was man sonst Realismus nennt, jener einseitigen naturalistischen Darstellung, die glaubt, man könne nicht wahr schildern, ohne den Geist auszutreiben. Man hat Ricard oft mit dem eine halbe Generation jüngeren Lenbach verglichen, und einige frühere Porträts Lenbachs, die auf der Pariser Ausstellung von 1867 figurierten, konnten zur Demonstrierung einer gewissen Analogie in der Farbenbehandlung dienen. Später hat sich Lenbachs Manier anders zugespitzt, indem sie den Charakter des Originals mit ungeheurer Wucht, aber auch Virtuosität auf einen einzigen Punkt konzentriert. Immerhin ließen sich eine Reihe gemeinsamer Züge angeben, welche dafür sprächen, daß jene damals besprochene Verwandtschaft nicht der Anhaltspunkte entbehrt. Beide Künstler verwenden die größte Anstrengung auf die Ermittlung und Reproduktion des seelischen Inhalts ihres Modells und verbinden damit die sorgfältigste Pflege der Farbenmischung. Bei Ricard ist das psychologische Verfahren diskreter und objektiver als bei Lenbach. Jener sucht aus jeglicher mit gleichmäßiger Liebe und Zartheit behandelten einzelnen Partie den Totalausdruck hervorzuzaubern; dieser sucht sich den springenden Punkt heraus und wirft sich mit Blitz uud Donner daranf. Er ist daher eigentlich der Maler der bedeutenden, man könnte sagen, der historischen Physiognomien. Für gleich- giltige Gesichter ist er nicht gemacht. Er giebt ihnen leicht mehr Charakter, als sie haben, und dadurch auch einen falschen. Nicht jedes Gesicht ist ein Charakterkopf. Daß ihm weibliche Porträts minder oft gelingen, hängt mit obigem zusammen, wozu noch kommt, daß überhaupt weibliche Porträts seltener ganz glücken als männliche. Wenn Ricards größtes Meisterstück das Bild der Madame de Calonne ist, so hat das vielleicht seinen Grund darin, daß sie eine höchst merkwürdige Fran war und das Gepräge ihres starken und komplizierten Naturells scharf in ihren Zügen ausgeprägt zu 314 Siebentes Kapitel. lesen war; dazu kam noch der dnrch den längeren intimen Umgang erschlossene Einblick in das Innere. Das zweitbeste Frauenporträt, das Ricard gemacht hat, ist das einer Madame Sabatier, die nichts mit der obgenannten Familie gleichen Namens gemein hatte. Sie war die Maitresse eines Bankiers Mosselmann und eine hervorragende Schönheit. Das Bild stellt sie wundervoll in einem roten Sammetkleide mit einem Schooßhündchen auf dem Arme dar. Was Ricard ferner mit Lenbach gemein hat, ist eine tief durchdachte Farbentechnik, auf ein langjähriges peinliches Studium der alten Meister begründet, und wahrscheinlich hängt mit dieser Vorliebe zusammen, daß beide Maler mit idealer Hingebung alte Meister kopiert haben. Ricard hat z. B. Kopien von Clande Lorrain in großer Zahl gemalt, die mit dem Original wetteifern können; Lenbachs ähnliche Leistungen sind aus der Schackscheu Sammlung bekannt. Man weiß, daß Lenbach, namentlich in späterer Zeit, die Nebensachen einschließlich der Hände oft stark vernachlässigt hat. Bei Ricard äußerte sich dieselbe Richtung in der Weise, daß er es wo möglich vermied, mehr als Brustbilder, ohne Hände, zu macheu. Er scheute vor der Konkurrenz der Nebensachen, die den Blick ablenken, nnd namentlich die Kolorierung der Hände thue dem Kolorit des Gesichts Eintrag. Wenn man ein Kniestück haben wollte, mußte man mit ihm lange darüber streiten. Mehrmals kam es vor, daß er sich darauf eingelassen und das Bild nach dem Wunsch des Bestellers beinahe vollendet hatte, und dann mit einemmale zerstörte er es, indem er erklärte, es gehe doch nicht, und man müsse zum Brustbild zurückgreifen. Aber was dargestellt wurde, war dann Gegenstand der zärtlichsten Behandlung und in seiner Weise ebenso geistig durchdrungen wie das Gesicht. Über die kleinste Farbenmischung konnte er Monate lang brüten; er sprach von Vermillon oder von Bitnme wie von heiligen Weihegaben. Unendlichen Scharfsinn wandte er darauf, den alten Meistern in ihren Farbenbehandlungen nachzugrübeln. Dann kam er manchmal ganz beglückt aus dem Louvre, wo er au einem Correggio oder Tizian endlich die Art der Grundierung entziffert zn haben glaubte. Viel Kopfzerbrechen machte ihm auch die Paris. 315 richtige Farbe eines Hintergrundes. Manchmal ließ ihm ein Bild keinen Augenblick Ruhe, wenn er nicht sicher war, das Entsprechende bei einer Arbeit getroffen zu haben; mitten in der Nacht stand er auf, und bei der Lampe stellte er neue Versuche an. Ich kann sagen, daß ich erst von ihm sehen gelernt habe und überhaupt erst entdeckte, wie das Auge, das Sinneswerkzeug im strengsten Sinne, das Geheimnis des Künstlers ist. Aus der Art, wie er ein Bild beschrieb, wurde mir klar, wie ein Künstlerauge betrachtet. Diese substantielle Auffassung tritt hier um so charakteristischer auf, weil, wie schon angedeutet, der Künstler selbst eine außerordentlich feingeistige Organisation war und so viel Nachdruck auf die intellektuelle Behandlung seiner Aufgabe legte. Ricard war einer der feinsten Köpfe, die mir im Leben vorgekommen. Das gilt auch von seiner äußeren Erscheinung. Er war ein schöner Mann in des Wortes bester Bedeutung; nichts vom döl komme. Die Kopfform, im Gegensatz zur runden französischen, war ausgesprochen länglich oval; um einen edel gebildeten Muud uud in sanften braunen Augen schwebte immer ein sanftes, bescheidenes Lächeln. Die Gestalt war schlank aufgeschossen, ein klein wenig nach vorn geneigt, die Hände und Füße lang und schmal. Ein tonvolles, doch mildes Organ hatte einen leisen Anklang an den Marseiller Aecent behalten, was der oft schelmischen Redeweise noch einen eigentümlichen Reiz verlieh. Er hatte ein reges litterarisches Interesse, das zuuächst in seinen langen italienischen Studienjahren sich mit der Sprache uud Litteratur dieses Laudes bekannt machte. Später dnrch seinen Umgang mit uns Deutschen kam ihm auch die Lust zu unserer Sprache, und er suchte sich namentlich dnrch Lektüre Goethescher Poesie ein wenig hineinzuarbeiten. Sein besonderes Wohlgefallen faud er am Faust, uud er liebte besonders den Anfang der Widmung aufzusagen, den er auswendig gelernt hatte. Allem sozialen Konventionswesen war er abhold; er ging beinah niemals in größere Gesellschaften nud behandelte es als ein kleines Unglück, wenn er einmal hinein mußte. 316 Siebentes Kapitel. Er war aus einer sehr katholischen Familie, und wie den meisten Franzosen war ihm im Grunde der Seele, bei sonst philosophischem Deuken, ein Stück kindlicher Anhänglichkeit an die Kirche zurückgeblieben. Auch die schon erwähnte spezifisch französische Art schwärmerischer Zärtlichkeit für seine alte Mutter gehörte zu seinem Wesen; die Korrespondenz zwischen Mutter und Sohn, in die ich manchmal Einblick bekam, war rührend. Für die Unterhaltung im Freundeskreise hatte er sich nach und nach einen eigenen Jargon gebildet, der aus allerhaud bildlichen Stichworten, namentlich zn künstlerischen Definitionen, zusammengesetzt war. Seine guten Bekannten nnd die Getreuen des Ateliers hatten ihren Spaß daran und waren darauf eingeschult. Kam aber einmal ein Uneingeweihter und namentlich ein prosaisch verständiger Alltagsmensch hinzu, so ward ihm etwas unbehaglich bei dem Versuch, zu verstehen, und kopfschüttelnd ging er weg, als wollte er sagen: Mit dem ist's im Oberstübchen just nicht richtig. Große Stücke hielt er ans seinen älteren Frennd, den Maler Chenavard, zn dem er verehrungsvoll ausblickte, obwohl dieser mit seinen Leistungen lange nicht so durchdrang wie sein jüngerer Freund. Über Chenavard habe ich in der Nation (No. 39, vom 29. Juni 1895) ausführlicher gesprochen, und ich glanbe am besten zu thun, wenn ich das damals Gesagte wörtlich hier einfüge. Denn auch das nicht streng auf Chenavard bezügliche trägt zur Illustration meines Lebens in Frankreich und der damals herrschenden Atmosphäre bei. Der Artikel erschien nnter der Überschrift: Mein Frennd Chenavard bei Gelegenheit seines Todes (Ricard war schon 1873 gestorben) uud lautete wie folgt: Das Geschlecht, welches nach dem Kriege heranwuchs, wird sich nie eine Vorstellung machen von dem angenehmen Verhältnis, welches in Paris zwischen gebildeten Deutschen und Franzosen bestand. Liest einer von uns Alten jetzt z. B. die Tiraden, welche jüngst in der französischen Kammer und gar in der Presse aus Anlaß der Kieler Feste losgelassen wurden, so fühlt sich in ihm der menschliche Geist gedemütigt durch den Paris. 317 Einblick in die Hinfälligkeit alles dessen was ihn ausfüllt und ihm Wert zu geben scheint. Man muß sich allerdings hüten, die Ideen einer Nation nach den Reden ihrer Parlamente oder gar nach den Artikeln ihrer Blätter zu beurteilen. Sie geben nicht selten nur das Mindestwerte, besonders wenn es unter der Fahne des Patriotismus einhermarschiert; denn eben weil diese Flagge alles deckt, wird sie am meisten mißbraucht. Freiheit, sagte einst jene, wie viel Verbrechen werden in deinem Namen begangen! Vaterlandsliebe, könnte man auch sagen, wie viel Abgeschmacktheiten werden in deinem Namen vorgetragen! Der öffentliche Geist, d. h. der, welcher sich ans der Parade zeigt, hat sich nicht nnr in Frankreich, sondern auch bei uns seit dem Kriege verändert, und das konnte gar nicht anders sein. Wenn des angenehmen Verhältnisses gedacht wird, das ehedem zwischen den Gebildeten der beiden Nationen bestand, so ist auch nicht das der Massen, welches an die Oberfläche tritt, gemeint, sondern das intimere der zehntausend Oberen höherer Kultur. Verhältnis der Massen zu einander kann überhaupt nur als feiudliches bestehen, aus lange angesammelter Erinnerung an Kriegsleiden, die die Massen empfanden. So war es in Norddeutschland nach der napoleonischen Herrschaft; so hatten sich in Frankreich bis um die Mitte dieses Jahrhunderts feindselige Gefühle gegen England erhalten als Nachwirkung der um viele hundert Jahre zurückliegenden Invasionen von jenseits des Kanals, des langen Krieges, den die Engländer auf französischem Gebiet geführt hatten. Erst der Haß gegen die Deutschen hat die Antipathie gegen die Engländer abgelöst. Ich ennnere mich, daß in den fünfziger Jahren ein gebildeter Mann, ein hoher Beamter, einmal bei Gelegenheit zu mir sagte: „Wenn es gegen England losgeht, nehme ich selbst noch die Mnskete ans die Schulter uud ziehe" mit." Die deutscheu Einmärsche von 1814 uud 1815 waren zu kurz gewesen uud zu territorial beschränkt, um solche Eindrücke zu hinterlassen. Wehe thun kann eiue Nation der anderen, indem sie den Krieg in ihr Land trägt uud jedem einzelnen das Übel fühlbar macht. Aber Wohlthaten können sie einander selten ins Land bringen. Auch haben die Menschen bekanntlich für empfangene 318 Siebentes Kapitel. Wohlthaten kein so gutes Gedächtnis wie für erlittene Mißhandlung. So betlageu sich ja die Franzosen darüber, daß die Italiener ihnen ihre Befreiung vom österreichischen Joch so rasch vergessen hätten. Mau könnte die russischen Sympathien des heutigen Frankreichs als Gegenbeweis vorbringen. Aber diese Nnsseufreuudschast ist doch nur eiue auempfuudeue, eine interessierte Koketterie. Die Muschiks wissen jedenfalls nichts davon. Ich glaube mich nicht zu täuschen, weun ich meine, daß um die Mitte des Jahrhunderts bis zum Krieg die Deutschen in Frankreich, oder, was dasselbe ist, in Paris die beliebtesten Ausländer unter den Gebildeten waren. Deutsche Wissenschaft hatte feit dem Eude der Restauration einen wachsenden Einfluß gewonnen. Mit dem Philosophen Cousin ungefähr hatte es angefangen, dann kam die deutsche Philologie, besonders in ihrem romanischen Zweig, dann die Theologie und Geschichte. Eine ganze Gruppe berühmtester Männer war mit deutscheu Studien genährt und deutschem Geist zugethan Man braucht nur zu erinnern an Gaston Paris, Neuan, Taine, Edmond Scherer. Die deutscheu Gelehrten und Litteraten, welche in Massen nach Paris wanderten und für die gute Ausnahme dankbar waren, trugen das ihre dazu bei, das gegenseitige Wohlgefallen warm zu halten. Sie fanden auch in höheren Staatsanstellungen willige Aufnahme. Man hatte beinahe noch einen Vorsprung, wenn man ein Deutscher war. Nicht so stand die Sache in den Kreisen der Kunst. Die Deutschen, welche anch hier freundlich aufgenommen wurden, brachten nichts von der Heimat mit, sondern bildeten sich nach den Franzosen und mit vollem Recht. Winterhalter, Knans, Henneberg, Karl Müller, Heilbutt), Heinrich Lehmann, Schlesinger entfalteten ihr Talent im Schooße der blühenden Malerschulen der Jnlimouarchie uud des zweiten Kaiserreichs. Die französische Knnst lernte nichts von ihnen und hatte nichts von ihnen zu lernen. Nur mein Freund, der Maler Panl Chenavard, machte darin eine Ausnahme, uud das ist vor allem der Grund, warum ich ein wenig von ihm erzählen will. Er hatte viel Deutsches in sich ausgenommen und viel Deutsches geliebt und verarbeitet. Dabei war er durch und durch Franzose, was nicht erst bewiesen zu werden braucht, wenn man erfährt, daß er in Lyon geboren war. Und zwar im Jahre 1807. Erst im April 1895 ist er gestorben, beinahe 83 Jahre alt. Als ich ihn kennen lernte, Ende der fünfziger Jahre, stand er in der vollen Manneskraft. Eine gewaltige Figur, wie man sich einen Senator des alten Roms vorstellt, hochstämmig, starkknochig, breite Schultern, auf denen ein gewaltiger Kopf saß, eine Denkerstirn unter einem Wald schwarzer Haare, eine starke, mäßig gebogene Nase, ein dichter, etwas wildwachsender Bart, ein ironisch lächelnder Mund, große Hände, die in breiten Gestikulationen die Gedanken kommentierten, — das Ganze eine imposante und anziehende Erscheinung, nicht gerade vernachlässigt in der Kleidung, aber auch nichts weniger als geschniegelt. Das einzige, was bei der ersten Begegnung unschön an ihm wirkte, war sein Organ. Von einer Krankheit des Kehlkopfes war eiue dauernde Heiserkeit zurückgeblieben. Man gewöhnte sich daran, besonders da die Übung nicht fehlte, denn er gehörte zur Spezies, die man in unsrem Kreise die Monologisten nannte, d. h. solche, die stets so viel zn reden haben, daß sie einen zweiten nicht neben sich aufkommen lassen. Sein Hanptrival war der Mathematiker und Astronom Babinet, ein bedeutender Gelehrter, oberster Leiter des Lursau äss ehemaliger Artillerieoffizier und nebenbei fenille- tonistischer Schriftsteller, der die ergötzlichsten Plaudereien über wissenschaftliche Themata ins Journal ciss Debets schrieb. Wenn Chenavard und Babinet am selben Tisch oder im selben Salon zusammen waren, so gab es einen interessanten Kampf um das Alleinreden. Vou dem, welcher dauu fprach, sagten die umstehenden Freunde: wenn er niest, ist er verloren; nnd sie wollten wissen, daß einmal, als Chenavard monologierte nnd plötzlich vom Niesen befallen wurde, er schnell die Hand gegen Babinets Gesicht ausstreckte und diesem so lange den Mund zuhielt, bis er mit Niesen fertig war. Kam Babinet ins Reden, so fah und hörte er nichts um sich her. Eines Tages machten sich seine Frennde den Spaß, ihm bei einem üppigen Gastmahl in drei auseinander folgenden Gängen dieselbe Speise anbieten zn lassen, während für die übrigen die regelmäßige Folge der 320 Siebentes Kapitel. Gerichte innegehalten wurde. Unser Babinet verzehrte mit Lust, unter sortlaufenden Erzählungen, dreimal das nämliche. Ganz so philosophisch war Chenavard zwar nicht, aber er hatte doch einen starken Grundzng von Gleichgiltigkeit gegen die landläufigen Genüsse. War Babinet etwas von einem Cyniker, auch im Aussehen, so kam Chenavard mehr aus den Stoiker hinaus. Er war reich von Hause aus, und nicht geringe Einkünfte wurden ihm regelmäßig aus der Heimat zugeschickt. Eines Tages kamen wir daraus zu reden, und er sprach von seinem Bankier in Paris, bei dem er die ihm zugesandten Gelder niederlegte. Ich fragte ihu nach dem Namen des Bankiers. Ganz ruhig, als wäre das selbstverständlich, antwortete er mir: den Namen weiß ich nicht, aber ich weiß das Haus in der ins ciu Lao zn finden, wo der Mann sein Geschäft hat. Er selbst wohnte in einem über die Maßen bescheidenen Gemach im vierten Stock eines alten Hauses auf dem linken Ufer der Seine. Nach Naturgenuß hatte er gar kein Bedürfnis. Nichts schien ihm drolliger als die Leute, welche fpazieren gehen. Es war zum Totlachen, wie er mir einmal eine Szene aus diesem Kapitel zum besten gab. Eines Tages habe er ruhig uud verguügt in seinem vierten Stock gesessen; da sei plötzlich ein Freund gekommen und mit Vorwürfen über ihu hergefallen. Bei einem so herrlichen Wetter säße er zu Hause, das sei empörend, nun aber müsse er hinaus und ihn auf dem Spaziergang begleiten; da half kein Widerstand, und nun ging es unaufhaltsam fort, über die Brücke nach den Tuilerien und von da weiter in die Elysäischen Felder. Und was weiter? Da schritten wir nun neben einander her, und die Menge rechts und links, und der Frennd rief einmal nach dem andern aus: „alr Hn'il lait bsau, ab Hn'il tait Uud das war alles, und sonst kouute ich nichts eutdeckeu. Das war seitdem mein letzter Spaziergang; ich hatte genug davon. Mau denkt bei solcher Empfindnugsweise an das Wort der Fran von Stasl, die sich mitten in der herrlichsten Natur uach der Gosse der I'US clu Lao zurücksehnt. So war auch die Freundin Chena- vards geartet, Madame Zaubert, die Freundin Mussets und Heine's. Weder zu Fuß uoch zu Wagen war sie in den zwanzig Jahren, die ich sie kannte, auch nur ins Bois de Bonlogne zu Paris 321 bringen. Die Gesellschaft, der geistige Verkehr füllten vollkommen diese Existenzen aus. Es war ein Spiritualismus in seiner Art, wenu auch von Ungläubigen. Bei den Malern kam noch etwas Besonderes zur Unterschätzung des Naturgenusses hinzu, nämlich bei den Malern des Menschlichen. Sie sahen auf die Landschaftsmaler wie auf Kameraden zweiter Ordnnng hinab. Ob Paul Chenavard ein großer Maler war, vermag ich weder zu bejahen, noch zu verneinen. Die Stimme der Gesamtheit, welche die Künstler klassifiziert, hat ihm keine Stellung angewiesen, schon deshalb, weil er mit seinen Werken nie deutlich und dauernd vor sie hingetreten ist. Die jüngeren Kollegen, die seine Kritik fürchteten, wollten ihn mehr als Philosophen, denn als Künstler geehrt wissen. Aber er war jedenfalls nicht nur ein künstlerischer Philosoph, sondern anerkanntermaßen der erste Kunstkenner unter allen. Wenn man mit Sicherheit erfahren wollte, ob ein altes Gemälde echt oder falsch, und von welchem Meister es wäre, so wurde Chenavard herbeigeholt, und sein Urteil galt als der Spruch der letzten Instanz. Seine philosophische Richtung führte ihn schon in jungen Jahren deutschen Einflüssen zu, und die allegorischen Aufgaben, welchen er seine Lebensarbeit — etliche Freundschaftsporträts abgerechnet — zuwendete, tragen das Gepräge der alten Münchener Schule. Wie er mit dieser zusammentraf, schilderte er öfter im Gespräch. Zuletzt hat er noch kurz vor seinem Ende einem jüngeren Frennde*) davon erzählt, der ihm im „Temps" vom 14. April 1895 einen umfangreichen, außerordentlich schönen Nachruf widmete. Da diese Wiedergabe meinem eigenen Erinnern an längst verklungen? persönliche Mitteilungen einen festen Halt giebt, thue ich am besten, ihr zu folgeu. Chenavard erzählt: Im Jahre 1827 lebte ich in Rom. Raphaels Stanzen erweckten in mir den Gedanken, daß die Geschichte der menschlichen Entwicklung im Lichte unserer Zeit noch erst malerisch darzustellen sei. Raphael hatte in seiner Dispnta, in dem Parnaß, in der Schnle von Athen unr die Geschichte des menschlichen Geistes versinnlicht. Es blieb *) Herr Thiebciult-Sisson. Bambergers Erinnerungen. 21 322 Siebentes Kapitel. noch Übrig, die Geschichte der Menschheit selbst vorzuführen. Die großen Stufen dieser Entwicklung darzustellen, die Reihenfolge der religiösen und philosophischen Wandlungen; dies war mein Plan von lange her, als ich viel später, im Jahre 1848, auf Grund vielfacher Vorarbeiten zur Ausführung schritt. — Und das alles nur auf Anregung von Raphael hin? warf der Hörer fragend ein. — Nicht doch, es kamen noch andere Einflüsse hinzu. Seit meinem ersten römischen Aufenthalt hatte ich mit zwei deutschen Malern Freundschaft geschlossen, die in der Knnst nicht einen Selbstzweck, sondern eine Ausgabe sahen, indem sie die höchsten religiösen und historischen Ideen durch sie zum Ausdruck zu bringen suchten. Es waren Overbeck und Cornelius. Jeder von beiden, ungefähr vierzig Jahre alt, in der vollen Reise seines Talentes, das schon bedeutendes geleistet hatte. Overbeck, christlicher Mystiker, gab der ganzen Weltgeschichte ihren Mittelpuukt im Katholizismus. Um sich ganz davon zu durchdringen, ließ er sich dauernd in Rom nieder. Cornelius, der anfänglich auf diese Ideen eingegangen war, trennte sich dann von ihm, kehrte in seine Heimat zurück und machte sich an die malerische Darstellung der deutschen Legende und Dichtung. Er hatte aber deswegen nicht aus die religiöse Kunst verzichtet. In dem Zeitpunkt, da ich seine Bekanntschaft machte, war er wieder nach Rom gekommen, um sich von neuem am Studium der alten Meister zu schulen und einen großen Karton des Jüngsten Gerichts zu entwerfen. Overbeck und Cornelius, denen ich von meinen Plänen gesprochen, bestärkten mich darin aufs eifrigste. Ihre Unterhaltung, ihre Ratschläge freundschaftlichster Art wurden mir sehr kostbar. Dank ihrer Vermittlung genoß ich auch den Vorteil, durch einen ihrer Freunde, der in Rom erschien, belehrt zu werden; dies war der Philosoph Hegel. Es sind fast siebenundsechzig Jahre, daß ich mit diesem großen Manne zum erstenmal zusammentraf, aber ich erinnere mich aller Einzelheiten noch so genau, als wäre es gestern geschehen. Ich ging mit Cornelius auf dem Pincio spazieren, als uns ein kleiner Herr entgegentrat, der in einen weiten hellgrauen Überwurf mit drei oder vier übereinander abgestuften Krägen gehüllt war. (Carrick im französischen, nach Pciris. 323 dem englischen Schauspieler Garrick genannt.) Auf dem Kops trng er einen ebenfalls grauen Hut, der nur auf dem Wirbel saß, wie der Fez eines Zuaven, und sich nur auf wunderbare Weise im Gleichgewicht hielt. An seiner Seite giug ein hochgewachsener blonder junger Mann, sehr schüchtern, aber vornehm aussehend. Cornelius klopfte mir ein wenig auf die Schulter, indem er mich zu Hegel hinschob und sagte: „Ich stelle Ihnen hier einen jungen Franzosen vor, der einen philosophischen Geist besitzt; ich stelle ihn Ihnen als einen Franzosen vor, der wert wäre, ein Deutscher zu sein." Und dann sich nach dem jungen Mann hinwendend, bezeichnet er ihn als Herrn Goethe, den Sohn. Ich hatte das Glück, den Philosophen während seines fünfwöchentlichen römischen Aufenthaltes des öfteren zu sehen. Ich sprach ihm von meiner Idee. Er billigte sie; er erteilte mir einige Winke über die Weise, in welcher gewisse geschichtliche Perioden am besten zu versinnlichen wären; er erteilte mir sogar eine ganz bestimmte Anleitung, die ich fpäter in einem meiner Kartons im Pantheon ausgeführt habe. Nämlich: Am Fuß des Louvre stehen die Helden der Revolution und des Kaiserreichs znsammengedräugt. Vermengt mit den Grenadieren der großen Armee, die das Gewehr präsentieren, salntiren sie Napoleon, der in die Barke steigt, wo Alexander, Cäsar und Karl der Große ihn erwarten, um ihn zur Unsterblichkeit einzuführen. Der Todesengel schwebt über der ganzen Szene und mäht erbarmungslos alle diese Ruhmesgestalten nieder. Die Liebe, die ihm im Fluge folgt, streut mit ihren Händen den Samen aus, aus welchem die neuen Geschlechter ausgehen werden. Ich lasse hier die Erzählung abbrechen, weil es nicht in meiner Absicht liegt, in das einzelne der weiteren Lebensgeschichte des Künstlers einzugehen. Als die Februarrevolution des Jahres 1848 die Monarchie stürzte, sah er den Zeitpunkt gekommen, seinen Entwürfen die richtige Stätte zu bereiten in dem Pantheon, welches, unter der Restanration wieder der Heiligen Geuoveva zurückerstattet, von Ludwig Philipp allen Glorien Frankreichs mit feinem heidnischen Namen von neuem gewidmet war und jetzt in freigeistigem Sinne dekoriert werden sollte. Ledru-Rollin und 21* 3Z4 Siebentes Kapitel. Charles Blanc, der Bruder des Historikers, Direktor der schönen Künste, gingen auf den Plan ein. Eine lange Reihe von Kartons, in bräunlichem OamAisu, sollten ringsumher an den Wänden allegorisch die Menschheitsentwicklung darstellen. Jedem Bild entsprechend sollte eine Mosaik in Grisaille am Boden sich anschließen. Der Staat räumte dem Meister ein Atelier im Lonvre ein. Aber über der Ausführung brach die zweite Republik zusammen. Und damit war auch Chenavards Werk begraben. Das Kaiserreich gab der Heiligen Genoveva abermals ihren Tempel zurück. Außerdem regte sich klerikale, aber auch künstlerische Gegnerschaft. Letztere schrieb Chenavard hauptsächlich dem Umstand zu, daß er für seine Arbeit keinen Lohn vom Staat haben wollte. Schon unter der Republik sei eine von Malern unterzeichnete Liste herumgegangen, die verlangten, daß der Auftrag zurückgezogen werde. Horaee Veruet selbst habe die Eingabe entworfen und an erster Stelle unterzeichnet. Vernet, so erzählt Chenavard, hatte sein Atelier, gleich mir, im Lonvre. Wir mieden uns, da wir einander nichts Liebenswürdiges zu sagen hatten. Eines Tages stießen wir aber doch auf einander, und man mnßte sich grüßen. Ich ergriff die Gelegenheit, meinem Nachbar die Meinung zu sagen. Er antwortete mir, daß ich die Kunst herabsetze, indem ich unentgeltlich arbeitete. — Also, erwiderte ich, hat auch Michel Angelo die Knust herabgesetzt, indem er das Jüngste Gericht ohne Bezahlung malte, er hat nie einen Son dafür bekommen. — Ich schere mich den Teufel um Michel Angelo, fuhr Vernet darein. Meine Malerei soll man mir bezahlen. Sie verderben das Handwerk, um so schlimmer für Sie. Eines der Hauptstücke des Gesamtwerkes war ein Bild, welches Chenavard „die göttliche Tragödie" nannte. Es versinn- lichte, wie der Reihe nach eine Religion die andere verdrängt, von der indischen und egyptischen durch die heidnischen der Griechen und Germanen bis zum Christentum, das wieder der Philosophie weicht. Das Christentum, in edler Auffassung, bildet den Mittelpunkt des Gemäldes, das später, in vollen Farben ausgeführt, in einer Pariser Ausstellung figurierte und anch einmal in München ausgestellt war. Eine kleine Photo- Paris. 325 graphische Reproduktion mit einer Widmung des Künstlers ziert noch heute mein Arbeitszimmer und rust mir all die guten Stunden zurück, die ich eiust mit ihm verplauderte. Er konnte mit aller Lebhaftigkeit des Südfranzosen seine Ansichten über ästhetische Fragen auseinander setzen, und es war doch etwas von deutschem, spekulativem Geist darin. So war er, ohne vas Wort Goethes von der Beschränkung, in der sich der Meister zeigt, auf die Formel gekommen: eines der großen Geheimnisse der Kunst sei die Einsicht in die Notwendigkeit des Opferns: saoriüos sst un äss grauäs ssorets cls 1'g.rt. Sein Sinn für deutsch-philosophische Denkweise war, was mir am meisten seine Freundschaft eintrug. Gleichwohl verstand er kein Wort Deutsch, so wenig wie der Philosoph Caro, der schöne Lieblingsgelehrte der Damen (das Vorbild des Professors in Paillerons Komödie: „Die Welt, in der man sich langweilt"), der ein gar nicht übles zweibändiges Bnch über Goethe geschrieben hat. Köstlich war, wenn Chenavard und Ricard schilderten, wie sie einst eine gemeinsame Reise den Rhein herauf machten. Ricard galt für den des Deutschen Kundigen, und seine Meisterschaft kam besonders zu statten, weuu es sich ums Zahlen handelte. Da füllte er feiue Haud mit Kleingeld, reichte sie fragend dem Empfänger hin und sagte: Li ül? (Soll heißeu: wie viel?), dem andern überlassend, sich das Verlangte selbst zu nehmen. Heutzutage ist das anders. Die Zahl der jungen Franzosen, die gnt Deutsch können, ist sehr groß. Da ist es umgekehrt gegangen wie in der Parabel. Was die Sonne der Freundschaft nicht fertig brachte, das gelang dem Stnrmwind der Feindschaft. Eine zärtliche Freundschaft verband Chenavard mit Rossini. Es war nicht sowohl ein Gegensatz, in dem die beiden interessanten Geister zusammenklangen, als ein Akkord weit auseinanderstehender Töne. Hier der ernste, grübelnde, nie ans Ziel gelangende Stoiker, dort der heitere, beruhigte Epikuräer, der sich schon im frühen Mannesalter fröhlich und befriedigt auf seine Lorbeeren niedergelegt hatte und sich seit langen Jahren im Genuß seines Ruhmes in Paris sonnte. Kein Ort der Welt ist so dazu geschaffen, solchen Besitz zu verschönen. Die Stadt hatte Rossini eine Villa im Bois de Boulogue geschenkt, uud 326 Siebentes Kapitel. Chenavard hatte sie ihm im Innern ausgemalt. Im Winter wohnte Rossini in der Chaussse d'Antin in meiner nächsten Nachbarschaft. Unsere Wege kreuzten sich beinahe täglich, und immer erfreute ich mich an dem Bilde breiter, gesättigter Behaglichkeit, das an mir vorüberwandelte. Kein römischer Senator, eher ein neapolitanischer Komiker; das wohlgenährte Schmerbäuchlein mit einer bunten Sammetweste bedeckt, auf der eine dicke goldene Uhrkette lagerte; in dem freundlich glänzenden Antlitz stets ein Zug gutmütiger Ironie. Er sprudelte von Bonmots, und wer ihn kannte, wußte davon stets neu erlebte auszugraben. So auch Chenavard. Eine merkwürdige Geschichte jedoch hat er mir nie von ihm erzählt, die ich im oben erwähnten Nekrolog des „Temps" finde, und die so interessant ist, daß ich mir nicht verzeihen würde, sie hier nicht wiedergegeben zn haben. Rossini erzählt von einer Reise, die ihn im Jahre 1822 nach Wien führte, wo er Beethovens Bekanntschaft machen wollte. Beethoven war zwar nicht Rossinis Ideal, sondern Mozart. Auch darin kennzeichnete sich die Schattierung der beiden Freunde, daß Chenavard das ernste Genie dem heiteren vorzog, während der andere behauptete, Beethoven sei nicht im stände, eine einzige wahre Melodie zu finden! Dennoch stellte er ihn sehr hoch und bat Salieri, die Bekanntschaft zu vermitteln. Nun erzählt Rossini: Die Wohnung, in die wir eintraten, war klein und schmutzig. Alles atmete Unordnung und Dürftigkeit, und ich fühlte mich beklommen. Ach, mein armer Gioacchino, sagte ich zu mir im stillen, mach die Augen auf! Da bist du bei einem Mann, der sicher viel mehr Genie besitzt, als du je haben wirst, und dieser Mann lebt in solchem Eleud! Laß dir das zur Lehre dienen. Wir gelangten in das Gemach, wo Beethoven sich befand; ich sah vor mir einen Mann von gedrungener Gestalt, mit gerötetem Antlitz, mit unruhigem, finsterem Blick, der aufstand und auf uns zukam, ohne ein Wort zu äußern. Ich wußte von seiner Taubheit und schrie ihm ins Ohr: Meister, ich komme, um in Ihnen den Nachfolger des größten Musikers, der je gelebt hat, Mozarts, zu begrüßen. Beethoven sah mich starr an, nud allem Anschein nach, um sich Paris. 327 an Salieri zu rächen, der ihn genötigt hatte, mich zu empfangen, schrie er mit fürchterlicher Stimme: Wie? Sie nennen sich einen Bewunderer Mozarts nnd Sie lassen sich von dem begleiten, der ihn vergiftet hat? — Salieris Gesicht verzerrte sich. Da ich meines Teils keine Ahnung davon hatte, daß man Salieri eines solchen Verbrechens verdächtigt hatte, so glaubte ich, Beethoven sei verrückt geworden; ich faßte meinen Landsmann unter den Arm, um ihn fortzuziehen. Aber er schrie den anderen an: Wie, Meister, Sie glauben an solche Gerüchte! — Sicherlich! erwiderte Beethoven mit bissigem Lächeln. Salieri drehte sich nach mir um und sagte: Höre, Rossini, sehe ich aus wie einer, der seinen Nebenmenschen vergiftet hat? — Und er sah so komisch in seiner Verdutztheit aus, daß ich mir nicht versagen konnte, zu erwidern: Wenn Du nur Deine Physiognomie hast, um Dich zu verteidigen, so haft Du Dir einen schlechten Anwalt genommen. — Ich suchte dann das Gespräch durch einige Scherze wieder zu beleben. Aber vergeblich. Salieri blieb mürrisch, und nach einigen Phrasen verfiel Beethoven wieder in sein ernstes Schweigen. Damit war die Sache zn Ende. Dies der Bericht. Seit dem Jahre 1867, wo ich Paris verließ, um nach Deutschland uud zur aktiven Politik zurückzukehren, hörte natürlich mein regelmäßiger Verkehr mit Cheuavard auf. Durch unsere gemeinsame Freuudiu, Karoline Zaubert, ließ er mir schreiben, er billige meinen Entschluß, vorausgesetzt, daß ich verstünde, mich vom Ehrgeiz frei zu halten. Dieselbe Vermittlerin berichtete mir, daß 1870 während der Belagerung, Chenavard nnd mein anderer Freund, der Historiker Lanfrey, die ihren Dienst als Nationalgardisten auf den Wällen thaten, bös auf mich zu sprechen waren. Das war ja ganz in der Ordnung. Aber nach den ersten Jahren machte es sich doch wieder auch bei ihm ganz und gar. Als bald nachher Lanfrey Gesandter in der Schweiz wurde, schrieb er mir nach Berlin, unsere Freundschaft solle unberührt bleiben, aber so lange Elsaß-Lothringen als Speer in der Wunde Frankreichs stecke, könnten wir uns nicht wiedersehen. Doch als ich im Jahre 1874 wieder zum erstenmal nach Paris kam, war er einer der ersten, die mich aussuchten, und das alte herzliche Ver- 328 Siebentes Kapitel, hältnis wieder aufnahmen. Ebenso ging es mir mit Chenavard. Zum letztenmal besuchte ich ihn im Herbst 1893. Das hohe Alter fing an, auf ihm zu lasten. Er ging nicht mehr aus. Aber seine Sinne waren noch gut und sein Geist lebendig. Er ließ sich über Deutschland von mir erzählen; wie alle Franzosen heutzutage interessierte ihn besonders die Psychologie unseres jungen Kaisers. Wenn man so manchen öffentlichen Meinungswechsel erlebt hat, imponiert einem der jeweilig herrschende nicht über die Maßen. Lese ich z. B. die Tiraden über den gemeinsamen Einzug der französischen und russischen Schiffe in Kiel, so erinnere ich mich an die Gerichtssitzung im Justizpalast an der Seine, in den mich der feurige Republikaner Emanuel Arago eingeführt hatte, um seine begeisterte Verteidigungsrede für Bere- zowsky, den Urheber des Attentats aus Kaiser Alexander II., zn hören. Und wer hätte noch vor einem Jahrzehnt für möglich gehalten, daß die Wnt gegen Richard Wagner dahin umschlagen könnte, daß Frankreich der Boden des größten Triumphes würde, den er je in der Welt gefeiert hat! Jüngst besuchte mich in Berlin ein französischer Gelehrter, einer der ersten unter seinesgleichen. Er widmet sich ganz besonders der studierenden Jugend. Wir besprachen natürlich das ewige Thema: das Verlangen nach der Revanche. — In der neuesten Zeit, sagte er, hat sich's bei der jüngeren Generation entschieden abgeschwächt, „il a rme ästsnts". Aber, setzte er alsbald hinzu, als ich kürzlich dabei war, wie Truppen nach Madagaskar eingeschifft wurden, und sah, mit welch frenetischem Jubel die Bevölkerung selbst auf diesen unbedeutenden Kriegszug die?ioupious (jungen Soldaten) entließ, wurde mir doch wieder klar, wie wenig dazu gehört, um diese Flamme jeden Augenblick neu zu entfesseln. Unter den französischen Malern, die ich im Laufe der Zeiten teils durch Ricard, teils auf andere Weise kennen lernte, zeichnet sich Fromentin, der Spezialist der orientalischen Landschaften und Reiter, durch einen feinen und litterarischen Geist in liebenswürdigster Form aus. Seine Unterhaltung war lebhaft, seine Haltung be- Paris. 329 scheiden. Er gehört zu den angenehmsten Fignren in meiner Erinnerung an Begegnung mit Künstlern. Dors, durch seine Illustrationen großen Stils auch in Deutschland populär, war ein kleines, zierliches, elegantes Männchen, das einen unbedeutenden Eindruck machte. Der berühmte Meissonier, mit dem ich bei Ricard oft zusammentraf, war ein knrzer, untersetzter, ordinär auftretender Schreier und Lärmer. Nichts könnte ihn mehr überrascht haben, als daß der Deutsche Kaiser Wilhelm II. nach seinem Tode seiner Wittwe eine tiefgefühlte Beileidsbezeugung telegraphierte; vou Gegeuliebe war da keine Spur. Der Maler der uapoleonischen Schlachten war immer exklusiv französisch und seit dem Krieg ein wütender Deutschenhasser. In der unermüdlichen Sorgfalt, womit er sich auf das Detailstudium in naturs. dw von ihm wiederzugebenden Gegenstände konzentrierte, hatte er gemeinsames mit Menzel, von dem er sich aber durch deu Sinn für Schönheit uud Grazie unterschied. Als Menzel nach dem großen Krieg einen kurzen Besuch in Paris machte, brachte man die beiden zusammen, uud es soll sehr possierlich gewesen sein, wie sie sich unterhielten, der eine ohne ein Wort deutsch und der andere ohne einen Satz französisch zu können. Von der Schule vou Foutainebleau kannte ich nur Frau?ais, einer der Ersten zweiter Größe, ein ernster, natürlicher, einfacher Mann von angenehmen Formen. Der Verherrlicher des venezianischen Meeresspiegels, Ziem, den die Franzosen mit getrenntem i und s anssprechen, giebt in seinem breitschultrigen behaglichen Äußeren einen Hinweis auf deutsche Abstammung, die im Namen liegt. Er ist übrigens in Beanne in Burgund geboren und steht somit von selbst auf der Scheidelinie der beiden Rassen. Er war ein lustiger Kamerad mit dem Bummelwitz des Ateliers; übrigens lebt er znr Stnnde, da ich dies schreibe, noch und malt auch uoch mit seinen jetzt sünfundsiebenzig Jahren. Um die Liste zu vervollständigen, sei erwähnt, daß ich erst nach dem Krieg mit dem großen Historienmaler Gsröme bekannt wurde zur Zeit, als er sich ueben der Malerei mit Eifer und Erfolg auf die Skulptur verlegte. Er ist eine der schönsten, ritterlichsten Erscheinungen, die ich jemals zu Gesicht bekam; in gewisser 330 Siebentes Kapitel. Weise an Julius Fröbel erinnernd. Aber wahrend in Fröbels dunkelgrauen Augen das Feuer etwas unheimlich glühte, liegt aus Gsrömes Zügen der ganze Sonnenschein französischer Bonhomie mit der Anmut und Feinheit des elegantesten Mousquetaire-Typus. Eine muntere Selbstironie, verbunden mit den Formen natürlicher Höflichkeit, giebt seiner Unterhaltung einen wohlthuenden Ausdruck. Der Siebenziger ist noch ein gewaltiger Jäger und in seiner Haltung von jugendlicher Elastizität. Zur Zeit, da ich in diesen Kreisen verkehrte, spielte der Streit zwischen den Zeichnern und Koloristeu und war oft der Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen. Die Naturalisten und Impressionisten kamen erst später mit Courbet aus. An der Spitze der Zeichner stand Ingres; an der Spitze der Koloristen Delacroix. Man erzählte eine, wahrscheinlich erfundene, Anekdote; am Schluß einer Sitzung der Akademie habe Ingres an Delacroix vorübergehend vor sich hingesprochen: ls clsssin o'sst l'lionllöur, 1s ässsill o'sst lg, ^robits. Indem ich von den Malern zu den Musikern komme, greife ich zugleich chronologisch wieder zu den Zeiten meines Pariser Aufenthaltes zurück. Wie die meisten der frühesten Anknüpfungspunkte lag auch dieser auf dem Gebiet der deutschen Landsmannschaft. Schon fehrbaldnach meinerAnknnft brachte mich H. B. Oppenheim mit Jacques Rosenhain und dessen Frau, die wie Oppenheim aus Frankfurt stammte, zusammen. Rosenhain war in Mannheim geboren und als musikalisches Wunderkind der Protektion eines großen badischen Aristokraten teilhaftig geworden, der ihn, da er armer Leute Kiud war, auf seine Kosten ausbilden ließ. Bis in sein hohes Alter — er starb achtzigjährig — hörte Rosenhain nie auf, mit inniger Dankbarkeitsanhänglichkeit seines Wohlthäters und dessen Gattin (ich glaube Fürst nnd Fürstin von Fürstenberg) zu gedenken, mit denen er auch, so lauge sie lebten, in pietätvollem Zusammenhang blieb. Er war Klaviervirtuose und Komponist, der mit Liedern und kleineren musikalischen Stücken viel Erfolg hatte, aber, was er uie verschmerzen konnte, als Opernkomponist nicht zum erwünschten Ziel kam. Einmal war er vor der Zeit, da ich ihn kennen lernte, dazu gelangt, was allerdings immer recht schwer war, ein Werk Paris, 331 in der Pariser Komischen Oper zur Aufführung zu bringen. Allein das Publikum verwarf die Oper, und sie erlebte nur wenige Vorstellungen. Ihr Titel 1.6 Demon äö lg. nuit gab Anlaß zu dem boshaften Wortspiel: Is vsmon äs I'snrmi. Die Sehnsucht, eine andere Oper und natürlich mit Erfolg in die Welt zu setzen, verfolgte den Komponisten durch sein ganzes Leben, und daß es nicht gelingen wollte, nagte an ihm bis zu seinem späten Ende. Die Verantwortung für dies Mißgeschick schob er hauptsächlich daraus, daß er das richtige Libretto nicht auftreiben könne. Wie manchen Komponisten hab ich noch gekannt, der ganz von derselben Überzeugung durchdrungen war; den Dichtern, welche durchfallen, ist dieser Trost versagt; vielleicht bringen sie es vor sich selbst fertig, die Darsteller verantwortlich zu machen; die Natur ist so gütig. Nach dem Krieg verlegte Rosenhain seinen Wohnsitz nach Baden-Baden, wo er schon ein hübsches Landhaus besaß, das er früher nur im Sommer, von da an aber das ganze Jahr mit seiner Frau bewohnte. Er hatte lange in Paris ein sehr angenehmes Haus ausgemacht, wenn auch nicht auf großem Fuß, und konnte die Annehmlichkeit dieses verfeinerten und freundlichen sozialen Verkehrs nie verschmerzen. Anch das Emporkommen der Wagnerschen Richtung, die er unversöhnlich ablehnte, lag wie ein Druck auf ihm. Er war persönlich ein sehr liebenswürdiger, intelligenter Mann und treuer Freund. In seinem Pariser Salon lernte ich natürlich besonders Musiker kennen. Die Wittwe Cherubiuis, eine stattliche sympathische Greisin, gehörte zu den Stammgästen; Marschner einen Winter lang ebenfalls. Eine interessante Figur war der musikalische Kritiker der Rsvus äsg clsux inonäss, der Italiener Scudo, ein wegen seiner Strenge gefürchteter Rezensent, der anssah wie ein alter Offizier. Er verkehrte später auch in meinem Hanse und ist mir durch eiue Reminiszenz besonders im Gedächtnis geblieben, die zugleich deu Schluß dieser Beziehung bildete. Eines Tages war er bei mir mit einer Anzahl von Freunden zu Tisch. Er führte besonders lebhaft das große Wort und bei einem ganz unbedeutenden Anlaß wurde er ausfällig gegen mich 332 Siebentes Kapitel und sagte mir Sottifen, die ich als Herr des Hauses mit viel Nachsicht zurückwies, um es nicht zu einer peinlichen Szene kommen zu lassen. Scudos Auftreten war uns allen sehr sonderbar vorgekommen, da er sonst, wenn anch sehr von sich eingenommen, doch gute Manieren hatte. Er blieb den ganzen Abend, an dem noch viele Besuche kamen; ich ignorierte ihn. Als die Gäste weg waren, erzählte mir meine Frau, er habe sie in ein langes Gespräch verwickelt und im Laufe desselben, sich stolz in die Brust werfend, zu ihr gesagt: Sie sehen in mir den glücklichsten Menschen des ganzen Erdenrundes. Am folgenden Abend hörten wir, daß Scndo in der Nacht einen Anfall von Raserei bekommen habe und in eine Irrenanstalt gebracht worden war. Er ist auch nicht mehr aus ihr herausgekommen. An ihm, wie an dem oben geschilderten Fall in Baden-Baden hatte ich den Ausbrnch des eigentlichen Größenwahnsinns in zwei verschiedenen Formen erlebt. Es war mir beschieden, noch ein drittes Mal den Znsammenbrnch einer Intelligenz unter meinen Augen in die Erscheinung treten zu sehen, und das war bei weitem der schmerzlichste und tragischste Fall. Ich war der erste, welcher gewahr wurde, daß in Laskers Kopf etwas in Unordnung war. Diesmal aber war es eine andere Art von Störuug, mehr ein Versagen der Denkkraft, die mit Größenwahn nichts gemein hatte. Laskers Gehirnkrankheit war nach aller Vermutung die späte Folge des furchtbaren Typhus, den er im Jahre 1874 durchgemacht, und hinzukam, daß er seinem Kopf nicht die hinreichend lange Ruhe gelassen hatte, als er dann in die Kommission zur Beratung der Zivilprozeßordnung eintrat, der er sich mit seiner ganzen Arbeitsenergie hingab. Unter den zahlreichen Virtnosen, die in Rosenhains Salon an mir vorüberzogen, ist mir einer deswegen besonders in derErinnernng geblieben, weil etwas an ihm Erlebtes mir noch oft Stoff zum Nachdenken gegeben hat. Es war der Geiger Sivori. Er trug ein Stück vor und brach mitten im Spiel ab und erklärte, er müsse aufhören. Vom Hausherrn auf die Seite genommen und um die Ursache dieses auffallenden Benehmens befragt, antwortete er in lebhafter Erregung: es sei ihm zu wenig applaudiert worden, vor einem so kühlen Pnbliknm könne er nicht spielen. Der Beifall Paris. 333 war allerdings nicht rauschend gewesen, aber immerhin noch ein gut gemessener, wie ein französisches Auditorium, uud besonders in einem Privatzirkel, ihn schon aus purer Höflichkeit zu spenden, nie unterläßt. So viel würde bei uns in Deutschland schon ein volles Maß bedeuten. Ich habe deshalb später häufig an dies Erlebnis denken müssen, weil bei allen Produktionen vor einer — kleinen oder großen — Versammlung die Resonnanz der Corona eine unleugbare Wichtigkeit hat und nicht bloß vom Standpunkte der Virtuosen-Eitelkeit, welche im erwähnten Fall mit komischer Reizbarkeit zu Tage trat, benrteilt werden muß. Über die Claque im Theater ist ja fchon viel geredet und geschrieben worden, und die Sache ist nicht so einfach, wie die, welche sie schlechthin verwerfen, meinen. Die große Schauspielerin Rachel erklärte, sie könne sie nicht entbehren. Und sie wußte doch so gut wie irgend jemand, daß sie ein rein mechanischer, gar nichts bezeichnender Lärm ist. Aber wenn die für das Theater am höchsten begabten Franzosen das Instrument der Claque zu einer Institution erhoben habeu, so steht die Vermntnng nahe, daß sie den Gruud ihres Daseins, ihre raison ä'strs, doch in einem Naturverhältnis hat. Der, welcher eine unmittelbare Wirkung vou seiner Person aus auf andere ausüben will, bedarf im Gange seiner Thätigkeit, zu deren Unterstützung und Förderung, des Gefühls dieses Zusammenhanges. Wird er darin-irre, so hört die Quelle seiner Eingebung zu fließen auf; wird er darin bestätigt, gar angefeuert, so kommt die Quelle je nach dem Maß der Zustimmung in Fluß. Der Beifall befruchtet; ja die Zeichen des Mißfallens können zwar einschüchtern, sie tonnen aber auch reizen, denn immerhin sind sie ein Zeichen, daß der Vortragende aus sein Publikum wirkt, daß der Znsammenhang da ist, und das ist die Hauptsache. Nur die gänzliche Regungslosigkeit des Publikums, welche dessen Geistesabwesenheit zum Ausdruck briugt, tötet. Uud darum ist es begreiflich, daß selbst der fiktive Beifall, den die Claque spendet, ans dem Wege der Suggestion die gewallte Stimmung in dem Produzenten bis zu einem gewissen Grade hervorbringt; der mit allen Fasern aus ein Echo seiner Leistung warteude Produzent baut sich daun mit Hilfe seiner Phantasie im Gefühl die Brücke zwischen dem äußeren Schall und 334 Siebentes Kapitel. dessen Bedeutung. Wir befinden uns eben hier ganz und gar im Fahrwasser des Gefühls und der Suggestion. Aber auch die Claque ist eine Kunst, und ein guter Lbsk 6s cls^us zu sein, ist nicht einfach. Wenn sie ihren höheren Zweck erreichen soll, so muß sie die schlummernde Beifallslust im Publikum auslösen, indem sie im richtigen Moment und in der richtigen Tonart eingreift. Ein brutaler, aufdringlicher Beifall führt zur entgegengesetzten Wirkung. Er schreckt die ab, welche aus eigener Eingebung und nicht aus Kommando applaudieren möchten. Viel hängt bei dem ganzen Vorgang von dem Temperament des Publikums ab, das bekanntlich nach Nationalitäten fo verschieden ist. Zwischen dem Italiener mit seinem demonstrativen Drang und seiner naturalistischen Freude am Geräusch wie an der Farbe (besonders die Süditaliener) und dem kühlen, in sich gekehrten Deutschen steht der Franzose mit seinem sozialen Wohlwollen und seiner Regsamkeit in der Mitte. Ich habe oft schon sagen hören, die Teilnahme und das Wohlgefallen des Deutschen sei nicht geringer, aber eine Art Keuschheit halte ihn davon zurück, seinen Beifall laut und damit vorlaut werden zu laffen; er fühle es um so tiefer. Es mag auch daran etwas Wahres sein. Der Deutsche ist ohne Zweifel aufmerksam, und ein italienisches Opernhaus, welches eigentlich mehr ein Salon sür die Begegnung und Unterhaltung der eleganten Welt ist, würde ihn empören. Aber das hindert nicht, daß der Produzent bei dieser latenten Teilnahme nicht gut fortkommt. Was mir als unterscheidend zwischen dem Pariser und dem Berliner Theater- und Konzert-Publikum am meisten auffiel, das ist die strenge Disziplin, mit der man in Berlin zur Beifallsbezeugung die letzte Silbe, den letzten Akkord eines Stückes abwartet, ehe man sich losläßt. Ich hatte manchmal, wenn ganz isoliert vor diesem Schluß irgend ein Zeichen der Sympathie laut ward, den Eindruck, als wolle das Publikum nicht durch die leiseste Unterbrechung um irgend ein Partikelchen des Genusses kommeu, für das es bezahlt hatte. Dagegen wird jeder Künstler bezeugen, daß gerade jenes leisere, gewissermaßen wider Willen sich loslösende Beisallsgemurmel, welches so recht ans innerster Seele des Zuhörers zu kommen scheint, am wohlthätigsten wirkt. Paris. 335 Übrigens muß ich zur Steuer der Wahrheit hinzusetzen, daß ich auch in Berlin schon recht gewaltige Beifallsstürme mit- anaehört habe, namentlich wenn es irgend einem Lieblina des Pnbliknms galt. Wie in allen menschlichen Dingen hat die liebe Eitelkeit auch ihr Teil au solchen Bethätigungen. Für das knnstempfindeude Individuum liegt ein Genuß darin, zn zeigen, wie sehr es würdige und verstehe. In einem Punkt sind die Berliner demonstrativer als die Pariser, aber ich finde nicht, daß dies von ihrem besseren Geschmack zengt. Wenn in Paris ein Stück zum erstenmal aufgeführt wird, so wird auf dem Zettel der Name des Verfassers nicht genannt, obwohl natürlich derselbe kein Geheimnis ist. Ist dann das Stück zu Ende, der Vorhang fällt und das Publikum applaudiert — etliche Freunde sind ja dafür immer vorhanden — so tritt der Regisseur au die Rampe und sagt: Meine Herreu und Dameu, das Stück, welches wir vor Ihnen aufzuführen die Ehre hatten, ist von Herrn So und so. Und darauf natürlich neue Salven. Ich finde das nun viel geschmackvoller als das in Berlin übliche Erscheinen der Autoren selbst auf der Bühne, manchmal fchou im ersten oder späteren Zwischenakt. Die Bühne gehört dem Schauspieler, die beiden sind so für einander bestimmt, daß die eine nur dem anderen zu Gesicht steht; für den Dichter, der seinen Geist in der Stille walten und schaffen läßt, den man sich bei der Lampe Dämmerscheiu sitzend oder unter dem Schatten der Bäume hin und herwandelnd denkt, hat dies Herausspringen an die Rampe und das Verneigen und Kränzeaufheben etwas Histrionifches, das ihn herunterzieht. Geschmacklosigkeit hat den Brauch erfunden uud kindische Eitelkeit hat ihn gefördert. Es mag ja gewagt fein, ein abwägendes Urteil auszusprechen, aber mir kommt vor, als sei die Schriftstellereitelkeit in Berlin noch größer als anderwärts. Da der Redner auch ein Stück vom Schauspieler ist und fein muß, so habe ich Beobachtungen über die Geheimnisse der Wechselwirkung zwischen Redner und Zuhörern aus diesem Gebiet in uaturs. machen können. Einen Punkt habe ich schon an der Stelle*), wo ich über die Praxis des Redens sprach, be- Seite Soff. 336 Siebentes Kapitel. rührt: daß nämlich nichts tätlicher auf den Redner wirkt, als die Gleichgiltigkeit oder Unaufmerksamkeit seines Auditoriums, daß die Zeichen der Mißbilligung dem unendlich vorzuziehen sind. Ich möchte hier zur Ergänzung dieses Kapitels noch einiges beifügen. Was den Virtuosen Sivori im oben erzählten Fall aus dem Häuschen brachte, war, auf das richtige Maß zurückgeführt, durchaus uicht unberechtigt. Wer auf lebendigem Weg sich andren mitteilt, bedarf zu seiner Leistung der Gewißheit, daß er für die andren da ist. Sind sie geistesabwesend, stumpf, zerstreut oder zum Verstehen unfähig, so muß er das als einen Spott auf sich selbst empfinden. Nur die nebeuherlauseudeu Federn der Stenographen oder fonstigen Berichterstatter können als eine Art Rettungsanker sür den Redner dienen, der sich zwar sagen muß, daß er im Augenblick pro nikilo sich anstrengt, daß aber gedruckt es später Leser finden wird. Doch habe ich immer die Ansdaner der Redner im Parlament bewundert, ohne sie zn beneiden, welche stundenlange Reden unter allgemeiner Unaufmerksamkeit halten konnten. Ich glaube aber, es gelingt nur unter der Bedingung, daß die Rede möglichst sorgfältig vorbereitet ist. Eine Improvisation läßt sich gewiß nicht solange vor absolut unaufmerksamer Umgebung durchführen. Keinem von allen Vortragenden aber ist der sinnfällige Beweis seines Zusammenhangs mit der Corona so notwendig als dem Redner. Das liegt ganz und gar in der Natur der Sache. Der Virtuose, der Deklamator, der Säuger oder Schauspieler, sie alle können sich mit der Vorstellung begnügen, daß sie zu den Sinnen ihrer Zuhörer dringen. Zustimmung oder ein Reagieren derselben brauchen sie an und für sich nicht, so ermunternd und fördernd auch Zeichen des Beifalls und stark erzielter Wirkung für sie sein mögen. Wenn kein Lärm oder Mißton störend eingreift, kann es bei der einfachen Leistung ohne Echo bleiben, weil nur Rezeptivität des Publikums Hauptbedingung ist. Nicht so der Redner. Er ist auf Zustimmung, oder auf Widerspruch, was hierfür dasselbe ist, also auf eine Aktion angewiesen. Bleibt ihm verborgen, ob das eine oder das andere in Thätigkeit getreten ist, so entbehrt er jeder Probe, ob er sich umsonst abmüht oder nicht, und das wirkt Paris. 337 ganz fatal aus seinen Gemüts- und durch diesen auf seinen Geisteszustand. Seine Denkkraft selbst erlahmt unter diesem atmosphärischem Druck. Man kann darum sagen, der Parlamentsredner hat eigentlich die Claqne noch nötiger als der Schauspieler, denn auch hier, wie überall, wirkt der angenehme Schein noch ähnlich wie die Wirklichkeit. Als Mitglied einer größeren Partei hat man den natürlichen Vorteil, immer eine Anzahl Genossen um sich zu haben, die einem zuhören und, wenn sie nicht ganz apathisch sind, durch Zurufe weiter helfen. Aber bei der Passivität des deutschen Temperamentes thut es auch hier not, daß einige sich der Aufgabe bewußte Leute die thätige Führung dabei übernehmen. Ist die Partei gar noch numerisch schwach, so wird das besonders wichtig. Mit nur ein paar sympathischen Kollegen um sich, die stumm bleiben oder gar zerstreut sind, längere Zeit reden, ist eine fürchterliche Ausgabe. In den Zeiten, wo ich kleineren Fraktionen angehörte, habe ich mir immer besonders angelegen sein lassen, solcher Vernachlässigung vorzubauen. Wie oft habe ich die Kameraden mit Mühe aus dem Wandelgang oder dem Frühstückslokal herbeigeholt, wenn einer der unsren zum Worte kam, oder sie zur Ruhe verwiesen, wenn sie, statt zuzuhören oder wenigstens zu hören zu scheinen, im Privatgespräche ganz in der Nähe des Redners sich ergingen — Unarten, die unglaublich oft vorkamen, wenn einer nicht gerade fulminierte oder zu den bevorzugten Sprechern gehörte, dem auch die anderen Fraktionen aufmerksam folgten. Ebenso mußte bei solchen Rednern zweiten oder dritten Grades sür das richtige Eingreisen eines „Hört, Hört!" oder „Sehr richtig!" gesorgt werden, das nicht bloß sür den Moment, sondern anch sür den gedruckten Bericht von Wichtigkeit ist, weil es in diesem das Auge des Lesers, wie immer die Einschaltung „Heiterkeit", ans sich zieht. Mir kam es immer vor, als wenn diese Art von Kameraderie, die zum Geschäft gehört, in den liberalen Parteien am meisten zu wünschen ließe. Vielleicht aber führt mich dabei anch irre, daß man in seiner Nähe die Sachen schärfer sieht und empfindet. Blimbergers Erinnerungen. 22 338 Siebentes Kapitel. Aber alle parlamentarischen Beklemmungen dieser Art sind Spaß gegen ähnliche Erlebnisse in Volksversammlungen. Im Parlament weiß man, daß das Überreden in der Regel nur eine Fiktion ist und wesentlich den Zweck hat, Ansichten zu formulieren. Aber vor eine Volks-, namentlich vor eine Wählerversammlung tritt der Mensch, um zu werben. Wenn er hier aus einen resonanzlosen Boden tritt, wird ihm gar enge zu Mute. Damit der Volksredner sich oon amors an sein Werk begebe, muß er wirklich wie eine prima, äormg. bei seinem Erscheinen mit freundlichem Zuruf begrüßt werden. Wenn man weiß, daß man vor eine feindselig gesinnte Zuhörerschaft tritt, so nimmt man sich im voraus zusammen und geht mit einer Art Todesmnt drauf los. Aber vor einem Auditorium reden, das stockstumm dasitzt und mit keiner Regung verrät, ob es überhaupt versteht, ob es zustimmt oder ablehnt, ist eine verzweifelte Situation, und dies passiert nicht selten in Bauernversammlungen. Ich habe nicht viel davon erlebt, denn ich hatte im ganzen nur zwei Wahlkreise, die beide eine besonders regsame uud intelligente, warmblütige ländliche Bevölkerung haben, und ich hatte mir bald nach einigen Erfahrungen auf diesem klippenvollen Meer der Masseubearbeituug die Überzeugung verschafft, daß ein Wahlkandidat seine Kräfte vergeudet, wenn er in anti- pathische Kreise reden geht. Er muß sich auf die konzentrieren, wo er schon guten Boden hat und diesen Boden weiter bearbeiten uud befruchten; das ist nicht nur augenehm, sondern auch nützlicher als einem steinigen, störrischen Terrain Früchte entlocken zu wollen. Nur selten ließ ich mich auf solche undankbare Gebiete verschleppen; es geschah mir meist nur, wenn ich zur Hilfe für irgend einen Kameraden nach auswärts zu gehen bestimmt wurde, wo ich nicht selbst Bescheid wußte, wie in meinen Kreisen. Ich kann jeden Kandidaten nur warnen, sich namentlich nicht von lokalen Ehrgeizigen überreden zu lassen, die in gedrückter Minderheit darauf spekulieren, durch das Auftreten eines ihnen zugehörigen berühmten oder bekannten Redners sich wichtig zu machen. Ein Anlaß ist mir in besonderer Erinnerung, bei dem ich mich verlocken ließ, an einen Ort meines eigenen Wahlkreises zu Paris. 339 gehen, dem ich bis dahin mißtraut hatte, von dem aber einige weise Thebaner behaupteten, jetzt sei der Moment gekommen, ihn zu erobern. Die Versammlung war ans den Abend eines Wochentags in dem Dorfe angesagt, was an sich schon immer zu den schwierigsten Konstellationen gehört. Es dauerte lange, bis eine einigermaßen den Raum süllende Zahl beisammen war. Er war so niedrig wie möglich und dürstig mit einigen rauchigen Petroleumflammen beleuchtet. Die Bauern in ihren Arbeitsanzügen, gestrickten Wämsern und die Pfeife im Munde besetzten stumm die Bänke, und nun gings los. Ich übersah natürlich vom ersten Moment an die Situation und wickelte unter lautlosem Beistand mein Gespinst mit Todesverachtung ab. Als ich geendet hatte, erhob sich der Bürgermeister des Ortes, der mir gegenüber ausgepflanzt war, ein alter, langer, hagerer Bauer mit einem, wie aus den „Fliegenden Blättern" geschnittenen Gesicht zu folgender Ansprache: „Was uns Herr Bamberger da gesagt hat, ist alles recht gut uud schön; er ist auch ein braver, ordentlicher Mann. Nnn ist er aber schon viermal von unserem Kreise in den Reichstag gewählt worden. Da könnten wir's doch auch einmal mit einem anderen Abgeordneten probieren, am Ende macht der's noch besser." Sprachs nnd setzte sich nieder, und das Anditorinm verharrte in derselben Schweigsamkeit. Richtig zeigte sichs auch bei der Wahl, daß wir mit unserem ganzen Vorstoß keine Seele gewonnen hatten; die Notabeln des Ortes waren vorher für den Gegner fest gemacht gewesen und blieben es. Viel heiterer verlies die Sache in einer Erzählung, die mir einst mein verstorbener Freund Karl Mayer von Stuttgart, genannt das Mayerle, zum besten gab. Um sie mit ihrer ganzen Würze wiederzugeben, müßte ich sie natürlich vortragen nicht nur mit dem schwäbischen Dialekt, sondern mit dem wahrhaft poetischen Talent, das der treuherzige, vielbegabte, humorvolle, echt württembergische Demokrat bei solchen Gelegenheiten entfaltete. Es war in der Zeit der heißesten Kämpfe um die Getreidezölle. Mayer bereiste das Land, um gegen diese zu wirken. Eines Tags hielt er eine Versammlung in einer ihm sehr zugethanen Gemeinde. Er erfreute sich überhaupt im ganzen 22* 3^0 Siebentes Kapitel. freisinnigen Schwaben einer großen Popularität und war in seinem ganzen Sein und Reden auch danach geartet, sie zu erwerben und zu behalten. Während er nun feurig drauf los perorierte, faß auch ihm der Bürgermeister des Ortes gegenüber, diesmal aber ein behäbiger, runder echter Bürgermeister mit einem feisten, lachenden Gesicht. Mit Wohlgefallen ruhten auf dem Redner die Blicke des Oberhauptes und mit lauten Beifallsbezeugungen folgte er seinen Worten. Als der Redner von der Tribüne herunterkam, schritt der Bürgermeister mit ausgestreckten Armen auf ihn zu, schüttelte ihm kräftig beide Hände und sprach: „Wie schön haben Sie geredet, lieber Herr Mayer; wenn Sie doch nur auch etwas für einen höheren Kornzoll hätten fagen mögen." Nun bin ich wieder etwas weit von der Rue de Labruysre in Paris, wo Rosenhain wohnte, und von Herrn Sivoris Geige abgekommen. Das ist aber das Bequeme und Schöne beim Erzählen, daß man noch schneller als' mit dem Luftballon die größten Entfernungen überwinden kann; und dank dieser Behendigkeit kehre ich jetzt zu meinem musikalischen Salon zurück, in dem ich außer einer Reihe zu übergehender Virtuosen auch die französische Spezialität der Chansonniers, damals etwas ganz. Neues für mich, kennen lernte. Ihr Oberster und Prototyp war der zur Berühmtheit gelangte Nadand, von Beruf ursprünglich Maurer, dann republikanischer Abgeordneter, zur Celebrität aber durch die von ihm gedichteten, komponierten und vorgetragenen Lieder gelangt, deren berühmtes lss äsux ksuZai-inös wohl heute noch nicht vergessen ist. Sein Zielpunkt ist der KsiuZarms elsässischer Geburt in seiner deutschen unterwürfigen braven Beschränktheit mit der entsprechenden allemannischen Aussprache des Französischen. Das Lied schildert, wie die beiden, der echt französische Feldwebel und sein elsässer Untergebener, mit Namen Pandore, (wohl von Pandur entlehnt) des Nachts zusammen auf der Landstraße ihren Dienstritt im gemütlichen Tempo machen. Der französische Vorgesetzte renommiert seinem trenen andächtigen Gefolgsmann alle Vorzüge seines Wesens und Standes vor: Paris. 341 ^loirs sst uns L0U70UNS k'^its 6s rosss st äs laurisr, ssrvi Vsnus st Lsllons, suis spoux st Li-i^^äisr. Am Schluß jcdes Couplets fällt der Eisässer als bewundernder Chor ein: ?riog,tisr, rsponäit ?Älläorö, ?>'ic!Ätisr, kous raison. So geht es eine Zeitlang fort, bis allmählich der Morgen herandämmert: IZt pllis ils wgrokaisnt so silsnes, On n'sotsnäit plus Hus Is pa.8 Lss sksvaux <^ui m-troliaisrit sn oaclsnes; I.S IZnAg.6isr os parlait pas, Lt lorsc^us vint p^ls aurors On öntsoclit nn va^us son Hier folgt ein langer Schnarchton des auf dem Pferde ein- gefchlafenen Brigadiers, auf den gleichfalls der Elfässer einfällt: ?n«atisr, rsponclit ?an6ors, ?iioÄtisi', kous ltiiö?. rkison. Ob dies verräterische Lied uoch heute gesungen wird? Jedenfalls nicht vor der Statue von Straßburg. Die Melodie war sehr hübsch; wie die meisten französischen populären Sangesweisen etwas lang gezogen, elegisch, halbwegs dahin fließend. Ich habe Nadaud öfter, auch uoch in anderen Gesellschaften gehört und mich immer über die Maßen an ihm ergötzt. Er trat sehr bescheiden und liebenswürdig auf und trug seine Sache mit anspruchloser Grazie vor. Einige ganz besonders wohl gelungene Lieder schweben mir noch dunkel vor, aber leider sind mir die Texte entfallen. Da war z. B. eine I^öttrs 6s I'stucliimts a, I'stuäiÄllt, worin die aufs Land kommende Studentin (es war noch die Zeit der Grifetten) ihr Entzücken über die Natur schildert, wie sie z. B. entdeckt, daß die Rosen auf den Rosensträuchen wachsen. Ein andres heitres Liedchen erzählt die Geschichte eines Mannes, der, höchst vergnügt vom Hanse fortgehend, ohne Unterlaß eine lustige Melodie 342 Siebentes Kapitel. vor sich hinträllert, und ihr alles anpaßt, was ihm in den Weg läuft. Da begegnet er einem Freund, der ihm zn Tode betrübt mitteilt, daß seine Fran im Sterben liegt, uud sofort fällt er, tief mitfühlend ihm die Hand drückend, mit seiner lustigen Melodie ein: clssolg-nt, 6ösolant, Zssolkmt, ässolant. Ich glaubte, es war ein Tanzlied aus Aubers „Maskenball". Aber auch eruste Aceeute enthielt das Repertoire, z. B. die Erscheinung eines armen Unglücklichen bei einem Feste Belsazars, mit sozialistischen Warnungen. Eine Figur derselben Art, aber weder von der Berühmtheit noch von dem Talent Nadauds war ein Anwalt Namens Nouguier, den ich auch bei Rosenhain kennen lernte, und mit dem ich sogar ans den Fuß einer muntern Bekanntschaft kam. Er trug sowohl Lieder eigener Erfindung als solche von andern, besonders von Nadaud, zu seinem uud seiner Freunde, besonders aber zu seinem Vergnügen, in der Gesellschaft vor. Eine heitre, liebenswürdige Figur, dabei ein Rechtsanwalt mit ziemlich guter Praxis. Er lief immer im Frack nnd mit seiner Aktentasche nnter dem Arm einher. So oft ich ihn anf der Straße traf, mußte ich mich mit einer kleinen Ansprache, mit allerhand launigen Einfällen regulieren lassen. Seinem Freunde Rosenhain schrieb er noch nach dem Krieg die treusten, von jeder chauvinistischen Anwandlung freien Briefe nach Baden. Endlich muß ich noch eines dritten dieser Kategorie, allerdings wieder einer anderen Spielart, erwähnen. Es war der Hornist Vivier, ein Virtuose ersten Ranges auf seinem Instrument. Daneben war er Spaßmacher von Profession, d. h. nicht des Erwerbs wegen, sondern als gesellschaftliches Talent. Er gab keine Lieder zum besten, sondern Vorträge, scheinbar improvisierte komische Szenen. Zu seinen besten gehörte die Schilderung eines Konzerts im Konservatorium der Musik. Dieses genugsam berühmte Institut begnügt sich mit einem sehr kleinen Saal, der eben deshalb immer voll gespickt ist, und in dem zu den nie fehlenden Stammgästen zu gehören, eine Art musikalischen Adels verleiht. Da schilderte er nun aufs ergötzlichste, wie dieses auserwählte Publikum durch Positur und Geberden seine eingeweihte Knnstkennerschast an den Tag legt. In diesen Burlesken steckte ein gut Teil sehr seiner Beobachtung und Ironie. Zu seinen Lieblingsstückchen gehörte Paris, 343 auch die Kunst, Vorträge in fremden Sprachen zu halten, von denen er in der That nicht ein Wort kannte. Aber er hielt Tischreden scheinbar in englischer oder deutscher Sprache, die selbst das Ohr des Keuners dieser Sprachen eine Zeitlang täuschen konnten. Im persönlichen Verkehr hatte er etwas von der vorwitzigen Vertraulichkeit der Hofnarren angenommen nud in dieser Eigenschaft wie gleichzeitig in der eines großen Virtuosen Zutritt am kaiserlichen Hofe. Napoleon mochte ihn gut leideu. AIs ich zum erstenmal bei einem Verwandten Rosenhains mit Vivier zusammenkam, fragte er mich im Laufe des Gesprächs nach meinem Beruf. „Bankier" sagte ich. „Was," sagt er, „Sie ein Bankier. Sie scheinen mir eine sonderbare Spezies davon zu sein. Ich fürchte, Ihre Geschäftsbücher sind nicht ganz in Ordnung." Wenn man solche Figuren und ihre Rolle in der Gesellschaft gekannt hat, wird einem die Muse Bsrangers besonders verständlich. Er war recht eigentlich ein Chansonnier und dichtete für die kleinen Leute, die ihrer Stimmung in häuslichem Wohlbehagen den Lauf lassen wollen. In Bürgerkreisen war es ehemals, gebräuchlich, daß nach dem Effen in engem Kreise irgend ein dazu Befähigter oder Aufgelegter, am liebsten der Hausherr, einige Lieder zum besten gab, die eben, weil keine besondere Sangeskunst dabei vorausgesetzt wurde, sich in den erwähnten, nur eben über den Boden der Deklamation sich erhebenden Melodien dahinzogen. Ich habe noch alte Lente gekannt, die diesem Brauch huldigten, nnd vielleicht setzt er sich auch heute in kleinen Bürgerfamilien fort. Und wenn sich die Naivetät immer mehr verliert, ein Grundzug bleibt wirksam und macht sich in der Art geltend, wie gerade in neuester Zeit, z. B. in Paris (ich schreibe dies 1896) bald da, bald dort sich für Produktionen dieser Art im kleinsten Stil Sammelpunkte aufthnn, die, mit Geschick ausgebeutet, in die Mode kommen, und es dahin bringen, daß ganz Paris, wozu alle Vergnügungszuzügler vor allem gehören, dahin läuft, so daß in knrzem dem Unternehmer oder der Hauptperson Schätze zufließen. Vor etlichen Jahren kam ein solches Ding auf, genannt Is Lbat noir. Da alle Welt mit Entzücken davon sprach und 344 Siebentes Kapitel, der Maler Gsräme, einer der pekuniär ganz uninteressierten Gönner, Pfeiler der Sache war, ließ ich mich auch dahin mitnehmen. Wir kamen in einer engen Seitenstraße an ein kleines Haus, und traten ebener Erde in eine Schenke ganz geringer Art ein. Alsdann ging es eine Treppe hinan in den Raum, wo das Vergnügen beginnen sollte. Er bestand aus zwei mittelgroßen Stuben, die dnrch Entfernung der Flügelthüren zu einem gemeinsamen Zimmer verbunden waren. In dem ersten war an der Wand eine weiße Leinwand aufgespannt, auf welche mittels ausgeschnittener Papiere allerhand vorübergleitende Bilder projiziert wurden. Rezitationen und Lieder, in humoristischem Ton vorgetragen, gaben den Text dazu. Der Humor galt der Tagespolitik oder zweideutigen Späßen, dazwischen boten die Kellner Getränke an, und es wurde geraucht. Mir schien das Ganze recht öde. Gsröme, der, Gott weiß, wie oft schon, dagewesen, lachte wie das ganze Publikum aus vollem Herzen. Beim Nachhansegehen sagte er zn meinem Bruder: „Ihr Bruder scheint sich nicht amüsiert zu haben. Er versteht wohl nicht genug französisch." Er hatte nicht ganz so unrecht, wie es wörtlich genommen, scheinen könnte. Ich hatte kein Verständnis dafür, wie ein Erwachsener sich stundenlang an solchen mageren Späßen erfreuen kann. Man muß dazu die innere, ich möchte sagen, kindliche Heiterkeit des französischen Temperamentes mitbringen, die sich an der kleinen, mit politischer Medisanee und mit mehr als schlüpfrigen Sexualitäten gewürzten Komik erfreut uud ein besondres Vergnügen an der raschen Auffassung verdeckter Anspielungen empfindet. Die Bänkelsängerin Theresa, welche unter dem zweiten Kaisertum mit hauptsächlich zotigen Liedern ihr Glück machte und bekanntlich ihre Muse auch in die Tnilerien einführte, ihre Nachfolgerin mit einer neuen Variante, Ivette Guilbert, sind dank dem Echo, welches Paris allen feinen Unterhaltungskünsten verschafft, weltberühmt geworden. Unter Napoleon III. kamen in demselben Genre die krsrss I^onnst auf, ein aus den baskischen Pyrenäen stammendes Zwillingspaar, welches besonders die Nadaudschen Lieder vortrug und auch bei Hofe wohl gelitten war. Ich habe sie nie gesehen. Paris. 345 Noch in dem Jahre, da ich dies schreibe (1896), setzte ich meine psychologischen Studien an dieser Spezialität während eines knrzen Aufenthalts in Paris fort. Der neue Anziehungspunkt, wohin das tout?g.ris lief, nannte sich „I^ö8 trstsaux cls ?s,Izariii". Ganz richtig nnd bezeichnend ist in diesem Namen die Erinnerung darau, daß diese Belustigungsweise auch für das elegante Publikum in Frankreich alten Herkommens ist. ist eine Figur ans dem Anfang des siebenzehnten Jahrhunderts, gerade ein solcher Spaßmacher wie die der letzten Mode. Er produzierte sich damals nicht im geschlossenen Raume, sondern auf dem ?ont Nsuk; seine Späße sind in der Litteratur aufbewahrt, in eiuer Sammlung vom Jahre 1622, 1 'IllVöntairs univsrssl äss osuvrs8 6s ladai-iu: o0r>töug,rit sss tkut-usiös, äig.1oAus8, pkrg.60xs8, t^rces. Das Werk hat vor noch nicht langer Zeit wieder eine neue Auflage erlebt. Die Litteraturen aller Länder haben etwas Ähnliches aufzuweisen, wie man aus jeder Geschichte des Theaters weiß. Aber die besondere Gunst, deren diese Gattung sich bis auf den heutigen Tag in Frankreich erfreut, ist eine nationale Besonderheit. Selbst die Art, wie der fahrende Straßenverkäufer seine Ware anpreist, ist zu einer Art niedriger, aber sehr geschickter und durchaus nicht uninteressanter Kunst ausgebildet. In den fünfziger Jahren, als ich eben nach Paris gekommen war, hatte ich meine ganz besondere Freude an einem Menschen, dessen sich gewiß alle Besncher der Stadt aus jener Zeit erinnern. Er hieß Mangin und verkaufte nur Bleistifte. Im Anzug eines römischen Imperators, mit einem großen pnrpurroteu Mautel um die Schultern und einem vergoldeten Helm auf dem Kopf, fuhr er auf einer Art römischen Triumphwagens durch die Straßen. Von Zeit zu Zeit hielt er an, und nun begann seine Rede an das Publikum. Es war eine prächtige Gestalt mit einem schönen Kopf, den ein großer blonder Vollbart zierte. Sich in feierliche Positur werfend, begann er dann so: Nsssisurs st Nssäamss, ^s suis oka.i'Ig,tg,Q äs woll mstisr, und auf den lustigsten oder feierlichsten Umwegen kam er dann zu seinem Ziele, seine unübertrefflichen Bleistifte anzubringen. Der Mann machte ein ansehnliches Ver- 346 Siebentes Kapitel. mögen und zog sich dann als ein stiller respektabler Bürger ins Privatleben eines kleinen Rentners zurück. Ich hatte einmal Besuch von einem ältern Freund, einem der angesehensten Universitätsprofessoren Norddeutschlands, einem Mathematiker, der war ganz bezaubert von Mangiu. Er folgte ihm, so oft er konnte, auf seinem Triumphzuge und ward nicht müde, in seiner Unterhaltung immer wieder die Formel zu gebrauchen : Usssisui's st Nssäg-mss, 8uis äs man rastisr. Die ?rstsg,ux äs des Jahres 1396 befanden sich in einer unbedeutenden Straße nnd wiederum in einer kleinen Schankwirtschaft, durch welche man zum ersten Stock hinaufstieg. Hier wurde glücklicherweise weder geraucht noch getrunken, denn der Zuschauerraum war so beengt, daß man es sonst nicht ausgehalten hätte. In einem niedrigen Zimmer waren Stühle für etwa hundert Personen zusammengepfercht, so daß man gerade sich durch- und einzwängen konnte. Das Publikum bestand zum größten Teil aus Leuten der guten Gesellschaft, nur gauz vereinzelt einige leichte Personen dazwischen, aber alle in vorschriftsmäßigem Gesellschaftsanzug, die Herren im Frack, in weißer Halsbinde, mit der Blume im Knopfloch, die Damen in großer Toilette. Die Hinterwand war eine kleine Bühne von höchstens fünf Fuß Tiefe. Aus dieser erschienen nach einander eine Anzahl Männer in ganz formlosem Straßenanzug, und trugen entweder in prosaischer Erzählungsform oder in Knittelversen, hier nnd da in einem Singsang, von dem hinter der Szene befindlichen Klimperkasten begleitet, ihre launigen, meist zotigen Geschichtchen vor, die den letzten Tagesereignissen entnommen waren. Die stärksten Zoten wurden angekündigt mit der Bezeichnung Oballson rosss. Dieses erst kürzlich in das modische Rotwelsch aufgenommene Wort ist von dem ursprünglich eine Schindmähre bedeutenden abgeleitet. Es ist nicht zu leugnen, daß zur Erfindung, und uoch mehr zu dem, was die Hauptsache ist, zum Vortrag dieser Art von Komik ein eigenartiges Talent gehört. Das Geheimnis ihrer Anziehnngskraft anf ein kongeniales Publikum liegt in der intimen Mischung von Distinktion nnd Gemeinheit, oder was ich lieber mit dem Wort Kanaiüerie bezeichnen möchte. Selbst die Liebhaberei des Publikums, an solchen Sammelplätzen, die in allen ihren Äußerlichkeiten den Stempel der nachlässigen Dürftigkeit tragen, im Auszug vornehmer Gesellschaft zu erscheinen, schließt sich der chemischen Zusammensetzung dieser Kunstgeheimnisse an. Es gehört zum ganzen, daß man aus dieser so schönen Bänkelsängerei und ihren armseligen Räumen heraustretend, die Straße ihrer ganzen Länge nach von glänzenden Equipagen besetzt findet, die der Zuhörer warten. Ich habe in solchen Fällen immer den Eindruck, die Lakaien in den vornehmen Livreen müssen sich wundern und lustig machen über die großen Herrschaften, die sich an solchen Sachen delektieren. Doch überschätze ich vielleicht auch die Lakaien. Um das Thema zn erschöpfen, müßte man darauf hinweisen, wie in den vergangenen Jahrhunderten in der Pariser Gesellschaft, besonders in der dem Hofe näher stehenden, die Sitte herrschte, alle Tagesvorgänge in kleinen Spottgedichten, besonders in den sogenannten yag.trg,ws, vierzeiligen, zu fixieren. Man könnte die Geschichte Frankreichs, namentlich des siebenzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, ans lauter solchen Tagespoesien zusammenschreiben. Ich erinnere mich einiger auch aus meiner Zeit. So damals, als die Gesellschaft des Lrsclit Nobilisr unter der Leitung der Brüder Psreire in üppigster Blüte stand, ward auf den Herzog von Galliera, den reichen Genueser, welcher dem Verwaltungsrat angehörte, folgendes Sprüchlein in Umlauf gesetzt: 1s Conseil äs8 ?srsirs Ivö ^jsllns 8s,Ivaäor*) äsmg,uäk>, 8i KsUisrg. visnt äs (?g>1srs Oll 6g,1srs äs Kkllisra. Unter den Freunden des Hauses Rosenhain war auch ein Deutscher, ver sich besonders die Liebhaberei am französischen Lied zngelegt hatte, und es uns zuweilen nach Tisch mit einigem Frankfurter Accent vortrug. Es war jener Salomon Strans, der Gatte der Freundin Börnes, geschiedenen Frau Wohl, in 5) Ein jüngeres Mitglied des Verwaltungsrats. 348 Siebentes Kapitel. zweiter Ehe. Sein Duell mit Heine wegen Beleidigung von Bornes Andenken hat ihm alsdann einen Platz in der Litteraturgeschichte verschafft. Sein Lebeu war dem Andenken Bornes und der Kunstkennerschaft gewidmet. Seine Frau war zu meiner Zeit schon tot. Von Gemälden, älteren wie neueren, verstand er wirklich viel, und man konnte sich bei Ankäufen seiner Führung gut anvertrauen. Mit dieser ästhetischen Richtung stimmte anscheinend sehr wenig seine äußere Erscheinung, denn er war immer eine recht schmutzige, nachlässige und unappetitliche Person. Merkwürdigerweise ist es mir uoch öfter im Leben begegnet, daß Menschen mit wirklich feinem Kunstsinn in ähnlicher Weise selbst unästhetisch waren. Sie hätten einen Gang von vielen Stunden nicht gescheut, um irgend eiu schönes Stück zu seheu und den kleinsten Defekt an einem solchen Gegenstand bemerkt, aber ihre eigene beklexte Wäsche oder Kleidung entging vollständig ihrer Kritik. Der Übergang vom Kunstliebhaber zum Schmierlaps (oder, wie ein schönes Wort meiner Heimat sagt: Dreckwiwel) liegt vielleicht im Antiquitätensammler. Einer der größten Kunstkenner des damaligen Paris, Gustave Plauche, war für denselben Defekt bekannt. Er stand als der ästhetische Berichterstatter und Kunstkritiker der lisvus clss äsux Nor>clö8 in hoher Achtung. Man erzählte folgende Geschichte von ihm. Eines Tags erschien er znm Besuch auf dem Landsitz einer vornehmen Dame bei Paris. Während der ersten Unterhaltung bemerkte sie mit Schrecken, wie schmutzig seine Hände waren. Sie wandte sich an eiu paar andre, mit ihm gut bekannte Besucher, uud frug sie, ob sie es nicht fertig bringen könnten, daß ihr Freund sich die Hände wüsche, ehe mau zu Tisch ginge. Die Aufgabe war nicht ganz leicht. -Endlich geriet einer anf die Idee, man wolle die Rede daranf bringen, daß es sehr angenehm wäre, bei der hohen Temperatur vor Tisch eiu Bad zu uehmeu und Planche zn verführen, eine der mehreren zur Verfügung der Gäste stehenden Wannen zu benützen. Gesagt, gethan, der Witz gelang, und unser Planche bekam — scheinbar nebst einigen andren — sein Badezimmer angewiesen. Aber als man sich zu Tisch setzte, bemerkte alle Welt mit Schrecken, daß seine Hände mit Wasser Paris. 349 keine Berührung gehabt hatten. Wie von ungefähr richtete man die Frage an ihn, ob er nicht zu den Badenden gehört habe. „Ganz gewiß" gab er zur Antwort, „ich bin sogar lange im Bade gewesen, ich habe mich vortrefflich unterhalten, denn ich hatte ein sehr schönes Buch zum Leseu mit ins Wasser genommen." Wie aus den vorausgehenden Schilderungen ersichtlich, zeigte mir das Leben in Paris alsbald ein gar viel freundlicheres Gesicht, als alle die Jahre her, die ich in der Fremde verlebt hatte. Die Stadt mit ihrem einzigen Liebreiz, den keine andere der Welt auszuweisen hat, that schon das ihrige. Für einen mit ihrer Geschichte und Litteratur vertrauten Menschen hat die erste Zeit des Aufenthaltes anch noch das eigentümliche Vergnügen in Bereitschaft, daß er auf Schritt und Tritt sich seines Wissens, seiner guten Vorbereitung srent. Jede größere Straße, jeder Platz, jedes merkwürdige Gebäude spricht mit bekannter Stimme von allen bekannten Dingen, die man aus der Geschichte oder den Romanen kennt. Sofort ist man orientiert und die Kunst zu leben, welche in dem Verkehr mit der Gesellschaft wie mit Kaufleuten und Handwerkern freundlich und bequem entgegen kommt, fügt die Annehmlichkeit zum Interessanten. Welch ein Gegensatz gegen das steife, schwerfällige Holland nnd seine abgeschlossenen Philister, gegen seine Nebel und' seinen grauen Himmel. Ich hatte noch das besondere Glück, daß der Herbst des Jahres 1853 bis tief in den November hinein, der sogenannte Ltö äs 1a 8t. Nartin, ganz bezaubernd schön war. Ich erinnere mich besonders eines der ersten Sonntage im November, der wirklich einem warmen Sommertage glich. Ich fuhr in einem offenen Fiaker mit meiner Frau ins Bois de Boulogne. Damals existierte die jetzige splendide Zufahrt Avenne du Bois de Boulogue, ursprünglich de l'Jmpsratrice, noch nicht. Man fnhr aus einem noch ziemlich sandigen, links vom Triumphbogen nach der Seine zu abschweifenden Weg ins Gehölz hinein. Aber wie blendete uns das Gewimmel dieser eleganten Menge nnter diesem strahlenden Himmel! Mit der Zeit gewöhnen sich die Augen ja an alles, aber ich kann doch sagen, ganz hab ich mich nie dagegen abgestumpft. 350 Siebentes Kapitel. In den vielen Jahren, da ich mich heimatlich in Paris aufgehalten habe, bin ich nie ohne einen gewissen Augengenuß meine täglichen Wege gegangen; das ist mir an keinem andern städtischen Aufenthalt geschehen. Zu diesem äußeren Vergnügen des nenen Wohnorts kam die Wiederbegegnung mit den politischen Freunden und das Wiederauffrischen der Erinnerungen und die Speisung aller noch lebendigen Interessen an heimischen Angelegenheiten, lauter Dinge, die ich zuletzt beinah ganz entbehrt hatte. Es war nicht bloß die erste Bekanntschaft mit dem schönen Lande und der schönsten Stadt mit ihrem historischen und allermodernsten Gepräge, sondern auch gleichzeitig die Rückkehr in die politische Atmosphäre, ja in das ihr vorangegangene Studienleben. Unter diesen erfrischenden Eindrücken wurde mir auch die neue Berufsthätigkeit viel- leichter. Vor allem war ich der Sorge der eigenen Existenz enthoben, da ich nicht mehr von meiner eigenen, noch prekären Erwerbs- sähigkeit abhing, sondern von einem großen starken, von erprobten Leitern geführten Unternehmen. Das Minimum von 12000 Franken Einkünften war mir sicher, und wenn das auch fchou nach damaligen Begriffen für Paris und einen ehelichen Hansstand nicht viel war, so reichte es doch für unsere recht mäßigen Ansprüche aus. Ich trat nicht als Gesellschafter in das Bankhaus ein, sondern als Prokurist mit einem kleinen Anteil, ursprünglich nur ein Prozent am Reingewinn des Gesamthauses, wogegen ich mit einem Prozent des Kapitals belastet wurde, und da ich keine Mittel zum Einzahlen hatte, dasselbe zu verzinsen hatte. Da ich gerade bei Ausbruch des Krimkriegs eintrat und eine Reihe ungünstiger Jahre bis zum Anfang der sechziger folgte, so blieb es, wie bereits früher erzählt, auch lauge bei mäßigen Einnahmen. Gegen meine Exilsgenosfen, mit denen ich am meisten verkehrte, war ich freilich noch ein Krösus. Was mir aber das Einleben in die neue Berufsthätigkeit noch zu einem guten Teil erleichterte, war der ganze Ton, der in den Geschäftsräumen und zwischen den ein- und ausgehenden Leuten herrschte. Paris. 351 Zunächst war es die schon erwähnte Persönlichkeit meines Oheims, damals ein angehender Fünfziger, im vollen Bewußtsein eines mit seltenem Erfolg durchlaufenen Lebens und einer angesehenen Stellung, dabei bescheiden und einfach und wahrhaft durchdrungen von Achtung für alles, was Bildung bedeutete. Gewiß, er verachtete das Geld nicht, weder das seinige noch das der andren, aber wenn irgend ein Gelehrter kam, um ihn zu beraten, oder um ihn um einen Dienst zu bitten, und wäre er auch ein recht armer Teufel gewesen, so konnte er sicher sein, wie ein geehrter Gast aufgenommen zu werden. Sie kamen von allen Kalibern, klein und groß, denn jeder hatte doch seine Geldsorgen, der mit dem, welches er hatte, und jener mit dem, welches er nicht hatte, und es ist komisch, wie die meisten kamen mit einer Art Scheu vor der mystischen Kunst des teuflischen Mammons und vor dem „Geldmann", der ein Hexenmeister, ein guter oder böser, sein müsse. Denke man sich als Hintergrund eines solchen Verkehrs eine Stadt wie Paris mit seinem vielgestaltigen Leben, so wird man sich vorstellen können, daß ein für die Beobachtung von Menschen und Zuständen offener Sinn hier interessante Nahrung und erfrischende Abwechselung vom Handwerk fand. Unter den Klienten, die meine Aufmerksamkeit fesselten, stand der berühmte Lamartine oben an. Er kam nie aus den Geldschmerzen heraus, und obwohl er große Einnahmen hatte, so waren doch seine Ausgaben immer noch größer. Er war ganz und gar auf den (Zranä SsiMsur zugeschnitten, der seiner Liebhaberei nichts versagen kann und die Sorge für das Gleichgewicht der Bilanz tief unter sich sieht. Man weiß, wie er am Ende seines Lebens in wahrhaste Not geriet und nur durch aufopfernde Frennde davor bewahrt wurde, aus seinem Landhause ausgepfändet zu werden. Man machte damals auf eine Gesamtausgabe seiner Werke auch Subskription, die als eine Art nationaler Tribut betrieben wurde, und es wurde die Erzählung verbreitet, daß die, welche in seine Wohnnng sich auf die Liste setzten, in zwei Kategorien zerfielen. Wer nur ein Exemplar subskribierte, hatte Eintritt in ein großes Vorgemach. Wer aber für mehrere zeichnete, ward in ein Zimmer geführt von dem man durchs Fenster auf den einen naheliegenden Korridor durchschreitenden 352 Siebentes Kapitel, Lamartine selbst blicken konnte. Ich vermute um so mehr, daß die Geschichte nur auf Erfindung beruht, als ich sie auch von Chateaubriand erzähle» hörte. Was Lamartine zunächst unsrem Bureau zuführte, war eine Jahresrente, die er vom Sultan bezog. Welche Verdienste er sich um die Türkei erworben hatte, ist mir nicht recht klar geworden. Ich weiß nur, daß die Wohlthat an eine Reise anknüpfte, die er anfangs der dreißiger Jahre in den Orient gemacht hatte, mit fürstlichem Aufwand und großartiger Inszenierung. Sein Reisebericht als Voz^gs M Orisut nimmt eine ansehnliche Stelle in seinem litterarischen Werk ein. Die Jahresrente war natürlich immer längst vor Versall aufgezehrt, und die Besuche galten dem Bedürfnis, auf noch lang entfernte Termine Vorschüsse zu erhalten, die auch, trotz der Möglichkeit eines vor Verfall eintretenden Todes, ohne Gegendeckung durch eine Lebensversicherung gewährt wurden, aus Galanterie gegen den berühmten Manu. Er war eine schöne, imposante Erscheinung, hochgewachsen, schlank und doch mit breit ausgeladenen Schultern, auf denen ein interessanter Kopf mit einer gewaltigen Adlernase saß. Er trug sich, damals ein angehender Sechziger, mit einer gewissen nachlässigen, aber nicht einstudierten, etwas altmodischen, an die dreißiger Jahre anknüpfenden Eleganz; ein breitkrämpiger hellgrauer Cylinderhut, eine hohe Halsbinde ohne Hemdkragen, ein kreuzweise über einander geknöpfter Rock und besonders auffallende Hosen, wie die der Kavallerieosfiziere, oben an den Hüften in weiten Falten und nach dem Fuße spitz zulaufend. Er hatte die Leidenschaft des Tabakschnupfens und besudelte sich damit in unglaublicher Weise. Die ganze Fassade von Hemd und Kleidern war damit bestreut, uud das Hemd bot dafür um so breitere Niederlage, als es auf altmodische Weise mit einem sog. Jabot verziert war. Seine Unterhaltung war anspruchslos wie sein ganzes Auftreten, wenn auch von hohem Selbstgefühl, wie einer ganz natürlichen Voraussetzung, durchzogen. Eine andere Größe aus der Revolution von 1848 war der Advokat Adolphe Crsmieux, der sich, wie man erzählte, bei Ausbruch der Februarrevolution selbst in die Liste der provisorischen Regierung hineingelesen und damit ernannt hatte. Auch er hatte Paris. 353 manchmal etwas Finanzschmerzen, wenn anch nur vorübergehend und viel weniger akut als Lamartine. Er hatte Vermögen und große Einnahmen aus seiner Advokatur, aber auch er lebte auf einem großen gesellschaftlichen Fuße. Er war eiu großer Musikliebhaber und juristischer Beirat uud Protektor von Schauspielerinnen und Sängeriuuen, die seinem Salon zur Zierde gereichten. Er hatte eine merkwürdige Physiognomie. Auf einem untersetzten, etwas schwammigen Körper mit kurzen Armen und kleinen Händen saß ein ungeheurer Kopf mit dichtem, ganz krausem Negerhaar und einer Negerphysiognomie, eingedrückter Nase, deren Löcher beinahe nach oben standen, und breitem Munde. Der Totaleindruck der Erscheinung hatte etwas mit der von Anton Rubinstein gemein, nnr war der letztere größer. Crsmieux entstammte einer der jüdischen Ansiedelungen des südlichen Frankreich, von denen auch die Psreire, Salvador, Mirss, Milland u. s. w. herkamen. Ein heißblütiges, phantasiereiches Geschlecht, das sich den demonstrativen Formen und der beweglichen Unternehmungslust der gaseognischen und proven?alischen Landstriche aus natürliche Weise assimilierte. Crsmieux war das Urbild des französischen Advokaten in seinem schwungvollen Vortrag und seinen breiten Gestikulationen. Ich hatte Gelegenheit, ihn in einer Angelegenheit meines Hanfes vor dem Appellhof plädieren zu hören. Es handelte sich um eine bedeutende Summe und eine schwierige Frage. Er machte seine Sache ausgezeichnet und gewann sie, offenbar durch seine mündliche Darstellung, in der die psychologische Seite des Rechtshandels mit großer Geschicklichkeit in den Vordergrund gerückt war. In einem ähnlichen Fall verfuhr der alte Dufaure gerade nach entgegengesetzter Methode, den Rechtspunkt mit großer Gelehrsamkeit und Schärfe, in einem äußerst nüchternen Tone mit seiner trockenen, näselnden Stimme abspinnend. Auch dieser Prozeß wurde gewonnen, und dieser Sieg machte meinem juristischen Herzen mehr Freude als jener. Zu den berühmten Klienten des Hauses gehörte auch Meyerbeer, der mit meinem Oheim in verwandtschaftlichem Verhältnis stand. Dessen Tochter hatte Meyerbeers Neffen, den Sohn seines Bruders Wilhelm, geheiratet. Sah Ersmienx aus wie ein semitischer Bambergers Erinnerungen. ZZ Siebentes Kapitel, Neger, so konnte man Meyerbeer mit einem semitischen Mohikaner vergleichen, mit seinem langen Kopf, den scharf geschnittenen Zügen, der kühn hervorragenden Adlernase und den langen, glänzenden Haaren. Trotzdem er in Paris wie zu Hause war und seinen künstlerischen Resonanzboden recht erst da gesnnden hatte, sah er im ganzen doch ganz berlinerisch aus, besonders auch nach der Art, wie er sich frisierte und kleidete. Sein Auftreten war vornehm und verbindlich. Einen hübschen Gegensatz zu ihm bildete eine Figur aus dem imperialistischen Lager, der Senator van Heeckeren. Er hieß von Hanse aus d'Anthss, war aus Kolmar gebürtig und mütterlicherseits mit der fürstlich Hatzfeldfchen Familie verwandt. Er war als ganz junger Maun uach Rußland gekommen und Hauptmann in der Garde-Kavallerie geworden. Der holländische Gesandte in Petersburg fand ein besonderes Wohlgefallen an ihm und adoptierte ihn, und er nannte sich von da an nach demselben van Heeckeren. Er heiratete die Schwester des Dichters Puschkin, ließ sich aber nach knrzer Zeit in ein Verhältnis mit Puschkins Frau ein, wie wenigstens der Dichter annahm. In dem daraus entstandenen Duell erschoß er Puschkin. Darauf mußte er .Rußland verlassen, wo man sehr gegen ihn aufgebracht war. Er lebte nunmehr eine Zeitlang im Elsaß. Als Napoleon III. ans Ruder kam, ging Heeckeren nach Paris und schloß sich jenem an. Er machte eine Reise an verschiedene Höfe, um die Möglichkeit einer ehelichen Verbindung für seinen kaiserlichen Protektor zu sondieren. Dann lebte er als Senator in Paris. Das ziemlich ansehnliche Vermögen, das er von seinem Adoptivvater erhielt, war, als ich ihn kennen lernte, nicht mehr sehr wohl erhalten. Er fand Geschmack an den Finanzprojekten, die damals in Form von Eisenbahn- und anderen Konzessionen zur Belohnung der kaiserlichen Anhänger verwertet wurden, und hatte sich namentlich an der Gründung einer Assekuranzgesellschaft beteiligt, die nicht recht in Zug kommen wollte. Diese und ähnliche Angelegenheiten führten ihn oft in unser Bureau, und er war mir wegen seiner angenehmen Konversation immer ein willkommener Gast. Paris. 355 Seine äußere Erscheinung war prächtig. Ein stattlicher Kavalier, von großer männlicher Gestalt, deutschbloud und srauzöfischelegant zugleich, mit einem immer fröhlich dreinschauenden hellen Auge. Dem entsprach seine feinkritische Redeweise. Er gehörtezu den vornrteilslosenMitlänfern der Napoleonischen Fortuna, die keine feierliche Maske vornahmen. Man konnte sich sehr ungeniert, auch über die Gesellschaften in den Tuilerien, mit ihm unterhalten. In Geldsachen war er durchaus korrekt. Der Verkehr mit ihm gehört zu den angenehmen Erinnerungen aus dem Geschäftslebeu; er hat mir auch persönliche Dienste geleistet, wenn es sich darnm handelte, Unannehmlichkeiten zu vermeiden, mit denen die, besonders nach dem Orsinischen Attentat, wieder sehr aufgeregte politische Polizei alle einer nicht gut kaiserlichen Gesinnung verdächtigen Flüchtlinge bedrängte. Neben dem ehemaligen Legitimisten und späteren Republikaner Lamartine, dem Republikaner Crsmieux und dem Imperialisten van Heeckeren hatte ich zur Vervollständigung meines Repertoires auch einige Orleanisten, darunter am häufigsten Mortimer Ternanx, den Verfasser einer vielbändigen Geschichte der Schreckenszeit (Listoirs äs lg. Isrrsur). Er war der Neffe jenes Ternanx, der sich nm die Verbesserung der Schafzucht und der Woll-Jndnstrie unter der Restauration große Verdienste erworben und einer beliebten Art von Kaschmirstoff seinen Namen gegeben hat. Der Neffe Mortimer war unter Louis Philipp Deputierter und ein sehr reicher Mann, der nach dem Sturz der Orleans seine Muße der antirevolutionären Geschichtschreibung widmete. Er war ein grimmiger Gegner des kaiserlichen Regiments und die vollkommenste Verkörperung der Bourgeoisie der dreißiger und vierziger Jahre; wohlbeleibt, selbstzufrieden, in erbaulichen Reden sich breitspurig ergehend, aber im ganzen doch angenehmen Umgangs. Er machte mir regelmäßig Mitteilung von seinen Nachforschungen in den Archiven, und wenn er etwas recht Scheußliches zu Lasten der Konventsleute entdeckt hatte, so war das ein ganz besonderer Feiertag für ihn. „Das ist Butter", sagte er dann, „die ich mir auf meinBrot streiche." Sein Bruder Ternaux- Eompans war ein in Deutschland angesehener Gelehrter, der eine 23* 356 Siebentes Kapitel. Zeitlang in Götlingen lebte. Er widmete sich hauptsächlich der Geographie. Dies so ein paar Charakterköpfe aus deu ersten Jahren meiner neuen Berufsthätigkeit. Der minder markanten ist natürlich eine große Zahl. Dazu kam noch, was das Kontingent vom Ausland brachte. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist die an den jetzigen Kolonialminister von Großbritannien, Georg Goschen, der nachmals in der parlamentarischen und staatsmännischen Welt Englands eine der hervorragendsten Rollen spielen sollte. Es handelte sich damals um die erste egyptische Anleihe, welche sein Haus Frühling und Goschen gemeinsam mit dem Hause Bischoffsheim in London herausbrachte. Er kam, wie ich, ein Junior?g,rwsr, nach Paris herüber, um die Einzelheiten des Vertrags und der Emission zu verabreden. Dann sah ich ihn nicht, bis ich ihn im Anfang der siebziger Jahre in Berlin bei einem Gastmahl wiederfand, das Lasker ihm zu Ehren unter Heranziehung der nationalliberalen Führer gab. Eine Wiederbegegnung ähnlicher Art war die mit dem großen Kaufherrn H. H. Meier aus Bremen. Zum erstenmal berührten wir uns im Geschäftsleben. Es geschah, als er in seiner Eigenschaft als Beteiligter der Bremer Bank nach Paris kam, um über Geschäftliches mit meinem Bankhaus zu unterhandeln, und zwar handelte es sich merkwürdigerweise um eine Transaktion in Edelmetall. Bremen hatte infolge des österreichisch-deutschen Münzvertrags von 1857 eine ansehnliche Quantität Goldmünzen, Kronen genannt, prägen lassen, die als Handelsmünze mit festem Gewicht und variablem Zahlungswert sehr wenig in Umlauf kamen. Infolge einer gewissen Konjunktur rendierte die Übersendung dieser Münze nach Paris, und diese Operation war zunächst Gegenstand unserer Verabredung. Als wir uns später im Deutschen Reichstag trafen, hatte ich an dem trefflichen Mann eine gute Stütze in der Befürwortung der Goldwährung, nnd wir gedachten des öfteren mit Freuden des sonderbaren Zufalles, der uns vor Jahren auf fremdem Boden, mit derselben Materie beschäftigt, zusammengeführt hatte. Hier und da erwuchs aus solchen Begegnungen auf dem Kontor eine Freundschaft fürs Leben, wenn neben dem zufälligen Paris. 357 Anknüpfungspunkt die Individualitäten gegenseitig ernstere und tiefere Beziehungspunkte zwischen sich entdeckten. So erging es mir mit Ubaldiuo Peruzzi, dem italienischen Staatsmann, der an der Schaffung des Königreichs einen so bedeutenden Anteil hatte, und der vor etlichen Jahren, von seinem Vaterland allgemein betrauert und in seinem Andenken geehrt, gestorben ist. Als es sich nach dem italienischen Feldzug darum handelte, die Einverleibung Toskana's und damit die Grundlage für den Aufbau des italienischen Königreichs bei Napoleon III. durchzusetzen, wurde er als Unterhändler nach Paris gesandt und setzte auch seine Sache durch. Er hatte Empfehlungen an unser Geschäftshaus, und meine Sympathie für seine Sache brachte uns bald einander nahe. Seine ihn begleitende Frau, die in Italien vielbekannte Donna Emilia, welche sich mit seinen politischen Aufgaben identifizierte, eine impulsive und unglaublich regsame Natur, trug das ihrige dazu bei, unsere wechselseitigen Beziehungen zn fördern nnd von jener Zeit an blieb ich beiden, ihm bis zu seinem Tod, ihr bis auf den heutigen Tag, wo sie erblindet auf ihrem Gut bei Florenz lebt, aber immer noch fleißig über alle öffentlichen Angelegenheiten korrespondiert, verbunden. Als ich im Jahre 1872 zum ersten- und letztenmale in meinem Leben ganz Italien bereiste, um es kennen zu lernen, leistete sie mir die unschätzbarsten Dienste. Mich interessierten immer und überall die Menschen mehr als die Dinge. Ich habe mich nie mit Anempfinden von Kunstgenüssen genarrt, für die mir die technischen Voraussetzungen fehlten und an den schönen Künsten nnr so viel Freude gehabt, wie ein Mensch mit gesundem Sinn und nach einiger Belehrung aus Leben und Lernen natürlicherweise empfinden kann. Am schwersten wird ein mehreres in Sachen der Skulptur und Architektur. Reist man in Italien, so wird die Versuchung, über diese natürliche Grenze hinauszugehen, noch besonders zurückgedrängt durch die Scharen, besonders Deutscher und Engländer, die alle mit prästabilierter Schwärmerei ihre Kataloge zu absolvieren kommen. Vielmehr als die Kirchen und Paläste interessierten mich die Männer, welche mit der Schaffung des neuen italienischen Ein- Siebentes Kapitel. heitsstaates den Anstoß zu dem des Deutschen Reichs gegeben hatten. Cavour war leider damals schon tot, aber glücklicherweise hatte ich ihn noch einige Jahre vor seinem Ende in Paris auch aus geschäftlichem Anlaß kennen gelernt und aus einer Unterhaltung, die sich um eine Münzangelegenheit drehte, den lebendigen Eindruck dieser hervorragenden und verehrnugswürdigen historischen Persönlichkeit erübrigt. Als ich am Neujahrstag 1872 in Venedig ankam, war ich mit Empfehlungen von Donna Emilia an alle Berühmtheiten von Mailand bis Messina versehen, und dank ihr, bekam ich in Menschen und Zustände einen lebendigen Einblick, der mich in den Stand setzte, seitdem allen Ereignissen auf der Halbinsel mit näherem Verständnis zn folgen. Wenn der Faden dieser Erinnerung mich zum Jahre 1872 gelangen läßt, werde ich mehr davon zu berichten haben. Hier wollte ich nur ein Denkzeichen, der unerschöpflichen Freundschaft, errichten, die mir so fruchtbaren Ertrag liefern sollte. Brachte der Charakter des Geschäftes es mit sich, daß sich vielfach Anlaß zur Befriedigung höherer Knltnrbedürfnisse daraus ergab, so war überhaupt der ganze Anstrich, auch des alltäglichen Getriebes, ein ganz anderer und viel ansprechender, als alles, was ich bis dahin durchgemacht hatte. Das Gepräge des trockenen und engbegrenzten Gewerbes, welches die Kontore sowohl in London wie in Antwerpen, wie in Amsterdam und Rotterdam unvermeidlich getragen hatten, war hier in die Hinteren Räume, wo die Kommis arbeiteten, zurückgedrängt. In den beiden mit einander durch offene Flügelthüren verbundenen Kabinetten, in welchen die Chefs saßen, herrschte eine freie, muutere, ich könnte sagen: salonartige Atmosphäre. In dem größeren, dem von außen Kommenden nächsten, saß ich an meinem Schreibtisch und an einem zweiten ein anderer Chef, älter als ich, aber anch noch jung, ein Lebemann und Kunstliebhaber, einWeltkind Frankfurter Ursprungs undPariser Schulung. Im zweiten Kabinett saß mein Oheim, den nur die aufsuchten, die in persönlichen Angelegenheiten zu ihm wollten. Der allgemeine Zulauf der Menschen ward, wie das laufende Geschäft selbst, von uns zwei jüngeren im vorderen großen Ranme Pciris. 359 abgethan. Das war natürlich ein Taubenschlag; aber in das Reden und Antworten, welches die angetragenen und diskutierten Geschäfte mit sich brachten, mischte sich meistens ein heiterer und vielfarbiger Konversationston, der das Ganze zugleich unterhaltend machte. Der Typus der Pariser Individualität, die kosmopolitische und vielgestaltige Natur der Geschäfte trug natürlich das meiste zu dieser Belebung bei. Einiges jedoch mag auch auf meine persönliche Rechnung kommen. Wie es mir schon ehedem gelungen war, einen munteren Konversationston in der Amtsstube der Obergerichtskanzlei in Mainz einzuführen, als ich da Dienst that, so trug mein Meuschen- siun und mein Bedürfnis nach Erweiterung des Horizonts zur Belebung und Erhöhung des Tones bei, der im Verkehr mit Kommenden und Gehenden herrschte. Zn den Goetheschen Sprüchen, die mir am meisten zusagen, gehört der, worin es heißt: „Wenn ich den Scherz will ernsthast nehmen, So soll mich niemand drum beschämen, Und wenu ich den Ernst will scherzhaft treiben, So werd' ich immer derselbe bleiben." Der Vormittag begann nach Lesung der mit der Frühpost eingelaufenen Briefe und nach den dringendsten Dispositionen für die Geschäfte des Tages mit der Durchsicht der Morgenblätter, in erster Reihe des Monitenr. Da die französische, und in damaliger Zeit könnte man sagen, die europäische Politik vor allen Dingen in den Tuilerien gemacht wurde, und der vsus sx waelürig, dabei jeden Augenblick auf die Buhne zn springen bereit war, so öffnete man das Blatt immer mit einer gewissen Spannung. Brachte es keine schlagende Überraschung, so wurde geforscht, ob eine bedeutsame Anspielung zwischen den Zeilen eingeschoben sei. Die politische Tagesstimmung war doch vor allem maßgebend für die höhere Richtung des Geschäftes. So begann schon der Tag mit einem Ausblick in einen weiteren Horizont. Der erste Zuspruch, der sich dann einstellte, waren die Wechselmakler, zur Hälfte wohl dentfche Juden, die meisten aus Süddentfchland. Ähnlich verhielt es sich mit den darauf folgenden Conlisfiers, d. h. den irregulären Maklern der Effektenbörse. Mit der Elastizität, welche der Deutsche überhaupt und in noch höherem Maße der deutsche Zgg Siebentes Kapitel. Jude in der Kunst, sich fremden Zuständen zu assimilieren, besitzt, waren sie, nach kurzem Aufenthalt in Paris, alsbald eingebürgert, in alle Verhältnisse eingeweiht und ihren französischen Kollegen mit wenig Ausnahmen überlegen. Waren doch auch sehr viele der großen Bankhäuser selbst deutschen Ursprungs; gegen sie und die Schweizer die französischen eher in der Minderheit; niemand stieß sich daran. Es gab weder Antisemitismus noch Antiger- manismus. Wie viele von diesen Wechsel- und Effektenmaklern habe ich mit ganz geringen Mitteln anfangen sehen, — sie hatten kaum mehr als Bleistift und Papier und manche nicht einmal einen neuen Hut, die nach etlichen Jahren reiche Männer wurden, und nur durch ihre Anstelligkeit und ihren Fleiß. Da es eben meist sehr geweckte Köpfe waren, die mitten im Getriebe mit offenen Augen sich bewegten, so war es immer nützlich, mit ihnen zu sprechen. Die Geschäftsverhandlung nahm sehr oft die Form einer angenehmen Unterhaltung an. In späterer Stunde, näher zur Börsenzeit, hielten dann eine Anzahl äs einer nach dem andern, ihren Einzug. Sie waren — ich spreche von vor dreißig bis vierzig Jahren und weiß nicht, wie sich inzwischen die Sitten geändert haben, — das, was wir in Dentschland Standespersonen nennen. In der Zahl von sechzig durch die Regierung ernannt, hatten sie einen offiziellen Charakter und verschiedene Privilegien. Das Gesetz legte ihnen den Charakter eines olkioisr nünistsrisl bei, durch den sie in die amtliche Hierarchie der freiwilligen Gerichtsbarkeit eingereiht waren. Nur die Mitglieder ihrer Korporation sind berechtigt, Börsengeschäfte in beglaubigter Form zu vermitteln. Das Amt ist noch nach altfranzösischem Herkommen käuflich, d. h. es wird vom Vorgänger dem Nachfolger nur gegeu eine dem Reinertrag entsprechende Kapitalsablösung übertragen, wie z. B. auch das Notariat oder die Anwaltschaft (diese im Gegensatz zur Advokatur). Die staatliche Ernennung hat allein die Übertragung durch die förmliche, von einer Prüfung der Würdigkeit der Person abhängende Bestallung zu sanktionieren. Auch die Korporation muß zustimmen. Ein solches Amt, drg.rZs, ist mehrere Millionen wert, und daher legeu gewöhnlich mehrere das Kapital zusammen, das auf den Namen des Inhabers C?iwlg,irs) lantet und von ihm ausgeübt wird. Sie waren damals Leute der guten Gesellschaft, von seinen Formen, die eine höhere Schulbildung genossen hatten; die älteren von ihueu würdige Erscheinungen, die jüngeren vollkommene Elegants, alle natürlich in sehr guten Geldverhältnissen. Politik, Geschäft und Stadtneuigkeiten wurden eines ins andere besprochen. Mit den von lange her dem Hause Vertrauten hatte sich eine Art freundschaftlichen Verhältnisses festgesetzt. Zu diesen drei regelmäßig sich jeden Tag um dieselbe Zeit einstellenden Kategorien kam dann bunt durcheinander gewürfelt das ganze Kontingent der zufälligen Besucher. Nicht selten gehörten meine politischen, litterarischen oder künstlerischen Freunde, Pariser oder durchreisende, dazu. Denn ich hatte nie die Gewohnheit, mich feierlich oder pedantisch abzuschließen, weil Unterbrechungen mich nicht stören oder zerstreuen. Ich bin so glücklich, daß ich meine Arbeit jeden Augenblick abbrechen und nach Ende des Zwischenfalls ungestört fortsetzen kann; ebenso wenig stören mich Geräusch oder sonstige Allotria, die um mich her vorgehen. Meine Freunde, die mich in meinem Kabinett aufsuchten und mitten im lebhaftesten Geschäftsdrang einen Zugang fanden, waren oft erstaunt darüber, daß ich im Lärm dieses Taubenschlages mich ganz in eine Arbeit vertiefen konnte. Ich besitze noch eine Karikatur von der Hand des Malers Ricard, die dies Thema behandelt. Während ich zwischen meinen beiden Soeien tief über das Papier gebückt an einer Arbeit eifrig schreibe, haben sich Ricard und Heilbuth, jeder einen Geldsack augeeignet, um damit davonzu- gehen.j Unter den Ab- und Zugehenden bildeten natürlich die Projektenmacher eine besondere nnd für meine Beobachtung interessante Spezies. Es war die Zeit des großen Anlaufs für die Eisenbahn- und Bergwerksunternehmungen, und jeder Tag brachte neue Entwürfe und Leute, die mit Anträgen und Plänen auftauchten, bei deneu alles anfs herrlichste gesichert war, nur das Geld uicht, welches der Bankier dazn schaffen sollte. Erfinder und Projektenmacher sind ein Völkchen eigener Art. In vergangenen Jahrhunderten legten sie sich auf die Kunst, Gold 362 Siebentes Kapitel. zu machen und fanden bekanntlich viele Gläubige, namentlich unter deu großen Herren. In den fünfziger Jahren, bei denen ich hier verweile, schürften sie vorzugsweise in Bergwerken jeder Art und iu Eisenbahngründungen nach dem edlen Metall. Zu deu Eisenbahnen bedürfte es einer staatlichen Konzession. Ich habe schon in meiner Studie über Napoleon III. kurz angedeutet, wie dieser Umstand den Günstlingen des Hofes dazu diente, sich durch Übertragung einer ihnen gewährten Konzession für eine bestimmte Linie eines ehrlichen Maklers Lohn zu verschaffen. Es kouute uicht ausbleiben, daß man auch manchen Sollizitanten nur mit Scheinkonzessionen abfand, nm sich ihn vom Hals zn schaffen. Etliche von diesen erfolglosen Glücksjägern sind durch meine Hand gegangen; da war einer, welcher der zweite Beamte unter dem Verwalter des kaiserlichen Schatzes war. Man behauptete, seine Stellung verdanke er seiner Fran, und diese sei die Tochter des Schließers des Forts von Ham gewesen, in welchem Louis Napoleon gefangen saß. Das Übrige läßt sich erraten. Ein anderer Konzessionär war ein gewisser Napoleon Sintz. Trotz seines Vornamens hatte er keine eigenen Verbindungen mit seinem Namensvetter; aber seine Frau stand mit einer hohen, einem deutscheu Fürstenhaus nahverwandten Gönnerin in einem intimen Zusammenhang, über den die Hofchronik auch verfängliches zu wissen behauptete. Herr Such, eiu Vollblutfranzose, trotz seines Familiennamens, verlangte nun von seiner Frau, daß sie von ihrer Beschützerin etwas Greifbares verlange, und in der That bekam sie eine Eisenbahnkonzession. Die Sache präsentierte sich nicht schlecht, nnd der Ehemann, mit einer ungeheuren, von Karten und Akten strotzenden Mappe, kam alle paar Tage in seinem Coups angefahren, um seine Eisenbahn bei uns au den Manu zu bringen. Aber trotz aller hohen Gunst, deren er sich rühmen konnte, klappte immer etwas nicht, und ich mußte ihu unverrichteter Sache abweisen, bis er das Erforderliche beigebracht hätte. Anf einmal blieb er weg. Monatelang hörte ich nichts mehr. Da sah ich ihn einmal aus der Straße iu abgeschabtem Habit, zwar immer uoch mit der Mappe unter dem Arm, aber sehr zu Fuße uud in offenbar niedergeschlagenem Gemütszustand. Ich giug nun der Sache wieder nach, und was erfuhr ich? Napoleon der Kleine hatte seiner Frau immer mehr Paris. 363 zugesetzt, damit sie sich durch ihre Beschützeriu die notwendigen Ergänzungen zur Verwertung der Konzession verschaffe. Diese that auch das ihrige, aber es gelang nicht. Nnu wurde der Ehegatte wild; es kam zu Szenen, zu Drohungen, endlich zu Handgreiflichkeiten. Um sich diesen zu entziehen und zugleich für sie zu rächen, vergiftete sich die Frau, die man eines Morgens tot in ihrem Bette findet. Und jetzt wars natürlich aus mit der ganzen Herrlichkeit. Ein interessantes Beispiel, wie Eisenbahnunternehmungen zustande kamen, steckt in der Vorgeschichte der Wilhelm-Luxemburg- Bahu, welche durch den großen Krieg in den Betrieb des Deutschen Reiches gekommen ist. In der Zeit, da alle Welt auf diese Weise reich werden wollte, hatte sich ein französischer Projekteumacher, uameus Prost, in Verbindung mit einem kleinen Bankhause, namens Guilhou, welches halb spanischen Ursprungs war, um die Konzession einer Eisenbahn im südlichen Frankreich beworben, und eine Gruppe von meist legiti- mistischen Adligen der Gegend von Lyon für seiue Sache gewonnen. Nachdem die Bewerbung eine Zeitlaug in Gang gewesen, scheiterte sie, und die provisorisch gebildete Gesellschaft hätte wieder auseinander gehen muffen. Da brachte der Zufall Prost mit Leuten in Berührung, welche eine Eisenbahn im Grosz- herzogtum Luxemburg anlegen wollten. Nun stellte er seinen südfranzösischen Marquis und Grafeu vor, es sei ebenso segensreich, da oben an der belgisch-deutschen Grenze etwas zu bauen, als zwischen Rhone und Saone. Sie gingen darauf eiu. Die Konzession wurde erlaugt und die Bahn hergestellt, natürlich mit Nebengewinn für den Gründer, aber zum Unfegen der Aktionäre. Große Geldverlegenheiten entsprangen daraus, uud das Uuter- uehmen schwebte am Rande des Abgrundes. Nun wandte man sich an den Brüsseler Chef des Hauses Bischosfsheim. Dieser entwarf einen Plan zur Nettuug mittels neuer Kapitaleinfchüffe unter der Bediuguug, daß Prost eutfernt werde. Das geschah, und den umsichtigen finanziellen Veranstaltungen, sowie der reformierten Verwaltung uuter einem sehr geschickten Direktor gelang es, das Unteruehmen zu retten, welches jetzt zu einem der solidesten gehört. Ein Vertrag mit der französischen Ostbahn sicherte den Betrieb 364 Siebentes Kapitel. durch diese mit ihrem Material unter gewissen Verteilungen der Einnahmen. Nachdem zwischen Preußen nnd Frankreich der Luxemburgische Konflikt aufgekommen war, knüpfte sich an diesen Betrieb ein politisches Interesse für beide Länder. Der Schwiegersohn des Brüsseler Bischosfsheim, der später als Unternehmer der türkischen Bahnen so reich und berühmt gewordene Baron Moritz von Hirsch, welcher damals noch mit seinem Schwiegervater in enger Geschäftsverbindung stand, war auch bei dem Luxemburger Unternehmen interessiert. Sein Scharfblick und feine erfinderische Kombinationsgabe lieferten bei dieser Gelegenheit ihre erste Meisterprobe. Er ging nach Berlin und eröffnete dem Ministerium Bismarck, auf welche Art, durch einen neuen Betriebsvertrag mit der Luxemburger Bahn, diese wichtige Handhabe für Einfluß auf das Land und für militärische Bewegungen zu erwerben sei, und man zeigte sich willig, auf seiue Vorschläge einzugehen. So weit gekommen, wandte er sich nun nach Paris an die kaiserliche Regierung und demoustrierte ihr, was ihr bevorstehe, wenn sein Plan gelänge; bot ihr aber an, ihn zu ihren Gnnsten umzugestalten, wenn sie der Luxemburger Bahn ihrerseits die gewünschten Vorteile sichern wollte. Man ließ sich das nicht zweimal sagen, und die französische Ostbahn wurde nun bewogen, der Luxemburger Bahn Einnahmen zu garantieren, für welche wieder die französische Regierung die Deckung zu liefern übernahm. Ich erfuhr den intimen Hergang der Sache erst viel später. Von der Vorgeschichte, die mit Preußen spielte, wußten mir die nächsten Eingeweihten, als der neue Vertrag mit der französischen Ostbahn bekannt wurde. Der Gang der Weltgeschichte machte dann den Witz, daß durch die Einverleibung von Elsaß- Lothringen die mit Luxemburg zusammenhängende Strecke ans Deutsche Reich fiel und dieses infolgedeffen auch die vou Frankreich stipulierte Garantie mit dem Betrieb der Bahn übernahm. Übrigens hatte sich bei dieser Gelegenheit wieder einmal gezeigt, wie die mittelbaren Einwirkungen, auf welche die diplomatische Schlauheit großes Gewicht zu legen pflegt, wenig bedeuten. Paris. 365 Bei Ausbruch des großen Krieges war Frankreich noch im Vollbesitz seiner damals erkauften Vorteile. Es hat aber auch nicht eine Stunde lang irgend einen Nutzen davon gehabt. Dem Baron von Hirsch vergaß Bismarck freilich das Stücklein nicht. Als Hirsch im Sommer 1378 während der Tagung des europäischen Kongresses iu Berlin erschien, um im Interesse seiner türkischen Bahnen auf die ihn interessierenden Einzelheiten der großen Abmachungen einzuwirken, weigerte sich Bismarck, von ihm Notiz zu nehmen, und er mußte unverrichteter Sache abziehen. Hirsch war einer von der seltenen Art der Finanzgenies, die durch einen mehr diplomatischen als merkantilen Scharfblick ihr Glück machen. Seine kolossalen Erfolge in der Türkei beruhten in erster Reihe auf der Schlauheit und Kühnheit, mit welchen er die dort herrschenden Regierungszustände auszunutzen verstand. Als er dank diesem Anfang zu seltenem Reichtum gelangt war, verstand er es auch wieder, sich mittels desselben hochstehenden und mächtigen Personen zu verbinden, die sowohl seinen Unternehmungen als seinem gesellschaftlichen Ehrgeiz die besten Dienste leisten konnten. Unter veränderten Umständen, wenn Geburt und Vorbildung ihn dazu näher gebracht hätten, würde er vielleicht eine staatsmännische Rolle in der Geschichte eines Landes haben spielen können. Für seinen politischen Scharfblick zengt mir eine persönliche Erinnerung. Als ich am 13. Juli 1870 Paris verließ, weil mir der Ausbruch des Krieges gewiß schien, ging ich über Spaa nach Köln. In Spaa traf ich zufällig mit ihm zusammen. Er war der festen Überzeugung, daß Deutschland die Franzosen besiegen werde, wie er überhaupt in dem, was man als Tüchtigkeit nnd Zuverlässigkeit bezeichnen könnte, eine geringe Meinung von ihnen hatte. Für Vertrauensposten in seinen Unternehmungen wollte er sie nach seinen Erfahrungen nicht verwenden, und er bevorzugte vor allem die Deutschen. Wenn ich an die Vorstudien für Eisenbahnen zurückdenke, die in den fünfziger Jahren mir durch die Hände gingen, so tritt mir wieder lebhaft entgegen, welche ungeahnte Entwicklung die technische Krastentsaltnng der Welt genommen hat. Da 366 Siebentes Kapitel. brachten die Beteiligten, um die Rentabilität der gesamten Linien zu belegen, vor allem die statistischen Nachweise über den gegenwärtigen Verkehr, die Anzahl der öffentlichen nnd privaten Fuhrwerke und der von ihnen beförderten Reisenden; und diese Zahlen vervielfältigte man mit irgend einem als maßgebend angenommenen Multiplikator, der die künstige Bewegung ergeben sollte. Wie unendlich hat die Wirklichkeit das alles überschritten, gar nicht davon zu reden, daß der gesamte Personendienst, auf den man damals das Hauptgewicht legte, eine Nebensache geworden ist gegenüber dem Warentransport. Meine ersten Pariser Jahre fielen in die Zeit vor dem großen Krach des Jahres 1857, der auch den Bergwerksspekulationen bis auf spätere Perioden einen Todesstoß versetzte. Unser Hans hatte sich an vielen großen Minenunternehmungen in verschiedenen Ländern stark beteiligt, und zwar nicht als Aktien- speknlation zum Kaufen und raschen Wiederlosschlagen, sondern zum dauernden Betrieb für eigene Rechnung. Die meisten Geschäfte waren schon eingeleitet, als ich eintrat, und ich hatte im Lanf der Zeit reichlich Gelegenheit, Erfahrung ans diesem klippenreichen Meer zu sammeln. Es giebt schwerlich ein industrielles Gebiet, auf dem die unangenehmen Überraschungen so vielfältig lauern und auf dem die Gefahr, nachdem man einmal A gesagt hat, durch das ganze ABC unfruchtbarer Opfer gelockt zu werden, so verhängnisvoll droht. Juduftrielle Unternehmungen sind bekanntlich auch schmerzlichen Enttäuschungen nicht wenig ausgesetzt, aber die dunklen Möglichkeiten, die unter der Erde liegen, sind doch die stärksten — zugleich wieder die verführerischsten. Und natürlich kommt es immer wieder vor allem auf die leitenden Personen an; dabei ist ganz besonders zn bemerken, daß neben der technischen Leitung die ökonomische wenigstens in gleichem Maße entscheidend, ja eigentlich die wichtigere ist. Wer glaubt, daß es zum richtigen Betrieb eines Bergwerks genug sei, einen tüchtigen Ingenieur des Faches zu haben, wird schmerzliches Lehrgeld bezahlen. Der merkantile Betrieb darf keinen Moment außer Augen gelassen werden. Ein guter Rechner ist noch wichtiger als ein guter Bergmann bei einer Mine. Der Bergmann läßt sich zu leicht von seiner Liebe zur Sache führen. Paris. 367 Mein Oheim war, wie ich schon erwähnt habe, eine unternehmungslustige, optimistische, ich kann sagen sanguinische Natur, und die Rollen waren insofern umgekehrt, als mir, dem jüngeren, dadurch die Rolle des Skeptikers zufiel. Wenn Projekte auftauchten, reizten sie jenen, und nicht bloß, weil sie Gewinn versprachen, sondern weil sein Schaffenstrieb Luft daran empfand, besonders wenn es sich um Ausgaben handelte, die dem engereu Bankfach recht weit ablagen. Es war gerade der Drang, seinen Horizont und das Feld seiner Thätigkeit und Selbstbelehrung zu erweitern und seine Kombinationsgabe auf die Probe zu stellen, welche ihn lockten. Daß bei solcher Anlage abenteuerliche Projektenmacher Gehör bei ihm fanden, ist daher verständlich. Sein Optimismus schlug dadurch zu einer Naivetät den Individuen gegenüber aus, die mich oft in Erstaunen setzte, uud die nicht nur ihm, sondern auch seinem jüngeren, dem Brüsseler Bruder eigen war. Auf ihrem nächsten Gebiete, dem Bankgeschäft, waren beide Herren vollkommen kritisch und z. B. gegen unvorsichtiges Kreditgeben — die große Klippe der Geldgeschäfte — sowie gegen irrationelle Spekulationen vollkommen gewappnet. Sowie es aber sich um heterogene Konzeptionen und ihre Wortführer handelte, waren sie geneigt, Gehör zu geben. Welch eine Reihe von solchen Anschlägen fand ich bereits in der Durchführung oder als Überbleibsel vor und wie viele zweideutige Kostgänger, die sich eingenistet hatten. Da ich nicht den Unternehmungsgeist und nicht die Kombinationsgabe meiner Chefs besaß, so war ich auch nicht ihren Versuchungen ausgesetzt, und so fiel mir eben, trotz meiner jüngeren Jahre und meiner Unerfahrenheit, die Rolle des Kritikers zu, insbesondre der Schar der herandrängenden Projektenmacher gegenüber, die in der Regel schon in ihrem ganzen Gebaren Mißtrauen erwecken mußten, ob sie nun als wackre Biedermänner oder als vornehme Kavaliere auftraten. Wie oft zerrte es mich in allen Fasern, wenn ich mitanhörte, wie der Vortrag irgend eines Windbeutels mit Andacht vernommen wurde. War er dann abgegangen, und ich sagte zu dem alten Herrn: „Wie köuuen Sie sich uur mit einem solchen Kerl einlassen?" so antwortete er: „Wer soll denn die Geschäfte vermitteln? Meinst Du, der Barou Rothschild käme zu mir, mir deren anzutrageu?" Ich war denn 368 Siebentes Kapitel. auch die döts uoirs dieser Art von Leuten, und da sie durch mein Kabinett mußten, um zu meinem Onkel zu gelangen, so that ich das Mögliche, um ihrem Eintritt Hindernisse in deu Weg zu legen. Wenn dann manches, was dieser Art unternommen wurde, mißriet, so gelang auch wieder anderes, besonders dank der Beharrlichkeit und unerschöpflichen Kombinationsgabe, mit welcher der erfindungsreiche Kopf des Onkels sich aus jeder Verlegenheit zu helfen wußte. Um ein Beispiel zu geben, verfiel er eines Tages, und zwar ganz aus eigener Eingebung, auf den Gedanken, einen großen Gasthof. auf einem in der Nähe der Chaussse d'Antin znm Kauf ausgebotenen Terrain zu erbauen und denselben mit einem Theater der Art zu verbinden, daß dieses in dem Souterrain (Kellergeschoß) untergebracht würde. Wirklich brachte er diese Lieblingsidee zur Ausführung, uud zwar nicht für Rechnung des Geschäftshauses, weil diesem die Natur des Unternehmens doch zu fern lag, sondern für seine Privatrechnung. Und der Gasthos, das bekannte Mtöl äs I'^tlisuss in der Rne Scribe, existiert noch heute und wahrscheinlich für lange noch, denn es ist ein sehr rentables Geschäft geworden und wirst den Kindern und Enkeln, in deren Eigentum es verblieben ist, eine sehr schöne Rente ab. Das Theater aber ist nie recht in Blüte gekommen, mit der Zeit eingegangen, nnd der Raum wird jetzt als Nestaurationssaal für das Hotel verwertet. Eigentlich sollte es auch ursprünglich kein Theater sein, sondern ein Mittelding zwischen diesem und einem Hörsaal. Es war die Zeit, wo die sogenannten Louksrölloss, die Einzelvorträge aus den verschiedensten Gebieten in Mode kamen, und da mein Onkel ein großer Freund von solchen instruktiven Veranstaltungen war, so bestimmte er die Räume in erster Reihe für solche Zwecke. Doch sollten sie auch für Konzerte und szenische Aufführungen dienen, und daher wurde nach sorgsamem Prüfen auch der Name eines Athenäums dafür gewählt. Es war ganz wie ein Theater erbaut, eine Bühne, ein Parket und eine elegante Logenreihe, alles höchst behaglich und geschmackvoll. Im Anfang wurden nur Vorlesungen darin gehalten. Ich Paris. 369 wohnte der Einweihung bei, zu der das bewußte lout ?m-is erschien. Legouvs hielt den ersten Vortrag. Später folgten I. I. Weiß und Sarcey. Auf die Länge zog aber die Sache nicht. Dann hielt ein kleines Theater, eine Art Operette, ihren Einzug, bis es schließlich zur Umwandlung in die prosaische Bestimmung kam. Um auf die Bergwerke zurückzukommen, so waren, als ich eintrat, deren hauptsächlich iu Algerien, in Spanien, in Belgien, in Baden im Gange. Vorher war ein abenteuerlicher Versuch im Innern von Frankreich, in Vigan, ein Feld zum Graben nach lithographischen Steinen, wie die in Baiern gefundenen Solnhofer, auszubeuten, gründlich mißlungen, nachdem er sehr viel Geld verschlungen hatte. Ein junger deutscher Ingenieur hatte den genialen Plan ausgeheckt. Auch das badische Unternehmen, eine Zinkgrnbe bei Wiesloch, war bereits selig entschlafen. Nnr die schönen Aktien lagen noch im stark angefüllten Verlies, vielfarbige Packete, die teils mit, teils ohne Hoffnung anf ein Auferstehen in diesem eisernen Erbbegräbnis der mißlungenen Projekte ruhten, unter ihnen auch jene über die vier Kanäle, lös oauaux, die besonders großen Raum in Anspruch nahmen. Ich denke, sie sind wohl jetzt samt und sonders eingestampft. Wenn ich bei Aufmachung der Effektenbestände an dies Verlies kam, pflegte ich zu sagen: „Welch ein gutes Geschäft muß das des Bankiers sein, daß es ihm erlaubt, so viel schlechte Nebengeschäfte zu betreiben!" Das algerische Unternehmen, eine Eisensteingrube mit Hochöfen, Niuss st Lauts-tournsAux cls I'^lslik genannt, war von allen, mit denen ich zu thun bekam, das trostloseste, weil es an einer unendlich langsamen Auszehrung erst nach vielen, vielen Jahren aufgegeben wnrde. Die große Stahlproduktion mittels der Steinkohlen war damals noch nicht aufgekommen, und die Wälder vou Algerien sollten zur Umarbeitung des verheißenen Eisenerzes mittels Holzkohlen, der damaligen Methode, Wunder leisten. Mein Onkel schwärmte für die Sache, und immer wieder wnrden neue Gelder hineingesteckt. Die Figur des iu Paris residierenden finanziellen Leiters, wie er tagtäglich aus dem Bureau Bambergers Erinnerungen. 370 Siebentes Kapitel. mit seiner großen schwarzen Mappe unter dem Arm und mit neuen Plagen erschien, ist mir eine unvergeßliche Verkörperung der unerschöpflich ueu auftauchenden Schwierigkeiten, auf die man gefaßt sein muß, wenn man sich in industrielle Schöpfungen einläßt, namentlich ohne selbst vom Fach zu sein. Wenn neue Projekte vorgelegt wurden und, wie dies regelmäßig geschah, die Vermittler auf dem Papier die schönsten für alle Eventualitäten abgezirkelten Berechnungen zur Befriedigung meines Onkels vorgelegt hatten, und wenn alle meine Einwürfe beseitigt waren, dann pflegte ich zu sagen: „Wir rechnen ohne das Unvorhergesehene." Worauf er: „Was kann denn da noch Unvorhergesehenes kommen?" — Worauf ich: „Wenn ichs sagen könnte, wäre es nicht das Unvorhergesehene." Ich glaube, es war zum Teil eine späte Nachwirkung dieser Erfahrungen, die meine Opposition gegen unsre chimärische deutsche Kolonialpolitik unterstützten. Als ich Bismarck in der Reichstagssitzung von den überzeugenden Schilderungen reden hörte, die ihm der famose Lüderitz gemacht hatte, fiel mir manche Szene ein, die ich mit meinem Lsllior Partner gehabt hatte. Auch Bismarck war Charlatanerien auf den ihm serner liegenden Gebieten durchaus nicht unzugänglich. Die meisten Aristokraten haben eine Schwäche für Menschen, die sich mit ihren Plänen über die Prosa der bürgerlichen Berechnung hinausheben. Daher sind auch heute noch Fürsten und Grafen an der Spitze unserer Kolonialgesellschasten, daher leben die Wunderdoktoren am meisten vom Aberglauben der vornehmen Leute. In seiner Var- ziner Wirtschaft hatte Bismarck Jahre hindurch einen Vertrauensmann für seine ökonomischeu Geschäfte, der eiu verdrehter Spekulant war, und der den Grund zu allen später gegen die Getreidebörse gerichteten Feindseligkeiten legte, weil er behauptete, die Spekulation mache seine legitimen Berechnungen zu Schanden. Dieser Mann, mit Namen Ritsch, war es, von dem der erste Schriftwechsel mit den Berliner Börsenältesten wegen der Lieferungsqualitäten unter dem Handels-Ministerium Bismarck inspiriert wurde, uud ihm schenkte Bismarck mehr Glauben, als den respektabelsten Vertretern des Kaufmannstandes. Paris. 371 Wie dem abenteuerlichen Lüderitz, so lieh früher einmal der Fürst einem Architekten, namens Scharrath, Gehör, welcher das Urbild eines Erfinders nnd Projektenmachers von Profession war nnd leinen mit dieser Menschensorte Bekannten auch nur einen Augenblick über diese seine Spezialität im Zweifel lassen konnte. Eine der Lieblingsideen dieses Phantasten war eine Erfindung, die er die der Porenventilation nannte. Die meisten Reichstagsabgeordneten der ersten siebenziger Jahre erinnern sich gewiß noch an jene auffallende Gestalt, welche das Foyer und die ganze Umgebung des Reichstags mit ihren Zudringlichkeiten unsicher machte. Auch in die Privatwohuuug verfolgte einen das Gespenst, und ich hatte noch lange Jahre nach seinem offiziellen Mißerfolg mich gegen ihn unerbittlich abzusperren. Die Katastrophe kam so. Das Arkanum seiner Porenventilation bestand nämlich darin, daß für den richtigen Luftwechsel in bewohnten Räumen die Wände mit einem dem Porensystem der menschlichen Haut entlehnten Apparat versehen werden sollten. Natürlich war er mit diesem sich von vornherein als verrückt präsentierenden Vorschlag zunächst beim Reichskanzler eingekommen. Dieser litt nnn von jeher unter der Temperatur des Sitzungssaales. Bald war es ihm zu warm, bald war es ihm zu kalt, je nach Temperatur und persönlichem Befinden. So ließ er sich beschwatzen, einem Versuch mit der Porenventilation seine Zustimmung zu erteilen. Eines Mittags, es war gerade einer der kältesten Wintertage, erschienen die Abgeordneten im Sitzungssaal, in dem jedoch eine so sibirische Kälte sie erfaßte, daß jeder alsbald wieder entsetzt hinausstürzte. Eine Sitzung zn halten, daran war nicht zu denken, und der Präsident mußte kurzerhand vertagen. Im ersten Augenblick glaubten wir, es sei dem Heizapparat irgend ein Unfall zugestoßen. Aber nachträglich erfuhren wir, daß über Nacht Herr Scharrath ans Werk gegangen war, seine famosen Poren anbringen zulassen. Ob das Präsidium des Reichstags dabei zu Rate gezogen worden, ist mir nicht mehr erinnerlich. Anch zu dem Versuch, die Godefroyfchen Plantagenunternehmungen von Reichswegen mit neuen Mitteln zu versehen, war der Fürst auf diesem Weg, dnrch ihm beigebrachte chimärische 24* Z72 Siebentes Kapitel. Vorstellungen gekommen. Der Urheber dieser von vornherein verfehlten Spekulation hatte sich, um wirksamer zu insinuieren, zum eifrigen Schutzzöllner gemacht, was einem Hamburger Großkauf- mann in Bismarcks Augen zu jener Zeit der ersten wilden Tarif- kämpfe einen besondren Reiz verleihen mußte. Die interessanteste Lehrzeit, die ich in Bergwerkssachen durchgemacht habe, spielte noch nach langen Jahren in meine politische Thätigkeit hinein, zwar nnr unter einem falschen Anschein, aber doch unter einem merkwürdigen Zusammentreffen der Begebenheiten. Ältere Politiker erinnern sich vielleicht, daß, nachdem die Nickelmünzen durch das im Jahr 1873 bei uns eingeführte allgemeine Münzgesetz zur Anwendung gelangt waren, in der bald daranf beginnenden sogenannten „Ära der Verleumdungen" von den Vorläufern der heutigen Agrarier auch die Legende ausgesprengt wurde, diese Münzart sei auf meine persönliche Anregung in das Gesetz gekommen uud zwar deshalb, weil ich als Mitbeteiligter an einem Nickelbergwerk dabei auf persönlichen Gewinn ausgegangen sei. Das eine war nun so wenig wahr wie das andre. Aber einen Vorwand hätte die Verleumdung in der That finden können, wenn sie nicht merkwürdigerweise niemals dazu gelangt wäre, ihn zu entdecken. Ich war nämlich vor Jahren, als ich noch im Geschäft stand,, nicht nur an einem Nickelbergwerk interessiert gewesen, sondern ich hatte mich niemals so eingehend mit einer metallurgischen Spezialität befaßt, wie mit dieser, da ich im Jahr 1856 von meinem Hause mit den ersten einleitenden Schritten zur Erwerbung und Erschließung einer Nickelmine in Oberitalien beauftragt worden war und dieses Unternehmen vom ersten Spatenstich bis zu seinem gänzlichen Verfall, der schon anfangs der sechziger Jahie konsumiert war, zu verwalten hatte. Daher kam es, daß ich allerdings mit gewisser Sachverständigkeit bei der Beratung des Münzgesetzes auch über dies besondere Thema reden konnte. Die Geschichte, in ihrer Weise nicht minder charakteristisch für das durch industrielle Jrrlichtelieruug in den Sumpf verlockte Kapital,, ist nämlich folgende. Paris. 373 Etwa im zweiten Jahr meiner Pariser Laufbahn erschienen ans unsrem Bureau ein paar Originalfiguren italienischer Nationalität, Vater und Sohn, mit Namen Baglioni. Sie behaupteten, natürlich in grader Linie von dem berüchtigten Tyrannengeschlecht Perugias abzustammen, waren jedoch vou Geburt Bergamasken, d. h. italienische Gascoguer. Übrigens war es in alten Zeiten Brauch, daß die Klienten der Vornehmen den Namen ihres Schutzherru annahmen, und dieser Weise sind viele große Namen im Gang geblieben. Meine Baglionis hatten die Spezialität des Aufspürens von Erzlage- rnngen im Gebirge, und sie hatten ihre Nachforschungen von Italien bis ins Wallis, wo sie sich in Sitten niedergelassen, erstreckt. Diesmal kamen sie mit dem Angebot eines Bergwerks im Piemontesischen, uud zwar handelte es sich um Nickelerz. Daß es überhaupt ein brauchbares und verkäufliches Metall dieses Namens gab, wußteu wohl damals noch die wenigsten Menschen und noch wenigere, wozu es verwendet werde. So sah es auch in unserem Kabinett aus; ich hatte eine dunkle Erinnerung aus dem natnrgeschichtlichen Unterricht des Gymnasiums. Aus der ersten Belehrung erfuhren wir, daß das Nickel vor allem zu Neusilber als Hauptbestandteil gebraucht werde, daß aber die Schweizer Eidgenossenschaft seit kurzem eine Scheidemünze eingeführt habe, die auf dies Metall basiert sei, welches auch in einigen centralamerikanischen Staaten zu demselben Zweck diene. Die Verarbeitung der Nickelerze zu Metall war am meisten iu den Händen eines englischen Hanses namens Evans in Swansea an der englisch-wallisischen Küste. Im ganzen war das Erz sehr selten nnd der Preis gegen den heutigen ein hoher. Diesen Angaben in natürlich größerer Ausführlichkeit lag nun der Plan eines Bergwerks bei, dessen künftige Ergiebigkeit so berechnet war, daß es binnen knrzem einen großen Nutzen abwerfen mußte. Der Zufall wollte, daß eiu junger Engländer, welcher in Lüttich auf der Bergschule als Minen-Ingenieur ausgebildet war, sich der besonderen Gunst des Brüsseler Bischosfs- heim erfreute, uud nun wnrde dessen Sachknnde zu Rate gezogen. Ich vermute, daß er, abgesehen von der mineralogischen Theorie, auch blutwenig von der Sache wußte, aber ein angehender 374 Siebentes Kapitel. Ingenieur von etlichen zwanzig Jahren, den zwei geriebene Italiener in die Arbeit nahmen, konnte, beim Eifer seine ersten Sporen zn verdienen, nicht umhin, nachdem er einige Stndien angestellt hatte, sich für die Sache zu begeistern, und meine von der Neuheit derselben gereizten Patrone bissen wirklich darauf an. Es wurde ein vorläufiger Vertrag mit den Baglionis abgeschlossen. Das weitere sollte an Ort nnd Stelle geordnet werden. So ward entschieden, daß der englisch-belgische Ingenieur als Fachmann und ich als juristischer und geschäftlicher Beirat für die betreffenden Rechtsgeschäfte uns uach Oberitalien begebeu sollten. Mir paßte das natürlich über alle Maßen. Ich hatte von Frankreich noch nichts als Paris und von Italien gar nichts gesehen. Es wurde mir gestattet, meine Frau mitzunehmen, nnd im Juli 1856 traten wir drei die Reise an. Mit der Eisenbahn konnte man damals nur bis Lyon fahren. Von da gings mit dem Eilwagen über den Mont Cenis nach Turin und von da über Novara nach dem Städtchen Varallo im Valfesia, wo die Mine lag; ein wundervolles Thal in herrlicher Gegend, sechsährender Mais mit Ölbänmen durchsetzt, zwischen denen ein Rebenwuchs sich wie festliche Bekränzung hinschlang, ein Bild der Üppigkeit und vegetativer Pracht, wie ich es bis nach Sizilien hinab später anch nicht schöner gesehen habe, das aber daznmal in seiner Neuheit noch ganz besonders überwältigend ans mich einstürmte. Und selbst an Kunstgennß fehlte es nicht, denn Varallo ist der Geburtsort Gaudenzio Ferraris, des Zeitgenossen und Freundes Raphaels, wie er ein Schüler von Perngino, und seine schönsten Fresken sind in Hülle und Fülle in Varallo erhalten, in der LapsU«. clsl saZro inoutö und auf den Stationen dieses zu Bußprozessionen bestimmten Wallfahrtsberges. Es war ein reizender Aufenthalt, und wir drei jnnge Leute — ich war zwar schon 33 Jahre alt, aber das kommt mir natürlich heute verdammt jung vor, besonders wenn ich an die Lebens- nnd an die Geschäftserfahrung zurückdenke, die ich damals zu dem schwierigen und mir ganz unbekannten Beginnen mitbrachte, — ich sage, wir ließen uns die Freiheit in dieser Herr- Paris. 375 licheu Natur und einem ganz leidlichen Albergo vortrefflich schmecken. Das Bergwerk hatte das Eigentümliche, daß es nicht in der Tiefe, sondern auf dem Gipfel eines ziemlich hohen Bergkegels lag. In den ersten Tagen wurde die Ortsbesichtigung unternommen. Unter Führung des jungen Baglioni und einiger eingeborenen Bergleute machten wir drei, meine Frau wollte in der Begeisterung alles mitthun, den sehr schweren Aufstieg. Einen Weg gab es nicht. Selbst der Esel, den wir zur Nothilfe für den weiblichen Teil der Expedition mitnahmen, hatte schwere Arbeit, um voranzukommen. Als Obdach gab es nach vielen Stunden heißen Emporklimmens nur ein aus Brettern notdürftig hergestelltes Blockhaus. Wir waren so übermüdet, daß keiner von uns in der Nacht ein Auge schloß. Am anderen Morgen ging es an die Ortsbesichtigung. Es waren schon eine Reihe von Stollen und Gängen angebrochen, und auf einer Halde lagen auch große Haufen metallschimmernden Erzes aufgeschichtet, wenn ich mich recht erinnere, weil das arsenhaltige Nickel hauptsächlich mit Schwefelkies verbunden war. Baglioni erklärte uns nun, wie nach untrüglichen Anzeichen das Erz sich in unendliche Breiten und Tiefen fortsetzen müsse, und nicht bloß ich, sondern auch mein sachkundiger Begleiter war von der Evidenz dieser Thatsache überzeugt. Danach ging es wieder bergab, womöglich noch schwieriger als hinauf. Noch viele Tage laug mußten wir gegenseitig über unseren Anblick lachen, denn wir waren am folgenden Morgen in allen Gliedern so steif, daß wir weder gehen noch sitzen konnten. Diese Ruhezeit benutzte ich, um einige Gesetze über piemonte- sisches Bergrecht zu studieren, die ich mir verschafft hatte. Dann wurde uuter der Oberaufsicht der königlichen Bergwerksbehörde das Rechtsgeschäft geordnet, dessen legale Beschaffenheit uus zwar später auch noch einige unangenehme Überraschungen bereitete, aber lange nicht solche uud so viele wie der technische Betrieb. Der königliche Oberingenieur in Novara, der an der Spitze des Bergamtes stand, war ein sehr angenehmer und nach italienischen Begriffen ehrenfester Mann. Das hinderte nicht, daß wir belehrt wnrden, es würde für alle künftige Verwicklungen nichts schaden, wenn man ihm etwa ein kostbares silbernes Kaffeeservice zum 376 Siebentes Kapitel. Geschenk machte, was natürlich sofort berücksichtigt ward. Im Lanf der Zeit ergab es sich auch noch, daß er im Besitz einer jener zahlreichen Bildersammlungen alter Meister war, die einen unschätzbaren Wert besitzen, bis es sich darnm handelt, sie zu verwerten, wobei sich schließlich herausstellt, daß sie höchstens um deu Preis des Rahmens zu verkaufen sind. Diese Sammlung schickte er nach Paris und erbat sich unsere Vermittlung, um sie als seltene Kunstwerke an den Mann zu bringen. Sie hatten aber kein besseres Schicksal als nnsere Nickelwerke. Nachdem etliche Wochen mit dem Abschluß der Geschäfte nnd den ersten technischen Einleitungen verstrichen waren, reiste ich mit meiner Frau, um etwas Italien zu sehen, nach Genna. In dieser Zeit war dort gerade die Cholera sehr heftig ausgebrochen. Wir ließen uns aber in unserer jungen Reiselust nicht irre machen und fuhren ruhig in die Stadt hinein, obwohl uns ganze Züge von Särgen daraus entgegenkamen. Im Hotel Feder waren wir die einzigen Gäste. Auch das machte uns nicht irre, und wir ließen uns im Vertrauen auf unsern Stern sogar Obst und Gefrorenes sehr gut schmecken. Nach einigen Tagen beschlossen wir, uoch Nizza aufzusuchen, obwohl sich die Cholera auch schon dahin gezogen hatte. Die Fahrt ging mit dem Eilwagen die ganze Riviera entlang. Es war gegen Ende August und schrecklich heiß, noch mehr staubig. Wir hatten Plätze im Coups, aber trotz der Hitze war der Staub stellenweise so furchtbar, daß wir lieber vor Hitze als vor Staub ersticken wollten. Wir saßen, meine Frau am einen, ich am anderen Fenster, jeder mit dem dasselbe öffnenden und schließenden Zugriemen in der Hand, um, je nachdem die Hitze zu arg wurde, zu öffneu, oder, wenn der Staub zu dick wurde, wieder zu schließen. So ging es den ganzen langen Tag; die Nacht brachte Erleichterung. Man brauchte damals vierundzwanzig Stunden für die Reife. Am Morgen in Nizza angekommen, fanden wir auch da das Hotel von allen Fremden verlassen, freuten uns aber nach der mühseligen Fahrt, eine gehörige Ruhepause zu machen. Kaum hatte ich ein Bad und ein Frückstück genommen und wollte jetzt mein Dasein genießen, so erhielt ich ein Telegramm ans Paris, daß ich wegen eines plötzlich eingetretenen Bedürfnisses so schnell als möglich Paris, 377 dahin zurückkommen müsse. Ich war dumm d. h. gewissenhaft genug, um das wörtlich zu nehmen. Selbigen Abends saßen wir wieder im Eilwagen, um nach Genua zurückzukehren. Da angekommen, fand ich neue Briefe aus Paris mit der Nachricht, daß mein Kommen nicht mehr erforderlich sei. Seit jener Zeit machte ich mir zur Regel, bei ähnlichen brennenden Rufen nie auf der Stelle zu folgen, sondern immer vorher brieflich anzufragen, ob der Fall wirklich so dringend sei, und in der Regel verlief es dann so wie oben. Ich erzähle deshalb dies kleine Erlebnis zu Nutz und Frommen meiner Mitmenschen, damit sie vorkommenden Falles von dieser Lebensregel profitieren. Das erste, was für das Bergwerk zu thun war, bestand in der Bahunng eines Weges zu Thal. Das kostete schon eine schöne Summe. Nun sollte das Erz von der Ebene aus verkaust werden. Aber da es für den größten Teil des Wegs noch keine Eisenbahn bis zum Hafen von Genua gab, so verteuerte die Fracht per Achse die Sache zu sehr. Mau entschloß sich also, unten in Varallo einen Hochofen znr Aufbereitung, das ist zur Röstung des Erzes, zu errichten. Das kostete Ankauf von Grund und Boden nebst Errichtung von Baulichkeiten. Kohlen herbei- zubriugen, war auch zu teuer. Es mußte mit Holzkohle gearbeitet werden. Auch diese fehlte im großen Maßstabe, und nun wurde beschlossen Holzlieferuugeu abzuschließen und Waldungen anzukaufen, um Kohlen zu brennen. Da nicht alles geschlagene Holz zu Kohle verwendbar war, so mnßte ein Teil als Nutzholz verwertet werden, und es wurde eine Fabrikation von Stöcken für Regenschirme und dergleichen angelegt. Eine knrze Zeit marschierte dann die Sache. Das etwa zu fünfzig Prozent aufbereitete Metall ging über Genua nach Swansea an Evans, mit dem ein Vertrag abgeschlossen war. Daneben liefen, wie bei allen Aufbereitungsanstalten, Prozesse mit Nachbarn, die sich durch die Dämpfe geschädigt erklärten und auch etliche mit Landeseingesessenen, welche ältere Rechte an das Bergwerk zu haben behaupteten; dies alles verziert mit den Annehmlichkeiten des Prozessierens in einem fremden Lande und unter Hilfeleistung italienischer Anwälte nnd ihrer mehr als phlegmatischen Bewegung. 378 Siebentes Kapitel. Im zweiten Sommer nach dem Anfang, als gerade das Ganze für den Augenblick in ein erträgliches Stadinm zu kommen schien, reiste ich nochmals mit meiner Frau nach Varallo. Diesmal ging die Reise über Marseille ganz mit der Bahn, um von da zu Schiff nach Genua zu fahren. Ich war natürlich mit einem wohl visierten Paß versehen, den mir die Pariser Präfektnr freundlich ausgestellt hatte. Im Moment des Ein- schiffens mußte ich ihn vorzeigen. Der Polizeikommissar forschte aber vergeblich nach der Erwähnung des mich begleitenden weiblichen Wesens. Es war mir nicht im Traum eingefallen, daß diese Begleitung auch ihrer Legitimation bedürfe. Da hieß es uuu, diese sei unentbehrlich. Vergeblich stellte ich vor, daß die in meinem Paß bescheinigte Ehrbarkeit doch auch für meine Frau ausreichen müsse. Aber der schlaue Polizist erwiderte, das könnte doch möglicherweise die Frau eines anderen sein, die ich entführen wollte. Ich entgegnete, daß dem Beraubten dann gewiß nicht daran gelegen sein würde, eine solche Dame zurückzuhalten. Aber alle meine Dialektik half nichts. Zum Glück war noch eine Stunde bis zur Abfahrt. Ich warf mich rasch in einen Wagen, fuhr zu dem angesehensten unserer Korrespondenten und erwirkte mit seiner Hilfe, daß wir gerade noch über Hals und Kopf an Bord gelangen konnten. Nachdem wir es endlich soweit gebracht hatten, daß Gewinnung und Aufbereitung des Erzes und Verfrachtung in Gang waren, stellte sich allmählich eine Preiserniedrigung ein, welche alle Rentabilität wieder umwarf. An verschiedenen Punkten, bis in entfernte Weltteile hinein entstanden Nickelgruben, das Erz, auch das aufbereitete, war bald so angeboten, daß kein Känser mehr zu finden war. Nun ward man natürlich einen Schritt weiter getrieben. Um die Waare eher an den Mann zn bringen, mnßte man das fertige Metall herstellen. Das an Ort und Stelle zu bewerkstelligen, fehlten alle Vorbedingungen. So entschloß man sich, einen Hochofen für den Zweck in Belgien zu errichten. Ganz in der Nähe von Lüttich, im sogenannten Valbenoit, ward ein Anwesen gekaust und zur Verhüttung des Erzes eingerichtet, das über Antwerpen dahin geschafft wurde. Natürlich mußte auch wieder Lehrgeld bezahlt werden, und als man endlich so weit war, recht schönes Nickelmetall herzustellen, war auch davon der Markt so überfüllt, daß zeitweise der Absatz gänzlich stockte. Nun hieß es, um ans dieser Sackgasse herauszukommen, müsse noch ein letzter Schritt geschehen; es genüge nicht, metallisches Nickel herzustellen, man müsse das neusilberne Präparat, welches die Industrie zu Gerätschaften verarbeite, fabrizieren; das fände schlankweg Abnahme. Jetzt wurde das Werk auch auf diese Spezialität hin erweitert. Dann gingen die Preise noch mehr zurück; aber das schlimmste war, daß die Mine in Varallo anfing, sehr dürftige Ausbeute zu geben. Es stellte sich allmählich heraus, daß die schönen Anlagerungen, deren Fortsetzung in die Tiefe von den Herren Ingenieuren nach endlosen Klaftern abgeschätzt worden war, nur auf der Oberfläche und in fchwacher Fortsetzung nach unten existierten, und nachdem man noch eine Zeitlang nach neuen Richtungen hin ziemliche Kosten auf Stollen und Gänge verwendet hatte, wurde beschlossen, die Mine aufzugeben. Damit hatte natürlich auch die Aufbereitungsanstalt in Varallo selbst ihren Daseinsgrund verloren, und der Betrag von vielen Hunderttausenden, der da hineingesteckt worden, war gänzlich in Luft aufgegangen. Infolgedessen ward auch der Betrieb in Belgien eingestellt, und die daselbst errichteten Hüttenwerke zu anderen Zwecken abgegeben. Eine vorübergehende Epoche des Aufschwungs hatte die Nickelbereitung noch erlebt, als der belgische Staat dazu überging, Scheidemünzen ans Nickel zu prägen. Bei dieser Gelegenheit machte ich mich auch zum erstenmal mit der Theorie und Praxis des Münzwesens vertraut, die ich bis dahin nur soweit ius Auge gefaßt hatte, als es die volkswirtschaftlichen Studien überhaupt mit sich brachten. Im Anfang der sechziger Jahre war die ganze Nickelindustrie mir aus den Augen verschwunden; im Jahre 1867 war ich nicht nur aus dem Pariser Bankhaus ausgetreten, um nach Deutschland zurückzukehren, sondern das Bankhaus selbst ward wegen meiues Rücktritts in Ermangelung andren dazu geeigneten Nachwuchses gänzlich aufgelöst. Das hinderte dann nicht, daß wegen der im Jahre 1873 in die deutsche Münzgesetzgebung eiugesührteu 380 Siebentes Kapitel. Ausgabe von Scheidemünze ans diesem Metall zu der Zeit, als Ende der siebziger Jahre das Vorspiel der agrarisch-antisemitischen Demagogie begann, die erwähnte Legende meiner Nickelbergwerke, denen diese Münzen Gewinn verschaffen sollten, in Umlans gesetzt und uameutlich von einigen stöckerianischen Pfaffen in großem Maßstab ausgebeutet wurde. In einem Verleumdungsprozeß zwischen einem dieser Pfaffen und einem Rheinischen Blatt wurde ich sogar eiumal von dem Mainzer Gericht auf Requisition als Zeuge darüber vernommen, ob sich die Dinge wirklich so verhielten. Das Merkwürdige ist, wie gesagt, nur, daß die Legende aufkommen konnte, ohne daß einer ihrer Verbreiter jemals etwas von ihrem wahren historischen Hintergrund erfuhr. Wieviel schöner hätte sich die liebliche Nachrede dann noch ausstaffieren lassen! Die Initiative zur Einführung der Nickelmünzen war von den mit der Ausarbeitung des Gesetzes betrauten Personen, insbesondere von dem damaligen Präsidenten des Reichskanzleramtes, Delbrück, ausgegangen, dem ich allerdings in den gelegentlich darüber gepflogenen, ganz außeramtlichen Unterhaltungen, vollauf zugestimmt hatte. Die Münzart hatte sich in Belgien und in der Schweiz bewährt, auch die Vereinigten Staaten nahmen sie an. Ich bin auch uach wie vor der Ansicht, daß es ein guter Griff war. Sie ist gar viel handlicher als die englischen Kupfer- und die französischen Bronzemünzen. Selbst über die Verwechslung zwischen dem Zehnpfennigstück aus Nickel und dem Fünfzigpfennigstück aus Silber, gegen die sich anfänglich viel Geschrei erhob, hört man nicht mehr klagen. Jedesmal wenn ich nach Frankreich komme nnd mich mit den schweren großen bronzenen Sonsstücken beschleppen muß, freue ich mich, daß wir dies Vorbild nicht nachgeahmt haben. Die Geschichte meiner Erfahrung auf diesem Gebiet habe ich aber nicht hauptsächlich wegen ihres Zusammenhangs mit meinem Anteil an der deutschen Münzgesetzgebnng erzählt, sondern zur Beleuchtung der Erlebnisse auf dem Felde industrieller Schöpfungen, namentlich iu den Fällen, wo diese von unternehmungslustigen Kapitalisten ausgehen, die sich von den Technikern uud ihren auf dem Papier glänzend stimmenden Berechnungen ver- Paris. 381 führen lassen. Die Geschichte dieses Nickelbergwerks ist typisch. Sie ist, davon bin ich überzeugt, die von Tausenden ähnlichen Verlaufs. So lauge ein Kapitalist dergleichen mit seinen eigenen Mitteln macht, wie im gegenwärtigen Fall, nnd nur an seiner Person den Schaden zu tragen hat, sällt das Übel nicht ins Gewicht. Schlimm wird die Sache nur, wenn das große Pnbliknm mit seinen kleinen Ersparnissen dazn herbeigezogen" wird, das ja noch leichtgläubiger ist, als der wenigstens im allgemeinen behutsame Finanzmann. Aus solchen Erfahrungen die wichtigste aber ist, den richtigen Maßstab für die überwiegende Bedeutung zu erfassen, welche dem sogenannten „Unternehmer" gegenüber dem Arbeiter zukommt. Hier ist der wahre Kreuzungspunkt für die Theorie des Kampfes zwischen Arbeit und Kapital. Die Quintessenz der Karl Marxschen Lehre und aller davon abgeleiteten Doktrin ruht in der Überschätzung der Arme und der Unterschätzung der Köpfe; der fozialistische Feldzug ist der Krieg der Arme gegen die Köpfe. Natürlich sind die Arme unentbehrlich, aber die Arbeit der Köpfe ist die unendlich viel schwerere und verantwortlichere. Die Theorie, wonach der Unternehmer, indem er einen großen Teil des Gewinns für sich erlangt, der mechanischen Arbeit ein Unrecht thut nnd sie nach der stehenden Redensart ausbeutet, ist von Leuten erfunden, die keinen Einblick in das innere Getriebe des gewerblichen Lebens haben, keine Ahnung davon, welche Anstrengung nnd Einsicht dazu gehört, um eine Industrie ins Leben zu rufen und darin zn erhalten. Die sozialistische Doktrin, auch die vieler Professoren, erhebt sich dagegen, daß die Arbeit des Arbeiters als eine Waare behandelt werde. Es ist zwar auch das nicht zutreffend, aber wenn es so wäre, so entspräche es doch eher dem wirklichen Sachverhältnis. Jeder einzelne für seine besondere Aufgabe befähigte Unternehmerkopf ist eine individuelle Spezialität, während die von ihm beschäftigten Hände mit ihrer Arbeit ihm nur eine sungible Sache leisten. Um mit der Schilderung der montanen Abteilung meines damaligen Geschäftslebens abzuschließen, ohne eiuen falschen Schluß nahezulegen, mnß ich doch hinzusetzen, daß manche andere Unternehmungen besser ausfielen als das afrikanische und das piemon- ZgZ Siebentes Kapitel. tesische. Keines aber gedieh zur dauernden Prosperität ohne langes Lehrgeld, ohue mannigfaches Auf und Nieder. Das, welches am glänzendsten ausschlug, war ein Zinkbergwerk in Asturien. Heute noch steht die Aktiengesellschaft Ario äss ^8wriss als ein seltenes Beispiel des Gelingens da. Aber welche Schmerzensperioden hat sie seit ihrer nun bald fünfzig Jahre zurückliegenden Gründung durchzumachen gehabt; wie oft war man in Versuchung, sie aufzugeben, statt neue Kapitalien hineinzustecken und vor allem, welche geschickte und gewissenhafte oberste Leitung gehörte dazu, das Unternehmen durch alle Klippen in den Hafen zu steuern. Jeden Gegner des Individualismus uud jeden gelahrten Verstaatlicher möchte man einmal mit seinem eigenen Wohl und Wehe an solchem Unternehmen interessieren, um ihn von seinen Abstraktionen zu kurieren. Nur aus diesem Felde, wo jeder Fehler sofort ins Fleisch schneidet, läßt sich lernen, wie allein ein der unendlichen Varietät der Fälle gewachsener Kopf und kein Mechanismus den Gang des Lebens richtig leiten kann. Wenn in den Geschäften etwas an die Staatenlenkung erinnert, so ist es die Thätigkeit eines Verwaltungs- oder Aufsichtsrats bei Aktiengesellschaften. Ich habe deren viele an der Arbeit gesehen und kann meine Erfahrung nur dahin resümieren: zur Seite eines sähigen Direktors ist die Maschinerie überflüssig, zur Seite eines unfähigen, hilflos. Es sind immer nur einzelne, die etwas machen, nie Kollektivitäten. Manchmal hat auch eine solche Ratsversammlung einen Mann von Kopf nnd Energie in ihrer Mitte, der sich ihrer bemächtigt und dann nützlich wird, aber die Vielköpfigkeit kann nie Hand anlegen zur nützlichen That, und die ganze Einrichtung des Aufsichtsrats hat in neun Fällen von zehn uur den Zweck, einigen Begünstigten mühelose Einnahmen an Tantiemen zuzuführen. Ein mir befreundeter außerordentlich tüchtiger und erfahrener Fachmann pflegt scherzweise zu sagen, er wolle seinen Sohn „Verwaltungsrat" studieren lassen. Ganz entbehrlich ist allerdings die Institution des Ver- waltnngsrats doch nicht, denn sie ist eigentlich dazu da, den allgemeinen kommerziellen Beruf, das Nutzbringende zu schaffen und Paris, 383 zu überwachen, auszuüben, wozu die technische Leitung sehr ost, man könnte sagen, beinah immer ungeschickt ist. Ein guter Präsident des Verwaltnugsrats, etwa mit einem tüchtigen Stellvertreter, ist unentbehrlich. Der Rest ist reiner Ballast. Ein solcher Präsident darf sich auch nicht damit begnügen, wie die ehrsamen Aufsichtsräte nur allmonatlich behufs Eintragung iu die Präsenzliste und wegen der daraus resultierenden Emolumente in der Sitzung zu erscheinen, sondern er mnß das Unternehmen mit täglicher Sorgsalt betreiben, wie ein eignes Geschäft. Ich habe solche Arbeit in mehr als einem Fall in der Nahe gesehen und mit Bewunderung gelernt, was persönliche Leistung mit Scharfsinn, Energie, Ausdauer, namentlich in der Rettung verfahrener Gesellschaften leisten kann (was man in Österreich Sanierung nennt). Das frappanteste Beispiel war mir die noch hente in gedeihlicher Thätigkeit stehende Bergwerks- und Hüttengesellschaft für Gewinnung von Blei und Zink in Stolberg in Westfalen. In der Zeit des großen Bergwerksschwindels der fünfziger Jahre hatte einer der famosesten Schwindler jener Zeit, ein gewisser Marquis de Sassenay, eine Anzahl französischer und belgischer Kapitalisten verführt, ihm in dieses Unternehmen zu folgen, welches mit einer namenlosen Verschwendung uud unter entsprechender Räuberei von oben bis unten zum großen Teil auf Minen in Ramsbeck im Sanerlande basiert wurde. Ganze Dörfer wurden angelegt, und Arbeiter aus Sachsen herbeigeholt zu einem Betrieb, der natürlich nur dicke Verluste gab. Einer der Hauptangestellten verdankte seinen Posten dem Umstand, daß seine Frau die Maitresse des Marquis war. Als die Sache zusammenzubrechen drohte, mußte sich das Haus Bischoffsheim entschließen, ihr näher zu treten, weil es unvorsichtigerweise Vorschüsse vou hohem Betrag auf Aktien gemacht hatte. Eines der solidesten Antwerpener Häuser, die Firma Lemms ck Co., ursprünglich deutscher Abkunft, hatte im guten Glauben meinem Brüsseler Onkel Vertrauen in die Sache eingeflößt. Es war eine meiner ersten Arbeiten anf diesem Gebiet, als ich von ihm mit dazu herangezogen wurde, dieses Chaos zu entwirren, und eine der ersten Ersahrnngslehren, die ich mir dabei fürs Leben einprägte, war die, daß man in wichtigen Dingen nie 384 Siebentes Kapitel. auf das Urteil andrer, und seien sie anscheinend noch so zuverlässig, bauen darf, sondern immer selbst sehen muß. Ein Tessiner Baner zitierte mir einmal — dreißig Jahre später — in einem Gespräch ein italienisches Sprichwort, welches diese Wahrheit sehr hübsch formuliert: <übi vnols Älläg., ein non vuols mancla. Der alte Lemms war ein Mann wie gemacht, unbedingtes Vertrauen einzuflößen, auch durch und durch ein Ehrenmann. Er stammte aus einer niederrheinischen Herrnhnter Familie, gehörte auch vielleicht uoch selbst der Sekte an. Jedenfalls trug er sich so. Seine lange, magere, stramm ausgerichtete Gestalt war immer von Kops zu Fuß in dunkles Grau gekleidet; ein feiner Kopf mit scharf geschnittenem Profil trug den Typus des ernsten, erfahrenen, nüchternen Kaufherrn. Und doch hatte der Mann, vor dem selbst mein kluger Onkel ungemessenen Respekt hatte, sich von der französischen Schwindlerbande überlisten lassen. Welche Evolutionen mußte das Unternehmen durchmachen, ehe es wieder so weit aus die Beine gebracht wurde, daß es überhaupt lebensfähig blieb. Natürlich wurde der Marquis mit seinem ganzen Anhang hinausgeworfen, dann wurde alles an Haupt und Gliedern reformiert, auch der Schwerpunkt von den unfruchtbaren westfälischen Bergwerken anderwärts hin verlegt bis nach Sardinien und Spanien, und vorzügliche Techniker wurden an die Spitze gestellt. Als im Jahre 1863 das Paßwesen in Preußen beseitigt nnd keine hessische Verfolguug mehr zu besorgen war, trat ich auf Wuusch meines Brüsseler Onkels in den Verwal- tnngsrat der damals über die größten Schwierigkeiten hinaus- gebrachteu Gesellschaft ein und habe als sein Assistent mich redlich bemüht, mehr als ein bloßer Strohmann zu sein. Bei dieser Gelegenheit betrat ich auch zum erstenmal wieder deutschen Boden, indem ich alle zwei Monate zur Sitzung nach Aachen fuhr. Aber eine Besichtigung der Bergwerke und Hochöfen im Westfälischen, die der gesamte Verwaltungsrat im Oktober 1862 machte, war doch eigentlich Hnmbug. Es war eine herrliche Rundreise von mehreren Tagen; nie habe ich so schöne Wälder beim prächtigen Herbstwetter gesehen, nie hab ich so viel und so gute Krammetsvögel, Rebhühner, Hasen und Rehe gegessen, wie die, mit denen wir von Amtswegen traktiert wurden. Daß die Leiter Paris. 385 der einzelnen Gruben und Hütten, die wir durchwanderten, mir, wären sie nicht zn ehrlich gewesen, sehr leicht ein X für ein U hätten vormachen können, ist mir nie zweifelhaft gewesen. Aber da ich mich um die Einzelheiten des kommerziellen Betriebs zu kümmern hatte, so bereicherte ich mein Wissen bei der Sache. Auch hier lernte ich den Segen des freien Weltverkehrs schätzen, und die dadurch gegebene Möglichkeit, alle Mittel und Kräfte in einem Unternehmen zu verwerten. Es wurden Roherze aus entfernten Weltteilen, von den großen amerikanischen Seen und von Australien bezogen; es wurde das fertige Metall wieder weit weg, auch nach Amerika versandt, und ich ward auch mit den seit jener Zeit so viel weiter ausgebildeten Judustriesyndikaten bekannt, da eine Zeitlang, namentlich mit schlesischen uud belgischen Zinkwerken, eine solche Übereinkunft bestand. Gab es auf diesem Tätigkeitsfeld viel zn thun und zu lernen, so gesellte sich dazu bald noch ein anderes, das nicht minder mein Interesse erweckte, weil es den Horizont nach einer ganz andren Richtung hin ausschloß. Es war dies das Bankgeschäft mit großen südamerikanischen Plätzen. Irgend ein Zufall hatte die ersten Verbindungen mit Brasilien herbeigeführt, und es fügten sich daran eine Reihe anderer, namentlich mit den La Platastaaten. Ein großer Teil dieser, sowie der ostasiatischen Geschäfte, die auch mit einflofsen, mußte immer über London geleitet werden, wohin die Kredite eröffnet und die Waren konsigniert wurden, und diese Erfahrungen gaben den Anstoß, daß, als Ende der sechziger Jahre bei meinem ersten längeren Aufenthalt in Berlin Adalbert Delbrnck, der Chef des Bankhauses Delbrück, Leo ck Co., mir von dem Unternehmen einer zu gründenden Deutschen Bank sprach mit der Aufforderung, mich an deren Bildung und Organisation zu beteiligen, ich willig darauf einging im Hinblick auf die dem deutschen Bankgeschäft nach transatlantischen Gebieten zu erobernde Ausdehnung, für die ich mir einige Kenntnisse zutraute. In jener Zeit mußte in Preußen znr Konstituierung einer Aktiengesellschaft noch die königliche Genehmigung erteilt werden, und ich entwarf die Eingabe, welche unter Hinweis auf jene neuen Bcimbergers Erinnerungen. 25 386 Siebentes Kapitel. Thätigkeitsziele an die Regierung gerichtet wurde. Die Sache kam zu Staude. Als es sich darum handelte, einen obersten Direktor an die Spitze zu stellen, ließen sich die Berliner Beteiligten, insbesondre aus Antrieb Adaldert Delbrücks, welcher der führende Geist dabei war, bestimmen, in preußischem Respekt vor der Bureaukratie einen Geheimen Finanzrat, der lange in der Staatsverwaltung gearbeitet hatte, auf diesen Posten zu setzen. Der Mann war weder dumm noch unwissend, aber etwas Unfähigeres an solcher Stelle habe ich nie gesehen. Beamtenfach und kaufmännischer Beruf sind so himmelweit von einander entfernt. Daher giebt es nichts Horribleres als Regierungseiumischung in die Geschäfte; aber Regierungsleute sind noch erfahren und wohlmeinend, verglichen zu der Überzahl der parlamentarischen Gesetzmacher. Was Dummheit und Bosheit in den letzten Perioden da an Schaden gestiftet haben, entzieht sich jeder Berechnung. Der große Krieg, welcher ausbrach, als die Deutsche Bank sich noch in den ersten Stadien ihrer Entwicklung befand, bot mir Gelegenheit, den richtigen Mann für die Geschäftsleitung, insbesondre für die überseeische, herbeizuziehen. Ich erfuhr, daß das Pariser Oonrxtoir ä'ssooluxts alle seine deutschen Beamten entließ, auch die, welche es in seinen überseeischen Filialen angestellt hatte. Da erinnerte ich mich, daß einer derselben, der mir von Paris her gut bekannt und entfernt mit mir verwandt war, Hermann Wallich, an der Spitze der chinesischen Filiale stand und srei werden mußte. Ich wandte mich sofort an ihn, und in der That ging er, wie die Berliner Verwaltung, auf meinen Vorschlag ein, und wir bekamen nun einen erfahrenen und intelligenten Praktiker an die Stelle der bureaukratischen Perrücke. Er blieb auf seinem Posten, bis er sich vor wenigen Jahren zur Ruhe setzte, und jetzt gehört er nur noch als Mitglied des Verwaltungsrats dem Unternehmen an. Ich selbst schied im Jahre 1872 aus demselben, als ich die Ära der Verleumdung und Verunglimpfung jeder geschäftlichen Thätigkeit, die sich seitdem so mächtig entfaltet hat, von weitem kommen sah. Ich wollte mir für meine parlamentarische Stellung in den großen wirtschaftlichen Fragen vor jedem, auch noch so fern herkommenden Angriff, Ruhe verschaffen. Ich Paris. 33? trat aus demselben Grunde auch aus der Verwaltung der Stol- berger Bergwerke aus. Beides that ich nur ungern, nicht des entgehenden pekuniären Vorteils wegen, sondern weil für die Lösung der wirtschaftlichen Aufgaben der Gesetzgebung nichts so belehrend ist, als in engster Fühlung mit dem lebendigen Geschäftsgang zu stehen. Wessen Augen dafür praktisch und theoretisch geschult sind, der lernt dabei täglich, und wer nicht in dieser Fühlung bleibt, wird an seinem Gesichtskreis eine Einbuße erleiden. Außer den oben bezeichneten Geschäftszweigen und dem regelmäßigen Bankgeschäft führte mich der Zufall im Lauf jener Jahre noch zu einer Spezialität, die auch interessant, lehrreich und vorteilhaft war. Sie bestand in der Beteiligung an der Herstellung einzelner Bahnbauten, in Verbindung mit tüchtigen Unternehmern, für welche das laufende Kapital gegen Gewinnbeteiligung eingeschossen ward. Ich habe mich persönlich in diese Ausgaben eingearbeitet und leitete ausschließlich das Finanzielle davon für mehrere bedeutende Linien in Frankreich und in Spanien. Fasse ich nun alles in allem zusammen, was mir die ersten fünf Jahre des Pariser Aufenthaltes brachten, so stellt sich ein wohlthätiger Gegensatz gegen die vorausgegangenen dar. Zunächst war ich aus allem Schwanken über den zu betretenden Lebensweg hinaus. Sodann hatte sich die geschäftliche Thätigkeit viel versöhnender gestaltet als in London, Antwerpen nnd Holland. Praktische Berührung mit großen Aufgaben des Kulturlebens unter interessanten Konjunkturen, täglicher Verkehr mit ange- uehmen und gebildeten Leuten verschiedenster Berufsarten befreiten das Bewußtsein von allem Drnck, den anfangs die Prosa des alltäglichen Gewerbes ausgeübt hatte. Dazu kam, daß die großen Finanzoperationen von selbst mit der großen europäischen Politik im eugen Zusammenhang standen, und daß man in Paris damals am Brennpunkt dieser großen Politik saß. "Jeden Morgen öffnete man den Monitenr und jeden Abend die offiziösen Blätter mit der Spannung, ob nicht ein Theatercoup in den Tnilerien losgelassen sei, und nebenbei hatte man seine Vertrauten hinter den Coulissen, deren mehr oder weniger glaubhafte Rapporte über das, was sich heimlich präpariere, ohne Unterlaß zuflössen. Nehme -ich noch dazu die Reize des Pariser Lebens, besonders in ihrer 25* Z88 Siebentes Kapitel. Neuheit und für ein relativ jugendliches Alter, so fällt das Facit des Ganzen entschieden günstig aus, und ich gedenke zugleich, daß in dem engeren Freundeskreise ein heiterer, zu frischem Hnmor aufgelegter Ton herrschte. Gleichwohl steht mir aber deutlich in der Erinnerung, daß ich, trotz alledem, einen Grundton innerer Unzufriedenheit nicht los wurde. Mein Sinn für politisches und litterarisches Leben fühlte sich doch aus der Hauptstraße meiner Arbeit hinausgeworfen und auf Nebenwege angewiesen. Auf nicht deutschem Boden war aber zweifellos alle spätere Möglichkeit des Einlenkens versperrt. Ich empfand damals noch nicht den Trost des großen Vorteils, welchen mir diese Schulung durch das praktische Leben an Belehrung und au Sicherung meiner ökonomischen Unabhängigkeit eintragen sollte. Erst die spätere Lebenszeit, als ich wieder nach Deutschland und in die Politik zurückkam, sollte mir diese Einsicht verschaffen; erst da lernte ich vollauf schätzen, wie die vermeintliche Widerwärtigkeit meines Berufswechsels mir zum Segen gereichte, nnd manchmal geriet ich nachträglich auf den Gedanken, daß ich mich in jener Pariser Zeit noch zufriedener gefühlt hätte, wenn ich vorans- gewnßt hätte, wie ich nach Jahren über sie denken würde. Die hoffnungslose Stimmung, in der wir deutsche Flüchtlinge in den letzten Regierungsjahren Friedrich Wilhelms IV. nach dem Vaterland hinblickten, ließ keinen Gedanken an die Möglichkeit einer Rückkehr auskommen. Selbst die Beschäftigung mit deutscher Politik aus der Ferne erschien trostlos unfruchtbar. Auch die im Jahr 1858 vom Prinzen von Preußen angetretene Regentschaft und die Veränderungen im preußischen Ministerium, welche sich daran knüpften, brachten uach unserer Auffassung in dieser Richtung keine Wendnng zum bessern. Der Prinz war aus der älteren Zeit her, sowohl aus der von 1848 als aus der Episode des badischen Ausstandes sür uns das Prototyp des un-- beugsamen und bornierten Militarismus. Die unerbittlichen Hinrichtungen, die in Baden uuler seinem Oberbefehl vollzogen^ worden waren, lebten im frischen, greuelvollen Andenken. Da kam plötzlich mit dem Neujahrstag des Jahres 1859 eine Überraschung, welche eine unabsehbare Bewegung in Gang, zu setzen verhieß. Paris. 389 Aus der Anrede, mit welcher Louis Napoleon den österreichischen Gesandten, Herrn von Hübner, bei der Begrüßung traktierte, ging unzweifelhaft hervor, daß im Stillen ein fertiger Plan mit Cavonr ausgearbeitet worden war, die österreichische Herrschaft in Oberitalien zu brechen. Ich hatte vom ersten Augenblick an die Überzeugung, daß damit ein großer Wendepunkt eingetreten sei, der nicht verfehlen könne, eine heilsame Rückwirkung auf Deutschland auszuüben. Die Sehnsucht nach einer politischen Wiederbelebung der Welt, von welcher ich eine Veränderung für mich selbst, wenn auch keine definitive, doch in Form einer publizistischen Mitbeteiliguug erhoffen durfte, hatte offenbar meinen Blick geschärft für den Keim, der in jenen noch dunklen Anfängen steckte. So wenig Glauben auch die preußische Regierung einflößte, die parlamentarischen Kämpfe und der Gedankenaustausch mit den preußischen Liberalen hatten doch genügt, um bei dieser Wendung neue Hoffnung zu schöpfen, während das setzt bedrohte Österreich als der Sitz aller Hindernisse nnd aller Korruption mit Recht sür das Erbübel der Verrottung des deutschen Staatswesens galt. Natürlich folgte nun bis zum Ausbruch der Feindseligkeiten im Monat Mai eine Periode der höchsten Spannung, die sich noch steigerte, als vor und nach den französischen Siegen die Stellungnahme Deutschlands zu einer brennenden Frage von ungeheurer Tragweite für deffen eignes Geschick wurde. Nicht nur machte das österreichische Kabinett die äußersten Anstrengungen, um durch die öffentliche Meinung in Deutschland Preußen in den Kampf gegen Frankreich und Italien hineinzuziehen, anch freiwillig erhob sich eine unbestochene, patriotische Aufwallung in Deutschland zu Gunsten einer solchen Politik. Der schlechte Ruf Napoleons III. wollte es vielen und gerade den am weitest- gehenden Liberalen undenkbar erscheinen lassen, daß ihm die Befreiung Italiens ein ernstes Ziel sei; sie erblickten in seinem Kampf gegen Österreich nur den ersten Feldzug gegen Deutschland, auf den, nach Österreichs Entkräftung, der gegen Preußen folgen werde. Die Formel dafür lautete: Zuerst hackt man uns den einen Arm ab, dann hat man mit dem andren um so>leichteres Spiel, oder anch: Nicht warten darf man, bis Deutschland Zgg Siebentes Kapitel. am Rhein angegriffen wird; am Mincio muß es verteidigt werden. Davon, daß die Entzweiung mit Österreich die französische Politik zu einer Annäherung au Preußen hinführen, daß die Schaffung eines Königreichs Italien einen gewaltigen Anstoß zur Wiedererweckung deutscher Einheitsbestrebung geben müsse, wollten die wenigsten etwas wissen. Die Parteinahme für Österreichs Sache war in Süddentsch- land übermächtig; selbst am Rhein, wo die katholischen Elemente natürlich stark mitarbeiteten, war sie überwiegend; eine Zeitlang fand sie ihre Vertretung sogar in der einflußreichen „Kölnischen Zeituug". Auch in Berlin gab es unabhängige Politiker, welche nach derselben Seite hinzogen. Namentlich ein merkwürdiges Kleeblatt nahm in der Presse den Kampf für Österreich auf. Es bestand aus dem aus der Verbannung zurückgekehrten Lothar Bucher, dem nachmaligen intimen Mitarbeiter Bismarcks, dem bedeutenden sozialpolitischen Schriftsteller Rodbertus uud einem geistlichen Abgeordneten des Rheinlandes, dem katholisch-demokratischen Kaplan Berg. In einem gegebenen Moment sah es wirklich so aus, als wollte Preußeu dieser verhängnisvollen Richtung folgen. Jetzt wissen wir aus Bismarcks veröffentlichten Briefen, daß seinem weitblickenden Scharfsinn zum großem Teil zu verdanken ist, wenn infolge seiner Vorstellungen jener furchtbare Mißgriff vermieden wurde. Aber davon konnte zu jeuer Zeit natürlich unsereiner entfernt nichts ahnen. Es waren wirklich Momente der Verzweiflung, mit anzusehen, wie blind weite Schichten des deutschen Volkes und ehrbare, kluge Männer in dies Verhängnis stürzen wollten. Eine unerträgliche Geistesverfassung für den, welcher das alles gerade im entgegengesetzten Lichte sah und dabei draußen in der Fremde saß. Was mit Vorstellungen auf dem Wege der Korrespondenz geschehen kounte, war so gut wie nichts. Aber man mußte sich Lust machen. So kam mir, znm erstenmale, seitdem ich England verlassen hatte, der Gedanke, wieder zur Feder zu greifen. Ich hatte mich für den Sommer in einem Landhause in Maisous- Laffitte eingemietet, von wo ich jeden Morgen zur Stadt fuhr, um des Abends wieder zurückzukehren. Über Tags nahm die ^ Paris, 391 geschäftliche Arbeit meine Zeit vollständig in Beschlag; die Aufmerksamkeit war durch die heftige politische Bewegung für die Kombinationen der Finanz noch ganz besonders in Anspruch genommen. Der Sommerabend nach des Tages Arbeit war für freie Gedankenarbeit nicht zu brauchen. So blieb nichts übrig, als jeden Morgen in der ersten Frühe aufzustehen. Ich war aber so voll von meiner Sache, daß mich das kein Opfer kostete. Ohnehin ließ mich die Aufregung wenig schlafen. In dieser Stimmung schrieb ich die Flugschrift „Juchhe nach Jtalia!", welche in dem dritten Band*) meiner gesammelten Schriften Platz gefunden hat. Sie trägt in ihrem Stil deutlich genug die Spuren leidenschaftlicher Erregung, aus der sie hervorging. Der Titel spielte auf die bekannten Soldatenverkäufe deutscher Fürsten am Ende des vorigen Jahrhunderts an. Das „Juchhe uach Amerika!" war, wie die Berichte aus jener Zeit erzählen, der den an England verkauften deutschen Landeskindern einstudierte Freudenruf. Die Broschüre konnte nur ohne Nennung meines Namens erscheinen, wenn sie nicht sofort polizeilichen Verfolgungen ausgesetzt sein sollte. So weit war alles gut. Aber wo einen Verlag dafür finden? Sie außerhalb Deutschlands herauszugeben, wäre aus demselben Grunde, der meine Anonymität verlangte, unpraktisch gewesen. Meine Pariser Exilsgenossen, die fast alle so dachten wie ich, konnten keinen Rat schaffen. Nun wandte ich mich nach Gens an Karl Vogt, der mir seine Absicht, etwas in gleichem Sinn zu schreiben, mitgeteilt hatte. Er schrieb mir am 1. Juni, daß er sich durch die Vermittlung des Verlegers Fürler in Bern mit einem Frankfurter Buchdrucker in Verbindung gesetzt habe, der sich wohl bereit finden würde, auch meine Broschüre zu drucken. Natürlich müsse ich aber die Kosten tragen nnd die Einnahmen dem Kommissionär überlassen. Ich ging auf das Anerbieten ein, und das „Juchhe" erschien anonym in „Vogts Verlag", gedruckt bei Reinhold Baist in Frankfurt am Main, wohin ich das Manuskript direkt einsandte. In demselben, vom 1. Juni datierten Briefe, in welchem Vogt mir diese Vorschläge machte, hieß es am *) 1895, Rosenbaum iimerungen. 26 402 Siebentes Kapitel. Haß gegen Vogt schrieb sich aus der Zeit her, da viele von ihnen in den Jahren 1849 und den nächstfolgenden in der Schweiz und namentlich in Genf lebten. Vogt hatte an manchen von ihnen Ärgernis genommen und den Verdacht geschöpft, daß sie an die auswärtige Polizei verkauft seien und in perfider Weise zu Verschwörungen anstachelten, und er hatte ihnen bei der Genfer Regierung, zu der er in sehr gutem Verhältnis stand, geschadet. Daß nicht lauter Heilige unter ihnen waren, kann man glauben. Bekanntlich war einer von ihnen, der bekannte Braß, später in der ärgsten Konfliktszeit Redakteur der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitnng" in Berlin und einer der vehementesten Parteigänger Bismarcks im Kamps gegen Presse und Verfassung. Anch hat Liebkuecht selbst bezeugt, daß ihm damals von Bismarck Mitarbeiterschaft an dieser selben Zeitung angeboten worden sei. Bekanntlich ergingen anch solche Anerbietungen durch Lothar Bucher an Karl Marx für den „Staatsanzeiger" mit der Bemerkung, daß er sich im Punkt seiner ökonomischen Ansichten keinen Zwang aufzuerlegen brauche. Den Angriff in einem Weltblatt wollte sich nun Vogt nicht gefallen lassen, und er erhob Klage gegen die Redaktton der Augsburger Zeitung. Der langwierige Prozeß endete mit einer Abweisung des Klägers aus prozessualen Gründen, da das Gericht annahm, der Kläger hätte die Beklagten nicht vor das Bezirksgericht, sondern vor die Geschworenen nach dem geltenden Preßgesetz laden müssen. Über den ganzen Hergang hat dann Vogt einen Band von nahezu dreihundert Seiten veröffentlicht. „Mein Prozeß gegen die „Allgemeine Zeitung". Stenographischer Bericht, Dokumente und Erläuterungen. Gens, im Dezember 1859. Selbstverlag des Verfassers." In den Verhandlungen spielt auch mein „Juchhe nach Jtalia" mit. Das Ganze ist für den, welcher einerseits die Parteigeschichte jener Tage studieren, andrerseits einen Blick in das Getriebe einer Flüchtlingswelt thun will, recht belehrend. Noch charakteristischer aber ist eine zweite Schrift, welche zur Erwiderung von Karl Marx verfaßt wurde, unter dem Titel: „Herr Vogt, von Karl Marx. London, A. Petsch ck Co., Deutsche Buchhandlung, 78 Fenchurch Street, 1860," Paris. 40Z In seiner Darstellung hatte Vogt auch Marx angegriffen und ihn als den Drahtzieher aller von der Londoner Emigration ausgehenden Gehässigkeiten und Verfolgungen hingestellt, womit es seiue Richtigkeit hatte. Das Marxsche Buch umfaßt au zweihundert enggedruckte Seiten in groß Oktav. Es ist in der Manier von des Autors übrigen Schriften mit einem unsagbaren Auswand von mit den Haaren herbeigezogenen Citaten angefüllt, welche bestimmt sind, durch stnpendes Wissen zu blenden. Altdeutsch und Mittelhochdeutsch, Nibelungen, Tristan, Minnesänger, lateinisch, griechisch, spanisch, italienisch, englisch, Poesie und Prosa, alles aufeinandergehäuft, um den Leser mit Ehrfurcht zu erfüllen. Und dies ganze Aufgebot zur Verzierung einer Dialektik, die jedes Wort unter dem Mikroskop zerlegt uud mit Lügen und Schimpfereien um sich wirft, so daß an allen, die nicht zur Clique gehören, kein gutes Haar bleibt. Natürlich bekam auch ich meinen Teil. Ich werde mit dem Beinamen Jtzig Beitel Stern Gescheit eingeführt und als ein verkrachter Spekulant geschildert, der durch Anschluß an Napoleons Politik sich zu retten sucht. Wer sich die Zeit und die Geduld nehmen will, dieses Pamphlet durchzulesen, wird außer eiuer Masse vou Notizen über die damaligen Begebenheiten und Schriften auch einen Begriff davon bekommen, wieviel Schmutz, Umtriebe, Komik und Jammer sich in einer Flüchtlingswelt anhäufen können, besonders, wenn noch ein solches Intriganten- und Sophisten-Genie ersten Ranges, wie Marx es unleugbar war, darin dominiert. Es wäre ein Stoff für einen Sittenfchilderer. Leider hat ihn kein Eingeweihter unter den Zeitgenossen benützt. In mündlicher Darstellung war Alexander Herzen für die Londoner Zustände und Friedrich Kapp für die New-Iorker unübertrefflich. Man mnß aber diese Incorraxtiklös, die Marx als Eideshelfer herbeiholt, zum Teil aus der Nähe gesehen haben, um den Humor des Ganzen zu verstehen. Damals ebensowenig wie früher oder später hab ich mich in diese Klatschgeschichten hineinziehen lassen, aber hie und da hab ich einem Tugendhelden aus der Patsche geholfen, wenn er wegen zu zahlender Börsendifferenzen darin saß. Mit Marx bin ich nur eiumal zusammengekommen. Während ich vom Herbst 1849 bis Sommer 1850 in London lebte, besuchte er mich in meiner Wohnung aus einem Anlaß, den ich 26* 404 Siebentes Kapitel. vergessen habe. Er machte nur den Eindruck eines bedentenden, selbstbewußten, wohlerzogenen Mannes. Mit dem zweiten Band endeten die „Demokratischen Studien". H. B. Oppenheim war nach Berlin zurückgekehrt und saß dem langsamen Walesrode so auf dem Nacken, daß dieser den Spaß an der Sache verlor und erklärte, die Redaktion nicht länger fortführen zu wollen. Oppenheim bereitete sich vor, ein eigenes Unternehmen, die Monatsschrift „Deutsche Jahrbücher", zu grüudeu uud in derselben Tendenz zn redigieren. So konnte ich auch auf die Qual einer Wetterführung der „Studien" verzichten. Ich war seit dem Sommer 1860 von unangenehmen Leiden befallen worden. Ein Ekzem, das zunächst die Kopfhaut ergriff nnd vielleicht von erhitzender Überarbeit herrührte, machte mir fürchterlich zu schaffen. Der Pariser Spezialarzt empfahl mir eine Kur im savoyischen Bade St. Gervais. Als ich Vogt davon schrieb, meinte er, dieses Bad tange nichts für meinen Fall. Bei diesem sei nnr ein einziges wahrhaft angezeigt: Lenk im Wallis. Nichtsdestoweniger blieb ich bei meinem Entschluß, uach St. Gervais zu gehen. Auf dem Wege dahin blieb ich einige Tage in Genf, um das neuvermählte Ehepaar Hartmann zu besuchen. Auch Hart- manu meinte gehört zu haben, daß die Pariser Ärzte nur aus katholischer Kameraderie St. Gervais empfahlen, nnd er schlug mir vor, den Onkel seiner Frau, den Genfer Kantonsarzt Doktor Pelifsier um Rat zu fragen. Anch dessen Verdikt fiel entschieden gegen St. Gervais und für Lenk aus, wohin er mir eine Empfehlung an den Badearzt, einen Italiener, mitgab. So ging ich nach Lenk, unterzog mich der scheußlichen Kur, bis zu acht Stunden im gemeinsamen Bade zuzubringen, wobei man im Wasser frühstückt, Gesellschaftsspiele treibt, und was sonst dazu dienen kann, in diesem schrecklichen Zustande die Zeit zn töten. Der Arzt entpuppte sich bald als ein unwissender Esel. Die Kur ver- fchlimmerte mein Übel. Als das Kriterium der Heiluug galt, daß nach einiger Zeit der ganze Körper sich mit rötlichen Pöckchen bedeckte. Das war aber bei der langen Kochoperation etwas ganz Natürliches. Um mich von dieser Pferdekur zn erholen, ging ich dann mit Paris, 405 meiner Frau, die mich begleitet hatte, nach Montrenx, wo ich mich langsam, doch nicht ohne schwere Nachwehen kurierte. Welches goldne Zeitalter der Wohlfeilheit war es doch noch damals! Ich hatte in der noch hente bestehenden Pension Vantier mit meiner Frau ein Schlafzimmer uud einen kleinen, sehr komfortablen Salon nach dem Garten zu. Dafür und für die ganze Nahrnng und Bedienung, die tadellos waren, zahlten wir alles in allem täglich die Person vier uud einen halben Franken; notabene, ein sehr guter Montreux-Wein a äisorstwll war dabei inbegriffen, nnd wenn manchmal Vogts oder Hartmanns zu Tisch von Genf herüber kamen, nahmen nns die trefflichen Damen Vantier nichts dafür ab! Jahre vergingen. Da faßen wir eines Tages bei mir in der Lbaussöö in Paris zn Tisch. Karl Vogt war, wie öfter, zum Besuch da. Die Nede kam anf meine alten Schmerzens- erinnernngen an Bad Lenk. Vogt brach in eines seiner donnernden Lachen ans und sagte: „Wissen Sie, was der verstorbene Doktor Pelissier über die Heilkraft des Lenker Wassers zu sagen pflegte? Sie könne höchstens in der gegenseitigen Ausdünstung der darin Badenden bestehen!" — Wer und was mich dahin geführt hatte, wußte er natürlich nicht mehr! Den ganzen folgenden Winter war ich gesundheitlich noch sehr übel dran. Insbesondere litt ich an schmerzhaften Blutgeschwüren, deren ich zu Zeiten in beiden Achselhöhlen zugleich hatte. Währeud die letzten Zeiten mein Leben seinem Inhalt nach befriedigend gestaltet hatten nnd meine geistige Regsamkeit nach den verschiedensten Seiten hin ihren Weg fand, war ich in der Konsolidierung meiner ökonomischen Verhältnisse in wahrhast komischer Weise zurückgeblieben. Hätte ich nicht alle Belege sorgfältig aufbewahrt, die ich in dem Moment, da ich dies niederschreibe, nach süusuuddreißig Jahreu wieder zn Rate ziehe, ich würde es bei meiner heutigen glücklichen Vermögenslage selbst nicht glanben, daß ich damals nach sechsjähriger Thätigkeit an der Spitze eines so großen Bankhauses eigentlich noch ein armer Schlncker hatte bleiben können. Unter meinen alten Papieren 406 Siebentes Kapitel. finde ich ein Konvolnt mit der Aufschrift: „Meine Vermögenslage 1860 bis 1861"; da entdecke ich nnter anderem noch das Original eines Vertrages, den ich am 2. Dezember 1859 mit meinem Ohnm und Chef zu dem Zweck abgeschlossen hatte, um für den Fall meines Todes meiner Frau einen Unterhalt zu sichern, und wie bescheiden! Für den Fall, daß ich ihr nicht ein Jahreseinkommen von 4000 Franken hinterlassen sollte, verpflichtete sich das Hans Bischoffsheim ihr eine jährliche Rente von 3000 Franken zu zahlen, bis sie durch anderweitige Umstände in bessere Verhältnisse gekommen sein würde. Das war das Resultat langen Kopfzerbrechens und VerHandelns gewesen. Die körperlichen Unbehaglichkeiten, welche im Jahre daraus zum Ausbruch kommen sollten, hatten damals meiner Empfindung ihre Vorboten gesandt, und der Gedanke, daß ich meine Frau mittellos zurücklassen könnte, verfolgte mich Tag und Nacht. Zwar hatte sie einen reichen Vater, mit dem anch damals die Versöhnung hergestellt war. Aber einerseits war zu jener Zeit sein Vermögen für mich noch ganz in Dunkel gehüllt; andrerseits wagte ich bei seinem fabelhaften Geiz nicht auf seine väterliche Hilfe zn rechnen. Znerst verfolgte ich den Gedanken einer Lebensversicherung. Aber das Studium aller möglichen Satzungen dieser Gesellschaften brachte mich zn der Überzeugung, daß ihre Bedingungen im Grunde für den Versicherten höchst unvorteilhaft seien und ihr Dienst wesentlich in einem Zwang zum Sparen dnrch die Einzahlungen liege, während derjenige, der moralische Selbstbeherrschung genug besitzt, um sich auch ohue Zahlungsverpflichtung das Nötige zurückzulegen, durch Ansammlung mit Zins anf Zins billiger zum Ziel kommt. Ich entschloß mich also lieber, jenen bescheidenen Vertrag mit meinem Geschäftshaus abzuschließen, der eben wegen seiner Bescheidenheit anch ohne Mühe durchgesetzt wurde. Zwei Jahre später war es aber noch kaum besser mit mir bestellt. Aus einem acht Seiten in groß Quartformat geschriebenen Brief, dessen auf vergilbtem Kopierpapier abgedruckte Schrift heute nur noch wie ein Palimpsest mit Mühe zu entziffern ist, lese ich heraus, wie schwach es damals mit meinen Finanzen bestellt war. Abermals hatte ich mich an den, zur Sommerszeit anf seinem Landhaus residierenden Chef des Hauses mit einer Vor- Paris. 407 stellung gewandt, um eine größere Beteiligung am Gewinn des Hauses zu beanspruchen, nachdem die bisherigen Ergebnisse mir ein nur geradezu klägliches Quantum eingetragen hatten. Seit acht Jahren war ich mit an der Spitze der Pariser Firma, seit drei Jahren war ich beinah ganz allein auf dem Posten. Aber alles, was ich bis dahin erspart hatte, belies sich nach einer ziffermäßigen Aufstellung auf nicht mehr als höchstens 77 L>00 Franken. Und demgegenüber kam der Nachweis, daß ich iu derselben Zeit meine Ausgaben Jahr aus Jahr ein auf den außerordentlich geringen Fnß von 12 000 Fr. gehalten hatte, unglaublich wenig, wenn ich bedenke, daß ich dabei schon zahlreiche gesellige Beziehungen in anständiger Weise unterhielt, in gewisser Art schon ein Haus ausmachte, 1858 uud 1359 schon für den Sommer ein kleines Landhaus bei Paris gemietet hatte — ein Beweis einerseits, wie relativ wohlfeil damals noch das Leben war, andrerseits, wie man mit Gefchicklichkeit auskam. Denn meine Frau verstand es ausgezeichnet, bei einem so kleinen Budget einen angenehmen Hausstand und eine elegante Toilette zu bestreikn, und das, obwohl sie nach ihrem Bildungsgrad nnd ihren intellektuellen Interessen es mit jedem gelehrten Blaustrumpf hätte aufnehmen können. Dabei war sie aber wieder so praktisch, daß ich eigentlich nur auf ihren Antrieb mich zum Querulieren entschloß, und doch hatte ich aus Erfahrung festgestellt, daß die Frauen sehr geneigt sind, ihren Männern vorzuhalten, wie deren Dienste in gemeinsamen Arbeitsverhältnissen nicht genug anerkannt würden uud sie sich von ihren Mitarbeitern ausbeuten lassen. So mußte ich auch immer von der meinigen hören, daß ich alles allein mache, während die andern sich amüsierten, dabei aber die großen Einnahmen hätten. Der Widerspruch löste sich eben dadurch, daß ich keiu Kapital im Geschäft hatte, die anderen aber wohl. Darum mußte ich von meinem Anteil eben erst die jährlichen Zinsen, die damals noch mit fünf Prozent verrechnet wurdeu, mir abziehen lassen, und in den Jahren, wo wenig verdient oder wo, wie es auch einmal vorkam, verloren wnrde, ließ das als Gewinnanteil sehr wenig oder nichts übrig. Ich setzte es nun doch endlich durch, eiueu größeren Anteil zu erhalten. Die Hauptsache aber war, daß die guten Jahre Siebentes Kapitel. folgten. Was in acht Jahren nicht gelungen war, brachten die vier nächsten ein. Als 1866 die Stunde für die Rückkehr nach Deutschland schlug, war ich soweit, daß ich ganz gnt von meinen Renten leben konnte. Wenn einmal die erste Ansammlung gelungen ist, kommt das übrige bei guter Bewirtschaftung leicht nach. Auch hier heißt es: il r>'z^ a ls xrsmisr pW c^ui coütö. Als der Erinnerung wert bemerke ich noch einen Passus aus der zusagenden Antwort meines Onkels, in dem er sagt: Es sei zwar richtig, daß ich allein die Last der Geschäftsleitung trage, aber ich erschwerte mir sie, indem ich mich nebenher mit Schrift- stellerei uud Politik abgebe. Er verstehe zwar sehr gut, daß ich darauf großen Wert lege, aber ich möge doch nicht verkennen, daß davon ein Teil meiner geistigen Spannkraft absorbiert werde, die andernfalls dem Geschäft zu gute kommen würde. Am Tage, au dem ich dieses Allotriieren mir vorhalten lassen mußte, erhielt ich einen Brief von Ludwig Pfau, der sich damals in Belgien aufhielt. In demselben heißt es zum Schluß: „In Dentschland gährt es wieder und auch mir brechen alte Wunden auf. Es wäre Zeit, daß auch wir wieder gehörig drein führen in das halt- und planlose Gedusel in Deutschland. Haben Sie noch nicht genug Reichtümer zusammengerafft, um wieder einmal ins Zeug zu gehen? Was ist das Leben ohne Geisteskampf!" Allerdings hatte ich nicht „Reichtümer genug" zusammengebracht, und es war gut für meiue künftigen Geisteskämpfe, daß ich noch ein paar Jahre darauf verwendete, meiner persönlichen Unabhängigkeit die Grundlage zu bereiten, die mir dann erlaubte, im entscheidenden Momente mich wieder am Geisteskampf mit Einsetzung der ganzen Thätigkeit zu beteiligen. Und nicht nnr für meine ökonomische Freiheit waren die Jahre bis zum Augenblick des großen deutschen Wendepunkts 1866 notwendig, sondern auch für die Abrundnng meiner Lehrjahre anf dem Boden des Landes, in das mich mein Lebenslanf geführt hatte. Erst wenn man eine Zeitlang mit deu Menschen und Zuständen sich vertraut gemacht hat, reift mit wachsendem Ertrag die Kenntnis und Erkenntnis; die letzten Jahre trugen mit geometrischer Progression die Früchte der vorangegangenen in die Scheune. So verhielt es sich mit meinem Einblick in das große Paris. 409 geschäftliche Weltgetriebe, so auch in das intellektuelle und soziale Getriebe des Mittelpunktes französischen Lebens. Ehe ich auf dieses etwas uäher eingehe, sei noch der weitere Verlauf der litterarisch-politischen Thätigkeit zn Ende geschildert, die sich au die mit den „Demokratischen Studien" wieder aufgenommene anschloß. Mit dem Erscheinen des zweiten Bandes hatten diese, wie oben erzählt, ihr Ende erreicht. Den letzten Ausschlag hierzu hatte die Rückkehr H. B. Oppenheims nach Berlin gegeben, welcher, mit Recht über Walesrodes Leitung sehr unwillig, beschloß, eiu eigenes Organ ins Leben zn rufen. Rasch dem Sein und dem Temperament nach, genan das Gegenteil des bedächtigen und mühseligen Walesrode, brachte er in kurzer Zeit die Herausgabe der nenen Monatschrift „Deutsche Jahrbücher für Politik uud Litteratur" zu Werke. Ihr Name besagte schon, daß sie in Geistesverwandtschaft zn der von Arnold Nnge mit gegründeten, anfangs der vierziger Jahre unterdrückten Zeitschrift stehen sollten. Sie wurden bei Gnttentag in Berlin verlegt, bei dem damals in den vordersten Reihen der preußischen Fortschrittspartei stehenden Franz Dnncker gedrnckt. Das erste Monatsheft wurde im September 1861 ausgegeben. Der erste Artikel iu demselben war von Hans Viktor von Unruh, dem Präsidenten des preußischen Hauses der Abgeordneten. Er behandelte die Frage: „Was hat Prenßen zunächst in der deutschen Sache zu thun?" Oppenheim verlangte natürlich auch meine Mitarbeit und bat mich, ihm für das erste Heft etwas über die Gold- und Silberfrage zn schreiben. Ich hatte bis dahin mich nicht schriftstellerisch mit der Sache beschäftigt, sondern nur sie zu meiner eigenen Belehrung studiert. Von dem Währnngsstreit, wie er sich seit den siebziger Jahren entwickelt hat, war anch noch gar nicht die Rede. An der Tagesordnung war vielmehr die Frage, ob nicht die seit dem Anfang der fünfziger Jahre so gewaltig vermehrte Goldprodnktion Kaliforniens und Australiens den Preis dieses Metalles empfindlich Herabdrücken und den des Silbers in die Höhe treiben würde, genau also das Gegenteil dessen, was heutiges Tags zur Diskussion steht. Der berühmte französische Nationalökonom Michel Chevalier hatte damals die Welt mit der Furcht vor der Über- 410 Siebentes Kapitel. schwemmung mit Gold alarmiert, und einzelne Regierungen haben sich von seiuer Ansicht beeinflussen lassen. Ich war wegeu meiner angegriffenen Gesundheit auf einige Wochen nach Spa gegangen und benutzte meine Freiheit, um unter dem Titel „Die Gold- und Silberfrage" den Gegenstand zu behandeln. Den Schwerpunkt der Arbeit verlegte ich in die Znrückweisnng der Chevalierschen Ansicht, indem ich zeigte, daß der vermehrten Goldproduktion eine weit größere, ins Unendliche ausdehnbare Verwendung zu Müuzzwecken gegenüber stehe. Am Schluß der Abhandlung eröffnete ich die Perspektive auf eine Zeit, in welcher die Welt zur ausschließlichen Goldwährung übergehen werde. Es sind in jenem ersten Versuch hie und da auch Stelleu zu finden, die ich heute nach sechsunddreißigjähriger Beschäftigung mit der Frage nicht mehr unterschreiben dürfte. Aber im Ganzen hat sich vollständig bewahrheitet, was mir damals das Richtige schien. Nachdem ich im letzten Teil meines Artikels ausgeführt hatte, wie der große Zufluß an Gold nicht dahin führen werde, den Preis des Goldes, sondern vielmehr den des Silbers herabzudrücken, sagte ich wörtlich: „Wir wollen nicht, nachdem wir die Eitelkeit einer auf vielfache gründliche Untersuchungen gestützten Prophezeiung (Chevaliers) dargelegt haben, mit einer Prophezeiung schließen. Sonst läge der Gedanke nahe, zu beweisen, daß nach und nach das Gold in Europa die ausschließliche Münze des großen Verkehrs bilden wird". Und wenn ich bedenke, wie viel Mühe die Verteidiger meiner Ansicht in den letzten dreißig Jahren darauf verwenden mußten, Deutschland vor rasenden Wirrungen auf diesem Gebiet zu bewahren, so lese ich mit einiger Genugthuung auch die letzten Zeilen meiner im Sommer 1861 leichter Hand hingeworfenen Betrachtung, welche lauten: „Hier wäre wohl die Stelle, auch noch etwas von der Scheidemünze und ihrer Zukunft zu sagen, aber ich glaube, es ist vielmehr die Stelle gekommen, sich der Scheidestunde zu erinnern. So bleibe dem Leser diese Heimsuchung für diesmal erspart. Es ist ein undankbares Ding mit dem theoretischen Analysieren eines Gegenstandes, der in Natura so mächtig ist. Die ihn besitzen, Paris. 411 verachten die Kunst, ihn zu zergliedern, und die ihn entbehren, würden es als eine Ironie betrachten, sich mit dieser Kunst zu beschäftigen. Und doch ist es vom größten Nutzen und vom größten Interesse, die Sache näher kennen zu lernen, um welche sich so viel des Lebens und Sterbens dreht. Ein jeder lebt's, Nicht jedem ist's bekannt." In der Korrespondenz, die ich über diese Anfänge der Jahrbücher mit Oppenheim führte, finde ich noch einige Stellen, die des Gedenkens wert sind. So schreibt er mir einmal: „Das Beste des ersten Heftes lieferte mir ein junger Jurist, namens Lasker, den ich erst entdeckt habe". Ich habe selbst an einer früheren Stelle das Nähere über die früheste Begegnung zwischen Oppenheim und Lasker berichtet. Ein andermal spricht sich einer seiner Briefe über Bennigfen aus; derselbe macht ihm den Eindruck eines Gagern in sxs. Es ist entschieden etwas Richtiges in der Ahnung. Die Jahrbücher erfreuten sich einer guten Mitarbeiterschaft, aber der Absatz ließ zu wünschen. Das deutsche Publikum, welches gegenüber Gedrucktem zu der sparsamsten Spezies gehört, kaufte damals noch weniger als jetzt. In den Konfliktsjahren kamen noch einige Konfiskationen hinzu, und mit dem Dezember 1864 wurde das Unternehmen als verlustbringend aufgegeben. Ich hatte ziemlich viel dazu geliefert, u. a. meinen Artikel Berlin in Paris, welcher die Ansichten der Pariser Journalistik über die neue Ära in Preußen behandelte; einen über den Humor in der Politik; einen über Renans Leben Jesu und einen über Kapps Geschichte des amerikanisch-deutschen Soldatenhandels. Dank dieser Mitthätigkeit wurden meine Beziehungen zu Norddeutschland im Aufaug der sechziger Jahre immer lebendiger. Sehr häufig stellten sich auch Besucher eiu, die mehr oder weniger lange in Paris verweilten. Einer der häufigsten Gäste war v. Nnrnh, den seine Leitung der Pflugschen Lokomotivfabrik oft nach Paris führte. Boretius, einer der Hauptredakteure der „Nationalzeitung", brachte einen Winter da zu uud erschien hänfig bei uns; Franz Duucker mit 412 Siebentes Kapitel. Frau, Rudolph Gottschall und viele andere; eine Anzahl wurde schon genannt. Langsam aber gewann der französische Umgang das Übergewicht, das ihm naturgemäß mit der Zeit zuwachsen mnßte. Es war dies nicht nnr ein Ergebnis des allmählichen Eingewohntseins an Ort und Stelle, sondern auch des natürlichen Rückgangs im Bestand des deutschen Freundeskreises. Hartmann hatte sich in Genf verheiratet uud niedergelassen; daß Oppenheim nach Berlin zurückgewandert war, berichtete ich; wie ihm, hatten anderen die Pforten der Heimat unter der nenen Ära Preußens sich wieder geöffnet. So kam eins zum audern, um meiuen stehenden, geselligen Verkehr umzugestalten. Die Anknüpfungspunkte führten in die Zeit zurück, da uoch das Flüchtlingsleben dem Umgang sein Gepräge aufdrückte und uns mit politisch gleichgesinnten Franzosen zusammenführte. Das war um so natürlicher, als man wohl mit Recht sagen kann, daß zu jener Zeit der größere Teil der höher gebildeten Gesellschaft mehr oder weniger in oppositioneller Gesinnung dem napoleonischen Regiment gegenüberstand. Presse und Litteratur gehörten meistens zur Fronde. Am nächsten stand uns darin die Gruppe des und der ksvus Zöi'walliizuö, an der ich später, als sie den Namen Rsvus rnoäsrns annahm, mitarbeitete. Die elsässischen Elemente dieser Gruppe bildeten damals den Stamm und fühlten sich den radikalen Deutschen wenigstens ebenso verwandt, wie ihren politischen Landsleuten, den Franzosen. An ihrer Spitze stand Angust Nefftzer, der vollendete Typus des durch den französischen Zuschnitt einigermaßen umgemodelten, aber im Grund seines Wesens unversehrt gebliebenen Alemannen. Hochstämmig, breitschultrig, mit einem starken Kopf auf kurzem Hals, kündigte uur der breitkrämpige, schief aufgesetzte Cylinderhut deu Pariser Radikalen an, während der Rest entschieden dentsch aussah. Eine ausgesprochene Neigung zum Biergenuß, der täglich eine Anzahl Gleichgesinnter in einer Branerei des Fanbonrg Montmartre versammelte, bewahrte vor Entartung. Nefftzer war ans Kolmar gebürtig und hatte ursprünglich protestantische Theologie in Straßburg studiert. Etwas Burschikoses mischte sich ganz Paris. 413 natürlich in sein Wesen, wie es seinem Ursprung und seiner Entwicklung ganz entsprach, und dies umsomehr, als er ans einen frischen Humor veranlagt war. Schon bei seinen ersten Versuchen in der Tagespresse gab er eine Probe davon, die ihm allerdings teuer zu stehen kam. Er war damals, im Jahre 1851, Mitarbeiter an der von Emile von Girardin herausgegebenen Presse. Es war die erste Zeit der napoleonischen Präsidentschaft, noch vor dem Staatsstreich. Man erwartete jeden Tag eine Präsidialbotschast. Nefstzer kam auf den Einfall, eine solche aus einer Anzahl Stellen zusammenzusetzen, die er aus des Präsidenten Schriften gewählt hatte, alle so demokratisch wie möglich. Die, einen Augenblick für echt gehaltene, Botschaft verbreitete einen Schrecken ans der Börse, der einen starken Kursfall nach sich zog. Der Spaß trng seinem Erfinder eine Verurteilung zu einem Jahr Gefängnis ein. Anfangs der sechziger Jahre gründete Nefstzer die noch heute in Blüte stehende Zeitung „1s Einen Teil des Betriebskapitals lieferte der aus Frankfurt stammende Bankier Emil Erlanger. Mitarbeiter waren die Elsässer Louis Ratisbonne und Charles Dollfuß, später kam noch der ebenfalls aus der protestantischen Theologie hervorgegangene Edmoud Scherer hinzu, sowie der auch in deutschem Wissen bewanderte Challemel-Laeonr, der nuter Gambetta Gesandter der Republik in London wnrde und als Präsident des Senats starb. Die meisten von ihnen waren auch Mitarbeiter an der Rsvus ^örln^vi^lls. Es war die Zeit, da nnter Renans nnd Taines Führung der Sinn für deutsche Philosophie, Bibelforschung und Philologie in Aufnahme kam. Die preußischen Triumphe des Jahres 1866 fanden aber auch schon iu diesen Kreisen keine Sympathie. Ich erinnere mich, daß ich am Tage, da die Nachricht der Schlacht von Sadowa eintraf, mit französischen Freunden einen Ansslng in die Umgegend von Paris machte. Der Zufall hatte auch Scherer in unser Coups geführt, und da ich meine große Freude über das Ereignis nicht verbergen konnte, fiel mir auf, welch ein saures Gesicht Scherer dazu machte. Die Beliebtheit der Deutschen wurzelte doch zum Teil auch darin, daß sie so unschädliche Philosophen und Philologen waren. 414 Siebentes Kapitel. Nefftzer selbst war vorurteilslos, und als die große Katastrophe von 1870 eintrat, sah er in derselben nicht nur, wie seine anderen Gesinnungsgenossen, eine Folge der kaiserlichen Mißwirtschaft, sondern eine Schnld der ganzen Nation. Er verließ Frankreich nnd hegte anfangs einige Hoffnung auf die Möglichkeit einer für ihn erträglichen Gestaltung der Dinge in Elsaß-Lothringen. In jener Zeit, kurz nach dem Frankfurter Frieden, als eine Anzahl politisch gebildeter Männer, wie Klein, Bergmann, Schneegans, die elsässische Bevölkerung im Bunde mit den damals starken deutschen Liberalen in ein friedliches Verhältnis zum Reich hinüberzuführen meinten, interessierte sich auch Nefftzer lebhaft für das Problem. Im Lauf des Sommers 1871 gab er Lasker und mir ein Stelldichein in Freiburg, wo der Gegenstand eifrig besprochen wurde. Aber bekanntlich mißglückten alle Versuche dieser Richtung. Nefftzer erkannte das bald und zog sich nach Basel zurück, wo er zn kränkeln anfing und im Jahre 1876 starb. Er war ein bedeutendes journalistisches Talent, ein liebenswürdiger, ernster nnd gründlich gebildeter Mann. Das Problem, die Elsässer mit ihrem Schicksal zu versöhnen, war ein unlösbares. Die Deutschen haben durch eigne Fehler viel zum Mißlingen beigetragen, aber es wäre nicht gelungen, auch weun sie Engel vom Himmel gewesen wären. Man kann zwar noch heute von den Altdeutschen im Elsaß sagen hören, das Regiment Mantensfel mit seiner Schwäche für das französische Element uud für die katholische Geistlichkeit trüge am meisten Schnld an diesem Mißlingen. Doch halte ich diese Anklage für wenig begründet. Viel mehr haben diejenigen deutschen Beamten dazu beigetragen, welche glaubten, man müsse durch unbeugsame Härte und herrisches Auftreten den Elsässern ihren französischen Dünkel austreiben und sie mit Nuten zn deutschen Patrioten erziehen. Doch, im Grunde war weder mit guten, noch mit bösen Künsten etwas zu machen. Das ganze französische Leben mit seiner Gravitation nach Paris, selbst mit seiner, von ihnen nur adoptierten Sprache, war den elsässischen Bürgerkreisen zur lieben Gewohnheit geworden, und da es ebensoviel anziehende Eigentümlichkeiten hatte, wie namentlich das norddeutsche abstoßende, so blieb das dem entsprechende Gefühl ausschlaggebend. Paris. 415 Die Eisässer fühlten sich nicht als Deutsche und entbehrten die französische Lebens- und Staatsgemeinschaft schmerzlich. Das ist eine Thatsache, die jenseits von Lob und Tadel, als ein Ereignis auf eignen Füßen steht. Als der Fürst Hohenlohe-Schillingssürst Statthalter wurde, sprach er mit mir über die Schwierigkeit seiner Aufgabe. Ich sagte ihm: „Nehmen Sie die Dinge so ruhig wie möglich, und glauben Sie nicht, daß sich mit Regierungskünsten etwas daran ändern läßt. Kein Gott und kein Teufel kann machen, daß die Elsäsfer sich mit dem Herzen in ihr Schicksal finden. Verschonen Sie sich selbst und Ihre Administrierten mit aller unnötigen Quälerei, machen Sie sich uud ihnen das Leben so leicht wie möglich." Ich glanbe, dieser Rat entsprach auch der Siuuesweise des Statthalters; er hat im Einklang damit regiert, nicht selten im Widerspruch mit schneidigen Anordnungen, die von Berlin kamen, aber zum Dank des Landes, das ihn nur ungern scheiden sah. Es ist etwas eignes um die Schwierigkeit, welche das Deutschtum in seiner Berührung mit nachbarlichen Elementen überall zu bestehen hat. In diesem Fall hätte das Hindernis um so geringer sein sollen, als mit Ausnahme vom französisch-lothringischen Teil Land und Leute von Natur wirklich deutsch sind. Aber auf der andren Seite macht der eigentümliche Reiz, den französisches Wesen auf die Meuschen ausübt, seine Wirkung geltend. Es wird eine ewig ungelöste Streitfrage bleiben, ob Deutschland im eignen Interesse, d. h. im Interesse eines versöhnten Zusammenlebens mit seinem Nachbar und seiner Sicherheit vor Revanchekriegen, besser gethan hätte, die beiden Provinzen bei Frankreich zu lassen. Franzosen und Deutsche werden sich nie darüber einigen. Auf diesem Punkt habe ich mich in diesen fünfundzwanzig Jahren uur mit einem einzigen Franzosen verständigen können, den ich natürlich nicht nenne, um ihn nicht in seinem Lande unmöglich zu machen. Alle anderen, auch die vorurteilslosesten und maßvollsten, haben versagt. Meine eigne Überzeugung ist, daß der Haß gegen das siegreiche Deutschland und die Begierde nach Revanche ganz ebenso groß gewesen nnd geblieben wären, selbst wenn man keinen Zollbreit 416 Siebentes Kapitel. Land abgerissen hätte. Aus menschlicher Rücksicht für die Bewohner wäre es wünschenswert gewesen, sie bei Frankreich zn lassen; ans Rücksicht aus die eigne Sicherheit war Deutschland zur Einverleibung berechtigt, denn ohne die Gefahr des Angriffs zu vermehren, vermehrte es die Mittel der Abwehr. Deutschland hätte, wenn Metz nnd Straßbnrg bei Frankreich geblieben wären, gerade so viel Grund gehabt, täglich ans einen Revanchekrieg gefaßt bleiben zu müssen, wie dies jetzt der Fall ist, und es hätte nur des Plus von Widerstaudsmitteln entbehrt, welche diese festen Plätze ihm gewähren. Im heutigen Kampf der Nationalitäten untereinander spielen Befangenheit und vorgefaßte Stimmung eine so ungeheure Rolle, daß jede Rechnung auf Gerechtigkeit zum eitlen Wahn wird. Kein Franzose hätte es den Deutschen gedankt, wenn sie auf Landerwerb verzichtet hätten, und die bloße Thatsache, daß sie Sieger gewesen, hätte genügt, das Rachebedürfnis lebendig zu erhalten. Man kann Mitgefühl haben, namentlich mit den Lothringern, die in eine ihnen widerstrebende Gemeinschaft hineingezogen und von einer ihnen lieben abgerissen wurden. So lange aber die Nationen und Staaten im Kampf um ihre eigne Existenz so wie hente einander gegenüberstehen, kann man dem Deutschen Reiche nicht verdenken, daß es die Maßregel seiner größeren Sicherstellung der hnmanen Rücksicht auf die Neiguugen der inkorporierten Bevölkerung vorzog. Bismarck und Moltke waren keine Romantiker, die ans deutschtümlicher Empfindung heraus das alte Reichsland wieder haben wollten. Moltke täuschte sich nicht über die fünfzigjährige Dauer der Revanchebedrohuug und basierte seine Gegenmaßregeln darans, und Bismarck wagte nicht die Verantwortlichkeit dafür zu übernehmen, wenn er sich den Konsequenzen der Berechnung Moltkes eutzöge. Ich werde später, wenn ich zum Jahr 1870 kommen sollte, darüber noch manches zu sagen haben. Aber ich lege Wert darauf, fchon hier meiue Ansicht über diese Völkerstreitsrage ansznsprechen, weil ich glaube, daß meine Unbefangenheit nicht, angezweifelt werden kann. Galt ich doch im deutschen Reichstag für so zu Frankreich hinneigend, daß meine näheren politischen Frennde mich immer Paris. 417 baten, in elsässischen Angelegenheiten nicht das Wort zu nehmen, und Fürst Bismarck, der in der Kunst perfiden Jnfinuierens seinesgleichen suchte, hat mir einmal, als ich den ersten heftigen Streit über seine allgemeine Politik mit ihm hatte, das 8uM mixts an den Kopf geworfen. Nach meiner Erwiderung (in der Sitzung vom 14. Juni 1882) zog er dann, wie er in solchen Fällen zu thnn pflegte, den Sinn der Perfidie ins Harmlose nnd sagte, er hätte nur gemeiut, ich brächte gerne einen Teil des Jahres in Paris zu, nnd an meiner Stelle giuge es ihm vielleicht ebenso. Der Gedanke, eine Unterscheidung zwischen den annektierten deutschen und französischen Landesteilen zu machen, liegt nahe. Denn man kann mit Recht sagen, die französischen Lothringer seien durch die Einverleibung in Deutschland viel unglücklicher geworden als die Elsäsfer. Aber der Verzicht auf Metz und das Metzer Land im Friedensabschlnß hätte den Stachel nicht um eine Linie breit weniger tief zurückgelassen. Eine nachträgliche Zurückgabe des französischen Teils wäre theoretisch viel eher denkbar, weil sie greifbar als ein gutartiges Nachgeben erschiene. Aber wer hätte den Mut, bei der Unbeständigkeit nationaler Bewegungen, etwas derart vorzuschlagen in der Hoffnung, daß Deutschland dafür dauernd Anerkennung und Friedensgarantie fände? Um auf die persönlichen Beziehungen mit dem Kreise des „Iswxs" und der „ksvus zurückzukommen, so führten dieselben nicht zu näherem sozialem Verkehr, sondern nur zu Begegnungen am dritten Ort, in den Lokalen der Redaktion u. dgl. mehr. In engere Beziehung trat ich zuerst mit einem französischen Schriftsteller, der zwar von väterlicher Seite deutschen Ursprungs, aber vom Wirbel bis zur Zehe Franzose war, ein merkwürdiges Beispiel des Übergewichts, welches das mütterliche Element, verbunden mit dem umgebenden Milieu, auf die Gestaltung eines Individuums ausüben kann. Louis Ulbach war der Sohn eines Deutschen dieses Namens aus Koblenz, der sich unter dem ersten Kaiserreich mit einer in der Champagne geborenen Französin verheiratet und sich in der Stadt Troyes als UÄrLbii.u6 1'aiIIsur etabliert hatte. Hier kam der Sohn im Jahre 1822 zur Welt. Sein Vater, der zur Zeit als ich mit ihm bekannt wurde, nicht mehr lebte, lernte, wie der Sohn Baitlbergers Erinuerungen. 27 418 Siebentes Kapitel. berichtete, niemals ordentlich französisch, und die Mutter lernte niemals ein Wort deutsch. Die Mutter, die ich noch recht gut kannte, zog nach dem Tode ihres Mannes nach Paris. Sie war der vollendete Typus der französischen Kleinbürgerin, eine wackere sympathische Frau von sehr wenig Bildung. Der Sohn erzählte mir eines Tages, wie sie ihn am Abend vorher in scheußliche Verlegenheit gebracht hatte. Er saß mit ihr in einer Loge der Porte St. Martin, wo die großen Spektakelstücke aufgeführt zu werden pflegen. Man gab den Oourrisr äs I^'or>, in welchem ein in der französischen Kriminalgeschichte berühmter Justizmord dramatisiert ist. Bei dem auf der Szene vor sich gehenden Zeugenverhör figuriert n. a. eine Magd, welche die Geliebte des wahren Mörders ist, den sie natürlich nicht verraten will, obwohl sie das Geheimnis kannte. Während nun der Richter einen anderen Zeugeu scharf auf die Schuld des fälschlich Angeklagten, Namens Lesurques, inquiriert, hält in einem Winkel die Geliebte ein leises peinvolles Selbstgespräch, in dem sie einmal vor sich hinsagt: „ob, si ^s pouvais pÄi'lsr" — worauf die alte Frau Ulbach entrüstet sich von ihrem Sitz in der Loge erhebt und zum Gaudium des Publikums nach der Bühne hinruft: „Nais sküs 1s clouo, mAlbsursuss«. Man kann sich den Schrecken des Sohnes denken. Die Affaire Lesurques ist übrigens eine der instruktivsten Illustrationen zur Kritik des Justizmordes. Die Verhandlungen, welche ursprünglich im Jahre 1796 stattfanden, wurden noch zur Zeit meines Pariser Aufenthaltes in den sechziger Jahren wörtlich nach den Akten und Aufzeichnungen jener Epoche reproduziert. Die Nachkommen des unschuldig Hingerichteten führten nämlich seit alter Zeit einen Rechtsstreit um Rehabilitierung ihres Vorfahren zugleich mit Ansprüchen auf Geldentschädigung. Die Rehabilitierung scheiterte, obwohl der Justizmord aktenmäßig festgestellt war, an gesetzlichen Formalitäten. Man versuchte sogar durch ein Spezialgesetz das Hindernis zu beseitigen, aber nach langen Debatten im Senat mißglückte auch dieser Versuch. Ich habe die Akten dieses Prozesses sorgfältig gelesen, weil ich mich für die richterlichen Irrtümer von jeher besonders interessierte. Man erstaunt über die Leichtfertigkeit, mit welcher die Paris, 419 Geschworenen den Zeugenaussagen Glauben schenkten. Der ganze Prozeß drehte sich nämlich um die Rekoguoszierung der Person des Thäters. Aus dem ganzen Vorleben des Angeklagten, aus allen Nebeuumstäuden war kein Motiv zu finden. Nur weil eine Reihe von Personen ihn bei der That gesehen haben wollte, ward er für überführt gehalten. Nachher stellte sich heraus, daß eine gewisse Ähnlichkeit des Lesurqnes mit dem wahren Mörder den Ausschlag gegeben hatte. Nachdem Lesurqnes verurteilt und hingerichtet war, folgte dann der andere mit dem gleichen Schicksal. Liest man aber die Zeugenaussageu, so fragt man sich bei der Masse von Widersprüchen, in denen sie zueinander stehen, wie die Geschworenen ihnen Glauben schenken konnten. Selbst über so greifbare Äußerlichkeiten, wie über die Kleidung, die der Mörder bei der That getragen haben sollte, gehen die Aussagen gröblich auseinander. Meiner Überzeugung nach ist die Zahl der vor Gericht unschuldig Verurteilten viel größer, als man annimmt, besonders aber da, wo die leider auch auf Deutschland übergegangene französische Methode der staatsanwaltlichen Verfolgung eingebürgert ist. Dieses perverse Herkommen, wonach der Staatsanwalt einen Ehrenpunkt hineinlegt, ein Schuldig zu extrahieren, statt nach der objektiven Wahrheit zu suchen, ist eine der Hauptquellen der Scheußlichkeit ungerechter Verurteilungen. Eiue andere Quelle ist die Kritiklosigkeit der Geschworenen und auch der Richter gegenüber den Zeugenaussagen. Die Mehrzahl der Zeugen sind Menschen von geringer Bildung. Je weniger das Denkvermögen eines Menschen ausgebildet ist, desto weniger giebt er sich Rechenschaft über die Schwierigkeit, einen von ihm erlebten Vorgang genau zu kontrolieren und ferner sich desselben nach einiger Zeit genau zu erinnern. Ein scharf denkender, sich selbst beobachtender Mensch wird vor der Aussage über solche Begebenheiten, namentlich wenn er weiß, welche furchtbare Verantwortung damit verbunden ist, aufs peinlichste mit sich ins Klare zu kommen suchen, wogegen die große Mehrzahl sich über solche Bedenken mit oberflächlicher Selbsttäuschung hinwegsetzt. Das englische Kreuzexaminieren ist daher vollberechtigt. Wo nicht die ganz ungebundene Bedrängung des 27* 420 Siebentes Kapitel. Verteidigers den Zeugen zur äußersten Selbstkontrole bis in den letzten Winkel seines Bewußtseins und seiues Gedächtnisses verfolgen kann, bleiben die Thatsachen zweideutig. Ich habe einmal an mir selbst erlebt, was Zeugenaussagen ungebildeter Menschen bedeuten. Im Jahre 1868 bei Aulaß meines ersten Wahlseldzngs für das Zollparlament ließ mir das Ministerium Dalwigk einen Preßprozeß wegen Beleidigung der Behörden an den Hals hängen. Ich streifte schon die Thatsache. Ein dieser Vorgesetzten würdiger Staatsanwalt Namens Schalk, ein verbissener Reaktionär, besorgte die Anklage. Er ließ unter anderem eine Anzahl Dienstmänner als Zengen aufmarschieren, welche sämtlich beschworeu, ich hätte ihueu das inkriminierte Flugblatt übergeben mit dem Auftrage, es in den Häusern zu verteilen. Ich wußte ganz bestimmt, daß keiu wahres Wort daran war. Aber die Lente waren in der Untersuchung vernommen, zu der Aussage beschwatzt worden und hielten nun trotz meines Widerspruchs ihre Aussage eidlich ausrecht. Ich gehe hier auf die Sache uicht näher ein. Aber man wird sich schon aus diesem Erlebnis ein wenig erklären können, warum ich ein unerschütterlicher Anhänger der Berufung bei dem deutschen Kriminalprozeß wurde. Sie ward hauptsächlich beseitigt, weil die Theoretiker eiue Inkonsequenz gegen das Prinzip des mündlichen Verfahrens darin fanden. Die erste Verhandlung mit den mündlichen Aussageu der Zeugen sei in ihrer ursprünglichen Vollständigkeit in keiner höheren Instanz mit gleichem Wert zu reproduzieren, uud darum müsse der iu erster Instanz Verurteilte sich mit dem Ergebnis derselben abfinden. Aber meine Beobachtung im Kriminalverfahren wie im Civilprozeß hat mich zu der Überzeugung geführt, daß die Irrtümer, die in einer Verhandlung unterlaufen, erst entdeckt werden, wenn das Urteil gesprochen ist und deutlich wird, auf welchem Versehen dasselbe beruht. Jahrelang habe ich die gerichtlichen Zeitungen in Paris täglich gelesen und mir die zahlreichen groben Justizirrtümer gesammelt, die bald authentisch festgestellt, bald, und noch viel zahlreicher, für den aufmerksamen Beobachter wahrscheinlich werden, wenn sie auch für die Gerichte unaufgeklärt bleiben. Paris. 421 Unter den schrecklichsten Fällen erinnere ich mich namentlich zweier, die besonders grausam waren. Der eine betraf ein belgisches Ehepaar, welches wegen Mordes zu öffentlicher Ausstellung, Brandmarkung und lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden war. Beide starben im Gefängnis, in dem sie lange Jahre zugebracht hatten. Erst nach ihrem Tode wurde der wahre Thäter entdeckt, und ihr Gedächtnis — welcher Spott auf die Justiz! — rehabilitiert. Der andere Fall war noch krasser. Er spielt im Süden von Frankreich. Eine Frau Doique wurde wegen Vatermordes verurteilt. Da sie schwanger war, wurde die Hinrichtung verschoben, weil bekanntlich das Gesetz, in seiner Zärtlichkeit für das Menschenleben, dies vorschreibt. Glücklicherweise wurde in dieser Wartefrist der wahre Schuldige entdeckt, der sich der That bekannte. Nnn wnrde das erste Urteil kassiert, und die Frau kam noch einmal vor die Assisen. Das erste, was der Vorsitzende des Gerichtshofs that, war, daß er die Frau mit deu härtesten Vorwürfen überhäufte. Das arme Weib war nämlich vom Untersuchungsrichter so lange gequält worden, bis sie in ihrer Verzweiflung, zum Sterben müde, sich schuldig bekannt hatte, um ein Ende zu machen. Nun mnßte sie sich auch noch verteidigen, daß sie schändlicherweise das brave Gericht in Jrrtnm verführt hatte. Sie erzählte in herzzerreißender Weise, welchen Foltern man sie während der Untersuchung ausgesetzt, wie mau sie nach den langen Verhören in ihrem elenden, leidenden Zustand, des Nachts auf ein hartes Lager geworfen, wie sie, um die Leiden zu beenden, sich schuldig bekannt, nnd, nm nicht länger den vergeblichen Widerstand fortzusetzen, auch vor Gericht bei dem falschen Geständnis geblieben sei. Es war eiu schauerliches Bild der Verwirrung und Verirrung, welche ein verkehrter Diensteifer in den Köpfen ehrlicher Kriminalisten anrichten kann. Wie läßt sich sonst auch begreifen, daß Jahrhunderte laug der Strafprozeß auf der Folter beruht hatte! Die mechanische Gewohnheit, da, wo ein Angeklagter ist, anch, wenn irgend möglich, einen Schuldigen zu finden, ist — wenigstens zu meiner Zeit, — in Frankreich bei den Gerichten an der Tagesordnung gewesen. Nicht nnr die Staatsanwälte waren eifrig bestrebt, um jeden Preis eine Verurteilung zu haben, sondern die Präsidenten gleichfalls unterschieden sich 422 Siebentes Kapitel. kaum darin von ihnen. Zeugen, die entlasten wollten, wurden so hart augefahren uud iu Verwirrung gebracht, daß sie nicht mehr mit ihrer wahren Überzeugung herauszukommen wagten; die Schlußresumes des Vorsitzenden waren oft eine Wiederholung der Anklage. Zu der Zeit, während der ich am Gerichte in Mainz diente, war es darin nicht besser bestellt. Natürlich hatte man, wie ich schon berichtet habe, die Überlieferung aus der französischen Kaiserzeit festgehalten. Einzelne Präsideuten waren wirklich Wüteriche, die Schrecken um sich verbreitete». Es giebt Staatsmäuuer uud Juristen, welche in der Möglichkeit der Verurteilung Unschuldiger das kleinere Übel sehen znm Heile des großen Ganzen. Ich kann mich dieser Staatsraisou nicht aubequemeu, souderu finde den Justizmord — ob er uun wörtlich mit einer Hinrichtung oder mir mit eiuer Freiheitsstrafe sich vollziehe — das größte Übel, das eine gesellschaftliche Ordnung treffen kaun. Keiue unbestrafte That verdient so schwer anf dem Gewiffeu der öffentlichen Ordnung zu lasten, wie die Grausamkeit einer ungerechten Verurteilung. Alle späteren Rehabilitationen, au sich schou so schwer durchzusetzen und daher so selten, sind eine elende Sühne für solche Mißhandlungen. Wer kann einem Unglücklichen die Folterqnalen solcher erlittenen Schmach wieder abnehmen? Ist es doch schon so mit der Untersuchungshaft! Rohe Zeiten, die für Leben uud Freiheit der Meufchen überhaupt keiueu Sinn hatten, haben ihre Hartherzigkeit in die Prozeduren unserer Justiz uud Polizei hineinvererbt, uud während nach allen Richtungen hin soziale Fragen znr Lösung aufgeworfen werden, finden diese einfachen Verbefseruugen zu Ehren von Gerechtigkeit uud Humanität nur weuig Gehör. Was wäre uicht über die barbarische Behandlung politischer Gefangenen in Deutschland zu sagen, bei denen alles, was sie vom gewöhnlichen Verbrecher unterscheidet, so brutal ignoriert wird! Aber ich will zn meinem Freund Ulbach zurückkehren. Wie in seinem Wesen so auch in seiner änßeren Erscheinung war keine Spur seiner deutschen Abstammung zu entdecken. Er sah genan ans wie ein echter, wohlgenährter französischer Geistlicher, breit, rnnd, fett, mit glattem dnnklem Haar, einem Doppelkinn, muutern, Paris. 423 hinter einer Brille hervorlugenden Augen, weichen, zarten Händen und eleganten Füßen. Auch watschelte er eiu wenig, wie eiu wohlgenährtes Pfüfflein, was ihn aber nicht übel kleidete. Seine Bildung war nicht tief. Er besaß den gewöhnlichen Schliff des Iwmrllö c!s Isttrss, aber Witz und ssxrit, was nicht dasselbe ist, wie Geist. Sein Fach war eigentlich der Roman und die Novelle, doch brachte er es bei einer unendlichen Fruchtbarkeit und einer weit verbreiteten Notorietät niemals zu einem glänzenden Erfolg. Der beste Roman, den er je geschrieben, erschien bald, nachdem wir näher miteinander bekannt geworden waren. Er hieß Nonsism- öt ?si'06l und enthielt eine sehr gelungene Schilderung des französischen Provinzlebens. Das Bnch machte seiner Zeit Glück, ist aber jetzt gewiß vergessen. Neben der schönen Litteratur trieb Ulbach auch Politik, und zwar natürlich oppositionelle gegen Napoleon. Er war Republikaner des alten klassischen Stils aus der Ära der zweiten Republik, deistisch, freigeistig und kosmopolitisch, jedoch ohne irgend eine fremde Sprache oder Litteratur zu kennen. Lange Zeit war er auch Theaterrezensent nnd als solcher immer zu den Vorstellungen mit Logen versehen, an denen er seine Freunde freigebig teilnehmen ließ. Von dieser Art Liberalität, wie sie der Presse gegenüber von den Pariser Theaterdirektionen gehandhabt wird, hat man bei uns keinen Begriff. Wer einige gute Bekanntschaften in der Schriftstellerwelt hatte, konnte immer umsonst ins Theater gehen, und die Litterateu selbst genossen und genießen noch heute ein ähnliches Privilegium auf deu Eisenbahnen. Alle Welt ist jahraus jahreiu so bemüht, mit der Presse auf gutem Fuß zu stehen, daß man immer bereit ist, sie dnrch kleine Aufmerksamkeiten zu verpflichten. Ich glanbe, in Osterreich besteht ein ähnliches Verhältnis. Ulbachs unerschöpfliche Produktivität entsprang zunächst dem Bedürfnis, mit der Feder Geld zn verdienen. Er machte recht viel, ohne deshalb jemals zu geordneten Finanzen zn komineu. Dieser Zug der Jagd nach dem Geld und des endlosen Kampfes mit den daraus entstehenden Verlegenheiten ist auch eine Spezialität der französischen Litteratur, die man bei uns kaum kennt, wenigstens nicht in den höheren litterarischen Sphären. 424 Siebentes Kapitel. Voltaire und Beaumarchais waren Geldmänner; Benjamin Konstant war ein Spieler. Von Lamartine habe ich oben schon erzählt; Victor Hugo verstand sich außerordentlich gut auf Geldgeschäfte, die er aber sehr solid betrieb, zum Unterschied der Mehrzahl seiner Kollegen, die meistens in Schulden steckten, soviel sie auch einnahmen. Einer der berühmtesten ans litterarischem und finanziellein Gebiet war der alte Alexander Dumas. Er war sehr beliebt iu den Zirkeln der üppigen Finanzwelt, aber seine Gönner mußten auch daran glauben. Er war so sprichwörtlich, daß man sagte: il vaut misux xi'stsr g, nro ^lsxkmärs Dumas. Sein nicht minder berühmter Sohn war andern Schlages, ein guter Haushalter, der seine großen Honorare zweckmäßig zusammenzuhalten verstand. Den interessantesten Beitrag zu diesem Kapitel liefert die veröffentlichte Korrespondenz Balzacs, in der der Kampf mit dem Lindwnrm seiner Geldverpflichtungen nie aufhört und einen größeren Platz einnimmt, als die Schilderung der schriftstellerischen Lanfbahn. Man kommt nicht aus dem Erstaunen heraus, wenn mau liest, wie die Produktion immer nur im Gefolge des Geldbedürfnisses dahinstürmt, wie die Bände im Schnellschritt entstehen, weil ein Verfalltag nahe rückte. Anch in der jüngst veröffentlichten Korrespondenz der George Sand spielen diese Geldverlegenheiten eine Rolle. Als ich in das Pariser Geschäft eintrat, fand ich in unfern Büchern einen beträchtlichen Teil der berühmtesten Namen mit Schulden eingeschrieben, die natürlich nie bezahlt wurden. Mein Vorgänger iu der Geschäftsführung war auch nichts weniger als ein trockener Bankier gewesen. Er hatte eine technische Schulbildung durchgemacht und einen außerordentlich lebhaften Geschmack au dem litterarischen und künstlerischen Treiben bis hinter die Koulissen und in die entlegensten Gebiete der interessanten Bohmne hinein. Dies brachte ihn in intime Berührung mit den Eelebritäten der Feder, und seine Herrschaft über eine große Kasse konute uicht unbeachtet bleiben. Nicht gerade, daß man immer direkten Pump anlegte, aber man machte spekulative Geschäfte mit Vorschüssen, nud wenn sie mißlangen, gerieten sie eben in Vergessenheit. Anch die großen Moralisten der dramatischen Litteratur, Paris. 425 Ponsard und Augier, zierten unser Hauptbuch für alle Zeiten. Natürlich dachte niemand daran, sie an diese Thatsache zu erinnern. Die Erklärung für das Phänomen ist wohl komplizierter Art. Ein Teil kommt sicher aus Rechnung der Pariser Lebesucht, der unentbehrlichen Luxusbedürsuisse der in der großen Welt Lebenden. Aber eine besondere für den Reiz der Geldspekulation zugängliche Sinnesart verbindet sich damit. Keine Nation hat eine so ausgesprochene Neigung zu dem Glauben, daß die künstlichen Veranstaltungen im Gegensatz zu dem natürlichen Gang der Dinge den menschlichen Bemühungen Vorschub leisten. Frankreich ist daher auch der klassische Boden alles dessen, was unter den Begriff des Protektionismus fällt. Sem großer Handelsminister Colbert war der Prophet des Systems für die civilisierte Welt seiner Zeit. Die große Revolution, der Konvent, in allen übrigen Dingen auf die Zerstörung von Privilegien und auf die Freiheit hinzielend, war fanatisch schntzzöllnerisch, ebenso Napoleon. Protektionismus uud Gouvernementalismus fallen hier zusammen; Prämien, Wiedervergütung von Zöllen, Schiffahrtszulagen, Dampfersubventionen, ^L^uits a. Kaution, kurz alles, was ein findiger Geist ausklügeln kann, um Unternehmungen künstlich ins Leben zu rnsen, die im geraden Wege eine Arbeit nur mit Schaden sür den Unternehmer ausweisen würden, ist hier im Laufe der Zeiten von der Gesetzgebung angehäuft und von den die Gesetzgebung beherrschenden Interessen so ausgebildet worden, daß überall uoch ein besonderer Unterschlupf sür heimliche Plus- macherei angebracht war. Die Hochofeubesitzer, die Spinner, die Zuckersieder haben es von jeher verstanden, sich aus solchen Begünstignngen direkte und indirekte Vorteile zu verschaffen. Wie nnter Ludwig XIV. Colbert, war unter der Juli- mouarchie Thiers der emiueut französische Staatsmann mit der eminent französischen Anschauung: Alles muß gemacht werden, nichts geht von selbst. Es wäre Interessantes darüber zn sagen, wie dieser Geist aus Frankreich nach Deutschland gedrungen ist, durch die französische Bildung Friedrichs des Großen, durch die der französischen Nachbarschaft und Politik nahgerückten rheinisch-westfälischen uud württem- 426 Siebentes Kapitel. bergischen Landschaften — wie eben deshalb Männer wie Varn- büler und Stnmm stark dazu beitrugen, den Fürsten Bismarck zu diesen französischen Ideen zu bekehren, die seinem kampflustigen Temperament und seiner dem englischen Individualismus abholdeu Regierungsmethode zusagten. Und Miqnels noch sehr merkbare französische Abstammung ist anch eine Erklärung für seine schntz- zöllnerischeu und staatssozialisttschen Neigungen. Von allen Staatsmännern Frankreichs, mit denen Bismarck zu thun hatte, war ihm keiner so sympathisch, als Ponyer-Quertier, der normannische Spinner, ein fanatischer Schutzzöllner. Nachdem man erlebt hat, wie Frankreich nach dem Sturz Napoleons III. aus dem durch diesen geschaffenen System gemäßigten Freihandels und der Handelsverträge alsbald wieder unter der Republik in die extremste Schutzzollpolitik verfiel, findet man darin den richtigen Maßstab für den angeborenen protektionistifcheu Sinn der Nation. Bis zum Beweis des Gegenteils kann man immer annehmen, daß jeder Franzose Schutzzölluer ist, obgleich die nationalökonomische Schule des Landes seit Turgot die besten Argumente gegen den Schutzzoll geliefert und in Friedrich Bastiat den glänzendsten Popularisator der Prinzipien der Verkehrssreiheit besessen hat. Es ist mir immer aufgefallen, wie auch in der schönen Litteratur dieser Sinn für das Gemachte im Gegensatz zum Werdenden znm Durchbruch kommt. Die stärkste Illustration dazu liefert Balzac, vielleicht der am schärfsten ausgeprägte Typus des französischen Geistes. Vieles bewegt sich in seinen Romanen kraft planmäßiger Veranstaltungen, durch Verschwörungen und Intriguen. Das stimmt auch mit der Jagd nach Schätzen, in der er sich aufrieb, und etwas von diesem Geiste steckt in so zahlreichen anderen seiner schriststellernden Landsleute. Wie oft kommt ein Stück auf die Bühne, in dessen Mittelpunkt ein Ingenieur, ein Erfinder steht, der mit geheimer Berechnung eine geldmachende Kunst beherrscht! Und aus diesem Gesichtspunkt sind Erscheinungen, wie die der Massenkompromittieruug, z. B. bei dem Panamafall mit zu erklären. Es ist nicht die pnre Koirnption, sondern auch der Draug zu abenteuerlichen Unternehmungen und Kombinationen, welche neben dem Eigennutz die Phantasie in Fesseln schlagen. Paris. 427 Im kleinen Stil war mein Freund Ulbach ans diesem Holz geschnitzt, nnd so viele habe ich gekannt, die ihm darin glichen! Eine Jahreseinnahme von füufuudzwanzigtanfend Franken, die er erzielte, konnte für seinen bescheidenen Haushalt, Frau und ein kleines Kind, reichlich genügen. Aber auch er kam nicht ans den Verlegeuheiteu heraus, bald ließ er sich mit diesem, bald mit jenem ein, leistete Bürgschaft oder indossierte Wechsel. Schließlich kam es gegen Ende des Kaisertums einmal zu einem Krach; seine Bibliothek wurde auf dem Zwaugsweg versteigert und von Freunden für ihn wieder eingekauft. Unter der Republik hatte er nach der allgemeinen Gepflogenheit als alter eifriger Anhänger der triumphierenden Partei Anspruch auf eine gute Pfründe. Da er aber ein gutmütiger und anspruchsloser Mann war, so fand man ihn mit Kleinigkeiten ab. Er ward Bibliothekar in der Bibliothek des Arsenals und bekam die Konzession znr Aufstellung eines Panoramas, die er gegen eine nicht unbeträchtliche Summe natürlich an einen Dritten verkaufte. Ich glaube, dies Panorama, die patriotische Erinnerung an den Sturm auf die Bastille vom 14. Juli 1789 vorstellend, besteht uoch heute. Er war ein liebenswürdiger, jovialer, leichtlebiger Mann, dem ich bis zu seinem Ende in guter Freundschaft verbunden blieb. Auch war er einer von denen, die nicht bloß mir gegenüber, sondern überhaupt durch die Kriegsereignisse in seinen Ansichten gar nicht umgestimmt wurden. Das erstemal, als ich 1873 im Frühjahr wieder auf einige Tage in Paris war, snchte er jede Gelegenheit, sich mit mir öffentlich zu zeigen, fuhr an einem belebten Sonntag im offnen Wagen mit mir spazieren. Es gab nicht viele, welche das damals gewagt hätten. Denn natürlich, wie ich später von deutscher Seite als Gönner Frankreichs behandelt wurde, war ich damals in Paris als Deutscher überhaupt nnd gar als einer, der sich der Undankbarkeit oder gar des Verrats an Frankreich schuldig gemacht hatte, verfehmt. Außer einigen kalten Blicken ehemaliger Bekannter ist mir übrigens, wie gesagt, nie etwas begegnet. Am grimmigsten stierten mich einige französierte Deutsche der Kants tZnanos an. Ulbachs Hans, obwohl anf sehr bescheidenem Fnße geführt, war doch dnrch die lebenslustige und bewegliche Natur des Haus- 428 Siebentes Kapitel. Herrn ein sehr fruchtbarer Mittelpunkt. Ich verdankte ihm manche interessante Bekanntschaften, durch die ich in die litterarisch-politische Welt Einblick erhielt. Er wohnte in einem kleinen, mit einem Gärtchen versehenen Haus in der stillen kus g,ii'ö. Seine durchaus demokratische Gesinnung war frei von jedem demonstrativen Wesen. Sie prägte sich in seinem ganzen Auftreten in feiner Lebensweise aus. Er wohnte mit Frau und Tochter ohne Magd in einem äußerst wohlfeilen Appartement am Ende von Paris. Den Orden der Ehrenlegion lehnte er beharrlich ab. Obwohl er nicht als Arzt praktizierte, so machte er eine Ausnahme für die armen Leute seiner Nachbarschaft. In den Julitagen des Jahres 1830 hatte er auf den Barrikaden gekämpft (er war 1801 geboren). In den letzten Jahren seines Lebens war er Mitglied des Senats. Ich habe nie einen Mann gekannt, der in so natürlicher, ungekünstelter, vollendeter Weise das Bild eines großen Gelehrten, tiefen Denkers, freisinnigen Politikers nnd edlen Menschenfreundes darbot. Die Milde nnd Anspruchslosigkeit, mit der er sich in der Gesellschaft bewegte, war wahrhaft rührend. Bei allem, was ich von ihm lese, schwebt mir zur Erhöhung des Genusses die lebendige Persönlichkeit des Autors verschönernd vor Angen. 464 Siebentes Kapitel. Auch Henri Martin war ein Mann, dessen menschlicher Totalität das Gütige entschieden das Gepräge gab. Zehn Jahre jünger als Littrs ragte er weder dem Ingenium noch den Leistungen nach an diesen heran. Gleichwohl war er zu jener Zeit ein schon sehr berühmter Historiker. Seine vielbändige Geschichte Frankreichs gehört zum eisernen Bestand der französischen Litteratur. War Littrs in seiner ganzen Denkweise ganz der Mann der positiven Philosophie, die er lehrte, so war Martin ein Romantiker. Er war einer der ersten, welche im französischen Nationalcharakter das Autochtoue, das Celtische, aufzusuchen und zu verherrlichen bestrebt waren. Doch ist seine nationale Fiber mehr zarter, mystischer, als wilder und aggressiver Natur. Über der kleinen Gesellschaft des Planatschen Salons lag überhaupt ein wohlthuender Hauch milder Sinnesart. Laufrey war vielleicht der einzige, der davon abstach, ohne aber durch sein Austreten einen Mißton hervorzubringen. Zu den sanftesten Interessanten gehörte der Italiener Russini, unter seinem Schriftstellernamen als Verfasser von Lorenzo Benoni und Doctor Antonio sehr bekannt. Er war politischer Flüchtling aus den dreißiger Jahren her, hatte lange in England gelebt und da die genannten Werke auch in englischer Sprache veröffentlicht, die in viele andere Sprachen übersetzt wurden. Sein sanftes, melancholisches Auge, seine weiche Silberstimme, seine Züge, sein Haupt, aus einer hohen, schmächtigen Gestalt machten ihn zum Bild eines edlen Märtyrers. Einige Mitarbeiter der ksvuo clss 6sux moullss, von denen Charles de Mazade der bekannteste war, gehörten gleichfalls zum Stamm der Gesellschaft. Auch diese lisvns machte permanente Opposition gegen das Kaisertum, wenn anch in vornehmer Weise und so, daß man ihr mit Prcßprozessen nicht beikommen konnte. Mazade schrieb Jahre hindurch den politischen Artikel; er war darin der Nachfolger eines der besten Publizisten jener Zeit, Eugene Forcade, den ich recht gut kannte. Dieser war einer der Meister jener feinen Ironie, mit der bei einem verständnisvollen Publikum eine französische Regierung am wirksamsten bekämpft werden kann; die halbmonatlichen politischen Übersichten, die Forcade in der ksvus gab, wurden Paris. 465 immer mit Spannung erwartet und bildeten nach ihrem Erscheinen für einige Zeit das Tagesgespräch. Er hatte nur den großen Fehler, sehr saul zu sein. Buloz, der berühmte Herausgeber der Revue, mußte immer dafür sorgen, daß Forcade in den letzten Tagen, wenn der Satz nicht länger auszuschieben war, womöglich in seinem Zimmer eingesperrt wurde, bis der Artikel fertig war. Er ergab sich gerne den heiteren Genüssen des Pariser Lebens und ist früh gestorben. Ich verlebte einmal eine Reihe angenehmer Tage mit ihm in Turin. Als die Rede auf den damaligen Papst Pio Nono kam, erzählte Forcade lachend, daß dieser in Rom für einen (Zsttatars gelte, d. h. für einen mit dem bösen Auge behafteten Unglücksvogel. Er belegte die Sache mit mehreren humoristischen Geschichten, die sie illustrierten; alles natürlich nur zur Belustigung über diesen Aberglauben. Jedoch während er sprach, kam es mir verdächtig vor, daß er eine Hand unter dem Tisch hielt, an dem wir saßen, und als ich einen verstohlenen Blick nnter das Tafeltuch warf, entdeckte ich, daß er mit den zwei ausgespreizten Fingern das Zeichen der Beschwörung gegen das böse Auge machte. Ich stand kordial genug mit ihm, um aus meiner Entdeckung kein Geheimnis zu machen, und er nahm es ebenso munter auf, indem er gestand, trotz aller Freigeisterei könne er nicht umhin, dies Zeichen der Abwehr zu machen, sobald die Rede aus solchen bösen Zanber komme. Aberglaube ist größer als Glaube, weil er näher mit der menschlichen Schwäche, der Furcht, verwandt ist. Die Hänser, in denen man wagt, dreizehn zn Tisch zu versammeln, sind auch im ungläubigen Berlin selten. Ein merkwürdiges Exempel solcher Mischung von Freigeisterei und Aberglaube waren auch mein Freund der Gras d'Alton-Shse und seine Schwester Madame Caroline Zaubert, von denen ich noch viel zu erzählen habe. D'Alton, der sich am meisten dadurch bekannt gemacht hatte, daß er als Pair von Frankreich bei einer Debatte über Staatsreligion in der Pairs- kammer in seine Rede die Worte einflocht: Aloi Hui vs suis m Latlioliqus nl Lln'ötisn, derselbe Mann glaubte an die lächerlichsten Vorspiegelungen von Somnambulen und Wunderthätern aller Art, obwohl er in seinen Memoiren ausführlich erzählt, wie BambergerS Erinnerungen, ZO 466 Siebentes Kapitel. er, nachdem er eine streng katholische Erziehung empfangen, seinen Geist befreit habe. Als fünfzehnjähriger Mensch habe er Gibbons großes Geschichtswerk in die Hände bekommen und daraus die Willkürlichkeit aller Dogmen erkennen gelernt. Er schließt das betreffende Kapitel mit den Worten: „Seit jener Zeit habe ich oft alle unlösbaren letzten Gründe der Dinge und die dazu gehörigen Hypothesen fahren lassen und wieder aufgenommen, aber von damals an habe ich aufgehört, Katholik und Christ zu sein"; dieselben Worte, mit denen er den Sturm in der Pairskammer entfesselte. Das hinderte ihn aber nicht, noch in späteren Jahren zu einer Somnambule zu gehen und sich auf Haare hiu Ratschläge für die Gesundheit einzuholen. Immerhin war d'Alton ein phantastischer Mensch, bei dem man diese Art von Widerspruch noch einigermaßen erklären konnte. Dagegen war seine Schwester, Madame Zaubert, eine der klügsten, erfahrensten und geistreichsten Französinnen, die ich je gekannt habe. Trotzdem verhinderte aber auch dies nicht, daß sie in diesem Punkt ebenso unlogisch und unberechenbar war, wie der Bruder. Die Narrheit des Tischrückens uud Geisterklopfens, welche anfangs der fünfziger Jahre uoch iu Deutschland grassiert hatte, war daselbst in den sechziger Jahren bereits vorüber, aber in Paris war es damit noch nicht zu Ende. Meine Freundin war über meine Verspottung dieses Spuks ebenso empört, wie es nur ein frommer Katholik über ihren gänzlichen Unglauben hätte sein können. Eines Tags wollte sie sogar, daß ich ihr fest glaube, als sie erzählte, sie hätte mit eignen Augen nicht nur einen Tisch, sondern ein großes Klavier im Zimmer umher springen sehen und entrüstete sich, daß ich ihre Wahrhaftigkeit oder ihre fünf Sinne in Zweifel zöge. Unter solchen Umständen darf es nicht wunder nehmen, daß sie auch felsenfest an Homöopathie glaubte. Diesem Umstand verdanke ich eigentlich sogar den Anfang unserer Freundschaft. Ich lernte sie nämlich bei ihrem Bruder d'Alton kennen. Am ersten Abend, den ich da mit ihr zugebracht, kam die Rede auf das Thema, uud ich machte mich darüber lustig. Am anderen Morgen kam mir ein ganzer Stoß Bücher ins Haus, lauter Werke homöopathischen Inhalts, die sie mir zu meiner Be- Paris. 467 lehrung und Bekehrung zusandte. Ich benutzte wirklich die Gelegenheit, um einen Blick in diese Geheimlehren zu thun, natürlich nur mit dem Gegenteil des beabsichtigten Erfolges. Ich glaube, die Homöopathie hat in Frankreich noch mehr Anhänger als in Deutschland.. Meine Freundin behandelte sich bis an ihr spätes Ende — sie wurde 80 Jahre alt — mit ihren Kügelchen und ward dabei natürlich uicht irre in ihrem Vertrauen. Die d'Alton-Shses waren von väterlicher und mütterlicher Seite irischer Abstammung; die mütterliche, die Thees, waren mit dem vertriebenen Jakob II. nach Frankreich gekommen. D'Altons mütterlicher Großvater Shse war unter Ludwig XVI. in die Armee getreten, setzte seine Dienste unter der Revolution fort, und dieute als General bei den Feldzügen in Flandern. Unter der Restauration wurde er zum erblichen Pair von Frankreich erhoben, nachdem er schon unter dem Kaiserreich Mitglied des Senats gewesen war. Da er keinen Sohn hatte, so erlangte er, daß die Paine auf den Sohn seiner Tochter, Frau d'Alton überging. So trat dieser unter der Juli-Monarchie in die Pairs- kammer ein (er war 1810 geboren und daher erst von 1835 an stimmberechtigt), welche zwar die im Besitz befindlichen erblichen Pairs anerkannte, die Erblichkeit selbst aber abschaffte und durch königliche Ernennung ersetzte. Edmond d'Alton-Shse war, als ich ihn kennen lernte, fünfzig Jahre alt und blind. Letzteres wollte er zwar, wie manche seiner Leidensgenossen, nicht rundheraus zugeben. Er sprach immer nur von „mg, raauvaiss vuö" und setzte es auch durch, angeführt durch die Straßen von Paris zu gehen, wenigstens auf den ihm vertrautesten Wegen, wobei ihn aber seine Familie, ihm unbewußt, durch einen in kurzer Distanz folgenden Begleiter überwachen ließ. Er hatte noch in einem engen Gesichtswinkel einen Schimmer, der ihm erlaubte, nach einer gewissen Richtuug hin zu sehen, auch die Stunde auf seiner Taschenuhr zu erkennen, wenn er diese in den richtigen Stand zum Auge brachte, eine Praxis, die er möglichst oft mit einer gewisfen Koketterie in Szene setzte. Er machte wahr, was oft behauptet wird, daß die Blinden guten Humors feien. 30* 468 Siebentes Kapitel. Er war in der That immer fröhlich gestimmt und zu allen Amüsements bereit. Ich muß aber, dies erwähnend, bemerken, daß meiner Erfahrung nach das Diktum, die Blinden seien heiter, die Tauben aber mürrisch, im letzten Teil nicht zutrifft. Ich habe viele Taube gekannt, die sehr menschenfreundlich und heiter waren. In seiner Jngend muß d'Alton von sehr früh an ein höchst ausgelassener Tangenichts gewesen sein, der mit seiner Mischung von irischem Blut und französischer Denkweise nach allen Richtungen hin des Guten zu viel gethan hatte. Er war sich dessen selbst bewußt. Als ich mit ihm vertraut wurde, war er Familienvater, blind und nicht mehr jung, auch längst in ziemlich reduzierte Verhältnisse gekommen. Es machte ihm aber Vergnügen, von seiner tollen Zeit zu erzählen, nnd die Erzählung ward gewöhnlich eingeleitet mit den Worten: -Zu tsraps ou rasnais Is. vis än xlalsir. Nachdem er volljährig für die Pairie geworden war, kam ihn doch die Lust an, mit Ernst in das politische Leben einzutreten, und er bereitete seine Jungfernrede unter der Leitung des großen legitimistischen Redners, des Advokaten Berryer, vor, der mit ihm, durch Familienbande in Beziehung gebracht, immer befreundet blieb, obwohl der junge Edelmann ungläubig und republikanisch gesinnt war. D'Alton hatte Ende der sechziger Jahre seine Memoiren iu zwei Bänden herausgegeben, die für Geschichtsforscher über die darin behandelte Zeit von 1826 bis 1847 nicht ohne Belehrung sein möchten. Denn er hatte an allen politischen Vorgängen unter der Julimonarchie thätigen Anteil genommen und sowohl die großeu Persönlichkeiten als die typischen Lebemänner seiner Zeit näher kennen gelernt nnd objektiv geschildert, und sein gutes Gedächtnis, das später noch dnrch die Blindheit geschärft wurde, leistete ihm, als er seine Erlebnisse diktierte, treffliche Dienste. Mit Morny, Persigny, Montalembert, Garnier- Pagss und vielen anderen war er befrenndet und ein Bewunderer Emile de Girardius, den ich auch noch persönlich gekannt habe, diesen interessanten Typus der französischen Finanz-Journalisten, der es mit seinem erfinderischen und kecken Wesen dazu brachte, eine lange Zeit eine politische nnd eine plntokratische Rolle zu spielen, und der sich nns Deutschen noch zuguterleht unver- Paris. 469 geßlich gemacht hat durch den von ihm zuerst losgelassenen Ruf: s. Lsrlill! Was d'Alton über ihn in seinen Memoiren berichtet, ist lesenswert, aber es ist lange nicht alles, was an Bemerkenswertem über ihn, eine lebendige Balzacsche Figur, zu sagen wäre. Er hatte damit debütiert, daß er seinem unehelichen, vielmehr adulterinischen Vater, dem General Grafen von Girardin, einen Prozeß machte, um ihn zu seiner Anerkennung zu zwingen, was natürlich nicht anging; aber er nahm ohne weiteres dessen Namen an und setzte durch, daß der Alte es sich gefallen ließ, ja der fügte sich schließlich sogar darein, sich von der journalistischen Autorität des natürlichen Sohnes protegieren zu lassen. Dessen von großem Talent unterstütztes pyramidales Selbstbewußtsein malte sich in seinem ganzen Auftreten bis in die Stirnlocke hinein, die er sich nach den Bildern Napoleons I. zugelegt hatte. Bekanntlich erschoß er im Duell den oben genannten Armand Carrel, was ungeheure Sensation und ihn vor allem bekannt machte. Er hatte gleich seine Laufbahn mit vier Duellen begonnen, denn er huldigte dem Grundsatz: un clusl lrsni'örix est uns borms mkmisrs cl'kllti-ei- clans la, vis, woraus ein anderer bemerkte: oui, lg. vis clss autrss. Er ist der eigentliche Erfinder der wohlfeilen Presse, mit der er Millionen gewonnen und wieder eingesetzt hat. Er diente und opponierte der Reihe nach allen Regierungen und allen Prinzipien, nnd seine Richtschnur war dabei, immer an der Spitze der kommenden Bewegung zu sein. Seine Publikationen sind Legion. Wer sein Leben und sein Wirken studieren wollte, könnte in ihm den Vater des modernen Journalismus schildern. Wie viele bedeutende Menschen, bewahrte Girardin bis in sein hohes Alter körperliche Beweglichkeit und merkwürdige Geistesfrische. Daß seine journalistische Geschicklichkeit aus den verschiedenen Gründerepochen, die er miterlebt, den ihm geschuldeten Tribut tüchtig herauszuschlagen verstand, habe ich oben schon erwähnt. Er starb als vielfacher Millionär. D'Alton, der einen vielseitigen, freilich auch etwas abenteuerlichen Geist hatte, liebte, schon als Blinder, sehr den geselligen Umgang und besonders den mit höher gebildeten Menschen. Zu mir uud meiner Fran hatte er große Zuneigung gefaßt, und jahrelang machte er sich zur Regel, jeden Sonntag um 1 Uhr bei uns 470 Siebentes Kapitel. zu erscheinen, wenn wir eben mit unserem Gabelfrühstück zu Ende waren, und etwa eine Stunde da zu bleiben. Er nannte das: zu seiner Messe gehen. In solchen Stunden schilderte er bald seine wilde Jugendzeit, wie man nach einer aus dem Maskeuballe durchrasten Nacht, noch im Domino hinaus zu einem Duell fuhr, oder seine Begegnungen mit den berühmten Männern seiner politischen Laufbahn. Er war als angehender Jüngling Page Karls X. gewesen und hatte im Schatten dieses frommen Hofs alle Verfnchnngen des galanten Lebens kennen gelernt. Als er später dazn kam, seine Pairie ernst zu nehmen, trat er zu Guizot, Thiers, dem Herzog Pasquier u. a. in persönliche Beziehung. Ans einer interessanten Unterhaltung mit Guizot ist mir besonders erinnerlich, wie dieser ihm einmal sagte: die Leute der äußerste» Opposition gelangten niemals zu einem richtigen Urteil, weil man eine Menge wichtiger Dinge nur erfahre, wenn man einmal in der Regierung gesessen hätte, ein Diktnm, das seine Richtigkeit noch viel mehr für deutsche als für französische Zustände beanspruchen kann. DÄltons Name ward am meisten bekannt bei der oben erwähnten Gelegenheit seines in der Pairskammer offen abgelegten sreigeisterischen Bekenntnisses. Es geschah im Jahr 1847 bei Gelegenheit eines Regierungsantrags, da die Schaffung eines königlichen Domkapitels an der Hauptkirche von St. Denis, wo die Königsgräber sind, verlangt wurde. In der Rede, welche in seinen Memoiren ausführlich wiedergegeben ist, erklärte er sich gegen jede Art von Staatsreligion und rief durch seine ketzerischen Worte einen ungeheuren Sturm hervor. Ich erinnere mich noch sehr deutlich des Aufsehens, welches dieser Vorgang damals in Deutschland machte. Die katholischen Tendenzen Ludwig Philipps verrieten sich zu jener Zeit besonders durch die Guust, die er den katholischen Kantonen im Sonderbundkrieg zuwandte, und es entstand damals die Bezeichnung seines Ministers Guizot als eines protestantischen Papisten. Beim Ansbrnch der Februarrevolution nahm d'Alton sofort für diese Partei, ward Oberst in der Nationalgarde und Anhänger Ledru-Rollins; nach dem Staatsstreich Louis Napoleons erließ er einen Protest, wegen dessen er verhaftet und eine Zeit- Paris. 471 lang gefangen gehalten wurde. Unter dem zweiten Empire lebte er still bis kurz vor dessen Sturz, wo die Wahlbewegung wieder lebhast wurde, und er sich gegen Thiers von einer ziemlich sozialistisch gefärbten Partei als Kandidat aufstellen ließ, aber von seinem großen Gegner mit starker Mehrheit geschlagen wurde. Den letzten Abend, den ich vor Ausbruch des Krieges uud vor meiner Abreise nach Mainz am 13. Juli 1870 in Paris zubrachte, war ich noch mit ihm zusammen. Nachdem ich die Ueberzeugung gewonnen, daß der französische Hos um jeden Preis den Krieg wollte, und ich meine Beschlüsse danach gefaßt hatte, fuhr ich mit meiner Frau und dem Ehepaar d'Alton noch gegen zehn Uhr abends ins Bois de Boulogne. Es war eine herrliche Sommernacht, und wir waren natürlich ob der Vorgänge in großer Aufregung. D'Alton war empört über die kaiserliche Kriegspolitik, der er einen unglücklichen Ausgang prophezeite. Ich sah ihn dann nicht mehr wieder. Als ich im Frühjahr 1874 auf einige Wochen nach Paris kam, lag er fchon anf den Tod krank und starb während meiner Anwesenheit. Gambetta hielt ihm die Grabrede. Man denkt sich wohl, daß ich dabei nicht figurieren konnte. Bei d'Altou hatte ich auch Gambetta einmal flüchtig gesehen, als er noch ein ganz nnberühmter Advokat war. D'Alton hatte einen besonders lebhaften Sinn fürs Theater, das er auch noch eifrig besuchte, als er gar nichts mehr sah. Er wußte einen Teil des klassischen Repertoires auswendig. Einer meiner letzten ästhetischen Genüsse in Paris war, daß ich kurz vor Ausbruch des Krieges einen Abend bei seiner Schwester zubrachte, wobei außer mir und meiner Frau und ihm nur noch der berühmte Schauspieler Bressant sich besaud. Auf unseren Wunsch willigten Bressant nnd d'Alton ein, nns den größten Teil der „Misauthrope" aufzuführen. Die beiden saßen ruhig auf dem Sopha, wir anderen daneben. Ich habe selten mehr Erbauung von einer theatralischen Vorstellung gehabt, als von dieser einfachen, aus dem Gedächtnis, mit den feinsten Intonationen vorgetragenen Rezitation, in welcher der alte Lebemann mit dem Schauspieler von Beruf wetteifern konnte. Keinen Augenblick vermißte ich Kostüm oder Dekoration. In seinem eigenen Salon lernte ich auch Regnier kennen, meines Erachtens den größten aller zu jener Zeit in Paris weilen- 472 Siebentes Kapitel. den Schauspieler (auch vom Thsatre franyais). Ich habe nie einen zweiten gekannt, der so ganz das wirkliche Leben auf der Bühne zur Erscheinung zu bringen vermochte. Er war die Natur selbst nud doch das Resultat der raffiniertesten Kunst. Außerhalb der Bühne erinnerte an seinen Beruf nichts an ihm, — auch eine seltene Ausnahme! Er war der schlichte, bescheidene Weltmann mit einem vorwiegend ernsten Anstrich, der mit großer Feinheit über seine Kunst und deren Einzelheiten zu reden verstand. Andere Bühnenleute lernte ich in diesem Salon nicht kennen; bei Ulbach noch zwei ihrer Zeit sehr berühmte Komiker, Levasson nnd Henri Monnier. Ersterer, der am längsten im Palais Royal aufgetreten ist, gab aus Gefälligkeit manchmal bei Ulbach komische Intermezzos an geselligen Abenden, und ich habe selten gründlicher gelacht, als bei den kleinen Szenen, die er da aufführte. Er kostümierte sich dann im Stil, der seiner Rezitation entsprach. Eine der gelungensten Produktionen war der von ihm geschaffene Typus eines Zimmermeisters, der die Herrlichkeit seines Berufs in einem urkomischen Lied vortrug mit dem Refrain, der damals Berühmtheit erlangte: g. voir autoui' 6s ostts tadls Oss soiöurZ äs louA, clss sbsQi88S8*) Os8 ^nti'6xrsllöur8 6s l>Z.ti83ö Hus c's8t eomrnö un bouHust äs llsur8 Henri Monnier war interessanter als Levasson, weil er nicht nur Komiker, sondern schöpferischer Künstler war, dabei jedoch der vollendete Typus dessen, was man Boheme nennt. Die Menschen, die Henri Murger in seinen berühmten Romanen geschildert hat, fanden sich in diesem begabten Bummler leibhaftig verkörpert. Er hatte als Journalist angefangen, war dann ein bedeutender Karikaturenzeichner geworden nnd hat eine Menge von Abhandlungen und Erzählungen geschrieben. Seinen großen Erfolg aber verdankte er der Schassung einer Gestalt, die in der französischen Litteratur noch heute so kräftig fortlebt, wie bei uns die hervorstechenden Typen Fritz Reuters. Monsieur Joseph Prudhomme ist nämlich die gelungenste Inkarnation des kleinen Bourgeois *) Für ebenstes. Paris. 473 aus der Blütezeit der Julimonarchie, des Mannes, der zugleich Offizier der Nationalgarde und Kandidat für die Deputiertenkammer ist. I>a (Zranclsur st OsoacisuLö 6s ^lorisisur ^ossxli ?ru6bouillis wurde uuzähligemal aufgeführt, und der Autor spielte die von ihm geschaffene Rolle selbst in der unnachahmlichsten Mischung von Pathos und Pnerilität. Wie die Bezeichnung Nonsisur ?i'uäk0lluns für Figuren dieser Art in die Sprache übergegangen ist, so haben sich auch die grotesken Äußerungen des Helden teilweise in der Überlieferung erhalten; beispielsweise aus der Kaudidateurede, die er seinem Sekretär diktiert, der Satz: I^s cliar äs I'Lwt us-viAus sur volotm; oder als er von seiner Kompagnie der Nationalgarde einen Ehrensäbel erhielt: Os 8g,drs sst ls pw8'bsg,u ^our cis mg. vis. Er hat auch ^lemc>irs8 äs ^ossxli ?iuä1wMirls publiziert. Von seinen Stücken machte neben dem genannten am meisten Glück: 1s Roman okö2 1a portisrs, welches noch heute nicht vom Repertoire verschwunden ist. Seinem inneren und äußeren Wesen nach war übrigens Monnier äußerst vulgär und der Schrecken der Hausfrau, wenn er im Salon erschien. D'Alton hatte sich spät verheiratet mit einer wunderschönen jungen Dame von sehr bürgerlicher Herkunft, die als ausgezeichnete Pianistin aus dem Konservatorium der Musik hervorgegangen war. In Paris weiß man, daß Msvs eonssi-vatoirs so viel heißt als^: Kind des Volkes. Die Comtesse d'Alton-Shse war aber, als ich sie kennen lernte, eine gradezn vornehme und bezaubernde Erscheinung, hohe schlanke Gestalt von edler Haltung uud mit sinnigem Ausdruck im reizenden Antlitz. Der feine, kleine Kopf auf der schlanken Figur erinnerte an die Meisterwerke der griechischen Plastik. Sie lebt noch heute, und wir sind in guten, treu-freundschaftlichen Beziehungen geblieben. Manche meiner Freunde Lanfrey, Karl Hiliebrand, Rudolf Lindau, die sie bei mir kennen gelernt hatten, gehörten znr Schar ihrer Bewunderer, unter denen auch der Maler Chenavard zu nennen wäre, der ein wunderschönes Bild von ihr gemacht hatte. Sie hatte eine Schwester, die ebenso musikalisch veranlagt, mit einer prachtvollen Stimme von der Natnr ausgestattet, sich im Conservatorinm znr Sängerin ausgebildet hatte. Diese heiratete einen zu seiner Zeit sehr be- 474 Siebentes Kapitel. kannten Lebemann aus d'Altons Kreis, namens Achille Bouchet. Er war ein Börsenmann, der durch glückliche Spekulationen zu der Zeit, da das Kaisertum in seiner höchsten Blüte stand, reich geworden und mit den Tuilerien in nähere Beziehungen gekommen war. Madame Bouchet, die nichts von der Schönheit ihrer Schwester abbekommen hatte — sie war fett und rund mit einem breiten Gesicht — hatte sich aber auch vortrefflich in die Rolle der großen Dame gesunden mit der behaglichen Nonchalance, welche sich die Pariserin so leicht zulegt, als wäre sie im Purpur geboren. Sie singen zu hören, zählte zu meinen größten musikalischen Genüssen. Wagner war damals noch nicht Mode, und sie trug das klassische Repertoire, von ihrer Schwester begleitet, entzückend vor. Gonnods Melodien hab ich nie mit solchem Zauber singen hören, außer vielleicht — von Gonnod selbst. Denn dieser — obwohl ohne Stimme — war ein wunderlieblicher Sänger. Ich hörte ihn einmal unter ganz eigentümlichen Umständen. In der Nähe von Paris, in Passy, hatte der berühmte Psychiater Doktor Manche eine Naison äs Kants, in welchem auf einige Monate Erholung zu suchen damals so Mode war, wie man in Deutschland jetzt nach Konstanz zu Binswanger geht. Von Zeit zu Zeit wurden dort Empfangsabende gegeben, an denen die mild Verstimmten teil nahmen, während andererseits die litterarische und künstlerische Crsme aus Paris herbeikam mit der Manche, ein höchst liebenswürdiger Mann, in lebhafter Verbindung stand. Durch gemeinsame Freunde war ich mit Manche bekannt gemacht worden, und an jenem Abend, zu dem ich nebst meiner Frau Einladung erhalten hatte, befand sich auch Gounod in der Anstalt, denn er hatte manchmal Anfälle von Trübsinn. Auf Wunsch der Gesellschaft gab er bereitwillig eine Reihe seiner Lieder, auch aus dem „Faust", zum besten. Die persönliche Erscheinung trug zum ganzen der lieblichen Wirkung das ihrige bei. Er hatte einen herrlichen Kops, dessen üppiges, krauses Haar damals schon stark gebleicht war. Es muß wohl einen physiologischen Grund haben, daß so viele Musiker, große und kleine, starkes Haar besitzen. Man denke nur an Beet- Paris. 475 hoven, Schumann, Liszt, Rubinstein, Joachim, Sarasate, und man sehe sich die Köpfe in einem beliebigen Orchester an. Madame Bauchet ging viel an den kaiserlichen Hof, was sie nicht hinderte, sich auch im republikanischen Salon ihrer Schwester dÄlton wohl zu fühlen, ja sie führte anch einige Ehrendamen der Kaiserin Engenie da ein, unter denen eine mir in sehr guter Erinnerung geblieben ist, Madame Lebreton, die Schwester des Generals Bourbaki, der später aus Metz heraus auch zur Kaiserin nach Chiselhnrst entsandt ward, um mit ihr wegen einer im Einverständnis mit Bazaine und Bismarck zu versuchenden Friedensverhandlung anzubinden. Frau Lebreton war Vorleserin Engeniens und gehört, wenn ich nicht irre, noch gegenwärtig zu ihrer Begleitung. Diese und andere unpolitische Elemente gaben dem in seinem ganzen Stil sehr einfachen Salon eine vorteilhafte Elastizität. Künstler und Schriftsteller aller Richtungen gingen ab und zu. Paul de Musset, der Bruder Alfreds und seine Frau, die mit Frau d'Alton verwandt waren, gehörten auch zu den Stammgästen, und der damals gerade über die Indiskretionen der George Sand, I.ui st LIIs, entbrannte Streit, gab natürlich viel Stoff zur Unterhaltung. Auch die Maler Fromentin und Gustave Dors waren regelmäßige Gäste; gleichfalls Joan Bratiann, der künftige Premierminister des Königreichs Rumänien und Staatsmann von europäischem Ruf. Niemand, der ihn sah, hätte in ihm diese Qualitäten geahnt. Ich hatte ihn anch schon bei Ulbach, mit dem er sehr vertraut war, kennen gelernt. Er war, wie so viele der vornehmen jungen Leute aus der Moldau und Wallachei (von Rumänien wußte mau damals noch nichts) schon als Student in Paris eifriger Republikaner gewesen und sogar einmal in eine gegen Louis Napoleon gerichtete Verschwörung verwickelt worden, die ihm eine Untersuchungshaft in Mazas eintrug. Er zeichnete sich dnrch sein höchst galantes Verhalten gegen die Damen aus und war wegen seiner splendiden Geschenke besonders gern gesehen, ein schöner liebenswürdiger und gebildeter Mann. 476 Siebentes Kapitel. Als er im Jahre 1878 zum Kongreß in Berlin erschien, suchte er mich wieder auf, und wir konnten uns in Reminiszenzen aus jeuer Zeit gegenüber unserer so ganz veränderten späteren Situation ergehen. Bismarck wollte seinen damaligen politischen Ansprüchen nicht wohl, und er erlangte nicht, was er für Rumänien wünschte. Aber seine staatsmännische Geschicklichkeit ward doch anch vom Kanzler gewürdigt. Eine der interessantesten Bekanntschaften, die ich d'Alton verdankte, machte ich allerdings nicht in seinem Salon, sondern nur in seiner Begleitung. Er brachte mich zu Sainte-Beuve, mit dem er in entferntem Grade verwandt war, ein Vorteil, den, für die Belebung der persönlichen Beziehungen auszunützen, sein guter Geschmack ihm natürlich eingab. Der große Gelehrte war damals ein angehender Sechziger und staib einige Jahre später. Obgleich feiner Lebensrichtung nach ein ganz andrer als Littrs, lebt er doch in meiner Erinnerung wie ein Seitenstück zu ihm. Beide stupende Arbeiter, beide ganz in ihrer Arbeit aufgehend und mit ihrer litterarischen Mission verwachsen, beide zugleich in gelehrter Zurückgezogeuheit und in menschenfreundlichem Verkehr mit der Welt lebend, eine Mischung von Benediktiner Mönch nnd liebenswürdigem Philosophen. Littrs, wie oben schon angedeutet, hatte nichts vom Geistlichen, sondern eher vom Dorsschnllehrer in seiner Physiognomie*), wogegen Sainte-Beuve wie Renan nach geistlichem Beruf aussah. Bei Renan erklärte sich das ganz natürlich, bei Sainte-Beuve war es das Produkt seiuerLebens- uud Arbeitsmethode. Er bewohnte ein kleines Haus allein am äußersten Ende des gelehrten Paris — linkes Ufer der Seine, in der Rue Mout- parnasse. Schon der Weg dahin, der sich damals wenigstens dnrch ganz stille, nnr spärlich bebaute Straßen zog, bereitete darauf vor, daß man in ein beschauliches Leben kommen werde. Gleich nach dem Eintritt wurdeu wir von einer weiblichen Bewohnerin in das Hanptgelaß ebener Erde — zugleich des Besitzers Wohn-, Stndier- und Schlafzimmer eingeführt. Dieser kam uns mit dem *) Der verstorbene Präsident Lette, auch ein Philanthrop und grundsätzlich liberaler Mann, der Begründer des Lettehanscs, erinnerte mich im Aussehen nnd Gebaren stark an Littrs. Paris. 477 Ausdruck munterer Freundlichkeit entgegen. Klein von Gestalt, wohl genährt, blickten ans einem auffallend frisch in Weiß und Rot blühenden, rundlichen Gesicht ein paar äußerst lebendige und neckische Augen. Dm kahlen Kopf bedeckte ein sammtnes Käpp- chen. Ich glaubte, einen römischen Abate vor mir zu haben. Die Mitte des Zimmers, das nicht besonders groß war, nahm ein gewaltiger, schwerer, viereckiger aus dickem Eichenholz gebauter Schreibtisch ein, auf dem Bücher und Akten in Masse angehäuft waren. Dicht dabei stand iu einer Art Alkoven das große mit dem herkömmlichen Überzug versehene Bett. Rings um die Wände natürlich alles Bücher. Wir ließen uns am Kamin nieder, der gegenüber dem Schreibtisch beim Bett angebracht war, und wir hatten ein langes uud lebhaftes Gespräch, in dessen Verlauf Sainte-Beuve eiumal äußerte, er beneide mich um die Möglichkeit, in verschiedenen Sprachen zu Hause zu sein, während er von den lebenden nnr das Französische kenne. Ich erwiderte ihm darauf, daß ein noch beneidenswerterer Vorzug der sei, in einer Sprache zu schreiben, die von den Gebildeten aller Nationen gelesen werde. Wir sprachen anch ganz ungeniert über die innere Tagespolitik, denn Sainte-Beuve war zwar kaiserlicher Senator, und dies durch besondere Gunst des Kaisers, aber das hinderte ihn nicht, mit seinem radikalen Vetter d'Alton unverhehlt Umgang zu pflegen nnd sich selbst sehr unabhängig zn äußern. Die Umgebnng des Hausherrn bestand, mit Ausnahme seines Sekretärs Troubat, der später über ihn schrieb, nnr aus weiblichen Personen, die, drei an der Zahl, eine Art von Gynäkeion um ihn bildeten. Die Favoritin war damals eine noch ziemlich junge Einarmige. Er selbst hatte in seinem Wesen etwas Weiches und Gepflegtes, wie eiue feine Matrone; seine Hände waren weiß, weich, zart und elegant gehalten und steckten in gefütterten Batistmanschetten, wie ich sie sonst nur noch bei altmodischen Italienern gesehen habe; auch waren sie ziemlich stark parfümiert. Ich habe ihn noch öfter besucht, bis knrz vor seiner letzten, furchtbar schmerzhaften Krankheit, der er im Jahre 1869 erlag. 478 Siebentes Kapitel. Hatten seine Werke den Wunsch der persönlichen Bekanntschaft in mir erweckt, so belebte wieder diese das Verlangen, in seine Schriften näher einzudringen, und alles gereichte mir zu reicher Belehrung und immer gleichem Genuß — waren es nun die Laassriös cla lunäi, die nouvsaux lunäis, oder ?ort-ko^al, oder Obatssubrianä st son Zrouxs oder die Geschichte der französischen Dichtung im sechzehnten Jahrhundert. Der Noman Volupts nnd die Gedichte, die er unter dem Pseudonym Josephe Delorme herausgab, beides Jugendarbeiten, gehen nur nebenher. Nicht nnr stofflich, sondern auch stilistisch kaun man ungeheuer viel von ihm lernen. Wie Littrss Diktionnaire sind seine ein Werk, welches in keiner Liebhaberbibliothek fehlen sollte. Als ich im Jahre 1871 Friedrich David Strauß in Darmstadt besuchte, kamen wir auf einem Spaziergang, den ich mit ihm machte, auch auf Sainte-Benve zu sprechen. Strauß fragte mich eingehend über ihn aus und bekannte eine hohe Verehrung für ihn, stellte namentlich sein großes Werk über ?oi-t-Ro^g,1 sehr hoch. Wer in der zeitgenössischen Litteratur des damaligen Frankreich zu Hanse ist, wird nicht leicht an Sainte-Beuve denken, ohne sich auch an Prosper Msrimse zu erinnern. Sie waren unter einander sehr verschieden in Persönlichkeit und Produktion, und doch haben sie den gemeinsamen Zug eleganter Skepsis, feinster Form nnd anmutigen Geistes. Ich war nur ein einziges Mal längere Zeit mit Msrimse zusammen. Es war bei einem ganz kleinen Diner, zu welchem uns Frau Josephine von Wertheimstein ins Mwl äa Min auf der Vöuäöms, das Hotel, wo die Potentaten abzusteigen pflegten, geladen hatte. Frau von Wertheimstein, die Gemahlin eines der reichsten Wiener Finanzleute, war eiue Dame von bezaubernder Schönheit und Liebenswürdigkeit, die nicht nur in ihrer österreichischen Residenz, sondern überall, wo sie sich aufhielt, einen Hof von Künstlern und Schriftstellern um sich versammelte und von vielen berühmten Leuten angebetet wurde. Hartmann und Bauernfeld haben sie angedichtet, Ricard und Lenbach haben sie gemalt. Ohne auch uur den geringsten Anflng von Galanterie nnd trotz- Paris. 479 dem sie meistens leidend war, genoß sie als eine der anziehendsten Weltdamen einen europäischen Ruf in der eleganten Gesellschaft. Ich habe selten soviel Schönheit und Liebenswürdigkeit vereinigt gesehen. Wie viele Damen ihrer Art, bewahrte sie bis in ihr hohes Alter den Zauber der Anziehungskraft und sogar der schönen Erscheinung. In der Zeit, von der ich hier spreche, stand sie noch in der Blüte der Jahre. Sah Sainte-Beuve aus wie ein französisches oder italienisches Pfäfflein, so sah Msrimse aus wie ein englisches Parlamentsmitglied. Bei im übrigen verbindlichen Formen hatte sein Wesen etwas Kaltes uud Zugekuöpftes. Zu gleicher Zeit war er doch weltlicher als Sainte-Beuve; er ging viel in Gesellschaften, auch an den Hof, wo er ein intimer Freund der Kaiserin Engenie und ihrer ganzen Familie, namentlich anch der Prinzessin Mathilde, der Tochter des Königs Jsröme, war, und nebenbei war er anch zu finden bei den großen Damen der Halbwelt, die auf hochgebildeten Umgang hielten, wie Madame de Paiva, die Besitzerin des wunderbaren Palastes in den Champs Elysses, die Tochter des jüdischen Schneiders Lachmann aus Moskau. Msrimse war im Gegensatz zu Sainte-Beuve ein Polyglott, namentlich spanisch und russisch trieb er aus dem Fundament, wovon seine Schriften reichlich Zeugnis geben. Deutsch verstand er nicht. Wie die Gedankenverbindung von Sainte-Beuve zu Msrimse führt, so führt sie vou diesem zu Henri Beyle, mehr unter seinem Schriftstellernamen Stendhal bekannt. Persönlich kannte ich ihn nicht mehr, denn, 1783 geboren, starb er schon 1842, aber seine freundschaftliche Verbindung mit Msrimse, der seine Werke herausgegeben hat uud die uahe Geistesverwandtschaft, in der beide zu einander standen, beweisen, daß man nicht an dem einen vorübergehen kann, ohne auch an den anderen zu denken. Der skeptische Zug ist in ihm am stärksten ausgedrückt; von ihm hat ihn Msrimse, anch mit der Beimischung von Paradoxie, die Stendhal liebt, beides gemildert, am mildesten in Sainte-Beuve, der von Paradoxie keine Spur an sich hat. Stendhal war, wie Msrimse, relativ, d. h. für französische Zustände, Kosmopolit. Er lebte viel in Italien, das er schriftstellerisch behandelte; er starb 480 Siebentes Kapitel. in Paris; sein Pseudonym entlehnte er sogar von der norddeutschen Stadt Stendal. So verschieden die drei untereinander find, so bilden sie doch eine Gruppe mit einem gemeinsamen Charakter, in welchem der Geist der französischen Litteratur der ersten Hälfte des Jahrhunderts seine feinsten Blüten gezeitigt hat. Die Gesellschaft, in der ich, wie bisher beschrieben, mich bewegte, war von diesem Geiste angehaucht, und dies bedeutete um so mehr, als die lebhaften intellektuellen Interessen die Menschen in regstem sozialem Verkehr, ohne allen Prunk und Luxus, untereinander verbunden hielten. Ohne daß eine gewisse Eleganz, ein wenig Raffinement der Küche, mancherlei Kurmacherei ausgeschlossen gewesen wären, hatte doch das Ganze den Grundcharakter der Einfachheit, und der Ehrgeiz, wenn man so sagen darf, war gauz auf die geistigen Interessen gerichtet. Ich hatte, wie schon oben erwähnt, dnrch d'Alton seine ältere Schwester Madame Karoline Janbert kennen gelernt. Es war an einem der ersten Abende, die ich bei ihm zubrachte, als das Gespräch über Homöopathie, die Meinungsverschiedenheit zwischen ihr und mir, die erste Annäherung zu Stande brachte. Daraus sollte sich dann eiue Freundschaft entwickeln, die ich zu den anmutigsten und produktivsten meines Lebens rechne, die mit ihr bis an den Tod dauerte. Als ich sie im Jahre 1861 kennen lernte, war sie schon eine alte Dame, selbst nach Pariser Begriffen; sie war 1803 geboren; nnd was noch besonders dazu beitrug, sie zur Matrone zu stempeln, sie war außerordentlich jnng, noch nicht sechzehn Jahre alt, an einen viel älteren Mann verheiratet worden. Sie machte auch gar keine Anstrengungen, sich künstlich zu verjüngen. Aber trotzdem sie in Kleidung und Gebaren auftrat wie eine alte Frau, konnte man nicht bestreiten, daß ihrem Umgang ein gewisser Reiz der Weiblichkeit blieb, der bei den feinsten und besten ihres Geschlechtes auch in den höchsten Jahren nicht schwindet. So war es ja auch der Fall mit der oben genannten Josephine von Wertheimstein. Und damit ist nicht einmal das rein Geistige gemeint, sondern auch in dem Gesamtausdruck der körperlichen Erscheinung, in den Zügen, in den Bewegungen und in der Gestalt kann noch etwas von dem bleiben, was in jüngeren Jahren der Anziehungskraft der Weiblichkeit zn Gründe liegt. Madame Zaubert war selbst für eine Französin sehr klein, mit lilipntanischen Händen und Füßen; die letzteren zeigte sie nicht ungern. Sie war nicht schön gewesen, aber sie hatte regelmäßige Züge uud ein paar Augen im Kopfe, welche derart leuchteten, daß man immer ans sie den Blick gerichtet halten mußte. Sie sahen furchtbar klug und etwas malitiös in die Welt. An dem Abend unserer ersten Begegnung flößten sie mir eine unheimliche Empfindung ein, und so ging es den meisten, die sie zum erstenmal sahen. Ihr Gemahl war Staatsanwalt am Kassationshof. Persönlich habe ich ihn nicht gekannt, denn zur Zeit unserer ersten Begegnung lag er schon lange krank darnieder, starb auch bald darauf. Sie hatte im ersten Jahr ihrer Ehe eine Tochter geboren — wie sie erzählte, war sie im Wochenbett noch gewachsen. Dann waren keine Kinder mehr gekommen. Diese einzige Tochter war auch schon Wittwe, als ich die Mutter kennen lernte, eine Marquise Jules Lagrange. Zwischen Mutter und Tochter, die damals in derselben Straße, rus NontaiZus, einander gegenüber wohnten, herrschte das innigste, zärtlichste Verhältnis; ihr Leben war eigentlich ein gemeinsames in allen Beziehungen, nur nicht in den äußerlichen Funktionen. Selbst später, als sie gemeinsam in dasselbe Haus, iu der rus äö zogen, behielt nicht nur jede ihre getrennte Wohnung, sondern die beiden einzelnen Frauen hatten auch jede ihren separaten Haushalt und hielten ihre einsamen Mahlzeiten jede für sich allein. Ihr Lebensverstand diktierte ihnen diese Vorsichtsmaßregel wechselseitiger Unabhängigkeit, welche dem zärtlichsten Zusammenhang nicht nur nicht Abtrag that, sondern eher Vorschub leistete. Daß sie nicht zusammenspeisten, war um deswillen kein besonderes Opfer, weil beide aufs Essen für ihre Person nicht den geringsten Wert legten. Ohne irgend welchen asketischen Tendenzen zu huldigen, waren doch beide so geartet, daß sie das Essen nur als eine Notwendigkeit betrachteten. Dabei verwendeten sie, sobald ein Gast da war, die vorschriftsmäßige, beste Sorgfalt auf eine vortreffliche, wenn auch nicht luxuriöse Bewirtung. Bambcrgers Erinnerungen. ZI Paris. 482 Siebentes Kapitel. Madame Zaubert hatte von Hause aus und durch ihren Mann ein recht ansehnliches Vermögen, aber der Bruder d'Alton, der in seiner vis äss xlaisirs viel verbraucht hatte, war von seiner leichten Phantasie auch zu allerhand zweifelhaften Spekulationen verleitet worden, und als Not an den Mann ging, opferte die Schwester ein großes Stück Geld, um ihn aus der Klemme zu ziehen. Obwohl sie infolgedessen ihren Haushalt in ihren späten Jahren ans einen bescheideneren Fuß, als früher, einrichten mußte, war sie dem Bruder darob nicht im geringsten gram. Sie nahm es als ein Unabänderliches ruhig hin und liebte ihn um so mehr, je mehr er ihr Sorgen gemacht hatte. Er war sieben Jahre jünger als sie, und sie hatte immer mütterlich sür ihn gesorgt. Wenn gelegentlich die Rede darauf führte, wie sie in ihren Renten zurückgegangen sei, so wars sie öfter in der heitersten Laune die Bemerkung hin, ihr lieber Bruder, der „Irisb habe ihr diesen Streich gespielt. Meine Freundin, äußerst klug und scharfsinnig, war belesen und im höchsten Grade welterfahren. Es mochte noch hingehen, daß sie an die Homöopathie glaubte, die immerhin eine gewisse Methode annahm und von ihr als ein Studinm betrieben ward. Aber sie glaubte doch anch an Tischrücken, an ein Klavier, welches dazu gebracht wurde, im Zimmer nmherzutanzen, an Hellseherinnen; dagegen gingen Schwester Zaubert, ebensowenig wie Bruder d'Alton, in die Kirche, und beide waren rechte Ungläubige. Das hinderte aber wieder doch nicht, daß die Enkelin im strengsten Katholizismus erzogen ward. Über alle Widersprüche, die auf diese Weise in heiterster Laune untereinander, wie in einem schmackhaften Salat, verarbeitet wurden, half sich der weltliche Sinn in seiner Bequemlichkeit hinaus. Logische Konsequenz war ihm ein beinah unbekanntes Jnventarstück. Zu jener Zeit dachte ich, das sei echt französisch; heute bin ich der Ansicht, daß auch in Deutschland solche Verirrungen nicht selten vorkommen, besonders in aristokratischen Kreisen oder in solchen, die der Aristokratie nachstreben. Ich habe da mein blaues Wunder erlebt. . f ^ Paris. 483 Was mich an Frau Zaubert anzog, blieb unberührt von diesem wunderlichen Beiwerk, das übrigens nur von Zeit zu Zeit in der Intimität zum Vorschein kam und keineswegs als etwas Charakteristisches hervorstach. Der Reiz dieses Umgangs lag ganz auf dem Gebiete des geselligen Verkehrs, nicht etwa des üppigen Getriebes in der großen Welt des Luxus und der Repräsentation, sondern der seinen Wechselbeziehungen, auf Wohlwollen und Beobachtungsfreude begründet. Gemeinsamer Sinn für die Freuden der praktischen Psychologie förderte gegenseitige Zuneigung und stiftete nach Jahren ein Band zärtlicher Freundschaft, die durch die wechselseitige Einweihung in die persönlichsten Verhältnisse genährt und befestigt wnrde. Den Wunsch, den ich immer gehegt hatte, auch das feinere soziale Leben der rückwärts liegenden Zeit an der Quelle zu studieren, hätte ich gar nicht besser befriedigen können, als indem ich den Umgang mit dieser, wie zur Erfüllung dieses Wunsches geschaffenen Fran, pflegte. In der That war diese interessante Belehrung gewissermaßen nur ein nicht gewolltes Nebenprodukt unserer aus dem bloßen gegenseitigen Wohlgefallen entsprungenen und allmählich zn warmer Vertraulichkeit entwickelten Freundschaft. Die reichen Erfahrungen, zu denen sie durch die in ihr aufgespeicherten Erlebnisse gelangt war, wirkten natürlich in der Anziehung, die sie auf mich ausübte, in hohem Grade mit. Keinerlei vorgefaßte Absicht spielte jedoch aus meiner Seite mit, wie etwa beim Aufsuchen einer Berühmtheit. Es ergab sich im Lauf der Zeiten alles von selbst und uur so beiläufig. Als ich Frau Zaubert kennen lernte, wußte ich noch wenig von ihr. Sie war anch nie sür weitere Kreise ein xudlio elmraotsr, wie es die Engländer nennen. Nur innerhalb der engeren Schranken einer guten Gesellschaft, die mit der älteren Generation näher zusammenhing und Beziehungen zum Faubourg St. Germain hatte, war ihre hervorragende Persönlichkeit zu einem anerkannten Typus geworden. Und endlich spann sich und befestigte sich die wechselseitige Sympathie ganz ebenmäßig auf demselben Fuße zwischen meiner Frau und ihr, wie zwischen ihr und mir immer mehr. Selbst der Tod, zunächst der meiner Frau, und dann der von Madame Zaubert führte kein Ende herbei, denn ganz 31* 484 Siebentes Kapitel. von selbst blieb der enge Zusammenhang mit der Tochter und Enkelin bestehen und bis auf den Tag, an dem ich dies niederschreibe, (1898) währt, nachdem auch die Tochter der Mutter in die Ewigkeit gefolgt ist, die enge Freundschaft mit der Enkelin fort, die nunmehr schon wieder Mutter dreier erwachsener Kinder ist. Daraus läßt sich schließen, welche eigentümliche geistige Atmosphäre über diesem Hause schwebte. Das Charakteristische daran war unter anderem, daß diese so durch und durch französischen Natnren — das irländische Element hatte das keltische noch kondensiert — so viel Verständnis und Sinn für anders geartete Naturen hatten. Denn obwohl meine Frau, wie ich, uns sehr gut in das französische Wesen hineingefunden hatten, verleugneten wir doch weder innerlich noch äußerlich die eigene deutsche Bildung und Sinnesweise. Die kleine zehnjährige Enkelin verlegte sich auf unsere Anregung aufs Studium des Deutschen und brachte es zu einem merkwürdig feinen Verständnis der Sprache, allerdings auf Grund einer außerordentlichen intellektuellen Anlage. Der Höhepunkt von Frau Janberts sozialen Beziehungen fällt in die Mitte der Julidynastie, und die vertrautesten wie die interessantesten führen aus die Namen des Advokaten Berryer, der Fürstin Trivulzi Belgiojoso, der Maler Chenavard und Delacroix, der Dichter Musset und Heine — in späteren Zeiten, die ich noch miterlebte, schlössen sich daran der Advokat Ernest Picard und der Historiker Pierre Lanfrey, mein Frennd. Unter der Julidynastie hatte sie einen der bestbesnchten Salons. Als ich meine Freundin anfangs der sechziger kennen lernte,, hatte sich der Kreis verengert, ohne daß es ihm jedoch an Mannigfaltigkeit fehlte. Vom alten Bestand lernte ich noch Chenavard und Berryer kennen. Über ersteren habe ich früher ausführlich berichtet. Der letztere war damals schon ein hochbetagter Herr, der aber noch in der Deputiertenkammer des zweiten Kaiserreichs seinen Platz einnahm. Das ehrwürdige, stets mit einem schwarzseidenen Käppchen bedeckte Greisenhaupt ließ in seinem Antlitz nichts mehr ahnen von der stürmischen Jugend, deren Erinnerungen in ihm noch dann und wann aus- Paris. 485 leuchteten. Berryer, das Haupt der bonrbonischen Legitimisten, der kirchlich frommen Katholiken war eine Künstlernatur und hatte als solche das Leben uach allen Seiten hin genossen, besonders nach der in Frankreich dominierenden. Seine Freundin war iu manches seiner galanten Abenteuer eingeweiht. Er war zu seiner Glanzzeit der Mittelpunkt der zugleich vornehmen und gebildeten Gesellschaft. Sein Landhaus Augerville beherbergte stets eine Reihe interessanter Gäste, zu denen namentlich auch Alfred de Musset gehörte. In ihren Lebenserinnerungen, die Madame Janbert gegen das Ende ihrer Tage in einem Bande herausgab, ist ' diese Gesellschaft lebendig geschildert. Die Aufzeichnungen zerfallen in mehrere Abschnitte, die der Reihe nach Berryer, Musset, Lansrey nnd Heine gewidmet sind. Ein bischen Dichtung ist der Wahrheit darin in der Weise beigemischt, als die vorkommenden ziemlich weit ausgesponnenen Dialoge nur aus dem Gedächtnis und aus weit zurückliegender Erinnerung registriert sind. Aber wenn die Einzelheiten und die Form auch uur subjektive Nachbildungen sind, so ist der Geist des Ganzen offenbar der einer treffenden Schilderung, die von dem Gedächtnis und der Beobachtungsgabe der Verfasserin getragen ist. Ihr Sinn lebte noch ganz in der Atmosphäre jener ihrer eigenen besten Zeit und sozialen Herrschaft. Was dominiert, ist die Beziehung des Geschlechtes, vorwiegend im Tone der Romantik und des Flirt, ohne natürlich auch das darüber Hinausgehende auszuschließen; ohne Prüderie, aber fern von allem Cynismus. Der Kultus der Intelligenz drückt dem ganzen Verkehr zugleich ein so vorherrschendes Gepräge auf, daß alles andere nur zum Hiutergrund tritt. Geist, Talent, Kunstsinn haben, ist das, was den handelnden Personen Wert giebt. Verfeinerung des Lebens und der Sitte kommt dazu — von Pomp und Luxus ist keiue Rede. Es ist der Geist des achtzehnten Jahrhunderts, aber nicht die Ausgelassenheit der vornehmen Welt Ludwigs XV., vielmehr die bürgerliche Stimmung des Orleanismus. Im ganzen eine kleine Welt mit schmalem Horizont, aber dies Kleine reizend ausgestattet und seine Insassen beglückend. 486 Siebentes Kapitel. Charakteristisch ist, wie im Geist und in der Erinnerung der Erzählenden die öffentliche Rolle ihrer Helden im Vordergrund steht. Obwohl von öffentlichen Angelegenheiten sehr wenig, von galanten und künstlerischen sehr viel die Rede ist, so wird Berryer doch nicht oft erwähnt, ohne daß er der Zranä oratsur genannt würde. Dabei war zur Zeit der Handlung ebenso wie später der einfache Advokat am Pariser Gerichtshof, nie etwas Anderes, als eben einfacher Advokat, und daneben Abgeordneter, aber in letzterer Eigenschaft stach er viel weniger hervor als in der anderen. Was Berryer die hohe Stellung in der Oesfentlichkeit uud die Anziehungskraft des Ruhms in der besten Gesellschaft gab, das war seine aller sonstigen Ehren und Würden bare Thätigkeit als Verteidiger, in der auch seine oratorische Begabung viel größeren Widerhall fand, als in der politischen. Dergleichen ist bei uns ganz undenkbar. Erst spät, ein Mann im Alter von vierundsechzig Jahren, gelangte er, als seine Berühmtheit bereits dafür gesorgt hatte, zu einem Sitz in der Akademie. Seine gerichtliche Laufbahn hatte früh begonnen, die Aufmerksamkeit auf sein Talent zu lenken. Seine erste Oauss eslsbrs war die Verteidigung des Marschall Ney im Jahre 1815. Damals war er erst fünfundzwanzig Jahre alt. Dann verteidigte er der Reihe nach beinah alle berühmten Leute, welche aus den verschiedensten Gründen angeklagt waren, Lamennais, Chateaubriand, Montalembert wegen Preßvergehen, Louis Napoleon, den Prätendenten von Straßburg, im Jahre 1840. Madame Jaubert erzählt in ihren Erinnerungen, daß sie sich aus dieser Verteidigungsrede ihres Freundes vor der Pairskammer, der sie beiwohnte, der Worte erinnerte: „L'sgt un Kon ssuns komms sntstö, n'oooutant xk8 Iss oonssils, rums Hui ras xg,rs,!t uu illuirüns psu rsclomabls". Obwohl Berryer als Vorkämpfer und Anwalt der bonrbonifchen Legitimität auch in gleichem Maße dem Dienst der katholischen Kirche sich widmete und sich widmen mußte, trat dieses Element in den mündlichen und schriftlichen Reminiszenzen seiner ungläubigen Freundin gar nicht hervor. Die Rolle, welche Berryer unter der Julimonarchie und dem zweiten Kaiserreich spielte, hatte eine gewisse Analogie mit der von Windthorst in Preußen und dem Reich seit 1866; aber gerade Paris. 487 mit dem Unterschiede, daß Windthorst sich mehr auf den Katholizismus, das Zentrum, als auf die Legitimität stützte, wenn auch sein Ausgangspunkt in der Anwaltschaft für die Weifen, wie derjenige Berryers in der Anwaltschaft für die Bourbonen lag. Auch Windthorst war ein Freund und Liebling des schönen Geschlechts, aber als die Zeiten seines Ruhms ihm die Huld der Frauen sicherten, war er über die Jahre hinaus, sie auszunützen, wie der schon früh berühmte und von körperlicher Schönheit begünstigte Franzose sie in gnt französischer, sehr unplatonischer Art genießen konnte. Bei weitem das interessanteste Verhältnis der Madame Zaubert zu ihren berühmten Zeitgenossen ist das zwischen ihr und Alfred de Musset. Er war jünger, nm ein gutes Jahrzehnt, aber sie war, nach Pariser Begriffen, immer noch eine jnnge, hübsche, besonders reizende kleine Frau. Das Verhältnis ist eine schalkhaste Mischung von Flirt uud mütterlicher Freundschaft. Als einmal bei einem geselligen Znsammensein die Versammelten auf den Einfall gerieten, sich Spitznamen zu geben (vielleicht iu Erinnerung an die Zeiten der llütsl äs kambouillst) und Madame Jaubert dem Dichter ?iiuos ?dosxbors äö owur Volant nannte, da acceptierte er diesen Titel und gab ihr dagegen den Titel seiner mai-rams, der nicht selten eingeschoben wird, um eine nicht sonst zu bezeichnende Art von Verwandtschaft mit einem Namen zu versehen. Ich habe mehrere Fälle gekannt, in denen ein nneingestehbarer Vater bei seiner natürlichen Tochter als xarrain oder eine analoge Mutter als mg,rrg,illö figurierte. Hier kam dies nur scherzweise zur Verwendung. Die mütterliche Rolle der Freundin bestand hauptsächlich in ihrer mäßigenden Einwirkung auf das Temperament, auf die Liebschaften, auf die Arbeiten des Dichters. Sie schalt ihn aus, wenn er zu lange auf der faulen Haut lag, und eines seiner hübschen Gedichte g. wa, inari-Äins ist der Rechtfertigung gegeu solche Vorwürfe gewidmet. Eine große Zahl von Briefen hat Madame Jaubert in ihren Souvenirs abgedruckt, darunter die meisten von Geist und Übermut sprudelnd. Sie sind aus der Zeit, da Musset zwischen den Reizen der Fürstin Belgiojoso und der Gräfin 488 Siebentes Kapitel. Kalergis und der eben auftauchenden Rachel Fslix, Mademoiselle Rachel genannt, nebenbei auch mit der jnngen Panline Garcia, späteren Viardot beschäftigt, hin und her flatterte. Die Belgiojoso habe ich nicht mehr persönlich gekannt. Sie hatte schon Paris verlassen, als ich Madame Zaubert kennen lernte, aber deren Haus war so zu sagen noch voll von ihr. Ein Miniatnrbild von ihr, sie mit entblößten Schultern in glanzvoller Schönheit darstellend, stand immer auf dem Tisch, nnd das Gespräch kam unzähligemal auf sie zurück. Sie muß eine bezaubernde Schönheit gewesen sein. Zwischen ihr uud Musset kam es zum Bruch, und dieser rächte sich in einem Gedichte Sur irns morts, welches in der Rsvus 6s8 äsux raonclss erschien, nnd ihm schwer verdacht wurde, weil die ganze, vornehme und litterarische Gesellschaft den Gegenstand errieth. Die Apostrophierte war als eine Kokette von Todeskälte hingestellt. Der Rachel bin ich nie persönlich näher gekommen, obgleich ich sie oft habe spielen sehen. Aber die Gräsin Kalergis und Pauline Viardot habe ich in ihren späteren Jahren noch oft in Gesellschaft gesprochen. Die Kalergis, eine geborene Russin, Gräfin Nesselrode, war eine herrliche Blondine, von den liebenswürdigsten Umgangsformen, leicht, bequem, etwas vernachlässigt in ihrer eleganten Toilette, im Bewußtsein ihrer Unwiderstehlichkeit. Heine hat sie in seinem Gedicht vom „weißen Elephanten" verewigt. Ich sah sie zum erstenmal in einer Matinee, die der Fürst und die Fürstin Trubetzkoy zu Ehren des damals eben berühmt gewordenen Anton Rubinstein in ihrem Hotel im Faubourg St. Honors gaben. Es war an einem herrlichen Frühlingstag, und sie erschien in einer hellen Sommertoilette, einen gelblichen großen Strohhut, etwas verschoben uud eingedrückt, auf dem köstlichsten blonden Haar, unter dem ein paar blaue Augen und wahre Rosenwangen herausschimmerten; lachend und schmetternd, ein Urbild der angebeteten, üppigen, liebenswürdigen Schönheit. Dann begegnete ich ihr noch oft im Atelier meines Freundes Ricard, der ein großes Porträt von ihr malte, und ganz zuletzt sah ich sie einmal nach dem großen Krieg in Baden-Baden. Sie hatte sich zum zweiten Male verheiratet, an einen Beamten der oberen russischen Polizei, Namens Muckanow. Ihre Vermögensverhält- Paris. 489 nisse mußten herabgekommen sein, nach der Toilette zu urteilen, die mit der ehemaligen Eleganz nur uoch in der Unordnung übereinstimmte. Das goldene Haar war durch eine Perücke ersetzt, die Rosenwangen durch Schmiuke, und da sie an Gicht litt, ging sie hinkend ans einen Stock gestützt, ein wahrhaftes: 8is transit Zloris raunäi. Von den vielen interessanten Frauen, die in Mussets buntem Leben und Dichten eine Rolle gespielt haben, fiel die schönste und dauerndste Madame Zaubert zu. Nach den ersten Stürmen seines bekannten Verhältnisses mit der George Sand bis zu den letzten Lebensjahren, in welchem die Trunksucht ihn gänzlich aus der Gesellschaft ausschied, blieben die Beziehungen zwischen den beiden die unerschütterlichsten, herzlichsten und für beide Teile ersprießlichsten. Dem weiblichen Teile brachten sie die ununterbrochene Anregung des intimsten Verkehrs mit dem Leben, Denken und Schassen eines so genialen Dichters, für diesen selbst eine herzerfreuliche Führung und Ebnung seiner Geistes- und Herzenserlebnisse durch die kundigste und zärtlichste Hand. In seiner Biographie des Bruders Alfred, sagt Paul de Musset: Ds sstts Ai'g .eisu8S illtirnits st 6u ois6it Hus la, illgrrsills xrit sur I'ssxrit 6s soll üllsul, il rssulta, 6'uns xsrt 6s8 avis ^aäioisux, 6s8 slleourgZswsllts, 6s8 ooll8olg,tiolls, 6s8 8tiillulgllt8 ovlltrs lg, Mrssss, 6s 1'g.utrs ur> ässir oollstg-llt äs illsritsr l'gppi-oimtivll ä'ulls Isstrios hui, psr switis, 8'stkorygit 6'strs sxiZssllts. ?sll6gllt disll äss sllusss, L.Ikrs6 6s Nussst ss Kt nli 6svoir 6s rsll6rs ooillpts g, 8g, msrrsills 6s toutss sss iw^rsssioll«. II lls lui xss8g.it xs8 lllls i6ss 6ivsrti88g.llts 6sll8 la tsts, ull 86lltiwslit ku^itik 6slls Is Coeur, 8Sll8 c^us 8g, illg-rrsius Sll küt illkorrnss. Ou xsut voir, xsr I'illtro6llsti0ll 6s 8ilvis, c^u'il svrivit es sovts Sll rspon8S s ulls Isttrs i^ui lui rszzroobsit 6s Isi88sr i'öpo8Si' 8g, Nu8s trox 1ollZtswp8. ^s 6irsi plu8 loill eoillmsllt i> i'öxallclit g. ull sutrs rsproolrs plu8 ^rsvs pgr ull 8vllust, g.u.88i s6rs88s g, 8g, illgrisiiis, st Hui ns ponvsit strs xublis <^us 6g.lls sstts Iri8toirs 6s 8g, vis. Dieser Schluß spielt auf deu unseligen Hang an, dem Musset schließlich zum Opfer ward. 490 Siebentes Kapitel, Als seine Trunksucht derart zugenommen hatte, daß seine Freunde darüber in Verzweiflung gerieten, kam man überein, daß die Marraiue noch einmal einen Versuch machen sollte, ihn dnrch eine energische Vorstellung vom Abgruud zurückzuhalten. Sie entschloß sich, ihn ans einen bestimmten Tag (im August 1844) zu einer ernsten Unterhaltung aufzufordern. Es geschah. Man weiß, wie wenig auch die besten Vorsätze in solchem Falle aushalten. Aber soweit kam es nicht einmal. Mnsset verstand es mit der geistvollen Geschicklichkeit der Dialektik, die ihm eigen war, sich vor seiner Freundin zu rechtfertigen, die Klagen der Freunde wegen Trägheit nnd Trunksucht zu widerlegen und als die gekränkte Unschuld aus dem Bekehrungsversuch hervorzugehen. Die Marraiue berichtet darüber iu einem Brief an den Bruder Paul, auf dessen besonderen Wunsch sie sich zu dem Versuch entschlossen hatte, und man ersieht aus ihren Worten, wie sehr es dem Angeklagten gelungen war, den Sinn der Anklägerin umzustimmen. Sie ist ganz zerknirscht über ihr ungerechtes Beginnen. „Ich kann Ihnen nicht wiederholen, was er mir gesagt hat, das geht über meine Kräfte. Nur soviel sollen Sie wissen: er hat mich in allen Punkten geschlagen, er hat hundertmal recht Nachdem er von mir weggegangen war, dichtete der arme Kerl (lö xg,uvrs Ag,i-Y0ll) ein an mich gerichtetes Sonett, das er mir am folgenden Morgen in aller Frühe zusandte, und das mich zn Thränen rührte; er wollte mir dadnrch beweisen, wessen er noch fähig sei, als ob ich an ihm gezweifelt hätte! Ich hebe diese Verse in meinem Gewahrsam ans. Vielleicht werden sie später einmal veröffentlicht werden, nnd der schrecklichste Abend, der 13. August, wird nicht ganz verloren sein." In seiner Biographie des Bruders vom Jahre 1877, nach dreiunddreißig Jahren, sind dann diese Verse auch zum Vorschein gekommen Sie nehmen, ohne das Wort zn scheuen, die Anklage auf, daß er ein Trunkenbold gescholten werde, und leugnen nicht das Verhalten, entschuldigen es aber als einen Akt der Notwehr gegen die innere Verelendung: Paris. 491 es Hui n'sst c^n'un mal ^'sn kaitss xg.s un vios. Og.ns es vsrrs oii ^'s o^si'o^s a. no^sr mon supplios I^^issW plutöt torabsr c^uslc^uss plsur8 äs ^itis Hu'ö. ä'aullisns souvsuirs clsvi-g-it votrs amitiö. Man konnte es verstehen, daß die erschütterte Freundin trotz ihres scharfen Verstandes und ihrer großen Erfahrung vom Mitgefühl für den stürmisch erregten Freund sich täuschen ließ. Sie war nie seine Geliebte, sondern stets auf dem Fuß eines ehrbaren, aber äußerst zärtlichen Flirts mit ihm geblieben. Er selbst charakterisiert einmal das Verhältnis außerordentlich hübsch in einem Brief an sie, daß es sich auf dem Vizinalweg zwischen Liebe und Freundschaft bewegt habe, äg.ns ls elisraiit visillal sutrs 1'g.niour st 1'g.mitis, was nicht hinderte, daß er noch der fünfzigjährigen Fran die vom wärmsten Affekt brennenden Briefe schrieb. Aber daß sie sich getäuscht hatte, mußte sie doch nach nicht allzulanger Zeit erfahren haben. Wenn sie in ihren Erzählungen auf seine letzten Jahre gebracht wurde, wich sie immer verstimmt aus. Nur manchmal erwähnte sie, daß dem zum untersten Grad innerer uud äußerer Verwahrlosung Herabgesunkenen sich zu nähern, ganz undenkbar geworden, daß man nur, die Augen abwendend, bei zufälliger Begegnung an ihm vorübereilen konnte, an ihm, der, einst selbst ein Stutzer von gesuchter Verfeinerung, inmitten der vornehm elegantesten Welt als ihr übermütiger Liebling sich bewegt hatte. Die Beziehungen zwischen Madame Zaubert uud Heinrich Heine falleu ungefähr in denselben Zeitraum wie die zu Musset. Sie lernte Heine im Jahre 1335 in einem Salon kennen, und das erste Gespräch, welches ihr persönliches Interesse gegenseitig erweckte, drehte sich um den gleichzeitig anwesenden Mnsset. Heine sagte ihr, darin mit allen Deutschen übereinstimmend, daß Muffet in Frankreich nicht nach Verdienst gewürdigt werde. Von da blieb die gegenseitige Beziehung im Gange bis zu Heines Tode. Daß sich die beiden Dichter bei ihr begegnet hätten, habe ich nie von ihr gehört; das wird auch in ihren niedergeschriebenen 492 Siebentes Kapitel. Erinnerungen nicht erwähnt. Von einem Herzensverhältnis, wie zu Musset, war gegenüber Heine keine Rede. Auch die litterarische Einwirkung konnte nicht entfernt auf die Höhe kommen, wie bei dem französischen Poeten. Die Frenndin tonnte nicht deutsch. Dennoch zog Heine sie soviel als möglich in die Mitwissenschaft seiner Arbeiten hinein. In einem besonderen Fall führte sie den Vorgang herbei, der zu einem Gedichte Anlaß gab. Sie war es, welche die Gräfin Kalergis an Heines Krankenlager brachte, und am folgenden Tag verfaßte er das Gedicht vom weißen Elefanten, das im Romanzero steht. Dem ganzen gesellschaftlichen Leben und Treiben, in welchem Musset und Fran Zaubert sich beinah täglich berührten, und allen den Vorkommnissen, mit denen sie als gemeinsamen Angelegenheiten sich beschäftigten, kam Heine nur in laugen Zwischenräumen hie uud da näher. Dennoch nahm das Verhältnis den Charakter der Vertraulichkeit an, zu welcher das liebenswürdige, feine und verständnisvolle Wesen der Frau, ihr lebhafter Sinn für interessante Menschen einlud. Auch die Grazie ihrer Erscheinung reflektierte sich bald in dem anmutigen Wechsel der kleinen Briefchen über die Straße. Wie Musset sie seine Marraine, so nannte Heine sie ras, xstits tss, und so weit es ihre Unbekanntschaft mit der deutschen Sprache gestattete, setzte er ihr auch seine litterarischen Ideen auseinander, daneben kehrte ihr kleiner Fuß auch in diesen Briefchen beinah immer wieder. Seitdem Heine mit dem Jahre 1848 angefangen hatte ernstlich leidend zu werden und nicht mehr ausging, wurden ihre Besuche an seinem Schmerzenslager sein Trost. Noch einmal machte er ihr einen Besuch im Januar 1848. Er mußte sich die Treppe hinauftragen lassen, und kaum auf dem Sopha niedergelegt, wurde er vou heftigen Konvulsionen ergriffen, die das Schlimmste befürchten ließen. Als er wieder zu sich gekommen war und sie ihm Vorwürfe gemacht hatte, daß er unter solchen Umständen überhaupt sich von Hause entferne, sagte er, das sei wohl sein letzter Ausgang gewesen, und er wisse, daß er rettungslosem Unheil verfallen sei. Er sei nur gekommen, um ihr einen Eid darauf abzunehmen, daß sie von nun an regelmäßig ihn anfsnchen werde. Wenn sie ihm das nicht zuschwöre, würde er wieder- Paris. 493 kommen und sie ähnlichein Schrecken wie dem eben überstandenen aussetzen. Sie hielt den Eid, den sie ihm leistete, treulich. Sie wurde die Vertraute seiner häuslichen Angelegenheiten, unter anderem auch in Sachen seiner Frau Mathilde, mit der er trotz vieler Schwierigkeiten und trotz ihrer Unbildung bis an sein Ende treulich vorlieb nahm. Frau Zaubert wußte eine Menge komischer Anekdoten darüber zu erzählen. Ihren Mann, den Kassationsgerichtsrat, setzte er zu seinem Testamentsvollstrecker ein. In dies Testament flocht Heine, wie Madame Zaubert erzählte, die Bemerkung ein, daß sein Vetter Karl ihm fest versprochen habe, für seine Wittwe Mathilde reichlich Fürsorge zu treffen, worauf er sich also verlassen könne. Diese Zusage aber, sagte ihr Heine im Vertrauen, sei nur seine Erfindung, um den reichen Verwandten an der Ehre zu packen. In diesen Kreis kam auch Lansrey, als ich gerade zu ihm in nähere Berührung trat. Der erste Anstoß dazu war reiu litterarischer Natur. Lansrey hatte 1860 ein kleines Buch veröffentlicht, I^sttrss ä'Lvsr^rä, philosophischen Inhalts. Es war zufällig Madame Zaubert zur Kenntnis gekommen, hatte ihr Interesse erregt und die Lust nach persönlicher Bekanntschaft. Er folgte willig dem Rufe und fand sich gut in die Gesellschaft des Zauberischen und d'Altonfchen Hauses, da auch er ein grimmiger Feind Napoleons III. und des Ultramontanismus war. Verschiedene seiner Werke hatten sich mit der Revolution und mit dem Papsttum beschäftigt. Madame Zaubert, etwa dreißig Jahre älter als er, kam zu ihm in das nämliche Verhältnis, das sich zwischen ihr einerseits und Musset und Heine andrerseits ausgebildet hatte, natürlich mit der Variante, des großen Altersunterschiedes. Während Musset mit der Marraine auf dem Vizinalweg zwischen Liebe und Freundschaft wandelte, während in Heines Briefen an die kleine Fee der Anklang an Galanterie nicht fehlte, war das Verhältnis zu Lanfrey das der bemutternden Freundschaft. Das zeigt sich unter anderm auch in dem lebhaften Interesse, welches die Freundin an der wirklichen Mutter des jungen Mannes nahm, der damals im Ansang der Dreißig stand. -494 Siebentes Kapitel. Seine früh verwittweteMutter wohnte noch immer in Chambsry, in Savoyen, nnd war ganz außer Zusammenhang mit dem Pariser Kreise. Die Pariser Freundin war in den vertrauten Verkehr zwischen Mutter und Sohn eingeweiht, deren Briefwechsel sie verfolgte. In ihre Erinnerungen hat sie eine ganze Reihe solcher Briefe charakteristischer Art aufgenommen. Wie den anderen Freuuden war sie ihm Ratgeberin in litterarischen, in weltlichen und in Angelegenheiten des Herzens. Alles interessierte sie und die letzteren nicht am wenigsten und, wie man sich denken kann, mit einem aus natürlicher Klugheit und reicher Erfahrung sattsam genährten Verständnis. Wie ich schon an anderer Stelle erzählt habe, war Lanfrey ein eifriger Verehrer des schönen Geschlechts und hat manchen Roman durchgemacht. Er konnte sehr verliebt sein, und dies kontrastierte gerade für seine Auserwählten mit der sonstigen Härte nnd Schärfe seines ganzen Wesens. Madame Zaubert gab ihm den Kosenamen Isrooino und suchte ihn stets mit gewichtigen Persönlichkeiten zu versöhnen, denen er wegen irgend einer ihm mißfälligen Eigenschaft gram war und fern blieb. Namentlich gegen Gambetta, den er verabscheute, suchte sie ihn besser zu stimmen. Nicht als hätte sie diesen eigentlich anders beurteilt. Schon lange ehe Thiers ihn den ton kurisux genannt, hatte sie sich gegen Ende des Kriegs über ihn mit Unwillen ausgesprochen, weil er hoffnungslos den Appell an den Widerstand erhob. Aber als er in den späteren Zeiten der mächtigste Mann in Frankreich geworden, war sie es, die Lanfrey zu bereden suchte, daß er seinen Frieden mit ihm mache. Anfangs 1877 mußte Laufrey, dessen Lnngenkrankheit bedenkliche Symptome zeigte, nach dem Süden von Frankreich gehen, wo er im November desselben Jahres starb. Die tröstenden Briefe der Freundin begleiteten ihn bis zu seinem Ende. Ich habe die Beziehungen zwischen Frau Zaubert und ihren berühmtesten Freunden mit einiger Ausführlichkeit geschildert, weil dieselben einen deutlichen Maßstab geben für den Reichtum der Quelle, aus der ich bei ihr für die Kenntnis des französischen Lebens schöpfen konnte. Hier fand ich Vergangenheit nnd Gegenwart, Älloiöll rsZillls und moderne Welt, Litteratur, Kunst und Paris. 495 Politik, ernstes und frivoles Leben, das Faubourg St. Germain, die republikanische Opposition und selbst ein Stück des Napoleonischen Hofs, alles in den engen Raum eines kleinen Salons zusammengedrängt, in dem Menschheit aller Arten aus- und einging, ihre offnen und ihre stillen Geheimnisfe zum besten gab — und was die Hauptsache war, — iu dem Observatorium einer Beobachterin, der das Studium der Menschen ein Lebensberus und eine Quelle unerschöpflichen Genusses war. Zur Betrachtung der Gegenwart gesellte sich in ununterbrochenem Fluß die Erinnerung au die auf dreißig Jahre zurückreichende Vergangenheit, der ein außerordentlich lebhafter Sinn für die kleinen Eigentümlichkeiten über die Maßen zu Hilfe kam. Und das alles auf dem Grunde einer behaglichen Häuslichkeit, in die man immer wie in ein kleines warmes Nest einkehrte, aus dem freundschaftlich warmes Empfiudeu, angeregter Geist und dankbare Empfänglichkeit für alles, was man brachte, einem beim Eintritt über die Schwelle wohlthuend entgegenwehte. Alle Dimensionen waren klein uud traulich, äußerst bescheiden, aber mit jener wahren Vornehmheit, die aus einstigen großen Verhältnissen noch den guten Geschmack uud die natürliche Haltung mit herübergenommen hatte. Der stets mit besonderem Geschick in sanfter Glut gehaltene Kamiu in der rus kloutaiZllö im Winter, das freundliche, umrankte Gartenzimmer des Landhauses der Villa Coeurvolant, zwischen Lonveeiennes und Marly, im Sommer, selbst die alte treue Magd Marie, mit der man als Freuud des Hauses auf patriarchalischem Fuß stand — das alles wirkte zusammen, um einen in diesem von drei weiblichen Generationen ausgefüllten Hause ganz heimisch zu machen, das Gefühl absoluter Sicherheit, des gegenseitigen Wohlwollens und Verständnisses zu geben, aus dem man ruht wie auf warmem, weichem Pfühle. Die letzten zehn Pariser Jahre dieses freundschaftlichen Verkehrs haben meinem dortigen Aufenthalt am meisten ihr Gepräge aufgedrückt, ihren Reiz gegeben, mir das Hineinleben in die sonst nie der Fremdheit entbehrende Atmosphäre gestattet, meine Kenntnis der Menschen und Zustände bereichert. Auch nach dem Kriege, ja während desselben, dauerte dies Verhältnis unbehindert fort. 496 Siebentes Kapitel. Bald nach Ausbruch des Krieges war Madame Zaubert mit Tochter und Enkelin aus Frankreich weg nach Lausanne gewandert. Die verwittwete Tochter namentlich, ein höchst originelles Wesen, hatte einen wahren Parorysmns von Abschen gegen alles Tnmul- tuarische. Der entfernteste Gedanke, mit Krieg oder Revolution in Berührung zu kommen, brachte sie in Verzweiflung. Daher fühlte sie sich nur in den Bergen der neutralen Schweiz geborgen, nnd das unzertrennliche Trio richtete sich selbstverständlich nach ihr. Nachdem ich aus meiner ersten Kriegsfahrt bis Sedan wieder frei geworden war, und nachvem ich das erste deutsche Amtsblatt in Hagenau anfangs September begründet hatte, machte ich mit meiner Frau eine kleine Reise in die Schweiz, auf der wir die Freundinnen in Lausanne besuchten. Und als ich Ende Oktober zum zweitenmal ins Hauptquartier zu Bismarck, diesmal nach Versailles, fuhr, wünschte meine Frau, mit der ich mich zwischenzeitlich in Heidelberg niedergelassen hatte, sich mit den Freundinnen, denen sich noch andere angeschlossen hatten, zu vereinigen, weil sie in Heidelberg gar keine näheren Beziehungen hatte. Wir fuhren zusammen südwärts ab; ich nach Straßburg und sie nach Lausanne. In Appenweier trennten sich die Wege. Schweren Herzens gingen wir auseinander. Es lag eine ergreifende Versinnlichung der Zerstörung, welche der Krieg in die Ruhe der Existenz gebracht hatte, darin, daß sie zu den aus ihrem kosigen Heim in Paris vertriebenen Freundinnen ging, während ich die abenteuerliche Fahrt ins Herz des mit Krieg überzogenen Landes antrat. Zwischen Versailles und Lausanne konnten wir ungehindert korrespondieren. Die Feldpost besorgte gauz regelmäßig unseren Verkehr über Deutschland nach und von der Schweiz. Kein Brief ging verloren. Des Interessanten ans beiden Lagern wurde natürlich genug ausgetauscht. Ich konnte sogar Dienste leisten. Unter den gemeinsamen französischen Freundinnen, die sich neben den Jauberts nach Lausanne geflüchtet hatten, war z. B. eine, die zwei Schwestern als Nonnen in einem Kloster in Orleans hatte. Nach der Einnahme durch die Deutschen konnte ich für diese noch Empfehlungen zu ihrem besonderen Schutz erwirken. Paris. 497 Nachdem ich im Dezember von Versailles im Auftrag des Kanzlers nach Berlin gefahren war, drängte es mich, meine Fran wiederzusehen, und gegen die Weihnachtszeit fuhr ich zum zweitenmal nach Lausanne, wo ich etwa zwei Wochen blieb. Es war ein wunderlicher Kontrast, von dem Kriegslager in Versailles und dann dem norddeutschen Reichstag in Berlin an die im winterlichen Schnee prangenden Ufer des Genfer Sees in eine sehr zahlreiche Kolonie französischer Flüchtlinge zu geraten. Ich stieg in der Pension Dnsour ab, wo meine Frau mit den drei Generationen Zaubert zusammenwohnte. Das ganze Haus war von französischen Familien, in der Mehrzahl Frauen, besetzt. Ich hatte nicht einen Augenblick die Mißempfindung des Völkerkriegs zu kosten. Die Stimmung der meisten ging dahin, ein möglichst rasches Ende herbeizusehnen und den Kampf 5, outrg.nes mitsamt Gambetta in seiner Hoffnungslosigkeit zu verwünschen. Die Intimität mit den Freundinnen blieb ungetrübt. Wir lasen gemeinschaftlich die mehrmals am Tage erscheinenden Berichte vom Kriegsschauplatz. An der großen Tafel, an welcher sich zweimal am Tage sämtliche Hausbewohner versammelten, saß ich, von dem man wußte, daß er aus dem Hauptquartier von Versailles kam, ungeniert und nnbelästigt. Man war eben weit weg vom Boulevard, von dem Sitz derjenigen, welche die Berührung mit jedem Deutschen als ein schauerliches Verbrechen untersagten. Im Januar verabschiedete ich mich, um nach Mainz zu gehen und dort eine Wahlkampagne für die Reichstagskandidatur einzuleiten. Meine Frau blieb in Lausanne bis zum März. Die nächsten Jahre hielten mich von Paris fern. Im Jahre 1873 reiste ich nur auf einen Tag in einer dringenden Angelegenheit dahin; aber im folgenden verbrachte ich eine Reihe von Wochen des Juni uud Juli allda. Das Wiedersehen mit den Freundinnen war so herzlich wie je; der Verkehr sehr häufig, aber allerdings doch mit einiger Heimlichkeit umgeben. Sie durften sich nicht vor jeglichem zu dem feindlichen Manne bekennen. Das milderte sich dann wieder einigermaßen, als ich in den folgenden Jahren noch öfter nach Paris kam. In der Zeit der Trennung ging die Korrespondenz lebhaft hin und her bis zum Tode zuerst der BambcrgerS Erinnerunqe». ZH Siebentes Kapitel. Paris. Großmutter, dann der Mutter, uud die mit der Enkelin blüht noch bis zum heutigen Tage (1898). Ich habe dem Rückblick auf diesen Freundschaftsbund mehr Ausführlichkeit gewidmet, weil er ungefähr ein Bild davon giebt, welche Vertrautheit mit französischem Wesen und Leben mir aus ihm, und in mehr oder minder reduziertem Maßstabe durch analoge Beziehungen erwuchs. Madame Zaubert gewährte mir durch ihr Alter, durch die Stellung, die sie in jüngeren Jahren im Mittelpunkt der besten Gesellschaft eingenommen hatte, durch ihre wunderbare Mitteilungsgabe, durch das Interesse, das sie an mir nahm (schmeichelhafterweise wollte sie oft durch mein Denken und Reden an Heine erinnert sein), ganz ausnahmsweise» großen Vorteil. Dadurch ist sie und ihre kleine Welt eng mit einem wichtigen Abschnitt meines Lebens verwebt. Achtes Kap. Beziehungen zu Deutschland nnd erste Reisen ins Vaterland. 493 Achtes Kapitel. Beziehungen zu Deutschland und erste Reil'en ins Vaterland. So angenehm und anregend sich im Laufe der letzten Jahre mein Leben in Paris gestaltet hatte, so wenig vermochte es die Gedanken an die Rückkehr nach Deutschland und zur politischen Teilnahme an dessen Schicksalen abzulenken. Der große Kampf der preußischen Liberalen, die so energisch von der großen Masse der Gebildeten getragen wurden, konnte diese Sehnsucht nur verstärken. Lebhafter brieflicher Verkehr uud persönliche Berührung mit politisch gleichgesinnten Deutschen, die zahlreich in Paris erschienen, gaben dieser Gedaukeurichtuug immer neue Nahrung. Unter den letzteren trat mir besonders Hans Viktor von Unruh nahe, den seine Geschäfte oft nach Frankreich führten. Er war ein interessanter Typus des kernigen liberalen preußischen Beamten jener Zeit. Er war im Dienst der Staatsverwaltung ins technische Gebiet gekommen nnd hatte die Eisenbahn von Berlin nach Potsdam gebaut, wurde später Direktor der großen Lokomotiven-Fabrik von Pflug und bewährte sich in seinem Berufe nach allen Seiten hin. Darunter hatte seine aktive Teilnahme an den Politischen Angelegenheiten nicht einen Augenblick gelitten. Er war im Jahre 1848 Präsident der preußischen Nationalversammlung gewesen und wurde auch iu der Konfliktszeit der sechziger Jahre wieder Vizepräsident des Abgeordnetenhauses (1863 bis 1867). Er gehörte dann zu denen, die bei dem großen Wendepunkt des Jahres 1866 als Führer der Fortschrittspartei mit Bismarck unterhandelten uud zu einer Verständigung zu kommen suchten. Anszüge ans seinem Tagebuch, die in den achtziger Jahren veröffentlicht wurden, enthalten sehr interessante Aufschlüsse uno Wiedergaben von vertraulichen Unterhaltungen mit Bismarck. Unruh war ein Mann von strenger Wahrhaftigkeit, allein falschen Schein abgeneigt, dabei maßvoll und praktisch im Geiste. 500 Achtes Kapitel. Er und Twesteu waren die bedeutendsten Charaktere der später aus dem alten Fortschritt abgezweigten preußischen nationalliberalen Partei. So unversöhnlich abgeneigt wieTwesten gegen Bismarcks moralischen Charakter, war Unruh nicht, aber er schenkte ihm auch nie vollen Glauben. Während Unruh scherzend manche Anekdote über Bismarcks Winkelzüge zum besten gab, fuhr Twesteu mit Ingrimm darein und rief, auf den Tisch schlagend: „Der Kerl lügt." Es tönt mir noch in den Ohren. Dabei war Twesten durchaus kein Tugendbold. Unruh kannte das preußische Junkertum und wußte, wessen man sich von ihm versehen durste. Den Argwohn wurden die mit dieser Kaste in nahe Berührung gekommenen Männer niemals los, uud wie recht sie hatten, hat die Zeit gelehrt. Forckenbeck, der sie in seiner Anwaltspraxis in Westpreußen genau kennen gelernt, pflegte als Maxime auszustellen, daß sie von Grund aus alle „falsch" seieu. Unruh war ein feuriger und strenger Anhänger der klassischen Freihandelsschule; zur Zeit, als ich iu die parlamentarische Laufbahn eintrat, war er einer der vornehmsten Führer dieser Richtung, in der ich erst später zu den Vorkämpfern avancierte. Trotz gewisser harten und steifen Formen, die auch in der äußeren Erscheinung merkwürdig charakteristisch hervortraten und ihn zum Typus eines altmodischen preußischen Bureaukraten zu stempeln schienen, trotz des aristokratischen Kastengeistes seiner Familie, der auch in seinen Söhnen und Töchtern sehr ausgeprägt zum Vorschein kam, war Unruh ein fideler nnd ganz freisinniger Lebemann, der für seine schlüpfrigen Anekdoten bei einer ihm gar nicht gleichgiltigen Flasche guten Bordeaux renommiert war. Wir sollten im Laufe unserer parlamentarischen Kameradschaft einander immer näher rücken und sind bis an seinen im hohen Alter von achtzig Jahren erfolgten Tod in treuer Freundschaft verbunden geblieben. So oft er von Dessau, wohin er sich zurückgezogen hatte, nach Berlin kam, sprach er bei mir ein. Was bekam man da an Schmerzensausbrüchen über die mutatio tsm^orum zu hören! Beziehungen zu Deutschland und erste Reisen ins Vaterland. 501 Vom echten Kern gesunder liberaler Grundsätze, die diesen preußischen Liberalen der alten Schule fest ins Herz gewachsen waren, ist im heutigen nationalliberalen Nachwuchs keine Spur mehr zu entdecken. Die hannoverische Linie der Bennigsen und Miquel hat ein gut Teil dazu beigetragen, die Demoralisation einzubürgern, welche das Bismarck'sche Regiment systematisch ausstreute, um Deutschland schließlich unter eine Junkerherrschast zu bringen, wie sie vorher nie bestanden hatte. Meine alten nationalliberalen preußischen Freunde, die von Unrnh, von Winter, von Forckenbeck waren nichts weniger als radikale Frondenrs, aber sie waren Männer von redlicher, fester, wohldurchdachter Überzeugung. Das Jahrzehnt von 1880 bis 1890 hat diesen Geist ganz und gar aus der nationalliberalen Partei ausgetrieben. Jene Freunde mußten noch die traurige Wandlung der Dinge erleben, welche allen ihren einstigen Hoffnungen und Bestrebungen bei ihrer Mitarbeit um die Begründung des Deutschen Reiches Hohn sprach. Sie sahen mit Grausen die Verwüstungen, welche das Bismarcksche System im Geist und in der Gesetzgebung des Landes anrichtete. Was würden sie erst gesagt haben zu der Nachwirkung, die nach Bismarcks Sturz im Laufe des letzten Jahrzehnts zu Tage trat! In der ersten Hälfte der sechziger Jahre stand Deutschland und insbesondere Preußen noch unter dem Zeichen des Militärkonfliktes, aber trotz aller Preßverfolgungen und Verfasfungsbrüche, wie frei und lebhaft war die Regung der Geister, welch ein idealer Zug ging durch das ganze gebildete Bürgertum! Im deutschen Südwesten, jenseits der preußischen Grenzpfähle, war anch im Gebaren der Regierungen bereits eine mildere Praxis eingetreten. Die bittere Verurteilung, welche Bismarcks eyuisches Auftreten gegen die preußische Volksvertretung in ganz Deutschland erfnhr, bestimmten die im Bundestag von ihm bedrängten süddeutschen Regierungen dazu, etwas für ihre Popularität im eigenen Lande zn thnn. Es war die Zeit (1862), wo Herzog Ernst von Coburg in Frankfurt a. M. als Schützenkönig in der tyroler Joppe auftrat und den in Preußen verfolgten liberalen Schriftstellern bei sich Gastfreundschaft gewährte. Ein Frennd schrieb mir damals, des Herzogs Kandidatur für die deutsche 502 Achtes Kapitel. Kaiserkrone habe ihren Reiz darin, daß er kinderlos sei, so daß man auf ihn die Republik folgen lassen könne. Unter dem Eindruck der aus der Heimat kommenden Berichte, stieg der Gedanke in mir auf, daß ich es vielleicht wagen könnte, wenn auch nicht in mein engeres hesfendarmstädtisches Vaterland oder nach Bayern, wo noch die Strafnrteile von 1849 gegen mich in Kraft standen, so doch nach Baden und Württemberg mich ohne Fnrcht vor Auslieferung für vorübergehenden Aufenthalt zu begeben. Bereits im Jahre 1861 hatte ich meine Fühler nach dieser Seite ausgestreckt. Im März dieses Jahres that ich Schritte bei der preußischen Gesandtschaft in Paris. Ich hatte eine Unterhaltung mit dem Prinzen Reuß, der zur preußischen Vertretung gehörte, über die Frage, ob ich ohne Gefahr der Auslieferung an Hessen nach Berlin gehen, könne. Er versprach nur, daselbst anzufragen. Nach etwa zwei Wochen erfolgte die Antwort dahin, daß man sich in Berlin zu nichts verpflichte, denn wenn Hessen Auslieferung verlangen sollte, wäre man nach den Bundesgesetzen verpflichtet, dem Folge zu geben. Im folgenden Jahre beauftragte ich meinen Freund, den Komponisten Rosenhain, der, wie gewöhnlich, im Sommer sein Landhaus iu Baden bewohnte, einmal das Terrain zu sondieren. Er berichtete mir, daß er aus zufälligen Gründe u nicht den Stadtdirektor habe befragen können, daß ich aber nach der Ansicht aller kompetenten Personen da vor jeglicher Belästigung sicher sei. Das war Ende Juli 1862. Es genügte mir jedoch eine so formlose Zusage nicht, und da ich im August in Geschäften nach Turin und London zu reisen beauftragt wurde, trat der Gedanke wieder in den Hintergrund, bis der Zufall wollte, daß ich in London mit meinem alten Frenud Friedrich Kapp zusammentraf, der zum ersten Besuch nach Deutschland von Amerika herüber kam. Wir verbrachten ein paar sehr vergnügte Tage zusammen. Hatten wir uns doch seit dem Sommer 1849, wo wir uns in Genf getrennt hatten, nicht wiedergesehen. Wir hatten uns seitdem beide nach Überwindung der großen Schwierigkeiten, die uns im Wege gestanden, mit der Anserwählten unserer Jugend verheiratet und es zu eiuer schön gefestigten Existenz gebracht. Was Beziehungen zu Deutschland und erste Reisen ins Baterland. 503 hatten wir nicht an Reminiszenzen aufzufrischen und neues auszutauschen! Ich hatte meine Frau aus Paris herüberberufen, um mit ihr einige Wochen auf der Jsle of Wight zuzubringen. Um sich nicht von mir zu treuuen begleitete Kapp mich nach Dover, wohin ich meiner Frau entgegenfuhr. Wir gingen am Strand aus und ab, um das Boot abzuwarten, das von Calais herüber kommen sollte. Ein furchtbarer Sturm wütete auf der See, und die Ankunft verzögerte sich um Stunden. Endlich kam das Boot in Sicht, legte an und meine Frau erschien auf dem Deck, aber so von der Seekrankheit geschüttelt, daß sie sprachlos und kanm zn erkennen war. Nachdem wir sie ins Hotel gebracht hatten, erholte sie sich endlich. Das erste Wort, das sie herausbrachte, war damals: „Ich geh nicht mehr znrück!" Solchen Schrecken hatte ihr das Meer mit seinen Stürmen eingejagt, obwohl sie sonst garnicht furchtsamer Natur war. Kapp verließ mich, um nach Deutschland zu gehen, dessen Grenzen ihm dank der „neuen Ära", nunmehr geöffnet waren. Natürlich ward auch mein Verlangen dadurch noch mehr gesteigert. Am Ende seiner Reise, im Begriff, sich wieder nach New-Iork einzuschiffen, schrieb er mir, dem inzwischen nach Paris zurückgekehrten, einen Brief, in dem er seine Gesamteindrücke zusammenfaßte. Das Schreiben ist von Southampton 23. Oktober 1362 datiert. Hier heißt es: „In Deutschland besuchte ich Köln, die Provinz Westfalen, Kassel, Frankfurt, Stuttgart, Karlsruhe, Heidelberg, Weimar, Meiningen, Kobnrg, Bamberg, Nürnberg, Mainz, Darmstadt, Bonn, Berlin, Danzig, Leipzig und Hamburg. Ich bin im ganzen mit meinem Aufenthalt sehr zufrieden. So sorgfältig wir auch die Zeitungen lesen mögen, so entgeht uns im Auslande doch alles, was zwischen den Zeilen steht, und das ist die Hauptsache: es ist die größere Selbständigkeit des Volkes, seine Teilnahme am politischen Leben, sein ökonomisches Gedeihen und sein Selbstbewußtsein, In Weimar wohnte ich dem Volkswirtschaftlichen Kongreß bei. Die dort gefallenen Reden waren sachgemäß, sehr verständig, nirgends Phrase und überall fester parlamentarischer Takt. Die bedeutendste Persönlichkeit war wohl Schulze-Delitzsch; die besten Redner waren norddeutsche Freihändler. Überhaupt kam mir der Fortschritt in 504 Achtes Kapitel. Norddeutschland am größten vor, vielleicht anch nnr, weil ich hier den besseren Maßstab anlegen konnte. Berlin ist jetzt eine mächtige Fabrikstadt, die vom Hofe ebenso unabhängig dasteht wie Paris; meine heimatliche Provinz (der protestantische Teil Westfalens) ist eigentlich nur ein Bergwerk, ein Hammer und Hochofen. Einer meiner alten Schulfreunde, der vor 1843 einen Eisenhammer mit 18 bis 2V Arbeitern hatte, lud mich ein, seine Fabrik zn besuchen. Er beschäftigt jetzt 500 Arbeiter und machte gerade Telegraphendrähte für den Amur und Kamtschatka. Die Beamten sind die reinen Proletarier dem aufstrebenden Bürgertum gegenüber, die jungen Jnristen in meiner Provinz halbe Cretins, Menschen, bei deuen ich anch nicht einen über die Routine seines Geschäftes hinausgehenden, allgemeinen freien Gedanken fand. Die Znkunft Deutschlands steckt nicht mehr in seiner studierenden, resp, auf Universitäten herumbummelnden Jugend, sondern in den jungen Technikern, Industriellen und besseren Handwerkern. In Preußen kann mau jetzt mit den Eseltreibern der Paderborner Heide über Politik sprechen; sie verstehen die zweijährige Dienstzeit, und was damit zusammenhängt, sehr gut." Diese aus unmittelbarer, lebendiger Anschauung geschöpften Wahrnehmungen sind in mehr als einer Beziehung bemerkenswert; vor allem beweisen sie — nm nur dies eine hervorzuheben — daß nicht die Siege des Heeres und auch nicht die Bildung des neuen Deutschen Reichs den wahren Wendepunkt in Deutschlands großem wirtschaftlichem Aufschwung gezeitigt haben, sondern die Gesamtheit der technischen Entdeckungen und Veranstaltungen und die zu ihrer Verwertung angelegten Eigenschaften der Deutschen, ihr Fleiß, ihre Ausdauer, ihre Aufmerksamkeit uud Intelligenz bei der gewerblichen Arbeit. Kein Hohenzoller, kein Bismarck und kein Moltke hatten vor dem Jahr 1862 den Samen ausgestreut, aus welchem dieser fruchtbare Thätigkeitsdrang aufgegangen war. Die politischen Schnitter ernten nur zu oft an Ruhm und Verdienst, was die Geisteskraft der fortschreitenden Menschheit gesät hat. Es geht damit ähnlich wie mit dem „großen Jahrhundert" Ludwig des Vierzehnten in Frankreich. Am Schluß seines Briefes schreibt Kapp: „Ich habe mich von dem wieder aufstrebenden deutschen Leben so sehr angezogen gefühlt, daß ich Schritte that, meine Rückkehr zu ermöglichen." Beziehungen zn Deutschland und erste Reisen ins Vaterland. 505 Solche Schilderungen und Gedanken konnten natürlich ihren gleichartigen Eindruck auf mich nicht verfehlen, und natürlich flössen Betrachtungen dieser Richtung in die Korrespondenz mit den Meinigen ein. Im September war ich von der Insel Wight nach Paris zurückgekehrt. Da kam eines Tags ein Brief meines älteren Bruders aus Mainz, der mich mit der Nachricht überraschte, das Ministerium in Darmstadt hätte auf ein Gesuch meiner Mutter gestattet, daß ich unbehelligt zu deren Besuch iu Mainz erscheinen dürfe, unter der Bedingung, mich während meines Aufenthaltes jeder politischen Thätigkeit zu enthalten. Der Brief war von einem Jubelton der übrigen Familie begleitet, die ganz unbefangen erwartete, ich würde sofort mit beiden Händen nach dem gewährten Vorteil greisen. Aber anf mich machte die Sache gerade den entgegengesetzten Eindruck. Ich wnrde einfach wütend. Denn es lag offen, daß hier ohne mein Zuthun und ohne daß ich es ahnte, Schritte in meinem Interesse gethan worden waren, zu denen ich niemals mich entschlossen hätte. Obwohl viele Jahre über den Kampf, den ich mit dem Minister Dalwigk geführt hatte, hingegangen waren, lebte die Erinnerung daran doch noch so lebhaft in mir, daß ich niemals hätte einwilligen können, mir von diesem Minister eine Gnade auszukitten. Es konnte mir das nm so weniger beikommen, als gerade die Darmstädter Kabinettspolitik an der Spitze der äußersten deutschen Reaktion stand und den Sammelpunkt für die bundestäglichen Intriguen gegen alle nationalen Einheitsbestrebnngen bildete. Nun hatte man zwar die Bittschrift von meiner Mutter unterzeichnen lassen, aber das konnte doch nur als eine durchsichtige Verschleierung für mein eigenes Thun angesehen werden, und wenn ich davon Gebrauch machte, fo machte ich diese Prä- sumtion zur Wahrheit. Auch steckte, wie ich sofort erriet, eine zwar wohlgemeinte, aber mir sehr wenig zusagende Mitarbeit an der ganzen Operation dahinter. Ein alter treuer Schul- und Universitätsfrennd hatte die Schritte meiuer Mutter gelenkt und seine gnten Dienste beim Ministerium geleistet. So sehr er mir gut geblieben, so sehr waren seine politischen Ansichten von den 506 Achtes Kapitel. ineinigen abgerückt; er hatte sich den Ultramontanen angeschlossen, die unter Dalwigk sich besonderer Gnnst erfreuten. So konnte mir anch der Beigeschmack, den die ganze Sache dnrch diesen guten Dienst erhielt, nicht munden. Etwas jugendlicher Rigorismus — obwohl ich das vierzigste Jahr augetreten hatte — steckte freilich auch uoch in mir. Zwanzig Jahre später hätte ich mich wohl nicht für schimpfiert gehalten, von der faktischen Beseitigung eines Hindernisses Gebrauch zu machen. Aber das Exil hatte die Flamme der Entrüstung gegen die siegreichen Dränger so lebendig erhalten, daß der Gedanke, ihrer Gunst etwas zu verdanken, nicht einen Moment in mir auskommen konnte. Statt des von den Meinigen erwarteten Jubelausbruchs langte mit wendender Post ein Schrei des Unwillens, von der Ablehnung begleitet, bei ihnen an. Das gab nun Verstimmung, dagegen hatte ich das Vergnügen, daß in dem oben erwähnten Brief Kapps derselbe mir seine große Freude über meiue Entscheidung aussprach. Dieselbe unmittelbare Empfindung, der ich unterstand, sprach auch ans ihm. Mit der einfachen Ablehnung war meinem Gefühl nicht genug gethan. Ich fühlte das dringende Bedürfnis, etwas zu thun, was einen Protest gegen das Geschehene bedeute. Auf geradem Weg konnte ich das nicht besorgen, ohne den Meinigen und dem übereifrigen Freund und Vermittler Ärgernis zu bereiten. Da fand sich eine gute Gelegenheit, anf einem Umweg meinen Zweck zu erreichen. Der Umweg war um so willkommener, als er schon an sich des Reizes nicht entbehrte. Am 16. August 1860 hatte Heinrich Simon, der wiederholt genannte Breslaner Patriot, einer der bedeutendsten Führer der Lücken im Frankfurter Parlament, einen plötzlichen Tod in den Fluten des Wallensees gefunden. Nach der, auch iu der Todesanzeige — sie liegt noch in meinen Papieren und in diesem Moment mir vor Augen — ausgesprochenen Vermutung, erlitt er beim Baden im See einen Nervenschlag, der ihn in die Tiefe hinabsenkte. Beziehungen zu Deutschland und erste Reise» ins Vaterland. 507 Der kraftvolle Mann war ein kühner Schwimmer und befand sich grade in dem am Wallensee gelegenen Dorfe Mnrg, um Bergwerke in der Nähe zu inspizieren. Die Achtundvierziger hatten sich unter der Leitung seines Freundes Johann Jakoby zusammengethan, ihm an der Unglücksstätte ein Denkmal zu errichten, und im Oktober dieses Jahres 1862 sollte das Denkmal feierlich eingeweiht werden. Selbstverständlich war die Ceremonie bestimmt, eine Demonstration der alten, und vor allem der noch im Exil weilenden Gesinnungsgenossen zu werden. Ich war bis dahin schwankend geblieben, ob ich mich an der Feier beteiligen sollte. Aber die Botschaft ans Mainz gab den Ausschlag. Das war ein sehr schönes Mittel, zu zeigen, daß ich die gewährte Gunst ausgeschlagen hatte. Meine Familie war sehr verdrießlich darüber, aber ich zauderte nicht einen Augenblick. Nun beredete ich meinen Freund Ludwig Simon, sich mir anzuschließen. Der Tag der Denkmals-Einweihnng war auf den 5. Oktober festgesetzt. Einige Tage vorher machten wir uns auf den Weg. Selten war mir ein Schweizer Ausflug von des Himmels Laune mehr begünstigt. Es war das denkbar glänzendste Herbstwetter, das uns entgegenstrahlte, als wir dem Wallensee und den ihn umkränzenden, im vollsten Sonnengold erschimmernden Bergen zufuhren. Allerdings der Anlaß war ernster, trauriger Natur, die Lage der Dinge in der Heimat nichts weniger als vielversprechend. Trotzdem bemächtigte sich der Zusammenkommenden eine heitere Stimmung. Vor allem die prachtvolle Landschaft, zugleich in Sonne und erfrischender Herbstlnst gebadet; sodann das Wiedersehen mit vielen seit den Schicksalstagen nicht mehr erblickten Genossen, und endlich — die Hauptsache: die belebende Stimmung, die stets aus der Vereinigung einer von gegenseitigem Vertrauen beseelten größeren Zahl hervorgeht. Wo dies zutrifft, wird eiue gedrückte Atmosphäre immer einer gehobenen weichen, die vielfache Berührnng wirkt elektrisierend. Ich habe das mehrfach bei den trübseligsten Veranlassungen konstatiert. Das Leben setzt sein Übergewicht über den Tod durch, so wie die Lebenden, im Gefühl der eigenen Gesundheit unter einander warm und bewegt 503 Achtes Kapitel. werden, und ich verstehe ganz gut, daß in primitiven Zuständen die Totenfeiern mit Gastmahlen abgeschlossen werden, in denen schließlich die gute Laune des Daseins über die Trübsal des Sterbens triumphiert. Unter denen, die ich seit 1849 nicht mehr gesehen hatte, stand mir am meisten Johann Jacoby im Vordergrund. Als der intimste Freund und ehemalige Kampfgenosse Heinrich Simons war er von Königsberg herbeigekommen und drückte der ganzen Ceremonie ihr eigentliches Gepräge, zugleich das seinige, auf — das der strengen, intransigenten, radikalen Demokratie des Jahres 1848. Wir sahen etwas wie einen Heiligen des reinen Glaubens in ihm. Auf diesem Boden standen wir alle, die sich da zusammenfanden. Politische Versuchung zur Anpassung an Transaktion lag nicht vor. Wir thaten uns gütlich im gemeinsamen Bekenntnis unserer ungebeugten Gesinnung, deren Reich vorerst nur noch im Diesseits des Exils lag. Die Schweizer Atmosphäre diente vortrefflich dazu, die frohgemute Weihestimmung zum Genuß zu steigern. Das Wiederfinden alter, längst entschwundener Gestalten trug das Seine dazu bei. Einen sogar, den ich auch seit dreizehn Jahren vergessen und niemals näher gekannt habe, erkannte ich von hinten. Es war Peter von Konstanz, der derbe Volksmann vom Bodensee, von dem es im Heckerliede hieß-. Und zum Peter sagte er: Peter sei mein Statthalter. Da tauchte auch Karl Mayer von Stuttgart wieder auf, das „Mayerle", des von Heine mißhandelten Dichters Sohn, dieser prächtige Schwabe in des Wortes verwegenster Bedeutung. Er lebte damals in Neuchätel, wo er ein kleines Uhren- nnd Bijouteriegeschäft betrieb. Seiue poetische Ader, ob vom Vater her, weiß ich nicht, war jedenfalls echt und vollblütig. Er war vorher zum deutschen Schützenfest in Frankfurt am Main gewesen uud schilderte uns in köstlicher Travestiernng die Rolle, in der Ernst von Coburg als Schützenkönig in der Tyrolerjoppe als stiller Bewerber um die deutsche Kaiserkrone sich bei dem Feste ausgespielt hatte. Karl Mayers ganzes Wesen gewann mein Herz, und ich hab es nie bereut, wenn ich anch einige Jahre später erleben Beziehungen zn Deutschland und erste Reisen ins Vaterland. 509 sollte, daß wir uns wieder im bittren Kampf gegenüberstanden. Denn als ich nach 1866 für Bismarck Partei ergriff, mußte er, als Führer der wnrttembergifchen Volkspartei, mit Recht blutige Thränen über meinen Abfall vergießen. Ich gehörte einige Jahre lang zu den bestgegeißelteu Verrätern des von ihm vortrefflich redigierten „Stuttgarter Beobachter". Aber schließlich sollte es doch wieder anders kommen. Denn als er in den achtziger Jahren in den Deutschen Reichstag gewählt wurde, lebten die gegenseitigen Sympathieen alsbalo wieder von selbst auf, und wir wurden wieder die alten guten Freunde von ehemals, zu meiner großen Freude. Denn Mayer war ein herziger Mensch, grundbrav, warmblütig, geistreich, begabt insbesondere mit einem kaustischen Humor, der in der Unterhaltung unaufhörlich sprudelte. Auch legte bei näherer Bekanntschaft mit dem Norden der offne Sinn des Mannes seine süddeutschen Vorurteile ab, und er ward so sehr ein Verehrer des Berliner Aufenthalts, daß er sich während der Session mit Frau und Tochter in der Hauptstadt niederließ und bei deu echten Schwabenbrüdern darob sehr in Verdacht erschütterter Gesinnnngstüchtigkeit kam. Von namhaften Flüchtlingen waren u. a. noch Temme, Nanwerk und Wislicenus erschienen, endlich Moritz Hartmann, der in Genf wohnte. Die Gemeinde Mnrg hatte eine Stelle dicht am Ufer des Sees auf einem herrlichen Aussichtspunkt zur Errichtung des Denkmals hergegeben. Dasselbe ist in Form eines antiken Portikus aufgebaut, in dessen Hintergrund eine schwarze Marmor- tasel mit dem Basrelief von Simons Kopf und einer Inschrift angebracht ist. Zu beiden Seiten bieten steinerne Ruhebänke einen Sitz mit dem Blick auf den See und die die „sieben Kurfürsten" genannten majestätischen Berge. Es machte einen erhebenden Eindruck, als die Versammlung sich an dieser Stelle im Mittagsglanz der Herbstsonne aufstellte und nun der Patriarch Johann Jacoby die einleitenden Worte sprach. Die eigentliche Festrede hielt Moritz Hartmann, der deu Toten auch in einem Gedicht gefeiert hat. Der Gesangverein von Murg begleitete Anfang und Schluß mit einigen Chorälen. 510 Achtes Kapitel. Am Nachmittag ward ein gemeinsames Essen im Garten des Wirtshauses von Mnrg abgehalten, und hier fehlte es natürlich nicht au kräftigen Reden. Auch zwei angesehene Schweizer beteiligten sich, Professor Hilty ans Chur (jetzt in Bern) und Oberst Bernold aus Walleustadt. Ich griff mit einer Rede ein, deren Mittelpunkt eine Betrachtung über das politische Exil und die Empfindungen der Verbannten war. Ludwig Simon brachte ein Hoch auf den damals, nach der Schlacht von Aspromonte, gefangenen Garibaldi ans. Trotz aller Finsternis, die noch auf dem buudestäglichen Deutschland lastete, ging doch ein Zug stiller Hoffnung durch die gemeinsame Stimmung. Johann Jacoby hat dem Andenken seines Freundes und Kampfgenoffen ein litterarisches Wort gewidmet. Das Bnch: „Heinrich Simon, ein Gedenkbnch für das deutsche Volk," erschien im Jahre 1865 bei Julius Springer in Berlin uud giebt eiuen interessanten Beitrag znr Geschichte der politischen Kämpfe in Deutschland nnd besonders in Prenßen. Eiu Anhang enthält eine ausführliche Schilderung der Feier. Darin ist anch meine Rede wörtlich wiedergegeben. Aus einem Brief an meine Frau, in dem ich ihr über den Hergang berichtete, lasse ich noch einige Stellen folgen. Wo ich von meiner Tischrede erzähle, heißt es: „Ich hielt eine moderierte, aber eingehende Rede über die Weihe des Exils, bei welcher, wie man sagt, viele Thränen über gebräunte Gesichter und graue Bärte Herabflossen. Der achtzehnjährige Sohn Robert Blnms saß mir gegenüber und stenographierte. Ich bin mit solcher Manier undankbar, daß die Regierung mirs nicht verübeln darf. Jetzt, da die Schuld des Uudaukes abgetragen ist, wollen wir Pläne für eine deutsche Reise machen." In der That hatte die zurückgewiesene Vergünstigung des Darmstädter Ministeriums die Sehnsucht nach der Rückkehr nur geschärft, statt sie abzustumpfen. Kurz vor diesem Zwischenfall war mir eine Botschaft zugegangen, welche geeignet war, diese Stimmung zu belebeu. Die österreichischen Versuche, durch Scheiueoucessioneu eiue volkstümliche Reform der deutscheu Bundesverfassung in Szene Beziehungen zu Deutschland und erste Reisen ins Vaterland. 511 zu setzen, welche ein Jahr später zu der Frankfurter Fürstenversammlung führten, fingen bereits an, die öffentliche Meinung zu beschäftigen. Im Sommer 1862 erhielt ich ein gedrucktes Rundschreiben, nachstehenden Inhaltes: „Geehrter Herr. Angesichts des stattfindenden Versuchs, eine Versammlung zu bilden, welche ein „Vorparlament" sein soll, nur unter Vermeidung des Namens; angesichts der gesamten Lage des Vaterlandes tritt an die noch im rechtlichen Besitz ihres Mandats stehenden Parlamentsmitglieder die Aufforderung heran, sich zunächst zu einer Privatbefprechnng wieder zu vereinigen. „Noch sind wir die einzigen, welche ein Mandat von der deutschen Nation unmittelbar erhalten haben. Nicht nur ist dieses Mandat formell noch nicht erloschen, nicht mir besitzen wir sonach vor allen andern ein besonderes änßeres Recht, uns mit den Angelegenheiten des Vaterlandes zu befassen — sondern es ist auch nach allem, was vorangegangen und namentlich nach einem besonderen Parlamentsbeschluß (vom 30. April 1849, s. Steuogr. Ber. VIII. S. 6354) uusere spezielle Pflicht, alle politischeu Wandluttgen der Zeit sorgsam im Auge zu behalten und zu diesem Behnse auf der Hochwacht zu stehen. „Bei dieser Sachlage ist es unzweifelhaft geeignet, uns wieder zu einer, wie oben schon angedeutet, streng privaten Versammlung zu vereinigen. „Der Versammlungsort kann nur Frankfurt a. Main sein. „Indem wir Ihnen obiges mitteilen, ersuchen wir Sie erstens über unsere Erwägungsgründe und zweitens über den Vorschlag der Vereinigung sich gegen einen der Unterzeichneten aussprechen, zu wollen. „Zu obigen Erwägungsgründen tritt seit Fassung unseres Beschlusses noch hinzu: erstens die in nächste Aussicht gestellte Zufammenbernfnng vou einer beschränkten Anzahl Auserwählter, anstatt der frühereu allgemein gehaltenen Aufforderung, und zweitens die neuerlich Verlautbarte Absicht Schmerlings, mit Beschaffung einer Nationalvertretung „unmittelbar an Frankfurt anknüpfen zu wollen". Es scheint daher dringend geraten, 512 Achtes Kapitel. namentlich dieser letzten Eventualität gegenüber, unsererseits vorbereitet und über unser Verhalten dabei geeinigt zu sein. „Die Zeit des Zusammentritts kann später bestimmt werden. „Frankfurt a. M., im Juli 1862. „Rudolf Christmann aus Dürckheim. Christian Heldmann aus Selters. G. Friedrich Kolb aus Speier, z. Z. in Frankfurt a. M. Ludwig Reinhard aus Boitzenburg, z. Z. in Boltz bei Güstrow. Emil Roßmäßler aus Tharandt, z. Z. in Leipzig. I. F. G. Tafel aus Stuttgart." Die Unterzeichner waren sämtlich ehemalige Mitglieder der Linken des Frankfurter Parlaments. Überfandt wurde mir die Zuschrift von Löwe-Kalbe mit einer Randbemerkung von seiner Hand. Löwe war seit dem Frühjahr 1L61 infolge der preußischen Amnestie von Amerika nach Deutschland heimgekehrt. Auf dem Wege nach Deutschland hatte er sich in Paris aufgehalten und da die Freundschaft mit mir und Ludwig Simon wieder angeknüpft. Bekanntlich war er der letzte Präsident des nach Stuttgart übergesiedelten, des sogenannten Rumpfparlamentes, gewesen, er hatte noch, wie ich wußte und schon erzählte, die Akten meiner etwas tnmultnarifch in Mainz vollzogenen Wahl in das Parlament dem Reichsarchiv einverleibt, und mir schon bei diesem Wiedersehen angekündigt, daß er sich vorbehalte, mich, wenn es ja wieder dazu kommen sollte, als Mitglied einzuberufen. In Anwendung dieser Auffassung hatte er nun obigen Ruf auch an mich ergehen lassen. Der Schritt blieb übrigeus, aus leicht erklärlichen Gründen, ohne praktische Folgen. Nur trug er dazu bei, meine Gedanken in der bereits geschilderten Richtung zu beleben. Waren mit Löwe, Oppenheim und anderen eine Anzahl mir nahestehender Genossen nicht nur nach Deutschland, sondern auch zur Mitbeteiligung am nenerwachten politischen Leben zurückgekehrt, so gab insbesondere der Briefwechsel mit Kapp dem gleichen Drang bei mir uoch besondere Nahrung. Beziehungen zu Deutschland und erste Reisen ins Vaterland. 513 Kapp wünschte aufs lebhafteste, wieder in der Heimat leben und thätig sein zu können, und bat mich, ihm zur Erlangung irgend einer Stellung, am liebsten im Eisenbahnwesen, behilflich zu sein. Zunächst war er jedoch ganz in Anspruch genommen von einer litterarischen Arbeit. Er hatte damals den Plan erfaßt, die Geschichte des Soldatenhandels, den deutsche Fürsten mit England getrieben, zu fchreibeu. Er zog mich dabei, sowohl was die Hauptaufgabe, als was die Methode ihrer Behandlung betrifft, eingehend zu Rate, und unsere Korrespondenz darüber floß reichlich von beiden Seiten. Auch hat er mir, als die Arbeit zu stände gebracht war, das Buch gewidmet. Den ersten Anstoß gab dem Autor ein Gedanke der praktischen Politik. In seinen Briefen erörterte er ausführlich, wie es der für Deutschland herzustellenden Einheit zum Nutzen gereichen müsse, die Seelenverkäufern, die deutsche Laudesväter mit ihren Unterthanen getrieben hätten, in ihrer ganzen Niedertracht zu enthüllen. Unser Briefwechsel über dies Thema erstreckt sich beinah über drei Jahre hin. Anhebend im Jahr 1862, endet er erst im Jahre 1864 mit dem Erscheinen des Buches (bei Duucker in Berlin). In einem Brief vom 20. April 1863 heißt es: „Man kann hie nnd da nicht so deutlich, offen und frei sprechen, als es die Niedertracht des Gegenstandes bedingt. Von der volle» Ausdehnung dieser Niedertracht hat man bisher in der historischen Litteratur kaum eine Ahnung gehabt. Die Infamien, die bar bezahlte Schande, die grenzenlose Habgier und Gemeinheit der deutscheu Landesväter, von deueu uur sechs so glücklich waren, zum Handel zugelassen zu werden, während etwa acht, Bayern und Thüringen an der Spitze, sich vergebens darum bewarben, ist so kolossal, so himmelschreiend, daß sie nur mittels Abdruck der betreffenden Akten für wahr gehalten werden wird. Zudem soll der politische Gedanke und Zweck in den Vordergrund treteu: Das, Deutsche, sind Eure Landesväter. Ihr habt sie uoch alle, sie thäten noch hente alle dasselbe, dürfenS nnr nicht wagen; sie erniedrigen nuter weniger entwürdigenden Formen das Vaterland noch gerade so. Wollt Ihr je frei werden, je ench selbst wieder angehören, so macht mit diesem Gesindel kurzen Prozeß. Die hier berührten Übel sind gegenwärtige Leiden, leider noch keine überwundenen Standpunkte. Jeder Deutsche leidet darunter, und vor allem die politischen Flüchtlinge, die wir nnr deshalb im Auslande sind, weil diese Bande in Deutschland oben auf ist. Es ist Bambergers Erinnerungen. ZZ 514 Achtes Kapitel. also eine persönliche Angelegenheit jedes denkenden politischen Deutschen, die von mir zu schildernden Verhältnisse in ihrer ganzen Nacktheit und Schrecklichkeit inS Auge zu fassen. Das ist ein Prozeß gegen die dentschen Raubsürsten, und wir müssen die Akten abschließen, damit das Volk zu geeigneter Zeit sein Urteil spreche. Ich meine, dieser Jdeengcmg müsse sich in anständiger Form wie ein Faden, wie die vorwurssvolleu Worte des Chors der griechischen Tragödie durch die Darstellung ziehen, und dann kann das Buch eine mächtige politische Wirkung ausüben. Zugleich wäre es gnt, einen Anhang von sechs bis acht Bogen der vorzüglichsten Briefe über Soldateulieseruugsverträge, der nichtswürdigsten, bettelhaftesten Briefe, der versuchten und teilweise gelungenen Gaunereien über die Stipnlation der Verträge hinaus, der Hauptpunkte der englischen Pa'rlamentsdebatten (Burke, Fox u. s. w) wörtlich zu geben. Ein solcher dokumentarischer Nachweis verfehlt seinen Eindruck ans das litterarische Gewissen des Deutschen nicht. Dann kann auch die Arbeit mit der Prätension einer ernsten historischen Quellenarbeit auftreten und nach außen hin den Charakter des politischen Pamphlets verlieren; sie kann dann namentlich nicht von Fachmännern ignoriert werden nnd liefert dann doch trotzalledem das schwere Geschütz gegen die Raubstaaten. Ihre direkte Wirkung überschätze ich nicht, aber ihre indirekte Wirkung kann, glaube ich, nicht hoch genug angeschlagen werden." Der folgende Abschnitt des Briefes behandelt die Verlagsangelegenheit. Kapp, dem ein Angebot von feiten des Heransgebers der Deutschen Nationalbibliothek, B. Brigl (vem späteren Verleger meiner „Tribüne"), gemacht worden war, erklärte sich bereit, auch ohne Honorar das Manuskript zu liefern, wenn ein zur Verbreitung vielleicht besser geeigneter Verlag sich empfehle. So gut er die gebotenen paar hundert Thaler brauchen könne, so bereitwillig werde er im Jnteresfe der geeigneten politischen Fruktisizierung darauf verzichten. Er meinte, der Nationalverein dürfte vielleicht die Sache in die Hand nehmen, die doch seinem Zweck diene. Schließlich kam ein Vertrag mit Franz Dnncker zu stände. Es dauerte noch über Jahresfrist, bis die Arbeit und die Verlagsangelegenheit zum Abschluß kam. Am 25. Juni 1864 schrieb mir Kapp: „Der Soldateuhandel ist im Augenblick unter der Presse; ich erhielt bereits vor vierzehn Tagen die ersten drei Aushängebogen. Ich habe es Dir iu dankbarer Anerkennung der Teilnahme, die Du seinem Entstehen nnd Unter-die-Haube-bringen gewidmet hast, dediziert; eine besondere Dedikation zu schreiben, dazn fand ich nicht die Stimmung uud Muße. Beziehungen zu Deuischland und erste Reisen ins Vaterland. 515 Wenn man sozusagen mit der Uhr in der Hand schreiben muß, beschränkt man sich geru auf das unerläßlich Nötige. Ich würde Dir übrigens im wesentlichen nichts anderes gesagt haben, als was in der Einleitung steht. Zch habe Dnncker gebeten, Dir die Aushängebogen zu schicken. Ich habe, wie dies bei derartige» Arbeiten oft nicht anders geht, die ästhetische, schön abgerundete Form oft der geschäftlichen Gewissenhaftigkeit geopfert, z. B. am Ende des ersten Kapitels, wo ich die Barbarei der Rekrnten- einfangnng und Behandlung mit den eigenen Worten ihrer Peiniger geben zu müssen glaubte; allein gerate deshalb glaube ich, meinen Zweck, die deutschen Ranbsürsteu der öffentlichen Verachtung und dem Hasse preiszugeben, desto wirksamer erreicht zu haben. Und gerade darum ist mein Buch eine zeitgemäße Arbeit, ein hoffentlich wirksames politisches Paniphlet, das die Zeitströmnng noch verstärken hilft und den Unwillen gegen die Schandwirtschaft noch intensiver macht." Ich glaubte, obige größere Stellen aus diesen beiden Briefen hier wörtlich aufnehmen zu sollen, weil sie in mehr als einer Beziehung für die Denkweise jener Zeit und das Ganze der Politischen Zustände vor, während nnd nach ihrer schriftlichen Abfassung bezeichnend sind. Die Sprache, welche Kapp hier unter vier Augen führte, klingt den Ohren des hente lebenden Geschlechtes wahrscheinlich zu derb und vielleicht etwas eynisch. Aber Kapp war weder ein Exaltado noch ein Cyniker. Übertreibung, Effekthascherei, jegliche Art von Pathos auch in den Beziehungen von Mensch zu Mensch lag ihm sern. Man lönnte eher sagen, daß er nüchtern und praktisch war wie ein echtes Kind der westfälischen Erde. Auch hatte er sich von jungen Jahren an dem praktischen Lebenslaus mit Geschick gewidmet. Zur Zeit, da er obiges schrieb, war er zugleich ein vielbeschästigter Rechtskonsulent und aktiver Politiker in New-Iork. Es war damals die Zeit des Sezessionskrieges zwischen dem Norden und den sklavenhandelnden Staaten der Union. An diesem großen Kampf hatte Kapp sich fchon litterarisch in hervorragender Weise beteiligt; er war ein eifriger Parteigänger Lincolns, und die Entscheidung über Sieg oder Niederlage war gerade in ihr kritischstes Stadium gekommen, während Kapp an seinem Buch und obigem Briefe schrieb. Daher seine Bemerkung, 33* 516 Achtes Kapitel. daß er mit übergroßer Beschäftigung beladen „mit der Uhr in der Hand" gearbeitet habe. Die gewaltige moralische Entrüstung über eine beinah um hundert Jahre zurückliegende Vergangenheit war der Ausdruck ganz kühler, ehrlicher, tiefer Überzeugung. Die Stärke des Kolorits hängt zum Teil damit zusammen, daß Kapp in der mündlichen Unterhaltung und daher auch im vertraulichen Briefstil einer Humorvolleu, burschikosen Ausdrucksweise huldigte, die ihm vorzüglich zu Gesichte staud, wie er auch von originellem Witz sprudelte. So schloß sein ganzes Wesen alles Satanische aus. Als er Mitglied des Deutscheu Reichstags wurde, 1872, schloß er sich der natioualliberalen Partei an und wurde, seine volle Unabhängigkeit bewahrend, auch von Bismarck geschätzt, der ja bei einem Wahlkampf zwischen einem Konservativen und ihm um seine Meinung befragt, den Wählern zurücktelegraphierte: „Wählt Kapp!" Mit dem Wendepunkt der Bismarckschen inneren Politik im Jahr 1878/7Z stellte Kapp sich entschlossen mit in die Opposition gegen ihn. Wer sein Buch zur Hand nimmt, wird begreifen, wie in fortschreitender Arbeit der Zorn immer mächtiger in ihm aufloderte. Aber es gehört zur Psychologie der deutscheu politischen Entwicklung, daß die Zeitgenossen jener Schamlosigkeiten so wenig von diesem Zorn ergriffen worden waren (man lese nur des braven Seume Selbstbiographie!) und nicht minder, daß auch die Nachkommen in unseren Tagen, als sie durch Kapps Mitteilungen in jene Skandalös« eingeweiht wurden, seinen Erwartungen über den Eindruck, den das Buch macheu würde, nur sehr unvollkommen entsprachen. Es wnrde bekanut, es wurde viel gelesen, besprochen (ich selbst besprach es ausführlich und nachdrücklich in einem Artikel der „Deutschen Jahrbücher" unter der Überschrift: „Ein Vademeenm für deutsche Unterthauen)*), aber man konnte nicht merken, daß es wuchtig einschlüge. Vielleicht erregt auch heute noch Anstoß, daß Kapp die Seelenverkäufer des vorigeu Jahrhunderts so erbarmungslos mit ihren Nachfolgern im Jahre 1864 zusammenwarf. *) Band I meiner gesammelten Schriften (Rosenbaum ck Hart) S. 192., Beziehungen zu Deutschland und erste Reisen ins Vaterland. 517 Aber dabei muß man beherzigen einerseits, daß Kapp Zeuge und Opfer der uach 1848 eingetretenen Reaktion war, und andererseits, daß gerade in der ersten Hälfte der sechziger Jahre die Koalition der Hannoveraner, Sachsen, Bayern, Hessen und ihres Anhangs von „Raubstaaten", wie er sie von jeher zu nennen Pflegte, in schnödem Übermut dem wieder auflebenden Einignngsdrang der deutschen Liberalen entgegentrat. Diesen Übermut zu brechen galt damals als die erste Aufgabe, und mit dem Gelingen dieser Aufgabe hielt man die Znkunft Deutschlands für gesichert. Zu einem gnten Teil war das auch richtig, das Eintreten für die Einigung Deutschlands unter Preußen voll berechtigt, und auch heute kann nicht gewünscht werden, das auf diese Weise Geschehene uugescheheu zu macheu. Aber eines ist doch anders geworden, als die meisten sichs dachten. Es ward leichter, mit den deutschen Fürsten fertig zu werden, als mit den preußischen Junkern. Zwar die Antipathie, die letztere namentlich dem Süden und Westen Deutschlands einflößten, war alten Datums uud auch in den Jahren von 1866 bis 1870 noch stark mitbestimmend für viele in ihrer Abneigung gegen die preußische Spitze im-Reich. Allein es ahnte wohl keiner dieser Opponenten, daß es dem ostelbischen Junkertum im Laufe zweier Jahrzehnte gelingen werde, eine Herrschaft über Deutschland zu erlangen, wie ähnlich nichts derart je vorher gesehen worden war. Freilich — an Erklärungen fehlt es ja nie — vieles mußte zusammenkommen, nm einen so krassen Umschlag möglich zu machen; vor allem die Thatsachen, daß der Grundgedanke des bürgerlichen Liberalismus, die deutsche Einigung, durch einen genialen Junker durchgeführt ward, sodann die Bildung einer mächtigen Zentrnmspartei. Wie die Dinge heute stehen, muß man als Glosse zu Kapps Auffassung hinzusetzen: die deutschen Fürsten haben sich viel leichter modernisiert und humanisiert als die preußischen Junker. Man muß jenen das Zeugnis geben, daß sie sich nicht nur der Idee des Reichs adaptiert haben, sondern auch einer Ausbildung liberaler Institutionen im Reich nie Widerstand entgegengesetzt haben. Die große Mehrzahl der fürstlichen Bundesgenossen steht mit ihren Anschauungsweisen und Ansprüchen im modernen Leben, und ein Appell an die Unthaten ihrer Vorfahren wäre hente ein Anachronismus. 518 Achtes Kapitel- Ja, die traurige Überraschung, welche aus der preußischen Hegemonie eine Hegemonie des östlichen Junkertums gemacht hat, liefert sogar eine nicht zu übersehende Korrektur zu den Ansichten derer, die, wie Kapp und ich, eine gänzliche Beseitigung der partikulären Landeshoheiten sür das einzig Rationelle hielten. Die moderner gesinnten einzelnen Landesherren bieten heute ihren Staatsangehörigen uoch einen Zufluchtsort gegeu die Omuipotenz der Junker, und die Anhänglichkeit, deren sie in ihren kleinen Staaten sich erfreuen, ermangelt nicht der praktischen Berechtigung. Schon damals, im Anfang der sechziger Jahre, erwies sich das menschliche Verhalten einzelner Bundesstaaten als eine Wohlthat gegen die Ära der Verfolgungen des Bismarckschen Regimentes in Preußen. Der Herzog von Cobnrg-Gotha, wenn auch nnr von Ehrgeiz getrieben, gab den Verfolgten ein ehrenvolles Asyl; der Großherzog von Baden, zu allen Zeiten ein Manu von edler Sinnesweise, war auch einer der ersten, welche für die Verurteilten von 1849 eine Amnestie erließen. Mein Wunsch, deutschen Boden wieder einmal auf etwas längere Zeit zu betreten, richtete sich daher immer vorzugsweise nach der badischen Seite. Weitere Erkundigungen, die ich nach dem oben erwähnten Brief meines Freundes Rosenhain eingezogen, befestigten mich in der Überzeugung, daß ich es ruhig wagen könnte, nach Baden zu gehen. So kam im Jnli 1863 dieser Lieblingsgedanke zur Ausführung. Ich begab mich in Begleitung meiner Frau nach Baden-Baden uud verlebte da mehrere Wochen. Die Herrlichkeit des Aufenthaltes, den ich nur eiumal früher auf wenige Stuudeu in der Studentenzeit genossen hatte, verbunden mit der Freude, wieder einmal in Deutschland zu leben, erfüllte mich mit wahrem Wonnegefühl. Es war zugleich wie der Vorgeschmack einer völligen Rückkehr nicht nnr in die Heimat, sondern auch in deren aktives politisches Lebeu. Ich hatte den Gedanken seit dem großen, durch den italienischen Krieg herbeigeführten Umschwung, im Stilleu genährt, uud die Absicht der Ausführung wurde in den Briefen der Exilsgenossen schon besprochen. Vorerst begnügte ich mich damit, einem Teil meiner Familie uud Freunde ein Stelldichein in Baden zu geben. Beziehungen zu Deutschland nnd erste Reisen ins Vaterland. 519 Wir wohnten im Gasthof zum „Grünen Winkel", welcher damals noch nicht sein Schild mit dem des Hotel Bellevne vertauscht hatte und ein sehr gutes, aber anspruchsloses bürgerliches Haus war, von einer Anzahl hübscher Töchter bedient. Es waren genußvolle Tage. Trotz meiner eben vollendeten vierzig Jahre fühlte ich mich noch sehr jung und zum Beginn einer vitg. nnovs. frisch aufgelegt, worin, wie mir meine etliche Jahre später eingeleitete Erfahrung bewies, ich mich nicht getäuscht hatte. Trotz aller Vertrautheit mit dem französischen Leben und den Annehmlichkeiten, die es mir gewährte, trotzdem ich mich gebend und nehmend in die Pariser Gesellschaft eingebürgert hatte, war mir das Bewußtsein einer gewissen inneren Fremdheit nie ganz geschwunden. Es gab immer Momente, in denen ich Einkehr hielt und mir sagte, daß meine Denkart innerlich von der meiner französischen Freunde verschieden sei, und daß es mir nie gelingen werde, mich unter und mit ihnen ganz auszuleben, ganz abgesehen davon, daß von einer aktiven Beteiliguug an der Politik des Landes- keine Rede sein konnte. Dazn kam, daß auf deutschem Boden der gute Geist in jenen ersten sechziger Jahren gerade in Opposition gegen das Msmarcksche Regiment in voller Stärke wehte. Nicht bloß in der Politik, sondern anch in den wirtschaftlichen Ansichten herrschte eine weitherzige, freisinnige Richtung, die ganz der meinigen entsprach. Die freihändlerischen, sreigewerblichen Bestrebungen fanden in den volkswirtschaftlichen Kongressen einen starken und siegreichen Ansdrnck. Unter ihrer Mitwirkung gelang es, den Widerstand gegen die neuen Handelsverträge im Zollverein zu brechen. Der Fürstentag in Frankfurt, mit seinen windigen Schaustücken verriet, daß das Gebäude des alten Bundestages m seinen Fugen krachte. Aber vor allem zeigte sich die bürgerliche Welt, Beamte, Gelehrte, Kanflente und in ihrem Gefolge die Maffe der Bevölkerung wie beseelt vom Geiste der Aufklärung und mutiger Widerstandskraft. Es war die Zeit des Werdens, die so oft schöner ist als die der Erfüllung. Und gerade darum zog mich alles so lebhaft herüber. Wer mir damals das Bild der Dinge in der Perspektive 520 Achtes Kapitel. gezeigt hätte, welches drei Jahrzehnte später mir vor Augen stehen würde, den hätte ich für hirnverbrannt gehalten. Wer wir damals gesagt hätte, es werde die Zeit kommen, wo man mir nachsagen würde, ich verträte französische Interessen, oder persönliche Vorteile, oder gar jüdische Ausfassung in deutschen Angelegenheiten! Es bleibt immer etwas Rätselhaftes, wie von einer Generation zur folgenden und dabei vielfach in denselben Individuen solche Gegensätze zum Durchbruch kommen können. Am ersten ist die Erklärung darin zu suchen, daß mit dem Wechsel der Zeiten die tonangebenden Sphären wechseln, und daß die jeweil Tonangebenden die übrigen mit sich fortziehen. Während der in Baden verbrachten Wochen hatte ich Gelegenheit, mich über die Möglichkeit, ohne Belästigung auch das übrige Deutschland zu besuchen, aufzuklären, und da das Ergebnis günstig lautete, so beschloß ich noch eine kurze Rundreise nordwärts zu wagen, auf der mich meine Frau begleitete. Unser erstes Ziel war Gotha, wo unser Ludwig Walesrode wartete, mit dem ich bis dahin in Sachen der demokratischen Studien nur in schriftlichem Verkehr gestanden hatte. Doch konnte ich mir nicht versagen, aus dem Wege dahin in Gießen Halt zu machen. Er reizte mich, den Ort, an dem ich die ersten anderthalb Jahre meiner Studienzeit in eigentümlicher und zugleich in bestimmender Weise für meine eigne künftige Geistesrichtung zugebrach thatte, wiederzusehen. Ich beschloß also, dort zu übernachten. Zwanzig Jahre lagen dazwischen; in mir und um mich war vieles anders geworden, aber im Gasthof zum Einhorn, in dem ich ehemals mein Mittagbrot eingenommen hatte, war außer dem inzwischen verstorbenen Personal nichts verändert. Auch der Platz, auf dem der Gasthof steht, Lindenplatz genannt, sah noch ganz so armselig aus wie damals; in derselben Ecke stand auch noch dieselbe Karre mit derselben Kuh bespannt, zwar die Individuen der Karre uud der Kuh waren erneuert, aber nicht die Spezies. Ob die Matratze im Bett des Hotels, wenn sie den Namen verdient, erneuert worden war, wage ich nicht zu entscheiden. Beziehungen zn Deutschland und erste Reisen ins Vaterland. 521 Übrigens hätte die eigene Reminiscenz doch nicht ausgereicht, um hier ein Nachtlager auszuschlagen, aber meine Frau hatte zugleich den Zweck, eine Jugendfreundin, die in ihren Erinnerungen eine große Rolle spielte, zu besuchen. Sie war die Tochter eines Alzeyer Pfarrers, und in Gießen an einen Gymnasiallehrer Dr. Beck verheiratet. Wir verbrachten den Abend bei dem Ehepaar, und die beiden Frauen thaten sich gütlich in Neubelebung alter, auch eigener Liebesgeschichten, aus der alten Zeit. Am andern Morgen sollte es weiter gehen. Ich erwachte etwas früh, und das brachte mich auf den Einfall, noch eiuen Gang zu machen, um einige Schauplätze vormaligen Daseins in Augenschein zu nehmen. Ich ging also durch die Brandgasse an meinem alten Quartier bei Schuhmacher Nolte vorüber nach der Aula. Diese, es war erst 7 Uhr, war ganz ausgestorben. Aus einmal sehe ich am Ende des Hauptganges eine kleine Gestalt auftauchen, und, kaum traute ich meinen Augen; ich erkannte sofort den einzigen Menschen, der als ein ehemals gut Gekannter hier noch unter den Lebenden weilte: den Botaniker Professor Hoffmann — genannt das Onkelchen, den ich aus Anlaß meiner Erwähnung der Somnambule von Beienheim schon erwähnt habe. Ich ging auf meinen Mann zu. „Herr Professor, kennen Sie mich noch?" Und ohne sich eine Sekunde zu besinnen, als hätten wir uns gestern noch gesprochen, antwortete er: „Natürlich, Bamberger!" Dergleichen ist mir noch oft, auch in späteren Jahren vorgekommen. Man behauptete immer, ich hätte mich gar nicht verändert. Ich vermute, es hängt das mit den schmalen Dimensionen der Gesichtsfläche zusammen, die sür Veränderungen wenig Spielraum bieten, wenn sie nicht sich ausbreiten, wozu sie sich eben nie verstehen wollten. Noch etwas Eigentümliches habe ich auf diesem Gebiete an mir erlebt, was mir aber auch von andern, als an sich erfahren, des öftern bestätigt worden ist. Nämlich, wenn ich jemanden nach kürzerer oder längerer Zeit wiedersehe, heißt es immer: „Nun sehen Sie aber bedeutend besser aus, als da ich Sie das letzte Mal erblickte." Das passiert mir bis ans den heutigen Tag von Jahr zu Jahr. Früher machte ich meine Bemerkungen dazu, besonders 522 Achtes Kapitel. dahin, daß, wenn ich jedesmal soviel besser aussähe als vorher, so müßte ich es bereits zu einer wundervollen Blüte der Gesundheit gebracht haben; da ich aber bei nächster Begegnung gewiß wieder zu höreu bekäme: das vorige Mal haben Sie wirklich sehr schlecht oder beunruhigend ausgesehen, so weiß ich nun schon im voraus, daß das jetzt gepriesene gute Aussehen, das nächste Mal in seiner retrospektiven Erbärmlichkeit zum Vorschein kommen wird. Wie erklärt sich dieser Widerspruch, den, wie bemerkt, ich uicht allein an mir beobachtet habe? Ich kann mirs nur so motivieren, daß Menschen, die sehr schwächlich aussehen, damit einen tief bedenklichen Eindruck auf den Beschauer machen, daß dieser Eindruck festgehalten wird und in der Entfernung sich verschärft eingräbt, so daß bei nachfolgender Begegnung der Beschauende sich wundert, das Aussehen nicht so schlecht zu fiudeu, wie er es iu der Erinnerung hatte. In Gotha erwartete uns Walesrode am Bahnhof und das gegenseitige Erkennen bot keine Schwierigkeit. Walesrode war ein gut aussehender, stattlicher Herr, mit grauem Schnurrbart, den man für einen Offizier in Civil halten konnte. Wir verlebten ein paar gute Tage zusammen; an Gesprächsstoff fehlte es nicht und an beiderseitigem Humor auch nicht. Ich war nie in Thüringen gewesen und machte die Bekanntschaft der klassischen Landschaftspunkte, der Wartbnrg, Friedrich- roda u. f. w. Die Dürftigkeit der ganzen Lebensweise fiel mir aus, auch im Gegensatz zum badischen Lande, aus dem ich kam. Den stärksten Eindruck machte mir auf diesem Gebiete die Bekanntschaft mit einem Getränk, das man kalte Schale nannte, nnd das aus Bier, Obst und Brot gemischt für eine Delikatesse galt, während ich es jämmerlich fand. Von den litterarischen Schützlingen des Herzogs lernte ich nur den Knrhessen Friedrich Oetker kennen, mit dem ich bei Elisabeth Lewald zusammentraf. Sie war die Schwester von Theodor Althaus und die Gattin von Rechtsanwalt Otto Lewald, dem Bruder Fannys. Sie befand sich zum Landaufenthalt in Friedrichroda mit ihren kleinen Kindern, nnd meine Fran, welche dem Bruder Althaus ein zärtliches Andenken bewahrt hatte, war Beziehungen zn Deutschland nnd erste Reisen ins Vaterland. 523 natürlich besonders erfreut, die Schwester kennen zn lernen, deren schwärmerisches Wesen für solche Begegnung wie geschaffen war. Oetker war einer der zahlreichen vortrefflichen Männer aus Knrhessen, welche das Scheusal von Kurfürst mit unbezähmbarem Haß verfolgte. Aber so oft die landesväterliche Bestie ihm auch aus Leben ging, er wußte immer kräftigen Widerstand entgegenzusetzen und sich nach jedem Schlag wieder zu erheben. Eine Zeitlang war er ins Ausland gegangen, so nach Belgien, wo er sich eingehend dem Stndium der Landeszustände widmete, über die er auch ein umfangreiches Werk veröffentlichte. Er war eine stattliche Erscheinung, stark und breit, mit einem schönen, dicht behaarten großen Kopf; so recht wie man sich einen alten Chatten aus der Römerzeit vorstellt; (auch ein jüngerer Bruder, den ich später im Reichstag kennen lernte, war solch ein Hüne). Nach 1866 wurde er einer der bedeutendsten Anhänger der preußischen Einverleibung und ein glühenderVerehrerBismarcks, der es ihm dankte. Im Reichstage, dem er bis 1877 angehörte, machte er zwar eine gute Figur, übte aber keinen bedeutenden Einfluß aus. Er sing damals schon sehr zu kränkeln an und erlag einem organischen Leiden rascher, als man nach seiner rüstigen Erscheinung hätte glauben mögen. Die Leideuszeit von Kurhessen ist in ihrer Besonderheit wohl das empörendste Stück deutscher Despotengeschichte; die Galerie der landesväterlichen nichtsnutzigen Plagegeister jener traurigen Zeit des achtzehnten und der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts ist einzig in ihrer Art. Nirgends im Bürgertum so viele tüchtige, ehrenfeste Männer, so viel Ausdauer und kühle Geduld uud biederer Rechtssinn, nirgends so viel schamlose Menschen- und Rechtsverachtung, so viel feige Grausamkeit wie in den Personen der Fürsten. Dabei steckt iu dieseu kurhessischen Landeskindern ein so ans- gesprochemrLandsmannsgeist; sie hängen in ihren höheren Bildungstypen so kameradschaftlich zusammen, daß sie selbst für ihre angestammten Dränger bei allem Widerstand noch einen Rest stiller Anhänglichkeit bewahren, eine ganz besondere Spezics der von Treitschke gepriesenen „holden Tugend" der Germanen. Ich habe 524 Achtes Kapitel. ihrer viele kennen gelernt und finde, daß sie weit eher als die schlauen Westfalen den Titel „sentimentale Eichen" verdienen, den Heine den letzteren gewährt. Von Gotha ging unsere Reise nach Dresden. Wir fuhren, schon der in Frankreich angenommenen Gewohnheit gemäß, erster Klasse. Eine Zeitlang waren wir allein. Aber nun kamen wir an eine Station, wo — es war Sonntag — ein Turnfest stattgefunden hatte. Die überflutenden Passagiere mnßten ans jede Weise untergebracht werden, und so wnrde auch uusere Abteilung mit Turnern vollgestopft. Der Tag war heiß, nnd die rück- kehrenden Festgenossen hatten auch vou innen reichlich mit Alkohol eingeheizt. Es war zum erstenmal seit 1849, daß ich wieder mit der Wein und Bier trinkenden deutschen Menschheit in solcher Massenauflage zusammenstieß, und die Art, wie wir an einem schwülen Augustnachmittag in dem Conps zusammengepreßt waren, machte das Erlebnis nicht reizender. Wir atmeten auf, als wir in Dresden ausgeschifft, dem Getobe, dem Gebrüll, dem Dunst und dem Qualm entrückt wurden. Selten hab ich von einem Gasthanszimmer mit solchem Behagen Besitz ergriffen wie damals in dem allerdings höchst civili- sierten Hotel Bellevne. Dieser angenehme Eindruck pflanzte sich auch auf das übrige der Stadt fort. Alles so dekorativ, so wohnlich, reinlich, zum ruhigen Genuß einladend. Wir hatten eine Empfehlung an die Schriftstellerin Claire von Glümer, die nns aufs freundlichste aufnahm, nnd unsere Schritte leitete. Eiu politischer Berührungspunkt war, daß ihr Bruder Botho nach dem Maiausstand lange Gefangenschaft zu erdulden gehabt hatte. Die Schwester, noch ganz jung, hatte schon damals schneeweißes Haar, das ihr sehr gut stand, nnd man erzählte (ich erinnere mich nicht mehr, ob sie selbst es war), es sei in einer Ngcht gran geworden, nämlich als sie, im Vertrauen ans einen abgekarteten Besreiungsversuch, mit einem Wagen an der Landstraße den Bruder erwartete, der aber nicht kam, weil im letzten Augenblick das Geheimnis der Vorbereitung dnrch einen bösen Znsall entdeckt worden war. Ist die Geschichte authentisch? Giebt es überhaupt authentische Konstatiernngen des Phänomens Beziehungen zu Deutschland und erste Reisen ins Vaterland. 525 solches plötzlich aus Kummer entstandenen Farbenwechsels? Jedenfalls sind sie nicht so unwahrscheinlich wie das Gegenteil, das man dem Schauspieler Ascher nacherzählte. Er sei nämlich, nach dem er lange gran gewesen, mit einem schwarzen Haupthaar erschienen, und das Erstaunen seiner Freunde habe er mit der Bemerkung beschwichtigt: „Ich habe plötzlich eine große Freude erlebt." Von Dresden ging die Fahrt über Leipzig nach Berlin. Ich hatte Berlin seit den verhängnisvollen Oktobertagen des Jahres 1848 nicht wieder gesehen. Damals waren die Straßen verödet. Jetzt sah es lebendiger aus, aber vou dem stattlichen und reinlichen Anblick der Straßen und Fassaden, welche die Stadt heute bietet, war noch keine Spur vorhanden. Die Stimmung in den mir zugänglichen politischen Kreisen war grimmig, aber vom starken Widerstandsgeist der Opposition auf der Höhe des Verfassungskonfliktes getragen, nicht so düster wie damals als die Nationalversammlung dnrch Militärgewalt geschlossen, oder vielmehr nach Brandenburg verlegt wurde. Wir blieben übrigens nur wenige Tage, weil mein geschäftlicher Urlaub abgelaufen war; die Zeit wurde auf die Besuche bei älteren Freunden verwandt. Des Hochsommers wegen waren die meisten Menschen, die mich interessiert hätten, abwesend. Mein Frennd Oppenheim, zu allen Zeiten ein begeisterter Berliner, machte uns die Honneurs und vermittelte die Bekanntschaft mit seinem litterarischen und politischen Kreis. Ich erinnere mich mit besonderem Wohlgefallen an Karl Frenzel und dessen Frau, zu deuen die freundschaftlichen Beziehungen sich damals festknüpften und bis auf diesen Tag erhalten haben. Von Berlin kehrte ich nach Paris znrück. Der Gesamteindruck der Reise hatte dem Gedanken der Übersiedelung nach Deutschland neue Anregung gebracht. Selbst meine Frau, die sehr gerne in Paris lebte, fing an, sich mit ihm zu befreunden. Wenige Wochen nach der Rückkehr fand sich ein Anlaß, uoch eine zweite Reise nach Berlin zu machen. Dem Pariser Bankhause waren Geschäftspropositionen gemacht worden, die in letzter Instanz zu einer Beteiligung bei einem Stronsbergischen Eisenbahnnnter- 526 Achtes Kapitel. nehmen führen sollten, wenn ich nicht irre, Tilsit-Jnsterburg. Natürlich wurde mir die Mission nach Berlin anvertraut, und ich hatte die Freude, den vor kurzem mir bekannt gewordenen Kreis wiederzusehen. Das Geschäftliche brachte mich in unmittelbare Berührung mit dem schon zu jener Zeit hoch emporgekommenen Finanzmann Dr. Strousberg. Er hatte damals den Gipselpunkt seiner Macht und Stellung zwar nicht erreicht, aber sein Name war doch bereits in aller Mund, nnd seine Unternehmungen wie sein Reichtum, die Geschichte seines fabelhaften Emporkommens aus vollkommener Armutuud geringsterHerknnft waren der Gegenstand der allgemeinen Bewunderung. Große Freigebigkeit hatte ihm auch eine gewisse Popularität verschafft. Ich hatte Herrn von Unruh über die Vertrauenswürdigkeit des Mannes zu Rate gezogen, uud der alte Praktikus hatte sich nicht vom Glanz des Tages blenden laffen. Sein Votum war nicht ermunternd. Die erste Besprechung, die ich mit Strousberg hatte, bestärkte mich vollkommen in dem Eindruck, auf den mich Unruh vorbereitet hatte. Was damals noch in Deutschland etwas seltener war, das kannte ich aus meiner zehnjährigen Praxis in Frankreich nur zu gut. Ich sah sofort, daß ich das, was mau eiuen kaissur nannte, vor mir hatte und telegraphierte nach Hause, die Hände davon zu lassen. Das Ende des Mannes gab mir Recht. Ich hatte in Paris die Mirss, Milhand und wie sie alle heißen, an der Arbeit gesehen; die Brüder Psreire waren in ihrer Art von derselben Kategorie, nur gebildeter, vornehmer und genialer, weshalb sie länger aushielten nnd mit ansehnlichem Vermögen das Schicksal ihres heruntergekommenen Osclit mobilisr überlebten. Das Geheimnis dieser Geschäftsführung besteht in der wohlberechneten Behandlung des Publikums. Das ist der charakteristische Unterschied zwischen den wahren, soliden Geschäftsleuten und den Machern. Die ersteren prüfen die Sache, die sie unternehmen, auf ihren Wert, die letzteren ans ihre Zugkraft und mit dem Hintergedanken, daß der Sinn des Geschäfts nicht in der Leistung sondern iu dem Gewinn liege. Das Hanptknnststück besteht dann immer darin, sich stets neue Geldmittel zu verschaffen. Die zu Beziehungen zn Deutschland und erste Reisen ins Vaterland. 527 kühn unternommenen Sachen geraten bald in Verlegenheit, hierauf wird ein neues Unternehmen vom Stapel gelassen, das Publikum bringt sein Geld, und das neue Geld wird vorerst gebraucht, um das alte Unternehmen wieder flott zu machen. Das Ende der ganzen Reihe ist dann eine Katastrophe. Da die Charlatanerie ans allen Gebieten keine gläubigeren Kunden hat als die Aristokratie, so werden auch immer viele Aristokraten von solchen Finanzkünstlern eingefangen, welche ihrerseits wieder mit dem Glanz ihres Namens zur Scheinvergoldung beitragen, um dafür mit dem leicht eingestrichenen ersten Gewinn belohnt zu werden. Strousberg hatte es vorzüglich verstanden, sich eine solche Korona aus der preußischen Aristokratie zn verschaffen, und die in ihr noch heute festsitzende Meinung, daß das Finanzgeschäft eigentlich anf Betrug hinausgeht, stammt zum Teil vielleicht aus jenen Reminiszenzen. Daß Geschäft Betrug sei, ist eine für barbarische Zustände charakteristische Ausicht, sowohl wenn sie bei dem Geschäftstreibenden, als wenn sie bei dem Publiknm vorherrscht. Ich bin auch aus meiner Erfahrung zu dem Resultat gekommen, daß Menschen, die auf dilettantischem Wege in das Geschäftsleben hineinkommen, zu dieser mehr oder minder barbarischen Auffassung eher neigen, als Menschen, die von Grund aus eine kaufmäuuifche Bildung genossen haben. Die gut angelegten Dilettanten werden dann, wenn sie Glück haben und klug sind, mit der Zeit solide. Übrigens spielen die unsoliden Gründungen in der Naturgeschichte der wirtschaftlichen Unternehmungen keine ganz uninteressante Rolle. Die mit ungenügenden Mitteln und überschätzten Gewinnberechnnngen ins Werk gesetzten Projekte haben nicht selten einen berechtigten Kern und kommen mit der Zeit der Welt zu gut, wenn die urfprüuglich uuter ihrem Aushängeschild eingezogenen Mittel verschmerzt sind. Auch Strousberg so gut wie Psreire uud Mirss und der berühmte englische Eisenbahnkönig Hudson haben Dinge gestiftet, die sie und den Rnin ihrer Anhänger überlebten, und die bleibende Einrichtungen geworden sind. Nachdem ich die Verbindung mit Strousberg rasch abgelehnt hatte, reiste ich nach Paris zurück. 528 Achtes Kcipitel. Seit einiger Zeit hatte sich auch in Paris ein Anknüpfungspunkt für die Pflege der deutschen Beziehungen gefunden. Ein damals oder vielleicht auch — dies ist mir nicht mehr erinnerlich — schon vorher gegründeter deutscher Turnverein bot einen Sammelpunkt für die Landsleute, namentlich die in den Pariser Geschäften konditionierenden jungen Leute, die damals um so zahlreicher waren, da nicht nur das Bankgeschäft, sondern auch das sehr bedeutende Kommissionsgeschäft zu einem großen Teil in deutschen Händen lag. An der Spitze des Ganzen stand ein jüngerer Mann aus Berlin, eine interessante Persönlichkeit. Er hieß Viktor Benary, war der Sohn und Neffe zweier sehr bedeutender und bekannter Berliner Gelehrten und hatte eine dem entsprechende, vorzügliche Gymnasialbildung genossen. Er war sehr lebendigen Geistes, ehrgeizig und intelligent. Er hatte damals einen hohen Posten im Hause Rothschild, und man prophezeite ihm eine große Zuknnst. Leider machte ein frühes Ende diese Hoffnungen zn Schanden. Er hatte bald nach der Zeit, von der ich eben rede, ein eigenes Bankgeschäft gegründet und heiratete anfangs 1868 eine junge, sehr reiche Dame aus meinem nächsten Kreise. Ich war sein Trauzeuge bei der Hochzeit, während der berühmte, gelehrte Schriftsteller, Eduard Laboulaye, der Verfasser von ?ariL SQ ^msric^uö und ?rinos (knicks der Zeuge der Braut war. Daraus trat das junge Paar die Hochzeitsreise nach Italien au, die, wie so manchmal, verhängnisvoll werden sollte. Benary kam mit dem Keim eines Typhns zurück und mnßte sich alsbald schwer erkrankt zn Bett legen. Während ich an der ersten Session des Zollparlaments in Berlin Teil nahm, erreichte mich dort die erschütternde Nachricht von seinem Tode. Ich widmete ihm einen Nachrns in der „Nationalzeituug". Im Jahre 1865 war unter seiner Leitung der Turnverein in den schönsten Zug gekommen. Wir hatten ein schönes Lokal im ?g.uboui'Z Nolltra^rtrs, wo jeden Sonntag am Abend gesellige Versammlungen stattfanden. Die französische Polizei hatte zwar ein Ange auf uns, aber da wir uns vorsichtig von der inneren Politik fern hielten, so lebhaft wir uns auch mit der deutschen beschäftigten, so ließ man uns ungeschoren. Die geselligen Zusammenkünfte waren natürlich auch reichlich von Gesang getragen. Beziehungen zu Deutschland und erste Reisen ins Vaterland. 529 und von Bier befeuchtet. Es wurde viel und gut im Chor gesungen, gesellige und patriotische Lieder. Am häufigsten erklangen die Strophen des „Deutschland, Deutschland über alles", welches jetzt die antisemitische Marseillaise geworden ist. Damals erklang es in vollen Brusttönen aus den Kehlen der zahlreichen semitischen Mitglieder. Meistens ward auch ein längerer Vortrag gehalten. Ich hielt deren mehrere politischer Natur, die mir Gelegenheit gaben, zu sehen, daß meine alte Fertigkeit nicht eingerostet war. Auch Deutsche von Namen, die durch Paris kamen, wurden zu solcheu Voträgeu veranlaßt. Kinkel, der von London gekommen war, hielt einen glänzenden über ein ästhetisches Thema; Julius Faucher aus Berlin über ein nationalökonomisches. Die vielen deutschen Journalisten in Paris trugen dazu bei, das Bildungsniveau zu erhöhen. Ungefähr in dieser Epoche waren darunter Lexis, der jetzige berühmte Nationalökonom, Lauser, gegenwärtig Hanptredaktenr der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung", Joseph Reguier, der spätere laugjährige Redakteur des „Wiener Fremdenblattes", Arthur Levysohu, der jetzige Redakteur des „Berliner Tageblattes", mein Freund, Friedrich Szarvady, der Begründer der deutschen Pariser Korrespondenz, mein anderer Frennd Heinrich Homberger, später Korrespondent der „Augsburger Allgem. Zeitung" in Florenz und Rom, Siegmund Kolisch, ein Wiener Journalist, und Ludwig Kalisch, ein Journalist aus dem Posenschen, der im Jahre 1848 ein demokratisches Blatt in Mainz herausgegeben hatte. Es waren deren noch mehr. Ich nenne nur die, die mir eben einfallen. Obwohl Mutter Natur mich zu nichts weniger als zum Turner geschaffen hat, in welcher Kunst ich es auch nicht weit brachte, trotz verschiedeutlicheu Unterrichts, hat mich die Politik doch, wie im Jahre 1843, so später noch öfter in enge Verbindung mit den Turnvereinen und in diesen zu einer Stellung vou gewissem Einfluß gebracht. Sie waren eben in jenen Zeiten als Verbindungen lebenskräftiger jnnger Leute auch von Freiheitsdrang beseelt. In neuesten Zeiten ist auch das anders geworden. Nachdem die „Deutschen Jahrbücher" eingegangen waren, hatte ich kein besonderes Organ mehr für meine publizistischen Anwandlungen znr Verfügung. Vielfache persönliche Berührung mit BaulbeigerS Ennnerunge». 34 530 Achtes Kapitel. den an der „Kölnischen Zeitnng" beteiligten Personen, namentlich Franz Dümont und Heinrich Krufe, die zeitweise in Paris erschienen, regten in mir die Versuchung, wenn ich etwas Besonderes zu sagen hatte, mich ihrer Organe zu bedienen, und sie waren liebenswürdig zu Diensten. Ein Fall verdient wohl, daß ich ihn erwähne, weil er charakteristisch ist. Zu den Unbilden, die mich von jeher am meisten im Innern empörten, gehört vor allem die grausam erniedrigende Behandlung politisch Verurteilter, nennen wir sie immerhin, politischer Verbrecher. Ich kann noch zur heutigen Stunde über die Barbarei und Gemeinheit, welche darin liegt, Menschen, die aus edlem Trieb sich gegen die bestehende Regierung vergangen haben, als ehrlose Züchtlinge zu behandeln, mich jugendlich aufregen. Ich habe zu allen Zeiten diese Scheußlichkeiten, wie sie namentlich in Deutschland verübt wurden und noch immer nicht ausgeschlossen sind, aufs bitterste bekämpft, auch im Deutschen Reichstag in den achtziger Jahren einen dagegen gerichteten Antrag eingebracht und begründet. Ein damals, im Jahre 1865, erschienenes Buch gab mir Anlaß, das Thema ausführlicher zu behandeln. Einer der nach dem Aufstand des Mai 1849 in Dresden verurteilten Männer namens Röckel, hatte, nachdem er aus dem Zuchthaus, in dem er lange Jahre geschmachtet, entlassen, mir seine Leidensgeschichte erzählt, und ich ergriff die Gelegenheit, sein Bnch zu besprechen. Die Redaktion der Kölnischen war so liebenswürdig, den Artikel, den ich mit meinem Namen unterzeichnete, aufzunehmen. Das damals unbedingt liberale Blatt trug wohl auch deshalb kein Bedenken, mir Gastfreundschaft zu gewähren, weil die Spitze des Berichtes gegen das königliche Sachsen und mithin gegen dessen Minister von Benst gerichtet war, d. h. gegen den damaligen obersten Leiter aller Preußen feindlichen Politik. Um darüber keinen Zweifel zu lassen, begleitete die Redaktion meinen Artikel mit der hier folgenden Fußnote: „Wenn wir auch nicht wissen, ob die Znstälide in Waldheim von Röckel ganz ohne Übertreibung dargestellt sind, so sind sie doch nach allen Nachrichten derart gewesen, daß sie in Preußen, Gottlob! nicht denkbar sind. Die sächsische Regierung trifft dafür eine schwere Veraut- Beziehungen zu Deutschland und erste Reisen ins Vaterland. ZZ1 Wartung, namentlich den Minister des Innern (und Äußern) Herrn v. Beust. Und diesem Herrn v. Benst sollte kürzlich ein deutsches National-Ehrengeschenk dargebracht werden! Übrigens sind wir an einigen Stellen genötigt gewesen, Wasser zum Wein des Herrn Einsenders zn gießen." Leider war der zu Preußens Gunsteu gemachte Vorbehalt uicht stichhaltig. Man brauchte, nur an Gottfried Kinkel zu denken, der, nachdem er zu lebenslänglicher Festungsstrafe vom Gericht verurteilt worden, auf besondere königliche Anordnung ins Zuchthaus gesteckt uud mit Wollspulen beschäftigt wurde. Der Artikel, welcher in der „Kölnischen Zeitung" vom 15. Oktober 1863 erschien, möge nun, weil er ans verschiedenen Gründen ein charakteristischer Beitrag zu diesen Erinnerungen ist, hier seine Stelle siudeu: Sachsens Erhebung und das Zuchthaus zu Waldheim, von August Röckel, (Frankfurt a, M., Ausgabe für das Volk.) Als in den fünfziger Jahren der englische Staatsmann und künftige Premier-Minister, Herr Gladstone, den unglücklichen Poerio im Bagno aufgesucht hatte uud danach eine Flugschrift in die Welt schlenderte, welche die schauderhafte Gesaugenschast des edlen Mannes in ihren gräßlichen Einzelheiten schilderte, wie er, zusammengekettet mit einem gemeinen Verbrecher, die niedrigsten Sklavendienste verrichten mußte, und wie das zerfleischte Mutterherz darob dem Wahnsinn und dem Tode verfiel: da entbrannte die ganze gesittete Welt in Scham und Abscheu gegen den entsetzlichen Bomba, der diese königliche Rache an seinem ehemaligen ersten Rate, einem Manne von sanfter Gesinnung und sehr mäßigen Ansichten, verüben mochte. Und wenn die — hier allzu milde — Nemesis diesem Könige Ferdinand jnst noch von seinem Todesbette aus deu schmählichen Untergang seines Hanses uud den Sieg der Freiheit mit dem Finger zeigen konnte, so war dieser Akt schließlicher Gerechtigkeit vielleicht nicht ohne Zusammenhang mit der Schrift des verdienstvollen Engländers und ihrer nachhaltigen Wirkung ans seine Landslente. Es war eine englische Fregatte, welche die Landnng in Marsala begünstigte. Hätten wir Deutsche huudert Poerios, die Welt erführe wenig davon. Freilich hieß er in der englischen Relation „Baron Poerio". In Italien, wo es Conti und Marchesi in Unzahl giebt, denkt kein Mensch etwas bei dieser Titulatur. Auf Englisch jedoch erbebte die im Baron zertretene Menschheit noch etwas tiefer. Es ist schou ganz gut, daß wir nicht zu deu interessanten Nationen gehören; das lassen wir den Polen, Ungarn, Italienern nnd Griechen. Wir brauchen anch andere Rettungsanker, als Bälle nud Tombolas unter der Protektion der Ladies ans 34* 582 Achtes Kapitel. den besten Häusern. Aber wenn wir schon statt Fnstanellen, Wasserstiefeln und Faugschnüren Vatermörder nnd Schlafröcke tragen, so hat es doch noch einen anderen und ernsteren Grund, daß sich kein Mensch in der weiten Welt für uns interessiert. Zunächst kommt es daher, daß wir selbst uns nicht genug für uns interessieren. Da vor allem fitzt der Knoten. Ich weiß, eS ist jetzt so Ton, wir Deutsche sollen nns selbst nichts Schlimmes nachsagen. Das ist die natürliche Reaktion gegen die Periode des verzweifelten Humors. Aber es mögen andere Leute ihre Weisheit dazu verbrauchen, herzuleiten, wie jede Reaktion ihre Berechtigung hat. Ich fühle keinerlei Beruf, etwas über das Recht der Reaktionen zu schreiben, sie könnens auch leider entbehren. Sintemal nach dem bewußten Ausrufe denn wirklich alles muß „annerfch" werden, so dächte ich, wir hätten ja doch immer noch zuerst an uns selbst anzufangen, und wenn wir uns einander was von unserem Reiche, unserer Kraft uud unserer Herrschaft vorschwatzen wollen, so frage ich mit einem anderen bekannten Ausdruck: Hui tromps-t-on iei? So oft in ernsten Dingen der Takt angernfen wird, möge man mißtrauisch sein. Die Taktschwärmer meinens mir so so mit der Sache. Der Takt ist ein Geschöpf der guten Gesellschaft, nud die hat zur Hauptaufgabe, sich angenehm zu belügen. Nein, es fehlt bei n»S am lebendigen, unauslöschlichen Rechts- und Gemeingefühl! Wir kommen wohl in Leipzig turnend zusammen, um unter des wohlgeneigten Ministern Schutz zn unserem Staunen zu konstatieren, daß wir in Nord nnd Süd nicht so unausstehlich siud, wie es die deutsche Buudesatte voraussetzt; Tyroler und Mecklenburger bekennen einander unter Thränen, daß sie ganz liebe Menschen seien, nnd der Tag dieser schmeichelhaften Entdeckung bleibt allen Anwesenden einer von den vielen ewig unvergeßlichen. Aber wenn ein wackerer Mann für die gute Sache aller ins Gefängnis wandert, da ist er mit nichten unvergeßlich. O, warum sind doch die Lxswpls, so grausam oäioss, daß ich die allernächstliegenden nicht nennen darf! Um keine akkomodierende Auswahl zu treffen, will ich sie lieber alle verschweigen nnd mich mit dem Einen begnügen, der zn der ganzen Betrachtung Anlaß giebt. Da ist ein Mann, so entfernt, wie es nur jemand sein kann, von der Versuchung, in einer politischen Umwälzung persönliche Vorteile zu suchen. Sein Handwerk ist daS uu-, ich will nicht sagen: das antipolitischste von der Welt, sein Brot reicht ihm die landesväterliche Hnld unmittelbar ans erster Hand. Er ist seit fünf Jahren königlicher Musikdirektor am Hoftheater zu Dresden. Im Jahre achtnndvierzig wird er dennoch ein Rebell. Ein Rebell ist immer ein Verbrecher, das ist ausgemacht, uud davon soll hier gar nicht die Rede sein. Aber wenn ein solcher Mensch, ein königlicher Diener an einer Hofanstalt, ein Schützling des Herrn nnd ein Zögling der friedlichsten Mnse, dazu uotorischermaßeu ein Mann der Beziehungen zu Deutschland nnd erste Reisen ins Vaterland. 533 größten Unbescholtenheit nnd milden Herzens, wenn der sich zur Sache des Aufstandes bekennt nnd für die Sache seiner Überzeugung mit dem Leben eintreten zn müssen glanbt, so wird es vor allen Zorngerichte» der Erde doch erlaubt sein, zu fragen: Ist es denkbar, daß der aus gemeinen, nichtswürdigen Motiven gehandelt? Und wenn nicht, wie haben ihm sittliche Menschen, und seien es auch Überwinder, gegenüberzutreten? Woran schließlich sollen wir denn noch erkennen, was gut, edel und rein sei, wenn nicht an der Entkleidung von allem selbstischen Triebe und an der Hingabe, der rückhaltslosen, gegen ein geglaubtes, oberstes und daher heiligstes allgemeines Gesetz? Man zeige mir etwas Besseres in der Menschenbrust, und ich will verstnmmen. Es giebt kein Gesetz und kein Land, in dem nicht Spielraum wäre für Ausmessung einer Strafe und für Anwendung, der ansgemessenen, je nach dem Gebote der alles beherrschen sollenden Sittlichkeit. Selbst der hartherzige (Zolls psnsl sagt, daß dem Schuldige», wenu er über sechzig Jahre alt sei, statt der vorgeschriebenen Zwangsarbeit »nr Einsperrmig auferlegt werde. Eine menschliche Rücksicht also, cin Tribnt an die ganz abstrakte Ehrwürdigkeit des Alters auch im Raubmörder. Wir dagegen hier im feingebildeten Sachsen? Kein Tribnt, auch uicht den leisesten dem gnten Glauben, dem reinen Motiv, der sanften Denkart, der edlen Bildung, der gesitteten Lebensgewöhnnng des Unglücklichen. Man muß auf die Geschichten der in Algier gefangene» Christensklaven zurückgehen, die wir iu unserer Kindheit von den Orgelmännern kauften, um solche schauderhafte Peinigung vor Augen zu habe», wie sie ans jeder Seite dieses Buches in nüchterner, resignierter Dnldersprache beschrieben ist. Ein einziges Mal im Lanfe eines halben Menschenalters begegnet es Nöckel, daß er ans eine Sekunde vergißt, ihm sei vorgeschrieben, ein sprach- und willenloses Tier zn sein. Es liegt ihm ein halbreifer Apfel zu Füße». Unwillkürlich bückt er sich, ih» anfznraffe». „Pack dich weiter!" sagt der Soldat, der mit der Muskete hiliter ihm her geht. „Das geiiiert Sie doch nicht", antwortet unterwürfig der Jammervolle. Für diese Missethat wird er auf acht Tage iu eiueu eisernen Käsig gesperrt, i» dem er weder stehen, noch sitzen, noch liegen kann. Man nenne mir ein Land außer dem bonrbonischen Neapel, wo dergleichen an gebildete» Menschen verübt worden. Jin Silvio Pellico kommt nichts Ahnliches vor. Selbst der gnte Kaiser Franzl höchstselige» Angedenkens ist hier noch über- irosse». Anch die Minen von Sibirien sind nicht so boshaft auf Ent- ehruug berechnet. Was sonst alles in diesem lehrreichen Buche vorkommt, das auch »nr mit Andentnngen z» erwähnen, gebricht es hier an Nanm. Über das gesamte Gesängniswefe», über die K»lt»r unseres Jahrhunderts, über angewandtes Christentum und Gesetzesherrschaft, über die Grenel, die anf ihrer Erde vorgehe», ohne daß die deutsche Philosophie sich davou was träumen läßt, über all das finden sich da 534 Achtes Kapitel. die größten Wissenswürdigkeiten. Das ganze Buch, wie es jetzt erscheint, in einer schönen Volksansgabe, kostet nicht mehr als zehn Groschen. Ach, wie viel große Geheimnisse sür zehn Groschen! Man braucht gar nicht studiert zu haben, um es zu verstehen. Wer buchstabieren kann und seine fünf Sinne hat, dem mnß es mit Lichtern aufgehen, wenn er mit einfach menschlichem Verstände nnd Gefühl die Geschichte dieser Gefangenschaft liest. Jüngsthiu freilich, als ich dasselbe zu einem ausgezeichneten, vortrefflichen, bewährten Manne des Fortschritts äußerte, erwiderte er in seiner mild lächelnden und begütigenden Weise, mit dem ganzen Frohmut sokratischer Einsicht in alle Dinge: „Sie irren sich, mein Herr, Sie irren sich. Der deutsche Bürgersmann liest diese Darstellung, ohne irgend welchen Ingrimm dabei zu spüren; er findet es ganz in der Ordnung, daß Menschen, welche Zeitungen schreiben oder politische Versammlungen abhalten, sich in Gefahr begeben und darin umkommen." Und das sagte mein Fortschrittsmann nicht etwa mit dem Beigeschmack der Bitterkeit nnd Ironie. Nein, er begreift das Phänomen in seinem psychologische» Zusammenhange, nnd ich kann es mir nicht anders denken: wer das so leicht in anderen begreift, der nmß das Verständnis dafür zunächst aus sich selbst schöpfen. Und freilich, wenn die Koryphäen das so säustiglich begreifen, dann, ja dann begreife ich hernach das übrige von selbst. Aber von den weniger ausgezeichneten Menschen, welche nicht allzu viel Philosophie studiert haben, hoffe ich noch immer, daß es anders sei. Denn da der Mensch nicht existieren kann ohne den instinktiven Glanben an eine Weltentwicklung in die Zukunft hinaus, so bin ich der Vorstellung unzugänglich, daß in der Brust eines schlichten Deutschen nicht etwas lebe, welches, wenn auch nicht grimmig aufkoche, doch mindestens schmerzlich zncke bei der Entfaltung dieses Buches. Lebte dieses Etwas nicht in ihm, so lebte auch nicht der Keim in ihm für künftiges Werden. Und wenn erst dieser Keim so weit entwickelt wäre, daß jeglicher sich selbst geschädigt und mißhandelt fühlte in dem Unrecht, das seinem deutschen Landsmanne zugefügt wird — da wo am Rhein die Rebe blüht und wo am Belt die Möve zieht — ja, dann wollt' ich Gott im Himmel Lieder fingen! Bekanntlich schließt Macchiavelli sein Bnch über den Fürsten mit einem Kapitel, welches überschrieben ist: anf welche Art die Barbaren aus Italien zu vertreibe» seien. Das war für ihn, das war für Italien immer die Hauptsache. Wir habeu allerdings nicht das Glück einer so einfachen Aufgabe. Statt der Barbaren haben wir die Barbarei aus unserem Vaterlande zu vertreiben. Wenn einmal jede Ungerechtigkeit, jede Unbill, jede Nichtswürdigkeit, die zu Tage kommt, über ganz Deutschland hin von der öffentlichen Meinung mit der Lebhaftigkeit und Nachhaltigkeit empfunden und geahndet würde, welche dem Bewußtsein einer solidarischen nnd gebildeten Nation entsprächen, dann, ja dann, Beziehungen zu Deutschland uud erste Reisen ins Baterland. 535 hätten wir das Recht, zu sagen: wir sind Ein Volk und Ein Land, und die Beseitigung der Schranken, welche der Fluch unserer Geschichte über uns verhängt hat, ist Sache der Zeit. Und wenn dem deutschen Bürger und Bauer solche Bücher zu Händen kommen, wie diese Martyrologie Röckels, wie Kapps Geschichte des deutschen Soldatenhandels, oder wie die im Jahre 1860 anonym erschienene Geschichte Kurhessens unter dem Vater, dem Sohne und dem Enkel, so muß ihm doch endlich zu Herzen dringen, daß es Dinge giebt, welche ein ordentlicher Mensch nicht bloß „mit Geduld und Sauerkraut" überwindet. Zum Schlüsse sei hier noch erwähnt, daß August Röckel bei Niederschreibung uud Veröffentlichung seiner Erlebnisse nicht die Absicht hatte, mittels der Eindrücke zn wirken, welche ich hier in den Vordergrund gestellt habe. Der erste Teil seines Buches ist der Erzähluug der Ver- sassuugs- und Gesetzes-Konflikte von 1849 gewidmet. Der Mann, welcher noch hinter den Manern seiner Zelle die dürftigen, der Zwangsanstalt abgerungenen Augenblicke seines Eigenlebens dazu benutzte, nicht nm für sich selbst eine Erleichterung durchzusetzen, sondern um sich für irgend eine» mißhandelten Mitgefangenen zn verwenden oder der Verwaltung allgemeine Übelstände zur Abhilfe zn kennzeichnen — dieser Mann fand seine persönlichen Schicksale wenig berechtigt, den Leser zn tiefer Entrüstung zn bewegen. Um so mehr versprach er sich von einer schlagenden Hinweisung auf die krasse Manier, mit der man in Sachsen wie anderwärts, je nach Ebbe und Flut der Ereignisse, mit Reichs- und Landesverfassung, Gesetz und Recht, Menschen und Dingen umgesprungen war. Zch erlaube mir, in diesem Punkte von seiner Meinung abzuweichen. Hier hat die Furcht vor persönlicher Befangenheit ihn offenbar zu weit nach der Gegenseite geführt. An Fug und Unfug mit geschriebenen und beschworenen Verfassungen haben sich die Menschen, welche der Politik folgen, neuerer Zeit bis zum Stumpfwerden gewohnt, und der ungebildete Mensch ist noch weniger im stände, etwas zu fühlen, wenn Paragraphen gemeuchelt werden. Aber wenn man einen braven, edlen, gütigen Menschen auf solche Weise quält, so fühlt wohl hoffentlich hoch und nieder Geborenes noch etwas in seiner Brust dagegen sich empören. Von fünfundzwanzig Schicksalsgenossen, die mit Röckel in das wald- heimer Znchthaus kamen, erlagen vierundzwanzig in den ersten Jahren dieser Folter. Ihre Gebeine, die ans dem Kirchhofe des Gefängnisses modern, sind ein erbaulicher Kommentar zu dem Text, daß die Tortnr abgeschafft uud daß hier nicht mit dem Tode bestraft worden sei. Röckel allein mit seiner guten Natnr hielt es ans . . . nnd nach dreizehnjährigen Leiden denkt er noch grimmiger dessen, was am Vaterlande, als was an ihm selber gefrevelt ist. Paris, September 1865. Ludwig Bamberger. 536 Achtes Kapitel. Infolge dieser Besprechung kam ich mit Röckel in lebhaften Briefwechsel, der sich noch ziemlich lange fortspann. Im Lans der Zeit wurde übrigens mein Märtyrer, wie mancher seines gleichen in Deutschland vor ihm, ein recht zahmer Politiker, und meine Sympathien erkalteten, wenn auch nicht für die Leiden, doch für den ehemaligen Gesinnungsgenossen. Wie dem Turnverein, so hatte ich auch dem deutschen Hilfs- verein in Paris meine Aufmerksamkeit zugewandt, und die aus diesen verschiedenen Berührungen mit der deutschen Kolonie hervorgehenden Anregungen führten auf den Gedanken, eine Schule für deutsche Knaben ins Leben zn rufen. Ein deutscher Schulmann, mit dem ich während seines Aufenthaltes in Paris Freundschaft geschlossen, Dr. Karl Laubert, zur Zeit, da ich dies schreibe, noch Direktor des Realgymnasiums in Frankfurt a. O., ging mir darin zur Hand. Doch kam das Projekt nicht zur Ausführung. Noch einmal in späteren Jahren kam ich dazu mich einer deutschen Angelegenheit in Paris anzunehmen. Es geschah bei Gelegenheit der großen Weltausstellung von 1867, wo ich an der Spitze eines Ausschusses zum Besten der für diesen Zweck nach Paris kommenden deutschen Arbeiter stand. Mit Hilfe eines jungen deutschen Gelehrten, den ich eigens dafür als Sekretär anstellte, leitete ich den Dienst, der hauptsächlich für das Unterkommen und die Steuerung der Ankömmlinge zu sorgen hatte. Die ziemlich umfangreiche Thätigkeit brachte mir keine Unannehmlichkeiten ein. Im Sommer 1864 hatte ich die Absicht, auf längere Zeit nach Deutschland zu reisen; sie kam nicht zur Ausführung. Ich hatte mich so sehr angestrengt, daß ich auf ärztlichen Rat nach St. Moritz im Engadin zn gehen beschloß, welches damals zwar schon bekannt und civilisiert, aber entfernt nicht so in Mode war wie jetzt mit samt dem ganzen Engadin. Auf dem Rückweg besuchten wir — meine Frau war wie immer meine Begleiterin — n. a. Jnterlaken. Vor kurzem war unter von Rappards Leitung daselbst ein Hotel Juugfraublick entständen, eine Aktiengesellschaft, in deren Verwaltung auch Löwe-Calbe, der Schwager Rappards eingetreten war. Das war ein Anziehungspunkt für alte Achtundvierziger. Rappard selbst war Mitglied des Frankfurter Parlaments Beziehungen zu Deutschland und erste Reisen ins Vaterland. 537 und der Linken desselben gewesen. Er war ein unternehmender Kopf mit gewissen genialen Anlagen, verbunden mit großem Natursinn, menschlich mild und liebenswürdig und dem entsprechender Außenseite. Insbesondere ein buschiger grauer Haarwald, der sich über seinen freundlichen Augen wahrhast aufwölbte, gab ihm auf den ersten Blick etwas interessant Anziehendes. Neben seinen vielgestaltigen Unternehmungen beschäftigte er sich auch eifrig mit Entomologie. Er wollte mich damals bereden, mich neben seiner im Hintergrund des Rngenwaldes gelegenen Villa anzubauen. So schön die Lage war, widerstand ich der Versuchung, und habe es nie bereut, seitdem ich lange Jahre nachher ein viel besseres Los am selben Ort gezogen. Um Löwe und Rappard gruppiert, fand ich da in Jnterlaken den alten Tafel aus Stuttgart, Lasker und namentlich Twesten. Später gesellte sich Gneist mit seinem Schwiegervater, dem schon recht alten, aber sehr interessanten Böckh hinzu, dem Vater von Gneists bildschöner und liebenswürdiger Frau, die auch dabei war. Die Gesellschaft konnte sich sehen lassen, und sowohl meine Frau als ich hatten großen Genuß davou. Es war so etwas ganz anderes wieder als unser Pariser Kreis, und wir fühlten dabei festeren Boden unter den Füßen. Mit Twesten kam ich jetzt zuerst in nähere Berührung. Wie damals, so in allen späteren Zeiten, flößte er mir vor allem das Gefühl des Respekts ein. Ein tiefer Ernst, ein umfangreiches, ebenfalls tiefes Wissen, eine lebhafte Empfindung, dabei keine Spur von Pedanterie oder Tugendbolderei, viel natürliche Heiterkeit und scharfe Menschenbeurteilung — nichts vom Lehrhaften und Apostolischen, das an dem mit ihm eng befreundeten Lasker manchmal stören konnte. Sein früher Tod war ein Unglück für den deutschen Liberalismus. Dieser preußische Richter von der alten, guteu Art, unbeugsam, scharfsichtig, durch und durch positiv, der vom obersten der Junker, General von Manteuffel, im Duell schwer verwundet worden war, der Sohn eines berühmten frommen ^protestantischen Geistlichen, bot in seiner ganzen Person nicht die schwachen Stellen, an welche sich die gegen den ihn überlebenden Lasker gerichtete Feindschaft zur Bekämpfung seiner Führerschaft anlehnen konnte; er hätte dem demoralisierenden Einfluß der 533 Achtes Kapitel. hannöverischen Führung von Bennigfen und Miqnel das Gegengewicht geboten. Bei aller philosophischen Gelassenheit konnte er über alles Falsche zum heftigsten Widerstand gereizt werden. Ich habe schon erwähnt, wie er bei jedem Anlaß aus Bismarcks mangelhaste Wahrheitsliebe zurückkam. Unvergeßlich ist mir, wie er einmal bei einem Bankett der nationalliberalen Fraktion seinen Willen durchsetzte. Die Festlichkeit war zu dem Stadium vorgerückt, wo die berufenen Redner ihre Toaste ausgebracht haben, und dann der zurückgedrängte Ehrgeiz in etwas tumultuarischen Formen bei ausgelöster Tischordnung noch aus seine Kosten zu kommen sucht. Unter den Anwesenden war einer, der wegen seines breiten und hohlen Gewäsches Twesten besonders autipathisch war. Der Mann war sonst ein guter harmloser Kerl, auch eine Art Veteran, aber in Summa doch ein eitles altes Weib. Ich saß neben Twesten. Als der Mann (ich verschweige seinen Namen, um des laugst Verstorbenen Schatten nicht zu kränken), sich erhob und an sein Glas klopfte, sagte Twesten zu mir: „Nein, der Kerl darf nicht reden", und nun begann er einen solchen Lärm bloß auf eigene Rechnung zu machen, und denselben während wenigstens zehn Minuten derart fortzusetzen, daß der arme Sprechlustige wirklich nicht Gehör finden konnte und sich mit seiner Rede im Leibe wieder setzen mußte. Bismarck gegenüber hat er ein starkes Mißtrauen nie abgelegt, so entschieden er die nationalliberale Politik von 1866 bis 1870, d. h. bis zu seinem Tode, anch mitmachte. Sein Äußeres war nichts weniger als einnehmend. Klein von Figur, eine etwas schwammige Nase in einem aus unregelmäßigen Zügen zusammengesetzten Gesicht, ließ er auf den ersten Blick nicht die Bedeutung seines Wesens erraten. Aber seine Reden waren packend, durch und durch positiv, einschneidend und imponierend. Man staud sofort unter dem Eindruck, daß man einen ganzen Mann vor sich habe. Von der Schweiz nach Paris zurückgekehrt, ward ich zunächst wieder von der geschäftlichen Arbeit absorbiert. Es war ein sehr bewegtes Geschäftsjahr und mit politischen oder litterarischen Allotriis mich abzugeben, war wenig Zeit. Schon seit 1862 hatte der große Aufschwung eingesetzt. Vor Beziehungen zu Deutschland und erste Reisen ins Vaterland. 539 allem nahm mich die Gründung einer Bank in Anspruch, welche direkt aus der Initiative meines Onkels, und somit unseres Hauses, hervorgegangen war, die damals den Namen Lan-zus äss Las erhielt. Der Hauptsitz ward zwar, wie der Name besagt, nach Amsterdam verlegt, als Fortsetzung unseres früheren dortigen Privatetablissements, aber das war doch nur eine Form, um mittels einer Sukkursale in Paris Fuß zu fassen, ohne von französischer Genehmigung abhängig zu sein. Die Hauptarbeit der ersten Organisation fiel mit auf meine Schultern, und das war keine Kleinigkeit. Im folgenden Jahre wurde mein jüngerer Bruder von der Führung des Antwerpener Hauses nach Paris gezogen, um an die Spitze der LancjUö äss zu treten. Im Laufe der Jahre verschmolz sich das Institut mit einem anderen, welches bis dahin den Namen lZg,n^ns cls ?aris geführt hatte, zu der äs ?aris st clos ?i^s-lZas, welche heute das erste Etablissement dem Rang und der internationalen Stellung nach in Frankreich ist. Etliche Jahre später beteiligte ich mich, wie berichtet, vorzugsweise bei der Begründung der „Deutschen Bank" zu Berlin im Bunde mit Adalbert Delbrück und auch diese ist im Laufe der Zeiten ein Institut ersteu Ranges geworden. Auf solche Weise wenigstens habe ich die Genugthuung, auf dem Boden der Privatwirtschaft dauerndes von Bedeutung mitgeschaffen zu haben, wie auf dem Boden des Staates durch meine Mitarbeit an der Begründung der Reichsbank, der Goldwährung und Münzgesetzgebnng. Meine litterarische und publizistische Beschäftigung mußte in dieser Zeit mehr und mehr in den Hintergrund treten. Ich schrieb nur einen Beitrag für die „Deutschen Jahrbücher": „Über die Grenzen des Humors in der Politik", dem ich im folgenden Jahre einen über Renans „Leben Jesu" folgen ließ. Dagegen eröffnete der gute Gang der Geschäfte die Aussicht, daß ich der Grenze näher rückeu werde, wo ich, bei genugsam gesichertem Vermögen, dem Geschäft Ade sagen würde. Bereits im Jahre 1863 gestattete ich mir die Erleichterung, daß ich nur noch kurz oder gar nicht zur Börse ging. Dieser Teil der Arbeit war mir immer der anspannendste und ermüdendste, anch nicht sonderlich sympathische gewesen. So traf ich mit dem 540 Achtes Kapitel, Einverständnis meines älteren Partners die Einrichtung, daß die Hauptaufgabe des regelmäßigen Börseudienstes einem seit kurzem eingetretenen jüngeren Sozius übertragen wurde. Dies war auch für meinen körperlichen Zustaud eiu bedeutender Fortschritt, denn nichts hatte mich so ermüdet als diese Thätigkeit. Aus einem Brief, den ich im Sommer 1862 an H. B. Oppenheim schrieb, entnehme ich folgende Stelle: „Meine eigene Arbeitskraft ist durch die gewaltige Geschäftsthätigkeit des letzten Jahres vorerst in der Art zurückgetrieben, daß ich eine ganze Zeit der Rückkehr zu freien Studien brauchen werde, um mich, wenn je, wieder aufzufrischen und einzuschießen. Man konzentriert sich nicht ungestraft. Ich glaube kaum, daß ich wieder zu ordentlicher Arbeit kommen werde, ehe ich den Kramladen ganz verlassen, und dazu bedarf es doch, auch bei deu allergüustigsteu Umständen, noch manchen Jahres. Gesundheit, mein Lieber, das ist alles; die physische Kraft zur Kombiniernng zweier Thätigkeiten geht mir ab, seitdem das Handwerk mich so sehr in Anspruch nimmt. Ich hätte die größte Lust, jetzt des Morgens um fünf Uhr auf- znstehn, aber ich fühle zu deutlich, daß ich mich für den Tag brechen würde." Aber entmutigt war ich durch solche momentane Depression doch nicht. Ein Jahr darans, im Juni 1863, schrieb ich an denselben Freund, als ich ihm meine Reise nach Baden ankündigte: „Wiewohl ich mir keine Rechnung auf langes Leben mache, bin ich doch nicht ohne einige Hoffnung, anch etipas Historisches zu erleben." Indem ich die Briefe aus jener Zeit, von 1862 bis 1864, nachlese, finde ich als durchgehenden Zug eine Art von zweifacher, innerer sich widerstreitender Bewegung. Einmal die starken Anforderungen, welche die geschäftliche Thätigkeit an mich machte, die mir die Benützung freier Stnudeu für auziehendere Aufgaben erschwerten. Zum anderen die wachsende Aussicht, meine ganze Freiheit zu erreichen, aber diese Aussicht wieder durchkreuzt von den niederschlagenden Ereignissen auf dem Boden der deutschen, d. h. der preußischen Politik. Je schärfer der Konflikt zwischen Bismarck und der preußischen Kammer sich zuspitzte, desto mehr kam ich mit meinen eigenen Gedanken der Rückkehr in die Heimat und ins politische Leben in Zwiespalt. Aus einem Brief an Oppenheim, vom März 1864, bezeichnen zwei Stellen am besten diesen Zustaud. Zuerst schreibe ich: Beziehungen zu Deutschland uud erste Reisen ins Vaterland. 541 „Vor sechs Monaten gab ich mich noch leise der Hoffnung hin, es könnte eine Krisis deutscher Zustände entscheidend zwischen mich und mein Problem treten, aber die Erlebnisse der letzten Zeit liefern wenig Trost zu solchen Aussichten, und selbst der unbestreitbare Reiz, mit dem mir das Berliner Jntelligeuzleben bei meinem letzten Durchgang gewinkt hat, weicht den niederschlagenden Beweisen der Sterilität, iu denen sich alle höheren Anschauungen in deutschen Lande» gebannt finden. Ich denke, dieses Jähr jedenfalls Deutschland wiederzusehen und mein Urteil und meine Empfindung zu berichtigen." Am Schluß des Briefes heißt es dann: „Schreibe uns bald viel Menschliches; wir sind sehr vereinsamt; es hat dies Jahr sehr wenig interessante Deutsche hier gegeben; zu den Franzosen hab ich trotz allem kein Genie." Die Nachrichten ans Preußen lauteten trübe genug. Im Oktober 1864 gingen die „Deutschen Jahrbücher" ein; Oppenheim wurde mehrfach strafrechtlich verfolgt und verließ Berlin; Fanny Lewald schrieb tief niedergeschlagen, und Walesrode meldete aus Gotha, daß die preußischen Gerichte seine Auslieferung wegen Hochverrats verlangt hätten. Trostlose Aussichten. Es ist überaus bezeichnend für den Grundzug der deutschen Entwicklung, daß die Notwendigkeit, sich den Preußeu anzuschließen, und die immer wiederkehrende Erfahrung von der abstoßenden Natur der vom Junkertum beherrschten Regierung auch in meinem Briefwechsel mit den politischen Freunden sich fünfzehn Jahre lang wie ein roter Faden durchzieht, und bis auf den heutigen Tag ist der nicht abgerissen, ja stärker als je geworden. Als ich in den guten Jahren von 1868 bis etwa 1874 (denn von da an zeigten sich schon die Rückschläge wieder) einmal ein Gespräch mit einem alten Bekannten vom Niederrhein hatte, der mit meiner Reichsbegeisterung nicht einverstanden war — er war katholischer Demokrat —, sagte er zu mir: „Ja, lieber Frenud, Sie kennen die preußischen Junker noch nicht". Wie oft habe ich seitdem an dies einfache Wort zurückdenken müssen, und wie unglückselig berechtigt dieser Ausspruch ist. E n d e. 5^ c °Z>-c /^t-' ><^>>^>-»^ /?»5 5"VS 5?ct^ ^ 5^6 . - > /^»-/^^ 5.^ Vei'IaA von (^601'A ReilUSI', Berlin. Natürlielis Led.öxkunKLs'eseliielits (^eineinverständliclre -wissensclrÄstlicl^e Vorträte üizer die ^n^violcelunAsIekre Neunte ^.nfl^Ae, 2 L6e., drosch. N. 12,— Aed6. in ^a,Idir3,n2 iVl. 16,50 «// ^ . . . ^riist Morit^ ^. rndt Lin I^ei)en8i)iI6 in Briefen. — I^3,ck nn^edrnclcten uncl Ae- 6rucl6. in i^3,Ii)srÄr>? N. IZ,— !V