Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen. Herausgegeben von Ludwig Bechstein Leipzig, Georg Wigand's Verlag. 1854. Abraham a Santa Clara. Geb. d. 4. Juni 1642, gest. d. 4. Dec. 1766. Der eigentliche Name dieses merkwürdigen Mannes war Ulrich Megerle, sein Geburtsort war das schwäbische Dorf Krähenheimstetten. Er studirte zu Wien Theologie und Philosophie, und widmete sich frühzeitig dem Klosterleben; schon als achtzehnjähriger Jüngling trat er zu Marienbrunn in den Augustinerorden. Zum Festtagsprediger nach dem Kloster Tara in Baiern berufen, begann er bald, sich durch seine Kanzelvorträge hervorzuthun, welche in vor ihm kaum dagewesener Weise voll Laune, Humor, Satpre und Schalkhaftigkeit die Thorheiten und Fehler der Menschen geißelten, reiche Kenntniß der Welt und des Menschcnherzens kund gaben, und von einer Ueber- fülle theils guter, theils barocker, stets aber origineller Gedanken strotzten. Wie Abraham a Santa Clara sprach, ebenso schrieb er auch, und er schrieb gern und viel, wurde aber auch ebenso gern gelesen als gehört und seine Schriften fanden im Publicum eine solche Theilnahme, daß sie nicht nur in andere Sprachen übersetzt, sondern auch noch in neuerer Zeit, miudestens ausgewählt, wiederholte Auflagen erlebten. Abraham a Santa Clara verstand es, durch Wortwitz zu glänzen, wie keiner vor und nach ihm, dabei neigte er sich dem Geschmack der Zeitgenossen zu, und wurde durch freimüthige Derbheit volksthümlich. Der weitverbreitete Ruf, den er sich gewonnen hatte, war Ursache, daß man ihn nach Wien verlangte, es war etwas neues, den Humor auf der Kanzel zu erblicken, und Wien hat stets lieber gelacht als geweint. Der Kaiser hatte ihn persönlich kennen gelernt, und beehrte ihn mit seiner Gunst — Abraham a Santa Clara wurde Hofpredigcr zu Wien und Grätz, da er als Augustiner Ordensmann nicht wohl Hofnarr werden konnte; das rillsnelo eliooro vorum verstand dennoch keiner so gut wie er. Im Jahr 1689 wurde der Pater Prior Abraham a Santa Clara zum Provincial seines Ordens ernannt, und blieb sich im übrigen gleich als geistlicher burlesker VolkSredner, der sich im bis zu Tode gehetzten Witz und Wortspielen und der Sucht, Sätze und Gegensätze bis zur Erschöpfung aneinander abzureiben, gefiel, wobei sich aber aus dem Sande seiner Mahlsteine auch Goldkörncr gediegenen Ernstes unterweilcn löste». Stets hielt mit den» Gedanken- reichthum seiner Vortrage und Schriften auch sein üppig zuströmender und überströmender Wortreichthum gleichen Schritt, und wurde nur bisweilen zu Wortschwall und Schwulst. Wie in Schrift und Rede vieles bei ihm gesucht und manches Gleichniß gleichsam an den Haaren herbeigezogen wurde, so war es auch mit seinen Schriften der Fall, deren gesuchte und barocke Titel eben nur dem Geschmack und dem Wohlgefallen am platten, rohen und gemeinen seiner Zeit zusagen konnten. Die wichtigsten Schriften Abrahams a Santa Clara, die fast alle in Quart erschienen, sind: Religiöse Grammatik; Merks Wien; Judas der Erzschelm, L Theile; Wintergrün; Abrahamisches Gehab dich wohl; Reimb dich oder ich liß dich; Heilsames Gemisch Gemasch; Hup und Pfuy der Welt; Etwas für Alle; Geistliches Waarenlager mit apostolischen Waaren; Abrahamisches Bcschcidesscn; Abrahamische Lauberhütte; Neu ausgehecktes Narrennest; Allgemeiner Todenspiegel; Große Todcnbrüderschaft, u. a. Ungeheure Bclesenheit und Bcwaudertheit des Autors in der heiligen, wie in der Profangeschichte gibt sich in der Mehrzahl dieser Werke kund, und in vielen ist mehr zu finden, als was der Titel ahnen läßt. Wer suchte, um nur ein Beispiel anzuführen, unter dem burlesken Titel des, Kaiser Joseph I. zugeeigneten «Hup und Pfuy der Welt» ein treffliches Fabelbuch? Dieses eine Werk schließt eine Fülle von Moral und allumfassender Kenntniß ein. Als Mensch ist dem Dichter alles gute Lob ertheilt worden, er war gottesfürchtig, demüthig, eifrig in der Religion, treu seiner Kirche, wie seiner Pflicht. Er strafte ohne zu verletzen, und wenn er mit strafender Rede einen bis zu Thränen rührte, ließ er ihn doch nicht unaufgerichtet und »»getröstet von dannen gehen. Er war geliebt und geachtet, und seine Doppelbegabung, alles, was er sprach, mit heiterer Gemüthlichkeit vorzutragen, und doch die Wahrheit ohne Scheu und Menschenfurcht zu sagen, gewann ihm den allgemeinen Beifall. Er schonte keineswegs den kaiserlichen Hof, und jeder an demselben mußte sich gefallen lassen, die Wahrheit von ihm zu hören. Er war Cato und Democrit in einer Person. Abraham a Santa Clara brachte sein Leben auf 67 Jahre, und starb mit einem milden Lächeln. Er hatte seinen Lebenszweck erfüllt, war mit dem Tode vielfach vertraut geworden, konnte demselben ohne Furcht entgegensehen, und ihn wie ein Weiser begrüßen. Johann Arnd. Geb. b. 27. Dez. I5L8, gest. d. II. Mai I«2I. Ein protestantischer Theolog mit dem asketischen Geist eines Tauler und Thomas a Kempis, dessen Ruhm und Name einst Deutschland mehr erfüllte, als irgend ein Name der gefeiertsten Theologen der Neuzeit. Geboren zu Ballenstädt, der heiter gelegenen Stadt am nördlichen Fuße des Harzgebirges, wirkte das Beispiel eines frommen Vaters einflußreich auf des Knaben Gcistesrichtung; dieser Vater, Jacob Arnd, war Hofprediger bei dem Fürsten Wolfgang zu Anhalt; der Knabe hatte sich durch eine leidenvolle Jugend hin- durchzukämpfen, und widmete sich anfangs, um andern Leidenden ein Helfer zu werden, dem Studium der Arzneikunde. Ein höherer Wille aber lenkte ihn vom Stand eines leiblichen Arztes zu dem eines Seelen- arztes hinüber. Johann Arnd besuchte die Hochschulen zu Hclmstädt, Wittenberg, Straßbnrg und Basel; es lag noch in der Sitte der Zeit, möglichst lange zu studieren und möglichst viele Universitäten zu besuchen, und ging von der Medicin zur Gottesgelahrtheit über. Der wackere und einsichtsvolle Regent Joachim Ernst, Fürst zu Anhalt, berief den jungen Theologen als Prediger in seine Residenz Ballenstädt; dort und in dem ganz nahen Dorfe Badeborn wirkte Arnd sieben Jahre lang in seinem Pfarr- und zugleich in einem Schulamte als Lehrer, und ahnete nicht, daß sein Geschick ihn aus diesem stillen und segensreichen Bcrufs- kreise schleudern werde. Allein Spaltungen zwischen Lutheranern und Reformirten bewogen Arnd, der Heimath Valet zu sagen. Sein unerschütterlicher Glaube war der streng lutherische; nicht des Calvinismus wegen wurde Arnd aus seiner Heimath vertrieben, wie da und dort zu lesen ist, sein Festhalten am Lutherthum gebot ihm zu gehen. Weit ging er nicht, schon das Ballenstädt nahe genug gelegene Quedlinburg nahm den Mann vom besten Ruf und ausgezeichneten Wandel mit offenen Armen auf, und er wurde dort als Prediger angestellt. Dies geschah im Jahre 1590, und Arnd wirkte aufs neue neun Jahre in Quedlinburg-Neustadt mit Segen. Im Jahr 1599 traf ihn ein ehrenvoller Ruf nach Braunschweig, wo er Prediger an der St. Martinskirche wurde. Wieder neun Jahre eines rühm- voll thätigen, frommgläubigen, gottgetrosten Wirkens verlebte dort Arnd, da kam ein Ruf aus der Lutherstadt, ein hochwillkommener, und Arnd zog als Pastor und Beisitzer des Konsistoriums nach Eisleben. Groß war schon Arnd's Ruf und Ruhm; unter seinen zahlreichen Schriften fanden seine asketischen Werke: Paradiesgärtlein und Wahres Christenthum eine Verbreitung, wie kein anderes Buch ihrer Zeit, ja, wie vielleicht kein späteres. Zahllose Auflagen wurden diesen Schriften zu Theil; sie drangen in das Blut und Leben der damals noch frommen Bevölkerung, sie drangen zum Herzen des Volkes, wie sie einem Herzen entströmt waren, dem das Christenthum zur beseligendsten, lebendigsten Wahrheit geworden. Das Volk verehrte diese Bücher als Heiligthümer, sie standen ihm gleich neben der Bibel, hundertfach wurden Exemplare gezeigt, die bei Bränden unversehrt aus den Flammen gegangen, unter Schutt und glühender Asche hervorgezogen worden waren. Dies war wahr, und hatte natürliche Gründe, dem Volke aber galt es als Wunder und als sichtbarwcrden der Gotteshand im retten des göttlichen Wortes. Nicht lange blieb Arnd in Eislebcn, er erhielt die Stelle eines General-Superintendenten zu Zelle 1611 und lebte und lehrte daselbst noch zehn Jahre, bis zu dem letzten Tage, wo er noch über den schönen Schrist- tert predigte: Die mit Thränen säen, werden mit Freuden ärnten, und der Herr der Acrnte ihn abrief. Herrlich war Johann Arnd's Charakter, voll un- geheuchcltcr Frömmigkeit, voll Milde, voll Wohlthätigkeit. Ganz fern war ihm der Geiz, der nirgend verächtlicher erscheint, als am Geistlichen; seine Beicht- schillinge warf er, wie er sie empfing, in den Almosenkasten, und hatte stets Hülfsguellen und Mittel für die bedrängten; auch dies deutete des Volkes Glaube als übernatürlich — er besitze den Stein der Weisen, könne Gold machen, ward geglaubt. Christus war sein bewährter Stein, Liebe sein Wundergold, darum reifte dem treubewährten nach einem gottseligen Leben die Thränen- saat seiner leidenvollen Jugend zur heiligen Freudenärnte. Caspar Aquila. Geb. d. 7. Aug. 1ä88, gest. d. 12. Nov. 1560. Sinter den bedeutenden Theologen, welche getreulich dem Pfade Luther's nachwandelten, und neben Ämsdorf, Me- lanchton, Bugcnhagen, Jonas, Spalatin, Cruciger und My- conius wirkten, behauptet auch Caspar Aquila als Reformator eine Ehrenstelle, der nach einem thätigen und mannigfach bewegten Leben eine lange Zeit in Thüringen segensreich wirkte, Caspar Aguila ward zu Augsburg geboren und entstammte einem angesehenen Geschlechte; der Vater, Leonhard, war Stadtsyndicus und schrieb seinen Namen noch unver- wälscht: Adler. Der Sohn erhielt guten Schulunterricht, setzte diesen in Ulm fort, wählte das theologische Studium und machte nach Vollendung der Vorbereitungsstudien eine Reise nach den Hochschulen Italiens. Er verweilte auf der Rückkehr in der Schweiz, wo er des Erasmus Bekanntschaft machte, nach der sich alle jungen Gelehrten förmlich drängten, doch war es vornehmlich Bern, welches den jungen Aquila fesselte Er predigte in dieser Stadt und erhielt 1511 im 26. Jahre seines Alters eine Berufung zu einem Pfarramts in Bern, welches er zwar annahm, aber nicht lange bekleidet haben kann, da er sich bald darauf nach Leipzig begab, um sich noch mehr in den Wissenschaften zu vervollkommnen. Aus dieser Reise ritt Aquila durch Saalfeld, die Stadt seines letzten langjährigen Wirkens, ohne dieß zu ahnen, traf den Markt noch ungepstastert und den Chor der St. Johannis- kirche noch nicht ausgebaut. Aber auch in Leipzig war Caspar Aquila's bleiben nicht lange; es war seiner jüngere» Lebensperiode eine rastlose Wanderschaft vom Geschick zugedacht, die ihm heilsam lehrte, Widerwärtigkeiten des Lebens mit Leichtigkeit zu ertragen und sich nicht mit Zähigkeit an eine Scholle zu heften. Franz von Sickingen halte 1515 sein Banner erhoben, führte — damals noch mit Glück — seine Fehdezüge durch, und Caspar Aquila wurde Franzens rüstiger Feldprediger, folgte mit zwei zu seinem Dienst bestellten reisigen Knechten dem Heerlager und theilte Gefahren und Entbehrungen treulich mit dem Herrn und dessen Heere, Als es indessen mit letzteren etwas gar zu bunt sich gestaltete, nahm Aquila eine kleine Pfarrstelle zu Jenga oder Jengen bei Augsburg an und >— veryeirathete sich. Das war von einem katholischen Pfarrer — protestantische gab es 1516 noch nicht — freilich ein sehr gewagter Schritt, dessen Folge Aquila bald genug zu tragen hatte, denn der Bischof von Augsburg ließ ihn nach einiger Zeit gesanglich einziehen, auf einem Karren nach Dillingen führen und über ein Winterhalbjahr hindurch in harter Haft ohne die mindeste warme Speise halten. Zwar gelang es, ihn loszubitten, und es soll dieß sogar durch die eigene Schwester Kaiser Karl s V. geschehen sein, aber er mußte sein Eigenthum und seine reiche Büchersammlung einbüßen und durfte nichts mit von dannen nehmen, als Weib und Kind. Unterstützt von wohlwollende» Augsburg« Freunden wandte sich Aquila jetzt nach Wittenberg, hörte Luther und dessen academische Freunde, und promovirtc am 21, Januar 1521 zugleich mit 15 anderen Kandidaten. Nach der Hand findet sich Caspar Aquila abermals im Sicking'schcn Schutz und Dienst; er unterrichtete Franzens Söhne Swickard »nd Franz Konrad auf Burg Landstuhl, half vielleicht später auch bei dem Druckercigeschäft auf der Ebernburg und bestand auf der letzteren das bekannte höchst gefährliche Abenteuer, daß die Kriegsknechte ihm znmuthcten, eine vom Feind in die Burg geschossene Stuckkngcl zu taufen, und bei seiner Weigerung ihn in einen großen Fenermörser steckten und drohten, ihn über die Mauern hinaus zu schießen. Nur das versagen des PnlverS auf dem Zündloch des Mörsers habe, so wird erzählt, ihn gerettet, und, wieder auf festen Boden gestellt, habe er muthvoll gesagt: «Und ich taufe die Kugel doch nicht!» Nach Sickingens traurigem Ende zerstreuten sich die von diesem so treu und liebevoll geschirmten Geistlichen: Oeco- lampadinS, Buzer, Schwabelius und Aquila, und der letzte fand 1525 zunächst in Eisenach ein Asyl, wo er aufs nene zu lehren und zu predigen begann, aber auch dort nicht lange aushielt, sondern sich wiederum nach Wittenbcrg wandte. Dort leistete er Luther thätige Hülfe bei der Bibelübersetzung, denn er war der heiligen Schrift in so hohem Grade kundig, daß Luther selbst von ihm rühmte: «Wenn die Bibel verbrannt oder verloren würde, so wollt ich sie bei Aquila wieder finden». Dadurch bildete sich ein inniges Frennd- schaftSverhältniß Aquila'S mit Luther aus, und so wurde der erstere auch deS letztere» Hochzeitgast bei dem Ehrenmahle, das Luther mehrere Tage »ach seiner Trauung einigen aus- erwählten Freunden gab. Wenige Jahre darauf sandte der Stadtrath zu Saalfeld etliche Nathsverwandic an Or. Luther mit der Bitte, ihm einen guten Seelsorger — vielleicht Aquila — vorzuschlagen und zu verschaffen; gleichzeitig waren, und in gleicher Absicht mit den, Verlangen nach demselben Mann, auch Abgeordnete des Grafen Heinrich vv» Nassau in Wittenberg angekommen, doch gewannen diesen letzteren die Saalfelder den Vorrang ab. — Aquila fand Saalfeld noch von ganz katholischem Aeußer»; da bestand noch das reiche Benedletinerstift, außerdem ein Franziskanerkloster, ein Benedictiner-Nonnenkloster und sechs gangbare Kirchen und Kapellen, und alle möglichen abergläubischen Gebräuche eines uralt herkömmlichen, tief gewurzelten Volkslebens, zum großen Theil aus dem Heidenthnm in das Christenthum mit herüber genommen. Da gab eö der geistlichen Arbeit viele, und Aquila hatte anfangs als Prediger, dann bald darauf als Superintendent und Kircheninspector vollauf zu thun. Daö erste, was er vornahm, war die Abfassung eines kleinen deutschen Katechismus als Grundlage des christlich-evangelischen Kinder- nnterrichts, dann entwarf er faßliche Predigten, die er von fähigen Schülern auswendig lernen und in der Kirche aufsagen ließ, was vielen Beifall fand, und so gelang ihm unter Gottes Beistand allmälig trotz aller Gegenbcstrebnngen der pfäsfischen Partei die Reformation seiner großen Gemeinde wie der Umgegend, zumal der Stadtrath ihn schirmte und Lnther mit seinem Rath ihn unterstützte. Als der Reichstag zu Augsburg im Jahre 1530 sich vorbereitete, zog es auch Aquila dorthin, zumal sich mit diesem und seine» wichtigen Angelegenheiten die günstige Gelegenheit bot, die alte liebe Heimath einmal wieder zu sehen; er verfaßte auch eine Ermahnung an die zn Augsburg versammelten Bischöfe und Geistlichen. Ein wichtiges Ereigniß war für ihn, daß auf der Reise »ach Augsburg Luther selbst nach Saatfeld kam »nd in der St. Johanniskirche dort pre- I digte, von wo er noch bis Coburg reiste, wo er bekanntlich blieb. Der begleitende Freundeskreis aber setzte seine Reise nach Süden fort. Aquila blieb Augen- und Ohrenzeuge der Verhandlungen des Reichstags, und Melanchton schrieb an Luther, daß Aquila, dem es in Augsburg gut ergangen und der auch vom Bischof Stadion sehr wohl aufgenommen worden sei, ihm viel erzählen werde. Nach der Rückkehr von Augsburg widmete sich Aquila wieder mit allein Eifer seinem Amte, verfaßte eine Auslegung des 33. Psalms und andere theologische Ausarbeitungen, begegnete kräftig den Ansprüchen und Eingriffen des Grafen Albrecht von Mansfeld au und in Saalfelder Klostergüter und wirkte thätig bei der 1533 angeordneten zweiten General- visitation der sächsischen Kirchen vornehmlich mit dahin, die Zustände seiner eigenen Parvchie zu heben und zu verbessern. Im Jahre 1539 wurde Aquila Wittwer und verheirathete sich sehr bald darauf mit einer nicht mehr ganz jungen Saal- felderin. Später und zumal nach dem von Aquila tief betrauerten Tode Luther's gerieth er in Verdrießlichkeiten mit seinem Diaconus, wie mit einem dortigen Beamten; bald darauf kam Kriegsgetümmel auch in das friedliche Saalthal, als die unglückliche Schlacht bei Mühlberg geschlagen war, und Aquila flüchtete nach Rudvlstadt, richtete mehrere Trost- schreiben an seinen gefangenen Herrn, den Kurfürsten von Sachse», die derselbe auf das gnädigste aufnahm und eigenhändig beantwortete, und zeigte sich nicht minder durch andere Schriften voll treuer Beharrlichkeit auch in gefahrvoller Zeit. Ganz besonders that er sich bald darauf als entschiedenster Gegner deö Interim hervor, half das Bedenken dagegen ausarbeiten, unterzeichnete dieses mit und protestirte heftig gegen die von Eisleb ausgesprochene Berläumdung, er habe sich dem Interim geneigt gezeigt. Daß es ihm Ernst war mit seinem Widerspruch, beweist der Umstand, daß der Kaiser einen Preis von 5000 Goldgülden für den aussetzte, der Caspar Aquila tod oder lebendig ausliefern würde. Dieß ward kaum ruchbar, so erbat der Rath zu Saalfeld bei der benachbarten verwittweteu Gräfin von Schwarzburg zu Rudvlstadt, der hochherzigen Hennebergerin Katharina, Schutz für Aquila, die den fliehenden herzlich gern aufnahm, ihn auf ihrem Schlosse heimlich verbarg, und zwar fast ein halbes Jahr lang. Da aber doch das Geheimniß des Aufenthaltes Aquila's auf dem Schlosse zu Rudvlstadt ein öffentliches geworden sein mochte, verwendete sich die Gräfin für den Bedrohten bei ihren Brüdern, den Fürstgrafen Georg Ernst und Pvppo zu Henncberg, die ihn in aller Stille nach Schmal- kalden führen und dort erhalten ließen. Dort blieb Aquila, wurde 1550 Decan am Cvllegiatstift St. Erhardi, war als Prediger beim Volke sehr beliebt, mußte aber Anfechtung von seinen Amtsbrüdern erleiden, und war erfreut, als die Wendung, welche durch Kurfürst Moritzens Abfall vom Kaiser die politischen Angelegenheiten nahmen, ihm erlaubte, wieder nach seinem geliebten Saalseld zurückzukehren, nachdem eine förmliche Wiederbernfung seiner dorthin erfolgt war. Dieß geschah 1552 und nun wirkte Aquila noch 8 Jahre lang treu und unermüdlich im Amte, wohnte der Inauguration der Universität Jena bei, hielt sich fern von den dort bald darauf ausbrechenden widerwärtigen theologische» Streithändeln, beklagte noch Melanchton's Tod, wurde zum Kirchenrath in Weimar ernannt, kam aber nicht dahin, sondern wurde zn einer andern Stelle in das Jenseits abgerufen, nachdem er noch eine Schrift, welche auf dem bevorstehenden Konvent zn Naumburg den evangelischen Fürsten und Ständen übergeben werden sollte, eigenhändig unterzeichnet hatte. Johann Wilhelm von Archenholz. Geb. d. 3. Sept. 1743, gest. d. 28. Febr. 1812. Münster im geschmackvollen Styl und in der ethnographischen Schilderung; durch Reisen hochgebildet und zum Neisebeschreiber geboren, nicht minder durch Praktische Kenntniß des Kriegswesens berufen, kriegs- geschichtliches zu bearbeiten — so war und blieb Archenholz lange Zeit Liebling der Freunde einer ernsten, bildenden Lektüre, und wird noch immer von vielen mit Vorliebe gelesen. I. W. v. Archenholz erblickte das Licht der Welt zu Langfuhr, einer Vorstadt von Danzig, und widmete sich frühzeitig dem Soldatenstandc. Er kam in das Cadettenhaus in Berlin, und trat mit 15 Jahren aus demselben als Unterlieutcnant in das preußische Heer ein. Im Regiment Forcade machte er den siebenjährigen Krieg mit, den er später so trefflich schilderte, und erhielt nach dessen Beendigung 1763 den Abschied als Hauptmann. Unbczwingliche Sehnsucht zu reisen, bestimmte v. Archenholz, die unfreiwillige Müsse, die der Friedensschluß für ihn herbeigeführt hatte, dazu zu verwenden, fremde Länder zu sehen, berühmte Menschen kennen zu lernen und ihres Umganges sich zu erfreuen, und selbst lernend, durch Schilvcrung des geschauten und erlebten, wieder andere zu belehren. Dabei unterstützte ihn die trefflichste Beobachtungsgabe, guter Geschmack in der Auswahl des mitzutheilenden, feines Gefühl, von Menschen, Sachen und Ereignissen das charakteristische herauszufinden und hervorzuheben, welche Eigenschaften ihm bald den Beifall der gebildeten Lescwelt gewannen und dauernd sicherten, v. Archenholz durchreiste ganz Deutschland, die Schweiz, Holland und Belgien, Frankreich, England und Italien, Dänemark, Norwegen und Polen. In England war er dreimal und zweimal in Italien. In letzterem Lande traf ihn leider ein schweres Mißgeschick; ein unglücklicher Fall, den er that, wurde von den Aerzten und Chirurgen, deren Hülfe er sich anvertrauen mußte, so übel behandelt, daß ihm lebenslänglich eine Lähmung blieb und ihn, den der Krieg verschont hatte, zum Krüppel machte. Hierauf privatisierte v. Archenholz abwechselnd in mehreren bedeutenderen deutschen Städten, wie Dresden, Leipzig, Berlin, Hamburg, und lebte vom Ertrag seiner zahlreichen Werke, welche alle Zeugnisse seines Fleißes, seines regen Geistes und seines guten Geschmackes sind. In dein Buche «England und Italien» schilderte er besonders England mit großer Vorliebe und gründlich erworbener Kenntniß, dann gab er, während sein «England und Italien» fast in alle lebenden Sprachen Europas übersetzt wurde, als Fortsetzung des England betreffenden Theiles neunzehn Bände «Annalen der brittischen Geschichte der Jahre 1788—1796» heraus, die mit Bildnissen berühmter Dritten neuerer Zeit geschmückt erschienen. Großen, rauschenden Beifall fand v. Archcnholz's «Geschichte des siebenjährigen Krieges», zuerst im Historischen Kalender für 1789 erschienen, von Chodowiecki mit Küpfcrchen geziert, später erweitert und berichtigt selbständig herausgegeben. Dieß Buch wurde ein Volksbuch im edelsten und besten Sinne, der vornehme wie der schlichte Bürgersmann erfreute sich an demselben, man übersetzte cS neben andern lebenden Sprachen sogar in die lateinische, wo der Hauptmann v. Archen- holz als olim in oxeroitn Lorussioo centurio auf dem Titel prangte. Geistvoll geschrieben erschienen auch die 2 Bände »Kleine historische Schriften», deren 2ter Band ausschließlich die anziehende Geschichte der Flibustier umfaßt; ferner die «Geschichte Gustav's Wasa, Königs von Schweden, nebst einer Schilderung dcö Zustandes von Schweden w.» — 2 Bände, und der in Gemeinschaft mit Wicland begonnene Kalender für Damen, Jahrgang 1790, mi Bildern von Chodowiecki — in welchem Toilctten- büchlein v. Archcnholz mit gewandter Feder die Geschichte der Königin Elisabeth von England zugleich mit jener von deren Nebenbuhlerin schilderte. Neben dieser rastlosen Thätigkeit begründete v.Archen- holz auch noch einige periodische Werke, in denen er Ansprüche und Geschmack des gebildeten Lesepublikums entsprechend traf. Das erste war seine «Literatur- und Völkerkunde», welche belehrend, gemeinnützig, anziehend unterhaltend, eignes und fremdes, deutsches und ausländisches, Prosa und Poesie im amnuthigen Wechsel brachte, und auf viele anregend und fördernd wirkte. Dieß Werk und eine Fortsetzung desselben erlebte neun Jahrgänge. Noch längerer Dauer, man könnte sagen unvergänglicher, erfreute sich die v. Archcnholz begründete Zeitschrift Minerva, ein Journal historischen und politischen Inhalts, welche auch nach des Begründers Tode fortgesetzt wurde und noch heute besteht, v. Archcnholz begann diese Zeitschrift nach seiner Rückkehr aus Paris, 1792, und bestimmte sie vorzugsweise zur Schilderung französischer Zustände der Gegenwart. Er ließ sich in Hamburg nieder, in dessen Nähe er einen Landsitz, Oycndorf, erwarb, auf welchem den thätigen Mann in seinem 67. Jahre der Tod ereilte. Für seinen Ruhm hatte er genug gethan und seinem Andenken bleibt in den Annalen der deutschen Literatur eine Ehrcnstclle gesichert. Johannes Aventin. Geb. 1466, gest. d. 6. Jan. 1554. Der Vater der bayrischen Geschichtschreibung, welcher, hochverdient um sein Vaterland, auch andern Geschichtschreibern Beispiel und Anregung zu gleicher ruhmvoller Thätigkeit gab. Abensberg in Oberbayern war der Geburtort Johann Thurmair's (dieß der ursprüngliche Vatername), dessen Jugendgeschichte im Dunkel liegt. Er bestimmte sich den Studien und der Wissenschaft und studirte zuerst auf der heimischen Hochschule, dem berühmten Jngolstadt, wo unter vielen Hochbegabten auch der erleuchtete Conrad Celtes lehrte, und nannte sich dann Aventinus, weil er der Ansicht war, sein Heimathort Abensberg sei von altrömischer Gründung und habe als Colonie der Römer den Namen Aventinium geführt, genannt nach dem größten Berge der welt- behcrrschenden Siebenhügelstadt. Von Jngolstadt wandte sich Aventin nach Paris, wo ebenfalls berühmte Männer seine Lehrer wurden und er die Magisterwürde erlangte. Im Jahre 1503 kehrte er nach Deutschland zurück und reiste nach Wien, wo er Privat- vorlesungen in der Poesie und Beredsamkeit hielt, von da 1507 nach Krakau, der altberühmten Hochschule Polens, wo er gleich dem früher dort ebenfalls verweilt habenden Conrad Celtes Lehrer und Schüler zugleich war, wie es überhaupt zur Zeitsittc gehörte, möglichst viele Hochschulen zu besuchen. In Krakau lehrte Aventin öffentlich griechische Grammatik und studirte Mathematik. Nach Verlauf einiger dort zugebrachten Jahre zog es ihn abermals nach der Hcimath, er weilte eine Zeitlang in Regensburg und begab sich dann wieder nach Jngolstadt, wo er mit Ruhm Rhetorik lehrte und einige Bücher Ciccro's erklärte. Ein ehrenvoller Ruf nach München, vielleicht veranlaßt durch seine 1512 erschienene liuclimenta gr-im- wntioao Istinso — erhob Aventin zum Erzieher der beiden Prinzen des Bayernherzogs Albert, Wilhelm Ludwig und Ernst, und hier war es nun, wo Beruf und Aufmunterung ihn veranlaßte, sein großes Werk: ^nnslss Losorum zu verfassen, zu welchem er die sorgsamsten Geschichtsstudien in den Archiven Bayerns und Deutschlands, sa selbst Italiens machte, für welchen Zweck die Reisen mit dienten, auf denen er seine fürst- lichen Zöglinge begleitete. Aventin huldigte in diesem Werke der unbedingten geschichtlichen Wahrheit, die freilich nicht stets und nicht überall gefallen wollte; gleichwohl erwarb ihm das mühsam zusammengestellte Werk seines Fleißes, die Aufgabe seines Lebens, unsterblichen Nachruhm, und die Stimmen, welche den Frci- muth des Geschichtschreibers verdammten — die in allen Zeiten, alten und neuen — ihren Widerhall finden und fanden, verhallten, während Aventin's Arbeit ein echtes gründliches und gediegenes Nationalwerk blieb und noch heute als Quellenschrift dienen kann, wie sehr auch die in Bayern mit aller Vorliebe gepflegte und durch königliche Freigebigkeit gestützte und unterstützte Einzelforschung aus dem vaterländisch geschichtlichen Gebiete weiter vorschritt und Quellen zu Tage hob, die zu Aventinus Zeit noch wie in ehernen Särgen ruhten. Aber minder ruhten Aventin's Gegner; es scheint als habe deren Einfluß ihn vom Münchner Hofe wieder entfernt, wo er auch nach Vollendung seines Erzieheramtes wohl die geeignetste Stellung eingenommen hätte. Im Jahre 1529 lebte er wieder zu Hause, in Abens- berg, bei seiner Schwester, und dort sah er sich plötzlich überfallen und verhaftet und — der Ketzerei beschuldigt — in ein Gefängniß geschleppt und geworfen. Ketzerei hieß damals wie noch heute die Formel auf kirchlichem nicht nur, sondern auch auf politischem Boden, welche für die Märtyrer der Wahrheit die Kerker öffnet, um sie einzusperren, oder die Pforten der Städte uud Länder, um sie hinauszuweisen. Aventin entging indeß der drohenden Gefahr. Der Bayernherzoge, seiner dankbaren Zöglinge, Machtspruch befreite ihn aus der kurzen Haft, aber sein Geist war getrübt, eine hypochondrische Stimmung erfaßte den großen Geschichtschreiber, sein Name war doch einmal verunglimpft worden, und dieß ertrug er sehr schwer. Das Mittel endlich, getrübte Stimmung zu heilen, welches Aventin wählte, war das ungeeignetste, welches er wählen konnte — im 64. Jahre eine Heirath! Er freite eine Schwäbin, die ihm auch noch Kinder schenkte, aber eine Xantippe war, die ihm das Leben vergällte. Für eine Zeitlang befreite sich Aventin, indem er 1553 von Regensburg, wo er mit der Frau sich niedergelassen, wegzog, um den Unterricht des Sohnes Leonhard's von Eck zu leiten, und schloß ein erheiterndes Freundschastband mit Peter Apian und dessen Sohn Philipp, der für das Bayerland durch seine Llrorograpliia llgvririas als Geograph dasselbe wurde, was Aventin ihm als Geschichtschreiber ward. Aventin übertrug sein bayrisches Geschichtswerk noch selbst in die deutsche Muttersprache, hat auch manches andere gründliche Werk verfaßt, eine Chronik der Scheyren, eine Geschichte der Stadt Oettingen, das Leben Hein- rich's IV. und mehrercs handschriftlich hinterlassen. Endlich reiste er 1554 nach Regensburg, um die Frau nach Jngolstadt nachzuholen, dort starb er, 68 Jahre alt, vielleicht an den Freuden des Wiedersehens, und wurde im Stift Sanct Emmeran beigesetzt. Seine Büste ziert Bayerns Walhalla. Johann Sebastian Bach. Geb. d. 21. März 1085, gest. d. 5. Mai 1812. Veit Bach, ein Bäcker aus Preßburg in Ungarn, der von da im sechzehnten Jahrhundert wegen der Reli- gionsunruhen auswanderte und sich in Thüringen niederließ, ist der Ahn einer zahlreichen Familie, die sich durch musikalisches Talent auszeichnete und durch mehrere Generationen Thüringen mit Musikdirektoren, Kantoren und Organisten versorgte. Alle Jahre pflegten sich die Familienglieder zu versammeln und unter sich kleine Musikfeste zu feiern. Von allen der größte ist Joh. Sebastian, der Sohn von Johann Ambrosius Bach, Hof- und Stadtmustkus in Eisenach. Als der Vater 1695 gestorben war, nahm ein älterer Bruder Johann Christoph, Organist in Ordruff, ihn zu sich und erzog ihn streng in seiner Kunst; nachdem auch dieser früh gestorben trat Sebastian in den Chor zu Lüneburg ein. Sein angebornes Genie, mit einem Feuereifer und eisernen Fleiß verbunden, ließ ihn sich früh als Virtuosen auf der Geige, der Orgel und dem Klavier auszeichnen. Nachdem er an verschiedenen Orten Thüringens Organist gewesen war, wurde er 1707 in Weimar Hoforganist, 1718 Kapellmeister in Anhalt- Cöthen und 1725 Cantor an der Thomasschule zu Leipzig, welches Amt er bis zu seinem Tode verwaltete. Keine hervorragenden Begebenheiten zeichnen seinen Lebenslauf aus, angesehen und geachtet, von seinen zahlreichen Schülern hoch verehrt, lebte er still seinem Beruf, und schuf eine unübcrsehliche Fülle von Werken, deren wenige seinen Namen groß und unsterblich gemacht hätten. Bach ist eine echtdeutsche Kernnatur, stets aus dem Innern arbeitend und mit ernster unermüdlicher Pflichttreue nach dem Besten und Gediegensten strebend, das seine Kunst hervorzubringen vermochte. Was zuerst in seinen Schöpfungen hervortritt ist die staunenswerthe Kunst viele Stimmen zu einem harmonischen Ganzen zu verschlingen, so daß jede für sich selbstständig ihren Weg verfolgt, die eiserne Konsequenz, mit welcher er einen Gedanken festhält und ausführt, die strenge Gesetzmäßigkeit, mit welcher er die schwierigsten Formen wie spielend behandelt. Weit gefehlt aber daß Bach ein trockner Rechner, ein grübelnder Schulmeister sei: seine Erfindungen kommen aus einem warmen, tief empfindenden Herzen, sie sind groß und ernst, aber nicht minder zart und weich, und stets wahr und echt. Den herrlichsten Schatz seiner Kunst legte er in seinen Kirchencompositionen nieder. Jeden Sonntag wurde eine Cantatc ausgeführt, die meistens aus einem Chor, mehreren Sologesängen und einem Schlußchoral bestand und nach Verabredung mit dem Geistlichen sich dem Inhalt der Predigt genau anschloß. Nur die unerschöpfliche Erfindungskraft und die tiefe Meisterschaft Bachs konnte einer solchen Aufgabe genügen. Ueber ^iOO solcher Kantaten hat er geschrieben, die leider nur zum Theil erhalten sind. Bedeutender durch Umfang und Gehalt waren die Passionsmusiken, welche am Charfreitag aufgeführt wurden, so daß an die unveränderte Erzählung des Evangelisten an geeigneten Stellen sich Betrachtungen in Form von Arien, Chören und Chorälen anschließen. Die beiden noch vorhandenen Passionsmusiken nach Matthäus und Johannes gehören durch die Tiefe und Originalität der Erfindung nnd künstlerischen Ausführung unbedingt zu den größten Leistungen, welche die deutsche Kunst überhaupt hervorgebracht hat. Ihnen schließt sich die großartige Messe in U woll würdig an. Bach war auch anerkannt ver größte Orgel- und Klavierspieler seiner Zeit. Ein berühmter Virtuose auf der Orgel, Marchand, den er in Dresden zu einem Wettstreit aufforderte, verließ, nachdem er Bach gehört, heimlich die Stadt und stellte sich nicht. Friedrich der Große ließ ihn nach Berlin kommen und sprach laut seine Bewunderung für ihn aus. Er erfand eine neue Art der Fingersetznng, durch welche er der Schöpfer des heutigen Klavierspielers geworden ist. Seine zahlreichen Kompositionen für Klavier und Orgel sind noch heute eine Aufgabe für den Virtuosen, aber sie verlangen noch mehr einen gebildeten Musiker, denn in jedem spricht sich die vollendete Meisterschaft des ernsten Künstlers aus. Bach war zweimal verheirathet; in der ersten Ehe wurden ihm 7, in der zweiten 13 Kinder geboren. Mehrere von seinen Söhnen widmeten sich der Musik und fanden zum Theil lebhaftere Anerkennung als er; keiner ist dem Vater auch nur von fern nahe gekommen. Ein Denkmal ist Bach in LeZ^ig neben der Thomasschule errichtet; das beste stiftete ihm die 1850 errichtete Bachgesellschaft in Leipzig durch eine würdige Herausgabe seiner Werke. Johann Matthäus Bechstein. Geb. d. 11. Juli 1757, gest. d. 21. Febr. 1822. Sinter der großen Zahl tüchtiger deutscher Männer, die aus «Handwerks- und Gewerkesbandcn», aus nie-, dern Hütten, aus den Kreisen des Volkes sich in höhere Sphären cmporrangen, durch nichts unterstützt, als durch ihre glückliche Begabung und ihren Fleiß, war auch Bechstein. Viele seiner Zeitgenossen nannten ihn fern von aller Schmeichelei den «Vater der neuern Naturgeschichte» und er war es mindestens im Bezug auf das Gebiet der Ornithologie unbestritten, doch verdanken seinen Forschungen wie seinen Anregungen Forst- und Jagdkunde, Cameralistik und Landwirthschaft unendlich viel, und was er durch fast 3 Deeen- nien als Lehrer leistete, trug Früchte für das Vaterland, die man noch heute willig anerkennt. Bechstein wurde in dem Sachsen Gothaischen Dorfe Langenhayn, ohnweit Waltershausen, dicht am Fuße der Thüringerwaldberge, gleichsam aus deren Schooße geboren; der Vater war des Dorfes Huf- und Waffenschmied, nicht ohne Bildung, ein Freund höherer Lektüre und großer Jagdliebhaber und Naturfreund, Eigenschaften, die er auf den fähigen Sohn vererbte, ohne diesen aber für das Jagdfach zu bestimmen. Nach dem mangelhaften Unterricht in der Dorfschule nahm das Gymnasium zu Gvtha den vierzehnjährigen Knaben auf, der schon mancherlei Kenntnisse des Naturlebens sich selbst angeeignet hatte, damit er sich zum Studium der Theologie vorbereite. Von dort ging Bechstein nach Jena, wo er in der Thal, dem Wunsche des Vaters gehorsam, Theologie studirtc, nach der Heimkehr sein Candidateneramen bestand und zu in- formiren begann, auch hie und da einmal predigte; freilich woben sich aber in seine Predigten mehr Bilder aus der Natur als aus der Apocalypse ein, und das Gefühl, das Wesen der Gottheit in jedem Gebilde der Natur zu ahnen und anzubeten, sprach sich in seinen Kanzelvorträgen stets lebendig aus. In diese Periode von Bechstein's Leben fiel die Errichtung der Erziehungsanstalt zu Schncpfenthal durch Salzmann, und der letztere fand in Bechstein einen seiner ersten, fähigsten und thätigsten Gehülfen, nahm ihn zum Lehrer an, sandte ihn aber vorher noch an einige auswärtige Philantropine, nach Neckahn, Dessau und Leipzig, um deren Lehrmethoden kennen zu lernen, In Schnepsenthal war nun Bcchstein ganz im erwünschten Wirkungskreise, begann seine schriftstellerische Thätigkeit, sah sich durch den Coadjutor von Dalberg aufgemuntert, wurde von der Fürstin Juliane zu Schaumburg-Lippe mit dem Titel eines Bergrath beehrt, empfing Ehrendiplome gelehrter Gesellschaften, schloß den Bund des Herzens mit einer jungen Erzieherin am Institut, und faßte, da seine Neigung für das Forstwesen überhaupt und die Forst- und Jagd- naturgeschichte am lebendigsten in ihm vorherrschte, den Entschluß, eine Forstlehranstalt zu begründen, zu welchem Zweck er ein Schnepsenthal sehr nahe und dicht bei Waltcrshausen gelegenes Freigut, die Kemnote, käuflich an sich brachte und Schnepsenthal verließ. Die Ankündigungen der neuen Anstalt hatten den günstigsten Erfolg; es kamen zahlreiche Zöglinge, und am 10. Mai 1795» erfolgte die Eröffnung dieses Privatinstituts, das eines der ersten dieser Art in Deutschland war und später durch den Herzog zu Sachsen Gotha zu einer öffentlichen Lehranstalt der Forst- nnd Jagdkunde erhoben wurde, ohne daß aber der Begründer aus herzoglichen oder aus Landesmittcln nur die mindeste Unterstützung empfing. Um in steter Anregung zu bleiben und die junge Wissenschaft, zu deren Mitpfleger er sich geweiht, auch in weiten Kreisen fördern zu helfen, gründete Bcchstein die Soeictät der Forst- und Jagbkunde, der er zahlreiche Mitglieder gewann und für die er eine besondere Vereinsschrift, Diana, ins Leben rief. Ein äußerst lebhafter Briefwechsel mit Jagdfreundcn, Natur- kundigcn, Ornithologcn w. wurde von Bcchstein fortwährend geführt und neben dem Eifer für seine Anstalt eine außerordentliche literarische Thätigkeit entwickelt. Fleiß und Berufstreue waren die Sterne seines Lebens, sie leiteten ihn sicher zum Ziele. Schon hatten seine «gemeinnützige Naturgeschichte Deutschlands», die des «In- und Auslandes» und die «Naturgeschichte der Stubcnvögcl» ihm einen geachteten Namen gemacht, denn seine Schriften vereinten volkSthümliche Allgemcinverständlichkeit mit Gründlichkeit, die in eigener scharfsichtiger Beobachtung ihren Boden fand; an diese eigenen Schriften reihten sich gediegene Uebersetzungen englischer und französischer naturgcschichtlicher Werke, Latham, La Capede u. a. Indessen brachten Hemmungen statt Förderungen und manche sonstige unangenehme Erfahrung Bcchstein dahin, seine Anstalt aufzugeben und in die Dienste des Herzog Georg zu Sachsen Meiningen zu treten, welcher den Werth des Mannes erkannte und geneigt war, seinem Lande eine Forstlehranstalt zu geben. Herzog Georg ernannte Bcchstein im Jahre 1789 zum Kammer- und Forstrath mit Sitz und Stimme in der herzoglichen Kammer, und begründete die nachher so berühmt gewordene Forstacadcmie zu Dreißigacker, vorerst nur, und bis 1803, unter dem Namen einer öffentlichen Lehranstalt der Forst- und Jagdkunde. Mit Beibehaltung seines Besitzthums bei Waltcrshausen übersiedelte nun Bechflcin an den Ort seiner neuen Bestimmung und weihte der seiner Leitung anvertrauten Anstalt allen Eifer und alle Liebe, die ihn für dieselbe beseelte, durch dreiundzwanzig Jahre, durch gute und schlimme Zeiten, durch gute Gerüchte und böse Gerüchte, streute eine reiche Saat der forstmän- nischen Lehre nnd Bildung in die Seelen fähiger Jünglinge aus, von denen viele noch lebende in hoher ehrenvoller Stellung sein Andenken segne», und vermehrte seinen Ruhm durch stets fortgesetztes unermüdliches literarisches schaffen; dahin gehört, kleinere Schriften ungerechnet, sein «ornithologisches Taschenbuch von und für Deutschland», die «vollständige Naturgeschichte der schädlichen Forstinsckten«, in Gemeinschaft mit dem Pfarrer Scharfenberg die «Forstbotanik oder vollständige Naturgeschichte der deutschen Holzarten w.» und endlich das vorzügliche, noch heute geschätzte von ihm ins Leben gerufene Hauptwerk: «die Forst- und Jagdwissenschaft nach allen ihren Theilen», darin Bcchstein die dritte Auflage seiner «Forstbotanik«, die «Waldbcnutzung für Forstmänner», die «Jagdzoologic», die «Jagdtechnologie», die «Wildjagd und Wildbc- nutzung» gehören. Letzteres Buch gab ein treu bewährter Freund, Laurop, nach des thätigen Verfassers Tode heraus. Diesen selbst beugte im Jahre 1810 der Tod des hoffnungsvollen einzigen Sohnes tief danieder, doch trug er männlich seinen Schmerz und lebte in redlicher Pflichterfüllung, geschätzt und geliebt von allen, die ihm nahe standen, unausgesetzt thätig fort. Der Kreis seiner Thätigkeiten war sehr umfassend; neben dem Lehramt, neben dem wirken als Schriftsteller mußte er wöchentlich 3 mal von Dreißigacker nach der Stadt, um den Kammersitzungen beizuwohnen und zahlreiche cameralistische Ausarbeitungen besorgen. Gegen 1818 hin begann seine Gesundheit zu wanken, doch erhielt er sich noch bis zum 63. Lebensjahre. Sein hinscheiden wurde beklagt in Nähe und Ferne. Vielen hatte er Wohlthaten erzeigt, andere durch Empfehlungen gefördert, viele ehrten und liebten in ihm den treuen Freund, den lebhaften, muntern Gesellschafter; vielfach wurde er zu Rath gezogen, seine Freude und Liebhaberei an den gefiederten Sängern der Haine, seine Herzcnsgüte und Freundlichkeit leben noch in bester Erinnerung, und sein Name ist würdigen Priestern seiner Zeit im Tempel der slms msler würdig zugesellt. Ludwig van Beethoven. Geb​​. d. 16. Dez. 1770, gest. d. 26. März 1827. In Beethoven besaß und verlor Deutschland einen musikalischen Genius voll Herrlichkeit und schöpferischer Tiefe, der eben so erfüllt von unerreichter Größe und Hoheit in seinen Tondichtungen, wie liebenswürdig und edel als Mensch war. Beethoven wurde zu Bonn geboren; sein Vater, Anton, war Tenorist in der Hofkapelle des Kurfürsten Marimilian Friedrich von Cöln. In zarter Jugend schon erwachte in des Knaben, ja des Kindes Seele das Töneleben; schon in seinem 3. Jahre konnte er Musikunterricht empfangen, welcher ihn so ganz hinnahm, daß des Vaters Unterricht bald nicht mehr ausreichte; bessere und treffliche Lehrer leiteten nun den jungen Tonkünstler von Stufe zu Stufe höher, unter ihnen besonders van der Eden, und später, nach dessen 1782 erfolgtem Tode, der wackere Hof- organist Neefe, der gefühlvolle Komponist des Liedes: «Wie sie so sanft ruhn», welcher auf Kosten des Kurfürsten mit Sorgsamkeit und Liebe sich dem Unterricht des viel verheißenden Knaben hingab, der ihm dafür mit voller Liebe lohnte. Während Beethoven bald schwierige Meisterwerke, wie die Sebastian Bach's, mit Virtuosität und bewunderungswerther Fingerfertigkeit spiele» lernte, erwachte auch in ihm der selbstschaffeude Gedanke, und so erschien es als eine Wundcrthat, daß der 11jährige Knabe im Jahre 1781 nenn Variationen über einen Marsch, drei Elaviersonaten und einige Lieder im Stich und Druck herausgab. Der gediegene Lehrer leitete seinen genialen Schüler auch zur Orgel; Beethoven wurde mit 1-1 Jahren Cembalist bei der kurfürstlichen Hofkapelle und im Jahre 17!11 schon Hoforganist, weil sein treuer Lehrer 1790 seine Stelle in Bonn mit einer ähnlichen in Dessau vertauscht hatte, und auch auf der Orgel, diesem großartigen und schwierigen Instrumente zeichnete sich der junge Künstler auf das rühmlichste aus. Da sandte ihn sein Fürst nach Wien, damit er unter Haydn sich vollends in der Komposition ausbilde und unter diesem trefflichen Lehrer begann nun für den aufstrebenden Künstler ein Leben voll Glück und freudigen Weitergelangcns, je mehr er sich vertraut machte mit den große» Meisterwerken seines Lehrers, und jener Werke Mozart's, Händcl's, Bach's, wie aller damals gefeierten Heroen der Tonkunst. Es ^ZÄöL'li-iÄiz, konnte nicht fthlc», daß des Lehrers, daß Haydn's Geist i» de» veröffentlichte» Tonschöpfnngcn des Schillers hindurchklang; aber bald entfaltete Beethoven's Genius voll ureigener Kraft selbstständig seine Töneschwingcn, so in seinem gewaltigen Spiel am Pianvforte, wie in den Kompositionen voll Meisterschaft und hoher Weihe. Er ahmte nicht mehr Haydn nach, nicht Mozart, groß und frei wandelte er die von ihm selbst sich gebrochene Bahn zu den höchsten Höhen des in seiner Kunst erreichbaren. Fast jede Gattung der Komposition versuchte er, Sonaten und andere Clavicrarbeiten, Messen und Oratorien, Opern und Symphonien. Seine Oper Mivelio ist ein wahrer Schatzbchalter musikalischen Jdeen- reichthuins, und in seinen Symphonien steht Beethoven noch heute unübertroffen herrlich da. Aber auch dem reinen Kuusthimmel, in welchem Beethoven mit den Himmlischen verkehrte, trat irdisches Leid nah, und die irdische Sorge umwölkte ihn. Eine hoffnungslose, getäuschte Liebe, Neider und Anseinder in Menge, und dazu die luuseufeindlichen Unruhen des Krieges erregten allzumal den Wunsch in Beethoven, Wien zu verlassen. Es winkte sogar ein Ruf des damaligen Königs von Westphalen znr Capellmeisterstclle au den glänzenden Hof von Kassel; allein drei Kunstmäccne, der Erzherzog und Cardinal Rudolph, der Fürst Lobkowitz und Fürst Kinsky vereinten sich, Beethoven für immer an Oesterreich zu fesseln; sie gaben dem großen Künstler eine sorgenfreie Lebensstellung. Geld und Gaben strömten ihm »och außerdem in Fülle zu, theils als Loh» seines rühmliche» Fleißes, theils als Geschenke von Fürsten und Gesellschaften; er ward mit Ehren überhäuft. Aber alles Glück, welches das Leben ihm bot, ward getrübt durch das Unglück, taub zu werden, tanb zu bleiben. Und dann — war Beethoven ein Musiker und kein Nechnenkünstler — er achtete daS Geld nicht, sparte nicht, sammelte nicht; so wurden auch durch manche Verlegenheiten die hellen Sonnentage seines Künstlerlcbeus verdüstert, und Mißmuth, Menschenscheu, wie die Neigung zum Bizarren erfaßten ihn. Etwas von diesen Stimmungen ging denn auch in seine letzten Werke über; auch äußerlich vernachlässigte er sich, doch blieb seine Natur stets rein und edel, wohlwollend und menschenfreundlich, er blieb bis zum letzten Hauch ein Hvhcrpriester seiner Kunst. Groß war die Klage und die Trauer um den geschiedenen; die geistvollsten Schriftsteller und die gründlichsten Kenner haben seine zahlreichen musikalischen Schöpfungen nach Verdienst gewürdigt, und sein Ruhm ist noch ganz derselbe, der er vor einem Vierteljahrhundert war, als Ludwig van Beethovens Lebensstern erlosch. Götz von Berlichingen. Geb. 1480, gest. d. 25. Juli 1562, Der berühmte Ritter, um den die deutsche Poeste verklärende Strahlen wob, die ein Ulrich von Hütten, ein Franz von Sickingen in ungleich höherem Grade verdient hätten, denn an deren geistige Hoheit reichte Götz nicht hinan, wie oft er auch mit ihnen zugleich genannt und als Heros deutscher Mannheit gepriesen wird. Ein männlicher Ritter war Gvtz in jungen und alten Jahren, kernhaft und derb, ein Sohn seiner Zeit, die noch im Harnisch des Faustrechts sich gefiel und bewegte. Er wurde auf der Burg Jarthausen geboren, besuchte als Knabe die Schule zu Niedernhall am Kocher, doch nur ein Jahr lang, denn er hatte mehr Lust an Pferden und Reiterei, als an der Schule, und wurde bald ein Reitersbub bei seinem Better Conrad von Berlichingen, der ihn schon 1495 mit auf den Reichstag nach Worms nahm, wobei er täglich 8 bis 9 Meilen auf dem Pferde zu sitzen hatte. Da lernte er reiten und übte diese freisame Kunst oft und viel, hin und her, bis sein wackerer Vetter zu Lindau am Bodensee starb, worauf Götz 1496 sich zu Markgraf Friedrich IV. zu Ansbach in Dienste begab, mit diesem im Heere Marinii- lian's I. den Zug nach Burgund that und vor Langres sich durch persönliche Unerschrockenheit und Tüchtigkeit auszeichnete. Während Götz mit zu Felde lag, starb sein Vater zu Jarthausen, und nach beendigtem Heereszug besuchte der junge Knappe seine Heimath, feierte bei den seinigen, bei Mutter, Bruder und Schwester, Fastnacht, bekam aber Jarthausen und die Ruhe dort bald satt und überdrüssig, und ritt wieder zum Markgrafen gen Onolsbach, mit dem er 1499 in den Schweizerkrieg zog. Dort sprach ihn der Kaiser selbst freundlich an. Später kämpfte Götz als fahrender Ritter, theils in Privatfehden, theils in markgräflichcn Diensten, zog mit gegen Nürnberg, machte von 1594 an den bayrischen Krieg mit, und hatte das Unglück, daß die Kugel einer Feldschlange seinen Schwertknauf traf, der durch die Armschienen drückend ihm den Vorderarm zerschmetterte, während dieselbe Kugel einen andern Kämpfer todt niederstreckte. Götz mußte die Hand sich abnehmen lassen und lag lange leidend in der Stadt Landshut, bis er heil ward und eine kunstvolle mechanische Hand ihm, übel genug, die verlorene ersetzte, wodurch ihm der Beiname Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand zu Theil wurde. Nach wie vor blieb Götz beim Kriegs- und Reiterhandwerk, machte auf offenem Felde Bekanntschaft mit Görg von Frundsberg und Franz von Sickingen, wurde aber weder der Schwager des einen noch des andern, wie vielfach irrig geschrieben und geglaubt worden ist. Daß ritterliche Befreundete sich gegenseitig Schwager nannten, war eine zeitgemäße Höflichkeitsformel, so nannten sich die Fürsten häufig in Briefen: lieber Ohm, Schwager, Bruder, Sohn, Gevatter u. dgl., ohne daß stets dieß Verhältniß wirklich stattfand. Götz fuhr fort, bald dem, bald jenem um Sold zu dienen, und so fehdete er eine Reihe von Jahren hindurch gegen den Landgrafen von Leuchtenberg, gegen Cöln, gegen die Grafen von Hanau, gegen das Geschlecht der Waldstromer in Nürnberg. Er fing Leute und Wagen weg, erhob Brandschatzung, und zog sich endlich wegen offenen Landfriedensbruches die Reichsacht zu, bis der Span vertragen ward und Götz wieder ruhig nach Hause ziehen durfte. Als der Bauernlärm des sogenannten «armen Conrad» aufkam, leistete Götz seinem Landesherr«, dem Herzog Ulrich ven Würtemberg, mit 30 reistgen Knechten Zuzug gegen die Aufwiegler und half den «armen Kunz» zu Paaren treiben. Im Jahre 1515 befehdete der biedere Götz den Kurfürsten von Mainz, überfiel einen Zug mit Kaufmaunsgüter», erbeutete 8000 Gulden, brandschatzte oder zerstörte hie und da Schlösser und Gehöfte, nahm den mamzischen Rath und Diener Grafen Philipp II. von Waldeck persönlich gefangen und schleppte ihn durch vieler Herren Länder nach Jart- hausen, von wo aus Götz für «Zehrungs- und Reisekosten» ein LosungSgeld von 8100 Gulden heischte, das des Grafen Sohn erlegte, und damit den greisen Vater befreite. Auch diese Fehde ward geschlichtet und vertragen, und dann leistete Götz Franz von Sickingen Kriegshülfe gegen Worms, ob- schon er nicht persönlich an dessen Zuge Theil »ahm. In dieser Zeit erwarb Götz von dem erbeuteten Gelde das schöne Schloß Hornberg am Neckar, bezog und bewohnte es und schrieb sich fortan stets: Gotz oder Gottfried von Berlingenn (so, nicht Götz v. Berlichingen) uf Hornbergk. Er setzte wohlgemuth Reiterei und Fehderei in alle Wege fort, vertheidigte mit großer Tapferkeit nach der Vertreibung des Herzogs Ulrich dessen ihm anvertrautcs Schloß Möckmühl und wurde, nachdem ihm bei völliger Unmöglichkeit längerer Vertheidigung endlich die Belagerer freien Abzug zugesichert hatten, treuloser Weife gefangen genommen und nach Heilbronn gebracht, wo er über eine Nacht in einen Diebsthurm gelegt wurde. Und obwohl Georg von Frundsberg und Franz von Sickingen redlich das ihrige thaten, den Freund zu erledigen, so gelang dieß dennoch nicht, und Götz mußte in leidlicher Haft bis zum Jahre 1522 zubringen, bis er sich mit 2000 Gulden lösen konnte. Jetzt begab er sich auf sein Schloß Hornbcrg und lebte seiner Familie. Er war zweimal vermählt. Die erste Gemahlin war Dorothea von Sachsen- heim, die zweite Dorothea Gailing von Wiedersheim. Seine Familie war eine zahlreiche, er hatte 8 Söhne nnd 5 Töchter, doch Pflanzte nur ein Sohn das Geschlecht fort. Die Ruhe auf der neuen Stammburg lenkte des tapfern Ritters Auge hinweg von den Schwertfehdcn auf die des Geistes, die durch Ulrich von Hütten, wie durch Luther und andere rcforma- tvrische Zeitgenossen entbrannten, und er neigte sich in seinem Innern der Lehre Luther s mit freudigem Beifall zu — wie man sagt und annimmt — denn in des Ritters Selbstbiographie steht von Luther, vom Glauben, Lehre u. dgl. kein Sterbenswort. Da kam durch Lnther'ö mißverstandenes Wort von der geistigen Freiheit einestheils, anderntheils durch wirklich allzu harten Druck hervorgerufen, der landschädliche Bauernkrieg, der gegen Fürsten nnd Ritter Karst und Dreschflegel zu Waffen stempelte nnd erhob. Ritter Götz von Berlichingen genoß, ganz gegen seinen Willen, das zweideutige Glück, volksthümlich zu sein; er war ein Ritter wie andere und es fiel ihm nicht im entferntesten ein, das Nichtsnutze Treiben und Gebaren der Bauern gut zu heißen. Zudem nahmen sie ihm sein Schloß Hornberg ein, darin seine Frau als Wöchnerin lag, begehrten seiner als eines kriegskundigen Hauptmannes, und er war rathlos, ob er dem Pfalzgrafen, seinem Nachbar und früheren Herrn, zu Hülfe reiten oder dem Rufe der Bauern Folge leisten sollte, denn die Bauern waren wie sie immer sind, wenn der Aufruhrgeist über sie kommt, nach Götzes eigenem Ausdruck, «alle voll Teufel», und Götz wünschte ihnen, daß statt seiner «der Teufel ihr Hauptmann werde». Das alles half ihm aber nichts, er wurde — gleich vielen andern fränkischen Fürsten, Grafen und Herren — in den Bauernbund gezwungen, und mußte des tollen Haufens Hauptmann werden, obschon er wünschte, «lieber im ärgsten türkischen Thurme zu liegen, als bei dem Gesinde!». «Frei und gut rund» schlug Götz den Bauern ihr Ansinnen ab, zu ihnen zu halten, «denn ihre Handlung und seine Handlung, und ihr Wesen und sein Wesen wären so weit von einander, als der Himmel von der Erden» — es half alles nichts; Götz blieb nur die Wahl, zu dem toll gewordenen Volke zu halten oder aber todtgeschlagen zu werden, und er suchte nun als Bauernführer nur Schaden zu verhüten und die Wiederkehr solcher Greuel zu verhindern, wie sie zu Weinsberg und an andern Orten des Schwaben- und Frankenlandes verübt worden waren. Als oberster Feldhauptmann des Bauernheeres zog Götz mit vor Würzburg, wurde von den ihm mißtrauenden Bauern mit dem Tode bedroht, entging aber glücklich der Gefahr und überließ die Aufwiegler dem verdienten Schicksal und der rächenden Hand der Vergeltung durch den schwäbischen Bund und die vereinte Fürstenmacht. Eine Menge Briefe Götzes, die noch vorhanden sind, enthalten ausführliche Rechtfertigungen seines Verhaltens im Laufe dieser bedrohlichen Zeit, allein man nahm ihn dennoch in Haft und er mußte das unfreiwillige Bauern- bündniß mit zwei Jahren Kerker büßen, nach welcher Haft er eine strenge Urphede beschwören mußte und auf die eigene Burg gleichsam festgebannt wurde, bis Kaiser Karl V. ihm die volle Freiheit wieder gab und ihn zu einigen Feldzügen verwendete, auf denen jedoch dem alternden Ritter versagt blieb, Ruhmcslorbecren zu pflücken. Von da ab blieb Götz friedlich zu Hause auf Burg Hornberg, starb nicht nach Freiheit seufzend im Gärtchen am Thurm zu Heilbron», sondern ruhte gemächlich aus von seinem vielbewegten Leben, beschrieb es treulich und treuherzig, so gut er konnte, und erreichte das hohe Alter von 82 Jahren. Er starb zu Hornbcrg und wurde im berliching'schen Erbbegräbniß im Kloster Schün- thal beigesetzt, ihm auch ein stattliches Monument daselbst errichtet, das ihn in Lebensgröße kniend und betend darstellt. Bernhard, Herzog zu Sachsen-Weimar. Geb. d. 6, Aug. 1604, gest. d. 8. Juli 1639​. Einer der hochherzigsten Kämpfer für die Freiheit des Glaubens, für die Freiheit Deutschlands — tapfer und heldenmüthig, der hohen Ahnen seines Stammes würdig, welche die Reformation förderten nnd schirmten, und getreu bis zum frühen Tode. Ehrend nennt ihn die Geschichte: Bernhard der große, denn Größe des Geistes, Größe der That waren ihm eigen, und nicht der Grcisenjahre bedarf es, solch ein hohes Ziel zu erreichen; die jugendliche Thatkraft pflückt sich vom Baume des Ruhmes die blühendsten Kränze, und nicht der lang, sondern der tüchtig lebende gewinnt sich den Preis. Bernhard zu Sachsen wurde seinem Vater, Herzog > Johann, als zehnter und jüngster Prinz zu Weimar geboren, und hatte das Unglück, ein Jahr alt seinen Vater und, noch nicht 1 3 Jahre alt, seine Mutter zu verlieren. Diese bat er um eine Hutschnur, und sie antwortete lächelnd: Lieber Bernd, wenn ich Dir jetzt eine Hutschnur kaufe, brauche ich Dich an Deinem nahen Geburtstag nicht anzubinden. Der Sohn erhielt die Hutschnur, und als sein IZter Geburtstag da war, ruhte seine Mutter schon in der Gruft. Gemeinschaftlich mit seinem 1 Jahr ältern Bruder Friedrich Wilhelm ging Bernhard auf die Hochschule Jena; dieser Bruder starb aber schon im 19. Jahre, und Bernhard kam an den Hof Herzog Johann Ca- simir's zu Coburg, wo er zwei Jahre verweilte nnd dann unter den Fahnen Graf Ernst's von Mannsfcld Kriegsdienste nahm, unter denen sein Bruder Wilhelm bereits ebenfalls diente. Es war ein ritterlicher Kern in fast all' diesen Söhnen Herzog Johann'ö, kaum möchte ein deutsches Fürstenhaus eine solche Brüdcrschaar aufzeigen. Der älteste Bruder, Herzog > Johann Ernst, endete als königlich dänischer Gcncral- Feld-Obrist in Ungarn; Herzog Friedrich fiel im Dienst des Böhmenkönigs, Kurfürst Friedrich's von der Pfalz , im Treffen bei Fleury; Herzog Wilhelm wurde einer der hervorragendsten ausgezeichnetsten Feldherren im dreißigjährigen Krieg, und Herzog Ernst war groß als Heldcnführcr in demselben Kriege, noch größer aber als Friedensfürst. Herzog Bernhard, dieser genannten Herzoge Bruder, wurde Rittmeister unter Herzog Wilhelm, kämpfte unter dem berühmten Mannsselder und dem Markgrafen Georg von Baden gegen Tilly und Wollenstem, und trat später in die Dienste der General- Staaten, wo er unter den berühmten Dräniern gegen die Spanier focht. Später kämpfte der Herzog unter den Bannern des Dänenkvnigs Christian IV., zog mit seinem Bruder Johann Ernst nach Westphalcn, dann nach Siebenbürgen zu Bcthlcn Gabor und endlich in das Lager vor Troppau, half auch Schlesien befreien, sah sich aber durch das wechselnde Geschick dennoch genöthigt, den dänischen Kriegsdienst zu verlassen, des Kaisers Gnade nachzusuchen, und empfing am 14. März 1628 von dem stolzen Friedläuder den kaiserlichen Schutz- und Schirmbrief. Aber nach wenigen Jahren wehten die Fahnen Gustav Adolph's auf deutscher Erde, und ihnen eilten freudig die der protestantischen Lehre angehörenden deutschen Fürsten zu, vor allen die sächsischen Herzoge, und Bernhard, nun schon im Waffenwerk erprobt, wurde vom Schwedenkönig zum General-Major ernannt, half die Schlacht bei Breitenfeld und den noch nie besiegten Tilly schlagen, wurde General der Infanterie, half Erfurt erobern, Schwcinfurt und Würzburg nehmen, folgte dem König im Spätherbst nach dem Rhein, nahm Schloß Ehrenfels und dann durch eine Kriegslist mit nur 300 Mann das gut besetzte Mannheim, wo er die deutschen Truppen schonte, aber 150 Spanier über die Klinge springen ließ. Mehr als einmal wurden dem tapfern und hcldenhcrzigen Führer Pferde unterm Leibe erschossen; stets war er das Schwert in der Faust muthvoll voran, leitete die Angriffe und führte meist seine Truppen zum Siege. Während der nicht minder tapfere Bruder Wilhelm in dem ewig denkwürdigen Jahre 1652 Goßlar in Güte, Göttingcn mit Sturm eroberte, nahm Herzog Bernhard mehrere Städte der Pfalz, auch Bacharach a. Rh. und die Beste Stahleck, und stieß dann zu des Königs Heer, der nun .seine Siegcsbahn durch Bayern verfolgte, Augsburg nach der Schlacht bei Donauwörth, welche Tilly das Leben kostete, Landshut und Freisingen nahm und in München glorreichen Einzug hielt. Als der König nach Franken zurückgegangen war, blieb Herzog Bernhard in Bayern und gewann die Städte Frcibnrg, Ehingcn, Füssen und Landsberg. Dann wieder mit dem König vereinigt, hals er das wohlverschanztc Lager Wallcnstein's stürmen, leider, aller Tapferkeit ohngeachtct, fruchtlos. — Bernhard behauptete Windsheim, vereitelte das Vorhaben Wallen- stein's, sich der Städte Würzburg und Schweinfurt zu bemächtigen, zog dem Friedländcr nach, schlug dann 40 Schwadronen Reiter Jsolano's (so und nicht Jsolani schrieb dieser seinen Namen) und gewann zehn Standarten. Wallenstein's Heer wüthete jetzt in Thüringen und Sachsen, er eroberte Leipzig; der Kurfürst von Sachsen rief Gustav um Hülfe an, dieser brach aus günstigen Stellungen aus Bayern auf und zog gen Norden; Bernhard vereinte sein Volk bei Schleustngen mit dem des Königs, verfolgte Pappenheim und stieß bei Naum- burg abermals zum König, worauf sie gemeinschaftlich gen Lützen zogen. Die denkwürdige blutige Schlacht bei Lützen wurde geschlagen, tapfer kämpften die Sachsen- herzoge, der König sank, eine Kugel riß Bernhard den Hut vom Kopf, aber unerschrocken blieb der Held am entscheidenden Tage, er rettete den Sieg und wurde nun Oberfeldhcrr des Schwedenheeres. In dieser Eigenschaft nahm er Leipzig und Chemnitz wieder, wandte sich dann nach Franken, zu dessen Herzog ihn die schwedische Regentschaft ernannte. Er übergab die Statt- halterschaftj seinem in der Rcgierungskunst mehr erfahrenen Bruder Ernst und verfolgte die Bahn seiner Siege, eroberte Neustadt, Eichstädt, Kelheim und Rc- gensburg, später Landshut, wo Aldringer fiel; aber mitten in der Siegcsbahn erfolgte am 27. Aug. 1654 die unheilvolle Schlacht bei Nördlingen und vernichtete einen Theil von des Herzogs Heldenrühm. Dennoch wurde ihm im folgenden Jahre nach dem Bündniß mit Frankreich zu Worms das Ober-Generalat über die schwedische und die mit ihr verbundene Armee übertragen. Bernhard eroberte bald darauf Speier und entsetzte Mainz. Das Bündniß mit Frankreich veranlaßte den Herzog, selbst nach Paris zu reisen, 1656, wo er sich ehrenvoll empfangen und ausgezeichnet sah, aber mehr Versprechungen als Geld und Truppen erhielt, was sich auch fortsetzte, obschon der Herzog fortfuhr, seine Heldenlaufbahn mit den Ruhmcskränzen von Elsaß-Zabcrn, Rheinfelden und Breisach zu schmücken. Bernhard's Streben ging dahin, sich aus dem Elsaß und dem Breisgau ein fouveraines Herzogthum zu gründen; dieß war der Politik Richelieu's entgegen, der diese Lande an Frankreich zu bringen suchte — und siehe, schnell erkrankte der Herzog und verschied im 55. Lebensjahre. Schwarze Flecken zeigte sein entseelter Leichnam und laut ging durch alle Lande die Kunde, daß wäl- sches Gift den tapfern Helden hingcopfert, den keiner zu ersetzen vermochte. Gebhardt Lebrecht v. Blücher Fürst von Wahlstadt. Geb. d. 16. Dez. 1742, gest. 12. Sept. 1819. „Marschall Vorwärts!" so nannte das Volk den deutschen Kampf- und Siegeshelden, der sich um das Vaterland den ewigen Dank und den Lorbeer der Unsterblichkeit verdiente. G. L. v. Blücher aus dem Hause Großen Rauzow, wurde zu Rostock geboren und war der Sohn eines Hessen-Cassel'schen Rittmeisters. In kriegerisch bewegte Zeit fiel seine Jugend, da klangen schon die hohen Namen Ziethen, Schwerin u. a., denen einst der seine sich ruhmvoll genannt anreihen sollte. Blücher hatte schon 1738 im v. Mörner'schen Husarenregiment schwedische Dienste genommen, wurde im 2. Dienstjahre preußischer Kriegsgefangener und dann preußischer Husar unter Oberst Belling, sah sich aber zurückgesetzt, mit Absicht Übergängen und forderte als Siabs-Nittmeister den Abschied, indem er sich zugleich vermählte und sich in die Ruhe des Landlebens zurückzog, nächst dem, daß er in den Civildicnst trat und die Stelle eines Rittcrschaftsrathes bekleidete. Noch war Blücher's Zeit nicht gekommen, und schien auch nicht kommen zu wollen; denn Blücher zählte 45 Jahre, ehe noch der durch die französische Revolution erregte Waffenlärm durch gest d. 12. Sept. 1810. die Länder rauschte. Jetzt rief ihn König Friedrich Wilhelm II. 1787 als Major wieder zum alten Husaren- regimcnte, das Blücher später als Obrist gegen die Franzosen führte. Binnen kurzer Zeit war sein Name geachtet und gefürchtet; von Blücher und seinen tapferen Husaren sprach bald genug alt und jung; als Generalmajor wurde er zum Wächter des Niederrhcins bestellt, bis der Friedensschluß zwischen Preußen und Frankreich im Jahre 1795 die sieggewohnten Waffen in die Scheiden bannte. Blücher wurde 1801 zum Gcnerallicutenant erhoben, nahm 1802 für seinen König Friedrich Wilhelm III. Erfurt und Mühlhausen in Besitz, und als der Feldzug des Jahres 1806 begann, befehligte er in der Hauptarmec. Sein Scharfblick, seine Vorsicht im Bunde mit energischer Raschheit, wenn es galt, kühn und feurig und doch besonnen zu wirken, an Jahren nun schon ein Sechziger, an Muth und Kraft noch ein Jüngling, bewirkten unendlich viel und so leistete Blücher als Feldherr ausgezeichnetes und außerordentliches, namentlich in den Schlachten von Auerstädt und Jena, bis gleich dem Preußens auch sein eigener Glücksstern sich trübte, und das Mißgeschick durch gänzlichen Mangel an allen Kriegsbedürfnissen und nach der mannhaftesten Gegenwehr ihm in den Tagen von Lübeck die Kapitulation abzwang und ihn zum Kriegsgefangenen machte. Seine Auswechselung erfolgte jedoch nach kurzer Frist.gegen den von Schilt gefangenen französischen Marschall Victor (Bellnno), und da nun 1807 abermals ein Friedensschluß, der zu Tilsit, zu Stande kam, erhob der König Blücher zum Militairgonvcrneur der Provinz Pommern, berief ihn aber später nach Berlin, um ihm im Kriegsdepartemcnt eine geeignete Wirksamkeit zu übertragen. Wieder zogen Jahre vorüber. Napoleon wälzte die Massen seiner Hccreswogcn gegen Rußland, und Blücher sah sein siebenzigstes Lebensjahr herannahen, ein Alter, in welchem selbst rastlos thätige, wenn sie es erreichen, gern das Ziel der Ruhe begrüßen; da erhob sich Preußens König mit seinem Volke, da saß der alte Blücher wieder hoch zu Roß und tummelte es jugendlich, und als die vcrhängniß- volle Schlacht bei Groß-Görschen geschlagen ward, war es Blüchcr's Heldengeist und Hcldenarm, der unter GottcS Schutz den preußischen Waffen zum Siege half. Es bedarf nur der Namen der Schlachten, von denen jede ein Sieges- und RuhmcSstern für Blücher wurde, um die helllcnchtende Glorie um das verehrte Haupt des greisen Helden, Deutschlands Befreiers, zu erblicken: Bautzen und Wahlstadt an der Katzbach, Wartenbnrg und Leipzig, la Nothiere, Champanbert und Laon — bis der Einzug der verbündeten Monarchen und ihrer Heere die Kette glorreicher Thaten würdig abschloß. Allseits auf das freudigste anerkannt, schmückten die Monarchen des Generalfeldmarschalls Blücher Brust mit ihren höchsten Orden; er ward reich mit Gütern begabt und in den Fürstenstand erhoben. Fürst von Wahlstadt hieß er nun so recht bedeutungsvoll, denn fast jede Wahlstatt, auf welcher er kämpfte, war ihm eine Sicgesstätte geworden; sein bekannter Znrns: «Vorwärts Kinder, vorwärts!» begeisterte die Mannschaften, setzte Regimenter in nnwiderstehbare Bewegung, und Rußlands Krieger zuerst waren es, die dem großen Heerführer den schnell allbeliebt bleibenden volksthümlichen Namen «Marschall Vorwärts» beilegten. In Paris drohte eine Krankheit dem durch unerhörte Kriegsstrapatzcn erschöpften Leben Blüchcr's ein Ende zu machen, aber die kräftige Natur besiegte selbst den Tod; Blücher folgte seinem König nach England, ärntete auch dort als einer der gefeiertsten Helden der Zeit die höchsten Ehren, und kehrte endlich in das durch ihn zumeist mitgerettctc und von dem tyrannischen Druck der napoleonischen Herrschaft befreite deutsche Valerland zurück, um auf den ihm zu Theil gewordenen Gütern nun endlich zu ruhen und zu rasten. Aber nur kurz war seine Rast; Napoleon befreite sich und wieder traf seines Königs Ruf den drciundstebzig- jährigcn Helden, der thatendurstig aufbrach, abermals harte Kämpfe bestand und durch seine thatkräftige Naschheit in der Schlacht bei Watcrloo den Verbündeten den schweren Sieg über Napoleon rettete. Noch einmal ergab sich die stolze Scincstadt dem deutschen Sieger, der nun die Rückgabe aller aus Preußen geraubten Kunstschätze befahl und sänvcre Contribntionen zu gerechter Strafe über Frankreich verhing, worauf er auf seine Güter in Schlesien sich zurück begab. Dort beschloß er sein Helrcnleben, 77 Jahre alt, noch erlebend, daß seine Vaterstadt Rostock ihm ein ehernes Denkmal setzte. In würdevoller Einfachheit, wie des Helden Leben gewesen war, dichtete Goethe des Denkmals gedankenschwere Inschrift: „In Harren und Krieg, In Sturz und Sieg Bewußt und groß! So riß er uns Vom Feinde los." Johann Friedrich Blumenbach. Geb. d. 11. Mai 1752, gest. d. 22. Jan. 1840. Blumenbach's Name lebt, als der eines Naturforschers von Weltruf, eines Vaters der vergleichenden Anatomie und des lange Jahre hindurch hochgefeiertcn Nestors der Naturforscher Deutschlands, in unvergänglicher Erinnerung. Blumenbach wurde in Gotha geboren, sein Vater war dort Professor am Gymnasium, selbst Naturfreund und Kenner; er half den talentvollen Sohn mit Liebe vorbilden, so daß dieser schon 1769 mit 17 Jahren die Universität Jena beziehen konnte. Blumenbach wandte sich ein Triennium hindurch ganz dem Naturstudium, verbunden mit dem der Arzneikunde, zu, ging von Jena 1772 nach Gottingen, promovirte dort im folgenden Jahre und begann nun selbst naturgeschicht- liche Vortrage zu halten. Er erhielt eine Professur der Medicin und wandelte fortan seine wissenschaftliche Laufbahn, die ihn zu einem Ziele führte, das nur wenige erreichen, zu dem Ziele, gleichsam eine Großmacht im Reiche der Wissenschaft, eine allbekannte, allgefeierte Autorität zu werden und zu sein. Schon seine Dissertation: äs geiisris lrumsni vsrietato nativa war gleichsam der Vorläufer seiner umfassenden Thätigkeit im Gebiete der physischen Anthropologie. Das fortgesetzte Studium der Meisschenracen, auf die Bildung der verschiedenen Schädelformen begründet, gab Vlu- menbach Anlaß zur Anlage seiner berühmten Schädelsammlung, welche wohl kaum ihres Gleichen hatte. Nicht minder bedeutend, wie auf diesem anziehenden Gebiete der organisch-animalischen Natur, war Blumenbach auch in jenem der Geologie, Mineralogie und Versteinerungskunde. Diese lag vor ihm noch ganz im Argen, vielen waren die Versteinerungen noch «Naturspiele» und eine unbegrissene Welt. Blumenbach's Beiträge zur Naturgeschichte der Vorwelt trugen Licht in die frühere Unklarheit; er verband die Verstcinerungskunde mit der Geologie, er beseitigte den lange geglaubten Iwmo -m- teäiluvianus Scheuchzer's. Er schrieb ein «Handbuch der Naturgeschichte», welches allgemeine Anerkennung und Verbreitung fand. Selbst die Archäologie diente Blumenbach's tief eindringendem Geist zur Aufhellung schwieriger naturgeschichtlicher Räthsel. Zahlreiche Schriften über den Bildungstrieb in der Natur, die Zcugungs- und Erneuerungskraft in einzelnen Thiergeschlechtern u. dgl. gaben den größten Philosophen neue Stoffe zum Nachdenken. Blumenbach's Knochenlehre und seine vergleichende Anatomie machten Epoche. Die medieinische Wissenschaft bereicherte Blumenbach außerdem durch Psychologische und physiologische Schriften über Heimweh, Selbstmord u. a. Einzig in seiner Art stand Blumcnbach als akademischer Lehrer da, eben so kernhafr tüchtig, eine ächt deutsche Natur, als originell, humoristisch, witzig, allen, die ihn hörten, unvergeßlich. Seine Vorlesungen waren die besuchtesten, stets zog er durch seinen Vertrag, durch seine Persönlichkeit an, stets war er heiter und dabei stets würdevoll; er war ganz der Mann des Katheders, ein Olympier auf goldenem Stuhle, voll antiker glühe. Seine Sprache war deutjch, bisweilen derb, allverständlich, nicht geschraubt und wundersam verdrcchselt, gleich der so mancher neueren Modcphilosophen. Hundert und aber hundert seiner Scherze leben noch im Munde dankbarer Zuhörer. Manches traf sein sarkastischer Spott, so die Wettcrprophezeihungen. «Meine Herren!« sprach er wohl öfters mit seiner tiefen und eigenthümlichen Stimme, «ich will Ihnen ein untrügliches Wit- terungszcichen sagen, prägen Sie sich's tief ein. Wenn frühmorgens der Hahn tritt auf den Mist >— und kräht — so wird es anderes Wetter — oder es bleibt, wie cS ist.» — Alle möglichen Ehrenbezeugungen von Seiten der gelehrten Welt wurden dem gefeierten Naturforscher zu Theil; er wurde Mitglied aller Acadcmien; Orden und Titel schmückten ihn, Könige und Fürsten besuchten ihn. König Georg von Großbritannien äußerte, er habe nie einen bedeutenderen Mann gesehen, als Blumenbach. Vielfach ward sein Rath, seine Empfehlung erbeten, und wen Blumcnbach empfahl, der war gut empfohlen. Hunderten seiner fleißigen Zuhörer half ein Brief vom «alten Blumcnbach» zu erwünschten Stellen. Fossilien, da und dort aufgefunden, wurden ihm gesandt, er bestimmte sie richtig, so um nur ein Beispiel zu nennen, die Höhlenbärenknochen der Glücksbrunner Höhle zwischen Altenstein und Liebenstein. Als Sammler hatte Blumenbach Goethe's Glück und Taktik. So gelangte der wackere Alte zu hohen Greisen- jahren. Er war Heine's Schwager geworden, war königl. großbritannischer Hofrath, Ritter der Ehren- Lcgion, Commandeur des Guelphenordens (anderer auswärtiger Orden nicht zu gedenken), Obermedici- nalrath, Obcraufseher des königl. Museums u. s. w. Am 19. September 1825 feierte er sein Doetor- fubiläum, am 26. Februar 1826 sein Amtssubi- läum; zahlreiche Bildnisse von ihm erschienen. Die zu seinem Doctorjubiläum auf Anlaß deutscher Naturfreunde geprägte Medaille zeigte auf dem Avers sein Profilbild, auf dem Revers die drei Schädel der Haupt- racen, mit der Inschrift: blaturae interpreti osss logut fullenti pll^siosoplüli ^ei-maniei. v. 19. 8spt. 1823. Ein Stipendium wurde begründet und nach Blumenbach benannt, und der gefeierte Jubilar mit sonstigen Ehrenbezeugungen überhäuft. Eine eiserne Gesundheit, die nur wenige Störungen erlitt, unterstützte Blumenbach's uncrmüdetes Wirken als Forscher, Lehrer und Schriftsteller; es war Harmonie in seiner ganzen Natur, in seinem innersten Wesen, wie bei Goethe, dieß erklärt das geistige frischbleiben bis zu hohem Lebensalter; nie bediente er sich einer Brille; seine Handschrift war fest, doch wechselte sie und näherte sich in spätern Jahren bedeutend der Unleserlichkeit, wovon eine Lähmung des rechten Schreibe- fingers die Ursache war, denn nun schrieb er mit der linken Hand. Im 87. Jahre schrieb er wieder mit der rechten Hand, und schöner wie zuvor. Erst im 88. Jahre nöthigte ihn Altersschwäche, dem Lehrstuhl zu entsagen. Diese war es auch, die nach schnellem sinken der so lange der Welt zu gute gekommenen Lebenskraft ihm die Fackel löschte. Die berühmte Schädelsammlung wurde um hohen Preis von der königlichen Regierung angekauft und mit dem Göttinger Museum vereinigt. Dauernd wird Blumenbach's Andenken als eines der bedeutendsten deutschen Naturforscher fortleben. Johann Elert Bode. Geb. d. 19. Jan. 1747, gest. d. 23. Nov. 1826. Einer der trefflichsten Astronomen, der sich das große Verdienst erworben hat, die erhabenste dcrWissenschasten durch klare Werke auch den Laien zugänglich gemacht und ihnen den Sterncnhimmel mit seinen Wundern und Welten erschlossen zu haben. Bode ist in Hamburg geboren; sein Vater war Vorsteher einer praktischen Lehranstalt für junge Kaufleute und unterrichtete den Sohn selbst in der Mathematik. Dieser zeigte für jene Wissenschaft so hervorragende Fähigkeit, daß er nicht nur vom 17. Jahre an den Vater in seinem Lehramt zu unterstützen vermochte, sondern sich durch Selbstunterricht und fleißiges Studium auch mit den. höheren Gebieten der Mathematik vertraut machte. Mathematische Geographie, Geometrie und Uranoscopie, letztere ohne alle fremde Hülfmittcl begonnen, trieb der junge Bode auf das fleißigste und schrieb schon 1766, im 19tcn Lebensjahre, eine Abhandlung über eine Sonnenfinsterniß. Bei diesen Studien erfreute er sich der Gunst des berühmten Arztes und Naturkundigen Dr. Neimarus, der ihn mit Büchern und Instrumenten unterstützte, und des anerkannten Mathematikers Professor Busch, und begann auf die Aufforderung des letzter» im darauf folgenden Jahre seine zuerst in Monatsheften herausgegebene »Anleitung zur Kenntniß des gestirnten Himmels«, ein Buch, welches in einer der Menge verständlichen und leicht faßlichen Sprache verfaßt und durchweht von einem frommen Geist, außerordentlichen Beifall fand und Bodc's Nnhm begründete. Es war etwas von Klopstock's Geist in diesem Werke (Vode war mit dem Sänger des Messias befreundet), namentlich in den demselben angehängten allgemeinen Betrachtungen über das Wcltgcbäude, welcher unwiderstehlich anzog und fesselte. Bode sprach auch zuerst den Gedanken aus, daß der Sonncnball an sich ein dunkler Körper sei, von einer Licht-Materie umfluthet. Diese und andre Arbeiten, Planetcndurchgängc durch den Mond, Entdeckung deS Kometen von 176!) und dessen Bahnberechnung u. a. verschafften dem jungen Astronomen bald in weiten Kreisen Anerkennung, Beifall und Ruf, und König Friedrich der Große berief ihn 1772 zum Astronomen der Akademie der Wissenschaften nach Berlin, als deren wirkliches Mitglied er 1782 aufgenommen wurde. Vode dankt die Sternkunde das neue Sternbild: Friedrichs Ehre, das von allen Astronomen willig angenommen und in die -Himmelskarten eingezeichnet wurde. Sein neues Amt verwaltete Bode mit dem Eifer eines Mannes, der ganz von seinem Streben erfüllt ist; seine: «Erläuterung der Sternkunde», die stete Verbesserung der neuen Auflagen von der «Anleitung zur Kenntnis; des gestirnten Himmels», wie die 1771 begonnenen «astronomischen Ephcmcriden», die er aus 51 Bände brachte, sein großer Himmelsatlas in 20 Tafeln mit 17,210 Sternen, darin er den Schatz bekannter Sterne um 12,000 vermehrt hatte, und sein «Entwurfder astronomischen Wissenschaften» geben davon das rühmlichste Zeugniß. Außerdem war er für die 1775 zu Berlin begründete Gesellschaft naturforschender Freunde thätig. Bode entdeckte und berechnete viele Kometen, und war der erste deutsche Astronom, der den von Herschcl in England am 15. März 1781 neu entdeckten Planeten Uranus am Himmel erblickte. Er erfreute sich von vielen Seiten her der ehrenvollsten Auszeichnungen, und seine goldne Amtsjubelfeier und das Fest seiner 50jährigen schriftstellerischen Laufbahn war mit Ehrengaben reich geschmückt. Nach derselben wurde Bode auf sein Ansuchen von den amtlichen Geschäften entbunden; gleichwohl ließ er vom Arbeiten nicht ab, so lange er lebte. Eine Lungenentzündung warf ihn im 79. Lebensjahr auf das Krankenlager, auf welchem ihn noch eine am 29. November bevorstehende Sonnenfinsterniß bis zu seinem letzten Tage beschäftigte. Seine letzten Worte waren: »Sterben, Zuversicht, Leben!». — Bode's Marmorbüste von Schadow's Meisterhand ziert die Sternwarte Berlins. Jacob Böhme. Geb​. d. 11. Nov. 1575, gest. d. 7. Sept. 1624. Wundersamer mystischer Schwärmer, durchdrungen vom Wesen des geheimnißvollen, tiefinnerlichen und übersinnlichen, was die Menschengeister, die es dämonisch erfaßt, zu den Hohen der Gottheit empor zu heben, oder auch in die Nacht des Irrsinns zu stürzen vermag. Wohin oder Böhme wurde zu Altseidenberg in der Nähe von Görlitz in dürftigen Verhältnissen geboren; er mußte als armer Bauernsohn das Vieh hüten und der Schulunterricht auf Dörfern beschränkte sich zu seiner Zeit nur auf den Katechismus und etwas lesen; an Schreiben war kaum zu denken. Dann erlernte Jacob das Schuhmacherhandwerk, wurde nach vollbrachter Wanderung Meister und verheirathete sich mit einer Metzgerstochter, mit welcher er 30 Jahre in zufriedener Ehe lebte und Vater von vier Söhnen wurde, welche alle des Vaters Handwerk erlernten und betrieben. Das wäre die Geschichte eines Alltagslebens, aber dieses Alltagsleben verklärte der magische Schein eines tiefen, ahnnngsreichen, bis zur Vision verzückten religiösen Gemüths. Die Natur hatte zum Gemüth des Knaben schon aus der Waldestrift und im Baumesrauschen gesprochen, und die Offenbarungen der Schrift, in die er sich später vertiefte, als die sitzende Lebensart ihm zu Grübeleien Anlaß gab, lockten ihn zur Erforschung all der großen Glaubcus- Näthsel, welche dem nicht durch die Klarheit der Wissenschaft erleuchteten Geist ebenso undurchdringlich, als gefährlich sind. Das eigenthümlich organisirte Ncrven- lcben Bvhme's ließ ihn schon auf seiner Wanderschaft entzückende Gesichte empfangen, Ausflüsse einer früh angereizten regen Phantasie und geistiger Gcfühls- schwelgcrci, welche das stete Grübeln über Geheimnisse der Religion, über das Wesen der Gottheit und die erhabensten Dinge hervorgerufen hatte. Solche Visionen setzten sich auch später fort, und der fromminnige bleiche Mann mit den seingcformtcn milden Zügen erschien sich selbst als ein gotterkorcncr Scher, andern als ein Schwärmer, der mehr sein wollte wie sie, den man daher nicht streng genug verurtheilcn zu können meinte. Die Bibel, Vvhmc's Hauptstudium, war dem ganz in sich zurückgezogenen, auf seinen engen häuslichen Kreis sich beschränkenden frommen Mann die Quelle seines Glücks wie seiner Irrthümer. — Der in jedem strebenden Geist lebendige Drang nach Mittheilung trieb auch Böhme an, sein Fühlen und Schauen zu offenbaren, und so entstand sein erstes Buch: «Aurora, oder die Morgenröthe im Aufgang», welches 1612 im Druck erschien und großes Aufsehen erregte. In einer Sprache, die theils der biblischen sich anzunähern suchte, theils die geheimnißvolle Ausdrucksweise des hochbegabten, nicht genug gewürdigten Paracclsus verrieth, der jedenfalls nicht ohne Einfluß auf Böhme's theosvphische Geistesrichtung geblieben war, suchte der Seher von Görlitz sich anderen mitzutheilen. Ein Geistlicher daselbst, dem das Buch in die Hände fiel, sprach von der Kanzel herab sein theologisches Verdammungsurtheil über Buch und Autor- aus, und der Magistrat sah sich gemüssiget, Böhme das «Schuster bleib bei deinem Leisten» durch ein Verbot, ferner Bücher zu schreiben, fühlbar zu machen. Allein Jacob Böhme schrieb dennoch Bücher, gewann sich Freunde, Anhänger, fand Aufmunterung und einen vielfachen Wiedcrhall seiner Anschauungs- und Gefühlsweise in verwandten Seelen, unter ihnen selbst schle- sische Edle, und obschon Böhme keine neue Religions- lehre aufstellte, und nur seine innern Anschauungen über Gottheit, Natur, Schöpfung, Sünde, Offenbarung u. s. w. kund gab, so gedieh es beinahe dahin, daß eine Sekte entstand, die sich nach ihm Böhmisten nannte, nun-! destens von andern so genannt wurde. Böhme gab später sein Handwerk auf und verfaßte noch zahlreiche theosophisch mystische Schriften, in denen hohe und schöne Gedanken voll Kraft und Fülle des Ausdrucks enthalten sind, aber auch viele Bizarrerien einer sich selbst nicht klaren Denkweise, einer in das nebelhafte schweifenden Phantasie und großer geistiger Ncberspannung. In Görlitz ging man so weit, daß man den Thcosvphcn cinrs Tages aus der Stadt wies, andern Tagcö aber ihn zurückberief. Bald darauf, 1624, verließ Böhme seine Vaterstadt und begab sich nach Dresden, wo er über seine Glaubensansichtcn und sonstigen Offenbarungen von gründlichen Theologen förmlich craminirt wurde, denn man witterte einen Ketzer in ihm, und die Zeit, in welcher man solche verbrannte, war noch keineswegs vorüber; — man konnte aber nichts auf ihn bringen. Indessen sagte ihm der Aufenthalt in Dresden nicht zu, und er kehrte wieder nach Görlitz zurück, wo er noch im Herbst desselben Jahres im Frieden starb. Ungleich mehr Schriften, als Jacob Böhme selbst geschrieben hat, wurden für und gegen ihn geschrieben; der verzückte plülosoplius toutomeus, wie manche ihn nannten, machte noch nach seinem Tode denen viel zu schaffen, die nichts besseres zu thun wußten, als dem unschädlichen Schwärmer Ansichten und Meinungen unterzulegen, an die er vielleicht nie gedacht hatte. Konrad, Freiherr von Boineburg. Geb. 1494, gest. d. 29. Jan. 1567. Ruhmgekrönter deutscher Held und Heerführer, Kämpfer und Sieger in der Pavier Schlacht, Georg von Frunds- bergs Freund und Nachfolger, Eroberer Roms. Konrad von Boineburg, wohl auch Bemmelberg nach alter Weise geschrieben, wie ein Theil der Familie sich auch Boyneburg schreibt, entstammte einem berühmten hessischen Adelsgeschlechte; der Vater, Reinhard v. B. zu Bischhausen, war hessischer Rath und Hofmeister. Nach der Zeitsitte, junge Edelknaben an Fürsten- oder doch Grafenhöfen sich für ritterlichen Dienst ausbilden zu lassen, ward Konrad an den Hof des Herzog Eberhard II. von Würtemberg gethan, als er noch im zwölften Jahre stand, und hieß dort «der kleine Heß», ein Beiname, der ihm durch sein ganzes späteres Heldenleben blieb. Mit Herzog Ulrich von Würtemberg zog Konrad an der Spitze einer Macht von 20,000 Fußknechten 1504 zum Heere des Kaisers Maximilian I. und gegen Philipp von der Pfalz, im folgenden Jahre kämpfte er gegen die Vcnctianer. > Treuer Anhänger seines Herrn, des Herzogs, hals Konrad diesem im Jahre 1514 die bäurische Empörung unterdrücken, fiel aber von ihm mit 18 Grafen und Herren ab, als der Herzog jenen Hans von Hütten aus doppelter Eifersucht ermordet hatte, und die Familie, namentlich Ulrich von Hütten, durch ganz Deutschland um Rache schrie, trat dem schwäbischen Ritter- bunde bei, und half den Herzog um sein Land bringen. Das ganze Leben Konrad's von Boineburg war eine Kette von Heereszügcn; er war ein geborener Führer und von unerschütterlichem Muthe beseelt, so daß er durch Tapferkeit, Umsicht und kühne Verachtung der Gefahr an die würdigsten hinan reichte. Im Jahre 1522 führte Konrad ein Graf Fürsten- berg'sches Regiment Landsknechte Franz von Sickingen gegen den Kurfürsten und Erzbischof Richard von Trier zu Hülfe, und knüpfte das Band der Freundschaft mit dem tapfern Georg von Frundsberg, der ihn bewog, mit seinem Volk in kaiserlichen Sold zu treten. Kühn zog nun Konrad 1523 als Führer der Vorhut dem > Heere Frundsberg's voran, überschritt das Wormscr Joch, und schlug bei Mailand das Franzosenheer in die Flucht. Nachrückend nahm Konrad Ort um Ort, Pizzighetone, Lodi, Cremona und endlich Genua, wo er indeß eine starke Wunde empfing. Mit dem kaiserlichen Heere und 600 Deutschen, welche Konrad befehligte, 1524 inPavia eingeschlossen, half er 13 Stürme binnen vier Monaten abschlagen, bis Frundsbcrg mit dem ersehnten Hülfsheere nahte. Da war Konrad der erste, der mit seinem Volk über die Mauern des Thiergartens brach und am Tage der berühmten Schlacht von Pavia, am 25. Fcbr. 1525 unmittelbar mit König Franz und dessen Reitern stritt und zur Gefangen- nehmung des erstem wesentlich beitrug. Der Kaiser ernannte ihn zum Kriegsrath und gesellte ihn Frunds- berg als Generallieutenant (Loeotcniente) zu. Das folgende Jahr schlug Konrad vor Mantua den Herzog von Urbino, brach die Macht der italienischen Liga und rückte unter dem kaiserl. Generalissimus Karl von Bourbon gegen Rom, wo der Papst vor dem deutschen Heere zitterte und die drohende Gefahr mit Geld abzuwenden suchte. Dieses Geld reichte kaum hin, die Ansprüche der spanischen und italienischen Truppen zu befriedigen, die Deutschen sollten, wie immer, leer ausgehen und empörten sich. Frundsbcrg ward in Folge dieses Ereignisses von einem Schlagansall betroffen und übergab sein Commando dem tapfern Stellvertreter, der nun den Oberbefehl über 35 Fähnlein deutscher Landsknechte erhielt und sie Rom immer näher führte, bis es erreicht war, worauf ohne langes Säumen mit 10 Fähnlein Sturm auf die Vorstadt Sän Spirito gelaufen und diese genommen wurde. Alsbald ließ Konrad die andern 25 Fähnlein nachrücken, gebot die strengste Mannszucht, verbot alles plündern bei Todesstrafe und erstürmte die Vorstadt Janiculum. An einer andern Stelle stürmte Karl von Bourbon und empfing aus Benvenuto Cellini's Rohre die Todeskugel. Erhalle dem Heere die Plünderung der heiligen Stadt zugesagt — jetzt nach des Hauptführers Fall trat rath- lose Bestürzung ein. Die wälschen und spanischen Kricgsobersten, hart an der Jnnenmaucr des ewigen Roms stehend, mochten die Stadt vor Plünderung schützen, des Papstes geheiligte Person nicht preisgegeben sehen. Aber da trat Konrad auf und machte im Kriegsrath geltend, daß das Heer, wenn man es jetzt von Rom zurückziehen wolle, von Rom aus im Rücken und vom Herzog von Urbino, der zum Entsatz heranrücke, von vorn werde angegriffen werden, daß auch die Landsknechte sich nicht ohne weiteres würde» zurückführen lassen, sondern, hinsichtlich der Zahlung ihres rückständigen Soldes auf die Eroberung Roms vertröstet, in hellen Aufruhr ausbrcchcn würden, wie das Leben der Anführer bedroht, und daß endlich deren Gefangennahme und Uebergang des Heeres zum Feinde zu befürchten sein würde. Wollten die Feldherren die Verantwortung aller dieser Möglichkeiten, wenn sie zur Gewißheit geworden wären, auf sich nehmen, so möchten sie den sichern Sieg aus der Hand geben. Diese Gründe wirkten, Konrad bekam den Oberbefehl, erstürmte mit 30 Fähnlein von allen Truppengattungen oh'ne Zögern die Sirtusbrücke mitten unterm Feuer der Kanonen von der Engelsburg, und diktirte dem Papst Klemcns VII. einen Vertrag, den er mit unterzeichnete. Dennoch erhielten die deutschen Truppen weder ihren Sold, noch durften sie plündern, und der Aufruhr brach los und war schwer genug zu beschwichtigen. Noch mehr als einmal wurde der tapfere Führer von den schwürigen Deutschen, die in dem fremden Lande sich nicht zurecht fanden und stets verkürzt und betrogen wurden, hart bedroht, und bis zur Giftmischerei trieben die falschen Wälschen ihren Haßs so konnte «der kleine Heß» die Truppen nicht mehr bändigen, er legte das Oberkommando nieder, und Rom erlitt eine fürchterliche Plünderung. Dennoch mußte Konrad den Oberbefehl wieder übernehmen; sein Volk hielt den Papst in der Engelsburg gefangen, bis alles Geld für den rückständigen Sold herbeigeschafft war. Konrad kehrte nach vielen Kämpfen und Beschwerden erst 1530 nach Deutschland zurück, erhielt für seine Ansprüche die kaiserlichen Herrschaften Schälklingen, Ehingen und Berg auf Lebenszeit verpfändet, begleitete den Kaiser auf den Reichstag nach Augsburg, wurde 1531 vom römischen König Ferdinand I. zum Kriegsrath und Feldhauptmann über 12,000 Landsknechte ernannt, zog gegen die Türken und hatte das Unglück, da er 1534 das kaiserliche Heer gegen den Landgrafen Philipp zu Hessen, seinen eigentlichen Landesherrn, uud gegen den ehemaligen Freund Herzog Ulrich von Würtemberg führte, bei Lauffcn aufs Haupt geschlagen zu werden und eine tüchtige Wunde davon zu tragen. Mit Kaiser Karl V. zog Konrad 1536 zum zweiten male in Rom ein, wohnte später dem Felrzug gegen Frankreich bei, 1542 dem gegen die Türkei (an der Spitze von 84 Fähnlein Fußvolk), rieth zur Einnahme Pesths, zog 1544 abermals mit 22 Fähnlein mit gegen Frankreich, erstürmte und nahm dort mehrere Städte, folgte nach dem Friedensschluß dem Kaiser nach Brüssel, dann auf die Reichstage nach Worms und Regensburg (1545 u. 1546), leistete bei den Unterhandlungen über die Befreiung Philipp's zu Hessen aus der Haft des Kaisers ersterem wichtige Dienste, so wie dem hessischen Adel, und so war eigentlich der «kleine Heß», wohin man nur blickte, immer thätig, stets am rechten Platz, stets ein tapferer Held, ein kluger Staatsmann. In der Schlacht bei Mühlberg half er schlagen und siegen; 1552 vertheidigte Konrad Ulm standhaft gegen Moritz von Sachsen uud Albrecht von Brandenburg und eroberte die Beste Helfenstcin; 1553 leistete er große Dienste in den Niederlanden und zog sich endlich nach dem Friedensschluß zu Cambresis 1559 aus seine österreichischen Besitzungen zurück, wo ihm nach so vielen Stürmen, Zügen und Siegen noch acht Jahre lang ein friedlicher Lebensabend erblühte. Er starb auf Schloß Schälklingen und ruht in der dortigen Pfarrkirche von seinem viclbewegten Kriegerleben aus. Seine Rüstung und sein Bildniß schmücken die Ambraser Sammlung. Sebastian Brant. ​Geb. 1458, gest. 1520. Neben Gailer von Kaisersberg und Thomas Murner einer der berühmtesten und kernhastesten Sittenlehrer in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts, der seine Lehren nicht stets in den sanften Mantel mo- ralisirender Symbolik hüllte, sondern sie auch mit der Geisel der Satyre austheilte, wie es für seine Zeitgenossen passend und heilsam war. Brant, wie er sich selbst und nicht Brand oder Brandt — schrieb, wurde zu Straßburg geboren; er machte seine Studien der Jurisprudenz und Philosophie in Basel, wurde dort Magister, dann Doctor beider Rechte, und kehrte in die Heimath zurück, wo er öffentlich als Lehrer auftrat. Sein Leben war kein durch außergewöhnliche Schicksale bewegtes, ja es erscheint auffallend, daß Brant gegen die Sitte seiner Zeit sich mit dem Besuch nur einer Hochschule begnügte; wahrscheinlich gewährten seine Verhältnisse ihm nicht die Mittel zum Besuch mehrerer Universitäten. Ob er sich selbst, ob andere ihm den deutschen Namen in den lateinischen litio verkehrten, läßt sich nicht erörtern; als Rechtslehrer wurde Brant bald beliebt, vertauschte wieder Straßburg mit Basel, setzte auch dort seine Vorlesungen fort und gründete sich als Philosoph, als Dichter und als Jurist einen geachteten Namen, sodaß auch Kaiser Marimilian I. und andere Ncichsfürsten ihn schätzten. Brant gab eine ziemliche Anzahl Schriften in Poesie und Prosa und in lateinischer Sprache heraus, von denen viele in ihrer asketischen Richtung weit eher einen Theologen, als einen Juristen vermuthen lassen, z. B. Lieder zum Preise der Heiligen; ein sapphischcr Rosenkranz Mariä; ein Lob des Carthäuser-Ordens; eine ^Abhandlung über die Möglichkeit der jungfräulichen Empfängniß; das Leben mehrerer Heiligen und ähnliches. Außerdem verfaßte Brant einen Layenspiegel, einen richterlichen Klag- spiegel, eine Abhandlung gegen die Rabulisten unter den Advokaten, schrieb über Civil- und kanonisches Recht, bearbeitete den Freidank, gab eine Chronik Deutschlands, vornehmlich des Elsasses und der Stadt Straßburg heraus, auch eine Friedrichs III-, die er Marimilian I. widmete; ein Buch Epigramme u. s. w. Alle diese Zeugnisse der literarischcn Thätigkeit deS begabten Mannes traten jedoch in den Hintergrund gegen sein berühmtes und allverbreitetes Narren- schiff, das seinen Namen mit vollem Klang der Nachwelt überbrachte und immerlebciid durch die Flu- thungen der Literatur aller Zeiten fährt. Der Kreis der befreundeten Gelehrten und Künstler, der in Basel thätig war, mochte wohl anregend wirken, sodaß als Früchte einer und derselben streng strafenden und spöttisch höhnenden Richtung Brant's Narreiischiff, Mur- ner's Narrcnbeschwörung und Schclmenzunst, Erasmns Lob der Narrhcit und sicher auch Holbein's Todten- tanz (eine Lebensbilderreihe mit ebenso tiefem Ernst als satyrischem Humor aufgefaßt) zu betrachten sind. Braut selbst nennt an einer gewissen Stelle sein Gedicht einen «Narrentanz». Gleichen und gleichzeitigen Ursprung dürfte das Flugblatt «Grobianus Tischzucht» haben, dem sich des etwas späteren Dcdckind's Oro- llianus et Erolnarw anschloß. Der Erfolg von Brant's Narrenschiff war ein ungeheurer; zweimal wurde es in die lateinische, dreimal in die französische, bald auch in die sasfische, niederländische und englische Sprache übertragen, vielfach wurde es neu herausgegeben, erläutert und auch verballhornt; Gailer von KaiserSberg wählte die einzelnen Kapitel des Brant'schen Narrenschiffs zu eben so viel Thematen glossirender Predigten, die zum öftern, mit den Holzschnitten des erstem Buches geziert, herausgegeben worden, bis Nicolaus Höniger von Königshöfen an der Tauber den glücklichen Gedanken hatte, das Gedicht und Gailcr's erläuternde Predigten sammt den Bildern zusammenzustellen und beide vereint erscheinen zu lassen. Vieles in dem Gedicht ist noch gültig, ja mustergültig bis auf den heutigen Tag; die Narrheit der Doctortitel, die Büchermanie und die Büchcrverachtung. Des Geizes Narrhcit, die der Mode, der Zuträgerei, des Eigensinnes, der Unzucht und Grobheit, die Narrheit ves Unglaubens und der Schriftverachtung, vom sorgen und borgen, kurz alle nur denkbaren Fehler, Gebrechen und Schwächen im menschlichen Charakter fanden ihre Geißelung uns zunächst ihre Verspottung; aber selbst die Verspottung wird in dem Gedicht verspottet, wie denn die gute Satvre gern auch bisweilen ihren Stachel gegen sich selbst kehrt und wie auch in Holbein's Todtentanz der Maler am Schluß der Reihe sich und seine Frau gleichsam als Schildhaltcr zur Seite des Wappens des Todes hinstellte. Mannigfaltige Velcsenheit offenbart der Dichter in seinem Werke, und grob genug ist er nach biderbcr deutscher Weise ebenfalls; am gröbsten da, wo er die groben Narren geißelt. Es mußte in der That viel Unsitte und Rohhcit, Mangel an Zucht und Ehrbarkeit in der Zeit zur Herrschaft gelangt sein, daß sie solche strafende Rüge hervorrief; nur zu leicht, reißen Beispiel und übler Vorangang der höher stehenden das tiefer stehende Volk zur Nachahmung hin; wenn der Vornehme seinen Hut aufbehält, da, wo es sich ziemt, denselben abzunehmen, wird das Volk ganz sicher seine Mütze auch schleunigst aufbehalten. Das Allzuviel, das Maaßlose, das in Sitte und Unsitte, im thun und treiben, im dichten und trachten zur Erscheinung kam, das ist's, was Brant als Narrheit hinstellt; aber auch die Sünde und das Laster sind ihm nur Narrheiten, der Abfall der menschlichen sündigen Natur vom göttlichen, und durch seinen Spott und Zorn sucht der Dichter nicht sowohl zu strafen, als die Wege der Verirrung zu beleuchten und die Verirrten zu bessern. An weltlichen Ehren brachte Sebastian Brant es zur Würde eines kaiserlichen Pfalzgrafen und zum Range eines Kanzlers, Rathes und Syndicus in seiner Vaterstadt, in die er sich schon 1494 von Basel wieder zurückgezogen hatte und in der er auch im 62. Jahre starb. Johann Gottlob Immanuel Breitkopf. Geb. d. 23. Nov. 1719, gest. d. 28. Jan. 1794. Ein geistvoller, erfindungreicher Industrieller des vorigen Jahrhunderts, dessen Name mit Ehren genannt noch heute fortklingt und dem seine Kunst, die Typographie, unendlich viel verdankt, vor allem die Wandlung zum schönen, die sich als Rückschritt und Fortschritt zugleich in seinen Bemühungen offenbarte, als Rückschritt nämlich insofern, als er zurückkehrte zu der von den deutschen Schriftgießern seit lange vergessenen und verlassenen klassischen Schönheit der Incunabeldrucke aus der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Breitkopf war ein geborener Leipziger und wirkte in dieser Metropole des deutschen Bücherdrucks in des Vaters Druckofficin als Gehülfe und Theilnehmer, ob- schon ihm anfangs und auch späterhin der blos kaufmännische Geschäftsgang so wenig zusagte, wie der mechanische Geschäftszwang, der am Einerlei des alltäglichen sich abmühen lehrt; daher unterließ er nicht, sich wissenschaftliche Kenntnisse zu erwerben, hörte Kollegia, studirte die römischen Klassiker, da er tüchtig latein verstand, und blieb nur leider der herrlichen Sprache von Hellas unkundig, weil ihm die rechte Anleitung zu deren Erlernung abging. Gottsched weihte Breitkopf ein in die Reize der deutschen Muttersprache ^ und führte ihn der scholastischen Philosophie, mindestens dem Philosophiren zu, so daß er sich in Gottschcd's «Deutscher Gesellschaft» durch dialektische Gewandheit auszeichnen konnte und dahin gedieh, dieser letzteren seine Ausbildung im deutschen Styl zuzuschreiben, bis Breitkopf endlich doch einsah und bekannte, die Philosophie sei nichts als ein Gewebe von Hirngespinnsten, und es könne wohl ein Mann mit Recht gelehrt und gebildet heißen, wenn er auch nicht an der Ammen- brüst der sogenannten Klassicität gesogen — ein Bekenntniß, für dessen Sündhaftigkeit freilich noch heute keine Absolution zu finden ist. Mit ungleich größerer Treue, als er der Philosophie bewiesen, hielt Breitkopf an der Mathematik, und in ihr fand er den reellen Boden, auf dem er begann, nach Albrecht Dürer's anregendem Beispiel und Muster, die Typen zu verbessern, ihre Formvcr hältnisse mathematisch zu berechnen und aufzubauen, und dieß wandte wieder mehr seine Liebe und Neigung W dem väterlichen Geschäfte zu. Wie nach Salomon's Ausspruch nichts neues unter der Sonne geschieht, so machte auch schon zu Brcitkopfs Zeit sich die Ansicht geltend, wie sie fort und fort bis zum heutigen Tage gethan, ohne durchzudrängen: die den mittelhochdeutschen Handschriften nachgebildete sogenannte Mönchstype, die deutsche Letternschrist, müsse verdrängt und abgeschafft und an deren Stelle die lateinische Schrift gesetzt werden, bezüglich welcher Ansicht für und wider vielfach hin und her gestritten wurde, wie es noch der Fall ist. Brcitkopf war für die Beibehaltung der deutschen Type in deutschen Büchern, suchte diese auf alle Weise zu verschönern, und es gelang seinem ernsten Streben, wie keinem andern seiner Zeit- und Kunstgenoffcn. Sein Vorgang rettete gleichsam den von den Erfindern der Buchdruckerkunst der deutschen Nation gewonnenen Schatz und Satz, die gothische Type, die man als geschmacklos zu verdrängen suchte, und erhob sein Geschäft in dem Bestreben, immer neues zu erfinden und zugleich die Schriftalphabete aller bekannten Sprachen zu besitzen, zu einer achtungswcrthcn Bedeutsamkeit. Die Vrcitkopf'sche Ofsiein besaß über 400 verschiedene Alphabete, und immer mehr suchte Breitkopf seine Kunst zu erweitern. Er sah und sprach es aus, wie die harmonische Schönheit der ersten deutschen Drucke noch von keinem Nachfolger erreicht sei, und daß die un- übcrtreffbare typographische Pracht, wie sie namentlich in Fust und Schöffer's Psalter von 1457 dargelegt sei, kaun: jemals wieder erreicht werden könne, daß aber diese Rückkehr zum wahrhaft schönen mindestens versucht werden müsse. Breitkopf blieb aber, indem er diesen Grundsatz unablässig verfolgte und auf den Grund mathematischer Berechnungen die Buchstabenschrift verbesserte und verschönte, nicht stehen, sondern schritt auf dem Wege nützlicher Erfindungen weiter vor. Er erfand neue Mctallmassen (Lctternzcug) für die Schriftgießerei, die härter und dauerbarer waren, als die bisherigen; er verbesserte Gießformen wie Pressen. Seine Schriftgießerei schmolz in zwölf Oescn das Letternzeug für den Guß. Brcitkopf erfand den Notendruck mit beweglichen Typen, ließ für die chinesische Schrift, bisher nur durch Holztafeldruck bewerkstelligt, ebenfalls metallene Charaktere gießen, begann selbst Landkarten und Situationspläne mit beweglichen Typen zu drucken, richtete eine Musikalicn-, eine Tapeten- und eine Spiclkarten- fabrik ein, beschäftigte ein ansehnliches Personal und hob seine ganze Einrichtung auf eine Stufe der Blüthe und des erfreulichsten Gedeihens. Dabei war Breit- kops auch schriftstellerisch thätig; er gab 1779 eine Geschichte der Erfindung der Buchdruckerkunst heraus, die Frucht seiner Studien über die Letternformcn; dann 1784 den «Versuch, den Ursprung der Spielkarten, die Einführung des Leinenpapiers und den Ansang der Holzschneidekunst in Europa zu ermitteln». Ferner erschien von ihm 1793 eine Schrift: Ueber Bibliographie und Vibliophilie, u. a. Breitkopf beabsichtigte, aus seinem reichhaltig angesammelten Material eine ausführliche Geschichte der Typographie zusammenzustellen, die in drei Bänden erscheinen sollte und zu deren Vollendung er mit den berühmtesten Kennern der Literatur in lebhaften Briefwechsel getreten war. Als 7 Bogen abgedruckt waren, überraschte den unermüdlich thätigen Mann der Tod und es fand flch kein weiteres Manuskript vor. Wenn auch Breitkopfs Geschlecht mit seinem Sohne Christoph Gottlob erlosch, so lebt doch sein Name in der Literatur und in der Geschichte deutscher Erfindungen nicht minder fort, wie in dem blühenden Geschäft der Firma «Breitkopf und Härtel», die im Sinne Johann Gottlob Jmmanuels Prachtdrucke zu liefern vermag und lieferte, welche der deutschen Buchdruckerkunst in jedem Jahrhundert zur Ehre gereichen. Gottfried August Bürger. Geb. d. 1. Jan. 1748, gest. d. 8. Juni 1794. Ein hochbegabter Dichtergeist, voll Kraft und Flamme, wohl auch voll Sturm und Drang, viel geliebt, gelobt und gefeiert, auch wieder hart getadelt und mehr durch eigene als durch fremde Schuld untergesunken in den Wogen seines stürmischen Lebens; dennoch bleibt Bürger unvergessen; er lebt fort im Andenken der deutschen Nation als einer ihrer lorbeerbekränzten Unsterblichen. Molmerswende im Fürstenthum Halberstadt war Bürger's Geburtsort, wo der Vater Prediger war. Der heranwachsende Knabe erregte keine großen Hoffnungen, fremde Sprachen wollten ihm nicht eingehen, aber der Strahl der Poesie durchblitzte doch schon ahnungsvoll die junge Seele. Im Jahre 1765 des Vaters beraubt, wurde der junge Bürger durch den Großvater unterstützt, der ihn auf die Stadt-Schule zu Aschersleben that. Dort, wie auf dem später besuchten Pädagogium zu Halle, wurde ein lustigmuth- williges Schülerleben geführt, in Halle mit Göckingk und dem Geheimrathe Klotz innige Freundschaft geschlossen, das Schülcrlcben in ein nicht minder frisches, freies und fröhliches, wenn auch nicht eben frommes Studentenlcben umgewandelt, dabei erst Theologie, dann von 1768 an in Göttingen Rechtskunde studirt und keineswegs ein Uebermaaß von Kenntniß und Wissen erworben. Der lebenskräftige Jüngling Bürger wurde ein flotter Bruder Studio und machte dem guten Großvater gar manchen Kummer, bis dieser sich endlich veranlaßt fand, seine Hand völlig von dem Enkel abzuziehen. Indeß rettete die Hand der Freundschaft und eigenes sich emporraffen von unsittlicher zu sittlicher Lebensbahn aus dringendsten Verlegenheiten; am nächsten standen Bürger Biester, Sprengel und Boje, später traten die Grafen Stolbcrg, Voß, Miller, Cramer, Hölty, Hahn, Leisewitz u. a. zu dem Kreise oder halfen ihn bilden, und es begründete sich 1772 der göttinger Dichterbund, welcher so großen und wesentlichen Einfluß auf die fernere Ausbildung der deutschen Poesie ausübte. Bürger war übrigens diesem Bunde nicht eigentlich beigesellt; er hing nur durch Boje, Hölty und Cramer mit ihm zusammen, doch theilte er dessen Streben und rang sich im Umgang der Freunde empor, hörte ihre Urtheile über seine poetischen Leistungen, feilte eifrig, las ältere und neuere Dichter und schrieb voll Begeisterung viele seiner schönsten Dichtungen. Aus Percy's Ueberbleibseln der altenglischen Poesie sog Bürger die Vorliebe für Ballade und Romanze, umwar so glücklich, die wenigen Versuche, welche bereits Gleim und einige andere in diesen Formen der epischen Dichtung gemacht hatten, weit zu überflügeln. Auch die gleichzeitig strebenden Höltp, die Stolbergc u. a. ließ er in der Ballade hinter sich zurück, obschon ein gewisser einfarbiger Ton, selbst oft des Metrums nahe verwandte Einerleiheit der Balladcndichtung jener Mitglieder des Göttinger Hainbundes eigen ist und manche hochstprosaische, ja häufig triviale Wendung und Aus- druckwcise sie weit unter die Balladen Gocthe's ordnete. Dieser Mißgriff entsprang einzig dem Irrthum so vieler, der Volksdichtcr dürfe oder müsse sogar gemein schreiben. Später that Bürger dieß nicht mehr; er erkannte das richtige und ehrte den Geschmack. Das eifrige Studium Shakspeare's wirkte nicht minder Vortheilhast und anregend auf Bürger ein; er fand zudem durch Boje's freundschaftliche Vermittlung 1772 eine kleine Stellung als Justiziar der Herren von llslar auf Alteugleichen, welche zwar nicht glänzend war, aber doch einigen festen Halt und Gehalt bot, auch den noch immer zürnenden Großvater versöhnte und zur Zahlung der Schulden des Enkels bewog, sowie er auch Bürgschaft für letzteren leistete. Durch einen unredlichen Freund wurde Bürger leider um den größten Theil dieser Summe betrogen, und dieser Umstand brachte ihn in nachhaltige Verlegenheiten. Der ländliche Aufenthalt war Bürger's Muse günstig; die Dichtung seiner «Lenore», die ihn so berühmt machte, entstand in dieser Zeir; langsam reifend, eine schwere Geburt, rang sich dieß Gedicht von seinem Herzen; er führte gleichsam Protocoll über die Entstehung jeder Strophe, schrieb davon fast allen seinen Freunden, feilte unendlich viel daran und heraus, und konnte neben so manchen hochpoetischen Stellen doch manche ganz prosaische Wendung nicht überwältigen. Bürger's Lenore entrollt als Gedicht den ganzen dämonischen Charakter sinnlich glühender Leidenschaft, die den Dichter selbst beseelte und dem Verderben weihte, aber er schrieb dennoch mit ihr seinen Namen in das goldene Buch der auserkorenen. Im Jahre 1771 verhcirathete sich Bürger mit Dora Leonhart, zog nach dem Dorfe Wölmershausen, das in seinem Gerichtssprcngcl lag, und nahm die 11 bis 15jährige Schwester seiner Frau, Auguste, mit in seinen jungen Haushalt auf. Die Gattin wußte seine Liebe wohl nicht zu fesseln, die vor seinen Augen sich entfaltende junge Rose warf Flammen der Leidenschaft in das leicht erregbare Dichterherz; langer harter Kampf und endliches erliegen und ein von der Sitte verdammtes Verhältniß war die Folge, welchem die Lieder an Molly so schön und glühend cntsproßten, wie die Ncnuphar einem heißen Sumpfe Indiens. Nach zehn Jahren eines Lebens voll Qual und Marter der Liebe löste der Tod von Bürger's Frau 1781 das Eheband, nachdem Bürger, um sein Einkommen zu bessern, eine Pachtung übernommen hatte; prosaischeres und unklugeres konnte der Dichter, der von Ockonomie nichts verstand, nicht thun; ein Jahr vor dem Tode seiner Frau gab er die Pachtung wieder auf, aber er hatte fast das ganze Vermögen seiner Frau und Schwägerin in dieses Unternehmen gesteckt und rettete wenig oder nichts. Jener falsche Freund, der Bürger um sein Geld betrogen hatte, klagte ihn fast gleichzeitig des Mangels an Ordnung und Treue in seinem Amte an, und Bürger, obschon unschuldig, legte seine Stelle nieder und zog nach Göttingen. Jetzt stand er nun ganz frei — arm und doch unermeßlich reich, ein Gott im Ueberschwang seiner Gefühle. All sein sinnen, denken und fühlen goß er in das einzige herrliche „Hohe Lied von der Einzigen", dessen überreiche überschwengliche Kraft- und Prachtsprachc, dessen absichtvoller ,,Pomp der Töne" unerreichbar erscheint. Es war das Wonne- und Wollustjauchzcn eines gefangenen Sprossers, der in einer Mainacht sich dem Kerker entrungen, es weinen noch heute fühlende Herzen die seligen Thränen, die gewiß der Dichter bei Vollendung dieses Liedes weinte. Auguste — seine Molly, seine Einzige, wurde sein — wäre sie es geblieben, so blieb Bürger ein beglückter Mann, sein wachsender Ruhm hätte ihn nicht untergehen lassen. Aber Auguste starb im ersten Wochenbette, und gebrochen war ihm, dem feurig liebenden, Kraft und Muth und Mannheit. In Göttingen las Bürger als Privatdocent über die Philosophie Kants, und fristete damit seinen Unterhalt, während er zu kränkeln begann. 1789 wurde er zum Professor ertra- ordinarius ermannt, aber ohne Gehalt. Seine Kinder erheischten eine Erzieherin, eine Mutter — statt nun mit 12 Jahren ein vernünftiges Eheband zu schließen, ließ er sich durch eine romantische Schwärmerei und durch ein Mädchen aus Schwaben bethörcn, das ihn ansang, sich ihm antrug — er heirathete 1790 diese Elisc Hahn und mit ihr die Holle. Nach 2 Jahren ließ er sich wieder von ihr scheiden, und sie durchzog deklamircnd und abenteuernd die deutschen Länder, und trug, indem sie frech seinen Namen fortführte, den Schimpf und die Verirrungcn des armen Dichters durch die Welt, zuletzt kaum von einer Vagabundin zu unterscheiden. Bürger fiel in Verarmung und Siechthum, die Freunde verließen ihn; zu spät, wie gewöhnlich, kam ihm eine Hülfe und neue Hoffnung — Kummer und Krankheit führten ihn zum schnellen sanften dahinscheiden im 17. Lebensjahre. Ein Dichterleben! Ein Dichtcrloos! — Leopold Freiherr von Buch. Geb. d. 25. April 1774, gest. d. 4. März 1853. Dieser berühmte und bedeutende deutsche Physiker, Geo- gnost und Geolog wurde zu Schloß Stolpe in der Uckermark geboren, und entschied sich früh für das Studium der Naturwissenschaften. Er begann im Jahre 1790, als er noch kaum das sechzehnte Lebensjahr erreicht hatte, seine höhern Studien auf der Bergakademie Freiberg und war dort einer der fähigsten und fleißigsten Zuhörer und Schüler Werners, knüpfte auch dort bereits den Bund der Freundschaft mit Alexander von Humboldt. Nach einem dreijährigen Aufenthalte in Freiberg begann v. Buch ein ausgedehntes wissenschaftliches Wanderleben, dem er treu blieb bis zu seinen Greisenjahren, auf welchen er mit Bienenfleiß die der Wissenschaft zu Gute gekommenen reichen Erfahrungen dieses Lebens sammelte, und dieselben in gediegenen Schriften niederlegte. Das ganze deutsche Alpenland, die Apenninen, die schottischen Hochlande, die niedrigen Bergzüge Englands, wie die Pyrenäen bestieg und überwanderte der unermüdliche Fußreisende, und spähte überall mit kundigem Blick nach den Gestaltungen der Formationen der Gesteine und Gebirgs- arteu, nach ihren Schichten, nach den Gründen ihrer Erhebungen oder Senkungen, wie nach jenen mannigfaltigen Ueberresten organischer Gebilde aus den verschiedenen Perioden der Urzeit des Erdballes. Auf diesem anziehenden Gebiete widmete v. Buch zunächst den Ammo- nitcn gründliche Untersuchung und tiefeindriugcnde Forschung, dann den Tercbrateln, und andern noch vor ihm nicht so klar enthüllten Versteinerungen ur- und vorweltlicher Conchyliengattungen und Arten. Ueber die Gebilde im deutschen Jurakalk, über die Bildung der Kreidegebirge und Kreideformationen Europas und Nordamerika's, wie über die Braunkohlenformationen mit der Fülle ihrer pflanzlichen Ucberrestc verdankt ihm die Wissenschaft eben so überraschende, als scharfsinnige Aufklärungen. Leopold von Buchs Geist umfaßte mit überwiegender Kenntniß die ganze deutsche Gebirgswelt, auch die, zu welcher ihn seine Wanderschaft nicht persönlich trug. Er bestimmte die Gesteinarten eines Landstrichs durch Combination. So schrieb er, um pgvon ein Beispiel anzuführen, an einen Bekannten, der das Rhöngebirge geognostisch zu bereisen und zu untersuchen beabsichtigte: „Westlich der Sinn ist schwerlich etwas anderes als rother Sandstein, es sei denn, daß man von Obcrsinn gegen Orb gehe. Dann wäre Ihnen vielleicht ein kleiner Abstecher nach Arnstein und Umgebung nicht unmöglich. Ist vielleicht der Gram- schatzer Wald ein sandiger Wald wie Lichtenfels und der Hauptmoorwald? Ist der Sandstein roth, der an diesen Punkten bearbeitet wird, wie der von Gam- bach unter Carlsstadt? Wie liegt der Gyps von Opferbaum? Erobern Sie diese Provinz, sie ist Ihrer Untersuchung würdig, denn diese ist nicht leicht. Wie gern liefe ich nicht an Ihrer Seite, allein wenn ich bedenke, daß ich fast von hier (der Brief ist 1821 in Eichstädt geschrieben) nicht loskomme, und welches Feld von Untersuchungen noch vorliegt, so treibt es mich vorwärts, südlich." An einer andern Stelle äußerte Buch: Ich war nie vorher in Muggendorf; denken Sie, wie ich zusammenfuhr, als ich sahe, daß alle Höhlen in diesem körnigen Gestein liegen (wie das des Staffelberggipfels zwischen Lichtenfels und Bamberg), welches man dort Qualle nennt, und welches ich seitdem auch immer so nenne. Im Kalkstein befindet sich nicht eine dieser Höhlen. Diese Qualle ist aber wahrscheinlich Dolomit. Um darüber Belehrung zu erhalten, reise ich nach München. Hier finde ich dieß Gestein immer wieder. Zwischen Baireuth und Nürnberg bildet es die höchsten Kuppen, ausgezeichnete Spitzen und Thürme; auch hier sind seine Formen noch ebenso abenteuerlich kühn, wunderbar, aber seit der Nähe des Altmühlthals liegt oben darauf die Fisch- und Krebsformation, die man gar leicht vom unterm Kalkstein unterscheidet. Man kann daher ohne Mühe voraus- bestimmen, wo Fische und Krebse vorkommen, oder nicht rc. Der große Gcoguost vollbrachte seine Wanderungen meist allein, ohne lästiges Gepäck, in leichter, ihm bequemer Tracht, und da er unverheirathct geblieben war und keiner Familie angehörte, mit der wünschenswcr- thestcn Unabhängigkeit. Sein Wohnort war Berlin, aber auch seine Umgebung und seine Freunde erfuhren häufig nicht sein nächstes Wanderzicl. Er ging, ohne zu sagen wohin, einmal von Berlin hinweg und reiste nach den kanarischen Inseln. Er bestieg den Pic von Teneriffa, wie er den Gipfel des Aetna besuchte. Da er über ein schönes Vermögen gebot und einfach lebte, blieben ihm dennoch reichliche Mittel zur Unterstützung wissenschaftlicher junger Talente. Ein öffentliches Amt nahm von Buch nie an, doch war er königlich preußischer Kammerherr und durch mehrere Orden ausgezeichnet. Ob er jemals den Kam- merherrndicnst am Hofe wirklich ausgeübt, dürste zu bezweifeln sein. Er war nicht ohne Eigenthümlichkeiten, Grillen und Schroffheiten, wie sie so leicht selbstbewußter Männer und zumal alleinstehender Hagestolze sich bemächtigen. So fuhr er, wenn er sich zu fahren veranlaßt fand, nie mit der gewöhnlichen Post, um sich nicht der Rücksichtslosigkeit der Tabackraucher auszusetzen, die sich wahlberechtigt glauben, den Mitreisenden mit ihrem Stänkerqualm beschwerlich fallen zu dürfen, selbst gegen das Postgesetz, und that daran, da seine Mittel ihm jede Bequemlichkeit und Ertraposten erlaubten, sehr wohl. Ein gewisses barsches Wesen wurde als Zeichen des herangenahten Alters und vielleicht persönlicher übler Laune besonders bei der Versammlung der deutschen Naturforscher und Aerzte in Gotha im Herbst 1852 an ihm bemerkt. Er schien es da u. a. sehr ungern zu hören, wenn man ihn nach dem Befinden A. v. Humboldts fragte; wahrscheinlich wiederholte sich ihm diese Frage in lästiger Weise zu oft, und er schnurrte die unbedacht Fragenden nicht wenig an. Vielleicht auch drückte ihn ein Vorgefühl des nicht mehr fernen Todes, bei welchem ein nervös gereizter Zustand vorherrschte; doch litt der Sterbende nicht lange. Sein Andenken ward in Berlin wie in Freiberg durch würdige Feierlichkeiten geehrt, seine irdische Hülle wurde nach Stolpe in der Gruft seiner Ahnen beigesetzt. Wenig Begüterte weihen sich wie L. v. Buch mit so ausdauerndem Eifer dem fortgesetzten Anbau der Wissenschaft, setzen an sie ihre ganze Zeit, ihre ganzes Leben; ihnen lohnt dann aber auch, gleich ihm, die Ausdauer mit glänzenden Erfolgen und bleibendem Nachruhm. Johann Bugenhagen. Geb. d. 24. Juni 1485, gest. d. 20. April 1558. Neben Melanchton und Justus Jonas Luther's treuester Genosse und Mitgehülfe am großen Werke der Reformation. Bugenhagen wurde zu Wollin in Pommern geboren, von welchem Lande er sich in reiferen Jahren Pomeranus schrieb und von den Zeitgenossen häufig auch Pommer genannt wurde. Von seinem Jugend- leben ist wenig bekannt geworden; er studirte zn Greifswald und erhielt später zu Treptow ein Lehramt, wurde dort Reetor der Schule und zugleich Pfarrer. Ein fürstlicher Auftrag wurde Anlaß, daß er sich eine Zeitlang mit archivalischen Studien beschäftigte und die geschichtliche Quellenkunde seines Vaterlandes erforschte, die ihm zur Abfassung einer Pommerschen Chronik diente. Luther's Lehre und Luther's Geist drangen setzt zu den Ostseeküsten, und Bugenhagen wurde von ihnen erfüllt und ergriffen. Es war ihm aber für jetzt nicht beschieden, der Reformator Treptows und Stettins zu werden, vielmehr sah er sich von der bischöflichen Macht zu Samland also angefeindet, daß er seine Stellen aufgab, und sich nach Wittenberg wandte. Im Jahre 1521 eingetreten in den Wittcnberger Theologenkreis, ein Mann voll guter Begabung, wissenschaftlicher Bildung, voll Wärme des Gemüthes, sah Bugenhagen sich liebevoll aufgenommen, und fühlte sich bald in diesem Kreise heimisch. Er erhielt eine Professur der Theologie, wurde Doctor dieser Wissenschaft, bekämpfte eifrig mit Luther die Lehren des Witten- berger Archidiaconus Carlstadt (Andreas Bodcnstein) und wurde endlich an dessen Stelle Pastor, ja bald darauf General-Superintendent. Als solcher erwarb sich Bugenhagen die größten Verdienste um die Verbesserung des Kirchcnwesens im Kurstaate Sachsen und einen so ehrenvollen Namen im Ausland, daß von vielen Seiten her Rufe an ihn ergingen, auswärts das Läuterungsamt vorzunehmen. Der Kurfürst gestattete ihm, diesen Rufen Folge zu leisten, und der mit Bugenhagen eng befreundete Luther, mit dem er selbst äußere Aehnlichkeit der Physiognomie und des Körperbaues theilte, versah während der Jahre von Bugen- hagen's Abwesenheit dessen geistliches Amt in Wittenberg. Einem großen Theile des deutschen Norden und skandinavischen Süden wurde Bugenhagen Reformator. Seine Wirksamkeit abwechselnd in diesen Ländergcbietcn und in Sachsen umfaßte die Jahre 1528 bis 1512, und war von den nachhaltigstwichtigen Erfolgen. Im Jahre 1528 reformirte Bugenhagen in Vraunschweig und Hamburg, 1529 und 1550 in Holstein und Schleswig, wie in Lübeck. Er war bei der zweiten Kirchcnvisitation in Sachsen 1555 thätig, hatte auch Antheil gehabt am ersten Entwurf der Augsburgischen Konfession, und half die sächsisch-lutherische Kirche mit mehreren Städten des Reichs vereinigen, die sich vorher mehr dem rcformirten Bekenntniß zugeneigt hatten. Der Sanftmuth von Bugenhagen's Charakter war es zuzuschreiben, daß ihm so viel unbegrenztes Vertrauen allseits entgegenkam, daß er nach so vielen Orten und Ländern hin berufen wurde, den evangelischen Gottesdienst einzuführen und einzurichten. Für Bremen, Hamburg und Lübeck arbeitete Bugenhagen Kirchcn- ordnungcn aus; er öffnete die Klöster und begründete Schulen, und hatte die Genugthuung, daß ihm vergönnt ward, endlich im eigenen Vaterlande, daraus ihn früher die pfäffischc Unduldsamkeit vertrieben hatte, von 1554 an reformircn zu dürfen. Aus Pommern wurde er 1557 vorn König Christian III. nach Dänemark berufen, wo er den König in Kopenhagen feierlich krönte und die dänische und norwegische Kirche reformirte. Während einer fünfjährigen Anwesenheit im dänischen Reiche arbeitete Bugenhagen Kirchcnordnungcn für Dänemark, Norwegen und Schleswig-Holstein aus, setzte sieben evangelische Bischöfe ein und mehrere tausend Prediger; auch wurde er Anlaß, daß auf des Königs Befehl Luther's deutsche Bibel in die dänische Sprache übersetzt wurde. Durch Vugcnhagen's Antrieb erfolgte die Erneuerung der Universität Kopenhagen im Jahre 1559, und um dieselbe um so mehr zu befestigen, nahm er auf ein halbes Jahr das Rektorat der erneuten Hochschule an, und las über die theologische Wissenschaft nach den geläuterten Lehrbegriffcn der neuen Kirche. Erst im Jahre 1512 kehrte Bugenhagen nach erfolg- und segensreichem Wirken nach Wittenberg zurück, wurde aber bald genug nach Vraunschweig begehrt, um auch diejenigen Landestheile, welche bisher der dem Luther- thum feindlich gesinnte Herzog Heinrich der jüngere, der Gegner der Reformation, regiert hatte und der jetzt in die Gewalt der schmalkaldischen Bundesgenossen gefallen war, zu reformircn. Am Werke der Bibelübersetzung durch Luther hatte Bugenhagen manchen wichtigen Antheil und war so erfüllt von der überwältigenden geistigen Macht dieser großen That, daß er in seinem Hause alljährlich ein Bibelfest feierte, an dem er Gott für den Sieg und Segen dankte, der durch die Bibelübersetzung für alle Folgezeit errungen war. Er selbst übertrug die Bibel in die niederdeutsche Sprache, blieb Luther ein unerschütterlich treuer Freund bis zu dessen von ihm tief und schmerzlich beklagten Tode, hielt auch Luther in Wittenberg eine bewegte Leichenrede. Seine milde Sinnesart zog ihn auf die Seite Melanchton's bei Gelegenheit der Ausarbeitung des Leipziger Interim, und es traf ihn, wie jenen, Verkennung der Eiferer, die in keiner Weise in den Religionsstreitigkeitcn nachgeben wollten. Die ihm angetragene Bischoswürde zu Schleswig, wie die zu Camin lehnte Bugenhagen ab, und endete sein ruhmvoll thätiges, gottergebenes Leben an endlicher Entkrästung im 75. Jahre seines Alters, wobei Melanchton die Bitte zu Gott nicht unterdrücken konnte, daß ihm die Erreichung so hohen kraftlos hinfälligen Alters nicht be- schieden sein möge. Er hinterließ einen Sohn, der sich als «endemischer Lehrer und später als Geistlicher ehrenvollen Namen verdiente. Martin Buzer. Geb. 1491, gest. d. 27. Febr. 1551 In der ersten Reihe der Reformatoren steht dieser Mann, gleich ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit und redlichen Eifer, wie durch mannichfaltige, nicht alltägliche Schicksale. Buzer (Kuhhorn) wurde zu Schlettstadt im Elsaß geboren und trat noch sehr jung, erst 15 Jahre alt, in ein dortiges Dominikanerkloster, besuchte aber als geistlicher Student die Hochschule zu Heidelberg und studirte Theologie in der unabweisbaren Verbindung mit den alten Sprachen. Die Werke des berühmten Erasmus, deren Erscheinen in Buzer's Studienzeit fiel, regten ihn mächtig an und lenkten ihn auf den Pfad gründlicher Schriftcrforschung; dabei bildete er sich, von guten Gaben unterstützt, zum Redner und Prediger aus, und erhielt vom Kurfürsten Ludwig von der Pfalz und dessen Bruder Friedrich, wie man annimmt auf besondere Empfehlung Franzens von Sickingen, eine Berufung als Hofprediger. In diesem Amte lebte er eine Reihe ruhiger Jahre, bis Luther im Jahre 1518 nach Heidelberg kam, bei den Augustinern daselbst seine Paradoxa vortrug und sie mit Glück vertheidigte. Das rhetorische Feuer und die große gediegene Kenntniß des Wittenberger Augustiners warfen zündende Flamme» in viele seiner Zuhörer, unter denen Martin Buzcr, Johann Brenz, Ehrhard Schnepf, Theobald Pellican u. a. sich befanden; die genannten wurden alsbald mächtig von den Wahrheiten ergriffen, welche Luther lehrte, dessen persönliche Bekanntschaft sie mit Freude machten, und Luther erblickte bald vornehmlich in Buzer eine Stütze des neuen Baues, den er zu begründen hoffte. Der letztere begleitete später seinen Gebieter nach den Niederlanden, und entwickelte nun schon in seinen Predigten die gewonnenen freieren, der alten Satzung entgegenstehenden Ansichten, so daß er bald genug Anstoß erregte und heftiger Verfolgung sich aus setzte. Zeitig gewarnt entging er dieser durch heimliche Flucht und fand sein Asyl bei Franz von Sickingen, der ihn sogleich zu seinem Prediger auf Burg Nanstall oder Landstuhl ernannte, von wo aus er 1521 nach Worms reiste und den von ihm hoch bewunderten kühnen Luther wiedersah. Nach der Rückkehr und der kurzen Ruhe von nicht ganz zwei Jahren, während welcher er durch eifriges Bibelstudium sich in der neugewonnenen Ueberzeugung bestärkte, trieb ihn die Sickingen'sche Fehde auö seinem sicher» Zufluchtsort; er ging nach dem Städtchen Weißenburg zu einem befreundeten Prediger, den aber bald sammt seinem Gast der bischöfliche Vicar von Speier ob ihrer Neuerungen von bannen jagen ließ. Nun wandte sich Buzcr nach Straßburg, wo er als Prediger und Lehrer auftrat und, mit wackern Freunden vereinigt, die neue Lehre in einer Druckschrift vertheidigte. So stand Buzer in Straßburg an der Spitze der Einführung der Reformation, und es ging diese in jener Stadt ohne Kampf und Streit und ohne Zwang von Statten, da sich selbst das Domkapitel der Neuerung nicht abgeneigt zeigte. Auch hielt Straßburg mit seinen Reformatoren lange die gerechte Mitte zwischen den Meinungsverschiedenheiten der sächsischen und schweizerischen Theologen, und Buzcr ließ eö sich äußerst angelegen sein, zu vermitteln, zumal er ohnehin von mildem und sanftem Charakter war. Gleichwohl wurde er zuletzt doch in die Streitigkeiten verwickelt und theilte das spätere Loos Melanchthon's, mit dessen Gemüths- und Denkart die seinige übereinstimmte, für redlich gemeinte Versuche zu einigen und zu versöhnen, Vcrkcnnung zu ärnten. Buzer wohnte den wichtigsten öffentlichen Verhandlungen der streitenden Religionsparteien im Namen der Straßburgischcn Kirche bei, und hatte sich allmälig den Schweizer» zugeneigt, auf deren Seite er denn auch beim Religionsgcspräch zu Marburg 1529 stand, wozu ohne Zweifel die wenig schonende Heftigkeit Luthcr's und seiner nächsten Anhänger in der streitigen Hauptfrage über den Leib Christi im Abendmahl ihn hingedrängt hatte. Im folgenden Jahre befand er sich auf dem Reichstag zu Augsburg und reiste eigens von Augsburg nach Coburg, um mit dem auf der alten Beste dort verweilenden Luther persönliche Rücksprache zu nehmen, der ihn auch liebevoll aufnahm und freundlich entließ. Dennoch hatte Buzcr Bedenken, die Augs- bnrgische Konfession so, wie sie abgefaßt war, mit zu unterschreiben; er übergab vielmehr das Bekenntniß der vier Städte (Uonlessio totrapolilmm) Straßburg, Konstanz, Memmingen und Minden, das er selbst im Auftrag der Städte ausgearbeitet hatte und das eben wieder ein vermittelnder Ausweg sein und die Parteien zur Vereinigung lenken sollte. Im Jahre 1551 refvr- mirtc Buzcr in Gemeinschaft mit seinem Freund Ocko- lampadius in Ulm und im darauf folgenden wirkte er in Schwcinfurt eifrig dahin, daß auch die genannten vier Städte noch nachträglich die Augsburgische Konfession unterschrieben, zumal dieselben bereits dem Schmal- kaldischcn Bunde beigctrcten waren. Dieß und anderes mehr, was Buzcr that, Einigkeit anzubahnen und zu befestigen, hinderte nicht, daß die Wittenberger Partei ihm dennoch mißtraute, weil er mit ihrer oder vielmehr mit Luthcr's Auslegung der Bedeutung der Worte: «das ist mein Leib», nicht auf das unbedingteste nach dem stritten Wortlaut übereinzustimmen vermochte. So war Buzcr im Jahre 1556 an der Spitze eines süddeutschen Prcdiger-Abgeordneten-Vcreins in Wittenberg, um nochmals sein mit der evangelischen Lehre übereinstimmendes Bekenntniß abzugeben, und dadurch stimmte er wieder einen großen Theil der Schweizer Theologen gegen sich. Dem Religionsgcspräch zu Worms 1510, wie dem Negensburger Reichstag wohnte Buzer ebenfalls bei und wirkte fortwährend, so auch als er vom Kurfürsten von Köln 1511 nach Bonn berufen worden war, mit treuem Eifer für die evangelische Sache, immer aber nicht allen Freunden derselben ganz zu Dank. Mit fester Beharrlichkeit und großer Gelehrsamkeit stand Buzer gegen alle Gegner seinen Mann, mochten sie aus dem feindlichen oder befreundeten Heerlager gegen ihn auftreten, und bekämpfte standhaft und unerschütterlich das verderbliche Interim, welches unter andern Städten des Reichs auch Straßburg aufgedrungen wurde. Buzer konnte sich daher in dieser Stadt nicht halten und fand ein neues lohnendes Ziel für seine reformatorische Thätigkeit in einer Berufung des Erzbischofs Kramner, des Hauptbeförderers der Reformation in England, wohin er sich mit dem ihm eng befreundeten Faeius 1519 begab. Buzcr lehrte neben dem Freunde auf der Hochschule zu Cambridge doch leider nicht lange. Von Kämpfen müde, vielleicht auch vom Klima gedrückt und der ungewohnten Lebensweise erliegend, ward er durch eine Krankheit, der Faeius zuerst und noch vor ihm erlag, dahingerafft. Die Königin Maria that in ihrem fanatischen Religionseifer, mit der sie die Bekenner der evangelischen Lehre verfolgte, Buzer's modernden Gebeinen 1556 die hohe Ehre an, sie ausgraben und zu Asche verbrennen zu lassen. Die Königin Elisabeth hingegen ehrte sein Andenken auf das höchste und vernichtete das gegen ihn noch nach dem Tode gefällte Urtheil. Buzer verdiente dieß, denn er nahm als Reformator seine Stelle ganz nahe bei Luther und Me- lanchthon ein, war gelehrt wie diese und treueifrig wie diese. Seine theologischen Schriften und Werke füllen zehn Foliobände. Buzer hatte sich mit einer Wittwe dreier Männer, von denen zwei berühmt waren, verheirathet, deren erster Mann öl. Ludwig Ccllarius (Keller), der zweite Dr. Wolfgang Capito, der dritte Martin Bueer, beide letztere die Freunde ihres vierten Mannes, dem sie 1519 nach Cambridge folgte. Nach ihres vierten Mannes Tode kehrte sie in die Heimath zurück, und starb 1561 zu Basel. Johannes Calvin. Geb. d, 10. Juli 1509, gest. d. 27 . Mai 1564. Der Geburt nach kein deutscher Mann; aber soll ein Mann, der wie Calvin auf Deutschland einen Einfluß und eine Bedeutsamkeit gewann, wie kaum ein zweiter Sohn des Auslandes, nicht verdienen, unter den Reihen deutscher Männer zu stehen, und würde er nicht geradezu da vermißt werden, wo man sich bestrebt hat, die Bilder der Reformatoren und besonders die der hervorragenden Häupter der Reformation zu zeichnen und mindestens in übersichtlichen treuen Umrissen zu schildern? Mehrere Millionen Deutscher gehören noch heute dem religiösen Bekenntniß an, wie Calvin und Zwingli es lehrten und feststellten; der zweite Gründer der reformirten Kirche, der dritten der drei großen Kirchengcmeinschaften Deutschlands, muß natur- und sachgemäß neben Luther und Zwingli seine Stelle finden. Johannes Calvin hieß eigentlich Jean Chauvin und entstammte dem Orte Noyon in der Picardie. Er bestimmte sich nach dem Willen seines Vaters zum Geistlichen, besuchte Pariser Schulen und studirte zu Orleans auch die Rechtswissenschaft, wie in jener Zeit es so häufig der Fall war, daß junge Lernende nicht alsbald einem ausschließlichen Fachstudium sich Hingaben, das man später in Deutschland mit dem trivialen Namen Brotstudium zu bezeichnen beliebte. In vielen Wissenschaften sich die Macht guter Kenntnisse anzueignen, war das Bemühen aller geistvollen Studircnden im Mittelalter, und in vielen Zweigen der Wissenschaften und Künste bewandert zu sein, galt damals als die Signatur eines wahren Gelehrten, nicht die einseitige Verständniß nur einer Doctrin. Auch mit den alten Sprachen machte Calvin sich innig vertraut und rüstete sich so mit vielseitiger Kenntniß aus zu einer großen und folgenreichen Laufbahn. Auch zu Bourges studirte er noch und begab sich von dort nach Paris, wo er über Scncea's Abhandlung — an denselben um einen Richtcrspruch wandten, es keine Appellation gab, besonders nicht für die armen Hexen. Eine grauenvolle Einfachheit zeichnete die Sentenzen aus, die stets erst auf Anwendung der peinlichen Frage (Tortur) bei deir Gefangenen lauteten, und dann, nach darauf crfolgtem Eingestäudniß — auf den Tod durch Schwert, Strang oder Feuer, im mildesten Fall auf Staupcnschlag, Brandmarkung und ewige Landesverweisung. Die Form der Schöppcnstuhl-Urtheile war ein Brief an das Gericht, das den Ausspruch begehrt, und lautete z. B. bei Hexen nach dem Eingang: Demnach sprechen wir darauf vor Recht: «Hat erwähnte bl. bi. ausgesagt und bekannt, daß sie — (folgt der Inhalt des Bekenntnisses). Da sie nun auf solchem ihren Bekenntniß vor öffentlichem Gericht freiwillig verharren würde, so ist sie wegen erzählten ihren abscheulichen Verbrcchungen vermöge beschriebncr Rechten und des h. röm. Reichs peinlicher Halögerichtsordnung mit dem Feuer vom Leben zum Tode zu bringen, von Rechtswegen.» Damit war das Todcsurtheil ausgesprochen. Es wird dem berühmten Benediet Earpzov, dem Orakel der sächsischen Juristen seiner Zeit, nachgesagt, er habe 20,000 Missethäter zum Tode verur- theilt. Furchtbar, selbst wenn eine Null zu viel geschrieben worden wäre! Und er war ein frommer Mann, der jeden Monat einmal zum heiligen Abendmahl ging und die Bibel 53mal durchgclesen hatte. Er starb als ein Gerechter vor dem Herrn und ahnete nicht, daß im Gedächtniß der Nachwelt ein leiser Schauer seinen Namen ümwchen werde. Conrad Celtes. Geb. d. 1. Febr. 1459, gest. d. 1. Febr. 1508. Celtes war der erste deutsche Dichter, den die Hand eines deutschen Kaisers feierlich mit dem verdienten Lorbeer krönte, der erste Begründer deutscher Gelehrten- Vereine für die Erforschung der vaterländischen Geschichte, der erste Lehrer und Professor der Poesie überhaupt in Deutschland, Liebling Kaiser Marimilian's und von ihni für den größten Gelehrten unter den deutschen Zeitgenossen gehalten, Entdecker der Werke Noswitha's — so säete Celtes seine Ruhmessaat in Fülle zum unverwelklichen Aufgang. Nicht die Stadt Schweinfurt, wie fast überall zu lesen ist, sondern der Ort Wipfeld am Main, zwei starke Stunden unterhalb der ersteren Stadt, war die Wiege dieses berühmten Franken. Der Vater war begüterter Wcinbergbesitzer und hieß Pickel; der Sohn entwickelte frühzeitig Talent und zeigte gute Geistes- gabcn, dennoch bestimmte ihn der Vater für das Geschäft eines Weinbauers, aber den Sohn zog es nach der Ferne, nach der Welt des Wissens. Er entwich, 18 Jahre alt, auf ein Mainfloß und fuhr getrosten Muthes in die Welt hinein, mainab und rhcinab, bis gen Köln, der heiligen Stadt. Dort wurde er 1477 in die Matrikel der Hochschule eingetragen, dort änderte er, dem Gelehrtenbrauch gemäß, seinen Vatcrnamen Pickel in Celtis oder Celtes um. Unter Pickel wird in Franken eine schmale spitze Haue verstanden, und damit Pickel's Name verständlicher werde, wandte er auch noch eine barbarische lateinische Form an, da ein Celt einen Streitmciscl der alten Völker bedeutet, und schrieb sich krotuoiug, daraus viele irrig gefolgert haben, er habe Weisel geheißen. Celtes widmete sich in Köln mit Eifer den Wissenschaften im allgemeinen, der Theologie im besondern und trat dann nach damaligem Brauch, wie aus der Lebensgcschichte vieler seiner gelehrten Zeitgenossen erhellt, eine Hochschulcnfahrt an, die er weiter erstreckte, als andere, bei denen der Besuch von 6 bis 8 verschiedenen Universitäten schon etwas zählte. Leipzig, Erfurt, Schlettstedt, Rostock, Heidelberg waren zunächst die Schulen, die der fahrende Scholast im besten Sinne, besuchte, in letzter Stadt lernte er einen späteren Freund und Gönner kennen, den Bischof von Worms, Johann von Dalbcrg, der von wichtigem Einfluß auf Celtcs Lebensgang war, und den berühmten Lehrer Rudolf Agricola, dem er ein dankbares Andenken bewahrte. Später wandte sich Celtcs dem Süden zu, weilte in Padua, Ferrara, Bologna, Florenz und machte die bittere Erfahrung, daß man in dem stolzen und eiteln Wälschland deutschen Geist und deutsche Wissenschaftlich- kcit gar gering achtete, daher verließ er Italien und ging über Venedig durch Pannonien nach Krakau, dem alten hochgefcierten Sitz aller Wissenschaften und freien Künste. Dort hörte er Mathematik und Astronomie, nud las zugleich über Rhetorik und Poetik mit großem Beifall, machte ebenso angenehme Bekanntschaften als fernere angenehme Reisen, so nach dem Salzwerk Wie- liczka, das er anziehend schilderte, und kehrte nach zwei Jahren wieder nach Deutschland zurück, wo ein Freund und Landsmann, Martin Pollich aus Mclrichstadt in Franken, Leibarzt des Kurfürsten Friedrich des Weisen zu Sachsen, ihn seinem Gebieter empfahl. Dieser ließ sich von Celtcs auf den Reichstag »ach Nürnberg 1487 begleiten und empfahl ihn angelegentlichst dem Kaiser Friedrich III., und da wiederholte der Kaiser den Brauch einer Dichterkrönung, er wand dem Poeten einen Lorbeer- kranz ums Haupt, wodurch dem also Gekrönten das Recht wurde, selbst Poeten krönen und ernennen zu dürfen. In dem reichen und schönen Nürnberg gefiel es dem Dichter so Wohl, daß er der Stadt eine Beschreibung widmete; er befreundete sich auch mit Johann und Wilibald Pirkheimer und andern Geistesgrößen dieser Stadt, von welcher aus Celtcs seinen Wanderstab wieder nach dem Rheine lenkte und die rheinische Gelehrten- Gescllschaft gründete, welche sogar bisweilen nach ihm sockgliws Lslticii genannt wurde. Männer von geachtctstem Namensklang wurden Mitglieder derselben, der gelehrte Abt Trithem von Spanheim, der wackere Ritter Eitelwolf vom Stein, Ulrich Huttcn's Gönner und Beschützer, der berühmte Jurist Ulrich Zast, Wilibald Pirkheimer, Conrad Pcutinger, Sebastian Brand und andere. Pflege der klassischen Literatur und Erforschung vaterländischer Geschichte war dieses Vereines Zweck und würdige Aufgabe, und Celtcs Streben zu dessen Erreichung ein unermüdliches; dennoch trat er nicht selbst an die Spitze, sondern stellte an diese den vielgeltenden Bischof von Worms, den oben genannten. Celtcs war von einer großen Reiselust beseelt; es hielt ihn nicht lange an einem Ort, aber überall strebte er literarischen und geschichtlichen Quellen nach, und so wurde ihm das Glück zu Theil, im Stift St. Emme- ran zu Regeusburg die Werke der Nonne Roswitha aufzufinden, die er seinem hohen Fürsprecher, Kurfürst Friedrich dem Weisen zu Sachsen, überreichte, der 1501 deren Herausgabe zu Nürnberg besorgen ließ. Ebenso fand Celtcs später auf einer Reise in seine fränkische Heimath im Kloster Ebrach ein lateinisches Epos auf Friedrich Barbarossa von 10 Gesängen, welches 1507 auf Veranstaltung mehrerer Freunde im Druck erschien, und im Kloster Tcgernsee die, später unter dem Namen der Peutingerschen Tafeln bekannt gewordenen Jtinera- rien. — Ferner besuchte Celtcs Mainz, Lübeck und Prag, fand aber in letzterer Stadt neben anerkennenden Freunden auch Gegner, zumal er gegen die hussi- tischen Lchrformen und Glaubensansichten sprach und schrieb, und sah sich genöthigt, Prag eilend zu verlassen. In Jngolstadt erhielt Celtes eine Professur, las über Ciceros Redekunst, über Mnemonik und Poetik, und erklärte die Oden des Horaz, dessen glücklicher Nachahmer er wurde. Dort beehrte ihn sogar der Bischof von Dalbcrg mit seinem Besuche. Aus Jngol- stadl durch die Pest vertrieben, wandte sich Celtes wieder nach Heidelberg und fand endlich für sein unruhe- vollcs Lebensschiff in Wien unter Kaiser Marimiliau, im Jahr 1497, einen Ankergrund. Er las dort Philosophie und Metaphysik, erklärte Tacitus deutsche Geschichte und wirkte auch nach anderen Richtungen hin mächtig belebend und fördernd auf den neuerwachcnden wissenschaftlichen Geist. Gleich der rheinischen Gesellschaft gründete Celtes in Wien eine Danubische, welche bald sehr bedeutende Mitglieder zählte. Er schuf die Wiener Bibliothek, unternahm noch eine große wissenschaftliche Reise, die bis nach Irland sich erstreckt haben soll, und errichtete eine eigene Anstalt für Dichtkunst, vom Kaiser lebhaft unterstützt, die an seinem Geburtstage 1502 feierlich eröffnet wurde, verbunden mit einem mathematischen Bildungsinstitut. — Dennoch war bei so vielseitiger und reger Thätigkeit des gediegenen Mannes Leben nur kurz, schon im Alter von 49 Jahren entriß der Tod der Wiener Hochschule ihren damals berühmtesten Lehrer. Neben St. Stephans Münster fand er sein Grab. Daniel Nicolaus Chodowiecki. Geb. d. 16. Oct. 1726, gest. d. 7. Febr. 1861. Ein hochbegabter vielseitiger Künstler, Zeichner und Maler, Radierer und Kupferstecher, welcher Genie und Fleiß auf das glücklichste paarte, und der bewunderte Liebling seiner für Kunst empfänglichen Zeitgenossen wurde. Die zahlreichen Werke seines Grabstichels wurden und blieben bis auf den heutigen Tag der Stolz und die Freude der Sammler. Chodowiecki wurde in Danzig geboren und war eines jener Talente, denen vom Schicksal geboten wird, sich mühsam durch eigene Kraft cmporzuringen. Sein Vater war Kräuterhändler und bestimmte auch den Sohn für sein Geschäft. Da ersterer zu seinem Vergnügen in Miniatur malte, so unterwies er in dieser Kunst seine Söhne Daniel und Gottfried ebenfalls, und der letztgenannte jüngere Bruder blieb bei derselben, malte auch in Email und war zum öftcrn später für seinen Bruder helfend thätig. Daniel sollte nach des Vaters Willen Kaufmann werden, und trat, nach des Vaters frühem Tode, bei einem Gewürzkrämer in die Lehre, hielt aber die Lehrzeit wegen gänzlichen Sinkens des Geschäfts in Danzig nicht auS, sondern vollendete seine Lehrjahre in Berlin bei einem Oheim, zu dem er im Jahr 1743 gesendet ward. Dieser beutete des Lehrlings Talent für Miniatur- und Emaillemalerci aus und ließ ihn fleißig Dosendeckel malen, und so prangt in mancher Sammlung Wohl dieses und jenes Rococo-Emailledvschen mit Erstling-Bildern des begabten Chodowiecki, ohne daß die Eigner wissen, welches anziehende Kunstalterthum sie besitzen, wenn auch in künstlerischer Beziehung noch mancher Mangel diesen Gebilden anhaftete. Der junge Künstler bemühte sich mehr und mehr, richtig zeichnen zu lernen und aus dem Tempelvorhof der Kunst in das innere Heiligthum zu gelangen. Chodowiecki erwarb sich Kenntniß vom Radieren, wie von der Oelmalerci, und bewies an seinem «Abschied des Calas von seiner Familie», daß er in einem wie dem andern dieser Kunstzweige es schon zu einer anerkennenswertsten Vollendung gebracht. In allem was Chodowiecki nun in rascher Folge und mit erstaunlichem Fleiße leistete, trat Originalität, gründliches Natur- und Charakterstudium und eine äußerst gefällige technische Behandlung in erfreulichster Harmonie zu Tage, und bald wurde der Künstler so beliebt und gesucht, daß er sich mit Arbeiten überhäuft sah. Alles gelang ihm, man sah in ihm den physiognomischen Scharfblick eines Lavater, den satirischen Geist eines Hogarth und die idyllische fa- milicnfricdliche Richtung eines Gcßner auf das glücklichste vereinigt. Seine Blätter wurden gesucht, bewundert und gut bezahlt, und erreichten eine höchst bedeutende Zahl, über 3000. Die großen Blätter, noch immer Zierden manches Zimmers, wie z. B. Calas Abschied, Zicthen vor seinem Könige, Friedrich II. Heerschau, gefangene Russen, Tod Herzog Leopold's von Braun- schwcig u. a. beurkundeten des Künstlers Fleiß und Begabung; dennoch erscheint er noch größer in den kleineren Blättern, wo er sich als vollendeten Charak- teristiker, als treucstcn Scelenmaler kundgab, und gleichsam eine neue Kunstgattung schuf, welche man die psychologische Illustration nennen könnte. Humor und Laune, Ernst und Strenge, Wahrheit und Sittlichkeit sind in Ehodowiecki's oft äußerst feinen und niedlichen Küpfcrchen ausgeprägt; sie waren treue Spiegel seiner Zeit, durch und durch ncuzeitlich. Alte Vorbilder hatte der Künstler nie gehabt, wohl kaum gesehen, es war für sie auch just zu seiner Zeit fast aller Sinn erstürben, daher erinnert durchaus nichts in Ehodowiecki's-Bildblättern an die alten herrlichen Kleinmeister, als vielleicht die fertige Technik, die feine Führung der Nadel; er war ganz Original. Fort und fort thätig illustrirte der Künstler meist mit zusammenhängenden Folgen zahlreiche Taschenbücher, illustrirte die Werke oder Dichtungen Basedow's, La- vatcr's, Meißner's, Voltaire's, Gotter's, Bürger's, Gellert's, Müller's, Veit Weber's, Langbein's, gab Folgen aus Don Quichote, Minna von Barnhclm, Sebaldus Nothanker, zum Landpredigcr von Wakefield, aus Schiller'S Räubern, auS Voß's Luise, schuf Portraits, phystognomische Studie», einen Todtcntanz u. s. w. und half durch seine verklärende Meisterhand gar manchem an sich dürftigen Buche zu vermehrtem Absatz und neuen Auflagen. Dabei schmückte den Künstler ein stttcnreincr, fleckenloser Charakter, Edelmuts) und Wohlthätigkeitssinn, wahre Bescheidenheit und eine glückliche Heiterkeit. Einige 'Reisen bereicherten ihn mit lieben Freundschaften und Erweiterungen seiner Kenntnisse. Er war glücklich verheirathet und hatte die Freude, in seinem Sohne Wilhelm einen ihm würdig nachstrebenden Kunstgenüssen sich heranzubilden, der ihm die Last der Arbeitaufträgc, mit denen er überbürdet wurde, erleichterte, wodurch freilich manches Blatt mit Ehodowiecki's Namen in die Sammlungen kam, auf dessen Darstellung der Sohn vom Vater zeugt; Wilhelm überlebte aber den Vater nur drei Jahre. Chodowiecki war viele Jahre hindurch Vicedirektor der Akademie der bildenden Künste zu Berlin, und trat nach Rode's Tode 1798 als wirklicher Direktor an deren Spitze. Daher auch des Künstlers patriotische Richtung; er schuf mit Vorliebe Blätter zum Ruhme des preußischen Königshauses, Bildnisse der königlichen Familie; sein Griffel verewigte geschichtliche Ereignisse des Vaterlandes, und so blieb er thätig und nimmermüde, unterstützt durch Gesundheit, Kraft und heitern Sinn, bis die Natur endlich auch von ihm den Tribut heischte, dem alles Leben verfallen ist. Er starb im 75. Lebensjahre. Viele strebten ihm nach, keiner erreichte ihn, zum mindesten gelang keinem mit so viel Ausdauer, Glück uud Unerschöpflichkeit künstlerisch fort zu wirken, wie es ihm vergönnt gewesen war. Vollständige Sammlungen aller Blätter Ehodowiecki's sind sehr selten, und werden als wahrhafte Kunstschätze betrachtet und gewürdigt. Matthias Claudius. Geb. d. 17. Aug. 1740, gest. d. 21. Jan. 1815. Einer der beliebtesten deutschen Volksschriftsteller, ausgezeichnet durch Naivität und Humor, glückliche Laune und biderbe Deutschheit, welcher einem großen Theile der bessern seiner Zeit genug that. in welcher freilich, namentlich in der beliebten volksthümlichen Schreibweise die Lorbeerzweige tiefer hingen als jetzt, und leichter zu erreichen waren. Claudius wurde zu Reinfeld im Lande Holstein geboren, nicht weit von Lübeck, und studierte in Jena Philosophie und Jurisprudenz, von welchen Doctrinen er in spätern Jahren keinen sonderlichen Gebrauch machte. Nach Wandsbeck zurückgekehrt, begründete er die von ihm herausgegebene Zeitschrift: der Wandsbecker Bote, und nannte sich als dessen Herausgeber Asmus, sammelte auch bereits von 1775 an seine im Boten! und in andern Zeitungen befindlichen Aufsätze und Gedichte in eine selbständige Ausgabe unter dem Titel: ^smug omnia 8ua 8eoum portaiw, oder Sämmtliche Werke des Wandsbccker Boten, die von 1775 bis 1812 in 8 Bändchen erschienen. Im Jahre 1776 bot sich Claudius eine Stelle als Oberland-Kommissar in Darmstadt, er nahm sie an, hatte aber das freie Leben eines ungebundenen Schriftstellers und Dichters viel zu lieb gewonnen, als daß die geregelten Geschäfte eines Bureaumannes ihm hätten zusagen können. Schon das folgende Jahr fand Claudius wieder in Wandsbeck; später schien ihm doch wol ein Aemtchen wünschens- werth, und Gras Bernstorff verschaffte ihm das leichte eines Revisors bei der schlcswig-holsteinischen Landcs- bank in Alton«, wobei ihm freigestellt blieb, in Wandsbeck wohnen zu bleiben. Der Humor des Dichters in Verbindung mit einem wohlwollenden menschenfreundlichen Sinn gewannen ihm viele Herzen; er durfte, als der ungleich minder begabte, Klopstock dennoch Freund nennen; auch die Stol- berge und Boß wandten ihm ihre Theilnahme zu, und wie hätte der Vater Gleim fehlen sollen, in dessen Herzen die ganze deutsche Dichterwclt gleichsam wohnte und ihre Heimath hatte! Das Leben des Dichters floß in heiterem Frieden dahin, seine Lcbensverhältnisse waren befriedigend, große Schicksale berührten ihn nicht, mit Ausnahme der Kriegsbedrängnisse, welche Hamburg und den Schwiegersohn, den berühmten Buchhändler Friedrich Perthes in verhängnißvoller Zeit betrafen. Als ihm das Scheiden vom Irdischen nahte, und die letzte Krankheit zunahm, ließ er sich nach Hamburg in das Haus seines Schwiegersohnes bringen, um da seinem Arzte näher zu sein, und brachte noch 7 Wochen auf dem Krankenlager zu, bis ihn der Tod erlöste. Asmus war bei aller Schärfe der Satyre, die bisweilen in seinen Schriften hervortritt, ein liebenswürdiger Dichter; die Signatur seines ganzen Wesens, durch die er auf seine Leserkreise wirkte und sich zahllose Freunde gewann, war Empfindung. Herzlichkeit und Gutmüthigkeit treten fast in allen seinen Dichtungen selbst in der Satyre unverkennbar zn Tage, daher das Wohlgefallen das er fand, das Wohlwollen das er erregte. Sein Rheinwcinlied, «Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher», machte ihn geradezu unsterblich, denn es konnte fast durch ein halbes Jahrhundert kein frohbelebter deutscher Kreis mehr sein, in welchem man sang, darin nicht auch dieses Lied gesungen wurde, oder doch des Liedes Melodie, andern Gedichten untergelegt, an den alten Asmus erinnerte. Auch einige andere Gedichte von Claudius ergreifen durch ihren schönen Gedanken und durch edle Einfachheit. In vielen Gedichten aber und fast in allen Prosa- ausfätzen ist die Einfachheit eine gesuchte und erkünstelte, und dies bricht ihr den Stab. Die populären Schriftsteller zur Blüthczeit des Wandsbecker Boten, die Prosaisten Cramer, Spieß, Müller, und selbst Dichter wie Bürger nicht ausgenommen, hatten sich durch einen Ton, den Goethe im Götz angeschlagen, sammt und sonders eingeredet, man müsse zum Volke so alltags - mäßig als möglich reden, formlos, kurz angebunden, mit 'n und 's und 'nmal w. auf jeder Seite einigemal volksthümlich kokcttircn, halbe Worte verschlucken u. dgl., und sie hatten gar keine Ahnung davon, daß der Dichter, dem es Ernst ist auf sein Volk erfreuend, erhebend und flttigend einzuwirken, nicht in dessen Sphäre Herabsteigen darf, sondern es zu sich emporsehen muß. Ein Dichter, der dieser Ansicht nicht huldigt, kann wol eine Zeitlang die armseligen Triumphe feiern, welche die Trivialität ihm bereitet, aber wenn er sonst nichts höheres leistet, wenn nicht ein tüchtiger innerer Kern, wie Asnrus einen solchen in sich hatte, nachhält, so stiegt er die Bahn der Ephemeren dahin — in das Reich des Vergessenwerdcns, wenn er auch noch so sehr eine Zeitlang eine urtheillose Menge hinriß. In reiferen Jahren wandte sich Claudius's schon von Natur fromm angelegtes Gemüth dem Religiösen zu; er übersetzte neben mehreren andern Schriften auch Fenelons Werke religiösen Inhalts, zeigte merkliche Neigung zur Mystik, schrieb auch ungleich weniger freisinnig als früher, für Aufklärung des Volkes, Preß- freiheit u. dgl., was sich psychologisch von selbst erklärt. Jeder jugendliche Dichtergeist wird sich für edle Freiheit entzünden und entflammen, wird sein Vaterland und sein Volk lieben, und wird in solcher nur naturgemäßen Liebk ein Feind der Volksunterdrückung, der Tyrannei und der Srlavcrei sein. Wenn er aber in gereisteren Jahren Revolutionen erlebt, wie Claudius eine erlebte, wenn die Weltgeschichte ihn in ihren Spiegel blicken läßt, und wenn er gewahrt, daß auch Revolutionen nicht die Freiheit, sondern die Tyrannei im Schooße tragen, daß sie nie und nirgend hin einen Segen, und überall hin nur den Fluch bringen, da wird er kühler und stiller werden, wird an jenes ewig Eine sich halten, das hoch über den irdischen Jrr- salen und Wirrsalen steht, und gern auf den Ruhm verzichten Das zu sein, was man so gewöhnlich »volksthümlich» nennt. Helius Eoban, Hessus. Geb. d. 9. Jan . 1488 gest. d. 4. Oct. I.1540 Vielbegabter Gelehrter, Dichter, Improvisator, Historiker, nicht ganz tadelfreien Rufes, und doch vielleicht besser wie dieser Ruf. Bockendorf in Hessen war dieses Mannes Geburtsort, Ellis sein Taufname, den er selbst zum Zeugniß seines dankbaren Gemüths umwandelte. Ein Amtmann in Preußen Namens Helius habe ihm, so wird erzählt, in seiner Jugend Wohlthaten erzeigt; diesem zu Ehren nannte er sich fortan Helius. Nach dem griechisch umgewandelten Namen seines Heimathortes schrieb er sich wohl auch Tragocomensts, auch Beronieius, und liebte lange ein herumstreifendes Leben in Unstätigkcit und Ruhelosigkeit, wie es nicht selten begabten Künstlergemüthcrn eigen ist. Außerordentlich war Eoban's Sprachfertigkeit; mit der größten Leichtigkeit unterhielt er sich französisch, englisch und italienisch; lateinisch und griechisch war ihm so geläufig wie die Muttersprache. Die Gabe der Stegreifdichtung war ihm im hohen Grade eigen; jeden gegebenen Stoff behandelte er auf der Stelle in metrischer Form, und sprach seine Verse bewegt und ausdrucksvoll, und dabei mit einer Naschheit, daß sie nicht nachgeschrieben werden konnten. Sein Aeußeres und das feste, kernhafte, trotzig blickende Antlitz glich ganz dem eines Kricgsmannes. So forderte der fahrende Poet durch eiu stürmisches Jugcndlebcn lauge sein Schicksal in die Schranken, trieb wohl auch dabei, "wie man ihm nachsagt, zu seiner und anderer Unterhaltung da und dort ein wenig Magie, und lenkte erst nach mancher Irrfahrt sein unruhiges Lebcnsschiff in den Hafen ein. Er kehrte nach Erfurt zurück, wo er seine Studien begonnen hatte, und wurde dort Professor der Poesie und Redekunst; ehrenvoll reihte er dort seinen Namen in den Freundeskreis berühmter Zeitgenossen ein, der sich um Luther und Crotus schloß, in dem Melanchthon, Camerarius, Jouas, Hütten vor allen glänzten. Er wurde sogar Rector der Hochschule, woraus seine Bedeutsamkeit als Gelehrter erhellt; auch waren seine Auditorien stets überfüllt. Aber die Ungunst der Zeit brach Erfurts Blüthe, seine Hochschule verödete, Wittenberg entzog ihm die edelsten und ruhmreichsten Lehrkräfte, und Eoban, der den Freunden dorthin nicht folgen konnte, litt. Melanchtvn empfahl ihn nach Nürnberg, wo Eoban um 1520 ein Schulrectorat an- »ahm, das er bis zum Jahre 1554 verwaltete. Da»» aber zog es ih» doch wieder »ach seinem liebe» Erfurt zurück, obscho» er i» Nürnberg sich ungleich besser gestanden hatte. Die von Freunden erregten, von ihm selbst freudig gehegte» neuen Hoffnungen auf Erfurt erfüllten sich indeß dein Dichter nicht, und er war mit den Seinen oft bitterem Mangel ausgesetzt. Da berief der hochherzige Landgraf Philipp zu Hessen Eoban als Professor der Poesie, Rhetorik und Geschichte 1556 nach seiner mit Vorliebe gepflegten Hochschule Marburg, fand persönliches Wohlgefallen an dem vielerfahreuen offnen und freimüthigen Manne, mit dem er gern Schach spielte, und bedauerte es aufrichtig, daß schon nach 4 Jahren, 1540 der Tod nach einer verzehrenden Krankheit, an der Eoban ein ganzes Jahr litt, diesen der jungen Hochschule entriß, sorgte auch väterlich für Wittwe und Kinder des Hinterlassenen, der, wie zumeist die Poeten, den Seinen nichts hinterließ und nichts hinterlassen konnte. Camerarius, der einst aus einer Reise mit dem lebensheilern Eoban die ganze reichliche Zeche bezahlen mußte, weil er Geld hatte und Eoban keins, hat seines Freundes Leben beschrieben. Eoban zeichnete sich als Schriftsteller, besonders als lateinischer Dichter, so daß man ihn den deutschen Ovid nannte, vielfach aus. Seine lateinischen Ueber- setzungen der Jlias und der Idylle» Theoerits, sowie seine lateinischen Elegien, namentlich seine Schilderung Nürnbergs, sind mit Recht gerühmt. Auch hinterließ er trotz seines martialischen Aussehens den Nachruhm eines sanften und durch und durch humanen Charakters. Hermann Conring. Geb. d. 9. Nov. 1606. gest. d. 12. Dez, 1681. Dieser berühmte Universalgelehrte wurde zu Norden in Ostfriesland geboren, wo sein Vater ein Predigtamt bekleidete. Spät und langsam, durch Siechthum gehemmt, entwickelten sich während des jüngern Con- ring's Knabenjahren die Gaben, die später als glänzende von der ganzen Gelehrtenwelt bewundert wurden; dennoch erwachte mit dem Eintritt in das Jünglingsalter ein frischerer Geist in ihm, und ein poetisches Jugend- produet, eine Satyre auf die gekrönten Dichter, wurde Anlaß, ihn schon im 14. Jahre auf die Hochschule nach Hclmstädt zu senden. Dort widmete er sich mehrfachen Studien, der Philosophie, den alten Sprachen, der Geschichte und Geographie, nicht minder aber auch der Rechtswissenschaft, der Theologie und Medizin. Mit Recht hätte er auf sich die Worte anwenden können, mit denen Goethes Faust beginnt, zumal nachdem er vom Jahre 1625 auch in Leyden fünf Jahre lang studirt hatte. Bald bot sich dem hochgelehrten Polyhistor eine Stelle als Arzt in Paris an, allein seine Neigung bestimmte ihn, sich für das Ami eines aca- demischen Lehrers zu entscheiden, und so kehrte er nach Hclmstädt zurück, das zwar vor dem Ausbruch des 50jährigen Krieges sich weiten Rufes und hoher Blüthe erfreut hatte, aber im Jahre 1650 war auch dieser Musensitz entvölkert und verödet und schwer heimgesucht von den Kriegsgewittcrn, die immer wilder durch Deutschland rasten. Mit dem Muthe eines Mannes jedoch, den kein äußeres Begegnen schreckt, wagte Conring seinen Gang anzutreten, wurde 1652 Professor der Physik, zwei Jahre später Liccntiat der Medicin und erwarb im Jahre 1656 den ärztlichen und philosophischen Doctorhut; zugleich gewann er die Gunst des Landesherrn, Herzog August's von Braun- schweig-Wolfenbüttel im hohen Grade, und sein Wirken . war ein so ausgezeichnetes und von Glück gekröntes, daß sein Ruhm sich schnell und weit verbreitete. Im Jahre 1649 berief ihn eine Gräfin von Ostfriesland und im darauf folgenden Jahre selbst die Königin Christine von Schweden; von beiden fürstlichen Frauen empfing er den Titel ihres Leibarztes. Es hing nur von Conring's Willen ab, sich am königlichen Hofe zu Stockholm eine glänzende Stellung zu sichern, allein er liebte Helmstädt und seinen Landesherr» zu sehr, um seine Heimath verlassen zu können. Der Herzog vergalt ihm diese Treue und Anhänglichkeit wieder mit seiner vollsten Gunst und ernannte Conring, indem er mit scharfem Blick wahrnahm, daß dem Manne noch ganz andere Begabung innewohnte, als die eines Physikers und Philosophen, zum Professor der Politik. Jetzt erst war Conring auf dem Felde einer Wirksamkeit, für die er geboren war, er wurde durch und durch Staatsmann, theoretischer wie praktischer, er wurde der erste Begründer des deutschen Staatsrechts auf wissenschaftlicher Grundlage, wie der Statistik und ca- meralistischen Geographie. Von edlem Freimuth der Gesinnung beseelt, hielt Conring doch am Bestehenden fest. Von allen Seiten her ward er um Rath in wichtigen Staatsangelegenheiten gefragt und seine diplomatischen Aussprüche galten für Orakel. Er legte durch seine Vortrüge zuerst den Grund zur Diplomatik als einer geschäftlichen Kunst; sein Staatsrccht fußte Hwar auf Hugo Grotius, dem berühmten Vorgänger, allein es enthielt des selbstständigen und brauchbaren eine Fülle, obschon es nicht ohne Bekämpfung blieb. In seinem deutschen Privatrecht verwirrte er das deutsche mit dem römischen Recht zu langnachhaltigem Schaden, da viele Nachfolger auf ihn als eine Autorität getrost weiter bauten. Lange erhielt sich Conring's Ansehen als Staatsmann, und sein Einfluß am braunschweiger Hofe; politische Verhältnisse, die zu ändern nicht in seiner Macht stand, und ein Hinüberneigen des Hofes nach Frankreich scheinen auch Conring bestimmt zu haben, dem Zuge zu folgen, so sehr er Deutschland liebte und diese Liebe durch sein berühmtes und bedeutendes Werk: «elo linibus imporii» dargethan hatte. Conring sah in einem Bündniß seines Herrn mit Ludwig XIV., der ihn hochschätzte und dem Colbcrt eine politische Denkschrift widmete, Heil für sein Vaterland, das er keineswegs, wie übel Unterrichtete behauptet haben, gegen eine Pension, die das Ministerium Colbert ihm von Frankreich auswirkte — verrieth. Auch der König von Dänemark ernannte Conring zum Rath. Dem bedeutenden Manne fehlt es nie und nirgend an Hassern und Neidern, auch Conring hatte sich deren zu erfreuen. Sie untergruben seinen Ruhm, sein Wissen und Wirken konnten sie nicht untergraben; aber seine Politik ward ihm verargt, und er überlebte seinen Einfluß um so mehr, als sein Gönner, Herzog August, früher starb, was Conring manche Klage ab- nöthigte. Er verfaßte zahlreiche Schriften und machte sich niemals Auszüge aus andern; was er schrieb, schöpfte er aus dem Born seines eigenen gründlichen Wissens; seine Schriften, meist juridischen Inhaltes, füllen sechs Foliobände. Er starb hochbetagt als Senior aller Facnltäten der Universität Helmstädt im 75. Lebensjahre und in guten Verhältnissen. Conring hinterließ auch zwei geistig begabte Töchter, Elisa Sophia und Maria Sophia. Die erstere schrieb Gedichte, brachte Salomo's Buch der Weisheit in deutsche Verse, übersetzte thcilweise den holländischen Poeten Cats und offenbarte viele Liebe für die Natur und deren Geschöpfe, die sie ebenfalls poetisch zu verherrlichen suchte. Die zweite Tochter Conring's übersetzte Boccaccio, dichtete eine dramatische Alerandr'eis, und beschenkte nebenbei Deutschland mit einem guten Kochbuche, wie mit einer Anleitung, Confitüren zu bereiten, Wissenschaften und Künste der Töchter, die freilich denen des Vaters sehr fern standen, gleichwohl auch ihre Geltung behaupten. Nicolaus Copernicus. Geb. d. 19. Febr. 1473, gest. d. 24. Mai 1543. Der größte Astronom der Welt, und ein Deutscher! Mit gerechtem Stolz blickt sein Vaterland auf ihn, dessen großer Name fortklingen wird, so lange einem Menschenauge die ewigen Sterne strahlen. Er vor allen war der hochbegabte, hellgeborene, dessen «entsiegeltes Auge» in einem noch ziemlich finstern Zeitalter «die Kreise in den Kreisen sah, die eng und enger ziehn um die centralische Sonne.» — Nicolaus Köpernik, so lautete der später von ihm verlateinte Vatername — wurde zu Thorn in Westpreußen geboren. Sein Jugendleben ist verhüllt, frühzeitig scheint er sich ernsten Studien zugewendet zu haben. In Krakau studirte er Theologie, Philosophie und Mathematik, trieb alte Sprachen und legte sich nicht minder auf das Studium der Arzneikunde, das er praktisch zu üben entschlossen war. Er erwarb auch den Doctorhut in dieser Wissenschaft. Bald aber zog ihn nichts so sehr an, als die Mathematik, in welcher sein Lehrer Brudzewski und die berühmten Deutschen Georg von Purbach und Johann Müller, genannt Regio- mantanus, glänzten. Diesen strebte und eiferte Coper- nicus nach, und gleich dem letztgenannten zog es auch ihn nach Italien. Zuerst ging er nach Bologna und vervollkommnete sich durch längeren Aufenthalt immer mehr in der höher» Mathematik und Astronomie unter Dominicus Maria, mit dem er sich innig befreundete; von da wandte sich Copernicus nach Nom und gewann bald Ruf und Namen, nachdem es ihm gelungen war, einen Lehrstuhl als Professor der Mathematik zu erlangen. Copernicus Auge war forschend dem Himmel und der an dessen ewigem Gewölbe wandelnden Sternen- welt zugelenkt. Sinnend und schweigend verfolgte er Entdeckung auf Entdeckung. Was vor mehr als anderthalb Jahrtausenden vor ihm schon ein weiser Grieche, der Philosoph Aristarch, ahnungsvoll ausgesprochen haben sollte, daß die Erde sich um sich selbst und mit den übrigen Planeten um die Sonne sich bewege, wurde dem berechnenden Geist des Copernicus zur unumstößlichen Gewißheit. Aber fest hing der Glaube der Welt, wie am Worte der Offenbarung, am andert- halbtausendjährigen Weltsystem des Ptolemäus; diesen Glauben antasten, ihn bekämpfen zu wollen, zumal in Nom, würde als todeswürdiges Verbrechen erschienen sein; erfuhr dieß doch noch hundert Jahre später der große Gallilei. Darum schwieg, die Fassungsgabe seiner Zeitgenossen richtig würdigend, Copernicus und weihte niemand in seine tiefsten Geheimnisse ein. Nach ziemlich langem Aufenthalt in Nom, wo der deutsche Astronom aus den angesehensten Kreisen Schüler um seinen Lchrstuhl versammelt sah, beschloß er bei sich, der ewigen Stadt Valet zu sagen. Ob es Vor- ausahnung einer sich gegen ihn aufthürmenden Gefahr war oder ob Heimathsehnsucht sein Herz bewegte, ist unbekannt geblieben, genug er grüßte wieder die heimischen Gefilde des Preußenlandes und beschloß in friedlicher Zurückgezogenhcit seine Forschungen fortzusetzen und seine Werke zu schreiben. Ein Oheim, Lukas Köpernik, verschaffte dem geistvollen Verwandten ein Kanonikat am Domstift zu Frauenburg, hart am frischen Haff, wo der Sitz des Bischofs von Ermeland war. Von jetzt an machte sich Copernicus zum dreifachen Grundsatz und zur Lebensbedingung: vor allen andern Dingen seines kirchlichen Amtes zu warten, seine Kunst als Arzt nie um Geld zu üben, aber den Armen sie gern angcdcihcn zu lassen und jede ihm übrig bleibende Stunde seiner LieblingSwiffcnschaft zu widmen. Sein Wirken wurde dankbar anerkannt, die Armen verehrten ihn als einen Vater und Wohlthäter. Erlegte für Frauenburg eine nützliche Wasserkunst an, welche aber die Nachkommen wieder in Verfall gerathen ließen, und erwarb sich durch seinen Wandel, durch die Biederkeit seines Wesens und die Redlichkeit seines Charakters so hohe Achtung, daß er 1521 zum Abgeordneten ves Bisthums Ermeland und des Domstifts erwählt und zum Landtag nach Graudcnz entsendet wurde. Copernicus hatte neben seinen treulich fortgesetzten astronomischen Forschungen auch durch Berechnungen ein Münzsystem erfunden, welches, wenn es angenommen worden wäre, durch seine Einfachheit und mathematische Unfehlbarkeit vielleicht fähig gewesen wäre, allen tausendfachen Münzwirren späterer Zeit in Deutschland vorzubeugen; allein der versammelte Landtag, dem er dasselbe vorlegte, nahm dieses System nicht an, vielleicht, wie so häufig der Fall ist, aus System: Vorschläge zu nützlichen neuen Einrichtungen abzulehnen. Darin mochte Copernicus genügsame Beweggründe finden, mit seinem noch ungleich wichtigeren Systeme von der Bewegung der Himmelskörper nicht allzu frühzeitig hervor zu treten. Als er dieß endlich dennoch that, konnte es gar nicht fehlen, daß dasjenige Widerspruch fand, was die Welt nicht begriff, nicht faßte, was ihren mangelhaften Ansichten unmöglich schien, da der Augenschein anders lehrte, da die Erde scheinbar stille stand und Sonne und Mond sie täglich umkreisten. Der berühmte Gröninger Gemma Frisius bestritt das Co- pernicanische System als ein Paradoxon und andere folgten, dennoch brach fich's Bahn über die ganze Erde und wurde die Grundlage aller späteren Astronomie, soweit sie unser Sonnensystem umfaßt. In dem Werke von den Bewegungen der Himmelskörper und mehreren anderen entwickelte Copernicus zu seinem ewigen Nachruhm sein System, und dann schied er still von hinnen. Er ruht im Dome zu Frauenburg; in Thorn wurde ihm ein Denkmal errichtet. Dauernd feierten ihn die Koryphäen der astronomischen Wissenschaft; auf ihn, als den Grundstein, bauten Keppler und Newton weiter, sein sinnender, denkender Geist schuf sich das unvergänglichste Gedächtnißmal. Lukas Cranach der ältere. Geb. 1472, gest. d. 18. Oct. 1553. Dieser große und berühmte deutsche Maler war ein Stolz seines Vaterlandes; gleich ausgezeichnet durch hohe Künstlerbegabung, wie durch Biedersinn und Treue, brachte er seinen Namen ruhmreich auf die Nachwelt und die von ihm noch erhaltenen zahlreichen Meisterwerke sind ebenso viele sprechende Zeugen seines Ruhmes und seiner Kunst. Die ostfränkische Stadt Kronach oder Kranach, nach welcher Lukas sich nannte, war des Meisters Geburtsort. Sein Vater unterrichtete ihn in der Kunst, so weit er dieß vermochte; dieser Vater soll Müller geheißen haben, eine völlig irrige Annahme, weil man in alten Akten Moler statt Maler las, andere nennen ihn Sünder, Sünder, und das letztere hat insofern eine größere Wahrscheinlichkeit für sich, als der Familienname Sünder-maler noch heute im Frankenlande begegnet. Auch als ein Schüler Matthäus Grünwald's von Aschaffenbnrg wird Lukas genannt, vielleicht war er diesem Künstler blos befreundet. Des Meisters Jugendleben und die Geschichte seiner künstlerischen Ausbildung liegen sonach im Dunkel, er scheint sich frühzeitig auf Reisen mit der Ausübung seiner Kunst beschäftigt zu haben, denn in Oesterreich malte er Trauben auf einen Tisch, nach denen die Vögel flogen, ein ächter deutscher Zeuris. Um 1504 findet er sich wieder in der fränkischen Heimath und in Coburg beschäftigt, wo er einen Jagdsaal der alten Beste mit täuschender Kunst malte und Hirschgeweihe so Plastisch natürlich an die Wände zauberte, daß Menschen und Hunde sich täuschten, indem sie dieselben für wirkliche hielten. Dorthin auf ihre Burg kamen die fürstlichen Brüder Kurfürst Friedrich III. zu Sachsen und Herzog Johann öfters der Jagden halber, schenkten dem Künstler- Jüngling ihre Gunst und nahmen ihn mit sich nach Sachsen, wo er nun auf den fürstlichen Schlössern zu Torgau, Lochau u. a. fortfuhr, zunächst im Thiermalen seine Kunst zu üben und seine Gebieter selbst auf die häufigen Jagden begleitete, bis er in andere Kunstsphären überging. Auf der Reise nach Palästina 1494 begleitete Cranach seinen Gebieter nicht, obschon dieß vielfach behauptet wurde, und es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß er nicht vor 1504 oder 1505 an den Wittenberger Hof kam. Als Hofkünstler gleich mit 100 Gulden Besoldung wiewohl nicht fest angestellt, zeichnete sich Cranach besonders durch schnellmale» aus, nebenbei beschäftigte er sich mit der Holz- schncidekunst und trat gleich so fertig und vollendet in derselben vor die Welt, daß seine Holzschnitte dem Kenner die größte Achtung vor dem Künstler ab- nöthigen. Auch im Kupferstiche versuchte er sich und lieferte einige zum Theil sehr geschätzte und ihrer Seltenheit halber sehr gesuchte Blätter, doch kennt man deren nicht über 8, während die Zahl seiner Holzschnitte überaus groß ist. Die Mehrzahl der Cranach- schen Bilder und Blätter ist mit des Künstlers Maler- zeichen, einer geflügelten schwarzen Schlange, die einen Ring im Maul hält, versehen und nebenbei mit dem Kur- und Herzogwappen Sachsens. Ersteres Sinnbild war ihm und seinen Nachkommen eigens in einem förmlichen Wappenbrief vom Kurfürsten verliehen, daher auch der Sohn, der jüngere Lukas Cranach, sich dessen bediente; es ist aber wieder irrig behauptet worden, daß durch diesen Brief und weil der Künstler darin völlig sprachrichtig Lukas von Cranach genannt wird, jener in den Adelstand erhoben worden sei. Neben der Kunst, welcher Meister Lukas mit treuem Fleiße oblag, verschmähte er nicht deren praktischbürgerliche Uebung, übernahm Zimmermalcreien und Vergoldungen, legte einen Buch- und Papierhandcl an, kaufte eine Apotheke, erwarb Ländereien, und war so gleichsam eine Art Industrieller seiner Zeit. Im Jahre 1509 wurde Cranach mit einer Sendung in die Niederlande betraut, auf welcher Reise er die niederländischen Meister kennen lernte und vor allen Lukas von Leiden sich zum Vorbild nahm. Mit Luther war Cranach innig befreundet, dieser nannte ihn Gevatter und schrieb auf der Reise von Worms an ihn, wo er von seiner bevorstehenden Aufhebung schon unterrichtet war, erbat auch später selbst Cranach's Pathenschaft für eines seiner Kinder. Ebenso war Cranach mit Mclanchton befreundet, wie mit andern der hervorragenden Lehrer Wittcnbcrgs, und seine Stellung wurde eine immer bedeutendere, wie sein hoher Künstlername, der an jenen Albrecht Dürer's fast heranreichte, weiter und weiter bekannt und genannt wurde. Nach dem Ableben Kurfürst Friedrich III. diente Cranach mit gleicher Treue dessen Bruder und Nachfolger, wie des letzteren Sohne, Kurfürst Johann Friedrich dem Großmüthigen, der vorzugsweise Kunstfreund war und Cranach auch bei Bauten fürstlicher Schlösser und deren künstlerischem Ausschmuck vielfach beschäftigte. Eine Menge fürstlicher Familienbildcr mußte Cranach zu Geschenken malen, mindestens zeichnen. Seinen talentvollen ältesten Sohn Johannes, der auf einer Künstlcrreise zu Bologna starb und über dessen Verlust die bekümmerten Acltern zu trösten Luther selbst in Cranach's HauS kam, verlor Cranach 1536. Der Wittenbcrger Stadtrath, dessen Mitglied Cranach schon 1519 als Raths-Cämmerer geworden, wählte ihn 1557 zum Bürgermeister, welches Amt ihm mit der Würde auch eine Bürde mehr brachte. Neuen Schmerz für den biedern Künstler brachte der Tod seiner Lebensgefährtin Barbara, geb. Brengbier aus Gotha, welche 1541 starb, nicht minder des theuern Luther 1546 crfolgtcr Tod. Noch härteren Schicksalsschlag erlebte der nun schon bejahrte Mann, als sein geliebter Fürst in der Schlacht bei Mühlberg geschlagen, verwundet und gefangen wurde. Mit Mannesmuth und edler Treue trat Cranach vor Kaiser Karl V., der ihn hatte rufen lassen und über Bildnisse, namentlich über eine kleine Tafel, auf welcher der Künstler den Kaiser als Knaben zu Mecheln treffend gemalt hatte, sich äußerst gnädig mit ihm unterhielt — und bat kniefällig um Gnade und Schonung für seinen unglücklichen Herrn. Die Geschichte zerstört eine schöne Sage, daß nämlich Cranach sogleich seinem Kurfürsten in die Gefangenschaft gefolgt sei, daß er beim übernachten im Anker zu Saalfelv, als den hohen Gefangenen eine unsägliche Angst befallen habe, den Kaiser gebeten, seinem Herrn zu erlauben, frische Luft zu schöpfen, und daß gleich nach gegebener Erlaubniß und deren Benutzung die Decke des gewölbten Zimmers eingestürzt sei. Cranach blieb noch 2 Jahre nach der Gefangcn- nehmung des Kurfürsten in Wittenberg wohnen, und war wohl nicht in Saalseld. In Gotha und in Weimar tragen zwei stattliche Häuser des Künstlers Wappen. Beide Häuser gehörten dem Kanzler Christian Brück, Cranach's Schwiegersohn, der sein und seiner Hausfrau Wappen über den Thoren anbringen ließ. Der Schwiegervater lieferte von seinem Schwiegersohn ein Brustbild als trefflichen Holzschnitt, welches bisweilen für das Bild Gregor's von Brück ausgegeben worden ist. Im Jahre 1550 begab sich Cranach von Wittenberg zu seinem gefangenen Gebieter, der ihn zu sich berief und ihn bis zu seiner Befreiung im Jahre 1552 zu seiner zerstreuenden Unterhaltung bei sich behielt. Cranach theilte, an des geliebten Herrn Seite fitzend, Triumph und Freude der Rückkehr, empfing ein neues bindendes Anstellungsdecret mit dankbar ausgesprochener Anerkennung seiner Treue, und beschloß nun, da der gewesene Kurfürst Residenz und Hofhält in Weimar aufschlug, im Hause seiner Tochter sein thätiges und ruhmvolles Leben als 81jährigcr Greis. Auf dem Jacobsfriedhof fand er seine letzte Ruhestätte; sein Denkstein steht noch an der Außenwand der Kirche. Sein schönstes Denkmal in Weimar aber ist sein künstlerisches Schwanenlied, sein großes und berühmtes Altargemäldc in der Stadtkirche, für dessen sorgfältige Erhaltung dem Sachscn-Weimar'schen Fürstenhause anerkennender Dank zu sagen ist, und darauf Cranach sein höchst würdiges und ausdrucksvolles Bildniß selbst anbrachte. Was Lukas Cranach als Künstler war, ist vielfach gewürdigt und ausgesprochen worden; Dürer, Cranach und Holbein gelten als die hervorragendsten deutschen Maler ihrer Zeit; fast alle Gcmäldegallerien und Kupferstichkabinettc rühmen sich Cranach'scher Oel- gemäldc, Aquarellen und Handzcichnungcn; die Privat- Sammler sind stolz, mindestens Kupferstiche und die besten seiner Holzschnitte zu besitzen. Er soll auch der Erfinder des mehrfarbigen Plattendruckcs (Clairobscur) 1506 geworden sein, einer Kunst, die in Dürer's Christuskopf und Varnbühlcr ihren Gipfelpunkt fand. Carl Theod. Ant. Maria, Reichsfreiherr v. Dalberg. Geb. d. 8. Febr. 1744, gest. d. 10. Febr. 1817. Sprößling eines altberühmten Geschlechts, das in Worms schon in der Zeiten Frühe seßhaft war, und Namen voll Glanzes aufzeigte, denn: „Ist kein Dal- herg da?" rief fragend der Herold bei den Krönungen deutscher Kaiser, damit ein solcher hervortrete, und vor dem Kaiser den ersten Ritterschlag empfange. C. Th. A. M. von Dalberg war der Sohn des kurfürstlich-mainzischen Geheimen Rathes und Statthalters von Worms, Freiherrn v. Dalberg, Burggrafen von Friedberg, und wurde auf dessen Besitzung Hernsheim ohnweit Worms geboren. Die gediegene Erziehung, welche er unter des einsichtsvollen Vaters unmittelbarer Mitleitung erhielt, lenkte den hochbegabten Sohn dem geistlichen Stande zu, in welchem sich die Aussicht zu Glanz und hohen Stellen glückverheißend eröffnete. Der junge Dalberg wurde aufgeschworen im Erzstift Mainz, und in den Hochstiftern Worms und Würzburg, deren Domicellar, hernach Capitular- oder Domherr er dann wurde. Seine Studien begann er in Heidelberg und vollendete sie in Göttingcn, widmete sich jedoch weniger dem ausschließlichen Dienst der Kirche, sondern betrat die Laufbahn des höheren Staatsmannes und erfaßte das ganze Gebiet der Wissenschaften mit regem Eifer, ebenso die Wissenschaft des schönen mit Begeisterung und Jünglingswärme. Er war ein edler Geist, ein hervorragender Charakter. Auf jeder der hohen Ehrcnstcllen, zu denen sein Schicksal ihn berief, behauptete er sich würdevoll, menschenfreundlich, das Elend mildernd, das Gute mächtig fördernd, die Künste stützend und schützend. In den Staatsdienst bei dem Kurfürsten Friedrich Carl Joseph von Mainz eingetreten, sah sich der Freiherr von Dalberg im Jahre 1772 als wirklichen Geheimen Rath zum Statthalter von Erfurt — damals noch die „treue Tochterstadt von Mainz", wie Erfurt auf alten Siegeln, Münzen und Fahnen sich nannte — erhoben, und gründete sich dort durch sein Walten nie ersterbende Segnungen. Nach allen Richtungen hin wirkte sein Geist fördernd und anregend, auch über das Gebiet seiner Statthalterschaft hinaus. Im nahen Weimar, wohin er zunächst Wieland empfohlen hatte, befreundete sich Dalberg mit den dort lebenden Heroen der deutschen Poesie und Literatur; den geistreichen Höfen von Weimar und Gvtha stand er freundlich nahe; er besuchte wiederholt Schnepfenthal, schätzte den wackern Gründer dieses berühmten Philantropins, Salzmann, und ermunterte den damals dort als Lehrer wirkenden, aufstrebenden NaturforscherJ.M. Bechstein durch ehrende Briefe. Wo er irgend es vermochte, zeigte Dalberg sich fördernd, aufmunternd, anregend, in Wissenschaften und Künsten nicht allein, auch in gewerblichen Thätigkeiten; nichts menschliches war ihm fremd, er selbst war ein großer und guter Mensch, sein Herz war voll Duldung, Liebe und Milde, daher neigte sich ihm auch Kaiser Josephs Herz voll reinen Vertrauens zu, nur war die Zeit und die in ihr waltende Politik noch nicht reif für die Segnungen, welche die edelsten Fürstenherzcn so gern für die Menschheit herbeigeführt hätten. Höhere Pflichten riefen Dalberg von Erfurt ab, er wurde selbst 1787 Coadjutor und dann Kurfürst von Mainz, wie Coadjutor von Worms, später, 1788, auch Coadjutor von Konstanz mit der Bestimmung zum Nachfolger des dortigen Erzbischofs — ja er wurde sogar Bischof in parlilius — man ernannte ihn in Bambcrg zum Erzbischof von Tarsus, einer türkischen Stadt von 30,000 Einwohnern, mit einem griechischen Bischof, ohne noch anderer geistlichen Ehren und Würden zu gedenke», mit denen er, einer der hervorragendsten Prälaten seiner Zeit, ausgezeichnet wurde. Als Fürstbischof von Konstanz trat Dalberg 1799 wirklich ein, doch behauptete er nur drei Jahre den Sitz dieses Bisthums, weil er sich als Kurfürst von Main; und! Reichs-Erzkanzlcr 1802 nach Mainz begeben mußte. ^ Bei den vielen und mannichfaltigen Geschäften seiner geistlichen hohen Würden und Aemter blieb v. Dalberg dennoch immer den Wissenschaften getreu, und verfaßte eine nicht kleine Anzahl anerkannter Schriften, deren erste: „Betrachtungen über das Universum", sechs Auflagen erlebte. Die politischen Verhältnisse im ersten Lustrum des jetzigen Jahrhunderts brachten Dalberg um den Kurhut, dagegen wurde er mit freilich magern Entschädigungen durch die Einkünfte der Bisthümer Regensburg und Wctzlar 1806 zum Fürsten Primas des Rheinbundes ernannt, später, 1810, wurde er auch Fürst von Fulda und Graf von Hanau, und von Napoleon mit dem Titel eines Großherzogs von Frankfurt beehrt. Das alles wog den ungleich höheren Rang eines Kurfürsten von Mainz nicht auf, es waren französische Flicklappen aus den zerrissenen Purpurtalar des alten deutschen Reichsglanzes. Im Jahre 1813 verzichtete der deutschgesinnte große Mann freiwillig nnd gern auf seinen damaligen Fürstenrang zu Gunsten des Prinzen Eugen Napoleon, verzichtete auf die Gunst der Mächtigen und ging nach Regensburg, als dessen Erzbischof er sein schönes, der Menschheit und dem Wohlthun geweihtes Leben sanft beschloß, aber oft sogar der ihm zugesicherten Mittel standesgemäßen Unterhaltes entbehren mußte. Dort, im Dome zu Regcnsburg steht Dalberg's Denkmal von cararischcm Marmor, welches sein Neffe Emmerich Joseph, Reichsfrciherr von Dalberg, Herzog und Pair von Frankreich, ihm 1824 errichten ließ, aber unvergänglicher als Marmor ehrt die Geschichte das Andenken des Unvergeßlichen. Leopold Joseph Marie, Reichsgraf von Daun. Geb. d. 25. Sept. 1705, gest. d. 5. Febr. 1766. Einer der größten Feldherren Oesterreichs und dessen hülfreicher Genius, gekrönt mit unverwelklichen Sicges- lorbcern, welcher dem Klänge des Namens eines altberühmten Geschlechts neuen Glanz verlieh. Schon der Vater Wierig Philipp Lorenz Reichsgraf von Daun hatte sich im spanischen Erbfolgekriege rühmlichst hervorgethan und ausgezeichnet. Der Sohn wurde in Wien geboren und ursprünglich für den Dienst der Kirche bestimmt, für den er aber in seinen Knaben- und Jünglingsjahren nicht die mindeste Neigung zeigte. Leopold wurde Maltheserritter, dann aber Soldat; ein solcher war und blieb er mit Leib und Seele. Von seiner Jugend an sah er Oesterreichs Militairmacht stets unter den Waffen; Krieg in der Türkei, Kampf in Ungarn, Krieg in Spanien, der nordische Krieg und des eigenen Vaters Ruhm, der Ruhm Prinz Eugen's — das alles wirkte mächtig nnd anziehend, und schnell durchlief Daun die unteren Grade militärischen Ranges; mit zwanzig Jahren war er schon Oberst. Als ein Janitscharenaufrühr im Jahr 1730 Mahmud I. auf den türkischen Kaiserthron erhoben hatte, endete der der Türkei durch Eugen's glänzende Siege abgenöthigte Frieden mit der Pforte; sie wurde 1736 von Oesterreich und Rußland zugleich mit Krieg überzogen; Daun machte diesen Feldzug unter dem Obcrcommando des Marschall von Seckendorf mit, zeichnete sich bei jeder Gelegenheit aus, stieg zum General-Major und kehrte nach dem übereilten Separtsriedensschluß Oesterreichs zu Belgrad, 1739 als Gencral-Feldmarschall-Lieutcnant zurück. Im folgenden Jahre starb Kaiser Karl VI.; durch dessen Tod kam seine Tochter Maria Theresia in harte Bedrängniß, denn von allen Seiten wurde ihr Erbrecht auf die österreichischen Staaten angefochten; der österreichische Erbfolgekrieg entbrannte und währte acht lange Jahre. Dieser Krieg bot Daun volle Gelegenheit, sich auf das ruhmvollste auszuzeichnen; erkämpfte erst gegen Preußen, dann folgte er den Fahnen des Erzherzogs Karl von Lothringen gegen die Franzosen, und that sich in allen seinen kriegerischen Unternehmungen ebenso sehr durch persönliche Tapferkeit, als durch eine kluge Vorsicht hervor, die nicht nutzlos Truppen opfert und gern der Alten weisen Spruch befolgt, dem fliehenden Feind goldene Brücken zu bauen. Die bewährte Taktik jenes Helden des Alterthums, Fabius Marimus, war in vielen auch die des General-Fcldmarschall-Lieutenant von Dann; der Lohn seiner Thaten war die Ernennung zum Feldzeugmeister und - Hofkriegsrats nebst der Hand einer liebenswürdigen Dame, Gräfin Fuchs, welche Maria Theresia ihrer besonderen Freundschaft würdigte. In den wenigen Friedcnsjahrcn zwischen dem österreichischen Erbfolgekrieg und dem Ausbruch des siebenjährigen Kriegs stand Dann mit an der Spitze der trefflichen Einrichtungen, welche seine Kaiserin ihrem Heerwesen zu geben unablässig bemüht war. Sie lohnte ihm mit dem Orden des goldenen Vließes und ernannte ihn, als der Krieg begonnen hatte, 1757 zum Feldmarschall. Jetzt begann für Daun die glänzendste Epoche des Ruhmes und der Heldenthaten. In der denkwürdigen Schlacht bei Kolin am 18. Juni 1757, die schon fast für Preußens Heldcnkönig entschieden war, wendeten ein strategischer Mißgriff desselben und Daun's helden- müthigc Tapferkeit Oesterreich den Sieg zu. Im folgenden Jahre war es der llcberfall bei Hochkirch, am 14. Ort., welcher nach dem unglücklichen Ausgang des Kampfes bei Zvrndorf für Friedrich II. und sein Heer so überaus unheilvoll ausfiel. Hätte Daun diesen großen Sieg benutzt und den geschlagenen Feind hartnäckig verfolgt, so wäre der Krieg ein siebenjähriger nicht geworden. Daß er es unterließ, hat ihm harten Tadel zugezogen, hauptsächlich weil der errungene Sieg, da der König sich wieder verstärkte, ohne Folgen blieb. Der Sieg hatte aber viele blutige Opfer gekostet, selbst die Reihen der hohen Offieiere waren stark gelichtet, und dem wahren Helden gereicht edle Mäßigung zuletzt mehr zum Ruhme, als planloses morden und hinschlachten eines unterlegenen Feindes. Im Jahr 1759 war es Daun, der am 21. Nov. den preußischen General Fink mit einer Macht von 12,000 Mann umzingelte und ihn sammt allen seinen Truppen gefangen nahm. Und obschon die verlorene Schlacht bei Torgau, 5. Nov. 1760 ihm einen Theil seiner Lorbeer» entriß, so erkannte doch die Kaiserin und das Vaterland Daun's Herocnthum willig an. Nach der Schlacht bei Kolin stiftete erstere zum unvergeßlichen Andenken dieser Schlacht den Marie-Theresien-Orden, und das erste Kreuz dieses Ordens schmückte Daun's Brust. Schon vor dem Siege bei Hochkirch wurde eine Ehrenmedaillc auf Daun geprägt, deren Durchmesser 4 Zoll beträgt und deren Avers das volle kräftige und doch milde Brustbild des Helden im Harnisch zeigt über drei verschlungenen Kränzen von Eichen-, Lorbeer- und Palmlaub, während die Inschrift ihn als Oesterreichs ersten Heerführer nennt. Der Revers zeigt eine, die finstern Wolken zertheilende Sonne über gebirgischer Landschaft mit befestigter Stadt im Hintergründe, und die Unterschrift deutet an, wie Olmütz, Mähren und Böhmen ohne Schlacht befreit worden. In hohen Ehren endete Graf Dann sein Heldenleben zu Wien, drei Jahre nach vem Schluß des Friedens zu Hubertusburg, und hinterließ das Andenken an seine Heldengröße in allen gut österreichisch gesinnten Herzen auf immerdar. Friedrich Wilhelm Bülow Grat von Dennewitz. Geb. d. 16. Febr. 1755, gest. d. 26. Febr. 1816. Einer der ersten jener mit hohem Ruhme genannten Feldherren des Befreiungskrieges, der einem alten reichs- freiheitlichen Geschlechte entstammt, dem Väterruhm neuen Glanz verlieh und neuen Lorbeer hinzufügte. Sohn eines geistbegabten, doch etwas wunderlichen Vaters, wurde Bülow auf dem Gute Falkenberg in der Altmark geboren, und erhielt mit seinen 4 übrigen Brüdern eine standesgemäße Erziehung. Er entschied sich früh für den Kriegsdienst und trat bereits im 13. Jahre als Fahnenjunker in ein Regiment zu Berlin, bei welchem bereits sein Bruder Karl Ulrich als Offizier stand. Die militärische Zucht war hart und streng; nach vier Jahren eines peinlichen Dienstes rückte Bülow zum Fähndrich auf und wieder vergingen 6 Jahre, bevor er es zum Lieutenant bringen konnte. Der Gamaschendienst stand damals, und zumal in Berlin, in höchster Blüthe, der Offizier war alles, der Nicht-Offizier nichts, der Soldat höheren Ranges alles, der Bürger nichts; französische Sprache galt vor allem als Grundlage jeglicher Bildung; es gehörte eine gediegene innere Begabung dazu, um nicht im Gange der Alltäglichkeit zu verflachen oder übermüthig zu werden. Bülow besaß diese Begabung und bildete sie aus; er pflegte die Musik und huldigte den schönen Künsten. Im Jahre 1786 wurde er Oberlieutenanr, mit 31 Jahren — ein beliebter und wackerer Offizier, von den Kameraden geschätzt und geachtet. Indeß es war Friede, und erst nach vier Jahren wurde Bülow Stabskapitän. Erst der Krieg Preußens gegen Frankreich im Bunde mit Oesterreich berief den kräftigen Helden auf das Feld der Ehre, der Thaten. Obschon die allgemeine Stimmung im Heere nicht gegen Frankreich war, zumal im Beginn der Revolution diese noch nicht völlig den Völkern des Auslandes ihr scheusliches Hyänenantlitz zeigte. Den ersten verunglückten Feldzug der verbündeten Heere in die Champagne machte Bülow nicht mit; erst im Jahre 1793 ging er in der ehrenvollen Stellung eines militärischen und befreundeten Leiters des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen als Hauptmann von der Armee mit zu Felde, wo ihm Gelegenheit wurde, sich rühmlich auszuzeichnen. Er erwarb bei der Belagerung und Erstürmung der Schanzen vor Mainz den Orden pour le msrite. Im April 1791 wurde Bülow Major, und begab sich mit dem Prinzen, der an einer Wunde eine ziemliche Zeit lang leidend gewesen war, wieder zum Heere, wo er, da der Prinz fortan eine mehr selbständige Stellung gewann, znr Infanterie trat, die Führung einer Kompagnie der 2. ostprcußischen Füsilicrbrigade anvertraut bekam, und einige Jahre in stillerer Thätigkeit im Städtchen Soldau zubrachte. Nach dem Tode König Friedrich Wilhelms II. trat Bülow an die Spitze eines neuen, von ihm gebildeten und eingerichteten Fü- silirbataillons und marschirte mit demselben 1805 erst gegen Rußland, das sich anmaßend gegen Preußen gezeigt hatte, dann gegen Frankreich, doch hinderte der balv darauf abgeschlossene Friede diesesmal jeden Weiter- schritt. Bülow wurde unterm 25. Mai 1806 zum Obersten ernannt, behielt aber auf seinen eigenen, wiederholt ausgesprochenen Wunsch, sein ihm treu zugethanes Füsilierbataillon, dem aber nicht vergönnt war, unter seinem tapfern Führer an den leider für Preußen unglücklichen Kämpfen im Octvbcr des Jahres 1806 Theil zu nehmen. Erst nach diesen schwer zu tragenden Verlusten (auch Prinz Louis Ferdinand war bei Saalfeld gefallen) erhielt Bülow's Bataillon Befehl, zu dem an der Weichsel unter General von Lestocg sich sammelnden preußischen Heere zu stoßen. Er besetzte und vertheidigte Thorn gegen die Franzosen, half später Königsberg decken, empfing aber bei Waltersdorf eine Wunde, die ihn für einige Zeit dienstunfähig machte. Im Mai 1809 erschien er wieder auf dem Kampfplatz und stritt mit wechselndem Glück. Er kam als Brigadier zu dem Heere Blücher's, und sah weitere Erfolge durch den Tilsiter Frieden abermals gehemmt. Im November 1808 erfolgte Bülow's Ernennung zum Generalmajor, während er Blücher, dessen Gesundheit bedrohlich schwankte, znr Seite gesetzt war; leider erkrankte Bülow im Jahre 1810 selbst und mußte sich eine Zeitlang ruhige Pflege vergönnen. Im Januar 1811 empfing Bülow den rothen Adlerorden dritter Klasse und im November die Ernennung zum General der westprcußischcn Brigade. Als Brigadegeneral an die Spitze einer bedeutenden Heeresabtheilung gestellt, fand Bülow bei der mehr und mehr sich nähernden Katastrophe volle Gelegenheit, sein Feldherrntalent zu entfalten. Seine hervorragendsten Thaten in den nun beginnenden Feldzügcn sind das Treffen bei Möckeru 1815, mit welchem sich die Reihe der nachherigen Siege über die Franzosen eröffnete, die Einnahme von Halle am 2. Mai, von Lnckau im Juni. Später folgte eine seiner glänzendsten Waffcnthatcn, die Rettung Berlins durch den Sieg bei Großbecrcn, an welchem Bülow mit vollem Recht der größte Antheil zuerkannt wurde. Noch schöneren Lorbeer flocht die Schlacht bei Denne- witz (den 6. Sept. 1815) in den Kranz seines Heldenruhms. Er wurde zum Großritter des eisernen Kreuzes und zum Infanterie-General ernannt, und schritt nun auf der Laufbahn, die er mit so vielem Glück und so vieler Heldentugcnd verfolgte, vom Ruhm getragen, immer weiter vorwärts. Sein Antheil an der Erstürmung Leipzigs am 19. October 1815 war ein bedeutender; dann folgte er mit dem Heere dem fliehenden Feinde, und trieb denselben aus Westphalen; von da aus lenkte sich der Siegcszng nach Holland und Belgien; in diesen Ländern ließ Bülow die Hälfte seines Heeres und rückte mit der andern in Frankreich ein. Dort erkämpfte -er neue Lvrbcern bei Laou, Soifsons und Lasare, und zog mit den verbündeten Heeren als Sieger in Paris ein. Als der Friede geschloffen wurde, empfing er den Ehrennamen Graf Bülow von Dennewitz, wurde zum commandirendcn General in Ostpreußen ernannt, trat 1815, als der Krieg aufs neue gegen Napoleon entbrannte, an die Spitze des 4. preußischen Armeecorps und half mit großer Tapferkeit zu dem schweren Siege bei Waterloo. Das 15. Linien-Regiment, dessen Chef Graf Bülow war, führte fortan seinen Namen. Dasselbe hatte Napoleons Neiscwagen mit reichem Inhalt erbeutet. Graf Bülow von Dennewitz hatte nicht das Glück, wie andere, lange spätere Jahre hindurch auf seinen Lorbeern zu ruhen. Er hatte nach dem Frieden Königsberg zum Wohnsitz erwählt, in dessen Nähe er das Gut Neuhausen besaß. Dort erkältete er sich, ohnehin nicht vollkommen gesund, aus einer Jagd, und diese Erkältung führte seinen Tod herbei, welcher allgemein beklagt wurde. Er war ein kernhafter und ehrenhafter deutscher Mann, hochverdient um das Vaterland und um sein Königshaus, auch den Musen war er befreundet; er componirte mchrercs, war ein trefflicher Familienvater, gastfrei, wohlwollend und menschenfreundlich. Er konnte leicht in Heftigkeit aufwallen, doch legten sich immer balv wieder diese Stürme. Die üble Gewohnheit des Tabakrauchens haßte er gründlich, und bewies damit aufs neue die alte Wahrheit, daß dieses Vergnügen nicht den Mann mache, wie so viele völlig unbedeutende Junker und Nichtjunker sich einreden. Die Hulv seines Königs errichtete dem Andenken Bülow's in Berlin eine Marmorbildsäule, von Rauch gefertigt; sie wurde mit der von Scharnhorst im Jahre 1822 gleichzeitig enthüllt, und zeigt den Mann, wie er in irdischer Hülle im irdischen Leben wandelte. Johann Veit Döll. Geb. d. 1 . Febr. 1750, gest. d. 15. Oct. 183​​7. Plastischer Künstler von bedeutendem Rufe, dem es gelang, aus geringen Anfängen sich zu hoher Ausbildung emporzuschwingen, und der dennoch die ächt deutsche schlichte Einfachheit des Wesens und der Erscheinung sich bewahrte, wie sie den Meistern des Mittelalters eigen war und wie sie unsterblich in manchem treuen Künstlergemüthe noch heute fortlebt, während der Genius, unerschöpflich schöpferisch thätig, vollendetes zeugt und unsterbliches vollbringt. Döll wurde zu Suhl im damals noch königlich sächsischen Hcnneberg geboren, der Vater war dort städtischer Braumeister, der Großvater Viehhirtc. Schon im siebenten Jahre verlor Döll den Vater, doch nahmen Mutter und Großmutter sich seiner liebend an; der Knabe mußte mit seinen Geschwistern fleißig Wolle spinnen, und nach vollbrachter Arbeit durfte er in den Wald zu des Großvaters Heerde laufen, wo er die Liebe zur Natur mit vollen Athemzügen in sich sog, doch fehlte in der Hirtentasche des Alten auch nicht manch nützliches oder erbauendes Buch. Die dem Thüringer Wäldner angeborene Musikliebe erwachte auch in dem kleinen Döll, er erhielt einigen Unterricht im Klavierspiel, lernte bei seinem Bruder, einem geschickten Büchsenschäster, etwas bosstren und trat ebenfalls in das Gewerk der Büchsenschäster als Lehrling ein, in dem er, die Gescllenjahre hinzugerechnet, 6 Jahre bei harter Arbeit und geringem Verdienst ausharrte. Bald auch lernte er zeichnen, etwas malen und vor allem graviren, eine bei der in Suhl so schwunghaft betriebenen Gewehrfabrikation unentbehrliche Kunst. Neigung und Fleiß ließen ihn von 1768 an gute Fortschritte im kunstvollen Schneiden des Stahles machen, und 1772 ergriff er eine Veranlassung, sein Glück in der Fremde zu versuchen. Er reiste nach Wien, nahm Arbeit in einer Goldarbeiterwerkstätte, gravirte Uhren, Dosen u. dgl., arbeitete dort 16 Monate in äußerst gedrückter Lage und verließ endlich nachgedrungen, da man ihn nicht entlassen wollte, heimlich das ihm widerwärtig gewordene Hans. Auf der Heimreise wollte Döll in Dresden einen Muttcrbruder aufsuchen, denHof-Stcin- schneider Klctt; im Thore traf er einen militärischen Hcnne-^ berger Landsmann, der ihn, unter dem Vorwand hin zu Klett zu fuhren, nach dem Quartier seines Haupt- luauucS brachte, und so sah Döll sich Plötzlich zum Soldaten gepreßt. Als er eingekleidet war, sah ihn ein anderer LandSmann, ein Grenadier, der zu seiner Befreiung verhalf, die dem Oheim nicht ohne Muhe gelang. Letzterer beschenkte Dvll mit vielen Kunst- arbeiten und Reisegeld, und so kam er wieder nach Suhl zurück. Dort unternahm er ein Graveurgeschäft in colorirt vergoldeten Tomback, und seine Stücke fanden vielen Beifall, gab aber bald, zum höheren vorschrei- tend, die bisherige Gravur auf und arbeitete vertieft, er wurde Siegel- und Stempclschneider; endlich ging er auch zum schwierigsten seiner Kunst, zum Steinschneiden über, dessen Technik er in der kurzen Zeit von 8 Tagen bei seinem Onkel in Dresden, der einer der geachtetsten Meister in dieser Kunst war, erlernte, und dann sich mehr und mehr durch eisernen Fleiß vervollkommnete. Dvll bildete seinen Geschmack sowohl nach antiken Mustern, alö nach den Arbeiten eines Hedlingcr und Goß, nahm vom ersteren das geniale, von letzterem die Korrektheit der Zeichnung an; sie waren seine stummen Lehrer, andere hatte er nicht; er war in seinem lctzterwählten Kunstfach beinahe völlig Autodidakt. Neben der Kunst, welche Döll eifrig in seiner Vaterstadt betrieb, bekleidete er in dieser auch noch ein anderes Amt, er war seit 1774 Organist an der Krcnzkirche in Suhl und völlig Meister seines schwierigen Instrumentes. Im Jahre 1777 verheiratete ersieh und im folgenden Jahre erhielt er das Prädicat eines knrsächsischen Hofgraveurs. Sein Leben war fortwährend das eines fleißigen, sinnenden ächt deutschen Künstlers; glücklich in Uebung seiner Kunst, im Schooß der Familie, im Umgang mit nur wenigen anserwählten Freunden, mit denen er seine musikalischen Genüsse theilte — Freunde, die er aber nach und nach alle vor sich dahinscheiden sah — flössen ihm die Jahre dahin. Durch das Lesen gediegener Werke bildete er seinen Geist immer weiter aus und bereicherte seine künstlerischen Ideen. Vom Jahr 1796 an wurde er für die Loos'sche Medaillenanstalt in Berlin beschäftigt und im darauf folgenden Jahre dorthin berufen, um am Orte selbst mehr fördern zn können. Döll schnitt in einem Zeitraum von fast 20 Jahren für Loos gegen neunzig Medaillenstempcl mit Figuren und Allegorien, und oft sehr zusammengesetzte und schwierige. Mancher Sammler Loos'scher Medaillen besitzt treffliche Arbeiten aus Döll's Meisterhand, auf denen ein anderer Name als der seine steht; Siegel in Stahl oder in Stein hat Döll bis zum Jahre 1809, ohne die einfachen Buch- stabensicgel, 800 geschnitten. Er erwarb sich den Ruf eines der ersten Steinschneider der Neuzeit und lieferte mehrere unübertreffbarc Meisterwerke, so eine Hebe, die Zeus Adler füttert, einen Antinous in Chalzcdon, einen Herkules, den ncmcischc» Löwen erdrückend, einen Pc- rikles, einen Negersklaven, ein Brustbild Gocthc's in Pyrop (letzteres in unserem Besitz). Vor allem werth- voll ist Döll's kleines Pantheon in sibirischen Amethyst, das in den Besitz des Herrn Senator Opitz in Suhl gelangte. Dabei war Döll ein denkender Künstler und der Feder vollkommen mächtig. Im 18. Stück von Meusel's Museum für Künstler und Kunstliebhaber sprach er sich sehr gediegen aus über das Verhältniß der antiken Steinschneidekunst zur modernen. Berlin sagte seiner Thüringcrwaldnatur nicht auf die Dauer zn, und konnte derselben nicht zusagen; er kehrte zur schönen Heimath zurück und athmete froher und freier zwischen ihren grünen Bergen. Im Jahre 1811 wurde Döll Organist an der Hauptkirche zn Suhl, und im October 1824 feierte er das Jubelfest seiner Doppelkünstlerschaft als Hofgraveur und Organist, bei welchem der König von Preußen ihm den rothen Adlerordcn verlieh. Die Berliner Akademie der Künste und mechanischen Wissenschaften hatte ihn bereits 1808 zum Mitglied ernannt. Döll war jetzt bereits ein Greis von 74 Jahren und die Arbeit in Stein hatte er nun aufgegeben, allein in Stahl arbeitete er noch immer fort mit rastlosem Fleiß, denn Arbeit war seine Freude, sein Glück, und als achtzigjähriger Greis arbeitete er immer noch. Aus dieser Zeit rührt eine höchst gelungene Medaille auf Thnssilo, den als Stammvater des Hauses Hohenzollern angenommenen ersten Grafen von Zollern, von Döll her. In ruhiger Klarheit neigte sich ihm der späte Lebensabend. Von acht Kindern überlebte ihn nur ein Sohn, der großherzoglich badensche Hofmedaillcur und Münzmcister Carl Wilhelm Döll in Carlsruhe, welcher, dem Vater gleich, in schöner Begabung als Plastiken und Musiker wirksam wurde. Zn Döll's talcntreichsten Schülern zählt sein eigner Enkel, der Steinschneider Rudolph Stadelmann in Suhl, den aber in Neapel, wo er für die Rothschild'sche Münzstätte thätig war, der Dolchstich eines Banditen, welcher, von der geschützten Brust abgleitend, das eine Auge traf, für die fernere Uebung seiner Kunst unfähig machte, und Tnbal Höfling, königlich preußischer Hofgravenr und Senator daselbst, welcher das Bild seines trefflichen Meisters zum Behuf einer Denkmünze in Stahl schnitt, während der Sohn den Revers fertigte. Leider ist diese Medaille nicht erschienen. Herr Höfling modellirte auch, neben andern schätzenswerthcn Arbeiten, Döll's Brustbild in Wachs und hatte die besondere Güte, das obcnstehende Brustbild eigens für diese Lcbensskizze seines dankbar verehrten Meisters zn zeichnen. Dauerbar, wie ein schöner Edelstein, wird Döll's Künstlername unter den wenigen Namen derer fort- glänzen, die sich in der so äußerst schwierigen Kunst des Edelsteinschnitts als wahrhafte Künstler hervorgethan haben und hervorthun. Albrecht Dürer. Geb. d. 20. Mai 1471, gest. d. 6. M​ai 1528. Deutschlands gefeiertester Maler, aber nicht nur als Maler groß, sondern groß als Künstler im vollen Sinne des Wortes, ein Stolz des Vaterlandes. Dürer war der dritte Sohn eines Nürnberger Goldschmieds, der aus Ungarn stammte, und mit dem Sohn den gleichen Vornamen trug. Der Vater leitete den Knaben, der sein Liebling war, zur eignen Kunst an, ließ ihn aber dabei tüchtig und unablässig zeichnen, und Dürer würde, wenn er bei dem Gewerbe des Vaters, das damals in höchster Blüthe stand, geblieben wäre, Deutschlands Cellini geworden sein. Bis zu seinem sechzehnten Jahre blieb der junge Künstler in der Goldarbeiterwerkstätte, aber seine Neigung sür die zeichnende Kunst brach so mächtig hindurch, daß der Vater ihn dem tüchtigen Maler Michael Wohlgemut!) übergab, wo er rastlos lernte und den Druck der Ma- lergcsellenschast ertrug, bis er nach drei Jahren, 1490 in die Fremde hiuauspilgerte. In Colmar begrüßte er die Brüdcr des kurz vorher verstorbenen Martin Schongauer, besuchte darauf die Niederlande so wie Italien und kehrte nach vier Jahren in die Vaterstadt zurück, wo er Meister und mit Agnes Frey verkuppelt wurde, einer schönen Jungfrau mit dem Gemüth einer ikantippc. Dürer entfaltete einen staunenswertheu Fleiß; sein Weib soll auf diese fast unglaubliche Thätigkeit mehr Einfluß geübt haben, als dem Lebensglück des hochbegabten Mannes förderlich war, wenn auch bei weitem nicht alle Gemälde, nicht alle Kupferstiche, Holzschnitte und plastische Arbeiten, die man ihm zuschreibt, wirklich von seiner Hand gefertigt wurden. Das erwiesen ihm eigne bietet eine solche Ueberfülle, daß seinem Künstlerfleißc kaum ein anderer an die Seite gesetzt werden kann. Auch nach seiner Verheirathung machte Dürer noch einige Reisen, war 1306 in Venedig, 1520 und 1521 schon allgc- fciert, in Begleitung von Frau und Magd in den Niederlanden, außerdem aber war er fast stets daheim, und in Folge seines edlen, vortrefflichen Charakters und der liebenswürdigsten Persönlichkeit der hervorragendste seiner Zeitgenossen und auch außerhalb Nürnbergs Vielen werth und befreundet. In der Vaterstadt war es vor allen Willibald Pirkhcimcr, mit dem er in herzlichem Einvcrständniß lebte, in Italien schätzten Nafacl Sanzio von Urbino und Bcnvenuto Cellini den deutschen Meister hoch. Ersterer tauschte Bildnisse mit Dürer und sprach es unvcrholcn aus, daß Dürer ihn und alle italischen Künstler übertreffen würde, wenn er die hohen Muster der antiken Kunst vor sich hätte. Aber Dürer verschmähte dieselben. Was Dürer in den verschiedncn Zweigen seiner in jeder Beziehung trefflichen Kunstübung leistete, ist schier unübersehbar, und hat allseits die anerkennendste Würdigung sowohl seiner eignen Zeitgenossen, als der kritischen Nachwelt gefunden. Er ist durchaus eigenthümlich, nicht so ideal wie Nafael, nicht so steif und streng, wie die Meister der kölner Malerschule; das erhabene gelang ihm wie das phantastische, Ernst und Anmuth wußte er zu mischen; selbst in den Gewändern und im Faltenwürfe, wo noch am häufigsten Wohlgcmuths Einfluß hervorleuchtet, tritt oft eine von andern nie erreichte Großartigkeit und Mannichfaltigkeit hervor. — Oelgemälde von Dürer bewahren fast alle deutschen, niederländischen, wie mehrere französische und italienische Gallerten auf, der Acchthcit der letztem ist indeß nicht viel zu traue». Selbst Madrid hat eine herrliche Kreuzabnahme und mehrere andere treffliche Stücke. Nürnberg (cinschl. der ehemaligen Schlcisheimer Gallerte), München und Wien mit der jetzt dort befindlichen Ambrascr Sammlung sind in Dcutschlanv am reichsten an ächten Dürergemäldcn. Plastische Arbeiten, die den Stempel seiner hohen Originalität und Meisterschaft unverkennbar tragen, zeigt man in den Kabinetten von Braunschweig, Gotha, London, München, Stuttgart, Wien. Selbst Medaillen hat Dürer gefertigt, man hat deren einige, die sein Zeichen tragen, mit dem Brustbilde Doctor Luthcr's, 1523 und 1526; Michel Wohlgemutes 1508, mit seinem eignen, wenn es nicht den Vater darstellen soll, 1514; einen herrlichen weiblichen Kopf, welcher für den seiner Agnes gehalten wird, von 1508. Als Kupferstecher wurde Dürer Meister und Vorbild für alle Nachkommen, indem er alle bcdeutcnvcn Stecher vor ihm überflügelte; es ist ganz zuverlässig anzunehmen, daß er frühzeitig die Goldschmiedskunst des Niellirens lernte und übte, wohin das berühmte kleine Crucisir, der sogenannte De- gcnknopf Marimilian's I. unverkennbar deutet. Ueber hundert, zahlreich copierte und oft täuschend copierte Stiche hat Dürer hinterlassen. Zu den größten und bedeutendsten gestochnen Blättern Dürer's gehören Ritter, Tod und Teufel, St. Hicronymus in der Zelle, St. Eustachius, die Melancholie, auch die Portraits des Cardinal Albrecht v. Mainz, Friedr. d. Weise, Kurfürst zu Sachsen, Erasmus, Melanchthon, Birkhcimer. Ebenso vorleuchtend, wie als Kupferstecher, war Dürer als Meister des Holzschnitts; nicht daß er jedes Blatt, welches sein Zeichen trägt, vollständig und fertig in Holz ausgegrabcn habe; daß er aber die technische Kunst des Holzschnittes verstand und übte, wie kaum ein zweiter vor nnd nach ihm, etwa Holbein ausgenommen, ist außer allem Zweifel. Die Holzschnitte allein wären hinreichend, Dürer den Ruhm eines in dieser Kunst kaum unübertrcffbaren Meisters zu sichern; hielt doch der große Marc Anton es für werth, einen Theil derselben zu copiren, der Kopien von Dürer's zahlreichen Schülern nicht zu gedenken. Außer ungemein zahlreichen Einzelblättern der Heiligen- und Profangeschichte, der Allegorie, Brustbilder, Wappen u. s. w. schuf er die großen aus vielen Blättern bestehenden Werke der Apocalypse, Leben der Maria, große und kleine Passion, Marimilian's I. Ehrenpforte (92 Holzstöcke), der Triumphwagen desselben, die seltnen Jrrgängc; endlich die mit Holzschnitten versehenen eignen Werke Dürer's von der Proportion des menschlichen Leibes und von der Befestigung der Städte. Und nach alle diesen schmücken noch eine große Anzahl der trefflichen Hand - zeichnungen des großen Meisters die Sammlungen. Ein so reich begabtes schöpferisches Leben — und nicht glücklich! Mit 57 Jahren der Kunstwclt, dem verehrenden Schüler- und Freundeskreis entrissen, ruht Dürer auf dem St. Johanniskirchhof seiner Vaterstadt, ihr größter, berühmtester Sohn. Vor seinem Hause steht seine Bildsäule in Erz. Paul Eber. Geb. d. 11. Nov. 1511, gest, d, 10. Dez, 1569. Paul Eber erwarb sich Anerkennung, Ruhm und Ehre als Schüler, als Freund, wie als Amtsgenosse der Reformatoren und um die Wittenberger Kirche, der er in den letzten Jahren seiner Wirksamkeit vorstand, große und namhafte Verdienste. Er wurde in dem Main- städtchen Kitzingen geboren; der Vater war ein ehrsamer Schneider, der seinen Knaben zuerst die heimathliche Schule besuchen ließ und ihn dann im zwölften Jahre auf die Schule nach Ansbach brachte. Dort erkrankte Eber, mußte nach Hause reisen und hatte das Unglück, von einem wilden Pferde, das er auf dieser Reise aus Ermüdung bestieg, abgeworfen und fast eine halbe Stunde lang elendiglich geschleift zu werden; er kam mit dem Leben davon, behielt aber als traurige Folge dieses Unheils eine entstellte und gebrechliche Gestalt. Eber hielt sich nun nothgedrungen wieder im älterlichen Hause auf, erlebte dort die Schrecken des Bauernkriegs mit und begleitete 1525 seinen Vater nach Nürnberg, wo er das neu errichtete Gymnasium, die Lorenzer Schule bezog, die Melanchthon eingeweiht hatte und an welcher Camcrarius, Eoban Heß, Noting und andere wirkten, Eber wurde seinen gefeierten Lehrern bald lieb und konnte mit den besten Zeugnissen im Jahre 1552 auf die Hochschule Wittenberg entlassen werden. Dort saß er nun, um Philosophie und Theologie zu studircn, freudig zu Luther's und Melanch- thon's Füßen, und lernte so lange, bis er selbst zu lehren begann, wie denn in jener Zeit lernen und lehren oft lebenslänglich Hand in Hand gingen. In dem herrlichen Kreise bewunderter geistiger Größen, den die damalige Profcssorenwelt Wittenbcrgs bildete und in welchem neben den schon genannten noch Bugen- hagen, Jonas, Crucigcr, Förster glänzten, wie im Kreise von Alters- und Studiengenoffen, die sich nicht minder, wie Eber selbst, berühmte Namen schufen: Matthcsius, Georg Major, Stiege! und andere — wurde es dem begabten Eber nicht schwer, zumal Melanchthon ihn mit voller auszeichnender Gunst beehrte, sich selbst eine geeignete und erwünschte Stellung zu erringen. Nach vierjährigen Studien erwarb Eber den philosophischen Magistergrad, trat als akademischer Lehrer in Wittcnberg auf, und wurde Mclanchthon's vertrautester Freund. Insgemein wird Eber als Melanchthon's Famulus genannt; das war er vielleicht auch als Studireuder eine Zeitlang, aber dieses Verhältniß acadennschcr Dienst- barkcit hob ihn bald auf eine ungleich edlere und höhere Stufe. Alle Geheimnisse vertraute Melauchthon unbedenklich seinem Eber an, und durfte dieß mit getroster Zuversicht thun; oft mußte Eber für ihn schreiben, und bald wurde er Melauchthon's rechte Hand, bald ?In- lippi rsportnrium genannt. In Leid und Kummer tröstete Ebcr's Freundcstreuc den oft schwer gekränkten Melauchthon, und sein Zuspruch erhob ih» über die erfahrene» Unbilden. Als Melauchthon in bedrohlicher Zeit von Wittenberg nach Zerbst geflüchtet war, blieb Eber zurück und verwaltete des Freundes Hauswesen. Aber auch Luther schätzte Eber überaus hoch und sprach einst zu ihm: «Du wirst Paulus gerufen, darum vermahne ich Dich, daß Du nach Pauli Beispiel strebest, beständig die Lehre aufrecht zu erhalten und zu schützen, welche Paulus überliefert hat». Melauchthon war es auch, der Eber eine Lebensgefährtin, Helena Kuffner aus Leipzig, zuführte, mit der der letztere in glücklicher Ehe und mit Kindern reich gesegnet lebte. Im Jahre 15-44 wurde Eber Professor der Grammatik, und las nächst dieser über mehrere griechische und römische Klassiker, über Physik n. s. w. Im Jahre 4550 war er Dccan der philosophischen Facultät und kündigte ein Magister-Eramen in lateinischen Distichen an. Doch war Eber nicht bloö befähigt, in lateinischer Sprache der Poesie zu huldigen, auch als geistlicher Liederdichter zeichnete er sich aus und vermehrte in entsprechendster Weise den Liederschatz der evangelischen Kirche; zwar nicht der Zahl, Wohl aber dem Gehalte nach sind seine Lieder bedeutend, und es genüge, hier nur das bekannte Trostlied: «Wenn wir in höchsten Nöthen seyn» anzuführen. Als in: Jahre 1556 I)r. Johann Förster, der Reformator eines guten Theils des nordöstlichen Frankenlandes und der Grafschaft Heuncberg, gestorben war, welcher Prediger an der Hvfkirche zu Wittcu- berg und Professor der Theologie und hebräischen Sprache gewesen, schlug die Universität dem Kurfürsten August — Eber zu Försters Nachfolger vor, und der Kurfürst bestätigte gern den Vorgeschlagenen, der aber bald von der Stelle eines Schloßpredigcrs, welcher nur Sonntags und Mittwochs zu predigen hatte, zum Amte eines Stadtpfarrers und General-Superintendenten ernannt wurde, und sonach die höchste geistliche Würde im Kurstaatc Sachsen erlangte. Mit tiefem Schmerz erfüllte Eber der 1560 erfolgte Tod seines geliebten Melauchthon, der ihm bis zum Grabcsrandc ein treuer Freund geblieben war. Eber lebte und lehrte mit Eifer und Thatkraft; seinem wichtigen Amte mit voller Hingabe treu, war er auch als geistlicher Schriftsteller thätig, schrieb eine «Geschichte dcö jüdischen Volkes«, einen «historischen Kalender«, gab in Verbindung mit Peueer eine «kleine Naturgeschichte» heraus, und wurde als Liederdichter völlig volksthümlich, was daraus erhellt, daß — was vielleicht nicht allgemein bekannt sein dürste — die Bettler in den ost- fränkischen Gauen, gewohnt, mit länger» oder kürzern Gebeten vor den Thüren oder in Häuser» das Mitleid anzuflehen, nichts so häufig herbetcu, als aus Ebert's Lied «In Christi Wunden schlaf ich ein» die Stelle: Christi Blut und Gerechtigkeit Ist mein Schmuck und Ehrenkleid. Damit will ich vor Gott bestehn, Wenn ich zum Himmel werd' eingehn. In den theologischen Streitigkeiten, an denen die Zeit, in welcher Eber amtlich wirkte, so überreich war, zeigte er sich zunächst als abgesagter Gegner des Interims, litt im Stillen mit seinem Melanchthon über die diesem und auch ihm selbst gemachten Beschuldigungen, und neigte sich im Abendmahlsstrcit wohl innerlich zu dem Zwinglisschen Bekenntniß hin, vermied indeß, als Kämpfer im Für und Wider aufzutreten, zeigte vielmehr die schöne und edle Mäßigung seines bis in den Tod geliebten Meisters Melanchthon, und konnte keine Freude an dem zur Schlichtung der adiaphoristi- schcn und synergistischcn Streitigkeiten angeordneten Kolloquium zu Altenbnrg (1565) haben. Die Mehrzahl dieser Kolloquien trug das Stigma der ganzen deutschen endlosen Schwatzsucht, Rechthaberei, hartnäckiger Einseitigkeit der verschiedenartigsten Meinungen und des Hervortreteus jugendlicher höchst anmaßender Persönlichkeiten an der Stirne, die noch durch alle Jahrhunderte dahin gestrebt und gewirkt haben, Eintracht nie aufkommen zu lassen, wie die deutsche Geschichte in alter, neuer und neuester Zeit in schlagenden Beispielen gelehrt hat. Die leidige unversöhnliche Rechthaberei aller theologischen Parteien verkümmerte und trübte Eber's Dasein, kränkte ihn tief, indem eine Anzahl der streitenden Theologen ihn für unwürdig der Theilnahme an den beiden Sakramenten erklärt hatte. Dieß und schweres Hauskreuz, was ihm zu tragen auferlegt war, zehrten die Lebenskraft des ohnehin schwächlichen Mannes bald auf, dessen Andenken aber in hohen Ehren bei der dankbaren Nachwelt fortblüht. Johann Georg von Eckhart. Geb. d. 7. Sept. 1674, gest. d. 6. Febr. 1730. Ein Historiker, der sich um Erforschung der vaterländischen Geschichte, wie um erklärende Vergleichung und Veröffentlichung alter Sprachdenkmäler die größten Verdienste erwarb. Eccard, so schrieb er sich, bevor er geadelt wurde, war zu Duingen im Amte Lauen- stein im Braunschweigischen, jetzt Hannöverischen, geboren; sein Vater war Oberförster, und schon im Knaben erwachte frühzeitig die Liebe für Etymologie. Eccard besuchte als Jüngling Schul-Pforta, wo er große Neigung zur Dichtkunst zeigte, und ging dann nach Leipzig, wo er bis 1696 studirte, fleißig die Alten las und sich als Corrector einiges verdiente. Später gelang es ihm, eine Secretairstelle bei dem Grafen von Flemming zu erhalten, jenem tapfern und berühmten k. k. Staatsminister und Feldmarschall, der zuvor in sächsischen Diensten dem Kurfürsten zu Sachsen, wie dieser sich um die Krone Polens bewarb, als Gesandter in Warschau wesentliche Dienste leistete. In dieser Stellung bei einem so bedeutenden Manne wurde Eccard eingeweiht in die Verhältnisse der höheren Diplomatie und Staatskunst, wie auch in das Wesen der Archive und die Benutzung geschichtlicher Quellen. Er begleitete den Grafen von Flemming auf einer Reise durch Europa, auf der er sein altes Hcimathland wieder grüßte; in Braunschwcig wurde er Lcibnitz empfohlen, mit dem er, durch gleiches Streben diesem geistig verwandt, sich eng befreundete. Wohl mag Eckhart die Sehnsucht nach einem Fric- densport in der Heimath empfunden haben, und durch Lcibnitz's Vermittlung bot sich ihm ein solcher wirklich dar. Letzterer empfahl den kcnntnißrcichcn Freund zum Professor der Geschichte in Helmstädt, eine willkommene Stelle, welche Eccard annahm und von 1766 bis 1717 ehrenvoll bekleidete. Im Jahre 171.1 erhielt er vom Kurfürsten von Hannover den RathStitel und wurde zum Historiographen ernannt, doch blieb er noch eine Zeitlang in Helmstädt wirksam. Eccard ließ manche Werke erscheinen, machte verschiedene Reisen und sammelte auf denselben Urkunden und literarische Seltenheiten. Die Schriften Eccard's waren zunächst außer einigen deutsch erschienenen Bänden «monatlicher Aus- züge aus allerhand Büchern», die lateinisch geschriebene «Geschichte des Studiums der Etymologie», «über den alteu Kirchcngesang des voum», die «Ostooliosis tlioolisoa des Wcißenburger Mönchs» u. a.; auch in der Poesie versuchte sich Eecard und gab, was er in derselben zu leisten vermocht, später unter dem Titel: «Poetische Ncbcnstudieu» heraus. Als 1716 v. Leib- »itz's Tod erfolgt war, wurde niemand so würdig erachtet, dessen Stelle als kurfürstlicher Bibliothekar zu ersetzen, wie Eecard. Er trat 1717 dieses neue Amt an, wurde zum Hofrath ernannt, schrieb das große Hauptwerk «Lorprw lüstorioum meckii aovi«, das 1723 zu Leipzig in 2 Folianten erschien, und wurde vom Kaiser Karl Vl. in den Adelstand erhoben, und zwar in Folge seines Werkes: «Originss Xuslriaoss». Ehren und Ehrenstcllen genug für den bedeutenden Mann, der aber nicht, wie sein großer Vorgänger, vermögend war und zusetzen konnte, sondern mit dem kärglichen Einkommen nicht ausreichte. Mitten im Glänze des Adels, der Titel und Würden und bei aller Anerkennung ließ man ihn ruhig verarmen und gab ihn den drängenven Mahnungen seiner Gläubiger Preis. Diesen sich zu entziehen, wanderte v. Eckhart zu Fuße und heimlich aus den Mauern Hannovers und hinterließ einen rührenden Brief an das Ministerium, in dem er offen seine Lage aussprach, schilderte, wie er selbst bei dem kärglichen Gehalt seiner Frau Vermögen habe zusetzen müssen, und darlegte, daß der Lohn all seiner sauern Arbeit Schande und Mangel sei. — Der arme Flüchtling, der Frau und Kinder und eine 80jährige Mutter im tiefsten Elend zurückließ, fand eine Zeitlang ein Asyl im Kloster Corvey. Die beschauliche Stille dieses berühmten Klosters, dessen reiche literarische Schätze, deren Benutzung freigestellt war, vielleicht auch Zureden mochten wohl einen Entschluß in v. Eckhart wecken, dessen Ausführung zugleich auch ohne Zweifel eine Verbesserung seiner zerrütteten Vcrmögensverhältnisse herbeizuführen verhieß. So erfolgte denn diese Ausführung entweder noch in Corvey oder in Köln, wohin v. Eckhart von Corvey aus empfohlen ward. Er trat 1723 zur römischen Kirche über und fand in ihr die Rettung vor gänzlichem Verfall; er lebte, mit guten Mitteln unterstützt, geistig gehoben und hoch angesehen ohne ein besonderes Amt in Köln, galt als einer der gelehrtesten Männer seiner Zeit, dessen cinstchtvollcr Rath selbst von Fürsten nicht selten erbeten wurde, ja sogar Papst Juuoccnz XII. vernahm von dem hochgelehrten deutschen Konvertiten und ließ ihm Beweise seiner Achtung zugehe». Wunderbar erhebend war die Wendung des Geschickes dieses so gelehrten und tüchtigen Mannes, dessen reiches Wissen in den Gebieten der Geschichte und Sprache auch die Naturgeschichte mit umfaßte und dessen ungeheurer Fleiß anerkannt gründliche Werke schuf. Er wurde an mehrere geistliche Höfe, selbst nach Wien und Mailand, wie nach Rom verlangt, gab aber dem Rufe des geistvollen Fürstbischofs von Würzburg, Johann Philipp von Schönborn, den Vorzug, der v. Eckhart zu seinem wirklichen Hofrath, wie zum Universitätsbibliothckar ernannte, und so begann für v. Eckhart ein neues Leben und eine erwünschte Wirksamkeit in der fränkischen Metropolis. Er stieg bis zum Geheimrath, wirkte segensreich für die Universität zu Würzburg, ordnete das reiche Domarchiv und wurde der beste, gründlichste Geschichtschreiber des östlichen Frankenlandcs durch seine Lommentarii cis rolius llraneias oriontalis et oju8czus cluoatus ozüs- oopalus Wirrellui-Aensis, die zu Würzburg 1720 und 1731 in 2 Foliobändcn erschienen, v. Eckhart arbeitete auch eine Geschichte der Stadt Würzburg aus und begann ein Werk über die Denkmäler des alten Deutschlands, welches aber nie im Druck erschien, da der Tod dessen gründlichen .Urheber noch vor der Vollendung überraschte, sodaß er nicht einmal das Erscheinen des 2. Theils seines ostfränkischen Gcschichts- werkcs erlebte. Die Handschriften sind indeß noch vorhanden und im Besitz der Universitätsbibliothek zu Würzburg. Außer den angeführten wichtigsten Schriften v. Eckhart's schrieb derselbe auch noch eine ziemliche Anzahl kleinere. Er lebte, vom Fürstbischof hochgeschätzt, mit seiner Frau und zwei Söhnen in stillem Schaffen glücklich, entdeckte Marmorbrüche bei Würzburg und im Spessartwalde Achate, und deckte die wunderliche Selbsttäuschung des Professor Behringer zu Würzburg auf, der künstlich geschnitzte und heimlich vergrabene Thier- und andere Gebilde aus einem weichen Stein für Versteinerungen hielt, die er in einem eigenen Werk in Folio beschrieb und in Kupfer gestochen zu Tage brachte, v. Eckhart brachte sein Leben nur auf 35 Jahre und endete an der Wassersucht. Conrad Eckhof. Geb. d. 12. Aug. 1720, gest. d. 10. Juni 1778. Zum Vater, Begründer und Bildner der neuern, deutschen Schauspielkunst — selbst, wie diese, aus ärmlichen und beschränkten Verhältnissen hervorgegangen, war Eckhof berufen. Er wurde zu Hamburg geboren, sein Vater bekleidete den Posten eines Stadtsoldaten, und versah das Geschäft des Lampenputzers und Thea- terdieners bei der Schönemann'schen Bühne. Da lernte nun freilich frühzeitig genug der Knabe Eckhof die Welt hinter den Coulissen praktisch kennen, doch fesselte sie ihn damals noch nicht. Erst später wob sich um ihn das magnetische Band, das selten einen, und am wenigsten die begabten, aus seinem Banne läßt. Der Knabe lernte lesen und schreiben, und konnte ziemlich frühzeitig die Stelle eines Postschrcibers bei einem schwedischen Postkommiffar versehen, den das Glück später bis zum Gesandten in Hamburg emporsteigen ließ. Einem Scribenten Lakaiendienste anzu- sinnen, war in jener Zeit gar nichts unerhörtes, und so sollte auch der junge Eckhof Sonntags, wenn die Frau Postkommiffarin zur Kirche fuhr, hinten auf stehen. Er that es einmal und nie wieder; er verließ seinen Dienst und schritt weiter vor in der Schule des Lebens; er wurde noch einmal Schreiber — bei einem Advokaten in Schwerin. Dieser Prinzipal war kein trockener juristischer Aktenwurm, der Justinian stand ihm nicht über allen Musen und Gracien; er besaß eine treffliche schönwissenschaftliche, zum Theil theatralische Büchersammlung, deren Benutzung der Schreiber sich mit erfreuen durfte. Da weckten Funken Flammen, die Jugcndcrinnerung lockte mächtig, und Schönemann — spielte mit seiner Gesellschaft in Schwerin. Ihm schloß Eckhof sich an, folgte ihm, trat 17^0 zum erstenmale in Lüneburg auf, und blieb Schöncmann siebzehn und ein halbes Jahr treu verbunden, in welcher Zeit sein angeborenes Talent zum Genie sich verklärte und ernstes redliches Studium dem Genie die gediegene künstlerische Grundlage gab, durch die allein es möglich ist, aus die Dauer großes zu leisten und dem flüchtigen Kranze des Minien Unverwelklichkeit zu verleihen. Durch sein bewegtes Künstlerlebcn, das, in das einzelne zu schildern, den Umfang von Büchern er- fordert, begleiteten Eckhvf stets hohe Tugenden des Menschen, hohe Eigenschaften des Künstlers. Mit den körperlichen Mitteln hatte Mutter Natur Eckhof nur stiefmütterlich bedacht, ausgenommen das gewaltige, füllreiche und doch wieder milde, hinreiffende Organ. Eckhofs Leibesgestalt war klein, der Bau seiner Füße unschön, die Schultern waren hoch, seine Haltung außer der Bühne nachlässig, schlotterig, aber auf der Bühne — da war an ihm nichts von allen diesen Gebrechlichkeiten und Nachlässigkeiten erkennbar. Die Gestalt abgerechnet, wurde Eckhof der Roseius der deutschen Bühne. Eckhof war ohne alle Ansprüche, liebevoll, gefällig, wohlthätig, voll Ordnungsliebe, voll Redlichkeit, voll ächter Humanität und Religiosität) er war es, der den Stand eines deutschen Schauspielers durch seinen makellosen Wandel, durch die hohe Gediegenheit seines Charakters auch in gesellschaftlicher Beziehung auf eine « Stufe der Ehre hob, die jener früher noch nicht einnahm. Als Künstler, als Mimiker, wie als Redner hatte noch keiner so gespielt wie Eckhof; so naturtreu, so hingebend an den Dichter, so zu den Gefühlen sprechend, so erheiternd, so erschütternd; denn er war gleich groß als Tragöde wie als Komiker, im Konversationsstück wie in der Posse. Es ist überall bei allen, die über Eckhof geschrieben haben, nur eine Stimme des Lobes und der unbegrenzten Anerkennung. Er war, sobald er heraustrat auf die weltbcdcutendcn Bretter, nicht mehr der Schauspieler Eckhof — er war ganz der Mann des Charakters, den er darstellte, er spielte diesen nicht, er lebte ihn, darin bestand vor allen seine Größe. Eckhof war selbst Schauspieldichter und schrieb als Dramaturg über die Bühne. Seine Stücke sind verklungen, sie sind es nicht, die seinen Namen unsterblich machen, darin allein hat sein Nachfolger Jffland ihn überflügelt. Aber in Darstellungen seiner Rollen verlieh Eckhof selbst der Tirade des Dichters Reiz, und verschönte die Alltagsrede, ohne aber zu predigen und zu dcklamiren, nein, auch bei ihm war Ausdruck und Gefühl alles, „Name war Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsgluth" — wie Goethe's Faust bei Erwähnung des erhabensten Gedankens sagt. Won Les- sing wurde Eckhof auf das freudigste anerkannt. Die bedeutendste Wirksamkeit Eckhofs entfaltete sich nächst der Schönemanu'schen Bühne auf der von Franz Schuch, zu jener Zeit eine der besten in Deutschland, der von Koch in Lübeck, dem Eckhof nach Schönemann's Tode dessen Gesellschaft zuführte, worauf 1764 Eckhof zu Ackermann nach Hamburg kam, dann 1769 bei Seyler in Hannover Engagement nahm. Im Jahr 1775 that sich ihm ein Hafen, nicht für träge Ruhe, sondern für energisches gesichertes Wirken auf, er wurde Mitdirektor der Sachsen-Gothaischen Hofbühne, die er, jede anderweite Lockung ausschlagend, nur zu Gastspiel in Weimar verließ. In Gotha vor allem lebt sein Andenken gefeiert fort, dort ist sein Grab. Der Geist im Hamlet war seine letzte Rolle, der Zuruf: „Gedenke meiner!" — sein letztes Bühncnwort. Er blickte ruhig dem Tod ins Antlitz und starb sanft und ergeben, wenige Monden nach seinem letzten Auftreten. Höchst ehrenvoll war sein Leichenbegängnis;. Er war Mitglied der Freimaurerloge Ernst zum Compaß in Gotha gewesen, die Loge veranstaltete seine Beerdigung mit entsprechender Feierlichkeit. Ein Baum beschattet sein Grab, ein einfacher Denkstein schmückt eS. Johann Gottfried Eichhorn. Geb. d, 16. Oct. 1752, gest. d. 22. Juni 1827. Dörcuzimmern im Fürstenthum Hohenlohe-Oehringen war Eichhorn's Geburtsort, der Vater war dort Prediger, wurde jedoch bald nach des Sohnes Geburt Superintendent zu Weikersheim an der Tauber, wo letzterer die Schule besuchte, von dieser zu weiterer Ausbildung nach Heilbronn kam und schon 1770 die Reife für die Universität erlangte. Der junge Student bezog die Hochschule Göttingen und widmete sich dort zunächst der philologischen Wissenschaft; mit Freudigkeit trat er ein in den berühmten Lehrerkreis der blühenden Georgia Augusta; er erwarb sich die Gunst des berühmten Heyne, und dieser empfahl ihn nach vollendeten Studien an die unter hohen- lohischer Herrschaft stehende thüringische Stadt Ohr- druff zum Rektor der Schule. Man kann dieß nicht lesen, ohne an Spalatin zu denken, der in dem Ohr- druff ganz nahen Dorfe Hohenkirchen mit einem Pastorat, und darauf in dem nicht minder nahen Dorfe Georgcnthal mit einem Präceptorat beglückt wurde. Zum Heile der Wissenschaft dauerte auch Eichhorn's Neetorat in Ohrdruff nur kurze Zeit; der gelehrte Mann wurde als ordentlicher Professor der oricntali schen Sprachen nach Jena berufen, und ein ungleich weiterer Kreis des belebenden Wirkens öffnete sich für die Geistessonne Eichhorn's, als die friedsame kleine Thüringerwaldstadt zu gewähren vermocht hätte. Herzog Carl August zu Sachsen-Weimar verfehlte nicht, den von allen Seiten her mit Anerkennungen überströmten neuen Stern der Hochschule der thüringischen Herzoghäuser ebenfalls 1783 mit einem Titel auszuzeichnen. Eichhorn wirkte mit Liebe, Lust und Eifer in seinem Lehramtc und entfaltete durch seine Vorlesungen: orientalische Sprachen, biblische Eregese, politische und Literär-Geschichte, wie durch seine Schriften: «Geschichte des ostindischen Handels vor Muhamed — Geschichte der Künste und Wissenschaften seit deren Wiederherstellung — Geschichte der französischen Revolution — Geschichte der Literatur» und andere gediegene Werke eine vielumfassende Wirksamkeit, wobei ihn bei den Vorlesungen nächst der gründlichen Gelehrsamkeit die Weihe persönlicher Anmuth, die Lebendigkeit des Vor- trags und die Würze attischen Salzes unterstützte. Eichhorn's Ruf und Ruhm entzog ihn leider der thüringischen Musenstadt im schönen Saalethal. Er folgte 1788 einer Bcrnfnng nach Göttingcn, wo er den Quell seines reichen Wissens geschöpft; Göttingen war ihm lieb, und Gehalt und Titel, Orden und Ehren verschönten dort sein Leben, wie rastlose Thätigkeit es der Welt und der Menschheit nutzbar machten. Das Schiboleth Eichhorn's, das er mit vielen großen Männern gemein hatte, es sei nur an Luther und Goethe erinnert, das auch ihm zu hohem Ruhm verhalf, war Fleiß. Außer den schon erwähnten Werken gab er während seiner Wirksamkeit in Göttingen noch «römische »nv griechische Geschichts-Quellenforschungen» in lateinischer Sprache heraus, und hatte die Absicht, diese auch für spätere und mittelalterliche Geschichte fortzusetzen; ferner erschienen von ihm 6 Bände «Geschichte der drei letzten Jahrhunderte.» Sein 1805 begonnenes Werk über die allgemeine Literatnrgeschilbte führte er bis 1812 fort und vermochte nicht, es zu vollenden. Auf dem Gebiete der biblischen Literatur geben ein «Ncpcrtorium» für dieselbe, eine «allgemeine Bibliothek» derselben in 10 Bänden, «Einleitungen in das alte und neue Testament» und die «apokryphischen Schriften», ein Werk über die «hebräischen Propheten» in 3 Bänden und viele andere Werke das rühmlichste Zeugniß von des Mannes rastloser Thätigkeit. Vielfach bethätigte Eichhorn sich nebenbei an gelehrten Zeitschriften, so in Jena an der dortigen Literaturzcitung, in Göttingen an den gelehrten Anzeigen, deren Leitung er 1812 nach Heyne's Ableben selbstständig übernahm. Bis in vas höhere Lebensalter blieb Eichhorn seiner Thätigkeit treu; er gönnte sich wenig Rast und wenig Erholung, die Arbeit selbst war ihm Erholung und Glück, gab ihm Lebensfrcudigkcit, erhielt ihm die immer frische Jugendlichkeit des Geistes. In seinem Hause war Eichhorn zugänglich, herzlich, gemüthvoll, zur Hülfe mit Rath und That bereit, ein ganzer Mensch und ein tüchtiger, anspruchlos, zufrieden und geräuschlos glücklich. So gelangte er im Genusse kräftiger Gesundheit zu hohem Greisenalter, erlebte Jubeltage und deren festliche Feiern, deren jede trotz allem Jubel endlich leider nur ein mehr laut als still mahnendes memento mori! ist und fühlte erst als Jubilar 1825 seine Gesundheit doch allgemach wanken. Dennoch entzog er sich nicht seinem gewohnten thun und schaffen, bis in seinem Sterbejahr ein Fieber ihn niederwarf. Selbst Eichhorn's Sterben war noch eine Lehre, es lehrte der Umgebung, wie ein Weiser stirbt; er beobachtete ruhigen und gesammelten Gemüthes das sinken und allmälige Erlöschen der Lebensflamme, und den Tod nicht scheuend, im Arme sanfter Euthanasie entschlummernd, schaute er nicht den Tod. Ernst I., Herzog zu Sachsen-Gotha. Geb, d, 25. Dez. 1601. gest. d. 26. März 1677. Ein Muster hoher Regententugenden, voll Gottesfurcht und Frommsinn, daher der Gottesfürchtige, der Fromme nicht aus Schmeichelei, sondern durch geschichtliche Wahrheit genannt, tapfer und menschlich als Kriegsmann und Feldherr, weise und umsichtig als Herrscher und ein würdiger Ahnherr und Stammvater zum Theil noch immer blühender sächsischer Fürstenhäuser, verdient dieser Fürst, daß sich die Nachwelt an seinem Bilde erfreue und zu ihm Hinblicke wie zu einem Wandellosen Sterne. Herzog Ernst I. wurde seinen Aeltern Johann Herzog zu Sachsen-Weimar und Anna Dorothea Maria, Prinzessin von Anhalt-Köthen, in der Landcsresidenz geboren. Von 11 Söhnen, mit denen dieß Fürstenpaar sich gesegnet sah, war Ernst der neunte. Sein älterer Bruder Wilhelm wurde Stammvater des S. Weimar- schen Hauses, und ein jüngerer war Bernhard, der hochgefeierte unsterbliche Held des dreißigjährigen Krieges. Die Erziehung der sächsischen Prinzen war stets eine wissenschaftliche und religiöse, nach der Väter Beispiel, die mit Treue und Aufopferungsfähigkeit die einmal erkannte und schwer errungene evangelische Wahrheit festhielten, doch fehlte dabei nicht der ritterliche Antheil am Erziehungsgeschäft, der die Prinzen zu befähigen suchte, auch im heiligen Kampfe für Vaterland und Glauben das Schwert zu ziehen und tapfer zu führen, so wenig wie die Anweisung zur Leitung der Geschäfte des Staates und der Regierung, denn damals waren die Regenten noch gewohnt, mit eigenen Augen hell und scharf zu blicken und ihre Scepter in eigenen Händen fest zu halten. Des jungen Herzogs milder und frommer Sinn, der seinen ganzen Lebensweg begleitete, that sich im Jahre 1628 recht augenscheinlich kund; er machte zur Aufhülfe der Geistlichen und Schuldiener eine Stiftung von 27,000 Gulden, in welche seine Vrüder willigten. Bald darauf zog er zu Felde, und als im Kampfe um Donauwörth das Heer der protestantischen Union über den Lech setzte, war Herzog Ernst der erste, dessen Roß die Hufe in das feindliche Land schlug. In der Schlacht von Lützcn kämpfte Ernst gleich seinem Bruder Bernhard heldenmüthig; Ernst war es, der nach König Gustav Adolph's Fall dem wilden Andrang Pappen- hcim's und seiner Kürassire männlich die Spitze bot, sie aufhielt und zurücktrieb, unv wie dort am Loch an jenem Tage der gefeiertste Held der Liga — Tilly — mit zerschmettertem Schenkel das Schlachtfeld räumen mnßtc, so wurde hier am Tage von Lützcn der schreckliche und gefürchtcte Held Feldmarschall Graf von Pap- pcnheim in gleicher Weise auf den Tod verwundet, den er am andern Tage zu Leipzig erlit. Als dem Herzog Bernhard von den confödcrirtcn evangelischen Ständen die eroberten Bisthümer Bamberg und Würzbnrg übergeben wurden, bestellte dieser, da er an des gefallenen Königs Stelle das Obercommando über das schwedische Heer zu führen hatte, seinen Bruder zum Regenten dieser Hochstifte, und Ernst verwaltete diese obschvn kurze Zwischenrcgierung in Feindes Land mit Mäßigung und ohne Grausamkeit, wenn auch nicht alles nach Wunsch der katholischen Geistlichkeiten und Bürgerschaften in den eroberten Städten gehen konnte. Ernst war ein geborener Friedensfürst; so sehr er im Kriege des Kriegers Pflichten erfüllte, so wenig machte der Krieg ihm Freude. Sein kundiger Blick sah und sein weiches Herz fühlte, welche Wunden der Krieg dem durch denselben zertretenen deutschen Vatcrlandc schlug. Daher ward der Präger Friedensschluß vom 20. Mai 1035 von ihm mit Freuden begrüßt, er widmete sich nun der Sorge für sein engeres Vater- nnd Heimathland mit ganzer Seele. Herzog Ernst vermählte sich am 24. Oct. 1656 mit Elisabeth Sophia, Prinzessin zu Sachsen-Altenburg, und theilte 1640 mit seinen noch lebenden Brüdcrn Wilhelm und 'Albrecht wie mit Herzog Friedrich Wilhelm zu Altcnburg die väterlichen und angefallenen Erblande, nahm die Portion Gotha nebst Zubehör auf seinen Antheil, schlug in-dieser heiter gelegenen Stadt seine Residenz auf, begann auf dem Grund des iu Folge der Grumbach'schcn Händel zerstörten gewaltigen Festungsbanes des Grimmenstein den prangenden Friedeustein aufzuführen und setzte schon durch den Namen dieses herrlichen Schlosses seiner Gesinnung ein Denkmal. Von nun an war Herzog Erust's Regentcnleben eine ununterbrochene Reihe weiser Gesetzgebungen und trefflicher Einrichtungen; er wurde der Mann und im besten Sinne der Vater des Volkes. Was in Hinsicht auf scharfen Blick, Energie des Handelns, Kraft des Willens und treuer Beharrlichkeit, wie in typischer volksthümlicher Persönlichkeit dem Lande Preußen sein alter Fritz wurde, das war dem hcrzogl. Lande Sachsen sein Bet-Ernst; er war allgeliebt und allgesegnct. Nächst der tüchtigen Erziehung der eigenen Kinder war sein Augenmerk auf Schule und Kirche, deren Hebung und Verbesserung vor allem gerichtet; so ließ er eine glossirte Prachtbibel drucken und vertheilte sie in die Aemter und Pfarreien; dann auf Zucht und Sitte, Recht und Ordnung, Eintracht und Friede in Politik und Kirche. Er hob sein kleines Land wieder zur Blüthe nach den verheerenden Kriegen, die über dasselbe dahin gebraust waren, richtete gute Polizei ein, tilgte den Schlendrian der Behörden, verbesserte das Armen- wcsen, beförderte den Handel. Die größeren Flüsse, die das Land der Sachsen-Herzoge berührten, machte er schiffbar, ja er versuchte dieß, leider mit mißlichem Erfolg, selbst mit der Werra auf der Strecke von Themar an abwärts. Bis in das ferne Ausland, nach Rußland und nach Abcssynien sogar, richtete sich Herzog Ernst's frommer Blick zum Woble und zur Ausbreitung der christlichen Religion und Kirche. Sein Haus war ein gesegnetes; von 18 Kindern blieben ihm 7 Söhne und 2 Töchter am Leben; nach des Vaters Tode theilten die 7 Söhne ihre Erblande und gründeten ebenso viele neue Dynastien, von denen jetzt nur noch die Hcrzoghäuser S. Meiniugen, S. Altenburg (Hildburghausen) und S. Coburg-Gotha fortblühcn, die in ihm ihren würdigen Ahnherrn verehren. Das ernesti- nische Zeitalter, das der im 74. Lebensjahre Heimgegangene edle Fürst über seine Lande herausführte, hatte nur Glück und Segen im Gefolge, und noch täglich erinnern an den unvergeßlichen Herrscher die ernestinischen Bibeln, die ernestinische Kirchenordnung, die nach ihm genannten Landes- und Proceßordnungen, welche noch immer Bedeutung, Wichtigkeit und Geltung haben. So auch war er Begründer und Mehrer der reichen Bibliotheken, Natur- und Kunstmuseen auf Schloß Friedeustein. — Das Gedächtniß des Gerechten bleibet im Segen. Ferdinand I., deutscher Kaiser. Geb. d. 10. März 1503, gest. d. 25. Juli 1564. Dieser Beherrscher des deutschen Reiches war als solcher tüchtig, klug, durchgreifend, auch als Mensch gerühmt, aber nicht freisinnig und duldsam genug, und verdunkelte durch diese Mangel seinen Nachruhm. Ferdinand wurde als Enkel Kaiser Maximilians I. geboren; der Vater war König Philipp von Spanien, die Mutter Juana, König Ferdinand des katholischen Tochter; über seinen Geburtsort schwanken die Nachrichten, manche nennen Modena, andere Aleala de He- nares. Seine Jugend verlebte der Prinz, der den Vater schon im dritten Jahre verlor, in Spanien. Sein älterer Bruder Carl stieg empor zur Sonnenhöhe eines Herrschers über viele Reiche, und zog den jüngeren sich nach. Nach Carl's Krönung zum König von Spanien kam Ferdinand nach den Niederlanden und nach Deutschland, und theilte mit Carl die beiderseitigen österreichischen Erblande im Jahre 1521. Auf Ferdinand's Antheil kamen Oesterreich ob und unter der Ens, Steiermark, Krain und Kärnthen; er nahm den Titel eines Erzherzogs an und schloß eine Verbindung mit der Königstochter von Ungarn und Böhmen, Anna, wodurch ihm Aussicht auf die Kronen dieser Länder wurde. Carl V., jetzt römisch-deutscher Kaiser, verzichtete 1525 zu Ferdinand's Gunsten auf die österreichischen Erblande, und 1527 wurde Ferdinand König von Böhmen, wodurch er auch die Herrschaft über Mähren, Schlesien und die Lausitz gewann. Schwerer ward es dem neuen Könige, berechtigte und verbriefte Ansprüche auf Ungarns Krone nun geltend zumachen; es fand sich ein Gegner in der Person des Wvywodcn von Siebenbürgen, Johannes Zapolpa, Grafen von Zips, der gegen Ferdinand sich auswarf, zwar geschlagen ward und die 1527 erfolgende Krönung Ferdinand's zum König von Böhmen nicht verhindern konnte, dafür aber Bündniß mit dem Sultan schloß und ein 300,000 Mann starkes Türkenheer bis in das Herz Oesterreichs, bis vor Wien führte. Aber trotz 20 harten Stürmen blieb Wien unerobert, und das Türkenheer sah sich zur Heimkehr gezwungen. Diese Kämpfe dauerten 5 Jahre, und endlich mußte dennoch mit dem Grafen von Zips ein diesem günstiger Friede abgeschlossen werden. An diese Ereignisse reihte sich eine ganze Kette fernerer Kämpfe, die sich auch bis zum Ende der -Herrschaft Ferdinands hinzog. Im Jahre 157,1 wurde Ferdinand römischer König, und sah sich veranlaßt, gegen seine Böhmen das Schwert zu ziehen, denen er die päpstliche Bewilligung des Kelches beim Abendmahl erwirkt, die sich aber weigerten, gegen den schmalkald'schen Bund zu Felde zu ziehen. Ferdinand selbst folgte später dem Bruder in dem Zuge, der mit der Schlacht bei Mühlbcrg und der Gefangennehmung beider Häupter des Bundes endete. Prag wurde empfindlich bestraft und seiner alten Freiheiten beraubt, die es schwer und nur allmählich wieder erlangte. Ueber Ferdinand's Gesinnungen gegen die Protestanten ist keine volle Klarheit in der Geschichte; sie schwankten je nach Zeit und Umständen. Er war ihnen hülfrcich und verfolgte sie, wie es kam; in jüngeren Jahren offenbarte er Strenge und neigte sich später zur Milde; ihm dankte die protestantische Kirche 1552 durch den Pafsauer Vertrag und 1555 durch den Neligionsfriedcn endlich einen gesetzlichen und festen Halt im deutschen Reiche; Böhmen aber belästigte er im Jahre 1552 mit Einführung der Jesuiten, und in den eigenen Erblanden wurden die zahlreichen protestantischen Gemeinden, die sich bereits in Böhme», in Ungarn, wie in Oesterreich, Tyrol, Steiermark n. s. w. gebildet, Verfolgungen und Unterdrückungen ausgesetzt, die kein Ende gewannen. Oeffentliche Uebung des protestantischen Gottesdienstes wurde streng untersagt, und die evangelisch-lutherische Kirche blieb in den Staaten des Kaisers eine ocLiosia pressn. Der 1-4. März 1558 gab Ferdinand die deutsche Kaiserkrone, nachdem sein Bruder Carl sie freiwillig niedergelegt hatte; die protestantischen Neichsstände waren nicht gegen ihn, wohl aber der Papst Paul IV., indeß war durch die Reformation das Ansehen des Papstes in ganz Deutschland so erschüttert, daß es ganz aus sich als auf einer gleichgültigen Sache beruhte, ob der Papst den Kaiser salben und krönen wollte, oder nicht. Schwerer als die eigene Krönung zum Kaiser hielt cS Ferdinand I., seinen ältesten Sohn, den nachmaligen Kaiser Marimilian II. zur römischen Königskrone zu verhelfen, denn obschon Ferdinand versucht hatte, theils durch das zu Worms 1557 veranstaltete Neligions- gespräch, theils durch den Reichstag zu Augsburg, 1559 die getrennten Glaubcnsparteien zu einigen, wo er auch den Religionssrieden neu bestätigte und eine neue ReichShofrathsordnung erließ, auch das Münz- Wesen verbesserte -— so stieß er doch r>ie evangelische Partei dadurch von sich ab, daß er auf Annahme des tridentincr Concils ihrerseits drang, welche durchaus verweigert wurde. Gleichwohl gab der Kaiser sich Mühe, vom Papst Pins IV. für die Bewohner seiner Lande die Genehmigung zu erhalten, das Abendmahl in doppelter Gestalt empfangen zu dürfen, was ihm auch gelang, aber die von Ferdinand I. ebenfalls erbetene Aufhebung des Cölibats und Wiedereinführung der Priesterehe konnte er um keinen Preis erwirken. Durch Ferdinand I. wurde der Stamm des Hauses Oesterreich fortgepflanzt; er hatte vier Söhne, deren eine», und zwar den dritten Namens Johann, er überlebte, und 11 Töchter. Der älteste Sohn Marimilian II. folgte dem Vater nach und nach in allen Würden; mit Freuden sah Ferdinand I. ihn noch zum römischen König krönen, und starb im keineswegs hohen Alter und mit keineswegs hohem Ruhme, da er seine schönen und glänzenden Eigenschaften durch unschöne und nicht glänzende stets zu verdunkeln bemüht gewesen war. Ferdinand, Herzog zu Braunschweig-Wolfenb. Geb. d. 11. Jan. 1721, gest. d. 3. Juli 1792. Einer der bedeutendsten und tapfersten Helden des siebenjährigen Krieges, ein hervorragender tüchtiger Charakter und ein edler, freigebiger und liebenswürdiger Mensch. Herzog Ferdinand wurde als der vierte Prinz des Herzogs Ferdinand Albrecht II. von Braunschweig-Bevern und der Herzogin Antoinette Amalie von Braunschweig-Wolfen- büttel in Braunschweig geboren, und erhielt eine angemessene gediegene Erziehung. Den Vater verlor er bereits 1735 und war als appanagirter minderjähriger Prinz fast darauf angewiesen, im Kriegsdienste sein Glück zu versuchen; daher bildete er sich für denselben unter tüchtigen Lehrern aus, bereiste die Niederlande, Frankreich, die Schweiz und einen Theil Oberitaliens, und verweilte eine Zeitlang in Wien, wo er jedoch vermied, in kaiserliche Dienste zu treten, vielmehr stellte er sich unter die Preußischen Fahnen und wurde bald selbst an die Spitze eines Regimentes gestellt, gewann Friedrichs II. persönliche Neigung schon, als dieser noch Kronprinz war, und begleitete den König im Jahre 1711 auf dem Feldzuge nach Schlesien, wo er, da er das eigene Regiment wegen dessen noch mangelnder Ausrüstung nicht selbst führen konnte, stets im Generalstabe unmittelbar in des Königs Nähe blieb und sich durch persönliche Tapferkeit auszeichnete. Diese belohnte Friedrich II. 1712 mit dem schwarzen Adlerorden, behielt den Herzog gern in seiner nächsten Nähe und ernannte ihn, als die völlige Ausrüstung des Regiments Ferdinand von Braunschweig -vollendet war, zum Generalmajor der Infanterie. An der Spitze seines Regimentes und unter dem Oberkommando des alte» DeffauerS rückte Herzog Ferdinand 1711 mit den ersten Colonnen des preußischen Heeres nach Böhmen. Später empfing Ferdinands jüngerer Bruder, Herzog Albrecht, dessen Regiment, und Ferdinand wurde zum Chef der Garde zu Fuß befördert. Im Frühling 1715 folgte er dem Könige zur Armee nach Schlesien und betheiligte sich heldenhaft bei allen Begebenheiten des erneuten Krieges, nahm mit persönlicher Tapferkeit an der Spitze seiner Brigade in der Schlacht bei Hohcn- Friedeberg ein Dorf, und kämpfte auch in Böhmen eben so tapfer als kühn, vor keiner Gefahr zurückbebend. Bei Sorr hing ein trübes Verhängniß über ihm und zweien seiner Brüder. Mit seinem Bruder Albrecht stand er dem Bruder Ludwig Ernst gegenüber, der in den Reihen der Oesterreicher focht und in den Leib geschossen wurde; Albrecht fiel an Herzog Ferdinands Seite, er selbst empfing eine Schenkelwunde, ohne aber den Rücken seines Rosses zu verlassen, bis der schwere Kampf entschieden war. Und so stritt der Herzog unermüdlich für seinen Kriegsherrn, bis er letzteren nach dem Dresdner Friedensabschluß nach Berlin begleitete. Er war seit 1733 Schwager König Friedrich'« II., der steh mit des Herzogs älterer Schwester Elisabeth Christine vermählt hatte und nicht minder Schwager des Prinzen Albrecht Wilhelm von Preußen, der mit des Herzogs zweiter Schwester, Luise Amalie, vermählt war. Der König belohnte den Herzog ehrenvoll für dessen Heldenthaten, erhob ihn 1750 zum Ge- nerallieutenant und verlieh ihm verschiedene höchst einträgliche militärische Stellen, die seinem Range angemessen waren. Der Herzog lebte mit Vorliebe am Hofe zn Berlin, befreundete sich gleich seinen erlauchten Schwägern sehr, doch nicht mehr als für deutsche Art und Kunst ersprießlich war, mit französischer Sprache und Sitte, und war auch Voltaire freundlich zugethan. Als der dritte schlestsche Krieg ausbrach, trat Herzog Ferdinand freudig wieder an die Spitze einer von drei preußischen Colonncn, und besetzte zunächst die kursächsischen Gebiete der Saale- und Nnstrutgegend, nahm Halle, Zeitz, Naumburg und Leipzig und drang vou da gegen die Elbe und das Erzgebirge vor. Nach der völligen Besetzung Kur- sachsenö durch den Herzog und die Heeresabtheilung, welche sein Vetter, Herzog August Wilhelm von Braunschweig- Bever» befehligte, rückte er gegen Böhmen vor, hielt die Oesterreichs ab, der sächsischen Armee Hülfe zu bringen, und befehligte in der berühmten Siegcsschlacht von Lowositz den rechten Flügel des preußischen Heeres, wo er jedoch mehr mit dem Geschütz als durch persönliche Tapferkeit zu wirken vermochte. Mehr begünstigte ihn die Göttin der Schlachten im blutigen Treffen bei Prag 1757, dessen Sieg für Preußen er lediglich entscheiden half; später leitete der Herzog die Belagerung dieser Stadt. Als das Kriegsglück den preußischen Fahnen treulos wurde, vertrieb der Herzog die einrückenden Franzosen aus den Ebenen der heutigen Provinz Sachsen, während der König selbst das nördliche Thüringen säuberte; aber aufs neue drang ein französisches Heer unter dem Prinzen Sonbise in Vereinigung mit dem Reichsgeneralfeldmarschall Prinzen Joseph Hollandinus zn Sachsen-Hildburg- hausen durch Thüringen nach Sachsen, deren vereinte Siegeshoffnungen in der Schlacht bei Noßbach ihr betrübendes Ende fanden. Kurz vor dieser Schlacht war indeß Herzog Ferdinand erkoren worden, als Oberbefehlshaber das englisch- deutsche Heer zu führen, welches König Georg II. von Großbritannien mit zum Schutze Preußens in Deutschland aufstellte. Hier fand der Herzog volle Gelegenheit, sein großes Feldhcrrutalent geltend zu machen; es galt den Geist eines bunt aus vieler Herren Ländern zusammengewürfelten Heeres zu wecken, zu beleben und zu heben, welches dem einsicht- vollen Führer trefflich gelang, und nach Beilegung mancher Schwierigkeiten, auf die er stieß, trieb er die Franzosen aus seines Bruders, des Herzogs eigenem Lande heraus und räumte von il^nen alle nachbarlich angrenzenden Gebiete; er besetzte die Hochstifte Münster, Paderborn und Osnabrück, sowie Wesel, hielt, wie immer, sehr strenge Mannszucht, setzte auf holländischen Schiffen über den Rhein, lieferte den weit überlegenen Franzosen bei Crefcld eine Schlacht, und gönnte sich und den Truppen nicht Ruhe und Rast, bis er, durch die wachsende Uebermacht des Feindes gezwungen, wieder über den Rhein zurückzugehen beschloß. Die Geschichte jener Feldzüge ist allzu umfang- und ereignißreich, um auch nur in andeutenden Umrissen auf engbegrenzten Raum gezeichnet werden zu können, genug, Herzog Ferdinand war einer der strahlendsten Kriegssürsten dieser bewegten Zeit, und es war ihm vergönnt, ruhmgekrönt und vom Könige von England höchst ehrenvoll ausgezeichnet, den englischen Kriegsdienst zu verlassen und in den preußischen zurückzukehren, den er jedoch nach drei Jahren verließ, da ihm manches am Berliner Hofe nicht mehr zusagte und sein persönliches Verhältniß zum König Trübungen erlitt. Der Herzog wählte Braunschweig, seine Geburtsstadt, fortan zum dauernden Wohnsitz, und begann dort ein nur bisweilen durch kleinere oder größere Reisen unterbrochenes Privatleben, welches er vornehmlich durch die hohen und sittlichen Freuden, die das Maurerthum dem denkenden Manne bietet, schmückte und zu verschönen wußte. Er schätzte und uutersiützte Künste und Wissenschaften, und wenn die Neigung der Zeit, welcher viele der begabtesten Köpf« sich Hingabe», auch die »geheimen» Wissenschaften begünstigte, so waren es doch sicher nicht lauter Gaukler und Schwärmer, die den Herzog umlagert hielten und sein Vertrauen mißbrauchten, wie wohl hie und da behauptet worden ist. Der ächt maurerischen Gesinnung entsprang des Herzogs hoher, edler, unbegrenzter Wohlthätigkeitssinn, seine Unterstützung zahlreicher studirender Jünglinge, seine Aufhülfe der Armenanstalten im ganzen Herzogthum seines Bruders, die reichen Almosen, die er in Braunschweig und Magdeburg allmonatlich vertheilen ließ, und diese Gesinnung wird nicht verdunkelt durch die Schatten, die weniger auf des Herzogs Charakter, als auf seine durch allzugroße Humanität genährte Leichtgläubigkeit fallen, indem durch unlautere Triebfedern dritter ihm die Klarheit des Geistes und die Schärfe des eigenen Blicks verdunkelt wurde. Der Herzog und sein Bruder, der regierende Herzog Karl, aus dessen Zügen schon die wohlwollendste Gesinnung sich unverkennbar abspiegelte, standen im höchsten Ansehen in dem maurerischen Bruderbünde durch ganz Deutschland, und es gereicht ersterem gewiß zur größten Ehre, daß er, der Mann zahlloser Treffen und blutiger Feldschlachten, sein Herz durch die vieljährigen Heercszüge nicht hatte verhärten lassen, sondern voll Gemüth und voll weiches Gefühl blieb, sich und seine Leidenschaften männlich beherrschte und mit hoher Körpcrschönheit in jüngeren Jahren bis zur Reife des höheren Alters Zartheit und Anmuth auch im geselligen Umgang verband. Er endete an den Folgen eines Lungenübels und wurde auf seinem Gute Vechelde beigesetzt, einer der tapfersten und einer der edelsten des allen Welfenstammes. Sigmund Feyerabend. Geb. 1527. starb nach 1586. N​ur zu leicht vergißt die Nachwelt häufig die Namen solcher Männer, die weniger durch geistige, als durch gewerbliche Thätigkeit der Menschheit nützten, wenn sie auch wie der Buchhändler S. Feyerabend auf das redlichste bemüht waren, gutes und schönes ins Leben zu rufen, edle Künste zu fördern, Künstler zu beleben und anzuregen und Werke der Wissenschaft zu verbreiten. Sigmuud Feyerabend wurde 1327 zu Frankfurt a. M. geboren und genoß jedenfalls eine wissenschaftliche Erziehung und Bildung. Neigung und Talent führte ihn auch zur zeichnenden Kunst, doch ist nicht mit Sicherheit zu erweisen, daß er wirklich ausübender Maler gewesen; mit dem Formschnitt aber beschäftigte er sich höchst wahrscheinlich eigenhändig und hatte für diesen die größte Vorliebe, denn das ins Leben rufen von durch Holzschnitte illustrirten Werken machte mit das Glück seines Lebens aus. Die namhaftesten Künstler seiner Zeit arbeiteten für Feyerabend und zierten die Werke seines Verlages mit ihren Bildern; so der treffliche Maler und Formschneider Virgil Solis, der unübertrefflich fleißige Jost Ammon, die beiden Stimmer, Christoph und Tobias, Christoph Maurer (Murer), Borberger u. a. Auch Träger seines eigenen Namens wurden von Sigmund Feyerabend beschäftigt, ein L., ein V. F., ein S. H. F., letzterer Bruder oder Vetter, auch der Vater Johann F. und Sigmund selbst sollen die Holzschneidekunst geübt haben. Außerdem saßen in der Feyer- abend'schen Holzschneidewcrkstätte noch zahlreiche Gesellen, deren Monogramme zwar bekannt sind, nicht aber ihre Namen, die alle mehr oder minder beitrugen, die Holzschneidekunst in einer schönen Nachblüthe nach ihrem Sonnenhöhestand unter Dürer, Cranach und Holbcin zu zeigen, denn später sank sie mehr und mehr, und erst die neuere Zeit hob sie wieder auf den Gipfel ächter künstlerischer Weihe und vollendetster Technik. Sigmund's Geschäft blühte unter seiner eigenen Leitung bis gegen das Ende des 16. Jahrhunderts, und er hinterließ kunstsinnige Söhne, Johann und Karl Sigmund, die es fortsetzten, und ebenfalls im Sinn und Geist des Vaters noch mehrere holzschnittverzicrte Werke erscheinen ließen. Der Verlag Sigmund's selbst enthielt nur wenige nicht illnstrirte Werke, sein Geschäft war groß und ausgebreitet, dennoch ist so vieles in seinem Leben noch unklar oder völlig dunkel, und die Geschichte der Kunst erwartet noch eine volle Würdigung und gesichtete Darstellung der Lebensumstände Feyerabend's als Geschäftsmann, wie als Künstler. Man schreibt ihm als ausübenden Holzschneider vieles zu, davon noch nicht mit Gewißheit erwiesen ist, ob es ihm angehört, denn das Monogramm 8. b"., das auf sehr vielen Holzschnitten begegnet, ist kein sicherer Führer, um jedes Blatt Feyerabend zuzueignen, das es trägt, denn das b bedeutet häufig leoik. In einer Bibel von 1561 befinden sich geistvolle figurenreiche Holzschnitte, unverkennbar im Geiste des Virgil Solis oder Jost Ammon gezeichnet, welche dem Messer Sigmund Feyer- abcnd's zugeschrieben werden; eben so in Kellner's Chronik die Bildnisse der Dogen von Venedig, deren Zeichnung jedenfalls Ammon angehört. In einer neuen Ausgabe der metrischen Übersetzung von Birgitts Acneis, welche 1559 von Zöpfel gedruckt erschien, trägt das verzierte Titelblatt das Zeichen 8. 1?. und die Holzschnitte des Buches, die man Sigmund F. ebenfalls zuschreibt, machen dem Künstler alle Ehre, gehören aber verschiedenen Zeichnern an. Von den Verlagswerken des thätigen Mannes und seiner Erben seien nur genannt: die Verwandlungen Ovid's mit Holzschnitten von Virgil Solis; dessen 1561 erschienene treffliche Bildcrbibel; die Bibel Jost Ammon's; dessen mit Stimmer gearbeitetes Neueres Kunstbuch, -1. 1580; dessen äußerst seltenes Ständebuch mit Versen von Hans Sachs, 1568; dessen Jagdbuch; Johann Aven- tin's Bildnisse der 12 ersten alten deutschen Könige und Fürsten, Schnitte von Ammon, 1580, Fol.; das Augsburger Geschlechterbuch, mit schönen blattgroßen Schnitten von P. H. Mair, I. Ammon und S. Feyerabend; das Buch von Kaiserlichen Kriegsrechten, Fol., 1564; Schopper's lat. Reinicke Fuchs, 1574; I. Ammon's sehr seltenes Frauentrachtenbuch, 1586; Nicol. Reusncr's Ovid, 1580, mit Holzschnitten von Virgil Solis; das hochseltene Buch der Liebe, Fol., eine Sammlung beliebter älterer Ritter- und Volksromane, mit zahlreichen Holzschnitten, welches bei Sigm. Carl F. 1587 erschien; I. Ammon's und Hans Bockspergcr's Thierbuch, 1592, bei S. Feyerabend's Erben. Es war eine ganze, reiche und schöne Kunstliteratur, die Sigmund Feyerabend's Fleiß und Thätigkeit zur Erscheinung brachte und durch welche er sich ein Verdienst um Bildung, Gesittung, Cultur, um Verbreitung der Freude am Schönen erwarb, und dieß ist es, was ihm wohl- begründcte Ansprüche auf ein dankbares Andenken erworben hat. Man kennt nicht einmal das Jahr seines Todes; im Jahre 1586 erscheint sein Name noch als Verleger, später nicht mehr, und so ist anzunehmen, daß er um diese Zeit in ziemlichem Alter gestorben sei. Johann Gottlieb Fichte. Geb. d. 19. Mai 1782, gest. d. 29. Jan. 1814. Fichte erwarb sich den Namen eines großen deutschen Philosophen, und gründete sich als solcher einen bedeutenden Nachruhm. Er wurde zu Rammenau bei Bischofswerde in der Oberlausitz geboren. Da er glänzende Gaben des Geistes, aber nicht ausreichende Mittel zu seiner Ausbildung besaß, so nahm ein Freiherr von Miltitz sich des Knaben an, und sorgte für dessen Erziehung. Fichte kam zu einem Pfarrer in Niederau bei Meißen in Privatunterweisung und dann nach Schulpforte. Darauf besuchte er die Hochschulen Jena und Leipzig vom Jahre 1780 an, und übernahm nach vollendeter akademischer Laufbahn vom Jahre 1784 mehrere Hauslehrerstellen. Naturgemäß konnten diese Stellen einem selbstdenkenden Geist, wie dem seinen, nicht zusagen, doch studirte er eifrig fort, warf sich mit Vorliebe auf das Studium der Philosophie, und gewann die Ueberzeugung, daß die Grundlage der philosophischen Wissenschaft, die Bestimmungs- oder Nothwendigkeitslehre sei. Durch diese Richtung sperrte sich Fichte eine Anstellung im sächsischen Lande, und die Noth trat an ihn heran mit ihren bittern Kämpfen. Er blieb Hauslehrer, und kam 1788 als solcher nach Zürich, wo er seine nachhcrige Frau, eine Nichte Klop- stocks, kennen und lieben lernte. Kant zog Fichte's philosophischen Sinn vorzugsweise an; um sich dessen Studium ganz zu widmen, ging Fichte wieder nach Leipzig und half sich mit Unterrichtsstunden durch, einer bessern Zukunft entgegen hoffend. Aber diese Zukunft säumte, den Vater seiner Braut traf ein empfindlicher Verlust, und er versagte nun ein Ehebündniß, an das sich keine Hoffnung künftigen genügenden Auskommens knüpfte. Fichte nahm 1701 eine Hauslehrerstelle in Warschau an, aber als er an Ort und Stelle kam, mißfiel ihm die künftige Frau Principalin so entschieden, wie er ihr, und er trat daher schleunig seine Rückreise an. Auf dem Wege berührte er auch Königsberg, verweilte dort und schrieb seine »Kritik aller Offenbarungen», welche Schrift vieles Aufsehen machte, für eine Arbeit Kants gehalten wurde, und seines Verfassers Ruhm begründete. Kant selbst machte Fichte dem Publikum bekannt, zeichnete ihn aus, und Fichte wurde nun dessen erster Jünger und Nachfolger. Unterdeß versah Fichte immer noch eine Hauslehrerstellc, bei dem Grafen Krokow anf einem Gute in der Nähe von Danzig, bis er dieselbe 1703 aufgab, nach Zürich reiste und sich mit dem Gegenstände seiner dauernd gehegten Zärtlichkeit verehelichte, da die Umstände ihm diesen Schritt jetzt gestatteten. Er schrieb im Hause des Schwiegervaters glücklich lebend, die «Beiträge zur Berichtigung der Urtheile des Publikums über die französische Revolution» in 2 Bänden, und arbeitete sein eigenes philosophisches System mindestens den Grundzügen nach in Gedanken aus, mit welchen er später hervortrat, nachdem er an die Stelle des Philosophen Reinhold im Jahre 1794 nach Jena berufen worden war. Als Vorläufer sandte er seine «Abhandlung über den Begriff der Wissenschaftslehre» voraus, und ließ dann die «Grundlage der gesummten Wissen- schaftslchre» folgen. Diese erschien ebenfalls 1794, dann brachte das Jahr 1796 und 1797 die «Rechts- lehrc», 1798 die «Sittenlehre». In dieser Zeit verband sich Fichte mit Niethammer zur Herausgabe einer philosophischen Zeitschrift, für welche Fichte äußerst thätig war, und in der er seine «neue Darstellung der Wissenschaftslehre» zuerst zur Veröffentlichung brachte. Als academischer Lehrer wirkte Fichte im allgemeinen und auch durch besondere Vorlesungen über die Bestimmung des Gelehrten, mit großem Ernst darhin, nicht die aeademischcn Sitten, sondern die eingcriffenen acadcmischcn Unsitten zu verbessern, waS ihn in nicht ganz angenehme Begegnungen mit Jena's Studentenschaft brachte, welcher ihr rohes Gebühren mehr und höher galt, als die Lehren der Wcltweishcit. Indeß glichen diese Reibungen sich wieder aus, da kam aber die Verketzcrungssucht, die alte Kalenderwunde des Mißtrauens von oben her; daS Ministerium oder mit einem andern Worte: die Regierung, fand für gut, sich zu erinnern, daß in Fichte's früherer Nothwendigkeitslehre wohl gar der heidnische Sodomsapfel des Fatalismus stecke, am Fatalismus der Atheismus, und an diesem der Dcmocratismus hänge, wie Kcttengelcnke, und es wurde beschlossen, ihm einen Verweis zu ertheilen. Nun fühlte sich aber der große Philosoph nicht geneigt, sich von kleinen Nichtphilosophen Verweise ertheilen zu lassen, und reichte seine Entlassung ein, welche auch angenommen wurde. Fichte wandte sich 1799 nach Berlin, und fand dort den Boden, wo kleinlich beschränkende Beschränktheit einer Staatsbehörde fürder den Denker nicht hemmte, und lohnte dem neuen Vatcrlande mit der ganzen Fülle und Treue seiner Liebe, wie in gefahrvoller Zeit mit der vollsten Hingebung an dasselbe. Zunächst erschien 1800 von Fichte dessen Werk über die Bestimmung des Menschen, außerdem arbeitete er mehrere kleinere Schriften aus, und hielt Vortrüge vor gebildeten und hohen Kreisen über Theile der philosophischen Wissenschaft. Einen Ruf nach Erlangen, um während des Sommers dort zu lehren, nahm er an, doch blieb es bei einem einzigen Sommer. Die Wogen des Krieges und der Napoleonische Druck verschlugen Fichte von Berlin nach Königsberg, von da nach Kopenhagen, endlich kehrte er, ehe noch Berlin von der französischen Besatzung geräumt war, dorthin zurück und hielt deutschpatriotische Reden und Vortrage, keine Gefahr scheuend. Für die Gründung der Universität zu Berlin war Fichte äußerst mitwirksam; er wurde zunächst an derselben Professor, dann nach 2 Jahren Nector, und suchte als solcher, wie in Jena, das Studententhum zur Gesittung zu führen. Fichte ließ nach und nach seine gehaltenen Vortrüge, die «Reden an die Deutschen», «die Thatsachen des Bewußtseins», «die Wissenschaftslehre in ihrem allgemeinen Umrisse dargestellt» und: «über den Begriff des wahren Krieges», im Druck erscheinen, und mehr und mehr erhob sich sein denkender Geist zur Fülle klarer Anschauungen in seiner Wissenschaft, da erlag er mitten im freudigen Schaffen und Wirken einem Nervenfieber. Fichte's Philosophie machte Epoche und schuf ihm dauernden Nachruhm. Johannes Fischart. Geb. vor 1550, gest. um 1.500. Ein satirischer Dichter von der höchsten und seltensten Eigenthümlichkeit, dessen Lebens- und Denkweise aber nur aus seinen Werken erkannt werde» kann, denn über seine Lebensumstände kennt man äußerst wenig, trotz dem, daß er in einer Zeit schrieb und dichtete, von deren literarischen Genosse» meist genügende Nachrichten vorhanden sind. Die älteren litcraturgeschicht- lichen Biographen übergehen ihn fast durchgängig, weil sie, wenn sie auch seine Schriften kannten, nichts über ihn zu sagen wußten, oder ihn nicht nennen mochten. Bis heute kennt man nicht einmal genau sein Sterbe- fahr, geschweige das seiner Geburt, und es wird vielleicht mehr einem glücklichen Zufall, als dem Fleiße der Forschung zu danken sein, wenn die Folgezeit noch befriedigende Aufklärungen über das verschollene Leben eines deutschen Dichters giebt, den man mit Fug den deutschen Rabelais nennen kann, zumal er diesen sich zum Muster genommen und durch ihn wohl zunächst die Anregung zu seiner die Sprache mit kühnster Freiheit behandelnden Schreibweise erhalten zu haben scheint. Fischart soll zu Strasburg geboren sein, nach andern zu Mainz, weil er sich bisweilen auch Menzer (Mainzer) oder verkehrt: Neznem schrieb. Niemand weiß wo er studirte, wo er Doctor der Rechte wurde, es ist nur bekannt, daß er um daS Jahr 1586 Amtmann in Forbach bei Saarbrücken war, an welchem Ort doch wobl in Archivacten oder Kirchenbüchern vielleicht noch näheres über ihn gesucht und gefunden werden dürfte. In Johann Fischart sammelte sich all das satirische Element, welches das deutsche Leben von dem Auftreten Heinrich's von Alkmar, Sebastian Brant's und Thomas Murner's an kräftig durchpulste, und das in den Schöpfungen Holbein's als Maler, Erasmus von Rotterdam, Dedekind's und anderer seinen Nachhall gefunden hatte, zu sprudelndem Ausbruch. Sitte und Unsitte, Feinheit und Schmuz, Vers und Prosa wirbeln durcheinander. Was sein Vorbild Rabelais der französischen Sprache angethan, that Fischart der deutschen Sprache an; für ihn gab es kein Herkommen, keine Regel, er benutzte die Bieg- und Bildsamkeit der Sprache zu den tollsten oft widernatürlichen Ausren- knngcn, knetete sie wie einen Teig nnd bildete aus ihr phantastischtollc Figuren, dabei blickt durch alles, was Fischart in seiner seltsamen Schreibweise hervorbrachte, ein umfassendes Wisse», ein Zeugniß ernster und gründlicher Studien, so daß es ganz unbegreiflich bleibt, wie, während des Mannes Name vielgenannt und vielgelesen durch sein Vaterland drang, von des Mannes Person so außerordentlich wenig zur Kunde seiner Mitwelt gelangte. Ein Grund davon mag aber wohl darin liegen, daß Fischart's Schreibweise die strengen Gelehrten seiner Zeit abstieß, daß letztere ihn als einen widerwärtigen Lnstigmachcr und literarischen Eulenspiegel betrachteten, und ihn als Menschen völlig ignorirten. Aber Fischart war und blieb deßnngeachtct ein lachender Democrit, ein kenntnißrcicher Element Marrot, dem das rülenclo llieoro vorum stets vor Augen schwebte. Die Mehrzahl der ersten Ausgaben der Fischart'schen Werke sind litcrarische Seltenheiten und stets gesucht. Davon sind die wichtigsten seine Ncbcrtragung dcS ersten Buches von Rabclai's, die Mönche und ihr Leben auf das schärfste geisclndcr Satyre: Garg antua, mit einem abschreckend langen Titel, dessen Beginn ist: Affenteuerlich Naupcngeheuerliche Gcschichtklitterung, Von Thaten und Nahten von kurzem langen weilen vollen beschreiten Helden und Herren Grandgnsier Gargantua und Pan- tagruel u. s. w. u. s. w. durch Huldrich Ellopos-Cleron hebräisch gräcisirende Umwandlung des Namens Fisch- hart. Zahlreiche, später zum Theil veränderte Ausgaben lieferten Zeugniß von dem Beifall, den diese Schrift sich gewonnen hatte; sie war der erste deutsche komische Roman, possirlich wie Eulenspiegel, und grottesk wie der spätere «abenteuerliche Simplicissimns». Fischart war nicht eingefallen, Rabelais Gargantua zu übersetzen, er bearbeitete völlig frei, frisch und keck, das Werk des französischen Dichters. Dabei erwarb er sich das Verdienst, diesem Werke die ersten Versuche einzuverleiben, die Form des Hexameters und Pentameters in deutscher Zunge nachzubilden, ein Bestreben, indem ?r bald genug Mitstrebcnde fand. Die damaligen Dichter reimten noch diese Verssormcn, und letztere nahmen sich gereimt seltsam genug aus. Ein zweites Werk Fischart's war: «Aller Praetie Großmutter», mit einem wahrhaft fürchterlichen Titel: 1571., eine Art immerwährender Kalender und auch eine Nachahmung von Rabelais ?rogno8tioalion osrwius. «Das Glückhafft Schiff« das die anziehende Thatsache jener Reise einer Anzahl Züricher Schützen, die von Zürich in einem Tage mit einem Topf heißen Breies nach Straßburg schifften, und den Brei noch warm in jene Stadt zum Festschicßen brachten (es geschah dieß am 21. Juni 1576), erzählt, ist voll poetischer Schönheit und frei von den Auswüchsen der Fischart'schen Dichtart. Weit minder kann dieß den kleinen Poesien: «Flohatz, Weibertratz», ebenfalls Nachahmung eines älteren Gedichts in makkaronischen Versen, und dem «Podagrammisch Trostbüchlein» nachgerühmt werden. Großen Beifall einerseits, wie nicht minder andererseits großen Zorn und Haß erregte der «Bienenkorb des Heyl. Römischen Jmmenschwarms, seiner Hum- melszellcn, Hurnausnöster, Brämcngeschwürm und Wäs- pcngctöß w. durch Jesuwalt Pickhart. Christlingen 1579. wieder kein eigenes Werk, sondern freie Ucbcrtragung eines niederländische» Buches mit ungemein viel Fischart'- schcm Zusatz. In gleichem Sinn und Geist wurde auch I. Calvin's Buch über die Reliquien unter dem Titel des «Heiligen Brotkorbs» nicht blos übertragen, sondern von dem Dichter in 8uooum st 8anßuinom seiner originellen Muse verwandelt. Ein «philosophisch Ehezuchtbüchlein», «Papstcontrafeyungen», Ucbcrtragung von I. Bodin's Schrift «eis Llsgorum Oasmonomaina», ei» satirischer Bücherkatalog, die « Erklärung der Thier- messe im Straßburgcr Münster», mit großem Holzschnitt und in Versen, der «barfüßcr Sekt- und Kut- tenstreit«, «Lob des Landlusts», davon nur Vorrede und Anhang Fischart gehört u. s. w., sind lauter lite- rarische Seltenheiten geworden. Man erblickt sonach in Fischart einen Geist, der weniger selbsterfinderisch thätig war, als er an fremdes sich anlehnte, und dann aber selbstwirkcnd aus vorgefundenen Stoffen neues schuf und, ersteres umbildend, ihm eigenthümliche Gestaltungen gab. So schließt sich mit Fischart die satirische Richtung der spätmittelaltcr- lichcn Zeit ab, bis wieder Nollcnhagen, Moscherosch, und der Dichter des abenteuerlichen Simplicissimns jene in anderer Weise wieder aufnahmen und fortpflegten. Paul Flemming. Geb. d. 5. Oct. 1609, gest. d. 2. April 1640. Ein fruchtbarer und begeisterter Sänger inmitten des siebzehnten Jahrhunderts, zwischen Opitz und Canitz der beste deutsche Dichter, dem ein allzu früher Tod die Schwingen mitten im frischen, fröhlichen Aufflug brach, der aber, ganz ein Sohn seiner Zeit, den Fesseln sich nicht zu entringen vermochte, an welchen die deutsche Poesie noch immer schwer genug zu tragen hatte. Flemming wurde in dem gräflich Schönburgischen Städtchen Hartenstein im Voigtlande geboren, wo sein Vater Prediger war, welcher bald darauf nach dem heiter gelegenen Wcchsclburg überm Thale der Mulde versetzt wurde. Nachdem der nicht unbemittelte Vater den Unterricht, des Sohnes gut geleitet hatte, that er letzteren auf die Fürstenschule zu Meißen, wo Paul Flemming einen guten Grund in vielen Wissenschaften legte. Von Meißen ging er nach Leipzig, widmete sich der Arzneiwissenschaft, wurde 1631 Magister, schrieb deutsche und lateinische Gedichte und wurde kaiserlich gekrönter Poet. Flemming hätte wohl gern den Lchr- stuhl bestiegen, wenn nicht der unheilvolle dreißigjährige Krieg damals die Hochschulen verödet und auch die friedlichen Fluren Leipzigs und der Umgegend zu Tummelfeldern blutiger Schlachten gemacht hätte. Flemming riß sich aus dem Kreise dichterischer Freundschaft und Liebe, und reiste 1633 nach Holstein, wo Herzog Friedrich von Schleswig-Holstein eine Gesandtschaft an seinen Schwager, den Czar Michael Fedo- rowitsch nach Moskau ausrüstete. Ein junger Arzt zur Aushülfe war als Begleiter dem mitreisenden hcrzogl. Leibarzt Grahmann nicht unwillkommen und Paul Flemming durfte sich der Ambaffade anschließen. Auch auf dieser Reise, wie in der spätern größeren, schlummerte Flemming's Muse nicht, die, wenn andere Stoffe ihr fehlten, in Gelegenheitsgedichten sich offenbarte; der Grvßgesandte und dessen dem Dichter befreundete Umgebung wurden au Geburts- und Namenstagen mit poetischen Angebinden erfreut, selbst die Dolmetscher gingen nicht leer aus, Meeressturm und glückliche Landung in Lievland wurden besungen, als 1634 die Rückkehr erfolgte. Da beschloß der Herzog von Schleswig-Holstein in der Absicht, seinem Lande Handelsvortheile durch Per- bindungen mit dem Orient zu verschaffen, die Ausrüstung einer Gesandtschaft von mehr als 100 Personen, welche durch Rußland über Moskau nach Persien reisen sollte, und Flemming schloß sich derselben voll frischer Reiselust ebenfalls an. Man lichtete am 27. October 1635 zu Travemünde die Anker und überstand mancherlei Gefahr und Noth zu Wasser und zu Lande. Adam Olearins, ebenfalls Dichter und holsteinischer Rath und Gesandtschastssccrctair, hat die Reise ausführlich geschildert, Flemming aber läßt sie durch eine Fülle von Gedichten klingen, die er an Olcar, an Grahmann, an den Hofjunker v. Jmhof u. a. in Astrachan und Jspahan und andern Orten richtete. Viele dieser Gedichte gingen auch verloren. Flemming verehrte Opitz sehr hoch, beweinte in Gedichten dessen Tod, den Flemming in der Nogaischcn Tatarei vernahm, nannte ihn in einem Athem Pindar, Homer und Maro seiner Zeit, und wandelte ihm als Dichter nach, weniger als Schüler, denn als Ebenbürtiger. Ein frommer Sinn begeisterte Flemming zu religiösen Liedern, deren mehrere in Gesangbücher ausgenommen wurden, und von denen: «In allen meinen Thaten» das beste ist; treue Vaterlandsliebe ließ ihn Deutschlands Unglück tief empfinden und poetisch beklagen; ein warmeS Gefühl für Freundschaft trieb ihn an, die zahllosen Bcglückwünschungs- und Trauer- rarmina zu versassen, die seine Geist- und weltliche lloönuita zu so starker Fülle anschwellen machten. Sie bezeugen eine höchst ausgebreitete befreundete Bekanntschaft, die sich bei vielen jungen Damen zu hoher und vertraulicher Zärtlichkeit gesteigert zu haben scheint. Mit besonderer Vorliebe pflegte Paul Flemming das Sonett; er war der vierte deutsche Dichter, der sich der cdelgefügtcn südlichen Form des Klanggedichtes annahm; nur Wirsung, Weckherlin und Opitz von Boberfeld hatte er zu Vorgängern. Geistliche Gcmüths- erhebungen, Glückwünsche, Liebesgedanken und Trauergefühle goß er in die Form der vierzehn Verszeilen, die nur der stets gebrauchte Alexandriner einigermaßen schwerfällig erscheinen läßt. Aber das Gefühl ist rein, die Empfindung zart, die Gedanken sind reich, oft originell, auch Natur und Landschaften traf er mit sichern Pinsclzügcn. Im Beginn des Jahres 1659 erst kehrte die Gesandtschaft vom Hofe des Perserschahs Sophi in Jspahan nach Moskau zurück, nach manchem Genuß und nach mancher ertragenen Beschwerde; dann verweilte sie eine Zeitlang in Reval, wo Flemming die Neigung der schönen Tochter eines Kaufmanns, Niehusen, gewann und sich mit ihr verlobte. Mit der Gesandtschaft zu Anfang des August wieder in Holstein angekommen, reiste Flemming 16-10 nach Leyden, wo er als Doktor promovirte, und von da nach Hamburg, wo er sich den häuslichen Hecrd gründen wollte. Dort überfiel ihn aber eine jähe Krankheit, ohne Zweifel Folge der vielfach übcrstandenen Strapatzen und Mühen auf der großen langwierigen Reise, und raffte ihn in der Blüthe seiner Jahre dahin. Mit ihm schied eines der reichsten poetischen Talente seiner Zeit. Sein Schwanengesang, vier Tage vor seinem Tode gedichtet, als er diesen nahen Tod schon fühlte, war ein Sonett, in welchem er beruhigt von dem Schauplatz seines Daseins Abschied nahm und in blühender Jugend wie ein bejahrter Weiser starb. Der -gründliche und gediegene Biograph Paul Flcmmiiig's, K. Varnhagen von Ense, äußert gegen den Schluß der Lebensschilderung des Dichters (Biogr. Denkmale 4. Theil) «von Flemming's Aeußcrem ist uns kein Bild erhalten«. Damit aber niemand das dieser Skizze vorangestellte für ein Phantasiebild halte, sei erwähnt, daß dasselbe einem in des Dichters Todesjahr erschienenen Kupferstich von C. Hortranst in Zittau, 1640, treu nachgebildet wurde. August Hermann Francke. Gcl. d. 23. März 1663, gest. d. 8. Juni 1727. August Hermann Francke war einer der auserwählten Menschen, die gleich guten Engeln über die Erde schreiten, nachhaltige Segensspuren ihres reinen und gottgeliebten Wandels hinterlassen, und deren Gedächtniß nimmer erlischt und untergeht. Lübeck war Francke's Vaterstadt, doch folgte er schon in zarter Jugend dem Vater nach Gotha, wohin dieser als Justizrath berufen wurde. Das Gothaische Gymnasium, das einer bedeutenden Anzahl berühmter deutscher Männer die Grundlagen zu wissenschaftlicher Ausbildung und zu ausgezeichneten Lebenswegen verlieh, bildete auch diesen Zögling trefflich aus. Von Gotha begab sich der Jüngling nach der nahen Hochschule Erfurt, wo er Theologie zu studiren begann, welches Studium er iu Kiel fortsetzte und in Leipzig beschloß. Dort begann Francke 1681 exegetische Vorlesungen, welche sich bald ungemeinen Beifalles erfreuten, zugleich aber auch Gegner fanden. Er begründete mit Spcner das Lolisginm plülolüliliouin und nahm 1685 die theologische Magisterwürde an. Als Freund und Anhänger des ungleich älteren Spcner führte Francke's ganzes innerliches Gcmüthsleben ihn zu der frommen Richtung religiöser Anschauung hin, welche von den Gegnern Pietismus genannt, und da, wo diese Richtung zu einem stolzen Gefühl des eigenen Werthes durch Frömmigkeit und zur geistlichen Uebcrhebung über die sogenannten Weltkinder wird — mit Recht verschrieen wurde. Spener's junge Anhänger, von denen Francke der bedeutendste war, setzten dem kalten und starren protestantischen Dogma eine jvhanneischc Milde und eine christliche Sanftmuth entgegen, worüber es zu Kämpfen kam, in denen selbst der hellblickcndc Thomasius parteinehmend zum Vertheidiger seiner Freunde, darunter auch Francke, wurde — leider ohne Erfolg; die protestantisch dogmatische Unduldsamkeit trieb auch Francke aus Leipzig, nachdem er schon vorher einmal das Pleißc-Athen verlassen, eine Zeit lang in Lünc- burg und dann einige Monate in Dresden bei Spener, der dort Hofprediger war, sich aufgehalten hatte. Im Jahre 16!)0 wurde Francke zum Diaconus der Augustiner-Gemeinde nach Erfurt berufe», und es mag ihn wohl mit hoher Freude erfüllt haben, da zu lehren und zu wirken, wo Luther mit sich selbst kämpfte und überwand. Frauckc's Predigten in der Augnstinerkirche zagen Schnuren von Zuhörern herbei; die Milvc seines WesenS, der liebevolle christliche Geist seiner Vortrage gewannen ihm alle Herze», selbst Katholiken hörten mit Erbauung Francke's Predigten — aber das schadete ihm, und hatte der protestantische Fanatismus ihn aus Leipzig vertrieben, so vertrieb ihn 1691 der katholische unter nichtigen Vorwänden mit grausamer Hast aus Erfurt. Francke wandte sich »ach Halle und wurde Prediger in der Vorstadt Glaucha, wo er das Wohl seiner armen und auch sittlich vernachlässigten Gemeinde sich Herzenssache werden ließ, und namentlich sich armer verlassener Kinder, zumal wenn es Waisen waren, auf das liebevollste und väterlichste annahm. Mittlerweile wurde durch den Kurfürsten von Brandenburg, nachherigen König Friedrich l. in Preußen die Universität zu Halle begründet, und Francke wurde an derselben als Professor der Theologie, später auch der orientalischen Sprachen angestellt. Als solcher gründete er daS Kollegium vrientale mit dem Druck hebräischer Bibeln. Im Jahre 1713 erst legte er sein Pastorat zu Glaucha nieder und trat als Prediger an der Ulrichskirche in der Stadt Halle selbst an. In diesem Zeitraum verfaßte Francke eine ziemliche Anzahl meist asketischer Schriften, gab auch viele Predigten und Traetate heraus und setzte die seinen Namen ungleich mehr, als seine Schriften, unsterblich machenden Bemühungen zum Wohle der armen Menschheit fort, welche Gott mit einem wahrhaft wunderbaren und überirdischen Segen krönte. Francke's Wort wußte Begüterte zur Wohlthätigkeit zu begeistern und Armen ihr Scherflcin zu entlocke», alles für das Waisenhaus und die Waisenschnle, dazu er bereits 1698 den Grund gelegt hatte. Stattlichen Fürstenbanten gleich erhoben sich allmählich im Glanchaischcn Stadttheil jene Gebäude, für die verwaiste Armuth, für Leib- und Seelen- pstege, für Unterricht und für Bibclverbreitnng in einer Großartigkeit der Ausdehnung, wie wenige ähnliche Wohlthätigkeitsinstitnte in Deutschland. Mochte Francke in der frommen Richtung seines Gemüthes, die bei ihm innere, warm empfundene Wahrheit und nicht, wie bei so vielen, ein angelernter Heuchelschein war, zu weit gehen, mochte er von manchen Seiten auch härter beurtheilt und heftiger verketzert werden, als er verdiente, seine Schwächen, gesetzt die tiefinnerlich religiöse, gläubigfromme unerschütterliche Ueberzeugung und die Vertiefung in die heilige Schriftoffenbarung dürften Schwächen genannt werden — schadeten niemand und sind mit ihm gestorben, unsterblich aber lebt sein Andenken fort in seinen Stiftungen. Diese waren und sind das Waisenhaus, Erziehungsanstalt für 100 bis 200 Waisen, 1693; die lateinische Schule, 1697 eingerichtet mit 10 Classen für 400 bis 300 Zöglinge; das Pädagogium, Erziehungsanstalt für Jünglinge aus höheren Ständen, und die Real-, Bürgcr- und Armen schule. Diesen Anstalten dienen zur belehrenden Benutzung eine Bibliothek, wie ein Kunst- und Naturalicnkabinct, und zu ihren Einkünften tragen bei eine höchst bedeutende Buchhandlung und Buch- druckerei mit trefflichen Vcrlagswerken; eine Bibelanstalt, aus der schon Millionen Bibeln und neue Testamente in alle Welttheile gingen; eine Apotheke mit umfassenden Laboratorien, deren Ertrag durch Geheimmittel sich früher jährlich allein auf 40,000 Thaler beließ (Wer hätte nicht einmal die Halleschen Tropfen nennen hören?) Und dieß alles zum Wohle der 'Armuth und der leidenden Menschheit! — Die letzte Vorlesung, welche Francke nach länger»! kränkeln und einen! erlittenen Schlaganfall hielt, schloß er mit den Worten: «So gehet nun hin und seid gesegnet dem Herrn immer und ewiglich!» Wenige Wochen darauf ging er selbst dahin, ein Gesegneter des Herrn immer und ewiglich. Franz II. Joseph K​​arl, Deutscher Kaiser. Geb, d. 12. Febr. 1768, gest. d. 2. März 1558. Deutschlands letzter, Oesterreichs erster Kaiser, Zeuge großer Wandlungen in des Vaterlandes Geschicken, Zeuge und Genosse einer bedeutenden Zeit, von der noch keine Ahnung an seiner Wiege sang. Franz war der Sohn Kaiser Leopold II. und Marie Louisens, Jnfantin von Spanien. Seine Erziehung war der hohen Geburt angemessen, seine Neigung ritterlich. Mit 20 Jahren vermählte er sich mit Prinzessin Elise Wilhelmine Lu- dovica von Würtemberg, wurde nach 2 Jahren schon Wittwer, und schloß 1790 ein zweites Bündniß mit Prinzessin Maria Theresia von Neapel, die ihm 13 Kinder schenkte. Die ersten Kriegslorbeeren pflückte der junge Erzherzog unter Laudou's kundiger Leitung und als Oberbefehlshaber des 1788 gegen die Türken ziehenden Heeres. Diese Vorschule war ihm nützlich, denn seinem Leben war nicht das Loos gefallen, in friedlicher Stille und Ruhe sein Volk zu regieren, sondern der Kriegsgott warf ihm die Würfel und führte ihn von Kampf zu Kampf. Als Kaiser Leopold gestorben war, trat Franz am 1. März 1792 die Regierung der kaiserlichen Erblande an und ließ sich am 6. Juni desselben > Jahres zum König von Ungarn krönen, am 7. Juli erfolgte seine Wahl zum römisch-deutschen Kaiser, am 14. Juli die Kaiserkröuung, am 4. August die zum König von Böhmen. Die Republik Frankreich erklärte ihm den Krieg und begann denselben in Belgien, wohin der Kaiser selbst eilte und als oberster Kriegsherr sein Heer mit persönlicher Tapferkeit befehligte. Hier erfocht er bedeutende Siege, schlug im Jahre 1794 die Schlachten bei Cateau, Landrecy und Tournay als Held, sah sich aber dennoch zum Rückzug und zur Heimkehr genöthigt, weil Vonaparte aus Italien vorrückte und die Hauptstadt Wien bedrohte. Der Friede von Campo Formio am 17. Oct. 1797 endete diesen Krieg, Oesterreich verlor Belgien und Mailand und bekam dafür Venedig bis an die Etsch. Im nächsten Jahre verband sich Oesterreich mit Rußland und England zu neuem Feldzug gegen die französische Republik, schritt gegen den Rhein vor und drang in Italien ein, war aber nicht siegreich und sah sich zum Frieden von Luncvillc genöthigt, der am 9. Februar 1801 abgeschlossen wurde. Ebenso wenig war das Glück der Waffen Franz II. hold, als er, abermals mit Rußland und England verbunden, gegen Frankreich zog. Die Schlacht bei Austerlitz am 12. Der. 1805 demüthigte Rußland, die Einnahme und Besetzung Wiens durch die Franzosen Oesterreich, und der Preßburger Friede machte am 0. August 1806 dem mehr als tausendjährige» heiligen römischen Kaiserreiche mit einem Fedcrzuge ein Ende. Franz legte die Krone Karl's des Großen auf immer ab und nahm den Titel eines Kaisers von Oesterreich an, zu welchem er sich schon erklärt hatte, als Frankreich sich in Napoleon Bonaparte selbst einen Kaiser gab, welcher Ehrgeiz und Muth genug besaß, die Reiche, über welche einst Karl des Großen und Karl V. Scepter geboten, für sich zu gewinnen. In den Fcldzügen des Kaisers der Franzosen 1806 und 1807 gegen Preußen und Rußland hielt Kaiser Franz, — nun Franz I. von Oesterreich — sich streng neutral, bis im Jahre 1809 politische Verhältnisse ihn bestimmten, Frankreich abermals den Krieg zu erklären. Leider wurde auch dieses mal sein Vertrauen auf das Glück der Waffen getäuscht, er sah sich bald genug zu einem abermaligen Frieden genöthigt und verzichtete nun auf fernere Erfolge gegen die Waffen Napoleon's. Der Macht der Verhältnisse sich fügend gab er sogar dem unwiderstehlichen Gegner 1810 die Hand der eignen Tochter Marie Luise, und schloß, da er in demselben Jahre seine zweite Gemahlin durch den Tod verlor, den Bund der dritten Ehe mit Marie Luise Beatrir, Prinzessin von Modena und Breisgau, Tochter seines verstorbenen Oheims Erzherzog Ferinand- Die ruhelose Eroberungssucht des kaiserlichen Eidams wußte 1812 den Kaiser von Oesterreich in Dresden zu überreden, letzterem ein Hülsshecr von 50,000 Plann gegen Rußland zu stellen, allein die unheilvollen Ereignisse, die das Schicksal über Napoleon und sein Heer verhängte, wie die lauten Forderungen der Völker ließen auch Oesterreich dem großen Bunde beitrcten, der die Macht des Eroberers brach. Kaiser Franz wohnte den Befreiungskriegen von 1815 und 1814 in Person bei, ohne als Feldherr-zu befehligen, kniete nach der Schlacht von Leipzig dankend mit auf dem Monarchenhügel, willigte in die Verbannung seines Schwiegersohnes nach Elba, zog 1815 wieder mit zu Felde und mit in Paris ein und gewann jetzt auf unblutigem Wege, gleich seinem Ahnherrn Maximilian I., mehr für Oesterreich als es jemals besessen. Zum dritten male verwittwet, ging Kaiser Franz eine vierte Verbindung ein mit Charlotte, Prinzessin von Bayern, König Maximilians Tochter, geschiedenen Königin von Würtemberg. Franz I. regierte mild und gütig, gerecht und weise, liebte sein Volk und wurde von ihm geliebt; der steten Neigung der Völkerschaften Italiens zum Aufruhr, der sich in den zwanziger Jahren durch den Carbonarismus offenbarte, setzte er einen festen Damm entgegen, indem er das Königreich Neapel militärisch besetzen ließ und die Anfruhrgelüste unterdrückte. So berührten auch die westlichen Stürme des Jahres 1850 Oesterreich kaum. Eine Brustentzündung endete schnell das Leben Franz I. und rief großen und allgemeinen Schmerz um ihn hervor. Friedrich II., König von Preussen. Geb. d. 21. Jan. 1712, gest. d. 17. Aug 1786 Preußens Heldenkönig, Deutschlands Ruhm und Stolz. Aeltester Sohn Friedrich Wilhelm I., Königs von Preußen, als Prinz von Oranien geboren, im zweiten Lebensjahre Kronprinz geworden, genoß er unter der Aufsicht des strengen Vaters eine militärisch despotische Erziehung, deren starren Fesselzwang der aufstrebende Geist des Kronprinzen auf jede Weise zu brechen suchte. Daher langnachhaltiger Zwiespalt mit dem ruhmvollen, praktischen Vater, der jede Idee des Sohnes, die irgend romantische Färbung haben mochte, mit Härte durchschnitt, daher in Friedrich ll. frühzeitig die Entwickelung zu einem durch Widerstand gestählten Charakter. Die Mutter, Sophie Dorothea, königl. Prinzessin von Groß- brittanien und Hannover, liebte Friedrich zärtlich, sie suchte zu sühnen, suchte ihn, als er zum Jüngling herangewachsen war, durch die Hand einer englischen Prinzessin zu beglücken, während der Vater aus politischen Rücksichten mehr zu Oesterreich sich hinneigte, und dieser Zwiespalt der Ansichten des königlichen Ael- ternpaares wurde dem Sohne ebenfalls zur Quelle mancher Leiden. Alle schönen Neigungen, deren Friedrichs jugendliches Herz begehrte: Musik, Lcctüre, Glück der Freundschaft, mußte er heimlich zu befriedigen suchen, und da nichts verborgen blieb und bleiben konnte, so entfremdete sich ihm des Vaters Herz mehr und mehr, und der König dachte schon daran, den Kronprinzen seines angeborenen Rechts zu entsetzen und den mehr geliebten, folgsameren zweiten Prinzen August Wilhelm zum Nachfolger in der Herrscherwürde zu bestimmen. Der Riß zwischen Vater und Sohn erreichte seinen Gipfel, als der Kronprinz einen Fluchtversuch wagte, welcher verrathen wurde und die schrecklichsten Folgen nach sich zog. Der treue Freund und Gehülfe bei dem grausam vereitelten Projcct, Lieutenant Katte, wurde zu Küstrin hingerichtet, und aus dem Fenster seines dortigen Gefängnisses mußte der Kronprinz den Frcunv zum Tode führen sehen, ja sein eigenes Leben stand auf dem Spiele, bis endlich der aufgebrachte Vater sich versöhnen ließ. Zu dieser Versöhnung trug ein Opfer des Gehorsams von Seiten des Sohnes wesentlich bei; der Kronprinz vermählte sich auf des Vaters Wunsch mit der Prinzessin Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevcrn, ohne Liebe, ja ohne Neigung, erhielt Stadt und Schloß Rhcinsberg und die Graf- schaft Nuppin von seinem Vater zum Eigenthum und lebte nun auf Schloß Nheinsbcrg der Kunst und den Wissenschaften im Umgang mit geistreichen Männern, blieb auch fortan mit seinem Vater in einem guten und herzlichen Einvcrständniß. Mit dem 31. Mai 1740 begann Friedrichs ruhmreiches Leben als Regent, als König, zu groß, um auch nur andeutend in dem engen Nahmen weniger Spalten würdig geschildert werden zu können. König Friedrich II. sand ein trefflich armir- tes Heer und einen vollen Schatz als väterliches Erb- theil, er konnte im Kriegsfall eine Armee von 70,000 Mann aufbieten; so zwang er, ohne dieses ganzen Heeres zu bedürfen, den Bischof von Lüttich zur Sühne eines gegen ihn verübten Unrechts. Nach dem Tode Kaiser Karl IV. machte Friedrich II. die Ansprüche auf mehrere schlesische Fürstenthümer und Herrschaften geltend, welche früher an das Haus Brandenburg auf den Grund von Erbverträgen gefallen, vom Kaiser aber als erledigte Lehen eingezogen worden waren, wobei sich der König gegen Maria Theresia, die Königin von Ungarn und nachherige Kaiserin, zum Bundesgenossen gegen ihre Feinde anbot. Sie aber wies alle Anträge zurück, und Friedrich II. begann 1741 den ersten schlesische» Krieg; den zweiten begann er 1744, welcher mit dem Friedensschlüsse vom 25. Dec. 1745 günstig für den Preußenkönig endigte. Es folgten zehn Jahre einer friedliche» Regierung, die dem Wohle des Landes, der manuichsaltigcn Verbesserung durch den überall hin mit Hellem Auge selbst blickenden König gewidmet waren. Das Ministerrcgiment war Friedrich II. Sache nicht, er war Selbstherrscher im vollem Sinne des Wortes, aber ein tüchtiger und edler. Vor und nach dem dritten schlesischen (siebenjährigen) Kriege, den er 1756 begann und nach Kämpfen, Schlachten, Niederlagen und Siegen, die unvergeßlich bleiben, wie die Namen der Helden, die des Königs Schlachten schlugen und seine Siege erfechten halfen, 1653 zu Hubertusburg schloß, hob Friedrich den Wohlstand seines Landes, bebaute verheerte Aecker, ließ Wüsteneien urbar machen, vermehrte das Heer, wie den Schatz, als ein allbewnndcrter Held des Krieges, indem die Macht des halben Europa gegen ihn in Waffen gestanden hatte, und nur sein unerschütterlicher Hcldenmuth und Heldcnsinn ihn aus drohenden Todesgefahren gerettet — wie er als allbewunderter Held des Friedens Künste und Wissenschaften, Verkehr und Gewerbe, Handel und Wandel zur Blüthe und zum erfreulichsten Gedeihen hob. — Erziehung und Jugend- neigung hatten Friedrichs Sinn der französischen Sprache zugelenkt; er fand sich von der deutschen Literatur seiner Zeit nicht angezogen, nicht befriedigt; er sprach gern und schrieb fast nur französisch, gab dem französischen Geschmack den Vorzug, und lebte sich in dessen angenehme Formen ein. Die zahlreiche» Werke, welche Friedrich II. ausarbeitete und hinterließ, sind glänzende Beweise seiner Bildung, seines Geistreichthums und allumfassender Kenntniß. Gern umgab er sich mit berühmten und geistreichen Männern, und war im persönlichen Umgang voll Witz, voll Leben, und voll Liebenswürdigkeit. Voltaire, den Friedrich II. an sich gezogen und mit Wohlthaten überhäufte, lohnte ihm mit Undank, aber im Herzen des deutschen Volkes lebt das Heldenbild des alten Fritz noch dauernder, als auch die herrlichsten Monumente es verewigen. So lange es ein Preußen und eine deutsche Geschichte giebt, wird Friedrichs Name »»verdunkelt strahlen, gleich dem reinen Sternenbilde „Friedrichs Ehre", in welchem nicht Schmeichelei, sondern verdiente Huldigung des großen und unvergeßlichen Königs Namen in das goldene Buch des Firmamentes schrieb, dahin in guten und schlimmen Zeiten der fromme Ausblick seiner Nachfolger- auf Preußens Königsthron sich vertrauend richten mag. Friedrich III., Herzog und Kurfürst zu Sachsen. Geb. d. 17. Jan. 1463, gest. d. 5. Mai 1525. Friedrich der Weise war ein Regent voll Wissensdrang, wie voll Neigung, Wissenschaften und Künste zu fördern und zu schirmen, ein Mann voll deutscher Treue und Biederkeit, und machte schon als Schützer und Schirmherr der Reformation seinen Namen unsterblich. — Friedrich war der älteste unter den 4 Söhnen des in seiner Jugend durch Kunz von Kau- fungen geraubten Sachsenherzogs Ernst und wurde zu Torgau geboren. Seine Erziehung war eine fürstlich ritterliche, welcher bei Familien hohen Ranges nie jene wissenschaftliche Ausbildung hinzuzufügen versäumt ward, die die Zeit zu gewähren vermochte. Von Friedrichs drei Brüdcrn wurde Albert später Erzbischof von Mainz, starb aber schon im 21. Jahre; Ernst II. Erz- bischof von Magdeburg und Bischof von Halberstadt, dem auch ein langes Leben nicht beschicken war, und der dritte Herzog Johann wurde sein Mitregent und Negicrungsnachfolger, mit dem er stets in der herzlichsten ungetrübtesten Eintracht lebte. Beide Brüder traten die gemeinschaftliche Regierung ihrer väterlichen Erblande 1187 an, und im April dieses Jahres empfing Friedrich vom Kaiser Friedrich III. die Belehnung seiner Lande sowohl als jene mit der Kurwürdc von Sachsen, wobei die Regentschaft beider Brüder so geregelt wurde, daß der eigentliche Kurkreis Sachsen dem Kurfürsten allein gehörte, über die übrigen zu Sachsen gehörigen Landestheile Thüringens und des Ostcrlandes hin gegen die Regierung beiden Brüdcrn gemeinschaftlich blieb. Frommgläubigcr Sinn im Geiste seiner Zeit bewog Friedrich III. im Jahr 1193 zu einer Wallfahrt nach dem heiligen Grabe, auf welcher ihn eine große Anzahl fürstlicher Freunde zum Theil, theils gräflicher und ritterlicher Vasallen begleiteten. Einer jener Lehenträger, Heinrich von Schaumburg, der schon auf einem früheren Pilgerzuge nach Palästina Ritter des heiligen Grabes geworden, mußte am erhabenen Ziele den Kurfürsten durch den Ritterschlag gleicher Ehren theilhaftig machen. Nach der Rückkehr erhielt Friedrich, während Kaiser Marimilian's Romzug, das Rcichsvicariat übertragen, und verwaltete dieß so löblich, daß ihm diese Auszeichnung später wiederholt zu Theil ward. Die Neigung für Künste und Wissenschaften, ein Erbtheil aller Sachsenfürsten, bewog Friedrich III. 1502 zur Gründung der Hochschule Wittenberg, welche er mit Lehrkräften und Lehrmitteln auf das erfreulichste ausstattete, so daß sie bald an Ruhm viele ältere deutsche Universitäten überstrahlte. Zum Lehrer an dieser Hochschule berief der Kurfürst im Jahre 1508 auch den Augustinerklvstergeistlichen Martin Luther. FriedrichIII. war offenbar ein Werkzeug in der Hand der Vorsehung; in Erfurt, der zwar unterm Schutz der Sachsenfürsten, aber unter knrmainzischer erzbischöflicher Gewalt und Botmäßigkeit stehenden Stadt, hätte Luther nicht wagen dürfen, so gegen den Ablaß aufzutreten, wie er in Wittenberg that. Friedrich III. bewährte den Namen, den die Anerkennung der Geschichte ihm beilegte, beim Reformations- wcrkc recht augenscheiitlich; er griff nicht eigenmächtig und selbsthandclnd ein i» den Gang, den die Kirchcn- verbcsscrung nahm, mischte sich nicht in den Streit, welcher entbrannte; er ließ gewähren, hemmte nicht die Entfaltung; Luther selbst wünschte nicht die Einmischung der Fürstenmacht in die Glaubcnsangelcgenhekt. Nur als eS galt, den bedrohten Reformator zu sichern und zu schirmen, da gebot der edle und weise Fürst die stille Aufhebung und Hinwegführnng Luthers an einen Ort der Sicherheit, auf die schirmende Wartburg. Dasselbe Jahr, das den die europäische Welt er-* schlitternden Anschlag der Thesen Luthcr's an die Witten- berger Schloßkirche vernahm, bot Friedrich III. die deutsche Kaiserkrone; aber nicht er, sondern drei andere- Karl V. von Spanien, Enkel Kaiser Mari- inilian's, Franz I. von Frankreich und Heinrich VIII. von England bewarben sich um diese Krone. Die beiden letzteren zumal boten reiche Erkenntlichkeit, doch wollten sie ihm, als dem würdigsten, gern nachstehen. Friedrich der weise'fühlte — eben weil er der weise war — daß es besser nnd größer sei für das Heil des Vaterlandes, eine Kaiserkrone auszuschlagen, als sie anzunehmen; er lenkte zugleich von den nichtdeut- schcn Fürstcnhäuptern die Wahl ab und dem Enkel deS deutschen Marimilian zu, schuf aber auch, damit des Vaterlandes uralte Freiheit gewahrt und gesichert bleibe, die Wahlkapitulation zwischen dem Reich und vcm Kaiser. Für die Freiheit der Nation, für die Freiheit des Geistes glühte Fricdrich's Herz; der Wahrheit, selbst der herben, war es zugänglich und offen; Luther schrieb ihm oft hart genug, und dennoch schützte er Luther und schätzte ihn hoch vor allen. Des Volkes Wohlfahrt strebte Friedrich III. im Bunde mit seinem trefflichen Bruder treulich an; achtunddreißig Jahre lang regierten sie in treubrüderlichcr Liebe und Eintracht. Den Lebensabend Kurfürst Friedrich III. zu Sachsen trübte noch der Ausbruch des Bauernkriegs, der herausfordernd die Fürstenmacht unter die Waffen rief. Tief fühlte der weise Herrscher, daß vielfach dem Volke zu wehe geschah und geschehen war, ja er hat dieß selbst ausgesprochen und noch in seinem letzten Willen befohlen, dem Bcamtendruck zu steuern, so wie er im Verfahren gegen die Bauern zu möglichster Güte rieth. Leider vereitelte deren durch Vvlksverführer, wie Thomas Münzcr, bis zur blutigen Gewaltthat aufgestachelte Wuth jeden Weg der Güte — doch sah Fricdrich's Auge nicht mehr die trüben Wolken und Wetter der Zeit, denn sanft schloß im Frühling des Aufruhrjahres sich dieses Auge, und der Fürst des Friedens ging auf Schloß Lochau (Annaburg) zum ewigen Frieden ein. Seine Ruhestätte ist in der Wittenberger Schloßkirche; Melanchton's wahrhcittrcu nachrühmende Grabschrist ziert sie, und der Kranz von Friedrich des Weisen Nachruhm blüht unverwelklich. Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg. Geb. d. v. Febr. 1620, gest. d. 29. April 1688. Der große Kurfürst! Diese ehrende Benennung ertheilte die Geschichte einem Manne aus dem ruhmreichen Hohenzollernstamme, dessen Lebensberuf durch höhere Lenkung es wurde, den festen Grund zu Preußens künftiger Größe zu legen. Friedrich Wilhelm's Geburt fiel in die sturmvolle Zeit des Beginnens des dreißigjährigen Kriegs; der Bater war Kurfürst Georg Wilhelm, die Mutter Elisabeth Charlotte, geborene Prinzessin von der Pfalz. Die Acltern ließen ihn sorglich erziehen, und das Unglück des Vaters, das Weh der Zeit, und manche schmerzliche Erfahrung halfen ihn bitter schulen, und lehrten ihm die Cardinaltugend des Regenten, Charakterfestigkeit, deren Mangel manchen sonst braven Fürsten zum Spielball seiner Minister Herabsinken ließ. Im Jahre 1635 besuchte der Kurprinz die Hochschule Leyden, von der ihn aber bald eine ausbrechende pestartige Seuche vertrieb, dann nahm er in Holland an kriegerischen Unternehmungen Theil und eignete sich tüchtige Kenntnisse in den Kriegswifsenschaften, unter den tapfern Oraniern Wilhelm, Johann Moritz und Friedrich Heinrich an, floh aber vom glänzenden Hofe des letzten! Prinzen vor Gefahren, die sein sittliches Gefühl mit Verletzung bedrohten, und bestand auch noch später manche bedrohliche Gefahr anderer Art, Meuchelmord durch Stahl oder Gift, geleitet von der höher» Hand, die der Länder Loose wägt, und schützend über denen schwebt, denen sie diese Lodse anvertraut. Im Jahre 1610 verlor Friedrich Wilhelm seinen unglücklichen ihn zärtlich liebenden Vater, und bekam als Erbe ein von den Stürmen des Krieges furchtbar zerrissenes und verwüstetes Land, noch dazu an allen Grenzen von Feinden bedroht, welche Neigung zeigten, so viele Theile dieses Landes als möglich sich anzueignen, dazu verwaltet durch einen allmächtigen Minister, den Grafen Schwarzenberg, der in Oesterreichs Sinne handelte und das bekannte Ministergelüst, an des Regenten Statt den Regenten selbst zu spielen, zur vollen Geltung brachte. Diesem heillosen treiben machte der junge Kurfürst ein rasches Ende, Schwarzenberg ward gestürzt und starb; treue und willige Diener, unter deren Namen der von Burgsdorss am hellsten glänzt, traten an die Stelle der untreuen und Widerwilligen. Der Kurfürst hing treu an der evangelischen Kirche, deren Bekenntniß bisher so zahlreiche Blutopfer gebracht waren, schloß Frieden mit Schweden und wurde — ein unsterbliches Verdienst — Anbahner und Begründer des westphälischcn Friedens; ihm hauptsächlich ist es zu danken, daß für die drei religiösen Hauptpartcien die gleiche Religionsfreiheit beschlossen und gefestet wurde. Ein Jahr vor dem Ende des dreißigjährigen Krieges vermählte sich der Kurfürst mit der frommen Prinzessin Luise Henriette, Prinzessin von Oranicn, einer begabten geistlichen Liedcrdichterin, und lebte nun neben der Ausübung seiner großen Regentenpflichten in schöner Häuslichkeit, soviel ihm die politisch bewegte Zeit den Genuß derselben vergönnte. Es galt zunächst, ein durch den langen Krieg verwildertes und entsittlichtes Land den Geschäften und Segnungen des Friedens wieder zugänglich zu machen, verödete Orte und Fluren neu zu beleben und zu bevölkern, Gewerbe zu heben, aber auch zugleich, eine zuvcrläßlichc Schutzmacht für dieses Land aus dem Heere zu bilden, in welchem noch kein Geist der Ehre lebte, sondern der Nachhall der Landsknechtnatur aus dem deutschen und dreißigjährigen Kriege. Selbst zum heldcnmüthigen Krieger herangebildet, gab der Kurfürst ein edles Beispiel, wie der Geist des Heeres zu beleben und zu veredeln sei. Dieser Geist machte ihn zum Sieger gegen Polen, Dänen und Schweden und gegen die eigenen rebellischen neuen Unterthanen in Pommern. Schutz- und Trutzbündnisse mit auswärtigen Mächten wurden geschlossen, und dem Kaiser konnte noch eine Streitmacht zur Hülfe gegen die Türken gesendet werden. Zweimal schlug der große Kurfürst die ihm angebotene Krone Polens aus, er wollte seinen Glauben nicht wechseln wie ein Kleid, und wenn er dadurch hätte römischer Kaiser werden können. Ein zehnjähriger Friede vergönnte den Ländern des bewunderungswürdigen Kurfürsten Ruhe und glückliche Entfaltung besserer Einrichtungen, die sich auf Ackerbau, Viehzucht und Gewerbe, auch besonders durch begünstigte Einwanderung, auf Verbesserung des Postwesens, auf Schulen und Unterricht erstreckten, bis die Verhältnisse den väterlich gesinnten Herrscher zum Kriege gegen Frankreich in das Feld riefen, während die Schweden als Frankreichs Bündner in die von Truppen entblößte Mark Brandenburg nnd die preußischen Erb- staaten unter Wrangel einfielen, und die im dreißigjährigen Kriege verübten Gräuel wiederholten. Dieß geschah im Winter 1674; sobald indeß die Jahreszeit es erlaubte, das Heer aus Franken nach den Marken zu führen, geschah dieß mit überraschender Eile, und die Schlacht bei Fehrbellin setzte dem Heldensinne des großen Kurfürsten ein ewiges Denkmal. Wie ein Wetter fegte der Held den Feind aus dem Lande, eroberte das ihm genommene Land, nahm neues dazu und zwang allen seinen Gegnern Achtung und Frieden ab, und so war es ihm vom göttlichen Segen vergönnt, des Gedeihens der Saaten sich zu freuen, die er gesäet, vbschon der Friedensvertrag von St. Germain am 29. Juni 1679 ihn um den größten Theil der Früchte seiner unsterblichen Siege brachte. Das thatenreiche Leben dieses wahrhaft großen Mannes und Regenten ist nicht in cngbegrenztcr Schilderung zu umfassen. Er war hochbedentend als Kriegsheld und Kriegsherr, und nicht minder hochbedeutend auf dem Throne, den er sicherte und festete, den er mit den Palmen des Friedens schmückte. Er war fromm und gerecht, rein und treu wie Gold. Nachdem ihm die erste Gemahlin 1667 verstorben war, vermählte sich Friedrich Wilhelm 1668 mit Dorothea, verwitt- wcten Herzogin von Braunschweig. Sein Rcgierungs- nachfolger, Kurfürst Friedrich III., dann Friedrich I. König in Preußen, entstammte der ersten Ehe. Als seine Zeit dahin war, starb er gefaßt und gottergeben, und ließ den Ruhm eines der musterhaftesten Herrscher zurück. Georg von Frundsberg. Geb. 1465, gest. 1528. Georg von Frundsberg, und nicht wie die neueren Schriftsteller ihn schreiben, Frondsberg oder Fronsberg, dieser ritterliche Feldherr in einer kriegerisch bewegten Zeit, Musterbild eines Heerführers ohne Furcht und Tadel, wie sein ebenbürtiger Ruhinesgenoß Ritter Bajard, wurde auf dem Schlosse zu Mündelhcim im Oberdonaukreis des Königreichs Bayern geboren. Sein Vater Ulrich von Frundsberg, der erste Hauptmann des Schwäbischen Bundes, erzog ihn ritterlich, und schon im 17. Jahre unternahm Georg seinen ersten Feldzug, auf dem er Freude am Kriegshandwerk gewann. In seinem 24. Lebensjahre zog der junge Held abermals unter seinem Bruder Adam, der au des Vaters Stelle Hauptmann des schwäbischen Bundes geworden, mit dem Heere Marimilian's gegen die Schweiz, und wohnte dann später im Bayrischen Kriege der Schlacht im Nordgau in der Nähe Regensburgs bei, in der er ein Fähnlein von den Böhmen eroberte und vom Kaiser den Ritterschlag empfing. Fortdauernd kriegerisch thätig, schwang sich Frundsberg zum kaiserlichen Feldhauptmann auf; er machte die italienischen Fcldzüge sammt und sonders mit, hielt eine Belagerung von Verona, das er besetzt hatte, mit großer Tapferkeit aus, zog von dieser Stadt mit 1000 Fußknechten Bologna zu Hülfe, entsetzte die Stadt, nahm das Lager und schlug das päpstliche Heer in die Flucht. Mehr als eine Fahne eroberte in diesen Kriegen mit den Wälschen der deutsche Held, und sandte sie in die Kirche seiner Heimathstadt. Durch zahllose Kämpfe ging er fast immer siegreich und blieb auch nach der Rückkehr aus Italien beständig an der Spitze tapferer Heerhaufen, stets bereit, des Kaisers Befehle zu vollstrecken. So bestürmte und eroberte Georg von Frundsberg unter andern das Schloß Hohenkrähcn die Hegau, darauf sich ein Schnapphahn festgesetzt hatte. Bald aber stand er mit Georg von Lichtenstein und Hans Jacob von Landau als Oberster über das deutsche Fußvolk wieder an der Spitze von 0000 Streitern und rückte gegen Venedig; er erlitt mancherlei Bedrängniß mit seinem Heer, bis eine entscheidende Schlacht am 7. Oct. 1518 sich für die Deutschen siegreich wendete. Frundsberg und seine tapfern Strcitgenossen nahmen eine wälschc Stadt nach der andern ein, und er besetzte abermals Verona mit 4000 Deutschen und 800 Schwei- zerkriegcrn, deren Oberster Arnold Winkelried war. Bei der darauf erfolgenden Belagerung Verona's unter den tapfersten Gegnern erlitt Frundsbcrg und sein wüthiger Mitstreiter Antonius dc Columna mit der Besatzung und den Einwohnern die schrecklichsten Entbehrungen — nur Wasser zum Getränk, nur gefallene Pferde und Esel als Fleischspeise —; dennoch wurde Verona behauptet, bis der Kaiser die übel mitgenommene Stadt entsetzte. Bald darauf endete der venedischc Krieg und es begann der schwäbische, in welchem abermals Georg von Frundsbcrg jetzt als Bundesoberster über das Fußvolk, 20,000 Mann, befehligte. Burg um Burg und Stadt um Stadt im Würtemberger Lande eroberte der sieggewohnte Feldherr, zuletzt auch den eisenfestcn Hohenasbcrg. Maximilian war tod und Carl V. bestieg den deutschen Kaiserthron. Eine seiner ersten Negierungshand- lungcn war die, daß er Georg von Frundsbcrg zu Worms zum kaiserlichen Rath und obersten Feldhauptmann in der Grafschaft Tyrol bestätigte und ihn mit Schloß und Burghut Nuggelstein belehnte. So wie der Krieg zwischen Karl V. und Franz I. von Frankreich ausbrach, wurde Frundsbcrg befehligt, in Gemeinschaft mit Franz von Sickingen und Florian von Jffelstcin die flandrischen Grenzen zu schirmen, wobei er Gelegenheit fand, Umsicht und strategischen Takt auch durch einen klug angelegten Rückzug seines damals schwachen Heeres gegen eine Macht von ungefähr 40,000 Streitern an den Tag zu legen, durch welche Umsicht er das Leben taufender rettete. Wieder entbrannte verderblicher Krieg in Oberitalien und wieder ward Frundsbcrg gerufen; er vollführte einen eben so beschwerlichen als kühnen Alpen- marsch im tiefsten Schnee durch das Väl Kemoni, über das Wormser Joch in die Lombardei, und rettete Mailand durch seine Mannhcit und seine hervorragende Persönlichkeit. Er war von starkem Körperbau, trat kecklich in das erste Glied der Landsknechte an der Spitze der Schlachtordnung, und war dabei nicht nur eines kriegerischen, sondern auch eines gottfrommen Muthes. Mit Gebet auf den Knien begann er seine Angriffe; auch dieses mal geschah es also, und errief: «Wohlauf, in einer guten Stunde! Im Namen GotteS!» Die Vorhut unter ihm kniete noch, als der Feind schon anstürmte; dieses mal war Arnold Winkel- ried Gegner Frundsbcrg's und bedrcutc diesen im Mordgefecht mit dem Tode, eine Drohung, die Frundsbcrg auf diesen selbst zurückschlcudcrtc und mit größerem Glück wahr machte. Winkclried fiel und Frundsbcrg blieb, obschon mehrfach verwundet, am Leben. Da galt es keinen Sieg für die Schweizer, wie unter jenem hochherzigen gleichnamigen Ahn in der Scmbachcr Schlacht 1586, und vergebens ließ der Stier von Uri sein Schallhorn tönen. Fünftausend Schweizer mit 22 Hauptlcuten bedeckten todt die blutige Wahlstatt. So heftete sich Sieg auf Sieg an Frundsbcrg's Fersen, und schon konnte er in diese Kämpfe in Oberitalien seinen Sohn Caspar einführen, der bereits in seinem 25. Jahre in dem belagerten Pavia die Hauptmannschaft über ein Fähnlein Knechte erlangte und dem Vater im Streben nach Feldherrnruhm auf das wackerste nacheiferte. Bekannt ist, wie Georg von Frundsbcrg auf dem Reichstag zu Worms im Jahre 1521 Luther nahe trat, ihm zutraulich auf die Achsel klopfte und zu ihm sprach: «Mönchlein, Mönchlein! Du gehst jetzt einen Gang, den ich und mancher Oberster auch in unsrer allerernstestcn Schlachtordnung nicht gethan haben. Bist Du auf rechter Meinung und Deiner Sache gewiß, so sei getrost und fahre in Gottes Namen fort. Gott wird Dich nicht verlassen!» Eben so ist bekannt, welche Bedeutung Frundsbcrg in der Pavier Schlacht und bei der Gefangennehmung König Franz I. gewann, über die er selbst glaubhaften Bericht erstattete.") Ihm hauptsächlich gebührte die Palme dieses wichtigen Sieges, der lange in deutschen Liedern gefeiert ward. Caspar von Frundsbcrg erwarb sich durch seine Tapferkeit in derselben Schlacht die Stelle eines obersten Hauptmanns. Nach der glorreichen Schlacht im Thiergarten eilte Georg Frundsbcrg nach Deutschland zurück, einte sich mit Georg Truchscß gegen die aufwieglerischen Bauern und beschwichtigte den Aufstand in Süddeutschland fast ohne Schwertschlag. Im folgenden Jahre, als Papst Clemens VII. mit Kaiser Karl's V. Feinden sich abermals in Bündniß eingelassen, zog auch der unermüdliche Georg v. Frunds- berg wieder nach Italien, wohin nächst dem Kaiser auch sein Sohn, der als Oberster über 10 Fähnlein Fußvolk in Mailand befehligte, den Vater dringend rief. Georg warb schnell ein Heer, das er aus seinen eigenen Mitteln besoldete und zu diesem Zweck selbst seiner Gemahlin Geschmeide verkaufte. Unter den Hauptlcuten, welche diesen bedeutenden Kriegszug mitmachten, war auch Konrad von Bemelberg, der kleine Hcß. Trotz eines abermaligen gefährlichen AlpenzugS und trotz aller Feinde drang das deutsche Heer bis Rom vor und machte den Papst in seiner Engelburg erzittern. Dennoch geschah es, daß Aufruhr und Meuterei wegen mangelnden Soldes, nicht gestatteter Plünderung und sonstiger Verkürzung im eigenen Heere des deutschen Feldherrn ausbrach, und die äußerste Aufregung den tapfern Helden mitten im Ring der Kricgslcnte und in seiner beschwichtigenden Rede durch einen schlagähnlichen Anfall verstummen machte. Schwer krank wurde Frunds- berg nach Ferrara gebracht, von da in die Heimath. In ihrem Friedcnsschoße endete der ruhelose Sohn des Kriegs, der Feldzüge, der Belagerungen, Eroberungen und Schlachten, unbercichert, denn er hatte für seinen Kaiser und Herrn Hab und Gut zum Opfer dargebracht. Nur allein die Ausrüstung des letzten Feld- zuges hatte ihm achtzigtausend Gulden gekostet. Dafür ließ er den Ruhm eines glänzenden Namens und den unverwelklichcn Lorbeer eines deutschen Heerführers zurück, wie es zu seiner Zeit außer ihm nur wenige, vielleicht keinen zweiten gab. *) Frundsbcrg's Bericht habe ich wortgetreu in m. Deutschen Museum für Geschichte, Literatur, Kunst und Alter- thumsforschung, Erster Band, Jena 18-12, abdrucken lassen. B. Jacob von Fugger, d. J. Geb. d. 6. März 1459, gest. d. 30. Dez. 1525. Unter dem zahlreichen Geschlechte der Fugger, das sich durch Thätigkeit, Betriebsamkeit, Gelehrsamkeit und ungeheuern Reichthum aus geringen Anfängen bis zur Grafen- und Reichsfürstenwürde emporschwang, sodaß es vielfach mit den Mediceern verglichen ward, war Jacob d. j. einer der bedeutendsten. Der Stammvater, von welchem das berühmte Geschlecht seinen Ursprung ableitete, hieß Hans und war ein Weber aus Graben, einem Dorfe im Lechfelde; dessen Sohn gleichen Vornamens, ebenfalls Leinweber, zog nach Augsburg, trieb Linnenhandel mit glücklichem Erfolg und erwarb ein für seine Zeit ansehnliches Vermögen. Er hinterließ zwei Söhne, deren zweiter Jacob hieß und seinem Geschäft einen außerordentlichen Aufschwung zu geben verstand. Die Erben seines Namens und seines Reichthums, Georg, Ulrich und Jacob der jüngere, zählten nun schon zu den reichsten Kaufleuten und bildeten vereint eine Geldmacht, der kaum ein anderes deutsches Handelshaus gleichkam; sie wetteiferten mit dem uralten berühmten Patriziergeschlechte der Weiser zu Augsburg und führten wohl auch in Gemeinschaft mit demselben bedeutende Unternehmungen aus. Jacob Fugger d. j. verlor noch als Knabe seinen Vater, ging als Weberbursche auf die Wanderschaft, machte später viele Handelsreisen und wurde ein Mann von großer Einsicht, von außerordentlicher Geschäftskenntniß und von ausgezeichneter Redlichkeit und Biederkeit des Charakters, sodaß er sich allseits ein unbegrenztes Vertrauen erwarb. Während sich auf dreißig Stühlen in Augsburg die muntern Weberschifflein regten, wehten von zahlreichen Handelsschiffen auf den Meeren die Flaggen des Hauses Fuggcr, arbeiteten in den Schachten der Gebirge Ungarns und Tyrols Hunderte von Knappen für die Augsburger Leinweber. Kaiser Maximilian I. hielt Jacob Fugger in hohen Ehren, hatte aber auch alle Ursache dazu, denn das Haus Fugger half stets in den immer wiederkehrenden Gcldbedrängnissen des Reichsoberhauptes. In Innsbruck und in Kremnitz hatte Jacob Fuggcr seine Münzstätten, auf denen er Reichsgeld aus dem in seinen Bergwerken gewonnenen Gold und Silber prägen ließ. Das Haus Fugger schoß dem Kaiser Maximilian I. zum Kriege gegen Venedig 170,000 Dukaten vor, und erhielt dafür zum Unterpfand die Grafschaften Kirch- berg und Mauerstätten, die Frciherrschaften Weißenhorn, Pfaffenhofcn und Walenstättcn, 1509 die Herrschaft Schmächen und 1514 Bibcrbach, Da der Kaiser alle diese Pfänder nicht einlösen konnte, so erkaufte sie Jacob Fugger als Eigenthum. In Antwerpen gründete er eine Comanditc und über das Weltmeer schlang sein Haus die Fäden der wichtigsten kaufmännischen Verbindungen. Kaiser Maximilian ernannte Jacob zu seinem Rath, verlieh ihm und seinen beiden Brüdern und allen Nachkommen ihres Geschlechtes den Rcichs- erbadcl und gab ihnen zwei Lilien zum Wappen; der Papst Leo X. ernannte Jacob Fugger zum llguss mi- ratus und zum llomos 8otl. palatii llateransusis. Jacob Fugger wurde der Begründer jener großartigen Wohlthätigkeitsanstalt, welche den Namen der Fuggerci führt und in einer Vorstadt von 106 Häusern innerhalb der Mauern Augsburgs der redlichen und unverschuldeten Armuth Asyle bietet, jeder kleinen Familie eine gesunve einfache Wohnung um den jährlichen Miethpreis von — zwei Gulden rheinisch. Jacob Fugger überlebte seine beiden älteren Brüdcr, nahm sich redlich der Kinder derselben an, während er selbst kinderlos blieb, und stand noch lange Jahre an der Spitze seiner weitverzweigten Geschäfte. An den politischen und kirchlich reformatorischen Bewegungen in Deutschland konnte Fugger keine Freude haben, denn sie frommten ihm nicht, sie hemmten den Verkehr, indem sie Kämpfe weckten und mit Kriegen drohten. Auch war er schon zu alt, um unbefangen und frei von Selbstsucht, trotz seines bicderherzigen und wohlthätigen Charakters die Neuerungen begrüßen zu können, welche die Zeit gebar. Um so mehr schmerzte es ihn, zu erleben, daß sein eigener Neffe Ulrich sich in einige Verbindungen mit den Bauern in der windischcn Mark einließ und die Aufwiegler unterstützte. Gleichwohl war Fuggcr eng befreundet mit vielen Männern hellen Geistes, mit Pirkheimer und Peutinger, Celtes und Stabius; das konnte den Kaufmann aber nicht abhalten, dem Papst selbst, wie auch deutschen Kirchen- fürstcn Geld darzuleihen und sich Anweisungen auf den Erlös durch den Ablaßhandel ausstellen zu lassen. Nach dem Tode seines Freundes und Gönners, Kaiser Maximilian I., den der alternde Fngger sehr schmerzlich empfand, blieben Fugger und sein Geld sogar nicht ohne Einfluß auf die Wahl von dem Nachfolger des ersteren, Carl's V. Dieser wußte den alten Fuggcr und dessen Geschäftshaus zu schätzen und zu würdigen. Als man ihm auf seiner Reise von Spanien nach Deutschland den königlichen Schatz in Paris zeigte, soll er die Aeußerung hingeworfen haben: «Zu Augsburg in Deutschland wohnt ein Leinweber, der diesen ganzen Schatz mit baarem Golde aufwiegelt kann». — Nicht ohne manche Prüfung des Schicksals schloß sich Jacob Fuggcr's Leben ab; der feurige, geistig reich begabte Neffe Ulrich fand in seinem 55. Jahre den Tod, dessen Bruder Hicronymus hatte nicht dessen Kraft und Geist. Im Lande Tyrol sah das Volk mit mißtrauischen Augen den wachsenden Reichthum des Hauses Fugger, den letzteres zum großen Theil unmittelbar mit aus dem Schoße dieses Landes gewann, und das herrliche Schloß Fuggerau nahe bei Innsbruck blieb nicht unbedroht; auch auf den Fngger'schen Herrschaften in Schwaben war die bäurische Empörung ausgebrochen und hauste mit sengen, brennen, morden und plündern, bis der tapfre Georg, Erbtruchseß von Waldburg, die Bauern- haufen zu Paaren trieb. Dem alten Jacob Fugger gefiel es nicht mehr auf der Welt; er bestellte sein Haus und starb, nachdem seine religiöse Ueberzeugung sich dem Evangelium noch zugewendet hatte. In der von ihm mit einem Aufwande von 500,000 Gulden erbauten Kapelle an der Karmeliterkirche wurde er beigesetzt, und diese Kirche war die erste in Augsburg, in welcher protestantischer Gottesdienst gehalten wurde. Von Geschlecht zu Geschlecht blühten die Fuggcr mit wachsendem Reichthum, mit Ehren und immer neuem Glänze. In ihrem Hause wohnte Kaiser Carl V. 1550 beim Reichstag, und erhob die Söhne Georgs, des Bruders Jacobs, Raimund und Anton in den Reichsgrafenstand. Später theilte sich das edle Geschlecht in mehrere Linien. Im Jahre 1805 wurden die Fngger in den Fürstenstand erhoben, 1806 wurden sie mediatisirt. Der Flächengehalt ihrer zerstreuten Besitzungen umfaßt mehr Land und Einwohner, als manches andere deutsche Fürstenthum. Man findet Jacob Fugger's d. j. Bildniß auf einer gleichzeitigen einseitigen Medaille, nach links gekehrt, in einer Schaube und das Haupt von einer Pelzmütze bedeckt; die Umschrift ist: I.4LOL llVEEIl Oll lllllllk. Sie müßte aber eigentlich lauten der mittlere, denn das Bild stellt nicht den Vater, sondern den Sohn dar, wie der Vergleich mit vorhandenen Bildern lehrt, und der Stcmpelschneider setzte nur deshalb der ältere, weil Johann Jacob Fugger, der Sohn Raimund Fugger's, damals ebenfalls schon lebte. Johann Joseph Gall. Geb. d. 9. März 1758, gest. d. 22. Aug. 1828. Ein philosophischer Arzt und Denker, welcher durch die Erfindung der Schädellehre oder Kranivscopie vorzüglich berühmt wurde; doch theilte er das Loos vieler seiner hochbegabten deutschen Landsleute, er mußte außerhalb Deutschland Ruf und Anerkennung suchen, denn wenn auch seine Nation ihm letztere zu zollen sich herbeiließ, so war doch der Enthusiasmus für seine Lehre in Deutschland nur von kurzer Dauer. Galt wurde in dem Marktflecken Tiefenbrunn im badischen Oberamte Pforzheim geboren und befand sich als Knabe im Schooße glücklichen Familienlebens, wo schon in ihm selbst eine lebhafte Neigung sich entwickelte, andere zu beobachten, und namentlich ihre verschiedenen Begabungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten wahrzunehmen, und daß diese sich da, wo sie einmal wahrgenommen worden waren, in ihrer Besonderheit gleich blieben, so daß z. B. der mit dem Zahlentalent begabte dieses nicht verlor, der für die Sprachen begeisterte kein Rechner wurde u. dgl. Schon damals gewahrte Galt, daß namentlich die mit dem Talent leicht auswendig zu lernen begabten Knaben große, hervorstehenve Augen hatten, achtete darauf und schloß daraus, daß wohl manche Begabung durch äußere Kennzeichen am Kopfe der Menschen sich kundgeben möge. Galt studirte in Wien Arzncikunde und diese bot ihm nun in Fülle Gelegenheit, das, was er als werdender Jüngling geahnet, wissenschaftlich zu ergründen, und es wurde ihm zur Gewißheit, daß die verschiedenen Theile des Gehirns die verschiedenen Organe der menschlichen Fähigkeiten seien. Nach vollendeten Studien ließ sich Gall in Wien 1785 als ausübender Arzt nieder und trat mit mehreren Schriften auf, welche in ihm einen scharfsinnigen Denker erkennen ließen und die Aufmerksamkeit des Publikums auf ihn lenkten. Zuerst erschienen seine «philosophisch-medicinischcn Untersuchungen über Natur und Kunst im kranken und gesunden Zustande des Menschen», 2 Theile, und diesen folgten die «anatomisch-physiologischen Untersuchungen über das Gehirn und die Nerven.» Mit beharrlichem Fleiße untersuchte Gall fort und fort die Schädelbildungen bei Menschen sowohl wie bei Thieren, stieß auf überraschende Resultate, besuchte Gefängnisse, Irrenhäuser, Schulen und verglich die Schädel mit den Wahrnehmungen zu Tage kommender Ideen, Neigungen, Leidenschaften und Talente. Nachdem nun der unermüdliche Forscher die Grund- kräfte des Geistes und einige 20 Organe der Gehirnschale gefunden, durch welche nach seiner Ansicht diese ersteren äußerlich wahrnehmbar sein sollten, begann er 1700 Privatvorlesungen über seine Entdeckungen, die sich zahlreichen Besuches erfreuten, denn es war etwas neues, anziehendes, lehrreiches. Menschen aus allen gebildeten Ständen besuchten Gall's Vorlesungen und seine Vortrüge waren der Gegenstand der Gespräche und Unterhaltungen. Sie dauerten durch 8 Jahre, aber mit cincmmalc wurden sie auf höchsten Befehl untersagt und geschlossen; es schien ein schädlicher Stoff in der Lehre von den Köpfen enthalten, es wurde dabei zu viel denken entwickelt, und es hat Zeiten und Staaten gegeben, in denen das viele denken durchaus für polizeiwidrig erachtet wurde. Galt gab seine glänzende Praxis in Wien auf; es drängte ihn, der Apostel seiner neuen Lehre in andern Ländern zu werden, wohin sie ihm bereits voraus gedrungen war. Ein gleichgesinnter Freund, vr. Spurz- heim, schloß sich Galt an, und 1808 wurde Wien von beiden verlassen. Sie durchreisten innerhalb dreier Jahre Deutschland und hielten in öffentlichen Hörsälen wie in Privatkreiscn Vorlesungen, welche überall sehr besucht waren und der Schädellehre viele Anhänger und Gläubige gewannen, nur war gleich die Bezeichnung Schädellehrc, welche Galt selbst nicht gut hieß, von vorn herein die unrichtigste Benennung für die Sache, denn es war die Lehre vom Gehirn bezüglich der in demselben und durch dasselbe sich entwickelnden Denk- kraft und dem ganzen geistigen Sein des Menschen, welche nur durch äußere Organe an der beinernen Decke des Gehirns, dem Schädel, sich äußern und durch diese deren stärkeres oder schwächeres Entwickeltsein wahrnehmbar machen und erkennen lassen sollte. Dankbare Zuhörer Berlins ließen zu Ehren Gall's 1805 eine silberne Medaille prägen, auf der ein Schädel mit Bezeichnung der Gall'schen Organe dargestellt ist. Das wissenschaftliche Publikum knüpfte an die Lehre Gall's sehr große und kühne Hoffnungen, deren Erfüllung nicht minder wissenschaftliche Gegner, an denen ebenfalls kein Mangel war, stark in Zweifel zogen, und es scheinen diese Gegner recht behalten zu haben, denn wie geistvoll immer Gall's Lehre erscheint, einen praktischen Nutzen hat sie nicht gebracht, so viel sie auch Bewunderer fand, und namentlich in Frankreich, in Paris, wo Galt von 1808 an als ausübender Arzt weilte, ebenso in London, wohin Spurzheim schon 1814 reiste, dann mit Galt 1823, während in Deutschland die Sache fast verschollen und vergessen war. Galt gab mittlerweile ein großes Hauptwerk über seine Lehre in französischer Sprache heraus, nachdem er vorher mit Spurzheim gemeinschaftlich mehrere andere gründliche Schriften hatte erscheinen lassen. Dabei waren seine äußeren Verhältnisse sehr angenehm; er besaß nahe bei Paris einen schönen Landsitz, die Villa Montrouge, und daselbst starb er im 70. Lebensjahre. Man hat behauptet, Gall's eigener Schädel sei völlig anders gebaut und gebildet gewesen, als die Anhänger seiner Lehre nach Gall's eigenen Fähigkeiten, Thätigkeiten und Geistesrichtungeu hätten vermuthen lassen. Auch in Schottland fand die Lehre Gall's und Spurzheim's Anklang, man gab ihr dort einen geeigneten Namen, nannte sie Geisteslchre: Phrenologie. Die Engländer glauben ungleich mehr an die Untrüg- lichkeit dieser Lehre, als die Deutschen; sie benutzen sie sogar als Richtschnur bei der Erziehung der Kinder. Seit einem Jahrzehcnt tauchte auch in Deutschland die Phrenologie wieder auf; ein Engländer, G. Combe, brachte sie über den Canal wieder herüber; in neuester Zeit ist Dr. Gustav Scheve ihr eifrigster und ein sehr begabter Jünger. Dennoch wird die Phrenologie nie ein Eigenthum der Menge werden; sie erheischt philosophische, physiologische und psychologische Vorbildung und Kenntniß; und so wird sie als Wissenschaft den Namen Gall's der Nachwelt überliefern und als dessen fortlebendes Denkmal zu betrachten sein, aber praktischen Nutzen wird auch sie nicht gewähren. Christian Garve. Geb. d. 7. Jan. 1742, gest. d. 1. Dez. 1798. Moralphilosoph und klarer Denker, Gellert's Nachfolger, der auch wie dieser durch ein von Siechthum getrübtes Leben wandelte, mild wie dieser war und sich ehrenvollen Nachruhm errang. Garve wurde zu Breslau geboren; der Vater war Kunst- und Schönfärber und starb ihm früh, aber eine treffliche Mutter leitete sorglich die Erziehung ihres Knaben, obschon sie sich in der Wahl der Mittel vergriff und ihn z. B. einer öffentlichen Schule nicht anvertrauen wollte, und doch reichte die Bildung der gewählten Hauslehrer (deren Schlag zu damaliger Zeit Rabener's Satyren genügend schildern) nicht aus; Garve mußte vieles versäumte später audodidactisch erwerben und nachholen. Dabei bestimmte ihn die fromme Mutter dem theologischen Studium, das er im 21. Jahre seines Alters zu Frankfurt a. O. begann, wo er Baumgartcn und Zöllner hörte. Der Tod des erstem aber veranlaßte den jungen Garve, sich nach Halle zu wenden, wo er Senileres Schüler- würde. Es stellte sich indeß nur zu balv heraus, daß der schwächliche Körper des jungen Theologen ihm geradezu, wie es bei Gellcrt der Fall war, den künftigen Beruf als Prediger verbiete, und so wandte er sich zu den Sprachen und zur Mathematik und erlangte 1766 die philosophische Magisterwürde. Gellcrt's Ruf und Liebenswürdigkeit lockten Garve nach Leipzig; die Mutter schrieb selbst an Gellcrt und erwirkte, daß dieser bei sich selbst den geliebten Sohn aufnehme, was auch geschah, und es bildete sich aus diesem Verhältniß des Zusammenlebens des jungen Hausgenossen und Schülers mit dem ehrwürdigen Meister und Lehrer Garvc's ganze Zukunft heraus. Liebevolle Pflege, herzliche Ansprache, freundliche Aufmunterung wurde Garve im vollen Maaße zu Theil, Gellcrt's edler Freundeskreis wirkte nicht minder belebend und fördernd auf ihn, und so lebte sich der junge Gelehrte so innig in das Professorcnleben Leipzigs ein, daß nichts näher liegen konnte, als der Wunsch, ebenfalls bei der Hochschule wirksam zu werden. Aber noch sollte dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehen, denn die Sehnsucht der Mutter Garvc's, welcher eine geliebte Pflegetochter starb, verlangte nach dem Sohne, und es wurde ihr das hohe Gliick, diesen geliebten Sohn von reinem Herzen und voll hoher Bildung wieder in ihre Arme schließen zu können. Garve lebte nun eine Zeitlang der Müsse und den Wissenschaften ruhig im älterlichen Hause, lehnte sehr dankbar das ihm wiederholt von Geliert angetragene Glück, Hofincisterstellen anzunehmen, ab, und wich sogar der Anstellung an einem Gymnasium zu Breslau aus, weil die künftige Collegenschaft ihm nicht zusagte und er Furcht hatte vor dem unvermeidlichen Schul- zopf. Dagegen war er schriftstellerisch thätig und blieb mit Leipzig und den dortigen Freunden in dauernder Verbindung. Diese Freunde wünschten ihn lebhaft wieder in ihre Nähe, und Gellert sah allen Ernstes und mit prophetischem Geist in Garve seinen zukünftigen Nachfolger. Und wirklich erfolgte, was Gellert geahnet, nur nicht auf lange und nicht mit dem gehofften Erfolg. Garve wurde noch vor Gellert s Tode 1768 außerordentlicher Professor der Philosophie zu Leipzig, wo er über reine Mathematik, Logik, die Schriften Eicero's u. s. w. einige Jahre hindurch Vorlesungen hielt, bis Kränklichkeit ihn bewog, sein Amt niederzulegen und 1772 wieder nach Breslau und zur Mutter zurückzukehren. Garve litt an Hypochondrie, dieser Vcrgifterin allen Lcbensfrohsinnes und allen LcbensglückeS; gleichwohl hielt dies Leiden ihn nicht ab, fort und fort geistig thätig zu sein, auch stimmte es ihn nicht feindselig gegen Welt und Menschen, sondern er bewahrte mit ächt philosophischem Sinne die liebenswürdige Seite seines Wesens für die Menschheit und hielt sein Herz den Gefühlen der Freundschaft offen. Was Garve schrieb, war klar und lichtvoll; er übersetzte mehr, als daß er eigenes gab, philosophische Schriften des Auslandes in die deutsche Sprache, aber durch die logische Klarheit und Ordnung seiner Ge- dankenreihcn und durch erläuternde Zusätze aus dem O-ucll des eigenen reichen Geistes machte er die fremden Schriften gleichsam deutsch und zum vaterländischen Nationalgut. Garve's eigene philosophische Abhandlungen erschienen 1776 gesammelt, außerdem übersetzte er Aristoteles Politik und Ethik; Burkc: Ueber das Schöne und Erhabene; Ferguson's Moralphilosophie; Gcrard: Versuch über das Genie; Pagley: Grundsätze der Moral und Politik — unv machte sich durch alle diese Arbeiten einen rühmlichen Namen. Von Leipzig in die Heimath zurückgekehrt, schloß Garve ein inniges Freundschastsverhältniß mit dem hochbegabten katholischen Probst Bastiani und einem Herrn von Paczensky von Tcnczin, von denen der letztere ihn liebevoll pflegte, bis er selbst Garve's Lei densgcnosse ward und noch vor ihm, und wiederum treu von Garve gepflegt, 1792 an Nervenschwäche starb. Durch diese Freunde wurde Garve Friedrich dem Großen bekannt, der während des Teschncr Friedensschlusses längere Zeit in Breslau weilte und mit dem noch jungen Philosophen mehrere Unterredungen hatte, welche auf Garve lebhaften und nachhaltigen Eindruck machten. Der König forderte diesen auf, Cieero's Schrift von den Pflichten zu übersetzen und mit eigenen philosophischen Anmerkungen zu versehen, und Garve begann, nicht ganz ohne zagen, diese Arbeit, die ihm viele Anstrengung gekostet zu haben scheint, denn erst 1783 kam die Uebcrsetzung zur Erscheinung und wurde dem großen Könige zugeeignet. Erst etwas mühsam, dann aber rasch brach Garve's Werk sich Bahn, der Autor selbst erlebte noch mehrere Auflagen und der Beifall der Kenner war ein ungetheilter. Leider sank mit dem wachsenden Ruhme Garve's dessen Lebenskraft mehr und mehr; ein krebsartiges Uebel beraubte ihn eines Auges, entstellte sein Gesicht, bereitete ihm viele schmerzenreiche, trübe Stunden, doch ließen, je mehr das äußere Uebel wuchs, die innern Leiden, Nervenschwäche und hypochondrische Anwandlungen, von ihm ab, und die Leiden, die der Weise standhaft erduldete, hemmten erst dann seinen Fleiß, als der Tod ihm nach der gemeinen Rede schon «auf der Zunge saß» — denn noch 15 Stunden vor seinem sanften entschlummern diktirte er den Entwurf des 2. Theils seiner Abhandlung: «Ueber Gesellschaft und Einsamkeit» bis zu dem Abschnitt: Einsamkeit des Kranken. — Diese Einsamkeit hatte er oft recht schmerzlich tief empfunden, da in ihm der Trieb nach Geselligkeit lebte und sein Leiden doch viele von ihm zurückschreckte. Manso setzte dem dahingeschiedenen in Prosa und Poesie ehrende Denkmale; darunter das sinnige Distichon: Zweien Unsterblichen hat sein Genius innig gehuldigt: Dir o Weisheit und Dir Göttin des Maaßes und Ziels. Christian Fürchtegott Gellert. Geb. d. 4. Juli 1715. gest. d. 13. Dez. 1769. Der frömmsten, mildesten und sanftesten Menschen einer, die Deutschland unter seine Dichter zählt. Gellert war eines Predigers Sohn, und wurde zu Hainichen im sächsischen Erzgebirge geboren. Sein Schulunterricht war mangelhaft, doch entwickelte sich der Knabe erfreulich, zeigte Fähigkeiten, Fleiß und Eifer und bezog 1729 die Fürstenschule zu Meißen, wo Gärtner und Rabener sich ihm ebenso freundschaftlich als geistig fördernd zuneigten. Gellert widmete sich dem Studium der Theologie, und ging 173-1 nach Leipzig, von wo er 1738 nach der Heimath zurückkehrte. Sein Lebensziel war jetzt eine stille Pfarr- stellc, wo er vielleicht wie so mancher begabte Geist verklungen und verschollen wäre, ohne daß die Welt von ihm etwas vernommen; aber die Vorsehung bediente sich eines über ihn verhängten Mißgeschickes, um ihn auf eine höhere Lebcnsstufe zu führen. Gellert hatte ein schlechtes Gedächtniß, eine schwache Brust und wurde durch den Mangel an Redegabe ängstlich und befangen gemacht. Daher ersehnte er, indem er diese Mängel fühlte, eine andere Lebensstellung, trat zunächst als Erzieher der Kinder einer adeligen Familie bei Dresden ein, und begleitete später, 1741, den Sohn seiner Schwester, dessen Studien er geleitet hatte, nach dem von ihm liebgewonnenen Leipzig, wo er literarische Arbeiten begann, und die Verbindung mit Rabener und Gärtner, die er jetzt dort antraf, neu anknüpfte. Mit diesen Freunden stellte sich Gellert unter das damals ruhmreiche Banner Gottsched's, bis Gärtner sich von diesem und seinem französirenden und pedantischen Wesen, das eine terroristische Geschmacksherrschaft anstrebte, losrang und die «Belustigungen des Verstandes und Witzes» begründete, deren eifriger Mitarbeiter Gellert wurde, und zwar mit großem Glück und bevorzugter Beliebtheit. Gellert gefiel sich so wohl in Leipzig, daß er den Entschluß faßte, für immer dort zu bleiben; er erlangte die Magisterwürde und die Erlaubniß zu Vorlesungen, welche sich bald drängenden Besuches und allgemeinen Beifalles erfreuten. Dazwischen schrieb Gellert vieles und versuchte sich nach verschiedenen Richtungen hin; vor allem hatte er im Auge, das lesende Publikum für einen geläuterten Geschmack empfänglich zu machen, daher entstanden auch seine Briefe über den guten Geschmack, und alles au und von ihm athmete die persönliche Liebenswürdigkeit des feingebauten, liebevollen und freundlichen jungen Gelehrten, dem sich in einem seltenen Maße das Vertrauen ihm ganz unbekannter Menschen zuwandte. Seine Lehren der Moral bestätigte Gellcrt durch den eigenen sittenreinen Wandel und durch ein Herz voll Güte, Schonung und Menschenliebe. Er begründete mit den Freunden die Zeitschrift: «Bremer Beiträge», gab seine Fabeln heraus, welche durch die schlichte einfache Sprache, Empfindung und Frische allgemein ansprachen, versuchte sich auch — doch mit minderem Glück — im Lustspiel, Schäferspiel und im Noman, gab auf Rabcner's Anregung Briefe über Bricfstyl heraus und blieb dabei zwölf Jahre hindurch Privatdocent. Endlich gelang es ihm, 1751 eine außerordentliche Professur mit hundert Thalern Gehalt zu erlangen, das war damals schon etwas großes. Leider raubte ihm der siebenjährige Krieg bald genug dieses bescheidene Glück, welches ohnehin durch die Gellcrt mehr und mehr beherrschende Hypochondrie getrübt wurde. Er bestand Körper- und Seelenqualen zugleich, die Natur seiner furchtbaren Krankheit raubte ihm den innern Frieden, füllte sein Gemüth mit Traurigkeit und seinen Schlummer mit ängstigenden Träumen. Gellcrt wurde unzugänglicher und kämpfte vergebens mit Badekuren und anderen Heilmitteln gegen sein Leiden. Er gab diesen sogar eine dauernde Sichtbarkeit, indem er sie geistig mit dem Buche: «Von den Trostgründen wider ein sieches Leben» überwand. Auch litt er keinen Mangel; Geschenke und Aufmerksamkeiten aller Art strömten ihm aus vielen Gegenden zu. Gelleres Lehren der christlichen Moral, Tugend und Weisheit, seine religiösen Gedichte, denen der eigentliche kirchliche Charakter zwar fehlt, die aber harmonisch mit den, Gefühl der leidenden zusammenklangen, fanden einen Wiedcrhall in allen Herzen; er wurde der Mann, der Dichter, der Freund des Volkes, seine Schriften fanden ungemein viel Verbreitung. Prinz Heinrich von Preußen schenkte ihm ein Pferd, und selbst König Friedrich II. unterhielt sich mit ihm über die deutsche Literatur und fand so viel Wohlgefallen an ihm, daß er ihn gegen seine Umgebung den vernünftigsten aller deutschen Gelehrten nannte, von denen er nicht viel hielt. Auch der kurfürstliche Hof von Sachsen ehrte Gellcrt und sorgte nach wiederhergestellten Frieden für eine anständige Gehaltserhöhung, die der rührend bescheidene Mann kaum annehmen wollte. Doch alles dessen konnte er sich nicht lange erfreuen, die Natur eilte mit dem siechen Leibe zu Ende, und nach einem Besuche in der Heimath 1769 ging er unter Gebet und Segnungen im Frieden Gottes als ein frommer und getreuer Knecht ein zu seines Herrn Freuden. Ganz Sachsen, ganz Deutschland trauerte um ihn, beklagte aufrichtig des Edcln Scheiden und er wird unvergessen bleiben durch die Gesinnung, die er lebend und sterbend bewährte, wenn ihn auch nicht die Geistes-Schwingen eines Klopstock, Schiller oder Goethe zum Tempel unsterblichen Nachruhms trugen. Georg, Herzog zu Sachsen. Geb. d. 27. Aug. 1471, gest. d. 17. April 1539. Dieser Fürst machte seinen Namen bekannt als den des heftigsten Feindes Luther's und eines Gegners der Reformation, der dieselbe 20 Jahre seines Lebens hindurch befehdete und bekämpfte, in seinen Landen ihre Ausbreitung hemmte und sie verfolgte; dabei aber war er ein Mann von festem Charakter und großer Gelehrsamkeit und nimmt eine bedeutende Stelle in der Geschichte ein. Herzog Georg, dritter Sohn Albrecht des beherzten, den Kunz von Kaufungen einst mit dem Bruder Ernst geraubt hatte, wurde zu Dresden geboren, fürstlich erzogen und folgte 1500 seinem Vater in der Regierung, die er löblich führte. Bereits im Jahre 1496 hatte sich Herzog Georg mit Barbara, der Tochter König Casimir IV. von Polen, vermählt und das Bci- lager, wegen der in Dresden herrschenden Pest, in Leipzig glänzend gehalten. Er hatte bei demselben über 6000 deutsche und polnische Hochzeitgäste, welche 1500 Eimer Wein, ohne den süßen, und 444 Faß von allerlei Bier tranken. Dieser Fürst erlebte das traurige Schicksal, daß zahlreiche Kinder, welche ihm geboren wurden, fast alle vor ihm starben und er erbenlos in die Gruft sank, obschon ein Sohn und zwei Töchter sich vermählten. In die Reformationsgeschichtc trat Herzog Georg zuerst handelnd ein, als das Neligionsgespräch, welches Luther mit Eck zu Leipzig halten sollte, auf die Bahn kam, und hier zeigte er einen freisinnig unbefangenen Sinn; er wollte, daß die Wahrheit an das Licht komme, und da der Bischof von Merseburg, unter dessen Kirchsprengel Leipzig lag, jene Disputation zu hindern suchte, so ließ er dessen gegen des Herzogs ausdrücklich erklärten Willen in Leipzig angeschlagene Mandate abreißen und den, der sie anschlug, in Haft nehmen. Er wohnte auch einigemale der Disputation selbst bei, aber der oft mit persönlicher Heftigkeit geführte Streit hatte bei dem Herzog zur Folge, zumal derselbe Eck's Beschuldigung, Luther halte zur böhmischen Ketzerlehre, Glauben beimaß — daß er Luther abgeneigt wurde, und da von dessen Seite nie ein Schritt zur Verständigung geschah, Luther vielmehr den Herzog mit rücksichtloser Härte behandelte, so wurde die anfängliche Abneigung endlich zum dauerden Haß. Herzog Georg schrieb warnend an seinen Vetter, den Kurfürsten, es solle sich dieser doch eines Mannes abthun, der sich der böhmischen Ketzerei offenkundig schuldig mache; ebenso benutzte er die unstnnigeu Schwärmereien Storches, Münzcr's und anderer, der sogenannten «himmlischen Propheten», Luther zu verdächtigen und ihm jener Lehren und Thaten zuzuschreiben. Darum drang der Herzog bei seinen Vettern darauf, Luther's Lehren zu unterdrücken und die kaiserlichen und päpstlichen Vcrdammungsurthcile gegen ihn vollstrecken zu lassen. In sein Land durfte keine Lutherbibel; bei wem sie gefunden ward oder wer überwiesen wurde, in den kursächsischen Orten evangelische Predigten gehört zu haben, büßte hart, und es traf viele Anhänger der neuen GlaubenSrichtnng Landesverweisung oder Gefängniß, wo nicht gar Todesstrafe. Das stimmte naturgemäß den eisernen Luther nicht weich und mild gegen den Herzog; er sah in letzterem nur einen Feind des Evangeliums, einen antichristischen Widersacher und legte die Ausdrücke seines Zorns nicht auf die Goldwage diplomatischer Höflichkeit. — Den eigenen Hof- prediger, Alerius Crossuer, der im Geiste der Reformation zu predigen begann, verabschiedete Herzog Georg, und den Edeln seines Landes, welche evangelische Prediger auf ihren Gütern anstellten, wurde mit Landesverweisung und Confiseation dieser Güter gedroht, wenn sie die mißliebigen Prediger nicht abschafften. Als im Jahre 1533 einige Leipziger Bürger nach dem kurfürstlichen Grcnzdorfe Holzhausen gegangen waren und dort evangelische Predigten gehört hatten, deshalb verfolgt wurden und Luther es erfuhr, schrieb er einen eigenen Trostbricf an diese Bürger und nannte den Herzog einen Teufels-Apostel. Der Kurfürst, sein Herr, verwies das, nach erfolgter Beschwerde des Herzogs, dem kühnen Reformator, aber Luther kehrte sich daran wenig, und so wie der Herzog in seiner Gehässigkeit beharrtc und fortfuhr, so fuhr auch Luther fort, gegen den Herzog heftig zu schreiben, bis der Kurfürst Johann der beständige den Streit schlichtete und die beiderseitigen theologischen Kämpfer, unter denen Cochläus auf des Herzogs Seite der bedeutendste war, zur Ruhe und mindestens zur Mäßigung verweisen ließ. Die Packischen Händel berührten den Herzog Georg ebenfalls unmittelbar. Dieser läugnete zwar die Mit- wissenschaft an dem Breslauer Bündniß gegen die refor- mireudcn Fürsten ab, ruhte aber nicht, bis auf seinen Betrieb der unglückliche v. Pack gefangen, gefoltert und enthauptet wurde und die Wahrheit seiner Aussagen mit dem Tode besiegelte. So währten die Feindseligkeiten auf religiösem Gebiete selbst zwischen den beiden einander so nahe verwandten Landesherren fort. Da Herzog Georg mit Härte gegen protestantische adelige Vasallen von ihm verfuhr und sie vertrieb, so begann der Kurfürst ein gleiches mit den katholisch gebliebenen Edeln seines Landes, bis dieser Zwiespalt, dem ein unfreundlicher Briefwechsel stets neue Nahrung gab, durch den Landgrafen Philipp zu Hessen 1336 geschlichtet ward. Sehr empfindlich und schmerzlich war es für Herzog Georg, daß im Jahre 1537 sogar sein eigener Bruder, Herzog Heinrich, der zu Freiberg residirte, öffentlich dem protestantischen Glaubensbekenntnis; und dem schmal- kaldischen Bunde beitrat, auch seine kleine, nur aus zwei Aemtern bestehende Herrschaft reformirte; ersuchte den Bruder anders zu stimmen aber erfolglos. Nicht der Kirchenvcrbcsserung, dieß ging aus allen Handlungen des Herzogs Georg hervor, war dieser seiud, sondern deren von den Protestanten angenommenen Formen für die neue Lehre. In Verbindung mit dem Kurfürsten von Mainz gelang es ihm, zu Gunsten seines Schwiegersohnes, des Landgrafen Philipp zu Hessen, den Vertrag zu Kadon zu Stande zu bringen, und ebenso war er im Jahre 1534 geneigt, zu einer Neligiousvereiniguug die vermittelnde Hand und Hülfe zu bieten, allein eine solche kam nicht zu Stande und konnte nicht zu Stande kommen, weil die römische Kirche das Dogma von ihrer Heiligkeit und Unfehlbarkeit, wie jenes von der Messe nicht umstoßen lassen durfte. So brachte Herzog Georg seine Zeit mit Unruhe hin; seines letzten Sohnes Tod ging ihm sehr nahe, obschon der Prinz geistesschwach war; er wollte seinen Bruder Heinrich enterben und seine Lande dem Kaiser vermachen, wenn ersterer nicht beim alten Glauben bleibe; das war aber nicht möglich, und zugleich unterbrach allen Streit darüber der Tod in seinem Schloß zu Dresden, das er mit einem steinernen Todcntanze künstlerisch hatte schmücken lassen. Der Herzog starb, ohne die katholischen Sterbesakramente zu empfangen, im lebendigen Vertrauen auf Christus Jesus. In der Geschichte wird Herzog Georg theils der reiche, theils der bärtige genannt, und so erscheint er vielfach mit langem und starkem Bart abgebildet, während andere gleichzeitige Bildblätter ihn völlig bartlos, mit kahlem Vordcrhaupt und auf diesem ein Turnierkränzlein darstellen. Er war vom Kaiser mit dem Vlicßorden ausgezeichnet. Ernst Friedrich Germar. Geb. d. 3. Nov. 1786. gest. d. 8. Juli 1853. Unter den Männern von anerkannter Tüchtigkeit, die mit dem gediegensten Wissen edlen Charakter und tiefes menschliches Gefühl verbanden, nimmt Germar eine sehr würdige Stelle ein. Sein Geburtsort war Glauchau im Schönburgischen; er war der zweite Sohn von vier Söhnen eines dortigen Kaufmannes und Fabrikanten, der diesen Sohn nach den Jahren der Kindheit im Jahre 1797 auf das Lyceum zu Meiniugen sandte, dessen damaliger Rcctor, der Mathematiker und astronomische Schriftsteller Conr. Schaubach, sein Verwandter war. Stand auch in jener Zeit das Gelehrtenschulwesen besonders in kleinen Städten noch nicht auf der Hohe der Jetztzeit, so legten doch auch auf jenem Mei- ninger Lyceum Männer den Grund ihrer wissenschaftlichen Bildung, deren Namen das Vaterland mit hoher Achtung nennt, so der Mineralog wie der Doctor Heim, der in Hamburg verstorbene Philolog Calm- berg, der Historiker Johannes Voigt, und unter andern auch Germar. Nach beendigtem Gymnasialkursus bezog letzterer 1804 die Bergacademie zu Freiberg und widmete sich dem Bergwesen unter dem berühmten Werner, bis er sich 1807 nach Leipzig begab und bis 1810 einige Hauptdoctrincn der Narurwisscnschaft, Geologie, Mineralogie und Zoologie studirte, auch über Bergrecht Vorlesungen hörte. Freunde in Halle, das Germar von Leipzig aus öfters besuchte, bewogen ihn, sich für die «endemische Laufbahn zu entscheiden. Er habilitirte sich dort 1810 und wurde Doctor der Philosophie. Im Jahre 1811 trat er eine Reise nach Dalmatien an, die er beschrieb und wissenschaftlich, besonders vom mineralogischen und entomologischen Standpunkte aus, erläuterte, und im Jahre 1812 begann er seine akademischen Vortrage als philosophischer Privatdocent. Nach Stef- fen's Abgang nach Breslau wurde Germar mit der Aufsicht über das mineralogische Museum betraut, das er erst ordnen mußte, um es nutzbar zu machen. Die schwere Zeit der Kriegsjahre brachte der Universität Halle 1813 ihre Auflösung; nach deren Wiederherstellung fehlte es an Studirenden, und Germar's Lage war, obschon er 1816 zum außerordentlichen Professor ernannt wurde, eine mißliche, und er machte traurige Erfahrungen, die in ihm den Wunsch weckten, Halle zu verlassen. Dazu bot sich im Jahre 1817 eine willkommene Aussicht, es war anf der Forstaeademie Dreißigackcr die Stelle eines Lehrers in verschiedenen Zweigen der Naturwisscnschaft zu besetzen, welche der Director jener Aeademie, I. M. Bcchstein (Lief. 14), Gcrmar mit ehrendem Vertrauen antrug. Letzterer war auch bereit, die Stelle unter den gebotenen Bedingungen anzunehmen, allein im Juli desselben Jahres wurden ihm von Berlin aus erneute Zusicherungen gemacht und zugleich wurde ihm von ebendaher eine Berufung auf die neu zu errichtende Hochschule zu Bonn in Aussieht gestellt; er lehnte daher den Ruf nach Dreißigackcr dankend ab und führte auch noch als Hauptgrund der Ablehnung die Abneigung seiner Frau an, ihren Geburtsort Halle zu verlassen. Indeß gab ihm die 1819 erfolgte Anstellung Carl von Naumer's als ordentlicher Professor der Mineralogie volle Ursache zur Reue, geblieben zu sein, bis 1822 v. Räumer nach Erlangen abging und Gcrmar 1823 dessen Stelle mit der des Dircctors des mineralogischen Museums empfing. Rastlos thätig auf dem Gebiete seiner Wissenschaft, hochgeschätzt als Lehrer derselben, als Gevgnost und Geolog, Mineralog, Paläontolog, aber auch als Entomolog war es Germar vergönnt, durch eine lange Reihe von Jahren ununterbrochen segensreich zu wirken, durch zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen anzuregen und zu fordern und sich die verdienteste allseitige Anerkennung zu erringen. Zeugnisse dieser Anerkennung und gerechten Würdigung waren die Uebertragnug des Prorcetorats im Jahre 1834, die Ernennung zum Stadtverordneten und für eine Zeit zum Vorstand derselben. Ebenso war Gcrmar Vorstand der haitischen Pfännerschaft, längere Zeit Hauptmann der Schützen- Gesellschaft, Mitglied des Kirchcukollegiums U. L. F. und Bibliothekar der dieser Kirche gehörenden an Seltenheiten reichen Maricn-Bibliothek. Als Prorector weihte Gcrmar das neue Ilniversitätsgcbäudc feierlich ein und erhielt von der medicinischcn Facultät das Diplom eines Doctors der Medicin. Auch wurde 1844 Germar zum Bcrgrath und bald darauf zum Oberbergrath ernannt. In der Natur seiner Stellung und seines Wissensreichthums lag auch die Mitgliedschaft zahlreicher gelehrter Gesellschaften und Vereine. So nach zahlreichen Richtungen hin vielfach beschäftigt und unermüdet thätig, auch durch Anlegung reichhaltiger naturwissenschaftlicher Sammlungen und weitverzweigten Briefwechsel vielfach in Anspruch genommen, fand Germar dennoch auch noch Zeit, nach einer besondern Richtung hin in reichem Maaße zu wirken; dieß war die Maurer ei, die ihn als eines der ehrwürdigsten ihrer Angehörigen mit Recht zu betrachten hatte. Germar trat schon 1806 als Zögling der Freiberger Bergaeademie in der dortigen Loge zu den 3 Bergen in den Maurerbund, durcheilte schnell dessen verschiedene Grade, betheiligte sich als Leipziger Student an den maurerischcn Arbeiten der drei dortigen Logen und ließ sich im Jahre 1823 in der Loge zu den 3 Schwertern in Halle affiliircn. Nach wenigen Jahren führte er in dieser Lage als Meister vom Stuhl den Hammer und blieb mit dieser Stelle durch 26 Jahre, bis zu seinem Tode, betraut. Mit hoher persönlicher Würde, wie mit persönlicher Liebenswürdigkeit begabt, schöner eindringlicher Redcgabe mächtig, und durch sein Gemüth und seine Innerlichkeit berufen, nur segensreich im Bunde zu wirken, machte er sich auch hier einen unvergänglichen Namen. Im Jahre 1839 wurde er substituirter delcgirter Ober-Meister in der Hallischen Schottenlogc, deren Oberredncr er schon länger gewesen. Germaüs Name klang ehrenvoll durch die ganze deutsche Maurerwelt, von allen Seiten gingen ihm Ehrcnmitgliedschaften auswärtiger Logen zu; vielen neuentstandcnen die Weihe zu geben, wurde er berufen, denn er stand wie ein Hoherpriester, erfüllt von der hohen sittlichen Grundlage des Maurerbundes und der reinen Christusreligion, im Leben, und war gleichsam, kundig wie keiner, ein fester, einigender Mittelpunkt. So wußte er noch in trefflicher Rede in einer Festloge, welche die Bauhütte Ernst zum Compas in Gotha 1832 den Maurerbrüdern unter den dort tagenden Naturforschern zu Ehren veranstaltet hatte, das geistige Bündniß zwischen Naturforschung und Maurcrthum in ein klares Licht zu stellen, und so wirkte er, der ächtesten Johannisjünger einer, bis an sein Ende that- kraft-, Weisheit- und liebevoll. Germar's 1815 geschlossene Ehe war glücklich, doch kinderlos. Im Jahre 1853 neigte sich sein Stern, und durch lange Leiden, die er ergeben trug, ging er in seinem 67. Lebensjahre in den ewigen Osten ein. Salomon Gessner. Geb. d. 1. April 1730, gest. d. 2. März 1788. Bartsinniger, zartfühlender Dichter, Maler und Meister der Aetzkunst in einer Person, als Dichter gefeiert von seinen Zeitgenossen, als Künstler auch noch den Kennern der Nachwelt Werth. Geßner's Vater war Buchhändler und Mitglied des großen Rathes in Zürich; der Sohn zeigte wenig Lernlust und wenig Fähigkeit, die träumerische junge Dichterseele erging sich schon frühzeitig in den Blüthen- gärten der Phantasie und das dürre latein und griechisch des ersten Unterrichts stießen ihn ab und drängten zu anderer Beschäftigung; der Knabe machte fleißig unter der Tafel aus Wachs Männchen und Thierchen, womit er die Mitschüler und die Geschwister daheim ergötzte, wenn er auch häufig sehr unergvtzliches dafür in der Schule zu ertragen hatte; nicht minder ergötzte das heimliche Lesen des Robinson und anderer Seefahrer Fata, sammt der Insel Felsenburg, die Modeschristen in Geßner's Jugendzeit, und er schrieb und zeichnete fleißig nach diesen erbaulichen Studien, während er in Gottes Namen darüber die Schulstudicn vernachlässigte. Dieß durfte nicht so bleiben, er wurde der Schule, wo man ihn nur niederdrückte und nicht zu behandeln verstand, entnommen, zum Prediger Vögeli im Dorfe Berg gethan, und dort erwachte schnell in dem Knaben ein anderer Geist, er lernte mit Lust, holte leicht das versäumte nach, entwickelte sich geistig und günstig, zumal auch mehr und mehr sein Herz empfänglich wurde für die süßen Reize der ihn nahe umgebenden Natur. Bei seinem geliebten Lehrer fand er Brocke's «irdisches Vergnügen in Gott», diese gedankenreichen Dichtungen, denen nur die Weihe des guten Geschmackes fehlte; diesem Dichter begann Geßner nun nachzuahmen, bis er bessere Vorbilder für seine jugendliche Muse gewann. Aus diesem Himmel der Jünglingsjahre riß den werdenden Dichter die Prosa des Lebens, der Beruf. Des angesehenen Buchhändlers Sohn sollte auch Buchhändler werden; Geßner wurde 1749 nach Berlin in die Lehre gethan, und damals, und noch lange nachher waren nach dem Sprüchwort die Lehrjahre wirklich Leidjahre. Der Lehrling durfte nicht lernen, er mußte Rüpel sein, Gänge thun, Ballen schnüren, den Pack- kuecht machen; dieß sagte Geßner nicht zu, er verließ den strengen Principal und warf sich auf die Malerei, befreundete sich mit Künstlern und Gelehrten, mit Namler, Hcmpel, Sulzcr u. a. und lebte ein zwar ungebundenes, aber doch streng sittcureincs Künstler- leben. Anfangs zürnte der Vater über die eigenmächtige Lossagung vom Buchhändlergeschäft, doch ließ er den Sohn nicht ohne Stütze. Namler übte mächtigen und guten Einfluß auf Geßner, und da dieser sich durchaus nicht in die Formen des Versbaues finden konnte, so ricth ihm Namler zu jener Form poetischer Prosa, in welcher es Geßner dann gelang, den besten seiner Zeit genug zu thun. Jetzt war Hagedorn Geßner's Ideal und Licblingsdichter, diesen wollte er sehen, und reiste eigens nach Hamburg, wo sich schnell das Band der Freundschaft um beider Herzen schlang. Von Hamburg begab sich Geßner in seine Heimath zurück, in welcher sich Bodmcr mit dem ihn umgebenden Dichterkrcise voll Kraft und Genialität dem Gottsched- schen Einfluß und dessen angemaßter Oberherrschaft über ven deutschen Parnaß zu entziehen begonnen hatten. Freudig dichtete Geßner mit den Dichtern, aber er kriti- sirte nicht mit den Kritikern; seine Dichtungen fanden vielen Beifall und leicht und ohne Kampf errang er sich den Lorbeer. Im Gedichte «Phyllis« feierte ersinne Liebe; die Klassiker Thcokrit und Longus hatten in des Dichters Gemüth Vorliebe für den Hirtenroman geweckt, der Rococogcschmack der Zeit, die tändelnden Franzosen mit ihren Schäferspicleu und Watteau-Fächern begünstigten diese Richtung, die Welt wiegte sich in idyllische Träume. Geßner wurde der Vater der deutschen Idylle, doch bildete und hielt er sie rein von allem geschmacklosen und frivolen, aller widernatürlichen Empfindclei. Zartgefühl, Natur- und Sitteneinfachheit, edles Maaß und schuldlose Heiterkeit charakterisierten sämmtlich Gcßncr's Dichtungen. Als Vodmer, der des Freundes Begabung zwar anerkannte, aber ihre beschränkte Sphäre richtig bezeichnete, geäußert hatte, Geßner werde nicht vermögend sein, ein Epos zu dichten, dichtete Geßner seinen «Tod Abel's» und zeigte mit dieser, an sich lieblichen biblischen Paramythie, daß Bodmcr Recht hatte, obschon «der Tod Abel's» sich in Deutschland und noch mehr in Frankreich, großen Beifall gewann, die Herzen waren eben noch offen für den ewig schönen Strahl der Poesie, in welcher Farbe er sie auch erreichte und traf und entzückte. Wenn Geßner heute mit seinen Idyllen käme, wenn er zu jenen Dichtern gekommen wäre, die alle Kirchhofkrcuze aus der Erde reißen wollten, um Schwerter daraus zu machen, wie übel würde er angesehen worden sein! Gleiche Freude — wie an seiner poetisch schöpferischen Thätigkeit — fand der liebenswürdige Schweizerdichter, der durch und durch eine Künstlernatur war, an den bildenden Künsten, und übte dieselben werk- thätig aus. Ein großer Kunstfreund, Heidegger, lebte zu Zürich, der herrliche Bildersammlungen besaß, und in deren Anschau fand Geßner reichen Stoff zu Kunst- studien, und bildete mit eisernem Fleiß sich um so mehr zum praktischen Maler und Radirer, als er der von ihm geliebten Tochter des nicht sehr bemittelten Heidegger ein sorgenfreies Dasein an seiner Seite zu bereiten strebte. Doch athmeten auch seine Malereien, meist in Wasserfarben, wie seine zahlreichen Radirungen, meist Vignetten und kleinere Blätter, mit denen er zum Theil seine eigenen Werke schmückte, die idyllische Anmuth und den Frieden, oft mit antikem Anhauch, der das Glück dieses edeln Dichters bildete, wenn auch die Blätter nicht fehlerlos waren. Geßner lebte vollbeglückt durch seine Liebe, durch seine Familie, durch seine Kunst, oft besucht, heiter, unschuldvoll und gastfrei. Eine Tochter Wieland's wurde seine Schwiegertochter. Früher, als seinem einfach Patriarchaten Leben nach zu erwarten war, steckte im 58. Lebensjahre ein Schlagfluß ihm das Pilgerziel, sanft und ohne Schmerz. Seine Mitbürger, die ihn ehrten, zumal er auch eine Stelle im täglichen Rathe Zürichs und sonstige Ehrenämter bekleidete, setzten ihm ein Denkmal an einer schönen Stelle. Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Geb. d. 2. April 1719, gest. d. 18. Febr. 1803. Vater Gleim! Wem hätte nicht unter Deutschlands Gebildeten irgend einmal dieser Name die leider verschwundene ächtdeutsche Gemüthsfülle in das Herz getönt? Sie ist für immer dahin, diese Zeit der Poesie, -diese Zeit inniger gegenseitiger Hingebung, freudiger Anerkennung, es giebt solche Dichternaturcn nicht mehr, wie die Glcim's war; an die Stelle der Freundschaft und Liebe ist mehr und mehr die gcmüthlose Kritik getreten, die sich hoher und mächtiger dünkt, als die schöpferische Kraft der Poesie, und jede sonstige sclbst- ständig hervorbringende Thätigkeit, welche sich die Aufgabe stellt, durch gediegene Pocsicwerke die Welt zu erfreuen, und in ihr den Sinn für das Schöne neu zu beleben. Gleim kam in dem Halberstädtischen Städtchen Ermsleben an einem Palmsonntag zur Welt, verlor als Knabe schon den Vater, und erhielt seine Schulbildung in einer Anstalt im Dorfe Obcrbörncke, von da aus kam er in die Obcrpfarrschule zu Wernigcrode, die ihn vollends zum Besuch der Hochschule vorbereitete. In Wernigcrode nahm sich Graf Christian Ernst zu Stolbcrg des sehr mittellosen Knaben gütig an, bis im Jahre 1738 Gleim nach Halle ging. Er wählte dort die Rechtswissenschaft zum Studium, schloß die Bande schöner academischer Jugendfrcundschaft mit Uz, Nico- laus Götz, Nudnick u. A. und wurde dann, nachdem die Hoffnung auf eine Stelle im dänischen Dienst, gewiß zu seinem Glück, fehlgeschlagen war, Hauslehrer bei dem Obersten des ersten Gardebataillons in Potsdam. In dessen Hause lernte ihn Prinz Wilhelm, Sohn des Markgrafen Albrecht zu Brandenburg - Schwedt kennen und schätzen, und bediente sich seiner als Secretair. Durch diese Stellungen dem Militair nahe gebracht, knüpfte sich Gleims Bekanntschaft mit dem Lieutenant Ewald von Kleist an, die zur seclen- vollsten Freundschaft erglühte; ebenso bot sich dem für edle Freundschaft warm empfänglichen Herzen Glcim's die Nähe Spalding's, Rammler's und Graun's, wie sich zugleich eine große Vorliebe für den Kricgcrstand in ihm ausbildete. Dieser dankte er es, seinem Prinzen beim Ausbruch des zweiten schlesischcn Krieges, 174-1, mit in das Feld folgen zu dürfen, wo er sich gleichsam waf- fenbrüdcrlich zu seinem Kleist hielt, und mit ihm gemeinsam dichtete. Leider erlebte er den Schmerz, seinen geliebten Gebieter, den Prinzen Wilhelm, durch eine Kanonenkugel in seiner Nähe niedergeschmettert zu sehen, dessen Verlust er mit heißen Thränen beweinte. Eine Stellung in gleicher Eigenschaft als Secretair, die ihm beim alten Dcssauer, auf eigene Empfehlung König Friedrichs II., zu Theil ward, hielt Gleim nicht lange aus, denn diese beiden Naturen paßten wirklich nicht zusammen. Gleim ging nach Magdeburg und Berlin, wurde von Berlin aus durch den Domherrn v. Berg 1747 dem Domkapitel zu Halbcrstadt als Secretair vorgeschlagen und angenommen. Von da an begann für den Dichter, welcher bisher schon sich vielfach in naiver, anakreontisch-lyrisch-tändelnder Weise versucht hatte, eine schone, glückliche Zeit. Seine «Kriegslieder», zuerst nach Art fliegender Blätter in und unter das Volk gestreut, athmeten eine höhere und edlere Begeisterung, wagten kühneren Ausflug, wandten dem «preußischen Grenadier», wie der Dichter sich nannte, alle patriotischen Herzen zu. Die, welche auch seine übrigen Lieder, die scherzhaften, heitern, sinnlichen Genuß preisenden, befriedigten, nannten Gleim den deutschen Anakrcon, ein bescheidenes Lob, doch hatte Gleim mit den anakreontischen Liedern Kleist's Muse geweckt, und schon dadurch seine wichtige Sendung auf Erden, anzuregen, aufzumuntern, geistig zu fordern, das Reich der Schönheit anzubauen, die Zaubergärten der Poesie durch treue Gärtner pflegen zu lassen, mit Glück begonnen. Auch der Karschin nahm Gleim sich väterlich an, dem Dichter Michaelis, der sich wie so viele andere, der Poesie ohne nachhaltige Begabung und ohne etwas Rechtes lernen und treiben zu wollen, in die Arme geworfen, drückte Gleim die Augen zu, Klamer Schmidt wurde durch ihn auf das erfreulichste gefördert, auch Voß, Ticdge, Jean Paul, zog Vater Gleim an sein Herz, und bald sah sich der Dichtervater im Mittelpunkt fast des ganzen damals bedeutenden deutschen Poctenkreises stehen, gleich einer hellen Sonne voll ächter Wärmestrahlung. Klopstock neigte sich ihm vor allen mit herzlicher Liebe zu und fand bei ihm Trost im Schmerz; andere folgten, Gleim's Haus iu Halberstadt, und später in Walbeck, wo er ein Canonicat erhalten hatte, war ein Poetenasyl. Er blieb in Folge einer ticfschmerzlichen Herzenstäuschung unvermählt, und suchte in der Freundschaft das Glück des Herzens, das ihm die Liebe versagte, daher wurde ihm stete Gastlichkeit nicht schwer, da er selbst in einfacher Weise hin- lebte, auch die Einfachheit jener Zeit die Ansprüche der späteren nicht kannte. Persönlicher Frcundesumgang und ein überaus umfassend geführter Briefwechsel nach allen Richtungen, fast nach jedem Winkel hin, wo irgend ein Poet oder eine Poetin saß, verschönte sein langes Leben neben dem Schmucke, den er diesem durch seine Lieder verlieh. Gleim ahmte nach und übersetzte horazischc Oden, anakreontische Dichtungen, deutsche Miuncsängcrlieder, zu denen Bodmer's Sammlung ihm die Bahn brach und die Liebe weckte, schrieb «Lieder für das Volk», «die Preußischen Kricgslieder», voll Kraft und Feuer, wo die ewige Vcrgleichungssucht den deutschen Anakreon nun wieder als deutschen Tyrtäus pries, dichtete Elegien, Romanzen und Fabeln, letztere meist nach Phädus und Lafontaine, ja er versuchte sich auch in dramatischen und didactischen Gedichten, und gab auch freundschaftliche Briefe heraus, welche als Poesien lange nicht den Werth haben, wie die wirklich trefflichen Briefe, die er ohne Absicht für den Druck an seine Freunde schrieb. Auch Satyren und Sinngedichte schrieb der fleißige, nie rastende Poet, erreichte aber in keiner seiner Schöpfungen mehr geistige Höhe, als in seinen Kriegslicdern und seinem «Halladat oocr das rothe Buch», in welchem letzteren alkoranischc Weisheit und der Geist von Lessing's Nathan weht. Freundschaft verklärte Gleim's Leben bis zum hohen Alter, in das er die Jugendfrische einer reinen und edlen Seele rettete, auch die Musen verließen ihn nicht und verleiteten ihn, noch mit erlöschenden Kräften zu dichten. Da nun diese Altersschwäche scharfen Tadel der Kritik fand, so warf letztere ihren Wermuts) in den sonnengoldnen Abendtrunk des liebenswürdigen Dichter-Greises, und trübte diesen ganz ohne Noth. Indeß auch diese Schmerzen wurden überwunden; und Vater Gleim blieb den Poeten Vater Gleim, wie er in dem ihm eng verbundenen gräflich Stolberg'schen Hause nur der Onkel genannt ward. Dem französischen Frcihcitschwindel, der Tyrannenricchcrei und den Weltbeglückungsträumcn der Philosophen der Revolutionszeit schloß Gleim sich völlig ab, durchschauend, was da keimen und kommen wollte, obschon sein irdisches Auge sich dem Lichte verschloß, ein blinder Seher, ein Ossian des preußischen Königshauses, wie die unvergeßliche hochherrliche Königin Louise von Preußen selbst ihn nannte; er konnte dem wälschen Freiheit- gezeter kein günstig Ohr leihen, er sah mit prophetischer Ahnung Deutschlands Unglück voraus. — So reiste der edle Vater Gleim der Verklärung zu, und ordnete noch scheidend an, daß Urnen mit den Namen seiner vorangegangenen Freunde seinen Grabhügel umstehen sollten, der in seinem Garten vor Halberstadt sich ihm unter Segnungen und Thränen wölbte. Christoph Ritter von Gluck. Geb. d. 14. Febr. 1714. gest. d. 15. Nov. 1787. Unter den Sternen am Himmel der deutschen Tonkunst einer der strahlendsten, unter den deutschen Meistern der Tondichtung einer der unerreichten — vielleicht kaum erreichbaren. Der unbedeutende Ort Weiden- gengen in der Ober-pfalz ließ Gluck das Licht der Welt erblicken, der böhmischen Grenze nah, und der musikalische Genius, der über Böhmens Bergen schwebt, küßte dem Knaben den Kuß der Weihe. Frühzeitig der Musik mit vollem Seelenantheil sich zuwendend, kam Gluck nach Prag, bildete dort sich aus und reiste im Jahr 1738 nach dem klangreichen Italien, fand in Mailand bei dem Prinzen Melzi zuerst eine feste Stellung und entfaltete nun mehr und mehr die mächtigen Schwingen seines Genius. Es genügte Gluck nicht, auf die höchste Stufe der Opernschöpfung zu treten, wie letztere damals war, er wollte neue Bahnen brechen in seiner Kunst, das veraltete beseitigen, den Schlendrian und schnöden Klingklang bannen; der vollste musikalische Ausdruck der Gedanken und Gefühle und die reinste Wahrheit waren die Endziele seines kräftigen Strebens. Die erste Oper, mit welcher Gluck vor das Publikum trat und es entzückte, war Ar- tarerres, schon ein Werk voll Manncsreife, den Text begreifend und richtig würdigend, nicht ihn unterordnend und nicht, wie so viele Tondichter thun, ihn als den todten Leichnam betrachtend, dem sie erst Leben und Seele einhauchen, indem sie ihn mit der möglichsten Willkühr mißhandeln und verstümmeln oder durch endlose selbstgefällige Wiederholungen ihn ausspinnen und dehnen. Alles, was bisher für ansprechend und schön gegolten hatte, die wälschcn Schnörkel und unnützes Beiwerk, verwarf Gluck und gründete sich dauernden Ruhm auch durch seine folgenden Opern: Demetrius, der Sturz der Giganten, zuerst 1715 in London zur Aufführung gebracht, dann Orpheus, Alzeste, Armida. Kopenhagen, Wien und Paris sahen nun nacheinander den großen Tonkünstler in ihren Mauern, und in letzter Stadt kam Glucks unsterbliche Jphigcnie in Aulis, Tert von dem französischen Dichter Bailli dc Rouet zur Aufführung, alle Herzen entzückend, obschon der Aufführung Anfangs große Schwierigkeiten entgegenge- thiirmt wurden, wie vas kaum anders sein konnte, die Pariser einem Ausländer, einem Deutschen gegenüber. Aber da erschien Gluck, der nun schon ein Mann von 60 Jahren war, kam. ward gehört und siegte. Bald verdrängten aus eine Zeit lang seine aus dem italienischen in daS französische übertragenen Opern alle übrigen, eine großartige Umwandlung des Geschmackes in der theatralischen Musik erfolgte, wie sie auch in der Gegenwart uns bevorsteht, wenn auch viele dieß noch bestreiken und an die neue Epoche der dramatischen Musik nicht glauben wollen. Die entzückten Franzosen setzten Gluck eine Pension von 6000 Livres auf Lebenszeit aus, ernannten ihn zum Pensionair der Akademie der Musik, und stellten seine Büste neben denen ihrer größten und gefeiertsten Tonkünstler auf. Binnen 2 Jahren ging Jphigenie 170 mal über die Bühne der große» Oper, ein damals außerordentlicher Erfolg. Gluck schuf noch die Opern Jphigenie in Tauris und Echo und Narciß, welche ebenfals den größten Beifall fanden. Mit einem ansehnlichen Vermögen, denn seine Werke wurden sehr gut honorirt, ging Gluck im Jahre 1787 nach Wien zurück; er war ein Freund Mozarts, dessen Stern damals im Zenith des Ruhmes Deutschland bestrahlte, und früher als die Freunde ahneten, ging Glucks Lcbensstern unter, noch in demselben Jahre. Was Gluck so groß, seinen Ruhm und seine Werke so dauernd machte, war die Würdigung des deklamatorischen Ausdrucks; er opferte den Tert nicht den Launen der Sänger, denen ganz einerlei ist, ob sie Unsinn singen, wenn sie nur schön singen. Daher fand er auch Gegner; solche, die nur Melodie und nichts als Melodie von der Oper forderten, und die ihn nicht begriffen, nicht die Höhe seiner Originalität, nicht die Tiefe des künstlerischen Geistes seiner Tonschöpsungcn. Klassisch einfach und großartig, mächtig ergreifend und überwältigend wirkt Glucks Musik heute noch. Keiner hat Gluck übertroffen, wenige reichen an ihn hinan. Zu diesen wenigen zählt in der Neuzeit Richard Wagner, der Dichter und Tonsetzer des Lohcngrin, des Tannhäuser. In ihm lebt Glucks Genius, er wird die deutsche Oper läutern, oder in seinem hohen Streben untergehen; in beiden Fällen wird es ihm ergehen wie es Gluck erging, er wird mehr bewundert, als geliebt sterben. August Neidhart Graf von Gneisenau. Geb. d. 28. Oct. 1760, gest. d. 24. Aug. 1851. Graf von Gneisenau ist mit Scharnhorst und Blücher der dritte im Heroenbunde jener großen Zeit, die Deutschlands Fesseln brach und wie eine glückverheißende Morgenröthe über dem Vaterlande strahlte. Tapfer und thätig, muthvoll und besonnen, als Krieger ein Held, als Mensch ein Ehrenmann, hat er unvergänglichen Nachruhm sich erworben. Auf einer Durchreise durch das Städtchen Schilda gab seine Mutter Gneisenau das Leben. Er hatte das Unglück, beide Aeltern früh zu verlieren und wurde in Würzburg erzogen, wo die Großältern lebten. Von der Schule zu Würzburg kani Gneisenau nach Erfurt, studirte dort und trat 1782 in Markgräflich Bayreu- thische Dienste. Als er es in denselben bis zum Lieutenant gebracht, schien sein Loos ihn in den Kampf gegen die amerikanische Freiheit führen zu wollen, wohin er mit einem Ergänzungscorps von 400 Mann absegelte, dort aber bereits den Waffenstillstand geschlossen fand und gern zurückkehrte. Gneisenau trat nun in königl. preußische Dienste, wurde 1789 Hauptmann der niederschlesischcn Füselicrbrigadc und wurde in den Feldzügen in Polen 1793 und 1794 mit verwendet. Die Zeit, welche der Garnisonsdicnst, der in mehreren schlesischen Städten wechselte, ihm vergönnte, wendete Gneisenau mit gründlichem Fleiß auf seine militärische Fortbildung und ließ in der Stille den großen Feldherrngeist reifen, welcher berufen war, Deutschland unvergeßliche Dienste zu leisten. Als der Feldzug von 1806 eröffnet war, erhob sich Gueisenau's Gestirn,, das ein langer Friede noch im Dunkel gehalten, zu glänzendem emporsteigen. Er focht mit in der unglücklichen Schlacht bei Saatfeld, Prinz Luis von Saatfeld und die meisten höhern Of- ficiere waren gefallen, Gneisenau mußte den Nest des geschlagenen Heeres zurückführen und that dieß mit aller Tapferkeit und Umsicht. Der siegreiche Feind nahm die Festungen des Landes, nur Kolbcrg hielt sich noch durch die muthvolle Ausdauer seines größten, für des Vaterlandes Ehre begeistertsten Bürgers Nettclbeck (Lieferung 1.). — Gneisenau kam, bisher immer noch Hauptmann, jetzt zum Major ernannt, und hielt Stadr und Festung mit bewunderungswürdiger Ausdauer, von Nettclbcck stets auf das aufopferndste unterstützt. Noch führt das Regiment von Gneisenau zum unverlösch- lichen Andenken jener heldenmüthigcn Vertheidigung Kolbergs seinen Namen. Die trüben Jahre der Schmach und Erniedrigung, in denen Preußens Waffenruhm verhüllt und seine Kraft gebrochen war, wurden mit Plänen und Hoffnungen auf eine bessere Zeit ausgefüllt, und wie Scharn- horst und andere Edle und Tüchtige im Stillen daran arbeiteten, Großes vorzubereiten, so auch Gneisenau, bis näher und näher die verhängnißvolle Zeit kam, die zur Entscheidung drängte. Eine sich nöthig machende diplomatische Sendung nach England wurde 1812 Gneisenau übertragen und von ihm voll Einsicht und Glück vollbracht. England mehrte den Kricgsbedarf. Preußen schuf seine tüchtige, thatcnbewährtc und ruhmgekrönte Landwehr, und Gneisenau wurde Generalgouverncur der schlesischen Armee. Scharnhorst's Verwundung in der Schlacht bei Lützen und dessen in Prag erfolgter Tod stellten Gneisenau als Gcneralquartiermeister au die Spitze des schlesischen Heeres, und nun bewährte sich durch mannigfaltige Prüfungen unterm Donner der Schlachtengcwitter Gneisenaüs Heldengeist, mit dem er als Chef des Generalstabes vorleuchtetc; davon zeugten nacheinander die Schlachten au der Katzbach, bei Wartenburg und bei Muckern während der großen Völkerschlacht auf Leipzigs Gefilden. Auch auf dem weitern Siegcsgange hinter dem hart verfolgten, doch oft noch sich tapfer setzenden Feind war das Kriegsglück mit Gneisenaüs Fahnen, und Brünne, Laon und Paris sahen ihn als Sieger einziehen. In Folge seiner Großthaten wurde Gneisenau in den Grafenstand erhoben. Als der Friede von Paris geschlossen war, suchte Gneisenau seine Gesundheit, durch den Besuch von Bädern zu stärken, und ließ sich dann zu friedlicher Thätigkeit in Berlin nieder; doch nicht lange blieb dem Feldherrn Ruhe vergönnt, denn Napoleon erschien noch einmal und sein Name schreckte noch einmal die Welt aus ihrem jungen Frieden. Da trat mit den tapfersten und gefeiertsten Helden- brüdern auch Gneisenau wieder an des Heeres Spitze, kämpfte tvdtesmuthig in den Schlachten von Ligny und Waterloo, mehr als einmal hart bedroht, und verfolgte dann den fliehenden Feind unablässig, bis er zum zweiten male als Sieger durch die Thore der Hauptstadt Frankreichs ritt und dann am Ministertische den harten Frieden mit diktirte. Auch er begleitete, gleich Blücher, seinen Heldenkönig von Paris aus nach England, wurde aller Ehren und Auszeichnungen theilhaft, und dann vom Könige zum commandirenden General in den Rheinprovinzen ernannt, gleichsam als ein Wächter neben dem stets unruhigen und immer noch nicht genug gedemüthigtcn Frankreich. Indessen geboten Gesundheitsrücksichten dem Grafen, sein Gcneralat 1816 niederzulegen und mehrere böhmische Bäder zu besuchen, worauf er sich auf sein Familiengut Großerdmannsdorf in Schlesien zurückzog und glückliche Jahre einer heitern Ruhe verlebte. Im Jahre 1821 wurde Graf Gneisenau zum Gouverneur von Berlin ernannt und 1825 wurde er Generalfeldmarschall der preußischen Gcsammt-Armee, wie er auch im Staatsrath der auswärtigen und Mi- litairangelegenheiten den Vorsitz erhielt, und rühm- und ehrenvoll für Preußens Wohl wirkte. Von einer Reise auf sein Gut kehrte er nicht wieder nach Berlin zurück; er fand dort im Heimathschoose die irdische glühe. Hoch ehrte ihn Preußen auch nach seinem Tode, Berlin erfreut sich seines Denkmals, die Geschichte grub seinen Namen mit goldenen Lettern in ihre Annalen. Johann Wolfgang von Goethe. Geb. d. 28. Aug. 1749, gest. d. 22. März 1832. Goethe, des deutschen Vaterlandes Stolz und Dessen größter begabtester Dichter, wurde zu Franksnrt a. M. gebore»; der Großvater war Schultheiß der freien Reichsstadt ; der Vater nahm den Titel eines kaiserlichen Rathes, aber kein öffentliches Amt an, und leitete nicht ohne eine gewisse pedantische Strenge die Erziehung des Knaben, während liebevolle Sorgfalt und Pflege einer genialen Mutter dessen Gemüth für Poesie empfänglich machte und ihn eine glückliche Jugend durch- wandeln ließ. Indem er vieles lernte, vieles erspähte, durchlebte der junge Goethe, begabt mit offenem Sinn für alles heitere, schöne und anmuthvolle, für Märchen und Sagen, für Puppenspicle und Volksbücher, für Sprachen, die er mit Leichtigkeit sich aneignete, und unter sinnreichen Spielen seine Knabenjahre bis zum Jünglingsalter, an dessen Schwelle ihm sich früh die Liebe erschloß, die ihm alle Wonnen und alle Schmerzen in die Seele strömte. Er mußte einer «»schuldvollen Jngendneigung, Gretchcn, entsagen, und auch später unter tiefen Leiden des eigenen Herzens lernen, die Leiden anderer Herzen mit erschütternder Wahrheit zu schildern. Der Vater drängte den Sohn z»m Studium der Rechtsgclehrsainkeit hin; mit inneren! Widerstreben gehorchte jener und besuchte 1765 die Universität Leipzig. Diese Stadt, von der Goethe nicht ohne Bedeutung später sagte; «Mein Leipzig lob' ich mir, es bildet seine Leute» — half ihn äußerlich und innerlich bilden — er lernte zunächst leben, und dann einsehen, daß die poetische Schule der Zeitgenossen, die Dichtungen Gottsched's, Gellert's n. A. zu überflügeln sein dürften. Mehr als das Studium der Rechtswissenschaft zog die Kunst den strebenden Geist des Jünglings an; an Malerei hatte er schon im Aelternhansc Freude gewonnen, als der siebenjährige Krieg französische Einquartierung in dasselbe gebracht hatte, und mit ihr den Kunstfreund Grafen von Thorane. Goethe nahm in Leipzig Zeichncnnnterricht bei dem verdienstvollen be- rühmten Oeser und lag eifrig den Studien der bildenden Kunst ob, denen er praktisch, durch Zeichnen und Selbstätzen, Leben zu geben versuchte. Aber das Einathmen der Sänrendämpfe und manche Unregelmäßigkeit des Lebensgenusses machten ihn krank; seine Stimmung wurde trübe; in solcher getrübten Stimmung kehrte er zur Hcimath zurück, gefiel sich im stillen Hinbrüteu, studirtc mystische, kabbalistische und alchymistische Schriften, ja er laborirtc selbst, und begann vielleicht die ersten Entwürfe und Anfänge zu Faust, in denen das geheimnißvolle solcher Studien, wie die angedeuteten, hindurchklingt, während er viele andere seiner Manuseriptc verbrannte. Doch er sollte nach des VatcrS strengem Willen das Rechtsstudium in Straßburg fortsetzen, und that es, lernte dort tüchtige und berühmte Männer, Jung Stiliiug, Lenz, Lavater und Herder kennen, in deren Umgang sich das etwas altväterisch und pedantisch zugestutzte Leben erfrischte. Dort knüpfte und loste Goethe den Hcrzensbund in Sesenhcim, den er so lieblich geschildert, wurde Doctor der Rechte und rang sich mehr und mehr empor zu einem kraftvollen und genialen Streben. Alles an ihm war jetzt eigen, selbstständig, ja erccntrisch und andere mächtig anziehend; er fand neue Ausdrücke und überraschte mit ihnen. Sein Götz erschien und ward mit Begeisterung begrüßt; ein Aufenthalt in Wetzlar gab Eindrücke, die den Werther schufen; beide Bücher weckten zahllose Nachahmungen, Gvtz allarmirte die Kopfe, Werther die Herzen der Jugend. Von Stufe zu Stufe schritt Goethe nun gemessen hoher zum Tempel seines Ruhmes; über Weimar stand der Stern seines Lebens, dorthin zog ihn der Freundesruf des jungen Herzogs Carl August. In Arbeit und Vergnügen theilte sich fortan sein Leben; der Hof, die Gesellschaft, der Thüringcrwald, der Harz, Kunst- und Naturstudicn, Botanik und Mineralogie, Karlsbad, Italien, alles beschäftigte auf das anregendste und in reicher Fülle, dazwischen entstanden die unsterblichen Meisterwerke. Ein in sich ganz klarer, ganz vollendeter Geist war Goethe geworden, daher trat in ihm eine gewisse Abgeschlossenheit gegen das hervor, was von außen sich einzudrängen oder was sich aufzudrängen suchte. So blieb er der Politik im allgemeinen unv mit Recht fern und fremd, so stieß die Kant'schc Philosophie den Dichter ab, so vermochte er nicht, Schiller, den eifrigen Jünger dieser Philosophie, von Anfang ihrer Bekanntschaft an gleich zu lieben, wie sehr er sich ihm später als redlicher Freund bewährte. Was als Schatten an Goethe's Wesen, was als Mangel an manchen minder hoch zu stellenden Schriften von ihm bezeichnet werden kann, hat die schonungsloseste» Richter gefunden, und hat er sich irgendwo und wie eine lite- rarische Sünde zu Schulden kommen lassen, so hat erste um so härter büßen müssen, je großer er war, als andere. Aber selbst über das Maaß der Gerechtigkeit hinaus gingen Feinde und Gegner, ja sogar der blöde Unverstand erhob die Waffe gegen den unübertreffbaren Meister. Seine tiefernsten Natur-Studien wurden verkannt, der Dichter sollte nicht auch Naturforscher sein wollen, und doch war er ein solcher im Geist und in der Wahrheit. Seine Farbenlehre, seine Metamorphose der Pflanzen wurden nicht verstanden; man tadelte sie, ohne sie zu studiren. Das alles rauschte vorüber, und unantastbar steht der Ruhm des hochbegabtesten, ausdauernd fleißigsten und redlich stre- bendsteu Dichters, Kunst- und Naturforschers, Staatsmannes und Weisen auf dem Grundbau seiner Werke. Götz, Tasso, Jphigcnic, Faust, Hermann und Dorothea werden einig dauern, und wie der Name Homcr'ö durch das Gedächtniß aller Zeiten klingt, wird Goethe's Name gefeiert sortklingen in allen Regionen des Erdballs, so lange dieser auf seiner Wandclbahn um die Sonne «mit Brudersphärcn Wettgcsang» tönt, und das Leben der Menschheit auf ihm Dauer hat. -— Glückliches Leben und höchstes Lebensziel verliehen die Himmlischen ihrem Liebling; er stand ruhig und groß über dem Lärm und den Wirren der Zeit, ihre Wetter und Wolken zu seinen Füßen, sein Haupt im Licht. «Mehr Licht!» war sein letzter Ruf, als sich in seinem dreiundachtzigsten Jahre das irdische Licht verdunkelte. Was Deutschland an Goethe besaß, und was es freudig von ihm fortbesitzt, das reiche Erbtheil seines weltumfassenden Geistes, wird immer mehr erkannt werden von den kommenden Geschlechtern, und wie im Schlußwort des größten aller deutschen Gedichte Goethe voll tiefer Innigkeit ausspricht: «das Ewig-Weibliche zieht uns hinan» — so werden auch die nach uns kommenden beim tieferen Verständniß von Goethe's Werken von ihm bekennen: das Ewig-Göttliche zieht uns hinan. Friedrich Willhelm Gotter. Geb. d. 3. Sept. 1746, gest. d. 18. März 1797. Dieser Dichter, welcher seinen Zeitgenossen, die ihn freudig anerkannten, als ein Muster des guten Geschmackes galt, wurde zu Gotha geboren; sein Vater war ein angesehener Staatsbeamter und sorgte für eine treffliche Erziehung des Sohnes, welcher in seiner Jugend sehr zart organisirt und schwächlich war. Neigung zu Sprachen, wie zur Poesie und namentlich zur dramatischen, traten in dem jungen Götter ziemlich frühzeitig hervor. In seinem siebzehnten Jahre bezog Götter, bisher durch Privatlehrer unterrichtet, die Hochschule Göttingen, um dort die Rechte zu studiren, nebenbei aber huldigte er unbefangen der poetischen Muse und knüpfte mit Eckhof, Mitglied der damals in Göttingen wirkenden Acker- mannschen Gesellschaft, das Band einer Freundschaft an, die für sein ganzes späteres Leben nachhaltig fortwirkte. Die Neigung für die darstellende Kunst der Bühne war so genährt, daß Götter selbst, nach Abgang der erwähnten Gesellschaft von Göttingen, ein Liebhabertheater errichtete und leitete, an dem er seine Begabung praktisch und theoretisch zugleich üben lernte. Nach vollendeten Studien 1766 nach Gotha zurückgekehrt, wurde Götter zweiter Geheimer Archivar und durste im folgenden Jahre den Freiherr» von Gem- mingen als Gesandtschaftssecretair nach Wetzlar begleiten. In Wetzlar, wo er die Beschäftigungen mit den schönen Künsten keineswegs aufgab, wurde Götter der Antrag, zwei jungen Edelleuten als Führer auf der Universität zu dienen; er nahm denselben an und wählte mit Vorliebe wieder Göttingcn zum Ort seines Aufenthaltes und eifrig fortgesetzter Studien. Dort begründete er mit Boie den 1770 erschienenen Götting'schen Musenalmanach nach dem Muster eines Pariser, und Kästncr unterstützte dabei lebhaft die Freunde; Götter aber wurde durch sein nicht ganz aufgegebenes dienstliches Verhältniß nach Gotha, ehe noch der Almanach erschien, zurückgerufen, bald aber fügte es sich, daß er abermals in gleicher Eigenschaft, wie früher, nach Wetzlar entsendet ward, und dorr fand er jetzt zu seiner großen Freude nicht nur die Ackermannsche Gesellschaft wieder, sondern machte auch die Bekanntschaft Goethe's und Jerusalem's, was auf Götter den anregendsten und be. lebendsten Einfluß übte, zumal er auch noch manche sonstige angenehme Bekanntschaft anknüpfte und fleißigen Briefwechsel mit begabten Geistern unterhielt. Er schrieb in dieser Zeit seine berühmt gewordene «Epistel über die Starkgeistcrei», reiste, um seine schwächliche Gesunde heit zu kräftigen, nach Frankreich, lernte die französische Bühne gründlich kennen, besuchte die Schweiz, wo er Geßncr und Lavater kennen lernte, und kehrte, geistig erfrischt, mit neuen Eindrücken und Plänen erfüllt, abermals nach Gotha zurück. In dieser seiner Vater- stadt begründete Götter wieder ein Gesellschaftstheater, an dem er nach jeder Richtung hin selbstthätig war, bis Gotha ein strahlender Stern der Kunst aufging und eine Musterbühnc dieser Stadt durch die Gunst eines kunstsinnigen Fürsten zu Theil wurde, wie in Deutschland keine zweite bestand und bestehen konnte, denn Gotha vereinigte fast alle Vühncnberühmtheiten jener Zeit, und es war ja ohnehin noch nicht lange her, daß von einer solchen Berühmtheit überhaupt die Rede sein konnte. Die gefeierten Namen Eckhof, Bock, Brandes, Zsfland, Beil, Beck, Großmann und die Damen BrandeS, Sepler, Starke, Koch, Merccur u. a. waren dort vereint und ihre Träger in ehrenvollster Weise künstlerisch thätig, wobei Gotter's geistige Antheilnahme in mannichfachcr Weise fordernd zu Statten kam. Auch als Improvisator war Götter sehr glücklich, noch glücklicher aber dadurch, daß er nicht nöthig hatte, diese schöne Begabung um Geld zu Markte zu tragen. Es stand in seiner Gewalt, kleine dramatische Sachen rund und leicht und geistvoll aus dem Stegreif zu bilden und vorzutragen, womit er sich und andern schöne genußreiche Stunden in lebenvollen poesiednrchglühten Kreisen schuf. In den meisten Formen deutscher Dichtkunst versuchte sich Götter; in den dramatischen wurden Posse, Singspiel, Lustspiel und Trauerspiel von ihm angebaut; er war Lyriker, Elcgiker und Romanzen- dichter, und auch die seltener gepflegte poetische Epistel fand an ihm einen Freund. Nur das höhere epische Gedicht lag außer seiner Sphäre, dazu fehlte ihm wohl die Ruhe und die innere Anregung. Seine ersten Trauerspiele: «Elcktra», «Mcrope» und «Alzirc», schrieb er nach französischen Vorbildern und in gereimten Alexandrinern; zum Melodram «Medea» schuf der in Gotha lebende bedeutende Tondichter Bcnda die Musik. Durch seine Singspiele machte sich Götter äußerst beliebt, hier war er wohl mehr als Chr. Felir Weißc's Nebenbuhler, er übertraf ihn vielleicht. «Der Jahrmarkt», »Romeo und Julie» und «das tartarische Gesetz», alle drei Singspiele, und eine Menge übersetzter Opern- und Opcrettentertbücher lassen Götter als in dieser für den wahren Dichter allerdings nicht schwer wiegenden Gattung als Meister erscheinen, zahlreich sind aber auch seine vom fremdländischen Boden auf deutschen verpflanzten übrigen dramatischen Stücke. Im Jahre 1780 verheirathete sich Götter und erhielt 1782 den Posten eines geheimen Secretairs. Leider alterte er bei seiner zart organisirtcn, schwächlichen Natur sehr schnell und erreichte nur das 53. Lebensjahr. Sein literarischer Nachlaß brachte noch manches schöne Werk seiner Muse zur Erscheinung, darunter das Trauerspiel «Mariane» nach la Harpe, das man als seine bedeutendste Arbeit anerkannte und das den Weg über alle deutschen Bühnen wandelte; dann «die Geistcrinsel«, eine Nachbildung von Shakspcare's Sturm, welche von nicht weniger als vier Komponisten in Musik gesetzt wurde, von Zumsteeg, von Haak, von Fleisch- mannn in Mciningen und von Reichardt. In Prosa verfaßte Götter eine Charakterschilderung der Frau von Vuchwald, der Freundin und frühern Hofdame der geistvollen Herzogin Luise Dorothea, geborne Prinzessin zu Sachsen Meiningen, beide Freundinnen Voltaires, von welchem letzteren Gotter's Buche einige Briefe beigefügt sind. Einem großen Theil der Besten seiner Zeit that Götter genug, er war vollkommen Meister der Sprache, eignete sich die fremden Formen mit Leichtigkeit an und' wußte sie mit Gewandtheit einzubürgern; seine Lieder und Elegien sind leicht und gefällig, in der Form der poetischen Epistel stand er allen seinen Zeitgenossen voran. Franz de Paula Gruithuisen. Geb. 1774, gest. d. 26. Juni 1852. Wie fremdländisch und undeutsch auch dieses Mannes Name lautet, so war er doch ein deutscher Mann, ein Mann deutscher Wissenschaft und Forschung, war Denker und Erfinder; heimisch im Reiche der Heilkunde, ein treuer Priester Aesculap's, und nicht minder heimisch im Gefilde der ewigen Sterne, ein würdiger Priester Urania's. Gruithuisen begrüßte den irdischen Tag auf dem Schlosse Haltenberg am Lech, wo sein Vater als kurfürstlich bayrischer Falkonier lebte, und dieser bestimmte den Sohn zum erlernen der Wundarzneikunde, deren Laufbahn er bei einem Barbier begann, und in der er alle die praktischen Thätigkeiten übte, die für die Menschheit zwar unentbehrlich, aber keinesweges geeignet sind, den Seelenkräften höheren Schwung zu verleihen. Diesen allzuirdischen Banden entzog sich Gruithausen, indem er sich nach Wien begab, und dort eine Zeit lang, aber nicht lange Zeit eine chirurgische Schule besuchte. Der Drang, sich zu versuchen, führte ihn beim Ausbruch des Krieges, an den sich Oesterreich mit Rußland gegen die Pforte verband, 1787, schon als Knaben von 13 Jahren unter die Schaar der Feldchirurgen, und es begann für ihn ein bewegtes Leben, bis sein Geschick nach glücklicher Heimkehr in das Vaterland ihn wegen seiner stattlichen Größe der kurfürstlichen Leibgarde einreihte, wobei er als eifriger Audo- didact sich Kenntnisse in der Physik zu erringen suchte, und durch eigenes streben es dahin brachte, im 27. Lebensjahre die Universität Landshut beziehen zu können. Dort studirte er eifrig Philosophie und Arzneiwiffen- schaft und lebte ein stilles, sittliches und ernstes Leben, indem er sich neben der Brotwissenschaft dem Studium der Sternkunde mit Vorliebe hingab. Erst im Jahre 1808 gelang es Gruithuisen durch die Doctorpromotion eine gesicherte Stellung zu finden; er wurde Professor der Naturwissenschaften, der Anthropologie und Pathologie an der landärztlichen Schule zu München, und begann seine schriftstellerische Thätigkeit über Gegenstände der Physiologie und Astronomie, die ihm Namen und Anerkennung verschafften, ja selbst Rufe nach den Hochschulen zu Freiberg und Breslau. Aber Gruithuisen war zu sehr Bayer, um Neigung zu empfinden, das geliebte Vaterland zu verlassen. Da indeß seine vorwaltende Neigung, wie nicht minder seine hohe Begabung und ausgezeichnete Wissenschaft ihn mehr und mehr zum Dienst im Tempel Urania's geweiht, wurde er endlich 1826 Professor der Astronomie au der Universität München. Gruithuisen's Hauptbestrebcn in der neuen, erwünschten und günstigen Stellung war hauptsächlich dahin gerichtet, die Beschaffenheit der Oberfläche der unserm Planeten am nächsten stehenden Planeten, wie des Mondes und der Sonne näher zu erforschen, und da das lohnendste Ziel solcher Forschung im Trabanten unserer Erde zu winken schien, so wurde dieser Hauptaugenmerk des Münchner Astronomen, der im nahen Ncuberghausen auf hohem Plateau mit umfassendstem Horizont in günstigster Lage für astronomische Wahrnehmungen >— wohnte. Der Eifer, mit welchem Gruithuiscn seine seleno- graphischeu Studien verfolgte und in Schriften veröffentlichte, war stark und lebendig, aber hier nun war es, wo der verdienstvolle Astronom in den Fehler zahlloser Forscher verfiel, das zu sehen, was sie sehen wollen. Er hielt die feinen, viele M-llen weit über die Mond- fläche geradlinig sich hin erstreckenden schmalen Rillen für Kunststraßcn der Mondbewohner, wollte im Mond Festungen entdeckt haben u. dgl., und stellte so selbst seinen geachteten Namen im Auge der Kundigen neben den eines bekannten phantasievollen Freiherrn, wie er die Satyre und Ironie herausforderte, die auch nicht auf sich warten ließ, sondern in der Flugschrift eines Psendo-John Herrsche! die Kundigen belustigte, und die Albernen und Blindgläubigen, deren Zahl in Sachen der Wissenschaft stets Legion ist, lange genug am Nar- rcnseil humoristischer Täuschung führte. Trotz mancher aus diesem Irrthum entspringenden Verhöhnung blieb Gruithuiscn dennoch seinen Forschungen beharrlich treu bis zum Lebensende, und leistete wesentliche Dienste in dem von ihm mit so viel Liebe erfaßten Berufe. Als Arzt und Philosoph hatte er durch seine Schriften über Naturgeschichte, Anthropologie, Physik gnosie und Selbsterkenntniß, Organozoonomie, einleitende und vorbereitende Studien über Chirurgie u. s. w. schon treffliches geleistet; ja sogar ein wichtiges und praktisch nützliches chirurgisches Werkzeug erfand Gruit- huisen, und die Pariser Akademie erkannte diese Erfindung durch eine Belohnung von 1000 Francs an. Als Astronom und Physiker verfaßte er eine Naturgeschichte des gestirnten Himmels, Analekten zur Erd- und Himmelskunde, ein astronomisches Jahrbuch, und wirkte dauernd anregend und weiterfördernd auf seine Schüler, wobei die trefflichsten Instrumente aus den berühmten optischen Werkstätten von Frauenhofcr, Uz- schneider und Reichenbach in München ihm wesentliche Dienste leisteten. Was auserwählte und berufene Geister vor ihm schon gcähnet, die Beseelung der Körper im Makrokosmos an sich, und deren Bevölkerung gleich dem irdischen kleinen Planeten mit geistbegabten Naturen, lebte als Gewißheit auch in dieses Forschers Seele und Ueberzeugung, daher die Geneigtheit, dem Mond zunächst Bewohner zuzuschreiben mit irdisch technischen Fertigkeiten, freilich nur eine geniale Hypothese, denn jeder Weltkörper ist vom andern so wesentlich verschieden, daß kein menschlicher Gedanke das richtige seiner körperlichen Beschaffenheit und vielleicht geistigen Bevölkerung zu ahnen vermag. Gruithuiscn genoß ein schönes Leben und erreichte, mit dem Glück voller Lebenskraft bis zum hohen Alter begabt, ein ziemlich spätes'Ziel im 79. Jahre seines Alters. Mit Ruhe blickte er zu den Sternen empor, bevor seine Seele zum Aether ausschwebte, mit Ruhe starb er. Einer der begabtesten Schüler Schwanthaler's, Bildhauer Riedmüller, modellirte Gruithuisen's Büste voll Ernst und gediegener Auffassung, die das körperlich-stattliche und geistig geadelte der irdischen Hülle des Verklärten in sich vereinigt. Wilhelm von Grumbach. Geb. 1503, gest. d. 17. April 1567. Ein von festem Mannesmuth beseelter Charakter, dessen Leben bessern Allsganges würdig gewesen wäre. Grumbach entstammte einem uralten fränkischen Adelsgeschlechte, dessen Haus dem Herzog- und Bischofthrone Frankens schon zweimal Regenten gegeben hatte, das besitzungen- reich und angesehen war, und wurde entweder zu Burg-Grumbach, wo das alte Stammhaus stand, nur eine halbe Stunde rechts abseit der Heerstraße von Schweinfurt oder Wcrnck nach Wnrzburg, bei Pleich- felden — geboren, oder, was wahrscheinlicher ist, in dem stolzen Schlosse, das sich über dem Städtchen Rimpar erhebt. Fast das ganze Gebiet jenes Landstrichs bestand aus Grumbachischen Gütern. Grum- pach ( so schrieb er sich selbst) erhielt eine standesgemäße ritterliche Erziehung als Edelknabe am Hofe des Markgrafen Casimir v. Brandenburg zu Kulmbach, studirte dann niit andern befreundeten jungen Edeln in Paris die Rechte, bildete sich einerseits zum Kriegsmann, anderseits zum Staatsmann aus und führte ein durch Mühen und Sorgen, durch Haß und Streit bewegtes Leben. In Jugendtagcn nahm er Kriegsdienste unter den Markgrafen von Brandenburg, begleitete Albrecht Alcibiades nach Gent an den Kaiserhof Carl V., wurde dann unter Bischof Konrad von Bibra, der sein Verwandter war und dessen Bischofwahl Grumbach hauptsächlich mit bewirkt hatte, Rath uud Amtmann, hatte wichtigen Antheil an dem Geschäft des Austausches der würzburgischcn Stadt Meiningen gegen das Hcnnebergische Schloß und Amt Mainbcrg, wodurch Meiningen mit einigen Schlössern und Aemtern an die Fürst-Grafen von Henncberg, später an Sachsen kam, im Jahr 1541 und behauptete sich als fürst- bischvflicher Gehcimcrrath und Marschall in glücklicher Stellung. Noch steht in Würzbnrg der Freihof Grum- bach in der Franziskanergaffe, des Ritters dortige Behausung. Im Jahre 1544 starb Bischof Konrad, und der Grumbach feindlich gesinnte bisherige Domdechant Melchior Zobel vom Guttenberg wurde Nachfolger. Des neuen Bischofs Seele war von Haß, Neid und Kargheit erfüllt; er begann bald genug die Feindseligkeit gegen Grumbach mit Verweigerung der Zahlung eines von seinem Vorgänger auf dem Bischof- stuhle der Frau von Grumbach, einer geborenen von Hütten, vermachten Legats unter beschimpfenden Verwänden, wie er auch einem Diener Grnmbach's, Christoph Kretzer, der später in markgräfliche Dienste trat, ebenfalls ein Legat vorenthielt. Das war die unselige Ursache alles spätern Unheils, welches Grumbach auf seinem fernern Lebenswege traf. Er trat naturgemäß aus dem Dienst des Hochstists, und der Bischof begann seine Verfolgungen. Diese fingen mit einer Grenzverletzung des Grumbach'schen Gebietes und der Abzwingung einer Summe von zehntausend Goldgulden an, deren auf Landgraf Philipp von Hessen lautende Verschreibung Bischof Konrad Grumbach geschenkt und welches Geld dieser bereits erhoben hatte, der nun Marschall des kriegerischen Markgrafen Albrecht AleibiadcS wurde. So mehrfach in begründeten Rechten verletzt und selbst an der Ehre geschädigt, war es einem ritterliche» Manne nicht zu verargen, daß er dem neuen Bischof auf das heftigste grollte, doch ging er nur den Weg des Rechtes gegen seinen mächtigen Feind. Dem kriegerischen Markgrafen Albrecht Alcibiades war der kenntnißreiche und muthvolle Mann als Diener hoch willkommen, und Grumbach begleitete seinen neuen Gebieter 15 ä<> zum Ncgensburger Reichstag, wo er den Bischof Melchior beim Kaiser verklagte. Unter dem Markgrafen machte nun Grumbach theils in den Bewegungen des deutschen Krieges mehrere Züge mit, theils weilte er als Statthalter und Resident auf dem herrlichen Schlosse Plasscnbnrg über Kulmbach, mächtiger und angesehener als je zuvor. Seine Lehen- güter im Hochstist wollte er auf seinen Sohn Kunz übertragen lassen, aber der Bischof spann auch mit diesem Hader an, zögerte die Bestätigung hin, erhob neuen Grcnzstrcit und schädigte die Grumbach'schen Unterthanen; dennoch wandte Grumbach nach Kräften Unheil vom Hochstift ab, als sein Herr, der Markgraf, mit Bambcrg, Würzburg und Nürnberg die blutige Fehde begonnen hatte und dem Bischof Melchior lastend- schwere Verträge abnöthigte. Aber der Kaiser an- nullirte auf des Bischofs Betrieb alle Verträge, erklärte Albrecht für einen Reichsfeind, recassirte dann wieder die Cassation und nun folgten Wirren auf Wirren, in deren Folge Grumbach mit seinem Gebieter außer Landes zog. Der Bischof aber fiel in das Grum- bach'schc Gebiet ein, erstürmte Grnmbach's Schlösser und vertrieb dessen kranke Frau und seine Tochter, die sich keines Ucberfalis versahen; Rimpar wurde verwüstet, Burg-Grumbach mit Feuer angestoßen. Während Grumbach theils mit, theils ohne seinen Herrn deutsche Fürstenhäuser besuchte, machte er die Bekanntschaft Herzog Johann Friedrich des mittlern zu Sachsen und dieser junge Fürst fand Gefallen an dem erfahrenen und klugen Staatsmann, er beehrte ihn mit hohem Vertrauen, und Grumbach wurde der Vermittler der zweiten Heirath des Sachfenherzogs mit Prinzessin Elisabeth von der Pfalz. Während dessen hatte Christoph Kretzer, jetzt markgräslicher Dienstmann und Amtmann auf Schloß Hohenlandsberg, von wilder Nachelust ob des vorenthaltenen Legats gespornt, mit einer kleinen Reiterschaar dem Bischof Melchior in seiner Residenz aufgelauert und ihn meuchlings mit einem Faustrohr nebst mehreren Begleitern erschossen, während, wenn überhaupt Grumbach bei dieser That bethciligt war, was er nie zugestanden hat, der Bischof nur aufgehoben und weggeführt werden sollte. Aber die ganze Schwere der Anklage des Bischofmordes fiel auf den allbekannten Feind des Gemordete», Wilhelm von Grumbach, er sollte und mußte der Anstifter gewesen sein. Unermeßliches Unheil entsprang aus dem schändlichen Meuchelmord; vergebens betheuerte Grumbach durch Druckschriften seine Unschuld an demselben, Kretzer, der offen sich als den Mörder genannt, wurde ergriffen und heimlich hingerichtet, damit auf Grumbach die blutige That haften bleibe. Grumbach hoffte, Melchior's Nachfolger, Bischof Friedrich von Wirsberg, werde ihn wieder in die ihm abgcdrungcnen Lehcngüter einsetzen, aber ganz vergebens, und so griff Grumbach endlich zur Selbsthülfe, sammelte ein Heer, brach in Würzburg ein und trotzte dem Magistrat und dem Domkapitel Verträge und Kontributionen ab. Die Folge war >— kaiserliche Reichsacht wegen ReichsfriedenSbruch und An- nullirung alles dessen, was Würzburg Grumbach und seinen Genossen, den Rittern von Stein und von Mandelslohe, bei Treuen und Ehren zugesichert hatte. Die Geächteten fanden Schutz bei dem Herzog Johann Friedrich dem mittlern, dem der Schmerz um die seinem Vater entrissene Kurwürde im Busen wühlte, und der die Hoffnung hegte, das verlorene wieder zu erlangen. Sympathie im Gefühl gleichen Leides knüpften ihn an Grumbach, und dieser verstand, kühne Hoffnungen zu erregen und wach zu halten. Da Johann Friedrich Grnmbach's Auslieferung verweigerte, standhaft verweigerte, so wurde auch über ihn die Reichsacht verhängt, Kurfürst August zu Sachsen mit deren Vollziehung beauftragt, das ungeheuer feste Schloß Grimmenstein nebst der Stadt Gotha hartnäckig belagert und endlich, unterstützt durch Verrath und Empörung der Besatzung und Bürgerschaft, gewonnen, Grumbach und seine Genossen, dann der Herzog mit den Seinen gefangen genommen. Den Herzog traf das Urtheil lebenslänglicher Kerkerhaft, Grumbach wurde auf dem Markt zu Gotha geviertheilt. Das war das Ende eines begabten hochstrebenden Mannes, den die Geschichte Jahrhunderte lang vcrurtheilt hat, ohne Rücksicht darauf, daß seine eigenen mit unumstößlichen Dokumenten belegten Schriften darthun, welch großes Unrecht an ihm und gegen ihn verübt wurde. Andreas Gryphius. Geb. d. 11. Oct. 1616, gest. d. 16. Juli 1664. Der Vater des neuern deutschen Dramas gegenüber der uns von den Engländern überkommenen Volksbühne, schon als solcher des Namens würdig, den er als Mitglied der fruchtbringenden Gesellschaft führte: Der Unsterbliche. — Gryphius wurde als Sohn eines Archidiaconus zu Groß Glogau geboren, besuchte die Schule zu Görlitz, begann seine Studien zu Fraustadt und vollendete sie zu Breslau. Er hatte sich dem Rechtsfach gewidmet, fand aber, 1636 in die Heimath zurückgekehrt, nicht sofort eine geeignete Stellung, daher er die Stelle eines Informators bei dem Doctor Georg Schönborner, Herrn von Schönborn und Zinzendorf annahm. Dieser Prinzipal des jungen Rechtsgelehrten hatte eine gründliche Bildung genossen, war ein großer Verehrer der Wissenschaften, selbst Schriftsteller, Syndikus in Glogau und wurde Kanzler des Grafen von Schafgotsch, ja kaiserlicher Rath und Fiscal, auch Pfalz- graf in Niederschlesien und der Lausitz. Ein solcher Mann konnte nur auf das anregendste und ermunterndste auf Gryphius einwirken, der sich bereits durch Sonette und andere lyrische Gedichte einen Namen gemacht hatte, und er förderte ihn in der That als ein wahrer Freund und Gönner. Kraft seines Amtes als Comes palatinus ernannte der Herr von Schönborn und Zinzendorf noch im letzten Jahre seines Lebens den von ihm geschätzten Hausgenossen zum Magister der freien Künste, krönte ihn zum Poeten, verlieh ihm den Adel und schuf ihm ein Wappen, doch hat der Dichter nie sein auf diesem Wege erlangtes Adelsdiplom geltend gemacht. Der Tod des Gönners und das vollendete Erziehergeschäft lösten Andreas Gryphius bisheriges Verhältniß, und er begab sich, von immer noch drohenden Kriegsgefahren umgeben, 1638 nach Danzig und von da nach Leiden, wo der berühmte Salmasius, Heinsius u. a. lehrten, wurde von diesen Männern freundlich und wohlwollend aufgenommen, und hielt 6 Jahre lang verschiedene wissenschaftliche Vorlesungen. Später begleitete er als Gesellschafter einige adelige Jünglinge auf Reisen, besuchte England und Frankreich, auch Italien, und nahm nach der Rückkehr eine Zeitlang Aufenthalt in Straßburg. Erst 1617 kehrte der viclgewanderte in seine Heimath zurück, wo er sich »ach dem ihm lieben Fraustadt begab und sich dort mit Rosine Deutschländer verheirathetc, die ihm auch dort den Sohn Christian schenkte, welcher später als Dichter in des Vaters Fnßtapfen wandelte, als Lyriker ihm nahe kam, aber ihn nicht erreichte. Andreas Gryphins liebte seine Heimath und Frau- stadt so sehr, daß er verschiedene Professuren, die ihm in Heidelberg, Frankfurt a. d. O., ja in Schweden angetragen wurden, als sein Ruhm sich verbreitete, aus- schlug. Er nahm vielmehr das Amt eines Landschaft- syndicus bei den niedcrschlesischen Landständen an, und in Glogan seinen Sitz. Dieses Amt mußte ihm anziehend erschienen sein, da sein Gönner Dr. Schönborner dasselbe ebenfalls bekleidet hatte, und vielleicht versprach er sich denselben glänzenden Lebensweg voll Ehren und Wurden, den das günstige Schicksal jenen Mann geführt; nächstdcm vergönnte das Amt die Muffe für die Muse,welcher er ein treuer Jünger blieb. A. Gryphins Dichtcrleben fiel in die traurige Zeit, iu welcher der dreißigjährige Krieg Deutschland verheerte; die Künste hatten den allcrschwcrstcn Stand, das Schauspiel zumal stand noch auf ziemlich tiefer Stufe; herumziehende Banden hatten es in ihrer Hand, oder es war Schüler- und Stndenteneomödie; letztere Darsteller kamen nicht aus der steifen, zum Theil frömmelnden Allegorie loS, ersteren hing noch aller Jammer der Trivialität an. Gryphins, voll Kraft, Genialität und Kenntniß versuchte eine umwandelnde Läuterung, und sie gelang ihm, wenn nicht vollständig für die darstellende Bühnen- welt, doch für die dramatische Literatur. Gute Muster schwebten ihm vor, von den Römern wohl am meisten Seneca, von den Holländern Heinsius. Gryphius schuf der deutschen Bühne den Pomp der Rede, er schuf das theatralische Pathos. Der naturwüchsigen Kraft der bisherigen Bandenbühne setzte er die Regelstrenge empfindungvoller aber hand- lungloser Stücke entgegen, und so machte er als Kunst- dichter mit Recht Epoche, als Bühnendichter aber weder bei den Schauspielern seiner Zeit, noch bei dem Publikum Glück; er ward gelesen und anerkannt, aber seine Stücke wurden nur selten aufgeführt. Die Sprache derselben war kräftig, ja oft überkräftig, schwungvoll, Phantasiereich. Die noch am meisten volksthümlich gehaltenen Stücke von Gryphius sind: «Peter Sguenz» und «Horribilicribrifar». Das erste geiselt die Bcttel- pocsic jener Zeit, in der fast jedes Anstcllungsgesnch von Pfarr- und Schulamtscandidaten in griechischen oder lateinischen Versen geschrieben ward, das zwcire die soldatische Prahlhansigkeit, welche zur Mutter der studentischen Nenommisterei auf den Hochschulen wurde. Obschon Gryphius auch einige Stücke des Auslandes übertrug, begründete er dennoch die Unabhängkeit des deutschen Drama's von dem Ausland und steht bei allen sNängeln seiner Stücke als Lichtträger an der Tcmpelpforte der vaterländischen dramatischen Kunst. Mitten in seinem Amtsberufe ereilte den Dichter der Tod. Er starb an einem plötzlichen Schlaganfall in einer Versammlung der Landschaft auf einem Fürsten- Tage als Mitabgeordneter in den Armen seiner College». Georg Friedrich Händel. Geb, d. 24. Febr. 1684, gest. d. 14. April 1759. Einer der ausgezeichnetsten deutschen Tondichter, dessen meisterhafte Schöpfungen ihm den Beifall aller Zeiten sichern, den der geniale van Beethoven selbst den «unerreichten Meister aller Meister» nannte, den gerechte und anerkennende Bewunderung nicht erst neuerdings, sondern schon vor vielen Jahren als einen Shakesspeare in der Musik bezeichnete, der mit einem Riesengeist, wie mit Riesenfleiß begabt, unglaubliches leistete und vollbrachte, und bei dem nichts zu beklagen ist, als daß auch er, der Stolz des deutschen Vaterlandes, nicht in diesem Vaterlande dauernd Wurzel schlug und Boden gewann, sonvern daß England vor allem ihn hob, pflegte und nach dem Tode ihn als einen seinen größten Geistern Ebenbürtigen ehrte und verherrlichte. Händel war der Sohn eines Arztes und wurde in Halle geboren; der in Jahren schon ziemlich weit vorgerückte Vater bestimmte den Sohn für die juristische Laufbahn, aber die Liebe zur Musik trat schon in dem Knaben mit aller Macht hervor; er wandte sich zunächst dem Orgelspiele zu, und empfing von dem tüchtigen Meister dieses Instrumentes, Zach au, gründlichen Unterricht. Händel's ganz außergewöhnliche Begabung offenbarte sich dadurch, daß er noch im zartesten Alter, im 8. Jahre, nicht nur die Orgel schon fertig spielte, sondern auch für dieselbe Kirchenstücke und für das Klavier- Sonaten componirte. Von Halle begab sich Händel nach Berlin, begeisterte sich dort an der Oper, lehnte einen Antrag des großen Kurfürsten, zu fernerer Ausbildung auf dessen Kosten nach Italien zu reisen, aus unbekannten Gründen ab, und wählte nach seiner Rückkehr in die Vaterstadt Hamburg zum Aufenthalt, wo er von 1703 bis 1708 blieb und als Violinist im Orchester der Oper wirkte, und seine indeß Witwe gewordene Mutter nach Kräften unterstützte. Händel übernahm dann selbst die Leitung der Oper, brachte 1704 seine erste Tondichtung «Alinira» zur Aufführung, welche großen Beifall fand, ließ ihr bald noch andere Opern folgen und war so vom Glück begünstigt, daß er nun dem eigenen Wunsche folgen und frei und unabhängig dennoch nach Italien reisen konnte. In Florenz componirte Händel seine Oper «Nodrigo», in Venedig «Agrippina», welche 27 mal nach einander über die Bühne ging. Die berühmte Sängerin Vittorio Tcsi hob diese Aufführungen zum Entzücken oller Hörer. Händel reiste nun noch noch Nom und Neopel, com- ponirte fortwährend, knüpfte die ongenehmsten Bekonnt- schostcn mit den größten Tonkünstlern Jtoliens on, und kehrte erst noch 6 Johren, mit Ruhm gekrönt und mit einem gefeierten Nomen, noch Dcutschlond zurück. Er wondte stch noch Honnvoer, wo der Kurfürst ihn mit einer Besoldung von 1800 Theilern einstellte und zu seinem Kopellmcistcr crnonnte, olS Stcffoin, der ous einem tüchtigen Musiker ein nicht minder tüchtiger Di- plomot wurde, die vor Händel bekleidete Stelle niederlegte. Mit ttrloub von seinem Gebieter ging Händel 1710 noch London, componirtc dort die Oper «Rinoldo», verweilte ein Johr in London und wor ouch noch seiner Rückkehr noch Honnovcr unonSgcsetzt musikolisch thätig, doch übte London ouf dos Gemüth deS begeisterten Künstlers eine so mächtige Anzichungskroft, doß er obcrmolS um ttrloub zu einer Reise noch Englond nochsnchte. Er erhielt ouch dicseir, und blieb nun Dentschlond für immer entzogen, zumol sein Gebieter ols Georg l. den Thron von Englond bestieg und — obschon eine Verstimmung ftottgefunden hotte — Händel jetzt einen Geholt von 400 Pf. Sterling ous- setzte, ihn ouch mit einer Zulogc von noch 200 Pfund zum Mustklehrer der königl. Prinzen crnonnte. Die gewöhnliche» Cobolen, welche Englond oder vielmehr London stets den deutschen Künstlern entgegenstellen, besiegte Händel onfongs mit Leichtigkeit, denn nicmond erreichte ihn oder kom ihm gleich, geschweige doß ein nndcrer ihn übcrtroffen hätte; ober dennoch blieb sein Leben nicht ohne verbitternde Kämpfe, die ihm eifersüchtige itolienische Componistcn, eigensinnige wälschc Sängerinnen und eingebildete räukcvolle Sänger bereiteten. Unter ven ersteren und letzteren zumol woren große Nomen, Porporo, der gefeierte Componist, Hoydn's Lehrer, und der unübertreffliche Formell! (Corlo Broschi) und diese Kämpfe zogen Händel nicht nur Verluste des Vermögens, sondern selbst Trübungen des Geistes zu, weil eS ihm nicht gclong, sich ou der Spitze einer Opcrnunternehmung, betitelt: Königliche Acodemie der Musik, zu behouptcn. Er bckom sogor in Folge der monnichfochen Aufregungen einen Schlogonfoll und mußte die Hülfe eines Heilbodes suchen. Händel wählte Aochen, und die Quellen dieser ältest berühmten deutschen Bäderstodt übten gleichsom on ihm ein Wunder. Er genos und vermochte in einem feurigen, begeisterten Orgelspiel dem Urquell ollen Lebens seinen Donk ous- zuströmen. Händel kehrte noch London zurück und wor dort immer »och, getrieben vom Geist des Schofsens, für die Bühne thätig, doch mit nur geringem Glück, wos nicht on seinen Werken, sondern in ondcrn äußern Verhältnissen log. Händel eomponirte nicht weniger ols 45 Opern und 26 Orotorien, und letztere, denen er endlich und ousschließlich seine schöpferische Thätigkeit zuwondtc und von denen nomcntlich «Atholio», «Esther», «Deboroh», dos «Aleronderfcst», «Soul», der «Mcs- sios», «Somson», neben vielen ondcrn herrlichen Ton- stücken, die Diomontcn in der Krone von Händel's Meisterschoft bilden — begründeten ihm den ewigen Nochruhm, wenn dieselben ouch nicht gleich olle sich plötzlich glänzende Bohn brochen. Im Winter 1742 onf 1745 erkronkte Händel von neuem, holte sich wieder in den Hcilbrunnen von Aochen Genesung, kehrte zurück und schuf obermols eine Reihe bewunderter Werke, unter denen «Susonno», «Vcl- sozor», «Herkules», «Judos Mokkobäus», «Jephtho», «Aleronder Belus», «Joseph», «Solvmon», die bedeutendsten — bis ihn im Johre 1771 dos Unglück trof, om schworzen Stoor zu erblinden, welches er ocht Johre trug, bis er on einem Chorfreitoge im 76. Johre seines Alters vollendete. Händel's Choroktcr wor männlich, fest und entschieden, ober dobei wohlwollend, tief religiös und wohlthätig. Er wor einer der größten Meister im Clovicrspiel; ouf der Orgel übertrof ihn keiner und nur wenige komen ihm gleich im spielen dieses erho- bcusten oller Instrumente, wie ouch ols Componistcn nur wenige on ihn hinonreichen, besonders im Ornto- rinm, do in der Oper der mnsikolische Geschmock dem Wechsel und den Zeitrichtungen mehr unterworfen ist. Händel's Chöre sind völlig unübertroffen. Der unsterbliche Meister wurde in der Wcstminster- obtci begruben und ihm ein großes figurcnreichcs ollego- risches Mormormonumcnt errichtet. Viele Gedächtniß- feiern wurden dem Heros der Musik zu Ehren begnügen; jo noch in neuester Zeit wurde zu Fronk- furt o. M. ein fost vergessenes Werk Händel's: dos Orotorium «Allegro und Ponsioroso» von einem mu- sikolischen Vereine glänzend zur Aufführung gcbrocht — und voll treuer Pietät dos Andenken on den Unsterblichen erneut. Samuel Christian Friedrich Hahnemann. Geb. d. 10. April 1755, gest. d. 2. Juli 1843. Der berühmte Erfinder und Begründer der Homöopathie wurde zu Meißen, Sohn eines schlichten Porcellanmalers, geboren, und benutzte erst die Stadt- dann die Fürstenschule seiner Vaterstadt zu seiner Ausbildung, hatte aber mit Kränklichkeit viel zu kämpfen. Da die Mittel des Vaters es nicht erlaubten, den Sohn, der sich durch rühmlichen Fleiß auszeichnete, fortstudiren zu lassen, so unterstützten die Lehrer den jungen fähigen Schüler, und es wurde dennoch möglich, daß Hahnemann 1775 nach Leipzig abging, um dort Medicin zu studiren. Er that dies unter fortdauerndem Druck der Dürftigkeit, fristete sich durck Stundengeben, ging, um eine Klinik zu besuchen, 1777 nach Wien, konnte aber auch dort nur 9 Monate wegen Geldmangel ausdauern. Gleichwohl fand sein Streben und seine Begabung Anerkennung; der k. k. Leibarzt von Quarin nahm Hahnemann in seinen besondern Schutz, beschäftigte ihn bei seinen Privatkranken, und dann berief der Gouverneur von Siebenbürgen, Baron von Bruckenthal, auf gute Empfehlung hin, ihn zum Leibarzt und Bibliothekar in Hermannstadt. Dort boten theils ärztliche Praxis, theils treffliche Sammlungen des Statthalters an Büchern und Münzen reiche Belehrung. Nach einem Aufenthalte von 2 Jahren zog es indeß Hahnemann doch wieder nach Deutschland zurück: er hörte noch einmal medicinische Vorlesungen in Erlangen, schrieb dort seine Inauguraldissertation, ging dann in das Mansfeldische und 1781 nach Dessau, wo er prakticirte, und sich viel mit Chemie und Pharmacie beschäftigte. Lange vorher, ehe xr mit seiner neuen Heilmethode und Hcilmittellehre auftrat, war er schon den Chemikern und Pharmaceuten Vortheilhaft bekannt, so z. B. durch die Erfindung eines salpetersauern Queck- silberpräparatcs, des nach ihm benannten ölercurius solubilm Ilalinsmslini, und durch sein an sich brauchbares Apothekerlerikon, darin er nur bei den Pflanzennamen sich der Seltsamkeit bediente, verschiedene Namen einer und derselben Pflanze in ein Wort zusammenzuziehen, was sehr häufig an das abgeschmackte streifte. Hahnemann heirathete auch die Stieftochter eines Apothekers, wurde Physikus zu Gommern bei Magdeburg, fand sich aber daselbst nicht heimisch, und zog 1784 »ach Dresden, wo er abermals und nicht ohne Gluck und Verdienst als praktischer Arzt wirkte. Gleichwohl verleidete ihm mancherlei die ärztliche Praris, er gab sie auf und zog 178!) nach Leipzig, wo er fortgesetzten wissenschaftlichen Studien oblag und sich vorzugsweise mit Chemie und Schriftstellerei beschäftigte. Zahlreiche größere und kleinere Werke erschienen von ihm und gaben ihn als ein vielseitiges Talent kund; er verschmähte es nicht, selbst den Uebersetzer französischer Werke über Ligneur- und Essigfabrikation abzugeben, übersetzte aus dem Italienischen ein Buch über die Kunst Wein zu bereiten, und ließ einer Untersuchung über Natur und Kur der Lungenschwindsucht — eine Geschichte von Abälard und Heloise — vorhergehen. Ueber Ackerbau und LIateria moclioa, Pscrdearzncikunde und Balneographie, Physiologie und Pharmokopöcn gingen Werke aus des fleißigen Mannes Feder hervor. Die kl.'itoria moclioa war es vornehmlich, die ihn endlich zu der durch ihn zuerst bekannt gemachten Entdeckung führte, daß ein Arzneimittel die Krankheit erzeugen könne, die es heilt, und diese Erfahrung soll eine eingenommene starke Dosis Chinarinde hervorgerufen haben. Es ist um diesen Erfahrungssatz schon a priori etwas mißliches, denn unbedingt heilt nicht China jedes Fieber, und man giebt sie nicht in jedem, und noch viel weniger ruft China in jedem Individuum Fieber hervor. Trotz alledcm baute Hahnemann auf seinen Wahrnehmungen weiter, machte Versuche auf Versuche an sich, übte sie mit Erfolg bei andern, kurirte unter andern zu Georgenthal bei Gotha den durch das Schandbuch «Barth mit der eisernen Stirne» wahnsinnig gewordenen Klockenbring, und machte dadurch vieles Aufsehen. Von Georgenthal zog Hahnemann nach Walschleben, dann nach Pyrmont, nach Braunschweig, nach KönigSlutter, und vermochte überall nicht der verlockenden Neigung zu widerstehen, nach mittelalterlicher Weise, die sich aber in Thüringen namentlich bis zur neuesten Zei^ erhielt, selbst Arzeneien, versteht sich sclbstbereitete, zu verabreichen, was ihm allseits den Zorn der privilegirten Apotheker, und der Aerzte, die sich, bestehenden Gesetzen zu Folge, dieses nicht unterfangen durften, zuzog. Hahnemann nahm nach einander später zu Hamburg, zu Altona, zu Eilenburg, zu Wittenbcrg, zu Torgau und wieder zu Leipzig, Aufenthalt, und trat nun mit der nach und nach von ihm ausgebildeten Heilmethode öffentlich auf. Es verginge» indeß Jahrzehnte, ehe in die deutschen Apotheken ein Gedanke der homöopathischen Lehre drang, draußen ließ man die Gelehrten sich darüber streiten. Man verlachte diese Lehre und hielt sich an die großen Gläser, Pillen- und Pulverschachteln. Und statt mit gründlicher Wisscnschaftlichkeit der Lehre von der homöopathischen Heilart entgegen zu treten, wurde sie mit der unwürdigsten Gemeinheit von vielen Gegnern bekämpft; nie kam in einer wissenschaftlichen Streitsache so viel starre Unduldsamkeit, so viel Ungeschliffenheit und Pöbelhaf- tigkeit zu Tage, als in den gegenseitigen Parteischriften der Allopathen und Homöopathen, und es genügte vollkommen, zwei zu lesen, um an allen übergenug zu haben. Hahnemann's Hauptwerk führte den Titel: «Organon der rationellen Heilkunde», und erschien 1810. Es erlebte binnen 10 Jahren -4 Auflagen, und wurde in mehrere fremde Sprachen übersetzt, ebenso die «Reine Arzneimittellehre», Dresden 1811 —1821. 6 Theile. Die neue Heilmethode gewann sich viele, und sehr befähigte Jünger, sie beeinträchtigte aber freilich das bisherige ganze Apothekerwesen, das sich naturgemäß gegen sie erhob, überall Verbote des Selbstdispensirens auch der homöopathischen Aerzte hervorrief, und dadurch deren Thätigkeit ebenso hemmte, wie die Hahnemann's in Leipzig selbst. Da rief ihn aus dem gebotenen Stillstand seiner umfassenden Praris der Herzog Ferdinand zu Anhalt-Köthen in seine Residenz, und dort fand nun Hahnemann und seine Kunst eine schöne Freistätte. Mit dieser.Kunst und Lehre war es Hahnemann ein heiliger Ernst, er verdiente nicht die Schmähungen seiner Gegner, sein strebender Geist forschte eifrig fort und bereicherte die Wissenschaft noch mit mancher neuen wichtigen Entdeckung. Am 10. August 1829 wurde Hahnemann's Doctorjubiläum feierlich begangen, es wurde eine homöopathische Gesellschaft gegründet, und Hahnemann zu Ehren 1833 in Leipzig eine homöopathische Heilanstalt. Jetzt gehen in Deutschland die alte und die neue Lehre ziemlich friedlich neben einander, und auch für die beibehaltene alte bewirkte die neue das Gute einfacheren Heilverfahrens, einfacherer Arzneimiitelgaben. In Amerika überwiegt die Homöopathie aus natürlichen Gründen. Hahnemann verhei- rathete sich noch als 79jähriger Greis mit einer jungen Französin, zog nach Paris und beschloß daselbst seine Tage im hohen Alter. Seine Verehrer, Schüler und Anhänger — darunter viele tüchtige und würdige Männer — haben ihm in den Anlagen Leipzigs ein Denkmal errichtet. Friedrich von Hagedorn. Geb. d. 22. April 1708, gest. d. 28. Oct. 1754. Ein Dichter von großer Fruchtbarkeit, Begabung und Liebenswürdigkeit des Charakters, dem es gelang, sich fast allbeliebt zu machen. Hagedorn entstammte einer alten Adelsfamilie Dänemarks; sein Vater, Hans Stats v. Hagedorn, war königlich dänischer Staats- und Konferenz-Rath und hatte als dänischer Resident für den niedersächsischen Kreis seinen Wohnort zu Hamburg aufgeschlagen. Dort wurde ihm der Sohn Friedrich geboren, der eine ausgezeichnete Erziehung empfing und diese durch seine Fähigkeiten wie durch seinen Fleiß verdiente. Leider kam der Vater in seinen Vcrmögens- umständen durch allerlei llnglücksfälle zurück und starb, als Friedrich erst Jahre zählte. Die Mutter ließ den Sohn nebst besten jüngerem Bruder Christian Ludwig das Gymnasium zu Hamburg besuchen, von wo aus Friedrich nach Jena ging, um sich dort dem Ncchtsstudium zu widmen. Im Jahre 1729 hatte Hagedorn ausstudirt, ging nach der Heimath zurück und fand bald eine günstige Stellung als Privat- sccretair beim dänischen Gesandten in London, Freiherr» von Söhlcnthal. Er eignete sich mit Leichtigkeit die Kenntniß des englischen an, wie er auch schon in französischer und italienischer Sprache selbst kleine Dichtungen versucht hatte, und hoffte einem Posten in Dänemark entgegen, der sich ihm aber nicht aufthat. Aus Geldverlegenheiten, in welche die beschränkte Lage seiner Mutter und die eigene ihn brachte, befreite ihn endlich eine Anstellung in Hamburg, im englischen Hause, einer Handelsgesellschaft, die ihre Arbeiter nicht so kärglich lohnte, als manche deutsche Staatsregicrung die ihrigen. Hagedorn vcrheirathcte sich und lebte nun, da ihm sein Geschäft gute Muße vergönnte, dem Genuß des Lesens, Dichtens und der Freundschaft, durch welche Genüsse sein Leben im Bunde mit einer zwar nicht schönen, aber seelenguten Frau völlig beglückt wurde. Hagedorn war einer der wenigen glücklichen Dichter, denen die Gabe geworden, glücklich zu sein und andere glücklich zu machen, Heiterkeit und Frohsinn um sich her zu verbreiten, das saucrsehen der geborenen Grämlinge nicht zu achten; es war eine hellenisch-anakreontische Natur, und neben dem, daß er lebenslustig, munter, aufgeräumt, neckisch, witzig und jovial war, war er auch weich und mild, im hohen Grade human, genügsam und voll der rührendsten Bescheidenheit. Hagedorn stand als Dichter in einer Zeit, die eS etwas schwerer machte, als die Gegenwart, Dichterlorbcercu zu pflücken und Anerkennung zu finden; da galt es noch den Kampf mit Ungeschmack und Schwulst, mit Gott- schedischcr Gespreiztheit und Bodmerischer Unduldsamkeit. Gern verzichtete der von der Muse beglückte Jünger Apoll's auf den Titel eines Gelehrten, denn Fachgelehrter war er nicht, wollte er nicht sein und nicht heißen; indeß war Hagedorn äußerst belesen und hatte viele Neigung, diese Vclesenheit in seinen Schriften kund zu geben. Während andere Dichter es ganz verschmähen, sich alles sie anziehende aufzuzeichnen, glich Hagedorn darin Jean Paul Friedrich Richter, daß er sich mit Zetteln und Blättern trug und gern das fremde sich geistig aneignete und zu nutze machte. Auch liebte er, mit großer Strenge seine eigenen Poesien zu feilen, und erwarb sich von den geachtetsten Zeitgenossen das Lob besonderer Feinheit des Geschmackes, der Richtigkeit der Sprache und der sittlichen Reinheit des Inhaltes seiner Dichtungen, mit Ausnahme launiger, nur für engere Freundeskreise bestimmter poetischer Einfälle und Gedanken. Bei seinem ersten litcrarischen Auftreten bctheiligtc sich Hagedorn an Zeitschriften; nach der Rückkehr von Jena erschienen von ihm «Versuche einiger Gedichte oder erlesene Proben poetischer Ncbenstundcn, 1729», bei deren Inhalt noch das ringen mit Form und Ausdruck und der noch wenig gehobene Geschmack jener Zeit in den Vorgrund traten. Dieß fühlte wohl der Dichter selbst und schwieg lange, und erst 1738 gab er seinen «Versuch in poetischen Fabeln und Erzählungen» heraus. Die bescheidene Bezeichnung «Versuch» charakterisiert den Dichter vollkommen, er fühlte sich noch nicht fest und sicher, und dennoch hatte Deutschland von keinem seiner neuern Dichter bessere Fabeln erhalten. Den Fabeln ließ Hagedorn eine «Sammlung» vorher zerstreuter und einzelu gedruckter «neuer Oden und Lieder» 17-17 und 1750 «moralische Gedichte» folgen, welche 1752 neu ausgelegt mit einem zweiten Buche der Fabeln und mit «Sinngedichten» vermehrt wurden. In diesem Erscheinen seiner Poesien hielt der Dichter demnach genau das Horazische nonum prorrwtur in annum fest. Leider war dem liebenswürdigen und heitern Dichter kein langes Lebensziel gesteckt. Er wurde vom Podagra heimgesucht und von der Wassersucht befallen, und endete nach alle den Leiden, welche besonders die letztere furchtbare Krankheit herbeiführt, im 10. Jahre seines Lebens. Nach seinem Tode wurden seine sämmtlichen poetischen Werke neu aufgelegt, und 1800 gab Joachim Eschenburg dieselben mit deS Dichters Lebensbeschreibung und Charakteristik nebst Auszügen von dessen Briefwechsel in 5 Bänden nochmals heraus. Der Beifall, den Hagedorn als Dichter gesunden hatte, äußerte sich durch Aufnahme zahlreicher Poesien von ihm in Sammlungen, Jugcndschriften, Fabel- und Dcclamirbücher, durch Kompositionen, durch Nebersetzungen in das französische, ja sogar in das lateinische; mehrfach auch wurde sein Bildniß gestochen. Auch Hagedorn's Bruder, Christian Ludwig, war Künstler geworden, nur auf einem andern Gebiete; aber er war von gleicher Bescheidenheit wie der Bruder. Er wurde ausübender Kupferstecher und Kunsischrift- stcllcr, und sowohl was er über seine Kunst schrieb, als auch die Erzeugnisse seiner Radiernadel fanden den Beifall der Kenner. Er starb 1780. Albrecht von Haller. Geb. d. 16. Oct. 1708, gest. d. 12. Dez. 1777. Ein großer, weitgepriesener Name; Haller war groß von Charakter und ist seines ausgebreiteten Ruhmes würdig als Dichter, als Philosoph, als Arzt und Naturforscher, als Mathematiker und Historiker. Haller wurde als der jüngste Sohn eines Rechts- anwaltes zu Bern geboren, Sprößling eines wohlhabenden und angesehenen Patriciergeschlechts. Als Knabe war er schwächlich, in sich verschlossen, aber wißbegierig, und das Lernen wurde ihm leicht. Frühzeitig that er sich in allen Fächern der Gelehrsamkeit um, und auch die Poesie wurde ihm schon im zarten Lebensalter eine Freundin und Trösterin, wie sie ihm bereits im zehnten Jahre die Waffen gab gegen die Pedanterie eines Lehrers. Haller, der im 13. Jahre seinen Vater verlor, besuchte die Gymnasien zu Bern und Viel, studirte dann 1723—25 in Tübingen Arzneikunde, und bezog im letzteren Jahre die Hochschule Leydcn, wo Boerhaave und Älbinus als Lehrer glänzten. Diesen großen Aerzten und Anatomen strebte Haller mit Eifer nach, Anatomie und Botanik zogen ihn vorzugsweise an, obschon ein kurzes Gesicht ihm das Studium der letzteren merklich erschwerte. Befreundet mit den größten Aerzten Hollands begab sich Haller 1726 von Leyden aus, nachdem er Doctor der Medicin geworden war, nach London und Orsord, knüpfte dort Bekanntschaft mit berühmten Männern an, wie Douglaß, Hans Sloanc, dem Begründer des britischen Museums, dann in Paris mit dem größten Anatomen des Jahrhunderts, Wins- low, hierauf in Basel mit dem gefeierten Mathematiker Bernoulli. Mit dem größten Eifer widmete sich Haller jetzt dem Studium der Mathematik und gleichzeitig erfaßte er mit glühender Vorliebe die Botanik, welche er auf weltumfassenden Alpenreisen pflegte. Er gab der Wissenschaft zuerst eine gründliche Schweizer-Flora und feierte der Alpen Pracht und Herrlichkeit in einem philosophisch-moralischen Gedicht von unvergänglicher Schönheit, in welchem er zugleich der verkannten deutschen Poesie ihre Ebenbürtigkeit gegenüber der von vielen vorgezogenen englischen, die in der Mode war, erkämpfte. Wenn auch Haller's in zehnzeiligen Aleran- driner-Strophen gedichtete Alpen noch an seine nächsten Vorbilder, an Lohen stein und Brockes erinnern, und Schwerfälligkeit der sprachlichen Wendungen wie «»poetische Ausdrücke in diesem Gedicht uns auffallen, so haben wir darin Mangel der Zeit zu erkennen, in welcher Halber dichtete; die deutsche Poesie hatte sich von ihrer Vorliebe für die Allegorie, für ein Uebermaß von Bildern und Vergleichungcn noch so wenig als von den Traditionen eines einförmig schleppenden Versbaues frei gemacht. Halter war wahrhaft bescheiden, so daß er, so viel er auch gedichtet hat, und so großen Beifall auch seine didaktischen und lyrischen Gedichte bei den Zeitgenossen fanden, diese in späteren Jahren selbst nicht sehr hoch stellte. Auch im Roman versuchte er sich, noch dazu im politischen und geschichtlichen, und stellte in seinem Usony die Vorzüge der Herrschaft eines unumschränkten aber tugendhaften und einsichtsvollen Monarchen dar. Als Philosoph und Kritiker lieferte Hakler selbstständigc Abhandlungen sowie ungcmcin viele Beiträge in Zeitschriften. Nachdem er von seinen botanischen Reise» 1729 in seine Vaterstadt zurückgekehrt war und dort als ausübender Arzt in glücklicher Thätigkeit wirkte, wurde ihm, während sein Ruhm Europa überflog, die nachgesuchte Stelle am dortigen Jnselhospital verweigert, weil er ein — Dichter sei. Halter suchte um eine Professur der Beredsamkeit nach, und wurde abschläglich beschicken, weil er ein — A>rzt sei. Doch gelang ihm endlich 1731 die Einrichtung eines anatomischen Theaters in Bern, an dem er unentgeltlich öffentliche Vorlesungen hielt; auch übertrug man ihm die Leitung der Stadtbibliothek. Mittlerweile strömten ihm Ehrenbezeugungen und Ancrbietungcn vom Ausland zu; und unter diesen war der Ruf an die ncubegründete Hochschule Göttingen als Professor der Arzncikunde, Anatomie und Botanik so glänzend, daß Halter ihm 1736 Folge leistete. Dort verlor er bald und rasch hintereinander die geliebte noch junge Gattin und den erstgeborenen Sohn; — nur das ernste Vertiefen in die Wissenschaft konnte die Wunden seines Herzens heilen. Halter wurde das leuchtende Gestirn der jungen Georgia Augusta; er wurde Göttingens Bocrhaavc. 'Auch dort begründete er ein anatomisches Theater, richtete den botanischen Garten ein, entwarf den Plan zur Societät der Wissenschaften, welche er als Präsident 1731 eröffnete, lehrte und schrieb mit unermüdlicher Ausdauer, wurde fast von allen gelehrten Gesellschaften und Akademien Europas zum Mitglied und vom König zum königlich grvßbritannischen Leibmedicus, Hosrath und endlich zum Staatsrath ernannt. Der Kaiser erhob ihn mit allen Nachkommen in den Reichsadclstand. Neue Berufungen nach Utrecht, nach Orfvrd, nach Berlin, schlug er aus. Seine Vaterstadt, welche Halter 1715 besuchte, ehrte nun ihren berühmtesten Sohn durch die Ernennung zum Mitgliede des großen Rathes, und zum Amman», was ihm erwünscht war, denn er sehnte sich nach einem minder beschäftigten Wirkungskreise und aus vielfachen Anfeindungen und Kabalen heraus. Im Jahre 1753 zog Halter wieder nach Bern, behielt seine akademische Pension und seine Präsidentenstelle bei der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, wurde mit gutem Gehalt Direktor schweizerischer Salinen, und mit noch manchen Ehrenämtern betraut. Bis zu seinem Tode blieb Halter wirksam und thätig nach unendlich vielen Richtungen hin, ein treuer und liebevoller Familienvater, ein Mann voll Religion und vom gediegensten Charakter. Die rühmende Stimme der Nachwelt hat Halter einen zweiten Leibnitz genannt, und universelle Kenntniß, gediegener Fleiß und hohe Begabung stellen ihn diesem allerdings würdig zur Seite. Karl August Fürst von Hardenberg. Geb. d. 31. Mai 1750, gest. d. 26. Nov. 1822. Fürst von Hardenberg ist als Staatsmann und achter- deutscher Patriot hochberühmt und lebt im Andenken der dankbaren Nachwelt fort. Er war mit hohem Vertrauen beehrt, und, indem er demselben aus das vollkommendste entsprach, so glücklich, neben der Fürsten- gunst auch die Gunst des Volkes zu besitzen, dessen Wünschen und Verlangen er fleißig Rechnung trug. So wandelte der bedeutende Mann eine der glänzendsten Laufbahnen auf dem glatten und gefährlichen Boden der Diplomatie und der höheren Staatskunst. Erstgeborener Sprößling eines alten Braunschweigi- schen Geschlechtes, dessen Stammburg bei Nörten, nicht weit von Göttingen stand, und dessen Ruhm schier dem der Dalberge gleich kam, wurde der Freiherr K. A. v. Hardenberg zu Essenrode geboren, dessen Vater als Feldherr unter dem berühmten Herzog Ferdinand in hohen Ehren stand und als Hannoverscher Feldmarschall endete. Der Sohn empfing eine gediegene Erziehung und machte, nachdem er in Göttingen und Leipzig studirt, als talentreicher Schüler Pütter's, der schon dem jungen Aeademiker ein günstiges Prognostikon stellte, seinen Weg durch die cameralistisch-juristischen Kollegien, bis er diese verließ, k773 auf Reisen ging, und sich auf diesen noch mehr feinen Weltton, höfische Sitte, und jene diplomatische Gewandtheit zu eigen machte, ohne welche ein großer und bedeutender Weg in Staatsämtcrn nicht zu wandeln ist. Besonders war es Wetzlar, welches durch die vom Kaiser Joseph angeordnete Visitation des Reichskammergerichts bildend und fördernd auf v. Hardenberg einwirkte, weil es gleichsam als eine hohe Schule betrachtet wurde, auf der durch den Einblick in die verwickelten Rechtsverhältnisse des deutschen Reiches und seiner zahlreichen Regierungen Einsicht gewonnen und der staatsmännische Blick geschärft werden konnte. Von da ging v. Hardenberg nach Regensburg zum Reichstag, um gleichen Zweck, den seiner staatsmännischen Ausbildung, dort mit gleichem Glück zu verfolgen, und wandte sich dann nach Berlin, um auch dort die neuen Staatseinrichtungcn kennen zu lernen, mit welchen Friedrich der Große seine Regentenweisheit beurkundete. In die Hcimath zurückgekehrt, wurde v. Hardenberg 1778 geheimer Kammerrath zu Hannover und öfters zu diplomatischen Sendungen nach England verwendet, bis er in Folge eines Zwistes mit dem Prinzen von Wales seine Stelle 1782 niederlegte und in die Dienste des Herzogs Karl Wilhelm von Brannschweig trat, der ihn sogleich als wirklichen geheimen Rath tu sein Ministerium berief. Friedrich der Große, welcher sein Testament in die Hände des Herzogs von Braunschweig niedergelegt hatte, starb, und v. Hardenberg wurde 1787 von seinem Gebieter beauftragt, dieß dem königlichen Nachfolger zu überbringen; diese Reise entschied das künftige Geschick des einem großen Berufe entgegen gehenden Mannes. König Friedrich Wilhelm II. von Preußen fand hohes Wohlgefallen an dem jugendlichen, körperlich schönen und geistig hochgebildeten jungen Staatsmann, und gewann ihn für seine Dienste, indem er sich denselben vom Herzog von Brannschweig erbat, und ihn vorläufig zum Minister des Markgrafen von Ansbach und Vaireuth bestimmte, welcher damit umging, der Regierung zu entsagen und die Lande an Preußen abzutreten. Sobald dieses Staatsgeschäft abgeschlossen war, was schon nach wenigen Monaten erfolgte, trat v. Har- dcnberg in den preußischen Staatsrath, wurde wirklicher geheimer Staats-, Kriegs- und dirigirender Minister, und nahm 1792 an des Königs Statt die Huldigung der neugewonnenen markgräflichen Fürsten- thümer an, und organifirte dieselben nach preußischem Modus. Bald darauf wurde er Cabinetsminister mit Sitz und Stimme im Cabiuetsministerium und mit den wichtigsten Aufträgen betraut, zu denen auch der Friedens- abschlufi mit der französischen Republik vom 5. April 1795 gehörte, nach welchem v. Hardenberg den schwarzen Adlerordcn empfing. Die Thätigkeit des Ministers Freiherr» von Hardenberg war eine ungcmcin große; er brachte eine Menge verwickelter Grcnzstreitigkciten in Ordnung, erhielt außer der Sorge für die fränkischen Provinzen auch die über daS Magdcburg-Halberstädtische Departement, wie über das von Wcstphalcn und Rens- chatel übertragen, trat später nnter König Friedrich Wilhelm III. an die Spitze des Departements des Auswärtigen und ricth in Folge der Kriegsbegebenheiten zu einem Anschluß Preußens an Rußland und Oesterreich, gegenüber einer Partei im Cabiuet, die für den Anschluß a» Frankreich stimmte. Die letztere Partei siegte, und Hardenberg nahm 1806 unbestimmten Urlaub, indem er sich auf sein Landgut zurückzog, doch übernahm er 1807 auf den ausdrücklichen Wunsch Kaiser Alexanders von neuem das Portefeuille, gab es aber nach dem Frieden von Tilsit abermals zurück, und lebte einige Jahre frei von aller Last der Staatsgeschäfte. Aber im Jahre 1810 ernannte ihn der König zum Staatskanzler, und so begann Hardenberg die Wirksamkeit, die ihn im Cabinet so wichtig, und im Volke so beliebt machte. Es galt zunächst die Be- ! seitigung zahlreicher mangelhafter Staatseinrichtungen, ! freiere Ausbildung des Nationalwohlstandcs, Nieder- reißung der Hemmungen desselben, und sollte der Staat sich erkräftigen, um sich ermannen zu können, so mußte rasch geschehen, was geschehen sollte. Die Leibeigenschaft, der unnatürliche Dienstzwang, Frvhuwesen und Vorspaunpflichtigkeit, Steuerfreiheit des Adels, Mahl- und Tranksteuer, und so viele andere das Staatsschiff beschwerende Lasten waren über Bord zuwerfen, wenn es flott werden sollte, ebenso Zunftwesen, Monopole, Werbcsystem, entehrende Militairstrafeu u. dgl. In alle diesem war durch das Ministerium von Stein bedeutend vorgearbeitet worden, und von Hardenberg trat mit Muth und Eifer in des großen Vorgängers Fußtapfen, und bewirkte in Gesetzgebung, Politik und Staatsverwaltung die mächtigsten Reformen, in denen er mit bewußtem Geist den Forderungen der Zeit und Gesellschaft volle Rechnung trug. Besonders auch gegen Standesvorurtheile und Bevorzugung pri- vilegirter Kasten richteten sich mit die Anordnungen des großen Staatsmannes, und da konnte es freilich nicht fehlen, daß diese und jene Parteien den Schöpfer so bedeutender Umwandlungen — welcher stets uiit Treue und Hingebung an seinem Könige hing, 1814 den Pariser Frieden mit unterzeichnet hatte, und zum Lohne seiner dem Staate so höchst ersprießlichen Dienste in den Fürsten stand erhoben worden war — mit mißliebigen Augen anblickten und ihn der Demagogie beschuldigten, während andererseits ven Schreiern nach Vvlksfreiheit, nach Verfassung und nach allen möglichen volkssouverainlichen Rechten noch lange nicht genug geschah, wohl aber übel genug Saaten der Unzufriedenheit durch Hetzer und Wühler gesäet wurden. Unbeirrt durch alles das ging unter einem frommen und gerechten König und der Leitung eines der einsichtsvollsten Staatsmänner, den würdige Kräfte unterstützten, die Entwickelung des preußischen Staatslebcns ihre» gemessenen Weiterschritt — zur Höhe einer europäischen Großmacht. , Der Fürst Staatskanzler wurde 1818 Präsident des neuerrichteteu StaatSrathes, und nahm Theil an allen Congresscn und wichtigen Verhandlungen mit den übrigen Mächten in Aachen, Carlsbad, Wien, Troppau, Laibach und Verona, und feierte noch am 17. November 1822 das 25jährige Regierungsjubiläum seines Königs in Verona mit, brach dann zu einer Vergnügungsreise in das nördliche Italien auf, erkrankte am 17. zu Pavia, und endete am 26. in Genua sein thätiges und segensreiches Leben, in dem er nach derjenigen Freiheit strebte, die allein das Wohl der Staaten fördern kann, nach der Freiheit des Rechtes und edler Sitte. Joseph Haydn. Geb. d. .31. März 1731, gest. d. Mai 1809. Der liebenswürdigste, volksthümlichste und neben Mozart der zartfühlendste aller deutschen Tondichter, der aus dem engen und beschränkten Lebenskreise eines Dorfhandwerkers und aus einer Ueberzahl von Kindern einer und derselben Familie heraustrat, um eine Bahn voll Ruhm zu wandeln und auf dieser die Höhe auch der irdischen Unsterblichkeit zu erreichen. Haydn wurde in Rohr au an der Leitha, unfern der ungarischen Grenze geboren, zeigte früh musikalische Anlage und wurde von einem Verwandten, welcher Schulmeister im Städtchen Haimburg war, neben dem gewöhnlichen Unterricht der Knabenschule auch in der Musik unterwiesen. Dort fand ihn bei einem Besuche der Hofeapellmcister Reutter aus Wien, welcher Knaben für das Singechor der Stephanskirche suchte; er entdeckte Anlage zum singen in dem achtjährigen Joseph Haydn und nahm ihn mit sich nach Wien. Hier brachte guter musikalischer Unterricht den jungen Sänger bald weiter, Gesang und Instrumente wurden fortgeübt, Komposition auch schon, doch ohne Glück versucht, bis mit dem 16. Jahre Haydn's Stimme brach und er aus dem Singechor entlasten werden mußte. Die rauhe Schule des Lebens that sich ihm jetzt auf; kümmerlich mußte der Arme sein Leben eine Zeitlang fristen, in untergeordneten Orchestern untergeordnete Stellung einnehmen, bei Ständchen mitwirken oder mit andern armen Straßenmusikanten von Haus zu HauS ziehen. In Joseph Haydn aber lebte eine Künstlerscelc, heiteres Gemüth, natürlicher Frohsinn und treuer Eifer — dieß förderte ihn und brachte ihn weiter; theoretisches Studium Mattheson'S und Furens, praktisches der gediegenen Werke eines Emanuel Bach u. A. hielten ihn fest auf der betretenen Bahn, die anfangs nicht ohne Dornen war. Haydn wohnte in dieser Erstlingperiode bei einem Theaterfriscur, Namens Kellner, dessen beiden Töchtern er Klavierunterricht ertheilte; die jüngere dieser Schwestern liebte er zärtlich, aber Härte der Aeltern oder ein Gelübde nöthigten dieses Mädchen den Schleier zu nehmen, was für Haydn die Quelle einer schweren Prüfung wurde, denn später heirathete er die ungeliebte ältere Schwester -— aus Dankbarkeit, wie man sagt, und die Ehe blieb ohne Liebe, ohne Kinder, ohne Glück, bis der Tod der Frau sie spät genug, erst 1800 — lös'tc. Durch Ncnkter wurde Haydn dem liebenswürdigen Dichter Metastaflo bekannt, der ihn seinem Freund, dem berühmten Mästro Porpora, dem «Patriarchen der Melodiken», empfahl. Porpora, als Künstler groß, aber herrisch und bequem, bediente sich Hapdn's, indem er sich von ihm bedienen ließ, und brauchte ihn bei seinen Unterrichtsstunden junger adeliger Damen zur Elavierbegleitung, die nicht immer ohne wälsche Schimpfreden und harte Worte ablief, gleichwohl war Por- pora's Unterricht und Lehrmethode für Haydn bildend und fördernd! auch kam letzterer durch ihn in höhere Kreise. Der Meister musieirte öfter bei dem Günstling der Kaiserin Maria Theresia, Prinz Joseph Hollandinus zu S. Hildburghansen, k. k. Generalfeldmarschall, mit Gluck, Wagenseil und andern Heroen der Tonkunst, und Haydn mußte accvmpagniren. In dieser Periode versuchte er sich auch in mancherlei Kompositionen, welche vielfach Beifall fanden, und ihm neben den Unterrichtsstunden, die er selbst ertheilte, einigen Unterhalt verschafften. Eine satprischc Oper: «der krumme Teufel», brachte ihm 24 Dukaten ein, in deren Besitz er sich ein Crösns dünkte. So gingen in einem halb beschränkten, halb genialen Künstlerleben die Jahre hin; auch ein Aemtchen erhielt Haydn, das ihm jährlich 60 Gulden einbrachte, er wurde Vorspieler bei den barmherzigen Brüdern, und mit 27 Jahren Musikdirektor des Grafen Morizin mit 200 Gulden Gehalt. Für diesen seinen, Musik im hohen Grade schätzenden Gebieter schrieb Haydn seine erste Symphonie in k). Leider führten die zerrütteten Vcrmögensverhältnisse des Grafen schon nach einem Jahre durch Auflösung von dessen Capelle eine Trennung herbei, doch empfahl der Graf seinen begabten Schützling dem Fürsten Esterhazy, der ihn 1760 als Kapellmeister mit 400 Gulden Gehalt anstellte. Jetzt entwickelte der Künstler seine großartige Thätigkeit, gründete seinen Weltruhm. Sein Gebieter wurde ihm Freund und Wohlthäter, stets mußte Haydn ihn begleiten. Die schöne Jahreszeit wurde immer zu Eisenstadt in Ungarn oder auf dem Stammsitz deS Fürsten zugebracht, und Haydn, welcher Kirchen-Concert und Opernmuflk zu leiten hatte, bewegte sich unbeirrt durch andere voll schöpferischer Kraft in dem Himmel der Tönewclt. In Fülle entströmte» seinem reichen Genius Messen und Kantaten, Oratorien und Concertstücke, Symphonien und Opern, Trio's und Omartett's. Dank und verehrende Liebe hielten Haydn durch dreißig Jahre im Dienst Fürst Esterhazy's, bis dessen 1796 erfolgender Tod dieses glückliche Verhältniß löste. Jetzt folgte der Künstler dem wiederholt an ihn ergehenden Ruf des berühmten deutschen Violinspielers Salomon nach Epgland, besuchte dieses Land von 1790 bis 1792, dann wieder 1794 bis 1796, und fand alle die gerechte Anerkennung, allen Ruhm und alle Ehren, mit denen das freie Volk der Britten bereitwillig auch das ausländische Talent feiert und zu würdigen versteht. Reicher Lohn an Ehre wie an Geld strömte dem deutschen Tönemeister zu, von England aus breitete erst recht sein Ruhm über Deutschland, über Europa die mächtigen Schwingen. In England entstand die Idee zu Haydn's Schöpfung, welche, in Wien ausgeführt, durch die Welt ging, wie ein Herold ihres Schöpfers; mit ebenso viel Glück componirte Haydn die Jahreszeiten. Der berühmte van Swieten leistete hülfreiche Hand bei den Texten. Hochgefeiert, gekrönt von Glück und Ehre, und hochbeglückt durch sich selbst, durch die unsterblichen Leistungen seiner Kunst trat Haydn in das höhere Alter. Wenige hatten in der Musik so viel geleistet wie er, sowohl nach Zähl, als nach Gehalt; ein christlich frommer, ein menschlich edler und ein kindlich reiner Geist durchwehte seine Werke, der Hauch des künstlerischen Genius belebte und adelte sie. In seinem melodieusen Liede: «Gott erhalte Franz den Kaiser!» schuf Haydn dem Lande Oesterreich ein Nationallied; die Anzahl seiner Kompositionen beläuft sich über 1340; alle voll Maaß und Schönheit, voll Einfachheit und Klarheit, voll Anmuth, Innigkeit und Tiefe. Haydn endete im 78. Lebensjahre nach den zahlreichsten Beweisen allgemeiner Anerkennung und Verehrung; seine Hülle ruht in Eisenstadt. Unverwelklich blüht der Kranz seines Nachruhms. Johann Peter Hebel. Geb. d. 11. März 1760, gest. d. 22. Sept. 1826. Hebel hat sich durch seine «allemannischen Gedichte» vor allen seinen übrigen Schriften bleibenden Nachruhm geschaffen. Er wurde im Dorfe Hausen, nahe bei Schopfheim in Baden, geboren. Der Vater war ein armer Gärtner und dem Sohne schien nur ein kärgliches Loos gefallen. Er mußte als Knabe, da er den Vater früh verlor, auf der Eisenhütte bei Hausen nebst seiner Mutter Kohlen tragen und sonstige geringe, aber mühsame Arbeiten verrichten. Doch war ihm vergönnt, die Dorfschule zu besuchen, wo er so gute Anlagen und Fähigkeiten zeigte, daß ein früherer Waffengefährte seines Vaters, ein invalider Unteroffizier, Namens Jselin, der den Fleiß des Knaben erfuhr, ihn zu sich nach Basel nahm, und ihn den Unterricht der dortigen Stadtschule genießen ließ. Mittlerweile starb Hebel's Matter, aber der ganz verwaiste Knabe fand einen neuen Wohlthäter an dem Kirchenrath Prauschcn in Karlsruhe, welcher sich seiner liebevoll annahm, ihn erst das Gymnasium zu Lörrach besuchen ließ, und später Sorge trug, daß Hebel eine Hochschule besuchen konnte. Hebel wählte Erlangen zum Ort seiner akademischen Studien, und die Theologie als deren Ziel. Er kam 1778 nach Erlangen, und bestand sein Candidatencramen nach zurückgelegtem akademischen Tricnnium sehr gut; bald auch bot sich eine willkommene Hauslehrcrstelle, und nun öffnete sich ihm mehr und mehr der Weg und die Aussicht zu einer schönen Lcbenslaufbahn, wie sie der kleine Kohlen- träger von der Hänfener Eisenhütte nie geahnet. Bereits 1783 wurde Hebel Lehrer an dem Gymnasium, das ihn selbst gebildet hatte, und die schöne Statur um Lörrach weckte die Poesie, die in seiner empfänglichen Seele schlummerte. Im Jahre 1791 wurde Hebel zum Lehrer am Karlsruher Gymnasium ernannt, und empfing zugleich die Stelle des Subdiaconus.an der Hofkirche daselbst, worauf er nach Verlauf mehrerer treugeführten Dienstjahre 1798 zum Professor und Oberlehrer aufrückte. Als solcher ließ er nun 1893 seine «allemannischen Gedichte» erscheinen, ein höchst glücklicher Wurf, denn einestheils verhalf die wahrhafte Begabung des Dichters im Bunde mit hoher Einfachheit, reizendster Naturschilderung und erschütternder Wahrheit in den Gedichten selbst, anderutheils das lieblich weiche und zum Gemüth innig sprechende des allemannischen Dialektes den allemannischen Gedichten zu lebhaftem Beifall und größtmöglichster Verbreitung. Die deutsche Dialektdichtnng war noch wenig angebaut, nur Johann Eonrad Grübcl, und später I. H. Voß hatten mit großem Glück, der erstere die nürnberger in scherzhaften Gedichten, der zweite die plattdeutsche Mundart in lieblichen Idyllen und Gedichten gleichsam zu verklären gesucht, und wohl mag Voß Hebel vorgeschwebt haben, obschon der letztere völlig selbststäudig auftrat, und ungleich mehr, als an neuere, an die schwäbischen Minnesinger erinnerte, denn eine gleiche Unbefangenheit und Naivität im Ausdruck, und die gleiche Zartheit der Empfindungen beseelte, wie jene, so auch die Dichtungen Hebels. Kaum zu zählen sind die spätern Auflagen derselben, und mehrere Schriftsteller haben sich auch die höchst undankbare Mühe gegeben, die allcmannischeu Gedichte in das Hochdeutsche zu übertragen, was geradezu den Farbenstaub vom Flügel des Sylsen, den Thau von der Blume, den zarten Dufthauch von der Herbstfrucht abstreifen heißt. Auch nachgeahmt wurde Hebel häufigst, ja jetzt ist wohl kein noch so kleines Ländchcn und Winkclchen in Deutschland, aus dem nicht sein Dialekt in einigen Verslein hervorzirpt. Der Sp r ach e mag damit ein Dienst geleistet sein, derPoesie sicherlich nicht; nicht jeder Dialekt eignet sich für die poetische Behandlung; es giebt in Deutschland Länder, deren Idiome und Dialekte von Natur unschön, grob und bäurisch klingen, was besonders von einigen nordfränkischcn Provinzen gilt, die nimmermehr sich für poetische Auffassung eignen. Im Jahre 1805 wurde Hebel badenscher Kirchcn- rath und 1808 Gymnasiumsdirektor. Im letzteren Jahre begründete und begann er seine beliebte Zeitschrift: «Der rheiuländische Hausfreund», der bis 1811 erschien und dann unter dem Titel «Rheinischer Hausfreund» durch die Jahre 1811 und 1815 fortgesetzt wurde. Ein Auszug aus der ersten dieser Schriften erschien 1811 unter dem Titel: «Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes», die Quintessenz desselben darbietend, und erlebte mehrere Auflagen. Vielen Epigonen in der volksthümlichen Schreibweise diente Hebel als Vor- und Musterbild, und es wäre wohlgethan, wenn eine noch ungleich größere Anzahl die edle Denk- und Schreibweise Hebel's zu erreichen gestrebt hätte, statt dem Volke mit Gemeinheiten zu schmeicheln, und zu wähnen, für das Volk sei auch die ungenießbarste Speise gut genug. Im Jahre 1809 wurde Hebel Mitglied der evangelischen Kirchen- und Prüfungskommission, 1811 Mitglied der evangelischen Kirchen-Ministerial-Sertion, endlich 1819 empfing er Rang und Titel eines Prälaten und 1820 das Comthurkrcuz des Zähringer Löwenordens, zugleich ertheilte ihm die theologische Facultät zu Heidelberg die theologische Doctorwürde. Hebel endete sein thätiges und verdienstvolles Leben im Hause eines vieljährigen Freundes, Namens Zeyher, dem berühmten Vorsteher des botanischen Gartens zu Schwctzingen, als er von einer nach Mannheim gemachten Reise in die Hcimath zurückkehren wollte. Ein Denkmal wurdcHebel im Hofgarten zu Karlsruhe errichtet. Friedrich Heinrich Ludwig, Prinz von Preussen. Geb. d. 18. Jan. 1726, gest. d. 3. Aug. 1802. Prinz Heinrich von Preußen! Mit diesem kurzen Namen prägt die Geschichte einen der heldenmüthigsten Sprößlinge des ruhmreichen Hohenzollernstammes in das Gedächtniß der Nachwelt. Er war König Friedrich Wilhelm I. von Preußen fünfter Prinz, und litt nicht minder wie seine Geschwister unter der harten Zucht seines strengen Vaters, deren Folgen nachhaltig an ihm bemerkbar blieben, wie sehr auch später und nach des Vaters 1740 erfolgtem Tode sein Geist noch zu glücklicher Entfaltung gedieh, und durch Freude am Schönen, an Kunst und Wissenschaft reiche Entschädigung für eine verkümmerte Jugend empfing. Im Jahre 1742 trat Prinz Heinrich in das Heer, machte als Oberster den Feldzug nach Mähren mit, half die Siegcsschlacht bei Czaslau schlagen, vertheidigte die Stadt Tabor heldenmüthig gegen Nadasty, und half nicht minder im Juni 1748 zu dem Siege bei Hohenfriedberg beitragen. Nach dem Friedensabschluß, der diesen Krieg beendete, konnte der Prinz sich wieder jenen hohen und schönen Neigungen widmen, die das Leben veredeln und schmücken. Von seinem großen Bruder innig geliebt, im geistvollen Umgänge sich bewegend, war der Prinz glücklich in der Pflege schöner Künste, über denen er aber fortgesetzte strategische Studien nicht hintcnansetzte. Dazu kam nach der Wahl des Herzens eine glückliche Vermählung mit Prinzessin Wilhel mine, Tochter des Prinzen Maximilian von Hessen- Kassel, am 28. Juni 1732, bei der des Prinzen Herz anfangs seine volle Befriedigung fand. Ein Palast in der Hauptstadt und die romantische Burg Rheinsberg, durch Friedrichs II. Aufenthalt in seinen Kronprinzenjahren für immer geweiht, waren Prinz Heinrich's Eigenthum. Doch rief wieder die Tuba des Krieges zu den Waffen, der siebenjährige Krieg begann, und Prinz Heinrich eilte zum Heere des Bruders, und leistete diesem durch hohe Feldherrngaben, wie durch persönliche Tapferkeit in diesem Kriege die wesentlichsten Dienste. Davon zeugten die Schlachten bei Prag, bei Kollin und bei Roßbach; in der letzteren Schlacht empfing Prinz Heinrich eine Wunde. Später hatte der Prinz den Oberbefehl über das in Sachsen aufgestellte Heer, und kämpfte mit nur 23,000 Mann gegen die an Truppenzahl ihm weit überlegene Ncichsarmce, mit der umsichtvollsten Tactik, nnterstütztc den Rückzug Friedrich's II. nach Schlesien, wobei er das Hintertreffen befehligte und Sachsen sicherte, welchen Besitz Prinz Heinrich auch nach der Hand und »ach Eröffnung des Feldzugs von 1750 behauptete. Als der König nach der Niederlage bei Kay am 28. Juni 1750 sich genöthigt sah, durch ein Heer die Mark Brandenburg .zu decke», war es wieder Prinz Heinrich, der ihm 25 Schwadronen Reiter und 16 Bataillone Fußtrnppen zuführte. Der König stellte sich an die Spitze dieser Truppen, und sein Bruder übernahm den Oberbefehl über die Armee, welche bisher der König befehligt hatte. Er führte nun, bald vertheidigend, bald zu rechter Zeit angreifend, einen Krieg, in dem er sein ganzes glänzendes Felbherrntalcnt entfaltete, und blieb auch nach der unheilvollen Schlacht bei Knnersdorf uucntmuthigt, gewann durch strategische klug überlegte Operationen Zeit und mit dieser für den schwer durch sein Geschick niedergebeugten König alles, so daß alle Eiusichtvollen dem Prinzen Heinrich willig das Verdienst zuerkannten, das Vaterland gerettet zu haben. Von diesem höchsten Ruhme, den ein Sterblicher erreichen kann, umglänzt, folgte Prinz Heinrich seinem erhabenen Berufe im Feldzugc von 1760 gemessenen Schrittes, in dem er meist Vertheidigungsweise sich gegen die Russen in Schlesien, dann gegen das österreichische Heer in Sachsen verhielt, und erst 1762 zu Angriffen schritt, welche das Glück begünstigte. Der große Kriegsherr, der König selbst, zollte seinem Bruder die aufrichtigste, bewundernde Anerkennung, das höchste Lob, er nannte ihn den einzigen Feldherrn ohne Tadel in den bisherigen Kriegen, und so trug Prinz Heinrich nach dem Hubertusburgcr Friedensschluß seinen vollen Ruhmcskranz in glückliche Friedensjahre hinüber. Sein Nheinsbcrg wurde sein Muscnfltz und sein Tempel; wie aber nach dem Ausspruch jenes griechischen Weisen kein Mensch vor dem Tode glücklich gepriesen werden soll, so blieb es auch dem Prinzen nicht erspart, Dornen auf seinem Wege zu finden, denen kein großer und bedeutender Mann entgeht, selbst wenn sein Erdenloos ein seltenglückliches zu nennen ist. Prinz Heinrich sah sich durch Ränke und Kabalen unwürdiger Freunde in manche Verdrießlichkeit verwickelt, die in der Trennung von seiner Gemahlin und der Zerstörung seines Fami- lienglückö ihr Endziel fanden. Nur Wissenschaft, Philosophie und Künste, darunter vornehmlich Malerei und Musik entschädigten theilweise für ein verlorenes Glück, und der für ideale Freundschaft schwärmende Sinn wußte für die entschwundene Liebe Ersatz zu gewinnen. Im Jahre 1770 besuchte Prinz Heinrich seine Schwester, Louise Ulrike, die Königin von Schweden, Gemahlin Friedrich's von Holstein-Gottorp; empfing in Stockholm ehrenvolle Einladung der Kaiserin Katharina, und half auf diplomatischem Wege mit zur Theilung Polens, die ganz zur Zufriedenheit seines Bruders, des Königs, veranstaltet wurde. Als 1778 der bayerische Erbfolgekricg ausbrach, eilte Prinz Heinrich wieder zu den Waffen, vereinigte sein Heer mit dem des Königs von Sachsen, rückte in Böhmen ein, wo er sich wegen Mangel an Lebensbcdarf nicht auf die Dauer behaupten konnte, und half den Frieden von Teschcn zu Stande bringen. In geheimer diplomatischer Sendung, deren Zweck aber umschleiert blieb, reiste Prinz Heinrich von Preußen 1784 an den Hof zu Versailles. Preußen wollte sich gern mit Frankreich insgeheim gegen Oesterreich verbinden, aber es war dazu schon zu spät; der schwache König von Frankreich konnte bereits nicht mehr frei handeln, und seinem Kabinct mangelte so Einsicht, wie Thatkraft. Mit dem 1786 erfolgten Tode König Friedrich II. schloß sich die staatsmäunische Wirksamkeit des Prinzen Heinrich; er hatte nicht geringe Lust, aus manchen Gründen Preußen und Deutschland ganz zu verlassen, und sein Leben in Frankreich zu beschließen, für dessen Land, Volk und Sprache er die große Vorliebe mit seinem Bruder theilte, und ging wirklich 1788 nach Paris, von wo ihn aber bald der Ausbruch der Revolution wieder vertrieb. Der Prinz wählte nun sein schönes Rheinsberg zum dauernden Aufenthalt, gestaltete dieses Schloß zu einem Asyle der Musen, hielt sich fern von politischem Einfluß, und sah ungleich mehr mißbilligend als billigend die kriegerischen Bewegungen Preußens gegen Frankreich, denen seine Einsicht gute Erfolge nicht voraussagen konnte. Prinz Heinrich erlebte noch die vcrheißungreiche Thronbesteigung König Friedrich Wilhelm III. von Preußen und beschloß sein Leben als ein Weiser, dem es vergönnt ward, auf seinen Lorbeeren ausruhend auf ein edles Leben voll Thatenglanz und auf die Uebung aller patriotischen Tugenden zurückzublicken. Georg Ernst, Fürst von Henneberg. Geb. d. 27. Mai 1511, gest. d. 27. Dez. 1583. Auch dieser deutsche Reichsfürst gehörte zu den Förderern der Reformation und zeichnete sich aus durch Einsicht und hohe Regententugenden. Er entstammte einem edlen Geschlechte, das aus den Gaugrafen des alten Frankenlandes hervorging, zahlreiche Besitzungen erwarb und in mehrere Zweige sich abtheilte, von denen der bedeutendste die Schleusinger Linie war. Dem Sohn des Begründers dieser Linie, dem weisen Berthold VII. (X.) ertheilte Kaiser Heinrich unterm 25. Juli 1310 das Fürstenstandsprivilegium, welches die nachfolgenden Kaiser, zum Theil mit goldenen Bullen, bestätigten. Aus der andern Henneberger Grafenlinie, der Aschach- Römhilder, ging jener berühmte große Berthold XV. (XVIII.), Erzbischof zu Mainz, Reichserzkanzler und rechte Hand der Kaiser Friedrich III. und Maximilian I., hervor. Fürst Georg Ernst war ein Abkömmling der Schleusinger Linie; seine Geschichte ist schwer trennbar von der seines sehr frommen, aber tüchtigen und biedern Vaters, mit dem er lange die Regierung theilte, Fürst Wilhelm's VI. (VII.). Diesem waren nicht weniger als 64 Regierungsjahre bcschieden, innerhalb deren die ganze großartige Zeitbewegung fiel, welche eine Aera in verdeutschen Geschichte abschloß und eine neue begann. Seinen Frommsinn legte Fürst Wilhelm durch die Begründung der Wallfahrt zu Grimmenthal 1498 an den Tag und durch zahlreiche Schenkungen an Klöster. Er selbst erbaute zu Schleusingen ein Barfüßerkloster; er steuerte dem Kleiderluxus, schuf manche nützliche Einrichtung und suchte seinen zahlreichen Kindern durch das eigene Beispiel und durch guten Unterricht eine treffliche Erziehung zu geben, die nicht bei allen so anschlug, wie bei dem fünften Sohne, Georg Ernst. Dieser wurde zu Schleusingen geboren, seine Mutter war Anastasia, kurfürstliche Prinzessin von Brandenburg. In den Jünglingsjahren besuchte Georg Ernst die Höfe zu Brandenburg, Jülich und Hessen; er befreundete sich mit dem jungen Landgrafen Philipp, übte sich in ritterlichem Kampfe, besuchte mit Philipp von Hessen 1530 den Reichstag zu Augsburg und zog als Führer der Reichshülfe, die das Land Henne- berg dem Kasser Karl V. leisten mußte, und an der Spitze der fränkischen Kreistruppcn als Hauptmann und Feldobrister einige male mit gegen die Türken. Er zeichnete sich auf einem dieser Züge vornehmlich dadurch aus, daß er durch seine persönliche Tapferkeit den Herzog Moritz (Lief. 21) aus drohender Lebensgefahr erretten half. Georg Ernst vermählte sich 1543 mit Elisabeth, Prinzessin zu Braunschweig.Lüneburg, nachdem ihm im Januar d. I. sein Vater die Mitrcgentschaft übergeben, während zugleich Georg Ernst's jüngster überlebender Bruder (drei ältere und ein jüngerer waren gestorben, und Christoph, der drittgeborcne, war geistlich) auf die Regierung verzichtete. Während Fürst Wilhelm mit aller frommen Treue au der alten Kirche hing, sodaß man ihn sogar 1521 beschuldigte, er habe Luther heimlich aufheben und in ein Gefängniß schleppen lassen, wogegen er sich aber männlich vertheidigte, und während ein älterer Sohn, Johann IV., die Würde eines Fürstabts zu Fulda bekleidete, war Georg Ernst's Gemüth der Reformation zugclcnkt worden, und er bekannte sich ein Jahr nach seiner Vermählung öffentlich zur augsburgischen Konfession. Diese schon vorher auch in seinem Lande einzuführen, ohne doch die Gefühle seines strenggläubigen Vaters zu verletzen, berief Georg Ernst den Witten- bergischen Professor, Dr. Johann Förster, nach Schlcu- singen, ernannte denselben zum Obcrpfarrcr, wie zum Visitatvr, und übertrug ihm das wichtige Geschäft der Reformation, während Fürst Wilhelm erklärte, daß er mit seinem Hofe katholisch bleiben wolle. Später nahm aber auch der alte Herr das evangelische Bekenntniß an, und zeigte sich von einer bewundernswürdigen Standhaftigkcit in der neugewonnenen Ueberzeugung dadurch, daß er dem Kaiser Carl V- gegenüber die Annahme des Interims, die ihm zugemuthet wurde, in einer zwar bescheidenen, aber doch entschiedenen Vorstellung ablehnte, an welcher wohl der Sohn nicht ohne Antheil geblieben sein mag. Dieß geschah 1549, während 2 Jahre früher Fürst Georg Ernst des Kaisers heftigen Zorn gegen die halb hennebcrgische, halb hessische Stadt Schmalkaldcn, die sich durch die in ihr gehaltenen vielen Konvente der Schmalkaldischcn Bundesverwandtcn und der reformircnden Theologen die höchste Ungnade zugezogen hatte — durch einen demüthig fürbittcnden Fußfall entwaffnet und die Stadt gerettet hatte. Fürst Georg Ernst richtete ein Konsistorium ein, gründete daS Schleusinger Gymnasium mit zahlreichen Freitischen im dortigen Augustincrkloster, welches, gleich den übrigen zahlreichen Klöstern in der gcfürsteten Grafschaft, aufgehoben wurde, verwendete die Stifts- und Klöstcreinkünftc auf Kirchen und Schulen, verwandelte den Wallfahrtort Grimmenthal in ein Hospital, das noch heute fortbesteht, und wurde so der wohlthätige Reformator eines nicht unbedeutenden Landes, das sich durch den Anfall der Herrschaft Römhild, deren Grafcngeschlccht erlosch, 1549 wesentlich vergrößerte. Künste und Handwerke suchte Fürst Georg Ernst nicht minder zu heben, wie den Bergbau bei Ilmenau und Suhl, und die Stahlwaarcn- und Massenfabrikation der Städte Suhl und Schmalkalden. Zahlreiche Verträge mit Hessen, Sachsen und Würzburg regelten das politische Verhältniß der Henneberger Lande für den Fall des Aussterbens des Stammes, der mehr und mehr zu erfolgen drohte. Fürst Wilhelm, seit dem 4. Juli 1554 Witwer, hatte in einem Kranze von sieben lebenden blühenden Kindern gestanden — vier starben in der Kindheit, er hatte unklug von fünf Söhnen drei dem geistlichen Stande geweiht und den kräftigsten Sproß, Wolfgang, in einen unnützen Krieg unter Karl V. ziehen lassen. Wolfgang fiel 1557 vor Chierasco. Der fromme Prälat Johann, Fürstabt Fulda's, starb 1541; eine Tochter, Margarethe,, an Graf Johann zu Sain und Wittgenstein vermählt, starb 1546 zu Berleburg. Auch Katharina, die hochherzige Henncbergerin, vermählte Gräfin von Schwarzburg, und Witwe seit 1558, starb vor ihrem Vater. Der Sohn Christoph, ein feuriger Herr, der dem Stamme neue Sprossen zu geben vollbefähigt war, mußte gegen Willen und Neigung seine Kraft im geistlichen Stande vertrocknen lassen; er bereitete dem Vater vieles Herzeleid, und starb 1548. Nur Georg Ernst und Poppo, wie die Töchter Walburgis und Elisabeth, überlebten den Vater, erstere als Gräfin zu Gleichen, Herrin zu Krannichfeld, die letztere als Gräfin zu Solms. Poppo entsagte dem geistlichen Stande und vermählte sich 1546 mit Prinzessin Elisabeth von Brandenburg und nach deren 1558 erfolgten, Tode noch einmal mit Sophia, Prinzessin von Braunschwcig. Diese zweimalige Vermählung Fürst Pvppo's, blieb erfolg- weil erbenlos; er selbst starb 1574. Die erste Gemahlin Fürst Georg Ernst's gebar ihm nur einen Sohn, der gleich nach der Geburt starb; sie selbst schied 1566 aus dem Lebe». Eine nochmalige Vermählung des Witwers mit Elisabeth, Prinzessin zu Würtcmberg, blieb, zumal die Fürstin kränklich war, ebenfalls ohne Kindersegen. Das Schicksal eilte mit dem Hause Henneberg zu Ende. Fürst Wilhelm starb 1559 in einem Alter von 81 Jahren, der Sohn Georg erreichte ein Lebensziel von 72 Jahren; er war der letzte seines Stammes und Hauses, das mit den angesehensten deutschen Fürstenhäusern verwandt war. Eine wunderbare Fügung hatte den betagten Fürsten von seiner Residenz in das Dorf Hcnneberg zu ungünstiger Wintcrzcit geführt, über welchem die umfangreichen Trümmer der Stammburg des alten Grafcngeschlechts ruhen. Längst war diese Stammburg von den Trägern ihres Namens verlassen — kaum weiß man, welche von den Vorfahren sie bewohnt. Vielleicht zog eine ernste innere Mahnung den fürstlichen Greis noch einmal hinauf zur Ahncn- wicge — Schauer erfaßten ihn — und er endete im Hause eines ritterlichen Vasallen im Dorfe Henneberg. Groß war um den milden und geliebten Regenten die Trauer, höchst feierlich sein Lelchenbegäugniß. Er ruht in der Schleusinger Gruftkapclle bei den Ahnen, Geschwistern und der ersten Gemahlin, seine Witwe verheiratete sich wieder. Georg Ernst blieb im Lande, das nun zunächst an Sachsen überging, lange und noch bis heute unvergessen. Johann Gottfried von Herder. Geb. d. 25. Aug. 1744, gest. d. 18. Dez. 1803. Priester Gottes. Priester der Humanität, in dieses Wortes würdigster und erhabenster Bedeutung zählt Herder unbestritten zu des deutschen Vaterlandes größten Dichtergeistern und lebt mit unvergänglichem Nachruhm gefeiert im dankbaren Andenken der Nation. Herders Geburtsort ist das ostpreußische Städtchen Morungcn; sein Vater war dort Töchterlehrer, Kantor, auch gelernter Tuchmacher; er ertheilte dem frühzeitig lernbegierigen Sohn selbst den ersten Unterricht, versagte ihm aber außer Bibel, Gesangbuch und Katechismus jedes andere Buch, und der Knabe mußte verstohlen vom Lcbensbaume unterhaltender und belehrender Literatur naschen, so sehr ihn auch das lesen der Bibvl anzog und befriedigte. Ein Prediger des Ortes half ihm weiter, rieth ihm indeß vom studiren ab und bediente sich seiner als Abschreiber, wobei dem jungen Herder der Gebrauch der Bibliothek dieses Geistlichen verstattet blieb, so wie die Theilnahme am Unterricht der eigenen Söhne. Ein russischer Wundarzt bot Herder an, ihm nach Petersburg zu folgen und die Chirurgie bei ihm zu erlernen; Herder folgte ihm bis Königsberg, entsagte aber dort seinem Vorhaben, da sein weiches Gemüth Sectionen beizuwohnen ihm unmöglich machte. Es fanden sich hülfrciche Freunde; Herder, mit manchen schönen Vorkenntnissen, sah sich aufgemuntert, Theologie zu studiren, verband dann mit dieser das Studium der Philosophie, wurde eifriger Jünger Kaufs, wandte sich auch andern verwandten Studien zu, befreundete sich mit Hamann, und sah sich, unterstützt durch Fleiß, höchst glückliche Begabung und endlich durch jene höhere Führung, ohne deren Macht und Willen auch der Begabteste geistig verkommen kann, bald an das Ziel seiner Wünsche getragen. Im Jahre 1762 hatte Herder seine Studien begonnen, im folgenden Jahre wirkte er schon selbst als Lehrer am Kollegium Friedericianuin, und 1764 wurde er Kollaborator und Prediger an der Domschule zu Riga. Dahin, wohin das Schicksal schon früher ihm zu winken schien, nach St. Petersburg, winkte es nochmals, Herder sollte dort Direktor der Peters- Schule werden, allein er lehnte den Antrag ab und sah dieß in Riga dankbar anerkannt. Gleichwohl war auch daselbst nicht seines Bleibens; er wünschte «die Welt seines Gottes von mehreren Seiten kennen zn lernen» und sich noch würdiger auszubilden. Er nahm den Abschied und reiste 1760 nach PariS; dort bot sich Herder eine Stelle als Reisepredigcr des Prinzen von Holstein-Eutin; er durchreiste mit diesem Frankreich und mehrere Lander Deutschlands, und hatte die Freude, in Straßburg, welches lange Zeit hindurch ein Sammelplatz junger Söhne deutscher Fürstenhöfe war, die zn ihrer wissenschaftlichen Ausbildung dorthin entsendet wurden, Goethe kennen zn lernen, wie er in Hamburg Lessing kennen lernte. Schon hatte sich Herder durch die Herausgabe seiner «Fragmente über die neuere deutsche Literatur» einen vortheilhaftcn Nuf als geschmackvoller und geistreicher Kritiker erworben, wie denn Kritik und litcrarische Polemik ihm mit der Königs- berger Luft angeweht waren, bevor er in höhere reinere Sphären geistigen Schaffens sich emporhob. Jetzt erschienen auch die «kritischen Wälder». Als Prediger entfaltete aber Herder noch ungleich höhere Begabung, wie als junger aufstrebender Kritiker, und zu Darmstadt, wo er die Bekanntschaft seiner nachherigen Lebensgefährtin, der geistreichen Marie Caroline Flachsland machte, wurde ihm die Stelle eines Hofpredigers und Superintendenten in Bückebnrg angetragen. Herder folgte diesem ehrenvollen Rufe mit Freuden, verlebte in Bückebnrg 3 schöne Jahre in jener Wirksamkeit, für die er von Gott berufen war, und lehnte mehrere von auswärts an ihn ergehende Anträge ab. Endlich bestimmte ihn ein Ruf aus Hannover zn der in Göttingen offenen Stelle als Univcrsitätsprediger und vierter Professor der Theologie zur Annahme, allein der unaustilgbare deutsche Gelahrtheitzopf vereitelte diese dennoch. Herder, der ausgezeichnete Prediger und Schriftsteller, der gründlich wissenschaftlich gebildete Mann, sollte erst den Oraclum eines Oootoris saeras Illso- Io°i,i6 erwerben und sich durch ein prüfendes Kolloquium auf den Zahn fühlen lassen, ob er auch gehörig fest und schnlgerecht im Sattel der Orthodoxie sitze. Herder war ein genialer Andodidakt, stand geistig jedenfalls höher als all' die Colloquisten, fügte sich ungern, wollte sich dennoch fügen, da löste mit einem male die höhere Hand das götting'sche Dilemma — ein Brief von Weimar kam, ein Brief von Goethe, mit der freundlichen Anfrage, ob Herder geneigt sei, in Weimar die Stelle cincS General-Superintendenten, Hofpredigers und Oberkonsistorialraths anzunehmen? — Das gab nun freilich einen Ausschlag; die orthodoxe Faenltät der Gcorgia Angnsta kam um einen Stern und behielt ihre Orthodoxie ungefährdet durch Herder. Als Schriftsteller war und blieb Herder in jedem seiner verschiedenen BernfSkreisc unausgesetzt thätig, und was er schrieb befriedigte die Kenner, entzückte die poetisch fühlenden, und zeigte, wie er danach rang und strebte, die Nebcrfüllc genial übersprudelnder Kraft all- mählig zn bewältigen und zu klären. Sein durch und durch poetischer Geist schwang sich siegreich über das trockene abstrakte der Philosophie, und wenn er, «des Gottes voll», sich mehr als alleingebietender Herrscher und nicht als berathender Beisitzer im Reiche der Literatur, der Kunst und des Schönen fühlte und zeigte, so war dieß eben ein Beweis seiner überwältigenden geistigen Vollkraft nnv des Bewußtseins seiner göttlichen Mission, welche eine höhere war, als im Karren der Alltagsherkömmlichkcit zu gehen, und collegiale Vota abzugeben. Herder's «Urkunde des Menschengeschlechts» wog tausend und aber tausend verstaubte Urkunden auf. Der Ruf nach Weimar fand Herder im Verhältniß eines glücklichen Gatten und Vaters, gesund und voll frischer Körper- und Geisteskraft, plänevoll und ruhm- gekrönt mit zweiund dreißig Jahren. Sein neuer Lebenskreis konnte in Deutschland, in Europa nicht aus höher anregenden Geistesgrößen gebildet sein; alles was edelbefreundeter und geselliger Umgang, der gebildetste Hofzirkel, ein einflußreiches, wichtiges Amt, Anerkennung, ja Bewunderung der Mitwelt, ausreichende Mittel, glückliches Familienleben, vergönnte Reisen zur Belebung und Erfrischung und vieles derartige beitragen können, ein Menschenleben voll zu beglücken, häufte sich auf Herder, dennoch war er kein glücklicher Mann und dieß lag leider in seiner eigenen krankhaften Gemüthsstimmung, die ihn um einen guten Theil Lebensfreuden brachte. — Im Jahre 1783 machte Herder eine Reise nach Norddeutschland und knüpfte mit Claudius, Klopstock, Jerusalem u. a. erfreuende Bekanntschaft- und Freundschaftbandc. Freiherr Friedrich von Dalberg, Bruder des Herder ebenfalls befreundeten Coadjutvrs Carl von Dalberg, forderte Herder 1788 auf, ihn auf einer Reise nach Italien zu begleiten, lind Herder trat diese an, nachdem kurz vorher Goethe aus jenem Lande zurückgekehrt war. Als Herder in Rom war, berief man ihn abermals nach Göttingen, diesesmal ohne Bedingung eines in der Orthodoxie prüfenden Kolloquiums und Erwerbung des theologischen Doctorlitels. Herder dankte. Nach seiner Rückkehr nach Weimar wurde er Viccpräsident, später (1801) Obcrconsistorial-Präsident und der Kurfürst von Bayern verlieh ihm und seinen Nachkommen den Adel. Um das Land, dessen Regenten Herder diente, und namentlich um das Kirchen- und Schulwesen erwarb sich derselbe anerkannte Verdienste, doch rieben die vielen geistigen Mühen auch seine Kraft und Gesundheit auf, was mehrere Badereisen zur Folge hatte, deren Erfolge, wie gewöhnlich, keine nachhaltig dauernde Wirkung krönte. Noch nicht 60 Jahre alt, ging Herder in die Gefilde des ewigen Friedens ein, und hinterließ den verehrenden Nachkommen seine unsterblichen Werke, und seinen Gedenk- und Wahlspruch: Licht, Leben, Liebe —- in dem sich alles irdische fühlen zu einem himmlischen vergeistigt. Denkmäler mangeln ihm nicht, das unvergänglichste Denkmal setzte er sich in den Herzen durch seine Schriften, durch den johanneischen Geist, der ihn erfüllte und durch den ächten Christussinn, der ihn beseelte, der seinem Streben Weihe und seinem Ideale Verwirklichung verlieh. Gottfried Hermann. Geb. d. 28. Nov. 1772, gest. d. 31. Dec. 18​48. Gottfried Hermann ist in Leipzig geboren, wo sein Vater Senior des Schöppenstuhls war. Das lebhafte, feurige Temperament, welches er von seiner Mutter, die aus einer französischen Familie stammte, geerbt hatte, sprach sich schon im Knaben aus, der bei großer Gutmüthigkeit doch schwer zu bändigen war, und obgleich von zarter Constitution alle Leibesübungen leidenschaftlich trieb, vom Stillsitzen bei den Büchern nichts wissen mochte und durchaus Soldat werden wollte. In seinem zwölften Jahr wurde er der Obhut Carl David Jlgens übergeben, eines Mannes von unbeugsamer Festigkeit des Willens, ernster Strenge bei herzlichem Wohlwollen und gründlicher Gelehrsamkeit, der später als Rector in Schulpforte viele Jahre hindurch segensreich gewirkt hat. Diesem gelang es den Feuereifer des Knaben auf das Studium der alten Sprachen zu lenken und er verstand es, ihn zu eigener Selbstthätigkeit anzuregen und zu strengster Selbstprüfung anzuhalten. In zwei Jahren war er reif geworden die Universität zu beziehen, wo er nach dem Willen des Vaters Jurisprudenz studiren sollte und nur mit Mühe erreichte, sich der Philologie widmen zu dürfen. Hier fand er an Friedrich Wolfgang Reiz einen Lehrer, der für ihn geschaffen schien. Dieser, ein Mann von tadelloser Rechtschaffenhcit, von unbestechlicher Wahrheitsliebe, im Besitz der genauesten und gründlichsten Gelehrsamkeit, erkannte das hervorragende Genie des Jünglings und, ohne ihn zu beschränken, leitete er ihn nur an, durch gewissenhafte und sorgfältige Forschung den angeborenen Scharfsinn und die glückliche Divinationsgabe zu bilden und zu beherrschen. Unter seiner Zucht gab sich Hermann ganz der Beschäftigung mit den Alten hin, mit welcher er, überall bemüht auf den Grund der Sache zu gehen, ein eifriges Studium der kantischcn Philosophie verband. Uebrigens war er bei angestrengtem Fleiß keineswegs ein Stubcn- sitzer, sondern nahm am Verkehr mit Kommilitonen und in geselligen Kreisen gern und lebhaft Antheil, und folgte seiner Neigung zu starken Leibesübungen, die ihn namentlich zu einem leidenschaftlichen und kunstgerechten Reiter bis in seine letzten Lebensjahre machte. Nach vollendeten Universitätsstudicn habilitirte er sich als Pri- vatdoecnt in Leipzig 1704, und seine Erfolge als Schrift- -stcller und Lehrer waren so entschieden, daß ihm im Jahr 1707 eine außerordentliche und 1803 eine ordentliche Professur übertragen wurde. In demselben Jahr gründete er durch die Ehe mit Wilhelmine Schwägrichen seine Häuslichkeit, welche dem für das stille Glück eines schönen Familienlebens Empfänglichen volle Befriedigung gewährte. Von da an war Hermanns Leben das anspruchslose, durch keine hervortretenden Ereignisse ausgezeichnete eines deutsche» Gelehrten; in uuunterbrochner unv bis inS hohe Greisenalter »»geschwächter Thätigkeit wirkte er als Lehrer und Schriftsteller für seine Wissenschaft in einer Weise, die seinen Namen auch über den Kreis ver Fachgcnossen hinaus populär gemacht hat, bis ihn am 31. December 1818 ein sanfter Tod hiuweguahm. Hermann ist in Deutschland und im Ausland als ein echter Repräsentant der Wissenschaft anerkannt, welche sich mit der Litteratur der Griechen und Römer beschäftigt und die Wiederherstellung und das Verständniß ihrer Schriftwerke sich zum Ziel setzt. Die Sprache war das eigentliche Element seiner geistigen Thätigkeit und sein Verdienst ist es, zuerst, nicht blos im Allgemeinen anerkannt, sondern im Einzelnen durchgeführt zu haben, daß die Sprache nicht willkührlich ersonnenen Regeln sondern den im Menschengeistc tief begründeten Gesetzen des Denkens folgt, und daß diese ergründen und ihre Wirkungen in den einzelnen Erscheinungen der Sprache begreifen muß, wer die Sprache verstehen will. Neben diesem Gesetz der logischen Nothwendigkeit, welches in der Sprachbildnng herrscht, erkannte er das gleich berechtigte Streben des menschlichen Geistes nach künstlerischer Gestaltung der Sprache, welche ihren letzten formalen Ausdruck im Rhythmus und Metrum findet. Hermann hat die Grammatik und Metrik der alten Sprache rationel begründet, und dadurch weit über die Grenzen der Philologie hinaus mächtige Impulse für geistige Forschung und Erkenntniß gegeben. Nicht minder hat er sich als Kritiker, vor allen der griechischen Dichter, bewährt. Vornemlich das Studium des Pindar, des Aeschylus, Sophokles und Euripides hat durch ihn eine neue Grundlage, einen frischen Aufschwung erhalten; aber es ist kein Theil des großen Gebietes der alten Litteratur, auf den er nicht reinigend und erleuchtend Einfluß geübr hätte. Durch Gesundheit und Frische, Ursprünglichkcit und Einfachheit seines Geistes eine den Alten verwandte Natur, durch treffenden Scharfblick und rasche Combinationsgabe ausgezeichnet und Lurch ununterbrochene methodische Studien in die Auffassung und Ausdrucksweise des Alterthums eingelebt, vermochte er es, die verborgensten Schwierigkeiten und Verderbnisse der überlieferten Texte aufzudecken und aus dem Geist des Schriftstellers heraus oft mit einer Kühnheit, die der äußeren Wahrscheinlichkeitsrechnung sich entzieht, aber stets im Sinne des Alterthums ist, dieselben zu heilen. Diese Congcnialität zeigt sich nirgend glänzender als in der Meisterschaft, mit welcher er die alten Sprachen in Wort und Schrift in jeder Form nicht als anerlerntc, sondern als in ihm wieder lebendig gewordene handhabte. Die zahlreichen Schriften Hermann's, welche sämmtlich den Charakter seiner genialen Natur fest ausgeprägt zeigen, werden seinen Ruhm erhalten. Dennoch überwog seine Wirksamkeit als Lehrer noch die des Schriftstellers. Hermann war eine Persönlichkeit von der größten Bedeutung, ein Mann im vollen Sinne des Worts, einig und fest in sich wie Wenige, bei großer Milde und herzlichem Wohlwollen ernst und streng, mehr noch gegen sich als gegen andere, offen und gerade und von der reinsten Wahrheitsliebe. So zeigte sich Hermann stets unverändert und die glänzendste Leistung seines Scharfsinns und seiner Gelehrsamkeit erschien zugleich als der Ausdruck seines innersten sittlichen Wesens. Dazu rechne man die feurige Begeisterung und die hinreißende Beredsamkeit, mit welcher er sprach, und man wird den Eindruck ermessen, welchen Hermann auf seine Schüler machte, die bei ihm nicht blos lernten, sondern in ihrem innersten Wesen ergriffen und angeregt wurden. So ist namentlich die griechische Gesellschaft, in welcher er die fähigeren Schüler um sich zu näherem Verkehr versammelte, eine Pflanzschule echter Philologie geworden, der angehört zu haben eine Reihe von Männern sich freudig rühmen, auf welche Deutschland stolz ist. Friedrich Wilhelm Herschel. Geb. d. 13. Aug. 1733, gest. d. 25. Aug. 1822. Herschel war einer der Lichtträger im Morgenröthe astronomischer Forschung und Wissenschaft, und sein Name überschwebte auf den Flügeln des Ruhmes den Erdkreis. Er wurde zu Hannover geboren, wo sein Vater als Musiker wirksam war. Der sinnige Knabe fand Gefallen an des Vaters treu geübter Kunst, lernte Klavier, Violine und Hoboe, neigte sich aber nicht minder dem Studium der französischen Sprache, der Logik, der Mathematik und Physik zu, in welchem ihm der Ar- tilleriesecretair Hofschlaeger mit dem sehr unterrichteten Vater gemeinsam unterwies, und begann frühzeitig allerlei Werkzeuge für optischen und mathematischen Gebrauch selbst, wenn auch nur erst unvollkommen, zu gestalten, und so reifte er zum wohlgebildcten Jüngling heran, ohne noch für eine bestimmte Lebensrichtung in Kunst oder Wissenschaft sich entschieden zu haben, als die Bewegungen des siebenjährigen Krieges die Sorge der Aeltern mehrten. Da wurde von Wilhelm ein rascher Entschluß gefaßt; er trat mit dem Bruder gemeinschaftlich 1759 in das Hautboistencorps eines nach England bestimmten Regiments. So kam Herschel nach London; wer hätte in dem Bläser einer Hoboe auf dem Paradeplatz den Mann suchen sollen und finden wollen, der statt der Tuba des Kriegsgottes einst den Tubus Urania's beherrschen werde? Das Schicksal führte Herschel erst durch irdische Labyrinthe, bevor es seinem Blick die ewigen des Firmamentes entriegelte. Der Bruder kehrte bald von London wieder heim; Wilhelm blieb hoffnungsvoll, immer noch im Glauben, die Musik werde sein Glück begründen. Er half fleißig Tanzmusik aufspielen gegen kargen Lohn, bis selbst dessen zum Leben zu wenig wurde. Nun verließ er London, bewarb sich um die Stelle eines Organisten in Halifax, ward geprüft, bestand über alle Erwartung, ward nun Organist und Musiklehrer und suchte sich einestheils in Erlernung fremder Sprachen, andern- theils als theoretischer Musiker fortzubilden, wo wieder die Harmonielehre es war, die so innig mit der Mathematik verwandt, aufs neue zu dieser hinlenkte, die Harmonie der irdischen Töne zur Harmonie der himmlischen Sphären, die wieder zur Optik hinwies, ohne deren Beihülfe die Wissenschaft der Astronomie nicht denkbar ist. Im Jahre 1700 wurde Herschcl Organist in Bath, wohin eine bessere Stelle zog und wo er Muse fand, die Bestrebungen zu verfolgen, zu denen die innere Berufung ihn mächtig hindrängte. Herschcl fing jetzt an, Gläser und Hohlspiegel zu schleifen und Teleskope zu erbauen, wie sie die Welt noch nicht gesehen. Er begann mit einem Rcflector von 6 Fuß Länge nach Newton's Vorschrift und endete mit dem Niescntelescop, dessen Länge 40 Fuß maß, und 4000 Pfund schwer war. Ein eigenes Thurmgcrüst wurde erbaut, das ungeheure Werkzeug zu tragen und zu lenken. Mit diesen Werkzeugen erschloß sich Herschel den Einblick in die Welt der Planeten, Sonnen und Nebelsterne, und war so glücklich, am 13. März 178l einen neuen Wandelstern zu entdecken, den ersten, seit die alte Zeit ihre sieben Planeten durch Jahrtausende behauptet, aus deren Zahl die spätere Forschung Sonne und Mond gestrichen und die Erde in sie eingesetzt hatte. Dem Könige Georg III. von England zu Ehren nannte Herschel den neuen Stern Gcvrgsgestirn, die erfreuten und dankbaren Zeitgenossen unter den Sternkundigen aber nannten ihn zu Ehren des Entdeckers: Herschel. Da aber einmal die Planeten weltgültige mythologische Namen haben, Mars als Sohn des Zeus, Jupiter als Sohn des Saturns gekannt war, so wurde für den neuen Planeten des letzter» mythischer Vatername: Uranus — erwählt. Ein Mann, der alles durch sich selbst auf mühsamster Bahn eiserner Studien geworden, fand — was zwei Jahrtausende den berühmtesten Astronomen vorenthalten hatten. Die königliche Societät ertheilte dem großen astronomischen Autodidakten ihre goldene Prcismedaille und ernannte Herschel zu ihrem Mitglied; der König aber enthob ihn seiner musikalischen Aemter, die neben dem Orgelspiel in der Kirche auch noch die Musikmeister- stelle beim Theater und anderes einschlössen, zog Herschel an den Hof und ernannte ihn mit einem Gehalt von 1800 Thalern zu seinem Privatastronomen. Später widerfuhr ihm die Ehre von der Universität Orford zum Doctor der Rechte ernannt zu werden. Er selbst hatte ein Landhaus nahe bei Windsor bezogen, das nun sein Tempel Urania's wurde, dort führte er die in Bath schon gefaßten Ideen zum Bau von Riesen- telescvpcn aus, durch deren Hülfe sich vor seinem kundigen Blick die Nebelflecken am Nachthimmel in Einzel- welten auflösten. Der glückliche Entdecker des Planeten Uranus forschte weiter, er entdeckte nach und nach 6 Uranusmonde, 2 neue des Saturn, berechnete die Zeit des Umschwungs der Saturnringe, beobachtete auf das genaueste den Mond, erblickte auf ihm neben den Hunderten mnthmaßlich erloschener Krater thätige Vulkane, glaubte diese mindestens zu erblicken, bereicherte die Mondkarten außerordentlich, gab über die Sonne, deren und der Firsterne Natur und Bau neue überraschende Aufschlüsse und legte alle seine gemachten Erfahrungen und Schlüsse in gründlichen und gediegenen Abhandlungen nieder. Ueber die Sonnenathmosphäre, ihre Strahlen, Sonnenflekken und Sonnenfackeln berichtigte und verbesserte Herschcl wesentlich die bisher geherrscht habenden Ansichten durch geistvolle Vermuthungen, die höher zu achten sind, als bloße Hypothesen uranophi- lischer Phantasieleute. Herschells Teleskope waren unübertroffen und die besten der Welt, und der große Riesenrefractor war keineswegs, wie hier und da behauptet worden, ein astronomisch-mechanisches Curiosum, sondern bei seiner ungeheuern Größe und Schwere leicht zu lenken und praktisch brauchbar, denn durch denselben wurden von Herschcl die Uranusmonde entdeckt. Mit seiner Schwester Caroline lebte Herschel ein nur der Wissenschaft geweihtes schönes Stillleben und zeigte stets eine liebenswürdige Persönlichkeit, einen cdcln Charakter. Sein Wesen war heiter, offen, munter, bescheiden und voll Theilnahme, und die zahlreichen Lobes- und Ruhmesspenden, die ihm zu Theil wurden, machten ihn weder stolz noch eitel. Selbst mit dem Guclphcn-Orden schmückte ihn 1817 König Wilhelm und so schloß sich in reiner Harmonie der Akkord seines Daseins, als die Seele des 89jährigen Greises zu den Sternen entschwebte. Auch sein Sohn John Friedrich William wurde einer der bedeutendsten Mathematiker und Astronomen der Gegenwart, und zeigte sich des großen Vaters ebenbürtig. Ewald Friedrich Graf von Herzberg. Geb. d. 2. Sept. 1725, gest. d. 27. Mai 1795. Als Staatsmann und Gelehrter, als Landwirth und Kulturbefördercr, tüchtig und groß in allem, verdiente sich Graf von Herzberg Neigung und Freundschaft seines großen Königs, wie Dank und Achtung der Nachwelt. Von Herzberg wurde zu Cottin in Pommern geboren, einem Gute, das seiner alten Familie erblind eigenthümlich gehörte, und erhielt den ersten Unterricht durch einen wissenschaftlich gebildeten Landprediger, worauf er das Gymnasium zu Alt-Stettin besuchte. Zum Ort höherer Ausbildung durch Studien wählte der junge Edle die Universität Halle, widmete sich auf ihr mit Vorliebe dem Staatsrecht, namentlich dem vaterländischen, brandenburgischcn, und nicht minder philosophischen und allgemein juridischen Studien. Bald nach vollendeten Studium wurde Herzberg in Berlin im Ministerium des auswärtigen angestellt und begleitete als Lcgationssecretair die Gesandtschaft der Kur Brandenburg nach Frankfurt zur Kaiserwahl. Nach der Rückkehr ließ er sich angelegen sein, für den König Friedrich den Großen Materialien zu dessen Denkwürdigkeiten der Mark Brandenburg aus dem königl. Staatsarchiv und andern Archiven zusammen zu bringen, und wurde 4 747 Lcgationsrath. Die Beschäftigungen in den Archiven hatten zur Folge, daß dem jungen Diplomaten eine neue Ordnung des geheimen Staatsund Kabinets-Archives übertragen ward, und dieses bot hinwiederum Stoffe in Fülle für wissenschaftliche Bearbeitung und nutzbare Ausbeute. Herzberg schrieb eine Abhandlung über die erste Bevölkerung der Mark Brandenburg, welche von der königl. Academie der Wissenschaften mit einem Preis gekrönt wurde, dem Verfasser die Würde eines Mitgliedes der königl. Academie verschaffte und ihn zum geheimen Rath und Staatssecretair in der Abtheilung des Ministeriums für die auswärtigen Angelegenheiten erheben half. In dieser wichtigen Stellung war Herzbcrg ganz am richtigen Platz; er entwarf oder verfaßte die Staatsschriften, welche während des siebenjährigen Krieges für die Oeffentlichkeit bestimmt wurden, größtentheils und besorgte nicht minder den geheimen Staatsbriefwechsel voll Einsicht und Umsicht. Zu diesem höchst wichtigen Amte gehörte ebenso sehr von des Herrschers Seite volles und ungeschmälertes Vertrauen, als von jener des Dieners erprobter Charakter und die nimmer wankende Pflichttreue und Anhänglichkeit an seines Königs Person und Haus. Herzberg war von der Vorsehung auscrsehen, die leitende Hand in den denkwürdigen und politisch wie geschichtlich wichtigen Friedensschlüssen zwischen Rußland und Schweden 1762 und zwischen Preußen und Oesterreich und ihren beiderseitigen Verbündeten zu Schloß Hubertusburg, 1763, zu bieten, und er that dieß mit so vieler staatsmännischer Weisheit, daß sein König den nach Berlin zurückgekehrten mit den freudigen Worten entgegentrat: «Mein lieber von Herzberg, Sie haben einen guten Frieden gemacht, fast so wie ich den Krieg geführt habe, einer gegen drei!» Die sofortige Ernennung des geheimen Rathes zum Staatsund Kabiuetsminister war dessen anerkennender Lohn. Als die ewige Macht, welche die Geschicke der Völker in ihrer Hand wägt, trotz aller nationalen Widerstrebung die Theilung Polens über dieses Land verhängte, in welcher Rußland den Löwentheil und Preußen das mindeste erlangte, war es wieder Herzberg, der für seines Königs Interesse wirkte und handelte, ebenso war der große Staatsmann in den Verhandlungen über die bayrische Erbfolge thätig, und nicht minder betrieb er vor allen den Abschluß des Friedens zu Tetschen. Dem Bestreben Kaiser Jvseph's, sich den Besitz von Bayern zu gewinnen und anzueignen, wirkte Herzberg mit aller Macht seines Geistes entgegen und hatte großen Antheil am Zusammentritt des Fürsten- buudes, der 1785 erfolgte und jenes Pläne und Absichten vereitelte. Als des großen Königs Tage sich zum Ende neigten und er nur noch wenige seiner wahrhaft Getreuen um sich sehen mochte, gehörte Herzberg zu diesen wenigen auserwählten, und der sterbende König empfahl ihn vorzugsweise seinem Nachfolger auf Preußens Königsthron. König Friedrich Wilhelm II. erfüllte gern den Willen seines unsterblichen Vorgängers, er erhob den Staatsminister von Herzberg in den Grafenstand, schmückte ihn mit dem schwarzen Adlcrorden und ernannte ihn zum Kurator der königl. Akademie der Wissenschaften mit Beibehaltung all seiner amtliche» Stellen und seines Politischen Einflusses. Dieser letztere jedoch fand seinen Wcnvepunkt im Congreß zu Neichcnbach, das Vertrauen war nicht mehr das alte, gewohnte. Gras Herzberg forderte und erhielt im Jahre 1791 seine Entlassung aus dem Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, und behielt blos die Curatel der Akademie und die Oberaufsicht über den Seidenbau in Preußen. Diesen Pflegte er praktisch mit größter Vorliebe, ein ächter Vorläufer von Türck's, und wie er für die königliche Akademie der Wissenschaften thätig blieb und bemüht war, die Zahl ihrer Mitglieder durch wackere deutsche Gelehrte zu mehren, statt einem starren Ab- und Ausschließungssysteme zu huldigen — so förderte er auch mit lebhaftem Eifer die Landeskultur, unterhielt auf seinem Gute Britz bei Berlin eine Musterlandwirthschaft und verwendete höchst bedeutende Summen seines eigenen Vermögens auf den Seidenbau. Auch dein Schulwesen lenkte er lebhaften Antheil zu, ließ Schulhäuser erneuern, beschenkte die Lehrer, und war auch als Schriftsteller auf dem staatsmännischen Literaturfelde thätig. Dennoch trieb sein patriotisches Gefühl ihn an, zu einer Zeit, 1793, in wichtiger Staatsangelegenheit Rath ertheilen zu wollen, den er jedoch mehrfach zurückgewiesen sah. Er machte die Erfahrung, der — sei es früher, sei es später — kein wahrhaft verdienter und hochbegabter Mann entgeht, mißkannt zu werden, und besaß nicht Stolz genug, die Mißkcnnung mit philosophischer Ruhe zu ertragen, er grämte sich über dieselbe und starb. Von den 70 Jahren seines thätigen, rühm- und ehrenvollen Lebens gehörte fast ein halbes Jahrhundert dem Dienst des preußischen Königshauses und Staates, und neben Rang und Titeln, Würden und Orden bewährte er den rein menschlichen und edeln Charakter, der noch ungleich schwerer als jene wiegt. Christian Gottlob Heyne. Geb. d. 25. Sept. 1729, gest. d. 14. Juli 1812. Ein Mann aus dem Volke, hindurchgerungen und hindurchgedrungen durch mißliche und drangvolle Lebens- Verhältnisse zur geistigen Hoheit, zum Priesterthum der edelsten Classicität. Ein armer Leineweber war der Vater, Chemnitz Heyne's Geburtsort; das väterliche Handwerk zu erlernen, war des Knaben Aussicht auf seine Zukunft, doch der Pfarrer Seidel, sein Pathe, erkannte des Knaben nicht gewöhnliche Begabung, nahm sich seiner an und ließ ihn die Schule länger besuchen. Aus der Neigung zum Sprachstudium entwickelte sich mehr und mehr Talent; Heyne war ein geborener Philolog. Im Jahre 1748 verließ er die Schule seiner Vaterstadt, indem er ihr in einer eigenen, metrischen, lateinischen Abschiedrede Lebewohl sagte. Er bezog die Hochschule Leipzig; am Viaticum dorthin trug er nicht schwer, es bestand in zwei Gulden. Christ, Ernesti, Bach waren vorzugsweise Heyne's Lehrer, der letztere bewog ihn sich der Rechtskunde als Brotstudium zuzuwenden, ob- schon das trockene Jus dem Nektar der klassischen Alter- thnmskunde gleicht, wie die harte Brotrinde dem Falcrncr. Im Jahre 1752 promvvirte Heyne als Doctor juris und trat nun, da es einmal nicht anders sein konnte, als Gehülfe in eine juristische Expedition, als ein Mittelglied zwischen dem, was man jetzt Erpedient und Auseultator nennt. Da diese Stellung nicht auszuhalten war, wurde Heyne Hauslehrer. Aus diesen beiden Purgatorien schwang sich endlich doch der hoher strebende Geist auf eine Himmelsstufe, wenn auch vorläufig nur auf eine niedere, er wurde 1753 Kopist bei der gräflich Brühlschen Bibliothek in Dresden, und bezog ein Gehalt von 100 Thalern. Damit war das Leben nicht zu fristen, der arme Copist mußte durch Uebersetzen noch nebenbei etwas verdienen; er übersetzte aus dem französischen und aus dem griechischen. Letzteres „war ihm zum Heil, es riß ihn nach oben" — wie der Strudel der Tiefe den Schillerschen Taucher. Der hellenische Geist hauchte ihn mit olympischem Odem an. Heyne gab 1755 den Tibull heraus, das Jahr darauf den Epiktet, welche der Kenner ungetheiltcn Beifall gewannen. Da hemmte den jugendlichen Aufschwung wieder der siebenjährige Krieg, der, wie jeder Krieg, Künste und Wissenschaften in Bande schlug, und Heyne gerietst aufs neue in drangvolle und kummervolle Lagen des Lebens. Heyne mußte noch einmal Hofmeister werden; er ward es auf Rabcners Empfehlung bei dem späteren Präsidenten von Broitzem im Jahre 1757. Seine Nebcnstunden füllte er nun mit der Bearbeitung seiner ^cta pullliaa aus, welche in 5 Bänden von 1757 bis 1760 erschienen. Im Jahre 1759 begleitete Heyne den jungen von Broitzem, seinen Zögling, auf die Hochschule zu Witten- bcrg, und stand, als sein Erziehungsgcschäft beendet war, abermals hülflos da, denn der Krieg verschloß ihm die Pforten fernerer Thätigkeit. Endlich zerrissen die Wolkenschleier, und die Sonne seines Glückes, seines Ruhmes strahlte den trefflichen Gelehrten dauernd und lange an. Im Februar 1765 wurde Heyne nach Göttingcn als Professor der Beredsamkeit berufen, erlangte bald nach seiner Anstellung die erste Stelle an der dortigen Bibliothek, wurde bleibender Secretair der Gvttingcr Societät der Wissenschaften, Hofrath und geheimer Justizrath. Zahlreich wurden Heyne's Vorlesungen besucht, sie bildeten einen strahlenden Mittelpunkt im Ruhmeskranze der Loorgia.-lugusta. Philologie und klassisches Alterthum lehrte Heyne mit bewunderungswerthem geistigem erfassen und durchdrungen, nicht im Styl pedantischer Gclchrtenzopfthümker, die auch noch heute nicht über den Geschichtstabellenkram, die Jota- und Kommagrübelei und das Feld von Troja hinauskommen. Heyne stand wie ein Priester des Alterthums an reinen Altären und indem er das philologische Seminar leitete, bildete er Lehrer für ganz Deutschland aus, von denen viele, ihm treulich nachstrebend und nacheifernd, den Kern der Classtcität sich gewannen, und die Schale den traurigen Epigonen nachließen. Heyne gab wiederholt den Virgil heraus, und arbeitete 18 Jahre an einer Ausgabe des Homer, deren Vollendung er nicht erlebte. Alle seine zahlreichen «endemischen und sonstigen Schriften sind ebensovicle Zeugnisse seines glänzenden Geistes, seiner allumfassenden Kenntnisse und der Gediegenheit seines Wissens. Ein Schlagfluß endete das Leben des thätigen, 82jährigen Greises, dessen Ruhm dauernd begründet bleibt. l Ludwig Heinrich Christoph Hölty. Geb. d. 21. Dez. 1748. gest. d. 1 . Sept. 1776. Hölty's Name ist noch immer vielen ein reiner, lieblicher Klang, der sich harmonisch in sanfte elegische Ge- müthsstimmnng einwebt, deren vorzüglichster Träger und Erreger dieser Dichter war, daher auch Lieblingssänger der deutschen Frauen- und Jungfrauenwelt, die durch zarte Schwärmerei so leicht zu gewinnen und hinzureißen ist, die das sanfte liebt, zumal wenn es aus innerster Empfindung hervorbricht, nicht ungekünstelt ist. Der Hannoversche Ort Mariensee ward Hölty's Geburtsort; der Vater lebte dort als Seelsorger, und pflegte mit Liebe i>es Sohnes Jugend, der früh sich entwickelnde Geisteskräfte zeigte, aber auch früh die Schmerzen des Lebens kostete. Der Verlust der geliebten Mutter in seinem neunten Jahre erschütterte ihn tief; eine bösartige Blatternkrankheit, welche ihn der Gefahr des erblindens nahe brachte, legte den Grund zu nachhaltigem Siechthum, und beides weckte in ihm jene melancholische Stimmung, die seine Dichtungen durchweht, dabei aber lernte er mit vielem Fleiße, und machte auf der Schule zu Zelle, wohin sein Vater ihn im 17. Lebensjahre sandte, die besten Fortschritte in ältern und neuern Sprachen, so daß er wohl vorbereitet 1769 die Hochschule Göttingcn beziehen konnte. Er wollte Theologie studircn, eine Wissenschaft, die dem schon in der Jugend genährten Ernst am meisten zusagte, denn von je war Hölty ein Freund stiller Einsamkeit, ländlicher Natur, melancholischer Dorfkirchhöfe, und dabei war er von jener Sanftmuth und Opferfähigkeit des Charakters, die einem Landgeistlichen so wohl anstehen. Durch wahrhaft frommen und religiösen Sinn war des Jünglings Gemüth über die mannichsaltigcn Entbehrungen gehoben, die das Leben ihm auferlegte. Der unbemittelte Vater vermochte ihm wenig Unterstützung zu bieten, Hölty mußte sich den theilweisen Unterhalt erst durch Stuudengeben verdienen. Er hatte schon einige Jahre zu Göttingcn zugebracht, als er den Hcrzcnsbund mit den poetischen Freunden schloß, der unter dem Namen des Hainbundes bekannt ist, und zu welchem Miller, Boie, Voß, Overbeck, Cramer, Leisewitz, Bürger und die beiden Grafen Stolberg gehörten. Jedenfalls war von allen Hölty der stillste und sinnigste, und nahm die poetischen An- regungcn des jugendlichen Dichterkreiscs tief in sein Gemüth auf, verarbeitete sie zn seinen schönsten Dichtungen. Hölty war von einfacher, fast schüchterner, wenig versprechender und wenig anziehender Persönlichkeit, eifrig, fleißig, neu- und wißbegierig, äußerst lcselnstig, und erwarb sich eine Fülle von Kenntnissen, vor allem aber war er ganz Dichter, nebenbei übersetzte er auch manches aus dem englischen; in mancher Dichtweise war er unübertrefflich, in der Ballade, die er wenig achtete, blieb er hinter andern zurück; einige seiner Balladen, wie «Adelstan und Röschen» und «die Nonne», erscheinen heutiges Tages geradezu geschmacklos, aber eS ging die damalige Balladcndichtung, wie selbst jene von Bürger und den Stolbergcn darthun, darauf aus, Schauer zu häufen, ohne sich viel um den ethischen Gehalt der dazu gebrauchten Mittel und Bilder zu kümmern. Hölty's Triumph und Größe bestehen in der gefühlvollen Elegie, und in der gcmüthvollen Er-' Hebung. Sein Lied: «Wer wollte sich mit Grillen plagen», dieser volle Gegensatz zu all den vielen Trauer- und Thräueulicdern lebt unsterblich fort im Volksmund und sichert Hölty eine Ehreustelle auch unter den deutschen VolkSdichtcrn. Leider neigte sich des Dichters reines Leben früh zum Ende. Er war schon nicht völlig gesund zur Hochschule gekommen, und das erste Jahr auf derselben hatte ein anhaltender Husten mit Seitenstechen verbunden, getrübt; im letzten, in dessen Herbst er den abgehenden Freund Miller nach Leipzig begleitet hatte, stellte sich Bluthusten ein. Mit aller Freundeswärmc rieth Voß einen Arzt zu Rathe zu ziehen, allein anfangs wollte Hölty, der sein Uebel für nicht bedeutend hielt, dieß nicht thun, bis endlich die Freunde vereint in ihn drangen. Der Ausspruch des Arztes war so, daß Hölty auf dem Rückwege von ihm — bitterlich weinte. Den Winter über wurde nun zwar eine Cur gebraucht, allein diese Jahreszeit ist für Brustllidende nicht die Hoffnung gebende, und der Frühling des Jahres 1775 brachte eine neue heftige Gemüthserschütterung, Hölty's Vater starb, und er begab sich nun über Hannover nach Mariensee, wo er sich einer ärztlichen Cur unterzog, sich aber auch zugleich schmerzlich einsam fühlte, da sein für Freundschaft glühendes Gemüth dort den gewohnten Umgang schwer entbehrte. Ein Besuch bei Voß, der jetzt in Wandsbeck wohnte, war eine seiner letzten Lebensfreuden. Nachdem er sich 1778 nach Hannover begeben, nahm die floride Phtists so schnell überhand, daß er schon am 1. September d. I., erst achtundzwanzig Jahre alt, endete. Da der Dichter nicht selbst die Freude erlebt hatte, die vorbereitete Sammlung seiner Poesien erscheinen zu sehen, so unterzogen sich Freunde derselben; von diesen Freunden leistete aber ein gewisser Gcißler jun. dem Verstorbenen einen schlimmen Dienst, indem er eine zusammengeraffte, mit vielem nicht ächten vermehrte Sammlung veranstaltete, dann aber gaben Friedrich Leopold, Graf von Stolberg und Heinrich Voß eine würdige und geläuterte Sammlung von Hölty's Gedichten heraus, welche mehrere neue Auflage» erlebte. Auch der Wiener Nachdruck bemächtigte sich des empfin- dungsvollen Lieblingsdichters eines großen Theiles der deutschen Nation, doch in besserer als gewöhnlicher Weise, er veranstaltete eine Prachtausgabe. Hölty's früher Tod bewährte den Grundzug, der durch die meisten von Hölty's Dichtungen schauert: Das Leben hat von der Jugend an mir Kampf zu bestehen mit feindlichen Gewalten, Liebe und Poesie nahen ihm schützend und tröstend — bis es dennoch früh im süßen Tode unterliegt. Andreas Hoker. Geb. d. 22. Nov. 1767, gest. d. 20. Febr. 1810. Der gefeierte Patriot und Held Tirols, den sein Opfertod für das Vaterland mit der Märtyrerkrone schmückte, und der deshalb im Andenken der Nation unsterblich fortlebt. Hofer wurde bei St. Leonhard im Paffeyr- Thale geboren, und erhielt die Erziehung eines der wohlhabenderen Bauernsöhne. Der Vater, Joseph Hofer, war «der Wirth am Sand», und zog den kräftigen Sohn zu seinem Geschäft heran, das aus Gast- und Schänkwirthschaft, Pferde- und Weinhandel bestand, und sich lebhaften Betriebes erfreute, da der Verkehr durch den Gebirgspaß ein stets reger war. Daher mußte Andreas nothdürftig lesen und schreiben und auch etwas italienisch radebrechen lernen, außerdem aber folgte er mit Vorliebe dem Zuge der Gebirgsbewohner, sich durch körperliche Uebungen, durch Jagd und Ringkämpfe zu kräftigen, und wurde einer der geübtesten Schützen. Später wurde er selbst «Sandwirth» und galt als einer der angesehensten unter den Landleuten, daher er auch 1790 in den Tiroler Landtag gewählt wurde. Im Jahre 1796 trat Andreas Hofer an die Spitze einer Compagnie Gcbirgsschützen, die er herab zum Gardasee gegen die Franzosen führte, ohne jedoch Gelegenheit zu finden, sich auf diesem Zuge besonders hervorzuthun. Er kehrte zu seinem Sandwirthshaus zurück, und führte als wackrer Familienvater und redlicher Wirth das Leben eines geachteten Mannes, der seinen Geschäften und seinem Haushalt treulich vorsteht; das Schicksal vergönnte ihm aber nicht die friedliche Ruhe des Privatmannes, sondern hatte ihn erkoren, als politischer Held eine Rolle zu spielen. Bei der dauernden Gefahr, die das Land Tirol bedrohte, widmete auch Hofer, von der treuesten Vaterlandsliebe erfüllt, dem Lande seinen Antheil und seine kräftige Wirksamkeit; er half im Jahre 1803 die Landmiliz ordnen und einrichten, ging 1805 mit einer Deputation zum Erzherzog Johann, um diesem im Namen des Landes ein schmerzliches Lebewohl zu sagen, und gesellte sich zu Ansang des Jahres 1809 jenen geheimen Abgeordneten zu, die von mehreren tiroler Landgemeinden nach Wien entsandt wurden, um dort die Stimmung des Kaiserhofes zu erforschen, dem Kaiser vorzutragen, was das Tiroler-Land leide, was es hoffe, und wie eö bereit sei, alles einzusetzen, und mit Gut und Blut die alte Treue an das angestammte Kaiserhaus zu besiegeln. Diese heimlichen Werbungen blieben nicht ohne Gehör und Erfolg; durch den Erzherzog Johann ging dem Freiherr,: von Hormayr, einem Eingeborenen des Landes, der Befehl zu, einen Aufstand des gesummten Tirols gegen den Feind einzuleiten, und heimlich ganz Tirol und Vorarlberg unter die Waffen zu rufen, während der Erzherzog als Oberfeldherr der nach Tirol und Oberitalien bestimmten Armee jede Unterstützung zusagte. Freiherr von Hormayr, bestimmt, an der Spitze der Bewegung, der außerordentlichen Landesbewaffnung und Landesverwaltung zu stehen, entwarf den Plan, und bediente sich Andreas Hofer's zu dessen Ausführung, die einen so glücklichen Erfolg hatte, daß binnen 48 Stunden das Land von Franzosen gesäubert, und 8000 Feinde vernichtet, entwaffnet oder gefangen waren. Ebenso hob Hofer bei Sterzing das bayrische Bataillon Bärenklau auf. Gleich nach der Befreiung Nordtirols drang Hofer in Südtirol ein, und vertrieb daraus den französischen General Baraguay d'Hilliers. Da wurde Andreas Hofer schnell der berühmte Mann des Volkes, der Name des Sandwirths im Passayr schwebte aus allen Lippen. Bald aber wälzte Frankreich sein Heer gegen die Kaiserstadt, Bayern das seine inS Tirol, und es entbrannten die wüthendsten Kämpfe. Wien wurde übergeben, Tirol wurde behauptet, und abermals befreit. Hofer konnte an der Spitze seiner Paffeyrer Scharfschützen siegreichen Einzug in Jnnspruck halte». Freiherr von Hormayr stellte nun Hofer an die Spitze der gesummten Streitmacht Tirols, welche 5000 Mann zählte, Klagenfurt sollte genommen werden, das neunte Armeekorps Zuzug und Hülfe leisten, und damit die Befreiung ganz Jnner- östcrreichö mit einem Schlage bewirkt werden. Allein der Plan scheiterte, zum Theil mit vereitelt durch den Waffenstillstand von Znaim (12. Juli 1809), und mit Schmerz sahen die treuen Tiroler sich mitten auf ihrer Siegesbahn gehemmt, und durch den Stillstand der Waffen sich die Hände gebunden. Das Heer zerstreute sich, und sein heldenherzigcr Führer mußte sich, vor Verrath nicht sicher, in einer einsamen Hütte des Gebirges verborgen halten; doch blieb er sorgsam und wach und wartete seiner Zeit. Jetzt rückte das französische Heer gegen Tirol; leider mit vielen Truppen verbündeter deutscher Staaten, und Plötzlich stand Hofer wieder selbständig an der Spitze seiner Landsleute, führte sie mit Unerschrockenheit gegen den an Zahl weit überlegenen Feind, und gewann nach zwei heißen Schlachttagen (15. und 14. August) abermals den Sieg, warf die Feinde, zog abermals, von: Volke umzingelt, als Sieger in Jnnspruck ein. Unter dem angenommenen Titel eines Oberkommandanten von Tirol nahm Hofer jetzt seinen Wohnsitz in der kaiserlichen Burg, und übte eine Art Regentschaft aus. Die bürgerliche, wie die militärische Verwaltung leitete er jetzt ausschließlich und allein; er stellte an und setzte ab, saß zu Gericht und entschied Processe, ja er ging noch einen Schritt weiter, er übte ein ausschließliches Vorrecht der höchsten Gewalt aus, er ließ Landesmünzen Prägen, nicht mit dem kaiserlichen Doppelaar, sondern mit dem einköpfigen Adler Tirols, um die Krone des Adlers einen Lorbeer- kranz — Gulden, Zwanziger, Zehner, Fünfer in Silber, Kreuzer und halbe Kreuzer in Kupfer. Es war ein kurzer Traum von Glück, Größe und Macht, obschon Hofer's redlicher Sinn sich der letzteren nie überhob. Der Wiener Friedensschluß vom 14. Oktober zerstörte alle Hoffnungen und alles Glück Tirols, auch Hofer's Stern erblich. Noch einmal zum Aufstand gereizt, und zwar jetzt zum unrechtmäßigen, gegen den Willen seines Herrn und Kaisers, sammelte Hofer sich neue Truppen in, Oberinnthal und im Vintschgau, um sie gegen die Franzosen zu führen, die das Land zu besetzen kamen — und diesesmal siegte er nicht wieder. Ein geächteter Flüchtling mußte er sich in die Klüfte eisbedcckter Alpen bergen, und keine Macht vermochte ihn zu beschützen. Der schändlichste Verrath beschlich ihn, der 20. Januar 1810 gab ihn in die Hände seiner Feinde, und mit Frau und Sohn und Töchtern, mit seinen, Adjutanten und Schreiber wurde er über Meran und Botzen nach Mantua geschleppt, nachdem in Botzen, wo er mehrere Tage in Haft gehalten wurde, die Seinen freigegeben worden waren. Am 10. Februar wurde Hofer zum Tode verurthcilt, am 20. desselben Monats wurde das Urtheil vollstreckt. Er wurde erschossen und sein Vermögen eingezogen. Später wurde die Familie des Hingerichteten Patrioten entschädigt, wenn Geld und Rang eine Entschädigung heißen kann für einen gemordeten treuen Gatten und Vater. Die Wittwe behielt ihr Haus am Paffeyrer Sand, später wurde Hofer's Geburtshaus in ein Hospital für 16 alte Tiroler verwandelt, die Kinder des Mannes, der einst vogelfrei gewesen, dursten sich fortan Hofer, Edle von Passeyr nennen, und es ward reichlich gesorgt für ihre Zukunft. Hans Holbein der jüngere. Geb. um 1498, gest. 1554. Maler und Zeichner für den Formschnitt, wenn nicht selbsteigenhändig Formschneider — worüber ein noch immer unentschiedener Streit herrscht — von der höchsten Bedeutsamkeit. Aus dem Dunkel der Zeit aufglühend, in ihr Dunkel verschwindend, leuchtete Hans Holbein der jüngere am Himmel der deutschen Malerkunst in meteorischer Schone. Weder Geburts- noch Todestag von ihm sind ermittelt, und wie um den Sänger der Jlias und Odyssee, streiten sich mehrere Städte um die Ehre, des großen Meisters Geburts- stättc gewesen zu sein. Selbst das Jahr seiner Geburt schwankt von 1495 bis 1498. Aber in Basel, wohin er mit seinem Vater, der zugleich sein Lehrmeister war, von Augsburg gczogcu sein soll, begann er seine Künstlerbahn, und befreundete sich frühzeitig mit den hervorragenden Männern, welche die Bewegungen auf dem humanistischen und kirchlichen Gebiete dort vereinten; einen großen Theil dieser seiner berühmten Zeitgenossen zeichnete Holbein nach dem Leben, und leistete schon dadurch der Nachwelt eineu höchst dankenswerthen Dienst. Zum berühmten Buche des Erasmus vou Rotterdam, der sich in Basel niedergelassen hatte: «Das Lob der Narrheit», zeichnete Hol- bcin die trefflichen Holzschnitte. Einige alte Gemälvc, Todtentänze, schon im fünfzehnten Jahrhundert, wo nicht früher, hervorgegangen aus Zeitcrschcinungen und deren asketischer Auffassung, die in Basel sich als Wandbilderreihen vorfanden, weckten in Holbein die Idee zu seinem unübertrefflichen Holzschnitttodtcntanz, einer Vilderrcihe voll des tiefsten Ernstes im Bunde mit Laune und klassischem Humor, welcher in zahlreichen Ausgaben, in deutscher, niederdeutscher, französischer, englischer und italienischer Sprache meist poetisch erläutert erschien, häufigst uachgcstochcu, nachgedruckt und noch häufiger nachgeahmt wurde, und schon allein hinreicht, Holbeins Namen die Unsterblichkeit zu sichern. Die Forschung hat erwiesen, daß die Anzahl der von Holbeins Todtentanz gedruckten Ercmplaren eine Million erreicht, und dennoch sind Originale desselben jetzt selten und theuer. Noch seltener sind die Ausgaben von Holbeins Vibclbildcrn, Icones Iiistoriarum ve- toris et novi testamonti, und das ihm ebenfalls zu- geschriebene Todtentanzalphabct, aber zu fabelhafter Seltenheit, in Deutschland wohl nur in wenigen Ercmplarcn vorhanden, erhebt sich der Katechismus des Erzbischvfs Cranmer von Canterbury, deö Begründers der anglicanischcn Kirche, den Holbcin ebenfalls mit Holzschnittbildern zierte. Außerdem werden ihm noch viele andere Folgen wie Einzclblätter dieses Kunstzweigcs zugeschrieben, den er in Bezug aus Schönheit der Zeichnung und Feinheit des Schnittes auf die Stufe der Vollendung hob, und es ist kaum denkbar, daß der Meister ohne geistigen Antheil bei der technischen Behandlung dieser seiner unsterblichen Formschnittwerke geblieben sein sollte. Was Holbein als Maler und vorzugsweise als Portraitmaler war und leistete, künden zahlreiche Gallerten Deutschlands und noch mehr Englands, wohin er sich begab, vom Grasen Arnndel, britischen Gesandten zu Basel und von EraSmus an den Groß- kauzlcr ThomaS Morns empfohlen. Durch diesen ward er dem König von England, Heinrich VIII. bekannt, der ihm seine ganze Neigung schenkte, und in dessen Gunst der Künstler sich dauernd zu erhalten verstand. Ein Lord wollte mit Ungestüm in Holbeins Atelier dringen, gegen den Willen des Künstlers, und dieser warf ihn die Treppe hinunter; als der Lord darüber Beschwerde führte, sagte Heinrich VlII.: «aus sieben Bauern kann ich sieben Lords machen, aber aus sieben Lords noch keinen Holbein.» Wenn diese Anekdote auch nicht wahr ist, so drückt sie doch eine allgemeine Wahrheit aus. Noch vor des Königs Tode und nach Vollendung trefflicher Gemälde reiste Holbein einmal nach Basel zurück, unterstützte reichlich seine Angehörigen, bewegte sich heiter im Kreise alter und neugewonnener Freunde, malte noch einiges und wandte sich dann wieder nach London, wo er noch bis zn seinem Tode unermüdlich thätig war. Die im Jahr 155ä in London ausgebrochene Pest raffte ihn hinweg, er wurde mit andern gleichzeitig an derselben verstorbenen eingescharrt, und als sein früherer Gönner, Graf Arnndel, nach des großen deutschen Künstlers Grabe forschte, wußte niemand dieses ihm zu zeigen. AIS Maler steht Hans Holbein d. j. neben Albrecht Dürer; als Zeichner für den Formschnitt, oder wenn man will, als Formschncider — (schnitt Dürer selbst, so schnitt zuverlässig auch Holbein selbst, man muß nur nicht annehmen, daß diese Künstler alles und alles selbst geschnitten und gemalt haben, was ihnen zugeschrieben wird, denn wofür hätten sie denn ihre Schüler gehabt?) übertrifft ibn Dürer in der Großartigkeit und steht ihm nach in der Feinheit und Zierlichkeit. Holbcin war ein treuer Jünger der Natur, ein Meister in Zeichnung und Farbengebung; aus seinen Bildnissen spricht richtige Auffassung und tiefe Lebenswahrheit. Es haben Einige Holbcin den Makel eines sittenlosen Lebens anzudichten versucht; einen solchen Mann würde aber der sittenstrenge Thomas Morus nicht zwei Jahre lang in seinem Hause, im Schoose seiner Familie geduldet haben. Von den Todtentanz- bildern haben kaum drei einen Anhauch von Frivolität, die Bibelbilder sind voll keuschen Ernstes. Deutschland darf stolz sein und bleiben aus seinen, in seiner Eigenthümlichkeit noch von keinem übertroffencn Hans Holbein. Ulrich von Hutten. Geb. d. 21. April 1488, gest. d. 31. Aug. 123. Mit dem Kranze unvergänglichen Nachruhms geschmückt, tritt einer der deutschesten Deutschen aus dem Spiegel der Geschichte ernst und achtunggebietend vor den Blick der Nachwelt, mit jugendlich milden Zügen und doch jeder Zoll ein Mann, ein deutscher Mann. Hutten, der Sprößling einer alten Adelsfamilie Frankens, sollte sich dem geistlichen Stande widmen, und besuchte die Stiftsschule zu Fulda, von wo ihm, da er durchaus keine Neigung hatte, Kleriker zu werden, ein Verwandter, Ritter Eitelwolf von Stein, 1504 von dannen half. Sein Mitflüchtling aus dem Kloster war Crotus Rubianus, und beide gingen nach Cöln, wo eine große Anzahl begabter Männer die Hochschule belebte, Männer, die in hartnäckigen gelehrten Kämpfen einander anfochten, wo die Reuchlinisten und überhaupt die Humanisten den Dunkelmännern gegenüberstanden, und erstere von den letzteren sich mehrfach verdrängt sahen. Da wandte sich Hütten auch hinweg, ging nach der ncubegründctcn Hochschule zu Frankfurt an der Oder, und nahm dort in seinem 18. Jahre die Magister- würde an. Einige Verwandte und der Markgraf von Brandenburg, Kurfürst und Erzbischof Albrecht zu Mainz unterstützten Hütten, der, nachdem er in Frankfurt seine humanistischen Studien vollendet hatte, dem Triebe folgte, die Welt zu sehen und im ritterlichen Gebaren sich hervorzuthun. Leider lachte ihm dabei, weil er vom Hause aus ohne alle Unterstützung blieb, nicht das Glück. Er zog 1509 unter dem Heere Kaiser Marimilian's I. gegen Venedig, war bei der Belagerung von Padua und kehrte dürftig nach Deutschland zurück, ein armer und leider auch noch kranker Abenteurer. Da weilte er denn erst in Rostock, durchzog dann auf einer scholastischen Pilgerfahrt Deutschland, verweilte einige Zeit in Braunschweig, dann in Mainz, in Frankfurt am Main, in Wittenberg, überall nur kurze Zeit, wanderte dann nach Böhmen und endlich nach Mähren, wo er im Bischof von Olmütz, Stanislaus Turso, einen Gönner und Beschützer fand. In diesem Zeitraum machte sich Hütten schon als Dichter bekannt, gab eine «Verskunst» heraus, eine Dichtung: «Der Niemand» und anderes, schrieb aber noch alles in lateinischer Sprache. Endlich fügte sich der Dichter dem Willen seines Vaters, wenn er nicht geistlich werden wolle, mindestens eine Wissenschaft gründlich zu stndiren, und ging nach Pavia, wo er sich der Rcchtsknnde, obschon ohne alle Steigung, befleißigte. 'Aber in Pavia erging es ihm doppelt übel, die Franzosen nahmen ihn gefangen, die Schweizer beraubten ihn; kaum das nackte Leben rettend, flüchtete er nach Bologna, durchzog weiter Italien, schrieb seinen «guten Mann» und dichtete beißende Epigramme auf den Elcrus, wozu ihm ein abermaliger Aufenthalt in Nom Stoff in Fülle bot Nom machte auf ihn durch die Sitteuverderbniß, die er aus der leidigsten Selbst- erfahrung kennen gelernt hatte, denselben Eindruck, den es auf Luther gemacht, und er verließ es gern, zumal der gegen ihn entflammte Haß der Mönche ihn dazu drängte. Jetzt ging Hütten einer schöneren Zeit in der Heimath entgegen. Er durfte 1514 seine kleineren Gedichte nnd Epigramme zusammendrucken lassen und sie dem Kaiser zueignen. Eitelwolf von Stein, der treue Verwandte, verschaffte ihm Aufnahme am Mainzer Hose und Hütten sang das Lob Deutschlands bcgcistrnngsvoll, wie nie vor ihm ein anderer Dichter. Der Bund der Humanisten weihte Hütten für den klassischen Geist des Alterthums — da riß ihn aus gchofften Zukunfthimmeln eine böse That wieder in leidenschaftliche Kämpfe. Herzog Ulrich von Würtemberg ermordete mit eigener Hand seinen Amtmann Hans von Hütten, Ulrich von Huttcn's Blutsverwandten, in Folge eines unseligen Doppelverhält- uiffes beider Männer zu ihren gegenseitigen Frauen. Hütten, fest von seines Vetters Unschuld überzeugt, schleuderte gegen den Herzog furchtbare Schriften und suchte das ganze Reich anfznlärmen. Die Schriften hätten der Beredsamkeit des Demosthenes und dem klassischen Latein Cicero's Ehre gemacht, sie stellten den freisinnigen Kämpfer für das Recht gegenüber der tvrannischen Willkür, in welchem Lichte des Herzogs That dargestellt wurde, hoch in den Augen der deutschen Nation, aber außerdem frommten sie ihm nicht; zudem starb auch sein treuer Verwandter E. von Stein, und Hütten begab sich abermals nach Italien, das ihm verhaßte Rcchtöstndium noch einmal aufzunehmen. Ein Jahr lang trug er das Joch dieses unlieben Studiums; 151 <» war er gegangen, 1517 war er wieder in Deutschland, fand gastliches 'Asyl bei dem gelehrten Peutinger in Augsburg, wurde aus dessen Anlaß vom Kaiser Marimilian l. selbst zum Ritter geschlagen, nnd Peutinger's herrliche Tochter mußte ihn mit dem Dichterlorbeer krönen. Das war der höchste Gipfel von Hntten's Erdcnglück. Peutinger wollte ihm sogar die Tochter vermählen, aber Hütten durfte die liebe Hand nicht annehmen — das war der glühendste Dorn des Schmerzes, den er je empfand. Von Augsburg begab sich Hütten endlich wieder in die Heimath, auf seine Güter, und richtete auf Burg Stecklenberg eine Druckerei ein, aus der nun seine Schriften in die Welt flogen. Dem Papst widmete er eine Schrift voll geistiger Kraft über Konstantins erdichtete Schenkung, welche ersterer sehr übel aufnahm; um so mehr gefiel sie Luther und dessen befreundeter Genossenschaft. Im Jahre 1518 trat Hütten ganz in die Dienste des Erzbischofs Albrecht von Mainz, munterte Deutschlands Fürsten in einer eigenen kraftvollen Rede zum Zuge gegen die Türken auf, schrieb sein satprischcs Gespräch «über das Hofleben», nahm Theil an den nicht minder satprischen «Briefen der Dunkelmänner», und anderes, und trat als Kriegsmann in das Heer des schwäbischen Bundes gegen den ihm verhaßten Herzog Ulrich von Würtemberg; aber die Göttin des Krieges versagte ihm die Lorbeerkränzc, mit denen die Mnsen um so reichlicher sein Haupt schmückten. Die auf diesem Zuge mit Franz von Sickingcn geschlossene Freundschaft war für Hütten der beste Gewinn desselben. Nach Mainz und später auf seine Burg zurückgekehrt, schrieb Hütten seine kühne «Römische Trias«, gab noch andere Werke heraus und fuhr fort, gegen den Papst und das Papstthum zu schreiben, was des Papstes Rache und Verfolgung herausforderte, und endlich des Ritters Entfernung vom Mainzer Hofe bewirkte. Hütten ging zu Sickingcu auf dessen feste Ebernburg, schrieb herrliche Briefe, ermähnte die deutsche Nation zur Aufrechthaltung ihrer Freiheit, schrieb zu Gunsten Luthcr's, war unermüdlich thätig in der großen Angelegenheit der 'Reformation, einer ihrer tapfersten und geistig hochstehendsten Vorkämpfer mit dem Schwerte ves Wissens und der Ueberzeugung, — aber Sickingen verwickelte sich in seine unselige Fehde, als deren Opfer er siel, und die Ebern- bürg konnte Hütten nicht mehr schützen. Er entwich, durchirrte das Elsaß und die Schweiz, machte noch an Erasmus von Rotterdam eine tiefschmerzliche Erfahrung verrathener Freundschaft, nnd fand endlich, todmüde gehetzt von seinem Schicksal, auf der kleinen Insel Ufnau im Züricher See Asyl und — Grab. Kein Deutscher siebt und betritt dieß Eiland ohne Ernst und Wehmuth. Jean Paul Friedrich Richter. Geb. d. 21. März 1763. gest. d. 14. Nov. 1825. Deutschlands begabtester und fruchtbarster Dichter auf einem Gebiete, für welches der deutschen Sprache der rechte Ausdruck mangelt, denn Laune, scherzhafte Gemüthsart u. dgl, übersetzen nicht genügend das tiefdeutungvolle Wort Humor, Wunsiedel im Fichtelgebirge war Jean Paul's, (wie dieser Dichter sich gewöhnlich nannte) Geburtsort, der Vater war Lehrer an der Schule des Städtchens und erlangte später eine kleine Pfarrstelle im Dorfe Jodiz, welche er nachher mit einer andern im Marktflecken Schwarzenbach an der Saale vertauschte. Der junge Sohn war sich viel selbst überlassen, entwickelte sich zeitig und baute sich eine innere Welt voll Gedanken, ebenso eignete er sich durch lesen allmählich eine Fülle von Kenntnissen an, die er in späteren Jahren gnt zu benutzen verstand. Auszüge aus Schriften zu machen, gemährte ihm durch sein ganzes Leben eine eigenthümliche Freude, die bei einem so sclbstschöpferischen Geist, wie der Jean Paul's war, nebst seiner Neigung für einen sorglich rcgistrirtcn Zettelkram mit Namen, Nummern und Notizen eigentlich als ein psychologisches Räthsel erscheint. So bildete Jean Paul sich neben gut benutztem Schulunterricht zum vielwissenden bewanbcrtsein in allen möglichen Fächern, ohne doch je irgend ein anderes Fach als das der phantastevoll schaffenden Poesie zu ergreifen. Von dem Gymnasium zu Hof zog Jean Paul schon im siebzehnten Jahre auf die Hochschule zu Leipzig, wo er, nach des Vaters Wunsche, Theologie studiren sollte, aber diese nicht studirte, wie sehr einen andern der Mangel an Mitteln nach einem sichern Brodstudium hingedrängt härte. In dem jugendlichen Dichtergcist waltete, vielleicht mit vom Druck der Armuth erzeugt, die Neigung zur Satyre vor, und er goß deren ganze Fülle und Schärfe in dem Buche: «Grönländische Processe» aus, wie nicht minder später, als er in Leipzig sich nicht zu halten vermochte, und sich wieder nach Hof und dann nach Schwarzenbach zurück begab, in der «Auswahl aus des Teufels Papieren». Beide Bücher waren noch von wenig Erfolg begleitet; der satyrische Dichter ist selten willkommen, die Satyre ist den Leuten sehr unbequem, indem sie sticht und beißt. Zudem liebte der junge Poet sehr das formlose, und huldigte einer unbeschränkten Freiheit, die im äußeren erscheinen des Fesselzwanges der Btode spottete, und in der schriftstellerischen Darstellung jede Formschranke übersprang oder zerbrach. Die Armuth nöthigte Jean Paul, Hofmeisterstellen anzunehmen, um seine dürftige Mutter zu unterstützen, und durch den milden Kindergeist, zu dem sein Herz sich neigte, wandte sich sein Dichtcrgenius höheren und edleren Regionen, als die der Satyre sind, zu. Es entstanden Schriften, welche die Lescwelt mit Entzücket: aufnahm, wenn auch nur ein kleiner Theil derselben sie verstand; des Dichters Lage besserte sich, und er konnte wieder nach Hof übersiedeln. Dort schrieb er nun im vollen Dränge eines befreiten Geistes, beseelt wie beseligt von dem Strahle des göttlichen Urlichts, das in ihm stammte, seinen «HespcruS», «Omintus Firlein», «die biographischen Belustigungen unter der Hirnschale einer Riesin», die «Blumen:, Frucht-und Dornenstücke» und die «Jubelfeier«, welche alle von 1795 bis 1797 erschienen, und von der größten Fruchtbarkeit wie von der Unerschöpf- lichkcit der Gedankenfülle ihres Urhebers zeugten, freilich oft auch excentrisch sprudelnd und vielen unbegreiflich erschienen. Als des Dichters alte Mutter 1797 gestorben war, reiste Jean Paul zu Glenn nach Halberstadt, der ihn innig liebte, und dann nach Leipzig, wo er des Umgangs mit den geistreichen Prinzessinnen von Sachsen-Hildburghausen gewürdigt ward, deren Vater, der Herzog, ihm einige Jahre später den Legationsrathtitel verlieh. Das «Campancrthal», dessen Dichtung in diese Zeit fällt, erhöhte nur den bereits gewonnenen Ruhm und der Dichter erlebte eine glückliche Zeit in den edelsten Kreisen zu Weimar, Leipzig und Berlin, deren Blüthengipfel die Verheirathung mit Karoline Maier bildete. Allein gewisse Hoffnungen auf Berlin gingen doch nicht in Erfüllung, und die höfische Sphäre Weimars, in der sich die dortigen Geistesgrößen 'bewegten, konnte, wie licht sie erschien, den schier allzu- genialen Dichter nicht lange fesseln. Er wandte sich nach Meiningen, dessen Herzog, Georg, ein edelfrei- gesinnter Fürst, ihn hochschätzte, und wo er sich im Umgang mit dem Vice-Präsidenten w. Heim, dem Geologen, wie mit dem Negicrungsrath Freiherr» von Donop, dem Archäologen, innig befreundete. In Meiningen schenkte seine Karoline dem glücklichen Vater das erste Kind. Hier war es auch, wo Jean Paul den Dichter Ernst Wagner liebend zu sich emporhob. Schon im folgenden Jahre nahm Jean Paul, der in Weimar und Meiningen am «Titan» fortgcarbcitet hatte, die Einladung des Herzogs zu Sachsen Coburg in dessen Residenz an, doch weilte er auch dort nicht lange, sondern wählte, zumal ihm der Fürst Primas, Carl von Dalberg, eine Pension von 1000 Gulden rhein. ausgesetzt hatte, deren Auszahlung nach Dalberg's Abdankung der edle König Maximilian Joseph I. von Baiern übernahm, seine alte ihm liebe Heimath, und in dieser Baircuth zum Wohnort, von wo aus er noch mit manchen goldenen Früchten seiner Muse: wie die «Flcgeljahre», «Dr. KatzcnbcrgeUs Badereise«, «der Komet», «Levana», «Vorschule der Aesthetik» und anderen, die Lcsewclt beschenkte, und bis zu seinem Tode sich in der Gunst des gebildeteren und denkenderen Theils derselben behauptete. Er erlebte noch das Glück eine Gesammtausgabe seiner Schriften in 60 Bänden anzuordnen und zu ergänzen, erlebte aber auch das harte Loos, staarlcidend zu werden, und kurz vor seinem Ende gänzlich zu erblinden. Viel wurde von Jean Paul geschrieben, nicht viel weniger über ihn; Lob und Tadel in überreichlicher Fülle. Jean Paul war ein Dichtergeist, der nicht nach der Elle der Alltagskritik gemessen werden konnte und kann. Ueber Lob und Tadel erhaben ging er ein in das Reich der Unsterblichen. Die Poesie weihte ihn mit ihrem flammendsten Kusse; hohe Vaterlandsliebe glühte in ihm und ein überschwänglicher Reichthum tiefen Gemüthes, das im strafen liebt, im zürnen mild ist und durch Thränen lächelt. So war und so bleibt er ewig unser. August Wilhelm Iffland. Geb. d. 19. April 1759, gest, d. 22. Sept. 1814. Neben Eckhof und Schröder einer der glänzendsten Namen unter den Schauspielern, welche zuerst mit Ernst und Eifer der deutschen Bühne würdige Gestaltung verleihen halfen, und durch die gewaltige Kunst der Darstellung auf ihre Zeitgenossen, wie durch gelungene Werke nachhaltig auf die Nachkommen wirkten. Kein Bühnen-Künstler wird Iffland's Namen ohne Ehrfurcht ausfprechen. Iffland wurde zu Hannover geboren, des Bürgermeisters Sohn, der nicht ahnen konnte, welchen Weg der Sohn durch das Leben wandeln werde. Für den Staatsdienst bestimmt und den besten Vorbereitungs- unterricht empfangend, wollte der Knabe nicht nach Wunsch einschlagen und lieber als die Bücher war ihm die Bühne, auf welcher die Ackermann'schc und Seiler'sche Gesellschaft Vorstellungen gaben, und deren Eindrücke so mächtig auf den jungen Jffland einwirkten, daß sie alles andere lernen verdrängten, und je mehr seiner überraschend hervortretenden Vorliebe für das Theater entgegengetreten wurde, um so mehr brach diese lebendig hervor. Nomanlektüre trat anregend hinzu, die Lockung zur Bühne war allzumächtig; in Gotha strahlte Eckhofs Stern, und der achtzehnjährige Jüngling folgte diesem Sterne. Dort betrat er zum erstenmale die Bühne, auch Beck begann mit ihm zugleich die dramatische Laufbahn, welche beide mit so großen Ehren wandelten. Eckhof wurde ihnen Lehrer und Freund, nicht minder der geschmackvolle Dichter und Bühnenfreund Friedrich Wilhelm Götter, ein geborener Gethaner, und Jffland verlebte zwei genußreiche Jahre in der freundlichen Stadt, in welcher Herrscher und Volk vereint zur Höhe der Bildung hinanstrebten. Da erfolgte 1778 Eckhof's Tod, und der Herzog fand sich bewogen, seine Bühne zu schließen. Den besten Mitgliedern winkte jedoch Anstellung in Mannheim, wo des Frciherrn Wolfg. Heribert von Dalberg's Bühncnsccptcr waltete. Jffland kam nach Mannheim, bald auch kam Schiller; die schönsten gegenseitigen Anregungen wurden geboten; der Künstlcrkrcis strebte nach harmonischer Vollendung, das Publikum lohnte durch Antheil und Wärme dem wackern Bestreben, und Jffland fühlte sich versucht nun auch als dramatischer Dichter sein Bi'ihncnwirkeu zu erhöhen. Er wählte den Kreis des bürgerlichen Lebens seiner Zeit; dieß ist bei jedem Urtheil über Jffland's Familiengcmäldc nie aus dem Auge zu lassen. Selbst Schiller versuchte sich in seinem «Kabale und Liebe» auf diesem Gebiete. Kuustreisen bildeten Jffland eben so sehr weiter aus, wie sie seinen Ruhm vermehrten, bald klang sein Name als der des größten deutschen Schauspielers neben Schröder, dem er sich auch befreundete, durch Deutschland. Er vcrheirathcte sich in Mannheim und bilvete dort einen angesehenen Kreis, machte ein Haus und sah nicht ohne Wehmuth theils durch eine Spannung mit der Bühncn-Jntendanz, theils durch die kriegerischen Unruhen sich veranlaßt, das geliebte schöne Mannheim, wo er den Hasen seines Glücks gefunden, zu verlassen. Er nahm den 1796 von Berlin auS an ihn ergehenden Ruf zum Direktor des königlichen Nationalthcaters an. Zwar ließ ihn anfangs die nüchterne und frostige Berliner Kritik die gewohnte Wärme der rheinischen Stadt schmerzlich vermissen, indessen lernte er bald einsehen, daß von jeder Kritik, sofern sie nur eine verständige, wenn auch keine wohlwollende ist, zu lernen sei; aber freilich war Jffland in sich fertig, war kein werdender mehr. Jffland's Leistungen als darstellender Künstler erreichten vielleicht nicht jene Eckhof's, ihre Sphäre war beschränkter, er konnte, auch körperlich nicht ganz besonders bevorzugt, nicht in jeder Rolle glänzen, zeichnete sich aber in hochkomischcn, in bürgerlichcrnsten wie in gutmüthigpolternden, auch in intriguanten 'Rollen aus. Seine gediegene Sprache, die zu höchster Ausbildung gehobene Deelamation, eine unübertreffliche Charakterauffassung und Darstellung mit den Mitteln plastischer Mimik ließen ihn stets bewundert erscheinen. Don seinen zahlreichen Stücken, die sich bisweilen zu sehr in rhetorischer Breite ergehen, giebt und sieht man immer noch gern «die Jäger», in denen die Rolle des Oberförsters die seine war, «den Spieler», Scenen aus den Hagestolzen, u. a. Seine ländlich idyllischen Stücke, zu denen die Jäger und die Hagestolzen gehören, behaupten den Vorrang vor denen, deren Inhalt in Städten spielt. Das Lied aus den letztern: «Was frag' ich viel nach Geld und Gut» — ist allverbreitetes Volkslied geworden. Als Direktor war Jffland thätig und tüchtig wie wenige, umsichtig und treu, seine Haltnng war vornehm mit sittlichem Ernst gepaart. Die Comödian- terie durfte nicht an ihn herantreten. Im Jahr 1811 ernannte ihn der König zum General-Direktor aller königlichen Schauspiele, gewiß ein Zeichen des höchsten und des verdientesten Vertrauens. Mit Freude munterte Jffland würdige Talente aus und versagte der echt künstlerischen Begabung nie seine Anerkennung. Jffland war es, der Müllner anregte, «die Schuld» zu schreiben, und als in diesem Trauerspiel die Künstlerin Bethmann-Unzelmann die Elvire zum erstenmale gespielt hatte, schrieb ihr Jffland: «Worte sagen es nicht, was ich für Ihr Talent, Ihre Lieblichkeit und Hoheit fühle. Gott erhalte Sie. Amen! Jffland.» — Diese Worte schrieb Jffland am 14. Febr. 1814 — am 22. Sept. desselben Jahres schied er aus dem Leben, nach fruchtlosem Gebrauch der schlesischen Bäder. Es ist laut ausgesprochen worden, daß mit ihm eine der glänzendsten und ehrenvollsten Perioden des Berliner Theaters zu Ende ging. Sein Wirken fiel aber auch in eine Zeit, die dem Bühnenleben hochgünstig war. Jffland's Verdienst war es, mit Hülse der genannten Bethmann-Unzelmann und Flecks eine Schauspieler- Schule zu begründen und zu leiten, welche Deutschland bedeutende Künstler heranzog und ausbildete; durch ihn kamen die dramatischen Dichtungen Lessing's, Gocthe's und Schiller's aus die Bühnen Berlins. Dankbar wirkte für ein Denkmal Jffland's Frau Bethmann- Unzelmann beim König und bei auswärtigen Bühnen, aber schon ein Jahr nach seinem Tode folgte auch sie dem großen Meister nach. Durch Cabinetsordre vom 15. October 1814 bewilligte König Friedrich Wilhelm III., daß sie sich zum Behuf der Denkmal-Errichtung für Jfsiand an alle deutschen Bühnen-Directionen wenden dürfe und verfügte, daß die reine Einnahme einer am 19. April (Jffland's Geburtstag) 1815 auf dem königlichen Hoftheater zu Berlin zu gebenden Vorstellung jenem Denkmal gewidmet werden solle. Ihr Aufruf an die Bühnen geschah unterm 4. Nov. 1814. Der Erfolg dieser ehrenhaften Bemühung ist nicht in weiten Kreisen bekannt geworden. Joachim II., Kurfürst zu Brandenburg. Geb. d. 9. Jan. 1505. gest. d. 5. Jan. 1571. Unter den ruhmreichen Fürsten des Brandenburgischen Hauses aus dem Zollernstamme nimmt Joachim II. eine der bedeutendsten Stellen ein, denn er wurde der Reformator seines Landes und zeichnete sich aus durch eine milde, friedenliebende und versöhnliche Gesinnung, wie durch vortreffliche Eigenschaften seines Charakters. Er wurde seinem Vater Joachim I., Nestor genannt wegen dessen Weisheit und wissenschaftlicher Kenntniß, als erster Prinz geboren. Der Vater war ein ganz entschiedener Gegner der Reformation und gab in dieser Gesinnung dem Sohne kein gutes Beispiel. So gelehrt er war, so streng und unduldsam war derselbe; nach einer Seite hin suchte er Wissenschaft und Kenntniß zu verbreiten, nach anderer hin strebte er dem Lichte der Aufklärung entgegen. Er begründete 1506 die Universität Frankfurt a. d. O. und vertrieb 1510 die Juden. Seine Gemahlin, Kurfürstin Elisabeth, geborene Prinzessin von Dänemark, welche sich der neuen evangelischen Lehre zugeneigt und das Abendmahl unter beiderlei Gestalt empfangen hatte, ließ er auf ihrem Zimmer bewachen und dachte ihr die Strafe der Ein- mauerung zu; sie entkam mit Mühe durch die Flucht. Der Kurprinz hing der Mutter und deren Lehren an, neigte sich ebenfalls dem Lutherthume zu (er hatte Luther einmal selbst in Wittenberg predigen hören), obschon er von dem strengen Vater und von dem berühmten Oheim, dem Kurfürsten und Erzbischof Albrecht zu Mainz, viel darüber zu leiden hatte. Er erwarb sich durch seine Tapferkeit den Beinamen Hcctor, vermählte sich 1524 mit Magdalcna, der Tochter Herzog Georg des Bärtigen zu Sachsen, der ebenfalls durchaus antievangelisch gesinnt war, und als Joachim II. diese Gemahlin 1534 durch den Tod verlor, schritt er zu einer zweiten Vermählung mit Hedwig, der Tochter König Sigismund I. von Polen. Auch der neue Schwiegervater sah keineswegs die informatorische Neigung seines fürstlichen Eidams gern, vermochte aber auch nicht, diese zu hindern oder ihr Schranken zu setzen; denn ehe noch Joachim's II. Vermählung am 1. Sept. 1535 zu Krakau erfolgte, war am 11. Juli desselben Jahres der alte Kurfürst gestorben und Sicgmund's Schwiegersohn Regent der Mark Brandenburg und Kurfürst. Letzteren hatte bereits Landgraf Philipp von Hessen in seinem Bei- leidsschrciben ernstlich zum Festhalten an der gewonnenen Ueberzeugung ermähnt, und auf Leute hingedeutet, namentlich auf einen, den der Kurfürst wohl wissen werde, «die alles versuchen würden, ihn von der evangelischen Wahrheit abzuwenden». Er solle sich nicht zu einer leeren Schelle machen lassen. Dieß that denn nun anch der junge Kurfürst in Wahrheit nicht, sondern er bot Herz und Hand der Sache, die er für eine gute und heilsame erkannte; er suchte im Jahre 1558 durch Verwendung an den Kurfürsten zu Sachsen den Neichsfrieden zu vermitteln, um mit vereinter Macht Deutschland gegen die stets in feindlich drohender Stellung beharrenden Türken kräftig schützen zu können, allein nur mit großen Schwierigkeiten wurde hierin ein leidiger Vergleich zu Stande gebracht. Mittlerweile hatte bereits der Bruder des Kurfürsten, Johann, Markgraf zu Küstrin, in den seiner Regierung unterstellten Landcstheilen, bestehend aus der neuen Mark, dem schlesischen Hcrzogthume Crossen, einem Theil der Lausitz und mehreren Herrschaften, mit Glück und mit Beseitigung einzelner Widerstände die Reformation eingeführt, und so trat nun auch Joachim II. am 1. Nov. des Jahres 1559 der evangelischen Lehre öffentlich bei, und empfing in zahlreicher Versammlung seiner Edlen in der Collegiatkirchc zu Köln an der Spree aus der Hand des Bischofs zn Brandenburg, Matthias von Jagou, das heilige Abendmahl in beiderlei Gestalt. Dieses hohe fürstliche Beispiel fand im ganzen Lande Beifall, denn das Volk hatte es lebhaft ersehnt, und folgte ihm auf das freudigste nach. Eine Kirchenord- nung wurde nun für das Kurfürstenthum entworfen, welcher zum Theil die des Markgrafen Georg des Frommen von Brandenburg-Ansbach zum Grunde gelegt ward. Anfangs war der Kurfürst für die Beibehaltung der meisten katholischen Ceremonien, Luther aber belehrte ihn in dieser Hinsicht eines bessern. Die Bisthümer wurden eingezogen und die Klöster in Stadtschulen verwandelt. Während Kurfürst Joachim II. das Wohl seines Landes in aller Weise zu fördern suchte, entbrannte der schmalkaldische Krieg, an welchem der Kurfürst, wie sehr er auch mit dem Kurfürsten zu Sachsen und mit dem Landgrafen zu Hessen befreundet war, nnd wie treu er es mit der Sache der Reformation meinte, keinen Theil nahm, weil er noch an eine Versöhnung der streitenden Religionspartcien glaubte, ja auf eine solche hoffte, welche freilich ein blutiger Religionskrieg weder anbahnen, noch vermitteln konnte. Nach dem unglücklichen Ausgang des Krieges verwendete sich Joachim II. mit aller Frcundestreue für die gefangenen Fürsten, insonderheit für den Landgrafen, zu wiederholten malen, schickte deshalb theils allein, theils in Gemeinschaft mit Kurfürst Moritz zu Sachsen Gesandte an den Kaiser, und sah es mit Freuden, daß Moritz für die Sache der bedrängten evangelischen Kirche endlich in die Schrauben trat nnd sein nicht würdiges Bündniß mit dem Kaiser brach. Das Interim hatte Kurfürst Joachim II. angenommen, weil er hoffte, es werde durch dasselbe der beabsichtigte Reli- givnsfriede erzielt werden; da dieß nicht der Fall war, so hörte es auf, im Lande des Kurfürsten eine Bedeutung zu Haben, denn die evangelische Lehre ward nun in demselben nicht nach dem Interim, sondern nach Luther's Wort fest begründet. Weniger Ruhm, als durch die Einführung der Reformation in seinen Landen, ärntete Kurfürst Joachim II. in dem 1512 auf das Geheiß des Kaisers gegen die Türken unternommenen Felvzug, an deni mehrere deutsche NeichSfürsten in Person Theil nahmen, auch zum Theil durch große Tapferkeit sich auszeichneten; aber durch die Niederlage vor Pesth wurde das Kriegsherr zum Rückzug genöthigt, und trug von diesem Feldzug keine Lorbeeren davon. In der Regierung seines Landes, das durch die Mitbelchnung über das Herzog- thum Preußen — welche der Kurfürst durch seinen Schwager Sigismund August, König von Polen, erlangte — die Anwartschaft auf nicht unbedeutende Vergrößerung erhielt, führte der Kurfürst manche Verbesserung ein. Er ließ durch den Kanzler Distelmcyer das Kammergericht neu organifiren, durch den italienischen Baumeister Giromela die wichtige Festung Span- dau erbauen und suchte auch das Finanzwesen zu heben, obschon sein glänzender Hofhält sich nicht mit den Spar- systemen der Finanzkunst vertragen wollte, und noch dazu ein jüdischer Spekulant das Vertrauen seines Gebieters in ähnlicher Weise täuschte, wie Ephraim in Sachsen, Süß in Würtcmberg und andere anderswo. Joachim II. erzeugte 10 Kinder; sein sparsamer und friedfertiger ältester Sohn und Nachfolger Kurfürst Johann Georg I., der die Finanzmänner unter seines Vaters Dienern hart ansah, brachte den etwas zerrütteten Hof- und Staatshaushalt wieder in Ordnung. Johann Friedrich der mittlere, Herzog zu Sachsen. Geb. d. 8. Jan. 1529, gest. d. 9. Mai 1595. Fromm und treu, bieder und edelflnnig und im Unglück still und standhaft, verdient dieser Fürst Bewunderung und Theilnahme der Nachwelt, wenn er auch mehr als leidender, denn als ein handelnder Held durch die Geschichte schritt, und von manchem das Geschick, welches ihn ob seiner Standhaftigkeit und Freundestreue traf, einzig auf ihn als Folge eigener Verschuldung gewälzt ward. Johann Friedrich wurde, der älteste von drei fürstlichen Brüdern, als Sohn des hochherzigen Kurfürsten Johann Friedrichs zu Sachsen, der ihm ein Vorbild im Leben und Leiden war, zu Torgau geboren. Da der Vater ihm noch 25 Jahre lebte und der jüngste Bruder dieselben Vornamen auch bekam, so wurde dem Herzog Johann Friedrich der Beiname der mittlere zu Theil, der eigentlich mittelste von den Söhnen des Kurfürsten hieß Johann Wilhelm. Diese drei hoffnungsvollen Sachscnprinzen erhielten eine treffliche und wissenschaftliche Erziehung; schon früh übte sich Johann Friedrich im ausarbeiten und halten lateinischer Reden, ja er lernte sogar hebräisch und erfaßte die Lehren des Evangeliums wie das ganze Lutherthum mit der größten Glaubensinnigkeit und Gemüthswärme. Des Vaters Unglück und Gefangenschaft 1547 in der Schlacht bei Mühlbcrg, aus der sich die zwei älteren Söhne nicht ohne Gefahr retteten, beraubte den jungen Herzog seines Erbrechts an die Kur Sachsen und gab ihm im 18. Lebensjahre die Zügel der Regierung über die dem entsetzten Kurfürsten gelassenen Lande in die Hand, bis der Vater aus seiner Gefangenschaft zurückkehrte; dann, nach des Vaters 1554 erfolgte»! Tode, regierte er erst allein, später mit seinem Bruder Johann Wilhelm und im Namen des jüngsten, bald aber ftüh verstorbenen Bruders. Zu Herzog Johann Friedrichs ersten Regicrungshandlungcn gehörten die Gründung der Hochschule zu Jena 1548, Anordnung einer Kirchcnvisitation, mehrere Erbverbrüderungen mit Kur- Sachsen, Kur-Brandenburg, Hessen und Henneberg. Er vermählte sich 1555 mit der Wittwe des Kurfürsten Moritz, Agnes von Hessen; doch zerriß ihr Tod noch in demselben Jahre dieses Ehebündniß. Als im Jahre 1558, 2. Februar, die durch deu Kaiser hingezögerte Inauguration der Hochschule Jena endlich erfolgen konnte, feierte der Herzog diese in eigener Person durch eine lateinische Rede. Noch in demselben Jahre schloß Johann Friedrich ein neues Eheband mit Elisabeth von der Pfalz, die der gute Stern und Engel seines Lebens wurde. In diese Zeit fällt schon die Befreundung des Herzogs mit dem geistvollen fränkischen Edeln Wilhelm von Grumbach, der bald als tapferer Parteigänger an der Spitze geworbener Heerhaufen stand, bald als kluger und einstchtvoller Staatsmann in diplomatischen Sendungen sich gebrauchen ließ und nicht ohne Antheil bei der neuen Verbindung des Herzogs geblieben war. Daher war es kein Wunder, daß Grumbach, als er sich und die seinen auf eine schändliche und widerrechtliche Weise von seinen Gütern gedrängt und mißhandelt sah, sich dahin Schutz suchend wandte, wo er auf ein dankbares Gemüth rechnen konnte, und indem der Herzog ein reiches und edles Gemüth besaß, das mehr in ihm vorwaltete, als der berechnende Verstand, schlug ihm das Schicksal unsichtbar das dunkelste Netz über dem Haupt zusammen. Au Kraft zum entschiedenen Handeln fehlte es jedoch dem Herzog keineswegs; diese bewies er unter andern in theologischer Angelegenheit, indem er eine Schaar widersetzlicher und streitsüchtiger Geistlicher entfernte, und noch ungleich stärker trat diese entschiedene Kraft hervor, als es galt, sich ehrenhaft, charakterfest und srcundestreu zu erweisen. Nach dem im 28. Jahre erfolgten Tode des jüngsten Bruders, der als Studirendcr zu Jena 1565 starb, theilten die Herzoge Johann Friedrich und Johann Wilhelm ihre Lande; der letztere übernahm den wci- marischcn, der erstere den coburgischen Antheil, zu welchem damals wie in der Neuzeit wiederum auch Gotha mit reichen Aemtern gehörte, und in letzterer Stadt schlug nun Johann Friedrich, in Weimar Johann Wilhelm die Residenz auf. In dieser Zeit war Wilhelm von Grumbach erst des Bischofmordes beschuldigt, dann durch das äußerst rechtlose Verfahren gegen ihn zum Landfriedcnsbruch genöthigt worden und suchte dann, ein geächteter, bei Herzog Johann Friedrich Schutz und Fürsprache. Auch der Herzog empfand in tiefinnerster Seele den Schmerz widerrechtlicher Verdrängung von Land und Erbe, von angeborenen Würden und von hoher Stellung im Rathe der Kürer des Neichsobcrhauptes; auch er ersehnte glühend, wieder zu erlangen, was ohne seine Schuld verloren war. NcvolutionSkeime schlagen in allen Zeiten Wurzeln, streben stets zum gedeihlichen Wachsthum; sie abzuknicken zu rechter Zeit ist die beste Weisheit und Kunst der Machthaber, wollen sie anders nicht selbst abgeknickt werden. Zu Herzog Johann Friedrich's Zeit wogte stiller Kampf der Fürstenmacht gegen die Kaisermacht, der Adelsmacht gegen die Fürstenmacht, gern verbanden sich zwei Mächte so oder so gegen die dritte, um sie zum unterliegen zu bringen. Die Staatsweisheit jener Zeit sprach durch Grum- bach's Mund zum Herzog, daß der Kurhut ihm, dem geborenen Kurfürsten, gehöre, wieder gehören könne und werde; die geheime Weisheit zeigte prophetische Gesichte, günstiger Gestirne Stand und Einfluß, und Johann Friedrich vertraute seinem Sterne, wie hundert Jahre später Wallcnstein dem seinen. Er wollte die große, oft zum Glück führende Lehre üben, die in neuester Zeit eine Kaiserkrone erwerben ließ: harren und dauren. Der Blitz der Reichsacht flammte; Gotha und dessen Burg Grimmcnstein wurden befestigt und auf Jahre mit Vorräthen aller Art versehen, die das reiche Land in Fülle bot. Tapferen Kriegsmännern, einem Stein, Manbelslohe, Brandcnstein u. a. wurde die Vertheidigung anvertraut, kluge Räthe: Grumbach, Christian Brück, der Kanzler des Herzogs, Baumgarten, standen dem Herzog zur Seite. Der mit Vollstreckung der Ncichsacht beauftragte Kurfürst August zu Sachsen nahte mit dem Belagerungshccr und schloß Stadt und Burg ein. Lange dauerten die Stürme, wie die Vertheidigung; 'Aufruhr und Verrath, nicht der Sieg des Feindes, übergaben die Schlüssel. Der Herzog und seine Familie, Grumbach und seine Genossen wurden gefangen; noch im Kerker tröstete mit erhebender eigenhändiger Zuschrift der edle Herzog den greisen Schützling und Freund über die ihm von einem fanatischen Pfaffen zu theil gewordene Verweigerung des heiligen Abendmahls. Schrecklich war die Rache an Grumbach und Stein und andern. Der Herzog wurde gefangen, nach Wien abgeführt, die Herzogin begab sich mit ihren zarten Söhnen auf Schloß Wartburg, wo sie in der gleichnamigen Ahnherrin ein hohes Vorbild im Leiden und Dulden fand. Vielfache Fürbitten und Verwendungen für den unglücklichen Herzog waren und blieben vergebens, mit Noth ward erlangt, daß seinen Prinzen einiges Land und Erbe blieb. Die treue Herzogin erlangte nach unsäglichem bemühen, dem geliebten Gemahl in die Gefangenschaft folgen zu dürfen. Sie reiste 1572 dahin und half ihm 22 Jahre lang Kummer und Schmerzen tragen. Ihre Liebe und die Schwingen wchmuthvoller Poesie erhoben ihn und ließen ihn ausharren. Endlich ging 1594 Elisabeth ihm im Tode voran; ein Jahr später folgte Johann Friedrich der treuesten Frau nach. Beide ruhen auch im Tode vereint in der St. Moritzkirche zu Cvburg. Des Herzogs Symbol waren die Buchstaben: L. I. 0. V. «Allein Evangelium Ist Ohn Verlust»; jenes der Herzogin: II. II. II. II. «Hilf Herr Himmlischer Hort!» Johann, Herzog und Kurfürst zu Sachsen. Geb. d. 30. Oct. 1467. gest. d. 16. Aug. 1532. Der Wissenschaften Freund, der Reformation treuer Förderer, unter dessen Schutz und Schirm sie emporwuchs und zur Vollkraft gelangte. Kräftigeren Geistes noch wie der Bruder und Mitregent, und vor allem kriegerischer gesinnt, fest und beharrlich in unerschütterlicher Treue an dem für wahr und recht erkannten hangend, verdiente er den von den Zeitgenossen und den Nachkommen ihm beigelegten Ehrennamen: der Beständige, im vollen Maaße. Johann Herzog zu Sachsen wurde zu Meißen geboren, in der stolzen Albrechtsburg, und brachte seine Jugend, so sehr auch er den Wissenschaften Freund war, in ritterlichen Uebungen hin, zog mit Kaiser Maximilian I. gegen die Ungarn, gegen Venedig und gegen Geldern im Niederland, und stählte Muth uud Beharrlichkeit im eisernen Kriegshandwerk. Mit muth- voller Tapferkeit erstürmte er die Feste Griechisch- Weissenburg und erwarb sich den Schmuck der Mauerkrone dadurch, daß er der erste war, der iden Fuß auf die Mauern dieser Feste setzte. Im Jahr 1525 wurde Herzog Johann durch den Tod seines Bruders, des Kurfürsten Friedrich III. zu Sachsen, welcher unvermählt geblieben war, Allein- Regcut und Erbe der Kurwürde. Leider war ihm gleich geboten, gegen die rebellischen Bauern das Schwert zu ziehen und nebst seinem Sohne, im Bunde mit Herzog Georg zu Sachsen, den Herzogen Otto und Heinrich von Braunschweig, dem Landgrafen Philipp zu Hessen und den Harzgrafen die Rebellen in der Mühlhäuser und Frankenhäuser Gegend niederzuschlagen, worauf der Kurfürst mit dem Heere von Mühlhauscn nach Eisenach zog, die dortige Gegend von dem aufgewiegelten Gesinde! säuberte, dann nach Schmalkaldcn und in das Werrathal rückte, Schmalkalden fegte und strafte, Meiningen entsetzte und das Henneberger Land vom Druck einer Dreschstegelherrschast befreite, und alles aufbot, den freventlich gebrochenen Landfrieden als des heiligen römischen Reichs Erzmarschall wieder herzustellen und aufrecht zu erhalten. Indessen ließ Kurfürst Johann bei diesem Fcldzug so viele Milde und Schonung walten, als möglich war, und übte in seinen Landestheilen bei weitem nicht das furchtbare und rachcvolle Strafamt gegen die verblendeten Bauern, wie der Bischof von Würzburg als Herzog von Franken in seinem Lande. Inniges Freundschaftverhältniß mit dem männlichen, ritterlichen Philipp von Hessen hatte der gemeinsame Hcereszug beider Herrscher begründet, daher die Uebereinstimmung der Ansichten beider hinsichtlich der Kirchcn- verbefscrung, daher deren beiderseitige Förderung der letzteren, und die neuen Einrichtungen durch Visitationen, Konsistorien und was sonst dazu dienen konnte, dem Samen der geläuterten Lehre fruchtbaren Boden zu bereiten. Daher denn auch naturgemäß die Einigung beider zu Schutz und Trutz gegenüber der pro- tcstautcnfeindlichcn Partei in der Zahl der deutschen Neichsständc und das Herüberziehen der ursprünglich rein kirchlichen Reformationsangelcgcnhcit auf das Politische Gebiet. Standhaft wohnte Johann Friedrich dem welthistorischen Akt der Uebergabe der augsburgischen Con- fession auf dem Reichstage zu Augsburg bei, und standhaft widersetzte er sich durch offenes hinwcgbcgeben aus dieser Stadt, als der Kaiser Rückkehr zur alten Kirche gebieterisch forderte. Der Kaiser sah ihn ungern scheiden, klagte das gegen ihn mit schmerzlichen Worten, aber auch hier blieb der Kurfürst standhaft. Am Schluß desselben JahrcS noch schloß Kurfürst Johann mit Philipp von Hessen den schmalkaldischen Bund, trat mit diesem hochherzigen Fürsten als Haupt an jenes Spitze, und bewährte sich in allen und jeden Angelegenheiten als ein charakterfester und überzeugungstreuer Mann, der in seinem Lande neben der Läuterung in Kirchen- sachen auch eine der Rechtsverhältnisse und Sicherhcits- pflege vornahm. Seine Residenz theilte der Kurfürst zwischen Torgau und Weimar, und setzte in Witten- berg ein neues Hofgcricht ein. Am Zustandekommen des Rcligionsfricdensschlusses 1532 hatte er den lebendigsten Antheil; freilich war dieser Friede mehr eine Frucht der Friedensliebe des Kurfürsten, als Zeuge politischer und geistiger Ueberlcgenheit über die schlauen Gegner, und so fruchtlos für die protestantische Sache, als des Kurfürsten Widerstreben gegen die Wahl Ferdinands zum römischen König. Dem erwähnten Friedensschluß wohnte der Kurprinz zu Sachsen im Auftrage des Vaters persönlich bei (bald sollte ersteren selbst der Kurhut schmücken) und unterzeichnete denselben im Namen seines Vaterch im eignen und in jenem der Herzoge von Braunschwcig und Lüneburg: Philipp Ernst und Franz. Der Landgraf von Hessen sah Heller in dieser diplomatischen Verhandlung, als die Sachsenfürstcn und selbst als Luther, bcharrte bei seinem offen an Tag gelegten Mißtrauen gegen diesen Frieden, und sah dieses Mißtrauen nur zu bald gerechtfertigt. Den Kurfürsten traf am 16. August des Friedensjahres unverhofft und jäh der Pfeil des Todes, als er selbst zu Schweinitz ein Jagen halten wollte, im 65. Lebensjahre, und seine Leiche wurde nach Witten- berg abgeführt. Schmerzlich ergriffen und mit von Thränen überströmten: Antlitz hielt ihm der starke Luther die schlichte kernhafte Leichenrede, und rühmte ihm nach, all seine Lebtage nicht Stolz, Zorn oder Neid an dem Heimgegangenen gespürt zu haben, der mehr als zu viel mild gewesen sei. — Lächerlich uud albern war die bei Johann des beständigen Ableben verbreitete Fabelei, der Kurfürst habe sich bei seinem sterben dem alten Glauben wieder zugewendet und seinem Nachfolger ein gleiches zur Pflicht gemacht, während ausdrücklich das väterliche Testament dem Erben befahl, selbst mit Hintansetzung aller äußeren und zeitlichen Vortheile bei der evangelischen Lehre fest zu beharren. Johann Friedrich, Rurkurst u. Herzog zu Sachsen. Kcb. d. M. Juni IM. gcst. d. 5. März lüöä. Wie dieser Fürst Erbe des Väterruhmes war, so wurde er Schöpfer des eigenen; er war mäßig im Glück, groß im Unglück; ein treuer Kämpfer der Reformation und ein Märtyrer für ste; er förderte ihr Aufblühen, sah ihre Bedrängniß und blieb in jeder Lebenslage ihr begeistert und beharrlich zugethan. Johann Friedrich, ältester Sohn Kurfürst Johann des Beständigen, wurde zu Torgau geboren, genoß als Kurprinz der Leitung und Erziehung des gelehrten Spalatin gemeinschaftlich mit seinem Bruder Johann Ernst, und lernte an des eigenen Vaters, wie an anderer bedeutender Männer edlem Beispiel den Werth des geläuterten Evangeliums kennen und schätzen. Mit dem weisen Oheim zog er 1521 gen Worms zum Reichstag, mit dem treuen Vater auf die Rcichs- versammlungen zu Speier und Augsburg. So stand er mitten in der politisch kirchlichen Bewegung, gewann lebendige Theilnahme für die protestantische Sache und weihte sich derselben mit ganzer Seele. Als Johann Friedrichs Vater 1552 unvermuthet in Schweiniz mit Tode abging, waren die Söhne fern von seinem Sterbebette; Johann Friedrich weilte in Schweinfurt, wo Einigungsverhandlungen zwischen den katholischen und protestantischen Reichsständen versucht wurden. Kaiser Carl V. hatte sich bereits persönlich unhold gegen den Erben des Sachscnthroncs und der Kur gezeigt, zum Danke, daß des jungen Herzogs großer Ohm ihm, dem Kaiser, zu dessen höchster Würde, zur Oberherrschaft des deutschen Reiches verhelfen hatte. Carl V. nahm dem Herzog seine eigene, letzterem bereits verlobte Schwester Katharina wieder, und Johann Friedrich vermählte sich dann mit Prinzessin Sibylle von Eleve, einer vortrefflichen Fürstin. Nach dem Ableben des Vaters verbesserte Johann Friedrich die Gehalte der Lehrer an der Wittenberger Hochschule, nahm die Huldigung seines Landes an, berief 1555 einen Landtag nach Jena und ordnete eine große Kirchenvisttation an. In demselben Jahre bekämpfte Luther in starken Schriften den Vetter des neuen Kurfürsten, Herzog Georg zu Sachsen, was zu einem starken Schriftenwcchsel zwischen beiden Höfen führte, doch legte der Kurfürst den unangenehmen Hader gütlich bei. Als der Kurfürst in Wien vom Bruder des Kaisers, König Ferdinand, nach des ersteren Vollmacht, die Reichslehen empfangen hatte, reiste er nach Prag und von da nach Schmalkaldcn, wo er den von seinem Vater fünf Jahre früher begründeten Bund mit den betheiligten protestantischen Reichsständen und Städten erneute und auf zehn Jahre verlängerte. Johann Friedrich war eine deutsche Kcrnnatur, ritterlich, lebensfrisch und lebensfreudig; er that manchen guten Trunk und vertrug ihn gut; Luther selbst sagte von ihm: «sein Leib ist eines guten Trunkes mächtig» — aber er war auch arbeitfreudig, nahm sich der Regie- rungsgcschäfte mit Sorgfalt an, lebte züchtig und ehrbar, hatte wahrhaften Mund und milde Hand, einen ernsten Sinn, ein treues Herz und innige aufrichtige Frömmigkeit im Gemüthe. Im Jahre 1537 war der Kurfürst wiederum mit auf dem Fürstentage zu Schmalkaldcn, half die Artikel, die von dieser Stadt ihren Namen haben, aufrichten, und ließ den schwer erkrankten Luther in Begleitung seines Leibarztes in seinem eigenen Wagen nach Gotha fahren. Es begann nun bald die Zeit kriegerischer Unruhe und feindlicher Nebcrzüge; den Anfang machte der kurze sogenannte Fladcnkrieg gegen Herzog Moritz zu Sachsen; ernster war schon die Züchtigung, die der Kurfürst im Bunde mit dem Landgrafen Philipp zu Hessen dem Herzog Heinrich von Braunschwcig wegen harter Bedrückung der Protestanten angedeihen ließ, welcher Herzog, da er die beigelegten Händel 1545 aufs neue begann, von den verbündeten sammt seinem Sohne Carl Victor gefangen genommen und in Haft gehalten wurde. Prophetisch hatte Luther ausgesprochen, daß es nach seinem Tode des Betens bedürfen werde, denn dann werde Krieg und Blutvergießen sich anheben. Bald nach dem Tode Luther's rüstete der Kaiser sein Heer, der schmalkaldische Bund betrieb eifrige Gegcnrüstung; Carl V. erklärte die Häupter desselben in die 'Reichsacht, und der Vetter, Herzog Moritz zu Sachsen, ehrsüchtiger Pläne voll, vielleicht auch rachgierig, verband sich mit dem Kaiser und besetzte feindlich des Kurfürsten Land, während dieser mit dem Heere zu Felde gezogen war, ja Moritz gab sich zum Vollstrecker der Reichsacht gegen den nahen Verwandten her. Zwar eroberte der Kurfürst sein Land wieder, und das Glück war ihm günstig, aber er war kein Feldherr; er schwächte sein bedeutendes Heer durch unkluge Zerstückelung, bezog ein unsicheres Lager bei Mühlberg an der Elbe und ging am Sonntage Misericordias in die Kirche, statt gegen den annähenden Feind auf der Hut zu sein. So erfolgte die unheilvolle Katastrophe, die ihn des größten Theiles seiner Lande und der Kurwürde für immer, wie der persönlichen Freiheit auf 5 Jahre beraubte. Er mußte zusehen, wie sein Vetter und Feind, Herzog Moritz, auf offenem Markt zu Augsburg mit der Kur Sachsen belehnt wurde. — In seiner Gefangenschaft verweigerte dennoch Johann Friedrich das Interim anzunehmen, auf das standhafteste, ließ durch seine Söhne an die Stelle des ihm verlorenen Wittenberg die Hochschule zu Jena begründen, folgte als Gefangener dem Kaiser nach Gent, Mecheln, Augsburg und Innsbruck — bis dieser durch den von ihm wieder abgefallenen neuen Kurfürsten Moritz hart bedrängt wurde und endlich die Freilassung erzwungen ward. Johann Friedrichs Rückkehr mit seinem treu bei ihm ausgehalten habenden Hofmaler Lucas Kranach zu den Seinen nach Jena und Weimar war ein hohes Freudenfest im ganzen Lande. Er schrieb sich nun geborener Kurfürst — hoffte still auf Wiedererlangung der Kur, besonders als Moritz starb, aber er hoffte vergebens, und folgte seiner am 21. Februar 1554 verstorbenen treuen und frommen Gemahlin zehn Tage später im Tode nach. Johann Ernst, Herzog zu Sachsen. Geb. d. 21. Febr. 1594, gest. d. 4. Dez. 1626. Der älteste jener heldenmüthigen und hochherzigen Sachsenherzoge, welche in der Geschichte des dreißigjährigen Krieges als Führer ausgezeichnet hervorragen und Blut und Leben für die Sache des evangelischen Glaubens einsetzten. Johann Ernst war der Sohn Herzog Johann's III., des Begründers der neuen Linie Sachsen Weimar; er wurde zu Altenburg geboren und folgte seinem Vater, als dieser die Residenz von Altenburg nach Weimar verlegte, dorthin. Leider verloren die fürstlichen Kinder den Vater schon im Jahre 1605. Einer Zeitsitte gemäß, das Rectorat der Hochschule Jena dem Landesregenten zu übertragen, empfing Herzog Johann Ernst dieses Ehrenamt in seinem vierzehnten Jahre, trat im achtzehnten eine Reise durch Frankreich, England und Holland an und legte nach seiner Rückkehr das erwähnte Rectorat wieder nieder, wobei er eine treffliche lateinische Rede über die Mcijestät des römischen Kaisers hielt. Im folgenden Jahre trat Johann Ernst die Regierung der gemeinschaftlichen Lande an und übernahm die Vormundschaft über seine Brüder. In Gemeinschaft mit diesen ward er der Stifter des Palmenordens oder der fruchtbringenden Gesellschaft, zu der Caspar von Teutleben zuerst angeregt hatte. Der Herzog gab diesem Orden den Glanz seines Namens, indem er die Mitgliedschaft und das naturgemäß ihm zustehende Protcctorat annahm. Der Orden war am 24. August 1617 zu Weimar selbst begründet worden und zählte auch die Fürsten zu Anhalt, des Herzogs Oheime von mütterlicher Seite, zu seinen Mitgliedern; Johann Ernst führte den Ordensnamcn «der Keimende». Bald aber sollte er auf ernsteren Gebieten, als auf denen des etwas tändelnden und poesielosen Ordens sich bewegen. Das Jahr 1617 brachte, nachdem die evangelische Lehre gerade ein Jahrhundert Dauer gehabt und durch alle Zeitenstürme siegreich hindurchgedrungen war, die folgenschweren Unruhen und Glaubensbedrückungcn in Böhmen, und Johann Ernst und seine jungen Brüder richteten ihre Blicke auf ihre großen Ahnherren, welche der Sache des Evangeliums Blut und Leben geweiht hatten. Johann Ernst sah mit tiefem Unmuth, wie der Kaiser den evangelischen Glauben und die deutsche Freiheit zugleich bedrohte, und mit ritterlichem Sinn erhob er sich an seinem Theile, für die bedrohte Freiheit zu streiten. Er nahm die Bestallung eines Obersten bei dem Böhmenkönige Friedrich V. von der Pfalz an, bestellte eine Regierungskommission in seiner Residenz, warb Truppen, ging in Begleitung seiner nicht minder kriegslustigen und thatendurstigen jüngern Bruder, der Herzoge Friedrich und Wilhelm IV., unter welchem letzteren später auch der jüngste der Bruder, Herzog Bernhard, sich die Sporen verdiente, zu Friedrich V. und wohnte als tapferer Kämpfer der Schlacht am weißen Berge bei Prag bei, deren für die evangelische Partei so unglücklicher Ansgaug ihn keineswegs muth- los machte. Er hielt treulich bei Friedrich V. aus und begleitete denselben nach Breslau. Später berieth Herzog Johann Ernst zu Wolfenbüttel, wohin er seine vier jüngeren Vrüder, Friedrich, Wilhelm, Ernst und Bernhard nebst einigen Räthen beschützen hatte, eine Ucbereinkunft, welche das Einkommen der Prinzen regelte, die Führung der Regierung dem Herzog Ernst bis zur Rückkehr deö auf Reisen befindlichen Bruders Albrecht anvertraute, und suchte dann bei Kaiser Ferdinand II. um die übliche Belehnung seiner Lande nach. Allein der Kaiser verweigerte diese Belehnung ihm, wie seinen Brüdern Friedrich und Wilhelm, weil sie das Schwert gegen Oesterreich getragen. Diese Verweigerung kümmerte die kriegerisch gesinnten Sachsenherzoge sehr wenig, und noch weniger fanden sie sich bewogen, ihre Schwerter in die Scheiden zu stecken. Die meisten Brüdcr Johann Ernstes erlebten gleich ihm mehr oder minder merkwürdige Schicksale. Friedrich, in der fruchtbringenden Gesellschaft «der Hoffende» geheißen, diente unter Graf Ernst von Mansfeld als Oberster, zeigte bei jeder Gelegenheit männliche Tapferkeit und starb den Heldentod in der Schlacht bei Fleury, erst 27 Jahre alt, 1622. Wilhelm, dessen Lebensumriß Lieferung XV. d. Bl. schildert, führte nebst seinem als Rittmeister unter ihm dienenden Bruder Bernhard (Lief. X.) nach der Schlacht am Weißen Berge den Krieg in der Obcrpfalz mit einem neu- gcworbencn Heere, vereinigte sich mit dem kühnen Mansfeld, trat in die Dienste des Markgrafen Georg Friedrich von Baden und diente hernach dem Herzog Christian von Braunschweig als Generallieutenant; er trat 1625 vom Kriegsschauplatz ab, stellte sich jedoch später unter Gustav Adolph's Fahnen, und blieb ein treuer Vorkämpfer der evangelischen Partei, bis der Präger Friede 1655 ihm Anlaß wurde, sich von den Tummelplätzen des Krieges zurückzuziehen und sich den NcgierüNgsgeschästen seines Landes zu widmen. Letzteres hatte Herzog Albrecht stets gethan; er, der in der Geburtsstundc keines tapfern Ahnherrn Albrecht des Beherzten zur Welt kam und deshalb den Namen Albrecht erhielt, war gerade der am wenigsten beherzte, wogegen der folgende Bruder Johann Friedrich in seinen Jünglingsjahren unter seinem Bruder Johann Ernst in der Armee des niedcrsächsischcn Kreises, die der König von Dänemark Christian IV. befehligte, stand und focht. Ein unglückliches Temperament, das in völlige Gemüthskrankheit ausartete, die ihn zu den unverantwortlichsten Thaten hinriß, umschleierte das Leben dieses Trägers eines Namens, dem schon zweimal im eigenen Hause das Unglück sich an die Ferse geheftet — Johann Friedrich der Großmüthige, Johann Friedrich der mittlere — und er endete in Gefangenschaft, ein seiner Zeit weit vorausgeeilter Naturphilosoph, der, einerseits tief vom Aberglauben umstrickt, sich zur Höhe des baaren Unglaubens, zum läugnen der Wahrheit und der Unfehlbarkeit der Bibel, wie der Unsterblichkeit erhob. Ernst (Lief. VIII.) erfüllte am würdigsten und herrlichsten die ihm gewordene große Mission, nachdem auch er kriegerische Tapferkeit in Fülle an den Tag gelegt. Friedrich Wilhelm starb als Jüngling von 16 Jahren an den Folgen einer Jagd, ihm schmückte gleich Albrecht kein kriegerischerLorbeer das Haupt. Johann Ernst war Generallieutenant der Reiterei unter König Christian IV. von Dänemark und erhielt in einem Gefecht bei Nienburg eine Schußwunde in die Achsel. Er führte in Westphalen mit vielem Glück seinen Krieg, eilte aber dem Grafen Ernst von Mansfeld zu Hülfe, als dieser von Wallenstein bei Dessau geschlagen worden war, und verband sich mit Mansfeld zu dem großen Zuge nach Ungarn, um Bethlen Gabor mit ihrer Kriegsmacht und ihren Feldherrn- talcntcn gegen den Kaiser zu unterstützen. Ueber diesem Zuge ging beider tapferer Heerführer Unstern auf, ob- schon ihr Marsch nach Ungarn durch Schlesien ein siegreicher war. General von Dohna wurde zweimal geschlagen, Leschnitz und andere feste Plätze wurden erobert und besetzt und so gleichsam auf einem Sieges- zugc Ungarn erreicht. Aber dort fanden beide Freunde, der Sachsenherzog und der tapfere Graf von Mansfeld, statt eines entschlossenen Feldherrn einen unentschiedenen, wankelmüthigen Mann, der sich schlau und listig den jemaligen Zeitvcrhältniffen anschmiegte. Erhalte Ungarns Krone errungen und sie freiwillig wieder abgelegt und herausgegeben und mit Oesterreich seinen Frieden gemacht. Im Jahre 1625 hatte er sich aufs neue gegen Oesterreich erhoben und 162ä abermals Frieden geschlossen. Jetzt wieder hatte er um Geld und Truppen mit England, Holland und Dänemark unterhandelt, um Oesterreich aufs neue zu bekriegen; die Heere kamen, aber Bethlen Gabor blieb unthätig. Der tapfere Mansfeld starb in Ungarn; zwölf Tage später folgte Herzog Ernst ihm nach. Eine unverdauliche Speise sollte Schuld sein und dazu getrunkener starker Wein. — Der Herzog starb zu St. Martin in der Gespanschaft Turotsch in Oberungarn «an der Hauptkrankhcit», wie in der Bibel steht, die sein Bruder Herzog Ernst der Fromme später herausgeben ließ. Schon hatte der Kaiser die Acht über ihn, einen seiner muthigsten Gegner, ausgesprochen, der Tod vereitelte deren Vollstreckung. Der Kaiser erlaubte, daß der Leichnam des Herzogs nach Troppau in Schlesien geführt werden durfte, später, am 18. Juli 1627, wurde er feierlich in der Hauptkirche zu Weimar beigesetzt. Seine Truppen in Böhmen zerstreuten sich und nahmen zum Theil im kaiserlichen Heere Dienste. Wäre Johann Ernst länger am Leben geblieben, so wäre vielleicht Deutschland der noch über 20 Jahre nach seinem Tode andauernde Religionskrieg erspart worden. Justus Jonas. Geb. d. 5. Juni 1493, gest. d. 9. Oct. 155​​5. Unter der befreundeten Genossenschaft Doctor Martin Luther's war Justus Jonas einer der hervorragendsten und treubeharrlichsten Freunde des großen Reformators. Thüringer von Geburt wie Luther — sein Vater war Bürgermeister in der ehemalig freien Reichsstadt Nvrdhausen — wandte Jonas sich, wie Luther, der thüringischen Hauptstadt Erfurt zu, dort seine höheren Studien zu beginnen. Dort knüpfte er Bekanntschaft und innige Freundschaft an mit einem Kreise von Gelehrten, deren Namen die Nachwelt noch heute mit hoher Achtung nennt: Johann Lange, Eoban Hesse, Ulrich von Hütten, Justus Menius, Joachim Camerarius, Adam Crato, Johann Crotus, Heinrich Eberbach, Johann Draco, Georg Petz aus Forchheim, u. a. Welche Saat geistiger Regsamkeit diese Erfurter fruchtbringend in den Acker der Zukunft streuten, hat die Neformationsgeschichte dargethan. Außerdem besuchte Jonas auch den berühmten Erasmus, und gewann sich dessen Gunst und Achtung. Justus Jonas, welcher sich anfangs zum Rechtsgelehrten bestimmt hatte, wurde zu Erfurt im Jahr 1507 Baecalaurcns, 1510 Magister der Philosophie, dann Licentiat der Rechte; darauf wurde er — Theolog und erhielt am Severistift zu Erfurt ein Canonikat. Aber in dessen ruhigem Genuß litt es ihn nicht; Luther war der Stern, dem er nachfolgte, nach Wittenberg zog es auch ihn; dort erwarb er die theologische Doetorwürde, wurde Professor für das canonische Recht, Probst am Allerheiligen Kollegium zu Wittenberg und begleitete Luther auf seinem kühnen Gange nach Worms. Mit unerschütterlicher Treue hing er an seinem Luther, dem er bei dessen Bibelübersetzung wesentliche Hülfe lci. stete, hing an ihm vielleicht mehr noch als Melanch- thon, mehr als Spalatin, mehr als Amsdorf. Wo Luther war, oder wo es galt, diesen mit zu vertreten, war auch Justus Jonas, auf dem Religionsgesprach zu Marburg 1529, auf dem Reichstag zu Augsburg 1550, in Schmalkalden zur Artikelunterschrist 1557. Erst das Jahr 1511 schied ihn von Luther und von Wittenberg; er ward nach Halle zum Prediger und Kirchen-Jnspektor berufen, fand aber dort mehr Verdruß als Freude und verließ diese Stadt im Jahre 1510, einem Rufe der Grafen von Mansfeld folgend, die ihn mit Lnther zur Schlichtung verschiedener Streitigkeiten zu sich entboten. So war es eine wahrhaft höhere Fügung, daß der treue Freund, welcher Luther so oft im Leben liebend nahe gestanden, diesen nun auch noch auf seinem letzten irdischen Gange begleiten sollte. Jo- nas wich nicht von Luther's Krankenbett, er betete mit ihm, er empfing Luther's letztes glaubensfreudiges Ja, daß er auf das Bekenntniß sterbe, welches er gelehrt, und war der erste, der dem Kurfürsten von Sachsen die Tranernachricht von Luther's Ableben übersandte, dem er zu Eislebcn die Leichenpredigt hielt. — Einige Jahre verweilte nun Jonas an verschiedenen sächsischen Höfen und lehrte auch eine Zeitlang als Professor an der ncubegründeten Hochschule zu Jena, bis ein Ruf des Herzogs Johann Ernst zu Sachsen, der in Coburg refldirte, ihn in dieser Stadt zum Hof- prediger ernannte. Doch auch in dieser neuen Stellung blieb er nicht lange, und es war ohne Zweifel körperliche Schwachheit Ursache seiner 1553 erfolgten ehrenvollen Versetzung in das nahe Eisfeld, wo er zum Superintendenten ernannt wurde und zugleich Amt und Titel eines fränkischen Kirchen-Inspektors über-! tragen erhielt. Schon nach zwei Jahren rief ihn der Tod aus diesem letzten Kreise seiner Thätigkeit. Justus Jonas verfaßte mehrere theologische und geschichtliche Schriften und zeichnete sich auch als geistlicher Liederdichter aus. Im ersten deutschen Gesangbuch, von Luther selbst herausgegeben, steht nach den Liedern Luther's: „Nu folgen andere, der unsern Lieder, und erstlich der LXXIIll. Psalm. 0. Just. Jonas. „Wo Gott der Herr nicht bei uns hält rc." Auch das Lied „Erhalt' uns Herr bei deinem Wort" ist von ihm. Justus Jonas hatte einen gleichnamigen Sohn, an welchem er viele Freude erlebte, während Gottes Güte die Trauer, die er an demselben hätte erleben können, ihm durch seinen Tod ersparte. Der junge Justus Jonas wurde Rechtsgclehrtcr, Doctvr der Rechte, Professor zu Wittenberg, stieg bis zum Vicekanzler des Kaisers empor, verwickelte sich aber nachher in die Grumbach'schen Händel, wurde von der Reichsacht mit betroffen, flüchtete nach Dänemark, wurve in Kopenhagen ergriffen und auf Nachsuchen des Kurfürsten von Sachsen, des Vollstreckers der Reichsacht, dort im Jahre 1567 enthauptet. Joseph II., deutseher Kaiser. Geb. d. 13. März 1741. gest. 20. Februar 1790. Der reinste, glänzendste Stern am Himmel der ruhmreichen Geschichte Oesterreichs, Kaiser Franz I. und Maria Theresias Sohn und Liebling, später der Stolz und die Bewunderung der ganzen deutschen Nation. Die Erziehung Joseph's leiteten tüchtige Männer, ausgezeichnet zum Theil durch Wissenschaft, zum Theil durch Feldherrengaben und Kriegsruhm. Fürst Karl Batthyani als Obersthofmeister, Staatssecretair Joh. Christ. von Bartenstein, die Jesuitenväter Franz und Porchhammer u. a. Doch fühlte nicht minder des strebenden Jünglings frischer Geist den Druck der oft allzueng gezogenen Bande, wie Preußens großer Friedrich sie gefühlt, der des künftigen Kaisers leuchtendes Vorbild wurde, zu dem es ihn voll Bewunderung und Verehrung zog, so daß er ihn im Jahre 1769 besuchte. König Friedrich II., der große Gegner Maria Theresias, erwiederte diesen Besuch im darauf folgenden Jahre im Lager zu Mährisch Neustadt, und so zeigten beide Monarchen dem staunenden Europa ein Beispiel, das in neuester Zeit ein bcdeutungreiches Echo fand. Das Jahr 1764 hatte Joseph die römische Königskrone gebracht, das folgende setzte ihm die Kaiserkrone anf das Haupt, aber noch hielt die erhabene Mutter die Zügel der Lenkung ihrer Staaten fest in der starken Hand, wie sie es gewohnt war, denn der vom Herzen treffliche Kaiser Franz I. war als Regent nur ein Schatten. Erst als auch über Maria Theresia der stille Genius 1780 die Fackel gesenkt, konnte Joseph II. sagen: nun bin ich Kaiser. Sein Geist flog seiner Zeit aus Adlerflügeln voran und voraus; Ideen, welche nach und nach in den Völkern Wurzel faßten, und erst nach seinem leider viel zu frühen Ableben allgemeinere Geltung gewannen, waren ihm schon gekommen, hatte er schon verwirklichen wollen mit seinem warm für das Wohl der Menschheit schlagenden Herzen: religiöse Duldung, Glaubensfreiheit, Befreiung der Jsraeliten vom Kettendruck christlicher Unduldsamkeit und grausamer Härte, Tilgung des Aberglaubens durch Beschränkung und Unterdrückung von dessen Nährquellen, aber ach, alle „Die ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten, Hat man von je gekreuzigt und verbrannt!" und wenn dies Dichterwerk sich auch nicht wörtlich bei Kaiser Joseph ll. erfüllte, so fand er doch überall den unglaublichsten Widerstand, die schrecklichste Verdammung und den schonungslosesten Tadel. Pfafshcit und Adel erhoben sich gegen den Reformator mit dem Christus- herzen; Volksaufständc wurden erregt in Ungarn, in der Wallachei, in Belgien, und während viele Bürger und geringere Unterthanen Joseph anbeteten, erhob der Fanatismus bevorzugter Stände rebellisch das Haupt gegen seinen Herrn und Kaiser. So wurde Jvseph'S Tagewerk ein schweres, nicht zu bewältigendes, sein Rcgcntenleben ein Kamps gegen die Macht, welche der Zeit still zu stehen gebieten wollte und die Sonne in ihrem Laufe hemmen. Das edelste Streben für Menschcnwohl und Menschcnbcglncknng scheiterte an verrotteten Vornrtheilen, das heilige Siegel der Humanität, mit welchem Joseph II. seine Handlungen stempelte, wurde zerbrochen. Der sanfte, milde und gütige Regent hatte nicht die energische Kraft durchzuführen mit eiserner Faust — und der Hpdra, die sich ihm entgegcnbänmte, die Kopse abzuschlagen, und ihre Rumpfe zu brennen. Tausend Erinnerungen vom Kaiser Joseph leben noch im Volke; schöne, rührende, herrliche Züge und Zeugnisse seines edlen Wollcns, seines sittlich hohen Charakters; Reden und Handlungen, mit denen man Bücher gefüllt hat. Manch großer Schmerz trat prüfend zu des jungen Kaisers Herzen. Seine erste, von ihm heiß geliebte Gemahlin, Jsabctta, Herzog Philipps von Parma Tochter, riß ihm der unerbittliche Tod in ihrem zweiten Kindbette von der Seite. Zum zweiten male vermählte sich Joseph mit der Tochter Kaiser Karl VII., Maria Josephs von Baiern, und auch aus dieser Ehe blieb er erbenlos. Eine Reise nach Paris im Jahre 1777, eine zweite nach Rußland 1780 ließ den Kaiser tiefe Blicke in das geheime diplomatische Leben der Cabinete thun, und er faßte manchen hochherzigen Entschluß, das Wohl seiner Staaten zu verbessern. So ließ er für ^ achtzehn Millionen Gulden Staatspapierc, die er von seinem Vater ererbt hatte, verbrennen. Wie sein hohes und würdiges Vorbild, König Friedrich II. scheute auch Kaiser Joseph II. die Bevormundung des Regenten durch Minister; er hatte den festen Willen, sein Volk und sein Land glücklich zu machen, und glaubte dies auch ohne den Beirath „getreuer Stände" zu vermögen, denn sein Blick war hell und klar, sein Wollen das lauterste, doch blieb dabei mancher Misgriff nicht vermieden, wohin u. a. die Begünstigung des Nachdrucks unbedingt zu rechnen ist. Aber von den wichtigsten Folgen und Erfolgen waren zahlreiche Verbcsserungsmaßregeln in Staat und Kirche, in Rechtspflege und Gesetzgebung, im Finanz- und Stenerwesen, wie in der Militairvcrwaltung, und dennoch regte sich vielfacher Widerspruch, der sich in manchen Landesthcilen zum offnen Aufruhr steigerte und Trnppcnanfbietung nöthig machte. Heftige Gemüthsbewegungen in Folge dieser unseligen Ereignisse erschütterten den Kaiser — er fühlte das Flügclwehen des Todcsengels, schrieb noch mehrere rührende Abschiedbriefe an den Fürsten Kaunitz und an die Fürstinnen Franz und Karl Lichtenstein, Kinsky und Klary, Freundinnen, deren heiter geselliger Umgang sein Leben verschönern half — und starb als Christ in gottergebener Ruhe. Kaiser Joseph erlag dem innern Seclcnkampfe, dem Schmerz, sich nicht verstanden zu fühlen, das edelste Streben für die Menschheit, deren Schätzer er selbst sich nannte, miskannt und misdeutet zu sehen. Man hat von Gift gefabelt, das seinen frühen Tod herbeigeführt haben soll, was brauchte es des Giftes? Undank, Vcrkennung, Verläumdung sind fressende Gifte an weichgestimmtcn fühlenden Herzen, ihnen widersteht nur ein starker muthvoller Geist, dem es gegeben ist, zu zertrümmern, was ihm feindlich in den Weg tritt. Solche Geister sind aber nicht zu Segensengeln für die Menschheit berufen, und ihnen weinen Nationen nicht Thränen der Liebe nach, wie sie Kaiser Joseph II. nachgeweint wurden von denen, die sein Wollen klar erkannten. Geiler von Aaisersberg. Geb. d. 18. März 1445, gest. d. 10. März 1510. Die Poesie des Mittelalters war abgeblüht, die Prosa trat an ihre Stelle, und Didaktik und Rhetorik waren die Knuste, in denen sich der wissenschaftlich strebende Geist des fünfzehnten Jahrhunderts am lebendigsten offenbarte. Unter den Meistern dieser Knuste nahm Geiler von Kaisersberg eine der ersten Stellen ein. Von Geburt ein Schweizer, aus Schaffhausen, Sohn eines Notars, begründete er sich einen bedeutenden Ruf weit über seines Vaterlandes Grenzen. Die Grundlage seiner Erziehung wurde im Hanse des Großvaters zu Kaisersberg gelegt, daher der später angenommene Beiname; dann besuchte Geiler das Gymnasium zu Freiburg und 5 Jahre lang die Hochschule zu Basel, und erlangte auf letzterer den Grad eines Doktors der Theologie, ohne sedoch einseitig und ausschließlich theo- logischen Studien sich hinzugeben. Die Humaniora bildeten seinen Geist aus, und gaben seinem Genius und seiner Beredsamkeit Flügel. Nach Freiburg zurückgekehrt, lehrte er dort ein Jahr lang Theologie, ging dann nach Würzburg, wirkte als Volksprediger und empfing daselbst einen Jahresgchalt von 200 Goldgülden. Als Lehrer der Theologie wie als Volkslehrer und Prediger schlug Geiler die läuternde Richtung ein, und eiferte mit Strenge, wie mit der schwert- scharsen Waffe der Satyre gegen die Gebrechen der Zeit und die Laster des Klerus. Mit vorahnen- dcm Geiste prophezeite er, gleich jenem Eisenacher Mönch Johannes Hilten, daß Einer aufstehen werde, die Religion zu läutern und zu reformircn. Daß diese Richtung ihm den Haß der Pfaffhcit zuzog, war nur naturgemäß, doch schadete dieser Haß ihm nichts; der Haß der Schlechten dient dem Tüchtigen zur Gesundheit. Geiler empfing k478 durch den Senator Peter Schott einen 'Ruf als Domprediger nach Straßburg, und erbaute und belehrte im erhabenen Münster Erwins von Stcinbach durch eine Reihe von zweiund- drcißig Jahren seine Gemeinde. Vergebens versuchte man ihn nach Würzburg zurück zu locken. Zeitgenosse, Freund und Landsmann hochbegabter und Hochbedentender Geißler der menschlichen Thorheit, eines Sebastian Brant, eines Thomas Murner, eines Hans Holbein, welcher letztere zwar nicht mit Worten, aber in unsterblichen Bildern dem geißelnden Humor mit Vorliebe zur Stütze diente, (Holzschnitte zu Erasmus Lob der Narrhcit und viele Blätter des Todtcntanzes) nutzte Geiler die vorwaltende Richtung der Zeit, und verschmähte es nicht, über ein Buch Sebastian Brant's, das durch und durch bitter zürnende Satyrc war, das berühmte Narren schiff, eine lange Reihe scholastisch auslegender, erbaulicher und würzevollcr Predigten zu halten, welche von den Zeitgenossen mit freudiger Theilnahme begrüßt wurden, denn man druckte dieselben nicht nur, man illustrirtc ste auch mit denselben Holzschnitten, welche den Text des Narrenschiffcs schmückten, übersetzte sie und gab sie wiederholt heraus. Außerdem verfaßte Geiler noch gar manche Schriften neben dem Narren- spicgel, so ein „Schiff des Heils, der Neue und der Pönitenz", Predigten über die Evangelien, Reden an den Klerus u. a. Vieles von ihm erschien vereinzelt als Flugschrift. Von diesen Flugschriften ist eine der anziehendsten auch in Gcilcr's „Granatapfel" enthalten: Die geistlich spinnen» § nach dem Exempel der hailigen wiilib j Elisabeth, die sg an einer gunckcs § flachs nnd woff gc 1 spunncn hat Gepredigt durch den wirdigen Doclor Iohannem j Geiler von Vaiscrsberg in, welche Hans Bnrgkmeier mit einem ganz vortrefflichen Holzschnitt schmückte. Selbst diese Flugschrift wurde nachgedruckt und der Holzschnitt frei nachgebildet. Die Zeitgenossen ertheilten Geiler das Lob frommen Eifers, lebendigen Beispiels, musterhaften Wandels, tren seiner Lehre. Er strafte gleich heftig die Ueppigkeit, wie den Geiz des Klerus, unbekümmert darum, daß er dessen Haß und Neid und Schmähung auf sich zog. In einer Predigt, welche Geiler bei der Einführung des Bischof Wilhelm Grafen von Honstein, über die Pflichten des bischöflichen Amtes hielt, gab er folgende Lehren: „Ein Bischof soll fromm sein, sein Amt selbst verwalten, die Kirche nie versäumen, mit politischen Dingen sich nicht abgeben, keine Buhlerinnen halten, die Pracht nicht lieben, sondern klug und gelehrt, des alten wie des neuen Testamentes ein gründlicher Kenner sein." Geileres Andenken zu ehren, und ein sichtbares Zeichen des Dankes für sein anerkanntes amtliches Wirken zu gründen, wurde im Jahr 1486 die Kanzel, auf welcher Geiler im Straßbnrger Münster predigte, eigens mit ganz besonderer Pracht und künstlerischer Zier neu errichtet nnd hergestellt, die noch bis auf den heutigen Tag bewundert wird. — Als Geiler endlich seines Tagewerkes schon müde war, prophezeite ihm eine zu Augsburg wohnende jungfräuliche Seherin brieflich sein nahes Ende; darüber freute er sich und sah mit gottgetrostem Gemüthe der Erfüllung seiner Hoffnung entgegen, bei Christo zu sein. Geiler's rühmendes Epitaphium hob seine Beredsamkeit über die des Periklcs, seine Standhaftigkcib über die des Sokrates, seine religiöse Frömmigkeit über die des Numa Pompilius. Immanuel Kant. Geb. d. 22. April 1724, gest. d. 12. Febr. 1804. Kant war einer der größten Denker Deutschlands, welcher in der Philosophie neue Bahn brach, eine neue Schule begründete, durch ein langes Leben hindurch seiner Wissenschaft mit unablässigem Fleiße treulich diente und sie in weiten Kreisen förderte. Ein Riemermeister zu Königsberg in Preußen war Kant's Vater; die Familie, welche sich Cant schrieb, war schottischen Ursprunges, die Mutter hatte eine sehr fromme Gemüthsrichtung und ihrem Wunsche war es wohl hauptsächlich zuzuschreiben, daß der Sohn sich der Theologie zu widmen Neigung zeigte, doch versäumte er neben der Dogmatik nicht die Philosophie, zu der es ihn am meisten hinzog, so wenig wie die humanistischen und mathematischen Studien. Schon mit 22 Jahren trat der junge Philosoph mit einem Werke auf: «Von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte», dem bald mehrere gediegene Abhandlungen folgten, und er hätte wohl am liebsten gleich die Laufbahn eines akademischen Lehrers begonnen; da aber die Umstände dieß nicht gestatteten, so bekleidete er nacheinander einige Stellen als Hauslehrer und benutzte die Müsse seiner Freistunden zu immer tieferem Eindringen in seine Lieblingswissenschaft, die ihn freilich weit über die eingezogene und begrenzte Sphäre des Hofmeisterlebcns hinaus trug. Endlich gelang es seinem fortgesetzten Eifer, die philosophische Magistcrwürde im Jahre 1735 zu erlangen; fast gleichzeitig trat er mit seiner «allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels oder Versuch von der Verfassung und dem mechanischen Ursprünge des ganzen Weltgebäudcs nach Newtonischen Grundsätzen abgehandelt» — auf, welches Werk er, damit es um so mehr Aufsehen errege, Friedrich dem Großen widmete. Es erregte aber keineswegs das gewünschte Aufsehen, denn der König las es nicht und das gelehrte Publikum las es eben so wenig, ein Schicksal, das nach dem bekannten Spruch bis auf den heutigen Tag gar viele Bücher haben, sie mögen Königen gewidmet sein oder nicht. Später beuteten andere Kants Forschungen und Ideen glück- haft aus, ohne daß der Philosoph ihnen deshalb zürnte. Er las nun als Privatdocent an der Universität Königsberg über Logik, Metaphysik, Physik und Ma- thcmatik mit »»gemeinem Beifall, verschmähte es aber, sich Geld zu machen, lebte in Dürftigkeit dahin und legte für einen Nothfall nur 20 Friedrichsd'or zurück, schrieb vieles und tüchtiges, und begründete durch seine «Kritik der reinen Vernunft» und die «Kritik der praktischen Vernunft» hauptsächlich die nach ihm benannte philosophische Lehre, welche sich großen Beifall und zahllose Anhänger erwarb, der es aber auch nicht an Gegnern fehlte, wie cS nicht anders sein konnte, denn noch hat keiner ein philosophisches System aufgestellt, das nicht umzustürzen und zu beseitigen und eigenes oder auch nur angeeignetes an dessen Stelle zu setzen, andere begierig lauerten. Aller Verdienste um seine Wissenschaft ungeachtet, blieb der berühmte Mann dennoch an der vaterländischen Hochschule Königsberg 15 Jahre lang Privat- docent, und dauernd in dürftigen Verhältnissen, die er mit stoischem Gleichmuth trug. Als sich im Jahre 1756 die Professur der Philosophie erledigte, suchte Kant dieselbe zu erlangen — es war vergebens. Eben so wenig gelang es, eine 1759 sich erledigende Stelle zu bekommen. Mittlerweile war Kant's wohlerworbener Ruhm endlich doch bis zu dem König durchgedrnngen, und Friedrich der Große befahl nun, die erste Professur, welche sich in der philosophischen Facultät erledigen werde, Kant zu übertragen, und siehe da, es erledigte sich zuerst ein Lehrstuhl der Dichtkunst, und um ein Haar wäre der große Philosoph, der vielleicht nie in seinem Leben ein Gedicht geschrieben, Professor der Poesie zu Königsberg geworden, wenn er nicht mit richtigem Gefühl die Stelle ausgeschlagen hätte. Eine 1766 übernommene Bibliothekaufseher: stelle mit geringem Gehalt gab er nach wenigen Jahren wieder auf, da seinem hohen Geist das Vorreiten der sogenannten Paradepferde und die Handlangerei ohne selbstständigc eigentliche bibliothekarische Wirksamkeit unmöglich zusagen konnte. Erst im Jahre 1770, bereits 46 Jahre alt, wurde Kant ordentlicher Professor. In der Jnanguraldisputation, welche Kant bei dieser Gelegenheit schrieb und vertheidigte, stellte er seine eigenthümlichen Theorien über Zeit und Raum auf. Im Jahre 1780 trat Kant in der Eigenschaft eines vierten Professors der philosophischen Facultät als Mitglied in den acadcmischen Senat ein und wurde 1786 zum ersten'male Nector der Hochschule; jetzt sah er sein Einkommen gemehrt, erlangte die Mitgliedschaft der Berliner Akademie und empfing nach einander mehrere Rufe in das Ausland, nach Mitau, Halle, Jena, Erlangen w., lehnte aber alle ab und blieb seinem lieben Königsberg treu, über dessen Grenzmarken er kaum einmal in seinem Leben hinausgekommen war. Dort war er der allbeliebte Professor, dort wirkte er durch die geistvollsten Vortrüge belehrend, bildend, mannichfach anregend; wer ihn gehört hatte, pries sich glücklich, Kant's Schüler gewesen zu sein, obschon manche seiner Vortrüge die ungetheilteste Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Seine Vortrüge hielt er frei, er war keiner von denen, die kein Wort weiter sagen, als was im Buche steht; jeden einzelnen Vortrag belebte ein frisch lebendiger Hauch des Geistes. So lebte und lehrte Kant bis zum Jahre 1794, da störte sihn das durch den übel berüchtigten Schwärmer Wöllner veranlaßte Religionscdict König Friedrich Wilhelm's II. und eine gegen Kant's Schrift: «Religion in den Grenzen der bloßen Vernunft», gerichtete Cabinctsordre in seinem geist- und lichtvollen Wirken. Kant vertheidigte sich würdevoll, setzte dem beschränkten und beschränkenden Behördenverstand die Freiheit der Facultäten entgegen, trat ab von dem Schauplatz seiner ruhmgekröntcn Thätigkeit, und lebte noch 10 Jahre eines ächt philosophischen Daseins, höchst diät, höchst geregelt, niemals krank, stets bei gutem Appetit, den ihm selbst ein Wöllner nicht zu verderben vermochte; dabei war und blieb er heiter, gastfrei und ein großer Verehrer der Kochkunst, welche Einsichtvolle mit Recht zu den schönen Künsten zählen. Ein alter Diener, Namens Lampe, diente und pflegte ihn, und sorgte redlich für den nöthigen appctitfördernden Aergcr, bis der letztere ganz zum Cyniker wurde und entlassen werden mußte. Endlich aber sank bei Kant die lang bewährte Kraft des Geistes, wie die des zart gebauten Körpers, die Natur heischte ihren Zoll und er trat ihr denselben gern und willig ab, indem er den sanften Tod eines wahren Weisen starb. Johannes Keppler. Geb. d. 27. Dez. 1571. gest. d. I5. Nov. 1631. Mathematiker und Astronom von reicher Fülle des Wissens und ahnungsvollen Geistes, in Deutschland nächst Kopernikus der Schöpfer der neuern Sternkunde, ein Mann, der nicht ohne schwere Prüfungen den Gang durch das Leben vollbrachte. Keppler war um zwei Monate zu zeitig in der kleinen Reichsstadt Weil in Schwaben geboren, dann mit dem Vater, welcher Soldat war, aus dem Geburtsort nach Leonberg, von da nach Elmendingen übergesiedelt. So begann ihm frühzeitig eine wechselvolle Laufbahn, die sein späteres Leben vorzubedenken schien. Der junge Keppler besuchte als Knabe die gute Klosterschule zu Maulbronn, neigte sich zur Theologie und begann deren Studium auf der Hochschule zu Tübingen, nachdem er dort bereits 1591 Professor der Philosophie geworden war. Die Philosophie lenkte Keppler's denkenden Geist zur Mathematik, die ihm größere Gewißheit für so manche Geheimnisse des Lebens der Welten zu ertheilen verhieß, als die theologische Wissenschaft, und bald erreichte er in der Mathematik eine so hohe Stufe der Erkenntniß, daß er einem Rufe zum Lehrer der Mathematik und Professor der Moraphilosophie an das Gymnasium zu Grätz in Stcicrmark, den ihm 1593 sein Lehrer Mäßlin verschafft, und den er nicht ohne Zagen angenommen hatte, völlig entsprach. Dort baute Keppler auf das ncuent- deckte Weltsystem des größten Astronomen, Kopcrnikus, das einen fast anderthalbtausendjährigen Irrthum umstieß, weiter und weiter, und wurde, freilich nicht auf einmal, sondern anf mühsamen und labyrinthisch verschlungenen Wegen der Forschung Entdecker unvergänglicher Wahrheiten. Im Jahre 1596 machte er, veranlaßt durch seine Vcrheirathung, eine Reise nach der schwäbischen Heimath, und sah sich 1598 genöthigt aus Grätz nach Ungarn zu flüchten, weil zwischen den katholischen und protestantischen Ständen in Stcicrmark unselige Religionsstreitigkeiten ausbrachen, welche mit der gewaltsamen Unterdrückung der evangelischen Kirche in jenem Lande endigten; dennoch kam Kepplcr nach Grätz zurück und trat wieder in sein Lehramt ein. Er war dem berühmten Astronomen Tycho de Brahe bekannt geworden, welcher nach zahllosen Entdeckungen, die er auf der für ihn eigens erbauten Sternwarte Uranien- borg auf der Insel Hveen bei Kopenhagen gemacht, und noch seinem Weggang aus Dänemark sich als Schützling Kaiser Nudolph's nach Prag gewandt hatte, wo eine neue Burg Uranichs sich erheben sollte. Durch ihn veranlaßt zog Keppler 1600 nach Prag und befreundete sich innig mit Tycho de Brahe, ward von diesem dem Kaiser vorgestellt und warm empfohlen, sodaß er, da de Brahe schon im folgenden Jahre starb, zum kaiserlichen Mathcmatikus erhoben wurde. Keppler ward Tycho de Brahe's geistiger Erbe; viele von dessen Emdeckungen waren Bereicherungen der Astronomie, nur nicht sein Weltsystem, das noch in jenem uralten des Ptolomäus wurzelte. Den ihm vom Kaiser Nudolph ausgesetzten Gehalt empfing Keppler unter demselben ebenso unregelmäßig, als unter dessen Nachfolger Matthias, welcher Keppler 1611 am Gymnasium zu Linz anstellte. Dort schufen ihm Verschiedenheiten im religiösen Bekenntniß Verdruß und Kummer; in der Theologie sah Keppler nicht minder klar, wie in der Astronomie, wenn nicht allzu klar — und dies hatte zur Folge, daß er durch die Geistlichkeit von der protestantischen Kirchengemcin- schaft ausgeschlossen wurde. Im Jahre 1613 mußte Keppler dem Reichstage zu Negensburg beiwohnen, hauptsächlich wegen dcö daselbst zu berathenden neuen Kalenders nach Gregorianischem Styl, dessen Einführung schon im Jahre 1582 durch eine päpstliche Bulle geboten war, in Deutschland aber aus confcssionellen Bedcnklichkeiten — weil die Protestanten gar nichts vom römischen Papst annehmen wollten — nur langsam Eingang fand. Fast hundert Jahre später erst fand der verbesserte, und namentlich durch Keppler und auf den Grund von dessen rudvlphinischcn Tafeln verbesserte Kalender, im evangelischen Deutschland, in Dänemark, den Niederlanden und der evangelischen > Schweiz Eingang. Leider litt der bedeutende Mann, wie so mancher in anderer Weise ihm ebenbürtige, häufig Mangel, und mußte zu einem Gewerbe greisen, das »ach seinem eigenem Bekenntniß „etwas weniger ehrlich war, als betteln" -— er mußte Kalender mit Prophezeiungen anfertigen, nach alter Art, und diese verkaufen. Dennoch schlug er einen Ruf als Professor nach Bologna im Jahr 1617 aus, um als Deutscher in deutscher Freiheit und Sitte zu leben und zu sterben. Während Keppler so eine Reihe von Jahren in Dürftigkeit zubrachte, schrieb er zahlreiche mathematische Werke und seine „kll^siou ooolestis". Die von ihm gefundenen und nach ihm benannten drei Gesetze sind es, aus welche die gesammte neuere Astronomie sich begründet, auf deren drittem namentlich Newton das System vom Mechanismus des Welt- gebäudes aufbaute. Auch sprach er die hohen Ahnungen aus, daß die Weltkörper eigenthümlich beseelt seien, daß der Erdball athme, ü. a. Als Optiker und Diop- triker leistete Keppler ebenfalls mehr als alle seine Vorgänger. BiF zum Ende blieb Keppler's Leben ein bewegtes; von Linz zog er 1626 nach Regensburg, 1627 von da nach Ulm, von Ulm nach Prag. Dort sollte er in die Dienste Waklenstcin's treten, Hosastronom und Astrolog des gestirngläubigcn Herzogs von Friedland werden, aber dieser sollte 12000 Gulden, die der Kaiser Keppler schuldig geblieben war, auszahlen, und darüber zerschlug sich die Anstellung. Noch einmal ging Keppler nach Regensburg znm Reichstag, sein Geld einzufordern — dort erkrankte und starb er. In den Anlagen der Stadt ließ Dalbcrg 1817 dem unsterblichen Astronomen ein Denkmal errichten. Athanasius Kircher. Geb. d. 2. Mai 1602, gest. d. 30. Oct. 1680. Forscher von großem Ruf auf den Gebieten der Mathematik und Physik, Sprache und Alterthumskunde, mit Erfindergeist begabt wie wenige, voll unermüdlichen Fleißes, voll Gründlichkeit und Eifer. Das kleine jetzt Sachsen-Weimarische, früher Fuldaische Städtchen Geisa ließ diesen berühmten Gelehrten das Licht erblicken. Seine Jugend war eine Kette von Gefahren, die ihn das Schicksal alle überwinden ließ, und von Wanderungen. Kircher's Vater war Amtmann in Haselstein gewesen und leitete den ersten Unterricht seines Knaben selbst, dann sandte er ihn in das Jesuitencollegium zu Fulda. In dieser Zeit gerieth Athanastus unter ein Mühlrad und war fast verloren; ein anderes mal galoppirte eine ganze Hccrde Pferde über ihn hinweg. Die Schule hatte in dem aufgeweckten Geiste Neigung erregt, in den Orden zu treten, und er führte schon 1618 diesen Entschluß aus. Er kam nach Paderborn, nach Münster, nach Cöln, endete in letzter Stadt seine philosophischen Studien und ging dann auf Befehl seiner Obern nach Coblcnz, dort im Griechischen sich zu vervollkommnen. Allein manchen war der strebende und frische Geist Kircher's unbequem, er fand statt Anerkennung und Aufmunterung nur Haß und Verfolgung. Daher wandte er sich nach Heiligenstadt, und ging von da, dem Kurfürsten von Mainz vortheilhaft empfohlen, in dessen Residenz, wo er vier Jahre lang theologischen Studien oblag, dann nach Speier und von Speier nach Würzburg sich begab, wo er als Professor der Philosophie und Mathematik, der Naturstudien, der alten Sprachen und der Theologie an der Hochschule wirksam war. Aber auch von hier vertrieben ihn die Wirren des dreißigjährigen Krieges und die Zwischenregierung der protestantischen Sachscnherzoge Bernhard des Großen und Ernst des Frommen in dem von ihnen eroberten Würzburg. So kehrte Kircher noch einmal nach Speier zurück, bis ihn ein Befehl der Ordensobcrn nach dem alt- berühmten Avignon, dem französischen Rom, sandte. Dort machte er Bekanntschaft mit dem hochgelehrten Pei reseius, dem bedeutendsten Kenner des Alterthumes, der auf Kircher den lebhaftesten erregendsten Einfluß ausübte. Dieser war es auch, welcher verhinderte, daß Kircher den an ihn crgangenen Ruf eines Mathcma- tikus des römischen Kaisers annahm, sondern dessen Sendung nach Nom bewirkte. Auf dem Wege dahin bedrohte ein gefährlicher Sturm sein Leben. Auch in Nom, wo er als Lehrer der Mathematik wirkte, blieb Kircher nicht ohne Neid und Verfolgung, doch entging er glücklich allen Gefahren und vertiefte sich in die Studien deS ägyptischen Alterthums und der Hiero- glpphik. Auf diesem Gebiet wird ihm ebenso sehr Scharfsinn und glückliche Lösungsgabe nachgerühmt, als er andererseits der Leichtgläubigkeit und Selbsttäuschung geziehen worden ist, wie ihm denn auch manche absichtliche Täuschung durch andere widerfahren sein soll. Es ist aber auf keinem Felde der Wissenschaft bis auf den heutigen Tag die Leichtgläubigkeit so sehr vorherrschend, als auf dem der ägyptischen Alterthumskunde. Daher darf es nicht verwundern, wenn auch der gescheite Kircher im Zaubernctz der Einbildungskraft bisweilen gefangen ward, und es schmälert nicht sein Verdienst. Von seinen Schriften, die alle in lateinischer Sprache erschiene», sind viele noch immer anziehend und wichtig, so die Llusurgm und die Lllonurgiu für Musik- und Jnstrnmentenkunde, seine ,ns magna luois st umbrao,scin LluncllismMsrrrnisus, — lll-ignss — lurois Lobsl, Omlstwis ,->oApptiaou8 u. a. Berühmt und bedeutsam bleibt Kircher für alle Zeiten als Erfinder mehrerer wichtiger physikalischer Instrumente, eines Brennspiegels, dem er eine Monographie widmete, eines Zauberspicgels, eines nach ihm genannten künstlichen Springbrunnens, welcher Vorbild und Vorgänger des Heronsbrunnens wurde, der Zauberlaterne, deren Wirkungen von einem Jahrhundert in das andere hinüber Jugend und Alter erfreuen, der Aeols- oderWindharfe, welche — später verbessert — noch immer an schönen Sommertagen durch ihre Ac- corde und Harmonienströme viele Menschen entzückt. Seinen Namen trägt das von ihm begründete reiche und wichtige Museum des Jesuitcncollegiums in Nom. Hochbetagt, geehrt und gefeiert starb Athanastus Kircher zu Rom und sein Name blieb auch in Deutschland, seinem Vaterlande, unvergessen. Vieles hat er ahnungsvoll in seinen Schriften ausgesprochen, was die spätere Wissenschaft als Wahrheit erkannte, und namentlich ist dieß auf dem Gebiete der Physik der Fall, für welches seine dahin einschlagenden Schriften in mancher Beziehung noch als Quellenschriften gelten. Ewald Christian von Kleist. Geb. d. 5. Mai 1715. gest. d. 24. Aug. 1759. Der Sänger des «Frühlings» x«.r oco^v vor den tausend und aber tausend Frühlingssängern im ewig- grünenden deutschen Dichterwald, aber keiner von den minnegirrenden Girrlitzpoeten, die über den Frühling nie hinauskommen, und deren lyrische Blüthen niemals zur Frucht einer Mannesthat reisen, sondern ein vom Schicksal geprüfter und geschulter Dichter, der einen ehrenvollen Tod starb und den Kranz des Nachruhms verdiente, welcher ihm zu Theil wurde. Kleist wurde auf dem Rittergute Zeblin bei Köslin in Pommern geboren, und erhielt seinen ersten Unterricht durch Hauslehrer. Später sandte ihn sein Vater auf die Jesuiten-Schule zu Cron in Groß-Polen, und im 14. Jahre besuchte Ewald das Gymnasium zu Danzig. Im Jahre 1731 bezog er im Geleit und unter der Aufsicht eines älteren Bruders die Universität Königsberg, um sich daselbst dem Rcchtsstudium zu widmen. Indeß zog ihn die Trockenheit des Ins nicht so mächtig an, daß er nicht auch Geschmack au andern Wissenschaften gefunden hätte, welche er mit Liebe sich anzueignen strebte; Philosophie und Sprachen, Mathematik und Physik beschäftigten seinen Fleiß und gaben seinem strebsamen Geiste die Weihe höherer Bildung. Der Bruder, selbst äußerst praktisch, drängte zum praktischen hin, hielt die Beschäftigung mit alten Sprachen und zumal mit Poesie für Ueberflüssigkeiten, die ein Junker keineswegs bedürfe, und sah seine Voraus- ahnungen auch insofern gerechtfertigt, als für Ewald der heilende Bethesdateich sicherer Anstellung sich nicht aufthun wollte, was das heitere Gemüth des jungen Dichters allerdings trübte und verstimmte. Indessen wer mit 21 Jahren verzagen wollte, wäre ein Thor; Kleist ging nach Dänemark zu Verwandten, und hoffte sich dort besser gefördert zu sehen, als iu der Hcimath. Aber auch dort bot sich keine Anstellung im Civilfache, nur der Soldatenrvck konnte durch den Einfluß zweier Oheime, des Generallieutenant von Staffeld und des General von Folkersahm, den jungen Mann fördern, und so zog er ihn willig an, und ward 1730 dänischer Offizier, was er vier Jahre mit Pflichttreue und Diensteifer blieb, und dabei die Kriegswisscnschaftcn eifrig studirte, ohne der Poesie treulos zu werden. Der andauernde Friedensdicnst sagte indeß Kleist's feurigem und vielleicht auch etwas unstätcm Gemüth nicht zu, er nahm seinen Abschied 1740 und stellte sich unter die Fahnen König Friedrich's II., wurde Lieutenant im Negimente Prinz Heinrich zu Potsdam, und machte mit diesem die Feldzügc mit. Es wird angeführt, daß Kleist vor seinem Eintritt in den Dienst der preußischen Waffen ein süßes Verhältniß mit einem edlen Mädchen, Wilhelminc von der Holz, im polnischen Preußen angeknüpft habe, daß er aus dem ausländischen Kriegsdienst in den vaterländischen berufe» worden sei, und im Garnisondienst ein Duell für eine beleidigte Dame bestanden, das ihm eine tüchtige Armwundc zuzog. Darauf hörte Gleim von ihm, der damals in Potsdam lebte, besuchte ihn, und erheiterte ihn durch Vorlesung eines Gedichts so gewaltig, daß Kleist's Wunde aufsprang und ein sehr starker Blutverlust erfolgte. Gleim's freundlicher und theilnehmcndcr Pflege und Anregung dankte Kleist neuen frischen Lebensmuth, dessen er wahrhaft bedurfte, denn seine Geliebte gab ihre Hand einem andern — die alte Geschichte, die doch ewig neu bleibt — und nur der Hcilkuß der Poesie vermochte den herben Schmerz des Dichters zur Wehmuth zu verklären. Sie blieb ihm die treue Geliebte, sie säuselte ihm den «Frühling« in die wunde Seele. Das schöne Gedicht, anfangs nur für Freunde gedruckt, erschien 1746, in welchem Jahre Kleist zum Hauptmann aufrückte; die Bekanntschaft Ramler's machte Kleist 1749. Eine Sendung als Werbeoffizicr führte den Dichter nach den Gefilden der Schweiz und zu Bodmer, aber er sah sich nicht angenehm von diesem und dessen poetischen Anhängern berührt. Es war der schroffe Cliquengcist, der jede ächte Dichternatur auf das äußerste verletzt und abstößt, selbst dann, wenn er sich herabläßt, sie anerkennen zu wollen. Und Ramler, wie begabt und liebenswürdig er immer war, beging an Kleist ebenfalls ein großes Unrecht, er nahm sich heraus, dessen Frühling umzuarbeiten — ein Unternehmen, zu dem von einer Seite viel Keckheit, von der andern, dergleichen zu ertragen, eine himmlische Sanftmuth gehört. Im Gemüth des Dichters sollte der Frühling nicht allein erblühen, er wollte auch den Sommer und die beiden andern Jahreszeiten in seiner Weise singen, allein dazu kam es nicht; es war überhaupt damals keine rechte Zeit für die deutsche Poesie in Preußen. Kleist fühlte dieß innerlich tief und schmerzlich, so sehr er den großen König verehrte — man wollte keine deutschen Dichter, man fand nur Gefallen an den französischen Gauklern, und so war es nicht zu verwundern und nicht zu verargen, daß Kleist sich ganz und gar in andere Stimmung und Stellung sehnte, obschon es ihm nicht an mancher kleinen Auszeichnung fehlte. Er ersehnte eine Oberforstmeisterstellc; in den Wäldern, so hoffte er, würde ihm wohlcr werden, würde seine wankende Gesundheit sich kräftigen. Er wurde aber nicht Oberforstmeister, sondern 1786 Oberstwachtmeistcr und später Major, kam zur Besatzung nach Leipzig, und schloß mit Lesflng, Gellert und Felix Weiße den Freundschaftbund, nachdem er zu Zittau im Winterquartiere müssig gelegen und Zeit gehabt hatte, Idyllen zu dichten. Von da an nahm Kleist's Kricgerleben thätigeren Umschwung, denn bisher hatte es ihn nicht nach Wunsch zu Thaten geführt, sie immer nur erhoffen lassen; auch jetzt mußte er noch lange in Leipzig ein Feldlazarcth überwachen, bis endlich im Jahre 1738 die Palme Bellona's winkte. Kleist machte die Schlacht bei Hochkirch mit, die er nicht für eine Schlacht gelten lassen wollte, und fand manche Gelegenheit, sich durch persönliche Tapferkeit auszuzeichnen, so im Herbstfeldzuge um Dresden und sonst, bis der blutige Tag von Ku- nersdorf herbeikam, an welchem Kleist, als zweiter Stabsoffizier beim Regiment, hinter der Fronte haltend, von vielen matten Kugeln getroffen ward, deren Anprall er aushielt, obschon zwei derselben ihm zwei Finger der rechten Hand zerschmetterten. Da fiel der Commandeur; Kleist sprengte vor an die Spitze des Corps, und stützte noch einen jungen Fahnenträger, als ihm eine Flintenkugcl in den linken Arm flog; noch hielt er sich und sprengte vorwärts, aber drei Kartätschenkugeln zerschmetterten ihm jetzt den Schenkel und warfen ihn vom Roß. «Kinder, verlaßt euern König nicht!» rief er noch sinkend seinen ihm zu Hülfe eilenden Kameraden zu. Die Schlacht tobte fort; Kosaken überfielen den Verwundeten, plünderten ihn aus, warfen ihn in einen Sumpf, und ließen ihn hülflos liegen. Russische Husaren fanden ihn, zogen ihn aufs Trockne, erquickten ihn und verließen ihn wieder. Wieder plündernde Kosaken — dann spätere Rettung durch einen Offizier — und endlich in Frankfurt an der Oder, zwar in gastlicher Pflege, aber in Folge der arg vernachlässigten Wunden — der Tod. Schmerzlich fühlten die Freunde den Verlust des edeln, leider im Leben und durch das Leben nur wenig beglückten Dichters. Es ward ihm ein ehrenvolles Begräbnis; zu Theil; Dichter und Dichterinnen feierten sein Andenken in Liedern, und neben Uz und Gleim, Ramler und Hagedorn klingt sein Name rühmlich fort. — Friedrich Gottlieb Klopstock. Geb. d. 2. Juli 1724, gest. d. 14. März 1803. Einst, bevor Goethe und Schiller ihn überstrahlten, Deutschlands gefeiertster, allbekanntester Dichter, der Liebling des gebildeten Theiles der Nation, als Dichter groß, als Mensch vielleicht noch größer. Quedlinburg am Harz ward Klopstock's Geburtsstadt und sah ihn als Knaben seine Schule besuchen. Später wurde er Alumnus zu Schulpforte, und bildete seinen Geist aus für Klassicität und alte Sprachen. Schon dort regte der Genius der Poesie über ihm die wehenden Schwingen, schon dort kam ihm der Gedanke zu seiner Messiade, die er dann in Jena, erst nur in Prosa, zu bearbeiten begann, wohin er sich 1745 gewendet, um Theologie zu stndircn. Ein Kreis begabter Freunde hob ihn dort hoch über das Alltagstrciben der Studentenwelt; Andreas Cramer, Adolf Schlegel, Rabener, Zachariä, Giseke und andere umgaben ihn, munterten ihn beifällig auf. Die ersten Gesänge seines Messias erregten Aufsehen, Bewunderung — der Reiz der Neuheit, die Mächtigkeit der Sprache, die Fülle der Bilder, die Erhabenheit des Stoffes füllten die Seelen der Leser mit Erstaunen, nur die oModoren Theologen murrten kopfschüttelnd; es dünkte ihnen eine Entweihung, den Welterlöser zum Helden eines Gedichtes zu machen, das an die homerischen Epopöen erinnerte. Nach Jena bezog Klopstock die Hochschule Leipzig und von da nahm er 1748 im Hause eines Verwandten, Namens Weiß zu Langcnsalza — die Familie blüht noch — dessen Kinder er unterrichtete, Wohnung und Aufenthalt und setzte seine schöpferische Geistesarbeit fort. Auch die Liebe nahte ihm hier mit ihrem verklärenden Abglanz überirdischer Seligkeit, freilich nur eine Dichterliebe, die keine Erwiederung fand, vielleicht um so heilsamer und läuternder für ihn durch ihre Schmcrzeu. Im Jahr 1750 verließ Klopstock Langcnsalza, reiste in die Heimat zurück und dann niit Sulzer in die Schweiz, wo er im Kreise von Bodmer und dessen Freunden sich freudig bewundert und hoch verehrt sah. Aus einer Reise nach Dänemark, dessen König ihm großmüthig ein Jahrgehalt von 400 Thalern bestimmt hatte, damit er ohne Sorgen seinen Messias vollenden könne, lernte der Dichter in -Hamburg Meta (Marga- retha) Wollcr kennen, ein Mädchen voll Geist und Feuer, an welches er empfohlen war; sie-wurde der Angelstcrn seines Lebens, zu ihr zog es ihn aus Dänemark zurück, mit ihr strebte er die Vereinigung an, und 1754 gelang es ihm, sie als seine Gattin in die neue Heimat einzuführen. Lange und langsam arbeitete Klopstock an seinem Messias; er schuf ihn als ein durchdachtes, durchfeiltes Kunstwerk; dasselbe war erst zur Halste vollendet, als der Tod ihm 1758 seinen Lebenscngel von der Seite riß. Gewaltig war Klopstock's Schmerz, und rührend strömte er seine Klage in Gedichten auö, selbst in dem Messias. Cramer und Gleim blieben seine treuen Freunde, und 1702 kehrte er wieder nach Deutschland zurück, wohnte bald in Quedlinburg, bald in Halberstadt oder in Blankenburg, wo eine neue Liebe seinem Geist neuen Aufschwung gab, ohne zu einer engern Verbindung zu führen, und ging dann wieder nach Dänemark, dessen König ihm den Titel eines Legationsrathes verlieh. Klopstock's Herz aber schlug nur für Deutschland, und zwar mit aller Glut und Wärme eines wahren Patrioten, und er verherrlichte Deutschlands Ruhm und Größe wie kein anderer Dichter vor und »ach ihm; er strebte, den deutschen Geist zum Bewußtsein der Nation zu führen, aber nicht zum trivialen politischer Marktschreierei, sondern zum idealen sittlicher Größe und geistiger Hoheit. Darin war und blieb Klopstock unerreichbar, und seine Verdienste um die Ausbildung der deutschen Sprache, die er, hierin ein zweiter Luther, aufs neue kräftig, frei und voll Wohllaut schuf, die er läuterte, die trcuvaterländische Gesinnung, die er offenbarte, und in die Herzen strömte, lassen ihn noch größer und herrlicher erscheinen, als sein gefeiertes mehr als gelesenes Welt-Epos ihn erscheinen läßt. Daß er in seinen Dichtungen fast unbedingt den Reim verwarf und verschmähte, sich vorzugsweise nur in klassischen Metren gefiel, war eine allzugroße Huldigung für die Classieität, und darin allein war Klopstock undeutsch. Im Jahr 1770 kehrte er abermals nach Deutschland zurück, reiste, nahm wechselnd Wohnsitze in Hamburg und Karlsruhe, wurde zum badischcn Hofrath ernannt, vcrhcirathete sich zum zweitenmale, erlebte das so vielen Dichtern versagte Glück, eine gediegene Gesammtausgabc seiner zahlreichen Werke erscheinen zu sehen, und starb im Glänze voller Verehrung und unsterblichen Nachruhms im Alter von 79 Jahren. Zu Ottensee bei Hamburg, wo seine Meta ruhte, ward er eingesenkt, dort ist sein vielbesuchtes Grab, mit einem Denkstein geschmückt, den seine zweite Gattin ihm weihte. Karl Theodor Körner. Geb. d. 22. Sept. 1791, gest. d. 26. Aug. 1813. Der vielgefeierte, deutschpatriotische Heldenjüngling, der Sänger, welcher Leier und Schwert auf das schönste einte und durch frühen Tod auf dem Felde der Kriegerehre und für des Vaterlandes Befreiung den Nachruhm erkaufte. Die hochherzige feurige Jugendkraft, das treue bewähren seiner flammenden Begeisterung, das fast zur vorahnenden Gewißheit gesteigerte sehnen nach dem seligen Schlachtentod, das aus seinem «Vater ich rufe Dich» austönt, und die Erfüllung seiner Sendung mitten im vollbewußten Fluge nach oben — haben ihm die Lorbeer- und die Eichlaubkrone vereint gewunden und ihn das neidenswerthe Loos, allgeliebt, allbewundert, allgefeiert aus dem blühenden Leben zu scheiden, finden lassen. Theodor Körner wurde zu Dresden geboren, Sohn des durch eigene rühmliche Thätigkeit, durch innige Freundschaft mit Schiller, dessen Werke er von 1812 bis 1818 herausgab, bekannten Appellationsrathes, später Staatsrathes Christian Gottfried Körner. Des Vaters Freundschaftverhältniß zu Schiller konnte nicht ohne bedeutenden und anregenden Einfluß auf den talentvollen Sohn bleiben, obschon dieser sich anfangs nicht den schönen Wissenschaften widmete, sondern das bergmännische Fach erwählte, und, nachdem er die Kreuzschule Dresdens besucht hatte, im Sommer 1808 die Bergakademie zu Freiberg bezog. Ausgezeichnet durch körperliche wie durch geistige Anlagen, Gymnastiken, Zeichner, Musiker und Poet, war Theodor Körner ein liebenswürdiger Berg-Student und feierte in schönen Gedichten die Lichtseiten des erwählten Berufes, dem er indeß später nicht treu blieb. Eine Reise nach Schlesien und auf das Nicsengebirge regte zu manchem Gedicht an, und ein ernster, frommer Sinn wurde durch eine Anzahl geistlicher Sonette bethätigt, wie durch den Plan, ein Taschenbuch für Christen zu begründen. Körner setzte nach zweijährigen Studien in Freiberg dieselben in Leipzig fort, wo 1810 seine «Knospen» erschienen, mit denen er sich in die Reihen deutscher Lyriker stellte. Auch in Leipzig gefiel sich der junge Dichter als Student, wie er sein soll; er paarte Heiterkeit und Lebensfrohmuth mit Fleiß und sittlichem Ernst, fürchtete die Mensur nicht und suchte sie nicht mit Absicht. Im Jahre 1811 ging Körner nach Berlin, um dort naturwissenschaftliche Studien fortzusetzen, auch Philosophie und Geschichte zu hören; leider nöhigte Krankheit zu einem wiederholten Aufenthalt in Carlsbad, und dann bestimmte der Vater den Sohn, in Wien seine Studien zu vollenden. In edel», hochangesehencn Familien und Kreisen heimisch und gern gesehen, durch eine reine, hohe Liebe beglückt und gefesselt, verlebte der junge Dichter in Wien eine glückliche Zeit und warf sich ganz in die Arme der Poesie, und zwar zumeist der dramatischen; er dichtete ernste und heitere Stücke, welche durch die Leichtigkeit ihres Versbaues und die Reize ihrer Sprache sich Beifall gewannen, ja sie verschafften ihm die Ernen- nnng znm kaiserlich königlichen Theaterdichter in Wien mit schönem Gehalt und wohlgesicherter Stellung. Aber Poesie und Liebe allein füllten nicht ganz des Dichters Herz aus, es gab noch ein drittes: das Vaterland. Dieß sah er leiden und bluten, dieß sah er sich ermannen, und dessen Ruf nach dem kräftigen, befreienden Arm seiner Söhne weihte Theodor Körner znm Helden. Dem Vaterlande ein, wie er selbst schrieb: «mit allen Blüthenkränzen der Liebe, der Freundschaft und der Freude geschmücktes Leben zum Opfer zu bringen», das war es, was ihn groß machte unter den Schaarcn begeisterter Männer und Jünglinge, die sich zur Befreiung Deutschlands erhoben. Im März 1813 verließ Körner Wien und schloß sich in Brcslau Major von Lützow's Freischaar an, die in einer schlesischen Dorfkirche feierlich eingesegnet wurde. Nun wurde Körner ein deutscher Tyrtäos; seine Kricgsljcdcr begeisterten und entflammten, sie gingen von Mund zu Mund, sie weckten den Schlachtenmuth und die Todesverachtung, und neben den kräftigen Liedern Arndt's wurden sie gleichsam selbst geistige Mitkämpfer in der großen heiligen Sache. Körner sah, indem er als Oberjägcr in Geschäften dem Corps vorauseilte, die Seinen in Dresden noch einmal wieder, dann ging er mit dem Corps nach Leipzig, wurde dort znm Lieutenant ernannt, und nun begann das kriegerische Leben mit seinen mannichfachei» Wechselscenen, bald voll Thätigkeit, bald voll stilllic- gendcr Unthätigkeit, welche letztere Körner nicht zu ertragen vermochte. Er trat daher nach der Schlacht von Lützen zur Kavallerie und folgte als Lützow's Adjutant diesem auf einen Streifzug durch die uord- thüringischcn Gefilde. Bei Kitzen durch verrätherischc Arglist schwer am Kopfe verwundet, fand der Helden- wüthige Krieger beinahe Gefangenschaft oder Tod, entkam nnt Mühe nach Leipzig, wurde dort halb geheilt und mußte fernere Pflege in Carlsbad suchen, bis er im Stande war, über Berlin wieder zu seinem Corps zu gelangen, welches jetzt in der Nähe Hamburgs während eines thatenlosen Waffenstillstandes feierte. Bald sollte diese Ruhe enden, bald schmetterten aufs neue die Kriegsdrommeten, wieherten die Schlachtrosse, es erneute sich der heilige Kampf, Körner dichtete sein: «Das Volk steht auf, der Sturm bricht los» und nach mehreren Gefechten gegen Davonst sein Schwertlicd — sein Schwanenlied —, denn an Lützow's Seite traf ihn an demselben Tage in einem Gefecht an der Straße von Gadebusch nach Schwerin, nahe einem Gehölze, die feindliche Kugel, die zugleich durch den Hals seines edlen Rosses gedrungen war, und endete ein schönes, reiches, vielverheißendcs Leben. Unter einer alten Eiche nahe dem Dorfe Wöbbelin ist des Dichters Grab und Denkmal, viel besucht und mit heißen Thränen oft bethaut. Für seinen Ruhm konnte Körner nicht schöner enden. Viele seiner herrlichen Lieder lebten auf allen Lippen, sie und das Andenken an seinen Tod für das Vaterland webten ihm die Glorie der Unsterblichkeit; jene gingen wohl zu weit, welche meinten, Körner würde, am Leben geblieben, Schiller an Geisteshoheit und Größe auch in der dramatischen Dichtung erreicht oder in der Ballade ihn noch übertroffen haben; die unselige Neigung der Deutschen, krittelnd zu vergleichen und keinen Tüchtigen in seiner Selbstständigkcit unangetastet zu lassen, hätte sich dann gewiß so lange abgemüht, bis er ihr gelungen wäre, ihm den wohlverdienten Lorbeer zu entreißen — so ging er verehrt, gefeiert und beweint hinüber, und ließ sein Andenken rein und schön zurück im Doppelkranzc des Sängers und des Vaterlandsbefreiers. August Friedrich Ferdinand von Kotzebue. Geb. d. 3. Mai 1761, gest. d. 23. März 1819. Dieser Dichter wandelte auf wechselvoller Bahn des Lebens, wie wenige vor und nach ihm; beliebt und mißliebig, gelobt und gescholten, anerkannt und verkannt, ein Märtyrer seiner Verirrungen; doch blieb Kotzebue als deutscher Theaterdichter so geschätzt, daß die kritischen Verlästerungen seiner Persönlichkeit nirgend rechten Boden haben finden können. Die Nachwelt wird ihn jedenfalls milder richten, als es später der politische Fanatismus that, der ihn meuchelmordete und unbedingt verdammte. In Weimarsunter den günstigsten Sternen, wurde Kotzebue geboren und als Säugling schon vaterlos. Die wackere Mutter nahm sich eifrig seiner Erziehung an, förderte das jugendliche, früh bemerkbare poetische Talent des Knaben; das Gymnasium zu Weimar bildete ihn weiter aus, und er war fähig, schon mit dem 16. Jahre die Hochschule Jena zu beziehen. Diese Frühreife trägt selten die gehoffte Frucht; es müssen ganz besonders begabte Talente sein, die, allzufrüh zur Universität entsendet, den richtigen Weg finden sollen. Auch Kotzebue fand ihn nicht; er dichtete und schwärmte, statt zu studiren, und wurde Satyriker statt Anwalt, Schriftsteller statt Fachmann. Schon in früher Jugend hatte die Bühne vorzugsweise Kotzebue lebhaft angezogen, und er blieb der Neigung, für dieselbe thätig zu sein, durch ein von mannigfaltigen Schicksalen äußerst bewegtes Leben treu. Auf seine Ausbildung zum Schriftsteller übte der treffliche Musäus als Lehrer wie als Freund bedeutenden Einfluß; Wieland's und Goethc's große Beispiele spornten den Jüngling mächtig an, und es war nur zu beklagen, daß er beiden nicht mit mehr gediegenem Ernst nacheiferte. Einige beißende Satyren Kotzebue's machten in Weimar viel böses Blut, und er empfing den Rath, seine Geburtsstadt auf einige Zeit zu meiden. Empfehlungen brachten ihn in erwünschte Lebens- und Thätigkeitskreise nach Rußland, wo er sich verheiratete, Titularrath, Beisitzer ves Oberappellationsgerichts zu Reval wurde, ja später sogar Präsident des Gouver- nements-Magistrats für Esthland. Die höheren russischen dienstlichen Stellungen verleihen meist an sich den persönlichen Adel, und so erschien es als eine Satyre auf den Dichter des Don Rcmudo de Coliberados, der humoristischsten Verspottung des Adels — daß ersterer sich nun bewogen fühlte, sich von Kvtzebue zu schreiben und eine Schrift «über den Adel» erscheinen zu lassen. Fortwährend thätig als Schriftsteller schrieb Kotzebue eine Menge Romane und Theaterstücke, von denen «Menschenhai? und Reue» und «die Indianer in England» ihm Ruf und Beliebtheit verschafften, die aller Orten aufgeführt, von hämischer Kritik aber dennoch hart mitgenommen und verketzert wurden, was dem sehr reizbaren Dichter zum Anlaß wurde, sich gegen die gesammtc Kritik in eine Fechterstellung zu setzen, woran er sehr übel that, denn stets ist die beste Antikritik, zu schweigen, und zu suchen, durch ein besser gelungenes Werk das getadelte zu übertreffen. Weit schlimmer als die Pfeile der Kritik es vermochten, verwundete sich Kotzebue selbst durch die anonyme Schrift: «Or. Bahrdt mit der eisernen Stirne», die für ihn bitter beschämende und mit Gram erfüllende Folgen hatte. Den im November 1790 zu Weimar erfolgenden Tod seiner geliebten ersten Gattin, die ihm auf einer Badereise nach Deutschland gefolgt war, ertrug v. Kotzebue nicht mit der Würde, die dem Manne ziemt; er verließ sie, bevor sie verschieden war, drückte ihr nicht die gebrochenen Augen zu, sondern reiste, um sich zu zerstreue», nach Paris, von da nach Mainz. Im Jahre 1795 begab sich Kotzebue wieder nach Esthland, vermählte sich mit Fräulein Christiane von Kruscnstern, die mit aller Liebe an ihm hing, und ihm ein glückliches Leben bereiten half. Reiche Mittel erlaubten, sich von amtlicher Thätigkeit zurückzuziehen, ein schönes, unabhängiges Dasein zu führen, und auf dem erworbenen kleinen Landsitz Fricdenthal, acht Meilen von Narva, sich ausschließlich dem Dienst der Musen zu weihen. Aber Unruhe und eine Regsamkeit, die gebieterisch drängte, vor das Auge der Menge zu treten, bewogen Kotzebue, die Stelle eines Hofthcater- dichtcrs in Wien anzunehmen, zu der er allerdings höchst berufen schien, die er aber kein Jahr aushielt, doch brachte sie ihm einen lebenslänglichen Ruhegehalt von 1000 Gulden. Je mehr Kotzebue den Beifall der Menge durch seine Bühnenstücke sich gewann, um so mehr reizte und kränkte es ihn, sich von Goethe und dessen ruhmvollen Mitstrcbenden keineswegs nach Wunsch anerkannt zu sehen, wozu noch die einseitige, albern vornehm thuende Kritik der sogenannten romantischen Schule kam, die überhaupt nur sich und ihre Günstlinge anerkannte. Statt auch hier der verweigerten Anerkennung, zu welcher doch niemand gezwungen werden kann, stolze Ruhe im Bewußtsein, nach Kräften das Gute und Schöne zu fördern, entgegenzusetzen, rächte sich die verletzte Eitelkeit durch die Satyre «der hyperboräische Esel» was nicht ohne auf ihn zurückfallenden Wiederhat! blieb. Dies verleidete Kotzebue Weimar abermals; er ging nach Rußland, versah es, die gefordert werdende persönliche Rciseerlanbniß vom Kaiser Paul einzuholen, und mußte dafür und für einige spöttische Anzüglichkeiten über Paul nach Sibirien wandern. Ein Stück: «Der alte Leibkutscher Peter III.», welches Lobsprüche auf den Kaiser enthielt, bewirkte die schnelle Rückberufung des Verbannten mit Cvurirpferden, brachte ihm den kaiserlichen Hofrathtitel, das Krongut Worro- koll in Liesland, und die Stelle des deutschen Hof- thcatcrdirektors in St. Petersburg mit einem Gehalt von 5000 Rubeln, neben Benefieien von seinen neuen Stücken. Das alles befriedigte abermals nicht auf die Dauer — v. Kotzebue nahm nach Kaiser Paul's Tode den Abschied und kehrte, mit reichem Gnadcngehalt entlassen, nach Deutschland zurück, wo wiederum Angriffe und Streitigkeiten ihm das Leben verbitterten. Schon früher hatte sich Kotzebue mit Jffland befreundet — auch der letztere galt den romantischen Literaturtyrannen nichts — und zog jetzt nach Berlin. Jffland eröffnete das berliner Natioualtheater mit Kotze- bue's «Kreuzfahrer», und dieser begründete die Zeitschrift: «Der Freimüthige», um ein Organ für seine Fehden und Kämpfe zu haben. In Berlin wurde er Academiemitglied, und empfing vom König Friedrich Wilhelm III. von Preußen ein Canonicat. Im Jahre 1805 starb ihm auch seine zweite Frau, und er ging abermals nach Paris, worauf er nach der Rückkehr und mehreren Reisen eine dritte Heirath mit einer nahen Verwandten seiner verstorbenen zweiten Gemahlin schloß. Während v. Kotzebue seine schriftstellerische Thätigkeit mit Glück und Beifall auf dem Gebiete der dramatischen und erzählenden Muse fortsetzte, und auch nach dem Rufe des Historikers strebte, indem er in Wahrheit gründliche Studien zu einer älteren Geschichte Preußens machte — wozu er seinen Aufenthalt nach Königsberg verlegte, zogen sich die schweren Wetterwolken des Verhängnisses über Deutschland, über Preußen zusammen. Kvtzebue hatte, einer der ersten unter den deutschen Schriftstellern, den Muth, offen gegen Napoleon zu schreiben, und dieß that er unermüdlich, verwischte aber leider später selbst das Andenken an seine veutschvatcrländische Gesinnung, als er in dem von ihm begründeten «literarischen Wochenblatt», wie in dienstlichen Berichten an den Kaiser von Rußland, deutsche Männer verdächtigte, und den liberalen Zeit- Ideen mit der Waffe des Hohnes und der Satyre entgegen trat. Alles, was damals die junge strebende Welt mit Hoffnungen erfüllte, mit schönen Zukunft- träumen, der erwachte frische Geist deutschen Nationalbewußtseins, schien ihm eine Lächerlichkeit; vorzüglich focht er die Burschenschaft an, und aus deren Mitte fand sich der fanatische Rächer, der schwärmerische Student Karl Sand, der sich berufen fühlte, die politischen Irrthümer eines Schriftstellers mit dem Tode zu bestrafen. — Kotzebue wohnte mit seiner zahlreichen Familie jetzt in Mannheim, ein glücklicher Hausvater, gütig und liebevoll, wohlthätig, immer bemüht, erfreuendes neues zu schaffen, da traf ihn der Mordstahl — und es gab Menschen, hochgebildete sogar, deren politischer Wahnsinn diesen Mord heilig sprach. — Gideon Ernst Freiherr v. Laudon. Geb. d. 5. Juli 1718., gest. d. 11. Juli 1790. Ein Name schönen Klanges, ruhmreich und vielfach gefeiert, unsterblich fortklingend mit den größten Heldennamen seines Jahrhunderts. Laudon wurde zu Trotzen in Liefland geboren, wo seine Familie, schon im vierzehnten Jahrhundert aus Schottland eingewandert, an- säßig war. Die Natur hatte das Aeußere des Knaben nur stiefmütterlich bedacht, und wie dieses Aeußere vernachlässigt erschien, so auch seine erste Bildung. Fast ohne Kenntnisse, außer etwas Mathematik und Geographie, trat der junge von Laudon als Kadet in seinem 18. Lebensjahre in russische Kriegsdienste ein, und lernte in diesen bald genug fühlen, daß zum tüchtigen Krieger mehr gehöre, als der persönliche Muth, die bloße Tapferkeit und die Führung der Waffen. Mächtig erregend wirkten edle Beispiele; Laudon wohnte der Belagerung und Eroberung von Danzig 1733 bei, machte den russischen Feldzug gegen die Türken unter General Münich mit, half Asow, Okzakow und Choczim erobern, und machte, ausgezeichnet durch Pünktlichkeit im Dienst, Eifer, Tapferkeit und jede sonstige kriegerische Tugend in rascher Eile den Lauf durch alle militärischen Grade vom Korporal bis zum Oberst- licutnant. Als 1759 der Friedensschluß erfolgt war, nahm Laudon seinen Abschied, in der Absicht, in Wien, wohin er empfohlen war, österreichische Dienste zu suchen. Auf der gleise dahin berührte er Berlin und man suchte ihn dort zu bewegen, preußische Dienste zu nehmen. Laudon war bereit dazu, er ließ sich dem König Frie- rich II. vorstellen und — misficl diesem. „Den Mann mag ich nicht, er gefällt mir nicht!" hatte der König geäußert, und dies Wort brachte Preußens Heer um den tapfersten Mann, schuf dem großen König seinen ebenbürtigsten Gegner. Laudon trat in Oberst von Trcnks Pandurencorps, dessen rohes Gebühren im Feldzug von 1743 bis 1744 ihm fälschlich zur Last gelegt wurde. Wunden und Siege, Gefangenschaft und Befreiung und mancher sonstige Wechsel im Leben, zu denen auch der des Glaubens gehörte, führten ihn weiter auf der begonnenen kriegerischen Laufbahn, ließen ihn endlich eine stille Stelle auf einem Grenzposten finden, wo ihm vcrheirathet, zwar kinder- loS, aber glücklich, ernste strategische Studien zu machen, hinreichende Muße vergönnt war, und rissen ihn dann wieder aus diesem Stillleben hoch auf die Wogen des Kampfes gegen Preußen, den Friedrich II. begonnen. Von nun an war Laudon's Leben nur eine Kette von Siegen, deren glänzendster den Fcldzug des Jahres 1757 bei der Belagerung von Prag krönte. Maria Theresia ernannte den Helden jetzt zum Generalmajor, und bald darauf, da Laudon unablässig neue Kränze des Ruhmes zu den schon erstrittenen fügte, zum Fcldmarschall- lieutenant, und schmückte ihn eigenhändig mit dem Groß- krcuz des Theresienordcns, indem sie ihn zugleich in den Reichsfrciherrcnstand erhob. Laudon rettete 1759 die von den Russen schon gegen Preußen verlorene Schlacht bei Kunnersdorf, wurde darauf zum Feldzeugmeistcr ernannt und empfing von der russischen Kaiserin einen mit Brillanten besetzten Ehren- degcn. Jetzt hatte der große Prcußenkönig das volle Recht, zu sagen: „Der Mann gefällt mir nicht" — doch . ehrte er anerkennend Laudon's unübertreffliche Felv- herrngaben. Laudon hoffte nach kurzen Unterbrechungen sein ruhmgekröntes Leben in goldener Ruhe, mit der Thätigkeit eines Landwirthcs auf seinem Lustschlosse Hadersdorf beschließen zu können, aber noch einmal riefen ihn sein Geschick und sein Kaiser an die Spitze der Armee gegen die Türken. „Laudon!" war das Feldgeschrei, vor dem der Feind nicht Stand zu halten vermochte. Kaiser Joseph ernannte den greisen Helden zum Generalissimus, und schmückte seine Brust mit dem brillantnen Sterne des Theresien-Groß- kreuzes, das nur der Kaiser selbst als Großmeister des Ordens zu tragen berechtigt war. Auf die höchste Höhe des Ruhmes und aller Ehren gehoben, endete Laudon als 74jähriger Greis. Ein einfaches Grab im Parke zu Hadersdorf trägt die viel sagende Inschrift: Hier liegt Laudon. Gottfried Wilhelm von Leibnitz. Geb. d. 3. Juli, nach Andern d. 21. oder d. 24. Jan. 164​6 . gest. d. 14. Nov. 1716. Als Philosoph, als Rechtsgelehrter und Staatsmann, ja als Polyhistor und Kosmopolit einer der hervorragendsten Geister im Kreise vaterländischer Berühmtheiten. Sein Vater, Friedrich Leibnitz, zu Altenberg in Meißen geboren, harte in Leipzig studirt und sich dort als Nechtsgelehrter und Professor niedergelassen, so wurde Leipzig die Ehre, Geburtsort und Vaterstadt des großen Mannes zu werden. Als Knabe erhielt Leibnitz eine dem Stande des hochgebildeten Aclternpaares angemessene Erziehung, ward Schüler der Nieolaischulc und des berühmten Thomasius. Ein treffliches Gedächtniß für das aus- wendiglernen klassischer Poesien und eigne dichterische Begabung zeigten bald des Knaben geistige Richtung, und ungleich früher als andere reiste er höheren Studien entgegen. Mit dem fünfzehnten Jahre schon wurde Leibnitz «endemischer Bürger, legte den Grund zu einem nicht oberflächlichen, sondern gediegenen Vielwissen alter und neuer Wissenschaften, und ging später aus ein Jahr eigens nach Jena, um bei Erhardt Weigel Mathematik zu hören, worauf er daS zu den sieben i Wundern von Jena gezählte Weigel'sche Haus verließ und sich nach Leipzig zurück begab, die philosophische Doctorwürdc im 18. Jahre erwarb und seine schriftstellerische Laufbahn gleichzeitig begann. Da es ihm mißlang, die Würde eines Doetor juris ebenfalls in Leipzig zu erlangen, so erwarb er diese 1766 in Altdorf, nahm aber eine ihm dort sich bietende Professur der Jurisprudenz nicht an, sondern begab sich nach dem nahen Nürnberg, wo er sich in die mystischen Grübclforschungen der Kabbala und Alchymie versenkte, doch riß ihn sein guter Genius aus diesen Irrgärten voll früchtcloscr Bäume. Die Bekanntschaft mit dem Kanzler des Kurfürsten von Mainz, Frcihcrrn von Boineburg, der einem Adels- gcschlecht entstammte, welches der Wissenschaft wie dem Kricgsruhme eine große Anzahl bedeutender Männer stellte, führte Leibnitz nach Mainz, wo ihn der Kurfürst zum Rath ernannte. In die Zeit seines Mainzer 'Aufenthaltes fällt die Abfassung mchrcr wichtigen Schriften, dann geleitete er 1772 die Söhne von Boincburgs nach Paris und London und machte die willkommenste Bekanntschaft gleichstrcbcndcr und ausgezeichneter Gelehrten, La Hirc, Malcbranche, deS Belgiers Christian Huyghens, der Engländer Newton, John Collins, John Wallis, des berühmten Mathematikers und Sprachforschers u. a. und trat mit ihnen in wissenschaftliche Verbindung. Die pariser Akademie ehrte den gelehrten Deutschen durch die Aufnahme zu ihrem auswärtigen Mitglied, und später wurde Lcibnitz, nach Deutschland zurückgekehrt, Bibliothekar des Herzogs von Braun- schweig in Hannover. Dort lebte und wirkte er nun in erwünschtester, fruchtbringendster Thätigkeit. Gleichzeitig mit Newton wurde Lcibnitz Erfinder der Differentialrechnung, für sich erfand er eine arithmetische Maschine, deren Herstellung ihm 24,000 Thaler gekostet haben soll, schrieb ein Werk über das Ge- sandtschaftsrccht der deutschen Fürsten und sammelte auf Reisen, die er bis nach Italien erstreckte, Materialien zu einer diplomatischen Geschichte des Hauses Braunschweig, welche auch, in lateinischer Sprache verfaßt, in mehren Foliobändcn erschien. Auf dem Wege der Erfindungen weiter gehend, mühte sich Leibnitz mit einer Pasigraphie, einer Weltsprache, die allen Nationen verständlich sein sollte, allein die Sprachen lassen sich nicht behandeln wie mathematische Formeln, der Versuch wurde nicht vom Glück gekrönt; ebenso ging es mit einer Idee, die kirchliche Spaltung zwischen Protestantismus und Katholicismus zu heilen und die getrennten Neligionsparteien zu versöhnen und zu einigen. Auf Leibnitz Veranlassung gründete König Friedrich I. von Preußen die Berliner Akademie der Wissenschaften, zu deren Präsidenten Leibnitz erwählt wurde, und an- derweitc Anregungen bei anderen Fürsten des Reichs würden wohl gleichen Erfolges sich erfreut haben, wenn nicht der nordische Krieg diese auf die Grundlage des Friedens gebauten Entwürfe zerstört hätte. Lcibnitz strebte dahin, ein Reformator in der Wissenschaft zu werden, wie Luther es in der Kirche geworden und gewesen; dahin lenkte er den Schritt, nicht Systeme wollte er gründen, welche die Wissenschaft nur in die Bande und Knechtschaft der Parteiung schlagen, sondern erstere frei machen und allgemein, wie das Sonnenlicht. Selbst die Theologie wollte er mit der Philosophie versöhnen. Leibnitz's Lehre von den Monaden (Einheiten) beseelte das Weltall, wie nach der neuern Natursorschung alles animale und vegetabile Leben seinen Urgrund und Ursprung in der Zelle hat, im Bläschen, und alles körperliche aus Zellen besteht, gebaut und gefügt ist — so erblickte der tiefe Denker das All aus geistigen Wesenheiten zusammengesetzt und von ihm durchdrungen. Diese Lehre wurde vielfach mißverstanden nnd noch häufiger gar nicht verstanden, unv mußte sich gefallen lassen auch für eine der vielen Spielereien des philosophircnden Geistes zu gelten, mit denen nichts praktisches bcwießen und nichts erfolgreiches und glückbringendes gewonnen wird. Wenig besser erging es seiner Theodicee, der Verherrlichung der göttlichen Weisheit, in welcher das System des Optimismus (die Lehre von der besten Well) sich ausprägte, aber vielfache Anfechtung erlitt, und noch einigen andern philosophischen Lehren; dies und das Fehlschlagen mancher anderen heißgcnährten Hoffnungen trübte den großen, scharfsinnigen und fruchtbaren Denker seinen Lebensabend, obschon er dem irdischen Glück und allen äußeren Ehren im Schooße saß. Leibnitz besaß zn Hannover ein stattliches Haus, im Jahre 4 711 hatte ihn der Kaiser zum Rcichshofrath ernannt und den Barontitcl ihm ertheilt, der Czaar von Rußland hatte ihm den Titel und Rang eines Geheimen Rathes verliehen, und eine Pension von jährlich 1000 Dukaten; der König von England ernannte ihn zum geheimen Justizrath und Histo- riographen. Leibnitz starb unvermählt im 70sten Lebensjahre, nnd hinterließ den Ruhm nicht nur eines der größten Gelehrten, sondern auch eines Ehrenmannes von trefflichem Charakter, von leutseligem Sinn und Gemüth, frei vom Dünkel gelehrtthuender Ephemeren, von einer wahrhaft liebenswürdigen Milde im Urtheil, voll Billigkeit gegen andersdenkende und Gegner. Seiner Schriften sind überaus viele, er schrieb sie mit gleicher Gewandtheit in deutscher, lateinischer nnd französischer Sprache. Johann Anton Leisewitz. Geb. d. 9. Mai 1752, gest. d. 10. Sept. 1806. Ein deutscher dramatischer Dichter, dessen Leben mehr Bedeutung durch sein Talent und sein hohes Streben, als durch die Fülle zahlreicher Werke verliehen wurde; dessen Leben auch kein durch mächtige Schicksale bewegtes war, und der dennoch den vollen Ruhmeskranz verdiente, den seine Mitwelt, wie die Nachwelt, ihm geflochten hat. Leisewitz wurde zu Hannover geboren, wohin der Vater, welcher früher als Weinhändler zu Celle lebte, gezogen war. Nach gutem Schulunterricht bezog der fähige Jüngling 1770 die, Universität Göttingen und wählte das Studium der Rechtswissenschaft. Dort befreundete er sich mit zwei Altersgenossen, die nach verschiedenen Richtungen hin strebsam, sich Anerkennung und Ruhm gewannen, mit Thaer und Hölty. Der Hainbund erblühte zum Heile edler deutscher Poesie, und auch Leisewitz gesellte sich demselben zu; seine Aufnahme fand am Geburtstage Klopstock's, den 2. Juli 1774, statt. Daraus geht hervor, daß Leisewitz lange in Göttingen lebte. Die Bundesgenossen liebten und achteten ihn; er war für Freiheit und Vaterland be geistert, und schwärmte für beide in der damaligen Tonart. Lange trug er sich mit dem Vorsatz, eine Geschichte des dreißigjährigen Krieges zu schreiben, machte zu derselben auch umfassende Studien, doch ist dieselbe nie erschienen. Das Jahr 1774 trennte die Mitglieder des schönen poetischen Hainbundes, da die Mehrzahl derselben ihre Studien vollendet hatten; auch Leisewitz ging Michaelis dieses Jahres ab, und zwar in aller Stille, nm sich und den Brüdern das Weh des Ab schieds zu ersparen, und wandte sich nach Hannover, wo er sich Hölty's, der krank dorthin kam, mit aller teilnehmenden Liebe annahm. Leisewitz machte und bestand sein Advokaten-Eramen in Celte, behielt aber, da ihm an der advokatischen Praxis wenig lag, seinen Wohnsitz in Hannover bei, und lebte nur abwechselnd in Celle, wo er den Freund Thaer als praktischen Arzt wiederfand, bis er sich von Hannover gänzlich weg, und nach Braunschweig wandte. Dort war ein reges geistvolles Leben unter der Aegide eines kunstsinnigen Fürsten aufgegangen, dort wirkten bedeutende Gelehrte, glänzte Lessing's Stern, der von dem nahen Wolfenbüttcl oft genug zur Herzogrefidcnz herüber kam. Leisewitz trat zwar als Sachwalter auf, blieb aber seinem innern Dränge treu, begeisterte stch an Lcssing's Trauerspiel «Emilia Galotti», und als die Unternehmer des Hamburgischen Theaters: Sophie Charlotte Ackermann und Friedrich Ludwig Schröder, einen Preis von 20 Louisd'or für das beste Trauerspiel aussetzten, dichtete Leisewitz seinen «Julius von Tarcnt». Er erhielt den Preis nicht, Klinger empfing denselben für die «Zwillinge», allein das unbestochene Urtheil der Nachwelt erkannte Leisewitz einen unendlich höhern Preis zu, als jenen des Goldes. Schon Lesfing begrüßte das Stück mit großer Freude, und glaubte, da es 1770 ohne Namen des Verfassers, ja man sagt, sogar gegen dessen Willen, zu Leipzig im Druck erschien, es sei von Goethe, und empfahl den Dichter, nachdem er ihm persönlich bekannt worden war, mit Wärme an seinen Bruder und seine Freunde in Berlin. Dort wurde «Julius von Tarcnt» mit großem Beifall wiederholt aufgeführt, und dadurch die Seelenwunde des Dichters einigermaßen geheilt, welche die Preisverweigerung ihm geschlagen. Um diese Zeit erwachte die Neigung für die deutsche Schaubühne überall, und an den Höfen halfen selbst glänzende Liebhabertheatcr dieselbe Pflegen. Ein solches bestand auch in Meiningcn, wo Reinwald (Schillers nachheriger Schwager) Antheil an der Leitung nahm, sich mit dem Dichter in Briefwechsel setzte, und Julius von Tarcnt einige male zur Aufführung brachte. Dieß gab sowohl Anlaß zu einigen anziehenden brieflichen Mittheilungen von Seiten des Dichters an Reinwald, als auch zu einer Ausgabe des Julius von Tarcnt, welche den Literatorcn und selbst Leiscwitz'S Biographen unbekannt blieb, in welcher Auszüge eines Briefes und einige kritische Beurtheilungen des Stückes mitgetheilt wurden. Der regierende Herzog Carl zu Sachsen Meiningcn spielte den Julius, Prinz Georg, dessen Bruder, den Erzbischof, Prinzessin Wilhelminc die Nonne Blanka, Prinzessin Amalie die zweite Nonne. — Leisewitz theilte Reinwald damals mit, daß er mit einem Lustspiel schwanger gehe, welches jedoch nicht zur Erscheinung gekommen ist. Der Stoff waren «die Weiber von Weinsberg«. Er hatte 1778 das Amt eines Landschaft-Secretairs angenommen, und machte 1780 eine angenehme Reise nach Weimar und Gotha, lernte Goethe u. a. kennen, und befreundete sich in Gotha mit dem liebenswürdigen Dichter Götter. Der Herzog von Gotha war durch den Herzog von Meiningen, der zum Besuch in Gotha weilte, auf Leisewitz aufmerksam gemacht worden, und so wurde er beiden Herzogen vorgestellt, und sah sick, am Hofe vielfach ausgezeichnet. Die deutsche Poesie hat es zu beklagen, daß ein Talent, welches sich so bedeutend angekündigt hatte, ihr, vielleicht nur aus Mangel an Selbstvertrauen, untreu wurde; statt gottgetrost weiter zu dichten, übersetzte Leisewitz eine «Geschichte der Entdeckung und Eroberung der Kanarischen Inseln», und mühte sich an seiner umfassenden Geschichte des dreißigjährigen Krieges ab, die zu schreiben, noch immer eine Aufgabe für einen Riesen bleibt, weil vas in ganz Deutschland verstreute Material ein unerschöpfliches und unübersehbares ist; diese Geschichte will weniger aus bereits gedruckten Büchern, als aus den gleichzeitigen Kricgsakten studirt sein. Leisewitz verheirathete sich im Jahre 1781 mit der Tochter eines Kaufmannes in Hamburg, und lebte ein glückliches Stillleben mit ihr, da keine ökonomische Sorge ihn belastete, wohl aber begannen Kränklichkeit, anhaltendes Zahnleiden und podagristische Anfälle, ihm schon das Dasein zn verbittern; auch die Frau begann zeitig genug zu kränkeln. Später zogen andere amtliche und dienstliche Arbeiten den Dichter ganz aus dem Bereich der Musen. Er wurde 1790 zum Hcrzogl. Braun- schwcigischen Hofrath ernannt, und zum Jnstructor des Erbprinzen in der deutschen und der braunschweigischen Geschichte, wie im Geschäftsgang, und erhielt ein Ca- nonicat am St. Blasn-Dome. Da er in der neuen Stellung befriedigte, auch der Erbprinz und einige andere junge fürstliche Personen, die seinen Unterricht mit empfingen, ihm volle Neigung zuwandten, so ernannte ihn der regierende Herzog Carl Wilhelm Ferdinand zum Geheimen Canzlei-Secrctar und Regierungsmitglied, und später, 1801, stieg er zum Geheimen Justizrath und Referent mit Sitz und berathender Stimme im Herzoglichen Geheimen Raths-Kollegium empor, und wirkte fortan praktisch thätig für das Wohl des Staates und dessen Angehörige mit Eifer und Treue. Er machte sich besonders um das Armenwesen der Residenz höchst verdient, und wurde noch 1805 mit Beibehaltung seiner bisherigen Stellung mit dem Vorsitz des Obcrsanitäts-Kollegiums betraut. Leider aber vermochte weder dieser.Vorsitz, noch das gesammte Sanitätscollegium dem stets an Hypochondrie und dem Heere ihr sich zugesellender Plagen leidenden die schwankende Gesundheit länger zu fristen. Er wurde Anfang Septembers 1806 von hitziger Brustwassersucht befallen, und erlag ihr nach wenigen Tagen. Leisewitz hinterließ als Bürger und Beamter den Nachruf eines cdeln menschenfreundlichen Charakters, der zuletzt noch schwerer wiegt, als der Dichterruhm, den er sich durch seinen Julius von Tarcnt errungen hatte. Leopold I., Fürst von Anhalt-Dessau. Geb. d. 5. Juli 1676, gest. d. 8. April 1747. Der alte Dessauer! Dies ist der Name, unter welchem das Andenken an den hochberühmten Kriegshelden askanischen Stammes unvergänglich im Volke lebt. Fürst Leopold wurde zu Dessau geboren, und von seinem Vater, dem in hohem Ansehen stehenden Fürsten Johann Georg II., königlich preußischem Generalfeldmarschall und Gouverneur von Berlin mehr zu staatsmännischer Ausbildung bestimmt, als zum Krieger, da ihn seine Geburt auf den Thron berief, und die Sorge für eines Landes Wohlfahrt über der Freude am Glanz und Schmuck eines Heeres steht. Aber den jungen Erbprinzen freute nun einmal dieser Glanz und Schmuck, er war zum Feldherrn geboren, vom Geschick zu einem solchen berufen, sein ganzes Inneres strebte danach, die Reihen der Krieger zum Kampfe, zum Siege zu führen. Seine Zeit war eine kriegerisch bewegte und belebte, der Lärm der Waffen durchschallte das halbe Europa. Im zwölften Lebensjahre empfing Erbprinz Leopold ein Regiment vom Kaiser, sechszehn Jahre alt verlorer den Vater, und wurde Erbe von dessen bran- denburgischem Regiment. Einer zweijährigen Reise, die Leopold, noch unmündig, nun antrat, folgte nach der Heimkehr sein erster Feldzug im spanischen Erbfolge- kriege; als Brigadier half der Prinz Namur erobern. Er hatte eine leidenschaftliche Neigung für eine Apothekerstochter in Dessau, Anna Luise Föse, gefaßt und wußte durch die Energie und Standhastigkeit seines Willens trotz aller Schwierigkeiten es durchzusetzen, daß er sich 1701 mit ihr vermählte. Der Kaiser erhob sie in den Reichsfürstenstand, und in glücklicher Ehe schenkte fie ihm 9 Kinder, die Stammutter eines Heldengeschlecktes. Spätere Jahre machten Leopold zum Waffengenofsen der unsterblichen Helden Prinz Eugen von Savoyeu und Louis, Markgrafen von Baden. Ihm gehörte der Hauptantheil an der Siegespalme der Schlacht bei Höchstädt 1703, und der durch seinen Muth und seine Umsicht errungene Sieg brachte ihm den Rang eines Generallieutenants. Drei Jahre lang stand Leopold an der Spitze einer Heeresabtheilung in Italien, bewährte auch da seine erprobte Tapferkeit, erstieg und gewann 1706 bei Turin das feindliche Lager, und schlug, von Eugen unterstützt, den Feind in die Flucht. Nach Beendigung dieser Feldzüge wurde Fürst Leopold an die Spitze des gegen die Niederlande gesandten preußischen Heeres gestellt, und zum Generalfeldmarschall und geheimen Kriegsrath erhoben. Nach König Friedrichs Tode schenkte auch dessen Nachfolger, König Friedrich Wilhelm I. dem wackern und ruhmvollen Dessaner volles Vertrauen und herzliche Zuneigung. und beide zogen 17 >5» gemeinschaftlich miteinander zu Felde gegen König Karl Xll. von Schweden. Fürst Leopold war die Seele auch dieses Feldzuges, er gewann die Inseln Rügen und llsedom, eroberte Stral- sniid, und demüthigte den heldcnherzigen Schwedenkönig. 9!ach Beendigung der Feldzüge war er es vor allen, der durch die strengste Disciplin und Dressur das Heer, besonders das Fußvolk, daö er vorzugsweise liebte, in unausgesetzter Uebung kricgsfertig hielt und zu großen Unternehmungen vorbereitete. Friedrich II. , obgleich mit Leopold nicht nahe befreundet, wußte nicht minder, wie -er Vater und Großvater, seinen Werth als Helv und Krieger zu schätzen, und bediente sich seiner Erfahrung in den schlesischen Kriegen. Vornehmlich in diesen war es, wo der nun wirklich alte Dessaner sich dem Feinde auf das äußerste gefürchtet, dem Heere, an dessen Spitze er stand und focht, im höchsten Grade beliebt machte. Er verstand es, die Göttin des Sieges für Preußens Fahnen anzuwerben, sein Feldhcrrenleben war eine fast ununterbrochene Kette von Siegen. Das stete Leben des Feldlagers, der beständige trauliche Verkehr mit den Soldaten, denen er alles war, machten freilich des alten Dcssaners Wesen rauh unv bisweilen selbst roh. Der Mann der Schlachten konnte nicht auch zugleich der Mann der feinen Bildung sein. Flüche und Prügel waren unter seinem eisernen Ladestockregimcnt an der Tagesordnung. Zu unvergänglichem Nachruhm hals dem alten Dessaner sein letzter Sieg, bei Kefselsdvrf, am 15. Dec. 17^5. Bei diesem nahe bei Dresden gelegenen Ort stand Leopold mit seinen Preußen dem sächsischen Heere unter Anführung des Herzogs von Weißensels und des Feldmarschalls Rntowsky gegenüber, welche alle Anhöhen rings um den Ort besetzt hielten. Dennoch griff Leopold mit seinen Grenadieren unerschrocken an, und brachte dem Feinde eine furchtbare Niederlage bei. Sieben Fahnen und 62 Kanonen wurden erobert, 6506 Mann gefangen, und durch diesen Sieg dem Gegner der Friede von Dresden abgenöthigt, welcher dem Preußen- könige aufs neue den Besitz Schlesiens und l Million Thaler Kriegsentschädigung von Seiten Sachsens sicherte, und den erschöpften Ländern deS Kriegsschauplatzes aus eine Reihe von Jahren mindestens den heißersehnten Frieden sicherte. Das war gewiß eine große That, welche deutsche Völker dem Hcldenschwerte des alten Dessaucrs dankten, leider sollte sie auch seine letzte sein. Bei einem Mittagsmahle in Berlin, an seines Königs Tafel rührte den bejahrten Helden der Schlag. Allgemein betrauerte das preußische Heer und sein Land den rnhmgckrönten Feldherrn. Als Landesherr war Leopold einfach in Tracht und Hofhält, und bei aller Härte und Rohheit gutmüthig und zugänglich, deshalb beim Volke ebenso beliebt als gefürchtet. Als Krieger theilte er jede Beschwerde der Feldzüge mit dem gemeinsten Soldaten, hielt aber auf die strengste Mannszncht. Viele zum Theil sehr humoristische Anekdoten von ihm leben noch im Munde des Volkes; sein Denkmal schmückt Berlin und seine Bildsäule auch jenes jüngst errichtete Denkmal seines großen heldenmüthigen Königs. Max. Julius Leopold, Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel. Geb. d. 10. Oct. 1752. gest. d. 27. April 1785. Ein edler Fürst, dessen Seelengüte und aufopfernde Menschenliebe ihm das dankbare Andenken der Nachwelt dauernd gesichert haben. Herzog Leopold von Braunschweig war der jüngste Prinz des Herzog Karl und der Herzogin Charlotte von Braunschweig, einer kvnigl. preußischen Prinzessin, und wurde zu Wolfenbüttel geboren. Der junge Prinz zeichnete sich schon als Knabe durch Liebenswürdigkeit aus und empfing die sorgfältigste Erziehung, so daß er zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. Diese Erziehung leitete vorzugsweise der berühmte Abt Jerusalem, der Religionslehrer des Prinzen, welcher auch dessen bei der Konfirmation abgelegtes Glaubensbekenntniß durch den Druck veröffentlichte. Wissenschaftliche Studien und belehrende Reisen vollendeten die Erziehung des Prinzen, welcher sich auf einer dieser Reisen zu seinem mütterlichen Oheim König Friedrich U. begab und den Revuen in Schlesien beiwohnte. Dort war er Zeuge des Besuches, welchen der junge Kaiser Joseph II. dem großen Preußenkönige machte; später verweilte der Prinz auf der in jener Zeit von deutschen Fürstensvhncn zahlreich besuchten Universität Straßburg, wo Kriegswissenschaft in Verbindung mit den Künsten der höheren Geselligkeit, der Unterricht in der französischen Sprache und die Tanzkunst die wichtigsten Bildungsmittcl der bevorzugten Stände abgaben und mit Vorliebe gepflegt wurden. Nach einer Reise durch mehrere Provinzen Frankreichs kehrte Prinz Leopold im Mai 1772 nach Braunschweig zurück und trat 1775 eine abermalige Reise nach Italien an, auf welcher ihm der kenntniß- reiche Lessing als Begleiter und Gelciter in die Sphäre des Kunstschöncn und der Antike diente. Auf dieser Reise legte der junge Herzogsohn den Grund zu der Vorliebe für Kunst und Wissenschaft, die ihn in seinem nachherigcn Leben dauernd beseelte, während zugleich andererseits das Streben des Prinzen, die Bekanntschaft berühmter und durch Wissenschaft wie durch Edelsinn ausgezeichneter Personen zu machen, die vollste Befriedigung fand. Nach der Rückkehr in die deutsche Heimath über, nahm Prinz Leopold das ihm von seinem Oheim be reits früher übergebene preußische Regiment, welches sein Standquartier zu Frankfurt an der Oder hatte, und indem er sich 1770 an dessen Spitze stellte, strebte er dahin, durch geeignete Thätigkeit eine ihm und seiner 'Abkunft ziemende Stellung einzunehmen und eine Laufbahn zu verfolgen, die ihm volle Beschäftigung, Ehre und Auszeichnung bot. Ebenso in einem kriegerisch bewegten Leben, als in der Muße, die das Standquartier gewährte, blieb Prinz Leopold sich gleich in der Liebe zu den Wissenschaften, in edler Denkart und in einer Herzen gewinnenden Menschenfreundlichkeit. Die höchste Einfachheit seiner Lebensweise bot ihm die Mittel zu unbegrenzter Wohlthätigkeit, die er nach vielen Richtungen hin bethätigte; dabei zeichnete ihn aber auch jede Tugend des Militairs aus, vor allen Muth und persönliche Tapferkeit. In den Jahren 1778 u. 1779 machte Prinz Leopold unter dem Oberbefehl des Prinzen Heinrich von Preußen den Feldzug nach Sachsen und Böhmen gegen Oesterreich an der Spitze seines Regimentes mit, fehlte bei keinem Gefecht und drang oft muthvoll weiter vor, als nöthig und aus strategischen Gründen anrathsam war. Nach erfolgter Rückkehr nach Frankfurt a. O. fuhr Prinz Leopold fort, durch seinen Wohlthätigkeitssinn, seine Humanität und die Biederkeit seines Wesens sich die Liebe aller Menschen zu gewinnen. Er ließ arme und verwaiste Kinder erziehen, ließ sie Handwerke erlernen, suchte häufig Hülfebedürftige persönlich auf, um sich von deren Lage zu überzeugen und zu sehen, wie am wirksamsten zu helfen sei, und scheute selbst nicht persönliche Gefahr, wenn es galt, bei Bränden oder bei den so häufigen Austritten der Oder bedrohtes Menschenleben oder Eigenthum retten zu helfen. So dankte namentlich im Jahre 1780 Frankfurt bei einer großen Ueberfluthung der Thätigkeit und Geistesgegenwart des Prinzen Leopold von Braunschweig fast ausschließlich die Rettung vom Untergänge, indem der Prinz durch die anhaltendste und angestrengteste persönliche Thätigkeit und durch sein kühn vorangehendes Beispiel den Durchbruch eines Dammes verhinderte. Eine solche Ueberschwemmung der Oder sollte leider einem so edlen und würdige» Dasein das irdische Ziel bereiten; sie erfolgte im April 1785 und setzte eine Vorstadt Frankfurts fast ganz unter Wasser. Der Hülfcruf der Bewohner jener von den Wogen um- rauschten Häuser drang schauerlich durch das Brausen der Fluth; der Prinz bestieg einen Kahn und ruderte allein nach einem der am meisten bedrohten Häuser, die Warnungen und flehenden Bitten seiner Umgebung, sich nicht in das drohende Verderben zu stürzen, mit kühner Todesverachtung überhörend. Schon war der Prinz jenem Hause in seinem Kahne nahe, da stieß der letztere mit Heftigkeit an einen schon überflutheten Weidenstamm nnd schlug in Folge dieses Anpralles und des entgegen kommenden Wogenschwalles um. Ein Schrei des Entsetzens erscholl vom Strande, wie die wirbelnde Fluth den edlen Prinzen mit sich fortriß und dann verschlang. Erst sechs Tage nach dem Unglück wurde die fürstliche Leiche gefunden. Nicht nur ganz Frankfurt, ganz Deutschland betrauerte den Opfer- Tod des heldenmüthigen Prinzen, und Bildnisse sonne ein ihm in Frankfurt a. O. errichtetes Denkmal überlieferten der Nachwelt seinen Namen mit dem ehrenden Schmuckwort: der Menschenfreund. Gotthold Ephraim Lessing. Geb. d. 22. Jan. 1729, gest. d. 15. Febr. 1781. Eine der Centralsonnen des deutschen Geistes, wie sie in großen Zwischenräumen der Literaturgeschichte meist fern von einander glänzen und mit dauernden Strahlen die Welt erleuchten, Geistessonnen, die nie erlöschen und an deren Flammen andere Genien ihre Fackeln entzünden. Lesstig's Geburtsort ist das Städtchen Kamenz in der Lausitz; sein Vater war Prediger daselbst und ein fleißiger, gelehrter Mann von strenger Richtung, der eine Zeitlang den Unterricht des Sohnes selbst leitete, bis er letzteren in die Stadtschule nach Königsbrück that, von wo aus der junge Lessing auf die berühmte Klosterschule zu St. Afra in Meißen kam. Dort weilte und lernte er vom 12. bis zum 17. Jahre, legte guten Grund in den klassischen Wissenschaften, in Philosophie und Mathematik, übte sich selbst in poetischen Versuchen und bezog, auf das beste vorbereitet, 1746 die Universität Leipzig in der Absicht, nach des Vaters Wunsche dort Theologie zu studiren. Aber der Genius in ihm drängte ihn nach freieren Sphären des Gedankens hin, zu den schönen Künsten des Geistes, wie zu denen körperlicher Ausbildung durch reiten, tanzen, fechten u. s. w. Der Zauber der Bühne unter der Neuberin lockte ihn mächtig an, edle Freundschaft beglückte ihn, und genialische Gedanken hoben ihn in das Reich der Freiheit und der Humanität, in deren Dienst Lessing zum Fortbildner der Menschheit berufen war. Von hoher und schöner Gestalt, leichter und doch kräftiger Haltung, von untadelhaften Formen war der junge Student eine Herzen gewinnende Erscheinung, wie nach ihm der geistesverwandte Goethe — aber der freiere Umgang, den er sich wählte, und das verlassen der theologischen Laufbahn bewogen den Vater, ihn nach der Heimath zurückzurufen. Ungern verließ Lessing den Kreis liebgewonnener Freunde in Leipzig, zu denen Weiße, die beiden ältern Schlegel, Mplius n. a. gehörten, gab sich daheim ernsten Privat- studicn hin und kehrte dann später doch wieder nach Leipzig zurück, dichtete Lieder, Epigramme und Fabeln, und wurde für das Theater durch Stücke thätig, denen der Beifall nicht mangelte. «Dämon», «die alte Jungfer», «der junge Gelehrte» traten in dieser seiner Anfangsperiode in die Welt. Lesstng's vertrautester Freund, Christlob Mylius, hatte sich nach Berlin begeben, Lesstng folgte ihm dorthin, nahm an jenes Arbeiten Theil und ließ unter dem Titel «Kleinigkeiten» eine Sammlung Gedichte erscheinen. Des Vaters Wunsch blieb aber immer noch derselbe, in dem Sohn einen Theologen zu erblicken, daher begab sich Lesstng von Berlin nach Wittcnberg, wurde Magister, übersetzte dort das Werk Huart's: »Von der Prüfung der Köpfe», aus dem spanischen, machte in Begleitung eines jungen wohlhabenden Leipzigers eine Reise nach Holland und wandte sich dann abermals nach Berlin zurück, wo er für seinen reichen Geist Nahrung und jene Anregung fand, ohne welche dem begabtesten die Gefahr zu versauern droht. Im Kreise von M. Mendelssohn, Nieolai, Sulzer, Ramlcr und andern bewegte sich Lcssiug voll Gcistesfrische und schöpferischer Kraft, seine «Miß Sara Samson» entstand, ebenso «Cmilic Galotti», das allbewunderte Trauerspiel, dem es nicht an Nachahmungen fehlte, auch die so einflußreichen «Literaturbriefe» wurden begonnen. Der kenntniß- und geistreiche Lesstng wurde indeß nicht stets vom Glück getragen, wie Goethe, trotz allem Fleiß und allem Ertrag theilte er das Loos vieler minder begabten, bisweilen Mangel zu leiden, vor dem nicht einmal die Mitgliedschaft von Academien der Wissenschaften schützte. Lesstng nahm 1760 eine Seerctairstelle bei General Tauenzicn zu Breslau an, in der er unter mancherlei Zerstreuungen, zu denen auch leidenschaftliches Spiel gehörte, 5 Jahre aushielt und so lange für die gelehrte Welt gleichsam tod blieb. Wieder nach Berlin zurückgekehrt, mit nichts bereichert als mit Büchern, ließ Lesstng, der in seiner Stellung keineswegs die schönen Wissenschaften vernachlässigt hatte, seinen herrlichen «Laokoon» erscheinen, noch heute ein anerkanntes Muster klassischen Geistes, geläuterten Geschmackes, und seine »Minna von Baruhelm». Freunde bewogen Lesstng, den Aufenthalt in Berlin mit dem in Hamburg zu vertauschen und dort an der Verbesserung des Theaters mit arbeiten zu helfen. Leider beschränkten Verhältnisse diese erwünschte Thätigkeit, zu welcher niemand so sehr als Lesstng berufen war, nur auf den Zeitraum von 1766 auf 1767, in welchem die «Hamburgische Dramaturgie» entstand, die 1768 erschien und mit Recht das größte Aufsehen erregte. Im äußern Verhältniß des begabtesten deutschen Geistes jener Zeit besserte sich indeß nichts, dieß verschlimmerte sich vielmehr und der Kampf mit dem Leben blieb auch ihm nicht erspart. Endlich ging ein Glücksstern für Lcssing auf; er erhielt die stets beneidete Stellung eines Bibliothekars, und noch dazu an einer der bedeutendsten Bibliotheken Deutschlands, der zu Wolfenbüttel, 1770, durfte 1775 den trefflichen Prinzen Leopold von Braunschweig auf dessen Reise nach Italien begleiten, und konnte dann nach der Rückkehr mit Lust und Muffe von den gewonnenen Bereicherungen seiner Kenntnisse wie von dem Reichthum des ihm anvertrauten Literaturschatzes edle Frucht ärnten. Die «Beiträge zur Geschichte und Literatur» erschienen als eine solche, die übel berufenen «Fragmente eines Ungenannten (Deisten) vom Zweck Jesu und seiner Jünger», regten vielfachen Sturm und Staub der orthodoxen Theologie gegen den Herausgeber auf und verbitterten Lesstng's Leben, indem er, so sehr er Philosoph war, nicht Philosoph genug war, über absichtliche Kränkung und Anfeindung ruhig hinwegzusehen. Wer sich in Federkriege einläßt, geht, selbst wenn er Sieger bleibt, nie ohne unheilbare Wunden aus dem Kampfe. In Lcssing blieb eine krankhafte Verstimmung, und er fühlte mitten in beneideter Lage sein Dasein in Wolfenbüttel verödet. Eine Heirath mit einer Wittwe aus Hamburg zerriß nach 2 Jahren der Tod, und Lesstng vermählte sich nicht zum zweiten male. Sein unübertrefflicher «Na- than» (1779) war der letzte und leuchtendste Blitz seines großen Geistes neben der «Erziehung des Menschengeschlechts», 1780 erschienen. Von da ab erlosch in ihm die Gluth der Begeisterung, die ihn zum Gipfel unsterblichen Nachruhms getragen; er ward körperlich schlaff, und die Freunde, in deren Kreise er noch trat, erlebten wohl, daß er mitten in ihrer Unterhaltung einschlief, was für letztere nicht eben schmeichelhaft war. Brustwasscrsucht und ein Stickfluß machte seinem Leben im 53. Jahre zu Braunschweig ein Ende. Mit ihm schied ein Geist, der nicht ersetzt wurde, bis Goethe's Stern zu strahlen begann, ohne jenen Lesstng's zu verdunkeln. Die deutsche Literaturgeschichte wird letzter» ewig als eine ihrer ersten Größen feiern. Hiob Ludolf. Geb. d. 15. Juni 1624, gest. d. 8. April 1704. Hiob Ludolf war ein gründlicher und vielseitiger deutscher Gelehrter, Historiker, Sprachforscher und Staatsmann, der auf vor ihm ziemlich unbebauten Feldern des Wissens wichtiges leistete und ein in Ehren geführtes Leben zu hohen Greisenjahren brachte. — Sohn des zweiten Ober-Bierherrn Hiob Ludolf zu Erfurt, wurde Ludolf in der thüringischen Metropolis geboren und nach dem Vornamen des Vaters benannt. Er war Sprößling eines patrizischen Geschlechtes, dessen Glieder in Achtung und Ansehen gelebt hatten. Als ein fähiger Schüler besuchte er die Schule bei «den Predigermönchen», und hatte viel über den Zwang dieser Schule zu seufzen, den er bis in das 11. Jahr trug und dann aus der Scylla der Trivialschule in die Charybdis des Gymnasiums gelangte, wie ein alter lateinischer Lebensbeschreiber Ludolfs sich ausdrückt. Der junge Schüler lernte tüchtig griechisch und lateinisch, las fleißig die Alten, überstand 1638 eine gefährliche Krankheit, ging dann mit seinen beiden älteren Brüdern Conrad Rudolf und Georg Heinrich auf die Hochschule nach Gröningen, später nach Leiden, und gab sich mit Vorliebe dem Studium fremder Sprachen, namentlich auch der orientalischen hin, unter denen besonders die äthiopische ihn anzog, der er ausdauernden Fleiß und volle Liebe zuwandte. Doch verabsäumte Ludolf dabei nicht das gründliche Studium der Geschichte und Rechtswissenschaft. Reisen nach England, nach Frankreich und Italien, dann nach Dänemark und Schweden, in welchem Lande mittlerweile Ludolfs Bruder Georg Heinrich eine Stellung als königlicher Gesandtschaftssecretair gefunden hatte, — begonnen 1616 und durch eine Reihe von Jahren fortgesetzt, bildeten den jungen Gelehrten völlig auS und ließen ihn ebenso einflußreiche als anziehende und wichtige Bekanntschaften in den durchreisten Ländern machen, unter ihnen die des Cardinal Mazarin. In Schweden war H. Ludolf die angenehmste Aufnahme gesichert, als er 1650 dorthin kam. Axel Orenstierna, der Neichs- statthalter nach König Gustav Adolfs Tode, halte zu Erfurt im Ludolfschcn Hause gewohnt; Ludolf wurde sogar der Königin Christine vorgestellt, die ihn gern in dem Gclehrtenkreise sah, den sie um sich versammelt hielt, und er benutzte diese Gelegenheit, sich auch die Kenntniß der schwedischen, finnischen und russischen Sprache anzueignen, während er zu gleicher Zeit vom portugiesischen Gesandten dessen Landessprache erlernte. Er durchreiste Schweden, besuchte die Kupferbergwerke, lernte Olav Worms kennen und kehrte 1631 in seine Vaterstadt zurück. Im Jahr 1632 trat Ludolf in die Dienste des Herzog Ernst I. zu Sachsen Gotha, und sein erster Dienst war ein Auftrag seines Herrn und dessen Bruders Herzog Wilhelm zu Sachsen Weimar, nach Brcisach zu reisen und die irdischen Ueberrcste des Bruders beider, Herzogs Bernhard des Großen abzuholen und nach der thüringischen Hcimath zu führen. Hiob's frommer Gebieter, der sich warm die Ausbreitung der christlichen Religion in fremden Zonen angelegen sein ließ, freute sich, den sprachenkundigcn Mann, der nach dem Morgenlande zu correspondiren im Stande war, denn Ludolf sprach zum Theil oder verstand doch 25 verschiedene Sprachen Europas, Asiens und Afrika's, als seinen Diener zu besitzen; doch mußte Ludolf zunächst als Staatsmann Dienste leisten, wurde als Ge- sandtschaflSsccrctair auf den Reichstag nach Negcnsbnrg entsendet, ebenso im Jahr 1665 als Hof und Justiz- rath nach Leipzig zu einem Knrsächsischcn und Hcrzogl. S. Konvent und stand lange Zeit an der Spitze der Gothaischcn Hofdiencr und Räthe in den wichtigsten Sendungen und Geschäften; bereits 1634 war er zum Hofmeister der Prinzen Herzog Ernstes ernannt worden; der Herzog hatte eigenhändig eine Norm der Erziehung für dieselben entworfen. Im Jahr 1658 wurde Ludolf zum Hofrath ernannt und mußte in Altdorf eine Dissertation vertheidigen. Mit dem dritten Sohne seines Gebieters, Prinz Albert, ging Ludolf auf Reisen, lernte am Hofe zu Braunschweig den gelehrten Herzog Anton Ulrich kennen, dann in Alton« die berühmte Anna Maria von Schurmann, besuchte mit seinem Zögling den dänischen Hof Christian V., dann jenen Carl Xl. zu Stockholm, und kehrte im Jahr 1675 nach Gotha zurück. Nach dem 1675 erfolgten Tode Herzog Ernst I. erhielt Ludolf die Stelle eines Kammerdirektors zu Altcnburg vorn ältesten Sohne des vercwigren Landesherrn übertragen, wurde im folgenden Jahre mit einer Gesandtschaft an den Brandenbnrgischcn Hos zu Berlin betraut und hatte das Unglück, seine Frau durch den Tod zu verlieren, während er vom Hause fern war, wodurch ihm alle Staatsgeschäfte verleidet wurden. Er kam um seine Entlassung ein und erhielt diese, doch erst 1677, unter den ehrenvollsten Ausdrücken der gerechtesten Anerkennung seiner geleisteten Dienste, mit dem Titel eines Geheimen Rathes, worauf er seinen Wohnsitz in Frankfurt a. M. aufschlug, um ganz den Wissenschaften zu leben, doch hinderte dieß nicht, daß ihn die Sachsenhcrzoge als ihren außerordentlichen Gesandten und Botschafter betrachteten, Knrpfalz ihn zum Kammerdirektor ernannte und Kaiser Leopold ihn 1690 zum Vorsitzenden des Kaiserlichen historischen Kollegiums erhob. Einen großen Theil der Zeit des thätigen Mannes füllte die Abfassung seiner zahlreichen Werke aus; er schrieb unter andern eine gründliche Geschichte Aethio- piens, einen Commentar über dieselbe nebst einem Anhang, eine Grammatik des Reiches Amhara, nebst einem amharisch-lateinischen Wörterbuch, ein äthiopisch lateinisches Wörterbuch nebst einer betreffenden Grammatik; ferner gab er die Psalmen äthiopisch und lateinisch heraus, schrieb die Allgemeine Schaubühne der Welt in 2 Folianten, und viele andere kleinere Abhandlungen und Briefe, und war dabei von Frankfurt aus ein eifriger und unermüdlicher Berichterstatter aller politischen Neuigkeiten an die Sachsenherzogc. Zu einer Zeit hatte er gar nicht übel Lust, selbst nach dem geliebten Aethiopien und Amhara zu reisen, mindestens reiste er noch nach Frankreich, verkehrte viel mit Orientalisten und forschte nach äthiopischen Schriften in den dortigen Bibliotheken. Ludolf war dreimal verheirathet; er erfreute sich eines glücklichen, geistesfrischen Alters ^ und leise bcschlich ihn der Tod nach einem ruhmvollen > und thätigen Leben. Ludwig Wilhelm, Markgraf von Baden-Baden. Geb. d. 8. April 1655, gest. d. 4 . Jan. 1707. Der große Feldherr, der berühmte Freund und Kampfgefährte Prinz Eugen's, des edlen Ritters; der in sechsundzwanzig Feldzügen dem Tod in das Antlitz sah, dreizehn Schlachten lieferte und in keiner gänzlich unterlag. Markgraf Ludwig, insgemein Prinz Ludwig genannt, wie ihn auch das Volkslied auf Prinz Eugen nennt und feiert, war der Sohn des Markgrafen Ferdinand Maximilian zu Baden-Baden und der Prinzessin Luise Christine von Carignan, welche diesen ihren einzigen Sohn zu Paris gebar. Sie hatte die Absicht, ihn auch dort erziehen zu lassen, doch gaben sein Vater wie der Großvater, Markgraf Wilhelm, dieß nicht zu, weil sie nicht wollten, daß der Prinz im Herzen und in Art und Sitte französisch werden sollte; es scheint ihm auch keine Vorliebe für die Sprache seiner Feinde eigen geblieben zu sein, außer daß er sich stets Louis und nicht Ludwig unterschrieb. Die meisten seiner zahlreichen Briefe und Armeebefehle faßte er in deutscher Sprache ab. Der 1669 in Frankreich erfolgte Tod des Vaters berief den jungen markgräflichen Prinzen zur Erbfolge und zur Regierung seines kleinen Landes; allein die politischen Verhältnisse sowohl als die eigene Neigung wiesen ihn bald auf eine Laufbahn, für die er geboren war und die er mit hohem Ruhm zurücklegte. Das siegreiche Vordringen der Franzosen im Kriege gegen Oesterreich vertrieb ihn, und er trat zu den Fahnen Oesterreichs, wo er sich unter dem berühmten hocherfahrenen Montecuculi im Elsaß die Sporen verdiente. Gut geschult uud unter solcher Leitung schon erfahrungenreich geworden, befehligte er darauf im Kriege Oesterreichs gegen die Türken, half zunächst Wien entsetzen und kämpfte in den Feldzügen von 1686 und 1687 unter dem Oberkommando des Herzogs Carl von Lothringen und des Kurfürsten Maximilian Ema- nuel's I. von Bayern mit einen, Heere, zu dem sich überdieß Freiwillige aus allen Landen Europa's drängten. Das ungeheure Heer rückte gegen Ofen vor, dessen Belagerung und furchtbare Bestürmung volle Gelegenheit zu Thaten der Tapferkeit bot. Bei dem Sturm am 27. Juli, welcher sehr nachteilig für die Belagerer ausfiel, verhütete nur die persönliche Tapferkeit des Markgrafen und die des Prinzen Eugen eine allgemeine Flucht. Vereint nahmen sie eins der bedeutendsten Bollwerke und behaupteten dasselbe. Die Belagerung dauerte unter heißen Kämpfen fort, bis der welthistorische Sieg vom 2. Sept. 1686 den Christen mit Ofen den Schlüssel zum Türkenreiche wieder in die Hände gab, nachdem die Türken 1 Jahre lang diese wichtige Stadt behauptet hatten. Nach kurzer Ruhe wurde dem Prinzen Ludwig der Auftrag, Fünskirchen zu erobern; er erhielt zwölf Regimenter und Prinz Eugen wurde ihm zugesellt. Er nahm Simontornya und nach kurzer, obschon tapferer Gegenwehr die Festung von Fünfkirchen, die Stadt lag in Asche. Darauf verbrannte er die berühmte Brücke über die Drau bei Essek nnd eroberte die Feste Capusvar. Nach angenehmem Winteraufenthalt in Venedig, Wien und Ofen und nach neuen KriegSrüstungc» gegen die Türkei begann die Fortsetzung des Feldzugö; Prinz Ludwig kämpfte in der Schlacht bei Mvhaes an der Spitze von 14 Reiterregimentern und half einen abermaligen großen Sieg durch seine ausdauernde Tapferkeit, unterstützt von seinen heldenmüthigen Mitstreitern, dem Kurfürsten von Bayern, dem Herzog von Lothringen und dem Prinzen Eugen, erringen, obschon zwischen ihm und dem Herzog eine gewisse Spannung herrschte; große Eintracht war überhaupt nicht unter den hohen Führern des christlichen Heeres, das nun zur Eroberung Belgrads ausersehen war und 63,000 Streiter zählte. Der Markgraf erhielt den Befehl, mit 6000 Mann in.Slavonien einzurücken und die türkische Streitkraft dort zu beschäftige». Bald mußte Prinz Eugen ihm 4000 Mann Verstärkung zuführen, welcher aber alsbald wieder nach dem Lager vor Belgrad ging, dessen Eroberung nun erfolgte. So entging dem Markgrafen die Gelegenheit, des tapfern Freundes Lorbeeren zu theilen, er aber auch der Kugel, die das Volkslied ihm zuertheilt. Er nahm indeß Eostanowicz in Bosnien, schlug den Pascha dieser Provinz und erlegte 6 Türken mit eigner Hand, worauf er vom Kriegsschauplätze hinweg nach Wien zum Kaiser eilte. Dieser ertheilte ihm 1689 den Oberbefehl über das kaiserliche Heer in Ungarn. In dieser Zeit trat der Markgraf selbst als militärischer Schriftsteller auf, indem er «Verhaftungen vor, während nnd nach der Schlacht» erscheinen ließ, die nicht wenig treffliche Winke für Heerführer und Krieger enthielten. Oesterreichs Siege über die Türken weckten Frankreichs Neid nnd Eifersucht, und es erfolgte ein feindseliger Einfall des französischen Heeres in die Pfalz noch vor der Ueber- gabe einer Kriegserklärung. Der Krieg entbrannte, und die französischen Truppen ließen alle Barbarei der Türken weit hinter sich, es schien nöthig, wegen des neuen Feindes im Westen mit dem im Osten Frieden zn schließen; indeß drang während der diplomatischen Verhandlungen darüber zu Wien Markgraf Ludwig in Serbien bis zur Morawa vor, nahm Szigethwar, brachte mit seinen Verbündeten dem Seraskier Redscheb Pascha einige blutige Niederlagen bei und half Nissa erobern. Engen wurde zum Fcldznge gegen Frankreich berufen nnd kämpfte gegen Catinat, während der Markgraf von seinen Waffcnthaten ausruhte und sich 1690 mit Francisca Sibylla Augusta, Prinzessin zn Sachsen-Lauenbnrg, vermählte, die ihm neun Kinder schenkte, von denen jedoch die ersten sechs alle in zarter Kindheit starben. Der spanische Erbfvlgekrieg rief den Markgrafen aufs neue znm Waffengefährten des gefeierten Prinzen Eugen, der jetzt gegen Vendöme kämpfte, auf den Kriegsschauplatz. Der Markgraf befehligte ein Heer von 38,000 Mann, mit dem er zunächst Landan belagerte nnd gegen den Kurfürsten von Bayern zog, der sich von Oesterreich ab- und Frankreich zugewendet hatte. Ludwig vereitelte die Vereinigung der unter Villars befehligten Heeresabtheilung mit den Bayern, wobei er zwar durch Villars eine Niederlage erlitt, aber seinen nächsten strategischen Zweck dennoch erreicht sah. Er verfolgte diesen Zweck auch ferner, besetzte Freibnrg, Kehl, Breisach, nnd wenn es ihm auch nicht vollkommen gelang, Villars in seinen Bewegungen zu hemmen, so behauptete er doch fortwährend eine drohende Stellung. Gleichwohl vermochte er so wenig, wie die Generale Styrum und Thüngen im Jahre 1704, Deutschlands Westgrenze zu schirmen, bis Eugen und Marlborough sich znr Rettung vereinten und letzterer dem Markgrafen von den Generalstaaten eine Hülfe von 200,000 Kronen auswirkte, um mit seinen Truppen seine Stellungen behaupten zu können, da die Geldhülfe von Oesterreich ganz zu versiegen drohte. In dieser Zeit ließ sich der Markgraf einen Fehler der Nnentschloffenheit zu Schulden kommen, indem er unterließ, den Marsch des Kurfürsten von Bayern im Nheinthale anzugreifen und zu unterbrechen, nnd erst auf Verstärkung wartete, welche der Dragoner-General von Bibra ihn, zuführte, den er sehr hoch schätzte und mit dem er durch eine Reihe von Jahren einen wichtigen Briefwechsel, der noch «»gedruckt ist, unterhielt. Am 7. Juni langte Prinz Eugen, von Wien auf Umwegen durch Tyrol kommend, im Lager Ludwig's an, besprach sich mit diesem über weitere Kriegsoperationen und eilte zur persönlichen Zusammenkunft mit Marlborough im Hauptquartier zn Groß-Heppach, wohin ihm der Markgraf am 12. folgte. Hier vertheilte das größte Feldherrenkleeblatt seiner Zeit die Rollen der nächsten Kriegsactionen, doch nicht ohne Zwist, da der Markgraf, kurz vorher zum k. k. Feldmarschall nnd Reichs-Generallientenant, Stellvertreter des Generalissimus von Kaiser Joseph I. ernannt, als Aelterer im Range auf gewissen Vorrechten bestand, obschon man sich gegenseitig in Höflichkeitsbczeugungen zu übertreffen suchte. Bald darauf vereinte der Herzog sein Heer mit dem des Markgrafen, während Eugen an den Rhein geeilt war; vereint wurde die Schlacht von Donauwörth und der feindliche Feldherr Arco geschlagen, und hierauf Sieg auf Sieg erkämpft. Dann schloß der Markgraf Jngolstadt ein, während der Sieg von Hochstädt errungen war; später belagerte und eroberte er Landan. Während der Herzog von Marlborough in den Niederlanden und Prinz Eugen in Italien ihre Siegesbahnen verfolgten, stand Markgraf Ludwig am Oberrhein dem Marschall Villars gegenüber und ward von Seiten des Reichs fast ganz ohne die nöthige Unterstützung gelassen. Dieß verbitterte ihn und nährte eine Krankheit, die in seinem Innern nagte, so daß seine Stelle beim Heere zuletzt der kaiserliche Feldmarschall von Thüngen ersetzen mußte. Der gefeierte Held starb zu Nastadt und sein Tod wurde tief und schmerzlich empfunden. Als Prinz Engen in Mailand die Todesnachricht seines Freundes und Kampfgefährten erfnhr, setzte er ihm das schönste Ehrendenkmal, indem er an einen Freund, den Grafen Strattmann, schrieb und sich zugleich auf das anerkennendste über Ludwig aussprach: «Die Monarchie hat ihren besten und, ich getraue mir "es zu behaupten, ihren größten Feldherrn verloren. >— Sein Zeitalter ist nicht reich genug, seine Verdienste zu lohnen, weil mau zu oft es verfehlte, sie zu kennen und zu schätzen.» Eugen wurde an Ludwig's Stelle zum k. k. Generallicute- nant und Reichsfeldmarschall ernannt, nahm aber das Reichskommando nicht an. Martin Luther. Geb. d. 10. Nov. 1483 gest. d. 18. Febr. 1546. Deutschlands größter Sohn und Stern, der bedeutendste Mann seiner und der nach ihm gekommenen Zeit, voll Muth, Eifer, Fleiß, Treue, Beharrlichkeit, Ausdauer; voll Kraft und Frische, nicht ganz mängellos, aber hochherzig, wahrhaft geistesgroß und doch bescheiden — so lebt Luther in der Erinnerung seiner Nation, hauptsächlich in der der Bekenner seiner Lehre, so wird sein Andenken ewig gesegnet dauern. Martin Luthers thatenreiches Leben erschöpfen Bände nicht, wie vermöchten wenige Spalten mehr, als nur den leisesten Umriß seines erhabenen Heldenbildes zu gestatten! — Luther's Aeltern wohnten in dem damals kursächsischen, jetzt herzoglich S. Meiningenschen Dorfe Möra, 2 Stunden von Eisenach. Der Vater, Hans Luther, war Bergmann, fand aber in dem nicht sehr ergiebigen Bau auf Kupfer in jener Gegend nicht genügendes Auskommen, und zog mit seiner Frau Margaretha, geborene Lindemann, in das Mansfeld'sche. Im Mutterschoose enttrug sie den Sohn seiner ursprünglichen Heimath, und die Mansfeld'sche Stadt Eisleben wurde Martin's Geburtsort. Der verständige und thatkräftige Vater arbeitete sich empor und brachte es zu einiger Wohlhabenheit, ja bis zum Bürgermeisteramte in Mansfeld; der Sohn ward streng geschult, und in den Jahren, wo noch Mangel die Aeltern drückte, war seine Schul- und Jugendzeit nicht golden. Die Schule zu Mansfeld war nicht besser, als die Schulen alle vor der Reformation, Stock- und Ruthenstreiche in Fülle, Lehre wenig, und der Unterhalt armer Schüler ward durch Currendesingen und Partekengehen erworben. Im 14. Lebensjahre verließ Luther die Schule zu Mansfeld. Der Vater wollte im Sohn einst einen Gelehrten, wo möglich einen Rechtsgelehrten erblicken, und Martin wanderte gen Magdeburg, auf der dortigen höheren Stifts- oder Franciskaner-Schule sich weiter auszubilden. Er war durch übergroße Strenge der Aeltern und Lehrer verschüchtert, verdüstert, und hielt wohl kaum 1 Jahr aus in der finstern Klosterschule, wandte sich vielmehr nach Eisenach, wo ihm, wie in der Nähe, Verwandte lebten, und die mit den Kirchen verbundenen lateinischen Schulen gut waren; doch auch dort litt Luther alle Noth eines armen Schülers, die er standhaft, fromm und ergeben trug. Frau Ursula Cotta nahm sich seiner hülfreich und unterstützend an; ihre Barmherzigkeit rettete Deutschland seinen Reformator. Im. Hause seiner Wohlthäterin legte Luther neben seinen Studien auch den Grund zu seiner musikalischen Ausbildung. Auch außerdem boten Eisenach und dessen großartige Umgebungen unvergängliche Eindrücke. Mit dem Jahre 1501 verließ Luther diese seine «liebe Stadt» und wandte sich, höheres Studium zu beginnen, nach der nahen Hochschule Erfurt. Dort trat Luther, nun ein Jüngling von 18 Jahren, mit hofsnnngreichcm Gemüth in das academische Leben ein; der Vater konnte ihn jetzt besser, wie vorher als Schüler, unter- stützen, nnd Luther gab fich den scholastisch-aristotelischen nicht minder, wie den humanistischen Studien mit allem ernsten Fleiße hin; aber auch die religiösen zogen sein Gemüth an, dem Jugendlust und Weltfrende meist fremd geblieben waren, wiewohl er ein Herz voll Liebe zu Gott und Menschen und ein für Freundschaft reich empfängliches Gemüth besaß. Das kirchliche Leben in der volkreiche» Tochterstadt des goldenen Mainz öffnete und schärfte Lnther's Blick schon jetzt für vieles, was er anders fand, als es sein sollte. Im Jahre 1505 wurde er Magister, trat aus dem Studentenkreise nun schon in den Kreis der tüchtigen Lehrer ein, ohne darum aufzuhören, weiter zu studiren; alles Studium aber hatte kirchlichen Zuschnitt, die Kirche beherrschte die Hochschulen jener Zeit fast unbedingt, daher Lnther's frühes Hinneigen zu ihr, eine Frucht seines Froinmsinns nnd seiner Gläubigkeit. Das Studium des geistlichen Rechts, welches Luther begann, half ihm auch, sich der Theologie zu nähern; er fand auf der Bibliothek eine lateinische Bibel, die damals selbst den meisten Gelehrten nnhekannt war; ihr reicher Inhalt reizte noch mehr, nnd zwei heftige Gewitter, in welche Luther nach einander auf freie», Felde gericth, drängten ihn zum festen Entschluß hin — Mönch zu werden. Das erste streckte einen Freund an seiner Seite tod nieder, das zweite bedrohte ihm selbst abermals das eigene Leben. Er glaubte den Ruf des Herrn aus Flammen und Donner zu hören, und gelobte sich dem Kloster. Das Augnstinerklvstcr z» Erfurt nahm Luther auf, nnd dieser begann nun sein Mönchsleben voll Deninth, voll Entsagung nnd Selbstverläugnnng, ja Selbstpeinigung, voll asketischer Strenge gegen sich selbst, ringend nach Erlench- tnng, oft von Zweifelqualen gepeinigt; es folgte nach dem martervollen Probejahr die Ablegung des Mönchsgelübdes, diesen, die Priesterweihe, durch die der Vater, welcher zürnte, daß Luther gegen seinen Willen den Mönchsstand erwählt, versöhnt wurde. Bon 1505 bis 1508 blieb Luther Mönch, da berief ihn, durch den Ordensprovineial Staupitz, Kurfürst Friedrich der Weife zu Sachsen an die neue Hochschule Wittenberg und dadurch auf die große Bahn seiner Zukunft, die voll Dornen war wie voll Rosen, voll Mühe wie voll Freudigkeit» und voll GvtteSsegen. Als Bakkalaureus der Theologie begann Luther seine Vorlesungen in dem ihm gegen Erfurt unschön genug erscheinenden Wittenberg, ohne aus dem Ordens- verbandc zu treten; der Professor, welcher die heilige Schrift auszulegen begann und über Aristoteles las, war und blieb Angustinermönch, predigte auch noch voll Eifers nnd mit vielem Beifall. Da ward ihm 1510 die Misston zu Theil, gen Rom zu reisen, die seinem noch von mancherlei Zweifeln getrübten Gemüth hoch willkommen war. Er ging und sah, staunte und zürnte; der kindlich fromme Sinn ward enttäuscht, der Nimbus der Ferne, so hell und schön über der ewigen Stadt und St. Pctri heiligem Stuhle, wie schwand er hinweg vor dem prüfenden Blick des sittenreinen jungen Mönchs, da dieser nun «Roms Wunder» sah, nnd weit mehr sah, als ihm gut schien! — Im Jahre 1512 erwarb Luther in Wittenberg die theologische Doctorwürde, lehrte und predigte fernerhin, ein treuer Diener seiner Kirche wie seines AniteS, und begann in den spätere» Jahre», immer »och als «Bruder Martinas beiden Augustinern», welche eine eigene Druckerei besaßen, die lite- rarischc Wirksamkeit durch den Druck einzelner Predigten. Die Reuchlinistenfehde bewegte damals die gelehrte Welt; das Bewußtsein der deutschen Nation gegen den päpstlichen Druck und Trug erwachte, die scholastische Theologie fand geistreiche Gegner in Menge und alle die mächtige Bewegung der Zeit nnd die Stimmen, die nach Licht, Wahrheit und geistiger Freiheit riefen nnd rangen, fanden ein Echo in Lnther's deutschem Herzen. Dazu der immer schamloser getriebene Ablaßhandel, der im Lande Sachsen durch Tetzel auf die Spitze getrieben wurde! — Lange rang Luther mit sich selbst; nicht ohne eifriges Studium, nicht unvorbereitet that er endlich den großen Schritt voll weltgeschichtlicher Bedeutung, als er seine 05 Sätze gegen den Ablaß am 31. Ort. 1517 an die Schloßkirche zu Wittenberg anschlug; aber er that ihn voll Mannesmuth, voll Gotteskraft, nnd es begannen seine neuen Kämpfe, seine herrlichen Siege. That gebar sich aus That; die Heldenlaufbahn des mnthigen Ringers war begonnen, er mußte sie vollenden, nnd wie er sie vollendet, davon geben Worte nnd Werke unvergängliche Zeugnisse. In Augsburg vor Cajctan, in Altenburg vor Miltitz vertheidigte sich Luther männlich, trotzte dem Bann des Papstes in Wittenberg und schleuderte die Bulle in das flammende Feuer. So auch zog er unerschrockenen Muthes gen Worms, wahrend sein Ruhm schon Deutschland durchflog, und stand 1521 wie ein unerschütterlicher Fels vor dem Kaiser nnd der Reichsversammlung. — «Gott helfe mir, ich kann nicht anders, Amen!» mit diesen Worten besiegelte Luther sein Bekenntniß, und Gott half ihm. Schirmend wachte über ihn, ohne persönlich in den Glaubensstreit sich einzumischen, das Auge seines zwar frommen, aber hcllblickenden Fürsten, und dieser ließ ihn, dem die Acht auf dem Fuße folgte, auf der Heimreise, da Luther in Möra die Verwandten von Eisenach aus besucht hatte, heimlich aufheben und auf Schloß Wartburg in Sicherheit bringen, das ihm 10 Monden lang gar ei» heimlichtrauliches Asyl war, wo er in Rittcrtracht einherging und doch gelehrt nnd geistlich lebte, wo er das unsterbliche Werk der Bibelübersetzung begann und förderte, bis der Bildersturm in Wittenberg ihn bewog, die eigene Sicherheit in die Schanze zu schlagen und auf den Kampfplatz zu eilen, auf den er berufen war von der innern Stimme durch den Wink der ewigen Wahrheit. Das umfassende Werk der Kirchenverbeffernng, dessen Werkmeister Luther war, nahm nun zunächst in Sachsen den gedeihlichsten Fortgang, breitete sich weiter nnd weiter aus, doch war es schwer und mühsam, war eine langsam reifende, oft bedrohte Frucht. Dieses Werk ist als ein reicher Schatz der gestimmten christlichen Kirche zu gute gekommen, auch der katholischen, deren einsichtvolle und kenntnißreiche Bekenner dieß eingestehen. Dem Wohl der Kirche galt Luther's Wirken, nicht spalten wollte er, nicht Parteiführer sein, nicht die Kirche verwirren, nur Mißbränche abschaffen, Menschensatznng verbannen. Gottes Satzung bestehen lassen. Er konnte nun nicht mehr anders, als das Mönchskleid ablegen; er verheirathcte sich, weil er im Ehestände ein got'tgebotenes Gesetz erfüllte, und sein eheliches Leben war ein Muster von Sitte, Keuschheit und Treue. Lnther's zahlreiche Schriften gingen von Hand zu Hand, zündeten aller Orten nnd Enden, sein Fleiß, seine Thätigkeit grenzten an das unglaubliche; die Fülle seiner Werke giebt von diesem Fleiße Kunde. Als Dichter stand er da, wie ein Prophet, gottbegeistert; an Mächtigkeit über die Sprache übertraf ihn keiner, er schuf Deutschland eine geläuterte Prosa. So waltete nnd wirkte Luther, bis die Zeit kam, da er müde wurde von der mühsamen rastlosen Arbeit, müde — aber nicht schwach; gottgetrost konnte er auf sein vollbrachtes Leben blicken, als sein Scheiden an dem Orte erfolgte, an dem er geboren ward, von dem er ausgegangen, wie er leise geahnet, vielleicht gehofft hatte. Die Leiche wurde unter den lauteste» Wehklage» der ganzen Bevölkerung nach Wittenberg gebracht nnd in derselben Schloßkirche beigesetzt, an deren Pforte er den großen Glanbenskampf begonnen hatte. Ernst, Graf von Mansfeld. Geb. 1585, gest. d. 20. Nov. 1626. Ernst, Graf von Mansfeld, entstammte einem Heldengeschlechte, das schon in frühen Vorzeittagen durch einzelne Glieder seinen Namen rühmlich bekannt machte, so Hoyer, der leidende Held der Schlacht am Welpesholze; so Albrecht und Gebhard, das reformatorisch gesinnte Brüderpaar, die Sieger im Bauernkriege; so auch Volrath, Albrechts Sohn, der Retter deutscher Reiter im verderblichen Hugenottenkriege. Ernst war der natürliche Sohn Peter Ernst's, Grafen von Mansfeld, Statthalters von Luxemburg, und einer Dame aus edelm Geschlecht zu Mecheln. Erzherzog Ernst von Oesterreich, Gouverneur der Niederlande, hob dieß Kind feuriger Liebe aus der Taufe, und erzog es in der katholischen Religion und für den Kriegsdienst. Als Ernst von Mansfeld in letzterem so weit heran gereist war, daß er bereits nicht unbedeutende Dienste in verschiedenen Feldzügen leisten konnte und leistete, diente «r dem Kaiser Rudolf II. in den Niederlanden wie in Ungarn, dann auch dem Könige von Spanien. Kaiser Rudolf verlieh dem jungen Helden die Rechte ehelicher Geburt, aber er verweigerte ihm dennoch die früher ihm zugesagte Einsetzung in die Güter seines 1004 verstorbenen Vaters, die er auf den Grund der ersten Verleihung beanspruchte, unv nun schwur sich Graf Ernst von Mansfeld zum unver- svnlichcn Feind des Kaiserhauses, wie zum Feind des katholischen Glaubens, und hielt seinen Schwur mit einer Festigkeit und einer so entschiedenen unerschütterlichen Hartnäckigkeit, daß, hätte er länger gelebt, wohl manches im dreißigjährigen Kriege eine andere Wendung genommen haben dürfte, und die Dauer jenes Krieges vielleicht eine kürzere geworden wäre. Im Jahre 1610 schwur Ernst den katholischen Glauben ab, und kehrte zum Bekenntniß seiner Väter zurück, welche als glänzende Stützen der beginnenden Reformation in der Geschichte standen. Es waren hundert Jahre vergangen, seit Luthers Lehre ihre Schwingen erhob, und nun begann mit dem Jahre 1618 der Vertilgungskampf gegen sie, der alles Blut, welches ihr geflossen, und alle Opfer, die ihren bisherigen Siegen gebracht waren, vernichten sollte; da warf Graf Ernst von Mansfeld sein Banner auf und weihte sich ihr z»»l Heiser und Üictter. Ernst warb ein Heer, zog nach Böhmen, stand dem geächteten Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz bei, theilte dessen Niederlage, und erhob sich jetzt, wie später, auch geschlagen immer wieder aus der Demüthigung, mit stets verjüngtem Muthe und aller wilden Lust, dem verhaßten Feind den möglichste» Schade» zuzufügen. Als General- feldzengmeistcr nahm er die Stadt Pilsen ein; Kaiser Rndolph II. war todt, sein Nachfolger Matthias vcr- hing die Rcichsacht über Ernst von Mansfcld, dieser achtete des Kaisers Acht so wenig, als Luther vor 100 Jahren die des Papstes geachtet, und hielt auf das hartnäckigste Pilsen, Eger und Tabor auch dann noch besetzt, als die Schlacht am weißen Berge 1020 seiner Partei eine tiefe Wunde geschlagen. Erst 1021 gelang es Tilly'ö Anstrengungen, den kühnen Parteigänger, der fast ganz auf eigene Hand seinen Krieg führte, aus Böhmen zu verdrängen. Flugs ging Ernst in die Pfalz, rührte die Werbetrommeln, warb ein neues Heer von 18,000 Mann und rückte gegen Spinola, der die Pfalz besetzt hielt und Frankenthal belagerte, so energisch vor, daß Spinola sich entschließen mußte, die Belagerung von Frankcnthal aufzugeben. Der nie zu bewältigende Muth und Ernst's Ausdauer selbst nach verlorenen Gefechten verbitterte oft den Feinden selbst ihre Siege, und ihm war nicht bcizukommen; mit ungewöhnlicher List und Schlauheit entging er allen Gefahren, fand stets neue Truppen, und die oft hart bedrohte und bedrängte evangelische Partei hatte an ihm einen ihrer trenesten Bundesgenossen. In einer Schlacht am 29. April 1022 schlug Ernst daö Heer der bayrischen Liga bei Mingclsheim und Wieseloch, »ahm dann Ladenburg weg und belagerte Elsaß-Zabern. Nachdem er sich gestärkt und gekräftigt, indem er dieselbe Taktik wie Wallenstcin entwickelte, daß das Heer sich selbst ernähren und sich in sich selbst verjüngen mußte, fiel er 1028 wieder in die österreichischen Erblande ein, wurde zurückgedrängt, von Wallenstcin verfolgt, und ihm bei Dessau die Annahme einer Schlacht abgenöthigt, in welcher Wallenstein zwar Sieger blieb, aber wieder, ohne des Sieges recht froh werden zu können, denn der Besiegte entging, und ehe man dessen sich versah wehten Ernst's Banner und Fähnlein schon wieder in Schlesien und Mähren, welche Lande Ernst in Eilmärschen durchzog, um sich im Bunde mit Herzog Johann Ernst zu Sachsen nach Ungarn zu wenden, und sich dort mit dem Feind des Erzhanses, Bethlen Gabor zu vereinigen, welcher sich aufs nene erhob, um abermals Ansprüche gegen Oesterreich geltend zu machen. Bethlen Gabor konnte nicht vergessen, daß, wenn auch nur kurze Zeit, die Königskrone von Ungarn sein Haupt geschmückt, und es genügte dem unruhigen Feldherrn nicht der Fürstentitel, nicht die Herrschaft über sieben Gespanschaften, leider aber beseelte ihn dennoch kein rechter Manncsmuth, und so wurde er dem Mansfclder eben so treulos, als er es dem tapfern Herzog Johann Ernst IV. zu Sachsen wurde, der Tilly im vorigen Jahre bei Nicnbnrg geschlagen hatte. Jetzt gab endlich Ernst von Mansfcld die Hoffnung auf, in Deutschland Lorbeer» zu ärnten, überließ dem Sachsenherzog sei» Heer, und beschloß, nach Venedig zu reisen, und von da sich nach England einzuschiffen. Der Verdruß über Bethlen Gabor's offenbare Treulosigkeit mochte im Bunde mit den ertragenen Strapatzen seines Eilzuges aus Deutschland nach Ungarn ihn innerlich erschüttert haben. Ernst von Mansfcld erkrankte in Uracowitz bei Zara in Bosnien, und starb, voll geharnischt und gewappnet, nicht auf weichem Lager, nicht im Armsessel, sondern stehend, bewußt und unerschrocknen Muthes, wie er gelebt. Er wurde zu Spalatro begraben. Zwölf Tage nach ihm war — vielleicht von gleichem Schmerz ergriffen — auch Herzog Johann Ernst IV. zu Sachsen eine Leiche. Die Feinde konnten jubeln; nicht ihre vereinte Macht hatte zwei der tapfersten Führer ihrer Gcgnerhcere niederzuwerfen vermocht; der Tod gab auf fremder Erde ihnen ohne Schwcrtschlag leichten Sieg in die Hand. Matthias, deutscher Kaiser. Geb. d. 24. Febr. 1557, gest. d. 20. März 1619. Dieser Kaiser brachte, da er leider nicht zum Glück, nicht zu Großthaten, nicht zum Heldenruhme geboren und berufen war, seine Zeit mit Unruhe hin, und sah in seinem ereignisreichen Leben oft die Hand des Schicksals ihm feindlich entgegendrohen. Matthias war der Sohn Kaiser Maximilian II. und Maria's, der Tochter Karl V. Er wurde zu Wien geboren und hatte in seiner Jugend weder Hoffnung noch Aussicht auf die deutsche Kaiserkrone, da er noch zwei ältere Bruder, Rudolf und Ernst, hatte; doch auch dem Bruder Rudolf leuchtete, nachdem er 1576 Kaiser geworden, kein sonderlicher Glücksstern, wozu! dessen Unduldsamkeit in Sachen des Glaubens, durch welche die Saat zu dem verderblichen dreißigjährigen Kriege gestreut wurde, wesentlich beitrug. In Matthias lebte aber gleichwohl die Neigung zu herrschen, zu gebieten, und er richtete seinen Blick auf die damals in sich zerfallenen Niederlande, und wußte es so zu lenken, daß die Stände ihn zum Statthalter derselben beriefen. Schleunig brach Matthias, ohne den Bruder nur um dessen Einwilligung zu fragen, nach den Niederlanden auf, wodurch er Rudolfs heftigen Unwillen erregte, und nahm jene Statthalterschaft an, die ihm indessen einestheils durch eine Menge bindender Artikel, deren Aufrechthaltung er beschwören mußte, theils durch Zugcsellung des Prinzen von Oranicn gleichsam die Hände band, so daß er mehr ein Schatten war, als ein Regent. Er war nur gewählt worden, um ein kräftiges Gegengewicht gegen Don Juan dÄustria zu bilden, und man ließ ihm einestheils zu wenig Macht, frei zu handeln, anderntheils mangelte ihm selbst die nöthige Thatkraft, und so löste sich nach mancher Unannehmlichkeit das Band durch ehrenvollen Abschied aus der Statthalterschaft, unter Zusicherung und Gewährschaft eines erheblichen Jahrgchaltes, im Jahre 1580. > Kaum war Matthias nach Deutschland zurückgekehrt, so ließ ihn Kaiser Rudolf die ganze Schwere seines Zornes fühlen und sich nur auf flehentliches Bitten seiner Mutter bewegen, den Erstatthalter im Reiche zu dulden und ihm die Stadt Linz zum Aufenthalt anzuweisen, wo Matthias llch gleichsam als ein Gefangener gehalten sah. Vergebens bat er, ihm die Herrschaft Steier zn überlassen; endlich gelang es ihm, die Verwaltung von Ober- und Unter-Oesterreich anvertraut zu bekommen, und 1594 erlangte er auch den Oberbefehl über das Heer in Ungarn gegen die Türken. Ohne seine Waffen vvm Glück und ruhmreichen Siegen gekrönt zu sehen, benutzte Matthias die Unzufriedenheit der Ungarn gegen seinen Bruder, den Kaiser, sich erst die Statthalterschaft über Ungarn zu sichern, dann die Krone Ungarns sich selbst auf das eigene Haupt zu setzen, welches mit Zustimmung seiner Brüder 1608 geschah, und als er Ungarn hatte, nahm er auch die österreichischen Erblande, dann nahm er Böhmen und überließ dem schwachen, mißtrauischen, furchtsamen und Grillen fangenden Bruder nur den Schatten eines Herrschers, der seine Tage in argwöhnischer Abgeschlossenheit verbrachte und nur Freude an astrologischastronomischen Forschungen und alchymistisch-chemischen Versuchen fand, bis Rudolf 1612 mit Tode abging. Matthias wurde zum deutschen Kaiser an seines Bruders Statt erwählt, und hätte nun, da er das Ziel, nach dem er mit Beharrlichkeit gestrebt, erreicht sah, die Fehler seines Bruders vermeiden sollen; aber leider verstand er so wenig wie Rudolf, was dem Reiche vor allem Noth that, Eintracht und Friede zu fördern und Duldung in Glaubcnssachen zu üben. Schon vor Matthias Erhebung auf den Kaiserthron war diesem im Erzherzog Leopold von Oesterreich ein kräftiger Gegner erwachsen, der ihn in Böhmen bekriegte. Durch halbe Maaßregeln erbitterte der Kaiser die protestantische Union wie die katholische Liga gleich sehr; die Verbürgung der Religionsfreiheit stand nur auf dem Papier; Matthias versuchte Union und Liga zugleich aufzulösen, und der Gedanke wäre, wenn er ihn auszuführen vermocht hätte, vielleicht so übel nicht gewesen; allein um in Partcikämpfen als Sieger über jeder Partei zu stehen und sich zugleich als solcher für die Dauer zu behaupten, dazu bedarf es einer gewaltigen Kraft. An dieser Kraft, zu welcher viel Muth uud wenig Gewissen gehört, gebrach es dem Kaisev Matthias. Um sich zu kräftigen, that er den größten Mißgriff, den er thun konnte, er adoptirte den Erzherzog Ferdinand, seinen Vetter, 1616, sicherte diesem die Erbfolge und ließ ihn sogar in die böhmische und ungarische Thronfolge im Voraus bestätigen, unter der vorsorglichen Bedingung jedoch, daß Ferdinand sich bei Lebzeiten des Kaisers aller Einmischung in Regie- rungsangelegenheiteu enthalte. Ferdinand sollte eben auch wieder ein Schatten sein; mißliebig war derselbe ohnehin im vollen Maaße den Ständen des Reiches wie dem Volke. In diese kläglichen Wirren trat der verhängniß- und unheilvolle 23. Mai 1618. Die durch Eigenmächtigkeiten der katholischen Partei auf das tiefste verletzten und empörten böhmischen Stände protestantischen Glaubens ließen sich zu der unseligen handgreiflichen Darlegung ihres Rechts hinreißen, die kaiserlichen Räthe und Statthalter Slawata und Martinitz, die stets gegen die böhmischen Protestanten gewirkt hatten, nebst dem Sccrctär Fabricius aus den Fenstern des GerichtssaaleK des Hradschin herab auf einen Staub- und Genisthaufen springen zu lassen. DaS war das traurige Signal zu einem Kriege, der dreißig Jahre lang das deutsche Vaterland zerfleischte, verdarb, entvölkerte und verarmen ließ. Einen treuen und anhänglichen Rathgeber hatte der Kaiser noch am Cardinal Clcsel, allein dieser wurde von der ihm feindlich gesinnten Partei hinweggcdrängft und Matthias stand einsam, krank, eine gebrochene Kraft, die selten eine rechte Kraft gewesen war, mitten in Ausständen, Kriegen, Parteikämpfen, und an dcv Pforte einer furchtbar drohenden Zukunft. Da kam ihm, dem hart von Feinden wie von Freunden bedrängten, der beste Erlöser und Befreier, der Toiw Ein Schlagfluß traf ihn und' führte sein Ende herbei, das zu Wien erfolgte. Sein adoptirter Vetter bestieg nach ihm als Kaiser Ferdinand II. den deutschen Kaiserthron. Friedrich von Matthisson. Geb. d. 25. Jan. 1761, gest. d. 12.März 1851. Matthisson war ein wahrhaft liebenswürdiger Dichter und blieb lange Zeit Liebling seiner Nation, der sich ebenso musterhaft als anmuthig in lyrischen Formen bewegte und anregend und fördernd durch Sammlung und Auswahl vaterländischer Dichter wirkte. Er genoß als Sohn eines Predigers, zu Hohendodeleben bei Magdeburg geboren und früh verwaist, die Erziehung eines ihm verwandten Pfarrers in Krakau, ebenfalls in Magdeburgs Nähe, und so mag schon frühzeitig das Stillleben ländlichen Friedens tiefen Eindruck in seine Seele geprägt haben, das er mit den lieblichsten Farben in seiner Kindheitidylle: «Die Pappelweide zittert« geschildert hat. Im 14. Lebensjahre schied Matthisson aus dem Jugendparadiese, vom «Magnetenberg» der Sagen — und kam auf die Schule zu Klosterbergen, von wo er die Universität Halle bezog und der Theologie sich widmete. Als jungen Erzieher berief man ihn an das Philanthropin zu Dessau, doch blieb er dort nicht lange, sondern nahm eine sich darbietende Hofmeisterstelle bei einer Gräfin Sievers aus Liefland an, deren Söhne er in Dessau mit unterrichtet hatte, und mit denen er später reiste. Matthisson lernte in Hamburg Klopstock, in Wandsbeck Claudius kennen, Goethe's und der übrigen berühmten Weimarer persönliche Bekanntschaft, so wie die v. Dalberg's hatte er schon früher gemacht. Das Jahr 1785 führte ihn in Heidelberg zu Bonstetten, 1786 war er in Mannheim und im darauf folgenden Jahre in Nyon, wo der Freundschaftsbund mit dem dort heimischen Bonstetten sich erneute und wo der fleißige und geistvolle Naturforscher und Naturphilosoph Charles Bonnet ihn in die Kreise seiner Neigungen zog. Heiter angeregt verlor sich die trübe krankhafte Stimmung, von welcher sich Matthisson eine Zeitlang ergriffen gefühlt hatte; er fand sich heimisch außerhalb der deutschen Heimath, in dem milden Klima südlicher Gelände, ging 1789 als Hauslehrer nach Lyon und lernte die dort lebenden durch und durch poetischen Menschen v. Salis und Fricderike Brun kennen, welche letztere mit ihrem Gatten auf einer Reise durch Frankreich in die Schweiz begriffen war. Matthisson lebte in dem schönen Kreise gebildeter und zartfühlender Geistesverwandten theils in Lyon, theils auf dem am Genfer Scc reizend gelegenen Landsitze Grandclos ein glückliches Leben, welches sein gefeiertes Gedicht: «der Gcnfer-See» mit zauberhafter Anmuth wicderspiegelt. Aus allen diesen irdischen Himmeln, aus dem traulichen Asyl schöner Natur und edler Freundschaft trieb diese deutschen Dichter der Ausbruch der französischen Revolution. Matthisson ging nach seiner Heimath zurück und fand bald bei der regierenden Fürstin Luise Henrictte Wilhelme zu Anhalt- Dessau eine ihm willkommene Stellung als Reisebegleiter und Vorleser, und es fügte sich erwünscht, daß auch Fricderike Brun sich der hohen Herrin als Reisegefährtin nach Italien anschloß, um unter südlichem Himmel ihre schwankend gewordene Gesundheit wieder zu kräftigen. Jahre des Aufenthaltes im südlichen und nördliche» Italien, in Rom und Neapel, in Südtyrol und in der Schweiz gingen vorüber, und Matthisson war es vergönnt wie wenigen, ein reines, von anderen Berufsgeschästen nnbecngtes Poctenleben zu führen, während er sich dem Vaterlande in würdigster Weise als Dichter offenbarte. Nach der Rückkehr aus dem Süden 1794 wohnte Matthisson in Wörlitz bei Dessau. Seine Gedichte Ware» schon 1786 zuerst in Mannheim erschienen und entzückten durch ihre tiefempfundene Wahrheit, durch rührende oder kindliche Naivität, durch die Wärme des Kolorits in der poetischen Natur- und Landschaftmalerci, in der ihm von vielen gleichzeitig strebenden vielleicht nur Otto Graf v. Haugwitz am nächsten kam. Mit Leichtigkeit schmiegte dcS Dichters Muse sich auch antiken Metren an, und seine Prosa namentlich in den «Briefen» und der «Alpenreise» war voll Stylglätte. Schiller erkannte öffentlich und freudig den poetischen Genius Matthissows an, der König von Württemberg verlieh dem Dichter den Adel und setzte ihm den Pegasus als Zier auf den Helm, die Sängerharfe in das himmelblaue Feld des neuen Wappens. Derselbe König nahm nach dem Tode von des Dichters erhabener Freundin, der Fürstin von Anhalt-Dessau, diesen in seinen Dienst, ernannte ihn zum Legationsrath, zum Ritter des Civilverdienstordens und zum Obcrbibliothekar, worauf Matthisson in angenehmster und glücklichster Stellung und Thätigkeit bis 1819 in Stuttgart lebte. Sein Gedicht «Adelaide» mit Beethovens ewig schöner Mnstk klang über den ganzen civilisirten Erdkreis; durch seine «lyrische Anthologie», Zürich 1803—1807, 20 Theile, erwarb er sich das Verdienst, seine Landsleute, seine zahlreichen Leser wiederholt darauf hinzuweisen, daß das deutsche Vaterland eine reiche poetische Nationalliteratur habe, daran von Zeit zu Zeit zu erinnern, sehr Wohlgethan erscheint. Dieses Werk, das der hohen Gönner!» gewivmet war, gab Proben, Lebensnachrichtcn und Charakteristiken von 200 deutschen Dichtern. Noch einmal reiste Matthisson im Jahre 1819 als Begleiter des Herzogs Wilhelm von Württemberg nach Italien, weilte ziemlich lange in Florenz, und erhielt dann 1835 das Ritterkreuz der Württembergischen Krone. Im letzten Jahrzehent seines Lebens verstummte die Sängerharfc, die viele Tausende erfreut, und der Dichter selbst ging 1831 zur irdischen Ruhe ein. Maximilian I., deutscher Kaiser. Geb. d. 24. März 1459, gest. d. 11. Januar 1519. Ein schönes Heldenbild steht Maximilian I. in der deutschen Geschichte, mit ihm schloß, mit ihm begann eine Epoche derselben; aus des Mittelalters dahinsinkender Nacht brach junges Morgenroth. Eine neue Welt ward entdeckt im fernen Westen jenseit des Oceans, und eine neue Welt geistigen Lebens und Strebens erwachte im Schoose Deutschlands. Des Vaters und Vorgängers auf dem römischen Kaiserthrone langjähriges Regiment hatte Deutschland nicht beglückt; Hang zur Ruhe, Vorliebe für den Frieden, selbst Eigensinn und Eigennutz beherrschten Kaiser Friedrich III. so sehr, daß er selbst kein guter, dem Reiche hülfreicher Herrscher war; ein Mehrer des Reichs, mindestens Oesterreichs im rechten Sinne, wurde der hellblickende, hochverständige Maximilian, der Sohn Kaiser Friedrich III. und der Eleonore von Portugal, er wurde zu Neustadt geboren, und blieb — zum Kummer der Aeltern, ein stummes Kind. Doch im zehnten Lebensjahre löste ihm ein Genius das Siegel von den Lippen, er blühte erfreulich auf und erwuchs zu einem herrlichen Jüngling, der in allen ritterlichen Uebungen den Körper, in gediegenen Studien den Geist kräftigte. Die schöne Maria, Erbin von Burgund, wurde 1477 Maximilians Gemahlin, sie brachte ihm die Niederlande zu, doch nicht ohne Kämpfe konnte er die letztem behaupten. Maximilians Leben war einvielfach bewegtes, ein Bild der Zeit, deren Strömungen sich oft stürmisch begegneten. Nicht auf einmal vermochte Maximilian, nachdem er den Kaiserthron bestiegen hatte, und das seine zu thun suchte, das im innersten Herzen zerrissene deutsche Reich zu einigen — den lange hochgehenden Fluthen zu gebieten. Nach kurzer sehr glücklicher Ehe verlor der junge Kaisersohn seine geliebte Gemahlin Die niederländischen Stände bereiteten Maximilian viele Verlegenheiten, sie wollten ihn nicht Unterthan sein, und noch nach seiner Wahl zum römischen König, welche 1486 erfolgte, wurde er während er gegen Frankreich rüstete, auf hinterlistige Weise gefangen genommen, seine Räthe wurden hingerichtet, er selbst mußte vier Monate lang in einem Kerker zu Brügge schmachten, und Flandern — entsagen. Dennoch machte Maximilian sein Haus, das Haus Oesterreich — vor allen groß und mächtig. Das Anrecht auf die mit Karl des Kühnen Tochter, der Erbin von Burgund, erlangten niederländischen Provinzen wurde nicht aufgegeben; durch die spätere Verheirathung ihres beiderseitigen Sohnes Philipp von Oesterreich mit der spanischen Königstochter Juana öffnete sich dem Hause die Aussicht aus die ganze spanische Monarchie, auf die spanischen Besitzungen in Italien und über den Oeean hinüber in die ferne neuentdeckte Welt, die noch wie ein großes verschleiertes Geheimniß voll fabelhafter Wunder und Goldländer ruhte. Endlich verheiratete Maximilian I. im Jahre 1525 seinen Enkel Ferdinand mit Anna, der Tochter Wladislaw VIl., Königs in Böhmen und Ungarn, Schwester Ludwig II. des bei Mohacz umgekommenen letzten Ungarnkönigs, und gewann dadurch dem Hause Oesterreich für immer das Anrecht auf Ungarn, Böhmen, Mähren, Schlesien und die Lausitz. Hätte Maximilian die blutigsten Eroberungskriege geführt, er würde nicht so viel Land an das Erzhaus gebracht haben, als ihm durch Heirathen und Erbschaften an dasselbe zu bringen gelang. Im Jahre 1496 war Maximilians Vetter Erzherzog Sigismund, mit Tode abgegangen; Maximilian wurde Erbe, und vereinte mit dem Erzhause die Lande Tyrol, Krain, Kärnten, die Küstenländer, den Breisgau, das Elsaß, so wie Theile Schwabens und der Schweiz. Ohne Kampf ließ sich indeß nicht alles erreichen, doch war das Waffenglück meist auf Maximilians Seite, nur fehlte ihm allzuhäufig der nervus reren gerendarum. Ein Krieg gegen die Schweiz, die ihre alte Freiheit behauptete, endigte nicht siegreich für den deutschen Kaiser; der Friede zu Basel, 22. Sept. 1499 sicherte diesem Lande seine Unabhängigkeit und Selbstständigkeit auf ewige Zeiten. Maximilian hatte den Dauphin von Frankreich Karl VIII. seine Tochter Margarethe verlobt, und ihr Burgund als Heirathgut verschrieben, er selbst vermählte sich zum zweiten male mit Anna von Bretagne durch Procuratie. Karl VIII. sandte seine Verlobte heim, raubte des Schwiegervaters Vermählte und verehelichte sich mit dieser selbst. Kampf war die Folge, endlicher Friede die Folge des Kampfes. Der 19. August 1493 hob Maximilian I. auf den deutschen Kaiserthron. Seine erste Heldenthat als Kaiser war eine große und würdige; er jagte die schon bis Laibach vorgedrungenen Türken in ihre Grenzen zurück. Hierauf schloß er einen Ehebund mit der Herzogin Bianca Maria Galeazzo von Mailand, und setzte seinen Sohn Philipp zum Regenten der Niederlande ein, zog gegen Karl VIII. nach Neapel, gab Deutschland die nicht dankbar genug zu würdigende Wohlthat des allgemeinen Landfriedens und gründete das Reichskammergericht. Im raschen Zuge eilte Maximilian I. aus Italien nach Burgund, erzwang seinem Sohne mehrere ihm vorenthaltene Provinzen und nöthigte Louis VII. zum Friedensschluß. Aber der König von Frankreich hielt nicht Frieden, nicht Ruhe, er nahm Mailand ein, strebte nach der Herrschaft über ganz Italien, wollte Neapel theilen, und machte dem Kaiser viel zu schaffen. Gleichzeitig darauf erhob sich im Schoose Deutschlands selbst Krieg; Baiern stritt gegen von Kaiser. Ueberall Kampf und Wirren, in Italien, in Frankreich, in den Niederlanden, auch der Türke drohte aufs neue. Maximilian demüthigte Venedig, und führte ein Heer von 90,000 Mann über die Alpen gegen den Papst. Der sandte ihm eine Bulle entgegen, die ihn zum römischen Kaiser ernannte. Das deutsche Heer wurde darüber geopfert. Im Verlaufe dieser Kämpfe, die von Friedensschlüssen unterbrochen waren, verlor Frankreich Italien und alle Ansprüche an dasselbe gänzlich, während König Heinrich VIII. von England, im Bunde mit Maximilian, mit 80,000 Mann in Frankreich einfiel. Kaum waren in diesen Ländern die Kampfeswogen beruhigt, so wollte der Kaiser gegen die Türken ziehen, aber der Reichstag verweigerte die Mittel zur Heeresausrüstung; dies kränkte Maximilian I. sehr, und bald darauf endigte der Tod sein bewegtes Heldenleben. In ruhigerer Zeit wäre er ein Beglücker Deutschlands geworden, das ihm ohnehin viel dankte; das Kriegswesen hob er auf eine ganz neue Stufe der Vervollkommnung, die Posten führte er ein, Wissenschaften und Künste förderte er. Jenes furchtbare und schreckliche Gericht, das wie ein unüberwindlicher Drache seine Opfer forderte, die Behme, wurde von Maximilian besiegt, obschon es noch in lang nachhaltigen Zuckungen sich durch spätere Jahre kund gab, denn noch 1530 ist in Briefen von Freigrafen und Richtern des kaiserlichen Freistuhls in Westphalen die Rede. Die Eintheilung Deutschlands in zehn Kreise, die Jahrhunderte hindurch die alten Ländernamen erhielt und sich vielfach zweckmäßig erwieß, war ein Werk Maximilians. Auch der Poesie war Maximilian hold; sein Kanzler, Melchior Pfintzing, mußte sein heldenhaftes Jugendleben in einem großen allegorischen Gedicht verewigen, das ist der Theuerdank; sein Geheimschreiber, Marcs Treitzsauerwein, eine halbmythische Lebensgeschichte mit verschleierten Namen der Personen und Länder ausarbeiten, das ist der Weiskunig. Beide Werke wurden mit trefflichen Holzschnitten Hans Burgkmayers und Hans Schäufeleins reichhaltig geschmückt, und die auf des Kaisers Kosten veranstalteten jetzt seltnen Prachtdrucke der 1517 erschienenen ersten Ausgabe des vielbelobten Theuerdank auf Pergament gehören zu den Zierden großer Bibliotheken. Dieses Gedicht ist mit Ursache geworden, daß man Maximilian 1. den letzten Ritter genannt hat. Als „Theil fürs Ganze" mag die Redensart gelten, denn mit Maximilians Zeitalter blühte die ritterliche Zeit ab. so weil sie namentlich auch das Gebiet der deutschen Kunst und Architeetur, der Wehre und Waffen, des Schmuckes und Geschmackes mit umfaßte, denn eine andre Richtung brach sich Bahn: Freude undGeschmack an wälschen, obschon auch schönen und wahlberechtigten Formen — aber männlich ritterliche Herzen und Helden fehlten Deutschland auch nach Maximilian nicht, die unterm Silber- und Eisenpanzer, in Pfalzen oder in schlichten Burgen pockten. — Maximilians Stern erlosch in den Morgenstrahlen einer neuen Zeit; er war dem von Wittenberg hcraufglühendcn Lichte nicht abhold, doch konnte er, was es bringe, noch nicht ahnen, und sah es nicht ohne Besorgniß nahen. Maximilian I., Kurfürst von Bayern. Geb. d. 17. April 1573, gest. d. 27. Sept. 1651. Ein Herrscher von mehr düsterer als heller Färbung des Charakters, voll ernster und strenger Willenskraft, die schon in seinen Zügen sich abspiegelte, mit vollem Recht von seinem Lande, Bayern, als ein großer Regent gepriesen und gefeiert, vom übrigen Deutschland aber mit eben so vollem Recht nicht höher gewürdigt, als er um dasselbe verdient hat. Maximilian war der älteste Prinz Herzog Wilhelm's V. von Pfalz-Bayern, von der jüngeren katholisch gebliebenen Wittelsbacher Linie, eines höchst bigotten Fürsten; er wurde zeitig Jesuitenzögling, erhielt auf den Hochschulen Landshut und Ingolstadt eine wissenschaftliche Ausbildung, lernte die alten und noch mehr die neuen Sprachen, und sah sich frühzeitig, schon im 25. Jahre auf dem Throne, da sein Vater demselben freiwillig entsagte, um, wie Kaiser Karl V., in einem Kloster zu sterben, nachdem er Maximilian schon vorher an der Regierung hatte Theil nehmen lassen. Der neue Regent zeichnete den Antritt seiner Herrschaft durch mehrere gute Einrichtungen aus; er verbesserte das Finanzwesen und die Rechtspflege, die Polizei, das Forstwesen und die Kammcrverwaltung seines Landes. Als die protestantische Reichsstadt Donauwörth mit dem Abt zum heiligen Kreuz in Streit und Fehde gerathen war, erklärte sie der Kaiser Rudolf II., Marimilian's Freund, in die Reichsacht und ernannte den letzteren zu deren Vollstrecker. Maximilian zwang im December 1607 Donauwörth zur Unterwerfung, bahnte die Wieder- katholisirung der Stadt an, die überall nicht auf sanften Wegen vorgenommen wurde, und rief dadurch die protestantische Union hervor, die sich solchen Bedrückungen widersetzte und den Kurfürsten Friedrich IV. von der Pfalz an ihre Spitze stellte. Ihr bot die katholische Macht alsbald ein starkes Gegengewicht in der 1609 begründeten Liga, deren Oberhaupt Maximilian wurde und zu dem er sich auch trefflich eignete, denn seine Jesuitenlehrer hatten ihm die Seele mit Protestantenhaß erfüllt. Aber selbst gegen einen hochstehenden Glaubensgenossen, gegen den Erzbischof Wolf Dietrich von Salzburg, der nichts von Jesuiten und Liga hören wollte, kehrte Maximilian das Schwert der Rache, fiel in das Erzbisthum und nahm den Erzbischof gefangen, hielt ihn auch bis zu seinem Tode in Haft. Maximilian zog gegen Friedrich V. von der Pfalz, König von Böhmen, spottweise der Winterkönig genannt, weil nur einen Winter sein Königthum überdauert, und schlug ihn am weißen Berge bei Prag, eroberte später mit Tilly's Hülfe die Ober- und die Unterpfalz, des geschlagenen Gegners Land, dämpfte den Aufstand in Oberösterreich, und ließ sich 1623 mit der Kurwürde des besiegten und vom Kaiser geächteten Gegners, mit der Oberpfalz, Unterpfalz und dem kaiserlichen Erbtruchsesamte, wie mit der Grafschaft Cham belehnen, was er fast alles behielt, als später der westphälische Friede Deutschland die lang entbehrte Ruhe wiedergab. In dem Eroberungszuge gegen die Pfalzen bestürmte und eroberte Maximilian, am 19.Sept. 1622 Heidelberg und zersplitterte die dortige reiche Bibliothek, deren beste Schätze er dem Papst Gregor XV. zum Geschenk machte und so Deutschland derselben auf immer beraubte; eine Menge anderer werthvoller Bücher wurden durch die plündernden Soldaten vernichtet oder verschleppt. Sein Haß gegen die protestantische Kirche und Partei war schonungslos, und steigerte sich, als das wechselnde Geschick auch ihm schwere Prüfungen auferlegte. Gegen Wallenstein war Maximilian eifersüchtig und arbeitete mit an dessen Sturz, ja er war es selbst gegen seinen Schwager und späteren Schwiegervater, den Kaiser Ferdinand II., eifersüchtig gegen jede Vergrößerung der Habsburger Hausmacht. Im Jahre 1630 erlangte Kurfürst Maximilian an Wallenstein's Stelle den Oberbefehl über die verbündeten Heere des Kaisers und der Liga. aber jetzt erschien ihm der ebenbürtige Gegner, der Glaubensheld des Nordens, König Gustav Adolph von Schweden, und brach dem Kriegsruhm des Bayernherrschers die Spitze ab. Siegreich schlug Gustav Adolph Tilly bei Breitenfeld auf's Haupt, siegreich zog er nach den Ufern der Donau und des Lech; Tilly fiel und der verdrängte Wallenstein mußte wieder zu Hülfe gerufen werden. Gustav Adolph's Heer überschwemmte das Bayernland und fügte ihm unsäglichen Schaden zu, wenn auch der König, der als Sieger in die Residenz des flüchtigen Kurfürsten einzog, sich schonend und edel benahm. Der Krieg dauerte fort mit wechselndem Glück; Maximilian berief den tapfern niederländischen Parteigänger Johann von Wörth als General an die Spitze des bayrischen Heeres, sah sich im Jahre 1633 von Wallenstein im Stich gelassen und führte über diesen beim Kaiser bitterste Beschwerde, so daß er wesentlich mit zu Wallenstein's Fall beitrug. Die durch Herzog Bernhard zu Sachsen 1634 verlorene Schlacht bei Nördlingen verschaffte zwar Bayern einige Zeit Ruhe, allein nicht aus lange, und das unglückliche Land mußte schwer büßen für den Trotz und den Fanatismus seines Fürsten, dem auch in den folgenden Jahren das Glück der Schlachten treulos blieb. Die besten Generale, v. Wörth und Mercy, unterlagen, und Turenne und Wrangel verheerten Bayern abermals, bis endlich der Waffenstillstand 1646 wieder eine kurze Ruhe verschaffte. Aber Maximilian brach im darauf folgenden Jahre diesen Waffenstillstand eigenmächtig und hatte dafür sammt seinem Lande die bitteren Folgen zu tragen. Noch im letzten Jahre des dreißigjährigen Krieges wurde er bei Zumorshausen uud Augsburg geschlagen, mußte flüchtig werden und büßte auf der Flucht sein ganzes Silbergeräth ein. Nur erst der westphälische Friedensschluß brachte ihm dauernde Ruhe, und er behielt die Kurwürde, die Oberpfalz und die Grafschaft Cham, nur die Unterpfalz gab er zurück. Maximilian überlebte das Ende des dreißigjährigen Krieges noch um drei Jahre, und hatte fast sein ganzes Leben daran gesetzt, den Protestantismus zu bekämpfen. Er war zweimal verheirathet, blieb in der ersten Ehe kinderlos und schloß die zweite im 62. Lebensjahre mit seiner Nichte Anna Maria, der Tochter Kaiser Ferdinand's II. Maximilian I. Joseph,König von Bayern. Geb. d. 27. Mai 1756, gest. d. 13. Oct. 1825. Maximilian war in Wahrheit der Vater seines Vaterlandes, gerecht und gütig, umsichtig und treu; er errang bei seinem Volke die Liebe und nachhaltige Verehrung, die einem Joseph II. gezollt wird, und war glücklicher, wie dieser. «Der alte Max!» ist namentlich in der Königsresidenz München stets noch eine schöne Erinnerung und ein Zauberwort, das eine bessere Zeit in deren Spiegel herauf beschwört. Maximilian Joseph wurde als Sohn Friedrich Michaels von Pfalz-Zweibrücken, und Franziska's, Pfalzgräfin von Sulzbach, zu Schwetzingen, dem berühmten Lustschloß geboren, und kam im sechsten Jahre unter die Aufsicht seines Oheims, des Herzogs Christian von Pfalz-Zweibrücken. Tüchtige Lehrer bildeten ihn, dann nahm er 1777 französische Kriegsdienste, lernte Frankreich durch Reisen in mehrere Provinzen desselben kennen, nahm bis 1789 Aufenthalt in Straßburg, und kehrte, als die französische Revolution ausbrach, in seine Heimath, die Pfalz, zurück, wo er theils in Mannheim, theils auf den Schlössern des Landes verweilte. Im Jahre 1795 ging Maximilian Joseph's Bruder, Karl II. Herzog von Pfalz-Zweibrücken, mit Tode ab, dem er in der Regierung folgte; als darauf die Linie der Herzoge zu Pfalz-Sulzbach, die den Thron Bayerns inne hatte, mit Kurfürst Karl Theodor erlosch, berief das Erbrecht ihn auf diesen Thron eines großen und bedeutenden Reiches. Der neue Kurfürst hieß nun Maximilian Joseph II., und zog 1799 friedlich in München ein, wo er eine segensreiche Regierung begann, und sich bald die allgemeine Liebe und das Vertrauen seiner Bayern zu gewinnen wußte. Was immer geschehen konnte, des Landes Wohl durch Schutz und Schirm, durch gute Einrichtungen und weise Verwaltung zu fördern, geschah unter Maximilian Joseph. Das 1805 mit Napoleon geschlossene Bündniß war eine Sache politischer Nothwendigkeit; es brachte ihm mit dem ersten Tage des Jahres 1800 die Königskrone, und er schrieb sich nun Maximilian I. Joseph, König von Bayern. Es gab in Bayern vieles um- und neuzugestalten, im Finanzwesen wie in der Rechtspflege; der Kurfürst und spätere König hob das geheime Hofgericht auf, änderte die Gerichts- Verfassung, bahnte eine allgemeine Landesverfassung an, und zwar schau 1808, die indeß eine Frucht war, welche nicht zur Reife und Zeitigung gelangte, ordnete die gutsherrlichen Verhältnisse, hob die Leibeigenschaft auf, und nachdem zumal die traurigen Kriege, Heeresmärsche und Durchzöge vorüber waren, suchte er nach allen Richtungen hin das schwer heimgesuchte Bayerland wieder zur Blüthe zu heben. Sicherheit des Landes wurde angestrebt, Verbesserung der Straßen, deren Mehrzahl gegen das Ende seiner Regierung als Muster galt, nicht minder bessere Verwaltung der Forste, Bergwerke und Salinen war Maximilians Werk. Die wundersame Leitung der Salzsoole von Berchtesgaden über einen hohen Gebirgspaß nach Reichenhall, und durch das reizende Thal von Juzell nach Traunstein und bis Rosenheim kam unter ihm zu Stande und ist ihm ein würdiges Denkmal. Ein mit dem Papst 1817 abgeschlossenes Concordat regelte Bayerns kirchliche Angelegenheiten; 1818 wurde ein Edikt erlassen, das neue Gemeindeversassungen für die Stadt- und Landgemeinden enthielt und einige Tage nach dessen Erlaß gab der König seinem Lande und Volke die mit Jubel begrüßte Verfassung, obschon dieselbe octroirt wurde. Die Grundzüge derselben waren: Freiheit der Gewissen, Staat und Kirche streng auseinander gehalten, Freiheit der Meinungsäußerung mit Vorbehalt gegen deren ungesetzlichen Misbrauch, Gleichheit vor dem Gesetz, Unaufhaltbarkeit der Rechtspflege, eine Landstandschaft aus allen Classen der Staatsbürger, um auf öffentlichen Landtagsversammlungen die Weisheit der Berathungen zu verstärken, nicht aber — wie von so vielen neuzeitlichen Landtagen da und dort geschehen — die Kraft der Regierung zu schwächen. Zwei Kammern, die Reichsräthe und die Abgeordneten bilden das Gremium der Vertreter des Landes und des Volkes; die Mitglieder der ersten Kammer, zu der auch die volljährigen Prinzen des königlichen Hauses gehören, ernennt der König selbst, die zweite bilden die Grundbesitzer mit gutsherrlicher Gerichtsbarkeit, die Abgeordneten der katholischen und protestantischen Geistlichkeit, die der Universität, der Städte, der Märkte und der übrigen Landeigenthümer, auf 7000 Familien 1 Abgeordneter. Besitzlose Vertreter und Schreier schloß dieser Wahlmodus weise aus. Zehn Edicte erweiterten später noch die Verfassung, welche eine der ersten von deutschen Bundesfürstcn gegebene war. Außerordentlich viel that der biedere König für Boden- und Forstcultur, für Fabriken und Manufacturen; nützliche Lehranstalten wurden errichtet, Wissenschaften und Künste gepflegt. Drei blühende Hochschulen zählte Bayern, zu Landshut, Erlangen und Würzburg. Die Aufhebung der allzuzahlreichen Klöster, 200 an der Zahl, durch die königliche Regierung, konnte und mußte freilich von verschiedenen Standpunkten verschieden beurtheilt werden; sie war gewiß in vieler Beziehung nützlich und nothwendig, wenn man aber die Behauptung aufstellt, daß durch die gesammelten literarischen Klosterschätze ein geistiger Gewinn für die Gelehrsamkeit erzielt worden, so irrt man, denn jene Aufhebung hatte nur eine grenzenlose Verwüstung und Verschleppung zur Folge; die seltensten alten Druckwerke, die herrlichsten Ge- .mälde und Altarschnitzereien, die kunstvollsten Geräthe wurden in die Hände einzelner meist jüdischer Händler und Antiquare verstreut, auch mittelbar oder unmittelbar an Privatsammler in und außer dem Lande verkauft und verschleudert, und daß man den altehrwürdigen Hochstiften Bamberg, Würzburg u. a., um München zu bereichern, ihre werthvollsten Druckseltenheiten und geschichtlichen Urkunden entzog, bleibt von Seiten der erstern eine dauernde Klage und ein steter Vorwurf. — Am 16. Februar 1824 feierte König Marimilian I. Joseph sein fünfundzwanzigjähriges Regierungs-Jubiläum und mit ihm feierte dieses sein ganzes, durch ihn wahrhaft beglücktes Volk, welches dankbar erkannte, was es an ihm hatte, einen milden und menschenfreundlichen, gütigen und wohlthätigen, sitteneinfachen und anspruchlosen Regenten. Nur 1 Jahr und 8 Monate überlebte der König sein Fest, er verschied plötzlich Nachts und schmerzlos im Lustschlosse Nymphenburg. Immer noch bekränzt erinnerungtreue Liebe der Münchener Bürger des Königs Denkmal an seinem Namens- und Todestage. Philipp Melanchton, Geb. d. 16. Febr. 1497, gest. d. 19. April 1560. Luthers gefeiertster Freund, sein Jonathan, die milde Leuchte neben dem strahlenden Sterne! Der Mann des Friedens, hervorgegangen aus einem Hause blinkender Gewaffen und lärmenden Rüstzeugs. Der Vater war Waffenschmied und Rüstmeister des Grafen von der Pfalz, Herzogs in Bayern, und der Sohn erblickte das Licht der Welt im Städtlein Breiten in der Unterpfalz. Der Großvater nahm sich der ersten Erziehung des Knaben an, und Reuchlin, sein mütterlicher Oheim, leitete dessen ferneren Unterricht auf der Schule zu Pforzheim, ließ ihn den dcntschen Vaternamen Schwarzerd in den griechischen Melanchton umwandeln und fürder tragen, und sandte ihn dann zu weiteren Studien nach Heidelberg. Frühe Reife des Geistes zeichnete den jungen Studenten aus; mit vierzehn Jahren erlangte er schon das Baecalaureat der Philosophie und wurde Hofmeister zweier Grafen von Löwenstcin. Er wollte auch Magister werden, aber das gaben die alten Professoren nicht zu; er war ihnen denn doch noch zu jung. Melanchton ging darauf nach Tübingen und wurde dort Magister, hielt Vorlesungen und verfaßte eine griechische Grammatik von bleibendem Werth, unterstützte Reuchlin bei dessen Ar beitcn und leitete eine Druckerei. So voll Thätigkeit und Eifer wirkend und dabei keinen Tag das eigene Weiterstudicren aus den Augen lassend, traf ihn 1518 ein von Reuchlin veranlaßter Ruf des Kurfürsten Friedrich des Weisen zu Sachsen an dessen Hochschule Wit- tenberg, als Professor der griechischen Sprache und Literatur, dem er willig folgte. Von da an knüpfte sich das unzertrennliche, stets heilig gehaltene Freunv- schaftsband mit Luther, der Melanchton nach seinem ganzen vollen Werth zu würdigen verstand. Gründliches Wissen, ernstes Forschen, Sanftmuth unv Milde bei edler Charakterfestigkeit, machten Melanchton zur Stütze des großen Werkes der Reformation, ja zur Stütze der Hochschule, wenn Luther abwesend war. Siegreich kämpfte er mit Luther vereint gegen Dr. Eck und Carlstadt in der berühmten Leipziger Disputation, wurde durch die Aufstellung seiner „theologischen Lehrsätze" ! der Begründer der protestantischen Dogmatik, richtete, ! von einer Reise in die Heimath rückkehrcnd, die neue Schule zu Nürnberg ein, schrieb Visitationsariikel uuv leistete bei der grüßen Kirchenvisitation in Kursachsen die wesentlichsten Dienste. Aus dem Reichstage zu Spcicr 1529 trat Mclanchton kräftig dagegen aus, daß man die Bekenner der Lehre Zwingli's ungestört verdammen wollte, wie er sich denn den Schweizer- Reformatoren nicht ganz abgeneigt zeigte und gemäßigter über ihre Lehrsätze urtheilte als Luther. Melanchton gab den von Luther entworfenen Glaubenslehren, die dem Augsbnrger Reichstag 1530 vorgelegt wurden, Form und milde Fassung, nachdem er schon 1529 aus dem Religionsgcspräch zu Marburg mit kluger Sorgfalt zu einigen gesucht hatte, so viel als möglich war. Ebenso verfaßte Melanchton die Apologie des evangelischen Bekenntnisses und gründete sich durch diese beiden Arbeiten in der ganzen Protestantischen Kirche den Anspruch auf Dankbarkeit für ewige Zeiten. Bis über Deutschlands Grenzen erscholl Melanchwns Ruhm, die Könige von Frankreich und von England ließen ehrenvolle Rufe an ihn ergehen, allein der Kurfürst von Sachsen enturlaubtc ihn nicht, er blieb Deutschland erhalten zu noch lange dauernder Lebensarbeit, zu manchem Kampfe. Oft und viel mußte der milde fromme Melanchton den herben Kelch der Verkennung leeren, oft ward er angefochten und befehdet um seiner Milde nullen, seiner versöhnlichen Sinnesart willen, nur einer war, der ihn ganz kannte, der ihn überaus hoch schätzte, der bei aller eigenen Heftigkeit und Strenge den Charakter des Freundes stets im ungetrübten Glänze seiner Reinheit und Klarheit sah, und das war Luther. Als Luther 15-16 dahingeschieden war, und noch endlose Religionskämpfe drohten, war Melanchton Haupt und Stütze der Reformation, aber er war es unter großen Mühen und schweren Sorgen. Eine bedeutende Anzahl der protestantischen Gottesgelehrten sahen alles Heil für die neue Lehre und das geläuterte Evangelium nur im starren festhalten an Normen und Formen; da dies bei Mclanchton nicht der Fall war, da dieser stets Wege suchte, Hader zu vermeiden und zu verhüten, zu einigen statt zu spalten, da ward er verdächtigt und verketzert, und als Verrath und Treulosigkeit ward gedeutet, was in seinem Charakter nur Milde und mindere Festigkeit war. Seine mehrfach begonnenen Einigungsvcrsuche scheiterten allzumal, und der Schmerz über so manche Kränkung, manche Trennung, nagte an seinem Herzen. 1557 verlor Mclanchton auch die treue Gattin, und das Leben hörte auf noch Reiz für ihn zu haben. Auf einer Reise von Wittcnberg nach Leipzig, in rauher Jahreszeit, ergriff den durch geistige Schmerzen schon für Krankheit empfänglicher gemachten Leib ein Wcchselfieber, das ihn dem Tod in die Arme führte. Unsterblich klingt sein Name neben Luthers Namen fort, und sein Ruhm blüht unvergänglich. Moses Mendelssohn. Geb. d. 9. Sept. 1729, gest, d. 4. Janr. 1786. Philosoph und scharfsinniger Denker israelitischer Abkunft, Lessings Freund und durch sein Werk über die Unsterblichkeit der Seele selbst unsterblich im Gedächtniß der Nachwelt fortlebend, Moses Mendelssohn wurde in Dessau geboren, und zeichnete sich schon im zarten Alter durch mächtigen Wissenstrieb aus. Der Vater, ein Schreiber der Thora und anderer Gesetzesrollen, unterrichtete den Knaben selbst in der hebräischen Sprache, durch andere Lehrer wurde er mit dem Talmud, wie mit den Schriften des berühmten Rabbi Mosche ben Maimon (Maimonites) vertraut und steigerte seinen Fleiß bis zur krankhaften Nervenreizbarkeit, die ihm nachhaltig blieb und frühzeitig niederbeugte. Dazu kam des Mangels trübe Schule, die ihn: nicht erlassen blieb; arm und dürftig ging er 1742 nach Berlin, nährte sich dort kümmerlich, verdiente sich mit Abschreiben seinen kärglichen Unterhalt, lernte dabei immer fort, und wurde durch die Bekanntschaften mit mehreren gelehrten Juden, des armen aber geist- und poestevollen Schulmeisters Israel Moses, des sungen jüdischen Arztes Kisch aus Prag und Baron Gumperg aus Berlin immer weiter gebracht, aufgemuntert und gefördert. So hatte sich Moses Mendelssohn endlich so viel Kenntnisse angeeignet, daß er nicht nur begabt mit Sprachkunde, sondern auch in der Mathematik und in Künsten, die den Kaufmann machen, die Stelle eines Erziehers im Hause des jüdischen Seidenfabrikanten Bernard übernehmen konnte. Sein Principal entdeckte mit Freude Mendelssohns gute Eigenschaften, seine Fähigkeit im rechnen, schönschreiben und buch- haltcn, und nahm ihn als Aufseher in sein bedeutendes Geschäft, in welchem Mendelssohn es bald zum Faktor brachte, bis des Geschickes Gunst den begabten Mann sogar zum Mitgenossen und Theilhaber des blühenden Geschäftes machte. Vom wichtigsten Einfluß auf Mendelssohns spätere Geistes- und Lebensrichlung war sein im Jahre 1754 erfolgtes bekanntwerden mit Lessing. Dieser wurde ihm anregendes Vorbild, auf Lessings Veranlassung schrieb Mendelssohn seine „Briefe über die Empfindungen", welche Lessing sogleich drucken ließ. Nun war die Bahn gebrochen, Mendelssohn schrieb nun mehr, bctheiligte sich an schönwissenschastlichen Un- tcrnehmnngen, wie Nieolai's Briefe, die neueste Literatur betreffend, au dessen allgemeiner deutschen Bibliothek, so wie an der Bibliothek der schönen Wissenschaften und verfaßte auch selbstständige philosophische Werke, deren Anerkennung bald über Deutschlands Grenzen hinanSdrang. Auch mit La vater, der im Jahr l 76!) nach Berlin kam, befreundete sich Mendelssohn, nur daß letzterer mit männlicher Ruhe dem seltsamen, obschon aus reinem Wohlwollen hcrvorgegangencn Versuch Lavaters, ihn zum Uebertritt in das Christenthum zu bewegen, widerstand. Er blieb dem Glauben seiner Vater unerschütterlich zugethan und vertheidigte denselben mit Ueberzeugungstrcnc, doch nicht ohne dabei durch große geistige Aufregungen und Erschütterungen seines zartorganisirten Gemüthes dauernd zu leiden. Aus diesen inneren Kämpfen ging Mendelssohns berühmtes Buch „Jerusalem, oder über religiöse Macht und Judcn- thum" hervor; von einem zweiten: „Morgenstunden" erschien nur der erste Band. Beide legten Mendelssohns religiöse wie philosophische Ansichten in einer gebildeten und edlen Sprache vor Augen, doch blieben dieselben keineswegs ohne Anfechtung. Mendelssohns vcrbrcitetstcs und am meisten anerkanntes, fast in alle Sprachen Europa's übersetztes Werk ist sein auf Pla- tons Phädon gebautes Buch: Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele. In drei Gesprächen. Es ist in sokraiischer Form geschrieben und fand soviel Theilnahme, daß mau den Verfasser allen Ernstes mit dem Namen des deutschen Sokrates beehrte, ohne an das hinkende eines solchen Vergleichs zu denken. Eine Behauptung des Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi, daß Lessing sich den Lehren Spinozas zugeneigt habe, erschütterte Mendelssohn heftig und regte ihn an, eine Gegenschrift zu verfassen, welche den Titel führte: „Mendelssohn an die Freunde Lcssings", die er in so gereizter Stimmung schrieb, daß sein ganzes Nervensystem in Aufregung gericth. In dieser Stimmung ausgehend, traf ihn eine Erkältung, welche die Ursache seines Todes wurde, der allgemeine Theilnahme bei den gelehrten Zeitgenossen Mendelssohns hervorrief. Mendelssohn war einer der hervorragendsten und begabtesten Geister, die aus dem Judenthum der Neuzeit hervorgegangen, und von großer Trefflichkeit des Charakters, daher ihm im Kranze deutscher Philosophen von Bedeutung stets eine ehrenvolle Stelle gesichert bleibt. Felix Mendelssohn-Bartholdy). Geb. d. 3. Febr. 1809, gest. d. 4. Nov. 1847. Was wenigen Künstlern zu Theil wurde, unter glücklichen Verhältnissen von Jugend an eine ungestörte vielseitige Ausbildung zu erlangen, war Mendelssohn in der schönsten Weise beschieden und hat sicher nicht am Wenigsten beigetragen ihm seine hervorragende Stellung anzuweisen. Sein Vater, ein wohlhabender Bankier, konnte ihm nicht nur alle Mittel einer sorgfältigen Erziehung gewähren, sondern den von seinem Vater Moses Mendelssohn ererbten Geist echter Humanität und feiner Bildung. Die Mutter, eine Schwester des bekannten Reisenden Bartholdy, eine Frau von scharfem Verstand, rastloser Thätigkeit und strengster Pflichttreue, leitete selbst die Erziehung des Knaben. Obgleich in Hamburg geboren, wurde er, da seine Eltern bald von dort weggingen, in Berlin erzogen und genoß alle Vortheile der daselbst vorhandenen Bildungsmittel. Seine Lehrer in der Musik, für welche sein Talent früh hervortrat, waren Ludwig Berger und Zelter. Jener, aus Clementi's Schule hervorgegangen, ein Meister solider Technik, und geist- und gemüth- reicher Spieler, legte den Grund zu der tüchtigen und edlen Virtuosität Mendelssohns, welche die Mittel der Technik vollständig beherrscht, um sie dem künstlerischen Geist unterzuordnen. Zelter, der mit väterlicher Liebe an seinem Mir hing, richtete unnachsichtig seinen Geist und seine Bestrebungen auf die höchsten Muster der Kunst, überhaupt auf das Tüchtige und Ernste hin. So legte er den Grund zu der gründlichen und vollendeten Meisterschaft in der Form, welche Mendelssohn in selbständiger Kraft durch eigene unausgesetzte Studien sich erwarb. Wie sehr aber die musikalischen Anlagen des Knaben auch in einer außerordentlichen Produktivität hervortraten, so wurde über deren Pflege doch nichts versäumt, was nach irgend einer Seite hin seinen Geist ausbilden konnte, und er bestickte nach gründlicher Vorbereitung im Jahre 1827 die Universität. Zu den Begünstigungen seiner Jugend gehörte es, daß er durch Zelter Göthe nahe trat, der durch herzliche Theilnahme seine Bestrebungen anfeuerte und förderte. Zur Vollendung seiner Bildung machte er mehrere Reisen nach England (1829), Italien (1830), Paris (1832) und dann nach London. Nachdem er seit 1833 in Düsseldorf als städtischer Musikdirektor eine Wirksamkeit gefunden hatte, auch eine kurze Zeit an dem von Jmmermann begründeten Theater thätig gewesen war, wurde er 1835 nach Leipzig zur Direktion der Gewandhauseoncerte berufen. Hier schuf er sich durch die außerordentlichen, durch seine Persönlichkeit und Bildung bedingten Leistungen als Dirigent einen glänzenden Wirkungskreis, von hier aus trat er mit dem «Paulus» in die Reihe der großen und berühmten Komponisten. Eine Berufung nach Berlin (1842) als Generalmusikdirektor hatte dennoch nicht zur Folge, daß er dort eine bestimmte und befriedigende Wirksamkeit fand; er kehrte seit 1845 nach Leipzig zurück, wo er besonders am Konservatorium für Musik thätig war. Dort machte unerwartet ein rascher Tod seinem thätigen, vom Glück rcichgeschmückten Leben ein Ende. Mendelssohn war ungemein fleißig und hat, obgleich er sorgfältig arbeitete und feilte, nach den verschiedensten Richtungen eine bedeutende Produktion entfaltet. Den ersten Platz nehmen seine Kirchencompo- sttionen (Paulus, Ellas, Lobgesang, Psalmen u. A.) ein, denen sich die Kompositionen der Antigone, des Oedipus, des Sommernachtstraums anschließen; die Opern seiner Jugend hat er selbst zurückgelegt, über der Vollendung der Lorclcy ist er hingestorben; seine Lieder sind allgemein dnrchgedrungen wie wenige. Auch für Instrumentalmusik in allen ihren Zweigen ist er thätig gewesen; seine Concertouverturen, wie imKleincn die Lieder ohne Worte schlugen einen neuen Weg ein, den seine Nachfolger breitgetreten haben. Wenn Mendelssohn schon im Leben Popularität und Ruhm fand wie wenige, wenn enthusiastische Bewunderer sein Lob hie und da übertrieben, so ist die ungerechteste Verkleinerung seiner Verdienste auch nicht ausgeblieben. Er ist dem immer mehr einreihenden Dilettantismus entgegengetreten, indem er durch die That bewies, daß gründliches Studium, vollkommene Beherrschung der Form, die Bedingung künstlerischer Leistungen sei; und daß es hierbei nicht eine geistlose Nachahmung veralteter Formen, sondern die geistige Belebung der unvergänglichen Kunstgesetze galt, dafür zeugt die unmittelbare Wirkung, mit welcher er die Gegenwart ergriff. Er setzte namentlich in der Kirchenmusik an die Stelle eines geistlosen Schlendrians eine im Wesen des Protestantismus begründete Liebe und lebendige Auffassung, und indem er überhaupt aus einer schlaffen Gegenwart zurückgriff in eine größere Vergangenheit, strebte er mit Erfolg die unversiegbaren Quellen des Wahren und Schönen wieder zu erwecken. Können wir ihn auch, was die Größe und Tiefe seiner Productionskraft anlangt, nicht den ersten Meistern zurechnen, so darf man deshalb doch seine Produktivität nicht gering schätzen, und ein unablässig auf das Edle und Schöne gerichtetes Streben, eine feine Bildung, die sich im künstlerischen Maaßhalten bewährt, eine vollkommene Meisterschaft in der Form, sind hohe Vorzüge, die der allgemein gehaltene Vorwurf der Reflexion nicht zu schwächen vermag. Wenn die Leidenschaften, welche der außerordentliche Einfluß Mendelssohns auf die Gegenwart erregt hat, verraucht sind, wird die Thatsache dieses Einflusses schon den hohen Werth eines bedeutenden, edlen, in sich harmonisch ausgebildeten künstlerischen Talentes bewähren. Anton Nakael Mengs. Gcb. d. 12. März 1728, gest. d. 29. Juni 1779. Einer der berühmtesten Maler unter denen, welche eine Wiedervereinigung ihrer Kunst in der neueren Zeit bewirkten. Die Epoche der sogenannten altdeutschen Schule, in welcher ein Albrecht Dürer, ein Hans Holbein, ein Lncas Cranach glänzten, war längst vorüber, und der durch unselige Kriege und durch Beispiele wälscher Geschmacksverirrung herbeigeführte Verfall der Künste im deutschen Vaterlande war im Bunde mit Schnörkelwerk und Uebcrladung, namentlich in Malerei und Bildncrei, zur Unnatur geworden, so daß eine Läuterung des Geschmacks in diesen Künsten dringend noth that. Zu dieser Läuterung half Mengs vorzugsweise die Bahn brechen. Rafael Mengs wurde zu Aussig in Böhmen geboren, und zwar auf einer Reise. Der Vater, königlicher Hofmaler in Dresden, wählte sinnreich und beziehnngsrcich zwei Vornamen für seinen Knaben, welche einst zwei der berühmtesten Maler führten: Anton von Correggio und Rafael von Urbino, und gab ihm später eine äußerst strenge Erziehung, welche nur darauf hinzielte, daß der junge .Rafael einst auch ein bedeutender Maler werden sollte. Als ersterer sein dreizehntes Jahr erreicht hatte, nahm ihn der Vater mit auf eine Reise nach Rom, um auch dort mit gleicher Härte und Strenge ihn zum zeichne» anzuhalten, und der zarte Jüngling mußte vom frühen Morgen bis zum späten Abend theils »ach Antiken zeichnen, theils die Meisterwerke der großen Italiener copiren. Diese harte Schule bildete Rafael Mengs znm Künstler aus, und trotz der Strenge, mit der er sich behandelt sah, gewann er nicht nur die Kunst, sondern auch das Leben in Rom lieb, welche Stadt er wie seine zweite Heimath betrachtete. Daher sehnte er sich selbst da nach Rom zurück, als er nach der Heimkehr vom König von Sachsen, dessen Bild er auf das befriedigendste gemalt und getroffen hatte, ein Jahrgchalt von t'00 Thalern ausgesetzt erhielt — und wandte sich abermals, wieder vom Vater und von zwei Schwestern begleitet, nach der ewigen Stadt. Dort führte die Künstlcrfamile Mengs ein sehr eingezogenes, nur der Kunst, deren Ausübung und deren Studium gewidmetes Leben. Ein schönes Baucrnmädchcn, Maw garethe Ouazzo, das Mengs als Modell zu einer Madonna saß, gewann seine Liebe, welche sich so sehr steigerte, daß er, um die Geliebte heirathen zu können, zur katholischen Religion übertrat. Im Jahre 1749 reiste Nafacl Mengs nach Dresden zurück und wurde mit einem bedeutenden Gehalt dort zum Hofmaler ernannt, ging aber bald darauf abermals nach Nom, um für die Dresdner Hofkapelle ein Altargemälde zu beginnen. Der siebenjährige Krieg wurde Anlaß, daß Rafacl's Gehalt ausblieb, und er sich genöthigt sah, auf selbstständigen Erwerb durch seine Kunst zu denken, und es fehlte ihm nie an wichtigen Aufträgen. Als erstes seiner bewunderten Fresco- gcmälde wird die Decke im Coclestinerkloster St. Eusebio genannt, andere Kunstwerke folgten in rascher Vollendung; eine Reise nach Neapel gab dem Künstler nicht die gehoffte Befriedigung und nach nur kurzem Aufenthalt kelwtc derselbe nach Rom zurück, wo er die Leitung einer neucrrichteten Malerakademie annahm, mit Ernst und Eifer seine Kunststudien im Verein mit dem ihm befreundeten Winckelmann theilte und auf diesen wesentlich bildenden Einfluß übte. Im Jahre 1761 traf ein Ruf König Karl's III. von Spanien nach Madrid den Künstler; er reiste nach Spaniens Hauptstadt und empfing die Anstellung als Hofmaler deS Königs mit 2000 Dublonen Gehalt, sah sich von: Hofe, wie von den Künstlern Madrids mit den größte» Ehren empfangen, und malte einige seiner vorzüglichsten Bilder, litt aber unter dem Einfluß des spanischen Klimas, und benutzte dieß Wanken seiner Gesundheit, um einen Urlaub auf mehrere Jahre zu erbitten, nach dessen Erlangung er wieder nach seinem geliebten Rom zurückkehrte und dort abermals drei Jahre in rastloser Thätigkeit zubrachte. Nach Ablauf dieser drei Jahre ging Nafacl Mengs wieder nach Madrid zurück und malte dort die Apotheose Trajans, das bedeutendste seiner zahlreichen Bilder, den Tempel des Ruhmes, und den Theaterplafond zu Ar- ranjucz innerhalb zweier Jahre — Arbeiten, deren Umfang und die Anstrengung, welche sie erforderten, dazu beitrugen, die ohnehin schwankende Gesundheit des rastlos thätigen Künstlers vollends ganz und gar zu untergraben. Mengs sah sich dadurch genöthigt um seine Entlassung nachzusuchen, die ihm auf das ehrenvollste, und mit lebenslänglichem Gehalt, zu Theil wurde. Im Jahre 1776 begab sich Rafael Mengs nach Rom zurück und sah sich noch einige Zeit glücklich im Schooße seiner Familie; es waren ihm zwanzig Kinder geboren worden, davon noch sieben lebten, denen aber nach zwei Jahren der Tod die Mutter raubte. Noch ein Jahr, und Mengs selbst folgte seiner geliebten und vortrefflichen Frau, ohne den seinigen an Vermögen viel zu hinterlassen, denn er besaß die Künstlertugend der Freigebigkeit, unterstützte reichlich junge Talente, spendete Wohlthaten an Bedürftige, und vb- schon er viel zu fleißig gewesen war, um in flüchtigen Zerstreuungen Geld zu zersplittern, so hatte er doch trotz der großen Summen, welche er einnahm, nichts erspart, und seine Angehörigen bedurften sogar der Unterstützung seiner Freunde. Als Mensch war Rafael Mengs schüchtern und ohne gesellige Talente, wenig entschieden und wenig anderen sich annähernd. Seine Gemälde beurkunden das stete Bestreben, die Kunst der Malerei wieder auf eine höhere und edlere Stufe zu heben, was er auch durch mehrere kunstgeschichtlichc und kunstphilosophische Schriftwerke an Tag legte. Er schrieb über die drei größten Meister Italiens: Rafael, Tizian und Correggio, über die Werke Nafael's in Spanien, verfaßte einen praktischen Unterricht in der Malerei, und mehrcres andere. Sein Bcgräbniß war ein höchst ehrenvolles, die Akademiker und Künstler Roms folgten seinem Sarge und gaben ihm feierliches Geleit zur Gruft in Sän Michaclc grandc. Ritter Otto d'Azara ehrte den deutschen Künstler durch ein Denkmal, und gab dessen Wer kein italienischer Sprache 1785 heraus. Matthäus Merian der ältere. Geb. d. 22. Sept. 1595, gest. d. 19. Juni 1650. Unter den ausübenden Künstlern des siebzehnten Jahrhunderts war Merian einer der vorzüglichsten und begabtesten. Zu Basel geboren, wo sein Vater im Rathe saß, erhielt er eine gute Erziehung, und da seine Neigung zur zeichnenden Kunst sich früh entschied, so wurde er zu D. Meyer in Zürich gesendet, wo er es im zeichnen und radieren bald zur Vollkommenheit bringen lernte. Mit 20 Jahren begab sich der junge Merian nach Nancy, wo C. de la Ruelle die Zeichnung des Leichenbegängnisses Herzog Heinrich II. gefertigt hatte, um dieselbe in Kupfer zu stechen, und machte dort des genialen Callot Bekanntschaft, die nicht ohne Einfluß auf Merian blieb, wenn er auch den geistreichen Franzosen nicht nachahmte. Merian blieb 11 Jahre in Frankreich, da Paris, wohin er sich begeben hatte, ihn fesselte; eine noch stärkere Fessel aber legte ihm dann, als er nach Deutschland zurückgekehrt war, die Liebe an; er heirathete die schöne Tochter des Kupferstechers Th. de Bry, deren Bekanntschaft er zu Frankfurt am Main gemacht, unterstützte eine Zeit lang den Schwiegervater mit seiner Kunst, dann kehrte er mit seiner jungen Frau in die Heimath zurück und begann nun Landschaften und Jagden zu zeichnen, zu stechen oder zu radieren, welche sich großen Beifalles erfreuten. Da aber der Schwiegervater in Frankfurt eine Buchhandlung, hauptsächlich für illustrirte Reisewerke u. dgl., besaß, so erbat er aufs neue dringend die Hülfe des Schwiegersohnes und riß diesen so aus seinem selbständigen schaffen, vielleicht zum Nachtheil der Kunst; denn Matthäus Merian war nicht blos Zeichner und Stecher, er war auch Maler — doch wurden seine Oelbilder weniger bekannt, und nur einige davon erschienen im Stich. Merian war ein Muster deutschen Fleißes und die Menge seiner Blätter Ist fast zahllos zu nennen. Er wußte meist den Landschaften und Städtebildern malerischen Effect zu verleihen, und zeichnete so treu, daß man an gewissen Burgen und kleinen ummauerten vielgcthürmten Städtchen, namentlich im Frankcnlande, vcren Physiognomie sich im Laufe der Zeiten wenig verändert hat, immer noch erkennen kann, wie treu und treffend Merian aufnahm. Er schmückte mit Werken seiner Hand und seines Grab- stichels mehrere Bande des limatruin lluropaeum und Gottfrieds Vier Monarchien, wie dessen große ^rolion- tnlogi« eosmio.i, meist Scenen und Schlachtstücke, dann die durch ihn vorzugsweise berühmt gewordenen Zeiler- schen Topographien, welche Stävte und Kirchen, Burgen und Schlösser in reicher Fülle darstellen, wodurch manches Bild erhalten wurde, dessen Urbild die Zeit zertrümmerte. Stets ist die Architektur, die Perspektive und der Horizont fleißig behandelt, in den Bor- gründen und Landschaften ließ der Künstler häufig seine Phantasie walten und belebte erstere mit Geschöpfen der letzteren. Die Zeit, in welcher Merian so uner- schöpflich thätig war, war die unruhe- und unheilvolle Zeit des dreißigjährigen Krieges, und es ist zu verwundern, daß mitten in ihren wilden Stürmen seine Kunst dennoch Boden gewann und ihn anständig nährte. Außer den Bildern zu den erwähnten Werken stach Merian »och Bilder zu mehreren andern Büchern, viele hundert Kupfer, und ließ in zusammenhängenden Folgen Prospekte von Gärten und Waldungen, Städten und Dörfern Deutschlands, Hollands und Frankreichs, schwäbische und Nhcinlandschaften, Monat-, Tages- und Jahreszcitenbilver, zahlreiche Jagdstücke, den Basier Todtentanz, einige Bilderbibcln u. s. w. erscheinen. Von werthvolleren Einzelblättern sind die Bildnisse Gustav Adolph's und seiner Gemahlin, Wallenstein's, Josia's, Grafen von Waldecks, Carl's, Prinzen von Walliö, ein Abendmahl, sowie das eigene Bild des Künstlers bemcrkenSwerth. Von großem geschichtlichen Interesse sind zwei einzeln selten gewordene Blätter, die sich im IlioMrum lluropaeum befinden: Terzky's Gastmahl und Wallenstein's Ermordung. Man könnte Merian den Jvst Ammon seiner Zeit nennen. Wie der letztere besaß er den unermüdlichsten Fleiß, wie derselbe war er vielseitig, wie Jost Ammon's Grabstichel war Merian's Nadel für das feine und zierliche, für die nette Ausführung und für das charakteristische bei Personen, Figuren und der Auffassung und Gruppirung ganzer Scenen. Merian war von seinen Zeitgenossen allseits verehrt und hochgeschätzt; seine Arbeitlnst und Arbeitausdauer verließen ihn erst gegen das Ende seiner irdischen Wallfahrt. In Schwalbach, wo er durch aufnehmen von Landschaften mit zuerst seine Künstlerlaufbahn begonnen, suchte er Hülfe gegen die sich anmeldende Schwäche, wurde aber dort vom Tod ereilt. Seine Leiche wurde nach Frankfurt geführt und dort am 22. Juni 1650 beerdigt. Mehrfach werden Geburtsund Todesjahr Merian's unrichtig angegeben, ersteres 1595 statt 1595, letzteres 1651. Gleichzeitige Bildnisse haben 1595. Merian hinterließ drei kunstbegabte Kinder; den Sohn gleichen Vornamens, der Sandrart's Schüler- würde und voll Kunstbegeisterung war. Auch er war, wie der Vater, Maler, Stecher und Kunsthändler zugleich — und die Tochter Maria Sibylla, die berühmte Blumen-, Muschel- und Jnsektenmalerin und -Stecherin, welche die Liebe zu diesem Zweige der Kunst bis nach Surinam führte — und endlich noch einen Sohn, Caspar, der auch die Kupferstecherkunst übte, doch mit minder hervorragender Meisterschaft, wie Vater, Bruder und Schwester. Justus Möser Geb. d. 14 . Dez. 1720 , gest. d. 7 . Jan. 1794 . Möser's Name hat noch so hellen Klang im Vaterlande, daß es nur der Nennung desselben bedarf, um das Bild eines gefeierten deutschen Gelehrten, Staatsmannes und Patrioten frisch zu beleben. Er wurde zu Osnabrück geboren, wo sein Vater das Doppelamt eines Consistorialpräsidenten und Kanzleidirektors bekleidete. Als Knabe war Justus sehr aufgeweckt und munter, und tummelte sich mit Altersgenossen fleißig in Feld und Garten. Ueber sein Knabenleben har er selbst berichtet. Aus Furcht vor Strafe entwich er in seinem 14. Jahre seinen Aeltern und lief nach Münster; hungernd und fast bettelnd ging er zurück, und die Strafe wurde ihm erlassen, man war froh, ihn wieder zu haben. Sein Lebenslauf war auch nicht, wie er sich selbst ausdrückt, von gelehrten Streichen leer. «Der nachherige Senior Bertling in Danzig, der Helm- städt'sche Professor Lodtmann und ich, wir haben im 12. Jahre unsers Alters eine gelehrte Gesellschaft errichtet». Die kleinen Gelehrten erfanden sich eine eigene Sprache, in der sie Ausarbeitungen niederschreiben wollten, und fertigten sich eine Grammatik und ein Wörterbuch derselben an. Einer ihrer Lehrer prügelte den Knaben ihre neusprachliche Bestrebung aus dem Sinne. Möser's Phantasie war äußerst lebhaft und sehr nervös gereizt. Er pflegte sich gern selbst zu beob, achten. Er lernte rasch, wenn auch nicht allzu fleißig, und besuchte die Hochschule zu Jena 1740 und 1741, wo er die Rechtswissenschaft studirte und darauf 1742 dieses für seinen Geist und für seine Begabung gleich anziehende Studium zu Göttingcn fortsetzte. Nach der Rückkehr in die Vaterstadt trat Möser in derselben zuerst als Anwalt auf und fand Anlaß, in wichtigen Angelegenheiten Sachwalter der Stadt Osnabrück selbst zu werden, die ihn 1747 zum ackvooatus patri-io wählte, worauf nicht lange darauf auch die Landritter- schast ihn zu ihrem ständischen Sccrctair und Lanvstand auserkor. Möser entsprach uach jeder Richtung seiner Aemter und Geschäftszweige hin dem ihm zu Theil gewordenen Vertrauen, und machte sich mitten in seinen Amtsgeschäften auch durch zahlreiche geschichtliche, publi- cistische, juristische und volkstümliche Schriften den geachtetften Namen, ohne daß ihm daran gelegen war, als Schriftsteller zu glänzen. Sein Styl aber, einfach und allverständlich, erhob ihn zum Range eines der ersten deutschen Prosaisten seiner Zeit. Von reiner Vaterlandsliebe erfüllt, schrieb er das Jntelligenzblatt Osnabrücks vom Jahre 1766 bis 1782, und suchte in demselben sein Publikum für guten Geschmack, Antheil am Vaterlands, häuslichen Sinn und dergleichen zu gewinnen. Er behandelte seine Gegenstände oft mit köstlichem Humor und unvergleichlicher Laune. Aus den zahlreichen Leitartikeln jener Jntelligcnzblätter entstand das Sammelwerk Möser's: «Patriotische Phantasien», Phantasten, die oft sehr nackte Wahrheiten enthielten und nichts weniger als poetische Fictionen waren. Dieselben erschienen in zwei Theilen zuerst 1775 und 1776, eine neue Auflage folgte bald, ebenso der dritte und vierte Theil 1776 und 1786, und endlich besorgte noch 1861 Möser's Tochter eine dritte vermehrte Auflage. Goethe, welcher Möser sehr verehrte, stand mit dieser Tochter in anziehendem Briefwechsel. Möser wollte auch der sehr gründliche Geschichtschreiber seines Vaterlandes, des Bisthums Osnabrück, werden, zu dessen Geschichte er schon in jüngcrn Jahren Materialien gesammelt, allein er legte die Ausführung des verdienstvollen Werkes zu weitschichtig an und führte es nur bis zum Jahre 1192. Es erschien seine Osnabrückische Geschichte mit Urkunden in 2 Theilen und wurde cinigemale neu aufgelegt. Möser's Geist weckte gleichsam eine eigenthümliche patriotisch strebsame Osnabrückische Gelehrtenzunft, deren Richtung sich noch immer kund gibt und die dem kleinen engen Vaterlande, dem sie ihre Thätigkeit vorzugsweise zuwandte, sehr zu Gute kam. Glcichstrebende ältere und jüngere Genossen, wie z. B. der angeführte Doctor Carl Gerhard Wilhelm Lodtmann, sein bester Jugendfreund, der als Professor zu Hclmstädt in der Blüthe seiner Jahre starb und nach Möscrs eigenen Aeußerungen letzteren an Wissen noch übertraf, Abt Jerusalem (ein Verwandter Möser's) lebten theils in der Heimath, theils später auf den Hochschulen Jena und Göttingcn mit Möser im trauten Bunde, und entfalteten in einem würdigen Wirken alle patriotischen Tugenden, die sich besonders in der auch für Osnabrück unheilvollen Periode des siebenjährigen Krieges erprobten. Der thätige Möser an der Spitze der wackersten Mitbürger rettete und ersparte dem Lande große Summen, half der Noth steuern, wo er konnte, und sah sich mit dem größten Vertrauen des Herzogs Ferdinand von Braun- schwcig beehrt, nicht minder aber auch mit dem des später nach seiner Minderjährigkeit als protestantischer Bischof Osnabrücks zur Regierung gelangten Prinzen von Großbritannien. Möser vereinte in seiner Person Aemter, die in jetziger Zeit zu vereinen Sache der Unmöglichkeit sein würde, zu allseitiger Zufriedenheit. Er war gleichsam, nachdem er 1762 Justitiarius beim Criminalgericht zu Osnabrück geworden, obschon nicht dem Titel »ach, geheimer Rath und Staatsminister, hieß von 1768 an geheimer Regierungsreferendar, von 1785 an aber geheimer Justizrath und vertrat sonach die Rechte seines Landesherrn oder, wie man jetzt sagen würde, die der Regierung, und als thätiges Mitglied der Landstandschaft die der Stände -— von denen des Volkes war freilich damals noch nicht die Rede. Die hohe Redlichkeit, die staatsmännische Einsicht, die große Uneigcnnützigkeit und treue Pflichterfüllung Möser's, die nicht nach freien Wohnungen und Landtagsdiäten mit nichts weniger als patriotischem Heißhunger angelte, wie die jüngste Zeit ihn erst gebar, waren es, die ihm eine so einzige Stellung behaupten ließen und ihn über alle mißlichen und gefährlichen Klippen derselben führten. Mit hoher und rührender Theilnahme beging die Osnabrückischc Ritterschaft im Jahre 1792 Möser's fünfzigjähriges Dienstjubiläum, weihte ihm öffentlichen Dank für seine treuvaterländische Gesinnung und ein- sichtvolle Leitung der Staatsgeschäfte, und für sein geräuschloses wahrhaft nützliches Wirken, der durch seinen Geist das engere Vaterland auch dem Ausland ehrenvollst in das Gedächtniß gebracht habe. Unter Möser's zahlreichen Verdiensten war nicht das kleinste, daß er es war, der im Fürstenthum Osnabrück zuerst und vielen andern deutschen Ländern voraus die Abschaffung der Tortur bewirkte. Möser war glücklich verheirathet, verlor aber seine treue Hausfrau im Jahre 1787; seine Tochter Frau Jenny von Voigts jedoch widmete ihm die liebevollste Pflege, und da er einer guten Gesundheit sich erfreute, erlebte er ein glückliches Alter. Zu seiner Erholung und um sich im gemüthlichen Umgang mit Freunden zu erfrischen, besuchte Möser alljährlich Pyrmont, allem er nahm keine Bäder, zumal er einem einzigen unvorsichtigen kalten Bade ein Uebel zuschrieb, das die Jahre ihm brachten, und dem Pyrmontcr Wasser thut er auch keinen Abbruch, denn er trank kcins. Mit heiterer Ruhe gab er, als er das nahen des Todesengels fühlte, den Auftrag, seiner kindlich treuen Tochter für alle ihre ihm zugewendete aufopfernde Liebe zu danken, und entschlief im eigentlichsten Sinne des Wortes sanft und ruhig, wie ein ächter Weiser. Osnabrück, Justus Möser's Vaterstadt, hat ihm ein ehrendes Denkmal errichtet. Moritz, Herzog und Kurfürst zu Sachsen Geb. d. 21. März 1521, gest. d. 9. Juli 1555. Dieser in der deutschen Geschichte, wie in der Geschichte der Reformation bedeutende Fürst wurde zu Freiberg geboren; er war der Sohn Herzog Heinrich des Frommen und der Prinzessin Katharina von Mecklenburg. Die Erziehung des Prinzen war eine bildende, standesgemäße, doch mehr höfische als gelehrte, theils bei seinem Oheim, dem Herzog Georg, theils bei seinem Pathen, dem Prachtliebenden Cardinal und Kurfürsten Albrecht von Brandenburg, von dessen Hofe zu Mainz er sich später zu seinem Vetter, dem Kurfürsten Johann Friedrich den Großmüthigen, nach Torgau begab, unter dessen liebevoller Leitung er seine Bildung vollendete. An des Kurfürsten Hofe lernte Moritz die Männer der Reformation kennen, in deren Mitte er bald genug stehen sollte, und Luther, vom Kurfürsten befragt, was er von dem jungen Prinzen halte, hob warnend den Finger und sprach: «Hütet euch, einen jungen Löwen zu erziehen!» Die Spaltung, die um der Glaubenslehren Willen im Fürstenhause Sachsen stattfand, konnte des Prinzen Gemüth nur unangenehm berühren, indeß entschädigte ihn die Freundschaft, die er zu dem Hessenfürsten Landgraf Philipp den Großmüthigen trug, mit der dieser den jungen Sachsenprinzen selbst beehrte, und welche so weit gedieh, daß Moritz, im 20. Jahre stehend, und gegen seiner Aeltern Willen, sich mit der Tochter des Landgrafen, Agnes, verlobte und am 9. Jan. 1541 vermählte, wodurch ein nicht geringes Zerwürfniß zwischen den beiden sonst eng befreundeten und verschwägerten Höfen entstand; Philipp von Hessen hatte ja selbst die Tochter Herzog Georg des Bärtigen zur Gemahlin. Indessen kam bald Versöhnung und Ausgleichung zu Stande. Noch in demselben Jahre starb Herzog Heinrich und Moritz wurde mit 20 Jahren Regent der sächsisch-albertinischcn Lande. Als solcher suchte er, nachdem er das Erbe nach Verträgen und Rechten mit seinem jüngeren Bruder August getheilt, für das Wohl seines Landes heilbringend zu wirken, und machte durch segensreiche Stiftungen seinen Namen in Sachsen unvergeßlich. Kraftvoll und eifrig für die Begründung der neuen Lehre wirkend, suchte Herzog Moritz derselben durch Errichtung tüchtiger Schulen festen Halt und Boden zu gewinnen, und so wurde er der Stifter der Fürstenschulen zu Pforta, zu Meißen und zu Mcrscbnrg, auch hab er durch reiche Begabungen die Universität zu Leipzig. Dem Schmalkal- dischen Bunde beizutretcn, hielt Moritz noch zur Zeit, so sehr er mit Eifer an der evangelischen Lehre hing, nicht für angemessen, und eine Urkunde, welche auf seinen Zutritt deutet, blieb unvollzogen. Es trat aber gleichwohl durch Moritzens Anschließen an Philipp von Hessen zwischen letzterem und dem Kurfürsten Johann Friedrich zu Sachsen eine der Bundessache keineswegs forderliche Spannung ein, die noch durch die kurze Wurzencr Fehde vermehrt wurde. Philipp von Hessen legte letztere friedlich und gütlich bei, und dann leistete ' Herzog Moritz dem Könige Ferdinand in dem Kriege gegen die Türken persönlichen Zuzug, indem er sich mit einem stattlichen Heere unter die Fahnen des Kurfürsten Joachim von Brandenburg stellte, der als Ober- feldherr das Reichsheer befehligte. Gegen Ende des MonatS Juni 1842 traf er im Feldlager bei Wien ein und bestand auf dem weiter ostwärts sich fortsetzenden Feldzuge manche drohende Gefahr, namentlich vor Pesth, wo er mit seinem Diener Reibisch von den Seinen getrennt, von einem ausgefallenen Türkenhaufen umzingelt, nur durch Rcibisch's Opfertod und die eigene Tapferkeit gerettet wurde. Der Feldzug endete rühmlos, und Moritz kehrte im Oetober 1542 wieder nach Sachsen zurück. Jetzt brach der neue Krieg Franz I. gegen Carl V. aus, und Moritz, der auf die Gunst des Kaisers ein hohes Gewicht zu legen begann und schon jetzt aus der Zwietracht unter den Fürsten des Schmalkaldischcn Bundes Folgerungen für die Zukunft machte, ließ sich gern herbei, am Kriege gegen Frankreich Theil zu nehmen, um so mehr, als ihm vom Kaiserhofe aus geschmeichelt wurde und man es verstand, sein Herz mit Hoffnungen künftiger Große zu nähren. Moritz war bei der fruchtlosen Belagerung von Landreep, führte im Jahre 1544 dem Kaiser 1200 Pferde zu, Reiter und Geschütze, und nahm Vitrp ein, zeichnete sich auch vor St. Dizier aus. Nach der Rückkehr aus Frankreich führte Moritz ein Heer gegen den Herzog Heinrich von Braunschweig und half diesen mehr durch einsichtsvollen Rath als durch Waffengewalt zur Unterwerfung bringen. Im Jahre 1546 reiste Moritz zum Reichstag nach Regensburg, um sich dem Kaiser persönlich vorzustellen und seine Ansprüche auf die Stifter Magdeburg und Halberstadt zu betreiben. Letzteres gelang zu seiner völligen Befriedigung, aber es erfolgte ungleich wichtigeres; Moritz wurde von dem Kaiser völlig gewonnen und es legte dieses persönliche Zusammentreffen den Grund zu den folgereichsten Ereignissen der nächsten Zukunft. Dem Schmalkaldischcn Bunde war der Herzog nun entrückt; auf fernere Ncligionsreformen in seinen Landen verzichtete er; diese sollten den Kirchenversammlungen anheim gegeben bleiben; als Belohnung gethaner nnd künftiger Dienste sollte Moritz jährlich vom Kaiser 5000 Gulden beziehen. Die Hauptfrucht all dieser Abhängigkeit, in die sich der Sachscnherzog aus freiem Willen zum Kaiser stellte, war die, daß Moritz gegen die nächsten Blutsverwandten, seinen Schwiegervater, den Landgrafen und seinen Oheim, den Kurfürsten, die Waffen tragen mußte, daß er ein Hauptwerkzeug zur Unterdrückung der evangelischen Freiheit wurde und daß er zur Züchtigung der «ungehorsamen Reichsfürsten» niit Vollzug der gegen dieselben unterm 20. Juli 1546 ausgesprochenen Acht vom Kaiser beauftragt wurde. Es gingen zwar der Achtvollstreckung noch zahlreiche diplomatische Verhandlungen vorher, allein Schluß und Ausgang war die Schlacht bei Mühlberg, die Gefangen- nehmung Johann Friedrichs und später die treulose Philipp's, beider Reichsfürsten schmähliche nnd lange Haft und die Uebertragung des Kurhutes von Sachsen auf das Haupt des Siegers über Ohm und Schwiegervater, wobei der erstere der feierlich zu Augsburg auf freiem Platze vollzogenen Belohnung Moritzens mit der Kur selbst zuzusehen, auf daS schimpflichste gezwungen ward. Mehr als die Hälfte der deutschen Nation sprach dem neuen Kurfürsten von Sachsen das Urtheil; Schmach- lieder und Schandbildcr auf ihn erfüllten die Märkte. Die Theilnahme aller redlich gesinnten lenkte sich den unglücklichen gefangenen Fürsten zu, während der Kaiser und seine pfäffischen Rathgcber den Sieg über die protestantische Partei dahin zu benutzen strebten, Rechte und Freiheiten der gesammten deutschen Fürsten völlig zu Boden zu drücken und zu vernichten. Endlich gingen dem Kurfürsten Moritz die Augen auf — er wandte sich gegen den Kaiser, schloß Bündniß mit Frankreich und führte ein starkes Heer gegen Carl, den er bis nach Tyrol verfolgte und beinahe gefangen nahm. Die gefangenen Fürsten wurden nun befreit, aber die Kur behielt Moritz. — Nach einem abermaligen Türkcnzuge zog der Kurfürst gegen den kampflustigen Markgrafen Albrecht von Brandenburg-Kulmbach, schlug diesen in der Schlacht bei Sievcrshausen und starb an einer empfangenen Schußwunde. Sein Bruder August wurde Erbe der Kur. Joh. Chrysost. Wolfgang Amadeus Mozart. Geb. d. 27. Jan. 1756. gest. d. 5. Dec. 1791. Die Beweise, welche Mozart seit seinem dritten Jahr von dem feinsten Gehör und einer außerordentlichen Geschicklichkeit musikalische Ideen aufzufassen und zu produciren gab, würden unglaublich scheinen, würden sie nicht durch glaubwürdige Berichte bezeugt und durch die spätern Erfolge gerechtfertigt. Schon in seinem sechsten Jahre konnte der Vater, der bei nicht gemeinen Anlagen und durch große Anstrengungen es bis zum Vicekapellmeister des Erzbischofs von Salzburg gebracht hatte, ihn mit seiner fünf Jahr altern Tochter, die ebenfalls hervorragendes Talent besaß, auf einer Reise nach München und Wien zum allgemeinen Erstaunen als einen ausgezeichneten Clavierspieler produciren. Auf einer kleinen ihm dort geschenkten Geige sing er tändelnd an zu spielen und brachte es auch auf diesem Instrument bald zur Virtuosität. Bei stets gesteigerten Fortschritten — denn der lebhafte, bewegliche Knabe hatte nun für gar nichts mehr Sinn als für Musik — unternahm der Vater 1763 mit beiden Kindern eine längere Reise und kehrte mit ihnen, die nun einen europäischen Ruhm erlangt hatten, 1766 nach Salzburg zurück. Bereits unterwegs hatte Wolfgang seine ersten Kompositionen drucken lassen, und als er 1768 mit dem Vater nach Wien reiste, mußte er im Auftrag des Kaisers Joseph eine Oper la finla semplico componiren, und dirigirte eine zur Einweihung des Waisenhauses von ihm componirte geistliche Musik. Schon im folgenden Jahr wurde er Concertmeister in Salzburg und reiste 1769 nach Italien, wo damals ncch der Musiker seine Weihe und die Bestätigung eines sonst erworbenen Ruhms erlangen mußte. Der enthusiastische Beifall der entzückten Italiener empfing seine Leistungen und er erhielt den Auftrag für Mailand die Oper Mitridale zu componiren. In den folgenden Jahren schrieb er ebenfalls für Mailand die Opern in -Alm und Lucio Silla, la finta giardiniera und die beiden Gelegenheitsopern il sogno di Scipione und il re pastore. Uebrigens waren dieses Jahre ernsten und unablässigen Studiums, durch welches er sich vollständig in den Besitz aller Mittel seiner Kunst setzte. Der größte Theil seiner Kirchencompositionen und Instrumentalwerke ist in diesen Jahren entstanden. Aber bei allem Beifall blieb er doch in einer unwürdigen Lage, kleinlichen und erniedrigenden An- forderungen fortwährend ausgesetzt. Einer solchen Behandlung mnde, nahm er im I. 1777 seinen Abschied und trat eine Kunstrcise an, um, wenn es ihm in Deutschland nicht glücken sollte, in Paris sich Ruhm und Geld und von da aus eine Stellung zu erwerben. Da der Vater seinen Posten nicht verlassen konnte, ließ er die Mutter mit dem Sohn reisen, den er allein nicht in die Welt zu senden wagte. Froh seiner Freiheit lief der Jüngling in die Welk, der er in argloser Gutmüthigkeit vertraute, wie sehr ihn auch der erfahrene Vater warnte, seiner Stellung in der Kunst und seiner Erfolge ohne alle Ueberhcbnng sich bewußt, jugendlich heiter bis zur Ausgelassenheit, nur ernst und entschieden wo es die Kunst galt, offen und zugänglich, lebhaft und zum Spott geneigt, aber ohne alle Anlage für Wirthlichkeit — da tonnten harte Erfahrungen nicht ausbleiben. Nachdem er in München durch Versprechungen lange hingehalten war, ging er nach Mannheim, um dort dasselbe zu erfahren. Hier fesselte ihn eine lebhafte Neigung für eine junge Sängerin Alopsia Weber; der Wunsch sie zu besitzen rief Pläne hervor, wie sie ein leidenschaftlicher Jüngling macht. Es bedurfte der ernsten Aufforderung des Vaters ihn zur Reise nach Paris zu bewegen. Allein auch hier schlugen seine Erwartungen fehl. Das Interesse, das man für das Kind gehabt, wollte sich jetzt nicht erneuern; sich Gunst zu erschmeicheln verstand er nicht, und durch Unterricht sich seinen Unterhalt zu sichern, widerstrebte seiner Statur. Um seine Lage vollends unerträglich zu machen starb seine Mutter, die zwar keinen nachhaltigen Einfluß auf ihn geübt hatte, aber herzlich von ihm geliebt war. Als daher von Salzburg, wo man ihn doch sehr ernstlich vermißte, die Berufung zum Hof- und Dom-Organisten mit freierer Stellung und erhöhtem Gehalt an ihn erging, entschloß er sich, da sein Vater sehnlich wünschte ihn in einer gesicherten Stellung und in seiner Nähe zu sehen, dieselbe anzunehmen und er reiste, ungern und langsam, nach Salzburg zurück. In München sah er seine Alopsia wieder, fand aber ihre Steigung für ihn erkaltet, und so mußte er auch diese Wunde mit nach Hause bringen (1780). Stock; im selben Jahr bekam er den Auftrag für Müncben die Oper Ickomonoo zu schreiben, welche er dort im Januar 1781 mit außerordentlichem Beifall auf die Bühne brachte. Mit diesem Werk war der große Künstler vollendet. Im Genuß wohlverdienten Ruhmes, unter treuen Freunden verlebte Mozart in dem lebenslustigen München frohe Tage, als ihn der Erzbisckwf zu sich nach Wien berief. Hier wurde er nicht als Künstler sondern als Diener angesehen, und sah sich einer unwürdigen Behandlung, ja gemeinen Beleidigungen ausgesetzt, so daß Mozart um seine Ehre zu wahren seinen Abschied nehmen mußte. Er blieb in Wien, wo er zunächst als Klaviervirtuose sich geltend machte und durch Coneerte und Unterricht seinen Unterhalt sicherte. Kaiser Joseph aber, der auf ihn aufmerksam war, übertrug ihm für die unlängst von ihm begründete deutsche Oper die Komposition der „Entführung aus dem Serail" (1781). Glücklich sich in seine Sphäre versetzt zu sehen vollendete er mit einem wahren Feuereifer diese Oper, welche von vortrefflichen Sängern ausgeführt das Publiennp entzückte. Dennoch erhielt Mozart keine neuen Aufträge; man ließ die deutsche Oper verfallen, bis sie endlich der italienischen wieder Platz machen mußte. Neid, Mißgunst und Verläumdnng, welche Mozart, der freilich nicht das Muster eines ordentlichen Haushälters war, als einen ausschweifenden Lüstling schilderte, fand besonders durch Salieri Eingang beim Kaiser Joseph und selbst Glauben und Verbreitung bis über Mozarts Grab hinaus. Um dieselbe Zeit verheirathete er sich mit Constanze Weber, einer jüngern Schwester der Alopsia, mit welcher er eine glückliche Ehe führte, wie er denn in allen Verhältnissen ein zartes, liebevolles Herz bewährte. Wie groß auch Mozart's Ansehen bei Künstlern und Kennern war, so hat er doch in Wien bei Lebzeiten keine allgemeine Anerkennung gefunden. „Die Hochzeit des Figaro", durch den unerschöpflichen Strom heiterer Laune, feine und geistreiche Charakteristik und meisterhafte technische Behandlung die erste komische Oper der Welt, gefiel 1786 so wenig als 1790 Losi kau tutts, Der Beifall, welchen Figaro in Prag erhielt, veranlaßte ihn für Prag 1787 den Don Juan zu schreiben, der als die Oper der Opern anerkannt ist, in Prag mit Enthusiasmus aufgenommen, in Wien nach der dritten Aufführung bei Seite gelegt wurde. Unglaublich ist die Fruchtbarkeit, mit welcher Mozart in 10 Jahren seines Aufenthalts in Wien eine Fülle von Kompositionen aller Gattungen, für Gesang, Orchester und Soloinstrumcnte hervorbrachte, die fast alle nicht nur selbständigen Werth als Kunstwerke haben, sondern einen wesentlichen Fortschritt der Kunst bezeichnen. Auch als Virtuos auf dem Klavier behauptete er den ersten Rang, wie er noch in den Jahren 1789 und 1790 auf mehreren Kunstreisen bewährte, die hauptsächlich unternommen waren um seine äußere Stellung zu verbessern. Eine sorgenfreie Eristenz hat er nie erreicht, oft sogar mit Sorgen zu kämpfen gehabt, und doch konnte er sich nicht entschließen, Wien und seinen Kaiser zu verlassen, als ihm in Berlin ein glänzendes Anerbieten gemacht wurde. Erst auf dem Todbett wurde ihm die Organistenstellc am Dom in Wien übertragen, die ihm ein sicheres unv genügendes Auskommen gegeben hätte. Die größte Kraft und Fülle seiner Production aber ist in das letzte Jahr seines Lebens zusammengedrängt. In diesem schrieb er zur Krönung des Kaisers Leopold für Prag den Titus, eine glänzende Gelegenheitsoper, die Zau- bcrflöte, welche seinen Ruhm auch unter den Unmündigen und Kindern verbreitete und von außerordentlicher Bedeutung als die erste große deutsche Oper ist, und das Requiem, vom Grafen Walsegg bestellt unter Umständen, die eine Zeitlang einen mystischen Schleier über dasselbe gebreitet haben, und über dessen Vollendung ihn der Tod am 6. Dec. 1791 ereilte. Johannes von Müller. Geb. d. Jan. 1752, gest. d. 29. Mai 1809. bedeutender Historiker, geschätzt wegen seiner Gründlichkeit und Stylgcwandtheit, daher als geschichtlicher Stylist lange mustergültig, ja mehr als das, selbst bewundert und von großem Einfluß auf jüngere Lernende, die zu ihm gleichsam wie zu einem unübertreff- baren Meister in der Geschichtswissenschaft aufblickten. Er wurde zu Schafhausen geboren, wo sein Vater Prediger war und eine verständige geistesklare Mutter, die sich mit Vorliebe der Geschichte hingab, seine erste Erziehung leitete; auch der Großvater mütterlicher Seits, Johannes Schoop, trug dazu bei, den für Geschichte besonders befähigten Knaben anzuregen und seinem Talente geistige Nahrung zu geben. Im Jahre 1769 wurde Müller nach der Hochschule Göttingen entsendet, um dort Theologie zu studiren, wo aber Schlözer's nähere Bekanntschaft das ihre beitrug, die wissenschaftliche Richtung des jungen Studirenden völlig zu bestimmen und ihn der Geschichtforschung zuzulenken. Im Jahre 1772 ließ Müller eine «Beschreibung des cim- brischen Krieges« erscheinen, die sehr beifällig aufgenommen ward, und übernahm, in seine Vaterstadt zurückgekehrt, eine Professur der griechischen Sprache am Gymnasium. Im folgenden Jahre befreundete sich Müller sehr innig mit Bonstetten und anderen namhaften Schweizer Gelehrten, und ersterer vermochte ihn, der Geschichtschreiber des Schweizervolkes zu werden, wozu Müller bereits sehr gründliche Vorstudien gemacht hatte. Auf Bonstetten's Anregung machte Müller einige vorbereitende Reisen, kam dann auf jenes Verwendung nach Genf, wo er Hauslehrer bei dem Staatsrath Jacob Tronchin Calendrini wurde, und lebte einige Zeit im Hause des ihm eng befreundeten Naturforschers Bonnet, abwechselnd auch auf den Landgütern Bon- stetten's und beim Generalprocurator Robert Tronchin, durch dessen Erfahrung ihm mancher Einblick in die tieferen Geheimnisse der Staatskunst zu Theil wurde; auch mit Voltaire schloß er Bekanntschaft. Müller arbeitete Vorlesungen über allgemeine Geschichte aus, welche er in französischer Sprache hielt und später unter dem Titel: «Vierundzwanzig Bücher allgemeiner Geschichte» deutsch herausgab. Gleichzeitig bearbeitete er eine Geschichte der Landschaft Saanen und den ersten Bmid seiner «Geschichte der schweizerischen Eidgenossenschaft», welche 1780 zu Bern im Druck erschien. Große Steigung, gestützt auf das Bewußtsein seiner Verdienste, Akademiker zu werde», bewogen Müller, nach Berlin zu gehen, wo ihm allseits ehrenvolle Aufnahme wurde, aber die königliche Academie der Wissenschaften erfüllte seinen Wunsch nicht und er fand auch keine Anstellung, außer dem Anerbieten, ein Schulamt zu übernehmen. Wenig befriedigt und in seinen Hoffnungen getäuscht, wandte sich Müller nun nach Halbcrstadt, wo Vater Gleim mit gewohnter Herzlichkeit ihn gastlich aufnahm, und bald darauf wurde ihm die Professur der Geschichte am Carolinum zu Kassel übertragen. Zu dieser Zeit ließ Müller mehrere kleinere Werke in französischer Sprache erscheinen und gab 1782 die «gleisen der Päpste» heraus, in denen er der Hierarchie das Wort redete und sich zahlreiche Freunde unter den Römlingen gewann. Er empfing den NathStitel und die Stelle eines UntcrbibliothekarS in Kassel, verließ aber 1783 diese Stadt und seine Stellen wieder, um in der Schweiz, den Quellen nahe, sein geschichtliches Hauptwerk zu vollenden. Er arbeitete den bereits erschienenen ersten Band um und reihte diesem nun die folgenden Bände an, folgte nächstdem 1786 einem Rufe als Hofrath und Bibliothekar nach Mainz und verfaßte mehrere publieistische Schriften. Der Kurfürst von Mainz, Friedrich Carl Joseph, sandte den in Staatsangelegenheiten wohlerfahrenen Gelehrten 1787 nach Rom und ernannte ihn nach zufriedenstellender Vollendung dieser Mission zum geheimen Legarionsrath, bald darauf aber zum geheimen Confcreuzrath mit Sitz und Stimme im kurfürstlichen Cabinet. Als Zwischenarbcit erschienen von Btüll er 1787 die «Briefe zweier Domherren«. Stach einer glücklich besiegten Krankheit, von welcher er im Jahre 1780 in Folge allzugroßer geistiger Anstrengung überfallen wurde, wohnte er 1700 der Kaiser- krönung Lcopold's in Frankfurt a. M. bei und empfing ehrende Anträge nach Wien und nach Berlin. Der Kurfürst von Mainz aber suchte den höchst brauchbaren Btann, dem jetzt die Ernennungen als Akademiker aus Erfurt, Mannheim u. s. w. gleichsam zuströmten, au seinen Hof zu fesseln, und ernannte ihn zum geheimen StaatSrath, Referendar und Direktor der kurrhcinischen Krcisarchive. so wie er Sorge trug, daß Johannes Müller unter dem Namen Edler von Müller zu Syl- vclden in den Neichsritterstaud erhoben wurde. Der Ausbruch der französischen Revolution vertrieb den Kurfürsten auS Mainz, welche Stadt durch ihre Klubisten dem Aufruhrgeist sich in die Arme warf, das heillose Treiben der Rcvolutionsmänuer gut hieß und in ihm den Anbruch einer neuen glücklichen Aera erblickte. Johannes von Müller sollte auch Theil nehmen an der neuen Volksbeglückung und au die Spitze der französische» Verwaltung treten, er dankte aber für diese zweideutige Ehre und begab sich nach Wien, wo man ihn mit Freuden empfing und ihn alsbald zum k. k. wirklichen Hosrath ernannte und bei der geheimen Hof- und Staatskanzlei eine Anstellung gab. Johannes von Müller verfaßte in Wien mehrere politische Flugschriften, ließ 1705 die zweite Abtheilung des dritten Bandes seiner Schweizergeschichte erscheinen und wurde Mitarbeiter der Maischen Literaturzcitung. Einen Antrag von Seiten seiner Vaterstadt Schafhausen, dort im obersten helvetischen Gerichtshof eine Mitgliedstelle einzunehmen, lehnte er ab, legte aber auch sein Wiener StaatSamt nieder und wurde im Herbst 1800 erster Custos der kaiserlichen Bibliothek, ein Amt, das ihm ruhige Müsse zum weiterarbeiten zu gewähren verhieß, ihm aber durch collegiale Unliebenswürdigkeiten genugsam verleidet wurde. Im Jahre 1804 erfolgte der früher gehoffte Ruf als Mitglied der Berliner Akademie und zum Historiographcn des Hauses Brandenburg mit dem Titel eines geheimen KriegsrathcS nach Berlin, und Johannes von Müller leistete diesem Rufe freudig Folge, verfaßte mehrere academischc Schriften, übernahm die Besorgung der Herausgabe der Werke v. Herdcr's, widmete sich wieder seiner Schwcizergeschichte, und begann, einem höchsten Auftrag zu Folge, eine Geschichte König Friedrichs II. von Preußen, dessen Ruhm er in einer Rede vor der Akademie dadurch zu verherrlichen suchte, daß er ihm Napoleon an die Seite setzte. Die Stimmung in Preußen, die Zeit (Januar 1807), Napoleon als Preußens, als Deutschlands Erbfeind und Unterdrücker — und der hochherzige edle Heldcnkönig — es konnte nicht anders sein, als daß diese Parallele als eine unverzeihliche Taktlosigkeit erschien und man nicht Anstand nahm, dieß den sonst trefflichen Historiker fühlen zu lassen. Dadurch verletzt, verließ Johanes von Müller Berlin, und folgte einem Rufe des Königs von Würtembcrg als Professor an der Hochschule zu Tübingen — er gelangte aber nicht dorthin, sondern Napoleon ließ ihn nach Fon- taincbleau berufen und nöthigte ihn, Minister-Staats- Seeretair von Westphalen zu werden, und als er auf vieles Bitten 1808 von dieser Stelle entbunden wurde, ward er zum Staatsrath und Generaldirektor des öffentlichen Unterrichts ernannt. Alle diese ihm nicht zusagenden Aemter, Mißmuth, Sorgen und Schulden u. dgl. untergruben Johann von Müller's Gesundheit und kürzten endlich seine Tage, und so schied in ihm ein hochbegabter Geist, dessen Charakter von Wahrheitsliebe unv Menschenfreundlichkeit getragen war, der mit großem umfassenden Wissen einen eisernen Fleiß verband und diesen, wohin ihn auch sein bewegtes Leben führte, überall entfaltete. Johannes von Müller starb in Kassel, auf dessen Friedhof König Ludwig von Bayern ihm ein ehrendes Denkmal errichten ließ. //F Sebastian Münster. Geb. 1489, gest. d. 23. Mai 1532. Ein Zeitgenosse der Reformatoren/ als Theolog wie als Mathematiker gleich groß und bedeutend, brach Münster nach der ersteren Richtung als hebräischer Sprachforscher, nach der letzteren als erster deutscher Geograph und Weltbeschreiber sich anregend und fordernd und den noch beschränkten Kreis cosmographischcn Wissens erweiternd, eine glänzende Bahn und ist darum unvergessen. Münsters Geburtsort war Jngelheim in der Pfalz; seine Abstammung und sein Jugcndleben sind mit Dunkel überhüllt. Die akademischen Studien scheint Münster in Tübingen begonnen und vollendet zu haben, wo der berühmte Mathematiker Johann Stoffler sein Lehrer war. Er trat in den Franciskanerorden und befleißigte sich mit größtem Eifer des Studiums der hebräischen Sprache. Indem Münster so durch sich selbst unv des Sprachstudiums halber aus den Urquellen schöpfte, konnte es nicht fehlen, daß seine Seele für die evangelische Wahrheit vorbereitet und empfänglich wurde, welche in der Zeit seiner Jünglingsjahre die erleuchteten Begründer der Kirchenverbefferung verkündeten; er trat daher aus seinem Orden Und neigte sich dem Bekenntniß der süddeutschen und Schweizer-Theologen zu; dann begab er sich nach Heidelberg und errichtete dort einen Lehrstuhl der hebräischen Sprache und Theologie. Nachdem Münster dort eine Zeitlang als öffentlicher Lehrer gewirkt hatte, traf ihn sammt seinem in Heidelberg erworbenen Freund Simon Grp- näus im Jahre 1529 ein Ruf nach Basel, dem beide Folge leisteten, und dort begann nun Münster seine durch eine lange Reihe von Jahren hindurch fortgesetzte nützliche Thätigkeit als Professor, als Sprachforscher, als Theolog, als Mathematiker, Geograph nnd Cos- mograph. Münster, Capnio und Pellican waren die ersten drei öffentlichen Lehrer der hebräischen Sprache in Deutschland; noch gab es keine gedruckte hebräische Bibel — Münster leistete den zahlreichen Juden wie den christlichen Theologen diesen großen und wichtigen Dienst; er gab eine Bibel mit jüdisch-deutschen Lettern und lateinischen Anmerkungen heraus; sie erschien zu Basel in 2 Foliobänden. Eine chaldäischc Grammaiik und ein lateinisches Wörterbuch der hebräischen und chaldäischen Sprache war bereits 1527 von ihm erschienen. Die theologische Literatur bereicherte Münster durch die Herausgabe des in die hebräische Sprache übertragenen Evangeliums des Matthäus mit den Anmerkungen des berühmten spanischen Nabbinen Abraham bar Nabln Meir ben Esra (kurz Abcn Esra), der auch Theolog und Mathematiker zugleich war und dessen Schriften Münster cisrig studirte. Die hebräischen Texte der Bibel gab Münster lateinisch heraus, übersetzte die jüdischen Geschichten des Josephus aus dem griechischen llrtert in das lateinische, anderer theologischen und linguistischen Werke nicht zu gedenken. Als Mathematiker veröffentlichte er ebenfalls mehrere Schriften, schrieb auch eine Geschichte Deutschlands; sein Hauptwerk aber, das er mit unsäglichem Fleiß zusammenbrachte, war die 1544 zuerst erscheinende «Cosmo- graphey», welche weit und breit berühmt wurde, überall den größten Beifall fand, in vielen Auflagen nach einander erschien, die der fleißige Autor stets verbesserte, und welche, nachdem sie in lateinischer und deutscher Sprache erschienen war, in französischer, englischer, italienischer und sogar böhmischer Nebersetzung herausgegeben wurde. Münster leistete in diesem Werke für seine Zeit das unglaubliche; die Mühe, welche es ihm gemacht, deutet er im Vorwort an; dankbar führt er auch die lange Namenrcihe derer auf, die ihn gefördert, unter ihnen berühmte Männer, Fürsten, Erzbischöfe und Bischöfe, Grafen, Reichsfreiherrcn und Gelehrte. Das einen starke» Folianten bildende Werk wurde mit zahlreichen Holzschnitten, Städteabbildungcn u. dgl. versehen, die der Herausgeber überall her erbat, aber deren, wie er in der Vorrede klagt, nur wenig erhielt, oft aus Mangel an Malern; die italienischen Maler rühmt er als vorzüglich geschickt im Zeichnen der Städte. Von den deutschen Künstlern, die Münster bei seinem Werke beschäftigte und auch dadurch sich ein Verdienst erwarb, sind Hermann Rudolf Emanuel Deutsch, David Kändler und Christoph Maurer vorzugsweise zu nennen; vor allem aber ist nicht zu verschweigen, daß selbst die Holbeinffche Schule bei diesem Werke betheiligt erscheint, indem eine Menge derselben von den Kunstforschern zugeschriebenen genialen und künstlerisch werthvollcn Titeleinfassungcn, die unverkennbar holbein'schen Einfluß, wo nicht holbcin'sche Verzeichnung beurkunden — die «Cosmographey» zieren. Münster theilte mit seinem großen Landsmann Holbcin, nur 2 Jahre früher, den gleichen Tod. Eine in Basel ausgebrochenc Pest raffte ihn hin, doch er hatte nach des Dichters Ausspruch «dem besten seiner Zeit genug gethan», und darum hat er gelebt für alle Zeiten. — Seine Grabschrift rühmte ihn als den Esra und Strabo der Deutschen. V/// ///) Johann Carl August Musäus. Geb. 1732, gest. d. 28. Oct. 1787. ^Eusäus war eine gemüthliche Dichternatur, voll Humor und Laune, voll Witz und Liebenswürdigkeit, selbst Satiriker — aber ohne zu verwunden, und wurde der Liebling vieler, obschon er nur als bescheidener Stern neben den Sternen erster Größe an Weimars Poetenhimmel glänzte. Musäus wurde in Jena geboren, wo sein Vater Landrichter war, jedoch später als Rath und Amtmann nach Eisenach versetzt wurde. Den Sohn nahm ein Verwandter, Superintendent Weißenborn in All- städt, zu sich, und das Geschick fügte es, daß auch letzterer als Gencralsuperintendent nach Eisenach berufen wurde, wo nun der Knabe vorn 9. bis zum 19. Jahre blieb und eine gute Erziehung empfing. Dann ging der Jüngling nach Jena, studirte Theologie, erwarb deren Magistergrad und wurde Mitglied der deutschen Gesellschaft, worauf er, als etwas (in jener Zeit) bedeutendes, großen Werth legte, denn auf Stammbuchblättern, die er in jener Lebensperiode mit einer schrecklich verschnörkelten steifen Kanzleihand mehr malte, als schrieb, unterließ er nie, zu bemerken: D. G. G. M. und der teutschen Gesellschaft das. ordentl. Mitglied. Nach vollendeten Universitätsstudien wurde uun Musäus wohlbetrauter Liuullclstus rsv. klinistern, nach dem Wortlaut des Zopfstyls, predigte auf Dörfern mit Beifall und wäre beinahe Pfarrer geworden, wenn er nicht einmal vom Weltgelüst sich hätte verleiten lassen, in Fischbach oder einem andern Dorfe — zu tanzen. Solchen Pfarrer wollten die Bauern, zu deren Seelsorger Musäus bestimmt war, nicht, nnd es war auch kein Amtmann der Gellert'schen Fabel da, der sie mit einleuchtenden Worten eines besseren hätte belehren können. Musäus wurde nun nicht Pfarrer, sondern Schriftsteller. Es war gerade die Zeit, wo Richardson mit seinem «Grandisou» der Lescwelt die Köpfe verrückte, was stets von Zeit zu Zeit dem glücklichen Griff und Wurf irgend eines oder des andern Dichters zu gelingen Pflegt, ohne daß gerade das in Rede stehende Werk ein ausgezeichnetes zu sein braucht — und Musäus parodirte den Grandison höchst glücklich durch seinen Grandison den zweiten, d. h. glücklich für seine Zeit, denn jetzt dürste es kaum nach einen Leser geben, der nach Grandison I. oder II. irgend ein Verlangen trüge. Mnsäns wurde zum Pagcnhofmcister in Weimar ernannt, ein Posten, dein er ganz gut vorstehen konnte, und erhielt später auch eine Professur am Wcimar- schcn Gymnasium, ertheilte Privatunterricht, nahm Kostgänger in das Haus und führte so ganz das Leben eines Staatsdiencrs, der zum sterben zu viel und zum leben zu wenig Einnahme hat, das Leben von taufenden wackeren, für höheres und besseres berufenen Lehrern, die «das beste, was sie wissen können» — nach Goethe's Anssprnch: «den Jungen doch nicht sagen» dürfen. Zu seinem Glück aber war Mnsäns eine zufriedene, glücklich begabte Natur, bescheiden und genügsam, und liest sich auch durch die ihm später im reichen Maaß zu Theil werdende Anerkennung nicht schwindlich machen. Mit der jovialsten Laune griff er wieder zur literarischen Geisel und persiflirtc in seinen «physiog- nomischcn Reisen» die herrschende Zeitthorheit, die in sich zwar philosophisch wissenschaftliche Begründung habende, aber doch aller Narrheit Spielraum gebende Physiognomik, Lavater's Schooßkind. Ungleich bedeutsamer trat einige Zeit darauf Musaus mit seinen «Volksmärchen der Deutschen» hervor, durch die er einer in Deutschland fast noch neuen Nov ellenform Bahn brach, welche häufigste Nachahmung fand, letztere durch den Beifall geweckt, der der ersteren zu Theil ward. ES mußten Jahrzehnte, ja ein halbes Jahrhundert vergehen, ehe viele sich von der Idee loszureißen vermochten, Musäus habe wirklich Volks-Märchen erzählt. Er nahm einen Märchen- oder Sagcnstoff, den er sich wohl von alten Weibern oder Soldaten mittheilen ließ, schmückte ihn mit Phantasie und Laune, spann ihn inS Weite und Breite, und das gefiel, das galt dem Geschmack der meisten seiner Zeitgenossen wirklich - für Märe und Sage; ja ernährn auch das Wort Legende dazu und gebrauchte dieß im allerfalschesten Sinne, verwirrte damit die Begriffe und regte das Heer der Nachahmer an, es ihm nachzuthun. Alle diese Mißgriffe benehmen aber keineswegs den Dichtungen des jovialen Mannes ihren Werth, letztere behalten immerhin ihre Geltung, und es würde gewagt sein, ihnen ihre Berechtigung abzusprechen. MusäuS weckte doch den Sinn für die Volkspocsie, für Mär' und Sage wieder in der Lese- welt, und das ist kein geringes Verdienst. MusäuS, der zwar in Weimar wohnend, aber auf dem dicht über der Stadt vor dem Kegclthore sich erhebenden Hügel, die Altenbnrg genannt, sich ein ländliches Gartenasyl gegründet hatte, fühlte sich gedrungen, fort und fort zu schreiben; so entstand neben der Theilnahme an der gothaischen Gelehrten Zeitung und der allgemeinen deutschen Bibliothek noch das Buch: «Freund Hein's Erscheinungen in Holbein's Manier (mit Bildern) von I. R. Schellenberg» — ein Buch, das, in die Todentanzliteratur einschlagend, freie Phantasien über Todes-Ueberraschungen enthält, die mehr mit Laune gewürzt, als von Tiefe durchdrungen sind — ferner ein Bändchen «Straußfedern», von andern später fortgesetzt — Moralische Kindcrklapper für Kinder und Nichtkinder nach Monget's IIoLbets moraux, die Musäus aber auch nicht ganz vollendete, vielmehr vollendete er selbst an einem Hcrzpolypen schon im 52. Lebensjahre, sanft und harmlos, wie er gelebt hatte. August von Kotzebue, Musäus dankbarer Schüler und späterer Freund, übernahm es, die nachgelassenen Papiere des Verstorbenen zu ordnen und was davon tauglich erschien, herauszugeben, indem er zugleich eine freundlich anerkennende Charakteristik voranstellte, und cS bot auch diese Sammlung manches unterhaltende und neue, vor allem auch eine schöne, dem Andenken des Verewigten gewidmete Rede Herder's. Vielfach wurde in Schriften der Zeitgenossen anerkennend und wohlwollend der Verdienste und Gaben des Dichters gedacht, und noch mehr des Menschen, denn trotzdem, daß er Humorist und Satyriker war, daß er oft gegen die Gebrechlichkeiten und Schwächen der Gesellschaft die Geisel des Spottes schwang, wollte niemand ihm, dem Wohlwollenden, übel. Er war stets heiter, gemüthvoll, dienstfertig, bescheiden, fast übcrhöflich, zufrieden mit seiner Stellung, die ihm allen Lurus versagte, immer voll Hoffnung auf die bessere Zukunft, die ihm auf Erden freilich nicht kam. Lachend sagte Musäus die Wahrheit, und so that er seinen Zeitgenossen genug. Die Volksmärchen erlebten mehrere Auflagen, eine derselben gab 1806 Wieland heraus, die jüngste derselben Jacobi, mit anmulhigen Küpferchcn von Hose- mann; dann giebt cS auch eine noch spätere illustrirte Ausgabe. Dieselben werden als Unterhaltnngsbuch stets noch ein Publikum finden, nur muß man, wie oben gesagt, sie nicht für eine Sagen- oder Märchen- quellenschrift nehmen, und sonach widerlegt sich von selbst der irgendwo zu lesende Vorwurf einseitiger Kritik, daß Musäus zu den Schriftstellern gehört habe, die nur für ihr Jahrzehcnt arbeiten, wenn auch seine Schreibweise nicht mehr so anspricht, wie früher, da Anschauungen, Verhältnisse, Geistesbildung und Geistcs- richtnng auf andere Stufen getreten sind, als zu seiner noch gemüthlichen und völlig harmlosen Zeit. - Gottlob ltatl>usius. Geb. d. 30. April 1700, gest. d. 23. Zuli 1835. Gottlob Nathnsius, aus einer schwedischen Familie (Nat-Hus, d. i. Nachthaus), von der ein Glied — der Familieutradition nach — zu Dr. Luthers Zeit nach Wittenberg gekommen, dessen Nachkommen dann durch viele Generationen hindurch Predigerstellen im Chursächstschen bekleidet, — wurde zu Baruth sim jetzigen Regierungsbezirke Potsdam) geboren, wo sein Bater chursächs. Steuereinnehmer mit 5 Thlr. 20 Ggr. monatlichem Gehalte war. Nur die besondere Betriebsamkeit einer ebenso frommen als iudustriösen Mutter, die bei ihrer Arbeit mit Heller Stimme die alten Kirchenlieder zu singen Pstegte, machte es möglich, die zahlreiche Familie durchzubringen. Der höchste Wunsch unsres Gottlob war, zu studiren, und um ein Unterhaltsmittel auf Schulen und Universitäten zu besitzen, hatte er sich mit großem Eifer auf die Musik geworfen. Allein die schreckliche Hungerzeit in den 70ger Jahren schnitt ihm jede Aussicht dazu ab, und er mußte in eine harte 6jährige Lehre in einem Berliner Materialladen eintreten, wo er besonders bei seiner Schwächlichkeit, Armuth und seiner anerzogenen Gewissenhaftigkeit, die den bösen Schlichen der älteren Genossen widerstand, viel zu leiden hatte. Doch erwarb ihm diese, als sie an den Tag kam, die Zuneigung des Principals. — Die Makulatur, woraus er Tüten drehen mußte, studirte er, um sich zu bilden, sowohl in Bezug aus Inhalt als St»l durch (Gelierten bekannte er in letzterer Beziehung das meiste zu verdanken, und der Erwerbung einer leichten und natürlichen Schreibart statt des verschrobenen Geschäfts- styles verdankte er nachmals sein erstes Fortkommen). Das Frühstück versagte er sich und kaufte von den gesammelte» Dreiern, die er dazu erhielt, Bücher beim Antiquar. Heimlich des Nachts machte er sogar chemische Erperimente, und neben dem dürftigen Tütchenverkanf der Wirklichkeit führte er endlich eine ausgedehnte ideale Handlung mit selbsterlerntcr doppelter Buchhaltung und mit fingirten Speculationen und Korrespondenzen in alle Weltgegenden. Und so geschah es, daß er unmittelbar aus diesem Detailgeschäftc, und erst 2ä Jahr alt, einen Ruf als erster Buchhalter an ein angesehenes Magdeburger Handelshaus erhielt. — Sein neuer Principal starb bald darauf kinderlos und verordnete, daß sein kaufmännisch ungebildeter Schwager Richter mit Nathnsius zusammen das Geschäft übernähme, dessen Rechnungswesen übrigens in großer Unordnung war. Als Nathusius nach einem Jahre die Bilanz zog, fand er, daß er eigentlich eine bankerotte Handlung übernommen hatte. Ein hitziges Fieber, das ihn dem Tode nahe brachte, war die Fol^e dieser stillen Entdeckung. Ein alter Nachbar, an den er sich m der Verlegenheit wandte, borgte ihm auf den Schimmer der einsamen Hampe, den er so oft in später Nacht von Nathusius Comtoire bemerkt hatte, und das Geschäft kam bald in Schwung. Nathusius verband damit eine Tabaksfabrik, indem er ein ganz neues, auf chemische Kenntnisse gegründetes, und dadurch eben einfaches und natürliches Verfahren in diese Fabrikation einführte- und die Firma Richter und Nathusius (die auch nach des ersteren frühem Tode fortdauerte) ward bald auf den Tabakspaketen über ganz Deutschland, ja über dasselbe hinausgetragen. Eine üble Unterbrechung machte im Jahre 1795 die Wiedereinführung der Tabaksregie, bei der er nun als Generalfabrikdirector eintrat, aber bald seinen Abschied nahm, weil er sich mit der ziemlich schlechten Wirthschaft nicht vertragen konnte. Sie fand auch bald ihr Ende in der Wiederaufhebung des Regales nach Friedrich Wilhelms II. Tode. Nathusius leitete die Auflösung als königlicher Commissar, schlug aber den ihm angebotenen Geheimerathsrang aus, und übernahm sein Magdeburger Geschäft nun wieder für eigene Rechnung. Im höchsten Flore traf es der unglückliche Krieg von 1806 und der Tilsitcr Frieden, wodurch Magdeburg zum Königreich Westfalen geschlagen und der Absatz erheblich beschränkt ward. (Soll doch im Preußischen ein Jude sich taufen lassen und dabei den Namen Nathusius angenommen haben, blos um in Eompaguie mit irgend einem Richter die Firma nachzumachen. ) Nathusius ward unter die Westfälischen Rcichsstände nach Caffel berufen und dort zugleich Rathgeber des in steter Verlegenheit befindlichen Finanzministers von Bülow, ohne daß meistens jedoch sein Rath richtig befolgt wäre, und ohne sich auch activ an Manipulationen zu bethciligen, durch die er sich ohneMühe hätte bereichern können. Für bloßes Geld- und Papiergeschäft war er kein Mann. — In Cassel verheirathete sich Nathusius mit einer Tochter des Kriegsraths Engelhard und der als Dichterin zu ihrer Zeit vielgenannten Philippine geb. Gatterer, kaufte das Kloster Althaldcnslcben bei Magdeburg und das daran stoßende Rittergut Hundisburg und zog aufs Land. Hier begann er nun ein neues Leben in großartigen gewerblichen Schöpfungen. Von weit und breit sammelten sich «Genies» aus diesem Fache, die freilich meistens zur Gattung der «verdorbenen» gehörten, um den allen neuen Ideen zugänglichen Mann, unter dessen Seelenvermögen überhaupt (was von einem so bekannten Geschäftsmanne, und der auch selbst nur das «Nützliche» gelten lassen wollte, wunderlich zu sagen ist) die Phantasie das hervorstechendste war. Das wichtigste und unzweifelhaft zeitgemäßeste seiner Unternehmungen war eine Maschinenfabrik im ausgedehntesten Maaßstabe, zu einer Zeit, wo noch keine in Deutschland bestand. Mit großer Energie in Schwung gesetzt, scheiterte sie gänzlich, weil Nathusius selbst gerade von der Mechanik keine ausreichende Kenntniß besaß und der Mechaniker, dem er die Leitung übergab, ei» Schwindler war. Doch blieb auch dies Unternehme» nicht ohne Folge, indem zwei von den Arbeitern, die Nathusius dazu aus England hatte kommen lassen, nun auf eigne Hand eine Fabrik anlegten. — Glücklicher war Nathusius, nachdem er schweres Lehrgeld bezahlt hatte, mit den meisten andern Unternehmungen, die er selbst besser übersehen konnte. Allein meistens hatten sie nur Reiz für ihn, solange es Neues zu ersinnen und auszuführen, Schwierigkeiten zu überwinden gab. Waren sie erst im Gange, so ließ er sie theils wieder eingehen, theils von Beamten so gut es ging verwalten, um sich mit seinem rastlosen Geiste sofort wieder neuen Aufgaben zuzuwenden. So entstand theils nach, theils nebeneinander eine ganze Reihe von Gewerbszweigen: chemische Fabrik, Branntweinbrennerei, Bierbrauerei, Eisengießerei, Kupferhammer, Steiudruckerei, Mahl- und Oel- mühlen, Rübenzuckersiederei, indische Zuckerraffinerie, Stärke- und Kartoffelsyrupsfabrik, Pottaschesiederei, Gppshütte und Fabrik von künstlichem Marmor, Obstwcinkelterei, Nudelfabrik, Essig und Mostrichfabrik, Destillation von Liqueuren und Parfüms, Ziegelei, Töpferei, Steingut- und Porzellan- fabrik, großartige Baumschulen u. s. w. So ward Alt- haldensteben, ohne daß der rastlose Unternehmer aus dem allen in Summa zuletzt irgend einen pekuniären Vortheil gezogen hätte, eine Pflanzschule der Industrie für nähere und weitere Umkreise. Und da daneben auch die neuesten Methoden der Landwirthschaft und Landescultur überhaupt im großen versucht und angewendet wurden, so war es lange Zeit das Reiseziel einer großen Menge von Besuchern aus fast allen europäischen Ländern. Im Sommer war fast täglich offene Tafel, die Nathusius mit der lebhaften und originellen Unterhaltung eines Autodidakten würzte, und bei der es ein Lieblingsgedanke von ihm war, daß alles, was sich aus ihr befand (mit Ausnahme der beiden Artikel: Salz und Glas, die er deshalb gern auch noch in Angriff genommen hätte) eigenes Produkt war. So genoß er den Rest seines Lebens in ländlicher Zurückgezogenheit und in einer glücklichen Häuslichkeit, große Mäßigkeit und Sparsamkeit mit einer noch größeren Freigebigkeit, wo es wohlthätige oder gemeinnützige Zwecke galt, vereinend. Besonders gern unterstützte er junge Leute zu ihrer Ausbildung. Blieb es doch stets sein stilles Bedauern, daß er von seinem eigentlichen Lieblingswunsche, sich einer gelehrten Laufbahn zu widmen, durch die Noth der Jugend verschlagen war. Sein einziger Lurus bestand in einer sehr ins große getriebenen Liebe für die Pflanzenwelt und schöne Gartenkunst. Von dem Charakter des ungewöhnlichen Mannes, der in einer ihm eigentlich fremden Sphäre so Außerordentliches leistete, wäre es schwer ein Bild in wenigen Strichen zu entwerfen: er konnte nach außen streng, ja hart erscheinen, und war doch von der weichsten und sinnigsten Empfindung (eine große Schüchternheit, namentlich auch Höherstehenden gegenüber, hatte er in seiner Jugend nur dadurch überwunden, daß er jeden, der vor ihm stand, ohne Kleider zu denken sich vornahm); — als Mann des Calculs bekannt, kannte er kaum die gangbaren Geldstücke, und steckte er ausnahmsweise einmal Geld zu sich, so wußte er am Abende nicht, wo es geblieben war; — als Vater aller Praris galt er, und konnte kaum behalten, wie lang ein Fuß oder wie schwer ein Pfund war. Keiner Mode folgend, behielt er auch eine stets gleichmäßige und etwas alterthümliche Tracht bis in sein rüstiges Alter bei. Er starb nach längerer Nnterleibskrankheit 75 Jahre alt im Kreise der Seinen. Von 5 Söhnen, die ihn nebst 2 Töchtern aus seiner glücklichen Ehe überlebten, verwalten 4 väterliche Güter, der 5. redigirt ein größeres Unterhaltungsblatt, das (früher Hallische) «Volksblatt für Stadt und Land». Joachim Christian Nettelbeck. Geb. d. 20. September 1738, gest. d. 10. Januar 1821. VLüi deutscher Mann von ächtem Schrot und Korn, l hervorgegangen aus dem Volke und ein Mann des Volkes in jenem schonen und edlem Sinne, der das Volk als den Kern der Nation nimmt, nicht als die begrisfloße Masse; aus dem Volke, das aus ehrenhaften Bürgern, nicht aus entsittlichtem Plebs besteht. Nettelbeck's Geburtsort war Colberg, und diese ost- prenßische Stadt wurde ihm, nachdem er ein vielbewegtes Abenteurerleben in seinen Jngcndjahrcn geführt, das er selbst ausführlich und mit vieler Ehrlichkeit und Heiterkeit in einer Selbstbiographie geschildert hat — zum Hafen wie zum Schauplatz der ehrenhaftesten Thätigkeit. Bis zum reiferen Manncsalter, bis in sein Stiftes Lebensjahr ward Ncttelbcck umgetriebcn, mannichsache Fahrten bestehend zu Land und zu Master. Seemann mit Vorliebe, hatte er in früher Jugend den beschwerlichen Dienst eines solchen gelernt, hatte den Stürmen und den Wellen mnthig gestanden und dem Tod offen in das grauenvolle Antlitz geblickt. Glück und Leid, Lust und Noth fanden ihn stets wacker und unerschrocken auf seinem Posten, mochte er in den Meeren schiffen, l die Europa umstnten, oder im glühenden Brand der Sonne des Wendekreises die Küsten Afrikas umfahren Endlich aber lockte doch die Zaubcrstimme der Heimath allzu unwiderstehlich und es zog ihn, wie den ruhelosen Segler Odpssens zur Heimath, nach Colberg zurück. Dort ergriff Nettelbeck, der unmöglich müssig sein konnte und wollte, den Erwerbszweig eines Destillateurs und zeigte seinen geraden Sinn und seine Recht- schaffenheit den Mitbürgern so nnvcrhüllt, daß ihm von allen Seiten unbegrenztes Vertrauen entgegenkam. Er wurde zum Vertreter der Bürgerschaft und zum Nathsherrn ernannt, und wirkte auch in diesen Ehrenämtern treu und einsichtsvoll, bis ihm Gelegenheit wurde, seinen Patriotismus noch glänzender zu bewähren. Im Jahre 1807 wurde Colberg von den Franzosen belagert, deren siegreichen Waffen damals eine preußische Festung nach der andern sich erschließen mußte. Nicht so Colberg, Nettelbeck hielt es. Der Fcstungs- commandant Lncadon zagte, sprach von Ucbergabe, Nettelbeck verhinderte diese, wandte sich selbst an den König, Lncadon wurde abberufen und der Graf von Gnciscnau an seine Stelle beordert. Gnciscnau und Nettclbcck, der Graf und der Bürger, ein Dios- curcnpaar des einigen Nachruhms! Vereint retteten sie Colbcrg, erhielten Stadt und Festung ihrem Könige. Nettclbcck, kein Jüngling mehr, sondern bereits ein Greis von fast 70 Jahren, durch dessen Adern aber noch JünglingSfeucr fluthete, stand als Bürgcradjutant dem tapfern Commandanten zur Seite, thätig und hülf- rcich nach jeder Richtung hin; da Zagende crmuthigcnd, dort Weinende tröstend, die Kämpfer befeuernd, die Bürger zur Ausdauer und Hoffnung ermahnend. Bald war er auf den Kriegsschiffen, sie geschickt in den Hafen bugsirend, bald bei den Ausfällen, bald beim Löschen der Brände, die des Feindes Bomben in der schwer bedrängten Stadt entzündet, überall der alte Nettclbcck — wie ein hilfreicher Klabautermann der nordischen Küstcnsagcn. Gut und Blut opferte er freudig hin; wenn die Nahrungsmittel ausgingen, Nettclbcck schaffte neue, und wenn den Bürgern der Muth sank, wenn sie unzufrieden mit der langen entsetzlichen Qual einer mit der größten Hartnäckigkeit fortgesetzten Belagerung murrten und zur Uebergabe drängen wollten, da war es immer wieder der alte Nettclbcck, der das Murren zu stillen wußte. Fast aber frommte kein Hoffen mehr, als die Festung selbst in Brand geschossen wurde, und je hoher die Flammen stiegen, der Muth um so tiefer sank, dennoch — immer noch keine Uebergabe. Da schlug endlich die Stunde der Erlösung — der Friede zu Tilsit wurde geschlossen, die Waffen ruhten. Ehre und Anerkennung blieben für den wackern Net- telbeck nicht aus; er empfing zwar keinen Ritterorden, aber doch eine goldene Verdienstmedaille und durfte die Uniform eines königlichen Flotten-Admirals tragen; auch wurde ihm, doch erst von 1817 an — da sein, ohnehin zum größten Theil dem Vaterlandc geopfertes Vermögen schwand, ein Gnadcngehalt von jährlich 200 — schreibe nur zweihundert Thaler, zu Theil. Königshand und -Huld hätte wol noch eine Null ansetzen dürfen, denn Nettclbcck hatte mehr gethan, als mancher Gehcimerath in Berlin. Nettclbcck starb im 86. Lebensjahre und sein Andenken lebt noch heute in dankbarer Erinnerung seiner Vaterstadt und des deutschen Volkes. Äartffold Georg Niebuhr. Geb. d. 27. Aug. 1770, gest. d. 2. Jan. IW1. Sinter der Leitung seines trefflichen Vaters, des berühmten Reisenden Karsten Niebuhr, wurde Niebuhr in Meldorf in Ditmarschen um so sorgfältiger erzogen, je früher sein außerordentliches Fassungsvermögen und sein erstaunenswerthes Gedächtniß schon im Knaben hervortraten. Früh gereift, bezog er, kaum erwachsen, die Universität Kiel und theilte seine Studien zwischen der Erforschung des Alterthums und den praktischen Staatswissenschaften. Nach Vollendung seiner Studien begab er sich nach Kopenhagen, widmete sich dort den Finanzen und wurde Director der Bank. Das praktische Leben aber schwächte seinen Eifer für die Wissenschaft nicht, mit großer Freudigkeit trieb er nicht nur die classische Philologie, sondern auch orientalische und neuere Sprachen, als die Grundlage zu umfassenden historischen Studien. Verschiedene Geldnegociationen hatten Veranlassung gegeben, daß man in Preußen aufmerksam auf ihn geworden warund ihn für den Staatsdienst zu gewinnen wußte. Obgleich er im Jahre l806, zu einer Zeit da Preußens Eristenz als selbständiger Staat aufs Aeußerste gefährdet war, ins Finanzministerium eintrat, wurde er doch in seiner Anhänglichkeit für diesen Staat nicht wankend, sondern kettete sein eigenes Schicksal um so fester an das des Staates. Er gehörte zu den trefflichen Männern, die in jener Zeit der Erniedrigung mit klarem Geist und kräftiger Gesinnung Preußen durch eine liberale verständige Reorganisation von innen heraus eine neue erhöhte Lebenskraft zu verleihen, und durch die planmäßige Ausbildung aller geistigen und materiellen Kräfte es stark und muthig zu machen wußten, um den ungleichen Kampf zu bestehen. Unerschrocken und freimüthig erhob er seine Stimme für Preußens Wohl, als es galt gegen den Unterdrücker Deutschlands aufzurufen, als beim Wiener Congreß fremder Einfluß Preußens Größe und Machtstellung, die es schwer erkämpft hatte, zu beeinträchtigen strebte, als in Preußen selbst feige Denunciation einer kurzsichtigen Reaction die Mittel zu bieten sich beeilte, der Entwickelung eines freien Staatslebens hemmend entgegenzutreten. Je mehr diese Richtung maßgebend wurde, je weniger konnte Niebuhr der Regierung in seiner Weise förderlich sein; der Gesandt- schaftspostcn am päpstlichen Stuhl, welcher ihm 1810 übertragen wurde, war eine ehrenvolle Entfernung. Hier brachte er durch mehrjährige Verhandlungen das Concordat zwischen dem Papst und der preußischen Regierung über die Verhältnisse der Katholiken in Preußen zu Stande. Hauptsächlich aber widmete er sich hier wieder dem Studium des Alterthums. Auch in den Zeiten des lebhaftesten Gcschäftslebens hatte er Muße gefunden, dasselbe zu Pflegen, und als Mitglied der Aeademie durch Schriften und Vorlesungen sich als gelehrten Forscher bewährt. So entstand die römische Geschichte (1811), ein Werk, das bei seinem ersten Erscheinen vielen Widerspruch fand ohne in seinem Wesen begriffen zu sein. Der Aufenthalt in Rom gab ihm Gelegenheit, alle Studien zu einer neuen Bearbeitung und Wetterführung dieses Werks zu machen, an deren Ausführung er sich erst nach seiner Rückkehr nach Deutschland (182.',) machte. Er begab sich nach Bonn und hielt dort im freien Verband mit der Universität eine Reihe historischer Vorlesungen, welche den belebendsten und nachhaltigsten Einfluß auf die studirende Jugend übten. Es war nicht nur die Fülle des Wissens, die Großartigkeit und Lebendigkeit der Anschauung, welche fesselte und begeisterte, sondern die Rückhaltlofigkeit und Wahrheit, mit welcher Niebuhr sich selbst gab und seine ganze Persönlichkeit in der wissenschaftlichen Forschung aufgehen ließ. Wenn er auch die Leidenschaftlichkeit seiner Natur dabei nicht verläugnen und durch stark ausgeprägte Vorliebe und Abneigung einseitig und ungerecht werden konnte, so wurden diese Schwächen mehr als ausgewogen durch die Kraft seiner bedeutenden Individualität. Getragen durch den persönlichen Einfluß fand nun auch die neue Bearbeitung der römischen Geschichte, in einer Zeit, welche für die Würdigung wissenschaftlichen Verdienstes mehr geeignet war, lebhafte Theilnahme und Bewunderung. Und in der That hat sie eine Bedeutung für die Entwickelung wissenschaftlicher Forschung, welche weit hinausgeht über die Wichtigkeit des erforschten Gegenstandes. Niebuhr untersuchte die Geschichte Roms nicht blos mit den Kenntnissen und der Methode eines Gelehrten, sondern er brachte die Einsicht und das Verständniß des Staatsmannes hinzu und faßte die Entwickelung des Staatslebcns in seinen innern Verhältnissen und den Beziehungen nach außen als eine wirkliche und leibhafte, aus den gegebenen Bedingungen mit Nothwendigkeit hervorgehende auf, er machte dasselbe lebendig und in seinem Leben anschaulich. Er machte sich ferner frei von der Autorität der Ueberlieferung, die er nur, soweit sie vor der Prüfung der Kritik bestand, als eine zuverlässige und glaubwürdige zuließ; er zerstörte durch den Nachweis willkürlicher Zusammensetzung und Erfindung den trügerischen Schein geschichtlicher Ueberlieferung, und brachte dafür die dichterische Wahrheit der Volkssage zur Anerkennung; indem er das Wesen und die Grenze der Sage und Geschichte schärfer bestimmte, setzte er beide in ihr Recht ein. Hiermit war ein wesentlicher Fortschritt für alle geschichtliche Erkenntniß und Forschung gethan, der sich erfolgreich erwiesen hat in weiten Kreisen. - t ^'l W Karl Friedr. Leber., Grak v. Norrmann-Ehrenkels. Geb. d. 14. Sept. 1784, gest. d. 4. Nov. 1822. Ein Heldenkämpfer für die Freiheit von Hellas, ein muthvoller Krieger, Koryphäe der deutschen Philhellenen, der für deren große Sache Blut und Leben freudig opferte ; so sühnte er, so zu sagen, eine ihm aufgebürdete Schuld, die in mancher Augen verdunkelnd auf dem Glanz feines Lebens gleich einem trüben Wolkenschatten gelegen hatte, und stieg in dem Lande, das seine tapfere Hand der Freiheit gewinnen half, als ein Heros zum Hades nieder. Graf Norrmann, Sohn des würtembergischen Staatsministers Philipp Christian Graf von Norrmann, der im Lande Würtemberg eine höchst bedeutende Rolle spielte, die ihm, dem Sohn eines alten Adelsgeschlechts, den Grafenstand verschaffte — kam in Stuttgart zur Welt und erwählte frühzeitig den Kriegerstand als Lebensberuf; schon im 16. Jahre seines Lebens war der junge Norrmann Lieutenant bei dem Kürassterregimente Herzog Albert und durchlief rasch die Stufen des Dienstes bis zum Rang eines Stabsrittmeisters, als welcher er ein Regiment leichte Reiterei im Feldzug gegen Oesterreich 1805 führte. In diesem Feldzug sowohl als in dem nachfolgenden zeichnete sich Graf Norrmann überall ehrenvoll aus und wurde endlich General zweier Kavallerieregimenter, die er selbst gebildet hatte und mit denen er 1813 zu dem französischen General Fournier stieß. Graf Norrmann kämpfte heldenmüthig in 27 Scharmützeln und Gefechten, hielt mit eiserner Treue zu seinem König, der leider noch im Bunde mit Napoleon war, und so kam es, daß General Norrmann mit dem Corps, welches er befehligte, gemeinsam mit den französischen Truppen unter Fournier das Lützow'sche Freicorps bei Kitzen ohnweit Leipzig überfiel und ihm eine schreckliche Niederlage beibringen half. Dieß ward ihm, dem Deutschen, von den deutschen Patrioten nie verziehen, allein er war nicht Chef, und es würde den einzelnen Heerführern schlecht anstehen, in so ernsten Kämpfen Gefühlen und patriotischen Sympathieen zu folgen, ihren Fahnen und dem obersten Kriegsherrn, dem sie den Eid der Treue geleistet, treulos zu werden. Das Gewicht dieser Wahrheit hatte gleichwohl Graf Norrmann dennoch zu empfinden, denn als er in der Schlacht bei Leipzig dennoch zu den Allürtcu mit dem Nest seiner Truppen überging, verwirkte er völlig die Gnade seines .Königs, ward mit Hast und Strafe bedroht und entzog sich letzteren Uebeln durch rasche Flucht von seiner Brigade. Erst nach dem Tode des Königs Friedrich l. 1816 durste Graf Norrmann wagen, in sein Baterland zurückzukehren, wo er in der Stille lebte, sich vermählte und seine väterlichen Güter bewirthschaften half. Diese Stille war dem noch jungen Manne indeß keineswegs das erwünschte Lebensziel; er ersehnte lebhaft eine Beschäftigung, welche vergönnte, Manncsmuth und Thatkraft zu bewähren. Mittlerweile brach der griechische Frcihcitskampf aus und der Hülfcrnf deS von der Pforte hart geknechteten Hcllcncn- vvlkcS dnrchdrang Europa. In Stuttgart zuerst von allen deutschen Städten bildete sich ein Griechenhülfsverein, und begeistcruugs- voll weihte sich General Norrmann der Sache dieser jungen Freiheit; Aufrufe wurden erlassen voll Gluth und Feuer, und es fehlte nicht an kühnen Wagehälsen, die ihr LebenSlvos in die Wagschalen des Looses der Griechen warfen. Mit einer entschlossenen Philhellcnen- schaar reiste Norrmann, Weib und Kinder verlassend, nach Marseille, wo mit dem Philhellencnwcsen durch französische Abenteurer erstaunlich viel Comödie gespielt wurde. Abenteurer und Beutelschneidcr, Windbeutel und Prahlhänse bildeten die Mehrzahl der Helden in Hoffnung dort, Graf Norrmann, ein ganz anderer Alan», war einer der wenigen, die nicht Abenteurertrieb und Gewinnsucht nach Griechenland führte. In Griechenland mit seiner Schaar, die meist aus deutschen Officieren bestand, angekommen und am 7. Febr. 1822 bei Navarino gelandet, bildete Norr- manu zu Korinth ein Philhcllcneubataillon, verband sich mit dem Fürsten Maurokordato und half alö Ehcf des Gcneralstabes den Feldzug in Epirus leiten. Die Streitmacht bestand aus 1 Infanterieregiment und dem Bataillon. Das schwache Philhellcnenbataillou Norr- mauu'S bestand aus 180 Mann, war in 2 Compagnien getheilt. — Maurokordato war Generalissimus und Oberst, Graf Norrmann Oberstlieutenant, dann bildeten noch ein Kommandant, ein Adjutant-Major, ein Ouartiermeister und zwei Hauptleute, mehrere Adjutanten, einige Aerzte u. s. w. den Stab dieser Streitmacht; auch ein Kommandant der Artillerie war bereits ernannt, welche letztere aber noch fehlte. Die Uuisormiruug war höchst bunt, die Bewaffnung mangelhaft, doch der Muth groß. Mau zog nach Vostitza, gelangte an die kleinen Dardanellen, in die Ebenen von Patras und Missolouughi, stieß zu Kolokotroni und machte die bittersten Erfahrungen über die Spaltung, den Unfrieden und die Treulosigkeit der Griechen und ihr planloses handeln, wie über die Eitelkeit der Heerführer, und es dauerte gar nicht lauge, so sah sich Graf Norrmann sammt seinen deutschen Landslcuten vernachlässigt, gegen die französischen Philhellcneu zurückgesetzt und in Schatten gestellt. Weiter zog das Heer, das sich bedeutend verstärkt hatte, längs der Ufer des Aspropotamo hin, wo es mancher Entbehrung ausgesetzt war, nach Komboti, bestand dort siegreich ein heftiges Treffen, in welchem General Norrmann sich vorzüglich auszeichnete, und näherte sich Peta, dem vcrhäugnißvollen Orte, welchen der General besetzte und dann mit dem Philhellenen- Bataillou mehrere kleine Gefechte mit den Türken bestand, bis ein ungeheures Türkenhecr aus Arta heranrückte und einen von den Philhcllcnen besetzten Fels- berg zu stürmen begann. Es entspann sich ein mörderischer, heftiger, verzweiflungsvoller Kampf, welcher vielleicht trotz der Uebermacht doch günstig für die Gricchcnkämpfcr ausgefallen wäre, wenn nicht ein verräterischer Kapitän, Namens Gogo, vom Feind bestochen, mit seiner Schaar im entscheidendsten Augenblick die Flucht ergriffen hätte. Just das Philhcllenen- bataillou wurde ganz umzingelt, ganz abgeschnitten, eine Kugel stürzte den General, der sich todesmuthig dem Feind eutgegenwarf, vom Pferde und das Bataillon wurde fast buchstäblich vernichtet. Gleichwohl gelang es, den nur durch einen Prellschuß verwundeten General aus dem Schlachtgetümmel zu tragen. Vom Philhellenenbataillon blieben nur achtzehn Mann übrig. Dennoch behielt Norrmann noch Kampfesmuth und Freudigkeit, da er sich schnell von seinem Fall erholt hatte, aber im Herbst raffte ein Nervenfieber in Folge seiner Verwundung in Missolouughi, wohin er sich mit Maurokordato zurückgezogen, den Helden hin. Er war ohnstreitig unter allen deutschen Philhellenen der bedeutendste und ruhmwürdigste, der sein Leben freudig einer schönen Sache weihte, für die sein Herz begeistert schlug. Adam Friedrich Oeser. Geb. d. 18. Febr. 1717, gest. d. 18. März I7M. Dieser bedeutende deutsche Maler wurde zu Preßburg in Ungarn geboren, in welcher Stadt sein Vater, von Geburt ein Sachse, sich niedergelassen hatte. Er zeigte frühzeitig Neigung und Anlagen für die zeichnende und bildende Kunst und bezog die k. k. Kunstacademie zu Wien, um sich in den genannten Künsten zu vervollkommnen. Eifer und Glück ließen ihn dort schon mit dem 18. Lebensjahre einen Preis gewinnen und bald sah er im Umgang mit Künstlern und Kunstgönnern sein Leben verschönt und geistig gehoben. Der Bildhauer Rafael Donner unterrichtete den jungen Kunst- acadcmikcr im bossiren; der gelehrige Schüler übte sich auf das fleißigste in diesem Vorstudium der Bildnerei, ohne dem Malerpinsel untreu zu werden; vielmehr blieb die Neigung zur Malerei in ihm vorwaltend und wurde so mächtig, daß er bald dieser Kunst ausschließlich sich widmete. Nach Verlauf von zwei gut verwandten Studienjahren, in welchen Oeser malen, radiren und modelliren gelernt hatte, begab er sich von Wien 1739 nach Dresden und arbeitete unter dem Maler und Radirer Dietrich, wie unter Rafael Mcngs weiter. Bei Ludwig Sylvester lernte Oeser auch al fresco malen und lenkte, durch ein enges Freuudschaftbündniß mit Winckelmann verbunden, diesen zum noch ernsteren Studium der Antiken und der Costüme hin, sodaß er auch dadurch sich ein großes Verdienst erwarb. Hoch rühmte Winckelmann Oeser's treue und ausdauernde Freundschaft. Man ernannte Oeser zum kurfürstlich sächsischen Hofmaler, wie zum Professor an der Dresdner Academie, jedoch ohne Gehalt, und der nun ausbrechendc siebenjährige Krieg war nicht geeignet, Gehalte für die Priester der schönen Künste aussetzen zu lassen. Zum Glück fand Oeser einen Gönner am Grafen Bünau zu Dahlen, bei dem er die größte Zeit der Dauer jenes Krieges verweilte, dann aber wählte er Leipzig zum Wohnort, da der Kurfürst Christian ihm die Wahl zwischen beiden Städten, dort in Dresden in der Eigenschaft eines Academie-Direktors oder des Direktors der neuen Kunstschule zu Leipzig ließ, und ihn dann zugleich mit dem Titel eines Professors der Dresdener Academie beehrte. In der neuen Lebensstellung war Oeser nun uu- ablässig bemüht, durch eigene Werke, wie durch Beispiel und Lehre, auf die Läuterung des gesunkenen Geschmackes hinzuwirken, und gewann sich zugleich durch die rastlose Thätigkeit seiner Hand, seines Pinsels, seiner Nadel und seines Mcisels einen nahe an Ucbcrschätzung grenzenden, weit verbreiteten Ruf. Er strebte nach höchster Correethcit im Styl und in der Zeichnung, und suchte zu dieser seine Schüler hinzulenken, zu welchen Schülern, wenn auch nur eine kurze Zeit, selbst Goethe gehörte. Damals hatte Ocser seine Dirck- torialwohnung in der alten Pleißenburg, und Goethe schildert jenen in seiner angenehmen Plastisch anschaulichmachenden Weise in: «Aus meinem Leben, Wahrheit und Dichtung» so treu und klar und so fern von aller Uebcrschätzung und Uebertreibung, daß der Leser wohl herausfühlt, es sei in allem, was der große Dichter über den bedeutenden Künstler sagt, nur Wahrheit und keine Dichtung enthalten, aber viel gerechte Anerkennung und Würdigung. Ocser wies seine Schüler an das eigene Nachdenken, wie zum Studium der Kunstgeschichte hin und hob ihnen gern die Verdienste abgeschiedener oder nicht anwesender Männer hervor, welche sich um Kunst oder Kunststudien verdient gemacht, wie unter andern Christ, Winckelmann, der damals schon in Italien lebte, Lippert u. a.; auch leitete er sie durch reiche, ihm gern zu Gebote gestellte Sammlungen zur bildenden Auschau des gediegenen in Handzeichnuug, Holzschnitt und Kupferstich an, wodurch in Goethe jene lebenslänglich dauernde Neigung an solchen Werken, die ohnehin in ihm schlummerte, stark hervorgerufen und genährt wurde. Oescr, wenn er auch in der praktischen Ausübung seiner Künste nicht ganz frei von Mängeln war (namentlich stand er als Bildhauer ungleich tiefer wie als Maler) drang stets auf edle Auffassung und Behandlung künstlerischer Vorwürfe, und ging darin seinen Schülern mit gutem Beispiel voran. Viel bewunderte größere Arbeiten Oeser's waren theils, theils sind sie es noch die Fresken des Gewandhaussaales in Leipzig, die Gemälde in der St. Nieolaikirche, und ein allegorischer Theatervorhaug, ebenfalls dort, in welchen Gemälden sich die Vorzüge lebhafter Farbengebung, Naturwahrheit im Ausdruck und glückliche Phantasie in der Erfindung vereinten. Viele seiner Zeichnungen radirte Oeser selbst, andere stach der gefeierte Banse, andere sein Schwiegersohn C. G. Geyser. Eine Menge anderer Handzcichnungen blieb ungestochen und verstreute sich in Sammlungen. Theils eigenhändig von ihm gearbeitet, theils nach seinen Zeichnungen und Modellen wurden in Leipzig die Denkmäler des Kurfürsten von Sachsen auf der Esplanade vor dem Petersthore, Gelleres in einem Privatgarten, eins in der alten katholischen Kirche, und auswärts das Monument der Königin Mathilde von Dänemark zu Celle, errichtet. Außer einigen Töchtern hatte Oeser zwei Söhne, beide Jünger seiner Kunst, aber beide ihm noch vor seinem eigenen abscheiden entrisse», was sein sonst ruhiges und heiteres Greisenlebcn schmerzlich trübte. Der älteste Sohn, welcher zuletzt starb, Johann Friedrich Ludwig, brachte es bis zum Professor der Geschichts- und Laudschaftsmalerei und wurde 1780 Mitglied der Dresdener Aeademie. Oeser's, deö Vaters, letzte Arbeit war ein Christuskopf, an der ihn der Tod überraschte. Andreas Osiander. der ältere. Geb. d. IN. Dez. E8, Kraftvolles Rüstzeug der Reformation, ausgestattet mit Muth und Feuer und nie ermüdendem Eifer, dabei aber nicht frei von Irrthum, doch auch im Irrthum fest und beharrlich. Osiander grüßte das Licht des Tages zu Gunzen- hausen im Ansbachischcn; der Vater, ein Schmied, hieß Hosmann, welchen Namen der gelehrte Sohn später nach der Zeitsttte vergriechischte. Der junge Hosmann begab sich aus die Hochschulen zu Jngolstadt und Wittenberg, und führte das Leben eines für sich Studirendcn. In den engern Kreis der befreundeten Genossenschaft Luther's scheint Osiander zu Wittenberg vorerst nicht eingetreten zu sein, jedenfalls aber blieb er Luther nicht unbekannt, da er dessen Lehre begeistert annahm und von der Vorsehung berufen ward, mitten im Herzen Deutschlands das Banner der Reformation aufzupflanzen und für dasselbe zu streiten. Dieses Herz war die freie Reichsstadt Nürnberg, vorleuchtend in der Wissenschaft, gefürstet gleichsam durch die Kunst, ein Emporium des bewegenden, lebendig fortschreitenden Geistes, auf welche Lnther gar hohen Werth legte, gest. d. 17. Ocr. IW2. indem er Nürnberg mit der Sonne verglich, die über Mond und Sternen leuchte, und es nicht minder das Auge und Ohr Deutschlands nannte. Osiander wandte sich nach Nürnberg, wurde mit 22 Jähren schon Lehrer der Theologie und Mathematik am Augustincrkloster daselbst, trat zugleich dort als der erste auf, welcher die hebräische Sprache lehrte, und dann wurde er 1522 der erste lutherische Prediger der freien Reichsstadt, in welchem Jahre er in der St. Lorenzkirche am 23. Febr. zum erstenmale evangelisch predigte. Dieses Predigt- amt bekleidete Osiander mit Eifer und Treue bis zum Jahre 1548 und war während dessen Führung in un- gemein wichtigen Kirchcnangelegenheitcn fördernd und helfend thätig. Daß Osiander gleich beim Antritt seines Pfarramts von den Mönchen, welche der Neuerung entgegen waren, heftig befehdet wurde, lag in der Natur der Sache, aber Osiander bekämpfte und besiegte sie in öffentlichen Disputationen. Nürnberg war für die Reformation der gedeihlichste Boden; Männer wie Dürer und Pirkheimer, Spengler und Scheurlin, Hans Sachs und Eoban Heß waren dort mit Freuden ihre Stützen, und gern verkehrte Luther brieflich mit alle den treuen, die ihm anhingen um des geläuterten Wortes willen. Und wie Osiandcr als Prediger, Eoban als Mann der Schule, Spengler, Pirkheimcr und Scheurlin als Männer des Rathes und Staates, die übrigen als Künstler dem großen Werke dienten, und die Bürgerschaft der in sich durch tüchtiges Regiment geordneten und gcfesteten Stadt innern Zwiespalt ausstieß, so konnte es nicht fehlen, daß die herrlichste deutscher Städte eine Freistätte und Friedcnsstättc des neues Lichtes wurde. Im Jahr 1526 hatte Osiandcr den Vorsitz bei einem wichtigen Rcligionsgespräch zu Nürnberg, dessen Folge das völlige Aufhören katholischer Predigten und Ceremonien und die Schließung des Augustinerklosters war; doch fehlte es nach der Hand noch lange nicht an schmähenden Eiferern gegen die neueren kirchlichen Formen und Einrichtungen. Im Jahr 1529 entsandte der Rath zu Nürnberg Osiandcr nach Schwabach in Angelegenheiten einer Kirchenvisitation, nicht minder zu den Kolloquien in Marburg und Augsburg, dessen wichtigem Reichstag im darauf folgenden Jahre Osiandcr ebenfalls beiwohnte. Die Augsburgische Konfession selbst und deren Uebergabe wurde Osiandcr Anlaß, eine Apologie derselben zu schreiben, und im Jahr 1555 entwarf er in Gemeinschaft mit Brcnz die Kirchenordnung, welche Markgraf Georg von Brandenburg in Verbindung mit Nürnberg für sein Land, für das Burggrafenthum und das Gebiet der Stadt einzuführen beabsichtigte, und dann auch wirklich einführte. Diese Kirchenordnung enthielt treffliche Anleitungen für die Geistlichen bezüglich der Kanzelvorträge, drang auf gründliches Bibel- studium und enthielt mustergebcnde Katcchismuspredigtcn. Dem großen Fürsten- und Neligionstage zu Schmal- kalden 1557 wohnte Osiandcr ebenfalls bei und unterschrieb mit die bekannten schmalkaldischen Artikel, nicht minder kam er 1559 zum Konvent nach Frankfurt, und als von Seiten des Pfalzgrafen die Einführung der Reformation im Jahre 1542 in Pfalz-Neuburg beschlossen worden war, wurde Osiandcr mit derselben beauftragt. Wenn auch Osiandcr in seinen Predigten und noch mehr in seinen Schriften einige Glaubenslehren und Ansichten offenbarte, welche dem strenglutherischen Lehr- begriff entgegen waren, so liefen diese doch nur auf theologische Grübeleien und Spitzfindigkeiten hinaus, fanden übrigens heftige Bekämpfung und von Anhängern Ostander's nicht minder heftige Vertheidigung, welche letzteren den Parteinamen Ostandristen zuzog. Es war nichts als das trübe Vorspiel jener unerquicklichen, zwecklosen und fruchtlosen protestantischen Theologen- Händel, die sich bis über das Ende des 16. Jahrhunderts hinaus fortspannen, und der evangelischen Kirche wie der gereinigten Lehre mehr schadeten, als alle Feinde ihr zu schaden vermochten. Diese Streitigkeiten setzten sich noch fort, nachdem Osiandcr, welcher sich durchaus nicht zur Annahme des «Interim» verstand, sich 1548 aus Nürnberg hinwegbegebcn hatte und einem Rufe Herzog Albrecht's von Preußen gefolgt war, der ihm ein Pastorat und eine theologische Professur in Königsberg sicherte. Man tadelte am Privatleben Osiander's einige Gewohnheiten, die von denen der Theologen gewöhnlichen Schlages abwichen. Seine Charakterfestigkeit und seine Neigung, da, wo er im Recht zu sein glaubte, nicht nachzugeben, ward für Trotz und Hochmuth erklärt. Er liebte die Morgcnruhe bis zur Mittagsstunde auszudehnen, wenn er nicht zu predigen hatte, und pflegte nach Tische spatzieren zu gehen, bis die Abendessenszeit hcrannahcte. Nach letzterer Pflegte er dann bis Nachts 2 Uhr zu arbeiten. Die Neigung vieler bedeutenden Theologen alter Zeit für mathematische Wissenschaften theilte auch Osiandcr; er wurde 1545 der Herausgeber der Astronomie des Coper- nikus, und leistete auch dadurch der Wissenschaft einen wesentlichen Dienst. Er starb als Viceprästdent des Bisthums Samland, nachdem er in mehr als einer Selbstvertheidigung zu beweisen gesucht hatte, daß er über dreißig Jahre lang stets in der Lehre von der Gerechtigkeit des Glaubens mit dem seligen Luther übereingestimmt habe. ^hilippus Äureolus Theophrastus paracelsus Bombast von Hohenheim. Geb. IM, gest. d. 2Z. Scpt. 13^1. ^heophrast war einer der merkwürdigsten Gelehrten, welcher nicht nur seinen Zeitgenossen ein Räthsel blieb, sondern auch vielen der Nachkommen ein solches noch bis diese Stunde ist. Uebel beurtheilt, häufig sogar geradezu vcrnrtheilt, als medieinischer Marktschreier mißachtet, ist er fast stets der Menge vorgeführt worden, und nur wenige tiefer in seinen Geist, sein Wesen und sein Wissen eindringende haben ihn besser gewürdigt, obschon auf die Gefahr hin, selbst, gleich ihm, verkannt zu werden. Theophrastus Paracelsus wurde zu Ein- sicdeln in der Schweiz geboren, einem berühmten Mirakel- und Wallfahrtort, wo sein Vater Licentiat der Medicin war. Der Vater gab dem Sohne eine sorgfältige Vorbildung und zugleich Anleitung, auf der eigenen wissenschaftlichen Bahn fortzuschreiten, wozu eine gute Sammlung der in jener Zeit bedeutendsten ärztlichen Schriften trefflich diente. Mit der Arznei- kunde war damals das Studium der Physik und Alchymie auf das innigste verknüpft; eine reine Medicin und eine reine Chemie gab es noch nicht; die gelehrtesten Aerzte des Mittelalters huldigten als Söhne .ihrer Zeit den sogenannten geheimen Wissenschaften und suchten das Wesen der Natur und alles erschaffenen durch erstere zu erforschen. Als der Sohn vom Vater nichts mehr lernen konnte, soll ersterer den Unterricht des berühmten freilich halbmythischcn Basilins Valentinus empfangen und von diesem die Kunst erlernt haben, den Stein der Weisen zu bereiten. Sicherer ist, daß Trithemius und Sigismund Fugger Paracelsus unterwiesen, worauf er ein Wanderleben begann, und — seine Kunst übend und dabei fort- lerncnd — ganz Europa, wie Theile Asiens und Afrikas durchzog. Daß diese Reisen für den hellen Kopf des Knnstjüngers nicht ohne Frucht und nicht ohne die Schätze reicher Erfahrung blieben, daß er für sein Wissen ungleich mehr gewann, als wenn er geeilt hätte, sich »ach dem Studium weniger Jahre behaglich in irgend einem Ort den häuslichen Heerd zu gründen, ist außer Zweifel, und der Spruch: «Kenntniß ist Macht», bewährte sich bei Paracelsus in glänzender Weise. Die berühmtesten Aerzte der damals bekannten Welt hatte der junge Priester des Heilgottcs aus- gesucht und von ihnen gelernt; wundersame Heilmittel des Orients hatte er gesammelt, manches Geheimniß erlauscht oder erkauft, und so ausgerüstet kehrte er mit 28 Jahren nach der Heimath zurück und schlug nun in Basel seinen Wohnsitz auf, wurde Magister und Professor der Medicin und lehrte an der dortigen Hochschule, nebenbei erwarb er sich bald Ruf und Ansehen durch die glücklichsten Kuren selbst verzweifelter Krankheiten. Das weckte naturgemäß den Neid seiner ärztlichen Kollegen. Paracclsus mußte verschrieen werden und ward es iogo artis. Er lebte gut und glänzend, folglich mußte er Gold machen können, den Stein der Weisen besitzen; er vollbrachte Wundercurcn, folglich mußte er ein Tcufelsbündncr sein. Er wußte in seinen Vvrträgcn tausend neue vorher unbekannte Heilmittel zu nennen, mancher Krankheit neue Namen zu geben, Worte zu gebrauchen, die man vorher noch nicht vernommen; folglich mußte sein Latein barbarisch sein und insofern, daß der Wortschatz der alten Klassiker ihm nicht ausreichte, ist es freilich barbarisch. Den schlimmsten Verstoß gegen den Schlendrian des Herkömmlichen beging aber Paracelsus dadurch, daß er begann, seine Vortrüge in deutscher Sprache zu halten, das war kaum erhört und erschien ganz unverzeihlich. Endlich fand sich ein Anlaß, den Verhaßten aus Basel fortzubringen. Ein Kanonikus, Cornelius von Lichtenberg, lag, von allen Aerzten aufgegeben, am Tode und verhieß dem Netter und Helfer 100 Goldguldcn. Paracclsus gab ihm nur drei vergoldete Pillen, und jener genaß. Karg und undankbar weigerte der Genesene die verheißene Belohnung, und auch die Richter sprachen sie dem großen Heilkünstler ab. Da schüttelte Paracelsus den Staub von Basel von seinen Schuhen, wandte sich in das Elsaß, durchzog auf mancher Wanderung Süddcutschland, verkehrte viel mit dem Volke, half ihm und lernte von ihm, und weil er dieses Volk nicht in den Prunksälen der Großen fand, so erwuchs ihm der Vorwurf, daß er in Schänken sich umhertreibe und viel zeche, ja es ward ihm Schuld gegeben, daß er seinem FamuluS Johann Oporin seine Werke im Rausche dictirt habe. Freilich vielleicht im Rausche, aber nicht im gemeinen, sondern in der Göttcrtrunkeu- heit mystischer, übersinnlicher Anschauungen, innerer Offenbarungen, welche der große Haufe nicht verstand, noch weniger zu würdigen verstand. Ein Trunkenbold schreibt nicht, wie Paracelsus gethan, so viele Schriften und gelehrte Abhandlungen aus dem mannichfachen Gebiete der Philosophie, Arzneiwissenschaft, Staats- wiffenschaft, Mathematik und spagyrischcn Weisheit — als ein Jahr Tage zählt — ein gemeiner Trunkenbold sieht nicht, wie Paracclsus sah, gleich ahnungsvoll und weise im großen Kosmos des Alls die wirkende, lebende Seele der Gottheit im ewigen Schaffen thätig. Wessen vom Genius tieferer Forschung wach geküßtes Auge es vermag, in Paracelsus dunkeln, vom Nebelwust alchymistisch-kabbalistisch-thcosophisch-astrologischer Wundersprachc umhüllten Schriften zwischen den Zeilen zu lesen, der wird den Geist klar erkennen, den drei Jahrhunderte verkannt haben. . Paracclsus beschloß sein merkwürdiges Leben in Salzburg; dort, wie in Wien, gehen noch Sagen von ihm im Volke, dort schmückt sein Bildniß noch das Haus, wo er wohnte, dort wird noch sein Schädel gezeigt. Er, der so lauge ruhelos umher gepilgert, fand die Ruhestätte auf dem Kirchhofe des St. Sebastian-Hospitals. Der Erzbischof selbst ließ ihm ein ehrendes Denkmal errichten, das seine Wissenschaft als Arzt rühmte, wie seine Wohlthätigkeit gegen die Armen. Außer seinen in 3 Folianten gesammelten Werken hat man von Paracelsus auch Medaillen mit Zauberquadraten und Planeteubildern, die allzumal auf höheres, als aus einen Quacksalber hindeuten. Ob er selbst sich den langen seltsamen Namen beilegte, und warum er Bombast von Hohenheim genannt ward, ist dunkel, bekannt aber, daß schwülstige Sprech- und Schreibweise nach ihm mit dem Ausdruck Bombast bezeichnet wurde. Sein Leben und seine Lehren geben viele Räthsel auf; vielleicht findet sich einst der Kundige, der sie befriedigend löst. Christoph Friedrich Werthes. Geb. v. 2«. April >77«, gest. d. 18. Mai >81». Dieser mit Ruhm und Ehren genannte ächt deutsche Mann, eine der ausgezeichnetsten Zierden seines Standes wurde zu Rudolstadt geboren, wo sein Vater fürstlich Schwarzburgischer Steuersekretär war. Dort besuchte der Sohn, der früh des Vaters durch den Tod beraubt ward, unter die Obhut eines Oheims und dessen Schwester gestellt war, und von dem Geschwisterpaare vom siebenten Jahre an mit Liebe gepflegt wurde, das Gymnasium, machte aber in den Wissenschaften, die dasselbe lehrte, keine wesentlichen Fortschritte; dafür las er desto mehr Bücher, wie sie sich ihm gerade boten, und erbaute sich eine Welt des Phantastischen und Idealen, die noch genährt wurde durch den schon längere Zeit vergönnten Aufenthalt auf dem romantischen Schlosse Schwarzburg; dann wurde er zum Buchhändler bestimmt, und fand 1787 eine Lehrlingstelle in Leipzig. Da für ihn Lehrgeld nicht bezahlt wurde, so wurde contraktlich festgesetzt, daß er sechs Jahre lernen sollte. Die Lehrzeit war streng und mit allem Druck verbunden, der altherkömmlich war, doch ging Perthes durch eine gute Schule und bildete sich zunächst zu einem praktisch brauchbaren Gehülfen aus, nebenbei suchte er sich Kenntnisse und Ausbildung durch gute Bücher anzueignen. Sein Prinzipal schenkte ihm ein halbes Jahr seiner Lehrzeit und empfahl Perthes an den Buchhändler Hoffmann in Hamburg, der ihn nach der Ostermesse 1793 gleich mit sich nahm. Dort gefiel Perthes sich äußerst wohl, obschon der Arbeit fast eben so viele war, wie in Leipzig; er trat mehr in das große gesellige Leben ein, das voll neuer Bewegungen war durch die französische Revolution, durch die zahlreich dort sich zusammenfindenden Emigranten und andere Fremde; das warf manchen zündenden Geistesfunken in die Seele des Jünglings. Er gewann neue Weltanschauung, neue Freunde, denen er lieb wurde, wie sie ihm, und im Jahre 1797 trat Perthes aus Hoff- manns Geschäft um ein eigenes selbständiges Geschäft und zwar als bloßer Sortimcntsbuchhändler zu beginnen, was noch gar nicht Brauch war im deutschen Buchhandel. Er verheirathete sich mit Earoline Claudius, der Tochter des beliebten Wandsbecker Boten, hatte manche Geldverlegenheit zu überwinden, welche in Folge der politischen Verhältnisse Hamburgs, namentlich im Jahre 1700 über ihn hereinbrach, bis er in Johann Heinrich Besser, welcher sein Schwager wurde, einen liebevollen Freund und einen äußerst geschäftskundigen und thätigen Thcilnehmer fand. Das Geschäft hob, vergrößerte, erweiterte sich, freilich nicht stets ohne manche dringende Sorge, es konnte ein Haus am Jungfernstieg gekauft werden, und der Laden wurde der schönste und reichhaltigste vielleicht in ganz Deutschland. Skun wendete sich das Geschäft dem Verlage zu und überdauerte auch das unheilvolle Jahr 1806, während Perthes mit den bedeutendsten litcrarischen Persönlichkeiten regen Verkehr unterhielt und nicht minder auch lebhaften Antheil an dem nahm, was die Zeit bewegte und waS sein deutsches Gemüth nicht ohne Schmerz sah, jene Hinneigung zu Napoleon dem Tyrannen, und zwar von denselben Männern, die vorher der die Ketten der Tyrannei zu brechen verheißenden Revolution ihr Hosiannah gesungen hatten. Perthes hielt die ehrenhafte deutschvaterländisch gesinnte Richtung fest, die sich nimmer blenden ließ von all der französischen Gaukelei und dem Geschmeichel um den gräulichen Despoten, der in Hamburg noch Bewunderer fand, während er Hamburg zertrat. Auch Perthes verlor alles Erworbene, rang sich aber wieder kräftig empor und galt bald wieder als der erste Buchhändler Deutschlands, die gewaltige erregte Zeit bildete ihn zu einem politischen Charakter aus; als solcher wirkte er, wie er immer konnte, für deutsche Gesinnung, und that dieß namentlich durch die Gründung des mit dem Jahre 1810 beginnenden deutschen Museums. Leider mußte dasselbe bald ausgegeben werden, und auf das buchhändlerischc Geschäft legte sich der furchtbare Druck der willkürlichen und kcnntnißlosen französischen Tyrannei, die nur Perthes Geist thcilweise zu umgehen und zu täuschen verstand. Als Hamburg endlich im Jahre 1813 aufzuathmen begann und Hoffnungen sich am Brande Moskaus belebt hatten, trat Perthes an die Spitze heimlich beabsichtigter Bürgerbewaffnung, um sich so oder so ihrer französischen Peiniger zu entledigen — es brachen Aufstände aus, gleichwohl geschah nicht das große und rechte; die Franzosen zogen ab, Kosacken zogen ein — dann wurde Hamburg beschossen, und das schwerste Verhängniß brach über die unglückliche Stadt durch Davoust herein. Perthes flüchtete zuerst die Seinen nach Wandsbeck, dann floh er selbst — was er in Hamburg besessen, verlor er alles; die Buchhandlung ward vernichtet, sein Name geächtet — dennoch verlor er nicht den treuen Muth — er schloß sich der hanseatischen Legion an, die im Nordwcsten Deutschlands gegen Frankreich die Waffen trug, und half in Frankfurt als Mitabgeord- neter der Hansestädte deren neue Freiheitsacte ausarbeiten. Bald konnte das Geschäft mit Beffers unermüdlicher Hülfe aufs neue beginnen, und zugleich trat Perthes thätig handelnd zum Besten der notleidenden Handwerker und Armen Hamburgs auf, und widmete sich mit aller eifrigen Liebe dem Gemeinwesen. Vielerlei Reisen und mannichfache Geschäfte, wie ein reger Briefwechsel mit zahlreichen Gelehrten, Staatsmännern und Freunden füllten sein Leben aus; endlich fand er sich bewogen, 1822 nach Gotha zu ziehen, welche Uebersicdelung am 20. März erfolgte, nachdem sein langjähriger Freund und Geschäftstheilhaber Besser und dessen Schwiegersohn L. I. W. Mauke die Handlung allein zu führen übernommen, welcher fortan die Firma Perthes, Besser und Mauke blieb. Kurz vor dem Hinweggang nach Gotha entriß der Tod Perthes seine treue Lebensgefährtin. Er selbst wirkte auch am neuen Wohnort mit reichem Segen, beförderte durch den Verlag gediegener Werke die Wissenschaft, förderte den deutschen Buchhandel auf vielfache Weise, wirkte mit für die Begründung des buchhändlerischen Börsen- vereins, dessen Vorsteher er wurde, und den Bau der Buchhändlcrbörse in Leipzig. Seit dem Tode des berühmten und in Wahrheit verdienten Mannes setzt sein Sohn Andreas das Geschäft in Gotha mit allem Eifer fort. ^ - Johann Heinrich Pestatozzi. Gcb. d. 12. Jan. 171«, gcst. d. 17. Fcbr. 1827. xLiner der edeln Geister, welche von der Vorsehung vorzugsweise zu Wohlthätern der Menschheit berufen sind, die reiche Saaten des Segens durch fruchtbringendes Wirken ausstreuen und deren Name ruhmvoll durch die späteren Zeiten fortklingt. Pestalozzi, der deutsche Alaun mit dem fremdländisch klingenden Namen war Sohn eines Arztes und wurde zu Zürich geboren. Seine Erziehung bei Verwandten war nach des Vaters frühem Tode eine einfache, schlichte und gottesfürchtige, und dies blieb durch sein ganzes Leben die Eigenthümlichkeit seines Wesens und Charakters. Frühzeitig erwachte in Pestalozzi der Beruf, Menschen zu bilden, sie aus der niedern Stumpfheit der Lebensstellung zu höheren Anschauungen zu leiten, ob- schon er selbst anfänglich in den Wissenschaften schwankte, welche er ergreifen sollte. Er begann das Studium der Theologie und gab es auf, ebenso das der Rechte. Zu jener Zeit trat Nosseau, der berühmte französische Philosoph auf, und schilderte in seinem Buche Emil oder die Erziehung alle zahllosen Mängel der bisherigen Erziehungsweise. Dieses Buch machte Epoche in ganz Europa, es half den Philanthropismus und die Philanthropie gründen, es wollte die Menschen praktisch erzogen haben, weniger durch die Religion, als durch das Leben. Honig und Gift waren in dem Buche beisammen, wie in einer schönen Blume, deren äußerer Reiz und süßer Duft anlocken und — betäuben. Pestalozzi beschloß, angeregt durch den Emil, sich ganz der Volksbildung zu widmen, kaufte sich bei Bern ein Grundstück, baute sich an, wurde Landwirth. In das von ihm erbaute Haus Neuhof nahm der vom edelsten Streben durchdrungene Menschenfreund 1775 eine Anzahl hülfloscr Kinder auf, denen er Vater wurde und an denen er die neuen Erziehungsgrundsätze erprobte, die er dann auch durchführte, unbeirrt durch die allzeit rege Vcrkennung, ja Verkctzernng seines uneigennützigen Thuns. So entriß er nach und nach über hundert Kinder dem leiblichen und sittlichen Elend und Verderben, erzog sie zu praktisch brauchbaren Menschen, und ward nun auch durch Volksschristcn thätig, welche nngcmein große Verbreitung fanden. Unter diesen sind „Lina und Gertrud", „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt", „Das Buch der Mütter" die bedeutendsten. Endlich wurde Pestalozzi's Streben auch von der Regierung des CantonS anerkannt; er durste, von ihr unterstützt, 1798 zu Stanz ein Landeserziehungshaus für arme Kinder gründen, aber leider folgten ihm Neid und Kabalen überall hin, und er vermochte nicht in Stanz anszndanern. Pcstalozzi wurde nun Schullehrer in Burgdors, wo er eine neue Erziehungsanstalt bildete und zu derselben sich tüchtige Hülfskräftc heranzog, aber auch dort war nicht gar lange seines Bleibens, erging 1804 nach München-Bnchsce, und später nach Jfcr- ten, wo ihm Seitens der Regierung ein Schloß zu einer neuen Bildungsanstalt eingeräumt wurde. Zwischen Anfeindung und Verdächtigung, und zwischen Beifall und Anerkennung wirkte und waltete nun Pesta- lozzi als Reformator der Erzichungskunst mit Eifer und Neberzcugungstrcue, und gab seiner Erziehungsmethode die feste Begründung. Diese Begründung bestand hauptsächlich in der Lehre von der Anschauung und dem wecken der im Kinde schlummernden geistigen Kräfte und Fähigkeiten wie deren Entwickelung und Leitung auf eine der Natur gemäße Weise, eine Methode, die der wackere Fröbcl, ein treuer, vielleicht der allertreueste Nachfolger Pestalozzi's, in seinen Kindergärten wieder aufs neue in das praktische Erziehungswesen der zartesten Jugend einzuführen anstrebte. Warfen viele der Schüler Pestalozzi's durch späteres verkehrtes treiben auch Schatten auf ihren großen Meister, so steht sein Gedächtniß doch in reinen Ehren vor dem Richtcrauge der Nachwelt als eines Mannes da, der mit allen Kräften seines Lebens nur das Gute gewollt und gefördert hat, durch dessen Beispiel viele taufende von Kindern dem dumpfen Druck veralteter Methoden entzogen und zur frischeren Lebenslust freierer Entfaltung geführt wurden, und der Ruhm seines Namens hat die alte wie die neue Welt durchdrungen, er ist immer noch dem jungen, geistig strebenden Schulmann ein Ideal, ein Schiboleth, ein der Nacheiferung werthes Vorbild — nur daß Pestalozzi's von Einseitigkeit nicht ganz freie Methode den Abänderungen unterworfen werden muß, die ein halbes Jahrhundert des Weiterschritts auch in der Erziehungswissenschaft unabänderlich bedingt und von selbst herbeiführt. Den Glanz seines Namens aber wird keine veränderte Anschauung in jener Wissenschaft, in der er mit zuerst rühmliche Bahn brach, verlöschen. Als hvchbetagter Greis endete Pestalozzi zu Brugg im Canton Aargau sein reines, gesegnetes Leben, dem die bittern Kelche der Vcrkennnng und Kränkung nicht erlassen geblieben waren, wie keinem, der für das Gute streitet. Conrad peutinger. Geb. d. 15. Oct. 1M!>, gest. d. 28. Dez. 1A7. Dieser große Gelehrte gründete seinen wohlverdienten Ruhm durch eine höchst vielseitige Thätigkeit und ein umfassendes gründliches Wissen. Er glänzte als Philolog und Archäolog, als Geschichtforscher und als Staatsmann, und gründete sich nicht nur durch seine Gelehrsamkeit, sondern auch durch besondere Verdienste um seine Vaterstadt das ehrenvollste Andenken. Peutinger wurde zu Augsburg geboren, war Abkömmling eines alten Geschlechts dieser Reichsstadt, studirte in Deutschland und Italien die Rechtswissenschaft, besuchte die Hochschulen zu Padua und Rom, und kehrte dann in die Heimath zurück, wo er 1490 zunächst die bescheidene, doch in jener Zeit ungleich wichtiger als jetzt erscheinende Stelle eines «Dieners der Sladt» auf vier Jahre annahm. Aber Talent und Fleiß, diese großen Sterne, ohne deren belebenden Einfluß nie ein strebender höher klimmt, ließen ihn nach und nach dennoch empor gelangen. Erst 1497 wurde Peutinger als «Stadtschreiber» auf Lebenszeit angenommen. Als solcher und als ein wissenschaftlich gebildeter, höchst fähiger und brauchbarer Mann wurde er nun dem Kaiser Maximilian I. bekannt, dem Mären aller Künste und neu im deutschen Vaterlande aufblühenden Wissenschaften; in Angelegenheiten und Klagen der Stadt Augsburg gegen den schwäbischen Bund begleitete Peutinger den Ritter Langemantel u. A. auf einer Gesandtschaft zum Kaiser, der ihn bald seiner besondern Gunst und Auszeichnung werth hielt, ihn zu wichtigen Botschaften benutzte, und ihn bei dem neu errichteten Reichskammergericht als Fiskal anstellte. Im bayrischen Kriege wurde Peutinger vom Kaiser mit der Führung höchstwichtiger Korrespondenzen an auswärtige Staaten und an den Erzbischof Bertholt, von Mainz, einen der erleuchtetsten Kirchensürsten, betraut. Peutinger verheiratete sich mit einer gelehrten Jungfrau aus dem Hause der Weiser. Als dieses augsburger Handelshaus die ersten Schiffe von Portugal aus zur Fahrt nach Indien rüstete, richtete Peutinger's kluger Sinn den Inhalt der Geleitsbriefe des römischen Königs also ein, als sende der Kaiser selbst diese Schiffe, und hob des Kaisers Ruhm und die Ehre der Vaterstadt zugleich hervor. Dafür gewann Maximilian Augsburg und Peutinger lieb, kaufte dort ein Haus, richtete sich Wohnungen ein, und ließ sich's gefallen, daß bei seinem Einzug 1504 Peutingcr's vierjährige frühreife Tochter Juliana ihn mit lateinischer Rede begrüßte. Es fand ein immer engeres anschließen beider hochbegabter Männer, des Kaisers und Peutingcr's, an einander statt; Peutinger mußte den Kaiser nach Eöln begleiten, wurde von ersterem nach Burgund entsendet als dessen «Sceretar», und erwirkte seiner Vaterstadt einen Iagdbrief in einigen benachbarten Gebieten, nicht minder bald darauf andere wesentlich wichtige Gerechtsame, darunter das jus elo non appsllainlo. Auch nach Wien folgte Peutinger dem Kaiser, und wurde neben andern Männern mit einer Sendung an die Ungarn beauftragt. Nach Augsburg zurückgekehrt, mußte Peutinger zur Aufbringung der Ncichshülfe und zu Anleihen bei den Reichsständen die helfende Hand bieten, ebenso Forderungen der Gläubiger tilgen und für diese selbst beim Kaiser häufig bittend einkommen. Später nahmen wieder mancherlei Sendungen Peu- tinger's Zeit und Thätigkeit in Anspruch, wie nicht minder außerdem ein ununterbrochener lebhafter Briefwechsel nach allen Seiten hin, so daß kaum zu begreifen ist, wie bei dieser staatsmännischen Thätigkeit der geniale Mann doch auch jene auf dein Gebiete der Wissenschaften und Künste nicht außer Acht ließ. Daher auch die Freundschaft und Vorliebe für Ulrich von Hütten bis zum Antrag der Verschwägerung. Das berühmte Grabmal ves Kaisers zu Jnsbruck mit seinen metallenen Statuen wurde unter Peutingcr's Leitung in Augsburg begonnen; eine Gießftätte wurde erbaut, Maler, Modellirer, Bildhauer, Gold - und Silberschmiede, kunstvolle Harnischmacher wurden vollauf beschäftigt, neue Druckerpresscn eingerichtet, der von Lucas Kranach erfundene Helldunkel- und Farbendruck der Holzschnitte geübt, und Peutinger war es, der den Druck der Lieblingsschöpfung Kaiser Marimilian's, des Thencrdank, in Augsburg besorgte, und durch die augsbnrgcr Künstler Burgkmeier und Schäufelin Holzschnitte zu demselben und dem erst 1775 gedruckten Weiß - kunig fertigen ließ, nicht minder noch für andere Werke, zu denen der Peutinger befreundete Albrecht Dürer mitwirken mußte. Außerdem wurden noch eine Menge in Holz schneidender Künstler als Gehülfen bei diesen Werken beschäftigt, so daß Augsburg förmlich eine Schule für den damals in höchster Blüthe stehenden deutschen Holzschnitt wurde. Nur der Umstand, daß der Buchdrucker Schöus- bergcr von Augsburg nach Nürnberg übersiedelte, und die Theuerdaisslettern, so wie was vom Werke bereits fertig war, mitnahm, gewann Nürnberg die Ehre, Druck- und Vcrlagsort dieses schönen Buches zu werden. Hochachtbar erscheint Peutingcr's Thätigkeit als Forscher auf dem Felde der Geschichte. Der klassische Boden Italiens hatte ihm früh die Neigung für letztere erschlossen. Peutinger war der erste Sammler der zu Augsburg befindlichen zahlreichen Römcrinschriften; er begann eine Sammlung antiker Münzen, legte eine umfassende Kaiserregestensammlung an, die unvollendet blieb und umgab sich mit einer Welt voll Alterthümer der Kunst und Literatur, an Büchern, Bildern, Karten, Geräthen u. s. w. Peutingcr's Fleiße danken wir die ersten Ausgaben des Abbas Urspergcnsis, des Paulus Diaconus Longobardenhistorie, des Jornandes Geschichte der Gothen, außerdem schrieb er noch manches andere. Die nach ihm genannten «Peutingerischen Tafeln», welche Conrad Celtcs im Kloster Tegernsee im Manuskript gefunden und Peuringer vermacht hatte, zeigen die unter Kaiser Thcodosius aufgezeichneten Militärstraßen des größten Theils vom abendländischen Kaiserthum; sie wurden nach Peutingcr's Tode thcilweise, und vollständig erst 1755 herausgegeben. Nach Kaiser Marimilian's, 1519 erfolgtem, Peutinger tief niederbeugendem Tode, häuften sich des letzter» Geschäfte immer mehr; im Rathe der Reichsstadt thätig wirksam, trug er mit der Würde redlich die Bürde öffentlicher Berufsthätigkeit, bald als Gesandter an den Kaiser, bald als Richter wie als Lenker der öffentlichen Angelegenheiten. Der kirchlichen Reform war Peutinger nicht abhold. Luther war schon 1518 auf dem Reichstage zu Augsburg sein Gast; freundlich hatte er mit ihm in Worms verkehrt. Aber der Spaltung in der Kirche war er entschieden abhold; er fürchtete nicht ohne Grund die drohenden Kämpfe, widerrieth daher der Stadt in redlicher Ueberzeugung die Religionsänderung. Dieß machte ihn mißliebig, denn schon hatte die protestantische Partei den Sieg der öffentlichen Meinung in Augsburg errungen. Peutinger schied 1534 ehrenvoll entlassen aus seinem Amte, doch wurde noch oft hernach sein treuer und cinsichtvollcr Rath begehrt, auch ehrte die Stadt 1538 seine Verdienste durch Verleihung des Patriciats. Er lebte fortan nur der Wissenschaft und seiner Familie, und beschloß in Ruhe seine ruhmreich thätige irdische Wanderung. > L l :!W iIÜ! >: 7,6«« .V^. v<. - W» / WW Philipp I., Landgrat zu Hessen. d. 13. Nov. IM. gest. d. 31. März 1367. Ein deutscher, hochherziger und heldemnüthiger Fürst, freundes- und Überzeugungstreu, ein Vorbild, an das der Nachkommen keiner hineinreichte, so steht Philipp von Hessen in der deutschen Geschichte. -Philipp wurde als einziger Sohn zweiter Ehe Landgraf Wilhelms II. zu Hessen auf dem Schlosse zu Marburg geboren und früh verwaist. Unter der Vormundschaft der Mutter, Anna von Mecklenburg, und würdiger Räthe, unter denen der Name Ludwig's von Boincburg wie ein Stern hervorleuchtete, ward Philipp zum künftigen Landesregentcn erzogen, mit 14 Jahren schon mündig gesprochen und Beherrscher von ganz Hessen. Zu Philipp's ersten Kriegeszügen gehört di- Sickingen'sche Fehde; er war Zeuge von des wackern deutschen Ritters dahinscheiden auf Burg Landstuhl oder Nanstuhl; daß er den Sterbenden hart behandelt habe, ist unwahr; er ermähnte Sickingen, an Gott zu denken und zu beichten. Ein Mann, ein Fürst, dem die Geschichte den glänzenden Beinamen des Hochherzigen, des Großmüthigen gegeben, konnte nicht einen besiegten Feind unwürdig schmähen. Auf dem Reichstag zu Worms 1521 empfing Philipp I. vom Kaiser die Reichslehcn über Hessen, erneuerte eine Erbverbrüderung mit Sachsen, schloß neue mit anderen Fürsten, lernte Luther kennen und achten, und sprach zu ihm, als er ihn besuchte: «Habt Ihr Recht, Herr Doctor, so helf euch Gott!» Philipp sträubte sich mit dagegen, Luthern das sichere Geleit zu brechen, er gab ihm seine sichere Geleitschaft durch Oberhessen und ließ schon in demselben Jahre zu Kassel deutsche Messe halten. Landgraf Philipp war bereits still im Herzen ein Freund des Lutherthums, als er sich mit der Tochter ihres heftigsten Gegners, des Herzogs Georg zu Sachsen, vermählte. Zum Glück theilte die jugendliche Christina zu Sachsen nicht die Strenge ihres Vaters. Der Bauernaufruhr gebot aufs neue, den Harnisch anzulegen und zum Schwert zu greifen; Philipp zog mit vor Franken- und Mühlhausen und half Münzer's Heer zu Paaren treiben. Dort traf er mit dem Kurfürsten Johann dem beständigen, Herzog zu Sachsen, zusammen und schloß mit ihm den Bund einer Freund- schaft, die durch gute und schlimme Tage sich lebenslänglich treu bewährte. Schon im folgenden Jahre schloß er mit Johann und andern befreundeten Fürsten des nördlichen Deutschlands ein Bündniß zu Schutz und Trutz zu Torgau, dann besuchte er den Speierer Reichstag und half mit Mannesmuth die lutherische Satzung und Kirche vertreten und deren Rechte wahren. Auch mit Mclanchton hatte Philipp sich befreundet; er veranstaltete bald nach dem Reichstage ein Rcligions- gespräch zu Homburg in seinem Lande, öffnete die Klöster, gründete 1527 die Hochschule Marburg, rüstete in Folge der bedenklichen Eröffnungen Otto von Pack's, deren Wahrheit von den beschuldigten Gegnern hartnäckig abgeläugnet wurde, ein Heer aus, und unterschrieb sowohl 1529 die Protestation der Evangelischen, wie er auf dem Reichstag zu Augsburg fest zu deren Sache stand und sogar Augsburg im Zorn heimlich verließ sammt einigen seines Gefolges, davon jeglicher Mann, gleich dem des Kurfürsten zu Sachsen, auf die Nockärmel gestickt, die bedeutungsvollen Buchstaben V. O. Ll. I. H. (Verbum Oommi mrmst in asterrmw, des Herrn Wort währet in Ewigkeit) zur Schau trug — weil er jenes Reichstags trostlosen Ausgang voraussah und persönliche Hintansetzung vom Kaiser erfuhr. Bald daraus verband sich Philipp mit den Schweizer Cantonen und Städten Zürich, Bern, Basel und Straßburg auf sechs Jahre zum treuen Zusammenhalt gegen Angriffe wegen der Religion und schloß in seiner Stadt Schmalkaldcn, wo sich schon in den letzten Tagen des Monat December 1550 zahlreiche Abgeordnete deutscher und schweizerischer Städte, wie Fürsten, Grafen und Herren cinfandcn, «den christlichen und freundlichen Bund zum Schutz aller gegenwärtigen und künftig noch hinzutretenden Anhänger des Evangeliums.» Philipp und Kurfürst Johann zu Sachsen wurden Häupter dieses schmalkaldischen Bundes, dem auf Philipp's Betrieb selbst König Christian von Dänemark später beitrat. Philipp, stets wachsam und thätig, bewirkte die Auflösung des 25 Jahre bestanden habenden «schwäbischen Bundes», der dem Evangelium hinderlich war. Dieser Bund hatte auch den gegen ihren Landesherr», Herzog Ulrich von Schwaben, rcbcllirenden Unterthanen zu dessen Vertreibung Beistand geleistet, Philipp gab dem vertriebenen Herzog Schutz und Schirm und ruhte nicht, bis dieser in sein Land als Regent und in alle ihm widerrechtlich entrissenen Rechte wieder eingesetzt war, was er mit Hülfe eines tüchtigen Kricgsheeres vollbrachte, das die denkwürdige Schlacht bei Lauffen schlug und die Gegner — das Heer des Kaisers — laufen machte. Philipp's Heereszug erregte viel Furcht, Schrecken und Unruhe im Reiche, doch legte ein Vertrag zu Kadan an der böhmischen Grenze alles friedlich bei. Philipp versöhnte auch den Herzog Ulrich von Würtem- berg mit dessen Sohne Christoph, welcher später einer der trefflichsten Fürsten wurde — dann zog er das Schwert gegen den Wiedertäuferaufruhr und leistete kriegerischen Zuzug gegen das empörte Münster. Philipp war es nicht minder, der dem Könige Christian III. beistand, das Evangelium in Dänemark einzuführen. Nach der ebenfalls durch Philipp bewirkten Erneuerung des schmalkalder Bundes im Jahre 1537 aus dem großen Fürstentage zu Schmalkaldcn wohnte er dem Neligionsgespräch zu Negensburg 1511 bei, sah sich zum Kriegszug gegen Braunschweig veranlaßt und eroberte in Gemeinschaft mit dem Kurfürsten zu Sachsen Herzog Heinrich's Lande, ja er nahm diesen selbst gefangen und hielt ihn so lange in Haft, bis sein eigener Glücksstern sich wandte und zum Unstern wurde. Der Kaiser begann den Krieg gegen den schmalkaldischen Bund, erklärte Philipp in die Neichsacht, demüthigte ihn nach der Schlacht bei Mühlberg in Halle und nahm ihn gegen ausdrückliches Versprechen in Hast. Die so häufig begegnende Erzählung der Umwandlung der Worte «einiges Gefängniß» in «ewiges Gefängniß» durch Granvella in einem der Vermittlungsartikel ist übrigens eine Fabel. Und in dieser Haft blieb der hochherzige Landgraf 5 lange Jahre, oft nichtswürdig behandelt. Ein Fluchtversuch zu Mechcln, wohin er geschleppt worden war, scheiterte, weil zu viele davon Kunde hatten. — Endlich, als Kurfürst Moritz zu Sachsen, noch dazu Philipp's Schwiegersohn, dem Kaiser den Passauer Vertrag 1552 abgezwungen hatte, ward auch Philipp frei und kehrte, von tausendfachem Jubel der seinen begrüßt, in sein ihn liebendes Land zurück. Als treuester Anhänger der Reformation leistete Philipp auch den Hugenotten in Frankreich Beistand, durch Geld und Mannschaft, und es ist eine geschichtliche Wahrheit, daß er, der hochherzige, großmüthige Heffenfürst, eine der festesten Säulen der neuen Glaubenslehre war, ihr Stab und ihre dauerndste Stütze. Fest und männlich hielt er an seinem Wort, an seiner Ueberzeugung bis zu seinem Tode, der nach neun und vierzig Regierungsjahren, im 65. Lebensjahre, sanft und schmerzlos erfolgte. Ein Denkmal errichtete ihm der dankbare Sohn Wilhelm, der Weise — ein späteres die dankbare Nachwelt zu Darmstadt; das größte, unvergänglichste hat er sich selbst errichtet. Die Denkmäler stellen den Landgrafen Philipp in den gereiften Jahren nach der Gefangenschaft dar; das obige Bild, einem höchst seltenen gleichzeitigen Holzschnitt entnommen, zeigt ihn in seiner jugendlichen Schönheit und Vollkraft. ÜIMald Pirkheimer. Geb. d. 5. Dez. 1470, gest. d. 22. Dez. 1.">Z0. M, «//. pirkheimer lebte zu einer Zeit, in welcher das abgeblühte Nitterthum gern die Waffe von Eisen gegen die Waffe der Wissenschaft umtauschte; er trat aus der Welt der Ritter, gleich einem Ulrich von Hütten, in die der Gelehrten hinüber, unter denen er sich einen ehrenvollen Namen erwarb. Pirkheimer's Geburtsort war Eichstädt in Franken, und das berühmte Hochstift, wie die nahe Reichsstadt boten dem ritterlichen Vater, welcher aus einer alten Nürnberger Patricierfamilie abstammte, Rcchtsgelchrter und erzherzoglich östreichischer Rath war, volle Gelegenheit, den äußerst fähigen Knaben in den Anfangsgründen des Wissens genügend unterweisen zu lassen. Der junge Pirkheimer faßte große Neigung zu einer Menge verschiedener Doctrinen, doch bevor er dieselbe befriedigt hatte, trat er in den persönlichen Dienst des Bischofs von Eichstädt, eines der Häupter des schwäbischen Bundes, und lernte Ritterdienst und Kriegshandwerk, wozu es bei den ewigen Fehden jener Zeit vor und selbst noch unter Marimi- lian's Landfrieden an Gelegenheit nicht fehlte. Doch wünschte der Vater seinen Sohn nicht immerdar in der Sturmhaube und im Sattel zu erblicken, und rief ihn zurück, damit er die unterbrochenen Studien fortsetze und vollende. Nicht für den Krieg, sondern für den Staat sollte er sich bilden, und that dies auf den wälschen Hochschulen zu Padua, Pisa und Pavia sieben Jahre hindurch mit Lust und Liebe. Pirkheimer stu- dirte Philosophie, Jurisprudenz, Medizin, Theologie nebst Mathematik mit Astronomie und Astrologie, und trieb dabei mit Eifer noch alte Sprachen und Musik. Nach der Rückkehr in die Vaterstadt fand er eine Stellung im Rathe, vermählte sich 1497 mit Crescentia Nieter, die ihn durch nichts als durch ihren Tod (1503) betrübte, und begann nun seine ehrenvolle Laufbahn als Schriftsteller, Rechtsgelehrter und Diplomat. Er befreundete sich mit seinen berühmten Zeitgenossen, vor allen mit Albrecht Dürer, dessen Mcistergriffcl nicht allein Pirkheimer's Züge verewigte; Dürer widmete ihm sein berühmtes und größtes Werk „Vier Bücher von menschlicher Proportion", und ersuchte ihn dessen Vorrede zu verfassen. Nicht nur diese schrieb ihm der Freund; da Dürer die Vollendung seines Werkes im Druck nicht erlebte, widmete er seinem Andenken eine schöne Elegie. Dürer's kostbarer Holzschnitt: Der Triumphwagen, war Pirkheimer^ Erfindung, welcher dieß seltene Blatt auch beschrieb. Außerdem übersetzte Pirkheimer mehrere griechische Klassiker in das lateinische, und widmete einige seiner Schriften seinen beiden gelehrten Schwestern Charitas und Clara, welche Nonnen im St. Clarakloster zu Nürnberg waren. Im Jahr lWO stand Wilibald Pirkheimer an der Spitze der Nürnberger NeichstruPpcn, die er dem Kaiser gegen die Schweiz zu Hülfe führte, und zeichnete sich in diesem Feldzugc durch Klugheit und Besonnenheit aus. Kaiser Maximilian ernannte ihn, den Nürnberger Senator, zu seinem Rath, und sein Nachfolger Kaiser Carl bestätigte Pirkheimer in dieser ehrenvollen Stellung. Beide Herrscher bedienten sich des einsichtvollen, sprachkundigen, feinen und gewandten Diplomaten häufig theils als Gesandten, theils auf den Reichstagen, und zu vertraulichen Missionen, bis er, nach Ruhe sich sehnend, seine Stelle niederlegte und nur den Wissenschaften lebte. Ungern wurde er entlassen, allein die Verwaltung eines reichen Erbes und ein wcitläuftiges Hauswesen forderten seine ungeteilte Sorgfalt. Fortan lebte Pirkheimer mit wenigen Unterbrechungen ganz den Musen; er legte Bücher-, Münz-, Gemälde- und andere Sammlungen an, konnte aber nicht verhindern, daß er noch einmal in den Rath gewählt wurde, und sah sich zur Wiedereinnähme der alten Stelle gezwungen, bis Krankheit ihn nöthigte, sie abermals niederzulegen. Wie den Wissenschaften und Künsten war Pirkheimer auch der Reformation mit voller Seele zugethan, und förderte deren Einführung in Nürnberg auf alle Weise, ohne jedoch Freude zu haben an der verderblichen Spaltung, die im spätern Verlauf derselben das Vaterland mit Unheil bedrohte. Denn er liebte sein Vaterland, und als der Tod in seinem 60. Lebensjahre ihm nahe trat, sprach er noch kurz vor seinem Ende die Worte und Wünsche aus: „Wollte Gott, daß es nach meinem Tode dem Vaterlande wohl erginge! Wollte Gott, daß nach meinem Tode die Kirche Frieden hätte!" — Mit ihm erlosch der Pirkheimer altes Geschlecht, und das Wappen mit der Birke sank mit ihm in die Gruft. GottUeb Ülilhelm Rabener. Geb. d. 17. Scht, I7>1, gest. d. 22. März 1771. Rabener erwarb sich einen verdienstvollen Namen als Dichter, hauptsächlich als Satyrikcr. Das Rittergut Wach au bei Leipzig ward sein Geburtsort; der Besitzer desselben, Rabener's Vater, war Obcrhofgerichts- advokat in Leipzig, hielt seinem Sohne bis zum vierzehnten Jahre einen Privatlehrcr und sandte ihn dann auf die Fürstenschule nach Meißen, wo der junge Schüler mit Gellert und Gärtner einen engern Freundschaft- bund schloß, der sich auch auf der Leipziger Hochschule fortsetzte und den nur der Tod loste. Der junge Stu- dirende widmete sich der Rechtswissenschaft, nachdem er 1734 die Universität Leipzig bezogen hatte, und dis- putirte im Jahre 1737. Das für die Mehrzahl der Gebildeten au sich sehr trockne Steuerfach zog ihn an, und viele wunderten sich darüber, daß er mit seinen unverkennbaren Anlagen für Poesie, für Humor, Witz und Satpre gerade dieses Fach zu vereinen verstand, und als es ihm später gelang, wirklich Anstellung als Steuerrevisor des Leipziger Kreises zu finden, so konnte er selbst heiter über die Verwunderung der Freunde scherzen, daß auch einmal Witz bei der Steuer gefunden werde, was sonst niemals der Fall und auch noch wenig dagewesen. Rabener's Begabung wies ihn vorzugsweise auf das Gebiet des Witzes und der Satprc hin; er bethei- ligte sich eine Zeitlang, wie auch Gellert, an den von Professor Schwabe in Leipzig herausgegebenen «Belustigungen des Verstandes und Witzes», und seine Beiträge fanden verdienten Beifall wegen ihrer heitern Laune und ihres feinen Tones und Taktes, was nicht allen Beiträgen anderer nachzurühmen war, ja das Blatt nahm zuletzt in dieser Beziehung eine so taktlose Haltung an, daß Gellert, Rabener und viele andere feiner fühlende von der Theilnahme an demselben zurücktraten. Geschmack vor allem war es, was Rabener anbahnte; dieser mangelte in der Litcraturperiodc, in welche seine beste Thätigkeit fiel, noch mannigfach; er hals die Sprache läutern und die Poesie heben. Der Kreis gleichzeitig strebender Genossen, der mit Rabener und Gellert vereinigt war, zu welchem noch Gärtner, Cramer, Klopstock, Gisekc, Weiße, Joh. Adolph und Joh. Elias Schlegel, C. A. Schmidt und Zachariä gehörten, verband sich zur Herausgabe einer neuen Monatschrist, deren Vcrlagsort Bremen wurde und welche Bremische Beiträge, später: «Neue bremische Beiträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes» benannt wurde. An diesen Beiträgen war nun Rabener, mitten in tüchtiger praktischer Gcschästswirksamkeit, besonders thätig und gab dann die darin niedergelegten Satyren, wie auch die satyrischen Briefe besonders heraus. Rabencr'S Satyre würdigte sich nie zum Pasquill herab; sie traf, stets frei vom Gifte der verletzenden Bosheit, die Schwächen aller Stände, das Kandidaten-, das Hofmeisterwesen u. dgl., doch macht es der Satyriker selten dem Publikum zu Dank. Ueber andere will jeder gern lachen, sich selbst will keiner im Spiegel der Satyre erblicken, und muß er es, so schneidet er grimmige Gesichter. Dieß empfand Ra- bcner, seit 1723 im Oberstcuer-Collegium zu Dresden erster Sccretair, und nahm im 4tcn Bande seiner satyrischen Schriften Abschied von seinen Lesern, wozu ihn jedenfalls höhere Rücksichten vermochten. Bei der Belagerung von Dresden, 1760, brannte mit anderen Rabcner's Haus mit allem seinem Mobiliar und seinen Manuseripten ab, und man vermuthet, daß dabei höchst anziehende Satyrcn auf die höheren Stände verloren gegangen, von deren Veröffentlichung der Dichter durch Rücksichten abgehalten wurde. Nach wiederhergestelltem Frieden wurde Rabener Steuerrath, bekam vermehrte Berufsgeschäfte und es begann allmählich seine Gesundheit zu schwanken. Podagra stellte sich ein, und 1767, als er die Leipziger Michaelis-Messe und seinen gelieb- testen Freund und zugleich Amtsverwandten, den Kreis- steuereinnehmer Christian Fclir Weiße, besucht hatte, erlitt er einen Schlaganfall, der ihm die Extremitäten der linken Seite zum Theil lähmte. In ungetrübter Laune berichtete er dieß dem Freunde und nahm gleichsam Abschied von ihm: «Es war eine Hcmiplegie. — Wenn die Holoplegie kommt — Adieu, mein lieber Herzens-Weiße, ich empfehle mich Ihnen, Ihrer besten Frau und Ihrer kleinen dsnels jo^euss zu gutem Andenken! Adieu Spargel, Austern, Lerchen und Witz!» — Aerztliche Kunst und Diät fristeten das von der Hand des Todes angerührte Leben Rabener's indeß noch einige Jahre, 1769 wiederholte sich der Schlaganfall stärker, Munterkeit und Witz, die fröhlichen Gefährten der Gesundheit, wichen von ihm, und am 22. März 1771 endete ein Stickfluß sein Leben, das die Freundschaft, namentlich mit dem vorangegangenen Gellert und mit Weiße verschönt, Redlichkeit und Berufstreue geadelt und die Dichtkunst verklärt hatte. Johannes Regiomontanus. Geb. d. 6. Juni I-M, gest. d. 6. Juli IM. ^amillus Johannes Müller, letzterer der Vatername des berühmten Mannes, wurde in dem Städtchen Königsberg in Franken geboren, nach dem er später sich nannte, oder nennen ließ, indem man den Namen des Städtchens ins lateinische übertrug, und verlebte dort in ziemlicher Dunkelheit seine ersten Jugendjahre. Noch steht zwischen andern in einer zur Höhe des herrschaftlichen Amtssitzes sich emporziehendcn breiten Straße das kleine Hans, alterthümlich, mit geschnitztem Holz- gebälk, im innern eng und düster, aus welchem dieser helle Geist in die Welt trat, und oben an der Thüre einer finstern Kammer, die auf den Gang führt, steht noch eine von ihm herrühren sollende Inschrift mit großen Buchstaben angeschrieben: Lui vivso et our vivso boo no8voro ckiooo, 8i ksoi8 boo, ooolo clignu8 erio *). Müller wählte zunächst die Hochschule Leipzig, wo er sich mit Vorliebe dem Studium der Mathematik und Wem du lebst und warum du lebst, dieß lerne erkenne»; Thust du dieses so wirst würdig des Himmels du sein. Dialektik widmete, und begab sich von da, zur Fortsetzung dieses Studiums, nach Wien, wo er auch nach erlangter Magisterwürde vielbesuchte Kollegien las. Als sein hervorragendster Lehrer wird der gelehrte Mathematiker Georg Peuerbach genannt. In Wien lernte Magister Johann von Kunsperk den Cardinal Bessarion kennen, mit dem er im Jahre lässt nach Italien reiste, um sich in der griechischen Sprache und Literatur zu vervollkommnen. Er erreichte seinen Zweck auf das vollständigste, schrieb Uebersctzungen der Werke griechischer Mathematiker, wie Apollonios Conica, Se- renos Cplindrica, Heron Pnenmatica, und erklärte in Padua vom öffentlichen Lehrstuhl den Alphraganus. Als dem deutschen Mathematiker der Aufenthalt in Italien nicht mehr zusagte, wandte er sich nach Ungarn, widmete dem Könige Matthias Corvinus, dem ganz besondern Gönner der mathematischen Wissenschaften, seine tassuls sirimi mossilis, und empfing vom Könige ein Ehrenkleid, 800 Gulden und die Zusicherung einer lebenslänglichen Pension. Hierauf zog er nach Nürnberg, verband sich dort mit Bernhard Walther, einem bekannte» Astronomen, und errichtete eine neue Druckerei, aus welcher mehrere Werke beider, mit großer Sorgfalt gedruckt, hervorgingen. Das merkwürdigste aller Hcr- vorbringnngen dieser Presse ist ein ganz in Holz geschnittener Kalender, der jetzt zu den größten xylographischen Seltenheiten gehört. Schon beim erscheinen kostete I Ercmplar dieses eigenthümlichen Werks 12 ungarische Goldgnlden, und es sind bis jetzt nur 4 — 5 Eremplarc desselben als überhaupt noch vorhanden nachgewiesen. Eins davon besitzt die k. Bibliothek in Dresden, zwei die k. Bibliothek in München, eins die Universitätsbibliothek in Erlangen, und das fünfte befindet sich im Privatbesitz. Außer den übrigen zahlreichen Schriften, welche Magister Johannes von Kuns- perk verfaßte und druckte, verstand er auch künstliche Automaten zu verfertigen und deren Verfertigung zu lehren. Dadurch und durch die wesentliche Verbesserung des Kalenders, wie auch durch seine genauen, auf 50 Jahre voraus berechneten astronomischen Ephemeriden erlangte der Meister weiten Ruf, denn seine Arbeiten übertrafen alle Vorgänger. Jeder Zweig der mathematischen Wissenschaft wurde durch Regiomontanus erweitert und bereichert. In der Trigometrie gab er zuerst dem Halbmesser zehn Millionen Theile, und führte den Gebrauch der Tangenten ein. Er wurde zuerst der Begründer der Algebra in Deutschland. Seine Automaten fanden ebenso viele Anerkennung als Bewunderung und zeugten von Scharfsinn und der glücklichsten mechanischen Erfindungsgabe, wenn auch die spätere Zeit einiges ersann und ihm zuschrieb, was er nicht gefertigt. Negiomon- tanuö baute ein bewegliches Sonnen- und Planetensystem, an welchem die Bewegung der Gestirne wahrzunehmen war. Man hat auch erzählt, er habe einen künstlichen Adler gefertigt, welcher dem Kaiser Maximilian bei dessen Einzug im Jahre 1470 entgegen geflogen sei, doch scheint das letztere wohl poetischer Zusatz, und der Adler stand nur auf dem Stadtthore oder auf einer Ehrenpforte, sich bewegend und die Schwingen schüttelnd. Viel auch ward erzählt von einer eisernen Fliege, die aus des Künstlers Hand auf-, um die Tafel herum- und wieder zu ihm zurückgeflogen sei, doch haben sich viele bemüht, die letztere Erzählung völlig in das Reich der Fabel zu verweisen. Papst Sirius IV., dem die Kalenderverbcsserung sehr am Herzen lag, berief den großen fränkischen Mathematiker 1475 nach Nom, bediente sich seiner Kenntnisse und belohnte ihn mit der Verleihung des Bis- thums Regensburg, allein Regiomontanus sah Deutschland nicht wieder. Es ist nur zu wahrscheinlich, daß wälscher Neid ihn hinopferte, er starb, kaum im 41. Lebensjahre stehend, an Gift. Vielleicht war dieser Mord ein Ausfluß des Hasses des Cardinal Cusanus, welcher sich und noch mehr andern einzureden suchte, er habe die Quadratur des Cirkels erfunden, welche Phantasie von Regiomontanus gründlich widerlegt wurde. Den literarischcn Nachlaß des letzteren brachte sein Freund und Arbeitgcnosse Bernhard Walther an sich, und vieles davon ist dann in den Besitz der an literarischcn Schätzen aus jener Zeitperiode überaus reichen Stadtbiblrothck zu Nürnberg übergegangen, besonders Handschriften griechischer Klassiker, wie eigene Werke Regiomontans. // M» Georg Ändreas Reimer. Geb. 27. Aug. 177k. gcst. d. 2K. April 1812. Reimers in der deutschen Buchhändlerwelt hochgefeicrter Name steht höchst ehrenvoll neben jenen Standcsgc- nossen deren Bildnisse d. Bl. bereits enthalten: Breit- kopf und Perthes. Sein Geburtsort war Greifswald, wo sein Vater, der als Schiffer viele Handelsreisen gemacht hatte, in den letzten zwei Jahren seines Lebens Brauerei betrieb. Früh vaterlos, trat der Sohn 1-4 Jahre alt als Lehrling in eine Buchhandlung, und war daneben eifrig bemüht durch Privatstunden und durch Lesen belehrender Bücher seine Kenntnisse zu vermehren. Mit wenigen materiellen Mitteln ausgerüstet, aber mit gutem Muth und reger Thatkraft wurde von Reimer im Jahre 1800 zu Berlin die Realschul- buchhandlung, welche der Schule gehört hatte, übernommen; ein Institut, das er mit großer Umsicht und Thätigkeit durch eine im ganzen äußerst ungünstige Zeit leitete und seit 1817 unter der Firma G. Reimer zu großem Flor erhob. Ein kernhaft deutscher, von Vaterlandsliebe durchglühter Sinn, zeichnete Reimer aus, und ein Kreis wackerer Freunde umgab ihn, die seine Gesinnungen theilten, die oft mit ihm und bei ihm versammelt, besprachen, was zur Rettung des Vaterlandes noth thue; zu diesen Freunden gehörten Fichte, Schleiermacher, Arndt und Andere, und im Kreise solcher Patrioten reifte auch in Reimer der Entschluß, als die Zeit der Erhebung Preußens zur Ab- werfung des französischen Joches herbeikam, selbst die Waffen zu ergreifen und für die Freiheit des Vaterlandes zu streiten. Er verließ die zahlreiche Familie und das Geschäft, in welches er nach dem neuerkämpften Frieden wohlbehalten und mit neubeseeltem Strebemuth wieder eintrat. Der Friede, die Seele des Verkehrs in Wissenschaft und Kunst, rief ein herrliches Streben hervor, große und. hochbegabte Geister waren in schöner Gemeinsamkeit thätig, und gewannen auch Deutschlands Literatur eine Wiedergeburt, die nicht würdiger und anregender sein konnte. Vielfaches Vertrauen kam ihm so freundlich entgegen, wie das seine den bedeutenden Autoren entgegenkam, deren Verleger er wurde, und nur wenige Verlagsbuchhandlungen Deutschlands bestehen, die sich einer solchen Menge der aus ihrem Verlage hervorgegangenen Werke geistiger Größen rühmen können. Es seien Beispiels halber nur einige dieser Namen hier angeführt, aus dem Gebiete der ernsten sowohl wie der schönen Wissenschaft. Dem Reimerschen Verlag gehören, wo nicht ganz, so doch theilmeise an, die Werke der berühmten Theologen Schleiermacher, de Wette, der Philosophen und Sprachforscher F. A. Wolf, Fichte, Buttmann, Jacob und Wilhelm Grimm, Böckh, Im. Bekker, Lachmann; der Geschichtschreiber und Geographen K. v. Räumer, Rühs, Vüsching, v. Hagen, v. Hormayr, Ritter, Niebuhr, Fr. Förster; der Dichter A. W. v. Schlegel, Tieck, E. T. Hoffmann, Contessa, I. P. Fr. Richter, v. Armin, Varnhagcn v. Ense und vieler anderen Koryphäen auch noch anderweiter Doctrincn: Thacr, Hermbstädt, Eytelwcin, Hnfeland, Rüst. Nicht minder bethätigte sich das Neimcrsche Verlagsgeschäft an der Herausgabe gediegener Kunstblätter und werthvollcr Atlanten und Landkarten. Reimer kaufte, um auch am Hauptstapcl- platz des deutschen Buchhandels, Leipzig, seßhaft zu sein, die dortige Weidmannschc Buchhandlung, welche bereits seit 1670 bestand, und ließ sein leipziger Geschäft, von dem berliner gesondert, fortbestehen. Er erwarb das große Gartengrundstück zu Leipzig, Bose's Garten genannt, welches lange Zeit in Einzelgärtcn vertheilt war und reichliche Miethe eintrug, später aber ganz mit schönen Landhäusern bebaut wurde, welche jetzt zwei heitere Straßen bilden. Hoch geehrt von seinen Mitbürgern, wurde Reimer in den Stadtrath Berlins mehrmals gewählt, ein Zeichen des größten Vertrauens und der Liebe, die ihm Jeder der ihn kannte, weihte, gleichwohl kam eine Zeit, wo dieses Vertrauen nach gewissen Seiten hin als all- zugroß erschien, zumal die zahlreichen Verbindungen nach allen Seiten, und selbst nach dem fernen Aus- lande hin, den Argwohn erregen konnten, Reimer wirke als ein politisches Parteihaupt, umsomehr, da er als freisinnig bekannt war, und niemals Anlaß fand, das, was er that und dachte, mit dem Schleier des Geheimnisses zu umhüllen. Reimer entging daher weder der Verdächtigung, noch auch der Untersuchung und der Beschlagnahme seiner Papiere, indeß lieferte weder die eine noch die andere ein beschwerendes Ergebniß, und man mußte ihn fernerhin unangetastet lassen. Im Herbst des Jahres 1841 machte Reimer noch eine Reise nach England, von der er etwas erschöpft zurückkehrte. Bei seiner ungewöhnlich kräftigen Konstitution hatte er sich nie an eine Pflege gewöhnt, wie sie wol das höhere Alter gefordert hätte. Seit Anfang des Jahres 1842 kränkelte er, war aber bis zwei Tage vor seinem Tode in ununterbrochener Thätigkeit. Reimer war glücklich verheirathet und Vater mehrerer Söhne, die an der Spitze seiner höchst achtungs- wcrthen Verlagsfirmen in Berlin und Leipzig stehen, und bemüht sind, sie im Geist und Sinn des unvergeßlichen Vaters fortzuführen. rr--- Frau; Volßmnr Reinhard. Geb. d. 12. März 1723. gest. d. 6 . Sept. 1812. Dieser hochberühmte Theolog und Kanzelredner wurde in dem vormalig herzoglich Sulzbachischcn Marktflecken Bohenstrauß geboren. Sein Vater war dort Prediger und gab ihm eine gute, christlichfrommc Erziehung, bei welcher er als den Urgrund einer solchen die Bibel als erstes Lehrbuch anwandte. Christenthum und die Kenntniß alter Sprachen wurden die hauptsächlichsten Stützen des für den geistlichen Stand bestimmten fähigen Jünglings, welcher im Alter von 15 Jahren, 1768, auf die Schule nach Rcgensburg kam und nach der vollendeten Schulzeit die Universität Wittcnberg 1775 besuchte. Dort studirte Reinhard neben Theologie und Philologie mit Vorliebe auch Philosophie, in welcher er die erhabene Führerin zu höherer Weisheit, den Grundpfeiler geistiger Bildung, den Weg zur Gott- erkenntniß fand, und nicht, wie so manche neuere, die Bahn zu eitler Selbstvergötterung und zum spiri- tualistischen Atheismus. Nach vollendeten Studien wollte Reinhard nach seiner Heimath zurückkehren, aber wohlwollende Gönner und Freunde riethcn ihm, zu bleiben und das academische Lehrfach, zu dem er voll befähigt erschien, zu ergreifen. Reinhard folgte dem Winke und nahm 1777 unter dem Vorsitze seines Gönners Dresde die akademischen Würden an. Der junge Docent war freilich anfangs durch seine ökonomische Lage bedrängt und ging gleich andern nicht ohne Mühen und Dornen und durch Dunkel zum Licht, ja es litt dabei sogar seine Gesundheit, aber wachsender Beifall erhob ihn und ein festes Vertrauen auf Gott und die eigene Kraft ließ ihn nicht sinken. Im Jahre 1778 wurde Reinhard Adjunkt der philosophischen Facultät, dann Bakkalaureus der Theologie und las nun theologische Kollegia; zwei Jahre später trat er als außerordentlicher Professor der Philosophie auf und vcrhcirathete sich; 1782 wurde er ordentlicher Professor der Theologie; das Jahr 1784 sah ihn als Propst an der Schloß- und Universitätskirche zu Wittcnberg, und zugleich empfing er die Anstellung als Assessor des geistlichen Provincialconsistoriums. Reinhard lebte einfach, still, doch gemüthsfroh in schöner Häuslichkeit, unterstützte mit Freudigkeit jetzt, da er es vermochte, arme Studirendc, nahm von unbemittelten kein Honorar und verbreitete nur Liebe, Güte und Wohlwollen um sich her, während der treuesten Führung seiner Aemter und Erfüllung seiner Pflichten. Einen ehrenvollen Ruf an die Universität Helmstädt, welcher ihm eine Professur mit 1200 Thaler Gehalt sicherte, lehnte er dankend ab, folgte aber bald darauf im Jahre 1792 der Berufung nach Dresden, wo durch Hermann's Tod wichtige Stellen erledigt waren, und wurde nun Oberhofprediger, Kirchenrath und Oberkonsistorial-Assessor. So wurde Reinhard dem mit Fleiß und Freude geübten aeademischen Lehramt entzogen, um in noch wichtigerer Stellung ausschließlich dem Predigtamtc, der Seelsorge und dem geistlichen Berufe als Kirchenrath und im Konsistorium zu folgen. Ein großer und wichtiger ThätigkeitskrciS that sich vor ihm auf, aber Reinhard war der Mann, denselben auszufüllen und dem in ihn gesetzten Vertrauen auf das glänzendste zu entsprechen. Unter ihm hob sich das kirchliche Leben, hob sich die Blüthe der Lehranstalten, verbesserten sich die Gehalte der Lehrer, und mit unermüdlichem Eifer wirkte er nach allen Richtungen hin anregend und das gute fördernd, unter andern auch durch Einführung neuer Perikopcn und Gesangbücher. Dabei fand Reinhard doch noch Muße für eigene zahlreiche schriftstellerische Arbeiten, von denen mehrere vollständig erst nach seinem Tode erschiene». Außer vielen kleineren und Gclegenheits- schristen schrieb Reinhard: «Versuch über den Plan, welchen der Stifter der christlichen Religion zum Besten der Menschheit entwarf», dieser Versuch erlebte 4 Auflagen; «System der christlichen Moral», 5 Auflagen; «Vorlesungen über Dogmatik», 3 Auflagen. Rein- hard's allbekannte, mit Recht geschätzte Predigten, 35 Bände mit einigen Supplementbänden erschienen von 1792 bis 1833, seine Opusouin seackemiea gab er >809 gesammelt heraus. Seine Uebersetzung der Psalmen erschien, von Dr. Heckcr herausgegeben, 1813; seine Reformationspredigten ließ Bcrthold von 1821 bis 1824 in drei Bänden erscheinen. Wie Reinhard groß und bedeutend als akademischer Lehrer gewesen war, so war er es auch als Kanzelredner und als Schriftsteller. Die Glaubensrichtung, die er einschlug, hielt sich gleichweit von der frömmelnden Mystik, wie von dem alles kirchliche Gemüthsleben zersetzenden Nationalismus. Reinhard war und blieb übcrzeugungtreuer Supranaturalist, ohne übereifriger und überstrenger Orthodor zu sein. Sein Glaube war der innige, tiefe und beseligende, den die durch die Bibel geoffenbarte Religion Jesu Christi lehrt und predigt. Ihm folgte er nach, ihn lehrte er durch Wort und Schrift, vielen Tausenden zum Heil und zum Segen. Ein unglücklicher Fall, den Reinhard auf einer Geschäftsreise im Sommer 1808 that, und der einen Beinbruch zur Folge hatte, wirkte höchst nachthcilig auf seine Gesundheit ein, die selbst durch den Gebrauch des Karlsbadcs nicht völlig wieder hergestellt wurde. Im Jahre 1809 erging ein höchst ehrenvoller Ruf von Berlin aus an Reinhard; er sollte dort Mitglied des Staatsrathcs werden, seinen Gehalt selbst bestimmen, der König von Preußen war entschlossen ihm 4000, ja 5000 Thaler zu bewilligen — aber Reinhard nahm dieses glänzende Anerbieten nicht an, er wollte dem Sachscnlande, dem er so viel dankte, nicht untreu werden. Schon 1808 hatte er bei Gelegenheit der 400jährigen Stiftungsfeier der Universität Leipzig abändernde Verbesserungen ihrer innern Einrichtung vorbereiten helfen; im Jahre 1810 wurden durch ihn Leipzig und Wittenberg und die Schulen Pforta, Meißen und Grimma revidirt und besser organisirt. Es war dieß die letzte von Reinhard's segensreichen Thätigkeiten; nach der Rückkehr von dieser Reise warf ihn eine heftige Krankheit nieder — und ob auch die Kunst der Aerzte ihm noch eine längere Zeit das Leben fristen half, so erlag er doch nach zwei Jahren einem erneuten Anfall. Was Sachsen Reinhard's Wirken zu danken hat, wird nie vergessen werden. Johann Neuchlin. Geb. d. 28. Dez. 1455, gest. d. 30. Juni 1522. iüeuchlin's gefeierter Name steht mit in der vordersten Reihe derjenigen seiner Zeitgenossen, die sich um Aufklärung, Wissenschaft und Verbreitung des Lichtes der Reformation unsterbliche Verdienste erwarben. Neuchlin wurde in Pforzheim geboren, derselben Stadt, welche auch die Reformatorengenossen Johann Schwebe!, Bar- tholomäus Westhemer, Adam Frey, Nikolaus Gerbel und Christoph Wertwein in ihrem Schoose erstehen sah. Neuchlin, ein Sohn nicht ganz unbemittelter Aeltern, wurde früh zur Schule in Schlettstädt geführt und zeigte die günstigsten Anlagen, so daß er, unterstützt vom Markgrafen Karl von Baden, mit dessen Sohne Friedrich schon 1473 die Hochschule Paris beziehen konnte, welche damals vor allen andern europäischen Schulen blühte. Dort legte Neuchlin den Grund zu seinem tiefen Wissen und zu der umfassenden Kenntniß der alten Sprachen und klassischen Literatur, durch die er sich so hohen Ruhm erwarb. Unter den Lehrern Reuchlin's war Johann Wesscl, einer der geistbegab- tcsten Vorläufer der Reformation, von wesentlichem Einfluß auf Bildung und Richtung des jungen Stu- direnden. Im Jahre 1473 kehrte Neuchlin mit dem Prinzen zurück, begab sich nach Basel und lehrte dort einige Jahre, bis er wieder nach Frankreich reiste und in Orleans die Rechte studirte, während er fortfuhr, die alten Sprachen zu lehren. Schon hatte er ein kurzes lateinisches Lexikon, das er llreviloguus nannte, verfaßt, jetzt schrieb er die erste griechische Sprachlehre unter dem Titel Mikropädie, und wurde Doctor juris, worauf er nach Deutschland zurückkehrte, sich in Tübingen niederließ, sich dort verheirathete und als Anwalt zu practiciren begann. Allein weder ein ruhiges akademisches Lehrerlebcn in beglückter friedlicher Häuslichkeit, noch die in begrenzten Kreisen sich bewegende Thätigkeit des praktischen Juristen war Neuchlin beschicken. Im Jahre 1487 folgte er dem Herzog von Würtemberg, Eberhard im Bart, nach Rom und machte auf dieser Reise die anziehendsten Gelehrtenbekanntschaften. Er versah die Stelle des Orators seines Landesherrn, der ihn nach der Rückkehr mit wichtigen Sendungen betraute, deren eine an Kaiser Friedrich III. nach Linz ihm den Pfalzgrafcntitel und das Adels- diplom einbrachte. Auch eine alte hebräische Bibel- handschrift von hohem Werth verehrte der Kaiser dem berühmten Sprachgelchrten. Einige Jahre später begleitete Ncuchlin seinen Gebieter an den Hos Kaiser Maximilians I., auf den Reichstag nach Worms, wo der Kaiser den Grafen Eberhard zum Herzog erhob, der aber diese neue Würde nur noch wenige Monden trug. Der 1503 erfolgende Tod dieses seines ihm so gnädigen Gebieters brachte Neuchlin in eine mißliche Lage, denn der Administrator auf dem neuen Herzogthrone, welcher dem unmündigen Herzog Ulrich diesen streitig machte, war Neuchlin nicht gewogen, und dieser entging ihm drohender Gefahr dadurch, daß er sich an den Hof deS Kurfürsten Philipp von der Pfalz begab, wo er im Kreise gelehrter Freunde unangefochten lebte. Dort mag er auch den griechischen Namen Capnio (Rauch) angenommen haben, oder es wurde derselbe ihm von seinen Freunden aufgedrungen. Im ihm verliehenen Adelsbrief war das Wappen ein Rauch-Altar mit der Inschrift: .-Vra Opmoms. Da der Kurfürst mit Papst Alexander VI. in unangenehme Zwiespaltc gekommen war, sandte ersterer Neuchlin an den Papst, und diesem gelang es durch die überwältigende Macht seiner Beredsamkeit und Sprachgewandheit, alles zu erlangen, was sein fürstlicher Schutzherr wünschte. Im Lande Würtcmbcrg waren indessen die nach Eberhard I. Tode entstandenen Wirren geschlichtet und der noch unmündige Herzog Ulrich in sein Erbe eingesetzt worden; dessen Vormünder riefen Ncuchlin zurück, der dem Rufe um so lieber folgte, als er sich nach Ruhe sehnte, auch seine Frau die ganze Zeit über in der Heimath zurückgelassen hatte. Neuchlin erhielt einen ausgezeichneten Ehrenposten als Mitglied des schwäbischen Bundesgerichts, daS nur aus drei Richtern bestand, blieb neben diesem Amte unausgesetzt litterarisch thätig, und gab, der erste Deutsche, Lehrbücher der hebräischen Sprache heraus, wodurch er sich den Namen eines Vaters derselben erwarb. — Nach einer nochmaligen Sendung an den Kaiser wählte Neuchlin das Dominikanerkloster Dcnkcndorf bei Stuttgart mit seiner Familie zum Aufenthalt, schrieb dort ein Buch über die Kunst zu predigen, siedelte dann nach Stuttgart über und hoffte aufs neue ein ruhigeö, seinem Amte und der Wissenschaft geweihtes Leben führen zu können. Neuchlin theilte sich mit Erasmus voll Rotterdam in den Ruhm des größten deutschen Sprachgelchrten; Melanchthon war sein Schüler, alle helldenkenden Geister ehrten und bewunderten ihn, aber den Scholastikern und mönchischen Finsterlingen war er ein Dorn im Auge, und diese fanden in dem Auftreten des getauften Juden Pfefferkorn gegen das Judenthum, der alle jüdischen Schriften, außer den biblischen, vernichtet wissen wollte, einen Anlaß, alle ihren Haß gegen Neuchlin, der sich gegen die Absichten Pfefferkorn's und seiner fanatischen Anhänger erklärte, zu kehren, wodurch die berühmten Kölner Streithändel sich anspannen, aus denen der Kampf der Humanisten und Ncuchlinisten gegen die Dunkelmänner sich entwickelte, an deren und der Kölner Dominikaner Spitze der bekannte, genugsam verrufene Hochstrecken stand. Welchen wichtigen Einfluß dieser geistige und gelehrte Kampf auf Luther und den ganzen Beginn der Reformation geübt, welchen Antheil Luther, Spalatin, Ulrich von Hütten und Sickingen an demselben genommen, ja selbst der Kaiser, mehrere Fürsten, Cardinäle und Bischöfe, ist bekannt; Neuchlin und Hütten verfaßten die berühmten Lpistolss ol)8ourorum virorum. Der Streit dauerte zehn Jahre lang, bis theils Kaiser Maximilian eine Entscheidung zu Gunsten Neuchlin's erwirkte, theils der allgemeine Antheil sich von ihm ab- und der neuen durch Luther begonnenen Bewegung sich zuwandte. Mittlerweile entbrannte der Aufstand seines Landes gegen Herzog Ulrich von Würtemberg, als dessen Diener Neuchlin sein Amt als Vorsitzender des schwäbischen Bundesgerichts niederlegte. Den damals mit Gefangenschaft bedrohten Ncuchlin befreite von dieser Herzog Wilhelm von Bayern, der Führer des Bundesheeres, und gab ihm sicheres Geleit nach Jngolstadt. Dort las er zwar mit großem Beifall, aber unter Mangel und Entbehrungen; endlich gelang es ihm, nach Tübingen, wo er seine werthvolle Bibliothek zurückgelassen hatte, im Jahre 1521 zurückkehren zu können. In Tübingen wurde ihm gleich ein Lehramt angetragen, man freute sich seiner Rückkehr und seines Besitzes; er nahm auch den philologischen Lehrstuhl ein, aber leider nicht auf lange, denn er wurde im Jahre 1522 von der Gelbsucht befallen, ließ sich nach Stuttgart bringen und endete dort sein vielbewegtes und thätiges Leben. -HM M» Georg RoUenhagen. Geb. d. 22. Slpril 1.V>2. gest. d. 18. Mai UM. Ein origineller Geist, ein ächtes Kind seiner Zeit, als Dichter des «Froschmäuseler» beliebt und anerkannt, bisweilen sogar überschätzt, und dann wieder von vielen unverdient mißachtet oder vergessen. Nollenhagen's Geburtsort war Bern au, ein Städtchen in der Mark Brandenburg, wo sein Vater, den er früh verlor, Tuchmacher, Brauer und Oekonom war. Der Großvater erzog und adoptirte den fähigen Knaben, und ließ ihn die Schule zu Prenzlau besuchen. Von da wollte er 1558 auf jene zu Magdeburg abgehen; die Reise führte ihn nach Mansfeld, wo der Kanzler Dr. Georg Müller ihn kennen lernte, und zum Lehrer seiner Kinder annahm. Später ging er doch noch nach Magdeburg, besuchte die dortige Schule und nahm abermals eine Hofmeisterstclle bei den Söhnen eines angesehenen Mannes zu Halberstadt an, welche in Magdeburg ihren Unterricht genossen, dann bezog er mit letzteren die Hochschule Wittenberg und hatte das Glück, schon 1563 zum Rektor ver Schule zu Halberstadt ernannt zu werden, wo er zugleich die Stelle eines Predigers mit versah und sich kirchlichen Geschäften widmete. Dieses geistliche und Schulamt hielt ihn nicht ab, den Eingebungen seiner von Natur heitern Muse zu folgen, und gar manches zu schreiben, was mit dem rigorosen Ernst, den man besonders zu seiner Zeit von den Männern der Schule und Kirche forderte, nicht in allzugroßem Einklang stand. Er war aber nun einmal ein Mann aufgeweckten und munteren Temperamentes, und daher jedenfalls ebenso liebenswürdig als beliebt. Rollenhagen schrieb Gedichte und Lustspiele, und später noch viel anderes, womit er seine Umgebung erheiterte, obschon ihm das eigene Leben vielfach durch Kranksein verbittert wurde. Im Jahre 1507 verließ er seine Stellen zu Halberstadt unv begab sich wieder nach Wittenberg, wo er Magister wurde. Von da aus machte Rollenhagen eine Reise nach Braunschweig und Goßlar, knüpfte angenehme Bekanntschaften an, und begab sich wieder nach Wittenberg zurück. Dort war es, wo die erste Anregung zum Froschmäuseler in der Seele des jungen Dichters entstand. Rollenhagen wohnte als Zuhörer den Vorlesungen des Professor Dr. Veit Ortcl von Weinshcim bei, welcher Homcr's Vatrachomyomachic erklärte, und ganz erfüllt von seinem Gegenstand äußerte, es könne der unvergleichliche Stoff in so unvergleichlicher Lieblichkeit der Bilder und des sprachlichen Ausdrucks in keiner Sprache der Welt wiedergegeben werden, und wenn sich alle Poeten derselben zusammensetzten. Dieß bewog mehrere Zuhörer, zu versuchen, das homerische Gedicht in die lateinische, französische und deutsche Sprache zu übersetzen, und den letzteren Versuch machte Nollenhagen. Professor von Wcinsheim freute sich darüber, schlug aber vor, die homerischen Gedanken und Andeutungen noch weiter auszuspinncn, und so entstand denn, leider etwas mehr als weit ausgesponncn, «Der Frösch und Mäuse wunderbare Hofhaltnngc», welche sich als etwas neues, seit Neinecke Fuchs, als dessen Scitenstück der Froschmäuseler zu betrachten, nicht dagewesenes, schnell Bahn brach und in vielen aufeinander folgenden Auflagen das lesende Publikum entzückte. In Reimpaaren und in ächt Hans Sächsischer Weise bewegt sich das humoristisch-satyrisch-didactischc Thierepos durch drei starke Bücher, in denen die Anmuth und der Reiz der Schilderungen nur häufig durch allzugroße Längen abgeschwächt wird, außerdem konnte das Gedicht als ein satirischer Spiegel aller und jeder Zeit und den in ihnen vorkommenden Schwankungen der Vorliebe für die eine oder die andere Ncgierungsform dienen. Selbst Nachahmungen fand auch Rollcnhagen's Froschmäuseler — Nachahmungen, die sich so recht als Jliadcn Post Ho- merum kund gaben. Von Wittenberg kam Nollenhagen 1567 nach Magdeburg, wurde Prorektor der dortigen Domschule und erhielt 1575 auch eine Prcdigerstellc am Stift St. Sebastian, die er später mit einer gleichen am Stift St. Nicolai vertauschte. Er bewahrte sich, trotz eines siechen Körpers, seine natürliche Heiterkeit, vereint mit einem frommen und gläubigen Sinn, verfaßte mehrere Schulschriften, und lateinische Gedichte, welche letztere erst sein Sohn herausgab. Er ließ nur eine Predigt drucken, und sühnte dadurch die ermüdenden Längen in seiner Volksepopoe, schrieb auch noch: Wahrhafte Lügen von gcist- und natürlichen Dingen, die durch seinen Sohn Gabriel für den Druck besorgt wurden, und «Vier Bücher wunderbarlicher unerhörter und unglaublicher indianischer Reisen Alerandri Magni, Plinii Secundi, Luciani Oratoris und S. Brandani durch die Luft, Wasser, Land, Hölle, Paradieß uud Himmel», in welchem Buche namentlich die Reisen Brandan's nicht ohne poetischen Schmuck sind. Dabei war Nollenhagen ein treneifrigcr Schulmann, wurde 1575 Rektor in Magdeburg und begleitete dieses Amt vier und dreißig Jahre lang, wie er denn bei seinem, im sieben und sechzigsten Lebensjahre erfolgenden, zuletzt oft ersehnten Ableben zwei und vierzig Jahre lang der Schule zu Magdeburg gedient und mehrfache Rufe nach auswärts ausgeschlagen hatte. Er war zweimal verhcirathet und hatte zwölf Kinder. » Rudolk II., deutscher Kaiser Gcb. i>. 18. Juli 155,2. gest. d. 20. Jan. 1612. Der gelehrte Sohn Kaiser Marimilian's II. und der Maria von Oesterreich, Carls V. mehr unglücklicher als glücklicher Enkel, in der Hofburg zu Wien geboren und für den Thron erzogen, ohne den innern geistigen Beruf in sich zu haben, demselben eine Zierde zu sein. Rudolfs Leben fiel in die Zwischenzeit zwischen den Reformationskriegen und dem dreißigjährigen Krieg, eine Zeit, deren Beginn noch mannigfach stürmisch bewegt war, bis mehr und mehr eine Schwüle eintrat, die den Ausbruch neuer noch heftigerer Stürme befürchten ließ. Rudolf war Jesuitenschüler, und erhielt in Spanien seine Erziehung, daher ward Unduldsamkeit gegen andere Glaubensrichtungen, als die der alleinseligmachenden katholischen frühzeitig in seine Seele gepflanzt, außerdem aber neigte sein Sinn sich zu den Wissenschaften der Mathematik und Physik, der Astronomie und Astrologie mit großer Vorliebe hin, Wissenschaften, welche zu seiner Zeit immer noch von Fürsten und Gelehrten, oft genug freilich nur als geistige Spielwerke und Steckenpferde gepflegt wurden, und er erlangte in diesen Wissenschaften weit mehr Kenntnisse, als in der Kunst zu regieren, und Länder und Volker durch weise Gesetze und wohlwollende Fürsorge zu beglücken. Durch alle Stadien seines Negentenlebcns -— Rudolf wurde 1572 König von Ungarn, 1575 König von Böhmen, 1576 deutscher Kaiser — war er ein Gelehrter auf dem Throne, dem der Stand der Gestirne wichtiger war, als der Stand der politischen Angelegenheiten in seinen Reichen. Mit besonderer Neigung Alchymist, suchte Rudolf den Stein der Weisen, während sein Herz versteinerte gegen die Bitten seiner protestantischen Unterthanen um Glaubensfreiheit odcr mindestens um Duldung. Da der Kaiser diese nicht gewährte, vielmehr nach allen Seiten hin sie unterdrückte, sowohl in Oesterreich, wie in Böhmen, so entstanden überall Unruhen und Ausstände, welche, wenn es auch gelang, sie mit Gewalt der Waffen zu bewältigen und nieder zu halten, heimlich fortglimmteu, und den verderblichen Brand vorbereiten, schüren und nähren halfen, der 6 Jahre nach Rudolfs II. Ableben in hellen Flammen emporschlug uud dreißig Jahre lang für Deutschland zur Gottesgeißel wurde. Vom Jahre 1580 bis 1606 dauerten die Nachttischen Neligionshäudel, die mit der Austreibung der Protestanten aus dieser Reichsstadt endeten; 1582 begannen die Neligiouswirren in Cöln, gegen Erzbischof Gebhard, den der Papst entsetzte; Rudolf bestätigte die Entsetzung und kränkte die Protestanten dort, wie jene zu Augsburg, Straßburg und in der Mark Brandenburg in ihren Rechten. Die Erb- und Lehcnsfolgc in den Landen Jülich und Eleve, auf welche Lande der Kaiser Sequestration legte, hätte nahezu einen Krieg veranlaßt, und weckte die protestantische Union, die 1609 in Schwäbisch Hall errichtet wurde, welcher die katholische sogenannte «heilige» Liga entgegentrat. Dem türkischen Kaiser war die Verwirrung im deutschen Reiche willkommen, und er begann in Ungarn einzufallen und das Land zu verheeren, der Türkcnkrieg währte von 1595 bis 1606. Der arme, that- und rathlose Kaiser war überall verhaßt; die mindeste Ursache, ihn zu lieben, hatten die Ungarn; sie verlangten des Kaisers Bruder Erzherzog Matthias zum Statthalter, und aus dem Statthalter wurde nach wenigen Jahren ihr König. Auch in Böhmen ward Unruhe rege, die Protestanten forderten mit Ungestüm Religionsfreiheit; Rudolf wollte den Böhmen seinen Bruder Erzherzog Leopold zum Statthalter aufdringen, der sie in Schranken halten sollte; dieser rückte mit einem Heere heran und bemächtigte sich der Kleinseite Prags, während die Altstadt ihn tapfer abwehrte, bis der zu Hülfe gerufene Matthias mit seinen Ungarn herbei eilte, Prag entsetzte, uud 1611 auch Böhmens Königskrone auf seinem Haupte sah. Die Fürsten und Wähler des deutschen Reiches waren des Wirrsals unter einem thatlosen und ohnmächtigen Neichsoberhauptc ebenfalls müde, und thaten Schritte, eine neue Wahl vorzunehmen, doch sollte dem Kaiser das Recht des Vorschlags zustehen. Indeß liebte dieser nichts mehr als die Ruhe und den Frieden wissenschaftlicher Beschäftigungen, umgab sich mit Astronomen, Astrologen, Magikern und Alchymisten, wie Tycho de Brahe, Keppler, Deo, wie mit Malern und Mechanikern, in deren Kreise ihm wohler war, als im Staatsrathe. Rudolfs Regiment war ein Regiment der Minister, in deren Wahl er noch dazu höchst unglücklich war, und es ging auch da, wie es stets geht, wenn ein Regent nicht Augen hat zum sehen und Ohren zum hören. Die Minister ließen den Laboranten auf dem Throne laborircn und nach den Sternen sehn, und regierten an seiner Statt das Reich, daß es zum erbarmen war. Dabei wurde der Kaiser immer verschlossener, menschenscheuer und fast tiefsinnig, auch vom äußersten Mißtrauen beherrscht, da ihm Tycho de Brahc aus den Sternen prophezeit, daß ihm von seinen nahen Verwandten Unheil drohe, eine Prophezeiung, die sich freilich mit voller Wahrheit erfüllte, denn seine Brüder entsetzten ihn förmlich der Regierung seiner Erblande. Rudolf ging nun nicht einmal mehr in die Kirche; er erging sich auf wohlverwahrten Gängen, wo niemand ihm nahen, oder ihn sehen konnte. Endlich starb ihm auch noch zuletzt ein Liebling, ein zahmer Löwe, über dessen Tod sich der deutsche Kaiser so mächtig grämte, daß es nicht unwahrscheinlich ist, daß des Thieres Ableben Antheil am bald darauf erfolgten Tode Rudolfs II. hatte, und so folgte ihm denn jener Matthias, dem, wie sehr er sich mit Macht umgab und solche an sich riß, die Sterne auch nicht glückverkündend strahlten. V M's 7 ^.! 5 > Hans Geb. d. 5, Nov. IM, Ein höchst ehrenhafter deutscher Dichter und Meistersänger, ein Mann aus dem Volke; auch er war ein Förderer der Reformation, ohne Fürst, ohne Ritter, ohne Theolog zu sein; durch die Macht der Poesie verbreitete und verherrlichte er die Wahrheit und ihre Siege. Hans Sachs, der Sohn eines Schneiders, erblickte in Nürnberg das Licht des Tages. Der Vater war ein redlicher Mann, wollte den Sohn was rechtes lernen lassen und that ihn im 15. Jahre auf eine gelehrte Schule der Stadt, aber nicht lange, denn der Jüngling war kränklich und schwächlich. Die Studien schienen ihn allzusehr anzustrengen; ein stilles friedliches Handwerk sollte ihn nun beschäftigen und ihm den goldenen Boden sichern. Was aber der fähige Jüngling mitbrachte aus der Schule auf den Schuhmacherschemel, viel und mancherlei erlerntes in der Art, wie zu seiner Zeit die Wissenschaften gelehrt wurden, das trieb doch in ihm seine stillen Blüthen, kehrte sich nach innen, da es nicht nach außen strahlen durfte, und wurde — Poesie. Sachs. gcst. d. 25. Jan. 1576. Nun "blühte in Nürnberg vorzugsweise vor vielen andern deutschen Städten die Kunst der Meistersingerei, zwar in strengen, schulgcrechten, ja steifen Formen, indeß sie blühte doch, Sachs erlernte sie, ein Weber Namens Nunnenbcck lehrte sie ihm; er trug die Kunst im Herzen und im Gemüthe und weit hinaus in das Leben, auf die fröhliche Wanderschaft. Südwärts zog es ihn auf dieser nach Regensburg zunächst, nach Passau dann auf der Donau Wellen und Wogen in das reizende Salzkammcrgut, dann durch den Böhmerwald über manches Gebirg nach dem Sachsen-, dem Thüringerlande. Sachs hielt sich als ein recht frommer Wander- gesell ehrbar und züchtig, siegte der Versuchung ob, mit schwärmenden Gesellen ein nicht tadelfreies Leben zu führen, welche Versuchung ihm einige mal nahe trat, zumal da er zum Waidgescllen des jagdlustigen Kaiser Maximilian sich hatte annehmen lassen und auf den Alphöhen Tprols des Jägersmannes freie Lust und Weide kennen lernte. Da zog's ihn heimwärts, er nahm den Weg über München, sang in der dortige» Meistcrsängerschulc mit Beifall, ein Jüngling nur erst von 20 Jahren, und ward abermals von der Liebe gefesselt, lernte alle Schmerzen vergeblicher Minne kennen, durchwanderte noch manchen schönen deutschen Gau und manche deutsche Stadt, ward in Frankfurt «Sang- und Schwertmeister», fuhr den Rhein hinab, sah Köln und Aachen, sah die Städte der deutschen Hansa, kehrte über Leipzig durch Sachsen, den Harz und Thüringen wieder in sein gesegnetes Frankenland zurück und that sich häuslich und behaglich nieder, freite ein tugcnd- samcs Weib und begann mit gleicher Liebe und stets gleicher Treue seine Sangeskuust und sein Handwerk zugleich zu üben. Dem reichen poetischen Geist des nürnberger Sängers wurde die ganze Welt und alles Leben zum Gedicht; wie hätte es nicht der Goldstrahl neuer, geläuterter Christuslehre werden sollen? Luther'S Ruhm begann Deutschland zu erfüllen; in Nürnberg fand die neue Lehre guten Boden; eifrig las Sachs die Schriften des Reformators, wie sie einzeln als fliegende Blätter von Hand zu Hand gingen und flogen, und von Land zu Land. Da rührte auch Sachs seine Harfe und sang ein hohes Lied: «Die wittenbergischc Nachtigal», die flog gar weit und schlug gar hell und schön, und weckte neuen Sang, und half Luthcr's Werk gar mächtig fördern nnd verbreiten. Bilderreich, der Sprache mächtig, gedankenkühn schuf nun Hans Sachs Werk auf Werk in Reim und Prosa, und ließ jedes auch so einzeln hinausziehen, oft nur aus Einzclbogcn mit Holzschnittzicr von guten Meistern, wie Luther mit den seinen that; Lehren und Fabeln, Satiren und Gespräche, fromme Lieder und weltliche Schcrzrcimc, wie es kam, und wurde immer bekannter, immer berühmter, immer bedeutender. Der Magistrat Nürnbergs, auS Furcht vor des Kaisers Ungnade, und einige Finsterlinge aus angeborener Lichtscheu hätten ihm gerne sein Singen gewehrt; er ließ sich's aber nicht wehren, sondern folgte getrost der Gotwsstunmc in seinem Herzen. So förderte der deutsche Meister den Gesang, so förderte er die Reformation, so förderte er, neben Luther der begabteste Sänger stes Vaterlandes, auch dieses Vaterlandes Sprache, insonderheit die hochdeutsche nach dem Vorbild, das Luther in seiner Bibelübersetzung gegeben. Sein geistliches Lied: «Warum betrübst du dich mein Herz», durchklang alle protestantischen Kirchen, und nicht nur in deutscher Zunge allein, auch in fremde treu übertragen. Dabei studirte er fort und fort Werke der Wissenschaft, war befreundet mit den hochbegabten Gelehrten und Künstlern seiner Vaterstadt, und von ihnen geehrt. So lebte Sachs ein reges, schönes, dem edelsten und höchsten des Daseins zugewandtes und beglücktes Leben, und lebte sich, stets arbeitssam und thätig, stets schöpferisch, wie voll Jugendkraft und Jugendfrische, hinein in die Jahre höheren Alters. Erst im 64. Lebensjahre kam eine ausgewählte Sammlung seiner Gedichte zur Erscheinung. Dem ersten Bande folgte dann noch ein zweiter, ein dritter nach. — Der Tod hatte ihm sein treues Weib entrissen, er betrauerte sie redlich, fühlte sich aber nicht zu alt, im 68. Jahre wiederum zu heirathcn, und brachte noch einen vierten Band seiner Werke zu Stande, durch die er auch die dramatische Kunst der Deutschen, die noch in den Banden der kirchlichen Mysterien und Mönchsschauspiele lag, frei machte und förderte. Sachs schrieb über 6000 Gedichte, darunter sind 63 Fastnachtspiele, 29 weltliche und 28 geistliche Tragödien, 50 weltliche, 26 geistliche Comödien — die alle mehr und minder anschauliche Bilder der Denk- und Handlungsweise, wie der Sitten und Anschauungen seiner Zeit gewähren. Und so lebte er bis in sein 82. Lebensjahr, ja sang noch auf dem Siechbette seinen Lebenslauf als Schwanenlied. — Als seine Zeit vorüber war und Deutschlands Poesie tief schlummerte, wurde Hans Sachs verkannt — aber die neue Zeit erkennt ihn wieder freudig an und schmückt sein Gedächtniß mit unvcrwelklichem Lorbeer. Christian Gotthilk Saljmann. Geb d. >. Juni I7V,, gest. d. >il. Oct. I8I>. Ein echter Junger der Religion der Liebe war Salzmann, der Sohn eines Predigers zu Sonnn erd a an der Unstrut, also ein Thüringer von Geburt. Später zog der Vater mit ihm nach Erfurt. Dort empfing der Knabe den ersten Unterricht, welchen er hernach auf der Schule zu Langcnsalza fortsetzte, worauf er iu Jena Theologie studierte. So ging sein Juqendlebcn einen geräuschlos stillen, frommen Gang. Er erhielt ein Pfarramt auf dem Dorfe Rohrborn bei Erfurt im Jahre 1763 und verheirathete sich mit der Tochter eines benachbarten Predigers. In der Sphäre seines Wirkens kamen ihm häufig Gedanken über die Mittel und Wege, einen großen Theil der in sittliches Elend versunkenen Menschheit dieser Noth durch eine bessere Erziehung zu entreißen, und er begann in Rvhrborn, wie auch später in Erfurt, wohin er 1772 als Diaconus an der Andreaskirche berufen wurde, die Ausarbeitung mehrer dahin zielenden Schriften, welche den Beifall der Verständigen fanden, bei manchen minder Einfichtvollen hingegen auch Mißfallen ebregtcn. Zu den ersteren gehörte namentlich der Statthalter von Erfurt, Coadjutor Freiherr von Dalbcrg, und die Leiter des von Basedow in Dessau begründeten Philanthropins. Salzmann's Schriften, besonders seine „Unterhaltungen für Kinder und Kindcrfreunde", und das „Krebsbüchlein oder Anweisung zu einer unvernünftigen Erziehung der Kinder", das mit treffender Satire und schneidender Schärfe die bisherigen Erziehnngsweisen geißelte, ließen jene Männer in dem jungen pädagogischen Schriftsteller einen für das Philanthrop!» höchst brauchbaren Mann erkennen. Salzmann folgte freudig dem an ihn crgangenen ehrenvollen Rufe, da er sich in Erfurt verkannt und verketzert sah, und wirkte in Dessau von 1781 als Religionslehrer und Liturg eine Zeitlang mit Erfolg und Segen. Indessen fand er dort auch manches, das ihm minder zusagte, und nährte im Stillen den Gedanken, sich selbst einen eigenen Wirkungskreis für seine Ideen und Erziehungspläne zu schaffen. Um ihn auszuführen, verließ Salzmann 1784 Dessau, und begründete, von dem Herzog Ernst zu Sachsen-Gotha unterstützt, die Erziehungsanstalt Schnepfenthal zwischen Waltershausen und Reinhardsbrunn, in glücklicher gesunder Gegend, auf sonniger Hohe, genau an der Grenzlinie, wo der Thüringer Wald sich gegen die weite thüringische Ebene nach Norden abdacht. Dort in einem sich erfreulich mehrenden Kreise anvertrauter und eigener Kinder, in welchen letzteren er sich selbst Gehülfen und Gehülfinnen heranzog, entfaltete nun Salzmann eine Thätigkeit als Erzieher, welche der Himmel mit dem reichsten Segen lohnte. Er umgab sich mit jungen wissenschaftlich gebildeten Männern, die ihn als Gehülfen unterstützten. Unter diesen war neben Beutler ans Suhl I. M. Bcchsteiu der erste, Andre kam aus Arolscn und führte Zöglinge zu, Solger und Guthsmuths schloffen sich an, Glatz, Lenz, Blasche folgten, unv Schnepfenthal erwuchs und erblühte. Ein Familienkreis umschlang alle Glieder der Anstalt, Fleiß und Liebe, Thätigkeit und Arbeitsfreude, frommer Sinn und ungeschminkte, ungeheuchcltc Gottesfurcht waren ihre kräftigen Stützen. Das Grabscheit wählte Salzmann zum Wappen, I). ». II. „denke, dulde, handele", war sein Wahl- und Sinnspruch, und so ging er durch gute und trübe Zeit, oft wegen seiner kostspieligen Bauten, durch welche er die stets wachsende Anstalt erweiterte, in große Sorge gestürzt, siegreich und ehrenvoll dem Ziele entgegen. Oft erging es ihm, wie A. H. Franke, daß der Lohn- und Zahltag kam, und kein Geld da war — immer nnd immer war die Hülfe dann am nächsten, wenn die Noth am größten war. Bald nach dem Beginn des neuen Jahrhunderts zählte Schnepfenthal schon 60 Zöglinge — so war Salz- mann's Hoffnung, der nur auf zwölf gerechnet, glänzend übertroffen. Wie sehr auch Salzmann's spätere pädagogische Schriften, wie z. B. das trübgefärbte Buch: „Carl von Carlsbcrg, über das menschliche Elend" u. a. Beifall und zahlreiche Leser fanden, noch mehr und besser wirkte der gottgetroste Mann durch seine persönliche lebendige Lehre, sein Beispiel der Arbeitsamkeit, des Biedersinnes, überhaupt durch seine einfache, naturgemäße Erziehungsmethode, die den Kindern das Lernen lieb und theuer machte, die körperliche Arbeit zum Fest, die Anstrengung zum Spiel, den Spatziergang zur Belehrung, die Natnr zum Tempel, ohne die jungen Gemüther der kirchlichen Gottesvereh- ruug zu entfremden. Schnepfenthal hatte und hat noch einen Betsaal, ein eigenes Gesangbuch, es hatte auch eine selbständige Druckerei. — Siebenundzwanzig Jahre lang war es Salzmann vergönnt seiner Erziehungsanstalt persönlich vorzustehen, bis seine Fackel sich senkte und erlosch. Auf seinen Hügel wurde ein Hollunderbaum gepflanzt, nach seinem Wunsche. Söhue Töchter und Enkel, Schwiegersöhne und Schwiegertöchter leiteten in dem ächten Sinn und Streben Vater Salzmann's die Anstalt fort, sie besteht und blüht noch heute, und vererbt den Namen ihres Gründers auf die Nachwelt. Sie hat in der stillen Friedensbucht am romantischen Waldeshang des thüringischen Gebirges alle Stürme der Zeiten über sich dahin und neben sich vorüberbrausen lassen, und wird von einem guten Geiste fortgeleitet und fortgepflegt auch noch spätere Wehen der Zeiten überdauern. .... Joachim von Sandrart. Geb. d. 12. Mai IM«, gest. INI». V5iir bedeutender Mann, ebenso sehr als ausübender Künstler, wie als Epoche machender Kunstschriststeller und Kunstforscher ausgezeichnet, Sandrart wurde zu Frankfurt am Main geboren und entstammte einer altadeligen Familie, die ihren Ursprung aus den Niederlanden herleitete, ohne daß jedoch die Nachkommen sich adelig schrieben. Durch äußere Verhältnisse unterstützt konnte Sandrart neben dem Empfang guten Unterrichts der eigenen Neigung folgen, die ihn frühzeitig zur zeichnenden Kunst führte. Die berühmten Kunsthändler und selbst Maler und Kupferstecher de Bry und dessen Schwiegersohn, Matthäus Merlan der ältere, munterten den jungen Künstler lebhaft durch das Lob auf, das sie seinen Zeichnungen zollten, welche, obschon nur Kopien älterer-Kupferstiche und Holzschnitte, den Originalen täuschend ähnlich waren. Der Kupferstecher P. Jßelburg, welcher mit gewandter Technik manches große und gute Blatt schuf, unterrichtete Sandrart im stechen und radiren, bis letzterer, erst 15 Jahre alt, nach Prag reiste, um sich in der mit Vorliebe ergriffenen Kunst von dem noch höher begabten Aegidius Sadeler weiter fortbilden zu lassen. Sadeler glaubte aber in Sandrart mehr Maler- als Kupferstechertalenr zu erblicken und rieth ihm an, nach Utrecht zu dem Maler G. Honthorst zu gehen. Bei diesem begab sich Sandrart nach damaliger Zeitsitte förmlich in die Lehre, und machte bedeutende Fortschritte, so daß Honthorst ihn als Begleiter auf einer Reise nach London mitnahm, wo Sandrart vielfache Beschäftigung fand, auch mehrere Gemälde Holbein's copirte. Später reiste Sandrart nach Venedig und Nom, begeisterte sich an den unsterblichen Werken der italienischen Meister und stand bald in der Mitte der deutschen Künstler und ihres Bundes, der Schilderbent, in Achtung und hohem Ansehen. Dort malte Sandrart seinen bewunderten «Tod des Seneca», ein Nachtstück, welches die königl. Gallerte zu Berlin schmückt; zeichnete für den Marquis Giustiniani die, dessen Palast schmückende Statuen - Sammlung für ein Prachtwerk, das in zwei Foliobänden erschien, malte mehrere Bilder für den Papst Urban Vlll. und studirte fortwährend die Antiken. Von Rom aus machte Sandrart eine Künstlerfahrt nach Neapel, Sieilien und Malta, nahm Landschaften und berühmte Gegenden auf, von denen dann der ältere Merlan viele für die Werke seines Kunstverlages stach, und kehrte durch Apulien nach Rom, 1635 aber nach Deutschland zurück, welches nun bereits seit 17 Jahren unter der Geisel des dreißigjährigen Krieges seufzte und blutete. Dennoch in jener ver Kunst so durchaus unholden Zeit bekam Sandrart eine Fülle von Aufträgen, weil ein bedeutender Ruf ihm vorausging, und verehrende Huldigung ihm von der Vaterstadt schon entgegen kam, eine seltene Ausnahme von dem bekannten Sprüchwort. Sandrart vermählte sich mit Johanna von Milkau auf Stockn», einer reichen Erbin, und lebte ein thätiges, seiner Kunstausübung ganz geweihtes Leben, bis auch ihn die Kriegsunruhen zwangen, der lieben Hcimath Valet zu sagen. Er wandte sich mit seiner Familie und seinem Schüler, dem jüngern Mcrian, nach Amsterdam, wo er fleißig fortarbeitcte und unter andern berühmten Bildern für den Kurfürsten Maximilian l. von Bayern die 12 Monate und Tag und Nacht malte, welche Gemälde, nebst vielen spätern Bildern von ihm, noch heute ein Schmuck der königl. Pinakothek zu München sind. Sandrart erbte mit seiner Frau daS Familiengut derselben, Stockau, veräußerte seine Kunstvorräthe und Sammlungen um eine sehr bedeutende Summe, und bezog sein Landgut, auf welchem er jedoch 16-17 alle Schrecken einer Plünderung durch die Franzosen erlitt. Indeß erlaubten ihm seine Verhältnisse nach dem bald erfolgenden Friedensschluß die völlige Wiederherstellung des ruinirten Gutes, und er lebte fortan im glücklichsten Verhältniß nur der Ausübung seiner Kunst, wurde vom Pfalzgraf Wilhelm Philipp von Pfalz- Neuburg zum Rath ernannt, weilte jedoch nicht stets auf seinem Gute, sondern machte einträgliche Kunst- reisen, und hatte namentlich durch Bildnißmalen, deren er, wenn er wollte, in einem Tage zwei, jedes für 50 Thaler, zu fertigen vermochte, einen erstaunlichen Gewinn. Sandrart malte den großen Friedcnsschmaus, welchen 1619 der Pfalzgraf Carl Gustav den Reichs- ständen und den kaiserlichen und schwedischen Kommissaren gab, 12' hoch und 9' breit, mit 50 wohlge- troffencn Bildnissen der Theilnehmenden, ein Bild, welches Georg Philipp Harsdörfcr in lateinischen Distichen feierte und General Wränget kaufte, um es dem Rathhause in Nürnberg zu verehren. Der Pfalzgraf, den das Glück auf den Thron von Schweden führte, schenkte dem Künstler 2000 Gulden rhcinl. und eine goldene Gnadcnkcttc von 200 Dukaten Werth. Sandrart malte diesen freigebigen Fürsten zu Pferde, lebensgroß und lebcnstreu, so daß das lebende Pferd desselben dem gemalten zuwieherte, und der Fürst unterließ nicht, denen von seiner Umgebung, die an dem Gemälde Ausstellungen machten, zu bemerken, sein Pferd scheine in der That mehr Kunstverständniß zu haben, wie sie; ein feines Kompliment, das aber wohl hier und da noch heute Wiederhast und Wiederholung finden dürfte. Von Nürnberg reiste Sandrart nach Wien, malte dort die höchsten Herrschaften, ärntete reichen Lohn und empfing vom Kaiser das Adelsdiplom. Seine Familie begleitete ihn, aber auf der Rückreise verlor er in Augsburg seine Frau, die ihm keine Kinder geschenkt hatte. Er traf eine zweite Wahl mit Esther Barbara Vlomarts, Tochter eines Nürnberger Nathsherrn, und ließ sich nun dauernd in Nürnberg, dem schonen Mittelpunkte ächt deutscher Kunst, nieder, wo er hochgeehrt und beglückt ein hohes Alter erreichte. Der Doge von Venedig ernannte ihn zum Ritter des heiligen Markus, Kaiser Ferdinand III. beehrte ihn mit eigenhändiger Zuschrift und schmückte das ihm früher verliehene Wappen mit einer königlichen Krone. Dasselbe zeigt drei Weintrauben mit einer bis zur Schildesmitte aufsteigenden Spitze. In der den Helm zierenden Krone steht ein Pelikan mit Jungen. In Sandrart's Gemälden waltet der Einfluß der italienischen Malerschule seiner Zeit überwiegend vor; er war weniger ein sclbstschöpferisches Talent, als ein glücklicher Nachahmer guter Vorbildncr. So groß und geschätzt die Menge seiner Bilder ist, so nützte er als Kuustforscher der Kunst noch mehr, wie als ausübender Künstler. Er schuf das Werk: Deutsche Akademie der edlen Bau- Bild- und Malerkünste, 2 Folianten, in welchem er eine für seine Zeit und noch jetzt mustergültige Kunstgeschichte lieferte, welche in einigen Ausgaben erschien, auch in die lateinische Sprache übersetzt wurde, und ihm die Aufnahme als Mitglied des Pal-- menordcns verschaffte. Es ist mit zahlreichen Kupferstichen geschmückt, welche Künstlerportraits, antike Bildwerke u. dgl. darstellen, und kam als die beste Frucht der eifrigen Antiken-Studien ihres berühmten Urhebers zur Erscheinung. Die erste Ausgabe: Nürnberg 1678 und 1679 wird der von I. I. Volkmann 1768 bis 1775 besorgten neuen Ausgabe bei weitem vorgezogen. Mehrere der Gemälde Sandrart's erschienen im Stich, auch radirtc er einige wenige eigenhändig und geistvoll. So wirkte der begabte Mann nach vielen Seiten hin, und verdiente den Lorbeer, mit dem ein überlebender Künstler, R. Collin, sein Bildniß umrahmte. Gerhard David von Scharnhorst. Geb. d. 10. Nov. 1750, gest. d. 28. Juni 1815. Dieser Krieger mit einem hochgespielten Namen zeigte sich unter den Vaterlandsbefreiern als einer der ruhmreichsten Helden, der seine Treue gegen König und Vaterland mit seinem Blute auf dem Felde der Ehre besiegelte. Scharnhorst's Geburtsort war Hämelsee im Königreich Hannover, die Aeltern gehörten dem bürgerlichen Staude an und bestimmten den Sohn zum eignen Gewerbe, dem Landbau; ihm aber war beschieden, aus engen Schranken sich emporzuringen und eine ruhm- beglänzte Bahn zu wandeln. Frühzeitig erwachte in ihm die Hinneigung zum Kriegerstaude. Die Erzählungen eines Invaliden, der den siebenjährigen Krieg mit durchgekämpft, gössen aus jugendfrischer Erinnerung Feuer des Muthes in die Seele des Knaben, und die Bücher, welche diesen Krieg gleichsam als gleichzeitige Berichterstatter alles geschehenen schilderten, halfen die Neigung nähren und fortbilden. Graf Wilhelm von Schaumburg-Lippe-Bückeburg zu Steinhude, nicht weit von Hämelsee residirend, hatte eine Artillerie- und Kriegsschule zur Bildung junger Militärs für den höheren Dienst begründet, in diese wurde auch Scharnhorst aufgenommen und erwies sich bald als lernfähig und eifrig, so daß er schon im 21. Lebensjahre als Fähndrich in ein hannöversches Regiment eintreten konnte, dessen Ehef General Estorf war. Von Stufe zu Stufe im Dienst und Rang gemessen vorwärts schreitend, sah sich Scharnhorst 1780 znm Lieutenant der Artillerie vorgerückt, und da zu dieser Zeit auch in Hannover eine Kriegsschule errichtet wurde, erhielt er au dieser die erste Lehrerstelle, wurde 1792 Stabshauptmaun und erhielt die Befehligung einer reitenden Artillerie-Compagnie. Die wissenschaftliche Beschäftigung, die Scharnhorst's Stellung mit sich brachte, leitete ihn selbst dahin, sich als Militärschriftsteller zu versuchen und — zu bewähren. Er hatte ein Handbuch für Officiere in den angewandten Theilen der Kriegskunst in 2 Theilen 1787 erscheinen lassen, und gründete 1794 ein «militärisches Taschenbuch znm Gebrauch im Felde», das große Sachkenntniß mit Scharfsinn offenbarte; er ließ demselben ein «militärisches Journal» folgen und wirkte so praktisch und geistig zugleich in ehrenvoller Sphäre thätig und tüchtig. Der Ausbruch des Nevolutionsfeldzugs nöthigte, die Feder mit dem Degen völlig zu vertauschen; Scharn- horst zog unter General Hammerstein mit den Han- noverschen Truppen zu Felde und zeichnete sich so rühmlich und vorthcilhaft aus, daß der General nicht umhin konnte, seinem Könige offen zu gestehen, wie es hauptsächlich dem Hauptmann Scharnhorst zu danken sei, daß das Hannoversche Truppcn-Corps im Kämpft gegen den weit überlegenen Feind, bei Mcnin, der es eingeschlossen hatte, nicht unterlegen sei. Dankbar für die Heldenthat Scharn horste ernannte ihn der König zum Generalstabs-Major und schenkte ihm einen Ehren- degcn. Indessen bestimmten bald darauf Verhältnisse und hauptsächlich der Herzog von Braunschweig Scharnhorst, den Militärdienst seines Vaterlandes aufzugeben und im preußischen Heere Dienste zu nehmen; er trat als Obristlieutcnant in das dritte Regiment der Artillerie und wurde 1801 Gcneralstabs-Quarticrmeister- Lieutenant. So lange die Waffen wieder ruhten, hielt er in Berlin Vorlesungen für Officicre mit großem Beifall. Scharnhorst wurde Oberst, empfing den Adel und zog als Chef des Generalstabes mit Blücher zu Felde, an dessen Namen und Kriegsruhm der seine sich brüderlich kettete; bei dem Zuge nach Lübeck wurde auch Scharnhorst mit Blücher gefangen, doch wurden beide bald befreit und vermochten aufs neue die würdigsten Dienste zu leisten. Scharnhorst's Tapferkeit, Scharfblick und Geistesgegenwart retteten den Alliirtcn den fast schon verlorenen Sieg der Schlacht bei Eylau; er gewann sich das ganze Vertrauen König Friedrich Wilhelm's III. und niemand war dessen würdiger, v. Scharnhorst vergalt es mit der innigsten, grenzenlosesten Hingebung. Er nahm den thätigsten Antheil an der Commission, welche 1807 einen Plan zur Neugestaltung des preußischen Heerwesens zu berathen vom Könige unter dem Vorsitz seines Bruders, des Prinzen Wilhelm, berufen wurde, und trat dann, die Ausführung der Beschlüsse leitend, an die Spitze der Kricgsverwaltung. Geist und Milde, Charakterstärke und Weisheit, vorausahnender staatsmännischcr Blick zeichneten das stille Wirken v. Scharnhorst's in dieser Berusssphäre aus; hell genug schwebte ihm die Nothwendigkeit einer allgemeinen Volksbewaffnung vor, wenn Preußen sich freimachen wollte vom Druck des fränkischen Usurpators, allein dieser hatte durch den Tilsitcr Frieden das preußische Heer bis auf 40,000 Mann herabgedrückt; da ersann Scharnhorst ein System der W äffen- Übung, das keinen der Artikel jenes Friedens verletzte und doch den Zweck der Waffenfähigkcit aller jungen streitbaren Mannschaft des Landes erfüllte. Still reiste Scharnhorst's Saat; auch eine ihm übertragene geheime diplomatische Sendung im Jahre 1811 vollführte er glücklich, und als nun endlich die ersehnte Zeit gekommen war, den verhaßten und schwer lastenden Kettcndruck abzuschütteln, gab es der König in Scharnhorst's Hand, die allgemeine Bewaffnung zu leiten, was bei der Begeisterung, die des Königs Aufruf an sein Volk hervorgerufen, mit überraschender Schnelle gelang. Binnen drei Monaten hakte Preußen kein Heer von 40,000, sondern von 130,000 Mann, und die Feldherren entrollten ihre Fahnen zum Kampfe aus Tod und Leben. Ueber der Schlacht von Lützen schwebte Scharnhorst's Todesengel; eine Kartätschen- kügel verwundete ihn, obschon nicht lebensgefährlich; erwürbe nach Dresden gebracht und auf das sorglichste verpflegt und ärztlich behandelt; aber seine Treue gönnte sich nicht die nöthige Ruhe; er wollte für seinen König eine Sendung nach Prag und Wien vollbringen, reiste gegen des Arztes Rath und Willen ab, und verschied in Prag im 37. Lebensjahre. Das ehrenvollste Leichenbegängniß ward dem Helden zu Theil; Berlin wurde mit seinem Denkmal geschmückt, auch in Prag wurde ihm ein solches durch Preußens Heer errichtet. Johann Jacob öcheuchzer. Geb. d. 4. Aug. 1«72, gest. d. 25. Juni 1755. 4E. xLin Mann, der nicht nur in seiner Hcimath, der Schweiz, sondern auch für das ganze Deutschland mit lebendigem Sinne und unermüdlichem Fleiße die neuere Naturforschung anbahnen half. Er wurde zu Zürich geboren, Sohn eines dortigen Arztes und Stadtphy- sikns, und wählte nach zurückgelegten Knabenjahren mit Freudigkeit den Beruf des Vaters. Er besuchte zuerst 1692 die Universität Mors und begab sich im darauf folgenden Jahre nach Utrecht, wo er 1694 als Arzt promovirte. Hierauf unternahm Scheuchzer eine wissenschaftliche Reise, welche er aus den Niederlanden nach Friesland, Brandenburg, Sachsen und Böhmen ausdehnte, worauf er durch Franken und Bayern in seine Schweizerheimath zurückkehrte, wo er zunächst, und noch ehe er sich den eigenen Heerd gründete, eine Alpenreise antrat, und dort mitten im großen erhabenen Tempel der Natur, in ihrem Allerheiligsten gleichsam, sich selbst zu ihrem Priester weihte. Hierauf begab sich Scheuchzer noch einmal nach Altorf und Nürnberg, um sich dort im Studium der Mathematik noch mehr zu befestigen, wo Sturm und Eimmart seine Lehrer waren, und dann erst ließ er sich häuslich in seiner Vaterstadt nieder. Dort wurde Scheuchzer 1702 das Amt zu Theil, welches sein Vater begleitet hatte; er wurde Stadtphysikus und erhielt 1710 den Lehr- stuhl als Professor der Mathematik an der dortigen Hochschule, nach andern aber nur am dortigen Gymnasium. Fort und fort ließ Scheuchzer es sich angelegen sein, die Naturgeschichte seines Vaterlandes auf das eifrigste zu erforschen und diese dann mit aller Gründlichkeit zu bearbeiten, doch verschafften ihm schon mehrere kleinere gelehrte Abhandlungen, die er in Leipziger, Londoner und andere wissenschaftliche Zeitschriften einrücken ließ, bereits Ruf und Anerkennung, so auch die Mitgliedschaft der kaiserlichen Acadcmia Naturä Curiosorum, der königlich großbritannischen und der königlich preußischen Societät der Wissenschaften. Nun wurde Scheuchzer der ausschließliche Natur- historiograph des Schweizerlandcs, und leistete durch seine im Druck anfangs heftweike veröffentlichten Forschungen der überall mit frischer Regsamkeit auflebenden Naturforschung wesentlichen Vorschub, wie seinem Vater- lande wesentliche Dienste. Scheuchzcr baute die Stufen, auf denen andere bequemer und leichter, als es ihm geworden war, aufsteigen konnten zu tieferem Eindringen in die Geheimnisse des an Naturschätzen so reichen AlpenlanveS; er brach die Bahn noch mitten im Nebelgefild naturhistorischer Vorurthcilc und Irrthümer, und in einer Zeit, wo ein Naturalicnkabinet fast nur auö sogenannten Curiofltätcn und Natur- spielen bestand, wo man die keltischen Streitkeile und Opferincsser für Donnerkeile, die Belemniten für abgebrochene Tenfelsfingcr, die germanischen Urnen auch für Kimm uatui-ao oder Fabricatc der Erdzwerge hielt, und auch die Versteinerungen kaum als etwas anderes ansah, als für Spielsachcn, die sich und ihren Menschenkindern znni Vergnügen Mutter Natur in guter Laune zubereitet habe. Daher konnte eö nicht fehlen, daß auch Scheuchzcr ab und zu auf einen Irrweg gerieth; so glaubte er noch an einen Iinmo nntoellluvianus. Gleichwohl machte er sich durch seine Vorarbeiten um die VcrsteincrungSkunde der Schweiz außerordentlich verdient; er gab ein llorlmrium Muvümum in einem Folivbandc heraus, ebenso ein 8>woii»eu litliograplüao lmlvotieao cuirlosno, eine Lutnol^smo^raplnu (Ueber- schwemnlniigskunve) Ilolvoliao, schrieb Schweizer-Alpenreisen, eine Hydrographie, Meteorologie und Orpcto- graphie der Schweiz, und anderes, und setzte seinem verdienstlichen Wirken die Krone auf durch sein in mehreren Folianten bestehendes Pracht- und Kupferwerk I'Iivsioa saora, welches Werk man sehen muß, um cS gerecht zu würdigen. Alles was irgend in einem Buche oder Capitel der heiligen Schrift in den Bereich der Natur gehört oder auch nur darauf hindeutet, ist mit einem Aufwand umfassender Gelehrsamkeit beschrieben, gedeutet und naturwissenschaftlich bestimmt und durch gelungene, oft wirklich geistvolle Kupfer erläutert, die alle von geniale» Arabesken, die sich nie wiederhole», umrandet, das beste bieten, was jene Zeit in der Illustration nur immer zu leisten vermochte. Himmel und Gestirne, mctercologische Erscheinungen am Firmament, Thier- und Pflanzenwelt, Metalle und Steine, alles ist erwähnt, nichts vergessen, was nur immer in den Büchern der heiligen Schrift von Gegenständen der Natur erwähnt wird, und nicht etwa in einfacher Abbildung, nein, in Verbindung gesetzt mit ansprechenden Scenerien aus^ der heilige» Geschichte, die vollendetste Bilderbibel, die man sich denken kaun, nicht, wie so viele, einzig hervorgegangen aus des zeichnenden Künstlers Phantasie, sondern auf dem Grunde wissenschaftlicher Forschung fußend. Jetzt ist dieß Werk nur noch wenig gekannt, eine vergessene Zier der Bibliotheken, aber zu seiner Zeit war der Beifall, dessen cS sich crfreucte, so groß, daß es gleich, nachdem es in lateinischer und in deutscher Sprache 1731 erschienen war, auch in die niederländische, die französische und englische Sprache übersetzt wurde. Wenn der IV^sicu saora oder LGlia ox pliMois iilustruta auch mancher Mangel und Irrthum anhaftet, so war doch die Anregung, durch die Naturforschung zum Bibelstudium und durch die Bibel zur Natursorschung hinzulenken, von unberechenbarer Wichtigkeit und von großen sättigendem Einfluß, während die heutige Naturforschung sich angelegen sein läßt, der Bibel zu spotten und die Menschenweisheit dünkclvoll der göttlichen entgegenzuhalten und sich wunderwichtig zu machen, weil wir jetzt manches besser wissen als Hiob, David und Salomo, die großen Naturkundigen ihrer Zeit. Scheuchzcr vollcudete sein nützliches, der Wissenschaft ganz geweihtes Leben im 61. Jahre; er hatte auch einen Bruder, Johann, welcher sich ebenfalls wissenschaftlichen Studien und zwar der Mathematik und Kricgswissenschaft gewidmet hatte, des Bruders Nachfolger als Stadtphysikus wurde, eine Gräserkunde der Schweiz herausgab und den Bruder nur um -1 Jahre überlebte. Johann Christoph Friedrich von Schiller. Geb. d. I«. Nvr. I7M, gcst. d. !1, Atai >M. ^Eeben Goethe Deutschlands gkfeiertstcr Dichter, ja lange Zeit von einer großen Anzahl Verehrer und Bewunderer noch über jenen Heros der deutschen Nation gestellt. Im kleine» schwäbischen Städtchen Mar- bach stand Schillers älterliches Hans. Der Vater war praktischer Wundarzt, wurde Militärchirurg und brachte es zu Ende des siebenjährigen Krieges bis zum Hauptmann. Die Mutter war eine stille fromme Frau, von poetischer Begabung, die sich namentlich auf den Sohn und dessen ältere Schwester Christophine, später Gattin und Witwe des Hofrath und Bibliothekar Nein- wald in Meiningcn, vererbte, und im Sohne als herrlichste Flamme deö Genius emporschlug. Von Marbach zogen die Acltcrn mit den Kindern nach Lorch, von da wurde der Vater nach Ludwigslust versetzt, wo der Herzog Karl von Würtemberg den Knaben, welcher sich dem geistlichen Stande widmen wollte und sollte, für seine militärische Pflanzschule, die Karlsacademic bestimmte. In dieser fühlte sich der junge Schiller nicht heimisch, schwankte in der Wahl des künftiges Berufes, wollte erst Jurist werden, griff dann zum Studium der Mcdieiu und kämpfte den bittern Kampf eines Gemüthes durch, das aus Lieblingspläucn gerissen, seine Lcbenslaufbahn als eine verfehlte betrachten muß. Zum Glück drangen Bücher in den abgeschlossenen Kreis der Karlsschule, gleich zündenden Strahlen und befruchtenden Blitzen, und regten den Jüngling mächtig zu eigenen dichterischen Versuchen an. Schiller vollendete indessen mit Ernst seine medicinischen Studien, und zvurde Negimcntsarzt, blieb aber dabei im lebhaften Verkehr mit den Freunden auf der Karlsschule, schrieb zahlreiche Gedichte uud vollendete die schon auf der Karlsschule begonnene» Räuber, dies titanische Werk eines freiheitsprudelnden Jünglingsgeistes, der in einem Spiegelbildc seiner eigenen Natur alle Bande der Gesellschaft sprengte. Das Stück machte ungeheures Aussehen, Freiherr von Dalberg, der einsichtsvolle Direktor der Mannheimer Hofbühnc, bewirkte die Aufführung desselben und Schiller begab sich heimlich, ohne Urlaub nach Mannheim, derselben beizuwohnen. Die Aufnahme war glänzend, das Stück schuf dem Dichter Freude und Ruhm, aber auch Weh und Leid. Die Strafe wegen heimlicher Entfernung und das Verbot des Herzogs ferner Dichterisches zu veröffentlichen trieb ihn znr Flucht. Ohne alle Mittel fand er durch Frau von Wolzogen ein Asyl in Bancrbach bei Meinungen, wo er seinen Fiesko und Kabale und Liebe vollendete, auch die vorbereitenden Studien zu Don Earlos machte. Von dieser Zeit an begann er nun seine große Laufbahn zu durchwände!», wurde gerühmt und gefeiert, blieb aber arm. Von Mannheim, wo er eine Zeit lang als Theaterdichter lebte und die Rheinische Thalia herausgab, ging er auf die Einladung Körners, der mit ihm einen fürs Leben dauernden Freundschaftsbund schloß, erst nach Leipzig, dann nach Dresden und wandte sich jetzt geschichtlichen Studien zu, als deren erste Frucht die Geschichte des Abfalls der Niederlande erschien. Von da begab Schiller sich nach Weimar; Wieland gewann ihn für seinen deutschen Merkur. Goethe, dessen ganzes Wesen nach Schillers eigenem AuSspruch, anders angelegt war, blieb ihm Anfangs ferne, förderte aber dennoch Schiller, der sich nach einem festen Halt im Leben sehnte, zumal die Liebe zu seiner nachhcrigcn Gattin, Charlotte von Lengcfcld, ihm ein solches Ziel höchst wünschenswerth erscheinen ließ. Hauptsächlich durch Goethes Einfluß erhielt Schiller die Professur der Geschichte in Jena, von. Herzog Georg zu Sachsen- Meinungen den gewünschten Hofrathstitel, worauf Schillers eheliche Verbindung erfolgte; so trat er k78!) mit Freuden sein neneS Amt an. Später verlieh ihm noch sein Fürst den Adel. Was Schiller Deutschland und der ganzen gebildeten Welt geworden ist und gegeben hat, läßt sich nicht im engen Nahmen einer flüchtigen biographischen Skizze schildern, auch ist es bekannt genug. Leider hemmte frühzeitig Krankheit ihn an der Fortsetzung seiner Amtspflichten und schöpferischen Thätigkeiten, doch litt er nicht Mangel. Gütig und wohlwollend setzten der Herzog von Holstein-Angustenburg und der Gras Schimmelmann vereint dem Dichter auf drei Jahre eine Rente von lOOO Thalern aus, damit er sorgenfrei und nur den Rücksichten auf seine Gesundheit leben könne. Als lyrischer und dramatischer Dichter erreichte Schiller den Gipfel der höchsten Anerkennung und Bewunderung seiner Zeitgenossen; als Geschichtschreiber zeichnete er sich durch Klarheit und Würde aus; als Philosoph wie als Dichter rang er sich empor in das Reich der Ideale, und zog viele andere dahin liebend nach. „Er besiegte" nach Goethc's ehrendem Wort „den Widerstand der stumpfen Welt und schwang zum höchsten sich empor." Zu früh und allgemein beklagt endete Schiller an einem Anfall seines Brustleidens. Sein Wilhelm Teil war sein Schwa- ncngesang. Unvergänglich lebt sein Andenken im Bewußtsein der Nation, er ist vorzugsweise der Sänger der Jugend und der Frauenwelt; erstere erfreut sich an den Bildern idealer Freiheit, letztere an der lieblichen Anmuth und der sittlichen Reinheit von Schillers unsterblichen Dichtungen, und so winden sich dem Unvergeßlichen ewige Kronen von Geschlecht zu Geschlecht. .802, gest. d. >4. Novbr. 1848. Einer der vollendetsten deutschen Bildhauer, die je gelebt, ein Künstler, der seinen Ruhm durch eine Fülle allbewunderter Werke begründete, und in der Großartigkeit seiner größeren Bildwerke nicht minder unerreicht dasteht, als in der Lieblichkeit und klassischen Vollendung der kleinern Bildwerke, die der Stolz zahlreicher Sammlungen sind. Schwanthaler wurde zu München geboren, Sohn des Bildhauers Franz Schwanthaler und überhaupt Abkömmling einer Bildhauerfamilie. Von dem Kunstfleiße des Vaters und des mit diesem gemeinschaftlich arbeitenden Oheims, Anton Schwanthaler geben in München noch zahlreiche Arbeiten, Bildsäulen, Ornamente dgl. an öffentlichen Gebäuden, Denkmäler auf dem Friedhof u. a. rühmlich Zeugniß, und so trat schon bei der Geburt der Sohn in eine durch bedachten Fleiß und sorgsame Studien geweihte Werkstätte, in der ihm der Weg bereitet war, den er erst mit Künstlerfleiß wandeln, dann ihn mit dem Fluge des Genius durchmessen sollte. Der junge Schwanthaler besuchte die Münchener Kunst-Akademie, und verrieth ebenso sehr ein ausgezeichnetes Talent, als die Neigung, seinen eigenen Weg zu gehen. Schon seine erste bedeutendere Arbeit, in Reliefs für ein Tafelservice des Königs Maximilian von Bayern bestehend, erregte viel Aufsehen, später erhielt er von Cornelius und Klenze Aufträge für die Glyptothek, und ging 1826 nach Rom, wo er unter Thorwaldsen sich fortbildete, aber 1827 wieder nach München zurückkehrte, da ihm das Clima in Rom nicht zusagte. Schwanthaler begann nun die Arbeiten für die Glyptothek, mythologische Reliefs, die Cornelius gefeierten Gemälden entsprechen, und antike Göttergestalten. In dieser Periode von Schwanthalcrs Künstlerleben entstand auch der Bacchuszug, ein 150 Fuß langer und 3 Fuß 8 Zoll hoher Fries im Palais des Herzogs Mar von Bayern, und die großen Neiterreliefs in der sürstl. Thurn und Tarischen neuen Reitschule zu Regensburg. Noch einmal ging Schwanthaler 1852 nach Rom, verweilte diesesmal zwei Jahre dort, mit Thorwaldsen eng befreundet, und sah sich durch den kunstsinnigen König Ludwig auf das ehrenvollste gefördert, gehoben und anerkannt, der ihn nach der Rückkehr von Rom, wo er mehreres für die Walhalla entwarf und ausführte, im Jahre 1 835 zum Professor an der Akademie der Künste in München ernannte, und wo Schwanthaler als Haupt und Meister einer Künstlerschule glänzte, welche nächst ihm der deutschen Bildnerkunst zu ehrenvollen Stützen dient. Ein besonderer Grundzug im Wesen und im schöpferischen Walten Schwanthalers war der, daß er fern von aller Einseitigkeit nicht blos der antiken Kunst nachstrebte und ihr huldigte, sondern mit gleicher Liebe und geschichtlicher Treue auch die mittelalterliche Kunst wieder hob, und von einem eigenthümlich dcutschromantischen Sinne beseelt war, der ihn Gebilde hervorrufen ließ, die groß, ideal, formvollendet und doch voll einfacher Wahrheit und Treue vor den Blick des Beschauers treten. Es gelang ihm eben alles, was er begann, und jedes Werk trug den Stempel der Hand eines allseits durchbildeten Genius. Zahllos ist die Menge der Kunstwerke, welche aus Schwanthalers Atelier hervorgegangen sind; wäre nicht schon jetzt Sorge getragen, ste zu verzeichnen, so würde die spätere Nachwelt ebenso an der Aechthcit aller zweifeln, wie wir nicht begreifen, wo Dürer die Zeit hernahm zu der überreichen Mannigfaltigkeit seiner Schöpfungen. Schwanthalcr schmückte, wie schon gesagt, die Glyptothek mit Reliefs und Figuren, er schmückte mit seinen Schülern und Jüngern die Pinakothek mit Maler-Statuen; er schuf dem Königsbau seine bedeutendsten Zierden, Götter und Heroengestalten, mythologische Kreise und Gruppen; er verkörperte die Zweenund Gestaltenwelt der klassischen Dichter von Hellas, des Orpheus, des Hesiod, Pindars und Homers, des Sophokles und des Aristophanes; den Saalbau zierte er mit einem 266 Fuß langen und Fuß hohen Fries aus dem Leben Kaiser Friedrich Barbarossas, wie mit den 12 ehernen Standbildern der Wittelsbacher, jedes 10 Fuß hoch und massiv vergoldet. An der Walhalla prangen Schwanthalers Reliefs, allegorische Verherrlichungen von Deutschlands Ruhm und Größe, Nationalität und Sicgcshohcit. Das neue Ausstellungsgebäude zu München erhielt von Schwanthaler seinen Ausschmuck mit Allegorien auf das Wiederaufblühen der bayrischen vaterländischen Künste. Schwanthaler schuf für die Ruhmeshallc bei München die colossale Bildsäule der Bavaria, gegossen von Stiglmayer und Miller, das größte gegossene Erzbild in Deutschland, 51 Fuß hoch, denn der Herkules auf Wilhelmshöhe ist nur aus getriebenem Kupfer geschmiedet. Zahlreiche Statuen und Denkmale in Erz und Marmor reihen sich diesen Arbeiten an, Mozart für Salzburg, der Großherzog Carl Friedrich von Baden für Carlsruhe, der Großherzog Ludwig zu Hessen für Darmstadt, Goethe für Frankfurt a. M., Jean Paul Friedrich Richter für Bayreuth, Markgraf Friedrich Alexander von Brandenburg für Erlangen; Tilly und Wrcde für die Feldhcrrenhalle in München und noch viele andere, theils für Bayern, theils für das Aus- land; ebenso ein schöner, reich mit allegorischen Figuren verzierter Brunnen für Wien. Auch das Denkmal für den Bau des Donau-Mainkanals wurde nach kleinern Modellen Schwanthalers ausgeführt. Dazu kommt noch eine Fülle kleiner, feiner, zart ausgeführter Kabinetsstücke, ebenso Büsten, wie auch Zeichnungen und Modelle, nach denen andern Künstlern die Ausführungen zu liefern überlassen blieb. Aeußcrc Ehren strömten von nahe und fern auf den großen Künstler ein, Titel, Orden, Ehrenbürger- schäften — aber er blieb der er war, eine ächt deutsche und höchstgemüthliche Künstlernatur, dessen Lebensglück nur in den spätern Jahren anhaltendes Siechthum verbitterte. Zu seiner Zerstreuung und Erholung gewann er einen alten Nuinenthurm im Jsarthale und baute und schmückte diesen dcutschmittelalterlich aus, lebte und schwärmte sich in die deutsche Romantik sinnig und innig hinein. Gleichen Sinnes in dieser Beziehung war mit ihm ein treu verbundener Freund, der auch Heimgegangene Geschichtenmaler Wilhelm Lindenschmit aus Matnz, der lange in München lebte und noch einige auserkorene Bundesgenossen. Mit allen »»verweltlichen Ruhmeskränzen bedeckt fand und führte den hohen deutschen Künstlergenius der stille Genius hinab zu den Schatten. Carl Philipp Mrst ;u öchwarzenberg. Geb. d. 15. April 1771, gest. d. 15. Ocr. 1820. gierst Schwarzcnberg war der Mitbefreier des deutschen Vaterlandes vom lastenden Joche Napoleon's I., der erste in der Reihe hochberühmter Feldherren der Befreiungskriege, als Soldat wie als Mensch gleich ausgezeichnet, bis zum Lebensende dankbar verehrt und mit goldenen Lettern eingetragen in das Buch der Nationalgcschichte Deutschlands als einer seiner tapfersten, besten und edelsten. Fürst Schwarzenberg entstammte einem berühmten Adelsgeschlechte Frankens, dem der Freiherren von Seinsheim; ein Ahnherr, Erkingcr von Seinsheim, erwarb durch Kauf die Herrschaft Schwarzenberg, nach der dann die Familie sich nannte, indem er zugleich seinem Hause die Reichsunmittelbarkcit verschaffte. Adolf von Schwarzenberg wurde 1599 in den Reichsgrafenstand erhoben, dessen Enkel Johann Adolf 1760 in den Reichsfürstenstand; Macht, Ansehen, Vermögen und Güterbesitz der Schwarzenberge wuchs, und der letztere namentlich erstreckte sich nach Oesterreich wie nach der Schweiz. Adam Franz Fürst v. Schwarzenberg wurde Herzog von Krummau in Böhmen. Napoleon und sein Rheinbund mediatisirten, d. h. sie beraubten die Fürsten des deutschen Reichs, und Karl Philipp's Vater, dem dieß Loos im reichen Maaße widerfuhr, wurde Geheimer Rath und Kämmerer des Kaiser Franz II. von Oesterreich. Carl Philipp wurde zu Wien geboren und frühzeitig für den Kricgerstand bestimmt, wie sein älterer Bruder für den höheren Dienst des Staates, der mittlere für den Dienst der Kirche. Auserwählte tüchtige Lehrer bildeten des jungen Fürsten Geist wissenschaftlich aus, dann beschritt er im 16. Lebensjahre als Unterlieutenant die Laufbahn, die er mit so vielem Ruhm durchwandeln sollte, und machte unter Laudon's Führung die Türkenzüge von 1787 bis 1789 mit, wo er persönliche Tapferkeit bewies und bis zum Rittmeister vorrückte. Wie er unter hohen Vorbildern kriegerischer Tüchtigkeit, unter den Grafen Loscy und Kinskp, und unter Laudon gedient hatte, so diente er unter Graf Clairfait und zeichnete sich im Gefechte von Quivrain 1. Mai 1792 aus, machte den folgenden Feldzug nach Frankreich als Oberstlieutenant unter dem Prinzen Coburg mit, führte das Uhlanen- Freicorps Jngclmanii und übte Thaten der Tapferkeit, welche die Entscheidung des Sieges in der Schlacht bei Ehateau-Cambresis 26. April 1794 krönte. Dieser Sieg brachte ihm die Verleihung des Maria-Thcresia- Ordcns auf dem Schlachtfelde. Von Stufe zu Stufe höher steigend in kriegerischen Ehrenstellen, wurde Fürst Schwarzcnberg, der stets unerschrockene Held, 1796 Generalmajor, 1799 Feld- marschall-Licutenant, und führte nun ein Uhlanenregi- ment unter seinem eigenen Namen. Als das Kriegsglück sich im Beginn des Jahrhunderts gegen die österreichischen Waffen wandte, gelang es Schwarzen- berg's cinsichtvoller Führung, manchem Verlust vorzubeugen und manch größeres Unheil abzulenken. Da der Fürst nicht blos Feldherr, sondern auch diplomatisch gewandt war, so wurde ihm 1802 schon ein Gesandtschaftsposten am St. Petersburger Hofe zugedacht, er nahm ihn aber damals noch nicht an, blieb dem Kricgcrstande treu und kämpfte mit bei Ulm und Austerlitz, nach welchen für Oesterreich unglücklichen Schlachten Fürst Schwarzenberg nnu die diplomatische Laufbahn betrat. Er ging 1806 als Gesandter Oesterreichs nach Paris, 1808 nach St. Petersburg, gab aber den Gesaudtschaftsposteu 1809 wieder auf und eilte zu den Fahnen zurück, fand Gelegenheit, sich aufs neue auszuzeichnen und wurde General der Kavallerie. Später leitete er die Verhandlungen der Vermählung Napoleon's mit der Erzherzogin Maria Luise, und gab zu deren Vcrmählungsfeier ein glänzendes Ballsest, welches durch einen schnell um sich greifenden Brand furchtbar tragisch endete. Oesterreich stellte seinem neuen Verbündeten ein Hülfshccr von 50,000 Mann gegen Rußland, mit dessen Oberbefehl Napoleon den Fürsten betraute. Schwarzenberg überschritt den Bug, drang in Padolien vor, später auch, doch mit wechselndem Glück, in Volhynien, und sah sich zu rückgängiger Bewegung gegen Warschau veranlaßt, wo General Sacken glücklich gegen Schwarzcnberg opcrirte, bis Napoleon's vcrhängnißvolle Stunde schlug und das französische Heer den Rückzug aus Rußlands Schneegefilvcn nahm. Es hatte den Anschein, als vermeide man gegenseitig so viel als möglich Zusammenstöße zwischen der zurückgezogenen österreichischen Hülfsarmee und dem russischen, die französische Streitmacht verfolgenden Heere. Abermals wurde Fürst Schwarzcnberg berufen, mit Friedensbedingungen nach Paris zu gehen, welche aber sämmtlich von Napoleon zurückgewiesen wurden, bis die Entscheidung auf die Schärfe des Schwerts gelegt war. Und nun begann Fürst Schwarzenberg's glücklicher Stern seinem Gipfelpunkte zuzueilen. Sobald er von der verfehlten Sendung nach Paris zurückkehrte und ver Krieg erklärt war, erhielt der Fürst, dem bereits der Oberbefehl über das in Böhmen zusammengezogene Beobachtungsheer anvertraut war, als Generalissimus das Commando der sämmtlichen verbündeten Heere. Diese ihohe und überaus wichtige Stellung verdankte der Fürst den glänzenden Eigenschaften seines Geistes als Feldherr, seiner Geschäftstüchtigkeit, Besonnenheit und Menschlichkeit; kaum konnte ein besserer an die Spitze der Heere berufen werden, deren erhabene Aufgabe die Erlösung Deutschlands von einem despotischen Feind war. Welche Schlachten Schwarzcnberg schlug, welche Siege er erkämpfte, wie auch er gleich dem wackern Blücher «im Sturz und Sieg bewußt und groß» war, hat die Geschichte in eherne Tafeln gegraben. Sein Aufruf vor der Völkerschlacht bei Leipzig entflammte die Herzen der Streiter, sein Feldherrngenius half den schweren Sieg erringen und muthvoll wurde nun die Bah» des Sieges und aus derselben der fliehende Feind verfolgt. Schwarzenberg schlug ihn auf dem heimischen Bode» bei Brienne, bei Bar für Aube, bei Arcis sur Aube, bei la Fere Champenois und bei Paris, in das er das Heer trinmphirend einführte, worauf er den Oberbefehl in die Hände der Kriegsherren zurückgab. Noch einmal, 1815, stand Fürst Schwarzcnberg als Generalissimus der gegen Napoleon aufs neue in den Kampf gerufenen Heere, doch ohne zu thätigem handeln Gelegenheit zu finden. Orden, Ehrendegen, Auszeichnungen aller Art lohnten den großen Krieger, dem das deutsche Vaterland ewigen Dank schuldet; sein Kaiser verlieh ihm das Recht, das Hcrzschild des östreichischen Wappens mit einem aufwärts gerichteten Degen in sein Familienwappcn aufzunehmen, unter den huldvollsten Ausdrücken, und eine Herrschaft in Ungarn als Familieneigenthum und Maunlehen. Schon 1817 traf den edeln Fürst ein Schlag anfall und lähmte ihm die rechte Seite. Ein organischer Fehler, ein Herzleiden, untergrub das Leben des deutschen Helden. Er hoffte von dem berühmten Hahnemann in Leipzig Hülfe und reiste dorthin, um lebend nicht in die Heimath zurückzukehren. An dem Tage, an welchem er nach der Schlacht vor 7 Jahren in Leipzig eingezogen war (19. Octobcr), wurde durch dasselbe.Thor der Leichnam nach Böhmen abgeführt. Caspar Schwenkfeld von Ossigk. Gcl>, IM, gest. d. 12. Dez. IRN. Ein frommer Eiferer, männlich festhaltend am einmal in Wort und Lehre, Glauben und Offenbarung für wahr erkannten, dabei kühnen reformatorischen Geistes — stand Schwcnkfeld achtunggebietend unter den Zeitgenossen, und schaartc um sich zahlreiche ihm treu anhängliche Bckenner seiner Lehren, Schwcnkfeld war Abkömmling einer altadcligcn Familie, und wurde auf seinem Rittersitz Ossigk, eine Stunde von Lüden im Hcrzogthum Licgnitz, geboren. Er erhielt die Erziehung eines Junkers und studirte zu Cvln, besuchte auch noch andere Hochschulen, dann lebte er an mehreren Fürstcnhöfen als Kavalier, lernte als solcher noch griechisch und warf sich, als die reformatorischen Bewegungen in Sachsen und in der Schweiz begannen, auf das Studium der Kirchenvater, um aus den Quellen zu schöpfen. Er nahm am St. Johannescollegium zu Liegnitz ein Canonicat an, und folgte mit Begeisterung dem Aufschwung Luther's und der Verbreitung von dessen Lehren, wobei aber sein sclbstdenken, denn er wollte nicht blindgläubiger Nachbeter sein, ihn in das gefährliche Gebiet religiöser Schwärmerei und Ueberspannung verlockte. Als Ca nonicus neigte er sich noch völlig zu Luther's Lehre und widmete dem Bischof von Brcslau, Johann von Salza, eine Schrift, in welcher er diesen aufforderte, sich ebenfalls der geläuterten Lehre zuzuwenden und diese einzuführen. Eine andere Schrift eignete Schwenk- feld dem ihm gütevoll gesinnten Herzog Friedrich von Liegnitz zu, in welcher er sich über den Mißbrauch des Evangeliums aussprach, aber dadurch manchen Anstoß erregte. Der Bischof von Brcslau zumal hatte nicht die mindeste Neigung, die Reformation einzuführen, und that feindliche Schritte gegen den Mann, welcher selbst so große Neigung zeigte, auf eigene Hand der Reformator Schlesiens werden zu wollen. Der Herzog von Liegnitz war weniger abgeneigt, auf eine Kirchen- verbesserung in seinem Lande einzugehen, wie der Bischof von Brcslau; da aber Schwcnkfeld's Meinungen, namentlich in der Abendmahlslchre von jener Luther's und der Wittenberger Theologen merklich abwichen, so veranlaßte der Herzog Schwenkfeld, sich mit Luther selbst zu besprechen. Diese Unterredung fand im Jahre 1525 am Freitag nach Andrea in Wittenberg wirklich statt, Bugenhageu wohnte derselben als Zeuge bei, aber es konnte keine Einigung stattfinden, denn die Glaubenssätze Schwenkfeld's, welcher, gleich Zwingli, die leibliche Gegenwart Christi im Abendmahl verwarf, die Ein- setzungswvrte mithin anders deutete, Leib und Blut nur sinnbildlich nahm, das Wort der heiligen Schrift der Inspiration (göttlichen Eingebung) unterordnete, und aus die äußerste Frömmigkeit der im Glauben Wiedergeborenen drang, den Mangel der Frömmigkeit hingegen in unrichtigen Glaubenslehren der Reformatoren zu finden glaubte, >— standen zu Luther's Ansichten im strengen Widerspruch. Da nun Schwenk- feld dennoch auf seinen, von der katholischen wie von der protestantischen Seite für irrig und verwerflich erklärten Meinungen und Lehrsätzen bcharrte, so mußte er 1527 Schlesien räumen, nachdem er bereits im Lande großen Anhang gewonnen hatte, und seine allerdings gefährlichen Neuerungen: Unterlassung der Kindertaufe, die er verwarf, und der Abendmahlsfeicr, die er zwar als nützlich, aber nicht für nothwendig erklärte, Boden faßten. Denn wirklich bildeten sich Gemeinden, die aus der Mutterkirche ausschieden und Schwcnkfeld's Lehren folgten. Die Lehren Schwenkfeld's, welche Mclanchton auf der Thcologcn-Versammlung zu Schmalkalden im Jahre 1540 in einem Gutachten widerlegte, waren in Kürze diese: Die Bibel sei Zeugniß vom Worte und Geiste Gottes, nicht selbst GottcS Wort. Christus in uns sei allein das lebendige Gotteswort. Predigt und Sakramentfeier helfe nicht ausschließlich zur Seligkeit. Wahrer Priester sei nur der vom Geist Gottes unmittelbar erleuchtete; jeder wahrhaft Fromme könne daher, wenn per Geist ihn ergreife, Priester und Prediger sein. Der Gnadengeist Christi müsse das Herz erneuern, zur Wiedergeburt bekehren und nur der Wiedergeborene sei würdig, die Taufe zu empfangen. Christus sei, obgleich er den irdischen Leib von seiner Mutter angenommen, doch nicht wahrer Mensch und Gott, sondern nur Gott, kein erschaffenes Wesen. Nach seiner Vertreibung aus Schlesien wandte sich Schwenkfeld nach Straßburg, wo er sieben Jahre lang blieb, viel mit Fürsten und Adel verkehrte und viele Achtung genoß, denn er war fromm, reinen Wandels, durch und durch von Liebe zu Gott und Christus erfüllt, auch keineswegs wiedertäuferisch gesinnt, wollte auch keine neue Sekte bilden; die protestantischen Theologen konnten und durften ihn aber nicht anerkennen, weil er dip Lehre verwirrte, daher traten viele in Schriften gegen ihn auf und bekämpften ihn. Aus Straßburg und mehreren anderen Städten, wo Schwenk- feld Aufenthalt nahm, verwiesen, an manchen Orten gefeiert, an andern verfolgt, kam er endlich nach Ulm und unterlag der sich stets aufs neue gegen ihn wiederholten Bekämpfung im 71. Lebensjahre. Die Bckenner seiner Lehre ehrten ihn dauernd dadurch, daß sie sich nach ihm Schwenkfcldianer nannten; es hatten sich Gemeinden, welche dieser Lehre anhingen, in Schlesien und Böhmen gebildet, die sich bis in das 18. Jahrhundert erhielten, und endlich sich, durch die Jesuiten mit Gewalt verfolgt und vertrieben, nach Amerika, dem Lande der Sekten, flüchteten. Dort bestehen sie noch bis heute. 4 .- MM 4 Kurt Ehristoph, Grak von Schwerin. Geb. d. 2«. Oct. 1684, gest. d. 8. Mai >757. Ein deutscher Kriegsheld, dessen Name ruhmreich neben dem seines Königs und eines Ziethen steht, und ebenso volksthümlich geworden ist, wie die Namen dieser beiden unsterblichen Helden. Graf von Schwerin wurde in Schwedisch-Pommern geboren, und beabsichtigte als Jüngling die wissenschaftliche Laufbahn zu verfolgen. Er verbrachte seine Jugendzeit, nachdem er das älter- liche Haus verlassen hatte, als Studirender auf den Hochschulen zu Leyden, Greifswalde und Rostock, war auch poetisch begabt, und dichtete mehrere geistliche Lieder, sowie er sich eifrig dem Studium der lateinischen und der neuern Sprachen widmete. Dennoch entschied sich Schwerin für den Kriegerstand und wurde im Jahre 1700 Fähndrich im holländischen Dienst. Die tüchtigste Schule nahm ihn auf; die lorbeergekrönten Heldenprinzen Eugen und Malborough wurden ihm Lehrer, und ihr Ruhm wurde das Ziel seines Strebens. Der österreichische Erbfolgekrieg bot volle Gelegenheit, sich hervorzuthun in Waffenthaten, und nach 5 Jahren war der junge Fähndrich schon Hauptmann. Im darauf folgenden Jahre trat Hauptmann Schwerin in mecklenburgische Dienste, und rückte im Heere des Herzogs schnell zum Obersten auf. Sein Kriegsherr sandte ihn in geheimen Aufträgen an König Karl XII. von Schweden nach Wender; er brachte auf dieser Sendung ein Jahr zu, sah sich nach seiner Rückkehr zum Brigadegeneral ernannt, und nicht lange darauf empfing Schwerin den Rang eines Generalmajors. Im Jahre 1710 ereigneten sich Streitigkeiten zwischen dem Herzog von Mecklenburg und den Ständen des Landes, welche auf die gefährlichste Spitze getrieben wurden, die endlich dahin gedieh, daß der Kaiser ein Ere- cutionsheer von hannoverschen Truppen in das Land sandte, um mit Gewall der Waffen diese Zwiste beizulegen. Da stellte der Herzog Schwerin an die Spitze seines eigenen Heeres, und dieser schlug die Strafhan- noveraner bei Walsmölen aufs Haupt, und legte die obwaltenden Streitigkeiten in kürzester Frist bei. Mittlerweile erwarb König Friedrich Wilhelm l. von Preußen die Provinz Vorpommern und wurde dadurch Schwerins Landesherr. In dessen Dienste trat nun Schwerin, wurde zu wichtigen diplomatischen Sen- düngen gebraucht, und zwar an die Höfe von Polen und Sachse». Der in allen Zweigen höherer staats- inännischer Geschäfte und im Dienst des Kriegs brauche bare Mann empfing von seinem Könige den schwarzen Adlerordcn, und, was noch höhere Geltung hatte, der König schenkte ihm sein volles Vertrauen. Im Jahr 1739 wurde Schwerin General cn Chef der ganzen preußischen Infanterie, im folgenden Jahre erhob ihn König Friedrich II., bald nachdem er die Regierung angetreten hatte, in den Grafenstand und ernannte ihn zum Generalfeldmarschall. So an die höchste Spitze des Heeres gestellt, vertraut mit allen Plänen und Entwürfen seines hcldenhcrzigen Königs und vom Kriegsglück begünstigt, wurde es Schwerin nun nicht schwer, seinen Namen ruhmvoll auf die Tafeln der Geschichte zu schreiben. Der erste Schlesische Krieg hatte 1741 begonnen, und der Sieg der preußischen Waffen in der Schlacht bei Mollwitz war das Werk der Einsicht und Tapferkeit Schwerins, denn der König hatte bereits die Schlacht verloren gegeben und sich vom Schlacht- felde zurückgezogen. Aber Schwerin, obschon mit Wunden bedeckt, behauptete mit unerschütterlichem Muthe, trotz seiner vorgerückten Jahre, das Feld und den Sieg. Später nahm er noch Brieg und BrcSlau ein, und ging, nachdem dieser erste schlesische Krieg beendet war, nach den Heilquellen Aachens, um seine durch die Strapatzen des Feldzugs erschütterte Gesundheit wieder herzustellen. Der König ernannte seinen tapfersten Feldherrn zum Gouverneur von Neiße und Brieg, und war erfreut, daß derselbe noch Kraft und neue Rüstigkeit zeigte, auch im zweiten schlesischen Kriege wieder thätig zu sein. Während der König durch Sachsen und die Lausitz in Böhmen einrückte, führte Schwerin ein Heer aus Schlesien nach Böhmen, worauf sich bei Prag beide Heere vereinigten und Prag zur Ueber- gabc gezwungen wurde. Leider konnte Böhmens Hauptstadt nicht behauptet werden, ein Rückzug wurde zur Nothwendigkeit, und Schwerin führte diesen mit so viel Takt und Umsicht aus, daß derselbe fast einem errungenen Siege gleich zu achten war. Nachdem 1745 abermals der Friede geschlossen war, zog sich der bejahrte Feldherr auf seine Güter zurück, und suchte aufs neue seine Gesundheit zu kräftigen, allein der Ausbruch des siebenjährigen Kriegs rief ihn abermals zu den Waffen, zur Freude des ganzen preußischen Heeres, denn der «alte Schwerin», war von den Soldaten wie ein Vater geliebt, weil er ihnen stets väterliche Gesinnung entgegentrug und Kraft und Muth des Kriegers mit Milde und Schonung eines Vaters vereinte. Wieder zog Schwerin aus Schlesien nach Böhmen, half den Sieg bei Lowositz erkämpfen, hinderte die Vereinigung Piccolomini's mit Brown und that dem österreichischen Heere merklichen Schaden. Im Jahr 1757 erfolgte von Seiten Schwerins, der sich nach Schlesien in die Winterquartiere zurückgezogen hatte, ein neuer und siegreicher Einmarsch in Böhmen und eine abermalige Vereinigung mit dem aus Sachsen anrückenden Heere seines Königs. Wieder wurde eine Schlacht bei Prag geschlagen, wieder war es Schwerin, der den Sieg gewann, aber mit dem Opfer seines theuern Lebens. Mitten im Kampfe nahm der tapfere Feldherr wahr, daß ein Theil seiner Streiter in Unordnung und Flucht zu gerathen drohte, ergriff selbst eine Fahne, und stürzte sich mit ihr, sie muthvoll schwingend, dem Kugelregen entgegen, indem sein Anruf die Schaaren ihm zu folgen begeisterte. Gleich darauf sank er, von 4 Kartätschenkugeln getroffen, entseelt vom Pferde; doch der Sieg ward erkämpft. Lange und dauernd lebte und lebt noch immer Schwerins Andenken im Heere, wie im Volke. Mehrere Gedächtnißsäulen wurden ihm errichtet, eine bei Prag auf der Stelle, wo er fiel, eine ältere zu Berlin, und auf dem neuesten Denkmal seines großen Königs von Rauchs Meisterhand fehlt nicht Schwerins Heldengestalt in der Zahl seiner ebenbürtigen Mitkämpfer in den schlesischen und im siebenjährigen Kriege. Friedrich Wilhelm Freiherr von Seydlitz. Geb. d. 2. Fcbr. 1721, gest, d. 7, Nov. 1773, vbiner der tapfern und berühmten Heerführer des großen Preußenkönigs, geboren zu Kalkar, nach andern zu Rees bei Kleve, Von Seydlitz stählte sich durch gymnastische Uebungen frühzeitig für den Kriegsdienst, und trat schon im 12, Jahre beim Markgrafen Friedrich Wilhelm von Brandenburg-Schwebt als Page ein. Unter diesem oft tollkühnen Gebieter fand v, Seydlitz volle Gelegenheit, der eigenen Neigung zu fröhnen, und indem er Theil nahm an den ritterlichen Unternehmungen des Markgrafen, oft auf den wildesten Pferden, sogar auf Hirschen, durch bewegte Wind- mühlenflügel zwischen durch, errang er sich die Kühnheit und Unerschrockenhcit, die sein späteres Leben auszeichneten. Vom Pagen wurde Seydlitz durch seinen Gebieter zum ersten Cornet bei dessen Kürassterregi- ment befördert und machte mit diesem seinen ersten Feldzug im ersten schlesischen Kriege mit, in welchem er sich so auszeichnete, daß ihn der König im Jahre 1742 als Rittmeister an die Spitze einer Husarcn- schwadron im Regiment Natzmer stellte. Obschon Seydlitz das Mißgeschick gehabt hatte, in Gefangenschaft zu gerathen, war doch seine Auswechslung bald erfolgt. Nach dem Ausbruch des zweiten schlesischen Krieges zeichnete er sich besonders in der Schlacht bei Hohenfriedberg aus, machte in derselben den sächsischen General Schlichting zum Gefangenen, und wurde, noch nicht 24 Jahre alt, vom Könige dafür zum Major ernannt. Bei Soor empfing er eine Wunde, und bei Zittau machte er einen sehr erfolgreichen Cavallerie- angriff, und nach geschlossenem Frieden übte er seine Husaren so auf eine zwar strenge, aber zugleich auch wohlwollende und stets mit eigenem bestem Beispiele vorangehende Weise im Reitcreidienst, daß seine Schwadron es allen übrigen in der ganzen preußischen Armee zuvorthat. Er organistrte das Dragonerregiment Prinz Friedrich von Würtcmberg zu Treptow als dessen Commandeur, dann in Schlesien das Cürassirregiment von Rochow, an dessen Spitze ihn der König 1753 als Oberst stellte. Durch seine ausgezeichnete Kenntniß des Cavalleriedienstes führte v. Seidlitz die preußische Kavallerie in das Stadium einer neuen Aera, wie es bei Fürst Leopold von Dessau mit der Infanterie der Fall war. Bald nach dem Ausbruch des siebenjährigen Krieges wurde v. Seidlitz einer von dessen gefeierten Helden; er trug wesentlich zum Erfolg der Schlacht bei Lowositz bei, deckte bei Kollin mit der Kavallerie deS linken Flügels den Rückzug, und wurde Generalmajor. Als Berlin von Haddick genommen war, eilte v. Seyd- litz der geängstigten Stadt zu Hülfe, dann zog er nach Sachsen, und überrumpelte von Erfurt aus Gotha, an dessen Hofe der Prinz von Soubise und die hohe französische Generalität sorglos weilten, die nun in einer fast lächerlichen Eile ihr Heil in der Flucht suchen mußten. Jetzt ernannte der König Seydlitz zum Chef der gesammten Kavallerie der preußischen Armee, und Seydlitz wurde der hauptsächlichste Held der Schlacht bei Roßbach, denn ungleich mehr der Kavallerie, als der Infanterie und Artillerie wurde jener große Sieg verdankt, doch empfing er auch eine Wunde. Der König verlieh ihm den schwarzen Adlerorden und ernannte ihn zum Gcnerallicutenant. Auch bei Zorndorf rettete er die schon fast verlorene Schlacht, nahm dem Feind die von ihm schon eroberten preußischen Kanonen wieder und noch 120 von dessen eigenen dazu; 20 Fahnen feindlicher Regimenter fielen in die Hand des Siegers. Bei Hochkirch machte v. Seydlitz abermals einen Rückzug durch geschickte Deckung desselben möglich. In der unglücklichen Schlacht bei Kunners- dorf wurde auch Seydlitz verwundet und mußte deshalb vom Heere scheiden; er suchte seine Herstellung in Berlin, und vermählte sich dort 1760. Sobald als ihm möglich war, wieder ein Pferd zu besteigen, that Seydlitz dies mit ungebrochenem Muthe; er vertheidigte Berlin tapfer gegen v. Tettenborn und Lascy, und focht unter den Fahnen des Prinzen Heinrich von Preußen bei der in Sachsen stehenden Armee den Rest des Krieges vollends mit durch, wo ihm wieder die Schlacht bei Freiberg Gelegenheit bot, sich rühmlichst auszuzeichnen. Als der Friede geschlossen war, ernannte der König seinen tapfern Neiterführer zum General- Inspektor der ganzen in Schlesien stehenden Kavallerie mit dem Standquartier in Ohlau, wo gleichsam eine höhere Musterschule für den praktischen Cavalleriedienst unter seiner Leitung bestand, dessen anstrengende und oft tollkühne Uebungen manchem jungen Reiter den Hals kosteten. Znm General ernannt, blieb Seydlitz, was er war, ganz Kavallerist, und lebte sein Soldatenleben als solcher aus. In sinnlichen Genüssen hielt er wenig Maß, und höhere feinere Lebensfreuden waren ihm entrückt. Der König bewies ihm die höchste Achtung , doch suchte er nicht auf die Dauer Seydlitz's Umgang. Der Ausschweifung im Genuß der physischen Liebe wird es zugeschrieben, daß v. Seydlitz frühzeitig alterte, gleichwol dürften daran die furchtbaren und oft anhaltenden körperlichen Anstrengungen des mit so viel Vorliebe gepflegten Cavalleriedicnstes und der Feldzüge nicht mindern Antheil gehabt haben. Im April 1772 traf ihn ein Nerven-Schlaganfall, ohne jedoch seinem Leben sogleich ein Ende zu machen. Der König besuchte ihn noch im Jahre 1773 und beklagte schmerzlich die nahe und allzufrühe Trennung von einem seiner tapfersten Generale. Am 7. November 1773 führte der Tod den bewährten Krieger sanft in die Gefilde des ewigen Friedens. Seydlitz ruht auf seinem Gute Minkowski in Schlesien, sein Denkmal ziert Berlin, das Andenken an ihn als Feldherr und Reiter- General wird stets ein gefeiertes sein. /ran; von Sickingen. Neb. d. I. März 1481, gest. d. 6. Mai I527>. Abkömmling eines alten edlen Geschlechtes, verlieh Franz von Sickingen durch hohen Freihcitsinn, wie durch jede ritterliche Tugend diesem Geschlechte neuen Glanz und den Stolz eines großen bedeutenden Namens. Franz wurde auf der Stammburg Sickingen im baden- schen Nhcinkreis, ohnweit Breiten (Mclauchthon's Geburtsort) geboren, und erhielt die ritterliche Erziehung seiner Zeit zunächst am Kaiserhose Marimilian's I., wo das Leben des Feldlagers ihn stählte, ohne ihn wissenschaftlichen Uebungen zu entfremden. Er wohnte 1509 dem Feldzuge des Kaisers gegen Venedig bei, und zeigte sich, nach Deutschland zurückgekehrt, offen als einen Feind aller Unterdrückung, alles Unrechts, alles despotischen Pfaffenregimentes, das mit nie endender Anmaßung, unter dem Schild, die Kirche zu vertreten, von einem Jahrhundert in das andere hinüberwuchert, und die staatliche Ordnung, wie das Supremat der landesherrlichen Macht befehdet. Auch unter Marimilian's I, Nachfolger, Kaiser Karl V., stand Sickingen noch eine Zeitlang im Kriegsdienst, trennte sich aber später in Verstimmung von dem Kaiser, dessen Herrschsucht ihm mißfiel, und widmete sich der großen Lebensaufgabe, die er sich selbst gestellt' ein Schutz und Schirm der Bedrängten und Verfolgten zu sein. Im Jahre 1515 stand Franz von Sickingen der Wormser Bürgerschaft gegen ihren Magistrat bei, half bald darauf dem Dynasten von Gc- roldseck gegen Herzog Anton von Lothringen, leistete einem andern Freunde gegen die Stadt Metz Hülfe, und führte selbst gegen Philipp von Hessen eine von günstigstem Ausgang gekrönte Fehde. Als in Köln der Kampf der Dunkelmänner gegen Neuchlin entbrannte, warf Sickingen sich zu dessen Beschützer auf, und bildete mit Götz von Berlichingen einerseits, an dererseits mit Ulrich von Hütten, ein deutsches Nitter- triumvirat, wie die Geschichte des Vaterlandes kein zweites aufzuzeigen hat. Der Hutten'schen Familie große Wehklage über Herzog Ulrich's von Würtembcrg verübte Unthat an dem Amtmann Hans von Hütten rief auch Sickingen wieder in den Harnisch und erstellte sich kühn an die Spitze des gegen den Herzog empörten schwäbischen Bundes. Auch als Bundeshaupt- man» sorgte Sickingen treulich für Reuchlin, der in Stuttgart ein Asyl gefunden hatte, und verschaffte ihm und seiner Wohnung eine Schutzwache. Dann berief er jenen großen Gelehrten zu sich, und öffnete ihm seine Burgen, dasselbe that er auch dem verfolgt um- irrcnden Hütten, und als es verlautete, daß Luther sich aus Wittenbcrg hinwcgbegcben und sich nach Böhmen wenden wollte, war es wieder Sickingen, der im-Bunde mit den edelsten Männern der deutschen Ritterschaft ihm Schutz und Schirm auf deutschem Boden antrug. Immer war in Sickingen die Hoheit der Gesinnung vorwaltend, nicht die engherzige Politik, und die erstere wurde zur Staffel seines Ruhmes. Luther bedurfte nicht dcö Schutzes Sickingen's und der Freunde desselben, wohl aber nahmen die Reformatoren-Genossen Martin Vuccr, Caspar Aguila, Johann Schwebe!, und Johann Oceolampadius gern diesen Schutz an, und Hütten legte der Sicking'schen Ebcrnburg den Namen einer »Herberge der Gerechten» bei. Kaiser Karl V. sah wohl ein, welche wuchtige Stellung Sickingen als Haupt des schwäbischen Bundes, ja als Chorführer des gesammten deutschen Adels, der eine in sich geschlossene starke Macht bildete, einnahm, und nahm ihn gern in seinen Dienst, umkleidete ihn mit Rang und Titeln. Sickingen wurde am Tage der Krönung Karl's V. zu Aachen zum kaiserlichen Kämmerer, Rath und Feldhauptmann ernannt, und warb dem Kaiser in letzterer Eigenschaft ein Heer von 3000 Reitern und 12,000 Fußknechtcn gegen König Franz I. von Frankreich, an dessen Spitze ihm freilich das Herz schwoll und der Muth sich hob. Eine solche Macht vermochte schon, sich geltend zu machen, und selbst der König von Frankreich suchte Sickingen zu sich hinüber zu ziehen. Leider zerstörte das ungünstige Schicksal die großen Hoffnungen, welche das Vaterland auf Sickingens hervorragende Persönlichkeit als einen Schirmhcrrn der Wahrheit und des Lichtes, des geläuterten Glaubens und einer edlen sittlichen Freiheit gegenüber den pfäf- fischcn Anmaßungen setzen konnte, in der Fehde Sickingens gegen Richard, den Erzbischof von Trier, den erhärt beschuldigte, und der wie eine eherne Säule und ein Bollwerk Roms gegen die Vorschritte der Reformation da stand. Es fehlte nicht an anderen Verbündeten, unter Städten sowohl, wie unter der Ritterschaft, und manche Hoffnung mochte sich wohl überkühn, bis zum Griff nach der deutschen Kaiserkrone — versteigen. Sickingen wollte der Kämpfer für das Evangelium werden, doch mochte in seinem Innern noch manch anderer Beweggrund zum Zuge gegen das ErzbiSthum schlummern, den er 1522 an der Spitze eineö bedeutenden Heeres begann. Er fiel in das Erz- bisthum Trier ein und belagerte dessen uralte, wohl- gefcstctc Hauptstadt. Muthigc Gegenwehr von Seiten der Bürgerschaft und der Söldner des Erzbischofs, wie rascher hülfebringcnder Zuzug des Kurfürsten Ludwig von der Pfalz und des Landgrafen Philipp von Hessen, der Sickingen noch in gar üblem Andenken hatte, machten der Belagerung Triers bald ein Ende und drängten Sickingen, sich zurückzuziehen. Er eilte nach Schweinfurt, suchte sich zu stärken, suchte Bündniß mit der fränkischen Ritterschaft, und zog sich dann auf die festeste seiner Burgen zurück, wo er 1525 von den vereinten Fürsten belagert wurde. Vorsorglich hatte er nach und nach alle seine Schützlinge entlassen, und wehrte sich auf das tapferste, bis ein von einer Stückkugel getroffener Balken im brechen und herabstürzen ihn heftig in der Seite verwundete, was die Neber- gabe der Burg kurz vor Sickingens Tode zur Folge hatte. Seltsam schwankt der Name des Schlosses, auf dem der wackere Ritter sein allzufrühes Ende fand: Landstcin, Landstuhl, Landstall, Nannstein, so auf der Grabschrift: Nanstuhl — keiner von allen diesen ist der richtige. Nanstall nennen gleichzeitige Berichte, noch aus dem Fürstenlager geschrieben, die Beste Sickingens. Ebenso unsicher sind die Nachrichten über Sickingens letzte Augenblicke, welche durch die vereinten Fürsten, seine Sieger, getrübt worden sein sollen. Es mag deshalb nachfolgender Briefauszug diese Zeilen schließen, welchen Landgraf Philipp von Hessen an den Herzog Erich zu Braunschweig, Bischof zu Osnabrück und Paderborn schrieb. „Nhun ist Franz von Sickingen zu erst des dritten Tags der Belegerung in Nanstall von einem Stein, durch einen schlag eines steins geschossen gewesen, vndt dadurch vff den tod krank worden. Als wir nun drei fürstcn des tags eygener Personen zu Jme in Nanstall kommen. Mit Jme in seiner krankheit ein kleine Zeit gütlich geredt haben, ist er kurz darnach mit tod verschieden, Vnndt gegen diesen abendt zu grabe kommen, Got sey der seien gnedig vnnd barmhertzig. Solchs wollten wir Eur lieb nit bergen, zu got den Almcch- tigen hoffendt, Er werde alle vnsere fachen zu Handt- habung fricdens vnnd Rechtens, Auch zu schützuug Aller vnser Unterthan, Auch Zuvorkommung wciters vcraths vnnd bcschcdigung zum besten schaffen» vnd zu guttem endt schickerm. Damit wünschen wir E. l. viel gutter Zeit. Datum in vnscrm vcltlager vor Nanstall Am Mitwochen zu nacht nach Kantate Anno MDekekZZZ" Philips von gots gnaden land- gras zu Hessen, Grave zu Catzen- elnbogcn zu Diez zu Ziegenhain vnd zu Nidda. Der Mittwoch nach Kantate 1525 war, da Kantate auf den 5. Mai fiel, der 6. Mai, die Grabschrift Sickingen's aber nennt Donnerstag den 7. d. M. Atz - Philipp Jacob Spener. Geb. d. 1ö. Jan. Iköö, gest. d. 5. Fcbr. 1705. Einer der begabten Geister, welche, von ihrer Zeit bewegt, diese Zeit selbst bewegen, sie bahnbrechend umzuformen streben, und häufig Liebe und Bewunderung, noch mehr aber Haß, Miskennung und Verfolgung ernten. Spener wurde zu Rappoltswciler im Ober- Elsaß geboren, wo sein aus Straßburg stammender Vater gräflich Rappoltstein'schcr Beamter war. Die Aeltern waren beide christlich und fromm gesinnt und suchten des Knaben Herz zu gleicher Gesinnung hinzulenken, was auch in erfreulichster Weise gelang. Späteren Unterricht erhielt der junge Spener auf dem Gymnasium zu Colmar und vollendete dann von 1651 an auf der Hochschule zu Straßburg seine theologischen und philosophischen Studien. Dort wurde er 1655 Magister und zugleich Erzieher der Prinzen von der Pfalz, als welcher er sich neben den erlernten Wissenschaften noch in mancher andern Doctrin umthun mußte, und zunächst als Geneologist und Heraldiker auftrat, indem er einen Europäischen Adclsschauplatz verfaßte und eine Wappcntheorie in lateinischer Sprache schrieb, mit welcher er der schlummernden Heroldskunst eine neue Bahn brach und sie als Wissenschaft feststellte. Nach Vollendung seiner Erziehcraufgabe wandte sich aber Spener dem mit Liebe begonnenen Studium der Theologie wieder zu und widmete sich demselben noch auf den Hochschulen zu Basel, Tübingen, Freiburg, Lyon und Genf, bis er wieder nach Straßburg zurückkehrte und daselbst 1665 Freiprcdiger, 1664 Doctor der Theologie wurde. Als Geistlicher durchschaute Spener mit klarem Blick, wie sehr die Protestantische Kirche Deutschlands im Argen lag. Erst war diese in sich zerfallen durch endlose und zwecklose Meinungskämpfe theologischer Eiferer, die mit sich selbst mitten im Schoose ihrer Kirche nicht einig zu werden vermochten, geschweige mit Reformirtcn und Katholiken — dann war sie heftig, wüthend und dreißig Jahre lang bekämpft worden, ohne besiegt werden zu können; da war kein Bild protestantisch kirchlichen Lebens, wie es Luther und seine Mitarbeiter geschaffen hatten, mehr zu erblicken; das starre Dogma waltete, und der zelotische Eifer der Geistlichen stellte den todten Buchstaben hoher, als den lebendigen Glauben und den christlichen Wandel, die werkthätige Liebe. Gegen alle diese Uebel, welche eine trübe Zeit in ihrem Schoose geboren, kämpfte Spener mit männlichem Bewußtsein dessen, was zunächst noth that, in seinem Kreise auf praktisch reformatorische Weise an, während er unter dem Titel «Illa tlsmcleria» — (fromme Wünsche) der gelehrten Außenwelt ,seine geläuterten Ansichten von einer nothwendigen abermaligen kirchlichen Läuterung an das Herz legte. Christlich apostolisch sollte die Kirche wieder werden, das war Spencr's Hauptgrundsatz und seine Hauptforderung, und wie er selbst in seiner eigenen Gemeinde und wo er später wirksam wurde — durch einfache, erbauliche, verständliche und zu Herzen dringende Predigten seinen Zuhörern den Christussinn in die Herzen strömte, auf Verbesserung des Schulunterrichts drang, die Katechw sationcn durch den Prediger, nicht nur der Kinder, sondern auch der Erwachsenen einführte, so suchte auch die erwähnte Schrift anzuregen und anfznmahnen, auf das dogmatische Gezänk zu verzichten, das ohne alle Frucht und ohne allen Segen ist, zu religiöser Bildung durch alle Lebenskreise aufzufordern, namentlich auf Schulen und Hochschulen — wie sie auch in unsern Zeiten wieder gar sehr zu wünschen ist, und überhaupt zur Erweckung wahrhaft christlich frommen Sinnes überall und überall hinzuwirken. Der Erfolg war jener des Säemannes im Evangelium. Im Jahre 1666 nahm Spener von seiner ihn liebenden Gemeinde zu Straßburg Abschied und die Stelle des ersten Geistlichen zu Frankfurt a. M. an, zugleich wurde er Senior des geistlichen Ministeriums der freien Reichsstadt und wirkte in dieser Stelle 20 Jahre mit edlem Eifer. Da ihm von vielen Seiten her der Vorwurf gemacht wurde, zu Absonderung und Scktirerei sich hinzuneigen und zu dieser anzuleiten, so verlegte er selbst die außerkirchlichen erbaulichen Zusammenkünfte, die sogenannten LolleZia pistatis, die sich seit 1670 in seiner Gemeinde ausgebildet hatten, in die Kirche — ohne verhindern zu können, daß durch dieselben späterhin doch das Pietistische Conventikelwesen sich begründete. Spencr's weitverbreiteter Ruhm als des erleuchtetsten deutschen Theologen seiner Zeit verschaffte ihm im Jahre 1686 die dringende Berufung zum Oberhofprediger, Consistorialassessor und Beichtvater des Kurfürsten Johann Georg's zu Sachsen nach Dresden, in welchem Amte er jedoch nur 5 Jahre blieb, weil der Kurfürst mindere Neigung zeigte, wie seine großen Ahnherren, der Mahnung eines strengen Bußpredigers Folge zu geben. Spener sah sich veranlaßt, um seine Entlassung einzukommen, und erhielt alsbald eine Berufung nach Berlin als Inspektor, Propst und Consistorialrath an der Nicolaikirchc, an welcher er noch 14 Jahre treu- eifrig wirkte. Spener ließ eine große Anzahl Schriften erscheinen; viele nöthigten ihm feindliche Angriffe ab, denn er verstand nicht die Kunst, durch unbedingtes Schweigen zu siegen und die zum Theil lieblosen, zum Theil lächerlichen Beschuldigungen des Socianism, des Arianism und sonstiger Ismen ganz an ihren Ort gestellt sein zu lassen, doch widerlegte er, wenn er sich zur Abwehr herausgefordert sah, mit Ruhe, Würde und Mäßigung alle die heftigen Anschuldigungen seiner Gegner. Spener war es, der den in der heutigen protestantischen Kirche eingeführten Constrmandenunterricht, die in vielen Ländern sogenannte «Frage» begründete, Spener war es, dessen Anregung bei Friedrich I., König in Preußen, die Universität Halle ihre Begründung verdankte, und es war nur naturgemäß, daß sein Vorbild dort im lebendigen Andenken, wie auch seine Lehre, fortwirkend blieb; auf ihn gründete und auf seinen Geist stützte August Hermann Francke den religiösen Aufbau ihrer beiderseitigen Ueberzeugung weiter, zur Ehre Gottes und der Menschheit zum Segen. Lazarus öpengler. Geb. d. 13. März 1ä79, gest. d. 7. Sept. IM. §einer bürgerlichen Stellung nach nur ein einfacher Rathsschreiber der freien Reichsstadt Nürnberg, aber ein Mann von hohem Geist, würdig der Neigung und Freundschaft, mit der die ausgezeichnetsten und hervorragendsten seiner deutschen Zeitgenossen ihn beehrten. Spengler war Abkömmling eines alten in Franken blühenden Geschlechts und wurde zu Nürnberg geboren. Der Vater schon war Schreiber des Rathes, ein Mann, dessen Ehe mit nicht weniger als 21 Kindern beglückt wurde, von denen Lazarus das neunte war. Nach vollendeten Schuljahren bezog der junge Spengler im 16. Jahre die Hochschule Leipzig, wo er sich dem Rechtsstudium widmete, ging von da, ohne großes und bedeutendes erlebt zu haben, wieder in die Heimath zurück, wurde Rathskanzlist und im Jahre 1807 Rathsschreiber, nachdem er sich bereits 1501 vcrheirathet hatte. In bescheidener Stellung thätig, lag ihm Wohl mit ob, das Amt eines Syndieus zu verwalten, wie man ihn bisweilen genannt findet. Er wurde 1516 unter die «Genannten» des größeren Rathes gewählt. Als Luther in Wittenberg die Läuterung der Kirche begann, war Lazarus Spengler in Nürnberg der erste Mann, welcher vom Strahl des neuen evangelischen Lichtes berührt wurde, und schon 1510 verfaßte er anonym eine «Schutzrede» zu Gunsten der Lehre Luther's, welche sich in 4 Auflagen rasch vergriff, und bei der fünften Auflage nannte sich Spengler als Autor. Es konnte nicht fehlen, daß nun die Verfolgung gegen ihn losbrach. Der Eiferer Eck beehrte Spengler damit, dessen Namen der Reihe derjenigen hinzuzufügen, welche mit dem Banne des Papstes ausgezeichnet wurden, darunter auch der Name Wilibald Pirkheimer's war, und forderte den Rath zu Nürnberg auf, die Bulle zu vollziehen, allein der Rath gab dieser Aufforderung in keiner Weise Gehör, sandte vielmehr Spengler als Abgeordneten der Stadt zum Reichstage nach Worms, wo er sich mit Luther persönlich befreundete, und dann ausführlichen Bericht über den Reichstag erstattete. Später war Spengler bei der neuen Einrichtung des St. Aegidien-Gymnasiums thätig, und wurde vom Rathe zu einer Reise nach Wittenberg beordert, um in dieser Angelegenheit mit Mclanchthon sich zu be- rathen, und so kam es, daß der cinsichtvolle und wacker wirkende Mann mehr und mehr in die resormatorische Bewegung trat und in ihr achtunggebietenden Einfluß gewann. Daher geschah es, daß er auch zu dem Ne- ligionsgespräch zu Schwabach 1528 in Gesellschaft der Pfarrer zu St. Sebald, und St. Lorcnz, Dominicus Schlcupner und Andreas Oflander, wie des Raths- hcrrn Martin Tücher abgeordnet wurde, ja daß auch sein Bedenken und Gutachten zur Abfassung des Augsburgischen Bekenntnisses erbeten ward. In dieser hochwichtigen Angelegenheit schrieb Spengler, der weniger wie Mclanchthon zur Nachgiebigkeit geneigt war, um Rath fragend au Luther, und empfing von diesem befriedigende Antwort. In seinem Bedenken äußerte Spengler sich sehr freimüthig gegen allzugroße Nachgiebigkeit in Beibehaltung der Privat-Messe und anderer Mißbrauche, nahm aber dennoch redlich Melanch- thon in Schutz. Hochgeachtet war Spcngler's Name und Charakter, wie viele gleichzeitige Zeugnisse beglaubigen. Im Rathe war er ein nützlichthätiges Mitglied; vielen that er wohl durch Verwendung und Fürbitte, keinem übel. Kaiser Maximilian I. schätzte ihn sehr, und wünschte ihn zum Reichssccrctair zu erheben, welchem Amte die Würde des Reichskanzlers nicht fern lag; aber des Rathes Wunsch und die eigene Neigung hielten Spengler in Nürnberg fest. Die Brüdcr Markgrafen zu Brandenburg, Georg und Albrecht, der erste Herzog in Preußen, liebten Spengler, nicht minder Friedrich der Weise, Kurfürst zu Sachsen; befreundet war er mit Luther, Melanchthon, Camcrarius, Jonas, Bugenhagcn, Andreas Osiander, Veit Dietrich, Ebner, Dürer, Pirk- heimcr, Georg Brück, Eoban Heß, und vielen andern hervorragenden Zeitgenossen; der letztere und nicht minder Scheucrl, Althamer und Theophrastus Para- cclsus eigneten ihm Bücher zu. Selbst Luther widmete ihm, dem wackern Einrichter einer Schule, seine Predigt: «Daß man Kinder zur Schulen halten solle. Wittcnbcrg 1550.» und einiges andere, gab auch Spcngler'S Glaubcnsbckenntniß nach dessen Tode heraus, schenkte übcrdieß «seinem Lasarus», wie er ihn beständig nannte, mit eigenhändig eingeschriebener Widmung die noch auf der Nürnberger Stadtbibliothck aufbewahrte vollständige ausgemalte Bibelübersetzung, worin er ihn «seinen günstigen Herrn und Bruder» nannte. Auch geistlicher Liederdichter war Lazarus Spengler. Luther nahm sein Lied: «Durch Adam's Fall ist ganz verderbt», in sein erstes, 1525 erschienenes Gesangbüchlein auf, von vielen wurde dasselbe später aus Unkunde Luther selbst zugeschrieben. Außerdem verfaßte Spengler noch manche jetzt sehr selten gewordene Schrift, übersetzte auch das Leben des heiligen Hieronymus, welches Dürer mit einem Holzschnitt schmückte: Hieronymus in der Grotte. Wichtig erscheint unter allen diesen hauptsächlich Spcngler's Schrift vom Wormser Reichstag. In den Jahren 1551 und 1552 bestanv er schwere Krankheiten, und im December 1555 machte er sein Testament. Dennoch blieb ihm noch Frist gegeben bis zum September 1554. Er starb an der Steinkrankheit, die auch Luther's Peinigerin war, vielfach beklagt und betrauert. Es wurde auch eine Denkmünze mit seinem Bildniß auf ihn geprägt, welche aber sein Geburtsjahr falsch, 1476 statt 1479, angiebt. In neuerer Zeit ist ein Schieferrelief, angeblich von Hans Dürer, nach andern Hans Dörringer gedeutet, zur Kunde der deutschen Alterthumsfreunde gekommen, das einen Zweikampf des Lazarus Spengler mit Albrecht Dürer darstellen soll, und in welchem der letztere dem ersteren obsiegt. Das Bild an sich ist nicht ohne künstlerischen Werth, trägt die Jahrzahl lll.D.XX. und auf einem Schrifttäfelchen das Monogramm des Bildhauers, unter einem brcitgezogenen II. ein kleines v. Beide Schwertkämpfer sind barhäuptig, aber sonst voll geharnischt. Der besiegte liegt am Boden. Der Kampf findet in einem Lager mit schönen Zelten statt, und man erblickt Männer und Frauen um die Kämpfcnden in anmuthiger Gruppirung. In wie weit die Angabe der Deutung dieses Reliefs aus Wahrheit fuße, da die Geschichte Spcngler's wie jene Dürer's nur von beiderseitiger Freundschaft, nichts aber von einem so ernsten Zwcikampf weiß, muß noch näher ermittelt werden. Johann Georg Sulzer. Geb. d. 16. Oct. 1720, gest. d. 27>. Febr. 1770. Ein Freund der Natur, des Schönen und der Tugend, ging dieser klare Denker seine Lebensbahn, und zeichnete sie mit lichtvollen Werken. Sulzer wurde zu Winterthur in der Schweiz geboren und war der jüngste Sohn von fünfundzwanzig Geschwistern. Der Vater, welcher Mitglied des Rathes war und den der junge Sulzer früh verlor, bestimmte diesen letzten Sohn für den geistlichen Stand, aber die Natur und das frische Leben der Welt zogen ven Knaben schon mehr an, als das todte Wort, obgleich er auf dem Gymnasium zu Zürich den theologischen Vorstudien oblag. Eine andere Geistesrichtung lag in Sulzer's Seele; Wolfs deutsche Metaphysik regte ihn mächtig zum Denken an, Scheuchzer's Naturgeschichte der Schweiz hatte ihn mit Liebe zur Natur erfüllt und Geßner, sein Lehrer, pflegte diese Liebe; Bodmer's und Breitinger's Bestrebungen bildeten in ihm den höheren Sinn für guten Geschmack aus. Indeß vollendete er dennoch sein theologisches Studium zu Zürich unter dem philosophischen Theologen Zimmermann, und wurde 1739 Pfarrvicar im Dorfe Wasch- wanden. Als solcher schrieb er, erfüllt von dem ewigen Reiz der Natur, sein erstes Buch: «Moralische Betrachtungen über die Natur» und suchte darin aus der Natur die Allmacht und Güte Gottes zu beweisen, sowie aus derselben die Sitten- und Pflichtcnlchrc zu entwickeln. Mehrere Alpenreisen und die erworbene genaue Kenntniß der Schweiz veranlaßten ihn, Scheuchzer's Naturgeschichte mit reichhaltigen Zusätzen und Anmerkungen versehen neu herauszugeben und zu erweitern. In Folge einer Krankheit legte Sulzer sein pfarr- amtliches Vicariat nieder und entsagte damit zugleich der Theologie; er nahm eine Erzieherstelle zu Mieden an der Thür an, begab sich später 17-13 in gleicher Eigenschaft nach Magdeburg und verfaßte eine Schrift: «Gedanken über die Bildung der Jugend.« — In seiner neuen Stellung befreundete sich Sulzer mit Gleim, Lange, Meier u. A.; jetzt mehr noch als früher lenkte sich seine Neigung den schönen Wissenschaften zu, und indem er durch den Hofprediger Sack in Berlin, der auch Sulzer's moralische Betrachtungen heraus- gegeben hatte, ausgezeichnet und empfohlen wurde, empfing er im Jahr 1747 einen Ruf als Professor an das Jvachimsthal'sche Gymnasium. Dort wurde Sulzcr nach 1 "»fahriger, mit Segen gekrönter Wirksamkeit Mitglied der königlichen Akademie der Wissenschaften, verheirathete sich mit einem vortrefflichen Mädchen, sah aber leider schon 1760 seine glückliche Verbindung durch den Tod gelöst, was ihn mit der tiefste» Trauer erfüllte. Er reiste 1762 in sein Vaterland, wo er begann, seine so berühmt gewordene «Theorie der schönen Künste» zu schreiben, durch welche er Vater der »eueren Aesthetik wurde, und viele taufende, die der Theorie bedurften, für Bahnen gewann, die früher verschlossen waren. Sulzcr erschloß und eroberte gleichsam mit diesen, Werke einem Zweige der Philosophie eine neue Welt, die Welt des Schönen in wissenschaftlich gedachter Gestaltung. Die Schweizcr- Heimath mit ihren unsäglichen 'Reizen heilte in etwas den Schmerz um die Gattin in Sulzer's Herzen; er kehrte 176!; wieder nach Berlin zurück, doch eigentlich blos um das Band zu lösen, das ihn an Preußens Hauptstadt fesselte, und bat um Entlassung von seinem Lchramte. Diese gab ihm zwar der ihm huldvoll gesinnte König, aber ziehen ließ er Sulzer nicht; er ernannte ihn zum Professor der Nitterakademie mit ansehnlichem Gehalt, und zugleich neben Sack und Spalding zum Mitglied einer rcformircndcn Schul- eommissivn, und schenkte ihm ein Stück Land in Moabit, wo Sulzer sich ein Landhaus baute und einen schönen Garten anlegte, den der Abbate Michalosst sogar des Besingens in einem lateinische» Gedichte werth fand. Der König, der sich der geistigen Kräfte des begabten Mannes in Angelegenheiten der Schulen mit Erfolg bedient hatte, ernannte Sulzer, während dieser zur Wiederherstellung seiner Gesundheit eine Reise durch seine Heimath nach Frankreich und Italien unternahm, zum Direktor der philosophischen Classe der königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, und zeichnete ihn nach der Rückkehr öfters persönlich aus; doch widerstand der durch Krankheit angegriffene Körper Sulzer's nicht allzu lange mehr dem sinken der Lebenskräfte. — Sulzcr hat für Deutschland als Begründer der neueren Aesthetik klassische Bedeutung; seine «Allgemeine Theorie der schönen Künste» war die Frucht zwanzigjähriger Studien und Forschungen; er erfaßte das Kunstschöne mit lebenvollem Sinne, nahm es als lebendigen, grünenden Baum, nicht im Geist der vor ihm herrschenden philosophischen Schule als rohen Stamm, an dem man allerlei Schnitzelei versuchte. Daß die rastlos vorwärts schreitende neuere Zeit ihn überflügelt hat, benimmt ihm nichts an seinem Werth. Er wob in vieles Moral ein, dieß war die Richtung seiner Zeit, die einen Geliert beseelte, die große Naturforscher, wie selbst Linnc'e und Halter lehrte, das endliche mit dem Glänze des unendlichen zu verklären, und die jedenfalls der Menschheit mehr znm Heile war, als die Verneinung und Ablängnung Gottes, mit der so mancher eingebildete Philosoph und Naturphilosoph der Gegenwart sich vor seiner letzten Stunde brüstet. Sulzer's Hauptwerk erlebte auch »och nach des Verfassers Tode neue Auflage», und wurde von anderen mit Zusätzen und Nachträge» bereichert. Johann Gottlieli öeume. Geb. d. 29. Janr. 1795, gest. d. 15. Juni 1890. Aoet und Patriot, Mann aus dem Volke, vielen noch heute ein Liebling, andern nur ein Irrstem, den leider das Schicksal auf rauhen Bahnen umzuirren gebot, und dessen Leben ein steter Kamps war mit Wieder- wärtigkeitcn, daher die rauhe Schale um den edeln innern Kern, um den Charakter des Mannes. Senme war Sohn eines armen Bauern im Dorfe Po ferne bei Weißenfels, und des frühverwaisten nahm sich Graf Hohcnthal-Knauthayn an, der ihm den Schulunterricht zu Borna angedeihen ließ, und ihn dann auf die Nicolaischulc zu Leipzig that. Der Knabe zeigte sich fähig und eifrig, besonders zog das Alterthum ihn an, und zwar mit jener überwiegenden Vorliebe, welche alles nichtklassische als kaum zum Dasein berechtigt gelten lasten mochte. Scumc wollte in Leipzig Theologie studiren, aber er vermochte es nicht, ihre Fessel hätte ihm die antike Freiheit beeinträchtigt. Die philologischkassische Einseitigkeit, die ihn antrieb, nur nach einer Richtung hin zu streben, und von ihr Glück und Befriedigung zu erwarten, machte das Unglück seines Lebens. Senme verließ Leipzig und wollte sich nach Paris wenden, wo er hoffte, seinem Dränge nach ausschließlich klassischen Studien genügen zu können. Ein Jüngling von 18 Jähren wanderte er die Heerstraße entlang, hatte Eisenach schon hinter sich und kam nach Vacha. Dort waren im ganz nahen hessischen Dorfe Crcuzburg Werber stationirt, die den jungen unerfahrenen Wanderer preßten. Es war in der Zeit, wo Friedrich II., Landgraf zu Hessen-Kassel, Truppen warb, um sie an England zum Kampfe gegen die junge Freiheit Nordamerikas zu vermiethen. Als hessischer Soldat machte Seume gezwungen einen Feldzug an den Grenzen Canada's mit, und hatte das Glück, unter denen sich zu befinden, denen Rückkehr in die deutsche Heimath vergönnt war. Froh der wiedergewonnenen Freiheit ging er von Bremen aus ungewissem Loose entgegen, fiel in die Hände preußischer Werber, und mußte abermals dem Kalbfell folgen. Zwei Fluchtversuche wurden vereitelt, er hatte von Glück zu sagen, daß er der Strafe der wiederholten Desertion, dem unfehlbaren erschießen, entging. Ein Bürger in Emden erkaufte endlich dem armen Krieger wider Willen um 80 Thaler einen Urlaub nach Sachsen, und Senme versprach ihm, das Geld zurückzuerstatten, sobald dieß ihm immer möglich sei. Dieß Wort zn erfüllen, übersetzte Seume in Leipzig einen englischen Roman, nahm seine Studien wieder aus, wurde Doctor der Philosophie und nahm dann, als er einsah, daß die ausschließliche Beschäftigung mit dem klassischen Alterthum zwar höchst ehrenvoll sei, auch innere Befriedigung aber kein Brod ihm gewähre, die Stelle eines Sekretairs bei General Zngelström in Warschau an, welche Stelle ihn abermals zum Mili- tairstande führte, denn als Sekretair eines Generals war es nothwendig, daß er die Epauletten trage. Der furchtbare Aufstand in Warschau am 17. April 1794 brach auS, und kaum vermochte sich Jngelström nach einem dreitägigen schlachten in den Straßen der empörten Stadt zu retten. Abermals mußte Seume, dessen Seele von antiken FrciheitSträumcn immer noch erfüllt war, gegen die Freiheit kämpfen, mußte dann mit vor Praga stehen, und dem Blutbade beiwohnen, das der unglücklichen Stadt 15000 Einwohner raubte. Sobald als es ihm möglich war, machte Seume sich los aus dem Gewirre von Blut und Gräueln und alle dem schrecklichen, was niedergeworfene Ausstände im Gefolge haben, ging nach Leipzig zurück und beschrieb sein Erlebtes, schrieb auch seine Obolen, gab Unterricht in der englischen Sprache und hielt Borlesungen über klassisches Alterthum. Leider reichte der klassische Honig von Milettos nicht aus zum Leben im deutschen Norden, und Senme hatte es noch als ein Glück zn betrachten, daß ein wohlwollender Freund, der Buchdrucker und Buchhändler Göschen in Grimma, ihm bei sich ein Unterkommen als Korrektor bot. Da weilte nun der Mann mit der Feuerseele, mit der Sehnsucht nach dem klassischen Süden, mit dem un- bezwinglichen Drang, aus sich selbst noch großes und bedeutendes zn schaffen, und corrigirte die Druckbogen der Werke anderer. Wieder ein Glück war auch dabei, diese Werke anderer waren jene Klopstocks und Wielands, und so quoll dem Armen doch aus denen des letztgenannten klassischer Anhauch, Verständniß der antiken Welt und ihrer ewigen Schönheit, daher auch neue Lockung, neues Verlangen, das endlich der Dichter, seinem Dränge folgend, befriedigte und eine großartige Fußreise antrat, die er unter dein Titel «Spaziergang nach Syrakus» beschrieb. Diese Reise machte Glück, gründete ihm den wohlverdienten Ruf und nun auf einmal, nachdem Seume den Süden gesehen, zog es ihn »ach dem entgegengesetzten Pole, er machte eine Reise nach Petersburg, Moskau, Finnland und Schweden, und beschrieb auch diese in dem Buche «Mein Sommer im Jahr 1805.» Seume gefiel sich in der Rolle eines rastlosen weltfahrendcn Peter Schlemihl, doch mit vielem Schatten, der als Schroffheit des Wesens und Herbe der Ausdrücke selbst in seinen Schriften zu Tage trat und mehr abstieß als anzog. Ohne je das schöne Ziel der Jugendträumc verwirklicht zu sehen, ohne auch nur aus kurze Zeit einem wahren Glück im Arme zu ruhen, erlag Seume dem tiefempfundenen Schmerze seines Patriotismus über Deutschlands tiefste Erniedrigung und einem chronischen Leiden, gegen das er im Bade Teplitz Hülfe suchte, ohne sie zn finden. Dort schmückt ein einfacher Denkstein sein Grab, von einer Eiche beschattet. Merino Simonis. Gcb. IM. gcst. IAI. ^!er Begründer der Neligionsgeseltschaft der »ach diesen: Manne sich Mennonitcn nennenden Wiedertäufer oder Taufgestnnten. Menno wurde in Wikmar- sum, einem Dorfe in Friesland geboren, und widmete sich dem Dienst der Kirche. Er war schon Priester, als der wiedertäuferischc Aufruhr in der west- phälischen Stadt Münster sich erhob und nach allen Richtungen Sendboten verschickte, für das neue tausendjährige Reich Anhänger und Gläubige zu gewinnen. Auch Menno Simonis, der schon durch Lesen Geschmack au der wiedertäuferischeu Lehre gefunden haben mochte, wurde 1536 für dieselbe durch einen jener Boten, Namens Ubbo Philipp!, gewonnen, und sie gewann an ihm, den durch Philippi wieder getauften, eine mächtige Stütze. Sein Charakter war der volle und reine Gegensatz zu jenen fanatischen Schwärmern, die der Lehre von der Wiedertaufe, oder eigentlich von der Taufe der Erwachsenen nach Christi eignem Vorbild, einen so schlimmen Namen gemacht hatten — zu einem Thomas Münzer, Johann Bockholt (Jan von Leiden), Knipperdolling u. A. Menno war fromm, sanft, friedfertig, sittenstreng, von tadellosem Wandel. Als Lebensaufgabe stellte sich Menno nach seiner eignen Wiedertaufe die Ausbreitung der von ihm als wahr und scligmachend erkannten Lehre, und da die endliche Niederschlagung des gräuclvolleu Münsterschen Aufruhrs die Taufgesinnten nach allen Richtungen hin zerstreut hatte, so suchte Menno die Zerstreuten wieder in Gemeinden zu vereinen und sie dahin zu bringen, daß sie sich überall in friedlichem Gehorsam den Geboten der Obrigkeiten fügten. Auf diese Weise durchzog Menno läuternd und lehrend ganz Holland, das eigne Vaterland, die Nord- und Ostsecküstenländcr, bis nach Liefland, und breitete, so weit er konnte, seine Lehre aus. Da sie den Bewohnern dieser Landstreckcn meist neu war, und Menno in seiner Persönlichkeit als ein würdiges Vorbild eines Neligionslehrers erschien, so blieb sein Name an der Lehre haften, welche er vortrug. Gleichwohl entging Menno der Verfolgung nicht. Es wurden Preise auf seinen Kopf gesetzt, in Westphalen wurde sogar jedem Missethäter, welcher Menno tod oder lebendig einliefere, Gnade und über-. «V * kT> dich eine Belohnung zugesichert; aber die Hand Gottes schirmte ihn, daß er den Gefahren, mit denen die religiöse Unduldsamkeit seiner Zeit ihn bedrohte, entging. Mennv's Lehre von der Taufe stutzte sich auf die biblische Ueberlieferung, Christus habe sich erst als erwachsener Mann taufen lassen; selbst habe er nie getauft; die Kindertaufe sei von Christus nicht eingesetzt worden; wenn Christus sie gewollt, würde er sie eingesetzt haben, da er ein liebevoller Kinderfreund gewesen; daS Urchristentum habe vie Kiudertaufe ebenfalls nicht eingeführt; sie sei eine Erfindung des Kirchenvaters Augustin und von der katholischen Kirche sanctio- uirt worden; die Reformatoren hatten sie nicht beibehalten sollen. Menno neigte sich auch in seinen Glaubensansichten der kalviuistischen Lehre von der Gnadenwahl zu, daher er den freilich mißlichen Grundsatz aufstellte, nur für Weltmenschcu sei die Obrigkeit, für die gerechten und innerlich erleuchteten Auserwählten sei dieselbe nicht von nölhc». Der Moral und Kinderzucht, welche Mcnuo lehrte, legte er die schonen und erhebenden Lehren der Bergpredigt zum Grunde. Mennv's Lehre fand in Holland am meisten Eingang und dauernde Begründung; außerdem verbreitete sie sich über Holstein nach Preußen, nach Rußland, in das südliche Deutschland, nach Thüringen, Franken, Bayern, wo die Wiedertäufer durch das abweichende ihrer Klcidertracht und Kopfbedeckung noch immer an niederländische Landlcutc erinnern, zumal sie der Mehrzahl nach Landwirthe sind — bis nach Ungarn und Siebenbürgen, in die Schweiz und nach Nordamerika. Die Sittencinfachheit, die Strenge der Religionsgrund- sätzc und eine musterhafte Haltung im bürgerlichen Leben verschafften den Mennonitcn die verdiente Duldung, doch blieb auch diese Religionsgemeinschaft nicht ohne innere Spaltung. Den Eid und die Kriegsdienst- leistung verwarfen sie gleich den Quäkern, allein der letzteren haben sie aufgehört sich zu entziehen. Menno Simonis starb zu Oldesloc, einer Stadt zwischen Lübeck und Hamburg. -e Johann öleidan. Geb. 1506, gest. d. 51. Oct. 1556. Ein Historiker, der zu seiner Zeit Epoche machte, und vielfach als solcher gepriesen wurde, obschon ihm auch der Tadel nicht fern blieb. Johann Philipson, dieß war sein eigentlicher Vor- und Zuname, wurde im Oertchen Sleida in der Grafschaft Manderscheid geboren, und widmete sich, herangewachsen, rcchtswissen- schaftlichen und humanistischen Studien, die er auf den hohen Schulen zu Lüttich, Cöln und Löwen betrieb. Nachdem ihm über den jungen Grafen Dietrich von Manderscheid eine Hofmeistcrstelle anvertraut war, führte er diesen seinen Zögling nach Paris und von da nach Orlcans, und benutzte seine günstige Stellung, sich immer mehr auszubilden und mit Kenntnissen zu bereichern. In Orleans, wo er 3 Jahre studirte, erwarb der nach seinem kleinen Geburtsort sich fortan nennende junge Gelehrte den Grad eines Liccntiaten der Ncchts- gelehrsamkeit, und kehrte darauf nach Paris zurück, wo einflußreiche Gönner ihn förderten, unter denen der berühmte Sturmius und Cardinal Bellai die bedeutendsten waren. Er durfte den französischen Gesandten gleichsam als Attache zum Reichstag nach Hagenau begleiten. Nach längerem Aufenthalt in Frankreich, wohin König Franz I. ihn wieder zurückberufen hatte, kehrte Sleidan nach Deutschland zurück, weil er sich wegen der in Frankreich ausgcbrochenen Neligionsverfolgunge» dort nicht mehr sicher glaubte, da er den reformatori- schen Bewegungen in seiner Hetmath mit Antheil zugewendet blieb. In Deutschland hatte bereits der schmalkaldische Krieg begonnen, und die Kriegsherren desselben erachteten für wohlgethan, neben der Waffe von Eisen auch der Waffe der Feder den Feinden gegenüber sich zu bedienen, und ernannten Sleidan, der sich schon durch mehrere beifallwcrthe Schriften ausgezeichnet hatte, zu ihrem Geschichtschreiber. Sein bekanntes Buch von den vier Monarchien, das durch viele Auflagen in zahllosen Eremplaren deutsch und lateinisch verbreitet war, galt seiner Zeit als ein Muster der Geschichtschreibung. Es war Ton und üble Sitte der Zeit geworden, daß die erbitterten Gegner auf dem kirchlich politischen Gebiete sich in Schriften und Gegenschriften auf das allerheftigste befehdeten, alle Schmach und allen nur erdenklichen Schimpf gegenseitig auf einander häuften und alles Maaß dcS schicklichen aus den Augen verloren. Die Aufgabe des Geschichtschreibers, der, wie Sleidau, noch mitten in den Begebenheiten und dem Wirrsal der Kämpfe stand, war daher zunächst nur sorgliches Qnellcnsammcln und zweck- gemäßcS vorarbeiten mit ausscheiden unnützen, überflüssigen und unsaubcrn Stoffes. In diesem Sinne vollbrachte Slcidan sein Hauptwerk: Lommonlarius do statu roligionis ot roPulllicao Cormanorum 8ul> Larolo V-, an dem er 10 Jahre arbeitete, und von dem Kaiser Carl V. äußerte, der Autor müsse einen Spiritus familiaris zum Gehülfen gehabt haben. Slcidan schrieb lateinisch, sein Werk aber wurde fast in alle Sprachen Europas übersetzt, und fand die größte Anerkennung, obschon es auch nicht an Tadlcrn fehlte und einer derselben, Bartholomäus Latomus, 11,000 Fehler darin nachzuweisen sich erbot. Auch Wilhelm von Grumbach nannte in einer seiner gedruckten Ver- thcidigungsschriften, die er während seiner Händel schrieb und verbreitete, Slcidan geradezu einen Lügenhisto- riker; andere Gegner, wie Mascard und Possevin, beschuldigten ihn der Parteilichkeit, allein immer überwog die große allgemeine Anerkennung den einseitigen Tadel. Im Jahre 15-12 begab sich Slcidan nach Straßburg, erhielt dort eine Professur der NcchtSgclehrsamkeit und wirkte theils als Lehrer, theils bei verschiedenen Anlässen als Abgesandter des Rathes in nützlicher und fruchtbringender Thätigkeit. Er wurde sogar in Angelegenheiten der protestantischen Kircheneinrichtungen nach England entsandt, und ebenso wohnte er dem tridentinischen Concil bei. Leider brachte der gelehrte, thätige und cinsichtvolle Mann sein Leben nicht hoch. Schon im fünfzigsten Lebensjahre befiel ihn, wahrscheinlich in Folge allzugroßer geistiger Anstrengung, eine theilweise Lähmung des Gehirns, welche sich durch gänzliche Vergeßlichkeit äußerte. Der ganze Wiffens- rcichthum des Mannes versank ihm wie ein Hort in nächtliche Tiefe, selbst die Namen seiner Kinder entfielen ihm. Allgemein verbreitete sich die leicht und gern geglaubte Fabel, es sei dem berühmten Geschichtschreiber durch seine Gegner heimlich Gift beigebracht worden, damit er nicht, wie er vorgehabt, noch mehr des unlieben schriebe. Natürlicher erklärte sich jedoch jener bedrohliche Krankheitszustand durch einen offenen Schaden am Beine, dessen vielleicht übereiltes zuheilen Ursache wurde, daß der Krankheitsstoff auf den edelsten Theil sich warf. Slcidan endete im fünfzigsten Lebensjahre, mit Ruhm genannt, ja von seinen Zeitgenossen so hoch gepriesen, daß einige ihn gleichsam einen Fürsten der Geschichtschreiber seines Jahrhunderts nannten. Großes Ingenium, ausgezeichnete Frömmigkeit, Süße der Rede, wahrheittreu und keine Wahrheit verschweigend >— so ward Slcidan gerühmt, und darum verdient er auch von der spätern Nachwelt nicht vergessen zu werden. LW SÄ» Johann Joachim Spalding. Geb. d. 1. Nov. NI^I, gest. d. 26. Mai IM. x5in Religionslehrer, wie er sein soll, voll gründlichen theologischen Wissens, voll Innigkeit und von ächt christlicher Gemüths- und Gefühlswärme durchdrungen, den seine Zeitgenossen bewunderten und verehrten, und den die späte Nachwelt noch durch dankbare Erinnerung feiert. Johann Joachim Spalding wurde zu Triebsees in Schwedisch-Pommern geboren, wo sein Vater Schul- rektor und später Prediger war, der auch die erste Erziehung dieses Sohnes und eines Bruders desselben naturgemäß leitete, und nebst seinem Nachfolger im Schulamte, beiden Knaben die Lehren der Bibel und des Christenthums in sanfter aber auch ernster Weise einprägte. Beide Brüder besuchten später die Schule zu Stralsund und die Hochschule Rostock, wo sie Theologie studirten, ohne eben bedeutsame Anregung zu empfangen. Dann trennten sich die Brüder, und Johann Joachim, der jüngere, nahm 1734 eine Hauslehrerstelle in Greifswalde an, wo sich ihm Gelegenheit bot, seine Studien weiter und besser fortsetzen zu können. Spalding unterrichtete zu Grcifswalde die Sohne eines Professors, Namens Schwarz, erfreute sich der Benutzung der Bibliothek dieses Gelehrten, befreundete sich mit einem geistvollen Magister, Namens Ahlwardt, und sah sich durch Studium wie durch Umgang ungleich mehr und besser, als zu Rostock, gefördert. Nach anderthalbjährigem Aufenthalt zu Greifswalde disputirte er noch dort, kehrte dann auf eine Zeitlang in das väterliche Haus zurück, übte sich im Predigen, schrieb einige Abhandlungen und nahm im Jahre 1737 abermals eine Jnformatorstclle auf dem Lande an, behielt sie bis 1740 und kehrte dann wieder nach seinem Geburtsort zurück, um seinen Vater im Amte zu unterstützen. So verstoß ihm die Jugendzeit ziemlich ercig- nißlos, und sein Leben ward nicht durch ungewöhnliches bewegt; er aber bildete sich im stillen fort, lernte englisch, und wurde 1742 Hofmeister eines jungen Adligen, von Wolfradt, den er 1745 auf die Hochschule Halle begleitete. Auf der Reise dorthin wurde zu Berlin die Bekanntschaft des schwedischen Gesandten, Herrn von Rudenskiold, gemacht, welche für Spalding bald von Wichtigkeit wurde, denn er nahm noch in demselben Jahre die Stellung eines Secrctairö bei dem Gesandten an, und blieb in derselben einige Jahre. In dieser Zeit lernte Spaltung Gleim und Kleist kennen, schlaft Freundschaft mit dem Hofprediger Sack, und benutzte seine Mußestunden zu literarischen Arbeiten, meist Nebersetznngen aus dem französischen und englischen, und behielt trotz der veränderten Laufbahn seinen wahren innern Beruf und den Wunsch nach einer Prc- digerstelle fest im Auge. Im Frühling 1717 ging Spaltung noch einmal zur Unterstützung seines kränkelnden Baters in die Heimath zurück, und wurde 1749 Pfarrer zu Lafsahn in Schwedisch-Pommern. Dort begann nun seine segensreiche Laufbahn als Kanzelredner und Neligionslehrer und neben häuslichem Wohlbefinden in glücklicher Ehe das innere Glück, das treue Uebung eines selbsterwählten Berufes gewährt. Im Jahr 1757 erfolgte eine Versetzung nach Barth, wo Spaltung erster Prediger und Probst der dort abgehaltenen Spnode wurde. Das häusliche Glück Spal- ding'S zertrümmerte leider der im Jahre 1702 erfolgte Tod seiner zärtlich geliebten Gattin, doch traten im Frühling des folgenden JahreS zerstreuend und anregend die befreundeten Schweizer Johann Kaspar Lavater, Heinrich Füßlp, und Fclir Heft aus Zürich in Spal- diug's verödetes Haus, wo sie herzliche gastliche Aufnahme fanden. Das Jahr 1707 brachte Spaltung den Nnf nach Berlin als Oberkonfistorialrath, Probst und Pastor Primarius an der Nikolaikirche, an welcher er nun, zum zweiten male glücklich vermählt, lange eine segensreiche Wirksamkeit übte, die sich auch auf Verbesserung des Zustandes der Gymnasien erstreckte, und nach manch anderer Richtung hin zu wichtiger Amtsthätigkeit führte, mit der sein Wirken als Kanzelrcdncr und theologischer Schriftsteller fortdauernd Hand in Hand ging. Er verfaßte zahlreiche Schriften, gab wiederholt Predigten heraus, nahm Theil an der Verbesserung des Gesangbuches und der Liturgie, und war der ge- liebtestc, gefeiertste Prediger Berlins, indem er voll einfacher Anmuth der Rede, voll Wohllaut der Sprache, voll Verständlichkeit seines zu Heizen dringenden Ausdrucks alle Hörer gewann und fesselte, nnd sie mit sanfter Wärme zu dem erkennen der erhabenen Wahrheiten der christlichen Religion Hinleitete, sie zu heben, ja zu begeistern verstand, was von vielen, die ihm nachfolgten und ihn sich zum Muster nahmen, wohl im gleichen Grade später nur der Bischof Dräseke wieder erreichte. Spaltung hatte das Unglück, auch die zweite, geliebte Gattin zu verlieren, und das Glück, in einer dritten Ehe, die er 1775 schloß, abermals eine liebevoll theilnehmendc und sorglich um ihn bemühte Lebensgefährtin zu finden. Als König Friedrich II. gestorben war, nnd unterdessen Nachfolger das berüchtigte Wöllner'sche Religionsedikt erschien, legte Spalding seine Propststelle und die mit derselben vielfach verbundenen Geschäfte nieder, zumal sich auch allmählig eine Abnahme seiner Kräfte einstellte, welche sich nach nnd nach mehrte, doch blieben ihm manche Freuden des Lebens noch vergönnt, bis ein sanfter Tod ihn aus dieser Zcitlichkeit abrief. Alle Zeitgenossen, die ihn persönlich gekannt, vereinigten sich in Spalding's anerkennendem Lobe der Erfüllung seines Berufes als Geistlicher im ächtesten, höchsten Sinne dieses Wortes, seiner läutern, überzeugungvollen Beredsamkeit, seiner ungeheuchelten Gottesfurcht, wie auch seiner unerschrockenen Freimüthigkeit. Ebenso ließen alle Einstchtvollen Spalbing's Schriften die vollste Gerechtigkeit widerfahren. Er leuchtete seiner Zeit vor als ein Muster correcten Sthls und Ausdrucks, weil er sich selbst durch vieles lesen gediegener Schriften ausgebildet hatte. Das geistige Princip, das durch alle weht, ist Wahrheit und Schönheit. Heinr. Friedr. Carl, Freiherr vom und zum ötcin. Sieb. d. AI. Oct. 17.77, gest. d. AI. Juli IVI. Dieser hochberühmte Staatsmann, dem Deutschland unendlich viel schuldet und dessen Andenken ein dauernd gesichertes ist, wurde zu Nassau geboren, und widmete sich in Göttingen staatswissenschastlichcn Studien. Nach der Rückkehr von der Universität fand der äußerst befähigte junge Mann, der einer der ältesten und angesehensten Familien angehörte, bald eine Anstellung als preußischer Bergrath, 1793 als Kammerpräsident in Westphalen, in welcher Stellung er sich unter anderm durch bedeutende Straßenbautcn große Verdienste erwarb. Als der Minister Struensee mit Tode abgegangen war, erhielt v. Stein das Ministerium über die Abtheilung des Zoll-, Accise-, Steuer- und Fabrikwesens, welches ihm aber manchen Verdruß und manche Reibung zuzog, die sein von Natur heftig angelegter Charakter ihn nicht ertragen ließ, und da er den Schutz nicht fand, den die Lenker an den Spitzen der verschiedenen Zweige der Staatsverwaltung für die Ausführung ihrer Anordnungen haben müssen, so begehrte er im Januar 1807 seinen Abschied, der ihm auch in nichts weniger als gnädigen Ausdrücken ertheilt wurde. Freiherr vom Stein zog sich auf seine Güter zurück, während Deutschland und zumal Preußen in traucr- vollcr Erniedrigung von der napoleonischcn Herrschaft gehalten und geknechtet wurde. Wohl fühlte man, wie sehr die rechten Männer fehlten, den ganz niedergedrückten Volksgeist wieder zu beleben, und wie sehr es Noth thue, durch wohl überdachte Einrichtungen eine Aenderung der Dinge vorzubereiten. Freiherr vom Stein war ein solcher Mann im höchsten Sinne des Wortes, Preußen rief ihn zurück, und er bewirkte eine Umgestaltung des verwaltenden Staatswesens, die sich von den nachhaltigsten nützlichen Folgen zeigte, während Scharnhorst in der Stille und in verwandter Weise die Umgestaltung des preußischen Heerwesens vorbereitete und bewirken half. Es waren tiefeingreifcnde Veränderungen, welche v. Stein anbahnte, sie fanden auch nicht gleich allgemeine Anerkennung und Billigung, am wenigsten bei v. Stcin's Standesgenossen, beim höhern und niedern Adel, denn nach einem Edict vom 9. Oct. 1807 wurde dem Adel das vorher ausschließliche Recht auf den Besitz von Rittergütern entzogen, auch der Bürger und Bauer durften nun Ritterguts- bescher werden, dagegen war dem Adel erlaubt, auch Bauerngüter zu besitzen und zu bewirthschaften, Gutspachtungen zu übernehmen, Handelschaft und jedes andere beliebige bürgerliche Gewerbe zn betreiben. Im Bauernstände wurde durch jede mögliche Begünstigung Liebe zum Vaterlaudc geweckt; der Bauer hörte auf, Unterthan seines Gutsherrn zu sein, er wurde Staatsbürger; die früheren Leistungen wurden, wo dieß irgend anging, ablösbar gemacht, und dieß alles wirkte in vorher nicht geahnter Weise auf den Volksgeist ein, und bereitete den begeisterten Aufschwung vor, den die Befreiungskriege zeigten. Und dieß war das erhabene Ziel, welches dem edlen Freiherr» vom Stein vorschwebte. Wie der Bauernstand mit Glück geistig zu heben versucht wurde, so auch der Bürgerstaud. Eine allgemeine Städte-Ordnung, welche von Königsberg aus erlassen wurde, gab dem preußischen Bürgerthum wieder innern Halt; gute alte Einrichtungen, welche die Zopfzeit verdrängt hatte, wurden erneut; auch das Schützenwcsen ward ebenfalls neu belebt: die Schützengilden wurden wieder, was sie im Mittelalter gewesen, Mannschaften des Schutzes, nicht blos deS Schießens zum Vergnügen. Dadurch, daß jede Stadt in ihren Schützen eine aus ihren besten Bürgern gebildete Wehrkraft gegen plötzliche Noth und Gefahr in ihren Mauern besaß, die, soldatisch geübt, ordnungvoll wirkte, wurden dem Staate Millionen für soldatische Besatzungen und Polizeimanuschaftcn erspart; die Schützengilden kosteten höchstens einmal eine Fahne, ein Kleinod, ein anerkennendes königliches Schreiben. Stciu's immer waches Auge blickte noch weiter — unter seiner Acgidc begründete sich in Königsberg, vom Könige bestätigt, der Tugend bund, der bald über das ganze Königreich und bis nach Westphalen nud Hessen seine Verbindungen schlang. Er war weit verschieden von seiner ziemlich verunglückten, obschon treu gemeinten Nachahmung im Jahre I8ä9, die mit halbmaurerischen Formen und einem über die Maaßen mangelhaften Statut hervortrat, um bald genug wieder in ihr Nichts zurückzufallen. Auch dieser Bund hatte die Aufgabe, vor allem Treue dem Könige und seinem Hause, Stärke im Dulden, Muth im Hoffen, Weckung des Bürgcrsinnes, Beseitigung schroffen spaltenden Fern- haltens zwischen dem Nähr- und Wehrstandc — das aber stets wiederkehrt, sobald die Gefahr vorüber ist und die Verbrüdcrungsfeste verrauscht sind. Dem argwöhnischen Späherblick des Zwinghcrrn und seiner Schergen entging die Bewegung nicht, die sich in Preußen regte, es entging ihr die Wirkung nicht, welche der Tugcudbund übte. Der Freiherr vom Stein, obschon er als Mitglied des Tugendbundes gar nicht genannt wurde, galt, zudem durch einen in Feindeshändc gerathenen Brief verdächtigt, dem französischen Cabiuct als Haupt jener Bewegung und dieses Bundes und wurde von Napoleon geradezu geächtet. Dieß hatte Stein's Austritt aus dem Ministerium zur Folge und führte die Aufhebung des Tugendbundcs durch königlichen Befehl herbei. Die Form, ohnehin keine feste, konnte fallen, der Geist blieb lebendig und that sich dann in den Befreiungskriegen durch einen Heldcnstnn kund, von dem die Geschichte nicht viele Beispiele zählt. Kriege und Siege brachten auch den Freiherr» vom Stein wieder an eine für ihn geeignete Stelle, er trat an die Spitze der «deutschen Centralbehörde», deren Einrichtung die Zeitverhältnisse nöthig gemacht hatten, und wirkte eifrig in deren: Dienst. Nach völlig hergestelltem Frieden und nach Beendigung des Wiener Congrefses nahm Freiherr von: Stein auch an den Wissenschaften lebhaften Antheil und begründete zu Frankfurt den Gclehrteuverein zur Erforschung deutscher Geschichte und Herausgabe von Quellenwerken, für den er d:e Unterstützung aller deutschen Bundesregierungen in Anspruch nahm, welche auch durch viele Jahre gewährt wurde, wodurch es möglich ward, die genannten Werke in großen und sehr theuern Prachtausgaben, die leider fast nur fürstliche Privat- und reich begabte öffentliche Bibliotheken sich anschaffen können, erscheinen zu lasse». Später zog sich Freiherr vom Stein auf seine Güter zurück, wurde aber zum Landtagsmarschall von den westphälischen Provinzen ernannt, und beschloß dort, wo er sie recht eigentlich begonnen, seine erfolgreich wirksame, nach vielen Richtungen hin fördernde und anregende Laufbahn, die ihm unvergänglichen Nachruhm schuf. Johann Heinrich Jung, Stilling. Geb. d. 12. Sept. 1740, gest. d. 2. April 1817. x5t» Mann voll tiefen innerlichen Charakters, großer Vielseitigkeit des Wissens, und eigenthümlicher Geistesrichtung, welcher lange Zeit das denkende und fühlende lesende Publikum durch seine Schriften anregend und erbaulich beschäftigte. Johann Heinrich Jung wurde zu Grund im Her- zogthum Nassau geboren, und zwar von armen Aeltern, so daß ihm in den ersten Jugendjahren kaum eine andere Berufswahl nahe lag, als die, Köhler zu werden, Meiler zu bauen und zu schüren; indeß ward er auf andere Bahn gelenkt; er wurde ein Schneider. Wohl hätte das friedliche Stillleben dieses Handwerks seiner Neigung zu beschaulichem denken entsprechen können, aber der Geist in ihm arbeitete denn doch zu mächtig, und es drängte ihn zu dem Berufe eines Lehrers hin, und durch Selbststudium einesthcils, anderntheils durch sein sittsames und freundliches Wesen, erlangte er so viele Kenntniß und so viele Gunst bemittelter, daß ihm einige Hauslehrerstellen anvertraut wurden. Von dem Erwerb für den Unterricht, den Jung ertheilte, und den er sorgsam sparte, hoffte er fiudiren zu können und bezog die Universität Straßburg, wo er sich schon Stilling nannte, und der Arzneiwissenschaft sich widmete. Dort lernte er Herder und Goethe kennen, welcher letztere in der Schilderung des eigenen anziehenden und bewegten Lebens mit Vorliebe einen Augenblick bei Stilling verweilt, und auf das gegenseitige Verhältniß einen Strahl seiner klaren Anschauung fallen läßt, indem er sagt: „Daß übrigens Herder's Anziehungskraft sich so gut auf andere als auf mich wirksam erwies, würde ich kaum erwähnen, hätte ich nicht zu bemerken, daß sie sich besonders auf Jung, genannt Stilling, erstreckt habe. Das treue redliche Streben dieses Mannes mußte jeden, der nur irgend Gemüth hatte, höchlich interesfiren, und seine Empfänglichkeit jeden, der etwas mitzutheilen im Stande war, zur Offenheit reizen. Auch betrug sich Herder nachsichtiger gegen ihn, als gegen uns andere, denn seine Gegenwirkung schien jederzeit mit der Wirkung, die auf ihn geschah, im Verhältniß zu stehen. Jung's Umschränktheit war von so viel gutem Willen, sein Vordringen von so viel Sanftheit und Ernst begleitet, daß ein Verständiger gewiss nicht hart gegen ihn sein und ein Wohlwollender ihn nicht verhöhnen, noch zum Besten haben konnte. Auch war Jung durch Herder Dergestalt eraltirt, daß er sich in allein seinen Thun gestärkt und gefördert suhlte, ja seine Neigung gegen mich schien in eben diesem Maaße abzunehmen; doch blieben wir immer gute Gesellen, wir trugen einander vor wie nach und erzeigten uns wechselseitig die freundlichsten Dienste.» Dieß Urtheil reinen Wohlwollens verdiente und bewährte Jung Stilling durch sein ganzes Leben, als praktischer Arzt, wie als belehrender philosophischer und schöngeistiger Schriftsteller. Die Richtung von Jung Stiliing's Geist war jene sanfte, milde Religiosität, die sich innig in die Hcilslehren dcS Christenthums versenkt, aus ihnen Trost des Gemüthes, Frieden der Seele und gläubige Hoffnung schöpft, und förmlich im schroffen Gegensatz steht zu der modernen Philosophie, Die nur daS werthe Ich in sclbstvergötterndem Dunkel an die Stelle Gottes setzt und setzen lehrt. Daher freilich auch bei Jung die Hinneigung zu etwas allzusehr pietistisch-frömmelnder Schreibweise in mehreren seiner Schriften. Jung Stilling ließ sich in Elberseld nieder, prak- tizirte dort als Arzt, besonders als Augenarzt, mit großem Gluck und Ruhm, und soll über 2000 Blinden daS Gesicht wieder gegeben haben. In diese Zeit fällt sein beliebtes Buch «Theobald oder der Schwärmer», auch schilderte er bereits 1777 seine «Jugend, Jüng- lingsjahre und Wanderschaft», in drei Theilen. Eigenthümlich abirrend von dem zuerst erwählten Bcrnfskrcis und jener Richtung reinen ästhetischen Schaffens, lenkte Jung seine Thätigkeit auch andern Lehrgebicten zu. Er wurde Cameralist, lehrte als solcher zu Läutern, wurde 1787 Professor der Camcralwiffenschaft zu Marburg, und siedelte von dort in gleicher Eigenschaft 1803 nach Heidelberg über. Nun schrieb er Lehrbücher über Forstwissenschaft, Fabrikwesen, Handlungskunde, Finanzwissenschaft und selbst eine kleine Naturgeschichte für Frauenzimmer. Dennoch ärntcte er auch auf dem philosophisch-ästhetischen Gebiete noch manche Lorbeeren; unter mehreren romantischen Schriften mit pietistischem Anhauch seien nur genannt: Geschichte Florentin's von Fahlendorn, 3 Bde., 1779; Leben der Theodore von Linden, 2 Bde., 1783; Das Heimweh, 1794, 3 Bde.; außer diesem gab er noch mehrere christlich asketische Schriften heraus und wagte sich endlich auch in das übersinnliche und dem Menschenblicke tief und ewig verhüllte Gebiet der Geisterknnde, und zwar gab er gleich eine förmliche «Theorie» derselben und behandelte dieselbe noch in mehreren Einzelschritten, nicht ohne Theilnahme in gewissen Kreisen der Lcsewclt, weil Hang und Zug zum geheimen und übersinnlichen mehr oder minder stark in jedes einzelnen Neigung liegen. Doch bebaute Jung dieses Feld mit nicht mehr und nicht minderem Glück, als alle die Geisterglänbigen nach Jung Stilling bis auf die allerneucstcn Klopfgeister- lchrer, welche allen Ernstes uns ansinncn, zu glauben, daß die Geister von vor Jahrhunderten Verstorbenen sich in hölzernes Gerümpel, alte Tische und dergleichen gebannt fänden, um neugicrdcvoller Spielerei der Jetztzeit zu läppischen Orakeln zu dienen. Das wäre eine Unsterblichkeit! — Endlich war Jung Stilling auch gcmüthvollcr lyrischer Dichter, und sein Freund E. W. Schwarz, welcher als Nachtrag zu des ersteren Leben auch dessen Alter schildert, gab 1821 Jung's Gedichte nach dessen Tode heraus. Jung Stilling beschloß sein ziemlich bewegtes und fleißiges Leben als Geheimer Hofrath und Professor der Staatswirthschast zu Karlsruhe, wohin er sich von Heidelberg aus gewendet hatte, in jener Friedensstille, die er liebte und die seinem Wesen und Charakter eigen war. Friedrich Leopold, Grat zu Stolberg. Geb. d. 7. N°v. I7M, gest. d. k. Dez. 181». Dichter und Staatsmann, als ersterer ungleich berühmter, denn als letzterer, Mitglied des Hainbundes, voll Seelenadel und voll tiefen, früh ihm eingeprägten religiösen Gefühls, daher auch zugänglicher wie mancher andere, in dessen Seelenleben der Verstand die Oberherrschaft behauptet, dem sehnen nach innigerem einkehren in mystische Gebiete und sinnlichere Formen des Cnltus, als der Protestantismus gewährt, daher Convertit und als solcher hart befehdet und bitter getadelt. Graf Stolberg d. j. kann nicht ohne seinen älteren Bruder Christian genannt werden, welcher am 15. Oct. 1748 zu Hamburg geboren wurde. Friedrich Leopold erblickte das Licht der Welt zu Bramstedt im Holsteinischen. Der Vater, Christian Günther Graf zu Stolberg, war königl. dänischer Kammerherr, Geheimer Rath und Oberhofmeister der Königin Sophie Mag- dalena von Dänemark. Beide Brüder studirtcn in Göttingen, nachdem sie von den streng evangelischen Aeltern (die Mutter war eine Abkömmlingin des alten fränkischen Geschlechts der Grafen von Castel) eine sorgfältige Jugendbildung erhalten hatten, welche nicht ohne Beimischung Zinzendorfischer Frömmigkeit blieb. In Göttingen waren die gräflichen Brüder dem Hainbünde zwar zugesellt, um so mehr da Klopstock, dem sie Poesieproben von sich gesendet, sie freundlich aufgemuntert hatte, und sie selbst führten dem Bunde wackere Mitgenossen zu, hielten sich aber doch mehr zu Ebenbürtigen, als zu den bürgerlichen Dichterjünglingen, in deren genialen Kreisen ihnen nicht das gewohnte vornehme des väterlichen Hauses entgegenkam. Gern besuchten die Grafen ihr nahes Stammland, den herrlichen Harz, wo die stolzen Grafenwiegen, die Ahnenschlösser Stolberg und Wernigerode noch heute der Nachkommen edle Geschlechter umfangen, und lernten sich, was ihnen in Dänemark nicht gelehrt worden war, als Deutsche fühlen. Schon damals war das dänische Streben, was es noch heute ist: haß- und neidvoll alles, was deutsch heißt, niederzuschlagen und zu unterdrücken. Nach vollendeten Studien und nach zärtlichem Abschied von den liebsten Freunden, namentlich von Voß, reisten beide Bruder eine Zeitlang mit einander in Begleitung ihres Freundes, des jungen Grafen von Hang- witz, und verweilten 1775 auch bei Lavater, von dem Graf Leopold Vorliebe für Schwärmerei und vielleicht auch einige Abneigung gegen Voß gewann. Als Dichter gingen bcive Bruder, die sich innig liebten, vereinten Gang; die Gedichte beider gab Boie 1779 in 2 Theilen heraus, die Gcsammtwerke beider haben später 20 Bände gefüllt, zu denen freilich Graf Leopold das meiste lieferte. Beide wendeten sich, wie Bürger that, der Ballade und Romanze mit Vorliebe zu und behandelten sie in gleicher Weise, wie dieser, vielleicht noch ritterlicher, leider aber oft auch mit geschmackloser Breite, wozu die bekannte «Büßende» einen auffallenden Beleg liefert, vbschon sie ihrer Zeit so volksthümlich erschien, daß man sie in Bildern verherrlichte, ja sogar das bandwurmlange Gedicht für eine Singstimmc völlig durchkomponirte. Beide Brüder wurden königl. dänische Kammerjunker, später Kammerherren, legten aber später ihre Aemter nieder. Christian starb auf seinem Gute Windcbhe bei Eckernfördc am 18 Januar 1821. Im Jahre 1777 wurde Graf Friedrich Leopold zu Stvlberg fürstbischöflich Lübeckischer, d. h. herzoglich Holstein-Gottorpischer Ministerresident am königl. dänischen Hofe zu Kopenhagen, übersetzte bei der Müsse, die ein solcher Gesandtschaftsposten reichlich vergönnt, Homer's Jlias, und blieb der Muse der Poesie getreu. Cr vermählte sich 1782 mit Agnes von Witzleben, die ihm 1788 der Tod entriß, und wurde im darauf folgenden Jahre dänischer Gesandter am Berliner Hofe. Dort schloß er einen neuen Ehebund mit Sophie, geb. Gräfin Redcrn, worauf cr 1791 zum Regierungspräsidenten der herzoglichen und fürstbischöflichcn Regierung zu Eutin ernannt wurde. In Eutin hatte sich das alte Frcundschaftband mit Voß bereits im Jahre 1782 wieder neu, fest und innig geknüpft; beide Freunde gaben vereint Hölty's Gedichte heraus. Wer hätte ahnen sollen, daß zwischen den begabten Männern später so bitterer Zwiespalt entstehen könne! — Als von Frankreich herüber die ersten Freiheit- bewegungen, die Vorboten der Revolution, sich kund gaben, erging es Stolberg wie vielen noch ungleich höher als er gestellten edlen deutschen Männern, und wie es auch in Deutschland 18-18 bei nicht minder vielen der Fall war; sie begrüßten voll poetischer Freude das Morgenroth sittlicher Freiheit, schöner Menschcn- vc)brüdcrung, sie glaubten an die Möglichkeit, daß Ideale sich verwirklichen könnten, sie gaben sich frohen Hoffnungen hin, sahen nur wcltbcglückendc Engelschaarcn in den Freihcitsniännern, und nicht die grinzendcn blutdürstigen, aller Menschheit und Menschlichkeit hohnsprechenden rebellischen Teufel. Bald genug ward gleich anderen der Graf ernüchtert, als cr sah, wohin die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ziele, die überall nur ein und dasselbe Ziel hat. Dadurch lenkte sich sein Gemüth, vorher edclfrci gesinnt, der absoluten und aristokratischen Richtung zu und sah nur im Druck einer Gewaltherrschaft das Mittel zur Nicderhaltung von Aufruhrgelüsten. Er nahm Urlaub und trat eine Reise nach Italien an, auf welcher ihn seine Gemahlin, sein ältester Sohn und Nicolovius begleiteten. Er hat diese Reise selbst geschildert; auf ihr empfing cr theils unmittelbar, theils durch neu gewonnene Freunde aus Münster nachhaltige Eindrücke, die seinen vorher or- thvdor-lutherischen Sinn ebenfalls gänzlich umwandelten und ihn der katholischen Kirche geneigt machten. Die nächste Folge war 1800 Niederlcgung seines Amtes und Dienstes und Umzug nach dem streng katholischen Münster. Dort erfolgte der Uebertritt der ganzen gräflich Leopold Stolbergischen Familie — mit Ausnahme der ältesten Tochter — zur römisch-katholischen Kirche, über welchen Schritt der Graf viel harten Tadel ertragen mußte, den härtesten von seinem liebsten Freunde Voß durch den Aufsatz: «Wie ward Fritz Stolberg ein Unfreier?» Es ging eine große sittliche Entrüstung über diesen Uebertritt durch Stolberg's Freundeskreis, die der Graf scharf und tief zu fühlen bekam; es war ein schonungsloses Verdammungsurthcil, welches über ihn erging und welches vielleicht milder ausgefallen wäre, wenn es sich nur um die persönliche neu angeeignete Ueberzeugung des Grase» gehandelt hätte; allein es war ein Principienkampf gegen eine dem Lutherthum im Schooße Norddcutschlands verderbliche von der Aristokratie ausgehende Zeitrichtung, in welcher des ersteren treue Anhänger die Waffen nicht müsfig ruhen lassen durften; des Grafen Beispiel blieb nicht ohne Nachahmung und die romantische Schule begann in ihren Chorführern Mariencult, Kreuzesdienst und Römlingthum mehr als gut war zu preisen und zu verherrlichen. Nach dem Uebertritt übersetzte Graf Stolberg noch 1 Tragödien des Aeschylos, die angeblichen Gedichte Ossiaips, gab 2 Schriften St. Augustin's heraus, verfaßte eine mittelmäßige Geschichte der Religion Jesu und schloß seine litcrarische Thätigkeit mit einem «Büchlein der Liebe» ab, in welchem cr dem Thomas a Kempis nachstrebte. Er starb, nachdem er sich auf das Gut Tatenfeld bei Bielefeld 1812 zurückgezogen hatte, auf seinem Pacht-Gute Sondermühlen bei Osnabrück, blos von Katholiken umgeben, im Schooße seiner allein seligmachendcn Kirche. Albrecht Thaer. Geb, i>. 1ä. Mai I75>2, gest, d. 26, Oct, 1828. ^lannigfach mit Kenntnissen ausgerüstet, und in vielen Fächern des menschlichen Wissens heimisch und bewandert, durchschritt dieser Mann eine ehren- und ruhmvolle Lausbahn. Thaer wurde zu Zelle geboren, sein Vater war dort praktischer Arzt, und sah es mit Freude, daß auch der Sohn sich der gleichen Wissenschaft widmete. Dieser studirte von 1771 bis 1774 zu Göttingcn und erwarb im letztem Jahre den Doctorgrad. Dann wandte sich Thaer in seine Vaterstadt zurück, und fand in Ausübung ärztlicher Praxis sehr bald Vertrauen, Anerkennung und Ruf, sodaß ihn im Jahre 1780 der König zu seinem Leibarzt mit dem Hofmedicustitel ernannte. Leider entriß andauernde Kränklichkeit Thaer nach einigen Jahren theilwcise seinem edlen Berufe, er widmete sich der Landwirthschaft, die ihn ausnehmend anzog. Im Jahre 1790 gründete er eine Unterrichtsanstalt für dieselbe in Zelle, an der er wesentlich wirksam war, widmete ihr alle Zeit und stellte neue Grundsätze in derselben auf, indem er bemüht war, sie zum Range einer Wissenschaft zu erheben. Thaer wurde Verfasser einer «Einleitung znr Kenntniß der englischen Landwirthschaft», welche in 5 Bänden von 1798 bis 1804 zu Hannover erschien. Völlig hatte indeß Thaer dem ärztlichen Berufe nicht entsagt, er wurde aus Nähe und Ferne noch um Rath in Krankheiten angegangen; in einem solchen berathenden Briese, an eine Dame in Hannover, vom 18. Januar 1802, meldet er, nachdem er den Brief hatte 12 Tage unbeantwortet liegen lassen müssen: Ich leide sehr an Gicht, und dies ist der erste Brief, den ich mit Mühe wieder schreiben kann. Vom Jahre 1799 bis 1804 erschienen von Thaer die «Annalen der nicdersächsischen Landwirthschaft», zu Zelle, und zu Hannover von 1803 bis 1806 die «Beschreibung der nutzbarsten, neuesten Ackergcräthe». Diese schriftstellerische Thätigkeit breitete Thaers Ruf weithin, aus, und wurde Anlaß einer Berufung Seitens des Königs von Preußen mit hohem Rang und Titel in den preußischen Staatsdienst. Thaer folgte diesem Rufe, erwarb in der Nähe von Potsdam das Landgut Mögelin und errichtete dort abermals eine landwirthschaftlichc Schule mit Musterwirthschaft, deren Ruf sich über ganz Deutschland und weiter verbreitete. Im Jahre 1807 trat Thaer in den Staatsrath ein, wurde 1810 zum Professor der Landwirthschaft und der StaatswirthschaftSlehre an der berliner Hochschule ernannt, wurde geheimer Regicrungsrath und vortragender Rath im Ministerium des Innern. Jetzt erschienen von seiner fleißigen Feder: «Annalen des Ackerbaues», 0 Jahrgänge, Berlin 1805 bis 10. «Grundsätze der rationellen Landwirthschaft», daselbst 1809 u. ff., 4 Bände. «Annalen der Fortschritte der Landwirthschaft», 2 Jahrgänge, daselbst 1811 u. ff. «Ueber die freiwillige Schaafzucht», ebendaselbst 1811. Um die Schaafzucht, diesen ganz besonders wichtigen Theil der Oekonomie erwarb sich Thaer ein unsterbliches Verdienst und den Dank aller Schäfcreibesitzer, denn er ging mit den erfolgreichsten Anregungen voran, gründete 1811 selbst eine berühmt gewordene Schäferei und rief später auch den Schaafzüchterconöent ins Leben, der im Jahre 1825 zum erstenmal in Leipzig zusammentrat, und die dort empfangenen Anregungen und Belehrungen zu praktischer Anwendung mitnahm in alle Theile Deutschlands. Das Kapital ist gar nicht zu berechnen, welches Deutschland durch die veredelten Wollen seit Thaers Auftreten als Landwirthschaftslehrer gewonnen hat. Als Lehrer bei der berliner Hochschule war Thaer im Jahre 1817 wieder zurückgetreten, seine schriftstellerische Thätigkeit aber blieb fort und fort eine regsame. Er schrieb die Geschichte seiner Wirthschaft zu Mögelin, welche 1815 zu Berlin erschien, sodann eine Gewerbslehre, ebendaselbst 1816, darauf begann er Mögclinsche Annalen der Landwirthschaft, deren Dauer sich von 1817 bis 1824 in 14 Bänden erstreckte. Im Jahre 1824 feierte Thaer, der sich trotz aller Gicht- und anderer Leiden doch in ein ziemlich hohes Alter hineinlebte, sein fünfzigjähriges Doctor- jubiläum, bei welchem er mit dem Titel eines königlich preußischen Geheimen Obcrregierungsrath erfreut, und mit mehreren hohen Orden beehrt wurde, Zeichen einer gerechten und nur verdienten Anerkennung und Würdigung. Thaer empfing vom König von Bayern den Orden der bayerschcn Krone, den Guelphenorden von Seiten des Königs von Hannover, und den Orden der würtembergischcn Krone vom Könige von Wür- temberg. Thaer starb 1828 zu Mögelin im 77. Lebensjahre, und hinterließ einen dauernden ruhmumglänzten Namen. In Leipzig wurde ihm ein Denkmal errichtet, zu welchem von Seiten der 1845 in Altenburg tagenden Versammlung der deutschen Land - und Forstwirthe die Anregung ausging. Christian Thomasius. Gcb. d. I. Irin. IW, gest. d. W. Sept, 172.'. ^n der Markscheide einer düstern Epoche, wo diese sich von der helleren Zeit schied, die über Deutschland heraufzudämmern begann, stand Thomasius mitten inne, selbst ringend mit dem Dunkel und freudig die Bahn der neuen Zeit einschlagend. Der Vater, Jacob, war zu Leipzig Rektor an der Thomasschule und lebte lange genug, den Bildungsgang des Sohnes zu leiten und ihn für die wissenschaftliche Laufbahn vorzubereiten. Mit 20 Jahren ging der junge Thomasius auf die Universität zu Frankfurt a. O., nachdem er schon einige Jahre vorher zu Leipzig das Baccalaurcat und die Magistcrwürdc erlangt hatte, blieb in Frankfurt a. O. bis 1679 und wurde dort Doctor Juris. Vom belebendsten Einfluß war und blieb aus den jungen Gelehrten das glänzende Vorbild Friedrich Wilhelm II., des großen Kurfürsten von Brandenburg, der eine Stütze deutscher Wisscnschaftlichkeit war. Nach Leipzig zurückgekehrt, begann Thomasius Vorlesungen über. Rechtswissenschaft und praktische Philosophie, und sah I sich eben dieser praktischen Richtung halber bald genug in Zwistigkeiten und manchen gelehrten Streit verwickelt. Wie Luther die Klügeleien der Scholastik mit starkem Geist zertrümmert hatte, so versuchte Thomasius mit klarem Geist und frischem Muth den Kampf mit den spitzfindigen Sophistereien, welche als Basis der Philosophie seinen Zeitgenossen noch galten; auf das innigste aber befreundete er sich mit einem der berühmtesten dieser Zeitgenossen, mit August Hermann Franke. Thomasius versuchte die Wissenschaft fruchtbar zu machen für das Leben, suchte Vorurtheile zu bekämpfen, den Schlendrian zu beseitigen, wahre Volksbildung zu befördern, und vieles gelang ihm, gegen manches auch kämpfte er vergebens an, der unsterbliche Zopf pedantischer Schulgelahrtheit z. B. war zu dick, als vaß die Scheerc der schonungslosesten Gegenwirkung ihn ganz abzuschneiden vermocht hätte. Thomasius wagte die unerhörte Neuerung, Dissertationen und Programme in deutscher Sprache zu schreiben, er wagte es in . deutscher Sprache seine Vorlesungen anzukündigen und ! zu halten, und dennoch wurden diese, zum Grauen der j alten Perücken, zum Erdrücken voll. Thomasius wagte noch mehr — mit scharfer Kritik und beißendem Witz die Irrthümer anzutasten, in denen seine Zeit nach befangen war. Der gräßlichste dieser Irrthümer Marder Glaube an den Teufel und an Hererei, dem mit der empörendsten Freude der Juristen an Menschen- guälerci und Mord zahllose Menschen zum Opfer gebracht wurden. Hatte Thomasens in letzterer Beziehung schon einen Vorgänger, den frommen Jesuiten Spce gehabt, so hatte er voch mehr Anlaß und ein weiteres Feld, erfolgreich gegen den entsetzlichen Wahnsinn der Zeit zu kämpfen, dennoch aber ward er in Leipzig gleichsam ansgebifsen, denn er war nicht groß und gcistesmächtig genug, den Gegnern gar keine Blöße zu bieten, und wagte sich zumal vorn rein philosophischen und juridischen auch auf das theologische Gebiet, an dem die Phalanx der Gegner zu stark und seine wissenschaftliche Kraft zu schwach war, um lang dauernde Kämpfe siegreich zu bestehen. Thomasius verließ Leipzig und ging nach Berlin, wo er sich vorn Kurfürst Friedrich III., hernach König Friedrich I. in Preußen, sehr ehrenvoll aufgenommen sah. Der König ernannte ihn zum Rath mit 500 Thalern Gehalt und zum Professor in Halle. Dort waren die Vorlesungen des berühmten Thomasius so sehr besucht, daß der einflußreiche Minister Dunkelmann dem Könige rieth, die in Halle bestehende, vom großen Kurfürsten eingerichtete Rittcrakademie zu einer Hochschule zu erheben. Dies geschah 1094, Halle wurde Universität und Thomasius erhielt an ihr die zweite Professur der Jurisprudenz, später wurde ihm die Oberleitung der ganzen Universität mit Rang und Titel eines Geheimeraths übertragen. Auch der herrliche August Hermann Franke fand als Professor der Theologie dort neben dem Freunde bleibenden Wohnsitz, und beide wirkten vereint für Förderung des Men- schenwvhles und geläuterter Wissenschaftlichkcit bis zu ihrem Tode. Zahlreich sind Thomasius Schriften, ob- schon nicht alle von gleichem Werth, die Mehrzahl ist vergessen, aber Thomasius Name klingt rühm- und ehrenvoll durch die Jahrhunderte und bleibt der Nachwelt unvergessen. Moritz August von Thümmel. Geb. d. 27. Mai 1738, gest. d. 2«. Oct. 1817. (!§ellert's gefeiertster Schüler, Epigrammatiker, heiter geschmackvoller Schriftsteller in Prosa, eine Wieland'sche Natur, in der sich Humor und Laune, Schalkhaftigkeit und Witz, Satyre und Gemüthstiefe aus das glücklichste paarten, und — was Dichtern selten widerfährt — ein auch sogar für die Industriellen anziehender Mann — Erfinder der Märbelmühlen. — Thümmel wurde zu Schönefeld bei Leipzig auf dem am Eingang des Dorfes linker Hand liegenden Rittergute geboren, das sein Vater, Landkammerrath von Thümmel, als Stammgut besaß, aber nach großen Verlusten durch Plünderung verkaufen mußte, als der Sohn erst 7 Jahre zählte. Dieser kam 1754 auf die Klosterschule zu Roßleben, und bezog während des 7jährigen Krieges die Leipziger Hochschule, welcher noch Gottsched als Rektor magnificus vorstand. Dort wurde ihm Gellert Lehrer und Freund, und all' jene liebenswürdigen Poeten, die in Leipzig einen schonen und anregenden Kreis bildeten, Weiße und Rabener, Kleist, Ramler und andere, wurden nicht minder seine Freunde. Thümmel war eine liebenswürdige Persönlichkeit, voll Geschmack, Weltton, ganz geeignet für den Hofdienst, in welchen er nach vollendeten Studien beim Erbprinzen und nachhcrigen Herzog Ernst Friedrich zu Suchscn- Coburg als Kammerjunker trat. In dieser Zeit schrieb Thümmel sein prosaisch komisches Heldengedicht «Wil- helmine», und zwar innerhalb 14 Tagen, welches vielen Beifall fand, in mehrere Sprachen übersetzt wurde und dem Verfasser schnell Ruf und Anerkennung verschaffte. Als der Erbprinz zu Sachsen-Coburg an die Regierung kam, ernannte er v. Thümmel zum geheimen Hofrath und Hofmeister, und 1768 zum wirklichen geheimen Rath und Minister. Als solcher legte Thümmel bei dem Kammergute Oeslau die erste Märbelmühlc an, und gründete damit, indem bald mehrere solcher Mühlen entstanden, für den südlichen Abhang des Thüringer Waldes einen neuen Erwerbszweig, indem die auf diesen Mühlen bereiteten kleinen Kalksteinkugeln, welche die verschiedenartigsten Namen haben, als Mär- bel, Märmel, Schüsser, Stenner, Guterlei rc. zu Millionen nach Holland, Amerika und Indien gingen und noch gehen. Dieselben werden von der Größe eines Blaserohrkügclchens bis zu der einer Kartätschen- kugel gefertigt, und sollen, wie man sagt, zur See statt der bleiernen Flintenkugeln gebraucht werden, weil das Wasser das Blei anziehe; nächstdein sinv sie ein durch alle Zonen verbreitetes Kinderspielzeug. Durch eine Vermählung mit der Wittwe seines Bruders sowohl, als durch den Umstand, daß ein alter Freund von Leipzig her, ein Jurist Namens Balz, Thümmel zu seinem Universalerben mit 24,000 Thaler» ernannte, gelangte letzterer zu einem ansehnlichen Vermögen, welches sich sogar auf Zuckerplantagen in Su- rinam ausdehnte, und ihm ein sehr angenehmes Leben verschaffte. Er vermochte sich lange den Musen als ein reiner Priester zu weihen, die täglich neue Sorge finden Unterhalt einer Familie setzte sich nicht mit an seinen Schreibtisch, ging nicht mit ihm zur Nuhe, erwachte nicht mit ihm. Thümmel war lange Zeit ein glücklicher Dichter, und dieses Glück vermochte nur der Tod seiner geliebten Gattin, minder der eines Theiles seines Vermögens zu trüben, den er in Folge des Krieges zwischen England und Frankreich, welcher seine amerikanischen Besitzungen mit betraf, erlitt, denn Thümmel achtete das Geld nickt, und hatte von der Natur nicht die Gaben eines Sparers empfangen. Thümmcl's bedeutendstes Werk war seine «Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich im Jahre 1785» bis 1786», welches nach und nach von 1701 bis 1805 in zehn Theilen erschien und viel gelesen wurde; ein glücklicher Humor, harmonische Stimmung, heitere Laune bis zur Jovialität und ächt deutsche Gemüthlichkeit zeichneten vor allen Thümmel's Reisen aus, so daß man ihn mit dem Briten Laurenz Sterne verglich, dem er mindestens nicht nachsteht, wenn er ihn nicht vielleicht übertrifft. Und dieses beliebte Buch schrieb Thümmel in seinem 67. Lebensjahre aus Erinnerungen nieder, den Beweis liefernd, daß eö nickt immer der Jngendjahrc, sondern nur der geistigen, im Innern treu bewahrte» Jugend frische -bedarf, um Werke von dauernder Geltung hervorzubringen. Von geringerem Gehalt war das zweite Werk Thümmel's, welches auf «Wilhelmiuc» folgte: «Die Jnoeulatio» der Liebe«; außerdem schrieb er noch die Oper «Zemire und Azvr» und lieferte verschiedene Aufsätze und Gedichte in zerstreute Almanache u. dgl. Wie weit zu Thümmel's Zeiten die buchhändlerische Spcculation, um nicht Frechheit zu sagen, ging, davon liefert ein zu Frankfurt und Leipzig 1702 erschienenes Buch einen schlagenden Beweis. Es führte den Titel: Kleine poetische Schriften von Moritz August von Thüm- mcl, ohne daß der Dichter ein Wort davon wußte, und enthielt in allem 55 Gedichte, zum Theil zwar von Thümmel, zum größer» Theil aber von andern guten und schlechten Dichtern zusammengerafft. Da in Deutschland nichts, was irgend Beifall fand, erscheinen konnte, ohne in Oesterreich nachgedruckt zu werden, so erschien 1805 in Wien bei I. V. Degen ein Nachdruck dieses Machwerks aus Velinpapier. Thümmel erhielt 1 Erem- plar, schrieb den Titel auf ein Blatt und dazu: «Schön gedruckt aber mit vielen mir falsch zugeschriebenen Gedichten vermischt», und durchstrich mit eigener Hand die nicht von ihm herrührenden Gedichte, darunter auch ein Epigramm von Kästner; es blieben blos fünfzehn wirklich von Thümmel herrührende Gedichte in der ganzen Sammlung übrig. Thümmel verschönte auch sein späteres Leben noch durch manche gleise, welche ihm die liebe und angenehme Bekanntschaft mir ausgezeichneten Männern verschaffte, wechselte, als er in Coburg sich in dem Landeseolle- gium, dessen Beisitzer er doch war, verletzt sah, den Aufenthalt in Coburg mir Gotha, in dessen Nähe er daS Gut Sonneborn besaß, wo er trefflich eingerichtet war, und hatte, einmal verstimmt, nicht übel Lust, in Rußland Dienste zu suchen und zu nehmen; seine trefflichen Freunde Weiße und Garve brachten ihn jedoch von dieser Idee ab, und so erlebte er, ein heiterer Lebensphilosoph, hohe Greisenjahre. Sein Alter blieb nicht ohne schwere Prüfungen; ein unglücklicher Fall im Jahre 1811 verletzte ihn hart; 1814 starb sein ältester Sohn, Oberster der Sächsischen Cürassier-Garde an einer bei Courtrai empfangenen Wunde — auch diese Prüfungen bestand Thümmel mit Würde. Erstarb in Folge allzuregen Antheils an lebhaften Hof- festen bei der Vermählung des Herzogs Ernst zu Sachsen- Coburg mit Prinzessin Luise zu Sachsen-Gotha im 70. Jahre— unter heitern und angenehmen Phantasien. ' 'l Ludwig Treck. Geb. d. 31. Mai 1773, gest. b. 2«. April IM3. Eine der hervorragendsten Persönlichkeiten nnd Erscheinungen in der deutschen poetischen Literatur, der, wie viele ihm ebenbürtige, aus der Enge kleinbürgerlicher Sphäre zu den Höhen der Wissenschaft sich aufschwang, durch ein langes Leben hindurch anregend auf andere, erfolgreich und mit hohem Ruhme wirkte und sich der Anerkennung der gebildetsten seiner Nation erfreute. Ludwig Tieck wurde in Berlin geboren und war der Sohn eines gebildeten Seilermeisters; er hatte noch einen Bruder, welcher ein berühmter Bildhauer, unv eine Schwester, welche eine liebenswürdige Frau und talentvolle Schriftstellerin wurde. Nach dem Besuch eines berliner Gymnasiums studirte Tieck zu Halle, Göttingcn und Erlangen Geschichte und Literatur der Poesie mit großem Fleiße, machte dann eine ziemlich ausgedehnte Reise, befreundete sich in Jena mit den Gebrüdern Schlegel, in Weimar mit Herder und andern bedeutenden Geistesgrößen, und verheiratete sich in Hamburg mit der Tochter eines Predigers. Von allen literarisch strebenden Bekanntschaften Tiecks war es besonders die mit den Gebrüdern . 18. Ort. 1786, gest. d. 5. Juni 1826. Ein edler und liebenswürdiger Charakter, den Deutschland neben so vielen hochbedeutcnden Musikern mit Stolz und Freude den seinen nennt. Wcber's Vaterstadt ist Eutin im Holstenlande; der Vater war ausgezeichneter Violinist und weckte frühzeitig des Knaben Neigung für seine Kunst, wehrte ihm aber auch nicht, dem ebenso bald sich entwickelnden Hange zur Malerei nachzugeben, bis die Musik jenen zur Seite drängte und den Knaben ganz zu ihrem Jünger weihte. Des Vaters Verhältnisse gestatteten diesem, der eigenthümlichen Neigung zu folgen, nie langen Aufenthalt an einem und demselben Ort zu nehmen, sondern häufig den Wohnort zu wechseln; dadurch kam der junge Weber um das Glück der Knabcnfrcund- schast und sah sich meist auf sich selbst beschränkt, was dazu beitrug, ihn um so dauernder an die Lieblingsneigung zu fesseln. Im zehnten Jahre war Carl Maria zu Hildburghausen, wo ihm Heuschkcl strengen und gründlichen Unterricht im Clavierspiel ertheilte — ein Jahr später brachte ihn der Vater nach Salzburg zu Michael Haydn, der ihm die Grundlagen der Komposition lehrte. Weber's erstes Tonwerk, das er als 12jähriger Knabe schrieb, waren 6 Fughettcn, die der auf den Sohn bereits eitel werdende Vater 1798 drucken ließ und den viel verheißenden Liebling uun nach München brachte, damit er sich ferner in der Komposition unterrichten lasse und auch den Gesang studire. Mehrere Kompositionen Weber's entstanden in dieser Zeit, gingen aber durch eine Fcuersbrunst unter. Neben diesen musikalischen Studien und Arbeiten zog die damals von Sennefelder erfundene Kunst des Steindrucks den jungen Weber lebhaft an; sein Sinn für Zeichnung und Malerei erwachte wieder, die Möglichkeit leichterer und schnellerer Vervielfältigung eines Bildes als durch den Grabstichel schien höchst erfreulich, und der Gedanke wurde in Vater und Sohn lebendig, Sennefelder's Kunst zu vervollkommnen und sie als Gewerbszweig praktisch zu üben. Zur Ausführung dieses Vorhabens schien die Stadt Frciberg im sächsischen Erzgebirge zweckentsprechendes Material zu bieten, welche nun zum Aufenthaltsort erwählt wurde; zum Heil der Tonkunst aber wurde nichts aus diesem technisch-materiellen Plane. Mit 11 Jahren schrieb C. M. Weber seine erste Oper «das Waldinädchcn», welche trotz der Mangel, die der jugendliche Komponist selbst an ihr tadelte, dennoch gefiel; im Jahre 1801 entstand zu Salzburg, wohin man abermals gezogen war, die Oper «Peter Schmoll und seine Nachbarn», und im darauf folgenden Jahre wurde eine förmliche musikalische Kunstrcise erst durch das nördliche Deutschland angetreten, dann aber lockte es nach dem Süden, nach der Kaiserstadt, wo Joseph Haydn und Abt Vogler aufmunternd und lehrreich auf Weber einwirkten. Der erste mit seinem großen, kindlichen und neidlosen Herzen erschloß dem jungen Tonkünstler, wie er auch Mozart gethan, sein ganzes Gemüth, Vogler aber lenkte zum ernsteu gründlichen Studium der gediegenen Werke älterer Meister- hin, ohne welches nie bedeutendes durch eigene Leistung auf dem musikalischen Gebiete zu erreichen ist. Durch manches, was er veröffentlicht., hatte Weber nun schon Ruf in der musikalischen Welt erlangt, 1805 wurde ihm die Musikdirektorstelle an der Bühne zu Brcslau angetragen, die er willig annahm und sich ungemein thätig in der neuen Sphäre bewies, der ihn aber schon im nächsten Jahre ein anderweiter Ruf entführte; Weber wurde Kapellmeister des kunstliebenden Prinzen Eugen von Würtemberg zu Carlsruhe in Schlesien und componirte in dieser Stellung verschiedene Harmoniestückc und Symphonien. Verhältniß und Stellung waren glücklich zu nennen, aber der Krieg löste sie leider und Weber trat jetzt eine Kunstreise an, von der er in Stuttgart rastete, wo er die Oper «Silvana» schrieb und mehreres andere componirte. Hierauf reiste Weber abwechselnd und nahm dann wieder da oder dort längeren Aufenthalt, so in Darmstadt, wo er mit Vogler, Meyerbcer und Gensbacher glückliche Tage verlebte und 1810 die Oper Abu-Hafsan schuf — bis er sich 1815 als Operndirector nachdem hochmusikalischen Prag berufen sah und diesem Amte drei erfolgreiche Jahre widmete, während welcher seine Kompositionen der sangbaren Lieder Theodor Körner's aus Lcycr und Schwert im Munde deutscher begeisterter Jugend allüberall durch die Lande klangen. Im Jahre 1816 verweilte Weber eine Zeitlang in Berlin, wo ihn der ehrenvolle Ruf zum Direktor der neuen deutschen Oper in Dresden traf, nachdem er schon mehr als eine anderweitc Berufung abgelehnt hatte. Ein schöneres Ziel aber konnte ihm kaum winken; er nahm freudig diese Stelle an, entsprach im vollsten Maaße dem in ihm gesetzten Vertrauen und sah den Stern seines Ruhmes glänzend aufsteigen, trotz unsäglicher Mühen und mancher schwer zu besiegenden Kabalen. In dieser Zeit verheirathete sich Weber und schrieb gleichzeitig am Freischütz von Kind und an Preciosa von Wolf, schrieb eine Jubelouverture von bleibendem Werth, wie auch Messen, Kantaten u. dgl. Durch den Freischütz erfüllte Weber die ganze musikalische und nichtmustkalische Welt mit Entzücken und Jubel; wunderbar traf er das volksthümlichc, und kein Komponist jener Zeit hatte sich eines solchen Erfolges zu erfreuen. Dem Freischütz folgte bald die Musik zu dem heitern Schauspiel Preeiosa von Wolf, dann die Oper Eu- ryanthe von Helmina v. Chezy. Die ungemcine, oft angreifende dienstliche und schöpferische Thätigkeit Weber's blieb nicht ohne nach- theiligen Einfluß auf seine Gesundheit, auch wurde er zu Reisen veranlaßt, da oder dort die Aufführung seiner Opern selbst zu leiten, so die 50ste Wiederholung des Freischütz in Prag am 10. Oct. 1825; dann reiste er nach England, um den Oberon, Tert von Planche, zu componiren. Diese Oper fand nicht nur in London, sondern auch auf dem Festland den lebhaftesten Beifall, aber sie kostete auch den höchsten Preis, sie kostete dem edlen Meister das Leben. Kränklich an sich, an einem Hals- und Brustübel leidend, belastet mit den unumgänglichen Mühen des rinstudirens und des schulens der Sänger des Conventgartentheaters zu London süddeutsche Musik, griff sich Weber übermäßig an und erlitt auch noch die Kränkung, daß ein Concert, welches er gab, leer blieb. Am 7. Juni sollte zu seinem Benefiz der Freischütz gegeben werden, in der Nacht auf den 1. Juni entschlief er sanft und ruhig, gleich einem Schlummernden fanden die Freunde des Morgens die entseelte Hülle. Mit ihm war ein ächter poetischer, durch und durch musikalischer und durch und durch deutscher Geist geschieden, der es wie wenige verstand, das Ideale der Kunst in liebliche irdische Formen zu gießen, und der in der dem ganzen deutschen Volkscharakter am meisten zusagenden ächt deutschromantischen Operncompofltion noch von keinem späteren übertreffen wurde, mindestens nicht im Betreff der glänzenden Erfolge. In jeder Sphäre der Kunst, in welcher Weber sich bewegte, war er ausgezeichnet, daher die Trauer um sein frühes Hinscheiden eine allgemeine, daher die spätere Empfangnahme des Sarges mit seiner irdischen Hülle einer Nationalangelegenheit gleich zu achten. Wcber's Ruhm wird noch lange blühen, seine Opern werden noch viele Jahre entzückte Hörer finden. m -M. Hl ! ! I Christian Friir Heissr. Geb. d. 28. Jan. 1721!, gest. d. w. Dez. IM. Ein Dichter, gleich sehr durch liebenswürdigen Charakter wie durch schöne Begabung ausgezeichnet, welcher lange Zeit belebend und anregend innerhalb eines nicht cnggezogenen deutschen Poetenkreises stand. Annabcrg im Sächsischen Erzgebirge war Weiße's Geburtsort, sein Vater war der sehr gelehrte Rektor der dortigen lateinischen Schule, den der Knabe früh verlor; aber er empfing von der edel» und an Geist und Gemüth trefflich gebildeten Mutter eine vorzügliche Erziehung, bis ihn in seinem 10. Jahre das Gymnasium in Altenburg aufnahm, welches er neun Jahre lang besuchte. Nicht reicher an Kenntniß unv Wissenschaft ausgestattet, als jene Zeit voll mangelhaften Unterrichts zu geben vermochte, bezog Weiße die Universität Leipzig, wo ein neues Leben ihm aufging und die in ihm schon früh erwachte Neigung für Poesie und Sckauspiel sich freier entfalten konnte. Er wählte Philologie und Theologie zum Brodstudium, da beschränkte Vcrmögensverhältnifse geboten, auf die künftige Fristung des Lebens bedacht zu nehmen, lebte sehr einfach und versagte sich manchen Genuß, fand aber für jegliche Entbehrung reiche Entschädigung in dem nach und nach erlangten Umgang mit jungen Schriftstellern und Dichtern, mit Johann Heinrich und Johann Adolph Schlegel, mit Klopstock, Cramer, Gärtner, Gi- scke, Geliert, Rabener, Küster, Mylius, und vor allen mit Lessing, welche alle an der beliebten Zeitschrift: «Belustigungen des Verstandes und Witzes» mitarbeiteten. Lessing übte auf Weiße den belebendsten Einfluß, und förderte ihn, wie er konnte. Vorliebe für das Theater, welches damals in Leipzig unter der Neu- berin blühte, leitete beide zum eigenen Versuche dramatischer Poesteschwingcn, und mit inniger Freude sah Weiße seinen «Leichtgläubigen» dargestellt und günstig aufgenommen, ebenso machte sein Erstlingstück: «die Matrone von Ephesus» ihren Weg über die damaligen besten deutschen Bühnen, so mängclvoll auch beide Stücke noch waren. Die Bahn war betreten, und fröhlich wandelte Weiße auf derselben weiter, versuchte sich auch in «scherzhaften Liedern», die er erscheinen ließ, ohne aber dabei sein Ziel, ein künftiges Lehramt, aus den Augen zu verlieren. Im Jahre 1749 verließ Lcssing Leipzig zu Weißes großem Leid, dvch blieb die gcgenseinge Freundschaft i» beiden lebendig, bis später eine Theater- klatscherei das schöne Band lockerer machte. Als zwischen den beiden literarischen Hauptparteien, der Gottsched'schcn und der jüngeren strebsamen, Klopstock an der Spitze, mancherlei unerquickliche und der Poesie unfvrdersamc Streitigkeiten entstanden, schuf Weiße seine „Poeten nach der Mode»; dadurch und durch die llebersetzung eines englischen Stücks unter dem Titel: «der Teufel ist los» für den Thcaterunternchmcr Koch — erregte Weiße Gottsched's Dietatorzorn gegen sich, bem in vielen gehässigen Angriffen Luft gemacht wurde, auf welche Weiße so weise war, gar nichts zn erwiedern, immer die beste Art, den Gegnern zu sagen, wie gering man sie nnd ihr Geschreibsel achte. Durch das letztgenannte Stück und mehrere, die er demselben folgen ließ: „Juliane oder der Triumph der Unschuld», «der Unempfindliche», „der bekehrte Ehemann», welche nicht zum Druck gelaugten, stellte sich Weiße mitten in den theatralischen Verkehr, bis der Ausbruch des siebenjährigen Krieges die Leipziger Bühne schloß und Koch sich mit seiner Gesellschaft hinweg begab. In dieser Zeit befreundete sich Weiße mit Kleist, schrieb die Trauerspiele: «Edward der dritte» und «Richard der dritte», sammelte 1758 seine verstreuten «scherzhaften Lieder» für die Herausgabe, redigirte 1754 den fünften Band von Nicolai's Bibliothek der schönen Wissenschaften, und nahm dann ein Hofmcistcramt bei einem Grafen von Geyersberg an, den er nach Paris begleitete. Dort machte Weiße die angenehmsten und anziehendsten Bekanntschaften. Nach der Rückkehr in das Vaterland erhoffte er, da die Aussicht auf Erlangung cincS Schulamtes immer mehr in die Ferne rückte, irgend eine andere Stellung, die ihm mehr Muffe vergönne, als ersteres, durch den Einfluß der Familie seines Grafen zu erlangen; bevor dieß aber geschehen konnte, bot sich ihm durch den jungen Grafen von der Schulenbnrg auf Burg-Scheidungen eine der angenehmsten Stellen als dessen Gesellschafter an. Schloß Burgscheidungen, auf einem nmgrünten Hügel mitten im romantischen Theile der llnstrut, mit guter Bibliothek und allen Annehmlichkeit deS Lebens reichlich versehen, war ein reizendes Dichtcrasyl. Weiße setzte in Verbindung mit ausgezeichneten befreundeten Mitarbeitern, wie v. Hagedorn, Winckcl- niann, v. Gerstenberg, v. Thümmel, Heyne, Garve, Eschenburg, Meißner n. a. die Bibliothek der schönen WissensHaften fort, und folgte 1761 seinem Grafen »ach Gotha, wo er stets dichterisch thätig blieb, die KriegSlieder deS Tprtäus übersetzte, Amazvncnlieder und neue Dramen schrieb. Auch nach der Rückkehr nach Burgschcidungen lebte Weiße ein glückliches und zufriedenes Dasein. Aus dieser schöne» Muffe rief ihn 1761 ein Amt — er wurde Oberflcuersecrctair in Leipzig, sein Freund Rabencr, der Kreissteuerrath, verpflichtete ihn. Ob dabei nicht beide innerlich lachten — zwei Poeten bei der Steuer, gewiß, ein noch nicht dagewesener Fall — mag dahin gestellt bleiben. Zum Glück blieben beide auch in ihrem trockenen Amte Dichter und retteten sich aus der Sphäre der Tarife voll Ziffern und Zahlen in das Heiligthum der Musen, so oft die gute Stunde schlug. In Paris hatte Weiße viel Geschmack an der leichten Form der Operette gewonnen, und er war es, der dieselbe auf deutschen Boden verpflanzte, indem er theils einige französische Operetten, wie «Lottchen am Hofe» und «die Liebe aus dem Lande», frei für die deutsche Bühne umschuf, theils die allbelicbte und lange beliebte «Jagd» und den «Aerntekranz» dichtete. In dieser Zeit wurde Weiße von Bodmer und dessen Schule und Freundeskreis befehdet, unternahm indeß abermals keinerlei Abwehr, und es fand später zwischen ihm und Bodmer eine herzliche Versöhnung statt. Weiße's Verheirathung, die im Jahre 1765 erfolgte, führte ihm eine zwar schwächliche, aber liebevolle, sorgsame und zärtlich treue Freundin und Pflegerin zu, und bald darauf betrat er zwei ganz neue Poesicwcge. Er half Zollikofer gute Gesangbuchlieder sammeln und versuchte sich selbst als geistlicher Liederdichter nicht ohne Glück und Anerkennung; dann dichtete er «Lieder für Kinder», was ihn später, ohne daß er der dramatischen Dichtkunst, in der er noch durch seine Stücke: «Romeo und Julie», «die Freundschaft auf der Probe», «List über List», «die Brüder», «Armuth und Tugend», «Jean Calas» u. a. nicht unbedeutendes leistete — zum allbeliebten pädagogischen Schriftsteller machte, der sich durch sein „Wochenblatt für Kinder», durch seine kleinen «Schauspiele für Kinder und junge Leute», durch seinen «Kinderfreund» und den «Briefwechsel der Familie des Kinderfreundes» beliebt und in den weitesten Kreisen gelesen machte. Von Basedow aufgemuntert, verschmähte Weiße nicht, auf diesem Gebiete bis zur Kindcr- fibcl hcrabzustcigen und bewirkte dadurch viel Gutes. Nach Rabener's Tode wurde Weiße der Biograph dieses seines heitern, geliebten Freundes. Durch das ihm zufallende Erbthcil des Rittergutes Stötteritz bei Leipzig, 1790, gewannen Weiße's Verhältnisse viel an Annehmlichkeit, aber ein unglücklicher Fall von der Bücherleiter 1792 trübte nachhaltig das ihm noch vergönnte Leben, bis er, allgemein betrauert, im neunundsiebzigstcn Jahre sein Ziel fand. Wohlwollen nnd Menschenfreundlichkeit sprachen unverkennbar auS Weiße's Zügen, wie er sie stets geübt, und seinen Charakter zeichnete die hohe Bescheidenheit aus, die dem wahren Dichter ziemt. i BW' ',«««».'' EM," Ä!!M^ MSM .I L i Christoph Martin Ütieland. Gcb. d. 5. Sept. 17ZZ, gest. d. M. Jan. I8Iä. Ein Mann hellstrahlenden Ruhmes, welcher durch ein langes, reiche Frucht tragendes Leben hindurch mitbaute am Tempel der deutschen Nationalliteratur und sich einen unvergänglichen Namen gründete. Wieland wurde zu Hohheim, nahe der ehemaligen freien Reichsstadt Biberach geboren; der Vater war Pfarrer des Ortes, wissenschaftlich gebildet und in theologischer Beziehung ein Anhänger der frommen Richtung, welcher unter vielen andern August Hermann Francke, sein Lehrer, zugethan war und sie angebahnt hatte; später wurde der Pfarrer Wieland nach Biberach versetzt und gab im Vereine mit der trefflichen Mutter dem früh die glücklichsten Anlagen zeigenden Sohne eine sorgfältige Erziehung. Auch das poetische Talent erwachte frühzeitig in dem aufgeweckten Knaben und er versuchte sich schon als solcher in mancherlei Dichtungen, welche Versuche er in der Erziehungsanstalt des Abt Steinmetz in Kloster Bergen an der Elbe bei Magdeburg, wohin die Acltern ihn in seinem vierzehnten Jahre brachten, fortsetzte, dabei die Klassiker tüchtig studirte und diesen mehr Geschmack abgewann, als der Theologie, für die er doch bestimmt war und die seine junge Seele nur mit Zwcifelqualcn erfüllte, ihn trostlos, unglücklich und körperlich krank machte. Er hielt nur ein Jahr in jener Klostcrschule aus und kam dann nach Erfurt, wo er genas und freier athmete. Nach Vollendung der Vorbercitungsstudien kehrte Wieland zu seinen Aeltern nach Biberach im Sommer 1750 zurück, und dort erblühte ihm zuerst die Blume der Liebe in der süßen und zärtlichen Bekanntschaft mit einem Fräulein Sophie Gutermann. Dann ging Wieland auf die Hochschule Tübingen und schrieb sein Buch: «Die Natur der Dinge oder die vollkommenste Welt», welches im Kreise der damals aufstrebenden jugendlichen Dichtergeister, wie Bodmer, Sulzer, Hagedorn, Breitinger und anderer volle Anerkennung fand. Wegen schwacher Brust gab Wieland das Studium der Theologie auf und wandte sich zur Jurisprudenz, noch mehr aber zogen den poetisch hochbegabten Jüngling schön- wissenschaftliche, philosophische und Sprachstudien an; er bildete an den Klassikern, namentlich an Horaz, sich einen feinen und geglätteten Styl und gewann sich I I ! von den Griechen das attische Salz, wodurch später seine Schriften znr größten Beliebtheit gelangten. Im Jahre 1752 ging Wieland nach Zürich zu Bodmer, dessen befreundeter Umgang für ihn ebenso anregend und lehrreich, als läuternd und fordernd war, und wo er im Kreise der Schweizerdichter an dem Gegenstreben dieses Kreises gegen die Gottschedische Autorität und Schule einer der wackersten Mitkämpfer war. Vieles schrieb später Wieland und ließ es erscheinen, und mischte in seinen Schriften wahrhaft christliche Frömmigkeit mit heidnischer Weltweisheit, während er in jener Erstling-Periode seines Dichterlebcns und Strcbens nur christlich orlhodor zu erscheinen suchte und dieß auch innerlich war, bis seilt Genius mehr und mehr durch das Studium der Griechen und den Einfluß der Franzosen eine mehr koömopolvtischc Richtung gewann und sein Geist ungehemmt und unbefangen auf freieren Schwingen zu den Höhen des Parnaß cmporschwebte. Im Jahre 1751 verließ Wieland Bodmer, gab Unterricht in einigen Familien höheren Standes, wurde mit dem in Zürich spielenden Schauspieler Ackermann bekannt und versuchte sich nun auch in ernsten und heitern dramatischen Dichtungen, von denen seine «Lady Johanna Grap» sich lange auf den Bühnen behauptete. In dieser Periode begann Wieland sein Heldengedicht «Cprus» und schrieb die Episode «Araspes und Panthea.» Endlich führte das Geschick den Dichter aus der Sphäre der Kunst und des Poesiehimmels wieder zurück in die Heimath, wo das unvermeidliche Philistertum in Gestalt eines Canzleiverweser-Amtes ihn in die Arme schloß und an die Scholle bannte. Dieß geschah 1760, und Wieland wäre der Poesie verloren gegangen, wenn nicht der Reichthum seines Geistes so groß gewesen wäre, dem Amte zu genügen und dennoch den Musen treu zu bleiben. Er wurde der erste Uebersetzer des Shakespeare, er führte den großen Brüten in Deutschland ein, und in dem die Gunst des Glückes den Dichter in einen Kreis edler und liebenswürdiger Menschen führte, in welchem er die an den kurmainzischen Hofrath la Röche vcrheirathcte Jugendgeliebte wiederfand, einen Kreis, welchen Graf Stadion belebte und in dem sich Wieland völlig heimisch fühlte, erreichte letzterer die Stellung eines feingebilveten Weltmannes, der in gesellschaftlicher Beziehung, wie in ästhetischer und geistiger die Welt nahm wie sie war, und das echt natürliche und naturgemäße dem ungekünstelten und rein ideellen vorzog, welche Richtung seine Schriften jener zweiten Epoche seines DichtcrlebenS wicderspiegcln, vor allem sein «Agathen«, daS lange bewunderte Lieblingsbuch der gebildeten Frauenwelt. Zahlreiche Schriften folgten dem Agathen, in allen wehte hellenischer Geist, geläuterter Geschmack, und alles grobsinnliche und gemeine war ihnen fern. Im Jahr 1765 schloß Wieland ein Ehebündniß niit einer liebenswürdigen Augsburgerin und nahm 1770 einen Ruf als Professor der Philosophie und zugleich als Regierungsrath zu Erfurt an. Wieland hätte vielleicht recht lange das seine gethan, die Universität zu heben, allein er wurde verketzert; den Orthodoren war er viel zu heidnisch, sie nahmen Geist und Form seiner Schriften für Glaubensbekenntnisse. Wieland bekämpfte seine Gegner nur mit heitern Dichtungen, vertiefte sich in die Philosophie und schrieb mit großem Freimuth gegen die gesellschaftlichen Gebrechen der Hofüppigkeit, der Unterdrückung, des Pfaffenstolzes und der Rechtsverdrehung. Der Coadjutor von Dalberg empfahl Wieland der Herzogin Anna Amalia zu S. Weimar, und sie berief den berühmten Mann gern als Erzieher ihrer beiden Söhne Carl August und Eonstantin mit einem Gehalt von 1000 Thalern und dem Hofrathtitel nach Weimar, wohin nicht minder gern und freudig Wieland folgte. Dort lebte, wirkte und dichtete er nun nach vollendeter Erziehung des Prinzen in glücklicher Lage und stand als strahlendes Gestirn am Kunsthimmel des Jlmathen, um das sich allmählig andere Sterne reihten. Höchst bedeutend war Wieland's schöpferische Thätigkeit; die Titel seiner zahlreichen Schriften allein füllen Seiten. Sein «Oberon», 1780 erschienen, wurde Lieblingsgcdicht der deutschen Nation. Sein deutscher Merkur einte lange Zeit die besten Dichterkräste derselben; sein attisches Museum wirkte belebend auf klassische Studien ein. Wieland's Leben war vollbeglückt, sein Ehebund reich mit Kindern gesegnet; die Kinder seines Geistes, seine Werke, sah er in Gesammt- und Prachtausgaben vor sich, die ihm den Ankauf des Gutes Osmannstädt bei Weimar ermöglichten. Dort lebte er, von Liebe und Freundschaft auf den Händen getragen, verehrt und gepriesen in ein frohes und schönes Alter sich hinein, und blieb er auch nicht ganz kummerfrei, denn welchem Sterblichen wäre das vergönnt? — der Tod entriß ihm die hohe fürstliche Gönnerin, entriß ihm theure Kinder, nahm ihm die geliebte Gattin nach 35jährigcr Ehe von der Seite und nicht minder die Freundin Sophie La Röche, die ihr Asyl in seinem Osmantinm gefunden, — so blieb sein Geist doch bis an sein Ende schaffend regsam und sein Blick in alle Zeiten und Zeit- verhältnisse klar und ungetrübr, bis er im achtzigsten Lebensjahre aus dieser Sterblichkeit zur Unsterblichkeit einging. Ülühelm IV., Herzog zu Sachsen-Üleimar. Geb. d. 11. April 1598, gest.^.,8. Mai 1662. Dieser Held und Heldenführer des dreißigjährigen Krieges, ebenbürtig dem großen Bernhard, seinem jüngern leiblichen Bruder, selbst dessen Kampfgefährte, glaubens- treu und eifrig, einsichtsvoll und mit hohen Regcnten- tugenden geschmückt, verdient neben den häufiger genannt werdenden Brüdern Bernhard und Ernst eine Ehrenstelle im Tempel der Geschichte und des Nachruhms. Herzog Wilhelm, Enkel Herzog Johann Wilhelm's, fünfter Sohn Herzogs Johann zu Sachsen, erblickte das Licht der Welt zu Altenburg als ein erstgeborener den Bruder überlebender Zwilling, und erhielt, gleich seinen übrigen Brüdern, eine ausgezeichnete Erziehung, an welcher die cinsichtvollen Glieder des Wettinischen Sachsenstammes es nie bei ihren Kindern mangeln ließen. Der Vater starb ihm früh, doch die Mutter nahm sich seiner Erziehung auf das treueste an, und er erhielt, ohne eigentlich zu studiren, Kenntnisse und Fertigkeiten in mancherlei Sprachen und Wissenschaften. Bildender vielleicht als der Unterricht einer Hochschule wirkten Reisen in die Niederlande und an befreundete deutsche Höfe, wie nach Frankreich. Der Ausbruch des dreißigjährigen Krieges und das zu Nürnberg 1619 persönlich eingegangene Bündniß mit dem Könige von Böhmen veranlaßten den jungen Sachsenherzog, 1620 böhmische Kriegsbestallung anzunehmen; er stellte eine Compagnie Reiter und Arquebusicre, die er selbst geworben, warb noch mehr Volk, und kämpfte dann mit in der Schlacht am weißen Berge, aus der er mit Gefahr des Lebens sich rettete. Mit seinen beiden ältern Brüdern, die ebenfalls beim Heere des geschlagenen Böhmenkönigs sich befanden, folgte er diesem von Prag aus über Glatz nach Brcslau, warb dann neue Truppen und brachte ein Heer von 3000 Fußknechtcn und 600 Reitern zusammen, die sein Bruder Bernhard als Rittmeister mit befehligte. Mit diesem Heere stieß der Herzog zu dem des Grasen von Mansfeld, und leistete, durch Muth und Tapferkeit und kräftiges handeln ausgezeichnet, der Sache, für welche er kämpfte, die wesentlichsten Dienste. Nach der Schlacht bei Wimpfcn verlobte sich der Herzog mit Eleonore Dorothea, Prinzessin von Anhalt Dessau, wurde von Herzog Christian d. j. zu Braunschweig zum Generallieutenant ernannt, und hatte 1623 ein Heer von 20,000 Mann unter seinem Befehle. In der Schlacht bei Stadtloe am 27. Julius desselben Jahres, die sehr unglücklich für den Herzog Christian von Braunschweig und dessen Verbündete ausfiel, wurde Herzog Wilhelm durch 2 Schüsse tödtlich verwundet, unter den gefallenen hervorgezogen und von den kaiserlichen gefangen eingebracht. Von Münster auS, wo er ein viertel Jahr lang verpflegt wurde, mußte ihn der Obrist Jllo »ach Neustadt in Stcier führen, welches gleiche Loos auch des Herzogs Vetter, den Herzog Friedrich zu Sachsen-Altcnburg traf. Des Herzogs festgläubiger Sinn widerstand mancher Verlockung zum Religionswcchsel, doch sah er sich nach seinem freiwerdcn am Kaiserhofe zu Wien ganz besonders ausgezeichnet. Nach seiner Rückkehr aus der Hast 1622 beging Herzog Wilhelm seine Vcrmählungsfeicr, nahm sich der Wohlfahrt seiner Unterthanen an, hielt sich mehrere Jahre vom Kriegsschauplatz fern, führte mit Zustimmung seiner drei noch lebenden Brüder Herzog Albrecht, Ernst und Bernhard das Direktorium, vollenvcte den Bau der abgebrannten Schloßkirche zu Weimar, erblickte und begrüßte in König Gustav Adolph freudig den ersehnten Retter der evangelischen Glaubensfreiheit, übertrug die Landesregierung seinem jüngern Bruder Albrecht und eilte zu den schwedischen Fahnen, um mit dem König ein festes Bündniß zu schließen. Im Dienst Gustav Adolph'S war Herzog Wilhclm's erste Waffenthat die kühne Ueberrumpclung der Stadt Erfurt mit einem Regiment Courvillischer Reiter, worauf ihn der nachkommende König zum Werbe-General für Thüringen ernannte. Der Herzog befestigte die von ihm genommene Stadt, ließ fleißig anwerben, und zog 1632 an der Spitze von 10,000 Mann Schweden und neugeworbenem Volk gegen Feldmarschall Pappenheim, der aber nicht Stand hielt, »vorauf sich der Hsrzog nach dem Ober-Harz wandte, Goslar nahm, Mord- heim, Göttingen, und auf dem Eichsfeld Dudcrstadt. Dann mit Banner und Horn vereinigt, zog der Herzog durch Bayern an den Lcch, half Till« schlagen, Augsburg erobern, München gewinnen, durch dessen Thore er neben dem Schwcdenkönig als Sieger cinritt. Als der König Bayern verließ, erhielt der Herzog den Oberbefehl über die Armee in Schwaben, und gab neue Proben heldcnmüthiger Tapferkeit, eilte von da aus nach Thüringen, betrieb mit wallensteinschem Glück neue Rüstungen, und führte abermals dem König ein Heer von 24,000 Mann zu. Der Herzog nahm persönlich am erfolglosen Angriff auf die feste Stellung des Feindes bei Nürnberg Theil, und verließ am Fuße verwundet das Schlachtfeld. Seine Wunde verhinderte ihn, von Erfurt aus, wo er sich Pflegte, dem König, gleich seinen beiden Brüdern, in die Schlacht bei Lützen zu folgen, treu bis zum Tode. Schmerzlich berührte ihn die Kunde, daß der König gefallen, und er veranstaltete diesem eine glänzende Leichenfeier. Herzog Wilhelm hatte während der Zeit seiner Betheiligung am 30jährigen Kriege nicht weniger als 38,550 Mann zu Roß und zu Fuß für die evangelische Sache in das Feld geführt, dennoch erschien nach der traurigen Wendung, welche diese Sache nahm, rathsam, dem Präger Frieden 1635 beizutreten. Von da an widmete Wilhelm , sich wieder ungestört dem Wohle seines Landes und Volkes, sah ersteres durch Erbschaften gemehrt, wie denn unter ihm Eisenach an Sachsen- Weimar kam, bei welchem Hause dieses Fürstenthum fortan beständig blieb, theilte mit seinen Brüdern friedlich ab, suchte auf seiner Hochschule dem Pennalismus zu steuern, und baute von 1651 —1653 das im dreißigjährigen Kriege eingeäscherte Refldenzschloß herrlich wieder aus, das nun nach ihm den Namen Wilhelmsburg führte. Er baute auch die Jlmbrücke am Kegelthor zu Weimar, legte die schöne Allee nach dem Webicht an, wurde Oberhaupt des Palmen-Ordens oder der fruchtbringenden Gesellschaft, bestimmte das Erbtheil seiner Söhne und starb nach allen christlichen Vorbereitungen als em treuaMbiger Bekenner des Evangeliums im 65. Lebensjahre ruhig und gottergeben. Er nahm den 'Ruhm eines heldenhaften Glaubenskämpfers, eines menschlichen Siegers und eines redlichen Fürsten mit in die von ihm erbaute neue Gruft. Johann Joachim winckelmann. Geb. 9. Dec. 1717, gest. d. 8. Juni 17K8. Winckelmann war ein Archäolog und Kunstforscher von der größten Bedeutsamkeit, der, aus niederem Stande hervorgegangen, die Welt mit seinem Ruhme erfüllte, taufende zu edler Bestrebung anregte, und sich durch seine eigenen Werke ein unvergängliches Denkmal setzte. Stcndal in der Altmark war Wiuckelmanws Geburtsort, der Vater dort Schuhmacher und arm; der Rektor der Ortsschule aber unterstützte den fähigen Knaben und brachte ihn soweit, daß derselbe in seinem 16. Jahre das Gymnasium zu Köln an der Spree besuchen konnte, wo er ein Jahr blieb und sich spärlich genug behalf, bis es ihm gelang, 1738 als angehender Theolog die Hochschule Halle zu beziehen, die im jugendlichen Glänze strahlte, wo nun Winckelmann zwei Jahre lang eifrig in verschiedenen Gebieten des Wissens sich Kenntnisse aneignete, mit Vorliebe alte Geschichte und Bücherkunde studirte und die Hoffnung hegte, entweder eine seinem Wissen entsprechende Stellung in Deutschland zu finden, oder die Welt zu sehen und zu durchwandern. Schon von Berlin aus hatte er eine Fußreise nach Hamburg gemacht, blos in der Absicht, Bücher kennen zu lernen und zu kaufen. Von Halle aus wollte er nach Paris, gelangte aber nur bis Gelnhausen und bekleidete dann zwei Hauslehrerstellen nach einander von 1741 bis 1742, deren keine ihm zusagte; auch ein zwischen beide fallender kurzer Aufenthalt in Jena konnte ihn nicht fördern. Endlich erlangte er ein kärgliches Conrektorat zu Seehausen in der Altmark, und so schien das Leben eines Mannes, dem eine große Zukunft blühte, in der Enge einer dumpfen Schulsiube sich, unbekannt der Welt, verlieren zu sollen. Aber der Winckelmann innewohnende Geist drängte ihn nach außen, während er sich auf das eifrigste durch lesen und studiren klassischer Werke des Auslandes in alten und neuen Sprachen fortbildete. Winckelmann wandte sich vertrauungsvoll an den kursächsischen Minister Grafen von Bünau in Dresden, der ihm 1748 eine Stelle an seiner bedeutenden Bibliothek auf dem Gute Nöthenitz verlieh, wodurch Winckelmann nicht nur volle Befriedigung seiner literarischen Neigungen fand, sondern auch Gelegenheit, in den Kunstschätzen der nahen Residenz Genuß und Studium zu vereinig,!». Bald auch gewann der strebsame junge Mann sich Freunde, v. Hagedorn, des Dichters Bruder, Generaldirektor der Kunstacademie und selbst ausübender Meister in der Aetzkunst, Läppert, der durch seine Dactyliothck berühmte Professor der Antiken, und Ocscr, der liebenswürdige und weit genannte Maler; der letzte namentlich übte auf Winckelmaun bedeutend bildenden Einfluß, indem er ihn in das Hciligthum der Kunstcrkenntniß führte, und ihn lehrte, sichern Blick und richtiges Urtheil zu gewinnen, die aus Büchern nicht gewonnen werden, sondern durch Anschauungen. Dresdens reiche und herrliche Kunstschätze weckten Sehnsucht und Berlaugen »ach jenem klassischen Boden, dem ein großer Theil derselben entstammte. Nom winkte verführerisch, wie es immer winkt; Winckelmanu stand allein, 35 Jahre alt, immer noch gräflicher Bibliothek- schreiber mit 80 Thaler Gehalt; der am Dresdner Hofe weilende päpstliche Nuntius Archiuto lernte den thätigen und wissenschasilichcu Mann kennen, und eröffnete Winckelmanu vic Aussicht auf eine Vibliothckarstclle in der weltberühmten Vatioana; welche Aussicht konnte lockender und reizender sein für einen Geist, der nur für Kunst und 'Alterthum glühte und der zugleich für den durch erschöpfende Arbeit geschwächten Körper heilende Belebung unter Italiens mildem Himmel hoffte? Dadurch geschah es, daß Wiuckelmann zu dem einzigen ihm dargebotenen Mittel griff, jenes verheißungsrcichc Ziel zu gewinnen, er wechselte den Glauben, oder eigentlich nur daö Bekenntniß; seine Seele hing nicht am Lutherthum, nicht am Papstthum, ihm winkte die Kunst, das Götterwcib, mit ihrem tausendfachen Zauber. Nach einem Aufenthalt in Dresden bei Oeser ging Winckelmanu, mit einem Jahrgehalt dcS Königs von Sachsen unterstützt, nach Rom, fand dort seinen indeß zurückgekehrten Freund und Gönner Archiuto als Kardinal und StaatSseerctair wieder, fand unter der höheren Geistlichkeit zahlreiche Gönner, befreundete sich mit Rafael Mengs und lebte sich in ein durch reiche Kunstschau und stetes Kunststudium beglücktes Kunstlebcn hinein, welchem die Wissenschaft seine vortrefflichen Werke verdankt. Diese Werke bestanden zunächst aus höchst anziehenden und belehrenden Briefsammlungen au Freunde, aus mehreren kleinen kunstgcschichtlichen und archäologischen Abhandlungen, dann folgten die ölouumonli rnlliolli inolliti, und daö Hauptwerk: Geschichte der Kunst des Alterthums, darin er seinem Namen ein dauerndes Denkmal setzte. Winckelmanu säuberte die Kunstgeschichte und klassische AlterthumSkundc von eingewurzelten Borurtheilen, stellte die oft vage bisherige Beurtheilung antiker Kunstwerke auf die Basis des geläuterten Geschmacks und des höheren ästhetischen Gefühls, und fand die allgemeinste Anerkennung. Die äußere Lebensstellung Winckelmann's in Italien ! war eine ganz erwünschte; er wurde zwar nicht gleich in der Bibliothek des Vaticans angestellt, aber doch an den Bibliotheken einiger ihm äußerst wohlwollender Cardinäle und konnte die vaticanische benutzen. Viermal reiste er von Nom nach Neapel und kehrte stets mit neuen Bereicherungen für die Wissenschaft zurück. Im Jahre 1763 wurde er zum Oberaufseher der apostolischen Kammer über alle Alterthümer in und um Rom ernannt, ein Amt, welches so ganz nach seinem Wunsche war und seinem ganzen Wirken so zusagte, daß er gern an ihn aus der deutschen Hcimath ergehende ehrenvolle Anträge ablehnte. Der kaiserliche, der sächsische, der hannoversche wie der preußische Hof wollten ihn anstellen, in Berlin sollte er 1765 mit 1000 Thaler- Gehalt Inspektor der Bibliothek, des Münz- und An- tikenkabincts werden, eine Summe, die ihm allerdings in Betracht der Arbeit und Verantwortlichkeit zu gering erscheinen mußte. Seine Dienstgeschäftc in Rom gewährten ihm die schönste Muße zu eigenem wirken, zum entfalten seiner schöpferischen Thätigkeit, in der ihn nur der häufige Besuch reisender Landsleute nicht stets erfreulich störte. Er blieb unvcrmählt, war sich selbst Herr und Diener, hatte niemand zu seiner Bedienung nöthig, unv zeigte sich stets freundlich, voll Herzensgüte und Lauterkeit des Charakters. Wenn ihn nicht amtliche oder sonstige Verrichtungen zum ausgehen nöthigten, trug er daheim im Winter stets einen Pelz, eine Reliquie der deutschen Hcimath. Nach dieser Hei- math entstand endlich in ihm doch ein nicht zu bewältigendes sehnen, er beschloß eine große Reise, kündigte diese seinen Freunden in Deutschland öfter vorher schon an und begann dieselbe am 10. April 1768 in Begleitung des Bildhauers Eavaeezzi, wurde aber auf derselben in den Alpen von der trübsten Gcmüths- stimmung und Reue über den Reiscantritt befallen, so daß er einige male umkehren wollte; indeß gelangte er nach Augsburg und von da über München und Rcgensburg nach Wien, wo die Kaiserin Maria Theresia ihn auszeichnete und reich beschenkte. Von hinaus beschloß Winckelmanu unabänderlich die Rückkehr, und erreichte Triest. Dort machte er die Bekanntschaft eines Italieners, Arcangeli, dem er arglos seine Münzen und Schätze zeigte, und dieser Teufel mit dem Namen eines Erzengels brachte dem arglosen in raubmörderischer Absicht einige so tödliche Wunden bei, daß Winckelmanu noch desselben Tages verschied. Der Mörder entfloh, ward aber später eingeholt und lebendig mit dem Rade gerichtet. Winckelmaun, der in Triest völlig unbekannt war, wurde still beerdigt, niemand kennt sein Grab. So endete ein hochbegabter, der Wissenschaft zum Heile wirkender Mann von dauerndem Ruhm auf eine schändliche Weise sein thätiges Leben. Christian Freiherr von tvolk. Geb. d. A. Jan. 1670. gest. d. 9. 7l»rll 17>V<. ÜEnter Deutschlands Philosophen und Mathematikern war Frhr. v. Wolf einer der hervorragendsten, ebenso sehr gefeiert wie geschmäht, gehaßt wie bewundert; er gründete sich einen großen weithin verbreiteten Namen, und gab seiner Wissenschaft ebenso feste Basts, wie er derselben treueifrige Jünger weckte und zuführte. Er wurde zu Breslau geboren, wo sein Vater Bäcker war, und war berufen, aus der engen Sphäre bürgerlicher Gewerbsthätigkeit die Höhe der Wissenschaft zu gewinnen. Gute Anlagen befähigten ihn, sich auf dem Marien-Magdalenengymnastum vorzubilden, und er entwickelte schon auf diesem regen Forschungsgeist und die Neigung zu den beiden Doctrinen der Mathematik und Philosophie, in denen er später ein so großes Ziel erreichte. Demzufolge entsagte Wolf auch der Theologie, für die er eigentlich bestimmt war, und widmete sich auf der Hochschule zu Jena, welche er 1699 bezog, und darauf in Leipzig mit dem besten Erfolg den von ihm bevorzugten Studien. In Leipzig wurde Wolf 1703 Magister, dis- putirte, wurde durch den berühmten Mathematiker GrasÄl^schirnhausen an Lcibnitz empfohlen und stu- dirte eifrig die Schriften des letztem, dessen Geist er sich ebenbürtig zu fühlen begann. Er hielt öffentliche Vorlesungen an der Hochschule, verließ die von de Cartes eingeschlagene und vorgezeichnete Richtung der Philosophie und wandte sich der von Leibnitz zu, mit dem er lange im brieflichen Verkehr blieb und von welchem er auch nach Halle empfohlen wurde. Dort begann Wolf, nachdem er mehrere Vortheilhafte Anträge nach Gießen, Danzig und Wismar abgelehnt hatte, 1706 seine Vorlesungen und erhielt im darauf folgenden Jahre die erste Professur der Mathematik. Die Schriften, welche Wolf ausarbeitete und nach einander erscheinen ließ, in denen allen sich lichtvolle Klarheit der Gedanken, folgerichtige Ordnung und strenge Logik seiner Lehrsätze und Lehrmethode kund gab,, erwarben dem Halleschen Philosophen die allgemeinste Anerkennung und seinen Hörsälen eine ungemeine Schüler- und Zuhörerfülle. Mehr als jeder andere Vorgänger oder Mitringer auf dem Felde der philosophischen Wissenschaft erwarb sich Wolf auch dadurch ein Verdienst, daß er die KunstauSdrücke in der Philosophie vorsichtig und allmälig in deutscher Sprache wiedergab, was zwar Thomasius auch schon begonnen, aber mit weniger Erfolg ausgeführt hatte. Die lateinische Sprache war noch so beliebt auf den Kathedern, daß Wolf sich sogar genöthigt sah, die von ihm dentsch herausgegebene Dcnklehrc später in daS Lateinische zu übertragen, was ihn wohl bewog, nach seinen deutsch veröffentlichten Werken über Metaphysik, Moralphilosophie, Politik mit Oekonvmik, nebst einigen mathematischen und physikalischen Werken mehrere umfassendere Werke über Logik, Psychologie, Ontologie, Ethik, natürliche Theologie, Politik und Völkerrecht lateinisch zu schreiben und herauszugeben. Wolf war es, der dem Studium der Wcltwcisheit in Deutschland zuerst sichern Halt und Boden gewann, indem er es in eine mathematisch- wissenschaftliche Form goß, zuerst ein allgemeines philosophisches System aufstellte und die Lehren der theoretischen, wie der praktischen Philosophie in allen Theilen erweiterte, so wie zugänglicher und gemeinnütziger machte. Dieser großen und unvergeßlichen Verdienste ungeachtet erlebte Wolf, welchem bei stets sich mehrendem Ruhme Anerkennung und Berufungen zuströmten (erfüllte wieder nach Leipzig, sollte nach Wittenberg, selbst nach St. Petersburg), mannichfaltige Anfechtungen und hatte Kämpfe mit gewichtigen Gegnern zu bestehen. Ehrenbezeugungen, Titel und Würden (Wolf wurde als Mitglied der Berliner Akademie aufgenommen, vom König Friedrich Wilhelm I. zum Hofrath ernannt) erweckten Neid und Mißgunst; die in Halle vorwaltende pietistisch-mystische Richtung, deren theologischer Anschauung die Philosophie stets ein Dorn im Auge war und noch ist, verketzerte den großen Philosophen, beschuldigte ihn in seiner Wissenschaft der Neigung zum Atheismus und Fatalismus, und brachte es durch anhaltendes Bohren, llr. Joachim Lange an der Spitze, endlich wirklich dahin, daß der im Netz frömmelnde» Truges in Hinsicht auf Wolf förmlich eingesponncuc König — Wolf 1723 seines Lehramtes entsetzte nnd ihm gebieten ließ, binnen 18 Stunden bei Strafe des Stranges das Land zu räumen. Wolf begab sich nach Cassel, wo ihn der hcllcr blickende Landgraf Carl mit offenen Armen empfing nnd ihn sofort zu seinem Hofrath ernannte, auch als ersten Professor der Philosophie zu Marburg anstellte. Während nun der Streit für und gegen die Wolf'sche Philosophie weiter griff und viele Federn beschäftigte, wurde Wolf vom Ausland mit Ehren überhäuft. Ein erneuter Ruf nach Petersburg und ein Ehrengehalt von Seiten Peter des Großen, Mitgliedschaften der Akadcmien dort, wie zu London, Paris und Stock- holm wurden ihm zu Theil, endlich auch völlige Rechtfertigung bezüglich aller Anschuldigungen, glänzende Zurückberufung und Wiedereinsetzung mit erhöhten Titeln, und so kehrte Wolf unter König Friedrich II. als königl. Geheimrath und Vicekanzler der Universität und Professor des Natur- und Völkerrechts nach Halle zurück. 1713 wurde er wirklicher Kanzler und 1715 vom Kurfürsten von Bayern als Reichsvikar in den Freiherrenstand erhoben. Er konnte sein ruhmgekröntes Leben in Frieden und hohen Ehren zu Ende führen, wenn auch im Greisenalter die frischlebendigc Kraft zu welken begann, die seiner Mannesthätigkeit ihre unver- welklichen Ruhmeskränze geflochten hatte. M8WK 4 Hans Joachim von Ziechen. -- ÄZMSW^, Geb. d. I». Mai. UM, geH. d. 20. Janr. 1780. l s ! l ^Illie ein makelloses Denkmal aus Erzguß steht der alte Zicthen im Bewußtsein der deutschen Nation, ein Helvcnbild von unverwüstlicher Dauer, voll Ur- krästigkcit und fortlebiger Frische. Geboren zu Wust- rau, einem Gute seiner Aeltern in der Grafschaft Ruppin, bestimmte der junge von Zicthen sich früh dem Dienst der vaterländischen Waffen, und trat schon im vierzehnten Jahre ein — fand aber leider nicht den gehofften Fortschritt in der begonnenen Laufbahn, sah sich vielmehr zurückgesetzt und bewogen, wieder zur Heimath zurückzukehren. Die Kriegsgöttin schien ihm nicht zu winken, denn nachdem Zicthen im Jahre 1726 abermals in das Heer getreten war, wo er als Ober- lieutenant beim Dragonerrcgiment Wuthenow befehligte, sah er sich in schlimme Händel verwickelt, denen die harte Strafe auf dem Fuße folgte: ein Jahr Festungshaft und dann sogar Caffation. Wieder verflossen vier Jahre, bis endlich Zicthen bei einer ncuerrichteten Hu- sareneompagnie Eintritt fand, mit der er dann als Rittmeister 1765 unter General Baronap den ersten Feldzug gegen Frankreich mitmachte. Später fand Zicthen Gelegenheit, sich im ersten schlcstschcn Kriege auszuzeichnen, es war im Gefecht bei Rothschloß; er wurde zum Obrist ernannt, und statt der Husarcn- compagnic befehligte Zicthen nun als Chef ein Husaren- regiment, das unter ihm sich die schönsten Siegeslor- bcern pflückte. Im zweiten schlesischen Kriege wurde Zicthen Generalmajor und ging nun eine Zeitlang ruhmvollen Siegcsgang. Mitten durch die österreichische Armee führte er sein Regiment nach Jägerndorf, hatte den wesentlichsten Antheil am berühmten Siege bei Hohenfricdberg am 4. Jun. 1745, den sein König mit 70,000 Mann gegen 05,000 Oesterrcicher errang, und wobei 5000 gefallene Preußen und 15000 Oestcr- reicher das blutige Schlachtfeld bedeckten — besiegte nicht minder den Feind im Gefecht bei Hennersdorf am 25. Nov. 1745, empfing aber. in demselben eine Wunde. Ungleich liefere Wunden schlugen dem tapfern Kriegeshelden Unglücksfälle, die ihn Schlag auf Schlag trafen. Zicthen verlor eine geliebte Gattin, verlor den einzigen Sohn durch den Tod, wurde bei seinem König vcrläumdet und von diesem zurückgesetzt, bis der Aus- l bruch des siebenjährigen Krieges den durch Schmerz geprüften und gestählten Mann wieder auf das Feld der Ehre rief, nachdem der König ihm seine Gnade aufs neue zugewendet. Zicthen befehligte jetzt als Gcnerallieutcnant, empfing den schwarzen Adlerorden zum Lohne seiner Tapferkeit im Gefecht bei Reichcnbach, gab den Ausschlag in den Schlachten bei Prag wie bei Lcuthcu, warf dort das Nadastische Corps zurück und half den preußischen Waffen zum Siege, wie er nicht minder in Verfolgung deS fliehenden Feindes die größte Umsicht bewies. Einen nach Ollmütz bestimmten Trans- Portzug von 5000 Wagen deckte Ziethen mit 5000 Alaun, und trotzdem, daß er von dem an Hcldenmuth ihm ebenbürtigen Lartdon mit einer fünfmal so starken Uebermacbt angegriffen wurde, rettete er einen nicht geringen Theil jener Wagen. Bei der Schlacht von Liegnitz warf er sich der österreichischen Hauptmacht entgegen und nöthigte Laudon mit zu dem berühmten Rückzug, von welchem der große Kriegsherr, König Friedrich II., selbst äußerte: «Von Laudon muß man rctiriren lernen.» Ziethen wurde gleich nach diesem Siege zum General der Kavallerie des preußischen Heeres ernannt, und als er in der Schlacht bei Torgau dem großen Fabins Ennctator des siebenjährigen Krieges, Feldmarsckiall von Dann, den schon in Händen habenden Sieg entriß, flog aufs neue der Ruhm des alten Husaren über alle Zungen. Als endlich der Friede von Hubertusburg 1705 abgeschlossen wurde und der siebenjährige Krieg endete, war Ziethen schon ein Mann von 61 Jahren, blieb aber auch in der ihm fortan vergönnten Ruhe noch voll Kriegslnst, und hätte, als er 70 Jahre zählte, gern noch den Krieg in Baiern, wegen der bairischen Erbfolge, mitgemacht, doch der König gab dieß nicht zu. 87 Lebensjahre waren dem in Wahrheit alten Ziethen vergönnt. Er starb in Berlin und wurde mit hohen militairischen Ehren bestattet. Mehr als ein Denkmal ward ihm errichtet, auch am neuesten Denkmal seines KönigS und Freundes ist seine Heldengestalt in lebensgroßer Treue zu erblicken, aber weiter als der Monumente Pracht glänzt das Denkmal des greisen Helden im Herzen deS deutschen Volkes. Nikolaus Ludwig, Grat zu Zinjcndork. Gcb. d. 26. Mai I7M, gest. d. 6. Mai 1760. >ili 1 §er berühmte Stifter der evangelischen Brüdergemeinde! Ein Mann von edlem Herzen, frommem Wandel, erregbarer Phantasie voll innerlichen Geistes- nnd Gemüths- lcbens, religiöser Mystik zugänglich nnd ihr ncuzeitlicher Vorkämpfer. — Graf Zinzendorf wurde zu Dresden geboren und erhielt seine erste Erziehung durch seine Großmutter, eine Fran von Gersdorf, zu Großhen- nersdorf, einem jetzt blühenden Fabrikort in der Lausitz. Die Frömmigkeit dieser Frau und der Einfluß Philipp Jacob Spener's, der vor seinem Weggang von Dresden nach Berlin viel mit ihr verkehrte, die lebhafte Sehnsucht desselben, die Kirche aufs neue zu rcformiren, gaben dem jungen Grafen frühzeitig die Geistcsrich- itung, der er durch sein ganzes Leben unerschütterlich treu blieb. Treulich gehegt und gepflegt wurde sie auf dem Pädagogium zu Halle, wohin man den Knaben in seinem 11. Jahre sandte, dessen Stifter, der große Menschenfreund August Herrmann Franke, unmittelbar sich des gräflichen Knaben annahm, und ihm den eignen frommen, vielleicht überfrommen Geist einhauchte. Nicht reiten, tanzen und fechten war es, was dort die Stunden dcS Sprossen eines altreichsgräflichen Geschlechts ausfüllte, sondern weinen, beten und grübeln; nnd die Neigung zum selbst»ertiefen in das dunkle mystische Gebiet einer hcißersehntcn Gottseligkeit ließ ihn schon in Halle ein Bündniß mit Gesinnungsgenossen gründen, das den Namen vom Senfkorn im Evangelium des Matthäus lieh. Um dieser Richtung ein Gegengewicht zu geben, wurde der junge Graf 1716 auf die Hochschule Wittenberg gesandt, dort dem Studium der Rechtskunde obzuliegen, allein ihn zog es ausschließlich zur Theologie. Er sah das kirchliche Leben allgemein verflacht, und ersehnte nichts mehr als eine Wiedergeburt und Läuterung der christlichen Kirche, und wo möglich eine Vereinigung der drei Konfessionen zu einem großen, allgemeinen, auf die schöne Einheit des Urchristenthums zurückgeführten Bruderbünde. Diese suchte er aber nicht durch verflachende Allgemeinheit, philosophische Spitzfindigkeiten und vernünftelndes Lossagen von jedem Glauben zu erreichen, sondern er hielt unwandelbar fest an den unumstößlichen Satzungen der heiligen Schrift und des geoffenbarten Christenglaubens. Daher waren Unterhaltungen mit würdigen Gottesgclchrten ihm stets die liebsten, sein Herz zog ihn zu stillen Andachtsübun- gen auch außerhalb der Kirche, und nichts war ihm willkommener, als das Gesuch einiger 1722 aus Böhmen auswandernden mährischen Brüderfamilicn, auf seinen Gütern sich niederlassen zu dürfen. Sogleich wies Graf Zinzcndorf ihnen das Gut Berthelsdorf zum Wohnsitz an, gab ihnen einen Prediger, richtete ein Schulhaus und 1721 einen Betsaal für sie ein, gab die 1721 ihm gewordene Hofrathstclle bei der Landesregierung zu Dresden 1727, die ihm ohnehin bei seiner Gcistes- richtnng nie hatte zusagen können, freiwillig auf, und wandte sich ganz jenen Brüdcrn zu, die sich am Hut- berge bei Berthelsdorf angebaut hatten, von der Gemeinde Berthelsdorf sich schieden und ihren werdenden Ort Hcrrenhut nannten. Der Graf, erfüllt von den Plänen einer idealen Frömmigkeit, stellte sich als ein geistliches Oberhaupt an die Spitze dieser Gemeinde, suchte deren Wachsthum zu befördern, und bewirkte, daß sie sich nicht von der evangelisch-lutherischen Kirche lossagte. Ein edler christlich frommer, sittlich reiner, liebevoll brüderlicher und dabei arbeitsamer Geist wurde herrschend in der schnell sich ausbreitenden dcntschevange- lischcn Brüdergemeinde, in ihr ward manches erreicht, was in Deutschland und Frankreich auf anderen, schlimmeren Wegen zu gewinnen, in neuerer Zeit fruchtlos versucht wurde. Doch blieb die junge Kirchcngemein- schaft auch nicht ohne Anfechtung und Bekämpfung. Das spielende, häufig pictistisch sinnliche, verhimmelnde in manchem Brauch, in Gesängen und Gebeten, die namentlich in den Liedern oft selbst bis zur Anstößigkeit getriebenen Bilder vom Lamm und Lämmlein, von Blut und Wunden, von der Einigung mit dem himmlischen Seelenbräutigam, waren es hauptsächlich, was man der neuen christlichen Sekte zum Vorwurf machte, und keineswegs mit Unrecht. Da sich die Brüdergemeinden auch des christlichen Missionswescns auf das eifrigste annahmen, so geschah schon auf diesem Gebiete durch sie unendlich viel Gutes. Graf Zinzcndorf war glücklich, das Ziel/ nach welchem von Jugend auf seine ganze Seele gestrebt, so weit als es nur immer möglich war, verwirklicht zu sehen; er durchreiste einen großen Theil Europas und schiffte selbst nach Amerika in Angelegenheiten der neuen Neligionsverbrüdcrung, ließ sich zum Geistlichen weihen, war durch Lied und Lehre, wie durch zahlreiche Schriften für sie thätig, und starb im Schoose Herrenhuts, auf dessen Kirchhof er dem großen Auferstehungsmorgen entgegen schlummert, tief betrauert, weit gepriesen und verherrlicht und seiner Gemeinde unvergeßlich. Huldrich Zwingli. Slcb. d. I. Jan. I-M, gest. i>. U. Oct. I.'«a. §er dritte im reformatorischen Oiuhmcsbunde! Luther, Calvin und Ztvingli, das große Dreigestirn des sechzehnten Jahrhunderts in seiner geistigen kirchenver- bessernden Bewegung. Geboren in der Grafschaft Toggenburg zu Wildenhausen, wo sein Vater als Amtmann mit zahlreicher Familie lebte, war Zwingli unter 8 Brudern der dritte, genoß den zu höher» Studien vorbereitendeil Schulunterricht zu Bern und wandte sich dann, um Philosophie und Theologie zu studiren, nach Wien und Basel. Er wurde in Basel Reetor zu St. Martin und erwarb 1506 die Magistcr- würdcft im Jahr 1506 nahm er einen Ruf als Prediger zu Glarus au. Eine Reihe von Jahren verwaltete er dieses Amt mit aller Treue; es gab ihm Muße zur Forschung, welche ihn durch eifriges sclbstständiges Studium der Bibel die Gebrechen der Kirche gewahr nehmen ließ. Als in den Jahren 1512 bis 1515 die Schweizer- kantone vom Papst gegen Frankreich zum Kriege aufgeboten wurden, zog Zwingli mit der Mannschaft von Glarus als Feldprediger, und empfiug dafür zwei Jahre lang vom Papst ein Gratiale von 50 st. Nach Beendigung des Krieges erhielt er eine Berufung zum Prediger in Maria Einsiedeln, dem berühmten Wallfahrtsort, lind gerade an dieser Stelle, wo Ncli guicukram, blinder Glaube, Wallfahrtung die höchsten Triumphe feierten, erweckte Gott Zwingli's Geist, sich diesem Unwesen entgegenzusetzen, Anfangs nicht stürmisch, sondern mit kluger Vorsicht, bis der Ablaßkrämer V. Sam- son in der Schweiz denselben Unfug zu treiben begann, wie Tetzcl 1516 und 1517 in Sachsen. Zwingli's Ruf stieg und man berief ihn als Prediger am Dom nach Zürich. Dort begann er seine neue Amtsthätigkeit an seinem 55sten Geburtstag, am 1. Januar 1510, mit einer Predigt, voll reformatorischen Geistes, und da dieser ersten viele andere gleichen Inhaltes folgten, so konnte es nicht fehle», daß er eine Pfaffen- partei aus den eignen Kollegen, den Domherren am Züricher Munster gegen sich in die Schranken rief, die ihn beim hohen Rathe verklagten und 21 ketzerische Sätze, die er gelehrt habe, gegen ihn aufbrachten. Allein diese Klage hatte nur die Folge, daß der Magistrat gebot, das Evangelium solle hinfort in der geläuterten Weise, wie Zwingli es lehrte, im ganzen Cantan Zürich gelehrt werde», der Ablaßprcdigcr Samson solle sammt seinem Neliguienkram den Clinton meiden und Zwingli unangefochten das Wort Gottes fernerhin lauter und rein predigen. So ward dem Reformator Zürichs ein Sieg fast ohne Kampf zu Theil; er errichtete auch ein Gymnasium zu Zürich, dessen Rektor er später wurde, empfahl seinen Anhängern die Schriften Luther's, und stimmte nur darin nicht ganz mit Luther übercin, daß dieser, nach seiner Ansicht, noch viel zu viel vom alten Kirchen- Wesen beizubehalten trachte, so wie Zwingli Werth und Gewicht darauf legte, bereits ein Jahr früher als Luther, schon 1516, den Ablafikram öffentlich bekämpft zu haben. Je mehr Klagen die römische Kirche gegen Zwingli erhob, um so kräftiger schützte ihn der Magistrat; vergebens verschrieen ihn die Dominikaner als Ketzer, weil er gegen die Fasten gepredigt, und siegreich vertheidigte Zwingli im Jahre 1823 in einem zahlreich besuchten NeligionSgespräche die von ihm aufgestellten 67 Glaubensartikel, in denen er alle veralteten und überflüssigen Satzungen der römischen Kirche verwarf, die nicht den Kern der Christuslehre bildeten, sondern eine Schaale aus Menschensatzungen und Pfaffcnerfindungcn. Vergebens suchte nun Rom den Reformator mit Verheißungen zu locken; bei einem zweiten Religionsgespräch 1528 verwarf er öffentlich den Bilderdienst und die altkatholischc Form der Messe, und bewirkte die Abschaffung beider, wie die Aufhebung der Klöster im nächstfolgenden Jahre. Am 13. April 1525 hielt Zwingli zum ersten male das Abendmahl in beiderlei Gestalt, aber leider begann auch in demselben Jahre der unselige Abendmahlstrcit mit und gegen Luther, der in seiner Heftigkeit die symbolische Deutung, welche Zwingli dem Brot und Wein als Leib und Blut Christi im Abendmahl gab, unbedingt verwarf und dadurch die trübe Spaltung zwischen Lutheranern und Zwinglianern, später Protestanten und Neformirtcn hervorrief. Vergebens suchte Landgraf Philipp von Hessen die streitenden Parteien durch das Neligionsgespräch zu Marburg 1529, dem Luther wie Zwingli in Person beiwohnten, völlig zu einigen. Man begegnete sich gegenseitig mit Achtung und Liebe, aber man einigte leider nur sich darüber, über den Hauptpunkt uneinig zu bleiben. Wäre der wahrhaft fromme, geistcsklare und sanfte Zwingli länger am Leben geblieben, so wäre ihm vielleicht doch noch das Werk der Einigung gelungen, allein er opferte sich, indem er, da Zürich mit den umliegenden katholisch gebliebenen Cantoncn Krieg führen mußte, als Bannerträger des Cantons dem Heere wüthig voran schritt. Die Schlacht von Koppel entbrannte, die Züricher wurden geschlagen, ihr Reformator fiel. Die siegreichen Feinde wütheten gegen seinen Leichnam, vertheilten und verbrannten ihn. Seinen Nachruhm konnten sie nicht von der Erde vertilgen, rein und fleckenlos blühte dieser aus der Asche des Getödteten empor. .^>-.'x- ^<« 7 ' EvK- MW L? ^ ^LÄMEdr^ ^ 7 -', MLSW.