Uercin zum Schutz der deutschen Goldwährung. Wäsirungs-AivliotpeK !. Serie — -4. Heft. Die Gold- und SilberxroduKtion und ihr Einstich auf den Geldwert mm Bergrai Dr. Gustav Klüpfel. (Wit einer graphischen Darstellung der PrvduKlion.) Preis 50 Pfennige. Stuttgart. Kvinmissions-Verlag von Adolf Bvnx Comp. l30S. Uerein zum Schutz der deutschen Goldwährung. Währungs-M ibNotfie K I. Serie — 4. Heft. Die Gold- und SilberproduKtion und ihr Ginfllch auf den Geldwert von Dr Gustav Klüxftl. (Mit einer graphischen Darstellung der Produktion.) Skuttgart. Kommissions-Verlcrg von Adolf Bonx Comv. 1895^ Anhalt. Seite Einleitung........................ 3 I. Die Entwickelung der Edelmetallproduktion......... 4 1. Afrika....................... 4 2. Asien....................... 7 3. Europa ...................... 3 4. Amerika...................... S 5. Australien....................... 15 II. Die WrltproouKtion und ihre Man;............ 1" III. Die Künftige Gestaltung der WeltvroduKtion......... 23 IV. Ist bei der Doppelwährung eine Geldentwertung zu befürchten? . 28 V. Ist bei der Goldwährung eine Geldvertrucrung zu befürchten? . 32 MV? Einleitung. Der Wert der Produktionsstatistik für die Währungsfrage wird sowohl von den Anhängern der Goldwährung als von den Bimetallisten verschieden beurteilt. Ein großer Teil der ersteren legt den Produktionsverhältnissen der Edelmetalle nur einen nebensächlichen Wert bei, stützt sich vielmehr auf die unleugbare geschichtliche Thatsache, daß die Handelswelt sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr an das gelbe Metall gewöhnt habe uud am Ende des neunzehnten Jahrhunderts sich mit Ausnahme Ostasiens nicht mehr des Silbers, sondern nur noch des Goldes als Wertmesser bedienen wolle. Der Wechsel in den Produktionsmengen komme weniger in Betracht, es genüge zu wissen, daß von einein Goldmangel keine Rede sein könne, zumal das Bedürfnis an Metallgeld mit dem Fortschreiten des Abrechnungsverkehrs ein immer geringeres werde. Ebenso steht ein großer Teil der Bimetallisten auf dem Standpunkt, daß sie sagen, es sei eine Thatsache, daß die Welt sich seit Jahrtausenden gleichzeitig beider Edelmetalle als Geld bedient habe. In den einen Ländern habe man das Gold, in anderen das Silber vorgezogen, niemals aber habe man künstlich das eine Metall ausgeschlossen und heutzutage, bei dem entwickelten Verkehr, sei es ganz unmöglich, in den einen Ländern Silberwährung, in den anderen Goldwährung aufrecht zu erhalten. Vollends zu einer derartigen Revolution, das Silber als Wertmesser aufzugeben, sei gar kein Grund vorhanden. Den Produktionszahlen sei kein besonderer Wert beizulegen, dieselben haben von jeher ungemein gewechselt aber aller Wechsel habe nichts an der von der Natur gegebenen Bestimmung geändert, daß beide Metalle als Wertmesser und Geld zu dienen haben. Im Gegensatz zu diesen Währungstheoretikern wenden wir uns in dieser Schrift an die große Menge derjeniger, welche auf die Produktionsstatistik einen hervorragenden, ja den entscheidenden Wert im Währungsstreite legen. Wir wenden uns an diejenigen, — 4 — welche mit uns von dem Grundsatze ausgehen, daß es für das allgemeine Wohl von höchster Wichtigkeit ist, daß der Wertmesser ein stabiler ist. Die Währung soll nach dieser Ansicht so beschaffen sein, daß im Laufe der Zeit weder den Gläubigern durch Erhöhung des Geldwerts und Erniedrigung der Preise, noch den Schuldnern durch Verminderung des Geldwerts und Erhöhung der Preise ein unberechtigter Vorteil verschafft werde. Die Währungs- Politiker in beiden Lagern, welche unter dem Einflüsse dieses Gedankenganges stehen, sind darin einig, daß weder das Gold noch das Silber an sich den Charakter der Wertbeständigkeit habe, aber es ist für sie von höchster Wichtigkeit, einen möglichst vollständigen Einblick in die Gestaltung der Produktionsverhältnisse und ihren Einfluß aus den Geldwert zu bekommen, wir laden sie daher dazu ein, in den folgenden Kapiteln die Thatsachen in möglichster Kürze, aber doch in einiger Vollständigkeit, zusammengefaßt entgegennehmen zu wollen, und auf Grund derselben die in den letzten Kapiteln von uns gezogenen Folgerungen einer Prüfung zu unterziehen. I. Die Entwicklung der Edelmetall- Produktion. In der nachfolgenden Übersicht der Entwicklung der Gold- und Silbergewinnung in den fünf Weltteilen haben wir hauptsächlich die Resultate der größereu Arbeiten von Soetbeer, Sueß und Hauchecorne, ergänzt durch die in der Berliner Silberkommission von 1894 vorgebrachten neueren Thatsachen, in möglichster Kürze zusammengefaßt und dabei sämtliche Angaben auf deutsches Gewicht und Geld umgerechnet. 1. Afrika. Der schwarze Weltteil ist nicht nur das neueste sondern auch das älteste Goldland. In dem Gebirgsland zwischen dem Nil und dem roten Meer sind die Abbaue entdeckt worden, aus denen die alten Egypter ihr Gold holten. Ebenso sind in Abessinien Spuren altegyptischer und arabischer Goldgewinnung nachgewiesen und neuerdings hat man im heutigen Maschonaland westlich von Sofala ausgedehnte Reste alten Bergbaus und Goldschmelzbetriebs aufgefunden, welche für das sagenhafte Ophir gehalten werden, aus dem die Phönizier, Jsraeliten und Inder ihr Gold erhielten. Diese Goldlager, welche sich teils im Schwemmland teils in Gängen befanden, sind heute bis auf geringhaltige Reste abgebaut. Dagegen beuten die Neger im mittleren West- lichen Afrika heute noch wie vor Jahrtausenden das Schwemmland und in Ausnahmsfällen, wie z. B. im Hinterland der Goldküste, auch das Ganggebirge aus. Soetbeer schätzt die von dort in der Zeit von 1493—1875 nach Europa exportierte Goldmenge auf 766 Tonnen. In unserer heutigen Produktionsstatistik erscheint das afrikanische Wasch- und Ganggold mit nur je einigen Tausend Kilogramm im Jahr, aber es ist wichtig zu wissen, daß die Welt in den Quarzgängen und im Schwemmland des äquatorialen Afrikas noch sehr bedeutende Goldreserven besitzt, und daß gerade gegenwärtig die Entwicklung der Goldgewinnung in Südostafrika, abgesehen von Transvaal, besonders im Maschona- und Matabeleland lRhodesia) einen bedeutenden Anlanf nimmt. Zur Zeit kommt jedoch für die Weltwirtschaft nur das im Gebiet der südafrikanischen Republik (Transvaal) vorkommende sogenannte Konglomeratgold in Betracht, dessen Gewinnung von nicht ganz 1000 KZ im Jahr 1887 auf 53 Tonnen im Jahr 1894 gestiegen ist (die Zahlen von Johannesburg beziehen sich auf Rohgold, sind daher stets größer), während im Jahr 1895 Transvaal einschließlich der Erzeugnisse des dortigen Gangbergbaus wahrscheinlich mit etwa 70 Tonnen an die Spitze aller goldproduzierenden Länder kommen wird. Da es für die Beurteilung der Zukunftsaussichten der Goldgewinnung überhaupt und der des Transvaal im besonderen wichtig ist, zwischen den drei Arten von Goldvorkommen zu unterscheiden, so mögen einige fachmännische Erläuterungen gestattet sein. Bei weitem das meiste in der Natur vorhandene Gold ist „Ganggold", d. h. es findet sich in Gängen, Ausfüllungen von mehr oder weniger vertikal gerichteten Gebirgsspalten, in welchen das Gold überaus unregelmäßig in größeren und kleinsten Partikelchen meist in Quarz eingebettet ist. Das Borhandensein des Goldes beruht hier stets auf chemischen, niemals auf mechanischen Ursachen. Charakteristisch für das Ganggold ist daher das Unsichere und Unregelmäßige dieses Vorkommens und die Unmöglichkeit, über den Durchschnittsgehalt eines Ganges und seine Dauerhaftigkeit im voraus etwas Bestimmtes auszusagen. Das „Waschgold", welches aus dem Schwemmgebirge (Goldseifen) gewonnen wird, verdankt in direktem Gegensatz zum Ganggold seine Entstehung nicht chemischen, sondern mechanischen Ursachen. Es ist stets aus der Zerstörung und Zertrümmerung einer größeren oder kleineren Anzahl von Gängen entstanden und in losen, horizontalen Sandablagerungen ziemlich gleichmäßig verteilt. Hier läßt sich wohl der Goldgehalt eines bestimmten Sandlagers annähernd im voraus auf Grund von Stichproben berechnen, aber solche Lager sind vermöge ihrer Entstehungsart durch Bäche oder Flüsse meist von begrenzter Ausdehnung. Das Gold der Konglomerate oder das „Flötzgebirgsgold", eine Bildung, welche in anderer Form beim Silber sehr viel häufiger vorkommt, verdankt dagegen seine Entstehung gleichzeitig chemischen und mechanischen Ursachen. Die annähernd gleichmäßige Verteilung der feinen Goldpartikelchen in dem Kitt, welcher die aus Urgestein bestehenden Geröllmassen verbindet, hat viele Ähnlichkeit mit der Schwemmgoldbilduug und in der That werden die Konglomerate von manchen Geologen als sogenannte „fossile Seifen" angesprochen. Wahrscheinlicher ist aber die Erklärung von Stelzner, welcher glaubt, daß die Gerölle zur Zeit ihrer Ablagerung im Meere auf dem Weg chemischer Ausfällung mit goldhaltigem Schwefelkies imprägniert worden sind. Jedenfalls hat die Goldablagerung der Konglomeratbänke bezüglich der Gestalt der Goldteilchen keine Ähnlichkeit mit dem Gold des Schwemmlands, und bezüglich der großen Ausdehnung eines und desselben Lagers (Flötz, rssk) viel eher Analogie mit den Ablagerungen von Eisen in den Eisensteins!ötzen, ja sogar mit denen von Steinkohlen. Daraus ergiebt sich die Möglichkeit einer ungefähren Berechnung des Goldgehalts auf Grund von Proben auf weite Strecken sowohl in der Horizontalausdehnung wie in der Tiefe, in welche die Lager erst durch Faltung des Gebirgs gekommen sind. Es läßt sich daher mit annähernder Bestimmtheit berechnen, daß der in den bereits bekannten Konglomeratbänken von Johannesburg vorhandene und bergmännisch gewinnbare Goldvorrat auch dann noch 30—40 Jahre ausreicht, wenn die Gewinnung sich in den nächsten zehn Jahren auf das Doppelte der Produktion von 1893 steigert. Aber auch nach Erschöpfung dieses Vorrats sind die Konglomeratbäuke von Transvaal noch lange nicht zu Ende, es sind im Gegenteil immer noch so viele andere Bänke ähnlicher, wenn auch vielleicht etwas geringerer Art bekannt, daß die Zeit einer wirklichen Erschöpfung noch gar nicht berechnet werden kann. Das Ausbringen aus einer Tonne gepochten Erzes betrug im Jahr 1893 im Durchschnitt uoch 22 A (14 änts) Rohgold, also etwa 19 A Feingold. Im Jahre 1894 wurden nach den neuesten offiziellen Angaben 3 489 015 Tonnen Erze verarbeitet, die Ausbeute an Feingold berechnet sich daher in diesem Jahre nur noch auf 16,1 A. Es ergiebt sich hieraus, daß die Bearbeitung geringhaltigerer Lager in der Zunahme begriffen ist, daß aber der Goldgehalt im Durchschnitt immer noch höher ist als der Gehalt des kalifornischen Ganggesteins. Es bleibt also immer noch Raum fnr weitere technische Verbesserungen, welche gestatten werden, noch geringhaltigere Lager in Angriff zu nehmen, wodurch das Ende der Ausbeutung abermals weiter hinausgerückt wird. Die Aussichten auf Vermehrung der Goldgewinnung in Transvaal sind daher auch auf eine ferne Zukunft hinaus sehr günstig. Das Silber ist in Afrika von jeher außerordentlich selten gewesen. Eine Urkunde aus der Zeit des Königs Menes im 37. — 7 — Jahrhundert v. Chr. erwähnt ein egyptisches Gesetz, nach welchem das Wertverhältnis des Goldes zum Silber auf 2^/2:1 festgesetzt war. Das Silber war also damals in Egypten im Verhältniß zum Gold 12 mal so teuer wie heute. Auch in der ganzen späteren Zeit ist Silber in Afrika nur in verschwindend kleinen Mengen gewonnen worden. Neuerdings hat man jedoch auch in Transvaal. Silberlager entdeckt. 2. Asten. Auch für Asien ist es zunächst auffallend, daß auf dem ganzen großen Kontinent Silber nirgends in bedeutender Menge (im Altai jährlich etwa 11,000 1:^) produziert wird, und daß von ganz Süd- und Ostasien auch keine hervorragenden verlassenen Produktionsstätten von Gold bekannt sind, obwohl anzunehmen ist, daß nicht alles Gold des im Altertum als goldreich berühmten Indiens aus Ophir stammte. Im südlichen Indien (Mysore) ist allerdings der Goldbergbau neuerdings in bedeutendem Aufschwung begriffen, so daß das englische Indien 1894 mit einem Produktionsquantum von nahezu 6 Tonnen Gold in der Weltstatistik erscheint. In China sind zwar eine Reihe von Goldvorkommen durch Reiseschilderungen bekannt geworden, aber über die Höhe der Produktion früher und jetzt sind keine zuverlässigen Daten in die Oeffentlichkeit gedrungen. In Japan sind Gold- uud Silberbergwerke seit mehr als tausend Jahren in Betrieb und haben zur Zeit schon beträchtliche Tiefen erreicht. Im Jahr 1894 wird Japan mit 730 Gold und 60 000 Silber und Korea mit 700 IcZ Gold in der Produktionsliste aufgeführt. Alle bisher angeführten asiatischen Goldvorkommen verschwinden aber gegenüber der Goldausbeute von Sibirien. Im Jahr 1745 entdeckt, aber erst seit den 30 er Jahren unseres Jahrhunderts von Wichtigkeit, haben sich die Goldwäschereieu von der Ostseite des Urals an allmählig immer weiter nach Osten verbreitet und siud jetzt in allen sibirischen Flußthälern bis zum Amur in vollem Gang. Ungefähr im Jahr 1880 wurde mit einer Produktion von 43 Tonnen (auch die russischen Zahlen Pflegen höher zu sein, weitste sich auf Rohgold beziehen) das Maximum erreicht, dann ging dieselbe zeitweilig auf 33 Tonnen zurück, hat aber 1894 wieder 41 Tonnen überschritten. Bemerkenswert ist, daß von dieser Produktion nur etwa 6°/o durch Gangbergbau, alles übrige durch Waschen aus dem Sande gewonnen wird. Die Aussichten der russischsibirischen Goldprodnktion werden verschieden beurteilt. Ungünstig wirkt der Umstand, daß es sich hier um Schwemmgold handelt, welches erfahrungsmäßig rasch abgebaut wird. Im großen Durchschnitt wird das sibirische Gold aus '/2—1 m mächtigen Sandlagern gewaschen, deren Goldgehalt in den Jahren 1880—1891 zwischen 1,t> und 2,1 Z auf die Tonne Sand wechselte. Es versteht sich nun, daß das im Sand verbreitete Gold ursprünglich — 8 — aus Gängen stammt, und daß mit der Zeit auch in Sibirien mehr Gangbergbau betrieben werden wird. Aber die klimatischen Verhältnisse sind hiefür sehr ungünstige und es ist nicht anzunehmen, daß der Gangbergbau in dem Maße fortschreitet, als die Gewinnung aus Seifen abuimmt. Letztere aber haben in den letzten Jahren nur im äußersten Osten, im Amurgebiet, zugenommen, sonst aber überall abgenommen. Es glauben daher viele eine allmähliche Abnahme der russischen Goldproduktion voraussagen zu müssen. Bei dem ungeheuren Gebiete aber, um das es sich hier handelt, wird doch meist noch eine längere Dauer der seit 1880 wenig wechselnden Produktion für wahrscheinlich gehalten. — 3. Europa. Unser Weltteil ist im Gegensatz zu Afrika und Asien ein altes Silberland. Im Altertnm spielte lange Spanien die Rolle, welche im 16. Jahrhundert Mexiko und Südamerika zugefallen ist. Schon vorher hatte der athenische Staat seine Silberbergwerke in Attika und Euböa. Im Mittelalter waren Schneeberg in Tyrol, Schemnitz in Ungarn, Przibram in Böhmen berühmte Mittelpunkte der Silberproduktion und Jahrzehnte lang vor und nach dem Jahre der Entdeckung von Amerika war Deutschland vermöge des alten Gangbergbaus im Erzgebirge und im Harz der bedeutendste Silberlieferant der Welt. Heute ergiebt der deutsche Gaugbergbau auf Silber in Sachsen, im Harz uud am Rhein zusammen etwa 50 Tonnen jährlich. Wichtiger sind die silberhaltigen Lager im Flötzgebirge. Voran steht heute der schon im 11. Jahrhundert betriebene Kupferschieferbergbau im Mansfeldischen, welcher von 1874—1893 zusammen 1245 Tonnen Silber neben viel größeren Massen Kupfer geliefert hat und dessen Produktion 1893 noch 75 Tonnen betrug. Ein anderes Vorkommen flötzartigen Charakters wird in der Eifel bei Mechernich abgebaut und liefert als Nebenprodukt von Blei jährlich 5,3 Tonnen Silber. Hiezu kommen die unregelmäßigen Vorkommen im Kalkstein der Aachener Gegend, in Westfalen und Oberschlesien mit etwa 15 Tonnen. Im ganzen wurden im Durchschnitt der letzten 10 Jahre etwa 165 Tonnen Silber aus deutschen Erzen gewonnen. Jedoch wird dieses Erzeugnis neuerdings fast nm das Doppelte übertroffen von der Silbermenge, welche aus ausländischen, teils spanischen, teils uord- und südamerikanischen Erzen in Deutschland geschmolzen wird. Auch in Norwegen und in Spanien werden silberhaltige Erze z. T. in ausgedehnten lagerartigen Vorkommen gewonnen. Die gesammte Silberproduktion von Schweden und Norwegen betrug 1894 etwa 64 Tonnen. Die eigene Silberproduktion von Spanien wird für 1894 zu 85 Tonnen angegeben und betrug in den vorhergehenden Jahren noch weniger. Wenn wir jedoch die in Frankreich, Deutschland, England und Belgien zu gute gemachten Blei- und Kupfererze sowie das im spanischen — 9 — Blei und Kupfer exportirte Silber hinzurechnen, so kommen wir auf etwa 250 Tonnen, so daß Spanien immer noch das silberreichste Land von Europa ist. Auch in Böhmen wird noch in den altberühmten Gängen zum Teil aus einer Tiefe von 1000 ir>, jährlich etwa 50 Tonnen Silber gewonnen. Wie weit die Technik der Silbergewinnung in Europa vorgeschritten ist, erhellt daraus, daß im Mansfeldischen aus 1 Tonne Erz im Durchschnitt 15 Z und in Mechernich gar aus 1 odm Sandstein 0,6 Z Silber geschmolzen werden. Wie groß aber auch die Ausdehnung solcher armen Silberlager ist, ergiebt sich daraus, daß man den Kupferschiefer von Mansfeld auf 20 Icm verfolgt und den in demselben noch jetzt enthaltenen bergmännisch gewinnbaren Silbervorrat im Jahr 1894 auf 10,000 Tonnen geschätzt hat. Auch an Gold hat es übrigens in Europa seit alter Zeit nicht gefehlt. In der späteren Römerzeit war in Spanien das Gold noch wichtiger als das Silber und Plinius schätzte den Ertrag des spanischen Goldbergbaus seiner Zeit auf 20,000 Pfund jährlich. Im Mittelalter war Böhmen das wichtigste Goldland. Goldhaltige Quarzgänge im Urgebirge hatten dort ganz ähnlich wie in Kalifornien ausgedehnte Lager im Schwemmland geschaffen. Diese Lager waren längst abgebaut, als die Quarzgänge im 14. und 15. Jahrhundert reiche Erträge gaben. Aber schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts begann der Verfall und ist der Abbau heute so gut wie ganz verschwunden. Auch Kärnthen und Salzburg war früher eure wichtige Stätte des Goldbergbaus, welche schon von den Römern gekannt war und um die Mitte des 16. Jahrhunderts einen neuen Aufschwung erlebte. Am längsten hat sich aber der Goldbergbau in Ungarn und Siebenbürgen erhalten, wo heute mit modernen Mitteln, zum Teil mit deutschem Kapital und deutscher Intelligenz, eine Goldproduktion von etwa 2000 Icg jährlich erzielt wird. In der Tabelle der Weltproduktion erscheint Europa mit zu hoher Produktion, weil die offizielle Statistik z. T. das aus Abfällen (Krätze) geschmolzene Gold mit einrechnet. — ^. Amerika. Kein Teil der Erdoberfläche ist so reich gesegnet mit Gold und Silber als Amerika, und zwar in gleicher Weise Nord-, Mittel- und Südamerika. Im Laufe der letzten vier Jahrhunderte sind nicht weniger als 195,000 Tonnen Silber (88 "/o der Weltproduktion) und 6236 Tonnen Gold (52 °/o der Weltproduktion) aus Amerika hervorgegangen, was zusammen einem Wertbetrag von 52, bezw. von 36 Milliarden Mark entspricht, je nachdem man das Silber zum alten Münzwert oder zum jetzigen Marktpreis rechnet. Von dieser ganzen Menge sind beim Gold etwa 2/s und beim Silber etwa '/s nach dem Jahre 1850 gewonnen worden. Trotz dieser ungeheuren Ausbeute zeigt sich noch — 10 — kein Anzeichen der Erschöpfung weder beim Gold noch beim Silber, insbesondere wird auch heute noch 80 °/o alles Silbers und 35 °/o alles Goldes in Amerika dem Boden entnommen. Es geht hieraus hervor, in wie hohem Grade die Preisfrage des Silbers eine amerikanische Frage ist. Bei weitem der größte Teil dieser Massen von Edelmetall entstammt dem durch die ganze Länge des Erdteils von Nord nach Süd gehenden Zuge der Felsengebirge und der Anden. Es herrschen hier vom nördlichen Kalifornien bis zum mittleren Chile ganz ähnliche Lagerungsverhältnisse. Der westliche, dem stillen Ocean zugewandte Teil des Gebirgszugs besteht aus geologisch älteren Formationen und enthält zahlreiche goldhaltige Gänge, während der landeinwärts gelegene, von jüngeren Eruptivgesteinen gehobene Teil mehr silberhaltige Gänge und Lager enthält, ohne daß jedoch auch hier das Gold ganz fehlt. In diesem östlichen Zug liegen alle die mächtigen Vorkommen, welche die großen plötzlichen Überraschungen gebracht haben, welche auf dem Edelmetallmarkt aufgetreten sind, hier liegt Poiosi u-nd der Comstock, Leadville und die anderen berühmten Silberproduktionsstätten in Colorado, Montana und Chile. Dagegen hat der westliche Ge- birgsrand den Goldreichtum von Kalifornien, Neugranada und Chile geliefert. Gehen wir die wichtigsten Gebiete des großen Doppelkontinents einzeln durch, so ist Mexiko das erste Land, welches nach der Entdeckung von Amerika Silber in größeren Mengen nach Europa geliefert hat. Hier erkannten die Spanier bald nach der Eroberung den Reichtum des ausgedehnten Hochplateaus an Silbererzgängen und nahmen dieselben bis in bedeutende Tiefen in Angriff. In dem langen Zeitraum von 1540—1809 entwickelte sich — seit 1557 unterstützt durch die für das holzarme Land so wichtige Erfindung des Amalgamierungsprozesses — die Silberproduktion aus kleinen Anfängen. Noch in den Jahren 1690—1700 betrug dieselbe nur 70—90 Tonnen jährlich und stieg dann ganz langsam aber stetig bis auf 540 Tonnen. Im Jahre 1810 aber erlitt die Produktion in Folge der Kämpfe gegen Spaniens Oberherrschaft einen Rückschlag bis auf weniger als die Hälfte. Die Erholung ging so langsam von statten, daß erst 1870 die Produktion von 1809 wieder annähernd erreicht war. Auch 1884 betrug dieselbe erst 056 Tonnen. Dann aber trat mit den konsolidierten politischen Verhältnissen ein bedeutender Aufschwung ein uud 1894 wurden 1463 Tonnen Silber neben 6771 KZ Gold produziert. Die alten Gruben, welche zum Teil noch heute betrieben werden, sind meist 300—400 m, einzelne über 600 m tief und es sind die Erzgänge in dieser Tiefe immer noch gut. Es werden aber auch alljährlich neue Gänge in Angriff genommen. Die Hauptmasse der Erze ist bleiarm und bedarf zur Verhüttung des Quecksilbers, aber seit 1879 sind im — 11 - Norden bedeutende Vorkommen von silberhaltigen Bleierzen entdeckt worden, welche mit den ersteren gemischt sich vorzüglich für die neueren billigeren Verhüttungsmethoden ohne Quecksilber eignen. Da zugleich das Eisenbahnnetz eine große Ausdehnung gewonnen hat und seit der Befestigung der politischen Verhältnisse europäisches und nordamerikanisches Kapital sich gerne in Mexiko festsetzt, so sind die Aussichten der Silberproduktion in diesem Lande überaus günstig, uud falls der Silberpreis so niedrig bleibt wie jetzt, ist es wahrscheinlich, daß Mexiko, welches seine erste Stelle unter den Silberländern erst seit 1870 an die Vereinigten Staaten von Nordamerika abgetreten hat, bald wieder an die erste Stelle vorrückt. In Südamerika begann die Edelmetallproduktion nur wenige Jahre nach der mexikanischen in den heutigen Staaten Peru, Bolivia und Chile, auch hier stand von Anfang an die Silberausbeute im Vordergrund. Schon 1545 wurde der reichste Gangzug, welcher überhaupt bis heute bekannt geworden ist, der von Potosi, in einer Höhe von 4000 m auf der Ostseite der Anden im heutigen Bolivia entdeckt. Dieser Gang soll bis hente einen Wert von rund 6 Milliarden Mark Silber geliefert haben. Die Produktion von ganz Bolivien in 400 Jahren betrug etwa 38 Millionen Kilogramm Silber; der ungeheure Ertrag rührt also weniger von großer plötzlicher Ausbeute als von der langen Dauer derselben her. Potosi hat in seiner besten Zeit, in den Jahren 1585—1595, wo sein Ruhm die Welt erfüllte, nur etwa 160 Tonnen, also nur ungefähr ebensoviel Silber jährlich geliefert, als heute der Ertrag des deutschen Silberbergbaus ist. Am Ende des vorigen Jahrhunderts war die Produktion freilich auf die Hälfte dieses Betrags heruntergekommen und von 1810—1876 ist der dortige Bergbau wegen der unaufhörlichen politischen Unruhen fast ganz stillgestanden. Jetzt ist derselbe von neuem mit modernen Mitteln in Angriff genommen und für das Jahr 1894 wird die Silberproduktion von Bolivia bereits wieder zu 684 Tonnen angegeben. Allem Anschein nach ist hier auch fernerhin ein bedeutendes Anwachsen derselben in Aussicht zu nehmen. Ein zweiter Mittelpunkt der Silberproduktion, welcher fast ebensoviel (30 Millionen Kilogramm) wie Bolivia geliefert hat, befindet sich in Peru am Cerro de Pasco ebenfalls 3500 m hoch. Auch hier sind die Schätze noch lange nicht gehoben und ist nach längerem Stillstand des Bergbaus die Ausbeute 1894 wieder auf 107 Tonnen gestiegen. Ein dritter Silberdistrikt entstand erst 1831 in Chile bei Chanarillo und 1870 ein weiterer bei Carcoles. Dadurch ist die Silberproduktion von Chile 1888 bis auf 210 Tonneu gestiegen, sie ist 1894 jedoch wieder ans 88 Tonnen heruntergegangen. Sehr bedeutend sind auch die Goldbezirke von Südamerika, von denen zwei den Cordilleren und einer dem östlichen Urgebirge angehört. — 12 — In Columbien (Neugranada) wird das Gold schon seit 1537 als Waschgold gewonnen. Seitdem hat die Produktion nie ganz aufgehört und am Ende des vorigen Jahrhunderts galt dieses Gebiet als der bedeutendste Goldlieferant der Welt. Aber schon damals wie auch jetzt wieder betrug der Ertrag nicht mehr als etwa 5 Tonnen jährlich. Nnr die ununterbrochene Ausbeute seit 350 Jahren hat es bewirkt, daß dieses Land den Goldvorrat der Welt um etwa 3 Milliarden Mark bereichert hat. Die Goldansbeute in Peru und Chile, welche schon den Inkas ihre Goldschätze lieferte, beruht ebenfalls größtenteils auf der Bearbeitung von Schwemmgoldlagern, zum Teil wird es aber auch durch Bergbau und besonders als Nebenprodukt des Kupfers gewonnen. Dieser Abban hat erst wieder seit 1888 einen neuen Aufschwung genommen und liefert jetzt regelmäßig 2—3 Tonnen jährlich. Im ganzen soll Peru, Bolivia und Chile seit 1530 etwa 2 Milliarden Mark an Gold geliefert haben. Während in den beiden vorgenannten Gebieten von Südamerika das Gold heute noch ungefähr iu denselben Mengen wie vor 100 oder 200 Jahren gewonnen wird, ist dies in Brasilien ganz anders. Dort hat die Ausbeutung des Schwemmgolds am Ende des 17. Jahrhunderts begonnen, in der Mitte des 18. mit etwa 15 Tonnen seinen Höhepunkt erreicht und ist von da bis in die Mitte dieses Jahrhunderts immer mehr zurückgegangen, bis sie fast ganz aufgehört hatte. Im Jahre 1894 hat jedoch Brasilien wieder 3340 Gold geliefert. Das brasilianische Gold, dessen Menge sich im ganzen auf etwa 3 Milliarden Mark berechnet, stammt weniger aus Gängen als aus dem Urgestein selbst, in welchem es in so kleinen Mengen zerstreut vorkommt, daß ein richtiger Bergbau nicht lohnt. Dies ist der Grund, daß nach Ausbeutung der Schwemmsandlager die Gewinnung überhaupt nahezu aufhören mußte und erst mit Hilfe der neuesten technischen Fortschritte wieder einige Bedeutung erlangen konnte. Außer den genannten drei Gebieten kommen neuerdings kleinere Distrikte der Goldgewinnung in Venezuela und den drei Guyanas sowie in Zentralamerika in Betracht, welche 1894 zusammen bereits 7792 Ic^ Gold geliefert haben. Dieselben werden für die Zukunft für recht hoffnungsreich gehalten, während man bezüglich der weiteren Entwicklung der Hauptgebiete keine besonderen Hoffnungen auf Produktionsvermehrung, wohl aber auf die Fortdauer des gegenwärtigen Verhältnisses hegen darf. — Vereinigte Staaten von Nordamerika. In dem größten, aber am spätesten in Angriff genommenen Teil des amerikanischen Doppelkontinents, in den Vereinigten Staaten, ist bis jetzt im ganzen ungefähr dieselbe Menge Goldes gewonnen worden wie in ganz Süd- und Zentralamerika. Aber welch ein Gegensatz in den beiden Hälften des Weltteils: in Südamerika sehen wir — 13 — die Produktion im Laufe von 300 Jahren sich wenig über oder unter das Mittel von etwa 8 Tonnen jährlich bewegen und erst innerhalb der letzten 10 Jahre ist sie auf das Doppelte augewachsen; in den Verewigten Staaten dagegen ist die Produktion, welche bis 1847, wo sie sich auf das Vorkommen im appalachischen Gebirge von Nord- und Südkaroliua stützte, niemals 2000 l^g erreichte, durch die Entdeckung des kalifornischen Schwemmgoldes so plötzlich gestiegen, daß die Ausbeute von 1849—1894 zwischen dem Maximum von 97 Tonnen (1853) und dem Minimum von 45 Tonnen (1883) schwankte und im Durchschnitt dieser Periode etwa 63 Tonnen betragen hat, welchem Betrag sie anch heute wieder sehr nahe gekommen ist, so daß Nordamerika auch jetzt noch an der Spitze aller goldproduzierender Länder steht. Der höchste Ertrag von 1853 war ausschließlich kalifornisches Waschgold, uud obwohl der Bergbau auf den Quarzgängen schon damals seinen Anfang nahm, betrug doch noch 1879 die Ganggoldgeminnung von Kalifornien erst etwa 9 Tonnen, während die des Waschgolds trotz der sich entwickelnden vortrefflichen Technik des hydraulischen Großbetriebs nach und nach bis auf 18 Tonnen abgenommen hatte. Im Jahre 1892 war sodann die Waschgoldgewinnung auf das Minimum von 6 Tonnen gesunken, während die Ganggoldgewinnung sich auf 12 Tonnen erhöht hatte. Seitdem sind beide Gewinnungsarten wieder gestiegen, nachdem gesetzliche Maßregeln die Hindernisse beseitigt haben, welche die Interessen des Ackerbaus der Waschgoldgewinnung entgegengesetzt hatten. Bei dieser Gelegenheit wurde konstatiert, daß allein im Gebiete des Judaskusses und seiner Nachbarschaft noch etwa 500 Tonnen Waschgold zu gewinnen sind, wenn man nur den Schwemmsand rechnet, welcher in der Tonne Sand 0,3 Z Gold enthält, während die Technik des hydraulischen Betriebs noch die Gewinnung von 0,1 g aus der Tonne Sand erlaubt. Wir sehen also, daß trotz des großartigsten Raubsystems das Schwemmgold von Kalifornien noch nicht so rasch zu Ende geht als die Voraussagungen der Silberfreunde angenommen haben. Dennoch beruht aber die Zukunft der nordamerikanischen Goldgewinnung auf der Entwickluug des Gangbergbaus. Wir ersehen aus deu mitgeteilten Zahlen, daß der Gangbergbau in Kalifornien sich ganz langsam aber stetig im Laufe von 40 Jahren auf 12 Tonnen jährlich gehobeu hat. Derselbe befindet sich heute in den Händen einer beschränkten Zahl von großen leistungsfähigen Gesellschaften und ist fortwährend lohnend, obwohl er sich bereits in einer Tiefe von 600 in bewegt. Im großen Durchschnitt werden aus der Tonne Erz nur 13,37 Z Gold gewonnen, es sollen aber 5,2 Z noch lohnend sein. Noch viel mehr als der kalifornische hat sich aber der Gangbergban in den übrigen westlichen Staaten der Union entwickelt. Die Ausbeutung des Comstockgangs in Nevada, welche 1877 allein 136 Millionen Mark Gold und Silber und von 1858—1894 im ganzen etwa 1500 Millionen Mark Edelmetalle (40°/o Gold und 60°/o Silber) lieferte, bildet nur eiue Episode in dieser Entwicklung. Der Verlust, welchen die Goldproduktion aus dem Umstände erlitt, daß die Temperatur- und Wasserverhältnisse die Fortsetzung des Abbaus im Comstockgang unmöglich machten, ist inzwischen durch den Bergbau in anderen Staaten hereingebracht worden. Insbesondere sind Colorado mit einer Prodnktion von 11 3241:°-, Dakota mit 6027 und Montana mit 5380 KZ im Jahre 1893 sehr wichtige Goldproduzenten geworden. Eine weitere künftige Steigerung ist in diesen Staaten sehr wahrscheinlich und kann in Kalifornien durch die schon erwähnten Aussichten der Waschgoldgewinnung als sicher in Rechnung genommen werden. Ein ähnlicher Gegensatz zwischen Nord- nnd Südamerika wie bei der Goldproduktion besteht auch bei der Silber Produktion, welche sich in Südamerika während voller 300 Jahre nicht sehr weit von dem Mittel von etwa 220 Tonnen entfernt hat und hierauf in den letzten 25 Jahren allmählich auf das Vierfache dieser Menge gestiegen ist. In den Vereinigten Staaten dagegen hat die Silbergewinnung bis 1860 niemals über 200 Tonnen betragen, von da bis 1870 ist sie auf 380 Tonnen, dann aber unaufhaltsam von Jahr zu Jahr bis 1892 fast auf 2000 Tonnen gestiegen. Die erste Steigerung war durch die schon genannte Ausbeutung des Comstockgangs veranlaßt und es trat auch, nachdem der Höhepunkt derselben 1878 überschritten war, eine kleine Abschwächung ein. Aber inzwischen hatte bereits eine neue Entwicklung eingesetzt. Bis 1876 beruhte der Silberbergbau in Nordamerika gerade wie in Südamerika auf dem Gangbergbau, dann begann die Entdeckung der silberhaltigen Bleierzlager von Lead- ville iu Kolorado. Seitdem beruht der Schwerpunkt der nordamerikanischen Silberproduktion ebenso wie in Europa auf der Ausscheidung des Silbers aus Blei- und Kupfererzen, und diese Erze kommen nicht in tiefgehenden Gängen, sondern in ausgedehnten, mehr oder weniger horizontal gerichteten, flötzartigen Lagern vor, welche über viele Quadratmeilen verbreitet sind. Eine der bergmännischen Stützen der bimetallistischen Mitglieder der Berliner Silberkommission, Berginspektor Wimmer, äußerte sich dahin, daß „in diesen Vorkommen bei ihrer flachen Lagerung ein geradezu unerschöpflicher Silbervorrat enthalten sei, welcher, was das Wichtigste sei, bergmännisch zugänglich und nicht in der unerreichbaren sogenannten ewigen Teufe stecke." Leadville lieferte 1892 für 45 Millionen Mark Silber, und obwohl die Bleierze von Kolorado schon 1890 anfingen, seltener zu werden und man sich mit der Einfuhr derselben aus dem nördlichen Mexiko behalf, so sind doch jetzt schon wieder neue Aufschlüsse gemacht worden und außerdem haben sich in den letzten Jahren die silberhaltigen Blei- — 15 — und Kupfererze in Montana als sehr nachhaltig erwiesen. Wie groß die Entwicklung des Silberbergbans in den westlichen Staaten der Union in den letzten 15 Jahren, also in der Zeit gewesen ist, in welcher der Preisfall des Silbers von Jahr zu Jahr größer geworden ist, zeigt sich darin, daß von 1879—1892 die Silber- Produktion in Kolorado von 282 auf 747 Tonnen, in Montana von 54 auf 540, in Jdaho von 16 auf 98 und in Utah von 151 auf 252 gestiegen ist. Von 1893 auf 1894 ist allerdings die Produktion der Vereinigten Staaten infolge der im Lauf des Jahrs 1893 eingetretenen neuen Preisstürze des Silbers um 18°/g gefallen, aber dieser Fall blieb weit unter dem allgemein erwarteten, hatten doch die Sachverständigen der Berliner Silberkommission einen solchen von 33 bis 50°/g für sicher gehalten. Das Produkt von 1894, in welchem Jahr keine wesentliche Preisänderung mehr stattfand, kann nun annähernd als das Produkt derjenigen Gruben angesehen werden, welche infolge der gleichzeitigen Gewinnung von Blei, Kupfer oder Gold, zum Teil auch infolge besonders hohen Silbergehaltes, so geringe Selbstkosten haben, daß sie bei einem Silberpreis von 80—90 Mark per KZ noch bestehen können. Dagegen lassen die Ausführungen der Sachverständigen der Berliner Silberkommission kaum einen Zweifel darüber, daß die Produktion der Vereinigten Staaten schon bei einem Preisaufschlag auf etwa 105 Mark um 12 —15"/g steigen würde. Ganz unberechenbar wäre aber die Erhöhung der Produktion, wenn der alte Preis von 180 Mark wieder hergestellt würde. 3. Anstralien. Hier wurde das erste Alluvialgold 1851 iu Neusüdwales entdeckt, aber schon im nächsten Jahr wurde das weit größere Schwemmgoldvorkommeu in Viktoria bekannt, und 1853 war bereits das Maximum der australischen Goldproduktion mit 102 Tonnen erreicht, womit sogar das Maximum von Kalifornien übertroffen war. Es war dies lauter Waschgold und erst 1854 begann die Gewinnung des Goldes direkt aus den Quarzgängen. Die Goldproduktion hat sich dann bis 1886 ganz allmählich bis auf 43 Tonnen vermindert, ist aber seitdem wieder in langsamein Steigen begriffen und hat 1894 wieder fast 58 Tonnen erreicht. In der Kolonie Viktoria hat der Gangbergbau zuerst die größte Ausdehnung erlangt und ist bereits bis zu einer Tiefe von über 600 w vorgedrungen. Von der Produktion, welche 1885 bis 1892 ziemlich gleichmäßig jährlich etwa 18 Tonnen, also ebenso viel wie zu derselben Zeit Kalifornien geliefert hat, kommen ebenso wie dort 6 Tonnen auf Waschgold und 12 Tonnen auf Ganggold. Die Produktion von letzterem scheint allerdings 1876 noch größer gewesen zu sein, sie ist aber in den alten Revieren seit 1892 wieder im Steigen begriffen. Am meisten gestiegen ist aber die Ganggoldgewinnung in der Kolonie Queenslcmd, wo 1877 nicht ganz 6 — 16 — Tonnen, 1892 aber schon 17'/2 Tonnen gewonnen wurden, während gleichzeitig die Waschgoldgewinnung von 5 auf 0,5 Tonnen herabgegangen ist. Auch in Neusüdwales ist der Gangbergbau in der Zunahme begriffen und macht weitaus den Hauptteil der Produktion aus, wogegen die Waschgoldgeminnung allerdings sehr abgenommen hat. Bei vielen Gängen soll sich nach der Tiefe zu eine Verarmung eingestellt haben, andere haben aber einen gleichmäßigen, mitunter sogar nach unten zunehmenden Reichtum gezeigt. Die große Zahl der immer noch neu hinzukommenden Gänge sichern der Produktion eine gewisse Stetigkeit. In der Kolonie Viktoria wechselte der durchschnittliche Goldgehalt der gepochten Erze in den Jahren 1882—1892 nur zwischen 14 und 15Vs A aus die Tonne. In Neuseeland, dessen Gold in der oben genannten Produktion eingeschlossen ist, wird ebenfalls seit 1857 Gold gewonnen, aber erst 1864 wurden die reichen Alluvialfelder entdeckt, deren Aus- bente sich 1871 auf 22 Tonnen belief. Schon 1892 war dieselbe auf 7,4 Tonnen gesunken, wie es heißt wegen Mangels an Arbeitskräften. In Südaustralien, Westaustralien und Tasmanien ist die Goldproduktion bisher verhältnismäßig schwach, aber überall in der Zunahme begriffen. Ganz besonders gilt dieß von Westaustralien, welches 1894 bereits über 6 Tonnen geliefert hat und wo gegenwärtig, nächst Transvaal, die bedeutendste Thätigkeit und Spekulation in Goldbergwerken herrscht. Die Silbergewinnung hat in Australien erst 1886 mit der Entdeckung des Vorkommens von Brocken Hill nordöstlich von Adelaide ihren Anfang genommen und ist seitdem von 32 bis auf 638 Tonnen im Jahre 1893 angewachsen, hatte also bereits die Produktion von ganz Südamerika überflügelt, ist aber 1894 wieder auf 562 gesunken. Wegen der Beschränkung auf eiu verhältnismäßig kleines Gebiet kann die Silberproduktion Australiens auf die Dauer nie von der Bedeutung werden, welche für Mexiko und Südamerika auf eine uuberechenbare Zukunft hinans gesichert ist, aber nachdem einmal die Aufmerksamkeit der Bevölkerung darauf gelenkt ist, vermehren sich doch zunächst die neuen Entdeckungen in diesem Weltteil und auf den zugehörigen Inseln. Es ist daher anzunehmen, daß Australien noch auf Jahrzehnte hinaus einen ansehnlichen Beitrag zur Weltproduktion liefern wird, wenn auch der bisherige hohe Reinertrag der dortigen Silbergewinnung wegen der in zunehmender Tiefe ungünstiger werdenden Zusammensetzung der Erze bedeutend zurückgehen mag. — — 17 — II. Die Weltproduktion und ihre Bilanz. Besser als Zahlentabellen veranschaulicht die beifolgende graphische Darstellung den Fortgang der Weltproduktion von Gold und Silber innerhalb der vierhundert Jahre, für welche uns genauere Nachrichten zur Verfügung stehen. Bei der Betrachtung dieser Kurven zeigt sich zunächst der kleine Anfang der Produktion beider Metalle am Beginn der Periode und die große Verschiedenheit in dem Fortschritt der Gold- und der Silberkurve. Deutlich kennzeichnen sich insbesondere die rasche Steigerung der Silberproduktion durch die Funde in Mexiko und Bolivia in der Mitte des 16. und die rasche Steigerung der Goldproduktion in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die kleine Stockung des Fortschritts der Wertkurve in den 70 er und 80 er Jahren und die erneute großartige Steigerung der Silberproduktion im letzten Jahrzehnt. Klar ergiebt sich aber auch, daß die Bewegung der Wertkurve beider Metalle als Ganzes genommen durchaus keine größere Stetigkeit zeigt als die Goldkurve allein. Die Behauptung der Bimetallisten, daß die Verbindung beider Metalle schon an sich eine größere Wertbeständigkeit des Wertmessers garantiere als durch die Wahl des Goldes als solchen ermöglicht sei, steht daher auf sehr schwachen Füßen. Ebenso zeigt sich bei der Betrachtung der Relationskurve des Silbers, daß die Entwicklung des Wertverhältnisses beider Metalle zu einander mit deren Produktionsmengen nur in sehr losem Zusammenhange steht. Verfolgen wir zunächst kurz die Entwicklung der Wertrelation, so beginnt das 16. Jahrhundert mit einem Verhältnis des Goldwerts zum Silberwert wie 10'/2 : 1 bei einem Verhältnis des Gewichtsanteils der Goldproduktion von 11°/» des Gesamtgewichts der produzierten Edelmetallmenge. Durch die große andauernde Silbergewinnung in jenem Jahrhundert reduzierte sich aber der Gewichtsanteil des Goldes in den beiden letzten Jahrzehuten auf 1,7 °/o und dennoch stieg die Wcrtrelation nur auf 11,8 : 1. Im ganzen 17. Jahrhundert betrug die Goldproduktion ziemlich gleichmäßig 2,4 °/o und gleichwohl trat in dieser Periode eine bedeutende Änderung der Wertrelation ein, indem sich damals infolge der Wirren des 30 jährigen Kriegs die Relation 15 : 1 ausbildete, wie es scheint hauptsächlich deshalb, weil wegen der fortwährenden Verschlechterungen des Feingehalts der Silber- 2 — 18 — münzen diese überhaupt in Mißkredit gekommen waren. Im ganzen 18. Jahrhundert blieb nun diese Relation aufrechterhalten und auch der Produktionsanteil des Goldes stieg nur auf 3,1 °/o der Gesamtproduktion. Auch noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wo die Wertrelation auf 15,6 : 1 gestiegen war, betrug der Goldanteil der Produktion erst 3,5 °/o. Als nun letzterer infolge der kalifornischen und australischen Entdeckungen von 1850 — 1860 plötzlich auf 18,3 °/o stieg und in der ganzen Periode 1850—1870 15,6 °/o betrug, hätte niemand im voraus erwarten können, daß gleichwohl die Wertrelation 15,5 : 1 aufrecht erhalten blieb. Daß dies dennoch geschah, wird gewöhnlich dem damals in Frankreich gesetzlich geltenden Bimetallismus zugeschrieben. In Wahrheit konnte aber das Verhältnis nur deshalb bestehen bleiben, weil in dieser Zeit bei dem durch Eisenbahnen und Dampfschiffahrt ungemein gesteigerten Weltverkehr die Vorliebe der europäischen Handelswelt für das gelbe Metall ungeheuer wuchs, während gleichzeitig in dieser Zeit durch den Aufstand in Indien und den Aufschwung der indischen Baumwollproduktion infolge des nordamerikanischen Bürgerkriegs der Bedarf Indiens an Silber zu wachsen begann, ein Bedarf, welcher seitdem zwar zeitweise nachgelassen hat, aber im ganzen immer noch andauert, jedoch niemals wesentlich über die Ziffern der 60 er Jahre hinausgegangen ist. Diese Umstände mußten die bestehende Wertrelation aufrecht erhalten mit und ohne gesetzliche Doppelwährung. Von 1871—1894 ist nun der Anteil der Goldproduktion an der ganzen Edelmetallproduktion der Menge nach allmählich wieder auf 5,5 °/o herabgegangen und in diese Zeit fällt auch die allmähliche Aenderung der Wertrelation bis auf 32,6 : 1. Die Erklärung dieser Thatsache liegt auch hier weniger in den Änderungen der Gesetzgebung als in der Thatsache der wachsenden Bevorzugung des Goldes durch den Handelsstand in Europa und in den englisch sprechenden überseeischen Ländern, und in der Unfähigkeit Indiens, die fortwährend gesteigerte Silberproduktion zu den alten Preisen aufzunehmen. Bei den gefallenen Preisen konnte nun in den letzten Jahren der Silberabsatz ungemein gesteigert werden, so daß auch jetzt — nach Aufhebung der Rupieuprägung — die Silberausfuhr nach Ostasien größer ist als je. Wir geben nun als Abschluß unserer Mitteilungen über die Edelmetallproduktion eine Übersicht der Weltproduktion in den beiden Jahren 1893 und 1894 nach den zuverläßigsten bis jetzt bekannt gewordenen Berechnungen: — 19 — 1393 1894 (nach Preston) (nach Rothwell*) Gold Silber Gold Silber Tonnen Tonnen Tonnen Tonnen Europa ohne Rußland . Asien und Rußland . . Afrika........ S.0S3 446,425 6,510 513,390 S7,3S3 72,456 57,754 70,986 44 096 — 69.51S — (worunter Transvaal) Nordamerika incl. Canada Mexiko....... (42,573) — (57,156) 55,495 1,874,329 61.472 1,570,539 1,964 1,380,116 6,771 1,463,361 16,347 602,614 17,563 1,013,976 Zentral- und Südamerika (worunter Bolivia) . Australien...... — (372,666) — (684,413) 53,693 637,800 57,702 562,263 234,006 5,013,74» 267,291 5,205,665 Münzwert 652,9 902,5 745,7 937,0 Will. M, Mill.M. Mill, M. Mill. M. In dieser Tabelle ist China mit einer Goldproduktion von 12,678 IxZ im Jahr 1893 und 9,019 KZ im Jahr 1894 mit eingeschlossen. Wir fügen noch bei, daß von der gesamten Goldproduktion von 1893 nur etwa 30 °/° auf Waschgold kommen, während dasselbe in der Gesamtweltproduktion von 1493 bis 1893 etwa 75°/o ausmacht. Der große Fortschritt in der soliden Grundlage der heutigen Goldproduktion ist daher unverkennbar. Als Grundlage für die Beurteilung der Beziehungen zwischen Produktion und Geldwert bedürfen wir nun aber neben der Kenntnis der früheren und jüngsten Jahresproduktion auch der Kenntnis des gegenwärtig vorhandenen Vorrats von Edelmetall, wobei wir freilich die stattgehabte wirkliche Konsumtion vernachlässigen müssen, weil jede Grundlage zur Berechnung einer solchen fehlt. Immerhin dürfen wir uns erinnern, daß diese unbekannte Konsumtion beim Gold viel kleiner ist als beim Silber, ja daß sie überhaupt beim Gold nicht sehr groß ist. Soweit dasselbe zu Vergoldungen verwendet wird, ist freilich die Konsumtion vollständig, ebenso besteht kein Zweifel darüber, daß Gebrauchsgegenstände wie Uhren und Ketten eine bedeutende Abnützung haben. *) Für 1893 konnte die allgemein als maßgebend betrachtete Statistik des Direktors der Münze in Washington mitgeteilt werden. Der Bericht des letzteren für 1394 ist bis jetzt noch nicht erschienen, dagegen stand für dieses Jahr die ebenfalls in hohem Ansehen stehende Statistik von Rothwell zu Gebot, welche Ende Juni d. I. im Newyorker Mninx 5onriig,1 veröffentlicht wurde. Dieselbe gibt die Goldproduktion eigentümlicherweise in Rohgewichtszahlen im ganzen zu 290,383 KZ an. Die oben mitgeteilten Feingoldgewichtsangaben sind aus den Rothwellschen Wertziffern (1 KZ Gold 664,6 H> berechnet worden. Die Silberproduktion konnte dagegen unmittelbar der Rothwellschen Tabelle entnommen werden, weil sich hier die Gewichtsangaben auf Feinsilber beziehen. Dieselben ergeben das auffallende Resultat einer scheinbaren Steigerung der Silberproduktion gegenüber dem Vorjahr. Letztere betrug aber nach Rothwell im Gegensatz zu Preston im Jahr 1893 im ganzen S.339,746 KZ, so daß hiernach eine, obwohl unbedeutende, Verminderung der Silberproduktion stattgefunden hat. — 20 — Die wichtigste Abnützung aber, die der Münzen, ist sehr zurückgegangen, seitdem die Mehrzahl derselben in den Gewölben der Banken ruht. Lassen wir also vorerst die Abnützung der Edelmetalle bei Seite, so stehen uns folgende Zahlen für den derzeitigen Edelmetallvorrat der Welt zu Gebot: Der am Ende des 15. Jahrhunderts vorhandene Geldvorrat wird von Lexis und Wiebe, welche sich am eingehendsten mit der natürlich nur sehr ungefähr möglichen Schätzung befaßt haben, auf etwa 2'/8 Milliarden Mark geschätzt. Hievon kommen 1260 Millionen oder 7000 Tonnen auf das Silber und 1004 Millionen Mark oder 550 Tonnen auf das Gold. Die Produktion von 1493 bis 1893 incl. berechnen wir auf der Grundlage der Soetbeerschen z. T. nach späteren Angaben dieses Schriftstellers korrigierten Zahlen mit Ergänzung durch die neuereu Angaben der amerikanischen Münzdirektoren, jedoch unter Weglassung der unsicheren chinesischen Produktion, wie folgt: Gold Silber Europa ohne Rußland . 508 Tonnen 23,210 Tonnen Asien und Rußland . . 1,831 ., 3,063 Afrika....... 894 .. 5 .. Nordamerika incl. Canada 3.014 ., 27,600 Mexiko...... 291 ,. 92,395 ., Central- und Südamerika 3,005 „ 78.731 Australien..... 2,642 „ 1.973 ., 12,185 Tonnen 226,977 Tonnen Heutiger Münzwert: 33,995 Mill. M. 40,856 Mill. M. Der Münzwert der vorhandenen Edelmetalle mit Ausschluß der über 400 Jahre alten Geräte und mit Einschluß der in den letzten 400 Jahren stattgehabten Abnützung hätte demnach im Anfang des Jahrs 1895 in runder Summe 36 Milliarden Mark Gold und 43 Milliarden Mark Silber betragen. Es fragt sich nun, wo und in welcher Gestalt befinden sich diese Massen? Zunächst wissen wir, daß eine sehr bedeutende Menge von Gold und eine noch bedeutendere Menge von Silber nach Indien und Ostasien abgeflossen ist. Nach Ellstätter hat allein in den Jahren 1835—1892 der Einfuhrüberschuß nach Indien an Silber etwa 6700 Millionen und in Gold 3000 Millionen Mark betragen. Ferner hat in den vorhergehenden 3 Jahrhunderten ebenfalls ein Einfuhrüberschuß stattgefunden, auch wenn man die 1300 Millionen Mark berücksichtigt, welche nach Lexis in der Zeit von 1570—1800 von den Portugiesen und Holländern aus Japan geholt worden sind. Wir glauben daher den Goldabfluß nach Indien und Ostasien im ganzen auf 4 Milliarden Mark Gold und 11 Milliarden Silber annehmen zu können, so daß für die West- — 21 — liche Kulturwelt 32 Milliarden Mark Gold und ebenfalls 32 Milliarden Mark Silber bleiben. Der Betrag des von dieser Summe in Form von Münzen und Barren zu Geldzwecken verwendeten Goldes wird ziemlich allgemein auf 16 Milliarden Mark geschätzt, wovon die größere Hälfte (Anfang 1895 etwa 8500 Mill.) in den Banken und staatlichen Schatzkammern als Sicherheit für Kreditpapiere ruht und daher sicher nachgewiesen werden kann, während die kleinere Hälfte direkt im Publikum zirkuliert und nur annähernd geschätzt werden kann, weil die Goldmünzen zum Teil den Goldschmieden als Rohmaterial dienen und dieses Quantum der Kontrole entzogen ist. Der entsprechende Betrag an Silber, welches zu Geldzwecken dient, übersteigt schwerlich 9 Milliarden alten Werts und ist ebenfalls zur Hälfte (Anfang 1895 etwa 4500 Mill. Mark) in Banken und staatlichen Kassen angehäuft. Die größere Zahl von 16 Milliarden, welche meist von bimetallistischer Seite aufgeführt wird, ist nur erhältlich, wenn das indische und chinesische Geld einbezogen und sehr hoch mit 7 Milliarden geschätzt wird (nach Ell- stätter rechnet man in Indien nur etwa 2400 Millionen Mark als wirklichen Bestand von Rupien). Rechnen wir nun die genannten nachweislich vorhandenen Mengen von Edelmetall von dem oben genannten Gesamtbetrag von 64 Milliarden ab, so bleiben etwa 16 Milliarden in Gold und 23 Milliarden in Silber übrig, welche in der westlichen Kulturwelt der Industrie zugeflossen, durch Abnützung verloren oder sonst dem Verkehr im Laufe der letzten 400 Jahre entzogen worden sind. Im einzelnen dürfte zur Zeit das zu Geldzwecken in der westlichen Kulturwelt dienende Edelmetall folgendermaßen unter die einzelnen Staaten verteilt sein: t. Goldwährungsländer, d. h. solche Staaten, in welchen das Gold den thatsächlichen Wertmesser im inländischen und auswärtigen Handel bildet. Der vrivate und staatliche Bankvorrat in diesen Ländern wird in diesen Staaten für Anfang 1895 in Millionen Mark wie folgt angegeben: Gold Silber England........... 980 138 Frankreich inkl. Algier...... 1691 1021 Deutschland.......... 929 304 Vereinigte Staaten....... 1027 2172 Australien........... 411 — Dänemark, Schweden und Norwegen 129 4 Belgien und Holland...... 157 173 Schweiz ........... 66 11 Rumänien........... 38 — 5428 3826 — 22 — Außerdem zirkulieren direkt an Goldgeld in Frankreich etwa 1900 Millionen, in Deutschland etwa 1700 Millionen (bei welcher Schätzung vorausgesetzt ist, daß seit 1873 etwa 700 Mill. deutsche Reichsgoldmünzen eingeschmolzen oder ausgeführt worden sind) und etwa 1500 Millionen Mark in Großbritannien. Nach den offiziellen Angaben sollten sich diesen Staaten mit reicher Goldzirkulation auch die Vereinigten Staaten mit etwa 1500 Millionen Mark anschließen, wir halten aber diese Zahl nach dem Vorgang von Soetbeer um eine volle Milliarde zu hoch gerechnet, da es in Anbetracht der Thatsache, daß Goldmünzen in den Verein. Staaten außerhalb Kaliforniens im gewöhnlichen Verkehr so gut wie gar nicht vorkommen, schon schwer hält, selbst an eine Zirkulation von nur 500 Millionen Mark zu glauben. Die kleineren der oben genannten Goldstaaten haben zusammen wahrscheinlich nicht mehr als etwa 200 Millionen Mark Goldzirkulation, wovon weitaus der größte Teil auf Belgien fällt. Hiezu käme noch die unbekannte Zirkulation in der Türkei und ihren Vasallenstaaten sowie diejenige der kleineren englischen Kolonien und die von Venezuela und Chiles?), so daß wir für die Goldstaaten mit den Bankvorräten im ganzen wohl 12—13 Milliarden Mark Goldgeld rechnen können. Die direkte Silberzirkulation der oben genannten Goldstaaten kann zu etwa 3200 Millionen Mark angenommen werden. Hier bildet der Anteil von Frankreich das unsicherste Element. Derselbe kann niemals genau angegeben werden, weil die Zwei- und Einfrankstücke bis 1864 und die Fünffrankstücke bis 1872 der Möglichkeit einer für Private vorteilhaften Einschmelzung ausgesetzt waren. Gewöhnlich wird ein Betrag von 1500—1800 Millionen Mark angegeben, wir folgen aber auch hier Soetbeer, welcher im Anschluß an Foville nur etwa 1000 Millionen Mark für möglich hält. Nach Frankreich folgt Deutschland mit 580 Millionen, die Vereinigten Staaten mit 550 Millionen, England und seine Kolonien mit 330 Millionen, Holland und seine Kolonien mit 180 Millionen, Belgien mit 195 Millionen, Skandinavien mit 200 Millionen und die Schweiz mit 115 Millionen Mark. Hiezu kommt noch die unbekannte Silberzirkulation in der Türkei und ihren Vasallenstaaten, so daß wir den Betrag der in den Goldstaaten vorhandenen Silbermünzen im ganzen auf etwas über 7 Milliarden Mark alten Werts veranschlagen können. 2. Uebergangsländer, d. h. solche Staaten, welche zur Zeit noch Papierwährung haben, welche sich aber fortgesetzt bemühen, durch Ansammlung eines Goldschatzes sich zur Goldwährung vorzubereiten, und deren Papierkurs höher steht als der Silberkurs. Hier betrug der staatliche und private Bankvorrat Anfang 1895 in Millionen Mark berechnet: — 23 — Gold Silber Rußland inkl. Finnland . . . 1995 6 Oesterreich-Ungarn..... 546 236 Italien.......... 432 208 2!l73 450 In diesen Ländern zirkuliert nur sehr wenig Goldgeld, in Rußland ebensowenig Silbergeld. Letzteres wird in Oesterreich-Ungarn mit Einschluß der Scheidemünzen auf 360 Millionen Mark geschätzt. Der kursierende Betrag in Italien ist sehr unbedeutend. 3. Papierwährungsländer, d. h. solche Staaten, welche seit geraumer Zeit keinen ernstlichen Versuch gemacht haben, zu einer Metallvaluta zu gelangen und in absehbarer Zeit schwerlich hiezu in der Lage sein werden. Der staatliche und private Bankvorrat betrug hier Anfang 1895 in Millionen Mark: Gold Silber Spanien......131 181 Portugal...... 15 25 Bulgarien..... 5 1 Griechenland ...._2 — 153 207 In diesen Ländern, denen von südamerikanischen Staaten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Kolumbien anzuschließen wären, zirkuliert fast ausnahmslos Papiergeld, nur in Spanien und Portugal zusammen etwa 500 Millionen Mark in Silber. 4. Silberwährnngsländer. Wirkliche Silberländer, in welchen das gemünzte Silber den Wertmaßstab bildet, sind außerhalb Asiens nur Mexiko, Ecnador, Peru und Bolivia. Von diesen Staaten sind weder über den Bankvorrat noch über die Zirkulation zuverlässige Daten bekannt. Sicherlich ist aber der Betrag verhältnismäßig unbedeutend und übersteigt schwerlich 400 Mill. Mark. III. Die Künftige Gestaltung der WeltnroduKtwn. Wie schwierig es ist, sich auf dem Gebiete der Edelmetallproduktion in Voraussagungen einzulassen, erkennen wir, sobald wir uns mit der Lektüre von Schriften befassen, die auch nur ein Jahrzehnt zurückliegen. Damals nahm es Jedermann als ein feststehendes Axiom an, daß die Goldproduktion auf die Dauer im Rückgang begriffen sei und daß dieselbe niemals wieder auf die Höhe kommen könne, welche sie 1853 durch das Zusammentreffen zweier außerordentlicher Umstände, nämlich die Entdeckung des so — 24 — leicht zu gewinnenden Alluvialgoldes in Kalifornien und Australien, erreicht hatte. Heute, nach 30jähriger Bearbeitung, sind nun diese Goldfelder des Schwemmlandes zwar immer noch nicht ausgebeutet, aber anstatt 199 liefern sie nur noch 18 Tonnen Gold jährlich. Dennoch ist im Jahre 1894 die Gesamtproduktion von Gold infolge der Entwicklung benachbarter und ganz neuer Gebiete doch wieder auf 267 Tonnen gestiegen und die Art dieser Produktion ist eine solche, daß man mit Gewißheit behaupten kann, dieser Höhepunkt wird bei Fortsetzung unserer Produktionskurve nicht wie vor 30 Jahren eine scharfe Spitze bilden, sondern eine größere Ausdehnung in die Breite erreichen. Wir haben gesehen, daß einerseits im Flötzgebirge von Transvaal, andererseits im Schwemmland von Kalifornien mit Sicherheit eine bedeutende länger andauernde Erhöhung der Produktion zu erwarten steht, während eine Befürchtung des Niedergangs mit einigem Recht nur etwa bezüglich des Schwemmlands von Sibirien ausgesprochen werden kann. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist ferner in Südamerika, insbesondere in den 3 Guyanas, ein weiteres Fortschreiten der seit einigen Jahren im Gang befindlichen Produktionserhöhung von Waschgold ebensowohl wie von Ganggold zu erwarten. Die Verhältnisse von Australien und den zugehörigen Inseln lassen für die nächste Zeit eine Erhöhung der Produktion vermuten und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist bei dem Fortschreiten des auf einem so weiten Gebiet in Entwicklung begriffenen Gangbergbaus eine Vermehrung der Produktion jedenfalls auf Jahrzehnte hinaus wahrscheinlicher als eine Verminderung. Außerdem aber ist durch den im Beginn der Entwicklung stehenden Gangbergban von Maschona- und Matabele-Land in Südafrika eine Reserve für etwaige Rückgänge beim Gangbergbau vorhanden. Da nun ohne Zweifel in den nächsten Jahren eine Goldproduktion von 300 Tonnen überschritten werden wird, ist es gewiß vorsichtig gerechnet, wenn wir für die nächsten 2—3 Jahrzehnte — und irgendwelche Voraussagungen weiter auszudehnen, wäre ja vermessen — eine Goldproduktion von durchschnittlich 300 Tonnen im Jahr in Aussicht nehmen. Um den Betrag zu bestimmen, welcher hievon für monetäre Zwecke zur Verfügung stehe» wird, wäre einmal der voraussichtliche Export nach Indien und sodann der voraussichtliche industrielle Verbrauch der westlichen Kulturwelt in Abzug zu bringen. Was den ersteren betrifft, so ist zwar aus den vorliegenden Äus- fuhrtabellen zu entnehmen, daß die indische Goldaufnahme in den Jahren 1855—1875 im Durchschnitt 25 Tonnen und in den Jahren 1875—1893 im Durchschnitt 18 Tonnen betragen hat, seitdem ist aber infolge des großen Wertunterschieds zwischen Gold und Silber eine neue Phase eingetreten und Indien giebt im Gegenteil Gold an die übrige Welt ab. Es ist recht wohl möglich, daß diese - 25 — Periode noch länger andauert, da Indien von alter Zeit her noch große Goldschätze besitzt, welche es bei dem hohen Goldpreis vielleicht geneigt ist, für Silber umzutauschen. Später wird freilich wieder eine Periode der Goldeinfuhr kommen, wir können aber hier, wo wir nur die Verhältnisse der nächsten zwei Jahrzehnte ins Auge fassen, keine Rücksicht darauf nehmen und müssen uns nur bewußt bleiben, daß auch Indien vielleicht einen Teil des Goldes beanspruchen wird, den wir als Zuwachs für monetäre Zwecke zu berechnen im Begriff sind. Was den industriellen Verbrauch von Gold in unserer westlichen Verkehrsmelt betrifft, so hat der Münzdirektor Preston mit Berücksichtigung aller zugänglichen Nachrichten und vorhandenen Schützungen für das Jahr 1893 folgende Tafel aufgestellt: Ver. Staaten von Nordamerika . . 15,736 KZ England........... 17,000 „ Deutschland.......... 15,000 „ Frankreich.......... 12,000 „ Schweiz........... 6000 „ Belgien und Holland...... 2400 ,. Oesterreich-Ungarn....... 2400 „ Rußland........... 2400 „ Andere Länder........ 2520 ,. 75,456 Lexis und O. Haupt nehmen dagegen etwa 100,000 KZ an. Um sicher zu gehen, und in der Erwartung, daß der Goldverbrauch in der nächsten Zeit noch zunehmen wird, wollen wir für die nächsten 20 Jahre einen Durchschnittsverbrauch von 120,000 IiZ annehmen. Dann blieben also als Zuwachs des monetären Geldverbrauchs der Welt jährlich 180 Tonnen und der Goldvorrat der Welt würde sich nach 20 Jahren um etwa l0 Milliarden Mark erhöht haben. Viel schwieriger ist es nun freilich, bezüglich des Silbers zu einer ähnlichen Schätzung zu gelangen. Betrachten wir zunächst die Aussichten der Produktion, so müssen wir vor allem hervorheben, daß bisher noch immer die Voraussagungen über das Maß der Abnahme aus Anlaß des Preisfalls zu Schanden geworden sind. Wer hätte geahnt, daß im Jahr des sogenannten Silberkrachs in Nordamerika die dortige Silbergewinnung mit fast 1900 Tonnen nur wenig unter dem 1892 erreichten Maximum geblieben sein würde, und daß 1894, wo das ganze Jahr über der nahezu gleichmäßig niedrige Preis von 85,4 Mark per Kilogramm herrschte, gleichwohl die Produktion der Vereinigten Staaten nur um 18°/„ herabgehen würde. Unter Fachleuten herrscht darüber gar kein Zweifel, daß diese Abnahme nicht etwa Folge von vorhergegangenem Raubbau, sondern nur im Preisfall begründet ist und — 26 — daß schon eine kleine Steigerung des Silberpreises die Produktion in Nordamerika wieder auf den Stand von 1892 heben würde, und daß ein Preis von 180 Mark per Kilogramm die Produktion noch sehr viel darüber hinaussteigern würde. Das Silber ist im Boden vorhanden, es kommt nur darauf an, in wie weit es sich lohnt, es zu holen. Eine andere Frage ist freilich, ob im Jahr 1894 bei der Produktion von 5200 Tonnen schon alle die Silbergruben zu produzieren aufgehört haben, welche bei dem herrschenden Preis nicht mehr bestehen können. Es ist wohl möglich, daß bisher noch manche mit Verlust gearbeitet hat in der Hoffnung auf bessere Zeiten und daß vielleicht, wenn der jetzige Preis auf die Dauer bestehen bleibt, die Weltproduktion auf 4500 Tonnen herabgeht. Diese Zahl halten wir aber für die äußerste Grenze. Es ist hierbei namentlich zu berücksichtigen, daß gegenwärtig die Produktion von Nordamerika, eines Teils von Mexiko, diejenige von Australien und vollends die von Europa hauptsächlich auf der Verarbeitung horizontaler oder schwach geneigter Lagerstätten beruht, aus denen das Silber gemeinschaftlich mit anderen Metallen, hauptlich mit Blei, Kupfer und Zink sowie mit Chemikalien wie Schwefelsäure, Soda, Vitrivlsalze und dergleichen gewonnen wird. Diese Verbindung bewirkt eine gewisse Stetigkeit der Produktion unabhängig vom Preis, umsomehr als jene Lager überaus nachhaltiger Natur sind. Wenn wir also 4500 Tonnen als das Minimum der Produktion ohne Bimetallismus betrachten, so würden die Aussichten ganz anders, wenn es den Agitationen der Bimetallisten gelingen würde, den alten Preis von 180 Mark per Kilogramm wieder herzustellen. Zwar in Europa würde die Steigerung kaum merklich sein und jedenfalls nur sehr langsam eintreten. Sonst überall aber würde eine große Bewegung in der Berg- und Hütten- Industrie der silbererzeugenden Länder eintreten. Von den Vereinigten Staaten haben wir schon gesprochen, aber der Schwerpunkt liegt in Mexiko und Bolivia, wo nach dem Urteil aller Sachverständigen, auch der bimetallistisch gesinnten, noch ungeheure Schätze zu heben sind. Es wird zwar von jener Seite behauptet, daß in diesen Ländern der Silberpreis keinen Einfluß auf die Produktionskosten habe, aber niemand wird leugnen können, daß der Reinertrag der Silberwerke schießlich in Goldwerten seinen Ausdruck finden, muß und daß daher der steigende Goldpreis des Silbers in weitestem Umfang europäisches und nordamerikanisches Kapital zur Anlage in Silberbergwerken heranziehen wird. Die Produktionsvermehrung, welche hieraus und aus der Ausbeutung ärmerer Erze resultieren wird, läßt sich freilich kaum schätzen, aber eine Erhöhung der Produktion, welche bei einem Preis von 85 bis 105 Mark schon über 5000 Tonnen betrug, auf 7000 Tonnen bei einem Preis von 180 Mark dürfte keine übertriebene Annahme — 27 — sein, wobei es selbstverständlich ist, daß diese Höhe der Produktion nicht sofort, sondern erst eine Reihe von Jahren nach Abschluß der bimetallistischen Konvention zu erwarten wäre. Wenn wir daher eine Zukunft von 20 Jahren ins Auge fassen wollen, so wird die Annahme einer Produktion von durchschnittlich 6000 Tonnen unter der Herrschaft des Bimetallismus sicherlich nicht übertrieben sein. Der mutmaßliche Verbrauch von Silber ist fast noch schwerer zu schätzen als die Produktion, da wir die Entwicklung des Bezugs von China und Indien so wenig voraussehen können. Im Jahre 1894 hat der ganze asiatische Export nach O. Haupt 2712 Tonnen betragen, wovon aber nur 649 Tonnen auf Indien kommen sollen. In der Periode 1854—1874, also zur Zeit des teuren Silbers, berechnet sich der indische Silberimport im Durchschnitt zu etwa 880 Tonnen, von 1875—1894. also in der Zeit des billigen Silbers zu 950 Tonnen. Es ergibt sich aus diesen Zahlen, daß außerordentliche Umstände — der indische Aufstand und der nordamerikanische Bürgerkrieg in der ersten Periode — das zu erwartende dem Fallen des Silberpreises entsprechende Steigen der Ausfuhr beeinträchtigt haben. Wie nun der weitere Verlauf sein wird, ist um so zweifelhafter, je mehr China an Wichtigkeit in den Vordergrund rückt. Immerhin ist auch hier im großen ganzen anzunehmen, daß die aufgenommene Menge Silber bei höherem Silberpreis niedriger ausfallen wird, da es schließlich doch darauf ankommt, welche Wertsummen die ostasiatische Bevölkerung auf Silber oder auf andere europäische oder nordamerika- nische Erzeugnisse verwenden will und kann. Der Verbrauch der Industrie an Silber in den Ländern der westlichen Kultur wird von Preston für 1893 wie folgt geschätzt: Ver. Staaten von Nordamerika . 184.570 Frankreich.......... 120.000 „ Deutschland......... 100.000 ,. England.......... 80.000 „ Schweiz.......... 60.000 ,. Belgien und Holland..... 24.000 „ Oesterreich-Ungarn...... 30.000 .. Rußland.......... 32.000 ,. Andere Länder........ 40.000 „ 662.000 O. Haupt nimmt für 1894 rund 700 Tonnen, Arendt jedoch 1000—1500 Tonnen an. Auch dieser Verbrauch wird sich natürlich ganz anders entwickeln, je nachdem das Kilogramm Silber 80—90 oder 180 Mark kostet. Im ganzen wird es eine billige Annahme sein, wenn wir für die nächsten 20 Jahre unter dem Regime der Goldwährung den asiati- — 28 — scheu Verbrauch zu 3000 Tonneu und unter dem Regime der Doppelwährung mit der Wertrelation 15^/s: 1 einen solchen von 1500Tonneu jährlich annehmen. Bei dieser letzteren Annahme ist noch mehr als bei ersterer auf die fortschreitende Entwicklung des Edelmetallverbrauchs von Asien Rücksicht genommen, da neben dem doppelt so teuren Silber Gold in höherem Maße als unter oer Herrschaft der Goldwährung importiert werden würde. Bezüglich des industriellen Verbrauchs der westlichen Verkehrswelt halten wir — diesmal im Einklang mit Arendt — unter der Herrschaft der Goldwährung ein Anwachsen auf durchschnittlich 1500 Tonnen nicht für unwahrscheinlich, wogegen im Fall der Doppelwährung 1000 Tonnen schon sehr hoch gerechnet sein dürften. Während wir also im ersteren Fall die Hoffnung hegen dürften, daß die Produktion sich mit dem asiatischen und industriellen Verbrauch annähernd unter dem jetzigen oder einem etwas niedrigeren Preis ins Gleichgewicht setzen wird, hätten wir nach Annahme der internationalen Doppelwährung einen Ueberschuß von 3500 Tonnen Silber jährlich oder in 20 Jahren von 12,6 Milliarden für monetäre Zwecke in Aussicht zu nehmen. IV. Ist bei der Doppelwährung eine Geldentwertung zu befürchten? Nachdem die bimetallistische Forderung sich immer mehr dahin zugespitzt hat, daß der internationale Vertrag auf Grund des alten Wertverhältnisses von 15^/s: 1 abgeschlossen werde, läge es nahe, die Unmöglichkeit der Aufrechterhaltung eines solch unnatürlichen Verhältnisses zu beweisen. Es gehört dies jedoch nicht zu den besonderen Aufgaben dieser Schrift. Nur weil die Bime- tallisten immer wieder fragen, wo denn die gefährlichen Silbermassen, von denen die Vertreter der Goldwährung sprechen, herkommen sollen und wo unser Gold dann hingehen könne, sei darauf hingewiesen, daß sowohl in Indien wie in Nordamerika Milliarden von Silber liegen, deren Eigentümer eine solch günstige Gelegenheit, sie gegen Gold loszuwerden, gerne ergreifen werden. In Indien wird von feiten der dortigen Krösusse das Gold immer noch so hoch geschätzt wie je, und die Sitte ist in dieser Beziehung nicht so stabil, daß eine Aenderung der Nachfrage bei einer Aenderung des Preises nicht in Betracht käme. Indien, welches in der Zeit von 1854—1890 mehr als 2 Milliarden Mark Gold absorbiert hat, würde also in sehr bedeutendem Maße als Goldkäufer auftreten. In Nordamerika aber wird man jede Gelegenheit ergreifen, die 2 Milliarden Mark Silber des Staatsschatzes gegen Gold umzu- — 29 — tauschen, denn einen vernünftigen Zweck (d. h, einen Vorzug vor dem viel bequemeren Gold) haben dieselben nicht, da das amerikanische Publikum sich beharrlich weigert, mehr als 550 Millionen Mark Silber in den Verkehr aufzunehmen. Wenn nun außer diesen beiden beständig drohenden SilberzuMssen innerhalb 20 Jahren noch 12 Milliarden Mark neuer Produktion hinzukommen, so ist weder die Silberüberschwemmung noch die Goldentziehung sehr fern liegend. Im übrigen liegt es uns viel näher, die Frage zu untersuchen, ob die 10 Milliarden Gold und die 12 Milliarden Silber, welche die westliche unter einem Währungsbnnd vereinigte Verkehrswelt innerhalb 20 Jahren aufzunehmen haben würde, also eine Geldvermehrung in dieser Zeit von fast 100°/° nicht bedeutend genug wären, um eine Geldentwertung befürchten zu lassen. Wir sind hiemit an der Stelle des Währungsproblems angelangt, wo wir uns darüber zu erklären haben, in wie weit wir es für erwiesen erachten, daß eine starke Vermehrung des Geldvorrats der Welt eine Geldentwertung zur Folge hat. Es ist ja richtig, daß man heute in der Wissenschaft nicht mehr ein unmittelbares Verhältnis der Preise zur vorhandenen Geldmenge (sog. Quantitätstheorie) anerkennt. Nur in einfacher Wirtschaft wirkt Metallvermehrung direkt auf die Preise, in der heutigen Kreditwirtschaft kann dieselbe schon wegen der Bankdeckung, welche sich erfahrungsmaßig in sehr weiten Grenzen bewegen kann, nur mittelbar wirken. Diese Verhältnisse werden aber hinlänglich berücksichtigt, wenn wir an der Hand unserer 400 Jahre umfassenden Produktionskurven die Beziehung der Produktionsänderung zu der Geldwertveränderung in großen Zügen betrachten. Wir nehmen daher von vornherein an, daß eine sehr allmählich ansteigende Kurve keine Geldentwertung vermuten läßt, da in diesem Falle zu erwarten ist, daß der Geldbedarf entsprechend der Geldproduktion steigt. In gleicher Weise können die Fälle eines raschen Steigens und ebenso raschen Fallens nicht in Betracht kommen, da in solchen Fällen die Ausgleichung von selbst kommt. Sehen wir nun unsere einen Zeitraum von 400 Jahren umfassende Edelmetallwertkurve hierauf an, so werden wir überhaupt nur zwei Fälle finden, in welchen von vornherein eine Periode der Geldentwertung als wahrscheinlich betrachtet werden kann. Der eine Fall ist die Steigerung, welche um das Jahr 1520 beginnt, bis 1550 ungemein rasch vor sich geht, dann langsam bis 1600 sich fortsetzt und dann ganz allmählich wieder in ein Sinken umschlägt. Den zweiten Fall bildet die Steigerung um das Jahr 18-18, dieselbe erreicht schon 1853 einen vorläufigen Höhepnnki, erleidet dann eine kleine Stockung, ist aber seit 1885 von neuem in starkem Steigen begriffen und das Ende der Steigerung ist vorläufig noch nicht abzusehen. Der erste Fall ist durch die plötzlich erscheinende Silberaus- beute iu Mexiko und Bolivia, der zweite durch die ebenso plötzliche Goldausbeute iu Kalifornien und Australien veranlaßt. Beide - 30 — Fälle haben unverkennbare Analogieen. In der Mitte des 16. Jahrhunderts ist die Silberproduktion der Welt plötzlich von 90 im Jahr 1545 auf 311 Tonnen im Jahr 1560 und die gesammte Edelmetallproduktion in dieser Zeit von 42 auf 100 Millionen Mark gestiegen und der Edelmetallvorrat der Welt hat sich von 1520—1060 von etwa 3 Milliarden auf 9 Milliarden erhöht (wobei etwa 3 Milliarden für die asiatische Ausfuhr abgerechnet sind). In der Mitte des 19. Jahrhunderts dagegen hat sich die Goldproduktion gegenüber der vorhergehenden 20 jährigen Periode von etwa 25 auf 200 Tonnen im 20 jährigen Durchschnitt und gleichzeitig die Silberproduktion von 700 auf 1000 Tonnen erhöht und der Edelmetallvorrat der Welt hat sich in den 50 Jahren 1845—1895 nach Abrechnung der asiatischen Ausfuhr von etwa 38 auf 64 Milliarden Mark erhöht. Wenn also grundsätzlich zugestanden wird, daß in diesen beiden hervorragenden Fällen die Vermehrung der Edelmetallproduktion eine Entwertung des Geldes hervorgerufen hat, so läßt sich auf Grund dieser Zahlen schon im voraus sagen, daß die Entwertung des Geldes im 19. Jahrhundert trotz der viel größeren Produktionsvermehrung nicht so bedeutend sein kann wie diejenige, welche sich im 16. und 17. Jahrhundert abgespielt hat, und welche nach den neuesten Forschungen etwa mit dem Jahre 1520 in Spanien begann und ums Jahr 1660 in England zur Ruhe kam. Der bekannte Nationalökonom Helferich hat schon im Jahr 1843 überzeugend nachgewiesen, daß die letztgenannte Geldentwertung etwa 150 °/o betragen habe und als Folge der amerikanischen Silberausbeute anzusehen sei. Auch neuere Forscher kommen zu demselben Resultat. Eben erst hat Dr. Georg Wiebe in einem ausführlichen Werke die vorliegende Frage von Neuem geprüft und kommt zu dem Schlüsse, daß die Geldentwertung, welche in der Zeit von 1520—1660 vor sich gegangen ist, in Spanien, in Sachsen und in England nahezu Zweidrittel, in Frankreich, im Elsaß und in Westfalen etwa die Hälfte betragen hat, und daß der einzige Grund derselben in der Vermehrung der Edelmetallproduktion liegt, da alle andern zeitweilig mitspielenden Ursachen teils lokaler, teils vorübergehender Natur waren. Es ist nun natürlich unmöglich, aus dem 300 Jahre früher entstandenen Resultat auf ganz entsprechende Folgen der Edelmetallvermehrung in unserer Zeit zu schließen. Obwohl auch damals der Geldbedarf infolge des neuerschlossenen überseeischen Verkehrs und der neuen Kolonisationen sehr bedeutend gewachsen sein muß, so ist es doch an sich wahrscheinlich, daß in unserer Zeit der Geldbedarf durch die Entwicklung des Eisenbahnnetzes und der Großindustrie auf den Kontinenten von Europa und Amerika, die Kolonisation von Kalifornien und Australien, die beginnende Einbeziehung von Indien und Ostasien in die europäische Geldwirtschaft — 31 — u. a, auch verhältnismäßig mehr gewachsen ist als vor 300 Jahren, und es ist daher nicht wunderbar, daß bis jetzt, wo die Periode der vermehrten Edelmetallproduktion noch nicht halb so lange in Wirksamkeit ist, wie damals und wo der Geldvorrat der westlichen Kulturwelt erst um 68°/« gestiegen ist gegenüber einem Steigen von 200 °/o in der damaligen Periode die Geldentwertung unserer Zeit keine so große sein kann wie damals. Gleichwohl wurde die Thatsache einer solchen bis vor kurzem von den Nationalökonomen in Deutschland allgemein anerkannt, z. B- Prof. Cohn in Göttingen giebt dieselbe in seinem 1885 erschienenen Lehrbuch ohne allen Vorbehalt zu etwa 20°/o an. Erst seit dem Anschwellen der bimetallistischen Agitation wird dieselbe nnn vielfach geleugnet und sogar von einer Geldverteuerung gesprochen. Wir werden diese Behauptung im nächsten Kapitel noch besonders besprechen und wollen hier nur darauf hinweisen, daß unsere Produktionswertkurve auch in dieser Beziehung zur richtigen Spur führt. Es zeigt sich in derselben, ganz besonders, wenn wir die im Jahr 1853 erreichte scharfe Spitze zur Ausgleichung der darauf folgenden Einsenkung verwenden, deutlich, daß in der That von 1870 bis 1885 eine Stockung des Fortschritts der Edelmetallproduktion stattgefunden hat. Es ist also wohl möglich, daß in dieser Zeit auch die in den vorhergehenden 20 Jahren entstandene Geldentwertung wenigstens in den Ländern, welche den Goldstrom zuerst aufgenommen haben, also namentlich in England, wieder durch eine Periode der Geldverteuerung zum teil oder ganz zu nichte gemacht worden ist. Aber angesichts der von 1885 an neu eingetretenen Steigung der Wertkurve kann dieser Umstand nur von kurzer und lokaler Bedeutung sein. Im ganzen wird jeder Unbefangene aus der Betrachtung der Wertkurve den Eindruck gewinnen, daß wir uns in einer Periode der Geldentwertung befinde n müssen, wenn Europa uud Nordamerika fortfährt, gleichzeitig beide Edelmetalle als Wertmesser zu benützen. Diese Geldentwertung müßte umso stärker werden, wenn die Silber- Produktion und damit auch die gemeinschaftliche Wertkurve der Edelmetalle durch die Art und Weise der Feststellung der Wertrelation noch weiter gesteigert würde. Wenn nun von den Bimetallisten behauptet wird, daß der Steigerung der Edelmetallproduktion eine ebenso große Steigerung des Geldbedarfs gegenüberstehe, so ist diese Meinung wenigstens, was die Zukunft betrifft, ganz unhaltbar. Die Periode der großen Verkehrsentwicklung, die Periode der Besiedlung ganzer Kontinente liegt im Wesentlichen hinter uns. Die Kolonisation Südafrikas läßt sich mit der vom Westen Nordamerikas und der von Australien nicht vergleichen. Die Entwicklung Ostasiens wird den Geldbedarf der Handelswelt nur sehr langsam steigern, und in Europa und Nordamerika ist schon durch das Anwachsen des Abrechnungsverkehrs dafür gesorgt, daß eine große Vermehrung des Geldbedarfs nicht eintreten wird. Eine in Aussicht stehende Geldvermehrung von 22—23 Milliarden innerhalb 20 Jahren wird daher ohne Zweifel zum großen Teil dazu dienen, den Geldwert wesentlich zu verringern, mit anderen Worten: die von den Bimetallisten manchmal geleugnete, von der überwiegenden Mehrzahl ihrer Anhänger aber offen oder heimlich sehnlichst gewünschte Geldverschlechterung würde sicherlich kommen, wenn der bimetallistische Weltvertrag zur Wahrheit würde. V. Ist bei der Goldwährung eine Geld- Verteuerung zu befürchten? Von den Bimetallisten wird gewöhnlich die Frage in den Vordergrund der Erörterung gestellt, ob die erhöhte Produktion des Silbers oder die münzgesetzlichen Maßregeln der europäischen Staaten schuld an dem Preisfall des Silbers sei, und wird dann gewöhnlich die Behauptung aufgestellt, daß nur die letzteren die Kalamität der Silberentwertung veranlaßt haben. Dies sei insbesondere durch die englische Silberkommission von 1889 bewiesen worden. In Wahrheit resümiert dieselbe ihre Meinung dahin, daß „die wahre Erklärung (des Preisfalls des Silbers) in einer Kombination von Ursachen zu suchen ist und nicht einer Ursache allein zugeschrieben werden kann". Zu dieser Erkenntnis hätte es freilich keiner Kommission bedurft, denn es ist an sich klar, daß bei gleichzeitiger Einschränkung der Nachfrage und Erhöhung der Produktion ein bedeutender Preisfall eintreten mußte. Übrigens ist dieser Preisfall keineswegs die Hauptfrage, um die es sich bei dem Währungsstreite handelt. Das Schicksal des Silberpreises ist schließlich Nebensache, die Nachteile der Silberentwertung werden ungeheuer übertrieben: der volkswirtschaftliche Verlust kommt wenig in Betracht, in Deutschland handelt es sich um jährlich 15 Millionen Mark. Der Übelstand der unterwertigen Silbermünzen ist auch nicht so schlimm als man behauptet: die Gefahr der Nachprägung ist bis jetzt immer noch eine bloße theoretische Möglichkeit und der Umstand, daß die Reichsbank mit einem Wertpfand von. entbehrlichen 200 Millionen Mark (der Rest ist nicht entbehrlich) in alten Thalern belastet ist, welches nur 100 Millionen Mark wert ist, fällt bei der hohen Golddeckung der Reichsbanknoten (im Jahr 1894 durchschnittlich 62°/o) wenigstens nicht stark ins Gewicht. Was endlich die Schädigung des Handels mit Ostasien betrifft, so ist der bisherige Hauptfehler, der stete Wechsel des Silberkurses, schon im Laufe des letzten Jahrs höchst unbedeutend gewesen und es scheint sich in der That die Silberpro- — 33 — duktion mit dem Bedarf Ostnsiens und der westlichen Industrie allmählich ins Gleichgewicht zu setzen, so daß der Valuta-Unterschied gegen alle Länder der Goldwährung jedenfalls nicht schlimmer anzusehen ist als derjenige der besser sitnierten Papierwährungsländer. Ueberhaupt darf nie vergessen werden, daß der Handel Deutschlands mit den Silberländern in Ein- und Ausfuhr nur 4 °/o des gesamten Handels beträgt und zur Zeit der Doppel- bezw. Sil- berwähruug in Europa noch viel geringer war. Was endlich die kürzlich lebhaft hervorgetretene Meinung betrifft, daß der billige Silberpreis schon wegen der drohenden industriellen Konkurrenz von China müsse hintangehalten werden, so scheint es uns unmöglich, daß die billige industrielle Arbeit der Chinesen, falls sie wirklich Thatsache ist, durch irgend eine Währungsmaßregel unschädlich gemacht werden kann. Also die Silberfrage bleibt stets Nebensache. Die Hauptfrage ist vielmehr: „Ist durch die Goldwährung die Stabilität des Wertmessers" gestört worden? Hat bereits eine Goldverteuerung stattgefunden oder ist eine solche in Aussicht zu nehmen?" Wären diese Fragen zu bejahen, so wäre allerdings ein bedeutendes Argument gegen die Goldwährung vorgebracht, und wenn weiter bewiesen würde, daß bei der Goldwährung die Hoffnung auf eine allgemein giltige Weltwährung für alle Zeit aufzugeben wäre, so wäre dies ein zweites Argument gegen dieselbe. Glücklicherweise können aber eben diese Fragen alle mit Entschiedenheit verneint werden. Stellen wir die Frage voran, ob jetzt schon eine Goldverteuerung stattgefunden hat, so pflegt man von bimetallistischer Seite zur Begründung der Bejahung die sogenannten Sauerbeck- schen Indexziffern anzuführen, durch welche bewiesen sein soll, daß die Warenpreise des Großhandels bis zum Jahr 1892 annähernd in gleicher Weise einem Niedergang unterworfen gewesen seien wie das Silber. Man folgert hieraus, daß eine entsprechende Wertsteigernng des Goldes und nicht eine Wertverminderung des Silbers vorhanden sei. Dem Umstand, daß gerade diese Waren (es sind dabei nur diejenigen Artikel berücksichtigt, deren Produktion oder Einfuhr in England den Wert von 20 Millionen Mark übersteigt) durch Verbilligung der Technik und des Transports billiger werden mußten, wird weiter keine Rechnung getragen, ebensowenig wie dem Umstand, daß eine Verteuerung des Goldes beim Arbeitslohn nicht nachzuweisen ist, vielmehr letzterer wenigstens in Deutschland entschieden gestiegen ist. Viel wichtiger als die Preisvergleichung von Warengattungen, welche immer ungenau bleiben muß, weil die Gattungen selbst in der Mehrzahl nicht gleich bleiben, ist immerhin die Thatsache, daß im großen und ganzen keine Verbilligung des Lebens, sondern eine Verteurung eingetreten ist. In Deutschland wenigstens wird das am Währnngsstreit unbeteiligte Publikum nie den Theoretikern Glauben beimessen, welche ihm vorreden, daß 3 — 34 - seit Einführung der Goldwährung bis Ende 1894 das Leben bei gleichen Ansprüchen um 40 °/o billiger geworden ist, wie es nach den Sauerbeckschen Indexziffern der Fall sein müßte. Nehmen wir nun auch unsere geschichtliche Betrachtung der Geldwertänderung wieder auf, so findet sich im ganzen bisherigen Gang derselben, soweit sie statistisch faßbar ist, kein ebenso deutlich und unbestritten nachgewiesener Fall der Geldwerterhöhung, wie wir einen solchen der Geldentwertung gefunden haben. Betrachten wir unsere Wertkurve, so finden wir in der 100 jährigen Periode von 1620—1720 zwar eine kleine Einsenkung, welche eine Geldverteurung vermuten lassen könnte. In der That ist auch in der Zeit nach 1660 eine Periode billiger Preise in Mitteleuropa zu konstatieren, aber die Änderung war doch verhältnismäßig unbedeutend und ging so langsam vor sich, daß hiedurch keine Störungen der Volkswirtschaft entstanden. Gehen wir aber weiter, so finden wir allerdings eine stärkere, aber'kürzer dauernde Senkung der Wertkurve in den Jahren 1810—1848, welche ihren Tiefpunkt im Jahr 1825 hat. In dieser Zeit war die Silberproduktion von 900 auf 450 Tonnen und die Goldproduktivn von 18 auf 14 Tonnen heruntergegangen und der Jahreswert der Edelmetallgewinnung von 240 auf 121 Millionen Mark. Dies war das Resultat der Revolutionen in Mexiko und Südamerika. Man könnte nun meinen, eine derartige Verringerung der jährlich produzierten Edelmetallinenge auf weniger als die Hälfte innerhalb 15 Jahreu müßte eine ziemliche Revolution in den Geldwertverhältnissen hervorgebracht haben. Gleichwohl ist dies nicht der Fall gewesen und es hat dies seinen Grund ohne Zweifel darin, daß in dieser Periode das Papiergeld in Europa eine große Rolle zn spielen anfing. Das mangelnde Edelmetall wurde durch Kreditwerte ersetzt nnd dadnrch eine Revolution des Geldwerts unbewußt vermieden. Übrigens dauerte die Periode auch nicht lange, da schon im dritten und noch mehr im vierten Jahrzehnt des Jahrhunderts die Goldnot durch die sibirischen und die Silbernot durch die chilenischen Funde gehoben wurde. Wie wenig aber in unserer Zeit von einer durch die „Aechtung" des Silbers veranlaßten Geldnot gesprochen werden kann, ergibt sich ans folgender Zusammenstellung: In der Zeit, wo im festländischen Europa der Bimetallismus und die Silberwährung herrschte, und wo der Goldstrom so reichlich floß, daß man eher das Gegenteil als einen Mangel an Edelmetall befürchtete — in den Jahren 1856—60 stellte sich die Rechnung wie folgt: die Goldproduktion betrug durchschnittlich im Jahr 202 und die Silberproduktion 905 Tonnen, dagegen der industrielle Goldverbrauch 70 und der industrielle Silberverbrauch 400 Tonnen. Es blieb also ein Edelmetallwert von 459 Millionen Mark übrig. Hievon absorbierte Indien 265 Millionen, der westlichen Verkehrswelt blieben also nur 194 Millionen Mark für Geldzwecke übrig. — 35 — In der Zeit des tiefsten Stands der Goldproduktion, im Jahr 1834, wo in Mitteleuropa zwar die Goldwährung eingeführt war, dagegen in Nordamerika unter der Blandbill der Silberbedarf vorherrschte, betrug die Goldproduktion 145, die Silberproduktion 2746 Tonnen. Damals wurde der industrielle Goldverbrauch zu 90 und der industrielle Silberverbrauch zu 515 Tonnen geschätzt. Es blieb also ein Edelmetallwert von 555 Millionen Mark übrig, wovon Indien 233 Millionen beanspruchte. Der westlichen Berkehrswelt blieben also 322 Millionen Mark zu Geldzwecken zur Verfügung. Im Jahr 1894, dem ersten, in welchem die westliche Verkehrswelt mit geringen Ausnahmen kein neues Silber zu Geldzwecken verbrauchte, betrug die Goldproduktion 267 und der industrielle Goldverbrauch 100 Tonnen. Da Indien keinen Anspruch an das Gold machte, so blieb für Geldzwecke 167 Tonnen oder 466 Millionen Mark allein an Gold übrig. Auch wenn wir den Durchschnitt der Jahre 1890—1894 zu Grunde legen, so blieben nach Abzug des indischen Bedarfs jährlich 326 Millionen Mark in Gold übrig. Wir sehen also, daß trotz der „Ächtung des Silbers" das für monetäre Zwecke erforderliche Metall jedesmal in steigendem Maße zu Gebot stand. Für die nächsten 20 Jahre haben wir bereits im vorigen Kapitel die Vermehrung der Goldmünzen jährlich auf eine halbe Milliarde veranschlagt, so daß nach Verfluß derselben der Welt etwa 26 Milliarden Gold in Münzen oder Barren zur Verfügung ständen neben einer beliebigen Menge von Silber zu Scheidemünzen. Sollte nun eine solche Vermehrung in der That unzulänglich sein? Wenn es so wäre, so wäre immer noch keine Geldverteurung, sondern höchstens eine Vermehrung des Kreditgeldes, eine minder vollkommene Deckung der Banknoten die Folge; aber der Betrag wird überhaupt nicht unzulänglich sein. Die Bimetallisten vergessen so häufig, daß eine vollkommene Metallzirkulation nur in Staaten mit sehr geordneten wirtschaftlichen Verhältnissen aufrecht erhalten werden kann, und daß der Weg dahin für die Staaten ein sehr langer ist. Die Metallzirkulation erfordert sehr große Mittel und es macht keinen Unterschied, ob Gold oder Silber hiezu angeschafft werden mnß. Für ein junges Kulturland sind zunächst Eisenbahnen und Fabriken viel wichtiger als eine Metallvaluta, und wiederum sind politisch stetige Verhältnisse, ein geordneter Staatshaushalt, regelmäßige Zinszahlungen wichtiger als große Metallreserveu. Wenn wir die Staaten Revue passieren lassen, welche in den nächsten 20 Jahren möglicherweise zu einer Metallvaluta gelangen können, so, sind es jedenfalls nicht viele. Man wird glauben können, daß Österreich-Ungarn und Rußland, wenn sie in der bisherigen vorsichtigen Weise fortfahren, zur Goldwährung kommen werden, bei Italien wird man schon zweifelhaft sein — 36 — und bei Spanien und Portugal, bei Griechenland wird schon gar keine Rede von Metallwährung sein können, ebenso mit wie ohne Doppelwährung. Gehen wir über das Meer, so wird Mexiko bei der Silberwährung beharren, das kleine Chile muß Glück haben, wenn es seinen kühnen Versuch der Goldwährung durchführen kann, bei Brasilien, Argentinien, Peru, Columbia ist es durchaus unglaublich, daß sich diese Staaten von der Papierwährung so rasch losmachen können. Es bleibt also nur Indien als nächster Kandidat übrig; natürlich kann auch hier in den nächsten 20 Jahren noch nicht von der vollständigen Durchführung der Goldwährung die Rede sein, aber nicht wegen Mangels an Gold, sondern weil Indien wirtschaftlich nicht in der Lage sein wird, so viel für seine Währung aufzuwenden. Es wird sich also mit dem Anfang der Ansammlung eines goldenen Bank- oder Reichsschatzes begnügen müssen, und dazu wird, falls das hiezu nötige Gold nicht aus bereits vorhandenem indischem Besitz beschafft werden kann, ein kleiner Teil jener 10 Milliarden hinreichen, um welche in der betrachteten Periode der Münzvorrat der Welt uuter der Herrschaft der Goldwährung zunehmen wird. Der übrige Teil wird reichlich für die Stärkung der Goldwährung in den Vereinigten Staaten, für die wirkliche Einführung derselben in Österreich-Ungarn, iu Rußland, eventuell auch in Italien und für die neuen Geldbedürfnisse in Südafrika hinreichen. Man bedenke nur, mit wie wenig Gold die Staaten mit guten Kreditverhältnissen ausreichen! Dies zeigt Holland, welches mit Einschluß seiner Kolonien mit etwa 100 Millionen Mark Gold auskommt, ebenso Skandinavien und die Schweiz, nicht zu rechnen Kanada, welches die Goldwährung fast ohne Gold aufrecht erhält. Und dann ist es ja nach Verfluß jener 20 Jahre noch lange nicht aus mit dem Goldzufluß. Kurzum es ist nicht abzusehen, warum nicht auch künftig wie bisher jedes Land, welches in der Lage sein wird, überhaupt für eine Metallvaluta die nötigen Aufwendungen zu machen, die Goldwährung sollte einführen können. Unsere Betrachtung der Produktionsverhältnisse führt uns also immer wieder zu dem Resultat, daß die Doppelwährung gefährlich ist, weil sie eine Geldentwertung mit den Folgen der tiefgreifendsten plötzlichen Verwirrung herbeiführen würde, und daß sie überflüssig ist, weil die Goldwährung alle vernünftigen Wünsche, welche man von einer Währuug erwarten kann, zu erfüllen in der Lage ist. -X-MW^ ' ' Truck von A, Bonz' Erben in Stuttgart. Die Herausgabe der vorliegenden Schrift erfolgte durch den Verein zum Schuh der deutschen Goldwährung.^ Früher sind bereits erschienen als Heft i. Karl Helfferich, Die Währungsfrage. 2. Aufl. Preis 50 Pf. Heft 2. F. Thorwart: „Soll Deutschland seine Goldwährung Mlfgelien?" 2. Aufl. Preis 50 Pf. Heft 3. Helffei ich: „Währung und Landwirtschaft." Preis 50 Pf. Im Anschluß an obige Broschüren ist eine Reihe weiterer Abhandlungen, die Hauptpunkte der vielseitigen Währnngsfrage berührend, in gemeinverständlicher Darstellung in Vorbereitung, und zwar: Hcft 5, Dr. Hans Klescr: „Was Kann die Doppelwährung der deutschen Landwirtschaft helfen? Hcft s, „Deutschlands Industrie und die Goldwährung." Heft ?, „Die Prophczcihnngen der Simetallisten." Ferner sollen beispielsweise herausgegeben werden: ein Leitfaden (^LL oder Materialien zu einem Katechismus der Währnngsfrage); eine Anleitung zu einem Vortrag über die Währung (Disposition, statistische Thatsachen, Litteratur, endlich als Muster ein Vortrag selbst); ein Lexikon über die Stichmorte; ausgewählte Schriften (z. B. der Autoritäten in der Währnngsfrage, Schilderungen der Folgen früherer Gcldwcrtschwankimgen u. s. w.). ^) Beitrittserklärungen zu dem Verein zum Schutz der deutschen Golö- Währung, dessen Mitglieder vbige Publikationen gratis erhalten, sind an Herrn Professor Dr, Hub er, Stnttgart, zu richten. (Mitgliedsbeitrag MM 2.-^>.