Ä ss^^IWs« » D M ^ N D l ' N - M ^ W M ^ U ^ K ^ ^ ^ UM WWMW Charakteristiken von Ludwig Bamberger. Berlin Rosenbaum 6c 1894, Inhalts - Verzeichnis. Seite Vorwort.............. 1 Adam Lux.............. 3 Moriz Hartmann............ 41 Reminiscenzen an Napoleon III....... 49 Eduard Laster............ 87 Lasters Briefwechsel aus dem Kriegsjahre . , , 117 Zur Erinnerung an Friedrich Kapp . ' . . , , 127 Karl Hillebrand............ 137 Heinrich von Treitschte.......... 171 In Ferienstimmung........... 213 Heinrich Hombergers Essays....... . 227 Ernst Renan............. 237 Adolph Soetbeer............ 2ö1 Arthur Chuquet............ 263 Otto Gildemeister............ 309 Uorwort Oft und seit längerer Zeit an mich herangetretenen Anregungen und Wünschen, mehr als meinem eigenen Urteil, folgend, lasse ich zunächst in diesem Bande eine Sammlung älterer und neuerer Studien über einzelne Persönlichkeiten veröffentlichen. Ein jüngerer sachverständiger Freund hat sich aus eigenem Antrieb der Mühe unterziehen wollen, die Herausgabe zu leiten und zu überwachen. Von den hier vereinigten Arbeiten ist die früheste über Adam Lux im Jahre 18L6 in französischer Sprache für die L-svus mocierirs (vordem üsviis Zsrro.g,v.iHUs genannt) erschienen und zum Zweck gegenwärtiger Publikation unter meiner Aufsicht ins Deutsche übersetzt worden. Die Mehrzahl bilden Nekrologe, welche beim Hintritt alter Freunde entstanden; von diesen trägt einen besonderen Charakter der über Eduard Lasker, weil er bei der von einer großen Ver- Ludwig Bambergcr'S Ges. Schriften. II. 1 sammlnng veranstalteten Todtenfeier die oratorische Form erhielt. Ohne Zweifel werden die in einem Zeitraum von mehr als fünfundzwanzig Jahren sich aneinander reihenden Gedankenbilder auch die Spuren der sich nicht in allen Stücken gleich gebliebenen Auffassung ihres Verfassers erkennen lassen. Doch bedarf dies keiner Entschuldigung. Berlin, Ende 1393. L. Bamberger. Adam Lux. *) Aus der ..Nsvus Noäsrns". XXXIX. 1. Oktober 1866. 1* I. on jeher haben die heroischen Gestalten der Charlotte Cordan und der Madame Roland die historische Neugierde besonders gereizt. Nun ist aber unter all den Individualitäten jenes wunderbaren Zeitalters sicherlich keine zweite zu finden, die so wie Lux dem Charakter dieser beiden Heldinnen nahe stände. Die drei bilden miteinander gleichsam ein Trio, in welchem die Majorität mit Recht auf Seiten der Frauen ist, da der geineinsame Tnpus in hohem Grade weibliche Eigenart aufweist. Die Ueberzeugungs- treue, für die es kein Kompromiß mit der einmal erkannten Wahrheil giebt, die rückhaltlose Hingebung, der unbedingte Glaube nnd jene abstrakte Auffassung, die ganz unvermittelt in die Wirklichkeit überzutreten begehrt — das alles entspricht der Natur des Geschlechts, welches gewöhnlich dem öffentlichen Leben fernsteht, und, wenn es dennoch zu ihm Eingang findet, eine naive Größe hineinträgt, die dem erfahrenen und bedachten Manne naturgemäß fernliegt. In der Sprache Michelets könnte man sagen, von diesen drei Frauen sei der Mann die jungfräulichste, obwohl er Gatte und Familienvater gewesen. Als die erste französische Republik ihren Vorstoß in die deutschen Rheinlande machte, war hier im Grenzgebiet die große Masse des Volkes — wer die Geschichte jener Tage eingehend studiert, wird sich dieser Wahrnehmung nicht verschließen — den Franzosen und der Revolution keineswegs zugethan. Eine Minderheit, hervorgegangen aus den intelligentesten Schichten der Bevölkerung, war es, welche die Eroberer mit grenzenloser Begeisterung willkommen hieß.'-) In diesen Kreisen war seit Jahren alles daraus vorbereitet, die demokratische Taufe zu em- , pfangen, und die Verschiedenheit der Nationalitäten erschien kaum als ein Hindernis gegenüber dem Problem der Verschmelzung der beiden Rassen. Hierin vor allem weicht die öffentliche Meinung der heutigen Zeit von der damals herrschenden ab; es sei mir darum vergönnt, bevor ich zn den Thatsachen übergehe, einen Augenblick bei der Erklärung dieses Phänomens zu verweilen. In jenen Zeiten des ersten Erwachens war die Freiheit das wahre, das einzige Baterland. Von dieser Höhe aus gesehen, vcrschwaudeu alle Verschiedenheiten des Bodens und der Sprache. Die Menschheit stand in der Fülle der Jugend. Der Jugcud aber ist es eigen, nur mit dem Prinzip bewassnct vorwärts zu gehen; jedes Zugeständnis erscheint ihr moralisch unmöglich. Einem reiferen Alter erst ist es vorbehalten, einzusehen, daß in dieser Welt der endlichen nnd begrenzten Wesen der Fortschritt in der Richtung vom Einzelnen zum Allgemeinen sich bewegt. Der Philosoph, der die Gottheit nicht definieren wollte, weil jede Definition eine Verneinung enthielte, hat damit bloß seinen Atheismus eingestanden. Was existieren will, bedarf vor allen Dingen der Bestimmtheit; je schärfer ein Wesen sich bestimmt, desto mehr behauptet und bethätigt es sich. Der entgegengesetzte Weg sührt nach dem Orient, in die indische Welt, deren Ideal die Anfhebuug der Jndividua- *) Man vergleiche meine Darstellung in der .,Nsvus Aoüsrns" vom 1. September 1865, ..Iss Kvmxatnies transaisss »rix Koräs Sn Rtiin.' lität ist, das Eintauchen derselben in die farblosen Fluten des Weltwesens. Das Abendland hat sich in umgekehrtem Sinne entwickelt, sich durch die Freude am Detail zu immer größerer Mannigfaltigkeit differenziert. So erwuchs die moderne Herrschaft der Natur- und Sozialwissenschaften. Die Wiederbelebung des Nationalitäts-Bewußtseins, welche wir überall mit Händen greifen, gehört in denselben Gedankengang hinein. Sie bedeutet erstlich eine Rückkehr zur Natur, insofern als sie den vorhandenen, auf physiologische Ursachen gegründeten Rassen-Unterschieden das Recht einräumt, sich geltend zu machen. Zweitens liegt für das Individuum, wenn es dahin gelangt, sich stärker zu betonen, die Nötigung vor, mit dem Ideal einer unbestimmten kosmopolitischen Vollkommenheit zu brechen. Die Völker des klassischen Altertums gehorchten diesem Gesetz bis zum Aeußersten, so zwar, daß ein jedes nur seine eigene Nationalität anerkannte und die fremde mit Füßen trat. Dieser Selbstüberhebung hatte ihr Genius jene Kraft zu verdanken, deren Nachwirkungen so gewaltig durch zwanzig Jahrhunderte hindurch bis in unsere eigene Mitte hineinragen. Es ist überflüssig, hinzuzufügen, daß diese Ueber- macht der Persönlichkeit sich nur auf Kosten der Humanitären Empfindungsweise entwickeln konnte, und daß die wahre Lösung des Problems in der Anerkennung des gleichen Rechtes aller jener Nationalitäten besteht, die von verschiedenen Richtungen her dem einen Ziele einer gemeinsamen Kultur zustreben. Indem das moderne Leben seine Oberfläche in ganz anderer Weise ausbreitete als das Altertum, sah es sich genötigt, neue Stützpunkte im Detail zu suchen und in das innerste Wesen aller Dinge tiefer einzudringen. Aus dieseni Grunde sind die chemische Analyse nnd der Gebrauch des - 8 — Mikroskops an die Spitze der Studien getreten: hierauf beruht die Notwendigkeit der demokratischen, mit sozialen Gedanken stark gesättigten Tendenzen; daher schreibt sich der moderne Roman, mit anderen Worten die Herrschaft der subjektiven Dichtungsart, welche das individuelle Prinzip in der Poesie darstellt. Wer vou seiner eigenen Zeit redet, kann nicht umhin, Richter und Partei in einer Person zu sein. Müssen wir gleich unter diesem Vorbehalt zugeben, daß wir um ein Stuck Weges weiter gekommen sind, so bleibt daneben doch die Besorgnis bestehen, wir möchten vielleicht der früheren Generation nicht Zeit genug gelassen haben, ihr Werk zu vollenden. Der Kopf, der mit allgemeinen Ideen erfüllt ist, ist dem Herzen näher und infolge dessen mehr zu starkem und großmütigem Handeln ausgelegt, als die Intelligenz, welche sich an die Thatsachen hält. Wenn wir die offizielle Organisation fast aller Gesellschaften unserer Tage ins Auge fassen, mit ihren Auswüchsen, ihren Gebrechen und Widersprüchen, liegt da nicht der Gedanke nahe, wir seien ein wenig zu srüh gekommen, es wäre für die Enthusiasten und sogar für die Narren der Theorie noch viel zu thun übrig gewesen, um die Ueberbleibsel der feudalen Welt radikal auszurotten? Dies will in Betracht gezogen fein, wenn man einen Schwärmer der Revolutionszeit zu beurteilen unternimmt. Was auf uns lastet, das ist der Widerstreit zwischen unseren Ideen und den Thatsachen um uns her — was uns beim Zurückdenken au unsere Vorgänger rühren sollte, das ist der Anblick, wie die Idee bei ihnen Fleisch wird, wie sie ihr Blut nicht minder freudig als ihre Worte verspritzen. — 9 — II. Adam Lux wurde in dem Dorfe Obernburg bei Aschaffenburg als Sohn eines Landwirts geboren. Sein Landesherr war der Kurfürst von Mainz. Das Datum seiner Geburt ist in den Anfang des Jahres 1766 zu verlegen, nicht 1773, wie die LioZraptiis Universelle angiebt. Lux selber hat es so in seinem Strafprozeß zu Protokoll gegeben, nnd die bei der Familie eingezogenen Erkundigungen bestätigen die Thatsache. Dieselbe ist deshalb nicht glcichgiltig, weil daraus zu entnehmen ist, daß er bei seinem ersten Erscheinen im öffentlichen Leben bereits ein Siebenundzwanzig- jähriger mar, also uicht der junge Thor, der Schüler beinahe, für den man ihn allgemein gelten läßt. Lux war in das Leben so eingetreten, wie Andere es verlassen, mit Neigungen, welche gewöhnlich erst am Schlüsse einer langen Kette von Kämpfen und Enttäuschungen erworben werden. Die Landwirtschaft und die Bücher füllten zu gleichen Teilen sein Dasein ans. Nach beendigtem Studium, mit 19 Jahren, wurde er zum Doktor der Medizin und Philosophie promoviert. Infolge einer tiefen Abneigung gegen die anatomischen Beschäftigungen verzichtete er indessen auf die ärztliche Laufbahn; er nahm eine Stelle als Hofmeister un Hause eines Mainzer Bürgers an, lernte dort eine junge Verwandte der Familie Namens Sabine Reuter kennen und vermählte sich bald darauf mit ihr. Kaum ist er verheiratet, so denkt er nur noch daran, der Stadt zu entfliehen, kauft sich ein kleines Grundstück in dem Dorfe Kostheim, Mainz gegenüber, und widmet sein Leben der Bestellung seines Feldes und seiner Philosophie. Hinter seinem Pfluge herschreitend — so schildert er sich selber — überließ er sich seinen Lieblingsbetrachtungen über das menschliche Schicksal. Welches war nun das Wesen der Lehren, die sich dieses Geistes bemächtigt hatten? Es ist nicht zu bezweifeln, daß er in Übereinstimmung mit dem größeren Teile der Führer der Revolution ein begeisterter Anhänger Rousseaus war. Chsron de Villers, der in seiner Biographie Charlotte Cordays bei der Episode „Adam Lux" länger verweilt, als die anderen Geschichtsschreiber, nennt ihu ,,un x>äls rsvsur g,Usmg.ncl st, rni pdilosopds ä'ondrs üdiir". Die hergebrachten Formeln sind immer wohlfeil anzuwenden, wo es sich um das Fremde handelt. Wenn der Mann, der am Schlüsse seines Testaments wünscht, daß man ihm zur Grabschrift setze: „Li-Mt, un clizc-ipls 6e ^sav. ^a^rres" ein Träumer war, so tragen gewiß die Werke Kants nicht Schuld darau; und wenn der Landwirt, der Vater von zwei reizenden Kindern, es bei seinem Leben in sreier Luft fertig brachte, bleich zu sein, so muß die Gewohuheit des Nachdenkens allerdings sehr schädlich auf die Gesundheit einwirken. Für den großen Haufen ist die deutsche Philosophie eine Art metaphysischen Romans, den Hosfmannschen-) nahe verwandt. In Wahrheit läuft uichts den Fähigkeiten eines Träumers so schnurgerade zuwider, wie jene analytische Arbeit, die den Kern der Untersuchungen Kants uud seiner Nachfolger ansmacht. Man könnte jede Wette eingehen, daß dieselben Leute, welche von diesem vermeintlichen Mystizismus mit Verachtung reden, ihrerseits mit mehr oder minder unklaren Ideen über ihr Wesen und Werden angefüllt find, indeß die analytische Beweisführung sich in den denkbar selbstlosesten Forschungen bei Brot und Wasser ergeht. Kein Irrtum ist gröber als der, die angestrengte Arbeit der Abstraktion mit dem freien Spiel der Phantasie zu verwechseln. Demselben Genie, welchem Kants Kritik und Hegels Phänomenv- *) E. T. A. Hoffmann war bei den Franzosen der bekannteste deutsche Romanschriftsteller. logie entsprangen, sind auch jene erstaunlichen Arbeiten auf den Gebieten der Philologie, Archäologie, Chemie und Physiologie zu verdanken, die der deutschen Wissenschaft den Ruhm gesichert habeu, die gewissenhafteste und unermüdlichste von allen zn sein. Lux hat indessen mit diesem Geschlecht von Pionieren nichts zu schaffen. Der im übrigen echt germanische Stamm, welcher das Rheinthal bewohnt, hat, sei es seinem Ursprung, sei es seiner örtlichen Lage nach, etwas Leichtes und Oberflächliches in seinem Charakter, wodurch er sich einerseits vor der Pedanterie seiner Landsleute bewahrte, während es ihm andererseits versagt blieb, den großen Ernst, die edle Tiefe bei sich zn entfalten, welche den Kern des deutschen Wesens bilden; und Lux, wiewohl in einiger Entfernung vom Rheinthal geboren, hatte doch von früh an seinen Geist in dieser Luft genährt und gebildet. Er war dem Studium sehr ergeben, seine Lieblinge waren die alten Klassiker und die Franzosen seiner eigenen Zeit. Aus seinen Briefen, von denen ich einige im Auszuge gebe, geht hervor, daß er sich in der Philosophie einzig Rousseaus System angeeignet und dieses noch dazu besonders von seiner pathetischen und sentimentalen Seite ergriffen hatte. Er trug sich mit Reiseplänen, richtete seine Augen erst auf England, daun auf Italien, mit der geheimen Hoffnung, über Frankreich zurückzukehren; aber seine eigenen Mittel gestatteten ihm die Ausführung dieses Vorhabens nicht, nnd die Verwandten seiner Frau wollten — aus Antipathie gegen alles, was sich damals in Frankreich ereignete, — am wenigsten von einer französischen Reise hören, wie er selbst uns erzählt. Hier folge eine Stelle ans devl Briefe, den er im Mai 1792 an den damals in England weilenden Freund richtete, den er hatte begleiten sollen: „Allein da Sic allein und ohne Frennd sind, so nehme ich es Ihnen gar nicht übel, daß Sic in den Wäldern mit dem Ossiaii herumstreichen; ja in Ihrem Alter und in Ihrer Lage würde ich es selbst gerade cbenso machen: denn die Empfindungen find nicht nur nährender, sondern, zur Bildung eines Mannes, selbst nützlicher als Kenntnisse', ja wenn ein Jüngling nicht bis zu einem gewissen Grad seine Seele durch die Empfindung genährt und gestärkt hat. so kann er sich nie nachher in rcifcrn Jahren jene wahrhast männlichen Kenntnisse eines Rousseau, eine? Cato, eines SocratcS erwerben, die alle den nämlichcn Wcg gingen, von dem ich rede. — Wenn Sie daher bei Ihrer Zurückkunft auch gar nicht Ihre Kenntnisse vermehrt hätten, sondern nur ein Herz mitbringen, das durch die Empfindungen der Natnr belebet nnd gestärkt, fest der wahren Religion und der Tugend ergeben ist, so ist alles gewonnen." Doch muß hinzugefügt werden, daß dieser Mann nichtsdestoweniger wit einem gewissen praktischen Blick für die politischen Angelegenheiten begabt war. Im September 1792, als seine Heimat noch unter der Herrschaft des Kur- fürsteu stand und die Koalition ihr Haupt noch hoch trug, schrieb er an denselben Freund- „Denn ich verspreche mir bis künftigen Frühling Friede; denn ich sehe nicht, wie die unnöthigeu, unüberlegten und intrcssc-widrigen Schritte, und dic schon zum theil gescheiterten Plane fortdauern solltcin ich meines theils glaube, daß dic Fortsetzung des Kriegs eher der franz. Democratie, als den Thronen Europcns nützlich sein werde; und man wird doch nicht so unbesonnen-ehrgeizig sein wollen, daß man dn Iic>ue? tjusl rsiusäe! I^ss uns äs vous raauo^usut äs oouraKS, 1ö8 autrss äs olair-vo^auos. Uli bisu! js äouusrai aux visuiiers. I'sxvmvls äu luepris ä'uns vis äus aux äsvoirs, st aux autrss ^'s äouusrai mou sanA pour Karaut äs uia douus toi äau^ russ rstlsxious ei-jointss..... üsxrsssutauts varisiens! svsillsü- vous, rsvsne^ ä'uus äiseussiou si kunssts.....Hus ,js Zsiuis souvsut sn lisaut Is rseit ä'un Loerats, ä'uu Vuooion. ä'uu ^lsan ^lac^ues Rousseau, outraZss, ealoiuuiss, luöins traäuits ä 1s. wort xour avoir airve 1a vertu st la euoss uudlic^us! Dt luoi, ^j'irais ä ?aris xour voir rsnouvsler äs varsillss sosuss? Noi ^s ^'urs ä'strs lilzre ou äs zuourir. l?ar oousec^ueut, il est Iiis» teiuvs äs ui'su aller. O'ailleurs, ^js erois c^u'il taut äaus ostts eriss uu parsil aots vour äonusr c>uslc>us iiuuulsiou aux autrss. Daut-il sueors uns tois uu Ourtius uour sauvsr 1a olioss puvlic^us! I^s voiei! . . . Nalusursux rspressutants ä'uu vsuvls imiueuss äout 1s Kouusur sst inou äsruisr souuir avs^ Is vouraZs äs vuuir Iss tourdss, äs vsuAsr 1a violatiou äs 1a rsvrsseutatiou nationale, äs sauvsr 1a libsrts ou äs luourir ä luou sxswvls. ^.äaiu Dux, äspute äs Hlavsuos. l?aris, 6. ^uiu 1793. I/au II äs 1a üsuu- oliizus t'rau^aiss. I^ota. ^ss vsux strs sntsrr^, Iiabills ooiuius ^js suis äaus es urowsut, ü Driusnouvills, st ss vris Is oitovsu Airaräiu ä'aArssr ä uia poussiere uus vlaos sur 1a eollins sntrs Is teiuuls äs la vtülosouuie st Is towdsau äs .Isau-^aquss Rousseau, sous I'orudrs ä'uu elisus, au uisä äuo,usl il v aura uus visrrs msäiovrs (sie) (jus l'iusoriution soit siiuulsiusnt: <üi-Ait ^.äaiu I>ux, uu äisoipls äs ^l.-^I. Rousseau."^) *) „Seit zwei Monaten ist meine einzige Beschäftigung gewesen, den Gang eurer Beratungen zu prüscn. Zuerst seufzte ich über eure Diskussionen, über jenen Pcirteigcist, welcher beständig einen jeden veranlaßt, in heftigen Ausfällen dem anderen die redliche Meinung abzusprechen..... Ach! ist ein Curtius von Nöten, der, sich in den Abgrund stürzend, die allgemeine Sache rette? Welch ein Heilmittel! Den Einen unter euch sehlt es an Mut, den Andern an Einsicht. Wohlan! ich will den crstcrcn das Beispiel der Verachtung eines der Pflicht geweihten Lebens geben, und den anderen mein Blut als Bürgschaft der rcdlicheu Meinung, in welcher ich die nach- — 19 — Diese Schrift hat einen Nachtrag unter dem Titel: ,Ms8 rensxiori8 prsssutsss s, 1a Oonvsntiov. rrs.tiov.a1s pvur strs luss 1s isv.Zsio.aiv. cis mg. in ort."'") Durch das bereits Augeführte ist der Leser hinreichend mit Lux's Ideen vertraut gemacht; daher kann ich mir die Einfügung dieses Stückes ersparen und schreibe nur die interessanteste Stelle heraus, weil sie den moralischen Zustand treulich wiederspiegelt, in welchen! sich dieser Neuling im Revolutionsstrudel damals befand: arrivÄirt ?g,ris, il V s, clsux Ivois, ^'lAnorais tont oeln,, ^'iAnorsis estts 1uttt>, est ssxrit cls vs.rti c^ui ctistivAus folgenden Betrachtungen anstelle.....Pariser Volksvertreter erwachet, laßt ab von so verhängnisvollem Streit .... Wie oft seufze ich, wenn ich von einem Socrates, einem Phokion, einem Jcan-Jaqucs Rousseau lese, welche beschimpft, verleumdet, ja selbst zu Tode gebracht wurden, weil sie die Tugend und das Gemeinwohl liebten! — Und ich, ich sollte nach Paris gekommen sein, um > solche Schauspiele erneuert zu sehen? — Ich schwöre, daß ich frei sein will oder sterben. Daher ist es hohe Zeit für mich, aus dem Leben zu gehen. Ucbcrdies glaube ich, daß es in dieser Krisis einer solchen That bedarf, um den anderen einigen Antrieb zu geben. Ist noch einmal ein Curtius von Nöten, um die allgemeine Sache zu retten? Hier ist er!.....Unglückliche Vertreter eines großen Volks, dessen Glück mein letzter Hauch gehört, habet den Mut, die Schurken zu bestrasen, die Vergewaltigung der Volksvertretung zu ahnden, die Freiheit zu retten oder nach meinem Beispiel zu sterben. Adam Lux, Abgeordneter von Mainz. Paris, den 6. Juni 1793, im 2- Jahre der französischen Republik. Anmerkung. Ich will so wie ich in diesem Augenblick gekleidet bin, in Ermcnonville begraben sein und bitte den Bürger Girardin, meinem Staube einen Platz auf dem Hügel zwischen dem Tempel der Philosophie und dem Grabe Jcan-Jaqucs Rousscau's zu gewähren, im Schatten einer Eiche, an deren Fuße sich ein anspruchsloser Stein befinden soll. Die Inschrift sei einfach: Hier ruht Adam Lux, ein Jünger I. I. Rousscau's." -) „Mcinc Betrachtungen, die ich dem Nationalkonvent widme, damit sie dort am Tage nach meinem Tode verlesen werden." 2* — 20 — In, l?lsins äs Is. ^lautStzns. Li ^'svsis SU st prsvu tout SS «zui u merosntilss (sie) ou sAsrss, insitrissit Is. insjorits äs 1» lüou- vsution.....Voisi nies ooussils. II taut svsnt tout: 1) rsv- 1>oi'tsr Is äsvrst cVs.rrssts.tiou äss trsnts-äsux rusrnbi-ss; 2) von- vciousr Iss ssssruvlsss vrimsires; 3) rsiusttrs Iss rsnss äu Avuvsi'nsmsnt sxssutii sux lusins ä'un norniris os.vs.v1s, sür, vsrtusux st rsvuvliss.iu. I?sut-ötrs est uoiurus sst Rolsucl aus ^js n's.i js.ins.is vu (sornrus Lrissot nou ulus.)"^^^ Und er schließt mit einer Mahnung zur Eintracht. Das Ganze ist vom 6. Jnni 1793 datiert. 5) „Als ich vor zwei Monaten in Paris ankam, wußte ich von alledem nichts, nichts von diesem Kampf, diesem Partcigeist, der die Plaine von der Montagne scheidet. Hätte ich alles, was sich von März bis Juni zugetragen hat, wissen und voraussehen können, ich hätte davon Abstand genommen, die Männer meines Landes zur Vereinigung mit Frankreich aufzufordern, bevor noch dieses sich eine Regierung geschaffen.....ich gestehe sogar, daß ich mit jacobinischen Vornrteilen hierhergekommen bin.....bei meiner Auknnft war ich gesonnen, alle Sitzungen der Jacobincr zu besuchen; aber schon die zweite genügte, um mir einen Ekel davor einzuflößen; ich vernahm nichts als Verleumdungen und Scheußlichkeiten....." 55) „Statt alles dies zu finden, sah ich im Tempel der Freiheit selbst eine Handvoll Intriganten, gestützt auf die käuflichen oder irregeleiteten Gerichte, die Majorität des Konvents meistern..... Dies ist meiu Nat, Mau muß vor allem 1) den gegen die zwei- nnddrcißig Mitglieder gerichteten Verhastsbeschluß zurücknehmen, — 21 - Nachdem er diese Schriftstücke versaßt hatte, Zeugnisse eines Geistes, der in keiner Weise über den Durchschnitt der Ideen seines Zeitalters hinaus ragt und sich mit nur allzu großer Leichtigkeit alles aneignet, was sie an falschem Pathos und abgedroschenen Phrasen in ihrem Strome mit sich führten, gab Lux seinen persönlichen Gefühlen wieder Raum und überließ sich den letzten Herzensergießungen gegen die Seinigen. Wir ersehen aus seineu Briefen, daß der Gedanke, von sich reden zu machen, damals eine gewisse Herrschaft über seine Phantasie erlangt haben mnßte; wir erkennen ferner daraus, welche entscheidende Rolle in dieser reinen Seele der unerschütterliche Glaube au ein zweites, dem irdischen unmittelbar folgendes Dasein spielte, und wir umfassen mit einein Blick die Vergangenheit und Gegenwart seines Lebens. Am nächsten Tage, dem 7. Juui, schreibt er, wie folgt, au sein Frau: Wcrthc Frau! Liebste Sabine! Die öffentlichen Blätter werden eher als dieser Brief zn Dir gelangen und Dir Nachricht von meinem Ende geben. Wenn darin die Beweggründe angegeben werden, wie sie sind, so wirst Dn denken: „mein Mann hat seiner würdig gehandelt", und ist darin die Geschichte anders dargestellt, so wirst Du Dir sagen: „Das ist gelogen, mein Mann kann nur durch groize, wichtige Gründe und zum Nutzen des Vaterlandes bewogen sein worden, diesen merkwürdigen Schritt zu thun. — So ist es auch wirklich, es würde mir aber hier zu weitläufig werden. Dir dieselben auseinander zu setzen. — Es ist natürlich, daß es mir nahegehen musz, Dich und unsere Kinder im Stiche zu lassen, allein wenn es das Beste des Vaterlandes betrifft, muß man nicht balancircu, 2) die Versammlungen der Urwähler einberufen, N die Zügel der ausübenden Gewalt in die Hände eines fähigen, zuverlässigen, tugendhaften und republikanisch gesinnten Mannes legen. Vielleicht wäre Noland, den ich nie gesehen habe (wie auch Brissot nicht), dieser Manu." Uebrigcns habe ich ganz genau kalkulirt: kann die Freiheit nicht siegen, so bin ich aus alle Weise verloren und kann nicht überbleiben; sieget sie, so wird die fr. Nation nie weder Dich noch unsere Kinder vergessen. — Getroste Dich also, mein Herz, über meinen Verlust; Du hast nun schon bereits sechs Monate ohne mich zubringen lernen, so wirst Du es auch weiterhin ertragen, denn was kann der Mensch gegen das Schicksal? — Ein Ziegel vom Dache hätte mich erschlagen können :c. und mein Tod wäre dadurch verloren gewesen für die Freiheit; so aber sterbe ich mit Ehre; dieser Gedanke wird Dich gewiß trösten. Du wirst meinen Verlust beklagen, aber Dich dcshalben geehrt glauben und Dich trösten. — Unsere Töchter kann ich nicht erziehen helfen, dafür hinterlasse ich ihnen meine Denkungsarl, mein Leben und meinen Tod zum Angedenken; Du wirst dasselbe einst bei ihnen geltend zu machen wissen. Ich erthcilc ihnen meinen väterlichen Segen, er wird für sie nicht verloren sein. — Ich bitte Dich um Verzeihung wegen des Verdrusses, den ich Dir in der Vergangenheit erregt haben mag durch meine oftmals, empörende") Laune, die in einer Spannung meiner Ideen ihren Grund hatte und mich oft aus den Schranken der Vernunft und Billigkeit trieb. Wenn wir wieder wären zusammengekommen, so würde ich diesen Fehler haben vermieden, denn ich bin während unserer Abwesenheit durch Nachdenken rechtschaffener geworden, und nie habe ich eine Zeit in meinem Leben so würdig gelebt, als die zwei Monate in Paris. — Ich will nicht vergessen. Dich um Verzeihung zn bitten wegen des Ungemachs, das unser Schicksal und mein Entschluß für Dich nach sich zieht, und besonders wegen meiner sehr tadclnswcrthen Nachlässigkeit, womit ich unsere häuslichen Angelegenheiten betrieb. — So. lebe denn wohl, meine liebe Sabine, aber wir sehen nns Beide wieder, das weißt Du! Noch mehr, in einigen Tagen bin ich noch näher bei Dir als seit sechs Monaten, denn mein Geist, von seiner irdischen Hülle gelöst, wird nicht säumen, um Dich und unsere Kinder zu schweben, ich werde sehen, ob Ihr mich gleich mit sterblichen Augen nie werdet wahrnehmen können. Stets wird's mir ein Vergnügen sein, unsere lieben Töchter in Unschuld und Sittsnmkeit aufwachsen zn sehen. Sehr oft werde ich von Empörend heißt wahrscheinlich dies unleserliche Wort. — 23 — dem Aufenthalt der unsterblichen Götter Euch besuchen, bis wir endlich alle zusammen nach dieser Zeit der Prüfung uns wieder vereinigen. Ich bin und bleibe stets Dein zärtlicher Freund. Adam Lux. Lux ahnte nicht, da er dieses schrieb, bis zu welchem Grade die Zukunft es übernehmen sollte, jene Klausel auszuführen, durch welche er seine Denkungsweise, das Beispiel seines Lebens und Todes seinen Töchtern vermachte. Niemals ist ein Vermächtnis vollständiger zur Ausführung gekommen. Marie, der Aeltesten, war es vorbehalten, zu leben und zu sterben wie ihr Vater, den sie nicht gekannt hatte. Ein zweiter Brief ist für denselben Jean Dumont bestimmt, an welchen schon die oben erwähnten, vom Mai und September 1792, gerichtet waren. Nach einer Einleitung, die mit dem Anfang des Briefes an seine Frau fast wörtlich übereinstimmt, fährt er also fort: Paris, 6. Juni 1793. Ich glaube, daß mein Tod nützlicher als mein Leben sein wird, und einige Sensation der herrschenden Lrthargie geben wird. Zwar lasse ich meine liebe Frau und meine artigen Kinder — ohne Stütze — allein Curtius, Dccius, Brutus, durften auch nicht so genau kalkuliren. Ucbrigcns erwarte ich, daß Sie meine unglückliche Familie nie vergessen werden. Mein Entschluß ist reiflich überlegt und schon seit 1. Juni gefaßt. Der Zustand meiner Empfindungen währenddcß verdiente wohl eine weitläufige Beschreibung für den Liebhaber der Kenntniß des menschlichen Herzens, allein es ist mir eben nicht darum, lange zu schreiben. So viel nur sage ich Ihnen, daß der Zustand meiner Empfindungen gleichermaßen hcstig und angenehm ist. Zum Schluß vermacht er ihni seine Papiere, die jener erst nach zehn Jahren veröffentlichen soll, und verspricht ihm, im Aufenthalt der Seligen oft seiner zu gedenken. Der dritte Brief ist an Nicolaus Vogt, Professor an der Universität Mainz, einen treuen Anhänger der Revolution, gerichtet. Dieser Brief sieht die Dinge heiterer, ja scherzhafter an, als die vorhergehenden. Zuerst sagt er ihm, man müsse nicht au der allgemeinen Sache verzweifeln, er sei voller Vertrauen und keineswegs niedergeschlagen, und so heftig auch seine Gefühle auf und nieder schwankten, seien sie im Grunde doch uicht vou denen verschieden, die ihn einstmals bewegten, da er noch in seinem Dorfe hinter dem Pfluge herschritt. Dauu schließt er, indem er ganz und gar zum Scherz übergeht: „Was macht Ihre Frau Liebste? Gibt's bald was Junges? — Das ist uuu eben schade, daß unsere wechselseitige» Gevatterschaften einen Strich bekommen. Ich bin nnn bereits mit drei Mädchen*) geschlagen und hatte mir, dem Eigensinn der Natur zum Trotz vorgenommen, einen Sansculotten uoch zu bekommen. Aber nu» geht es nicht an, denn die verdammten Jakobiner hier haben mir nnd meiner armen cöds ciroit einen hundssötiischeu Streich gespielt und ich will versuchen, ihnen einen dagegen zu spiele». Scherz beiseite, lieber Vogt, Sie wissen, daß oft kleine Mittel große Wirkungen hervorbringe», voilü., die Gründe meines Schrittes, ^.clisu clonL, aber, ungeachtet Ihres Systems, nicht für allezeit! Der Heinrich sitzt schon droben hinter einem Himmels- sciistcr mit seiner Koppe und einem Handtuch umgürtet, ich komme mit Stiefeln hin, und Ihr werdet am Ende nolsns volvns in Eurem SchlafwammS kommen. Adieu!" Diese Briefe finden ihre Ergänzung in einem letzten, zwölf Tage später, am 19. Juni, an Guadet gerichteten. Wahrscheinlich haben wir auch hier ein Origiualschreiben vor uns, das erst nach der Ausführung des verhängnisvollen Planes an seine Adresse gelangen sollte. Der Inhalt ist im wesentlichen folgender: „tüitovsn i^naclet. Mg-ncl,ss vov.5 l^i oonrmuniHns, il v g, Iinit ^onrs, mon clssssin cls mourir, vous tüe^is? cis rns tÄirg ^> Eine von den Dreien starb in sehr zartem Alter. - 25 - cl>ü,nAer ms, rvsolution, s'g.i pss» vos ralsous. .ss Iss ti-o^ive jias suitisantss. O»ns uns varsrlls oriss. il t'^nt nn sxompls. 8i Iss oliosss eontinnsnt. js no survivr^i v.^. 8i eile-? onan- Akut, js ^si'iii oomptö. ^j'ssp^rs. ^arini csv.x czni g.v.ront oon- trilzns ci, o>. xeu piss itsss^z pour oouclui-s <^us sstds psisonns cisvait nicmrrsi- >.ui coni-ÄKS öxtraoi-üinairs. tü'stait Is> «suis ictss cls > s coui'KKS c^ui in'ycLuriait ciau8 1^ i'us 8^ivt-Hc>- nors sn 1^ vo^^iit axpioilisi' suv ii^ «Ii^rvstte. ^lecis <^ue1 tut ^) „Nach cincr Erklärung dieser Art möge! ihr mir je nach cnrem Ermessen die Ehre eurer Kerker oder eurer Guillotine erweisen." - 27 — MSN etonnsMSiit lc>rs „Am 17. Juli, dem Tcigc ihrer Hinrichtung, wnrdc ich dnrch dicsc überstürzte Verurteilung überrascht, deren Einzelheiten mir dennoch sämtlich bekannt waren. Ich wußte ungefähr genug davon, um schließen zu könuen, dasz dieses Mädchen einen außerordentlichen Mut zeigen würde. Nur allein der Gedanke an diesen Mut beschäftigte mich in der R-ue Laint-Honors, da ich sie auf dem Karren herannahen sah. Aber wie groß war mein Erstaunen, als ich neben der Unerschrockcnheit, die ich erwartete, diese unwandelbare Sanftmut inmitten barbarischen Geheuls, dicsc so süßcn und zugleich durchdriugendcn Blicke gewahr wurde. Eugclsblicke, die ins Innerste meines Herzens drangen, cS mit heftigen, bisher unbekannten Bewegungen erfüllend. Sie hat mir nnvcrsicgbarcs Leid und Sehnen zurückgelassen." „Der bloße Gedanke an dicscm zum Tode geführten Engel wird mich die Macht ihrer Henker verachten lehren. Anmerkung: Gedächten sie mir gleichfalls die Ehre ihrer Guillotine zu erweisen, die fortan in meinen Augen nichts als ein Altar ist, aus welchem man die Opfer schlachtet, so bitte ich diese Hcnkcr, meinem abgeschlagenen Haupte cbcnsovicle Backcnstreiche geben zu lassen, wie sie deren dem Hanpic Charlottens geben ließen . . . . Wer diese Flugschrift ganz gelesen hat, für den steht die Thatsache außer Zweifel, daß Lux sich Charlotten nie zuvor genähert hatte. Jenes erste Mal, daß er sie mit Augen sah, war zugleich das letzte, und wenn auch seiue Begeisterung sür sie gewisse Wendungen aus der Sprache der Liebenden entlehnt, so konnte doch dies Gefühl an den Motiven einer längst beschlossenen Handlungsweise im Ernst nicht den mindesten Anteil haben; beides ist sicher. Jedenfalls wird man ohne weiteres zugeben, daß der Verfasser derartiger Ausfälle gegen die Machthaber fest entschlossen sein mußte, zu sterben: denn es war mit Leuten nicht zu scherzen, welche nicht einmal solcher Anreizung bedurften, um einen Widersacher aus dem Wege zu räumen. Auch wurde Lux fünf Tage später, am 24. Juli, in seiner Wohnung im Hütsl 6s8 ?g,ti-iotss LoI1gn6s,i8. L-us 6es Noulivs, verhaftet. Man nahm seine Papiere in Beschlag, bei welchen sich unter anderem eine gedruckte deutsche Nebersetzung der Verfassung vom 24. Juni 1793 vorfand. Er wurde noch an demselben Tage verhört und gestand mit wildein Freimut seine Ideen und seinen Haß ein. Nach seiner Aussage war er bemüht gewesen, mit Gnadet und Pstion Verbindungen anzuknüpfen, diese aber hatten ihm gegenüber Zurückhaltung in einem Grade beobachtet, daß er sich verletzt fühlte. Ueber die Beweggründe zu seinein Selbstmordvorhaben befragt, antwortet er: ,.I^s probst n'sst zzus iiissnss. .s'asoMs c^u'il osl un i 1s, MÄmrn»irs. Ich freue mich ihrer Uebcrlcgenheit, denn ziemt es sich nicht, daß der angebetete Gegenstand immer erhabener und höher sei als der Anbeter?" 19. Juli 1793. -) ,,Der Plan ist nicht unsinnig, ich füge hinzu, daß es eine gewisse Sprache der Tugend gicbt, die man mit denen nicht reden kann, welche deren Grammatik nicht kennen." — 29 — Darauf setzt ihm der Richter hart zu wegen des Ungewöhnlichen und Verdächtigen seines Schrittes, den Vorsatz des Selbstmordes Guadet und Pstion im voraus mitzuteilen. Lux verwahrt sich energisch gegen eine derartige Unterstellung. Vier Tage später wird er von dem Oornits 6s Sürsts Zkners-ls vor das Nevolutions-Tribuncil geschickt. Am 30. August findet das zweite Verhör in Übereinstimmung mit dem ersten statt. IV. Die erste Septemberwoche war reich an Zwischenfällen, die mit dem Schicksal des Gefangenen in Verbiudung steheu. Erstens finden wir in den Akten den Brief eines Landsmannes, vom 4. datiert und an den öffentlichen Ankläger gerichtet, dem er in unterwürfigem Tone Vorwürfe darüber macht, daß Lux noch nicht verurteilt und hingerichtet sei: .,Huc>i! ost soriv^ln tsMörs,irs vlt sncoi's, lui c>ul o-vait I'g,n(lÄLS eis tiÄirsr Alarat SU monstrs st son Äi>5«.8sin Sil IZrntus! ^loi, scm c»oinzz^ti'iots. ^js ras eliN'AS cls -j» povii'suits, et p!tr sparet -V votrs xs,triotisros ctsoicls, ,js vous piövisns aus ss Is >lsnonosrl>i l>.ux Ooräslisrs st s.ux ^acolzins pour liktsr' son cliütimsut. ^s sui« avso rssxsot I^s pk>.triots ^losolislllisi'A." ^) „Was, dieser ucrivegenc Schrifistcllcr lebt noch, er, der sich erfrechte, Marat ein Ungeheuer zu heißen und seine Mörderin mit Brutus zu vergleichen! Ich, sein Landsmann, nehme seine Verfolgung auf mich, und aus Rücksicht sür Euren außer Frage stehenden Patriotismus lasse ich Euch hiermit wissen, das; ich ihn den Oor^slisi-s und Jakobinern dennnzieren werde, um seine Bestrafung zu beschleunigen. Ich bin mit Hochachtung der Patriot Moschcnbcrg." — 30 — Als ich diesen Brief und seine Absicht mit den Briefen verglich, in welchen der Gefangene drei Tage später fordert, daß man ihn richten möge, fiel mir ihre Aehnlichkeit auf, und ich glaube mich uicht zu täuschen, wenn ich annehme, daß Lux einen falschen Denunzianten erfunden hat, um die Aufmerksamkeit des Rächers auf sich zu lenken. Der Name am Ende des Briefes ist in den Annälen der Mainzer Revolution vollständig unbekannt und dieser gehässige Eifer durchaus unwahrscheinlich einem Manne gegenüber, der wohl keinen persönlichen Feind hatte. Er besaß vielmehr — wie wir sogleich erfahren werden— Freunde, welche ihn gegen seinen Willen retten wollten und sich dadurch seinen Groll zuzogen. Als nach drei Tagen — so vermute ich wenigstens — der Brief des falschen Denunzianten nicht die gewünschte Wirkung that, schreibt Lux unter seinem eigenen Namen an den öffentlichen Ankläger. Er beschwert sich, daß er, seit dem 25. Juli in lci Force gesangen gehalten, vergebens darum gebeten habe, gerichtet zu werden, und daß ihn jetzt gut- oder böswillige Menschen, wie er sie uennt, für närrisch wollen gelten lassen. Er beruft sich dieserhalb auf die Nummer 94 des Journal 6o 1a NontsAlls, und indem er sich gegen den Verfasser verteidigt, der ihn für irrsinnig ausgiebt, fordert er die Gerechtigkeit auf. über seinen geistigen Znstand und sein Schicksal zu entscheiden- ,.^s clsmkuäs a stro MAS promxtsmsnt, gLu c^us 1s tri- Iiuus,! <1esiüs si suis rs^)u>)Ii<:a,iu ou oontrs - rsvolutiounairs. tou c>u inisonnadls . , . (üar tout ms vs,ra,!t xröler!Z,l)1s »1'op- prolirs insuste st irmnsrits cl'strs nourri st snt'srms ?owius inutilö. pitovadls, mspris-i-dls .... HusIIs c^ns soit Ig, suits clu ^UASmsnt, sro^vs? c^us toujours vous m'aursx ot>1iZs."^) *) „Ich verlange schleunigst gerichtet zu werden, damit das Tribunal darüber entscheide, ob ich Republikaner oder Gegcnrevo- lntioucir, geisteskrank oder bei Sinnen sei...... Denn alles scheint mir annehmbarer als die ungerechte und unverdiente — 31 — Denselben Brief schreibt er an demselben Tage an den Bürger Foucault, Richter im Revolutions-Tribunal, uud 13 Tage später, am 20. September, stellt er sein Ansuchen zum dritten Male, indem er sich mit folgenden bittenden Worten an den Präsidenten wendet: .,^7s ns 1'iZnol'S pss qus o'sst uns immsnsits äs trirvanx hm vons oceuvs; iridis sts-nt a,ux vi'isons äsxui8 clsux niois, 1'Iionnsnr äs vons kairs rsssouvsnir äs moi sn von^ priknt äs äsciäsr s'il v :>, Iis» ä's.oous^tion contrs irioi st ä'kLoölersl- mon ^juAsmsnt."^) Wer war wohl dieser Mann, der unter der Hülle der Anonymität behauptete, Lux sei wahnsinnig, und dadurch die Entrüstung des Gefangenen auf sich zog? Ich müßte mich sehr täuschen, wenn es nicht derselbe Dr. Wedekind wäre, welcher später Lux's Schriften herausgab, sein Kollege im Mainzer Konvent. Diesem war es gelungen, sich bei der Uebergabe der Stadt nach Frankreich zu retten und sich den barbarischen Verfolgungen zu entziehen, mit welchen die ehemaligen Herren ihren Rachedurst stillten, nachdem preußische Bajonnette sie in ihre Staaten zurückgeführt hatten. Selbst die Frauen der „Klubbisten", wie man sie nannte, erfuhren die schmachvollste Behandlung; es war der reine „weiße Schrecken". Nehmen wir nun jenes Journal 6s 1s. Nov.ra.AQs vom 4. September zur Hand, so finden wir jenen Artikel, der, Schmach, wie ein unnützes, erbärmliches, verachtenswcrthes Wesen gefüttert und eingeschlossen zu werden......Wie auch das Urthcil ausfallen möge, ihr werdet mich immer zu Dank verpflichtet haben" 5) „Ich weiß es wohl, daß eine Unznhl von Arbeiten Euch beschäftigt, aber da ich mich seit zwei Monaten im Gefängnis befinde, so habe ich die Ehre, Euch wieder an mich zu erinnern, indem ich Euch bitte, zn entscheiden, ob Grund zur Anklage gegen mich vorliegt, und mein Urtheil zu beschleunigen." einen wohlgesinnten Areuud unter der Maske eines Ver- lüsterers bergend, ein seltsames Gegenstück zu der Kriegslist des Opfers bildet, das an demselben 4. September als sein eigener Ankläger auftritt. Es sei mir gestattet, den Artikel noch anzuführen; er giebt ein lebendiges Bild von den Menschen und Dingen dieser merkwürdigen Zeit: „II V » cisus les prisous cls Is Ooueisi'k'Sl-is Uli ^IIs>usu>l c^ui nierits visimeur 1a vitis clss vsti-iotss. vsc-ev c^us 1a, tste lui s toui'ns st gu'il est cleveuu slzsolumsnt t'ou. O'est Is >ioiume I^ux. rueiuvre s sinbrssss I» Revo- lution svso un ^sle sicleut. et v'sst lui quis tsit Ureter Is ssr- meut eivious s tous les cultivsreurs cls sou osuton. lüsveuclsut les ruslkeurs cls sss eoueitovsns, Is« sisus out tsit uue iuivrss- sion vrot'oncle sur so» iins^instion clsjs sxsltos psr Is solituds st ps,i' 1'etucls protoucls cle Is rnstsvQVsiczus. 8ss vossessions out et« drüless st clevsstees. ss tsiurns st sss sutsnts sont toiu- lies sntrs lös insins clss l?russisus, st il s vsrclu tout ssuoir cls revoir ss pstris st cls ^jouir svsv sss ooneitovsus clu donlisur cl'etrs lilire. .^rrivs s ?sris coiniue clevute cls Is Louveutiou de Nsvsuos, il s oru trouvsr clsus estte Krsn>ls vills Iss inosurs ustrisrosles et rsvuoliosiuss clout il s'stsit torZe clsus ss soli- tucls Is clelieisuss iclee; inosurs c>ui lni psrsisssisnt uns suits neeesssire clu urincips 1s cls ses ssus. et 1^ vus äs (,'dgi-lotts «üovclkiv, Ig. seuls Isings veut-etre czu'il s.1t i-siuni^uc^s clsunis c^u'il sst g. l?g.ris, g^g.ut 1'git sui' lui uns iiuvi'sssiou uliz'siqus sxtrsmsinsut Idi-ts. s. poit>' g.u oomlzls 1s tvoulols. I» coutusiou st Ig uoirs uielkmoolis <^ui iSAUgisut clsjtc clgus ^on g,ms. II g vgrls g, tort st g tt'g.vsi'S cls Llcgrlotts lüorügv, 11 g. clit c^u'il clesii-sigit ruouvi^ voui° s1!s; et g In. suits cls sss ziiDvos il g. ste uiis su pt'isou. .,Oepuis c^ll'H v sst sut'si'ius, 11 us clssü's g.uti-s cilwss czus cls uiouriv; 11 g. clit ii, sss »mis, c^ui psuvsut 1s voll'. c>u'11 u'v s. cl'guti-s Izonusui- pou^ lui c^us Ig. u^ort, st c^u'il vent 1g,irs tont es 1s poui' AÄ^usi- Iss clsnutes cls Ns^snos u'out p^s usu oouti'i^us tourusr Ig. tiits cls est.^IIsiUÄncl; ils lui out usiut s-vso les soulsuivs Iss plus uoires Iss scsnes tsi-riolss c^us In, uisolis.ucsts clss suusruis cls 1s, Rsvolutlou out i-sucluss usvsssg.ii'ss. lZuvslovvss cls psg.ux cl'gxusg-u. ils us ss raouwgisut ic lui c^us soMius clss Iicuumss vurs. ooraws clss Äinis cls l'oi'äis. clss lois, souuus clss xliilosoxliss. g,uus 6s I'Iiuiug.uits': l'ou us vovgit vgs Iss poiZugi-ils cjtie Iss uioustrss a.iKuisg.isut su sserst voui' SMi'Ksi' ls vsupls. LoQ imaKinÄtiou ünuvss tiouolg.it sg. i'g.isou st il seutg.it saus 1-g.isouusi' .z>Is tisns tous ess ks.1ts cl'uu lusclsoiu cls Alaysues czui eounitit I^ux. czui xlaint sou sort st oi'vit c^u'il v^ut misux 1'su- Ludwig Bmnbcrger's Gcs. Tchriften. II. g — 34 — t'si'insr clkms un o.öplts.1 Msqu'ü, s» Zuvrison. c».^ Is t'kirs pÄSSsr sn ^msriczus, (zus äs ls Auillotinsr/- - - . . Solche Sprache glaubte man damals führen zu müssen, uni ihn dein Tode zu entreißen, indem man den Machthaber?! schmeichelte. Die Angabe, daß sein Besitzthum verwüstet und seine Familie weggeführt worden sei, berichte auf Erfindung. Aber dieser Kunstgriff vermochte eben- 5) „In den Kerkern dcr Concicrgerie befindet sich cin Deutscher, welcher wahrlich da? Mitleid dcr Patrioten verdient, weil sein Sinn verwirrt und er vollkommen verrückt geworden ist. Es ist cin gewisser Lux, Mitglied des Mainzer Konvents. Dieser Mann, der in dem Dorfe Kosthcim bei Mainz wohnte, lebte dort als Philosoph von dem Ertrage eines kleinen Landgutes, das er besaß. Zur Zeit als die Franzosen in das Land einruckten, wandte er sich der Revolution mit glühendem Eifer zu, und auf seinen Antrieb leisteten alle Landwirte seines Bezirks den Vürgcrcid. Indessen hat das Unglück seiner Mitbürger, sowie sein eigenes, auf sciue durch Einsamkeit und inniges Versenken in die MethaphrM bereits überspannte Einbildungskraft einen tiefen Eindrnck gemacht. Seine Besitzungen sind verbrannt nnd verwüstet worden: seine Frau und Kinder in die Heinde der Preußen gefallen, und er hat alle Hoffnung verloren, sein Vaterland wiederzusehen und mit seinen Mitbürgern das Glück dcr Freiheit zu genießen. Als Abgeordneter des Mainzcr Konvents nach Paris gesandt, glaubte er in dieser großen Stadt die patriarchalischen und republikanischen Sitten zu finden, von denen er sich in seiner Einsamkeit cin liebliches Ideal zurechtgezimmert hatte, nnd die ihm aus dem Prinzip dcr Revolution, welche scinc Scclc so feurig ergriffen, mit Nothwcndigkeit hervorzugehen schienen. Abcr sein Unglück und sein Temperament legen ihm einen dichten Schleier vor die Augenz er hat in dieser großen Stadt nichts weiter gesehen als die Verbrechen dcr Aristokraten, die ausschweifenden Sitten der Freihcitsfeindc, die Spaltungen unter den Patrioten, die Schurkerei oder die frevelhafte Glcichgiltigkeit einer Menge von Menschen, denen die Rettung des Vaterlandes und die Begründung dcr Republik anvertraut ist; und dieses Bild, das sich ihm einzig darstellte, hat in Verbindung mit dem Gefühl — 35 sowenig, ihn zu retten, wie derjenige, den er selbst in entgegengesetzter Absicht angewandt, es vermocht hatte, sein Verderben zu beschleunigen. Sein Schicksal ward noch nicht entschieden. Chöron de Villers erzählt in seinem bereits erwähnten Buche, auf die Autorität eines Mitgefangenen von Lnx gestützt, dessen Name nicht genannt ist, man habe dem Gefangenen die von seinem und seiner Mitbürger Unglück seine Schwermut vergrößert und sie zu einem gewissen Wahnsinn ausarten lassen, welcher ihn das Menschengeschlecht verabscheuen und den Tod herbeisehnen lehrt. „Ein anderer Umstand hat diesen Wahnsinn ausbilden helfen. Lux liebte seine Frau sehr und hat, obgleich er außerordentlich leidenschaftlich ist, seit seiner Trennung von ihr in strenger Enthaltsamkeit gelebt. Diese neue Lage vermehrte seiuc Sinncsverwirrung, und der Anblick der Charlotte Cordan, vielleicht der einzigen Frau, die er seit seiner Ankunft in Paris beachtet, machte ans ihn einen äußerst starken, sinnlichen Eindruck und trieb die Verstörtheit, die Zer- rüttnngnnd düstere Schwermut, welche bereits in seinerSecle herrschten, auf ihren Gipfel. Er hat ins blaue hinein von Charlotte Cordan gesprochen, ja behauptet, er wünsche für sie in den Tod zu gehen, nnd ist insolgc solcher Reden eingekerkert worden. „Sei! seiner Gefangennahme wünscht er nur »och zu sterben; er hat gegen Freunde, die ihn besuchen dürfen, geäußert, es gebe für ihn kein anderes Glück als den Tod, und er wolle alles thun, was in seiner Macht stehe, um baldigst guillo- tiuirt zu werden! In der That schreibt er oft an die Jakobiner und sendet ihnen für Robcspierrc, Danton, Hebert und einige andere Männer Briese, in welchen er alles vorträgt, was ihm dazu an- gcthan scheint, schuldig zu erscheinen. „Um diesen Menschen zu heilen, wenn anders seine Krankheit heilbar ist, bedürfte es eines kleinen Landhauses und einer anmutigen Lebensgefährtin, die ihm bald ein Kind schenkte. Die Sitten unserer guten, patriotischen Landbevölkerung würden ihm einen andern Begriff von der Menschheit geben, nnd wäre die Revolution dann vollendet, so würde er eingesehen haben, daß ein großes Volk nicht in einem Tage entartet, und daß die Un- 3* - 36 — Freiheit angeboten unter der Bedingung, daß er verspräche, über die politischen Vorgänge in Frankreich Schweigen zu beobachten. Diese Erzählung, die sich auch im Datum seines Todes um ungefähr einen Monat irrt, ist höchst unwahrscheinlich. Die gerichtliche Zustellung der Anklage datiert vom 12. Brumaire des Jahres II, und die Verhandlung sand am 14. statt. Vor dem Gerichtshof, wo Dumas den Vorsitz führte, war die Haltung des Angeklagten schlicht, frei von aller Prahlerei. Aus die Frage des Präsidenten, ob er etwas zu seiner Verteidigung zu sagen habe, antwortete er nichts weiter als: „,Is ins souinsts s. 1s, loi."-) An demselben Abend wurde sein Wunsch erhört; am 4. November 1793 fiel sein Haupt aus dem Schafott. ordnung und das heftige Aufeinanderstoßen der Leidenschaften von einer großen Umwälzung nicht zu trennen sind. „Die Brissotins, die ihr möglichstes gcthan haben, um die Mainzer Deputierten für sich zu gewinnen, haben auch nicht wenig dazu beigetragen, diesem Deutschen den Kops zu verdrehe«, indem sie ihm die schrecklichen Scencn, welche die Bosheit der Feinde der Republik nötig gemacht hat, in dcu schwärzesten Farben malten. In Schafskleider gehüllt, stellten sie sich ihm einzig als Männer von lauterer Gesinnung, Freunde der Ordnung und des Gesetzes und menschmfreundlichc Philosophen dar; die Dolche blieben unsichtbar, die sie heimlich schärften, um dem Volke damit aus Leben zu gehen. Seine erschütterte Phantasie trübte seine Verminst, nnd er überließ sich gedankenlos seinen Gefühlen. „Alle diese Thatsachcn weiß ich von einem Mainzer Arzt, der Lux kennt, sein Schicksal beklagt und der Meinung ist, es sei besser, ihn bis zn seiner Heilung in ein Krankenhaus zu bringen, oder ihn nach Amerika zu schaffen, als ihn zu guillotinircn." L . . ." „Ich unterwerfe mich dem Gesetze." — 37 — Das kleine Portrait in Profil, welches Lux's Tochter''! von ihm besitzt, zeigt Freimut nnd Entschlossenheit in seinen Mienen ausgeprägt; der etwas vorspringende Stirnknochen nnd die ein wenig emporgebvgene Nase verraten Lebhaftigkeit und Intelligenz, während der Mund mit den sehr festen Konturen einen höchst energischen Willen bekundet. Seine Frau überlebte ihu bis zum Jahre 1814; sie wurde in Mainz vom Typhus hingerafft, den oer Rückzug der großen Armee in die Stadt eingeschleppt hatte. Jener letzte Brief, dnrch welchen Lux ihr und den Kindern seinen Segen sandte, war nie in ihre Hände gelangt. Er ist bei den Akten geblieben, die ich vor mir habe, und mit vielen anderen zusammen in einein grauen Umschlag vergraben, der in einfacher und schrecklicher Zusammenfassung den Titel ,,Nm-t." trägt. Nie hat Sabine ihren Töchtern jenen Scheidegruß vorlesen können, durch welchen ihr sterbender Vater ihnen seine Deukuugsweise, das Beispiel feines Lebens uud Todes vermachte. Und dennoch trat — seltsamerweise! — die älteste von diesen Töchtern jene Hinterlassenschaft mit beklagenswerter Treue an. Sie hatte in gewissem Grade den Geist ihres Vaters geerbt, die Liebe zur Einsamkeit, die Freude am Studium, den überschwenglichen Kultus des Ideals, dem er sich zugewandt, deu unwiderstehlichen Trieb zum Tode. Ihre Geschichte ist Dies ist Lux's zwcitc Tochter. Zur Zeit, da dieser Artikel geschrieben wurde, im Jahre 1866, wcir sie noch am Leben: sie stand im Alter von 78 Jahren und wohnte in Nürnberg. Der Verfasser hat mehrere Einzelheiten, die in der Biographie vorkommen, von ihr erbitten lassen. Sie befand sich im vollen Besitz ihrer Fähigkeiten, und der Freund, der sie im Auftrage des Verfassers befragte, war überrascht von der Vornehmheit nnd Würde, welche sie trotz einer mehr als bescheidenen Existenz bewabrt hatte. — 38 — ziemlich bekannte sämmtliche Biographen Jean Pauls haben sie wiedererzählt; besonders vollständig haben Förster nnd Otto die merkwürdigen Briese abgedruckt, welche zwischen dem Dichter und der Tochter des Gerichteten gewechselt worden sind. Jean Paul war damals in Deutschland für alles, was uach dem Zarten und Erhabenen trachtete, der aus- erivählte Schriftsteller, Ein geistiger Nachkomme von Lawrence Sterne, dessen Humor, sentimentale Ader und willkürliche Abschweifungen sich bei ihm wiederfinden, ist er ebenso mit spiritualistischer Philosophie durchtränkt, wie jener von realistischen Neigungen erfüllt war. Er bildet den Nebcrgang von den skeptischen Humoristen des achtzehnten Jahrhunderts zu den romantisch-katholischen Dichtern ans der Schule der Schlegel, Tieck und Stolberg. Indessen nähert ihn sein von Grund aus ehrenhafter und freisinniger Charakter weit mehr seinen Vorgängern als seinen Nachfolgern. Marie Lux, welche sich — mit Unrecht, wird uns gesagt — sür zu häßlich hielt, als daß sie je darauf Anspruch hätte machen können, das Herz eines Mannes zu gewinnen, vergrub sich in ihre Bücher und verschlang Jean Pauls umfangreiche Werke. Der Dichter hatte damals die Füufzig überschritten, aber das hinderte die Fünfnndzwanzigjährige nicht, sich in den Mann zu verlieben, welchen sie nie gesehen hatte und nie sehen sollte. Sie trat in Briefwechsel mit ihm und erhielt zur Antwort auf ihre Briefe voll glühender Leidenschaft Zeichen eines zärtlichen Wohlwollens. Aber bittere Zweifel, die zu wiederholten Malen ihr Herz befielen, und zu denen sich Enttäuschungen anderer Art gesellten, versenkten sie zuletzt in düstere Traurigkeit; und der Gedanke, dem Tode entgegenzugehen, welchen das väterliche Beispiel in diese junge nnd von Kindheit ans vereinsamte Seele gelegt haben — 39 — mußte, keimte und gewann von Tag zu Tag mehr Herrschaft über ihren Geist. Endlich, nachdem ein erster Versuch durch Freundesbemühuugen vereitelt worden, gelang es ihr, den verhängnisvollen Plan auszuführen. Halbtot aus den Fluten des Rheins gezogen und ins Leben zurückgerufen, kämpfte sie iu wildem Heroismus beharrlich gegen alle Sorgfalt des Arztes und errang oen Sieg. Sie stand genau iu dem Alter, welches ihr Vater erreicht hatte, als ihn der Kultns der Freiheit zum Tode trieb. Ihre letzten Briefe an Jean Paul erinnern, zuweilen in wortlicher Übereinstimmung, an die letzten Schriften von Adam Lux. Zweifellos muß die Anlage zur Ucber- schwenglichkeit und Hingebuug, welche das väterliche Blut in ihre Nderu hinübergeleitet hatte, an der heimlichen Gewalt, die ihr Dasein beherrschte, einigen Anteil gehabt haben. Das Andenken ihres Vaters, dessen edles Blut auf fremder Erde in einer Umgebung von sagenhaft gewordenen Ereignissen vergossen war, hatte gewiß nicht wenig dazu beigetragen, den Keim des ererbten Temperaments zur Entfaltuug zu briugen. Da ich die Menschen und Dinge in keinem anderen Interesse als in dem der Wahrheit studiere, habe ich mich nicht gescheut, neben Lux's Bild das seiner Tochter zu stellen, obgleich mir wohl bewußt ist, daß das Geschick derselben das Urteil der Nachwelt über ihn leicht zu trüben vermöchte. Wenn uns indessen die genaue Kenntnis seines Lebens und seiner Schriften dahin führt, anzunehmen, daß er mit großer Ueberschwenglichkeit des Gefühls, wie sie übrigens seiner ganzen Zeit eigen war, ein ehrliches Herz, eine auf Gründe gestützte und, alles in allem genommen, ziemlich vernünftige Ueberzeuguug vereinigte, so ermächtigt uns ein eingehendes Studium des Lebensganges seiner Tochter vollkommen, dieselbe vielmehr als von übergroßem Idealismus verzehrt, denn als das Opfer einer Geistesverwirrung zu betrachten. Sie war nach allen Zeugnissen eine zärtliche und hingebende Tochter und Schwester. Mit einer Ueberlcgung, die zum mindesten aus ein zartes Gewissen deutet, wartete sie, uin das Leben zu verlassen, bis ihre Mutter ihr ins Grab vorausgegangen und die jüngere Schwester verheiratet war. Wenn man sieht, mit welcher Leidenschaftlichkeit dieser Kampf zivischeu der Moutagne und der Plaine noch jetzt, nach einem Jahrhundert, litterarisch geführt wird, so wird es uicht viel Mühe kosten, sich die surchtbare Wirkung zu vergegenwärtigen, welche dieser Kampf iu der Wirklichkeit auf einen jungen, heißen, wenn auch im übrigeu vollkommen gesunden Kopf hervorbringen mußte. Lux stellt uus uicht nur jenen heutzutage so selten gewordeneu Glaubeu an die Ideen vor Augen! er ist auch gleichzeitig der vollkommene Typus des edleu Weltbürgertums, das seinem Zeitalter zur Ehre gereicht. Damals erstreckte sich die Brüderlichkeit sozusagen bis in Verfolgung und Tod hinein. Wer einen Blick in die Akten des Revolutionstribunals gethau hat, dem wird sicherlich gleich mir aufgefallen sein, welche große Zahl von Ausländern vor dieser gesürchteten Behörde erschienen ist. Weder Richter noch Angeklagte kamen auf den Gedanken, sich um die Verschiedenheit der Herkunft oder der Sprache zu kümmern oder sich darauf zu berufen. Sterben um ;u sterben! Jedenfalls kam die Menschenwürde bei diesen Hekatomben weit mehr zu ihrem Rechte, als bei jenen internationalen Zerfleischungen ohne Idee noch Größe, bei denen die Völker sich hassen lemen, weil ihre Her-ren es gebieten. Moriz Hartmann.") ('s- 13. Mai 1872.) Feuilleton der „Presse" vom 18. Mai 1372 (Morgenblatt). Hiuer der schönst begabten Menschen ist vor der Zeit dahingegangen, seit vier Iahren ein herrlicher Dulder in des Wortes edelstem Sinne. Der körperlichen und der davon unzertrennlichen seelischen Qualen ohnerachtet war er einer der selteu glücklichen Sterblichen. Wie groß muß danach sein Auteil an den wahren Schätzen des Lebens gewesen, oder auch wie gering nnd unvollkommen mnß der Anteil sogar des Bestbedachten ans Erden sein! Beides ist wahr. — Er war geziert sast mit allem, was dem Menschen Wert giebt für sich und für andere: Klugheit, Charakter, Geist, Wissen, Anmut und endlich das wahrlich nicht gering anzuschlagende Geschenk der Schönheit. Es war eine Harmonie des Wesens, wie die Götter sie nur ihren Lieblingen bescheren. Die Persönlichkeit in ihrer einfachen Wirkung, in ihrem Gleichmaß und in ihrer Anziehungskraft war das Hervorstechende. So viele uud schöne Eigenschaften der Dichter nnd Schriftsteller auch besaß, mehr noch als durch sie gewann und beherrschte der Mensch selbst durch die unmittelbare Ausstrahlung seines ganzen Ichs. Das Prädikat der Liebenswürdigkeit, aus so wenige Menschen, namentlich der nordischen Rassen, anwendbar, gebührte ihm ohne jeglichen Vorbehalt; er konnte wahrhaft als der Typus der Liebenswürdigkeit in allen ihren Feinheiten und Wirtungen aufgestellt werdeu. Nur bei den — 44 — südlicheren Völkern ist solche bezaubernde Grazie nicht selten auch inMännern zn begegnen, nnd gerne mochte man glauben, was er manchmal halb im Scherze hinwarf, daß er von den unter Ferdinand und Jsabella ans Spanien vertriebenen Juden abstamme, seine Vorfahren nach der Einwanderung in Deutschland den früheren Namen des bekannten Geschlecht der Dueros in die Sprache des adoptierten Vaterlands überseht hätten. Etwas von der gemessenen Würde des Spaniers war mit der Sanftheit der Erscheinung wohlthätig verschmolzen. Das Gefühl dieser Würde entsprang in seiriem Gemüte aus einem hervorstechenden Bedürfuiß nach Selbstachtung, welches den Stahl zum Charakter lieferte. Die Schule des Lebens gab ihm früh die Mittel, jenen Stahl zu härteu, doch sie giebt nur dem, welcher zu empfangen iveiß. Er war der Sohn einer mehr mit Kindern als mit Gütern gesegneten Familie. Der Großvater, ein angesehener Mann, weit und breit im Lande wegen seiner Lebensivcioheit nnd Menschenfreundlichkeit bekannt und geliebt, lebte uoch in der andächtigen Erinnerung des Enkels, der den Sroff zu manchen seiner trautesten und fesseludsteu Erzählungen au den Knieen des ehrwürdigen Alteu iu sich aufgenommen hatte. Der Vater betrieb einen Eisenhammer ans dem Fuße begrenzter ländlicher Geiverbsthätigkeit in dem böhmischen Dorfe Dnschnik und trug in seinem Wesen Spuren vvu der Härte seines Berufes. Die Mutter, wie immer, war die Gcbcrin des Guten und Bedeutenden in der Natur des Sohues. Sie muß nach seinen Schilderungen eine vortreffliche Frau gewesen sein, gut, edel, klug und selbstlos wie nur Mütter sind. Er war ihr Augapfel, sie die sanfte Heilige, die er schmerzvoll im Busen durchs Leben trug; denu früh riß ihn das Exil von ihr hinweg und ihr Auge sollte brechen, ohne daß ihr vergönnt war, — 45 — den lang Entbehrten nvch einmal an die treue Brust zu drücken, uoch eiumal von Augesicht zu Augesicht zu schauen. Nur sterbend konnte sie ihn segnen, während er selbst im fernen Orient krank darniederlag. Wie oft und sehnlich gedenken die besten seiner Lieder dieser entfernten süßeu Mutter! Als zarter Knabe verlies; er das elterliche Haus uud kam zu Verwandten nach dem Städtchen Juugbuuzlau, um daselbst das Gymnasium zu besuchen. Hier schon öffnete sich der Sinn für Dichtung und Historie; uur die exakten Wissenschaften wollten dem jungen Kopf nicht behagen. „Hartmann Moritz, von Mathematik keinen Begriff", sagte ärgerlich beim Exameu der alte Pater, welcher der scholastisch geleiteten Anstalt vorstand. Dies Wort liebte der Gereifte im heiteren Freundeskreise niit Selbstironie zu zitieren. Von Juug- bunzlau zog er uach Wien und, stolz wie er war, mochte er kaum den väterlichen Zuschuß in Anspruch uehmen zu seiuer ferneren Ausbilduug. Um lernen zu können, lehrte er, uud auch uicht selten — hungerte er. Wie mauchmal, wenn er mit uns — in ach so vielen guten Stuuden! — zusammen war, hielt er uns vor, wie nns anderen das Leben und Lernen leicht geworden, im Vergleiche zu ihm; wie er so manche Nacht hungrig sich zn Bette gelegt oder nur mit einer trockenen Brotkruste die Begehruug des achtzehnjährigen Magens zur Ruhe gebracht. Diese Kunst im Entsagen, diese Selbstbeschränkung hat ihn im Lebeu nie verlassen, hat ihm Dienste vom tiefsten moralischen Wert geleistet. Denn er war eifersüchtig bis zum Peinlichen aus seine Unabhängigkeit; uud ein Liebling der Menschen, wie wenige, hat er von der Gunst der Freunde und Bewunderer nur den kärgsten Gebrauch gemacht, auch dauu mit Widerstreben. Seine Haltuug ging ihm über alles. Darum war er stets daraus aus, hauszuhalten. — 46 — Einen besseren Oekonomen konnte man nicht sehen, als der Junggeselle war, noch zur Zeit als ihn, den berühmten Schriftsteller, die Verleger umwarben. Mehr als einmal sand ich ihn, mitten im üppigen Paris, Ivo Hunderte strotzender Häuser ihm dankbar ihre Gastfreundschaft boten, mit ein paar gedörrten Pflanmen frühstückend, die er um zwei Sons beim Krämer eingethan und eine nach der anderen aus der Tasche langte. Der noch nicht zwanzigjährige Studeut ward in Wien Erzieher. Auch später noch lag er hier und da dieser schweren Kunst ob, und er war ein Meister darin wie wenige. Die Menschen, die er geformt hat, sind alle gelungen, alle vom Grund aus durchdrungen worden mit der Achtung vor den Idealen des Lebens. Nichts vielleicht war er in so reichem Maße, als ein Künstler in der Behandlung der Menschen, und dies Talent kam seinen Zöglingen zugute. Alle hängen noch heute mit kindlicher Dankbarkeit an ihm nnd seinem Andenken und weinen aus sein frisches Grab. — Von Wien ging er nach Leipzig, wo damals, gegen Mitte der vierziger Jahre, die ganze junge litterarische Welt zusammenlebte. Im Jahre 1845 erschienen die ersten Poesien, „Kelch und Schwert", welche, vom unmittelbarsten Ersolg begleitet, ihm sofort einen auserlesenen Standort im deutschen Dichterwalde sicherten. Schon vor der Krise von 1348 mit der österreichischen Justiz in politische Konflikte geraten, wurde er zum ersten deutschen Parlament von dem böhmischen Kreise Leitmeritz gewählt. Von da an gehört er mit seinem Wirken und Schreiben der Geschichte unseres Vaterlandes und unserer Litteratnr, und es ist heute nicht der Tag, dies reiche, schöne Leben, Weben rmd Leiden zusammenstellend, zu erzählen. Die holde Figur des Pfaffen Mauritius, Ver- — 47 — fassers der Reimchronik (ein Wurf wie ihm kaum einer besser gelungen), die Schicksale des Reichsboten in den Oktobertagen Wiens, in denen er mit der knavpesten Not dem Lose seines Gefährten Robert Blum entging, — das und fo vieles andere taucht heute aus den« Lethescheu Strom mit der bittereu Klage um den unwiederbringlich Verlorenen und ewig Unvergeßlichen in den lebendigsten Zügen vor der Seele auf. Nach der gewaltsamen Auflösung des Stuttgarter Parlaments ging er in die Schweiz, und von damals an ergab er sich jahrelang dem poetischen Wandertrieb, der zu seinen charakteristischen Eigenheiten gehörte. Er war der geborene Tourist. Er verstand die Kunst des Reifens, des Schauens, Beobachtens, Beschreibens — und vor allem des mündlichen Erzählens aus dem Fundament. Ueberall fesselte es ihn, überall trieb es ihn weiter. Es gehörte zu seinen humoristischen Liebhabereien, an jedem schönen Fleck der Erde, vom Bosporus bis zum Kattegat, sich ein Haus auszuersehen, das er sich zu eigen wünschte. Wunderbar, dieser unermüdliche Nomade mit dem lebhaftesten Sinn für gefesselte Häuslichkeit! Noch im vierten und letzten Jahr seines furchtbaren Siechthums, wenige Monde vor seiner Aullösung, liebkoste er den Gedanken einer Reise nach Italien und eines Hauskaufes in Baden bei Wien zugleich. Noch eins — denn ich muß schließen — sei berührt. Er war ein guter deutscher Patriot, obgleich ein Kosmopolit, der Freunde und Bewunderer auf der weiten Welt in Hülle und Fülle gesammelt hatte. Mit der gewaltsamen Lösung des deutschen Problems im Jahre 1866 wollte sein poetischer und rigoroser Sinn sich nicht befreunden. Er schmollte damals bitter den Ereignissen und vielfach ungerecht den Menschen. Denn er konnte, wenn nicht hassen, — 48 — doch zürnen, und auch lieben mit der energischen Kraft eines ganzen Mannes, der er war vom Wirbel bis zur Zehe. Ganz ausgesöhnt mit der preußischen Politik hat er sich nie, obwohl er nach 1870 ihre Lichtseiten nicht mehr verkennen mochte. Und als der Sturm von Frankreich losbrach, da erhob sich noch einmal der Geist des Dichters und Patrioten mit Urgewalt, und aus dem bereits schier von der Krankheit verzehrten Leib loderte noch einmal die Flamme der begeisterten Seele für Recht und Vaterland glühend und ringsum erleuchtend zum Himmel auf. Ganz Deutschland las damals mit Wonnebeben und Dank die mächtigen Worte des Rufers im Streit. Das mar sein Schivanengesang, sein letztes Ermannen. Daun entwand der schleichende Feind den Griffel der schönen Hand für immer. Er hinterlaßt der dankbaren Anhänger zahllose, der trostlosen Freunde eine ganze Schar; er hinterläßt ein edles Weib, das zu loben niemand wert ist, einen holdseligen Knaben, in den er bereits durch seine wunderbare Lenkung den schönsten Keim gelegt hat. Der Nest ist Schweigen. . Reminiscenzen an Napoleon III. - I (1' 9. Januar 1873.) Beilage zur „Augsburgcr Allgemeinen Zeitung" vom 16., 18., 19. und 21. Januar 1873. Ludwig Bmnberger'S Ges. Schriften. II. 4 nimer wieder von neuem werden wir gemahnt, wie schwer es doch ist, unter die Oberfläche geschichtlicher Zusammenhänge zu dringen, wie unsicher alles erscheinen muß, was nur über längst vergangene Dinge zn wissen glauben, da schon ein ernster Versuch, nur denjenigen auf den Grund zu geheu, die sich vor unseren Augen abspielen, auf so viele Hindernisse stößt. Jetzt ist ein Mann gestorben, aus den, solange er an der Spitze der europäischen Politik stand, d, h. während einundzwanzig Jähren, aller Augen gerichtet waren. Hunderte von Federn waren Tag für Tag geschäftig, über ihn zn berichten; auch das Geringfügigste in seinem Thun und Lassen, das einer auskuudschafteu und mitteilen konnte, war kostbare Beute. Dabei lebte der Gegenstand dieser Neugierde im geheimnißlosesten Lande der Welt, wo alle alles wisseu, uud jeder jedem erzählt, was er weiß; ein Land der Beobachter, Memoirenschreiber nnd angenehmen Plauderer. Nnd dennoch, auf die Frage, ob jemand bis heute in überzengender und erschöpfender Weise über das innere Leben, den Charakter, die Geistesanlagen dieses Mannes Aufschluß gegeben habe, muß die Antwort verneinend lauten. Aus demselben Grnnde steht bis heute nicht fest, welchen persönlichen Anteil der Held des kaiserlichen 45 - 52 — Romans an der Urheberschaft der geschichtlichen Vorgänge genommen hat, die in so langer Reihe und mit so tiefeingreifender Wirkung unter seinem Namen in dem großen Buch der Weltgeschicke figurieren. Von jenem Uebcrfall des 2. Dezembers 1851 an bis zum unwiderruflichen Entschluß zum deutschen Krieg am 14. Juli 1870, vou jener Nacht au, da der kaiserliche Pnrpnr in den Straßen von Paris erbeutet, bis zu jenem Tag, da er nach zwanzigjähriger Herrlichkeit im Pulverdampf von Sedan verweht wurde — was vou allem, so geschah, war das eigene Werk Louis Napoleons, was war das Werk Anderer? Wie verhielt er sich zu sich selbst in seinem Wollen und Handeln? Bis heute hat niemand festgestellt, ob der Präsident selbst den Plan zum Staatsstreich ausgebrütet hat, ob er bei der Leitung der blutigen Aktion vorangegangen oder nachgefolgt ist? Bis heute läßt sich darüber streiten, ob er es gewesen, der den deutschen Krieg gewollt? Wie überhaupt hat er seine Rolle aufgefaßt? Reizte ihn am Thron nnr der Vollgenuß des Lebens in Macht und Glanz und Ehren — oder gab er sich einen tiefern Beruf, eine Sendung zum Besten des Landes? Hat er an sich geglaubt? In diesem Augenblick, da sich das Totengericht niedersetzt über den Manu, den, weun nicht sein Wesen, doch sein Schicksal zu einem der merkwürdigsten unserer Zeit gemacht hat, wiederholen Tausende ohne Zweifel das Urteil, das sie schon oft vorher über ihn gefällt haben! sie brechen den Stab über den Verbrecher, über sein Regiment und sein Andenken. Dem ist er ein gewöhnlicher Missethäter, jenem ein Spieler, noch andern ein Schwachkopf. Nicht selten konstatieren wir das Eigentümliche, daß die, welche ihm alle geistige Begabung absprechen, ihn anklagen, er allein habe die 38 Millionen Franzosen während seiner — 53 Herrschaft um alle Einsicht und Moralität gebracht. Ich bin fest überzeugt, daß niemand den Kaiser so tief verantwortlich macht für den sittlichen und intellektuellen Verfall der ganzen Nation als die, welche ihn tagtäglich einen „Iradkoils" nannten. Werden nur jemals reine Wahrheit über ihn erfahren? Es ist überhaupt ein eigenes Ding um die Einschätzung dessen, was der einzelne Mensch aus der Anlage der Gesamtheit, und was die Anlage der Gesamtheit aus dem einzelnen Menschen macht. Neuerdings geht der Zug der Geoanken dahin' Gutes und Böses mehr auf Rechnung allgemeiner bestimmender Ursachen, als ans die Kräfte hervorragender Individuen zu schreiben. Sonst suchte sich die Vorsehung ein Werkzeug in einem Mann, jetzt bohrt sich die Natur der Dinge ihren Weg durch die Masse. Der „Iimmuk 6s ls. proviclsnLs" der alten Methode war eigentlich der größere. Er empsing direkt vom Himmel die göttliche Ausstattung, um seine Aufgabe zu erfüllen. Heute, da er in seiner Zeit nnd in seinem heimischen Boden wurzelt, und deren Quintessenz aus sich entfaltet, hat er ein größeres Teil von seiner Glorie an die Gesamtheit herauszuzahlen. Im ganzen, will mir scheinen, steckt im naturforschenden nnd demokratischen Zng der Gegenwart zu viel Neigung, den Werth nnd die Wichtigkeit der genialen Persönlichkeit zu unterschätzen. Das läßt sich stets am besten versinnlichen, wenn man die Probe auf die Litteratur macht. Shakespeare und Goethe wurzelten allerdings auch in ihrem Volk uud ihrer Zeit, und vieles in ihnen war durch andere vorbereitet. Aber hätte, wären sie nicht geboren worden, ein anderer den Hamlet und den Faust geschrieben, etwa weil diese Werke in der Luft lagen? Und wenn nicht, wäre unsere geistige Welt dieselbe ohne die Verfasser des Hamlet nnd des Faust? Der embryologische Zusall, aus dem ein geniales Gehirn entsteht, spielt eine große Rolle in der Welt, und kein Satz ist falscher, als daß es keine unersetzlichen Menschen gebe. Nun sind nur freilich abgekommen vom Gegenstand unserer Betrachtung; denn wie hoch oder niedrig er auch gestellt zu werden verdiene, ein Genie war Napoleon III. sicherlich nicht. Selbst zu der Annahme, daß er ein Mensch von mehr als gewöhnlicher Begabung gewesen, zwingt eher der Rückschluß aus seinen Schicksalen, als die Anschauung seiner Thaten. Bei dem geringen Grade von Wahrheitsliebe, welchen die Parteilichkeit der französischen Geschichtschreibung aufkommen läßt, werden wir vielleicht niemals ausrichtige Rechenschaft aus dem Munde scharfer Beobachter empfangen, welchen tiefer Einblick in die Natur dieses Menschen gestattet war. Schon daß er ans diese Weise geheimnisvoll bleiben konnte bis zuletzt, muß als ein Zeichen gelten, daß er nicht der erste beste war. Sein mütterlicher Halbbruder Mornu hat ihn wohl am genauesten gekannt, denn er hat ihn vielfach geleitet. Rouher, der einzige Hervorragende unter den Würdenträgern, der den Meister überlebt, und der beinahe von Anbeginn ihm zur Seite stand, wäre der Mann, vielleicht einmal in seinen Memoiren die Welt sattsam aufzuklären- denn er ist klug genug und, wo er die Emphase nicht geschäftlich sür nötig hält, auch kühl genug. In den künstlerischen Kreisen von Paris, auch zn der deutschen Welt nicht ohne Beziehnngen, lebte eine zartsiunige Frau, welche als die beste Kcnuerin des verschwiegenen Herrn galt. Sie war die erste, sagt man, die das Herz des Jünglings besessen, und sie behielt zeitlebens einen im besten Sinn verwerteten Einfluß auf ihn. Viel vou dem, was man in vertraulichem Gespräch über ihu vernahm, stammt von ihr her. Auch sie ist wahrscheinlich tot: — 55 — wenigstens war sie schon 1869 so krank, daß man an ihrem Aufkommen verzweifelte, und ich habe seitdem nichts mehr von ihr gehört. Alles was über die Zeit vor der Präsidentschaft von biographischer Litteratur über den Sohn der Königin Hortense existiert, ist äußerst lückenhaft und hat wenig authentischen Wert. Die einen holten sich ihre Eingebungen ans den Tuilerieu, die anderen brauten feindlichen Klatsch zusammen. Von der ganzen Jugendgeschichte ist so gut wie nichts in die Oeffentlichkeit gekommen, und mit dem Einblick in die Entwicklung fehlt der wahre Schlüssel zum Charakter. Zerstreute Augabeu finden sich in Chateaubriand« „Nsilloirsg ä'vutrs tovabs," und in diesen jedenfalls unbefangene. Dagegen ist schon das, was in Vsrons „Us- inoii-ss 6'rw dorirZsois äs ?ari8" vorkommt, unzuverlässig, denn die Aktenstücke wurden dem Verfasser von Mocqnard, dem Geheimsekretär und Lxiriws Fs-miliaiis des Kaisers, geliefert. Zu gebrauchen, aber mit Vorsicht, ist die Schrift des ehemaligen Unterlieutenants Laich über den Putsch von Straßburg (1837), welche dem Verfasser eine Verur- teiluug durch den Pairshof eintrug; iu gleicher Weise die Memoiren von Mademoiselle Cochelet über die Königin Hortense nnd Persignvs „Rslg-dioll cls 1'^ntrspi8« är> xrinok UkpolsoQ" (1837). Paul Lacroix, der Bibliophile Jacob, hat 1853 eine ,,Hi8koirs ÄQscssiKNöur, o'sst tond ii. tÄt snpsrtkn, ^js suis vsuvs avse cjuatrs sn^avts. Ä c^uoi bon m'kponssr?" Als er später in: Februar 1848 (er wartete nach dem 24. nicht einmal da? Ende des kurzen Monats ab, um sich als Prätendent zu melden) nach Paris kam, war einer seiner ersten Besuche bei der alten Liebe. Er hielt noch als Kaiser die Beziehungen zu ihr aufrecht und stattete jedes ihrer Kinder mit hunderttausend Franken aus. „^orrMrrs il ms rsyoit Kisu/- schloß sie ties gerührt ihre Erzählung, ..st s« vous deiQÄQds rnr psrr es c^u'il psut ikirs vieills kellims vomiQk inoi!" Die Hunderttausende, ivelche diese alte Flamme verzehrte, wurden bei Miß Howard zu Millionen. Sie wnrde Frau v. Beauregard und bewohnte in der Nähe von Versailles das Schloß gleichen Namens, welches zum Ankauf und Ausbau allem fünf Millionen gekostet hat. General Schmidt residierte darin während der Belagerung. Die herrlichen Möbel und köstlichen Nippsachen standen unangetastet auf ihren Plätzen, nur die Orangerie war verdorrt und verwildert. Die Schäferei war vou ewigen Offizieren mittelst eleganter Vorhänge und Sofas zu eiuem Pariser Boudoir eingerichtet worden, und in demselben aß ich deutsche Kartoffelklöße, vom Regimentskoch gar vorschriftsmäßig zubereitet. Madame de Beauregard war damals schon gestorben. Das Schloß gehörte zur Zeit des Krieges einer legitimistischen Prinzessin, und jüngst ist es nnter dem Hammer um 800000 Franken in die Hände eines deutschen Fiucmzbarons gekommen. III, Eine Atmosphäre, wie sie uns aus diesen und vielen anderen Beziehungen anweht, war nicht geeignet den Sinn für die Erhabenheit des Thrones vorzubereiten. Auch schleppte sich das Uebel unausrottbar alle Jahre hindurch in der Geschmacksrichtung des Hofes und selbst in ernsteren Dingen nach. Auf eine liederliche und frivole Mutter, einen unfähigen Lehrer uud Liebschaften zu Frauenzimmern niedrigen Schlags folgten im Laufe der Zeiten eine schöne, weltliche, bigotte Frau und die cmnsch gewissenlosen Helfershelfer des Staatsstreichs, deren Joch nicht mehr abzuschütteln war; es gehörte doch wohl ein beträchtlicher Grad von Umsicht und Sammlung dazu, um dem erabenteuerten Regiment trotz alledem etwas von jenem großen Anstrich und Einfluß zu geben, mit dem es sich jahrelang auf der Hohe der europäischen Politik behauptet hat. Der Krieg in der Krim, der Krieg in Italien, die freie Handelspolitik, die Bekämpfung des eingewurzelten französischen Hasses gegen England, das energische Bestreben mit diesem Land dauernd verbündet zn bleiben, das sind lanter Thntsachen, die nicht wegzuleugnen sind, ebensowenig wie die Lösung der Aufgabe: zwanzig Jahre Monarch von Frankreich zu bleiben, wenn man alle politischen Parteien gegen sich hat — ein Problem, dessen Schwierigkeit zu beurteilen wir vou jeher Gelegenheit hatten, dessen Schwierigkeit uns zu dieser Stunde mehr als je einleuchten muß. Man ziehe von der Beweiskraft dieser Thatsachen noch so viel ab, es wird immer etwas übrig bleiben, das zu Gunsten der in ihrem Autor liegenden Potenz spricht. Daß nach den aufsteigenden Jahren die abwärts führenden kamen, war hier mehr als je Naturgesetz. Mit dem Ende des niexikanischen Krieges ivar Napoleon ein gebrocheuerManu. Il sdait, an dvnt, de son rvulsau, wie einer seiner Freunde von ihm sagte. Ter Krimkricg und das Bündniß mit England, wie die moderne Handelspolitik, waren sein eigenes Werk gewesen. Sie waren das Produkt des besseren Teils ieiucr Eindrücke vom englischen Leben. Die freihändlerische Ueberzengnng hatte er ebenso wenig wie andere leitende Gedanken aus tiefen und ernsten Studien, sondern viel mehr aus allgemeinen Intuitionen, in denen fich seine geistige Thätigteit bewegte. Ein Hang ,;n stillem Britten und Nachsinnen muß als das meist hervortretende Merkmal seiner geistigen Konstitution bezeichnet werden. Scharfes exaktes Arbeiten war seine Sache nicht, dazn war er nicht erzogen worden,, und selbst Talente ersten Ranges lernen das selten noch spät im Leben ans sich selber. Hätte er die Kunst besessen, sich durch eigenen Fleiß Rechenschaft von den Dingen zu geben, so würde er sich nie jene traumartige Gewißheit von der vollendeten Kriegsbereitschaft haben beibringen lassen, mit der er von seiner Umgebung in den deutschen Krieg hineingehudelt worden ist. Aber er liebte es seinen Weg still voranzutasten. Von Menschen, die schwierige Aufgaben lösen, hatte er ganz entschieden die Eigenschaft an sich, daß er einen Gedanken zäh, unab- weichbar festhielt; er ließ sich nie darin irre machen und wollte nicht darin irre gemacht sein. Rathgebern, welche seinen Hauptplan zu durchkreuzen unternahmen, wendete er sich unwillig ab; er wollte nur Ratschläge, die seiner Idee zu Hilfe kamen, nicht solche, welche sie für falsch oder unausführbar erklärten. Er ist, sagte mir eines Tages ein feiner Beobachter, wie ein Erfinder, der unablässig seinem Problein nachhängt; in allen anderen Dingen läßt er sich gern von andern leiten, vertraut sich ihnen an, nur in seinen besonderen Gedanken ist ihm die Opposition unerträglich, da sucht er nur Leute, die ihm beistimmen und an der Ausführung mithelfen wollen. Er will keine Einwände, sondern Ratschläge. Geht ihm etwas schief, so kommt er eben deshalb leicht aus dem Gleichgewicht und verliert den Faden. So weit war sein Willensinstrumeut gang richtig für feine Zwecke gestimmt, uud hätte er nie die Maxime vergessen, die ihm einer seiner Verehrer in den Mund legt, daß die Welt dem intelligenten Phlegma gehöre, so wäre er wohl in den Tuilerien gestorben. Die Idee, daß er einst Kaiser werden müsse, beherrschte ihn bekanntlich von dem ersten Erwachen seines Bewußtseins au uud blieb unerschütterlich, trotz der tiefen Demütigungen, welche das klägliche Scheitern wiederholter Versuche ihm bereiten mußte. Nicht Selbstgewißheit, sondern die Konzentration des Mühens und Denkens auf deu einen Punkt hin war seine Stärke. Als er nach deni Putsch von Boulogne vor dem Pairshof ftaud, sagte er in einer Pause der Gerichtsverhandlungen zu seinem Advokaten, auf die Knopfe der vor ihm stehenden Gendarmen zeigend: „Wenn ich Kaiser sein werde, werde ich die ändern." Dabei war sein Auftreten nicht ruhmredig oder dreist, sondern das Gegenteil. Man erinnert sich, wie ungeschickt uud verlegen er sich als Mitglied der konstituierenden Versammlung des Jahres 1848 ausnahm, ein blasser, befangener, schwerfälliger, stotternder, unansehnlicher Mensch: so schildern ihn die Leute, welche Zeugen seiues ersten Redeversuches wareu. Zusammengehalten mit den lächerlichen Anläufen von Straßburg und Boulogne vereinigte sich alles, ihm den Schein eines unfähigen und unschädlichen Menschen aufzudrücken. Auch er galt einmal für den ?o1itiqus ro.our Zeit der'Juli-Monarchie, war ein feiner Kopf, ein ausgezeichneter Lateiner und Grieche, ein Meister des Stils. Wie viele der großen Stilisten in Frankreich, hatte er den Grundsatz, nicht bloß selbst seine Aufsätze unzahlige Mal zu überlesen, sondern auch nie etwas zu veröffcnt- licheu, ohne es von einem Dritten durchsehen zu lassen. Man sagt^ Ernst Renan korrigiere seine Druckbogen zuweilen vierzehnmal). Moequard prüfte alles, was Napoleon inachte, und verbesserte mit dem größten Freimut. Nur an seine Hauptideen ließ der Verfasser nicht rühren. Persigni), der eigentliche Prophet der Gesellschaft, war in dieser Eigenschaft auch ein bischen verrückt. Von Zeit zu Zeit, wenn ein extravagantes Vorgehen angezeigt war, holte man ihn herbei; machte er es dann zn bunt, so wurde er wieder aus sein Schloß Chamarande geschickt, das der Kaiser drei- oder viermal bezahlte, uud das noch nicht bezahlt war, als der Duc starb. Dieser konnte sich wälzen vor Lachen, wenn er schilderte, wie man es angefangen, um die Republik in den Sack zu stecken. „Um diese Zeit — erzählte er einmal — brauchten wir besonders Generale, die uns Helsen sollten. Ich ging eines Tags aus dem Elvsee hinaus, gerade iu Gedanken versunken, wo ich einen höheren Offizier erkunden könnte, der sich uns verkaufen möchte. So schlenderte ich das Wasser entlang, als aus einmal der General Regnaud de St. Angsln aus mich zukam. Ich blieb bei ihm stehen und fing ein Geplauder an. Er sprach mir sehr sympathisch vom Präsidenten. Wie sich das trifft! rief ich — 76 — aus, eben hat der Präsident beschlossen, Ihnen ein großes Kommando zu geben. Kommen sie gleich mit in den Palast, Gesagt, gethan. Nim handelte es sich aber darum, dem Prinzen im voraus beibringen zu lassen, daß er Regnand ernannt habe, ehe ich mit demselben vor ihm erschien. Es gelang mir, ihn in den Vorzimmern zu verlieren, und erst wiederzufinden, als derPrinz verständigt war." Regnaud hieß übrigens ganz einfach Regnaud und war aus dem Dorse St. Ang-zly gebürtig. Ein Pariser Holzhändler desselben Namens, aus demselben Dorfe, hielt es nicht für schädlich noch verboten, seine Firma gleichen Inhalts auf seinen Karren zu setzen. Die Gerichte, welche der General anries, legten sich aber dazwischen und erklärten! ein Holzhändler dürse sich nicht nach seinem Dorfe nennen. IV. Heute glauben wenig Unbefangene mehr an die Schätze, welche Louis Napoleon in Euglaud und Amerika aufgehäuft haben sollte. Wer annähernd die richtige Vorstellung von seinem Wesen hatte, konnte diesen Angaben niemals innere Wahrscheinlichkeit einräumen. Er war kem Haushälter und kein Rechner. Darum saß Achille Fould als Fiuanzminister so fest bei ihm, der ihn der Mühen und der Langweile des ziffermäßigeu Einsehens überhob. Fould wußte immer Mittel herbeizuschaffen; nach dessen Tod nahmen die Verlegenheiten der Zivilliste manchmal einen aknten Charakter an. Sie lief stetig ihren Einnahmsterminen mit ihren Ausgaben voraus, und mehr als einmal wußte der Beamte des Privatschatzes sich keineu Rat, wenn der Kaiser auf ihn anwies. Er gab gern und leicht bis zur Schwäche, wie jemand, dem Geld nur eiue Nebensache ist, und der nie darum gearbeitet hat. Gegen seine Umgebung war er weich, liebenswürdig und anspruchslos; jemanden aus seinem Dienst zu entlassen, war ihm entsetzlich unangeuehm; er entschloß sich nur im unvermeidlichsten Fall dazu. Die Dienerschaft betete ihn mu Eugenie soll sich nicht des Gleichen rühmen können, behauptet die Chronik. Von Mocquard ließ er sich am meisten gefallen, manchmal wahre Unschicklichkeiten. Für geleistete Dienste blieb er lebhaft dankbar. Nur den Hauptdicnst, den ihm Ludwig Philipp geleistet hatte, als er ihn nicht erschießen ließ, hat er schlimm vergolten. Sobald es an die Staatsraison ging, gab es keine Skrupel, worin ihm wohl die meisten Gewaltigen der Erde von jeher ähnlich waren. Zu Arenenberg, als er noch ein Knabe war, nannte ihn seine Muttern irroir 6oux svtsts, mein sanfter Hartkopf. Menschenkenntnis hatte er wenig, Menschenverachtung ziemlich viel, aber vor Gelehrsamkeit nnd Kunst aufrichtigen Respekt, doch guten Geschmack im höheren Sinne gar nicht, für Musik totale Uuempsindlichkeit. Die gemeinsten Witzstücke des Palais Royal wurden in den kaiserlichen Schlössern aufgeführt und mit dem größten Erfolg. Seiue Menschenverachtung entsprang vornehmlich dem Umgang mit dem abenteuerlichen Gelichter, unter dem er sich uamentlich in London umhergetrieben, und das er für seine halsbrechenden Unternehmungen brauchte. Alle staken vor dem Staatsstreich in Schulden und waren nach demselben nicht satt zu machen. Mit Geldspenden allein war da nicht auszukommen, keine Zivilliste nnd keine Bestallung hätte für den Durst der Baude ausgereicht. Das Konzessionswesen allein konnte Helsen, indem es eine Schleuse von der Börse in den Palast legte. Das war ein Gründen sondergleichen. Es gab eine Zeit, da jedes — 78 — neue Unternehmen, Eisenbahn, Kanal, Docks, Straßen u. s. w. mit eineni Prolog anhob, gesprochen von einem eleganten Herrn oder oft auch von einer eleganten Dame! „Mein Herr, der Kaiser, möchte mich gern eine Million oder zwei verdienen lassen, und hat mir beigehende Konzession überlassen." Uebrigens hat die große und kleine Gesellschaft in Frankreich von jeher solche finanzielle Staatskünste mit Virtuosität praktiziert, unter den Boubonen wie unter Gambetta in Tours und Bordeaux: das ganze System der Schutzzölle und namentlich der darauf basierten Rückvergütungen ist die organisierte Hintergehung des Fiskus durch die großen Fabrikanten. Die Kunst der Zuckerfabrikation besteht in der Geschicklichkeit mehr Rückvergütung für Zoll zu erzielen als man ausgelegt hat, und wenn erst einmal das Thierssche System durchgeführt wäre, allen Rohstoffen Zölle aufzulegen und allen verarbeiteten Waaren bei der Ausfuhr sie wieder zu erstatten, so würde man seine Wunder an Ausbeutung des Staates durch die Industrie erleben. Im Sinne des Schutzzolles ist dieses auch gar kein Betrug, sondern die Art, wie Handel nnd Wandel begünstigt werden müssen. So dachte man im Palast von den Leuten, welchen das Geld im Konzessionswege geschenkt wurde, und die es in bunter Weise verpraßten. Der Ladenbesitzer denkt noch heute nicht anders und sagt' kait ius,r müssen die Aussichten sehr blühend gewesen sein. Ich finde in meinen Notizen die authentische Mitteilung verzeichnet, daß große Personnagen vom Hof systematisch ungeheure Verkäufe au der Börse machen ließen und Auftrag gaben, sie mit den stärksten Opfern offen zu halten, weil diesmal der bewußte Krieg unfehlbar kommen müsse. Endlich kam er. Noch jüngst sagte ein deutscher Parlamentsredner, dieser Krieg sei seit zwanzig Jahren das Ziel gewesen, auf das Napolcou losging. Mit besserm Recht könnte man sagen: zwanzig Jahre lang hat sich Louis Napoleon gegen die Versuchung dieses Krieges gewehrt, den ihm das Land in die Wiege gelegt hattc, und den ihn seine Umgebung unablässig in die Ohren schrie. Krankheiten, wie die, welcher er unterlag, brechen die moralische Kraft des Menschen. Er hatte seinen eigenen Willen verloren, als er sich in diesen Krieg begab, und er ließ sich vom Thron gleiten in demselben träumerischen Fatalismus, mit dem er ihn erstrebt und behauptet hatte. Nach abermals zwanzig Jahren, während deren Aumale oder Gambetta ihre Negierurigsmoral uud Regierungskunst an Frankreich werden erprobt haben, wird die Zeit gekommen sein, die Rechnung Napoleons III. endgiltig abzuschließen. So viel man vernehmen konnte, haben die bedeutenden Staatsmänuer, welche ihn am Werk gesehm, Bismarck uud Cavour inbegriffen, niemals so verächtlich über ihn abgeurteilt, wie die grimmen Scharfrichter, die jetzt auf ihren Nekrologen feinen Leichnam zum Galgen schleifen. Lduard Lasker.'' Rede gehalten in der Singakademie zu Berlin am Abend des Bcgräbnißtagcs, 28. Januar 1884. er jene größte Bitternis im menschlichen Leben gekostet hat, daß der schwere Augenblick über ihn kam, da er zum letzten Male das Antlitz eines geliebten Menschen in sich aufzunehmen verlangte, wer jenes tiefschmerzliche Sehnen kennt, mit dem wir noch einmal in nnser Auge die Züge eines Theuern, den nnS der unerbittliche Tod entführt, festzusaugen verlangen, der weiß auch, daß, nachdem aus immer die Scheidewand getreten ist zwischen den Anblick des geliebten Wesens nnd unser Ange — daß dann von neuem der Wunsch, die Sehnsucht entsteht, nnS ein festes Bild zu machen von den Zügen, die uns der Tod entrissen hat. Daun rnft menschliche Phantasie die Knnst, dann ruft sie Piusel nnd Palette, Thou und Meißel herbei, um wenigstens im Abbild uoch dao sich zu bewahren, was der Kraft lebendiger Vorstellung festzuhalten versagt ist. Aber, wie wir die sichtbaren natürlichen Züge eines tenern Wesens festzuhalten verlangen, gan^ so, vielleicht noch mehr, fühlen wir das Bedürfnis, anch den geistigen Inhalt, die Seele, den Kern, das ganze Wesen eines Menschen in dem Augenblicke, da er sür immer von nnS scheidet, vor uns hinzustellen, nnd diesem Bedürfnis Befriedigung zu verschaffen, darum, meine geehrten Versammelten, sind wir heute hierher gekommen. Möge es mir, so schwer die Aufgabe ist, so ungenügend ich meine Kräfte für dieses große Beginnen fühle, möge es mir gelingen, wenigstens ans dem Innersten meiner Empfindung nnd meines Denkens - 90 - schöpfend, Ihnen in kurzen Zügen den Inhalt jenes reichen, großen Lebens für den Augenblick wieder vor die Seele zn führen, damit Sie den heutigen Tag nicht beschließen, ohne auch in dieser Weise sich eiu Gemälde von dem bewahrt zn haben, von dem dieser Tag nns so schmerzlich getrennt hat. Zwar ein solches Bild ist heute morgen schon an nns vorübergezogen, ein Bild, in seiner Würdigkeit großartiger, mehr bedeutend als alles, was meine Worte sagen könneiu das Bild einer großen Bürgerschaft, einer politischen Gemeinschaft, eiuer gauz Deutschland in seinen edelsten Elementen vertretenden Begleitung, die andächtig diesem Zuge folgte, die andächtig sich um die Bahre sammelte. Einfach, ohne Gepränge, wie es ihm anstand, und namentlich ohne das offizielle Gepränge, von dem er stets sich fern gehalten hat und das wir auch heute, als es nicht seinein Sarge folgte, nicht vermißt haben, weil es nicht zu seinem Wesen gehörte, der ganz Bürger, ganz auf sich selbst gestellter Manu, ganz Volksvertreter war, der nie andere Stützen verlangte, als die, deren Rechte er vertrat. Möge es mir nun gelingen, vor allem deu Menscheu zu zeichnen, der so viele Herzen an sich zu fesseln vermochte. Weun ich mich srage, was nur heute mit nuserm lenern Freunde in die Erde gelegt habeu, so giebt mir mein Nachdenken vor allen Dingeu die Autivort' es war eiu Stück deutscher, vaterländischer Geschichte, und es war ein Stück der besten deutschen Geschichte, das wir heute zu Grabe geleiteten. Wv immer seit beinahe zwei Jahrzehuten Großes iu Deutschland geleistet wordeu ist für das gemeinsame Ganze, da glänzte der Name Laskers in erster Reihe, da wurde auf feine Mitwirkung iu erster Reihe gezählt. Jene Begeisterung, die das Volk zu großen Thateu führte, er hat an ihr mitgearbeitet, jene Ernte großer Thaten, die - 91 - sich zu Ergebnissen fester Gebilde im deutschen StaatSlebeu , herausarbeitete, sie trägt vor allem die Spuren der Hand dieses großen politischen Künstlers, der unser teurer Freund war. Er war es, der wohl mehr als irgend einer seiner Genossen so ununterbrochen, so allseitig thätig im Vordergründe dieser politischen Wirksamkeit dastand. Vielleicht, daß einzelne seiner Freunde und Mitarbeiter in einzelnen Zweigen des politischen Berufs mehr geglänzt haben; einzelne mögen sormvollere Beredsamkeit, andere eine strengere staatsmännische Haltung entfaltet habein aber in allem zugleich so stetig wirksam, so immer nnd immer auf der Bresche, redend, arbeitend, schaffend, in der Volksvertretung wie im Volke selbst, vorarbeitend und nachsorgend, so mit allem untrennbar verknüpft iu allen Fibern, wie er seit 1865 bis kurz vor seinem Tode mit dem öffentlichen Leben Deutschlands ver- buudeu war, so, dars ich sagen, tritt mir auch bei allem Besinnen keine Figur aus uuserm öffentlichen Leben entgegen. Wimderbarerweise haben wir es erleben müssen - uud ich stehe ja da, um heute das Andenken dieses Mannes in allen Stücken wieder aufleben zu lassen, deswegen unterdrücke ich aneh diesen Gedanken nicht — wnnderbarerweise haben nur es erleben müssen, daß in den letzten Jahren der Kranz des Nnhmes, der so strahlend nnd blühend jahrelang aus seinem Hanpt geprangt, ihm eutrisseu werden zu solleu schien. Zwar ist dies im Leben der Völker und im Walten der Volksgunst nichts Unerhörtes; nur dürfen nns hier nicht beklagen, da mir beim Nachschlagen in den Büchern der Geschichte nicht selten sehnliches verzeichnet finden, nnd gewiß, er selbst war Kenner der politischen Dinge und Geschichte genug, um in jeueu vielleicht prüsuugsvolleu Momenten, in denen er die Wendung der öffentlichen Gunst gewahren mochte, sich - 92 — zu erinnern an Beispiele dieser Art, Dürfeil wir doch z. B, daran gemahnen, daß in einein Lande von so viel höherer politischer Entwicklung, in Großbritannien, ein Mann, der ihni würdig, ja sogar iu der Aktion noch bedeutsanier au die Seite gestellt werden kann, anch einmal diese Wenduug der Vollsguust erlebt hat, Richard Cobden, der, ähnlich wie unser Freund, für die Rechte des Volkes in deu Fragen der Ernährung gegenüber den Privilegien der Aristokratie seines Landes gekämpft hatte. Auch er mußte es nach zehn Jahren glänzender Triumphe erfahren, als er mit der kriegerischen Politik des mächtigen Palmerston nicht übereinstimmte, daß die. Lauue des Volks sich von ihm wendete, Uud wie unser verewigter Freuud bei deu letzten Wahlen kein Mandat zum Hause der Abgeordueteu Preußens, dessen Zierde er so lauge gewesen war, erlangen kouute, so erging es auch Cobdeu. Im Jahre 1857 konnte er lein Mandat zum englischen Uuterhause finden. Diese Weuduug der öffeutlicheu Lauue darf uns nicht betrüben, sie ist kein Makel an dem Bilde eines Mannes, der gewohnt war, in Sturm und Wetter auch die schwereu Tage des öffentlichen Lebens kennen zu lerneu. Doch was wir uns sageu müssen, das ist, daß ein Volk sich selber schwer verkeimt, indem es vergißt, daß der Manu, dem es seine Gunst entzieht, ein Stück, wie ich vorhin sagte, nicht bloß seiner Geschichte gewesen, sondern seiner besten Geschichte, daß er dagestanden in den Reihen der Vordersten unter den Kämpfern uud Arbeitern in der Zeit, da Deutschlands höchste und heiligste Wünsche ihre Erfüllung saudeiu daß, wenn irgend einer, er es war, der die Fahne hinübertrug aus der halbhundertjährigen Zeit, da Deutschland nach der Verwirklichuug seiner Ideale strebte, daß er die Fahne, auf welcher alle diese Ideale verzeichnet standen, hinübertrng in die neue Zeit des neuen Reiches. Und — 93 - wenn ein solcher Mann verkannt wird, wenn versucht wird, ihm den Kranz des Ruhmes von der Stirn zn nehmen, dann reißt ein solches Volk sich selbst den Rnhmeskranz vom eigenen Haupte, dann verleugnet es seine eigene beste Geschichte. Aber, meine werten Zuhörer, es war auch nur das Werk vorübergehender Trübung, wenn die öffentliche Meinung in ihrem Verhalten anzudeuten schien, daß die Anerkennung der großen Verdienste dieses großen Patrioten für immer in Verfall, in Vergessenheit gerateil wäre. Der Tod ist ein großer Meister; indem er das Endliche am Leben vernichtet, erhebt er das Leben auch über die Befangenheit der zeitlichen Schranken, in denen es sich bewegte, er faßt es als Ganzes vor dem Auge der Ueberlebenden zusammen in einen Moment. Und dieses Meisterstück hat auch der Tod vollbracht, als die Kunde von jenseits des Ozeans zu uns herüberdrang: Lasker ist tot! In diesem Moment war die Wolke, die in den letzten Jahren sich auf Laskers Namen in einigen Schichten der Nation gelagert hatte, durchbrochen. Und wie dieser wehklagende Ruf und der Ruf der Bewunderung von jenseits des Ozeans herüberdrang, so drang auch durch das deutsche Volk von Nord nach Süd, von Ost nach West der Rns der Teilnahme, der Dankbarkeit, der Bewunderung nnd der Trauer um Laster. Und wir können wohl sagen, daß dieser Moment des Todes allein schon wieder die Gerechtigkeit hergestellt hat, die ihm eine Weile versagt zu sein schien. Wohl hat heute an seiner Bahre jede amtliche Vertretung gefehlt; allein nur Deutscheu haben glücklicherweise historischen Sinn genug, um nicht darin so lenkbar zu sein wie unsere Nachbarn, denen jede nene Regierung vorschreibt, daß die alten Namen alter Straßen und alter Gebäude verändert werden müssen nach jeder Laune der neuesten zur Herrschaft gekommenen Richtung. Wir lasseil uns dergleichen nicht befehlen, und keine amtliche Enthaltsamkeit, keine Verleugnung von oben wird das deutsche Volk des Bewußtseins berauben, daß Eduard Laster eiuen großen, unvergeßlichen und wohlverdienten Platz im schönsten Teile seiner Geschichte einnimmt. Und wenn nur es hätten vergessen können, meine verehrten Zuhörer, haben nur nicht eben durch den Ruf, der vou jenseits des Ozeans zu uus herüberdrang, schon von selbst gewahrt, was die Geschichte einst urteilen wird? Ganz ähnlich, wie die Trennung iu der Zeit, wirkt die Trenuuug im Ranme. Wie nur sicher, sein könueu, daß entfernte Geschlechter, frei vom Dunst der Vorurteile, der sich gesammelt über diesem ruhmvollen Haupte, ihm das Verdienst richtig zumessen werdeu, so haben wir schon dank der räumlichen Entfernung gewahrt, wie die Welt urteilt. Männer, die Dentsch- laud ehren ohne Unterschied der Partei, die Deutschland lieben, die die innigsten Wünsche für Deutschland hegen, und die es ans eigener Erfahrung auf das genaueste kennen, Männer, wie Karl Schnrz und Andrew White, der einst als Gesandter der Noröamerikanischen Staaten viele Jahre Berlin bewohnt und als Gelehrter wie als Ztaatsmann Deutschland zn würdigen gelernt hat, sie habeu zuerst Zengnis gegeben von Laskers Universalruhm ^ und der Kongreß der amerikanischen Repräsentanten — denen, wie ich glaube, Deutschlands sreigesinnte Männer hier ihren Dank dnrch meinen Mund aussprechen dürsen — dieser Kongreß hat in dem ehrenvollen Votum, welches er zum Andenken unseres Freuudes abgab, uns geengt, wie nicht nnr die räumlich, sondern auch die zeitlich entfernte Welt, die Nachwelt, über ihn urteilen wird. Und wie sollte es anders sein! wie sollten, wenu wir das Wirken des Mauues, ich meine seine Wirkung auf — 95 - seine Mitbürger, uns in Erinnerung rufen, wie sollten wir anders dies uns erklären, als dadurch, daß auch er aus dein innersten nnd besten Herzen der deutschen Nation heraus zu sprechen und zn handeln wußte, O, er war nicht angethan mit den Mitteln des Volksverführers, niemand konnte weniger von einem Demagogen an sich haben, niemandem war weniger das milde Element verwandt, welches die Leidenschaften einer leichtbeweglichen Menge durch das Blendwerk der Rede mit sich fortreißt. Nichts ebnete ihm von Hause aus die Wege, uichts unterstützte ihn äußerlich in seiner Wirkung auf die Welt; er hatte uichts weniger als jenen Vorzug aristokratischer Geburt, die uoch in Deutschland zu besonderer Gunst leicht verhilft. Was er hatte, was ihm die Herzen gewann, was machte, daß sein Wort mehr galt als das Wort von Tausenden, das war, daß er aus dem Innern eines gauzeu Volks heraus sprach: das machte ihn gewaltig, und es giebt nur diese eine wahrhafte Redegewalt; ein Redner kann bestechen, kann gefallen; aber wer über ein Jahrzent lang die Sinne, die Gedanken, die Entschlüsse und die Anschauungen seiner Mitbürger bestimmt, dem geliugt es nur dadurch, daß er eius mit ihnen ist, daß er in dem tiefsten Grnnde ihrer Seele gelesen hat und das Wort immer auszulösen vermag, das ihnen ungelöst vor ihren Gedanken schwebte. Das war seiue Kuust, das seiu Geheimnis; nicht er, die deutsche Nation in ihrer Mehrheit hat mehr als zehn Jahre laug durch seinen Mund gesprochen, lind wenn ich noch Eins herbeiführen darf zur Erklärung des umviderstehlichen Zaubers, den er so lange ausgeübt hat im Kreise der höchsten politischen Körperschaften, wie in der großen Menge populärer Versainmluugen, so war es, daß jeglicher von ihm das Gefühl hatte! hier ist ein vollkommeues Zusammenstimmen von Seiu, Denken und Handeln, Die volle Ein- — 96 — heit des Wesens, jener tiefe Ernst, der jedes Wort und jede Handlung znm Ausdruck desseu machte, ivas iu der Seele des Mannes lebte, das war es, was ihm Gewalt über die andern gab: denn dafür hat das Ohr und das Auge des öffentlichen Lebens einen gar feinen Sinn; es läßt sich bestimmen von Manchen, denen Geistesgaben, denen Klugheit uud Gewandtheit behülflich sind, nnd die vielleicht im Innern, verzeihlicher- und begreiflicherweise, nicht immer frei sind von jenen Anwandlungen der Selbstironie, die an den Dingen, und gerade an denen des öffentlichen Lebens, auch die audere, die Schattenseite sehen; — aber so war er nicht, er ging ganz auf in dem, was er wollte uud was er sagte, hier gab es keiue Ziveiheit, keineu doppelten Gedanken, alles war eins und identisch in ihm, uud das war die wahre Kraft, durch die er die Menningen und die Sinne seiner Mitbürger bezwang, das Vertrauen derselben gewann, welches man nicht erschleicht zehn Jahre lang, welches man nicht durch Berückuug sich erwirbt, sondern dadurch, daß man die volle Einsicht und die volle Ernsthaftigkeit hat für des Volkes Wirken und Streben. Noch Eines lassen Sie mich aussprechen, denn ich habe mir bei der Schwierigkeit der Aufgabe, die mir die Freunde heute auferlegten, gesagt: ich will bei dem Bilde, das ich zu zeichnen unternehme, auch nicht der Gefahr erliegen, daß ich etwas der Wirkung oder der Stimmung zu Liebe verschönere; er hat der guten uud der schönen Seiten, der herrlichen Eigenschaften so viele geboten, daß ihm Unrecht gethan wäre, wenn man eine Kritik herausfordern wollte dadurch, daß man sich von der strengen Wahrheit entfernte. Wir wollen ihn ganz vor uns sehen, auch mit deni, was hier oder da sich weuiger gläuzend ausnehmen könnte. Doch, waS ich jetzt von ihm schildern will, was — 97 — eine so scchr anziehende Kraft auf die Nation ausübte, mag kaum als eine Uuvollkoinmenheit angesehen werdend es war dies jene eigentümliche Mischung des kleinlebigen Daseins mit großen Geistesthaten, welche, wenn mich nicht alles trügt, überhaupt das Abzeichen des deutschen Lebens ist; das deutsche Leben, welches gipfelt in der gelehrten Forschung, in dem wissenschaftlichen Denken uud in der Hingebung sürs Vaterland, es hat von jeher diesen eigentümlichen Charakter an sich getragen, daß große Geistes- thaten vollbracht wurden von Männern, die nichts verlangten, als dem erhabenen Geist der Wissenschast und des Vaterlandes m dienen, ohne dafür einen Anteil an der Macht uud Herrlichkeit der praktischen Welt zu begehren. Dies Gepräge des deutschen Lebens, das vielleicht noch zu sehr auch nnserm politischen Leben aufgedrückt ist, dies Gepräge trug Laster gauz in seinem Wesen. Es hatte etwas Rührendes — und dies Rührende gewann ihm die Herzen der Menschen — es hatte etwas Rührendes, diesen, wie ja heute schon von anderen Rednern gesagt worden ist, kindlich anspruchslosen Menschen bald als einen streitbaren Kämpfer in schwerer Rüstung den höchstgestellten und gewichtigsten Männern des Staates mutig entgegentreten, und bald wieder in der harmlosesten Form der bescheidenen Lebensführung mit seinen Mitbürgern verkehren zu sehen. Dies ist ja noch das Siegel unseres deutschen öffentlichen Lebens vielleicht zu sehr, daß das Volk und seine Vertreter noch nicht gelernt haben, sich den praktischen Anteil an der Leitung der Staatsgeschäfte zu vindizieren, der, jedem politisch freien Volk gebührt: daß sie zufrieden sind, wenn sie die geistige Arbeit gethan, wenn sie ihr Blut auf dem Schlachtfelde gelassen, wenn sie in der Gesetzgebung sich, wie unser hingeschiedener Freund, zu Tode gearbeitet haben-, daß die Ernte an Macht und die Verfügung über den Staat Ludwig Bmnberger'S Gcs. Schriften. II. 7 — 98 — denen bleibt, die durch irgend ein Privilegium der Stellung von jeher die Staatsmacht in Deutschland einseitig in Händen gehabt haben. Diese eigentümliche Mischung von kleinbescheidenem Wesen mit hohen, ernsten, kühnen Aspirationen und Triumphen, diese war es, die Laster während eines Jahrzehnts, man darf es ohne Uebertreibung sagen, in weiten, weiten Gebieten des deutschen Vaterlandes zum Liebling der Nation gemacht hat. Und wenn ich nuu srage, was war der Kern dieses Kämpfers, dieses Mannes, der sich so hervorthat in Staat und Volk? Ich möchte nicht sagen, daß er eigentlich das war, was man einen Mann der Freiheit nennt, auch nicht „der Mann des Volkes" deckt und erschöpft den Begriff, Ganz gewiß, von beiden war viel, ein gut und reichlich Teil in ihm; aber wenn ich aufgefordert würde, mit einem einzigen Worte den Mann zn zeichnen, die Flamme, die am stärksten in ihm loderte und von Grnnd aus der Zpiritus rsowr seines ganzen Denkens nnd Thuns war, wenn ich dies nennen sollte, so würde ich sagen' Er war ein Mann des Rechts! Recht und Gerechtigkeit, das war die Gottheit, die in seiner Seele lebte, aus der sein ganzes Thun und sein ganzes Denken und Wirken zu begreifen war. Ich selbst sand dieser Tage in den Aufzeichnungen, die ich nachschlug, um mir diesen reichen Lebenslauf wieder Zu vergegenwärtigen, die ersten Spuren seines öffentlichen Auftretens verzeichnet, und ich fand sie in einem Akt der Vindikation des Rechts nnd der Gerechtigkeit, Es handelte sich darum, in einem Berliner Wahlbezirke einen liberalen Kandidaten für das Abgeordnetenhaus zu Anfang des Jahres 1865 aufzustellen i vorgeschlagen war ein Staatsanwalt mit Namen Schwarck, Da trat aus der Versammlung ein noch von niemand gekannter, unscheinbarer Mann auf und opponierte gegen — 99 — diese Ernennung; er brachte in Erinnerung, daß der Kandidat im Prozeß Stieber eine eigentümliche Rolle gespielt hatte, er stellte ihn zur Rede vor der Versammlung: mit der ganzen Schärfe und Behendigkeit seines juristischen Vermögens nahm er ihn in ein Kreuzverhör, und der Erfolg war, daß nicht mehr als drei oder vier Stimmen für diesen Kandidaten abgegeben wurden, der intakt in die Versammlung getreten war; ein erster Akt zur Sühne der öffentlichen Gerechtigkeit war es, mit dem unser Freund im öffentlichen Leben debütierte, und diesem Berufe ist er treu geblieben bis zu seinem Ende. Und so auch ist die größte und unvergessenste That, mit der sein Wirken eingeschrieben ist in das Buch deutscher Geschichte, die Herstellung einer einheitlichen und gemeinschaftlichen Rechtsgesetzgebung. Er war es, der im Bunde mit Miquel deu Antrag stellte auf Ausarbeitung eines gemeinsamen dentschen Rechtsgesetzes, von dem ein beträchtlicher Teil schon vollendet ins Leben getreten ist und an dessen Rest unablässig fvrtgearbeitet wird. Mögen wir an dem, was bereits fertig ist, dies nnd jenes auszusetzen haben, so ist es doch-, auch wenn es Fehler in sich bergen sollte, eine große Eroberung für die ganze Nation, die wahre einigende Klammer derselben; und selbst mit Mängeln behaftet, wäre es immer noch besser als eine Menge selbst besserer kleiner Einzelgesetzgebungen. Und nicht bloß in der Rechtsgesetzgebung wollte er Gerechtigkeit dem Volke sichern. Es ging sein Sehnen darin noch weiter: ja er legte das eigentliche Schwergewicht seines Bernfes, zu kämpfen für die Herstellung der Gerechtigkeit, nicht so sehr in die Rechtsprechung, als er sie legte in die Gerechtigkeit auf allen Wegen der Verwaltung. Er war der erbitterste, unerbittlichste Feind dessen, was man den Polizeistaat nennt. Die Willkür der Verwaltung — 100 — war es, die am meisten zu bekriegen er für seine Ausgabe hielt, und darum legte er noch viel mehr Gewicht als auf Rechtsgesetzgebung anf die Herstellung der Provinzial- nnd Kreisverfassung, in der er nach seinem Sinne hinter jedem Akt der Verwaltung auch eine Berufung, einen Weg des Rechts und der Gerechtigkeit erschließen wollte. Ich erinnere mich noch sehr gnt der Zeit, da er hoffnungsvoll nn dieser Arbeit thätig war, da er unermüdlich bis zur Ueber- scittigung der Freunde die Herrlichkeit eiues solchen Zieles darstellen konnte! daß niemand von irgendwelcher Behörde ein Unrecht sich brauchte gefallen zn lassen, daß überall der Weg des Rechts im Verkehr, in der Verwaltung den Behörden gegenüber gesichert sein sollte. In jenen langen, ernsten Studien, denen er in England obgelegen, hatte er diesen Geist des Rechts gerade in Sachen der Verwaltung in sich aufgenommen. Sein Ideal war, daß jeder von sich sagen könne.' in keinem Falle bin ich der Willkür ausgesetzt. Er hatte sich vollgesogen mit diesem Gedanken. Natürlich war auch, daß er bei diesem Drange, der ihn so ganz erfüllte, nicht frei von derjenigen Übertreibung blieb, welche einen Menschen überkommt, wenn er mit seinem ganzen Eifer sich einer Sache hingiebt. Er war ein Mann der Gerechtigkeit und des Rechts, er hatte einen Zug, den man in Erinnerung an eine klassische Figur den aristidischen nennen könnte, einen Zug jener Sinnesart, die überall in den verschluugeuen Wegen des Lebens allzu, sehr die gerade Linie des Rechts angewendet zu sehen verlangt. Er hatte sich aus dieser Anschauung des Rechts, und nicht immer würdigend die Anforderungen des Lebens, nicht bloß das Ideal eines Rechtsstaats, er hatte sich auch das Ideal eines Richters 'gebildet, und er war geneigt, diesen Richter in einem Lichte zu sehen, das in ihm wohl loderte und leuchtete, das aber von jedem Richter, der auch — 101 — nur Mensch ist wie andere Menschen, zu verlangen zu viel wäre. Wenn irgend eine Täuschung in seinem öffentlichen Wirken mit unterlies, so war es vielleicht diese Überschätzung der richterlichen Geisteskraft, — nicht der richterlichen Unbestechlichkeit, denu ich glaube, wir dürfen sagen, daß es keinen reinern und makellosem Richterstand giebt als den nnserigen; aber die Geistesschärfe, die Geisteskraft, die Unabhängigkeit des Denkens, die zn einem uusehlbaren Richter gehören, sie wurden als tatsächlich bestehend von ihm vorausgesetzt in einem Grade, welchem die Wirklichkeit nicht entsprechen kann. Hier vielleicht sind Spuren seiner Wirksamkeit in der Gesetzgebung, welche die Erfahrung wieder verändern wird. Und mit derselben Zdeenrichtung hängt es zusammen, daß er zu Zeiten das richtige Maß nicht eingehalten haben mag in der Verfolgung gewisser Mißbräuche, Er war Volksanwalt, Jeder, der eine Klage hatte, jeder, dem ein Unrecht geschehen war, kam zn ihm, ihm sein Leid vorzutragen-, und die Höhe seiner Popularität und Wirksamkeiten siel in jeue Zeit, da der Rausch eines großen Erfolges und eines unerhörten Aufschwungs in der Erwerbsthätigkeit der ganzen Welt, nicht bloß Deutschlands, auch die Lust zu Erwerb und Gewinn in unbändige»-. Maße entfesselt hatte. Damals machte er Bekanntschaft mit jener Verletzung der Redlichkeit uud geradezu des Rechts in manchen Kreisen, — uud wie es dem geht, der mehr Kranke als Gesunde vor sich siehr, er unterlag der Gefahr, das gesunde Leben etwas zu sehr uach dem kranken zu beurteilen. Er wurde ergriffen von heftigem Univillen gegen das ganze Geschästsleben eurer gegebenen Periode, der ihn in seinen Anklagen gegen gewisse Exeesse mehr anfeuerte, als dem Bedürfnis der gesunden Gesellschaft entsprach. Was ihu dabei antrieb, das mar der reine — 102 — Rechtssinn; was ihn dabei anstachelte, war gerade, daß er die Macht des Staates, die Macht hoher Gebnrt, die Macht besvnderer Stellung im Lande dazu verwertet sah, auf unredliche Weise die Rechte des Staats auszubeuten -ür Privatzwecke. Das waffnete ihn damals zu jener denkwürdigen Attacke gegen das Eisenbahn-Konzessionswesen im Abgeordnetenhause des preußischen Staates. Gewiß, bewuuderuswert war der Mut, mit dem er den einflußreichsten Leuten des Landes entgegentrat; er wnßte wohl, daß er es nicht mit ungefährlichen Gegnern zu thnn hatte, er wußte wohl, wohin er traf; aber den un- ciichrockcnen Mann beirrte nichts in seinem Unterfangen, nichts in der Ueberzengung, daß er dem Rechte zum Siege verhelfen müsse iu der Verwirrung der öffentlichen Angelegenheiten. Das war die gewiß auch heilsame Thätigkeit, die ihm damals so ungeheuere Popularität eintrug. Aber er berücksichtigte dabei uicht, daß das Uebel, das er sah, durchaus nicht den Charakter des allgemeinen Erwerbslebens wiedergab, daß die große Masse des Volks, des großen und kleinen Erwerbslebens sich bewegt nur auf Psaden eines Ungeheuern Vertrauens, einer großen Sicherheit, einer Redlichkeit, die zwischen Mein und Dein tausend- und hunderttausendmal am Tage den einzelnen auf die Probe stellt und ihn beinahe immer bewährt findet. Bei der Glut der Anfeuerung, die er damals mit seinen Schilderungen verband, geschah es, daß er emen Anhang nach sich zog, der nicht von Lasters Begeisterung, aber von Haß und andern Motiven bewegt, ihn zum Schild nahm, um unlautere Zwecke zu erreichen. Wein: ich hierin etwas von einem Mißgriff erblicke, so gehe ich vielleicht nach der Vorstellung vieler meiner Zuhörer zu weit; ich thue es, weil ich, wie gesagt, mich bemühen will, allen Ge- — 103 — danken gerecht zu werden, die sich mit der Vorstellung dieses bedeutenden Mannes verbinden, und weil ich lieber einem Einwurf gegen meine Auffassung Raum gewahren will, als ihn dein Verdacht aussetzen, man habe, nm ihn zu erheben nnd zu preisen, auch verdecken müssen, ums nicht vollkommen war an ihm. Kehren wir nun zurück zu seiner politischen Thätigkeit. so sinden wir, daß anch auf einem andern Gebiete, das scheinbar dem Rechte fremd ist, für ihn der Gesichtspunkt der Gerechtigkeit der bestimmende war. In den letzten sünf Iahren hat die Verkehrspolitik des Deutschen Reiches, wie Sie wissen, einen bedeutenden, von ihm oft beklagten Umschwung erfahren. Als es sich darum handelte, diese Verkehrspolitik aus der freien, die sie bis dahin gewesen war, zu einer unfreien zu machen, war mein Freund Laster im Anfang wenig von der Sache berührt. Ei' sympathisierte wohl im ganzen mit der überlieferten deutschen Handelspolitik, die deu freien Austausch der Produkte nnter den Völkern zum Grundsatze genommen hatte; er sympathisierte damit schon aus der allgemeine:: humanen Anschauung heraus, welche den Frieden im Verkehr der Völker untereinander fördern will: aber das Für und Gegen der einzelnen wirtschaftlichen Erwägungen rührte sein Herz eigentlich wenig, nnd er war in Privaterörterungen über diese Frage ost geneigt, zn glauben, daß ich und manche seiner Frennde ans diesen Punkt wohl zn viel Gewicht legten. Aber als er daran ging, die rechtliche Seite dieser Umwälzung ins Ange zu fassen, als die nötigsten Nahrungsmittel des Volkes besteuert werden sollten, als das tägliche Leben des bedürftigen Mannes erschwert werden sollte zu Gunsten bevorzugter Klassen; als er merkte, daß es galt, die Großindustrie und den Großgrundbesitz zu begünstigen unter dem Scheine, dem armen Manne Wohl- thaten zu erweisen, oa faßte er den Gegenstand mit der ganzen Wärme seines Gerechtigkeitsgefühls, da hielt er vielleicht die heftigste Rede, die ich je von ihm gehört habe, die Rede über den Petrolenmzoll, dem er vorwarf, das Licht der Arbeiter zu besteuern. Von dieser Seite ergriss ihn auch in ökonomischen Fragen das Feuer, wurde er ganz der Anschauung gewonnen, die im freien Verkehr allein den wahren Weg der Volksernährung sieht, lind davon weitergehend bemerkte er mit seinem scharfen Blick sofort, welches der Kernpunkt in dem Umschwuuge der iuueru Politik des Deutscheu Reiches seit 1879 geworden war. Da sprach er das charakteristische Wort' „Wir haben jetzt eine aristokratische Politik." Diese Teudeuz der „aristokratischen Politik," die wir iu den ucuen Gesetzen sich immer mehr entsalten und entlarven sehen, griff er mit dem ihm eigeu- tümlicheu Scharfblick heraus aus den noch unfertigen Entwürfen, uud er traf damit so sehr das Richtige, das; das Wort an der Stelle, wohin es gesandt war, den höchsten Unwillen erregte? dmu ein guter Taktiker weiß sehr wohl, daß man an der schwächsten Stelle auch die stärksten Kanonen aufführen muß, und deshalb erregte das Wort von der neuen aristokratischen Politik, welche 1879 inangnriert war, auch die höchste Indignation. Im übrigen war er vielleicht von allen denen, welche die neueste Zeit entsernt hatte von dem mächtigen Staatsmanns der Deutschlands Geschicke leitet, derjenige, welcher am meisten mit gewissen herrschenden Zügen seiner neuern Politik sympathisierte. Er war es, der ihm eigentlich zu dem verholsen hatte, was ihm am meisten Macht gab, seine innere Politik in den letzten Zahren durchzusetzen: ohne Laster wäre wohl die Eisenbahnverstaatlichung nicht durchgesetzt worden. Sein Einfluß war es, der im Abgeordneten- Hause in seiner Fraktion die Eisenbahnverstaatlichung vor- — 105 — bereitet hatte. Und wie wir wissen, daß im öffentlichen Leben nur mit Undank bezahlt wird, namentlich wenn man mit den Großen der Welt zn thun hat, so ist ihm auch für diese große Hilfeleistung kein Dank zuteil geworden. Ja, er war, wenn man so will, von uns allen am ehesten ein Stückchen von einem Staatssozialisteu. Er hatte in seinem konstruktiven Geiste und seinem Gerechtigteitsbe- dürfnis die Vorstelluug, es müsse über die Zufälligkeit des Kampfes um Mein und Dein hinaus auch durch die Macht, durch die Weisheit des Staates dafür gesorgt werden, daß, natürlich in vernünftigem und bescheidenem Maße, bei Verteilung der Güter dieser Erde nicht soviel der Zusall wirke, wie es im sreien Verkehr geschieht. Er hatte viel Sinn für diese sozialistische Regung der modernen Welt; er war vielleicht der Nächste darin zu den Gedanken des leitenden Staatsmannes, aber vielleicht deshalb war er ihm am wenigsten sympathisch; denn darüber dürsen nur uus nicht täuschen, obgleich er selbst eine kurze Zeit in diesem holden Irrtum gelebt han sympathisch war er dem Kanzler niemals, anch in seinen besten Zeiten nicht. Aber ich glaube zu wissen, daß er neben der großen Bewunderung und Verehrung, die jeder deutsche Patriot dem großen Staatsmann zollt, noch eine menschliche Empfindung hegte, die etwas mehr für die Persönlichkeit übrig hatte, die aber gewiß von jener Seite nicht erwidert wurde. Darin glich er nicht seinem Freunde Twesten, der sehr wohl wußte, worcm er war mit seinem großen Gegner, der ihm eine herzliche Antipathie widmete, weil er ivnßte, auch jener bleibe ihm nichts schuldig. Und damit will ich durchaus keineu Mißton in meiue Rede gebracht haben, keine Kritik üben an der menschlichen Seite dieser Verhältnisse: denn wer so mächtig die Staatsgeschäfte führt, für den giebt es keine andere Empfindung im Verhältnis zum politischen Menscheil als die Staatsraisvu. Wenn heute wir, durch einen wunderbaren Zusall vielleicht, nicht einen einzigen Vertreter der öffentlichen Macht ain Sarge Lasters sahen, — wenn dies aber doch nicht btoß Zufall war, sondern vielleicht eine Vorsehung hinter diesem Zufall waltete — so geschah es offenbar, weil diese Vorsehung sich sagte' der Geist Lasters ist mir so gefährlich, daß ich ihn noch in seinem Tode nicht ehren darf, indem ich mich ihm scheinbar nähere. Fürwahr, meine Verehrten, ich will nicht sagen eine schönere, aber eine dankenswerthere und bezeichnendere Huldigung konnte der Geisteskraft Lasters nicht gegeben werden als durch die Abwesenheit, die heute unter uns glänzte, da wir ihn begruben; denn sie zeigt uus, was wir in ihm besaßen; sie zeigt uns, daß für nötig erachtet wird, die Gedanken, das Streben, den Geist, der in ihm wirkte, noch weiter zu bekämpfen, weil der tote Laoter noch weiter lebt und wie ein Lebender uns führt. Er war der Manu des Volkes, der nicht vom offiziellen Staate irgend etwas verlangt, auch keine Anerkennung oder Huldigung, Und wenn er das war, so war er es durch Leistungen unvergleichlich au Größe und unvergleichlich an Zahl. Wie gern möchte ich Ihnen, wenn ich an Ihre Geduld die Anforderung stellen dürfte, ein kleines Bild nur entrollen von jener unvergleichlichen Fülle der Thätigkeit, die dieser Manu unter deu Augen derer, die mit ihm zu arbeiten das Glück hatten, entfaltete. Man hat ihn einen großen Redner genannt. Gewiß, er war ein Redner, ivenn nicht in vollkommenster Bedeutung des Wortes, — denn wer wäre das? — aber er war ein Redner von den größten Gaben. Er hatte nicht das Blendwerk einer großen bilderreichen Sprache, wiewohl er manchmal treffende Bilder in seine Rede wirkte, er hatte nicht Phantasie mit allen ihren Chören, um seine Zuhörer fortzureißen; aber er hatte jene Fülle, jenen Vorrat von Gedanken, aus dem in jedem Augenblick ohne Besinnen geschöpft werden kann, und der wurde bedient von einer Geistesgegenwart ohnegleichen, welche die ihm Nächststehenden im entscheidenden Augenblicke immer von neuem überraschte. Ja, wenn er an etwas litt in seiner Beredsamkeit, so war es eine zu große Fülle von Gedanken, die ihm aufsprangen in dem Augenblicke, wo er sich erhob, um einen Gegner zu bekämpfen. Dann begegnete es ihm wohl, daß an den ersten Gedanken in der Mitte sich ein zweiter einschob, an den zweiten ein dritter, an den dritten ein vierter. Und wenn er zu Ende kommen wollte und den Weg zurückfinden, fo hatte vielleicht der erste oder zweite Gedanke in der Verwicklung einen Arm oder ein Bein zurückgelassen; man mußte sich mit einer unvollendeten Periode begnügen. Aber so geistesgegenwärtig, so überraschend, wie ich ihn im entscheidenden Augenblicke habe reden hören, so kenne ich nicht viele. Und doch, meine Verehrten, doch war die oratorische Leistung das Wenigste an ihm. Die Parlamente sind gewissermaßen nur der gedeckte Tisch, an den man sich zum fertigen Mahle setzt, wenn in der Küche vorher die große Arbeit gethan ist. In dieser Küche mußte man ihn sehen, um zu wissen, was er leistete; hier gab es die wahre Arbeit, den wahren Geistesauswand, die wahre Thätigkeit. Man mußte ihn in der Fraktion sehen, wie ich ihn sah. Man hört oft, er sei kein praktischer Mann gewesen. Gewiß, etwas Wahres ist an diesem in die Allgemeinheit hinausgegangenen Urteil, insofern er das praktische Leben manchmal zu sehr aus der Fülle des Geistes konstruierte und ihm nicht immer in allen Verschiedenheiten gerecht wurde. Aber wo er anfaßte, wo er genau hinsah, da hat er praktisch gewirkt. Wie hat er in den Kommissionen gewirkt, — 108 - wo das tüchtigste Werk gefördert werden muß! Ich habe in diesen Tagen eine Zusammenstellung der Kommissionen, in denen er gearbeitet hat, mir machen lassen. Von seinem Eintritte in das Abgeordnetenhaus, bis er zuletzt von uns schied, hat er in siebenundfünfzig Kommissionen gesessen! Siebenuudfüufzig Kommissionen, d, h. wohl über tausend Sitzungen angestrengter Art, in denen sicherlich niemand thätiger, angestrengter, beredter war als Laster. In dreizehn Kommissionen hat er die Referate übernommen, dabei die schwierigsten, uud das alles war noch lange nicht seine gestimmte Thätigkeit, In diesen Kommissionen arbeitete er auch für das, was ihm am meisten am Herzen lag, vor allem für das, was man sozialpolitische Angelegenheiten nennt. Er war es, der mitwirkte, im Anfange des Deutschen Reichstages schon, in den Kommissionen sür Gewerbefreiheit, Freizügigkeit, Aufhebung der Beschlagnahme des Lohnes der Arbeiter, Bildung des Gesetzes sür freie Eriverbsgeuossenschaften. Dcmu kamen die großen Justizkommissionen und die Kommission für das Hnpotheken- wesen. Auch iu den Aufgaben der Provinzialoerwaltung war er bald Referent, bald thätigstes Mitglied. Ferner in der Kommission sür das Militärstrafgesetz und das eigentliche Militärgesetz, das Gesetz über die Heeresdienstleistung, hat er gesessen. Ja, auch in der Konimission für die Bankgeschgebnng war er mein tüchtigster Mitarbeiter: da habe ich erfahren können, was wahr ist an jener sonderbaren Behauptung, daß er keinen praktischen Sinn gehabt habe. In Bezug aus die beiden Dinge, über welche ich ein Urteil zn besitzen glaube und in denen man glauben könnte, daß er ein Fremdling geivesen sei, die Münzgesetzgebung und die Bankgesetzgebung, kann ich sagen, er war mein bester und nützlichster Mitarbeiter. Wenn es darauf ankam, einen Gesichtspunkt herauszugreifen, der wichtig — 109 — und entscheidend war, niemand sah ihn schneller als Laster, niemand war schneller behilflich, die Verbesserungen zum richtigen Ende zu führen. Die Thätigkeit in den Kommissionen giebt aber noch lange nicht ein Bild der Wirksamkeit, die ich vor Ihnen entrollen muß. Ich möchte Ihnen nur eiumal zeigen, wie es war, wenn man morgens in die sogenannte Fraktionssitzung kam. Der erste war er sicherlich! In dem großen Saale saß er schon oben allein am Tisch, beladen mit Aktenstößen. Dann sammelte man sich, dann kam das Präsidium uud nannte die Tagesordnung. Irgend ein großes wichtiges Gesetz sollte geprüft werden, aber es waren noch vier oder acht Tage bis zur Debatte in der Plenarversammlung. Einige hatteu die Vorlage gelesen, von diesen hatten wenige schon gewagt, sich ein Urteil zu bilden, die meisten hatten überhaupt uoch keine Kenntnis davon. Danu erösfuete das Präsidium die Beratung und fragte, ob jemand zur Vorlage sprechen wolle. Allgemeine Stille; man weiß schon, wie es kommen wird. Nach einer Anstandspause erhebt sich Lasker und bringt die ganze Vorlage so faßlich, so deutlich nach all ihren Gesichtspunkten zusammengestellt unter die Augen der Anwesenden, daß nun mit einem Male eine Menge von Meistern ersteht, die ganz gut Bescheid wissen, und die Debatte entwickelt sich. So, ich rufe jeden, der mit ihm gearbeitet hat, zum Zeugen auf. verliefen die Dinge, und ich habe die große Freude und Befriedigung, daß ein ehemaliger Parteigenosse, der sich jetzt so weit rechts gewendet hat — vielleicht auch haben wir uns etwas weiter nach links gewendet —, daß er beinahe zu einem Gegner geworden ist, aber mit treuem Schwabenherzen, in einem süddeutschen Blatte eine mit dieser meiner Erinnerung ganz zusammentreffende Schilderung giebt aus jener ersten Zeit, da er unter Laskers - 110 — Kommando in der Fraktion war. Lasker war nicht nur ihr Generalstabschef, er war auch ihr Feldwebel, er sorgte für jeden: der neue Ankömmling konnte versichert sein, unter seine Obhut und seine Flügel genommen zu werden. Wer einen Antrag zu stellen, ein Amendement zu formulieren hatte, wer sich zum Wort melden wollte, waudte sich an Lasker. War die Sitzung zu Ende, so konnte man sicher sein, der letzte, der aus dem Hause ging, war Lasker. Ich, der ich in derselben Straßenrichtung wohnte wie er, hatte oft Lust mit ihm heimzugehen; aber zu meinen größten Geduldsproben gehörte es, wenn ich auf Lasker warten mußte, bis er fertig war, Audienz zu geben. Er hörte jeden an: wenn er in einer halben Stunde fertig war, so war das schnell. Wie viele Menschen kamen nicht zu ihm mit allerlei Anliegen! es gab nichts, was er verachtete. Wer ihm einen Gedanken, ein Projekt vorschlagen wollte, konnte sicher sein, Gehör zu finden. Er entschied nicht ini voraus, er untersuchte, ob nicht ein Körnchen Möglichkeit in dein, was man bringen wollte, vorhanden sei. Er war von einer unerschöpflichen Langmut, auch für die schlimmsten Querulanten. Mit diesen außerordentlichen Fähigkeiten verband er einen Scharfsinn im Erraten, des Taktes in leitenden politischen Angelegenheiten, der wahrhast staunenswert war. Zuuächst hatte er ausgezeichnete Sinne, was ja auch nicht die Eigenschaft eines unpraktischen Menschen ist; er hatte ein vortreffliches Auge, er kannte, ich glaube, jedes Mitglied des Parlaments dem Gesicht und der Gesinnung nach, und wenn wir vor einer entscheidenden Abstimmung standen, bei der wir mit Herzklopfen warteten, wie es gehen würde, wobei es sich oft um wenige Stimmen handelte, da hatte er sein Tableau schon gemacht uud berechnet, wie jeder stimmen mußte, und selten hat er sich betrogen. Sie werden mir zugeben: das war kein un- — III — praktischer Mann, der so die parlamentarische und politische Maschine zu führen wußte. Er war auch kein Utopist; nur in einem Punkte vielleicht, in seiner Wohlthätigkeit. Man hört manchmal von einem Menschen, der einen großen Aufwand in der Lebensführung macht, sagein woher nimmt er die Mittel zu solchem Aufwände? Bei Laster konnte davon freilich nicht die Rede sein, aber ich, der ich in seine Verhältnisse hineingeblickt habe, ich habe mich manchmal gefragte woher nimmt er die Mittel für alle seine Wohlthätigkeit? Für irgend einen Hilfsbedürftigen, wenn ein Jüngling im Studium, oder weun eine herabgekommene Familie zu unterstützen war, immer war Laster unter denen, die sich selbst am höchsten besteuerten. So vom Größten bis zum Kleinsten war er voller Aufopferung, voller Menschlichkeit und Hingebung, nnd dies ist anch für ihn das schönste Bewußtsein, der schönste Lohn in seinem Leben für seine Thaten gewesen. Vielleicht hat er iu den letzten Jahre anch der schmerzlichen Gefühle mancherlei durch seine Seele ziehen fühlen — wem wäre dies erspart geblieben? Unter dem, was ihn drückte,' darf nicht verschwiegen werden jener eigentümliche Zug, der sich in Deutschland seit einigen Jahren kenntlich gemacht hat, und der, weil die Zeit nicht mehr den Fanatismus des Glaubens verträgt, einen neueu Fanatismus für das Bedürfnis der Fanatiker erfunden hat, den Fanatismus der Rasse. Vielleicht hat er uuter diesem Uebel mit am meisten gelitten, aber es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß es ihn um seiner selbst willen, um seiner ihm Nächststehcnden willen besonders bekümmert habe. Wenn er alle diese unschönen Erscheinungen schmerzlich empfunden, so war es, weil er sie empfand als einen Fleck auf den: Ehrenschilde der ganzen Nation, weil er glaubte, daß die Nation vor sich selbst und noch — 112 — mehr vor der ganzen Welt dadurch herabgesetzt werde; auch übersah er uicht, daß das, ums künstliche Aufachung zu jener traurigen Bemeguug gethcm hat, wohl mit der Absicht zusammenhing, ihm selbst Hindernisse im öffentlichen Leben zn bereiten. Das Bitterste davon hat er wohl schwerlich empfunden, denn seine Seele war so edel geartet, daß er für das Element von Gemeinheit, das in dieser Bewegung liegt, nicht die ganze Empfindung hatte. Er stand so hoch, daß er das Niedrigste in dieser Bewegung, die nicht selten ja auch einen vornehmen Mantel umhängt, gar uicht empfaud. Man sagt, er sei am gebrochenen Herzen gestorben. Meine verehrten Herren, Männer, die so für die Gesmnmtheit mit Hingebung arbeiten, sterben nicht an gebrochenen! Herzen; sie haben einen Vorrat von Glanben in Brust und Herzen, der nicht auszurotten ist durch vorübergehende Erscheinungen. Er halte ein Herz, viel zu tapfer, um durch eine kurze Periode der Ungunst sich anfechten und abschrecken zu lassen, ein Herz, kühn und tapfer und fest bis zum letzten Augenblick. Wenn Sie wissen wollen, woran er gestorben ist, sofern wir Menschen davon überhaupt Rechenschaft gebeu können, so sage ich, er ist an Ueberarbeitung gestorben. Er hat das Wort „Schonung" nicht gekannt; die Pflichterfüllung war bei ihm im besten Sinne des Wortes des großen deutschen Philosophen, der unsere Sprache mit dem hehreu Begriff des kategorischen Imperativs bereichert hat, das unwiderstehliche Gebot. Er war so ganz identifiziert und verkörpert nnt der Pflichterfüllung, daß er in anderen die Nachlässigkeit nicht begriff. Hatte jemand bei einer wichtigen Sitznng gefehlt, er glaubte mit kindlicher Einfalt die fadenscheinigste Ausrede, weil es ihm nicht in den Sinn kam, daß ein anderer leicht in seiner Pflicht fehlen könne. So hat er sich ausgearbeitet, zuletzt gerade, indem er der Regierung des Deutscheu - 113 - Reiches einen schätzenswerten Dienst leistete, für den allein sie ihm dankbar zu sein verpflichtet wäre. Er hat sich krank gearbeitet an dem Gesetz, welches die Kranken kassen- vorlage gebracht hat. Er allein hat das Verdienst, wenn anders es eines war, daß es zu Stande kam. Es wurde vorgelegt verwickelt nnt dem Unfallversicherungsgesetz, das uns noch in der Zukunft beschäftigen soll. An einem jener Tage ging ich mit Lasker spazieren, und ich warf ohne weiter viel dabei zu denken — und vielleicht bereue ich es heute — die Worte ins Gespräch' „Von diesem Gesetze wäre ein Teil möglicherweise zu retten, wenn man die Krankenkassen herausschälte." Sofort widmete er sich diesem Gedanken, sofort ging er nach Hause und arbeitete ihn aus, und allein seinen riesigen Anstrengungen in der Kommission war es zu danken, wenn das Gesetz zu Stande kam, wenn es ans dem Wust herausgearbeitet wurde. Seine letzte Rede, welche er vor uns gehalten hat — sein Geist war noch frisch und klar, nur erlahmt waren die Schwingen - galt eben diesem Gesetz; damit hauchte er seine letzte Kraft aus. Dann war es ihm noch vergönnt, sich einen Wunsch zu erfüllen, den er seit langen Jahren im Herzen getragen. Er wollte jenes große, frei aufstrebende Land sehen, dem er einen großen Teil der Zukunft der Welt zuteilte; es ward ihm vergönnt, es zu sehen nicht nur, sondern es übte dasselbe au ihm noch einen Teil jener Gerechtigkeit aus, die ihm sein eigenes Land in den letzten Jahren versagt hat. Aber so wenig auf äußern Schein, auf Eitelkeit und Ruhmesgepränge war er versessen, daß er in keiner einzigen Meldung, die von dort herüberkam, dessen erwähnte. Was hatte er auch an Ovationen in Deutschland in bessern frühern Jahren genossen! Wer an seiner Stelle hätte sich nicht die Brust höher schwelleu lassen, sich stolzer Ludwig Bambergen Ges. Schriften. II. Z — 114 — gefühlt, als er es that bei allen Huldigungen, die ihm in den Jahreu von 1870 bis 1875 dargebracht wurden? Heute muß man daran erinnern, daß zwei deutsche Universitäten, Freiburg uud Leipzig, ihn zum voewr nonoris sagt, un- bemerkt vorübergegangen, wenn nicht Hillebrand selbst in einem Anhang seines Buches sie hervorgehoben uud widerlegt hätte. Seitdem und gerade dadurch ist der Streit über die Frage, ob nicht die Chronik jenes Konsuls der Seidenzunft von Florenz (1280—1320) das Werk eines Fälschers sei, nicht mehr zur Ruhe gekommen. Abhandlungen ohne Zahl und viele dicke Bände siud in diesen zwanzig Jahren darüber geschrieben worden. Unsere gelehrten Landsleute, deren Fleiß und Scharfsinn so viel Reiz darin findet zu „retten", was für schlecht oder falsch, und zu veruichten, was für gut oder echt gilt, haben selbstverständlich keinen geringen Anteil an diesem Streit genommen. Ein ausgezeichneter deutscher Forscher, Professor Scheffer-Boichorst, hatte den Reigen der Angreifer eröffnet (Historische Zeitschrift, XXIV); der Verteidigung kam zuletzt mit gewaltiger Macht ein bändereiches Werk des Professors Del Luugo in Florenz zu Hilfe, welcher eine neue Ausgabe der Chronik mit einer ungeheuren Ansammluug gelehrten Materials über die Frage herausgab. Del Luugo stellt sich, wie die Akademie der Crusea, ganz entschieden auf die Seite Hille- brauds. Dieser selbst war, als die ersten Ansechtuugen auftauchten, wie natürlich, von seinen Neidern als das — 145 - Opfer einer oberflächlichen Täuschung verspottet worden. Die „Lnti-ernariAeris prvte88org,1k", ein Wort, das schon etliche hundert Jahre alt ist, verrät, daß die Gewohnheit nicht ausschließlich den Deutschen zukommt. Hillebrand ließ sich nie irre machen und hat auch auf den Rest von Zweifeln, die Del Lungo fest hielt, noch eine treffende Antwort gegeben. Auf jeden Fall steht tatsächlich fest, daß im Laufe der Zeit die Mehrheit der gelehrten Kritiker in der Hauptsache die Echtheit der Chronik wieder anerkannt hat, und daß der Streit sicherlich nicht zu Hillebrands Nachteil ausgegangen ist. Das sagt, denke ich, genug für die Erstlingsarbeit des damals kaum über die Dreißig zählenden Gelehrten. Im Jahre darauf hatte die Akademie von Bordeaux eine Preisfrage ausgeschrieben: Hnsl8 swisut. 1'st,g,t 8itiov. 6ss S8^)i'it8 g.ux spoczuss, lzi'illa, 1a Konus ocnnsclik? — Ds8 s1smsnt8 analvAuss sxi8tsnt-il8 Ärrjonrä'liui ?rs.r>LS?" Erst zwei Monate vor dein anberaumten Bewerbungstermine — so berichtet Hillebrand in seiner Vorrede — bekam er Kunde von dieser Ausschreibung, als er gerade im Begriff war, nach Deutschland zu reisen. Dennoch gewann er den Preis. Die Schrift ist 1863 bei Durand in Paris erschienen. Kannte ich Hillebrand in dieser ersten Periode nicht, so hatte mich der Zufall mit dem Hause, in dem er aufgewachsen war, iu Berührung gebracht. Der Vater war mir an der Gießener Universität ein lieber und verehrter Lehrer gewesen. Seine Geschichte der deutschen Nationalliteratur, von welcher der Sohn Mitte der siebziger Jahre eine dritte Ausgabe besorgte, ist noch heute ein weit bekanntes und hochgeschätztes Werk. Papa Hillebrand, aus dem Hildesheimschen stammend, ursprünglich zum katholischen Theologen bestimmt und nach Ludwig Bombergcr's Ges. Schriste». II. Ig — 146 — Empfang der ersten Weihe zum Protestantismus übergetreten, war ein deutscher Professor von der besten Art, ganz in seinem Beruf aufgehend und des Lehramts wie eines frommen Priestertums waltend, ohne zu ahuen, ivie wenig der Troß der akademischen Jugend, welche die „Zwaugskvllegien" Logik und Psychologie zu hören kam, sich für das interessierte, was er in heiligem Ernst, aber allerdings auch im echten Kauderwelsch der damals blühenden Schelling-Hegelischen Terminologie ihr vortrug. Seiue „schlechthinige An- und Fürsichlichkeit" ist kein Geschöpf der muthcnbildenden Schülertradition, sondern leibhaftig in unsere Hefte übergegangen. Daß er eigentlich ein Eklektiker war, kam denen, die seine Belehrung ernst nahmen, zu statten. Seine breitere Wirkung lag auf dem literarischen Gebiet, in dem er uud das wollte uicht wenig heißen — selbst den Gießener Bruder Studio zur Audacht brachte. Er war Goetheverehrer und — die Wahrheit zu sagen — Schillerverächter. Das ist besonders bemerkenswert für die Geistesverwandtschaft zwischen Vater und Sohn, die auch im Grundzug der Liebenswürdigkeit einander vollkommen ähnlich waren. Die gesamte Familienatmosphäre war von echter Humanität nnd natürlicher Vornehmheit durchweht. Auch die anderen Geschwister beiderlei Geschlechts erhoben sich alle über das Maß der Gewöhnlichkeit, und der Vater hat sich in der Reaktionszeit der fünfziger Jahre eine politisch würdevolle Stellung in dem Dalwigkschen Hessen-Darmstadt zu bewahren gewußt. Das alles stand noch in lebhafter Erinnerung mir vor der Seele, als ich im Jahre 1866 den Namen Karl Hillebrand im .Iorrrn.s.1 iAtrt1^ Ksvis^. über Voltaire, über Rousseau und über Diderot. Den Schluß bilden zwei Aufsätze älteren Datums über den Tom Jones und über Lawrence Sterne. Der erstere war schon 1865 in den Dsbats erschienen. Der vierte Band nennt sich „Profile". Die einzelnen Abhandlungen, litterargeschichtliche Biographien enthaltend, — 159 — waren nach einander im Laufe des Jahres 1875 erschienen und sind hier in einem Bande vereinigt. Eine Vorrede „über moderne Sammellitteratur und ihre Berechtigung" ist der Legitimiruug solcher Zusammenstellung gewidmet, eine Mühe, welcher sich der Verfasser wohl hätte entschlagen dürfen. Gerade bei unserer Zersplitterung, welche keinem eine Stelle bietet, von der aus er darauf rechnen kann, zu der überwiegenden Mehrheit der Gebildeten zu sprechen, ist es ein wahres Bedürfnis, das Gute aus solchen Zeitschristen vor dem allzuraschen Uutergaug zu retten. In diesem Band sind u. A. Doudau, Dauiel Steru, Thiers, Renan, Taine, Gino Cappoui, Macchiavell, Rabelais, Tasso nnd Milton behandelt. Der fünfte Band bezeichnet den Uebergang aus den fiebenziger Jahreu in die achtziger. Er führt den Titel: „Aus dem Jahrhundert der Revolution", mit Montesqnien beginnend und mit Metternich schließend. Die Schilderung Montescmieus ist neben der später in seine Geschichtswerke hineingearbeiteten Schilderung von Thiers nach meiner Ansicht das Vollendetste, was Hillebrand als Porträtmaler geleistet hat. Hier sind mit künstlerischer Intuition und mit Meisterhand lebensvolle Bilder geschaffen, welche die bekannte Wirkung auf deu Beschauenden hervorbringen, daß er sich sagt: Das muß ähnlich sein. Viele dieser, wie der im sechsten Band enthaltenen Aufsätze wareu vorher in der „Deutschen Rundschan" erschienen, nnter anderen die heute wieder so zeitgemäß geivordeuen über „das belgistlie Experiment". Auch der über Settembriuis Denkwürdigkeiten ist eine Perle. Was wäre alles zu sageu über den Reichtum an Stoff und Kritik, die in diesen sechs Bänden aufgestapelt sind! Aber wer gönnt mir die Zeit, mich aufzuhalten? Mnß ich doch erst wieder zurückgreifen in die Reihe der siebziger — 160 — Jahre, um nur ganz flüchtig anzudeuten, was alles, taum darf ich sagen nebenher, geschafft und geschasfeu wurde. Im Jahre 1874 gründete Hillebrand die „Jtalia", ein Jahrbuch zur Verbiudung der Geister zwischen Italien nnd Deutschland. Vier Bände sind davon bis 1877 erschienen (Leipzig, H. Härtung). Die einzelnen Beiträge sind teils von Deutschen deutsch geschrieben, teils aus dem italienischen Manuskript der Mitarbeiter übersetzt; daneben italienische metrische Uebertragungen deutscher Dichter, zum Schluß jedes Bandes eine umfassende Neberschau der italienischen Politik aus der Feder des Herausgebers. Die wertvolle Publikation, in welcher viele erste Namen beider Länder figurierten, mnßte leider, aus leicht zu erratenden Gründen, nach dem vierten Band abbrechen. Im selben Jahr wie der erste Band „Jtalia" ist endlich auch ein anonym erschienener Band „Briefe eines ästhetischen Ketzers" zu verzeichnen (Berlin R. Oppenheim). Ein Kapitel über die „Museomanie", welches darin enthalten ist, sollte immer von neuem gelesen werden. Wie viele hätten sich mit solcher Arbeit und Leistung begnügen dürfen. Ihm aber erschien es, als ob er die Anfgabe seines Lebens erst jetzt in Angriff zu nehmen hätte. Die „Geschichte Frankreichs von der Thronbesteigung Ludwig Philipps bis zum Falle Napoleons III." sollte recht eigentlich das Werk seiner gereiften Kraft werden. Sie war auf füuf Bände berechnet; zwei davon sind erschienen. Sie gehören der Sammlung von Ukert und Heeren, jetzt Giesebrecht, an. Der zweite Band schließt mit der Februarrevolution. Zu dem Schmerzlichsten, was ihm die dreijährige Krankheit bereitete, gehörte die Unterbrechung dieser Arbeit uud die Ahnung, daß er sie unvollendet hinterlassen werde. Den dritten Band hat er mit Aufbietung seiner — 161 - letzten Kräfte während der Krankheit der Vorbereitung nnd Ordnung des Stoffs nach vollendet; er sollte bis Ende 1852 reichen. Unter den Fachleuten, mit denen sich der Verfasser öfter schlecht vertragen hat, ist dieser rein historischen Arbeit nicht ungeteilte Anerkennung geworden ', mir will scheinen, daß zwei Elemente ihr besonderen Werth verleihen ^ Verständnis des Landes auf Grund so durchdringender Kenntnis und die fleißige, scharssinnige Ausnutzung einzelner Archive. Aber vielleicht haben die von diesen zwei Elementen durchsetzten Bestandteile so viel Licht aufgesogen, daß anderes dafür mehr im Schatten geblieben ist. Seinen berechtigten Platz in unserer Geschichtschreibnng wird dem inhaltreichen Werke niemand streitig machen. Ich habe bis jetzt vornehmlich der französisch nnd deutsch geschriebenen Werke gedacht. Daneben gingen bekanntlich englische und italienische her. Die letzteren fallen der Zahl und Bedeutung nach am wenigsten ins Gewicht, bestehen aus Beiträgen in der seitdem eingegangenen Wochenschrift „R,a,8ssgna. sedtimairals" und in der „Anovs ^.utoloZig.". Eiue gelehrte Gesellschaft als Mittelpunkt für die florentinische Welt der Intelligenz, der oiroolo tUoloZiLo, ist hauptsächlich Hillebrands Werk. Hat er viel mehr über Italien als in dessen Sprache geschrieben, so nimmt seine englische Schriftstellerei in dem letzten Jahrzehnt einen großen Platz nnter seinen Leistungen ein. Man weiß, daß gerade seit einem Dezennium die halbmonatlichen „Rsvls^s" recht eigentlich das Geistesleben Englands beherrschen nnd selbst den Einfluß der größten Blätter, die „Times" nicht ansgenommen, zurückgedrängt haben, fürwahr kein schlechtes Symptom sür das öffentliche Leben dieses ernsten, männlichen Volkes. Die drei Lvvis^vs, von welchen aus heutzutage die treibenden Ideen sich Bahn brechen, sind.' Lontsm^oi-ar^ ^sinstssutll Ludwig Bomberger's Gos. Schrislen. II. 1Z — 162 — (ZkQwr^ und ?c>rwiZK^, und in allen diesen war Hille- biand ein gern gesehener Gast. Einen besonderen Band bilden seine .,(^erms.Q tdouZts" «London, Longmann), in welchen ein Cyklus von sechs Vorlesungen, die er 1879 in der „Ro^sl sooiet,)-" hielt, gesammelt ist. Auch amerikanischen Revuen mar er eiu sehr beliebter Mitarbeiter, insbesondere der ^ortd .^.vasric-ÄQ. Sie brachte u. a. eine Arbeit über Herder. Für Frankreich ist noch seiner Mit- arbeiterschast an der Rsvus oriki<^us zu gedenken. Und da rede ich nicht von seinen ständigen litterarisch- pvlitischen Korrespondenzen sür die angesehensten Wochen- und Tagesblätter Deutschlands und Englands: Augsburger Allgemeine, Nationalzeitnng, Neue freie Presse, Gegenwart, Times und Pall Mall. Die Tiines hatte ihm 1870 nach seiner Ankunft ans Frankreich ihre Korrespondenz aus Italien übertragen. Endlich die Vorträge, die er, wie in England, auch hie und da in Deutschland, u. a. in Bremen, gehalten hat. Am meisten au dieser riesenhaften und vielgestaltigen Produktivität springt deni — wenn ich so sagen darf - weltlichen Beschauer die Merkwürdigkeit iu die Augeu, daß sie sich über die vier großen Sprachgebiete erstreckt, in der That eiu Phänomen, für das ich selbst unter Deutschen kein zweites Beispiel anzuführen wüßte. Die Fähigkeit, vier und sogar mehr Sprachen in der Konversation uud in Briefen zu handhaben, ist allerdings nicht gleich selten, namentlich beim weiblichen Geschlecht. Ich könnte ohne Besinnen an den fünf Fingern Beläge dazu aus meiner eigenen Erfahruug beibringen und brauchte ein Beispiel nicht weiter zu suchen, als in Hillebrands nächster Nähe. Aber die litterarische Darstellung macht ganz andere Anforderungen, und namentlich wenn sie sich nicht, wie bei Fachwissenschaften, auf dem Gebiet der Thatscuhen bewegt, sondern, wie hier der Fall ist, in den Regionen der feinsten — 163 — Gedaukengewebe. Natürlich drängt sich die Frage auf: zu welchem Grad der Vollkommenheit mar er in dieser Kunst gelangt? Aber ich verzichte auf die Becmtmortung einfach ans dem Grunde, iveil ich mir über die Qualität des Stils in einer andern als meiner eigenen Sprache kein cndgiltiges Urteil zutraue. Ist es schon schwer genug, unfehlbar über die Korrektheit zu urteilen, so spielt der unreflektirte Tastsinn des Ohrs, welcher mit der Muttermilch eingesogen wird, die ausschlaggebende Rolle. Am weitesten hatte es Hillcbrcmd ohne Zweisel in dem zuerst erlernten Französischen gebracht. Da selbst ein Franzose vom andern nur selten zugiebt, daß er die Sprache tadellos handhabe, so beweisen mir etliche Vorbehalte, welche ich gelegentlich über Hillebrands Schreibart äußern hörte, nicht viel. Auch ohne zur absoluten Gewißheit über den Grad der erlangten Vollkommenheit vorzudringen, bleibt die Thatsachc der vierfachen Leistungsfähigkeit staunenswert genug. Im Deutschen will mir sein Stil reich und wirkungsvoll erscheinen, wozu seine Gedanken, von Natur scharf ausgeprägt und lebhaft, von selbst trieben. Sein Periodenban ist knapp, wofür ihn der Gebrauch der romanische» Sprachen vorbereitet hatte. Gewisse Ungleichheiten je nach der Zeit, die er sich gönnen durfte, hie und da eine — wenig störende — Wendung aus fremdem Idiom herübergenommen, sind zu bemerken, ohne daß sie zu charakteristischen Fehlern werden. Ueber den Geist nnd Charakter seiner Muse wäre sehr viel zu sagen. Um ihm gerecht zu werden, müßte man das unermeßliche Feld dieser zwanzigjährigen Produktion gemessenen Schritts durchwandern. Nnr eines muß ich hervorheben, was jedem seiner Leser einen starken Eindruck hinterlassen haben wird. Er fordert zum Widerspruch heraus. Zwar giebt es zweierlei Arten von Lesern, 11* — 164 — solche, die vor allem wissen wollen, was ihr Autor will, und es zunächst ruhig an sich vorübergleiteu lassen, und wiederum solche, die während des Aufnehmens mit dem Autor in Diskussion treten. An der letztern Sorte hatte unser Freund schwierige Kunden; wenn ich fremde Exemplare seiner Werte in die Hand bekomme, sind sie häufig mit Ausrufungs-, Fragezeichen und Bemerkungen am Rande versehen. Da alles Denken Generalisieren ist, so gerät ein so akuter Denker, wie er war, notwendig vst in rasches und übergreifendes Generalisieren. Merkwürdigermeise ist er darin genau das Widerstück zu dem von ihm - mit Recht — so hochverehrten Sie. Beuve, dem Meister der ruhigen, unpersönlichen Auffassung. Hillebrand ist, so sehr er sich der Unbefangenheit befleißigt, durch und durch subjektiv. Das hängt mit einer Besonderheit zusammen, die ihm am öftesten zugeschrieben wird, uämlich dem Aristokratischen seines Wesens. Gewiß im großen und Ganzen eine zutreffende Bezeichnung, aber nicht eine erschöpfende. Seine Aristokratie wurzelte iu dem Grundzug seines Schaffensdrangs, dein Bedürfnis, vor allem sein Urteil aus sich selbst zu schöpfen. Das Ott protanrnn vnl^us, welches ihn in den Gewohnheiten des Lebens wie in seiner Geistesarbeit kennzeichnet, ist kein Vornehmchun, sondern ein Selbständigkeitsgefühl. Er haßte vor allem den vuIZus der profanen Gedanken. Daher allerdings einige Neigung zur Paradoxe nicht zu leugnen ist. Aber wie rüttelt und schüttelt ein solches Stück den Denklustigen aus. Man lese nur einmal den kleinen Aufsatz „Nach einer Lektüre" im fünften Bande der „Zeiten, Völker und Menschen". Wie viele neue Ideen flattern da auf jeden Schlag aus dem Neste! Seine Behauptuugeu wirken hie und da schmerzhaft wie eine Knetkur, aber sie setzeu alle Fasern deS Geistes in Bewegung, Und dabei bringt die - 165 — Masse der tatsächlichen Belehrung so viel Abwechslung und Beruhigung, daß die Leiden reichlich ausgeglichen werden. Unaufhörlich fließt es aus dem unerschöpflichen Quell seines stets im Wachsen begriffenen Wissens von vergangenen nnd gegenwärtigen, menschlichen und littera- rischcn Dingen. Er spricht nie um zu zeigen, was er weiß; nur eine Andeutung der verborgenen Schätze drängt sich aus Weg und Steg an die Oberfläche. Dieser Trieb nach Selbstherrfchaft machte ihn auch zum eingefleischten Gegner der demokratischen Politik der Neuzeit, welche der stereotypen Stichworte nicht entbehren kann und der gleichmachenden Mittelmäßigkeit zustrebt. Da er uicht iu seiner Heimat lebte, so hat er sich nie gestattet, unmittelbar auf die praktische Politik seiuer oder einer dritten Nation einzuwirken. Er führte jeder die anderen vor und suchte sie dadurch in ihren eigenen Angelegenheiten zu fördern. Für alle war er ein scharfer .Kritiker, eben weil er überall das ihm fatale Element der Massenherrschaft im Wachsen sah. Deutschland fand in ihni noch bei weitem den günstigsten Dolmetscher, weil sich hier seine Anhänglichkeit und seine Verehrung für geniale Persönlichkeit begegneten. So schrieb er namentlich außer der ?rns8k L0Qt«rQx>orAiue, drei Aussätze für Italien in der Ruvvs, anwloZi^ (1868) unter dem Titel Ltoris, äsll' Illlits, g.1sing.ima, uud für England Ins ?rosx>set8 of I^idörs>lisllr in Osriv.g,Q^ in der ?ort,riiANtl^ Rsvisv (1871). Bei aller Verehrung für Genialität war er von unserer nenen inneren Politik nichts weniger als erbaut. Das Prenßen, über dessen Tendenzen er Franzosen, Engländern und Italienern so vieles Gutes zu sagen wußte, war das Preußen der von Wissenschaft und Geistesschwung erfüllten Staatsmänner des ersten Dritteils des Jahrhunderts, nicht das heutige Ideal der Zunftmeister und der sozialistischen Staatskünstler. Was ihm zur Beherrschung der lebendigen Politik vielleicht sehlte, mar die Erfahrung aus praktischer Mitarbeit. Er kannte ja Staatsmänner und hohe Beamte genug. Aber man muß sie an der Arbeit gesehen haben, um ein erschöpfendes Urteil über das Regieren zu haben. So hatte sein Abscheu vor den Schwächen der Massen nicht das richtige Gegengewicht, und er wnrde mehr der Fehler gewahr, die sich auf der breiten Basis zeigen, als derjenigen, die in den Spitzen versteckt wirken. Wie schwer es ist, sich aus der Ferne vom Zusammenhang der Thatsachen, auch der einfachsten. Rechenschaft zu geben, ersah ich oft aus unserem Briefwechsel, der sich großenteils mit heimischen Angelegenheiten beschäftigte. Es ist ein eigenartiges — vielleicht nicht unbe- neidensivertes — Los, als Patriot im Auslaude zu leben. Man sieht die Gebrechen der fremden Nation in unmittelbarer Nähe, aber ohne den intensiven Schmerz der vollen Beteiligung, und freut sich des Guten, das aus der Ferne sich in großen Umrissen abhebt. Deutsche Untugenden störten ihn nur in den Nebendingen der Lebensformen, wenn sie an ihn Herautraten. Seine Unduldsamkeit gegen gewisse Zudringlichkeiten sind nicht aus Rechnung eines Bedürfnisses nach Absonderung, sondern seines guten Geschmacks zu schreiben. Er war stets so erfüllt von Interesse an den großen Evolutionen der Welt, daß ihm zur Unterhaltung über das Persönliche wenig Raum blieb. Selbst in der Zeit seines schweren Leidens sprach er verhältnismäßig wenig ü^er sich, niemals mit störenden Klagen. Noch am letzten Tage, da ich an seinem Bette saß, wenige Wochen vor seinem, von ihm wohl vorgesühltcn Ende, hatte das Gespräch über Litteratur und Politik den Hauptanteil. Er hatte in den drei Jahren seines Siechtums zwar noch — 167 — manches gearbeitet, aber besonders unglaublich viel Lesestoff aus alter und neuer Zeit in sich ausgenommen. „Ich habe so uiel und über so vieles gedacht, iu all der Zeit", sagte er mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes, „und möchte mich so gerne noch darüber aussprechen". Seine Konversation war vortrefflich, immer reich genährt und fließend, dabei für die Gegenrede dankbar uud empfänglich im höchsten Grade. Sie war mehr gebauten- als geistreich; er hatte viel Sinn für Humor, ohue desseu viel zu produziere«. Das ironische über den Dingen Schweben war sein Streben, aber Sarkasmus blieb ihm fern. Er geHörle zu den Menschen, von denen die Rvbinsonade des reifen Lebens sich träumend ausmalt, wie schöu es wäre, sie einem Konvikt auserlesener Freunde einzuverleiben, mit denen man ein beschauliches Daseiu führen könnte. Denn er hatte auch die Eigenschaften des Herzens und die Liebenswürdigkeit des Umgangs, welche dazu gehören. Allem Pathetischen widerstrebend, hatte er einen wahrhaft zärtlichen Sinn, und die Freundlichkeit der romanischen Verkehrsformen gab diesem Sinu die zugleich wohl bemessene uud doch warme Ausdrucksweise. Er genoß viel Freuudschast und pflegte sie; er gehörte zu denen, welche leicht ganz lieben oder ganz verwerfen. Der, dem er wohl wollte, mußte auf der Hut sein, sich nicht für all das zu halteu, was sein enthusiastisches Auge an ihm gewahrte. Am schönsten war es, wenn er einem guten Kameraden die Honneurs des historischen und artistischen Florenz machen konnte. Hier kannte er die Geschichte jedes Gemäuers, und unter seinem Kommentare singen die Steine an, zu lebeu uud zu reden. Auch hatte er die für warmherzige Meuscheu charakteristische Liebhaberei, die, welche er gern hatte, uuter einander bekannt inachen zu wollen. So war es ihm einst, wofür ich ihm stets dankbar bleiben werde, eiu wahres Fest, mich — 168 — in Florenz zum alten Heusc und zum ehrwürdigen Gino Capponi zu bringen, die ihm seitdem in die Ewigkeit vorangegangen sind. Neben aller litterarischen Arbeit unterhielt er eine starke Korrespondenz, und seine Briese sind so inhaltreich wie seine besten Schriften. In Deutschland, Euglaud, Italien trauern viele der Auserlesensten nm ihn; in Frankreich haben einige hervorragende Gelehrte, mit denen er früher eng verbunden war, und denen er nach wie vor gerecht blieb, ihre Beziehungen der gewollten Borniertheit des nationalen Nachegefühls znm Opfer gebracht, so u. a. Taiue, mit dessen Geistesrichtung die seine verwandt war. Hillebrand besaß die Kunst, mit den Großen der Erde ans gutem Fuße zu stehen, ihnen dauernde Anhänglichkeit einzuflößen; gerade die Höchsten unter seinen Verehrern bewiesen ihm seit Jahren nnd bis in seine letzten Lebenstage echt menschliche Freundschaft. Er war frei von aller sozialen Eitelkeit, auch von der Eitelkeit der galanten Abenteuer, zu welchen die Versuchung dem schönen, liebenswürdigen und berühmten Manne nicht schien konnte. Die Ehe mit der im wahren Sinne des Wortes bedeutenden Frau, welche ihm die letzten Lebensjahre verschönte nnd in der That, dank ihrer aufopferungsvollen Sorgsalt verlängerte, war die erst spät ermöglichte Besiegeluug eines in früher Lebenszeit geschlossenen, trcn bewahrten Herzensbundes. Im Anfang des Jahres 1881 wurde der bis dahin in der Fülle der Kraft prangende, noch jugendlich aussehende Mann plötzlich krank und kam nicht wieder zur Ruhe. Daß seiu Leideu mir der augestreugten rastlosen Arbeit der letzten zehn Jahre zuzuschreiben sei, möchte ich schon darum bezweifeln, weil sämtliche vier Brüder in der Blüte der Jahre dahingerafft wurden. Aber der Keim, der iu ihm schlummerte, ist ohne Zweifel durch die — 169 — gehäuften Anstrengungen gezeitigt worden. Er trug sein Leiden heiter und philosophisch, murrte nur gegen die Abhaltung von der Arbeit, die er aber nicht völlig aufgab, bis ihn in? letzten Sommer die letzten Kräfte verließen. August und September brachte er noch in Schlangenbad und Baden- Baden zu. Als es zu Ende ging, ergriff ihn die Sehnsucht nach seiner Häuslichkeit am Arno. „Dort wird's mir besser werden", sagte erzumir, „wenn ich nicht unterwegs sterbe". Es sollte beinahe wahr werden. Ein Erdrutsch auf der Gotthardbahn zwang die Reisenden zum Aussteigen, und der Tottranke mußte nni sechs in der Frühe eine Strecke Wegs über Schutt uud Felsgeröll klettern. In Florenz angekommen, schien er einen Moment sich besser zu befinden. Es war das letzte Aufleuchten der schwachen Lcbensflamme, die dann sanft erlosch. Die Italiener in ihrer guteu Art erwiesen ihm. wie wahrend seines Lebens viel Schönes und Liebes, so nach dem Tode viel Ehrenvolles. Deutschland kennt ihn noch nicht genug. Seiue Werke verdienen einen Hervonagenden Platz in dem litterarischen Besitzstand des überlebenden Geschlechts. Man darf ihn, vou seinen andern Leistungen absehend, getrost den ersten der deutschen Essanisteu nennen. Die schon von der Krankheit beschatteten Züge des edlen Antlitzes, in welchen der Adel seines ganzen Wesens sich spiegelte, hat die Meisterhand Adolf Hildebrands in Florenz, der ihm durch euge Freundschaft -verbunden war, in einer trefflich gelungenen Büfte verewigt. Heinrich von Treitschke. *) Aus der „Nation" Jahrgang VII. Nr. 25, 26 und 27. Ms giebt zweierlei Maßstab für die Beurteilung eines Menschen und seines Thuns. Man kann ihn messen entweder nach seinem eigenen Vorsatz oder nach seiner Leistung vom Standpunkt des allgemeinen Nutzens. Die dritte Frage, ob im einzelnen Fall jener Vorsatz auf diesen Nutzen gerichtet sei, muß bis zum Beweise des Gegenteils zu Gunsten des Urhebers entschieden werden. Um ein gerechtes Urteil zu fällen, emvfielt es sich immer, mit Anlegung jenes ersten Maßstabes zu beginnen. Uud gerade wo uns das Thun eines Menschen als ein vorzugsweise ungerechtes erscheinen will, regt sich um so lebhafter, kraft einer Art von Gegenwirkung die Lust, ihn mit Gerechtigkeit zu behandeln, d. h. ihn vor jeder weiteren Untersuchung nach seinem eigenen Wollen zu beurteilen. Wer erreicht, was er sich vorgesetzt hatte, giebt einen Beweis von Kraft, die uns Anerkennung aufdrängt. In den niederen uud mittleren Schichten des menschlichen Lebens schiebt sich die Frage dazwischen, ob das Gewollte mit sogenannten erlaubten Mitteln erreicht worden ist oder nicht. In den höheren und höchsten Regionen verschwindet bekanntlich auch diese Unterscheidung mehr oder weniger hinter der Thatsache des Erfolges. Heinrich von Treitschte kann sich rühmen, daß es ihm gelungen ist, einen starken Einsluß auf die Entwicklung des deutschen Geisteslebens unserer Tage zu gewinnen. Er hat nicht nur der seit eiuem Vierteljahrhuudert herangewachsenen — 174 — Generation ihre Neigungen abgelauscht und dieselben verdichtet wiedergegeben, sondern er hat auch aus seinem eigenen inneren Vorrat ein Reis hineingepflanzt und dessen Samen weiter verbreitet. Ein Mann, dem das geglückt ist, kann verlangen, daß man ihm denjenigen Tribut zolle, welcher der Verbindung von hervorragender Fähigkeit mit bedeutender Macht verständigerweise nicht versagt werden kann. Dagegen bleibt jedem das Recht uneingeschränkt, zu fragen, ob das, was der andere gewollt und erreicht hat, auch als gut befunden werden soll. Die Entscheidung hängt hier vor allem davon ab, ob man mit dem Historiker einig geht über die Ausgabe, die der Geschichtsschreibung zu stellen ist; aber die Lösung ist auch damit noch nicht erschöpft. Der Historiker, welcher nicht nur eine falsche Methode anwendet, sondern auch mit dieser eine falsche Weltanschauung verbindet, sündigt doppelt an der Lehre und an den Menschen. Und hier betreten wir im weitesten Umfang das Reich des Widerspruchs gegen unseren Autor. Es sind jetzt gerade hundert Jahre, daß Schiller in Jena seinen Studenten den einleitenden Vortrag über die Zwecke des Studiums der Universalgeschichte hielt. Wer etwa zu der Vermutung hinneigen möchte, hier auf veraltete Voraussetzungen zu stoßen, wird sich auf den ersten Blick vom Gegenteil überzeugen, wenn er z. B. liest, wie ein guter Teil der eindringlichsten Mahnungen sich gegen die Enge und Niedrigkeit der nur auf das Brot- siudium bedachten Jugend richtet. So alt und neu bleibt die Welt sich gleich, und ebenso neu und alt klingt zur Richtschnur der Geschichte Schillers Wort an unser Ohr.' „Was hat der Mensch dem Menschen Größeres zu geben als Wahrheit?" — 175 — Dies ist aber offenbar nicht ganz Treitschkes Meinung. Er deutet es selbst an, z. B. in Anführung einer dazu verwerteten Stelle aus Niebuhr; und wenn er es auch nicht ausdrücklich sagte, sein ganzes Sein und Handeln strotzt von der Ueberzeugung, daß man Geschichte darstellen müsse, nicht um zu erzählen, was gewesen ist, sondern um zu erzielen, was sein soll. Die Geschichte, wie vielleicht alles, soll nach ihm darauf hinausgehen, die Menschen zu Muster- nienschen zu erziehen. Ob das Muster selbst ein gutes oder schlechtes ist, bleibt einer zweiten Entscheidung vorbehalten; aber es springt in die Augen, daß eine Lehre, welche bewußter Weise auf solch ein bestimmtes Ziel los geht, keine Lehre der Wahrheit sein kann. Wer nur Wahrheit sucht, braucht sich kein anderes Ziel zu setzen. Zu allen Zeiten ist Geschichte in einem bestimmten Geist geschrieben worden. Die Ansicht, daß es überhaupt keine wahre Geschichte gebe, weil kein Mensch sich über die voraus bestimmten Grenzen seiner Anschauung Hinanssetzen könne, ist zu einer Art von Gemeinplatz geworden. Wie in allen menschlichen Dingen ist hier die Qualität von der Quantität abhängig. Es fragt sich, in welchem Maße der wahrnehmende Sinn von seiner vorgefaßten Meinung beherrscht ist, ferner wie weit er von derselben beherrscht sein will. Aber selbst die stärkst bewußte Tendenz deckt sich noch nicht mit dein Grundzug des Treitschkeschen Wesens; denn dessen Absicht geht sichtbar hinaus über die Richtigstellung rückwärts liegender Entwickelung zu der Dis- zipliuiruug des Zukünftigen. Die neuste, zur Herrschaft in Deutschland vordriugeude Richtung, das ganze Leben in den Staat zu verlegen, findet hier ihre Anwendung aus die Unterordnung der Erkenntnis unter das Staatsbeste. Es ist etwas ganz anderes, ob man die vergangenen Dinge aus einem bestimmten Gesichtswinkel ansieht oder ob man für die künftigen Entscheidungen einen solchen vvrer- ziehen ivill, wenn schon beides zusammenhängt. Die aristokratisch-republikanische Auffassung eines Tacitus, die rationalistisch-ironische eines Gibbon, selbst die whiggistisch- gesättigte eines Macaulcui, die revolutivnstrunkene eines Louis Blane oder die romantisch-antvritäre eines Heinrich Leo sind alle nur die aus einem bestimmten Geistesspiegel zurückgeworfenen Bilder: nnd selbst derjenige unter den modernen Historikern, welcher an gewollter Einseitigkeit Treitschke am ersten vergleichbar erscheint, Jansen, bleibt doch immer noch Historiker, weil sein Geist, wenn auch mit schärfster vorgefaßter Anstrengung, daraus gerichtet ist, Recht und Unrecht, Vernunft und Unvernunft, Nutzen und Schaden menschlicher Handlungen in einem besonderen Lichte hervortreten zu lassen. Will man sich nach Mustern umschauen, die einige nähere Verwandtschaft mit Treitschke zeigen, — und diese Vergleichung tritt ihm gewiß nicht zn nahe ^ so wären am ehesten noch Carlule und Taine zn nennen. Aber wenn auch beide mit ihm gerade die Eigentümlichkeit gemein haben, daß sie sich im Verlauf ihrer kritisch-historischen Feldzüge zu immer wachsendem Groll steigern, so erreichen sie doch das deutsche Ebenbild lange nicht im Maße der grimmig verzerrenden Manier. Unter den Versuchen, den Menschengeist dnrch systematische Belehrung über Welt und Wissen einem besonderen Zwecke dienstbar zn machen, giebt es nur eiuen, allerdings einen großartigen, welcher darin weiter geht als uuser nationaler Geschichtsschreiber, das ist der Jesuitismus. Es ist kein Zufall, daß unter TreitschkeS Feder das Wort „Zucht" so oft wiederkehrt. Das Wort ist hier ganz in dem strengen Sinn gemeint, ivie das Ideal der Unterwerfung des selbstständigen Denkens unter eine auf Eroberung der Welt ausgehende Gesellschaft sein System ausgebildet hat. Es — 177 — ist auch kein Zufall, daß von der „Vernunft", von auf Vernunft gegründeten Rechts- und Staatsverfassungen überall mit einer an Affektativn grenzenden Verachtung gesprochen wird. Hier wie dort wird die Gescunmtheit der Gläubigen als ein Heer in Waffen gedacht, und die militärische Ordnung ist Grundstein wie Vorbild der ganzen Staatsordnung. Man muß sich ferner daran eriuneru, daß unser Schriftsteller in seinen wissenschaftlichen Arbeiten immer zunächst vom Katheder ausgeht, die Jugend sinnlich und geistig vor Augen hat und, wie die Gesellschaft Jesu, mit der Schulung der jungen Köpfe die dauernde Verbrüderung der aus der Schule in die Welt entsendeten Zöglinge ins Auge faßt. So erklärt sich auch, daß, seitdem unter dem Einfluß dieser Richtung die Züchtung eines eng umgrenzten Staatsideals auf deu Universitäten mit klarem Bewußtsein verfolgt wird, die von ihr begünstigten Studentenverbindungen eine früher nicht dagewesene praktische Bedeutung für das spätere bürgerliche Leben gewonnen haben. Zwar umfassen die Korpsverbindungen die Minderheit der studierenden Jugend. Aber das thut ihrer Macht im Leben keinen Eintrag, kommt ihr eher zu Nutze. Die weltliche Verfeineruug, deren Aufwand den Eintritt ins Korps erschwert, ist auch ein bewährtes Mittel der jesuitischen Ausbildung, und je enger der Keil zusammengehalten wird, desto sicherer dient er dem Zweck der praktischen Ausnützung im Leben. Früher suchte sich der Student seine Verbindungen nach dem Zufall der Neigung und des Herkommens. Aber jetzt ist, wie das Studium selbst immer mehr auf den weltlichen Erfolg gerichtet wird, sogar die Lust und Laune des jugendlichen Uebermuts in diesen Dienst gestellt. Es ist eine bekannte Thatsache, daß neuerdings die jungen Leute ihre Korpsverbindungen mit Rücksicht auf ihre spätere Beamten- Ludwig Bamberger's Ges. Schriften. II. II — 178 — stellung hin wählen, und daß die Elten: dafür die drückendsten Geldopfer bringen, weil man ihnen sagt, daß die damit in der Zukunft gesicherte Gunst die schweren Auslagen am sichersten wieder einbringen werde. Das ist ein öffentliches Geheimnis, welches an jeder Universität besprochen wird, uud die Sache selbst könnte sich nicht erhalten, wenn es sich nicht bewährte, daß viele hohe Beamte in der Förderung von Stellenberechtigten danach fragen, ob der Bewerber einem Korps nnd welchem er angehört hat, oder vielmehr noch angehört, da ja die Mitgliedschaft jetzt durch das ganze Leben bis ins hohe Alter fortgesetzt und durch Veranstaltungen in Kraft erhalten wird. Wollte man diese Analogie mit der welthistorischen Stiftung Loyolas wörtlich nehmen, so würde man natürlich der Übertreibung beschuldigt. Die Unterschiede der Grundbedingungen und der tragenden Kräfte sind so ungeheuer groß, daß es lächerlich wäre, erst mit deren Auszählung anzufangen. Aber eine Ähnlichkeit des Bestrebens uud des Sinnes, ja sogar des thatsächlich Erreichten ist doch vorhanden. Rechne man noch hinzu, was zur Ergänzung des Werkes der Militarismus im engeren Sinne des Wortes thnt, wie der Reservelieutenant mit dem Korpsburschen parallel geht und hier abermals Unterwerfung unter einen und denselben strengen Geist, äußere Haltung und Kameradschaft durch alle Sphären des Lebens ineinander greifen; wie dem Ganzen ein gewisses Ideal, eine Art weltliche Kirche voll Glanz und Allmacht vorangestellt wird' so bleibt Stoff genug, um über die Analogie der Absichten und der Mittel — aber auch über das Ende solchen Entwicklungsganges nachdenklich zu werden. Man braucht den Kern der Ideen, welchen Treitschkes Geschichtsschreibung dienen soll, nicht lange zu suchen. Das preußische Königtum in seiner persönlichen Verkörperung — 179 — tritt uns hier als das einzige und unfehlbare Heil des deutschen Volkes entgegen. Die ganze deutsche Geschichte dient lediglich zum Beweise dieser dogmatischen Wahrheit, deren Unfehlbarkeit in den kleinsten Zügen an Frennd und Feind bewiesen wird, und deren Nutzanwendung darauf hinweist, wie auch die Zukunft diesem unangreifbaren Dogma angepaßt werden müsse. Die persönliche Entwicklung des Verfassers liefert den einfachen und unwiderleglichen Nachweis dafür, daß mit dieser Schilderung sein Gedanke richtig gekennzeichnet ist. Aus dem Publizisten, der im Bunde mit den deutschen Liberaleu der fünfziger und sechziger Jahre in dem preußischen Staat das unter den obwaltenden Umstäudeu allein gegebene Werkzeug für die Herstellung eines geeinten modernen deutschen Staatswesens erblickte, ist der Mystiker geworden, welcher den in der Tagespolitik seiner Sinnesweise entsprechenden Platz nur noch im Schatten der Kreuzzeitungspartei zn finden weiß. Es ist kein Geheimniß, daß sein Austritt aus der Redaktion der von ihm begründeten „Preußischen Jahrbücher" sich damit erklärt, daß Verleger und Mitarbeiter sich weigerten, dieselben zu einem Organ der Kreuzzeitungspartei zu machen; und das jüngst erfolgte persönliche Auftreten in einer Berliner Wahlversammlung zu Gunsten eines scharf ausgeprägten Vertreters derselben Partei entspringt, ebenso wie der Inhalt der bei diesem Anlaß gehaltenen Rede, dem inneren Bedürfnis, jeden Zweifel nach außen zu beseitigen. Wir haben es also fortan mit einer geschichtlichen Richtung zu thun, welche schlechthin in den ultraorthodox-lutherisch-monarchisch-absolutistischen Mystizismus mündet. Da Treitschke eine durch uud durch militirende Natur ist, so entspricht es gewiß seinem eigenen Sinn, daß sein persönlicher Entwicklungsgang zur Beurteilung seines iL* — 180 — Werkes mit hereingezogen wird. Wir müssen uns überhaupt glücklich schätzen, wenn wir einen solchen unfehlbaren Schlüssel für deu Ausgangspunkt eines urteilenden Zeugen auffinden können. Wie viel besser stünde es nur unser gestimmtes historisches Wissen, wenn uns viele dergleichen untrügliche Einblicke in die Geisteswerkstätte der alteren Autoritäten vergönnt wären! Aber noch ganz Anderes fällt hier ins Gewicht, als das menschlich subjektive Verhalten des Künstlers zu seiuer Schöpfung. An derselben Stelle nistet zugleich der unüberwindliche Widerspruch zwischen dem behandelten Stoff und seiner Behandlung; hier sitzt das Uebel, an welchem sich das Krankhafte nachweisen läßt. Es ist schon recht schwer, man könnte, wenn in der Psychologie das Wort nicht ausgeschlossen? wäre, sageu unmöglich, zu begreifen, wie ein Mann von solchen Gaben, und im Besitz eines solchen Materials, das er — so anschaulich gruppirt — auf seiner kritischen Tenne dnrchwürfelt unter den Händen hat, zu einem so wunderlich dürftigen Schluß kommen mag; wie er an der ultima Thnle landen kann, wo die ganze moderne Entwicklung des deutschen Volkes, und aller auderen Völker, nachträglich sür totgeboren erklärt wird. Vom Staudpunkt der alteu Kreuzzeituugs- partei ist diese Negation, dieser harte Widerstand konsequent. Sie erkennt eigentlich nichts in dem Gewordenen an, weil sie das Werden selbst von Anbeginn verworfen hat, und heute noch verwürfe sie das Gewordene, wenn sie es vermöchte. Wo sie sich mit den Thatsachen abfindet, ist es nur um der Unabänderlichkeit willen, hie und da iveil man gute Mieue zum bösen Spiel machen muß; sauersüß bleibt die Miene doch. Wer an öffentlichen Staatsfeiertagen durch die Straßen Berlins wandert und von diesem oder jeneni Hause statt der drei Reichsfarbeu die schwarz-weiße Fahne — 181 — herausraaen sieht, kann sich sagen, das; dahinter jener korrekte Standpunkt wohnt, welchem eigentlich lieber wäre, es wäre in den letzten fünfundzwanzig Jahren überhaupt nichts geändert wordeu. Eine Auwaudlung von dieser Stimmung brachte auch bekanntlich König Wilhelm I. noch in den Prunksaal von Versailles mit, wo er zum Kaiser ausgerufen ward, und es ift wohl zeitlebens ein Niederschlag davon in seinem Gemüt zurückgeblieben. Daran, daß die kleine aber mächtige Zahl der Verehrer des absoluten preußischen Königtums heute gelegentlich auch mit der deutsch-natioualen Losuug um sich wirft, braucht man sich nicht zn stoßen. Seitdem Fürst Bismarck ihnen das agrarische Thor zu seinem Herzen so sperreweit wieder geöffnet hat, haben sie mit dem nationalen Beiwerk so glänzende Geschäfte gemacht, daß es ihnen auf eiue Wagenladung großer Worte mehr oder weuiger uicht anzukommen braucht. Äber wer die deutsche Geschichte der letzten achtzig Jahre schreibt und, trotz aller schließlich eingenommenen extremen Parteistellung, uicht um zu zeigen, daß alles schief gegangen und mißraten ist, nicht um zu zeigen, daß besser überhaupt nichts geschehen wäre: wer vielmehr umgekehrt als letztes ganz vernünftiges Postulat die Freude am Vaterland, wie es geworden, aufpflanzt; wer die ganze Kette der kleinen nnd großen Evolutionen forschend und prüsend durch die Finger lausen ließ, um zu zeigen, ivie alles uud jedes gekommen ist, — der kann doch unmöglich dies alles mühevoll nnd in einem gewissen Sinne mich liebevoll zustande gebracht haben, um zu dem Schluß zu gelangen, daß das zuletzt als vernünftig begrüßte Endergebnis und die zur gerechten Freude auffordernde Gestaltung der Dinge aus lauter Unvernunft hervorgegangen sei. Denn wozu wäre denn die Vernunft da, wenn das alles lediglich mit Hilfe der puren Unvernunft zustande gekommen wäre? Wer — 182 — dem Faden dieser Erzählung folgt, dem bleibt nicht einmal die Zuflucht, welche Schiller seinen Hörern als letzte eröffnet' „So lange das Schicksal über so viel Begebenheiten den besten Aufschluß noch zurückhält, erklärt er Zärtlichkeit; käme er aber aus einem 'Straßenkampf mit zerschossenem Glied nach Hause, so würde er von seiner Ehehälfte mir Scheltworten empfangen. Meint Herr von Treitschke, Bismark hätte damit sagen wollen, die Frau habe kraft tiefen Nachdenkens sich für soldatische Königstreue und gegen das Recht der Revolution entschieden? Alle großen Triebe, welche die Massen in selbstlose Bewegung setzen, wurzeln im Gemüthe, d. h. im Idealismus, noch viel stärker als die, welche im einzelnen Menschen den Ausschlag geben. Denn schon das Bindemittel, welches den einzelnen über sich selbst hinaushebt und zum Geineingefühl mit der Gesammtheit fortreißt, kann nicht dem analysierenden Verstand entspringen .Ein Skeptiker hat einmal den Ausspruch gethan' „Mit klugen Leuten stürmt man keine Schanzen". Der beißenden Form entkleidet heißt das so viel wie.' mit der Klugheit allein geht niemand in den Tod für ein höheres Ziel, für eine Idee; nnd für den König doch auch sicher nicht, weil derselbe ein Mensch, sondern weil er eine Idee ist. Die Verspottung des Idealismus ist am meisten vom Standpunkt des hingebenden Royalismus aus selbstmörderisch. Nicht umsonst lieben Thron und Altar zusammenzustehen. Die Königstreue^ die nicht eine Art Religion ist, muß gerade ihren überzeugten Aposteln besonders verdächtig sein; sie sinkt auf die Stufe der orleauistischen und kvburgischen Monarchie der dreißiger Jahre hinab, die ihnen verwerflich erscheint, Ludwig Bombcrzer's Ges. Schriften. II. — 194 — weil sie keinen höheren Anspruch erhebt, als den „die beste der Republiken" zu sein. Der Freiheitstrieb, aus welchem die politische Bewegung des deutschen Bürgerthums zunächst im Südwesten hervorging, war uicht ausländischen Ursprungs. Die Bewegung der dreißiger Jahre knüpft ohne Unterbrechung an die der Befreiungskriege und der Burschenschaft au. Viele ihrer Führer entstammen jener Verbindimg, auch der obengenannte Weidig. Aber die Lust entfachte sich neu an den Erlebnissen in der Nachbarschaft, und es ist undenkbar, daß sie sich entfacht hätte ohne einen Zug großmütiger Sympathie mit den Menschen, welche dranßen diese Ideen vertraten. Lief Kritiklosigkeit dabei mit unter, so war sie unentbehrlich. Mit der kalten und sogar falschen Kritik, welche Treitschke nachträglich zur alleinigen Methode erhebt, wäre an ein Erwachen überhaupt uicht zu deuten gewesen. Selbst eine gewisse heilige „Jugendeselei" gereicht bekanntlich den Menschen eher zur Zierde als altkluge Engherzigkeit. Aber es war keine Jugendeselei. Auch ist es falsch, eine undeutsche Richtung dabei für vorherrschend zn erklären. Das selbständig Deutsche tritt in der Mehrzahl der Reden und Schriften der Epoche hervor. Die Nachahmung der Formen und Stichworte, welche die Julirevolution geliefert hatte, lag in der Luft, und nur aus dem, was in der Luft liegt, kann Bewegung in die Massen kommen. Mit Rezepten aus der Apotheke und selbst mit Lehrbüchern läßt sich das nicht machen. Aus den veränderten Voraussetzungen nnd Maßstäben entstanden Mißverhältnisse, die zu Verzerrungen und zu Mißerfolgen führten. Aber schließlich konnten die Dinge auf gar keine andere Weise ins Rutschen kommen, und nur auf diese Weise sind die ersten Anläufe gegen den elenden kleinen Polizeistaat zustande gekommen, mit dem wir noch — 195 — heutigen Tags nicht ganz aufgeräumt haben. Auch der Rotteck-Welckerschen Verfassungsseligkcit kann man den Vorwurf uicht ersparen, der gerade in ihrer Aehnlichkeit mit der Propaganda Treitschkes liegt. Auch jene verfaßten Geschichts- werke und Staatswörterbücher im Geist uud im Dienst einer einseitig ausgeprägten Staatslehre. Aber sie waren dabei mit voller Naivetät an der Arbeit, was Treitschke nicht bestreiten wird. Denn gerade diese Naivetät gewährt ihm den Anhalt zu seiner sarkastischen Behandlung, und er wird eben deshalb nicht dieselbe Entschuldigung für sich iu Anspruch nehmen. Das Staatslexikon, welches Hermann Wagener im Dienste der Kreuzzeitungspartei in die Welt entsendete, war gewiß ebenfalls einseitig, aber man wird nicht behaupten, daß der Mann zu den Naiven gehörte, so weuig wie Treitschke, der mit größerem Jngeniuni und mit größeren Mitteln denselben Weg verfolgt. Naive Einseitigkeit kann sich ins Überschwengliches versteigen, welches die Ironie herausfordert; aber gewollter Paroxismus treibt zur Verzerrung, welche abstößt. Man wird schwerlich in der Rotteck-Welckerschen Litteratur einem Ausspruch begeguen wie dem Seitenhieb, welchen dieser vierte Band einmal gegen den Geist der Berliner Bevölkerung damit zu führen fucht, daß er u. a. ihr verbildetes Wesen aus der frühen Bekanntschaft mit ausländischen Affen in den Menagerien, „wo sie sich ihrer eigenen Affenähnlichkeit bewußt werden", und aus ihrer Unbelanutschaft mit deutschen Rinderherden ableitet. Beiläufig gesagt! heute sind in dem Berliner Viehhof wohl mehr deutsche Rinder zusammen, als iu irgend einem Dorfe Pommerns oder Preußens. Gleichen Kalibers ist u. a. der Ausspruch, daß die Rheinländer mit deutscher Treue an ihrer französischen Gesetzgebung hingen. War doch diese Anhänglichkeit schon groß, als noch kein halbes Menschenalter der Treue die Zeit des Entstehens gelassen 13* — 196 — haben konnte, und sie wurzelte, wie jeder in dieser Atmosphäre Großgewordene weiß, in ganz anderen Bewandtnissen.*) Wer wüßte nicht, wie viel Geschmack, guter uud schlechter, an französischen Dingen in Deutschland geherrscht hat und sogar noch herrscht, seit Jahrhunderten bis znr heutigen Bühnen- nnd Romanlitteratur, nicht am wenigsten genährt und gefördert von deutschen Fürsten nnd Adelsgeschlechtern. Aber gerade die liberale Bewegung der dreißiger Jahre ist weder aus der Schwäche sür das Fremde, noch aus dem Brudersinn für die Fremden hervorgegangen, sondern aus dem inneren Drang der gebildeten deutschen Welt. Der französische Konstitutionalismus der Juli- monarchie war einfach die Formel, welche das europäische Festlaud sich aus der Uebernahme des englischen Vorbildes nach seinen anders gearteten Grundlagen znrecht gelegt hatte, und in dieser Form ergriff der neue Geist alle westlichen Nationen, den südwestlichen Teil Deutschlands nm so mehr, als er iu seiuer eigenen Geschichte gar keinen Anhalt für einen Umschwung in neue Wege vorsand. Denn daß die altwürttembergische Stände- und Schreiberopposition nicht dazu gemacht war, hat die Erfahrung gelehrt und giebt auch Treitschke zu. Was an diesem rationalistischen Verfassungsdoktrinarismus iu allen seineu Spielarten gut oder schlecht war, kann eine offene Frage bleiben und ist in einem gewissem Maße noch heute eine ungelöste Frage. Die gebildeten Klassen des westlichen Europas hatten gar keinen anderen Weg als durch diese Evolution, denn nur diese bot ihnen die Geschichte dar. Das sollte ein Historiker, wenn er nicht Pamphletist sein will, nicht verkennen, d. h. verspotten. Wenn die Libe- Ich selbst habe schon vor dreißig Jahren eine Studie darüber geliefert, „Die Französelci am Rhein, wie sie kam und wie sie ging" (Demokratische Studien, Hamburg 1861). — 197 — raten nach Paris sahen, so geschah es, weil damals die nationalen Gegensätze nicht in Frage standen und alle Augen dahin gerichtet waren, wo das Experiment vorbildlich zum Dnrchbruch kam. Die Liberalen im Südwesten Deutschlands verfolgten die smnzösischen Kammerverhandlungen und Partei- tämpfe mit dem Solidaritätsgefühleigener geistiger Interessen. Vielleicht interessiert es Treitschte und kann er es verwerten, das; der erste Vizepräsident des jüngsten sogenannten Kartellreichstages, Herr Buhl, in der Taufe den undeutschen Vornamen Armand erhielt zum Andenken an Armand Carrel, deu drei Jahre vorher im Duell gebliebenen radikalen Redakteur des Journals „I^s Natiorig,!." Die ganze ununterbrochene Reihe der deutschen Entwicklung, welche mit den Befreiungskriegen anhebt, 1830 und 1848 in neuen Wendepunkten neue Lebenskraft gewann und 1866 und 1870 ihren großen Abschluß fand, ist nicht als eine Episode der Entartung, sondern als eine legitime Geschlechtsfolge zu verstehen. Auch ist es falsch, daß das Eintreten des preußischen Staates in diese Entwicklung uuabhängig von den Vorgängen des Südens gekommen wäre. Der Zollverein allein hat es nicht gemacht. Während unter Friedrich Wilhelms III. patriarchalischer Herrschaft jede äußere Regung in Preußen erstarrt war (die absolutistische Schönseligkeit sagt: aus zarter Rücksicht für den greisen König, aber ohne Gegenseitigkeit) lebte der Norden im Geiste mit den liberalen Kämpfern des Südens uud Westens, wie auch die Rheinländer und Westfalen nachher an die Spitze der liberalen Bewegung in Preußen traten. Den berechtigten Grundzug aller dieser Erscheinungen in der Politik zu übersehen, ist ebenso falsch, wie es falsch ist, die gleichzeitige unter dem „Jungen Deutschland" zusammengefaßte philosophisch-litteransche Be- — 198 — wegung der Geister parallel mit der politischen unter den Eindruck eines herabwürdigenden Gesammtnrteils zu stellen, freilich beides in konsequenter Verfolgung derselben Absicht, III. Professor Theobald Ziegler in Straßbmg hat in diesen Blättern") die Behandlung, welche dein großen deutschen Gelehrten David Friedrich Strauß von Treitschke zuteil geworden ist, zum Gegenstand einer besonderen Abwehr gemacht. Schon aus Anlaß der vorausgegangenen Bände haben andere Fachmänner, wie Baumgarten und Stern, sich gegen eine Reihe einzelner Darstellungen auf Grund kritischer und thatsächlicher Einwürfe erhoben. Mit der gegenwärtigen Besprechung ist weder die Möglichkeit noch der Anspruch verbunden, nach solchem Vorbild an die Charakteristik des gesamten in diesem Bande verarbeiteten Materials zu gehen. Sie muß sich begnügen, den Geist der Darstellung zu schildern und aus dem Gesammteindruck hie und da etwas herauszuheben, ums eiu besonders scharfes Licht auf die Eigenart des Verfassers nnd seine Leistung wirft. Gerade zunächst als Ergänzung der von Ziegler im einzelnen nachgewiesenen Irrtümer und Widersprüche bleibt hier noch der leitende Grundgedanke zu kennzeichnen, aus dem sich Treitschkes ablehnende und selbst in Geringschätzung verfallende Haltnng einem Manne gegenüber erklärt, welcher in der Wissenschaft und in der geistige,! Bewegung seiner Zeitgenossen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus hohe Verehrung genossen hat. Diese Haltnng liefert uns eben den Schlüssel zn dem ganzen Kapitel, Nr. 16 der „Nation" vom 18. Januar 1390. — 199 — welches vom jungen Deutschland und der philosophischen Richtung seiner Zeit handelt. Strauß muß hier als der vornehmste Repräsentant einer Weltanschauung herhalten, welche zu dem System Treitschke nicht paßt und deshalb wie alles, was ihm uicht paßt, als undeutsch der Verdammnis überliefert wird. Ziegler bemerkt selbst mit Recht,- daß über Treitschkes eigener philosophischer Ueberzeugung ein uicht leicht zu durchdringender Schleier ruht. Es kommt anch bei ihm weniger als bei irgend einem anderen Denker darauf an, diesen Schleier zu lüfteu. Denn nach seiner ganzen Absicht lehrt er weniger um zu sagen, wie die Dinge sind, als um dahin zu wirken, wie sie werden sollen. Die furchtlose Kritik, welche gerade der hervorstechende Zug der deutschen Philosophie ist, paßt daher am allerwenigsten in sein System, und sie hindert ihn am meisten, wo sie, wie in der neuhcgelschen Zeit, sich ins litterarische und politische Leben hinüberspielte, oder da, wo sie, wie in dem letzten größeren Werk von Strauß den theoretischen Versuch machte, eine Brücke zum Leben hinüber zu schlagen. Den Engländern spricht Treitschke an einer Stelle den spekulativen Sinn ab. Man kann das, Wiesedes schlechthinabsprechendeUrteil,dahingestellt sein lassen; aber soviel kann man ihm gerne zugeben, daß unter den neueren keine Nation mehr die Begabung zur spekulativen Vertiesuug gezeigt hat, als die deutsche. Daher ist auch die von dieser deutschen Philosophie seit Kant entwickelte Kritik wirksamer als alle vorausgegangene und gleichzeitige gewesen. Die Deutschen haben eben wegen der ernsten Vertiefung in die Abstraktion, zu der sie veranlagt siud, die glaubensfreiste Bildung der modernen Welt. Alle Kuuststückchen, an Goethe herumzudeuteln, um ihn für fromme Zwecke auszustaffieren, scheitern an zahllosen positiven Aeußerungen seiner Poesie und Prosa in Schrist und Leben; und es giebt, ihn inbegriffen, in keinem Volk eine — 200 — klassische Litteramr, welche so ganz auf dem Boden der -geistigen Freiheit steht, wie die deutsche. Desgleichen hat keine Nation unter den neueren eine so stattliche Folgenreihe philosophischer Schulen, die ganz auf dein unabhängigen Denken beruhen. Was siud Schuleu, was sind Systeme? Das Wichtigste ist die inuere Freiheit, uud diese ist das Charakteristische uud das Bleibende an allen Schulen, die von Kant bis Schopenhauer einander abgelöst nnd auch einander befehdet hcibeu. Der „französische Atheismus", mit dem Treitschte Schreckeu erregen will, ist dauebeu uur eiue Bogelscheuche. Er hat nicht einmal in der Zeit seiner größten Macht die ganze Eneyklopädistengescllschaft beherrscht. Es wird wohl fchwerlich. je gelingen, der gebildeten deutschen Gesellschaft die englische Kirchlichkeit mit chrem Oant oder die Verbindung von Voltairiauismus mit t'atholisireudem Ooinrns-il-kaut, beizubringen. Darin haben nur ^um Glück die Vorzüge unserer Fehler. Auch Treitschte, so sehr er das Bedürfnis fühlen mag, kennt doch seine Deutschen zn gm, um nach der positiven Seite hin stark ins Zeug ;u gehen. Einige lhevsophische und mystische Andeutungen sind hie und da eingestreut. So z. B. heißt es eben von Strauß, als dem scharfsiuuigen Theologen, der vom Wesen der Religion keine Ahnung gehabt habe! „er begriff auch niemals, daß die Idee des Gottmenschen in einem eingeborenen, unausrottbaren Drange unserer Seele wurzelt und also eine Forderung der praktischen Vernunft ist." Wenn Treitschke recht hat, und darin hat er einmal recht, daß die ganze geistige Bewegung des jnngen Deutschland sich vor allem auf deu Einfluß der Juughegeliauer ,mrückführen läßt, so bleibt hier wenigstens kein Raum für den Vorwurf der Nachahmung der Ausläuder uud für die „Fremdbrüderlichkeit." Weder Hegel uoch seine Schüler — W1 — haben etwas aus der Fremde genommen. Ter Schwabe Hegel schöpfte ganz aus dem Keim seines eigenen Wesens wie der Schwabe Strauß. Zu der Philosophie siud die Deutschen nicht Schüler, sondern Lehrer des Auslandes gewesen, etwa von England und Schottland abgesehen. Franzosen und Italiener haben aus deutschen Quellen geschöpft mm Hegel bis Schopenhauer. Ist also auf diesem Gebiet die Anklage der Nachäfferei nicht einmal dem Schein nach aufrecht zu erhalten, so liegt die innere Notwendigkeit, welcher die Bewegung des jungen Deutschland entsprang, sonnenklar zu Tage. Diese hatte die Ausgabe, zu vermitteln zwischen einerseits der menschlichen und andererseits der staatlichen und gesellschaftlichen Bildung der Nation, aus ersterer die Konsequenzen zu ziehen für letzlere. Was unsere klassische Epoche in den Kopsen ausgereift hatte, das mußte die folgeude ins Leben hinüberführen. Dementsprechend fällt der Wendepunkt gerade mit Goethes Tod zusammen. Ueber den dem Staat und der sogenannten nationalen Idee abgewandteu Sinn der klassischen Epoche ist so viel verhandelt worden, daß man heute keiu Wort mehr darüber zu verlieren braucht. Wenn dieser Sinn in der Zwischenzeit der dreißiger oder vierziger Jahre auch seine herbe Kritik erfahren hat, fo sind wir längst zur gerechteren Erkenntnis zurückgekehrt, und jene Herbigkeit erklärt sich aus den ersten heftigen Ansätzen des Umschlags. Gerade der von Treitschke bestgeschmähte Heine hat die Angriffe auf Goethes Olympiertum stets mit wahrer Empörung zurückgewiesen, was natürlich Treitschke verschweigt. Heine stand an Geisteshöhe und Freiheit Goethe unendlich viel näher als Treitschke. Selbst die Verflachung, welche eine ins Leben hinüberführende litterarifche Richtung anuahm, war unvermeidlich. Treitschke meint, heute lese niemand mehr die Schristen des jungen Deutschland. Man — 202 — wird wohl die Frage offen lassen dürfen, wer nach fünfzig Jahren noch die Werke Heinrichs v. Treitschkc lesen wird. Aber Heine lebt - noch so sehr, daß noch heute, fünfzig Jahre nach seiner Glanzzeit, die größten Anstrengungen gemacht werden, nm die Errichtung seines Denkmals zu bekämpfen. Es ist abzuwarten, ob Treitschke im folgenden Bande dazu kommen wird, die politische Wendung der Jahre 1866 und 1870 von den Ereignissen des Jahres 1848 gänzlich loszulösen nnd damit selbst die Aktion Bismarcks in ihrem Anknüpfungspunkt zu verleugnen. Wer das aber nicht fertig bringt, wird zugeben, daß ein erster Anlauf zu einem großen, politisch zivilisierten Deutschland ohne eine unmittelbar vorausgegangene philosophische und literarische Gahrnng gar nicht denkbar war. Daraus erklärt sich, warum die Professoren- und Litteratenivelt so stark im Frankfurter Parlament vertreten war, daß sie ihm, auch zu seinem Unglück, ihr Gepräge gab. Wenn man noch in Betracht zieht, daß zwischen der Periode klassischen Stilllebens und der des jungen Deutschland eine Zeit der Romantik fällt, welche aus der Stille iu die Dämmerung geführt hatte, so springt erst recht deutlich in die Augen, daß die Anregung, welche von den Neuhegelianern, von Arnold Rüge, Ludwig Feuerbach, Bruno und Edgar Bauer u. a. ausging, die Zensurkämpse der Halleschen Jahrbücher und des Leipziger Litteratenstammes den Sauerteig zur späteren Umgestaltung Deutschlands geliefert haben. Aber auch das soll alles nur äußere fremde Mache sein. Was zur Herabwürdigung der kleinen Verfassungskämpfe noch neben den Franzosen fehlte, die unentbehrlichen Juden, hier finden sie sich. Zwar mit aller Anstrengung kann Treitschke im Verlaus eiues ganzen Menschenalters — 203 — deren nur fünf auftreiben, um zu zeigen, wie sie das große Deutschland verderbt haben. Aber dies einräumend, setzt er zn seiner Rechtfertigung wohlweislich hinzu, es sei ja bekannt, wie die Juden sich in ihrer Wirkung verzehnfachen tonnten; wo ein paar zusammeustäuden, machten sie den Eindruck eiucs großen Hanfens. Nach .Offenbarung dieser tiefen geschichtsphilosophischen Wahrheit zählt er die füns anch ans: Rahel, Börne, Heine, Eduard Gans und wunderbarer Weise den Verleger Zacharias Löwenthal in Mannheim. Solche Ehre hätte der ante Mann bei Lebzeiten sich nicht träumen lassen. Er hat unter einem, noch von ihm veränderten Namen (so wenig glaubte er an seine Unsterblichkeit) ein Geschlecht hinterlassen, welches in den Reihen der christlich-deutschen Wissenschaft eine ehrenvolle Stelle behauptet. Zum Christentum übergetreten waren übrigens alle fünf schon zur Zeit, als ihre unheilvolle Wirksamkeit begann. Damit ist der Beweis geliefert, daß sich das Antisemitentnm nur auf die Rassenthrorie nnd nicht auf die Religiou zurückziehen kann. Ohne ein genealogisches Reichsstammbaumsamt wird demnach die große Reform der Zukunft uicht durchzuführen sein, und man darf sich einstweilen ans die heiteren Enthüllungen freuen, mit welchen manches hochansehnliche Geschlecht beglückt werdeil wird. Irgendwo im Verlauf seiner Erzählung hat der Geschichtsschreiber noch deu sechsten Juden ausgetrieben. Bei etlichen Stuttgarter Unruhen wird der jüdische elsasser Bierbrauer Denninger aufgeführt. Dem Maun ist Unrecht geschehen, und Treitschke in seiner peinlichen Gewissenhaftigkeit wird das sicherlich gut zu machen wünschen. Die von dem Stuttgarter Standesamt erteilte Auskunft lantet wörtlich: „Joh. Jakob Denninger, evangelisch, Bierbrauer aus Schiltigheim bei Straßburg, geboren 21. April 1787, gestorben 28. April 1860, Sohn des Partiknlier — 204 — Demiinger, evangelisch, und einer gleichfalls evangelischen Mutter/' Was aber hat Rahel verbrochen? Ihr kann doch wohl nicht das vorgeworfen werden, ums Treitschke und seine Freunde dem jüdischen Einfluß zuschreiben' zersetzendes skeptisches Verhalten zu den höchsten Dingen. Niemals schlug ein Herz wärmer für das Schone, Wahre und Gute. Oder fühlte sie sich nicht als Deutsche? Sie, die preußische Patriotin, deren Briese aus dem Jahre 1813 solch eine glühende Begeisterung, solches Glück über die Wiedererstehung ihres Laudes atmen? Sie, die kranke Soldaten pflegte, mit hundert Händen hals uud heilte? Sie, die bei der Nachricht, daß der von ihr angebetete Fichte gestorben, sich schämte, daß sie am Leben geblieben war? Was konnte nun Treitschke veranlassen, nachdem er sie halbwegs glimpflich behandelt, zu ihrer Herabwürdigung aus eiuem Brief Arnold Ruges, ohne jegliche Verwahrung, eine Stelle abzudrucken, wo dieser sagU „die Rahel, das eklige Mensch." Wenn er das nicht that, um sein Wohlgefallen daran auszudrücken, warum denn? Hat ein Wort, das in einem Privatbrief hingeworfen, nicht entfernt zur Öffentlichkeit bestimmt, wenn es so unpassend ist, seinen Platz in einem Geschichtswerk? Rüge hätte sich gehütet, es drucken zu lassen. Er hatte eine lose Znnge, die im Briefschreiben und im Reden die Schimpfworte lachend umherwars. Seinen besten Freund tonnte er gelegentlich ein Pferd nennen. Es war ein polternder, aber gutmütiger Schulmeisterhumor. Ich erinnere mich, daß er einmal, als die Rede auf Renan kam, ausriesi „Der? der ist ja noch abergläubischer als Strauß." Als ich seine Briefe an mich für die Veröffentlichung hergab, habe ich mich gehütet, alle Personennamen stehenzulassen. Und was meint Treitschke von dem, was in denselben Briefen, denen er die häßliche — 205 — Stelle über die Rahel schmunzelnd entnimmt, über ihn selbst gesagt wird? Er hat es doch ivvhl auch gelesen und wird der Ansicht sein, daß es nicht schön wäre, es als Zitat drucken zn lassen. Die Verletzung aller Ehrbarkeit ist um so größer, als Rahel niemals durch unweibliches Hervortreten die Kritik herausgefordert hat. Sie hat nichts drucken lassen. Erst nach ihrem Tode erfuhr die Welt von ihr und von dem, was sie ihren Freunden in ihrem heiligen Ernst anvertraut hatte. Mag Treitschke Bettina höher stellen, das ist Geschmackssache. In diesem Punkt züchtiger Weiblichkeit kann sie nicht den Vorrang beanspruchen. Es ist aber freilich im Wesen Rahels etwas, das wie eine um lange Jahre vorausgegangene Verurteilung Treitschkes verstanden werden uud seiue besondere Antipathie erwecken kann. Klingt es nicht wie au seine Adresse gerichtet, wenn sie schreibt' „Man sollte sich wirklich alles von seinen Landslcuten gesallen lassen! denn je mehr sie uns tadeln und verfolgen, je mehr man in Disharmonie mit ihnen ist, je gewisser ist es, daß man auf sie gewirkt hat." Oder ein andermal: „Großer Gott, was ist cS leicht und natürlich, sein Vaterland zu lieben, wenn es einen nur ein bischen wieder liebt! Man thut es ja schon ohne Gegenliebe." Oder: „Geschichte ist in närrischen Händen sehr schädlich. . . . Sollten Männer wie.......nicht selbst wissen, Ivo der dunkle Punkt in ihren neuesten Schriften ist, über welchen sie wegsetzen und willkürlich vorauszusetzen anfangen? Sie machen einen selbst schwanken zwischen dem Zweifel an der Schärfe ihrer Einsicht oder dcni an ihrer Redlichkeit: man weiß nicht, welche mcn^ von beiden beleidigen soll." Und zum Schluß noch dieses: „Was mich empört, ist diese Klasse, die mit Prätention sittlich!!! sind. Dies hebt alles auf, geradezu auf, was nur so genannt werden — L06 - kann, — und nichts anderes, ich kann cs zum Himmel schwören, ist meiner Seele so zuwider/' Eben diese der Rahel so widerwärtige sittliche Prätention erklärt aber auch die innere Willigkeit des Ketzergerichts, dein Heine sowohl als geborener, wie als getaufter Jude verfällt, „Er wurde dem Glauben seines Volkes abtrünnig", heißt es vorwurfsvoll. Gerade das, worin Treitschke und Heine sich ähneln uud das, worin sie sich von einander unterscheiden, flößt den ersteren ab. Heine ist noch ein viel größerer Virtuos als Treitschke in der Kunst, die, welche er nicht mag, als schlecht und lächerlich hinzustellen. Aber er spottet und schmäht lachend, er trauert nicht pathetisch, er geht nicht aus turmhohen Stelzen einher als ein Gesalbter des Herrn, der von der Erhabenheit seines sittlichen Thrones herab zn Gerichte sitzt über die Lebenden und die Toten. Er ist menschlich, oft „menschlich ordinär", wie er es einmal ausdrückt. Män kann nicht von ihm sagen ricleiräo c-g-st-iZat Mores, denn es kommt ihm auf die mores weiter nicht an, aber es wandelt ihn auch nicht entfernt an, sich für einen Sittenrichter auszugeben und jemanden darüber in Zweifel zu lassen; er macht sich nicht besser als er die andern macht; und darum ist er, der Cyniker, eigentlich besser als der Tligendbold, welcher sich mit feierlichem Ernst in seinem Spiegel bewundert. Ueber des Dichters Ruhm zu streiteil ist einfach überflüssig. Er hat sich mit unauslöschlichen Zügen in das Buch der deutschen Litteratur und der deutschen Sprache eingeschrieben, und es war keine Ueber- treibnng, wenn er von sich sagte: „nennt man die besten Namen, so wird auch der meine genannt." Noch heute, nach länger als einem halben Jahrhundert, werden seine Lieder gesungen und gesprochen, seine Verse zitiert so weit die deutsche Zunge klingt. Aus seinem eigenen Born hat — 207 — er den Schatz der deutschen Sprache bereichert und Formen der Dichtung eingebürgert, die weiter wirken bis auf diesen Tag. Nichts ist darin ans fremdländischen Elementen entnommen. Und nichts ist komischer als wenn Treitschke sagt, daß den Juden das deutsche Sprachgefühl abgehe. Das kommt ungefähr aus die Geschichte jener Hamburger Dame hinaus, die, als die Schauspielerin Rachel in Raeines Britanniens auftrat, klug bemerkte! „Man hört aus ihrem Französisch doch die Jüdin heraus, denn sie sagt Kapitol statt Kapital." Es gehört zu Treitschkes kleinen Künsten, daß er solche Gickchen und Gackchen austüftelt, die er als tiefe und feststehende Bemerkungen wie etwas Selbstverständliches einfließen läßt. So soll man an dem jungen schönen Herzog von Orleans, als er am Berliner Hofe erschien, die ganze Erscheinung bewundert, aber alsbald den falschen Zug der Familie Orleans erkannt haben. Von dieser allgemeinen physionomischen Thatsache als einer notorischen hört man in diesem Geschichtswerke znm ersten Male. In hundert ähnlichen Kunststückchen, ans Zufällen herausgegriffenen Zitaten, wiederholt sich dies Spiel. Ich habe vor langen Jahren bei Besprechung seines Bonapartismus einmal erzählt, welche komische Geschichte ihm mit dem ernstgenommenen Straßenwitzwort' 8i?s>ris g-vait, '.ms (üs.uusbisrs iu1zrerr8s zzs.res^v.'sI1s S3t> trss-clistinAuss, o's8t oells ciss uominss cl'un Avüt 8ir>An1isrsiusrlt trri, 6s1isat^ cliKisile, c^rri orlt, tout 1u, c^ui 3g.vsnt toutss OÜosss st) c^ui n'ssriverit risir prssc^us risu parss c^ris 1s 3sv.tirQsut trs8-?it' 6s 1s, psr^estiorr 6sec>rri'aAs cls procluirs. Iis out l^osil si Lls,irvc>z?s,v.r> c^u'ils Apercoivsrit. 1s Lailzls cls torrts8 Iss i6ss8 st cls tous Is8 8t^1s8 z ausrrri pre3tiZs ris les solouit, an LÜHS i'SllomiQss US 1s8 alzu3s; Isrrr A0Üt S8t UN srikls c^ui HS 1ai88s ^>Ä88sr c^us 1s pur lrorasrrt; s's3t uns cls LS8 lzals-risss cl'uns 8SQ8i1)i1its irrllrris c^ui irs ps8SQt c^irs 1'or. 118 8vQt pars88kux, rusis surtorrt, par 6s1iss.ts88s xour us M8 prol'Äiisr par uns osuvrs insoinplsts Isur rsvs 6s psrisotivQ sxcirri8s. Bis auf die Qualifikation der Trägheit, die hier nicht zutrifft, paßt das alles genau auf Homberger. Auf große Austreugungen folgten bei ihm Unterbrechungen, Erschlaffungen. Wiederaufnahmen — der Nachlaß der hier uicht verwerteten Manuskripte ist voll von Fragmeuten, die, zum Teil weit vorangefördert, einen seltenen Reichtum von Beobachtungen und Ideen enthalten. Trotz seiner Anlage zur Meditation fühlte unser Freuud vor allem den Beruf des plastischen Gestaltens als seinen ^) Der zu früh verstorbene H, Rigcmlt. Ich gebe den französischen Text, weil es schade wäre, seine reizend feinen Wendungen in andere Ausdrücke umsetzen zu wollen. 233 — lebhaften und höher berechtigten Drang. In seinem Band Italienische Novellen (1830 in derselben Verlagshandlung wie diese Essays erschienen) legte er die Probe davon ab. Aber auch die Feinheit und Wärme seiner analysierenden Studien, seine in der Darstellung hervortretende Freude au bezeichnenden Thatsachen ist poetischer Abstammung. Den Uebergang von der synthetischen zur analytischen Geistesarbeit vermittelte in ihm der Grundzug des psychologischen Interesses. Die Beobachtung des allgemein Menschlichen und des besonders Persönlichen war die Quelle, aus der er genießend und produzierend schöpfte. Hier konnte ihn das Kleinste in Entzücken versetzen. Er tonnte über eine bezeichnende Anekdote lachen bis an die Grenze des Erstickens, über ein falsches litterarisches Urteil oder eine ungerechte Handlung in eine wahre Ekstase des Zorns geraten. Indem nun dieses starke Empfinden zusammentraf mit feinfühligem und geläutertem ästhetischem Sinn, alles unterhalten und stets neu genährt durch emsige Fortbildung in den historischen, litterarischcn, sprachlichen, ethnologischen Studien, in der praktischen Berührung mit den Zuständen der großen Kulturländer und ihrer Gesellschaft, im Verkehr mit bedeutenden Männern, namentlich Deutschen nnd Italienern, schoß ein Kern qnintesscnzieller Art zusammen. Keiner der vorliegenden Beiträge giebt davon ein sprechenderes Zeugnis als der Nekrolog auf Karl Hillebraud, der seiner Zeit in der „Nation" erschien und in diesem Band abgedruckt ist. Der Gegenstand war auch wie geschaffen, die Quelle einmal breiter fließen zu lassen. Hillebrand, mit dem Homberger in Florenz lange zusammengelebt und sich in enger Freundschaft vcrbuudeu hatte, war, trotz eines sehr verschiedenen geistigen Naturells, doch darin ihm verwandt, daß er aus dem Grund ernster deutscher Vorbildung den Ausblick in die Welt durch — 234 Assimilation mit fremder und namentlich mit romanischer Kulturform erweitert hatte. Beide begegneten sich auch darin, daß ihr höchstes Juteresse immer, auch in der Fremde, auf die deutsche Heimat gerichtet blieb und sie die deutscheu Geschicke während der Epoche des großen Umschwungs, dank ihrer intimen Bekanntschast mit Italien, im Widerspiel der dortigen Evolutionen und in vergleichender Beobachtung der unterlaufeudeu Wechselwirkungen verfolgten. An der Fehde, die sich später über das Verhalten der beiderseitigen Diplomatie im Jahre 1866 entspann, hat Hombcrger einen lebhaften nnd aktiven Teil genommen und namentlich in einigen Abhandlungen (unter anderen auch iu den „Preußischen Jahrbüchern") Beiträge zur Kritik über daS Verhalten La Marmoras geliefert, welches dieser iu seiner berühmten Schrift IIn po' piü cii wos nicht ohne Erfolg verteidigt hat. Doch von diesen politischen Arbeiten ist in die vorliegende Sammlung nichts aufgenommen worden. Dagegen bieten die vier ersten Essays über Manzoni und Azeglio eine Fundgrube von Belehrung über den inneren Znsammenhang der litterarischen nnd politischen Bewegung des modernen Italiens. Der deutsche Leser, welcher Manzoni nur aus den „Verlobten" und etwa noch aus Goethes nicht besonders gelungener Uebersetzung des Oiuc^ns UnAZio kennt, steigt hier au der Hand des kundigen Führers in die Gründe hinab, aus welchen der Klassiker der modernen Litteratur jenseits der Alpen emporgestiegen ist. Nicht minder interessant ist die Abhandlung über Massimo d'Azcglios Denkwürdigkeiten und Briefe, des Vorgängers Cavours, des Malers, Dichters, Soldaten und Staatsmannes, welcher ähnlich und doch in ganz anderer Weise wie einst Alfieri die eigenthnmliche Mischung aristokratischer und menschlich freier, konservativer nnd politisch empfänglicher Denkart — 235 - der vornehmen Persönlichkeiten des Italiens aus der Wende des Jahrhunderts verstehen lehrt. Der Anteil der litterarischen und ästhetischen Probleme ist der beträchtlichste in unserer Sammlung. Deutsche, französische, englische Romane und Dramen bilden hier gleichmäßig die Unterlagen, doch anch die philosophischen und linguistischen finden ihren Platz. Lessing, Schopenhauer, Noirs, Renan kommen zu ihrem Rechte, daneben wird die herrschende Zeitrichtung, der Streit zwischen Realismus und Idealismus, mit der Feinheit des Verständnisses untersucht, die aus der innersten Teilnahme an der Sache selbst entspringt. Homberger hatte unter den Modernen einige Lieblinge, denen er besonders gerne nachging, den Amerikaner Howells, den Franzosen Flanbert, und unter den Deutschen namentlich Louise v. Franvois, deren sünfaktiges Lustspiel „Der Posten der Frau" ihn als Lösnng einer dramatischen Aufgabe über die Maßen inter- essirte und zu einer Filigranarbeit non beträchtlichem Umfang begeisterte. Die Abhandlung erschien ursprünglich in „Nord uud Süd." Homberger hat sich selbst viel mit dramatischen Arbeiten getragen; ein kleines Lustspiel von ihm „Er ist nicht liebenswürdig" kam in München zur Ausführung, die größeren, beinah vollendeten Stücke harrten noch der letzten Handanlegung, als der Autor selbst vou der Bühne des Lebens abgerufen wurde. Sein Sprachsinn ergeht sich in zwei Abhandlungen' „Schriftsprache und Schriftsteller" und „Generalpostmeister und Generalsprachmeister", letztere ein kleines Meisterstück. Die Besprechung von „Wereschagins Katalog" beschäftigt sich mit den Regeln der darstellenden Kunst. Diese auf den kürzesten Ausdruck eingeschränkte Inhaltsangabe möge genügen, um den anregenden Charakter des Buchs zu zeigen. — 236 — Anregend vor allem mußte ein selbst so anregbares Denken und Beobachten wirken, und wer die Leiden und Freuden des Lesens kennt, wird immer besonders dankbar sein, wenn er durch diese rezeptive Thätigleit unmittelbar in geistige Aktion versetzt wird. RsaäinA 18 s, ^vsÄrinss8 t>b.s rninä, sagte der übellaunige Carlyle. Aber er selbst war nichtsdestoweniger ein großer Büch erverschling er. Autoren wie Homberger bauen durch die Art ihres eigenen Denkens der Gefahr vor, daß der Leser zu einen: trägen Gefäß rein passiver Aufnahme werde. Ernst Renan. ^ f 2. Oktober 1392. ») Aus der „Nation" vom 8. Oktober 1392. Mine der größten Glorien des modernen Frankreichs ist mit ihm dahingegangen. Es ist nicht einmal nötig, einschränkend hinzuzusetzen! eine der gelehrten oder litterarischen Glorien, denn seine Stellung zum eigenen Lande und zu allen gebildeten Nationen war eine so hervorragende, daß die Besonderheit des Berufs unter dem hohen Klang des Namens zurücktrat. Eiue markante Figur, anziehend und fesselnd, ein Geist, der sein Licht nach allen Seiten strahlen ließ und zahllosen Freunden geistigen Genusses Nahrung und Freude in reichem Maße geboten hat; zugleich eine so eigenartige Erscheinung, daß die Charakteri- sirung seines Wesens den kritischen Sinn der Beobachter stets ganz besonders reizte und ihm neben seinem großen Ruhm nicht wenig Sarkasmus eingetragen hat. Dabei, trotz aller Eigenartigkeit, ein Ganzes, wie es nur in Frankreich, sagen wir dreist: Paris, denkbar war, weil nur auf diesein Boden und in diesem Milieu es sich so unmittelbar und fühlbar warm lohnt, eine glänzende Feder zu führen, weil eben die lohnende Dankbarkeit der lebendigen Umgebung wieder befruchtend auf den Empfangenden zurückwirkt. Wie gerade diese günstigen Bedingungen zn Renans liebenswürdiger Grazie des Auftretens und zu seiner bestrickenden Kunst der Darstellung beigetragen haben mögen, läßt sich unter anderem aus dem Umstände schließen, daß er einer Provinz entstammte, deren Charakter 240 — die Züge französischer Anmut und Leichtigkeit sonst nicht zukommen. Er war ein Kind der Bretagne, jenes Landes, das, erst im Anfang des 16. Jahrhunderts durch Erbgang völlig mit der französischen Krone vereinigt, bis auf den heutigen Tag sein besonderes Gepräge, selbst in Tracht und Sprache des Volkes, und den Ruf starrer Anhänglichkeit an Königtum und Glauben bis auf den heutigen Tag bewahrt hat. Zu Trsguier in der unteren Bretagne am 27. Februar 1823 geboren, war er, dem frommen Sinne der Landschaft entsprechend, von den Eltern zum geistlichen Stand bestimmt worden. Er hat selbst in einer seiner köstlichsten Schriften die „Geschichte seiner Jngend" erzählt, und es wäre schade, aus diesem Kunstwerk einzelnes herauszuschneiden, wenn auch uicht Zeit uud Raum es untersagten. Seine Seeleukämpfe, das Erwachen des Zweifels gegen den kindlichen Glauben, die Atmosphäre und die Gestalten des Seminars von St. Sulpice, in welchem dieser Lebensabschnitt sich abspielte, das alles will in der Gesamtheit uud in der Feinheit der Schilderung genossen sein, in welcher der Verfasser ein uuübertrofsener Meister war. Und hier kam gerade die besondere Virtuosität zu ihrer vollen Geltung, jene Mischung von Freiheit und Empfindsamkeit, von Schalkhaftigkeit und Mystizismus, die namentlich in den späteren Bekenntnissen des Denkers am meisten hervorsticht und ihnen ihr Gepräge giebt. Die Zweifel führten ihn bereits im Seminar vom Studium der Theologie hinweg zu dem der orientalischen Sprachen. Und diese sind die Grundlage und die vorzüglichste Aufgabe seiner Gelehrtenlaufbahn geblieben. Er trat aus dem Seminar aus, endgiltig dem geistlichen Berufe entsagend, uud machte im Jahre 1848 sein philosophisches Lehrerexamen. Sein erstes philologisches Werk war eine allgemeine und vergleichende Geschichte der — 241 — semitischen Sprachen, die von der Akademie gekrönt wurde. An die orientalischen Sprachstudien schloß sich gewissermaßen organisch die Forschung ans dem Gebiete der Religionsgeschichte an, durch welche Renan dem größeren Publikum naher getreten ist, als durch seine linguistischer? Arbeiten. Eine Aufzählung und Würdigung der großen Reihe von Publikationen, welche eine früh begonnene, unermüdliche nnd produktive Thätigkeit auf diesen beiden Gebieten ans Licht gefördert hat, kann natürlich meine Sache nicht sein. Diese Aufgabe muß dem Gelehrten vorbehalten bleiben. Unter dem frischen Eindruck der Todesnachricht und in wenigen, eilig hingeworfenen Zeilen habe ich nur die Obliegenheit, den Menschen und Schriftsteller, wiL er mir aus der Erinnerung der Lektüre und der eigenen Erlebnisse vorschwebt, zusammenzufassen. Die wissenschaftlichen Freuude Renaus haben immer daran festgehalten, daß seine Hauptstärke im linguistischen Fache zu suchen sei. Noch ehe sein „Leben Jesu" die große Sensation hervorgerufen hatte, welche die Augen der Mitwelt so gewaltig auf ihn lenkten, hatte er das Interesse der gebildeten Kreise durch seine, zum Theil iu der „Rsvus äss 6oux raonäsZ" veröffentlichten und später gesammelten Studien über Religionsgeschichte auf sich gelenkt. Schon in diesen Arbeiten ist die kunstvolle Behandlung der Form und dem Geist nach reich entfaltet; fchon in ihnen auch spiegelt sich jener eigentümliche Dualismus seines Wesens, der zärtliche Sinn für das Halbdunkel und die hoch über allem schwebende Jrouie. Eine streng wissenschaftliche Arbeit, seine Geschichte der arabischen Philosophie (^vsrroöZ st 1'^vsrro'isro.s), die Anfangs der fünfziger Jahre znm ersten Male erschien und später neu aufgelegt wurde, ist weniger ins große Publikum gedrungen. Ludwig Bamberger'S G-s, Schriften. II. Ig Im Jahre 1860 erhielt Renan die Professur der hebräischen Sprache am LolleAs eis ?rauos; aber sein im Jahre 1863 erschienenes „Leben Jesu" wurde der Anlaß, daß ihm dieser Lehrstuhl, der ihm erst nach einer Reihe von Jahren wieder zugänglich wurde, zeitweilig entzogen ward. Wer jene Zeit mit erlebt hat, selbst außerhalb Frankreichs, erinnert sich gewiß des gewaltigen Lärms, den das Buch sowohl als der daraus entbrannte .Kamps damals entfesselte. Man muß sich die eigentümliche Konstellation von Ort und Zeit vergegenwärtigen, uni sich ein Bild des Ganzen zu machen. Napoleon III., auf der Höhe seiner Macht, hin- und hergezerrt zwischen italienischer uud romischer Politik, das freidenkerische Frankreich, die mächtige klerikale Partei an den Rockschößen Eugeniens, die Universität, die Studenten, Paris endlich mit seinem Durst nach Sensation nnd seinem Talent, sie zu genießen, das alles tönte, schrieb, redete, wühlte und wütete durcheinander, und in der Hauptsache war das Ganze vor allem amüsant. Schließlich behauptete die Klerisei die Oberhand und Renan trat ins Privatleben zurück.-) Im Kleinen hatte Renans deutscher Vorgänger, David Friedrich Strauß, zwei Jahrzehnte früher in Zürich Aehnliches erlebt, ja darüber hinaus den hellen Straßen- kampf entfacht. Aber in der Heimat des protestantischen Kritizismus, dem damaligen Deutschland der Zersplitterung und Stagnation, war es natürlich nicht zu Ausbrüchen in solchem Maßstabe gekommen. Daß Strauß seiue Lehrerstelle an einem theologischen Seminar niederlegen mußte, war im Grunde nicht auffällig: eiue Professur philologischer Natur wäre ihm schwerlich entzogen worden. Renan hat *) Ich habe damals in den „Deutschen Jahrbüchern" das Buch unter dem frischen Eindruck der Begebenheiten besprochen. — 243 — im Ausgang seiner Studien gerade aus deutschen Quellen einen großen Teil seiner Belehrung geschöpft uud besonders nach den Vorbildern der Tübinger Theologenschule gearbeitet, daraus auch niemals ein Hehl gemacht. Gerade in den fünfziger und sechziger Jahren des Jahrhunderts hatte sich ein Kreis von französischen Gelehrten in Paris zusammengesuuden, welche gern einräumten, daß sie der deutschen Wissenschaft, namentlich auf dem Gebiet der Linguistik, außerordentlich viel verdankten. Der Krieg hat dann auf geraume Zeit dieses offene Einvernehmen unterbrochen, und bekanntlich wurden bereits im Sommer 1870 zwischen Renan und Strauß Briefe gewechselt, die den Streit der Nationen auch in dem Meinungskampf der sich sonst in gegenseitiger Verehrung nahestehenden Gelehrten widerspiegelten. Renan hat dann noch eine Reihe von Jahren hindurch von Zeit zu Zeit die Gelegenheit ergriffen, um die Niederlage seines Landes mit abfälligen Urteilen über Deutschland rächen zu helfen. Er wäre nicht der Liebling seines Volkes und der für die Wiedergabe aller tiefgehenden Stimmungen fein besaitete Prophet gewesen, wenn er der Versuchung widerstanden hätte, auch seinen Tribut auf den Altar der gekränkten nationalen Eigenliebe niederzulegen. So ließ er, der früher deutsches Wissen verherrlicht, ja den preußischen Osten einmal als das Volk des kategorischen Imperativs gepriesen hatte, sich verleiten, in akademischen Reden und in einem eigentümlichen, nach Art des Sommernachtstraum aufgebauten, , Phantasiestück das deutsche Barbarentum an den Pranger zu stellen. Aber die höhere Natur siegte doch nach den ersten Zeiten wieder über die Liebedienerei gegen die Schwäche der eigenen Nation und gegen das eigene verletzte Gefühl. Wer auch, diesseits oder jenseits der Grenze, könnte sich rühmen, unter dem unmittelbaren 16* — 244 — Eindruck jener Kämpfe aus Leben und Tod eine unparteiische Empfindung bewahrt zu haben! In dem letzten Jahrzehnt ward Renan auch im persönlichen Verkehr mit Deutschen wieder der liebenswürdige unbefangene Mann der früheren Jahre. Dem Buch über das Leben Jesu folgte eine Reihe von Bänden als Fortsetzung, die den Gesammttitel der „Ursprünge des Christentums" tragen: Die Apostel, der heilige Paulus, der Autichrist, Evangelium der zweiten christlichen Generation, die christliche Kirche, Mark Aurel und das Ende der antiken Welt. Der zweite und dritte Band wurden noch viel gelesen und besprochen, wenn auch lange nicht in der Aufsehen erregenden Weise wie der erste. Ton und Tendenz des Lebens Jesu sind der gebildeten Lesewelt von heute vielleicht schon weniger bekannt, als sie es vor zwei bis drei Jahrzehnten waren. Während das Buch von Strauß im streng wissenschaftlichen, wenn auch, nach deni Geist des Verfassers nicht trocken zu nennenden, Ton gehalten war, erklangen in der französischen Schrift alle Zaubertöne der Renanschen Muse in ihren weichsten Schwingungen, und nicht nur das: zum ergreifenden Bilde erhob sich auch vor des Hörers Auge der melancholische Reiz der biblischer! Landschaft. Im Jahre 1860 hatte er sich, in wissenschaftlicher Mission der Regierung, nach Surren begeben. Er bereiste das heilige Land uud alle Stätten der christlichen Verehrung; unter den? lebendigen Eindruck dieser von seinen Forschungen und seiner Phautasie beseelten Natur entstand das warm und innig ausgemalte Bild der magischen Szenerie, in welcher er den Heiland, ihn einmal über das andere den liebensivürdigen Meister, 1'aiiv.g.dls äootsrrr, nennend, noch einmal an den Olivenhainen, an den Seegestaden, an den Felsenhängen jener stimmuugsvollen Welt mit seinen Jüngern dahin ziehen - 245 - , M läßt. Es liegt in dieser Manier der Annäherung nnd Erneuerung entschwundener und fernstehender Gestalten etwas von dem Verfahren, das wir an Mommsen in der Behandlung der römischen Geschichte kennen gelernt haben; und doch ist es wieder ganz etwas anderes. Mommsen übersetzt uns den Pomvejus und Cicero in moderne Soldaten- und Advokateusiguren, um sie unserem Verständnis näher zu bringen. Renan schildert Jesum und seine Schüler so lebenswarm und liebenswürdig, daß sie ans Herz des Lesers nnd nicht am wenigsten der Leserin heranwachsen; und je mehr er der übernatürlichen Vorstellung der Gläubigen den Boden entzieht, desto mehr sucht er sie durch die Naturnachahmung des rein Menschlichen, das er dafür bietet, zu entschädigen. In aufsteigender Liuie gleichsam schließt sich an diese Geschichte der Anfänge des Christentums das Werk an, das er für seine größte Lebensausgabe erklärt hat und welches er nun unvollendet zurückläßt. Von seiner Geschichte des Volkes Israel sind (wenn ich nicht irre) die ersten drei Bände erschienen und ein vierter war unter der Aeder'^). Ist auch in diesem späten ernsten, schwierigen Werke nicht alle und jede Kunst der früheren Art ausgeschieden, so fiudet sich doch darin die blühende und verführerische Darstellung der ersten Bücher nicht mehr. Solches hätte auch nicht der Aufgabe entsprochen. Hier und da begegnen nur noch der Rückkehr zu der alteu Liebhaberei, z. B. bei derSchilderuug desAllerheiligsten im Tenipel znJerusalem, in dem es nach eingeschlossener Luft roch sosls, ssutait. 1'snfsrins). Nebeu dcu mannigfaltigsten Originalarbeiten hat Renan auch eine Reihe von Uebersetzungen publiziert, an denen er Meisterfreude empfand, die Kunst seines wundervollen Stilgefühls zn bewähren. So übersetzte er das hohe Lied, *) Im Jahre 1893 erschien der letzte das Werk vollendende Band auf Grund des fertig vorliegenden Materials. — ^46 — das Buch Hiob, und vor allem das Buch des Predigers (l'soclssi^sts). Ich sage vor allem, denn dieses Kompendium seliger Weltweisheit ist so ganz dem Ingenium des Uebersetzers auf den Leib geschrieben. Wenn ich die Perle unter den Perleu Nenanscher Produktion bezeichnen sollte, so würde ich ohne Besinnen die Einleitung nennen, die er zu dieser Uebersetzung geschrieben hat. Wer ihn von seiner feinsten nnd echtesten Seite kennen lernen will, lese diese Studie! Wie vieles wäre noch zu uennen! Aber man könnte nichts nennen, was zu leseu nicht einen hohen Genuß böte, was, einmal angefangen, aus der Hand zu legen nicht schwer würde. Und es ist nicht bloß die hohe Kunst der Behandlung, es ist die verschwenderisch reiche Facettierung der Betrachtung, die uns sesselt. Wenn mau Renau vorwirft, daß er allzu abgeklärt über den Dingen schwebt, uud daß man ihm deutlich nachfühlt, eigentlich giebt es für ihn keine Wahrheit, so muß man wenigstens zugestehen: Niemals hat jemand in so unendlich reichem Maße die Vorzüge seiner Fehler gehabt. Ja, der beste Theil seiner Leistungen wäre vielleicht undenkbar ohne jene subtile Erkenntnisliebe, die sich sür nichts desinitiv entscheiden kann. Eben in jener Einleitung zum Prediger vergleicht er einmal selbst die Wahrheit mit jenen Leuchttürmen, die, sich immer in verschiedenen Lichtfarben nach d.em Meere zu drehend, den Schiffer vor dem Scheitern bewahren. Man hat sich weidlich lustig gemacht über das süßliche Verhalten zu den Illusionen der Gläubigen, die er zwar peinigt, aber wieder mit Balsam bestreicht. Bekannt ist jener Vergleich: Renan wirft den lieben Gott aus dem Feuster, aber vorher legt er eiue Matratze auf die Straße. Am feinsten hat ihn Doudan in seinen, Renanscher Feinheit ebenbürtigen, Briefen persifliert! „Herr Renan reicht der französischen Jugend mit — 247 - Unendlichkeit verzuckerte Bonbons dar (äs8 bov.dov.8 suorsZ s. 1'intini)." Aber Renan weiß selbst am besten, daß er aus Rücksicht aus die Lebensfrenden der Schwächeren sich diesem zärtlichen Spieltrieb überläßt. Diese seine Weise kann mit keinem passenderen Ausdruck charakterisiert werden, als den er selbst einmal auf den - übrigens von ihm hochverehrten — deutschen Theologen Karl Hase bei Besprechung von dessen Kirchengeschichte anwendet! Ls xs.rti xris 6s nuzäki-Atiou. un psu tsints, es tou. s, Is. t'ois irouic^us st LS.rk88S.rit., s-msusirt uns osrtaius c>d8ourits, ckss Äl1usion8 rsczo.sroo.ss8, cl«8 kseoirs cks ciirs s ctsn^i-rnot, c^rr'vQ psut trouvsr ^rstsv.tisn8S8 st sc>irtourirss8. — In den literarischen Spielereien des letzten Jahrzehnts, besonders in der ^.bds88s 6s ^ousrrs, ist der Uebermut der willkürlichen Laune manchmal recht weit getrieben, und hier und da erscheint der Vorwurf einer durchschimmernden senilen Lüsternheit nicht unbegründet. Man hat das Stück ,,1's.d- ds8ss emx ssllislis8" genannt, und in den etwas stark verzückten seraphischen Stellen älterer Schriften liegt vielleicht schon der Keim dieser, jedoch vor der Größe des Ganzen verschwindenden, Peccadillen. Sieht man tiefer auf den Grund, so stößt man bei den allermeisten der Arbeiten immer wieder auf einen Ernst des Strebens, der alle anderen Erwägungen zurückdrängt, des Strebens nach geistiger Freiheit für sich und die Menschheit. Die Vorrede, welche er im Jahre 1885 zu einer neuen Folge seiner Studien über Religionsgeschichte verfaßt hat, enthält Stellen wabr- haft erbaulichen Charakters nach dieser Richtung, aber auch hier verbirgt er nicht, daß, nm im Leben zum rechten Ziel zu kommen, die gerade Linie nicht immer der kürzeste Weg ist. „Ein Idealist muß, nm etwas Dauerhaftes zu gründen, mit einem Intriganten gefüttert sein." — 248 — „Spinoza hat seine Kirche, mehr noch als er seine Schule hat, eine Kirche, erleuchtet von einem derben Lichte, wie alle Bauten des 17. Jahrhunderts kalt, weil sie zu viel Fenster hat, traurig, weil sie hell ist." „Man wundert sich manchmal, daß Galilei sich ein wenig schwach gezeigt hat, daß er eiugewilligt, zu widerrufen, was er doch für richtig hielt. Das that er, nM er einsah, daß sein Tod nichts zum Nachweis dieser Wahrheiten beitragen würde; man macht sich nur zum Märtyrer für die Dinge, deren man nicht ganz sicher ist." Gewiß, es war auch viel vou einem Kasuisten in ihm, aber der Kasuist schwärmt für Freiheit des Denkens und für — die Freude des Daseins. Niemand stand in geraderem Gegensatz zu allen pessimistischen Ideen der Neuzeit als Renan. Sein Bekenntnis war, daß trotz allem das Leben ein süßes Gut sei, und daß man es sich und den Nebenmenschen zu versüßen suchen müsse. Darin war er ein echtes Kind der äouos Graues, in der man sich einander gelegentlich mit Wildheit zersleischt und die Köpfe abschlägt, in der Hauptsache aber doch das Leben schön und angenehm zu machen sucht. DiesemSinn zur Schönheituud zum Genuß entsprach vor allem auch die Schreibweise Renans, deren Vorzüge uud Reize, zur Genüge bekannt, selbst dem Ausländer zugänglich sind. Man behauptete, Renan lese vor jeder Publikation vierzehn Korrekturen nacheinander. Auf alle Fälle ist das den t-rovato. Im Umgang war er liebenswürdig, mitteilsam, genußfähig wie nur einer. An der Geselligkeit, in der man ihm natürlich huldigte, hatte er seine Freude. Gegen das Ende seines Lebens nahm er etwas von dem gesättigten Wohlwollen an, das man auch Goethe uachsagt. Er ließ jeden gelten und hatte für jede Aeußerung eine 249 — gutmütige Anerkennung. War es bei Goethe die Nachsicht des Olympiers, so war es bei Renan die Bonhomie des Skeptikers. Die Spötter bezeichneten ihn nach diesen Umgangsformen als den Vater der Religion des „^e-in'en- ÜLnisms". Er liebte es, sich als den Bauerusohu der bretonischeu Mutter Erde zu fühlen, meinte, eine lange Generation von Vorfahren, die nur vegetierend das Land bebant, hätten die Gehirnfaser geschont, um alle Kraft für ihn aufzusparen. Jährlich kehrte er zu seinen Landsleuten zurück, hielt Feste mit ihnen und dabei Reden, denen es an gemütlicher Selbstironie nicht fehlte. Ein Zng der Koketterie lag diesem auch für den Beifall der Welt gewiß nicht verschlossenen Wesen natürlich nahe. Renan hat auch mehrmals versucht, in die parlamentarische Laufbahn einzutreten, aber sowohl bei der Kandidatur für die Deputiertenkammer als für den Senat Schiffbruch gelitten. Sein feiner Geist war nicht geeignet, das Wohlgefallen der Menge auf sich zu ziehen. Sie will Farben sehen, aber keine Schattierungen. Mit einer Tochter des berühmten Malers Scheffer, einer hochgebildeten Dame, verheiratet führte Renan ein glückliches Familienleben, das nur durch die Kränklichkeit eines Sohnes getrübt war. Zu seiner Schwester stand er in einem rührend zärtlichen Verhältnis, das oft in seinen intimeren Schriften zur Sprache kommt. Seinen Freunden war er durch Wohlwollen und Liebenswürdigkeit ein ebenso köstlicher wie wertvoller Umgang. Den theologischen Ausgangspunkt hat sein Aeußeres stets festgehalten. Er sah mit den Jahren, als die Körperfülle zunahm, immer mehr aus wie ein Kanonikus. Nicht in den äußeren Umrisfen war die Feinheit seines Wesens zu erkennen, aber umso- mehr am Mienenspiel und in den subtilen Zügen, in denen man, wie in seinen Schriften zwischen den Zeilen, manches lesen konnte. Er war ein glücklicher Mensch, dem man sein Glück gönnte, und dies Glück war, wie die Kunst seines Geistes, eines, wie es nur uuter den Bedingungen der französischen Kultur erwachsen tonnte. Adolph Soetbeer. f 23. Oktober M2. *) Aus der „Nation" vom 29. Oktober l892. HWenn einer so ein siebenzigjähriges Jubiläum feiert, wie wir es jetzt beinah täglich in den Zeitungen verzeichnet lesen, sagt man ihm wohl, um ihm die dabei aufsteigenden trüben Gedanken zu verscheuchen, das bedeute heutzutage gar nichts mehr; verbesserte Lebensweise habe die alt- testamentarischen Grenzen hinausgeschoben, und die, welche man, nach vormaligem Sprachgebrauch, Greise nenne, hätten seit Jahrzehnten die Welt geführt, seien auch bis auf diesen Tag in solchen Stellungen noch so zahlreich auf dem Platz, daß dem Nsrasuto mori die Ehre der Erwähnung gar nicht bei dem gegenwärtigen schönen Feste gebühre. Alles sehr gut! Aber dann kommt doch eines Tages plötzlich Freund Hain und erinnert daran, daß, welche Scherze immer wir uns über seine Gefügigkeit in Sachen des festen Preises erlaubt haben, an seinem alten Tarif im Ernste nichts geändert sei. Denn er bleibt doch bei dem Schlußsatz: „und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig." Auch der vortreffliche Freund, dessen Todesnachricht heute morgen gänzlich unerwartet eintraf, schien einer von denen zn sein, sür welche die biblischen Worte nicht geschrieben ständen. Zwar zählte er der Jahre beinahe achtundsiebenzig, aber seine hohe, rüstige, breitschultrige, aufrechte Gestalt, sein lebensfrisches Interesse an allen großen Fragen und insbesondere sein ewig reger Fleiß und Schaffensdrang gemahnten nicht entfernt an die Zeichen der Vergänglichkeit. In seinem letzten Briefe voin Anfang September hatte er noch seinen regel- - 254 — mäßigen Besuch in Berlin für November angemeldet, um, wie gewohnt, „über vieles sich auszusprechen". — Da kommt auf einmal die schwarzgeränderte Botschaft. In der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag ist er plötzlich „sanft entschlafen". Wohl hatte er seit einiger Zeit geklagt, daß ihm das Arbeiten schwer werde. Aber was er arbeiten nannte, war so viel, daß, auch halbiert, noch ein volles Tagewerk nach gewöhnlichem Maßstab übrig blieb. Und bis in die letzten Wochen hinein erschienen die Erzeugnisse dieses Rastlosen in der Öffentlichkeit. Wer ihn kannte, mußte wissen, er wird das Werkzeug nicht aus der Hand legen, bis ihn der letzte Hauch verläßt. Und so ist es gekommen. Wenn man die Sammlungen der öffentlichen und privaten Bildergalerien durchwandert, ist man darüber erstaunt, wie viele Gemälde jeder einzelne Meister hinterlassen hat. Auch die lange Reihe von Bänden berühmter Schriftsteller macht den Eindruck des Ungewöhnlichen. Aber es geht so viel in ein einziges arbeitsames Menschenleben, und nur von dem allerberühmtesten bleibt alles erhalten und dringt zu Sinnen. Soetbeer war allerdings einer der leistungsfrohsten und produktivsten Schriftsteller auf volkswirtschaftlichem Gebiete, und die gemaltige Zahl der Erzeugnisse seiner Feder geht schon über den Durchschnitt, auch der fleißigen und langlebigen, hinaus. Im November 1814 zu Hamburg geboren, publizierte er seiue erste Schrift im Jahre 1837, „Versuch, die Urform der Hesiodeischen Theogvnie nachzuweisen", und aus demselben Jahre stammt seine Inauguraldissertation „cls ir^nieo arAnrasnto Luripicli8 gnzzxlic-ullr". Er hatte Philologie studiert. In den Conradschen „Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik" war vor einigen Jahren ein Inhaltsverzeichnis sämmtlicher Schriften Soetbeers abgedruckt, welches fünfundsiebenzig größere und kleinere Werte desselben Verfassers aufführt. Dasselbe reicht aber nur bis zum Anfang des Jahres 1880. Ein von seiner eigenen Hand für mich gefertigtes Supplement fügt dazu weitere achtzehn Nummern, reicht aber nur bis 1888. Zu diesen dreiundneunzig Schriften sind seitdem noch etliche hinzugetreten, vor allem sein großes, letztes, in seiner Art einziges Werk „Literaturnachweis über Geld- und Münzwesen", alle namhaften Publikationen der Welt seit der Entdeckung Amerikas bis auf diesen Tag umfassend, welches ich noch vor kurzem in der „Nation" besprochen habe.") Doch auch die Zahl vierundneunzig, auf welche wir damit kommen, liefert nur ein ganz uuvollständiges Bild. Man müßte alle die nicht gesammelten einzelnen Abhandlungen dazurechnen, welche etwa voni Jahre 1848 anfangend erschienen sind, uud das wäre Legiou. Die meisten derselben standen in dem „Deutschen Handelsblatt", der „Hamburger Börsenhalle" nnd der Wiener „Neuen freien Presse". Zum Teil sind sie in den eben erwähnten „Litteraturnachweis" aufgenommen. Nur ganz wenige dieser Arbeiten treten über den Rand des volkswirtschaftlichen Gebietes hinaus, z. B. eine im Jahre 1880 in der „Vierteljahrsschrift für Volkswirtschaft" erschienene Untersuchung über das Salomonische Goldland Ofir, Beitrag zur Lösung eines Problems, welches seit den indischen und afrikanischen Goldfunden der Neuzeit wieder öfter aufgeworfen worden ist. Unter den älteren Schriften findet sich auch ein in Hamburg gehaltener Vortrag über ein daselbst befindliches von Graff gemaltes Bildnis Lessings. Hiervon abgesehen sind die Arbeiten sämtlich volkswirtschaftlichen Inhalts, namentlich der Jahrgang IX, Nr. 31. — 256 — Handels-, Steuer-, Einkommen-, Bank- und Münzpolitik gewidmet. Den Ausgangspunkt hatten Untersuchungen über den Stader Zoll geliefert, und eine Reihe von Arbeiten über die Elbschifffahrt schlössen sich von Berufs wegen darau. Im Jahre 1852 gab er eine Übersetzung von I. Stuart Mills Nationalökonomie heraus, die in vierter Auslage 1884 in Wien erschienen ist. Seine wahrhaft epochemachende uud hervorragende Leistung ist bekanntlich auf deni Gebiete der Währungspolitik zu suchen. Die wissenschaftliche Seite des Bankwesens ist mit dieser so eng verwachsen, daß man sie als selbstverständlich damit Hand in Hand gehend und darin einbegriffen ansehen kann. Hier setzt auch Soetbeers praktischer Einfluß auf die vaterländische Gesetzgebung ein. Er hat zwar weder in der Negierung noch in der Volksvertretung aber doch als Bahnbrecher und Führer einen sehr beträchtlichen An- theil an dem großen Werke der deutschen Münzreform zu beanspruchen. Seine vorbereitenden wie seine begleitenden Arbeiten haben denen, welche selbst Hand anzulegen hatten, unschätzbare Dienste geleistet. Dabei ist nicht zu vergessen, daß er von Anbeginn des deutschen Handelstages als ein natürlich sehr angesehenes Mitglied der Institution stimmführend uud rathgebend wirksam gewesen ist. Gerade an diese seine Stellung schließt sich eine Arbeit an, welche in erster Reihe unter denen genannt werden muß, durch welche sich ihr Verfasser seinen Platz unter den Urhebern der deutschen Müuzverfassung gesichert hat. Im Mai 1369 überreichte er den deutschen Regierungen als Anlage zu einer Eingabe des bleibenden Ausschusses des deutschen Handelstages eine „Denkschrift, betreffend deutsche Münzeinigung auf Grundlage durchgängiger Dezimaltheilung und durch Uebergang zur Goldwährung." — 257 - Hier waren die herrschenden Anstände, ihre Mängel und Unzuträglichkeiten, die Geschichte der vorausgegangenen Verbesserungsvorschläge, die den internationalen Münzeinigungen gewidmeten Bestrebungen, endlich die Aufgaben und Ziele der Gegenwart gründlich behandelt. Nachdem der Kongreß der deutschen Nolkswirthe die Frage der deutschen Münzeiuigung bereits im Jahre 1860 angeregt hatte, wurde dieselbe vom ersten deutschen Handelstag zu Heidelberg im Jahre darauf auf die Tagesordnung gesetzt und bis Ende 1865 unausgesetzt auch im bleibenden Ausschuß desselben betrieben. Damals, wohlbemerkt, drehte sich das Interesse noch hauptsächlich um die Münzeinheit, die Frage der Währung schwebte im Unentschiedenen. Aber sie rückte nach dem bekannten ersten Pariser, die lateinische Union begründenden, Münzkongreß von 1865 auch in Deutschland der Goldwährung immer näher. Der volkswirtschaftliche Kongreß, im Jahre 1868 in Hamburg versammelt, sprach sich bereits mit Entschiedenheit in diesem Sinne aus. So war der Beschluß, welchen die Kommission des Handelstags mit Mehrheit im März 1869 zu Gunsten der Goldwährung faßte, vorbereitet, und die in Ausführung des Beschlusses angefertigte, mit den Anlagen dreiundachtzig Quartseiten ausfüllende Denkschrift Soetbeers bildet den ersten großen Markstein in der praktischen Entwicklung des neuen deutschen Münzwesens. Die Schrift ist auch noch heute sehr lehrreich und interessant zu lesen. Vom Jahre 1871 an beginnen Soetbeers Arbeiten naturgemäß den Gang der großen Ordnung unseres Münz- nnd Bankwesens auf Schritt und Tritt zu begleiten. Er half die Lösung jeder einzelnen Aufgabe vorbereiten, er folgte mit seiner Begutachtung allen Stadien der parlamentarischen Beratung und sammelte, sichtete und kommen- Ludwig Bamberger's Ges. Tchristen. H. 17 — 258 - ürte das zum Gesetz Erhobene für das Verständnis und die praktische Anwendung. Seine zwei Handbücher über deutsche Münz- und Bank-Verfassung sind unentbehrliche Hilfsmittel für jeden, der sich mit diesen Dingen befaßt. Er ist unablässig für die Nusrechterhaltung und Durchführung unserer Goldwährung eingetreten, insbesondere für Widerruf der unverantwortlich thörichten Jnhibirnng der Silberverkäufe Bismarckschen Angedenkens, und später für ein Abkommen mit Oesterreich wegen der von diesem Lande ausgeprägten Thaler. Zwei vertrauliche Denkschriften, welche er zu diesem BeHufe noch in den letzten Jahren der Reichsregierung eingehändigt hat, haben wohl das Ihrige dazu beigetragen, daß er noch die Genugthuung erlebte, unter dem Ministerium Caprivi dieses so berechtigte Verlangen erfüllt zu sehen. In all den Zeiten von 1868 an bis zu seinem Ende, ein Vierteljahrhundert lang, hatte ich die Freude und den Vorteil, jede der auftauchenden Fragen brieflich oder mündlich mit ihm durchzuarbeiten und, soweit es sich um die Aufgaben deutscher Gesetzgebung handelte, übereinzustimmen. Oft kam er darauf zurück, wie lieb es ihm sei, nicht an meiner Stelle die Dinge im Reichstage ausechten zu müssen; er beneidete mich nicht um das Vergnügen, mich mit den Phantastereien der landjunkerlichen Währungs- und Bankpolitik herumzuschlagen und. weiß Gott, er hatte Recht darin. Sein friedfertiger Sinn war dazu gar nicht angethan. Aus dieser — mau dürfte sagen — friedseligen Neigung heraus erklärt sich auch das Verhältnis, in das er im Verlauf der Zeiten zur großen Silberfrage kam, soweit es sich um dieselbe als universelle Angelegenheit handelte. Denn, wohl bemerkt, in Sachen der deutschen Münzgesetzgebung hielt er bis zum letzten Augenblick unerschütterlich an der Verteidigung der bestehenden — 259 — Goldwährung fest. Dagegen suchte sein weicher, vermittelnder Sinn einen möglichst unschädlichen Weg, um auch die Silberfreunde zu versöhnen. Als alter Stammverwandter der Hamburger Bank mochte auch sein Herz noch einen stillen Winkel für das so unbarmherzig entthronte weiße Metall in sich schließen. In den achtziger Jahren verstieg er sich einmal in einer seiner Schriften zu dem Gedanken, theoretisch sei eine Doppelwährung mit festem Verhältnis möglich, wenn alle Kulturstaaten sich vertragsmäßig darauf festlegten, aber für die Wirklichkeit erklärte er ein solches Abkommen doch unausführbar. Bekanntlich hat er noch in diesem Sommer für den bevorstehenden Brüsseler Münzkongreß Vorschläge und eine Denkschrift ausgearbeitet, nicht zum Zweck einer vertragsmäßigen Doppelwährung, sondern behufs einer möglichst breiten Ausnutzung des Silbers als Zahlungsmittel zweiter Klasse. Wie er aber noch selbst konstatierte, hat sein Vorschlag keinen Anklang gefunden. Den Monometallisten ging er zu weit und den Bimetallisten nicht weit genug. Er entsprach nur seinem persönlichen, auf Vermittlung gestimmten Naturell. Im Laufe der Zeiten wuchs Soetbeers Beruf immer mehr von der volkswirtschaftlichen Seite nach der statistischen und damit von der deutsch-nationalen nach der universalen Aufgabe hinüber. Hier war der wahre Grund und Boden seiner Leistungskraft, und hier entfaltete sich seine Thätigkeit immer breiter und angesehener. Die Schärfe volkswirth- schaftlicher Argumentation, wie sie z. B. Otto Michaelis in so bewundernswerten! Grade besaß, war nicht Soetbeers Sache. Aber seine Kunst im Sammeln und Ordnen von Thatsachen, verbunden mit dem entsprechenden Fleiß, ist wohl selten übertroffen worden. Auch ist er aus dem Gebiete der Edelmetall- und Währungsstatistik unbedingt der Erste aus dem ganzen Erdenrund gewesen, und sein Name 17* war beständig im Munde derer, die sich der gleichen Aufgabe widmeten. Das nützlichste seiner Werke, das für lange Zeiten einer der Grundsteine dieser besonderen Wissenschaft bleiben wird, sind die „Materialen zur Erläuterung und Beurteilung der wirthschaftlichen Edelmetallverhältnisse und der Währungsfrage" (in zweiter Auflage 1886 in Berlin erschienen)"). An dieses Werk, welches vor allem Soetbeers unsterbliche Leistung auf monetarischem Gebiete bleiben wird, knüpft sich die wichtige Frage: wer in der Zukunft seine Arbeit fortsetzen wird. Denn die Entwicklung dieser Dinge ist gegenwärtig in so raschem Fluß und ihre Bedeutung für die Welt ist so sehr im Wachsen, daß alles, was stehen bleibt, sosort veraltet. Schon ein Jahr nach Vollendung der ersten Auslage sah sich der Verfasser genötigt, eine ergänzte neue zu veranstalten, und nur die Zeit hat ihm gefehlt, weiter damit fortzuschreiten. Auch in seinem Sinn müßte sich jetzt ein Nachfolger finden, welcher diese, allerdings recht schwere Erbschaft anträte. Daß ein solcher auch uach Soetbeers Meinung, vorerst nicht in Sicht ist, zeigt am besten die Größe des Verlustes, welcher die Wissenschaft mit diesem Tode getroffen hat. Am nächsten kommen noch die Jahrespublikationen des Münzdirektors in Washington, jetzt Eduard O. Leech, und seines Kollegen des Ovinptrollsrs oL t,lls (ürrrreno^, jetzt E. S. Laceu. Aber gerade als Mitarbeit und Gegenprobe namentlich auf den Bericht des Münzmeisters, hatten Soetbers fortlaufende Registrierungen noch einen besonderen Wert. Wie viele hervorragende Währungsstatistiker auch in den übrigen Ländern noch an der Arbeit seien, es wird wohl Niemand der Behauptung widersprechen, daß an Universalität und Vollständigkeit die Arbeiten Soetbeers *) Bei Putttamer und Mühlbrecht. — 261 — bis jetzt unerreicht dastehen. Das große Geheimnis seiner großen Leistung war, wie immer, die Liebe zur Sache. Er war mit dem ganzen Herzen dabei. Sie ging Tag und Nacht mit ihm herum. Der Mensch und seine Aufgabe waren ein einziges Wesen geworden. So wird das Beste in der Welt vollbracht. Sein Glück wollte, daß er, in unabhängigen Vermögensverhältnissen lebend, ohne alle Nebenrücksichten sich ganz feiner Aufgabe widmen konnte. Im Schoß seiner Familie fand er dazu den vollen Genuß eines behaglichen, von Arbeit und von treuer Liebe der Seinigen getragenen Daseins. Sein Vater, Heinrich Friedrich Soetbeer, Kaufmann in Hamburg, war früh gestorben. Nach genossener Schulbildung studierte der Sohn in Berlin und Göttingen Philologie und wurde Lehrer am Johanneuni in Hamburg, wo er in Tertia den Homer kommentierte. Ein Freund der Familie, der in dieser Laufbahn wenig Zukunft sah, beredete ihn, eine andere Fährte zu suchen und schlug ihm vor, etwas über den Stader Zoll zu schreiben. Der junge Gelehrte erklärte, dafür gar kein Verständnis zu haben. Der Freund verschaffte ihm Materialien. Die Arbeit gelang, und so verdiente er seine ersten Spören auf dem Gebiet seines künftigen Ruhmes. Im Jahre 1840 wurde er Bibliothekar, 1843 Konsulent der Hamburger Kommerzdeputation (jetzt Handelskammer): 1846 verheiratete er sich mit der Tochter des Senators Meyer, die ihn überlebt. Im 1848 nahm er am Vorparlament in Frankfurt Theil. Im Jahre 1872 legte er seine amtliche Stellung nieder und siedelte als Honorarprofessor an die Göttinger Universität über. Er hielt einige Semester Vorlesungen, aber seine Vorzüge waren nicht die, welche Anziehung auf die Studenten üben. Seine Stärke gehörte der eigenen Arbeit in der Sülle des Kabinets. Er war ein guter — 262 — Anhänger einer gesunden Freihandelsvolitik und ein abgesagter Feind des Staatssozialismus. Obwohl ihm die Anerkennung, die er in der wissenschaftlichen Welt aller Zungen fand, sehr wohl that, blieb er ein bescheidener, schlichter, durch und durch humaner, offenherziger Manu, dessen Sinn in allen Stücken auf das Reine und Gute gerichtet war. Er hat das glücklichste Ende — in hohen Iahren einen unverhoffteil Tod - gefunden. Am Sonnabend, dem 22. d. M., war er noch des Abends im Theater. Heimgekehrt fühlte er sich etwas unwohl, bestellte sich Thee und schlief darauf ruhig eiu. Nach Mitternacht war Alles vorüber. Wenn demnächst, genau einen Monat nach seinem Sterbetag, der internationale Münzkongreß sich in Brüssel versammelt, sollte sein erstes Geschäft sein, des Verewigten Andenken zu ehren. Auch die Bimetallisten könnten ruhig einstimmen, denn so weit es von seinem Willen abhing, hätte sein freundlicher Geist auch ihnen gerne sich gefällig erwiesen. I. ^ede den Werken eines bestimmten Schriftstellers gewidmete Besprechung dient natürlich vor allem der Absicht, die Augen der Lesewelt auf ihn zu lenken, sei es, daß ihm, als einem noch wenig bekannten, Eingang verschafft werden soll, sei es, daß bei schon allgemeiner Bekanntheit besonderer Anlaß genommen wird, eines oder mehrere seiner Erzeugnisse als einen neuer Betrachtungen werten Stoff ins Licht zn setzen. Im folgenden liegt der Ausgangspunkt mehr in der Richtung des ersten als des zweiten Motivs. Unser deutsches Publikum ist mit Chuquet und seinen historischen Arbeiten lauge nicht so vertraut, wie sie es verdienen, sowohl wegen des Nutzens und Vergnügens, die sie dem Leser zn bereiten cmgethau sind, als wegen des Interesses, welches die schriftstellerische Individualität uud der Gegenstand, dem sie sich gewidmet hat, gerade in Deutschland mit vollstem Recht beausvrucheu können. Chuquet ist zwar in engen Kreisen bei uns gekannt und geschätzt; er hat Studien in Deutschland gemacht und persönliche Beziehungen angeknüpft. Germanisten uud Romanisten kennen seine Ausgaben einzelner Werke unserer klassischen Litteratur für den höheren Sprachunterricht, und Historiker von Fach keuuen seine geschichtlichen Arbeiten. Aber der große Kreis der Gebildeten, welcher bei uns, — 266 — trotz aller nationalen Gegensätze, an allgemein verständlichen Erzeugnissen höherer Art in französischer Sprache nach wie vor Geschmack findet, kennt den hier näher zu betrachtenden Autor bis jetzt, so weit meine Beobachtung geht, äußerst wenig; und dieser Anomalie einigermaßen abzuhelfen, wurde mir ein besonderes Vergnügen gewähren, schon aus Dankbarkeit für den Genuß, den mir Chuquets Werke bereitet haben, aus dem ich auf den Dank derer schließen zu könueu hoffe, welche meiner Empfehlung die Ehre erweisen möchten, ihr zu folgeu. Auch darum erscheint es mir angezeigt, zur Verbreitung ernster französischer Bücher beizutragen, weil eine neueste Roman- und Novellenlitteratnr derselben Herkunft sich in Bausch und Bogen bei unseren? Durchschuitts- publikum einer Beliebtheit erfreut, die zwar nicht unerklärlich ist, — dazu ist sie zu alt und verbreitet — aber ihm nicht gerade zu besonderem Ruhm gereicht. Jeder Band, den eine neue pikante oder auch absurde Manier in Paris auf den Markt wirft, wandert sofort in Hunderten von Exemplaren nach Berlin, prangt da in allen Schaufenstern und ist nach wenigen Wochen ein Gesprächsstoff, den zu ignorieren jede Weltdame sich schämen würde. Ich bin natürlich weder der nationale noch der sittliche Rigorist, der sich darüber entrüstet; aber es wäre schöner, wenn es anders wäre. Gewisse Mängel, die unserer eigenen schöngeistigen Pro- duktionsart erbeigentümlich anhängen, gewisse Vorzüge, welche den Franzosen im Gegensatz dazu angeboren scheinen, machen eben ihre unmittelbare Wirkung auf die dem leichten Lesegenuß zugethane Welt in unwiderstehlicher Weise geltend. Verhält es sich doch genau ebenso oder noch mehr so mit dem Theater, obgleich es sich an ein sehr großes uud gemischtes Publikum wendet. Vor etlichen Jahren führte mich der Zufall in eine kleine süddeutsche Stadt und der Abend ins Schauspielhaus. Mau gab ein altes aus dem — 267 — Französischen übersetzes Stück, „Der Gesandtschaftssekretär", welches die Zustände unter der Julimonarchie zur Grundlage hat und in Frankreich längst von der Bühne verschwunden ist. Ich vermute, daß eine Menge der darin vorkommenden Anspielungen in dem dicht besuchten Hause kaum noch ein anderer außer mir verstand. Aber die Zuhörer bis in die Galerien hinauf amüsirten sich über die Maßen. Auch die Anziehungskraft, welche die ernstere Litteratur Frankreichs auf die anderen Nationen und besonders auf die deutsche ausübt, erklärt sich zum Teil gewiß aus denselben Reizen, welche den leichteren Gattungen so breite Wege bahnt. Wie dem nun sei, es ist Thatsache, daß die Schriften z. B. von Renan oder Taine, Memoiren, wie die der Frau von Remusat oder Talleyrands, eine Art höherer Popularität bei uns genießen"), welche ein löbliches Gegengewicht gegen die Erfolge der Zola oder Goncourt bieten. Vielleicht, und das wäre ganz natürlich, trägt zu jener Popularität besserer Art auch die Besonderheit der Stoffe bei, mit welchen sich jene Werke beschäftigen. Das Zeitalter der Revolution und des ersten Kaiserreiches berühren uns selbst in nächster Nähe; auch die philosophisch-historischen Untersuchungen Renan's und Taings ragen stark ins Gebiet der geistigen Atmosphäre Deutschlands herein. Studien über das Leben Jesu oder über Shakespeare sind eigentlich eine vorzugsweise deutsche Spezialität. Einige Neuere, welche aus demselben Grunde ein Recht auf Beachtung haben, sind Ernst Lavisse und Albert Sorel. Elfterer hat früher speziell die Geschichte der Mark Brandenburg zum Gegenstand seiner Studien gemacht, in neuerer Zeit die der Jugend Friedrichs des -) Aehnlichcr Beliebtheit erfreuten sich in früherer Zeit bei uns die historischen Werke von Thiers und Guizot, die englischen von Mncaulay und Buckle. — 268 — Großen und neben diesen streng historischen Arbeiten einen der Gegenwart entnommenen Stoff unter dem Titel! „?rois I^mpersurs ä'^.IIsrQÄAQs" (Wilhelm I., Friedrich II. und Wilhelm II-,) behandelt. Dadurch, daß ein Teil seiner Arbeiten den Weg durch die „Rsvus äss äsux roon^ss" genommen, ist auch die deutsche Lesewelt leichter mit ihm bekannt geworden. Etwas anders steht es mit Sorel, der zwar älter, aber in weiteren Kreisen Deutschlands weniger verbreitet ist als Lavisse, obwohl er es nicht minder verdient. Albert Sorel's bedeutendes Werl ,,1/Lurops st ls. Revolution," von dem bis jetzt vier starke Bände erschienen sind, ist würdig, in jeder Vüchersammlung von Liebhabern historisch-politischer Studien zu figuriren, denn es vereinigt mit dem Ernst und der Umfassung gründlichster Nachforschung die Anziehungskraft einer freien und schwungvollen Durchgeistigung und einer eleganten fesselnden Schreibweise. In den bis jetzt veröffentlichten Bänden ist die Gesammtheit der leitenden Ideen in ihrer Entwicklung seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis ans Ende des Jahres 1795 durchgearbeitet"). Eine mächtige Fülle des Stoffes und der Quellen fließt in der ganzen Folgenreihe charakteristischer Abschnitte wohlgeordnet und zugleich natürlich dahin; dabei ist der Reichtum der Thatsachen und Aktenstücke von einem Hauch philosophischen Denkens durchweht, welchem immer neue Anregung entspringt. Sorel hat außer diesem Hauptwerk eine diplomatische Geschichte des Krieges von 1870 in zwei Bänden, einen Band über die Orientalische Frage im achtzehnten Jahrhundert und einen Band' „L88g,is Z'uistoirs st 6s sriti^us" veröffentlicht, in welchem Abhandlungen über verschiedene Themata, einzelne Staatsmänner, Regenten und etliche politische Probleme ?s>i'is, Oolin, Varls, I^ibrail-iö ?Ion. — 269 — der neueren Zeit vereinigt sind. Zu einem Sammelwerk hat er ein Bändchen über Frau von Stasl geliefert, welches ein kleines Meisterstück ist. Was ihn, wie Lavisse und Chuquet, uns Deutschen besonders nahe rückt, ist nebst dem natürlichen Interesse, welches die von ihnen behandelten Stoffe uns einflößen, auch ihre genaue Kenntniß unserer Sprache und Litteratur. Alle drei beherrschen dieselbe in hohem Maße, Chuquet insbesondere als genauer Kenner, der vortreffliches Deutsch schreibt und selbst Einzelnes in deutscher Sprache verfaßt hat; seine philologischen, dem Deutschen zugewandten Studien und Arbeiten gehen Hand in Hand mit seinen geschichtlichen. Eine in lateinischer Sprache geschriebene Abhandlung zur Erlaugung der Doktorwürde an der Pariser Fakultät der Sorbonne aus dem Jahre 1886 hat den Dichter Ewald von Kleist, dessen Leben und Werke zum Gegenstand' „Os Z^alcli Xlsistii Vits, st Lori^tis." Eine Menge kürzerer und längerer Stellen aus des Dichters Werken sind darin metrisch ins Lateinische übersetzt, und das Ganze ist von Anfang bis zum Schluß mit Liebe und ins Kleinste eingehender Sachkenntnis; erläutert, wie Alles, was aus Chuquet's Feder herrührt. Bereits vorher hatte er vier Werke unserer Klassiker für die obersten Gymnasialklassen herausgegeben und mit historischen, littcrarischen und linguistischen Glossen ausgestattet' Goethe's Hermann und Dorothea, Campagne in Frankreich von 1792, Goetz von Berlichingen und Wallenstein'S Lager von Schiller. Einzelne dieser Ausgaben, vor Allem der Goetz, sind mit Einleitungen versehen, die als ästhetischphilologische Abhandlungen in jeder deutschen Fach-Zeitschrift mit Ehren figuriren könnten. An seine große historische Aufgabe lehnen sich Goethe's Tagebuch und Hermann und Dorothea unmittelbar an. Das Tagebuch wird — 270 — ihm zu einer vielbenutzten Quelle, und das Epos schöpft bekanntlich seinen Stoff und manche Einzelheiten aus den gleichen Erlebnissen. II. Aus dem bisher Gesagten ergiebt sich, daß unser Autor mit einer seltenen Weite des Gesichtskreises und Fülle der Mittel schafft. Sein Hauptwerk, um welches es hier sich handelt, ist die jetzt unter dem Gesammttitel! „I^ss (-riisi-rss äs 1s- ükvolntion^ vorliegende Reihe von sieben Bänden^'), welche die Feldzüge gegen Deutschland, Belgien inbegriffen, voni 11. August 1792 bis zum 25. Juli 1793 erzählen. Jeder Band trägt eine selbstständige Ueberschrift. Dieselben lauten der Reihe nach: Die erste preußische Invasion (11. August bis 2. September 17S2). Valmy. Der Rückzug des Herzogs von Braunschweig. Jemappes und die Eroberung Belgiens (1792—93). Der Verrat des Dumouriez. Custine's Expedition. Mainz. Diese sieben Bände sind in drei Serien geteilt. Die erste umfaßt die drei ersten Bände bis nach dem Rückzug des Herzogs von Braunschweig; die zweite den belgischen Feldzug, d. h. die zwei Bände der Thaten und Unthaten des Generals Dumouriez; die dritte Serie erzählt den Zug Custiue's nach dem Rhein, die Einnahme, Belagerung und Kapitulation von Mainz.^') Die Bände sind nicht, wie die meisten französischen historischen Bücher, ein großes, ^) ?s,ris, I>iors,ir1s I^sopolci Osrk. **) Seitdem obiges geschrieben wurde, sind noch zwei Bände hinzugekommen: ^VisssrudourA (1793) und Hoeus st 1s. lur-ts pour (1793-94). — 271 — schweres, sondern ein gewöhnliches Kleinoctav, ein Umstand, der sie handlicher macht als die meisten ihresgleichen. Dasür ist der Druck, obgleich sehr gnt, doch nicht so splendid und raumverzehrend, wie viele französische Ausgaben, die in einem Bande bedeutend weniger umfassen, als wir nach deutschen Begriffen davon erwarten. Wir haben es wirklich mit sieben respektablen Monographien zu thun, und die Erklärung dieser Ausdehnuug, verglichen mit der Kürze der darin behandelten Zeit, liegt in der minutiösen Durchführung der vorgesetzten Ausgabe. Und hier ist auf das Charakteristische dieser Leistung der Nachdruck zu legen. Sie ist trotz dieser Kleinmalerei fesselnd und voll Abwechslung von Anfang bis zn Ende. Es dürfte wenige Darstellungen dieser Art geben, welche das schwierige Problem lösen, aufs Genaueste ins Einzelne zu dringen, und dennoch keinen Augenblick langweilig zu werden. Vielleicht könnte man, um das Erstaunliche der Leistung zu steigern, noch hinzusetzen, daß der Autor dies fertig bringt, obgleich er doch in Wahrheit nur eiue Kriegsgeschichte oder vielmehr einen Schritt für Schritt allen strategischen und taktischen Bewegungen der verschiedenen Feldzügc folgenden Bericht erstattet. Doch dies Hindernis) ist allerdings nur ein scheinbares. Wie die Menschheit einmal beschaffen ist, werden Kämpfe und Kampfbeschreibuugen auch immer ihre besondere Anziehungskraft ausüben. Eine im selben Maßstab detaillirte Berichterstattung über friedliche, noch so interessante, diplomatische oder parlamentarische, sich mehrere Jahre lang hinziehende Verhandlungen würde schwerlich im Stande sein, den Leser so frisch bei Atem zu erhalten. Das Kriegswesen mit Allein, was daran hängt, besitzt nuu einmal seine fascinireude Herrschaft und übt sie aus in allen Regionen des Lebens. Warum spielen die Kinder vor allem das Svldatenspiel? Warum schlägt — 272 — das weibliche Herz dem Träger der Uniform so gern entgegen? Man sagt' wegen der Uniform! Das ist nur zum Teil die Erklärung, und selbst, wenn es den Grund der Thatsache erschöpfte, bliebe noch übrig, daß doch nicht rein zufällig der Vorzug der schmuckeu Uniform gerade dem Soldatenstand zukommt. Es ist auch nicht blos das „zweierlei Tuch," welches mittelst seiner koloristischen Wirkung verführerisch wirkt, die Waffe gehört dazu. Es hat seinen guten Grund, daß der englische gemeine Soldat zwar in Uuisorm, aber ohne Seitengewehr ausgeht, und der Offizier sich nie außer Dienst in Uniform zeigt. Das cutspricht einem Lande bürgerlicher Freiheit, in welchem das Gesetz die höchste Autorität ist. Die Sitte, mit dem Schwert an der Seite in Gesellschaft zu erscheinen, ist ein Symbol, daß die Waffe höher eingeschätzt ist als das Recht. Daß bei uns Minister in den Parlamenten mit Epauletten geschmückt und auf den Degen gestützt sprechen, ist ein Gegenstand des Befremdens für andere Europäer. Bismarck wußte, wie immer, was er that, als er die Gewohnheit dieser Tracht annahm. Er hat darin übrigens nur das Beispiel des Grafen Prokesch von Osten befolgt, von dem er, als er selbst nur noch Lieutenantsuniform prästiren konnte, von Frankfurt aus schrieb, daß er, um zu impo- niren, sich stets in seiner Feldmarschallsuniform zeigte. Es könnte einmal untersucht werden, ob in früheren Jahrhunderten, wo die Tracht der höheren Klaffen überhaupt noch nicht so scharf gegen die militärische abstach, die soldatische Erscheinung weniger Wirkung auf die Menschen und insonderheit auf das schöne Geschlecht gemacht habe. Denkbar wäre es schon. Man trug ja, auch in höheren Bürgerkreisen, noch bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts den Degen an der Seite. Und die Waffe hat an dem Nimbus der militärischen Erscheinung einen bedeutenden — 273 — Anteil. Hat doch der Anblick jeder Waffe, auch getrennt vom Träger, etwas Fascinirendes fürs Auge, als der Anblick eines Dinges, das geeignet ist, über Leben und Tod zu entscheiden. Ja, sogar der Anblick eines Gefäßes, in dem ein tötliches Gift enthalten ist, übt etwas von dieser Gewalt über die Phantasie aus. Es gibt eben nichts Dramatischeres, als die Entscheidung über Leben und Tod, und im Krieg ist sie aus die höchste Potenz gebracht. Daher sind Kriegsgeschichten nichts weniger als ein undankbarer Stoff. Bekanntlich ist es noch gar nicht so lange her, daß die Menschheit verlangt, in ihren Geschichtsbüchern etwas weniger Schlachten und etwas mehr Kultur zu lesen; aber man darf die Behauptung wagen, dies Verlangen ist mehr ein Produkt der Reflexion als der Geschmacksrichtung. Wie vieles ließe sich über dies Thema noch sagen! Hier sollte nur so viel davon berührt werden, als hinreicht, um die Behauptung zu unterstützen, daß die umständliche Schilderung kriegerischer Vorgänge auch in einer sehr langen Aneinanderreihung nicht schlechthin als eine zu überwindende Schwierigkeit anzusehen ist. Allerdings kommt es, wie überall, auf das Wie? an. Und dies eben findet sich hier bis zu einer bewundernswerthen Virtuosität gesteigert. Einige von Chuquet's näheren Freunden behaupten, er sei eigentlich zum Militär geboren und würde ein guter Schlachtensichrer geworden sein. Daß er ein bedeutender Gelehrter geworden ist, beweist nicht das Gegenteil, wie die neuesten Kriegserfahrungen, auch abgesehen von Moltke, gezeigt haben. Die Beschreibung der Märsche und Gefechte, die Kritik von Sieg nnd Niederlage verraten jedenfalls einen Beobachter, dem das Herz für das Fach schlägt, und da seine Feder, einem Pinsel gleich, mit der lebhaftesten Anschauungs- und Darstellungsgabe geführt wird, so ist die Wirkung auf deu Leser, man Ludwig Bambergens Ges. Schriften. II. IS könnte sagen, auf den Zuschauer, unausbleiblich. Natürlich nur, weil die Aufgabe doch ganz anders behandelt ist als in einem Generalstabswerke, welches selbst ini besten Falle zu einer gewissen Trockenheit verurteilt ist. Der Autor ist eben, wenn auch mit Sinn oder Liebhaberei für Kriegssachen begabt, vor Allem Historiker und zwar in des Wortes voller Bedeutung, ein Beobachter, der mit den Augen des Menschenkenners und Politikers schaut. Alle Ereignisse, alle Personen, die er uns vorführt, werden je nach größerer oder geringerer Wichtigkeit — aber immer mit Liebe und Feinheit — portratirt. Das Werk ist auf fast jeder seiner — beiläufig zweitausend — Seiten mit Noten ausgestattet, und zwar stehen dieselben auf demselben Blatt unter dem Text, ein Brauch, welcher der Form eines Anhangs am Schluß des Bandes unendlich vorzuziehen ist. Mir wenigstens will es scheinen, daß ein Leser, welcher nicht durch die Ablenkung auf den Fuß der Seite gestört sein will, ein sonderbarer Kunde ist. Man kann zur Erklärung seiner Einrede doch nur vermutheu, daß er von Noten keine Noüz nehmen möchte. Denn will er sie lesen, so ist es ihm sicherlich unendlich viel bequemer gemacht, wenn er sie sofort zur Stelle findet; verlangt er nicht darnach, so kann er, sie eben stehen lassen und ist überdies als ein uninteressirter auch ein so uninteressanter Leser, daß er keiner Berücksichtigung wert ist. Die besten Leser sind die, welchen die Anmerkung noch lieber ist als der Text. Freilich kommt es auch hier wieder auf das Wie? an. Es giebt Anmerkungeu und Anmerkungen, la^otis st laZots. Hier sind die Anmerkungen niit derselben Geschicklichkeit behandelt wie der Text. Sie sind scharf und knapp. Vor Allem sind sie dem Aufschluß über die Personen gewidmet. Beiuah jeder Name, der uns vorgeführt wird, ist von dem, was man in der Polizeisprache seine Personalakten nennt, be- — 275 — gleitet. Keiner geht unbekannt an uns vorüber. Aber wir erfahren das Nothwendige in wenigen Strichen. Vielleicht könnte man finden, daß hie und da diese Sorgfalt etwas Uebertriebenes an sich hat. Zweierlei wag den Autor dazu, ich will nicht sagen verführt, aber geführt haben. Zunächst der Wunsch, Alles urkundlich zu belegen. Er verlangt, sozusagen, für seine Erzählung und sein Urteil keinerlei Kredit vom Leser. Dieser soll überall selbst sehen. Sodann allerdings auch eine gewisse Liebhaberei. Chuquet ist das, was man auf französisch ,,un otisi-Lksu!-" nennt. Wo ihm etwas aufstößt, will er es sofort ergründen; er verfolgt es bis in seine letzten Spuren. Eine fabelhafte Belesenheit und, ohne Zweifel damit im Bunde, ein ebenso fabelhaftes Gedächtnis kommen ihm dabei zu statten, machen ihm die Aufgabe zu einem willkommenen Spiele. Man erstaunt über alle Quellen, die er aufgetrieben hat. Die kleinsten Publikationen der Vergangenheit und der Gegenwart entgehen seinen Spürangen nicht; das handschriftliche Material der französischen Archive ist nach allen Seiten hin durchforscht. Trotzdem sind die Bemerkungen niemals umfangreich; selten nehmen sie mehr als einige Zeilen auf jedem Blatt in Anspruch oder nöthigen den Leser, das Blatt umzuschlagen über die Seite des Textes hinaus, auf den sie sich beziehen. Sie haben nichts von dem Lästigen und Ermüdenden mancher gelehrten deutschen Werke noch aus dem Anfang dieses Jahrhunderts, welche in weitschweifigen Fußnoten, die selbst wieder mit Noteu in noch kleinerer Schrift versehen sind, den Leser weit vom Standort seines Auges abführen, so daß er nach Erledigung der Note wie von einer langen Reise zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren muß. Vielleicht hätte hier und da etwas erspart werden können, so z. B. namentlich im siebenten Bande, welcher aus Anlaß der Belagerung von Mainz 18* — 276 — die Namen aller, auch ganz obscurer Personen, die an gewissen Vorgängen oder Sitzungen Teil nahmen, verzeichnet. Aber da auch das ganz kurz abgethan ist, so darf man sich damit trösten, daß demjenigen, welchen gewisse Episoden besonders interessiren, damit ein Liebesdienst geleistet wird, der die dafür Gleichgültigeren nicht stört. Den denkwürdigsten Oertlichkeiten der Kriegführung sind kleine übersichtliche Pläne beigefügt. III. Damit sei einstweilen über die Methode genug gesagt. Es wird auch daraus schon von selbst sich ergeben, daß der Stil ein natürlich einfacher und prägnanter ist. Die Sätze gleiten angenehm dahin und lassen keinen Augenblick den Gedanken aufkommen, daß mit der Darstellung nach irgend welcher Seite hin ein besonderer Effekt erreicht werden soll. Die Form stimnit darin ganz niit dem Geist der Darstellung zusammen, welche die leibhaftige Objektivität ist. Obwohl wir es der Hauptsache und der Ankündigung des Verfassers gemäß mit einer Kriegs- und Feld- zugsgeschichte zu thun haben, leuchtet doch ein, daß diese nicht losgelöst von den inneren Zuständen Frankreichs gedacht werden kann, und nichts entspräche weniger dem Sinne des Autors. Vielmehr, wenn auch die militärischen Ereignisse mit einer Lebendigkeit und Anschaulichkeit zur Geltung kommen, die an sich schon — man dars sagen —- spannend und unterhaltend wirkt, kommt doch ein gut Teil der Anziehungskraft auf den Hintergrund der Revolution felbst, über deren Schicksal die Ereignisse entscheiden. Die Zustände und Personen, die Ideen, welche eingreifen, sind eng mit den Vorgängen auf den Schlachtfeldern und - nicht zu vergessen — mit den diplomatischen Zügen und — 277 — Gegenzügen verwebt. Wie das Alles, Schritt für Schritt, einsetzt und sich zusammenfügt und das Ganze dramatisch sich abwickelt, erfahren wir im Fluß der stetig und umsichtig fortgeführten Berichterstattung. Der erste Band hebt mit der Kriegserklärung des damals noch monarchischen Frankreich vom W. April 1792 an, welche ausschließlich gegen Oesterreich gerichtet war. Chuqnet, wie alle unbefangenen französischen Geschichtsforscher, namentlich auch Sorel, spricht unumwunden aus, daß die Juitiative zum Krieg nicht blos der Form, sondern auch der Sache nach von Frankreich ausgegangen ist, oaß die Gironde aus inneren politischen Grüuden den Krieg wollte, wozu dann noch kam, daß Dnmouriez, welcheu Ludwig XVI. kurz vorher zum Kriegsminister ernannt hatte, von Begierde nach Feldherrnthaten entbrannt war. Er, wie beinahe alle, schmeichelten sich damals mit der Aussicht, Preußeu von Oesterreich zu trennen und mit ersterem intimes Verständnis, aus beiderseitige Vorteile berechnet, zu erzielen. Dieser Lieblingsgedanke zieht sich durch den ganzen Verlauf der späteren Ereignisse, gebiert mit wunderlicher Zähigkeit immer neue Spekulationen, auch als schon das preußische Heer im hellen Kampf mit den französischen Waffen und beinahe allein im Felde ihnen gegenüber stand. Diesen Liebeswerbungen, ihren geraden und ihren gewuudeueu Wegen, ihrer naiven Selbstgefälligkeit schenkt unser Berichterstatter, sein besonderes Augenmerk. Es hat etwas besonders Pikantes, in heutiger Zeit, wo das Wort „?rv.88isn" den Inbegriff alles Verab- scheuenswürdigen im Volksmunde ausdrückt, die Schmeicheleien zu lesen, die damals an den König und seine Ner- trauten verschwendet wurden. Vergegenwärtigt man sich dazu noch die heutige Russenliebe, so kann man sich keine wirkungsvollere Gelegenheit wünschen, die Veränderlichkeit allgemeiner Strömungen dieser Art und ihre innere Wertlosigkeit an der Quelle zu studiren. Ein anderes Moment beherrscht in noch viel höherem Maße und ausgiebiger die Aufmerksamkeit des Erzählenden. Es handelt sich um die Wahrheit über die Zustände im französischen Heere jener Epoche, über dessen Leistungen und Charaktereigenschaften. Bekanntlich hat auch auf französischer Seite die so lange im Schwung erhaltene Apotheose der Revolutiousarmee einen gewaltigen Stoß durch das Buch von Camille Rousset, leg VolvQtairs8 1791—94, erhalten. Dasselbe erschien merkwürdiger Weise grade kurz vor Ausbruch des letzten Krieges. Das Vorwort der ersten Ausgabe ist vom März 1870 datirt; seitdem sind noch vier folgende Auflagen erschienen. Der Verfasser erklärt selbst in schlichten Worten, er habe eine Untersuchung (Iilri^ustö) über die Legende der Freiwilligen jener Revolutionsheere sich zur Ausgabe gemacht, und das Ergebnis sei die vollständige Vernichtung dieser Legende. Auch nachdem man Chuquet's sieben Bände aufmerksam zu Ende gelesen hat, kann man, wenn man Alles in ein einziges Wort zusammenfassen soll, zu keinem anderen Verdikt kommen. Die Glorie eines unbegreiflichen Heldentums, welche die republikanisch - nationale Ueberlieferuug den sogenannten Volontärs ums Haupt gewunden hatte, zerfließt auch unter Chuquet's Feder in sehr trübe Nebel. Doch ist der Gesamteindruck hier viel weniger vernichtend."' Es kommt bei ihm neben vielem zu Rousset's Auffassung Stimmenden doch nicht Weniges ans Licht, das besseres Zeugnis giebt. Die beiden Werke sind eben verschiedener Natur. Rousset hat eine Untersuchung angestellt und ist am Schluß derselben zu einem Antrag auf Vernichtuug gelangt. Es ist die Arbeit eines öffentlichen Anklägers, der voraus weiß, auf — 279 — welches Ziel er lossteuert und der seine Akten ausschließlich zu diesem Zweck sammelt. Er verfolgt damit auch eine ganz bestimmte Absicht. Er will die heilige Legende von den Wunderthaten des imprvvisirten Soldaten zerstören, um sein Land vor dem Vertrauen auf diesen Schutz zu warnen. So wunderbar das Zusammentreffen dieser Arbeit mit den unmittelbar darauf folgenden Ereignisfen war, so kann man nicht grade sagen, daß sie in ihrer besonderen Tendenz sich an den Thatsachen bewährt habe. Im Jahre 1870 versagte nicht die improvisirte, sondern die regelmäßig geschulte und organisirte Armee, aus Mangel nicht an Tapferkeit, sondern an fähiger Oberleitung und Fuhrung. Wenn auch im Feldzug an der Loire im Winter 1870 - 71 die von Gambetta zusammengerafften Truppen nicht selten sich die Blößen gaben, die eben bei der Art ihrer Entstehung und Zusammensetzung unvermeidlich waren, — und auch in seiner Lebensbeschreibung Chanzn's läßt Chuquet uns darüber nicht im Unklaren — so kann man ihnen doch im Großen und Ganzen ein bedeutendes Maß von Anerkennung nicht verweigern, nnd dies ist bekanntlich auch von deutscher Seite immer zugestanden worden. Der Vorwurf, welcher 1792 wie 1870 den Urhebern des Krieges von ihrem eignen Lande gemacht worden ist, daß man ihn beschlossen habe, ohne bereit zu sein, trifft viel eher für den älteren als für den späteren Fall zu. Merkwürdiger Weise nämlich spielte das „on n'stait ps.s xret". welches hinterher kommt, auch damals eine ebenso große Rolle, wie in den rückblickenden Urteilen unserer Tage auf den letzten Krieg. Nach den Niederlagen, welche die französischen Truppen bei den ersten Zusammenstößen erlitten, hieß es allgemein, daß man eben gar nicht vorbereitet gewesen sei. Chuauet citirt die Worte Lafauette's in einem Bericht vom 6. Mai! „Ich kann nicht begreifen, wie man den Krieg hat erklären können, während man doch in nichts bereit war ssn n'stMt xrst) sur risu)." Und das paßte auf jene Zeit in des Wortes vollster Bedeutung, weil sowohl der Krieg selbst als der ganze dazu nötige Apparat erst im Moment des Ausbruchs und im Laus der Dinge improvisirt ward, Hals über Kopf und im wilden Tumult der inneren Politik. Von dem Heerwesen des zweiten Kaisertums gilt eher das Gegenteil. Seit lange, lange hatte man an diesen Krieg gedacht. Namentlich seit 1867, seit dem Mißlingen der Mexikanischen Expedition und dem Luxemburger Streit, stand man immer aus dem Sprung. Jeden Morgen konnte man von denen, die sich auf ihre intimen Beziehungen zum Hof oder zur Armee etwas zu gute thaten, in den letzten drei Jahren vor dem Ausbruch hören, daß es demnächst losgehen werde, daß Alles bereit sei, bis auf den letzten Knopf, wie es der Marschall Leboeuf in der That versichert hatte. Neuerdings bringen die Memoiren des Generals Jarras sogar die merkwürdige Enthüllung, daß selbst der Marschall Niel, der für den wissenschaftlichsten, nüchternsten Generalstäbler galt, schon 1369 das „?ont prst" erklärt hatte. Damals sagte der Marschall in bittrem Ton zur Kaiserin, die seit zwei Jahren seinen Eifer schürte, als ob es dessen bei ihm bedurft hätte: „Ich habe nach Ihren Wünschen gethan, Madame; ich bin bereit, und Sie sind es nicht." Zu demselben Herrn Rousset, der das Buch über die Volontärs geschrieben und neuerdings die Memoiren des Generals Jarras besprochen hat, sagte Niel: „Ich habe mich ans Werk gemacht, und endlich ist der Tag gekommen, an dem ich zum Kaiser sagen konnte: wir sind bereit." — Wenige Tage darauf starb Niel. sRsvus äss äsrrx raonclss vom 15. Juli 1892). Das ist eben der Unterschied. Die Leute der Revolution hatten sich gar nicht die Frage gestellt, ob sie bereit seien, sie gingen draus. Die Kriegs- Partei Napoleon's III. hielt sich für vollständig vorbereitet; sie war es auch, nur nicht für diesen Krieg der exakten Führung, den sie nicht kannte. Sie war sozusagen uicht in einem lÄror raot-i, sondern in einein lZrror juris befangen, nnd insofern ist es nicht richtig, wenn die Gegner des gefallenen Kaisers ihm nachträglich vorwerfen, den Krieg ohne die pflichtmäßige Vorbereitung angefaugen zu habeu. Uebrigens hatte nicht er ihn angefangen, sondern er wurde nur durch seine abenteuerliche Umgebung hineingetrieben, wie das Buch von Jarras abermals lehrt. Auch darin herrscht ein vollständiger Gegensatz zwischen jenen Kriegen der neunziger Jahre und den letzten, daß man Alles im Allem sagen muß: in den Feldzügen der Revolution waren die Führer besser als ihr Material, in denen der Neuzeit war bei gutem Material die Führung entschieden ungenügend. Erst in dem letzten Abschnitte, bei dem Kampf im Herzen von Frankreich, tauchten die Chanzu und Faidherbe auf, welche von der Methode der neuesten Kriegsführung genug verstanden. Alle die Berühmtheiten aus der Krim nnd Italien waren ohne Erfahrung und ohne Ahnung der neuesten Kriegskunst und der hochgespannten Ansprüche, welche sie an die oberste Leitung stellt. Die Siege in der Krim waren nur mit unverhältnismäßigen Opfern und in unverhältnismäßig langer Zeit erstritten worden, und die Siege iu Italien nur so im Ramsch davongetragen. Die Bravour hatte das Meiste gethcm. Die allein sollte aber im Kampfe mit der preußischen Heeresleistung nicht mehr genügen, und weil die französische Routine das nicht ahnte, verließ sie sich auf ihre Präcedenzien. In jedem ersten Zusammenstoß zwischen der französischen und preußischen Oberleitung wäre es gerade so gegangen, wenn man auch 282 - noch länger sich vorbereitet hätte. Man war sachlich vorbereitet, aber nicht intellektuell. Das ist der große Unterschied gegen die Bedingungen, unter denen die Revolution sich in den Krieg stürzte. Sie war weit davon entfernt, ihren Gegner zu unterschätzen. Vielmehr, sobald einmal feststand, daß man sich mit Preußen zu messen haben würde, gab man dem Gedanken Raum, daß man es mit einem in militärischer Kunst überlegenen Gegner zu thun haben werde. Der Nimbus der Frideri- cianischen Zeit umschwebte uoch das preußische Heer, Ferdinand von Braunschweig galt für den ersten Feldherrn seiner Zeit. Mirabeau hatte den Ruhm dieser Armee neuerdings wieder nach Frankreich verkündet und sie für die erste der Welt erklärt, und Mirabeau hatte auch vom Braun- schmeiger geschrieben' es sei unfaßbar, aber doch wörtlich wahr, daß er ebenso tief eingeweiht und überlegen sei in den kleinsten Einzelheiten wie in den höchsten Aufgaben der Kriegführung. Die Kommandanten von Verdun und Longivy ließen in Antwort auf die erste Aufforderung der preußischen Parlamentäre sagen, sie seien stolz, dem berühmtesten Kapitän der Zeit gegenüber zu stehen. Dergleichen Aeußerungen ritterlicher Höflichkeit kehren noch oft im Verlaufe der Dinge wieder. Man hatte auch Respekt vor der preußischen Bildung und legte was hinein, ihr mit Anstand zu begegnen. Das ideale Element der Freiheitsbewegung verschwand trotz der traurigsten Excesse niemals ganz aus dem Geiste der Führung und der Offiziere. Wenn die herrschende Partei sich in den Krieg stürzte, so geschah es eben ohne jede weitere Berechnung ihrer militärischen Mittel, aus Gründen der inneren Politik — ein Zug, welcher eine Eigentümlichkeit französischen Staatslebens ist. Es ist zwar gang und gäbe in der höheren Kannegießerei geworden, daß man von jeder Regierung eines — 283 — großen Staates hie und da einmal sagt, sie sei im Stande, einen Krieg heraufzubeschwören, nur um Verlegenheiten im Junern zu entgehen. Aber im Grunde ist diese Auffassung nur französischem Gedankengange nachgebildet und tatsächlich niemals anderwärts Praxis gewesen. Einen großen Frieden, den von Utrecht, hat England einmal aus Motiven innerer Kabinetsiutriguen gemacht, aber einen großen Krieg niemals. Nur die eigentümliche Organisation und Tempe- ramentsart der französischen inneren Politik kennt diese Pferdekuren. Anderwärts hat man höchstens mit der künstlich erregten Furcht vor Krieg in der inneren Politik operirt. Im Frühjahre 1792 stand die Regierung mit einer desorganisirten, in Auflösung und Verwirrung gebrachten Armee da, deren Disziplin gelockert war. Man rechnete darauf, diese au Zahl unzulänglich gewordene regelmäßige Truppe durch selbstständige aus Freiwilligen geworbene Körper zu ersetzen oder doch zu ergänzen. Mit dem Wertverhältuis, in welchem diese Volontärs znr Linie standen, beschäftigt sich die historische Kritik jener Zustände in erster Reihe, und sie ist für das unbefangene Urteil zweifellos dahin gekommen, daß sie die Linie, d. h. den Rest der alten Cadres der Monarchie, bei Weitem für den tanglichsten, nach Manchen für den allein brauchbaren Bestandteil des Heeres erklärt. Die Berichte der im Felde stehenden Generale, so sehr sie die revolutionäre Empfindlichkeit schonen mußten, deren Rache bekanntlich weder langsam noch schonsam war, können nicht umhin, immer wieder auf dieselbe Unterscheidung zurückzukommen. Nur die aller- wildesten und rohesten, später nach Belgien kommenden Konventskommissare verfolgen blindlings die Tendenz, Alles, was aus der monarchischen Zeit herstammt, zu zerstören nnd auszurotten, Offiziere, die oi-cksvants sind, wie die Stämme der Linie. Aber mit dieser einzigen Aus- — 284 — nähme bricht sich immer und überall die entgegengesetzte Auffassung Bahn, und das Problem, dessen Lösung das Pariser Kriegsministcrium ununterbrochen in Atem hielt, war die Frage! auf welche Weise soll das unentbehrliche Element der Freiwilligen und des späteren Massenaufgebots mit der Linie verbunden werden? sollen die Truppenteile aus diesen zwei verschiedenen Elementen gauz getrennt bleiben, sollen sie umgekehrt durch Einreihung, Mann für Mann, aus beiden Elementen in dieselben Cadres ganz verschmolzen, oder soll der einzelne Truppenteil, z. B. das Regiment aus Bataillonen der einen und der anderen Gattung zusammengesetzt werden? Letzteres System, welches man das Amalgame nannte, trinmphirte zum Schluß 'uud gilt z. B. auch einem Skeptiker wie Rousset für das einzige und beste. Chuauet verfolgt, wie sich bei der Art seiner Darstellung erwarten läßt, diese Fragen mit der ihm eigenen Aufmerksamkeit und Unbefangenheit zugleich. Er verwirft im Ganzen nicht unbedingt, wie Rousset, die Leistungen der improvisierten Soldaten. Das ergiebt sich schon daraus, daß Ronsset nur die schlagendsten Aktenstücke in einem Band zusammenstellt, während Chuauet in sieben Bänden drei Feldzüge ins Einzelne hinein verfolgt und auf seinen Wegen nicht selten auch Lobenswertem begegnet. Namentlich unterscheidet er zwischen den Freiwilligen, welche im Jahre l79l eintraten, und denen, welche ans dem das Vaterland in Gefahr erklärenden Dekret vom 11. Juli 1792 hervorgingen. Den letzteren schiebt er den bei Weitem größeren Anteil an dem Makel zu, welchen die ernüchterte Geschichtschreibung auf diefe improvisierten Soldaten gehäuft hat. Und wenn hier der Mangel an jeglicher Disziplin konstatiert wird, so tritt in Wechselwirkung damit der entsetzliche Mangel an Ausrüstung und Ausbildung hinzu. Man hat — 285 - es schon oft gelesen, aber man liest es immer wieder mit neuem Staunen, welche hilflosen, untauglichen Massen eine tumultuarische politische Leitung ins Feld schickte, und zu welchen Excessen gegen Freund und Feind, ja auch gegen ihre Offiziere diese Banden sich hinreißen ließen. Solches ereignete sich aber nicht nur bei den Milizen. Die ersten schmählichen Niederlagen, welche die Armee bei Quievrain und Möns von den Oesterreichern erlitt, kommen auf Rechnung der Linie, namentlich der Kavallerie. Chuquet glaubt nachweisen zu können, daß die Freiwilligen der ersten Aushebung vou 1791 nicht mit der Verachtung behandelt werden dürfen, welche, im Rückschlag gegen die Nebertreibungen der revolutionären Apotheose, die ueuere Kritik ihuen cmge- deihen ließ; er zeigt an vielen Gefechteu, daß ihre politische Begeisterung und ihr guter Wille aus ihnen so gute Soldaten gemacht hatten, wie man es nur nach einer achtmonatlichen Vorbereitung erwarten konnte. Dabei steht er nicht im Geringsten unter dem Einfluß der Ansicht, daß man brauchbare Truppen mittelst des Enthusiasmus aus der Erde stampfen könne; er hat selbst viel zu viel Sinn für Kriegswesen, nm für Dilettantisches voreingenommen zu sein. Die Legende findet an ihm keinen Augenblick eine Stütze, aber sein Gesammturteil, welches nicht einseitig auf Mißachtung der Revolutionsarmee hinausläuft, hilft doch auch allein die Thatsache erklären, daß schließlich die Republik mit wechselndem Kriegsgeschick nicht ohne eine Reihe merkwürdiger Erfolge gekämpft hat und am Ende nicht nur unbesiegt, sondern mit großem Gewinn aus dem Frieden vou 1795 hervorging. Wie viel immer an diesem Ausgang die Fehler und Schäden ihrer Gegner, die Langsamkeit der österreichischen Kriegführung, die deutsche Uneinigkeit, vor Allem die Eifersucht über die Teilung Polens mit schuld gewesen sein mögen, alle zusammen allein können — 286 — einen solchen Ausgang nicht erklären, nnd die Annalen der !»>>»i, Feldzüge iveisen eine Reihe von Waffenthaten auf, die augenscheinlich und nachweislich stark in die Wendung der Dinge mit eingegriffen haben.' Warum hätte sonst am Ende dieses ersten großeil Abschnitts das gesammte Europa, welches sich am Krieg gegen die Republik beteiligt hatte, mit Ausnahme von England nnd Oesterreich, die Waffen gestreckt? Wenn man unbefangen die im Weiteren von unserem Historiker ausgerollten Blätter jener Geschichte verfolgt, kommt man zu demselben Resultat, das auch er in seiner vollendeten Vorurteilslosigkeit sich aneignet, daß nämlich trotz unendlich vieler Sünden und Thorheiten von oben ^ / und von unten, doch in den Massen der französischen Nation Tapferkeit, Geschicklichkeit und nicht zum Mindesten politische Begeisterung einen großen Anteil an dem ihr günstigen Ausgang der Dinge gehabt haben. Sogar eine Besonderheit, welche aus der Erfahrung dieser Kriegszüge als die unzweideutigste hingestellt wird, scheint bei näherer Beleuchtung auch uicht unbedingt festgehalten werden zu dürfen. Die Erwählung der Offiziere durch die Truppe muthet uns bei unseren heutigen militärischen Zuständen, die immer mehr auf eine Präcisivns- maschinerie hinzielen, als eine wunderliche Ausgeburt abstrakter Gleichheitstheorie an. Aber selbst ein so strenger Richter wie Rousset vermag sie nicht ausnahmslos als unpraktisch hinzustellen. Er erwähnt einzelner Konjunkturen, iu denen dies Verfahren sich bewährte. Gelangt man auch aus seiner, wie nicht minder aus Chuquet's Darstellung, zum Schluß, daß die Wahl der Offiziere im Ganzen nichts weniger war als ein Weg, um die bestbefähigteu herauszufinden, so sind doch die Fälle nicht selten, wo aus der Wahl Führer hervorgingen, die später zu großem Ruhm — 287 — gelangten, wie denn in diesen Revolutionskriegen schon die Mehrzahl der späteren Marschälle ihre Sporen verdient hatten. IV. Die Geschichte der Begebenheiten, beginnend mit dem Ausmarsch der beiden Heere und den ihr diesseits und jenseits vorausgegangenen politischen Kombinationen bis zu der in unserer klassischen Litteratur verewigten Kanonade von Valmy, ist oft erzählt worden. Sie fesselt immer wieder von Neuem aus vielen Ursachen, am meisten, weil es doch eigentlich dieser erste Abschnitt war, welcher der großen Einwirkung der Revolution auf Europa die entscheidende Wendung gab, indem ihr Sieg nach außen auch zum Sieg im Innern von Frankreich wurde. Für Deutschland hat dieser Abschnitt noch das besondere Interesse, daß die kraus verschlungenen Gebilde des zerfallenen Reiches und die unmittelbare Nachfolge der Fridericianischen Epoche diplomatisch und militärisch im Vordergrunde stehen. Dazu tritt für die heutige Generation, daß die neueste Kriegsgeschichte ihre größten und merkwürdigsten Tage auf dem Boden derselben Argonnerlandschaft, welche jenem ersten denkwürdigen Zusammenstoß zum Schauplatz gedient hat, erleben und daß Moltke's modernes Genie gerade da am nachdrücklichsten die Scharte auswetzen sollte, welche des braunschweigischen Herzogs veralteter Kunst von dem stürmischen Widerstande eines neu eingreifenden Elements beigebracht worden war. Frankreich inaugurirte damals die Aera der Volkskriege, welche Spanien und Preußen bald darauf gegen Napoleon wieder aufuahmen, beide Male mit Erfolg, bis die neueste Zeit den Volkskrieg in Gestalt des Volksheeres zum allgemeinen Prinzip erhob und seine - 288 — Signatur allen künftigen Kriegen aufdrücken zu wollen scheint — ob mit dem Ende, daß für Europa's Kultur daraus das Verhängnis; oder die Erlösung reifen werde - wer vermag es zu sagen? - Was von allen bereits erwähnten Vorzügen der Darstellung und Behandlung die in diesen beiden ersten Bünden enthaltene mit am meisten auszeichnet, ist, daß hier ein französischer Historiker einmal, so ausgiebig wie nur irgend möglich, sich auch auf deutsche Quellen stützt. Keiner der berühmten und vielgelesenen unter ihnen hat es so gethan, keiner konnte nur deutsch lesen, namentlich nicht Thiers oder Louis Blanc; auch Lanfrey hat seine Geschichte Napoleons geschrieben, ohne ein Wort deutsch zu verstehen. Erst die neuere Generation, welche gründlicher deutsch gelernt hat, war im Stande, diese zur Erforschung der Revolutionsgeschichte unerläßliche Bedingung zu erfüllen. Sorel und Chuquet sind die ersten, welche dieser Aufgabe gewachsen waren und den besten Gebrauch davon gemacht haben. Zwar deutsche Archive standen Chuquet nicht zu Gebot, aber dafür hatten unsere Bearbeiter jener Zeit dieselben gründlich ausgenützt, und der französische Historiker konnte sich ihrer Forschungen bedienen, indem er von seiner Seite aus französischen Archiven das ergänzende Material reichlich herbeiholte. In der Vorrede zum ersten Bande führt er die namhaftesten seiner deutschen Autoritäten an, vor Allem die größeren Werke von Subel, Häusser, Ranke, eine Reihe von Memoiren und Monographien aus der Zeit, und in den am Fuße der Seiten fortlaufenden Noteu stoßen wir immer wieder auf die erfreuliche Fülle auch deutscher, weniger bekannter Schriften, die der Spürsinn des Sammlers aufgetrieben hat. Eine der meist benützten Quellen ist, wie schou Eingangs erwähnt, für diesen Abschnitt Goethe's Tagebuch aus der Campagne in Frank- — 289 — reich, und man irrt vielleicht nicht, wenn man der Vermutung Raum giebt, daß für den Verfasser der erste Anstoß zur Unternehmung dieser ganzen historischen Arbeit von der litterarisch-philologischen Beschäftigung mit diesem Tagebuch ausgegangen ist. Ein Blick in die Einleitung und die Fülle der historischen Anmerkungen, mit welchen diese für französische Schüler bestimmte Ausgabe des deutschen Bändchens versehen M), (sogar eine Karte ist ihr bereits beigefügt), deutet darauf hin, daß der Verfasser sich schon damals in den sachlichen Inhalt vertieft hatte und die Einzelheiten kritisch zu prüfen bestrebt war. In dem ersten Teil des geschichtlichen Hauptwerkes sind die Aufzeichnungen 'Goethes mit Liebe behandelt. Einzelnes, das aus Jrr- thümern des Gedächtnisses zu beruhen scheint, ist aktenmäßig richtig gestellt, aber bei weitaus dem größten Teil des Inhaltes wird das Zeugnis der Genauigkeit und der Glaubwürdigkeit erteilt, ein Zeugnis, das um so bedeutsamer ist, als Goethe das Wenigste unmittelbar niedergeschrieben, vielmehr erst dreißig Jahre später aus Notizen und Erinnerungen wieder aufgebaut hat. Im siebenten Bande hat Chuquet ebenso Goethe's Erinnerungen an die Belagerung von Mainz mit besonderer Vorliebe zu Rathe gezogen. Auch in seinen sehr ausgiebigen Erläuterungen zu Hermann nnd Dorothea geht er überall den Spuren der Eindrücke nach, welche in dem Gedicht als Reminis- cenzen aus jenen Erlebnissen auftauchen. Die drei ersten Bände bilden gewissermaßen einen, ersten eng in sich zusammenhängenden Abschnitt des ganzen Werkes! der Einmarsch der Verbündeten — la prswisrs invasion prusgienns —, Vlllniy und der Rückzug des Herzogs von Braunschweig. Alles ist interessant. *) ?aris, N. DsI»Arsvs. Neueste Ausgabe 1892. Ludwig Bambergsr's Ges. Schriften. II. ^ — '290 — malerisch und lebendig erzählt; der Einfluß der Pariser Ereignisse, die Zustände der beiden Heere geben den genauen Einblick in die allgemeinen Bedingungen, unter denen die Begebenheiten sich entwickeln: dem preußischen Heere und seinen Führern wie den Personen des Königs und seiner Umgebung ist ebenso viel Studium zugewandt, wie denen auf französischer Seite. Das Rätselhafte, das von jeher über dem Abbruch des Feldzugs nach dem eigentlich unentschiedenen und nicht notwendig entscheidenden Tag von Valmn schwebte, weicht auch nach dieser Schilderung keiner größeren Klarheit; aber nicht etwa darum, weil der Erzähler etwas übersieht oder unaufgeklärt läßt, sondern weil er das merkwürdige Phänomen der plötzlich eintretenden Erschlaffung auf deutscher Seite als ein solches auffaßt, das, aus Jnrponderabilien zusammengeballt, sich der exacten Analyse entzieht — entsprechend dem Eindruck, den Goethe's prophetischer Ausspruch auch in Form eines intuitiven und nicht eines logisch aufgebauten Urteils verewigt hat. Aber gerade um deswillen verwendet der Erzähler seine Kunst auf die Einzelheiten des Verlaufes; er läßt uns selbst Alles sehen, damit nicht sein, sondern unser Eindruck erkläre, was diese Wendung herbeigeführt haben mag. Natürlich kommen die bekannten elementaren Mißgeschicke ausführlich zur Sprache, Unwetter und Krankheiten. Aber auch im französischen Lager fehlte es nicht an Plagen, und der Himmel goß seine Finthen auf Alle herab. Die Annäherungsversuche an König Friedrich Wilhelm und seine Umgebung, die vom ersten Anbeginn, schon vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten, eine besondere Anziehungskraft auf die Politiker wie aus einzelne Generale ausübten, sind schon Eingangs erwähnt worden. Sie ziehen sich durch den späteren Gang des Feldzuges durch und — 291 — finden schließlich ihre Rechtfertigung im Baseler Frieden. Chuquet verfolgt sie auf Schritt nnd Tritt mit seiner — wie überall — gänzlich unbefangenen Beobachtung, namentlich auch auf den Wegen Dumouriez', der für die Lorbeeren des Diplomaten nicht weniger Sinn hatte, als für die des Feldherrn. Die Züge, aus denen das Charakterbild dieses merkwürdigen Abenteurers sich zu einem Ganzen gestaltet, setzen parallel mit seiner Teilnahme an den Ereignissen ein. Den Abschluß findet es natürlich erst mit dem fünften Bande, der die Ueberschrift „Dumouriez' Verrät" trägt und den belgischen Feldzug bis zum ersten Rückzug aus Belgien uud Holland nach der Schlacht bei Neer- winden beschreibt, nachdem der vierte Band den siegreichen Einmarsch und den Tag von Jemappes zum Mittelpunkt genommen hatte. Auch dem Abtrünnigen gegenüber bewahrt der Psychologe hier seine Objektivität. Wie überall hält ihn seine stets ins Einzelne dringende und dem all- mäligen Verlauf unausgesetzt folgende Nachforschung von Einseitigkeit frei. Er giebt keine summarischen Verdikte von sich, sondern er schildert und berichtet, und so sehen wir überall Menschen mit menschlichen Fehlern und Vorzügen, welche nicht blos durch ihre Willensbewegung, sondern auch durch den Drang der äußeren Ereignisse zu Ehren oder zu Fall kommen. Während unter der Feder Anderer, auch Sorel's, die Figur Dumouriez' von vornherein im Widerschein des Stigmas erscheint, das ihr das Ende aufdrücken sollte, führt sie sich in Chuquets Darstellung eher mit einer gewissen bestrickenden Liebenswürdigkeit ein, welche aus dem übersprudelnden Temperament, der unermüdlichen und unbesiegbaren Widerstandskraft, dem phantasiereichen Humor dieser, trotz ihrer Abstammung aus dem flandrischen Norden, doch durch und durch französischen 19* — 292 — Natur uns entgegentreten. Sein wahrhaftes Feldherrntalent ist nie bestritten worden. Die beiden Bände „Jemappes" und „Dumouriez' Rückzug" bilden zusammen den zweiten Teil des Werkes. Nicht am wenigsten findet in ihrer Schilderung der politische Grund und Boden, auf dem die Kriegsbegebenheiten sich abspielen, Berücksichtigung. Die inneren Zustände Belgiens, dessen Gährung, schon vor der französischen, mit der Lütticher Revolution zum Ausbruch gekommen war, das Hin- und Herwogen zwischen dem neu entzündeten demagogischen Geist und der Anhänglichkeit an die ehrwürdigen Traditionen alter Verfassungszustände, der Kampf zwischen den gläubigen und ungläubigen Teilen der Bevölkerung, die Illusionen des ersten Aufloderns und die bittern Enttäuschungen, welche das Raub- und Plünderungswesen der_ Befreier heraufbeschworen, das Alles ist in lebhasten und eindringlichen Schilderungen wiedergegeben, die zum Besten im ganzen Werke gehören. An wörtlicher Berichterstattung über die kleinsten Einzelheiten geht nur die Arbeit des siebenten Bandes, welcher die Einnahme und die Belagerung von Mainz zum Gegenstand hat, noch weiter. Diese, bis jetzt zwei letzten Bände, „Custine" und „Mainz", bilden den dritten Abschnitt als eine Monographie über dies erste Vordringen der Revolution an den Rhein und seine wechselnden Schicksale. Dem Autor wächst in dem Maße, als er in seiner Arbeit fortschreitet, sichtlich noch immer die Lust an ihr und in Wechselwirkung damit die Meisterschaft. Möglich wäre es, daß dem französischen Leser in diesen beiden Bänden hier und da die Frage sich aufdrängte, warum ihm die Belege in so minutiöser Auszählung unterbreitet werden. Den Deutschen wird ein solches Bedenken nicht anwandeln. Er kann es nur dankbar auerkennen, wenn mit dem Eintritt in das deutsche Gebiet die Anstrengung und Aufmerk- — 293 — samkeit des Forschers noch größeren Eiser entwickelt. Für den einen wie für den andern muß natürlich die Frage sich entscheiden nach dem Reiz, den die Lektüre auf ihn ausübt. Denn auch hier kommt eben Alles darauf an, wie die Sache behandelt ist, mit wieviel Geschmack, Anschaulichkeit und Verwertung des detaillirten Materials zur Erweckung eines endgiltigen Urteils. Der Erzähler hat Vertrauen in seine Methode und meines Erachtens mit vollem Recht. Er giebt sich genau Rechenschaft von den Einwendungen, die ihm gemacht werden könnten, und das beweist schon genug. Seine eignen Worte aus der Vorrede zum ersten Band (sie ist charakteristischer Weise im Gegensatz zur objektiven Erzählung auf ganz wenige Seiten zusammengedrängt), mögen hier am besten feine Grundgedanken wiedergeben: „Vielleicht wird man mir vorwerfen, daß ich ins Kleinliche hineingerate, auf nichtige Dinge Gewicht lege, allzusehr aus Genauigkeit bedacht sei. Aber die geschichtliche Wahrheit ist nur um diesen Preis zu haben. Man kann eine Epoche nur kennen und ihr Leben einhauchen, indem man sich bemüht, Alles zu geben . . . Sollte man nicht reichlich mit Einzelheiten dienen dürfen, vorausgesetzt nur, daß sie bezeichnend ausgeprägt seien und daß ihre große Zahl nicht der Klarheit des Ganzen schade?" Wie in den drei ersten Bänden die Figur Dumouriez' den iuteressanten Mittelpunkt der Kriegsgeschichte abgiebt, so fällt in den beiden letzten das Licht an: meisten auf Custiue. Auch hier gilt, was von Ersterem gesagt wurde: die aufmerksame Behandlung führt im Ganzen zu einer Würdigung, die den vielfach Verurteilten nicht aller gewinnenden Eigenheiten entkleidet, und auch hier bleiben wir schließlich unter dem Gesamteindrucke eines milderen Urteils als bei Sorel. Für den deutscheu Leser hat eine — 294 — nähere Beleuchtung dieser Persönlichkeit besonderes Interesse. Custine war der erste, der die Revolution unter dem Zeichen der philosophisch-politischen Propaganda in einem mehr aus der Schwäche des Reiches als aus der Stärke Frankreichs erklärbaren Siegeszug an den Rhein führte, und das Andenken an jene viel erzählte und viel besprochene Clubbistenzeit hat sich bis aus diese Tage erhalten. Ich hörte noch in meiner Jugend bei alten Leuten von „Güschtine-Zeiten" im Gegensatze zu „Kurfürsten-Zeiten" wie mit einem landläufigen Ausdruck reden. Durch die Person seines Enkels, eines der ersten Enthüller russischer Mysterien und des Korrespondenten derRahel, ist Deutschland später noch einmal wieder an ihn erinnert worden. Der nach der Einnahme von Mainz unternommene und nach kurzem Gelingen wieder mißglückte Handstreich gegen Frankfurt, die Brandschatzung der Stadt, die Verhandlungen und Kämpfe dieser bösen Episode sind in dem Bande Custine mit der vollendetsten Unparteilichkeit und Genauigkeit erzählt. Gleichmäßig durch den vorletzten und dnrch den letzten Band zieht sich parallel die Schilderung der politischen und der kriegerischen Vorgänge der Einnahme, Belagerung und Kapitulation von Mainz im Herbst 1792 bis zum Sommer 1793. Die Belagerung, welche unter die denkwürdigen dieser Art gerechnet wird, ist zwar auch hier wieder mit jener eigentümlichen Mischung von aktenmäßiger Zeichnung und koloristischer Belebung wiedergegeben, welche das Ge- heimniß des Autors ist. Aber innerlich viel mehr zieht uns die Schilderung der geistigen Bewegung an, die sich zu diesen Begebenheiten gesellt. Neben den offiziellen Quellen des „Monitenr" und des Kriegsarchivs liefert hier eine endlose Masse der zeitgenössischen und der späteren Publikationen: Denkwürdigkeiten, Zeitungen, Flugschriften, Abhandlungen, natürlich viel mehr in deutscher als in — 295 — französischer Sprache, ein Quellenmaterial, an welchem sich der Erzähler mehr als an irgend einer anderen Stelle seines Werkes vollgesogen hat. Schwerlich ist ihm irgend ein Blatt älterer oder neuerer Zeit entgangen; in den Arbeiten des Mainzer Gerichtspräsidenten Bockenheimer, dev sich Nachforschungen auf diesem Gebiete zur besonderen Aufgabe gemacht hat, fand er einen Pionier, dem er viel verdankt. Nachdem man Chuquet's Bände Custine und Mainz gelesen hat, kann man mit absoluter Gewißheit das Schlußurteil über den qualitativen und quantitativen Gehalt der Teilnahme fällen, welche die Sache der Revolution und der Gedanke des Anschlusses an Frankreich damals am Mittelrhein aufzuweisen hatten. Unseres Historikers Bericht in allen Einzelheiten und im Gesamteindruck stimmt mit der Ansicht überein, die sich im Lauf der Zeiten immer mehr herausgebildet und festgestellt hat, daß eine Wirkung in die Breite niemals erreicht war. Wie genugsam bekannt, hatte die Revolution bis zum Ausbruch der Schreckenszeit unter den Gebildeten Deutschlands und gerade in den höchsten gelehrten Kreisen begeisterten Anklang gefunden, dem dann Abkehr und Ernüchterung folgten. Ein Kreis von Männern, welche am Sitz des letzten Kurfürsten vereinigt waren, stand örtlich und geistig der Bewegung besonders nah, und das Erscheinen der republikanischen Armee entfesselte natürlich alle bis dahin unterdrückten Regungen. Aber weitaus der größte Teil der Bevölkerung verhielt sich innerlich gleichgültig oder ablehuend, und weder das Auftreten der „Befreier" noch die Erfolge ihrer Thaten leisteten einer tieferen Umwälzung Vorschub. Die spätere Zeit vom Frieden von Campoformio bis zu dem von Paris, ein Zeitraum von reichlich fünfzehn Jahren, schaffte mehr Boden für die Sympathie besonders mit französischen Rechts- institutiouen, als jene erste kurze tumultuarische und schreckensvolle Epoche hinterlassen hatte, und in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts entspann sich daraus rückwärts eine Art Legende, als ob die Massen bei jener ersten Berührung sich gewaltig entzündet hätten. Die Gestalten von Georg Forster und Adam Lux, der Roman Heinrich Königs, „die Clubbisten", und die politische Bewegung der dreißiger Jahre, welche ihre Hauptnahrung aus den französischen Kammerdebatten zog, das Alles wirkte zusammen, um jene weiter zurückliegende Episode mehr, als es der Wirklichkeit entsprach, in die Beleuchtung einer großen Erregtheit zu rücken, welche den Einen in einen: schön romantischen, den Anderen in einem betrübend widerwärtigen Licht erschien. Seitdem hak die historische Kritik Alles aufs richtige Maß zurückgeführt, und die vorliegende Darstellung stimmt damit aufs vollkommenste überein. Genau ebenso verhält es sich mit der parallel gehenden Legende von dem schvnsamen und humanen Verhalten der Invasion gegen die friedlichen Bewohner. Es giebt hier allerdings einzelne Züge zu verzeichnen, die besonders den Führern, hie und da anch den Truppen, zur Ehre gereichen. Es ist richtig und auch von Ehuquet mit allen Belegen ausgestattet, daß namentlich Custine bei seinem ersten Einmarsch gegen Speyer und Mainz von der Absicht durchdrungen war, auf Mannszucht zu halten, Plünderung zu verhüten, mit einem Wort die Erklärung wahr zu macheu, daß man als Befreier nnd Bruder komme. Auch wurden im Anfang namentlich strenge Exempel statuirt. Aber das Fleisch ist in diesem Falle noch viel schwächer als im Durchschnitt überhaupt. Im Beginn eines Feldzuges sind Disziplin und Menschlichkeit in der Regel noch leidlich beherzigt. Aber auf die Länge werden sie immer mehr vergessen, und der Sinn verhärtet. Hier, wo die wüstesten Elemente und eigene Entblößung noch so besonders stark mit eingriffen, ward die — 297 — Raubsucht nun gar bald grausam entfesselt. Je länger der Krieg dauerte, je mehr die Notwendigkeit sich aufdrängte, ihn uach alter Weise durch den Krieg zu ernähren, desto schlimmer wurden die Dinge. Bald darauf erhob bekanntlich die Pariser Regierung das Plünderungsslistem und die indirekte Ausraubung durch Bezahlen mit Assignaten zum System. Namentlich in Belgien wurde danach verfahren und das Werk der „Befreiung" dadurch unvermeidlich diskredilirt. Das Direktorium vervollkommnete noch, was die Konventsregierung eingeleitet hatte, und Napoleon s bekannte Proklamation an seine Soldaten vor dem Niedersteigen in die reichen Gefilde Italiens gab dem nationalen Beuterecht sogar sein Pathos. Ein Teil der Befehlshaber wandte in stiller Prosa die Lehre auf ihre eigene Person an. Der Krieg wird immer ein bösartiges Handwerk bleiben, aber Proklamationen wie die genannte und Privatbereicherung der Generale sind in unserer Zeit, wenigstens in Europa, schwer denkbar. Auf chinesischem Boden haben bekanntlich noch vor wenigen Jahrzehnten etliche Fälle die Erinnerung an die Praxis der früheren Zeit wieder aufgefrischt. Ich erwähne diesen Zug der damaligen Kriegführung, weil er an sich Interesse hat, aber nicht etwa, um nun einen vergleichenden Seitenblick ans die in Frankreich verbreitete Meinung von einem schlimmen Verhalten der deutschen Truppen im letzten Krieg zu werfen; es wäre unbillig, ja unschön, so freimütige und ehrliche Schilderungen, wie sie Chuquet und auch Sorel geben, zn einer Polemik gegen ihre Landsleute zu verwerten. Dagegen verdient ein anderer Gesichtspunkt näher gerückt zu werden, weil er nicht für den Hinblick auf länger oder kürzer Vergangenes, sondern für die große immer noch schwebende Streitfrage zwischen beiden Nationen seine Bedeutung hat. Bei der — 298 - Erörterung der Frage, mit welchem Recht Deutschland die zwei Grenzprovinzen im Frankfurter Frieden in Besitz genommen habe, ist es nicht müßig zu prüfen, welche Anschauung Frankreich über diese Dinge in den neunziger Jahren bekmmt hat. Der Einwurf, daß auch hier die sanftere Denkart der neueren Zeit sich den Hinweis auf jene vergangenen Tage versagen müsse, gleicht sich reichlich aus durch das Gegengewicht der Betrachtung, daß jenes zurückliegende Frankreich das der freiheitlichen Grundsätze war, auf welche uoch heute das allermodernste den Adel seiner Abstammung zurückführt. Und diese Betrachtnng wird noch ansehnlich verstärkt, indem wir beim Einblick in die konkrete Geschichte dieser Ideen erfahren, wie eingehend, vielfach und energisch sie damals in Theorie und Praxis ausgebildet worden sind. Endlich, um auch das noch hinzuzufügen' durch die Verwertung des von unparteiischen französischen Autoritäten gesammelten Materials wird in diesem Falle auch nicht indiskret gegen sie verfahren. Denn es liegt nahe und ließe sich aus ihrer eigenen BeHandlungsweise der Sache nachweisen, daß sie sich über ihrer Arbeit der naheliegenden Nutzanwendung auf die brennende Streitfrage vollauf bewußt waren. Sie geben freilich nicht ihre eigene Ansicht und würden sie schwerlich, wenn direkt darauf angegangen, im Sinne der schlechthinigen Anwendbarkeit jener ehemaligen französischen Lehrsätze auf die Gegenwart, formuliren. Aber das wird auch von dem Historiker nicht verlangt. Genug, er schlägt uns Akten aus, welche offenbar für unseren Streitfall sehr beherzigenswert sind. Die daraus sich ergebenden Schlußfolgerungen find so treffender Art, daß sie ausdrücklicher gar nicht formuliert zu werden brauchen. Indem ich dies Gebiet beschreite, gehe ich über den Rahmen des von Chuquet in den fertig daliegenden sieben — 299 — Bänden verarbeiteten Stoffes hinaus. Der Gegenstand wird zwar bei Gelegenheit der belgischen und der Mainzer Episode gestreift, aber er kam damals nicht zum Austrag. Erst im weiteren Verlauf der Ereignisse nimmt er deutlicher Gestalt an, bis in den Verhandlungen, die zum Baseler Frieden führen, scharfe Erörterungen und greifbare Tatsachen hervortreten. Allein was der Geschichtschreiber bis jetzt noch nicht vollendet hat, ist von dem Litterathistoriker bereits ins Auge gefaßt worden. In der von ihm herausgegebenen ,,R.svus Oritiqus 6'Iristoirs st, 6s Iit.tsrg.turs" vom 7. März d. I. stoßen wir auf die Besprechung des vierten Bandes von Sorel's bereits mehrfach erwähntem Werke, dessen Inhalt und Geist uns immer wieder mit dem zu Grunde gelegten Werke Chuquet's zusammenführt. Dieser Band trägt den bezeichnenden Titel „Die natürlichen Grenzen" (Iss Iimits8 natnrsllss). Ich begnüge mich, einen Teil derjenigen charakteristischen Stellen wiederzugeben, welche Chnquet aus Sorel's Text heraushebt, entweder im Wortlaut oder sie dem Inhalt nach zusammendrängend. Für das genauere Studium muß natürlich auf den Band Sorel's selbst hingewiesen werden. Auf den kürzesten Ausdruck gebracht, giebt die Darstellung den Nachweis, daß die nach Robesvierre's Sturz eingetretene Konventsregierung der Moderierten, später fortgesetzt vom Direktorium, mehr als je den Krieg um ihrer Autorität nach innen hin wollte und wollen mußte, — Sorel hat dafür den Namen „1a gnsri-s äs mg,AiriiissQos" — und daß als praktische Schlußfolgerung daraus die Lehre der höheren Notwendigkeit der „natürlichen Grenzen", insbesondere der Rheingrenze, hervorging. Zunächst knüpfen die Citate an die Schwierigkeiten, welche trotz des Baseler Friedens fort- — 300 — bestanden: die unbesiegte Veudse, die kriegerische Haltung Oesterreichs und Englands. Da heißt es uuu: „Die öffentliche Meinung wirft sich auf die Eroberungen, sie hält den Frieden nur für gesichert, wenu die Verbündeten gedemütigt werden und die Republik hinter der Rheingrenze geschützt steht." — „Die Idee der Eroberung vermischt sich gänzlich mit der Idee der Revolution, und die Aufrichtung der republikanischen Verfassung verknüpft sich mit dem Erwerb der natürlichen Grenzen; es gilt für ein Diplom des Patriotismus (brsvst, 6s xmtriorisnis), sich für die Rheingrenze auszusprechen." - „Wie viele Aussprüche müßte man eitieren," sagt Chuquet einige Zeilen weiter, „die bei den Discussionen über diesen Gegenstand gethau worden, z. B. den von Merlin: „„Um sich für die Uebel und die Unkosten des ungerechtesten aller Kriege zu entschädigen und um einem neuen Krieg vorzubeugen, darf und muß die Republik kraft des Rechtes der Eroberung, d. h. durch die Friedensschlüsse die ihr passenden Gebiete erwerben, ohne deren Einwohner zu befragen""— den Ausspruch von Eschasseriaux: „„Man darf nicht Erobern nennen, was man thut, um sich die Mittel der Verteidigung zu verschaffen-, was Sitten und Institutionen anbelangt, mit denen wird man nach der von Regierung und dem Gesetz gegebenen Weisung fertig werden,"" — vder den Ausspruch von Portiez: „„Der Wille der Völker ist gegeben durch ihr Interesse, und ihr Interesse besteht darin, mit der Republik vereinigt zu werden;"" — den Ausspruch von Carnot: „„Sie, die Mitglieder des Konvents, sind es unseren Armeen schuldig, Frankreich den glorreichen Preis ihres Blutes zu cr- ^1 Notabene Merlin ,i'is, Lsxolci Oörk. — 304 — wahrhaft edlen und außerordentlich seltenen Objektivität die höchste Auszeichnung zuerkennen wollte. In unfern Tagen, wo das nationale Selbstgefühl zur obersten aller Tugenden gestempelt, wo seine Uebertreibung bis zur Karrikatur eines der dankbarsten Popularitätsniittel geworden, gewährt es doppelte Freude, das Auge auf solchen Erscheinungen ruhen zu lassen, und gerade auf französischem Boden, und ganz besonders wo es sich um Auseinandersetzungen mit Deutschland handelt. Schriftsteller von gleicher Objektivität, wie Arthur Chuquet, Albert Sorel, Gabriel Monod^) sind überall eine Seltenheit; sie sind es zumal unter den hier obwaltenden Umständen in Frankreich, und es ist nicht nur eine Freude, sondern auch eine Pflicht, dahin zu wirken, daß sie nach Gebühr verbreitet und anerkannt werden. Auch ist nicht zu vergessen, daß diese ihre Objektivität sie nicht gehindert hat, bei ihren Landsleuten reichsten Beifall zu ernten. Unter den deutschen Historikern unserer Zeit wird Keiner zu finden sein, der im Punkte der Objektivität höher als Chuquet gestellt zu werden verdiente: aber wie Manche könnten darin viel von ihm lernen! Die chauvinistische Geschichtschreibuug ist keine deutsche Erfindung, aber die neuere Zeit hat Nachahmungen dieser Methode bei uns erstehen sehen, die alle ihre Vorbilder an gewollter Einseitigkeit hinter sich zurücklassen. Der Neophntismus hat auch hier seine Neigung zum Extrem bewährt, und die Verkündung der Lehre, daß die Geschichtschreibuug recht eigentlich die Aufgabe habe, den Nationalstolz, oder, in diesem Fall richtiger gesagt, das Nationalvvrniteil zu fördern, ist eines der absurdesten Erzengnisse dieses eigentümlichen Strebcns nach nützlicher Unwahrheit. Die Frage, zu welchem Zweck man Geschichte Der Herausgeber der Lsvus Kistori^us. — 305 — lehren und lernen soll, die bekanntlich so oft und in Deutschland so klassisch behandelt worden ist, mag jeder möglichen Beantwortung offen stehen, aber niemals wird diese Antwort vernünftiger Weise lauten dürfen: man solle keine Geschichte, sondern Erdichtetes schreiben. Und wie überall, so auch hier steht, vom Nutzen zu schweigen, der Genuß, den eine wahrhaftige Behandlung bereitet, unendlich hoch über dem falschen Kitzel, den eine deni eitlen Selbstgefühl des Lesers schmarotzende Schönmalerei erzeugt. Man lese das Werk Chuquet's als Probe daraus. Vor Allem dies Gefühl der Sicherheit! Man empfindet sofort, daß man sich in einem Hause bewegt, iu dem man, so zu sagen, alle Thüren, Schubfächer und Schlösser seiner Wahrnehmung vertrauensvoll offen stehen lassen kann. Es wird nichts heraus- uud uichts hineinpraktiziert, nichts verkleinert und nichts vergrößert. Bei jeder Schilderung hat man die angenehme Gewißheit, wie beim Eintritt in ein wohlzivilisirtes Geschäft: feste Preise: es wird nichts darauf geschlagen, um den Unkundigen zu übervorteilen, und man braucht nicht bei jedem Schluß, der sich uahe legt, still zu stehen mit der Frage: was habe ich davon abzuziehen, um auf das Richtige zu kommen? In dieseni Sicherheitsgefühl liegt mehr als ein substantieller Gewinn, es liegt der größte Reiz darin, der dem Freund der Geschichte geboten werden kann; ein Reiz, der nicht erst aus der Reflexion entspringt, sondern sich unmittelbar in die Form ästhetischer Wahrnehmung umsetzt. Daß, wie der berühmte Naturforscher sagte, der Stil der Mensch sei, mag vielleicht nur mit einer gewissen Einschränkung gelten. Aber daß der Geist, in dem eine Aufgabe gelöst wird, sich im Stil spiegelt, ist außer Frage. Und wenn Reinheit des Geistes irgendwo die erste Bedingung ästhetischer Leistung ist, so ohne Zweifel auf dem historischen Gebiete. Es giebt nichts Wohl- Ludwig Bambergens Ges. Schriften. H. M — - ?n>^ thucuderes auf der Wanderung durch die buutbestandenen Gefilde vielgestalteter Dinge, als die reine Luft eines über der Parteien Haß und Guust erhabenen Geistes zu spüren. Der schlichte Sinn, der alle seine Schärfe darauf richtet, das Thatsächliche zu erfassen und unverfälscht wiederzugeben, flößt in Zeichnung, Farbe und Licht mehr Wohlgefühl ein, als alle koloristischen Künste darstellender Rhetorik zu bereiten vermögen. Es ist auch nicht Zufall, daß Chuquet zu seinem Verfahren gekommen ist, welches man die Kleinmalerei im besten Sinne nennen könnte. Diese Methode ist unmittelbar durch seinen Wahrheitsdrang gegeben, der nur durch das Wissen des Einzelnen zu befriedigen ist. Aber da der Drang lebensvoll und lebens- 1/ lustig ist, so wird unter seinem Schaffen das Kleine nicht trocken und kleinlich, sondern frisch und bedeutsam. Hier ist nichts von der Dürre jeuer seminaristischen Verknöcherung, die man mit dem bezeichnenden spaßhaften Namen der „Quellenmanerei" getauft hat; es ist Blutwärme der Gegenwärtigkeit in der Erzählung. Allerdings, wer die ganze Weltgeschichte, in allen ihren Teilen und Epochen, auf diese Art erzählen oder studieren wollte, der müßte mehr als die Dauer und die Fassungskraft eines menschlichen Gehirns zur Verfügung haben. Es ist auch nicht zu befürchten, daß die ganze Geschichte so geschrieben, geschweige denn von einem einzelnen Menschen so gelesen werde. Aber es giebt Episoden der Weltgeschichte, deren Vorführung immer wieder von Neuem unsere Wißbegierde, um nicht zu sagen unser Sensationsbedürfniß reizt, und zu diesen Episoden gehört die gewaltige Erschütteruug, welche am Ende des vorigen Jahrhunderts von Frankreich aus über Europa gegangen ist. Genau genommen ist eine vollkommene und erschöpfende französische Geschichte der Revolution noch nicht in Ein Werk so zusammengefaßt — 307 — worden, daß man auf die Fragen welche soll ich lesen? mit Einem Namen antworten könnte. Auch wird man gewiß zu diesem Zwecke nicht diese sieben Bände als das Richtige bezeichnen können. Aber da eben das Ganze nicht bei einander zu haben ist, so kann man in vollkommener Ruhe sagen, wer eine bestimmte Seite des Geschehenen mit sicherem Gewinn und Genuß kennen lernen will, der greife hier zu; er wird es nicht bereuen. Einen besonderen Zug möchte ich noch beiläufig erwähnen, durch den gerade für den deutschen Leser ein Interesse eigentümlicher Art erweckt wird. Wie viele Namen stoßen uns in diesen Berichten auf, die bezeugen, daß ihre Träger, sei es auf deutscher Erde geboren wurden, sei es durch Abstammung ihr angehörten. Um nur Einige zu nennen, die sich auf den ersten Griff bieten, wenn wir die französischen Wciffenthaten und ihre Führer an uns vorüberziehen sehen. Da sind: Luckner, Kellerman, Neuwinger, Wimpfen, Balthasar Schauenburg, Westermann, Stengel, Kleber, Rapp, Ney, Offenstein in erster Reihe. Die zufällige Gestaltung der Ereignisse führte sie in eine Bahn, auf welcher sie iu den Ruhmestempel Frankreichs eingingen. Unter den Konstellationen einer späteren Zeit hätten sie wohl auf der entgegengesetzten Seite gestanden und wären als „Briganten und Barbaren" gebrandmarkt worden. Es giebt viel handgreifliche Dummheit auf der Welt, aber nichts Dümmeres, als die Uebertragung politischer Gegensätze auf das Urteil in Sachen menschlichen Charakters. Und doch ist dieses Verfahren fo verbreitet, daß wir aufs Angenehmste überrascht sind, wenn wir einmal, wie in unserem Fall, keine Spnr davon entdecken. — 308 — Arthur Chuquet ist noch nicht ganz vierzig Jahre alt. Der Umfang und die Qualität seiner bisherigen Leistungen berechtigen zu der Erwartung, daß die lesende und forschende Menschheit ihm noch viel zu verdanken haben und daß er sich einen glänzenden Platz in der Weltliteratur erobern werde. Er ist aus der Levis norrQÄls hervorgegangen, der so viele ausgezeichnete Männer seines LandeZ angehört haben; er hat seine Studien in Berlin und Leipzig sortgesetzt. Nach seiner Rückkehr aus Deutschland ward er Professor des Deutscheu am Lycse St. Louis und mit derselben Aufgabe an der Leols rioi-urs-ls betraut. Seit dem Jahre 1888 steht er an der Spitze der „R.svus eriti«zus", wo er Gabriel Monod und Gaston Paris ersetzt hat.") Ein gewaltiger Wissens- und Schaffenstrieb mit einem Sinn von seltener Lauterkeit verbunden erinnert bei Allem, was aus seiner Feder stammt, an den Spruch: „Der Mensch ist gut in Dem, was er versteht." 5) Im Jahre 1893 wurde Chuquet auf den Lehrstuhl der germanischen Sprachen am LoUsxs äs Kranes berufen. Otto Gildemeister.'' Zu seinem sieb enzigsten Geburtstage. *) Aus der „Nation" Nr. 24 vom 11. März 1393. Mun kann ich mir von ungefähr vorstellen, wie einem Poeten zn Mute sein mag, wenn er ansetzen will, seinen Helden und dessen Thaten zu besingen. Lust und Liebe kämpfen in seinem Innern mit dem Bangen vor seiner Unzulänglichkeit, und in seiner Not wendet er sich zu höheren Mächten, ihren Beistand herbeizurufen. Da ich aber kein Dichter bin und in keinem persönlichen Verhältnis zu Göttern und Musen stehe, bleibt mir nichts übrig, als mich von Mensch zu Mensch zu wenden, meine Apostrophe an die nächstbetrofsene Person selbst zu richten. Verehrter Freund! Seien Sie mir nicht böse, daß ich dem Ansinnen unserer gemeinsamen Freuudin, der Redaktion dieser Wochenschrift, Gehör gebend, Sie an Ihrem siebenzigsten Geburtstag zum Opfer einer Besprechung mache. Ich weiß wohl, das ist Ihnen fatal. Aber Sie werden mir zugeben, es mußte sein. Entgehen konnten Sie dieser Indiskretion auf keinen Fall. Dafür ist die Buchführung über die Kalendertage der psalmistischen Termine in deutschen Landen zu wachsam, und das ist uns zu verzeihen. Wir thun ja sonst nicht übermäßig viel, um denen, die sich dem Guten, Schönen, Wahren ihr Leben lang widmen, zu zeigen, daß sie nicht vergebens gelebt haben. Wenigstens sofern sie nicht Exzellenzen, Durchleuchte oder etwas noch Höheres auf - 312 — der Stufenleiter der Wesen sind, begnügen wir uns damit, ihnen unsere Schuld abzutragen, wenn sie gestorben sind und wir Sicherheit dafür haben, daß sie sich unserer Dankbarkeit nicht mehr freuen können. Man könnte das lateinische Wort, daß von den Toten nur Gutes zu sagen sei, ins Deutsche übertragen' „Gutes nur von den Toten". Am zweiten oder dritten Tag nach ihrem Scheiden, nämlich unmittelbar ehe man sie deni Schooß der Mutter Erde überliefert, brechen wir das Schweigen, und am fünften oder sechsten Tag darauf setzen wir es wieder fort mit ungeschwächten Kräften. Ja es ist mir sogar, als ich vor einem Vierteljahrhundert wieder in die Heimat zurückkehrte, aufgefalleu, daß hier die Erfüllung selbst dieser rein menschlichen Herzenspslicht viel mehr als anderivärts dem Geistlichen überlassen wird, der, wie es sein Berus mit sich bringt, weniger in die irdische Vergangenheit zurückblickt, als hinaus in die himmlische Zukuuft. Vielleicht fühlen wir das Gute darum nicht minder, weil wir es verschweigen. Gab doch selbst der Dichter, dem man jetzt in seiner Heimat die Ehre des Angedenkens verweigert, dem schweigsamen deutschen Weibe den Vorzug! Nur.so viel scheint mir sicher: sollten wir's auch nicht weniger fühlen, so fühlen wir's jedenfalls weniger lebhaft. Und weniger lebhaft berührt sich immerhin bedenklich nahe mit weniger überhaupt. Die Sitte, den Abschnitt der siebenzig Jahre zu feiern, ist wohl darum bei uns seit geraumer Zeit so stark in Aufnahme gekommen, weil in ihr eine kleine Korrektur für sonstige Unterlassungen gegeben ist. Daß man so lange warten muß, um diese moralische Alters- uud Invaliden- Versorgung zu verdienen, ist freilich eine erschwerende Bedingung. Aber schon hat die moderne Entwicklung auch hier manchmal die bessernde Hand angelegt. Das sechzigjährige Jubiläum hat bereits seiuen Platz in der Reihe der — 313 — nationalen Tafelfreuden erworben, einer Vorsicht entsprechend, die bei der Gebrechlichkeit menschlichen Daseins wohl begründet erscheint. Gewiß! entgangen wären Sie dieser Huldigung auf keinen Fall. Und das werden Sie einräumen' erscheint einmal der Chorus mit dem Lorbeer, so konnten wir von der „Nation" nicht fehlen. „Denn er ist unser", dürfen wir im Präsens sagen, das glücklicher Weise eine Klage zu übertönen uicht berufen ist. Soll ich nun noch aussprechen, warum gerade mir dieser ehrenvolle Auftrag geworden und warum ich ihn nicht glaubte abweisen zu dürfen? Eigentlich giebt es nur Einen, der wirklich der Sache gewachsen wäre, der sie in der knappen und tiefen Erschöpfung, der Forin und dem Inhalt nach, wie sie es verdiente, hätte bewältigen können. Aber dieser Eine ist gerade in diesem Falle so gar nicht zu haben! So mußte denn ein anderer daran, und mancher hätte es in manchem Punkte vielleicht besser gemacht, als der, dem es zugeteilt worden. Nur in einem Punkt möchte er keinem weichen, nämlich in der Erkenntnis, wie schwer es ist, hier das Richtige zu treffen. . Vielleicht ist das seine beste Legitimation gerade in Ihren Augen, verehrter Freund, nämlich, daß er am besten weiß, wie schmerzlich es Ihnen ist, so vor der Oeffentlichteit abgewandelt, vielleicht gelobt zu werden, und zwar von Einem, dem Sie solchen Vertrauensbruch nicht zugetraut hätten. Was ist da zu machen? Bitte, halten Sie still. Auch ein bischen Ehre ist bald vorüber. Ein tiefer, süller, klarer See, in dem sich Sonne, Mond und Sterne spiegeln, das wäre das Bild eines glücklichen Geistes, der aus dem Grund eines räumlich umfriedeten, ruhigeu Daseins höchster Freuden, des Verständnisses von — 314 — Well und Menschen weit umher, in Sein und Wirken, in Kunst und Wissen teilhaftig wird. So in eins zusammengefaßt, tritt dies Lebensbild mir entgegen. Es mögen die eigenartigen Verhältnisse der Heimat etwas dazu beigetragen haben, diese reich zusammengesetzte und harmonisch abgerundete Existenz in ihrer Gestaltung zu begünstigen. Zwar in aller menschlichen Entwicklung, das ist meine Ueber- zeugung, ist die Urcmlage der Individualität das beinah allein bestimmende. Immerhin waren wohl der kleine Staat und die nicht große Stadt des heimatlichen Gebietes dazu angethan, einen festen Standort zu Hause mit einem freien Ausblick in die Weite zu gewähren. Unter den drei hanseatischen Republiken ist Bremen die, in welcher die Vorzüge und Nachteile eines vom großen Hinterlande selbständig abgesonderten Geineinwesens am wenigsten Perrücken- und Philistertum erzeugt, in welchem die Nichtunterthänigkeit ein gesundes bürgerliches Selbstbewußtsein erzogen hatten, das sich willig an die politischen Bestrebungen Gesamt- dentschlands anschloß. Für die Weite des Gesichtskreises nach außen sorgt das brave Meer. Ein gutes Bremer Kind steht nur mit eineni Fuß auf dieser Seite des Ozeaus, mit dem anderen drüben, meistens in Nord- oder Südamerika. Kommt's nicht an jedem in eigener Person leibhaftig zum Austrag, so erfährt er es am Nächsten, am Bruder oder Vetter, am Sohn oder Schwager. Immer ist Gewähr vorhanden, daß Lust und Licht hereindringen. Gildemeister's Jugendreife fiel in die Zeit, da die ersten Zcisen Triebe einer politischen Regung im deutschen Leben schüchtern zu knospen begannen. Es waren die Jahre vor dem Ausbruch von Achtuudvierzig. Diese unsere Generation hatte nicht die vorangehenden Enttäuschungeu der Befreiungskriege und der dreißiger Jahre erlebt, und die späteren lagen noch ungeahnt vor ihr. Sie war nicht über prak- — 315 — tischen Versuchen gestrauchelt, und ein kindlich heiterer Freiheitszug durchwehte platonisch ihre Brust. Dem Stillleben der Nation entsprechend gestaltete sich alles mehr litterarisch als politisch —, ganz wie geschaffen für unseres Jünglings besondere Sinnesart. Wunderbar, wie in diesem Leben alles zusammenstimmt, auch die ersten Blüten mit den Früchten des spaten Alters. Sein erstes Werk, die metrische Übersetzung von Byron s Don Juan, die Arbeit des Bonner Studenten, bildet das Anfangsglied jener Perlenschnur köstlicher Gabeu gleicher Art, mit denen er die deutsche Litteratur bis in die letzte Zeit hinein beschenkt hat. Mir scheint, nichts kann bezeichnender sein für das Wesen eines Mannes, als diese glückliche Symmetrie der Schaffenslust und der Selbsterkenntnis über den langen Zeitraum eines halben Jahrhunderts hin. Welch eine innere Klarheit gehört dazu, so von Anfang an sich zum Richtige,: zu finden, welch eine Weisheit, so daran festzuhalten, welch ein glückliches Naturell unermüdet immer neue Freude mit ueuer Vervollkommnung auf derselben stillen Spur zu finden. Und dazu die rührende Genügsamkeit, sich mit seiner ganzen großen Kraft auf das Eindringen in die Werke der großen Meister anderer Sprache zu verlegen, allerdings mit dem Erfolg, in der eigenen damit schöpferisch zu wirken. Den Jüngling lockt Lord Byron's übermütiger Don Juan. Der Mann legt die Hand an die ganze Reihe der übrigen vielgestaltigen Dichtungen dieses verwegensten und originellsten aller Romantiker. Und damit nicht zufrieden, macht er sich aus, Shakespeares gewaltiger Muse auf ihre steilsten Höhen zu folgen und, selbst mit ihr vertraut, sie dem deutschen Leser zuzuführen. Endlich, in den höheren Jahren gleichsam der Neigung zu heiterem, wohltöuendem Abschluß gehorchend, wendet sich der immer frisch quellende Arbeitsdrang hin nach den südlichen Gefilden melodisch klingender Zunge, bringt uns in rascher Aufeinanderfolge zuerst Ariost's rasenden Roland, des schalkhaften, sinnensrohen Meister Lu- dovico's abenteuerliches, im mittelalterlichen Geist der modernen Byronschen Muse verwandtes Heldengedicht, und unmittelbar darauf die Bewältigung der härtesten unter allen herkulischen Uebersetzungsarbeiten, die Verdeutschung der Göttlichen Komödie. Alles dies gleichzeitig, ja beinahe wie als Erholung neben einer rüstigen Thätigkeit auf den verschiedensten Gebieten ernster Berufspflichten, die mit wahrer Virtuosität erfüllt werden. Ein glückseliges männliches Dasein, dessen hoher Wert sich gerade darin kennzeichnet, daß, um es ganz zu würdigen, man es aus der Nähe beschauen muß. Nichts was auf große Distanzen blendet oder mit schlagenden Effekten erstaunt, aber stiller Reichtum und innerliches Ebenmaß in Hülle und Fülle. Ich vermute, die Gildemeister sind ein altes Bremer Geschlecht, der Name schon klingt so gut reichsstädtisch. Der Vater, Karl Friedrich, geboren 177U, gestorben 1849, war Sekretär des berühmten Bürgermeisters Johann Smidt, den er 1814 ins große Hauptquartier der deutschen Alliierten begleitete. Im Jahre 1816 wurde er zum Mitglied des Senats gewählt, dem er bis zu seinem Tode angehörte. Am 13. März 1823 wurde der Sohn Otto geboren. Schon der Vater hatte Neigung zu den sprachlichen Studien und führte den Sohn ins Italienische, auch in die Lektüre des Dante ein. Nach absolviertem Gymnasium zog der junge Mann auf die Universität nach Berlin und Bonn „zum Studium der geschichtlichen, politischen und volkswirtschaftlichen Wissenschaften, sowie der wichtigsten lebenden Sprachen Europas" — so heißt es in seinen Akten, und keines dieser Gebiete ist hinter dem andern zurückgesetzt, alle sind gleich sorgsam bebaut worden, haben es am Ertrag nicht fehlen lassen. Im Juni 1845 lehrte Gildc- meister in die Vaterstadt zurück, wirkte einige Jahre lang als Mitarbeiter der Weserzeitung und übernahm im Jahre 1850 die Redaktion des Blattes. Im Jahre 1852 zum Regierungssekretär ernannt, legte er die Redaktion nieder und übernahm zunächst die Verwaltung des Staatsarchivs. Im Jahre 1857 ward er, den Spuren des Vaters folgend, in den Senat gewählt; 1871 wurde er zum ersten Male Bürgermeister und bekleidete dies höchste politische und städtische Amt der Heimat, bis er am 11. Februar 1890, nach mehr als dreißigjährigem Senatsdienst, sich in den Ruhestand zurückzog, (die Funktionen des „regierenden" Bürgermeisters wechseln zwischen zwei Titularen Jahr um Jahr ab). Dieses lange, emsige, fruchtbare, vielseitige Dasein spielt sich ab aus dem immer gleichen Grunde der Geburtsstätte. Große Politik und Weltlitteratur beschäftigen ihren Meister unverrückt an derselben heimischen Scholle. Von hier aus spinnt er seine Fäden ins Fabelland der fremden Phantasie und lenkt mit fester Hand die wichtigsten Angelegenheiten des heiniischen kleinen aber feinen Staatswesens nach Innen und Außen. Ueberall, wo Gildemeister anfaßte, ward er alsbald der erste unter seines Gleichen. Seine Redaktion gab dem von ihm geleiteten Blatte ein besonderes Gepräge. Ein litterarischer uud urbcmer Geist wohlthueuder Distinktion weht noch heute, wie ein Abglanz und Vermächtnis alter Zeit, durch die Blätter der „Weserzeitung". Fest und sicher stand er allzeit seinen Mann in den Geschäften des Regierens. Ein klarer, scharfer Kopf in Beherrschung aller Finanzfragen, ein in allen Einzelheiten des Fachs durchgebildeter NationalöLouom, ein ruhiger, unisichtiger und charakterfester Diplomat, das letz- — 318 — tere mit Aufgaben verbunden, die oft recht schwierig wareu, weil und nicht obgleich es sich nm Reibung zwischen dem kleinen Staat und seinem großen Nachbar handelte. Denn dieser war bekanntlich für seine Großmut nie berühmt und zur Schonung des anständigen Schwachen niemals aufgelegt. Als erst die Zeiten kamen, da Fürst Bismarck das Stichwort des Schutzzolles ausgab und nun mit der ganzen Wucht seiner persönlichen Furia wie der klaren Absicht eines künstlich zu züchtenden Nationalfanatismus in Allem und Jedem Unterwerfung unier sein neues Programm verlangte, begannen harte Kämpfe für die im Geist freier wirtschaftlicher Grundsätze groß gewordene Seestadt. Gildemeister hatte seit den Tagen des Norddeutschen Buudes Bremen im Bundesrat vertreten. Seiner volkswirtschaftlichen Bildung gemäß gehörte er mit Leib und Seele der Lehre vom Heil freier Bewegung und männlicher Selbst- verantwortuug an. Das war schon mehr als genug, um ihn in den Augen des argwöhnischen Hassers unter die Allerverdächtigsten zu verstoßen. Nun kam noch gar die Jntrigue hinzu, die angezettelt wurde, um Hamburg uud Bremen in den Zollverein hineinzuzwingen, ihre freihändlerische Gesinnung dadurch an der Wurzel auszurotten, daß man protektionistische, schutzverlangende Interesse in ihrem eigenen Mittelpunkt groß zog. (Im Hintergrunde spielte von Anfang an in der ganzen Kabale König Schnaps eine entscheidende aber für ihn selbst unglückliche Rolle, doch gehört das nicht hierher.) Wie der Vertreter, so stand das ganze freihändlerische Bremen alsbald oben au auf der schwarzen Liste. Aber es lag auf der Hand, daß die kleinere Hansestadt keinen Widerstand mehr leisten konnte, wenn erst die größere zu Kreuz gekrochen. So ivars sich Bismarck zunächst auf Hamburg, und als die ehrbaren Väter der Republik, nach erstem entrüsteten Ausbäumen, — 319 - in heilsamen Schrecken versetzt, reuevoll Abbitte thaten, wurden ihnen großmütige Friedensbedingungen gewährt. DciN kleine Bremen ließ man mit vergnügter Bvshaftigkeit im Vorhof stehen, da sein Schicksal besiegelt war. Das gab natürlich peinliche Aufgaben für einen Vertreter, der für die Erduldung von Despotenhudelei weder im Geist noch im Charakter angelegt war. Während er früher, zur Zeit der Parlmnentstaguug, Monate lang im Bundesrat an dessen Verhandlungen eifrig Teil genommen, kam er jetzt uur uoch selten, wenn es nicht zu vermeiden war, nach Berlin, niemals mehr zu regelmäßigem dauernden Ausenthalte, eine schmerzliche Entbehrung für seine Freuude iu der Hauptstadt. Es gehörte so zu den kleinen unter den großen Miseren der Aera der Verfolgungswut, daß man auch iu seinen stillen Frenden getroffen wurde. Doch für ^ die Abwesenheit des mit iu Deutschland seltenem Konver- sationstaleut begabten Freundes sollten wir durch die ungestörter fließende Muße der Arbeit in der trauten Heimat entschädigt werden. Von 1882 bis 1883 wnrde der Ariost übersetzt, 1834 der Dante nicht nur übersetzt, sondern mit knappen scharf gezeichneten Glossen versehen. Merkwürdig! Erst nach dein Rücktritt aus dem Staatsdienst, im Anfang des Jahres 1890 machte sich der Ueber- setzer des Roland und der Komödie, der tiefe Kenner italienischer Sprache, Geschichte und Kunst auf den Weg, um mit eigenen Augen ihr Land zu schauen, insbesondere Florenz, wo ihm sogar seit Jahreu ein Schwager wohnte, ' Wie bezeichnend für den Mann, der alles vom ruhigen Port seines weitumfassenden und seinfühlenden Geistes aus zu erfassen uud zu genießen veranlagt war. Beinahe ein halbes Jahrhundert hatte er in bürgerlicher Eintönigkeit an der füllen Stätte seines thätigen und beschauliche» Wirkens verlebt, seitdem er seine erste jugendliche Schöpser- freude an der deutschen Nachbildung jenes ruhelosen aristokratischen Temperaments ausgelassen, welches, verstimmt und verhetzt, den Nebeln des Nordens entflohen mar, um Lust und Leidenschaft im südlichen Sonnenbrand auszu- baden und dabei umzukommen. Welch' ein ergiebiger Stoff läge in der Berührung dieser Gegensätze. Aber der würde gewaltig irren, der da meinte, nur Gegensätze lägen hier verborgen. Solches Verständnis ist nicht denkbar ohne innere Verwandtschaft des Geistes wenigstens, wenn auch nicht des Charakters. Man werfe einen Blick in das erste Jugeudwerk, die im Jahre 1845 (bei Schünemann in Bremen) erschienene erste Ausgabe der Don Juan-Uebersetzung. Man lese die Vorrede, man vergleiche sie mit den späteren, und ebenso den Text der Verse. Wie das sprudelt, wie das Funken stiebt! Wie es im frohen trotzigen Freimut selbstbewußten Urteileus alle Schranken überspringt. Und doch schon der gleiche Bienenfleiß, der bis ins hohe Alter hinein so gewissenhast und liebevoll sich ins Kleinste vertieft. Ebenso nach langen vierzig Jahren lockt ihn wieder ein anmutiger und respektloser Schalk, die Lust an den „Narretheien Meister Ludovico's". So blieb er doch stets derselbe, der bereits auf der Schulbank, sagen die Zeitgenossen, zu verbotener Arbeit hinter des Lehrers Rücken mit dem Don Juan begonnen hatte. Erst einundzwanzig Jahre zählte der Verfasser, als er die vollendete Arbeit, mit historischen und litterarischen Glossen versehen, herausgab. — Das war doch eine andere Art von flottem Studeuten- tnm, als das, welches heute mit verpflasterten Schmissen zu Ehren des nationalen Geistes aus den Straßen paradiert. Es kann ja leider nicht vergönnt sein, hier in die Charakteristik dieser und aller folgenden Arbeiten einzudringen. Das Interessanteste wäre eine Vergleichung der ersten Don Juan-Ausgabe nnt der späteren (1864). Letztere, in der Vorrede weniger keck, zugleich in der Form des Textes feiner ausgearbeitet als die frühere, welche eben ihren besonderen Reiz besitzt in der Art, wie sie das Original in seinen losen Wendungen und in den wilden Sprüngen des Versmaßes zu übertrumpfen versteht. Nur ein Beispiel statt vieler. I. Gesang. Strophe 40. Schlußverse: Or Kints ooiuimiktion ot' tlis sxsoiss "Was svsr snK'sr'ü, Isst Iis s^onlü Zrow viizious. Erste Ausgabe: Ging etwas auf die Fortsetzung der Specics So bannt' aus seinem Studienplan stets sie es. Spätere Ausgabe: Was anspielt' auf die Fortpflanzung der Rasse Blieb fern, damit er stets das Laster hasse. - Bekanntlich folgte dem Don Juan die Ucbertragung aller übrigen Gedichte Byron s in sechs Bänden. Einiges, .was in der ersten Ausgabe von 1864 noch zurückgeblieben war, kam ergänzend in der von 1866 hinzu. Seitdem ist eine dritte im Jahre 1877 erschienen (Berlin bei Reimer). Die Byron-Uebersetzung steht in Deutschland, wenn Gilde- meister's Name genannt wird, im Vordergrund. Sie ist das Fundament seines Ruhms in der Geschichte unserer Litteratur geworden und wird es bleiben, ohne daß die gewaltige Leistung aller späteren Arbeiten ihm ein geringeres Recht darauf gäbe. Aber schon als erstes 3ts>näg.r ?^ ^ 'v^' Ä^f « ^ ÄS Lrr » ?U « U ' ^ ^»>>. I?S ^ 'fV^i ^ M K U « M « M ^ M- ^ M M M ?K « z<». W ^ M W -?»T. ^.i -/»v U « '^Z « ^ - - M "' »^s « M «- ^ U ^ N « ^ 7»? ' ^ ^ « N « Z «M M -^W^H^W « R s.« " ^, «MK .., »«jt !^>! ... >iH,>- ^ M >^ -x^- ^i- )K ^ W?. ^ I ^ ^ ?5? » i..^- K « N ^ K « M « ^ M. « U s U ^M.MZ m " ^ ^^^^WM ' ztzi- ' « M ... ^ V ... W ^ M M » M ' ?K AT " KK ^ ' Ak? M ' K Ä ?N K M >^i! ZM> A U