Ulrich m Hnttrn Trauerspiel in fünf Aufzügen rwn F Erich Helf. Presden und Leipzig L. piersou' s Verlag. 1893. ' Alrich von Hütten. (Trauerspiel in fünf Auszügen von F. Erich Helf. » Dresden und Leipzig. E, Pierson's Verlag, 1893. Alle Rechte vorbehalten. Den Biiwien gegenüber Manuskript. Perſonen. Karl V., Deutſcher Kaiſer Ferdinand, ſein Bruder. Ullrich von Hutten Franz von Sidingen Eitelfritz von Zollern Otto von Bergen Ritter. Sylveſter von Schaumburg Kronberg Fürſtenberg Richard von Greiffenklau, Churfürſt und Erzbiſchof von Trier. Philipp, Landgraf von Heſſen. Ludwig, Churfürſt von der Pfalz. Heinrich von Naſſau! Räte des Kaiſers. Chièvres Aleander, Kardinal, päpſtlicher Legat. Frundsberg, kaiſerlicher Feldhauptmann. Dr. Martin Luther. Ulrich Zwingli. Hans Schnegg, deſſen Freund. Joh. v. Eck, Kanzler von Trier. Der Abt von St. Marimin bei Trier. Der Prior des Auguſtinerkloſters zu Mülhauſen im Elsaß. Crispinus Franciscus Auguſtinermönche. Martinus Ein Chorfnabe. Brenner, Hauptmann der Landsknechte. Rudolf, Bube des Churfürſten von Trier. Friedel Franz Buben Sickingens. Robert Der Thorwart auf Schloß Bergen. Margarethe, Otto von Bergen's Gattin. Bertha, Sickingens Tochter. — IV — Maria, Dienerin bei Frau vvn Bergen, Röscl, Ncngd auf Sickingen's Burg Lnudstlihl. Ei» Franziskanermönch in Trier. Ei» Dominikaner. Gelier, ein alter Bauer, -eine Frau. »irctcl, ein Bauerniädcheii. Ncickssurstc», Prälaten, Ritter, Hauvrlcule der Vantskucclttc, Landsknechte, Pagen, Buben, Mönche, Tiencr, Bauern, Boren, Bolt. I. Aufzug. I, Auftritt, Ivorms. Ein Ballfest des Kaisers. Die Bühne zeigt einen gothischen Vorsaal. Ganz im Vordergründe links eine große Fensternische; in ihr, an der Wand, ein Divan. Im Hintergründe führt eine große, fast völlig verhängte Thür in den Festsaal. In diesem buntes Treiben. Herren und Damen, meistens in reicher spanischer Tracht. Man hört fröhliches Lachen und Plaudern. Musik, unterbrochen durch Pausen, während des ganzen Auftrittes. Hin und wieder laufen Bediente über die Bühne. Heinrich von Nassau und Kardinal Aleander kommen von rechts. Nassau trügt in der Hand ein Papier und sieht etwas ärgerlich drein. Aleander: Nehmt mir's nicht übel! Ihr wißt ja, ich handle nur auf höheren Befehl! — Freilich —I Mag vielleicht nicht sehr angenehm sein —! Macht vielleicht Striche durch g ewisse Rechnungen! — Hin! Nassau: Gebt euch zufrieden, Herr Kardinal! — Die Sache berührt uns gar nicht. Nur hättet Ihr sie für eine gelegenere Zeit aufheben können. Heute Abend ist es mir nicht um Politik. Äteander: O ja! — Liegen lasten — bis übermorgen! — Um den Thatsachen nachzuhinken —! F. Erich Hels, Ulrich von Hütten. 1 Nassau (iächcit unmerklich) Die Apfel werden vielleicht nicht gar zu rasch reif. Oleander: Wenn die Sonne recht heiß scheint —, Und meiner Treu! Die Hundstage lassen vielleicht nicht gar zu lange auf sich warten. Nasslttl (etwas verblüfft, den Kardinal fixierend) Hm! — Ich dächte, wir haben noch eine Weile bis dorthin! Älcaiider: Mag ja sein!--Ich denke wir lassen das; dort innen —! Da sind wohl alle eure deutschen Schönheiten beisammen? Nassau (trocken) Frau von Bergen ist bereits da. Oleander (geckenhaft lächelnd) O Ihr seid ein großer Geist, ein seiner Politiker — überall! Vielleicht seht Ihr aber doch manchmal etwas schief. — Kommt Ihr nicht mit? — Aus Wiedersehen! (er drückt Nassau die Hand und geht in den Festsaal ab.) Nassau (in den Bart brummende) Verdammter Huud! '— (er geht ärgerlich und nachdenkend einige Male auf und ab; vor sich hin:) Hätten wir nur den S ick in gen —! Aber weiß der Teufel —! (Landgraf Philipp von Hessen und Churfürst Ludwig v. d. Pfalz kommen von links mit kleinem Gefolge.) Hessen: Anhaben sollen sie ihm nichts! Wir sind stark genug, wenn wir uns zusammenthuen; und, weiß Gott, es ist hoch Zeit, daß wir der Pfasfeuwirthsaft ein Ende machen. Pfalz: Der Kaiser wird sein Wort halten. Hessen: Hm! — Man hat Exempel —! (er bemerkt Naussau) Grüß Euch Gott, Nassau! Nassau: Grüß Gott, Ihr Herreu! (er reicht beiden Fürsten die Hand.) Hessen: Ihr wartet auf jemanden? Nassau: Auf den Kaiser. Hessen (deutet auf die Papiere in Nassau's Hand)) Was giebt's neues im Reich? Nassau (gedämpft:) üble Geschichten! — Der Tanz kaun bald losgehen. — Wir rechnen auf Eure Unterstützung. — 3 — Hcssttt: Wer hat Euch zum Tanz gebeten? Nassau: Gallisches Pack! — Aber laßt Euch nichts merken! — Der Aleander und Carraccioli —' Hessen: Die wälschen Spitzbuben —! — Ich verstehe! — Ein ander Mal darüber! — Wir haben auch Wünsche sür Euch! — Gehabt Euch wohl einstweilen! (ab mit Pfalz und Gefolge.) Nassau: (lacht bitter) Einer wie der andere! (Chivvrcs, ein altes, täppisches Männchen mit langem weißen Barte kommt von links.) Nassau ssür sich, ansgeregt gestikulierende) Könnten auf Papst und Herrgott — — pfeisen, müßten wir nicht im eigenen Hause betteln gehen! Chitivres: He — He! Herr gebeimer Rat! Nassatt drebt sich erichrocken nach ihm um:) Hol Dich — ! Ihr seid's, Chisvres?! CIMvres: Ihr seid wilv! Haben sie Euch einen Tücken gespielt?--He, he! Das paßt sich nicht sür einen Staatsmann! — Immer lachen, .he, he! — Wenn der Essig noch so sauer ist, nichts merken lassen! Trinken mir Lacrimä Christi! Nassau: Lacht nur, wenn Ihr Lust habt! Wir sitzen diesmal dick im Brei! Chwvres: Habt Ihr uns glücklich in den Sumps gerudert? — He — he! Nassau: Werden schon wieder herauskommen! Chtt'vres: Was ist denn eigentlich geschehen? — Was habt Ihr da für Papiere? Nassau (spottend:) Hiereine allerpäpstliche Bannbulle! Chwvres: He — he! — Wem ist die Ehre zugedacht? Nassau: Dem halben Reich! Chwvres: Das lohnt sich wenigstens! Nassau (Aleander nachäffend:. Der Herr Kardinal gab sich die besondere Ehre, mir persönlich den Wisch zu überreichen. CIMvrcs: Nun? — Und? — Ist das Alles? 1* — 4 — Nassau: Die Bulle sollen wir bekannt geben und die Gebannten obendrein ächten: Luther mit allen seinen Anhängern und Schützern. Chiövrrs: Viel verlangt! Nalsau: Und binnen eines Jahres an allen die Exekution vollziehen. Ehisvres: Die Kerle sind toll, he — he! IlllislNN Und das ist oondioio siirs izns. nou,. Chisvres: Hm! — Schlimm! Nassau: Und gerade jetzt brauchen wir den Papst. Der Herzog von Bouillon ist mit französischen Hilfstruppen in Luxenburg eingerückt. Chisurrs: Da haben wir den Krieg. Nassau: Und in Toulon liegen die Schiffe segelfertig für Neapel. — Wenn der Papst uns im Stich läßt, ist alles verloren. Wir bringen kaum die Truppen für einen Kriegsschauplatz auf. Lhisvrrs: Schlimm! — Schlimm!--Da wird man den Augustiner wohl aufgeben müssen. — Schade!--Wann erhieltet Ihr die Nachrichten aus Luxemburg? Nassau: Vor zwei Stunden. Chisvrrs: Mit ihm hätten wir den Papst noch lange im Schach halten können. — Schade!--Ihr wartet wohl auf den Kaiser? Nassau: Ja. — Wie er's wohl aufnehmen wird? — Wenn's nur der Mönch wäre! — Aber alle die Fürsten und Herren, die zu ihm stehen! Das giebt noch offenen Krieg im Reiche selbst! — Und der Kaiser selber ist unberechenbar. Ich sprach ihm heute Morgen von den politischen Gefahren, welche Luther's Sache im Innern des Reiches für uns birgt, — — von den fanatischen Tollköpfen, die mit Mord und Branv alle Ordnung über den Haufen schmeißen wollen. Wie ich ihm da, um meine Worte zu bekräftigen, ein paar Stellen aus den Brandschriften des Hütten vorlese--denkt Euch, was er sagte?! ClMvres: Nun? tlassau: „Der Mann interessiert mich! Ich möchte ihn kennen lernen." Chievrrs: Das hat er gesagt! — He — he!" Nassau: Gut, daß der Tollkopf weit weg von hier ist. Der wäre imstande, all' unsere Staatsraison zusammenzureimen. Chiövres (lacht noch immer:) Er möchte ihn kennen lernen! Nassau: Das fehlte gerade noch, daß der Lasfe mit seinen hirnverrückten Ideen ihm den Kopf verdreht. (Franz von Sickingen, Berthn von Sickingen, Sylvester von Schaumburg kommen mit einiger Begleitung von rechts.) ClMvres: Hinter den müßt Ihr Euch machen, hinter den Sickingen. Der ist mehr als ein Churfürst! He — he! Nassau (gedampft:) Mir baugt nur, dem hat der vermaledeite Hütten auch schon den gesunden Verstand ausgerenkt. (ChiöM'rS verneigt sich tief vor den Angekommenen.) Nassau (verneigt sich vor den Damen: dann auf Sickingen zuschreitend:) Grüß Euch Gott, Sickingen! — Ihr kommt spät! — (leise:) Nachher verstattet mir ein paar Worte! Sickingen (drückt ihm die Hand.) Was wollt Ihr von mir, alter Kamerad? Nassau (leise:) Wie viel Mann könnt Ihr wohl in's Feld stellen? Sickingen: Da geht's hinaus?! — In Gottes Namen! Ist mir schoil recht, wenn's wieder etwas zu thun giebt. Man wird rasch alt, wenn man faulenzt, ssich reckend:) bekommt steife Knochen! — Es geht doch gegen die Wälschen? Nassau: Und die Franzosen. Sickingen: Tasselbe Pack! Nassau: Aber vorderhand —! (legt den Finger auf den Mund.) — 6 — Zilinngtll: Recht! (drückt ihm bieder die «and und grüß: den sich verneigenden Ehisvres init einer Kopsbewegung; dann mir Schaumbnrg, Beriha nnd dem Gefolge in den Zsst- saal ab.) tlnsslUi: Das ist doch noch ein braver, gerader Mann! Ehisvres: Wenn wir den nach Flandern stellen — he, he! — Aber wir haben ihn »och nicht, ilaisaii: Uno das ist einer von denen, die der Papst in der Reichsacht haben möchte! (Von rechts mit großem Gesvlge Kaiser Karl V. und Lrinz Ferdinand. Nassau und Ehiövres treten zur Seite und verneigen sich.) Karl (Nassau herbeiwinkend:) Nassau! t!a!stui: Ich habe auf Euer Majestät gewartet. Wichtige Nachrichten — Karl: Gut! Laßt hören! (er winkt. Der Zug setzt sich in Bewegung. Nassau und Chiovres gehen zu den Seiten, des Kaisers. Der Thürvorhang zum Festsanl wird von innen ausgewogen. Im Hintergründe desselben erblickt man einen Thronsessel. Alle Anwesenden haben sich in zwei Reihen aufgestellt, zwischen welchen der Kaiser zum Thronsessel hindurch schreitet. Alle verneigen sich lies. Sobald die letzten des Gefolges in den Festsaal eingetreten sind, schließt sich der Thür- vorhaug. Eine Weile bleibt die Bühne leer. Streitende Stimmen von rechts. Ulrich von Hütten, ganz einfach gekleidet, tritt auf. Einige Diener wollen ihn zurückhalten. HutttN (stößt einen der Diener von sich:) Platz, Ge- Gesindel! — Verdammtes Pack! ^il. Diener: Ihr dürft nicht hinein! UDiener: Bettelvolk können wir keins brauchen! Z>>3. Dienen Mach' er sich davon, oder er fliegt die Treppe hinab! Hutteil: Ist denn all' euer Verstand beim Teufel?! — Lumpenhunde! 1. Diener: Ihr seid nicht in der vorgeschriebenen Kleidung. Hütten: Zum Henker! Hat unser Herrgott euer Hirn gesotten?! — Was scheert mich eure Vorschrift?! — 7 — — Platz da, Affe! — Und rufe mir einer den S ickin gen! (Die Diener sehen sich verblüfft an.) 1. Diener (leiie: Den Sickingen? — (lau::) Ihr meint den Herrn F^ldlmuptmaun Franz von Sickingen? Hütte» i Ja, den meine ich! — Spute Dich, du Fratze! 2. Diener (freche) Was will er vom Sickingen? — Wer ist er denn? Hütten (ohrfeigt ihn:) Ein deutscher Reichsritter, Du ausgeblasener Schuft! (Der 1. Diener ab in den Fesriaal: die beiden anderen drücken sich nach rechts.) HlltttN (geht auf und ab: vor sich hinlachmd:'. Nicht in der vorgeschriebenen Kleidung! — iSickingen uud der Dieucr kommen aus dem Festsaale.) Sickingen: Wer? Diener: Der Herr dort! (ab.) Hütten (aus Sickingen zueilend und iim umarmend:) Sickingen! Sickingen: Hütten! — Du! Hütten: Erstaune, Alter! Ich bin h'ierher geflogen, um zu sehen, wie vor des Jahrhunderts größten Schurken Licht und Dunkel ringen. Wie steht's, Sickingen? Erleben mir ein ander Constauz? Sickingen: Geduld, Freund! — Wie's geht, das weiß nur der Kaiser, uud der vielleicht nicht. — (mustert ihn:) Aber wie kommst Du hierher! — Zu des Kaisers Fest in dieser Kleiduug? — Hier gilt nur Seide, Gold uud Edelstein! Hntte» (spöttisch:) Recht so! — Das haben mir eben schon ein paar Bedientensratzen gesagt! Hätte gute Lust gehabt, dem Geschmeiß die Knochen All zerschlagen. — — Nur schön spanisch. — Wozu sind wir denn Deutsche! Sickingen: Seit wann bist Du in der Stadt? Hntteiu Noch kaum eine Stunde. Ich komme geraden Weges von Pavia. Ich vernahm, Luther solle sich hier vor Kaiser und Reich verantworten. Da hielt — 8 — es mich nicht länger, dort drnnten. Kaum des Nachts kam ich vom Pferd. — Vor einer Stunde kam ich hier an. Ich frug nach Dir und hörte von des Kaisers Fest. Die Ungeduld trieb mich hierher. Da bin ich. (bewegt:) Alter Kamerad! Las; Dich umarmen, Du Deutschester aller Deutschen! — Wir wollen zusammenhalten für ewig!--Ich war blind dort unten in dem gepriesenen Sonnenlande, ich bin wieder sehend. Ich war trunken--! Ha! Die leuchtenden Fluren, die weichen Lüfte, und die Weiber----! (traurig:) Wie Gott den Mann geschaffen und ihm seinen Geist gegeben, da hängte er ihm das Weib an die Füße, daß ihn sein Geist nicht zum Schöpsungsthron hinauftrage. — Jetzt ist mir wieder frei und klar im Kopse. Ich fühle mich stark genug, eine Welt umzustülpen wie meinen Handschuh. Freund, hast Tu ins Volk gesehen? — Alles flammt in Begeisterung. Wir leben in einer großen Zeit. Wir vollbringen, was Jahrhunderte vor uns nicht vermocht. Wie ein Sturm segt das deutsche Volk die Fürsten- und Pfaffenbrut hinweg bis auf die letzte Erinnerung. Und wenn sie wagen, uns zu widerstehen, dann werden Schädel bald billiger sein als Kegelkugeln. Heute lachen sie noch über unsere Ohnmacht, morgen sollen sie vor dem freien, einigen Deutschland zittern, daß ihre Zähne das Tanzen in Ewigkeit nicht verlernen. Sickingrn (lachend:) Mensch, Du hast Feuer gesoffeu! — Nur kalt Blut! — Fürsten und Pfaffen zum Teufel! Aber bleibe mir mit Deinem Volk vom Hals! Lumpenpack! Hilttcn (zornig:) Sickingen! Sickingtn: Die Schwärmereien verlernen sich. Die nüchterne Wirklichkeit kommt über sie wie kaltes Wasser. Hnttnn Schwärmereien! — Ihr werdet sie noch kennen lernen, meine Schwärmereien, wenn sie That geworden. Sickingen iwird aufmerksam:) Was hast Du vor? — 9 — Hütten: Das Volk rufe ich auf. Dem mächtigen Strome weise ich seinen Lauf. Luther hat den Damm gebrochen und die Flut gegen die römischen Teufelsknechte gelenkt. Ich vollende das Werk. Unsere deutschen Fürsten vierteilen uns und treiben mit den Fetzen des Reiches ihren Spott wie mit alten Lumpen. Das Volk kommt über sie und spielt ihnen auf, daß ihnen die Ohren gellen und die Knochen rasseln. Ein deutsches Volk schaffe ich, ein freies deutsches Volk, Sickingen: Ein herrlicher Gedanke! — Mit dem kannst Du Mauern zittern machen wie mit den Trompeten von Jericho. — Aber eins laß' Dir sagen: Laß' das Volk aus der Rechnung; auf das ist kein Verlaß. Setze statt seiner die Reichsritterschaft! Hütten (erschrocken:) Die Reich Sritterscha st? Sickingen: Auf die Reichsritterschaft können mir zählen, auf das Volk nicht. Und wer das Reich befreit, das, dächte ich, ist wahrhaft kein Unterschied. Hntten: Kein Unterschied? — Das Volk muß Teil am Werke haben; selber muß es sich befreien. Freiheit kann man nicht als Geschenk empfangen, jeder muß sie sich selbst erstreiten. Ilassau (kommt aus dem Festsaal und sckicn-t sich umi)He, Sickingen! — Da steckt Ihr? Sickingen: Was wollt Ihr? Ilalsll»: Der Kaiser verlangt nach Euch. Sickingen: Der Kaiser? — (zu Hütten gedämpft:) Hast Du dich mit Luthern und seinen Leuten verständigt? — Die vermögen viel. Hntten: Was braucht's da Verständigung! — Ich weiß mich eins mit ihnen. Zickinnen: Hm! Der Luther ist eiu Dickkopf. — Für eine politische Neuerung wird er schwer zu habeil sein! Hütten: Ein solcher Mann — Sickingen: Aus Wiedersehen morgen. Luthers Sache kommt beim Reichstag zur Entscheidung — 10 — Hntten: Ich versäume.das Schauspiel nicht, (reicht Sickingen die Hand.) UalllUl (mit Sickingen nach dem Festsaale schreitend, halblaut:) Wer ist der Bursche? Sickingen: Ulrich von Hütten, mein Freund. Naisail (starr:) Ulrich von--(mit Sickingen in den Festsnal nb) Hütten (erregt auf- und abgehend, hohnlachende Die NeichSritterschaft!--— Ist denn in der ganzen weiten Welt niemand, der mich versteht? — Wie hohläugig dunkel gähnt die traurige Leere. Ich will dich erhellen mit Blitzen, du düsteres Chaos, daß es allem lichtscheuen Gesindel in den Augen krampst! Ich will sie ausscheuchen, die Nachteuleu und Fledermäuse. Es soll Tag werden in Herrlichkeit. — — Es ist kein Wahn! In der toten Larve regt es sich wie Wiedergeburt und Auserstehung. Die Zeit krümmt sich in den Wehen. — — (ahnnngsvoil schauernd!) Eine Totgeburt?! — (Margarethe von Bergen geht mit zwei anderen Dann» lachend nnd sich sächernd von links nach rechts über die Bühne.) 1. Dame: Prinz Ferdinand? 2. Lame: Mit den Augen wie Sammt? Margarethe lacht:) Er ist ein guter armer Kerl! (Sie bemerkt Hntten und saßt ihn, wahrend sie an ihm vorbeigeht, scharf ins Ange. Hntten erkennt sie. Die drei Damen ab.) Hntttll (mit unterdrückter Überraschung:) Gretchen?! — Seh' ich recht?!----Da kommt sie wieder- (Margarethe kommt allein zurück; Hütten beobachtet sie scharf.) Margarethe (geht hart an ihm vorbei und betrachtet ihn genau:) Ulrich! Hüllen: Gretchen! (Sie umarmen und küssen sich.) Margarethe: Ulrich! Ulrich! — Du bist wieder hier! — Komm, ein verstecktes Plätzchen, wo niemand uns sieht! — Du mußt mir erzählen! — viel erzählen! (Sie zieht ihn in die Fensternische im Vordergrunde links auf den Divan, fetzt sich leicht auf seinen Schoosz, faltet die Hände — 11 — um seinen Nacken, lehnt sich zurück und hängt mit glänzenden, trunkenen Blicken an seinen Augen.) Ulrich, bist Du's wirklich, Tu einziger, — göttlicher! --O jetzt hab' ich Dich wieder! (umarmt ihn mit Ungestüm.) Hütten lihre Haare streichend.) Du liebes, gutes Kind! — Dauk dem Engel, der Dich Engel zu dieser Stnnde sandte! — Du einzige, die mich versteht und kennt! Margarethe (iu Huttcns Haareu spielend; verklärt und gedankenversunkene) Wie lang ist's her, daß ich Dich nicht gesehen?--Zwei Jahre! — (ganz langsam und leise, fast singend!) zwei lange — lange Jahre! — — plötzlich muntere) Geh! Du hast mich vergessen! Hütten (immer noch ihr Haar streichend, lacht:) Vielleicht! — Ein klein bischen —! Margarethe (wie träumend:) Weißt Du noch, Ulrich, damals — ach, es isl schon lang, lang her! — Du warst noch klein uud ich auch. Ich saß bei Dir, gerade so wie jetzt; ganz gerade so, uud Du erzähltest mir so viel, — wie Du eiu großes Reich gründen wolltest, über die ganze Welt, — — nnd Tu solltest Kaiser sein und ich Kaiserin —! Hütten: Liebes Kind — Margarethe: Das ist schon lauge her! Hütten' Wie fällt Dir deun das gerade eiu'? Margarethe- Weiß selbst nicht wie! — Ich sitze gerade so ans Deinem Schooßc wie damals. Da fiel es mir eben ein!--Und ich bekomme einen Thron aus lauter Elfenbein, mit purein Golde eingelegt, und drüber ein Himmelsdach ans Sammt nnd Seide, nnd viele — viele Pagen — und Pferde — und Wagen — (lacht.) Das ist lustig! — Aber jetzt sind wir vernünstiger geworden, gelt!--Weißt Du noch, das letzte Mal, wie Du bei uns warst, vor zwei Jahren, ehe Dn nach Italien reistest, wie wir des Abends beisammen saßen — (sie hält einen Augenblick inne und schaut Hutteu gespannt an; in ihrer Stimme zeigt sich immer stärker werdend fieberhafte Erregung.) — Du übersetztest mir aus dicken Büchern, — 12 — und Gedichte, die Du selbst geschrieben, hast Du mir vorgelesen, — die Thränen kamen mir manchmal in die Augen — — (wieder innehaltend, schaut sie Hntten mit glänzenden Angen nn: in seinen Blick verloren:) Wie wir zusammen von Freiheit schwärmten; wie wir uns eine glückliche Zukunft ansdachteu und ausmalten-, wie Du mir all' Deine großen Pläne vertrautest — von einem großen, einigen Vaterland?, wo es nur einen Kaiser giebt — Hntten: Gretchen, das alles soll werden!— (innig:) Stütze Dn mich, gieb' Du mir Kraft! Margarethe: Wie wir gegen den Papst eiferten und die tückischen Wälschen! — Es war damals so schön, Ulrich, so schön! Hntten (ist aufgestanden:) All' meine Pläne werden Wirklichkeit. Ich kann sie nicht länger in mir herumtragen. Sie müssen aus mir heraus! Und sie müssen sich ersüllen! An ihnen hängt mein alles, sie sind mein Leben! Wenn sie scheitern--. (lacht wild auf.) — — Aber sie scheitern nicht! Stark genug bin ich, die Sterne vom Himmel zu reißen. — Gretchen, Du glaubst an mich, glaubst au meine Berufimg, so fest, wie ich selbst. Du bist mein Pol, bei Dir finde ich Rückhalt und Kraft, das Große zu vollführen, an dem meine ganze Seele hängt. — Werde Du mein Weib--! Margarethe (zusammenzuckend mit fürchterlichem Lachen:) Ulrich! — Dein Weib?! (preist vie Hände vor die Augen.) Hntten (erschrocken:) Was ist Dir?! — Gretchen?! Margarethe: Kannst Du Ehen lösen? HlltttN (erbleichend:) Was — heißt das? Margarethe: Ich bin verheiratet! Hntten (zerschmettert:) P er h eir at et?! — Verheiratet?! — Margarethe, was hast Du gethan?! — Margarethe —! — (zornig ausfahrend:) An die Brust hast Dn Dich mir geworfen, hast mich geküßt und bist ^ (drohend, sie beim Arm packend:) Weib —! Margarethe: Erbarmen, Ulrich! — Verfluch mich nicht! — Du hast auch Schuld daran! — 13 — HllttM: Ich!! — (lacht heiser und gezwungen,) Margarethe (faßt ihn und zieht ihn auf den Divan nieder zu sich; dämonisch:) Du kommst mir nicht von der Stelle, bis Du alles gehört! Und wenn ich mit Dir ringen müßte, Brust an Brust, das Weib gegen den Mann! (Leise, gegen Hütten vorgebeugt:) Denkst Du noch an den Abend —? Der zweite wars vor Deiner Abreise. — — Mein Vater war über Land geritten und vor dem nächsten Morgen nicht zu erwarten, (Pause, Hutt-n steht auf,) Da setze Dich zu mir, Ulrich, und höre mich zu Ende! (Hütten folgt widerstrebend ; beide setzen sich,) Wir saßen zusammen, eins ausgelöst im anderen. (Sie legt ihren Arm um Hütten, Er will auf, Margarethe wild:) Bleib, Ulrich! — (flüsternd mit überwältigender Sinnlichkeit:) Ich weiß nicht, wie es kam. Das Weib gab sich dem Mann gefangen. — Mir ist's wie ein Traum. Ich that es, ohne zu wollen. Ich dachte nicht — ich fühlte nur --(glühend:) Ulrich, diese Nacht! — (leise schluchzend hängt sie sich um ihn, Hütten macht sich sanft los und steht aus,) — Zwei Tage später nahmst Du Abschied. Du ließest mir ein Andenken an jene Nacht — Hutteil (erschrocken:) Gretchen! Margarethe: Du warst fern, ich wußte nicht wo, als es mir offenbar wurde. Mein Vater ist streng und unerbittlich. Mir war bange, er möchte mich verstoßen in Schimpf und Schande. — Da kam der Ritter Otto von Bergen — Hutteil: Mein Freund?! Margarethe: Er bot mir seine Hand — Hütten: Du nahmst sie an? Margarethe: Nahm an — Hlltten: Und er weiß von nichts?,! Margarethe: Von nichts!---Zwei Monde nach Deiner Abreise war ich Frau von Bergen;-- weitere sieben — Mutter eines Sohnes.-- Bergen war glücklicher als ein Gott! — — (unter Thränen verstohlen lächelnd:) Eine Frühgeburt, sagten sie! — 14 — Hatten: Ein Sohn?! — Mein Kind?! Margarethe: Dein Kind! — Ulrich — von Bergen! (Hütten steht in mächtigem inneren Kampfe unschlüssig, Margarethe sicgeSgewiß llvr ihm,) Margarethe (»ach einer Pause; stürmisch-) Ulrich, ich kann Dich nicht lassen, und ich lasse Dich nicht (umarmt ihn heftig; glühend sinnlich flüsternd:) Bleibe bei mir und gewähre mir, was nur Du mir gewähren kannst! Hatte» (wendet sich ab; krenzt die Hände über der Brust nnd sieht mit schmerzlichem Ausdrucke zu Boden: seufzend:) O Gott! Margarethe (sich an ihn drängend, dämonisch:) Die Löwin hat Blut geleckt! Hatten (stößt sie von sich lind schaut sie mit Verachtung an,) Margarethe (zuerst betroffen; sie betrachtet Hütten, flehend:) O halte mich nicht für —! Ulrich, halte mich nicht für eine Dirne! — Ich bin's nicht! Vor Dir allein kennt mein Innerstes keine Schranke, Ich weiß nicht, wo mein Ich anfhört und das Deine anfängt. Machtlos bin ich Dein eigen! — (aufwallend:) Aber mach' mich nicht zur, Dirne! Ich kann's werden! Die Versnchnng ist groß! Prinz Ferdinand gäbe sein Leben drum — Hütten: Prinz Ferdinand?!—Weib—! Woher weißt Dn das? Margarethe: Woher?--ha! Ich kenne — Ich kenne Euch alle! — Und ich weiß, wie schön ich bin, Ulrich; ich kenne den Reiz-- Hntten: Prinz Ferdinand?! — Will er Dich ver- sühren?--Hat er Dich schon —?! — Margarethe: Nein! Nein! Nein! — Bei allem, was mir heilig: Nein! — Das darfst Du nicht glauben! (weinen auf den Knieen:) Ulrich! Ulrich! Erbarme Dich! Wirf mich nicht weg! — Ulrich —! Hütten (wendet sich ab. Lange Pause.) Margarethe (hat sich erheben, Ihr Gesicht ist wild verzerr,; drohend:) Mach mich nicht zur Dirne! Die Dirne — 15 — wird sich höllisch rächen, und sie weiß, wo Tn zu treffen bist (Lange Pause. Margarethe beobachtet den Erfolg ihrer Worte. Hütten steht unverändert.) Margarethe (flehend!) Ulrich, ein Wort! — Nur ein Wort! Hütten (langsam:) Bergen ist mein Freund! Margarethe (glühend:) Weiter! Hütten: Seine Ehre ist mir heilig. Margarethe (erstickt-) Und ich?! Hnttcn: Nimm Vernunft an! Zügle Deine Begierden! — (Er sieht, wie seine Worte Margarethen niederschmettern; weicherl) Wie hab' ich Dich geliebt, Margarethe! --Aber jetzt--vergessen! Margarethe (kraftlos:) Denk' an Deinen Sohn! Hütten: Foltere mich nicht! Margarethe (ans den Knieen:) Sei kein Teufel! Um unseres Sohnes willen — sei mein! Hütten: Weib! Was willst Du von mir? - Margarethe: Liebe mich! Hütten: Woran willst Du meine Liebe erkennen? Margarethe: Woran habe ich sie erkannt in jener Nacht? — (glühend-j Sei mein mit Seele und Leib! Mein allein und keiner anderen! Hörst Du? — Keiner anderen! — Ich will Dir Dein Leben zu Seligkeit machen, wie es Dir niemand kann als ich, und ich niemanden als Dir! (Sie preßt ihn glühend an sich:) Sag' nein! — Wenn Du kannst! (triumphierend:> Sag' nein! (Pause. Hütten hat Margarethens Umarmung erwidert. Langsam macht er sich los. Prinz Ferdinand, Richard von Trier, Kardinal Aleander treten mit verschiedenen Begleitern auf.) HutttN (zu Margarethe:) Leb wohl! — ^reicht ihr die Hand.) Margarethe (gleichzeitig, erschrocken:) Prinz Ferdinand! — 1V — Ferdinand «gleichzeitig zu seiner Begleitung :) Was ist der Tag, wenn die Sonne nicht scheint? (Hütten ist nach rechts gegangen und beobachtet. Ferdinand, Margarethen gewahrend, giebt seinen Begleitern einen Wink. Alle schicken sich an abzugehen, außer Ferdinand, Hntten und Margarethe.) ZUtllllder (im Abgehen halblaut zu Trier:' Der Prinz hat sich sein Täubcheu gefangen. Ich könnt' ihn drum beneiden, wäre es nicht gegen meinen Stand! Trier- Glaubt Ihr wirklich?! — Äleander, Nun! — Frau von Bergen— (beide ab.) Ferdinand «während die andern gehen, zu Margarethe:) Du schönste aller Frauen, Sonne der Sonnen! Was entziehst Du uns armen Sterblichen das Licht? (küßt ihr die Hand.) Margarethe sieht sich ängstlich nach Hütten um, der das Gespräch zwischen Aleander und Trier gehört hat und zur Seite getreten ist, so das; ihn Margarete nicht gewahrt:)' Nur hellte nicht, Ferdinand! — Nur heute nicht! Ferdinand: Ach was! Schätzchen! Margarethe (dringend:) Nur heute nicht! Ferdinand- Der Wagen steht bereit! Komm mit. Gleichen! (schmeichelnd:) Bitte, Bitte! — (will sie fortfuhren.) (Margarethe sieht sich wieder um. Hütten ist hervorgetreten. Margarethe gewahrt ihn. Wie gelähmt starrt sie ihn regungslos an. Ferdinand solgt ihrem Blick und bemerkt gleichsfalls Hütten.) Ferdinand: Verflnchter Bursche! Zieh! Hntten: Spart Eure Klinge, Hoheit. —Ich gönne Euch Euer Vergnügen und schweige! (langsam nb.) Margarethe (verzweifelnd:) Allmächtiger! Es ist aus! (ohnmächtig bricht sie zusammen. Ferdinand fängt sie in seinen Armen auf. - 17 — II. Auftritt. N?orms. Eine Halle mit Treppenaufgang zum Reichslagssaale. Hütten kommt hastig die Treppe herab. Luther rritt mit einem Reichsherolde vom Eingange des Gebändes her auf Hütten will an ihm vorbei, als ob er ihn nicht bemerkte. Luther (auf »utten zu:) Grüß Euch Gott, Herr Ritter! Hütten (sich nach ihm umsehend:) Grüß Gott, Bruder Martinus! Luther (bietet ihm die ,vand:) Ich bitt' Euch, Herr Ritter, bewahrt mir auch fürderhin Eure Freundschaft! Laßt Euch unsere Unterredung von heute Morgen nicht kränken und zürnt mir nicht ob meiner Meinung! Hütten: Ihr könnt Euern Entschluß nicht ändern? Guther i Es ist nicht meine Ansicht, daß man das Evangelium mit Morden und Brennen verteidigen und schützen müsse. Ich habe mich in Gottes Hand gegeben. Er wird es recht macheu und sein heiliges Wort nicht dem Antichrist überliefern. Hütten- Wie wollt Ihr denn Freiheit des Glaubens erlangen, wenn Ihr nicht die weltliche Macht brecht, die alle Freiheit unterdrückt? Luther: Muß die weltliche Macht gebrochen sein, so thut es Gott. Ich vertraue auf ihn. Er hat mich berufen, und er wird mir helfen, meinen Beruf zu erfüllen. Hütten: Ihr beharrt bei Eurer Weigerung? Luther: Ich bin in Gottes Hand nur ein schlechtes Werkzeug. Der Meisel ist kein Hammer. Ich thue, was meine Sendung ist, nämlich das reine Wort Gottes wieder aufrichten. Habt Ihr einen andern Beruf, so mögt Ihr ihn erfüllen. Ich will Euch nicht darob schelten. F. Erich Helf, Ulrich von Huttcu. s — 18 — Unsere Wege gehen jetzt auseinander. Gott mag es vielleicht schicken,, daß sie in Zukunft uns hier und dort einmal zusammenführen. Aber reisen müssen wir getrennt. Hütten: Habt Ihr denn kein Herz für unser geknechtetes und zerrissenes Volk? Luther- Der Glaube wird es befreien und einigen. Hntteu (imch einer Pause:) Ihr bleibt fest, harter Mann? Luther: Ich kann nicht anders! — Aber wir wollen Freunde bleiben, Herr Ritter. — In unsrer Zeit thut's not, daß die Guteu und Ehrlichen zusammenstehen, und ehrlich meinen wir es ja beide. — Schlagt ein! Gott hat jedem von uns ein ander Feld gegeben. Thue jeder seine Arbeit in dem seinigen, dann kann's nicht fehlen. Hütten (nimmt die gebotene Hand)! Ich wünsche Euch Glück auf den Weg. Die Würfel fallen heute nicht nur über Euch. Luther: Gott verläßt mich nicht. (Er schreitet mit dem Reichsherolde nach der Treppe. Georg von Freundsberg ist aufgetreten und tritt zu Luther.) Huttru: Von ihm nichts zu hoffen — nichts! — Und so fest hatte ich auf ihn gerechnet! — O menschliche Kurzsichtigkeit! (Ein Edelknabe ist aufgetreten und betrachtet zweifelnd Hntten). FreNIldSverg (am Treppenaufgang zu Luther-) Gott steh Euch heute bei! Luther: Dank Euch, Herr Feldhauvtmcmn. Freuudslierg: Wenn Ihr Euch eines Irrtums in Eurer Lehre bewußt seid, dann will ich Euch raten, widerrufet! Wenn Ihr aber Euer Gewissen rein wißt, dann bleibt fest und standhaft! Unser Herr im Himmel wird's gut machen. Luther: Meine Lehre ist Gottes Lehre. Vor Gott, unserm höchsten Herrn, getraue ich mich zu verantworten, wie viel mehr vor Kaiser und Reich! — 19 — Frenndsörrg (während er mit Luther und dem Rcichs- herolde die Treppe hinaufsteigt!) Mönchlein, Mönchlein, Du gehst jetzt einen schweren Gang, desgleichen ich und mancher wackere Kriegsmann in der gefährlichsten Schlachtreih' nicht gegangen ist. (ab mit Luther und dem Herolde.» Der Edelknabe (ist an Hütten herangetreten:) Seid Ihr Ulrich von Hütten? Hütten: Der bin ich. Was willst Du? Edelknabe: Seid Jhr's gewiß? Hntten: Kerl —! Edelknabe: Dann hab' ich etwas für Euch! (giebt ihm einen Brief.) Hütten: Von wem? Edelknabe: Ihr werdet's sehen! (rasch ab.> Hlltteil (erbricht den Brief und liest: wild.) Frau von Bergen! Ha —ha! (er zerreißt »nd zerknittert wütend das Papier.) (Eitelsritz von Zollern tritt auf.) JollkNl i erkennt Hütten; überrascht:) Gott! — Bist Du's? Hlltteil (erschrocken auffahrend: srcndig:) Zollern! Zollern: Woher, alter Freund? — Seit wann bist Du hier? Hütten: Gestern kam ich an, geradewegs von Pavia. Zollern: Laß Dich betrachten! — Der alte noch? Hntten: Noch ganz Dein alter Hütten! Zollern: Gott sei's gedankt, daß wir Dich wieder haben! Wir entbehrten Dich hart. Hntten: Ich fehlte Euch? Zollern: Dein vorwärtsstürmender Geist fehlte uns. Wir sitzen faul auf unsern Nestern, und — Hntten: Und handeln nicht! — Deine Hand Zollern! Ich bin entschlossen, das Große zu beginnen. Du wirst mich nicht im Stiche lassen — Mich lüftet's, ein Gericht zu halten über die Henker des Vaterlandes, und die Bluthunde an Schufteustricken baumeln zu sehen, daß die Raben — 20 — und Krähen der ganzen Welt wochenlang Feste halten können, — Sickingen wird alt! Die eifersüchtige Vergangenheit hält ihn noch in ihren Krallen. Die Jngend ist das rollende Rad, das Alter der lästige Hemmschuh. Wir Jungen wollen zusammenhalten und eine Zukunft bauen wie einen mächtigen Dom, vor dem die ganze Menschheit staunt und anbetet. Zollrrin Zähle auf mich! — Gebiete! Weise mir einen Platz und eine Aufgabe! Hütten: Zollern, Du wirst mich verstehen. Du vielleicht allein von allen. — Befreie Deine Seele von aller Kleinlichkeit unsrer Zeit, von allen trübenden Vorurteilen, und dann folge mir auf eine Höhe, von wo Du unbehindert durch kleine Hügel, ein weites Land überblicken kannst Vergangenheit und Zukunft sollst Du schauen und den großen, ewigen Gedanken, der von der einen zn der andern die Brücken schlägt, (grvß.' Das heilige römische Reich deutscher Nation geht in Trümmer. Es ersteht ein deutsches Volk, ein Volk, das nicht Herr noch Knecht, noch Fürsten noch Ritter, noch Eigene kennt, ein Volk von freien Männern. ZollkNN Welchen Gedanken —! So neu — so unerwartet! Hütten: Erkenne unsere Zeit! — In der Religion hat es begonnein Frei und gleich sind wir alle vor Gott! Und ich sage Dir: Aus Erden sollen wir's werden. Unser Volk bat das Weltenschicksal zu der großen Ausgabe auserlesen, wir sollen sie erfüllen gegen eine Hölle von Feinden. Durch die Erfüllung werden wir stark. Alle, die uns zersplittern, die Wächter unsrer Ohnmacht, unsere tausend Fürsten, derer einer den andern befehdet, sie sind nicht mehr, nnd alle freien deutschen Männer werden einige Brüder sein. — Zollern, verstehst Du mich'? Schwindelt Dir nicht bei dem Blick in die Tiefe der Weltenseele? vollern: Ich kann nicht sprechen, ich zittere —! Hntttll: Dir vertraute ich es an. Ich kenne Deine große Seele, Zollern. Sie allein wird fassen, was die andern nicht verstehen. — Ich sprach mit Luthern. Er begreift mich nicht. Ein wackerer Mann, aber beschränkt auf sein Evangelium. Er sieht nur ein Glied aus der großen Kette, und nicht, wie sich das eine mit dem andern verbindet, das andere wieder mit dem nächsten, und so endlos und ewig eines mit dem andern. Er läßt sich nicht bereden, sein Kopf ist wie Eisen. — Sei'S drum! Just einen solchen Sturmbock brauchte es, die Kerkermauern einzurennen, in denen die Menschheit schmachtete. Er hat die Breche gerissen. Der Sturmbock hat sein Werk gethan. Jetzt blinkt das Schwert! — Sickingen hat einen andern Geist wie wir, und doch benötigen wir auch seiner Mitwirkung. Ein mächtiger, gewaltsamer Anstoß muß gegeben werden, damit sich das Volk, wie auf ein gegebenes Zeichen, allerorten zugleich unwiderstehlich erhebt. Und Sickingen ist der Mann, den rechten Anstoß zu geben. — Fürstenberg und die andern Glieder unseres Ritterbundes sind zu klein, viel zu klein! Sie alle sollen mir bauen helfen wie Maurersgesellen. Sie sollen die Pläne des Baumeisters erfüllen, ohne sie zu kennen und zu begreisen. Zollern: Wie dank' ich Dir, Hütten, daß Du mich allein zu Deiner Höhe emporziehst, mich allein für wert hältst, das Ungeahnte, Große zu schauen? — In die Erde sinken möchte ich vor Dir — (Erregte Stimmen hinter der Bühne. Sickingen, Schaumburg, Fürstenberg und andere Ritter kommen hastig in heftigem Wortwechsel.) Schanmdurg: Ich griff mir an die Stirn, aber ich wachte. Fürstenbtrg: Das ist unerhört! Sickingen: Eigentlich ist die Forderung nicht verblüffend. Die Fürsteil sind in ihrem Recht. Fürsten verg: Im R^cht? Schanmöiirg: Was sagst Tu, Sickingen?! Sickingen: Sie lind in ihrem Recht, Der Kaiser ist nach der W ahl k avitul ation gehalten, die Bündnisse der Reichsstädte nnd Reichsritter nicht zu dulden, Sergen: Nach der abgepreßten Wahlkapitulation? Hotte» ! hinzutretend:) Was ist denn geschehen? Fiirstenverg: Sieh' da! Hütten! ^begrüßt ihn > Hutteil: Was ist geschehen, Fürstenberg? Schniimvnrg: Grüß Dich Gott, Hütten! Du bist hier seit gestern, Sickingen — Hütten: Sagt mir doch, was geschehen ist, Ihr seid alle im Eifer als ob — — Zickingen >gleichzeitig:! Die Wahlkapitulation ist als zu Recht bestehend anerkannt. Hlltteil (tritt zu Sickingen und Bergen:! Wer hat in's Hornissennest gestochen? Sergen: Träume ich? — Hütten, bist Du hier? — Grüß Dich Gott, Freund! Hütten: Den Fürstenberg habe ich gefragt, er hört nicht. Dort steht er und schimpft, Schaumburg macht's ebenso. — Gebt mir doch Antwort! öergen: Mir ist's noch ganz toll —! Zickingeiu Ich sehe das rnhiger an. Nicht jede Wolke bringt ein Wetter, Sergen: Schaumburg, erzählt es ihm, Ihr habt's ja gebracht, Zchnnintinrg: Hol mich der Teufel! — Du weißt's noch nicht? — Sie wollen unsern Bnnd auflösen, verbieten wollen sie uns, daß wir uns zuscnnmenthun, die Hunde — Hütten: Wer? — Der Kaiser? Schaumvnrg: Die Reichsfürsten! — Sie verlangen vvm Kaiser, er solle gegen nns einschreiten! — Ha! Das ist so durchsichtig! — 23 — Huttcin Gott sei's gedankt! (Allgemeine Entrüstung.) Ja! Gott sei'S gedankt! Es geht euch endlich auf den Pelz! Jetzt wehrt euch, ihr deutschen Löwen! Fegt drein, wie ein Gewitter. Schaiimtmt'g: Wehren müssen mir uns! Holmich der Teufel! Sickingeiu Nur gemach! Der Kaiser bal noch nicht gesprochen. Schnnmtinrg: Der Kaiser mag entscheiden wie er will. Sie Haben's auf uns abgesehen. Kommen sie nicht von vorne, kommen sie von hinten! Fjirstrnlirrg'. Jawohl Sickingen! Sie möchten uns aus der Welt schaffen; besonders der Erz bisch os von Trier, der — Schnnmlmrg: Der Lump! — Der Weiberknecht! — Hol mich der Teufel! Der Bande müssen wir ans den Hals kommen, sonst brechen sie uns das Genicke Zollern: Da kommen sie ja selber! Schaiimvnrg: Die Pest! — Jn's Gesicht sag ich'S den Schuften! (H. v. Nassau, Prinz Ferdinand, Aleander, Nichard von Trier, Pbilipp von Hessen, Ludwig v. o. Pfalz mit Begleitung treten ans. Sickingen ist mit Hntlcn ganz in den Vordergrund getreten. Sie sprechen gedämpft mit einander.) Sickingen: Ihm muß daran liegen, das; unsere Pläne gelingen. Er wird dadurch stark. Hntten: Wir sollen für einen Spanier fechtend — Wir brauchen einen deutschen Kaiser. — Lolch' eine schwarze Tyrannenseele! Sickingen: Du kennst ihn nicht. Warte ab, wie er in Luthers Sache entscheidet! Hütten: Sollte er wagen, ihn — (bricht plötzlich ab und wird aufmerksam auf die Worte der Reichsfürsten, welche sich gemächlichen Schrittes ihm nähern.) rlasslM (gleichzeitig mit Beginn des Gespräches zwischen Hütten und Sickingen!) Gebt Euch keiue Mühe, Herr Legat! Wir werden nach Recht nnd Gewissen entscheideil — 24 — Heilen: Der Ketzer ist ungefährlich! Da giebt's- noch andere Leute im Reich — —! Äleander: Wen meint Ihr? HrsstlU Seht nur die dort! (deutet auf die Ritter.) Trier: Ja, totschlagen sollte man die, wie tolle Hunde! Ferdinand: Von wem habt Jhr's? Trier: Von den unmittelbaren — Reichs räubern! Ferdinand: Ich verstehe Euch nicht! Trier: Von denen, welche die Ketzer schirmen, die Banern aufhetzen, dem Landfrieden Hohn sprechen — (ziemlich lant:) Ja, Hoheit! Die unmittelbaren Reichsränber — Hütten (tritt drohend vor ihn, knirschend!) Greiffenklau, Du bist ein Lump! ('Allgemeine Aufregung. Prinz Ferdinand erkennt Hütten nnd erbleicht.) Trier l tätlich erschrocken, stotternde) Für Euch — für Euch bin ich — nicht Greiffenklau! — (sich etwas fassend:) Für Euch bin ich ^— bin ich Erzbischof und Churfürst des heiligen römischen Reiches deutscher Nation! Hütten (betrachtet ihn voll Zorn und Spott von oben bis unten: durch die Zähne:) Erzlump des gräulichen römischen Reiches, Deutschen zum Hohn! (Tnmuli. Ferdinand noch immer fassungslos; Hessen zieht das Schwert. Ein Teil des Gefolge» gleichfalls.! Hessen: Das Reich ist beschimpft! Nassau: Um des Himmels Willen! Hütten! Was fällt Euch ein! Ferdinand (leise, immer noch erschrocken:! Hütten?! Sergen: Hütten! Hütten! Was thust Du! Lickingen (lachend:, Gut gegeben! — Schaumvnrg: Hol — mich — der — Teufel!! Pfalz: Steckt die Schwerter ein! Denkt doch, wo ihr seid! Helfe» (zu ?rier, der regungslos angedonnert dasteht!) Laßt Ihr's auf Euch sitzen? Ferdinand: Um alles in der Welt, ihr Herren — Trier: Wenn wir nicht hier wären, im Angesicht so vieler Fürsten---und des Kaisers Bruder —! Das hält mich zurück! — Wenn wir nicht — Aber ich — — ich verschiebe die Genugthuung — auf — auf gelegenere Zeit! Helfen (halblaut, sein Schwert in die Scheide stoßend:) Feigling! psill) lein unterdrückter Ausruf:! Der Kaiser! ^Kaiser Karl V. ist mit Gefolge nnd Hellebardieren aufgetreten. Alle blicken ans und bilden einen Durchgang. Sie verneigen sich tief. Hütten grüßt höflich, doch nicht so untcrlhänig wie die andern. Ällt'l (schreitet stolz die Hälfte der Reihe ab, bleibt dann stehen und läßt seinen Blick übev die Anwesenden stiegen. Auf Hütten, der den Kaiser frei ansieht, haften seine Angen tast wohl- gefällig. Tann spricht er in etwas stolzem Tvn:j Was ist hier vorgefallen? Ich sah entblößte Schwerter. — (Stillschweigen:) Landgraf, Ihr hattet das Schwert gezogen. Steht mir Rede! Helfen: Der Churfürst von Trier wurde schwer beleidigt und in ihm wir alle. Karl: Wer ist der Beleidiger? Helfen: Ulrich von Hütten. Karl: Hütten? — Wer ist Hütten? Hntten (hervortretend:) Majestät, ich bin Ulrich von Hütten, (verneigt sich.) Äarl: Ihr?! — (kalt und stolz zu allen:) Ich ersuche euch, ihr Herren, wenigstens während unserer Anwesenheit und der Zeit des Reichstages Frieden zu halten. (Mit seinem Gefolge die Treppe hinauf ab.) Trier: (leise:) Unerhört! — Kein Wort des Mißfallens gegen ihn! Helfen: (spöttisch zu Hütten:) Ihr steht hoch in des Kaisers Gunst. (Hutteu achtet nicht auf Hessen. Er schreitet mit den Rittern der treppe zu.) »WMIWWWWMWIIWMMI«»»»»»»«»»»^ IWWWWWWWWWM^S»»?«» — 26 — Sickillgtll i Jetzt kommt eine wichtige Entscheidung. Wenn sie den Lnther ächten, das ist ein schwerer Schlag — auch für uns! HntttN: Sie soltenS thun. Für uns wär'S Vorteil. Das Volk würde es nicht hinnehmen und aufstehen. «Alle ab über die Treppe.) III. Auftritt. U?orms. Der Reichstagssaal. Im Bordergrund rechts Kaiser Karl V. auf einem Thron. Neben ihm Prinz Ferdinand, H. v. Nassau und Chisvres. Um diese gruppieren sich die Churfürsten. Weiter gegen den Hintergrund die Herzöge nnd die andern Reichsfürsten, Reichsritter, Kardinälen, Bischöfe :c. Ganz in der Mitte des Vordergrnndes steht Lnther, etwas ermüdet von der eben gehaltenen Rede. Der Kanzler des Erzbischofs von Trier, Joh. v. Eck, steht bei dem Kaiser und spricht leise und angelegentlich mit ihm und seinen Räten Nassau unö Chivvres. In der Versammlung herrscht aufgeregte Unruhe, welche zur fieberhaften Spannung wird, wie Eck sich vor dein Kaiser verbeugt und mit etwas affektiertem Stolze ans Luther zuschreitet. Eck (laut; etwas erregt-) Die kaiserliche Majestät eröffnet Euch, daß — sintemal die hohe Reichsversammlung nicht ein theologisches Concilium ist Eure Gründe hier nicht können widerlegt werden. Ihr sollt Ench auch nicht hier in langen Reden gegen den Vorwurf der Ketzerei verteidigen — (laut!) Dieweil hierüber der heilige Vater und das Concilium allein zu entscheiden haben — sondern in kurzen klaren Worten erklären, ob Ihr wollet widerrufen oder nicht! ! Luther (bedenkt sich einen Augenblick: aufgeregt:) Weil dem? eine schlechte einfältige, richtige Antwort von mir verlangt wird, so will ich eine geben, die weder Hörner noch Zähne hat, nämlich also: Es sei denn, daß ich mit Zeugnissen der heiligen Schrift oder mit öffentlichen, hellen und klaren Gründen überwunden und überwiesen werde,--und ich also von den Sprüchen, die von mir angezeigt und angeführt sind, überzeugt, und mein Gewissen in Gottes Wort gefangen ist, so will und kann ich nicht widerrufen, weil es weder sicher noch geraten ist, etwas wider das Gewissen zu thun. Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott belse mir! — Amen! (Beifall und Widerspruch giebt sich in lebhaftem Geflüster kund. Der Kaiser erhebt und bedeckt sich. Alle folgen diesem Beispiele. Luther wird von dem Reichshervloc abgeführt. Die Anwesenden Reichsstände gehen zum Teil ab, teils bilden sie Gruppen im Saale, die lebhaft unlerhandelu. Der Kaiser geht zu Nassau, ChiövreS und Aleander nach dem Hintergrunde.) SickillgtN (im Vordergrund links ?u Hütten:) Ein prächtiger Kerl! — Das geht zu Herzen, wenn er spricht. Hütten: Dem Kaiser scheint's wenig zu Herzen gegangen zu sein. Luther ist so gut wie geächtet. Sickingen: Die Entscheidung ist vertagt. Hütten: Dahinter steckt eine List! Das sind spanische Kniffe, (gehen nach hinten.) (Karl kommt mit Aleander und Nassau nach vorn, (ihiuvres steht im Hintergrnnde bei einem stattlichen allen Manne, dem lLhurfürstcn Friedrich vvn Sachsen.) Karl: Ihr seid einverstanden, Herr Legat? Aleander: Ein paar Wochen srüher oder später kann uns gleichgültig sein. Karl: Gut! Ihr mögt ein Rundschreiben aufsetzen, worin ich mich auf die Seite des alten Glaubens stelle nicht zn schroff, in biegsamen Wendungen: das werden wir in den nächsten Tagen den Ständen bekannt geben; dann könnt Ihr Euch einstweilen mit der Acht- erklärung befassen! »M»I»»»««»»»»«0»W>W»>»»»»>^»>«M»»»»»»»I»»S»»>»»»» — 28 — Nassau: Die wir erst veröffentlichen, wenn die meisten Stände abgereist sind. So vermeiden wir unliebsame Auftritte, (Chivvrcs kommt mich vorn.) Ülll'I (verabschiedet Alennder durch eine Handbcwegung: zu ChisvreS:) Nun? Chikvrtö! Alles geht nach Wunsch! Ich habe dem Alten eingeheizt, ha — ha! — Und ich wette, ehe die Acht öffentlich wird, hat er seinen Schützling in Sicherheit gebracht. Nassau: Der größte Gefallen, den er uns thun kann. Cljisvres: Der Papst soll unsre fürckterlicke Waffe nicht stnmpf machen! Karl: Ihr seid ein feiner Kopf, Chisvres! Nehmt meinen Dank! — Mil Aleander sind wir bereits einig. — Steht dort nicht Hütten? — Ruft mir ihn, Nassau! Nassau i Wen? — Hutteu?! Karl: Ja! — Hütten! (Nassau schreitet aus Hutteu zu, der mit Sickingcn und andern Rittern wieder nach vorn gekommen ist.) Nassau (zu HüttenDie kaiserliche Majestät wünscht Euch zu sprechen, hutteu: Mich? Nassau- Ja, Euch! Sickingeu: Er wird mit Dir über neue Titel für Reichsfürsten verhandeln, Hlltteii: Das wird's wohl sein! (geht mit Nassau zum Kaiser, der am Thronsessel steht,) Trier (nach vorn kommend!! Hütten beim Kaiser! Hessen: Er wird ihn verhören! ^Ferdinand stand bisher mit einigen Kardinälen am Thronsessel. Wie er Hütten kommen sieht, geht er langsam zu Hessen, Trier ic und mit diesem nach dem Hintergrunde.) üarl: Ihr seid also Ulrich von Hütten? Hutteu: Der bin ich, Majestät. ^Pausc: beide sehen sich an ; der Kaiser Hütten mit Stolz nnd Wohlgefallen, Hütten den Kaiser fast feindselig nnd mißtrauisch. — 29 — Karl: Man klagt mir viel über Euch Hütten «sieht ihn an, als erwarte er Antwort: Pause.) Ihr verletzt die Autorität des Papstes und der Geistlichkeit. Hnttcn: Ich keime des Papstes Autorität nicht. Karl (etwas verblüfft :) Ihr seid kühn. Hnttcn: Ich kann nicht lügen und hencheln. AM (nach einer Pause: Ich finde Gefallen an Euch; drum ließ ich Euch rufen. Hütte» (misztrauisch und erstaunt:) Ihr «U mir?! Karl (versteht seine Augen:) Ihr habt etwas wider mich, Hütten! — Ihr schweigt? — Wohlan! Sprecht frei. Hnttcn: Darf ich frei sprechen? Karl: Vor Eurem Kaiser sollt Ihr kein Geheimnis haben. Ich liebe ein offenes Wort. Hütten (zögernd:) Nun denn! — Ihr wollt es! — Ihr seid ein Spanier, Majestät! (Verblüffung bei den Räten, welche dem Gespräche zuhören.) Karl (lacht:) Ein Spanier?! — Was wollt Ihr damit sagen? Hnttcn: Wir gehören zwei verschiedenen Welten an. Der Spanier versteht uns Deutsche nicht. Ein Kaiser fehlt uns, der des Volkes Secle kennt, der die Geister zu führen weiß zu dein großen Ziele unserer Zeit. Ein deutscher Kaiser verstünde es. Aarl (macht erst Miene aufzubrausen, unterdrückt aber rasch die Bewegung; sehr ernst:) Es ist mein Schicksal! Überall bin ich sremd. In Spanien ein Deutscher und in Deutschland ein Spanier. — Ihr kränkt mich, Hütten! Ist's meine Schuld, daß wir uns nicht verstehen? — Ihr Deutsche versteht mich auch nicht! Nur für eure kleinen Streitereien habt ihr Sinn. Meine großen Pläne, eine neue Zeit zu schaffen, ihr faßt sie nicht. Hnttcn (erstaunt:) Eure großen Pläne?! — Es gibt nur einen großen Gedanken in unsrer Zeit, nur den einzigen! — (warm:) Hier sinden wir uus! Gebe Gott, daß ich Euch recht verstehe! — 30 — Kart isreudig-) Gebe Gott, daß wir uns ftnden! Eure Hülfe würde ich-ungern vermissen (geht näher auf ihn zu- halblaut:) Ein Reich soll sein von Sonnenaus g a n g bis Sonnenuntergang, und gegen seineu Glanz soll das Römerreich erblassen. Isllttr» (mächtig enttäuscht: er entzieht heftig dem Kaiser seine Hand:) Kaiser! Wir finden uns nicht! Kar! (zurückprallend:) Wie?! — Euer großer Plan?! Huttnn Hört mich, Majestät! Verzeiht meinen harten Worten! Ihr hascht nach Phantomen! Rar! (sich an die Stirn greifend:) Hai! ijuttrii flehend:) Kebrt zurück zu unserer Zeit! Die Weltreiche gehören der Vergangenheit! Die Gegenwart ringt nach anderen Zielen! (Karl »'endet sich verächtlich ab und spricht leise mit Rassau,) Hütten: Ich sehe Euer Schicksal voraus! Ihr thut mir leid, Ihr könnt den Gang der Geschichte nicht hemmen. Werft Euch dem Unabwendlichen entgegen, es zertritt Euch und schreitet über Eure Vernichtung seinen unverrückbaren Weg. NlU'l ispricht mit Nassau weiter und wendet sich dann zu Hmien, eisig:) Ihr seid entlassen. Hnttcil: Hört mich! Ich bitte Euch! Karl: Was wollt Ihr noch? Huttni: Euch retten! — (heilig:) Ihr heißt Kaiser! Seid Ihr Herr im Lande? — Versucht es und befehlt! Unfere Tyrannen sind auch Eure Tyrannen. Betteln müßt Ihr bei ihnen gehen, um das zu scheinen, was Ihr sein könntet. — Seht das deutsche Volk! Blutend in den Fehden seiner Fürsten, zerfleischt und zerfetzt von ihrer Selbstsucht liegt es ohnmächtig am Boden, uud römische Psaffen treiben ihren Spott mit ihm! — Jetzt hat es ein mächtiger Geist erfaßt. Es rafft sich auf und zerreißt feine Ketten. Wollt Ihr zusehen, wie seine Henker es wieder niederpeitschen? — Gebt ihm Freiheit! Stellt Euch au seine Spitze! Wie ein — 31 — Frühlingssturm wird die Begeisterung über das Land brausen, die Folterknechte, die uns und Euch erwürgen, werden hinschwinden wie Schnee an der Frühlingssonne. — Wagt die mutige That! Seid freier Kaiser eines freien Volkes! Karl (hart und kaltBesinnt Euch, wo Ihr seid! — Geht! Ihr seid entlassen! Hütten: Ihr stoßt mich von Euch? Versagt mir Eure Hilfe? — Sei's! — Ich erkenne den Wink der Vorsehung: Aus sich selber soll sich dos Volk neu gebäreu. Ich will seine Tiefen aufwühlen und ein Heer schaffen, wie Ihr noch keines gesehen! Dann zittere auf Deinem Thron, Du Kaiser aus Wachs! (rasch ab auf Sickiugen und die andern Ritter zu. Der Kaiser schaut Hütten mit einem dunkeln Blicke nach. Nassau ist sehr nachdenklich geworden, ClMvres lächelt überlegen vor sich hin. Bestürzung bei den Rittern und einem Teil der Fürsten. Trier lacht höhnisch auf. Während Hütten sich zum Gehen nn- schickt, macht sich die Aufregung lärmend geltend. Zugleich beginnt der Vorhang rasch zu fallen.) II. Aufzug. I. Auftritt, Trier, Im churfürstlichen Palaste, Das Zimmer ist durch einen breiten Thürvorhang vc>n einem zweiten, dahinter liegenden abgeschlossen, Richard r>, Trier, Jvh, v. Eck. Trier: Ich bin in der größten Verlegenheit, Eck, Ihr müßt mir Geld schaffeit! Eck: Mögen Euer Gnaden Geduld haben! Ich kann — Trier: Was?! — Geduld?! — Ich kann mich nicht gedulden! Morgen längstens müssen einige tausend Dukaten in meinen Händen sein, Eck: Es ist unmöglich! Die Kasse ist leer. Die Schulden — Trier: Ihr seid kein Staatsmann! Ganz erbärmlich habt Ihr in Worms gestümpert! Hättet Ihr dem Kaiser richtig zugesetzt, zehnmal so viel hättet Ihr herausschlagen können. Jetzt büßt Eure Ungeschicklichkeit. Eck: Aber mögen Euer Gnaden doch bedenken — Trier: Nichts bedenke ich, als daß Ihr mein Kanzler und Finanzverwalter seid. Und die Finanzverwalter — 33 — haben zu sorgen, daß ihren Herrn das Geld nicht ausgeht. — Schreibt Ablaß aus, zeigt um Geld die Reliquien! Eck: Das wird nichts eiubringeu. Der ketzerische Augustiner hat viele abspenstig gemacht. Trier: Nehmt's, woher Ihr wollt! — Schreibt an Franz von Frankreich! Eck: Der zahlt nicht mehr! — seit — seit wir unser Versprechen — nicht gehalten! — Trier- Welches Versprechen? Eck: Luthern aufrecht zu erhalte», um Kaiser und Papst über ihn zu entzweien. Trier: So droht ihm mit einem Neichskrieg wegen Mailand. Eck: Das wäre umsonst! Der Reichskrieg hat schon begönne», Trier: Was?! — Seit wann? Eck: Heute erhielt ich Nachricht. Trier: Und ohne u»sere Zustimmung?! — Glanbt denn der Kaiser, er sei Herr im Lande? — — Laßt den Baner zahlen! Eck: Der Bauer ist ruiniert! Er kann nicht mehr. Trier: Er muß könne»! — Znm Teufel! So lange meine Bauern noch Ochsen im Stall und Korn auf den Feldern haben, brauche ich wahrhaft nicht zu darben ! Eck: Es macht sich unter den Bauern i» der letzten Zeit große —- Un — U»zufriede»heit bemerkbar. Trier (einrüstet:) U»zufriede»heit?! Eck: Sie sagen, sie würden gedrückt und gepreßt! Trier: Das sagen sie?! — Was untersteht sich das Lumpenpack?! — Sie sollen sich nnr rühre», die Schweme! Eck: Mir erscheint das nicht so unbedenklich! Da habe ich ein Buch mitgebracht — Trier: Scheert Euch zum Teufel mit Euern Bücher»! Eck: Erlauben Euer Gnaden! Das ist ein sehr bedenkliches Buch! Der Verfasser nennt sich nicht: aber, F. Erich Helf, Ulrich von Huttc». 3 - 34 — so wahr Gott mir helfe, es ist kein anderer als Ulrich von Hütten! Trier (lacht gezwungen:) Zeigt her! Eck: Es ist ein sehr bedenkliches Buch! Die Banern wiegelt es ans und verspricht ihnen so zwischen den Zeilen die Hilfe der Reichsritterschaft. Lest es nur. und — Trier (wirft das Buch heftig auf seinen Tisch:) Schafft mir Geld! Eck: Aber so wollen — Trier: Keine Widerrede! — Was bringt Ihr sonst? Eck: Hier eine Epistel von des Kaisers Rat, Heinrich von Nassau! Trier: Nachrichten aus Flandern? — Was schreibt er? Eck: Er ist bereits nach Worms zunickgekehrt. Trier: So ist der Krieg zu Ende? Eck: Robert von der Mark und die Franzosen sind völlig geworfen. Trier: Die Pest — ! — Was schreibt Nassau? Eck: Ihr möget ein Auge auf Sickingen und sein Treiben haben. Trier: Ist Sickingen auch fchon aus Flandern zurück? Eck: Seit einigen Tagen weilt er auf der Ebernburg und viele Ritter sind um ihn. Auch Ulrich von Hütten. Der kaiserliche Rat ist der Meinung, die Ritter möchten auf nichts Gutes sinnen und rät Euch daher, mit dem Landgrafen von Hessen und dein Chursürsten von der Pfalz Euch zu verbünden. Der Lanograf ist zu einem Bund gegen Sickingen geneigt, denn die Schmach, die ihm Sickingen in seiner Jugend angethan, hat seiu stolzes Herz uoch uicht verwunden; und Ludwig von der Psalz ist ernstlich gewillt, den Störungen des Landsriedens ein Ende zn machen. Wenn nns Sickingen angreift, ist's immer sicherer, mir haben Genossen. — 35 — Trier (beunruhigt:) Hat Nassau Anhaltspunkte für seine Befürchtungen? Eck: Er schreibt nichts! Hier lest selbst! (gibt ihm den Brief. Trier (liest; dann:) Er schreibt nichts!--Also morgen habe ich ein par tausend Dukaten! — Ihr seid entlassen! (Eck mit einer Verbeugung ab.) Trier (geht nachdenklich auf und ab: sich vor die Stirn schlagend ) Dumme Grillen! (seine Züge hellen sich allmählich auf.) Unbegreiflich blind! — Erst solgt er meiner Einladung, liefert sein Weib in meine Hände, und dann --— Unbegreiflich blind ! (er tritt zum Thürvvrhcmg und schlägt ihn zurück: fast erschrocken:) Margarethe! Du bist hier! — — (bewuudernd:) Wie gut die blaue Seide dich kleidet! (Er tritt in das andere Zimmer. Tas Folgende spielt hinter der Bühne. Mau hört zuerst einige unverständliche scharf geflüsterte Worte. Geräusch.) Margarethe 11. Lergen: Richard, laß mich! — Was willst Du? — (wild:) Laß mich, sag ich Dir! — Fort! Fort aus meinen Augen! — Ich hasse Dich! Trier (schmeichelnd:) Du mich hassen, Taubchen! — Das sagst Du mir — Margarethe: Ich rufe! Trier: Was ist mit Dir? Margarethe: Ich mag Dich nicht sehen! Überdrüssig bin ick) Deiner! Du ekelst mich an. Fort aus meinen Augen! — (lauter:! Aus meinen Augen! — Tu gehst nicht? — So gehe ich. Trier: Halt! Du darfst nicht hinaus! Margarethe: Hier vertrittst Du mir den Weg nicht! (stürzt durch den Thürvorhang auf die Bühne.) Rudolf (hinter der Bühne:) Die Äbte warten im Audienzzimmer. Trier (ins vordere Zimmer trctcud:) Ich komme! — Margarethe! — — (besinnt sich nnd geht:) 3* — 36 - Margarethe (horcht:)-Er ist fort! — Hu! Ist mir heute so eug! — — (wild:) Warum kam ich hierher? Warum widerstand ich seiueu Lockungen nicht'? — (stöhnt:) Wie ich mich verachte! (Sie kniet auf einem Bclschemel vor einem Krucifixe:) Gott! Gib mir Macht über mich selbst! Du kannst es, denn Du bist allmächtig! Kein Sperling sällt, ohne das; Du es willst. Und ich bin so tief gefallen! War das Dein Wille, Gott? — Nein! Dein Wille ist heilig wie Du selbst. Dein Wille ist heilig und nichts geschieht ohne Deinen Willen! (heult am.) Durch Deinen heiligen Willen bin ich gefallen, Gott! Verdamme mich, heiliger, allmächtiger — (furchtbar höhnend:) allgerechter Gott! (Geransch und Stimmen hinter der Bühne. Margarethe horcht auf: erblassend:) Er ist's! Er kommt zurück! (kümmert sich krampfhaft an das Kruzifix, drohend flüsternd:) Krast gib mir! Kraft! (Das Kruzifix stürzt zu Boden und zerbricht. Margarethe springt auf. Otto von Bergen tritt auf.) Otto v. üergcil: Margarethe! Was thust Du?! Margarethe (sieht ihn starr an: sich fassend:) Nichts! — Nichts, Otto! — Das Ding da ist umgefallen. — Ich bin erschrocken!--Otto, mir ist so unheimlich hier, schon seit ein paar Tagen. — Wir wollen fort — fort! Sergen: Das ist von selbst umgefallen? Margarethe: Ja! Ja! Ganz von selbst! — Ich zittere noch! — Das bedeutet Schlimmes! Sergen: Mach Dir keine Grillen, Kind! — Was soll das bedeuten! — (abbrechend:, Weis; der Churfürst, das; der Huud tot ist? Margarethe: Glaub' nicht! Niemand wagt es ihm zu sagen. öergen: Mußtest Tu auch den dummen Streich machen und das Tier auf den Burschen Hetzen? Margarethe: 's war nur Scherz! — Konnte ich denken — — 37 — Sergen: Tu denkst immer zu spät. Rückhaltlos gibst Du Dich jeder Augenblickslaune hin. Margarethe: Tu hast recht! — (nachdenklich:) Ich denke immer zu spät! — Srr^en: Es ist sein Lieblingshund! Er wird rasend werden. Rudolf ttritt auf.) Es wartet ein Bube draußen mit Austrag an Euch. Sergen: Laß ihn ein! (Rudolf ab:) — Hat der Churfürst Gäste geladen, oder sind wir allein? Margarethe: Ich weiß von nichts. — Du weißt ja, er kann den Lärm nicht leiden. (Ein Bube tritt auf.) Sergen: Was willst Du, Bursche? Lude: Seid Ihr Herr Otto von Bergen? Sergen: Der bin ich. Luve: Mein Herr, Franz von Sickingen, schickt Euch diesen Brief. (gibt ihm ein Papier.) Sergen: Hast Du noch einen mündlichen Auftrag? Luve: Nein (ab.) Sergen (hat den Brief geöffnet und überflogen:) Sickin- gen ruft mich zu sich auf die Ebernbnrg. Noch hellte muß ich reiten. Bleibst Du hier oder reitest Du mit? Margarethe: Was will Sickingen von Dir. Sergen: Davon schreibt er nichts — nein! — Wir treffen Gesellschaft dort: Zollern und Hütten. — (heimlich thuend:) Weißt Du, was ich vermute? — Sickin- gens Tochter und Hütten werden ein Par. Margarethe (zusammenzuckend:) Glaubst Du! — Steht davon im Brief? Sergen: Im Brief nicht, aber schon in Worms hat er sich immer zu ihr gehalten und, jetzt — Margarethe (hastig:. Ja — ja — ja! — Wann reisen wir? Sergen: Du mit? Margarethe: Ja! — Wann reisen wir? Sergen: Heute am besten! ^«»»MW«W»»W»»»»>»IW»»»»I»»M»»W»WW»»»»»«W»»»»»»»«>WM — 38 — Margarethe: Gut! — Ja! — Heute noch! Sergen: Was hast Du, Margarethe? — Du bist so ausgeregt! Margarethe: Nichts! - Nichts! — Ich sage Dir, ich suhle mich hier nicht wohl! Sergen: Dann bleibst Du doch besser. Die Reise strengt au, Margarethe: Nein! Ich reise mit Dir! Sergen: Dann warten wir bis morgen! Margarethe: Nein! — Heute! — Das machen die Möuchskutten und die Totenstille hier am Hof! Das halte ich nicht aus, Otto! Sergen: Ich meine aber doch —! Dn siehst blaß aus. Margarethe! Margarethe: Heute reiten mir ab! — Sofort! — Laß satteln! — Geh zum Churfürst! Sergen: Aber liebes Kind! Margarethe: So geh' doch! Sergen: Gut! Wie Du willst! (kopfschüttelnd ab,) Margarethe (hvrcht lautlos, bis man keinen Schritt mehr hört, schreit dann auf und sinkt aus ein Polster, schluchzend und das Gesicht bedeckend; Pause? halblaut:) Und wenn dem so wäre! — — (wild:) Ich vernichte Dich! Von Deiner Höhe zerre ich Dich herab; Ich hänge mich an Dich mit der ganzen Schwere meiner Verworfenheit! Hinab in den Abgruud!--(verzweifelt:) Was bin ich durch Dich geworden — —! Und Dn triumphieren?! - - Mein der Sieg — Triumph in der Vernichtung! (Stimmen vor der Thür,) Kndolf (vor der Thür:) Bist Du verrückt, alte Vettel?! (Durch den Thürvorhang kommen Richard von Trier und Otto von Bergen,) Trier: Was ist das für ein Lärmen?! (tritt heftig zur Thür und öffnet, verein stürzen der alte Weber, feine Frau und Gretel, Vor dem Churfürsten fallen sie auf die Knieen, Hinter ihnen drein kommt Rudolf.) Trier (zu Rudolf:) Was will das Pack? ^ — 39 — Rudolf: Zu Euch wollen sie! Weiß nit, warum! Trier: Und Du hast das Gesiudel hereingelassen? Rudolf: Ich wollt's ihnen wehren, aber sie ließen sich nicht halten. Trier (ärgerlich:) Ließen sich nicht halten! — Wozu habe ich weine Hunde?! Weber: Erbarmt Euch, Herr! Fran: Allergnädigster Herr Churfürst —! Weber: Gebt uns alten Leuten unserer Sohn frei! — Es ist der einzige, dem wir haben. Trier: Euer Sohn? — Wer ist Euer Sohn? Frau: Er hat's ja nur gethan, weil er sich hat wehren müssen. Trier: Seid Ihr verrückt?! — Was weiß ich von Enrem Sohn! Weber: Den Hund hat er geschlagen, der ihn angefallen hat! — Er hat sich nur gewehrt! Sergen: Ihr kennt den Sachverhalt nicht. Bei der letzten Jagd fiel einer Eurer Hunde einen Bauernburschen an; der setzte sich zur Wehr und erschlug ihn. Trier: Welchen Hund? — Ist er tot? öergeii: Der Hektar war's. Trier: Der Hektar?! — Und tot?! — Sergen: Ja! Trier (wütend:) Ihr alteu Schweine! — Scheert Euch! — Ich lasse Euch rädern! — Wo ist der Bauernlümmel? tllldolf: Wir haben ihn mit uns genommen; er sitzt im Thurm! Trier: Packt Euch zum Teufel! Winselt die Hölle an! Packt Euch! Die Hunde Hetze ich auf Euch! Frau: Allergnädigster Herr Churfürst —! (will seine Knie umfassen.) Trier (gibt ihr einen Tritt:) Weg, alte Hexe! — 40 — Sergen: Mäßigt Euch doch, Churfürst! Trier: Bin ich noch Herr im Lande?! — Meinen Hnnd wagt man totzuschlagen wie ein gemeines Stück Vieh?!--Das ist's! Die Lumpen werden uuzu- srieden, sie murren gegen ihren Herren! — Aber ich will ein Exempel statuieren, daß den Schweinen das Mark in den Knochen gefriert! — Nudols, Du bindest den Bauernochsen im Hof an einen Baum, streifst ihm ein Hirschfell über den Körper und hetzest meine ganze Meute auf ih.n! Ivclier (schreit auf:) Allmächtiger Gott! Hilf uns! Sergen: Ist das Euer Ernst? Frau: Herr Churfürst, Herr Erzbischof, Gnade — Gnade! Grett! (hat vor Weinen keinen Laut hervorgebracht:) Mein Hans! — mein Hans! (wird ohnmachtig,) Trier (zu Bergen:) Mein Ernst?! — Ich glaube gar, Ihr bedauert die Schweinehunde! Sergen: Der Bursch hat sich seines Lebens gewehrt! Trier: Und schlug meinen, seines Herrn, Hnnd tot! — Rudolf, rufe die Knechte. Mit Peitschen sollen sie das Pack wegtreiben! (Rudolf ab.) Sergen: Ihr seid toll! Margarethe: Ich habe den Hund auf den Burschen gehetzt. Ich wollte scherzen. Der Bursch' ist unschuldig. Nennt ein Summe! Ich will für den Hund Buße zahlen. Trier: Hundsblut um Hundsblut! Der Bauernhund stirbt! Ich bin sein Herr, ich züchtige ihn. Weber: Erbarmt Euch! Erbarmt Euch! — Seht meine weißen Haare — ich bin ein alter schwacher Mann, und der Hans ist mein einzig Kind! Trier: Zum Henker! — Rndolf! Peitschen! Sergen: Macht was Ihr wollt! Ihr habt's zu verantworten! — 41 — Trier: Vor wem?! — Kein Kaiser und Papst hat sich um meine Gerichtsbarkeit zu scheeren! Sergen: Es gibt einen, der steht über Kaiser und Papst. Trier: Mit dem mach' ich's schon selber ans. (Rudolf und Knechte kommen mit Peitschen.) Margarethe: Habt Ihr denn gar kein Herz? Bergen (zu Webers Geh! alter Mann! Geh! — Den Stein kannst Du nicht erweichen. Trier: Endlich da! — Schafft mir das Gesinde! vom Hals! Haut auf sie ein! Weber! Komm, Frau! — Komm, Gretel! — Fort! — Fort! — Herrgott im Himmel, Du strafst ihn! — Nimm ihn uns, blutiges Tier! (ballt die Jaust.) Lang treibst Dn's nimmer! Trier: Die Hunde auf das alte Schwein! Weber: Kommt! — Fort von dem Ungetüm! (nimmt die Frau und Gretel an der Hand, rasch ab.) Sergen: Ich denke, unsere Pferde sind gesattelt, und unsere Begleitung ist bereit. Lebt wohl, Herr Churfürst! Wir sehen uns vielleicht in andrer Lage wieder. Dann sollt Ihr an diese Stunde denken! Trier: Was soll das heißen. Sergen: Hochmut kommt vor dem Fall und für jeden Frevel gibt's eine Sühne! — Komm, Margarethe! — Reiche ihm Deine Hand nicht! — Fort! (Mit Margarethe ab.) Trier (ihnen folgend; durch die Zähne:) Schwachkopf! — 42 — II, Austritt, «Lbernburg bei Rreuznach, Eine mäßig erleuchtete Halle. Bertha v, Sickingen sitzt am Spinnrocken und spinnt, Ulrich v. Hütten steht an einem Fenster. Es ist spät am Abend, Sturm und Gewitter, Die ersten Augenblicke nach dem Scenenwechsel ist es ganz still. Tann ein greller Blitz. HlltttN (mit strahlenden Augen:) Wie schön! (Es donnert heftig und lang.) Hlltttll (halblaut!) Der Himmel stand in Flammen und die Erde war sein Spiegel! — (trüb:) Und jetzt wieder dunkel und tot! Der göttliche Funke hat nicht gezündet; — verloschen ohne Erfüllung eines Zweckes. — Und hätte er gezündet —! Das göttliche Feuer verzehrte eine stinkende Menschenhütte i Der schmutzige Qualm entweihte die reine Luft und leuchtete nicht! — Ein mahnend Bild! — Vom Himmel herab kommt eine große Seele und sucht aus Erden die Flammen der reinen Begeisterung zu entsachen für ein großes Ziel. Die große Seele verlischt wie der Blitz, ehe die Aufgabe erfüllt, und zündet sie, dann flammt kein göttlich' Feuer auf; niedrige, schmutzige Leidenschaften lösen sich in der Menschenbrust zu gemeiner, unreiner Glut, und trüber, dicker Ranch steigt auf statt des lohenden Feners! — — (wie erwachend:) Ist das Kleinmut?! — (laut:) Weicht, ihr falschen Geister! (er erinnert sich an Berthas Anwesenheit und schrickt leise zusammen. Sich an den Tisch niederjepend stützt er das Haupt in die Hand , müde:) Es wird spät! — Bist Du müde, Bertha? Sertha: Nein! Huttriu Du bist so ernst, — siehst müde aus, — Willst Du warten bis Dein Vater zurückkommt? — Und wenn er heute nicht mehr käme? — 43 — örrtha: Er komnit heute noch. Und ich warte auf ihn. (Pause.) Hütten: Was fehlt Dir Bertha? — Du bist so ernst — so traurig. — Seit Dein Vater weg ist —. Ängstigst Du Dich um ihn? Lerthln Nein! Hntten: Dann sag'! Was ist es sonst? Sertha: Nichts! — Nichts! — (spinnt und summt halblaut cin Liebchen.) HlltttN (nach einer Pause:) Bertha! Lertha: Was willst Du? Hntten: Du inst unerklärlich!---Hast Du mich nicht mehr lieb? öN'thll (lehnt sich in ihrem Stuhle zurück und sieht Hütten mit großen, lüttenden Blicken nu.) Hütten (faßt ihre Hand:) Sag' was ist Dir, Bertha! Lertha (bittend:) Geh! — Laß mich spinnen, Ulrich! Hntten: Mädchen, was ist in Dir vorgegangen? — Schau mir frei ins Gesicht! — Du trägt etwas in Dir herum, was Du mir verbirgst.--(bittend:) Sag' mir, was Dich drückt! öerthll (sieht ihn lange an:) Ich kann nicht, Ulrich! — Ich darf nicht. (Sie steht aus. Einige Augenblicke stehen die beiden sich stumm gegenüber. Hütten umarmt Berthn und tüßt sie; Bertha läßt es willenlos geschehen.) Hütten: Komm'! — Setze Dich zu mir! (Sie setzen sich zusammen ans ein Polster am Fenster. Hutteu ergreift ihre beiden Hände.) Hütten: Sag mir! Was macht Dich so traurig?! — Bertha! — Bitte! Sag' mir's! Lertha: Ulrich--!— Frage nicht! — Ich bitte Dich, frage nicht! (Hütten gibt langsam ihre Hände frei und schaut träumerisch zu Boden. Pause.) Lerthll (beobachtet Hütten, kämpft mit sich selber; plötzlich heiter:) Komm' Ulrich! — Ich will wieder Deine fröhliche Bertha sein! — Ich will es Dir erzählen--. Aber Du darfst mich nicht auslachen! — 44 — Hlltttin Erzähle es nur! — Unbesorgt! Lerthln Gestehe nnr! Dn lachst oft genug über mich! — Ich bin ja gegen Dich so kindisch und klein! Huttriu Bleib' wie Du bist! Werde nie anders! öertha: Ich will sein, wie Du mich willst, — Gelt, Du bist mir nicht mehr böse? Hiittriu Warum sollt' ich Dir böse sein? örrtha: Weil — weil — Ich war gestern und heute gegen Dich so — — so — —! Ich habe Dir wehe gethan, Ulrich. Ich Hab's wohl gemerkt! Hilttnu Du warst sonderbar. Lertha (lacht:) Sieh! Ich muß selber drüber lachen! — Wie der Bater gestern srüh Abschied genommen hat, da hat er zu mir gesagt: „Bertha, nimm' Dich vor dem Hütten in Acht! — So wacker und brav er sonst ist, so gefährlich ist er für junge Mädchen." Hüllt» (lachend:) Das hat er gesagt! LtrthlN Ja! Gefährlich wärst Du! tjutteii: Und Du hast das geglaubt? LrrthlU Er hat gesagt, ich solle mich vor Dir hüten. Da habe ich mir vorgenommen, ernst zu sein und Dich nicht mehr zu küssen. Hutteiu O Du gutes, unschuldiges Kind! ^- (umarmt sie:) Jetzt gib mir einen Kuß, aber einen rechten! (sie küßt ihn.) So! — Und wenn der Vater nach Hause kommt, erzähle ich's ihm. LertlM Nein! — Ulrich —! Huttrn: Dann mußt Tu Dich nicht mehr vor mir hüten, denn dann bist Du meine Braut. (Der Turmwächter bläst.) Lertha: Der Vater! Der Vater! (eilt fort. Hütten ihr nach. Die Bühne bleibt einige Augenblicke leer.) (Hütten kvmint mit Otto v. Bergen, etwas später Bertha mit Margarethe o. Bergen.) Lergrin Ich erhielt den Brief und sofort machte ich mich' auf den Weg. — Sickingen seit gestern früh abwefend? — Zollern mit ihm? - 45 — Hütten: Zollern mit! — Sie wollen heute Abend zurück sein. Er kann immerhin noch kommen. Bergen: Wenn er es nicht vorgezogen hat, sich unterwegs ein Obdach zu suchen. Das Wetter wütet entsetzlich. Wir hatten uns in eine Banernhütte geflüchtet. Die war klein und voll Rauch! Durch das Dach tropfte der Negeu und ein Bund Stroh sollte unser Lager sein. Das war Margarethen zu unbequem, und sie drängte, daß wir trotz Sturm lind Regen weiter ritten. Hütten^ Margarethe?! — — Du bist ja ganz durchnäßt! — Hattest Du keinen Mantel? Lergen: Ich gab ihn Margarethen. Hutteil: Komm, ich will Dir von meinen Kleidern geben. Sie werden Dir passen! (mit Bergen nb.) (Bertha und Margarethe standen am Kamin, Sie sprachen nur wenig zujannnen. Margarethe betrachtete Bertha mit feindseligen Blicken. Jetzt kvmmen sie nach vorn.) Margarethe (fixiert Bertha; durch die Zahne:) Das Frätzchen! Sertha: Was wünscht Ihr? Margarethe: O — nichts!--Nicht wahr, Hütten gefällt Euch. öertha treuherzig:) Kennt Ihr ihn? Margarethe (lacht laut a»f:> Ja freilich! — Sehr gut kenn' ich ihn! Lertha: Und er gesällt Euch nicht? — Er ist so edel und groß! Margarethe (spöttisch:) Ihr kommt Euch gewiß recht klein gegen ihn vor! Lertha: Ja, unendlich gering! Margarethe: Glaubt Ihr, daß er an Euch Gefallen findet? Lertha: Ach nein —! Ich bin ja so--! Ich weiß wirklich nicht-- Margarethe (für sich:) Das Kind ist toll! (laut:) Nein, liebe Kleine! Ihr gesallt dem Hutteu, dem großen, — 46 - edeln Hütten nicht! — Der große, edele Hütten hat ganz andere Weiber besessen wie Euch, und kann sie noch besitzen; Weiber von gottlicher Gestalt, gegen die Ihr nur ein armseliges Lärvchen seid; denen Himmel und Hölle aus den Augen leuchten, die aus gleichem Stoss geschaffen wie er, aus Feuer und Flammen! — (faßt Bertha am Handgelenk:) Mach Dir keine tollen Hoffnungen, thörichtes Kind! Der Hntten ist nicht der Mann, vom Gaul auf den Esel zu kommen! Zertha (sucht sich dem eisernen Druck von Margarethens Hand zu entwinden:) Laßt mich! Ihr thut mir weh! Margarethe (dämonisch:) Du nichtige Fratze! Du willst den' Flammengeist an Dich fesseln?! Die Flügel wirst Du Dir an ihm verbrennen! Betrügen wird er Dich! Versübren, wie hundert andere! — (hohnlachend:) Du ihn besitzen?! — Ha — ha! — Du und er! — (wild, die weinende Bertha von sich stoßend:) Ich zertrete Dich, Du Wurm! (Bertha stürzt zu Boden.) Hultrn (tritt auf; auf Margarethe zustürzend:) Halt ein! — Was thust Du?! Margarethe (erschrickt! wendet sich um: gesaßt:) Daist er ja. Dein Liebster! — (spottend:) Klage ihm Dein Leid, armes Mädchen. Hütten (hilft Berthn aus:) Bist Du verletzt, Bertha? — Sag, was har sie mit Dir gehabt? Hertha (hängt sich weinend an Hütten:) Sie hat mich so erschreckt! Margarethe: Jetzt gehst Du mir nicht mehr feige aus dem Wege, wie in Worms! Ich verlange Autwort von Dir. Hast Du am Morgen nach dem Feste beim Kaiser meinen Brief erhalten? Hütten: Ja! Und ungelesen zerrissen! — Bertha. laß mich mit ihr allein! — Sie wird Dir noch mehr weh thun! (Bertha will gehen.) Margarethe (hält Bertha zurück:) Nein! Bleibe nur. Du unschuldig Frätzchen! Du sollst alles hören! (Bertha geht weiter. Margarethe packt sie am Arm:) Bleiben sollst Du! — 47 — Hntten: Wahnsinniges Weib! — Laß sie gehen! Margarethe: Bleiben sollst Du und hören! (Hütten reißt sie am An» von Bcrtha los und schleudert sie um sich herum. Bertha ab.) Margarethe (ist aus die Kniee gestürzt. Sie springt auf.) Brav geinacht, Ulrich! Hntttll (barsch:) Was willst Du von mir? — Mach's kurz, wenn ich Dich anhören soll! Margarethe: Dein Bräutchen hört Dich jetzt nicht. Du hast nicht mehr nötig zu lügen. — Hast Du damals meinen Bries erhalten? Hatten'. Du solltest mich besser kennen! Wann habe ich jemals gelogen? Margarethe: Ungelesen zerrissen! —(wild lachend:) Ungelesen zerrissen! — (faßt sich langsam.) Der Brief war meine Rechtfertigung. Du hast mich an jenem Abend schon sür das gehalten, zu dem Du mich gemacht! — Prinz Ferdinand batle von nur keine Zusage — (Hütten will gehen.) Margarethe: Er drang in mich--! Bleib! — Ich schrei' es durch's ganze Haus! — Er drang iu mich, aber ich blieb standhast. Du hast mich in seine ?lrme geworfen! — Ulrich, Du warst mein Gott, ich betete zu Dir. Von Jugend auf, feit ich Dich zum ersten Male gesehen, war Dein Bild in mir. Nichts großes konnte ich mir denken, das nicht in Dir war, und alles in Dir war mir göttlich groß! — Da flog die Sonne aus ihren Geleisen. Ich sah wanken, was mir unverrückbar gewesen. Der große Hütten hat an mir gehandelt wie ein gemeiner Schurke. — Wer war es, der mich die Sünde lehrte? — Tu! — Und wer war es, der die Sünderin von sich stieß, hochmütig und selbsterhabcn, wie die Tugend das Laster? — Du! — War das recht? — War das edel? — Ulrich, ich kann alles ertragen, nur nicht Verachtung von Dir. Du bist mir der Inbegriff der Menschheit, der einzige — 48 - Mensch; denn in Dir allein ist göttlicher Geist, Und Du hast mich verachtet! Von Dir verachtet war ich mir von allen verachtet, und in trotziger Verzweiflung that ich, was mir Verachtung verdiente. Der Teufel in mir hatte falsch gerechnet. Es gab eine Menschenseele außer Dir, die hatte ich vergessen: Ich selber. Vor mir war ich rein, und jetzt —! — Könnt ich meine Seele von mir spucken, wie ein schlechtes Gift! — Zertreten —! Vernichten — !--Unaufhaltsam treibt'S dem fürchterlichen Ende entgegen! (drohend:) Zittere vor meiner Rache! Dich reiße ich mit in das bodenlose Verderben! Hnttcn (mncluig ergriffen:) Margarethe, ich habe gefehlt. — Ausrichte», stützen hätte ich Dich sollen! — Kannst Du mir verzeihen? Margarethe (ihren Ohren nicht tränend:) Dir — verzeihen?! Hütten: Alles will ich gut macheu — alles — alles — so viel ich's kann! Margarethe (kunm ihrer Sinne mächtig.) Alles — gut! — Du — mein! (wankt ans ihn zu nnd will ihn cm sich reißen.) Hntten (tödlich erschrocken:) Weib! — Schande UM Schande?! (stößt sie von sich.) Margarethe (taumelt zurück und starrt ihn an; versteht ihn; mächtig stöhnend:) So war's gemeint?! — Ha — ha — ha — ha! Hütten (halblaut: schmerzlich:) Unrettbar verloren! Margarethe (stürmt plötzlich wild auf ihn los, packt ihn au dem Handgelenk:) Auf die Knie vor mir! Auf die Knien! — Flehe um Erbarmen! Bete mich au, wie eine Heilige! — (wütend:) Ich vernichte Dich! Hütten (kalt:) Ich fürchte Dich nicht. — (blickt in ihre verzerrten Züge; erschrocken:) Weib! Wahnsinnig?! Margarethe: Du fürchtest mich nicht?! (zieht einen Dolch.) Noch nicht?! — (rasend.) Auf die Kniee!-- Jetzt könnt' ich Dich töten, aber ich will nicht.-- (Der Thurmwächter bläst.) - 49 — Hütten (macht sich von ihrem Griffe frei:) Den Dolch von Dir! Margarethe: Ich töte Dich nicht. Ich vernichte Dich! — Zittere, Schurke! — Ich kenne Deine großen Pläne, ich weiß, daß sie die Luft Deines Lebens sind. Sie sollen scheitern und Du ersticken! Hütten (mit überlegenem Mitleid:) Spare Deine Kraft! Hier bin ich unverletzlich. Ich bin ein Werkzeug des Weltgeistes zur Erfüllung seiner großen Gedanken, unverletzlich und heilig! — (Stimme» hinter der Szene.) Hntten: Das ist Sickingen! (ab., Margarethe (schaut ihm nach; höhnend:) Werkzeug des Weltgeistes! — Wenn der Weltgeist einen Hammer zerbricht, kauft er sich einen anderen!--Die Wurzeln Deines Lebens reiße ich aus! — Verdorren sollst Du, und mich — verfluchen! (Sie sinkt müde nuf einen Sitz am Kamin.) (Sickingen, Kollern, Bergen, Hütten, Bert ha, zwei Ratsherrn aus Trier und Friede! treten aus. Sickingen nnd Zollern in voller Rüstung. Sickingen: Grüß' Euch Gott iu meinem Eulennest! — Ihr seid heute Abend hier angekommen? Bei diesem Sturm? Lergen: Ihr habt mich gerufen. Sickingen: Ja — ja! — Zum letzten Wort vor der That! (zn den Ratsherren:, Ihr Herren müßt entschuldigen, wenn ich Euch etwas unsanft angefaßt. Seid Bürge, daß Euer gnädigster Herr Churfürst seiuen Verbindlichkeiten gegen mich nachkommt, und Ihr seid frei! (Die beiden Ratsherren sprechen heimlich mit einander.) Sickingen: Wollt Ihr Euch verbürgen? — Euer Manneswort: — Schlagt ein! 1. Katsherr: Wir verbürgen uus. (Beide reichen Sickingen die Hand. F. Erich Helf, Ulrich von HutK'n. 4 — 50 - Sickilignn Jetzt, seid Ihr frei! Für heute Nacht mögt Ihr unsere Gastfreundschaft genießen! Friede!, führe sie in ihre Kammer! (Friedet mit den sich verbeugenden Ratsherrn ab.) Sickingrin Kommt, Zollern! Wir wollen'S uns leicht machen! (schlägt mit der Faust auf seinen Panzer:) Wir waren lang' genug in Eisen! lab mit Zollern.) (Margarethe steht am Kamin, Bertha im Vordergrund, Margarethen von Zeit zu Zeit scheu betrachtend. Hütten hat einen Krug Wein und Humpen auS dem Schranke geholt und setzt sich mit Bergen an den Tisch. Sie trinken.) Bergen (halblaut:) Sickingen hat einen Fang gethan. Mir dünkt, ich kenne die Herren. HllttNI (absichtlich laut, halb zu Bergen, halb zu Mar- garethe l) Trierer Ratsherrn! — Endlich soll mit dem großen Werke begonnen werden! — Zwei elsässer Ritter hatten gerechte Forderungen an Trier. Sickingen kaufte sie ihnen ab. Der Churfürst von Trier wollte natürlich von den Forderungen nichts wissen. Er gab Sickingen nicht einmal Antwort. Da erfuhren wir, daß zwei angesehene Trierer Ratsherren, von denen einer des Weihbischofs Vater ist, auf der Reise von Worms nach Trier sind. Sickingen verlegt ihnen den Weg, fängt sie auf. Das gibt Fehde mit Trier. Denn der Churfürst wird sich weigern, die Bürgschaft, welche die zwei übernommen, anzuerkennen. Bergen' Habt ihr euch mit den andern Rittern schon besprochen? Hutteiu Alle waren schon hier. Du allein hast gefehlt. Wir schickten einen Boten auf Deine Burg nach Franken und erfuhren dort, daß Tu am Hof zu Trier weilst. — Vorgestern sind die andern wieder abgereist. Bergen: Und habt ihr euch verständigt? Hütten: In vier Wochen, genau in der Nacht auf den zweiten Sonntag im September erscheint Sickingen mit einem Heerhaufen vor Trier. Er hat unter der Hand geworben. Wir haben etwa zehntausend Landsknechte. Dabei können wir uns Rechnung machen auf starken Zuzug von trierer Bauern. Sergen: Und die andern Ritter? — Was habt ihr mir zugedacht? Hütten: Alle sammeln sie unter der Hand Truppen, und in derselben Nacht, in der mir vor Trier erscheinen, sallen sie überall über die Fürsten her, werfen sie nieder und in Trier stoßen sie mit uns zusammen. Sergen: Und dann? Hütten: Ein Reichstag wird nach Köln oder Aachen berufen, zn dem Ritter, Städte und Bauern ihre Vertreter senden. Fürsten und Bischöse werden ihres Amtes entsetzt, und ihre Würde beseitigt. Der Kaiser wird aufgesordert, die neue Ordnung anzuerkennen; weigert er sich, geht er des Thrones verlustig; das deutsche Volk wählt sich einen neuen Kaiser. — In Sachen des Glaubens sagen wir uns vom Papste los. Wir begründen eine deutsche Kirche mit deutschem Primas. Sergen: Wer soll der sein. Hütten: Der Erzbischof Albrecht von Mainz. Sergen: Was?! — Der Erzbischof von Mainz?! Hütten : Er ist mit im Bunde Mein Vetter Fro win hat ihn selber und den ganzen Stistsadel gewonnen. — — Bewahre Schweigen über alles! Die andern wollen es so. — Mich kränkts, daß unser gutes Werk im Dunkeln reisen soll! Frei vor aller Welt darf es sich zeigen. Zu schänden machen können sie's nicht! (Sickingen und Zollern kommen in gewöhnlicher Klcicung.) SilKingrn (fröhlich:) Bertha! Bring nns Wein! Die großen Hnmpen! — Vom allerbesten! — Wir haben einen gnten Trunk verdient. — Und Deine Küche mag zeigen, was sie vermag! (Bertha nb.) Sickingtll (zu HüttenDas nenn' ich mir Freiheit! So lieb ich das Leben! — Will mich recken und strecken 4* >»»»»»^»>»»I>W»»M»»»W»»»»»»»I«»«»»»»>^W»«W»W»»»««I»»» — 52 — dürfen! — Allen Landfrieden zum Teufel! — Soll ich mich vor all dem kaiserlich Pack bücken und drücken und mir von den gelehrten Herrn durch hundert Instanzen mein Recht erbetteln?! — Wozu hab'ich meine . Faust, — Ich hole mir mein Recht selber! Hütten (faßt Sickingen bei der Hand-) Erlaub' mir ein Wort! (geht mit ihm nach hinten, Sie sprechen leise zusammen. Margarethe beobachtet sie mit flammenden Augen, Bertha kommt, Friede! und Robert bringen Wein und Hnmpen.) Sickingen: Bertha! (Hütten winkt Bertha, heranzukommen, Sickingen spricht zu ihr. Sie errötet und nickt.) Sickingen (freudig:) So gebt Euch die Hand, Kinder, und nehmt meinen Segen! (geht mit ihnen nach vorn.) Margarethe (herantretend: bitter:) Meinen Segen auch! Sergen (freudig zu Margarethen:) Hat mir's doch geahnt! Margarethe: Du bist ja so klug! — (zu Hütten und Bertha:1 Alles Glück wünsche ich Euch! — Alles Glück! (Schüttelt beidcu so derb nud kräftig die Hand, daß Bertha kaum einen Schrei unterdrückt.) Jollern: Guter, alter Freund! Das hätt ich mir l nie träumen lassen: Hütten Familienvater! — (reicht beiden die Hand:l Gott sei mit euch! öergtli: Möge euch der Himmel eine glückliche Ehe bescheeren! Seid so glücklich, Hntten, wie ich! Margarethe: Wann macht ihr Hochzeit? Sickingen: Wann ihr Hochzeit machen wollt, überlasse ich Ench, Kinder. Meinethalben schon morgen! Hütten: Nein, Sickingen! So bald nicht! — Bertha, noch darf ich Dir nicht gehören; noch stehe ich im Dienste höherer Mächte. Wenn aber das große Werk vollendet ist, dann bin ich ganz Dein: und dieser Tag ist nicht mehr fern! — 53 — MllNM'ttljr (ist ganz nach dem Vordergrund gekommen; für sich:) Diesen Tag erlebst Du nicht! (Der Zwischenvorhang fallt sehr rasch.) III. Auftritt. Trier. Ein Zimmer im chursürstlichen Palaste. Richard v. Trier hält ein Schreiben in der Hand. Vor ihm ein Bube. Trier: Gab sie es Dir selbst? Lulie- Ja. Und Euch selbst sollte ich's übergeben. Trier: Gab sie Dir noch einen mündlichen Auftrag. Silben Nein! Trier: (winkt ihm zn gehen. Der Bube ab. Er erbricht den Brief und liest, wird kreidebleich; wie gebrochen sinkt er auf einen Stuhl, immer auf den Brief stierend. Er keucht und wischt sich den Angstschweiß von der Stirn; matt:) Was ist das?! — Ha! Das ist nicht möglich! — — Der Sickingen! — Das ist nicht — möglich! (er läßt den Brief fallen und starrt tot in die Leere. Matt lächelnd erhebt er sich; halblaut:) Ihr habt uns noch nicht! (er klingelt. Ein Edelknabe tritt auf.) Trier; Rnfe mir Eck! - Auf der Stelle! Edelknabe: Er wartet schon im Vorzimmer. Trier: Sofort soll er herein! (der Knabe ab.) — Wir müssen uns wehren —!— ja! — Wehren! (Eck tritt auf.) Trier: Ah! Da seid Ihr! Eck: Was wünschen Euer churfürstlichen Gnaden? Trier (auf den Brief nm Boden deutend:) Lest den Brief da! (Eck hebt den Brief auf uud will lesen.) — 54 — Trier (erschrocken-) 'Nein! Keinen Blick thut Ihr in das Papier! (nimmt ilim den Brief:) Die Ritter haben wir auf dem Hals! Die ganze Gesellschaft! Eck (erschrocken:) Allmächtiger! Trier: Sie wollen uns aus dem Lande jagen mit Schimpf und Schande, uns alle, uns Reichssürsten! Mit uns liier machen sie den Anfang, Eck: Da sei Gott vor! Trier' Jede Stunde kaun sie bringen! (verzweifelt-.) Wir sind verloren, Eck! Wir sind verloren! Eck: Darf ich fragen, woher Ihr die Nachricht habt? Trier (argwöhnisch:) Woher? Eck' Ich meine: Ist sie zuverlässig? Trier: Ganz zuverlässig. Der Sickingen kommt zuerst über die Stadt. Die andere Riter vereinigen sich hier mit ihm. Sie haben Truppen — Geld — alles — alles! Eck: Was thun?! — Allmächtiger Gott, hilf uns! Trier: Laßt in der Stadt Lärm schlagen! Schickt an das Neichsregiment und alle Fürsten Eilboten! Laßt die Thore schließen! — Fort! Fort! Thut, was ich gesagt habe! — Alle Bürger sollen auf den Wall! — Eilt! - Was wollt Ihr noch? Eck: Soll ich in den Kirchen für uns beten lassen? Trier: Scheer Dich znm — ! Mach was Du willst! — Fort! (Eck ab.) Trier:--Gott! — Wenn er zu früh kommt! — (klingelt:) Verloren! — Der Sickingen ginge nicht säuberlich mit inir um, so wenig wie ich mit ihm, wär' er in meiner Hand! (Der Edelknabe tritt auf) Den ganzen Tag soll mein Pserd gesattelt bereit stehen. Rudolf soll sich mit zwanzig meiner Lcute gewärtig halten, mich zu begleiten, wenn'S nötig ist. — Und die Schlüssel zum Kölner Psörtchen laß' holen! Sobald Gefahr naht, reiten wir nach Köln. Niemand am Hofe und in der Stadt soll davon erfahren! (Edel- knabi' ab.) Trier: Ist's denn möglich?! — Ich kann's nicht begreifen! Die armseligen Vagabnnde wagen das!--- (nimmt den Brief und liest.) Unerhört! — >Sein Gesicht erheitert sich plötzlich; nuner sich vor Jubel:) In Franken den Aufstand niederwerfen! — Schloß Bergen öffnet mir die Thore! (jauchzend:) Noch vier Wochen Zeit! — Noch vier Wochen! — Noch vier Wochen! — Hnrra! --flachend^ Hütten nnd Sickingen erscheinen in der Nacht auf den zweiten Sonntag im September vor Trier! — (er reißt die Thür auf: i Eck! — Eck! — In ihren Nestern erdrücken wir sie! — Eck! — III. Autzug. I. Auftritt. Abtei St. Maximin bei Trier. Eine geräumige Flur. Im Hintergrund eine starke eichene Thür. Es ist Nacht. Während der Vorhang aufgeht hört man Trompetenstöße, Trommelwirbel und Schüsse. Der Abt tritt auf. Äbt (rufend:) He! Wacht auf! —Feinde! — Wacht auf! (er geht zu einem Fenster.) Krieger im Hof! — Die Ausgänge besetzt! — — (Mönche treten aus.) Ätit: Wir sind überfallen! ^ Stimmen- Überfallen? H ^ Ändere: Was ist geschehen? 5 'Ändere: Wer ist der Feind? Z 1 Ändere: Rettet Euch! G / Ändere: Betet! L ^ Ändere: Zu den Waffen. (Kolben- und Artschläge an der Thür.) Stimmen (hinter der Bühne:) Öffnet! —Aufgemacht! Ävt: Was sollen wir beginnen? — (auf den Knien:) Herr und Vater! Erbarme Dich unser! (Die Mönche fallen auf die Kniee und beten! Stimmen (hinter der Bühne:) Aufgemacht! Das Dach über'm Kopf schlagen wir euch zusammen! (Ein Fenster fliegt herein. Stcinwiirfe folgen. Das Thor fliegt krachend auf. Landsknechte stürmen herein; Bewaffnete klettern dnrch die Fenster.) Mönche: Gnade! — Erbarmen! Ein Hanptmann: Wo ist euer Abt? Mönche: Erbarmen! Hanptmann: Antwort, Gesindel! — Wo ist der Abt? Äöt: Was wollt Ihr mit ihm? Hanptmann: Was geht's Dich an?! — Bist Du's? Älit: Was wollt Ihr vom Abt? HlNIpiMaNN (packt den Abt am Kragen und schüttelt ihn derb:) Lumpenhund! Wo ist der Abt? — (Sickiugen, Hütten, Friedel, Franz, Robert, Haupt- leute treten aus, alle gewappnet.) Sickiugen: Holla! Hauptmann! — Was habt Ihr mit dem Bruder? Hauptmann: Ihr habt mir besohlen, den Abt zu Euch zu erpedieren, und die Hunde sagen mir nicht, wo der Bengel steckt! — Und der da könnt just selber der Abt sein! Sickiugen: Seid Ihr der Abt? Äbt: Ja, Herr! Sickiugen: Ich habe mit Euch zu reden! (zu den Mönchen:) Geht auf Eure Zellen! Es geschieht Euch nichts! Hanptmann: Verkriecht Euch in Eure Mauselöcher, ihr faulen Ratten! (Die Mönche ab.) Hauptmann (ihnen nachrufend:) Daß keiner denkt, er könnt' sich davon machen! — Ihr seid gefangen wie der Fuchs in der Falle, und wem das nickt in den Kopf will, der wird er—barmungslos zusammengeschossen ! — 58 — Silinngrin Übergebt mir die Schlüssel der Abtei! — Ihr seid mein Gefangener — vorerst! Mt (zitternd Wer seid Ihr, gnädigster Herr? — Ich kann---ich darf-- ÄlKillgein Ich bin Franz von Sickingen, Vielleicht habt Ihr meinen Namen schon einmal nennen hören, Mt: Jesns — Maria! Sickillgtll i Fort! Holt mir die Schlüssel! — Zwei von Ench Hanptleuten begleiten ihn! (Der Abt mit zwei Hauptleuten ab,) Hnttcil'. Ich brenne vor Ungeduld! SicKillgen: Hier haben wir gleich ein Ende gemacht, — Es ist nur der Sicherheit wegen. Es liegt viel Getreide hier, fast die ganze Ernte des Landes. Könnt' ja sein, daß wir länger in der Gegend sitzen müssen, und wenn der Vogel nichts zu fressen hat, verhungert er. — (zu den Hmiptleutein) Wo ist der Schwarz? Schon seit einer halben Stunde ist er mir aus den Augen. 1. Hanptmailiu Der Schwarz? — Weiß der Teufel! — Auch den Brenner hab' ich lang nicht mehr gesehen. 2. Hailptmanil. Ein paar Flintenschüsse vor der Abtei hat er sich mit seinen Reitern ans die Seite gedrückt. Der führt wieder was besonderes im Sinn! 3. Hailptmanil: Wenn's mir recht ist: Der Ärenner steckt bei ihm. Wenn die zwei beisammen sind, Hecken sie einen Streich aus. . Sickiilgeu (ärgerlich-) Es ist keine Zucht in den Leuten! Heute thut's not, daß wir eng beisammen bleiben. Alles muß auf einen Schlag gelingen. Ich habe streng befohlen, daß sich keiner vom Zuge trennt. — In den Dörfern haben sie Sturm geläutet und Heerhaufen sind zu uns gestoßen. Was sind das für Leute? — 59 — ' 1. Hauptmann: Bauer». — Wir wolltens dem Pack wehren, aber sie ließen sich nicht zurückhalten. Sie verschworen sich hoch und teuer, ihrem Churfürsten den Hals abzuschneiden. Sickingrn: Woher wissen die Bauern von unserm Plane? Hütten: Ich habe sie für unsere Sache gewonnen. Zickingen: Du? Hnttrn: Ich fand guten Boden. Die Bauern sind entschlossen, ihrem elenden Zustande ein Ende zu machen und haben sich in großen geheimen Bündnissen über ganz Deutschland hin zusammengethan. Gleichzeitig mit der Ritterschaft werden sie sich allenthalben erheben und uns helfen, die Fürsten zu vernichten. SickingeiN Und das thatest Du so ganz insgeheim? Hütten: Ich wußte, Du hättest Dich gegen einen Bund mit den Bauern gewehrt. (Der Abt und die zwei Hauptleute sind zurückbekommen. Auf einem Kissen überreicht der Abt Sickingcn die Schlüssel) SickingtN: Wie viel Getreide ist hier aufgespeichert? Ätit: Viel! — Sehr viel! — Genau kann ich's nicht sagen. Es ist fast die ganze Ernte des Erzbistums. SickiNijen. Damit reichen wir aus, können nötigenfalls sogar eine lange Belagerung vornehmen. Hütten: Belagerung?! — Daran denkst Du? Das sind unnütze Sorgen. Wir nehmen alles im Sturm. Zickingeiu Mögst Du Dich nicht betrügen. Aber wenn alles auf dem Spiel steht, muß alle Möglichkeit erwogen werden. (Ein Landsknecht kommt eilig auf Sickingen zu.) Sickingen: Was bringst Du? Landsknecht: Von der Stadt her hört man starkes Schießen. Sickingen: Was ist das? — Sollte« Schwarz und Brenner — — (er geht zum Fenster um hinaus- — 00 — zuhorchen; wie geblendet prallt er zurücke Ha! Ist die Hölle los?! — Feuer! (Durch die Fenster fällt anfangs schwach, dann rasch wachsend der Widerschein der Flammen. Große Bestürzung.) Zilkingtiu Nennt! — Loscht! — Rettet! (packt den Abt und schleppt ihn zum Fenster:) Mensch, wo liegt das Getreide? (Die meisten Hauptleute und Landsknechte ab.) Mt: Dort drüben! Sickingrn: Dort drüben, sagst Du? —Dort drüben?! — In den Flammen?! (Unten im Hofe wird's lebendig. Trompeten, Trommeln, Stimmengewirr. Man hört: „Feuer!") Älit: Dort in den Flammen! Sickingtll: Der Teufel sitzt auf Deiner Zunge! Hütten: Das ist ein Zeichen, eine Offenbarung! — Aller Weg soll uns abgeschnitten sein, bis auf einen, damit wir auf diesem um so sicherer siegen. SickillgkN (geht nach der andern Seite:) Auch hier! — Alles in Flammen! (Das Feuer schlägt zu einigen Fenstern herein. Die Mönche stürzen auf die Bühne und fliehen unter Hilferufe» durch das Thor. Hntltin Das Nest ist angezündet — an zwanzig Ecken! — Laßt es brennen! — Fort nach Trier! Wir müssen reiten wie besessen. Das Feuer weckt die Stadt! — (rasch ab.) Sickingen: Schafft mir den Mordbrenner. — Hundert Dukaten auf seinen Kopf! Hutteil (hinter der Bühne:) Holla! — Aufgesessen! — Nach Trier! (Alles ab. Nasche Verwandlung.) — 61 — II. Auftritt. vor der brennenden Abtei St. Maximin. Soldaten und Bauern. Niemand macht Anstalten zu löschen. SilKilUM (kommt mit den Hnuptlcuten aus der Abtei:) Wo steckt ihr?! — Faules Pack! — Löscht! 1. Hauptmann: Kein Wasser in der Näh! Der Brunnen steht im Hof, mitten im Feuer. 2. Hanptinluun Da hilft nichts mehr! 3. Hauptmann: 's Feuer ist zu weit! (Der Abt kommt, begleitet von Landsknechten.) Sickingrn. Weh' Euch, wenn ich Euch schuldig finde! — Wer hat das Nest angezündet? Stimmen: Keiner von »ns! Sickingen: Hundert Dukaten auf den Kopf des Brandstifters! — Abt, wo liegt das Getreide. Abt: Dort unter den Trümmern Sickingen: Dort, sagst Du?! Ävt: Die Speicher waren nur leicht gebaut. Sie sind eingestürzt. Sickingen: Und fast die ganze Ernte des Chur- fürstentums drinnen? Al't: Fast die ganze Ernte. Der Nest liegt in Trier selbst. Sickingen: Der Teufel hat mir diesen Streich gespielt! — — Laßt die Baracke zusanunenbrenneu! — (wild:) Kerle! Schafft mir den Mordbrenner! Ich will zeigen, daß ich entschlossen bin, Zucht in Euch verwildertes Gesindel zu bringen! Hier sind wir auf deutschem Boden, da wird nicht gesengt und gebrennt wie im Welschland! — Wo ist der Hütten? 1. Hanptmann: Aufgesessen! — Mit der ganzen Reiterei nach Trier.-- — 62 — Sickiiiizriu Der schwarz und der Brenner? l. Hauptmamu Von Trier her hat man schießen hören. Sie haben vielleicht die Stadt auf eigene Faust überfallen. Äckiiigcin Wie viel Leute haben sie mit sich? I. HlMptmailiu Fünfhundert ungefähr. Sickingtiii Und mit fünfhundert Leuten wollen sie Trier nehmen?! — Will's ihr guter Stern, so haben sie das nicht gewagt! — Sagt, Hauptleute! Habe ich nicht Euch allen befohlen, geschlossen beisammen zu bleiben? Hanptlrutr: Ja! (Lärm. Landsknechte schleppen zwei Bauern herbei.) Sickiiigkii i Welche Strafe gebührt ihnen? Einzelne: Der Tod! SilKingkN: Was?! — Ihr schweigt?! — Der Tod, sage ich! I. Landsknechti Herr Feldhauptmann! Wir haben die Schufte. L. LanosKnecht: Die Schweine sind die richtigen, so wahr mir Gott helfe! Zickingriu Was habt ihr mit den Bauern? 1. Lanosluitcht- Sie haben die Abtei angezündet. L. LlUiosIinrchti Sie selber haben sich verraten. I. tandslintcht: Wir haben sie belauscht. Dort unten standen sie hinter einem Baum und stritten sich, wie sie den Lohn verteilen sollte. Der eine wollt' den größern Teil, weil er die Speicher angezündet, und darauf sei's angekommen, sagte er. Sickingein Bringt die Schufte her! — So! — Laßt sie los!--Um Lohn habt ihr die Abtei angezündet? — Wer hat Euch angestiftet?---- Ich lerne Euch reden, ihr Lumpenhunde! Wollt ihr Eure Mäuler anfthun oder nicht! l. Lauer- Weiß von nichts! — — L3 — 3. öanrr (gleichzeitig! auf den Knieen:) Erbarmen! Erbarmen, gnädigster Herr! Sickingen: Macht Eure Confession knrz. Haben keine Zeit! 1. Lauer: Weiß von nichts! Sickingen: Wollen ihn wissen machen! 2, Lauer: Der Kanzler des Erzbischofs-- Sickingen: Weiter! — Der Kanzler hat Euch gedungen. 2. Sauer: Ja! Sickingen: Sein eigner Kanzler! — Das begreif' ich nicht! 2, Lauer: Wir sind zwei arme Bauern und gehören zur Abtei. Tort drunten stehen unsre Hütten. Wir haben ein kümmerlich Leben, denn wir müssen große Zehnten zahlen an den Abt und den Erzbischof. Da kam — vor drei Wochen mag's gewesen sein — der Kanzler des Erzbischofs und sagte: — könnt' möglich sein, daß Feinde ins Land kämen, und da sollten wir die Abtei anzünden, weil die Vorräte drinnen nicht dem Feind in die Hand' fallen sollten. — — Und er hat uns ein gut Stückleiu Geld versprochen. Wir sind arme Lcut' und Haben's nötig. Sickingen: Allmächtiger! Sind wir verraten?! — Wie sagte der Kanzler? — In ein vaar Wochen kämen Feinde ins Land? — Sagt' er so? 2. Lauer: Könnt möglich sein, hat er gesagt. Sickingen: Bei Gott! Da ist etwas nicht in Ordnung ! — Und ihr hundsföttischen Schurkeu habt Euch unterstanden —?! 2. Lauer: Erbarmt Euch! Erbarmt Euch! Sickingen: Abt! Was verdieuen die Schufte? Äbt (zitternd:) Den Strang! (Brenner ist aufgetreten. Er wollte auf Sickingen zu. Einige Hauptleutc halten ihn zurück. Er erzählt und alles um ihn wird bestürzt. Jetzt blickt Sickingen um sich, als wollte er die HciuptK'ute um ihr Urteil fragen; er gewahrt Brenner.) Sickingen! (mit Donnerstimme:) Brenner! — 64 - LrtIlNtr (tritt fest vor, und verneigt sich.) SiciiiiiiMi Woher kommst Du, Hauptmann? Lrenner: Verzeiht nur, Herr! — Sirlliiigrn (ihn nnmhrcnd-) Woher kommst Du? Lrenner: Von Trier. Sickillgen: Von Trier?! — War es nicht ausdrücklicher Befehl, alles sollte um mich bleiben? Lrenncr: Ja, Herr! Sickingen: Warnm hast Du nicht gehorcht? Brenner: Schwarz und ich, wir wollten Euch einen besonderen Dienst thun. Die Stadt wollten wir mit einem kühnen Handstrich nehmen und zweifelten nicht am Gelingen. Sickingen (finster-) Deine Stimme sagt: Es ist mißglückt. örenner: Es ist mißglückt! (Pause:) Lautlos nahten wir der Stadt. Schon hatten wir die Mauern, erklommen, da wurde es lebendig. Die ersten auf der Mauer wurden hinabgestoßen, einige sprangen hinüber in die Stadt. Schwarz mit ihnen. Dort wurden sie massacriert und wir außen konnten ihnen nicht helfen. An allen Schießscharten zeigten sich Gewehre und ein mörderisches Feuern begann. In der Stadt läuteten sie Sturm und bliesen Alarm. Müssen viele Truppen drinnen sein; denn nirgends sahen wir Bürger, überall Landsknechte aus den Wällen. Eine halbe Stunde wohl verbissen wir uns drein, die Mauern zu erklettern und das Thor zu sprengen. Unser Häuflein schmolz wie Butter. Von Fünfhnnderten bring' ich kaum Hundert, zurück. — Zickingen: Viele Truppen in der Stadt! — Wahrhaftig. Wir sind verraten! Brenner, Du hast sie uns alarmiert. Wären wir unser Achttausend auf einmal über die Stadt gekommen, die Überrumpelung wäre gelungen. Glaubst Du nicht? Brenner: Ja, Herr. Aickingrn: Nenne die Strafe, die Du verdient! Lrrnner: Den Tod! Sickinge» «.dumpf bestätigende) Den Tod! (Pause.) LrtNNrr: Um eines bitt' ich Euch, Herr! Laßt wein Blut nicht unnütz fließen! Stellt mich an den gefährlichsten Platz, und seid versichert, ich verlasse ihn nicht lebend. Sickingen (sich bedenkend:) Es sei Dir gewährt! — Sahst Du Hütten mit seinen Reitern? Brenner: Wie die wilde Jagd rasten sie an uns vorbei. Wir riefen sie an, aber sie horten nicht. Sickingrn: Es sind snnfzchnhnndert Mann, lauter brave Leute; und der Hütten führt sie. Vielleicht haben sie unsere Arbeit bereits gethan. — Blast alles zusammen! — (Trompeten und Trommeln.) Und dann im Sturme nach Trier. Alles steht jetzt ans einem Wurf! Ein Llttldslüiecht (auf die zitternden zwei Bauern deutend:) Und die da? Sickingen: Hängt sie an den nächsten Baum! Die Lauern: Gnade! — Erbarmen! (sie werden fortgeschleppt. Man hört das Heuleu und das rohe Lacheu der Landsknechte hinter der Bühne. Die Truppen stellen sich in Ordnung auf.) Sickingril: Bringt mir ein Pferd! — und eins für den Abt! ' Ävt: Verschont mich! Sickingtll: Ihr müßt mit! Älil: Noch nie meiner Lebtag' saß ich auf einem solchen Tier. Sickillglll: Helft ihm hinauf! (schwingt sich auf sein Pferd.) Allt (wird auf ein Pferd gehoben:) Herrgott, sei mir gnädig! (sitzt zitternd oben uud hält sich an der Mähue.) Zickingeiu Marsch! — Nach Trier! (Kommandorufe, Trouipeteu, Trommel». Der Zwischenvorhang fällt.) F. Erich Helf, Ulrich von Hütte». 5 «6 — III. Auftritt, Schloß Bergen in Franken, Ein freundliches Zimmer. In einer Fensternische nus einer Erhöhung sitzt Margarethe von Bergen, mit einer angefangenen Stickerei beschäftigt, Zn ihren Füßen Maria. Maniarrthe: Stels auf, armes Mädchen! Maria: Könnt Ihr mir verzeihen, gnädige Herrin? — So lange habe ich die Schuld auf meinem Herzen herumgetragen,--aber einmal muß es heraus. — Maraartthc: Ich kann Dir verzeihen, denn ich bin ein Weib', Maria. — Ich verzeihe Dir, weil ich Deinen Fehltritt begreife. Du bist jung und heiß — — —, Steh auf! Schicke mir Uli! Maria (ergreist ihre Hand und küßt sie:) Wie kann ich Euch danken! Margarethe: Sprich nie mehr darüber! — Schicke mir Uli! (Marin ab.) Marnarrthe (halblaut-) Sonderbar! Die alten Begriffe haben starke Wurzeln! — Was liegt mir an ihm, was an unserer Ehe?! — Und doch hat mich ihr Bekenntnis verletzt! — Pa! Es ist gut so! Wir sind guitt, Herr Gemahl! Keines hat dem andern etwas vorzuwerfen noch zu verzeihen! Marin (meldet:) Ein Bube wünscht Euch zu sprechen. Margarethe: Ein Bube? — Laß ihn vor! (Maria ab.) — Wir haben heute den zweiten Sonntag im September. Ich errate die Botschaft. (Ein Bube tritt auf.) Maraaretht: Deine Votschaft? öulit: Der Churfürst von Trier — in einer halben Stunde — (stockn) > - 67 — Margarethe: Der Churfürst halte einen besseren Boten wählen können! — In einer halben Stunde ist er da? Lullt: Kaum so lang wird's währen, — Er liegt im Gehölz — mit seinen Leuten. — Ich soll Euch grüßen! Wenn alles vorbereitet ist — — Margarethe: Reite zurück! Grüße Deinen Herrn. Der Thorwart wird Euch einlassen. — Schicke mir den Thorwnrt, wenn Du gehst. (Bube ab.) Margarethe (geht nachdenklich auf und auf. Sich au die Lehne des Stuhles am Fenster stützend:) Endlich! — Endlich! — Erlöst von dem trostlosen Einerlei! Ich darf wieder atmen und leben!---Damals in Worms! — Im Taumel vergißt man sich! — Prinz Ferdinand mit den tiefen, weichen, dunkeln Augen! — Wie der mich au sich ziehen konnte — wie heiß, — wie glühend, — — wie sinnverwirrend! — — — Schon wochenlang keine Nachricht von ihm--kein Gruß — kein Wort!---hat er mich schon vergessen?! — Er war mir der liebste von allen.--(wie sich selbst bespottend:) Der Churfürst von Trier! — (sich auf deu Stuht werfende) Je nun! Wenn man keinen Wein hat, trinkt man Wasser! (bitter:) besser als verdursten! — (Der Thorwart tritt auf.) Margarethe: Ich habe Dich rufen lassen. — Ich erwarte einen Trupp Soldaten. Mein Mann darf nichts davon wissen, bis sie in der Burg sind. Thorwart: Gnädige Herrin! — Ich weiß — — wirklich — nicht — — Margarethe: Was sind das für Bedenken, alter Kerl! — Ich habe sie mit meinem Geld geworben — zu den änderet,. Du weißt ja, nächstens giebt's Krieg. T-Honvart: Eigentlich — darf ich — Margarethe (ihm Geld zuwerfend.) Wenn ich es Dir befehle —! 55 — 68 — Thorwart: Ja, gnädige Herrin, das ist was anderes! — Wenn Ihr befehlt, das ist was ganz anderes! — Da wird unser guter Herr eine Freude haben! Viele sind's ja nicht, die er hat werben können. Sie sind eben rar, weil die Herren alle rüsten. Der Herr wartet nur noch auf fünfzig Mann, dann reiten wir. Weiß aber niemand, wohin's geht! — Sind's ihrer fünfzig? Margarethe^ Mehr noch! Thormart: Da wird sich unser Herr freuen! Margarethe i Du läßt die Leute ein, ohne jemanden davonzujagen. Alle sollen überrascht werden. Inder nächsten halben Stunde sind sie schon da. Thorwart: Soll niemand was davon merken. — Hab' schon manchen eingelassen, (lacht dumm — verschmitzt.) Margarethe (giebt ihm Geld!) Du weißt ja, ich verlange keinen Dienst umsonst. Thorwart: Dank's Euch Gott, gnädige Frau! (ab.) Margarethe: Keine halbe Stunde mehr! iDer kleine II l i von Bergen kommt cmf seinem Steckenpferde.) llli (jubelnd!) Mutter! — Mutter! — Sieh mal, wie ich reiten kann! — Hü — Hot! Hü! (Peitscht das Pferd.) Margarethe: Komm her zu mir, und sing' mir Dein Reiterliedel! llli (steht vor ihr nnd sieht sie traurig — fragend an:) Weiß nimmer, wie's anfängt. Margarethe (schaut ihm in die Augen und wird sehr ernst: murmelnd!) Ulrich von Hütten! !lli «besorgt!) Bist Du mir bös, Mutter? Margarethe (wieder heiter!) Hast Du das Liedel vergessen? — Komm, ich mill's Dir vorsingen! (nimmt ihn ans den Schoß.) (Die Thür fliegt auf. Otto von Bergen tritt ein, zorn- glühend, einen offenen Brief in der Hand.) Margarethe (erschrocken aufspringend:) Gott! — 69 — Bergen (tritt dicht vor sie hin, packt sie mit der Linken am rechten Arm und stiert ihr wie wahnsinnig in die Augen; keuchend-) Weib —! Margarethe (leichenblaß-) Was willst Du? Sergen- Fratze der Unschuld! — (donnernd:) Ehebrecherin! (stößt sie von sich.) (Margarethe taumelt nnd schreit auf.) Bergen: Nimm den Fetzen! Prinz Ferdinand schickt ihn Dir! (brüllend:) Läugne! (packt sie und ballt die Faust vor ihrem Gesicht,, Läugne! — Läugne! — Ich töte Dich! — Ehebrecherin! Ich töte Dich! (schlagt ihr mit der Faust vor die Stirn.) (Margarethe ivankt und fällt. Bergen erschrickt über sich selber und steht regungslos vor ihr. illi (weint:) Du hast Mutter geschlagen! (kniet vor Margarethe und küßt sie:> Mutter! Nicht weinen! — Mutter! Margarethe (springt aus und steht, Uli an der Hand, flammenden Blickes vor Berge»:) Du hast mich geschlagen! — (wütend:) Das sollst Du büßen! Das Herz reiße ich Dir aus den Eingeweiden, — Bergen: Wär' unser Kind nicht, ich könnte — Margarethe: DeinHirn soll sich drehen vor Schrecken, — Dein'Blut — Birien: Fort aus meinen Augen! Aus meinem Haus! Dirne! — Uli, komm' zu mir, zu Deinem Vater! — Sie hat kein Recht mehr auf Dich! Margarethe: Er bleibt bei mir! Bergen Mit erhobener Faust:) Weib —! Ali: Mutter nicht schlagen! — nicht schlagen! Bergen: Unser Kind schützt Dich! Würgen wollt' ich Dich — Margarethe: Unser Kind?! ^mit teuflischem Lachen:) Meinst Du Uli? (lacht grell auf.) Bergen (wankt:) Un—-ser Kind? — Uli?-- (wahnsinnig:) Ich verstehe Dich! (bedeckt sein Gesicht.) — 70 — Margarethe (mit schneidendem Lachen:) Die Frühgeburt! — Ha, glaubst Du, Du allein hast eine Faust? — Du allein kannst treffen? — Ich bin nur ein Weib, aber meine Schläge sollen Dich zerschmettern. Das Medusenhaupt sollst Du sehen! Werde zu Stein! (Bergen will auf sie zustürzen.) Margarethe (zieht einen Dolcln) Halt! Ich steche Dich nieder! — Keinen Schritt weiter! Alles sollst Du hören! — Uli ist mein und Deines Freundes Ulrich von Hntten Sohn. Dich verachtete ich Ich ward Dein Weib, um meine Schande zu verdecken. Ich brauchte ein Nest für das Kuckucksei. Dazu warst Du mir gerade recht, sür mehr nicht. Für mich sind Männer geschaffen, wie Hütten und Prinz Ferdinand! (Bergen stöhnt mächtig auf.) Margarethe- Sage, Du heiliger Schützer der Ehe, bist Du reiner als ich? — Bist Du remer? — Du hast vor unsrer Ehe manche Rose gepflückt und trotz unsrer Ehe — (höhnend-) Soll ich Maria rufen? — (Bergen zuckt zusammen.) Margarethe: Was hat der Mann vor dem Weibe voraus? Was Du vor mir? — Willst Du um uns eine Fessel schlingen, die mich bindet, aber Dich nicht? — ich lache Deiner Einfalt, Du trauriges Geschöpf! — (wirft den Dolch von sich.) Bisher habe ich geglaubt, wir könnten zusammen leben. Ich war nicht rein und verlangte Reinheit auch nicht bei Dir. Ich ließ Dich Deiner Wege gehen und ging die meinigen. — (dämonischJetzt hasse ich Dich. Das Weib ist die Furie! Zittere vor mir! Du hast Dich an mir vergriffen und das mußt Du büßen! (Bergen blickt auf, Vernichtung und Haß auf dem glühenden Gesichte. Er ballt die Fäuste gegen Margarethen, will sprechen, bringt aber nnr heisere, unartikulierte Laute hervvr. Margarethe wcigt einige Schritte vor ihm aus. Uli, der bisher starr und regungslos zugeschaut, schreit laut auf. Im selben Augenblicke — 7 t — draußen ein Trompetenstoß, Bergen horcht ans. Margarethe, die kreideweiß geworden, blickt hell triumphierend auf. Ein zweiter Trompetenstoß. Schüsse. Lärm.) StNM (tritt zum Fensters WaS ist daS? Margarethe (triumphiereud:) Du bist in IN ein er Hand! Bergen (erschrockein) Landsknechte in meiner Burg! — Sie erschießen den Thorwart! (Schüsse.) Margarethe (fnssnugslvs vor Siegesfreude:) Du bist in meiner Hand!---Enre Pläne sind zerstört! Der Churfürst von Trier hat sie zeitig erfahren, durch mich. — Hütten hat mich tötlich beleidigt. Ich habe mich ihm hingeworfen und er hat mich von sich gestoßen — mit Fußtritten wie einen Hund. Ich habe ihn vernichtet. Er stirbt am Scheitern seiner Pläne. — Und den Churfürsten von Trier habe ich her gerufen, habe ihm versprochen, die Burg zu verraten. Der Churfürst von Trier ist da! Gergell (stürzt aus sie zu:) Krächzender Satan! — (stößt einige unverständliche Laute aus.) Margarethe (am Fenster, hiuausrufcud i) Hilfe! Hilfe! Illi (vor seiner Mutter stehend, die Händchen ausstreckend, flehend:) Nicht schlagen! — Nicht schlagen! Margarethe: Gott sei Dank! Sie kommen! Sergen: Sie kommen?! (lacht wild und reuut nach den Thüren, deren Riegel er verschiebt:) Jetzt stört uns niemand! (rennt auf Margarethe los:) Illi: Mutter ist brav! — Nicht schlagen! Serge» (schlägt Uli mit der Faust auf deu Kopf:) Bastard! (Uli schreit und bricht blutend zusammen.) Margarethe (wahnsinnig schreiend:) Mein Kind! — Gib mir mein Kind! Sergen: Tolle Bestie! (Neide stehen sich mit geballten Fäusten wütend gegenüber. Draußen Stimmengewirr Margarethe will nach der Thür und schlägt mit der Faust nach Bergen. Bergen schlägt ihr aus den — 72 — Kopf, Sie ringen verzweifelt, Wnffenklirren hinter der Szene. Man versucht die Thür zu öffnen. Man hört Kolbenstöße und Arthiebe.) Margarethe: Das ist Rettung! — (schreiend:) Hilfe! - Hil- öergtll (packt sie mit Aufbietung aller Kraft und schleudert sie auf ein Polster. Dort drückt er sie zusammen und würgt ihr die Kehle zu:) Stirb, Schlange! (Margarethe röchelt, im selben Augenblick, wo Bergen Margarethe an der Kehle packt, fliegt die Thür auf. Richard v. Trier mit Landsknechten tritt ans.) Trier: Gott! — Margarethe! — Bergen, was thut Ihr?! (Ein Landsknecht ist herzugetret.'n; er überblickt die Lage und stößt Bergen rasch seinen Dolch in den Nacken. Bergen tanmelt mit einem Aufschrei rückwärts und bricht zusammen.) Trier: Holt Wasser! — Wir kommen zur rechten Zeit! — Hier das Kind? (Einige Landsknechte tragen Uli auf ein Polster. Andere bringen Wasser. Alles beschäftigt sich um Uli und Margarethe.) Trier: Was ist hier vorgegangen? — (er bemerkt auf dem Boden den Brief des Prinzen Ferdinand, läßt sich ihn aufheben und liest ihn:) Das war es! (knillt den Brief zusammen:) Ich begreife alles!--(triumphierend:) Jetzt ist sie mein, Ferdinand, und mein bleibt sie! Margarethe (ist zum Bewußtsein gekommen, matt:) Mein Kind! — Mein Kind! — (sie steht auf und sieht am Boden liegend die Leiche ihres Mannes: grell lacht sie auf uud bricht ohnmächtig zusammen.) Trier: Rudolf! (Rudolf tritt hervor:) Bringe das Weib mit sicherem Geleit nach Trier! — Lebt ihr Kind? Ein Landsknecht (mit Uli beschäftigt:) Wird kaum- aufkommen! Trier (zu Rudolf:) Sie und ihr Kind! — (zu allen:) Schweigt über alles, was ihr hier gesehen! — Ich — 73 - ziehe gegen Schaum bürg. Die Gefangenen werden gehenkt, die Burg niedergebrannt, sobald wir sie verlassen. — (halblaut:) Rudolf, niemand erfährt, daß wir das Weib nach Trier bringen. (Margarethe wird aufgerichtet und mit Uli fortaetragen Alle ab.) IV. Auftritt. Line Anhöhe vor Trier. Früher Morgen. Im Vordergrund links unter einer mächtigen Linde eine steinerne Bank. Im Hintergrund die Stadt Trier. Bauern kommen mit Sensen, Dreschflegeln nnd Messern bewaffnet. In ihrer Mitte ein Dominikaner. 1. Lauer: Nix! Nix! — Fort mit ihm! Fürsten und Pfaffen sind dasselbe Leder! 2. Lauer: Pack' er sich, Freund! 3. Lauer: Scheer er sich zum Teufel! Dominikaner: O ihr armen verlorenen Schafe! 2. Lauer: Was! — Er nennt uns Schafe! — Will er mit meinem Dreschflegel Bekanntschaft machen? Dominikaner: Ihr Verirrten aus der Herde des Herrn! Ihr thut Sünde vor Gott und haltet es mit den Ketzern! 3. Lauer: Wer ist ein Ketzer? — Wen meint er damit? 1. Lauer: Meint er gar unsern Herrn, den Sik- kingen? 3. Lauer: Den Sickingen heißt er Ketzer. Dominikaner: Unser Herr im Himmel hat Erbarmet? mit Euch! Mich hat er gesendet, Euch zu retten. — 74 — Laßt ab von den Ketzern nnd dein giftigen Antichrist ! Der Satan geht um im Schafsfell, Er hat den Samen der Sünde in Euer Herz gelegt. Rottet das Unkraut aus, ihr verlorenen Söhne! 3, Lauer: Kehr' er vor seiner eigenen Thür! Dreck genug liegt davor! Ihr miserablen Patrone—! 2. Lauer: Dreck genug! — Aber jetzt geht's Euch an den Kragen, ihr verdammten Dickbäuche! 4. Lauer: Ihr Hunde! 1, Lauer: Haben mir erst einmal Trier, dem frommen Erzbischof sangen wir die Laus' von seiner Glatze! Dominikaner: Ihr bringt Ench um die Seligkeit — 3. Lauer: In die Seligkeit schaffen wir dich. Du — Dn — Schweinehund! 2, öaner (hebt dem Dominikaner die Sense vor die Beine:) Über die Sense gehupst und davon! 1. Lauer (hebt drohend sein Messer:) Hat er verstanden?! — Über die Sense gehupft! 4. Linier: Tnmmel' er sich! Fort! — (Die ganze Gesellschaft lacht und johlt,) Dominikaner (springt in Verzweiflung trotz seines Körper- umfaugs über die Sense und läuft davon:) Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun! 3, Lauer: Wenn ich so ein Exemplar sehe, in die Händ' möcht' ich spucken und den Hund zu Brei kneten! — Die Fettwänste! Fressen unser Brot und schaffen nix! 3, Lauer (hat bisher ruhig und teilnohmslos im Hintergrund gestanden:) Die Ritter sind auch uit besser. 3. Lauer (sich nach ihm wendend:) Wer sagt das? I), Lauer: Ich! — Jetzt trinken 'sie Bruderschaft mit uns, weil sie uns brauchen. Sind sie erst die Herren, dann sind wir vergessen! Alles mögliche haben sie uns versprochen, wenn wir ihnen helfen; der Hutteu war bei uns in einer großen Versammlung und hat — 75 - gebettelt, daß wir mit ihm über Trier herfallen. Wir sollten alle freie Bauern sein, unser Land als Eigentum besitzen, sollten keine Frohnden mehr leisten, keinen Zehnten zahlen, im Krieg wollten sie unsre .Hütten und Felder vor Plünderung schützen — — sie haben ein großes Maul, die Ritter! — Aber wie haben sie ihr Versprechen gehalten? — Wir sind noch Knechte wie vorher, müssen Kricgssteuer zahlen, unser Land ist verheert, unsre Hütten verbrannt — 3. Lauer: Das ist halt der Krieg! 5, Lauer: Das habt Ihr leicht sagen! Um Ener Land geht's nit. — Das liegt gut und sicher im Sik- kingischen; und Ihr sengt und brennt mit den andern. Aber wartet uur noch bis morgen, dann seht, wo ihr Euer Brot findet! 3. Lauer: Die Herren sorgen sür uns, drauf können wir uns verlassen, K Lauer: Und wenn die Herren selber nichts zu beißen haben? — Nein, lieber Mann, der Bauer muß sich selber helfen! — Die Ritter?! — Keinen Streich mehr thu' ich für die! Lauer»: Wir auch nit! 3. Lauer: Schämt Euch! — Jetzt wo Euch die Freiheit was kosten soll! I. Lauer: Freiheil?! — Freiheit?! — Die Freiheit holen wir uns selber, wir brauchen keinen Sickin g en und keinen Hütten dazu. Sind die Ritter besser wie die Fürsten? Hat Euch der Sickingen frei gemacht? — Seine Knechte feid Ihr so gut wie wir die des Erzbischofs, Euer Sickingen mag ja ein guter Herr sein, aber es gibt cmdere Ritter, die sind schlimmere Bluthunde wie alle Fürsten, Drüben im Schwabenland der Helseujtein und der Waldburg, Dort rührt sich kein Bauer für sie, wenn er kein feiger Schuft ist. — Fort mit all' dem Pack! So laug es noch Ritter gibt, ist der Bauer Knecht: und ein Lump ist, wer die Ritter zu Herren macht. Lauern: Ja, ein Lump! — 76 — Andre: Wir wollen die Herren sein. Ein Andrer: Mein Haus haben sie verbrannt! Ein Andrer: Mein Vieh gestohlen! Z. Lauer: Hört mich doch an! — Der Hütten hat mir versprochen — 3. Lauer: Versprochen — ?! — Geh' zum Henker! Wir sind keine Esel! — Kommt, wir gehen! — Sollen sehen, wie sie ohne uns fertig werden! Wenn Ihr da bei auch seid, geht Ihr mit uns! is. Sauer: Die Fürsten und Ritter sollen ihre Händel allein ausmachen! 7. Lauer: Uns gehen sie nix an! Viele Lauern: Heim! — Heim! 3. Lauer: Feige Verräter! N l Friedet: > U Kotiert: ^ Mich! ^^Fraiy. j Sickingen: Nur einer kann gehen. Ich kann Euch nicht alle Drei entbehren. — Es ist ein gefährlicher Weg, mitten durch die Pfiilzer. Friede! - Dann laßt mich gehen. Ihr habt mir das Leben gerettet. Ich will die Schuld abzahlen. Franz: Laßt mich gehen, Herr! Aovert: Nein, mich! — Ich bin der geriebenste, komm' am ehesten ungeschoren durch! -Sickingen: Du, Friedel, bleibst. Dein Arm hat noch Schonung nötig. — 78 — Friede!: 's ist nur'der Linke. Komm' mit dem rechten allein aus. Sickiiigciu Und wenn Dem rechter mär, wie meine beiden zusammen. Du bleibst! — Zwischen Euch beiden thut mir die Wahl weh'! — Geh' Du diesmal, Franz! — Dich brauch' ich ein andermal, Robert! Frau;- Hurrah! SicKingtn: Dies Schreiben bringst Du Fürstenberg, gibst es ihm selber in die Hand! Wenn Du einem Feind in die Finger läufst, gibst Du das Papier um keinen Preis heraus! Frau; - Lieber verschluck' ich's, und wenn ich drum an Magenkrämpfen zu Grund gehen müßt. Sickingeiu Spute Dich! Reite Tag und Nacht! Frnil): Mein Gaul soll vergessen, daß Sonnenuntergang schlafen gehen bedeutet, (ab.) (Friede! und Nobert gehen nach dein Hinlergrund. Es treten Landsknechte auf.) Sirlnngcil (bemerkt Hütten und beobachtet ihn einen Augenblick:) Hütten! (er hört nicht i auf ihn zutretend, lauter:) Hütten! (legt ihm die Hand auf die Schulter.) hnttrn (schrickt leis zusammen:) Du?! — Sickillgciu Ich habe zu Fürstenberg geschickt, zum dritten Male. Hütten: Und wenn auch der nicht kommt? SickimiNl: Fürstenberg kommt. Zollern auch. Deß bin ich sicher. HlltlNU Zollern kommt! (versinkt wieder in Gedanken Pause.) Zickillliril: Ich habe Nachrichten — Hütten'(eifrig:) Woher? Hat sich das Volk erhoben? — Oder — Sickingril: Traurige Nachrichten. Der C h urfttrst von Köln hat den Sombref überfallen, der Herzog von Kleve den Renneberg. Beide sind vernichtet. Sie hatten ihre Rüstungen noch nicht vollendet. — 79 — Hütten (bebend:) Wir sind verraten!---Ich habe auch Nachrichten, von Crotus. Erasmus sagt sich öffentlich von mir los. Mit unsern „Gewaltthaten" will er nichts zu schaffen haben! — (hohnlachend:) Mit Schreibfedern wollen sie der Menschheit Ader lassen und ihr Dinte zu saufen geben statt Arznei! Mit Gänsekielen, die sie in ihrer Wissenschaft gesalbt, wollen sie gegen Schwerter fechten! — Fahr' er hin! Er ist ein großer Gelehrter, aber ein kleiner Geist!--Hast Du foust keine Botschaft? — von keiner Seite?-- Ich habe mir alles so ganz anders vorgestellt. Sickillgen: Ich auch, Hütten. Ich dachte, wir überraschen die Fürsten, nehmen Trier ohne Widerstand, und so weiter! — Daß die Kerle Blut riechen und sich vorsehen, ist mir nicht beigekommen. Hnttcn: Und mehr hast Du nicht erwartet? Siltmigtin Hätten wir erst Trier einmal gehabt und wären die andern zu uns gestoßen, nur wären jetzt schon allenthalben die Herren. So liegen wir schon sieben Tage da und begaffen das Nest, wie der Fuchs die Trauben. Huttrn: Ich habe auf das Volk gebaut. Ich habe geglaubt, wir geben ihm das Zeichen, und in ganz Deutschland steht es auf, schüttelt seine Ketten ab und strömt herbei. Von einem heiligen Kriege des Volkes gegen seine Unterdrücker habe ich geträumt, wo das Volk sein eignes Heer, und wir nur seine Führer sind. Jetzt haben wir zum Streit gerufen. Aber es hört nicht! Nur die Bauern aus dieser Gegend halten es mit uns. Das ist mein Trost. Sie werden die andern mit sich ziehen. Sickillgeil: Bist Tu noch nicht geheilt von Deiner Schwärmerei? — Das Volk ist feige. Es lärmt und schreit. Kommt's zum Handeln, dann verstummt es und wartet die Entscheidung ab, um dem Sieger zuzujubeln. Drum war es nötig, alles auss beste vorzubereiten und unsere Pläne geheim zu halten, bis sie — 80 — anfinge», Wirklichkeit zu werden. Du wolltest das nie einsehen. Begreifst Du's jetzt, Hlltlrn: Glaubst Du, daß unser Plan verraten wurde? Sickiiigen: Alles sieht danach aus. — Aber es war kein Verräter unter uns. Hntttll ttacht gezwungen-, Plötzlich abbrechend:) SickingM, Du lästerst! Das Volk ist heilig! Ich bin nicht betrogen. Es ist aufgestanden und hat seine Ketten zerbissen. Wie ein reisender Strom schwemmt es die Trümmer vergangener Zeiten hinweg. Der Sieg ist unser, ehe wir's wissen. Widersprich mir nicht! Mir verkündet's eine Stimme, die nicht trügt, die Stimme, welche mich berufen und meinen Plänen Erfüllung verheißen. Sollen wir kleinmütig werden, weil säumige Boten uns den Sieg noch nicht gemeldet?! — Und wenn wir verraten wären, nimm an: wir sind verraten; das ist Fügung des Geschickes: Unser Recht, nicht unsre List soll siegen. (Ein Bote tritt auf.) Sickingtli: Ein Bote! — Der Schweiß läuft ihm von der Stirn. — Bringst Du gute Nachricht? Lote: Schlimme! Sickingcn: Sprich! Lote: Herr von Minkwitz schickt mich. Ich soll Euch melden, das Heer der brauufchweiger Ritterschaf t ist geschlagen und aufgelöst. Mein Herr selber ist gefangen. Sickiiilirn: Wo war die Schlacht? — Wer ist der ' Sieger? Lote: Wir waren schon heraufgezogen bis in's Hessische. Da in der Nacht wurden wir ahnungslos überfallen. Drei Viertel des Heeres sind todt. Es war der Landgras von Hessen selber, der uns geschlagen. — 81 — Sickingen: Einer mehr, auf den wir nicht mehr zählen können. Von ganz Nord deutsch land haben wir nichts mehr zu hoffen. Es bleiben uns noch die Franken, Schwaben und Elsässer, (Bei den Soldaten im Hintergrunde ist eS unruhig geworden.) Hütten I Dort stecken sie die Köpfe zusammen. Neue Botschaft! — Sickingen, keine Stunde mehr vergeht, und wir erfahren unsern Sieg. — Ich will sehen, was ist. Friede! (ist nach vorn gekommen:) Herr, die Bauern ziehen ab. Sickingen (oestürzn) Die Bauern? Hütten (gleichzeitig, zu Tod erblassend:) Die Bauern?! — (wild:) Du lügst! Unedel! Gvtt sei mir vor solchem Scherz! — Sie schrieen nach Brot und ihren zerstörten Hütten. — Auch bei den Landsknechten gährt'S. Sie verlangen ihren Sold. Hütten: Die Bauern verlassen uns! Friede!: Sie sind abgezogen. Hütten: Bring mir ein Pferd! Ich muß ihnen nach! Sie halten! Sickingen (gleichzeitig:) Die Landsknechte verlangen ihren Sold? — Kein Geld mehr! Für's Handgeld ging fast alles drauf! — Vertröste sie, schicke mir die Hauptleute! Die lassen mit sich reden. Hnttrn (will fort:) Ein Pferd! Ein Pferd! Sickingen (hält ihn:) Wohin willst Du, Hütten? Hütten: Die Bauern dürfen uns nicht verlassen. Daran hängt alles — Wir stehen allein! Das Volk hat keinen Teil am Werk. Alles ist umsonst! — Schasst mir ein Pferd! Friede!: Sie haben sich zerstreut nach allen Richtungen. Es ist zu spät. Hütten: Zu spät! — (faßt sich. Sein Blick fällt auf Trier. Lange blickt er in sich versunken auf die Stadt:) Da F. Erick Helf, Ulrich von Hütte». 6 — 82 — liegt sie, die Stadt, . so friedlich und freundlich im Scheine der Morgensonne. — (verzweifelnd-,) Und an diesem Fels soll alles zerschellen!--Nein! Das ist's nicht! Ich habe mein Herz an ein Wahnbild gebangt! Ein Nachwandler, jage ich ihm nach. Man rnst mich an — das Bild zerrinnt — und ich — — ich — —! (verbirgt schluchzend sein Gesicht mit den Händen.) SiliÜMlrll (svricht leise mit Friedet: er wird sehr ernst. Nach einer Pause tritt er ;u Hntten, legt ihm die Hand ans die Schulter! ernsi:i Wir stehen vor der Entscheidung. Mitten sährt aus und blickt Tickingeu mit erwartungsvollen Blicken an.) Sirl.ilin.eiu Die Nahrungsmittel gehen uns aus. Ringsum sind die Felder zerstampft, die Dörfer verbrannt und geplündert. Der unselige Brand von Sankt Mari min verdirbt nns, Huttriu Glaubst Tu, ein rascher Ersolg kann das Werk retten? Ärliilinnn Was meinst Du damit? Hntinn Stürme Trier! SirKingm (bedenkt sich:) Ich will's hiimusschieben, so lang ich kann. Keine zwei Tage mehr können wir uns hier halten. Tann —: Sturm — oder Abzug. Hllttkll »vild verlangend:) Sturm! SicKillljtn: Tie Sradt ist gut verteidigt. Vor acht Tagen haben wir den Sturm versucht, und es ist mißglückt. Wenn Kronberg oder Zollern oder Fürstenberg sich rechtzeitig mit uns vereinigen, dann — Äronöcrg (tritt mit zwei Buben eilig aus:) Sickingen! (Zickingen und Hntten wenden sich erstaunt um.) Äclmumn Endlich Hilfe! Kronlierg (dumpf:) Ich komme allein — gejagt, gehetzt — ein Flüchtling! ZillÜNgtll (einen Augenblick niedergeschmettert:) Seid trotzdem willkommen! (reicht ihm die Hand.» Äronlirrg: Ich bitt' Euch —! Meine Botschaft ist —! Ich habe noch mehr zu melden. ZicKillgen: Schlimmeres? Kroillierg: Schlimmeres! (beklommene Pause:) Erwartet keine Hilfe von Zollern. Der Herzog Wilhelm von Baiern hält ihn von der einen, und Ferdinand, des Kaisers Bruder, mitseinen Württem- b er gern von der andern Seite. — Fürsten berg ist von den Pfälzern geschlagen und belagert. — Mich hat der Markgraf von Baden überfallen. Meine eigenen Leute haben ihm die Thore geöffnet. Mit Mühe bin ich einkommen. (Hüllen stützt sich auf sein Schwert und starrt zu Boden.) Sicllinani Ivumpf:) Es ist entschieden. Kronlierg: Der Landgras von Hessen und mit ihm ein Heer des Erzbischoss von Köln steht bei Alzev und bedroht die Ebern bürg. Sicliillgkin Die Ebern bürg?! — Und die Mainzer Herren? — Versuchten sie nicht, es ihnen zu wehren? Kronöerg: Die Mainzer haben den Churfürsten und den Stistsadel vertrieben und den Landgrafen von Hessen eingelassen. Sirlüngeiu Ist denn der Landgras überall! Kronlierg: Das sind meine Nachrichten.-- Sirlüngrii! Entschieden! Huttril (blickt auf, Thränen in den Augen; er umarmt Sickingen; im Ausdruck des tiefsten Schmerzes:) Unlere Träume! Sickingen (zieht ihn ergriffen an sich:) Träume! (Pause.) Sirlün^rn (macht sich los; er denkt nach; hastig tritt er auf Kronberg zu!) Und die Franken? — Bergen und Schaumburg? (Hütten schrickt auf) K» — 34 — Üronlierg: Hoffet nicht! — Schaumburg ist belagert; vielleicht hat er sich jetzt schon übergeben. Schloß Bergen ist durch Verrat iu die Hand des Churfürsten von Trier gefallen. Hnttril (aufschreiend:) Dnrch Verrat?! Kronberg: Durch Verrat. — Der Thorwächter ließ den Churfürsten mit allen seinen Leuten ein. Hnttril (bebend:) War der Thorwächter der Verräter ? Kronvcrg: Man vermutet. — Aber das Sonderbarste ist: Frau von Bergen ist spurlos verschwunden. Hllttt» «taumelt zurück; erstickt:) Alles klar! Kroilvera,: Was habt Ihr? HuttkN (sich fassend:) Nichts! — Nichts! Siclniigrn: Und Bergen selbst? ürontirrg: Ward erschlagen. (Lange, lautlose Pause.) -Aiclüngrn (ruft Friedet zu sich, der im Hintergrunde mit den Landsknechten unterhandelt:) Friedel! Hnttrn (gepreßt:) Laß stürmen! SicKingni: Es geht nicht —! Hütten: Sickinge», laß stürmen! — (wild:) Sturm! — Sturm! — Gib mir die Fahne! Stell' mich gegen den Tod! Die Thore des Himmels trete ich eilt! Hickingtn (dumpf:) Sie stehen bei Alzen. — Friedel! Hntten: Wenn Du mein Freund warst und bist, sag: Stnrm! — Sickingcn, Du tötest mich! — Sag: Stur m! Sickingcn: Faß' Dich! Hütten: Ich habe gesündigt und gefrevelt! Sühne will ich! Ich fliege Euch voraus! Der erste bin ich auf dem Wall! Fechten will ich wie die rasende Verzweiflung ! Sickingen (faßt ihn bei der Hand:) Armer Freund!_ — L5 — Hütten glühend:) Du willst — ? — Sickingen (wendet sich rasch ab; bestimmt:) Friedet, gib Befehl zum Abzug! Hlltttll (starrt den abgehenden Friede! wie wahnsinnig nach: er kommt zu sich, eilt ihm nach; schreiend: Nein! — Nein! — Nein! — (Der Vorhang fällt sehr rasch.) IV. Aufxug. I Auftritt. Burg Landstuhl. Franz vvn Sickingen, sehr gealtert, sitzt in einem Lehnstuhl. Hütten steht am Fenster. Er sieht blaß und abgezehrt aus. Seine Augen flackern unstät. Bertha v. Sickingen steht neben ihm und hält seine Rechte mit beiden Lmndcn gefaßt. Sickingen: Nein, Hütten! Zaudere nicht noch im letzten Augenblicke! — Geh' von uns! Mußt Du Denn mit uns fallen? (Pause. Hütten gibt keine Antwort. Unverwandt blickt er durch's Fenster.) Sickingen: Du machst uns nur den Abschied schwer. Gehe! Du bist noch jung, hast noch ein Leben vor Dir. Das sollst Du nicht vertrauern über dem ersten Mißgeschicke. — Verlaß' uns und trage den Kops hoch! HlltttN (wendet sich langsam zu Sickingen:) Du quälst mich! — Dich soll ich hier lassen, inmitten der Feinde?! — Ich war es, der Dich zu dem Wagnis bestimmte. Auf mich hast Du getraut und bist gescheitert. Soll ich Dich den Wellen überlassen und feige nur an meine Rettung denken? — Dein Fall ist meine Schuld. Laß' mich mit Dir fallen. — 87 — Sickillgeiu Die Jugend kennt kein Maß, Du willst büßen für eine Schuld, die Dich nicht trifft. Ich bade gekämpft für die Überzeugung meines Herzens, und wenn ich unterliege, fo ist's nicht Deine Schuld, Hütten! — nicht Deine Schuld! — Das ist der Gang der Welt- Ohne Opfer wird nichts großes errungen. Hütte» (hüll sich mühsam-) Nicht meine Schuld! (Pause,) Sickillgtin Ich bin ein alter Mann, ein Ritter mit der Gichr in den Gliedern, Was kann ich noch leisten? — Ich habe genug gewirtschastet auf Gottes Welt. — Hütten, hör auf mich! Verlaß uns! An mir liegt wenig, Hütten (ausbrechend!) Alles! Alles liegt an Dir! Keiner ist da, der Dich ersetzen kann, Wir haben es mit Krieg begonnen und mit Krieg müssen wir'S enden. Dein Name hat unser Heer stark gemacht, und wenn es auch jetzt zerstreut ist, um Dich kaun es sich wieder sammeln. Sickiiignu Ich bin nur ein Mann, nnr einer ist an mir verloren. Und niemand ist unersetzlich. Die rechte Zeit gebiert den rechten Mann, Es werden andere kommen, die an meine Stelle treten. Thu Du es! Hlltttiu Ich?! — Wer bin ich?! — Ein Träumer, ein leerer Schwärmer, ein Poet! — Dn bist der Mann der eisernen Thai, das Schwert, ich nnr das Wort. Mit Ideen und Begeisterung setzt niemand etwas durch in dieser Welt, wenn sie nicht ein mächtiges Schwert regieren. Ich bin geheilt von meinem Wahn. Mit Gewalt muß man die Menschen zu dem zwingen, was ihnen taugt. — Ich bin geheilt, ibitter:) Die Kur war hart, — (Paule,) Sickillgeiu Vielleicht gelingt es Dir, mir Hilfe zu bringen. Hütten (düster:) Seit die Ebern bürg gefallen, ist alles entschieden. — 88 — SickingtN: Sei ein Mann, Hütten! Wozu ist diese dumpie Verzweiflung nütze. Vielleicht gelingt Dir, was andern versagt ist. Huttrii (hastig:) Ja, Du hast recht! Ich — — ! Sickingen, könnt' ich nur etwas thuu, nur handeln! — Meine Kraft ist gebrochen. Ich habe mich fürchterlich betrogen. Mein Vertrauen auf mich selbst ist hin, und im Selbstvertrauen wurzelt alle Kraft. Sickingen: Raffe Dich auf! Reiße Dich aus dem Banne der Unthcitigkeit! Hinaus in die Welt! in die Luft. Verzweiflung kommt stets zu früh. — Und wozn willst Du bleiben? — Ist mein Fall entschieden, aushalten kannst Du ihn nicht, nur mitstürzen. Hnttrn: Laß' mich mitstürzen! — Ich bitte Dich um die einzige Gunst! — Dir zur Seite habe ich gekämpft, Dir zur Seite will ich fallen! Sickingen: Dir droht größere Gefahr als mir. Ltrlha (schüchtern-) Gehe, Ulrich! — Mir zu Liebe —! (Hütten schrickt zusammen. Er faßt Bertha nn beiden Armen und starrt ihr in die Augen. Es ahnt ihm etwas surchtbares. Langsam läßt er Bertha los und preszt beide Hände vor die Augen. Er wendet sich zu Sickingen.) Sickingen: Zu Worms leitet Ferdinand, des Kaisers Bruder, das Reichsregiment, und mein alter Kamerad Heinrich von Nassau ist sein Berater, auf den er in allem hört. Er wird es nicht ruhig mit ansehen, wenn mich meine Feinde aufs Äußerste bringen. Einmal ist er ein alter Freund von mir, und dann weiß ich: sie brauchen mich noch einmal. Jetzt ist der Papst ihr Bundesgenosse; wenn sie aber erst einmal dort drunten in Italien und in Frankreich die Herren sind, dann könnte ihnen der Papst leicht unbe- guem werden; dann soll ich ihnen helfen, sich die Klerisei vom Hals zu schaffen. Mich werden sie also schützen, wenn ich's selber nicht mehr kann. Dich wollen sie unschädlich machen. Sie sürchten Deinen unruhigen Kopf. — 89 — Hütten: Glaubst Tu, sie könnten Dich schützen? — Sie werden den Fürsten Einhalt gebieten, aber niemand wird gehorchen. Sillnngcn: Der Landgraf von Hessen nicht; der haßt mich; der Churfürst von Trier haßt mich noch mehr. Aber der mächtigste von ihnen, der Churfürst von oer Pfalz, wird von mir lassen. Er ist ein genauer Herr, und noch nie hat er sich dem Kaiser oder dem Reichsregiment widersetzt. Er wird mich sogar schützen, wenn's mit des Kaisers Wille geschieht. — Und wenn auch nicht, — was ist das schlimmste, das uns treffen kann? — Bert ha ist sicher. Der Landgraf und der Churfürst von der Pfalz sind Edel- männer. Sie werden sie schlitzen, besser als wir es können. — Und ich? — Wenn die Burg übergeben werden muß, so werden sie mich in ritterlicher Haft halten und in Ehren behandeln, bis meine Sache beim Reichsregiment entschieden ist. Lrrtha: Ulrich, wenn Du mich liebst, verzieh' nicht länger! Kutten kämpft gewaltig mit sich selbst.) Sickillgen: Jedes Verweilen verzögert die Gefahr. Morgen, vielleicht heute Abend schon, kannst Du nicht mehr von uns, auch wenn Du willst.--Leb wohl, Hutteu! — Leb wohl! HllttkN (noch einer Weile; gebrochen.) Leb wohl! (reicht ihm die Hand.) Sirliiilgciu Schlimme Zeiten trennen uns. Vielleicht daß gute uns wieder zusammenführen! Hntttil (vernichtet.) Leb wohl! — Mir ahnt-- (sinkt mit einem Schmerzensruf vor Sickingen auf die Knien und faßt seine Hand!) — So mußt' es ausgehen! SilllilMIl (gerührt; legt ihm die Hand aus's Haupt:) Meiu Sohn! — Wir haben getreulich zusammengestanden. — — Geh' denn hin! — Nimm meinen Segen mit!--Wenn es denn sein mnß-- (kann vor Bewegung nicht weiter sprechen.) HlltttN (steht auf: sich zusammennehmend:) Leb wohl! (Sickingen drückt ihm stumm die Hand.) - 90 — HntttN (steht lange vm- ihm: aufgeregt:. Wir müssen uns wiedersehen, Sickingen. Ich muß alles gut machen --alles, was--alles wieder gut machen. Das ist meine Hossnung und mein Glaube, der Strohhalm, an den mein Leben sich hält. — Sickingen, ich — —! Nein! Jetzt nicht! Heute nicht! — Leb wohl! (drückt Sickingen hastig die Hand; eine Weile steht er vor Bertha, die sich abgewandt hat und weint; leise:) Berthll! örrthll (schrickt zusammen-) Du gehst? Hüllen (dumpf:) Ich gehe! öertha (in seinen Armen weinend:) Ulrich! (Hütten macht sich lvs; rasch mit Berthn nb,) Sici'.ingtN: Es geht ihm zu Herzen, dem Knaben. Er wird sich verzehren! (Friede! tritt auf.^ Sickingen: Was bringst Du, Friedet? Friede!: Die Hessen zieben das Thal heraus. Sickingen: Da wird's nicht lang mehr währen, und sie halten uns von allen Seiten. Friede!: Sie schleppen ein langes Geschntzstnck mit sich, um uns zu beschießen Sickingen: Das isr schlimm. Es wird uns schwer werden, stand zu halte». Friede!: Vom Erker im Saal kann man sie schon sehen. Sickingen: Wenn Hütten ihnen nur nicht in die Hände gerät! — — Führ mich hinüber, Friede!, in den Saal! (Friedet stützt ihn beim Gehen, Sieliingrn: Und dann laß alles in stand setzen. Eh' sie mich zusammenstoßen, sollen sie sich noch manchen Zinken von ihren Hörnern abrennen! (Mit Friedel ab.) II. Mitritt, Ivonns. Wohnung des Prinzen Ferdinand, Heinrich von Nassau, ein Nage, Page' Die königliche Hoheit wird gleich hier sein, (ab,) Nassau (nachdenklich:) Wir sind doch recht armselige Tröpfe, wir Menschen! Hiebe können wir schlagen, aber den Schlag leiten unsichtbare Mächte. Wir haben keine Gewalt über die Folgen unseres Thuns, und wir erkennen sie nicht eher, als bis sie unabwendlich geworden. Einen Feind wollte ich verderben, und den nötigsten Freund schleudere ich mit hinab in den Abgrnnd, — ---„Aus sich heraus soll sich das Volk neu gebären," — Ein großer Gedanke! Gegen ihn ist unsre schwindsüchtige VerkleisterungSpolirik die elenvestc Stümperei. Wir kriechen von einem der Fürsten min andern, erbetteln bei jedem ein Feverchcn, und mit dem geschenkten Flitter putzen wir unsere Ohnmacht. — Den Sturm im Volke aufgreifen, mit ihm ans einen Schlag all' die selbstherrlichen Fürsten hinwegfegen! — Wer das vermöchte! Ich bin zn schwach, zu feige für solch' ein Werk, — Sollte er es vermögen! — Nein, auch er nicht! — Dazu braucht es einen göttlichen Geist. Von uns schwachen Menschen geleitet, muß das Wagnis mißlingen, nnd wir sind ohnmächtiger als zuvor.---- Wenn er ein göttlicher Geist wäre? — Wo der Gedanke blühte, sollte da nicht die That reifen können? --(heißer lachend i) Jetzt ist's zn spät! — Im Nordwind ist die Blüthe erfroren. — — S2 — Prinz Ferdinand ^nitt auf:) Grüß Gott, Nassau! — Nachrichten? tlassain Verschiedene. Ferdinand- Laßt hören! tlalsan: Hente Nacht ist der alte Chisvres gestorben. Ferdinand (bekreuzigt sich:) Er war ein guter Ratgeber. Wir werden es ihm ewig gedenken, wie er uns beim Reichstag in Luthers Sache aus der Klemme geholfen. tlalsaiu Ein seiner Streich war es. Zugleich mit der Nachricht von seinem Tode kommt die Bestätigung, daß er damals richtig gespielt. Luther ist wieder ausgetaucht! Ferdinand: Was sagt Ihr? tlassau. In Wittenberg erregten einige fanatischen Prediger des neuen Glaubens Unruhen. Sie stürmten die Kirchen und warfen die Bilder hinaus. Da plötzlich erschien Luther unter ihnen und ermähnte sie zur Ruhe; und das aufgeregte Volk gab sich zu- srieden. Ferdinand: Wo hat er sich bisher verborgen gehalten? tlalsaiu Der Churfürst von Sachsen hat ihn auf die Wartburg bringen lassen, um ihn gegen die Folgen der Reichsacht zu sichern. Ganz wie Chisvres es gewollt und vorausgesehen. — — König Franz von Frankreich ist mit einem starken Heere in Italien eingerückt. Ohne die päpstlichen Truppen wäre ihm die kaiserliche Majestät nicht gewachsen. Man erwartet für die nächsten Wochen eine große Schlacht. Ferdinand: Welchen Ausgang kann man voraussehen? tlassnu: Wir werden siegen, wenn die Päpstlichen sich rechtzeitig mit unsern Truppen vereinigen.-- Auch von Sickingen habe ich wichtige Botschast. Ferdinand srasch:) Wie steht es? — 93 — Nassau: Verzweifelt! — Sie habe» ihm alle Burgen genommen. Nur in Landstuhl hielt er sich noch. Dort haben sie ihn von allen Seiten eingeschlossen. Der Landgraf von Hessen hat ein großes Geschütz mitgeschleppt, Sie werden ihm das Nest zusammenschießen. Ferdinand: Das können wir nicht dulden! Nassau: Was wollt Ihr thun? Ferdinand: Den Fürsten Einhalt gebieten! — Das war nicht wohlgethan, daß Ihr die Fürsten zu einen Bund gegen Sickingen vereinigt habt, ilal^au i Das war Notwendigkeit. Der Bund kehrte sich nicht gegen Sickingen, sondern gegen die Pläne des Hütten, der Sickinczens Arm für sich gewonnen. Diese Pläne mußten hintertrieben werden, wollten wir nickt das ganze Reich über unserm Kopf zusammenkrachen lassen. Den Hütten habe ich unschädlich gemacht; wenn Sickingen mit ihm zu Grunde geht — meine Hände sind rein. Ferdinand: Er muß gerettet werden. Der Kaiser bedarf seiner. Wir befehlen den Fürsten in des Kaisers Namen, den Sickingen einen billigen Frieden zu gewähren. Ilassan: Sie werden nicht gehorchen, höchstens Ludwig von der Pfalz. Immerhin haben wir ein Stück gewonnen, wenn'S gelingt, ihn von den andern zwei zn trennen. Ein Page (meidet:) Der päpstliche Legat, Kardinal Aleander! (ab.) Aleauder tritt nui. Er verbeugt sich vor Ferdinand tief und küßt seine Hand. Nassau grüßt er leichthin.) Ferdinand: Was bringt Ihr uns gutes, Herr Legat? Älrandrr: Ich komme in wichtigen Angelegenheiten, Von meinem Herrn habe ich den gemessenen Befehl, bei dem Reichsregimente auf strenge Erfüllung der von der kaiserlichen Majestät übernommenen Verpflichtungen — 94 — zu dringen. Die Ketzerei greift in den deutschen Landen immer mehr um sich. Sogar zu einem Bürgerkriege ist es gekommen. Das macht seiner Heiligkeit schwere Sorgen. Ualsan: Seine Heiligkeit zeigt große Teilnahme an den Geschicken unseres Landes. Ihr könnt seiner Heiligkeit versichern, daß wir mit unsern Angelegenheiten allein fertig werden. Älrandrr: Seine Heiligkeit hat das nie bezweifelt. Nur dringt sie auf strenge Bestrafung der Anstifter des Krieges. Ullssan: Gegen Ulrich von Hütten wird strenge vorgegangen werden. Älcander: Nur gegen Ulrich von Hütten? Uassan: Er allein ist der Anstifter. Im übrigen werden wir sie Sache genau untersuchen. Älrnndrr: Sickingen! Sickingen! Das ist der Mann, aus den oie Schuld fällt. Nassau: Herr Legat, man wird die Sache untersuchen. — Was geruhen Euer Hoheit zu verfügen? Ferdinand: Über Hütten? — Wir werden den Schurken ächten. Alrandrr (brummig-) Da wird sich der Erzbischof von Trier frenen! Nassau. Mit Umgehung des Reichstages? Ferdinand: Wir brauchen keinen Reichstag. Nassau (stößt Ferdinand Mi; lciic:) Ein Lapsus! Ferdinand : Dder doch? — Was haltet Ihr davon, Nassau? Nassau: Wir brauchen den Reichstag wohl dazu; doch wird er uns nicht entgegen sein. ^lraudrr: Ener Hoheit mögen mir ein Wort gestatten ! Ferdinand: Nnn? Äleander: Wie stellen sich Euer Hoheit zu dem Unsichrer der Rebellen, zu Sickingen? Ferdinand: Ich werde alles thun — - 95 — tlasslttl: Mit Verlaub, Herr Legat, was scheert Euch der Sickingen? — Wir sind Euch keine Rechenschaft schuldig, Älcander: Wie man's nimmt, Herr geheimer Rat! Sickiugeu gehört zu den großen Kategorie der Ketzer. Er hat Luthern angeboten, bei ihm auf der Ebernburg zu wohnen und schützt in allem den Unglauben, Und aus die Ketzer, Hoheit, haben wir verbriefte Rechte, — — Es mag ja immerhin sein — — (überrumpelnd:) Die kaiserliche Majestät gibt wohl viel auf den Sickingen? — Ferdinand (herausfahrend:) Gewiß! — Und ich werde mit all' meiner Autorität eintreten, ihn aus seiner mißlichen Lage zu befreien. Uassniu Das heißt, wir werden für die Aufrechterhaltung des Landfriedens die nötigen Schritte thun. Oleander: So? — Die kaiserliche Majestät hält viel aus Sickingen? — (rasch:) Woher glauben Hoheit das zu wissen? Ferdinand - Er machte ihn zum kaiserlichen Rat im Reich, zum kaiserlichen Kämmerer — Uassan (unterbrechend:) Er stand in Gunst, Herr Legat; das heißt vor Jahren. Oleander: Ich verstehe! — (er geht auf nud ab: Nassau macht Ferdinand leise Vorwürfe:) Haben Hoheit V0N der kaiserlichen Majestät bestimmten Austrag betreffs Sickingen? Ferdinand: Bestimmten — Nassau (rasch:) Was untersteht Ihr Euch, die königliche Hoheit zu examinieren? — Habt Ihr vielleicht dazu einen Auftrag? Äleander (Nassau nicht beachtend:) Habt Ihr einen solchen? Nassau: Nein, er hat keinen! Ferdinand: Ich habe keinen. Äleandrr: Gut! Dann kann Euch die kaiserliche Majestät auch keinen Vorwurf machen, wenn Ihr ihn aufgebt. — 96 — Ferdinand: Wo denkt Ihr hin? — Nie und nimmer! — Einen bestimmten Auftrag habe ich allerdings nicht: abei. — Äleander: Aber? FrrdinNlld (Hai sich, von Nassau bedeutet, unterbrochen; zögernd i) Er war beliebt, Oleander: Beim Kaiser? — Das sollte mich wundern! Ferdinand: Ihr glaubt es nicht? — Er sagte oft genug: „Den Sickingen brauche ich noch einmal." (Nassau ist wütend.) Altandtr (triumphierend:) So?! — (wirst sich stolz iu einen Zessel; anscheinend gleichgültig, nur so beüänsig:) Sickingen ist ein Anhänger Luthers. Das gebt Ihr zu, Hoheit? — (Stillschweigen:) — Euer Stillschweigen ist Zugeben. Von den Anhängern Luthers gilt dies hier! (er zieht ein Papier hervor und überreicht es Ferdinand.) (Ferdinand ergreift das Papier mechanisch und gibt es Nassau.) Äleander (mit überlegenem Lächeln:» Die kaiserliche Majestät hat sich durch diesen Vertrag gegenüber seiner Heiligkeit dem Papste verpflichtet, gegen Luther und seine Anhänger die Acht auszusprechen und demgemäß gegen sie zu verfahren. Dagegen hat sich der päpstliche Stnhl verpflichtet, dem Kaiser bei der Rückgewinnung der italienischen Besitzungen behilflich zu sein. Erfüllt der Kaiser seine Verpflichtungen nicht, ist auch der Papst der seinigen überhoben. Wollt Ihr nun den Bedingungen des Vertrages gemäß handeln, oder getraut Ihr Euch andernfalls die Folgen Eures Verhaltens auf Euch zu nehmen? Wenn Ihr Ench weigert, meinen Forvernngen statt zu geben, fliegt in der nächsten Stunde ein Erpresser nach Mailand. Die päpstlichen Truppen werden, anstatt sich mit den Kaiserlichen zu vereinigen, zu den Franzosen stoßen. Wie die Dinge stehen, könnt Ihr die Folgen — 97 — leicht absehen. — Was geruhen also Ener Hoheit zu thun? Ferdinand: Ich will mir alles reiflich überlegen. Nassau: Macht's kurz, Herr Legat! Was verlangt Ihr? Aleander: Den Achtbefehl gegen Sickingen. Die Ausf ü h r u u g übernimmt der Churfü r st v o n Trier. Ferdinand: Holt Euch morgen Antwort! Äleander: Morgen? — (besinnt sich-) Gut! Auf einen Tag soll es mir nicht ankommen! (Ferdinand winkt ihm, er sei entlassen.) Älrailder ^verbeugt sich vor Ferdinand, küßt seine Hand; vor Nassau grüßend:) Diese Partie habe ich gewonnen! (ab.) Nalsau: An dem ist ein Jude verloren gegangen! — Hoheit! Ihr seid zu freimütig, zu offen! In der Diplomatie gibt's eine Kunst: Zur rechten Zeit lügen. Die versteht Ihr noch nicht. Und eine andere: Zur rechten Zeit grob werden. Die versteht Ihr wieder nicht. Hättet Ihr ihm vorgelogen, Sickingen sei bei der kaiserlichen Majestät in Ungnade gefallen, die Reichsacht über ihn beschlossene Sache, da hätte sich der Legat nicht über ihn gescheert. So bangt ihm, wir könnten durch Sickingen einmal seine aller- heiligste und allerpäpstliche Pfaffenmastaustalt aussegen lassen. — Und hättet Ihr den Menschen, wie er unverschämt wurde, hinausgeschmissen, er wäre morgen um Kopflänge demütiger und biegsamer wiedergekommen. — Und wenn er jetzt erst noch erfährt, daß der Luther wieder sein Wesen treibt —! Hoheit, ich sehe trübe in die Zukunft. Ferdinand: Morgen mögt Ihr mit ihm unterhandeln! F. Erich Helf, Ulrich von Huttcu. 7 — 98 — Nassau: Jetzt ist entschieden. Morgen haben wir nur noch zu nicken und zu unterschreiben. (Pause.) Ferdinand (zagend:) Werden wir Hütten ächten? Nassau (stellt sich prüfend vor ihn:) Was habt Ihr wider den Menschen? Ferdinand (traurig:) Also nicht? Nassau lernst:) Hütten und Sickingen werden wir ächten. Ferdinand (auibransend:) Das dürst Ihr nicht! Nassau: Ich muß es! — Wir müssen uns überwunden erklären. Der Kaiser braucht wohl den Sickingen, aber erst später. Den Papst braucht er jetzt. Die Gegenwart kommt vor der Zu- kunst. Ferdinand- Mich kränkt's in nesster Seele. Nassau- Laßt es Euch nicht zu nahe gehen, Hoheit! Sie werden den Sickingen zur Übergabe zwingen und ihm ritterliche Hast gewähren. Und wenn sie ihn auch ein wenig beschneiden, — es wird ihm nichts schaden, und verdient hat er's schließlich auch. Ferdinand: Ich traue den Fürsten nicht. Wie hat es der Churfürst von Trier in Franken gemacht?! Nassau: Ja — er hat — Ferdinand (hastig:) Habt Ihr bestimmte Nachrichten? Nassau: Genaue nicht! — Aus Schloß Bergen soll er furchtbar gewütet haben. Bergen selber haben sie umgebracht. Ferdinand - Und Frau von Bergen?! Nassau (erstaunt:) Frau von Bergen?! Ferdinand - Wißt Ihr nichts?! — Sie ist spurlos verschwunden! Nassau: Was?! — (sich besinnend:) — So so! Ferdinand: Spurlos verschwunden! Rassau: Nun ja! — Kennt Ihr sie, die Frau von Bergen? — 99 — Ferdinand (betroffen:) Ja —! Zur Zeit der Reichstages — Nassau: Da war sie hier. — Und ist Euch nichts über sie zu Ohren gekommen? Ferdinand (unruhig-) Ich weiß--Nein, wirklich nicht! Nassau: Man sagte Ihr nicht viel gutes nach. Ferdinand (wird immer unruhiger:) So?! Nassau: Man sprach von einem Verhältnis zwischen ihr und dem Kardinal Aleander. Ferdinand: So?! Nassau: Und der Erzbischos von Trier sei ihr auch etwas sehr nahe gestanden. Ferdinand: So? — (lacht gezwungen:) Was Ihr doch alles wißt! Nassani Gesetzt, dns ist wahr. Wohin ist sie denn verschwunden? Ferdinand: Und Ihr glaubt, es ist wahr? Nassau: Kein Grund, es nicht zu glauben. — Ich habe fünfzig Jahre hinter mir und sehe Welt und Weiber mit weniger idealen Augen an als Ihr mit Enern einundzwanzig. Ferdinand: Haltet Ihr wirklich ein Weib für fähig — ? Nassau- Nicht ein Weib! — Alle Weiber! Ferdinand «sinkt erschöpft in einen Sessel:) Ha! Nassau: Lebt noch zwanzig Jahre! Dann sagt, ob Ihr anders denkt! Ferdinand «sich zusammennehmend:) Macht es morgen mit Ale and er aus! (rasch ab.) (Nassau geh: kopfschüttend nach der andern Seite ab.) 7» 100 — III. Auftritt. Burg Landstuhl. Sickingen. Bertha. Sickingen: Das richtet schreckliche Verheerungen an. So kann's nicht lange mehr weiter gehen! — Früher war's anders. Da hat man gekampft, Mann gegen Mann. Der Kraft und dem Mut wurde der Sieg. Das war meine Zeit. Jetzt hab' ich mich überlebt. Wenn die Burgen nicht mehr fest sind, ist's mit den Rittern aus.--- Geh' Du in den Keller, liebes Kind! Es ist sicherer dort unten. Sertha: Laß mich nur! Sickingen: Wozu willst Du Dich mutwillig der Gefahr aussetzen? Lertha: Du bleibst ja auch oben. Sickingen: Ich muß. — Thu' mir den Gefallen, Kind und steige hinunter! Lertha: Dort unten ist mir so dumpf und bang — (Ein Kanonenschuß. Krachen u»d Rumpeln über der Bühne.) Sickingen: Wieder eine Kugel! Gott steh uns bei! Sertha: Allmächtiger! Sickingen: Die ist in's Dach. — Höre auf mich! Geh' in den Keller! Ich will schnell nachsehen, wie's droben aussieht. — Gott sei Dank, daß ich nicht mehr gichtig bin und überall selbst sein kann, wo's not thut, (will ab. An der Thür begegnet ihm Friedet.) Sickingen: Wo hat die Kugel eingeschlagen? Friede!: Ins große Thurmdach. — Alles ist zusammengestürzt. Sickingen: Sieht man Feuer? — 101 — Friede!, Man sieht noch nichts vor Staub, Sickingen: Vom Hauvtdach wird man's am besten überblicken können, — Komm mit mir, Friede!! — Und Du, Bertha — — ! — Es ist sicherer drunten, Scrtha (flehend:) Geh' nicht hinauf. Bater! — Ich bitte Dich, geh' nicht ans's Dach! — Wenn eine andre Kugel — Sickiilgein O Du thörichtes Kind! Sertha: Vater, geh' nicht! — Mir ist so bang! Sickillgein Unser Herrgott hat mich' in seinem Schutz. Ich fürchte mich nicht! öertll«! (klammert sich an ihn; heisz flehend:) Geh' nicht, Vater! — Wenn Dir etwas zustößt--wenn sie Dich — —! Denk' an mich, Vater, an Deine einzige Tochter! — Was soll ich ohne Dich--- SickillglN (macht sich frei; fast ärgerlich:) Was ist mit Dir? — Die ganze Zeit her warst Du so mntig! — Laß' mich! — Geh' in den Keller hinunter! — (rasch mit Friede! ab.) Gertha (ihm nachrufend:) Vater! — Vater! (eilt ihm nach, kommt aber bald wieder zurück: zu sich kommend:) Wie war mir? — Ha! — So eng! So bang! (tritt zum Fenster,) (Rösel kommt; leise weinend.) Skrthlt (wird aufmerksam uuo wendet sich nach ihr um:) Was hast Du, Rösel? — Warum weinst Du? Kösrl: 's ist gar zu traurig dort unten. Der Robert hat's Fieber; da setzt er sich auf und schaut uns alle so sremd an und schwätzt grausiges Zeug; er müßt' sterben, sagt er immer und läßt sich's nit ausreden; und dann lacht er so wild, und heult wieder wie ein kleines Kind. Man kann den Jammer nit mit ansehen. Lrrtha: Sei ruhig, Rösel, sei ruhig! Das wird schon besser. Den Friede! hats gerade so gehabt, und der ist auch davongekommen. Kösrl: Nein! Nein! So Hat'S der Friedel nit gehabt! So arg nit! Sertli.n Das meinst Du nur! — Die Wunden sind am heilen. Das Schlimmste ist überstanden. Kösel: Wenn er nit davonkam! — (weint.) üerthn: Komm! Wir gehen hinunter und geben ihm ein Tränklein. Da wird's besser werden. — Du hast ihn gewiß recht gern. — (ergriffen, mit Thränen in den Augen:) Ja, ich weiß auch--! Armes Ding —! (faßt sich: Geh' mit! — (will ab. Ein Kanonenschuß, begleitet von fürchterlichen: Gepoltsr krachender Balken und fallender Steine.) örrtljll (tödlich erschrocken: fällt auf die Knie:) Gnädiger Gott! Allmächtiger! — Wende es ab! — Der Vater! — Der Vater — — (Sie springt auf. Wie gebannt kann sie keinen schritt vorwärts machen. Die Hände in furchtbarer Aufregung an die Brnsi gepreßt horcht sie gespannt. Totenstille. Ihre Lippen beben leise. Ihre Augen starren gläsern in Leere. Regungslos verharn sie einige Augenblicke in dieser Stellung. Stimmen hinter der Szene : Bertha erwacht nnd ihnt einen Schritt nach vorn: gepreßt:) Gott im Himmel, steh mir bei! (Stimmengewirr hinter der Szene. Mit plötzlichem Entschluß reißt Bertha die Thür auf, taumelt mit gellendem Aufschrei zurück und bricht zusammen.) Nösel: Gott! — Großer Gott! Das Fräulein! i bemüht sich nm Bertha.) (Friedet und andere Buben kommen. Am einer Bahre aus zwei Balken mit darüber gelegten Brettern tragen sie den bewußtlosen, blutüberströmt, n Sickingen.) Friedet: Allmächtiger! Was ist dem Fräulein?! (eilt auf Bertha zu.) Köscl: Eine Ohnmacht! — (erblickt Sickingen:) Gott! Unser Herr! — Unser Herr! LrrtlM (erhebt sich langsam und blickt mit schmerzverzerrten Gesicht nach der Bahre: hauchend:) Tot? Friede!: Nein! — Nicht tot! —' Faßt Euch, Lertha: Was — ist geschehen? Friedet: Die Kugel schlug in's Gebälk, und ein Splitter flog ihm in die Seite. — 103 — Sertha: Ist Hoffnung — ? Friede! (bewegt:) Wenig! üerthll (steht lang an der Bahre; sich fassend:) Trag ihn hinein! (Alle ab.) IV. Auftritt Burg Zollern in Ivürttemberg, Eitel frip von Z ollern. Ein Bube. vollern - Was will der Mönch von mir? önt>e: Er bringt Ench wichtige Nachrichten, sagte er. Zolleni: Laß ihn nur herein. (Der Bube ab.) — Wichtige Neuigkeiten? — Von Sickiugen fehlt mir alle Botschaft/ Vielleicht — (Hütten tritt auf, als Dominikaner verkleidet, die Kapuze über das Gesicht gezogen. Langsamen Zchritles geht er bis zu der Mitte des Zimmers und bleibt mit verschränkten Armen vor Zvllern steben.) Zöllen! (unsicher:! Wer seid Ihr? — Was dringt Ihr? (Hütten schlägt langsam die Kapuze zurück.) Zollet'!! (erstarrt vor Überraschung: fliegt ihm dann jubelnd an den Hals:) Hütten! (Pause. Hütten macht sich los. Zollern schaut ihn mit feuchten Augen an.) Zollern (zagend:) Wie steht es? — Schlimm?! — Du in dieser Vermummung! Hütten' Sie haben den Hütten geächtet. In deutschen Landen darf er sein Antlitz nimmer zeigen. — '104 — Zollcnn Dich und Sickingen! Ich weiß alles — Geächtet die besten aller Deutschen! — Du bleibst bei mir! Ich schütze Dich. Hntten: Ich darf nicht bleiben, Freund. Bringe Sickingen Hilfe, Er hat sie nötig. — Ich gehe aus meinein Vaterlande. Zöllen«.: Hütten, was ist mit Dir vorgegangen?! — Der dumpfe, düstere Blick! — Du bist nicht mehr, der Du warst. Hütten: Ich biu ein Schuft! Zollern (erschrocken:) Mensch! Was sagst Du! Hntten: Euch alle habe ich verraten, mein Vaterland verraten, mich selber! vollern: Ich verstehe Dich nicht!--Mir graut vor Dir! Hütten: Fürchte nicht für meinen Verstand. Der sitzt zu fest in meinem Kopf: Könnt' ich ihn ausreißen wie meine Augen, ich wollte es thun! Und mir wäre wohl. Zollern: Sag, was ist geschehen? — Ist Sik- kingen tot? Hntten (erschrickt heftig; sich besinnend:) Das ist's! (l-mt und drohend:) Bring' ihm Hilfe, Zollern, ehe es zn spät ist! Noch heute mußt Du fort! — Gott! Wenn alles umsonst wäre! — Sickingen darf nicht sterben, bis alles gesühnt ist. — (eindringlich:! Zollern, thu' alles, wage alles! — Bedenk'Dich nicht! Morgen schon ist's vielleicht zu spät. Sammle Deine Leute! Hinüber mit ihnen an den Nhein wie der Sturm! Errette ihn!--- Rette mich! Zollten: Ich bin eingeschlossen von Feinden, überall. Nur noch ein kleines Häuflein ist um mich. Bald werden sie mich belagern. Hntten: Das ist die Vergeltung! — (,»it fürchterlicher Stimme:) Weg von nur! Ich bin die Pest! Was mich berührt ist verloreil. — Sickingen hin! Kronberg hin! Bergen hin! Alle durch meine Schuld! --Auch Du, Zollern — !--Und ich, ich — 105 — darf nicht sterben! Erst die ganze Hölle über mich! (sinkt auf einen Stuhl; matt:) Ich habe mich an mir versündigt. Ich bin verflucht! ZolltNl (betrachtet Hnttcn tief mitleidig:) Hütten! — (Hutteu blickt langsam auf:) — Wir waren gute Freunde einst, in der Jugend, in der Zeit unserer Hoffnung, Die Enttäuschung ist gekommen. Soll sie uns scheiden? — — Was Dich drückt ist mehr als das Scheitern Deiner Pläne, — Sprich frei zn mir ivie ehedem! HuttlN (hat sich erhoben und Zollerns Hand gefaßt. Nach einer Pause des inneren Kampfes; dumpf:1 Wohlan! Frei wie ehedem! — (Pause, Hütten macht einige Ansätze zum Sprechen:) — — Zollern, einen Becher Wein! — — JolltNl (nimmt von der Wand zwei Becher und einen Krug; er schenkt ein:) Du hast mich so erschreckt, daß ich meiner Pflichten vergaß, — Wohl bekomm's! (trinkt.) HlltttN (thut einen großen Zug; Pause:) Gedenkst Du des Anfangs unserer Verschwörung? Zollern; Verschwörung?! Hütten: Die Welt wird es Verschwörung nennen. — Wir Ritter saßen zusammen auf der Ebernburg und besprachen uns über das große Unternehmen. Da verlangte Sickingen, Plan und Vorbereitungen sollten geheim gehalten werden bis zur Stunde der Ausführung. Ahnungslos sollten wir die Fürsten überfallen, um unsres Sieges sicher zu sein. Mir schnitt es in die Seele, daß unsere gnte Sache mit List siegen sollte. — Ha! Wie fest vertraute ich auf unsern Sieg! — Ihr stimmtet Sickingen bei. Ich fügte mich und versprach Schweigen. — — (gebrochen:) Ich habe nicht Wort gehalten. (Lange Pause.) Hntten: Ich habe ein Weib geliebt, übermäßig; uud meine übermäßige Liebe trieb sie in die Arme eines anderen. — Glaub' nicht, daß sie dem leichten Hütten war, was so viele —! Sie war mir heilig. — — 106 — Und ich habe das Heiligtum entweiht. — (Pause; ganz leise:) Margarethe — von Bergen! Zollen« (erschreckn) Frau von Bergen?! Das wilde Weih! — Ihr hast Du uns verraten? Hllttril .nach einer Panse ruhig fortfahrend:) Zur Dirne habe ich die Arme gemacht, und habe sie verdammt — von mir gestoßen wie die Pest; ich, der ich tausendmal verworfener war als sie! — Ich habe sie hohnlachend zertreten, und sie hat mir Rache geschworen; treffen wollte sie mich, wo ich zu vernichten war; und sie kannte meine Seele. In wahnsinnig vermessener Verblendung gab ich ihr die Waffe, mich zu verderben. Sie sollte sehen, daß ich sie nicht fürchtete. — Bergen war damals mit ihr nach der Ebernburg gekommen; Dn warst auch zugegen. Mit Sickingen hattest Du die trierer Ratsherren gefangen. — Ich war allein mit ihr und Bergen. Bergen fragte, wie weit unsere Sache gediehen. Ich sah, wie Margarethe lauerte. Absichtlich mit lauter Stimme, erzählte ich unsern Plan bis in alle Einzelheiten. Jedes Wort hat sie verstanden, und jedes Wort verraten.--Das Weib ist gerächt. Die Wurzeln meines Lebens sind ausgerissen, mein Vaterland trägt wieder Ketten — für Jahrhunderte — — durch meine Schuld. Jolltl'N (nach einer Panse: mit erzwungener Ruhe:) Freund, martere Dich nicht! — Du hast gefehlt. Doch Dein Fehler treibe Dich nicht zur Verzweiflung! Er sei Dir ein Sporn zum Guten! Versuche, ihn wett zu machen! — Was Dir jetzt mißlungen ist, gelingt Dir vielleicht beim zweiten Wagen. HntttN (bitter:) Zu spät! — Zu spät! — Meiue Kraft ist erschöpft bis zur Neige. Ich habe sie aufgezehrt — früher in zügelloser Ausschweifung, dann im Dienste meines großen Gedankens. — Jetzt ist's aus! — Ich fühle, wie nur das Mark in den Knochen dorrt und zusaii'menschrumpft. — Und hätte ich meine Kraft noch, — wahrlich, ich würde das Werk nicht zum zweiten Male versuchen! — I.l'7 - vollerm Hütten, welche Worte! Hütten: Meinen ganzen Plan habe ich auf das Volk gebaut. Das Volk dachte ich mir wie einen gefangenen Löwen, der an seines Käfigs Eisenstäben sich die Zähne ausbeißt. Dem Volk wollte ich das Gitter öffnen und es zur Freiheit führen. Ich verkündete ihnen das Morgenrot einer neuen Zeit: sie hörten mich gleichgültig an, verstanden mich nicht. Sie wissen nickt, daß sie Knechte sind, fühlen uch wohl in ihrer Sklavenhaut. Las; sie drin verrecken! Zollern (entsetzt:) Welche Wandlung! Hütten (bitter!) Das ist die Ernüchterung! — Nur der ist fähig frei zu sein, der sich die Freiheit selbst erringt. Willst Du das Gesindel zur Freiheit zwingen? — — (schwach:) Die Ernüchterung!-- (zieht die Kapuze über das Gesicht: wehmütig:) Mir ist 10 toll im Kopf! Ich kann mich von den Gebilden meines Wahns nicht losreißen, wie mich die Wahrheit auch schüttelt. Mir ist wie einem Unglücklichen, der lstmm- lisch schön geträumt und allmählich in die trübe Wirklichkeit hinein erwacht.---Ich muß scheiden, Zollern. Eins lege ich Dir aus Herz. Ich will nicht, daß Du meine glänzenden Ideen von ehemals zu verwirklichen suchst. Du würdest daran zu Grunde gehen, wie ich. Unsere Kräfte sind zu schwach, den mächtigen Block gegen die ewigen Gesetze der Natur den Berg hinauf zu wälzen. Ein kurze Strecke bringen wir ihn vorwärts. Unser Arm erlahmt. Der Block rollt zurück und zermalt uns.--Nein, Zollern, Dir soll's nicht auch so ergehen. Meine einzige Bitte, mein Vermächtnis, Zollern: Rette die Opfer meiner Verblendung! Sickingen darf nicht fallen, mein bester Freund darf nicht durch mich verderben! — Ich fühle mein Hirn sieden und mein Blut erstarren; ich schaue dem Wahnsinn in die grinsende Fratze! — Zollern, erbarme Dich! erbarme Dich! ilange Pause; sehr erregt Zollerns Hand fassend: zitternd:) Du versprichst?! — 108 — Jollern (nn seiner Brust:) Was ich kann — alles — alles! (Pause.) Hnttrn: Hab Dank!----Und tröste Bert ha. das arme Kind. — Ich gebe sie frei! — Nimm den Ring! Bring ihn ihr zurück! — Mir ist klar geworden über manches. Ich sehe mein Bild mit allen Zügen — — —! und Bertha, das reine, unschuldige Kind -— —! Troste sie. Zollern! — Sag' ihr. wer ich bin und war. Die Arznei wird ihr bitter sein, aber sie wird wirken. — Leb wohl! Zollcrn: Du darfst nicht fort von mir! Du bist geächtet. Jeder Knecht kann Dich morden. Hntteil: Ich reise in der Maske von Deutschlands Folterknechten. So bin ich in Teutschland sicher. Zolltnn Ich lasse Dich nicht von mir in dieser Verzweiflung! — Hütten — Hnttrn M:) Ich reise! — (seine Hand fassend, die furchtbarste Erregung niederwürgend:! Leb wohl! — Vergiß nicht--! (ausbrechend:) Du siehst mich nie wieder! — Freund!---Freund!--(vor Thränen und Aufregung fast keines Wortes sahig:) Leb wohl! (rasch ab.) Zollrnu Dahin! — (eilt ihm nach.) V. Auszug. I. Austritt. Augustinerklostsr zu Mülhausen lMsaß.) Im Vordergrund eine freie Halle, von weicher Thüren in die verschiedenen Zellen führen. Nach dem Hintergründe zu führt in den Klosterhof ein gothischer Gang. Es ist Nacht. Von der Decke herabhängende flackernde Lampen verbreiten mattes Licht. Sturm und Gewitter. Im Hintergrund am Ausgang zum Hof stehen der P f ö r t n e r, Bruder Crispinus und Bruder MartinuS, Crispinus: Niemand wird eingelassen! — Können sie nit brauchen, die Landstreicher! Martinus: Habt doch Erbarmen, Bruder Crispinus! — Denkt, Ihr wäret draußen in der Nacht! Crispinus: Ein rechter Christ bleibt still in seinem Kämnierlein, wenn der Böse durch die Lust fährt. Das sind unheimliche Gesellen, die bei Sturm und Nacht draußen ihr Wesen treiben. Die Haben's mit dem Satan! Martilttlö- Ich bitt'Euch Bruder, nehmt Vernunft an! — Ihr werdet — Crispinus: Was redest Du da. Du Grünschnabel?! Geh' auf Deine Zelle und bete, daß der Herr Dir den rechten Geist gebe. — Mich Vernunft lehren! Das ist — (es blitzt und donnert Ycstig: Crispinu-5 unterbricht sich nnd bekreuzigt sich unter unverständlichem Gemurmel.) Mltt'tiiins: Denk' doch, wie's dem Menschen draußen zu Mute sein muß! Crispiiiusl Du verstehst nichts! Das ist der Leib hastige, der au's Thor klopft; er geht um in solchen Nächten. Martiiiilsi Das ist Aberglaube. Laßt die Ängstlichkeit und seid christlich! CrispilttlS (erbost:) Aberglaube! Aberglaube! — Du Ketzer! — Fort, in Deine Kammer! Wache und bete! Der böse Geist kommt über Dich. Mnrtimis (zum Pförtner:) Offne dem Armen! Ich nehm'S aus mich! Crispiiius (wild:) Was?! — Offnen?! — Ich will Dich Ehrfurcht lehren vor grauen Brüderu wie mir! — Fort! Und wage es nie mehr, mir zu trotzen, Du — Tu — Der Prior iisr während der letzten Worte aufgetreten und rasch nach dem Hintergrund zu den Streitenden geeilt:) Friede, Brüder! — Was streitet Ihr? — Geht in Eure Zellen; es ist schon spät in der Nacht! Martinus: Ein Fremder begehrt Einlaß. Crispiiius' Ich duldete nicht, daß man in einer solchen Nacht — Prior- Ein Fremder draußen, und Ihr laßt ihn nicht ein? — Öffnet ihm! (der Pförtner und Martinus ab.> Prior. Wozu der Zank?! Crispinns: Ist das ein ehrlicher Christ, der in dieser Nacht sich draußen herumtreibt? Prior: Warum sollte er es nicht sein, Bruder Crispinus? Crispinns >eifrig.-) Den Teusel hat er im Leib, sag' ich Euch, und er kommt, uns zu versuchen. Prior' In uns felber ist der Versucher. Er kommt nicht von außen. (Hütten tritt auf in der Dominikanerkntte, begleitet von Martinus und den Pförtner.) priori Friede sei mit Dir, Bruder! (Crispinus bekreuzigt sich und geht kopfschüttelnd auf die Seiten Hlltttll (sieht dem Prior ins Gesicht: vor Überraschung tritt er einen Schritt zurück; sich bemusternd u Friede sei mit Euch! (reicht dem Prior die Hand:) Ich habe Euch wohl im Schlafe gestört? — Verzeiht mir! Draußen kam das Wetter über mich. — Ich bitt' Euch um ein Obdach. Prior (schrickt bei Huttens Worten zusammen; für sich:) Diese Stimme! Cribpiims; Woher kommt Ihr des Weges, Bruder? Huttrin Von Kolmar. CrispilUlö; Seit wann ist's Sitte, die Nacht zur Wanderung zu nehmen? Hütten (faßt Crispinus fest ins Auge:) Mein Weg sührt nach der heiligen Stadt. Ich habe ein Gelübde gethan, nur bei Nacht zu wandern. Lrispinus; Ein eigenes Gelübde! — Da habt Ihr wohl ein schwer' Vergehen zu büßen? HutttN (seufzend:) Ein fchwer Vergehen! Prior >betrachtet Hulten aufmerksam; er kann jedoch sein Gesicht nicht sehen, da es durch die Kapuze zum Teil verdeckt ist: er tritt zu Suiten:) Komm mit mir Bruder! Ich sühre Dich in Deine Kammer: und wenn Du etwas bedarfst, laß es uns wissen! (zn den andern:) Geht in Eure Zellen, und Du, Pförtner, aus Deinen Posten! — (er geht mit Hulten nach vorn.) (Martinas ab durch ciue Thür im Gang. Crispinus bleibt kopfschüttelnd vor seiner Zelle sieben und schnnt Hütten nach.) Prior (leise Huttens Hand fassend:) Wer bist Du, Fremdling? — Ich — — Deine Stimme — — 112 — Hlltttll (entzieht ihm seine Hand und betrachtet ihn forschend:) Ich bin in Deiner Hand, Michel, Ich träne Dir! (zieht langsam die Kapuze zurück.) Prior (betrachtet ihu starr: schreiend wie vor Entsetzen:) Hütten! (V'rispinno fährt uifainmcn: dann will er mit geballter Faust auf Hütten los, besinnt sich aber sofort und bleibt stehen.) Prior: Ohne Schutz, allein irrst Du im Land umher? — Gott! Was mußt Du gelitten haben! Hütten: Gib mir Schutz! Nur ein paar Tage — zum Ruhen! — (lodesmatt:) Ich bin müde! Prior iwehmütig: halb sür sich-) Und das ist der Mann, der stolze, jugendliche — Hlltttll: Bedanre mich! Ich bin bejammernswert! — (crgreiit seine Hand:) Wann sahen wir uns zum letzten Male? — In Worms, beim Reichstag; Du warst im Gefolge des Bischofs von Straßburg.--Wie hat sich alles geändert! -— Dn kennst mein Schicksal. Ich branche es nicht zu erzählen. — — Wenn Du mir, dem Gezeichneten, Obdach gewährst--ich kann es Dir nicht vergelten — und es bringt Dir Gefahr. Wird es rnchbar, dann ziehe ich Dich mit mir hinab — — wie alle! Prior: Bleib', so lange Du willst! Hier bist Du sicher. In einem Kloster sucht mau den Hntten nicht. Hntten: Lang weile ich nicht! — Unstät und flüchtig! — Nur ein paar Tage Rast! Dann wieder hinaus — ohne Ziel und Ende! — Sieh, Michel, ich denke oft, wozu weiter leben? Der Tod wird mich erlösen. — Aber ich kann die That nicht vollbringen. Ein Unbestimmtes in mir zwingt mich, weiter zn leben und weiter zu leiden, voll zu büßen für alles! Prior: Frennd! — verzeih' mir — (stockt! Hütten sieht ihu forschend an:) — Hast Du Dich in nichts geändert — in Deinem Glauben —? HlltttN (drückt ihm lächelnd die Hand:) Willst Du mich bekehren? — Euer Gott ist nicht mein Gott und Eure Welt nicht meine Welt. priori Du wirst — zu Gruude gehen — verzweifeln ! HlltttN (schwermütig:) Das werde ich! Prior: Es gibt eines, dns Dich davor behütet! — Wende Dich zu Gott zurück! Vertraue seiner Gnade! Hnttni: Laß das, Freund! Du weiß nicht, wie Du mich quälst. Prior (immer eifriger:) Folge mir, Hntten! Lache nicht über meine Bitten! — Wärest Du damals meinein Rat gefolgt, zu WorinS — — — es stünde anders mit Dir! — Nur fester Glaube rettet vor Verzweiflung, istltttN (>st plötzlich unruhig geworden: noch ehe der Prior geendet, beginnt er hastig:) Wie steht es draußen — mit — mit — Zoll er»? — schon lang hab ich nichts mehr gehört. Prior: Prinz Ferdinand hält ihn gefangen. Hnttrn (entsetzt:) Zollern gefangen!-- Und sickingen? — Du bebst! Du zitterst! — Er ist tot! Prior (dumpf:> Er ist tot. Hllttt!I (ichreit aus: ganz fasfnugslo> stürzt er ans den Prior:) Sickiugen tot?! — Mensch! — Sickingen ist tot?! — (taumelt nnd bricht ohnmächtig zusamm.'n. Blut quillt nuS Mnnd und Nase.) Prior (wachsbleich; wankend:) Gott ! Was hab' ich gethan! (lnni schreiend:) Hilfe! — Hilfe! Hilfe! (kniet vor Hütten und beschäftigt sich um ihn:) Blut — D^l'r des Hiininels! — Hilfe! — Hilfe! CriSjlillNL (hat alle? erregt mit augehört. Jetzt kommt er nach vorn. Wie er Hütten iu seinem Blut erblickt, bleibt er erschrocken stehen: flüsternd:) Die Hand Gottes! (bekreuzigt sich.) F. Erich Helf, Ulrich von Hütte». 8 — 114 — Martinns glommt aus seiner Zelle und blick! um sich:) Was ist geschehe», Bruder Erispinns? Der Prior rief um Hilfe! — (erblickt »utten:) Alle ihr Heiligen! — Prior (blickt aus:) Ein Blntsturz, Brüder! — Helft mir! — Tragt ihn in die Zelle! (Bruder Frauciseus und andere Mönche treten ans, aus allen Thüren.) Fnuiciülus: Blut! — Allmächtiger Gott! Andere Mönche: Was ist gescheheil? Ein Andren Wer hat Hilfe gerufen? Ändere: Heilige Jungfrau, steh' uns bei! Prior (ausstehend i) Ein fremder Mann — (sich ver- bessernd:) Bruder! — Hier überkam's ihn plötzlich, «schafft Hilfe! — Tragt ihn in die Zelle! aus's Bett! i^riopinus tritt mit Franeiscus auf die Seite: sie reden lcbhast mit einander und bekreuzigen sich.) 1. Mönch: Wie kam das? 2. Mönch: Helft tragen! 3. Mönch: Wer ist der Bruder? 4. Mönch: Ein Dominikaner, Du siehst ja —! -'>. Mönch: Wie kam der herein? Prior (hat sich zu Hütten gebückt und harcht gespannt, ob er atmet:) Er lebt! — Kommt! — Helft! — i^Sie tragen Hütten in eine Zelle, welche der Znschnncr durch die offene Thür zum Teil überblicken kann. Ein Manch bringt Licht. In der Halle bleiben allein franeiscus und CrispinuS. Sie unterhalten sich flüsternd.) Frnncisrns: Das dulden wir nicht! Crispinns: Der Prior ist sein Freund! Francisnis: Ja, er wird ihn nicht davontreiben, zumal jetzt, da er schwer krank ist. Crispinns: Er darf nicht hier bleiben, auf geweihter Klostererde. Frcincisrns: Was meinst Du---wir zwingen ihn? Crispinns: Erst wollen wir es in gutem versuchen. — 115 - /ranciLcns: Ich rede mit den andern. Mit dem Ketzer unter einem Dache?! — Nie und nimmer! Crispinns: Wir gehen zum Prior und verlangen, daß er den Ketzer fvrtweist. Franciöcuö: Was?!— Fortmeisen?! — Gefangen halten mir ihn! Der Kirche liefern mir ihn aus. Gerichtet muß er werden! Crispiiuis: Wenn es Gottes Wille ist — !-- Aber der Prior — —! FrlNiciscns i Das weiß ich wohl. Der gibt das nicht zu. Er ist selber — hm! Du weißt ja —! Das müssen wir schon anders anfassen! — Ich meine, mir nehmen so ein Paar Leute zusammen und führen den Ketzer mit Gewalt hinmeg. — Und menn der Prior sich widersetzt — — Tu meißt ja —! Die meisten mögen ihn so nicht leiden! Enspiuns- Das ist doch bedenklich! Froiicisrns: Komm' mit in meine Zelle! Wir wollen alles bereden! (beide ab.) (Ter Privr, Martinus und andere Mönche kommen aus Hnttens Zelle. Alle ab außer dem Privr und Martinus. Prior: Ich hieß Dich bleiben, Martinus. Ich habe mit Dir zu reden. — Der fremde Mann — — ich weiß, Du bist kein toller Fanatiker wie die meisten anderen, Dir kann ich's vertrauen. Aber schweige gegen alle. — Der fremde Mann ist Ulrich von Hütten! Martinus (zuerst entsetzt, dann zn sich kommend; bebend-) Ulrich von Hütten! Prior: Ich kenne ihn — von frühster Jugend auf. Zu Mainz war er im selben Kloster wie ich. Zum Geistlichen wollten sie ihn machen — es mar nicht sein Beruf. — Er ist ein verirrter Mensch, aber gut. --Du weißt, er ist gebannt und geächtet; seine Feinde verfolgen ihn. Ich kann ihm meinen Schutz nicht versagen, jetzt, wo er so schwer krank ist. — (Pause.) 8« — 110 — Ich habe einen Auftrag für Dich, Willst Du ihn ausführen, MlNtinus: Befehlt mir! priori Seine Braut, Bertha von ^ickingen, Hit der Ritter Fürstenberg zu sich genommen, Sie kann und wird Hütten retten. Ihm fehlt der Wille zum Leben. Das ist sein Tod, Wenn sie um ihn ist, wird er leben um ihretwillen, — Willst Du gehen und ihr die Nachricht bringen? — Sie wird Dir hierher folgen. Mnrtiiiiis (innig:) Ich dank' Euch, Meister. Euer Vertrauen macht mich selig. Noch hmte Nacht gehe ich. ^Nlll' lwährcnd sie langsam nach links abgehen l) Wie dank' ich Dir, daß Du mir diesen Dienst thust! —Du bist der einzige, den ich drum bitteu konnte. Alle die andern — —! Steinigen würden sie mich! (Beide ab,) Ik. Auftritt. Trier. Im chur fürstlichen Pal aste. Rndvls tritt mit einem Franciscanermvnche auf. Nndolfi Ihr seid verrückt? — Wozu wollt Ihr sie katholisch machen? Mönch- Das ist eigentlich klar! — Wenn ich das zu Wege bringe, bekomme ich wieder einen gronen Stein ins Breit, — 117 — Rudolf iirvnisch-) Schlau gedacht! — Der Erzbischof wird sich viel darum scheeren, ob das Weib den katholische» oder lutherischen Teufel im Leib hat. Mönch: Der freilich nicht! Aber der brave Eck! — Der häll's für seine erste Pflicht, zu sorgen, das; sich sein Herr nur mit gläubigen Weiberu abgibt. Nndolf: Ja — dann! — (lachen., Mönch: Und—! Hab' ich das Weibchen erst einmal in meinem Beichtstuhl, dann hab' ich's schon gründlich in meinen Klanen! Kudolf: Hm! -- Das Weib ist aristokratisch. Sie hält streng auf standesgemäßen Umgang! (Sie lnchen.) Mönch- Pa!--Ich sage Dir: Wenn Tu zu einer kommen nullst, jung oder alt, schön oder häßlich, dann besorge einmal meine Geschäfte Wenn Tu Dich auf die Weiber verstehst, kannst Dn im Paradiese leben '. — nnd oie sollt' ich nicht kriegen?! — Ha—ha! Sie ist schon ans dem besten Weg, hat mich zn sich bestelle, — hierher, zu einer Unterredung, über geistliche Dinge natürlich. — Leb wohl! — Ich muß sehen, wo sie steckt. «Beide nb »ach verschiedenen Seilen. Der Mv'nch kvnnnt inil Margarethe von Bergen zurück.) Mönch: Beichtet, gnädige Fron! Beichtet! Das macht das Herz leicht. Kehrt zurück in den Schoß der Kirche! — Sie mird Euch retten! ManM'tthc: Eure Kirche mich retteil! Mönch (sich nn die Brnst schlagend!) O daß Eure Kirche nicht oie unsere ist! — Daher der Fluch, der Ench Glück und Frieden raubt! — Gnädige Frau, kehrt zurück zur wahren, alleinseligmachenden Kirche, nnd geneset in ihr! Sie wird Euch aus- nehmen wie eine Mntler ihr krankes Kind, sie wird Euch Wunderbalsam ins Herz flößen nnd alle Eure Schmerzen stillen. Wer außer ihr steht, sür deu ist — 118 - ihr Segeu unbegreiflich, wie einem Blindgeborenen das Licht, Tretet in ihre Gemeinschaft, und Ihr werdet die Seligkeit schauen! Eure Sünden, wie schwer sie auch sind, werden Euch verziehen und vergeben. Dem: wisset- Unser Vater im Himmel hat mehr Freude an einem Sünder, der Buße thut, der iu den Schoos; der heiligen Kirche zurücklehrt, als an tausend Gerechten, Margarethe (in Eckstasc,) Priester, ich hasse Ench! Euch alle, ihr Heuchlerseelen! Mönch, Ihr stoßt die rettende Hand so schnöde zurück? — Denkt an Eure Seelenqual ! Und denkt an den Frieden, den wir Euch geben können! — Gehet znr Beichte! Gehöret uns an! — Versprecht es mir! Margarethe: Mönch--! wenn Du lügst! Mönch: Der Zweifel ist der schlimmste Feind für krauke Seelen, Glaubt an den Arzt und Ihr seid ge- heilt So lang Ihr aber an unserer Kirche Macht zweifelt, erwartet keine Rettung! Margarethen Töte meinen Zweifel, Mönch! Mönche Der Glaube tötet ihn, Maigaretht: Glanbe?! — Glaube?!--(lacht grill ni,s:> Gegen den Zweifel giebt's nur ein Mitteli Die Überzeugung, Priester. — Gieb mir Überzeugung! Mönch: Ihr verlangt zu viel! Überzeugung ist kein Glaube mehr. Glaube ist ein Verdienst und wird Euch angerechnet; Überzeugung nicht. Margarethe i So gieb mir Deinen Glauben! Mönch i Laßt ab vom Zweifel, und er ist da. Margarethe (nußcr sich-) So töte meinen Zweifel, Priester! — — (gezwungen lachend) Jetzt sind wir wieder, wo wir waren,---Sagt mir, woher kommt der Zweifel? Mönch (sich bcdenkend-) Von dem gottfeindlichen Widerspruch iu der ^eele. Margarethe: Du bist weise und verweigerst mir die Antwort. Woher kommt der Widerspruch? — 119 — Mönch- Von den Lehren, die außerhalb der Kirche stehen. Margarethe: Und Du kennst keine solche Lehren? Mönch: Ja — doch! Margarethe: Und hast nie gezweifelt? Mönch: Nie! Margarethe (»uffnhreudi) Heuchler! Schamloser Heuchler! Mönch: Ich sprach die Wahrheit. Margarethe: Deswegen laßt ihr das Volk verdummen, weil jedes Wissen in ihm Zweifel wecken muß, und dann wär's aus mit dem Glauben. Ihr mästet Euch von des Volkes Unwissenheit, mißbraucht ihren Glauben, und glaubt selber nicht! Mönch: Wenn Ihr den wahren Glauben hättet, Ihr würdet anders reden! — Zwingt Euch zum Glau b e n! Margarethe: Kann man das? Mönch: Man kann, wenn man will. Margarethe: Ich will, wenn ich kann. Mönch (erleichtert I) Dann beichtet und lobpreiset Gott, der Euch vor Euch selber gerettet. Margarethe: Ich will an meinem Zweisel zweifeln, das mag ihn vertreiben! Nicht wahr, schlauer Priester? Mönch: Thut das, gnädige Frau! Margarethe (herausfahrend:) Von meinem Zweisel bin ich überzeugt. Hilft der Zweifel gegen Überzeugung so gut wie gegen Glauben? Mönch (nn seine»! Erfvlge verzweifelt:) Das macht mit Ench selber aus! (Pause. Margarethe starrt völlig geistesabwesend ins Leere.) Margarethe (plötzlich entschlossen:) Gut, Priester! Ich bin Euer. Da hast Du mein Wort! — Aber hilft es mir nicht — — die Pest über Euch Entenbrut ! Mönch (aufatmend:) Ihr müht glauben, daß es hilft. — 120 — Margarethe: Ich will nicht glauben, daß es nicht hilft. Mönch' Seid Ihr erst im rechten Glauben-- MariMttcht (plöiUich losbrechend:) Ha! Ich kenne Euch! Hunde! Schnrken! schufte! — Wie Euer Herr, der Erzbischof! — Aber wenn Euch Euer Glaube vor Euerm Gewissen schützt, dann kann er vielleicht auch mich schützen! So schlecht wie Ihr bin ich nicht!--- lsich beruhigend:) Gieb mir die Beruhigung, daß Tu schlechter bist als ich, Du siehst wohlgenährt und zu- srieden ans. Ich will es auch kiinueu, Mönch: Beichtet so bald als möglich! Sonst würgt Euch die Verzweiflung. Margarethe: Ich beichte, Priester. — Einen Rat geb ich: Geh' nicht in den Beichtstuhl, wann ich meine Sünden bekenne; Tu kämest vor Enisetzeu-- (sie unterbricht sich mit gellendem Lachen:) Ihr Heuchler- seelen seid schlechter als ich und seid glücklich! (säneiend ) Mönch, das will ich auch könne»! —Ich will glücklich seilt und leben! Hörst Tu? — Glücklich sein und leben! —---(zieht einen Dolch ans ihrem Gewände:) Da! Nimm! — Ten Dolch trage ich bei mir, seit ich das erste Mal unglücklich war Jetzt ist's auf dem Gipfel! — O, ich bin feige, elend feige! Aber mir bangt, ich konnte mich aufraffen und mich töten. Und ich will glücklich sein und lebeu! — — Nimm den Dolch, Mönch! — — und morgen — aus Wiedersehen im Beichtstühle, (rasch ab.) Mönch: Gnädige Frau! — (will ihr folgen: bleibt stehen und betrachtet den kostbaren Griff des Dolches; für sich murmelnd:) Eingelegt mit edeln Steinen! — — Zwanzig Dukaten giebt mir der Jude dafür! (ab.) - l^l — III, Auftritt. Im Augustinerkloster zu ^llulbauseu. Derselbe Schauplatz wie im I. Auftritt des V. Aufzugs, Tpnle ?lbenddnmniernng. Tic Lnmpcu brennen bereits. Franciscus steht am Thor im Hintergrund. Bei ihm ein Bauer n b u r s ch e. Francisciiö^ Alles vorbereitet? Bursche: Sie warten dranszen, alle bewaffnet. Frannöniö i Noch ist's zu früh. — Weilu es dunkler ist —! Wartet aus das Zeichen! (Der Bauernbursche nb. Ein junger Mönch kommt.) Fraiicü'Niö I Hast Du sie ausgeforscht? V. >. Mönch l Frnneiserts wird Prior! FnuiluiNlö: Der Dank soll nicht fehlen! (beide ob ) (Martin »S tritt mit den Pförtner nach einigen Augenblicken durch das Thor auf.) Martin»''I Wo ist der Prior? Pförtner: Bei dem Fremden wird er sein. Martimiö- Wie steht's mit dem Fremden? Pförtner i Leidlich ant! Der Arzt erklärt es für ein Wunder. Er nahm keine Arznei — nichts. Er wehrte sich, wenn man sie ihm einflöszen wollte und fchalt alle Ärzte wie gemeine Mörder. Und doch ist er sast völlig geheilt, (leiser-) Das geht nicht mit rechten Dingen zu, sagt Bruder CriSpinuS. Mich will's auch so bedünten. Martinns: Tolles Zeug! — Glaubt so etwas nicht, Alter! — Es geht alles mit rechten Dingen zu. (7er Psörtner mißt ihn mit einem scheuen Seitenblick. Er will etwas >ngen, da tritt ans Huttcns Zelle der Prior.) — 122 — Prior: Tu bist zurück? Mnrliims: Grüß Euch Gott! Prior (sehr rasch:) Uud?— (Der Pförtner gehl lang, snin niich hinten al'.> MlNtillNS (leise: die ganze Unterhaltung wird flüsternd geführt:) Sie wartet draußen. Prior: Gott sei's gedankt! Sie wird ihn völlig heilen. Martinus: Uud er sie. Prior: Er sie?! Martinilö: Seit ihr Vater tot, uud Hütten verschollen — so habe» sie mir erzählt — saß sie tagelang, ohue zu sprechen uud ohne zu essen, aus demselben Fleck, Fürstenberg brachte sie in Übereinstimmung mit Ludwig von der Pfalz aus seiue Burg. Sie ließ es geschehen, als ob sie es nicht merkte. — Als ich ankam, führte man mich zu ihr. Sie saß am Fenster, die Hände auf die Knie gepreßt und ihre starren Augen blickten ins Leere. Regungslos wie aus Stein die ganze Gestalt! Ich grüßte mit lauter Stimme. Sie hörte mich nicht. Da — als sie den Namen Hütten vernahm, fuhr sie auf. Sie stand vor mir, als wollten ihre Blicke ihren Ohren vorauseilen. Wie ich geendet, da kannte ihre Freude uud ihr Schmerz keine Greuze. Als sie sich aber gefaßt, da ließ sie sich nicht mehr halten. Noch am selben Tage sind wir aufgebrochen uud wie vou Hunden gehetzt hierher gejagt. — Draußen harrt sie. Die Ungeduld wird sie töteu! Prior: Eile! Führ' sie herein! — Sei vorsichtig! Niemand darf in ihr ein Weib erkennen. — Wir überschreiten die Ordensregel: doch es geschieht zu einem guleu Zweck. Martinns: Sie trägt die Kutte der Dominikaner. Prior: Ich will Hütten vorbereiten. Rasche Freude ist vst schlimmer deuu rasches Leid! (Beide ab.) (FranciSeus kommt mit einigen Mimchen van links.) — 123 - Frnnciscus i Alle Thore besetzt? — Daß ja keine Flucht möglich ist! — Geht auf Eure Posten. (Die Mönche nach rechts ab, ^raucisens klovst an Crispinus Zelle.) Crispinus (öffnet:) Was soll's? Franciscns: Bist Du mit uns? Crispinus: Ich kann Dein Thun nicht gutheißen. Wir dürsen uns gegen den Prior nicht auflehnen. Frniilisrns: Wie lange sollen wir den Erzketzer noch nnter uns dulden? Crispinus: Erst sollten wirs in gntem versuchen. Franriscns: Das thn'n wir. :^nr wenn er's uns abschlägt — Crispinus: Das wird er nicht. Frnnrisrns: Und wenn doch? — Bist Du dann mit uns? Crispinus: Dann bin ich mit Ench! Dann wehe ihm! — Gott will es so! Franciscns: Komm mit mir hinaus! (mit ihm nach rechts ab.) (Martinus, Berthn v. S i ck i n g e n in der Tominikaner- kutte kommen von links) Srriha: Er lebt und ist gesund? Martiuug: Fast ganz geheilt! (Aus Huttens Zelle treten der Prior und Hütte». Letzterer ist sehr bleich und außerordentlich abgemagert. Sein Auge ist unruhig, sein Wesen nervös aufgeregt.) priori Und wenn sie jetzt käme? Hutteil: Sprich nicht von ihr! — O wenn Du alles wüßtest! (Bcrlha hat Hütten erblickt und erkannt. Erschreckt fährt sie zusammen und preßt krampfhaft die Hände aus die Brust: dann fliegt sie ihm in die Arme. Sie meint au seiner Brust.) HntttN (verwirrt:) Wer bist Du, Mönch? (Der Prior fchiebt beide in die matt erleuchtete Zelle. Die Thür bleibt offen. Der Prior zieht sich mit Martinas zurück. Unruhig geht er vorn auf und ab.) - 124 - Lrrthn (wirst die Knuc von sich:) Ich bin's ! Deine Bertha! tstlttkll itauntelt wie vom Blitz getroffen zurück): Du?! -— — — Du?! — — (ciuS der Zelle stürzend wie wahnsinnig:) Flieht!--Flieht!--Flieht! — LN'tlj.I (eilt ihm nach und faßt ihn:) Ulrich,'kennst Tu mich nicht? — Ich bin's ja! Ich, Deine Brant! Hlltttll (heftig stöhnend:) Wozu — kommst Du? — Was willst Tu von mir? Ltt'thll -weinend): Tein sein — sür ewig! Hllttrn (stoßt sie von sich:) Von mir! — (voller Verzweiflung:) Von mir, Truggespenst! örrthn: Erkenne mich! Ich bin Bertha, Deine Braut! Huttril (wild auslachend): Meine Vraul?! — Dein Mörder bin ich! Deines Vaters Mörder! — Dich schickt die Hölle mich zu martern! (greift nach seinem Kopf und drückt ihn zwischen den Händen:) Ha! Wie das brennt und glüht! - t>trtha: Ulrich, komm' zu Dir! — Gott!— (kniet vor ihm und will seine Kniee »Insassen.) Huttnu Berühre mich nicht! — Ich bin die Pest! — Fort! Fort! — Der Satan reckt seine Hand nach mir! (tcnunelt zurück; der Prior fängt ihn ans.) Prior: Hntten, was thust Du?! Lrrtha (immer noch auf den Knieen): Erbarmen! Erbarmen ' Huttcn: Seht ihr, wie sie herankriecht! — Hört ihr sie wimmern! — Das Weib war meine Braut, und ihren Vater hab' ich umgebracht! — — (entietzt aufschreiend:) Sie kommt heran! Sie saßt mich! — — (wild um sich schlagend:) Fort! Fort! — Laßt mich! — Fort Furie! — Ich trete Dich! ött'tlll! ^sährt aus und sieht starr in Hultens gläserne Augen): Wahnsinnig! (sie will zusammenbrechen. Martinns hält sie ausrecht.) HlltttN (sinkt matt in des PriorS Arme: mit bebenden Lippen :) Wahnsinnig! — Wäre ich nur wahnsinnig! — (die Hände gen Himmel faltend:) Lab »lich sterben, Gott, oder laß mich wahnsinnig werden! — — (röchelnd:) Wahnsinnig — werden! (wie leblos in des PriorS Armen liegend schließt er die Augen/) 5>rior (leise:) Was habe ich gethan! MlU'tilNlS: Laszt ihn nur zu sich kommen! Die Überraschung — j)lior: Er ist von Siuueu! Martinns: Er hat eine eiserne Natur, Er wird zu sich kommen. öertha (erwachend: matt:) Wo ist er?--(jammernd!) Er kennt mich nicht! Hütten (zu sich kommend:) Wo bin ich? — Wie war Mir? — (erblickt Bertha:) H«! (Beide stellen sich stnmm gegenüber.) Hllttrll (geht aus Bertha zu nnd saßt ihre Hand; weich, tiefcrgriffen:'! Bertha, gehe von nur! — Frage nicht, warum! (Berlhn sinkt weinend au seine Brust:) — Gehe! --Dein Anblick--! Bergis; mich! — Werde glücklich! iZtl'tha (ganz gebrochen nuter Schluchzen:) Ich kann nicht — — ohne Dich! HNttrll (sucht seine Ergriffenheit zu unterdrücken: vergebens :> Ich bin gebrochen, Bertha,--an Körper und Seele — — durch meine Schuld, — An Dir hab' ich gesündigt, ehe ich Dich gesehen, — Dein Bater —! Wie habe ich Dich betrogen! — Dein Anblick weckt alle Qualen meines bluteudeu Gewisseus, — Bertha, Du reine — —i ifest:) Verlasse mich! ötl'tljll (blickt ihn lange wehmüthig forschend au. Sein AuSdruck bleibt sest: ganz vernichtet ihm di: ,vand reichend:) - Ulrich, - Dein Wille---! Hütten: Nie dürsen wir uns mehr sehen! — Schwöre mir, Bertha: Nie mehr willst Du mich sehen! Ltt'thll (jammernd:) Ulrich, sei barmherzig! — 126 — Hütten: schwöre mir! — Nur dann bin ich ruhig! Strthlt (nach mächtigem innere»Kampfe; wie triumphierend:) Ulrich, ich schwöre! Hllttcil (ausbrechend:) Leb mohl^ Bertha! — (sie nn sich ziehend; tveincnd vor Seelenschmerz:) Für ewig! öerlha (bleich nnd tonlos:) Für ewig! -Einige Augenblicke liegen sie sich in den Armen, Huiten macht sich los und schreitet langsam nach seiner Zelle. Bertha schaut ihm mit wachsbleichem ausdruckslosem Gesicht lhrnuenlos nach, dann wendet sie sich langsam zum Gang und schreitet langsam wie nachtwandelnd durch denselben, Martinns folgt ihr tiefergriffen in einiger Entfernung, Beide ab in den Hof, Der Prior steht ratlos und überläßt sich seinen Gedanken. Ein Chorknabe tritt ans nnd zupft ihn am Ärmel, Sie sprechen leise zusammen,) Prior (sich entfärbend:) Das ist unmöglich! Chorknabe: Ich rate Euch, flieht mit ihm. über die Jll könnt Ihr noch entkommen. Dort stehen keine Wachen. An dos kleine Brückchen, das an dein westlichen Seitenvförtchen hinüberführt, haben sie nicht gedacht. Prior: Wie viel Zeit haben wir noch. Chorknabe- Keine zu verlieren! Prior- Und fast alle Mönche im Comvlott? Chorknabe: Fast alle. Prior: In Gottes Namen denn! (er öffnet die Thür zu Huttens Zelle. Der Chorknabe ab.) Prior. Hütten! — (Hütten sitzt regungslos am Tisch, den Kopf in die Arme gestützt.) Prior: Flieh! Du bist verloren! Hütten (erhebt sich; tonloS:) Ich — fliehen?! Prior: Du bist verraten! Hnttrii: Verraten?! Prior: Fort! Die Zeit drängt! Sie kommen. Dich zu fangen. Ich kann Dich nicht mehr schützen! Hotten (freudig:) Wollen sie mich töten? — Endlich —! Prior: Ausliefern wollen sie Dich dem Bischof, feinem Gericht! — 127 — Hutlrin Das nicht! Nur das nicht! — Triumphieren dürfen sich nicht über mich! Ihren Spott sollen sie nicht mit mir treiben! Prior: Ein einzig Pfortchen ist noch nicht besetzt! — stimmen hinter der Bühne-) Fort! Fort! — Sie kommen! iTurch das Thor im Hintergrund tragen zwei Mönche eine triefende Gestalt. Man erkennt Bert h a. M arti n u Z folgt i» nasser Lileidnng ohne Kutte. Martillllö: Leife! Leise! In meine Zelle. — Er dars sie nicht sehen! HllttNI (folgt dein Prior; verzweifelt-) U N st ä t nnd flüchtig! (An der Ecke, die Norraum und Gang bilden, begegnen Hütten und der Prior den Mönchen mit Bertha, Hütten erblickt und erkennt Bertha: ein fürchterlicher Zchrei!) Prior (entsetzt:) Heiliger Gott! Hultril (stürzt auf die Leiche, welche die Mönche haben zur Erde gleiten lassen:) Tot?! — Tot?!--Bertha, Tu mußt leben! leben! — «schreiend:) Ich hab' Dich umgebracht! Prior: Martinus —! Martillllö: Als sie hinwegging--ich folgte ihr. Wie geistesabwesend schritt sie über den Hof. Einen Augenblick stand sie vor der Jll — — und dann war's geschehen! — Prior: — Gott! — Alles Unglück---! Martillllö: Ich sprang ibr nach. Mit Mühe zog ich sie ans Ufer. — Zu spät! Hlltiril (hat Berthas Haupt gehoben und sinnlos angestarrt: iu höchster Verzweislung losbrechend:» Da starrt fie an! Stiert Euch die Augen aus! Heult und kreischt, Ihr ohnmächtigen Würmer! Heult und kreischt! — Was starrt Ihr mich an, so bleich und bang? — Haut mich! Peitscht mich! Würgt mich! Wendet Eure Augen von der Ausgeburt des Teufels! — — Begreift Jhr's, — i2S — Ihr sühllosen Fratze»! (reifst Berthas Leiche in die Höhe:, Heult Ihr nicht! Da seht das Engelsbild! — Heult Ihr nicht? — — Meinen Engel hab' ich gemordet! — Meine» Engel! — Meinen Engel! (Er laßt Berlha »iedergleilen und stürzt sich nuf sie-, krampNiait tvilamernd liegt er vvr ihr. Alle andern stehen senchten Auges, die Hände gejaltet um die Gruppe. Der EHarknabe tritt aus und steht erschüttert bei den andern. Lnntlase Stille, unterbrachen durch Hutlens Wiimnern. Lange Pause, schrill taut das Gebetglvckchen. Lhorlilinlir (erschreckt:) Das Zeichen! Prior (kvmml zu sich:) Gott! (rüttelt Hntten auf:) Fort! Fort! — (Hütten schant bliidc nni sich.) Prior izu Martinus:) Eine Verschwörung! — Sie wollen ihn sangen. Er ist verraten. — Führe ihn durch das Seiteiipförtlei» über die Jll. Verschaffe ihm ein Pferd! Fort mit ihm über die Grenze nach Basel! Mnrtiims: Verraten! — Allmächtiger, steh' uns bei! Prior (zerrt Hütten nach rechts:) Fort, Wahnsinniger! (Martinus niimnt Hutteu bei der.Hand. Er läßt sich willenlos sichren, Der Rückschlag auf seine Verzweiflung nujsert sich al? gänzliwe Äpathie. Mnrtinus und Hütten nach rechts ab. Stimmen hinter der Szene. Ein Haufe bewaffneter Bauern und Mönche, Franciscus nnd Crispinns nn der Spiye, tritt auf.) Criöpinns (bemerkt BcrthaS Leiche:) Ein Weib! — Der Teufel ist unter uns! Prior: Was ist das? — Bewaffnete?! FrnncisrnL (barsch:) Wo ist der Ketzer? CrisvilML: Wir bitten Euch, uns den Ketzer Ulrich von Hütten, den Ihr aufgenommen, auszuliefern. Prior (mit Würde:) Wozu der Aufruhr? — Habt Ihr etwas wider mich, so wendet Euch an meinen Herrn, den Bischof. — 129 — Crispinns: Willst Du uns willfahren nnd den Ketzer ausliefern? Prior: Nein, das will ich nicht! Crispinns: Ich bitte Euch, Prior — Fronriscus: Hier ist seine Zelle. Er entrinnt uns nicht! — (öffnet die Thür zu Huttens Zelle: betroffen:) Leer! — Ha! Er ist entwischt! Crispinns (znin Prior:) Habt Ihr ihn--entkommen lassen? Francisnis (donnernd:) Prior, wo ist der Ketzer? Crispinns (fanalisch:) Den Ketzer gib uns heraus! Stimmen: Den Ketzer! Den Ketzer! Lronriscns: Du bist ein Schuft! Bist selber ein Ketzer! >säneiend:) Du bist Deines Amtes entsetzt! Stimmen: FraneiSenS ist Prior! Ändere: FraneiScuS ist Prior! Crispinns (schüttelt den Prior: immer wilder:) Den Ketzer! Prior: Von mir! Crispinns: Den Ketzer gib nns heraus! Prior: Sucht ihn, wenn Ihr wollt. Crispinns (wütend:) Du hast ihn —? Er ist entwischt? — Prior: Ich habe ihn in Sicherheit gebracht. Seit einigen Stnnden ist er ans dem Kloster. Franriscns: Verraten! Prior: Dem Bischof gebe ich Rechenschaft. Crispinns (loll:) Den Erzketzer hat er gerettet! (fchäninend:) T e u f e l s k II e ch t! (Er reißt einem Banern das Messer aus der Hand und sticht den Prior nieder. Lärm nnd Ansregung.) Fronciscns: Was hast Du gethan?! — Ergreift den Mörder! — Ihr habt gesehen —! Stimmen: Der Prior ermordet! (CriSpinus wird ergriffen. Er richtet einen niederschmetternden Vlick nns Franeisens. Zwischenuvrhami.) A, Erich Helf, Ulrich von Hultl'u. 9 — rÄ) — IV, Auftritt, Trier, Dos Innere einer Kirche, Im Vordergrund ein Beichtstuhl, Die Messe wird eelebriert. Andächtig kniet die Menge nin Bvden, Margarethe von ücrgen (tritt tvanlenden Schrittes nach dein Veichlstnhl; sie kniet.) Fnuilisc»!,' (im Bei.titsinht y Welche Sünden hast Du zu bekennen? (Margarethe stöhnt,) Fra»risni>): Der Herr ist gnädig! — Sprich, welche Sünden drücken Deine Seele, Margarethe: Du hast mich hergelockt, Priester. — Höre! Aber erschrick nicht!,---(drvhend:) Hast Du mich betragen — —! (Dumpf-) Ich habe die Ehe gebrochen, vierfach die Ehe gebrochen. Zuerst mit m einem Gemahl; — ich war eines andern Weib, als er mich zur Ehe- srau ual»n, — Dann mit Deinem frommen Herrn, Richard, dem Ehnrfürsten und Erz bisch ose von Trier, — Zum dritten mit dem päpstlichen Legale am Hofe des Kaisers, dem Kardinale Aleander. — Zum vierten mit F erdi n and, des Kaisers Brnder.----! Mönch- Und dann? Margarethe! Verhülle Dein Antlitz und bete für meine Seele! — Sie ist schwarz — schwarz wie der Tod! Mönch: Hast Tu noch mehr zu sagen? Margarethe: Noch mehr! Noch vielmehr! Mönch: Bekenne! MiN'lMelht: Ich habe getötet, Ermordet habe ich in einen Gatten und vernichtet den edelsten Menschen: — Ulrich von Hntten, Mönch: Preise Gott für diese „Sünde!" — MlN'M'tthr: Ich habe gestohlen, Dein deutschen Volk habe ich Freiheit und Einigkeit geraubt — — und seine besten Söhne! — Sickingen - alle — ! — Mönch: Hast Du »och mehr zu bekennen? - MiU'iM'rtlit: Das andere kommt zum Unermeßlichen und kann'S nicht mehren, schluchzt,) Mönch: Bereust Du Deine Sünden? MarglN'ttht feinend:» In! — Ja! — (schuln) Ja! — (die Leute scheu auf,) Mönch: Beruhige Dich, Weib! Störe nicht die Andacht der Gläubigen! MlU iiarrthe: Du hast mich hergelockt, Priester! — kannst Du mir vergeben? Mönch: Deine Sünden sind grob, aber die Gnade unseres Gottes ist größer, Er hat sich Deiner Sünde als Werkzeug bedient, die Ketzer zu verderben und seine Macht und Größe zu offenbaren, MariM'rtlir (eiusehn) Dazu braucht Euer Gott die Sünde?! Mönch: Seine Wege sind nnerforschlich, MariMcthr «bebend:) Uuerforschlich! Mönch: Empsange die heilige Absolution! - Gottes Gnade bat alles zum Guten gewendet. Gottes Gnade hat Dir vergeben! MlN'lM-eiht ^nßer sich- lau, schreiend:) Bergeben?! — Bergeben?!--Ich kann mir nicht vergeben! Ich kann's nicht! — Ihr Priester lügt! — — (wimmernd:) Mir ist nicht vergeben, nicht vergeben! — Ich bin verdammt! (Stürzt hinmiS, Große Aufregung, :>>asch Zwischeuvm'bcmg uud szcueuwechscl,) V. Auftritt, Fnsel Ufiuiu iin Züricher See. Li» freier Plan «m User, Üiechls eine niedere Hülle. Links nnter mächtigen Bäuineii eine steinerne Bank, hinter den Bännicn linldversieckt, gerade ans dem See aufsteigend ein Felsen, Freier Blick ans den See nnd die Alpen. Die Land- schast ist srnhherbstlich. i5s wird allmählich Abend, tLin Schttserknabe siNt ans dem Felsen, Am Ufer landet ein Segcltwat mit Z >v i n g l i nnd cinein Fähr m a n n. Iwingli' Sei morgen früh zur Stelle, Fährmann! Fnhrmnmn Bleibt Ihr die Nacht auf der Insel? Zwillgli: Ja! ^ährmnn» (steigt ins Bat zurück! bemerkt den Schäfer-) Fährst mit hinüber, Schüfer? Schilfen Wenn Ihr mich vor Nacht wieder herüber^ bringt, Fühniilttiiu Kannst rudern? Schäfer: Ein Ufnauer und sollt^ nit rndern können! Fiihrinaiui: Meine Bnft ist drüben mit ihrem Bot. Kannst sie herüber rudern! Schnfrr: Ich fahr' mit! FiiIMMUN Aber ein Liedel mußt mir sinken! Zchiifrr: Statt Fährgeld? (Sie steigen in das Bot nnd fahren nb. Der Schäfer singt. Das Lied verklingt in der Ferne,) Lied. Ban den Bergen wehet der Wind Läßt das weis;e Segel schwellen. Unser Schifflein gleitet geschwind Durch die spielenden Wellen. — 133 — Lichtüberswsscn glänzet der See Lanschel des Schilfes träninendem i.'iede, Galden unisliesit der Berge Hbh' Stiller ?lbcndfriedc: Die Smmc lvill verscheiden. i ^wingli ist mi daS Fenster der Hütte getreten. Er hat iemandem drinnen ein Zeichen gegeben.) HlUIö Schlltytl >trilt an» der Hülle:) Grüß Ellch Gott! Zwingli: Grüß Gott^ Hans! — Er schiäst? SchiitM - Er schläft seit ein Mir Stunde». ?wilU'ln Schlas taugt ihm. Schnegg (bewegt:) Es geht mit ihm zu Ende. Deshalb ließ ich Euch rufeil. — Er hat mir gestern »nd hellte viel erzählt — — —; er fühlt selber, daß er nicht mehr lange Zeit hat; und er wollte Ench nach einmal sehen vor seinem Ende. Iwiligli: Er hat eine starke Mtur. Die bärtesten Schläge des Schicksals hat er überstanden, und jetzt, beim Ausruhen sollte er sterben? Schnrgg: Habt Ihr nicht gemerkt, jedesmal mann Ihr herübergekommen seid, daß er kränker und blasser war? — (traurig:) Das ist ein schleichendes Absterben, vor dem es keine Rettung gibt. Zwinglii Hat er immer noch so eifrig geschrieben in der letzten Zeit? SchniM: Ja; bis heute morgen. Da legte er die Feder aus der Hand nnd sagte: „Das ist mein Testament! Jetzt ist'S beendet nnd ich kaun rnhig sterben." — Und das sagte er so lebensmüd und traurig, daß mir die Thränen in die Augen traten; und ich sagte: „Sprecht nicht davon! So Gott will, lebt Ihr noch lange." Da meinte er: „Gott will'S nicht! — Ich bin fertig mit dem Leben." — — — Ich habe ihn lieb gewonnen. Es wird mir schwer werden, ohne ihn zu sein. Zwingli (lranrig:) Er hat sich selbst verzehrt, wie ein Fener. (Unter die Thüre der Hütte ist Hütten getreten, ganz bleich und abgemagert. Sein nnstätcS, slackerndcs Wesen ist einer ruhigen Verklärung gewichen.) All»»ra.,t bemerk, vmion!) Gott! — Da ist er! Hnttril (mall lttcheiudi) freunde! Roch einmal freie Lust! — Mir ist so eng dort drinnen; dort taun ich nicht sterben. — ,Vou Schnee gesül>rt kvnnnt er zu der steinernen Vnnk und seht sich, Verklär! rnhcn seine '.'lu>ren uuf der ^'nndschnit. feierliche Süll») Httttril lwcndct si/d zu Zwiugli: lief ergrisseu:) Reicht nur die Hand, Zwiugli! — und Ihr, Schuegg! — — Jbr seid gute Menschen! — — Ich dauk Euch! — Mehr kann ich nicht. — Sein, es geht mit mir abwärts! — Ich fühle, wie der kalte Tod zu meinein Herzen heraufschleicht. — Weinet nicht, Freuude! — Er ist die Erlösung. (nussteheud:) Ich war ein Jüngling von hohen? Sinn. Doch mein Geist sprang über die irdischen Schranken. Ich trieb ein verächtlich Spiel mit der Zeit, ohne mir deß bewußt zu sein. Es gibt Menschen, die zu spät, und Menschen, die zu früh geboren werden, und beide geben au sich selber zu Grunde. Der Keim der Vernichtung liegt in ihnen. Sie müssen den traurigsten Schisfbruch erleiden und drum verdienen sie Mitleid von aller Welt.-- Ich bin zu früh geboren.--Wie ich all' meine Pläne vernichtet sah, da zweifelte ich an der Wahrheit und Göttlichkeit meiner Ideale. — Das war Sünde! — Was ich gewollt, werden Jahrhunderte nach mir erreichen. Ich bin nicht umsonst gefallen. Einer mnß zuerst ans Land springen, und Protesilars fällt. Doch sein Tod verbürgt deu Sieg. — — Ich grolle dem Schicksal nicht. Die schwarzen Seeleu klage ich an, die das Rad im Rollen verzögern. Aushalten können sie'S nicht. Aber der Wille allein ist der Fluch!--Zwiugli---! «.sink, »mtt mit geschlossenen Augen uns die Slciubnnk zurück.) üminyli (bebend:) Das ist der Tod! (Schncgg kniet betend. Die Sonne geht unter.) Hltttrn (schlügt die Angcn nun verklärt:^ Wie die Sonne niedergeht! - O seht! — Wie schön! — Wie schön! — — Ein Held in seinem Blute, und sein Fall verklärt die Welt!---Dort der Widerschein auf dem See! — Die leuchtenden Alpengipsel!--O Natur, wie bist Du schön!---wie schön! — (er steht auf und breitet die Arme auS:) Nimm mich auf, Natnr! — Nimm mich auf! (Eine Weile steht er verklärt mit ausgebreiteten Armen: dann zncki's in seinem Körper und er wankt zurück. Der Wind trägt das Abendläuten vom User herüber.) Zwinglü Gott! Was ist Euch! HchlieglZ (springt Hütten bei:) Heilger —! Hnttnu — Erlösung!--Freiheit! — — — Zwingli! — — (er voll cin Manuskript an» dem Busen:) Nimm das! — Mein Vermächtnis an das deutsche Volt! — an mein — armes — deutsches Volk! (Mit dem letzten Ansslackern seiner LcbenSgeister ausspringend! in Ekstase:) Schreit's hinaus iu die Welt! schleudert'S ihr in's Angesicht! Schreit es ihr in die Ohren! — Hören soll sie es! — Hören!--Mein letztes Wort — sie sollen, — müssen es hören! (sinkt röchelnd ans der Bank zusammen,) (Schuegg säugt ihn auf und läßt ihn sanst niedergleilen,) ?lvilia,Ii (hat da» Manuskiipl genvmmen und liest die Ansschrist „III t,)'1'g.IIN0!Z!" -HH- Druck von W, PSH i„ Rannilinig I / llener Nerlag von C. pierson in Dresden nnd Leipzig. E. Gräfin Ballestrem Die blonden Frauen von Ulmenried M, 8,—. Herm, Bahr Die Ucbcnviuduug des ^liaturalismuS M, 4,S0. Marie Bernhard In Treue lest. M, 4,—. (5. Binder-Krieglstcin Geschichten znni Nachdenken. M. 3,—. M, Br^e Wo die letzte» Hänser steh'n. M 3,—. Marco Brociner Rauschgold. M 3,—. Victor Eherbulie; Der Romau einer ehrbaren Fra». M. 3,—. ?in»tz»i8 l!«i>i>6v Henriette. M l,SN. Flüchtige Erzählungen. M. 8. .^I«X. üuiuu« tll« Der Fall Clenienceau. W Z,—. W. Egbert Im Garten der Semiramis. M. S,—. 'A. von der Elbe Souverän, Histor. Roman. M. 3,—. Die Innler von Luzeru. Histor. Roma». M .'-,—. Gras Floris. Histor. Roman. 2 Bde. M. S,—. Eour. Fischer-Sallstein Rheinlands-Geschichten. M. 3,—. Gustave Flaubcrt Madame Bvvarh. M. 3,S». Henri Greville Kleopatra M. 3,—. Pariser Geheimnisse. M. 3,—. Balduiu Groller Leichtlebiges Volk. M. 3,—. Unter vier Augeu. M. 3,—. Wenn mau jnng ist. M. 3,—. Julius Grosse Der Spiou. Roman. L Bde. M. «,—. Taute Carldore. Rouiau. 2 Bde. M 0,—. Am Walckieusee. M. S,—. Ola Hansson Das junae Skandinavien M. 2,—. Theod. Hcrjzkn Areiland. 7. Anst. M. 2,—. Socialdeiuoiratie u. Soeial- liberaliSmnS. M. l,—. Leo Hildcck Der goldene Käfig. M. 3,—. Maria Zanitschek Lilhlhungrige Leute. M. 2,—. Wilhelm Icnseu Im Zwiug nnd Bau». 2 Bde. M. 10,—. !>!-. Hugo Kaah Die Wcltanjchanung Friedr. NiehscheS. I. II. M. 4,—. Wolfgang Kirchbach Der Wellsohrcr. M. 5,—. Ewald August jiönig Nach nnS die Sündslnth. 3 Bde. M. ?,— Mar Kretzcr Das buute Buch. M. 3.—. Die Bergpredigt. Roman. M. S,—. Die Betiogencu. M. 3—. Gesärbtes Haar. M. l.—. Gustav Kühne Sein Lebensbild. M. 4,—. Empsnntcnes n. Gedachtes. M. 2,—. P. N!. Lacroma Tosta vouTroutheim. M. t,A>. Die Modelltini. M. 2,—. Haus Land Der neue Gott. M. 3,—. A. Müllcr-Guttenbrunn Frau Dornröschen. M. 3.—. Dramaturgische Gänge. M.3. August Siieinaun Bei Hose, Roman. M. ö,—. Amors Bekenntnisse. Ehc- stands-Geschichten. M. 4,—. Katharina M. 3,—. Panl Rache Plebejerblnt. M. 2,— L. Nafael Wiuterträume. M 2,—. Heinrich v. Ncder Wotans Heer. geb. M. t!,—. K. Rinhart (Katharina Zitelmaun) Jni Kanipse nm die Überzeu- guug. Rom. 3 Bde. M. 8,—. L.GrasOrsiui-:?iose»bcrg Eiu Nachkomme Gottfr. von Bouillon M. S — Der ueueHosmeister. M. 3,—. H. Schobert Kreuzdoru. Roman. 2 Bde. M K,—. Agnes Schöbe! Unser Teusclchen. M. S,—. Elara Schreiber Eva M. 3,—. Dor. Freiin v. Spättgen Jone. 2 Bde. M. 3,—. Donal v. Stauffcnburg Lieutenants Leben u. Liebe». M. S,—. U»tcr dem schwarzgelmm Bauuer. M 2,—. ült. N. v. Stcr» Ausgew Gedichte, geb. M.ü. Ä!ebensonneu. geb. M. li,—' A. G. von Suttuer Anderl.Rom.2Bde. M.V.—. Kinder des Kaukasus 2 Bde. d. M 3,—. Berthn vou Suttner Die Waffe» nieder Roman. 2 Bde. M. . Schriststeller-Rom. M. 3,—. Erzählte Lustspiele. M. 3,—. I>r. Hcllnuits Touuerstage. M. 3,—. Juvcutarium einer Seele. M. -t,—. Em Manuskript. M. 4,—. Verkettungen. M. 3, -. Eva Siclieck. M. ü,—. Kourad Telman» Weibliche Massen. Roman M. 3,-. Im Rebenschatteu. 3,—. Oskar Teuber In: Krcuzga»g. M. 2,—. Graf Leo Tolstoi Die Bcdentnng der Wissenschaft »»d derKunst M 2,—. Earl Baron Torrcsani A d.schön. wild.LicutenantS- zeit Ronmn. 3Bde. Ac.«,—. Schwarzgelbc Rciter- geschichte». ?lt. 4,—. MittanscudMasteu. M.3,—. Äns gerctt. Kahn M. 4,—. Die Juckercomtesse. M.4,—. Derbejchlennigte Fall. 2 Bde. M. 10,—. Z. v. Troll-Lvriist!>aui Aus der Tiese. 2 Bde. M. «,—. Hans Wachenhusc» Tic schwarze Dame, tüoinan 3 Bde. M. W. v. Warteuegg Schlo» Winilstein. ?)!. 3,— Oskar Welte» Nicht für Kinder. M. 3,—. . I. Wiiitel» j Wie eiust im Mai. M. 2,—. Trnck von G. P ätj in Naumbnrg a. S