Gotthold Ephraim Lcssmgs sämmtliche Schriften herausgegeben von Karl Lachmann. Gotthold Ephraim Leffmgs sämmtliche Schriften. Neue rechtmäßige Ausgabe. Zweiter Band. in der Berlin, Boß' schcn Buchhandlung. 1 83 8. Inhalt. Ä^iß Sara Sampsott. Ein Trauerspiel in fimf Auszügen. . , 1 PhllotaS. Ei» Trauerspiel............-......... 90 Emilia Galolti. Ei» Trauerspiel in fiinf Auszüge»......... 114 Nalhan der Weise. Ein dramatisches Gedicht, in fünf Auszügen. 190 Dämon, oder die wahre Freundschaft. Ein Lustspiel in einem Auszüge. 363 Die alte Jungfer. Ein Lustspiel in drey Auszügen......... 380 Theatralischer Nachlaß........................ 420 Versuch eines Trauerspiels. Eiangir, oder der verschmähte Thron. — Tarantula. Eine Posscnoper.................... 425 Weiber sind Weiber. Ein Lustspiel iu fünf Auszügen....... 432 Die beyderseitige Ueberredung. Ein Schäfcrspicl......... 45o Das bcfreyte Rom........................ 452 Vor diesem! Ein Lustspiel in einem Auszüge........... 454 Alcibiades. — Zllcibiades in Pcrsien.............. 464 (Virginia.)..........-.................. 472 Die Klausel im Testamente. — Die glückliche Erbin. Ei» Lustspiel in fünf Auszügen.................... 473 D. Faust............................... 489 Fatime. Ein Trauerspiel...................... 500 Kleonnis. Ein Trauerspiel in fünf Auszüge»............ 507 Der Horoscop............................ 516 SpartacuS.............................. 522 Der Schlaftrunk. Ein Lustspiel i» drey Auszüge»........ 526 Die Matrone von EphcsuS. Ein Lustspiel in einem Aufzuge. . 553 Werther, der bessere........................ 576 komische Einfälle und Züge.................... 577 Miß Sara Sampson. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen. 4756. 1772. Personen. Sir William Sampson. Waitwell. Ei» alter Diener des Miß Sara. Dessen Tochter. Sampson. Mcllefont. Norton- Bedienter des Mcllefont. Marwood. Mellcfonts alte Ec- Äerty. Mädchen der Sara. liebte. Hannah. Mädchen der Marwood. Arabella. Ein junges Kind, der Der Gastwirt!) und einige Ne- Marwood Tochter. benpcrsoncn. Erster Aufzug. Erster Auftritt. Der Schauplatz ist ein Saal im Gasthofe. » Sir Xvilliam Sampson und ^Vaitwcll treten in Rcisekleidern herein. ^^ir Mtlliam. Hier meine Tochter? Hier in diesem elenden Wirchs Hause? wailwell. Ohne Zweifel hat Mcllefont mit Fleiß das al- lcrelcndestc im ganzen Städtchen zu seinem Aufenthalte gewählt. Böse Leute suchen immer das Dunkle, weil sie böse Leute sind. Aber was hilft es ihnen, wenn sie sich auch vor der ganzen Welt verbergen könnten? Das Gewissen ist doch mehr, als eine ganze uns verklagende Welt. — Ach, Sie weinen schon wieder, schon wieder, Sir! — Sir! Sir Ulilliam. Laß mich weinen, alter ehrlicher Diener. Oder verdient sie etwa meine Thränen nickt? Lcsüugs riSerke 11, 1 Miß Sara Sampson. waitrvell. Ach! sie verdient sie, und wenn ts blutige Thränen wären. Sir Milliam. Nnn so laß mich. Vvaitwell. Das beste, schönste, linschuldigstc Kind, das nntcr der Sonne gelebt hat, das muß so verführt werden! Ach Sarchcn! Sarchcn! Ich habe dich aufwachsen sehen; hnndcrt- mal habe ich dich als ein Kind anf diesen meinen Armen gehabt; ans diesen meinen Armen habe ich dein Lächeln, dein Lallen bewundert. Aus jeder kindischen Miene straltc die Morgenröthe eines Verstandes, einer Leutseligkeit, einer — — Sir lVilliam. O schweig! Zerfleischt nicht das Gegenwärtige mein Herz schon genug? Willst du meine Martern durch die Erinnerung an vergangne Glückseligkeiten noch höllischer machen? Acndrc deine Sprache, wenn du mir einen Dienst thun willst. Tadle mich; mache mir aus meiner Zärtlichkeit ein Verbreche»; vcrgrößrc das Vergehen meiner Tochter; erfülle mich, wenn du kannst, mit Abscheu gegen sie; entflamme aufs neue meine Rache gegen ihren verfluchten Verführer; sage, daß Sara nie tugendhaft gewesen, weil sie so leicht aufgehört hat es zu seyn; sage, daß sie mich nie geliebt, weil sie mich heimlich verlassen hat. Waitwcll. Sagte ich das, so würde ich eine Lüge sagen; eine unverschämte, böse Lüge. Sie könnte mir auf dem Tod- bctte wieder einfallen, und ich alter Böscwicht müßte in Verzweiflung sterben. — Nein, Sarchcn hat ihren Vater geliebt, und gewiß! gewiß! sie liebt ihn noch. Wenn Sie nur davon überzeugt seyn wollen, Sir, so sehe ich sie heute noch wieder in Ihren Armen. Sir UMiam. Za, Waitwcll, nur davon verlange ich überzeugt zu seyn. Ich kann sie länger nicht entbehren; sie ist die Stütze meines Alters, und wenn sie nicht den traurigen Rest meines Lebens versüßen hilft, wer soll es denn thun? Wenn sie mich noch liebt, so ist ihr Fehler vergessen. Es war der Fehler eines zärtlichen Mädchens, und ihre Flucht war die Wirkung ihrer Reue. Solche Vergchungcn sind besser, als erzwungene Tugenden — Doch ich fühle es, Waitwcll, ich fühle es; wenn dicsc Vcrgchungcn auch wahre Verbrechen, wenn es _ Miß Sara Sampson. 3 auch vorschliche Laster wären: ach! ich würde ihr doch vergebe». Ich würde doch lieber von einer lasterhaften Tochter, als von keiner, geliebt seyn wollen. iVaitwell. Trocknen Sie Ihre Tbräncn ab, lieber Sir! Ich höre jemanden kommen. Es wird der Wirth seyn, uns zu empfangen. Zweyter Auftritt. Der Wirth. Sir William Sampson, Waitwcll. DerWirth. So früh, meine Herren, so früh? Willkommen! willkommen Waitwcll! Ihr seyd ohne Zweifel die Nacht gefahren? Zst das der Herr, von dem du gestern mit mir gesprochen hast? Waitrvcll. Za, er ist es, und ich hoffe, daß du abgeredeter Maßen — — Der Wirth- Gnädiger Herr, ich bin ganz zu Ihren Diensten. Was licgt mir daran, ob ich cs weiß, odcr nicht, was Sie für eine Ursache hierher führt, und warum Sie bey mir im Verborgnen seyn wollen? Ein Wirth nimmt sein Geld, und läßt seine Gäste machen, was ihnen gut dünkt. Waitwcll hat mir zwar gesagt, daß Sie den fremden Herrn, der sich seit einigen Wochen mit seinem jungen Weibchen bey mir aufhält, ein wenig beobachten wollen. Aber ich hoffe, daß Sie ihm keinen Verdruß verursachen werden. Sie würden mein Haus in einen Übeln Ruf bringen, und gewisse Leute würden sich scheuen, bey mir abzutreten. Unser einer muß von allen Sorten Menschen leben.-- Sir William. Besorget nichts; führt mich nur in das Zimmer, das Waitwcll für mich bestellt hat. Ich komme aus rechtschaffnen Absichten hierher. Der Wirth. Ich mag Zhrc Geheimnisse nicht wissen, gnädiger Herr! Die Ncugicrdc ist mein Fehler gar nicht. Ich hätte es, zum Excmpcl, längst erfahren können, wer der fremde Herr ist, auf den Sie Acht geben wollen; aber ich mag nicht. So viel habe ich wohl herausgebracht, daß er mit dem Frauenzimmer muß durchgegangen seyn. Das gute Weibchen, odcr was 1» 4 Miß Sara Saiiipson. sie ist! sie bleibt den ganzen Tag in ihrer Stube eingeschlossen, nnd weint. Sir William, Und weint? Der Wirth. Za, und weint--Aber, gnädiger Herr, warum weinen Sie? Das Frauenzimmer muß Ihnen sehr nahe gehen. Sie sind doch wohl nicht--- Waitrocll. Halt ihn nicht länger auf. Der Wirth. Kommen Sie. Nur eine Wand wird Sie von dem Frauenzimmer trennen, das Zhncn so nahe geht, und die vielleicht — — Waitwell. Du willst es also mit aller Gewalt wissen, wer — Der Wirth. Nein, Waitwcll, ich mag nichts wissen. Waitwell. Nun so mache und bringe uns an den gehörigen Ort, ehe noch das ganze Haus wach wird. Der Wirth. Wollen Sie mir also folgen, gnädiger Herr? (Sie gehe» ab.) Dritter Austritt. Der mittlere Vorhang wird aufgezogen. Mcllcfonts Zimmer. Mellefont und liernach sein bedienter. XNellefont. (unangekleidet in einem Lchnstuhle.) Wieder eine Nacht, die ich ans der Folter nicht grausamer hätte zubringen können! — Norton! — Zch muß nur machen, daß ich Gesichter zu sehen bekomme. Bliebe ich mit meinen Gedanken länger allein: sie möchten mich zu weit führen. — He, Norton! Er schläft noch. Aber bin ich nicht grausam, daß ich den armen Teufel nicht schlafen lasse? Wie glücklich ist er! — Doch ich will nicht, daß ein Mensch um mich glücklich sey. — Norton! Norton, (kommend) Mein Herr! Mellefont. Kleide mich an! — O mache mir keine sauern Gesichter! Wenn ich werde länger schlafen können, so erlaube ich dir, daß du auch länger schlafen darfst. Wenn du von deiner Schuldigkeit nichts wissen willst, so habe wenigstens Mitleiden mit mir. Norton. Mitleiden, mein Herr? Mitleiden mit Zhncn? Zch weiß besser, wo das Mitleiden hingehört- ZNcllcfonr. Und wohin denn? Miß Sara Saiiipsoii. .1 Norton. Ah, lassen Sie sich ankleiden, und fragen Sie mich nichts. Mellefont- Henker! So sollen auch deine Verweise mit meinem Gewissen aufwachen? Ich verstehe dich; ich weiß es, wer dein Mitleiden erschöpft. — Doch, ich lasse ihr und mir Gerechtigkeit wicdcrfahrcn. Ganz recht; habe kein Mitleiden mit mir. Verfluche mich in deinem Herzen; aber — verfluche auch dich. Norton. Auch mich? lNellefonr. Za; weil du einem Elenden dienest, den die Erde nicht tragen sollte, und weil du dich seiner Verbrechen mit thcilhaft gemacht hast. Norton. Ich mich Ihrer Verbrechen thcilhaft gemacht? durch was? ZNellefont. Dadurch, daß du dazu geschwiegen. Norton. Vortrefflich! in der Hitze Ihrer Leidenschaften, würde mir ein Wort den Hals gekostet haben. — Und dazu, als ich Sie kennen lernte, fand ich Sie nicht schon so arg, daß alle Hoffnung zur Bcßrung vergebens war? Was für ein Leben habe ich Sie nicht, von dem ersten Augenblicke an, führen sehen! In der nichtswürdigstcn Gesellschaft von Spielern und Laudstrcichcrn — ich nenne sie, was sie waren und kehre mich an ihre Titel, Ritter und dergleichen, nicht — in solcher Gesellschaft brachten Sie ein Vermögen durch, das Ihnen den Weg zu den größten Ehrcnstcllcn hätte bahnen können. Und Ihr strafbarer Umgang mit allen Arten von Weibsbildern, besonders der bösen Marwood — — Mellefont- Setze mich, setze mich wieder in diese Lebensart: sie war Tugend in Vergleich meiner itzigen. Ich verthat mein Vermögen; gut. Die Straft kömmt nach, und ich werde alles, was der Mangel hartes und erniedrigendes hat, zeitig genug empfinden. Ich besuchte lasterhafte Weibsbilder; laß es seyn. Ich ward öfter verführt, als ich verführte; und die ich selbst verführte, wollten verführt seyn. — Aber — ich hatte noch keine vcrwahrlosctc Tugend auf meiner Seele. Ich hatte noch keine Unschuld in ein unabschliches Unglück gestürzt. Ich hatte noch keine Sara aus dem Hause eines geliebten Vaters 0 Miß Sara Sampson. entwendet, und sie gezwungen, einem Nichtswürdigcn zu folgen, der ans keine Weise mehr sein eigen war. Ich hatte — Wer kömmt schon so früh zu mir? Vierter Auftritt. ZAetty. Mellefont. Norton. Norton. Es ist Bctty. Mellefont. Schon auf, Vctty? Was macht dein Fräulein? Zöelty. Was macht sie? (schluchzend) Es war schon lange nach Mitternacht, da ich sie endlich bewegte, zur Ruhe zu gehen. Sie schlief einige Augenblicke; aber Gott! Gott! was muß das für ein Schlaf gewesen seyn? Plötzlich fuhr sie in die Höhe, sprang auf, und fiel mir als eine Unglückliche in die Arme, die von einem Mörder verfolgt wird. Sie zitterte, und ein kalter Schweiß floß ihr über das erblaßte Gesicht. Ich wandte alles an, sie zu beruhigen, aber sie hat mir bis an den Morgen nur mit stummen Thränen geantwortet. Endlich hat sie mich einmal über das andre an Ihre Thüre geschickt, zu hören, ob Sie schon aufwären. Sie will Sie sprechen. Sie allein können Sie trösten. Thun Sie es doch, liebster gnädiger Herr, thun Sie es doch. Das Herz muß mir springen, wenn sie sich so zu ängstigen fortfährt. Mellefonr. Geh, Bettn, sage ihr, daß ich den Augenblick bey ihr seyn wolle — — Bett)?. Nein, sie will selbst zu Ihnen kommen. Mellefont. Nun so sage ihr, daß ich sie erwarte — Ach!--(Bcttp geht ab.) Fünfter Auftritt. Mellefont, Norton. Norton. Gott, die arme Miß! Mellefont. Wessen Gefühl willst du durch deine Ausrufung rege machen d Sich, da läuft die erste Thräne, die ich seit meiner Kindheit gcwcinct, die Wange herunter! — Eine schlechte Vorbereitung, eine trostsuchendc Betrübte zu empfangen. Warum sucht sie ihn auch bey mir ? — Doch wo soll sie ihn sonst suchen? — Ich MUß mich fassen, (indem er sich die Augen abtrocknet) Miß >^ar.i Samvso». 7 Wo ist die alte Standhaftigkcit, mit dcr ich ci» schönes Auge konnte weinen sehen? Wo ist die Gabe dcr Verstellung hin, dnrch die ich seyn und sagen konnte, was ich wollte? — Nun wird Sie kommen, und wird unwiderstehliche Thränen wciUen. Verwirrt, beschämt werde ich vor ihr stehen; als ein vcrurthcil- tcr Sünder werde ich vor ihr stehen. Rathe mir doch, was soll ich thun? was soll ich sagen? Norton. Sie sollen thun, was sie verlangen wird. Mellefont. So werde ich eine neue Grausamkeit an ihr begehen. Mit Unrecht tadelt sie die Verzögerung einer Ceremonie, die itzt ohne unser äußerstes Verderben in dem Königreiche nicht vollzogen werden kann. Norton. So machen Sie denn, daß Sie es verlassen. Warum zaudern wir ? warum vergeht ein Tag, warum vergeht eine Woche nach dcr andern? Tragen Sie mir es doch auf. Sie sollen morgen sicher eingeschifft seyn. Vielleicht, daß ihr dcr Kummer nicht ganz über das Meer folgt; daß sie einen Theil desselben zurückläßt, und in einem andern Lande-- Mellefont. Alles das hoffe ich selbst. — Still, sie kömmt. Wie schlägt mir das Herz-- Sechster Austritt. Sara. Mellefont. Norton. Mellefont. (indem er ihr entgegen geht) Sie haben eine unruhige Nacht gehabt, liebste Miß — — Sara. Ach, Mcllcfont, wenn cs nichts als cine unruhige Nacht wäre — — Mellefont. (zum Bediente»,) Verlaß uns! Norton (im abgehe»,) Ich wollte auch nicht da bleiben, und wenn mir gleich jeder Augenblick mit Golde bezahlt würde. Siebenter Auftritt. Sara. Mellefont. Mcllcfont. Sie sind schwach, liebste Miß. Sie müssen sich setzen. Sara, (sie setzt sich) Ich beunruhige Sie sehr früh; und werden Sie mir cS vergeben, daß ich meine Klagen wieder mit dem Morgen anfange? 8 Miß Sara Sampson. Mellefonr. Theuerste Miß, Sie wollen sagen, daß Sie mir es nicht vergeben können, weil schon wieder ein Morgen erschienen ist, ohne daß ich Zhren Klagen ein Ende gemacht habe. Sara. Was sollte ich Ihnen nicht vergeben? Sie wissen, was ich Ihnen bereits vergeben habe. Aber die nennte Woche, Mcllcfont, die nennte Woche fängt heute an, und dieses elende Hans sieht mich noch immer ans eben dem Fuße, als den ersten Tag. Mcllcfont. So zweifeln Sie an meiner Liebe? Sara. Zch, an Zhrcr Liebe zweifeln? Nein, ich fühle mein Unglück zu sehr, zu sehr, als daß ich mir selbst diese letzte einzige Vcrsüßung desselben rauben sollte. Mellcfont- Wie kann also meine Miß über die Verschiebung einer Ceremonie unruhig seyn? Sara. Ach, Mcllcfont, warum muß ich einen andern Begriff von dicscr Ceremonie habcn! — Gcbcn Sie doch immer der weiblichen Dcnkungsart etwas nach. Zch stelle mir vor, daß eine nähere Einwilligung des Himmels darin» liegt. Umsonst habe ich es, nur wieder erst den gestrigen langen Abend, versucht, Ihre Begriffe anzunehmen, und die Zweifel aus meiner Brust zu verbannen, die Sie, itzt nicht das erstemal, für Früchte meines Mißtrauens angesehen habcn. Zch stritt mit mir selbst; ich war sinnreich genug, meinen Verstand zu betäuben; aber mein Herz und ein inneres Gefühl warfen auf einmal das mühsame Gebäude von Schlüssen übern Haufen. Mitten aus dem Schlafe weckten mich strafende Stimmen, mit welchen sich meine Phantasie, mich zu qnälcn, verband. Was für Bilder, was für schreckliche Bilder schwärmten um mich herum! Zch wollte sie gern für Träume halten-- Mcllcfont. Wie? meine vernünftige Sara sollte sie für etwas mehr halten? Träume, liebste Miß, Träume! — Wie unglücklich ist der Mensch! Fand sein Schöpfer in dem Reiche der Wirklichkeiten nicht Qualen für ihn genug? Mußte cr, sie zu vermehren, auch ein noch weiteres Reich von Einbildungen in ihm schaffen? Sara. Klagen Sie den Himmel nicht an! Er hat die Miß Sara Sampscn. !> Einbildungen in unserer Gewalt gelassen. Sie richten sich nach unsern Thaten; und wenn diese unsern Pflichten und der Tugend gemäß sind, so dienen die sie begleitenden Einbildungen zur Vermehrung unserer Ruhe und unseres Vergnügens. Eine einzige Handlung, Mcllcfont, ein einziger Segen, der von einem Fricdensbothen im Namen der ewigen Güte auf uns gelegt wird, kann meine zerrüttete Phantasie wieder heilen. Stehen Sie noch an, mir zu Liebe dasjenige einige Tage eher zu thun, was Sie doch einmal thun werden? Erbarmen Sie sich meiner, und überlegen Sie, daß wenn Sie mich auch dadurch nur von Qualm der Einbildung bcfrcycn, diese eingebildete Qualen doch Qualen, und für die, die sie empfindet, wirkliche Qualen sind. — Ach, könnte ich Zhncn nur halb so lebhaft die Schrecken meiner vorigen Nacht erzählen, als ich sie gefühlt habe! — Von Weinen und Klagen, meinen einzigen Bcschäff- tigungcn, ermüdet, sank ich mit halb geschlossenen Augenlicdcrn auf das Bett zurück. Die Natur wollte sich einen Augenblick erholen, neue Thränen zu sammeln. Aber noch schlief ich nicht ganz, als ich mich auf einmal an dem schroffsten Theile des schrecklichsten Felsen sahe. Sie gicngcn vor mir her, und ich folgte Zhncn mit schwankenden ängstlichen Schritten, die dann und wann ein Blick stärkte, welchen Sie auf mich zurückwarfen. Schnell hörte ich hinter mir ein freundliches Rufen, welches mir still zu stehen befahl. Es war der Ton meines Vaters — Ich Elende! kann ich denn nichts von ihm vergessen? Ach! wo ihm sein Gedächtniß eben so grausame Dienste leistet; wo er auch mich nicht vergessen kann! — Doch er hat mich vergessen. Trost! grausamer Trost für seine Sara! — Hören Sie nur, Mcllcfont; indcm ich mich nach dieser bekannten Stimme umsehen wollte, gleitete mein Fuß; ich wankte und sollte eben in den Abgrund herab stürzen, als ich mich, noch zur rechten Zeit, von einer mir ähnlichen Person zurückgehalten fühlte. Schon wollte ich ihr den feurigsten Dank abstatten, als sie einen Dolch aus dem Busen zog. Ich rettete dich, schrie sie, um dich zu verderben! Sie holte mit der bewaffneten Hand aus — und ach! ich erwachte mit dem Stiche. Wachend fühlte ich noch alles, was ein tödlicher Stich schmerzhaftes haben 1» Miß San, Sampsvii. kann; ohne das zu empfinden, was er angcnchmcs haben muß: das Ende der Pein in dein Ende des Lcbcns hoffen zu dürfen. rNcllefonr. Ach! liebste Sara, ich verspreche Zhncn das Ende Zhrcr Pein, ohne das Ende Zhrcs Lcbcns, wclchcs gcwiß auch das Ende dcs mcinigcn fcyn würde. Vergessen Sie das schreckliche Gewebe eines sinnlosen Traumes. Sara. Die Kraft es vergessen zu können, erwarte ich von Zhncn. Es scy Liebe oder Verführung, es sey Glück oder Unglück, das mich Zhncn in dic Arme gcworfcn hat; ich bin in meinem Herzen dic Ihrige, und werde es ewig seyn. Aber noch bin ich es nicht vor den Augen jenes Richters, der die geringsten Ucbcrtrctungcn seiner Ordnung zu strafen gcdrohct hat — — XNellefont. So falle denn alle Strafe auf mich allein! Sara. Was kann auf Sie fallen, das mich nicht treffen sollte?--Legen Sie aber mein dringendes Anhalten nicht falsch aus. Ein andres Frauenzimmer, das durch einen gleichen Fehltritt sich ihrer Ehre verlustig gemacht hätte, würde vielleicht durch ein gesetzmäßiges Band nichts als einen Theil derselben wieder zu crlangcn suchen. Ich, Mcllcfont, denke darauf nicht, weil ich in der Welt weiter von keiner Ehre wissen will, als von der Ehre, Sie zu lieben. Ich will mit Zhncn, nicht um dcr Welt Willen, ich will mit Zhncn um meiner selbst Willen verbunden seyn. Und wenn ich es bin, so will ich gern die Schmach auf mich nehmen, als ob ich es nicht wäre. Sie sollen mich, wenn Sie nicht wollen, für ihre Gattin nicht erklärcn dürfen; Sie sollen mich erklären können, für was Sie wollen. Ich will Zhrcn Namen nicht führen; Sie sollen unsere Verbindung so gchcim haltcn, als Sie es für gut befinden; und ich will derselben ewig unwcrth seyn, wcnn ich mir in dcn Sinn kommen lasse, einen andern Vortheil, als die Beruhigung meines Gewissens, daraus zu ziehen. XNellefont. Haltcn Sie ein, Miß, oder ich muß vor Zhrcn Augen dcs Todcs seyn. Wie elend bin ich, daß ich nicht das Herz habe, Sie noch elender zu machen! — Bedenken Sie, daß Sie sich meiner Führung überlassen haben; bedenken Sie, daß ich schuldig bin, für uns weiter hinaus zu sehen, und daß Miß Sam Saiiipsoii. 1t ich itzt gcgcn Ihre Klage» taub seyn muß, weil» ich Sie nicht, in der ganzen Folge Zhrcs Lebens, noch schmerzhaftere Klagen will sichren hören. Haben Sie es denn vergessen, was ich Ihnen zu meiner Rechtfertigung schon oft vorgestellt? Sara. Ich habe es nicht vergessen, Mcllcfont. Sie wollen vorher ein gewisses Vermächtnis; retten. — Sie wollen vorher zeitliche Güter retten, und mich vielleicht ewige darüber verscherzen lassen. XNellefont. Ach Sara, wenn Ihnen alle zeitliche Güter so gewiß wären, als Ihrer Tugend die ewigen sind — — Sara. Meiner Tugend? Nennen Sie mir dieses Wort nicht! — Sonst klang es mir süße, aber itzt schallt mir ein schrecklicher Donner darum! Mellefont. Wie? muß der, welcher tugendhaft seyn soll, keinen Fehler begangen haben? Hat ein einziger so unselige Wirkungen, daß er eine ganze Reihe unsträflicher Jahre vernichten kann? So ist kein Mensch tugendhaft; so ist die Tugend ein Gespenst, das in der Luft zerfließet, wenn man es am festesten umarmt zu haben glaubt; so hat kein weises Wesen unsere Pflichten nach unsern Kräften abgemessen; so ist die Lust, uns strafen zu können, der erste Zweck unsers Daseyns; so ist — Ich erschrecke vor allen den gräßlichen Folgerungen, in welche Sie Ihre Klcinmuth verwickeln muß! Nein, Miß, Sie sind noch die tugendhafte Sara, die Sie vor meiner unglücklichen Bekanntschaft waren. Wenn Sie sich selbst mit so grausamen Augen ansehen, mit was für Augen müssen Sie mich betrachten! Sara- Mit den Augen der Liebe, Mcllcfont. Mellefonr. So bitte ich Sie denn um dieser Liebe, um dieser großmüthigen, alle meine Iluwürdigkcit übersehenden Liebe Willen, zu Ihren Füßen bitte ich Sie: beruhigen Sie sich. Haben Sie nur noch einige Tage Geduld. Sara. Einige Tage! Wie ist Ein Tag schon so lang! ZNellefom. Verwünschtes Vermächtnis;! Verdammter Unsinn eines sterbenden Vetters, der mir sein Vermögen nur mit der Bedingung lassen wollte, einer Anvcrwandtinn die Hand zu geben, die mich eben so sehr haßt, als ich sie! Euch, unmcnsch- lichc Tyrannen unserer freyen Neigungen, euch werde alle das Miß Sara Sauipson. Unglück, alle die Sünde zugerechnet, zu welchen uns euer Zwang bringet! — Und wenn ich ihrer nur entübrigct seyn könnte, dieser schimpflichen Erbschaft! So lange mein väterliches Vermögen zu meiner Unterhaltung hinreichte, habe ich sie allezeit verschmähet, und sie nicht einmal gewürdiget, mich darüber zu erklären. Aber itzt, ißt, da ich alle Schätze der Welt nur darum besitzen möchte; um sie zu den Füßen meiner Sara lege» zu können, itzt, da ich wenigstens darauf denken muß, sie ihrem Stande gemäß in der Welt erscheinen zu lassen, itzt muß ich meine Zuflucht dahin nehmen. Sara- Mit der es Ihnen zuletzt doch wohl noch fehl schlägt. Mellefont. Sie vermuthen immer das schlimmste. — Nein, das Frauenzimmer, die es mit betrifft, ist nicht ungcneigt, eine Art von Vergleich einzugehen. Das Vermögen soll getheilt werden; und da sie es nicht ganz mit mir genießen kann, so ist sie es zufrieden, daß ich mit der Hälfte meine Freyheit von ihr erkaufen darf. Ich erwarte alle Stunden die letzten Nachrichten in dieser Sache, deren Verzögerung allein unsern hiesigen Aufenthalt so langwierig gemacht hat. So bald ich sie bekommen habe, wollen wir keinen Aligenblick länger hier verweilen. Wir wollen sogleich, liebste Miß, nach Frankreich übergehen, wo sie neue Freunde finden sollen, die sich itzt schon auf das Vergnügen, Sie zu sehen und Sie zu lieben, freuen. Und diese neuen Freunde sollen die Zeugen unserer Verbindung seyn-- Sara. Diese sollen die Zeugen unserer Verbindung seyn? — Grausamer! so soll diese Verbindung nicht in meinem Vaterlande geschehen? So soll ich mein Vaterland als eine Ver- brecherinn verlassen? Und als eine solche, glauben Sie, würde ich Muth genug haben, mich der See zu vertrauen? Dessen Herz muß ruhiger oder muß ruchloser seyn, als meines, welcher nur einen Augenblick zwischen sich und dem Verderben mit Gleichgültigkeit nichts, als ein schwankendes Brett, sehen kann. Zn jeder Welle, die an unser Schiff schlüge, würde mir der Tod entgcgcnrauschcnz jeder Wind würde mir von den väterlichen Küsten Verwünschungen nachbrauscn, und der kleinste Sturm würde mich ein Blutgericht über mein Haupt zu seyn, Miß Sara Sampson. dünken. — Ncin, Mellcfont, so ein Barbar könncn Sie gegen mich nicht seyn. Wenn ich noch das Ende Ihres Vergleichs erlebe, so muß es Ihnen auf einen Tag nicht ankommen, den wir hier länger zubringen. Es muß dieses der Tag seyn, an dem Sie mich die Martern aller hier verweinten Tage vergessen lehren. Es muß dieses der heilige Tag seyn — Ach! welcher wird es denn endlich seyn? Mellcfont Aber überlegen Sie denn nicht, Miß, daß unserer Verbindung hier diejenige Fcycr fehlen würde, die wir ihr zu geben schuldig sind? Sara. Eine heilige Handlung wird durch das Fcycrlichc nicht kräftiger. Mellcfont. Allein-- Sara. Ich erstaune. Sie wollen doch wohl nicht auf einem so nichtigen Vorwande bestehen? O Mellcfont, Mellcfont! wenn ich mir cs nicht zum unverbrüchlichsten Gesetze gemacht hättc, niemals an der Aufrichtigkeit Ihrer Liebe zu zweifeln, so würde mir dieser Umstand--Doch schon zu viel; es mochte scheinen, als hätte ich eben itzt daran gezweifelt. XNcllefonr. Der erste Augenblick Ihres Zweifels müsse der letzte meines Lebens seyn! Ach, Sara, womit habe ich es verdient, daß Sie mir auch nur die Möglichkeit desselben voraus sehen lassen? Es ist wahr, die Geständnisse, die ich Ihnen von meinen ehemaligen Ausschweifungen abzulegen, kein Bedenken getragen habe, können mir keine Ehre machen: aber Vertrauen sollten sie mir doch erwecken. Eine buhlerische Marwood führte mich in ihren Stricken, weil ich das für sie empfand, was so oft für Liebe gehalten wird, und es doch so selten ist. Ich würde noch ihre schimpflichen Fesseln tragen, hätte sich nicht der Himmel meiner erbarmt, der vielleicht mein Her; nicht für ganz unwürdig erkannte, von bessern Flammen zu brennen. Sie, liebste Sara, sehen, und alle Marwoods vergessen, war eins. Aber wie theuer kam es Ihnen zu stehen, mich aus solchen Händen zu erhalten! Ich war mit dem Laster zu vertraut geworden, und sie kannten es zu wenig-- Sara. Lassen Sie uns nicht mehr daran gcdcnkcn-- Miß Sara Sampson. Achter Auftritt. Norton. Mellefont. Sara. Mellefont. Was willst du? Norton. Ich stand cbcn vor dem Hanse, als mir ein Bedienter diesen Brief in die Hand gab. Die Aufschrift ist an Sie, mein Herr. Mellefont. An mich? Wer weiß hier meinen Namen? — (indem cr den Brief betrachtet) Himmel! Sara. Sie erschrecken? Mellefom. Aber ohne Ursache, Miß; wie ich nun wohl sehe. Ich irrte mich in der Hand. Sara. Möchte doch der Inhalt Ihnen so angenehm seyn, als Sie es wünschen können. Mellefont. Ich vermuthe, daß cr sehr gleichgültig seyn wird. Sara. Man braucht sich weniger Zwang anzuthun, wenn man allein ist. Erlauben Sie, daß ich mich wieder in mein Zimmer begebe. Mellefont. Sie machen sich also wohl Gedanken? Sara- Ich mache mir keine, Mellefont. Mellefont. (indem er sie bis an die Scene begleitet) Ich werde den Augenblick bey Ihnen seyn, liebste Miß. Neunter Auftritt. Mellefont. Norton- Mellefont. (der den Brief noch ansieht) Gerechter Gott! Norton. Weh Ihnen, wenn cr nichts als gcrccht ist! Mellefont. Kann es möglich seyn? Ich sehe diese verruchte Hand wieder, und erstarre nicht vor Schrecken? Ist fies? Ist sie cs nicht? Was zweifle ich noch? Sie ists! Ah, Freund, ein Brief von der Marwood! Welche Furie, welcher Satan hat ihr meinen Aufenthalt verrathen? Was will sie noch von mir? — Geh, mache so gleich Anstalt, daß wir von hier wegkommen. — Doch verzieh! Vielleicht ist cs nicht nöthig; vielleicht haben meine verächtlichen Abschicdsbricfc die Marwood nur aufgebracht, mir mit gleicher Verachtung zu begegnen. Hier! erbrich dcn Brief; lies ihn. Ich zittere, es selbst zu thun. Miß Sara Sampson. Norton, scr liest) „Es wird so gut seyn, als ob ich Zhncn „dcn längsten Brief geschrieben hätte, Mcllcfont, wenn Sie dcn „Namen, den Sie am Ende dcr Seite finden werden, nur ci- „ncr kleinen, Betrachtung würdigen wollen-- ZNellefonr- Verflucht sey ihr Name! Daß ich ihn nie gehört hätte! Daß er aus dem Buche dcr Lebendigen vertilgt würde! Norton, (liest weiter) „Die Mühe Sie auszuforschen, hat „mir die Liebe, welche mir forschen half, versüßt. Mcllefont. Die Liebe? Frcvlcrinn! Du entheiligest Namen, die nur dcr Tugend geweiht sind. Norton, (fährt fort) „Sie hat noch mehr gethan; — — rNellefonr. Ich bebe-- Norton. „Sie hat mich Zhncn nachgebracht. — — Mellefont. Vcrräthcr, was liest du? (cr reißt ihm den Brief ans dcr Hand, n»d liest selbst) „ Sie hat mich Ihnen — nachgebracht. — Ich bin hier; und es stehet bey Zhncn, — ob Sie „meinen Besuch erwarten, — oder mir mit dem Zhrigcn — „zuvorkommen wollen. Marwood." — Was für ein Donncr- schlag'. Sie ist hier? — Wo ist sie? Diese Frechheit soll sie mit dem Leben büßen. Norton. Mit dem Leben? Es wird ihr einen Blick kosten, und Sie liegen wieder zu ihren Füßen. Bedenken Sie was Sie thun! Sie müssen sie nicht sprechen, oder das Unglück Ihrer armen Miß ist vollkommen. Mellcfont. Ich Unglücklicher! — Nein, ich muß sie sprechen. Sie würde mich bis in dem Zimmer dcr Sara suchen, und alle ihre Wuth gegen diese Unschuldige auslasscn. Norton. Aber, mein Herr — — XNellefont. Sage nichts! — Laß sehen, (indem er in den Brief sieht) ob sie ihre Wohnung angezeigt hat. Hier ist sie. Komm, führe mich. (Sie gehen ab.) tt-. Miß Sara Sawpson. Zweyter Aufzug. Erster Auftritt. Der Schauplatz stellt das Zimmer der Marwood vor, in einem andern Gasthofe. Marwood im Neglischee. Hannah. Marwood. Belford hat den Brief doch richtig eingehändiget, Hannah? -Hannah. Richtig. Marwood. Ihm selbst? Hannah. Seinem Bedienten. 'Marwood. Kaum kann ich es erwarten, was er für ng haben wird. — Scheine ich dir nicht ein wenig unruhig, Hannah? Zeh bin es auch. — Der Vcrräther! Doch gemach! Zornig muß ich durchaus nicht werden. Nachsicht, Liebe, Bitten, sind die einzigen Waffen, die ich wider ihn brauchen darf, wo ich anders seine schwache Seite recht kenne. Hannah- Wenn er sich aber dagegen verhärten sollte? — Marwood. Wenn er sich dagegen verhärten sollte? So werde ich nicht zürnen — ich werde rasen. Ich fühle es, Hannah; und wollte es lieber schon itzt. 'Hannah. Fassen Sie sich ja. Er kann vielleicht den Augenblick kommen. Marwood. Wo er nur gar kömmt! Wo er sich nur nicht entschlossen hat, mich festes Fußes bey sich zu erwarten! — Aber weißt du, Hannah, worauf ich noch meine meiste Hoffnung gründe, den Ungetreuen von dem neuen Gegenstände seiner Liebe abzuziehen? Auf unsere Bella. Hannah. Es ist wahr; sie ist sein kleiner Abgott; und der Einfall, sie mit zu nehmen, hätte nicht glücklicher seyn können. Marwood. Wenn sein Herz auch gegen die Sprache einer alten Liebe taub ist; so wird ihm doch die Sprache des Bluts vernehmlich seyn. Er riß das Kind vor einiger Zeit aus meinen Armen, unter dem Vorwandc, ihm eine Art von Erziehung geben zu lassen, die es bey mir nicht haben könne. Ich habe es von der Dame, die es unter ihrer Aufsicht hatte, Miß Sara Sampson. 17 itzt nicht anders als durch List wieder bekommen können; er hatte ans mehr als ein Zahr vorausbezahlt, und noch den Tag vor seiner Flucht ausdrücklich befohlen, eine gewisse Marwood, die vielleicht kommen und sich für die Mutter des Kindes ausgeben würde, durchaus nicht vorzulassen. Aus diesem Befehle erkenne ich den Unterschied, den er zwischen uns beyden macht. Arabcllcn sieht er als einen kostbaren Theil seiner selbst an, und mich als eine Elende, die ihn mit allen ihren Reizen, bis zum Ucbcrdrussc, gcsättigct hat. -Htmnah. Welcher Undank! N?arwood. Ach Hannah, nichts zieht den Undank so unausbleiblich nach sich, als Gefälligkeiten, für die kein Dank zu groß wäre. Warum habe ich sie ihm erzeigt, diese unseligen Gefälligkeiten? Hätte ich es nicht voraus sehen sollen, ds,^jAc ihren Werth nicht immer bey ihm behalten könnten? daß ihr Werth auf der Schwierigkeit des Genusses beruhe, und daß er mit derjenigen Anmuth verschwinden müsse, welche die Hand der Zeit immcrklich, aber gewiß, aus unsern Gesichtern verlöscht? -Hannah. O, Madam, von dieser gefährlichen Hand haben Sie noch lange nichts zu befürchten. Ich finde, daß Zhrc Schönheit den Punkt ihrer prächtigsten Blüthe so wenig überschritten hat, daß sie vielmehr erst darauf losgcht, und Ihnen alle Tage neue Herzen fesseln würde, wenn Sie ihr nur Vollmacht dazu geben wollten. Marwood. Schweig, Hannah! Du schmeichelst mir bey einer Gelegenheit, die mir alle Schmeichelet) verdächtig macht. Es ist Unsinn von neuen Eroberungen zu sprechen, wenn man nicht einmal Kräfte genug hat, sich im Besitze der schon gemachten zu erhalten. Zweyter Auftritt. Ein Bedienter. Marwood. Hannah. Der Bediente- Madam, man will die Ehre haben, mit Ihnen zu sprechen. XNarrvood. Wer? Der Bediente- Ich vermuthe, daß es eben der Herr ist, Lessmgs Werke II, 2 l5 Miß Sara Samvso». an welchen der vorige Brief überschrieben war. Wenigstens ist der Bediente bey ihm, der mir ihn abgenommen hat. MarrvooS. Mellefont! — Geschwind, führe ihn herauf! (der Bedient- geht ab.) Ach Hannah, mm ist er da! Wie soll ich ihn empfangen? Was soll ich sagen? Welche Miene soll ich annehmen? Ist diese ruhig genug? Sich doch! -Hannah. Nichts weniger als ruhig. Marwood. Aber diese? Hannah. Geben Sie ihr noch mehr Anmuth. Marrvood. Etwa so? Hannah. Zu traurig! Marwood. Sollte mir dieses Lächeln lassen? Hannah. Vollkommen! Aber nur freyer — Er kömmt. Dritter Auftritt. Mellefont. Marwood. Hannah. Mellefont. (der mit einer wilde» Stellung herein tritt) Ha! Marwood — Marwood. (die ihm mit offnen Armen lächelnd entgegen rennt) Ach Mellefont — Mellefont. (bey Seite) Die Mörderinn, was für ein Blick! Marwood. Ich muß Sie umarmen, treuloser, lieber Flüchtling! — Theilen Sie doch meine Freude! — Warum entreißen Sie sich meinen Liebkosungen? Mellefont. Marwood, ich vermuthete, daß Sie mich anders empfangen würden. Marwood. Warum anders? Mit mehr Liebe vielleicht? mit mehr Entzücken? Ach ich Unglückliche, daß ich weniger ausdrücken kann, als ich fühle! —") Sehen Sie, Mellefont, sehen Sie, daß auch die Freude ihre Thränen hat? Hier rollen sie, diese Kinder der süßesten Wollust! — Aber cch, Verlorne Thränen! seine Hand trocknet euch nicht ab. Mellefont. Marwood, die Zeit ist vorbey, da mich solche Reden bczaubcrt hätten. Sie müssen ißt in einem andern °) Hier folgt in der erste» Ausgabe „Mein Herz bebet vor Freuden, Sie wieder zu seh», Sie wieder an meine Brust zu drucken." Miß Sara Sampson. Zl> Tone mit mir sprechen. Ich komme her, Ihre letzten Vorwürfe anzuhören, und darauf zu antworten. MarwooS. Vorwürfe? Was hätte ich Ihnen für Vorwürfe zu machen, Mellcfont? Keine. Mellcfont. So hätten Sie, sollt' ich meynen, Zhrcn Weg ersparen können. MarrvooS. Liebste wunderliche Seele, warum wollen Sie mich nun mit Gewalt zwingen, einer Kleinigkeit zu gedenken, die ich Ihnen in eben dem Augenblicke vergab, in welchem ich sie erfuhr? Eine kurze Untreue, die mir Ihre Galanterie, aber nicht Ihr Herz spielet, verdient diese Vorwürfe? Kommen Sie, lassen Sie uns darüber scherzen. Mellcfont. Sie irren sich; mein Herz hat mehr Antheil daran, als es jemals an allen unsern Licbcshändcln gehabt hat, aus die ich itzt nicht ohne Abscheu zurück sehen kann. MarrvooS, Zbr Herz, Mellcfont, ist ein gutes Närrchcn. Es läßt sich alles bereden, was Ihrer Einbildung ihm zu bereden einfällt. Glauben Sie mir doch, ich kenne es besser, als Sie. Wenn es nicht das beste, das getreuste Herz wäre, würde ich mir wohl so viel Mühe geben, es zu behalten? Mellcfont. Zu behalten? Sie haben es niemals besessen, sage ich Ihnen. Marrvoos. Und ich sage Ihnen; ich besitze es im Grunde noch. Mellcfont. Marwood, wenn ich wüste daß Sie mich mir noch eine Faser davon besäßen, so wollte ich es mir selbst, hier vor Zhrcn Augen, aus meinem Leibe reißen. MarwooS. Sie würden sehen, daß Sie meines zugleich herausrissen. Und dann, dann würden diese herausgerissenen Herzen endlich zu der Vereinigung gelangen, die sie so oft auf unsern Lippen gesucht haben. Mellcfont. (bey Seite) Was für eine Schlange! Hier wird das beste seyn, zu fliehen. — Sagen Sie mir es nur kurz, Marwood, warum Sie mir nachgekommen sind, was Sie noch von mir verlangen. Aber sagen Sie mir es ohne dieses Lächeln, ohne diesen Blick, aus welchem mich eine ganze Hölle von Verführung schreckt. Marwood. (vertraulich) Höre nur, mein lieber Mellcfont; 2" Miß Sara Sampson. ich mcrkc wohl, wie cs itzt mit dir steht. Deine Begierden nnd dein Geschmack sind itzt deine Tyrannen. Laß cs ant seyn; man nmß sie austoben lassen. Sich ihnen widersetzen, ist Thorheit. Sie werden am sichersten eingeschläfert, nnd endlich gar überwunden, wenn man ihnen freyes Feld läßt. Sie reiben sich selbst auf. Kannst du mir nachsagen, kleiner Flattergeist, daß ich jemals eifersüchtig gewesen wäre, wenn stärkere Reize, als die mcinigcn, dich mir ans eine Zeitlang abspänstig machten? Zch gönnte dir ja allezeit diese Veränderung, bey der ich immer mehr gewann, als verlor. Dn kehrtest mit neuem Feuer, mit neuer Inbrunst in meine Arme zurück, in die ich dich mir als in leichte Bande, und nie als in schwere Fesseln schloß. Bin ich nicht oft selbst deine Vertraute gewesen, wenn dn mir auch schon nichts zu vertrauen hattest, als die Gnnst- bczeigungcn, die du mir entwandtest, nm sie gegen andre zu verschwenden? Warum glaubst du denn, daß ich itzt einen Eigensinn gegen dich zu zeigen anfangen würde, zu welchem ich nun eben berechtiget zu seyn aufhöre, oder — vielleicht schon aufgehört habe 6 Wenn deine Hitze gegen das schöne Landmäd- chcn noch nicht verraucht ist; wenn du noch in dem ersten Fieber deiner Liebe gegen sie bist; wenn du ihren Genuß noch nicht entbehren kannst: wer hindert dich denn, ihr so lange ergeben zu seyn, als du cs für gut befindest? Mußt du deswegen so unbesonnene Anschläge machen, nnd mit ihr ans dem dem Reiche fliehen wollen? XNcllefont. Marwood, Sie reden vollkommen Ihrem Charakter gemäß, dessen Häßlichkeit ich nie so gekannt habe, als seit dem ich, in dem Umgänge mit einer tugendhaften Freundinn, die Liebe von der Wollust nntcrschcidcn gelernt. Marwood. Ey sich doch! Deine neue Gcbicthcrinn ist also wohl gar cin Mädchen von schönen sittlichen Empfindungen? Zhr Mannspersonen müßt doch selbst nicht wissen, was ihr wollt. Bald sind es die schlüpfrigsten Reden, dic buhlcrhaf- tcsten Scherze, dic euch an uns gcfallcn; und bald entzücken wir euch, wenn wir nichts als Tugend reden, nnd alle sieben Weisen auf unserer Zunge zn haben scheinen. Das schlimmste aber ist, daß ihr das eine so wohl als das andre übcrdmßig Miß Sara Sampson. 21 werdet. Wir mögen närrisch oder vernünftig, weltlich oder geistlich gcsinnet seyn: wir verlieren unsere Mühe, euch beständig zu machen, einmal wie das andre. Du wirst an deine schöne Heilige die Reihe Zeit genug kommen lassen. Soll ich wohl einen kleinen Ucbcrschlag machen? Nun eben bist du im heftigsten Parorysmo mit ihr: und diesem geb' ich noch zwey, aufs längste drey Tage. Hierauf wird eine ziemlich geruhige Liebe folgen: der geb' ich acht Tage. Die andern acht Tage wirst du nur gelegentlich an diese Liebe denken. Die dritten wirst du dich daran erinnern lassen: und wann du dieses Erinnern satt hast, so wirst du dich zu der äußersten Gleichgültigkeit so schnell gebracht sehen, daß ich kaum die vierten acht Tage auf diese letzte Veränderung rechnen darf. — Das wäre nun ungefähr ein Monath. Und diesen Monath, Mcllcfont, will ich dir noch mit dem größten Vergnügen nachsehen; nur wirst du erlauben, daß ich dich nicht aus dem Gesichte verlieren darf. TNcllefont. Vergebens, Marwood, suchen Sie alle Waffen hervor, mit welchen Sie sich erinnern, gegen mich sonst glücklich gewesen zu seyn. Ein tugendhafter Entschluß sichert mich gegen Ihre Zärtlichkeit und gegen Ihren Witz. Gleichwohl will ich mich beyden nicht länger aussetzen. Ich gehe, lind habe Ihnen weiter nichts mehr zu sagen, als daß Sie mich in wenig Tagen auf eine Art sollen gebunden wissen, die Ihnen alle Hoffnung auf meine Rückkehr in Ihre lasterhafte Sklaverei) vernichten wird. Meine Rechtfertigung werden Sie genugsam aus dem Briefe ersehen haben, den ich Ihnen vor meiner Abreise zustellen lassen. lNarrvood. Gut, daß Sie dieses Briefes gedenken. Sagen Sie mir, von wem hatten Sie ihn schreiben lassen? Mellefont. Hatte ich ihn nicht selbst geschrieben? lNarrooov. Unmöglich! Den Anfang desselben, in welchem Sie mir, ich weiß nicht was für Summen vorrechneten, die Sie mit mir wollen verschwendet haben, mußte ein Gastwirth, so wie den übrigen theologischen Rest ein Quäker geschrieben haben. Dem ungeachtet will ich Ihnen itzt ernstlich darauf antworten. Was den vornehmsten Punkt anbelangt, so wissen Sie wohl, daß alle die Geschenke, welche Sie mir gemacht habe», Miß Sara Sampson. noch da sind. Ich habe Ihre Bankozcttcl, Ihre Zuwclcn, nie als mein Eigenthum angesehen, und itzt alles mitgebracht, um es wieder in diejenigen Hände zu liefern, die mir es anvertrauet hatten. rNellefont, Behalten Sie alles, Marwood. Marrvood. Ich will nichts davon behalten. Was hätte ich ohne Ihre Person für ein Recht daraus? Wenn Sie mich auch nicht mehr lieben, so müssen Sie mir doch die Gerechtigkeit wicdcrfahrcn lassen, und mich für keine von den seilen Buh- lcriiincn halten, denen es gleich viel ist, von wessen Beute sie sich bereichern. Kommen Sie nur, Mcllcfont. Sie sollen den Augenblick wieder so reich seyn, als Sie vielleicht ohne meine Bekanntschaft geblieben wäre»; und vielleicht auch nicht. XNellcfonr. Welcher Geist, der mein Verderben geschworen hat, redet itzt ans Zhncn! Eine wollüstige Marwood denkt so edel nicht. . XNarwooö. Nennen Sie das edel? Ich nenne es weiter nichts, als billig. Nein, mein Herr, nein, ich verlange nicht, daß Sie mir diese Wiedererstattung als etwas besonders anrechnen sollen. Sie kostet mich nichts; und auch den geringsten Dank, den Sie mir dafür sagen wollten, würde ich für eine Beschimpfung halten, weil er doch keinen andern Sinn als diesen haben könnte: „Marwood, ich hielt Euch für eine niederträchtige Bewegern»,; ich bedanke mich, daß Ihr es wcnig- „stcns gegen mich nicht seyn wollt." Mellcfont. Genug, Madame, genug! Ich fliehe, weil mich mein Unstern in einen Streit von Großmuth zu verwickeln drohet, in welchem ich am ungcrnstcn unterliegen möchte. Marwood. Fliehen Sie nur; aber nehmen Sie auch alles mit, was Ihr Andenken bey mir erneuern könnte. Arm, verachtet, ohne Ehre uud ohne. Freunde, will ich es alsdann noch einmal wagen, Ihr Erbarmen rege zu machen. Ich will Ihnen in der unglücklichen Marwood nichts als eine Elende zeigen, die Geschlecht, Ansehen, Tugend und Gewissen für Sie aufgeopfert hat. Ich will Sie an den ersten Tag erinnern, da Sie mich sahen und liebten; an den ersten Tag, da auch ich Sie sahe uud liebte; an das erste stammelnde, schamhafte Bc- Miß Sani Samvson. 23 kcimtniß, das Sie mir zu mcinm Füßen von Zhrcr Licbc ablegten; an die erste Versicherung von Gegenliebe, die Sie mir auspreßten; an die zärtlichen Blicke, an die feurigen Umarmungen, die darauf folgten; an das beredte Stillschweigen, wenn wir mit beschäftigten Sinnen einer des andern geheimste Regungen erriethen, und in den schmachtenden Augcn die verborgensten Gedanken der Seele lasen; an das zitternde Erwarten der nahenden Wollust; an die Trunkenheit ihrer Freuden; an das süße Erstarren nach der Fülle des Genusses, in welchem sich die ermatteten Geister zu neuen Entzückungen erholten. An alles dieses will ich Sie erinnern, und dann Zhrc Kniee umfassen, und nicht aufhören um das einzige Geschenk zu bitte», das Sie mir nicht versagen können, und ich ohne zu crröthcn annehmen darf, — um den Tod von ihren Händen. XNellefont. Grausame! noch wollte ich selbst mein Leben für Sie hingeben. Fordern Sie es; fordern Sie es; nur auf meine Liebe machen Sie weiter keinen Anspruch. Ich muß Sie verlassen, Marwood, oder mich zu einem Abscheu der ganzen Natur machen. Ich bin schon strafbar, daß ich nur hier stehe, und Sie anhöre. Leben Sie wohl! leben Sie wohl! Marwood. (die ihn zurück hall) Sie müssen mich verlassen? Und was wollen Sie denn, das aus mir werde? So wie ich itzt bin, bin ich Ihr Geschöpf; thun Sie also, was einem Schöpfer zukömmt; er darf die Hand von seinem Werke nicht eher abzichn, als bis er es gänzlich vernichten will. — Ach, Hannah, ich sehe wohl, meine Bitten allein sind zu schwach. Geh, bringe meinen Vorsprcchcr her, der mir vielleicht itzt auf einmal mehr wiedergeben wird, als er von mir erhalten hat. (Hannah acht ab,) XNellefont. Was für einen Vorsprcchcr, Marwood? Marwood. Ach, cincn Vorsprcchcr, dcsscn Sic mich nur allzugern beraubet hätten. Die Natur wird seine Klagen auf einem kürzern Wege zu Ihrem Herzen bringen — — Mcllcfonr. Ich erschrecke. Sic werden doch nicht — — '.'l Miß Sara Sampsoii. Nicrtcr Austritt. Arabella. Hannah. Mellefont. Marwood. Mellefont. Was seh ich? Sie ist es! — Marwood, wie haben Sie sich unterstehen können — — MarrvooS. Soll ich umsonst Mutter seyn? — Komm, meine Bella, komm; sich hier deinen Beschützer wieder, deinen Freund, deinen — Ach! das Herz mag es ihm sagen, was er noch mehr, als dein Beschützer, als dein Freund seyn kann. Mellefont. (mil abgewandtem Gesichte) Gott! wie wird es mir hier ergehen? Arabella, (indem sie ihm furchtsam näher tritt) Ach, mein Herr! Sind Sie es? Sind Sie unser Mellefont? — Nein doch, Madam, er ist es nicht. — Wurde er mich nicht ansehen, wenn er es wäre? Würde er mich nicht in seine Arme schließen? Er hat es ja sonst gethan. Zeh unglückliches Kind! Womit hatte ich ihn denn erzürnt, diesen Mann, diesen liebsten Mann, der mir erlaubte, mich seine Tochter zu nennen? Marrvood. Sie schweigen, Mellefont? Sie gönnen der Unschuldigen keinen Blick? Mellefont. Ach!-- Arabella. Er seufzet ja, Madam. Was fehlt-ihm? Können wir ihm nicht helfen? Ich nicht? Sie auch nicht? So lassen Sie uns doch mit ihm seufzen. — Ach, nun sieht er mich an! — Nein, er sieht wieder weg! Er sieht gen Himmel! Was wünscht er? Was bittet er vom Himmel? Möchte er ihm doch alles gewähren, wenn er mir auch alles dafür versagte! MarwooS. Geh, mein Kind, geh; fall ihm zu Füßen. Er will uns verlassen; er will uns auf ewig verlassen. Arabella, (die vor ihm niederfällt) Hier liege ich schon. Sie uns verlassen? Sie uns auf ewig verlassen? War es nicht schon eine kleine Ewigkeit, die wir Sie jczt vermißt haben? Wir sollen Sie wieder vermissen? Sie haben ja so oft gesagt, daß Sie uns liebten. Verläßt man denn die, die man liebt? So muß ich Sie wohl nicht lieben: denn ich wünschte, Sie nie zu verlassen. Nie; und will Sie auch nie verlassen. Marwood. Ich will dir bitten helfen, mein Kind; hilf Miß Sara Sampso». 25 nur auch mir — Nun, Mcllcfont, sehen Sie auch mich zu Ihren Füßen-- Mcllcfont. (hält sie zurück, indem sie sich niederwerfen will) Mar- wood, gefährliche Marwood — Und auch du, meine liebste Bella, (hebt sie auf) auch du bist wider deinen Mcllcfont? Arabella. Ich widcr Sie? Marwood. Was beschließen Sie, Mcllcfont? Mellefonr. Was ich nicht sollte, Marwood; was ich nicht sollte. Marwood. (die ihn umarmt) Ach, ich weiß es ja, daß die Rcdlichkcit Zhrcs Hcrzcns allezeit über den Eigensinn Zhrcr Begierden gesiegt hat. Mcllcfont. Bestürmen Sie mich nicht weiter. Ich bin schon, was Sie aus mir machen wollen: ein Mcincidigcr, ein Verführer, ein Räuber, ein Mörder. Marwood. Ztzt werden Sie es einige Tage in Zhrcr Einbildung scyn, und hernach werden Sie erkennen, daß ich Sie abgehalten habe, es wirklich zu werden. Machen Sie nur, und kehren Sie wieder mit uns zurück. Arabella, (schmeichelnd) O ja! thun Sie dieses. Mcllcfont. Mit euch zurückkehren? Kann ich denn ? Marwood. Nichts ist leichter, wenn Sie nur wollen. Mellefont. Und meine Miß-- Marwood. Und Ihre Miß mag sehen, wo sie bleibt! — Mcllcfonr. Ha! barbarische Marwood, diese Rede ließ mich bis auf den Grund Zhrcs Hcrzcns sehen--Und ich Verruchter gchc doch nicht wieder in mich? Marwood. Wenn Sie bis auf den Grund meines Hcrzcns gcschcn hätten, so würden Sie entdeckt haben, daß es mehr wahres Erbarmen gegen Zhre Miß fühlt, als Sie selbst. Zch sage, wahres Erbarmen: denn das Zhre ist ein eigennütziges, weichherziges Erbarmen. Sie haben überhaupt diesen Lic- bcshandcl vicl zu weit gctricbcn. Daß Sie, als ein Mann, der bey einem langen Umgänge mit unserm Geschlechte, in der Kunst zu verführen ausgelernt hatte, gegen ein so junges Frauenzimmer sich Zhre Überlegenheit an Verstellung und Erfahrung zu Nutze machten und nicht eher ruhten, als bis Sie Zhrcn 25. Miß Sara Sampson. Zweck erreichten: das möchte noch hingehen; Sie können sich mit der Heftigkeit Ihrer Leidenschaft entschuldigen. Allein, daß Sie einem alten Vater sein einziges Kind raubten; daß Sie einem rechtschaffnen Greise die wenigen Schritte zu seinem Grabe noch so schwer und bitter machten; daß Sie, Ihrer Lust wegen, die stärksten Banden der Natur trennten: das, Mcllcfont, das können Sie nicht verantworten. Machen Sie also Ihren Fehler wieder gut, so weit es möglich ist, ihn gut zu machen. Geben Sie dem weinenden Alter seine Stütze wieder, und schicken Sie eine leichtgläubige Tochter in ihr Haus zurück, das Sie deswegen, weil Sie es beschimpft haben, nicht auch öde machen müssen. Mellefont- Das fehlte noch, daß Sie auch mein Gewissen wider mich zu Hülfe riefen! Aber gesetzt, es wäre billig, was Sie sagen; müßte ich nicht eine eiserne Stirne haben, wenn ich es der unglücklichen Miß selbst vorschlagen sollte? XNarroood. Nunmehr will ich es Ihnen gestehen, daß ich schon im voraus bedacht gewesen bin, Ihnen diese Verwirrung zu ersparen. So bald ich Ihren Aufenthalt erfuhr, habe ich auch dem alten Sampson unter der Hand Nachricht davon geben lassen. Er ist vor Freuden darüber ganz außer sich gewesen, und hat sich sogleich auf den Weg machen wollen. Ich wundrc mich, daß er noch nicht hier ist. Mellefont. Was sagen Sie? MarwooS. Erwarten Sie nur ruhig seine Ankunft, und lassen sich gegen die Miß nichts merken. Ich will Sie selbst jetzt nicht länger aufhalten. Gehen Sie wieder zu ihr; sie möchte Verdacht bekommen. Doch vcrsprcch' ich mir, Sie heute noch einmal zu sehen. Mellefont. O Marwood, mit was für Gesinnungen kam ich zu Ihnen, und mit welchen muß ich Sie verlassen! Einen Kuß, meine licbc Bella-- Arabella. Der war für Sie; aber nun einen für mich. Kommen Sie nur ja bald wieder; ich bitte. (Mcllcfont geht ab.) Miß Sara Sampson. 27 Fünfter Austritt. Marwood. Arabella. Hannah. Marwood. (nachdem sie tief Athem geholt) Sieg, Hannah! aber ein saurer Sieg! — Gieb mir einen Stuhl; ich fühle mich ganz abgemattet — (sie setzt sich.) Eben war es die höchste Zeit, als er sich ergab; noch einen Augenblick hätte er anstehen dürfen, so würde ich ihm eine ganz andre Marwood gezeigt haben. Hannah. Ach, Madam, was sind Sie für eine Frau! Den möchte ich doch sehn, der Ihnen widerstehen könnte. Marwood. Er hat mir schon zu lange widerstanden. Und gewiß, gewiß, ich will es ihm nicht vergeben, daß ich ihm fast zu Fuße gefallen wäre. Arabella. O nein! Sie müssen ihm alles vergeben. Er ist ja so gut, so gut-- Marwood. Schweig, kleine Närrinn! -Hanna!). Aus welcher Seite wußten Sie ihn nicht zu fassen! Aber nichts, glaube ich, rührte ihn mehr, als die Unci- gcnnützigkeit, mit welcher Sie sich erboten, alle von ihm erhaltenen Geschenke zurück zu geben. Marwood. Ich glaube es auch. Ha! ha! ha! (verächtlich) Hannah. Warum lachen Sie, Madam? Wenn es nicht Ihr Ernst war, so wagten Sie in der That sehr viel. Gesetzt, er hätte Sie bey Ihrem Worte gefaßt? Marwood- O geh! man muß wissen, wen man vor sich hat. Hannah. Nun das gesteh ich! Aber auch Sie, meine schöne Bella, haben Ihre Sache vortrefflich gemacht; vortrefflich! Arabella. Warum das? Konnte ich sie denn anders machen? Ich hatte ihn ja so lange nicht gesehen. Sie sind doch nicht böse, Madam, daß ich ihn so lieb habe? Ich habe Sie so lieb, wie ihn; eben so lieb. Marwood. Schon gut; dasmal will ich dir verzeihen, daß du mich nicht lieber hast als ihn. Arabella. DaSmal? (schluchzend) Marwood. Du weinst ja wohl gar? Warum denn? Arabella. Ach nein! ich weine nicht. Werden Sie nur Miß Sara Sampson. nicht ungehalten. Ich will Sie ja gern alle beide so lieb, so licb haben, daß ich unmöglich, weder Sie noch ihn, lieber haben kann. Marwood. Ze nun ja! Arabella. Ich bin recht unglücklich-- Marwood. Sey doch nur stille — Aber was ist das? Sechster Auftritt. Mellefsnr, Marwood. Arabella. Hannay. Marwood. Warum kommen Sie schon wieder, Mellcfont? (sie steht auf) Mellefont. (hitzig) Weil ich mehr nicht, als einige Augenblicke nöthig hatte, wieder zu mir selbst zu kommen. Marwood. Nun? Mellefont. Ich war betäubt, Marwood, aber nicht bewegt. Sie haben alle Ihre Mühe verloren; eine andre Luft, als diese ansteckende Luft Ihres Zimmers, gab mir Muth und Kräfte wieder, meinen Fuß aus dieser gefährlichen Schlinge noch zeitig genug zu ziehen. Waren mir Nichtswürdigcm die Ränke einer Marwood noch nicht bekannt genug? Marwood. (hastig) Was ist das wieder für eine Sprache? Mellefont. Die Sprache der Wahrheit und des Unwillens. Marwood. Nur gemach, Mcllcfont, oder auch ich werde diese Sprache sprechen. Mellefont. Ich komme nur zurück, Sie keinen Augenblick länger in einem Irrthume von mir stecken zu lassen, der mich, selbst in Ihren Augen verächtlich machen muß. Arabella, (furchtsam) Ach! Hannah — Mellefont. Sehen Sie mich nur so wütend an, als Sie wollen. Ze wütender, je besser. War es möglich, daß ich zwischen einer Marwood und einer Sara nur einen Augcn- , blick uncntschlüßig bleiben konnte? Und daß ich mich fast für die erstere entschlossen hätte? Arabella. Ach Mcllcfont!-- Mellefont. Zittern Sie nicht, Bella. Auch für Sie bin ich mit zürück gekommen. Geben Sie mir die Hand, und folgen Sie mir nur getrost. Miß Sara Sampson, 2!' XNarwooS. (die beyde zurückhält) Wcin soll sie folgen, Verrathet? XNellefonr. Ihrem Vater. zNarrvooS. Geh, Elender; und lern' erst ihre Mutter kennen. XNcllefonr. Ich kenne sie. Sie ist die Schande ihres Geschlechts -- Marrvood. Führe sie weg, Hannah! tNellefont. Bleiben Sie, Bella, (indem er sie zurückhalten will) XNarwood. Nur keine Gewalt, Mellcfont, oder-- (Hannah und Arabella gehe» ab.) Siebender Auftritt. Mellefont. Marwood, XNarrvood. Nun sind wir allein. Nun sagen Sie es noch einmal, ob Sie fest entschlossen sind, mich einer jungen Närrinn aufzuopfern? Mellefont. (bitter) Aufzuopfern? Sie machen daß ich mich hier erinnere, daß den alten Göttern auch sehr unreine Thiere geopfert wurden. Marwood. (spöttisch) Drücken Sie sich ohne so gelehrte Anspielungen aus. Mellefont. So sage ich Ihnen, daß ich fest entschlossen bin, nie wieder ohne die schrecklichsten Verwünschungen an Sie zn denken. Wer sind Sie? und wer ist Sara? Sie sind eine wollüstige, eigennützige, schändliche Vuhlcrinn, die sich itzt kaum mehr muß erinnern können, einmal unschuldig gewesen zu seyn. Ich habe mir mit Ihnen nichts vorzuwerfen, als daß ich dasjenige genossen, was Sie ohne mich vielleicht die ganze Welt hätten genießen lassen. Sie haben mich gesucht, nicht ich Sie; und wenn ich nunmehr weiß, wer Marwood ist, so kömmt mir diese Kenntniß theuer genug zu stehen. Sie kostet mir mein Vermögen, meine Ehre, mein Gluck — — Marrvood. Und so wollte ich, daß sie dir auch deine Sceligkeit kosten müßte! Ungeheuer! Ist der Teufel ärger als du, der schwache Menschen zu Verbrechen reizet, und sie, dieser Verbrechen wegen, die sein Werk sind, hernach selbst anklagt? Was geht dich meine Unschuld an, wann und wie ich sie vcr- . - - " , . ^ ,., ,. _ 30 Miß Sara Sampson. loren habe? Habe ich dir meine Tngcnd nicht Preis geben können, so habe ich doch meinen guten Namen für dich in die Schanze geschlagen. Jene ist nichts kostbarer, als dieser. Was sage ich? kostbarer? Sie ist ohne ihn ein albernes Hirngcspinnst, das weder ruhig noch glücklich macht. Er allein giebt ihr noch einigen Werth, und kann vollkommen ohne sie bestehen. Mochte ich doch seyn, wer ich wollte, ehe ich dich, Scheusal, kennen lernte; genug, daß ich in den Augen der Welt für ein Frauenzimmer ohne Tadel galt. Durch dich nur hat sie es erfahren, daß ich es nicht sey; durch meine Bereitwilligkeit bloß, dein Herz, wie ich damals glaubte, ohne deine Hand anzunehmen. XNellefonr. Eben diese Bereitwilligkeit verdammt dich, Niederträchtige. ZNarwood. Erinnerst du dich aber, welchen nichtswürdigen Kunstgriffen du sie zu verdanken hattest? Ward ich nicht von dir beredt, daß du dich in keine öffentliche Verbindung einlassen könntest, ohne einer Erbschaft verlustig zu werden, deren Genuß du mit niemand, als mit mir theilen wolltest? Ist es nun Zeit ihrer zu entsagen? Und ihrer für eine andre, als für mich zu entsagen? XNellefont. Es ist mir eine wahre Wollust, Zhncn melden zu können, daß diese Schwierigkeit nunmehr bald wird gehoben seyn. Begnügen Sie sich also nur, mich um mein väterliches Erbtheil gebracht zuhaben, und lassen mich ein weit geringeres mit einer würdigern Gattinn genießen. XNarrvooV. Ha! nun seh' ichs, was dich eigentlich so trotzig macht. Wohl, ich will kein Wort mehr verlieren. Es sey darum! Rechne darauf, daß ich altes anwenden will, dich zu vergessen. Und das erste, was ich in dieser Absicht thun werde, soll dieses seyn — Du wirst mich verstehen! Zittrc sür deine Bella! Ihr Leben soll das Andenken meiner verachteten Liebe auf die Nachwelt nicht bringen; meine Grausamkeit soll es thun. Sich in mir eine neue Mcdca! rNellefonr. (erschrocken) Marwood — — XNarwood. Oder wenn du noch eine grausamere Mutter weißt, so sich sie gedoppelt in mir! Gift und Dolch sollen mich rächen. Doch nein, Gift und Dolch sind zu barmherzige Werk- i Miß Sara Samvson. l!l zcnge! Sie würden dein »nd mein Kind zu bald todten. Ich will es nicht gestorben sehen; sterben will ich es sehen! Durch langsame Martern will ich in seinem Gesichte jeden ähnlichen Zng, den es von dir hat, sich verstellen, verzerren lind verschwinden sehen. Ich will mit begieriger Hand Glied von Glied, Ader von Ader, Nerve von Nerve lösen, und das kleinste derselben auch da noch nicht aufhören zu schneiden und zu brennen, wenn es schon nichts mehr seyn wird, als ein empfindungsloses Aas. Zch — ich werde wenigstens dabey empfinden, wie süß die Rache sey! Mellefonr. Sie rasen, Marwood — — Marwood. Du erinnerst mich, daß ich nicht gegen den rechten rase. Der Natcr muß voran! Er muß schon in jener Welt seyn, wenn der Geist seiner Tochter unter tausend Seufzern ihm nachzieht — (sie geht mit einem Dolche, den sie ans dem Busen reißt, auf ihn los) Drum stirb, Verrathet! Mellefont. (der ihr in den Arm fällt, und dc» Dolch entreißt) Unsinniges Weibsbild! — Was hindert mich nun, den Stal wider dich zu kehren? Doch lebe, und deine Strafe müsse einer ehrlosen Hand aufgehoben seyn! Marwood. (mit gerungene» Händen) Himmel, was hab' ich gethan? Mcllcfont-- Mellefont. Deine Neue soll mich nicht hintergehen! Zch weiß es doch wohl, was dich reuet; nicht daß du den Stoß thun wollen, sondern daß du ihn nicht thun können. Marwood. Geben Sie mir ihn wieder, den verirrten Stal! geben Sie mir ihn wieder! und Sie sollen es gleich sehen, für wen er geschliffen ward. Für diese Brust allein, die schon längst einem Herzen zu enge ist, das eher dem Leben als Zh- rcr Liebe entsagen will. XNellefont. Hannah!-- Marwood. Was wollen Sie thun, Mcllcfont? Achter Auftritt. Hannah (erschrocken.) Marwood. Mellefonr. Mellefonr. Hast du es gehört, Hannah, welche Furie deine Gebictherinn ist? Wisse, daß ich Arabcllcn von deinen Händen fodern werde. IZ'.> Miß Sara Sampson. -HannKh. Ach Madam, wie sind Sie außer sich! Mellefont. Ich will das unschuldige Kind bald in völlige Sicherheit bringen. Die Gerechtigkeit wird einer so grausamen Mutter die mördrischcn Hände schon zu binden wissen. (er will gehen.) XNarwood. Wohin, Mcllefont? Ist es zu verwundern, daß die Heftigkeit meines Schmerzes mich des Verstandes nicht mächtig ließ? Wer bringt mich zu so unnatürlichen Ausschweifungen? Sind Sie es nicht selbst? Wo kann Bella sicherer seyn, als bey mir? Mein Mund tobet wider sie, und mein Herz bleibt doch immer das Herz einer Mutter. Ach, Mcllc- font! vergessen Sie meine Raserey, und denken, zu ihrer Entschuldigung, nur an die Ursache derselben. XNellefonr. Es ist nur Ein Mittel, welches mich bewegen kann, sie zu vergessen. zNarroood. Welches? XNellefont. Wenn Sie den Augenblick nach London zurückkehren. Arabcllcn will ich in einer andern Begleitung wieder dahin bringen lassen. Sie müssen durchaus ferner mit ihr nichts zu thun haben. N7arwood. Gut, ich lasse mir alles gefallen; aber eine einzige Bitte gewähren Sie mir noch. Lassen Sie mich Ihre Sara wenigstens einmal sehen. Mellefonr. Und wozu? Marwood. Um in ihren Blicken mein ganzes künftiges Schicksal zu lesen. Ich will selbst urtheilen, ob sie einer Untreue, wie Sie an mir begehen, würdig ist; und ob ich Hoffnung haben kann, wenigstens einmal einen Antheil an Ihrer Liebe wieder zu bekommen. XNellefonr. Nichtige Hoffnung! XNarwood. Wer ist so grausam, daß er einer Elenden auch nicht einmal die Hoffnung gönnen wollte? Ich will mich ihr nicht als Marwood, sondern als eine Anverwandte von Ihnen zeigen. Melden Sie mich bey ihr als eine solche; Sie sollen bey meinem Besuche zugegen seyn, und ich verspreche Ihnen, bey allem was heilig ist, ihr nicht das geringste anstößige zu sagen. Schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab; denn sonst Miß Sara Sampson. N möchte ich vielleicht alles anwenden, in meiner wahren Gestalt vor ihr zu erscheinen. Mellcfont. Diese Bitte, Marwood, (nachdem cr einen Augenblick nachgedacht) — — könnte ich Zhncn gewähren. Wollen Sie aber auch alsdann gewiß diesen Ort verlassen? Marwood. Gewiß; ja, ich verspreche Zhncn noch mehr; ich will Sie, wo nur noch einige Möglichkeit ist, von dem Ucbcr- sallc ihres Vaters bcfrcyen. XNellefone. Dieses haben Sie nicht nöthig. Ich hoffe, daß cr auch mich in die Verzeihung mit einschließen wird, die er seiner Tochter wicdcrfahrcn läßt. Will cr aber dieser nicht verzeihen, so werde ich auch wissen, wie ich ihm begegnen soll. — Ich gehe, Sie bey meiner Miß zu melden. Nur halten Sie Wort, Marwood! (geht ab.) Marwood. Ach Hannah! daß unsere Kräfte nicht so groß sind, als unsere Wut! Komm, hilf mich ankleiden. Ich gebe mein Vorhaben nicht auf. Wenn ich ihn nur erst sicher gemacht habe. Komm! Dritter Aufzug. Erster Auftritt. Ein Saal im erster» Eastbofc, Sir William Sampson. Waitwell. Sir William. Hier, Waitwcll, bring' ihr diesen Brief. Es ist der Brief eines zärtlichen Vaters, der sich über nichts, als über ihre Abwesenheit beklaget. Sag' ihr, daß ich dich damit vorweg geschickt, und daß ich nur noch ihre Antwort erwarten wolle, ehe ich selbst käme, sie wieder in meine Arme zu schließen. waitwell. Ich glaube, Sie thun recht wohl, daß Sie Ihre Zusammenkunft auf diese Art vorbereiten. Sir William. Ich werde ihrer Gesinnungen dadurch gewiß, und mache ihr Gelegenheit, alles, was ihr die Reue klägliches und erröthendes eingeben könnte, schon ausgeschüttet zu Lessings Werke II. z WWffMi . .V' »i' //tz . _ 34 Miß Sara Sampsen. haben, chc sie mündlich mit mir spricht. Es wird ihr in einem Briefe weniger Verwirrung, und mir vielleicht weniger Thränen kosten. Mailrvell. Darf ich aber fragen, Sir, was Sie in Ansehung Mcllcfonts beschlossen haben? Sir William. Ach! Waitwcll, wenn ich ihn von dem Geliebten meiner Tochter trennen könnte, so wurde ich etwas sehr hartes wider ihn beschließen. Aber da dieses nicht angeht, so siehst du wohl, daß er gegen meinen Unwillen gesichert ist. Ich habe selbst den größten Fehler bey diesem Unglücke begangen. Ohne mich würde Sara diesen gefährlichen Mann nicht haben kennen lernen. Ich verstattete ihm, wegen einer Verbindlichkeit, die ich gegen ihn zu haben glaubte, einen allzusreycn Zutritt in meinem Hause. Es war natürlich, daß ihm die dankbare Aufmerksamkeit, die ich für ihn bezeigtes auch die Achtung meiner Tochter zuziehen mußte. Und es war eben so natürlich, daß sich ein Mensch von seiner Dcnkungsart durch diese Achtung verleiten ließ, sie zu etwas höhcrm zu treiben. Er hatte Gcschicklichkcit genug gehabt, sie in Liebe zu verwandeln, chc ich noch das geringste merkte, und ehe ich noch Zeit hatte, mich nach seiner übrigen Lebensart zu erkundigen. Das Unglück war geschehen, und ich hätte wohlgethan, wenn ich ihnen nur gleich alles vergeben hätte. Ich wollte unerbittlich gegen ihn seyn, und überlegte nicht, daß ich es gegen ihn nicht allein seyn könnte. Wenn ich meine zu späte Strenge erspart hätte, so würde ich wenigstens ihre Flucht verhindert haben. — Da bin ich nun, Waitwcll! Zch muß sie selbst zurückholen, und mich noch glücklich schätzen, wenn ich aus dcm Verführer nur meinen Sohn machen kann. Denn wer weiß, ob er seine Marwoods und seine übrigen Kreaturen eines Mädchens wegen wird aufgeben wollen, das seinen Begierden nichts mehr zu verlangen übrig gelassen hat, und die fesselnden Künste einer Buhlcrinn so wenig versteht? IVailroell. Nun, Sir, das ist wohl nicht möglich, daß ein Mensch so gar böse seyn könnte — Sir William. Der Zweifel, guter Waitwcll, macht deiner Tugend Ehre. Aber warum ist es gleichwohl wahr, daß Miß Sara Sampson. i;'. sich die Gränzen dcr »ncnschlichcn Bosheit noch viel weiter erstrecken? — Geh nur jetzt nnd thue was ich dir gesagt habe. Gieb auf alle ihre Mienen Acht, wenn sie meinen Brief lesen wird. In dcr kurzen Entfernung von dcr Tugend, kann sie die Anstellung noch nicht gclcrnt haben, zu deren Larven nur das eingewurzelte Laster seine Zuflucht nimmt. Du wirst ihre ganze Seele in ihrem Gesichte lesen. Laß dir ja keinen Zug entgehen, dcr etwa eine Gleichgültigkeit gcgcn mich, cine Ncr-- schmähung ihres Vaters, anzeigen könnte. Denn wenn du diese unglückliche Entdeckung machen solltest, und wenn sie mich nicht mehr liebt: so hoffe ich, daß ich mich endlich werde überwinden können, sie ihrem Schicksale zu überlassen. Ich hoffe es, Waitwcll — Ach! wenn nur hier kcin Herz schlüge, das dieser Hoffnung widerspricht. (Sie gehen beide auf verschiedenen Seiten ab.) Zweyter Auftritt. Das Zimmer dcr Sara. Miß Sara. Mellcfoiit, Mcllefont, Ich habe Unrecht gethan, liebste Miß, daß ich Sie wegen des vorigen Briefes in einer kleinen Unruhe ließ. Sar». Nein doch, Mcllcfont; ich bin deswegen ganz und gar nicht unruhig gewesen. Könnten Sie mich denn nicht lieben, wenn Sie gleich noch Geheimnisse vor mir hätten? Mellefont. Sie glauben also doch, daß es ein Geheimniß gewesen sey? Sara. Aber keines, das mich angeht. Und das muß mir genug seyn. Mellefonr. Sie sind allzu gefällig. Doch erlauben Sie mir, daß ich Ihnen dieses Geheimniß gleichwohl entdecke. Es waren einige Zeilen von einer Anverwandten, die meinen hiesigen Aufenthalt erfahren hat. Sie geht auf ihrer Reise nach London hier durch, und will mich sprechen. Sie hat zugleich um die Ehre ersucht, Ihnen ihre Aufwartung machen zu dürfen. Sara. Es wird mir allezeit angenehm seyn, Mcllcfont, dic würdigen Personen Ihrer Familie kennen zu lernen. Aber, 3" !!6 Miß Sara Sampson. überlegen Sie es selbst, ob ich schon, ohne zu crröthen, einer derselben nntcr die Augen sehen darf. Mellefont. Ohne zu crröthen? Und worüber? Darüber, daß Sie mich lieben? Es ist wahr, Miß, Sie hätten Ihre Liebe einem Edlem, einem Reichern schenken können. Sie müssen sich schämen, daß Sie Zhr Herz nur um ein Herz haben geben wollen, und daß Sie bey diesem Tausche Zhr Glück so weit aus den Augen gesetzt. Sara. Sie werden es selbst wissen, wie falsch Sie meine Worte erklären. Mcllefont. Erlauben Sie, Miß; wenn ich sie falsch erkläre, so können sie gar keine Bedeutung haben. Sara. Wie heißt Ihre Anverwandte? XNellefont. Es ist — Lady Solmcs. Sie werden den Namen von mir schon gehört haben. Sara. Ich kann mich nicht erinnern. Mellcfonr. Darf ich bitten,' daß Sie ihren Besuch annehmen wollen? Sara. Bitten, Mcllcsont? Sie können mir es ja befehlen. Mellcfonc. Was für ein Wort! — Nein, Miß, sie soll das Glück nicht haben, Sie zu sehen. Sie wird es bctaucrn; aber sie muß es sich gefallen lassen. Miß Sara hat ihre Ursachen, die ich auch, ohne sie zu wissen, verehre. Sara- Mein Gott! wie schnell sind Sie, Mcllcfont! Zch werde die Lady erwarten; und mich der Ehre ihres Besuchs, so viel möglich, würdig zu erzeigen suchen. Sind Sie zufrieden? XNellcfonr. Ach, Miß, lassen Sie mich meinen Ehrgeiz gestehen. Zch möchte gern gegen die ganze Welt mit Zhncn prahlen. Und wenn ich auf den Besitz einer solchen Person nicht eitel wäre, so würde ich mir selbst vorwerfen, daß ich den Werth derselben nicht zu schätzen wüßte. Zch gehe, und bringe die Lady sogleich zu Zhncn. (gehet ab.) Sara, (allein) Wenn es nur keine von den stolzen Weibern ist, die voll von ihrer Tugend, über alle Schwachheiten erhaben zu seyn glauben. Sie machen uns mit einem einzigen verächtlichen Blicke den Proceß, und ein zwcydeutigcs Achselzucken ist das ganze Mitleiden, das wir ihnen zu verdienen scheinen. Miß Sara Sampson, Dritter Auftritt. N?airwell. Sara. Zbctty. (zwischen der Scene.) Nur hier herein, wenn Er selbst mit ihr sprechen muß. Sara, (die sich umsieht) Wer muß selbst mit mir sprechen? — Wen seh' ich? Ist es möglich? Waitwcll, dich? N?aitrvell. Was für ein glücklicher Mann bin ich, daß ich endlich unsere Miß Sara wieder sehe! Sara. Gott! was bringst du? Zch hör' es schon, ich hör' es schon, du bringst mir die Nachricht von dem Tode meines NatcrsI Er ist hin, der vortrefflichste Mann, der beste Vater! Er ist hin, und ich, ich bin die Elende, die seinen Tod beschleuniget hat. rvaitroell. Ach! Miß-- Sara- Sage mir, geschwind sage mir, daß die letzten Augenblicke seines Lebens ihm durch mein Andenken nicht schwerer wurden; daß er mich vergessen hatte; daß er eben so ruhig starb, als er sich sonst in meinen Armen zu sterben versprach; daß er sich meiner auch nicht einmal in seinem letzten Gebete erinnerte-- rvaitroell. Hören Sie doch auf, sich mit so falschen Vorstellungen zu plagen! Er lebt ja noch, Zhr Vater; er lebt ja noch, der rechtschaffne Sir William. Sara- Lebt er noch? Ist es wahr, lebt er noch? O! daß er noch lange leben, und glücklich leben möge! O! daß ihm Gott die Hälfte meiner Zahrc zulegen wolle! Die Hälfte? — Zch Undankbare, wenn ich ihm nicht mit allen, so viel mir deren bestimmt sind, auch nur einige Augenblicke zu erkaufen bereit bin! Aber nun sage mir wenigstens, Waitwcll, daß es ihm nicht hart fällt, ohne mich zu leben; daß es ihm leicht geworden ist, eine Tochter aufzugeben, die ihre Tugend so leicht ausgeben können; daß ihn meine Flucht erzürnet, aber nicht gekränkt hat; daß er mich verwünschet, aber nicht bctaucrt. waitrocll. Ach, Sir William ist noch immer der zärtliche Vater, so wie sein Sarchen noch immer die zärtliche Tochter ist, die sie beide gewesen sind. Sara. Was sagst du? Du bist ein Bote des Unglücks, ^ Miß Sara ^ampson. des schrecklichsten Unglücks unter allen, die mir meine feindselige Einbildung jemals vorgestellet hat! Er ist noch der zärtliche Vater? So liebt er mich ja noch? So muß er mich ja beklagen? Nein, nein, das thut er nicht; das kann er nicht thun! Siehst du denn nicht, wie unendlich jeder Seufzer, den er um mich verlöre, meine Verbrechen vergrößern würde? Müßte mir nicht die Gerechtigkeit des Himmels jede seiner Thränen, die ich ihm auspreßte, so anrechnen, als ob ich bey jeder derselben mein Laster und meinen Undank wiederholte? Ich erstarre über diesen Gedanken. Thränen koste ich ihm? Thränen? Und es sind andre Thränen, als Thränen der Freude? — Widersprich mir doch, Waitwcll! Aufs höchste hat er einige leichte Regungen des Bluts für mich gcfühlct; einige von den geschwind überhin gehenden Regungen, welche die kleinste Anstrengung der Vernunft besänftiget. Zu Thränen hat er es nicht kommen lassen. Nicht wahr, Waitwcll, zu Thränen hat er es nicht kommen lassen? U?aitrvell. (indem cr sich die Augen wischt) Nein, Miß, dazu hat er es nicht kommen lassen. Sara. Ach! dein Mund sagt nein; und deine eignen Thränen sagen ja. Ulaitwell. Nehmen Sie diesen Brief, Miß; cr ist von ihm selbst. Sara. Von wem? von meinem Vater? an mich? wairrvell. Za, nehmen Sie ihn nur; Sie werden mehr daraus sehen können, als ich zu sagen vermag. Er hätte einem andern, als mir, dieses Geschäfte auftragen sollen. Ich versprach mir Freude davon; aber Sie verwandeln mir diese Freude in Betrübniß. Sara. Gieb nur, ehrlicher Waitwcll! — Doch nein, ich will ihn nicht eher nchmcn, als bis du mir sagst, was ungefähr darinn enthalten ist. U)ailwell. Was kann darinn enthalten seyn? Liebe und Vergebung. Sara. Liebe? Vergebung? U?aitwell. Und vielleicht ein aufrichtiges Belauern, daß Miß Sara ^ampso». ^,1 cr die Rechte der väterliche» Gewalt gegen ein Kind brauche» wolle», für welches nur die Vorrechte der väterliche» Huld sind. Sara. So behalte »ur deine» grausame» Brief! ^Vaitwell. Grausameil? fürchten Sie nichts; Sie erhalte» völlige Freyheit über Zhr Herz und Ihre Hand. Sara. Und das ist es eben, was ich fürchte. Einen Aa- ter, wie ihn, zu betrüben: dazu habe ich noch den Muth gehabt. Allein ihn durch eben diese Betrübniß, ihn durch seine Liebe, der ich entsagt, dahin gebracht zu sehen, daß cr sich alles gefallen läßt, wozu mich eine unglückliche Leidenschaft verleitet: das, Waitwcll, das wurde ich nicht ausstehen. Wenn sein Brief alles enthielte, was ei» aufgebrachter Vater, i» solchem Falle heftiges und hartes vorbringen kann, so würde ich ihn zwar mit Schaudern lesen, aber ich würde ihn doch lesen könne». Ich würde gegen seinen Zorn noch einen Schatten von Vertheidigung aufzubringen wissen, um ihn durch diese Vertheidigung, wo möglich, noch zorniger zu machen. Meine Beruhigung wäre alsdann diese, daß bey einem gewaltsamen Zorne kein wehmütiger Gram Raum haben könne, und daß sich jener endlich glücklich in eine bittere Verachtung gegen mich verwandeln werde. Wen man aber verachtet, um den bekümmert man sich nicht mehr. Mein Vater wäre wieder ruhig, und ich dürste mir »icht vorwerfen, ihn auf immer unglücklich gemacht zu haben. waitwcll. Ach! Miß, Sie werde» sich diese» Vorwurf noch weniger machen dürfen, wenn Sie jetzt seine Liebe wieder ergreifen, die ja alles vergessen will. Sara- Dn irrst dich, Waitwcll. Sein schnlichcs Verlangen nach mir, verführt ihn vielleicht, zu allem ja zu sagcn. Kaum aber würde dieses Verlangen ein wenig beruhiget seyn, so würde cr sich, scincr Schwäche wegen, vor sich selbst schämen. Ein finsterer Unwille würde sich scincr bcmcistcrn, und cr würde mich nie ansehen können, ohne mich heimlich anzuklagen, wie viel ich ihm abzutrotzen mich unterstanden habe. Ja, wen» es i» meinem Vermögen stünde, ihm bey der äußersten Gewalt, die cr sich mcinctwcgcn anthut, das bitterste zu erspare»; wenn in dem Augenblicke, da cr mir alles erlauben 40 Miß Sara Sampsou. wollte, ich ihm alles aufopfern könnte: so wäre es ganz etwas anders. Zch wollte den Brief mit Vergnügen von deinen Händen nehmen, die Stärke der väterlichen Liebe darinn bewundern, und ohne sie zu mißbrauchen, mich als eine reuende und gehorsame Tochter zu seinen Füßen werfen. Aber kann ich das? Zch würde es thun müssen, was er mir erlaubte, ohne mich daran zu kehren, wie theuer ihm diese Erlaubniß zu stehen komme. Und wenn ich dann am vergnügtesten darüber seyn wollte, würde es mir plötzlich einfallen, daß er mein Vergnügen äußerlich nur zu theilen scheine, und in sich selbst vielleicht seufze; kurz, daß er mich mit Entsagung seiner eignen Glückse- scligkcit glücklich gemacht habe — Und es auf diese Art zu seyn wünschen, trauest du mir das wohl zu, Waitwell? waitwell. Gewiß ich weiß nicht, was ich hierauf antworten soll. Sara. Es ist nichts darauf zu antworten. Bringe deinen Brief also nur wieder zurück. Wenn mein Batcr durch mich unglücklich seyn muß; so will ich selbst auch unglücklich bleiben. Ganz allein ohne ihn unglücklich zu seyn, das ist es, was ich jetzt stündlich von dem Himmel bitte; glücklich aber ohne ihn ganz allein zu seyn, davon will ich durchaus nichts wissen. Vvaitroell. (etwas bey Seite) Zch glaube wahrhastig, ich werde das gute Kind hintergehen müssen, damit es den Brief doch nur liefet. Sara. Was sprichst du da für dich? U)aitrvell. Zch sage mir selbst, daß ich einen sehr ungeschickten Einfall gehabt hätte, Sie, Miß, zur Lesung des Briefes desto geschwinder zu vermögen. Sara. Wie so? Vvaitroell. Zch konnte so weit nicht denken. Sie überlegen freylich alles genauer, als es unser einer kann. Zch wollte Sie nicht erschrecken; der Brief ist vielleicht nur allzu hart; und wenn ich gesagt habe, daß nichts als Liebe und Vergebung darinn enthalten sey, so hätte ich sagen sollen, daß ich nichts als dieses darinn enthalten zu seyn wünschte. Sara. Zst das wahr? — Nun so gieb mir ihn her. Zch will ihn lesen. Wenn man den Zorn eines Vaters unglückli- Miß Sara Samvson. 41 cher Weise verdient hat, so muß man wenigstens gegen diesen väterlichen Zorn so viel Achtung haben, daß er ihn nach allen Gefallen gegen uns auslasscn kann. Ihn zu vereiteln suchen, heißt Beleidigungen mit Geringschätzung häufen. Zch werde ihn nach aller seiner Stärke empfinden. Du siehst, ich zittre schon — Aber ich soll auch zittern; und ich will lieber zittern, als weinen. — (sie erbricht den Brief) Nun ist er erbrochen! Zch bebe — Aber was seh ich? (sie liefet) „Einzige, gcliebtcstc Tochter!" — Ha! du alter Bctricgcr, ist das die Anrede eines zornigen Vaters? Geh, weiter werde ich nicht lesen-- Waltrvell. Ach, Miß, verzeihen Sie doch einem alten Knechte. Za gewiß, ich glaube es ist in meinem Leben das erstemal, daß ich mit Vorsatz betrogen habe. Wer einmal be- tricgt, Miß, und aus einer so guten Absicht betricgt, der ist ja deswegen noch kein alter Bctricgcr. Das geht mir nahe, Miß. Zch weiß wohl, die gute Absicht entschuldigt nicht immer, aber was konnte ich denn thun? Einem so guten Vater seinen Brief ungclcscn wieder zu bringen? Das kann ich nimmermehr. Eher will ich gehen, so weit mich meine alten Beine tragen, und ihm nie wieder vor die Augen kommen. Saw. Wie? auch du willst ihn verlassen? U)aitwell, Werde ich denn nicht müssen, wenn Sie den Brief nicht lesen? Lesen Sie ihn doch immer. Lassen Sie doch immer den ersten vorschlichen Betrug, den ich mir vorzuwerfen habe, nicht ohne gute Wirkung bleiben. Sie werden ihn desto eher vergessen, und ich werde mir ihn desto eher vergeben können. Ich bin ein gemeiner einfältiger Mann, der Zhncn Ihre Ursachen, warum Sie den Brief nicht lesen können, oder wollen, freylich so muß gelten lassen. Ob sie wahr sind, weiß ich nicht; aber so recht natürlich scheinen sie mir wenigstens nicht. Zch dächte nun so, Miß: ein Vater, dächte ich, ist doch immer ein Vater; und ein Kind kann wohl einmal fehlen, es bleibt deswegen doch ein gutes Kind. Wenn der Vater den Fehler verzeiht, so kann ja das Kind sich wohl wieder so aufführen, daß er auch gar nicht mehr daran denken darf. Und wer erinnert sich denn gern an etwas, wovon er lieber wünscht, es wäre gar nicht geschehen? Es ist, Miß, als ob Sie nur 42 Miß Sara Samvson. immer an Zhrcil Fehler dächten, und glaubten, es wäre genug, wenn Sie den in Ihrer Einbildung vergrösscrten, und sich selbst mit solchen vergrösscrten Vorstellungen marterten. Aber ich sollte meynen, Sie müßten auch daran denken, wie Sie das, was geschehen ist, wieder gut machten. Und wie wollen Sie es denn wieder gut machen, wenn Sie sich selbst alle Gelegenheit dazu benehmen? Kann es Ihnen denn sauer werden, den andern Schritt zu thun, wenn so ein lieber Vater schon den ersten gethan hat? Sara. Was für Schwerdter gehen aus deinem einfältigen Munde in mein Herz! — Eben das kann ich nicht aushalten, daß er den ersten Schritt thun muß. Und was willst du denn? Thut er denn nur den ersten Schritt? Er muß sie alle thun: ich kann ihm keinen entgegen thun. So weit ich mich von ihm entfernet, so weit muß er sich zu mir herablassen. Wenn er mir vcrgiebt, so muß er mein ganzes Verbrechen vergeben, und sich noch dazu gefallen lassen, die Folgen desselben vor seinen Augen fortdauern zu sehen. Ist das von einem Vater zu verlangen? Vvaitrvell. Ich weiß nicht, Miß, ob ich dieses so recht verstehe. Aber mich dcucht, Sie wollen sagen, er müsse Ihnen gar zu viel vergeben, und weil ihm das nicht anders als sehr sauer werden könne, so machten Sie sich ein Gewissen, seine Vergebung anzunehmen. Wenn Sie das meynen, so sagen Sie mir doch, ist denn nicht das Vergeben für ein gutes Herz ein Vergnügen? Ich bin in meinem Leben so glücklich nicht gewesen, daß ich dieses Vergnügen oft empfunden hätte. Aber der wenigen Male, die ich es empfunden habe, erinnere ich mich noch immer gern. Ich fühlte so etwas sanftes, so etwas beruhigendes, so etwas himmlisches dabey, daß ich mich nicht einbrechen konnte, an die große unüberschwenglichc Seligkeit Gottes zu denken, dessen ganze Erhaltung der elenden Menschen ein immerwährendes Vergeben ist. Ich wünschte mir, alle Augenblicke verzeihen zu können, und schämte mich, daß ich nur solche Kleinigkeiten zu verzeihen hatte. Recht schmerzhafte Beleidigungen, recht tödliche Kränkungen zu vergeben, sagt' ich zu mir selbst, muß eine Wollust seyn, in der die ganze Seele zer- Miß Sara Sampson. fließt. — Und nun, Miß, wollen Sie denn so eine große Wollust Ihrem Vater nicht gönnen? Sara. Ach! — Rede weiter, Waitwcll, rede weiter! Ulaitrvell. Ich weiß wohl, es giebt eine Art von Leuten, die nichts ungcrncr, als Vergebung annehmen, und zwar, weil sie keine zu erzeigen gelernt habe». Es sind stolze unbicgsamc Leute, die durchaus nicht gestehen wollen, daß sie unrecht gethan. Aber von der Art, Miß, sind Sie nicht. Sie haben das liebreichste und zärtlichste Herz, das die beste Ihres Geschlechts nur haben kann. Ihren Fehler bekennen Sie auch. Woran liegt es denn nun also noch? — Doch verzeihen Sie mir nur, Miß, ich bin ein alter Plauderer, und hätte es gleich merken sollen, daß Ihr Weigern nur eine rühmliche Bcsorgniß, nur eine tugendhafte Schüchternheit sey. Leute, die eine große Wohlthat gleich, ohne Bedenken, annehmen können, sind der Wohlthat selten würdig. Die sie am meisten verdienen, haben auch immer das meiste Mißtrauen gegen sich selbst. Doch muß das Mißtrauen nicht über sein Ziel getrieben werden. Sara. Lieber alter Vater, ich glaube du hast mich überredet. Maitrvell. Ach Gott! wenn ich so glücklich gewesen bin, so muß mir ein guter Geist haben reden helfen. Aber nein, Miß, meine Reden haben dabey nichts gethan, als daß sie Ihnen Zeit gelassen, selbst nachzudenken, und sich von einer so fröhlichen Bestürzung zu erholen. — Nicht wahr, nun werden Sie den Brief lesen? O! lesen Sie ihn doch gleich! Sara. Ich will es thun, Waitwcll. — Welche Bisse, welche Schmerzen werde ich fühlen! Ivailrvcll. Schmerzen, Miß, aber angenehme Schmerzen. Sara. Sey still! (sie fängt an vor sich zu lesen.) waitwell. (bey Seite) O! wenn er sie selbst sehen sollte! Sara- (nachdem sie einige Augenblicke gelesen) Ach Waitwcll, was für cin Vatcr! Er ncnnt mcinc Flucht cinc Abwesenheit. Wie viel sträflicher wird sie durch dieses gelinde Wort! (sie liefet weiter und unterbricht sich wieder) Höre doch! er schmeichelt sich, ich würde ihn noch lieben. Er schmeichelt sich! (liefet und unterbricht sich) Er bittet mich — Er bittet mich? Ein Vatcr seine Tochter? seine strafbare Tochtcr? Und was bittet er mich 44 Miß Sara Sampson. denn? — (liefet vor sich) Er bittet mich, seine übereilte Strenge zu vergessen, und ihn mit meiner Entfernung nicht länger zu strafen. Ucbcrcilte Strenge! — Zu strafen! — (liefet wieder und unterbricht sich) Noch mehr! Nun dankt er mir gar, und dankt mir, daß ich ihm Gelegenheit gegeben, den ganzen Umfang der väterlichen Liebe kennen zu lernen. Unselige Gelegenheit! Wenn er doch nur auch sagte, daß sie ihm zugleich den ganzen Umfang des kindlichen Ungehorsams habe kennen lernen! (sie liefet wieder) Nein, er sagt es nicht! Er gedenkt meines Verbrechens nicht mit einem Buchstaben. (Sie fährt weiter fort vor sich zu lesen.) Er will kommen, und seine Kinder selbst zurückholen. Seine Kinder, Waitwcll! Das geht über alles! — Hab' ich auch recht gelesen? (Sie liefet wieder vor sich.) — Ich mochte vergehen! Er sagt, derjenige verdiene nur allzu wohl sein Sohn zu seyn, ohne welchen er keine Tochter haben könne. — O! hätte er sie nie gehabt, diese unglückliche Tochter! — Geh, Waitwcll, laß mich allein! Er verlangt eine Antwort, und ich will sie sogleich machen. Frag' in einer Stunde wieder nach. Zch danke dir unterdessen für deine Mühe. Du bist ein rechtschaffner Mann. Es sind wenig Diener die Freunde ihrer Herren! VVaitrvell. Beschämen Sie mich nicht, Miß. Wenn alle Herren Sir Williams wären, so müßten die Diener Unmenschen seyn, wenn sie nicht ihr Leben für sie lassen wollten. (geht ab.) Vierter Auftritt. Sara. (Sie setzet sich zum schreiben nieder.) Wenn man mir es vor Zahr und Tag gesagt hätte, daß ich auf einen solchen Brief würde antworten müssen! Und unter solchen Umständen! — Za, die Feder hab' ich in der Hand. — Weiß ich aber auch schon, was ich schreiben soll? Was ich denke; was ich empfinde. — Und was denkt man denn, wenn sich in einem Augenblicke tausend Gedanken durchkreuzen? Und was empfindet man denn, wenn das Herz, vor lauter Empfinden, in einer ticsen Betäubung liegt? — Zch muß doch schreiben — Zch führe ja die Feder nicht das erste Mal. Nachdem sie mir schon so manche Miß Sara Sampson. kleine Dienste der Höflichkeit und Freundschaft abstatten helfen: sollte mir ihre Hülfe wohl bey dem wichtigsten Dienste entstehen? — (sie denkt ein wenig nach, und schreibt darauf einige Zeilen.) Das soll der Anfang seyn? Ein sehr frostiger Anfang. Und werde ich denn bey seiner Liebe anfangen wollen? Ich nmß bey meinem Verbrechen anfangen, (sie streicht aus und schreibt anders.) Daß ich mich ja nicht zu oben hin davon ausdrücke? — Das Schämen kann überall an seiner rechten Stelle seyn, nur bey dem Bekenntnisse unserer Fehler nicht. Ich darf mich nicht fürchten, in Uebertreibungen zu gerathen, wenn ich auch schon die gräßlichsten Züge anwende. — Ach! warum muß ich nun gestört werden? Fünfter Auftritt. Marrvood. Mellefont. Sara. Mellefont- Liebste Miß, ich habe die Ehre, Ihnen Lady Solmcs vorzustellen, welche eine von denen Personen in meiner Familie ist, welchen ich mich am meisten verpflichtet erkenne. Marrvood. Ich muß um Vergebung bitten, Miß, daß ich so frey bin, mich mit meinen eignen Augen von dem Glücke eines Vetters zu überführen, dem ich das vollkommenste Frauenzimmer wünschen würde, wenn mich nicht gleich der erste Anblick überzeugt hätte, daß cr es in Ihnen bereits gefunden habe. Sara. Sie erzeigen mir allzuviel Ehre, Lady. Eine Schmeichelet), wie diese, würde mich zu allen Zeiten beschämt haben; ißt aber, sollte ich sie fast für einen versteckten Vorwurf annehmen, wenn ich Lady Solmcs nicht für viel zu großmüthig hielte, ihre Uebcrlcgcnhcit an Tugend und Klugheit eine Unglückliche fühlen zu lassen. Marrvood. (kalt) Ich würde untröstlich seyn, Miß, wenn Sie mir andre, als die freundschaftlichsten Gesinnungen, zutrauten. — (bey Seite) Sie ist schön! Mellefont. Und wäre es denn auch möglich, Lady, gegen so viel Schönheit, gegen so viel Bescheidenheit gleichgültig zu bleiben? Man sagt zwar, daß einem reizenden Frauenzimmer selten von einem andern Gerechtigkeit erwiesen werde; allein dieses ist aus der einen Seite nur von denen, die auf ihre Vor- Miß Sara Sampson. zügc allzu eitel sind, und auf der andern nur von solchen zu verstehen, welche sich selbst keiner Vorzüge bewußt sind. Wie weit sind Sie beide von diesem Falle entfernt! — (zur Marwood, welche i>i Gedanken steht) Ist es nicht wahr, Lady, daß meine Liebe nichts weniger, als parthcyisch, gewesen ist? Ist es nicht wahr, daß ich Ihnen zum Lobe meiner Miß viel, aber noch lange nicht so viel gesagt habe, als Sie selbst finden? — Aber warum so in Gedanken? — (sachte zu ihr) Sie vergessen, wer Sie seyn' wollen. XNarrvood. Darf ich es sagen? — Die Bewunderung Ihrer liebsten Miß führte mich aus die Betrachtung ihres Schicksals. Es gicng mir nahe, daß sie die Früchte ihrer Liebe nicht in ihrem Vatcrlandc genießen soll. Ich erinnerte mich, daß sie einen Vater, und wie man mir gesagt hat, einen sehr zärtlichen Vater verlassen mußte, um die Ihrige seyn zu können; und ich konnte mich nicht enthalten, ihre Aussöhnung mit ihm zu wünschen. Sara. Ach! Lady, wie sehr bin ich Ihnen für diesen Wunsch verbunden. Er verdient cs, daß ich meine ganze Freude mit Ihnen theile. Sie können cs noch nicht wissen, Mcllcfont, daß er erfüllt wurde, ehe Lady die Liebe für uns hatte, ihn zu thun. XNcllcfont, Wie verstehen Sie dieses, Miß? Marwood. (bcv Seite) Was will das sagen? Sara. Eben ißt habe ich einen Brief von meinem Vater erhalten. Waitwcll brachte mir ihn. Ach, Mcllcfont, welch ein Brief! Mellefont. Geschwind reißen Sie mich aus meiner Ungewißheit. Was hab' ich zu fürchten? Was habe ich zu hoffen? Ist cr noch dcr Vater, den wir flohen? Und wenn er cs noch ist, wird Sara die Tochter seyn, die mich zärtlich genug liebt, um ihn noch weiter zu fliehen? Ach! hätte ich Ihnen gefolgt, liebste Miß, so wären wir jetzt durch ein Band verknüpft, das man aus eigensinnigen Absichten zu trennen wohl unterlassen müßte. In diesem Augenblick empfinde ich alles das Unglück, das unser entdeckter Aufenthalt für mich nach sich ziehen kann. — Er wird kommen, und Sie aus mcincn Armen reißen. — Miß Sara Sampson. 47 Wie hasse ich den Nichtswürdigcn, der lins ihm verrathen hat! (mit cincm zornigen Blickegegen die Marwood.) Sara. Liebster Mcllcfont, wie schmeichelhaft ist diese Ihre Unruhe für mich! Und wie glücklich sind wir beyde, daß sie vergebens ist! Lesen Sie hier seinen Brief. — (gegen die Marwood, indem Mellcfvnt den Brief vor sich liefet) Lady, er wird Über die Liebe meines Vaters erstaunen. Meines Vaters? Ach! er ist nun auch der scinigc. XNarwood- (betroffen) Ist es möglich? Sara. Za wohl, Lady, haben Sie Ursache, diese Veränderung zu bewundern. Er vcrgicbt uns alles; wir werden lins mm vor seinen Augen lieben; er erlaubt es uns; er befiehlt es uns. — Wie hat diese Gütigkcit meine ganze Seele durchdrungen! — Nun, Mcllcsont? (der ihr den Brief wieder giebt) Sie schweigen? O nein, diese Thräne, die sich ans Ihrem Auge schleicht, sagt weit mehr, als Ihr Mund ausdrücken könnte. XNarrvood. (bey Seite) Wie sehr habe ich mir selbst geschadet! Ich Unvorsichtige! Sara. O! lassen Sie mich diese Thräne von Ihrer Wange küssen! Mellefonr. Ach Miß, warum haben wir so einen göttlichen Mann betrüben müssen? Za wohl, einen göttlichen Mann: denn was ist göttlicher, als vergeben? — Hätten wir uns diesen glücklichen Ausgang nur als möglich vorstellen können: gewiß, so wollten wir ihn jetzt so gewaltsamen Mitteln nicht zu verdanken haben; wir wollten ihn allein unsern Bitten zu verdanken haben. Welche Glückseligkeit wartet auf mich! Wie schmerzlich wird mir aber auch die eigne Ueberzeugung seyn, daß ich dieser Glückseligkeit so unwcrth bin! Marwood. (bey Seite) Und das muß ich mit anhören! Sara- Wie vollkommen rechtfertigen Sie, durch solche Gesinnungen, meine Liebe gegen Sie. Marrvood. (bey Seite) Was für Zwang muß ich mir anthun! Sara. Auch Sie, vortreffliche Lady, müssen den Brief meines Vaters lesen. Sie scheinen allzu viel Antheil an nn- 48 Miß Sara Sampson. senn Schicksale zu nehmen, als daß Ihnen sein Inhalt gleichgültig seyn könnte. XNarroooS. Mir gleichgültig, Miß? (sie nimmt den Brief) Sara. Aber, Lady, Sie scheinen noch immer sehr nachdenkend, sehr traurig. — — Marwood. Nachdenkend, Miß, aber nicht traurig. tNellefont. (bcv Seite) Himmel! wo sie sich verräth! Sara. Und warum denn? MarrvooS. Ich zittere für Sie beyde. Könnte diese un- vcrmuthctc Güte Ihres Vaters nicht eine Verstellung seyn? eine List? Sara- Gewiß nicht, Lady, gewiß nicht. Lesen Sie nur, und Sie werden es selbst gestehen. Die Verstellung bleibt immer kalt, und eine so zärtliche Sprache ist in ihrem Vermögen nicht. (Marwood licstt vor sich) Werden Sie nicht argwöhnisch, Mcllcfont; ich bitte Sie. Ich stehe Ihnen dafür, daß mein Vater sich zu keiner List herablassen kann. Er sagt nichts, was er nicht denkt, und Falschheit ist ihm ein unbekanntes Laster. XNellefont. O! davon bin ich vollkommen überzeugt, liebste Miß. — Man muß der Lady den Verdacht vergeben, weil sie den Mann noch nicht kennt, den er trifft. Sara, (indem ihr Marwood den Brief zurück giebt) Was seh' ich, Lady? Sie haben sich entfärbt? Sie zittern? Was fehlt Ihnen? Mcllefont. (bey Seite) In welcher Angst bin ich! Warum habe ich sie auch hergebracht? Marrvood. Es ist nichts, Miß, als ein kleiner Schwindel, welcher vorübcrgehn wird. Die Nachtluft muß mir auf der Reise nicht bekommen seyn. XNellefonr. Sie erschrecken mich, Lady — Ist es Ihnen nicht gefällig, frische Luft zu schöpfen? Man erholt sich in einem vcrschloßncn Zimmer nicht so leicht. Marrvood. Wann Sie meynen, so reichen Sie mir Ihren Arm. Sara. Ich werde Sie begleiten, Lady. Marrvood. Ich verbitte diese Höflichkeit, Miß. Meine Schwachheit wird ohne Folgen seyn. Sara. So hoffe ich denn, Lady bald wieder zu sehen. Miß Sara Sampson. 49 XNarroood. Wenn Sie erlauben, Miß — (Mellefont führt sie ab.) Sara, (allein) Die arme Lady! — Sie scheinet die freundschaftlichste Person zwar nicht zu seyn; aber mürrisch und stolz scheinet sie doch auch nicht. — Ich bin wieder allein. Kann ich die wenigen Augenblicke, die ich es vielleicht seyn werde, zu etwas besscrm als zur Vollendung meiner Antwort anwenden? (sie will sich niedersetzen zu schreiben.) Sechster Austritt. Betty. Sara. Zöetty. Das war ja wohl ein sehr kurzer Besuch. Sara. Za, Bctty. Es ist Lady Solmcs; eine Anverwandte meines Mellefont. Es wandelte ihr gähling eine kleine Schwachheit an. Wo ist sie jetzt? Detty. Mellefont hat sie bis an die Thüre begleitet. Sara. So ist sie ja wohl wieder fort? Dett/. Ich vermuthe es. — Aber je mehr ich Sie ansehe, Miß — Sie müssen mir meine Freyheit verzeihen — je mehr finde ich Sie verändert. Es ist etwas ruhiges, etwas zusricd- ncs in Ihren Blicken. Lady muß ein sehr angenehmer Besuch, oder der alte Mann ein sehr angenehmer Bote gewesen seyn. Sara. Das letzte, Bctty, das letzte. Er kam von meinem Vater. Was für einen zärtlichen Brief will ich dich lesen lassen! Dein gutes Herz hat so oft mit mir geweint, nun soll es sich auch mit mir freuen. Ich werde wieder glücklich seyn, und dich für deine guten Dienste belohnen können. Betty. Was habe ich Ihnen in kurzen neun Wochen für Dienste leisten können? Sara. Du hättest mir ihrer in meinem ganzen andern Leben nicht mehrere leisten können, als in diesen neun Wochen. — Sie sind vorüber! — Komm nur itzt, Bctty; weil Mellefont vielleicht wicdcr allein ist, so muß ich ihn noch sprechen. Ich bekomme eben den Einfall, daß es sehr gut seyn würde, wenn er zugleich mit mir an meinen Vater schriebe, dem seine Danksagung schwerlich unerwartet sein dürfte. Komm! (Sie zehrn ab.) eessings Werke il. 4 Miß «cira Sampson. Siebenter Austritt. Der Saal. Sir William Sampson. Waitwcll. Sir William- Was für Balsam, Waitwcll, hast du mir durch deine Erzählung in mein verwundetes Herz gegossen! Zch lebe wieder neu auf; und ihre herannahende Rückkehr scheint mich eben so weit zu meiner Jugend wieder zurück zu bringen, als mich ihre Flucht näher zu dem Grabe gebracht hatte. Sie liebt mich noch! Was will ich mehr? — Geh ja bald wieder zu ihr, Waitwcll. Zch kann den Augenblick nicht erwarten, da ich sie aufs neue in diese Arme schließen soll, die ich so sehnlich gegen den Tod ausgestreckt hatte. Wie erwünscht wäre er mir in den Augenblicken meines Kummers gewesen! Und wie fürchterlich wird er mir in meinem neuen Glücke seyn! Ein Alter ist ohne Zweifel zu tadeln, wenn er die Bande, die ihn noch mit der Welt verbinden, so fest wieder zuziehet. Die endliche Trennung wird desto schmerzlicher. — Doch der Gott, der sich jetzt so gnädig gegen mich erzeigt, wird mir auch diese überstehen helfen. Sollte er mir wohl eine Wohlthat erweisen, um sie mir zuletzt zu meinem Verderben gereichen zu lassen? Sollte er mir eine Tochter wiedergeben, damit ich über seine Abfordc- rung aus diesem Leben murren müsse? Nein, nein; er schenkt mir sie wieder, um in der letzten Stunde nur um mich selbst besorgt seyn zu dürfen. Dank sey dir, ewige Güte! Wie schwach ist der Dank eines sterblichen Mundes! Doch bald, bald werde ich, in einer ihm geweihten Ewigkeit, ihm würdiger danken können. lvaitwell. Wie herzlich vergnügt es mich, Sir, Sie vor meinem Ende wieder zufrieden zu wissen! Glauben Sie mir es nur, ich habe fast so viel bey Ihrem Zammcr ausgestanden, als Sie selbst. Fast so viel; gar so viel nicht: denn der Schmerz eines Vaters mag wohl bey solchen Gelegenheiten unaussprechlich seyn. Sir William. Betrachte dich von nun an, mein guter Waitwcll, nicht mehr als meinen Diener. Du hast es schon längst um mich verdient, ein anständiger Alter zu genießen. Zch will dir es auch schaffen, und du sollst es nicht schlechter Miß Sara Sauipson. .'>1 haben, als ich es noch in der Welt haben werde. Ich will allen Unterschied zwischen uns aufheben; in jener Welt, weißt du wohl, ist er ohncdieß aufgehoben. — Nur dasmal sey noch der alte Diener, auf den ich mich nie umsonst verlassen habe. Geh, und gieb Acht, daß du mir ihre Antwort sogleich bringen kannst, als sie fertig ist. IVaitrocll. Ich gehe, Sir. Aber so ein Gang ist kein Dienst, den ich Ihnen thue. Er ist eine Belohnung, die Sie mir für meine Dienste gönnen. Za gewiß, das ist er. (Sie gehen auf verschiedenen Seiten ab.) Vierter Aufzug. Erster Auftritt. Mcllcfonts Zimmer. Mellefont. Sara. Mellefont. Za, liebste Miß, ja; das will ich thun; das muß ich thun. Sara. Wie vergnügt machen Sie mich! Mellefont. Zch bin es allein, der das ganze Verbrechen auf sich nehmen muß. Zch allein bin schuldig; ich allein muß um Vergebung bitten. Sara. Nein, Mellefont, nehmen Sie mir den grossem Antheil, den ich an unserm Vergehen habe, nicht. Er ist mir theuer, so strafbar er auch ist: denn er muß Sie überzeugt haben, daß ich meinen Mellefont über alles in der Welt liebe. — Aber ist es denn gewiß wahr, daß ich nunmehr diese Liebe mit der Liebe gegen meinen Vater verbinden darf? Oder befinde ich mich in einem angenehmen Traume? Wie fürchte ich mich, ihn zu verlieren, und in meinem alten Zammer zu erwachen! — Doch nein, ich bin nicht bloß in einem Traume, ich bin wirklich glücklicher, als ich jemals zu werden hoffen durfte; glücklicher, als es vielleicht dieses kurze Leben zuläßt. Vielleicht erscheint mir dieser Strahl von Glückseligkeit nur darum von ferne, und scheinet mir nur darum so schmeichelhaft 4° Miß Sara Sampson. näher zu komme», damit er auf einmal wieder in die dickste Finsterniß zerfließe, und mich auf einmal in einer Nacht lasse, deren Schrccklichkcit mir durch diese kurze Erleuchtung erst recht fühlbar geworden. — Was für Ahnungen quälen mich! — Sind es wirklich Ahnungen, Mcllcfont, oder sind es gewöhnliche Empfindungen, die von der Erwartung eines unverdienten Glucks, und von der Furcht, es zu verlieren, unzertrennlich sind? — Wie schlägt mir das Herz, und wie unordentlich schlägt es? Wie stark itzt, wie geschwind! — Und nun, wie matt, wie bange, wie zitternd! — Itzt eilt es wieder, als ob es die letzten Schläge wären, die es gern recht schnell hinter einander thun wollte. Armes Herz! Mellefont. Die Wallungen des Geblüts, welche plötzliche Überraschungen nicht anders als verursachen können, werden sich legen, Miß, und das Herz wird seine Verrichtungen ruhiger fortsetzen. Keiner seiner Schlage zielet auf das Zukünftige; und wir sind zu tadeln, — verzeihen Sie, liebste Sara, — wenn wir des Bluts mechanische Drückungen zu fürchterlichen Propheten machen. — Deswegen aber will ich nichts untcrlasscn, was Sie selbst zur Besänftigung dieses kleinen innerlichen Sturms für dienlich halten. Ich will so gleich schreiben, und Sir William, hoffe ich, soll mit den Bcthcurungcn meiner Reue, mit den Ausdrückungen meines gerührten Herzens, und mit den Angclobungcn des zärtlichsten Gehorsams zufrieden seyn. Sara. Sir William? Ach Mcllcfont, fangen Sie doch nun an, sich an einen weit zärtlichern Namen zu gewöhnen. Mein Vater, Ihr Vater, Mcllcfont-- Mellefonc. Nun ja, Miß, unser gütiger, unser bester Vater! — Ich mußte sehr jung aufhören, diesen süßen Namen zu nennen, sehr jung mußte ich den eben so süßen Namen, Mutter, verlernen — Sara, Sie haben ihn verlernt, und mir — mir ward es so gut nicht, ihn nur einmal sprechen zu können. Mein Leben war ihr Tod. — Gott! ich ward eine Muttermördcrinn wider mein Verschulden. Und wie viel fehlte — wie wenig, wie nichts fehlte — so wäre ich auch eine Natermördcrinn geworden! Aber nicht ohne mein Verschulden; eine vorsctzliche Vater- Miß Sara Sampson. 63 Mörderinn! — Und wer weiß, ob ich es nicht schon bin? Die Jahre, die Tage, die Augenblicke, die er geschwinder zu seinem Ziele kömmt, als er ohne die Betrübniß, die ich ihm verursacht, gekommen wäre — diese hab' ich ihm, — ich habe sie ihm geraubt. Wenn ihn sein Schicksal auch noch so alt und Lcbcnssatt sterben läßt, so wird mein Gewissen doch nichts gegen den Norwnrf sichern können, daß er ohne mich vielleicht noch spater gestorben wäre. Trauriger Norwurf, den ich mir ohne Zweifel nicht machen dürfte, wenn eine zärtliche Mutter die Führcrinn meiner Jugend gewesen wäre! Ihre Lehren, ihr Exempel würden mein Herz — So zärtlich blicken sie mich an, Mellcfont? Sie haben Recht; eine Mutter würde mich vielleicht mit lauter Liebe tyrannisirt haben, und ich würde Mcllcfonts nicht seyn. Warum wünsche ich mir denn also das, was mir das weisere Schicksal nur aus Güte versagte? Seine Fügungen sind immer die besten. Lassen Sie uns nur das recht brauchen, was es uns schenkt: einen Bater, der mich noch nie nach einer Mutter seufzen lassen; einen Vater, der auch Sie ungcnos- scnc Acltcrn will vergessen lehren. Welche schmeichelhafte Vorstellung! Ich verliebe mich selbst darein, und vergesse es fast, daß in dem Innersten sich noch etwas regt, das ihm keinen Glauben bcymcsscn will. — Was ist es, dieses rebellische Etwas? Mellefont. Dieses Etwas, liebste Sara, wie Sie schon selbst gesagt haben, ist die natürliche furchtsame Schwierigkeit, sich in ein großes Glück zu finden. — Ach, ihr Herz machte weniger Bedenken, sich unglücklich zu glauben, als es jetzt, zu seiner eignen Pein, macht, sich für glücklich zu halten! — Aber wie dem, der in einer schnellen Kreisbewegung drehend geworden, auch da noch, wenn er schon wieder still sitzt, die äußern Gegenstände mit ihm herum zu gehen scheinen: so wird auch das Herz, das zu heftig erschüttert worden, nicht auf einmal wieder ruhig. Es bleibt eine zitternde Bcbung oft noch lange zurück, die wir ihrer eignen Abschwächung überlassen müssen. Sara. Zch glaube es, Mcllcfont, ich glaube es: weil Sie es sagen; weil ich es wünsche. — Aber lassen Sie uns einer den andern nicht länger aufhalten. Zch will gehen, und mci- 64 Miß Sara Sampson. ncn Brief vollenden. Ich darf doch auch den Ihrigen lesen, wenn ich Ihnen den mcinigcn werde gezeigt haben? XNellefonr. Jedes Wort soll Ihrer Beurtheilung unterworfen seyn; nur das nicht, was ich zu Ihrer Rettung sagen muß: denn ich weiß es, Sie halten sich nicht für so unschuldig, als Sie sind, (indem er die Sara bis an die Scene begleitet.) Zweyter Austritt. Mellefonr. (Nachdem er einigemal tiefsinnig ans und niedergegangen) Was für ein Räthsel bin ich mir selbst! Wofür soll ich mich halten? Für einen Thoren? oder für einen Böscwicht? — oder für beides? — Herz, was für ein Schalk bist du! — Ich liebe den Engel, so ein Teufel ich auch seyn mag. — Ich lieb' ihn? Ja, gewiß, gewiß ich lieb' ihn. Ich weiß, ich wollte tausend Leben für sie aufopfern, für sie, die mir ihre Tugend aufgeopfert hat! Ich wollt' es; jetzt gleich ohne Anstand wollt' ich es — Und doch, doch — Ich erschrecke, mir es selbst zu sagen — Und doch — Wie soll ich es begreifen? — Und doch fürchte ich mich vor dem Augenblicke, der sie aus ewig, vordem Angcsichte der Welt, zu der mcinigcn machen wird. — Er ist nun nicht zu vermeiden; denn der Vater ist versöhnt. Auch weit hinaus werde ich ihn nicht schieben können. Die Verzögerung desselben hat mir schon schmerzhafte Vorwürfe genug zugezogen. So schmerzhaft sie aber waren, so waren sie mir doch erträglicher, als der melancholische Gedanke, auf Zeit Lebens gefesselt zu seyn. — Aber bin ich es denn nicht schon? — Ich bin es freylich, und bin es mit Vergnügen. — Freylich bin ich schon ihr Gefangener. — Was will ich also? — Das! — Ztzt bin ich ein Gefangener, den man auf sein Wort frey herum gehen läßt: das schmeichelt! Warum kann es dabey nicht sein Bewenden haben? Warum muß ich cingcschmiedct werden, und auch so gar dcn elenden Schatten der Freyheit cntbchrcn? — Eingcschmicdct? Nichts anders! — Sara Sampson, meine Geliebte! Wie viel Seligkeiten liegen in diesen Worten! Sara Sampson, meine Ehegattinn! — Die Hälfte dieser Seligkeiten ist verschwunden! und die andre Hälfte — wird verschwinden. — Miß Sara Sampson. .1,', Zch Ungeheuer! — Und bey diesen Gesinnungen soll ich an ihren Barer schreiben? — Doch es sind keine Gesinnungen; cs sind Einbildungen! Vcrmalcdcyte Einbildungen, die mir durch ein zügelloses Leben so natürlich geworden! Zch will ihrer los werden, oder — nicht leben. Dritter Austritt. Norton Mellefont. Mellefont. Du störest mich, Norton! Norton. Verzeihen Sie also mein Herr — (indem er wieder zurück gehe» will.) Mellefont. Nein, nein, bleib da. Es ist eben so gut, daß du mich störest. Was willst du? Norton. Zch habe von Bctty eine sehr freudige Neuigkeit gehört, und ich komme Ihnen dazu Glück zu wünschen. Mellefont. Zur Versöhnung des Vaters doch wohl? Zch danke dir. Norron. Der Himmel will Sie also noch glücklich machen. Mellefont. Wenn er es will — du siehst, Norton, ich lasse mir Gerechtigkeit wicdcrfahren — so will er cs meinetwegen gewiß nicht. Norton. Nein, wenn Sie dieses erkennen, so will er es auch Zhrctwegcn. Mellefont. Meiner Sara wegen, einzig und allein meiner Sara wegen. Wollte seine schon gerüstete Rache eine ganze sündige Stadt, weniger Gerechten wegen, verschonen: so kann er ja wohl auch einen Verbrecher dulden, wenn eine ihm gefällige Seele an dem Schicksale desselben Antheil nimmt. Norton. Sie sprechen sehr ernsthaft und rührend. Aber drückt sich die Freude nicht etwas anders aus? Mellefont. Die Freude, Norton? Sie ist nun für mich dahin. Norton. Darf ich frey reden? (indem er ihn scharf ansicln.) Mellefont. Du darfst. Norton- Der Vorwurf, den ich an dem heutigen Morgen von Ihnen hören mußte, daß ich mich Zhrer Verbrechen theil- A ' « ^ 56 Miß Sara Sampson. haftig gemacht, weil ich dazu geschwiegen, mag mich bey Ihnen entschuldigen, wenn ich von nun an seltner schweige Mellefont- Nur vergiß nicht wer du bist. Norton. Zch will es nicht vergessen, daß ich ein Bedienter bin: ein Bedienter, der auch etwas bcssers seyn könnte, wenn er, leider! darnach gelebt hatte. Zch bin Ihr Bedienter, ja; aber nicht aus dem Fuße, daß ich mich gern mit Zhncn möchte verdammen lassen. XNellefonr- Mit mir? Und warum sagst du das itzt? Norton. Weil ich nicht wenig erstaune, Sie anders zu finden, als ich mir vorstellte. Mellefont. Willst du mich nicht wissen lassen, was du dir vorstelltest? Norton. Sie in lauter Entzückung zu finden. XNellefont. Nur der Pöbel wird gleich außer sich gebracht, wenn ihn das Glück einmal anlächelt. Norton. Vielleicht, weil der Pöbel noch sein Gefühl hat, das bey Vornchmcrn durch tausend unnatürliche Vorstellungen verderbt und geschwächt wird. Allein in Ihrem Gesichte ist noch etwas anders als Mäßigung zu lesen. Kaltsinn, Unent- schlosscnheit, Widerwille.-- ZNellcfont. Und wenn auch? Hast du es vergessen, wer noch außer der Sara hier ist? Die Gegenwart der Marwood-- Norton. Könnte Sie wohl besorgt, aber nicht niedergeschlagen machen. — Sie beunruhiget etwas anders. Und ich will mich gern gcirrct haben, wenn Sie es nicht lieber gesehen hätten, der Vater wäre noch nicht versöhnt. Die Aussicht in einen Stand, der sich so wenig zu ihrer Dcnkungsart schickt — XNellefont. Norton! Norton! du mußt ein erschrecklicher Böscwicht, entweder gewesen seyn, oder noch seyn, daß du mich so errathen kannst. Weil du es getroffen hast, so will ich es nicht leugnen. Es ist wahr; so gewiß eS ist, daß ich meine Sara ewig lieben werde: so wenig will es mir ein, daß ich sie ewig lieben soll, — Soll! — Aber besorge nichts; ich will über diese närrische Grille siegen. Oder mcynst du nicht, daß es eine Grille ist? Wer heißt mich, die Ehe als einen Zwang i ) i Miß Sara Sampson. 57 ansehen? Zch wünsche es mir ja nicht, freyer zu seyn, als sie mich lassen wird. Norton. Diese Betrachtungen sind sehr gut. Aber Marwood, Marwood wird Ihren alten Vorurthcilen zu Hülfe kommen, und ich fürchte, ich fürchte-- Mellefonr. WaS nie geschehen wird. Du sollst sie noch heute nach London zurückreisen sehen. Da ich dir meine geheimste — Narrhcit will ich cS nur unterdessen nennen — gestanden habe, so darf ich dir auch nicht verbergen, daß ich die Marwood in solche Furcht gejagt habe, daß sie sich durchaus nach meinem geringsten Winke bequemen muß. Norton. Sie sagen mir etwas unglaubliches. Mellcfont. Sieh, dieses Mördcrciscn riß ich ihr aus der Hand, (er zeigt ihm den Dolch, den er der Marwood genommen) als sie mir in der schrecklichsten Wut das Herz damit durchstoßen wollte. Glaubst du es nun bald, daß ich ihr festen Obstand gehalten habe? Anfangs zwar fehlte es nicht viel, sie hätte mir ihre Schlinge wieder um den Hals geworfen. Die Vcr- räthcrinn hat Arabcllcn bey sich. Norton. Arabellcn? Mellefont. Zch habe es noch nicht untersuchen können, durch welche List sie das Kind wieder in ihre Hände bekommen. Genug, der Erfolg fiel für sie nicht so aus, als sie es ohne Zweifel gehofft hatte. Norron. Erlauben Sie, daß ich mich über Ihre Sündhaftigkeit freuen, und Zhre Besserung schon für halb geborgen halten darf. Allein — da Sie mich doch alles wollen wissen lassen — was hat sie unter dem Namen der Lady Solmcs hier gesollt? Mellcfont. Sie wollte ihre Nebenbuhlerinn mit aller Gewalt sehen. Zch willigte in ihr Verlangen, theils aus Nachsicht, theils aus Ucbereilung, theils aus Begierde, sie durch den Anblick der besten ihres Geschlechts zu demüthigen. — Du schüttelst den Kopf, Norton?-- Norton. Das hätte ich nicht gewagt. Mellefont. Gewagt? Eigentlich wagte ich nichts mehr dabey; als ich im Falle der Weigerung gewagt hätte. Sie würde Miß ^ara Sampson. als Marwood vorzukommen gesucht haben; und das schlimmste, was bey ihrem unbekannten Besuche zu besorgen steht, ist nichts schlimm crS. Norton. Danken Sie dem Himmel, daß es so ruhig abgelaufen. Mellefont. Es ist noch nicht ganz vorbey, Norton. Es stieß ihr eine kleine Unbäßlichkcit zu, daß sie sich, ohne Abschied zu nehmen, wcgbcgcbcn mußte. Sie will wiederkommen. — Mag sie doch! Die Wespe, die den Stachel verloren hat, (indem er auf den Dolch weiset, den er wieder in den Busen steckt,) kann doch weiter nichts, als summen. Aber auch das Summen soll ihr theuer werden, wenn sie zu übcrlästig damit wird. — Hör' ich nicht jemand kommen? Verlaß mich, wenn Sie es ist. — Sie ist es. Geh! (Norton geht ab.) Vierter Austritt. Mellefont- Marwood. Marwood. Sie sehen mich ohne Zweifel sehr ungern wiederkommen. Mcllefont- Ich sehe es sehr gern, Marwood, daß Ihre Unbäßlichkcit ohne Folgen gewesen ist. Sie befinden sich doch besser? Marwood. So, so: Mcllefont. Sie haben also nicht wohl gethan, sich wieder hierher zu bemühen. Marwood. Zch danke Ihnen, Mcllefont, wenn Sie dieses aus Vorsorge für mich sagen. Und ich nehme es Ihnen nicht übel, wenn Sie etwas anders damit meynen. Mcllefont. Es ist mir angenehm, Sie so ruhig zu sehen. Marwood. Der Sturm ist vorüber. Vergessen Sie ihn, bitte ich nochmals. MeUefont- Vergessen Sie nur Ihr Versprechen nicht, Marwood, und ich will gern alles vergessen. — Aber, wenn ich wüßte, daß Sie es für keine Beleidigung annehmen wollten, so möchte ich wohl fragen-- Marwood. Fragen Sie nur, Mcllesont. Sie können mich nicht mehr beleidigen. — Was wollten Sie fragen? Miß Sara Sampson. 5.9 XNellefonr. Wie ihnen meine Miß gefallen habe? Marwood. Die Frage ist natürlich. Meine Antwort wird so natürlich nicht scheinen, aber sie ist gleichwohl nichts weniger wahr. — Sie hat mir sehr wohl gefallen. Mcllefont. Diese Unpartcylichkcit entzückt mich. Aber wär' cs auch möglich, daß der, welcher die Reize einer Marwood zu schätzen wußte, eine schlechte Wahl treffen könnte? Marwood. Mit dieser Schmeichelet), Mellcsont, wenn eS anders eine ist, hätten Sie mich verschonen sollen. Sie will sich mit meinem Vorsatze, Sie zu vergessen, nicht vertragen. Mellefont. Sie wollen doch nicht, daß ich Ihnen diesen Vorsatz durch Grobheiten erleichtern soll? Lassen Sie unsere Trennung nicht von der gemeinen Art seyn. Lassen Sie uns mit einander brechen, wie Leute von Vernunft, die der Nothwendigkeit weichen. Ohne Bitterkeit, ohne Groll und mit Bcy- bchaltung eines Grades von Hochachtung, wie er sich zu unserer ehmaligcn Vertraulichkeit schickt. Marwood. Ehmaligcn Vertraulichkeit? — Ich will nicht daran erinnert seyn. Nichts mehr davon! Was geschehen muß, muß geschehen; und cs kömmt wenig auf die Art an, mit welcher cs geschieht. — Aber ein Wort noch von Arabellcn. Sie wollen mir sie nicht lassen? Mellefont. Nein Marwood. Marwood. Es ist grausam, da Sie ihr Vater nicht bleiben können, daß Sie ihr auch die Mutter nehmen wollen. Mcllefonr. Ich kann ihr Vater bleiben; und will cs auch bleiben. Marwood. So beweisen Sie es gleich itzt. Mellefont. Wie? Marwood. Erlauben Sie, daß Arabella die Reichthümer, welche ich von Zhnen in Verwahrung habe, als ihr Vatcrtheil besitzen darf. Was ihr Muttcrtheil anbelangt, so wollte ich wohl wünschen, daß ich ihr ein bcssres lassen könnte, als die Schande, von mir geboren zu seyn. Mellefont. Reden Sie nicht so. — Ich will für Arabellcn sorgcn, ohne ihre Mutter wegen eines anständigen Auskom- mcns in Verlegenheit zu setzen. Wenn sie mich vergessen will, 6l) Miß Sara Sampson. so muß sie damit anfangen, daß sie etwas von mir zu besitzen vergißt. Ich habe Verbindlichkeiten gegen sie, und werde es nie ans der Acht lassen, daß sie mein wa.hrcs Glück, obschon wider ihren Willen, befördert hat. Za, Marwood, ich danke Ihnen in allem Ernste, daß Sie unsern Aufenthalt einem Vater verriethen, den bloß die Unwissenheit desselben verhinderte, uns nicht eher wieder anzuuchmcu. Marwood. Martern Sie mich nicht mit einem Danke, den ich niemals habe verdienen wollen. Sir William ist ein zu guter alter Narr: er muß anders denken, als ich an seiner Stelle würde gedacht haben. Ich hätte der Tochter vergeben, und ihrem Verführer hätt' ich — — iNellcfonr. Marwood! — — Marwood. Es ist wahr; Sie sind es selbst. Ich schweige. — Werde ich der Miß mein Abschicdskomplimcnt bald machen dürfen? 5Nellefonr. Miß Sara würde es Ihnen nicht übel nehmen können, wenn Sie auch wcgrcisctcn, ohne sie wieder zu sprechen. Marwood. Mcllcfont, ich spiele meine Rollen nicht gern halb, und ich will, auch unter keinem fremden Namen, für ein Frauenzimmer ohne Lebensart gehalten werden. Mellefont. Wenn Ihnen Zhrc eigne Ruhe lieb ist, so sollten Sie sich selbst hüten, eine Person nochmals zu sehen, die gewisse Vorstellungen bey Ihnen rege machen muß-- Marwood. (spöttisch lächelnd) Sie haben eine bessere Meynung von sich selbst, als von mir. Wenn Sie es aber auch glaubten, daß ich Zhrcntwcgcn untröstlich seyn müßte, so sollten Sie es doch wenigstens ganz in der Stille glauben. — Miß Sara soll gewisse Vorstellungen bey mir rege machen? Gewisse? O ja — aber keine gewisser, als diese, daß das beste Mädchen oft den nichtswürdigstcn Mann lieben kann. Mellcfonr. Allerliebst, Marwood, allerliebst! Nun sind Sie gleich in der Verfassung, in der ich Sie längst gern gewünscht hätte: ob es mir gleich, wie ich schon gesagt, fast lieber gewesen wäre, wenn wir einige gemeinschaftliche Hochachtung für einander hätten behalten können. Doch vielleicht findet sich diese noch, wenn nur das gährcnde Herz erst ausgcbrausct hat. Miß Sara Sampsoii. — Erlauben Sic, daß ich Sie einige Augenblicke allein lasse. Zch will Miß Sampson zu Ihnen holen. Fünfter Auftritt. Marwood. (Indem sie um sich herum sieht) Bin ich allein? — Kann ich unbemerkt einmal Athem schöpfen, und die Muskeln des Gesichts in ihre natürliche Lage fahren lassen? — Zch muß geschwind einmal in allen Minen die wahre Marwood seyn, um den Zwang der Verstellung wieder aushalten zu können. — Wie hasse ich dich, niedrige Verstellung! Nicht, weil ich die Aufrichtigkeit liebe, sondern weil du die armseligste Zuflucht der ohnmächtigen Rachsucht bist. Gewiß würde ich mich zu dir nicht herablassen, wenn mir ein Tyrann seine Gewalt, oder der Himmel seinen Blitz anvertrauen wollte. — Doch wann du mich nur zu meinem Zwecke bringst! — Der Anfang verspricht es; und Mcllcfont scheinet noch sichrer werden zu wollen. Wenn mir meine List gelingt, daß ich mit seiner Sara allein sprechen kann: so — Za, so ist es doch noch sehr ungewiß, ob es mir etwas helfen wird. Die Wahrheiten von dem Mcllcfont werden ihr vielleicht nichts neues seyn; die Verleumdungen wird sic vielleicht nicht glauben; und die Drohungen vielleicht verachten. Aber doch soll sic Wahrheit, Verleumdung und Drohungen von mir hören. Es wäre schlecht, wenn sie in ihrem Gemüthe ganz und gar keinen Stachel zurück ließen. — Still! sie kommen. Zch bin nun nicht mehr Marwood; ich bin eine nichtswürdigc Verstoßene, dic durch klcinc Kunstgriffe die Schande von sich abzuwehren sucht; ein gctrctncr Wurm, der sich krümmet und dem, der ihn getreten hat, wenigstens die Ferse gern verwunden möchte. Sechster Auftritt Sara. Mellefont- Marwood. Sara. Zch freue mich, Lady, daß meine Unruhe vergebens gewesen ist. Marwood. Zch danke Ihnen, Miß. Der Zufall war zu klein, als daß er Sie hätte beunruhigen sollen. «!2 Miß Sara Sampson. Mellefont. Lady will sich Ihnen empfehlen, liebste Sara. Gar«. So eilig, Lady? MarrvooS. Ich kann es für die, denen an meiner Gegenwart in London gelegen ist, nicht genug seyn. Sara. Sie werden doch heute nicht wieder aufbrechen? Marrvood. Morgen mit dem frühsten. Mellefonr. Morgen mit dem frühsten, Lady? Ich glaubte, noch heute. Sara. Unsere Bekanntschaft,, Lady, fängt sich sehr im Vor- beygchn an. Ich schmeichle mir, in Zukunft eines nähern Umgangs mit Ihnen gcwürdigct zu werden. Marrvood. Zch bitte um Ihre Freundschaft, Miß. XNellefom. Zch stehe Ihnen dafür, liebste Sara, daß diese Bitte der Lady aufrichtig ist: ob ich Ihnen gleich voraussagen muß, daß Sie einander ohne Zweifel lange nicht wiedersehen werden. Lady wird sich mit uns sehr selten an einem Orte aufhalten können — — XNarwood. (bey Seite) Wie fein! Sara. Mcllcfont, daß heißt mir eine sehr angenehme Hoffnung rauben. Marrvood. Zch werde am meisten dabey verlieren, glückliche Miß. Mellefonl. Aber in der That, Lady, wollen Sie erst morgen früh wieder fort? XNarrvood. Vielleicht auch eher, (bey Seite) Es will noch niemand kommen! Mellefont. Auch wir wollen uns nicht lange mehr hier aufhalten. Nicht wahr, liebste Miß, es wird gut seyn, wenn wir unserer Antwort ungesäumt nachfolgen? Sir William kann unsere Eilfertigkeit nicht übel nehmen. Siebenter Auftritt. Äetty. Mellefont, Sara, Marwosd. Mellefonr. Was willst du, Bctty? Bett/. Man verlangt Sie unverzüglich zu sprechen. XNarrvood. (bey Seite) Ha! nun kömmt es drauf an-- Miß Sara Sampson. lü; rNellefont. Mich? unverzüglich? Ich werde gleich kommen. — Lady ist es Ihnen gefällig, Ihren Besuch abzukürzen? Sara. Warum das, Mellcfont? — Lady wird so gütig seyn, und bis zu Ihrer Zurückkunft warten. Marrvood. Verzeihen Sie, Miß; ich kenne meinen Vetter Mellcfont, und will mich lieber mit ihm wcgbcgcbcn. Betty. Der Fremde, mein Herr — Er will Sie nur auf ein Wort sprechen. Er sagt, er habe keinen Augenblick zu versäumen -- Mellcfont. Geh nur; ich will gleich bey ihm seyn. — Ich vermuthe, Miß, daß es eine endliche Nachricht von dem Vergleiche seyn wird, dessen ich gegen Sie gedacht habe. (Betty geht ab.) Marwood. (bey Seite) Gute Vermuthung! N7cllefont. Aber doch, Lady-- XNarrvood. Wenn Sie es denn befehlen — Miß, so muß ich mich Ihnen-- Sara. Nein doch, Mellcfont: Sie werden mir ja das Vergnügen nicht mißgönnen, Lady Solmcs so lange unterhalten zu dürfen? Mellefont. Sie wollen es, Miß?-- Sara- Halten Sie sich nicht auf, liebstcr Mcllcfont, und kommcn sie nur bald wicdcr. Abcr mit einem freudigern Gesichte, will ich wünschen! Sie vermuthen ohne Zweifel eine unangenehme Nachricht. Lassen Sie sich nichts anfechten; ich bin begieriger, zu sehen, ob Sie allen Falls auf eine gute Art mich einer Erbschaft vorziehen können, als ich begierig bin, Sie in dem Besitze derselben zu wissen. — — Mellcfont. Ich gehorche, (warnend) Lady, ich bin ganz gewiß den Augenblick wieder hier, (geht ab) MarrvooS. (bey Seite) Glücklich! Achter Auftritt. Sara. Marwood- Sara. Mein guter Mellcfont sagt seine Höflichkeiten manchmal mit einem ganz falschen Tone. Finden Sie es nicht auch Lady? -- 64 Miß Sara Sampson. Marwoov. Ohne Zweifel bin ich seiner Art schon allzu- gcwohnt, als daß ich so etwas bemerken könnte. Sara. Wollen sich Lady nicht setzen? XNarwood. Wenn Sie befehlen Miß — (bev Seite, indem sie sich setzen) Ich muß diesen Augenblick nicht ungebraucht vor- bcystrcichcn lassen. Sara. Sagen Sie mir, Lady, werde ich nicht das glücklichste Frauenzimmncr mit meinem Mcllcfont werden? MarrvooO. Wenn sich Mcllcfont in sein Glück zu finden weiß, so wird ihn Miß Sara zu der bcneidcnswürdigstcn Mannspcrson machen. Aber-- Sara. Ein Aber, und eine nachdenkliche Pause, Lady-- MarwooS. Ich bin offenherzig, Miß— — Sara. Und dadurch unendlich schätzbarer — — Marwood. Offenherzig — nicht selten bis zur Unbcdacht- samkcit. Mein Aber ist der Beweis davon. Ein sehr unbc- dächtigcs Aber! Sara. Ich glaube nicht, daß mich Lady durch diese Ausweichung noch unruhiger machen wollen. Es mag wohl eine grausame Barmherzigkeit seyn, ein Uebel, das man zeigen könnte, nur argwohnen zu lassen. Marrvood. Nicht doch, Miß; Sie denken bey meinem Aber viel zu viel. Mcllcfont ist mcin Anvcrwandtcr-- Sara. Desto wichtiger wird die geringste Einwendung, die Sie wider ihn zu machen habcn. XNarwooS. Aber wenn Mcllcfont auch mcin Bruder wärc, so muß ich Zhncn doch sagen, daß ich mich ohne Bedenken einer Person meines Geschlechts gcgcn ihn annchmcn würde, wenn ich bemerkte, daß er nicht rechtschaffen genug an ihr handle. Wir Frauenzimmer sollten billig jede Beleidigung, die einer einzigen von uns erwiesen wird, zu Beleidigungen des ganzen Geschlechts und zu einer allgemeinen Sache machen, an der auch die Schwester und Mutter des Schuldigen, Antheil zu nehmen, sich nicht bedenken müßten. Sara- Diese Anmerkung--- Marrvood. Ist schon dann und wann in zweifelhaften Fällen meine Richtschnur gewesen. Miß Sara Sampson. 65 Sara. Und verspricht mir — Ich zittere — XNarrvoov. Nein, Miß; wenn Sie zittern wollen — Lassen Sie uns von etwas andern: sprechen-- Sara- Grausame Lady! Marwood. Es thut mir leid, daß ich verkannt werde. Zch wenigstens, wenn ich mich in Gedanken an Miß Samp- sons Stelle setze, wurde jede nähere Nachricht, die man mir von demjenigen geben wollte, mit dessen Schicksale ich das mci- nigc ans ewig zu verbinden bereit wäre, als eine Wohlthat ansehen. Sara. Was wollen Sie, Lady? Kenne ich meinen Mcllc- font nicht schon? Glauben Sie mir, ich kenne ihn, wie meine eigne Seele. Zch weiß, daß er mich liebt-- ZNarwood. Und andre-- Sara. Geliebt hat. Auch das weiß ich. Hat er mich lieben sollen, ehe er von mir etwas wußte? Kann ich die einzige zu seyn verlangen, die für ihn Reize genug gehabt hat? Muß ich mir es nicht selbst gestehen, daß ich mich, ihm zu gefallen, bestrebt habe? Ist er nicht liebenswürdig genug, daß er bey mchrcrn dieses Bestreben hat erwecken müssen? Und ist es nicht natürlich, wenn mancher dieses Bestreben gelungen ist? XNarrvood. Sie vertheidigen ihn mit eben der Hitze und fast mit eben den Gründen, mit welchen ich ihn schon oft vertheidiget habe. Es ist kein Verbrechen, geliebt haben; noch viel weniger ist es eines, gclicbct worden seyn. Aber die Flatterhaftigkeit ist ein Verbrechen. Sara. Nicht immer; denn oft, glaube ich, wird sie durch die Gegenstände der Liebe entschuldiget, die es immer zu bleiben, selten verdienen. Marwooö. Miß Sampsons Sittcnlchrc scheinet nicht die strengste zu seyn. Sara. Es ist wahr; die, nach der ich diejenigen zu richten Pflege, welche es selbst gestehen, daß sie ans Irrwegen gegangen sind, ist die strengste nicht. Sie muß es auch nicht seyn. Denn hier kömmt es nicht darauf an, die Schranken zu bestimmen, die uns die Tugend bey der Liebe setzt; sondern bloß darauf, die menschliche Schwachheit zu entschuldigen, wenn sie in Leslmgs Werke II, 5 Miß Sara Saiiipsoii, diesen Schranken nicht geblieben ist, und die daraus entstehenden Folgen nach den Regeln der Klugheit zu beurtheilen. Wenn zum Exempel, ein Mcllcfont eine Marwood liebt, und sie endlich verläßt: so ist dieses Verlassen, in Vcrglcichung mit der Liebe selbst, etwas sehr gutes. Es wäre ein Unglück, wenn er eine Lasterhafte deßwegen, weil er sie einmal geliebt hat, ewig lieben müßte. Marwood. Aber, Miß, kennen Sie denn diese Marwood, welche Sie so getrost eine Lasterhafte nennen? Sara. Zch kenne sie aus der Beschreibung des Mcllcfont. Marwood. Dcs Mcllcfont? Zst cs Zhncn dcnn nie bcy- gcfallcn, daß Mcllcfont in seiner eignen Sache nichts anders, als ein sehr ungültiger Zeuge seyn könne? Sara. — Nun merke ich cs erst, Lady, daß Sic mich auf die Probe stellen wollen. Mcllcfont wird lächeln, wenn Sie cs ihm wieder sagen werden, wie ernsthaft ich mich seiner angenommen. Marwood. Verzeihen Sic, Miß; von dieser Unterredung muß Mcllcfont nichts wicdcr erfahren. Sic denken zu edel, als daß Sic, zum Danke für eine wohlgcmcyntc Warnung, eine Anverwandte mit ihm cntzwcycn wollten, die sich nur deßwegen wider ihn erklärt, weil sie scin unwürdiges Verfahren gegen mehr als eine der liebenswürdigsten Personen unsers Geschlechts so ansieht, als ob sie selbst darunter gelitten hätte. Sara. Zch will niemand cntzwcycn, Lady; und ich wünschte, daß cs andre eben so wenig wollten. Marwood. Soll ich Zhncn die Geschichte der Marwood in wenig Worten erzählen? Sara. Zch weiß nicht — Aber doch ja, Lady; nur mit dem Beding, daß Sic davon aufhören, sobald Mcllcfont zu- zurück kömmt. Er möchte denken, ich hätte mich aus eignem Triebe darnach erkundiget; und ich wollte nicht gern, daß er mir eine ihm so nachthcilige Neubcgicrdc zutrauen könnte. Marwood. Zch würde Miß Sampson um gleiche Vorsicht gebeten haben, wenn sie mir nicht zuvorgekommen wäre. Er muß cs auch nicht argwohnen können, daß Marwood unser Gespräch gewesen ist; nnd Sie werden so behutsam seyn, Zhrc Miß Sara Sampson. «'.7 Maaßregeln ganz in dcr Stille darnach zn nehmen. — Hören Sie nunmehr! — Marwood ist ans einem guten Geschlechte. Sie war eine junge Wittwe, als sie Mcllcfont bey einer ihrer Freundinnen kennen lernte. Man sagt, es habe ihr weder an Schönheit noch an derjenigen Anmuth gemangelt, ohne welche die Schönheit todt seyn würde. Zhr guter Name war ohne Flecken. Ein einziges fehlte ihr: — Vermögen. Alles was sie besessen hatte, — und es sollen ansehnliche Reichthümer gewesen seyn, — hatte sie für die Bcfrcyung eines Mannes aufgeopfert, dem sie nichts in dcr Welt vorenthalten zu dürfen glaubte, nachdem sie ihm einmal ihr Herz und ihre Hand schenken wollen. Sara. Wahrlich ein edler Zug, Lady, von dem ich wollte, daß er in einem bessern Gemälde prangte! Marwood. Des Mangels an Vermögen ungeachtet, ward sie von Personen gesucht, die nichts eifriger wünschten, als sie glücklich zu machen. Unter diesen reichen und vornehmen Anbetern trat Mcllcfont auf. Sein Antrag war ernstlich, und dcr Ucbcrflnß, in wclchcn er dic Marwood zu setzen versprach, war das geringste, worauf er sich stützte. Er hatte es bey dcr ersten Unterredung weg, daß er mit keiner Eigennützigen zu thun habe, sondern mit einem Francnzimmcr, voll des zärtlichsten Gefühls, welches eine Hütte einem Paläste würde vorgezogen haben, wenn sie in jener mit einer geliebten, und in diesem mit einer gleichgültigen Person hätte leben sollen- Sara. Wieder ein Zug, den ich dcr Marwood nicht gönnc. Schmeicheln Sie ihr ja nicht mchr, Lady; odcr ich möchte sie am Ende bctaucrn müssen. XNarwooS. Mcllcfont war eben im Begriff, sich auf dic fcycrlichste Art mit ihr zu verbinden, als er Nachricht von dem Tode eines Vetters bekam, welcher ihm sei» ganzes Vermögen mit dcr Bedingung hinterließ, eine wcitläuftigc Anverwandte zu heyrathcn. Hatte Marwood seinetwegen reichere Verbindungen ausgcschlagcn, so wollte er ihr nunmehr an Großmuth nichts nachgeben. Er war Willens, ihr von dieser Erbschaft eher nichts zu sagen, als bis er sich derselben durch sie würde nns- .ms^niiiU l!5 Miß Sara Sampson. verlustig gemacht haben. — Nicht wahr, Miß, das war groß gedacht? Sara. O Lady, wer weiß es besser, als ich, daß Mcllc- font das edelste Herz besitzt? Marrvood. Was aber - that Marwood? Sie erfuhr es unter der Hand, noch spät an einem Abende, wozu sich Mclle- font ihrcntwcgcn entschlossen hätte. Mcllcfont kam des Morgens, sie zu besuchen, und Marwood war fort. Sara. Wohin? Warum? Marwood. Er fand nichts als einen Brief von ihr, worinn sie ihm entdeckte, daß er sich keine Rechnung machen dürfe, sie jemals wieder zu sehen. Sie leugne es zwar nicht, daß sie ihn liebe; aber eben deßwegen könne sie sich nicht überwinden, die Ursache einer That zu seyn, die er nothwendig einmal bereuen müsse. Sie erlasse ihn seines Versprechens, und ersuche ihn, ohne weiteres Bedenken, durch die Vollziehung der in dem Testamente vorgcschricbncn Verbindung, in den Besitz eines Vermögens zu treten, welches ein Mann von Ehre zu etwas wichtigerm brauchen könne, als einem Frauenzimmer eine unüberlegte Schmeichele») damit zu machen. Sara. Aber Lady, warum leihen Sie der Marwood so vortreffliche Gesinnungen? Lady Solmcs kann derselben wohl fähig seyn, aber nicht Marwood. Gewiß Marwood nicht. XNarrvood. Es ist nicht zu verwundern, Miß, daß Sie wider sie eingenommen sind. — Mcllcfont wollte über den Entschluß der Marwood von Sinnen kommen. Er schickte überall Leute aus, sie wieder aufzusuchen; und endlich fand er sie. Sara- Weil sie sich finden lassen wollte, ohne Zweifel. XNarrvood. Keine bittere Glossen, Miß! Sie geziemen einem Frauenzimmer, von einer sonst so sanften Dcnkungsart, nicht. — Er fand sie, sag' ich; und fand sie unbeweglich. Sie wollte seine Hand durchaus nicht annehme»; und alles, was er von ihr erhalten konnte war dieses, daß sie nach London zurückzukommen versprach. Sie wurden eins, ihre Vermählung so lange auszusetzen, bis die Anverwandte, des langen Verzö- gcrns übcrdrüßig, einen Vergleich vorzuschlagen gezwungen sey. Unterdessen konnte sich Marwood nicht wohl der täglichen Bc- Miß Sara Sampson. suche des Mcllcfont cntbrcchcn, die eine lange Zeit nichts, als ehrfurchtsvolle Besuche eines Liebhabers waren, den man in die Gränzen der Freundschaft zurückgewiesen hat. Aber wie unmöglich ist es, daß ein hitziges Temperament diese engen Gränzen nicht überschreiten sollte! Mcllcfont besitzt alles, was uns eine Mannsperson gefährlich machen kann. Niemand kann hiervon überzeugter seyn, als Miß Sampson selbst. Sara. Ach! Marwood. Sie seufzen? Auch Marwood hat über ihre Schwachheit mehr als einmal gcscufzet, und scufzct noch. Sara. Genug, Lady, genug; diese Wendung, sollte ich meynen, war mehr, als eine bittere Glosse, die Sie mir zu untersagen beliebten. Marwood. Ihre Absicht war nicht, zu beleidigen, sondern bloß die unglückliche Marwood Ihnen in einem Lichte zu zeigen, in welchem Sie am richtigsten von ihr urtheilen könnten. — Kurz, die Liebe gab dem Mcllcfont die Rechte eines Gemahls; und Mcllcfont hielt cs länger nicht für nöthig, sie durch die Gesetze gültig machen zu lassen. Wie glücklich wäre Marwood, wenn sie, Mcllcfont und dcr Himmel, nur allein von ihrer Schande wüßten! Wie glücklich, wenn nicht eine jammernde Tochter dasjenige dcr ganzen Welt entdeckte, was sie vor sich selbst verbergen zu können wünschte! Sara. Was sagen Sie, Lady? Eine Tochter-- Marwood. Ja, Miß, eine unglückliche Tochter verlieret durch die Darzwischcnkunft dcr Sara Sampson alle Hoffnung, ihre Acltcrn jemals ohne Abscheu nennen zu können. Sara. Schreckliche Nachricht! Und dieses hat mir Mcllcfont verschwiegen? — — Darf ich cs auch glauben, Lady? Marwood. Sie dürfen sichcr glauben, Miß, daß Ihnen Mcllcfont vielleicht noch mehr verschwiegen hat. Sara. Noch mehr? Was könnte er mir noch mehr verschwiegen haben? Marwood. Dicscs, daß cr die Marwood noch licbt. Sara- Sie tödtcn mich, Lady! Marwood. Es ist unglaublich, daß sich cinc Licbc, welche länger als zehn Zahr gedauert hat, so geschwind verlieren könne. 7l» Miß Sara Sampsvii. Sie kann zwar cinc kurze Verfinsterung leiden; weiter abcrauch nichts, als eine kurze Verfinsterung, aus welcher sie hernach mit neuem Glänze wieder hervor bricht. Zch könnte Ihnen cinc Miß Oklaff, cinc Miß Dorkas, cinc Miß Moor und mchrcrc ncniicn, welche, cinc nach dcr andcrn, der Marwood einen Mann abspänstig zu machen drohten, von welchem sie sich am Ende auf das grausamste hintcrgangcn sahen. Er hat einen gcwisscn Punkt, über welchen er sich nicht bringen läßt, und sobald er diesen scharf in das Gesicht bekömmt, springt cr ab. Gesetzt abcr, Miß, Sic wären die einzige Glückliche, bey welcher sich alle Umstände widcr ihn crklärtcn; gesetzt Sic brächten ihn dahin, daß cr scincn nunmehr zur Natur gewordenen Abscheu gegen ein förmliches Zoch überwinden müßte: glaubten Sie wohl dadurch seines Herzens versichert zu seyn ? Sara. Zch Unglückliche! Was muß ich hören? ZNarrvooS- Nichts weniger. Alsdann würde cr eben am allcrcrstcn in die Arme dcrjcnigcn zurückeilen, die auf seine Freyheit so eifersüchtig nicht gewesen. Sie würden seine Gemahlinn heißen, und jene würde es seyn. Sara. Martern Sic mich nicht längcr mit so schrecklichen Vorstellungen! Rathen Sic mir vielmehr, Lady, ich bitte Sie, rathen Sie mir, was ich thun soll. Sic müsscn ihn kennen. Sie müssen es wissen, durch was cs noch ctwa möglich ist, ihm ein Band angenehm zu machen, ohne welches auch die aufrich- richtigstc Liebe cinc unhciligc Leidenschaft bleibet. Marrvood. Daß man einen Vogel fangen kann, Miß, das weiß ich wohl. Abcr daß man ihm scincn Käfig angcnch- mcr, als das frcyc Fcld machen könne, das weiß ich nicht. Mein Rath wäre also, ihn lieber nicht zu fangen, und sich den Verdruß über die vcrgcbnc Mühe zu ersparen. Begnügen Sic sich, Miß, an dem Vergnügen, ihn sehr nahe an Ihrer Schlinge gcschn zu haben; und weil Sic vorausschcn können, daß er die Schlinge ganz gewiß zerreißen werde, wenn Sic ihn vollends hinein lockten, so schonen Sic Ihre Schlinge, und locken ihn nicht herein. Sara. Ich weiß nicht, ob ich dieses tändelnde Gleichniß recht verstehe, Lady — Miß Sara Sampson. 71 Marwood. Wen» Sie verdrießlich darüber geworden sind, so haben Sie es verstanden. — Mit einem Worte, Ihr eigner Vortheil so wohl, als der Vortheil einer andern, die Klugheit so wohl als die Billigkeit, können lind sollen Miß Sampson bewegen, ihre Ansprüche ans einen Mann aufzugeben, auf den Marwood die ersten und stärksten hat. Noch stehen Sie, Miß, mit ihm so, das» Sie, ich will nicht sagen mit vieler Ehre, aber doch ohne öffentliche Schande von ihm ablassen können. Eine kurze Nerschwindung mit einem Liebhaber ist zwar ein Fleck; aber doch ein Fleck, den die Zeit ausblcichct. Zn einigen Jahren ist alles vergessen, und es finden sich für eine reiche Erbinn noch immer Mannspersonen, die es so genau nicht nehmen. Wenn Marwood in diesen Umständen wäre, und sie brauchte, weder für ihre im Abzüge begriffene Reize einen Gemahl, noch für ihre hülflosc Tochter einen Vater, so weiß ich gewiß, Marwood würde gegen Miß Sampson großmüthiger handeln, als Miß Sampson gegen die Marwood zu handeln, schimpfliche Schwierigkeiten macht. Sara, (indem sie unwillig aufsteht) Das geht zu weit! Ist dieses die Sprache einer Anverwandten des Mcllcfont? — Wie unwürdig verräth man Sie, Mcllcfont! — Nun mcrkc ich es, Lady, warum er Sie so ungern bey mir allein lassen wollte. Er mag es schon wissen, wie viel man von Zhrcr Zunge zu fürchten habe. Eine giftige Zunge! — Zch rede dreist! Denn Lady haben lange genug unanständig geredet. Wodurch hat Marwood sich eine solche Vorsprcchcrinn erwerben können, die alle ihre Erfindungskraft aufbietet, mir einen blendenden Roman von ihr aufzudringen; und alle Ränke anwendet, mich gegen die Redlichkeit eines Mannes argwöhnisch zu machen, der ein Mensch, aber kein Ungchcucr ist? Ward cs mir nur deßwegen gesagt, daß sich Marwood einer Tochter von ihm rühme; ward mir nur deßwegen diese lind jene betrogene Miß genannt, damit man mir am Ende auf die empfindlichste Art zu verstehen geben könne, ich würde wohl thnn, wenn ich mich selbst cincr vcrhärtctcn Vnhlcrinn nachsetzte? rNarrvood. Nur nicht so hitzig, mein junges Fraucnzim- 72 Miß Sarci Sampson. mcr! Eine verhärtete Buhlerinn ? — Sie brauchen, wahrscheinlicher Weise, Worte, deren Kraft Sie nicht überleget haben. Sar«. Erscheint sie nicht als eine solche, selbst in der Schilderung der Lady Solmcs? — Gut, Lady; Sie sind ihre Freundinn, ihre vertrauteste Freundinn vielleicht. Ich sage dieses nicht als einen Borwurf; denn es kann leicht in der Welt nicht wohl möglich seyn, nur lauter tugendhafte Freunde zu haben. Allein wie komme ich dazu, dieser Ihrer Freundschaft wegen, so tief hcrabgcstoßcn zu werden? Wenn ich der Mar- wood Erfahrung gehabt hatte, so würde ich den Fehltritt gewiß nicht gethan haben, der mich mit ihr in eine so erniedrigende Parallel setzt. Hätte ich ihn aber doch gethan, so würde ich wenigstens nicht zehn Zahr darinn verharret seyn. Es ist ganz etwas anders, aus Unwissenheit auf das Laster treffen; und ganz etwas anders, es kennen und dem ungeachtet mit ihm vertraulich werden. — Ach, Lady, wenn Sie es wüßten, was für Reue, was für Gewissensbisse, was für Angst mich mein Irrthum gekostet! Mein Irrthum, sag' ich; denn warum soll ich länger so grausam gegen mich seyn, und ihn als ein Verbrechen betrachten? Der Himmel selbst hört auf, ihn als ein solches anzusehen; er nimmt die Strafe von mir, und schenkt mir einen Batcr wieder. — Ich erschrecke, Lady; wie verändern sich auf einmal die Züge Ihres Gesichts? Sie glühen; aus dem starren Auge schreckt Wut, und des Mundes knirschende Bewegung — Ach! wo ich Sie erzürnt habe, Lady; so bitte ich um Verzeihung. Ich bin eine empfindliche Närrinn; was Sie gesagt haben, war ohne Zweifel so böse nicht gcmcynt. Vergessen Sie meine Ucbcrcilung. Wodurch kann ich Sie besänftigen? Wodurch kann auch ich mir eine Freundinn an Ihnen erwerben, so wie sie Marwood an Ihnen gefunden hat? Lassen Sie mich, Lady, lassen Sie mich fußfällig darum bitten — (indem sie nieder fallt) Um Ihre Freundschaft, Lady — Und wo ich diese nicht erhalten kann, um die Gerechtigkeit wenigstens, mich und Marwood nicht in einen Rang zu setzen. M«ru?ood. (die einige Schritte stolz zurück tritt und die Sara liege» läßt) Diese Stellung der Sara Sampson ist für Marwood viel zu reizend, als daß sie nur unerkannt darüber frohlocken Miß Sara Sampsoii. 73 sollte — Erkennen Sie, Miß, in mir die Marwood, mit der Sie nicht verglichen zu werden, die Marwood selbst fußfällig bitten. Sara, (die voller Erschrecken aufspringt, und sich zitternd zurückzieht) Sie, Marwood? — Ha! Nun erkenn' ich sie — nun erkenn' ich sie, die mördrische Retterinn, deren Dolche mich ein warnender Traum Preis gab. Sie ist es! Flieh unglückliche Sara! Retten Sie mich, Mcllcfont; retten Sie Ihre Geliebte! Und du, süße Stimme meines geliebten Aatcrs, erschalle! Wo schallt sie? wo soll ich auf sie zueilen? — hier? — da? — Hülfe, Mcllcfont! Hülfe, Bctty! — Ztzt dringt sie mit tödtcnder Faust auf mich ein! Hülfe! (eilt ab) Neunter Auftritt. Marwood. Was will die Schwärmerinn? — O daß sie wahr redte, und ich mit tödtcnder Faust auf sie eindränge! Bis hichcr hätte ich dcn Stahl sparen sollen, ich Thörichte! Welche Wollust, eine Nebenbuhlerinn in der frcywilligcn Erniedrigung zu unsern Füßen durchbohren zu können! — Was nun? — Ich bin entdeckt. Mellcfont kann dcn Augenblick hier seyn. Soll ich ihn fliehen? Soll ich ihn erwarten? Ich will ihn erwarten, aber nicht müßig. Vielleicht, daß ihn die glückliche List meines Bedienten noch lange genug aufhält! — Zch sehe, ich werde gefürchtet. Warum folge ich ihr also nicht? Warum versuche ich nicht noch das letzte, das ich wider sie brauchen kann? Drohungen sind armselige Waffen: doch die Verzweiflung verschmäht keine, so armselig sie sind. Ein schreckhaftes Mädchen, das betäubt und mit zerrütteten Sinnen schon vor meinem Namen flicht, kann leicht fürchterliche Worte für fürchterliche Thaten halten. Aber Mcllcfont? — Mellcfont wird ihr wicdcr Muth machen, und sie über meine Drohungen spotten lehren. Er wird? Vielleicht wird er auch nicht. Es wäre wcnig in dcr Welt unternommen worden, wenn man nur immer auf dcn Ausgang gesehen hätte. Und bin ich aus dcn unglücklichsten nicht schon vorbereitet? — Dcr Dolch war für andre, das Gift ist für mich! — Das Gift für mich! Schon längst mit mir hcrumgctragcn, wartet es hier, dem Herzen bereits nahe, auf dcn traurigen 74 Miß Sara Sampson. Dienst; hier, wo ich in bessern Zeiten die geschriebenen Schmci- chclcycn der Anbeter verbarg; für uns ein ebenso gewisses, aber nur langsameres Gift. — Wenn es doch nur bestimmt wäre, in meinen Adern nicht allein zu toben! Wenn es doch einem Ungetreuen — Was halte ich mich mit Wünschen auf? — Fort! Ich muß weder mich, noch sie zu sich selbst kommen lassen. Der will sich nichts wagen, der sich mit kaltem Blute wagen will, (geht ab.) _ Fünfter Aufzug. Erster Auftritt. Das Zimmer der Sara. Sara (schwach in einem Lehnstuhlc.) Betty. Zöetty. Fühlen Sie nicht, Miß, daß Ihnen ein wenig besser wird? Sara. Besser, Bctty? — Wenn nur Mcllcfont wieder kommen wollte. Du hast doch nach ihm ausgeschickt? Derty. Norton und der Wirth suchen ihn. Sara. Norton ist ein guter Mensch, aber er ist hastig. Ich will durchaus nicht, daß er seinem Herrn meinetwegen Grobheiten sagen soll. Wie'er es selbst erzählte, so ist Mcllcfont ja an allem unschuldig. — Nicht wahr, Bctty, du hälft ihn auch für unschuldig? — Sie kömmt ihm nach; was kann er dafür? Sie tobt, sie raset, sie will ihn ermorden. Siehst du, Bctty? dicscr Gefahr habe ich ihn ausgesetzt. Wer sonst als ich? — Und endlich will die böse Marwood mich sehen, oder nicht eher nach London zurückkehren. Konnte er ihr diese Kleinigkeit abschlagen? Bin ich doch auch oft begierig gewesen, die Marwood zu sehen. Mcllcfont weiß wohl, daß wir neugierige Geschöpfe sind. Und wenn ich nicht selbst darauf gedrungen hätte, daß sie bis zu seiner Zurückkunft bey mir verziehen sollte, so würde er sie wieder mit weggenommen haben. Ich würde sie unter einem falschen Namen gesehen haben, ohne zu wissen, daß ich sie gesehen hätte. Und vielleicht würde mir Miß Sara Sampsou. dieser kleine Betrug einmal angenehm gewesen seyn. Kurz, alle Schuld ist mein. — Ze nun, ich bin erschrocken; weiter bin ich ja nichts! Die kleine Ohnmacht wollte nicht viel sagen. Du weißt wohl, Bctty, ich bin dazu geneigt. Vetty. Aber in so tiefer hatte ich Miß noch nie gesehen. Sara. Sage es mir nur nicht. Zch werde dir gutherzigem Mädchen freylich zu schaffen gemacht haben. Betty. Marwood selbst schien durch die Gefahr, in der Sie sich befanden, gcruhrct zu seyn. So stark ich ihr auch anlag, daß sie sich nur fortbegeben möchte, so wollte sie doch das Zimmer nicht eher verlassen, als bis Sie die Augen ein wenig wieder aufschlugen, und ich Zhnen die Arzeney einflößen konnte. Sara. Zch muß es wohl gar für ein Glück halten, daß ich in Ohnmacht gefallen bin- Denn wer weiß, was ich noch von ihr hätte hören müssen. Umsonst mochte sie mir gewiß nicht in mein Zimmer gefolgt seyn. Du glaubst nicht, wie außer mir ich war. Auf einmal fiel mir der schreckliche Traum von voriger Nacht ein, und ich flöhe als eine Unsinnige, die nicht weiß warum und wohin sie flicht. — Aber Mcllcfont kömmt noch nicht. — Ach! — Detty. Was für ein Ach, Miß? Was für Zuckungen? — Sara. Gott! was für eine Empfindung war dieses-- Detly. Was stößt Ihnen wieder zu? Sara. Nichts, Bctty. — Ein Stich! nicht Ein Stich, tausend fcurigc Stiche in einem! — Sey nur ruhig; es ist vorbey. Zweyter Auftritt. Norton. Sara. Dettv. Norton. Mcllcfont wird dcn Augenblick hier seyn. Sara. Nun das ist gut, Norton. Aber wo hast du ihn noch gefunden? Norron. Ein Unbekannter hat ihn bis vor das Thor mit sich gelockt, wo ein Herr auf ihn warte, der in Sachen von der größten Wichtigkeit mit ihm sprechen müsse. Nach langem Herumführen hat sich der Betricgcr ihm von der Seite gcschli- i 7) TNellefonl. Was machen Sie, Miß! Sara. Marwood wird ihrem Schicksale nicht cntgchcn; aber weder Sie, noch mein Vater sollen ihre Ankläger werden. Zch sterbe, und vergeb' es der Hand, durch die mich Gott Miß Sara Sttinpsoii. 87 heimsucht. — Ach mein Vater, welcher finstere Schmerz hat sich Ihrer bemächtiget? — Noch liebe ich Sie, Mcllefont, und wenn Sie lieben ein Verbrechen ist, wie schuldig werde ich in jener Welt erscheinen! — Wenn ich hoffen dürste, liebster Natcr, daß Sie einen Sohn, anstatt einer Tochter, annehmen wollten! Und auch eine Tochter wird Ihnen mit ihm nicht fehlen, wenn Sie Arabcllcn dafür erkennen wollen. Sie müssen sie zurückholen, Mcllefont; und die Mutter mag entfliehen. — Da mich mein Natcr liebt, warum soll es mir nicht erlaubt seyn, mit seiner Liebe, als mit einem Erbthcile umzugehen? Ich vermache diese väterliche Liebe Ihnen, und Arabcllcn. Rcdcn Sie dann und wann mit ihr von cincr Freundinn, aus deren Beyspiele sie gegen alle Liebe auf ihrer Hut zu seyn lerne. — Den letzten Segen, mein Natcr! — Wcr wollte die Fügungen des Höchsten zu richten wagen? — Tröste deinen Herrn, Waitwcll. Doch auch du stehst in einem trostlosen Kummer vcrgrabcn, der du in mir weder Geliebte noch Tochter verlierest? — Sir IvilliKM. Wir sollten dir Muth einsprechen, und dein sterbendes Auge spricht ihn uns ein. Nicht mehr meine irdische Tochter, schon halb ein Engel, was vermag der Segen eines wimmernden Vaters auf einen Geist, auf welchen alle Segen des Himmels hcrabströmcn? Laß mir einen Strahl des Lichtes, welches dich über alles Menschliche so weit erhebt. Oder bitte Gott, den Gott, der nichts so gewiß als die Bitten eines frommen Stcrbcndcn crhört, bitte ihn, daß dieser Tag auch der letzte meines Lebens sey. Sara. Die bewahrte Tugend muß Gott der Welt lange zum Beyspiele lassen, und nur die schwache Tugend, die allzu vielen Prüfungen vielleicht unterliegen würde, hebt er plötzlich aus den gefährlichen Schranken. — Wem fließen diese Thränen, mein Vater? Sie fallen als feurige Tropfen auf mein Herz; und doch — doch sind sie mir minder schrecklich, als die stumme Verzweiflung. Entreißen Sie sich ihr, Mcllefont! — Mein Auge bricht. — Dicß war der letzte Seufzer! — Noch dcnkc ich an Bctly, und verstehe nun ihr ängstliches Händcrin- gcn. Das arme Mädchen! Daß ihr ja niemand eine Unvorsichtigkeit vorwerfe, die durch ihr Herz ohne Falsch, und also 88 Miß Sara Sampson. auch ohne Argwohn der Falschheit, entschuldiget wird. — Der Augenblick ist da! Mellcfont — mein Vater — Mellcfont. Sie stirbt'. — Ach! diese kalte Hand noch einmal zu küssen, (indcin er zu ihren Füße» fcilll) — Nein, ich will es nicht wagen, sie zu berühren. Die gemeine Sage schreckt mich, daß der Körper eines Erschlagenen durch die Berührung seines Mörders zu bluten anfange. Und wer ist ihr Mörder? Bin ich es nicht mehr, als Marwood? (steht auf) — Nun ist sie todt, Sir; nun hört sie uns nicht mehr: min verfluchen Sie mich! Lassen Sie Ihren Schmerz in verdiente Verwünschungen aus! Es müsse keine mein Haupt verfehlen, nnd die gräßlichste derselben müsse gedoppelt erfüllt werden! — Was schweigen Sie noch? Sie ist todt; sie ist gewiß todt! Nun bin ich wieder nichts, als Mellcfont. Ich bin nicht mehr der Geliebte einer zärtlichen Tochter, die Sie in ihm zu schonen Ursach hätten. — Was ist das? Ich will nicht, daß Sie einen barmherzigen Blick auf mich werfen sollen! Das ist Ihre Tochter! Ich bin ihr Verführer! Denken Sie nach, Sir! — Wie soll ich Ihre Wut besser reizen? — Diese blühende Schönheit, über die Sie allein ein Recht hatten, ward wider Ihren Willen mein Raub! Meinetwegen vergaß sich diese uncrfahrnc Tugend! Meinetwegen riß sie sich aus den Armen eines geliebten Vaters! Meinetwegen mußte sie sterben! — Sie machen mich mit Ihrer Langmuth ungeduldig, Sir! Lassen Sie mich es hören, daß Sie Vater sind. Sir William, Ich bm Vater, Mellcfont, und bin es zu sehr, als daß ich den letzten Willen meiner Tochter nicht verehren sollte. — Laß dich umarmen, mein Sohn, den ich theurer nicht erkaufen konnte! Mellcfont. Nicht so, Sir! Diese Heilige befahl mehr, als die menschliche Natur vermag! Sie können mein Vater nicht seyn. — Sehen Sie, Sir, (indem er den Dolch aus dem Busen zieht) dieses ist der Dolch, den Marwood heute auf mich zuckte. Zu meinem Unglücke mußte ich sie entwaffnen. Wenn ich als das schuldige Opfer ihrer Eifersucht gefallen wäre, so lebte Sara noch. Sie hätten ihre Tochter noch, und hätten sie ohne Mellcfont. Es stehet bey mir nicht, das Geschehene Miß Sara Sampsvii. 5!» ungeschehen zu machen; aber mich wegen des Geschehenen zu strafen — das steht bey mir! (cr ersticht sich, und fällt a» dem Stulc der Sara nieder.) Sir William. Halt' ihn, Waitwcll! — Was für ein neuer Streich auf mein gebeugtes Haupt! — O! wenn das dritte hier erkaltende Herz das meine wäre! Mellefonr. (sterbend) Zch fühl' es — daß ich nicht fehl gestoßen habe! — Wollen Sie mich nun Ihren Sohn nennen, Sir, und mir als diesem die Hand drücken, so stcrb' ich zufrieden. (Sir William mnarmt ihn) — Sie haben von einer Arabella gehört, für die die sterbende Sara Sie bat. Zch würde auch für sie bitten — aber sie ist der Marwood Kind sowohl, als meines — Was für fremde Empfindungen ergreifen mich! — Gnade! o Schöpfer, Gnade! — Sir William. Wenn fremde Bitten itzt kräftig sind, Waitwcll, so laßt uns ihm diese Gnade erbitten helfen! Er stirbt! Ach, er war mehr unglücklich, als lasterhaft. — — Eilftcr Auftritt. Norton- Die Vorigen. Norton- Aerzte, Sir. — Sir William. Wenn sie Wunder thun können, so laß sie herein kommen! — Laß mich nicht länger, Waitwell, bey diesem tödtcndcn Anblicke verweilen. Ein Grab soll beide umschließen. Komm, schleunige Anstalt zu machen, und dann laß uns auf Arabellen denken. Sie sey, wer sie sey: sie ist ein Bcrmächtniß meiner Tochter. (Sie gehe» ab, nnd das Theater fällt zn.) P h i l o t a s. Ein Trauerspiel. ^ 1739. 1772. Personen. Aridäus, König. Strato, Feldherr des Aridcius. phjlotas, gefangen, parmenio/ Soldat. Die Scene ist ein Zelt in dem Lager des Aridcius. Erster Auftritt, philotas. o bin ich wirklich gefangen? — Gefangen! — Ein würdiger Anfang meiner kriegerischen Lehrjahre! — O ihr Götter! O mein Vater! Wie gern übcrrcdtc ich mich, daß alles ein Traum sey! Meine frühste Kindheit hat nie etwas anders, als Waffen, lind Lager, und Schlachten und Stürme gcträumct. Könnte der Züngling nicht von Verlust und Entwaffnung träumen? — Schmeichle dir nur, Philotas! Wenn ich sie nicht sähe, nicht fühlte, die Wunde, durch die der erstarrten Hand das Schwcrd entsank! — Man hat sie mir wider Willen verbunden. O der grausamen Barmherzigkeit eines listigen Feindes! Sie ist nicht tödtlich, sagte der Arzt, und glaubte mich zu trösten. — Nichtswürdigcr, sie sollte tödtlich seyn! — Und nur eine Wunde, nur eine! — Wüste ich, daß ich sie tödtlich machte, wenn ich sie wieder aufriß, und wieder verbinden ließ, und wieder ausriß — Zch rase, ich Unglücklicher! — Und was für ein höhnisches Gesicht — itzt fällt mir es ein — mir der alte Krieger machte, der mich vom Pferde Philotas. !)1 riß! Er nannte mich: Kind! — Auch sein König muß mich für ein Kind, für ein verzärteltes Kind halten. Zn was für ein Zelt hat er mich bringen lassen! Aufgeputzt, mit allen Bequemlichkeiten versehen! Es muß einer von seinen Beyschläferinnen gehören. Ein ekler Aufenthalt für einen Soldaten! Und anstatt bewacht zu werden, werde ich bedienet. Hohnsprechende Höflichkeit! — Zweyter Auftritt. Strato, philotas. Strato. Prinz — Philotas. Schon wieder ein Besuch? Alter, ich bin gern allein. Strato. Prinz, ich komme auf Befehl des Königs — Philotas. Ich verstehe dich! Es ist wahr, ich bin deines Königs Gefangener, und es stehet bey ihm, wie er mir will begegnen lassen — Aber höre, wenn du der bist, dessen Mine du trägst — bist du ein alter ehrlicher Kricgsmann, so nimm dich meiner an, und bitte den König, daß er mir als einem Soldaten, und nicht als einem Weibe begegnen lasse. Straro- Er wird gleich bey dir seyn; ich komme, ihn zu melden. Philotas. Der König bey mir? und du kömmst, ihn zu melden? — Ich will nicht, daß er mir eine von den Erniedrigungen erspare, die sich ein Gefangener muß gefallen lassen. — Komm, führe mich zu ihm! Nach dem Schimpfe cutwafnct zu seyn, ist mir nichts mehr schimpflich. Strato. Prinz, deine Bildung, voll jugendlicher Anmuth, verspricht ein sauftres Gemüth. philoras. Laß meine Bildung unvcrspottct! Dein Gesicht voll Narben ist freylich ein schöncrs Gesicht-- Strato. Bey den Göttern! eine große Antwort! Ich muß dich bewundern und lieben. Philotas. Möchtest du doch, wenn du mich nur erst gefürchtet hättest. Strato. Immer hcldcnmüthigcr! Wir haben den schrecklichsten Feind vor uns, wenn unter s.uicr Zugcnd der Philotas viel sind. !>2 Philotas. Philotas. Schmeichle mir nicht! — Ench schrecklich zu werde», müssen sie mit meinen Gesinnungen größrc Thaten verbinden. — Darf ich deinen Namen wissen? Strato. Strato. Philotas. Strato? Der tapfre Strato, der meinen Vater am Lycus schlug? — Strato. Gedenke mir dieses zwcydcutigcn Sieges nicht.' Und wie blutig rächte sich dein Vater in der Ebene Mcthymna! So ein Vater muß so einen Sohn haben. Philotas. O dir darf ich es klagen, du würdigster der Feinde meines Vaters, dir darf ich mein Schicksal klagen. — Nur du kannst mich ganz verstehen; denn auch dich, auch dich hat das herrschende Feuer der Ehre, der Ehre fürs Vaterland zu bluten, in deiner Jugend verzehret- Wärest du sonst, was du bist? — Wie habe ich ihn nicht, meinen Vater, seit sieben Tage» — denn erst sieben Tage kleidet mich die männliche Toga — wie habe ich ihn nicht gebeten, gefleht, beschworen, siebenmal alle sieben Tage auf den Knieen beschworen, zu verstatten, daß ich nicht umsonst der Kindheit entwachsen sey, und mich mit seinen Streitern ausziehen zu lasse», die mir schon längst so manche Thräne der Nachcifcrung gekostet. Gestern bewegte ich ihn, den besten Vater, den» Aristodcm half nur bitten. — Du kennst ihn, den Aristodcm; er ist meines Vaters Strato. — „Gieb mir, König, den Jüngling morgen mit," sprach Aristodcm; „ich will das Gebirge durchstreife», um den Weg nach Cäscna offen zu halten." — U?enn ick euch nur begleiten konnte! seufzte mein Vater. — Er liegt noch an seinen Wunden krank. — Dock es sey! und hiermit umarmte mich mein Vater. O was fühlte der glückliche Sohn in dieser Umarmung! — Und die Nacht, die darauf folgte! Ich schloß kein Auge; doch verweilten mich Träume der Ehre und des Sieges, bis zur zweyten Nachtwache auf dcni Lager. — Da sprang ich auf, warf mich in den neuen Panzer, strich die ungelockten Haare unter den Helm, wählte unter den Schwcrdern meines Vaters, dem ich gewachsen zu seyn glaubte, stieg zu Pferde, und hatte ein Roß schon müde gespornt, noch ehe die silberne Trommete die bcfohlnc Mannschaft weckte. Sie kamen, und Philotas. ich sprach mit jedem meiner Begleiter, und da drückte mich mancher wackere Krieger an seine narbigtc Brust! Nur mit meinem Vater sprach ich nicht; denn ich zitterte, wenn er mich noch einmal sähe, er möchte sein Wort wicdcrrufcn. — Nun zogen wir aus! An der Seite der unsterblichen Götter kann man nicht glücklicher seyn, als ich an der Seite Aristodems mich fühlte! Auf jeden seiner anfeuernden Blicke, hätte ich, ich allein, ein Heer angegriffen, und mich in der feindlichen Eisen gewissesten Tod gestürzct. Zn stiller Entschlosscnhcir freute ich mich auf jeden Hügel, von dem ich in der Ebene Feinde zu entdecken hoste; auf jede Krümmung des Thals, hinter der ich auf sie zu stoßen, mir schmeichelte. Und da ich sie endlich von der waldigtcn Höhe auf uns stürzen sahe; sie mit der Spitze des Schwcrds meinen Gefährten zeigte; ihnen bergan entgegen flog — rufe dir, ruhmvoller Grciß, die seligste deiner jugendlichen Entzückungen zurück — du konntest nie entzückter seyn! — Aber nun, nun sich mich, Strato, sieh mich von dem Gipfel meiner hohen Erwartungen schimpflich herab stürzen! O wie schaudert mich, diesen Fall in Gedanken noch einmal zu stürzen! — Zch war zu weit voraus geeilt; ich ward verwundet, und — gefangen! Armseliger Jüngling, nur auf Wunden hieltest du dich, nur auf den Tod gefaßt, — und wirst gefangen. So schicken die strengen Götter, unsre Fassung zu vereiteln, nur immer unvorgesehcncs Uebel? — Zch wciuc; ich muß weinen, ob ich mich schon, von dir darum verachtet zu werden, scheue. Aber verachte mich nicht! — Du wendest dich weg? Strato. Zch bin unwillig; du hättest mich nicht so bewegen sollen. — Zch werde mit dir zum Kinde — Philotas. Nein; höre, warum ich weine! Es ist kein kindisches Weinen, das du mit deiner männlichen Thräne zu begleiten würdigest — Was ich für mein größtes Glück hielt, die zärtliche Liebe, mit der mich mein Vater liebt, wird mein größtes Unglück. Zch fürchte, ich fürchte; er liebt mich mehr, als er sein Reich liebt! Wozu wird er sich nicht verstehen, was wird ihm dein König nicht abbringen, mich aus der Gefangenschaft zu retten! Durch mich Elenden, wird er an einem Tage mehr verlieren, als er in drey langen mühsamen Zahrcn, durch ^4 Philotas. das Blut seiner Edcln, durch sein eignes Blut gewonnen hat. Mit was für einem Angcsichtc soll ich wieder vor ihm erscheinen; ich, sein schlimmster Feind? Und meines Vaters Unterthanen — künftig einmal die mcinigcn, wenn ich sie zu regieren, mich würdig gemacht hätte — wie werden sie den ausgelösten Prinzen ohne die spöttischste Verachtung unter sich dulden können? Wann ich denn vor Scham sterbe und unbcdaucrt hinab zu den Schatten schleiche, wie finster und stolz werden die Seelen der Helden bey mir vorbey ziehen, die dem Könige die Vortheile mit ihrem Leben erkaufen mußten, deren er sich als Vater für einen unwürdigen Sohn bcgicbt. — O das ist mehr als eine fühlende Seele ertragen kann. Strato. Fasse dich, lieber Prinz! Es ist der Fehler des Jünglings, sich immer für glücklicher, oder unglücklicher zu halten, als er ist. Dein Schicksal ist so grausam noch nicht; der König nähert sich, und du wirst aus seinem Munde mehr Trost hören. Dritter Auftritt. Rönig Anbaus, philotas. Strato. Aridöus. Kriege, die Könige unter sich zu führen gezwungen werden, sind keine persönliche Feindschaften. — Laß dich umarmen, mein Prinz! O welcher glücklichen Tage erinnert mich deine blühende Jugend! So blühte die Jugend deines Vaters! Dieß war sein offnes, sprechendes Auge; dieß seine ernste, redliche Mine; dieß sein edler Anstand! — Noch einmal laß dich umarmen; ich umarme deinen jüngern Vater in dir. — Hast du es nie von ihm gehört, Prinz, wie vertraute Freunde wir in deinem Alter waren? Das war das selige Alter, da wir uns noch ganz unserm Herzen überlassen durften. Bald aber wurden wir beyde zum Throne gerufen, und der sorgende König, der eifersüchtige Nachbar unterdrückte, leider! den gefälligen Freund. — Philotas. Verzeih, o König, wenn du mich in Erwiederung so süßer Worte zu kalt findest. Man hat meine Jugend denken, aber nicht reden gelehrt. — Was kann es mir ißt helfen, daß du und mein Vater einst Freunde waren? Waren: AI»M5<»?» PhilotaS. '.»5 so sagst du selbst. Der Haß, den man auf vcrloschnc Freundschaft Pfropfet, muß, unter allen, die tätlichsten Früchte bringen; — oder ich kenne das menschliche Herz noch zu wenig. — Verzögere daher, König, verzögere meine Verzweiflung nur nicht. Du hast als der höfliche Staatsmann gesprochen; sprich nun als der Monarch, der den Nebenbuhler seiner Grösse, ganz in seiner Gewalt hat. Strato. O laß ihn, König, die Ungewißheit seines Schicksals nicht länger peinigen. — Philotas. Ich danke, Strato! — Za, laß mich es nur gleich hören, wie abschcuungswürdig du einen unglücklichen Sohn seinem Vater machen willst. Mit welchem schimpflichen Frieden, mit wie viel Ländern soll er ihn erkaufen? Wie klein und verächtlich soll er werden, um nicht vcrwäyst zu bleiben? — O mein Vater! — Aridäns. Auch diese frühe, männliche Sprache, Prinz, war deines Vaters! So höre ich dich gern! Und möchte, meiner nicht minder würdig, auch mein Sohn itzt vor deinem Vater so sprechen! — Philotas. Wie mcynst du das? — Ariväns. Die Götter — ich bin es überzeugt — wachen für unsre Tugend, wie sie für unser Leben wachen. Die so lang als mögliche Erhaltung beyder, ist ihr geheimes, ewiges Geschäft. Wo weiß ein Sterblicher, wie böse er im Grunde ist, wie schlecht er handeln würde, ließen sie jeden verführerischen Anlaß, sich durch kleine Thaten zu beschimpfen, ganz auf ihn wirken! — Za, Prinz, vielleicht wäre ich der, den du mich glaubst; vielleicht hätte ich nicht edel genug gedacht, das wunderliche Kricgcsglück, das dich mir in die Hände liefert, bescheiden zu nützen; vielleicht würde ich durch dich crtrozt haben, was ich zu erfechten nicht länger wagen mögen; vielleicht — Doch fürchte nichts; allen diesen Vielleicht hat eine höhere Macht vorgebauet; ich kann deinen Vater seinen Sohn nicht theurer erkaufen lassen, als — durch den mcinigcn. Philotas. Zch erstaune! Du giebst mir zu verstehen — Aridaas. Daß mein Sohn deines Vaters Gefangener ist, wie du meiner. — !>l! Philotas. Philotas. Dein Sohn mcincs Vaters? Dein Polytimct^ — Scit wenn? Wie? Wo? Arivans. So wollt' es das Schicksal! Aus gleichen Wag- schalcn nahm es auf einmal gleiche Gewichte, und die Schalen blieben noch gleich. Strato. Du willst nähere Umstände wissen. — Eben dasselbe Geschwader, dem du zu hitzig entgegen eiltest, führte Po- lytimetz und als dich die Deinigen verloren erblickten, erhob sie Wuth und Verzweiflung über alle menschliche Stärke. Sie brachen ein, und alle stürmten sie auf den einen, in welchem sie ihres Verlustes Ersetzung sahen. Des Ende weißt du. — Nun nimm noch von einem alten Soldaten die Lehre an: Der Angriff ist kein Wettrennen; nicht der, welcher zuerst, sondern welcher zum sichersten auf den Feind trift, hat sich dem Siege genähert. Das merke dir, zu feuriger Prinz; sonst möchte der werdende Held im ersten Keime ersticken. Arioöus. Strato, du machst den Prinzen, durch deine, zwar freundschaftliche, Warnung verdrüßlich. Wie finster er da steht! — Philotas. Nicht das! Aber laßt mich; in tiefe Anbetung der Vorsicht verloren — Andäus. Die beste Anbetung, Prinz, ist dankende Freude. Ermuntre dich! Wir Väter wollen uns unsre Söhne nicht lange vorenthalten. Mein Herold hält sich bereits fertig; er soll gehen, und die Auswechslung beschleunigen. Aber du weißt wohl, freudige Nachrichten, die wir allein vom Feinde erfahren, scheinen Fallstricke. Man könnte argwohnen, du seyst vielleicht an deiner Wunde gestorben. Es wird daher nöthig seyn, daß du selbst, mit dem Herolde einen unverdächtigen Bothen an deinen Vater sendest. Komm mit mir! Suche dir einen unter den Gefangenen, den du deines Vertrauens würdigen kannst. — Philotas. So willst du, daß ich mich vervielfältiget verabscheuen soll? In jedem der Gefangenen werde ich mich selbst erblicken. — Schenke mir diese Verwirrung. — Aridaus. Aber — Philotas. Unter den Gefangenen muß sich Parmenio befinden. Den schicke mir her; ich will ihn abfertigen. PhilotaS. !>7 Aridmis. Wohl; auch so! Komm Strato! Prinz, wir schcn uns bald wieder. Vierter Auftritt, philotas. — Götter! Näher konnte der Blitz, ohne mich ganz zu zerschmettern, nicht vor mir niederschlagen. Wunderbare Götter! Die Flamme kehrt zurück; der Dampf verfliegt, und ich war nur betäubt. — So war das mein ganzes Elend, zu schcn, wie elend ich hätte werden können? wie elend mein Vater durch mich? Nun darf ich wieder vor dir erscheinen, mein Vater! Zwar noch mit niedergeschlagenen Augen; doch nur die Scham wird sie niederschlagen, nicht das brennende Vcwusiseyn, dich mit mir ins Verderben gerissen zu haben. Nun darf ich nichts von dir fürchten, als einen Verweis mit Lächeln; kein stummes Traurcn; keine, durch die stärkere Gewalt der väterlichen Liebe erstickte Verwünschungen. — Aber — ja, bey dem Himmel! ich bin zu gütig gegen mich. Darf ich mir alle Fehler vergeben, die mir die Vorsicht zu vergeben scheinet? Soll ich mich nicht strenger richten, als sie und mein Vater mich richten? Die allzugütigcn! — Sonst jede der traurigen Folgen meiner Gefangenschaft konnten die Götter vernichten; nur eine konnten sie nicht: die Schande! Zwar jene leicht verfliegende wohl, die von der Zunge des Pöbels strömt; aber nicht die wahre daurcndc Schande, die hier der innere Richter, mein unpartcyischcs Selbst, über mich ausspricht! — Und wie leicht ich mich verblende! Verlieret mein Vater durch mich nichts? Der Ausschlag, den der gefangene Polyti- mct, — wenn ich nicht gefangen wäre, — auf seine Seite brächte, der ist nichts? — Nur durch mich wird er nichts! — Das Glück hätte sich erkläret, für wen es sich erklären sollte; das Recht meines Vaters triumphirtc, wäre Polytimct, nicht Philotas und Polytimct gefangen! — lind nun — welcher Gedanke war es, den ich itzt dachte? Nein; den ein Gott in mir dachte — Ich muß ihm nachhängen! Laß dich fesseln, flüchtiger Gedanke! — Ztzt denke ich Lessings Wirke II, - 7 98 Philotas. ihn wieder! Wie weit er sich verbreitet, und immer weiter; und nun durchstrahlt er meine ganze Seele! — Was sagte der König? Warum wollte er, daß ich zugleich selbst einen unverdächtigen Bothen an meinen Vater schicken sollte? Damit mein Batcr nicht argwohne — so waren ja seine eigne Worte — ich sey bereits an meiner Wunde gestorben. — Also mcynt er doch, wenn ich bereits an meiner Wunde gestorben wäre, so würde die Sache ein ganz anders Ansehen gewinnen? Würde sie das? Tausend Dank für diese Nachricht! Tausend Dank! — Und freylich! Denn mein Vater hätte alsdcnn einen gefangenen Prinzen, für den er sich alles bedingen könnte; und der König, sein Feind, hätte — den Leichnam eines gefangenen Prinzen, für den er nichts fordern könnte; den er — müßte begraben oder verbrennen lassen, wenn er ihm nicht zum Abscheu werden sollte. Gut! das begreif ich! Folglich, wenn ich, ich elender Gefangener, meinem Vater den Sieg noch in die Hände spielen will, worauf kömmt es an? Aufs Sterben. Auf weiter nichts? — O fürwahr; der Mensch ist mächtiger, als er glaubt, der Mensch, der zu sterben weiß! Aber ich? Zch, der Keim, die Knospe eines Menschen, weiß ich zu sterben? Nicht der Mensch, der vollendete Mensch allein, muß es wissen; auch der Jüngling, auch der Knabe; oder er weiß gar nichts. Wer zehn Zahr gelebt hat, hat zehn Zahr Zeit gehabt, sterben zu lernen; und was man in zehn Jahren nicht lernt, das lernt man auch in zwanzig, in dreyßig und mchrcrn nicht. Alles, was ich werden können, muß ich durch das zeigen, was ich schon bin. Und was könnte ich, was wollte ich werden? Ein Held. — Wer ist ein Held? — O mein abwesender vortrefflicher Vater, itzt sey ganz in meiner Seele gegenwärtig! — Hast du mich nicht gelehrt, ein Held sey ein Mann, der höhere Güter kenne, als das Leben? Ein Mann, der sein Leben dem Wohle des Staats gcweyhet; sich, den einzeln, dem Wohle vieler? Ein Held sey ein Mann — Ein Mann? Also kein Zttngling, mein Vater? — Seltsame Frage! Gut, daß sie mein Vater nicht gehöret hat! Er müßte glauben, ich sähe Philotas. !>!> es gern, wenn cr Nein darauf antwortete. — Wie alt muß die Fichte seyn, die zum Mäste dienen soll? Wie alt? Sie muß hoch genug, und muß stark genug seyn. Jedes Ding, sagte der Wcltweisc, der mich erzog, ist vollkommen, wenn es seinen Zweck erfüllen kann. Zch kann meinen Zweck erfüllen, ich kann zum Besten des Staats sterben: ich bin vollkommen also, ich bin ein Mann. Ein Mann, ob ich gleich noch vor wenig Tagen ein Knabe war. Welch Feuer tobt in meinen Adern? Welche Begeisterung befällt mich? Die Brust wird dem Herzen zu eng! — Geduld, mein Herz! Bald will ich dir Luft machen! Bald will ich dich deines einförmigen langweiligen Dienstes erlassen! Bald sollst du ruhen, und lange ruhen — Wer kömmt? Es ist Parmcnio. — Geschwind entschlossen! — Was muß ich zu ihm sagen? Was muß ich durch ihn meinem Vater sagen lassen? — Recht! das muß ich sagen, das muß ich sagen lassen. Fünfter Auftritt, parmemo- philotas. Philotas. Tritt näher, Parmcnio. — Nun? warum so schüchtern? So voller Scham? Wessen schämst du dich? Deiner, oder meiner? Parmenio. Unser beyder, Prinz. Philotas. Immer sprich, wie du denkst. Freylich, Parmc- nio, müssen wir beyde nicht viel taugen, weil wir uns hier befinden. Hast du meine Geschichte bereits gehöret? Parmenio. Leider! Philotas. Und als du sie hörtest? — Parmenio. Zch belauerte dich, ich bewunderte dich, ich verwünschte dich, ich weiß selbst nicht, was ich alles that. Philotas. Za, ja! Nun aber, da du doch wohl auch erfahren, daß das Unglück so groß nicht ist, weil gleich darauf Polytimet von den unsrigcn — — Parmenio. Za nun; nun möchte ich fast lachen. Zch finde, daß das Glück zu einem kleinen Schlage, den es uns versetzen will, oft erschrecklich weit ausholt. Man sollte glauben, es 100 Philotas. wolle uns zerschmettern, und hat uns am Ende nichts, als eine Mücke auf der Stirne todt geschlagen. Philotas. Zur Sache! — Ich soll dich mit dem Herolde des Königs zu meinem Batcr schicken. Parmenio. Gut! So wird deine Gefangenschaft der mci- nigen das Wort sprechen. Ohne die gute Nachricht, die ich ihm von dir bringen werde, und die eine freundliche Mine wohl werth ist, hätte ich mir eine ziemlich frostige von ihm versprechen müssen. Philotas. Nein, ehrlicher Parmenio; nun im Ernst! Mein Vater weiß es, daß dich der Feind verblutet und schon halb erstarrt von der Wahlstatt aufgehoben. Laß prahlen, wer prahlen will; der ist leicht gefangen zu nehmen, den der nahende Tod schon entwaffnet hat. — Wie viel Wunden hast du nun, alter Knecht? — Parmenio. O, davon konnte ich sonst eine lange Liste hersagen. Ztzt aber habe ich sie um ein gut Theil verkürzt. Philoras, Wie das ? Parmenio. Ha! Ich rechne nun nicht mehr die Glieder, an welchen ich verwundet bin; Zeit und Athem zu ersparen, zähle ich die, an welchen ich es nicht bin. — Kleinigkeiten bey dem allen! Wozu hat man die Knochen anders, als daß sich die feindlichen Eisen darauf schartig hauen sollen? Philoras, Das ist wacker! — Aber nun — was willst du meinem Vater sagen? Parmenio. Was ich sehe; daß du dich wohl befindest. Denn deine Wunde, wenn man mir anders die Wahrheit gesagt hat, — Philotas. Ist so gut als keine. parmenio. Ein kleines liebes Andenken. Dergleichen uns ein inbrünstiges Mädchen in die Lippe beißt. Nicht wahr, Prinz? philotas. Was weiß ich davon? parmenio. Nu, nu; kömmt Zeit, kömmt Erfahrung. — Ferner will ich deinem Vater sagen, was ich glaube, daß du wünschest -- philotas. Und was ist das? Philotas. 101 parmemo. Zc eher, je lieber wieder bey ihm zu seyn. Deine kindliche Sehnsucht, deine bange Ungeduld — Philotas. Mein Heimweh lieber gar. Schalk! warte, ich will dich anders denken lehren! Parmenio. Bey dem Himmel, das mußt du nicht! Mein lieber frühzeitiger Held, laß dir das sagen: Du bist noch Kind! Gieb nicht zu, daß der rauhe Soldat das zärtliche Kind so bald in dir ersticke. Man möchte sonst von deinem Herzen nicht zum besten denken; man möchte deine Tapferkeit für an- gcborne Wildheit halten. Ich bin auch Vater, Barer eines einzigen Sohnes, der nur wenig älter als du, mit gleicher Hitze — du kennst ihn ja. Philotas. Ich kenne ihn. Er verspricht alles, was sei» Vater geleistet hat. Parmenio. Aber wüßte ich, daß sich der junge Wildfang nicht in allen Augenblicken, die ihm der Dienst frey läßt, nach seinem Vater sehnte, und sich nicht so nach ihm sehnte, wie sich ein Lamm nach seiner Mutter sehnet: so möchte ich ihn gleich — siehst du! — nicht erzeugt haben. Ztzt muß er mich noch mehr lieben, als ehren. Mit dem Ehren werde ich mich so Zeit genug müssen begnügen lassen, wenn nehmlich die Natur den Strom seiner Zärtlichkeit einen andern Weg leitet; wenn er selbst Vater wird. — Werde nicht ungehalten, Prinz. philoras. Wer kann auf dich ungehalten werden? — Du hast Recht! Sage meinem Vater alles, was du glaubest, daß ihm ein zärtlicher Sohn bey dieser Gelegenheit muß sagen lassen. Entschuldige meine jugendliche Unbcdachtsamkcit, die ihn und sein Reich fast ins Verderben gestürzt hätte. Bitte ihn, mir meinen Fehler zu vergeben. Vcrsichre ihn, daß ich ihn nie durch einen ähnlichen Fehler wieder daran erinnern will; daß ich alles thun will, damit er ihn auch vergessen kann. Beschwöre ihn — Parmenio. Laß mich nur machen! So etwas können wir Soldaten recht gut sagen. — Und besser als ein gelehrter Schwätzer; denn wir sagen cS treuherziger. — Laß mich nur machen! Zch weiß schon alles. — Lebe wohl, Prinz; ich eile — Philotas. Verzieh! 102 Philotas. Parmenio. Nun? — Und welch fcycrliches Ansehen giebst du dir auf einmal? Philoras. Der Sohn hat dich abgefertiget, aber noch nicht der Prinz. — Jener mußte fühlen; dieser muß überlegen. Wie gern wollte der Sohn gleich itzt, wie gern wollte er noch eher, als möglich, wieder um seinen Vater, um seinen geliebten Vater seyn; aber der Prinz — der Prinz kann nicht. — Höre! Parmenio. Der Prinz kann nicht? Philoms. Und will nicht. Parmenio. Will nicht? Philoras. Höre! Parmenio. Zch erstaune — — Philoras, Zch sage, du sollst hören, und nicht erstaunen. Höre! Parmenio. Zch erstaune, weil ich höre. Es hat geblitzt, und ich erwarte den Schlag. — Rede! — Aber, junger Prinz, keine zweyte Ucbcrcilung! — philoras. Aber, Soldat, kein Vernünfteln! — Höre! Zch habe meine Ursachen, nicht eher ausgelöset zu seyn, als morgen. Nicht eher als morgen! Hörst du? — Sage also unserm Könige, daß er sich an die Eilfertigkeit des feindlichen Herolds nicht kehre. Eine gewisse Bcdcnklichkcit, ein gewisser Anschlag nöthige den Philotas zu dieser Verzögerung. — Hast du mich verstanden? parmenio. Nein! philoras. Nicht? Vcrräthcr! — parmenio. Sachte, Prinz! Ein Papagcy versteht nicht, aber er behält, was man ihm vorsagt. Sey unbesorgt. Zch will deinem Vater alles wieder hcrplappcrn, was ich von dir höre. philoras. Ha! Zch untersagte dir, zu vernünfteln; und das vcrdrcußt dich. Aber wie bist denn du so verwöhnt? Haben dir alle deine Befehlshaber Gründe gesagt? — parmenio. Alle, Prinz; ausgenommen die jungen. philoras. Vortrefflich! Parmenio, wenn ich so empfindlich wäre, als du-- parmenio- Und doch kann nur derjenige meinen blinden Gehorsam heischen, dem die Erfahrung doppelte Augen gegeben. Philotas. 103 philotas. Bald werde ich dich also um Verzeihung bitten müssen. — Nun wohl, ich bitte dich um Verzeihung, Parmc- nio. Murre nicht, Alter! Sey wieder gut, alter Vater! — Du bist freylich klüger, als ich. Aber nicht die Klügsten allein, haben die besten Einfälle. Gute Einfälle sind Geschenke des Glückes; und das Glück, weißt du wohl, beschenkt den Jüngling oft lieber, als den Greis. Denn das Glück ist blind. Blind, Parmenio; stockblind gegen alles Verdienst. Wenn es das nicht wäre, müßtest du nicht schon lange Feldherr seyn? parmenio. Sich, wie du zu schmeicheln weißt, Prinz — Aber im Vertrauen, lieber Prinz! Willst du mich nicht etwa bestechen? mit Schmcichclcycn bestechen? philotas. Ich, schmeicheln! Und dich bestechen! Du bist der Mann, der sich bestechen läßt! parmenio. Wenn du so fortfährst, so kann ich es werden. Schon traue ich mir selbst nicht mehr recht! philotas. Was wollte ich also sagen? — So einen guten Einfall nun, wollte ich sagen, als das Glück oft in das albernste Gehirn wirst, so einen habe auch ich itzo ertappt. Bloß ertappt; von dem Mcinigcn ist nicht das geringste dazu gekommen. Denn hätte mein Verstand, meine Erfindungskraft einigen Antheil daran, würde ich ihn nicht gern mit dir überlegen wollen? Aber so kann ich ihn nicht mit dir überlegen; er verschwindet, wenn ich ihn mittheile; so zärtlich, so fein ist er, ich getraue mir ihn nicht in Worte zu kleiden; ich denke ihn nur, wie mich der Philosoph Gott zu denken gelehrt hat, und aufs höchste könnte ich dir nur sagen, was er nicht ist — Möglich zwar genug, daß es im Grunde ein kindischer Einfall ist; ein Einfall, den ich für einen glücklichen Einfall halte, weil ich noch keinen glücklichern gehabt habe. Aber mag er doch; kann er nichts nützen, so kann er doch auch nichts schaden. Das weiß ich gewiß; es ist der unschädlichste Einfall v.on der Welt; so unschädlich als — als ein Gebet. Wirst du deswegen zu beten unterlassen, weil du nicht ganz gewiß weißt, ob dir das Gebet helfen wird? — Verdirb mir immer also meine Freude nicht, Parmenio, ehrlicher Parmenio! Ich bitte dich, ich umarme dich — Wenn du mich nur ein klein wenig lieb 104 Philotas. hast — Willst du? Kann ich mich darauf verlassen? Willst du machen, daß ich erst morgen ausgewechselt werde? Willst du? Parmcnio. Ob ich will? Muß ich nicht? muß ich nicht? — Höre, Prinz, wenn du einmal König wirst, gieb dich nicht mit dem Befehlen ab. Befehlen ist ein unsicheres Mittel, befolgt zu werden. Wem du etwas recht schweres aufzulegen hast, mit dem mache es, wie du es itzt mit mir gemacht hast, und wenn er dir alsdcun seinen Gehorsam verweigert — Unmöglich! Er kann dir ihn nicht verweigern! Ich muß auch wissen, was ein Mann verweigern kann. Philoras. Was Gehorsam? Was hat die Freundschaft, die du mir erweisest, mit dem Gehorsame zu thun? Willst du, mein Freund? — Parmemo. Hör' auf! hör' auf! Du hast mich schon ganz. Za doch, ich will alles. Ich will es, ich will es deinem Vater sagen, daß er dich erst morgen auslösen soll. Warum zwar erst morgen, — das weiß ich nicht! Das brauch' ich nicht zu wissen. Das braucht auch er nicht zu wissen. Genug, ich weiß, daß du es willst. Und ich will alles, was du willst. Willst du sonst nichts? Soll ich sonst nichts thun? Soll ich für dich durchs Feuer rennen? Mich für dich vom Felsen herab stürzen? Befiehl nur, mein lieber kleiner Freund, befiehl! Ztzt thu ich dir alles! So gar — sage ein Wort, und ich will für dich ein Verbrechen, ein Bubenstück begehen! Die Haut schaudert mir zwar; aber doch Prinz, wenn du willst, ich will, ich will — Philotas. O mein bester, feuriger Freund! O du — wie soll ich dich nennen? — du Schöpfer meines künftigen Ruhmes! Dir schwöre ich bey allem, was mir am heiligsten ist, bey der Ehre meines Vaters, bey dem Glücke seiner Waffen, bey der Wohlfahrt seines Landes, schwöre ich dir, nie in meinem Leben diese deine Bereitwilligkeit, deinen Eiser zu vergessen! Möchte ich ihn auch würdig genug belohnen können! — Höret, ihr Götter, meinen Schwur! — Und nun, Parmcnio, schwöre auch du! Schwöre mir, dein Wort treulich zu halten. — Parmenio. Zch schwören? Ich bin zu alt zum schwören. Philoras. Uud ich bin zu jung, dir ohne Schwur zu Philotas. 105 trauen. Schwöre mir! Zch habe dir bey meinem Vater geschworen, schwöre du mir bey deinem Sohne. Du liebst ihn doch, deinen Sohn? Du liebst ihn doch recht herzlich? Parmemo. So herzlich, wie dich! — Du willst es, und ich schwöre. Zch schwöre dir, bey meinem einzigen Sohne, bey meinem Blute, das in seinen Adern wallet, bey dem Blute, das ich gern für deinen Vater geblutet, das auch er gern für dich einst bluten wird, bey diesem Blute schwöre ich dir, mein Wort zu halten! Und wenn ich es nicht halte, so falle mein Sohn in seiner ersten Schlacht, und erlebe sie nicht, die glorreichen Tage deiner Regierung! — Höret, ihr Götter, meinen Schwur — Philotas. Höret ihn noch nicht, ihr Götter! — Du hast mich zum besten, Alter. Zn der ersten Schlacht fallen; meine Regierung nicht erleben; ist das ein Unglück? Ist früh sterben, ein Unglück? Parmemo. Das sag ich nicht. Doch nur deswegen, um dich auf dem Throne zu sehen, um dir zu dienen, möchte ich — was ich sonst durchaus nicht möchte — noch einmal jung werden — Dein Vater ist gut; aber du wirst besser, als er. philoms. Kein Lob zum Nachtheile meines Vaters! — Acndcrc deinen Schwur! Komm, ändere ihn so: Wenn du dein Wort nicht hältst, so möge dein Sohn ein Feiger, ein Nichts- würdiger werden; er möge, wenn er zwischen Tod und Schande zu wählen hat, die Schande wählen; er möge neunzig Zahr ein Spott der Weiber leben, und noch im neunzigsten Zahre ungern sterben. Parmemo. Zch entsetze mich — doch schwöre ich: das mög er! — Höret den gräßlichsten der Schwüre, ihr Götter! Philoras. Höret ihn! — Nnn gut, nun kannst du gehen, Parmcnio. Wir haben einander lange genug aufgehalten, und fast zu viel Umstände über eine Kleinigkeit gemacht. Denn ist es nicht eine wahre Kleinigkeit, meinem Vater zu sagen, ihn zu überreden, daß er mich nicht eher als morgen auswechsle? Und wenn er ja die Ursache wissen will; wohl, so erdenke dir unter Weges eine Ursache. Parmemo. Das will ich auch! Zch habe zwar, so alt ich 10« Philotas. geworden bin, noch nie auf eine Unwahrheit gesonnen. Aber doch, dir zu Liebe, Prinz — Laß mich nur; das Böse lernt sich auch noch im Alter. — Lebe wohl! Philotas. Umarme mich! — Geh! Sechster Austritt, philotas. — Es soll so viele Bctricgcr in der Welt geben, und das Verriegelt ist doch so schwer, wenn es auch in der besten Absicht geschieht. — Habe ich mich nicht wenden und winden müssen! — Mache nur, guter Parmenio, daß mich mein Vater erst morgen auslöset, und er soll mich gar nicht auszulösen brauchen. — Nun habe ich Zeit genug gewonnen! — Zeit genug, mich in meinem Vorsatze zu bestärken — Zeit genug, die sichersten Mittel zu wählen. — Mich in meinem Vorsätze zu bestärken? — Wehe mir, wenn ich dessen bedarf! — Sündhaftigkeit des Alters, wenn du mein Theil nicht bist, o so stehe du mir bey, Hartnäckigkeit des Jünglings! Za, es bleibt dabey! es bleibt fest dabey! — Zch fühl es, ich werde ruhig, — ich bin ruhig! — Der dn itzt da stehest, Philotas — (indem er sich selbst betrachtet) — Ha! es muß ein trefflicher, ein großer Anblick seyn: ein Züngling gestreckt auf den Boden, das Schwcrd in der Brust! — Das Schwcrd? Götter! o ich Elender! ich Acrmstcr! — Und itzt erst werde ich es gewahr? Zch habe kein Schwcrd; ich habe nichts! Es ward die Beute des Kriegers, der mich gefangen nahm. — Vielleicht hätte er es mir gelassen, aber Gold war der Heft. — Unseliges Gold, bist du denn immer das Verderben der Tugend! Kein Schwcrd? Zch kein Schwcrd? — Götter, barmherzige Götter, dieß einzige schenket mir! Mächtige Götter, die ihr Erde und Himmel erschaffen, ihr könntet mir kein Schwcrd schaffen, — wcnn ihr wolltet? — Was ist nun mein großer, schimmernder Entschluß? Zch werde mir selbst ein bitteres Gelächter — Und da kommt er auch schon wieder, der König. — Still? Wenn ich das Kind spielte? — Dieser Gedanke verspricht etwas. — Za! Vielleicht bin ich glücklich — Philotas. 107 Siebender Auftritt. Aridäus. pyiloras. Zlndäus. Nun sind die Bothen fort, mein Prinz. Sie sind auf den schncllcstcn Pferden abgegangen, und das Haupt- lagcr deines Vaters ist so nahe, daß wir in wenig Stunden Antwort erhalten können. Philoras. Du bist also, König, wohl sehr ungeduldig, deinen Sohn wieder zu umarmen? Aridäus. Wird es dein Vater weniger seyn, dich wieder an seine Brust zu drücken? — Laß mich aber, liebster Prinz, deine Gesellschaft genießen. Zn ihr wird mir die Zeit schneller verschwinden; und vielleicht, daß es auch sonst glückliche Folgen hat, wenn wir uns näher kennen. Liebenswürdige Kinder sind schon oft die Mittelspersonen zwischen veruneinigten Vätern gewesen. Folge mir also in mein Zelt, wo die besten meiner Befehlshaber deiner warten. Sie brennen vor Begierde dich zu sehen und zu bewundern. Philoras. Männer, König, müssen kein Kind bewundern. Laß mich also nur immer hier. Scham und Aergerniß würden mich eine sehr einfältige Person spielen lassen. Und was deine Unterredung mit mir anbelangt — da seh' ich vollends nicht, was daraus kommen könnte. Ich weiß weiter nichts, als daß du und mein Vater in Krieg verwickelt sind; und das Recht — das Recht, glaub' ich, ist auf Seiten meines Vaters. Das glaub' ich, König, und will es nun einmal glauben — wenn du mir auch das Gegentheil unwidcrsprcchlich zeigen könntest. Ich bin Sohn und Soldat, und habe weiter keine Einsicht, als die Einsicht meines Vaters und meines Feldherrn. Aridäus. Prinz, es zeiget einen großen Verstand, seinen Verstand so zu verleugnen. Doch thut es mir leid, daß ich mich also auch vor dir nicht soll rechtfertigen können. — Unseliger Krieg! — Philoras. Za wohl, unseliger Krieg! — Und wehe seinem Urheber! Aridäus. Prinz! Prinz! erinnere dich, daß dein Vater das 108 Philotas. Schwcrd zuerst gezogen. Ich mag in deine Verwünschung nicht einstimmen. Er hatte sich übereilt, er war zu argwöhnisch — Philoras. Nun ja; mein Vater hat das Schwcrd zuerst gezogen. Aber entsteht die Fcucrsbrunst erst dann, wenn die lichte Flamme durch das Dach schlägt? Wo ist das geduldige, galllosc, unempfindlich. Geschöpf, das durch unaufhörliches Necken nicht zu erbittern wäre? — Bedenke, — denn du zwingst mich mit aller Gewalt von Dingen zu reden, die mir nicht zukommen — bedenke, welch eine stolze, verächtliche Antwort du ihm ertheiltest, als er — Doch du sollst mich nicht zwingen; ich will nicht davon sprechen! Unsere Schuld und Unschuld sind unendlicher Mißdeutungen, unendlicher Beschönigungen fähig. Nur dem untricglichcn Auge der Götter erscheinen wir, wie wir sind; nur das kann uns richten. Die Götter aber, du weißt es, König, sprechen ihr Urtheil durch das Schwcrd des Tapfersten. Laß uns dcn blutigen Spruch aushören! Warum wollen wir uns kleinmüthig von diesem höchsten Gerichte wieder zu den niedrigern wenden? Sind unsere Fäuste schon so müde, daß die ^ geschmeidige Zunge sie ablösen müsse? Aridöus. Prinz, ich höre dich mit Erstaunen — Philoras. Ach! — Auch ein Weib kann man mit Erstaunen hören! Arisäus. Mit Erstaunen, Prinz, und nicht ohne Jammer! — Dich hat das Schicksal zur Krone bestimmt, dich! — Dir will es die Glückseligkeit eines ganzen, mächtigen, cdeln Volkes anvertrauen; dir! — Welch eine schreckliche Zukunft enthüllt sich mir! Du wirst dein Volk mit Lorbecrn und mit Elend überhäufen. Du wirst mehr Siege, als glückliche Unterthanen zählen. — Wohl mir, daß meine Tage in die dcinigen nicht reichen werden! Aber wehe meinem Sohne, meinem redlichen Sohne! Du wirst es ihm schwerlich vergönnen, den Harnisch abzulegen — Philotas. Beruhige dcn Vater, o König! Ich werde deinem Sohne weit mehr vergönnen! weit mehr! Aridäus. Weit mehr? Erkläre dich — Philotas. Habe ich ein Räthsel gesprochen? — O verlange nicht, König, daß ein Jüngling, wie ich, alles mit Bc- PhilotaS. 10? dachte und Absichten sprechen soll. — Zch wollte nur sagen: Die Frucht ist oft ganz anders, als die Blüthe sie verspricht. Ein weibischer Prinz, hat mich die Geschichte gclchrct, ward oft ein kriegerischer König. Könnte mit mir sich nicht das Gegentheil zutragen? — Oder vielleicht war auch dieses meine Meynung, daß ich noch einen weiten und gefährlichen Weg zum Throne habe. Wer weiß, ob die Götter mich ihn vollenden lassen? — Und laß mich ihn nicht vollenden, Vater der Götter und Menschen, wenn du in der Zukunft mich als einen Verschwender des Kostbarsten, was du mir anvertrauet, des Blutes meiner Unterthanen, siehest! — Aridöns. Za, Prinz; was ist ein König, wenn er kein Vater ist! Was ist ein Held ohne Menschenliebe! Nun erkenne ich auch diese in dir, und bin wieder ganz dein Freund! — Aber komm, komm; wir müssen hier nicht allein bleiben. Wir sind einer dem andern zu ernsthaft. Folge mir! Philoms. Verzeih, König — Aridöus. Weigere dich nicht! Philoms. So wie ich bin, mich vor vielen sehen zu lassen?-- Aridöus. Warum nicht? Philoms. Zch kann nicht, König; ich kann nicht. Aridöus. Und die Ursache? Philoms. O die Ursache! — Sie würde dich zum Lachen bewegen. Aridöus. Um so viel lieber laß sie mich hören. Zch bin ein Mensch, und weine und lache gern. Philoms. Nun so lache denn! — Sich, König, ich habe kein Schwerd, und ich möchte nicht gern, ohne dieses Kennzeichen des Soldaten, unter Soldaten erscheinen. Aridöus. Mein Lachen wird zur Freude. Zch habe in voraus hierauf gedacht, und du wirst sogleich befriediget werden. Strato hat Befehl, dir dein Schwerd wieder zu schaffen. Philoms. Also laß uns ihn hier erwarten. Aridaus. Und alsdcnn begleitest du mich doch? — Philoms. Alsdenn werde ich dir aus dem Fuße nachfolgen. Aridöus. Gewünscht! da kömmt er! Nun, Strato — 110 Philotas. Achter Austritt. Strato, (mit einem Schwcrde in der Hand.) Aridäus. philotas. Strato. König, ich kam zu dem Soldaten, der den Prinzen gefangen genommen, und forderte des Prinzen Schwerd in deinem Namen von ihm zurück. Aber höre, wie edel sich der Soldat weigerte. „Der König, sprach er, muß mir das „Schwerd nicht nehmen. Es ist ein gutes Schwerd, und ich „werde es für ihn brauchen. Auch muß ich ein Andenken von „dieser meiner That behalten. Bey den Göttern, sie war keine „von meinen geringsten! Der Prinz ist ein kleiner Dämon. „Vielleicht aber ist es euch nur um den kostbaren Heft zu thun — Und hiermit, ehe ich es verhindern konnte, hatte seine starke Hand den Heft abgewunden, und warf mir ihn verächtlich zu Füßen — „Da ist er! fuhr er.fort. Was kümmert mich „euer Gold?" Aridaus. O Strato, mache mir den Mann wieder gut! — Strato. Zch that es. Und hier ist eines von deinen Schwcrdcrn! Aridaus. Gieb her! — Willst du es, Prinz, für das dcinigc annehmen? philoras. Laß sehen! — Ha! — (bey Seite) Habet Dank, ihr Götter! (indem er es lange und ernsthaft betrachtet) — Eilt Schwerd! Strato. Habe ich nicht gut gcwählct, Prinz? Arioaus. Was findest du deiner tiefsinnigen Aufmerksamkeit so werth daran? philotas. Daß es ein Schwerd ist! — (indem er wieder zu sich kömmt) Und ein schönes Schwerd! Zch werde bey diesem Tausche nichts verlieren. — Ein Schwerd! Aridaus. Du zitterst, Prinz. philotas. Vor Freuden! — Ein wenig zu kurz scheinet es mir bey alle dem. Aber was zu kurz? Ein Schritt näher auf den Feind ersetzt, was ihm an Eisen abgehet. — Liebes Schwerd! Welch eine schöne Sache ist ein Schwerd, zum Spiele und zum Gebrauche! Zch habe nie mit etwas andern gespielt. — ^ Philotas. 111 Aridans. (zum Strato) O der wunderbaren Vermischung von Kind und Hcld! philotas. (bey Seite) Liebes Schwcrd! Wer doch bald mit dir allein wäre! — Aber, gewagt'. AriSaos. Nun lege das Schwcrd an, Prinz; und folge mir. philotas. Sogleich! — Doch seinen Freund und sein Schwcrd muß man nicht bloß von außen kennen, (er zieht e«, iind Strato tritt zwischen ihn miv den König) Strato. Ich verstehe mich mehr auf den Stahl, als auf die Arbeit. Glaube mir, Prinz, der Stahl ist gilt. Der König hat, in seinen männlichen Zahrcn, mehr als cinc^i Helm damit gespalten. philotas. So stark werde ich nicht werden! Immerhin! — Tritt mir nicht so nahe, Strato. Straro. Warum nicht? philoras. So! (indem er zurückspringt, und mit dem Schwcrdc einen Streich durch die Lust thut) Es hat den Zug, wie es ihn haben muß. Arisäus. Prinz, schone deines verwundeten Armes! Du wirst dich erhitzen! — philoras. Woran erinnerst du mich, König? — An mein Unglück; nein, an meine Schande! Ich ward verwundet, und gefangen! Za! Aber ich will es nie wieder werden! Bey diesem meinem Schwcrdc, ich will es nie wieder werden! Nein, mein Vater, nein! Heut sparet dir ein Wunder das schimpfliche Lö- scgcld für deinen Sohn; künftig spar' es dir sein Tod! Sein gewisser Tod, wcnn er sich wieder umringt flehet! — Wieder umringt? — Entsetzen! — Ich bin es! Zch bin umringt! Was nun? Gefährte! Freunde! Brüder! Wo seyd ihr? Alle todt? Ueberall Feinde? — Ucbcrall! — Hier durch, Philotas! Ha! Nimm das, Verwegner! — Und du das! — Und du das! (um sich hauend) Strato. Prinz! was geschieht dir? Fasse dich! (geht auf ihn^zu) philotas. (sich von ihm entfernend) Auch du, Strato? auch du? — O Feind, sey großmüthig! Todte mich! Nimm mich nicht gefangen! — Nein, ich gebe mich nicht gefangen! Und wcnn ihr alle Stratos wäret, die ihr mich umringet! Doch 112 Philotas. will ich mich gegen euch alle, gcgm eine Welt will ich mich wehren! — Thut euer Bestes, Feinde! — Aber ihr wollt nicht? Zhr wollt mich nicht todten, Grausame? Ihr wollt mich mit Gewalt lebendig? — Ich lache nur! Mich lebendig gefangen? Mich? — Eher will ich dieses mein Schwcrd, will ich — in diese meine Brust — eher — (er durchsticht sich) Anbaus. Götter! Strato! Strato. König! philotas. Das wollt ich! (znriick sinkend) Aridaus. Halt ihn, Strato! — Hülfe! dem Prinzen zu Hülfe! — Prinz, welche wüthende Schwermut!) — philotas. Bcrgicb mir, König! ich habe dir einen tödtli- chcrn Streich versetzt, als mir! — Ich sterbe; und bald werden,, beruhigte Länder die Frucht meines Todes genießen. — Dein Sohn, König, ist gefangen; und der Sohn meines Vaters ist frey — Aridaus. Was hör' ich? Straro. So war es Vorsatz, Prinz? — Aber als unser Gefangener hattest du kein Recht über dich selbst. philotas. Sage das nicht, Strato! — Sollte die Freyheit zu sterben, die uns die Götter in allen Umständen des Lebens gelassen haben, sollte diese ein Mensch dem andern verkümmern können? — Straro. O König! — Das Schrecken hat ihn versteinert! — König! Aridäus. Wer ruft? Strato. König! Aridans. Schweig! Strato. Der Krieg ist aus, König! Aridaus. Aus? Das lcugst du, Strato! — Der Krieg ist nicht aus, Prinz! — Stirb nur! stirb! Aber nimm das mi^, nimm den quälenden Gedanken mit: Als ein wahrer un- crfahrncr Knabe hast du geglaubt, daß die Väter alle von einer Art, alle von der weichlichen, weibischen Art deines VatcrS sind. — Sie sind es nicht alle! Zch bin es nicht! Was liegt mir an meinem Sohne? Und denkst du, daß er nicht eben sowohl zum Besten seines Vaters sterben kann, als du zum Besten Philotas. 113 des dcinigcn? — Er sterbe! Auch sein Tod erspare mir das schimpfliche Löscgcld! — Strato, ich bin nun verwaiset, ich armer Mann! — Du hast einen Sohn; er sey der mcinigc! — — Denn einen Sohn muß man doch haben. — Glücklicher Strato! Philotas. Noch lebt auch dein Sohn, König! Und wird leben! Zch hör es! Ariöäus. Lebt er noch? — So muß ich ihn wieder haben. Stirb du nur! Zch will ihn doch wieder haben! Und für dich! — Oder ich will deinem todten Körper so viel Unchrc, so viel Schmach erzeigen lassen! — Zch will ihn — Philoms. Den todten Körper! — Wenn du dich rächen willst, König, so erwecke ihn wieder! — Arioöus. Ach! — wo gcrath' ich hin! Philotas. Du tarierst mich! — Lebe wohl, Strato! Dort, wo alle tugendhafte Freunde, und alle tapfere Glieder Eines seligen Staates sind, im Elysium sehen wir uns wieder! — Auch wir, König, sehen uns wieder — AriSäns. Und versöhnt! — Prinz! — Philotas. O so empfanget meine rriumphircnde Seele, ihr Götter; und dein Opfer, Göttinn des Friedens! — Aridäns. Höre mich, Prinz! — Strato. Er stirbt! — Bin ich ein Vcrräthcr, König, wenn ich deinen Feind beweine? Zch kann mich nicht halten. Ein wunderbarer Züngling! Aridaus. Beweine ihn nur! — Auch ich! — Komm! Ich muß meinen Sohn wieder haben! Aber rede mir nicht ein, wenn ich ihn zu theuer erkaufe! — Umsonst haben wir Ströme Bluts vergossen; umsonst Länder erobert. Da zieht er mit unsrer Beute davon, der grössere Sieger! — Komm! Schaffe mir meinen Sohn! Und wenn ich ihn habe, will ich nicht mehr König seyn. Glaubt, ihr Menschen, daß man es nicht satt wird ? — (gehen ab.) LessingS Werke >l, 8 Em^lia Galotti. Ein Trauerspiel in fünf Auszügen. 1772.") Personen. Emilia Galotti. Odoardo und 1 A^^^i. Ael.crn der Emilia. Claudia 1 Hettore Gonzaga. Prinz von Guastalla. Marinelli. Kammcrhcrr des Prinzen. Camillo Rota- Einer von des Prinzen Räthen. Conti. Mahler. Graf Zlppiani. Gräfinn Orsina. ?lngelo, »nd einige Bediente. Erster Aufzug. (Die Scene, ein Kabinct des Prinzen.) Erster Anstritt. Der Prinz, cm einem Arbeitstische, voller Briefschaften nnd Papiere, deren einige er durchläuft. klagen, nichts als Klagen! Bittschriften, nichts als Bittschriften! — Die traurigen Geschäfte; und man beneidet uns noch! — Das glaub' ich; wenn wir allen helfen könnten: dann wären wir zu beneiden. — Emilia? (Indem er noch eine von den Bitt- °) Ans einer Abschrift von Lcssings Hand, offenbar dcr vorletzten, hat dcr Hcransgebcr, dcr den Gebrauch derselben dem jetzigen Besitzer, Herrn Geh. Obcrrcgierungsrath von Tzschoppc, verdankt, einige nicht unbedeutende Druckfehler und viele Willkürlichkcitc» dcr Ausgabcn verbessern können. Die übrigen Abweichungen dcr Handschrift werden, mit Ausnahme dcr bloß orthographische, untcr dcm Text sämtlich angegeben. M' Emilia Galotti. 115 schristm aufschlagt, u»d nach dem untcrschricbncn Namen sieht.) Eine Emilia? — Aber cinc Emilia Bruncschi — nicht Galotti. Nicht Emilia Galotti! — Was will sie, dicse Emilia Bruncschi? (Er liefet.) Viel gefodcrtz sehr viel. — Doch sie heißt Emilia. Gewährt! (Er unterschreibt und klingelt, worauf ein Kammerdiener herein tritt.) Es ist wohl noch keiner von den Räthen in dem Vorzimmer? Der RammerSiener. Nein. Der Prinz. Zch habe zu früh Tag gemacht. — Der Morgen ist so schön. Zch will ausfahrcn. Marchcsc Marinclli soll mich begleiten. Laßt ihn rufen. (Der Kammerdiener geht ab ) — Zch kann doch nicht mehr arbeiten. — Zch war so ruhig, bild' ich mir ein, so ruhig — Auf einmal muß cinc arme') Bru- ncschi, Emilia hcißcn: — wcg ist meine Ruhe, und alles! — Der RammerSiencr (welcher wieder herein tritt ) Nach dcm Marchcsc ist geschickt. Und hier, ein Brief von der Gräfinn Orsina. Der prin;. Der Orsina? Legt ihn hin. Der Rammcrdicner. Zhr Läufer wartet. Der Prinz. Zch will die Antwort scndcn; wenn es einer bedarf. — Wo ist sie? Zn der Stadt? oder auf ihrer Villa? Der RammerSiencr. Sie ist gestern in die Stadt gekommen. Der Prinz. Desto schlimmer — besser; wollt' ich sagen. So braucht der Läufer um so weniger zu warten. (Der Kammerdiener geht ab.) Meine theure Gräfinn! (Bitter, indem er den Brief in die Hand nimmt,) So gilt, als gelesen! (und ihn wieder wegwirft.) — Nun ja; ich habe sie zu lieben geglaubt! Was glaubt man nicht alles! Kann seyn, ich habe sie auch wirklich gclicbt. Abcr — ich habe! Der Rttmmerdiener (der nochmals herein tritt.) Der Mahler Conti will die Gnade haben--- Der Prinz. Conti? Recht wohl; laßt ihn hereinkommen. — Das wird mir andcrc Gedanken in den Kopf bringen. — (Steht auf.) °) In der Handschrift steht deutlich „eine armcnc". War mit diesem Schreibfehler vielleicht gemeint „cinc albcrne", und Lcssing setzte in der letzten überhaupt wohl fluchligcrc» Abschrift nur aus Übereilung „eine arme"? 8" emilia Galotti. > Zweyter Auftritt. Conti. Der Prinz. Der Prinz. Guten Morgen, Conti. Wie leben Sie? Was macht die Kunst? Conti. Prinz, die Kunst geht nach Brod. Der Prinz. Das muß sie nicht; das soll sie nicht, — in meinem kleinen Gebiethe gewiß nicht. — Aber der Künstler muß auch arbeiten wollen. Conri. Arbeiten? Das ist seine Lust. Nur zu viel arbeiten müssen, kann ihn um den Namen Künstler bringen. Der Prinz. Ich meyne nicht Vieles, sondern viel: ein Weniges; aber mit Fleiß. — Sie kommen doch nicht leer, Conti? Conti. Ich bringe das Portrait, welches Sie mir befohlen haben, gnädiger Herr. Und bringe noch eines, welches Sie mir nicht besohlen: aber weil es gesehen zu werden verdienet — Der Prinz. Jenes ist? — Kann ich mich doch kaum erinnern — Conti. Die Gräfinn Orsina. Der Prinz. Wahr! — Der Auftrag ist nur ein wenig von lange her. Conti. Unsere schönen Damen sind nicht alle Tage zum Mahlen. Die Gräfinn hat, seit drey Monaten, gerade Einmal sich entschließen können, zu sitzen. Der Prinz. Wo sind die Stücke? Conti. Zn dem Vorzimmer: ich hohle sie. Dritter Auftritt. Der Prinz. Ihr Bild'. — mag! — Ihr Bild, ist sie doch nicht selber. — Und vielleicht find' ich in dem Bilde wieder, was ich in der Person nicht mehr erblicke. — Ich will es aber nicht wiederfinden. — Der beschwerliche Mahler! Ich glaube gar, sie hat ihn bestochen. — Wär' es auch! Wenn ihr ein anderes Bild, das mit andern Farben, auf einen andern Grund gc- mahlct ist, — in meinem Herzen wieder Platz machen will: — Emilia (-.'alotti. 117 Wahrlich, ich glaube, ich wär' cs zufrieden. Als ich dort liebte, war ich immer so leicht, so fröhlich, so ausgelassen — Nun bin ich von allem das Gegentheil. — Doch nein; nein, nein! Behaglicher, oder nicht behaglicher: ich bin so besser. Vierter Auftritt. Der Prinz. Conti, mit dc» Gemählden, wovon cr das eine verwandt gegen eine» Slnhl lehnet. Conti (indem cr das andere zurcchr stellet.) Zch bitte, Prinz, daß Sie die Schranken") unserer Kunst erwägen wollen. Vieles von dem Anzüglichsten der Schönheit, liegt ganz außer den Grenzen derselben. — Treten Sie so! — Der Prinz (nach cincr kurze» Betrachtung.) Vortrefflich, Conti; — ganz vortrefflich! — Das gilt Ihrer Kunst, Ihrem Pinsel. — Aber geschmeichelt, Conti; ganz unendlich geschmeichelt! Conri. Das Original schien dieser Meynung nicht zu seyn. Auch ist cs in der That nicht mehr geschmeichelt, als die Kunst schmeicheln muß. Die Kunst muß mahlen, wie sich die plastische Natur, — wenn cs eine giebt — das Bild dachte: ohne den Abfall, welchen der widerstrebende Stoff unvermeidlich macht; ohne das Verderb, mit welchem die Zeit dagegen an kämpfet. Der Prinz. Der denkende Künstler ist noch eins so viel werth. — Aber das Original, sagen Sie, fand dem ohn- gcachtct — Conti. Verzeihen Sie, Prinz. Das Original ist eine Person, die meine Ehrerbietung fodcrt. Zch habe nichts nachthci- ligcs von ihr äußern wollen. Der Prinz. So viel als Ihnen beliebt! — Und was sagte das Original ? Conti. Zch bin zufrieden, sagte die Gräsin», wenn ich nicht häßlicher aussehe. Der Prinz. Nicht häßlicher? — O das wahre Original! Conti. Und mit einer Mine sagte sie das, — von der freylich dieses ihr Bild keine Spur, keinen Verdacht zeiget. °) „Grenzen" in der Handschrift und in den Ausgaben. Die Verbesserung findet sich in dem Briefe Karl G. Lcssings vom L. Iunius 1772, 118 vmilia Galotti. Der Prinz. Das mcynt' ich ja; das ist es cbcn, worinn ich dic unmdlichc Schmcichclcy finde. — O! ich kcnnc sic, jene stolzc höhnische Mine, dic auch das Gesicht einer Grazie entstellen würde! — Ich leugne nicht, daß ein schöner Mund, der sich ein wenig spöttisch verziehet, nicht selten um so viel schöner ist. Aber, wohl gemerkt, ein wenig: dic Verzichung muß nicht bis zur Grimasse gehen, wie bey dieser Gräfinn. Und Augen müssen über den wollüstigen Spötter dic Aufsicht führen, — Augen, wie sie dic gute Gräfinn nun gerade gar nicht hat. Auch nicht einmal hier im Bilde hat. Conti. Gnädiger Herr, ich bin äußerst betroffen — Der Prinz. Und worüber? Alles, was dic Kunst aus dcn großen, hervorragenden, stieren, starren Mcduscnaugcn der Gräfinn Gutes machen kann, das haben Sic, Conti, redlich daraus gemacht. — Redlich, sag' ich? — Nicht so redlich, wäre redlicher. Denn sagen Sic selbst, Conti, läßt sich aus diesem Bilde wohl der Charakter der Person schließen? Und das sollte doch. Stolz haben Sic in Würde, Hohn in Lächcln, Ansatz zu trübsinniger Schwärmcrcy in sanfte Schwcrmuth verwandelt. Conti (etwas ärgerlich.) Ah, mein Prinz, — wir Mahler rechnen darauf, daß das fertige Bild dcn Liebhaber noch eben so warm findet, als warm er cs bestellte. Wir mahlen mit Augen der Liebe: und Augen der Liebe müßten uns auch nur beurtheilen. Der Prinz. Zc nun, Conti; — warum kamen Sic nicht cincn Monat früher damit? — Setzen Sic weg. — Was ist das andere Stück? Conti (indem er cs höhlt, und noch verkehrt in der Hand hält.) Auch ein weibliches Portrait. Der Prinz. So möcht' ich es bald — lieber gar nicht sehen. Denn dem Ideal hier, (Mit dem Finger auf die Stirne) — oder vielmehr hier, (Mit dem Finger ans das Herz) kömmt cs doch nicht bey. — Ich wünschte, Conti, Ihre Kunst in andern Vorwürfen zu bewundern. Conti. Eine bewundernswürdigere Kunst giebt cs; aber sicherlich keinen bewundernswürdigem Gegenstand, als diesen. Der Prinz. So wett' ich, Conti, daß cs des KünstlcrS vmilia Ealotti. 119 cigcnc Gcbictherinn ist. — (Indem dcr Mahler das Bild umwendet.) Was sch' ich? Ihr Werk, Conti? oder das Werk mciiicr Phantasie? — Emilia Galotti! Lonri. Wie, mein Prinz? Sic kcnncn diesen Engel? Der Prinz (indem er sich zu fassen sucht, aber ohne ein Auge von dem Bilde zu verwende».) So halb! — um sie eben wicdcrzukcnncn. — Es ist einige Wochen her, als ich sie mit ihrer Mutter in einer Vegghia traf. — Nachher ist sie mir nur an heiligen Stattn wieder vorgekommen, — wo das Angaffen sich weniger ziemet. — Auch kenn' ich ihren Vater. Er ist mein Freund nicht. Er war es, dcr sich meinen Ansprüchen auf Sabionctta am meisten widersetzte. — Ein alter Degen; stolz und rauh; sonst bieder und gut! — Conti- Dcr Vater! Aber hier haben wir seine Tochter. — Der Prinz. Bey Gott! wic aus dem Spiegel gestohlen! (Noch immer die Augen auf das Bild geheftet.) O, Sie wissen es ja wohl, Conti, daß man den Künstler dann erst recht lobt, wenn man übcr scin Werk sein Lob vergißt. Conti. Gleichwohl hat mich dieses noch sehr unzufrieden mit mir gelassen. — Und doch bin ich wiederum sehr zufrieden mit meiner Unzufriedenheit mit mir selbst. — Ha! daß wir nicht unmittelbar mit den Augen mahlen! Auf dem langen Wege, aus dem Auge durch den Arm in den Pinsel, wic viel geht da verloren! — Aber, wic ich sage, daß ich es weiß, was hier verloren gegangen, und wie es verloren gegangen, und warum es verloren gehen müssen: darauf bin ich eben so stolz, und stolzer, als ich auf alles das bin, was ich nicht verloren gehen lassen. Denn aus jenem erkenne ich, mehr als aus diesem, daß ich wirklich ein großer Mahler bin; daß es aber meine Hand nur nicht immer ist. — Oder meynen Sic, Prinz, daß Raphacl nicht das größte mahlerische Genie gewesen wäre, wenn er unglücklicher Weise ohne Hände wäre gcbohrcn worden? Meynen Sic, Prinz? Der Prinz (indem er nur eben von dem Bilde wegblickt.) Was sagen Sie, Conti? Was wollen Sic wissen? Conti. O nichts, nichts! — Plaudcrcy! Ihre Seele, merk' tZmilia Galotti. ich, war ganz in Ihren Augcn. Ich liebe solche Seelen, und solche Augcn. Der Prinz (mit «incr crzwnngncn Kälte.) Also, Conti, rechnen Sie doch wirklich Emilia Galotti mit zu den vorzüglichsten Schönheiten unsrer Stadt? Conti. Also? mit? mit zu den vorzüglichsten? und den vorzüglichsten unsrer Stadt? — Sie spotten meiner, Prinz. Oder Sie sahen, die ganze Zeit, eben so wenig, als Sie hörten. Der Prinz. Lieber Conti, — (Die Augm wieder auf das Bild gerichtet.) wie darf unser einer seinen Augcn trauen? Eigentlich weiß doch nur allein ein Mahler von der Schönheit zu urtheilen. Conti. Und eines jeden Empfindung sollte erst auf den Ausspruch eines Mahlers warten? — Ins Kloster mit dem, der es von uns lernen will, was schön ist! Aber das muß ich Zhnen doch als Mahler sagen, mein Prinz: eine von den größten Glückseligkeiten meines Lebens ist es, daß Emilia Galotti mir gesessen. Dieser Kopf, dieses Antlitz, diese Stirne, diese Augcn, dicsc Nasc, dieser Mund, dieses Kinn, dieser Hals, diese Brust, dieser Wuchs, dieser ganze Van, sind, von der Zeit an, mein einziges Studium der weiblichen Schönheit. — Die Schilderet) selbst, wovor sie gesessen, hat ihr abwesender Vater bekommen. Aber diese Kopie — Der Prinz, (der sich schnell") gegen ihn kehret.) Nun, Conti? ist doch nicht schon versagt? Conti. Ist für Sie, Prinz; wenn Sie Geschmack daran finden. Der Prinz. Geschmack! — (lächelnd) Dieses Ihr Studium der weiblichen Schönheit, Conti, wie könnt' ich besser thun, als es auch zu dem meinigen zu machen? — Dort, jenes Portrait nehmen Sie nur wieder mit; — einen Rahmen darum zu bestellen. Conti. Wohl! Der Prinz. So schön, so reich, als ihn der Schnitzer nur machen kann. Es soll in der Gallcric aufgestellet werden. — Aber dieses, — bleibt hier. Mit einem Studio macht man so -) „hastig" in der Handschrift. Emilia Galotti, 121 viel Umstände nicht: auch läßt man das nicht aufhängen; sondern hat es gern bey der Hand. — Zch danke Ihnen, Conti; ich danke Ihnen recht sehr. — Und wie gesagt: in meinem Gebiethe soll die Kunst nicht nach Brod gehen; — bis ich selbst keines habe. — Schicken Sie, Conti, zu meinem Schatzmeister, und lassen Sie, auf Ihre Quittung, für beyde Portraite sich bezahlen, — was Sie wollen. So viel Sie wollen, Conti. Conti. Sollte ich doch nun bald fürchten, Prinz, daß Sie so, noch etwas anders belohnen wollen, als die Kunst. T>er Prinz- O des eifersüchtigen Künstlers! Nicht doch! — Hören Sie, Conti; so viel Sie wollen. (Conti geht ab.) Fünfter Austritt. Der Prinz. So viel er will! — (Gegen das Bild) Dich hab' ich für jeden Preis noch zu wohlfeil. — Ah! schönes Werk der Kunst, ist es wahr, daß ich dich besitze? — Wer dich auch besäße, schönrcs Meisterstück der Natur! — Was Sie dafür wollen, ehrliche Mutter! Was du willst, alter Murrkopf! Fodrc nur! Fodcrt nur! — Am liebsten kauft' ich dich, Zauberinn, von dir selbst! — Dieses Auge, voll Licbrcitz und Bescheidenheit! Dieser Mund! — und wenn er sich zum reden öfnct! wenn er lächelt! Dieser Mund! — Zch höre kommen. — Noch bin ich mit dir zu neidisch. (Indem er das Bild gegen die Wand drehet.") Es wird Marinclli seyn. Hätt' ich ihn doch nicht rufe» lassen! Was für einen Morgen könnt' ich haben! Sechster Auftritt. Marinclli. Der Prinz. Marinclli. Gnädiger Herr, Sie werden verzeihen. — Zch war mir eines so frühen Befehls nicht gewärtig. Der Prinz. Zch bekam Lust, auszufahrcn. Der Morgen war so schön. — Aber nun ist er ja wohl verstriche»; und die Lust ist mir vergangen. — (Nach einem kurzen Stillschweigen.) Was haben wir Neues, Marinclli? °) „kehret" in der Handschrift, 122 emilia Ealotti. Marinelli. Nichts von Belang, das ich wüßte. — Die Gräfinn Orsina ist gestern zur Stadt gekommen. Der Prinz. Hier liegt auch schon ihr guter Morgen. lAuf ihrc» Brief zeigend) Oder was es sonst seyn mag! Ich bin gar nicht neugierig darauf. — Sie haben sie gesprochen? Marinclli. Bin ich, leider, nicht ihr Vertrauter? — Aber, wenn ich es wieder von einer Dame werde, der es einkömmt, Sie in gutem Ernste") zu lieben, Prinz: so-- Der Prinz. Nichts verschworen, Marinclli! ZNarinelll. Ja? Zn der That, Prinz? Könnt' es doch kommen ? — O! so mag die Gräfinn auch so Unrecht nicht haben. Der Prinz. Allerdings, sehr Unrecht! — Meine nahe Vermählung mit der Prinzessinn von Massa, will durchaus, daß ich alle dergleichen Händel vors erste abbreche. XNarinelli. Wenn es nur das wäre: so müßte freylich Orsina sich in ihr Schicksal eben so wohl zu finden wissen, als der Prinz in seines. Der Prinz. Das ohnstrcitig härter ist, als ihres. Mein Herz wird das Opfer eines elenden Staatsintcrcssc. Ihres darf sie nur zurücknehmen: aber nicht wider Willen verschenken. Marinelli. Zurücknehmen? Warum zurücknehmen? fragt die Gräfinn: wenn es weiter nichts als eine Gemahlinn ist, die dem Prinzen nicht die Liebe, sondern die Politik zuführet? Neben so einer Gemahlinn sieht die Geliebte noch immer ihren Platz. Nicht so einer Gemahlinn fürchtet sie aufgeopfert zu seyn, sondern — — Der Prinz. Einer neuen Geliebten. — Nun denn? Wollten Sie mir daraus ein Verbrechen machen, Marinclli? Marinclli- Ich? — O! vermengen Sie mich ja nicht, mein Prinz, mit der Närrinn, deren Wort ich führe, — aus Mitleid führe. Denn gestern, wahrlich, hat sie mich sonderbar gcrührct. Sie wollte von ihrer Angelegenheit mit Ihnen, gar nicht sprechen. Sie wollte sich ganz gelassen und kalt stellen. Aber mitten in dem gleichgültigsten Gespräche, entfuhr ihr eine Wendung, eine Beziehung über die andere, die ihr gefoltertes °) „in allem Ernste" hat die Handschrift. Smilia Galotri. 193 Hcrz verrieth. Mit dem lustigsten Wesen, sagte sie die melancholischsten Dinge: und wiederum die lächerlichsten Possen mit der allcrtraurigstcn Mine. Sie hat zu den Büchern ihre Zuflucht genommen; und ich fürchte, die werden ihr den Rest geben. Der Prinz- So wie sie ihrem armen Verständeauch den ersten Stoß gegeben. — Aber was mich vornehmlich mit von ihr entfernt hat, das wollen Sie doch nicht brauchen, Marinclli, mich wieder zu ihr zurückzubringen? — Wenn sie aus Liebe närrisch wird, so wäre sie es, früher oder später, auch ohne Liebe geworden — Und nun, genug von ihr. — Von etwas andcrm! — Geht denn gar nichts vor, in der Stadt? — Marinelli. So gut, wie gar nichts. — Denn daß die Verbindung des Grafen Appiani heute vollzogen wird, — ist nicht viel mehr, als gar nichts. Der Prinz. Des Grafen Appiani ? und mit wem denn? — Ich soll ja noch hören, daß er versprochen ist. rNarinclli. Die Sache ist sehr geheim gehalten worden. Auch war nicht viel Aufhebens davon zu machen. — Sie werden lachen, Prinz. — Aber so geht es den Empfindsamen! Die Liebe spielet ihnen immer die schlimmsten Streiche. Ein Mädchen ohne Vermögen und ohne Rang, hat ihn in ihre Schlinge zu ziehen gewußt, — mit ein wenig Larve: aber mit vielem Prunke von Tugend und Gefühl und Witz, und was weiß ich? Der Prinz. Wer sich den Eindrücken, die Unschuld und Schönheit auf ihn machen, ohne weitere Rücksicht, so ganz überlassen darf; — ich dächte, der wär' eher zu beneiden, als zu belachen. — Und wie heißt denn die Glückliche? — Denn bey alle dem ist Appiani — ich weiß wohl, daß Sie, Marinclli, ihn nicht leiden können; eben so wenig als er Sie — bey alle dem ist er doch ein sehr würdiger junger Mann, ein schöner Mann, ein reicher Mann, ein Mann voller Ehre. Ich. hätte sehr gewünscht, ihn mir verbinden zu können. Ich werde noch darauf denken. XNarinelli. Wenn es nicht zu spät ist. — Denn so viel ich höre, ist sein Plan gar nicht, bey Hose sein Glück zu ma- °) „ihrem Bißchen Verstände" in der Handschrift. 124 t?milm Galotti. chcn. — Er will mit seiner Gebietheriiin nach seinen Thalern von Picmont: — Gemsen zu jagen, auf den Alpen, und Mur- mclthicrc abzurichten. — Was kann er bcßrcs thun? Hier ist es durch das Mißbündniß, welches er trift, mit ihm doch aus. Der Zirkel der ersten Häuser ist ihm von nun an verschlossen — Der Prinz. Mit eucrn ersten Häusern! — in welchen das Ceremonie!, der Zwang, die Langeweile, und nicht selten die Dürftigkeit herrschet. — Aber so nennen Sie mir sie doch, der er dieses so große Opfer bringt. rNarinelli. Es ist eine gewisse Emilia Galotti. Der Prinz. Wie, Marinclli? Eine gewisse — TNannelli. Emilia Galotti. Der Prinz. Emilia Galotti? — Nimmermehr! 5Narmelli. Zuverlässig, gnädiger Herr. Der Prinz. Nein, sag' ich; das ist nicht; das kann nicht seyn. — Sie irren sich in dem Namen. — Das Geschlecht der Galotti ist groß. — Eine Galotti kann es seyn; aber nicht Emilia Galotti; nicht Emilia! XNarinelli. Emilia — Emilia Galotti! Der Prinz. So giebt es noch eine, die beide Namen führt. — Sie sagten ohnedem, eine gewisse Emilia Galotti — eine gewisse. Von der rechten könnte nur ein Narr so sprechen — Marinelli. Sie sind außer sich, gnädiger Herr. — Kennen Sie denn diese Emilia? Der Prinz. Ich habe zu fragen, Marinclli; nicht Er. — Emilia Galotti? Die Tochter des Obersten Galotti, bey Sa- bionctta? ZNarinelli. Eben die. Der Prinz. Die hier in Guastalla mit ihrer Mutter wohnet? XNarinelli. Eben die. Der Prinz. Ohnfcrn der Kirche Allcr-Hciligcn? Marinelli. Eben die. Der Prinz. Mit einem Worte — (indem er nach dem Portrait springt, imd cs dem Marinclli in dic Hand gicbt) Da! — Diese? Diese Emilia Galotti? — Sprich dein verdammtes „Eben die" noch einmal, und stoß mir den Dolch ins Herz! Emilia Galotti. 125 Marinelli. Eben dic! Der Prinz- Henker! — Diese? — Diese Emilia Galotti wird heilte — — . Marinelli. Gräfinn Appiani! — (Hier reißt der Prinz dem Marinelli das Bild wieder aus der Hand, n»d wirft es bey Seite.) Dic Trauung geschieht in der Stille, auf dem Landgutc des Vaters bey Sabionctta. Gegen Mittag fahren Mutter und Tochter, der Graf und vielleicht ein paar Freunde dahin ab. Der Prinz (der sich voll Verzweiflung in einen Stuhl wirst.) So bin ich verloren! — So will ich nicht lebe»! Marinelli. Aber was ist Ihnen, gnädiger Herr? Der Prinz (der gegen ihn wieder aufspringt.) Vcrräthcr! — was mir ist? — Nun ja, ich liebe sie; ich bete sie an. Mögt ihr es doch wissen! mögt ihr es doch längst gewußt haben, alle ihr, denen ich der tollen Orsina schimpfliche Fesseln lieber ewig tragen sollte! — Nur daß Sie, Marinelli, der Sie so oft mich Ihrer innigsten Freundschaft versicherten — O, ein Fürst hat keinen Freund! kann keinen Freund haben! — daß Sie, Sie, so treulos, so hämisch mir bis auf diesen Augenblick dic Gefahr vcrhchlcn dürfen, die meiner Liebe drohte: wenn ich Ihnen jemals das vergebe, — so werde mir meiner Sünden keine vergeben! Marinelli. Ich weiß kaum Worte zu finden, Prinz, — wenn Sie mich auch dazu kommen ließen — Ihnen mein Erstaunen zu bezeigen. — Sie lieben Emilia Galotti? — Schwur denn gegen Schwur: Wenn ich von dieser Liebe das geringste gewußt, das geringste vermuthet habe; so möge weder Engel noch Heiliger von mir wissen! — Eben das wollt' ich in die Seele der Orsina schwören. Ihr Verdacht schweift auf einer ganz andern Fährte. Der Prinz. So verzeihen Sie mir, Marinelli; — (indem er sich ihm in dic Arme wirst) und belauern Sie mich. Marinelli. Nun da, Prinz! Erkennen Sie da dic Frucht Ihrer Zurückhaltung! — „Fürsten haben keinen Freund! können keinen Freund haben!" — Und dic Ursache, wenn dcm so ist? — Weil sie keinen haben wollen. — Heute beehren sie uns mit ihrem Vertrauen, theilen uns ihre geheimsten Wunsche 126 Smilil! Galotti. mit, schließen uns ihre ganze Seele ans: und morgen sind wir ihnen wieder so fremd, als hätten sie nie ein Wort mit uns gewechselt. Der Prinz. Ah, Marinclli, wie konnt' ich Ihnen vertrauen, was ich mir selbst kaum gestehen wollte? Marinclli. Und also wohl noch weniger der Urheberinn Ihrer Quaal gestanden haben? Der Prinz. Ihr? — Alle meine Mühe ist vergebens gewesen, sie ein zwcytcsmal zu sprechen. — Marinclli. Und das erstemal — Der Prinz. Sprach ich sie — O, ich komme von Sinnen! Und ich soll Ihnen noch lange crzchlcn? — Sie sehen mich ein Raub der Wellen: was fragen Sie viel, wie ich es geworden? Retten Sie mich, wenn Sie können: und fragen Sie dann. Marinclli. Retten? ist da viel zu retten? — Was Sie versäumt haben, gnädiger Herr, der Emilia Galotti zu bekennen, das bekennen Sie nun der Gräfinn Appiani. Waaren, die man aus der ersten Hand nicht haben kann, kauft man aus der zweyten: — und solche Waaren nicht selten aus der zweyten um so viel wohlfeiler. Der Prinz. Ernsthaft, Marinclli, ernsthaft, oder — Marinclli. Freylich, auch um so viel schlechter — — Der Prinz. Sie werden unverschämt! Marinclli. Und dazu will der Graf damit aus dem Lande. — Ja, so müßte man auf etwas anders denken. — Der Prinz- Und auf was? — Liebster, bester Marinclli, denken Sie für mich. Was würden Sie thun, wann Sie an meiner Stelle wären? Marinclli- Nor allen Dingen, eine Kleinigkeit als eine Kleinigkeit ansehen; — und mir sagen, daß ich nicht vergebens seyn wolle, was ich bin — Herr! Der Prinz. Schmeicheln Sie mir nicht mit einer Gewalt, von der ich hier keinen Gebrauch absehe. — Heute, sagen Sie? schon heute? Marinclli. Erst heute — soll es geschehen. Und nur geschehenen Dingen ist nicht ZU rathen. — (Nach einer kurzen Über- vmilia (^alotti. 127 legung) Wollen Sie mir freye Hand lassen, Prinz? Wollen Sie alles genehmigen, was ich thue? Der Prinz, Alles, Marinclli, alles, was diesen Streich abwenden kann. rNarinelli- So lassen Sie uns keine Zeit verlieren. — Aber bleiben Sie nicht in der Stadt. Fahren Sie sogleich nach Ihrem Lustschlossc, nach Dosalo. Der Weg nach Sa- bionctta geht da vorbey. Wenn es mir nicht gelingt, den Grafen angcnblicklich zu entfernen: so denk' ich--Doch, doch; ich glaube, er geht in diese Falle gewiß. Sie wollen ja, Prinz, wegen Ihrer Vermählung einen Gesandten nach Mafia schicken? Lassen Sie den Grafen dieser Gesandte seyn; mit dem Beding, daß er noch heute abreiset. — Verstehen Sie? Der Prinz. Vortrefflich! — Bringen Sie ihn zu mir heraus. Gehen Sie, eilen Sie. Ich werfe mich sogleich in den Wagen. (Marinclli geht ab.) Siebender Auftritt. Der Prinz Sogleich! sogleich! — Wo blieb es? — (sich »ach dem Por- traitc umschcnd) Auf der Erde? das war zu arg! (indem cr es aufhebt) Doch betrachten? betrachten mag ich dich vors erste nicht mehr. — Warum sollt' ich mir den Pfeil noch tiefer in die Wunde drücken? (setzt es bey Seite) — Geschmachtet, gcscufzct hab' ich lange genug, — länger als ich gesollt hätte: aber nichts gethan! und über die zärtliche Unthätigkcit bey einem Haar' alles verloren! — Und wenn nun") doch alles verloren wäre? Wenn Marinclli nichts ausrichtete? — Warum will ich mich auch auf ihn allein verlassen? Es fällt mir ein, — um diese Stunde, (»ach der Uhr sehend) um diese nehmliche Stunde pflegt das fromme Mädchen alle Morgen bey den Dominikanern die Messe zu hören. — Wie wenn ich sie da zu sprechen suchte? — Doch heute, heut' an ihrem Hochzcittagc, — heute werden ihr andere Dinge am Herzen liegen, als die Messe. — Indeß, wer weiß? — Es ist ein Gang. — (Er klingelt, und in- °) „nun" fehlt der Handschrift. 428 Emilia Galotti. dcm cr einige von den Papieren auf dem Tische hastig zusamniciiraft, tritt der Kammerdiener herein.) Laßt vorfahren! — Ist noch keiner von den Räthen da? Der Rammerdiener. Eamillo Nota. Der Prinz. Er soll hereinkommen. (Der Kammerdiener geht ab.) Nur aufhalten muß cr mich nicht wollen. Dasmal nicht! — Ich stehe gern seinen Bedcnklichkciten ein andermal um so viel länger zn Diensten. — Da war ja noch die Bittschrift einer Emilia Bruncschi — (Sie stickend) Die ists. — Aber, gute Bruncschi, wo deine Vorsprechcrinn-- Achter Anstritt. Camillo Rota, Schriften in der Hand. Der Prinz. Der Prinz. Kommen Sie, Rota, kommen Sie. — Hier ist, was ich diesen Morgen erbrochen. Nicht viel Tröstliches! — Sie werden von selbst sehen, was darauf zu verfügen--Nehmen Sie nur. Lamillo Rot«. Gut, gnädiger Herr. Der Prinz. Noch ist hier eine Bittschrift cincr Emilia Ga- lot - - Bruncschi will ich sagen. — Ich habe mcine Bewilligung zwar schon bcygcschricbcn. Aber doch — die Sache ist keine Kleinigkeit — Lassen Sie die Ausfertigung noch anstehen. — Oder mich nicht anstehen: wie Sie wollen. Lamillo Rota. Nicht wie ich will, gnädiger Herr. Der Prinz. Was ist sonst? Etwas zu unterschreiben? Camillo Rot«. Ein Todcsurthcil wäre zu unterschreiben. Der Prinz. Recht gern. — Nur her! geschwind. Lamillo Rota (stutzig und den Prinzen starr ansehend) Ein Todcsurthcil — sagt' ich. Der Prinz. Ich höre ja wohl. — Es könnte schon geschehen seyn. Ich bin eilig. Camillo Rom (seine Schriften nachsehend.) Nun hab' ich cs doch wohl nicht mitgcnommcn!--Vcrzcihcn Sic, gnädiger Herr. — Es kann Anstand damit haben bis morgen. Der Prinz. Auch das! — Packen Sic nur zusammen: ich muß fort. — Morgen, Rota, ein Mchrcs! (geht ab) Lamillo Rota (den Kops schüttelnd, Indem cr die Papiere zu sich Emilia Galotti. 129 nimmt und abgeht) Recht gern? — Ein Todcsnrthcil recht gern? — Ich hätt' es ihn in diesem Augenblicke nicht mögen unterschreiben lassen, lind wenn es den Mörder meines einzigen Sohnes betroffen hätte. — Recht gern! recht gern! — Es geht mir durch die Seele dieses gräßliche Recht gern! Zweyter Aufzug. (Die Scene, ei» Saal in dem Hause der Galolii.) Erster Auftritt. Claudia Galotti. pirro") Claudia, (im Heraustreten zu Pirro, der von der andern Seite herein tritt.) Wer sprengte da in den Hof? Pirro. Unser Herr, gnädige Frau. Claudia. Mein Gemahl? Ist es möglich? Pirro. Er folgt mir auf dem Fuße. Claudia. So unvcrmuthct? — (Ihm entgegeneilend.) Ah! mein Bester! — Zweyter Auftritt. Gdoardo Galotti, und die Vorigen- Gdoardo. Guten Morgen, meine Liebe! — Nicht wahr, das heißt überraschen? Claudia. Und auf die angenehmste Art! — Wenn es anders nur eine Ucberraschung seyn soll. Gdoardo. Nichts weiter! Sey unbesorgt. — Das Glück des heutigen Tages weckte mich so früh; der Morgen wär so schön; der Weg ist so kurz; ich vermuthete euch hier so geschäftig — Wie leicht vergessen sie etwas! fiel mir ein. — Mit einem Worte: ich komme, und sehe, und kehre sogleich wieder zurück. — Wo ist Emilia? Ohnstrcitig beschäftigt mit dem ^utzc? ^««) °) „ein Bedienter" in der Handschrift. °°) „Ohnstreiljg mit dem Putze beschäftiget? Lesfings Werke !l> —" in der Handschrift. 9 i?»iilia Galotti. Claudia. Zhrcr Seclc! — Sie ist in der Messe. — „Ich habe heute, mehr als jeden andern Tag, Gnade von Oben zu erflehen": sagte sie, lind ließ alles liegen, und nahm ihren Schlcycr, und eilte — Gdoardo. Ganz allein? Claudia. Die wenigen Schritte-- Odoardo. Einer ist genug zu einem Fehltritt'! — Claudia. Zürnen Sie nicht, mein Bester; und kommen Sie herein, — einen Augenblick auszuruhen, und, wann Sie wollen, eine Erfrischung zu nehmen. Gdoardo. Wie du mcyncst, Claudia. — Aber sie sollte nicht allein gegangen seyn. — Claudia. Und Ihr, Pirro °), bleibt hier in dem Vorzimmer, alle Besuche auf heute zu verbitten. Dritter Auftritt, pirro / und bald darauf Angelo. Pirro. Die sich nur aus Ncugicrdc melden lassen. — Was bin ich seit einer Stunde nicht alles ausgefragt worden! — Und wer kömmt da? Angelo snoch halb hinter der Scene, i» einem kurzen Mantel, den er über das Gesicht gezogen, den Hut in die Stirne) Pirro! — Pirro! Pirro. Ein Bekannter? — (indem Angelo vollends hcreintritt, und den Mantel auseinander schlägt.) Himmel! Angelo? — Du? Angelo. Wie du siehst. — Zch bin lange genug um das Haus herumgegangen, dich zu sprechen. — Auf ein Wort! — Pirro. Und du wagst es, wieder ans Licht zu kommen? — Du bist seit deiner letzten Mordthat vogclfrcy erkläret; aus deinen Kopf stehet eine Belohnung — Angelo. Die doch du nicht wirst verdienen wollen? — Pirro. Was willst du? — Zch bitte dich, mache mich nicht unglücklich. Angelo. Damit etwa? (ihm einen Beutel mit Gelde zeigend) — Nimm! Es gehöret dir! pirro. Mir? °) Die Handschrift fugt hinzu „(zu dem Bediente»)" Emilia Galotti. 131 Angelo. Hast dn vergessen? Der Deutsche, dein voriger Herr,-- Pirro. Schweig davon! Angelo. Den du uns, auf dem Wege nach Pisa, in die Falle führtest — Pirro. Wenn uns jemand hörte! Angelo. Hatte ja die Güte, uns auch einen kostbaren Ring zu hinterlassen. — Weißt du nicht? — Er war zu kostbar, der Ring, als daß wir ihn sogleich ohne Verdacht hätten zu Gelde machen können. Endlich ist mir es damit gelungen. Ich habe hundert Pistolen dafür erhalten: und das ist dein Antheil. Nimm! Pirro. Ich mag nichts, — behalt' alles. Angelo. Mcintwegcn! — wenn es dir gleich viel ist, wie hoch du deinen Kopf feil trägst — (als ob er den Beutel wieder cmstcckcn wollte.) Pirro. So gieb nur! (nimmt ihn)—Und was nun? Denn daß du blos deswegen mich aufgesucht haben solltest-- Angelo. Das kömmt dir nicht so recht glaublich vor? — Halunke! Was denkst du von uns? — Daß wir fähig sind, jemanden seinen Verdienst vorzuenthalten? Das mag unter den so genannten ehrlichen Leuten Mode seyn: unter uns nicht. — Leb wohl! — (thut als ob er gehen wollte, nnd kehrt wieder um.) Eins muß ich doch fragen. — Da kam ja der alte Galotti so ganz allein in die Stadt gesprengt. Was will der? Pirro. Nichts will er: ein bloßer Spatzicrritt. Seine Tochter wird heut' Abend, auf dem Gute, von dem er herkömmt, dem Grafen Appiani angetrauet. Er kann die Zeit nicht erwarten — Angelo. Und reitet bald wieder hinaus? Pirro. So bald, daß er dich hier trift, wo du noch lange verziehest. — Aber du hast doch keinen Anschlag auf ihn? Nimm dich in Acht. Er ist ein Mann-- Angelo. Kenn' ich ihn nicht? Hab' ich nicht unter ihm gedient? — Wenn darum bey ihm nur viel zu hohlen wäre! — Wenn fahren die jungen Leute nach? Pirro. Gegen Mittag. 9° 132 emilia Galotti. 2lngelo. Mit vicl Begleitung? Pirro. Zn cincm einzigen Wagen: die Mutter, die Tochter und der Graf. Ein Paar Freunde kommen aus Sabio- nctta als Zeugen. Angelo. Und Bediente? Pirro. Nur zwey; außer mir, der ich zu Pferde vorauf reiten soll. Angclo. Das ist gut. — Noch eins: wessen ist die Equipage? Ist es eure? oder des Grasen? Pirro. Des Grafen. Angelo. Schlimm! Da ist noch ein Vorrcitcr, außer einem handfesten Kutscher. Doch! — Pirro. Ich erstaune. Aber was willst du? — Das Bißchen Schmuck, das die Braut etwa haben dürfte, wird schwerlich der Muhe lohnen — Angclo. So lohnt ihrer die Braut selbst! Pirro. Und auch bey diesem Verbrechen soll ich dein Mitschuldiger seyn? Angelo. Du reitest vorauf. Reite doch, reite! und kehre dich an nichts! Pirro. Nimmermehr! Angclo. Wie? ich glaube gar, du willst den Gewissenhaften spielen. — Bursche! Ich denke, du kennst mich. — Wo du plauderst! Wo sich ein einziger Umstand anders findet, als du mir ihn angegeben! — Pirro. Aber, Angclo, um des Himmels willen! — Angelo. Thu, was du nicht lassen kannst! (geht ab) Pirro. Ha! laß dich den Teufel bey Einem Haare fassen; und du bist sei» auf ewig! Ich Unglücklicher! Nicrtcr Auftritt. Odoardo und Claudia Galotti- pirro. GVoardo. Sie bleibt mir zu lang' aus — Claudia- Noch einen Augenblick, Odoardo! Es würde sie schmerzen, deines Anblicks so zu verfehlen. OdoarVo. Ich muß auch bey dem Grafen noch einsprechen. Kaum kann ichs erwarten, diesen würdige» jungen Mann mci- Eiiiilia Galotti, 133 ncn Sohn zu nennen. Alles entzückt mich an ihm. Und vor allem der Entschluß, in seinen väterlichen Thälern sich selbst zu leben. Llarivia. Das Herz bricht mir, wenn ich hieran gedenke__ So ganz sollen wir sie verlieren, diese einzige geliebte Tochter? (vdoarvo. Was nennst du, sie verlieren? Sie in den Armen der Liebe zu wissen? Acrmcngc dein Vergnügen an ihr, nicht mit ihrem Glücke. — Du möchtest meinen alten Argwohn erneuern: — daß es mehr das Geräusch und die Zerstreuung der Welt, mehr die Nähe des Hofes war, als die Nothwendigkeit, unserer Tochter eine anständige Erziehung zu geben, was dich bewog, hier in der Stadt mit ihr zu bleibe»; — fern von einem Manne und Vater, der euch so herzlich liebet. Claudia, Wie ungerecht, Odoardo! Aber laß mich heute nur ein einziges für diese Stadt, für diese Nähe des Hofes sprechen, die deiner strengen Tugend so verhaßt sind. — Hier, nur hier konnte die Liebe zusammenbringen, was sür einander geschaffen war. Hier nur konnte der Graf Emilicn finden; und fand sie. GvoarSo, Das räum' ich ein. Aber, gute Claudia, hattest du darum Recht, weil dir der Ausgang Recht giebt? — Gut, daß es mit dieser Stadtcrzichung so abgelaufen! Laß uns nicht weise seyn wollen, wo wir nichts, als glücklich gewesen! Gut, daß es so damit abgelaufen! — Nun haben sie sich gefunden, die für einander bestimmt waren: nun laß sie ziehen, wohin Unschuld und Ruhe sie rufen. — Was sollte der Graf hier? Sich bücken und schmeicheln und krieche», und die Ma- rincllis auszustcchcn suchen? um endlich ei» Glück zu machen, dessen er nicht bedarf? um endlich einer Ehre gcwürdigct zu werden, die sür ihn keine wäre? — Pirro! Pirro. Hier bin ich. Gdoarvo. Geh und führe mein Pferd vor das Halls des Grafen. Ich komme nach, und will mich da wieder aufsetzen. (Pirro gebt ob.) — Warum soll der Graf hier dienen, wenn cr dort selbst befehlen kann-! — Dazu bedenkst du nicht, Claudia, daß durch unsere Tochter cr es vollends mit dem Prinzen verdirbt. Der Prinz haßt mich — Emilia Galotti. Claudia. Vielleicht weniger, als du besorgest. Gdoardo. Besorgest! ich besorg' auch so was! Claudia. Denn hab' ich dir schon gesagt, daß der Prinz unsere Tochter gesehen hat? Odoardo. Der Prinz? Und wo das? Claudia- Zn der letzten Vcgghia, bey dem Kanzler Gri- maldi, die er mit seiner Gegenwart beehrte. Er bezeigte sich gegen sie so gnädig-- Gdoardo. So gnädig? Clandia. Er unterhielt sich mit ihr so lange-- Gdoardo. Unterhielt sich mit ihr? Claudia. Schien von ihrer Munterkeit und ihrem Witzc so bczaubcrt-- Gdoardo. So bczaubcrt? — Claudia. Hat von ihrcr Schönheit mit so vielen Lobeserhebungen gesprochen-- Gdoardo. Lobeserhebungen? Und das alles crzchlst du mir in einem Tone der Entzückung? O Elandia! Claudia! eitle, thörichte Mutter! Clandia. Wie so? Gdoardo. Nun gut, nun gut! Auch das ist so abgelaufen. — Ha! wenn ich mir einbilde--Das gerade wäre der Ort, wo ich am tätlichsten zu verwunden bin! — Ein Wollüstling, der bewundert, begehrt. — Claudia! Claudia! der bloße Gedanke setzt mich in Wuth. — Du hättest mir das sogleich sollen gemeldet haben. — Doch, ich möchte dir heute nicht gern etwas unangenehmes sagen. Und ich würde, (indcm sie ihn bey der Hand ergreift) wenn ich länger bliebe. — Drnm laß mich! laß mich! — Gott befohlen, Claudia! — Kommt glücklich nach! Fünfter Auftritt. Claudia Galotti. Welch ein Mann! — O, der ranhcu Tugend! — wenn anders sie diesen Namen verdienet. — Alles scheinet ihr verdächtig, alles strafbar! — Oder, wenn das die Menschen kennen heißt: — wer sollte sich wünschen, sie zu kennen? — Wo Emilia Galotti. 1ZZ bleibt aber auch Emilia? — Er ist dcö Aatcrs Feind: folglich — folglich, wem: er ein Auge für die Tochter hat, so ist es einzig, um ihn zu beschimpfen? — Sechster Auftritt. jLmilia nnd Claudia Galorti. Emilia, (stürzet in einer ängstlichen Verwirrung herein ) Wohl mir! wohl mir! — Nun bin ich in Sicherheit. Oder ist er mir gar gefolgt? (indem sie den Schlcher zurück wirst und ihre Mutter erblickt) Ist er, meine Mutter? ist er ? — Nein, dem Himmel sey Dank! Claudia. Was ist dir, meine Tochter? was ist dir? Emilia. Nichts, nichts — Claudia. Und blickest so wild um dich? Und zitterst an jedem Gliede? Emilia. Was hab' ich hören müssen! Und wo, wo hab' ich es hören müssen! Claudia. Ich habe dich in der Kirche geglaubt — Emilia. Eben da! Was ist dem Laster Kirch' und Altar? — Ah, meine Mutter! (sich ihr in die Arme werfend) Claudia- Rede, meine Tochter! — Mach meiner Furcht ein Ende. — Was kann dir da, an heiliger Stäte, so schlimmes begegnet seyn? Emilia- Nie hätte meine Andacht inniger, brünstiger seyn sollen, als heute: nie ist sie weniger gewesen, was sie seyn sollte. Claudia. Wir sind Menschen, Emilia. Die Gabe zu beten ist nicht immer in. unserer Gewalt. Dem Himmel ist beten wolle», auch beten. Emilia. Und sündigen wollen, auch sündigen. Clandia. Das hat meine Emilia nicht wollen! Emilia- Nein, meine Mutter; so tief ließ mich die Gnade nicht sinken. — Aber daß fremdes Laster uns, wider nnscrn Willen, zu Mitschuldigen machen kann! Claudia- Fasse dich! — Sammle deine Gedanken, so viel dir möglich. — Sag' es mir mit eins, was dir geschehen. Emilia- Eben hatt' ich mich — weiter von dem Altare, als ich sonst Pflege, — denn ich kam zu spät — auf meine Knie gelassen. Eben sing ich an, mein Herz zu erheben: als 13k Emilia G.llotti. dicht hinter mir etwas seinen Platz nahm. So dicht hinter mir! — Ich konnte weder vor, noch zur Seite rucken, — so gern ich mich wollte; ans Furcht, daß eines andern Andacht mich in meiner stören mochte. — Andacht! das war das schlimmste, was ich besorgte. — Aber es währte, nicht lange, so hört' ich, ganz nah' an meinem Ohre, — nach einem tiefen Seufzer, — nicht den Namen einer Heiligen, — den Namen, — zürnen Sie nicht, meine Mutter — den Namen Ihrer Tochter! — Meinen Namen! — O, daß laute Donner mich verhindert hätten, mehr zu hören! — Es sprach von Schönheit, von Liebe — Es klagte, daß dieser Tag, welcher mein Glück mache, — wenn er es anders mache — sein Unglück auf immer entscheide. — Es beschwor mich--Hören mußt' ich dieß alles. Aber ich blickte nicht um; ich wollte thun, als ob ich es nicht hörte — Was konnt' ich sonst? — Meinen guten Engel bitten, mich mit Taubheit zu schlagen; und wann auch, wann auch auf immer! — Das bat ich; das war das einzige, was ich beten konnte. — Endlich ward es Zeit, mich wieder zu erheben. Das heilige Amt ging zu Ende. Ich zitterte, mich umzukehren. Ich zitterte, ihn zu erblicken, der sieb den Frevel erlauben dürfen. Und da ich mich umwandte, da ich ihn erblickte — Claudia. Wen, meine Tochter? iLmilia- Rathen Sie, meine Mutter; rathen Sie. — Ich glaubte in die Erde zu sinken. — Ihn selbst. Claudia. Wen ihn selbst? ^ Emilia- Den Prinzen. Claudia. Den Prinzen! — O gesegnet sey die Ungeduld deines Vaters, der eben hier war, und dich nicht erwarten wollte! Emilia. Mein Vater hier? — und wollte mich nicht erwarten? Claudia. Wann du in deiner Verwirrung auch ihn das hättest hören lassen! LLmilia- Nun, meine Mutter? — Was hätt' er an mir strafbares finden können? Claudia. Nichts; eben so wenig, als an mir. Und doch, doch — Ha, du kennst deinen Vater nicht! Zn seinem Zorne emilia Galotti. 137 hätt' er den unschuldigen Gegenstand des Verbrechens mit dem Verbrecher verwechselt. Zu seiner Wuth hätt' ich ihm geschienen, das veranlaßt zu haben, was ich weder verhindern, noch vorhcrschcn können. — Aber weiter, meine Tochter, weiter! Als du den Prinzen erkanntest — Ich will hoffen, daß du deiner mächtig genug wärest, ihm in Einem Blicke alle die Verachtung zu bezeigen, die er verdienet. LSmilia. Das war ich nicht, meine Mutter! Nach dem Blicke, mit dem ich ihn erkannte, hatt' ich nicht das Herz, einen zweyten auf ihn zu richten. Zch floh' — Claudia. Und der Prinz dir nach — LLmilia- Was ich nicht wußte, bis ich in der Halle mich bey der Hand ergriffen fühlte. Und von ihm! Aus Scham mußt' ich Stand halten: mich von ihm loszuwindcn, würde die Vorbeygchendcn zu aufmerksam auf uns gcnmcht haben. Das war die einzige Ucbcrlegung, deren ich fähig war — oder deren ich nun mich wieder erinnere. Er sprach; und ich hab' ihm geantwortet. Aber, was er sprach, was ich ihm geantwortet; — fällt mir es noch bc», so ist es gut, so will ich es Ihnen sagen, meine Mutter. Ztzt weiß ich von dem allen nichts. Meine Sinne hatten mich verlassen. — Umsonst denk' ich nach, wie ich von ihm weg, und aus der Halle gekommen. Zch finde mich erst auf der Straße wieder; und höre ihn hinter mir her kommen; nnd höre ihn mit mir zugleich in das Haus treten, mit mir die Treppe hinauf steige» — Claudia. Die Furcht hat ihren besondern Sinn, meine Tochter! —Ich werde es nie vergessen, mit welcher Gc- bchrdc du hereinstürztest. — Nein, so weit durste er nicht wagen, dir zu folgen. — Gott! Gott! wenn dein Vater das wüßte! — Wie wild er schon war, als er nur hörte, daß der Prinz dich jüngst nicht ohne Mißfallen gesehen! — Indeß, sey ruhig meine Tochter! Nimm es für einen Traum, was dir begegnet ist. Auch wird es noch weniger Folgen haben, als ein Traum. Du entgehest heute mit eins allen Nachstellungen. °) Dicsc Bcrändcrnng von seinem Bruder Karl hat sich der Dichter gefallen lassen (s. ihre Briefe vom 3. nnd vom 10. Febr. 1772). Er selbst hatte die Worte „die Furcht hat ihren besondern Sinn." der Emilia gegeben. 138 Sunlia Galotti. Mmilia- Aber, nicht, meine Mutter? Der Graf muß das wissen. Ihm muß ich es sagen. Claudia. Um alle Welt nicht! — Wozu? warum? Willst du für nichts, und wieder für nichts, ihn unruhig machen? Und wann er es auch ißt nicht würde: wisse, mein Kind, daß ein Gift, welches nicht gleich wirket, darum kein minder gefährliches Gift ist. Was auf den Liebhaber keinen Eindruck macht, kann ihn auf den Gemahl machen. Dem Liebhaber könnt' es sogar schmeicheln, einem so wichtigen Mitbewerber den Rang abzulaufen. Aber wenn er ihm den nun einmal abgelaufen hat: ah! mein Kind, — so wird aus dem Liebhaber oft ein ganz anderes Geschöpf. Dein gutes Gestirn behüte dich vor dieser Erfahrung. Ürmilia. Sie wissen, meine Mutter, wie gern ich Ihren bessern Einsichten mich in allem unterwerfe. — Aber, wenn er es von einem andern erführe, daß der Prinz mich heute gesprochen? Würde mein Verschweigen nicht, früh oder spät, seine Unruhe vermehren? — Ich dächte doch, ich behielte lieber vor ihm nichts auf dem Herzen. Claudia. Schwachheit! verliebte Schwachheit! — Nein, durchaus nicht, meine Tochter! Sag' ihm nichts. Laß ihn nichts merken! Emilia. Nun ja, meine Mutter! Ich habe keinen Willen gegen den Zhrigcn. — Aha! (mit einem tiefen Athemzuge) Auch wird mir wieder ganz leicht. — Was für ein albernes, furchtsames Ding ich bin! — Nicht, meine Mutter? — Ich hätte mich noch wohl anders dabey nehmen können, und würde mir eben so wenig vergeben haben. Clandia. Zch wollte dir das nicht sagen, meine Tochter, bevor dir es dein eigner gesunder Verstand sagte. Und ich wußte, er würde dir es sagen, sobald du wieder zu dir selbst gekommen. — Der Prinz ist galant. Du bist die unbedeutende Sprache der Galanterie zu wenig gewohnt. Eine Höflichkeit wird in ihr zur Empfindung; eine Schmeichele») zur Vcthcuc- rung; ein Einfall zum Wunsche; ein Wunsch zum Vorsätze. emilia Galotti. 13i) Nichts klingt in dieser Sprache") wie Alles: und Alles ist in ihr so viel als Nichts. Emilia. O meine Mutter! — so müßte ich mir mit meiner Fnrcht vollends lächerlich vorkommen! — Nun soll er gewiß nichts davon erfahren, mein guter Appiani! Er könnte mich leicht für mehr eitel,*) als tugendhaft, halten. — Huy! daß er da selbst kömmt! Es ist sein Gang. Siebender Auftritt. Graf Appiani. Die Vorigen. Appiani (tritt tiefsinnig, mit vor sich hingcschlagncn Augen, herein, und kömmt näher, ohne sie zu erblicken; bis Emilia ihm cntgcgcnsprmgt.) Ah, meine Theuerste! — Ich war mir Sie in dem Vorzimmer nicht vermuthend. Emilia. Zch wünschte Sie heiter, Herr Graf, auch wo Sie mich nicht vermuthen. — So fcycrlich? so ernsthaft? — Ist dieser Tag keiner freudigern Aufwallung werth? Appiani- Er ist mehr werth, als mein ganzes Leben. Aber schwanger mit so viel Glückseligkeit für mich, — mag cs wohl diese Glückseligkeit selbst seyn, die mich so ernst, die mich, wie Sie cs nennen, mein Fräulein, so fcycrlich macht. — (Indem er die Mutter erblickt.) Ha! auch Sie hier, meine gnädige Frau! — nun bald mir mit einem innigern Namen zu verehrende! Claudia- Der mein größter Stolz seyn wird! — Wie glücklich bist du, meine Emilia! — Warum hat dein Vater unsere Entzückung nicht theilen wollen? Appiani. Eben hab' ich mich aus seinen Armen gerissen: — oder vielmehr er, sich aus meinen. — Welch ein Mann, meine Emilia, Ihr Vater! Das Muster aller männlichen Tugend! Zu was für Gesinnungen erhebt sich meine Seele in seiner Gegenwart! Nie ist mein Entschluß, immer gut, immer edel zu seyn, lebendiger, als wenn ich ihn sehe, — wenn ich ihn mir denke. Und womit sonst, als mit der Erfüllung dieses Entschlusses kann ich mich der Ehre würdig machen, sein °) „in ihr" hat die Handschrift. °°) „für eitler," in der Handschrift. 140 emilia Galotti. Sohn zu heißen; — der Ihrige zu seyn, meine Emilia? Emilia. Und er wollte mich nicht erwarten! Appiani. Ich urtheile, weil ihn seine Emilia, für diesen augenblicklichen Besuch, zu sehr erschüttert, zu sehr sich seiner ganzen Seele bemächtiget hätte. Claudia. Er glaubte dich mit deinem Brautschinucke beschäftiget zu finden: und hörte — Appiani. Was ich mit der zärtlichsten Bewunderung wieder von ihm gehört habe. — So recht, meine Emilia! Ich werde eine fromme Frau an Ihnen haben; und die nicht stolz auf ihre Frömmigkeit ist. Claudia. Aber, meine Kinder, eines thun, und das andere nicht lassen! — Nun ist es hohe Zeit; nun mach', Emilia! Appiani, Was? meine gnädige Frau. Claudia. Sie wollen sie doch nicht so, Herr Graf, — so wie sie da ist, zum Altare führen? Appiain. Wahrlich, das werd' ich nun erst gewahr. — Wer kann Sie sehen, Emilia, und auch auf Ihren Putz achten? — Und warum nicht so, so wie sie da ist? Emilia. Nein, mein lieber Graf, nicht so; nicht ganz so. Aber auch nicht viel prächtiger; nicht viel. — Husch, busch, und ich bin fertig! — Nichts, gar nichts von dem Geschmeide, dem letzten Geschenke Ihrer vcrschwcndrischcn Großmuth! Nichts, gar nichts, was sich nur zu solchem Geschmeide schickte! — Ich könnte ihm gram seyn, dicfcm Geschmeide, wenn es nicht von Ihnen wäre. — Denn dreymal hat mir von ihm. gcträumct — Claudia. Nun? Davon weiß ich ja nichts. Emilia- Als ob ich es trüge, und als ob plötzlich sich jeder Stein desselben in eine Perle verwandle. — Perle» aber, meine Mutter, Perlen bedeuten Thränen. Claudia. Kind! — Die Bedeutung ist träumerischer, als der Traum. — Wärest du nicht von je her eine größere Liebhaberinn von Perlen, als von Steinen? — Emilia. Freylich, meine Mnttcr, freylich — Appiani (nachdcirkcnd und schwermiilhi.,) Bedeuten Thränen! — bedeuten Thränen! Emilia. Wie? Ihnen fällt das auf? Ihnen ? (5milia Galotti, 141 Appiani. Za wohl; ich sollte mich schämen. — Aber, wenn die Einbildungskraft einmal zu traurigen Bildern gestimmt ist — iLmilia- Warum ist sie das auch? — Und was meynen Sie, das ich mir ausgedacht habe? — Was trug ich, wie sah ich aus, als ich Ihnen zuerst gefiel? — Wissen Sie es noch? Appiani. Ob ich es noch weiß? Ich sehe Sie in Gedanken nie anders, als so: und sehe Sie so, auch wenn ich Sie nicht so sehe. iLmilia. Also, ein Kleid von der nehmlichen Farbe, von dem nehmlichen Schnitte; fliegend und frey — Appiani. Vortrefflich! Emilia. Und das Haar — Appiani. Zn seinem eignen braunen Glänze; in Locken, wie sie die Natur schlug — Emilia- Die Rose darinn nicht zu vergessen! — Recht! recht! — Eine kleine Geduld, und ich stehe so vor Ihnen da! Achter Auftritt. Graf Appiani. Claudia Galotti. Appiani (indem er ihr mit einer niedergeschlagnen Mine nachsieht.) Perlen bedeuten Thränen! — Eine kleine Geduld? — Za, wenn die Zeit nur außer uns wäre! — Wenn eine Minute am Zeiger, sich in uns nicht in Zahrc ausdehnen könnte! — Claudia- Emiliens Beobachtung, Herr Graf, war so schnell, als richtig. Sie sind heut' ernster als gewöhnlich. Nur noch einen Schritt von dem Ziele Ihrer Wünsche, — sollt' es Sie reuen, Herr Graf, daß es das Ziel Ihrer Wünsche gewesen? Appiani. Ah, meine Mutter, und Sie können das von Ihrem Sohne argwohnen? — Aber, es ist wahr; ich bin heut' ungewöhnlich trübe und finster. — Nur sehen Sie, gnädige Frau; — noch einen Schritt vom Ziele, oder noch gar nicht ausgelaufen seyn, ist im Grunde eines. — Alles was ich sehe, alles was ich höre, alles was ich träume, prediget mir seit gestern und chcgestcrn diese Wahrheit. Dieser Eine Gedanke kettet sich an jeden andern, den ich haben muß und haben will. — Was ist das? Ich versteh' es nicht. — 142 Eiililia Galotti. Claudia. Sic machen mich unruhig, Herr Graf — Appiani. Eines kömmt dann zum andern! — Ich bin ärgerlich; ärgerlich über meine Freunde, über mich selbst — Claudia. Wie so? Appiani. Meine Freunde verlangen schlechterdings, daß ich dem Prinzen von meiner Hcyrath ein Wort sagen soll, ehe ich sie vollziehe. Sie geben mir zu, ich sey es nicht schuldig: aber die Achtung gegen ihn woll' es nicht anders. — Und ich bin schwach genug gewesen, es ihnen zu versprechen. Eben wollt' ich noch bey ihm vorfahren. Claudia (stutzig) Bey dem Prinzen? Neunter Auftritt. pjrro, gleich darauf Marinelli, und die Vorigen. Pirro. Gnädige Frau, der Marchcsc Marinelli hält vor dem Hause, und erkundiget sich nach dem Herrn Grafen. Appiani. Nach mir? Pirro- Hier ist er schon. (Ofncr ihm die Thüre und geht ab) Marinelli. Ich bitt' um Verzeihung, gnädige Frau. — Mein Herr Graf, ich war vor Ihrem Hause, und erfuhr, daß ich Sic hier treffen würde. Ich hab' ein dringendes Geschäft an Sic — Gnädige Frau, ich bitte nochmals um Verzeihung; es ist in cinigcn Minuten geschehen. Claudia- Die ich nicht verzögern will, (macht ihm eine Verbeugung und geht ab.) Zehnter Auftritt. Marinelli. Appiani. Appiani. Nun, mein Herr? Marinelli. Ich komme von des Prinzen Durchlaucht. Appiani. Was ist zu seinem Befehl? Marinelli. Zch bin stolz, der Überbringer einer so vorzüglichen Gnade zu seyn. — Und wenn Gras Appiani nicht mit Gewalt einen seiner ergebensten Freunde in mir verkennen will — Appiani. Ohne weitere Vorrede; wenn ich bitten darf. Marinelli. Auch das! — Der Prinz muß so gleich an den Herzog von Massa, in Angelegenheit seiner Vermählung Eimlra Galotti. 143 mit dessen Prinzessinn Tochter, einen Bevollmächtigten senden. Er war lange unschlüßig, wen er dazu ernennen sollte. Endlich ist seine Wahl, Herr Graf, auf Sie gefallen. Appiani. Auf mich? Marinelli. Und das — wenn die Freundschaft ruhmredig seyn darf — nicht ohne mein Zuthun — Appiani. Wahrlich, Sie setzen mich wegen eines Dankes in Verlegenheit. — Ich habe schon längst nicht mehr erwartet, daß der Prinz mich zu brauchen geruhen werde. — Marinelli. Ich bin versichert, daß es ihm blos an einer würdigen Gelegenheit gemangelt hat. Und wenn auch diese so eines Mannes, wie Graf Appiani, noch nicht würdig genug seyn sollte: so ist freylich meine Freundschaft zu voreilig gewesen. Appiani. Freundschaft und Freundschaft, um das dritte Wort! — Mit wem red' ich denn? Des Marchcsc Marinclli Freundschaft hätt' ich mir nie träumen lassen. — Marinelli. Ich erkenne mein Unrecht, Herr Graf, — mein unverzeihliches Unrecht, daß ich, ohne Ihre Erlaubniß, Ihr Freund seyn wollen. — Bey dem allen: was thut das? Die Gnade des Prinzen, die Ihnen angetragene Ehre, bleiben, was sie sind: und ich zweifle nicht, Sie werden sie mit Vc- gicrd' ergreifen. Appiani (nach einiger Überlegung.) Allerdings. Marinclli. Nun so kommen Sie. Appiani. Wohin? Marinelli. Nach Dosalo, zu dem Prinzen. — Es liegt schon alles fertig; und Sie müssen noch heut' abreisen. Appiani. Was sagen Sie? — Noch heute? Marinelli. Lieber noch in dieser nehmlichen Stunde, als in der folgenden. Die Sache ist von der äußersten Eil. Appiani. Zn Wahrheit? — So thut es mir Leid, daß ich die Ehre, welche mir der Prinz zugedacht, verbitten mttß. Marinclli. Wie? Appiani. Ich kann heute nicht abreisen; — auch morgen nicht; — auch übermorgen noch nicht. — Marinclli. Sie scherzen, Herr Graf. Appiani. Mit Ihnen? 144 ömilia Galotti. Marinelli. Unvergleichlich! Wenn der Scherz den Prinzen gilt, so ist er um so viel lustiger. — Sie können nicht? Appiani. Nein, mein Herr, nein. — Und ich hoffe, daß der Prinz selbst meine Entschuldigung wird gelten lassen. Marinelli. Die bin ich begierig, zu hören. Appiani. O, eine Kleinigkeit! — Sehen Sie; ich soll noch heut' eine Frau nehmen. XNarinelli. Nun? und dann? Appiani. Und dann? — und dann? — Ihre Frage ist auch verzweifelt naif. Marinelli. Man hat Exempel, Herr Graf, daß sich Hochzeiten aufschieben lassen. — Ich glaube freylich nicht, daß der Braut oder dem Bräutigam immer damit gedient ist. Die Sache mag ihr Unangenehmes haben. Aber doch, dacht' ich, der Befehl des Herrn — Appiani. Der Befehl des Herrn? — des Herrn? Ein Herr, den man sich selber wählt, ist unser Herr so eigentlich nicht — Ich gebe zu, daß Sie dem Prinzen unbedingtem Gehorsam schuldig wären. Aber nicht ich. — Ich kam an seinen Hof als ein Frcywilliger. Zch wollte die Ehre haben, ihm zu dienen: aber nicht sein Sklave werden. Zch bin der Vasall eines größern Herrn — , XNarinelli, Größer oder kleiner: Herr ist Herr. Appiani. Daß ich mit Ihnen darüber stritte! — Genug, sagen Sie dem Prinzen, was Sie gehört haben: — daß es mir Leid thut, seine Gnade nicht annehmen zu können; weil ich eben heut' eine Verbindung vollzöge, die mein ganzes Glück ausmache. Marinelli, Wollen Sie ihn nicht zugleich wissen lassen, mit wem? Appiani. Mit Emilia Galotti. Marinelli, Der Tochter aus diesem Hause? Appiani. Aus diesem Hause. Marin elli. Hm! hm! Appiani. Was beliebt? XNarinelli. Zch sollte meynen, daß es so nach umso wem- vmilia Galotti. nigcr Schwierigkeit haben könne, die Ceremonie bis zu Ihrer Zurückkunst auszusetzen. Appiani. Die Ceremonie? Nur die Ceremonie? XNarinclll. Die guten Acltcrn werden es so genau nicht nehmen. Appiani. Die guten Acltcrn? Marinelli. Und Emilia bleibt Ihnen ja wohl gewiß. Appiani. Za wohl gewiß? — Sie sind mit Ihrem Za wohl — ja wohl ein ganzer Affe! TNarinclli. Mir das, Graf? Appiani. Warum nicht? XNarinelli. Himmel und Hölle! — Wir werden uns sprechen. Appiani- Pah!") Hämisch ist der Affe; aber — Marinclli. Tod und Verdammnis;! — Graf, ich fodcrc Genugthuung. Appiani. Das versteht sich. Marinclli. Und würde sie gleich itzt nehmen: — nur daß ich dem zärtlichen Bräutigam den heutigen Tag nicht verderben mag. Appiani. Gutherziges Ding! Nicht doch! Nicht doch! (indem er ihn bey der Hand ergreift.) Nach Massa freylich mag ich mich heute nicht schicken lassen: aber zu einem Spatzicrgangc mit Ihnen hab' ich Zeit übrig. — Kommen Sie, kommen Sie! Marinelli (der sich losreißt/ und abgeht.) Nur Geduld, Graf; mir Geduld! Eilftcr Austritt. Appiani. Claudia Galorri. Appiani. Geh, NichtSwürdigcr! — Ha! das hat gut gethan. Mein Blut ist in Wallung gekommen. Ich fühle mich anders und besser. LlauSia- (eiligst und besorgt) Gott! Herr Graf — Ich 'hab' einen heftigen Wortwechsel gehört. — Ihr Gesicht glühet. Was ist vorgefallen? Appiani. Nichts, gnädige Frau, gar nichts. Der Kam- °) „Ba!" in der Handschrift. Vessinas Werke N. U> ) LLmilia. Gewiß? Sind sie alle geborgen? ist ihnen nichts wicdcrfahrcn? — Ah, was ist dieser Tag für ein Tag dcs Schreckens für mich! — Aber ich sollte nicht hier bleiben; ich sollte ihnen entgegen eilen — Mkrinelli. Wozu das, gnädiges Fräulein? Sie sind ohnedem schon ohne Athem und Kräfte. Erholen Sic sich vielmehr, und geruhen in ein Zimmer zu treten, wo mehr Bequemlichkeit ist- — Zch will wetten, daß der Prinz schon selbst um Zhrc theuere ehrwürdige Mutter ist, und sie Ihnen zuführet. LmillK- Wer, sagen Sie? , XNarinelli. Unser gnädigster Prinz selbst. LLmilia (äußerst bestürzt) Der Prinz? XNarinelli. Er floh, auf die erste Nachricht, Ihnen zu Hülfe. — Er ist höchst ergrimmt, daß ein solches Vcrbrcchcn ihm so nahe, unter seinen Augen gleichsam, hat dürfen gewagt werden. Er läßt den Thätern nachsetzen, und ihre Straft, wenn sic ergriffen werden, wird unerhört seyn. iLmilia. Der Prinz! — Wo bin ich denn also? XNarinelli. Auf Dosalo, dem Lustschlossc dcs Prinzen. iLmilia. Welch ein Zufall! — Und Sic glaubcn, daß cr gleich selbst erscheinen könne? — Aber doch in Gesellschaft meiner Mutter? XNarinelli. Hier ist cr schon. Fünfter Auftritt. Der Prinz. Emilia. Marinelli. Der Prinz. Wo ist sic? wo? — Wir suchen Sic überall, schönstes Fräulein. — Sic sind doch wohl? — Nun so ist alles wohl! Der Graf, Zhrc Mutter, — 164 vmilu, Galotti. Emili«. Ah, gnädigster Herr! wo sind sie? Wo ist mcinc Mutter? Der Prinz, Nicht weit; hier ganz in der Nähe. LLmilia. Gott, in welchem Zustande werde ich die eine, oder den andern, vielleicht treffen! Ganz gewiß treffen! — Denn Sic vcrhcclcn mir, gnädiger Herr — ich seh' es, Sic vcrhcelcn mir — Der Prinz. Nicht doch, bestes Fräulein. — Geben Sie mir Zhrcn Arm, und folgen Sie mir getrost. iLmilia (unentschlossen) Aber — wenn ihnen nichts wicdcrfahren — wenn meine Ahnungen mich trügen: — warum sind sie nicht schon hier? Warum kamen sie nicht mit Ihnen, gnädiger Herr? Der Prinz. So eilen Sie doch, mein Fräulein, alle diese Schrcckcnbildcr mit eins verschwinden zu sehen. — EmiltK- Was soll ich thun? (die Hände ringend) Der Prinz. Wie, mein Fräulein? Sollten Sic einen Verdacht gegen mich Hägen? — Emilia (die vor ihm niederfällt) Zu Ihren Füßen, gnädiger Herr — Der Prinz (sie aufhebend) Zch bin äußerst beschämt. — Za, Emilia, ich verdiene diesen stummen Norwurf. — Mein Betragen diesen Morgen, ist nicht zu rechtfertigen: — zu entschuldigen höchstens. Verzeihen Sie meiner Schwachheit. Zch hätte Sic mit kcincm Gcständnissc beunruhigen sollen, von dem ich keinen Vortheil zu erwarten habe. Auch ward ich durch die sprachlose Bestürzung, mit der Sie es anhörten, oder vielmehr nicht anhörten, genugsam bestraft. — Und könnt' ich schon diesen Zufall, der mir nochmals, ehe alle meine Hoffnung auf ewig verschwindet, — mir nochmals das Glück Sie zu sehen und zu sprechen vcrschast; könnt' ich schon diesen Zufall für den Wink eines günstigen Glückes erklären, — für den wunderbarsten Aufschub meiner endlichen Vcrurthcilung erklären, um nochmals um Gnade flchcn zu dürfen: so will ich doch — Beben Sic nicht, mein Fräulcin — einzig und allein von Ihrem Blicke abhängen. Kein Wort, kein Seufzer, soll Sic beleidigen. — Nur kränke mich nicht Ihr Mißtrauen. Nur zweifeln Sie keinen Augenblick an der unumschränktesten Gewalt, die Sie über ömilia Galotti. 165 mich haben. Nur falle Ihnen nie bey, daß Sie eines andern Schlitzes gegen mich bedürfen. — Und nun kommen Sie, mein Fräulein, — kommen Sie, wo Entzückungen auf Sie warten, die Sie mehr billigen. (Er führt sie, nicht ohne Sträuben, ab) Folgen Sie uns, Marinelli. — Marinelli. Folgen Sie uns, — das mag heißen: folgen Sie uns nicht! — Was hätte ich ihnen auch zu folgen? Er mag sehen, wie weit er es unter vier Augen mit ihr bringt. — Alles, was ich zu thun habe, ist, — zu verhindern, daß sie nicht gcstörct werden. Von dem Grafen zwar, hoffe ich nun wohl nicht. Aber von der Mutter; von der Mutter! Es sollte mich sehr wundern, wenn die so ruhig abgezogen wäre, und ihre Tochter im Stiche gelassen hätte. — Nun, Battista? was gicbts? Sechster Auftritt. Battista- Marinelli. Battista (eiligst) Die Mutter, Herr Kammcrhcrr — Marinelli- Dacht' ichs doch! — Wo ist sie? Battista. Wenn Sie ihr nicht zuvorkommen, so wird sie den Augenblick hier seyn. — Ich war gar nicht Willens, wie Sie mir zum Schein gebothen, mich nach ihr umzusehen: als ich ihr Geschrey von weitem hörte. Sie ist der Tochter auf der Spur; und wo nur nicht — unserm ganzen Anschlage! Alles, was in dieser einsamen Gegend von Menschen ist, hat sich um sie versammelt; und jeder will der seyn, der ihr den Weg weiset. Ob man ihr schon gesagt, daß der Prinz hier ist, daß Sie hier sind, weiß ich nicht. — Was wollen Sie thun ? Marinelli. Laß sehen! — (Er überlegt.) Sie nicht einlassen, wenn sie weiß, daß die Tochter hier ist? — Das geht nicht. — Freylich, sie wird Augen machen, wenn sie den Wolf bey dem Schäfchen sieht. — Augen? Das möchte noch seyn. Aber der Himmel sey unsern Ohren gnädig! — Nun was? die beste Lunge erschöpft sich; auch so gar eine weibliche. Sie hören alle auf zu schreyen, wenn sie nicht mehr können. — Dazu, es ist doch einmal die Mutter, die wir auf unsrer Seite haben müssen. — Wenn ich die Mütter recht kenne: — so etwas von 46k Emilia Galotti. einer Schwiegermutter cincS Prinzen zu seyn, schmeichelt den meiste». — Laß sie komme», Battista, laß sie komme»! Battista- Höre» Sie! höre» Sie! Claudia Galotti (innerhalb) Emilia! Emilia! Mein Kind, wo bist du? Marinelli. Geh, Battista, u»d suche »ur ihre neugierigen Begleiter zu entfernen. Siebender Austritt. Claudia Galotti. Battista. Marinelli. Claudia, (die in die Thüre tritt, indem Battista herausgehen will) Ha! der hob sie aus dem Wagen! — Der führte sie fort! — Ich erkenne dich. Wo ist sie? Sprich, Unglücklicher! Zdamsta. Das ist mein Dank? Claudia. O, wenn du Dank verdienest: (in einem gelinden Tone) — so verzeihe mir, ehrlicher Mann! — Wo ist sie? — Laßt mich sie nicht länger entbehren. Wo ist sie? Battista- O, Ihre Gnade», sie könnte in dem Schooßc der Seligkeit nicht aufgehobner seyn. — Hier mein Herr wird Zhrc Gnaden zu ihr führen. (Gegen einige Leute, welche nachdringen wolle») Zurück da! ihr! Achter Auftritt. Claudia Galotti. Marinelli. Claudia- Dein Herr? — (erblickt den Marinelli nnd fährt zurück^ Ha! — Das dein Herr? — Sie hier, mein Herr? Und hier meine Tochter? Und Sie, Sie sollen mich zu ihr führen? Marinelli. Mit vielem Bcrgnügcn, gnädige Frau. Claudia. Halten Sie! — Eben fällt mir es bey — Sie waren es ja — nicht? — der den Grafen diesen Morgen in meinem Hause aufsuchte? mit dem ich ihn allein ließ? mit den, er Streit bekam? Marinelli. Streit? — Was ich nicht wüßte: ein unbedeutender Wortwechsel in herrschaftlichen Angelegenheiten — Claudia. Und Marinelli heißen Sie? Marinelli. Marchcsc Marinelli. Claudia- So ist es richtig. — Hören Sie doch, Herr vinilia Ealotti. ^67 Marchcsc. — Marinclli war — der Name Marinclli war — bcglcitct mit einer Verwünschung — Nein, daß ich dcn cdcln Mann nicht verleumde! — bcglcitct mit kcincr Verwünschung — Dic Verwünschung dcnk' ich hinzu — Der Name Marinclli war das lctztc Wort dcs stcrl'cndcn Grafcn. Marinelli. Dcs stcrbcndcn Grafcn? Grafcn Appiani? — Sie hörcn, gnädige Frau, was mir in Ihrer seltsamen Rcdc am meisten auffällt. — Dcs stcrbcndcn Grafcn? — Was Sie sonst sagen wollen, versteh' ich nicht. Claudia (biticr und langsam) Der Namc Marinclli war das letzte Wort dcs sterbenden Grafen! — Verstehen Sie nun? — Ich verstand es erst auch nicht: ob schon mit einem Tone gesprochen — mit einem Tone! — Ich höre ihn noch! Wo waren meine Sinne, daß sie diesen Ton nicht sogleich verstanden? XNarinelll, Nun, gnädige Frau? — Zch war von je her dcs Grafcn Freund; sein vertrautester Freund. Also, wenn er mich noch im Sterben nannte — Claudia. Mit dem Tone? — Zch kann ihn nicht nachmachen; ich kann ihn nicht beschreiben: aber er enthielt alles! alles! — Was? Räuber wären cs gcwcscn, dic uns anfielen? — Mörder waren cs; erkaufte Mörder! — Und Marinclli, Marinclli war das letzte Wort dcs stcrbcndcn Grafcn! Mit einem Tone! XNarinelli. Mit cincm Tone? — Zst cs erhört, auf einen Ton, in cincm Augenblicke dcs Schreckens vernommen, dic Anklage eines rcchtschafncn Mannes zu gründen? Claudia. Ha, könnt' ich ihn nur vor Gerichte stellen, diesen Ton! — Doch, weh mir! Zch vergesse darüber meine Tochter. — Wo ist sie? — Wie? auch todt? — WaS konnte meine Tochter dafür, daß Appiani dein Feind war? XNarinelll, Zch verzeihe der bangen Mutter. — Kommen Sie, gnädige Frau — Zhre Tochter ist hier; in cincm von dcn nächsten Zimmern: und hat sich hoffentlich von ihrem Schrecken schon völlig crhohlt. Mit der zärtlichsten Sorgfalt ist der Prinz selbst um sie beschäftiget — Claudia. Wer? — Wer selbst? rNarinelli. Der Prinz. 158 vmilia Galotti. Claudia- Der Prinz? — Sagen Sie wirklich, der Prinz? — Unscr Prinz? Marinclli. Welcher sonst? Claudia. Nun dann! — Ich unglückselige Mutter! — Und ihr Batcr! ihr Vater! — Er wird den Tag ihrer Geburt verfluchen. Er wird mich verfluchen. XNarinelli. Um des Himmels willen, gnädige Frau! Was fällt Ihnen nun ein? Claudia. Es ist klar! — Ist es nicht? — Heute, im Tempel! vor den Augen der Allcrrcincstcn! in der nähern Gegenwart des Ewigen! — begann das Bubenstück; da brach es aus! (gegen den Marinclli.) Ha, Mörder! feiger, elender Mörder! Nicht tapfer genug, mit eigner Hand zu morden: aber nichtswürdig genug, zu Befriedigung eines fremden Kitzels zu morden! — morden zu lassen! — Abschaum aller Mörder! — Was ehrliche Mörder sind, werden dich unter sich nicht dulden! Dich! Dich! — Denn warum soll ich dir nicht alle meine Galle, allen meinen Geifer mit einem einzigen Worte ins Gesicht spcycn? — Dich! Dich Kuppler! N?arinelli. Sie schwärmen, gute Frau. — Aber mäßigen Sie wenigstens Ihr wildes Geschrey, und bedenken Sie, wo Sie sind. Claudia. Wo ich bin? Bedenken, wo ich bin? — Was kümmert es die Löwinn, der man die Zungen gcraubct, in wessen Walde sie brüllet? Emilia (innerhalb) Ha, meine Mutter! Ich höre meine Mutter! Claudia- Ihre Stimme? Das ist sie! Sie hat mich gehört; sie hat mich gehört. Und ich sollte nicht schreyen? — Wo bist du, mein Kind? Ich komme, ich komme! (Sie stürzt in das Zimmer, und Marinclli ihr nach.) Emilia Galotti. Vierter Aufzug. (Die Scene bleibt.) Erster Auftritt. Der Prinz. Marinelli. Der Prinz (als ans dem Zimmer von Emilim kommend.) Kommen Sie, Marinelli! Ich muß mich erholen — lind muß Licht von Zhncn haben. Marinelli. O der mütterlichen Wuth! Ha! ha! ha! Der Prinz. Sie lachen? Marinelli. Wenn Sie gesehen hätten, Prinz, wie toll sich hier, hier im Saale, die Mutter gcbchrdctc — Sie hörten sie ja wohl schreyen! — und wie zahm sie auf einmal ward, bey dem ersten Anblicke von Zhncn — — Ha! ha! — Das weiß ich ja wohl, daß keine Mutter einem Prinzen die Augen auskratzt, weil er ihre Tochter schön findet. Der Prinz- Sie sind ein schlechter Beobachter! — Die Tochter stürzte der Mutter ohnmächtig in die Arme. Darüber vergaß die Mutter ihre Wuth: nicht über mich. Zhrc Tochter schonte sie, nicht mich; wenn sie es nicht lauter, nicht deutlicher sagte, — was ich lieber selbst nicht gehört, nicht verstanden haben will. Marinelli. Was, gnädiger Herr? Der Prinz. Wozu die Verstellung? — Heraus damit. Ist es wahr? oder ist es nicht wahr? Marinelli. Und wenn es denn wäre! Der Prinz. Wenn es denn wäre? — Also ist es? — Er ist todt? todt? — (drohend) Marinelli! Marinelli! Marinelli. Nun? Der Prinz. Bey Gott! bey dem allgcrcchtcn Gott! ich bin unschuldig an diesem Blute. — Wenn Sie mir vorhcrgcsagt hätten, daß es dem Grafen das Leben kosten werde — Nein, nein! und wenn es mir selbst das Lcbcn gekostet hätte! — Marinelli. Wenn ich Ihnen vorher gesagt hätte? — Als ob sein Tod in meinem Plane gewesen wäre! Ich hatte es dem Angclo auf die Seele gebunden, zu verhüten, das niemanden 1L0 emilia Galotti. Leides geschähe. Es würde auch ohne die geringste Gewaltthätigkeit abgelaufen seyn, wenn sich der Graf nicht dic erste erlaubt hätte. Er schoß Knall und Fall den einen nieder. Der Prinz. Wahrlich; er hätte sollen Spaß verstehen'. XNarinelli. Daß Angclo sodann in Wuth kam, und den Tod seines Gefährten rächte — Der Prinz. Freylich, das ist sehr natürlich! rNarinelli. Ich hab' es ihm genug verwiesen. Der Prinz. Verwiesen? Wie freundschaftlich! — Warnen Sie ihn, daß er sich in meinem Gebiethe nicht betreten läßt. Mein Verweis möchte so freundschaftlich nicht seyn. rNarinelli, Recht wohl! — Ich und Angclo; Vorsatz und Zufall: alles ist eins. — Zwar ward es voraus'bedungen, zwar, ward es voraus versprochen, daß keiner der Unglücksfällc, dic sich dabey cräugncn könnten, mir zu Schulden kommen solle — Der Prinz. Die sich dabey cräugncn — könnten, sagen Sie? oder sollten? Marinelll. Immer besser! — Doch, gnädiger Herr, — ehe Sie mir es mit dem trocknen Worte sagen, wofür- Sie mich halten — eine einzige Vorstellung! Der Tod des Grafen ist mir nichts weniger, als gleichgültig. Ich hatte ihn ausge- fodcrt; cr war mir Genugthuung schuldig; er ist ohne diese aus der Welt gegangen; und meine Ehre bleibt beleidiget. Gesetzt, ich verdiente unter jeden andern Umständen den Verdacht, den Sie gegen mich Hägen: aber auch unter diesen? — (Mit einer angcnommcnen Hitze) Wer das von mir denken kann! — Der Prinz (nachgebend) Nun gut, nun gut — Marinclli. Daß cr noch lcbtc! O daß cr noch lcbtc! Alles, alles in der Welt wollte ich darum geben — (bitter) selbst die Gnade meines Prinzen, — diese unschätzbare, nie zu vcr- schcrzcndc Gnade — wollt' ich drum geben! Der Prinz. Ich verstehe. — Nun gut, nun gut. Sein Tod war Zufall, bloßer Zufall. Sie versichern es; und ich, ich glaub' es. — Aber wer mehr?") Auch die Mutter? Auch Emilia? — Auch die Welt? °) I» der Handschrift „Aber wer mchr? Wer wird es mehr glauben? Auch der Aatcr?" Cmilia Ealotti. 161 N7arinelll (kalt) Schwerlich. Der Prinz. Und wcnn man es nicht glaubt, was wird man denn glauben? — Sie zucken die Achsel? — Ihren An- gelo wird man für das Werkzeug, und mich für den Thäter halten — Marinelli („och kälter) Wahrscheinlich genug. Der Prinz. Mich! mich selbst! — Oder ich muß von Stund an alle Absicht auf Emilicn aufgeben — Marinclli (höchst gleichgültig) Was Sie auch gemußt hatten — wcnn der Graf noch lebte. — Der Prinz (heftig, aber sich gleich wieder fassend) Marinclli! — Doch, Sie sollen mich nicht wild machen. — Es sey so — Es ist so! Und das wollen Sie doch nur sagen: der Tod des Grafen ist für mich ein Glück — das ^größte Glück, was mir begegnen konnte, — das einzige Glück, was meiner Liebe zu Statten kommen konnte. Und als dieses, — mag er doch geschehen seyn, wie er will! — Ein Graf mehr in der Welt, oder weniger! Denke ich Ihnen so recht? —") Topp! auch ich erschrecke vor einem kleinen Verbrechen nicht. Nur, guter Freund, muß es ein kleines stilles Verbrechen, ein kleines heilsames Verbrechen seyn. Und sehen Sie, unseres da, wäre nun gerade weder stille noch heilsam. Es hätte den Weg zwar gcrcinigct, aber zugleich gesperrt. Jedermann würde es uns auf den Kopf zusagen, — und leider hätten wir es gar nicht einmal begangen! — Das liegt doch wohl nur blos an Ihren weisen, wunderbaren Anstalten? Marinclli, Wenn Sie so befehlen — Der Prinz. Woran sonst? — Ich will Rede'. Marinelli. Es kömmt mehr auf meine Rechnung, was nicht darauf gehört. Der Prinz. Rede will ich! Marinelli. Nun dann! Was läge an meinen Anstalten? daß den Prinzen bey diesem Unfälle ein so sichtbarer Verdacht trift? — An dem Mcistcrstreichc liegt das, den er selbst meinen Anstalten mit einzumengen die Gnade hatte. °) In der Handschrift folgt, aber durchstrichen, „Mochte doch auch die Welt glauben, was sie wollte!" ?es«mgs Werke n, 11 162 Emilia Galotti. Der Prinz. Ich? Marinelli. Er erlaube mir, ihm zu sagen, daß der Schritt, den er heute Morgen in der Kirche gethan, — mit so vielem Anstandc er ihn auch gethan/) — so unvermeidlich er ihn auch thun mußte — daß dieser Schritt dennoch nicht in den Tanz gehörte. Der Prinz. Was verdarb er denn auch? Marinelli. Freylich nicht den ganzen Tanz; aber doch vor itzo den Takt. . Der Prinz. Hm! Versteh' ich Sie? Marinelli. Also, kurz und einfältig. Da ich die Sache übernahm, nicht wahr, da wußte Emilia von der Liebe des Prinzen noch nichts? Emilicns Mutter noch weniger. Wenn ich nun auf diesen Umstand baute? und der Prinz indeß den Grund meines Gebäudes untergrub? — Der Prinz (sich vor die Stirne schlagend.) Verwünscht! Marinelli. Wenn er es nun selbst verrieth, was er im Schilde führe? Der Prinz. Verdammter Einfall! Marinelli. Und wenn er es nicht selbst verrathen hätte? — Traun!"") Ich möchte doch wissen, aus welcher meiner Anstalten, Mutter oder Tochter den geringsten Argwohn gegen ihn schöpfen könnte? Der Prinz. Daß Sie Recht haben! Marinelli. Daran thu' ich freylich sehr Unrecht — Sie werden verzeihen, gnädiger Herr. — Zweyter Austritt. ZZattista. Der Prinz. Marinelli. Natlista (eiligst) Eben kömmt die Gräfinn an. Der Prinz. Die Gräfinn? Was für eine Gräfinn? Dattista. Orsina. Der Prinz. Orsina? — Marinelli! — Orsina? — Marinelli! Marinelli. Ich erstaune darüber nicht weniger als Sie selbst. °) „gethan hat," in der Handschrift. Erst hieß es „mit so vielem Anstandc er auch geschehen scvn mag." °°) Das Wort „Traun!" fehlt der Handschrift. Emilia Galotti, 163 Der Prinz. Geh, lauf, Battista: sic soll nicht ausstcigcn. Zch bin nicht hicr. Zch bin für sie nicht hier. Sie soll augenblicklich wieder umkehren. Geh, lauf! — (Battista geht ab) Was will die Närrinn? Was untersteht sic sich? Wie weiß sie, daß wir hicr sind? Sollte sic wohl auf Kundschaft kommen? Sollte sic wohl schon ctwas vernommen haben? — Ah, Mari- nclli! So reden Sie, so antworten Sic doch! — Ist er beleidiget der Mann, dcr mein Freund seyn will? Und durch einen elenden Wortwechsel beleidiget? Soll ich ihn um Verzeihung bitten ? Marinelli. Ah, mein Prinz, so bald Sic wicdcr Sic sind, bin ich mit ganzer Seele wicdcr dcr Zhrigc! — Die Ankunft dcr Orsina ist mir ein Räthsel, wie Ihnen. Doch abweisen wird sie schwerlich sich lassen. Was wollen Sie thun? Der Prinz. Sic durchaus nicht sprechen; mich entfernen — Marinelli. Wohl! und nur geschwind. Zch will sic empfangen — Der Prinz. Aber blos, um sic gehen zu heißen. — Weiter geben Sic mit ihr sich nicht ab. Wir haben andere Dinge hicr zu thun — Marinelli. Nicht doch, Prinz! Dicsc andern Dinge sind gethan. Fassen Sie doch Muth! Was noch fehlt, kömmt sicherlich von selbst. — Aber hör' ich sic nicht schon? — Eilcn Sic, Prinz! — Da, (auf ei» Kabmct zeigend, in welches sich dcr Prinz begiebt) wenn Sic wollen, werden Sie uns hören können. — Zch fürchte, ich fürchte, sic ist nicht zu ihrcr besten Stunde aus- gcfahrcn. Dritter Auftritt. Die Gräfinn Orsina. Marinelli- Orsina (ohne den MarincM anfangs zu erblicken) Was ist das? — Niemand kömmt mir entgegen, außer ein Unverschämter, dcr mir lieber gar den Eintritt verweigert hätte? — Zch bin doch zu Dosalo? Zu dem Dosalo, wo mir sonst ein ganzes Heer geschäftiger Augendiener entgegenstürzte? wo mich sonst Lieb' uud Entzücken erwarteten? — Dcr Ort ist es: aber, aber! — Sich da, Marinelli! — Recht gut, daß dcr Prinz Sie 11° 104 Cinilia Ealotti. mitgenommen. — Nein, nicht gut! Was ich mit ihm auszumachen hatte, hätte ich nur mir ihm auszumachen. — Wo ist er? Marmelli. Der Prinz, meine gnädige Gräfinn? Orsina. Wer sonst? rNarmclli. Sie vermuthen ihn also hier? wissen ihn hier? — Er wenigstens ist die Gräfinn Orsina hier nicht vermuthend. Orsina. Nicht? So bat er meinen Brief heute Morgen nicht erhalten? Marinelli. Ihren Brief? Doch ja; ich erinnere mich, daß er eines Briefes von Ihnen erwähnte. Orsina. Nun? habe ich ihn nicht in diesem Briefe auf heute um eine Zusammenkunft hier auf Dosalo gebeten? — Es ist wahr, es hat ihm nicht beliebet, mir schriftlich zu antworten. Aber ich erfuhr, daß er eine Stunde darauf wirklich nach Dosalo abgefahren. Ich glaubte, das sey Antworts genug; und ich komme. Marmel!,'. Ein sonderbarer Zufall! Orsina. Zufall? — Sie hören ja, daß es verabredet worden. So gut, als verabredet. Won meiner Seite, der Brief: von seiner, die That. — Wie er da steht, der Herr Marchcsc! Was er für Augen macht! Wundert sich das Gchirnchcn? und worüber denn? Marinelli, Sie schienen gestern so weit entfernt, dem Prinzen jemals wieder vor die Augen zu kommen. Orsina. Beßrer Rath kömmt über Nacht. — Wo ist er? wo ist er? — Was gilts, er ist in dem Zimmer, wo'ich das Gccuiicke, das Gckrcuschc hörte? — Ich wollte herein, und der Schurke vom Bedienten trat vor. Marincllt. Meine liebste, beste Gräfinn — Orsina. Es war ein weibliches Gckreusche. Was gilts, Marinclli? — O sagen Sie mir doch, sagen Sie mir — wenn ich anders Ihre liebste, beste Gräfinn bin — Verdammt, über das Hofgcschmciß! So viel Worte, so viel Lügen! — Nun, was liegt daran, ob Sie mir es voraussagen, oder nicht? Ich werd' es ja wohl sehen, (will gehe») XNarinelli (der sie zurück hält) Wohin? Orsina. Wo ich längst seyn sollte. — Denken Sie, daß Emilia vnlotli. cs schicklich ist, mit Zhiicn hier in dein Vorgcmache einen clcn- dc» Schnickschnack zu halten, indeß der Prinz in dein Gemache ans mich wartet? Marmelli. Sie irren sich, gnädige Gräfinn. Der Prinz erwartet Sie nicht. Der Prinz kann Sie hier nicht sprechen, — will Sie nicht sprechen. Orsina. Und wäre doch hier? nnd wäre doch ans meinen Brief hier? N7arinelli. Nicht auf Ihren Brief — Grsina. Den er ja erhalten, sagen Sie — Marmclli. Erhalten, aber nicht gelesen. Orsina (heftig) Nicht gelesen? — (minder heftig) Nicht gelesen? — (wehmüthig/ und eine Thräne aus dem Auge wischend) Nicht einmal gelesen? Marinclli. Ans Zerstreuung, weiß ich. — Nicht aus Verachtung. GrsknK (stolz) Verachtung? — Wer denkt daran? — Wem brauchen Sie das zu sagen? — Sie sind ein unverschämter Tröster, Marinclli! — Acrachtnng! Verachtung! Mich verachtet man auch! Mich! — (gelinder, bis zum Tone der Schwcrmuih) Freylich liebt er mich nicht mehr. Das ist ausgemacht. Und an die Stelle der Liebe trat in seiner Seele etwas anders. Das ist natürlich. Aber warum denn eben Verachtung? Es braucht ja mir Gleichgültigkeit zu seyn. Nicht wahr, Marinclli? XNarinelli. Allerdings, allerdings. Grsina (höhnisch) Allerdings? — O des weisen Mannes, den man sagen lassen kann, was man will! — Gleichgültigkeit! Gleichgültigkeit an die Stelle der Liebe? — Das heißt, Nichts an dic Stcllc von Etwas. Dcnn lcrncn Sie, nachplau- dcrndcs Hosmännchcn, lernen Sie von einem Weibe, daß Gleichgültigkeit ein leeres Wort, ein bloßer Schall ist, dem nichts, gar nichts, entspricht. Gleichgültig ist dic Seele nur gegen das, woran sie nicht denkt; nur gegen ein Ding, das für sie kein Ding ist- Und nur gleichgültig für cm Ding, das kein Ding ist, — das ist so viel, als gar nicht gleichgültig, — Ist dir das zu hoch, Mensch? 466 Emilia Galotti. Marinelll (vor sich) O wch! wie wahr ist es, was ich fürchtete. Grsina. Was murmeln Sie da? N?arinelll, Lauter Bewunderung! — Und wem ist cS nicht bekannt, gnädige Gräfinn, daß Sie eine Philosophinn sind? Orfina, Nicht wahr? — Za, ja; ich bin eine. — Aber habe ich mir es itzt merken lassen, daß ich eine bin? — O pfuy, wenn ich mir es habe merken lassen; und wenn ich mir es öftrer habe merken lassen! Ist es wohl noch Wunder, daß mich der Prinz verachtet? Wie kann ein Mann ein Ding lieben, das, ihm zum Trotze, auch denken will? Ein Frauenzimmer, das denket, ist eben so cckcl als ein Mann, der sich schminket. Lachen soll es, nichts als lachen, um immerdar den gestrengen Herrn der Schöpfung bey guter Laune zu erhalten. — Nun, worüber lach' ich denn gleich, Marinclli? — Ach, ja wohl! Über den Zufall! daß ich dem Prinzen schreibe, er soll nach Do- salo kommen; daß der Prinz meinen Brief nicht liefet, und daß er doch nach Dosalo kömmt. Ha! ha! ha! Wahrlich ein sonderbarer Zufall! Sehr lustig, sehr närrisch! — Und Sie lachen nicht mit, Marinclli? — Mitlachen kann ja wohl der gestrenge Herr der Schöpfung, ob wir arme Geschöpfe gleich nicht mitdenken dürfen. — (ernsthaft und befehlend) So lachen Sie doch! XNannelli. Gleich, gnädige Gräfinn, gleich! Grsina. Stock! Und darüber geht der Augenblick vorbey. Nein, nein, lachen Sie nur nicht. — Denn sehen Sie, Marinclli, (nachdenkend bis zur Rührung) was mich so herzlich zu lachen macht, das hat auch scinc ernsthafte — sehr ernsthafte Seite. Wie alles in der Welt! — Zufall? Ein Zufall wär' es, daß der Prinz nicht daran gedacht, mich hier zu sprechen, und mich doch hier sprechen muß? Ein Zufall? — Glauben Sie mir, Marinclli: das Wort Zufall ist Gotteslästerung. Nichts unter der Sonne ist Zufall; — am wenigsten das, wovon die Absicht so klar in die Augen leuchtet. — Allmächtige, allgütigc Vorsicht, vcrgicb mir, daß ich mit diesem albernen Sünder einen Zufall gcncnnct habc, was so offenbar dein Werk, wohl gar dein unmittelbares Werk ist! — (hastig gegen Marinclli) Kommen Sie mir, und verleiten Sie mich noch einmal zu so einem Frevel! Einilia Galotti. 167 Marinelli (vor sich) Das geht weit! — Abcr, gnädige Gräfinn — «vrsinK. Still mit dem Aber! Die Aber kosten Ucbcrlc- gung: — nnd mein Kopf! mein Kopf! (sich mit der Hand die Stirne haltend) — Machen Sie, Marinclli, mache» Sie, daß ich ihn bald spreche, den Prinzen; sonst bin ich es wohl gar nicht im Stande. — Sie sehen, wir sollen nns sprechen; wir müssen uns sprechen — Nicrtcr Auftritt. Der Prinz. Orsina. Marinclli. Der Prinz (indem er aus dem Kabinctc tritt, vor sich.) Ich muß ihm zu Hülfe kommen. — Grsina (die ihn erblickt; aber lincntschliisng, ob sie auf ihn zu gehen loll.) Ha! da ist er. Der Prinz (geht quecr über den Saal, bcv ilir vorbrv, nach den andern Zimmern, ohne sich im Reden aufzuhalten.) Sich da! unsere schöne Gräfinn. — Wie sehr bctaucrc ich, Madame, daß ich mir die Ehre Zhrcs Besuchs für heute so wenig zu Nutze machen kann! Ich bin beschäftiget. Ich bin nicht allein. — Ein andermal, meine liebe Gräfinn! Ein andermal. — Ztzt halten Sie länger sich nicht auf. Za nicht länger! — Und Sie, Marinclli, ich erwarte Sie. — Fünfter Auftritt. Orsina. Marinelli. Marinelli. Haben Sie es, gnädige Gräfinn, nun von ihm selbst gehört, was Sie mir nicht glaubcu wollen? Grsina (wie betäubt) Hab' ich? hab' ich wirklich? Marinelli. Wirklich. Orsina (mit Rührung) „Ich bin beschäftiget. Ich bin nicht allein." Ist das die Entschuldigung ganz, die ich werth bin? Wen weiset man damit nicht ab? Jeden Ubcrlästigcn; jeden Bettler. Für mich keine einzige Lüge mehr? Keine einzige kleine Lüge mehr für mich? — Beschäftiget? womit denn? Nicht allein? wer wäre denn bey ihm? — Kommen Sie, Marinclli; aus Barmherzigkeit, lieber Marinclli! Lügen Sie mir eines 168 Emilia Galotti. auf eigene Rechnung vor. Was kostet Ihnen denn eine Lüge? — Was hat er zu thun? Wer ist bey ihm? — Sagen Sie mir; sagen Sie mir, was Ihnen zuerst in den Mund kommt, _ und ich gehe. XNarmelli (vor sich) Mit dieser Bedingung, kann ich ihr ja wohl einen Theil der Wahrheit sagen. Orsina. Nun? Geschwind, Marinclli; und ich gehe. — Er sagte ohnedem, der Prinz: „Ein andermal, meine liebe Gräfinn!" Sagte er nicht so? — Damit er mir Wort hält, damit er keinen Vorwand hat, mir nicht Wort zu halten: geschwind, Marinclli, Ihre Lüge; und ich gehe. Marinclli- Der Prinz, liebe Gräfinn, ist wahrlich nicht allein. Es sind Personen bey ihm, von denen er sich keinen Augenblick abmüßigen kann; Personen, die eben einer großen Gefahr entgangen sind. Der Graf Appiani — Grsina. Wäre bey ihm? — Schade, daß ich über diese Lüge Sie ertappen muß. Geschwind eine andere. — Denn Gras Appiani, wenn Sie es noch nicht wissen, ist eben von Räubern erschossen worden. Der Wagen mit seinem Leichname begegnete mir kurz vor der Stadt. — Oder ist er nicht? Hätte es mir blos gcträumct? Marinclli. Leider, nicht blos gcträumct! — Aber die Andern, die mit dem Grasen waren, haben sich glücklich hierher nach dem Schlosse gerettet: seine Braut nehmlich, und die Mutter der Braut, mit welchen er nach Sabionctta zu seiner feycr- lichcn Verbindung fahren wollte. Grsina. Also die? Die sind bey dem Prinzen? die Braut? und die Mutter der Braut? — Ist die Braut schön? Marinclli. Dem Prinzen geht ihr Unfall ungcmcin nahe. Grsina. Zch will hoffen; auch wenn sie häßlich wäre. Denn ihr Schicksal ist schrecklich. — Armes, gutes Mädchen, eben da er dein auf immer werden sollte, wird er dir auf immer entrissen! — Wer ist sie denn, diese Braut? Kenn' ich sie gar? — Zch bin so lange aus der Stadt, daß ich von Nichts weiß. Marinclli- Es ist Emiiia Galotti. Grsina. Wer? — Emilia Galotti? Emilia Galolti? — Marinclli! daß ich diese Lüge nicht sür Wahrheit nehme! Emilia Galotti. 16>) Marinelli^ Wie so? GrsinK. Emilia Galotti? Marinclli. Dic Sie schwerlich kennen werden — Grsina. Doch! doch! Wenn es auch mir von heute wäre. — Im Ernst, Marinclli? Emilia Galotti? — Emilia Galotti wäre dic unglückliche Braut, die der Prinz tröstet? XNarinelli (vor sich) Sollte ich ihr schon zu viel gesagt habcn? Grsina. Und Graf Appiani war der Bräutigam dieser Braut? der ebcn erschossene Appiani^ XNannelli. Nicht anders. OrsinK. Bravo! o bravo! bravo! (in die Hände schlagend) Marin-elli. Wie das? Grsiila. Küssen möcht' ich dcn Tcuscl, dcr ihn dazu verleitet hat! Marmelli- Wen? verleitet? wozu? (prsina. Za, küssen, küssen möcht' ich ihn — Und wenn Sic selbst dieser Tcuscl wärcn, Marinclli. M«rinelli, Gräfinn! Orsina. Kommen Sic her! Sehen Sic mich an! stcif an! Aug' in Augc! Marmelli. Nun? GrsinK. Wissen Sic nicht, was ich dcnkc? N7Krinelli. Wie kann ich das? Orsina. Haben Sic kcincn Antheil daran? Marinclli. Woran? Grsina. Schwören Sic! — Ncin, schwören Sic nicht. Sie möchten eine Sünde mehr begehen — Oder ja; schwören Sie nur. Eine Sünde mehr oder wcnigcr für cincn, dcr doch verdammt ist! — Haben Sic keinen Antheil daran? Marinclli. Sic crschrcckcn mich, Gräfinn. Grsma. Gewiß? — Nun, Marinclli, argwohnet Ihr gutes Herz auch nichts? Marinclli. Was? worüber? GrsinK. Wohl, — so will ich Ihnen etwas vertrauen; — etwas, das Ihnen jcdcs Haar auf dcm Kopfe zu Berge sträuben soll. — Abcr hier, so nahe an dcr Thüre, möchte uns jemand hören. Kommen Sie hichcr. — Und! (indem sie den 170 emilia Galotti. Finger auf den Mund legt) Hören Sie! ganz in gchcim! ganz in geheim! (und ihre» Mund seinem Ohre nähert, als ob sie ihm zuflüstern wollte, was sie aber sehr laut ihm zuschrevet) Der Prinz ist ein Mörder! Marinelll. Gräfinn, — Gräfinn — sind Sie ganz von Sinnen? Grsina. Von Sinnen? Ha! ha! ha! (aus vollem Halse lachend) Ich bin selten, oder nie,") mit meinem Verstände so wohl zufrieden gewesen, als eben ißt. — Zuvcrläßig, Marinclli; — aber es bleibt unter uns — (leise) der Prinz ist ein Mörder! des Grafen Appiani Mörder! — Den haben nicht Räuber, den haben Helfershelfer des Prinzen, den hat der Prinz umgebracht! ZNarmelli. Wie kann Ihnen so eine Abschculichkcit in den Mund, in die Gedanken kommen? Grsl'n«, Wie? — Ganz natürlich. — Mit dieser Emilia Galotti, — die hier bey ihm ist, — deren Bräutigam so über Hals über Kopf sich aus der Welt trollen müssen, — mit dieser Emilia Galotti hat der Prinz heute Morgen, in der Halle bey den Dominikanern, ein Langes und Breites gesprochen. Das weiß ich; das haben meine Kundschafter gesehen. Sie haben auch gehört, was er mit ihr gesprochen. — Nun, guter Herr? Bin ich von Sinnen? Ich reime, dächt' ich, doch noch so ziemlich zusammen, was zusammen gehört. — Oder trift auch das nur so von ungefehr zu? Ist Ihnen auch das Zufall? O, Marinclli, so verstehen Sie auf die Bosheit der Menschen sich eben so schlecht, als auf die Vorsicht. Marinelli. Gräfinn, Sie würden sich um den Hals reden — Grsina. Wenn ich das mchrern sagte? — Desto besser, desto besser! — Morgen will ich es auf dem Markte ausrufen. — Und wer mir widerspricht — wer mir widerspricht, der war des Mörders Spießgeselle. — Leben Sie wohl. (Indem sie fortgehen will, begegnet sie an der Thüre dem alten Galotti, der eiligst hereintritt.) Sechster Auftritt. Gdoards Galotti- Die Gräfinn- Marinclli. Vdoardo Gal. Verzeihen Sie, gnädige Frau — Grsina. Ich habe hier nichts zu verzeihen. Denn ich habe °) „oder nie," stand auch in der Handschrift, ist aber verändert „— ich bin nie". vmilia Galotti. 171 hier nichts übcl zu nehmen — An diesen Herrn wenden Sie sich, (ihn nach dcm Marinelli wciscnd) Marinelli (indem er ihn erblickt, vor sich) Nun vollends! der Alte'. — GdoarSo. Vergeben Sie, mein Herr, einem Vater, der in der äußersten Bestürzung ist, — daß er so unangemeldet hcreintritt. GrsinK. Vater? (kehrt wieder um) Der Emilia, ohne Zweifel. — Ha, willkommen! Gdoardo. Ein Bedienter kam mir entgegen gesprengt, mit der Nachricht, daß hicrhcrum die Meinigcn in Gefahr wären. Ich fliege herzu, und höre, daß der Graf Appiani verwundet worden; daß er nach der Stadt zurückgekehret; daß meine Frau und Tochter sich in das Schloß gerettet. — Wo sind sie, mein Herr? wo sind sie? Marinelli. Seyn Sie ruhig, Herr Oberster. Ihrer Gemahlinn und Ihrer Tochter ist nichts Übles wicdcrfahrcn; den Schreck ausgenommen. Sie befinden sich beide wohl. Der Prinz ist bey ihnen. Ich gehe sogleich, Sie zu melden. Gdoaröo. Warum melden? erst melden? Marinelli. Aus Ursachen — von wegen — Von wegen des Prinzen. Sie wissen, Herr Oberster, wie Sie mit dem Prinzen stehen. Nicht auf dem freundschaftlichsten Fuße. So gnädig er sich gegen Ihre Gemahlinn und Tochter bezeiget: — es sind Damen — wird darum auch Ihr unvcrmuthctcr Anblick ihm gelegen scvn? Gdoardo. Sie haben Recht, mein Herr; Sie haben Recht. Marinelli. Aber, gnädige Gräfinn, — kann ich vorher die Ehre haben, Sie nach Ihrem Wagen zu begleiten? Grsina. Nicht doch, nicht doch. Marinelli (sie bcv der Hand nicht unsanft ergreifend.) Erlauben Sie, daß ich meine Schuldigkeit beobachte. — Grsina. Nur gemach! — Ich erlasse Sie deren, mein Herr! Daß doch immer Ihres gleichen Höflichkeit zur Schuldigkeit machen ; um was eigentlich ihre Schuldigkeit wäre, als die Nebensache betreiben zu dürfen! — Diesen würdigen Mann je eher je lieber zu melden, das ist Ihre Schuldigkeit. 172 vmilia Ealotti. Marinelli. Vergessen Sic, was Zhncn dcr Prinz selbst befohlen? Grsina. Er komme, und befehle es mir noch einmal. Ich erwarte ihn. XNarinelli (leise zu dem Obersten, dcn cr bcv Seite ziehet.) Mein Herr, ich muß Sic hier mit einer Dame lassen, die — dcr-— mit dcrcn Verstände — Sie verstehen mich. Ich sage Ihnen dieses, damit Sic wissen, was Sic ans ihre Rcdcn zu geben haben, — dcrcn Sie oft sehr seltsame führet. Am besten, Sic lassen sich mit ihr nicht ins Wort. GSoarOo- Recht wohl. Eilen Sic nur, mcin Herr. Sicbcndcr Auftritt. Die Gräfinn Orsina. Gdoardo Galotti- Orsina (nach einigem Stillschweigen, unter welchem sie den Oberste» mit Mitleid betrachtet; so wie cr sie, mit einer fluchtigen Ncugicrdc) Was cr Zhncn auch da gesagt hat, unglücklicher Mann! — Gvoarvo (halb vor sich, halb gegen sic) Unglücklicher? Orsina. Eine Wahrheit war es gewiß nicht; — am wenigsten eine von dcncn, dic auf Sic warten. OvoarSo. Auf mich warten? — Weiß ich nicht schon genug? — Madame! — Aber, rcdcn Sic nur; rcdcn Sie nur. Orsina. Sie wissen nichts. Odoaröo. Nichts? Orsina. Guter, licbcr Vatcr! — Was gäbe ich darum, wcnn Sic auch mcin Aatcr wärcn! — Bcrzcihcn Sic! dic Unglücklichen ketten sich so gern an einander. — Ich wollte treulich Schmerz und Wuth mit Zhncn theilen. OOoardo. Schmerz und Wuth? Madame! — Aber ich vergesse — Rcdcn Sic nur. Orsina- Wenn cs gar Zhrc einzige Tochter — Ihr einziges Kind wäre! — Zwar einzig, oder nicht. Das unglückliche Kind, ist immer das einzige. OvoarSo. Das unglückliche? — Madamc! — Was will ich von ihr? — Doch, bcy Gott, so spricht kcinc Wahnwitzigc! Orsina- Wahnwitzigc? Das war cs also, was cr Zhncn von mir vertraute? — Nun, nun; cs mag leicht keine von vmilia Galotti. 173 scincn gröbsten Lügen seyn. — Zch fühle so was! — Und glauben Sie, glauben Sie mir: wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren. — Gdoarvo. Was soll ich denken? GrsinK. Daß Sie mich also ja nicht verachten! — Denn auch Sie haben Verstand, guter Alter; auch Sie. — Zch seh' es an dieser entschlossenen, ehrwürdigen Mine. Auch Sie haben Verstand; und es kostet mich ein Wort, — so haben Sie keinen. Gdoardo. Madame! — Madame! — Zch habe schon keinen mehr, noch ehe Sie mir dieses Wort sagen, wenn Sie mir es nicht bald sagen. — Sagen Sie es! sagen Sie es! Oder es ist nicht wahr, — es ist nicht wahr, daß Sie von jener guten, unsers Mitleids, unsrer Hochachtung so würdigen Gattung der Wahnwitzigen sind — Sie sind eine gemeine Thörinn. Sie haben nicht, was Sie nie hatten. Grsl'na. So merken Sie aus! — Was wissen Sie, der Sie schon genug wissen wollen? Daß Appiani verwundet worden? Nur verwundet? — Appiani ist todt! Gvoardo. Todt? todt? — Ha, Frau, das ist wider die Abrede. Sie wollten mich um den Verstand bringen: und Sie brechen mir das Herz. GrsinK. Das beyher! — Nur weiter. — Der Bräutigam ist todt: und die Braut — Ihre Tochter — schlimmer als todt. Göoardo. Schlimmer? schlimmer als todt? — Aber doch zugleich, auch todt? — Denn ich kenne nur Ein Schlimmeres — Vrsina. Nicht zugleich auch todt. Nein, guter Vater, nein! — Sie lebt, sie lebt. Sie wird nun erst recht anfangen zu leben. — Ein Leben voll Wonne! das schönste, lustigste Schlaraffenleben, — so lang' es dauert. Gdoardo. Das Wort, Madame; das einzige Wort, das mich um den Verstand bringen soll! Heraus damit! — Schütten Sie nicht Zhrcn Tropfen Gift in einen Eimer! — Das einzige Wort! geschwind. Grslna. Nun da; buchstabircn Sie es zusammen! — Des Morgens, sprach der Prinz Ihre Tochter in der Messe: des Nachmittags, hat er sie auf seinem Lust — Lustschlossc. 174 Emilia Galotti, Gdoardo. Sprach sie in der Messe? Der Prinz meine Tochter? Orskna. Mit einer Vertraulichkeit! mit einer Inbrunst! — Sie hatten nichts Kleines abzureden. Und recht gut, wenn es abgeredet worden; recht gut, wenn Ihre Tochter frcywillig sich hierher gerettet! Sehen Sie: so ist es doch keine gewaltsame Entführung, sondern bloß ein kleiner — kleiner Meuchelmord. Vdoardo. Verleumdung! verdammte Verleumdung! Ich kenne meine Tochter. Ist es Meuchelmord: so ist es auch Entführung. — (blickt wild um sich, und stcimpft, uud schäumet.) Nun, Claudia? Nun, Mütterchen? — Haben wir nicht Freude erlebt! O des gnädigen Prinzen! O der ganz besondern Ehre! Grsina. Wirkt es, Alter? wirkt es? Gvoardo. Da steh' ich nun vor der Höhle des Räubers — (indem er den Rock von beiden Seiten ans einander schlägt, und sich ohne Ecwcl'r steht.) Wunder, daß ich aus Eilfertigkeit nicht auch die Hände zurückgelassen! — (an alle Schubsäckc fühlend, als etwas suchend) Nichts! gar nichts! nirgends! Grsina. Ha, ich verstehe! — Damit kann ich aushclfcn! — Ich hab' einen mitgebracht, (einen Dolch hervorziehend) Da nehmen Sie! Nehmen Sie geschwind, eh uns jemand sieht! — Auch hätte ich noch etwas, — Gift. Aber Gift ist mir für uns Weiber; nicht für Männer. — Nehmen Sie ihn! (ihm den Dolch aufdringend) Nehmen Sie! GdoarSo- Zeh danke, ich danke. — Liebes Kind, wer wieder sagt, daß du eine Närrinn bist, der hat es mit mir zu thun. Grsina. Stecken Sie bey Seite! geschwind bey Seite! — Mir wird die Gelegenheit versagt, Gebrauch davon zu machen. Ihnen wird sie nicht fehlen, diese Gelegenheit: und Sie werden sie ergreifen, die erste, die beste, — wenn Sie ein Mann sind. — Ich, ich bin nur ein Weib: aber so kam ich her! Fest entschlossen! — Wir, Alter, wir können uns alles vertrauen. Denn wir sind beide beleidiget; von dem nehmlichen Verführer beleidiget. — Ah, wenn Sie wüßten, — wenn Sie wüßten, wie überschwänglich, wie unaussprechlich, wie unbegreiflich ich von ihm beleidiget worden, und noch werde: — Sie könnten, Sie würden Ihre eigene Beleidigung darüber vinilia Galotti. 175 vergessen. — Kennen Sie mich? Ich bin Orsinai die betrogene, verlassene Orsina. — Zwar vielleicht nur um Ihre Tochter verlassen. — Doch was kann Ihre Tochter dafür? — Bald wird auch sie verlassen seyn. — Und dann wieder eine! — Und wieder eine! — Ha! (wie in der Entzückung) welch eine himmlische Phantasie! Wann wir einmal alle, — wir, das ganze Heer der Verlassenen, wir alle, in Bacchantinnen, in Furien verwandelt, wenn wir alle ihn unter uns hätten, ihn unter uns zerrissen, zerfleischten, sein Eingeweide durchwühlten, — um das Herz zu finden, das der Vcrräthcr einer jeden versprach, und keiner gab! Ha! das sollte ein Tanz werden! das sollte! Achter Auftritt. Claudia Galotti. Die Vorigen. Claudia (die im Hcreintretm sich umsiehet, und sobald sie ihren Gemahl erblickt, auf ihn zu flieget) Errathen! — Ah, unser Beschützer, unser Retter! Bist du da, Odoardo? Bist du da? — Aus ihren Wispern, aus ihren Minen schloß ich es. — Was soll ich dir sagen, wenn du noch nichts weißt? — Was soll ich dir sagen, wenn du schon alles weißt? — Aber wir sind unschuldig. Ich bin unschuldig. Deine Tochter ist unschuldig. Unschuldig, in allem unschuldig! Gdoardo (der sich bey Erblicknng seiner Gemahlinn zu fassen gesucht.) Gut, gut. Sey nur ruhig, nur ruhig, — und antworte mir. (gegen die Srsina) Nicht, Madame, als ob ich noch zweifelte — Ist der Graf todt? Claudia. Todt. Odoardo. Ist cs wahr, daß der Prinz heute Morgen Emilicn in der Messe gesprochen? Claudia. Wahr. Aber wenn du wüßtest, welchen Schreck es ihr verursacht; in welcher Bestürzung sie nach Hause kam — Grsl'nK. Nun? hab' ich gelogen? Gdoardo (mit einem bittern Lachen) Ich wollt' auch nicht, Sie hätten! Um wie vieles nicht! Grsina. Bin ich wahnwitzig? Vdoardo (wild hin und her gehend) O — noch bin ich cs auch nicht. — 176 Emilia Galotti. Claudia. Du gebothest mir, ruhig zu seyn; und ich bin ruhig. — Bester Mann, darf auch ich — ich dich bitten — Odoardo. Was willst du ? Bin ich nicht ruhig? Kann man ruhiger seyn, als ich bin? (Sich zwingend.) Weiß es Emilia, daß Appiani todt ist? Claudia. Wissen kann Sie es nicht. Aber ich fürchte, daß sie es argwohnet; weil er nicht erscheinet. — Odoardo. Und sie jammert und winselt. — Claudia. Nicht mehr. — Das ist vorbey: nach ihrer Art, die du kennest. Sie ist die Furchtsamste und Entschlossenste unsers Geschlechts. Ihrer ersten Eindrücke nie mächtig: aber nach der geringsten Ilcbcrlcgung in alles sich findend, auf alles gefaßt. Sie hält den Prinzen in einer Entfernung; sie spricht mit ihm in einem Tone — Mache nur, Odoardo, daß wir wegkommen. Odoardo. Ich bin zu Pferde. — Was zu thun? — Doch, Madame, Sie fahren ja nach der Stadt zurück? Orsina. Nicht anders. Odoardo. Hätten Sie wohl die Gewogenheit, meine Frau mit sich zu nehmen? Orsina. Warum nicht? Sehr gern. Odoardo. Claudia, — (ihr die Gräfinn bekannt machend) die Gräfinn Orsina; eine Dame von großem Verstände; meine Freundinn, meine Wohlthäterinn. — Du mußt mit ihr herein; um uns sogleich den Wagen heraus zu schicken. Emilia darf nicht wieder nach Guastalla. Sie soll mit mir. Clandia. Aber — wenn mir — Ich trenne mich ungern von dem Kinde. Odoardo. Bleibt der Vater nicht in der Nahe? Man wird ihn endlich doch vorlassen. Keine Einwendung! — Kommen Sie, gnädige Frau, (leise zu ihr) Sie werden von mir hören. — Komm, Elaudia. (Er fuhrt sie ab.) Emilia Galotti. 177 Fünfter Aufzug. (Die Sccnc bleibt.) Erster Auftritt. Marinelli. Der Prinz. Marinelli. Hier, gnädiger Herr, ans diesem Fenster können Sie ihn sehen. Er geht die Arkade auf nnd nieder. — Eben biegt er ein; er kömmt. — Nein, er kehrt wieder nm — Ganz einig ist er mit sich noch nicht. Aber nm ein großes ruhiger ist er, — oder scheinet er. Für uns gleich viel! — Natürlich! Was ihm auch beide Weiber in den Kops gesetzt haben, wird er es wagen zu äußern? — Wie Battista gehört, soll ihm seine Frau den Wagen sogleich hcrausscndcn. Denn er kam zu Pferde. — Geben Sie Acht, wenn er nun vor Ihnen erscheinet, wird er ganz nntcrthänigst Eurer Durchlaucht für den gnädigen Schutz danken, den seine Familie bey diesem so traurigen Zufalle hier gefunden; wird sich, mit samt seiner Tochter, zu fernerer Gnade empfehlen; wird sie ruhig nach der Stadt bringen, und es in tiefster Unterwerfung erwarten, welchen weiter» Antheil Euer Durchlaucht an seinem unglücklichen, lieben Mädchen zu nehmen geruhen wollen. Der Prinz. Wenn er nun aber so zahm nicht ist? Und schwerlich, schwerlich wird er es seyn. Ich kenne ihn zu gut. — Wenn er höchstens seinen Argwohn erstickt, seine Wuth verbeißt: aber Emilicn, anstatt sie nach der Stadt zu führen, mit sich nimmt? bey sich behält? oder wohl gar in ein Kloster, außer meinem Gebiethe, verschließt? Wie dann? Marinelli. Die fürchtende Liebe sieht weit. Wahrlich! — Aber er wird ja nicht — Der Prinz. Wenn er nun aber! Wie dann? Was wird es uns dann helfen, daß der unglückliche Gras sein Leben darüber verloren? Marinelli. Wozu dieser traurige Seitenblick? Vorwärts! denkt der Sieger: es falle neben ihm Feind oder Freund. — Und wenn auch! Wenn er es auch wollte, der alte") Ncid- °) „garstige" ist nach „alle" i» der Handschrist getilgt. LeslmgS V?«'kc ii. 12 78t Smilia Galotti. hart, was Sie von ihm fürchten, Prinz: — (überlegend) Das geht! Ich hab' es! — Weiter als zum Wollen, soll er es gewiß nicht bringen. Gewiß nicht! — Aber daß wir ihn nicht ans dem Gesichte verlieren! — (Tritt wieder ans Fenster ) Bald hätt' er uns überrascht! Er kömmt. — Lassen Sie uns ihm noch ausweichen: und hören Sie erst, Prinz, was wir auf den zu befürchtenden Fall thun müssen. Der Prinz (drohend) Nur, Marinclli! — Marmelli. Das unschuldigste von der Welt! Zweyter Auftritt. Odoardo Galotti. Noch niemand hier? — Gut; ich soll noch kälter werden. Es ist mein Glück. — Nichts verächtlicher, als ein brausender Zünglingskopf mit grauen Haaren! Ich hab' es mir so oft gesagt. Und doch ließ ich mich fortreißen: und von wem? Von einer Eifersüchtigen; von einer für Eifersucht Wahnwitzigen. — Was hat die gekränkte Tugend mit der Rache des Lasters zu schaffen? Jene allein hab' ich zu retten. — Und deine Sache, — mein Sohn! mein Sohn! — Weinen konnt' ich nie; — und will es nun nicht erst lernen — Deine Sache wird ein ganz anderer zu seiner machen. Genug für mich, wenn dein Mörder die Frucht seines Verbrechens nicht genießt. — Dieß martere ihn mehr, als das Verbrechen! Wenn nun bald ihn Sättigung und Eckcl von Lüsten zu Lüsten treiben; so vergälle die Erinnerung, diese eine Lust nicht gcbüßct zu haben, ihm den Genuß aller! Zn jedem Traume führe der blutige Bräutigam ihm die Braut vor das Bette; und wann er dennoch den wollüstigen Arm nach ihr ausstreckt: so höre er plötzlich das Hohngelächter der Holle, und erwache! Dritter Auftritt. Marinclli. Gdoardo Galotti- . Marinelli, Wo blieben Sie, mein Herr? wo blieben Sie? Gvoardo. War meine Tochter hier? rNarinelli. Nicht sie: aber der Prinz. Odoardo. Er verzeihe. — Ich habe die Gräfinn begleitet. Emilia Galotti. 179 Marinelli. Nun? Odoardo. Die gute Damc! Marinelli. Und Zhre Gemahlinn? Odoardo. Ist mit der Gräfinn; — um uns den Wagen sogleich heraus zu senden. Der Prinz vergönne nur, daß ich mich so lange mit meiner Tochter noch hier verweile. Marinelli. Wozu diese Umstände? Würde sich der Prinz nicht ein Vergnügen daraus gemacht haben, sie beide, Mutter und Tochter, selbst nach der Stadt zu bringen? Odoardo. Die Tochter wenigstens würde diese Ehre haben verbitten müssen. Marinelli. Wie so? Odoardo. Sie soll nicht mehr nach Guastalla. Marinelli. Nicht? und warum nicht? Odoardo. Der Graf ist todt. Marinelli- Um so viel mehr — Odoardo. Sie soll mit mir. Marinelli. Mit Ihnen? Odoardo- Mit mir. Ich sage Ihnen ja, der Graf ist todt. — Wenn Sie es noch nicht wissen — Was hat sie nun weiter in Guastalla zu thun? — Sie soll mit mir. Marinelli. Allerdings wird der künftige Aufenthalt der Tochter einzig von dem Willen des Vaters abhängen. Nur vors erste — Odoardo. Was vors erste? Marinelli. Werden Sie wohl erlauben müssen, Herr Oberster, daß sie nach Guastalla gebracht wird. Odoardo. Meine Tochter? nach Guastalla gebracht wird? und warum? Marinelli. Warum? Erwägen Sie doch nur — Odoardo (hitzig) Erwägen! erwägen! Ich erwäge, daß hier nichts zu erwägen ist. — Sie soll, sie muß mit mir. Marinelli. O, mein Herr, — was brauchen wir, uns hierüber zu ereifern? Es kann seyn, daß ich mich irre; daß es nicht nöthig ist, was ich für nöthig halte. — Der Prinz wird es am besten zu beurtheilen wissen. Der Prinz entscheide. — Ich geh' und hohle ihn. 12« 180 (nnilia Galotti. Vierter Austritt. Odoardo Galotti- Wie? — Nimmcrmchr! — Mir vorschreiben, wo sie hin soll? — Mir sie vorenthalten? — Wer will das? Wer darf das? — Der hier alles darf, was er will? Gut, gut; so soll er sehen, wie viel auch ich darf, ob ich es schon nicht dürfte! Kurzsichtiger Wüthcrich! Mit dir will ich es wohl aufnehmen. Wer kein Gesetz achtet, ist eben so mächtig, als wer kein Gesetz hat. Das weißt du nicht? Komm an! komm an!-- Aber sich da! Schon wieder; schon wieder rennet der Zorn mit dem Verstände davon. — Was will ich? Erst mußt' es doch geschehen seyn, worüber ich tobe. Was plaudert nicht eine Hofschranzc! Und hätte ich ihn doch nur plaudern lassen! Hätte ich seinen Vorwand, warum sie wieder nach Guastalla soll, doch nur angehört! — So könnte ich mich itzt auf eine Antwort gefaßt machen. — Zwar auf welchen kann mir eine fehlen? — Sollte sie mir aber fehlen; sollte sie — Man kömmt. Ruhig, alter Knabe, ruhig.' Fünfter Austritt. Der Prinz. Marinelli. Odoardo Galotti. Der Prinz, Ah, mein lieber, rechtschaffner Galotti, — so etwas mnß auch geschehen, wenn ich Sie bey mir sehen soll. Um ein Geringeres thun Sie es nicht. Doch keine Vorwürfe! Gvoardo. Gnädiger Herr, ich halte es in allen Fällen für unanständig, sich zu seinem Fürsten zu drengcn. Wen er kennt, den wird er fodcrn lassen, wenn er seiner bedarf. Selbst itzt bitte ich um Verzeihung — Der Prinz. Wie manchem andern wollte ich diese stolze Bescheidenheit wünschen! — Doch zur Sache. Sie werden begierig seyn, Ihre Tochter zu sehen. Sie ist in neuer Unruhe, wegen der plötzlichen Entfernung einer so zärtlichen Mutter. — Wozu auch diese Entfernung? Ich wartete nur, daß die liebenswürdige Emilie sich völlig crhohlct hätte, um beide im Triumphe nach der Stadt zu bringen. Sie haben mir diesen C'inilia Valotti. Triumph um dic Hälfte verkümmert; aber ganz werde ich mir ihn nicht nehmen lassen. OSoardo, Zu viel Gnade! — Erlauben Sie, Prinz, daß ich meinem unglücklichen Kinde alle dic mannichfaltigcn Kränkungen erspare, dic Freund und Feind, Mitleid und Schadenfreude in Guastalla für sic bereit halten. Der Prinz. Um dic süßen Kränkungen des Freundes nnd des Mitleids, würde es Grausamkeit seyn, sie zu bringen. Daß aber die Kränkungen des Feindes und der Schadenfreude sie nicht erreichen sollen; dafür, lieber Galotti, lassen Sic mich sorgen. Gdoavdo- Prinz, dic väterliche Liebe theilet ihre Sorge nicht gern. — Ich denke, ich weiß cS, was meiner Tochter in ihren itzigcn Umständen einzig ziemet. — Entfernung aus der Welt; — ein Kloster, — sobald als möglich. Der Prinz, Em Kloster ? Kdoaröo. Bis dahin weine sie unter den Augen ihres Vaters. Zvcr Prinz, So viel Schönheit soll in einem Kloster verblühen? — Darf cinc cinzigc schlgcschlagcnc Hoffnung uns gegen die Wclt so nnvcrsöhnlich machen? — Doch allerdings: dem Vater hat niemand einzureden. Bringen Sic Zhrc Toch- tcr, Galotti, wohin sic wollen. GvoarOo (gcgcn M.iruiclli) Nun, mein Herr? Marinclli. Wenn Sic mich sogar auffodcrn! — (vdoardo. O mit nichtcn, mit nichtcn. Der Prinz. Was habcn Sic beide? GSoarVo. Nichts, gnädiger Herr, nichts. — Wir erwägen blos, welcher von uns sich in Ihnen gcirret hat. Der Prinz. Wic so? — Rcdcn Sic, Marinclli. XNarinclli. Es geht mir nahe, der Gnade meines Fürsten in den Weg zu treten. Doch wenn dic Freundschaft gebiethet, vor allem in ihm den Richter aufzufodcrn — Der Prinz. Welche Freundschaft? — XNarinelli, Sic wisscn, gnädiger Herr, wic sehr ich den Grafen Appiani liebte; wic schr unser beider Seelen in einander verwebt schienen — Gdoardo. Das wisscn Sic, Prinz? So wisscn Sic cs wahrlich allein. 182 Emilia Galotti. Marinelli. Von ihm selbst zu seinem Rächer bestellet — Odoardo. Sie? XNarinelll. Fragen Sie nur Ihre Gemahlinn. Marinclli, ocr Name Marinclli war das letzte Wort des sterbenden Grafen: und in einem Tone! in einem Tone! — Daß er mir nie aus dem Gehöre komme dieser schreckliche Ton, wenn ich nicht alles anwende, daß seine Mörder entdeckt und bestraft werden! Der Prinz- Rechnen Sie auf meine kräftigste Mitwirkung. Odoardo. Und meine heißesten Wünsche! — Gut, gut! — Aber was weiter? Der Prinz. Das frag' ich, Marinclli. Marinclli. Man hat Verdacht, daß es nicht Räuber gewesen, welche den Grafen angefallen. Odoardo (höhnisch) Nicht? wirklich nicht? Marinclli. Daß ein Nebenbuhler ihn aus dem Wege räumen lassen. Odoardo (bitter) Ey! Ein Nebenbuhler? Marinelli. Nicht anders. Odoardo. Nun dann, — Gort verdamm' ihn, den meu- chclmörderischcn Buben! Marinelli. Ein Nebenbuhler, und ein begünstigter Nebenbuhler — Odoardo. Was? ein begünstigter? — Was sagen Sie? Marmelli. Nichts, als was das Gerüchte verbreitet. Odoardo. Ein begünstigter? von meiner Tochter begünstiget? Marinelli. Das ist gewiß nicht. Das kann nicht seyn. Dem widcrsprcch' ich, trotz Ihnen. — Aber bey dem allen, gnädiger Herr, — denn das gegründetste Vorurthcil wieget auf der Wage der Gerechtigkeit so viel als nichts: — bey dem allen wird man doch nicht umhin können, die schöne Unglückliche darüber zu vernehmen. Der Prinz. Ja wohl; allerdings. Marinclli. Und wo anders? wo kann das anders geschehen, als in Guastalla? Der Prinz- Da haben Sie Recht, Marinclli; da haben Sie Recht. — Za so: das verändert die Sache, lieber Galotti. Nicht wahr? Sie sehen selbst — Emilia Galotti. 183 Oöoardo. O ja, ich sehe — Ich sehe, was ich sehe. — Gott! Gott! Der Prinz. Was ist Ihnen? was haben Sie mit sich? Odoardo. Daß ich es nicht vorausgesehen, was ich da sehe. Das ärgert mich: weiter nichts. — Nun ja; sie soll wieder nach Guastalla. Ich will sie wieder zu ihrer Mutter bringen: und bis die strengste Untersuchung sie frey gesprochen, will ich selbst aus Guastalla nicht weichen. Denn wer weiß, — (mit einem bittern Lachen) wer weiß, ob die Gerechtigkeit nicht auch nöthig findet, mich zu vernehmen. MarmelU- Sehr möglich! Zn solchen Fallen thut die Gerechtigkeit lieber zu viel, als zu wenig. — Daher fürchte ich sogar — Der Prin;. Was? was fürchten Sie? Marinclli. Man werde vor der Hand nicht verstatten können, daß Mutter und Tochter sich sprechen. Odoardo. Sich nicht sprechen? Marinelli. Man werde gcnöthigct seyn, Mutter und Tochter zu trennen. GOoardo. Mutter und Tochter zu trennen? Marmeltt. Mutter und Tochter und Vater. Die Form des Verhörs crfodcrt diese Vorsichtigkeit schlechterdings. Und es thut mir leid, gnädiger Herr, daß ich mich gezwungen sehe, ausdrücklich darauf anzutragen, wenigstens Emilicn in eine besondere Verwahrung zu bringen. Odoardo. Besondere Verwahrung? — Prinz! Prinz! — Doch ja; freylich, freylich! Ganz recht: in eine besondere Verwahrung! Nicht, Prinz? nicht? — O wie fein die Gerechtigkeit ist! Vortrefflich! (fährt schnell nach dem Schubsacke, in welchem er den Dolch hat) Der Prin; (schmeichelhaft auf ihn zutretend.) Fassen Sie sich, lieber Galotti — Gdoardo (bey Seite, indem er die Hand leer wieder herauszieht.) Das sprach sein Engel! Der Prinz. Sie sind irrig; Sie verstehen ihn nicht. Sie denken bey dem Worte Verwahrung wohl gar an Gefängniß und Kerker. 184 Emilia Galotti. Gdo»rdo. Lassen Sic mich daran dcnkcn: und ich bin ruhig! Der Prinz. Kein Wort von Gefängniß, Marinclli! Hier ist die Strenge der Gesetze mit der Achtung gegen unbescholtene Tugend leicht zu vereinigen. Wenn Emilia in besondere Verwahrung gebracht werden muß: so weiß ich schon — die allcr- anständigstc. Das Haus meines Kanzlers. — Keinen Widerspruch, Marinclli! — Da will ich sie selbst hinbringen. Da will ich sie der Aufsicht einer der würdigsten Damen übergeben. Die soll mir für sie bürgen, haften. — Sic gehen zu weit, Marinclli, wirklich zu weit, wenn Sic mehr verlangen. — Sic kennen doch, Galotti, mcincn Kanzler Grimaldi, und seine Gemahlinn? Vdoarvo. Was sollt' ich nicht? Sogar die liebenswürdigen Töchter dieses cdcln Paares kenn' ich. Wer kennt sie nicht? — (zu Marimlli) Ncin, mein Herr, geben Sie das nicht zu. Wenn Emilia verwahret werden muß: so müsse sie in dem ticsstcn Kerker vcrwahrct werden. Dringen Sie darauf; ich bitte Sie. — Ich Thor, mit meiner Bitte! Ich alter Geck! — Za wohl hat sie Recht, die gute Sibyllc: Wer über gewisse Dinge seinen Verstand nicht verlieret, der hat keinen zu verlieren! Der Prinz. Ich verstehe Sic nicht. — Lieber Galotti, was kann ich mcbr thun? — Lassen Sic cs dabey: ich bitte Sie. — Za, ja, in das Haus mcincs Kanzlcrs! Da soll sic hin; da bring' ich sic sclbst hin; und wcnn ihr da nicht mit der äußcrstcn Achtung bcgcgnct wird, so hat mcin Wort nichts gegolten. Aber sorgen Sic nicht. — Dabey bleibt cs! Dabey blcibt cs! — Sie sclbst, Galotti, mit sich, können cs halten, wie Sic wollen. Sie können uns nach Guastalla folgen; Sie können nach Sabionctta zurückkehren: wie Sic wollcn. Es wäre lächerlich, Ihnen vorzuschreiben. — Und nun, auf Wiedersehen, lieber Galotti! — Kommen Sie, Marinclli: cs wird spät. «vöoardo (der in tiefen Gedanken gestanden.) Wic? so soll ich sie gar nicht sprechen meine Tochter? Auch hier nicht? — Ich lasse mir ja alles gefallen; ich finde ja alles ganz vortrefflich. Das Haus eines Kanzlcrs ist natürlicher Weise eine Frcystadt der Tugend. O, gnädiger Herr, bringen Sic ja meine Toch- Eiililia Galotti. 485 tcr dahin; nirgends anders als dahin. — Aber sprechen wollt' ich sie doch gern vorher. Der Tod des Grafen ist ihr noch unbekannt. Sie wird nicht begreifen können, warum man sie von ihren Acltcrn trennet. Zhr jenen auf gute Art beyzubringen; sie dieser Trennung wegen zu beruhigen: — muß ich sie sprechen, gnädiger Herr, muß ich sie sprechen. Der Prinz. So kommen Sie denn — Gvoardo. O, die Tochter kann auch wohl zu dem Vater kommen. — Hier, unter vier Augen, bin ich gleich mit ihr fertig. Senden Sie mir sie nur, gnädiger Herr. Der Prinz, Auch das! — O Galotti, wenn Sie mein Freund, mein Führer, mein Vater seyn wollten! (Dcr Prinz und Marinclli gehe» ab.) Sechster Auftritt. Odoardo Galotti- (Ihm nachsehend; nach einer Pause.) Warum nicht? — Herzlich gern. — Ha! ha! ha! — (blickt wild umher) Wer lacht da? Bey Gott, ich glaub', ich war es selbst. — Schon recht! Lustig, lustig! Das Spiel geht zu Ende. So, oder so! — Aber — (Pause) wenn sie mit ihm sich verstünde? Wenn es das alltägliche Posscuspicl wäre? Wenn sie es nicht werth wäre, was ich für sie thun will? — (Pause) Für sie thun will? Was will ich denn für sie thun? — Hab' ich das Herz, es mir zu sagen? — Da denk' ich so was! So was, was sich nur denken läßt. — Gräßlich! Fort, fort! Ich will sie nicht erwarten. Nein! — (gegen den Himmel) Wer sie unschuldig in diesen Abgrund gestürzt hat, dcr ziehe sie wieder heraus. Was braucht er meine Hand dazu? Fort! (Er will gehen, und sieht Emilicn kommen.) Zu spat! Ah! er will meine Hand; er will sie! Siebender Auftritt. Emilia, Odoardo. Emilia. Wie? Sie hier, mein Vater? — Und nur Sie? — Und meine Mutter? nicht hier? — Und der Graf? nicht hier? — Und Sie so unruhig, mein Vater? Gooaröo. Und du so ruhig, meine Tochter? — 186 Emilia Ealotti. LLmilia. Warum nicht, mein Vater? — Entweder ist nichts verloren: oder alles. Ruhig seyn können, und ruhig seyn müssen; kömmt es nicht auf eines? Odoardo. Aber, was mcyncst du, daß der Fall ist? iLmilia. Daß alles verloren ist; — und daß wir wohl ruhig seyn müssen, mein Vater. Odoardo. Und du wärest ruhig, weil du ruhig seyn mußt? — Wer bist du? Ein Mädchen? und meine Tochter? So sollte der Mann, und der Vater sich wohl vor dir schämen? — Aber laß doch hören: was nennest du, alles verloren? — daß der Graf todt ist? Lmilia. Und warum er todt ist! Warum! Ha, so ist es wahr, mein Vater? So ist sie wahr die ganze schreckliche Geschichte, die ich in dem nassen und wilden Auge meiner Mutter las? — Wo ist meine Mutter? Wo ist sie hin, mein Vater? Odoardo. Voraus; — wann wir anders ihr nachkommen. iLmilia. Ze eher; je besser. Denn wenn der Graf todt ist; wenn er darum todt ist — darum! was verweilen wir noch hier? Lassen Sie uns fliehen, mein Vater! Odoardo. Fliehen? — Was hätt' es dann für Noth? — Du bist, du bleibst in den Händen deines Räubers. iLmilia. Ich bleibe in seinen Händen? Odoardo. Und allein; ohne deine Mutter; ohne mich. Lmilia. Ich allein in seinen Händen? — Nimmermehr, mein Vater. — Oder Sie sind nicht mein Vater. — Ich allein in seinen Händen? — Gut, lassen Sie mich nur; lassen Sie mich nur. — Ich will doch sehn, wer mich hält, — wer mich zwingt, — wer der Mensch ist, der einen Menschen zwingen kann. Odoardo. Ich meyne, du bist ruhig, mein Kind. Emilia. Das bin ich. Aber was nennen Sie ruhig seyn? Die Hände in den Schooß legen? Leiden, was man nicht sollte? Dulden, was man nicht dürfte? Odoardo. Ha! wann du so denkest! — Laß dich umarmen, meine Tochter! — Zch hab' es immer gesagt: Das Weib wollte die Natur zu ihrem Meisterstücke machen. Aber sie vergriff sich im Thone; sie nahm ihn zu fein. Sonst ist alles bes- Emilia Galotti. 1L7 ser an Euch, als an Uns. — Ha, wenn das deine Ruhe ist: so habe ich meine in ihr wieder gefunden! Laß dich umarmen, meine Tochter! — Denke nur: unter dem Vorwandc einer gerichtlichen Untersuchung, — o des höllischen Gauckelspiclcs! — reißt er dich aus unsern Armen, und bringt dich zur Grimaldi. Emilia. Reißt mich? bringt mich? — Will mich reißen; will mich bringen: will! will! — Als ob wir, wir keinen Willen hätten, mein Vater! Odoardo. Zch ward auch so wütend, daß ich schon nach diesem Dolche griff, (Ihn herausziehend) um einen von beiden — beiden! — das Herz zu durchstoßen. Emilia. Um des Himmels willen nicht, mein Vater! — Dieses Leben ist alles, was die Lasterhaften haben. — Mir, mein Vater, mir geben Sie diesen Dolch. Odoardo. Kind, es ist keine Haarnadel. Emilia. So werde die Haarnadel zum Dolche! — Gleich viel. Odoardo. Was? Dahin wär' es gekommen? Nicht doch; nicht doch! Besinne dich. — Auch du hast nur Ein Leben zu verlieren. Emilia. Und nur Eine Unschuld! Odoardo. Die über alle Gewalt erhaben ist. — Emilia- Aber nicht über alle Verführung. — Gewalt! Gewalt! wer kann der Gewalt nicht trotzen? Was Gewalt heißt, ist nichts: Verführung ist die wahre Gewalt. — Zch habe Bllit, mein Vater; so jugendliches, so warmes Blut, als eine. Auch meine Sinne, sind Sinne. Ich stehe für nichts. Zch bin für nichts gut. Zch kenne das Haus der Grimaldi. Es ist das Haus der Freude. Eine Stunde da, unter den Augen meiner Mutter; — und es erhob sich so mancher Tumult in meiner Seele, den die strengsten Übungen der Religion kaum in Wochen besänftigen konnten. — Der Religion! Und welcher Religion? — Nichts Schlimmcrs zu vermeiden, sprangen Tausende in die Fluchen, und sind Heilige! — Geben Sie mir, mein Vater, geben Sie mir diesen Dolch. Odoardo. Und wenn du ihn kenntest diesen Dolch! — Emilia- Wenn ich ihn auch nicht kenne! — Ein unbe- 188 Smilia Galotti. kainitcr Freund, ist auch ein Freund. — Gcbcn Sie mir ihn, mein Vater; gcbcn Sie mir ihn. Gdoardo. Wenn ich dir ihn nun gebe — da! (giebt ihr ihn.) Emilia, Und da! (»n Begriffe sich damit z» durchstoßen, reißt der Bater ihr ihn wieder aus der Hand.) Gdoardo. Sich, wie rasch! — Nein, das ist nicht für dcinc Hand. iLmilia. Es ist wahr, mit einer Haarnadel soll ich — (Sie fährt mit der Hand nach dem Haare, eine zu suchen, und bekömmt die Rose zu fassen) Du noch hier? — Herunter mit dir! du gehörest nicht in das Haar Einer, — wic mcin Vatcr will, daß ich wcrdcn soll! Gdoaröo. O, mcinc Tochter! — Emilia. O, mcin Vatcr, wcnn ich Sie erriethe! — Doch nein: das wollen Sie auch nicht. Warum zauderten Sie sonst? — (In einem bittern Tone, während daß sie die Nosc zcrpflickt) Ehedem wohl gab es einen Vatcr, der seine Tochter von der Schande zu retten, ihr den ersten den besten Stahl in das Hcrz scnktc — ihr zum zwcytcn das Lcbcn gab. Abcr alle solche Thaten sind -von ehedem! Solcher Väter giebt es keine mehr! Gdoardo. Doch, mcinc Tochter, doch! (indem er sie durchsticht) — Gott, was hab' ich gethan! (Sie will sinken, und er faßt sie in seine Arme.) LLmilia. Eine Rose gebrochen, chc dcr Sturm sie entblättert. — Lassen Sie mich sie küssen, diese väterliche Hand- - Achter Austritt. Der Prinz. MarineM, Die Vorigen. Der Prinz (im Hcrcmtrctcn.) Was ist das? — Zst Emilicn nicht wohl? GdoarSo, Sehr wohl; sehr wohl! Der Prm; (indem er näher kömmt.) Was seh' ich? — Entsetzen! Marinelli, Weh mir! Der Prinz. Grausamer Vatcr, was haben Sie gethan! Gdoardo. Eine Rose gebrochen, chc dcr Sturm sie entblättert. — War es nicht so, meine Tochter? Lmilia. Nicht Sic, mcin Vatcr — Ich selbst — ich selbst - Eiiiilia Galotti. 18!) Gvoarvo. Nicht du, mcinc Tochter; — nicht du! — Gchc mit keiner Unwahrheit aus der Welt. Nickt du, meine Tochter! Dein Vatcr, dein unglücklicher Vater! Emilia. Ah — mein Vater — (Sic stirbt, und er lcgt sic sanft auf den Bodcn.) GvoarSo. Zieh hin! — Nun da, Prinz! Gefällt sie Ihnen noch? Reißt sie noch Ihre Lüste? Noch, in diesem Blute, das wider Sic um Rache schreyet? (Nach cincr ^pause) Aber Sic erwarten, wo das alles hinaus soll? Sie erwarten vielleicht, daß ich den Stahl wider mich selbst kehren werde, um meine That wie eine schaalc Tragödie zu beschließen? — Sic irren sich. Hier! (Indem cr ihm dcn Dolch vor dic Füße wirft) Hier liegt er, der blutige Zeuge meines Verbrechens! Ich gchc und liefere mich selbst in das Gefängniß. Ich gchc, und erwarte Sic, als Richter — Und dann dort — erwarte ich Sic vor dcm Richter unscr allcr! Der Prinz (nach einigem Stillschweigen, unter welchem cr den Körper mit Entsctzen und Verzweiflung betrachtet, zu Marinclli) Hier! heb' jh„ auf. — Nun? du bedenkst dich? — Elender! — (indem er ihm dcn Dolch aus der Hand reißt) Nein, dein Blut soll mit diesem Blute sich nicht mischen. — Gch, dich auf cwig zu verbergen! — Gch! sag' ich. — Gott! Gott! — Ist cs, zum Unglücke so mancher, nicht gcnug, daß Fürsten Menschen sind: müssen sich auch noch Teufel in ihren Freund verstellen? Nathan der Weise. Ein dramatisches Gedicht, in fünf Auszügen. xrvo LLisllv-i. 1779.°) Personen. Sultan Saladin. Sittah, dessen Schwester. Nathan, ein reicher Jude in Jerusalem. Rccha, dessen angenommene Tochter. Daja, eine Christinn, aber in dem Hause des Juden, als Gesellschafterinn der Recha. Ein junger Tempelherr, Ein Derwisch. Der Patriarch von Jerusalem. Ein Klosterbruder. Ein Emir nebst verschiednen Mameluken des Saladin. Die Scene ist in Jerusalem. Erster Aufzug. Erster Austritt. (Scene: Flur in Nathans Hause,) Nathan von der Reise kommend. Daja ihm entgegen. Daja. Er ist es! Nathan! — Gott sey ewig Dank, Daß Ihr doch endlich einmal wiederkommt. °) Da die Handschrift, welche Engel besaß, verschollen ist, konnte der Herausgeber sich nur an die beiden ersten Drucke halte», deren Verschiedenheiten er angezeigt hat mit Ausnahme der offenbaren Druckfehler. Die erste, 2 Bl. und 276 S. stark, hat auf dem Titel nur die Jahrzahl 1779; die zweite, 2 Bl. und 240 S., „Mit Churfürst!. Sächsischem Privilcgio. Berlin, bey Christian Friedrich Boß und Sohn, 1779." Bei den übrigen Abdrücken ist die erste Ausgabe zum Grunde gelegt und nicht alles Nöthige nach der zweiten verbessert. Nathan der Weise. Nathan. Za, Daja; Gott sey Dank! Doch warum endlich? Hab' ich denn eher wiederkommen wollen? Und wiederkommen können? Babylon Zst von Jerusalem, wie ich den Weg, Seit ab bald rechts, bald links, zu nehmen bin Genöthigt worden, gut zwey hundert Meilen;") Und Schulden einkassiren, ist gewiß Auch kein Geschäft, das merklich födcrt, das So von der Hand sich schlagen läßt. Daja. O Nathan, Wie elend, elend hättet Ihr indeß Hier werden können! Euer Haus... Nathan. Das brannte. So hab' ich schon vernommen. — Gebe Gott, Daß ich nur alles schon vernommen habe! Daja. Und wäre leicht von Grund aus abgebrannt. Nathan. Dann, Daja, hätten wir ein neues uns Gebaut; und ein bequemeres. Daja. Schon wahr! — Doch Recha wär' bey einem Haare mit Verbrannt. Nathan. Verbrannt? Wer? meine Recha? sie? — Das hab' ich nicht gehört. — Nun dann! So hätt Ich keines Hauses mehr bedurft. — Verbrannt Bey einem Haare! — Ha! sie ist es wohl! Zst wirklich wohl verbrannt! — Sag' nur heraus! Heraus nur! — Tödte mich: und marrrc mich Nicht länger. — Za, sie ist verbrannt. *) In der erste» Ausgabe „gute hundert Meilen". 192 Ratha» der Wcisc. Daja. Wenn sie Es wärc, würdet Zhr von mir cs hören? Nathan. Warum erschreckest d« mich denn? — O Rccha! O meine Rccha! Daja. Eure ? Eure Rccha? Nathan. Wenn ich mich wicdcr je entwöhnen müßte, Dieß Kind mein Kind zu nennen! Daja. Nennt Zhr alles, Was Zhr besitzt, mit eben so viel Rechte Das Eure? Nathan. Nichts mit grösscrm! Alles, was Zeh sonst besitze, hat Natur und Glück Mir zugetheilt. Dieß Eigenthum allein Dank' ich der Tugend. Daja. O wie theuer laßt Zhr Eure Güte, Nathan, mich bezahlen! Wenn Güt', in solcher Absicht ausgeübt, Noch Güte hcißcn kann! Nathan. Zn solcher Absicht? Zn welcher? Daja. Mein Gewissen... Nathan. Daja, laß Nor allen Dingen dir erzählen... Daja. Mein Gewissen, sag' ich ... Nathan der Wcisc, -l<)Z Nathan. Was in Babylon Für einen schönen Stoff ich dir gekauft. So reich, nnd mit Geschmack so reich! Ich bringe Für Rccha selbst kaum einen schönern mit. Daja. Was hilfts? Denn mein Gewissen, muß ich Euch Nur sagen, läßt sich länger nicht betäuben. Nathan. Und wie die Spangen, wie die Ohrgchcnkc, Wie Ring und Kette dir gefallen werden, Die in Damascus ich dir ausgesucht: Verlanget mich zu sehn. Daja. So seyd Zhr nun! Wenn ihr nur schenken könnt! nur schenken könnt! Nathan. Nimm du so gern, als ich dir geb': — und schweig! Daja. Und schweig! Wer zweifelt, Nathan, daß Zhr nicht Die Ehrlichkeit, die Großmut!) selber seyd? Und doch ... Nathan. Doch bin ich nur ein Jude. — Gelt, Das willst du sagen? Daja. Was ich sagen will, Das wißt Zhr besser. Nathan. Nun so schweig! Daja. Zch schweige. Was Sträfliches vor Gott hierbey geschieht, Und ich nicht hindern kann, nicht ändern kann, — Nicht kann, — komm' über Euch! Nathan. Komm' über mich! — L-!lmgs Werke 11. 13 194 Nathan der Weise. Wo aber ist sie denn? wo bleibt sie? — Daja, Wenn du mich hintergehst! — Weiß sie es denn, Daß ich gekommen bin? Daja. Das frag' ich Euch! Noch zittert ihr der Schreck durch jede Nerve. Noch mahlet Feuer ihre Phantasie Zu allem, was sie mahlt. Zm Schlafe wacht, Zm Wachen schläft ihr Geist: bald weniger Als Thier, bald mehr als Engel. Nathan. Armes Kind! Was sind wir Menschen! Daja. Diesen Morgen lag Sie lange mit vcrschloßncm Aug', und war Wie todt. Schnell fuhr sie auf, und rief: „Horch! horch! „Da kommen die Kamccle meines Vaters! „Horch! seine sanfte Stimme selbst!" — Indem Brach sich ihr Auge wieder: und ihr Haupt, Dem seines Armes Stütze sich entzog, Stürzt auf das Küssen. — Ich, zur Pfort' hinaus! Und sich: da kommt Ihr wahrlich! kommt Ihr wahrlich! — Was Wunder! ihre ganze Seele war Die Zeit her nur bey Euch — und ihm. — Nathan. Bey ihm? Bey welchem Ihm? Daja. Bey ihm, der aus dem Feuer Sie rettete. Nathan. Wer war das? wer? — Wo ist er? Wer rettete mir meine Recha? wer? Daja. Ein junger Tempelherr, den, wenig Tage Nathan der Weise. Zuvor, man hier gefangen eingebracht, Und Saladin begnadigt hatte. Nathan. Wie? Ein Tempelherr, dem Sultan Saladin Das Leben ließ ? Durch ein gcringrcS Wunder War Recha nicht zu retten? Gott! Daja. Ohn' ihn, Der seinen unvcrmuthctcn Gewinst Frisch wieder wagte, war es aus mit ihr. Nathan. Wo ist er, Daja, dieser edle Mann? — Wo ist er? Führe mich zu seinen Füßen. Ihr gabt ihm doch vors erste, was an Schätzen Ich euch gelassen hatte? gabt ihm alles? Verspracht ihm mehr? weit mehr? Daja. Wie konnten wir? Nathan. Nicht? nicht? ' Daja. Er kam, und niemand weiß woher. Er ging, und niemand weiß wohin. — Ohn' alle Des Hauses Kundschaft, nur von seinem Ohr Geleitet, drang, mit vorgcsprcitztcm Mantel, Er kühn durch Flamm' und Ranch der Stimme nach. Die uns um Hülse rief. Schon hielten wir Ihn für verloren, als aus Rauch und Flamme Mit eins er vor uns stand, im starken Arm Empor sie tragend. Kalt und ungerührt Vom Jauchzen unsers Danks, setzt seine Beute Er nieder, drängt sich unters Volk und ist — Verschwunden! Nathan. Nicht auf immer, will ich hoffen. 13« Nathan der Wcisc. Daja. Nachher die ersten Tage sahen wir Ihn untern Palmen ans und nieder wandeln, Die dort des Aufcrstandncn Grab umschatten. Ich nahte mich ihm mit Entzücken, dankte. Erhob, entbot, beschwor, — nur einmal noch Die fromme Kreatur zu sehen, die Nicht ruhen könne, bis sie ihren Dank Zu seinen Füßen ausgeweinet. Nathan. Nun? Daja. Umsonst! Er war zu unsrer Bitte taub; Und goß so bittern Spott auf mich besonders... Nathan. Bis dadurch abgeschreckt... Daja. Nichts weniger! Ich trat ihn jeden Tag von neuem an; Ließ jeden Tag von neuem mich verhöhnen. Was litt ich nicht von ihm! Was hätt' ich nicht Noch gern ertragen! — aber lange schon Kommt er nicht mehr, die Palmen zu besuchen, Die unsers") Aufcrstandncn Grab umschattcn; Und niemand weiß, wo er geblieben ist. <— Ihr staunt? Ihr sinnt? Nathan. Ich überdenke mir, Was das auf einen Geist, wie Rcchas, wohl Für Eindruck machen muß. Sich so verschmäht Won dcm zu finden, den man hochzuschätzen Sich so gezwungen fühlt; so weggestoßen, Und doch so angezogen werden; — Traun, Da müssen Hcrz und Kopf sich lange zanken, Ob Mcnschcnhaß, ob Schwcrmuth siegen soll. °) „seines" in der ersten Ausgabe. » Nathan der Weise. 197 Oft siegt auch keines; und die Phantasie, Die in den Streit sich mengt, macht Schwärmer, Bey welchen bald der Kopf das Herz, und bald Das Herz den Kopf muß spielen. — Schlimmer Tausch! — Das letztere, verkenn' ich Rccha nicht, Ist Rcchas Fall: sie schwärmt. Daja. Allein so fromm, So liebenswürdig! Nathan. Ist doch auch geschwärmt! Daja. Vornehmlich Eine — Grille, wenn Zhr wollt, Ist ihr sehr werth. Es sey ihr Tempelherr Kein irdischer und keines irdischen; Der Engel einer, deren Schutze sich Zhr kleines Herz, von Kindheit auf, so gern Vertrauet glaubte, sey aus seiner Wolke, Zn die er sonst verhüllt, auch noch im Feuer, Um sie geschwebt, mit eins als Tempelherr Hervorgetreten. — Lächelt nicht! — Wer weiß? Laßt lächelnd wenigstens ihr einen Wahn, Zn dem sich Zud' und Christ und Muselmann Vereinigen; — so einen süßen Wahn! Nathan. Auch mir so süß! — Geh, wackre Daja, geh; Sich, was sie macht; ob ich sie sprechen kann. — Sodann such' ich den wilden, launigen Schutzengel auf. Und wenn ihm noch beliebt, Hicrnicdcn unter uns zu wallen; noch Beliebt, so ungesittet Ritterschaft Zu treiben: find' ich ihn gewiß; und bring' Zhn her. Daja. Zhr unternehmet viel. Nathan. Macht dann -198 Nathan der Wcisc, Der süße Wahn der süßcrn Wahrheit Platz: — Denn, Daja, glaube mir; dem Menschen ist Ein Mensch noch immer lieber, als ein Engel — So wirst du doch auf mich, auf mich nicht zürnen, Die Engclschwärmcrinn geheilt zu sehn? Daja. Ihr seyd so gut, und seyd zugleich so schlimm! Zch geh! — Doch hört! doch seht! — Da kommt sie selbst. Zweyter Auftritt. Rccha, und die Vorigen. Recha. So seyd Ihr es doch ganz und gar, mein Vater? Zch glaubt', Ihr hättet Eure Stimme nur Vorausgeschickt. Wo bleibt Ihr? Was für Berge, Für Wüsten, was für Ströme trennen uns Denn noch? Zhr athmet Wand an Wand mit ihr, Und eilt nicht. Eure Rccha zu umarmen? Die arme Rccha, die indeß verbrannte! — Fast, fast verbrannte! Fast nur. Schaudert nicht! Es ist ein garst'gcr Tod, verbrennen. O! Nathan. Mein Kind! mein liebes Kind! Rccha. Zhr mußtet über Den Euphrat, Tvgris, Jordan; über — wer Weiß was für Wasser all? — Wie oft hab' ich Um Euch gezittert, eh das Fcucr mir So nahe kam! Denn seit das Fcucr mir So nahe kam: dünkt mich im Wasser sterben Ercuückung, Labsal, Rettung. — Doch Zhr seyd Za nicht ertrunken: ich, ich bin ja nicht Verbrannt. Wie wollen wir uns freun, und Gott, Gott loben! Er, er trug Euch und den Nachen Auf Flügeln seiner unsichtbaren Engel Die ungetreuen Ström' hinüber. Er, Er winkte meinem Engel, daß er sichtbar Nalhan der Weise. Alif seinem weiße» Fittiche mich durch Das Feuer trüge — Nathan. (Weißem Fittiche! Za, ja! der weiße vorgcsprcitztc Mantel Des Tempelherrn.) Rccha. Er sichtbar, sichtbar mich Durchs Feuer trüg', von seinem Fittiche Acrwcht. — Zch also, ich hab' einen Engel Von Angesicht zu Angesicht gesehn; Und meinen Engel. Nathan. Rccha wär' es werth; Und würd' an ihm nichts schönrcs sehn, als er An ihr. Rccha (lächclnd.) Wem schmeichelt Ihr, mein Vater? wem? Dem Engel, oder Euch? Nathan. Doch hätt' auch nur Ein Mensch — ein Mensch, wie die Natur sie täglich Gewährt, dir diesen Dienst erzeigt: cr müßte Für dich ein Engel seyn. Er müßt' und würde. Recha. Nicht so ein Engel; nein! ein wirklicher; Es war gewiß ein wirklicher! — Habt Ihr, Zhr selbst die Möglichkeit, daß Engel sind, Daß Gott zum Besten derer, die ihn lieben, Auch Wunder könne thun, mich nicht gelehrt? Zch lieb' ihn ja. Nathan. Und cr liebt dich; und thut Für dich, und deines gleichen, stündlich Wunder; Za, hat sie schon von aller Ewigkeit Für euch gethan. 200 Nathan der Weise. Rccha. Das hör' ich gern. Nathan. Wie? weil Es ganz natürlich, ganz alltäglich klänge, Wenn dich ein eigentlicher Tempelherr Gerettet hätte: sollt' es darum weniger Ein Wunder seyn? — Der Wunder höchstes ist, Daß uns die wahren, echten Wunder so Alltäglich werden können, werden sollen. Ohn' dieses allgemeine Wunder, hätte Ein Denkender wohl schwerlich Wunder je Genannt, was Kindern bloß so heißen müßte, Die gaffend nur das Ungewöhnlichste, Das Neuste nur verfolgen. Daja (zu Nathan.) Wollt Ihr denn Ihr ohnedem schon überspanntes Hirn Durch solchcrlcy Subtilitätcn ganz Zersprengen? Nathan. Laß mich! — Meiner Rccha wär' Es Wunders nicht genug, daß sie ein Mensch Gerettet, welchen selbst kein kleines Wunder Erst retten müssen? Za, kein kleines Wunder! Denn wer hat schon gehört, daß Saladin Ze eines Tempelherrn verschont? daß je Ein Tempelherr von ihm verschont zu werden Verlangt? gehofft? ihm je für seine Freyheit Mehr als den ledern Gurt gebothen, der Sein Eisen schleppt; und höchstens seinen Dolch? Rccha. Das schließt für mich, mein Natcr. — Darum eben War das kein Tempelherr; er schien es nur. — Kömmt kein gefangner Tempelherr je anders Als zum gewissen Tode nach Jerusalem; Geht keiner in Jerusalem so frey Nathan der Weise. Umhcr: wie hätte mich des Nachts frcywillig Denn einer retten können? Nathan. Sich! wie sinnreich. Zctzt, Daja, nimm das Wort. Ich hab' es ja Bon dir, daß er gefangen hergeschickt Zst worden. Ohne Zweifel weißt du mehr. Daja. Nnn ja. — So sagt man freylich; — doch man sagt Zugleich, daß Saladin den Tempelherrn Begnadigt, weil er seiner Brüder einem, Den er besonders lieb gehabt, so ähnlich sehe. Doch da es viele zwanzig Zahrc her, Daß dieser Bruder nicht mehr lebt, — er hieß, Ich weiß nicht wie; — er blieb, ich weiß nicht wo: So klingt das ja so gar — so gar unglaublich, Daß an dcr ganzen Sache wohl nichts ist. Nathan. Ey, Daja! Warum wäre denn das so Unglaublich? Doch wohl nicht — wic's wohl geschieht Um lieber etwas noch unglaublichcrs Zu glauben? — Warum hätte Saladin, Dcr sein Geschwister insgesammt so liebt, Zn jüngcrn Jahrcn cincn Bruder nicht Noch ganz besonders lieben können? — Pflegen Sich zwey Gesichter nicht zu ähneln? — Zst Ein alter Eindruck ein Verlorner? — Wirkt Das Nehmliche nicht mehr das Nchmlichc? — Scit wenn? — Wo steckt hicr das Unglaubliche? — Ey freylich, weise Daja, wär's für dich Kein Wunder mehr; und deine Wunder nur Bcdürf... verdienen, will ich sagen, Glauben. Daja. Ihr spottet. Nathan. Weil du meiner spottest. — Doch Auch so noch, Rccha, bleibet deine Rettung 202 Nathan der Weise. Ein Wunder, dem nur möglich, der die strengsten Entschlüsse, die unbändigsten Entwürfe Der Könige, sein Spiel — wenn nicht sein Spott — Gern an den schwächsten Faden lenkt. Rccha. Mein Vater! Mein Vater, wenn ich irr', Ihr wißt, ich irre Nicht gern. Nathan. Vielmehr, du läßst dich gern belehren. — Sieh! eine Stirn, so oder so gewölbt; Der Rücken einer Nase, so vielmehr Als so gcführct; Augcnbraunen, die Auf einem scharfen oder stumpfen Knochen So oder so sich schlangeln; eine Linie, Ein Bug, ein Winkel, eine Fält', ein Mahl, Ein Nichts, aus eines wilden Europäers Gesicht: — und du entkömmst dem Feur, in Asien! Das wär' kein Wunder, wundersücht'gcs Volk? Warum bemüht ihr denn noch einen Engel? Daja. Was schadcts — Nathan, wenn ich sprechen darf — Bey alle dem, von einem Engel lieber Als einem Menschen sich gerettet denken? Fühlt man der ersten unbegreiflichen Ursache seiner Rettung nicht sich so Viel näher? Nathan. Stolz! und nichts als Stolz! Der Topf Von Eisen will mit einer silbern Zange Gern aus der Gluth gehoben seyn, um selbst Ein Topf von Silber sich zu dünken. — Pah! — Und was es schadet, fragst du? was es schadet? Was hilft es? dürft ich nur hinwieder fragen. — Denn dein „Sich Gott um so viel näher fühlen," Ist Unsinn oder Gotteslästerung. — Allein es schadet; ja, es schadet allerdings. — Nathan der Weise. Kommt! hört mir zu. — Nicht wahr? dem Wcscn, daß Dich rettete, —, cs sey ein Engel oder Ein Mensch, — dem möchtet ihr, und du besonders, Gern wieder viele große Dienste thun? — Nicht wahr? — Nun, einem Engel, was für Dienste, Für große Dienste könnt ihr dem wohl thun? Zhr könnt ihm danken; zu ihm seufzen, beten; Könnt in Entzückung über ihn zerschmelzen; Könnt an dem Tage seiner Feycr fasten, Almosen spenden. — Alles nichts. — Denn mich Dcucht immer, daß ihr selbst und euer Nächster Hierbcy weit mehr gewinnt, als er. Er wird Nicht fett durch euer Fasten; wird nicht reich Durch eure Spenden; wird nicht herrlicher Durch cur Entzücken; wird nicht mächtiger Durch cur Vertraun. Nicht wahr? Allein ein Mensch! Daja. Ey freylich hätt' ein Mensch, etwas für ihn Zu thun, uns mehr Gelegenheit verschafft. Und Gott weiß, wie bereit wir dazu waren! Allein er wollte ja, bedürfte ja So völlig nichts; war in sich, mit sich so Vcrgnügsam, als nur Engel sind, nur Engel Seyn können. Recha. Endlich, als er gar verschwand... Nathan. Verschwand? — Wie denn verschwand? — Sich unter» Palme» Nicht ferner sehen ließ? — Wie? oder habt Zhr wirklich schon ihn weiter aufgesucht? Daja. Das nun wohl nicht. Nathan. Nicht, Daja? nicht? — Da sich Nun was cs schabt! — Grausame Schwärmcrimicn! — Wenn dieser Engel nun — mm krank geworden!... 204 Nathan der Wcisc. Recha. Krank! Daja. Krank! Er wird doch nicht! Recha. Welch kalter Schauer Befällt mich! — Daja! — Meine Stirne, sonst So warm, suhl! ist auf einmal Eis. Nathan. Er ist Ein Franke, dieses Klima's ungewohnt; Ist jung; der harten Arbeit seines Standes, Des Hungcrns, Wachens ungewohnt, R c ch a. Krank! krank! Daja. Das wäre möglich, meint ja Nathan nur. Nathan. Nun liegt er da! hat weder Freund, noch Geld Sich Freunde zu besolden. Recha. Ah, mein Vater! Nathan. Liegt ohne Wartung, ohne Rath und Zusprach, Ein Raub der Schmerzen und des Todes da! Recha. Wo? wo? Nathan. Er, der für eine, die er nie Gekannt, gesehn — genug, es war ein Mensch — Zns Fcur sich stürzte... Daja. Nathan, schonet ihrer! Nathan. Der, was er rettete, nicht näher kennen, Nicht weiter sehen möcht', um ihm den Dank Zu sparen... Nathan dcr Weise. 205 Daja. Schonet ihrer, Nathan! Nathan. Weiter Auch nicht zu sehn verlangt', es wäre denn, Daß er zum zwcytcnmal es retten sollte — Denn gnug, es ist ein Mensch... Daja. Hört ans, und seht! Nathan. Der, dcr hat sterbend sich zu laben, nichts — Als das Bewußtseyn dieser That! Daja. Hört auf! Zhr tödtct sie! Nathan. Und du hast ihn gctödtct! — Hältst so ihn tödtcn können. — Rccha! Rccha! Es ist Arzney, nicht Gift, was ich dir reiche. Er lebt! — komm zu dir! — ist auch wohl nicht krank; Nicht einmal krank! Rccha. Gewiß? — nicht todt? nicht krank? Nathan. Gewiß, nicht todt! Denn Gott lohnt Gutes, hier Gethan, auch hier noch. — Geh! — Begreifst du aber, Wie viel andächtig schwärmen leichter, als Gut handeln ist? wie gern dcr schlaffste Mensch Andächtig schwärmt, um nur, — ist er zu Zeiten Sich schon der Absicht deutlich nicht bewußt — Um nur gut handeln nicht zu dürfen? Rccha. Ah, Mein Vater! laßt, laßt Eure Rccha doch Nie wiederum allein! — Nicht wahr, er kann Auch wohl verreist nur seyn? — 20K Nathcm der Weise. Nathan. Geht! — Allerdings. — Ich sch, dort mustert mit ncugicr'gcm Blick Ein Muselmann mir die bcladcnen Kamccle. Kennt ihr ihn? Daja. Ha! Euer Derwisch. Nathan. Wer? Daja. Euer Derwisch; Euer Schachgescll! Nathan. Al-Hafi? das Al-Hafi? Daja. Ztzt des Sultans Schatzmeister. Nathan. Wie? Al-Hafi? Träumst du wieder? — Er ists! — wahrhaftig, ists! — kömmt auf uns zu. Hinein mit Euch, geschwind! — Was werd' ich hören! Dritter Auftritt. Nathan und der Derwisch. Derwisch. Reißt nur die Augen auf, so weit Ihr könnt! Nathan. Bist du's? bist du es nicht? — Zn dieser Pracht, Ein Derwisch!... . Derwisch. Nun? warum denn nicht? Läßt sich Aus einem Derwisch denn nichts, gar nichts machen? Nathan. Ey wohl, genug! — Ich dachte mir nur immer, - Der Derwisch — so der rechte Derwisch — woll' Aus sich nichts machen lassen. Derwisch. Beym Propheten! Nathan der Weise. 207 Daß ich kein rechter bin, mag auch wohl wahr seyn. Zwar wenn man muß — Nathan. Muß! Derwisch! — Derwisch muß? Kein Mensch muß müssen, und ein Derwisch müßte? Was müßt' er denn? Derwisch. Warum man ihn recht bittet, Und er für gut erkennt: das muß ein Derwisch. Nathan. Bey unserm Gott! da sagst du wahr. — Laß dich Umarmen, Mensch. — Du bist doch noch mein Freund? Derwisch. Und fragt nicht erst, was ich geworden bin? Nathan. Trotz dem, was du geworden! Derwisch. Könnt' ich nicht Ein Kerl im Staat geworden seyn, des Freundschaft Euch ungelegen wäre? Nathan. Wenn dein Herz Noch Derwisch ist, so wag' ichs drauf. Der Kerl Zm Staat, ist nur dein Kleid. Derwisch. Das auch geehrt Will seyn. — Was meint Zhr? rathet! — Was wär' ich An Eurem Hofc? Nathan. Derwisch; weiter nichts. Doch nebenher, wahrscheinlich — Koch. Derwisch. Nun ja! Mein Handwerk bey Euch zu verlernen. — Koch! Nicht Kellner auch? — Gesteht, daß Saladin Mich besser kennt. — Schatzmeister bin ich bey Ihm worden. 5. ^ 4 ^ 55, 208 Nathan der Weise. Nathan. Du? — bey ihm? Derwisch. Versteht: Des kleinern Schatzes; denn des grossem waltet Sein Vater noch — des Schatzes für sein Haus. Nathan. Sein Hans ist groß. Derwisch. Und grösser, als Zhr glaubt; Denn jeder Bettler ist von seinem Hanse. Nathan. Doch ist den Bettlern Saladin so fcind — Derwisch. Daß er mit Strumpf und Stiel sie zu vertilgen Sich vorgesetzt, — und sollt' er selbst darüber Zum Bettler werden. Nathan. Brav! So meyn' ichs eben. Derwisch. Er ists auch schon, trotz einem! — Denn sein Schatz Ist jeden Tag mit Sonnenuntergang Viel leerer noch, als leer. Die Fluth, so hoch Sie morgens eintritt, ist des Mittags längst Verlaufen — Nathan. Weil Kanäle sie zum Theil Verschlingen, die zu füllen oder zu Verstopfen, gleich unmöglich ist. Derwisch. Getroffen! Nathan. Ich kenne das! Derwisch. Es taugt nun freylich nichts, Wenn Fürsten Geyer unter Aescrn sind. Nathmi dcr Weise. 209 Doch sind sie Acscr untcr Geyern, taugts Noch zehnmal weniger. Nathan. O nicht doch, Derwisch! Nicht doch! Derwisch. Ihr habt gut reden, Zhr! — Kommt an: Was gebt Zhr mir? so tret' ich meine Stell' Euch ab. Nathan. Was bringt dir deine Stelle? Derwisch. Mir? Nicht viel. Doch Euch, Euch kann sie trefflich wuchern. Denn ist es Ebb' im Schatz, — wie öfters ist, — So zieht Zhr Eure Schleusen auf: schießt vor, Und nehmt an Zinsen, was Euch nur gefällt. Nathan. Auch Zins vom Zins dcr Zinsen? Derwisch. Freylich! Nathan. Bis Mein 'Kapital zu lauter Zinsen wird. Derwisch. Das lockt Euch nicht? So schreibet unsrer Freundschaft Nur gleich den Schcidcbricf! Denn wahrlich hab' Ich sehr auf Euch gerechnet. Nathan. Wahrlich? Wie Denn so? wie so denn? Derwisch. Daß Zhr mir mein Amt Mit Ehren würdet führen helfen; daß Zch allzeit offne Kasse bey Euch hätte. — Zhr schüttelt? L-Mngs Wcrke II. .14 21» Nathan der Weise. Nathan. Nun, versteh» wir uns nur recht! Hier gicbts zu unterscheiden. — Du? warum Nicht du? Al-Hasi Derwisch ist zu allem, Was ich vermag, mir stets willkommen. — Aber Al-Hafi Dcftcrdar des Saladin, Der — dem — Derwisch. Errieth ichs nicht? Daß Ihr doch immer So gut als klug, so klug als weise seyd! — Geduld! Was Ihr am Hast unterscheidet, Soll bald geschieden wieder seyn. — Seht da Das Ehrenkleid, das Saladin mir gab. Eh es verschossen ist, eh es zu Lumpen Geworden, wie sie einen Derwisch kleiden, Hängts in Jerusalem am Nagel, und Ich bin am Ganges, wo ich leicht und barfuß Den heißen Sand mit meinen Lehrern trete. Nathan. Dir ähnlich gnug! Derwisch. Und Schach mit ihnen spiele. Nathan. Dein höchstes Gut! Derwisch. Denkt nur, was mich verführte! — Damit ich selbst nicht länger betteln dürfte? Den reichen Mann mit Bettlern spielen könnte? Vermögend wär' im Huy den reichsten Bettler Zn einen armen Reichen zu verwandeln? Nathan. Das nun wohl nicht. Derwisch. Weit etwas abgcschmacktcrs! Ich fühlte mich zum erstenmal geschmeichelt; Durch Saladins guthcrz'gcn Wahn geschmeichelt — Nathmi dcr Weise. 211 Nathan. Dcr war? Derwisch. „Ein Bettler wisse nur, wie Bettlern „Zn Muthe sey; ein Bettler habe nur „Gelernt, mit guter Weise Bettlern geben. „Dein Vorfahr, sprach er, war mir viel zn kalt, „Zu rauh. Er gab so unhold, wenn er gab; „Erkundigte so ungestüm sich erst „Nach dem Empfänger; nie zufrieden, daß „Er nur den Mangel kenne, wollt' er auch „Des Mangels Ursach wissen, um die Gabe „Nach dieser Ursach filzig abzuwägen. „Das wird Al-Hafi nicht! So unmild mild „Wird Saladin im Hafi nicht erscheinen! „Al-Hafi gleicht verstopften Röhren nicht, „Die ihre klar und still cmpfangncn Wasser „So unrein und so sprudelnd wieder geben. „Al-Hafi denkt; Al-Hafi fühlt wie ich!" — So lieblich klang des Voglers Pfeife, bis Dcr Gimpel in dem Netze war. — Ich Geck! Zch cincs Gcckcn Gcck! Nathan. Gcmach, mcin Derwisch, Gemach! Derwisch. Ey was! — Es wär' nicht Gcckcrcy, Bey Hundcrttauscudcn die Menschen drücken, Ansmärgcln, plündern, martern, würgen; und Ein Menschenfreund an Einzeln scheinen wollen? Es wär' nicht Gcckcrcy, dcs Höchsten Milde, Die sonder Auswahl über Bös' und Gute Und Flur und Wüstcncy, in Sonnenschein Und Rcgcn sich vcrbrcitct, — nachzuäffen, Und nicht dcs Höchsten immer volle Hand Zll haben? Was? es wär' nicht Gcckcrcy... 14» 212 Nathan der Weise. Nathan. Genug! hör auf! Derwisch. Laßt meiner Geckcrcy Mich doch nur auch erwähnen! — Was? es wäre Nicht Geckcrcy, an solchcn Gcckcrcycn Die gute Scitc dcnnoch auszuspüren, Um Antheil, dieser guten Scitc wcgcn, An dicscr Geckcrcy zu nchmcn? Hch? Das nicht? Nathan. Al-Hafi, mache, daß du bald Zn deine Wüste wieder kömmst. Zch furchte, Grad' unter Menschen möchtest du cin Mcnsch Zu scyn verlernen. Derwisch. Recht, das fürcht' ich auch. Lebt wohl! Nathan. So hastig? — Warte doch, Al-Hafi. Entläuft dir denn die Wüstc? — Warte doch! — Daß cr mich hörtc! — Hc, Al-Hasi! hier! — Wcg ist er; und ich hätt' ihn noch so gcrn Nach unscrm Tcmpclhcrrn gefragt. Vcrmuthlick, Daß cr ihn kennt. Vierter Auftritt. Daja eilig herbey. Nathan. Daja. O Nathan, Nathan! Nathan. Nun? Was giebts? D a j a. Er läßt sich wieder sehn! Er läßt Sicb wkdcr sclm! Nathan. Wcr, Daja? wer? Nathan der Weise. 21? Daja. Er! er! Nathan. Er? Er? — Wann läßt sich der nicht sehn! — Za so, Nur euer Er heißt cr. — Das sollt' cr nicht! Und wenn cr auch ein Engel wäre, nicht! Daja. , Er wandelt untern Palmen wieder auf Und ab; und bricht von Zeit zu Zeit sich Dattel». Nathan. Sie cssend? — und als Tempclhcrr? Daja. Was quält Ihr mich? — Ihr gierig Aug' errieth ihn hinter Den dicht verschränkte» Palmen schon; und folgt Ihm »»verrückt. Sie läßt E»ch bitte», — Euch Beschwöre», — uugcsäumt ihn anzugchn. O cilt! Sic wird Euch aus dein Fenster winken, Ob cr hinauf geht oder weiter ab Sich schlägt. O cilt! Nathan. So wie ich von: Kamcclc Gestiegen? — Schickt sich das? — Geh, cilc du Ihm zu; »nd meld' ihm meine Wiederkunft. Gieb Acht, der Biedermann hat nur mein Haus Z» meinem Abseyn nicht betreten wollen; Und kömmt nicht ungern, wenn dcr Vater selbst Ihn laden läßt. Geh, sag', ich laß' ihn bitte», Ihn herzlich bitte» ... Daja. All umsonst! Er kömmt Euch nicht. — Denn kurz; cr kömmt zu kcincm Jude». Nathan. So geh, geh wcnigstcus ihn anzuhalten; Ihn wenigstens mit deinen Augen zu Begleiten. — Geh, ich komme gleich dir nach. (Nathan eilet hinein, und Daja heraus.) 214 Rathcm der Wcisc, Fünfter Auftritt. Scene: ein Platz mit Palmen, unter welchen der Tempelherr ans und nieder geht. Ein Klosterbruder folgt ihm in einiger Entfernung von der Seite, immer als ob er ihn anreden wolle. Tempelherr. Der folgt mir nicht vo» langer Weile! — Sich, Wie schielt er nach den Händen! — Guter Bruder,... Ich kann Euch auch wohl Vater nennen; nicht? Klosterbruder. Nur Bruder. — Laycnbrudcr nur; zu dienen. Tempelherr. Za, guter Bruder, wer nur selbst was hätte! Bey Gott! bey Gott! ich habe nichts — Klosterbruder. Und doch Recht warmen Dank! Gott geb' Euch tausendfach Was Zhr gern geben wolltet. Denn der Wille Und nicht die Gabe macht den Geber. — Auch Ward ich dem Herrn Almosens wegen gar Nicht nachgeschickt. Tempelherr. Doch aber nachgeschickt? Klosterbruder. Za; aus dem Kloster. Tempelherr. Wo ich eben jetzt Ein kleines Pilgcrmahl zu finden hoffte? Klosterbruder. Die Tische waren schon besetzt: komm' aber Der Herr nur wieder mit zurück. Tempelherr. Wozu? Ich habe Fleisch wohl lange nicht gegessen: Allein was thuts? Die Datteln sind ja reif. Klosterbruder. Nehm' sich der Herr in Acht mit dieser Frucht. Nathan der Weise. Zu viel genossen taugt sie nicht; verstopft Die Milz; macht melancholisches Geblüt. Tempelherr. Wenn ich nun melancholisch gern mich fühlte? — Doch dieser Warnung wegen wurdet Ihr Mir doch nicht nachgeschickt? Klosterbruder. O nein! — Ich soll Mich nur nach Euch erkunden; auf den Zahn Euch fühlen. Tempelherr. Und das sagt Ihr mir so selbst/ Klosterbruder. Warum nicht? Tempelherr. (Ein verschmitzter Bruder!) — Hat Das Kloster Eures gleichen mehr? Klosterbruder. Weiß nicht. Ich muß gehorchen, lieber Herr. Tempelherr. Und da Gehorcht Zhr denn auch ohne viel zu klügeln? Klosterbruder. Wär's sonst gehorchen, lieber Herr? Tempelherr. (Daß doch Die Einfalt immer Recht behält!) — Zhr dürft Mir doch auch wohl vertrauen, wer mich gern Genauer kennen möchte? — Daß Zhrs selbst Richt seyd, will ich wohl schwören. Klosterbruder. Ziemte mirs? Und frommte mirs? Tempelherr. Wem ziemt und frommt es den», Daß er so ncubegicrig ist? Wem denn? 21k Nathan der Weise. Klosterbruder. Dem Patriarchen; muß ich glauben. — Denn Der sandte mich Euch nach. Tempelherr. Der Patriarch? Kennt der das rothe Kreuz auf weißem Mantel Nicht besser? Klosterbruder. Kenn' ja ichs! Tempelherr. Nun, Bruder? nun: — Ich bin ein Tempelherr; und ein gefang'ncr. — Setz' ich hinzu; gefangen bey Tcbnin, Der Burg, die mit des Stillstands letzter Stunde Wir gern erstiegen hatten, um sodann Auf Sidon los zu gehn — Setz' ich hinzu; Sclbzwanzigstcr gefangen und allein Vom Saladin begnadiget: so weiß Der Patriarch, was er zu wissen braucht. — Mehr, als er braucht. Klosterbruder. Wohl aber schwerlich mehr, Als er schon weiß. — Er wußt' auch gern, warum Der Herr vom Saladin begnadigt worden; Er ganz allein. Tempelherr. Weiß ich das selber? — Schon Den Hals entblößt, kniet' ich aus meinem Mantel, Den Streich erwartend: als mich schärfer Saladin Ins Auge faßt, mir näher springt, und winkt. Man hebt mich auf; ich bin entfesselt; will Ihm danken; seh'sein Aug' in Thränen: stumm Ist er, bin ich; er geht, ich bleibe. — Wie Nun das zusammenhängt, enträthslc sich Der Patriarche selbst. Nathan dcr Weise. Klosterbruder. Er schließt daraus, Daß Gott zu großen, großen Dingen Euch Muß aufbehalten haben. Tempelherr. Za, zu großen! Ein Zudcnmädchcn aus dem Fcur zu retten; Auf Sinai ncugicr'gc Pilger zu Geleiten; und dergleichen mehr. Klosterbruder. Wird schon Noch kommen! — Ist inzwischen auch nicht übel. — Vielleicht hat selbst dcr Patriarch bereits Weit wicht'gere Geschäfte für den Herrn. Tempelherr. So? mcynt Ihr, Bruder? — Hat er gar Euch schon Was merken lassen? Klosterbruder. Ey, ja wohl! — Zch soll Den Herrn nur erst ergründen, ob er so Der Mann wohl ist. Tempelherr. Nun ja; ergründet nur! (Zch will doch sehn, wie dcr ergründet!) — Nun? Klosterbruder. Das kürzstc wird wohl seyn, daß ich dcm Herrn Ganz grade zu des Patriarchen Wunsch Eröffne. Tempelherr. Wohl! Klo sterbruder. Er hätte durch den Herrn Ein Bricfchcn gern bestellt. Tempelherr. Durch mich? Zch bin Kein Böthe. — Das, das wäre das Geschäft, 218 Nathaii der Weise. Das weit glorreicher sey, als Zudcnmädchcn Dem Fcur entreißen? Klosterbruder. Muß doch wohl! Denn — Der Patriarch — an diesem Vricfchcn sey Der ganzen Christenheit sehr viel gelegen. Dieß Vricfchcn wohl bcstcllt zu habcn, — sagt Der Patriarch, — wcrd' einst im Himmel Gott Mit cincr ganz besondern Krone lohnen. Und dieser Krone, — sagt der Patriarch, — Sey niemand würd'gcr, als mein Herr. Tempelherr. Als ich? Klosterbruder. Denn diese Krone zu verdienen, — sagt Der Patriarch, — sey schwerlich jemand auch Geschickter, als mein Herr. Tempelherr. Als ich? Klosterbruder. Er sey Hier frey; könn' überall sich hier bcschn; Ncrstch', wie eine Stadt zu stürmen und Zu schirmen; könne, — sagt der Patriarch, — Die Stärk' und Schwäche der von Saladin Neu aufgeführten, innern, zweyten Mauer Am besten schätzen, sie am deutlichsten Den Streitern Gottes, sagt der Patriarch, Beschreiben. Tempelherr. Guter Bruder, wenn ich doch Nun auch des Bricfchcns nähern Inhalt wüßte. Klosterbruder. Ja den, — den weiß ich nun wohl nicht so lcchl. Das Bricfchcn abcr ist an König Philipp. — Dcr Patriarch ... Zch hab' mich oft gewundert, Wie doch ein Heiliger, der sonst so ganz Rcithan der Weise. Zm Hiinmcl lcbt, zugleich so unterrichtet Von Dinge» dieser Welt zu seyn herab Sich lassen kann. ES muß ihm sauer werden. Tempelherr. Nun dann? der Patriarch? — Klosterbruder. Weiß ganz genau Ganz zuvcrläßig, wie und wo, wie stark, Von welcher Seite Saladin, im Fall Es völlig wieder losgcht, seinen Fcldzug Eröffnen wird. Tempelherr. Das weiß er? Klosterbruder. Za, und möcht' Es gern dem König Philipp wissen lassen: Damit der ungefähr ermessen könne, Ob die Gefahr denn gar so schrecklich, um Mit Saladin den Waffcnstillcstand, Den Euer Orden schon so brav gebrochen, Es koste was es wolle, wieder her Zu stellen. Tempelherr. Welch ein Patriarch! — Za so! Der liebe tapfre Mann will mich zu keinem Gemeinen Bothen; will mich") — zum Spion. Sagt Eucrm") Patriarchen, guter Bruder, So viel Ihr mich ergründen können, wär' Das meine Sache nicht. — Zch müsse mich Noch als Gefangenen betrachten; und Der Tempelherren einziger Beruf Sey mit dem Schwerte drein zu schlagen, nicht Kundschaftcrcy zu treiben. Klosterbruder. Dacht' ichs doch! — Wills auch dem Herrn nicht eben sehr verübeln. °) „cr will mich" in beiden Ausgaben. °°) „Sag deinem" n. s. w. in der ersten. 220 Nathan der Weise. Zwar kömmt das Beste noch. — Der Patriarch Hicrnächst hat ausgcgattcrt, wie die Beste Sich nennt, und wo auf Libanon sie liegt, Zn der die ungeheuern Summen stecken, Mit welchen Saladins vorsichtgcr Barer Das Heer besoldet, und die Zurüstungcn Des Kriegs bestreiket. Saladin verfügt Bon Zeit zu Zeit auf abgelegnen Wegen Nach dieser Neste sich, nur kaum begleitet. — Ihr merkt doch? Tempelherr. Nimmermehr! Klosterbruder. Was wäre da Wohl leichter, als des Saladins sich zu Bemächtigen? den Garaus ihm zu machen? — Ihr schaudert? — O es haben schon ein Paar Gottsfürchtgc Maronitcn sich erbothen, Wenn nur ein wackrer Mann sie führen wolle, Das Stück zu wagen. Tempelherr. Und der Patriarch Hätt' auch zu diesem wackern Manne mich Ersehn? Klosterbruder. Er glaubt, daß König Philipp wohl Bon Ptolcmais aus die Hand hierzu Am besten bieten könne. Tempelherr. Mir? mir, Bruder? Mir? Habt Zhr nicht gehört? nur erst gehört, Was für Befindlichkeit dem Saladin Ich habe? Klosterbruder. Wohl hab ichs gehört. Tempelherr. Und doch^ Rathan der Weise. Klosterbruder. Za, — mcynt der Patriarch, — das wär' schon gut: Gott aber und der Orden... Temp elherr. Acndcrn nichts! Gebieten mir kein Bubenstück! Klosterbruder. Gewiß nicht! — Nur, — mcynt der Patriarch, — sey Bubenstück Vor Mcnschcn, nicht auch Bubenstück vor Gott. Tempelherr. Ich wär' dem Saladin mein Leben schuldig: Und raubt ihm seines? Klosterbruder. Pfuy! — Doch bliebe, — mcynt Dcr Patriarch, — noch immer Saladin Ein Feind der Christenheit, dcr Euer Freund Zu seyn, kein Recht erwerben könne. Tempelherr. Freund? An dem ich blos nicht will zum Schurken werden; Zum undankbaren Schurken? Klosterbruder. Allerdings! — Zwar, mcynt dcr Patriarch, — des Dankes sey Man quitt, vor Gott und Mcnschcn quitt, wenn uns Dcr Dienst um unsertwillen nicht geschehen. Und da verlauten wolle, — mcynt dcr Patriarch, — Daß Euch nur darum Saladin bcgnadct, Weil ihm in Eurer Mien', in Eucrm Wesen, So was von scincm Brudcr cingclcuchtct... Tempelherr. Auch dieses weiß der Patriarch; und doch? — Ah! wäre das gewiß! Ah, Saladin! — Wie? dic Natur hatt' auch nur Einen Zug Von mir in dcincs Brudcrs Form gebildet: Und dem entspräche nichts in meiner Seele? Ä22 Rathan der Weise. Was dem entspräche, könnt ich unterdrücken, Um einem Patriarchen zu gefallen? — Natur, so lcugst du nicht! So widerspricht Sich Gott in seinen Werken nicht! — Geht Bruder! — Erregt mir meine Galle nicht! — Geht! geht! Klosterbruder. Ich geh'; und geh' vergnügter, als ich kam. Verzeihe mir der Herr. Wir Klostcrlcutc Sind schuldig, unsern Obern zu gehorchen. / ' ' ' > > Sechster Austritt. Der Tempelherr und Daja, die dc» Tempelherr» schon eine Zeit laiij, von weiten beobachtet hatte, und sich nun ihm nähert. Daja. Der Klosterbruder, wie mich dünkt, ließ in Der besten Laun' ihn nicht. — Doch muß ich mein Paket nur wagen. Tempelherr. Nun, vortrefflich! — Lügt Das Sprichwort wohl: daß Mönch und Weib, und Weib Und Mönch des Teufels beyde Krallen sind? Er wirft mich heut aus einer in die andre. Daja. Was seh' ich? — Edler Ritter, Euch? — Gott Dank! Gott tausend Dank! — Wo habt Ihr denn Die ganze Zeit gesteckt? — Ihr seyd doch wohl Nicht krank gewesen? Tempelherr. Nein. Daja. Gesund doch? Tempelherr. Za. Daja. Wir waren Euertwegen wahrlich ganz Bekümmert. Ncithan der Weise, M Tempelherr. So? Da ja. Zhr wart gewiß verreist? Tempelherr. Errathen! Daj a. Und kamt"') heut erst wieder? Tempelherr. Gestern. Daja. Anch Rcchas Vater ist heut angekommen. Und nnn darf Rccha doch wohl hoffen? Tempelherr. Was? Daja. Warum sie Ench so öfters bitten lassen. Zhr Vater ladet Euch nun selber bald Aufs dringlichste. Er kömmt von Babylon; Mit zwanzig hochbcladencn Kamcclcn, Und allem, was an edeln Spcccrcycn, An Steinen und an Stoffen, Indien Und Persien und Syrien, gar Sina, Kostbares nur gewähren, Tempelherr. Kaufe nichts. Daja. Sein Volk verehret ihn als einen Fürsten. Doch daß es ihn den Weisen Nathan nennt, Und nicht vielmehr den Reichen, hat mich oft Gewundert. Tempelherr. Seinem Volk ist reich und weise Vielleicht das nehmliche. Daja. Vor allen aber °) „kommt" in der ersten Ausgabe, „kämet" in der zweiten. 224 Nathai, der Weise. Hätt's ihn den Glltcn nennen müssen. Denn Ihr stellt Euch gar nicht vor, wie gut er ist. Als er erfuhr, wie viel Euch Rccha schuldig: Was hätt', in diesem Augenblicke, nicht Er alles Euch gethan, gegeben! Tempelherr. Ey! Daja. Vcrsuchts und kommt und seht! Tempelherr. Was denn? wie schnell Ein Augenblick vorüber ist? Daja. Hätt' ich, Wenn er so gut nicht war', es mir so lange Bey ihm gefallen lassen? Mcynt Ihr etwa, Ich fühle meinen Werth als Christinn nicht? Auch mir wards vor der Wiege nicht gesungen, Daß ich nur darum meinem Ehgemahl Nach Palästina folgen würd', um da Ein Zudcnmädchcn zu erziehn. Es war Mein lieber Ehgemahl ein edler Knecht Zn Kaiser Friedrichs Heere — Tempelherr. Von Gcburth Ein Schweißer, dem die Ehr' und Gnade ward Mit Seiner Kaiserlichen Majestät Zn einem Flusse zu ersaufen. — Weib! Wie viclmal habt Ihr mir das schon crzchlt? Hört Ihr denn gar nicht auf mich zu verfolgen? Daja. Verfolgen! lieber Gott! Tempelherr. Za, ja, verfolgen. Ich will nun einmal Euch nicht weiter sehn! Nicht hören! Will von Euch an eine That Nicht fort und fort erinnert seyn, bey der Rathaii der Wcisc, 225 Ich nichts gedacht; die, wenn ich drüber denke, Zum Räthsel von mir selbst mir wird. Zwar möcht' Ich sie nicht gern bereuen. Aber seht; Eräugnct so ein Fall sich wieder: Ihr Seyd Schuld, wenn ich so rasch nicht handle; wenn Ich mich vorher erkund', — und brennen lasse, Was brennt. Daja. Bewahre Gott! Tempelherr. Von heut' an thut Mir den Gefallen wenigstens, und kennt Mich weiter nicht. Ich bitt' Euch drum. Auch laßt Den Vater mir vom Halse. Zud' ist Jude. Ich bin ein plumper Schwab. Des Mädchens Bild Ist längst aus meiner Seele; wenn es je Da war. Daja. Doch Eures ist aus Ihrer nicht. Tempelherr. Was solls nun aber da? was solls? Daja. Wer weiß! Die Mensche» sind nicht immer, was sie scheinen. Tempelherr. Doch selten etwas bcsscrs. (Er geh,.) Daja. Wartet doch! Was eilt Ihr? Tempelherr. Weib, macht mir die Palmen nicht Verhaßt, worunter ich so gern sonst wandle. Daja. So geh', du deutscher Bär! so geh'! — Und doch Muß ich die Spur des Thieres nicht verlieren. (Sie geht ihm vo» weiten noch.) Lesluigs Werke n. ,5. 2W Nathan der Weist. Zweyter Aufzug. Erster Auftritt. Die Scene: des Sultans Pallast. Saladin und Sittcch spielen Schach. Sittah. Wo bist dn, Saladin? Wic spielst du heut? Saladin. Nicht ant? Zch dächte doch. Sittah. Für mich; und kaum. Nimm diesen Zug zurück. Saladin. Warum? Sittah. Der Springer Wird unbedeckt. Saladin. Zst wahr. Nun so' Sittah. So zieh' Zch in die Gabel. Saladin. Wieder wahr. — Schach dann! Sittah. Was hilft dir das? Zch setze vor: und du Bist, wie du warst. Saladin. Ans dieser Klemme, seh' Zch wohl, ist ohne Buße nicht zu kommen. Mags! nimm den Springer mir. Sittah. Zch will ihn nicht. Zch geh vorbey. Saladin. Du schenkst mir nichts. Dir liegt An diesem Platze mehr, als an dem Springer. Nathan der Weise. 227 Sittah. Kann scyn. Saladin. Mach dcinc Rechnung nur nicht ohne Den Wirth. Denn sich'! Was gilts, das warst du nicht Vermuthen? Sittah. Freylich nicht. Wie konnt' ich auch Vermuthen, daß du deiner Königinn So müde wärst? Saladin. Ich meiner Königinn? Sittah. Ich seh' nun schon: ich soll heut meine tausend Dinar', kein Nascrinchcn mehr gewinnen. Saladin. Wie so? Sittah. Frag noch! — Weil du mit Fleiß, mit aller Gewalt verlieren willst. — Doch dabey find' Ich mcinc Rechnung nicht. Denn ausser, daß Ein solches Spiel das unterhaltendste Nicht ist: gewann ich immer nicht am meisten Mit dir, wenn ich verlor? Wcnn hast du mir Den Satz, mich des Verlornen Spieles wegen Zu trösten, doppelt nicht hernach geschenkt? Saladin. Ey sieh! so hattest du ja wohl, wcnn du Verlorst, mit Fleiß verloren, Schwesterchen? Sittah. Zum wenigsten kann gar wohl scyn, daß dcinc Freygebigkeit, mcin licbcs Brüderchen, Schuld ist, daß ich nicht besser spielen lernen. Saladin. Wir kommen ab vom Spiele. Mach ein Ende! Sittah. So bleibt es? Nun dann: Schach! und doppelt Schach! 15° 228 Nathan der Weift. Saladin. Nu» freylich; dieses Abschach hab' ich nicht Gesehn, das meine Königinn zugleich Mit niederwirft. Sittah. War dem noch abzuhelfen? Laß sehn. Saladin. Nein, nein; nimm nur die Königinn. Ich war mit diesem Steine nie recht glücklich. Sittah. Blos mit dem Steine? Saladin. Fort damit! — Das thut Mir nichts. Denn so ist alles wiederum Geschützt. Sittah. Wie höflich man mit Königinnen Verfahren müsse: hat mein Bruder mich Zu wohl gelehrt. (Sie läßt fic stehen.) Saladin. Nimm, oder nimm sie nicht! Ich habe keine mehr. Sittah. Wozu sie nehmen? Schach! — Schach! Saladin. Nur weiter. Sittah. Schach! — und Schach! — und Schach Saladin. Und matt! Sittah. Nicht ganz; du ziehst den Springer noch Dazwischen; oder was du machen willst. Gleichviel! Rachan der Weise, 22!) Saladin. Ganz recht! — Du hast gewonnen: und Al-Hasi zahlt. Man laß ihn rufen! gleich! — Du hattest, Sittah, nicht so unrecht; ich War nicht so ganz beym Spiele; war zerstreut. Und dann: wer giebt uns denn die glatten Steine Beständig? die an nichts erinnern, nichts Bezeichnen. Hab' ich mit dem Zman denn Gespielt? — Doch was? Verlust will Vorwand. Nicht Die ungeformtcn Steine, Sittah, sinds Die mich verlieren machten: deine Kunst, Dein ruhiger und schneller Blick ... Sittah. Auch so Willst du den Stachel des Ncrlusts nur stumpfe». Genug, du warst zerstreut; und mehr als ich. Saladin. Als du? Was hätte dich zerstreuet? Sittah. Deine Zerstreuung freylich nicht! — O Saladin, Wenn werden wir so fleißig wieder spielen! Saladin. So spielen wir um so viel gieriger! — Ah! weil es wieder los geht, mcynst du? — Mags! — Nur zu! — Ich habe nicht zuerst gezogen; Ich hätte gern den Stillcstand aufs neue Verlängert; hätte meiner Sittah gern, Gern einen guten Mann zugleich vcrschaft. Und das muß Richards Bruder scmi: er ist Za Richards Bruder. Sittah. - Wenn du deinen Richard Nur loben kannst! Saladin. Wenn unserm Bruder Mclck Dann Richards Schwester wär' zu Theile worden: 230 Nathan der Wcisc. Ha! welch ein Haus zusammen! Ha, der ersten, Der besten Häuser in der Welt das beste! — Du hörst, ich bin mich selbst zu loben, auch Nicht faul. Ich dünk' mich meiner Freunde werth. — Das hätte Menschen geben sollen! das! Sittah. Hab' ich des schönen Traums nicht gleich gelacht? Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen. Ihr Stolz ist: Christen seyn; nicht Menschen. Denn Selbst das, was, noch von ihrem Stifter her, Mit Menschlichkeit den Aberglauben wirzt, Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist: Wcils Christus lehrt; wcils Christus hat gethan. — Wohl ihnen, daß er ein so guter Mensch Noch war! Wohl ihnen, daß sie seine Tugend Auf Treu und Glaube nehmen können! — Doch Was Tugend? — Seine Tugend nicht; sein Name Soll überall verbreitet werden; soll Die Namen aller guten Menschen schänden, Verschlingen. Um den Namen, um den Namen Ist ihnen nur zu thun. Saladin. Du mcynst: warum Sie sonst verlangen würden, daß auch ihr, Auch du und Mclek, Christen hießet, eh Als Chgcmahl ihr Christen lieben wolltet? Sittah. Za wohl! Als wär' von Christen nur, als Christen, Die Liebe zu gewärtigen, womit Der Schöpfer Mann und Männinn ausgestattet! Saladin. Die Christen glauben mehr Armseligkeiten, Als daß sie die nicht auch noch glauben könnten! — Und gleichwohl irrst du dich. — Die Tempelherren, Die Christen nicht, sind Schuld: sind nicht, als Christen, Als Tempelherren Schuld. Durch die allein Wird aus der Sache nichts. Sie wollen Acca, Natha» der Weise. 23 t Das Richards Schwester unserm Bruder Mclck Zum Brautschatz bringen müßte, schlechterdings Sticht fahren lassen. Daß des Ritters Vortheil Gefahr nicht laufe, spielen sie den Mönch, Den albern Mönch. Und ob vielleicht im Fluge Ein guter Streich gelänge: haben sie Des Waffcnstitlcstaiides Ablauf kaum Erwarten können. — Lustig! Nur so weiter! Ihr Herren, nur so weiter! — Mir schon recht! — War alles sonst nur, wie es müßte. Sittah. Nun? Was irrte dich denn sonst? Was könnte sonst Dich aus der Fassung bringen? Saladin. Was von je Mich immer aus der Fassung hat gebracht. — Ich war auf Libanon, bey unserm Aatcr. Er unterliegt den Sorgen noch... Sittah. O wch!°) Saladin. Er kann nicht durch; es klemmt sich aller Orten; Es fehlt bald da, bald dort — Sittah. Was klemmt? was fehlt? Saladin. Was sonst, als was ich kaum zu nennen würd'ge? Was, wenn ichs habe, mir so übcrflüßig, Und hab' ichs nicht, so unentbehrlich scheint. — Wo bleibt Al-Hasi denn? Ist niemand nach Ihm aus? — Das leidige, verwünschte Geld! — Gut, Hast, daß du kömmst. °) „Er untcrlicgct scist dc» Sorge» ... Armer Manu!" i» der crsic» Ausgabe. 232 Nathan der Wcisc, Zweyter Auftritt. Der Derwisch Al-Hafi. Saladin. Sittah. Al-Hafi. Die Gelder aus Acgyptcn sind vermuthlich angelangt. Wenns nur fein viel ist. Saladin. Hast du Nachricht? Al-Hafi. Zch^ Ich nicht. Zch denke, daß ich hier sie in Empfang soll nehmen- Saladin. Zahl an Sittah tausend Dinare! (Zn Gedanke» hin und her gehend.) Al-Hafi. Zahl! anstatt, empfang! O schön! Das ist für Was noch weniger als Nichts. — An Sittah? — wiederum an Sittah? Und Verloren? — wiederum im Schach verloren? — Da steht es noch das Spiel! Sittah. Du gönnst mir doch Mein Glück? Al-Hafi. (das Spiel betrachtend.) Was gönnen? Wenn — Ihr wißt ja wohl. Sittah. (ihm winkend.) Bst! Hast! bst! Al-Hafi. (noch auf das Spiel gerichtet.) Gönnts Euch nur selber erst! Sittah. Al-Hafi; bst! Al-Hafi. (zu Sittah.) Die Weißen waren Euer? Zhr bietet Schach? Nathan der Weise. 233 Sittah. Gut, daß cr nichts gehört! Al-Hafi. Nun ist der Zug an ihm? Sittah. (ihm näher tretend.) So sage doch, Daß ich mein Geld bekommen kann. Al-Hafi. (noch auf das Spiel geheftet.) Nun ja; Ihr sollts bekommen, wie Zhrs stets bekommen. Sittah. Wie? bist du toll? Al-Hafi. Das Spiel ist ja nicht aus. Zhr habt ja nicht verloren, Saladin. Sa ladin. (kaum hinhörend.) Doch! doch! Bezahl! bezahl! Al-Hafi. Bezahl! bezahl! Da steht ja Eure Königinn. Saladin. (noch so.) Gilt nicht; Gehört nicht mehr ins Spiel. Sittah. So mach, und sag, Daß ich das Geld mir nur kann hohlen lassen. Al-Hafi. (noch immer in das Spiel vertieft.) Versteht sich, so wie immer. — Wenn auch schon; Wenn auch die Königinn nichts gilt: Zhr seyd Doch darum noch nicht matt. Saladin. (tritt hinzu und wirft das Spiel um.) Ich bin es; will Es seyn. Al-Hafi. Za so! — Spiel wie Gewinnst! So wie Gewonnen, so bezahlt. 234 Nachan der Weise. Sa lad in. (zu Siuah.) Was sagt er? was? Sittah. (von Zeit zu Zeit dem Hafi winkend.) Du kcniist ihn ja. Er sträubt sich gern; läßt gern Sich bitten; ist wohl gar ein wenig neidisch. — Saladin. Ans dich doch nicht? Auf meine Schwester nicht? — Was hör' ich, Hafi? Neidisch? du? Al-Hafi. Kann seyn! Kann seyn! — Zeh hätt' ihr Hirn wohl lieber selbst Wär' lieber selbst so gut, als sie. Sittah. Indeß Hat er doch immer richtig noch bezahlt. Und wird auch heut' bezahlen. Laß ihn nur! — Geh nur, Al-Hafi, geh! Zch will das Geld Schon hohlen lassen. Al-Hafi. Nein; ich spiele länger Die Mummcrcy nicht mit. Er muß es doch Einmal erfahren. Saladin. Wer? und was? Sittah. Al-Hafi! Ist dieses dein Versprechen? Haltst du so Mir Wort? Al-Hafi. Wie konnt' ich glauben, daß es so Weit gehen würde. Saladin. Nun? erfahr ich nichts? Sittah. Zch bitte dich, Al-Hafi; sey bescheiden. Saladin. Das ist doch sonderbar! Was könnte Sittah Nathan der Wcisc. So fcycrlich, so warm bey einem Fremden, Bey einem Derwisch lieber, als bey mir, Bey ihrem Bruder, sich verbitten wollen. Al-Hafi, nun bcfchl ich. — Rede, Derwisch! Sittah. Laß eine Kleinigkeit, mein Bruder, dir Nicht näher treten, als sie windig ist. Du weißt, ich habe zu vcrschicdncn Malen Dieselbe Summ' im Schach von dir gewonnen. Und weil ich ißt das Geld nicht nöthig habe; Weil ißt in Hafis Kasse doch das Geld Nicht eben allzuhäufig ist: so sind Die Posten stehn geblieben. Aber sorgt Nur nicht! Ich will sie weder dir, mein Bruder, Noch Hast, noch der Kasse schenken. Al-Hafi. Ja, Wenns das nur wäre! das! Sittah. Und mehr dergleichen. Auch das ist in der Kasse stehn geblieben, Was du mir einmal ausgeworfen; ist Seit wenig Monden stehn geblieben. Al-Hafi. Noch Nicht alles. Sa ladin. Noch nicht? — Wirst du reden? Al-Hafi. Seit aus Acgyptcn wir das Geld erwarten, Hat sie... Sittah. (zu Saladin,) Wozu ihn hören? Al-Hafi. Nicht nur Nichts Bekommen... 336 Nathau der Weise. Saladin. Gutes Mädchen! — Auch beyher Mit vorgeschossen. Nicht? Al-Hafi. Den ganzen Hof Erhalten; Eucrn Aufwand ganz allein Besinnen. Saladin. Ha! das, das ist meine Schwester! (sie muarmcnd.) Sittah. Wer hatte, dieß zu können, mich so reich Gemacht, als du, mein Bruder? Al-Hafi. Wird schon auch So bettelarm sie wieder machen, als Er selber ist. Saladin. Ich arm? der Bruder arm? Wenn hab' ich mehr? wenn weniger gehabt? — Ein Kleid, Ein Schwert, Ein Pferd, — und Einen Gott! Was brauch' ich mehr? Wenn kanns an dem mir fehlen? Und doch, Al-Hafi, könnt' ich mit dir schelten. Sittah. Schilt nicht, mein Bruder. Wenn ich unserm Natcr Auch seine Sorgen so erleichtern könnte! Saladin. Ah.' Ah! Nun schlägst du meine Freudigkeit Auf einmal wieder nieder! — Mir, für mich Fehlt nichts, und kann nichts fehlen. Aber ihm, Ihm fehlet; und in ihm uns allen. — Sagt, Was soll ich machen? — Aus Acgyptcn kommt Vielleicht noch lange nichts. Woran das liegt, Weiß Gott. Es ist doch da noch alles ruhig. — Abbrechen, einzichn, sparen, will ich gern, Mir gern gefallen lassen; wenn es mich, Blos mich bctrift; blos ich,*) und niemand sonst °) „blos mich," in beiden Ausgaben, Rathcm der Wcisc. Darunter lcidct. — Doch was kann das machend Ein Pferd, Ein Kleid, Ein Schwert, muß ich doch hab Und meinem Gott ist auch nichts abzudingen. Zhm gnügt schon so mit wenigem genug; Mit meinem Herzen. — Auf den Ucbcrschuß Von deiner Kasse, Hafi, hatt' ich sehr Gerechnet. Al-Hafi. Ucbcrschuß? — Sagt selber, ob Ihr mich nicht hättet spießen, wenigstens Mich drosseln"") lasscn, wenn auf Ucbcrschuß Ich von Euch wär' ergriffen worden. Ja, Auf Uiitcrschlcif! das war zu wagen. Saladin. Nun, Was machen wir denn aber? — Konntest du Vor erst bey niemand andern borgen, als Bey Sittah? Sittah. Würd' ich dieses Vorrecht, Vrudcr, Mir habcn nchmcn lasscn? Mir von ihm? Auch noch besteh' ich drauf. Noch bin ich auf Dem Trocknen völlig nicht. Saladin. Nur völlig nicht! Das fehlte noch! — Geh gleich, mach Anstalt, Hafi! Nimm auf bey wem du kannst! und wie du kannst! Geh, borg, versprich. — Nur, Hafi, borge nicht Bey denen, die ich reich gemacht. Denn borgen Von diesen, möchte wiederfodern heißen- Geh zu den Geizigsten; die werden mir Am liebsten leihen. Denn sie wissen wohl, Wie gut ihr Geld in meinen Händen wuchert. Al-Hafi. Zch kenne dcrcn keine. °°) „Mich hängen" in der ersten Slucgabc. 238 Nathan der Weise. Sittah. Eben fällt Mir ein, gehört zu haben, Hafi, daß Dein Freund zurückgekommen. Al-Hafi. (betroffen.) Freund? mein Freund? Wer wär denn das? Sittah. Dein hochgcpriesncr Zudc. Al-Hafi. Gcpricsncr Jude? hoch von mir? Sittah. Dem Gott, — Mich denkt des Ausdrucks noch recht wohl, deß einst Du selber dich von ihm bedientest, — dem Sein Gott von allen Gütern dieser Welt Das Kleinst' und Größte so in vollem Maas Ertheilet habe. — Al-Hafi. Sagt' ich so? — Was mcynt' Zch denn damit? Sittah. Das Kleinste: Reichthum. Und Das Größte: Weisheit. Al-Hafi. Wie? von einem Juden? Non einem Juden hätt' ich das gesagt? Sittah. Das hättest du von deinem Nathan nicht . Gesagt? Al-Hafi. Za so! von dem! vom Nathan! — Fiel Mir der doch gar nicht bey. — Wahrhaftig? Der Ist endlich wieder heim gekommen? Ey! So mags doch gar so schlecht mit ihm nicht stehn. — Ganz recht: den nannt' einmal das Volk den Weisen! Den Reichen auch. Nathan der Wcisc. 23!) Sittah. Dm Rcichcn ncinit cs ihn Ztzt mehr als jt. Die ganze Stadt erschallt, Was er für Kostbarkeiten, was für Schätze Er mitgebracht. Al-Hafi. Nun, ists der Reiche wieder: So wirds auch wohl der Wcisc wieder seyn. Sittah. Was mcynst du, Hast, wenn du diesen angingst? Al-Hafi. Und was bcy ihm? — Doch wohl nicht borgen? — Za, Da kennt Ihr ihn. — Er borgen'. — Seine Weisheit Ist eben, daß er niemand borgt. Sittah. Du hast Mir sonst doch ganz ein ander Bild von ihm Gemacht. Al-Hafi. Zur Noth wird er euch Waaren borge». Geld aber, Geld? Geld nimmcrmchr. — Es ist Ein Zudc freylich übrigens, wie's nicht Viel Zudcn giebt. Er hat Verstand; cr weiß Zu leben; spielt gut Schach. Doch zeichnet cr Zm Schlechten sich nicht minder, als im Guten, Aon allen andern Zudcn aus. ^- Auf den, Auf den nur rechnet nicht. — Den Armen giebt Er zwar; und giebt vielleicht Trotz Saladin. Wenn schon nicht ganz so viel: doch ganz so gcrn; Doch ganz so sondcr Anschn. Zud' und Christ Und Muselmann und Parsi, alles ist Zhm eins. Sittah. Und so ein Mann ... Saladin. Wie kommt es denn, Daß ich von diesem Manne nie gehört?... Rathan der Wcisc. Sittah. Der sollte Saladin nicht borgen? nicht Dem Saladin, der mir für andre braucht, Nicht sich? Al-Hafi. Da seht nun gleich den Juden wieder; Den ganz gemeinen Juden! — Glaubt mirs doch! — Er ist aufs Geben Euch so eifersüchtig, So neidisch! Jedes Lohn von Gott, das in Der Welt gesagt wird, zog' er lieber ganz Allein. Nur darum eben leiht er keinem, Damit er stets zu geben habe. Weil Die Mild'ihm im Gesetz geboten; die Gefälligkeit ihm aber nicht geboten: macht Die Mild' ihn zu dem ungefälligsten Gesellen auf der Welt. Zwar bin ich seit Geraumer Zeit ein wenig übern Fuß Mit ihm gespannt; doch denkt nur nicht, daß ich Ihm darum nicht Gerechtigkeit erzeige. Er ist zu allem gut: blos dazu nicht; Blos dazu wahrlich nicht. Ich will auch gleich Nur gehn, an andre Thüren klopfen... Da Besinn' ich mich so eben eines Mohren, Der reich und geizig ist. — Zch geh'; ich geh'. Sittah. Was eilst du, Hast? Saladin. Laß ihn! laß ihn! Dritter Auftritt. Sittah. Saladin. Sittah. Eilt Er doch, als ob er mir nur gern entkäme! Was heißt das? — Hat er wirklich sich in ihm Betrogen, oder — möcht' er uns nur gern Bekriegen? Nathan der Wcisc. Saladin. Wie? das fragst du mich? Zch weiß Za kaum, von wcm die Rede war; und höre Von cucrm Juden, cucrm Nathan, hcut' Zum erstenmal. Sittah. Zsts möglich? daß ein Mann Dir so verborgen blieb, von dem es heißt, Er habe Salomons und Davids Gräber Erforscht, und wisse deren Siegel durch Ein mächtiges geheimes Wort zu lösen? Aus ihnen bring' er dann von Zeit zu Zeit Die unermeßlichen Reichthümer an Den Tag, die keinen mindern Quell verriethen. Saladin. Hat seinen Reichthum dieser Mann aus Gräbern, So warcns sicherlich nicht Salomons, Nicht Davids Gräber. Narren lagen da Begraben! Sittah. Oder Böscwichtcr! — Auch Zst seines Reichthums Quelle weit ergiebiger, Weit unerschöpflicher, als so ein Grab Voll Mammon. Saladin. Denn er handelt; wie ich hörte. Sittah. Sein Saumthier treibt auf allen Straßen, zieht Durch alle Wüsten; seine Schiffe liegen In allen Häscn. Das hat mir wohl eh Al-Hafi selbst gesagt; und voll Entzücken Hinzugefügt, wie groß, wie edel dieser Sein Freund anwende, was so klug und emsig Er zu erwerben für zu klein nicht achte: Hinzugefügt, wie frey von Norurthcilen Sein Geist; sein Herz wie offen jeder Tugend, Wie eingestimmt mit jeder Schönheit sey. '.'esüngs Werke ii. 1v 242 Nathan der Weise, - Saladin. Und itzt sprach Hasi doch so ungewiß, So kalt von ihm. Sittah. Kalt mm wohl nicht; verlegen. Als halt' crs für gefährlich, ihn zu loben, Und woll' ihn unverdient doch auch nicht tadeln. — Wie? oder war' es wirklich so, daß selbst Der Beste seines Volkes seinem Volke Nicht ganz entfliehen kann? daß wirklich sich Al-Hafi seines Freund's von dieser Seite Zu schämen hätte? — Sey dem, wie ihm wolle! — Der Jude sey mehr oder weniger Als Zud', ist er nur reich: genug für uns! Saladin. Dll willst ihm aber doch das Seine mit Gewalt nicht nehmen, Schwester? Sittah. Za, was heißt Bey dir Gewalt? Mit") Feu'r und Schwert? Nein, nein, Was braucht es mit den Schwachen für Gewalt, Als ihre Schwäche? — Komm vor itzt nur mit In meinen Haram, eine Sängerinn Zu hören, die ich gestern erst gekauft. Es reift indeß bey mir vielleicht ein Anschlag, Den ich auf diesen Nathan habe. — Komm! Vierter Auftritt. Seme- vor dem Hause des Nathan, wo es an die Palmen stößt. Rccha und Nathan kommen heraus. Zu ihnen Daja. Rccha. Ihr habt Euch sehr verweilt, mein Vater. Er Wird kaum noch mehr zu treffen seyn. Nathan. Nun, nun; Wenn hier, hier untern Palmen schon nicht mehr: °) In den erste» Ansaabe» „Bey". NatlMi dcr Weise, Doch anderwärts. — Sey ihr nur ruhig. — Sich Kömmt dort nicht Daja auf uns zu? Recha. Sie wird Ihn ganz gewiß verloren haben. Nathan. Auch Wohl nicht. Recha. Sie wurde sonst geschwinder kommen. Nathan. Sie hat uns wohl noch nicht gesehn ... Recha. Nun sieht Sie uns. Nathan. Und doppelt ihre Schritte. Sich! — Sey doch nnr rubig! ruhig! Rccha. Wolltet Ihr Wohl eine Tochter, die hier rubig wäre? Sich unbekümmert liesse, wessen Wohlthat Ihr Leben sey? Ihr Leben, — das ihr nur So lieb, weil sie es Euch zuerst verdanket. Nathan. Zch möchte dich nicht anders, als du bist: Auch wenn ich wüßte, daß in deiner Seele Ganz etwas anders noch sich rege. Rccha. Was, Mcin Vater? Nathan. Fragst du mich? so schüchtern mich ? Was auch in deinem Innern vorgeht, ist Natur und Unschuld. Laß es keine Sorge Dir machen. Mir, mir macht cs kcinc. Nur Versprich mir: wenn dein Herz vernehmlicher 1K° 244 Nathan der Weise, Sich cinst erklärt, mir seiner Wünsche keinen Zu bergen. Recha. Schon die Möglichkeit, mein Herz Euch lieber zu verhüllen, macht mich zittern. Nathan. Nichts mehr hiervon! Das ein für allemal Ist abgethan. — Da ist ja Daja. — Nun? Da ja. Noch wandelt er hier untern Palmen; und Wird gleich um jene Mauer kommen. — Seht, Da kömmt er! Recha. Ah! und scheinet unentschlossen, Wohin? ob weiter? ob hinab? ob rechts? Ob links? Daja. Nein, nein; er macht den Weg ums Kloster Gewiß noch öfter; und dann muß er hier Vorbey. — Was gilts? Recha. Recht! recht! — Hast du ihn schon Gesprochen? Und wie ist er heut? Daja. Wie immer. Nathan. So macht nur, daß er euch hier nicht gewahr Wird. Tretet mehr zurück. Geht lieber ganz Hinein. Recha. Nur einen Blick noch! — Ah! die Hecke, Die mir ihn stiehlt. Daja. Kommt! kommt! Der Vater hat Ganz recht. Ihr lauft Gefahr, wenn er Euch sieht, Daß auf der Stell' er umkehrt. Nathan der Weise, 24 Recha. Ah! die Hcckc! Nathan. Und kömmt er plötzlich dort aus ihr hervor: So kann er anders nicht, er muß euch sehn. Drum geht doch nur! Daja. Kommt! kommt! Ich weiß ein Fenster, Aus dem wir sie bemerken können. Recha. Za? (beyde hinein.) Fünfter Auftrit t. Nathan und bald darauf der Tempelherr. Nathan. Fast scheu' ich mich des Sonderlings. Fast macht Mich seine rauhe Tugend stutzen. Daß Ein Mensch doch einen Menschen so verlegen Soll machen können! — Ha! cr kömmt. — Bey Gott! Ein Züngling wie ein Mann. Ich mag ihn wohl Den guten, trotzgcn Blick! den drallen Gang! Die Schaalc kann nur bitter seyn: der Kern Zsts sicher nicht. — Wo sah' ich doch dergleichen ? — Äcrzcihct, edler Franke... Tempelherr. Was? Nathan. Erlaubt.. > Tempelherr. Was, Jude ? was? Nathan. Daß ich mich untersteh', Euch anzureden. Tempelherr. Kann ichs wehren? Doch Nur kurz. 24k Nathan der Weise. Nathan. Verzicht, und eilet nicht so stolz, Nicht so verächtlich einem Mann vorüber, Den Ihr aus ewig Euch verbunden habt. Tempelherr. Wie das ? — Ah, fast errath' ichs. Nicht? Ihr seyd... Nathan. Ich hcissc Nathan; bin des Mädchens Vater, Das Eure Großmuth aus dem Fcu'r gerettet; Und komme... Tempelherr. Wenn zu danken: — sparts! Ich hab' Um diese Kleinigkeit des Dankes schon Zu viel erdulden müssen. — Vollends Ihr, Ihr seyd mir gar nichts schuldig. Wußt' ich denn, Daß dieses Mädchen Eure Tochter war? Es ist der Tempelherren Pflicht, dem Ersten Dem Besten bcyzuspringcn, dessen Noth Sie sehn. Mein Leben war mir ohnedem In diesem Augenblicke lästig. Gern, Sehr gern ergriff ich die Gelegenheit, Es sür ein andres Leben in die Schanze Zu schlagen: für ein andres — wenns auch nur Das Leben einer Jüdinn wäre. Nathan. Groß! Groß und abscheulich! — Doch die Wendung läßt Sich denken. Die bescheidne Größe flüchtet Sich hinter das Abscheuliche, um der Bcwundrung auszuweichen. — Aber wenn Sie so das Opfer der Bewunderung Verschmäht: was für ein Opfer denn verschmäht Sie minder? — Ritter, wenn Ihr hier nicht fremd, Und nicht gefangen wäret, würd' ich Euch So dreist nicht fragen. Sagt, befehlt: womit Kann man Euch dienen? Nalhau dcr Wcisc^ 247 Tempelherr. Ihr? Mit nichts. Nathan. Ich bin Ein reicher Mann. Tempelherr. Dcr rcichrc Jude war Mir nie der bcssrc Jude. Nathan. Durft Ihr denn Darum nicht »iitzcn, was dem ungeachtet Er bcssres hat? nicht seinen Reichthum nutzen ? Tempelherr. Nun gut, das will ich auch nicht ganz vcrrcdcn; Um meines Mantels willen nicht. Sobald Dcr ganz und gar verschlissen; weder Stich Noch Fetze länger halten will: komm' ich Und borge mir bey Euch zu einem neuen, Tuch oder Geld. — Seht nicht mit eins so finster! Noch seyd Ihr sicher, noch ists nicht so weit Mit ihm. Zhr seht; er ist so ziemlich noch Zm Stande. Nur dcr cinc Zipfel da Hat cincn garstgcn Flcck; cr ist vcrscngt. Und das bekam cr, als ich Eure Tochter Durchs Feuer trug. Nathan. (dcr nach dem Zipfel greift und ih» bttrachtct.) Es ist doch sonderbar, Daß so ein böser Flcck, daß so cin Brandmahl Dem Mann ein bcssrcs Zcugniß rcdct, als Scin eigner Mund. Ich möcht ihn küssen gleich — Dcn Flecken! — Ah, verzeiht! — Ich that es ungern. Tempelherr. Was? Nathan. Eine Thräne fiel darauf. Tempelherr. Thut nichts! 248 Rathan der Weift. Er hat der Tropfen mehr. — (Bald aber fangt Mich dieser Zud' an zu verwirren.) Nathan. Wär't Ihr wohl so gut, und schicktet Eucrn Mantel Auch einmal meinem Mädchen? Tempelherr. Was damit? Nathan. Auch ihren Mund auf diesen Fleck zu drücken. Denn Eure Kniee selber zu umfassen, Wünscht sie nun wohl vergebens. Tempelherr. Aber, Jude — Ihr hcissct Nathan? — Aber, Nathan — Ihr Setzt Eure Worte sehr — sehr gut — sehr spitz — Ich bin betreten — Allerdings — ich hätte... Nathan. Stellt und verstellt Euch, wie Ihr wollt. Ich find' Auch hier Euch aus. Ihr wart zu gut, zu bieder, Um höflicher zu seyn. — Das Mädchen, ganz Gefühl; der weibliche Gesandte, ganz Dicnstfcrtigkcit; der Vater weit entfernt — Zhr trugt für ihren guten Namen Sorge; Floht ihre Prüfung; floht, um nicht zu siegen. Auch dafür dank' ich Euch — Tempelherr. Ich muß gesteh», Ihr wißt, wie Tempelherren denken sollten. Nathan. Nur Tempelherren? sollten blos? und blos Weil es die Ordensregeln so gebieten? Ich weiß, wie gute. Menschen denken; weiß, Daß alle Länder gute Menschen tragen. Tempelherr. Mit Unterschied, doch hoffentlich? Nathan der Weise. 249 Nathan. Za wohl; An Färb', an Kleidung, an Gestalt verschieden. Tempelherr. Auch hier bald mehr, bald weniger, als dort. Nathan. Mit diesem Unterschied ists nicht weit her. Der große Mann braucht überall viel Boden: Und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen Sich nur die Acste. Mittelgut, wie wir, Findt sich hingegen überall in Menge. Nur muß der eine nicht den andern mäckcln. Nur muß der Knorr den Knubben hübsch vertragen. Nur muß ein Gipfelchcn sich nicht vermessen, Daß es allein der Erde nicht cntschosscn. Tempelherr. Sehr wohl gesagt! — Doch kennt Ihr auch das Volk, Das diese Mcnschenmäckclcy zu erst Getrieben? Wißt Ihr, Nathan, welches Volk Zuerst das auserwähltc Volk sich nannte? Wie? wenn ich dieses Volk nun, zwar nicht haßte, Doch wegen seines Stolzes zu verachten, Mich nicht entbrcchcn könnte? Seines Stolzes; Den es auf Christ und Muselmann vererbte, Nur sein Gott sey der rechte Gott! — Ihr stutzt, Daß ich, ein Christ, ein Tempelherr, so rede? Wenn hat, und wo die fromme Raserey, Den bessern Gott zu haben, diesen bessern Der ganzen Welt als besten aufzudringen, In ihrer schwärzesten Gestalt sich mehr Gezeigt, als hier, als itzt? Wem hier, wem itzt Die Schuppen nicht vom Auge fallen ... Doch Sey blind, wer will! — Vcrgcßt, was ich gesagt; Und laßt Mich! (will gehen.) Nathan. Ha! Ihr wißt nicht, wie viel fester Ich nun mich an Euch drcngcn werde. — Kommt, 260 Nathan der Weise. Wir müssen, müssen Freunde seyn! — Verachtet Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beyde Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind Wir unser Volk? Was heißt denn Volk? Sind Christ und Jude eher Christ und Zudc, Als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch Gefunden hätte, dem es gnügt, ein Mensch Zu hcisscn! Tempelherr. Za, bey Gott, das habt Zhr, Nathan! Das habt Zhr! — Eure Hand! — Ich schäme mich Euch einen Augenblick verkannt zu haben. Nathan. Und ich bin stolz darauf. Nur das Gemeine Verkennt man selten. Tempelherr. Und das Seltene Vergißt man schwerlich. — Nathan, ja; Wir müssen, müssen Freunde werden. Nathan. Sind Es schon. — Wie wird sich meine Rccha freue»! — Und ah! welch eine heitre Ferne schließt Sich meinen Blicken auf! — Kennt sie nur erst! Tempelherr. Ich brenne vor Verlangen. — Wer stürzt dort Aus Eucrm Hause? Zsts nicht ihre Daja? Nathan. Za wohl. So ängstlich? Tempelherr. Unsrer Rccha ist Doch nichts begegnet? Sechster Auftritt. Die Vorigen und Daja eilig. Daja. Nathan! Nathan! Nctthaii der Wcisc. 251 Nathan. Nun? Daja. Verzeihet, edler Ritter, daß ich Euch Muß unterbrechen. Na thau. Nun, was ists? Tempelherr. Was ists? Daja. Der Sultan hat geschickt. Der Sultan will Euch sprechen. Gott, der Sultan! Na thau. Mich? der Sultan? Er wird begierig seyn, zu sehen, was Ich Neues mitgebracht. Sag nur, es sey Noch wenig oder gar nichts ausgepackt. Daja. Nein, nein; er will nichts sehen; will Euch sprechen, Euch in Person, und bald; sobald Ihr könnt. Nathan. Ich werde kommen. — Geh nur wieder, geh! Daja. Nehmt ja nicht übel auf, gestrenger Ritter — Gott, wir sind so bekümmert, was der Sultan Doch will. Rathan. Das wird sich zeigen. Geh nur, geh! Siebender Auftritt. Nathan und dcr Tempelherr. Tempelherr. So kennt Ihr ihn noch nichts — ich meyne, von Person. Nathan. Den Saladin? Noch nicht. Ich habe Ihn nicht vermieden, nicht gesucht zu kennen. 262 Nathan der Weise, Der allgemeine Ruf sprach viel zu gut Von ihm, daß ich nicht lieber glauben wollte, Als sehn. Doch nun, — wenn anders dem so ist, Hat er durch Sparung Eures Lebens... Tempelherr. Za; Dem allerdings ist so. Das Leben, das Ich leb', ist sein Geschenk. Nathan. Durch das er mir Ein doppelt, dreyfach Leben schenkte. Dieß Hat alles zwischen uns verändert; hat Mit eins ein Scil mir umgeworfen, das Mich seinem Dienst' auf ewig fesselt. Kaum, Und kaum, kann ich es nun erwarten, was Er mir zuerst befehlen wird. Ich bin Bereit zu allem; bin bereit ihm zu Gesteh», daß ich es Euertwegen bin. Tempelherr. Noch hab ich selber ihm nicht danken können: So oft ich auch ihm in den Weg getreten. Der Eindruck, den ich auf ihn machte, kam So schnell, als schnell er wiederum verschwunden. Wer weiß, ob er sich meiner gar erinnert. Und dennoch muß er, einmal wenigstens, Sich meiner noch erinnern, um mein Schicksal Ganz zu entscheiden. Nicht genug, daß ich Auf sei» Geheiß noch bin, mit seinem Willen Noch leb': ich muß nun auch von ihm erwarten, Nach wessen Willen ich zu leben habe. Nathan. Nicht anders; um so mehr will ich nicht säumen. — Es fällt vielleicht ein Wort, das mir, auf Euch Zu kommen, Anlaß giebt. — Erlaubt, verzeiht — Ich eile — Wenn, wenn aber sehn wir Euch Bey uns ? Rathan der Wcisc. 2515 Tempelherr. Sobald ich darf. Nathan. So bald Ihr wollt. Tempelherr. Noch heut. Nathan. Und Euer Name? — muß ich bitte». Tempelherr. Mein Name war — ist Curd von Stauffcn. — Eurd! Nathan. Von Stauffcn? — Stauffcn? — Stauffcn? Tempelherr. Warum fällt Euch das so auf? Nathan. Von Stauffcn? — Des Geschlechts Sind wohl schon mehrere... Tempelherr. O ja! hier waren, Hier faulen des Geschlechts schon mchrcrc. Mein Ohcim selbst, — mein Vater will ich sagen, — Doch warum scharst sich Euer Blick auf mich Zc mehr und mehr? Nathan. O nichts! o nichts! Wie kann Ich Euch zu schn ermüden? Tempelherr. Drum verlaß Zch Euch zuerst. Der Blick des Forschers fand Nicht selten mehr, als er zu finden wünschte. Zch fürcht' ihn, Nathan. Laßt die Zeit allmä'lig, Und nicht die Ncugicr, unsre Kundschaft machen. (Er geht.) Nathan. (der ihm mit Erstaunen nachsieht.) „Der Forscher sand nicht selten mehr, als er „Zu finden wünschte." — Ist es doch, als ob Zn meiner Scel' er lese! — Wahrlich ja; S54 Natha» der Weise. Das könnt auch mir begegnen. — Nicht allein Wolfs Wuchs, Wolfs Gang: auch seine Stimme. So, Vollkommen so, warf Wolf sogar den Kopf; Trug Wolf sogar das Schwerd im Arm'; strich Wolf Sogar die Augcnbraunen mit der Hand, Gleichsam das Feuer seines Blicks zu bergen. — Wie solche tiefgcprägte Bilder doch Zu Zeiten in uns schlafen können, bis Ein Wort, ein Laut sie weckt. — Von Stauffen! — Ganz recht, ganz recht; Filnck und Stauffen. — Ich will das bald genauer wissen; bald. Nur erst zum Saladin. — Doch wie? lauscht dort Nicht Daja? — Nnn so komm nur näher, Daja. Achter Auftritt. Daja. Nathan. Nathan. Was gilts? nun drückt- euch beyden schon das Herz, Noch ganz was anders zu erfahren, als Was Saladin mir will. Daja. Verdenkt Zhrs ihr? Zhr fingt so eben an, vertraulicher Mit ihm zu sprechen: als des Sultans Botbschaft Uns von dem Fenster scheuchte. Nathan. Nun so sag Zhr nur, daß sie ihn jcdui Augenblick Erwarten darf. Daja. Gewiß? gewiß? Nathan. Ich kann Mich doch auf dich verlassen, Daja? Sey Auf deiner Hut; ich bitte dich. Es soll Dich nicht gereuen. Dein Gewissen selbst Soll seine Rechnung dabey finden. Nur Nathan der Weise. 255 Verdirb mir nichts in meinem Plane. Nur Erzähl nnd frage mit Bescheidenheit, Mit Rückhalt... Daja. Daß Ihr doch noch erst, so was Erinnern könnt! — Ich geh; geht Ihr mir auch. Denn seht! ich glanbc gar, da kömmt vom Snltan Ein zweiter Both', Al-Hafi, Euer Derwisch, (geht ab,) Neunter Auftritt. Nathan. Al-Hafi. Al-Hafi. Ha! ha! zu Euch wollt ich nun eben wieder. Nathan. Zfts denn so eilig? Was verlangt er denn Von mir? Al-Hafi. Wer? Nathan. Saladin. — Ich komm', ich komme. Al-Hafi. Du wem!' Zum Saladin? Nathan. Schickt Saladin Dich nicht? Al-Hafi. Mich? nein. Hat er denn schon geschickt? Nathan. Ja freylich hat er. Al-Hafi. Nun, so ist es richtig. Nathan. Was? was ist richtig? Al-Hafi. Daß ... ich bin nicht Schuld; Gott weiß, ich bin nicht Schuld. — Was hab ich nicht Von Euch gesagt, gelogen, um es abzuwenden! 25« Nathan der Weisc, Nathan. Was abzuwenden? Was ist richtig? Al-Hafi. Daß Nun Ihr sein Dcftcrdar geworden. Ich Bctaur' Euch. Doch mit anschn will ichs nicht. Zch geh von Stund an; geh. Ihr habt es schon Gehört, wohin; und wißt den Weg. — Habt Ihr Des Wegs was zu bestellen, sagt: ich bin Zu Diensten. Freylich muß es mehr nicht seyn, Als was ein Naktcr mit sich schleppen kann. Zch geh, sagt bald. Nathan. Besinn dich doch, Al-Hafi. Besinn dich, daß ich noch von gar nichts weiß. Was plauderst du denn da? Al-Hafi. Ihr bringt sie doch Gleich mit, die Beutel? Nathan. Beutel? Al-Hafi. Nun, das Geld, Das Zhr dem Saladin vorschießen sollt. Nathan. Und weiter ist es nichts? Al-Hafi. Zch sollt es wohl Mit anschn, wie er Euch von Tag zu Tag Aushöhlen wird bis auf die Zehen? Sollt' Es wohl mit anschn, daß Verschwendung aus Der wciscn Milde sonst nie leeren Scheuern So lange borgt, und borgt, und borgt, bis auch Die armen cingcborncn Mäuschen drinn Verhungern? — Bildct Ihr vielleicht Euch ein, Wer Eucrs Gelds bedürftig sey, der werde Doch Eucrm Rathe wohl auch folgen? — Za; Nathan dcr Wcisc, 257 Er Rathe folgen! Wenn hat Saladin Sich rathen lassen? — Denkt nur, Nathan, was Mir eben ißt mit ihm begegnet. Nathan. Nun? Al-Hafi. Da komm ich zu ihm, eben daß er Schach Gespielt mit seiner Schwester. Sittah spielt Nicht übel; und das Spiel, das Saladin Verloren glaubte, schon gegeben hatte, Das stand noch ganz so da. Zch seh Euch hin, Und sehe, daß das Spiel noch lange nicht Verloren. Nathan. Ey! das war für dich ein Fund! Al-Hafi. Er durste mit dem König an den Bauer Nur rücken, auf ihr Schach. — Wenn ichs Euch gleich Nur zeigen könnte! Nathan. O ich traue dir! Al-Hafi. Denn so bekam dcr Röche Feld: und sie War hin. — Das alles will ich ihm nun weisen Und ruf' ihn. — Denkt!... Nathan. Er ist nicht deiner Meinung? Al-Hafi. Er hört mich gar nicht an, und wirft verächtlich Das ganze Spiel in Klumpen. Nathan. Ist das möglich? Al-Hafi. Und sagt: er wolle matt nun einmal seyn; Er wolle! Heißt das spielen? Nathan. Schwerlich wohl; Heißt mit dem Spiele spielen. LMngs Werkeil. 17 25« Nathan der Wcisc, Al-Hafi. Gleichwohl galt Es keine taube Nuß. Nathan. Geld hin, Geld her! Das ist das wenigste. Allein dich gar Nicht anzuhören! über einen Punkt Von solcher Wichtigkeit dich nicht einmal Zu hören! deinen Adlerblick nicht zu Bewundern! das, das schreyt um Rache; nicht? Al-Hafi. Ach was? Ich sag Euch, das nur so, damit Ihr sehen könnt, was für ein Kopf er ist. Kurz, ich, ich Halts mit ihm nicht langer aus. Da lauf ich nun bey allen schmutzgcn Mohren Herum, und frage, wer ihm borgen will. Ich, der ich nie für mich gebettelt habe, Soll nun für andre borgen. Borgen ist Viel besser nicht als betteln: so wie leihen, Auf Wucher leihen, nicht viel besser ist, Als stehlen. Unter meinen Ghcbcrn, an Dem Ganges, brauch ich beydes nicht, und brauche Das Werkzeug beyder nicht zu seyn. Am Ganges, Am Ganges nur gicbts Menschen. Hier seyd Ihr Der Einzige, der noch so würdig wäre, Daß er am Ganges lebte. — Wollt Ihr mit? — Laßt ihm mit eins den Plunder ganz im Stiche, Um den es ihm zu thun. Er bringt Euch nach Und nach doch drum. So wär' die Plackcrc» Aus einmal aus. Ich schaff Euch einen Dclk. Kommt! kommt! Nathan. Zch dächte zwar, das blieb uns ja Noch immer übrig. Doch, Al-Hafi, will Zchs überlegen. Warte... Rathan der Wcisc, 259 Al-Hafi. Ucberlcgcn? Nein, so was überlegt sich nicht. Nathan. Nur bis Ich von dem Sultan wiederkomme; bis Ich Abschied erst... Al-Hafi. Wer überlegt, der sucht Bcwcgungsgründc, nicht zu dürfen. Wer Sich Knall und Fall, ihm selbst zu leben, nicht Enrschlicsscn kann, der lebet andrer Sklav Auf immer. — Wie Ihr wollt! — Lebt wohl! wies Euch Wohl dünkt. — Mein Weg liegt dort, und Eurer da. Nathan. Al-Hafi!. Du wirst selbst doch erst das Deine Berichtigen? Al-Hafi. Ach Possen! Der Bestand Von meiner Kaß' ist nicht des Zählcns werth; Und meine Rechnung bürgt — Ihr oder Siltah. Lebt wohl! (ab.) Nathan. (ihm nachsehend.) Die bürg' ich! — Wilder, guter, edler — Wie nenn ich ihn? — Der wahre Bettler ist Doch einzig und allein der wahre Konig! (von einer andern Seite ab.) Dritter Aufzug. Erster Auftritt. (Scene: in Nalhans Hause.) Rccha »nd Daja. Rccha. Wie, Daja, drückte sich mein Vater aus? „Ich dürf' ihn jeden Augenblick erwarten?" 17" 2ii0 Nathcin dcr Weise. Das klingt — nicht wahr? — als ob er noch so bald Erscheinen werde. — Wie viel Augenblicke Sind aber schon vorbey! — Ah nun; wer denkt An die verflossenen? — Ich will allein Zn jedem nächsten Augenblicke leben. Er wird doch einmal kommen, der ihn bringt. Daja. O dcr verwünschten Bothschaft von dem Sultan! Denn Nathan hätte sicher ohne sie Ihn gleich mit hergebracht. Recha. Und wenn er nun Gekommen dieser Augenblick, wenn denn Nun meiner Wünsche wärmster, innigster Erfüllet ist: was dann? — was dann? Daja. Was dann? Dann hoff' ich, daß auch meiner Wünsche wärmster Soll in Erfüllung gehen. Recha. Was wird dann Zn meiner Brust an dessen Stelle treten. Die schon verlernt, ohn einen herrschenden Wunsch aller Wünsche sich zu dehnen? — Nichts? Ah, ich erschrecke!... Daja. Mein, mein Wunsch wird dann An des erfüllten Stelle treten; meiner. Mein Wunsch, dich in Europa, dich in Händen Zu wissen, welche deiner würdig sind. Recha. Du irrst. — Was diesen Wunsch zu deinem macht, Das nehmliche verhindert, daß er meiner Ze werden kann. Dich zieht dein Vaterland: Und meines, meines sollte mich nicht halten? Ein Bild der Deinen, das in deiner Seele Noch nicht verloschen, sollet mehr vermögen, Nathan der Weise. 261 Als die ich sehn, und greife» kann, und hören, ^) Die Meinen? Daja. Sperre dich, so viel du willst! Des Himmels Wege sind des Himmels Wege. Und wenn es nun dein Retter selber wäre, Durch den sein Gott, für den er kämpft, dich i» Das Land, dich zu dem Volke führen wollte, Für welche du geboren wurdest? Rccha. Daja! Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja! Du hast doch wahrlich deine sonderbaren Begriffe! „Sein, sein Gott! für den er kämpft!" Wem eignet Gott? was ist das für ein Gott, Der einem Menschen eignet? der für sich Muß kämpfen lassen? — Und wie weiß Man denn, für welchen Erdklos man geboren, Wenn mans für den nicht ist, auf welchem man Geboren? — Wenn mein Vater dich so hörte! — Was that er dir, mir immer nur mein Glück So weit von ihm als möglich vorzuspiegeln? Was that er dir, den Saamcn der Vernunft, Den er so rein in meine Seele streute, Mit deines Landes Unkraut oder Blumen So gern zu mischen? — Liebe, liebe Daja, Er will nun deine bunten Blumen nicht Auf meinem Boden! — Und ich muß dir sagen, Zch selber fühle meinen Boden, wenn Sie noch so schön ihn kleiden, so entkräftet, So ausgezehrt durch deine Blumen; fühle Zn ihrem Dufte, saucrsüsscm Dufte, Mich so betäubt, so schwindelnd! — Dein Gehirn Ist dessen mehr gewohnt. Zch tadle drum Die stärken, Nerven nicht, die ihn vertragen. °) „Als die ich sch, mid grciff', und höre," i» der ersten Ausgabe, 262 Nathan der Weise. Nur schlägt cr mir nicht zu; und schon dein Engel, Wie wenig fehlte, daß cr mich zur Närrinn Gemacht? — Noch schäm' ich mich vor meinem Vater Der Posse! Daja. Posse! — Als ob der Verstand Nur hier zu Hause wäre! Posse! Posse! Wenn ich nur reden dürfte! Rccha. Darfst du nicht? Wenn war ich nicht ganz Ohr, so oft es dir Gefiel, von deinen Elaubcnshcldcn mich Zu unterhalten? Hab' ich ihren Thaten Nicht stets Bewunderung; und ihren Leiden Nicht immer Thränen gern gezollt? Ihr Glaube Schien freylich mir das Heidenmäßigste An ihnen nie. Doch so viel tröstender War mir die Lehre, daß Ergebenheit Zn Gott von unserm Wähnen über Gott So ganz und gar nicht abhängt. — Liebe Daja, Das hat mein Vater uns so oft gesagt; Darüber hast du selbst mit ihm so oft Dich einverstanden: warum untergräbst Du denn allein, was du mit ihm zugleich Gcbauct? — Liebe Daja, das ist kein Gespräch, womit wir unserm Freund' am besten Entgegen sehn. Für mich zwar, ja! Denn mir, Mir liegt daran unendlich, ob auch cr... Horch, Daja! — Kommt es nicht an unsre Thüre? Wenn Er es wäre! horch! Zweyter Auftritt. Rccha. Daja und der Tcmpclhcrr, dem J«mand von aussen die Thüre o'fnct, mit den Worten: Nur hier herein! Rccha. (fährt zusammen, faßt sich, und will ihm zn Füssen fallen.) Er ists! — Mein Rcttcr, ah! Nathan der Weise. Tempelherr. Dieß zu vermeiden Erschien ich blos so spät: und doch — ' Rechn. Ich will Za zu den Füssen dieses stolzen Mannes Nur Gott noch einmal danken; nicht dem Manne. Der Mann will keinen Dank; will ihn so wenig Als ihn der Wasscrcymcr will, der bey Dem Löschen so geschäftig sich erwiesen. Der ließ sich füllen, ließ sich leeren, mir Nichts, dir nichts: also auch der Mann. Auch der Ward nun so in die Glut hineingestoßen; Da fiel ich ungefähr ihm in den Arm; Da blieb ich ungefähr, so wie ein Funken Auf seinem Mantel, ihm in seinen Armen; Bis wiederum, ich weiß nicht was, uns beyde Herausschmiß aus der Glut. — Was giebt es da Zu danken? — Zn Europa treibt der Wein Zu noch weit andern Thaten. — Tempelherren, Die müssen einmal nun so handeln; müssen Wie etwas besser zugelernte Hunde, Sowohl aus Feuer, als aus Wasser hohlen. Tempelherr, (der sie mit Erstaunen und Unruhe die ganze Zeit über bclrachlel.) O Daja, Daja! Wenn in Augenblicken Des Kummers und der Galle, meine Laune Dich übel anließ, warum jede Thorheit, Die meiner Zung' entfuhr, ihr hinterbringen? Das hieß sich zu empfindlich rächen, Daja! Doch wenn du nur von nun an, besser mich Bey ihr vertreten willst. Daja. Ich denke, Ritter, Ich denke nicht, daß diese kleinen Stacheln, Ihr an das Herz geworfen, Euch da sehr Geschadet haben. 264 Nathan dcr Weise. Recha, Wie? Ihr hattet Kummer? Und wart mit Eucrm Kummer geiziger Als Eucrm Leben? Tempelherr. Gutes, holdes Kind! — Wie ist doch meine Seele zwischen Auge Und Ohr getheilt! — Das war das Mädchen nicht, Nein, nein, das war es nicht, das aus dem Feuer Ich höhlte. — Denn wer hätte die gekannt, Und aus dem Feuer nicht gehöhlt? Wer hätte Auf mich gewartet? — Zwar — verstellt — der Schreck (Pause, unter dcr cr, in Anschauung ihrer, sich wie verliert.) Recha. Ich aber sind Euch noch den nehmlichen. — (dergleichen; bis sie fortfährt, um ihn in sciiiem Ilnstauncn zu untcrbrcchcn.) Nun, Ritter, sagt uns doch, wo Ihr so lange Gewesen? — Fast dürft' ich auch fragen: wo Ihr itzo seyd? Tempelherr. Ich bin, — wo ich vielleicht Nicht sollte seyn. — Recha. Wo Zhr gewesen? — Auch Wo Zhr vielleicht nicht solltet seyn gewesen? Das ist nicht gut. Tempelherr. Auf — auf — wie heißt der Berg? Auf Sinai. Recha. , Auf Sinai? — Ah schön! Nun kann ich zuverlässig doch einmal Erfahren, ob es wahr... Tempelherr. Was? was? Obs wahr, Daß noch daselbst dcr Ort zu schn, wo Moscs Vor Gott gestanden, als... Nathan der Weise. 26Z Rechn. Nun das wohl nicht. Denn wo cr stand, stand er vor Gott. Und davon Ist mir zur Gnüge schon bekannt. — Obs wahr, Möcht' ich nur gern von Euch erfahren, daß — Daß es bey weitem nicht so mühsam sey, Auf diesen Berg hinauf zu steigen, als Herab? — Denn seht; so viel ich Berge noch Gestiegen bin, wars just das Gegentheil. — Nun, Ritter? — Was? — Ihr kehrt Euch von mir ab? Wollt mich nicht sehn? Tempelherr. Weil ich Euch hören will. Recha. Weil Zhr mich nicht wollt merken lassen, daß Zhr meiner Einfalt lächelt; daß Zhr lächelt, Wie ich Euch doch so gar nichts Wichtigcrs Von diesem heiligen Berg' aller Berge Zu fragen weiß? Nicht wahr? Tempelherr. So muß Ich doch Euch wieder in die Augen sehn. — Was? Nun schlagt Zhr sie nieder? nun verbeißt Das Lächeln Zhr? wie ich noch erst in Mienen, Zn zweifelhaften Mienen lesen will, Was ich so deutlich hör', Zhr so vernehmlich Mir sagt — verschweigt? — Ah Recha! Recha! Wie Hat cr so wahr gesagt: „Kennt sie nur erst!" Recha. Wer hat? — von wem? — Euch das gesagt? Tempelherr. „Kennt sie Nur erst!" hat Euer Vater mir gesagt; Von Euch gesagt. Daja. Und ich nicht etwa auch? Ich denn nicht auch? 2«;«; Nathan der Weise. Tempelherr. Allein wo ist er denn ? Wo ist den» Euer Vater? Zst er noch Beym Sultan? Recha. Ohne Zweifel. Tempelherr. Noch, noch da? — O mich vergeßlichen! Nein, nein; da ist Er schwerlich mehr. — Er wird dort unten bey Dem Kloster meiner warten; ganz gewiß. So redten, meyn ich, wir es ab.") Erlaubt! Zch geh, ich hohl' ihn... Daja. Das ist meine Sache. Bleibt, Ritter, bleibt. Zch bring ihn unverzüglich. Tempelherr. Nicht so, nicht so! Er sieht mir selbst entgegen; Nicht Euch. Dazu, er konnte leicht... wer weiß? ... Er könnte bey dem Sultan leicht,... Ihr kennt Den Sultan nicht!... leicht in Verlegenheit Gekommen seyn. — Glaubt mir; es hat Gefahr, Wenn ich nicht geh. Recha. Gefahr? was für Gefahr? Tempelherr. Gefahr für mich, für Euch, für ihn: wenn ich Nicht schleunig, schleunig geh. (ab.) Dritter Auftritt. Recha und Daja. Recha. Was ist das, Daja? — So schnell? — Was kömmt ihm an? Was fiel ihm auf? Was jagt ihn? °) „wir ja ab." in der crstcn Ausgabe. Natha» der Weise. Daja. Laßt nur, laßt. Ich dcnk', cs ist Kein schlimmes Zeichen. Recha. Zeichen? nnd wovon? Daja. Daß etwas vorgeht innerhalb. Es kocht, Und soll nicht überkochen. Laßt ihn nur. Nun ists an Euch. Recha. Was ist an mir? Du wirst, Wie er, mir unbegreiflich. Daja. Bald nun könnt Ihr ihm die Unruh all vergelten, die Er Euch gemacht hat. Seyd nur aber auch Nicht allzustrcng, nicht allzu rachbcgicrig. Recha. Wovon du sprichst, das magst du selber wissen. Daja. Und seyd denn Ihr bereits so ruhig wieder? Recha. Das bin ich; ja das bin ich... Daja. Wenigstens Gesteht, daß Ihr Euch seiner Unruh freut; Und seiner Unruh danket, was Ihr itzt Von Ruh' genießt. Recha. Mir völlig unbewußt! Denn was ich höchstens dir gestehen könnte, Wär', daß cs mich — mich selbst befremdet, wie Auf einen solchen Sturm in meinem Herzen So eine Stille plötzlich folgen können. 2K8 Nathau der Weise. Sein voller Anblick, sein Gespräch, sein Ton") Hat mich... Daja. Gesättigt schon? Necha. Gesättigt, will Ich nun nicht sagen; nein — bey weitem nicht — Daja. Den hcisscn Hunger nur gestillt. Recha. Nun ja; Wenn du so willst. Daja. Ich eben nicht. Recha. Er wird Mir ewig werth; mir ewig werther, als Mein Leben bleiben: wenn auch schon mein Puls Nicht mehr bey seinem blossen Namen wechselt; Nicht mehr mein Herz, so oft ich an ihn denke, Geschwinder, stärker schlägt. — Was schwatz' ich? Komm, Komm, liebe Daja, wieder an das Fenster, Das auf die Palmen sieht. Daja. So ist er doch Wohl noch nicht ganz gestillt, der hcissc Hunger. Recha. Nun werd ich auch die Palmen wieder sehn: Nicht ihn blos untern Palmen. Daja. Diese Kälte Beginnt auch wohl ein neues Fieber nur. Recha. Was Kält'? Zch bin nicht kalt. Ich sehe wahrlich Nicht minder gern, was ich mit Ruhe sehe. °) „sein Thun" in der zweite» Ausgabe: in der ersten fehlen beide WoNc. Nathau der Weise. Vierter Auftritt. (Scene: ei» Audicnzscml in dem Pcillaste des Saladin.) Saladin und Sittah. Saladin. (im hcrcintrcte», gegen die Thüre.) Hier bringt den Juden her, so bald er kömmt. Er scheint sich eben nicht zu übereilen. Sittah. Er war auch wohl nicht bey der Hand; nicht gleich Zu finden. Saladin. Schwester! Schwester! Sittah. Thust du doch Als stünde dir ein Treffen vor. Saladin. Und das Mit Waffen, die ich nicht gelernt zu führen. Ich soll mich stellen; soll besorgen lassen; Soll Fallen legen; soll auf Glatteiß führen. Wenn hätt' ich das gekonnt? Wo hätt' ich das Gelernt? — Und soll das alles, ah, wozu? Wozu? — Um Geld zu fischen! Geld! — Um Geld, Geld einem Juden abzubangcn? Geld! Zu solchen kleinen Listen wär' ich endlich Gebracht, der Kleinigkeiten kleinste mir Zu schaffen? Sittah. Jede Kleinigkeit, zu sehr Verschmäht, die rächt sich, Bruder. Saladin. Leider wahr. — Und wenn nun dieser Jude gar der gute, Vcrnünftgc Mann ist, wie der Derwisch dir Ihn ehedem beschrieben? Sittah. O nun dann! Was hat es dann für Noth! Die Schlinge liegt 270 Nathml der Weise. Za nur dem geizigen, bcsorglichcn, Furchtsamen Juden: nicht dem guten, nicht Dem weisen Manne. Dieser ist ja so Schon unser, ohne Schlinge. Das Vergnügen Zu hören, wie ein solcher Mann sich ausrcdt; Mit welcher dreisten Stärk' entweder, er Die Stricke kurz zerreißet; oder auch Mit welcher schlauen Vorsicht er die Netze Vorbey sich windet: dieß Vergnügen hast Du obendrein. Saladin. Nun, das ist wahr. Gewiß; Ich freue mich darauf. Sittah. So kann dich ja Auch weiter nichts verlegen machen. Denn Zsts einer aus der Menge blos; ists blos Ein Jude, wie ein Jude: gegen den Wirst du dich doch nicht schämen, so zu scheinen Wie er die Menschen all sich denkt? Vielmehr; Wer sich ihm besser zeigt, der zeigt sich ihm Als Geck, als Narr. Saladin. So muß ich ja wohl gar Schlecht handeln, daß von mir der Schlechte nicht Schlecht denke? Sittah. Traun! wenn du schlecht handeln nennst, Ein jedes Ding nach seiner Art zu brauchen. Saladin. Was hätt' ein Wcibcrkopf erdacht, das er Nicht zu bcschöncn wüßte! Sittah. Zu bcschöncn! Saladin. Das feine, spitze Ding, besorg ich nur, Zn meiner plumpen Hand zerbricht! — So was Nathan dcr Weise, 271 Will ausgeführt seyn, wies erfunden ist: Mit aller Pfiffigkeit, Gewandtheit. — Doch, Mags doch nur, mags! Ich tanze, wie ich kann; Und könnt' es freylich, lieber — schlechter noch Als besser. Sittah. Trau dir auch nur nicht zu wenig! Ich stehe dir für dich! Wenn du nur willst. — Daß uns die Männer deines gleichen doch So gern bereden möchten, nur ihr Schwert, Ihr Schwert nur habe sie so weit gebracht. Dcr Löwe schämt sich freylich, wenn er mit Dem Fuchse jagt: des Fuchses, nicht dcr List. Saladin. Und daß die Weiber doch so gern den Mann Zu sich herunter hätten! — Geh nur, geh! — Ich glaube meine Lcction zu können. Sittah. Was? ich soll gehn? Saladin. Du wolltest doch nicht bleiben? Sittah. Wenn auch nicht bleiben... im Gesicht euch bleiben — Doch hier im Nebenzimmer — Saladin. Da zu horchen? Auch das nicht, Schwester, wenn ich soll bestchn. — Fort, fort! dcr Vorhang rauscht; er kömmt! — doch daß Du ja nicht da'verweilst! Ich sehe nach. (Indem sie sich durch die eine Thüre entfernt, tritt Nathan zu der andern herein; und Saladin hat sich gesetzt.) Fünfter Auftritt. Saladin und Nathan. Saladin. Tritt näher, Jude! — Näher! — Nur ganz her! — Nur ohne Furcht! 272 R.Uhcm der Weise. Nathan. Die bleibe deinem Feinde! Saladin. Du nennst dich Nathan? Nathan. Za. Sa ladin. Den weisen Nathan? Nathan. Nein. Saladin. Wohl! nennst du dich nicht; nennt dich das Volk. Nathan. Kann seyn; das Volk! Saladin. Du glaubst doch nicht, daß ich Verächtlich von des Volkes Stimme denke? — Ich habe längst gewünscht, den Mann zu kennen. Den es den Weisen nennt. Nathan. Und wenn es ihn Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke wcisc Nichts weiter wär' als klug? und klug nur der. Der sich auf seinen Vortheil gut versteht? Saladin. Auf seinen wahren Vortheil, mcynst du doch? Nathan. Dann freylich wär' der Eigennützigste Der Klügste. Dann wär' freylich klug und weise Nur eins. Saladin. Ich höre dich erweisen, was Du widersprechen willst. — Des Menschen wahre Vortheile, die das Volk nicht kennt, kennst du. Hast du zu kennen wenigstens gesucht; Hast drüber nachgedacht: das auch allein Macht schon den Weisen. Nathan der Weise. 273 Nathan. Der sich jeder dünkt Z» seyn. Saladin. Nun der Bescheidenheit genug! Denn sie nur immerdar zu hören, wo Man trockene Vernunft erwartet, cckclt. (Er springt auf.) Laß uns zur Sache kommen! Aber, aber Aufrichtig, Zud', aufrichtig! Nathan. ' Sultan, ich Will sicherlich dich so bedienen, daß Ich deiner fernern Kundschaft würdig bleibe. Saladin. Bedienen? wie? Nathan. Du sollst das Beste haben Von allem; sollst es um den billigsten Preis haben. Saladin. Wovon sprichst du? doch wohl nicht Von deinen Waaren? — Schachern wird mit dir Schon meine Schwester. (Das der Horchcrinn!) — Ich habe mit dem Kaufmann nichts zu thun. Nathan. So wirst du ohne Zweifel wissen wollen, Was ich auf meinem Wege von dem Feinde, Der allerdings sich wieder reget, etwa Bemerkt, getroffen? — Wenn ich unverhohlen... Saladin. Auch darauf bin ich eben nicht mit dir Gesteuert. Davon weiß ich schon, so viel Ich nöthig habe. — Kurz; — Nathan. Gebiethe, Sultan. '.>-,',mgs Werke 11 18 274 Ratyan der Weise. Saladin. Ich heische deinen Unterricht in ganz Was andcrm; ganz was andcrm. — Da dn nun So weise bist: so sage mir doch einmal — Was für ein Glaube, was für ein Gesetz Hat dir am meisten eingeleuchtet? Nathan. Sultan, Ich bin ein Zud'. Saladin. Und ich ein Muselmann. Der Christ ist zwischen uns. — Bon diesen drey Religionen kann doch eine nur Die wahre seyn. — Ein Mann, wie du, bleibt da Nicht stehen, wo der Zufall der Gcburth Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt, Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern. Wohlan! so theile deine Einsicht mir Dann mit. Laß mich die Gründe hören, denen Ich selber nachzugrübeln, nicht die Zeit Gehabt. Laß mich die Wahl, die diese Gründe Bestimmt, — versteht sich, im Vertrauen — wissen, Damit ich sie zu meiner mache. — Wie? Du stutzest? wägst mich mit dem Auge? — Kann Wohl seyn, daß ich der erste Sultan bin, Der eine solche Grille hat; die mich Doch eines Sultans eben nicht so ganz Unwürdig dünkt. — Nicht wahr? So rede doch'- Sprich! — Oder willst du einen Augenblick, Dich zu bedenken? Gut; ich geb' ihn dir. — (Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen; Will hören, ob ichs recht gemacht. —) Denk nach! Geschwind denk »ach! Ich säume nicht, zurück Zu kommen. (Er geht in das Nebenzimmer, nach welchem sich Siltal) begeben.) Nathan der Weise. 276 Sechster Auftritt. Nathan allein. Hm! hm! — wunderlich! — Wie ist Mir denn? — Was will der Sultan? was? — Ich bin Auf Geld gefaßt; und er will — Wahrheit. Wahrheit! Und will sie so, — so baar, so blank, — als ob Die Wahrheit Münze wäre! — Za, wenn noch Uralte Münze, die gewogen ward! — Das ginge noch! Allein so neue Münze, Die nur der Stempel macht, die man aufs Vrct Nur zählen darf, das ist sie doch nun nicht! Wie Geld in Sack, so striche man in Kopf Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier der Jude ? Zch oder er? — Doch wie? Sollt' er auch wohl Die Wahrheit nicht in Wahrheit fodcrn? — Zwar, Zwar der Verdacht, daß er die Wahrheit nur Als Falle brauche, wär' auch gar zu klein! — Zu klein? — Was ist für einen Grossen denn Zu klein? — Gewiß, gewiß: er stürzte mit Der Thüre so ins Haus! Man pocht doch, hört Doch erst, wenn man als Freund sich naht. — Zch muß Behutsam gehn! — und wie? wie das? — So ganz Stockjudc seyn zu wollen, geht schon nicht. — Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder. Denn, wenn kein Jude, dürft er mich nur fragen, Warum kein Muselmann? — Das wars! Das kann Mich retten! — Nicht die Kinder blos, speist man Mit Mährchcn ab. — Er kömmt. Er komme nur! Siebender Auftritt. Saladin und Nathan. Saladin. (So ist das Feld hier rein!) — Zch komm' dir doch Nicht zu geschwind zurück? Du bist zu Rande Mit deiner Ucbcrlcgung. — Nun so rede! Es hört uns keine Seele. 18" 7,, Nathmi der Wcisc. Nathan. Möcht auch doch Die ganze Wclt uns hören. Saladin. So gewiß Zst Nathan seiner Sache? Ha! das nenn' Ich einen Weisen! Nie die Wahrheit zu Verhehlen! für sie alles auf das Spiel Zu setzen! Leib und Leben! Gut und Blut! Nathan. Za! ja! wanns nöthig ist und nutzt. Saladin. Non nun An darf ich hoffen, einen meiner Titel, Acrbcsscrcr der Wclt und des Gesetzes, Mit Recht zu fuhren. Nathan. Traun, ein schöner Titel ' Doch, Sultan, eh ich mich dir ganz vertraue, Erlaubst du wohl, dir ein Gcschichtchcn zu Erzählen? Saladin. Warum das nicht? Ich bin stets Ein Freund gewesen von Gcschichtchcn, gut Erzählt. Nathan. Za, gut erzählen, das ist nun Wohl eben meine Sache nicht. Saladin. Schon wieder So stolz bescheiden? — Mach! erzähl', erzähle! Nathan. Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Ostcn, Der einen Ring von unschätzbarem Werth' Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein Opal, der hundert schöne Farben spielte, Und hatte die gchcimc Kraft, vor Gott R.itha» dcr Weise. Und Menschen angenehm zu machen, wer Zu dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder, Daß ihn dcr Mann in Osten darum nie Vom Finger ließ; und die Verfügung traf, Auf ewig ihn bey seinem Hause zu Erhalten? Nehmlich so. Er ließ den Ring Von seinen Söhnen dem Gclicbtcstcn; Und setzte fest, daß dieser wiederum Den Ring von seinen Söhnen dem vermache, Dcr ihm dcr liebste sey; und stets der Liebste, Ohn' Anschn der Geburt, in Kraft allein Des Rings, das Haupt, dcr Fürst dcö Hauses werd Versteh mich, Sultan. Saladin. Ich versteh dich. Weiter! Nathan. So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn, Auf einen Vater endlich von drey Söhnen; Die alle drey ihm gleich gehorsam waren, Die alle drey er folglich gleich zu licbcn Sich nicht cntbrcchcn konnte. Nur von Zeit Zu Zeit schien ihm bald dcr, bald dieser, bald Dcr dritte, — so wie jeder sich mit ihm Allein befand, und sein crgicfscnd Herz Die andcrn zwey nicht theilten, — würdiger Des Ringes; den er denn auch einem jeden Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen. Das ging nun so, so lang es ging. — Allein Es kam zum Sterben, und dcr gute Vater Kömmt in Vcrlcgcnhcit. Es schmerzt ihn, zwey Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort Verlassen, so zu kranken. — Was zu thun? — 'Er sendet in geheim zu cincm Künstler, Bey dem er, nach dem Muster scincs Ringes, Zwey andere bestellt, und weder Kosten Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich, Vollkommen gleich zu machen. DaS gelingt 278 Ralhan dcr Weise. Dem Künstler. Da er ihm dic Ringc bringt, Kann selbst der Natcr seinen Musterung Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft Er seine Sohne, jeden ins besondre; Giebt jedem ins besondre seinen Sccgcn, — Und seinen Ring, — und stirbt. — Du hörst doch, Sultan? Sa ladin. (der sich betroffen von ihm gewandt.) Ich hör, ich höre! — Komm mit deinem Mährchcn Nur bald zu Ende. — Wirds? Nathan. Zch bin zu Ende. Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst. — Kaum war der Vater todt, so kömmt ein jeder Mit seinem Ring', und jeder will der Fürst Des Hauses seyn. Man untersucht, man zankt, Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht Erweislich; — (nach einer Panfc, in welcher er des Snllans Antwort erwartet.) Fast so uncrwcislich, als Uns itzt — der rechte Glaube. Saladin. Wie? das soll Dic Antwort seyn auf meine Frage? ... Nathan. Soll Mich blos entschuldigen, wenn ich dic Ringc Mir nicht gctrau zu unterscheiden, die Dcr Natcr in dcr Absicht machcn licß, Damit sie nicht zu untcrschcidcn wären. Saladin. Die Ringc! — Spiele nicht mit mir! — Zch dächte, Daß dic Religionen, dic ich dir Genannt, doch wohl zu untcrschcidcn warm. Bis auf dic Kleidung; bis auf Speis lind Trank! Nathan. Und nur von Seiten ihrer Gründe nicht. — Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte? Rathan der Weise. Geschrieben oder überliefert! — Und Geschichte muß doch wohl allein ans Treu Und Glauben angenommen werden? — Nicht? — Nun wessen Treu und Glauben zieht man denn Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen? Doch deren Blut wir sind? doch deren, die Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe Gegeben? die uns nie getauscht, als wo Getäuscht zu werden uns heilsamer war? — Wie kann ich meinen Vätern weniger. Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt. — Kann ich von dir verlangen, daß du deine Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht Zu widersprechen? Oder umgekehrt. Das nehmliche gilt von den Christen. Nicht? — Sa lad in. (Bey dem Lebendigen! Der Mann hat Recht. Ich muß verstummen.) Nathan. Laß auf unsre Ring' Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter, Unmittelbar aus seines Vaters Hand Den Ring zu haben. — Wie auch wahr! — Nachdem Er von ihm lange das Versprechen schon Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu Gemessen. — Wie nicht minder wahr! — Der Vater, Vethcu'rtc jeder, könne gegen ihn Nicht falsch gewesen seyn; und eh' er dieses Von ihm, von einem solchen lieben Vater, Argwohnen laß': ch' müß' er seine Brüder, So gern er sonst von ihnen nur das Beste Bereit zu glauben sey, des falschen Spiels Bczcihcn; und er wolle die Vcrräthcr Schon auszufindcn wissen; sich schon rächen. 280 Rathaii der Weise. Saladin. Und nun, der Richter? — Mich verlangt zu hören, Was d» den Richter sagen lässest. Sprich! Nathan. Der Richter sprach: wenn ihr mir nun den Vater Nicht bald zur Stelle schafft, so weis' ich euch Von meinem Stuhle. Denkt ihr, daß ich Räthsel Zu lösen da bin? Oder harret ihr. Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne? — Doch halt! Zch höre ja, der rechte Ring Besitzt die Wundcrkraft beliebt zu machen; Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden Doch das nicht können! — Nun; wen lieben zwey Von euch am meisten? — Macht, sagt an! Ihr schweigt Die Ringe wirken nur zurück? und nicht Nach aussen? Zeder liebt sich selber nur Am meisten? — O so seyd ihr alle drey Betrogene Bctricgcr! Eure Ringe Sind alle drey nicht echt. Der echte Ring Vermuthlich ging verloren. Den Verlust Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater Die drey für einen machen. Saladin. Herrlich! herrlich! Nathan. Und also; fuhr der Richter fort, wenn ihr Nicht meinen Rath, statt meines Spruches, wollt: Geht nur! — Mein Rath ist aber der: ihr nehmt Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von Euch jeder seinen Ring von seinem Vater: So glaube jeder sicher seinen Ring Den echten. — Möglich; daß der Vater nun Die Tyranncy des Einen Rings nicht länger Zn seinem Hause dulden wollen! — Und gewiß; Daß er euch alle drey geliebt, und gleich Geliebt: indem er zwey nicht drücken mögen, Nath.ni der Wcisc. 281 Um einen zn begünstigen. — Wohlan! Es eifre jeder seiner uiibestochnen Von Norurtheilen freyen Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmnth, Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohlthun, Mit innigster Ergebenheit in Gott, Zu Hüls'! Und wenn sich dann der Steine Kräfte Bey cucrn Kindes-Kindcskindern äusser»: So lad' ich über tausend tausend Zahrc, Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird Ein wcisrcr Mann auf diesem Stuhle sitzen, Als ich; und sprechen. Geht! — So sagte der Bescheidne Richter. Saladin. Gott! Gott! Nathan. Saladin, Wenn du dich suhlest, dieser weisere Versprochn? Mann zu seyn... Saladin. (der ans ihn zustürzt, und seine Hand ergreift, die er bis zu Ende nicht wieder fahre» läßt.) Ich Staub? Ich Nichts? O Gott! Nathan. Was ist dir, Sultan? Saladin. Nathan, lieber Nathan! — Die tausend tausend Zahrc deines Richters Sind noch nicht um. — Sein Richtcrstuhl ist nicht Der meine. — Geh! — Geh! — Aber sey mein Freund. Nathan. Und weiter hätte Saladin mir nichts Zu sagen? Saladin. Nichts. 282 Nathan der Weise. Nathan. Nichts? Sa lad in. Gar nichts. — Und warum? Nathan. Ich hätte noch Gelegenheit gewünscht, Dir eine Bitte vorzutragen. Saladin. Brauchts Gelegenheit zu einer Bitte? — Rede! Nathan. Zch komm' von einer weiten Reis, auf welcher Ich Schulden eingetrieben. — Fast hab' ich Des baarcn Gelds zu viel. — Die Zeit beginnt Bedenklich wiederum zu werden; — und Zch weiß nicht recht, wo sicher damit hin. — Da dacht ich, ob nicht du vielleicht, — weil doch Ein naher Krieg des Geldes immer mehr Erfodcrt, — etwas brauchen könntest. Saladin. (ihm steif in die Auge» sehend.) Nathan! — Zch will nicht fragen, ob Al-Hafi schon Bey dir gewesen; — will nicht untersuchen, Ob dich nicht sonst ein Argwohn treibt, mir dieses Erbieten freyer Dings zu thun ... Nathan. Ein Argwohn ? Saladin. Zch bin ihn werth. — Verzeih mir! — denn was hilfts ? Zch muß dir nur gestehen, — daß ich im Begriffe war — Nathan. Doch nicht, das Nehmliche An mich zu suchen? Saladin. Allerdings. Nathan der Weise, 283 Nathan. So wär' Uns beyden ja gcholffcn! Daß ich aber Dir alle meine Baarschaft nicht kann schicken, Das macht der junge Tempelherr. Dn kennst Zhn ja. Ihm hab' ich eine große Post Vorher noch zu bezahlen. Saladin. Tempelherr? Du wirst doch meine schlimmsten Feinde nicht Mit deinem Geld' auch unterstützen wollen? Nathan. Ich spreche von dem einen nur, dem du Das Leben spartest... Saladin. Ah! woran erinnerst Du mich! — Hab' ich doch diesen Jüngling ganz Vergessen! — Kennst du ihn? — Wo ist er? Nathan. Wie? So weißt du nicht, wie viel von deiner Gnade Für ihn, durch ihn auf mich geflossen? Er, Er mit Gefahr des neu crhaltncn Lebens, Hat meine Tochter aus dem Fcu'r gerettet. Saladin. Er? Hat er das? — Ha! darnach sah er aus. Das hätte traun °) mein Bruder auch gethan, Dem er so ähnelt! — Zst er denn noch hier? So bring ihn her! — Ich habe meiner Schwester Von diesem ihren Bruder, den sie nicht Gekannt, so viel erzählet, daß ich sie Sein Ebenbild doch auch muß sehen lassen! — Geh, hohl ihn! — Wie aus Einer guten That, Gcbahr sie auch schon blosse Leidenschaft, Doch so viel andre gute Thaten flicsscn! Geh, hohl ihn! ") „Das hätte sicherlich" in der ersten Ausgabe. S84 Rathan der Weise. Natha». (indem er Saladins Hand fahren läßt.) Augenblicks! Und bey dem andern Bleibt es doch auch? (ab.) Sa lad in. Ah! daß ich meine Schwester Richt horchen lassen! — Zu ihr! zu ihr! — Denn Wie soll ich alles das ihr nun erzählen? (ab von der andern Seite.) Siebender Auftritt. (Die Scene: unter den Palmen, in der Nähe des Klosters, wo der Tempel. Herr Rathaus wartet.) Tempelherr. (Geht, mit sich selbst kämpfcud, auf und ab; bis er losbricht.) — Hier hält das Opfcrthicr ermüdet still. — Nun gut! Ich mag nicht, mag nicht näher wissen, Was in mir vorgeht; mag voraus nicht wittern, Was vorgchn wird. — Genug, ich bin umsonst Gcflohn! umsonst. — Und weiter konnt' ich doch Auch nichts, als flichn! — Nun komm', was kommen soll! — Zhm auszubcugen, war der Streich zu schnell Gefallen; unter den zu kommen, ich So lang und viel mich weigerte. — Sie sehn, Die ich zu sehn so wenig lüstern war, — Sie sehn, und der Entschluß, sie wieder aus Den Augen nie zu lassen — Was Entschluß? Entschluß ist Vorsatz, That: und ich, ich litt', Zch litte blos. — Sie sehn, und das Gefühl, An sie verstrickt, in sie verwebt zu seyn, War eins. — Bleibt eins. — Von ihr getrennt Zu leben, ist mir ganz undenkbar; wär' ~ Mein Tod, — und wo wir immer nach dem Tode Noch sind, auch da mein Tod. — Ist das nun Liebe: So — liebt der Tempelritter freylich, — liebt Der Christ das Zudcnmädchcn freylich. — Hm! Was thuts? — Zch hab' in dem gelobten Lande, — Und drum auch mir gelobt auf immerdar! — Rathan der Wcisc. Der Vorurthcilc mehr schon abgelegt. — Was will mein Orden auch? Ich Tempelherr Bin todt; war von dem Augenblick' ihm todt, Der mich zu Saladins Gefangnen machte. Der Kopf, den Saladin mir schenkte, wär' Mein alter? — Zst ein neuer; der von allem Nichts weiß, was jenem eingcplandcrt ward, Was jenen band. — Und ist ein bcfsrcr; für Den väterlichen Himmel mehr gemacht. Das spür' ich ja. Denn erst mit ihm beginn' Ich so zu denken, wie mein Vater hier Gedacht muß haben; wenn man Mährchcn nicht Von ihm mir vorgelogen. — Mährchcn? — doch Ganz glaubliche; die glaublicher mir nie, Als ißt geschienen, da ich nur Gefahr Zu straucheln lauffe, wo er fiel. — Er fiel? Ich will mit Männern lieber fallen, als Mit Kindern stehn. — Sein Beyspiel bürget mir Für seinen Beyfall. Und an wessen Beyfall Liegt mir denn sonst? — An Nathans? — O an dessen Ermuntrung mehr, als Beyfall, kann es mir Noch weniger gebrechen. — Welch ein Jude! — Und der so ganz nur Jude scheinen will! Da kömmt er; kömmt mit Hast; glüht heitre Freude. Wer kam vom Saladin je anders? He! He, Nathan! Achter Auftritt. Nathan und der Tempelherr. Nathan. Wie? seyd Zhrs? Tempelherr. Ihr habt Sehr lang' Euch bey dem Sultan aufgehalten. Nathan. So lange nun wohl nicht. Ich ward im hingchn Zu viel verweilt. — Ah, wahrlich Curd; der Mann 286 Nathan der Wcisc. Steht seinen Rnhm. Sein Rnhm ist blos sein Schatten. Doch laßt vor allen Dingen Euch geschwind Nur sagen... Tempelherr. Was? Nathan. Er will Euch sprechen; will, Daß ungesäumt Zhr zu ihm kommt. Begleitet Mich nur nach Hause, wo ich noch für ihn Erst etwas anders zu verfügen habe: Und dann, so gehn wir. Tempelherr. Nathan, Euer Haus Bctrct' ich wieder eher nicht... Nathan. So seyd Zhr doch indeß schon da gewesen? habt Indeß sie doch gesprochen? — Nun? — Sagt: wie Gefällt Euch Nccha? Tempelherr. Ueber allen Ausdruck! Allein, — sie wicdcrschn — das werd ich nie! Nie! nie! — Zhr mußtet mir zur Stelle denn Versprechen: — daß ich sie auf immer, immer — Soll können sehn. Nathan. Wie wollt Zhr, daß ich das Versteh'? Tempelherr, (nach einer kurzen Panse ihm plötzlich nm den Hals fallend,) Mein Vater! Nathan. — Zungcr Man»! Tempelherr, (ihn eben so plötzlich wieder lassend) Nicht Sohn? Zch bitt' Euch, Nathan! — Nathan der Weise, 287 Nathan. Lieber junger Mann! Tempelherr. Nicht Sohn? — Zch bitt Euch, Nathan! — Ich beschwör' Euch bey den ersten Banden der Natur! — Zieht ihnen spätre Fesseln doch nicht vor! — Begnügt Euch doch ein Mensch zu seyn! — Stoßt mich Nicht von Euch! Nathan. Lieber, lieber Freund!... Tempelherr. Und Sohn? Sohn nicht? — Auch dann nicht, dann nicht einmal, wen» Erkenntlichkeit zum Herzen Eurer Tochter Der Liebe schon den Weg gcbahnct hätte? Auch dann nicht einmal, wenn in eins zu schmelzen Auf Eucrn Wink nur beyde warteten? — Ihr schweigt? Nathan. Ihr überrascht mich, junger Ritter. Tempelherr. Zch überrasch' Euch? — überrasch' Euch, Nathan, Mit Eucrn eigenen Gedanken? — Zhr Verkennt sie doch in meinem Munde nicht? — Zch überrasch' Euch? Nathan. Eh ich einmal weiß, Was für ein Staufcn Euer Natcr denn Gewesen ist! Tempelherr. Was sagt Zhr, Nathan? was? — Zn diesem Augenblicke fühlt Zhr nichts, Als Ncubcgier? Nathan. Denn seht! Zch habe selbst Wohl einen Staufcn ehedem gekannt, Der Conrad hicß. 288 Nath.ni der Weift. Tempelherr. Nun — wenn mein Vater denn Nun eben so gchcisscn hätte? Nathan. Wahrlich? Tempelherr. Ich hcissc selber ja nach meinem Vater: Curd Ist Conrad. Nathan. Nun — so war mein Conrad doch Nicht Euer Vater. Denn mein Conrad war, Was Zhr; war Tempelherr; war nie vermählt. Tempelherr. O darum! Nathan. Wie? Tempelherr. O darum könnt' er doch Mein Vater wohl gewesen seyn. Nathan. Zhr scherzt. Tempelherr. Und Ihr nchmts wahrlich zu genau! — Was wärs Denn nun? So was von Bastard oder Bankert! Der Schlag ist auch nicht zu verachten. — Doch Entlaßt mich immer meiner Ahnenprobc. Ich will Euch Eurer wiederum entlassen. Nicht zwar, als ob ich den geringsten Zweifel Zn Euern Stammbaum setzte. Gott behüte! Zhr könnt ihn Blatt vor Blatt bis Abraham Hinauf belegen. Und von da so weiter, Weis ich ihn selbst; will ich ihn selbst beschwören. Nathan. Zhr werdet bitter. — Doch verdien' ichs? — Schlug Zch denn Euch schon was ab? — Zch will Euch ja Nur bey dem Worte nicht den Augenblick So fassen. — Weiter nichts. Rathan der Weise. 289 Tempelherr. Gewiß? — Nichts weiter? O so vergebt!... Nathan. Nun kommt nur, kommt! Tempelherr. Wohin? Nein! — Mit in Euer Haus? — Das nicht! das nicht! — Da> brcnnts! — Zch will Euch hier erwarten. Geht! — Soll ich sie wicdcrschn: so seh ich sie Noch oft genug. Wo nicht: so sah ich sie Schon viel zu viel... Nathan. Zch will mich möglichst eilen. Neunter Auftritt. Der Tempelherr und bald darauf Daja. Tempelherr. Schon mehr als gnug! — Des Menschen Hirn faßt so Unendlich viel; und ist doch manchmal auch So Plötzlich voll! von einer Kleinigkeit So plötzlich voll! — Taugt nichts, taugt nichts; es sey Auch voll wovon es will. — Doch nur Geduld! Die Seele wirkt den aufgcdunsncn Stoff Bald in einander, schafft sich Raum, und Licht Und Ordnung kommen wieder. — Lieb' ich denn Zum erstenmale? — Oder war, was ich Als Liebe kenne, Liebe nicht? — Ist Liebe Nur was ich itzt empfinde?... Daja. (die sich vo» der Seite herbcygeschlichen.) Ritter! Ritter! Tempelherr. Wer ruft? — Ha, Daja, Ihr? Daja. Zch habe mich Bey ihm vorbey geschlichen. Aber noch Leslmgs Werke ii, 19 290 Nathan der Weise. Könnt' cr uns sehn, wo Zhr da steht. — Drnm kommt Doch näher zu mir, hinter diesen Baum. Tempelherr. Was giebts denn? — So gchcimnißvoll? — Was ists? Daja. Za wohl bctrift es ein Geheimniß, was Mich zu Euch bringt; und zwar ein doppeltes. Das eine weiß nur ich; das andre wißt Nur Zhr. — Wie wär es, wenn wir tauschten? Vertraut mir Eucrs: so vertrau' ich Euch Das Meine. Tempelherr. Mit Vergnügen. — Wenn ich nur Erst weiß, was Zhr für Meines achtet. Doch Das wird aus Eucrm wohl erhellen. — Fangt Nur immer an. Daja. Ey denkt doch! — Nein, Herr Ritter: Erst Zhr; ich folge. — Denn versichert, mein Geheimniß kann Euch gar nichts nutzen, wenn Zch nicht zuvor das Eure habe. — Nur Geschwind! — Denn frag' ichs Euch erst ab: so habt Ihr nichts vertrauet. Mein Geheimniß dann Bleibt mein Geheimniß; und das Eure seyd Zhr los. — Doch, armer Ritter! — Daß ihr Männer Ein solch Geheimniß vor uns Weibern haben Zu können, auch nur glaubt! Tempelherr. Das wir zu haben Oft selbst nicht wissen. Daja. Kann wohl seyn. Drum muß Zch freylich erst, Euch selbst damit bekannt Zu machen, schon die Freundschaft haben. — Sagt: Was hieß denn das, daß Zhr so Knall und Fall Euch aus dem Staube machtet? daß Zhr uns So sitzen ließet? — daß Ihr nun mit Nathan Nathan der Weise. Nicht wiederkommt? — Hat Recha denn so wenig Auf Euch gewirkt? wie? oder auch, so viel? — So viel! so viel! — Lehrt Ihr des armen Vogels, Der an der Ruche klebt, Gcflattrc mich Doch kennen! — Kurz: gesteht es mir nur gleich, Daß Ihr sie liebt, liebt bis zum Unsinn; und Ich sag' Euch was... Tempelherr. Zum Unsinn? Wahrlich; Ihr Versteht Euch trefflich drauf. Daja. Nun gebt mir nur Die Liebe zu; den Unsinn will ich Euch Erlassen. Tempelherr. Weil er sich von selbst versteht? — Ein Tempelherr ein Judcnmädchcn lieben!... Daja. Scheint freylich wenig Sinn zu haben. — Doch Zuweilen ist des Sinns in einer Sache Auch mehr, als wir vermuthen; und es wäre So unerhört doch nicht, daß uns der Hcyland Auf Wegen zu sich zöge, die der Kluge Von selbst nicht leicht betreten würde. Tcmpelh err. Das So feycrlich? — (Und setz' ich statt des Heylands Die Vorsicht: hat sie denn nicht Recht?) Ihr macht Mich ncubcgicrigcr, als ich wohl sonst Zu seyn gewohnt bin. Daja. O! das ist das Land Der Wunder! Tempelherr. (Nun! — des Wunderbaren. Kann Es auch wohl anders seyn? Die ganze Welt Drängt sich ja hier zusammen.) — Liebe Daja, 292 Nathan der Weise. Nehmt für gestanden an, was ihr verlangt: Daß ich sie liebe; daß ich nicht begreife, Wie ohne sie ich leben werde; daß... Daja. Gewiß? gewiß? — So schwört mir, Ritter, sie Zur Eurigcn zu machen; sie zu retten; Sie zeitlich hier, sie ewig dort zu retten. Tempelherr. Und wie? — Wie kann ich? — Kann ich schwören, was Zn meiner Macht nicht steht? Daja. Zn Enrcr Macht Steht es. Ich bring' es durch ein einzig Wort Zn Eure Macht. Tempelherr. Daß selbst der Vater nichts Dawicdcr hätte? Daja. Ey, was Vater! Vater! Der Vater soll schon müssen. Tempelherr. Müssen, Daja? — Noch ist er unter Räuber nicht gefallen. — Er muß nicht müssen. Daja. Nun, so muß er wollen; Muß gern am Ende wollen. Tempelherr. Muß und gern! — Doch, Daja, wenn ich Euch nun sage, daß Zch selber diese Sait' ihm anzuschlagen Bereits versucht? Daja. Was? und er fiel nicht ein? Tempelherr. Er fiel mit einem Mißlaut ein, der mich — Beleidigte. Nathan der Weise. 293 Da ja. Was sagt Ihr? — Wie ? Ihr hättet Den Schatten eines Wunsches nur nach Rccha Ihm blicken lassen: und er wär' vor Freuden Nicht aufgesprungen ? hätte frostig sich Zurückgezogen? hätte Schwierigkeiten Gemacht? Tempelherr. So ungefähr. Daja. So will ich denn Mich länger keinen Augenblick bedenken — ('Pause,) Tempelherr. Und Ihr bedenkt Euch doch? Daja. Der Mann ist sonst So gut! — Ich selber bin so viel ihm schuldig! — Daß er doch gar nicht hören will! — Gott weiß, Das Herze blutet mir, ihn so zu zwingen. Tempelherr. Ich bitt' Euch, Daja, setzt mich kurz und gut Aus dieser Ungewißheit. Seyd Zhr aber Noch selber ungewiß; ob, was Zhr vorhabt, Gut oder Böse, Schändlich oder Löblich Zu nennen: — schweigt! Ich will vergessen, daß Zhr etwas zu verschweigen habt. Daja. Das spornt Anstatt zu halten. Nun; so wißt denn: Rccha Zst keine Jüdinn; ist — ist eine Christinn. Tempelherr, (kalt) So? Wünsch' Euch Glück! Hats schwer gehalten? Laßt Euch nicht die Wehen schrecken! — Fahret ja Mit Eifer fort, dcn Himmcl zu bcvölkcrn; Wenn Zhr die Erde nicht mehr könnt! 294 Nachan der Weise. Da ja. Wic, Ritter? Verdienet mcinc Nachricht diesen Spott? Daß Rccha cinc Christinn ist: das freuet Euch, einen Christen, einen Tempelherrn, Der Ihr sie liebt, nicht mehr? Tempelherr. Besonders, da Sie cinc Christinn ist von Eurer Mache. Daja. Ah! so versteht Zhrs? So mags gelten! — Nein Den will ich sehn, der die bekehren soll! Ihr Glück ist, längst zu seyn, was sie zu werden Verdorben ist. Tempelherr. Erklärt Euch, oder — geht! Daja. Sie ist ein Christcnkind; von Christcnältcrn Gcbohrcn; ist getauft... Tempelherr, (hastig) Und Nachan? Daja. Nicht Ihr Vater! Tempelherr. Nachan nicht ihr Vater? —. Wißt Zhr, was Ihr sagt? Daja. Die Wahrheit, die so oft Mich blutgc Thränen weinen machen. — Nein, Er ist ihr Vater nicht... Tempelherr. Und hätte sie, Als seine Tochter nur erzogen? hätte Das Christcnkind als eine Jüdinn sich Erzogen? Natha» der Weise. Daja. Ganz gewiß. Tempelherr. Sie wüßte nicht, Was sie gcbohren sey? — Sie hätt' es mc Aon ihm erfahren, daß sie eine Christinn Gebohrcn sey, und keine Jüdinn? Daja. Nie! Tempelherr. Er hätt' in diesem Wahne nicht das Kind Blos aufcrzogen? ließ das Mädchen noch Zn diesem Wahne? Daja. Leider! Tempclhe rr. Nathan — Wie? — Der weise gute Nathan hätte sich Erlaubt, die Stimme der Natur so zu Verfälschen? — Die Ergiessung eines Herzens So zu vcrlcnkcn, die, sich selbst gelassen, Ganz andre Wege nehmen würde? — Daja, Ihr habt mir allerdings etwas vertraut — Von Wichtigkeit, — was Folgen haben kann, — Was mich verwirrt, — worauf ich gleich nicht weiß, Was mir zu thun. — Drum laßt mir Zeit. — Drum geht Er kömmt hier wiederum vorbey. Er möcht' Uns überfallen. Geht! Daja. Ich wär' des Todes! Tempelherr. Ich bin ihn itzt zu sprechen ganz und gar Nicht fähig. Wenn Ihr ihm begegnet, sagt Ihm nur, daß wir einander bey dem Sultan Schon finden würden. Daja. Aber laßt Euch ja 296 Naihan der Weise. Nichts mcrkcn gegen ihn. — Das soll nur so Den letzten Druck dem Dinge geben; soll Euch, Ncchas wegen, alle Skrupel nur Benehmen! — Wenn Zh? aber dann, sie nach Europa führt: so laßt Ihr doch mich nicht Zurück? Tempelherr. Das wird sich finden. Geht nur, geht! Vierter Aufzug. Erster Auftritt. Scene: in den Krciizgä'ngcn des Klosters. Der Klosterbruder und bald darauf der Tempelherr. Klosterbruder. Za, ja! er hat schon Recht, der Patriarch! Es hat mir freylich noch von alle dem Nicht viel gelingen wollen, was er mir So aufgetragen. — Warum trägt er mir Auch lauter solche Sachen auf? — Ich mag Nicht fein seyn; mag nicht überreden; mag Mein Naschen nicht in alles stecken; mag Mein Händchen nicht in allem haben. — Bin Ich darum aus der Welt geschieden, ich Für mich; um mich für andre mit der Welt Noch erst recht zu verwickeln? Tempelherr, (mit Hast auf ihn zukommend.) Guter Bruder! Da seyd Zhr ja. Ich hab' Euch lange schon Gesucht. Klosterbruder. Mich, Herr? Tempelherr. Zhr kennt mich schon nicht mehr? Klosterbruder. Doch, doch! Zch glaubte nur, daß ich den Herrn Nathaii der Weise. 297 Zn meinem Leben wieder nie zu sehn Bekommen würde. Denn ich hoft' cs zu Dem lieben Gott. — Der liebe Gott, der weiß Wie sauer mir der Antrag ward, den ich Dem Herrn zu thun verbunden war. Er weiß, Ob ich gewünscht, ein offnes Ohr bey Euch Zu finden; weiß, wie sehr ich mich gefreut, Zm Znncrstcn gefreut, daß Ihr so rund Das alles, ohne viel Bedenken, von Euch wiest, was einem Ritter nicht gczicmt. — Nun kommt Ihr doch; nun hats doch nachgewirkt! Tempelherr. Ihr wißt cs schon, warum ich komme? Kaum Weiß ich cs selbst. Klosterbruder. Ihr habts nun überlegt; Habt nun gefunden, daß der Patriarch So Unrecht doch nicht hat; daß Ehr' und Geld Durch seinen Anschlag zu gewinnen; daß Ein Feind ein Fcind ist, wcnu cr unser Engel Auch siebenmal gewesen wäre. Das, Das habt Ihr nun mit Fleisch und Blut erwogen, Und kommt, und tragt Euch wieder au. — Ach Gott! Tempelherr. Mein frommer, lieber Mann! gebt Euch zufrieden. Deswegen komm' ich nicht; deswegen will Ich nicht den Patriarchen sprechen. Noch, Noch denk' ich über jenen Punkt, wie ich Gedacht, und wollt' um alles in der Welt Die gute Meynung nicht verlieren, deren Mich ein so gradcr, frommer, lieber Mann Einmal gcwürdigct. — Ich komme blos, Dcn Patriarchen über eine Sache Um Rath zu fragen... Klosterbruder. Ihr dcn Patriarchen? Ein Ritter, einen — Pfaffen? (sich schiichlmi umscheud,) 5 Nathan der Weise. Tempelherr. Za; — die Sach' Ist ziemlich pfäffisch. Klosterbruder. Gleichwohl fragt der Pfaffc Den Ritter nie, die Sache sey auch noch So ritterlich. Tempelherr. Weil er das Vorrecht hat, Sich zu vcrgchn; das unser einer ihm Nicht sehr beneidet. — Freylich, wenn ich nur Für mich zu handeln hätte; freylich, wenn Ich Rechenschaft nur mir zu geben hätte: Was braucht' ich Eucrs Patriarchen? Aber Gewisse Dinge will ich lieber schlecht, Nach andrer Willen, machen; als allein Nach meinem, gut. — Zudem, ich seh nun wohl, Religion ist auch Parthey; und wer Sich drob auch noch so unpartcyisch glaubt, Hält, ohn' es selbst zu wissen, doch nur seiner Die Stange. Weil das einmal nun so ist: Wirds so wohl recht seyn. Klosterbruder. Dazu schweig' ich lieber. Denn ich versteh den Herrn nicht recht. Tempelherr. Und doch! — (Laß sehn, warum mir eigentlich zu thun! Um Machtspruch oder Rath? — Um läutern, oder Gelehrten Rath?) — Ich dank' Euch, Bruder; dank' Euch für den guten Wink. — Was Patriarch? — Seyd Ihr mein Patriarch! Zch will ja doch Den Christen mehr im Patriarchen, als Den Patriarchen in dem Christen fragen. — Die Sach' ist die... Klosterbruder. Nicht weiter, Herr, nicht weiter! «« Nachaii der Weise. 299 Wozu? — Der Herr verkennt mich. — Wer viel weiß, Hat viel zu sorgen; und ich habe ja Mich Einer Sorge nur gelobt. — O gut! Hört! seht! Dort kömmt, zu meinem Glück, er selbst. Bleibt hier nur stehn. Er hat Euch schon erblickt. Zweyter Auftritt. Der Patriarch, welcher mit allem geistlichen Pomp dm einen Krcuzgang heraufkömmt, und die Vorigen. Tempelherr. Zch wich ihm lieber aus. — Wär' nicht mein Mann! — Ein dicker, rother, freundlicher Prälat! Und welcher Prunk! Klosterbruder. Ihr solltet ihn erst sehn, Nach Hofe sich erheben. Ztzo kömmt Er nur von einem Kranken. Tempelherr. Wie sich da Nicht Saladin wird schämen müssen! Patriarch, (indem er naher kommt, winkt dem Bruder) Hier! — Das ist ja wohl der Tempelherr. Was will Er? Klosterbruder. Weiß nicht. Patriarch. (auf ihn zugehend, indem der Bruder und das Gefolge zurücktreten.) Nun, Herr Ritter! — Sehr erfreut Den braven jungen Mann zu sehn! — Ey, noch So gar jung! — Nun, mit Gottes Hülfe, daraus Kann etwas werden. Tempelherr. Mehr, chrwürd'gcr Herr, Wohl schwerlich, als schon ist. Und eher noch, Was weniger. 300 Nathan der Weise. Patriarch. Zch wünsche wenigstens, Daß so ein frommer Ritter lange noch Der lieben Christenheit, der Sache Gottes Zu Ehr nnd Frommen blühn lind grünen möge! Das wird denn auch nicht schien, wenn nur fein Die junge Tapferkeit dem reifen Rathe Des Alters folgen will! — Womit wär' sonst Dem Herrn zu dienen? Tempelherr. Mit dem nehmlichen, Woran es meiner Jugend fehlt: mit Rath. Patriarch. Recht gern! — Nur ist der Rath auch anzunehmen. Tempelherr. Doch blindlings nicht? Patriarch. Wer sagt denn das? — Ey freylich Muß niemand die Vernunft, die Gott ihm gab, Zu brauchen unterlassen, — wo sie hin Gehört. — Gehört sie aber überall Denn hin? — O nein! — Zum Beyspiel; wenn uns Gott Durch einen seiner Engel, — ist zu sagen, Durch einen Diener seines Worts, — ein Mittel Bekannt zu machen würdiget, das Wohl Der ganzen Christenheit, das Heil der Kirche, Auf irgend eine ganz besondre Weise Zu fördern, zu befestigen: wer darf Sich da noch untersteh», die Willkühr deß, Der die Vernunft erschaffen, nach Vernunft Zu untersuchen? und das ewige Gesetz der Herrlichkeit des Himmels, nach Den kleinen Regeln einer citcln Ehre Zu prüfen? — Doch hiervon genug. — Was ist Es denn, worüber unsern Rath für itzt Der Herr verlangt? Nathan der Weise. Tempelherr. Gesetzt, chrwürd'gcr Vater, Ein Jude hätt' ein einzig Kind, — es sey Ein Mädchen, — das er mit der größten Sorgfall All allem Guten auferzogcn, das Er liebe mehr als seine Seele, das Ihn wieder mit der frömmsten Liebe liebe. Und min würd' nnscr Einem hintcrbracht, Dieß Mädchen sey des Zudcn Tochter nicht; Er hab' es in der Kindheit aufgelesen, Gekauft, gestohlen, — was Ihr wollt; man wisse, Das Mädchen sey ein Christcnkind, und sey Getauft; der Zudc hab' es nur als Jüdinn Erzogen; laß es nur als Jüdinn und Als seine Tochter so verharren: — sagt, Ehrwürd'ger Vater, was wär' hierbey wohl Zu thun? Patriarch. Mich schaudert! — Doch zu allererst Erkläre sich der Herr, ob so ein Fall Ein Faktum oder eine Hypothes'. Das ist zu sagen: ob der Herr sich das Nur blos so dichtet, oder obs geschehn, Und fortfährt zu geschehn. Tempelherr. Ich glaubte, das Sey eins, um Euer Hochchrwürdcn Meynung Blos zu vernehmen. Patriarch. Eins? — Da seh der Herr Wie sich die stolze menschliche Vernunft Zm Geistlichen doch irren kann. — Mit Nichten! Denn ist der vorgctragne Fall nur so i Ein Spiel des Witzes: so verlohnt es sich Der Mühe nicht, im Ernst ihn durchzudcukcn. Ich will den Herrn damit auf das Theater Verwiesen haben, wo dergleichen pro 302 Nathan der Weise. contra sich mit vielem Beyfall könnte Behandeln lassen. — Hat der Herr mich aber Nicht blos mit einer theatralischen Schnurre Zum besten; ist der Fall ein Faktum; hätt' Er sich wohl gar in unsrer Diöces', Zn unsrer lieben Stadt Jerusalem, Eräugnct: — ja alsdann — Tempelherr. Und was alsdann? Patriarch. Dann wäre mit dem Juden sördcrsamst Die Strafe zu vollzieh», die Päbstlichcs Und Kaiserliches Recht so einem Frevel, So einer Lastcrthat bestimmen. Tempelherr. So? Patriarch. Und zwar bestimmen obbcsagtc Rechte Dem Juden, welcher einen Christen zur Apostasic verführt, — den Schciterhauffcn, — Den Holzstoß — Tempelherr. So? Patriarch. Und wie vielmehr dem Juden, Der mit Gewalt ein armes Christcnkind Dem Bunde seiner Tauf entreißt! Denn ist Nicht alles, was man Kindern thut, Gewalt ? — Zu sagen: — ausgenommen, was die Kirch' An Kindern thut. Tempelherr. Wenn aber nun das Kind, Erbarmte seiner sich der Jude nicht, Vielleicht im Elend umgekommen wäre? Patriarch. Thut nichts! der Jude wird verbrannt. — Denn besser, Es wäre hier im Elend umgekommen, Nathan der Weise. 303 Als daß zu seinem ewigen Verderben Es so gerettet ward. — All dem, was hat Der Zudc Gott denn vorzugreifen ? Gott Kann, wen er retten will, schon ohn' ihn retten. Tempelherr. Auch Trotz ihm, sollt' ich meynen, — selig machen. Patriarch. Thut nichts! der Jude wird verbrannt. Tempelherr. Das geht Mir nah'! Besonders, da man sagt, er habe Das Mädchen nicht sowohl in seinem, als Vielmehr in keinem Glauben aufcrzogen, Und sie von Gott nicht mehr nicht weniger Gelehrt, als der Vernunft genügt, Patriarch. Thut nichts! Der Jude wird verbrannt... Ja, war' allein Schon diescrwcgen werth, dreymal verbrannt Zu werden! — Was ? ein Kind ohn' allen Glauben Erwachsen lassen? — Wie? die große Pflicht Zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren«! Das ist zu arg! Mich wundert sehr, Herr Ritter, Euch selbst... Tempelherr. Ehrwürd'gcr Herr, das Ucbrigc, Wenn Gott will, in der Beichte, (will gehn.) Patriarch. Was? mir nun Nicht einmal Rede stehn? — Den Böscwicht, Den Juden mir nicht nennen? — mir ihn nicht Zur Stelle schaffen? — O da weiß ich Rath! Zch geh sogleich zum Sultan. — Saladin, Vermöge der Capitulation, Die er beschworen, muß uns, muß uns schützen; Bey allen Rechten, allen Lehren schützen, Die wir zu unsrer allcrhciligstcn 304 Rathan der Weise. Religion nur immer rechnen dürfen! Gottlob! wir haben das Original. Wir haben seine Hand, sein Siegel. Wir! — Auch mach' ich ihm gar leicht begreiflich, wie Gefährlich selber für den Staat es ist, Nichts glauben! Alle bürgerliche Bande Sind aufgelöset, sind zerrissen, wenn Der Mensch nichts glauben darf. — Hinweg! hinweg Mit solchem Frevel!... Tempelherr. Schade, daß ich nicht Den trefflichen Sermon mit bcßrcr Müsse Genießen kann! Ich bin zum Saladin Gerufen. Patriarch. Ja? — Nun so — Nun freylich — Dann — Tempelherr. Ich will den Sultan vorbereiten, wenn Es Eurer Hochehrwürdcu so gefällt. Patriarch. O, oh! — Ich weiß, der Herr hat Gnade funden Vor Saladin! — Ich bitte meiner nur Zm Besten bey ihm eingedenk zu seyn. — Mich treibt der Eifer Gottes lediglich. Was ich zu viel thu, thu ich ihm. — Das wolle Doch ja der Herr erwägen! — Und nicht wahr, Herr Ritter? das vorhin erwähnte von Dem Juden, war nur ein Problcma? — ist Zu sagen — Tempelherr. Ein Problcma. (geht ab.) Patriarch. sDcm ich tiefer Doch auf den Grund zu kommen suchen muß. Das wär' so wiederum ein Auftrag für Den Bruder Bonafidcs.) — Hier, mein Sohn! (cr spricht im abgehn mit dem Klosterbruder.) Rathan der Weise. Dritter Auftritt. Scene: ein Zimmer im Pallastc des Saladin, in welches von Sklave» eine Menge Bcnlel getragen, und auf dem Boden neben einander gestellt werden. Saladin und bald darauf Sittah. Sa ladin. (der dazu kömmt.) Nun wahrlich! das hat noch kein Ende. — Ist Des Dings noch viel zurück? Ein Sklave. Wohl noch die Hälfte. Saladin. So tragt das Ucbrige zu Sittah. — Und Wo bleibt Al-Hafi? Das hier soll sogleich Al-Hafi zu sich nehmen. — Oder ob Ichs nicht vielmehr dem Vater schicke? Hier Fällt mir es doch nur durch die Finger. — Zwar Man wird wohl endlich hart; und nun gewiß Solls Künste kosten, mir viel abzuzwacken. Bis wenigstens die Gelder aus Acgyptcn Zur Stelle kommen, mag das Armuth sehn Wies fertig wird! — Die Spenden bey dem Grabe, Wenn die nur fortgchn! Wenn die Christcnpilgcr Mit leeren Händen nur nicht abzichn dürfen! Wenn nur — Sittah. Was soll nun das? Was soll das Geld Bey mir? Saladin. Mach dich davon bezahlt; und leg' Auf Vorrath, wenn was übrig bleibt. Sittah. Ist Nathan Noch mit dem Tempelherrn nicht da? Saladin. Er sucht Ihn aller Orten. Äsimgs Werke II, 20 Rathan der Weise. Sittah. Sich doch, was ich hier, Indem mir so mein alt Geschmeide durch Die Hände gebt, gefunden, (ihm ein klein Gemählde zeigend.) Saladin. Ha! mein Bruder! Das ist er, ist er! — War er! war er! ah! — Ah wackrer lieber Zunge, daß ich dich So früh verlor! Was hätt' ich erst mit dir, An deiner Seit' erst unternommen! — Sittah, Laß mir das Bild. Auch kenn' ichs schon: cr gab Es deiner älter» Schwester, seiner Lilla, Die eines Morgens ihn so ganz und gar Nicht aus den Armen lassen wollt'. Es war Der letzte, den cr ausritt. — Ah, ich ließ Ihn reiten, und allein! — Ah, Lilla starb Vor Gram, und hat mirs nie vergeben, daß Ich so allein ihn reiten lassen. — Er Blieb weg! Sittah. Der arme Bruder! Saladin. Laß nur gut Seyn! — Einmal bleiben wir doch alle weg! — Zudem, — wer weiß? Der Tod ists nicht allein, Der einem Jüngling seiner Art das Ziel Verrückt. Er hat der Feinde mehr; und oft Erliegt der Stärkste gleich dem Schwächsten. — Nun, Sey wie ihm sey! — Ich muß das Bild doch mit Dem jungen Tempelherrn vergleichen; muß Doch sehn, wie viel mich meine Phantasie Getäuscht. Sittah. Nur darum bring' ichs. Aber gib Doch, gib! Ich will dir das wohl sagen; das Versteht ein weiblich Aug am besten. Nathan der Weise. 307 Sa lad in. (zu einem Thurstchcr, der herciiitritt.) Wer Ist da? — der Tempelherr? — Er komm'! Sittah. Euch nicht Zu stören: ihn mit meiner Ncugicr nicht Zu irren — (sie setzt sich seitwärts auf einen Sofa und läßt den Schlcycr fallen) Saladin. Gut so! gut! — (Und nun sein Ton! Wie der wohl seyn wird! — Assads Ton Schläft auch wohl wo in meiner Seele noch!) Vierter Auftritt. Der Tempelherr und Saladin. Tempelherr. Ich, dein Gefangner, Sultan... Saladin. Mein Gefangner? Wem ich das Leben schenke, werd' ich dem Nicht auch die Freyheit schenken? Tempelherr. Was dir ziemt Zu thun, ziemt mir, erst zu vernehmen, nicht Vorauszusetzen. Aber, Sultan, — Dank, Besondern Dank dir für mein Leben zu Betheuern, stimmt mit meinem Stand' und meinem Charakter nicht. — Es steht in allen Fällen Zu deinen Diensten wieder. Saladin. Brauch es nur Nicht wider mich! — Zwar ein Paar Hände mehr. Die gönnt' ich meinem Feinde gern. Allein Ihm so ein Herz auch mehr zu gönnen, fällt Mir schwer. — Zch habe mich mit dir in nichts Betrogen, braver junger Mann! Du bist Mit Scel und Leib mein Assad. Sich! ich könnte 20" 308 Nathan der Weise, Dich fragen: wo du denn die ganze Zeit Gesteckt? in welcher Höhle du geschlafen? Zn welchem Ginnistan, von welcher guten Div diese Blume fort und fort so frisch Erhalten worden? Sich! ich könnte dich Erinnern wollen, was wir dort und dort Zusammen alisgeführt. Ich könnte mit Dir zanken, daß du Ein Geheimniß doch Vor mir gehabt! Ein Abcnthcuer mir Doch unterschlagen: — Za das könnt' ich; wenn Ich dich nur sah', und nicht auch mich. — Nun, mags Von dieser susscn Träumcrcy ist immer Doch so viel wahr, daß mir in meinem Herbst Ein Assad wieder blühen soll. — Du bist Es doch zufrieden, Ritter? Tempelherr. Alles, was Von dir mir kömmt, — sey was es will — das lag Als Wunsch in meiner Seele. Saladin. Laß uns das Sogleich versuchen. — Bliebst du wohl bey mir? Um mir? — Als Christ, als Muselmann: gleich viel! Zm weißen Mantel, oder Zamcrlonk; Zm Tulban, oder deinem Filze: wie Du willst! Gleich viel! Ich habe nie verlangt, Daß allen Bäumen Eine Rinde wachse. Tempelherr. Sonst wärst du wohl auch schwerlich, der du bist: Der Held, der lieber Gottes Gärtner wäre. Saladin. Nun dann; wenn du nicht schlechter von mir denkst: So wären wir ja halb schon richtig? Tempelherr. Ganz! Saladin. (ihm die Hand biethend) Ein Wort? Nath.m der Weise, 309 , Tcmpclhcrr. (einschlagend,) Ein Mann! — Hiermit empfange mehr Als du mir nehmen konntest. Ganz der Deine! Saladin. Zu viel Gewinn fiir einen Tag! zu viel! — Kam er nicht mit? Tempelherr. Wer? Saladin. Nathan. Tempelherr, (frostig.) Nein. Zch kam Allein. Saladin. Welch eine That von dir! Und welch Ein weises Glück, das eine solche That Zinn Besten eines solchen Mannes ausschlug. Tempelherr. Za, ja! Saladin. So kalt? — Nein, junger Mann! wenn Gott Was gutes durch uns thut, muß man so kalt Nicht seyn! — selbst aus Bescheidenheit so kalt Nicht scheinen wollen! Tempelherr. Daß doch in der Welt Ein jedes Ding so manche Seiten hat! — Von denen oft sich gar nicht denken läßt, Wie sie zusammenpassen! Sa lad in. Halte dich Nur immer an die best', und preise Gott! Der weiß, wie sie zusammenpassen. — Aber, Wenn du so schwierig seyn willst, junger Mann: So werd' auch ich ja wohl auf meiner Hut Mich mit dir halten müssen? Leider bin 310 Nathan der Weise. Auch ich ein Ding von vielen Seiten, die Oft nicht so recht zu passen scheinen mögen. Tempelherr. Das schmerzt! — Denn Argwohn ist so wenig sonst Mein Fehler — Saladin. Nun, so sage doch, mit wem Dus hast? — Es schien ja gar, mit Nathan. Wie? Auf Nathan Argwohn? du? — Erklär' dich! sprich! Komm, gib mir deines Zutrauns erste Probe. Tempelherr. Ich habe wider Nathan nichts. Zch zürn' , Allein mit mir — Saladin. Und über was? Tempelherr. Daß mir Geträumt, ein Jude könn' auch wohl ein Jude Zu seyn verlernen; daß mir wachend so Geträumt. Saladin. Heraus mit diesem wachen Traume! Tempelherr. Du weißt von Nathans Tochter, Sultan. Was Zch für sie that, das that ich, — weil ichs that. Zu stolz, Dank cinzuerndten, wo ich ihn Nicht säete, verschmäht ich Tag für Tag Das Mädchen noch einmal zu sehn. Der Vater War fern; er kömmt; er hört; er sucht mich auf; Er dankt; er wünscht, daß seine Tochter mir Gefallen möge; spricht von Aussicht, spricht Von heitern Fernen. — Nun, ich lasse mich Beschwatzen, komme, sehe, finde wirklich Ein Mädchen... Ah, ich muß mich schämen, Sultan Saladin. Dich schämen? — daß ein Zudcnmädchcn auf Dich Eindruck machte: doch wohl nimmermehr? Nathaii der Weise. 311 Tempelherr. Daß diesem Eindruck, auf das liebliche Geschwätz des Vaters hin, mein rasches Herz So wenig Widerstand entgegen setzte! — Ich Tropf! ich sprang zum zwcytcnmal ins Feuer. — Denn nun warb ich, und nun ward ich verschmäht. Saladin. Verschmäht? Tempelherr. Der weise Vater schlägt nun wohl Mich platterdings nicht aus. Der weise Natcr Muß aber doch sich erst erkunden, erst Besinnen. Allerdings! That ich denn das Nicht auch? Erkundete, besann ich denn Mich erst nicht auch, als sie im Feuer schrie? — Fürwahr! bey Gott! Es ist doch gar was schönes, So weise, so bedächtig seyn! Saladin. Nun, nun! So sieh doch einem Alten etwas nach! Wie lange können seine Weigerungen Denn dauern? Wird er denn von dir verlangen, Daß du erst Jude werden sollst? Tempelherr. Wer weiß! Saladin. Wer weiß? — der diesen Nathan besser kennt. Tempelherr. Der Abcrglaub', in dem wir aufgewachsen, Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum Doch seine Macht nicht über uns. — Es sind Nicht alle frey, die ihrer Ketten spotten. Saladin. Sehr reif bemerkt! Doch Nathan wahrlich, Nathan... Tempelherr. Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen Für den erträglichen, zu halten ... 312 Ncithan der Wcisc. Saladin. Mag Wohl seyn! Doch Nathan... Tempelherr. Dem allein Die blöde Menschheit zu vertrauen, bis Sie Hellern Wahrhcitstag gewöhne; dem Allein ... Saladin. Gut! Aber Nathan! — Nathans Loos Ist diese Schwachheit nicht. Tempelherr. So dacht' ich auch!... Wenn gleichwohl dieser Ausbund aller Menschen So ein gemeiner Jude wäre, daß Er Ehristcnkindcr zu bekommen suche, Um sie als Juden aufzuzichn: — wie dann? Saladin. Wer sagt ihm so was nach? Tempelherr. Das Mädchen selbst, Mit welcher er mich körnt, mit deren Hoffnung Er gern mir zu bezahlen schiene, was Ich nicht umsonst für sie gethan soll haben: — Dieß Mädchen selbst, ist seine Tochter — nicht; Ist ein verzettelt Christcnkind. Saladin. Das er Dem ungeachtet dir nicht geben wollte? Tempelherr, (heftig) Woll' oder wolle nicht! Er ist entdeckt. Der tolerante Schwäzcr ist entdeckt! Ich werde hinter diesen jüd'schcn Wolf Im philosoph'schcn Schafpelz, Hunde schon Zu bringen wissen, die ihn zausen sollen! Saladin. (ernst) Sey ruhig, Christ! Nathan der Weise, 313 Tempelherr. Was? ruhig Christ? — Wenn Zud' Und Muselmann, auf Zud', auf Muselmann Bestehen: soll allein der Christ den Christen Nicht machen dürfen? Sa lad in. (noch ernster) Ruhig, Christ! Tempelherr, (gelassen) Ich fühle Des Borwnrfs ganze Last, — die Saladin Zn diese Sylbe preßt! Ah, wenn ich wüßte, Wie Assad, — Assad sich an meiner Stelle Hicrbcy genommen hätte! Saladin. Nicht viel besser! — Vermuthlich, ganz so brausend! — Doch, wer hat Denn dich auch schon gelehrt, mich so wie er Mit Einem Worte zu bestechen? Freylich Wenn alles sich verhält, wie du mir sagest: Kann ich mich selber kaum in Nathan finden. — Indeß, er ist mein Freund, und meiner Freunde Muß keiner mit dem andern hadern. — Laß Dich weisen! Geh behutsam! Gieb ihn nicht Sofort den Schwärmern deines Pöbels Preis! Verschweig, was deine Geistlichkeit, an ihm Zu rächen, mir so nahe legen würde! Sey keinem Zudcn, keinem Muselmanne Zum Trotz ein Christ! Tempelherr. Bald wärs damit zu spät! Doch Dank der Blutbcgicr des Patriarchen, Deß Werkzeug mir zu werden graute! Saladin. Wie? Du kamst zum Patriarchen eher, als Zu mir? 314 Nathan der Weise, Tempelherr. Zm Sturm der Leidenschaft, im Wirbel Der Uncntschlosscnheit! — Verzeih! — Du wirst Von deinem Assad, fürcht' ich, ferner nun Nichts mehr in mir erkennen wollen. Sa lad in. Wär' Es diese Furcht nicht selbst! Mich dünkt, ich weiß, Aus welchen Fehlern unsre Tugend keimt. Pfleg' diese ferner nur, und jene sollen Bey mir dir wenig schaden. — Aber geh! Such du nun Nathan, wie er dich gesucht; Und bring' ihn her. Ich muß euch doch zusammen Verständigen. — Wär' um das Mädchen dir Zm Ernst zu thun: sey ruhig. Sie ist dein! Auch soll es Nathan schon empfinden, daß Er ohne Schweinefleisch ein Christcnkind Erziehen dürfen! — Geh! (Der Tempelherr geht ab, und Sittah verläßt den Sofa) Fünfter Auftritt. Saladin und Sittah. Sittah. Ganz sonderbar! Saladin. Gelt, Sittah? Muß mein Assad nicht ein braver. Ein schöner junger Mann gewesen seyn? Sittah. Wenn er so war, und nicht zu diesem Vildc Der Tempelherr vielmehr gesessen! — Aber Wie hast du doch vergessen können dich Nach seinen Ackern zu erkundigen? Saladin. Und ins besondre wohl nach seiner Mutter? Ob seine Mutter hier zu Lande nie Gewesen sey? — Nicht wahr? Rathan der Weise. Sittah. Das machst du gut! Saladin. O, möglicher wär' nichts! Denn Assad war Bey hübschen Christcndamcn so willkommen, Ans hübsche Christcndamcn so erpicht, Daß einmal gar die Rede ging — Nun, mm; Man spricht nicht gern davon. — Genug; ich hab Zhn wieder! — will mit allen seinen Fehlern, Mit allen Launen seines weichen Herzens Zhn wieder haben! — Oh! das Mädchen muß Ihm Nathan geben. Mcynst du nicht? Sittah. Ihm geben? Ihm lassen! Saladin. Allerdings! Was hätte Nathan, So bald er nicht ihr Vater ist, für Recht Aus sie? Wer ihr das Leben so erhielt, Tritt einzig in die Rechte deß, der ihr Es gab. Sittah. Wie also, Saladin? wenn du Nur gleich das Mädchen zu dir nähmst? Sie nur Dem unrechtmäßigen Besitzer gleich Entzögest? Saladin. Thäte das wohl Noth? Sittah. Noth nun Wohl eben nicht! — Die liebe Ncubcgicr Treibt mich allein, dir diesen Rath zu geben. Denn von gewissen Männern mag ich gar Zu gern, so bald wie möglich, wissen, was Sie für ein Mädchen lieben können. Saladin. Nun, So schick' und laß sie hohlen. 346 Nathan der Weise. Sittah. Darf ich, Bruder? Saladin. Nur schone Nathans! Nathan muß durchaus Nicht glauben, daß man mit Gewalt ihn von Ihr trennen wolle. Sittah. Sorge nicht. Saladin. Und ich, Zch muß schon selbst sehn, wo Al-Hafi bleibt. Sechster Auftritt. Scene- die offne Flur in Nathans Hause, gegen die Palme» zu; wie im ersten Auftritte des ersten Auszuges. Ein Theil der Waaren und Kostbarkeiten liegt ausgekramt, deren eben daselbst gedacht wird. Nathan und Daja. Daja. O, alles herrlich! alles auserlesen! O, alles — wie nur Ihr cs geben könnt. Wo wird der Silbcrstoff mit goldnen Ranken Gemacht? Was kostet er? — Das nenn' ich noch Ein Brautkleid! Keine Königinn verlangt Es besser. Nathan. Brautkleid? Warum Brautkleid eben? Daja. Zc nun! Ihr dachtet daran freylich nicht, Als Ihr ihn kauftet. — Aber wahrlich, Nathan, Der und kein andrer muß cs seyn! Er ist Zum Brautkleid wie bestellt. Der weisst Grund; Ein Bild der Unschuld: und die goldnen Ströme, Die aller Orten diesen Grund durchschlängeln; Ein Bild des Reichthums. Seht Ihr? Allerliebst! Nathan. Was witzelst du mir da? Von wessen Brautkleid Rathan dcr Weise, l'.I Sinnbildcrst du mir so gelehrt? — Bist du Denn Braut? Daja. Ich? Nathan. Nun wer denn? Daja. Ich? — lieber Gott! Nathan. Wer denn? Von wessen Brautkleid sprichst du denn? — Das alles ist ja dein, und keiner andern. Daja. Ist mein? Soll mein seyn? — Ist sür Nccha nicht? Nathan. Was ich für Nccha mitgebracht, das liegt Zn einem andern Ballen. Mach! nimm weg! Trag deine Siebensachen fort! Daja. Versucher! Nein, wären es die Kostbarkeiten auch Dcr ganzen Wclt! Nicht rühr an! wenn Ihr mir Vorher nicht schwort, von dieser einzigen Gelegenheit, dergleichen Euch dcr Himmel Nicht zwcymal schicken wird, Gebrauch zu machen. Nathan. Gebrauch? von was? — Gelegenheit? wozu? Daja. O stellt Euch nicht so fremd! — Mit kurzen Worten! Der Tempelherr liebt Rccha: gebt sie ihm, So hat doch einmal Eure Sünde, die Ich länger nicht verschweigen kann, ein Ende. So kömmt das Mädchen wieder unter Christen; Wird wieder was sie ist; ist wieder, was Sie ward: und Ihr, Ihr habt mit all' dem Guten, Das wir Euch nicht genug verdanken können, Nicht Fcucrkohlcn bloß auf Euer Haupt Gesammelt. 318 Rathan der Weise. Nathan. Doch die alte Leyer wieder? — Mit einer neuen Saite nur bezogen, Die, fürcht' ich, weder stimmt noch hält. Daja. Wie so? Nathan. Mir wär' der Tempelherr schon recht. Ihm gönnt' Ich Rccha mehr als einem in der Welt. Allein... Nun, habe nur Geduld. Daja. Geduld? Geduld, ist Eure alte Leyer nun Wohl nicht? Nathan. Nur wenig Tage noch Geduld!... Sieh doch! — Wer kömmt denn dort? Ein Klosterbruder? Geh, frag' ihn was er will. Daja. Was wird er wollen? (sie geht auf ihn zu und fragt) Nathan. So gieb! — und eh' er bittet. — (Wußt' ich nur Dem Tempelherrn erst bcyzukommen, ohne Die Ursach meiner Neugicr ihm zu sagen! Denn wenn ich sie ihm sag', und der Verdacht Ist ohne Grund: so hab' ich ganz umsonst Den Vater auf das Spiel gesetzt.) — Was ists? Daja. Er will Euch sprechen. Nathan. Nun, so laß ihn kommen; Und geh indeß. Nathan dcr Weise. 31!» Siebenter Auftritt. Nathan und der Klosterbruder. Nathan. (Ich bliebe Rechas Vater Doch gar zu gern! — Zwar kann ichs denn nicht bleiben, Auch wenn ich aufhör', es zu heißen? — Ihr, Ihr selbst werd' ichs doch immer auch noch heißen, Wenn sie erkennt, wie gern ichs wäre.) — Geh! — Was ist zu Eucrn Diensten, frommer Bruder? Klosterbruder. Nicht eben viel. — Zch freue mich, Herr Nathan, Euch annoch wohl zu sehn. Nathan. So kennt Ihr mich? Klosterbruder. Zc nu; wer kennt Euch nicht? Ihr habt so manchem Za Eucrn Nahmen in die Hand gedrückt. Er steht in meiner auch, seit vielen Jahren. Nathan. (»ach seinem Beutel langend) Kommt, Bruder, kommt; ich frisch' ihn auf. Klosterbruder. Habt Dank! Zch würd' es ärmcrn stehlen; nehme nichts. — Wenn Ihr mir nur erlauben wollt, ein wenig Euch meinen Nahmen aufzufrischen. Denn Zch kann mich rühmen, auch in Eure Hand Etwas gelegt zu haben, was nicht zu Verachten war. Nathan. Verzeiht! — Zch schäme mich — Sagt, was? — und nehmt zur Buße siebenfach Den Werth desselben von mir an. Klosterbruder. Hört doch Vor allen Dingen, wie ich selber nur Nalh.in der Weise. Erst hcut an dieß mcin Euch vertrautes Pfand Erinnert worden. Nathan. Mir vertrautes Pfand «! Klostcrbrud cr. Vor kurzem saß ich noch als Eremit Auf O-uarantana, unweit Jericho. Da kam arabisch Raubgesindel, brach Mcin Gottcshäuschcn ab und meine Zelle, Und schleppte mich mit fort. Zum Glück entkam Ich noch, und floh hierher zum Patriarchen, Um mir ein ander Plätzchen auszubitten, Allwo ich meinem Gott in Einsamkeit Bis an mein selig Ende dienen könne. Nathan. Ich steh auf Kohlen, guter Bruder. Macht Es kurz. Das Pfand! das mir vertraute Pfand! Klosterbruder. Sogleich, Herr Nathan. — Nun, der Patriarch Versprach mir eine Sicdclcy auf Thabor, Sobald als eine leer; und hieß inzwischen Zm Kloster mich als Laycnbrudcr bleiben. Da bin ich itzt, Herr Nathan; und verlange Des Tags wohl hundertmal auf Thabor. Denn Der Patriarch braucht mich zu allerley, Wovor ich großen Eckel habe. Zum Exempel: Natha». Macht, ich bitt' Euch! Klosterbruder. Nun, es kömmt Da hat ihm jemand hcut' ins Ohr gesetzt: Es lebe hier herum ein Zude, der Ein Christcnkind als scinc Tochtcr sich Erzögc. Nathan der Weise. Nathan. Wie? (betroffen) Klosterbruder. Hört mich mir aus! — Zudem Er mir nun aufträgt, diesem Juden straks,") Wo möglich, auf die Spur zu kommen, und Gewaltig sich ob eines solchen Frevels Erzürnt, der ihm die wahre Sünde wider Den hcil'gcn Geist bcdünkt; — das ist, die Sünde, Die aller Sünden größte Sund' uns gilt, Nur daß wir, Gott sey Dank, so recht nicht wissen, Worinn sie eigentlich besteht: — da wacht Mit einmal mein Gewissen auf; und mir Fällt bey, ich könnte selber wohl vor Zeiten Zu dieser unverzeihlich großen Sünde Gelegenheit gegeben haben. — Sagt: Hat Euch ein Reitknecht nicht vor achtzehn Jahren Ein Töchtcrchcn gebracht von wenig Wochen ? Nathan. Wie das? — Nun freylich — allerdings — Klosterbruder. Ey, seht Mich doch recht an! — Der Reitknecht, der bin ich. Nathan. Seyd Ihr? Klosterbruder. Der Herr, von welchem ichs Euch brachte. War — ist mir recht — ein Herr von Filnck. — Wolf Von Filnek! Nathan. Richtig.' Klosterbruder. Weil die Mutter kurz Vorher gestorben war; und sich der Vater Nach — meyn' ich — Gazza plötzlich werfen mußte, Wohin das Würmchen ihm nicht folgen konnte: °) „straks" fehlt der erste» Ausgabe. Ässugs Werke ii, 21 322 Rathan der Weise. So sandt crs Euch. Und traf ich Euch damit Nickt in Darun? Nathan. Ganz recht! Klosterbru der. Es wär' kein Wunder, Wenn mein Gedächtniß mich betrog'. Ich habe Der braven Herrn so viel gehabt; und diesem Hab' ich nur gar zu kurze Zeit gedient. Er blieb bald drauf bey Askalon; und war Wohl sonst ein lieber Herr. Nathan. Za wohl! ja wohl! Dem ich so viel, so viel zu danken habe! Der mehr als einmal mich dem Schwert entrissen! Klosterbruder. O schön! So wcrd't Ihr seines Töchtcrchcns Euch um so lieber angcnomnicn haben. Nathan. Das könnt Ihr denken. , Kl osterbrudcr. Nun, wo ist es denn? Es ist doch wohl nicht etwa gar gestorben? — Laßts lieber nicht gestorben seyn! — Wenn sonst Nur niemand um die Sache weiß: so hat Es gute Wege. Nathan. Hat cs? Klosterbruder. Traut mir, Nathan! Denn seht, ich denke so! Wenn an das Gute, Das ich zu thun vcrmcync, gar zu nah Was gar zu Schlimmes gränzt: so thu ich lieber Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar So ziemlich zuverlässig kennen, aber Bey weiten nicht das Gute. — War ja wohl Natürlich; wenn das Christentöchtcrchcn Nathan der Weist. Recht gut von Euch erzogen werden sollte: Daß Zhrs als Euer eigen Töchterchcn Erzögt. — Das hättet Zhr mit aller Lieb' Und Treue nun gethan, und müßtet so Belohnet werden? Das will mir nicht ein. Ey freylich, klüger hättet Zhr gethan; Wenn Zhr die Christinn durch die zweyte Hand Als Christinn aufcrzichcn lassen: aber So hättet Zhr das Kindchen Eures Freunds Auch nicht geliebt. Und Kinder brauchen Liebe, Wärs eines wilden Thieres Lieb' auch nur, Zn solchen Zahren mehr, als Christenthum. Zum Christcnthume hats noch immer Zeit. Wenn nur das Mädchen sonst gesund und fromm Vor Eucrn Augen aufgewachsen ist, So blicbs vor Gottes Augen, was es war. Und ist denn nicht das ganze Christenthum Aufs Zudcnthum gebaut? Es hat mich oft Geärgert, hat mir Thränen gnug gekostet, Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten, Daß unser Herr ja selbst ein Zudc war. Nathan. Zhr, guter Bruder, müßt mein Fürsprach seyn, Wenn Haß und Glcißncrcy sich gegen mich Erheben sollten, — wegen einer That — Ah, wegen einer That! — Nur Zhr, Zhr sollt Sie wissen! — Nehmt sie aber mit ins Grab! Noch hat mich nie die Eitelkeit versucht, Sie jemand andern zu erzählen. Euch Allein erzähl' ich sie. Der frommen Einfalt Allein erzähl' ich sie. Weil die allein Versteht, was sich der gottergebne Mensch Für Thaten abgewinnen kann. Klosterbruder. Zhr seyd Gerührt, und Euer Auge steht voll Wassers 324 Nathan der Weise. Nathan. Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun. Ihr wißt wohl aber nicht, daß wenig Tage Zuvor, in Gath die Christen alle Juden Mit Weib und Kind ermordet hatten; wißt Wohl nicht, daß unter diesen meine Frau Mit sieben hoffnungsvollen Söhnen sich Befunden, die in meines Bruders Hause, Zu dem ich sie gefluchtet, insgesamt Verbrennen müssen. Klosterbruder. Allgerechter! Nathan. Als Zhr kamt, hatt' ich drey Tag' und Nächt' in Asch' Und Staub vor Gott gelegen, und geweint. — Geweint? Beyher mit Gott auch wohl gerechtet. Gezürnt, getobt, mich und die Welt verwünscht; Der Christenheit den unversöhnlichsten Haß zugeschworcn — Klosterbruder. Ach! Ich glaubs Euch wohl! Nathan. Doch nun kam die Vernunft allmählig wieder. Sie sprach mit sanfter Stimm': „und doch ist Gott! Doch war auch Gottes Rathschluß das! Wohlan! Komm! übe, was du längst begriffen hast; Was sicherlich zu üben schwerer nicht, Als zu begreifen ist, wenn du nur willst. Steh auf!" — Zch stand! und rief zu Gott: ich will! Willst du nur, daß ich will! — Zudem stiegt Zhr Vom Pferd', und überreichtet mir das Kind, Zn Eucrn Mantel eingehüllt. — Was Zhr Mir damals sagtet; was ich Euch: hab' ich Vergessen. So viel weiß ich nur; ich nahm Das Kind, trugs auf mein Lager, küßt' es, warf Nathan der Weise. 325 Mich auf die Knie und schluchzte: Gott! auf Sicbm Doch nun schon Eines wieder! Klosterbruder. Nathan! Nathan! Zhr seyd ein Christ! — Bey Gott, Ihr seyd ein Christ! Ein bcßrcr Christ war nie! Nathan. Wohl uns! Denn was Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir Zum Juden! — Aber laßt uns länger nicht Einander nur erweichen. Hier brauchts That! Und ob mich siebenfache Liebe schon Bald an diß cinz'gc fremde Mädchen band; Ob der Gedanke mich schon tödtet, daß Zch meine sieben Söhn' in ihr aufs neue Verlieren soll:.— wenn sie von meinen Händen Die Vorsicht wieder fodcrt, — ich gehorche! Klosterbruder. Nun vollends! — Eben das bedacht' ich mich So viel, Euch anzurathcn! Und so hats Euch Euer guter Geist schon angerathcn! Nathan. Nur muß der erste beste mir sie nicht Entrcisscn wollen! Klostcrb rüder. Nein, gewiß nicht! Nathan. Wer Auf sie nicht größre Rechte hat, als ich; Muß frühere zum mindsten haben — Klosterbruder, / Freylich! Nathan. Die ihm Natur und Blut ertheilen. Klosterbruder. So Meyn' ich es auch! 32k Nathan der Weise. Nathan. Drum nennt mir nur geschwind Den Mann, der ihr als Bruder oder Ohm, Als Better oder sonst als Sipp verwandt: Ihm will ich sie nicht vorenthalten — Sie, Die jedes Hauses, jedes Glaubens Zierde Zu seyn erschaffen und erzogen ward. — Ich hoff'/ Ihr wißt von diesem Eucrn Herrn Und dem Geschlechte dessen, mehr als ich. Klosterbruder. Das, guter Nathan, wohl nun schwerlich! — Denn Ihr habt ja schon gehört, daß ich nur gar Zu kurze Zeit bey ihm gewesen. Nathan. Wißt Ihr denn nicht wenigstens, was siir Geschlechts Die Mutter war? — War sie nicht eine Stauffinn? Klosterbruder. Wohl möglich! — Za, mich dünkt. Nathan. Hieß nicht ihr Bruder Conrad von Stauffcn? — und war Tempelherr? Klosterbruder. Wenn michs nicht tricgt. Doch halt! Da fällt mir ein, Daß ich vom sclgcn Herrn ein Büchclchcn Noch hab'. Ich zogs ihm aus dem Busen, als Wir ihn bey Askalon verscharrten. Nathan. Nun? Klosterbruder. Es sind Gebete drinn. Wir ncnncns ein Brevier. — Das, dacht' ich, kann ein Christcnmcnsch Za wohl noch brauchen. — Ich nun freylich nicht — Zch kann nicht lesen — Nathan. Thut nichts! — Nur zur Sache. Nathan der Weise. Klosterbruder. In diesem Büchclchcn stehn vorn und hinten, Wie ich mir sagen lassen, mit des Herrn Sclbstcigncr Hand, die Angehörigen Von ihm und ihr geschrieben. Nathan. O erwünscht! , Geht! lauft! höhlt mir das Büchclchcn. Geschwind! Zch bin bcrcit mit Gold es aufzuwicgcn; Und tausend Dank dazu! Eilt! lauft! Klosterbruder. Recht gern! Es ist Arabisch aber, was der Hcrr Hincingcschricbcn. (ab) Nathan. Einerley! Nur her! — Gott! wenn ich. doch das Mädchen noch behalten, Und einen solchen Eidam mir damit Erkauffcn könnte! — Schwerlich wobl! — Nun fall' Es aus, wic's will! — Wer mag es aber denn Gewesen seyn, der bey dem Patriarchen So etwas angebracht? Das muß ich doch Au fragen nicht vcrgcsscn. — Wenn es gar Aon Daja käme? Achter Auftritt. Daja u»d Nathan. Daja. (cilig und vcrlca.cn.) Denkt doch, Nathan! Nathan. Nun? Daja. Das arme Kind crschrack wohl recht darüber! Da schickt... Nathan. Der Patriarch? 32» Rathan der Weise. Daja. Des Sultans Schwester, Prinzessinn Sittah... Nathan. Nicht der Patriarch? Daja. New, Sittah! — Hört Ihr nicht? — Prinzessinn Sittah Schickt her, und läßt sie zu sich hohlen. Nathan. Wen? Läßt Rccha hohlen? — Sittah läßt sie hohlen? — Nun, wenn sie Sittah hohlen läßt, und nicht Der Patriarch... Daja. Wie kommt Zhr denn auf den? Nathan. So hast du kürzlich nichts von ihm gehört? Gewiß nicht? Auch ihm nichts gesteckt? Daja. Ich? ihm? Nathan. Wo sind die Bothen? Daja. Vorn. Nathan. Zch will sie doch Aus Vorsicht selber sprechen. Komm! — Wenn nur Vom Patriarchen nichts dahinter steckt.") (ab) Daja. Und ich — ich fürchte ganz was anders noch. Was gilts? die einzige vermeinte Tochter So eines reichen Zudcn wär' auch wohl Für einen Muselmann nicht übel? — Huy, Der Tempelherr ist drum. Ist drum: wenn ich Den zweyten Schritt nicht auch noch wage; nicht Auch ihr noch selbst entdecke, wer sie ist! — °) „dahinter ist." in der ersten Ausgabe. Nathan der Weise. 3?i> Getrost! Laß mich den ersten Augenblick, Den ich allein sie habe, dazu brauchen! Und der wird seyn — vielleicht nun eben, wenn Ich sie begleite. So ein erster Wink Kann untcrwcgcns wenigstens nicht schaden. Za, ja! Nur zu! Ztzt oder nie! Nur zu', (ihm nach) Fünfter Aufzug. Erster Auftritt. Scene: das Zimmer in Saladins Pallaste, in welches die Beutel mit Geld getragen worden, die noch zu sehen. Saladin und bald darauf vcrschiednc Mameluken. Sa lad in. (im Hercintretcu) Da steht das Geld nun noch! Und niemand weiß Den Derwisch aufzufinden, der vermuthlich Ans Schachbret irgendwo gerathen ist, Das ihn wohl seiner selbst vergessen macht; — Warum nicht meiner? — Nun, Geduld! Was gicbts? Ein Mameluk. Erwünschte Nachricht, Sultan! Freude, Sultan! Die Karavanc von Kahira kömmt; Ist glücklich da! mit siebenjährigem Tribut des reichen Nils. Saladin. > Brav, Ibrahim! Du bist mir wahrlich ein willkommncr Vothc! — Ha! endlich einmal! endlich! — Habe Dank Der guten Zeitung. Der Mameluk, (wartend) (Nun? nur her damit!) Saladin. Was wart'st du? — Geh nur wieder. Der Mameluk. Dem Willkomimien Sonst nichts? 330 R.nhan der Weise. Saladin. Was denn noch sonst? Der Mameluk. Dem guten Bothen Kein Bothcnbrod? — So wär ich ja der Erste, Den Saladin mit Worten abzulohncn. Doch endlich lernte! — Auch ein Ruhm! — der Erste, Mit dem er knickerte. Saladin. So nimm dir nur Dort einen Beutel. Der Mameluk. Nein, nun nicht! Du kannst Mir sie nun alle schenken wollen. Saladin. Trotz! — Komm her! Da hast du zwey. — Zm Ernst? er geht? Thut mirs an Edclmuth zuvor? — Denn sicher Muß ihm es saurer werden, auszuschlagcn, Als mir zu geben. — Zbrahim! — Was kömmt Mir denn auch ein, so kurz vor meinem Abtritt Auf einmal ganz ein andrer seyn zu wollen? — Will Saladin als Saladin nicht sterben? — So mußt' er auch als Saladin nicht leben. Ein zweyter Mameluk. Nun, Sultan!... Saladin. Wenn du mir zu melden kömmst... Zweyter Mameluk. Daß aus Acgyptcn der Transport nun da! Saladin. Ich weiß schon. Zweyter Mameluk. Kam ich doch zu spät! Saladin. Warum Zu spät? — Da nimm für deinen guten Willen Der Beutel einen oder zwey. Ratha» der Wcisc. 331 Zweyter Mameluk. Macht drey! Saladin. Za, wenn du rechnen kannst! — So nimm sie nur. Zweyter Mameluk. Es wird wohl noch ein Dritter kommen, — wenn Er anders kommen kann. Saladin. Wie das? Zweyter Mameluk. Zc nu; Er hat auch wohl den Hals gebrochen! Denn Sobald wir drey der Ankunft des Transports Versichert waren, sprengte jeder frisch Davon. Der Vorderste, der stürzt; und so Komm ich nun vor, und bleib' auch vor bis in Die Stadt; wo aber Ibrahim, der Lecker, Die Gassen besser kennt. Saladin. O der gestürzte! Freund, der gestürzte! — Reit ihm doch entgegen. Zweyter Mameluk. Das werd ich ja wohl thun! — Und wenn er lebt: So ist die Hälfte dieser Beutel sein, (geht ab) Saladin. Sich, welch ein guter") edler Kerl auch das! — Wer kann sich solcher Mameluken rühmen? Und wär' mir denn zu denken nicht erlaubt, Daß sie mein Beyspiel bilden helfen? — Fort Mit dem Gedanken, sie zu guter letzt Noch an ein anders zu gewöhnen!... Ein dritter Mameluk. Sultan,... Saladin. Bist dus, der stürzte? °) „guter" fehlt dcr ersten Ausgabe. Nathan der Weise. Dritter Mameluk. Nein. Ich melde nur, — Daß Emir Mansor, der die Karavane Geführt, vom Pferde steigt... Saladin. Bring ihn! geschwind! Da ist er ja! — Zweyter Auftritt. Emir Mansor und Saladin. Saladin. . Willkommen, Emir! Nnn, Wie ists gegangen? — Mansor, Mansor, hast Uns lange warten lassen! Mansor. Dieser Brief Berichtet, was dein Abulkasscm erst Für Unruh in Thcbais dämpfen müssen: Eh' wir cS wagen durften abzugehen. Den Zug daraus hab' ich beschleuniget So viel, wie möglich war. Saladin. Ich glaube dir! — Und nimm nur, guter Mansor, nimm sogleich... Du thust es aber doch auch gern?... nimm frische Bedeckung nur so gleich. Du mußt sogleich Noch weiter; mußt der Gelder großem Theil Auf Libanon zum Vater bringen. Mansor. Gern! Sehr gern! Saladin. Und nimm dir die Bedeckung ja Nur nicht zu schwach. Es ist um Libanon Nicht alles mehr so sicher. Hast du nicht Gehört? Die Tempelherrn sind wieder rege. Sey wohl auf deiner Hut! — Komm nur! Wo hält Der Zug? Ich will ihn sehn; und alles selbst Betreiben. — Ihr! ich bin sodann bey Sittah. Ncithan der Weise. 333 Dritter Auftritt. Scene: die Palmen vor Nathans Hanse, wo der Tempelherr ans und nieder geht. Ins Haus nun will ich einmal nicht. — Er wird Sich endlich doch wohl sehen lassen! — Man Bemerkte mich ja sonst so bald, so gern! — Wills noch erleben, daß er sichs verbittet, Vor seinem Hause mich so fleißig finden Zu lassen. — Hm! — ich bin doch aber auch Sehr ärgerlich. — Was hat mich denn nun so Erbittert gegen ihn? — Er sagte ja: Noch schlug' er mir nichts ab. Und Saladin Hats über sich genommen, ihn zu stimmen. — Wie? sollte wirklich wohl in mir der Christ Noch tiefer nisten, als in ihm der Jude? — Wer kennt sich recht? Wie könnt ich ihm denn sonst Den kleinen Raub nicht gönnen wollen, den Er sichs zu solcher Angelegenheit Gemacht, den Christen abzujagen? — Freylich; Kein kleiner Raub, ein solch Geschöpf! — Geschöpf? Und wessen? — Doch des Sklaven nicht, der auf Des Lebens öden Strand den Block geflößt, Und sich davon gemacht? Des Künstlers doch Wohl mehr, der in dem hingcworfncn Blocke Die göttliche Gestalt sich dachte, die Er dargestellt? — Ach! Rcchas wahrer Aatcr Bleibt, Trotz dem Christen, der sie zeugte — bleibt In Ewigkeit der Zudc. — Wenn ich mir Sie lediglich als Christcndirnc denke, Sie sonder alles das mir denke, was Allein ihr so ein Zudc geben konnte: — Sprich, Herz, — was wär' an ihr, das dir gefiel? Nichts! Wenig! Selbst ihr Lächeln, wär' es nichts Als sanfte schöne Zuckung ihrer Muskeln; Wär', was sie lächeln macht, des Rcitzcs nnwcrth, Zn den es sich auf ihrem Munde kleidet: — Nein; selbst ihr Lächeln nicht! Zch hab' es ja 334 Nath.ni der Weise, Wohl schöner noch an Aberwitz, an Tand, An Höhncrcy, an Schmeichler und an Wühler, Verschwenden sehn! — Hats da mich auch bczaubcrt? Hats da mir auch den Wunsch entlockt, mein Leben Zn seinem Sonnenscheine zu vcrflattcru? — Ich wüßte nicht. Und bin auf den doch launisch, Der diesen höhcrn Werth allein ihr gab? Wie das? warum? — Wenn ich den Spott verdiente, Mit dem mich Saladin entließ! Schon schlimm Genug, daß Saladin es glauben konnte! Wie klein ich ihm da scheinen mußte! wie Verächtlich! — Und das alles um ein Mädchen? — Curd! Cnrd.' das geht so nicht. Lenk' ein! Wenn vollends Mir Daja nur was vorgeplaudert hätte, Was schwerlich zu erweisen stünde? — Sich, Da tritt cr endlich, im Gespräch vertieft, Aus seinem Hause! — Ha! mit wem! — Mit ihm? Mit meinem Klosterbruder? — Ha! so weiß Er sicherlich schon alles! ist wohl gar Dem Patriarchen schon verrathen! — Ha! Was hab' ich Quccrkopf nun gestiftet! — Daß Ein cinz'ger Funken dieser Leidenschaft Doch unsers Hirns so viel verbrennen kann! — Geschwind entschließ dich, was nunmehr zu thun! Ich will hier seitwärts ihrer warten; — ob Vielleicht der Klosterbruder ihn verläßt. Vierter Auftritt. Nathan und der Klosterbruder. Nathan. fim näher kommen) Habt nochmals, guter Bruder, vielen Dank! Klosterbruder. Und Ihr desgleichen! Nathan. Ich? von Euch? wofür? Für meinen Eigensinn, Euch aufzudringen, Was Zhr nicht braucht? — Za, wenn ihm Eurer nur Nathan der Weise. 335 Auch nachgegeben hätt'; Zhr mit Gewalt Nicht wolltet reicher seyn, als ich. Klosterbruder. Das Buch Gehört ja ohnedem nicht mir; gehört Za ohnedem der Tochter; ist ja so Der Tochter, ganzes väterliches Erbe. — Je nu, sie hat ja Euch. — Gott gebe nur, Daß Zhr es nie bereuen dürft, so viel Für sie gethan zu haben! Nathan. Kann ich das! Das kann ich nie. Seyd unbesorgt? Klosterbruder. Nu, im! Die Patriarchen und die Tempelherren... Nathan. Vermögen mir des Bösen nie so viel Zu thun, daß irgend was mich reuen könnte: Geschweige, das! — Und seyd Zhr denn so ganz Versichert, daß ein Tempelherr es ist, Der Eucrn Patriarchen hetzt? Klosterbruder. Es kann Beynah kein andrer seyn. Ein Tempelherr Sprach kurz vorher mit ihm; und was ich hörte, Das klang darnach. Nathan. Es ist doch aber nur Ein einziger itzt in Jerusalem. Und diesen kenn' ich. Dieser ist mein Freund. Ein junger, edler, offner Mann! Klosterbruder. Ganz recht; Der nehmliche! — Doch was man ist, und was Man seyn muß in der Welt, das paßt ja wohl Nicht immer. Nathan der Weise. Nathan. Leider nicht. — So thue, wers Auch immer ist, sein Schlimstcs oder Bestes! Mit Eucrm Buche, Bruder, trotz' ich allen; Und gehe graben Wegs damit zum Sultan. Klosterbruder. Viel Glücks! Ich will Euch denn nur hier verlassen. Nathan. Und habt sie nicht einmal gesehn! — Kommt ja Doch bald, doch fleißig wieder. — Wenn nur heut Der Patriarch noch nichts erfährt! — Doch was? Sagt ihm auch heute, was Ihr wollt. Klosterbruder. Ich nicht. Lebt wohl! (geht ab.) Nathan. Vcrgcßt uns ja nicht, Bruder! — Gott! Daß ich nicht gleich hier unter freyem Himmel Auf meine Kniee sinken kann! Wie sich Der Knoten, der so oft mir bange machte, Nun von sich selber löset! — Gott! wie leicht Mir wird, daß ich nun weiter auf der Welt Nichts zu verbergen habe! daß ich vor Den Menschen nun so frey kann wandeln, als Vor dir, der du allein den Menschen nicht Nach seinen Thaten brauchst zu richten, die So selten seine Thaten sind, o Gott! — Fünfter Auftritt. Nathan und der Tempelherr, der von der Seite auf ihn zn kLum-l. Tempelherr. He! wartet, Nathan; nehmt mich mit! Nathan. Wer ruft? — Seyd Ihr es, Ritter? Wo gewesen, daß Ihr bey dem Sultan Euch nicht treffen lassen? Nathan der Weise. Tempelherr. Wir sind einander fehl gegangen. Nchmts Nicht übel! Nathan. Zch nicht; aber Saladin... Tempelherr. Ihr wart mir eben fort... Nathan. Und spracht ihn doch? Nun, so ists gut. Tempelherr. Er will uns aber beyde Zusammen sprechen. Nathan. Desto besser. Kommt Nur mit. Mein Gang stand ohnehin zu ihm. — Tempelherr. Zch darf ja doch wohl fragen, Nathan, wer Euch da. verließ? Nathan. Ihr kennt ihn doch wohl nicht? Tempelherr. Wars nicht die gute Haut, der Layenbrudcr, Deß sich der Patriarch so gern zum Stöber Bedient? Nathan. Kann seyn! Beym Patriarchen ist Er allerdings. Tempelherr. Der Pfiff ist gar nicht übel: Die Einfalt vor der Schurkcrcy voraus Zu schicken. Nathan. Za, die dumme; — nicht die fromme. Tempelherr. An fromme glaubt kein Patriarch. Messings Werke n. 22 338 N.ithci» der Weise, Nathan. Für dc» Nun steh ich. Der wird seinem Patriarchen Nichts ungebührliches vollziehen hclffcn. Tempelherr. So stellt er wenigstens sich an. — Doch hat Er Euch von mir denn nichts gesagt? Nathan. Von Euch? Von Euch nun namentlich wohl nichts. — Er weiß Ja wohl auch schwerlich Encrn Namen? Tempelherr. Schwerlich. Nathan. Von einem Tempelherren freylich hat Er mir gesagt.'.. Tempelherr. Und was? Nathan. Womit er Euch Doch ein für allemal nicht meynen kann! Tempelherr. Wer weiß? Laßt doch nur hören. Nathan. Daß mich Einer Bey seinem Patriarchen angeklagt.., Tempelherr. Euch angeklagt? — Das ist, mit seiner Gunst — ' Erlogen. — Hört mich, Nathan! — Ich bin nicht Der Mensch, der irgend etwas abzuleugnen Im Stande wäre. Was ich that, das that ich! Doch bin ich auch nicht der, der alles, was Er that, als wohl gethan vcrthcid'gcn möchte. Was sollt' ich eines Fehls mich schämen? Hab' Ich nicht den festen Vorsatz ihn zu bessern? Und weiß ich etwa nicht, wie weit mit dem Es Menschen bringen können? — Hört mich, Nathan! Ralha» der Wcisc, 339 Zch bin des Laycnbruders Tempelherr, Der Euch verklagt soll habe», allerdings. — Zhr wißt ja, was mich wurmisch machte! was Mein Blut in allen Adern sieden machte! Zch Gauch! — ich kam, so ganz mit Leib und Sccl' Euch in die Arme mich zu wcrffcn. Wie Zhr mich empfingt — wie kalt — wie lau — denn lau Ist schlimmer noch als kalt; wie abgemessen Mir auszubcugcn Zhr beflissen wart; Mit welchen aus der Luft gcgriffncn Fragen Zhr Antwort mir zu geben scheinen wolltet: Das darf ich kaum mir itzt noch denken, wenn Zch soll gelassen bleiben. — Hört mich, Nathan! — Zn dieser Gärung schlich mir Daja nach, Und warf mir ihr Geheimniß an den Kopf, Das mir den Aufschluß Eucrs räthsclhastcn Betragens zu enthalten schien. Nathan. Wie das? Tempelherr. Hört mich nur aus! — Zch bildete mir ein, Ihr wolltet, was Zhr einmal nun den Ehristcn So abgejagt, an einen Christen wieder Nicht gern verlieren. Und so fiel mir ein, Euch kurz und gut das Messer an die Kehle Zu setzen. Nathan. Kurz und gut? und gut? — Wo steckt Das Gute? Tempelherr. Hört mich, Nathan! — Allerdings: Zch that nicht recht! — Zhr seyd wohl gar nicht schuldig. — Die Närrinn Daja weiß nicht was sie spricht — Zst Euch gehässig — Sucht Euch nur damit Zn einen bösen Handel zu verwickeln — Kann seyn! kann seyn! — Zch bin ein junger Lasse, Der immer nur an beyden Enden schwärmt; 22" 340 N.uh.1» der Wcisc, Bald viel zu viel, bald viel zu wenig thut — Auch das kaun seyn! Verzeiht mir, Nathan. Nathan. Wenn Ihr so mich freylich fasset — Tempelherr. Kurz, ich ging Zum Patriarchen! — hab' Euch aber nicht Genannt. Das ist erlogen, wie gesagt! Ich hab ihm blos den Fall ganz allgemein Erzählt, um seine Meynung zu vernehmen. — Auch das hätt' unterbleiben können: ja doch! — Denn kannt' ich nicht den Patriarchen schon Als einen Schurken? Konnt' ich Euch nicht selber Nur gleich zur Rede stellen? — Mußt ich der Gefahr, so einen Vater zu verlieren, Das arme Mädchen opfern? — Nun, was thuts? Die Schurkercy des Patriarchen, die So ähnlich immer sich erhält, hat mich Des nächsten Weges wieder zu mir selbst Gebracht. — Denn hört mich, Nathan; hört mich aus! Gesetzt; er wußt' auch Eucrn Namen: was Nun mehr, was mehr? — Er kann Euch ja das Mädch Nur nehmen, wenn sie nicmands ist, als Euer. Er kann sie doch aus Eucrm Hause nur Ins Kloster schleppen. — Also — gebt sie mir! Gebt sie nur mir; und laßt ihn kommen. Ha! Er solls wohl bleiben lassen, mir mein Weib Zu nehmen. — Gebt sie mir; geschwind! — Sie sey Nun Eure Tochter, oder sey es nicht! Sey Christinn, oder Jüdinn, oder keines! Gleich viel! gleich viel! Ich werd' Euch weder itzt Noch jemals sonst in meinem ganzen Leben Darum befragen. Sey, wie's sey! Nathan. Ihr wähnt Wohl gar, daß mir die Wahrheit zu verbergen Sehr nöthig? ^i.uh.iu dcr Weise. 341 Tempelherr. Sey, wie's sey! Na thau. Ich hab' es ja Euch — oder wem es sonst zu wissen ziemt — Noch nicht geleugnet, daß sie eine Christinn, Uiü) nichts als meine Pflegetochter ist. — Warum ichs aber ihr noch nicht entdeckt? — Darüber brauch' ich nur bey ihr mich zu Entschuldigen. Tempelherr. Das sollt Ihr auch bey ihr Nicht brauchen. — Gönnts ihr doch, daß sie Euch nie Mit andern Auge» darf betrachten! Spart Ihr die Entdeckung doch! — Noch habt Ihr ja, Ihr ganz allein, mit ihr zu schalten. Gebt Sie mir! Ich bitt' Euch, Nathan; gebt sie mir! Ich bins allein, dcr sie zum zwcytcnmale Euch retten kann — und will. Nathan. Za — konnte! konnte! Nun auch nicht mehr. Es ist damit zu spät. Tempelherr. Wie so? zu spät? Nathan. Dank sey dem Patriarchen ... Tempelherr. Dem Patriarchen? Dank? ihm Dank? wofür? Dank hätte der bey uns verdienen wollen? Wofür? wofür? Nathan. Daß wir nun wissen, wem Sie anverwandt; nun wissen, wessen Händen Sie sicher ausgeliefert werden kann. Tempelherr. Das dank' ihm — wer für mehr ihm danken wird! 342 N.ichau der Weise. Nathan. Aus dicsc» müßt Ihr sie »u» auch erhalten; Und nicht aus meinen. Tempelherr. Arme Rccha! Was Dir alles zustößt, arme Rccha! Was Ein Glück für andre Waisen wäre, wird Dein Unglück! — Nathan! — Und wo sind sie, dicsc Verwandte? Nathan. Wo sie sind? Tempelherr. Und wer sie sind? Nathan. Besonders hat ein Bruder sich gesunde», Bey dem Ihr um sie werben müßt. Tempelherr. Ein Bruder? Was ist er, dieser Bruder? Ein Soldat? Ein Geistlicher? — Laßt hören, was ich mir Versprechen darf. Nathan. Ich glaube, daß er keines Von beyde» — oder bcydcs ist. Zch kenn' Zhn »och nicht rccht. Tempelherr. Und sonst? Nathan. Ei» braver Man»! Bey dem sich Rccha gar nicht übcl wird Best »den. Tcmpclhcrr. Doch cin Christ! — Zch weiß zu Zeiten Auch gar nicht, was ich vo» Euch denke» soll: — Nehmt mirs «icht uiigut, Natha». — Wird sie nicht Dic Ehristin» spiele» müssen, unter Christen? Und wird sie, was sie lange gnug gespielt, Nathan der Weise. Nicht endlich werden? Wird den lauter» Weizen, Den Ihr gcsä't, das Unkraut endlich nicht Ersticken? — Und das kümmert Euch so wenig? Dem ungeachtet könnt Ihr sagen — Ihr? — Daß sie bey ihrem Bruder sich nicht übel Befinde» werde? Nathan, Dc»k' ich! hoff' ich! - Wen» Zhr ja bey ihm was maiigcl» sollte, hat Sie Euch imd mich denn nicht »och immer? — Tempelherr. Oh! Was wird bey ihm ihr maiigel» könne»! Wird Das Brüderchen mit Essen und mit Kleidung, Mit Naschwcrk und mit Putz, das Schwesterchen Nicht reichlich gnug versorgen? Und was braucht Ei» Schwesterchen denn mehr? — Ey freylich: auch Noch einen Mann! — Nun, nun; auch den, auch den Wird ihr das Brüderchen zu seiner Zeit Schon schaffe»; wie er immer nur zu finde»! Der Christlichste der Beste! — Nathan, Nathan! Welch einen Engel hattet Zhr gebildet,") Den Euch nun andre so verhunzen werde»! Natha». Hat kcmc Noth! Er wird sich uiisrcr Liebe Noch inimcr werth gcimg behaupte». Tempelherr. Sagt Das nicht! Bon mciiicr Liebe sagt das nicht! Den» die läßt nichts sich uutcrschlagc»; nichts. Es sey auch noch so klein! Auch keinen Namen! — Doch halt! — Argwohnt sie wohl bereits, was mit Zhr vorgeht? Nathan. Möglich; ob ich schon nicht wüßte, Woher? °) „Was lMct Ihr für eincn Engel da qcbildcl," in dcr crsim Ilttsaabc 344 Nathan der Weise. Tempelherr. Auch eben viel; Sie soll — sie muß Zn beyden Fällen, was ihr Schicksal droht, Von mir zuerst erfahren. Mein Gedanke, Sie eher wieder nicht zu sehn, zu sprechen, Als bis ich sie die Meine nennen dürfe, Fällt weg. Zch eile... Nathan. Bleibt! wohin? Tempelherr. Zu ihr! Zu sehn, ob diese Mädchcnsccle Manns genug Wohl ist, den einzigen Entschluß zu fassen Der ihrer würdig wäre! Nathan. Welchen? Tempelherr. Den: Nach Euch und ihrem Bruder weiter nicht Zu fragen — Nathan. Und? Tempelherr. Und mir zu folgen; — wenn Sie drüber eines Muselmannes Frau Auch werden müßte. Nathan. Bleibt! Zhr trefft sie nicht, Sie ist bey Sittah, bey des Sultans Schwester. Tempelherr. Seit wenn? warum? Nathan. Und wollt Zhr da bey Zhncn Zugleich den Bruder finden: kommt nur mit. Tempelherr. Den Bruder? welchen? Sittah's oder Rccha's? ^ZSMMW >, Nathan der Weisc. IZ4Z Nathan. Leicht beyde. Kommt nur mit! Ich bitt' Euch, kommt! (Er fuhrt ihn fort.) Sechster Auftritt. Sccnc: in Sittah's Harem. Sittah und Rccha in Unterhaltung begriffen. Sittah. Was freu ich mich nicht deiner, süsscs Mädchen! — Sey so beklemmt nur nicht! so angst! so schüchtern! — Sey munter! sey gesprächiger! vertrauter! Recha. Prinzessinn,... Sittah. Nicht doch! nicht Prinzessinn! Nenn Mich Sittah, — deine Freundinn, — deine Schwester. Nenn mich dein Mütterchen! — Ich könnte das Za schier auch seyn. — So jung! so klug! so sromm! Was du nicht alles weißt! nicht alles mußt Gelesen haben! Recha. Ich gelesen? — Sittah, Du spottest deiner kleinen albern Schwester. Ich kann kaum lesen. Sittah. Kannst kaum, Lügnerinn! Recha. Ein wenig meines Vaters Hand! — Ich mcyntc, Du sprächst von Büchern. Sittah. Allerdings! von Büchern.*) Recha. Nun, Bücher wird mir wahrlich schwer zu lesen! — Sittah. Zm Ernst? °) „von Büchern." fehlt der ersten Ausgabe. 3ik Nachmi der Weise. Rechn. Zn ganzen« Ernst. Mein Vater liebt Die kalte Buchgclchrsamkeit, die sich Mit todten Zeichen ins Gehirn nur drückt, Zn wenig. Sittah. Ey, was sagst du! — Hat indeß Wohl nicht sehr Unrecht! — Und so manches, was Du weißt..? Recha. Weiß ich allein aus seinem Munde. Und könnte bey dem Meisten dir noch sagen, Wie? wo? warum? er michs gelehrt. Sittah. So hängt Sich freylich alles besser an. So lernt Mit eins die ganze Seele. Recha. Sicher hat Auch Sittah wenig oder nichts gelesen! Sittah. Wie so? — Ich bin nicht stolz auss Gegentheil. — Allein wie so? Dein Grund! Sprich dreist. Dein Grund? Recha. Sie ist so schlecht und recht; so unvcrkünstclt; So ganz sich selbst nur ähnlich... Sittah. Nun? Recha. Das sollen Die Bücher uns nur selten lassen: sagt Mein Vater. Sittah. O was ist dein Vater für Ein Mann! Recha. Nicht wahr? Nalha» der Weise, 347 Sittah. Wie nah er immcr doch Zum Ziele trift! Recha. Nicht wahr? — Und diesen Nater — Sittah. Was ist dir, Liebe? , Recha. Diesen Vater — Sittah. Gott! Du weinst? Recha. Und diesen Nater — Ah! es muß Heraus! Mein Herz will Lust, will Luft... (wirft sich, von Thräne» überwältiget, zu ihren Füssen.) Sittah. Kind, was Geschieht dir? Recha? Recha. Diesen Nater soll — Soll ich verlieren! Sittah. Du? verlieren? ihn? Wie das? — Sey ruhig! — Nimmermehr! — Steh auf! Recha. Du sollst vergebens dich zu meiner Freundinn, Zu meiner Schwester nicht erbothen haben! Sittah. Ich bins ja! bins! — Steh doch nur auf! Ich muß Sonst Hülfe rufen. Recha. (die sich ermannt, und aussieht) Ah! verzeih! vcrgicb! — Mein Schmerz hat mich vergessen machen, wer Du bist. Vor Sittah gilt kein Winseln, kein Verzweifeln. Kalte, ruhige Vernunft 348 Nathau der Wcisc. Will alles über sie allein vermögen. Weß Sache diese bey ihr führt, der siegt! Sittah. Nun dann? Recha. Nein; meine Freundinn, meine Schwester Giebt das nicht zu! Giebt nimmer zu, daß mir Ein andrer Vater aufgedrungen werde! Sittah. Ein andrer Vater? aufgedrungen? dir? Wer kann das? kann das auch nur wollen, Liebe? Recha. Wer? Meine gute böse Daja kann Das wollen, — will das können. — Za; du kennst Wohl diese gute böse Daja nicht? Nun, Gott vergeb' es ihr! — belohn' es ihr! Sie hat mir so viel Gutes, — so viel Böses Erwiesen! Sittah. Böses dir? — So muß sie Gutes Doch wahrlich wenig haben. Recha. Doch! recht viel, Recht viel! Sittah. Wer ist sie? Recha. Eine Christinn, die Zn meiner Kindheit mich gepflegt; mich so Gepflegt! — Du glaubst nicht! — Die mir eine Mutter So wenig missen lassen! — Gott vcrgclt' Es ihr! — Die aber mich auch so geängstet! Mich so gequält! Sittah. Und über was? warum? Wie? Rach.i» der Weise, Rechn. Ach! die arme Frau, — ich sag' dirs ja — Ist eine Christinn; — muß aus Liebe quälen; — Ist eine von den Schwärmerinnen, die Den allgemeinen, einzig wahren Weg Nach Gott, zu wissen wähnen! S i t t a h. Nun versteh' ich! Rccha. Und sich gedrungen fühlen, einen jeden, Der dieses Wegs verfehlt, darauf zu lenken. — Kaum können sie auch anders. Denn ists wahr, Daß dieser Weg allein nur richtig führt: Wie sollen sie gelassen ihre Freunde Auf einem andern wandeln sehn, — der ins Verderben stürzt, ins ewige Verderben? Es müßte möglich seyn, denselben Menschen Zur selben Zeit zu lieben und zu hassen. — Auch ists das nicht, was endlich laute Klagen Mich über sie zu führen zwingt. Zhr Seufzen, Zhr Warnen, ihr Gebet, ihr. Drohen hätt' Zch gern noch länger ausgehalten; gern! Es brachte mich doch immer auf Gedanken, Die gut und nützlich. Und wem schmcichclts doch Zm Grunde nicht, sich gar so werth und theuer, Von wcms auch sey, gehalten fühlen, daß Er den Gedanken nicht ertragen kann, Er müß' einmal auf ewig uns entbehren! Sittah. Sehr wahr! Rccha. Allein — allein — das geht zu weit Dem kann ich nichts entgegensetzen; nicht Geduld, nicht Ucbcrlcgung; nichts! Sittah. Was? wem? 350 N.Uhan der Wcisc, Rccha. Was sie mir eben itzt entdeckt will haben. Sittah. Entdeckt? und eben itzt? Recha. Nur eben itzt! Wir nahten, auf dem Weg' hierher, uns einem Vcrfallnen Ehristcntcmpel. Plötzlich stand Sie still; schien mit sich selbst zu kämpfen; blickte Mit nassen Augen bald gen Himmel, bald Auf mich. Komm, sprach sie endlich, laß uns hier Durch diesen Tempel in die Richte gehn! Sie geht; ich folg' ihr, und mein Auge schweift Mit Graus die wankenden Ruinen durch. Nun steht sie wieder; und ich sehe mich An den vcrsunkncn Stuffcn eines morschen Altars mit ihr. Wie ward mir? als sie da Mit hcisscn Thränen, mit gcrungncn Händen, Zu meinen Füssen stürzte... Sittah. Gutes Kind! Rccha. Und bey der Göttlichen, die da wohl sonst So manch Gebet erhört, so manches Wunder Verrichtet habe, mich beschwor; — mit Blicken Des wahren Mitleids mich beschwor, mich meiner Doch zu erbarmen! — Wenigstens, ihr zu Vergeben, wenn sie mir entdecken müsse, Was ihre Kirch' aus mich für Anspruch habe. Sittah. (Unglückliche! — Es ahndtc mir!) Recha. Ich ft>) Aus christlichem Geblütc; sey getauft; Sey Nathans Tochter nicht; er nicht mein Vater! N.tthc», der Weise, Gott! Gott! Er nicht mein Vater! — Sittah! Sittah! Sich mich aufs neu' zu deinen Füssen ... Sittah. Recha! Nicht doch! steh ans! — Mein Bruder kömmt! steh ans! Siebender Auftritt. Saladin und die Vorigen. Saladi». Was gicbts hier, Sittah? Sittah. Sie ist von sich! Gott! Saladin. Wer ists? Sittah. Dn weißt ja ... Saladin. Unsers Nathans Tochter? Was fehlt ihr? Sittah. Komm doch zu dir, Kind! — Der Sultan... Recha. (die sich auf den Kniee» zu Sal.idins Füssen schleppt, den Kopf zur lLrdc gesenkt.) Ich steh nicht auf! nicht eher auf! — mag eher Des Sultans Antlitz nicht erblicken! — eher Den Abglanz ewiger Gerechtigkeit lind Güte nicht in seinen Augen, nicht Auf seiner Stirn bewundern ... Saladin. Steh... steh auf! Recha. Eh er mir nicht verspricht... Saladin. Komm! ich verspreche... Sey was es will! 362 N.nh.ni der Weise. Rccha. Nicht mehr, nicht weniger, Als meinen Vater mir zu lassen; und Mich ihm! — Noch weiß ich nicht, wer sonst mein Uatcr Zn seyn verlangt; — verlangen kann. Wills auch Nicht wissen. Aber macht denn nur das Blut Den Vater? nur das Blut? Sa lad in. (der sie aufhebt) Zch merke wohl! — Wer war so grausam denn, dir selbst — dir selbst Dergleichen in den Kopf zu setzen? Ist Es denn schon völlig ausgemacht? erwiesen? Recha. Muß wohl! Denn Daja will von meiner Amm' Es haben. Saladin. Deiner Amme! Recha. Die es sterbend Zhr zu vertrauen sich verbunden suhlte. Saladin. Gar sterbend! — Nicht auch faselnd schon? — Und wärs Auch wahr! — Za wohl: das Blut, das Blut allein Macht lange noch den Vater nicht! macht kaum Den Vater eines Thieres! giebt zum höchsten Das erste Recht sich diesen Namen zu Erwerben! — Laß dir doch nicht bange scmi! — Und weißt du was? Sobald der Väter zwey Sich um dich streiten: — laß sie beyde; nimm Den dritten! — Nimm dann mich zu deinem Vater! Sittah. O thu's! o thu's! Sala din. Ich will ein guter Vater, Recht guter Vater scvn! — Doch halt! mir fällt Noch viel was Bcsscrs bey. — Was brauchst du denn Der Väter überhaupt? Wenn sie nun sterben? Nathcm dcr Weise. Bey Zeiten sich nach einem umgesehn, Dcr mit uns um die Wette leben will! Kennst du noch keinen?... Sittah. Mach sie nicht crröthcn Sa lad in. Das hab' ich allerdings mir vorgesetzt. Erröthcn macht die Häßlichen so schön: Und sollte Schöne nicht noch schöner machen? — Zch habe deinen Vater Nathan, und Noch einen — einen noch hierher bestellt. Erräthst du ihn? — Hierher! Du wirst mir doch Erlauben, Sittah? Sittah. Bruder! Saladin. Daß du ja Vor ihm recht sehr erröthest, liebes Mädchen! Recha. Vor wcm? crröthcn?... Saladin. Kleine Heuchlerinn! Nun so erblasse lieber! — Wie du willst Und kannst! — (Eine Sklavinn tritt herein, und nahet sich Sittah,) Sic sind doch ctwa nicht schon da? Sittah. Gut! laß sie nur herein. — Sic sind es, Bruder! Letzter Auftritt. Nathan und der Tempelherr zu den Vorigen. Saladin. Ah, meine guten lieben Freunde! — Dich, Dich, Nathan, muß ich nur vor allen Dingen Bedeuten, daß du nun, sobald du willst, Dein Geld kannst wiederholten lassen!. .. L-ssings Werte II, 23 364 Nathan dcr Wcisc^ Nathan. Sultan!... Saladin. Nun steh ich auch z« deinen Diensten... Nathan. Sultan!... Saladin. Die Karavan' ist da. Ich bin so reich Nun wieder, als ich lange nicht gewesen. — Komm, sag' mir, was du brauchst, so recht was Grosses Zu unternehmen! Denn auch ihr, auch ihr, Ihr Handelsleute, könnt des baaren Geldes Zu viel nie haben! Nathan. Und warum zuerst Von dieser Kleinigkeit? — Ich sehe dort Ein Aug' in Thränen, das zu trocknen, mir Weit angelegner ist. (geht auf Rccha zu) Du hast geweint? Was fehlt dir? — bist doch meine Tochter noch? Recha. Mein Vater!. Nathan. Wir verstehen uns. Genug! — Sey heiter! Sey gefaßt! Wenn sonst dein Herz Nur dein noch ist! Wenn deinem Herzen sonst Nur kein Verlust nicht droht! — Dein Vater ist Dir unvcrloren! Recha. Keiner, keiner sonst! Tempelherr. Sonst keiner? — Nun! so hab' ich mich betrogen. Was man nicht zu verlieren fürchtet, hat Man zu besitzen nie geglaubt, und nie Gewünscht. — Recht wohl! recht wohl! — Das ändert, Nathan, Das ändert alles! — Saladin, wir kamen Auf dein Geheiß. Allein, ich hatte dich Verleitet: itzt bemüh dich nur nicht weiter.' Rathen der Weise. Saladin. Wie gach nun wieder, junger Mann! — Soll alles Dir denn entgegen kommen? alles dich Errathen? Tempelherr. Nun du hörst ja! siehst ja, Sultan! Saladin. Ey wahrlich! — Schlimm gcnng, daß deiner Sache Du nicht gewisser warst! Tempelherr. So bin ichs nun. Saladin. Wer so auf irgend eine Wohlthat trotzt, Nimmt sie zurück. Was du gerettet, ist Deswegen nicht dein Eigenthum. Sonst wär' Der Räuber, den sein Geiz ins Feuer jagt, So gut ein Held, wie du! (auf Rccha zugehend, um sie dem Tempelherrn zuzuführen) Komm, liebes Mädchen, Komm! Nimms mit ihm nicht so genau. Denn wär' Er anders; wär' er minder warm und stolz: Er hätt' es bleiben lassen, dich zu retten. Du mußt ihm eins fürs andre rechnen. — Komm! Beschäm ihn! thu, was ihm zu thun geziemte! Bekenn' ihm deine Liebe! trage dich ihm an! Und wenn er dich verschmäht; dirs jc vergißt, Wie ungleich mehr in diesem Schritte du Für ihn gethan, als cr für dich... Was hat Er denn für dich gethan? Ein wenig sich Bcräuchcrn lassen! ist was rechts! — so hat Er meines Bruders, meines Assad, nichts! So trägt cr seine Larve, nicht sein Herz. Komm, Liebe... Sittah. Geh! geh, Liebe, geh! Es ist Für deine Dankbarkeit noch immer wenig; Noch immer nichts. 23" Nathan der Weift. Nathan. Halt Saladin! halt Sittah! Saladin. Auch du? Nathan. Hier hat noch cincr mit zu sprechen ... Saladin. Wer leugnet das ? — Unstreitig, Nathan, kömmt So einem Pflegevater eine Stimme Mit zu! Die erste, wenn du willst. — Du hörst, Ich weiß der Sache ganze Lage. Nathan. Nicht so ganz! — Ich rede nicht von mir. Es ist ein andrer; Weit, weit ein andrer, den ich, Saladin, Doch auch vorher zu hören bitte. Saladin. Wer? Nathan. Ihr Bruder! Saladin. Recha's Bruder? Nathan. Za! Recha. Mein Bruder? So hab ich einen Bruder? Tempelherr, (aus seiner wilden, stummen Zerstreuung auffahrend.) Wo? wo ist Er, dieser Bruder? Noch nicht hier? Ich sollt' Ihn hier ja treffen. Nathan. Nur Geduld! Tempelherr, (äusserst bitter) Er hat Ihr einen Vater aufgebunden: — wird Er keinen Bruder für sie finden? Natba» dcr Weisc^ :j.?7 Saladi ii. Das Hat noch gefehlt! Christ! ein so niedriger Verdacht wär über Assads Lippe» nicht Gekommen. — Gilt! fahr nur so fort! Nathan. Verzeih Ihm! — Ich verzeih ihm gern. — Wer weiß, was wir An seiner Stell', in seinem Alter dächten! (freundschaftlich auf ih» zugehend) Natürlich, Ritter! — Argwohn folgt auf Mißtraun! — Wenn Zhr mich Eucrs wahren Namens gleich Gewürdigt hättet. . . Tempelherr. Wie? Nathan. Zhr seyd kein Staufsc»! Tempelherr. Wer bin ich denn? Nathan. Heißt Eurd von Stauffcn nicht! Tempelherr. Wie heiß ich denn? Nathan. Heißt Leu von Filucck. Tempelherr. Wie? Nathan. Zhr stutzt? Tempelherr. Mit Recht! Wer sagt daS> Nathan. Ich; dcr mehr, Noch mehr Euch sagen kann. Ich straf indeß Euch keiner Lüge. Tempelherr. Nicht? 358 Ratha» der Weise. Nathan. Kann doch wohl seyn, Daß jciicr Nam' Euch ebenfalls gebührt. Tempelherr. Das sollt ich mcyncn! — (Das hieß Gott ihn sprechen!) Nathan. Denn Eure Mütter — die war eine Stauffiim. Zhr Bruder, Euer Ohm, der Euch erzogen. Dem Eure Acltcrn Euch in Deutschland liessen, Als, von dem rauhen Himmel dort vertrieben, Sie wieder hier zu Lande kamen: — Der Hieß Curd von Stauffcn; mag an Kindcsstatt Vielleicht Euch angenommen haben! — Seyd Zhr lange schon mit ihm nun auch herüber Gekommen? Und er lebt doch noch? Tempelherr. Was soll Ich sagen? — Nathan! — Allerdings! So ists! Er selbst ist todt. Ich kam erst mit der letzten Verstärkung unsers Ordens. — Aber, aber — Was hat mit diesem allen Rccha's Bruder Zu schaffen? Nathan. Euer Vater... Tempelherr. Wie? auch den Habt Ihr gekannt? Auch den? Nathan. Er war mein Freund. Tempelherr. War Euer Freund? Zsts möglich, Nathan!... Nathan. Nannte Sich Wolf von Filncck; aber war kein Deutscher... Tempelherr. Zhr wißt auch das? Slatha» der Weise, Natha ». War cincr Deutschen nur Vermählt; war Eurer Mutter nur nach Deutschland Auf kurze Zeit gefolgt... Tempelherr. Nicht mehr! Ich bitt' Euch! — Aber Rccha's Bruder? Rccha's Bruder... Na thau. Seyd Ihr! Tempelherr. Ich? ich ihr Bruder? Recha. Er mein Bruder? Sittah. Geschwister! Sa lad in. Sie Geschwister! Recha. (will auf ihn zu) Ah! mein Bruder! Tempelherr, (tritt zurück.) Ihr Bruder! Recha. (hält an, und wendet sich zu Nalhan) Kann nicht seyn! nicht seyn! Sein Herz Weiß nichts davon! — Wir sind Bctriegcr! Gott! SaladiN. lzum Tempelherrn) Bctriegcr? wie? Das denkst du? kannst du denken? Bctriegcr selbst! Denn alles ist erlogen An dir: Gesicht und Stimm und Gang! Nichts dein!") So eine Schwester nicht erkennen wollen! Geh! Tempelherr, (sich demüthig ihm nahend.) Mißdeut' auch du nicht mein Erstaunen, Sultan! Ncrkcnn' in einem Augenblick', in dem Du schwerlich deinen Assad je gesehen, °) In der ersten Ausgabe: Bctriegcr selbst! Denn alles ist an dir erlogen. Gesicht und Stimm nnd Gang! Nichts dein! nichts dein! 360 Nathan der Weise. Nicht ihn lind mich! (auf Nathan zueilend) Ihr nehmt und gebt mir, Nathan! Mit vollen Händen beydes! — Nein! Ihr gebt Mir mehr, als Zhr mir nehmt! unendlich mehr! (Rccha um den Hals fallend) Ah meine Schwester! meine Schwester! Nathan. Blanda Bon Filncck! Tempelherr. Blanda ? Blanda? — Rccha nicht? Nicht Eure Rccha mchr? — Gott! Zhr verstoßt Sie! gebt ihr ihren Christcnnamcn wieder! Verstoßt sie meinetwegen! — Nathan! Nathan! Warum es sie entgelten lassen? sie! Nathan. Und was? — O meine Kinder! meine Kinder! — Denn meiner Tochter Bruder wär mein Kind Nicht auch, — sobald er will? (Indem er sich ihren Umaruumgcn überläßt, tritt Saladin mit unrnhigcm Erstaunen zu seiner Schwester.) Sa lad in. Was sagst du, Schwester? Sittah. Ich bin gerührt... Sa lad in. Und ich, — ich schaudere Vor einer großem Rührung fast zurück! Bereite dich nur drauf, so gut du kannst. Sittah. Wie? Saladin. Nathan, auf ein Wort! ein Wort! — (Indem Nathan zu ihm tritt, tritt Sittah zu dem Geschwister, ibm ihre Thcilnchmung zu bezeigen, und Nathan und Saladin sprechen leiser.) Hör! hör doch, Nathan! Sagtest du vorhin Nicht — ? Nathan der Weise. 301 Nathan. Was? Saladin. Ans Deutschland sey ihr Vater nicht Gewesen; ein gcbohrncr Deutscher nicht. Was war er denn? wo war er sonst denn her? Nathan. Das hat er selbst mir nie vertrauen wollen. Aus seinem Munde weiß ich nichts davon. Sa lad in. Und war auch sonst kein Frank? kein Abendländer? Nathan. O! daß er der nicht sey, gestand er wohl. — Er sprach am liebsten Persisch ... Saladin. Persisch? Persisch? Was will ich mehr ? — Er ists! Er war es! Nathan. Wer? Saladin. Mein Bruder! ganz gewiß! Mein Assad! ganz Gewiß! Nathan. Nun, wenn du selbst darauf verfällst: — Nimm die Vcrsichrung hier in diesem Buche! (ihm das Brevier übereichcnd.) Saladin. (cs begierig aufschlagend) Ah! seine Hand! Auch die erkenn' ich wieder! Nathan. Noch wissen sie von nichts! Noch stchts bey dir Allein, was sie davon erfahren sollen! Saladin. (indeß er darin» geblättert.) Ich meines Bruders Kinder nicht erkennen? Zch meine Neffen — meine Kinder nicht? Sie nicht erkennen? ich? Sie dir wohl lassen? (wieder laut) Sie sinds! sie sind cs, Sittah, sind! Sie sinds! W2 Nathan der Weise. Sind beyde meines ... deines Bruders Kinder! (er rennt in ihre Umarmungen.) Sittah. (ihm folgend) Was hör' ich! — Konnts auch anders, anders seyn! — Sa lad in. (zum Tempelherrn) Nun mußt du doch wohl, Trotzkopf, mußt mich lieben! (zu Recha) Nun bin ich doch, wozu ich mich erboth? Magst wollen, oder nicht! Sittah. Ich auch! ich auch! Sa lad in. (zum Tempelhcrrn zurück) Mein Sohn! mein Assad! meines Assads Sohn! Tempelherr. Ich deines Bluts! — So waren jene Träume, Womit man meine Kindheit wiegte, doch — Doch mehr als Träume! (ihm zu Füssen fallend.) Sa lad in. (ihn aufhebend) Seht den Böscwicht! Er wußte was davon, und konnte mich Zu seinem Mörder machen wollen! Wart! Unter stummer Wicdcrhohlung allcrscitigcr Umarmungen fällt der Vorhang. Dämon, oder die wahre Freundschaft. Ein Lustspiel in cincm Auszüge. 1747.°) Personen. Die ^Vittwe. Leander. Dämon. Oronte. Liserre. Der erste Austritt. Die Wittwe- Lisette. Kusette. Nun, das ist wahr, unser Haus hat sich in kurzem recht sehr geändert. Noch vor acht Tagen war es ein belebter Sammelplatz von unzähligen jungen Herren und verliebten Narren. Alle Tage haben sich ihrer ein Paar verlohrcn. Heute blieben die weg; morgen folgten ein Paar andre nach, und übermorgen desgleichen. Gott sey Dank! zwey sind noch übrig geblieben. Wenn die sich auch abfinden sollten: so wird nnser Haus zur öinode. Madame - - - Madame! Die Wittwe. Run, was ist es? Kriselte- Alsdann bleibe ich gewiß auch nicht länger bey ihnen; so gut ich es auch hier habe. Gesellschaft ist das halbe Leben! Die Wittwe- Du hättest dich also besser in einen Gasthof, als in meine Dienste, geschickt? Auserte. Ja. In einem Gasthofe geht es doch noch munter zu. Wenn es nicht fo viel Arbeit da gäbe, wer weis, was ich gethan hätte. Wenn man einmal, leider! dienen muß, so, dächte ich, ist es wohl am vernünftigsten, man dient da, wo man bey seinem Dienen das gröste Vergnügen haben kann. Doch, Scherz bey Seite. Was stellt denn itzo Herr Dämon nnd Herr Leander bey ihnen vor? Die Wittwe- Was sie vorstellen? °) Zni siebente» Stücke der Ermttntcnuigc» zum Vergnüge» des Gemüths, S. 514. 364 Dämon, oder die wahre Freundschaft. Aisette- Die Frage scheint ihnen wundersam? Das weis ich wohl, was sie sonst vorgestellt haben. Ihre Freyer. Die U)itrwe. Und das sind sie auch noch. Aisetre. Das sind sie noch? So? Dämon ist also des Leanders Nebenbuhler, und Leander des Dämons. Und gleichwohl sind Leander und Dämon die besten Freunde? Das wäre eine neue Mode. Wider die streite ich mit Händen und Füssen. Was? Nebenbuhler, die sich nicht unter einander zanken, verleumden, schimpfen, betrügen, herausfordern, schlagen, das wären mir artige Creaturen. Rein. Es muß bey dem Alten bleiben. Unter Nebenbuhlern muß Feindschaft seyn, oder sie sind keine Nebenbuhler. Die Wittwe- Es ist wahr, ich habe mich über ihr Bezeigen einigermaßen selbst gewundert. Ehe beyde noch wußten, daß sie einerley Zweck hätten, bezeigte sich niemand gegen mich verliebter, als eben sie. Niemand war zärtlicher, niemand bestrebte sich um meine Eegen- gunst mehr, als sie. So bald sie gewahr wurden, daß einer des andern Nebenbuhler wäre, so bald wurden beyde, in ihrem Bestreben, mir zu gefallen, nachlässiger. Einer redete bey mir dem andern das Wort, Dämon dem Leander, und Leander dem Dämon. Beyde schwiegen von ihren eigenen Angelegenheiten. Aisette- Und bey der Aufführung halten sie beyde noch für ihre Freyer? Die ^Vittwe- Ja, ich bin es gewiß überzeugt, daß sie mich beyde lieben. Beyde lieben mich aufrichtig. Nur schien mir Dämon etwas zu flüchtig, und Leander etwas zu ungestüm. K,iserre. Beynahe möchte ich sie itzt etwas fragen? Die Wittwe- Run, so laß doch hören. Kusette. Werden sie mir aber aufrichtig antworten? Die Wittwe- Ob ich dir aufrichtig antworten werde? Ich sehe nicht, was mich nöthigen sollte, dir eine erdichtete Antwort zu geben. Wenn mir deine Frage nicht ansteht, so dürfte, ich dir ja lieber gar nicht antworten. Z.isette. Sie glauben, daß sie von beyden geliebt werden. Und vielleicht mit Recht. Welchen von ihnen lieben sie denn aber? Die Wittwe. Welchen? Eiferte- Ja. Dämon, oder dic wahre Freundschaft. 36'» Die Wittwe. Welchen^ die Frage ist wunderlich. Ich liebe sie beyde. Kriselte. Nun, das ist gut. Sie werden sie also auch beyde hcyralhcn? Die Wittwe. Tu mengest alles unter einander. Jtzo war die Rede vom Lieben und nicht vom Heyrathcn. Alle Freyer, die ich gehabt habe, waren theils eitle verliebte Hasen, theils eigennützige nieder- trächtige Seelen. Was habe ich nicht von beyden ausstehen müssen! Nur Dämon und Leander unterschieden sich gleich anfangs von ihnen. Ich nahm diesen Unterschied mit dem größten Vergnügen wahr. Und ich glaube auch, daß ich es ihnen selbst habe deutlich genug zu verstehen gegeben, wie sehr ich sie zu unterscheiden wüßte. Ich habe allen den Abschied gegeben, die nicht selbst so klug waren, ihn zu nehmen; mir sie habe ich da behalten, und sehe sie noch mit Vergnügen bey mir. A.iserte. Was soll aber daraus werden? Die Wittwe- Ich will es mit abwarten. Kann ich nicht beyder Liebste werden, so kann ich doch wohl beyder Freundinn seyn. Ja, gewiß, die Freundschaft kömmt mir itzt viel reizender vor, als die Liebe. Ich muß dieses dem Ercmpel meiner zärtlichen Liebhaber zuschreiben. Aisetre. Was, die Freundschaft? die Freundschaft reizender, als die Liebe? die trockne Freundschaft! Reden sie mir nur nicht so philosophisch. Ich glaube doch davon so viel, als ich will. Ihr Herz denkt ganz anders. Und es würde ihm auch gewiß nicht viel Ehre machen, wenn es mit dem Mnnde übereinstimmte. Lassen sie mich einmal versuchen, ob ich seine stnmiiie Sprache verstehe. Ich höre es; ja, ja, es spricht: Wie? sind das die aufrichtigen Liebhaber? was ist das für eine neue Art der Liebe, die der Anblick eines Freundes unterdrückt? keiner wagt es, mir seinen Freund aufzuopfern? O die Unwürdigen! Ich will sie hassen, ja ich will - - aber werde ich auch können? werde ich auch - - - Die Wittwe. Schweig! schweig! Lisette. Du verstehst seine stumme Sprache sehr schlecht. L-isette. O! verzeihen sie mir. Dieses Einfallen in die Rede, versichert mich, daß ich sie sehr wohl verstehe. Je nun, wie kaun es anders seyn? Ich würde selbst verdrießlich seyn, wenn mir die Freundschaft so einen Streich spielte. Ucberlegcn sie es nur, wer ist sonst 366 Vamon, oder die wahre Freundschaft. daran schuld, als die Freundschaft, daß sie itzo, da sie zwey Anbeter haben könnten, gar keinen haben? Ach! es wäre eine Schande, wenn die Liebe nicht stärker seyn sollte, als die Freundschaft. Die Wittwe. Ach! Kriselte- Ha! ha! den Ton verstehe ich auch. Hören sie einmal, ob ich ihn geschickt umschreiben kann. Richt wahr? er will so viel sagen: Lisctte, nöthige mich nicht weiter, dir etwas zu gestehen, was du schon weist. Wollte der Himmel! daß die Liebe nur bey einem mächtiger wäre, als die Freundschaft! Kannst du was beytrage», meine Liebhaber empfindlicher und weniger gewissenhaft zu machen - - - Die Wittwe- Sage mir, was du schwärmst? -L.isette. O! um Verzeihung. öS find ihre eigenen Schwär- mcreycn. Die Wittwe- Gesetzt nun, ich gestünde dir, daß ich es lieber sehen würde, wenn mir beyde ihre Liebe noch ferner entdeckten, wenn sich beyde die zärtlichste Mühe um mein Herz gäben, wenn einer dem andern einen Rang abzulaufen suchte, wenn sie meine Gunstbezeigungen selbst, die ich dem einen mehr oder weniger zukommen ließe, ein wenig uneinig machte, wenn ich alsdenn selbst das Vergnügen haben könnte, sie wieder zn vereinigen, um sie aufs neue zu trennen, gesetzt, sage ich, ich gestünde dir dieses, was wäre es nun mehr? Aisette. Es wäre allerdings etwas mehr, als sie mir vorhin zugestehen wollten. Die Wittwe. Ich weis aber auch gar nicht, was ich für Ursache habe, dir von meinem Herzen Rechenschaft zn geben? L.isette. Ich bin mit ihnen einig, sie haben keine, sie thun es aus bloßer Eütigkeit. Aber sie sollen nicht umsonst so gütig gewesen seyn, ich versichrc sie. Ich will mein möglichstes thun, daß cS bald dahin kömmt, wohin sie es gern haben wollen. Aber sagen sie mir nur erst, für wen wollten sie sich wohl am liebsten erklären; für Va- mon oder Leandern? Sie besinnen sich? Hören sie, es fällt mir ein guter Rath ein. Sie wissen, daß sie beyde vor einem Jahre, beynahe ihr ganzes Vermögen, jeder auf ein besonderes Schiff, welche nach Ostindien handeln, gegeben haben. Sie warten alle Tage auf ihre Rückkunft. Wie wär es, wenn wir auch darauf warteten, und uns alsdenn für denjenigen erklärten, der der glücklichste bey diesem Handel gewesen ist? Dämon, oder dic wahre Freundschaft. 367 Die IVittrve- Ich lasse mir es gefallen. Nur - > - Aisette. Hier kömmt Herr Dämon. Lassen sie mich einmal mit ihm alleine, ich will ihn aushöhlen. Der zweyte Allstritt. Äsette. Dämon- A.isette. Ihre Dienerinn, Herr Dämon. Sie scheinen mir jemanden zu suchen. Wer ist es? Dämon- Leander hat mich hier erwarten wollen. Habt ihr ihn nicht gesehen? Kriselte. Nein. Nun - - Aber müssen sie denn deswegen gleich wieder fort gehen? Verziehen sie doch einen Augenblick. Wird ihnen die Zeit schon zu lang, daß er ihnen nicht gleich seine siisscii Träume der Freundschaft vorplaudern soll? Wenn sie nur deswegen etwa hergekommen sind angenehme Lügen und entzückende Gedanken von ihrem Freunde zu hören; verziehen sie, verziehen sie, ich will es so gut machen, als er. Seit sie und Herr Leander einander hier angetroffen, schallen ja alle Wände von dem Lobe der Freundschaft wieder; ich werde doch wohl was behalten haben. Dämon. Diese Spöttercycn geschehen auf Unkosten meines Freundes. Sie müssen mir nothwendig zuwider seyn. Wenn ich bitten darf, schweigt! Aisette. Ey! sonst jemand möchte bey solchen Umständen schweigen. Ueberlegen sie es doch nur selbst. Sie sind in dem Hause einer jungen liebenswürdigen Wittwe. Sie lieben sie. Sie suchen ihre Gegenliebe. Aber, mein Gott! auf was für eine besondre Art! Ein Freund macht sie in ihrem Antrage schüchtern. Sie wollen ihn nicht beleidigen. Ihre Liebe ist viel zu schwach, seine ungegründeten Vorwürfe zu erdulden. Sie wollen es lieber mit ihrer Liebsten, als mit ihrem Freunde verderben. Je nun, möchte es doch noch endlich seyn, wenn der andre nur nicht eben so ein Grillenfänger wäre. Dämon. Unsre Aufführung darf eurer Frau gar nicht seltsam vorkomme». Sie weis unsrer beyder Neigung. Wir haben uns ihr beyde erklärt, ehe wir wußten, daß wir ihr einerley erkläret hätten. Wir bestreben uns, aufrichtige Freunde zu seyn. Wäre es also nicht unbillig, wenn ich dem Leander, oder Leander mir, durch ungestümes 368 Dämon, oder die wahre Freundschaft. Anhalten, ein Herz entreißen wollte, das sich vielleicht mit der Zeit aus Neigung an einen von uns ergeben wird? K.isette. Ans Neigung? Als wenn ein Frauenzimmer nicht für alle wohlgcmachlc Mannspersonen einerley Neigung hatte. Zum Exempel, was würde mir daran gelegen seyn, ob ich sie, oder Herr Leandern bekommen sollte. Nehmen sie mir es nicht übel, daß ich meinem Stolze einmal solche süßs Träume vorhalte. Sie und Herr Leander sind von einer gesunden Lcibcsbeschaffcnhcit. Stark und inunter. Zwischen zwey gleich guten Sachen kann man sich in der Wahl nicht irren. Der erste der beste. Nur blindlings zugegriffen! Dämon. Lisette, ihr beurtheilt eure Frau nach euch; und gewiß ihr macht ihr dadurch nicht viel Ehre. Ich kenne sie zu wohl. Sie hat edlere Gedanken von der Liebe. K.isctte. Ach, nehmen sie mir es nicht übel. Liebe bleibt Liebe. Eine Königinn liebt nicht edler, als eine Bettlerinn, und eine Philo- sophinn nicht edler, als eine dumme Bauersfrau. Es ist Maus, wie Mutter. Und ich und meine Frau würden in dem Wesentlichen der Liebe gewiß nicht um ein Haar unterschieden seyn. Dämon. Lebt wohl! Ich habe itzo just weder Lust, noch Zeit, eure ungegründeten Reden zu widerlegen. Sollte Herr Leander kommen, so bittet ihn, einen Augenblick zu verziehen. Ich habe was nöthiges vorher zu verrichten. Ich werde gleich wieder da seyn. lisette. Je, zum Henker! so warten sie noch einen Augenblick. Sie nennen meine Reden ungegründet? Nun, horchen sie einmal. Itzo will ich ihnen was sagen. Vielleicht werden sie ihnen alsdenn gegründeter vorkommen. Dämon. Run, so werde ich was hören. Aisette. Wissen sie, was meine Frau beschlossen hat? Sie will warten, bis die beyden Schiffe wieder da sind, auf welche sie ihre Gelder gegeben haben. Und wer bey dem Handel der glücklichste wird gewesen seyn, den will sie hcyrathen, Knall und Fall. Glauben sie nun, daß es meiner Frau gleichviel seyn wird, ob sie den Herrn Leander oder sie bekömmt? He? Dämon. Was? Lisette! Das hätte sich deine Frau entschlossen? .Geh! erzähle dein Mährgcn einem andern. lisette- Nun, warum kömmt ihnen das so unwahrscheinlich vor? Ist es ein Schelmstück, daß man lieber einen Reichen, als einen _ Tamon, odcr die wahre Freundschaft. 3l>9 Armcn, hcyrathcii will? Ihr närrischen Mannspersonen zählt wohl eher die Rockknöpfe, wenn ihr euch zu nichts entschließen könnt, lind ich dächte doch, sie hätte noch zehnmal gescheiter gethan, da sie cS dem Glücke überlassen, den Ansschlag zu thun, und ihre Neigung gewiß zu bestimmen. Dämon. Himmel! wie unglücklich bin ich, wenn ihr die Wahrheit redet! Hätte ich mir auch jemals einbilden können, daß der Reichthum so viel Reizungcn für sie haben sollte? Soll der nun unsere Person erst beliebt machen? Findet sie an mir und an Leandern nichts, welches dieser verblendenden Kleinigkeit die Waage halten könnte? Bald sollte es mich gmucn, eine Person zu lieben, die so niederträchtig - - - Kriselte. Nun, min! Fein sachte, fein sachte! Nur nicht gleich geschimpft. Zum Geyer, haben sie es denn besser haben wollen? Tcr Reichthum an und für sich selber ist eben dasjenige nicht, was sie an ihnen sucht. Tic Neigungen meiner Fran gegen sie und gegen den Herrn Leander liegen itzo im Gleichgewichte, und dieser soll also nur ein kleiner Zuwurf seyn, welcher der oder jener Schale den AuSschlag giebt. O! geizig sind wir eben nicht. Vas sagen sie uns nur nicht nach. Ob es uns auch gleich keine Schande seyn würde, wenn wir es wären. Sie zeigen ja dadurch, daß sie ihr eine Feit lang nichts mehr von ihrer Liebe vorgesagt haben, ganz deutlich, daß es ihnen gleichviel seyn würde, ob sie sich für sie selbst odcr für ihren Freund erklärte; und Leander desgleichen. Wie hätte sie es also wohl klüger können anfangen? Dämon. Ach daß ich so verliebt, ach, 5aß ich so gewissenhaft in der Freundschaft bin! Aisettc. Würde es ihnen vielleicht lieber gewesen seyn, wenn meine Frau sie beyde Härte würfeln lassen, damit die meisten odcr die wenigsten Augen sic dem einen odcr dem andern zur Frau gegeben hätten? ES ist dieses sonst eine ganz löbliche Soldatcnmodc, wenn von zwey Galgcnschwcngeln einem das Leben soll geschenkt werden, und es einer doch eben so wenig verdient, als der andre. Ja, ja. Nicht wahr, sic hätte der Mode wohl auch hier folgen können? Dämon. Eure Spöttcrcyen sind sehr übel angebracht. Mein Herz ist - - - doch ich will nur gchcn. Liscttc, Liscttc, in was für Unrnhc habt ihr mich gesetzt! Himmel! LcMgs Werke II. 24 370 Dämon, oder die wahre Freundschaft. Dritter Auftritt. Lisette. Nun, der hat einen Floh hinter dem Ohrn. Aber was hilft mirs? Ich kann itzo ans ihm eben so wenig klug werden, als zuvor. Wenn ich ihn nur wenigstens so weit hätte bringen können, daß er seine Liebeserklärungen wieder vorgesucht hätte. Er ließ aber auch gar nicht mit sich reden; es war, als wenn er ans Kohlen stünde. Huy! da kömmt Leander. Laßt sehn, was mit dem anzufangen ist! Vierter Austritt. Lisette. Leander. lisette. Ein klein bisgen eher, so hätten sie ihn angetroffen. Stander. So? Ist Dämon schon hier gewesen? K.isette. Ja. Und er wird auch gleich wieder da seyn. Sie sollen sich nur ein klein wenig gedulden. Herr Leander, wie sehen sie mir denn aber heute einmal so verdrießlich aus? Ach! das Gesichte steht einem Freyer gar nicht! Pfuy! fein munter! hübsch lustig! A.eander. Wer so viel Ursache zum Verdrösse hat, wie ich - - - - K.isette- Ach! ach! Reden sie doch. Sie mögen wohl viel ans dem Herzen haben, das sie bekümmert. Ich mcrke zwar bald, was es seyn kann? Huy! daß sie die Liebe quält. Sind sie es einmal satt, sie der Freundschaft nachzusetzen. O sie thäten nicht mehr, als billig. Frisch gewagt! Schade auf einen Freund. Halten sie bey meiner Frau wieder aufs neue an. Ich gebe ihnen mein Wort, sie bekommen sie weg. Wenn sie aber noch länger tändeln, so bin ich ihnen für nichts gut. Wählen kann meine Frau nicht. Wenn nicht bald einer von beyden kömmt, und sie so holt, so hat sie alles schon dem blinden Zufalle überlassen. Wer von ihnen bey dem Handel nach Ostindien am glücklichsten wird gewesen seyn, dem will sie Hand, Herz und Vermögen schenken - - - Was fehlt ihnen? - - Was fehlt ihnen? - - F.eanSer. Lisette, um des Himmels willen, dem glücklichsten? Nun ist mein Unglück vollkommen. K.isette. Vollkommen? Was will das sagen? Erklären sie sich. K.eander. Wohl, ich will mich euch vertrauen. Wisset denn, daß ich nur gestern Abends Briefe erhalten habe, daß mein Schiff in einem Sturme verunglücket sey. Grausamer Himmel! so war es nicht Dämon, oder die wahre Freundschaft. 371 genug, mir mein Vermögen zu nehmen, du mustcst mir auch noch den Gegenstand meiner so zärtlichen Liebe cntreissen? Aisetre. Jener schimpfte auf meine Frau, und der schimpft auf den Himmel. Und beyde sind wohl unschuldig. Herr Leander, ihr Unglück geht mir nahe. Ich will c§ ihnen schon glauben, daß es einem Verdruß genug verursachen muß, wenn man sein Vermögen verliert. Ich habe diese traurige Erfahrung noch nicht machen können; denn, Gott sey Dank, ich habe kcins. Wenn aber der Verdruß, Reichthümer zu verlieren, so groß ist, als die Begierde, sie zu gewinnen, so muß er unerträglich seyn. Ich gesteh es. Aber auf den ander» Punct zu kommen. Den Gegenstand ihrer so zärtlichen Liebe - - sie meynen doch meine Frau - - nicht? hören sie nur - - um den haben sie sich selbst gebracht. Doch wenn sie mir folgen wollen, Herr Leander, so vcrlohrcn als er scheint, so ist er doch noch nicht ganz vcrlohren. Ä.eander. O ich bitte euch, redet frey. Ich will euch in allem folgen, was mir nützlich seyn kann. K.isette. Aber ich zweifle, daß sie es thun werden. Leander. Zweifelt nicht, ich bitte euch. L.isetre. Ich kenne ihre Hartnäckigkeit allzu wohl. Sie sind von den erhabenen Begriffen der Frenndschaft zu sehr eingenommen. Dämon, ihr liebster Freund auf der Welt, das kostbarste Geschenk des Himmels, ohne welches ihnen alle Güter, alle Ehre, alles Vergnügen, nur vcrachtnngSwerth, nur eitel, nur nnschmackhaft vorkommen würden, Dämon, ihr andres ich, dessen Glück ihr Glück, dessen Unglück ihr Unglück ist; Dämon, der edle Dämon, der - - - - Leander. Ja, allerdings Lisctte. Du wirst ihn nie genug loben können. Der ist noch der einzige, der mir mein Unglück wird tragen helfen. Ich habe allezeit die vorthcilhaftestcn Gedanken und die zärtlichsten Empsindungcn für ihn gehabt. Ich zweifle nicht, er wird itzo zeigen, wie würdig er meiner Freundschaft sey. Hätte er sein Vermögen vcrlohrcn, so würde das meinigc das scinige gewesen seyn.- Ich würde die Hand der liebenswürdigsten Person seinetwegen auSschlagcn. Dämon, ja Dämon - - - - o hätte er mein Herz - -« Aber, aber - - ich weis, das wahre Zärtliche in der Freundschaft hat er nie recht empfinden wollen - - /Userte. Ja, Herr Leander, wcnn sie glücklich seyn wollen, so 24* 372 Dämon, oder die wahre Freundschaft. müssen sie diesen Dämon einige Zeit ans den Angcn setzen. Erschrecke» sie über diesen Vorschlag nicht. Aeanver. Wie versteht ihr das? K.isetre. Run, ich sehe doch, daß sie mit einem ziemlich uner- schrockne» Gesichte meine Erklärungen verlangen. Befürchten sie nur nichts, ich rathe ihnen keine Verräthcrcy an ihrem Freunde. Weder er wird ihnen, noch sie werden sich selbst dabey was vorzuwerfen haben. Kurz, gehen sie zu meiner Frau. Thun sie ihr eine aufrichtige Liebeserklärung. Versichern sie sie, daß sie Dämon nicht mehr liebe. Wenn es seyn muß, nehmen sie noch ein Paar Rothlü- gen dazu, wodurch er ihr desto gehässiger wird. Sie werden sehen, es wird alles gut gehen. Ä.eander. Wenn sie aber nun darauf beruht, erst abzuwarten, wer am glücklichsten bey dein bewustcn Handel gewesen, so wird mich ja alles nichts helfen. Ä.isetre. Huy! ist das der standhafte Freund? So leicht läßt er sich bereden? - - - Herr Leander, darauf wird sie wohl schwerlich bestehen. Doch gesetzt, es schadet uns nichts. Wissen sie was? Ich weis, das sie und Herr Dämon einige mal Lust hatten, mit ihren Capitalen zu tauschen. Sie sind von gleicher Summe. Ich dächte, sie versuchten den Herrn Dämon noch dazu zu bereden. Er weis doch noch nichts, daß ihr Schiff soll unglücklich gewesen seyn? L.eander. Nein. Kriselte- Run, sehen sie, so geht es vollkommen gut an. Versuchen sie sein Capital zu bekommen, und treten sie ihm das ihrige mit allem Wucher ab. Sie können es leicht thun; und werden auch leicht eine scheinbare Ursache dazu ausfündig machen können. Wie, wenn sie zu ihm sagten? Liebster Dämon, die Freundschaft hat uns genau genug verbunden. Wie wär es aber, wenn wir auch unsre Glücksgüter dazu anwendeten, daß einer dem andern noch mehr verbunden würde? Lassen sie uns derohalben einen Tausch mit den bewu- sien Geldern, die wir in die ostindische Handlung gegeben haben, treffen. Haben sich die ihrigen mehr verintcrcssirt, als die meinigcn, so werde ich ihnen alsdenn einen Theil meines Vermögens zu danken haben. Sollten die meinigen mehr gewuchert haben, so werde ich das Vergnügen haben, dasjenige in ihren Händen zu sehen, was das Gluck mir eigentlich beschicden hatte. Und werden wir dadurch nicht Damo», oder die wahre Freundschaft. 373 desto mehr verpflichtet werden, einer dein andern mit seinem Vermögen, bey vorfallender Nothwendigkeit, bcyznstehen? Leander. Euer Rath ist gut. Und auch der Vorwand scheinet mir scheinbar genug zu seyn. Aber ich besorge, mein Freund möchte einmal einen Verdacht auf mich werfen. Trum möchte ich selbst ihm diesen Vorschlag nicht gern thun. Könntet ihr nicht etwa eure Frau auf den Einfall bringen? Wenn diese thäte, als ob sie es gern sähe, - - so - - - Aisette- Ich verstehe sie. Ich verstehe sie. Verlassen sie sich auf mich, und inachen sie nur, daß sie bald zu meiner Frau kommen. L.eander. So bald als ich mit meinem Freunde werde gesprochen haben. Eott ist mein Zeuge, daß ich bey allem dem redliche Absichten habe. Ich weis es gewiß, mein Freund würde, wenn ich mein Vermögen verlöhrc, nicht großmüthig genug seyn können, die Pflichten, die er mir alsdcnn, vermöge unsers Bundes, schuldig wäre, auszuüben. Ich will ihm dcrohalben von dem gewissen Schimpfe, von der Nachwelt ein ungetreuer Freund gcncnnet zu werden, befreyen. Meiner SeitS aber will ich ihm zeigen, daß meine Reden vollkommen mit meinen Thaten übereinstimmen, Er soll die Hälfte meines Vermögens haben. - - - L-isette. In Ansehung dessen, daß ihm von Rechts wegen das ganze gehöret - - Das ist ein aufrichtiger Freund! L.eander. Ich will alles anwenden, ihm wieder aufzuhelfen. Vielleicht ist er ein andermal glücklich. Vielleicht - - - Kisette- St! St! Herr Dämon kömmt ohne Zweifel wieder. Ich will gehen. Er möchte denken, wer weis was wir mit einander zu reden gehabt hätten. Ich geh zu mcincr Frau. Kommen sie bald nach. - - - - Nun, das hätte ich mir nicht vermuthet. Fünfter Austritt. Leander. Dämon. Leander. Ich darf ihm also nichts von meinem Unglücke sagen; weswegen ich ihn doch herbestellet hatte. - - - Was werde ich also mit ihm zu reden haben? - - Es wird sich schon geben. Dämon. O werthester Leander, verzeihen sie mir, daß sie auf mich haben warten müssen. Leander. Ich ihnen verzeihen? Womit haben sie mich beleidiget? 374 Dämon, oder die wahre Freundschaft. Legen sie doch endlich einmal, allerliebster Freund, das mir so nach- thcilige Vorurtheil ab, daß sie im Stande wären, mich zu beleidigen. Ein Freund wird über den andern nie verdrießlich. Der Pöbel, dein die süße Vereinigung der Gemüther unbekannt ist, und ewig zu seinem unersetzlichen Schaden, unbekannt bleiben wird, der Pöbel, die Schande des menschlichen Geschlechts, mag untereinander zürnen. Die Freundschaft bewaffnet eine edle Seele mit einer unüberwindlichen Sanftmuth. Was ihr Freund thut, was von ihrem Freunde kömmt, ist ihr billig und angenehm. Die Beleidigungen werden mir durch die bösen Absichten dessen, der beleidiget, und durch die Empfindlichkeit dessen, der beleidiget wird, zu Beleidigungen. Wo niemand also böse Absichten hat, wo niemand empfindlich wird, da haben auch keine Beleidigungen Statt. Wird aber ein Freund gegen den andern wohl böse Absichten hegen? Oder wird ein Freund über den andern wohl empfindlich werden? Rein. Drum, liebster Dämon, wenn mir auch durch sie der größte Schimpf wiedcrführe; wenn ich durch sie um Ehre und Ansehen käme; wenn ich durch sie Gut und Geld verlöhre; wenn ich durch sie ungesund, lahm, blind und taub würde; wenn sie mich um Vater und Mutter brächten; wenn sie mir selbst das Leben nähmen; glauben sie, liebster Dämon, daß sie mich alsdenn beleidiget hätten? Nein. So viel Unrecht sie auch hätten, so viel Recht würden sie bey mir haben. Würde sie auch die ganze Welt verdammen; ich würde sie entschuldigen, ich würde sie lossprechen. Dämon. Ich will wünschen, Leander, daß ich ihnen mit gleichem Feuer antworten könnte. Ich will mich bemühen, ihre Freundschaft nie auf eine so harte Probe zu setzen. Aeanver. Ey, liebster Freund, wie so kaltsinnig? Zweifeln sie an der Aufrichtigkeit meiner Reden? Zweifeln sie, ob meine Freundschaft diese Probe aushalten würde? Wollte doch Gott, ja wollte doch Gott, daß sie mich, je eher je lieber, auf eine Art beleidigten, welche bey ander» unvergeblich sey» würde! wie vergnügt, wie entzückt wollte ich seyn, die süße Rache einer großmüthige» Verzeihung an ihnen anSznübc». Dämon. Und ich will mir dagegen wünschen, daß ^ch dieser großmüthigen Verzeihung niemals möge nöthig haben. K.cani)er. Ja, Dämon, und ich würde, in gleichen Fällen, auch ein gleiches von ihnen erwarten. O! ich kenne sie zu wohl. Ihre Dämon, oder die wahre Freundschaft. 37Z Seele ist edel und großmüthig. Und diese laßt mich nicht daran zweifeln. Dämon. Sie trauen mir zu viel zu, werthester Leander. Voll Scham gesteh ich ihnen, daß ich mich zu schwach dazu befinde. Die Gedanken davon scheinen mir edel und wahr. Die Erfüllung aber unmöglich. Ich zittere schon im voraus, wenn ich mir vorstelle, daß meine Freundschaft einen so harten Versuch vielleicht einmal auszuhalten habe. Doch ihre Tugend ist mir gnt dafür. Und ist ein Freund wohl auch zu einer so allzu großmüthigen Sanftmuth verbunden? Ich weis es, es ist die Pflicht eines Freundes, dem andern zu verzeihen. Doch ist es auch des andern Pflicht, ihm so wenig Gelegenheit dazu zn geben, als ihm nur möglich ist. L-eanoer. Freund, im Verzeihen müssen wir dem Himmel gleich seyn. Unsere Verbrechen, so groß nnd so häufig sie sind, machen ihn in dieser, ihm würdigen, Beschäftigung nicht müde. Wen man einmal zu seinem Freunde erwählt hat, den muß man behalten. Weder seine Fehler noch seine Beleidigungen müssen vermögend seyn, ihn ans unsrer Gunst zu setzen. Mau beschimpfet sich selbst, wenn mau es dazu kommen läßt. Oder ist es ctwan kein Schimpf, wenn man mit Scham gestehen muß, daß man in der Wahl gröblich gcirret habe? Dämon. Aber, liebster Leander, sagen sie mir doch, weswegen sie mit mir zu reden verlangt? Was ist denn das Wichtige, daß sie mir zu entdecken haben? L.eander. Werden ihnen meine Reden beschwerlich? Ich kann es nicht glauben. Sie wissen, wie gern man von Sache» redet, die uns angenehm sind. Und ich weis, man höret auch eben so gern davon. Sie scheinen mir aber heute zu beyden ein wenig verdrießlich. Was beunruhiget sie? Ist ihnen ein Unglück zugestoßen? Entdecken sie mir es. Machen sie mir das Vergnügen, ihren Schmerz mit ihnen zu theilen. Sie sollen alsdenn alles erfahren, was ich ihnen zu sagen habe. Dämon. Sie betrügen sich nicht. Ich bin bestürzt und bekümmert. Leander. Und worüber? O was zaudern sie, mir ihr Geheimniß anzuvertrauen. Setzen sie in meine Verschwiegenheit ein MiStranen? Zweifeln sie, daß ich ihnen helfen werde, wen» es in meinen Kräften stehet? Oder zweifeln sie gar an meinem Mitleiden? Wenn ich 376 Dämon, oder die wahre Freundschaft. mein Herz gegen sie ausschütten kann, so weichet gleich die Hälfte meines Grams. Und versuchen sie es nur. Vielleicht bin ich so glücklich, daß sie auch in meinem Vertrauen einige Erleichterung finden. Dämon. Es betrifft mich und sie. Leander. Und desto eher; nur heraus damit. Muffen sie es etwan verschweigen? O! was man nur seinem Freunde sagt, hat mau noch niemanden gesagt. Ich und mein Freund sind eine Person. Und wenn ich den größten Eidschwur darauf gethan hatte, gegen niemanden ein Wort von dem oder jenen zu gedenken, so konnte ich es doch, ohne den Eidschwur zu brechen, meinem Freunde sagen. Was ich dem vertraue, vertraue ich mir selbst. Und ich thue nichts mehr, als wenn ich es noch einmal fiir mich in den Gedanken wiederholte. Dämon. Nein. Nein. Es soll ihnen nicht verborgen seyn. Könnten sie sich wohl einbilden, zu was sich die Madam entschlossen? Aeanoer. Worinne? Dämon. Nun rathen sie einmal, auf was sie es will ankommen lassen, welchem sie von uns beyden ihre Hand geben solle? Leander. Und eben dieses,' mein Dämon, eben dieses hatte ich ihnen auch zu sagen. Dämon. Aufrichtig nun zn reden, ich bin über diese» niederträchtigen Entschluß erstaunet. Nein, Leander, ehe ich ihre Hand einer solchen schändlichen Ursache zu danken haben wollte, eher will ich sie Zeit Lebens ausschlagcn. Aeanvcr. Und glauben sie denn, daß ich sie annehmen würde? Wir haben die uneigennützigste» Absichten gegen sie. Wir würden sie lieben, wenn sie auch nichts besäße. Und sie ist gege» uns so eigennützig? Ist ein verachtungswürdigcr Reichthum das einzige, was ihr an uns gefällt? Dämon. Wie, wenn wir diesen Entschluß auf alle mögliche Art suchten zu nichte zn machen? Darf ich ihne» wohl was vorschlage»? Was meyne» sie, wen» wir Schaden und Gewinnst bey unserm Handel theilten? Leander. St! das ist Wasser auf meine Mühle. So könnte das Tauschen gar bleiben - - - Ja, sie haben Recht. Nichts könnte sie leichter wieder auf den rechten Weg bringen, eine» vo» uns aus Neigung und Verdienst zu wählen. Wohl! Ich bin es zufrieden. Dämon. O wie vergnügt machen sie mich durch ihren Beyfall Dämon, oder die wahre Freundschaft. 377 wieder. Ich besorgte immer, ich besorgte, sie würden mir ihn hier entziehen. Und sie hätten Recht dazu gehabt. -Leander. Wie wenig tränen sie mir doch zn! So? Was könnte ich denn für Recht haben, hierinne nicht mit ihnen einig zu seyn? Alle Güter sind ja unter Freunden gemein. Was ich besitze, besitzen sie. Und was sie besitzen, darauf glaube ich auch ein kleines Recht zu haben. Perflucht sey der Eigennutz! wenn ihnen das Unglück auch so sehr zuwider seyn sollte, daß sie alles, alles dabey vcrlöhrcn. Nicht die Hälfte meines Vermögens, mein ganzes Vermögen wäre allezeit so gut, als das ihrige. Dämon. Freund, sie machen mich ganz beschämt! A.eanOer. Was ich sage, würde ich auch thu». Und wenn ich es gethan hätte, so würde ich doch nichts mehr gethan haben, als was die Pflicht eines Freundes verlangt. Dämon. Aber ich weis nicht, was ich bey mir für eine geheime Ursache finde, selbst an der Wahrheit dieses Entschlusses zu zweifeln. Könnte mir wohl Lisctte - - - - -Leander. Und von der hab ich es auch. Doch dahinter wollen wir wohl kommen. Es liegt uns beyden nicht wenig dran. Erlauben sie mir, daß ich sie verlasse. Ich will selbst zu ihr gehen, und mich bey unserer Liebsten erkundigen. Dämon. Aber, Leander, wie wird sich das schicken? Wird sie über diese Ncugierigkcit nicht empfindlich werden? AeanScr. Sorgen sie nicht, ich will es schon mit einer Art vorzubringen wissen - - - - Dämon. Nun ich verlasse mich auf ihre Gcschicklichkcit. Kommen sie bald wieder, mir Nachricht zu bringen. K.eander. - - So komme ich doch unter einem guten Verwände wieder von ihm. Sechster Auftritt. Dämon- - - - Entweder ich bin znr Freundschaft ganz ungeschickt, oder Leander hat sehr ausschweifende Begriffe davon. -------- Ich bin unglücklich wenn das erste wahr ist - - - Ja - - die Freundschaft - - - sie ist allerdings das, was uns das Leben erst angenehm machen muß - - - So viel empfinde ich - - - Aber so viel empfinde ich 378 Dämon, oder dic wahre Freundschaft. doch nicht, als mein Freund zu empfinden sagt. - - - - Gesetzt ich würde von ihm beleidigt - - - ich würde so von ihm beleidigt - - - als er von mir sich wünschte, beleidiget zu werden - - - - würde ich wohl - - - nein - - ich mag mir nicht schmeicheln - - - ich würde - - ich würde viel zu schwach seyn, es ihm zu vergeben - - - - Ja, ich würde es ihm verargen, wenn er mir bey einer solchen Gelegenheit verzeihen wollte - - - ich würde ihn selbst tadeln - - - -«Doch - - ich halte ihn auch nicht einmal für fähig dazu - - - er mag seyn, was er will - - - aber - - ich irre mich wohl auch - - ich beurtheile ihn nach mir - - - - weil ich so schwach bin; folgt es denn daraus, daß ein anderer - - - Doch allerdings eine so vollkommene Freundschaft ist für diese Welt nicht ------ Ob auch wohl Leander so denkt, als er redet? - - Halt - - - ich will - - - ja wenn ich ihn beredte, ich hätte Nachricht erhalten, daß mein Schiff untergegangen - - - Da will ich sehen, ob seine Großmuth - - - es wird mich ein wenig kützeln, wenn ich ihn bestürzt - - - - Doch nein - - das war ein niederträchtiger Einfall - - - Seinen Freund auf dic Probe setzen, heist, seinen Freund gern verlieren wollen ----- Nein - - aber wenn nun die Wittwe auf ihrem thörichten Entschlüsse blieb - - Gesetzt, Leander würde durch sie glücklich - - - werde ich sein Freund bleiben können? - - - Ich zittere - - ja - ich fühle meine Schwäche - - - ich würde auf ihn zürnen - - - - ich würde neidisch werden - - - ach - - ich schäme mich recht vor mir selbst - - - Siebenter Austritt. Oronte. Dämon. Gronre- Run, da ist er ja. Versteh er mich! Vetter, habe ich ihn doch müssen in zehn Häusern suchen. Versteh er mich! Und ich hätte ihn eher sonst wo zu finden geglaubt als bey der jungen Wittwe. Versteh er mich. Dämon. Je was führt sie denn Hieher, Herr Vetter? Gronte- So? sieht er mirs nicht an, versteh er mich, was ich will? Mache er sich nur parat, versteh er mich, eine Nachricht von mir zu hören, dic ihn halb todt, versteh er mich, und wenn er noch ein klein wenig Vernunft übrig hat, versteh er mich, die ihn rasend machen wird. Dämon. Sie erschrecken mich. Was ist es denn? Dämon, oder die wahre Freundschaft. 379 Gronte- Habe ichs ihm nicht gesagt, versteh er mich, daß es ihm mit seinem Capitale würde unglücklich gehen? Versteh er mich. Da seh er, lese er - - Sein Schiff ist untergegangen. Da, lese er nur, versteh er mich - - er wird alle Umstände finden, versteh er mich. Dämon. So? Gronte. Nun, hab ichs ihm doch vorher gesagt, versteh er mich. Aber ihr jungen Leute, laßt euch doch niemals sagen, versteh er mich. Alles, alles wollt ihr besser einsehen. Schon recht! versteh er mich, schon recht! ZOamon. Dieses Unglück hatte ich mir nicht versehen - - - Gronte. Ist das das ganze, was man sagen kann, versteh er mich, wenn man sein Vermögen verliert? O Leichtsinnigkeit! o gottlose Leichtsinnigkeit! versteh er mich. Auf 12000 Rthlr. versteh er mich. Auf zwölf tausend! Nun, Vetter, sag er, was will er nun anfangen? versteh er mich. Er ist von der ganzen Welt verlassen, verlassen, und mit Recht. Versteh er mich. Kaun ers laugneu, daß ichs ihm vorher verkündigt habe? Kann ers laugnen? Versteh er mich. Wie vielmal habe ich ihm die güldne Regel gegeben: Was aufs Wasser kömmt, versteh er mich, ist so gut, als halb verlohrcn. Dämon. Ach! möchte doch das Geld seyn, wo es wollte - - - - wenn nur - - - Gronte- Ach! Schade um das Geld! Das sind gescheute Reden. Versteh er mich. Dämon, Dämon, ein Mensch, der so denken kann, ist nicht werth, daß er mein Vetter sey. Versteh er mich. Ach! schade ums Geld! Nein, Gott sey Dank, versteh er mich, so albern und gottcsvcrgessen^bin ich in meiner Jugend nicht gewesen. Denkt er, versteh er mich, daß ihn die junge Wittwe nun hcyrathcn wird? versteh er mich. Sie müste eine Närrinn seyn. Versteh er mich. Dämon. Ja, Herr Vetter, dieses besorge ich. Und dieses ist auch das einzige, was mir mein Unglück empfindlich macht. Vronte- Der Narr, versteh er mich. Als wenn es nicht so schon empfindlich genug wäre. Versteh er mich. Doch Vetter, daß er sehn soll, versteh er mich, wie gut ich eS mit ihm meyne, so will ich ihm, versteh er mich, bey den Umständen rathen: mache er banqucrot. Dämon. Wie, so niederträchtig - - - Gronte- Was? Was? Niederträchtig? versteh er mich. Das nennt er niederträchtig, versteh er mich, Vetter, wenn man bauque- 380 Dämon, oder die wahre Freundschaft. routc macht? Zum Henker! versteh er mich, habe ich nicht fünfmal Banqucronte gemacht? Und bin ich niederträchtig gewesen? versteh er mich. Habe ich nicht mein ganzes Vermögen dem Banqucronte zu danken? versteh er mich. Zu dem erste» brachte mich meine Frau! versteh er mich. Das war eine stolze verschwenderische Närrinn! Gott habe sie selig, versteh er mich. Aber das vergelte ihr noch Gott im Himmel, wo sie ohne Zweifel seyn wird, versteh er mich, denn sie war allezeit gern, wo es fein lustig und fein prächtig zugicng, versteh er mich; das, sage ich, vergelte ihr der liebe Gott, daß sie mir auf den so kurzen Weg zum Reichthums zu gelangen geholfen hat. Versieh er mich. Denkt er, Vetter, daß ich mit fünf Banqueroutcn, versteh er mich, würde aufgehört haben, wenn mir es nicht wäre ausdrücklich verbothen worden, versteh er mich, die Handlung aufs neue anzufangen? Dämon. Nein, Herr Vetter, ich kann ihnen durchaus nicht schmeicheln. Es bringt ihnen ein so schlimm erworbener Reichthum wenig Ehre. Grome- Ach! ach! Ehre! Ehre! Versteh er mich. Um die Ehre ist es auch zu thun. Es muß mancher, versteh er mich, bey aller Ehre, die er hat, verhungern. Ach! die Ehre. Ist er nicht ein Grillenfänger? Versteh er mich. Nicht wahr, versteh er mich, es wird meinen Erben gleichviel seyn, ob ich ihn mit Ehre oder ohne Ehre besessen habe. Versteh er mich. Sie werden mirs danken, und wenn ich ihn gestohlen hätte. Versteh er mich. Dämon. Nein, Herr Vetter, wenn ihre Erben vernünftig seyn werden, so werden sie nach ihrem Tode ihre Ncr^asscnschaft dazu anwenden, daß sie denjenigen, die durch ihre Banqucroutc unglücklich geworden sind, wieder aufhelfen. Gronte. Was? Was? Versteh er mich. Das sollten meine Erben thun? Ja, wenn ich das voraus sehen könnte, gewiß, versteh er mich, gewiß ich ließe mir eher einmal alle mein Haab und Gut mit ins Grab geben. Hätte ich mirs deswegen so sancr werden.lassen? Versteh er mich. Fünfmal habe ich müssen schwören. Fünfmal hätte ich also umsonst geschworen? Versteh er mich. Höre er, Vetter, weil ich sehe, daß er so wider Recht und Pflicht handeln würde, versteh er mich, so will ich ihn fein aus meinem Testamente lassen. Versteh , Dämon, oder die wahre Freundschaft. 381 er mich. Darnach mag er vollends sehn, was man anfängt, wenn man nichts hat, versteh er mich. Dämon. Alsdcnn wird der Himmel für mich sorgen. Gronte. Wer? Wer? Versteh er mich. Wer wird für ihn sorgen? Der Himmel? Ja, getroste er sich nur. Ja, er wird für ihn sorgen, versteh er mich, wie für die Sperlinge im Winter. Der Himmel will haben, versteh er mich, daß wir für uns selbst fein sorgen sollen. Dazu hat er uns Verstand und Klugheit gegeben; versteh er mich. Dämon. Ja, und manchem noch über dieses Bosheit und Geij, wenn Verstand und Klugheit etwa» nicht hinlänglich seyn wollten. Grome- Vetter, soll das auf mich gehen? Versteh er mich! Sey er mir nicht so nascwciß! Ich weis schon, auf was er trotzt. Versteh er mich. Er denkt itzo eine gute Heyrath zu thun. Aber sieht er mich? Ich will dem Wolfe das Schäfchen noch schon cntreisfen, versteh er mich. Leander hat nunmehr Recht dazu. Dessen Schiff ist glücklich angekommen, ob man ihm gleich erst geschrieben hatte, versteh er mich, daß es verunglückt wäre, ES ist aber nichts weiter, als eine Irrung, versteh er mich. Seines, seines ist drauf gegangen. Versteh er mich. D«mon. Wie? Leandern ist dieß geschrieben worden? Und er hat mir nichts gesagt? Gronre- Muß man ihm denn alles auf die Rase binden? Versteh er mich. Nun, nun. Er soll schon sehn, was ihm sein Unglück, trotz seiner Ehre und trotz des Himmels! schaden soll. Ich gehe itzo gleich selber zu der/Wittwe. Sie soll alles erfahren. Versteh er mich. Leb er wohl, versteh er mich. Achter Auftritt. Dämon. - - - Verdrießliche Nachricht! - - - Ich verliere mein Vermögen - - dieses möchte noch seyn. Wer weis, wenn Leander unglücklich gewesen wäre, ich würde vielleicht nicht großmüthig genug gewesen seyn, ihm zu helfen - - - Was für eine Schande für mich, wenn ich an ihm untreu geworden wäre! - - - - der Himmel hat mich davor bewahren wollen - - - ich bin glücklich bey allein meinem Unglücke - - - aber ich verliere zugleich die liebenswürdige Wittwe - - - sie wird sich 382 Dämon, oder dle wahre Freundschaft. an Leandern min ohne Schwierigkeit geben - - an Leandern - - doch Leander ist ja mein Freund - - - die Liebe - - die verdammte Liebe - - - verdient sie mein Freund nicht eben so wohl, als ich? - - - was darf ich viel nach einer Frau fragen, deren Herz ich, wenn ich es ja bekommen hätte, bloß meines Geldes wegen bekommen hätte - - Aber doch - - - sie ist liebenswürdig - - - wie muß ich mit mir selber kämpfen! - - - Allein Leander - - sollte es wahr seyn, daß er diese falsche Nachricht bekommen hätte? - - und er sollte mir es verschwiegen haben? - - - wie hätte er den Vorschlag annehmen können, den ich ihm that - - - ich falle auf ganz besondre Gedanken - - - doch weg damit - - sie schänden meinen Freund - - - Neunter Austritt. Lisette. Dämon. K.isette. So alleine? und so betrübt? Dämon. Ach Lisettc, meinen Kummer zu erleichtern, muß ich ihn dem ersten dem besten erzählen. Ich bin unglücklich gewesen. Mein Schiff ist in einem Sturme untergegangen. Ich habe die gewisseste Nachricht. Himmel! und ich verliere zugleich alle Hoffnung von eurer Frau - - - A.isette. Was? So ist es an Leanders Unglücke nicht genug gewesen? Dämon. Wie so, an Leanders? Sein Schiff ist ja glücklich angekommen. Was ist ihm denn für ein Unglück begegnet? Äusette. Ja. Sein Schiff ist so hübsch eingelaufen, wie das ihre. Er hat mir es ja selber gesagt. 5 Dämon. Er hat es euch selber gesagt? So ist mein Verdacht doch wohl gegründet - - - Tcm ohngeachtct, Lisettc, könnt ihr mir gewiß glauben, daß es eine bloße Irrung mit seinem Schiffe gewesen - - aber sollte mein Freund wohl eine kleine Untreue an mir begangen haben? Ä.isette. Eine Untreue? Was für eine Untreue? Behüte Gott! Leander ist der getreuste Freund von der Welt. Ha ha ha ha! Dämon. Warum lacht ihr? -^lsette. Ja das ist gewiß. Auf seine Treue können sie sich min verlassen. Ha ha ha! vr wird ihnen in ihrer Roth redlich bcystchcn. Ha ha ha! Dämon, oder die wahre Freundschaft. 383 Dämon. Das hoffe ich auch gewiß. L,isette. Und ich auch. Ha ha ha! Ich weis seine guten Absichten. Ha ha ha! Letzter Austritt. Oronte. Die Wittwe. Leander. Dämon. Lisette. Die IVittrve. Werthester Dämon, ich habe die betrübte Nachricht von ihrem Herrn Netter vernommen. Ich vcrsichrc sie, daß mir ihr Unglück nicht näher hätte können gehen, wenn mir es auch selbst wicdcrfahren wäre. Leander. Mein liebster Freund, das Glück ist ihnen zuwider gewesen. Ich weis, ihr Gemüth ist viel zu gesetzt, als daß es dieser eitle Verlust sehr beunruhigen sollte. Ich hoffe übrigens, daß sie leicht mit dem Glücke werden auszusöhnen seyn. Es wird ihnen vielleicht dasjenige, was es ihnen itzo entzogen, ein andermal desto reichlicher ersetzen. Gronre. Ja, Vetter, ja, versteh er mich. Sin andermal, ein andermal. Ha ha ha! Leander. Sie, Madam, haben die Gütigkcit gehabt, sich für den glücklichsten unter uns zu erklären. Der Himmel hat gewollt, daß ich es sey. Doch ich werde mich alsdenn erst wirklich für das halten, wenn sie durch das kostbare Geschenk ihres Herzens mir - - - Die Wittwe- Und diesen Antrag, Leander, können sie in Gegenwart ihres Freundes wiederholen? Dämon. Gerechter Himmel! was höre ich? Leander- O, Madam, ich kenne meinen Freund allzu wohl. Er wird sich nicht unterstehen, ihnen in ihrem Glücke hinderlich zn seyn. Er wird ihnen nichts, als sein Herz, darbiethen können. Ich kann das meinige mit einer Tonne Goldes begleiten - - - Dämon. Leander, sie wollen - - - Verdruß und Erstaunen lassen mich kein Wort aufbringen. Vronte- Höre er, Herr Letter, ich will ihm doch was sagen, versteh er mich. Er kann die hübsche Wittwe nun nicht heyrathcn. So viel ist gewiß, versteh er mich. Leandern wird sie wohl auch nicht viel nütze seyn. Versteh er mich. Sie gefällt mir ganz wohl. Versteh er mich. Ich möchte sie schon haben. Ich dächte, er schlüge mich ihr vor. Versteh er mich. Ich bin zu schamhaft dazu. Versteh 384 Dämon, oder die wahre Freundschaft. er mich. Mache er, thue er sein möglichstes, ich will ihn auch nicht in meinem Testamente vergessen. Versteh er mich. Zwey Tonnen Goldes kann ich ihr mitbringen, versteh er mich. Leander. Ich bitte sie inständig, Madam. Erklären sie sich; damit auch mein Freund weis, woran er ist. Krönte. Madam, erklären sie sich nicht so geschwind. Versteh» sie mich. Mein Vetter weis einen hübschen Bräutigam für sie, ver- stehn sie mich, der ihnen wohl anstehen möchte. Mit dem können sie zwey, zwey Tonnen Goldes bekommen. Verstchn sie mich. Vetter, Vetter, sage er ihr ihn doch! versteh er mich. Die Ulittwe. Es wird unnöthig seyn. Mein Schluß ist schon fest gestellt. Leander, es ist wahr, ich habe mein Wort von mir gegeben den glücklichsten von ihnen zu erwählen. Ich will es auch halten. Der glücklichste, liebster Dämon, sind sie. Dämon. Ich? K.eander. Dämon? Gronte- Was? Was? Mein Vetter? Je, dem sein Schiff ist ja untergegangen, Madame. Verstchn sie mich. Leander hat eine Tonne Goldes, versteh» sie mich. Und ich habe ihrer zwey, verstchn sie mich. Nothwendig, nothwendig müssen sie mich meynen. Die N?ittrve. Ja ja. Dämon, sie sind bey diesem Handel der glücklichste gewesen. Sie sind glücklich gewesen, daß sie Gelegenheit gefunden haben, ihre große Seele auf so eine ausnehmende Art zu zeigen. Ihr größtes Glück aber ist, daß sie nun Licht bekommen, die Falschheit ihres Freundes einzusehen, dessen prächtige Galimatias sie bis hicher verblendet haben. Leander, erwägen sie nicht ihre Aufführung? Sie hatten Nachricht bekommen, daß ihr Schiff verunglückt sey. Bey dieser Angst wollten sie sich an mir erholen. Sie setzten ihren Freund schändlich aus dcu Augen. Mein Entschluß, mich für den glücklichsten zu erklären, war ihnen nur in so fern verhaßt, als sie besorgten, daß sie es nicht seyn würden. Sie suchten mich zn bereden, Dämon liebte mich nicht mehr. Und gedenken sie endlich an den Tausch, zu dem ich den Dämon habe verführen sollen, zu einer Zeit, da sie vermutheten, seine Sachen stünden besser, als die ihrigen. Ucberlegcn sie' dieses alles, und schämen sie sich, einen Freund hintcr- gangen zu haben, der sie über alles hoch schätzte. Gehen sie. Genie- Dämon, oder die wahre Freundschaft. 385 ßen sie ihrer Reichthümer, die just an keinen unwürdiger,! hätten kommen können. Dämon, Leander, soll ich es glauben? Sie haben mich hintergehen wollen! Leander. Danion - - Ich habe sie beleidigt. Leben sie wohl! Dämon. Leander, liebster Leander! wohin? Lerziehn sie. K.eanSer. Lassen sie mich, ich bitte sie. Ich muß ihr Angesicht fliehen, ich sterbe vor Scham. Es ist unmöglich, sie können mir nicht verzeihen. Dämon. Ich ihnen nicht verzeihen? O Leander, wäre ihnen mit meinen Verzeihungen was gedient! Ja ja. Es ist ihnen schon alles verziehen. Bleiben sie da, mein Freund. Sie haben sich übereilet. Und diese Ucbercilung hat der Mensch, und nicht der Freuud, began- gen. Madam, sie sind erzürnet auf Leandern? Ich schlage alles aus, wo sie nicht mit mir alles wider ihn vergessen. Wenn sie uns trcn- neu, so werde ich nothwendig der unglücklichste seyn. Ich weis, wie schwer es ist, eine» Freund zu finden. Und will man ihn schon des ersten Fehlers wegen verlassen, so wird man Zeit Lebens suchen, uud keinen erhalten. Aeander. Dämon - - Urtheilen sie aus diesen Thränen, ob ich gcrühret bin? Die U)ittrr>e. Wohl! Leander, Dämon verzeiht ihnen. Und ich weis selbst nicht, ob ich über seine Großmuth, oder über ihre Reue mehr gerühret bin. Lassen sie auch uns unsre Freundschaft wieder von neuem anfangen. O Dämon, wie zärtlich wird ihre Liebe seyn, da ihre Freundschaft schon so zärtlich ist! Oronte. Da war meine Freyerey also auch umsonst! Dämon. Run, gestehen sie mir wenigstens, lieber Leander, daß es etwas schwerer sey, die Pflichten der Freundschaft auszuüben, als von ihr entzücket zn reden. Aeander. Ja, Dämon, ich habe die Freundschaft oft genennt, aber sie heute erst von ihnen kennen lernen. Die U?ittwe. Dämon! Dämon! ich befürchte, ich befürchte, ich werde eifersüchtig werden. Keines Frauenzimmers wegen zwar nicht, aber doch gewiß Leanders wegen! Lessings Werke n. 25 Die alte Jungfer. Ein Lustspiel in drey Auszügen. Verfertiget im Jahre 17ä8.°) i'i.^i? Personen. Jungfer Olildinn Lelio. Lisette. Herr Oront- Frau Oront. Herr von Schlag, Kapitän. Peter. Rlitandcr, Lclios Freund. Rräusel, ein Port. Herr Rehfusi, Der Schauplatz ist cin Saal. Erster Aufzug. Erster Auftritt. Jungfer Ohldinn. Herr Oront. Fran Oront. Herr Gront. Ach! Grillen, dazu wird man ninimermehr zu alt! Und wie alt sind Sie denn? Wie lange ist es, daß ich Sie noch habe auf dem Arme herum tragen sehn? Wen» es fünfzig, ei», zwey — je nu — etliche fünfzig Jahr — Vhldinn. Warum nicht achtzig gar? Wenn Sie mich fnr so alt halten, was reden Sie mir viel vom Heirathen vor? Herr Gront. öy nicht doch! nicht zu alt! gar nicht zu alt! Vier und fünfzig Jahr ist jnst recht für eine mannbare Jungfer — Wenn die Dingerchen so jnng heirathen, so werden auch die Kinder darnach — Ghldinn. Mit Ihren vier und fünfzig Jahre» — Frau Gronr. vs ist wahr. Du irrest dich, mein Kind. Kannst du doch noch nicht einmal so alt seyn. °) In Ermanglung der Originalausgabe, Berlin 1749, abgedruckt aus Chr. Hrinr. Schmidts Anthologie der Deutschen (Bd. 1), Frankfurt und Leipzig 1770, S. 147. Die alle Jungfer. 387 'Herr Gront. Das stünde mir auch an. Ich niid das Sccn- lmu, wir geh» mit einander. Darfst du dich ctwan über mein Alter beschweren? Bin ich nicht noch — Frau Gront. Gut, gut! Also kannst du sie nicht als ein Kind gekannt haben. -Herr Vront. Ach — was, Kind — Ghldinn. Wenn Sie mir nicht glaube» wollen; mein Taufschein kann es ausweisen, daß ich erst auf Ostern fnnfzig Jahr bin. -Herr Gront. Was? Sie erst funfjig Jahr? Ich denke, wer weiß wie alt Sie sind. O! da ist Ihre Zeit noch nicht verflossen. Sara war neunzig Jahr alt. Und nach Ihrem Gesichte hätte ich Sie gewiß auch nicht für junger — GhlSinn. Ey! mein Gesicht — mein Gesicht — wem das nicht ansteht — -Herr Gront. Wer sagt das? Ihr Gesicht hat noch seine Licb> Haber. Würde den» sonst der Herr Kapitän von Schlag? — Ohldinn. Was? von? ist er gar ein Adlicher? ^Herr Grom. Ja freylich, und zwar aus einer der ältesten Familien. Er steht bey dem König vortreflich angeschrieben, der ihm auch in Gnaden seinen Abschied ertheilt hat, weil er das Unglück hatte, im letzten Fcldjuge, zu ferner» Diensten, untüchtig gemacht zu werden. GhlSinn. Untüchtig? — Nei», ich besinne mich alleweile. Ich mag ihn nicht. Wende» Sie sich an eine andere. Ich kaun nichts thun, als ihn bcdauren. -Herr Gront. Er mag aber keine andre, als Sie. Und verlange» Sie denn einen Mann, der stets zu Felde liegt? und der nm Sie des Jahrs kaum zwey Rächte sey» kau»? Die abgedankten OfficierS sind die besten Ehemänner, wenn sie ihre» Muth nicht mehr an den Feinden beweisen könne», so sind sie desto mannhafter gegen ihre — Doch, ich komme zu weit in Text. Sie versteh» mich doch nicht — Ghldinn. Ach — denkt doch — -Herr Gront. So? versteh» Sics schon? Ich denke — VhlSinn. Ich denke, daß Sie mich nur zum Besten haben wolle». -Herr Vront. Oder Sie mich. Sage ich, Sie vcrstchns, so ist es nicht recht. Sage ich, Sie vcrstchns nicht, so istS wieder nicht recht. Ich sehe wohl, so alt ihr Köpfchen ist, so eigensinnig ist es auch. Wollen Sie, oder wollen Sie nicht? 25- 338 Die alte Jungfer, Ohldinn. Behüte Gott! muß man sich denn gleich ärgern? Reden Sie ihm doch zn, Frau Oront. Frau Vrcmt. Du mußt, mein lieber Mann, ein wenig gelinder mit ihr verfahren. Du wirst es ja wohl noch an meinem Beyspiele wissen, wie es einem Frauenzimmer ist, wenn man ihr das erstemal dergleichen vorsagt. Ghldinn. Ach! das erstemal — das erstemal — Wenn ich hätte heirathen wollen — Herr Gronr. Sie wollen also nicht? Ohlvinn. Daß Gott! Sie sind auch gar zu stürmisch — Kann man sich denn in solchen wichtigen Sachen gleich auf der Stelle entschließe»? Herr Gronr. Ja, ja! Man kann nnd muß. Gleich in der ersten Hitze. Wenn die verdammte Ucl'erlcgung dazu kömmt, so ist es auf einmal aus. Gott sey Dank! die Ucbcrlegung ist mein Fehler nicht. Soll denn Ihr schönes Vermögen an lachende Erben kommen? In den Händen Ihres verschwenderischen Vetters wirds lange währen. Selbst Kinder gemacht, so weiß man doch, wem manS hinterläßt. Sie kommen durch die Heirath in ein altes adcliches Geschlecht, Sie wissen nicht, wie. Und wollen Sie denn in die Grube fahren, ohne das überirrdische Vergnügen des Ehestands geschmeckt zn haben? Ghldinn. Je nn, so wäre mein Trost, daß ich auch seine Beschwerlichkeiten nicht hätte ertragen dürfen. Hr«u Gront. O! die sind bey der Lust, die er nnS schafft, zn dulden, llud kömmt ein Paar zusammen, wie ich und mein lieber Mann, so wird man wenig davon zu sagen haben. Nicht wahr, mein allerliebstes Kind? Wir — -Herr Gronr. Ja. Das ist wahr, mein Schätzchen, wir haben einander das Leben so süße gemacht, so anmnthig — Wir sind auch in unsrer Nachbarschaft ein Muster einer glücklichen Ehe. Zran Grom- Wir sind ein Leib und eine Seele beständig gewesen — -Herr Oront- Wir wisse» von keinem Zank noch Streit. Des einen Verlangen ist stets auch des andern Wille gewesen. Ja, mein englisches Weibchen. Frau Oront. Das ist wahr, mein goldnes Männchen. Die alte Jungfer. 38!) Ghldinn. Wahrlich, so ein Paar macht einem den Mund ganz wäßrig. -Herr Gront. Und das nun schon in die sechs und zwanzig Jahre. Frau Gront. So einig, so vertraut, wie d!c Tänbchen — -Herr Gront. Schon sechs und zwanzig Jahr. Frau Gront. Tu irrst dich, mein Kind; erst vier und zwanzig. Herr Gront. Ey! wie so? Zähle doch nach. Frau Gront- Je nu ja. Vier und zwanzig, und nicht mehr. -Herr Gront. Warum auch nicht. Vom Jahr Christi, Slniio 1724. Ich weiß es ganz eigentlich, ich habe es an meine Cabinct- Ihiire geschrieben. Frau Gront. Cabiuct — Cabinct — Vorlrcflichcs Cabiuctstuck- chcu. Ich sehe wohl, dein einziges Vergnügen ist, mir zu widerspreche». Herr Gront. O sachte! Du schreibst deine närrische Gemüths- art auf meine Rechnung. DaS Widersprechen eben ist dein Fehler, und zu meinem Unglücke nicht der einzige. Frau Gront. Mein Fehler? Der unbesonnene Mann! -Herr Gront- Ich mibesonncn? unbesonnen? Was hält mich? Frau Gront. Heiralhen Sie ja uicht, liebe Jungfer. So sind die Männer alle; und der beste ist nicht des Teufels werth. -Herr Gront. Was? Nicht des Teufels werth? Frau, ich erschlage dich. Nicht des Teufels werth? Frau Gronr. Ja, ja. Er ist des Teufels werth. -Herr Gront. Dein Glück, daß du wicdcrrufst! Von 1724 bis 1748 sollen nicht mehr als vier und zwanzig Jahr seyn! Bist du närrisch? Frau Gront. Oder du? Zähle doch! 24 bis 34 sind zehn Jahr. 34 bis 44 sind zwanzig. 45, 46, 47, 48 sind vier Jahr, sind vier und zwanzig Jahr. -Herr Gronr. Du gottloses Weib. Nur, daß du widersprechen willst. Laß mich einmal zählen. 24 bis 34 sind zehn, 34 bis 44 sind zwanzig. 45, 46, 47, 48 sind, sind — halt, ich habe »nch verzählt. 24 bis 34 sind zehn Jahr, 34 bis 44 sind auch zehn Jahr, das sind zwanzig Jahr. 45, 46, 47, 48 — Je verflucht! — Nun. Jungfer Ohldinn, entschließen Sie sich kurz. Was wollen Sie thu»? damit ich nur von der verzweifelte» Rechthaberinn wegkomme. 390 Die alte Jungfer. Frau Gronr- Sie machen sich unglücklich, wenn Sie ihm folgen. Sprechen Sie, mn GottcS willen, nein. Ghldinn. Ach, mcine liebe Frau Orout, mau merkt Ihren Unwillen gegen Ihren Mann gar zu deutlich. Herr Gront. Du böses Weib! du willst mir auch meinen Rc- compenz zu Wasser machen. Jungfer Ohldinn, erklart! erklärt! Ghldinn. Je n» — Ja — Wenn — -Herr Gront- Ach! was rvenn? Sie können die Bedingungen alle mit Freuden annehmen. Ich habe also Ihr Wort, und meinen Zweck erlangt! Gut. Wieder fünfzig Rthlr. erworben! Zweyter Auftritt. Jungfer Ghldinn. Frau Oronr. Ohldinn- Er geht fort, und eine halbe Antwort — Frau Gront. Gefangen waren Sie! So ein unvernünftiger Mann; wenn man ihm einen Finger giebt, nimmt er die ganze Hand! Ghldinn. Je im — Wie Gott will. Fran Gront. Behüts Gott! Sie werden doch das nicht thun! Ich will dem Flegel nachlaufen, ich will ihm nachlaufen. Ghldinn. Nehmen Sie mirs nicht übel. Sie suchen doch alle Gelegenheiten, sich mit Ihrem Manne zu zanken, vor. Das ist gar nicht hübsch. Frau Gront. Ach, ich sehe wohl, der Narr ist Ihnen auch in den Kopf gekommen. Sie denken, wer weiß, was für Zuckerlecken bey einem Manne ist. Das Unglück hat Sie lange verschont — Ghldinn. Ach! pap! pap! pap! Wenn man sich das Unglück nicht selber zuzieht. Der Mann ist einmal Herr — Frau Gront. Und der muß Ihnen sehr noth thun. Leben Sie wohl. Machen Sie, was Sie wollen. Dritter Auftritt. Jungfer Ohldin» hernach Lisette. Ghldinn. Die Neidische! Nu, so will mich doch der Himmel auch einmal erlöse». Ich zittre ganz vor Freuden. Ach, wie sauer wurde mir das. Ja. Gott sey Dank, daß es heraus ist! L-isette. Was war denn das wieder für ein Besuch? Nicht wahr, Herr Oront wollte Geld borgen? Die alte Jungfer. 391 Ghldinn. Die Närrinn denkt, bey »lir sey sonst nichts, als nur das leidige Geld zu suchen. Aisette. Nu, einen Freyer hat er Ihnen doch wohl nicht gebracht? Obgleich jetziger Zeit die Freyer auch zu einer Art von Geld- borgern geworden sind, lieber dergleichen Sachen sind Sie weg. ES ist auch wahr, der Ehestand ist eine rechte Hölle — Ohldinn. Gott behüte uus! Liscttc, bedenkst du auch, was du sagst? Aiserre. Nichts, als was Sie nnzähligmal gesagt haben. Ach, daß mich doch niemand will in die Holle holen! So lange hätte ich niuimermehr Geduld, wie Sie. lind wenn Sie nicht bald darzu thun, so wirds zu spät. GhlSmn. Zu spät — unvernünftiges Mensch? Wie alt bin ich denn? K.iscrre. Für mich ist das keine Rechnung. Ich kann nicht bis 60 zählen. Ohldinn. Bloß deine dumme Spöttcrcy könnte mich zu was bringen, was dir und meinem Retter nicht lieb seyn würde. Kriselte- Sachte also! Sachte! Ich könnte Sie vollends desperat machen. GhlSinn. Kurz, ich hcirathc. Der Herr Kapitän von Schlag hat sich alleweile durch Herr Oronlcn bey mir antragen lassen. Ich habe ihm mein Jawort gegeben, und ich hoffe, die Sache soll heute »och richtig werden. K.isette. Unvergleichlicher Traum! Er muß Ihnen die vorige Nacht sehr anmuthig gemacht haben. Wie legen Sie sich, wen» Sie so träumen wollen? Auf den Rücken? auf deu Bauch? oder — GhlOinn. NarrcnSposscn bey Seite! Was ich gesagt, ist wahr, lind ich gehe jetzo den Augenblick, meine Wechsel und Tocumcnte in Ordnung zu bringen. Lusette. Daran thun Sie sehr wohl. Denn die geh» die Hei- rath doch wohl mehr an, als Sie — GhlOinn. Schweig! grobes Ding! Vierter Auftritt. Lisetre hernach Lelio. Ä.isettc. O! allerliebste Post für ihren Netter! Ob er den» i» seiner Stube ist? Herr Lelio! Herr Lelio! Die Mänuersucht ist doch 392 Die alte Jungfer. eine recht wesentliche Krankheit des Frauenzimmers. Es mag so jung, oder so alt seyn. als es will. Ach — Ich befinde mich in der That auch nicht gesund. Herr Lctio! L.elio. Was gicbts? Ey, Mademviscll Lisclte! Ich dächte, mein Närrchen, du hättest dich können zu mir in meine Stube bemühen. Aisctte. Ergebene Dienerinn! Das hieße sich zn weit in des Feindes Lager wagen. Der Platz ist hier neutral. Hier kann ich Ihren Anfälle» trotzen. K.elio. Ach! Wer nur den Angriff wagen will, gewinnt dich aller Orten. Aisette. Schade, daß es niemand hört! Sonst würde ich Ihnen für gütige RecommendatioU danken. Doch, zur Sache! Ich habe Ihnen eine recht besondre neue Neuigkeit zu sagen. S^elio. Gut! daß du auf das Capitel von Neuigkeiten kömmst. Ich habe dir auch was sehr drolligtcs daraus mitzutheilen. ^isette. Meines ist doch wohl noch drolligter. A.elio. Unmöglich! Was wetten wir? Auserre. Schade ans das Wetten! ich bekomme doch nichts von Ihnen. cL^elio. Ey! du bist närrisch. Warte nur, bis meine Muhme stirbt. Denn — Falsette. O! die hat noch viel vor ihrem Tode in willens. Aelio. Du rcdtst, als wenn du schon wüßtest, was ich dir sagen wollte. Falsette. Nu? Nur heraus! was ist es denn? A.elio. Laß nur erst deine Neuigkeit hören. A.isette. Nu, so höre» Sie. Ihre Muhme — Aelio. Meine Muhme — K-isette- Will heirathcn. K.elio. Will heirathcn. Das wollte ich dir auch sagen. Wo Henker, hast dn es schon her? Nur den Augenblick hat mir es die Frau Orout gesagt, die mir auch allen möglichen Beystand, es zu hintertreiben, versprach. Aisette- O! in dergleichen Entschließungen sind die alten Jungfern zu hartnäckig. L.elic>. Aber was Henker werden meine Crcditores dazu sagen? Die alte Jungfer. 393 die mir mit zwölf Procent so christlich ausgcholfen, in Hofnung, daß ich einst ihr Universalerbe werden würde. Aisette. Das ist der Creditorcn Sorge. Was bekümmern Sie sich darum? Aelio. Um die, die es schon sind, ist mir nicht sehr leid. Sondern um die, die es etwa noch werden sollten. Auf was werde ich die vertrösten können? Aisette. Nur auf nichts gewissers, als Ihre Erbschaft; sonst laufen Sie Gefahr, daß Sie sie einmal bejahten müssen. Fünfter Austritt. Lelio. Liserte. Peter (mit cincm Korbe Ecbackcns) Peter. Holla! ihr Leutchen! kauft ihr heute nichts? Aisette. Nichts, das mal, Peter. Peler. Makronen, Krafttörtchen, Zuckerbrezeln, Spritzkuchen; nichts? L.isette. Nichts. Nein. Peter. Gar nichts? Herr Lelio, für das Naschmaul. Makronen, Krafttörtchcn, Zuckerbretzeln, Spritzkuchen. A^elio. Pack dich! Ich habe heute kein Geld! Peter. Kaufen Sie immer. Makronen, Krafttörtchcn, Zuckerbrc- zeln, Spritzkuchen. Aelio. Ich werde bald eine Erbschaft thun. Willt du mir so lange borgen, so nehme ich dir deinen ganzen Korb ab. Peter. Ha! Ha! Sie kommen auf des Herrn Kapitäns Sprünge. Der kaufte mir gewiß auch alle Tage ab, wenn ich nur bis nach seiner Heirath mit dem Gelde warten wollte. Aber, ihr Herren, so was frißt sich wohl gut, doch läßt sichs schwer bezahlen, wenn man es nicht mehr schmeckt. Ä.elio. Was ist das für ein Kapitän? Peter. Je der, er wohnt drey Treppen hoch, hintcnraus. L-elio. Wo denn? Peter. Da, oben in der breiten Straße. Es ist eine kleine Stube, nur mit einem Fenster. L.iselte. Nun, wissen Sie denn noch nicht genug? Der Kapitän in der breiten Straße, drey Teppen hoch, hintcuraus, in einer kleine» Stube mit 2 Fenstern! Peter. Ja, ja. Ganz recht. Eben der. 394 Die alte Jungfer. Kelio. Wie heißt er aber denn? Narre. Peter. Je, wie er heißt — Er heißt — warte» Sie — ich werde mich wohl besinnen. Sein Hund heißt Judas. Es ist so ein großer gelber Flcischcrhiind — das weiß ich. Aber er — er heißt von Prügel — nein — von Stoß — nein — haha — Schlag, von Schlag. Der Herr Kapitän von Schlag. Ä.elio. So, kennst du den? Peter. Warum nicht? Anch seinen Bedienten habe die Ehre zu kennen. Denn der ist meiner Mutter Tochter Man». Und wo ich mich nicht irre, so sind wir gar Schwäger. Aisette. Je, Peter, so konntest du uns einen großen Dienst thun. Peter. Top! Wenn er mir was einbringt, so ist er so gut als gethan. Laß hören! (Er setzt scincn Korb weg ) lisette- Weißt du, wen der Herr von Schlag hcirathen will? Peter. Die erste, die beste; wenn sie nur Geld hat. Ich glaube er nähme dich. Aber — Kusette. O! Ich will schon sehen, daß ich mich anderwärts ohne das Aber unterbringe. Kurz, er will unsre alle Jungfer heirathcn. . Peter. Ja, er will — Lusette. O! sie will auch. Peter. Desto besser! Die Sache ist also richtig. Und ich habe künftig einen Kundmann mehr. lisette. Ja, Narre, aber wir wollen nicht. (Sie macht sich über den Korb.) Peter. Nu gut, so wird nichts draus. Aelio. Zn wünschen wäre es, und ich verlöhre meine Erbschaft nicht. Peter. Hai Ha! Ha! -a.elio. Was lachst du? Peter. Ha! ha! Steht Ihre Erbschaft auf Freyers Füßen? Gut, daß ich meine Makronen noch habe! Aber was wolltest dn mir sagen, Lisette? (Er sieht, daß sie nascht) O! mein Blut, dn wärst mir die rechte! Kätz weg! Ich werde ankommen bey meiner Frau. Sie hat mir alle Stückchen zugezählt. (Er setzt den Korb auf die andre Seite.) A.isette. Narre, ich will kosten. Vielleicht kaufe ich was, wenn mirs schmeckt. Nu, höre nur. Mache dir doch einen Weg mit deinem Krame — (Sie geht auf die andre Seite) zu ihm. Peter. Wärst du nur stehn geblieben, Lisette. Ich kann auf Die alte Jungfer. 39Z jenem Ohre so gut hören, als auf dem. (Er setzt den Korb wieder ans die andre Seite) Nu, was soll ich denn bey ihm, er kauft mir ja nichts ab. Äusette. Könntest du nicht ctwan mit einer gescheiten Art auf seine Hcirath zu reden kommen — Peter. Auf eine gescheite Art? Zweifelst dn daran? Der Henker, ich weiß solche schöne Ucbcrgänge — z. E. — er spräche: ich brauche nichts von deiner Waare, Peter. So würde ich ctwan sagen—Ja, was wollte ich sagen? — Je nu, ich würde sagen: nichts? gar nichts? Behüte sie Gott — und gienge wieder meine Wege. Aisette. Narre, was hättest du denn also von der Heirath mit ihm geredet? Und nicht allein das sollst du thun, sondern du sollst auch sehen, wie du ihm unsre Jungfer aus dem Sinne bringst. Wir wollen dir auch deswegen die dazu gehörige Freyheit geben, ihr alle Schande und Laster nachzusagen, wenn es nur was hilft. Kelio. Der Einfall wäre nicht dumm, aber der, der ihn ausführen soll, ist desto dummer. Peter. O, nein. Sie irren sich, Herr Lelio. In solchen Sachen habe ich was gethan. Nur eine kleine Probe zu mache». Gesetzt, Sie wären der Herr Kapitän. Was? würde ich sage», Sie wollen hcirathen? wer hätte sich das sollen träumen lassen? Sie, der sonst ein solcher Verächter des Ehestands — zwar nein, das wäre nichts. Es ist nicht wahr. Er hätte lange gern gchcirathct — Aber so — Was? die alte Jungfer wollen Sie heirathen? — Nu, nu, es ist nicht nbcl, sie hat wacker Geld. Eiferte. Ey, du wärst uns der rechte! Geh, geh, ich sehe schon, es ist mit dir nichts anzufangen. Peter. Ey, wie so? Hast du mich doch noch nicht probiert. Aber glaubst du, daß es was helfen würde, wenn ich sagte, das alte Af- fcngesicht wollen Sie heirathen? Sie sieht ja aus, als wenn sie schon 3 Jahre im Grabe gelegen hätte. Die wird Ihr HochadlicheS Geschlecht weit fortpflanzen. Und, im Vertraun gesagt, man spricht gar, sie wäre eine Hexe. Ihr Reichthum, von dem man so viel Redens macht, sind lauter glühende Kohlen, die sie in großen Töpfen hinter der Kellerlhür stehn hat, und wobey ein großer schwarzer Hund Wache liegt. Einer mit feurigen Augen, mit 6 Rcyheu Zähne, mit einem dreyfachen Schwänze — 396 Die alte Jungfer. Aisetre. Ach, behüte uns Gott! Mit einem dreyfachen — Kerl du machst einem mit deinen Reden zu fürchten, daß man des Todes seyn konnte. (Sie macht sich wicdcr über den Korb.) Peter. Ha! ha! Und bey ihm würde das alles nichts helfen. Laß dich unbekümmert, würde er sagen. Ich will schon sehen, daß ich mich des Schatzes bemächtige. So gut ich in Schlesien oder Böhmen, wenn der Nancr sein bischen Haabsceligkcitcn noch so tief vergraben hatte — ^isette. Mir fällt noch was bessers ein. Das wird gewiß geh». Peter. Nu was? — Hat dich der Teufel schon wieder übern Korbe? Ich muß ihn nur wieder umhängen. Aisette. Sey kein Narr, er wird dir ja zu schwer. Peter. Nein, nein. Wenn ich ihn zn lange stehn ließe, möchte cr gar zu leicht werde». Ä.isette. Ich weiß, daß unsre Jungfer den Herrn von Schlag noch nie gesehn hat. Ich dächte, wenn du dich für ihn ausgäbst — A.elio. Ich versteh dich, Lisettc. Das ist vortreflich ausgesonncn. Perer. Ich versteh noch nichts. Aisette- Kommt fort, wir wollen die Sache an einem sichern Orte überlegen. Hier möchten wir überrascht werden. Zweyter Aufzug. Erster Auftritt. Lisette. Lelio. Aisette. Sorgen Sie nicht. Ich glaube gewiß, daß unsrc List gut ablaufen wird. L.elio. Ich will eS wünschen. Gewiß, ich würde dich es gcnic- ßen lassen. Und vielleicht hcirathetc ich dich gar. S.isette- Davon zu einer andern Zeit. Aber wie fest ihr schon das Heirathen im Kopfe stecken muß, das können Sie daraus sehen. Sie hat den Augenblick nach einem Schneider, nach einem Spitzcn- manne, nach einer Aufseherinn, und nach einem Poeten geschickt. Aelio. Was soll der Poet? Aisette. Als wenn eine Hochzeit ohne ein Carmcn vor sich gehen könnte. Er soll es in seinem oder in eines ander» Name» machen. Und sie hat scho» einen alte» Gulden parat gelegt. 397 Die vorigen. Rlitander. Rlitander. Dein Diener, Herr Lelio! Wie befindest dn dich? Ist dir die gestrige Motion wohl bekommen? Hast du ansgcschlafen? Wirst dn heilte wieder in der Gesellschaft seyn? Bist du heute noch nicht auf dem Coffcchause gewesen? Wie schmeckte dir der Wein? Hatte sich Valcr nicht eine artige Brünette anSgclescn? Aelio. Sind das nicht eine Menge Fragen, und dn hast mich das Compliment noch nicht beantworten lassen. Rlitander. Zum Henker, ich treffe euch schon wieder beysammen alleine an? Lelio! Lisctte! Daraus kann nichts gutes kommen. Aber was fehlt dir, Lelio? Du siehst mir ganz, ganz, ich weiß nicht wie, aus. Du brauchst eine ermunterung. Komm mit. Ach! bey Gelegenheit, es ist gut, daß ich daran denke: weißt dn, wer das Frauenzimmer war, das uns gestern im Garten begegnete? Gefiel sie dir nicht? Wollen wir nicht wieder dahin gehn? Vielleicht treffen wir sie. A.clio. Willst du mir nicht sagen, auf welche Frage ich dir zuerst antworten soll? oder soll ich lieber gar keine beantworten? -Lafette. O! mein Herr, wir haben jetzo gar nicht Zeit, Ihrem Gcplaudcre zuzuhören. Rlitander. So? Sollte sich diese Wahrheit nicht etwas höflicher ausdrücken lassen? Sind eure Verrichtungen sehr dringend? Hast du mir nichts Neues zn erzählen, Herr Lelio? Ä.elio. Ach ja. Und zwar etwas Neues, das mich sehr nahe angeht. Rlltanver. So? Aber weißt du schon, daß unsre Freundinn, Clarice, eine Braut ist? Gestern ist eS richtig geworden. K.elio. Willst du also meine Neuigkeit nicht hören? Rlitander. Erzähle, erzähle. Ich höre ungemein gern was Neues. Nur gestern — L.elio. Du fängst schon wieder von was andern an. Kann ich doch nicht einmal die vier Worte vor dir aufbringen: Meine Muhme will heirathen. RlitanOer. Ha! ha! ha! -ü.elio. O! wenn du an meiner Stelle wärest, du würdest gewiß nicht lachen. 398 Die alte Jungfer. Rlitanver. Ha! ha! ha! Du beschwerst dich, daß ich so viel rede, und neulich war ich in einer Gesellschaft, wo man mir Schuld gab, ich redte zu wenig. Ha! ha! ha! Wenn redet man denn weder zu viel, noch zn wenig? Das ist lächerlich! Ha! ha! ha! Aber wolltest du mir nicht was Neues sagen? Was war es denn? A.isetre. Wenn Sie nur nicht gar zu sehr mit sich selbst beschäftigt wären, so hätte» Sies längst gehört. Seine Muhme will heirathen. Rlitanver. Ist es schon gewiß? Lelio, du machst doch auch, daß ich auf die Hochzeit komme? Hat sie den Wein schon dazu gekauft? Ist er gut? K.elio. Wenn du als ein Freund an mir handeln wolltest, so wurdest du mir lieber einen Rath geben, wie ich etwa» diese unglückliche Heirath hintertreiben könnte. Rlitanver. Wie so? Aelio. Je, meine Erbschaft geht damit zum Teufel. Rlitanver. O! dem ist bald abzuhelfen. Laß dir die Erbschaft voraus geben. Die Muhme mag alsdenn machen, was sie will. K.isette. Herr Lelio! müssen wir nicht dniiim seyn. Es ist wahr. Das ist das beste Mittel; nnd wir sind nicht drauf gefallen! O es lebe ein hurtiger Verstand! Rlitanver. O mein Kind, du bist nicht die erste, die mir es sagt, das ich sehr glücklich in Rathschlägen bin. Aisette. Gewiß! Ihr Rath hat nicht mehr, als den einzige» Fehler, daß er sehr abgeschmackt ist. Rlitanver. So? Wenigstens sollte ich denken, daß er doch den Stoff zu einem besser» gebe» könnte. Aber wo ist deine Muhme? Ich muß ihr nothwendig zu der wohlgetroffnen Wahl Glück wünschen. Wen will sie nehmen? Aisette- Sie können sie selbst fragen. Ich höre jemanden kommen. Sie wird es ohne Zweifel seyn. Kommen Sie, Herr Lelio, Peter möchte unsrer Anweisung nöthig haben. Aelio. Wenn du mit meiner Muhme sprechen willst, so thu mir de» Gefallen, und nimm sie recht herum. Rlitanver. Das würde ich ohne dein Erinnern gethan habe». Ich bin ein Meister in beißenden nnd feinen Satiren. Und wenn du willst, ich will es so toll machen, daß sie zerplatze» soll. Ä.elio. Desto besser. Die tüte Jungfer. 39!) Dritter Auftritt. Rlitander. Jungfer Ohldinn. Rlitanver. Madcmoiscll, Jungfer Braut, Madam — wie, Teufel soll man Sie nennen? Ist es wahr, oder ist es nicht wahr, daß Sie heirathen wollen? Ghlvinn. Ja. Es ist allerdings wahr. Wer kann wider sein Schicksal? Ich versichre Sie, Herr Klitandcr, es ist eine ganz besondre Vorsehung dabey gewesen. Ich hatte an nichts weniger, als an einen Mann, gedacht, nnd plötzlich — Rlitanver- Und plötzlich ist Ihnen der Appetit angekommen? Ghlvinn. Sie könne» gewiß glauben, daß es mein Betrieb gar nicht gewesen ist. Die Heirathen werden im Himmel gestiftet, imd wer wollte so gottlos seyn, sich hier zu widersetzen? Rlitanver. Da habe» Sie Recht. Die ganze Statt lacht zwar über Sie; aber das ist das Schicksal der Frommen. Kehren Sie sich nicht daran. Ein Mann ist doch ein ganz nützlicher Hausrath. Vhldinn. Ich weiß nicht, worüber die Stadt lachen sollte. Ist denn eine Hcirath so was Lacherliches? die gottlose böse Stadt! Rlitanver. Sie ihn» der Stadt unrecht. Sie lacht nicht darüber, daß Sie heirathen, sondern, daß Sie nicht schon vor dreyßig Jahren gehcirathet haben. Ghlvinn. Ist das nicht närrisch. Vor dreyßig Jahren! Vor dreyßig Jahren war ich noch ein Kind. Rlitanver. Aber doch schon ei» ziemlich mannbares. Denn Ihr Geschlecht hat das Vorrecht, daß man ihm diese Benennung sehr lange laßt. Zum Henker, wenn ich in Sie verliebt wäre, würde ich Sie doch wohl noch itzo mein Kind heißen. Aber Maocmoisell, das will ich ohne meinen Schaden gesagt haben. Glauben Sie nicht ctwan, daß ich es bin. Ghlvinn. Ich würde mir auch wenig darauf einbilde». So ei» wilder, leichtsinniger, unverständiger — Rlitanver. O der Verstand kömmt nicht vor den Jahre». Danken Sie es Ihren Runzeln, wenn er schon bey Ihnen sollte eingezogen seyn. Ghlvinn. Meinen Runzeln? Sagen Sie mir nur, durch was für ein Unglück ich heute in Ihre Hände komme? Meinen Runzeln? 400 Die alte Jungfer. — Ich sollte Ihnen vielleicht mehr glauben, als meinem Spiegel? Ich bin gewiß die erste Brant, der man so eine niederträchtige Grobheit sagt! Rlitander. vs würde sonst keine kleine Beschimpfung für mich seyn, wenn ich nicht wüßte mit einer Brant umzugehen. Aber bey Ihnen hat es eine Ausnahme, lind ich wäre höchst strafbar, wenn ich Ihnen das geringste artige Wörtchcn, die geringste galante Tände- lcy vorsagte. Doch, ich will ein Uebrigcs an Ihnen thun. Wenn Sie mich auf Ihre Hochzeit bitten wollen, so verspreche ich Ihnen einige neue Tänze, etliche Dutzend verliebte AuSdrückungcn, gegen Ihren Bräutigam, und unterschiedne neumodische zärtliche Blicke zu lehren. Denn in alle» dreyen können Sie nicht anders, als sehr schleckt, beschlagen seyn. Ich will Sie auch zum Ucberflußc mit einigen artige» Frauenzimmern, die meine guten Freundinnen sind, bekannt machen, von denen Sie das Gesellschaftliche gar bald lernen können. Ghldinn. Das mögen auch die rechten seyn, die sich mit Ihnen bekannt machen. Die müssen gewiß den Männern nachlaufen. Rlitander. Je nun, die zehnte hat die Gabe nicht, so lange zu warten, wie Sie. Ein Mann geht seine Straße fort, vr stößt bey jedem Schritte an ein Frauenzimmer an, das er bekommen kann. Die sich von ihnen nnn nicht ein wenig hervorthut, die bleibt dahinten. Und so ist es Ihnen gegangen. Doch, mit der Moral bey Seite. Ich will mich um Sie und Ihren Bräutigam verdient machen. Lassen Sie sehen, ob Sie eine Mcnuet tanzen können. Ghldinn. Wie weit wollen Sie Ihre Possen noch treiben? Rlitander. Machen Sie keine Umstände. Sie sollten mir es noch Dank wissen. Ghldinn. Daß Sie nur Gelegenheit zur Spötterey hätten. Rlitander. Zum Henker. Sie haben ja eine» rechten artigen Fnß zum Tanzen. (Er hebt ihr den Rock ein wenig in die Höhe) Ghldinn. Schämen Sie sich. Ich bitte Sie — Rlitander. Was brauchen Sie für alte abgesetzte Wörter? Schämen ist nnn schon über hundert Jahr nicht mehr im Gange. Frisch! Wir wollen nur erstlich stückweise gehen. Wie machen Sie das Com- pliment? Ghldinn. O Ihre Dienerinn! so weit lasse ich mich nicht zum Besten haben. (Sie macht eine Verbeugung) _ Die alte Jungfer. 401 Rliranver. Ich sehe wohl, ich muß mich an Ihre That, nicht an Ihre Worte kehren. Das Compliment war nicht uneben. Aber, nehmen Sie doch den Rock ein wenig in die Höhe. Ich kann ja nicht sehn, was da unten vorgeht. Ohldinn, ES ist wahr, der Rock ist mir ohnedem ein wenig zu lang. Ich muß wenigstens so viel lassen wegnehmen. (Sie zieht ihn ei» wenig in die Höhe.) Rlirander. Der Teufel, was für ein Fuß! Schade, daß er nicht an einem jungen Körper ist! Machen Sie nnn einmal ein PaS. Ghldinn. Nein, Herr Klitandcr, ich muß es Ihnen gestehen, das Tanzen ist mein Werk gar nicht, und mein Abscheu davor ist nicht geringe. Anstatt ein Paar natürliche und feste Schritte zn machen, (Sie geht ein Paar Schritte) ziert man stch, und macht ein unsinniges Pas. (Sie macht wirklich ein Pas) Was für eine Thorheit! RliranSer. Aber bey meiner Seele, die Thorheit läßt Ihnen nicht schlecht. Und also können Sie schon tanzen, lind eben so viel, wie ich. O! da hats gute Sache. Sie können den Hochzcitabcnd schon mit herumspringen. Vhldinn. Das möchte wohl nicht geschehn, und der Herr Kapitän von Schlag wird das auch wohl nicht von mir verlangen. Rlirander. Was haben Sie mit dem Hundsfott zu thu»? Was soll der Kapitän von Schlag? Bekomme ich den einmal unter meine Hände — Ich will dich mit ehrlichen Leuten spielen lehren, und sie nicht bezahlen — Ghldinn. Sachte! sachte! Sie wissen vielleicht noch nicht, daß eben der Herr Kapitän von Schlag mein Bräutigam ist. Rlitander. Was? Die nackigte Maus? Ihr Bräutigam? Der Lumpenhund, ist mir nun schon seit drey Monaten fünf und zwanzig Stück Dncaten schuldig, die ich ihm auf dem Billiard abgewonnen habe. Wie kommen Sie zu dem? Ghldinn. Herr Oront, bey dem er im Hause wohnt, ist der Freycrsmann gewesen. Und ich bitte, reden Sie ein wenig bescheidner von ihm. Rlitanver. Ey! was? Hören Sie, Mademoisell, ich lege auf Ihre Person Arrest. Und der Teufel soll mich holen, wo er Sie eher chlichen darf, bis ich mein Geld habe. Ghldinn. Das wird er Ihnen nicht vorenthalten — Lcssiiigs Werke n. 26 402 Die alte Jungfer. RlitKNver. Ey ja. Wenn ich sei» einziger Schuldmaim wäre. Aber ich will wenig sagen, cs sind ihrer gewiß so viel, als ich, er und Sie Haare ans dem Kopfe haben. Ghlvinn. Behüte mich Gott! das hat mir Herr Oront nicht gesagt. RlitKNdcr. Ich will itzo den Augenblick hingehen. Ich will ihm die Holle so heiß machen. Er soll sich wohl mitersichen, ein ehrliches Frauenzimmer hinters Licht zn fuhren. Ghldinn- Seyn Sie nicht so hitzig. Verziehen Sie. Ich bitte. Ich will selbst, wenn cs nicht anders ist, die fünf und zwanzig Ducateu — Rlitander. Lassen Sie mich. Eh der verfluchte Kerl Sie hei- rathcn, und sich mit Ihrem Gelde breit machen soll — eher — ja eher will ich selbst in einen sauren Apfel beißen, lieber will ich selbst die Mühe über mich nehmen, und Sie hcirathcn. Leben Sie wohl unterdessen. Vierter Auftritt. Jungfer Ghldinn allein. Ach daß Gott! wie geschieht mir! Müssen denn alle Vorschlage, die mir zum Hcirathcn gcthan werden, vergebens seyn? Das ist nun schon über das zwölfte mal! Aber der Herr Kapitän soll doch so ein artiger Mann seyn — Je! was schadet cs? wenn cr auch was schuldig ist. Mau kaun das Geld doch nicht mit ins Grab nehme» — Und wer weiß, ob es so arg ist, als cs Klitander macht. Ach der liebc Herr Kapitän von Schlag! Es bleibt dabey, ich behalte ihn. Und ist cs nicht einerley, ob ich ihm, oder meinem lüderlichcn Vetter das Vermögen gebe? Er läßt michS vielleicht wieder genießen; aber mein Vetter — Fünfter Auftritt. Jungfer Ohldinn. Lisette. Herr Aräusel. Ei» Schneider. Ä.isctte. Jungfer, hier bringe ich Ihnen zwey Leute, nach denen Sie geschickt haben. Tcn Herrn Schneider und dc» Herr» Poeten. Ghldinn. (zum Porten) Willkommen, Meister Schneider! (zum Schneider) Gedulden Sie sich eine» Augenblick, mein lieber Herr Poele, ich will nur erst ihn abfertigen. Die alte Jungfer. 403 Rrausel. Was? mich einen Schneider zu heißen? Was denken Sie? Himmel, welcher Schimpf! Einen gekrönten Poeten für einen Schneider anzusehn? Schneider. Und was? Einen ehrlichen Bürger und Meister für einen Poeten anzusehn? Für so einen Müßiggänger? Halten Sie das für keine Injurie? Aisette. Sachte, ihr Leutchen, sachte. Sie kennt euch noch nicht. Rrönsel. Ey was? Ich ein Schneider? Schneider. Was, ich ein Pocte? Rräusel. Lassen Sie sich das Gedicht von ihm machen, wen» er kann. Adieu. Schneider. Lassen Sie sich die Kleider von ihm machen, wenn er kann. Adieu. K.isette- Warten Sie doch. Wer wird sich um ein Versehn gleich so ärgern. Sie sind beyde ehrliche rechtschaffene Leute, die man nicht entbehren kann. Rrausel. Einen Mann, der Tag und Nacht mit den göttlichen Musen umgeht, einen Schneider zu heißen? Das ist unerträglich! Lassen Sie mich fort, (geht ab) Schneider. Ein Mann, der wohl fürstliche Personen gekleidet ' hat, soll sich einen Poeten schimpfen lassen? Ich versteh meine Pro- feßion. Es wird mir niemand was Uebels nachzusagen haben. Und ich will den Schimpf gewiß auch nicht leiden. Wir wollcns schon sehen; wir wollcns schon sehn, (geht ab) Sechster Auftritt. Jungfer Ohldinn. Lisette und hernach Rräusel. «vhldinn. Sind das nicht Narren! Ich kann es bey Gott be- theuren, daß ich sie nicht gekannt habe. Ä.isette. O! der Poete ist nach Brodte gewohnt, der kömmt wieder. Da haben wir ihn. Rrausel. Der Klügste giebt nach! Und dieses bin ich. Ich habe es im Hcransgchcn überlegt, daß — Ausette- Daß ein Schneider freylich eher trotzen kann, als ein Poete — Rröusel. Daß der Zorn einem Weisen nicht ansteht. Ich verzeihe Ihnen also Ihren Irrthum. Lernen Sie nur daraus, daß in man- 26 « 404 Die alte Jungfer. chem Menschen mehr steckt, als man ihm ansieht. Doch, was befehlen Sie? Worinne kann Ihnen meine Ecschicklichkcit dienen? Ghldinn. Ich habe mich mit Gott entschlossen, zu hcirathen. lind weil ich gehört habe, daß Sie einen guten Vers machen sollen, und weil doch mein Bräutigam einer von Adel ist, und weil ich auch gern ein Hochzeitearmen haben möchte, und weil ich nicht weiß, ob sonst jemand so höflich seyn möchte — Rrauscl. 8apienti tat! Sie haben sich deutlich genug erklärt. DaS übrige besorge ich. Ich werde Ihnen schon eins machen, daß Sie damit sollen zufrieden seyn. Wollen Sie eins per llrelm et Il^pollrelm? Ghldinn. Ja. Ja. Aransel- Oder eins nur per ^nkeeecleiig et lüonte^ueos? Ghldinn. Ja. Ja. Rrönsel. Wählen Sie. Wählen Sie. Mir gilt alles gleich. Rnr will ich vorläufig erinnern, daß Sie für eins per ?l>elm et llz^- potlielm etwas mehr zu geben belieben werden. Die Zeiten sind theuer. Das Nachdenken ist auch aufgeschlagen, und — Ghldinn. Tarauf werde ich es nicht lassen ankommen. Nur daß cS fein artig wird. Rransel. So wahr ich ein ehrlicher Poctc bin, es soll ein Meisterstück werden. Soll cS ctwan von erbaulichem Jnnhalt seyn? Ghldinn. Erbaulich — erbaulich. Bey einer Hochzeit dächte ich — Rrönscl. Von historischem? von mythologischem? von scherzhaftem? von satyrischcm? von schalkhaftem Jnnhalte? Ghldinn. Von schalkhaftem, dächte ich, sollte wohl — Rränscl. O vortrcflich! In dem Schalkhaften eben besitze ich meine Stärke. Und dazu wird wohl am besten ein unschuldiges Quodlibet seyn? Nicht? Ghldinn. Wie Sie denken. Rränsel- Ja. Ja. Ein unschuldiges Quodlibet wird sich vortrcflich schicken. Zum Schlüsse kann ich alsdann eine lebhafte Beschreibung des Bräutigams und der Braut mit anhängen. Z. E. den Bräutigam würde ich beschreiben, als einen wohlgewachsenen ansehnlichen Mann, dessen majestätischer Gang, dessen feurige reizende Augen, dessen kaiserliche Nase, dessen vorthcilhaftc Bildung — Die alle Jungfer. 405 Ghldinn, O Lisettc! was muß der Herr Kapitän für ein allerliebster Mann seyn? Habe» Sie ihn schon gesehen, mein Herr Poetc? Rröuscl. Sieht er wirklich so aus? Wie heißt er denn? (phldinn. Ich denke, Sie kennen ihn schon. (5s ist der Herr Kapitän von Schlag. Rrauscl. Von Schlag? Und Dero werther Name ist? Ohldinn. Ohldinn. Rröusel. Ohldinn? Mit Erlaubniß, der wievielste Mann ist es, den Sie jctzo nehmen? Ohldinn- Was für eine närrische Frage! Der erste. Rrausel. O! verzeihen Sie. Das hätte ich Ihnen gleich ansehen können. Es ist wahr, Sie sind ja noch in Ihrer blühenden Jugend. Ohldinn. Hörest du, Lisettc? RrKusel. Ohldinn, Mademoiscll Ohldinn und Schlag, Herr von Schlag. O glückliche Namen! Die werden zn vortrcflichen Gedanken Anlaß geben! Ohldinn, Schlag. Was werde ich nicht vor eine vor- trefliche Allnsion auf die Münzen von altem Schlage machen können! Die alten Jungfern, werde ich sagen können, sind wie die Münzen von altem Schlage — Fusetre. Hören Sie, Jungfer? Ohldinn. Ach! mein lieber Mann, Sie denken sehr abgeschmackt. Alte Jungfern, alte Münzen. Ich verspreche mir nichts besonders von Ihnen. Rrauscl. Gut, so lassen wir den Einfall weg, wenn er Ihnen nicht ansteht. Wenn verlangen Sie das Gedicht fertig zn sehn? Ohldinn. Je nun, so bald als möglich. Rräusel. Gut. Gut. Aufs höchste in einer Stunde bin ich damit da. Ohldinn. In einer Stunde? Ach! bleiben Sie immer ein wenig länger. Ich besorge, es möchte sonst allzuschlccht werden. Rröusel. Ja, wenn Sie erlauben wollen, so mache ich es gleich hier. Lassen Sie mich nur ein wenig in einem Zimmer alleine seyn. Zu Hause lärmen mir Frau und Kinder die Ohren allzusehr voll. Ohldinn. Frau und Kinder? Äusetre. Ein Poete hat Weib und Kinder? Rrausel. Eben die Corinna, die ich durch meine Lieder in mei- 406 Die alte Jungfer. ner Jugend verewiget habe, eben die Corinna ist itzo mein Weib. Ich habe mir das Uebel an den Hals gesungen, und gehöre also in der That mit unter diejenigen großen Dichter, die durch ihre Knnst unglücklich geworden sind. Das böse Weib! Sie liegt zwar zu Hause auf den Tod krank, aber sie liegt schon über 8 Tage, und will sich noch nicht entschließen, zu sterben. Ach! meine lieben Jungfern, das ist gewiß, die Weiber sind zum Unglücke der ganzen Welt erschaffen! Ach das verdammte Geschlecht! K.isette. Je, du verdammter Hundsfott von einem Poeten. Rröusel. O verzeihen Sie! verzeihen Sie! Ich war in meiner Entzückung. Wo wollen Sie, daß ich mich hinbegeben soll? Nsm klulae teoell'um loribentis et otia c^useriint. Ghldinn. Können Sie doch allenfalls hier in das Nebenzimmer gehen. Aisette- Aber fürchten Sie sich nicht. Sie werden in dem Zimmer eitel Narren antreffen. Rröusel. Wie so? Aisette. Weil viel Spiegel darinnen sind. Gehen Sie nur. Rröusel. Das verstehe ich nicht, (geht ab) ^Siebender Austritt. Jungfer Ohldin». Lisette. Ghldinn. Glaubst du nun bald, Lisette, daß eS mein Ernst ist? Aber daß Gott! was wird mein Vetter dazu sprechen? Der reißt sich die Haare aus dem Kopfe, wenn er es hört. Kusetre. Sie betrügen sich. Ich habe es ihm schon gesagt — Ohldinn. Nun? lisette. So bald er hörte, daß Sie der Herr Kapitän von Schlag bekommen sollte, so faßte er sich. Der Herr Kapitän von Schlag, sprach er, ist einer von meinen besten Freunden. Ich gönne es ihm. Und meiner Muhme kann ich es auch nicht verdenken; ich habe schon viel von ihr genossen — Ghldinn. Was? das sagte mein Vetter? O der allerliebste Vetter! Komm, ich muß ihn gleich spreche». Dafür soll er auf der Stelle einen Wechsel von ZOO Rthlr. von mir haben. lisette. Nur geben Sie ihm mit einer Art, die ihn nicht schaiu- roth macht. Die alte Juugscr. 407 Dritter Aufzug. Erster Auftritt. Lisette. Peter (in einer alte» Montirung, mit einem Stelzfüße und ciiiei» Kucbelbarte.) Peter. Lauf doch nicht so, Lisette. Ich kann nicht nachkommen. Ich bin das Bein noch nicht gewohnt. lisette- Ach! was für ein unvergleichlicher Kapitän! So eine» Mann möchte ich haben. Peter. Du bist kein Narre. Ich glaube, es werden mehr Frauenzimmer von deinem Geschmacke seyn. Und ich fürchte, ich fürchte, so sehr ich mich verstellt habe, deine Jungfer wird in das Wesentliche eines Mannes tiefer eindringen, und mich trotz eurer List behalten wollen. lisette- Sie müßte rasend seyn. Peter. Wenigstens wäre die Raserey von der Art bey alten Jungfern nichts besonders, und nichts Neues. Machts klug, so viel sag ich euch, daß ihr mir sie nicht auf dem Halse laßt. Einen Teufel habe ich schon zu Hause. Wenn der andere dazu käme, so wäre meine Holle fertig. lisette. Sorge nicht. Lelio wird zw« thun, als wenn ihm diese Verbindung ganz lieb wäre, sie desto sicherer zu machen. Doch, wenn du thust und redest, wie wir dir befohlen haben, und ich hier und da meine Beredsamkeit anwende, so müßte der Ehetcufcl lebendig in sie gefahren seyn, wenn sie nicht einen rechten Abscheu vor dir bekommen sollte. Ich habe den Herrn von Schlag in deiner Person schon bey ihr angemeldet und sie wird sich bald hier ciusindcii. Peter. Aber Lisette, Lisette. es geht mir gewaltig im Kopfe herum. Daß ich nur nicht zur andern Frau komme, wie jener zur Ohrfeige. lisette- Ach! wenn du es nur arg genug machst. Laß einmal sehen. Wie willst du deine Rolle spielen? Stelle dir einmal vor, ich wäre meine Jungfer — Peter. Du bist es aber nicht. Ä.»sette. Nun, stelle dirs nur vor. Peter. Wenns mit dem Vorstellen genug ist, so stelle dirs auch nur vor, wie ichs ctwan machen wurde. 408 Die alte Jungfer. Zweyter Allstritt. Herr Rrausel (mit einem beschriebenen Bogen Papier.) Lisette. Peter. K.isette. Ach! da kömmt der verwünschte Kerl uns gleich die Quecre. Daß doch der Henker die Poeten Holle! Arausel. Leue! (in Gedanken, und liest sein Gedicht) Peter- Das ist Klausel! Nicht? Gut, daß mir der Hundsfott i» die Hände kömmt. Rröusel. Wohl gegeben! Susette. Was istS? Was ists? Peter. Wo willst du hin? Peter. Der Schlingel hat mir schon vor einem halben Jahre abgekauft, und ich habe noch keinen Pfennig dafür bekommen. Und was das Acrgstc ist, er hat meinen Namen so gar in ein Gassenlied gebracht. Einen ehrlichen Gebackensherumträger in ein Gassenlied zu bringen? Laß mich! jetzo habe ich den Schelm. Rröusel. Das ist poetisch! (innncr noch in Gedanken) Peter. Ja, spitzbübisch ist es — K.l'sette. Peter! Peter! besinne dich, jetzo bist du der Herr Kapitän von Schlag. Peter. Ich bin aber auch der Gebackensherumträgcr, Peter. Ausette- Du vcrderbsi den ganzen Plunder. Thu ihm nichts, laß ihn gehn! Du kannst den Narrn noch Zeit genug kriegen. Rräusel. Das heißt sich schön ausdrücken, (noch in Gedanken) K.isetle. Komm fort. Ich will dich deine Partie anderswo überhören. Peter. Nu. Nu. geborgt ist nicht geschenkt. Dritter Auftritt. Herr Rrausel (geht sein Gedichte durch.) Die Henne pflegt dem muntern Hahn Vor sein Bemühn zu danken. Das nenne ich schalkhaft! Dahinter steckt was. Die faulen Aase stinken stark, Die Laus hat schon zehn Fiiße. Appetitliche Stelle! Ein Bräutganl muß sich tummeln. Ha! in der Zeile herrscht eine recht anakrcontische Feinheit. Die alte Jungfer. 409 Ein Reifrock braucht wohl manchen Stich. Loser Vogel! Die Poeten sind doch verzweifelte Köpfe! tLin Floh hat breite Tayen. Ich versteh auch die Naturlchrc. Der Schaafbock schreyt aus lautem Ton, Mich dünkt, er wird bald lammen. Hier ziele ich auf die Freygeister. Man wirds schon versteh». Vierter Auftritt. Lelio. Jungfer Ghldinn. Herr Rrausel. Arausel. Kommen Sie! kommen Sie! Ich bin fertig. Ich bin fertig. O! ein ganz wunderbar schönes Gedichte habe ich gemacht. Ich habe mich hier so zu sagen, selbst übertreffen. Ich hätte nimmermehr geglaubt, daß ich so eine Gabe zu scherzen hatte. Sonst habe ich meine Stärke im Ernsthaften. Sonderlich die theologisch-polemisch- poetischen Sachen laufen mir gut von Händen. Sie haben doch wohl die erbauliche Komödie gelesen, die ich wider Edclmannen gemacht habe? O! daS ist ein Stück, als schwerlich jemals auf das Theater wird gekommen seyn. Doch, wieder auf mein Kannen zu kommen. Hier ist es, meine liebe Jungfer Ohldinn. Sie können es nun drucken lassen, unter was für einem Namen Sie wollen. Ghldinn. Ganz gut. Ich muß cS aber nur vorher dem Herrn von Schlag zeigen. Die Sldlichen sind sehr ekel in dergleichen Sachen. Er möchte doch wohl hier und da was zu ändern finden. Rröusel. Das steht Ihnen frey. Nur werden Sie so gütig seyn, und beyderseits den Vers, den ich nicht ohne Ursache habe mit einstießen lassen, in Erwägung zichn. Er ist allen christlichen Herzen zum Nachdenken geschrieben. Ghldinn. Welchen? Rröuscl. Hier auf der andern Seite: Ich schmelze iyt Uilerigro. Ghldinn. Was ist das? Wloliam? Rröusel. Ja, die Poeten sind sehr schamhaft. Sie sage» es nicht gcr» allzudeutsch, wo sie der Schuh drückt. Doch, ich habe das gute Vertrauen, daß Ihre milde Eroßmuth Ihrer Unwissenheit hicrin- nen schon abhelfen wird. A^elio. Sollten Sie es nun nicht bald verstehu, Jungfer Muhme ? 410 Die alle Jungfer. OhlSinn. Nein, in der That — Rröusel. O! ich bitte, mein Herr, haben Sie die Guthcit für mich, und überheben Sie mich einer deutlichern Erklärung, die mir allzuviel Schamröthc kosten würde. (Er hält den Hut vors Gesichte.) Kelio. Sorgen Sie nicht. Meine Muhme wird sich schon erkenntlich gegen Sie bezeigen. Ghldinn. War es das? Ja, ja, mein Herr Pocte, ich will mich schon bey Ihnen abfinden. Rröusel. Ach! es hat gar nichts zu bedeuten. Glauben Sie nicht, daß ich so eigennützig bin. Die Ehre, nichts als die Ehre, ist es, was ich durch meine Poesie suche. Denn unsre Arbeit kann uns so nicht bezahlt werden. Aber was dächten Sie, daß ich oft für so ein Karinen genommen habe? Aelio. Sonst haben die Herren Poeten in Gewohnheit, daß sie nehmen, was sie kriegen. Ich weiß nicht, wie Sie es halten. Fünfter Auftritt. Die vorigen. Lisette. Aisette. Freuen Sie sich, meine liebe Jungfer! Ihr werther Herr Bräutigam, der Herr Kapitän von Schlag, wird den Augenblick bey Ihnen seyn. Er ist schon mit allen seinen Annehmlichkeiten ans der Treppe. Der gute Maun muß sie auf allen vieren heran kriechen. Das hölzerne Bein, die zerlappte Montirung, der kriegerische Kncbcl- bart, sind die deutlichsten Kennzeichen eines Helden, der sich es um sein Vaterland sehr viel hat kosten lassen. O! wie beneidenswert!) sind Sie! In der That, Sie haben nicht umsonst gewartet. Was lange wird, wird gut. Ghldinn. Bist du närrisch? Weise ihn ab. Es wird ein Bettler seyn. Alsette. Nein. Nein. Nach Ihrer Beschreibung wird er es wohl selbst seyn. Rrausel. Wie können Sie sich so au das Acußere stoßen? Mich sahen Sie auch vor einen Schneider an. Und ich muß Ihnen die Lehre noch einmal geben: Es steckt oft mehr in einem Menschen, als man ihm ansieht. ^.isette. Er seufzet schon recht herzlich nach Jhncn> und flucht, daß das Haus einfallen möchlc, weil man ihm nicht entgegen kömmt. Die alte Jungfer. 411 Ghlvinn. lind das soll der Herr Kapitän seyn 4 /Uferte. Ja. Ja. Run, da sehn Sie ihn selbst mit Leib und Seele. Sechster Austritt. Peter. Lisette. Jungfer Ohldinn. Lelio. Rräuscl. Peter, (in scincm vorigm Auszüge) Was zum Teufel! Begegnet man einem Bräutigam hier so? Es kömmt mir ja weder Hund noch Katze entgegen. Für was, zum Henker! sieht man mich an? Weiß man auch, wer ich bin? F.elio. O! mein werthester Herr Kapitän, fassen Sie sich — Peter. Ach! was habe ich mit Ihnen zn schaffen? Ist das Ihre Muhme? Lelio. Ja. A^isette. Mein Herr, Sie sind in einem fremden Hause sehr unhöflich. Peter. In einem fremden? Ich glaube, man weiß noch nicht, daß ich den Augenblick Herr desselben werden kann? Mademoiscll, ich habe mir die Freyheit genommen, Ihnen die Ehre antragen zu lassen, meine Gemahlinn zu werden. Sie mußten verrückt seyn, wenn Sie nicht mit Händen und Füßen zugreifen wollten. GhlSinn. Ach daß Gott! Lclio. Rranfel. Erschrack ich nicht über den Kerl! Ich dachte, bey meiner Seelen, es wäre Peter. Wie doch die Menschen einander manchmal so gleich sehn. Aelio. Meine liebe Muhme, kehren Sie sich nicht an seine all- zunatürlichen Ausdrückungen. Ei» Kricgsmann ist dergleichen Reden gewohnt. Peter. Das ist wahr. Ich bin noch nach der alten deutschen Art. Und die Frau, die ich nehmen will, muß nicht ein Haar anders seyn. Sind Sie so? A.isette. Es ist Ihr Glück, daß sie nicht so ist; sonst würde sie Sie schon mit der artigsten Art znr Thüre herausgcstoßcn haben. GhlSinn. Pfuy doch, Lisette. Erzürne ihn uicht. L.isette. Was? Ich glaube, Sie treten ihm noch die Brücke. Herr Kapitän, Sie müssen doch närrisch im Kopfe seyn, daß Sie glauben, meine Jungfer werde so einen tollen Ehckrüpcl nehmen, wie 412 Die ^lte Jungfer, Sie sind. Ich bin ein armes Mägdchcn; aber, wenn Sie im Golde bis über die Ohren steckten, ich sähe Sie nicht über die Achsel an. Ha! ha! Was für eine reizende Figur! Einen Stelzfuß, einen Kart, vor dem man weder Nase noch Maul sehn kann — Peter. Hort doch, Plappermaul, nehme ich euch, oder eure Jungfer? Wenn ich der anstehe — Und ich stehe ihr an — ich weiß. Nicht — Ohldinn. Ja — Aber — Peter. Aber — Aber — Aber. Wäre sie schon meine Frau, ich wollte ihr das dumme Wort aus dem Maule bringe». Wie hoch ist Ihr Vermögen? Wenn e§ nicht noch dreymal so groß ist, als meine Schulden — Aisette- Darinnc besteht vielleicht Ihre Haabseligkcit? A.elio. Ihre Schulden, mein Herr Kapitän, würden vielleicht das kleinste Hinderniß bey der Sache seyn. Aber ich sehe, daß meine Muhme durch Ihr Betragen — Ohldinn. Stoßen Sie ihn nicht ganz vor den Kopf. Lusette. (zu Peter» sachte) Mache cS ja recht arg. Sie beißt wirklich sonst noch an — Nun, was will er, mein Herr? Siebender Auftritt. Die Vorigen. Herr Rehfuß. Rehfuß. Sie werden es nicht übel nchmcn, meine liebe Madc- moisell Ohldinn — Eiferte. Nein, nein, mein guter Freund, er kommt an die falsche. Hier ist die Madcmoiscll Ohldinn. Rehfuß. Sie werden es nicht übel nehmen, meine liebe Madcmoiscll, daß ich — Peter. Mein Freund, wenn ihr was zu sagen habt, so macht es kurz. Gleich muß uns auch so ein Narr in unser» wichtigen Tractaten stören. Rehfuß. Meine liebe Madcmoiscll, ich habe mir von dem Herrn von Schlag sagen lassen — Peter. Von wem? von mir? Rehfuß. Nein. Rein. Verzeihen Sie, von dem Herrn von Schlag; daß er die Madcmoiscll Ohldi»» in wenig Tagen hcira- then wcrdc. Tic alle Jungfer. 413 K.lserre. Verfluchter Streich! Peter. Was hätte ich euch gesagt? — Rehfnß. Weil mir nun der Herr Kapitän einige hundert Thaler auf einen Wechsel schuldig ist — Peter. Was wäre ich euch schuldig? Seyd ihr närrisch? Rehfuß. Ich rede von dem Herrn Kapitän. Der Wechsel ist heute um, und es stunde bey mir, ihn in Verhaft nehmen zu lassen. Peter. Mich, in Verhaft nehmen zu lassen? Alsetle. Schweig, Peter, sonst sind wir verrathen. Rehfuß. Weil er mir aber gesagt, daß seine Jungfer Braut für ihn bezahlen wollte, so habe ich mich erkundigen wollen, ob die Ma- demoiscll Ohldinn — Ghldinn. Mein Herr Kapitän, ich weiß nicht, wie Sie sich auf mein Wort so viele Rechnung ,in voraus haben machen können? Wenn Sie schuldig sind — Rehfuß. Nein doch, Madcmoiscll, die Rede ist von dem Herrn Kapitän von Schlag. Ghldinn. Je nun, das ist er ja — Peter. Ja, ja, ich bins, mein Freund. Laß er sich um die Bezahlung nicht bange seyn. Ich will mich als ein ehrlicher Kerl bey ihm abfinden. Rehfuß. Mein Herr, Sie sind allzugütig. Ich besinne mich nicht, daß Sie mir etwas schuldig wären. Peter. Ja, ja. Ich bin ihm etliche hundert Thaler schuldig. Waren es nicht fünfhundert? Rehfuß. Nein, nein. Neunhundert ist mir der Herr Kapitän von Schlag schuldig. Aber Sie — Peter. O! das heißt auch gar zu viel für einen andern auf sich zu nehmen. Nn, uu. Ich bin ncnnhnndert Thaler schuldig. Und nicht wahr, meine liebe Frau, du willst es bezahlen? Rehfuß. Ich weiß nicht, mein Herr, ob Sie mich für einen Narren ansehen. L.elio. lind ich weiß nicht, ob er uns nicht alle für Narren ansieht. Er spricht, der Herr Kapitän ist ihm so und so viel schuldig; und wenn es der Herr Kapitän cingcständig ist, so will er es wieder läugnen? Was soll das heißen? Peter. Ja, ja. Ich bin ihm neunhundert Thaler schuldig. 414 Die alte Jungfer. Rehfuß. Nein, mein Herr, von Ihnen mag ich nicht einen Pfennig haben. Peter. Er soll es richtig bekommen. Rehfuß. Sie sind mir nichts schuldig. Peter. Gedulde er sich nur noch aufs höchste acht Tage. Rehfuß. Sind Sie denn der Herr Kapitän? Peter. Zum Henker! was geht ihm das an. Wenn ich ihn bezahlen will? Ich mag es seyn oder nicht. Und kurz, ich binS. So gewiß ich neunhundert Thaler von ihm geborgt habe, so gewiß will ich sie ihm, mit Jntrcssen, wieder geben. Rehfuß. Aber, mein Herr, warum bekennen Sie sich zu einer fremden Schuld? Peter. Ach! Ich bin ein rechtschaffner Kerl. Was ich schuldig bin, bezahle ich. habt, das wissen sie. Aber nach ihrer eignen Beschreibung, so ist der eine ein Verschwender, der andre ein Verthuer gewesen. Der eine hat sein Geld verspielt, der andre hat es in Pharao verlohrcn. Der eine hat seine Frau versäumet, der andre hat sie braache liegen lassen. Der eine hat es mit andern Weibern gehalten, und der andre mit seines Nachbars Weibe. Kurz, es sind Bruder dem Leibe und der Seele nach gewesen. Den einzigen Unterscheid ausgenommen, daß der eine seiner Frau wenigstens allen Willen gelassen, der andre aber gegen die seinige noch darzu ein rechter unsinniger Wieterich gewesen ist. Der Unterscheid ist gleichwohl groß genung, daß sie wenigstens, Laura — --Aber sie lassen mich auch ganz alleine reden. Stehe ich denn auf der Kanzel? Darf denn niemand darzwischcn reden? Warum reden sie nicht, Madame Laura--Madame Hilaria--Aber was? Das ist ein artiger Anblick--Sie lachen. Und sie weinen. Warum lachen sie, Madame Hilaria? Warum weinen sie, Madame Laura? Nun sehe ich, daß es unmöglich ist zweyen Herren zu dienen. Soll ich mit ihnen lachen? Soll ich mit ihnen weinen? Soll ich vielleicht lachen und weinen zugleich? -Hilaria. Mache was du willst. Kriselte. Ich werde also weder lachen noch weinen. Denn ich habe zu beyden noch keine Ursache. Aber entdecken sie mir doch den Grund ihres Kummers? L.aura. Den Grund meines Kummers? Lisette kan noch fragen? Er ist euch so wohl als mir bekannt. Einen Mann, einen liebenswürdigen Mann vermissen, und in Gefahr seyn, ihn auf ewig zu vermissen ---Ach! kau man meine Thränen unbillig schelten? -Lusette. Also haben sie wohl ihren Mann geliebt. Das ist das erste was ich höre. Sie sind sehr verschwiegen damit gewesen. Und ich wette, Leander hat es selbst nicht gewust. Ein liebenswürdiger Mann - — bey dem das Zanken das tägliche Brod gewesen ist. Der eS nicht einmal bey dem Zanken hat bewenden lassen. Entweder Leander ist nicht so arg gewesen, als sie und andre mir ihn beschrieben haben, oder-- Ä.aura- Nicht so arg? Man kann ihn nimmermehr so arg beschreiben, als er gewesen ist. LeiMgs Werk-II, 28 —c^Wl^ >»» ^^«»S 434 Weiber sind Weiber. Lisetre Und doch weinen sie nm ihn? K^anm. ?s war ein Teuffel von einem Manne. Aiselte. lind doch weinen sie um ihn? K^anra. Unmöglich kan es ihm in der Welt wohl gehen. K.lsettc. Der liebenswürdige Mann! K.anra. Aber das betrübt mich eben, daß ihn vielleicht Gott meinetwegen jezo heimsucht. Wer weiß wo er jetzo ist; wer weiß wie übel cS jctzo ihm geht. Ach mein allerliebster Leander! Ich vergebe dir alles, was dn mir zn viel gethan hast, Deine Uebcreilung, deine Trunkenheit — — — Aisette. Weinen sie mir, Madame, weinen sie. Vielleicht straft sie der liebe Gott, daß er wiederkömmt, und alsdann werden ihre Thränen billig seyn. Wenn ihre Thränen noch Thränen des Verdrusses, und des Andenkens, wie viel sie bey ihm ausgestanden, wären---- A.aura. Ach, Lisctte, hört er denn ans deßwegen mein Mann zu seyn, weil er mich übel gehalten hat? Lisette. Aber ihre Verbindlichkeit hört ans ihn zn lieben. Sagen sie was sie wollen. Ich sehe es allzuwohl. Ihre Thränen sind Wciberthräncn, das ist Thränen ohne Ursache. Oder aufs höchste Thränen des Eigensinnes. L>aura. Ihr seyd eine Närrin, Lisettc. Was wurden die Leute sagen-- Aisetre. Und also weinen sie nur die Leute zu hintcrgehn? Ihre Thränen sollen der Welt das glaublich machen, was ihre Aufführung gegen ihren Mann doch so deutlich wicdcrlegt hat? Und darzu, sie sind sehr thörigt, daß sie nach dem Ruhme einer treuen, und außerordentlich treuen Frau so geitzen. Dieser Ruhm ist jezo in den Augen der Welt sehr klein. Denn diese theilt sich nur in zwey Haussen. Der eine hält diese Tugend bey einem Frauenzimmer für lächerlich und abgeschmackt. Der andre für falsch und ertichtct. Der eine glaubt sie nicht, und der andre achtet sie nicht. Wir müssen uns jeziger Zeit durch ganz andre Eigenschaften beliebt machen. Es ist schlimm genung, daß die Tugend so wenig geachtet wird. L.isette. O die Tugend, die keinen andern Grund hat, als ein was werden die Leute sage»/ die verdient diesen Tittel sehr we- Wcibcr sind Wcibcr. nig. Von Gott und RcchtS wegen sollten sie lachen, Madame Laura, und sich freuen, daß sie eines Mannes loß seyn, den sie selbst nicht genug tadeln können. Und wenn ja eine von ihnen beyden weinen wollte, so würde es an sie kommen, Madame Hilaria. Dcnn Män- ncr, die sich ihrer Wcibcr wegen rninircn, sind jczo sehr rar. Sie mochten wohl keinen seines gleichen wieder finden. -Hilaria. Das kan schon wahr seyn. Aber ich weinen? Ich! Was hätte ich das Ursache? Mein Mann war eine ehrliche Haut, ob er gleich auch seine Fehler hatte. Und dafür war er eine Mannsperson. Ich war ihm rechtschaffen gut. Ich bin ihm auch jczo noch gut, so gut, als man einem Manne in seiner Abwesenheit seyn kann. Aber was hülffe mir mcine Bctricbniß? Er kommt nicht wieder; nun gut, so mag er wegbleiben. Wenn es ihm an einem Orte besser geht, als es ihm hier gehen würde, warum sollte ich es ihm nicht gönnen? Unterdessen kann ich mir ein unschuldiges Vergnügen mit meinen närrischen Frcycrn machen. Ausette. O die hat ihr Vater ziemlich verjagt, lind es ist ihnen noch der einzige Herr Scgarin übrig geblieben. -Hilaria. TaS ist cS eben, was mir noch einigen Verdruß machen konnte, wenn ich nur im geringsten darzu aufgelegt wäre. Ein Frauenzimmer wie ich mir einen Freyer zu haben? Das kränkt; das ist unerträglich, lind wo sich nicht bald wieder neue bey mir melden, Schwester, Schwester, so wirst du deinen Herr» Wohlklang am längsten gehabt haben. Glaubst du nicht, daß ich reihend genug bin, ihn dir abspänstig zu machen? Ä.aura- O Hilaria, waS verräthst du vor ein niederträchtiges Gemüth? Ist das die Treue, die du deinem Manne an dem heiligen Altare geschworen? Ilebcrlcgst du denn gar nicht, was die Welt von dir sagen wird? -Hilaria. O, ich sage von der Welt was ich will, und die Welt hat eben das Recht über mich. Äusette. (zur Laura) Aber gleichwohl scheint es, als ob ihnen der Verlust des Herrn Wohlklangs etwas nahe gehen würde, trotz der Liebe gegen ihren abwesenden Mann? Aaura- Eure Reden quäle» mich, schweigt, Lisctte. -Hilaria. Aber ich möchte nur ewig wissen, was unsern klugen Vater auf den närrischen Einfall gebracht hätte, alle unsre Freyer ab- 2g« i >' . ^ .»»-^ 43k Weiber sind Weiber. juwciscn, und just die zwey schlcchtcsicii zu behalte», die er mit der ungegründcstcn Hoffnung von der Welt schmeichelt. Ein närrischer MusicuS und ein abgedankter holländischer Capitain —-- Aisette. Er hätte sie für sich nicht besser wchlcn können. Diese zwey Leute besitzen, was er nicht besitzt, und er besitzt, was sie nicht besitzen. Ist es denn also sehr zn verwundern, daß sie so wohl mit einander zusamiiicustiliimeu? Ihr Herr Vater hat Geld, und das fehlt beyde». Ursache genug, sich vor seiner Töchter Freyer auszugeben. Bey dem einen lernt er dafür siugen, weil er es trotz der Natur, die ihm Ton und Gehör versagt hat, lernen will. U»d der andre erzchlr ihm dafür seine Schlachten und Heldenthaten, weil er durch die Bc- wundruiig fremder Tapferkeit den Mangel der scinigcn zu ersetze» glaubt. Hilaria. Schweig, Lisettc. Ta kömmt er gleich. Sr braucht seine Lobrede eben nicht mit anzuhören. Zweyter Alistritt. Hr. Seltenarm. Und die Vorigen. Hr. Seltenarm. Ha! hier sind sie. Ich will ganz säuberlich mit ihnen verfahren; vielleicht richten die guten Worte mehr aus als die bösen--Nu, ihr ungcrathnen Töchter, werdet ihr bald aufhören euerm Vater zu widersprechen? -L-isette. In der That, mein Herr, ihre Anrede ist sehr verbindlich. Herr Seit. Nicht wahr, Lisctte? (sachte zu ihr) Höre, ich habe immer sonst gegen sie das rauche herausgekehrt. Allzuscharf kau nicht gut thun. Ich wills einmal in der Güte mit ihnen versuchen. Ausette. Schon recht, schon recht. Hr. Seit. Bedenkt doch, daß euch eure Mutter, neu» Monate unter ihrer Brust, mit großer Gefahr u»d Angst getragen hat. Und, ihr Wicdcrspänstigen, wollt mirs so belohnen? ö.isette. Höflich genung, wahrhaftig. Hr. Selt. Glaubt ihr, ihr Brodfrcsser, die ihr nichts verdienen könnt, daß ich euch noch länger in meinem Haufe leiden werde? Aisette. Sie werden allzugutig, Herr Seitenarm. Hr. Selt. Ich thu es mit Bedacht. Ich thu eS mit Bedacht. Ich habe euch schon mehr als einmal gedroht, euch aus meinem Hause zu stoße», mich eurer ganz zu entziehe», wann ihr mir nicht folgen Weiber sind Weiber. ^37 wollt. Meiner Gntigkcit habt ihrs einzig und allein zu verdanke», daß ich diese Drohung jezo nicht wicdcrhohle. Aber glaubt gewiß, ich erfülle sie. L.isette. Was vor ein Ucbersluß väterlicher Liebe? Hr. Seit. Ihr gottlosen Kinder--Lisctte, isis so recht? Susette. Mehr als zu recht. -Hr. Seit. Wollt ihr mich denn noch vor der Zeit unter die Erde ärgern? Gott wird euch straffen, gebt acht! — Ist das gelinde? Lisctte. Kusette. O vortrefflich! Hr. Seit. Bedenkt doch, daß ungehorsame Kinder verflucht sind. L-isette. Wie zärtlich! K.aura. Sie beschuldigen uns des Ungehorsams? Wie könnten wir ihnen mehr gehorsam seyn, als wenn wir denjenigen Männern treu verbleiben, die sie uns selbst gewehlt haben? Hr. Seit. Schweig, du Scheinheilige! Habe ich denn nicht ofte gcnung gesagt, daß die Herrn Consistorialräthe fast alle meine guten Freunde sind, und daß ich eure Ehescheidung augenblicklich erlangen kan? HilarlK. Ehescheidung? Warum sollten wir von unsern Männern geschieden werden, mit denen wir doch auf das allcrfricdlichste leben? Die uns in drey Jahren nicht die geringste saure Mine gemacht haben. Die uns iu der Zeit haben thun lassen, was wir nur selber gewollt. Wenn man ja Männer haben muß, so sind dieses die besten. Je weiter von uns, je besser für uns. -Hr. Seit, tiy sich! Kanst du bey deinem Wittwcnstande so gleichgültig seyn? Dahinter mnß was stecken. Beynahe komme ich auf die Gedanken--Nn, nu, ich willS gewiß erfahren, ich wills gewiß erfahre». Hilaria. O! ich will ihnen alles selbst sagen, was sie nur von mir erfahren tonnen. Sie wissen, daß ich mich mit mcincm Manne, so lange wir bcysammc» gewesen sind, sehr wohl vertragen habe. Warum sollte ich mich nun, ohne sein Verschulde», sci»er entziehen? Hr. Seit. Ohne sein Verschulde»? Ist er nicht zum Bettler worden? Ist er nicht davon gegangen? Hilaria. An dem ersten könnte ich wohl selbst unschuldiger Weise Ursache habe». Und mit seinem Weggehen hat er mir nun eben auch keine» großen Verdruß verursacht. Es fehlt mir ja in seiner Abwc- ^. - ^ —<^^>?^«» > .X-, 438 Weiber sind Weiber. scnhcit an nichts, und ich habe über nichts zu klagen, als über ihr »ngestiemcs Anhalten, mich, da ich den ersien Manu noch habe, dein andern schon zn überlassen, öin ganz anders wäre cS, wenn er gestorben wäre, oder wenn ich gewiß wüßte, daß er liiich gänzlich vergessen habe. So lange als eines von beyden nicht ist, so lange----- Hr. Seit. Mag der Vater singe» und sagen--cS wird doch nichts draus. Hilarict. Es ist gut, daß sie mich der Mühe es selbst zu sagen überheben. Hr. Seit. Wenn er aber min gestorben wäre? He! Hilaria. O alsdann---alsdann würde ich mein Herz ohne Bedenken an einen andern schenke»; und zwar an den, der mir am besten gefiele, nicht aber an den, den sie mir vorschreiben würden-- (geht ab) Dritter Austritt. Hr. Seitenarm. Laura, Lisette. Hr. Selt. Das ist brav! K.aura. Ach Eott, wie leichtsinnig ist meine Schwester! Nein, mein liebster Leander, du magst seyn wo dn willst, es mag dir gehen wie es gehe, ich will allezeit als eine treu? und rechtschaffne Fran an dir handeln. Gott lasse mir nicht die traurige Nachricht von deinem Tode erfahren! Mit Kummer und Traurigkeit würde ich den übrigen Rest meiner Tage zubringen. Und die größte Wohlthat, die mir der Himmel alsdann erzeugen könnte, wäre, das Ende meines elenden Lebens zu beschleinigen, um mit dir in jenem Lebe» bald wieder vereinigt zu sey», (geht ab) Vierter Auftritt. Hr. Seltenarm. Lisette. K.isette. Herr--- Hr. Selt. Nu--- Aisette. Unmöglich sind alle beyde ihre Töchter. Hr. Selt. Warum das? -L-isette. Ja, ja. Aufs höchste können sie nur von einer Vater seyn. Hr. Selt. Narre, sie sind ja alle beyde von meiner Frau. L,isctte. Tara» zweifle ich nicht. Aber müsse» sie denn deswegen alle beyde vo» ihnen sey»? Weiber sind Weiber. 43!) -Hr. Selt- Von wem sonst? S.lsette. Wenn ich ihre Frau gewesen wäre, so könnte ich ihnen nähere Nachricht geben. Lanra und Hilaria sind von so unterschiedener Gemüthsart, daß sie vhiiniöglich einen Vater haben können. -Hr. Selt. Meine Frau kann sich wohl mit der einen an jemanden versehen haben, daß sie also ihrem Vater nicht hat nachschlagen können. Kusette. So? erstreckt sich das Versehn auch bis auf die Seele? Das ist das erste, was ich höre. Hr. Selt. Ja, sie stnd ja auch bey alledcm einander noch ziemlich gleich. Tu siehst ja, daß sie alle beyde ihren Männern Iren und mir ungehorsam bleiben wollen. Die Gottlosen! Aisette. Aber der einen ihr Leichtsinn, nnd der andern ihre Betrübniß, wie sind denn die mit einander zu vergleichen? Hr. Selt. O! was sich nicht vergleichen läßt, das--läßt sich nicht vergleichen. Aber Lisette, laß uns doch auch von unsrer Sache etwas reden. A.isette Was ist das vor eine Sache? Hr. Selt- Je, unsre Sache--- Aisette. Ich weiß nicht, was stc wollen. Hr. Selt. Je Närrchcn--- -L.lscrte. Ha! ha! aus dem Närrchc» merke ich bald, was es seyn soll. Rein, damit schweigen sie nur vor jctzo stille-- Hr. Selt. Aber bist du nicht ein dummes Thier?-- /Usette- Allerliebste Carresscn-- Hr. Selt. Alberne Hure, ich meyne es ja nicht so arg-- Kusette. O, immer besser und besser. Hr. Selt. Nu, das ist wahr. Dümmer, alberner, und närrischer kann wohl auf der Eotteswclt kein Mädel seyn, als du bist. Du siehst ja, daß alles zu deinem Besten seyn soll. Ich bin dem Aase so gut, und gleichwohl--- Lusette. Und gleichwohl nennen sie mich ein Aas. Hr. Selt. Je, soll denn alles bey dir comvlimentirr seyn? Ich rede wie mirs ins Maul kömmt. Die Complimcnte, der hundsfüttschc Quark-- -ü.isette. Kömmt ihnen der auch ins Maul? Hr. Selt. Ach, mache keine Possen. Sich, wir könnten so hübsch 440 Wcibcr sind Weiber, mit einander leben, als ich nimincrmchr mit meiner Frau gelebt habe. Ich wollte dich zu meiner AnSgcberin machen-- Lusette. llnd der Einnehmer wollten sie bleiben. Für das Amt bedank ich mich. Hr. Seit- Ach, du willst mich nicht verstehen. Aber nim doch nur dein Bißchen Verstand zu sanuncn, siehst du denn nicht, daß du dir selber im Lichte stehest? Wann du fein meine Tochter selbst zu einer neuen Heyrath bereden wolltest, so bliebst du ja hernach allcinc im Hanse--- K.isctte- llnd das mag ich eben nicht. -Hr. Seit. So? Tu hättest die ganze Wirthschaft alsdann selber zu führen, und ich wollte dir es nicht übel nehmen, wann du dir einen Pfennig dabey sammcltcst. Ich wollte dir so gar deinen Lohn verdoppeln-- ^.isctte. So? Das ist, wenn ich mich jczo nur manchen Tag nicht satt essen kan, so wollten sie mich wohl alsdann ganze Wochen hungern lassen, und wenn ich jczo ganze Monate auf meine Bezahlung warten muß, so wollten sie mich alsdann wohl ganze Jahre lanrcn lassen. 'Hr. Selc. Bist du nicht ein gottloses Rabenaas! Mir solch Zeug ins Gesichte zn sagen? Wenn es auch wahr wäre, muß mir es denn der Alb--Aber ich will dirs das mal noch verzeyhcn. Komm her, küsse mir die Hand dafür. L.isette. Gcdnlt einen Augenblick, ich will nur erst ihre Töchter darzuhohlen. (sie thut als wollte sie weggchn) Hr. Seit. Bist du rafend? Bleib da! Bleib da! Ä.isette. Soll ich ihnen die Hand nicht küssen? Ich thue alles, was ich thue, gern vor aller Welt. Hr. Seit. Uno ich nicht. Wer weiß was meine Tochter denken könnten, wenn du mir die Hand küßtest. K.isette. Sollten sie etwas dabey denken können? Aber könnte ich nicht auch was dabey gedenken, daß ich es nicht in Gegenwart ihrer Töchter thnn soll? -Hr. Seit- Desto besser, wenn du was dabey gedenkst, wann du nur das rechte gedenkest. Aber schweig, laß dir nichts merken, Herr Wohlklang kömmt — — /Usctte- Ha, ha! Ihr Herr o. d. v. l. x. Weiber sind Weiber. 441 Fünfter Auftritt. Hr. Seltenarm. Lisette. Hr. Wohlklang. Hr. IVohlklang. Nun, mein Herr, werden die Entschlüssungcn ihrer Frau Tochter bald mit unsern Absichten harmoniren? Wie lange soll noch diese, mir so widrige, Dissonanz anhalten? Wann wir Virtuosen uns sonst einer Dissonanz bedienen, so geschieht es ans keiner andern Absicht, als die übereinstimmenden Töne besser ins Gehör fallen zu lassen. Aber diese übereinstimmenden Töne, wann werden sie mich einmal ergötzen? Hr. Sclr. Ich habe ihr alleweile, was vorgespielt, sie will aber nicht darnach tanzen. Mein lieber Herr Wohlklang, ob ich sie gleich gerne zu meinem Schwiegersöhne haben möchte, denn sie sind doch noch ein ziemlich braver Kerl, so weiß ich doch nicht--- Hr. lVohlr'lang. O lassen sie den Mnth nicht sinken. Hat Orpheus durch seine Lcycr den Pluto und Cerbcrns bewegen können, warum sollte ich denn nicht ein eigensinniges Weibsbild durch die bezaubernden Striche meines Bogens bändigen können? Aisettc- Sie müssen sich auf ihre Fiedel sehr viel einbilden. Hr. Selt. Ach nn, das könnte er auch schon mit Recht thun. Denn, bey meiner Treu, ich sag cS ohne sie zu schmcichclu, sie sind ein Kerl, der eS, hohl mich der Tcuffcl, mit manchem Kantor annehmen könnte. Hr. Vvohlklang. O sie — — Hr. Selt. Nein, nein, sie können mir gewiß glauben. Hr. U)ohlr'lang. Aber ein Cantor-- Hr. Sclr. Nu, uu, freylich sind es meistens geschickte Leute, gleichwohl aber sind sie auch kein schlechter Tropfs. Hr. Mohlklang. Aber erlauben sie mir. Ich wüßte nicht, wie man mich mit einem Cantor vergleichen könnte. Hr. Selt. Ey, ey! Ich sage ja auch nur, sie würden eS mit manchem annehmen. Sie sind ein Bißchen gar zu bescheiden. Hr. IVohlklang. Aber mein Gott, die Cantorcs sind ja mci- siens die nuwisscnsicn Leute in der Tonkunst. Hr. Selr. Ho! ho! Herr Wohlklang, besinnen sie sich. Besinnen sie sich. Sie wollen gar zu hoch heraus. Ausette. Es ist auch wahr! Bedenken sie doch, was das sagen will. Ein Cantor! Ich habe wohl welche gekannt, die einen Halß hatte», 442 Wcibcr sind Weiber. daß die Kirche davon erschittcrtc, und die einen Tackt schlagen konnten, daß die Schüler Beulen und Löcher im Gesichte, und ans dem Kopfe davon trugen. -Hr. Seit. Ja, ja, und der Cantor, bey dem ich in meiner Jugend sollte singen lernen-- Hr. Nlohlklang. Ach, mit ihrem Cantor. Sie haben ja meine Symphonien und Concerts gehört. Können sie denn daraus nicht zur Enüge urtheilen, daß ich ein Virtuose bin? Wann ich sagte, daß ich in einer Kapelle in ganz Europa, jemals dergleichen gehöret hatte, so müsie ichs als ein ehrlicher Mann lügen. ^r. Seit. Nu, nu, was ihre Symphonien anbelangt, die will ich nicht tadeln. Ich glaube, sie werden sie im Himmel nicht besser haben. -Hr, IVohlr'lang. Und meine deutliche, gründliche, und überzeugende Lehrart --- ^ -Hr. Sclt. Ah die — die — — Davon weiß ich am besicn jn sagen. Wen» ich bedenke, was ich vor ein unwissender Kerl vordem in der Musick gewesen bin, und wie weit sie mich in kurzer Zeit gebracht haben--Tcr Henker!---Ich muß mich schämen, --drum denke ich nicht einmal gerne dran — — Ich wußte nicht einmal wie viel Töne waren--Weißt duS, Lisctte? Äsette. Ich? Ich mags nicht wissen. -Hr. Seit. Ach, daß Gott! Auch nicht, was eine Tertie ist? K.isette. Auch nicht. Hr. Selt. Pfuy, schäme dich! Aber weißt du denn wie viel Niertheil auf ein Ganzes gehn? Aisette. Wissen sie, wie vicl zehn Gebothe sind? -Hr. Selt- Auch das weist du nicht! Du bist ja dümmer, als ein Vieh. Ja, nu sich, so sind die Leute, die die Musick verachte». Herr Wohlklang, was geb ich ihnen, sie sollen mein ganzes Haus iu- formiren. Mich und meine Töchter, Knechte und Mägde--- L.isette. Hund und Katze-- -Hr. Selt. Den» ich glaube nicht, daß cS ein ehrlicher Haußva- tcr vor Gott und der Welt vcraittwortc» ka», wenn er die seinigcn in einer solchen erbärmlichen Unwissenheit stecken läßt. Was verlangen sie? sagen sie-- -Hr. MolMang. Sie dürffen sich ja nur gütigst an das erinnern, Weiber sind Weiber. 443 was wir langst unter uns abgercdt haben. Alle meine Gcschicklichkeit steht ihnen alsdann umsonst zu Dienste. -Hr. Seit. Nu, das gefällt mir. Ich gebe so nicht gerne viel Geld auS. Sie sollen mein Schwiegersohn werden, cS mag kosten was eS will. Und du Liscttc, da du künftig freye Stunde» in der Musick bekommen sollst, erzeuge dich crkänntlich. Ich weiß, daß du bey meinen Töchtern schon was ausrichten kaunst, wann du nur willst. Mach, daß sich Laura je eher je lieber zum Zwecke legt. Hr. IVohlr'lang. Und Liscttc hat uns bis jetzo noch nicht bcy- gcstaude»? lisette. Nein, mein Herr. -Hr. Wohlklang- Ey! ey! -Hr. Seit. Ha! jcjv ist mir was eingefallen. Die List wird geh». Adieu, ich muß gleich Anstalt dazu machen. Aiserre. Gut Glück darzu! Sechster Austritt. Lisette. Herr Vvohlklang- Hr. IVohl. Wie kömmtS, daß Lisette durch ihre Stimme uuscr Chor uicht verstärken will? Lisette- Wie kömmts, mein Herr, daß ste ihr noch keine Ursache darzu geben? Hr. U?ohl. Keine Ursache? Habe ich sie nicht offtc genug darum gebeten? lisette- Bitten? Ja, ja, es kau dann und wann eine Ursache seyn, aber hier-- Hr. Wohl. Nu? Was soll ich den» durch die Ursache verstehe»? Ausette. Durch diese Ursache solle» sie verstehe», die gröste Ursache, die nur !» der Welt sey» kan. Die Ursache, warum Leute groß, verständig, gelehrt heiße». Warum sie in Kutschen fahren, da sie könnten zu Fusse geh». Die Ursache, warum hcßliche Mägdchc» schö» werde». Die Ursache, warum die Herren Musici compouireu, die Diebe stchlcn, dic Advocaten Advocatc» sind, die Dichter singen, die Bettler weine», die Aerzte Wind machen, die Taschenspieler hexen, die Juden Christen, und dic Christen Juden werden, kurz die Ursache aller Ursache» — — die Hauptur — ur — Ursache — — Verstehen sie es nu»? 444 Weibcr sind Weiber. -Hr. IVohl, (bey Seite) Wenn ichs mir verstehen wollte, (zu Ljfti- tm) Aber was soll ich mir aus dein Geschwätze nehmen? Lisette- Es thut mir Leid, mein Herr, daß sie sich nichts dar- aus nehmen, und zugleich, daß ich ihnen in ihrer Sache also unmög- lich die geringsten Dienste leisten kau. Leben sie wohl. Siebenter Auftritt. Segarin. Lisette, Wohlklang. Gegarin. Nein, nein, Lisette bleib da; dich eben hab ich gesucht. Oder mein Herr Musicus, stchts ihnen etwa nicht an? Ich habe auch guten Rath von Rothen; und kan ihn aus eben der Quelle, mit so gutem Rechte hohlen, als sie. -Hr. IVohlb'lang. O die Quelle ist an gutem Rathe sehr vertrocknet. Sie werden wenig Trost bey ihr finden. Aiiette. Ja, mein Herr Capitainc, aber nur für Leute wie Herr Wohlklang. Segarm. Das dachte ich. Denn sie, Herr Musicus sind gar nicht der Mann, der mit Frauenzimmern nmzngchn weiß. Hr. Ulohlklang. O mein Herr Capitainc, wollten Sie nicht die hohe Gnade für mich haben, mich mit einem etwas vorzüglichern Tittcl zu beehren. Ein Musicus, ein simpler Musicus ist ctwas gar zu wenig bedeutendes. Der Tittel eines Virtuosen —-- Segarin. Gut, gut, daß sie von den Titteln anfangen. Ich habe ihnen einen scharffcn Text darüber zu lesen. Herr Capitainc, Herr Capitainc schlecht weg, ist durchaus kein Tittel der mir ansteht. Es ist mancher schlechter Kerl Capitain gewesen. Ich aber stamm aus einem alten adlichcn Geschlechte. Also wird sichs ganz wohl schicke», daß sie mich künftig den Herren Capitain von Segarin nennen. Hr. U?ohlklang. O ganz untcrthänigster Diener, mein Herr Capitain von Segarin. Sie haben nur zu befehlen — — -Hr. Segarin. Und sie nur zu bitten, mein Herr Virtuose-- Aber erweisen sie mir doch die Gefälligkeit und lassen sie mich mit Li- setten allein. -Hr. Wohlklang. Von Herzen gern. Ich empfehle mich ihnen, mein Herr Capitain. Segarin. Adieu, Herr Musicus. Hr. MolMang. Gehorsamster Diener, mein Herr Capitaiue. Weiber sind Wclbcr. 445» Segarin. Adicn, Herr MnsicuS; Adieu. -Hr. ^VolMang. O vcrjeyhcu sie, ich hab es ans der Acht gelassen --Ich bin Dero unlcrthäuigstcr Knecht, mein Herr Capital» von Segarin. -Hr. Segarin. Das war was anders. Leben Sie wohl, »icin Herr Virtuose, leben Sie wohl. Achter Auftritt. Segarin. Lisctte. Segarin. Lisctte, es ist mir eingekommen; ich muß Hilaricn heute noch zu meiner Frau haben, oder sonst mag ich sie gar nicht. Aisettc. Das ist ihnen eingekommen? Es kömmt einem doch manchmal wunderlich Zeug ein. Aber erlauben sie mir eine kleine Frage: ist es ihnen im Wachen oder im Traume eingekommen? Segarin. Närrische Frage! im Wachen. Aisette. Sie haben also wachend geträumt! Desto schlimmer. Ihr Gehirn muß sich in sehr übelm Zusiande befinden. Segarin. O das Gehirn, das Gehirn. Wann in mir das Her; gesund ist, was frag ich nach dem Gehirne? Zu was ist das einem Soldaten viel nütze? Die Natur hätte von Rechtswegen einen Soldaten aus lauter Herz machen sollen. Aber, im Ernste, Lisctte, wir haben ja beynahe noch den ganzen Tag vor uns; du »nistest im Kuppel nicht viel gethan haben, wann du so eine Kleinigkeit nicht in sechs bis sieben Stunden zu Stande bringen konntest. Ich bin mm schon einen Monat hier. Kusetre- Daß weiß ich, leider. Segarin. Wann ich Bergen op Zoom belagert hätte, so würde ich nicht so lange haben davor liegen müssen. Und eine Frau soll mich so lange aufhalten? Wenn es noch eine Jungfer wäre. Und auch bey der würde eine monatliche Belagerung schon ziemlich romanhaft seyn. Ich muß also einen Stnrm wagen, einen Gcncralsturm. Du indessen, Lisctte, sollst versuchen ob du sie zur Capilulacion bewegen kanst. Aisette. Ich denke sie wollen stürmen. Wie ich aber sehe so wollen sie es auch in der Güte versuchen. Segarin. Ach, das schickt sich für dich nicht über meine Maaßregeln zu critisiren. Kurz versprich mir deinen Beystand, und ich verspreche dir--- 446 Weiber sind Wcibcr. Kisette. .Das hat sie der Geyer gelernt, mich gleich bey dein schwächsten Orte anzngreiffcn. Was versprechen sie mir? Segarin. Ich könnte dir alsbald ein Paar Dutzend Dncatcn geben --- Aisette. Nn, nur her, nur her-- Segarin. Aber das wäre eine Kleinigkeit für deine Dienste. Ä-lsetle. O ihre Dienerin würde mit dieser Kleinigkeit schon zu frieden seyn. Segarin. Einen Ring vor etliche fünfzig Pistolen, und ein paar Ohrgchenkc von gleichem Werthe-- Luselte. Von dergleichen, Schmucke bin ich eine sehr große Liebhaben». Segarin. Aber ich müstc mich schämen dir ein so schlechtes Geschenk gemacht zn haben. Lusette- Und ich würde mich gar nicht schämen, es anznnchmcn. Segarin. Nein höre, Lisctte. Ich verspreche dir etwas, was allen diesen Bettel bey weitem übertrifft. Eiferte. So? Segarin. Das allerkostbarste was ich dir nur geben konnte. Aisette. Sie machen mich neugierig. Segarin. Etwas unschätzbares. Äusette. O sagen sie — Segarin. Was aller Welt Schätze nicht bezahlen würden. Eiferte. Nu, was denn? Segarin. Rathe einmal. K.isctte. Etwa Hanß und Hof — — Segarin. Pfny! K.isctte. Ein Rittergut? Segarin. Pfny, sag ich! A.isette. Etwa den Stein, womit man Gold machen kan? Segarin. O rathe besser. Ausette. Eine Tinctnr, ewig zn leben? Segarin. Was wäre das? L.isctte- Etwa ein Wasser, wodurch mau zeitlebens schön bleibt? Segarin. Was vor Kleinigkeiten! Lusette. O sie wollen mich zum besten haben. Nichts kostba- rcrS wüßte ich in der That nicht. Weiber sind Weiber. ^i^7 Segarin. Nun so höre — — — Mcine ewige Gewogenheit! K.isette. O gehen sie mit dem Bettel; er ist nicht einmal so viel werth als die Nutzend Dncaten, die sie mir zuerst anbothen. Ich sehe schon, alle meine .Hoffnung so wohl bey ihnen als Herr Wohlklangcn, ist Vergehens. Lehen sie wohl, und wagen sie ihren Gcneralsturm; ich werde mich in die Vestung ziehen, ihren Feind zu verstärken. Ncuntcr Auftritt. Scgarin. DaS Ding sieht übel aus. Wo ich nicht bald meine Hcyrath zu Staude bringe, so kan ich meinen neuen Charactcr nicht länger unterstützen. Scgarin, Scgarin, wenn aus dem gnädigen Herrn wieder ein Schuhputzer werden sollte! Daß mau sich auf das verzweiffeltc Glück nicht verlasse» kann. O Glück! o Scgarin! (gebt ab) Andrer Aufzug. Erster Auftritt. , Lab rar. Herr Scltarm hat mich zu sich ruffen lassen. Was werde ich bey ihm sollen? Sollte er mir etwa von meinen ostindischcn Seltenheiten was abkauffcn wollen? Aber er ist ja sonst kein Liebhaber von Naturalien. Doch es kömmt einem reichen Manne manchmal wunderlich Zeug ei». Ich hahe sie zu mir gesteckt. Ein kleiner Gewinst würde mir sehr wohl zu statten kommen. Denn sonst hätte ich heute wieder meinen Willen Fasttag. Wer sollte es glauben, daß ein Mann, der sichs in der Welt so sauer hat werden lassen, gleichwohl zulezt kaum sein Brod haben sollte? Ich kenne Ost- und Westindicn besser als mein Vaterland. Ich habe die Welt in ihren unbekanntesten Winkeln durchstrichen, und ich wünschte mir nur von dem Golde, das ich habe graben, von den Werken die ich habe fischen, und von den Edelsteinen die ich habe suchen sehen, nur — nur — nur den zehnten — — ach Narre --nur den zchntauscndcii Theil. Aber was hilft mir meine Kenntniß? meine Erfahrung? Zieht man mich deßwegen andern vor? Gefehlt. Man zieht die unwiffcnstcn Leute mir vor. In dem nah gelegnen kleinen Städtchen war jüngst eine Acciscbedieuung offen. Ich meldete mich. Ich ward abgewiesen. Und es erhielt sie ein Kerl-- 448 Weiber sind Weiber. ja, ich lasse mir den Kopf abhauen--wenn er jemals einen Elephanten oder ein Erokodill gesehen hat, oder wenn er weiß wie der Caffe wachset, oder der Zucker gebauet wird. Run sage man einmal, ob eS dem Staate nicht zu unaussprechlichem Nachtheile gereichet, wenn seine Aemter mit dergleichen Leuten besezt werden. O Zeiten! O Sitten! Doch vielleicht würde es mir auch besser gehn, wenn ich die ganze Welt umschifft wäre. Vielleicht ist das die einzige Ursache, warum cS mit meiner Versorgung nicht recht fort will! Ach! daß ich niemals Gelegenheit darzu gehabt habe. Doch---— Andrer Auftritt. Labrar. Hr. Seltarm. Hr. Selt. Gut, Herr Labrax, gut, daß sie gleich gekommen sind, Sie sind ein Mann der die Welt kennt, lind weiß wie man es an- sicllen muß, wenn man was verdienen will. L.abrar. Ja, mein Herr, das weiß ich; aber gleichwohl ist mein Verdienst sehr schlecht. (5s sind viele die meine Raritäten bcsehn, aber wenige, die sie kauffen wollen. Ich wollte wünschen, mein Herr, daß sie von der letztern Sorte seyn möchten. Znm Exempel diese Venusmnschcl, durch wieviel Hände ist sie nicht schon gegangen, und immer wieder in die meinigcn bewundert aber unbezahlt zurück gekommen. Hr. Selt. Lassen sie stecken, lassen sie stecken. Davon brauche ich jezo nichts. Ich-- L.abrar. Aber betrachten sie nur ihre Schönheit. Ich versichre sie bey meiner Ehre, um einer gewissen Gleichheit willen hat mir einst ein junger Cavallicr zehn Dncaten vor eine dergleichen bezahlt. O! ich will tausend Spaß darmit haben, sagte er. Heute speise ich bey der Gräfinn von Ernstlich. Ich werde sie auf dem Teller um die Tafel gehen lassen. Ich sehe schon im voraus, wie die eine roth wird, die andre, weil sie wegen der Schminke nicht roth werden kan, die Serviette vor das Gesichte hält, diese sie schleinig aus den Händen wirfst, jene eine Unschuldsvollc Mine darbet) macht, als ob sie nichts als eine Muschel sähe. O die Lust soll mir meine zehn Dncaten reichlich ersetzen! Und der Cavalier hatte Recht; betrachten sie nur mein Herr! Ha! Ha! Ha! Hr. Selt- Ja, ja, es ist curiös genug. Aber--- Weiber sind Weiber. 449 Aabrax. Ha! Ha! Ich merk es, ich mcrk es. Sie wollen was crnsthaftcrs habe». Hier hab ich--- -Hr. Seit- Nein doch. No» ihren Siebensachen mag ich gar nichts sehn. Lassen sie mich reden, und hören sie was ich will ---Ja, aber wo fang ich an? Welches sag ich ihm zn erst? Daß er Geld verdienen kan? oder daß ich ihn zn einem Schelmenstreiche brauchen will? Doch ich will ihn vorher ein wenig aushöhlen --Sind sie ein ehrlicher Mann? Antworten sie. ^abrax. Beynahe sollte ich ans der Frage schließen, daß sie daran zweiffclten. -Hr. Selt. Ey, nein Narre, antworten sie fein kurz nnd gnt. Mit einem Worte- Ja oder Nein. Sind sie ein ehrlicher Mann? Ä.Kbrax. Znm Henker! das dachte ich. -Hr. Selt. Soll das so viel heißen als Ja oder Nein? Sie könnten wohl, wer weiß was von sich denken. Muß eS denn wahr seyn? Antworten sie, wie ich es haben will: mit Ja, oder mit Nein. So kan ich doch wissen woran ich bin. Ich frage sie noch einmal: sind sie ein ehrlicher Mann? Z.abrax. Ja. ^r. Selt. Sind sie einer? Aabrax. Ja. Ja. -Hr. Selt. Sind sie einer? Aabrar. Beynahe sollte ich glauben, daß sie es lieber sähen, wenn ich sagte, ich wäre ein Schelm? ^r. Selt. Wenn sie also ein ehrlicher Mann sind, so packen sie sich nur wieder ihrer Wege. Die vcrjweiffeltcn ehrlichen Leute! Wenn man sie braucht, so fiudt man sie nicht, nnd wenn man sie mit Laternen suchte; wenn man sie aber nicht braucht, so stößt man aller Orten an einen an. Gehen sie nur, gehen sie! Wir werden nichts mit einander anfangen können. Pfuy, über so einen Dummkopf, der die ganze Welt, und ich weiß nicht was noch mehr will gesehn haben; und nicht einmal die unnütze Tugend zu rechter Zeit an Nagel zu hengen gelernt hat. Ihre narrische Antwort bringt sie um einen Gewinnst von etlichen Ducatcn. L-abrax. Ey, mein Herr, erzürnen sie sich nicht. Ihre Frage war zu verfänglich, als daß ich anders darauf hätte antworten können. Sagen sie mir nur ohne Scheu, mit was kann ich die etlichen L-ssings Werke n 29 450 Wciber sind Weiber. Dncaten verdienen? Denn meine Redlichkeit ist nicht von der bäuer- schen, groben, und unbiegsamcn Art. Sie ist gefällig, verbindlich, kurz in die meisten Sättel gerecht. -Hr. Selr. Ja, wenn ich ste nun just auf einen Sattel setzen wollte, dem ste nicht gerecht wäre? Nein, nein, mit der Redlichkeit kan ich jetzo nichts zu thun haben. Deutsch zu reden, ich brauche jctzo einen Mv"6 vor ein innerlicher Kampf von Gewinnsucht und Shre, von Philosophie nnd Hunger! Der Sieg ist zweifelhaft. Beyde Theile streiten noch mit gleichen Kräften und mit gleichem Glück. Aber wie--- was empfind ich---Die Gewinnsucht wird matt---sie weichet--die Ehre dringt nach---Jezt wird sie fliehen — — sie fliehet. Die Ehre verfolgt sie mit siegrischcn Waffen: aber der Hunger--der Hunger kämpft noch, nnd wird bald beyden den Sieg schwer machen. Aber wie? Die beyderseitige Ueberredung. Ein Schäfcrspicl. t. Aufzug. 1. Auftritt. Thcstylis. Sylvia. Sie begegnen sich beyde sehr früh. Thcstylis ist von ihrem Liebhaber bestellt, und Sylvieu lockt die Schönheit der Natur so früh heraus. Jene fängt an die Liebe zu preisen, uud diese die Sprödig- keit. Ss gelingt beyden, daß die eine die andre überredet. Die verliebte Thcstylis wird geneigt spröde zu werden, und die spröde Sylvie wird geneigt, zu lieben. Sylvie verläßt ihre Gespielin nachdenkend. Die beydcrscitige llcbcrrcdung. 451 2tcr Auftritt. Thcstylis allein. Sie bestärkt sich in ihrem Vorsätze, spröde zu seyn. Sie macht sich mancherley Einbildungen, durch eine alljuoffenhcrjige Liebe ihrem Schäfer, dem Dämon, Anlaß zur Kaltsinnigkcit gegeben zu haben. Sein jetziges Verweilen selbst, bringt sie auf den Verdacht, daß er sie nicht mehr so feurig liebe, als Anfangs, da er ihre Zuneigung noch nicht kannte. 3tcr Austritt. Thcstylis. Dämon. Er kömmt. Bist du schon da, liebste Schäferin? Ja, sagt Thcstylis, aber nicht für dich. Sie thut auf einmal so unbekannt, daß Dämon erstaunt. Endlich glaubt cr sie scherze, um ihn für das Verzögern zu strafen, wovon cr so gut als möglich Ursachen angicbt. Sie wird spöttisch und geht fort. Dämon ihr nach sie zu besänftigen. 1. Zwischcmaum. Der Tanz cincS Satyrs, welcher dem abgehenden Paare spöttische Minen nachmacht, als ob cr sich über ihren Zwist erfreute. Zweyter Aufzug. 1. Austritt. Sylvia. Erster Aufzug. Erster Auftritt. Thcstylis. Sylvia. Thcstylis. Wie Sylvia, so früh? Sylvia. Wie Thcstylis? Auch du Verschmähst für jungen Thau die süße Morgcuruh? 29" 462 Tie beyderseitige Uebcrredung. Thestylis. Wenn uns die Liebe weckt, so ist kein Schlaf so siiße, Der nicht auf ihr Geboth die Augen fliehen müße. Wahr ists, daß auch der Schlaf durch manchen Traum erfreut, Doch lieber als der Traum ist mir die Wirklichkeit. Ich eilte, meinen Freund an diesem Quell zu treffen. Er hat mich her bestellt, und wird mich doch nicht äffen? In seinem Arme sey der junge Tag verscherzt. Wer weis, wie bald ihn uns ein Ungewittcr schwärzt. Dann jagt uns Sturm und Blitz in die betrübten Hütten, Wo Lieb und Lachen fehlt, von Müttern nicht gelitten. Allein was treibt denn dich so zeitig auf die Flur? Gewiß die Liebe nicht. Sylvia. Die Schönheit der Natur. Thestylis. Ja, ja, sie ist sehr schön. Allein man sieht sie immer, Und was man immer sieht, verlieret seinen Schimmer. Sylvia. Du bist sehr ungerecht, doch wie Verliebte sind, Sie macht ihr Gegenstand für alles andre blind. Ach welche Thorheit ists, sein Herz der Lieb ergeben, Und allem abgelebt, für sie allein nur leben! Such lacht und lebt kein Lenz; euch glüht kein Morgenroth; Für euch sind Flur und Wald und Thal und Echo todt; Das befreyte Rom. Erster Act. Erster Auftritt. (Forum) Drutus. Allein. Er entdeckt in kurzen Worten seine Verstellung, die ihm zur Last zu werden anfängt. Zweyter Austritt. Zwey Römer kommen dazu, die sich von der Tyrannei) des Tar- quinius unterreden. Sie werden den Brutus gewahr, kehren sich aber Das befrcyte Rom. 4Z3 nicht an ihn, weil sie ihn für einen Unsinnigen halten. Sie erwähnen der letzten Frevelthat des Tarquinius an der Lucretia. Dritter Auftritt. Lucretia erscheinet, von einer Menge Pöbel begleitet, und zwey Sklavinnen. Sie isi wüthend, erzehlt dem Volke ihre Schande. Ersticht sich vor den Augen desselben, und wirft den Dolch unter das Volk, mit dem Ausruf: meinem Rächer! Wird sterbend abgeführt. Vierter Austritt. Brutus ergreift den Dolch; da sich keiner ihn aufzuheben wagen will. Die Menge lacht, daß er in seine Hände gefallen; belauert aber das Schicksal der Lucretia. Zweyter Act. Erster Auftritt. Brutus zweydeutige und prägnante Spöttereyen über den Dolch, und die That die damit verübet worden; gegen verschiedne aus dem Volke. Zweyter Auftritt. Es kommen die Lictores, das Volk aus einander gehen zu heiße». Das Volk treibt sie aber weg. Dritter Auftritt. Brutus fährt mit seinen bedeutenden Possen fort. Vierter Auftritt. Tarquinius mit Lictoren erscheint selbst. Der Pöbel fliehet aus einander, und läßt den Brutus auf dem Platze allein. Der König triumphirt über diese Furcht. Er läßt sich mit dem Brutus ein, und er hört ihn als eine» Narrn an. Der Pöbel steht von ferne. Brutus ersticht ihn; und geht rasend ab. Brutus wird sterbend abgeführt. Dritter Acr. Erster Auftritt. Lollatinus erscheint, und redet an das Volk von seinen Ansprüchen auf den erledigten Thron. 464 Das beftcyte Rom. Zweyter Auftritt, eine andre Menge kommt hereingestürzt und rufet: Freyheit! Brutus! Collatinus, Wie lange soll dieser Rasende noch die Stadt verwirren! Brutus. Hört mich, ihr Römer; ich hin kein Rasender, kein Wahnwitziger. Er dcclainirt wider die Könige, und Collatinus muß sich entfernen. Dritter Auftritt. Publicola erscheint, den man als den Gemahl der Lucretia annehmen muß. Brutus tragt ihm die Regierung auf; nicht als Ko^ mg, sondern als Berather des Volks. (5r erklärt, das; er sie nicht selbst annehmen könne, weil ihn seine Verstellung dazu untüchtig gemacht. Vierter Auftritt. Die tanzenden Salier kommen herein. Und einer vrophezcyt die künftigen Schicksale RomS; womit das Stück schließt. Vor diesem! Ein Lustspiel in einem Aufzuge. 175k. Personen, lvilibald, Codex/ ci» Advocctt. Thariras/ Tochter des Wilibalds. Florian/ dessen Wetter. Hcdwig/ der Charitas Mädchen, philibert/ der Charitas Liebhaber. Erster Auftritt, ^vilibald/ uncmgcklcidct im Schlafrockc. Wie sehr ist jeder ehrliche Mann heut zu Tage zu beklage»! Die gute alte Zeit ist vorbey, und die, iu der wir jetzt leben, mnß allen zum Eckcl und zum Verdruß werden, die mir noch ein Fünkchcn Vernunft und Tugend haben. Ich sage das ans Ueberzeugung, und nicht aus Aergerniß, ob ich gleich Aergerniß mehr als zn viel habe. Es müßte auch mit einem Wunderwerke zugehen, weuu es mir bey einem Vor diesem. 466 ewigen Processe von zwanzig Jahren u»d bey einer erwachsenen Tochter daran fehlen sollte! Sin Proceß! eine erwachsene Tochter! Aber was würde »lir alles das schaden, wenn heut zu Tage unsern Mädchen die Ehrbarkeit nicht eben so nnbckannt wäre, als die Gerechtigkeit unsern Richtern? Nein, wirklich; vor diesem war das so nicht! Vor diesem, da alle Richter Rhadamanthcn und alle Mädchen Susannen waren! Vor diesem, da c§ noch eine eben so große Unmöglichkeit schien, die Gerechtigkeit zu crkauffcn, als den Himmcl!--Wegen meines Processes zwar hat mir der President gestern gute Hoffnung machen lassen. Ich soll hcntc mit »icincm Advocatcn zu ihm kommen. Aber es wird gewiß wieder nichts seyn; denn cS liegt dem Teufel zu viel daran, daß mich die Chikanc nicht in Ruhe läßt — Gut, meine Tochter, daß du kömmst — — Zweyter Auftritt. Chariras. Wilibald, N)ilib6ld. Ich hatte jetzt eben meine Gedanken über — — — Lharitas. Ueber die jetzigen verderbten Zeiten; nicht wahr? Diese sind ja immer der traurige Gegenstand ihrer Gedanken. Wahrhaftig, Herr Vater, es thut mir herzlich leid, daß Sie so wenig für diese Welt gemacht sind. Ich dächte doch, sie wäre noch so ziemlich gut. IVillbald. O Jugend! O meine Tochter, wie sehr wünsche ich dir gesundere Begriffe. Du machst mein ganzes Mitleiden rege. Komm, Kind, und laß dir meine Erfahrungen mittheilen. Sie können deiner jungen Schönheit statt der Stärke des Geistes dienen, die sonst nur das Vorrecht des Alters zu seyn Pflegt. Ein weniges von meiner Einsicht kann dir zehn Jahr mehr geben-- Lharilas. Wie, Herr Vater? Zehn Jahr mehr? Sie bedenken nicht, was Sie sagen. Zehn Jahr mehr? O ein vortreflichcs Geschenk für ein junges Mädchen. lVilibalo. Dn verstehst mich nicht. Lharitas. O ich verstehe Sie ganz wohl! Zehn Jahr mehr? Geben Sie mir, wenn es seyn kann, lieber zehn Jahr weniger. Ich erschrecke über diese zehn Jahr mehr. IVilibalo. Diese zehn Jahr mehr würdcu weder deiner Schönheit, noch deiner Jugend nachthcilig seyn. Du würdest den Nutzen davon genießen, ohne ihre Last zu fühlen. 4A6 Vor diesem. Chariras. Wenngleich. Wir wollen uns lieber nicht übereile». Wir wollen dem Lauffe der Natur lieber nicht zuvorkommen. Wenn die finstere Weisheit nur mit dem Alter erlangt wird, so kann sie nie spät genug erlangt werden. U?ilibald. Fürchte nichts, meine Tochter. Bey solchen Gesinnungen, wird sie dich in deinem Leben nicht incommvdiren. Chariras. Desto besser! lVilibald. Dieses desto besser geht mir durch die Seele! Ich fürchte, ich fürchte; du sprichst im Ernst. Vor diesem, Charitas, waren die Mädchen von deinem Alter, weit lehrbegierigcr, weit bescheidner. "Vor diesem hörten sie einem vernünftigen und zärtlichen Vater mit mehr Vergnügen zn. Vor diesem liessen sie nicht so auf die Bälle und in die Komödien. Vor diesem lagen sie nicht den ganzen Tag über den Romanen, die dem Witze nur schmeicheln, um das Herz zu verderben. Vor diesem-- Charitas. Ich höre wohl. Vor diesem waren alle junge Mädchen ehrwürdige Matronen. Nicht wahr? WilibalO. Ja! Charitas. Sie machen mich zu lachen, Herr Vater. U?ilibalS. Zn lachen? Und ich wollte, daß du über deine Thorheiten weintest. Charitas. Die Thorheiten, welche Sie mir Schuld geben, sind die Thorheiten der Zeit, und nicht meine Thorheiten. Und ist es nicht unsre Pflicht, sich in die Zeit zu schicken? Doch lassen Sie uns diese Unterredung abbrechen. Philibert ist gestern bey Ihnen gewesen. IVllibalS. Laß uns diese Unterredung abbrechen, um wieder auf die erste zu kommen. Man muß sich, sagst du, in die Zeit schicken? O was für ein gefährlicher Grundsatz! Man muß stch nicht von der Menge hinrcissen lassen, sondern man muß den Weg der Tugend wandeln, und wenn wir auch ganz allein darauf wandelten. Charitas. Wir werden nicht ganz allein darauf wandeln, wenn Sie erlauben, daß uns Philibert begleiten darf. Er ist es werth, sich nach ihrem Muster zu bilden. Er liebt Sie; er bewundert ihren richtigen und scharfen Verstand; er betet mich an. Willbald. Er betet dich an? Chariras. Ja, von Grund seiner Seelen. U)ilibalS. Von Grnnd seiner Seelen? Vor diesem. 467 Charitas. Ja. U)ilibald. Er betet dich an von Grund seiner Seelen. Das entzückt mich-- Charitas. Warum wollen Sie also länger einer so reinen, so zärtlichen Liebe zuwicdcr seyn? Einer Liebe, die Sie selbst so entzückt — Ulilibald, Erschöpfe deine Beredsamkeit nicht. Er betet dich an, und mehr brauch ich nicht zu wissen, um ihn aus dem Grunde zu kennen. Charitas. Wie glücklich bin ich, daß Sie ihm Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Ja, er ist der artigste, gefälligste, liebenswürdigste von allen jungen Menschen. Milibald. Und mit einem Worte alles zn sagen, der vollkommenste Narr unter der Sonne. Charitas. Was sagen Sie? N?ilibalv. Ich sage, daß du in deiner Unverschämtheit zu weit gehst. Ein wohlerzognes Mädchen sollte eher vor Scham sterben, als mit ihrem Vater von ihren Liebhabern sprechen. Vor diesem liebten die Mädchen auch; aber sie liebten mit Anständigkeit; sie liebten ganz in der Stille. Und wenn ich ein Mädchen wäre, ich; so würde ich eine Mordthat eher bekennen, als meine Liebe. Weißt du denn, was das ist, lieben? Charitas. Ob ich es weis? U?ilibalV. Du weißt es? Desto schlimmer. Nerhcyrathe dich also je eher, je lieber. Ich bin so ein Thor nicht, daß ich die Ncu- begierde eines Mädchens, das schon weis, was lieben ist, zu ersticken versuchen wollte. Ich vermenge mich mit dem Unmöglichen nicht. Nein, wahrhaftig nein. Geh, verhcyrathe dich, aber wchlc einen, der es würdiger ist, mein Schwiegersohn zn seyn, als dieser Philibcrt. Ich sollte einen Menschen, der die Frauenzimmer anbetet, in meine Familie nehmen? Ich? Ein Frauenzimmer anbeten, wenn du mir es nicht übel nehmen willst, heißt die Narrheit selbst anbeten. Vor diesem hatte man für euch Geschöpfe nur kleine Achtungen; euch zu lieben, davon war man weit entfernt; aber euch gar anzubeten, das ist eine Raserey, die unsern jetzigen Zeiten vorbehalten ward, die ausdrücklich dazu bestimmt zu seyn scheinen, mit der gesunden Vernunft im Streite zu leben. Und wenn ich mich nicht sehr irre, so hat sich dein Philibert in diesem Streite vortreslich hervorgethan. Er ist ga- 468 Vor diesem. laut, er schwatzt; er ist in der Welt hernmgcschwärmt, er hat einen Narren gefressen an allem, was neu ist: das sind die schönen Eigenschaften, die ich gestern an ihm bemerkte, als er mich mit seinem vcr- drüßlichcn Besuche beehrte, lind übrigens darf man so gar scharfsichtig nicht seyn, um zn merken, daß er sein Vermögen durch seine Reisen ziemlich dünne gemacht. Sollte das etwa gar die wahre Ursache seyn, warnm er dich anbetet? Lharicas. Wenigstens ziehen Sie die Redlichkeit seines Herzens nicht in Zweifel. Vielleicht zwar, daß er nicht mehr der reichste ist. Aber was schadet das? Er besitzt Gcschicklichkciten, die ganz gewiß sein Glück machen werden, nnd hat einen sehr reichen alten Vetter, der — — U?tlibal0. Gcschicklichkciten! — — Einen alten Vetter!-- Du hast mich zum besten, Tochter. In diesen barbarischen Zeiten, i» welchen der reichste der geschickteste ist, in welchen der, der Geld hat, alles zu wissen glaubt, ohne das geringste gelernt zu haben; in diesem Jahrhunderte der glücklichen Dummköpfe, was können da einem Ge- schicklichkeiten helffcn? Vor diesem waren sie wohl so gut als das größte Kapital; aber das war vor diesem — Und was den alten Netter anbelangt — glaubst du denn nicht, daß die alten Vetter Leute sind, die ihre jungen Vetter überleben wollen. Vor diesem starben die alten Leute wohl eher als die jungen; aber jetzt, jetzt stürmen ja die jungen Leute so entsetzlich in ihre Natur, daß sie Kahlköpfe werden, ehe sie einen Bart kriegen. Lharitas. Auch liebt ihn sein gewesener Vormund so sehr, daß er ihn zu seinem Erben einsetzen will. ^VilibalS. Davon schweig vollends still. Das Mährchen ist mir so unglaublich vorgekommen, daß ich nicht einmal nach dem Rainen dieses großmüthigen Vormunds habe fragen mögen. Vor diesem machten die Vormünder ihre Mündel wohl lieber reich, als arm; aber das war vor diesem! Lharims. Und wenn ich es Ihnen nun auch einräumen müßte, daß seine Hoffnungen nicht allzugcgründct sind; so müssen Sie mir doch wiederum einräumen, daß der Reichthum nicht die glücklichen Ehen mache. WiltbalS- Die Liebe noch weniger. Tugend und gute Sitten müssen sie machen. Wenn mein künftiger Schwiegersohn diese hat, so Vor diesem. 45!) will ich ihm Reichthum und Geburt!, schenken — Zu», Exempel, was meinst du von dem wackern Florian, dem jungen Letter meines Advo- raten, des Herrn Codex? Charitas. Nun, was soll der Kahlmauser? U)ilibalS. Der soll dein Mau» werden! Lhariras. Wer? der steiffe, düstre Florian? ^Vllibald- Ey, meine Tochter, es ist ein sehr gelehrter junger Mensch! Er versteht Lateinisch und Griechisch, nnd hat die Alten gelc^ se». Die Alte»! Weißt du, was das sind, die Alte»? Das sind die, die vor diesem gcschriebcu haben. LharitKS. Ich bin der Alten ihre gehorsamste Wienerin, und des Herrn Florians zugleich. N?ilibald> Folge mir nur in gutem, oder — — Nun, wer kömmt da uns zu stören? Dritter Auftritt. Codex. Wilibald. Tharitas. Vvilibalv. Sind Sie es schon, lieber Herr Codex? Codex. Schon? Was zum Henker wollen Sie mit ihrem schon? Denken Sie, daß ein Advocat, wie ich, nicht pnuctucl ist? lind warum sind Sie noch nicht angekleidet? Haben Sie es vergessen, daß uns der Präsident um zchu Uhr bestellt hat? U)ilibalV.°) Ja, um zehn Uhr--aber zehn Uhr — °) In einer französischen Bearbeitung unter dem Titel ?»>»'«»,, ('«>»>'- Ute eil UN ä,oie, it veriin I7S0, lautet der Schluß (denn weiter hat ücssing sie nicht fortgeführt) von hier an also. Il est vr-li; insis >>ix neure« — — t?oc?en. ?>e konneroni v»» cleux 5oix pvur vvus. I'sire itUei»Iro I« l>re- li>Iv»t, el vou« voules gitAner le nruces! ^a/«i'on. Vuil» ilone klle, e'ett Volre ksulel vuis-^je tou^uur-s voux preelier I» inorsle? ^»UiL —-- t.'oci!e.r. liüles vous clonc »veo volre ^»di«. l"etl » inoi >Ie nitrier ct» lemü p»fs«. Vou» esles un ißinor»nl i>Iu» i^nor»nl «lu'un vnfilnt, loul iiouvenu »e ciu'il etl. ?»ire itltoixlre le ?reN>Ie>«? vui, oui. I1e>>ui^ l» nmtlÄnee llu inoiute, et ^'o5v meine »sturer, >Ie>>»i!j — >Ienui>! >e temü qu'on nlsicle — (^ai/<e nirrler »vee le dra». 460 Vor diesem. Codex. Wirds für Sie den Vormittag nicht noch einmal schlagen. — Machen Sie geschwind, und ziehen sich an — Himmel! den Presidenten warten zu lassen! Und Sie wollen in ihrem Processe glück« lich seyn? So lange als die Welt stehet, ja ich dürfte wohl sagen, so lange als man processirt, hat sich kein Client einer solchen Ungereimtheit schuldig gemacht! IVllibald. Es ist aber nicht möglich, daß es schon zehn Uhr seyn sollte. Codex. Möglich? Als wenn nichts wahr seyn könnte, als was möglich ist. IVilibald. Ich weiß wahrhaftig nicht, wo die Zeit muß hingekommen seyn. Vor diesem verlief sie nicht halb so geschwind! Chariras, Machen Sie sich doch keinen Knmmcr. Es ist ganz gewiß noch nicht neun Uhr. Codex. Ey! Sie wollen cS auch besser wissen, Mamsell? WcnnS noch nicht nenne wäre, wie kams denn, daß ein Mädchen, wie Sie, schon im völligen Putze wäre. Ch«rit«s. svor sich) Der verdammte Habcrecht! Codex. Ich habe zehne schlagen hören, und habe gezchlt, und habe gleich darauf nach meiner Uhr gesehen; da war es eine halbe Minute auf cilfe. Chariras. Nach ihrer Uhr haben Sie gesehen? t.'ol/e^r. — ^jgmilis plsiaeur ne «'«st soulliv ä'un erimo N imnarclonsble — si noir, si enorme, ll'un crime si — — s! criiuinel--»Ic les iclees se «»»sende»!, se Iirouillent--le erime esc Iio» xrsncl! ^e ne I»i plus e s»kkt-il pss «l'svoir inwllv le ?resi>leM, lÄut-il encore insulter mes »ctes?--mes scles! ^Ileü, pousses, si vous neu- ve», pousses plus lein votrs neZIißence irrelixieuse, volro imperti- nence vrvvll^ne! — Msis ^e vous en cleke. I^e vice s ses extrem!- «es, et les voll»! v mes »eles! Lt pers»nns ne les rsm»sss? Klon- »ieur, von» ele« ce/» en ?v,ma^än< ^ me// ^tt- /a /»ö/e, a^es en «vo» ^»!Ane,oi-a?--e) vuu» ete« inuixne «l'un g,v»e!tt Isl cl»v moi — vous ele» iniiißne ile mes soins, --ile m» «oieiice--qns ^enuise nour nsrilre volre proee» N t»r. 22. zwischen dem Tis- saphcru und Patroclus. Vierter Auftritt. pharnabaz- Critias nnd Abgesandte. Pharnabaz verbindet sich »lil den griechischen Abgesandten zum Verderben des AlcibiadcS. Dritter Aufzug. Erster Auftritt. Alcibiades. Artaxcrxcs. ArtarcrrcS erofnct dem AlcibiadcS seinen ganzen Entwurf; unter seiner Anführung nehmlich nicht so wohl seinen Bruder CyruS, als die Griechen zu bekriegen. Siehe zum Theil die Scene in des Lapi- stron AlcibiadcS p. 33. Artax- Schon halten sich meine Herolde fertig, vrd und Wasser von den griechischen Staaten zu fordern (W.G. IV. §. 137.) Zweyter Austritt. Alcibiades. Susamithres. SusamithrcS Freude, unter dem AlcibiadcS bald zu fechten. AlcibiadcS bcnimt ihm diese Hofnung. Bon der Liebe zum Laterlandc. 30° . 4K8 Alcibiadcs. Dritter Auftritt. Timandra. Alcibiadcs. Susamithres. Timaudra spottet wieder; bittet aber, daß Alcibiadcs die griechische Gesandtschaft vor sich lassen wolle. Alcibiadcs inacht deswegen Schwierigkeiten. Vierter Auftritt. pharnabaz. Timandra. Alcibiad, Susamithres. Pharnabaz bebt diese Schwierigkeiten. Und Alcibiadcs verspricht die griechischen Gesandten an dem Altare, welcher dein Schutzgeiste des Sccrates anfgcrichtct, zn sprechen. Fünfter Allstritt, pharnabaz. Pharnabaz beschließt diese llntcrrcdung den Artarcrxcs hören zu lassen. Vierter Aufzug. Erster Auftritt. Arrarerres. pharnabaz. Sie komnicn, die gricchischcn Gesandten und den Alcibiadcs im verborgnen zn hören. Tcr Persische heilige Abscheu gegen den Altar, dem Schuygeifte des Socrates- Pharn. Siehe wie jeder dieser Ungläubigen sich einen eignen Gott schaft! Anstatt den einigen Gott im Feuer, auf seinem ewigen, sichtbaren Throne der Sonne, anzubeten, betet jeder sein eignes Hirngespinst, oder wclchcS noch lächerlicher ist, und du hier siehst, das Hirngespinst eines Freundes an! Zweyter Austritt. Alcibiadcs. Tritias und Abgesandte. Sie wenden alle Knuste an, ihn zu erschüttern, daß er mit ihnen nach Griechenland zurück komme. Lrit. Tnrch dich schwört noch jetzt die athenicnsischc Jugend in dem Agranlischcn Haync, so oft die kricgrische Trompete sie ruft, ihres Alcibiadcs. Vaterlands Grenzen nicht cugcr als jenseit aller bewohnten und bebauten Erdstriche zu setzen, vlul. 399. Alcib. Ich sollte dem Volke trauen? Ich diesem vielköpfigen Ungeheuer? Heut wird es dich vergöttern, wenn du willst; und morgen dich als den Schaum der Ucbelthatcr verdammen. Ein einziger heimtückischer Verleumder, ein einziger Teurer ist genug es wider dich in Harnisch zu jagen. 41k.) Da ich mich am festesten in seiner Gnust glaubte, ward ich als der verfluchte Vcrstümmlcr heiliger Bild- sculcn, als der Vcrräthcr der Geheimnisse der EcrcS angeklagt und ver- dämmt. Sollte ich den Fluch schon vergessen haben, den damals seine Eumolpiden wider mich aussvrachen? Dritter Auftritt. Timandra. Alcibiadcs. Critias und Abgesandte. Timandra thut gleichfalls ihr möglichstes, und endlich wird Zllcibiadcs bcwcgt, und scheinet wenigstens schlüssig zu seyn, bei) dem Könige heimlich ihr bestes zu besorgen. Aicrtcr Auftritt. Zu diese»: Artaxcrxeo und pharuabaz. Der aufgebrachte König bricht hervor, und macht dem Alcibiades die härtesten Vorwürfe, und erklärt ihn von nuu an, seinem Schicksale zu überlassen. Er befiehlt den Altar des SokratcS zu zerstöre», den Ort zu reinigen, uud ein Pyrcum an die Stelle zu bauen. Fünfter Aufzug. Erster Austritt. Alcibiadcs. Critias. Die heimtückische Freude des CritiaS, den Alcibiadcs bey dem Könige verdächtig gemacht uud in Ungnade gebracht zu haben. Zweyter Auftritt. Alcibiades. Siisamithreö, SusamithreS ist entschlossen, jedes Geschick mit dem Alcibiades zu theilen. 470 Alcibiadcs. Dritter Auftritt. Susamithres. pharnabaz. Ph.irnabaz, nachdem der König im Zorne nach seiner Residenz zurückgekehrt, kömmt seinen Sohn abzuhalten, sich mit dem Alcibiadcs nicht ins Verderben zu stürzen. SnsamithrcS beruft sich auf das persische Gesetz wider die Undankbarkeit, nach welchem er durchaus strafbar seyn würde, wenn er den Alcibiadcs in so gefährlichen Umständen verließe. (W. G. IV. H. 138.) Vierter Auftritt. Aleibiades, verwundet. Susamithres- pharnabaz. Alcibiadcs kömmt verwundet zurück und stirbt. Susamithres stürzt sich in das Schwerd seines gerechten Vaters. Was hält mich ab (indem Susamithres das Schwerd zieht) eine That zu thun, die der Meinung, daß ich dein Sohn gewesen, widerspricht? (Al. W. H. IV. H. 127.) Alcibiadcs verlangt, daß ihn Susamithres vollends todten soll, und weil sich dcr Frcnud dessen weigert, so thut es Pharnabaz. Fünfter Auftritt. Zu diesen ruft pharnabaz herein Timandra, Tritias und Abgcs. Kommt herein! WaS schleichet ihr draußen herum, wie die feigen Jäger vor dcr Höhle des verwundeten Löwen? Alcibiades in Persien. 8o. i. O wie glücklich hat den Alcibiadcs sein freywilligcs Elend gemacht! Es war dcr göttlichste Gedanke, den ich jemals gehabt, mich »ach Persien zu verbannen! Aus dem weisen Gricchcnlaude, wo Aberglaube und gesetzlose Frechheit den Pöbel, öhrgcitz und Ohncgöttcrcl) die Großen regiert, in das barbarische Persien, wo Wahrheit und Tugend den alten Thron besitzen. 8e. II. Komm, mein edler junger Freund. Hier auf diesem anmuthigcn Hügel, über dem spiegelnden Araxcs, das prächtige Perscpolis im Gesichte, habe ich deiner unter den Palmen gewartet. Alcibiadcs in Pcrsicn. 471 Aaris. Er hat vor der aufgehenden Sonne angebetet. Alcib. Auch ih» hat dieses prächtige Schauspiel entzückt, nnd die Seele mit würdigen (bedanken von ihrem Schöpfer erfüllt. — Laß uns diesen Tag in unsrer Freundschaft glücklich sey» — Fans, So glücklich, als es uns das annähende Geräusch des Hofes erlauben wird. Der kommende Frühling ruft ihn von Susa nach Persepolis- Der Zug geht heut hier durch. Alcib. O möchte es dem König nicht einkommen, mich hier in meiner Einöde zu besuchen. Ich will mich nicht wieder in Geschäfte verwickeln lassen; ich will den Rest meines Lebens der Ruhe und den Betrachtungen widmen. — O könnte ich noch einen aus dem Schis- brnche meines Vaterlandes retten! den göttlichen SokratcS — Agris. Du hast mir schon so viel von diesem Maiine crzchlt, daß ich eine wahre Hochachtung für ihn bekommen. Die Lorsicht, habe ich daraus erkannt, erweckt in allen Ländern von Feit zu Zeit Män »er, die es verhindern müßen, daß sich die Menschen von ihrer wah- ren Verehrung nicht zu weit verirren. — So war unser Zoroastcr-- Alcib. Auch SokratcS hat von diesem großen Manne gehört und mir von ihm erzehlt. — Wenn er doch seine Nachfolger, seine Lehren hier näher erkennen könnte! Wenn er doch hier könnte einsehen lernen, daß seine .... keine abergläubische Zauberkunst, sondern eine Sammlung von den erhabensten Lehren der Gottheit sey. Jans. Wie entzückt es mich, daß dn, als ein Grieche, uns so viel Gerechtigkeit wicdcrfahrcn läßest. Teure spöttische Timandra ist von dieser Art nicht. — Alles kömmt ihr hier lächerlich und unsinnig vor. Alcib. Gedenke mir ihrer nicht! Ich haßc sie jetzt mehr, als ich sie einsmals zu lieben glaubte. Wenn sie mich doch vcilaßcn, und wieder in ihr Vaterland zurückkehren wollte--Da kömmt sie schon — 8e. III. Tim. Immer beysammen? lind schon so früh. Ihr Unzertrennlichen, wie soll ich euch nennen, Freunde oder Liebhaber? Alc. Alte Freunde sind Liebhaber, Timandra, aber nicht alle Liebhaber Freunde — Tim. Ich verstehe deinen Vorwnrf — 472 Virginia, (Virginia.) Erster Auszug. Erster Auftritt. Die Sccne cm Zimmer in dem Hanse des Claudius. Tlaudius. Rllfus. ClauS. Wardst du es gewahr, RufuSZ Als wir jetzt bey dem Hause des Virginius vorbey gingen, mit welcher Verachtung er uns anblickte? Ruf. Alter und wahnwitzige Traume von Rom und Ehre, haben ihm das schwärmerische Gehirn verrückt. Tl. Sahst du, mit welcher ungestümmcn Eilfertigkeit, mit was für finstern Blicken er heraus ging? Ruf. Und was mochte die Ursache seyn? Tl. Eben ist ein Befehl angelangt, der ihn ins Lager zurück ruft; weil mau sich alle Stunden einer Schlacht versieht. Ein glücklicher Umstand, der dem Anschlage unsers Dccemvirs auf seine schöne Tochter zu statten kommen wird! Ruf. Diese rasche Verfolgung eines versprochnen Mädchens, fürchte ich, wird einen unglücklichen Ausgang haben. — Sollte Ap- piuS Gewalt brauchen! — — Ich zittre bey diesem Gedanken. Virginius ist durchgängig verehrt; sein silbernes Haar, sein Ruhm, seine rauhe Beredsamkeit würd^ ganz Rom empören! — Wir müßen darauf denken, den Appius von einem so verzweifelten Unternehmen abzubringen. Cl. Vergebens! Unmöglich! — — Seine stürmische Leidenschaft spottet aller Vorstellungen. — Nichts mehr hiervon! Denn ich sage dir, uns steht weiter keine Wahl frey, als die Wahl der besten Mittel, sie durch Liebkosungen in seine Arme zu bringen. Ruf. Durch Liebkosungen, in seine Arme? Claudius! — Du weißt, sie ist versprochen; mit dem jungen Jcilius versprochen; und wie zärtlich liebt sie ihn, dieses Schvoßkind des Volks, dem er als Tribun so muthige Dienste geleistet. Die Clauscl im Testamente. Die Clausel im Testamente. ?traspc. Ei» reicher Banquier. Lelio. Sein Sohn. (üamilla. Seine Tochter und Frein des philibert. Juliane. Tochter des verstorbenen Pancraz, Consorlen des Araspe. panurg. Sticstrndcr des verstorbenen Pancraz. Joachim. Sohn des Pannrgs. Lisette. Pasquill. Bedienter des Panurgs/ und ehemaliger Bedienter des Pancraz. Ein Notarius. Man sehe die Xll Komödie des Goldoni im dritten Theile, I'Lreäv roltunut-i. ^etns ptimus. 8c. 1. Lisette. pasquin- 8c. 2. Araspe. panurg und Joachim. Sie zanken über das cröfnete Testament. 8c. 3. Araspe. Lelio. Siehe beym Eoldcni die zweyte Scene im ersten Act. 8c. 4. Lelio- Siehe die dritte Scene im ersten Act. 8c. 6. pasciuin. Lelio- Siehe die vierte Scene im ersten Act. 8c. 6. Pasquill. Lisette. Siehe die fünfte Scene im ersten Act. ^etus l'veuncllis. 8c. pr. Juliane. Lisette. Juliane hat den Lelio gesprochen, welchen ihr der Latcr zu nch^ mcn gerathen. Siehe die XI. Xll und XVI Scene im ersten Act. 474 Die Llansel im Testamente. 8c. II. Juliane, philibcrt. Siehe die 17. Scene im ersten Act. 8e. III. Juliane, philiberr- Tamilla Siehe die 18. Scene im ersten Act. 8e. IV. philiberr. Tamilla. Siehe die 19. Scene im ersten Act. 8c-. V. Camilla und hernach Araspe Siehe die 29. Scene im ersten Act. 8e. VI. Siehe die 21. Scene im ersten Act. ^etus tvi'lins. 8«. ^>r. Juliane. Siehe die erste Scene des 2ten Acts. 8e. II. Araspe. Juliane. Siehe die zweyte Scene im zweyten Act. 8o. III. Araspe- Siehe die !Zte Scene im zweyten Act. 8e. IV. Araspe. Leli». Siehe die 4te Scene im zweyten Act. 8e. V. Araspe und hernach Camilla- Camilla ist noch immer cyfersnchtig, und will Genugthuung hab AraSpe spricht sie zufrieden, und geht ab. Die Clauscl im Testamente. -j?6 8c. VI. Camilla und hernach der dumme Joachim. Joachim macht ihr tausend Schmcichelcycn, um sie auf sciuc Seite j» ziehe». 8c. VII. philiberr und die vorigen. Philiberr ertappt den Joachim über den Schmcichclcyeii, und iiimmt sie auf der schlimmen Seite. l?r jagt ihn fort, und spielt den cyfcrsüchtigcn mit seiner Frau, und will ihr deswegen die Schlüssel zu ihrem (Geschmeide und Putz verschließen. Siehe die Scene im zweyten Act. ^ Die Llauscl im Testamente. ^clus ijnlutus. 8c. pr. ?lraspc und panurg. Panurg hat bereits' alles zum Aerglcichc richtig gemacht. 8c. II. Araspe. panurg. Joachim. Joachim will die Juliane durchaus, und will sich nicht mit den zehntausend Thalern Abstand begnügen. 8c. Hl' üelio Juliane und die Vorigen. 8c. IV. Der Notarius und die Vorigen. Siehe die vierzehnte Scene im 3ten Act. 8c. V. Joachim geht mit dem Gelde ab; und der Notarius gleichfalls. 8c. VI. Juliane. Lelio. Araspe. panurg. Siehe gleichfalls die 14. Scene im 3. Act. 8c. VII. Die Vorigen, pasquin. Lisette. Siehe die zweyte vierzehnte Scene im 3. Act. p. 334. Panurg geht mit Schimpf und Verdruß ab, nachdem sich PaSauin bey ihm beurlaubt. Die glückliche Erbin, Die glückliche Erbin. Ein Lustspiel in fünf Auszügen. Nach I'üroü'o iai'lun»!.-, des Goldo»i.°) Personen: Araspe. Ein reicher Banquier, Lelio. Sein Sohn. Camilla. Seine Tochter und Frau des philibert- Juliane. Tochter des verstorbenen Pancraz, Consortcn des Araspe. panurg, Brndcr des verstorbenen Pancraz. Joachim, Ein jnngcr Anverwandte des Pannrgs, Lisctte. pasquin. Bedienter des Pannrgs, und ehemaliger Bedienter des Pancraz. Ein Notarius, Erster Aufzug. Erster Auftritt. Pasquill. Lisette. Pasquin. Das Frühstück war verzehrt! Der Magen ist versöhnt. Und min, Lisctte, laß uns auch der Liebe das schuldige Morgcnopfcr bringen, (will sie umarmen,) Äusette. Herr Pasauin — (indem sie ihn zurückstößt.) Pasci,mn. Madcmoiscll! — Sey keine Närrin. Sind wir nicht allein? Das ganze Haus ist in dem großen Zimmer auf einen Kllnnp versammelt, und niemand wird uns stören. Sie cröfncn das Testament. Das Testament, Lisctte! Woran denkt man zugleich, wenn man an cii? Testament denkt? An den Tod. °) Von diesem Stücke wurden (wie es scheint, unter dem Titel das Testament) zwei Bogen 1758 gedruckt, die der Verleger Reich, als die Fortsetzung ausblieb, vernichtete. Den ersten, bis an die Worte im vierten Auftritt des ersten Auszuges „du sollst, so bald du willst, dein eigner Herr seyn" fand Karl G, Lcssing unter seines Bruders Papieren. (S, Nicolai in den Anmerkungen zu M. Mcndrlsohns Briefwechsel mit Lessing/ zu S, 24. Karl G, Lcssing zum theatral. Nachlaß I, S, Xi.l und zum zweiten Bande der vermischten Schriften S. VI,) Unter den Brcslaucr Papieren ist nur ein nicht zu Ende geschriebenes Blatt. 478 Die glückliche Erbin. Und wenn man an den Tod denkt, woran denkt man da zugleich? An die Liebe. Za wahrhaftig an die Liebe. Wäre die Liebe nicht, so wäre dem Tode längst das Handwerk gelegt; die Welt wäre ausgcslorbcii, und der Tod selbst hätte müssen den Weg alles Fleisches wandern. Dem Testamente also zu Folge, und auf jungen Zuwachs für den Tod, erlaube, meine liebe Liscttc, daß ich dich nach Zahr und Tag wieder einmal umarme. A.isette. (die ihn abermals zuriickstöstt ) Man sollte schwören, der Mosjcu kenne mich sehr genau. Pasquin. Es schwöre wer Lust hat! Wenn er einen falschen Eid thut, so nehme ichs auf mich — Aber sich doch: Mosjcu? Und erst, Herr? Steigt das, oder fällt das? — Jungfer Liscttc, Sie wird mich böse machen. Du sollst mich weder Mosjcu noch Herr nennen; du sollst mich deinen lieben PasPiin nennen. Hörst du Liscttc? Kusctte. Bey jcdcm Wortc, das ich hörc, ist mir, als ob ich vom Himmel fiele. Ey, mein lieber Pasquin? Und gestern habe ich Ihn in meinem Leben das erstemal gesehn. Denn ich will doch nicht hoffen, daß Er ein gewisser Pasauin ist, der vor langen langen Zeiten einmal bey dem verstorbnen Herrn Pancraz in Diensten war? Wenn Er das wäre, gewiß, ich krazte Ihm die Augen aus. pasqnm. (bey Seite.) Was mach ich nun? Soll ichs seyn, odcr soll ichs nicht scyn? Aisette. (bey Seite.) Zch will ihn doch wenigstens ein Bißchen zappeln lassen. — Der Schurke von einem Pasquin. — Pascimn. Gemach! -iUsette. Der Galgenstrick — Pascntt'n. Behüte! Falsette. Za wag Er es einmal, und nehm Er sich seiner an. Pasquin. Nein, gewiß das wag ich nicht. Mcinc Augen sind mir zu lieb. Aber so viel muß ich sagen: die Pasquinc sind, so lange die Welt steht, ehrliche brave Leute gewesen. Selbst die Poeten wissen davon zu crzchlcn. Man schlage die Komödien nach! Was für ansehnliche Rollen lassen sie uns nicht darum spielen! Wir sind allezeit treu, verschlagen, hurtig, und die allcrcrgcbcnsten Liebhaber der Liscttcn. Würden Die glückliche Eibin, 47!) uns aber wohl diese strengen Beobachter der Wahrheit, die Poeten — die Dichter! würden sie nns wohl in ihren unsterblichen Werken, die zwar freylich in dieser Zcitlichkcit oft ausgcpsiffcn werden, — würden sie uns wohl, sag ich, so vorthcilhaft schildern, wenn sie uns im gemeinen Leben nicht so gefunden hätten? Dahingegen haben die Liscttcn bey ihnen ein weit geringer Lob. Zung zwar und hübsch lassen sie diese Thicrchcn immer seyn. — -iUsette. Diese Thicrchcn, Herr Schlingel? Pasqum. Nicht so wüthend, Jungfer; sonst muß ich sagen diese Thiere! — Störe Sie mich nicht! — Znng und hübsch, sag ich, mahlen die Dichter die Liscttcn zwar alle, auch dabcy vcrschmitzt, schnipsch und plaudcrhaft. Aber daß sie auch allezeit buhlerisch, unbeständig und treulos sind, das — das hat den Teufel gcschcn! (in ciimn affcktirtcn tragisch«, Tom) O Himmcl! Furcht und Eifersucht zcrflcischcn mcin gequältes Hcrz. Wo auch meine Liscttc eine Liscttc nach dcm gcmcincn Schlage ist, wo auch sie ihren Prinz Pasquiii vcrgcsscn, wo auch sic ihrem flatterhaften Herzen den Ziegel schicssen lassen — Äusette. (verwundernd.) Nll? Pasquiii. (noch tragisch.) Ich vergeh! Nur erst der zwölfte Mondcn drohet zu verflicsscn, seit dcm mich cin neidisches Schicksal ihren Augen entrissen. Erst der zwölfte Mondcn, und ach ihr Göttcr! wie gleichgültig hat sic mich aufgenommen. Die Grausame thut, als ob sic mich gar nicht kcnnc. Warum thut sie so, die Grausame? Euch, ihr vcrschwicgncn Wände, euch muß es noch bewußt seyn, welche Zärtlichkeit uns ehedem verband. Ach, dieses Andenken benimmt mir die Sprache — Ich kann nicht mehr! Ist kcin Lchnstuhl da, in welchen ich mich werfen könnte? Ausette. (bei? Seiic.) Dcr Spitzbubc, wo cr mich crst zum Lachcn bringt, so ist cs um meine Verstellung gethan. Pasquill, (noch tragisch.) Man denke nur! Hchrathcn wollte ich sic sogar; hcyrathcn! Auf dcn nächsten Sonntag waren die Ecrcmonicn schon fcstgcsczt.-Aber ach, was für cin Sonnabend ging vor diesem Sonntage vorher! Schrecklicher Sonnabend! Mcin Herr jagte mich zum Tcufcl. Ich mußte diesen Pallast 480 Die glückliche (?rbüi. verlassen; Knall lind Fall mußte ich ihn verlassen, so, daß ich auch nicht einmal von meiner Braut Abschied nehmen konnte. Mich schauert, wenn ich daran gedenke! Der böse tyrannische Pancraz! Daß er jczt in seinem Grabe ein ganzes Zahr eher verfaulen müßte. Ich floh auf das Land zu seinem Bruder, dem Herrn Panurg, welcher mich in meinem Elende aufnahm. Doch wo flicht ein Elender hin, daß ihm Nichtsein Elend nachfolge? Gerechten Göttcr, ich kam aus dem Regen unter die Trauffc! Eben konnte ich es nicht länger aushalten, als wir die Nachricht von dem Tode des Pancraz bekamen. Freudige Nachricht! Freudig war sie für meinen Herrn; freudig für mich. Er beschloß sogleich sich anhcr zu begeben, und ich, ich beschloß ihm zu folgen. Ihn trieb die Hoffnung, sich, oder wenigstens den Vetter Zochcn, in dem Testamente seines Bruders bedacht zu finden. Mich hingegen trieb ein weit edlerer Eigennutz; der Eigennutz meiner Liebe; die Begierde, mich wieder in die Arme meiner zurückgelassenen Braut zu werfen, lind nun, da ich hier bin, da ich — -Luselte. Ha! — (Sie will in Lachen ausbrcchcn; um cs aber noch zu verbergen, wendet sie das Gesicht dem Pasauin, und hält das Schnupftuch vor.) Pasquin. War das ein Seufzer, Grausame? Daß er cs gewesen wärc! Aber warum wendest du dein Gesicht weg? — O wenn hinter diesem schneeweißem Tuche ein weinendes Auge verborgen wärc, und deine unverdiente Strenge gegen mich endlich in Thränen zcrflößc! — Sich mich zu deinen Füssen, du Tygcrhcrz! (er fällt nieder) Du sichst mich zum leztcnmalc, wo nicht ein gnädiger Blick — Alsette. (die sich des Lachens nicht länger enthalten kaun.) Hör auf, oder ich mnß ersticken. Ha! he! Ha! he! Pasqum. (indem er wieder aufsteht.) O pfuy! Man Horts doch gleich, daß die Liscttcn keine tragische Personen sind. -Lusette- Höre, PasPlin; ich hätte wohl Ursache dich verzweifeln zu lassen. Doch deine Reue, und deine Verführung, daß du nur meinetwegen mit hichcr gekommen bist — Was ist das für ein Lcrm? Horch doch! Dein Herr, wie er schreyt! Ganz gewiß ist das Testament eröffnet, und der Inhalt ist Die gluckliche Erbin. 481 nicht nach seinem Kopfe gewesen. Komm hier weg, ich will dich anderwärts von der völligen Wicderangcdeyung meiner Gnade versichern, (gehen ab.) Zweyter Auftritt. Araspe. panurg. Joachim, panurg. (crhizr.) Schon gut, schon gut. Es ist noch eine Gerechtigkeit in der Welt. Es ist noch eine, sag ich, es ist noch eine, ob man sie gleich ziemlich suchen muß. Und das ist mein Glück, und das ist auch dein Glück, Jochen! Jochen, (weinerlich und dumm) Auch mein Glück! panurg. Du armer Jochen! Joachim. Armer Zochcn! panurg. Siehst du, daß dein seliger Onkel ein Schurke war! Joachim. Ein Schurke war! Araspe. Aber, Herr Panurg — panurg. Aber, Herr Araspe, reden Sie nicht, oder — Was ich gesagt habe, sage ich noch einmal. Mein Bruder hat als ein Narr gelebt, und ist als ein Narr gestorben! Sie sind ein Bctricgcr, ein Falsarius, und der Notar, der das Testament gemacht hat, verdient den Galgen. Da haben Sics! lassen Sie Feder und Papier bringen, ich wills Ihnen schriftlich geben. Araspe. Der Zorn ist eine Raserey, und einem Rasenden muß man alles zu sagen vergönnen. panurg. Einem Rasenden? Was? Ist es nicht genug, daß Sie mich, und diesen armen Zungen, bcstohlcn, beraubt, geplündert haben? Müssen Sie mir noch Injurien sagen? Ich, ein Rasender? Schon gut! Du hastS gehört, Jochen, du hasts gehört! Joachim- Ja, Herr Vetter, ja, ich Habs gehört, und ich weiß das Sprüchclchcn auch auf Lateinisch: irs suror l)revi8 el>. panurg. Ach schweig; du bist ein SchöpS! — Ich will alles, was ich gesagt habe, Stück vor Stück beweisen. pnmo, mein Bruder hat als ein Narr gelebt. Er handelte mit Ihnen in Compagnie, und hätte sein Commcrcium allein führen können; er hielt Sie für seinen Freund, und traute Ihnen Lessmgs Werken, ZI Die glückliche Erbin. in allen Stücken blindlings; er traute Ihnen sogar mehr, als seinen nächsten Blutssrcunden. Narrhcit an Narrheit! ?>c> l'ecunclo, mein Bruder — oder damit ich den Nichtswürdigcn nicht mehr meinen Bruder nenne — Pancraz ist als ein Narr gestorben. Ich sage nicht, er ist in einer Narrhcit gestorben; das wäre zu wenig; denn in einer Narrhcit stirbt mancher kluge Mann. Sondern ich sage: alles war Narrhcit, was cr vor scincm Tode und in Absicht auf seinen Tod that. Er machte ein Testament, und hätte keines zu machen gebraucht. Das müssen alle Menschen erkennen; nur die Juristen ausgenommen, die von solchen Narrhcitcn leben. Denn wozu ein Tcstamcnt, da cr eine einzige leibliche Tochter hinterläßt, die nothwendig seine Erbin seyn muß? Wollen Sie sagen, wegen der Vormundschaft? Vormund, von Gott und Rechts wcgcn, wäre ich gewesen, als der nächste Anverwandte. Und wäre ich Vormund geworden, so hätte ich schon darauf sehen wollen, daß auch Vetter Jochen, dem cr bey Lebzeiten immer viel versprach, und wenig hielt, sein Glück dabey gemacht hätte. Die Tochter hätte ihn müssen hcyrathcn. Joachim Wird sic mich nun nicht hcvrathen, Hcrr Vetter? Sie muß mich heyrathen; sie muß. Denn wenn ich gewußt hätte, daß sie mich nicht heyrathen wollte, so hätte ich mich fein mit Pachters Liesen nicht gezankt. Panln-g, Sey stille, Zochcn! — Aber wenn cr nun auch ein Testament mit aller Gewalt hätte machen wollen, muß cr dcnn ein so wahnwitziges machen? Ein so unsinniges, als nimmermehr einer, der im Tollhausc an dcr Kcttc stirbt, hätte machen können? Araspe- Ich wnndrc mich über meine Geduld, Sie anzuhören. Sie wird gewiß ausrcißcn, wenn Sic ihre unvernünftige Hitze — Pannrg. Meine Hitze? Es wäre Ihr Unglück, wenn ich erst hitzig würde. Man kann nicht bey kälterm Blute seyn, als ich bin. Ich sage alles mit dem ruhigsten Gemüthe. Za, ja! So närrisch ist im Tollhausc kcincr gestorben, als mein Bruder gestorben ist. Man dcnke nur! Seine Tochter soll scinc Uni- versalcrbin nicht anders, als unter der Bedingung seyn, daß sic Die glückliche Erbin. den Herrn Araspc hcyrathct. Und das ist der Herr Araspc! Der armselige Ehckricpcl hier, der schon selbst erwachsene und vcrhcyrathcte Kinder hat, der. chstcr Tage Großvater werden wird, den soll ein frisches Mädchen von zwanzig Jahren hey- rathcn, wenn sie nicht will so gut, als enterbt, seyn. Araspe- Warten Sie doch nur, bis sie es thut. Wissen Sie denn schon Zuliancns Gesinnungen? Sie sollten über diese harte Last, die ihr ihr Vater aufgelegt hat, eher freudig als vcrdrüßlich seyn. Denn was sagt das Testament weiter? „Zm „Fall aber meine Tochter einen andern hcyrachcn wollte, will „ich zu meinem Universalerben meinen Bruder, den Herrn Pa- „nurg, und meinen Netter Joachim erklärt haben, welche mci- „ncr Tochter von meiner ganzen Vcrlasscnschaft, nicht mehr als „zehn tausend Thaler zur Aussteuer abzugeben gehalten seyn „sollen." — So heißt es im Testamente! Sollte man nun nicht vielmehr glauben, der Tcstator habe mir nur deswegen seine Tochter zur Frau bestimmt, damit er Zhncn auf eine gute Art sein ganzes Vermögen zuwenden könne? Ohne Zweifel, daß er den Ungehorsam seiner Tochter für schon gewiß gehalten hat. — Panurg. Ey, großen Dank! Sie wird nicht ungehorsam seyn; ich weiß gewiß, sie wird nicht. Denn heut zu Tage sind die Mädchen bey weitem nicht mehr so dclicat, als wir sie in den alten Romanen finden. Ein alter Mann mit Gelde, und ein junger Mann ohne Geld, das sind jetzt gar nicht mehr Dinge, unter welchen ihnen die Wahl schwer fiele. Sie nehmen, wenn es seyn muß, jenen ohne Bedenken, im festen Vorsätze, ihn auch ohne Bedenken zum Hahnrcy zu machen. Da haben Sie ihr Prognostikon, Araspc! Schade, daß ich nicht das Werkzeug dazu seyn soll! Ha! ha! ha! — Aber ich bin wohl nicht klug, daß ich darüber lache. Das Glück wäre für Sie noch viel zu groß, wenn Sie von einem Mädchen, wie Zuliana ist, zum Hahnrcy gemacht würden. So weit muß es nicht kommen! Es muß gewiß so weit nicht kommen! Das Testament kann nicht anders als für null und nichtig erklärt werden; und zwar cbcn deswegen, weil es so unsinnig ist; denn seine Unsinnigkcit ist cin Beweis, daß der Tcstator nicht bey ?1« 484 Die gluckliche (5rbiu. Verstände gewesen. Ein Mensch aber, der nicht bey Verstände ist, kann nicht tcstiren. Wissen Sie das noch nicht? Er kann nicht tcstiren. Und ex koc espil^e will ich klagen. Aber gesetzt — Joachim. ?olil, Faust. sind nur Satans Bothen in der Kö'rpcrwclt. Wir sind cs in der Welt der Geister; uns wirst du schncllcr finden. Faust. Und Wie schnell bist du? Der fünfte Geist- So schnell als die Gedanken des Menschen. Zaust. Das ist etwas! — Aber nicht immer sind die Gedanken des Menschen schnell. Sticht da, wenn Wahrheit und Tugend sie auffordern. Wie trage sind sie alsdcnn! — Du kaust schnell seyn, wenn du schnell seyn willst; aber wer steht mir dafür, daß du cs allezeit willst. Nein, dir werde ich so wenig trauen, als ich mir selbst hätte trauen sollen. Ach! — (zum sechsten Geiste) Sage du, wic schnell bist du? — Der sechste Geist. So schnell als die Rache des Rächers. Faust. Des Rächers? Welches Rächers? Der sechste Geist. Des Gewaltigen, des Schrecklichen, der sich allein die Rache vorbehielt, weil ihn die Rache vergnügte. — Faust. Teufel! du lästerst, denn ich sehe, du zitterst. — Schnell, sagst du, wie die Rache des — Bald hätte ich ihn gcncnnt! Nein, er werde nicht unter uns gcncmit! — Schnell wäre seine Rache? Schnell? — Und ich lebe noch? Und ich sündige noch? — Der sechste Geist. Daß er dich noch sündigen läßt, ist schon Rache! Faust. Und daß ein Teufel mich dieses lehren muß! — Aber doch crst heute! Stein, seine Rache ist nicht schnell, und wenn du nicht schneller bist als seine Rache, so geh nur. (zum siebenden Geiste) — Wie schnell bist du? Der siebende Geist. Unzuvcrgnügcndcr Sterbliche, wo auch ich dir nicht schnell genug bin — — Faust. So sage; wie schnell? Der siebende Geist. Sticht mehr und nicht weniger, als der Ucbcrgang vom Guten zum Bösen. — Faust. Ha! du bist mein Teufel! So schnell als der Ucbcrgang vom Guten zum Bösen! — Ja, der ist schnell; schncllcr ist nichts als dcr! — Wcg von hicr, ihr Schnecken des Orcus! Wcg! — Als der Ucbcrgang vom Gutcn zum Böscn! Ich habe cs erfahren, wic schnell er ist! Ich habe cs erfahren! u. s. w. 494 D. Faust. III. Schreiben über Leßings vcrlohrcn gegangenen Faust. Vom Hanptmann von Blankcnburg. °) Sie wünschen, mein theurester Freund, eine Nachricht von dem verlohren gegangenen Faust des verstorbenen Leßings zu erhalten; was ich davon weiß, theile ich Ihnen um desto lieber mit, da, mit meinem Willen, nicht Eine Zeile, nicht Sine Idee dieses großen, und immer noch nicht genug gekannten, ja oft sogar muthwillig verkannte» Man» nes, vcrlohrcn gehen sollte. Verlohren, gänzlich verlohren könnte zwar vielleicht sein Faust nicht seyn;--und zu fürchten ist denn auch nicht, daß, wenn ein Anderer mit dieser Feder sich sollte schmücken wollen, der Betrug nicht entdeckt werden würde; denn was man von den Versen des Homers und den Ideen des Shakespears sagt, gilt mit eben so vielem Rechte von den Arbeiten Leßings, und der verlohren gegangene Faust gehört zu diesen; aber wer weiß, wenn und wie, und ob das Publikum jemals etwas von diesem Werke zu Gesichte bekömmt? und so theilen Sie ihm denn einstweilen mit, was ich weiß. Daß Leßing vor vielen Jahren schon an einem Faust gearbeitet hatte, wissen wir aus den Littcraturbriefcn. Aber, so viel mir bekannt ist, unternahm er die Umarbeitung — vielleicht auch nur die Vollendung — seiner Arbeit zu einer Zeit, wo aus allen Zipfeln Deutschlands Fauste angekündigt waren, und sein Werk war, meines Wissens, fertig. °°) Man hat mir mit Gewißheit erzählt, daß er, um es herauszugeben, nur auf die Erscheinung der übrigen Fauste gewartet habe. — Er hatte es bey sich, da er von Wolfcnbüttel eine Reise nach Dreßden machte; hier übergab er cS in einem Kästchen, in welchem noch mehrere Papiere und andere Sachen waren, einem Fuhrmann, der dieses Kästchen einem seiner Verwandte» in Leipzig, dem Kaufmann Hrn. Leßing, einliefern, und dieser sollte es dann weiter nach Wolfenbüttel besorgen. Aber das Kästchen kam nicht; der würdige Mann, an welchen es geschickt werden sollte, erkundigte sich sorg- °) Litteratur und Völkerkunde, Ein periodisches Werk (von Archenholz), fünfter Band, Julius 1784, S. 82. °°) „Einer seiner Freunde hat mich versichert, hier in Brcslcm zwölf Bogen dieses Trauerspiels im Mauuscriptc selbst durchgelcscn zu haben." Karl G. Lessing in der Borrcdc zum zweiten Theile des theatralischen Nachlasses S. xxxix. D. Faust. fältig, schrieb selbst deswegen an Lcßing n. s. w. °) Aber das Kästchen blieb aus — und der Himmel weiß, in welche Hände es gerathen, oder wo es noch versteckt ist? — Es sey wo es wolle, hier ist mindesten das Skelct von seinem Faust! Die Scene eröfnet sich mit einer Conferenz der höllischen Geister, in welcher die Subalternen dem Obersten der Teufel Rechenschaft von ihren auf der Erde uiiternommnen und ausgeführten Arbeiten ablegen. Denken Sie, was ein Maun, wie Lcßing, von diesem Stoffe zu machen weiß! — Der letztere, welcher von den llnterteufeln erscheint, berichtet: daß er wenigstens einen Mann auf der Erde gefunden habe, welchem nun gar nicht beyzukommen sey; er habe keine Leidenschaft, keine Schwachheit; in der nähern Untersuchung dieser Nachricht wird Faust's Characlcr immer mehr entwickelt; und auf die Nachfragen »ach allen seinen Trieben und Neigungen antwortet endlich der (Seist: er hat nur eine» Trieb, nur eine Neigung; einen unauslöschlichen Durst nach Wissenschaften und Kenntniß — Ha! ruft der Oberste der Teufel aus, dann ist er mein, und auf immer mein, und sicherer mein, als bey jeder andern Leidenschaft! — Sie werden ohne mein Zuthun fühlen, was alles in dieser Idee liegt; vielleicht wäre sie ein wenig zu bösartig, wenn die Auflösung des Stückes nicht die Menschheit beruhigte. Aber urtheilen Sie selbst, wie viel dramatisches Interesse dadurch in das Stück gebracht, wie sehr der Leser bis zur Angst beunruhigt werden müssen. — Nun erhält MephistophilcS Auftrag und Anweisung, was und wie er es anzufangen habe, um den armen Faust zu fangen; in den folgenden Acten beginnt, — nnd vollendet er, dem Scheine nach, sein Werk; hier kann ich Ihnen keinen bestimmten Punkt angeben; aber die Größe, der Reichthum des Feldes, besonders für einen Mann wie Lcßing, ist nnübcrschlich.--Genug, die höllischen Heerschaarcn glauben ihre Arbeit vollbracht zu haben; sie stimmen im fünften Acte Triumphliedcr an — wie eine Erscheinung aus der Oberwelt sie auf die unerwartetste, und doch natürlichste, und doch für jeden beruhigendste Art unterbricht: „Triumphirt nicht," °) „Diese Kiste gicng nicht bey dem Herr» Kaufmann Lcßing in Leipzig, sondern bey dcm Herr» Buchhändler Gcbler aus Braunschwcig, dcr sich auf der Leipziger Mcsse damals befand, vcrlobrcn. Er sollte sie »ach dcr Zlddrrssc mit »ach Braunschwcig nebmen, und bis zur Zuriickkunft meines Bruders ans Italien bewahren." Karl G. Lessing, eben da S- Xi.l. 49« D. Faust. ruft ihnen der Engel zu, „ihr habt nicht über Menschheit und Wisscn- „schaft gesiegt; die Gottheit hat dein Menschen nicht den edelsten der „Triebe gegeben, um ihn ewig unglücklich zu machen; was ihr sahet, „und jetzt zu besitzen glaubt, war nichts als ein Phantom. —" So wenig, mein theuerster Freund! dies auch, was ich Ihnen mittheilen kann, immer ist; so sehr verdient es, meines BedünkcnS, denn doch aufbewahrt zu werden. Machen Sie nach Belieben Gebrauch davon! — :c. Leipzig, am 14ten May 1784. v. Blankcnburg. IV. An den Herausgeber des theatralischen Nachlasses. Es ist ganz wahr, liebster Freund, daß Ihr seliger vortreflicher Bruder mir verschiedene seiner Ideen zu theatralischen Stücken mitgetheilt hat. Aber das ist nun schon so lange her; die Pläne selbst waren so wenig ausgeführt oder wurde» mir doch so unvollständig crzehlt, daß ich nichts mehr in meinem Gedächtnis davon zusammenfinde, was des Nicderschreibens, geschweige denn des öffentlichen BekannlmachenS, werth wäre. Von seinem Faust indessen, um den Sie mich vorzüglich fragen, weiß ich noch dieses und jenes; wenigstens erinnere ich mich im Allgemeinen der Anlage der ersten Scene uud der lczten Hanpt- wendung derselben. Das Theater stellt in dieser Scene eine zerstörte gothische Kirche vor, mit einem Hauptaltar und sechs Rcbenaltärcn. Zerstöhruug der Werke Gottes ist Satans Wollust; Ruinen eines Tempels, wo ehemals der Allgütige verehrt ward, sind seine Lieblingswohnung. Eben hier also ist der Versammlungsort der höllischen Geister zu ihren Be- rathschlagungen. Satan selbst hat seinen Sitz auf dem Hauptaltar; auf die Nebcnaltäre sind die übrigen Teufel zerstreut. Alle aber bleiben dem Auge unsichtbar; nur ihre rauhen mißtönenden Stimmen werden gehört. Satan fodert Rechenschaft von den Thaten, welche die übrigen Teufel ausgeführt haben; ist mit diesen zufrieden, mit jenen unznfricdcn. — Da das Wenige, dessen ich mich aus dieser Scene erinnere, so einzeln und abgerissen, ohne alle Wirkung seyn würde; so wage ichs, die Lücken dazwischen zu füllen und die ganze Scene hie- hcrzuwcrfen. — Satan- Rede, du Erster! Gieb uns Bericht, was du gethan hast! D. Faust. 497 Erster Teufel. Satan! Ich sah eine Wolkc am Himmel; die trug Zerstörung in ihrem Schooß: da schwang ich mich auf zu ihr, barg mich in ihr schwärzestes Dunkel und trieb sie, und hielt mit ihr über der Hütte eines frommen Armen, der bey seinem Weibe im ersten Schlummer ruhte. Hier zerriß ich die Wolke und schüttete all' ihre Gluth auf die Hütte, daß die lichte Lohe cmporschlug und alle Haabe des Elenden ihr Raub ward. — Das war Alles, was ich vermochte, Satan. Denn ihn selbst, seine jammernden Kinder, sein Weib; die riß Gottes Engel noch aus dem Feuer, und als ich den sah — entfloh ich. Satan. Elender! Feiger! — und du sagst, es war eines Armen, cS war eines Frommen Hütte? Erster Teufel. Eines Frommen und eines Armen, Satan. Jetzt ist er nackt und bloß und verloren. Satan. Für uns! Ja, das ist er auf ewig. Nimm dem Reichen sein Gold, daß er verzweifle, und schütt' eS auf den Hccrd des Armen, daß es sein Herz verführe: dann haben wir zwiefachen Gewinn! Den frommen Armen noch ärmer machen, das knüpft ihn nur desto fester an Gott. — — Rede, du Zweyter! Gieb uns bessern Bericht! Zweyter Teufel. Das kann ich, Satan. — Ich ging aufs Meer und suchte mir einen Stürm, mit dem ich verderben könnte, und fand ihn: da schallten, indem ich dem Ufer zuflog, wilde Flüche zu mir hinauf, und als ich nicdersah, fand ich eine Flotte mit Wuch- reru segeln. Schnell wühlt' ich mich mit dem Orcan in die Tiefe, kletterte an der schäumenden Woge wieder gen Himmel — — Satan. Und ersäuftest sie in der Fluch? Zweyter Teufel. Daß nicht Einer entging! Die ganze Flotte zerriß ich, und alle Seelen, die sie trug, sind nun dein. Satan. Vcrräthcr! diese waren schon mein. Aber sie hätten des Fluchs und Verderbens noch mehr über die Erde gebracht; hätten au den fremden Küsten geraubt, geschändet, gemordet; hätten neue Reize zu Sünden von Wcltthcil zu Wcltthcil geführt: und das alles — das ist nun hin und verloren! — O, du sollst mir zurück in die Hölle Teufel; du zerstörst nur mein Reich.--Ncde, du Dritter! Fuhrst auch du iu Wolken und Stürmen ? Lcsssngs Wette i>. Z2 D. Faust. Dritter Teufel. So hoch fliegt mein Geist nicht, Satan: ich liebe das Schreckliche nicht. Mein ganzes Dichten ist Wollust. Satan. Da bist du nur um so schrecklicher für die Seelen! Dritter Teufel. Ich sah eine Buhlcrinn schlummern; die wälzte sich, halb träumend halb wachend in ihren Begierden, und ich schlich hin an ihr Lager. Aufmerksam lauscht' ich auf jeden Zng ihres Athems, horcht' ihr in die Seele auf jede wollüstige Phantasie; und endlich — da erhäscht' ich glücklich das Licblingsbiid, das ihren Busen am höchsten schwellte. Ans diesem Bilde schuf ich mir eine Gestalt, eine schlanke, ncrvigte, blühende Jnnglingsgcstalt: und in der — — Satan, (schnell) Raubtest du einem Mädchen die Unschuld? Dritter Teufel. Raubt' ich einer noch unberührten Schönheit — den ersten Kuß. Weiter trieb ich sie nicht. — Aber sey gewiß! Ich hab ihr nun eine Flamme ins Blut gehaucht; die giebt sie dem ersten Verführer preis, und diesem spart' ich die Sünde. Ist dann erst sie verführt. — — Satan. So haben wir Opfer auf Opfer; denn sie wird wieder verführen. — Ha gnt! In deiner That ist doch Absicht. — Da lernt, ihr Ersten! ihr Elenden, die ihr nur Verderben in der Körperwelt stiftet! Dieser hier stiftet Verderben in der Welt der Seelen; das ist der bessere Teufel. — — Sag' an, du Vierter! Was hast du für Thaten gethan? vierter Teufel. Keine, Satan. Aber einen Gedanken gedacht, der, wenn er That würde, aller Jener Thaten zu Boden schlüge. Satan. Der ist? — Vierter Teufel. Gott seinen Liebling zu rauben. — Einen denkenden, einsamen Jüngling, ganz der Weisheit ergeben; ganz nur für sie athmend, für sie empfindend; jeder Leidenschaft absagend, ausser der einzigen für die Wahrheit; dir und uns allen gefährlich, wenn er einst Lehrer des Volks würde — den ihm zu rauben, Satan! Satan. Trcflich! Herrlich! Und dein Entwurf? — Vierter Teufel. Sich, ich knirsche; ich habe keinen. — Ich schlich von allen Seiten nm seine Seele; aber ich fand keine Schwäche, bey der ich ihn fassen könnte. Satan. Thor! Hat er nicht Wißbegierde? Vierter Teufel. Mehr, als irgend ein Sterblicher. D. Faust. 490 Satan. So laß ihn nur mir über! Das ist gcnng zum Verderben. — — Und nun ist Satan viel zu voll von seinem Entwürfe, als daß er noch den Bericht der übrigen Teufel sollte hören wollen. Er bricht mit der ganzen Versammlung auf; alle sollen ihm zur Ausführung seiner großen Absichten bcystehn. Des Erfolgs hält er bey den Hülfsmitteln, die ihm Macht und List geben, sich völlig versichert. Aber der Engel der Vorsehung, der unsichtbar über den Ruinen geschwebt hat, verkündiget uns die Fruchtlosigkeit der Bestrebungen Satans, mit den fcyerlich aber sanft gesprochenen Worten, die aus der Höhe hcrab- schallcn! Ihr sollt nicht siegen!-- So sonderbar, wie der Entwurf dieser erste» Scene, ist der Entwurf des ganzen Stücks. Der Jüngling, den Satan zu verführen sucht, ist, wie Sie gleich werden errathen haben, Faust: diesen Faust begrabt der Engel in einen tiefen Schlummer, und erschafft an seiner Stelle ein Phantom, womit die Teufel so lauge ihr Spiel treiben, bis es in dem Augenblick, da sie sich seiner völlig versichern wollen, verschwindet. Alles was mit diesem Phantome vorgeht, ist Traumge- sicht für den schlafenden wirklichen Faust: dieser erwacht, da schon die Teufel sich schamvoll und wütend entfernt haben, und dankt der Vorsehung für die Warnung, die sie durch einen so lehrreichen Traum ihm hat geben wollen. — Er ist jczt fester in Wahrheit und Tugend, als jemals. Von der Art, wie die Teufel den Plan der Verführung anspinnen und fortführen, müssen Sie keine Nachricht von mir erwarten: ich weiß nicht, ob mich hier mehr die Erzählung Ihres Bruders oder mehr mein Gedächtniß verläßt; aber wirklich liegt alles, was mir davon vorschwebt, zu tief im Dunkeln, als daß ich hoffen dürfte, es wieder ans Licht zu ziehen. Ich bin u. f. w. I. I. Engel. 32« -!^-A^.,<5F 600 Fatime. F a t i m e. Ein Trauerspiel. 17 6 !). angefangen den 6. Angust. Personen, Fatime. Abdallah. Mervan. Erster Auftritt. Mervan. Fatime. N7ervan. (der zn Fatimcn in das Zimmer tritt.) Erwünschte, freudige Nachricht! Hat man sie dir schon hintcrbracht, Fatime? — Glückliche Fatime! Dein Abdallah kömmt zurück. Fatime. Ach! — Mervan. Er ist mit Aufgang der Sonne auf der Höhe erschienen. Günstige Winde schwellen seine Segel; seine Bcntc treibt vor ihm her; und der begrüßende Donner seiner Kartannen wird immer vernehmlicher. — Noch wenige Augenblicke, Fatime, und du schließest den feurigsten Liebhaber wieder in deine Arme. Fatime- Ach! — XNervan. Du seufzest? — Und diese Thräne! Fatime, du weinest? — Ich entsetzte mich vergebens. Du weinest; aber du weinest vor Freuden. Deine Freude war immer eine sehr stille, eine melancholische Freude. Fatime- Freude? — O nenne mir das nicht, was ich auf ewig entbehren muß. Mervan. Fatime! Fatime- Und wäre diese Entbehrung mein ganzes Unglück! Man ist noch sehr glücklich, wenn man bloß nicht glücklich ist. Mervan. Welch eine Sprache! Was ist dir? Was befürchtest du? — Ich Unglücklicher, wenn ich dem Abdallah dich mißvergnügt überliefere! Ich bin vcrlohren! Er wird deinen llnmuth meinem Betragen gegen dich zurechnen. Er wird glauben, daß ich mich dir, in seiner Abwesenheit, als einen Tyrannen, nnd nicht als den gefälligen, freundschaftlichen Aufseher erwiesen, zu dem mich sein vertrauen fähig bielt. Du kennst ihn ja, wie argwöhnisch er ist — Fatime. s01 Fatime. Ist Abdallah so argwöhnisch? XNervan. Das fragst du noch, Fatime? Fatime- Sey ohne Sorge, rechtschaffner Mcrvau. Dcmohugc- achtet soll er auf einen solchen Argwohn gegen dich nie gerathen; ich weis schon, wie ich das verhüten inuß. Ich will ihm so viel gutes von dir crzchlen; ich will deine mir erwiesenen Dienste so rühmen; ich will dich seiner erkenntlichen Eroßmuth so oft, so innig, so dringend, so feurig empfahlen; ich will es ihm uncudlichmal wicdcrhohlcn, daß kein Vater, kein Bruder gegen mich liebreicher seyn können; daß du dich allen meinen Wünschen günstiger, zuvorkommender erwiesen, als der innbrünstigste Liebhaber; daß du — — Mervan. Um des Himmels willen, Fatime! — So hast du mein Verderben geschworen? Womit habe ich das verschuldet? — Als der innbrünstigste Liebhaber! — enthalte dich dieses schrecklichen Worts von mir! Wenn du auch einen noch so unschuldigen Sinn damit verbindest, — du weist ja, wie cyfcrsüchtig er ist — Fatime. Ist Abdallah so eyfcrsüchtig? XNervan. Und auch das fragst du noch, Fatime? Fatime. Ich fragte beydes, Mcrvan, um mich aus deinem eigene» Munde zu entschuldigen. — Dieser argwöhnische, dieser cyfersüch- tige Abdallah kommt wieder! XNervan. Sey nicht ungerecht, Fatime! Fatime- Und du, sey nicht grausam; und laß mich weinen! Mervan. Dieser cyfersüchtigc Abdallah ist sonst der redlichste Mann, der großmüthigste Freund — Zweyter Austritt. Fatime. Mervan. Ein Sklave. Der Sklave- Ich verkündige euch die Ankunft des Abdallah. Jtzt tritt er ans Land! Fatime. Jtzt schon? Mervan- Fasse dich, Fatime! Laß einen verrätherischcn Sklaven nicht so tief in deiner Seele lesen. Sklave. Das Schrecken des Meeres! Die Geißel der Ungläubigen! Er kömmt als Sieger, und drey eroberte Schiffe führen die Reichthümer von ihm verheerter Küsten. Die Männer der Stadt stürze» aus dem Thore, und empfange» ih» mit Jauchze». Das sahe ich, uud eilte mich mit dem Anblicke einer noch größer» und reinern 602 Fatime. Freude zu beseligen; dem Entzücken seiner Fatime — Aber (indem er sie ernstlich betrachtet) Mervan. Aber was weis ein Sklave, wie edlere Seelen sich freuen. Geh! Dritter Auftritt. Mervan, Fatime. Mervan. Fatime! Fatime! — Roch ist es Zeit; noch kannst dn uns retten! Hemme diese Thränen; ersticke diese Seufzer, und ruffe die Heuterkcit, wo nicht in deine Seele, wenigstens auf dein Gesicht zurück. Verstelle dich — Ach! was mnß ich dir rathen, ich Unglücklicher! Fatime.--____ Ibrahim räth Phatime», ihn mit aller Hitze der Liebe zu empfangen. Er weiß nicht Worte genug zu finden, ihr die Liebe des Abdallah zu beschreiben; und verräth ihr dabey das Geheimniß. Er eilet ihm entgegen. 8c. IV. Phatime allein. Erbittert, über das was sie erfahren? 8c. V. Abdallah, voll Feuer und Inbrunst sie wieder zu sehen. Sie empfängt ihn kalt. Er klagt, weint, tobet, drohet, verspricht. — Sie legt es etwas näher, und er geht ruhig ab; zum Ausschiffen Befehl zu geben. 8c. VI. Phatime erst allein. Ibrahim kömmt, und hat den Unwillen des Abdallah bemerkt. Sie dringt ihm, unter Drohungen, das Gift ab. 8c. VII. Er höhlt es, und giebt es ihr, nachdem er die Helfte davon zurück behalten. 8c. VIII. Abdallah zu ihnen; er schickt den Ibrahim ab, um das übrige zu besorgen. 8c. IX. Abdallah, Phatime. Sie macht ihm, wegen des Aufgetragenen, bittere Vorwürfe. Er geräth in Wuth. Wirft ihr vor, daß sie das Geheimniß nicht umsonst von dem Ibrahim werde erfahren haben. Geht wüthend ab, ihn aufzusuchen. Mime. >1«>,'. 8c. X. Entschluß der Phatime. Ein Sklave bringt ihr eine Schale > >, nimmt das Gift darum. 8c. X. Abdalla. phatime. >Lm Sklave. Sklave. (Ibrahim läßt es fragen) Was willst du, Herr, daß mit den Gefangenen geschehen soll, die sich auf deinem Schiffe befinde». Abdalla. Er soll sie ermorden. Sklave- Alle? Abdalla- Sie alle! — Und wenn sie und mein Vater dar»» lcr wäre! Phatime. O der Wülrich! Ter Unmensch! Abdalla- Komm wieder, Sklave! — Gieb die Gefangene» frey, Sklave. Alle? Abdalla- Ja, alle gieb sie frey! Und beschenke sie alle. Phatime- Weis er, was er will? — Abdalla. Freylich, weis ich es nicht! Geb, Sklave! Gieb sie frey, ermorde sie; mache was du willst. Geh — 8c. XI. Abdallah. Phatime. Geht ab den Mcrvan zu suchen. 8c. XII. Phatime »iimnt Gist. 8c. XIII. Abdallah. phatime. Zittre nicht, mein Herz, zittre nicht. Es gilt nicht dir, gilt dem Abdallah! 8c. XIV. Sie bringen den Mcrvan gefiihrt. Abdallah. Wo bist du, Vcrräthcr? Mcrvan. Wo ich nicht lange mehr seyn werde. Letzte Scene. Phatime. Wie sreuc ich mich, dich zum Gcfehrlen zu haben. Wir werden Eine» Weg gehen. Wir werden zu einer Zeit vor dem Auge des Propheten erscheine». Ah, er war ein beßrcr Mann, als seine Nachfolger sind! Er wird meine Klage hören; und du, Zbra him, wirst sie unterstützen — — Ah — — Abdallah. Eure Klage! Schon recht. Tcr Beklagte wird mit erscheinen. 604 Fatime. Pharime- Ich sterbe. Ibrahim. Es ist aus. Abvattah. Sie sterbe! Ihre Klage geht au. — Ich höre es, ich werde gefedert. Ich komme. Sie werden mich verklagen, — n»d du, Prophet, mich verdammen. (Er durchsticht sich.) Wir kommen — Euch zu sehn, ist mir sehr lieb, Sehr angenehm. Nichts könnte mir so lieb, Nichts angenehmer seyn, es wäre denn — Euch nicht zu sehn. Wozu auch dieser Zwang? Osmanns Geboth, dir Fürstin seines Herze», Tir, seiner AuSerwähltesten von uns, Mit jedem Morgen unsrer Ehrfurcht Opfer Zu bringen; dir den öden langen Tag (Indeß sein Schwcrd von den Ungläubigen W Den Zoll des Meers in fernen Wäßern hebt) Mit Freundschaft und Gespräch, mit Scherz und Spiel Zu füllen, zu verkürzen: dieß Geboth — Verräth sein Mannsbild! den tyrannischen Kurzsichtigen Gebiethcr! — Nicht genug, Der chmals gleich vertheilten Lieb euch alle, Um eine, zu berauben; soll der einen, Ihr, die sein Eigensinn zur Glücklichsten — (Zur Glücklichsten! wofür ich leider gelte!) Nicht ihr Verdienst zur Besten macht, der einen 20 Soll von euch allen noch gefeyert, noch Geschmeichelt werden? Eifersucht koch: Gift Im citervollen Herzen; erstickter Neid Preßt Gall und Fluch auf die verbißne Zunge.- Und doch soll Honig von den Lippen fließen, lind Scherz und Freundschaft aus den Augen lachen, Die gern des Basilisken Vorrecht übten, Und gern mit jedem Strahl mich tödtcten? Ich kenn euch, Schwestern; denn ich kenne mich. Ihr seyd mir unausstehlich, weil ich euch 30 ES sey» muß; und ich haß euch, denn ich fühl, Fatimc. Ich fühl es, daß ihr mich nicht lieben konnt. Nicht können? Nein, nicht könnt! Fürwahr — Fürwahr, Daß du es wenigstens nicht kannst, das spricht Schon dieser hönsche Ton, schon diese Mine, Die auch den schönsten Mund verzerren würde. Auch deinen? Nicht? Tu irrest dich in mir, Ich könnte dich nicht lieben? Ich nicht? Bloß Daß du so sehr gerecht bist gegen dich Und uns, blos darum könnt ich dich schon lieben, 40 War sonst auch gar nichts licbcnswerth an dir. Fahr nur so fort! Wer heute mich erbittert, Der thut mir einen Dienst. Du kannst so wild Mich schwerlich machen, als ich heut gern wäre. Was ist dir, theure, liebste Busenfrcundinn? Was willst du, theure, liebste Busen — schlänge? Dein sanftes Aug ist blau, dein Herz ist schwarz; Dein Mund kan lächeln, wenn die Zähne knirschen. Harmonische Bezauberungm spricht Die glatte Zunge, spricht Verderben, das 60 Im Hinterhalt des Doppelsinnes laurt. Schweig! Lieber will ich noch von dir gekränkt, Verhöhnet seyn, als liebgekost von dir. Allein Prinzessin — Nannte man dich so, Als dn der Liebling unsers Bassa wärest? O wärst dus noch! Prinzessin, Königin, Wollt ich dich gern beym dritte» Worte nennen, Und tief dabey, tief bis in Staub, mich bücken. Dehn nur den majestätischen Hals, und führ Die großen Augen langsam rund umher! W Im Schwindel deiner vorgcn Höh, der noch Dich nicht vcrlaßcn, mag ich leicht Dir viel zu unwcrth scheinen, diesen Platz Nach dir, Prinzessin, zu bekleiden. Doch 6«)«; Fatime. Ich mag anch nicht mit dir zu messen, zu Vergleichen seyn. Man mißet und vergleicht Nur ähnliches — Spricht keine mehr ein Wort? Ich mag mein Lob nicht hören, ich! Und mini Da stehn sie! Was ist euch beföhle»; Was? Gesellschaft mir zu leisten? stumme? Wenn 7l1 Ich wieder ruhig, wieder kalt soll werden, So würd ichs lieber wohl allein. — O geht! Ich bitt euch, geht! — Was giebt ein Sklav ans Bitten? Ha! Wollt ihr die (5rnicdrignng ertrotzen, Daß eure Rebcnsklavin euch befiehlt? Nun, ich bcfchl euch: geht! — Ihr wißt, wie viel Ich über ihn vermag. Cr kommt nun bald, lind dann! — Gehorcht, wo nicht — Da kriechen sie! So kommt doch nur! ha! ha! Gelacht? Verlacht? Warst du es, Jasfith? Ja! Auftritt II. Bleib hier! D» lachst, 80 Du bist leicht noch die Redlichste. Das bin Ich auch. Bleib hier! Und wann» lachst du? Weil Ich leichtlich lach, und Lachen mir bekömmt. Doch lachst du doch wohl nicht so wie dn gähnst, So wie du Athem hohlst? Ohn äußern Anlaß. Was brachte dich zum Lachen? Darnach fragst du? Das Lächerliche, glaub ich; denn das macht Au lachen. Und wo war das Lächerliche? An euch? an mir? Laß sehn! Es war doch wohl KlconuiS. 507 An — dir! An mir ? Was dünket dich, Fatime? 90 War nicht ein kleines, schwaches, weißes Täubchen Mit großen scharffen Uhnhsklancn, mit Gekrümmtem spitzem Adlcrschnabcl, wär > So ein Geschöpf der wilden Phantasie Des Mahlers, in der weiseren Natur Sin Unding, wohl nicht ein Geschöpf zum Lachen l? Nun denn? Erkennst du dich, mein Täubchen, mein Verstelltes Täubchen? Oder willst dn auch, So wie die wahre Taube vor dem Spiegel, Dich gegen dein getreues Abbild sträuben, 100 Und mit dem kleineu Schnabel darnach hacken? Die närrischen Gesichter! Ich muß lache». Denn jede, wett ich, sitzet nun zu Wiuckcl, Wägt deinen Zorn und zittert kindischer, Als du gedroht. Dein Zorn! Du zornig? Du? Dein Zorn ist Laune; launisch kanst du sey», Nicht zornig, lind dein Drohn! Die Nachtigall, Sie will ans ihrer kleinen Kehle donnern. Wer drohen will, muß Groll zu hegen wißcn. Und weißt du das? Dir steht das Drohen, so 110 Wie mir das Wciuen. Kanst du gar nicht weinen? Nein, aber auch nicht — weinen sehn. Du weinst? K l e o n n i s. Ein Trauerspiel in fünf Auszügen. Personen. Anphaes, der Vater. König der Messcnicr. Lleonnis, sein Sohn, der bey der Plünderung von Anipbca wcg> gekommen und unter dem Namen Mclaucus (n^an^) j,, dem Stücke vorkommt. (Oder Theres (s-i«-«?). 608 Kleonnis. Doryssus. Sohn des Theopoinplis, Königs der Laccdämouicr. P)?th«r«tns (Tcuiarat). Der zweyte Sohn des Euphacs. Der aber lieber nicht zum Vorschein kommen darf. Aristodemus. Sin Feldherr des Euphacs. Tisis der Prophet. Melanthus. Ein andrer Feldherr des Euphaes. Ein Soldat. In seinem Collektancenbuche S. 232: Das Lemma zu dieser meiner Tragödie (Kleonnis) in Ansehung des Hauptcharakters, des Vaters nehmlich, könnte seyn, was OvidiuS von dem Ajax sagt: — — sM lvri'llm, iAnomk^uo ^ovemczuv 8llstiuuit, unam nmi l'ul'tiiiet iiam. Inviotumc^uo viinm vinoit cloloi'. —°) Personen. Euphacs. König der Messcnicr. Aristodemus. i ^.^..„ c Freunde und Feldherren des Euphacs. Philaus. ^ Doryssus. i „ s gcsangcnc Spartaner. Teiles. ^ Tisls, ein Prophet. Erster Aufzug. ». . c>, Erster Auftritt. Ellphacs allein, und hernach die Wache. SuphacS. Die träge Zeit! Kein Jahr ward mir so laug, Als dieser Morgen. He, Soldat! Die Wache. Befiehl! Euphacs. Noch nicht zurück? Die Wache. Wer? °) Noch andre Notizen von Lcssings Hand, meist aus Pausanias, hat sein Bruder im thcatral. Nachlaß il, S. tX ff., in deutscher Ucbcrschung gegeben. Kleonnis. 50!) Euphaes. Träumcr! fragst du, wcr? Mein Sohii l»id sein Geschwader. Die Wache. König, nein! Es war schon Tag, da brachen sie erst auf. Enphaes. Erst! — Geh! — Daß die Natur zum Nater mich Mehr, als zum König schuf! Manns zwar genug Für dich, mein Volk, an jeder Ader gern Zu bluten; mir nicht HcldS genug, für dich 10 In meinem Sohne — theurer einzger Sohn! — — Zu bluten. Einzger! — Ach einst war er nicht Der einzige! Nebst ihm war einst — Zurück Gedanke voller Quaal! Isis nicht genug, Für einen zittern, wenn ich nicht zugleich Auch um den andern weine? — Weine? Ja! Ich wein ans Wuth; aus Wuth, die Thränen liebt, Bis sie befriedigt höhnisch lächeln kann. Noch kann ichs nicht! Denn noch siegt Sparta! Noch Ist mein entvölkert Land ein leichter Raub 20 Der Unterdrücker! Noch gebiet ich hier, Hier auf Jthomens raucn Felsen, hier, Ins zwölfte Jahr von überlegner Macht, Die besser schlau und kalt zu trotzen, als Zu fechten weis, umsetzt; — gebiet ich — Wem? Zwar einer Handvoll frommer Helden; doch Sind Helden Götter? O Messenier! (Beschützt vom Recht; bekriegt von Hunger, Pest,) Das Recht und wir! Wir; gegen Hunger, Pest Und Feind und Götter. Götter wären wir, Wenn wir noch siegten; beßre Götter, als 30 Die ungerechten — Unsinn! Raserey! Ersticke Lästerung! Empörer! Staub! Bin ich ein Hcraklide? Bin ichs? — Wenn Hat Herkules — Sich nicht im Zorn auf mich Herab, du meines Bluts vergötterter 510 Kleonnis. Quell! Wenn hast du, der du im ruhigsten Der Augenblicke deines Lebens, mehr, Unendlich inehr, mehr thatst, mehr littst, als ich In Jahren nicht gelitten und gethan, Nicht thun, nicht leiden werde; wenn hast du 10 Ein rasches Wort des Murrens dir vergönnt? Und ich dein schlechter Enkel murre? — Ha, Philäns! Zweyter Auftritt. Euphaes. Philäus. Enphaes. Komm! Du bist der glückliche, Gewünschte Böthe doch? Mein Sohn ist da? Wo ist er? Sprich! Du schweigst? Verwundet? Todt? Er ists! Die Ahndung — Philäus. Werde nimmer wahr! Sey ruhig, Herr! Sey ruhig. Siegen ist Kein Werk des Augenblicks. Noch kann er nicht, Dein junger, kühner Demarat, den Feind Gesucht, gefunden, angegriffen und 50 Geschlagen haben. Euphaes. Daß ich ihn so leicht Aus meinen Augen ließ! Zu stürmschcr Jüngling, nur Noch wcnig Tage, dann hätt ich dich selbst In ersten Kampf, jur Probe deines Muths, Begleiten können! — Schande! — Wenn nunmehr Der junge Leu aus seiner Höhle tritt, Wer führt ihn an? Wer lehret ihn dem Bär Die neuen Klanen, unversucht doch kek, In Nacken schlagen, und den Tygcr an Der Gnrgel fassen? Ists der alte Leu 60 Nicht selbst? lind ich, beschimpfter Vater! Ich-- Philäus. Herr, Deine Wunden bindern-- Klconnis, Euphacs. Warum sind Des Kriegers Wunden nicht so bald geheilt, ZllS bald sein Muth nach neuen durstet! Schon Der ncmite Tag, daß der zerschmetterte Vcrtheidgungsarm des schweren Schilds entwöhnt lind die vom Speer durchstc-chne Seite nicht Den Panzer leiden will! Der neunte Tag! Zu viel der aufgcdrungncn Last! Zu viel Auf eine Schlacht, die dennoch--Hätte mir 7V Ein holdcrS Schicksal diese Wunden bis Anr letzten tödtlichcn geborgt! Wie gern Wollt ich alsdann, ich ganz Gefühl, ganz Schmer; Für eine sieben blntc»; wenn ich heut Nur, meiner Glieder Herr, und meines SohnS Gefährte wäre! Meines SohnS! — Vielleicht Daß eben jetzt-- Philäns. Nun reißt sie zicgclloS, Die kranke Phantasie, ihn fort! Mich schmerzt Der Zärtliche — Euphacs. Des Todes kalter Schaur Durchläuft mich; starrendes Entsetze» sträubt 80 Das wilde Haar zu Berge — Philäus. Höre mich! EuphaeS. Dich hören? Kann ich? — Sieh! Er ist umringt Wo nunmehr durch? Sich Wege hauen, Kind, Erfordert andre Nerven! Wage nichts! Doch wag es! Hinter dich! Bedecke schnell Die offne Lende! Hoch das Schild! — Umsonst! In diesem Streiche rauscht der Tod auf ihn Herab. Erbarmuug, Götter! — Ströme Bluts Entschießcn der gespaltncn Stirn; er wankt; 612 Klconnis. Er fällt; cr stirbt! — Und ungerächct? Nein. 90 Philäus fort! Ich kenn den Mörder! Komm! Philäus. Wenn wird die kalte, ruhige Vernunft Die sanfte Stimm erheben dürfe»? Ich Dein Unterthan, doch jetzo mehr dein Freund, Weil leicht den tadclsüchtgcn Unterthan Des Königs Schwachheit ärgert. — Ich, dein Freund, Der dein zur Liebe so geschaffnes Herz Zu schätzen weis, verlange — EuphaeS. WaS du willst! Nur das verlange nicht, zu strenger Freund, Daß auf der Furcht und Hoffnung Wogen ich 100 Mich uncrschüttcrt halten soll. Philäus. Das nicht! Doch wanns in deinem mächtgcrn Willen steht, Daß diese Wogen, dieser innre Sturm Sich folgsam legt; dann kann ich doch von dir Verlangen, nicht dein eigner Peiniger Zu seyn? öuvhacs. Mein eigner Pciniger? Philäus. Gewiß! Jetzt wäge sie, die Gründe deiner Furcht Mit deiner Hoffnung Gründen ab! Wie leicht Steigt jene Schaal empor! Wie schwer drückt die Hernieder! Euphacs. Wann cr bleibt, wann ihn so jung-- Philäus. 110 So jung? Wen liebt das Glück vcrbuhlter, als Den dreisten und von seiner Tücke noch Unabgcschreckten Jüngling? Kleonnis. Euphacs. Nein; das Glück Ist mir zu fcind; zu feind, als daß es mich Im Sohne lieben sollte. Philäus. Finstrer Wahn! Das Glück ist treulos, um das Glück zu seyn, Und nicht uns zu verfolgen. Doch gesetzt: Es hasse dich, dich mehr als andre. Sprich! Ist das der Fall, die Wirkung seines Grolls Zu fürchten? Wer begleitet ihn? Wer ists, 120 In dessen Schirm, als unterm breiten Schutz Der göttlichen Aegide, Dcmarat Jetzt ficht, jetzt siegt? Ists nicht Aristodem? EuphaeS. Wen nennst du mir? O wär ers nicht! Er nicht! Philäus. So macht dich deine Furcht auch ungerecht? Das geht zu weit! — Herr! an der Tapferkeit lind Treu Aristodcms verzweifeln, ist Beleidigung der Tugend! Wen von uns Fürcht der Spartaner mehr als ihn? Dich selbst Richt ausgenommen. Dich; sein Schrecken, sein 130 Verderben! Wie ein Wetterstrahl, mit dem Der Donner Felsen spaltet, so brachst du In seinen eisern Phalanx ein; dein Schwerd Fraß ganze Reihen. Endlich von der Zahl Unschimpflich übermannt, da du, mit dir Messenens Heil zu sinken drohte: wer, Wer drang dir nach? Wer hielt rnnd um dich her Der Rachsucht wilden Wirbel ab? Wer lud Dich auf atlantfche Schultern, theure Last, Und trug dich hoch durch den erstaunten Feind 140 Hindurch? — Das that Aristodem! Da sah Der Feind, mit grimmiger Bewundrung, starr Ihm nach! Die Wunder, Herr, die er für dich Lessings Werke II. ZZ 14 Kleonnts. Gethan, die kann er auch für deinen Sohn Thun. — Stammt er nicht vom Herkules, wie du Euphaes. Hör auf! Wenn rief ich seine Tapferkeit In Zweifel? eben diese Tapferkeit Die isis vor der ich zittre. So wie sie Dem Tode trotzt, soll jeder neben ihr Dem Tode trotzen. Weniger, als sie 16V Zu leisten wagt, soll niemand leisten. Ihr Ist Dcmarat nicht der geliebte Sohn TcS jammernden, vcrwaystcn Vaters; ihr Ist Dcmarat, Soldat, und weiter nichts! — Wie anders? Denn waS weis Slristodcm Von jenen zartcrn, bessern, mcnschlichcrn Empfindungen? Der sanften Macht des Bluts? Dem fußen Recht der Sympathie? Er? Er? Der kalte Mörder seiner Tochter. PhiläuS. Sprich: Der Tochter frommer Opfrcr. DaS Geboth 160 Des deutlichen Orakels — Euphacs. Das Geboth Der deutlichen Natur war älter! — Ich Unglücklicher! Dem, der so wenig weis Was Batcr ist, dem meinen Sohn vertraun-! Philaus. Herr! TisiS kömmt nnS näher. Fasse dich, Und ruf geschwind die heitre Majestät Zurück in deine Mine. Euphaes. Tisis! Was Will Tisis? Der prophetsche Tisis! PhiläuS. Jetzt Richt TisiS, der Prophet. Kein Purpur fließt Ihm von der Schulter ab; kein Lorbeer gränjt Das Horoscop. 615 170 Das braune Haar; kein goldner Scepter blitzt Aus seiner Rechte. Sieh! Er tritt einher . Im Panzer und im offnen Helme; ganz Der Krieger! Dritter Auftritt. Tisis. Euphacs. Philaus. TisiS. König!....... Dein Heer hört Mitleids voll die bange Furcht Der väterlichen Liebe. Uns so wohl Als dir, verweilt dein Sohn zu lange. Nur Ein Wort, so eilt mit mir ein fcrtgcr Trupp Der Tapferste» ihm nach. Diß ists, warum Ich kam. EuphaeS. Messcnicr! O bestes Volk, Der Menschen und der Griechen würdigstes! Der Horoscop. Petrus Opalinski. Palatin vo» Podolim. Lucas Opalinski. dessen Sohn; Castclla» von Crcssici. Anna Massalska. Unter dem Petrus Opalinski waren die Tartarn in Podolicn eingefallen, die Lucas bey Cresstci schlug. Bey der Verfolgung derselben befreyte Petrus die Anna Massalska, welche die Tartarn ans Lcm- berg mit weggeschleppt hatten. Oder vielmcbr Anna Massalska war einem Tartarischcn Murscn nicht ungern gefolgt; welcher sich mit gutem Willen selbst gefangen nehmen ließ, um seine geliebte Massalska, die in der Pohlen Hände wieder gefallen war, nicht aus den Augen zu verlieren. Sobald Petrus die Massalska sahe, ward er sterblich in sie verliebt, welche Liebe er in jedem Blicke, den er auf sie warf, verrieth. Auch auf den LucaS hatte Massalska Eindruck gemacht, und er wünschte sehr, daß ihm diese Beute geworden wäre. Nnn war dem Petrus, dem Vater, von einem Astrologen, den er über das Schicksal seines einzigen Sohnes um Rath fragte, vorher- 33" i-F 616 DaS Horoscop. gesagt worden, daß dieser Sohn, dieser LucaS, zwar ein braver Mann werden,'und sich um sein Vaterland höchst verdient machen, hierauf aber auch an ihm selbst, dem Vater, zum Mörder werden würde. Die Worte, in welchen der Astrolog das Horoscop abgefaßt hatte, waren: Ilov tomporis momento natus vii' koi'kis kuturu5 ekt, lleinäs parri- oicla; die der Vater dem Sohne, bis auf das äolndc, oft selbst vorgesagt hatte, um ihn mit Zuversicht auf sich selbst in allen seinen krie- grischcn Unternehmungen zu erfüllen. So lange sich Lucas noch eben durch keine sonderbare Thaten hervorthun können, schwebte ihm nur die erste Hälfte seines Horoscops, vir lorti8 kukurus etk, vor den Augen. Kaum aber schien er sich durch den Sieg über die Tartarn auf die höchste Stufe seines Ruhmes gestiegen zu seyn; kaum schien ihm von dieser Seite die erste Hälfte seines Horoscops erfüllt: als ihm das äeinäe einfiel, bey welchem sein Vater sich allezeit unterbrochen. Er sehnte sich unendlich nun auch den übrigen Rest seines Horoscops zu erfahren; und weil er aus dem, daß ihm sein Vater denselben beständig verschwieg, schliessen zu müssen glaubte, daß er höchst nachtheilig seyn müsse: so fehlte nicht viel, daß er äußerst tiefsinnig darüber geworden wäre. Indeß hatte Peters Gemahlin, und Lucas Mutter, Marina Opa- linska, wohl bemerkt, welchen Eindruck Anna auf Pctern gemacht habe, ob er schon nichts anders dabey dachte, als wie er sie seinem Sohne zufreuen möge. Sie fürchtete sein ganzes Herz darüber zu verlieren, und war also auf den Einfall gekommen, dieser ihr, wie sie glaubte, so gefährlichen Liebe alle mögliche Hinderung in den Weg zu legen, in welcher Absicht sie ihrem Sohne selbst die Anna gewaltig anprieß, und ihm unter den Fuß gab, sie als die einzige annehmliche Belohnung für seine Heldenthaten von dem geretteten Königreiche zu verlangen. Ja, als LucaS dazu kein Gehör zu haben scheinet, und in seiner ganzen Seele der einzige Gedanke des verschwiegenen äeinäo herrscht: verspricht ihm die Mutter das vollständige Horoscop zu schaffen, um ihn hierüber zu beruhigen. Die Mutter hält auch wirklich Wort, und er liefet das schreckliche pgriioiäa. Was bey diesem Worte in ihm vorgeht, ist zu ermessen: so wie in dem Stücke selbst der weitere Erfolg davon zu vernehmen. Das Horosccp. 617 Peter Opalinski. Palatin von Podolien. Arete Gpalinska/ scinc Gemahlin. Lucas Opalinski/ deren Sohn und Castcllan von Crcssici. Anna Massalska. Zuzi. Sultan «Galga. Amru. Ein Murse. Tonnor. Ein Englischer Arzt. ^ck. I. 8c. I. Vor dem Pallaste der Opalinski. Zuzi und Amru. Amru erkennt den Fuji, der sich frcywillig gefangen nehmen lassen, und sich für keinen Tartar, sondern für einen wieder befreyten Poh- len ausgiebt. Zuzi entdeckt sich ihm endlich, und Amru sagt ihm, daß er in der Theilung dem Leibärzte des Opalinski zugefallen, der bey dem allgemeinen Anfgebothe Muth genug gehabt, die Waffen mit zu ergrcifsen. Dieses giebt Gelegenheit, auf den jungen Opalinski zu kommen. Indem kommt der Arzt Connor 8c. II. aus dem Pallaste, und Zuzi entfernt sich. Amru und Connor. Man erfährt, wie es um den kranken Lucas sieht; daß er beständig dein- ceps im Munde habe, und melancholisch zu seyn scheine. Connor geht ab, nach andern Patienten. 8c. III. Worauf Zuzi wieder kömmt und das Gespräch zwischen Zuzi und Amru fortfährt. 8c. IV. Im Pallast der Opalinski, und in einem Zimmer des kranken Opalinski. Peter und Lucas. Lucas, der seinem Vater mit aller Gewalt das Geheimniß ablocken oder abbringen will. Der Vater geht ab, um diesem Anhalten nicht länger ausgesetzt zu seyn. Der Vater beugt der kommenden Arete aus. 8c. V. Arete Gpalinska. Lucas. Arete preiset ihrem Sohne die Anna an, und sähe gern, daß er sich näher mit ihr verbinde; es sey auf die eine oder auf die andre Art. Lucas weigert sich. Arete, die vcrschiedue Ursachen davon ver- 618 Das Horoscop. muthet, berührt verschiedne nach der Reihe, z. E. daß sie in den Händen der Tartarn gewesen. Lucas leugnet diese alle ab. Und da er ihr doch nur wenigstens die Ursache gcstchn soll, sagt er, daß seine Besorgung wegen des lielrioeps ihn unfähig mache, ans etwas anders zu denken. Sie versichert ihn darüber zu beruhigen, und ihm das versiegelte Horoscop, von dem sie wisse wo cS liege, zu schicken. ^ct. II. 8c. I. Lucas bekömmt das versiegelte Horoscop, erbricht und liest es und erschrickt. 8c. II. Der Arzt. Lucas. Jener findet seinen Kranken äußerst alterirt. Lucas leitet das Gespräch auf die Prophezeyungen, und was ihm der Arzt darüber sagt, macht den Lucas noch unruhiger. Er räth ihm, sich zur Ader zu lassen, und fuhrt den LucaS ab. 8c. III. In einem Zimmer des Peter Opalinski. Peter und Anna. Anna ist in beständiger Schwermut!); und Peter sucht sie aufzuheitern. Mau erfährt, daß sie für ihren Vater und ihre Brüder in Sorgen steht, nachdem sie ihrem Zuzi entrissen worden. 8c. IV. Der Arzt und die vorigen. Der Arzt hinterbringt dem Vater, daß er um den Kranken immer bekümmerter werde. Seine Schwermut!) nehme zu, und er rathe, daß man ihn so wenig als möglich allein lasse. Der Vater geht ab, um selbst ein Auge auf ihn zu haben. 8c. V. Der Arzt sagt Annen, was er von seinem Gefangnen, dieser von einem eben itzt eingebrachten Tartar gehört: daß die ihrigen noch alle wohl und am Leben. Sie ist begierig diesen Tartar zu sprechen; und der Arzt verspricht ihn zu schicken. ^ct. III. 8c. I. Ainru und Zuzi. Vorzimmer der Anna. Anna kömmt und Amru entfernt sich. . ^ ^ Das Horoscop. 619 8c. II. Zuzi und Anna. Er erinnert sie an ihr gegebnes Wort und an die Pfänder ihrer Treue, die er in Händen habe. Die freye Anna wiederholt ihm das Verspreche», das ihm die gefangne Anna wider Willen gegeben zu ha- bcn scheinen konnte, (gehn ab) 8c. III. In dem Zimmer des LucaS. Peter. Der Arzt/ und Bediente des Lucas. Peter erkundiget sich bey dem Arzt und den Bedienten nach LucaS, der in dem Cabinete sitzt, wo er sich zur Ader gelassen. Peter erinnert sich, daß man dieses Cabinet von einer andern Seite beobachten könne, wohin er sich begiebt. 8c. IV. Lucas/ der sich die Adern aufrcisscn und sich verbluten will. Indem erinnert er sich an sein Feuerrohr, das in dieser Zeit erfunden war. Er weis es geladen, und will sich erschießen. 8c. V. Hierüber bricht plötzlich sein Vater aus dem Gemach, und will es ihm aus den Händen reißen. Das Gewehr geht los, und trift den Vater. Der Vater fällt, und das ganze HauS kömmt zu Hülfe. ^ck. IV. 8c. I. Der Arzt. Lucas. Der Arzt will den LucaS beruhigen, und freut sich, ihn so beruhiget zu finden. Sie gehn zu dem verwundeten Vater, dessen Umstände ihm der Arzt sehr erfreulich schildert. 8c. II. Das Zimmer des alten OpalinSki. Arete und Peter. Er will Aretcn keine Vorwürffe machen, daß sie dem Lucas das Horoscop gegeben. Er empfiehlt ihr Annen: und entdeckt ihr, was er für Absichten mit ihr und seinem Sohne gehabt habe. 8c. III. Lucas und die Vorigen. Um dem verwundeten Vater das Reden z» ersparen, sagt er selbst alles, was ihm jener vielleicht sagen könnte. Er versichert ihn, daß Z20 . Das Horoscop. er ruhig und gelassen sey; auch selbst wenn mit dem Vater das Aeu- ßerste geschehen sollte. 8e. IV. Amru und Zuzi. Alles ist in dem Pallaste in der äußersten Bestürzung; und sie glauben, sich dein Zimmer der Anna nahen zu dürfen. 8c. V. Anna kömmt, von der sich alles entfernt hat, und will sich selbst »ach dem Alten erkundigen. Sie erblickt den Zuzi, dem sie mit kurzen Worten ihre Zusage wicderhohlt und ihn fortschickt. 8c. VI. Lucas. Anna. 8c. VII. Zu ihnen Arete, die nun schon gegen Annen ganz anders gesinnt ist, und gern verhüten möchte, daß sich LucaS mit Annen nicht zu vertraut mache. 8c. VIII. Arete und Lucas. Arete sagt ihm kurz und gut, was man von ihm argwohnen würde, wenn der Vater stürbe und er um Annen werbe; daß er seinen Vater vorschlich aus dem Wege geschaft. 8c. IX. Dieses fallt dem Lucas auf, und er bleibt bey seinem Vorsätze zu sterben. ä.ct. V. 8c. I. (Vorher ein paar Scenen im Pallast, wo man den Tod des Peter erfährt.) Lucas in einer bergichten Gegend. Er ist früh aufgestanden, und sucht den Abgrnnd, in welchem er bey der Schlacht sein Leben verloren, mit sammt seinem Pferde, wenn es noch einen einzigen Sprung gethan hätte. 8c. II. Zuzi und Anna, die entflohen sind. 8c. III. Zu ihnen Lucas. Lucas erkennt Annen: erregt dem Zuzi Händel, und fällt in sein Schwcrd und stirbt. Das Horoscop. 621 8c. I. Amru «nd Ziizi. Die Scene ist vor dem Pallaste der Opalinski. Jener von der einen, und dieser von der andern Seite. Amru, indem er den Zuzi erblickt, erstaunt- Der nehmliche! Vollkommen wie er gestern Hier ebenfalls herum sich trieb! Er ists, Er ists, gewiß! Ich ruf ihn an. Zuzi! — Er thut als hör er nicht! — Zuzi! Er kehrt Sich von der Stimme; wirft zerstreute Blick' Ins Weite; fängt die Feueressen an Zu zählen. Recht! So macht mans allerdings, Wenn man nicht hören will. — Er soll, er muß Mich aber hören (Er geht auf ihn zu, und Zuzi, der ihn nicht anders als sehen kann, blickt ihm fremd und gleichgültig ins Gesicht.) Zuzi. Ru? Amru. Ja! wenn er mich 10 Im Ernst nicht hört, nicht hören will; so hab' Ich freylich mich betrogen. Nur nicht erst Seit heut und gestern — (sachte) Zuzi! Sultan Golga! Zuzi. Nu? Eilt das mir? Amru. Nicht? wahrlich nicht? So nehmts Nicht übel (kehrt ihm nochmals den Rücken) Zuzi. Freund, ihr seyd — ja wohl ein Tartar? A m r u. Ihr nicht? Ihr nicht? — So nach als Zuzi jungst Im Treffen blieb, stahl sich ein böser Geist In seinen Leichnam? warf ein pohlnisches Gewand um die zerfetzten Glieder? und 20 Will Freund und Feind zum Besten haben? Zuzi. Ich Versteh euch nicht. A22 Das Horoscop, A in r u. Was also plaudern wir? Lebt wohl! (will gehn) Zuji. Bleib Aiiirn! — Denn der bist du doch? — Amru (ärgerlich) Ich sagte lieber, nein! Znji. So? Dich zu rächen? Das kannst du doppelt, wenn du deiner ScitS Nun mich nicht kennen willst, sobald du mein Geschäft an diesem Ort, in dieser Tracht Vernimmst. A mrii. Das ist? — Was kann es anders seyn, Als unsre Schande wieder gut zu machen? 30 ZllS abzusehen, wie am sichersten Den stolzen Pohlcn wieder beyzukommen? Zuzi. Das sollt' es freylich seyn, mein iczigcS Geschäft — Amru. Und ist? Zuzi. lind ist ein Mädchen, A i» r u. Dacht Ichs doch! Spartacus. Aus der erzchlung des FloruS (IIIi. 3. eap. 20.) kann ich wenig oder nichts brauchen. Er spricht mit einer Verachtung von meinem Helden, die fast lächerlich-ist; und hält den Krieg, den die Römer gegen ihn fuhren müssen, noch für weit unrühmlicher, als die vorhergehenden Kriege mit den Sklaven. Denn Sklaven, sagt er, sind doch wenigstens eine zweyte Gattung von Menschen, quali lvoumwm SpartacuS. 523 Iwminum tullt. Aber Fechter! zu blutigen Spektakeln Verdammte. Auch macht er von dem SpartacuS eine schlechte Idee, wenn es wahr ist, daß er auf diese Art zum Fechter verdammt worden: cle ttipoMiario Hn-aes iniles, äo inilito clolertor, iuüv latio, lloiiiclo iu Iionore viiiuin Alaäiator. Mein Spartacns muß das nicht selbst gethan haben, was Florus von ihm sagt: tlelunoloi'um piaelio lluoum j'uner!» impeiakoiiis oelel>ravlt vxo^lliis, eaptivosc^uo oirea roßurn jullit »vmi8 clv^u- gnare. Er muß es nur nicht haben verhindern können. Crixus muß es veranstaltet und gewollt haben. Die inkiAnia und talees, die er von den Prätoren erbeutet, und die ihm seine Soldaten übertragen, kan ich ihm brauchen lassen. Aber nicht sowohl aus Stolz und Verhönung der Römer: sondern zu Schützling und Heiligung seiner Person in Steurung der Ausschweifungen und Grausamkeiten des gemeinen Mannes. Er kaun sogar damit in dem Lager des CrassuS erscheinen: und Crasso, der darüber empfindlich ist, mit wcuigem sagen, welchen heilsamen Gebrauch er für die Römer selbst oft davon gemacht. Crassus. Ich bewundere deine Bescheidenheit, Spartacns — Doch einen Lictor weniger als ich — Spttrtacus. Weil wir ein Beil weniger von dem Cajus CassiuS erbeutet — Nicht weil ich bescheiden bin. — Hätten wir ein Beil mehr erbeutet: :c. Doch dieses ist vielmehr geringern Personen in den Mund zu legen. — Lrassus. Man kann annehmen, daß er sich zum Kriege gegen den Spartacns aus einer eigenen Ursache drang. Bey seinem schändlichen Geitze hielt er seine Sklaven für seinen größten Reichthum, und wußte mit ihnen mehr wie mit allem andern zu wuchern. Er hatte, wie Plutarch sagt, unter ihnen so viele und so vortrcfliche ^oo-o^on? 'rmo'v^o'll? Icotoi'es ^-cc>zitz«cs>-t? amanuonses a^)>utzoz,vi-i,u,ova? iN'ALlliar'ios ölo-,x-^«5 llisriellSittores ?tz«^k^c>xo^i,o^? sti'uetores die er zum Theil selbst abgerichtet hatte. Er wußte also am besten, was ein Sklave werth war, nnd wie viel die Römer durch sie verlören, 624 Spartacus. Dieses kann ich zugleich für die Ursache angeben, warum er sich in keinen Vergleich mit dem Spartacus einlassen wollen. Denn Ap- pianuS sagt ausdrücklich, daß Spartacus o-u^Z^««? -wv Ktz-xo-o-ov -rho-ux«^ro; und man kann annehmen, daß die Bedingung ihre gänz- liche Freyheit gewesen. Diese verwarf er; ob ihm gleich Spartacus versichert, daß er sich nicht Rechnung machen dürfe, viele gefangen zu bekommen. Crassus hat einen Waffenstillstand mit dem Spartacus gemacht, nnter dem Verwände Vcrhaltuugsbefehle von Nom über seine Vorschläge einzuhohlen. Aber er greift ihn an, ehe dieser zu Ende; um dem Pompejus zuvorzukommen. Ich erdichte, daß Crassus ehedem eine Frau ans Lucanien gehabt, von der er sich aber scheiden lassen, um eine reichere zu hcyrathen. Die Geschiedene hat von ihm eine Tochter, welche in den Händen des Spartacus ist. Oe Llgciigtoribus ex sermonibus Lsturnglibus ^n'pli. Ouplex tnille iiiter Ala6ii»tores, coact»« et nokun/a^i'o«. <üoavti tervi, üsmnati, esptivi. Voluntaiü, liberi. cxul pretio te aääieeliant. Ili poktremi propris auetorsti Zieti. — ^uctoramen- turn pretium iplnin et morees. ^«cioi'atio liberi, juramento tolglini interpol'ito Lebst, (^uoä juigmentiun ett a^ucl l^etroruum — uri, viaciri, veiderari, kei'- roc^ue neesri — Das letzte entscheidende Treffen zwischen dem Spartacus und Crassus, war in Lucanien, aü eaput Siläri, welcher Fluß ohngcfchr bey poteritia, (itzt Potcnza) entspringt. Andre an dem Fluße und daherum liegende Städte sind ^terrinm..... Der Silarus fließt in das Tyrhenische Meer. Von der andern Seite fließt der Lraäamis in den Tarentinischen Meerbusen. PompejuS kann bereits am Vultur, dem Gebirge in Apulien, angelangt seyn; und Crassus kann ein Theil seines Heeres über den Bradanus geschickt haben, um den Spartacus von Tarentum und Brundisium, das ist, von Calabrien abzuschneiden: so daß Spartacus gezwungen ist, zu schlagen. Spartacus. 625 Bey den Göttern — bey Gott! Du bist Ein außerordentlicher Mann! Das bist du, Spartacus! Spartacus. Da seht, wie weit ihr seyd, ihr Römer! daß Ihr einen schlichten, simpeln Menschen müßt Für einen außerordentlichen Mann erkennen. Ich bin sehr stolz; und dennoch überzeugt, Daß ich kein beßrer Mensch bin, als wie sie die Natur Zu hundert — täglich, stündlich, ans den Händen wirft. Spartacns. Sollte sich der Mensch nicht einer Freyheit schämen, Die es verlangt, daß er Menschen zu Sklaven habe? Der Consul. Ich höre, du vhilosophirst, Spartacus. Spartacus. Was ist das? du philosophirst? — Doch ich erinnre mich — Ihr habt den Menschenverstand In die Schule verwiesen, um ihn lächerlich machen zu können — Wo du nicht willst, daß ich Philosophiren soll — Philosophiren — es macht mich lachen — Nun gut! Wir wollen fechten — Lebewohl — Auf Wiedersehen — wo der Kampf am hitzigsten wird seyn! Des Spartacus gewesener Herr, welcher den Consul unterbricht, um nachdrücklicher, wie er glaubt, zu reden. Du kennst mich? Spartacus. Wer bist du? Der Herr. Wie? deinen Herrn verleugnest du? willst du nicht kennen? Spartacus. Laß es gut seyn, Pompejus, daß ich dich nicht kennen will! Der Herr. Räuber. Spartacus. Räuber? Z2K Der Schlaftrunk. Der Herr. Des Kostbarsten, was ich gehabt. Spartacus. Der Punkt betrift nur uns zwey! davon unter uns allein: hernach — Laß itzt den Consul sprechen — Der Schlaftrunk. Ein Lustspiel in drey Auszügen. *) Personen. Samuel Richard. 1 Brüder. Philipp Richard- ^ Charlotte. Nichte derselben. ZZerthold. 1 Binder des Bcrthold. Äueinde- ^ Finette. Mädchen der Charlotte. Anton. Bedienter des Samuel. Hausknecht, des Samuel. °) „Die Entstehung dieser Komödie ist sonderbar genug. Mein Bruder machte dazu schon 1766., als er noch in Berlin war, den erste» Entwurf. In einer Gesellschaft guter Freunde, wo er und Herr Professor Rammler auch waren, kam die Rede auf die Stoffe, welche zu einer Komödie am besten paßten. Mein Bruder bchauptrte, man könne aus allem eine Komödie oder Tragödie machen, indem es mehr auf die Bearbeitung des Stoffs, als auf den Stoff selbst ankäme. Der Stoff wäre nur arm, wenn es der Dichter wäre. Dieses schien der Gesellschaft etwas paradox, und Herr Professor Rammler fragte ihn, ob er es selbst mit der That beweisen wollte. Warum nicht/ erwiederte mein Bruder. Nun, so mache» Sie, versetzte jener, ein Lustspiel, wo ei» Schlaftrunk die Katastrophe ist, und bcucnneu es darnach. Die ganze Gesellschaft billigte es cuumithiglich, und mein Bruder versprachs. So gicug mau auseinander. Deu ersten Morgen drauf fleug er auch gleich an, und damit er durch nichts gestört wurde, arbeitete er im Bette. Nach einigen Tagen war er mit dem Plane fertig, und wollte sich eben an die Ausarbeitung machen, als er den Vorschlag nach Hamburg zum Theater erhielt und annahm. Nachdem er dort angelangt, nahm er auch dieses Stück wieder vor, ließ 1767. drey Bogen, nehmlich bis zum 7tcn Auftritt des 2tcu Akts S. 551. „Er ein Zunggcscll, du eine Junggcsclliu; er „ein alter Zunggcsrll", drucken, und zwar in der Druckercv, die er zu Ham- Der Schlaftrunk. 627 Erster Aufzug. Erster Austritt. Samuel Richard. Charlotte- (Scene/ eine Wohnstube; wo Richard, in einem Lchnsiuhle, vor einem Schreiber-Ulke sitzt, und durch die Brille in einem Folianten") liefet. Charlotte sitzt am Fenster, auf einem Tabnrct, und macht Knvlchcn.) Charlotte. Lcgcn Sie doch das Buch weg, lieber Onkel — S. Richard, (indem er immer forlllesct) Warum den», Lottchcn? Charlotte- Der Besuch wird gleich da seyn. S. RickarS. Zch muß erst die Geschichte ^) auslcscn. Charlotte. Sie schwächen sich ja nur Zhrc Augen noch mehr. S. Richard. Du hast wohl Recht. Charlotte. Und strengen Ihr Gedächtniß an. S. Richard. Es ist wohl wahr. Charlotte- Da Ihnen Ihr Gedächtniß ohnehin so sehr ablegt. S. Richard, (indem er die Brille abnimmt, und das Buch zumacht.) Nein, Lottchen, nein, das sage nicht. Mein Gedächtniß ist noch recht sehr gut. Zch wollte dir wohl die Geschichte, die ich ,'tzt gelesen habe, von Wort zu Wort wieder crzchlcn. Leg deine Arbeit weg, und höre mir zu. — Es war einmal ein König von Frankreich — nein, ein König von England war cs — ja, ein König von England, der führte einen schweren Krieg wider die Mohren — wider die Mohren — Sagte ich bürg mit seinem Freunde, Herrn Boden, gemeinschaftlich besaß. Allein er hatte von seinem Mannscripte ein Blatt verlegt, oder vielmehr verloren, und darüber gcrieth die Sache ins Stecken. Die Druckcrcv erhielt 1768. eine neue Sorte Papvier aus Italic»; er ließ diese nehmlichen drey Bogen darauf Umdrucken, mit dem festen Vorsätze, cs zu vollenden. Aber auch da blieb cs bey dem Vorsätze, und ich habe nicht die eigentliche Ursache erfahren können, die ihn wieder davon abgebracht." Aarl G. Lessin-I. Eine Abschrift des ersten Aufzuges weicht nur in Kleinigkeiten von dem Drucke im thcatralischcn Nachlaß ab. Der Herausgeber hat fast nichts danach verändert: die Bcr- glcichuug der beiden von K. Lcssing angedeuteten Drucke würde aber wohl einige Willkürlichkeitcn seiner Ausgabe ergeben. °) „in Zicglers Schauplätze der Zeit, einem Folianten," steht in einer andern angefangenen Abschrift. „meine tägliche Geschichte" in derselben. 628 Der Schlaftrunk. ein König von England, Lottchcn? Nein, siehst du, man kann sich irren; es war ein König von Spanien; denn er führte Krieg mit den Mohren — Dieser König — Charlotte. Ich höre wohl, lieber Onkel, daß Sie alles recht wohl behalten haben. Aber Sie haben es auch, nur erst diesen Augenblick, gelesen. Wenn Sie es auf den Abend wieder erzchlcn sollten — S- Richard. Nun gut, gut; erinnere mich auf den Abend wieder daran. Ich will dirs auf den Abend erzchlcn — Charlotte- Wohl, lieber Onkel — S- Richard. Sprachst du nicht vorhin von Besuche? Wer will uns denn besuchen? Charlotte. Zhr alter guter Freund, Herr Bcrthold, und sein Herr Sohn — S. Richard. Der junge Herr Bcrthold? Nu, nu, der kömmt nicht so wohl zu mir, als zu dir, und dcr mag immer kommen. Abcr was dcr Vater mit will? — Charlotte. Dcr Vater? Ist er nicht Zhr ältester, bester Freund? — S. Richard. Gcwcscn, Lottchcu, gewesen! Sich, wie vergeßlich du bist. Hat mich nicht dicscr älteste, beste Freund verklagt? Um eine Post verklagt, die ich längst richtig gemacht habe? Bin ich nicht — ? Potz Stern! gut, daß ich daran gedenke! — Lottchcn, geschwind gieb mir den Kalender her. Charlotte- (vor sich) Ah, nun erinnert er sich an den unglücklichen Termin. S. Richard. Hörst du nicht, Lottchcn? dcn Kalcndcr — Charlotte- Wir schrcibcn dcn sechzehnten, lieber Onkel, — S- Richard. Den Kalcndcr, Lottchcn! Charlotte. Dcn sechzehnten September, lieber Onkel — S. Richard. Lange mir ihn doch nur her, Lottchcn; er steckt hinter dem Spiegel. Ich habe mir was darinnc notirt. Wenn dichs zwar inkommodirt — (cr ruckt mit scimm Lchnstuhlc, als ob er aufstellen wollte.) Charlotte. Nicht doch! lieber Onkel; bleiben Sie doch sitzen, (sie höhlt ihm den Kalcndcr) Hier ist er! Vcr Schlaftrunk. S- Richard. Ich dankc, Lottchcn. Was für cincn Monat haben wir? Charlotte. Scptcmbcr. G- Richard- Und den wie vicltcn, sagst du, schreiben wir? Charlotte. Den sechzehnten. S. Richard. Den sechzehnten Scptcmbcr! — Da ist cr! Richtig! richtig! Lieber Gott! was habe ich für vergeßliche Leute in meinem Hause! Kein Mensch erinnert mich an was! Und wenn es vergessen ist, so soll ichs vergessen haben! Lharlorre. Was denn, lieber Onkel? G. Richard- Ihr habt mich den ersten Termin versäumen lassen. Ihr habt mich den zweyten Termin versäumen lassen. Komm her, Lottchcn, was stcht hicr bcy dcm sicbzchntcn? Charlotte- Drey Krcutzc, licbcr Onkcl. S. Richard. Und was bcdcutcn die drey Krcutzc? Charlorre- Das muß wissen, wer sie gemacht hat. G- Richard. Siehst du, das hast du vergessen! Rufe mir Filierten herein; ich muß doch sehn, ob die es auch vergessen hat? Charlotte- Fincttc hat zu thun. S- Richard. Nun, so ruft mir Antoncn. Ich muß euch nur einmal alle überzeugen, wie vergeßlich ihr seyd. Charlotte. Anton ist ausgeschickt. S. Richard. Ich habe cs euch allen gesagt, was die drey Krcutzc bcdcutcn, und habc cuch allcn befohlen, mich fleißig an die drey Krcutzc zu erinnern. Za, ja, wer erinnert seyn will, crinncrc sich sclbcr. Charlotte. Wcrdcn Sie nicht ungehalten, licbcr Onkcl. S- Richard. Ungehalten? Worüber denn? Zch freue mich von Herzen, wenn ich sehe, wie viel mein alter Kopf noch behalten kann; (sich an die Stirne schlagend) und wie so gar nichts in euren jungen Köpfen haften will! Ha, ha, ha! — Die drey Krcutzc bcdcutcn — besinnst du dich noch nicht, Lottchcn? — Charlotte- Daß Sie morgen zur Ader lassen müssen? S. Richard. Ey ja! Herr Bcrthold würde meinem Beutel schön zur Adcr lasscn, wcnn ich so vcrgcßlich wärc, wie du! — Die Krcutzc bcdcutcn — nu? — Ich dächte, ich hülfe dir merklich gcnug drauf — '.'chmgs Werke u. 34 530 Der Schlaftrunk. Charlotte. Ztzt besinne ich mich — Morgen muß der dritte Teich ans dem Gute gefischt werden — O ja, lieber Onkel, ich will es gleich dem Kutscher sagen; wir fahren morgen früh heraus, und fischen. K. Richard. Fischen? Za, Herr Berthold denkt zu fischen. Aber, Herr Bertholt), man fängt nicht immer, wenn man fischt! — Lottchcn, die drey Krcutzc bedeuten, daß morgen der dritte Termin ist; der dritte und letzte Termin zu Producirung meiner Quittungen. Nun freylich weiß ich nicht, wo die verdammten Quittungen hingekommen sind. Aber ich will doch hoffen, daß man einen ehrlichen Mann, wie ich bin, wird zum Schwüre kommen lassen! — Ich schwöre, und Herr Bcrthold wird abgewiesen. Charlotte- Aber, lieber Onkel, ich dächte, Sie liessen es so weit nicht kommen. — Ein Schwur ist doch immer eine sehr wichtige Sache; und Geld ist nur Geld. S- Richard. Nein, Lottchen, Geld ist die wichtige Sache, und ein Schwur ist nur ein Schwur. Nicht, daß ich, um wer weiß wie viel, einen falschen Schwur thun sollte! Nein, da sey Gott vor! Aber wenn man Recht hat — Charlotte. Auch dann, dächte ich, lieber Onkel, sollte man, wenn es nur eine Kleinigkeit bctrift, sich lieber gefallen lassen, Unrecht zu bekommen, als zu schwören — S- Richard. Za, das dächtest du; aber das verstehst du nicht. — Morgen soll sichs zeigen. Ey denkt doch! Was würde das für eine Freude für Herr Bcrtholdcn gewesen seyn, wenn ich auch den dritten Termin versäumt hätte, und hätte mich kontumacircn lassen, und hätte ihm noch einmal bezahlen müssen — Charlotte- Es kömmt jemand, lieber Onkel. Er ist es wohl schon selbst. — Zweyter Auftritt. Philipp Richard, und die Vorigen. Charlotte. Nein, es ist Onkel Philipp. Philipp Richard. Guten Tag, Bruder Samuel. S. Richard. Lottchen, hat der sich auch melden lassen? ?cr Schlaftrunk, Charlotte. Nein, aber — Seyn Sie gütig gcgcn ihn. Philipp R. Wicstchts, Bruder? Noch gesund? noch frisch«! S. Richard. Gesunder und frischer, Bruder, als ihr wünscht — Philipp R. Als ihr wünscht? Wen nm,nst du, Bruder? S- Richard. Ich habe dirs hundertmal gesagt, daß mir gewisse Leute, wenn sie sich nach meiner Gesundheit erkundigen, recht sehr ärgerlich sind. Siehst du, Bruder; ich sehe dich herzlich gern kommen, aber auch herzlich gern bald wieder gehn. Charlotte. Lieber Onkel, bedenken Sie, daß es Zhr Bruder ist — — Philipp R- Mühmchcn, menge Sie sich unter uns nicht. — Bruder, du bist die wunderlichste, argwöhnischste Glatze, die sich jemals in einem Großvatcrstuhlc geschüttelt hat. S- Richard. Hörst du, Lottchcn, hörst du? Philipp R. So was verhört Lottchcn nicht! — Aber warum ist dir denn mein Anblick so zuwider? Ich sehe doch dem Tode so ähnlich nicht. Gesund, fett und frölich, wie ich bin — — S. Richard. Die Gesundheit erhalte dir Gott; dein Fett bist du schuldig, und deine Frölichkcit gehört ins Tollhaus. Was Wunder also, daß ich den Tod lieber sehe, als dich? Wenn ich den Tod sehe, so sehe ich meine letzte Stunde; und wenn ich dich sehe, so sehe ich die nächsten Stunden nach meiner letzten. Einem ehrlichen Manne, der es sich in der Welt hat sauer werden lassen, ist die Vorstellung des Grabes lange nicht so marternd, als die Vorstellung eines lachenden Erben. Aber, Bruder, hast du gelesen von einem Maler, der mit einem einzigen Pinsclstrichc ein lachendes Gesicht in ein weinendes verwandeln konnte? Ich bin so ein Maler. Philipp R Ze nu, wenn ich nicht lache, so wird eine andere desto mehr lachen. — — Lache Sie doch einmal, Lottchcn! Sie lacht recht hübsch — Chatlotte. Sie verfahren sehr grausam mit mir, Onkel — Philipp R- Zm geringsten nicht! Denn gelacht wird bey dem Grabe eines reichen Gcitzhalscs doch; er mag es anfangen, wie er will. 34° 5cr Schlaftrunk. S. Richard. Undankbarer, gottloser Bruder! Philipp R- Zankc mit der Natnr, und nicht mit mir. Dn kamst zwanzig Zahrc früher in die Welt, als ich; du mußt zwanzig Zahrc früher wieder heraus. — — S- Richard. Ich muß? ich muß? Ich will doch sehn, wer mich zwingen soll? — Philipp R- Ha, ha, ha! nun machst du, Bruder, daß ich so gar vor deinem Tode über dich lache. — S- Richard. Geschwind, Bruder, sage mir, was du bey mir willst, und packe dich alsdcnn wieder deiner Wege.-- Philipp R- Zch kam blos zu deinem Besten. — Zch weiß, du bist ein alter vergeßlicher Mann; ich wollte dich an etwas erinnern, woran dich Lottchcn wohl so leicht nicht erinnern möchte. — S- Richard. O Bruder, ich bin so vergeßlich nicht, als du mcynst. Soll ich dir eine Probe von meinem guten Gedächtniß geben? Komm her, ich will dir es auf den Finger hcrrcch- ncn, wie viel du mir, seit fünfzehn Jahren, gekostet hast. — Bey deinem ersten Bankerotte vcrlohr ich drcyzchn tausend, vier hundert, sechs und achtzig Thaler, neunzehn Groschen. — Philipp R. Und sieben Pfennige — Das habe ich so oft von dir hören müssen, daß ich es endlich selbst behalten habe. — S- Richard. Bey deinem zweyten Bankerotte kam ich um sieben tausend, drey hundert, und drey und dreyßig Thaler — Philipp R- Da war der Verlust schon kleiner, wie bey dem ersten. Denn du warst um eben so viel klüger, als härter geworden — S. Richard. Bey deinem dritten Bankerotte — Philipp R. Verlohrst du fast gar nichts. Eine Post Rheinweine, für die du in Cölln für mich gut gesagt hattest — S. Richard. Zst das nichts? Die Post betrug achtzehn hundert Thaler. Diese achtzehn hundert, und jene sieben tausend, drey hundert, und drey und dreyßig, mit den ersten drcyzchn tausend, vier hundcrt, und sechs und achtzig — Philipp R- Neunzehn Groschen, sieben Pfennige — S. Richard. Betragen zusammen zwcy und zwanzig tausend, sechs hundcrt, und ncunzchn Thäler — Der Tchlaflnmk. Philipp R. Ncllnzchii Groschcn, sicbcn Pfcnnigc — S. Richard, Und die kostest du mich baarcs Geld. Was kostest du mich nicht sonst? — Nn, Bruder Unverschämt, habe ich ein gutes Gedächtniß oder nicht? Philipp R- Rabbi Samuel, alles das beweiset für dein gutes Gedächtniß gar nichts; denn das waren Schußwunden die dir ein Paar Knochen zersplitterten, und nachdem sie kurirt waren, einen ewigen Kalender in den wieder verwachsenen Knochen zurück liessen; aber ein Kalender ist kein Gedächtniß-- G. Richard. Höre einmal, Lottchcn, hör einmal! Weise ihm doch die Thüre, Lottchcn! Philipp R. Bemühe Sie sich nicht, Lottchcn; sie ist mir bekannt. Aber, Bruder, alle deine Grobheit soll mich doch die gute Absicht nicht vergessen machen, in der ich herkam. Ich will dich nur crinncrn, daß heute der sechzehnte September ist. S- Richard. Zst das wahr, Lottchcn? — Nu? und? — Philipp R- Und daß morgcn dcr sicbzchntc ist — S. Richard. Zst das wahr, Lottchcn? — Nu? und? — Philipp R- Was ist auf dcn siebzehnten, Lottchcn? Ich wcttc, Sie mags nicht wissen — Charlotte. O Herr Onkel, haben Sie sonst nichts? Daran hat sich Ihr Herr Vrudcr schon selbst crinncrt. S. Richard. Za, daran habe ich mich schon selbst crinncrt — (sachte zu ihr.) Was mcynt er dcn», Lottchcn? Charlotte. Ebcn das, lieber Onkel — S> Richard. So? — Schon gut, Bruder, ich danke dir für deine Mühe, so unnöthig sie auch war. (sachte zu ihr.) Lottchcn, du wirst mir cs wohl hernach sagcn, was cr mcynt — Philipp R. Erkenne meine Aufmerksamkeit auf dein Bestes; oder erkenne sie nicht: nur versäume mir morgcn dcn dritten Termin nicht, so wie du den ersten und zweyten versäumet hast-- G- Richard. Dcn Termin, Bruder? den dritten Termin? — Lottchcn? — Philipp R. Dcn dritten und letzten Termin gegen Bcrthol- dcn. Ich denke, du hast dich schon selbst daran erinnert? S. Richard- O ja, das habe ich. Nicht wahr, Lottchcn? ^ ^lw^ 5Z4 Der Schlaftrunk. Aber, Lottchcn, das macht Brudcr Philipp doch gut, daß cr uns daran dcnkcn hilft. — Setze dich doch einen Augenblick bey mir nieder, Brudcr Philipp — Recht! den dritten Termin muß ich nicht versäumen. — Was mcynst du, Bruder, wie die Sache laufen wird? Philipp R Sie mag lausen, wie sie will, wenn du dich nur erst gehörig eingelassen hast. Das vornehmste bey einem Processe ist, daß man seinem Gcgcnpart die Hölle so heiß, und das Lcbcn so sauer macht, als möglich. Ich habe jctzo nicht Zeit, Brudcr. Aber wenn du willst, so komme ich auf dcn Abend wieder zu dir, und wir wollen mehr davon schwatzen. S, Richard. Za, Brudcr Philipp, thu das, komm! Du sollst mir angcnchm seyn. — Philipp R. So lcbc untcrdcsscn wohl. — S. Richard- Auf Wicdcrschn! — Bcglcite ihn doch, Lottchcn, begleite ihn doch — Philipp R- Ohne Umstände, Lottchcn! — Wir kcnncn einander. Charlotte. Wohl kenne ich dich! Dritter Auftritt. Samuel Richard- Charlotte. S- Richard. Lottchcn, Brudcr Philipp mag doch wohl noch cine gutc Ader haben. Charlotte. O ja, lieber Onkel — S. Richard. Er sorgt doch noch dafür, daß ich nicht in Schaden kommen soll. — Fincttc, gut, daß du kömmst. Vierter Auftritt. Finette, und die Vorigen. Fmette- Es ist alles fertig; sie mögen nun kommen, wenn sie wollen. (Sie ruckt einen kleinen Koffcctisch zurcchtc, bedeckt ihn, und setzt Tassen darauf.) S. Richard- Fincttc, Bruder Philipp wird hcutc zu Abend mit uns csscn. Laß cincn. Krammctsvogcl mehr braten — Finctte- Einen? Das wäre so vicl, als cine Mücke für cincn hungrigen Wolf. Brudcr Philipp muß auf jcdcn Zahn cincn haben. Der Schlaftrunk. 536 S- Richard. Nu, nu, Mädchen, traktire ihn nur heute, so gut, als du kannst. Er hat mir einen Dienst gethan — Finette. Bruder Philipp, Ihnen einen Dienst^ Den möchte ich doch hören. S. Richard. Er hat gethan, was ihr hättet thun sollen. Er hat mich erinnert, daß morgen der dritte Termin ist. Finette- Das hat er? — Ich muß Ihnen nur sagen, Herr Richard, es setzt heute keine Krammetsvögel. Es sind auf dem ganzen Markte keine zu bekommen gewesen. S. Richard- Das ist Schade! der arme Philipp! was wirst du ihm denn nun vorsetzen? Finctte- Nichts. Und das wissen Sie doch auch, daß ich den Kcllcrschlüsscl vcrlohrcn habe? S. Richard- Den Kcllcrschlüsscl? Und du hast kcincn Wcin haußcn? Was soll denn Bruder Philipp trinken? Finctte- Nichts; und das ist gerade so viel, als cr mit seinem Dienste verdient hat. Merken Sie denn nicht, Herr Richard, was cr darunter sucht? Er will Sie und dcn altcn Berthold nur vollends znsammcnhctzcn, damit Charlottchcns Hcyrath mit dcm jungen Bcrthold darüber zurückgehen möge. S. Richard- Lottchcn, sollte das wohl wahr seyn? Charlotte- Ich wciß nicht, licbcr Onkcl; aber wenn das auch Onkcl Philipps Absicht wäre, so wciß ich doch, daß Ihnen mein Glück vicl zu angelegen ist — S- Richard. Za, Lottchcn, — wenn das auch seine Absicht wäre. — — Finette. Wcnn? Sie ist es ganz gcwiß. — St! der Besuch kömmt. (Charlotte geht ihm entgegen.) S. Richard. Wer ist cs denn, Finctte? Finette- Hcrr Bcrthold mit scincm Sohne — S. Richard- Za, ganz recht, ganz recht! (steht ans.) Fünfter Austritt. Berthold. Rarl Berthold. Charlotte. Samuel Richard. Finette. Zderchols. Licbcr, alter Freund, ich freue mich herzlich, dich wohl zu schcn. S- Richard. (Sie umarmen sich.) Willkommen, Hcrr Bru- .x >^.^> ^ ^ 53« Der Schlaftrunk. dcr Bcrthold, willkommen! — Ist das dein Sohn? (Karl neigt sich gegen ihn.) Zöerthold. Das ist cr. Die acht Monate, die er weggewesen, haben ihn mir selber unkenntlich gemacht. Rarl D- Ich wünsche und hoffe, liebster Herr Richard, daß Sie, diese Zeit über, beständig gesund und vergnügt mögen gelebt haben. S. Richard. Ich danke, Herr Karl. Wie alte Leute nun so leben! Rar! V- Ich bin höchst ungeduldig gewesen, Ihnen meine Ergebenheit zu bezeigen. — Zöerthold. Es ist wirklich sein erster Ausgang. S. Richard. Bedanke dich, Lottchcn, bedanke dich? — Setzen Sie sich doch, meine Herren — (Sie setze» sich, indeß hat Fintttc Kaffee und Backwcrk aufgetragen, und fängt an, davon hcrnmzugcbcn,) Rarl S- Ich schmeichle mir, liebster Herr Richard, daß meine Abwesenheit, oder was während derselben etwa vorgefallen seyn könnte, mich in Ihrer schätzbaren Gewogenheit nicht wird zurückgesetzt haben. S- Richard. Darinn kann Sie nichts zurücksetzen, Sie sind uns noch so lieb, als Sie uns jemals gewesen sind. — Nicht wahr, Lottchcn? — (zu Fincttcn, die ihm eine Tasse Kaffee gebracht) Die wie vicltc Tasse ist das, die ich trinke? Finetre- Die erste. Verchold. Freund Richard, mein Sohn ist ein seltsamer Heiliger; cr denkt, weil wir in seiner Abwesenheit ein wenig an einander gerathen sind, weil ich dich habe verklagen müssen — S. Richard. Ja, lieber Karl, hätten Sie sich das wohl jemals träumcn lassen, daß mich Ihr Herr Vater verklagen würde? — Rarl B. Es ist ihm leid — Vcrchold. Mir leid? Was sprichst du da? — Rar! V. Es ist mir leid, sage ich-- Derchold. Geck, was braucht dir das leid zu seyn? Wird cr dir darum das Mädchen nicht geben? Er hat sie dir einmal versprochen, und ein chrlichcr Mann hält Wort. S. Richard. Freylich! Aber, Freund Bertholt, ein chrli- Der Schlaftrunk. chcr Mann muß auch cincn andern ehrliche» Mann mit Processen verschonen. Bcrchold. Ich weiß gar nicht, warum die ganze Welt so wider die Processe eingenommen ist. Wollen denn die Advokaten nicht auch leben? S. Richard- Sie wollen wohl, aber-sie müssen darum nicht. Berthold. Das ist dein Spaß. S- Richard. Das ist mein völliger Ernst. Charlotte- (zu Karl») Wo sie nur nicht hitzig gegen einander werden. — Rarl V. Wir müssen sie auf ein ander Gespräch lenken. — Herr Richard, ich habe in London das Ncrgnügcn gehabt, einen alten Freund von Ihnen kennen zu lernen. S, Richard. So? — Mein völliger Ernst, Freund Bert- hold! Zch wußte nicht, welchem Dinge ich in der Welt gramer wäre, als dem Preccssircn. Berthold- Und ich habe Zeit meines Lebens gern proccs- sirt. Mein erster Proceß war mit meinem leiblichen Vater. Die besten Freunde können einmal uncins werden, und diese Uneinigkeit auszufcchtcn, ist der friedlichste und gütlichste Weg, der Proceß. So lange man sich nur so streitet, so lange ärgert man sich. Sobald aber die Sache den Advokaten übergeben ist, müssen sich die Advokaten an unserer Statt ärgern, und wir sind wieder ruhig. S- Richard. Nein, Freund Bcrthold; ich habe in meinem Leben nur ein einzigcsmal proccssirt, aber das weiß ich doch besser. Man ärgert sich noch immer, und ärgert sich über die Advokaten oben drein. — Rarl Zd. Dieser Ihr Freund in London sagte mir — S. Richard. Hörst du? das hat mein Freund in London ihm auch gesagt. — Rarl Zd. Daß er ehedem in Amsterdam — S- Richard. Die ganze Börse in Amsterdam denkt so. — Verthold. Karl, kein Wort mehr von London und Amsterdam! Kaum sind die jungen Lassen einmal hingcrochcn, so ist ihr drittes Wort: London und Amsterdam. S. Richard. Nein, nein, laß ihn nur mitreden. Er spricht Der Schlaftrunk. so unrecht nicht. — (zu Finettc», die ihm die zweyte Tasse reicht.) Dic wie vicltc Tasse ist das, Finettc? Anette- Wieder die erste. — S- Richard. Habe ich dic vorige auch mit Milch getrunken? — Finettc, laß mich ja nicht zu vicl Kaffee trinken. Du weißt, er ist mir schädlich — Rarl B- Gewiß, Herr Richard, der Kaffee ist überhaupt ciu sehr unzuträgliches Getränke. Charlotte. Sagen Sie das auch, Herr Karl? — Rar! V- Ich weiß wohl, daß er seine größte Vertheidiger unter dem schönen Geschlechte hat — Zderchold. Kinder, diese wichtige Frage, ob der Kaffee zuträglich oder unzuträglich ist, macht aus, wenn ihr allein seyd — Falls ihr allein euch sonst nichts wichtigcrs zu sagen habt. Ztzt laßt dic Alten mit einander reden. — Freund Richard, morgen wird sich vicl zeigen — S- Richard. Morgcn? — Za, cs ist wahr, morgen ist der dritte Termin. Aber denke nicht, Freund, daß ich den auch versäumen werde. Zderchold. Gleichwohl wäre cs das Beste — S. Richard- Und ich ließe mich kontumacircn? Berchold. Nicht anders. S- Richard. Und ich bezahlte dich noch einmal? Zderchold. Das wurde sich zeigen. Karl, du weißt, was ich dir gesagt habe. — S. Richard. Nein, nimmermehr, das wird nimmermehr geschehen. — Berchold. Wenn du die Quittungen, auf die es ankömmt, vorzeigen kannst, so wird cs freylich nicht geschehen. S. Richard- Was Quittungen? Zch offcrirc mich zum Schwüre. Zberchold. Du bist ein ehrlicher Mann, aber cm vergeßlicher Mann; man wird dich nicht zum Schwüre lassen. — S. Richard. Nicht zum Schwüre lassen? Also wäre es ja so gut als gewiß, daß ich dich noch einmal bezahlen müßte? Zderchols. Wenn die Gerechtigkeit gesprochen hat, so werde ich wissen, was ich zu thun habe. Der Schlaftrunk. 539 S- Richard. Ich werde es auch wissen; ich auch. — Lott- chen! (die fich mit Karln unterhält) laß dich da nicht zu tief ein! — Berchold. Wie mcynst du das? S- Richard. Ich sehe schon, es ist weder Freundschaft, noch Treue, noch Glauben mehr in der Welt. Wenn ich kon- dcmnirt werde, noch einmal zu bezahlen, so bin ich ein ruinir- ter Mann; Lottchen ist ein ruinirtcs Mädchen, und ist keine Frau für deinen Sohn. — BertholO. So mcynst du das? Freund Richard, das geht zu weit. — Charlotte. Liebster Onkel — S. Richard- Laß mich, Lottchen, laß mich — Rarl Zb- Herr Vater-- Zöerchold. Schweig, Karl! Der Alte denkt mich zu trotze»? Ich kann eben so eigensinnig seyn, als er. — Also, Herr Richard, wenn Sie kondcmnirt werden, ist Lottchen keine Frau für meinen Sohn? — Recht wohl! Und wenn ich kondcmnirt werde, ist mein Sohn kein Mann für Lottchen. Das ist das Ende vom Liede! — Sohn, nimm Abschied — Rarl Ä>. Liebster Vater — Charlotte- Liebster Herr Bcrthold — Dcrrhold. Sohn, du kennst mich! — Lassen Sic mich, Mamsell. — Leben Sic wohl, Herr Richard, (geht ab.) S. Richard. Was ist dcnn das? — Ze, Freund Bcrthold, Freund Bcrthold! — Haltet ihn doch! Rar! Z5. Zch folge Ihnen sogleich, liebster Vater. Sechster Auftritt. Rarl Berthold. Samuel Richard. Cyarlorte. Finette. Finette. Das ist ein Mann! S. Richard. Was fehlt ihm denn? Warum geht er denn schon? Charlotte- Sic haben ihn unwillig gemacht, liebster Onkel. S. Richard. Wer wird dcnn gleich so empfindlich seyn? Man spricht ja wohl was. — Scyd ohne Sorgcn, Kindcr! Ich will dcn Proceß nicht verlieren, und das übrige wird sich schon geben. — Setzen Sic sich doch nicdcr, Herr Karl. — Z40 Der Schlaftrunk. Rarl B. Zch darf mich nicht langer aufhalten. — Liebste Charlotte, meine Schwester bittet um das Vergnügen, Sie diesen Abend besuchen z» dürfen. — G- Richard. Sie soll uns herzlich willkommen seyn. Rarl Zd. Liebster Herr Richard, tränen Sie meinem Vater das Beste zu. Er ist von allem Eigcnnutzc entfernt; nur seinen Willen muß er haben. Zch darf mich nicht näher erklären z er hat mir es verbothen. Zch sage Ihnen nur: Sie verlieren nichts, wenn Sie den Proceß verlieren. — S. Richard. Nichts? Sind zwey tausend Thaler nichts? Rarl Zö. Zch muß eilen, daß ich meinen Vater noch einhole. Wenn Sie aber erlauben, so bin ich mit meiner Schwester diesen Abend wieder hier. — S- Richard. Es wird mir lieb seyn, Herr Karl. — Begleite ihn doch, Lottchcn. Siebender Auftritt. Samuel Richard. Finette. Finette. An alle dem hat niemand, als Bruder Philipp Schuld. Was braucht er Sie an den Termin zu erinnern ? Sie hätten ihn vergessen — S- Richard. Und wäre kontumacirt worden. — Du weißt nicht, Mädchen, was das ist — Zch hätte bezahlen müssen. Finette. Nun ja, Sie hätten bezahlt. Genug, daß das Geld in der Familie bleibt, wenn Herr Karl Lottchcn bekömmt. — S. Richard. Zn dcr Familie bleibt! Das Geld bleibt alles in der Welt, und die ganze Welt sollte nur ciuc Familic seyn; abcr wcrs hat, dcr hats. Achter Auftritt. Anton. Samuel Richard. Finette. Anton. Herr Richard, Zochcn hat angespannt. — S. Richard. Was angespannt? Anton. Die Pferde — S. Richard. Die Pferde? Anton. Oder den Wagcn; wie Sie wollen. Was weiß ich, ob die Pfcrdc an den Wagen, oder dcr Wagcn an die Pferde gespannt wird. Der Schlaftrunk. 541 S. Richard. Aber wozu denn? Anton. Ist denn nicht Donnerstag, heute? Fahren Sie denn nicht ins Kränzchen? S. Richard. Wahrhaftig! Jochen hat Recht, (cr steht -ms) Fincttc, heute ist Kränzchen; und das Kränzchen, weißt du wohl, versäume ich um wie viel nicht. Anette. Wer sagt denn, daß Sie es versäumen sollen? G- Richard. Geh, Anton, sage Jochen, ich käme gleich. (Anton gcht ab, indem Charlotte zurückkömmt.) Neunter Auftritt. Charlotte. Gamncl Richard. Fincttc. S. Richard. Gieb mir meinen Hut, Fincttc. Charlotte. Wo wollcn Sie hin, liebster Onkel? S- Richard. Ins Kränzchen. Ich muß Strafe geben, wo ich nicht komme. Charlotte- Aber — Finette- (zu Charlotten.) So lassen Sie ihn doch! — S. Richard, (indem ihm Fincttc dcn Hut giebt) Und meinen Stock. Charlotte. Aber cr vergißt ja — Finette. Mag cr doch vergessen. S- Richard, (indem ihm Fincttc den Stock giebt) lind meine Rauchtabacksdosc — Charlotte, (zu Fincttc») Aber wir bekommen Philippen über dcn Hals. Finette. Dcn wollcn wir schon los wcrdcn. — S. Richard, (giebt ihm die Dosc) Ist auch Taback drinnc, und der Stopper? Ihr laßt mich doch an alles allein denken. Finette. Stecken Sie doch nur cin, und gehn Sie — S- Richard. Nun so führe mich herunter, Lottchcn. Es thut mir lcid, daß ich dich allcin lassen muß. Vertreib dir den Abend, so gut du kannst. Halb zehn bin ich wieder da. Finette. Gehn Sie nur, und lassen Sie sich das Gläßchcn wohl schmcckcn! (Charlotte führt den Alten ab, und Fincttc räumt dcn Kaffcctisch wicdcr ans.) Lustig, Fincttc, das wird ein Abend für dich werden! MHKM^^ 542 Der Schlaftrunk, Zweyter Aufzug. Erster Austritt. (Lucinde, dir anf der einen Seite von Finerren herein gcfiihrct wird, nnd Charlotte, die ans der andern Seite ihr entgegen kömmt,) Finette. Hier herein, Madcmoisell! Charlotte. Oh, sey mir tausendmal willkommen, liebe, liebe Luciudc — L.ncinve- Küsse mich, meine Charlotte! — du siehst dich um? Za, Kind, ich komme allein, mein Bruder kömmt nicht mit; und nun werden von den tanscndmalcn, die ich dir willkommen seyn sollte, neun hundert und neun und neunzig wohl abgehen? Nicht wahr? — Charlotte. Glaubst du in der That, daß ich ihn erwartet habe? K^ucinde- Verstelle dich nur nicht! Charlotte- Und du, sey doch nicht so gar eitel auf deinen Bruder! Wenn ich ihn liebe, so liebe ich ihn blos, weil ich dich liebe. F.ucinde- Ist das wahr, Finette? du bist ja ihre Vertraute. — Finette- So etwas mag davon wahr seyn. Die Zündröhrc kann wohl durch das Herz der Schwester gegangen seyn. Aber nachdem wir einmal Feuer gefangen — sehn Sie, Madcmoisell — so könnten wir die Zündröhrc zur Noth entbehren. — A.ucinde. Da habcn wirs! Finette. Erst liebten wir den Bruder, blos der Schwester wegen; allein alles kehrt sich mit der Zeit in der Welt nm. — Bald werden wir die Schwester blos des Bruders wegen lieben. Aucinde. Wobey ich nicht viel zu verlieren glaube. — Aber, Finette, habt ihr meinen Bruder wirklich nicht mit erwartet? — Finette- Ich, für mein Theil, allerdings. Charlotte. Dein Theil ist mein Theil nicht, Finette. Finette- O ich weiß wohl, daß ihr Theil das größere ist. — Ä.ucinSe. Nun, Finette; mein Bruder lässet dich tausend- Der Schlaftrunk. mal »m Vergebung bitten. Du sollst ja nicht glauben, daß er eine andere Gesellschaft der deinigcn vorgezogen. Sondern er muß bey dem Vater bleiben, den ihr uns heute ein wenig sehr unwillig nach Hause geschickt habt. Charlotte. So, Lucindc? Hat dein Bruder zu Fincttcn, oder zu mir kommen wollen? L.ucinoe. Eigentlich, wohl zu dir. Aber da du ihn nicht erwartet hast: so wäre es lächerlich, ihn bey dir zu entschuldigen. Ich entschuldige ihn da, wo er die Entschuldigung braucht. — Indeß, Finctte, hat er doch versprochen, mich wieder abzuholen. Charlotte. Hat er das? Ä.ucinde- Und ihr werdet euch noch sehen, Finctte, obgleich ein wenig spät, obgleich nur auf einen Augenblick — Charlotte- Sage mir, Finctte, hast du draussen nichts zu thun? Fmette. Alle Hände voll — Charlotte. Nu, so thu mir den Gefallen und geh. — Wenn Lucindc niemanden hat, mit dem sie ihre Possen über mich treiben kann, wird sie wohl ernsthaft werden. — Ich bitte dich, geh! Ainette. (zu Lucindc») Soll ich? lucindc- Geh nur, und nimm meine Possen mit. Zweyter Auftritt. Lucindc. Charlotte. Charlotte. Nun, liebe Lucindc — A.ucinoe- (in einem affektirtcn ernsthaften Tone, mit vielen Verbeugungen.) Aber, Madcmoiscll, ich habe noch nicht die Ehre gehabt, dem werthesten Herrn Richard mein Kompliment zu machcn — Charlotte. Er ist nicht zu Hause, Lucindc — Aucinoe. Ey, das bctaurc ich ja recht sehr — Charlotte. Gewiß? Ä.ucmde. Ganz gewiß, Madcmoiscll. — Abcr cr kömmt doch bald nach Hause? Charlotte- Vor zehn Uhr schwerlich. 544 ?er Schlaftrunk, Ä^ncinOe- Ey! Sie erschrecken mich Madcmoiscll. — Charlotte- Was ist mm das, Lucindc? F.ricinOe. Ich versprach mir, in der Gesellschaft dieses ehrwürdigen Alten — Charlorrc. Du bist doch eben sonst keine Liebhaberinn von Gesellschaft mit alten Lcntcn. lucindc. Wie, Mademoiscll? Gewiß, Madcmoiscll, Sie verkennen mich! Ich keine Liebhaberin von Gesellschaft mit alten Leuten? Ich muß mich schämen, daß Sie von meiner Sitt- samkcit, von meinem Verstände, von meiner Tugend einen so nachthciligcn Begriff haben. Zn welcher Gesellschaft ist unsere uncrfahrnc Zugcnd, unser leicht zu verführendes Herz, wohl besser aufgehoben, als in Gesellschaft der Alten? Zn ihr, wo wir nichts als weise Sittcnsprüchc, nichts als fromme Ausrufungen über die verderbten Zeitläufte, nichts als lehrreiche Es war einmal, zu hören bekommen, sollte sich ein junges Mädchen nicht freuen, ganze lange Abende zu — zu — Charlotte. Zu vcrgähncn? — Spricht sie nicht, als ob wirklich der Onkel in seinem Lchnstuhlc säße, und ihr zuhörte? ^ucinde- Werthe Madcmoiscll, lassen Sie uns immer so reden, als ob wir von ernsthaften weisen Männern gehöret würden — Charlotte. Wird das noch lange so dauern, Lucindc? lucindc. Ich weiß, daß mich meine ernsthafte Freundinn in keinem andern Tone zu hören wünscht — Charlotte- (ruft in die Scene ) Finettc! L.ucinde. Was wollen Sie, Madcmoiscll? Charlotte. Sie mag nur wicdcr kommen. — Finettc! A.uciiloe. Ich sehe ungern, Madcmoiscll, daß Sie so gar vertraut mit Zhrcm Dienstmädchen sind. — Eine vernünftige Herrschaft — Lharlorre. Finettc! Finettc! -L-ucindc. Muß seine Untergebene jederzeit in einer gcwis- scn Entfernung zu halten wissen. — ?cr Schlaftrunk. 545 Dritter Auftritt. (Finette, die in der Bcrlicfung aus einem Zimmer kommt, in welchem man einen kleinen Tisch onf zwey Personen scrvirt sichl. Charlotte. Lueinde.) Fincttc. Sie sind auch sehr ungeduldig, Madcmoiscll? — Charlotte. Bleib ja hier, Fincttc — Finette- Nun kann ich auch; es ist angerichtet, und Sie dürfen sich nur setzen. Charlotte, (zu Finettcn) Lucindc ist noch ausgelassener worden. F.ucinde- (wiederum »mnrlich) Fincttc, sage mir nur, was dcine Jungfer will. Sie will mich nicht hören Possen treiben, und moralisircn will sie mich auch nicht hören — Charlotte- Weil dein Moralisircn eben die tollsten Possen sind — Ä.ncinde. Ehe wir uns setzen, Fincttc: was hast du für Wein? Finette. Sctzcn Sie sich nur; er wird Zhncn schon schmecken. Etwas recht gutes, recht süsscs — AucinSe- Süsscs? Ueber die Närrin! — Fincttc. Nino Santo, Madcmoiscll — K.ncinve. Und wenn es Santo Nino wäre! — Bleibe mir damit vom Halse. Ich will Wein, und kein Zuckcrwasscr. Werden wir mit dem süsscn Zeuge nicht in großen Gesellschaften schon geplagt genug? Wollen wir uns unter uns selbst auch noch damit martern? - - Etwas süsscs sür die Damen! - - Denken denn die Herren Hüte, daß die Damen nicht auch Wein trinken wollen? — Charlotte. Nu, so befiehl! Was willst du für welchen? lucindc. Es ist nichts Wein, als was Geist hat. — Champagner will ich — Charlotte- Haben wir denn Champagner, Finette? — Finette- Bravo, Madcmoiscll; Sie sind meines Geschmacks! Gleich sollen Sie bedient seyn, (läuft.ib.) Vierter Auftritt. Charlotte. Lucindc- Charlotte. Weißt du, liebe Lucindc, daß du mir heute allzu lustig bist? Dasür wirst du es auch ganz allein seyn müs- Lessmgs Werke 11. 35 54« Der Schlaftrunk. scn. Denn ich, ich befinde mich in cincr Ncrfassung — Hat dir denn dcin Bruder nichts gesagt? Die Alten haben mit einander so gut als gebrochen; und misrc Hcyrath — Lucinde. Behält ja ihre Richtigkeit, wenn sie beyde den Proceß gewinnen. Charlotte- Beyde! Und wie ist denn das möglich? Lucinde. Das sieht der Bruder auch nicht. Charlotte- Nun da! Und du hast kein Mitleiden mit uns? Aucindc. Kein Mitleiden mit dir? Ist das kein Mitleiden, wenn ich dich zu zerstreuen suche? Wenn ich mehr tolle, als mir selbst um das Herz ist, um dich von Grillen abzuhalten? Sey gutes Muths, Charlotte! Wir kriegen den Mann doch, den wir haben sollen. Fünfter Auftritt. (Finette, mit einer Voutcillc Champagner, von dem Hausknecht begleitet, der noch einen Korb mit sechs Bvutcillcn herein bringt. Charlotte. Lucindc.) Finette. Bin ich nicht geschwind wieder da? (zu dem Hausknecht) Setze nur hier nieder! (worauf er stehen bleibt, und sie alle nach einander ansieht, und lacht) Nun, was lachst du? Hausknecht. Eins, zwey, drey! (indem er die Boutrillen im Korbe überzählt) Eins, zwey, drey, vier, fünf, sechs! — Finette. Was willst du damit, Kerl? -Hausknecht. Sonst heißt es: der Mann einen Vogel. Hier heißt es: jede Jungfer zwey. Finette. Stockfisch! Hausknecht. Nu, nu, Fincttchcn, meinetwegen nehme Sie allcinc scchsc auf sich. Gehts doch nicht von dem Meinigem Finette- Wirst du dich packen! (er geht.) Sechster Austritt. Lucinde. Charlotte. Finette. Lucindc- Mädel, was machst du für Streiche? — Finette- Haben Sie doch nur keine Sorge! Für uns ist (indem sie die Boutcille auf den Tisch setzt) das! Und das (auf den Korb zeigend) ist für einen lieben Gast, den wir nicht haben mögen. __ ------ Der Schlaftrunk. >Z7 (zu Charlotten) Denn so schlechterdings, Madcmoiscll, werden wir Onkel Philippen nicht los. — Charlotte. Wann du ihn auch nur so los wirst. — Finette- Es klingelt! — Wahrhaftig, er hat die Krammetsvögel über die Straße gerochen. Geschwind, Madcmoisclls, in das Zimmer! Essen Sie stille; ich will nach Ihnen zumachen, lind ihn hier erwarten. — -L.ucinde. Was habt Zhr denn? Charlotte. Komm nur geschwind, Lucindc. — Siebender Auftritt. Finette, die das Zimmer in der Vertiefung hinter ihnen zumacht; sodann Philipp Richard. Finette. Er ist es! —Wenn uns nur der Hausknecht nicht schon verrathen hat. Dem hätte ich vorbeugen sollen. — Herein! Philipp R. Ha, Finette — Guten Abend, Finette! Wo ist der Bruder? Anette. Er ist ausgcfahrcn — Philipp R, Wo ist Charlotte? Finette. Die ist ausgegangen. Philipp R. Sie kommen doch bald wieder? Finette. Um Bürgcrszcit. Ueber zehn Uhr bleibt aus unserm Hause niemand. Philipp R. Hast du mich zum Narren, Finette? Finette. Wie so? Philipp R. Der Bruder hat mich zum Abendessen gebeten — Finette- Sie kennen ja Ihren Bruder! Als er Sie bat, hatte er vergessen, daß heute Kränzchen ist; und als er sich erinnerte, daß heute Kränzchen sey, war es ihm schon wieder entfallen, daß er Sie gebeten habe. Woran er sich zuletzt erinnert, das thut er. Philipp R, Charlotte war dabey, als er mich bat. Hätte mich wenigstens nicht Charlotte erwarten sollen? Finette. O! das junge Ding ist eben so unbcdachtsam, als der Alte vergeßlich ist. Sie glauben nicht, Herr Philipp, was für Noth ich mit ihnen habe. Philipp R. Warum sagte denn aber der Schurke von ei- ?5* 5er Schlaftrunk. »cm Hausknecht, als cr mir die Thüre aufmachte, ich würde recht gute Gesellschaft finden? Finerre- Sagte er das? O der Strick! cr hat sich über mich mockirt. Ich! ich bin die rechte gute Gesellschaft für einen Mann, wie Herr Philipp Richard! — Philipp R. Rabcnaaß! wenn du nur sonst wolltest — Finette. Er. wird freylich wissen, daß ich die einzige in dem Hause bin, die es mit Ihnen gut meynt. Sie werden gleich eine Probe davon hören. Es war mir unmöglich, den Alten wegfahren zu lassen, ohne ihm seine unhöfliche Vergeßlichkeit aufzumutzen. Noch als cr in Wagen stieg, schrie ich ihm nach: „Aber der Herr Bruder! Es ist doch nicht erlaubt, „einem Manne, um den sich die Stadt reißt, so zu begegnen! „Ohne Zweifel würde cr, ohne ihre Einladung, zwanzig lustige „Orte gehabt haben, wo cr seinen Abend hätte zubringen „können! — Philipp R. Die hätte ich auch wirklich gehabt! Finctte. Etwas hals mein Kniffen. Denn als der Bediente den Schlag zuwarft rief cr mir cndlich zu: „So schicke „ihm ein Paar Boutcillcn Wein herüber, und laß mich entschuldigen. — Philipp R. So? — Und wo sind die Boutcillcn? — Finctte. (zeigt ihm dm Korb) Hier, Herr Philipp! — Das sind doch ein Paar? — Philipp R. Nein, Kind! cin Paar sind wenigstens Zwey; und das ist nur cin Korb — Es wird doch nichts schlechtes seyn? Finette- Bon unserm besten Burgunder! — Der Hausknecht soll sie Ihnen gleich herüber tragen, (als ob sie ih» rufe» wollte) Philipp R. Warte noch cin wenig, Finctte. — Hole cin Glas - Finette. Wozu? Philipp R. (indem er cinc Bontcillc aus dem Korb zieht) Fein auf der Stelle gekostet, so weiß man, was man hat. — Hol cin Glas? (indem Finctte in die Scene geht, cs ans cincm Wandschrantc zn holen) Das Mädcl sagt, sie scy mir gut. Daraus läßt sich was machen. Lcr Schlaftrunk. 549 Anette- (giebt ihm das Glas) Hier! — Philipp R. Noch eins, Fincttt. Finctte. Noch eins? wozu? ^ Philipp R. Es könnte Gift seyn; du mußt also mit kosten. — Hole noch ein Glas! (indem Fincttc cs holt, stellt cr die Bontcille und das Glas auf den Tisch, und setzt zwey Stühle dabcv.) Fiiiene. Nun da! Philipp 2v Gut! Setze dich, Finctte! Laß uns thun, als ob wir zu Hause wären. Finette. . Nur Geduld; was ich bey der ersten Vou- tcillc nicht bin, werde ich bey der zweyten sey», (schenkt sich ci») Finette. (bey Seite) So helfe mir der Himmel! Philipp R. (indem er cm ihr Glas ansiöjjt) Unser Tempo, Finette, unser gemeinschaftliches Tempo! (und trinkt) Ich nenne ein gemeinschaftliches Tempo — Za so, du verstehest überhaupt noch nicht, was das Tempo ist. Ich will dirs gleich sagen. Zum Ercmpcl: du bist jung, du bist schön, du bist liebenswürdig; aber du hast nichts, und du mußt dienen. Du dienst in dem Hause eines alten, reichen Zunggcscllcn. Merkst du bald das Tempo? Er ein Zunggcscll, du eine Zunggcsellin; er ein alter Zunggcscll/) du eine junge Zunggcscllin; er reich, du arm; du sehr verführerisch, er sehr vcrführbar. Nun lcrnc ein für allemal: das Merkmal des Tempo ist das Widcrspicl. Wo so viel Widcrspiclc zusammentreffen, da liegt sicherlich ein Tempo; entweder für dcn cincn, oder für den andern Theil; auch wohl für beide. Denn in der Natur, siehst du, strebt alles nach seinem Contrario; und dieses Streben des Vollen nach dem Lcc- rcn, (indem er sich einschenkt) des Nassen nach dem Hitzigen, (indem er trinkt) und wiederum zurück des Leeren nach dem Vollen, des Hitzigen nach dem Nasse», und so wcitcr (indem er wieder einschenkt) ist es eben, was die Sc. 8. Lucinde. Tharlotte, Finette. Verdient der Kerl nicht das Rad, bloß seines Vorsatzes wegen? Haben Sie ihn gehört? Lucinde droht ihn zu dcnuncircn. Sc. 9. Der junge 2Zertyold zu ihnen. Er sagt, cS sey alles verloren, wenn mau nicht Mittel fände, zu mache», daß der alte Richard dcu Termin versäume. Aber wie ist das anzufangen ? Philipp hat gesagt, daß er morgen gleich wieder °) Auf einem einzelnen Blatte,-welches mit dcn Worte» „ist es eben, was die" schließt, findet sich hier das Setzcrzciche» ?r. v. i>. 49. 552 Der Schlaftrunk. kommen und den Bruder nochmals erinnern wolle. Der junge Berthold verspricht ihn aufzusuchen, und bis an den Morgen mit ihm zu trinken, daß er es wohl vergessen soll. Aber freylich ist das noch nicht genug. Sein Anschlag mit dem Schlaftrünke, den er Finettcn heimlich entdeckt. Charlottens Unruhe über diese Vertraulichkeit, und LucindcnS Hetzcrey. Der Wagen mit dem alten Richard kömmt. Bcrthold nimmt mit seiner Schwester Abschied, nud Fincttc führt sie die Hintertreppe, um von dem Alten nicht bemerkt und aufgehalten zu werden. Sc. 10. Der alte Richard, von Anton geführt, ein kleines Räuschchen, und Charlotte. Lr erinnert sich, daß er ihr versprochen hat, die Geschichte aus dem Zicgler zu erzehlen. Verwirrt sich aber darum und will zu Bette. Anton will ihn zu Bette bringen, aber Fincttc soll es thun. Er knüppt sich einen Knoten in sein Schnupftuch wegen des Termins; und fragt Finettcn den Augenblick darauf, was diese? Knoten bedeute! und macht noch einen Knoten. (Ab, zu Bette.) Act. HI. Sc. 1. Der Hausknecht, der den jungen Berthold hereingeführt bringt. Gehen Sie sachte; es schläft noch alles im Hause; Fiuetten will ich Ihnen gleich wecken. Sc. 2. Finette kömmt dazu. Der Hausknecht ab. Berthold beruft sich auf seine gestrige Unterredung mit ihr, und giebt ihr das schlafma- chende Mittel; und schleicht sich nach den größten Versicherungen, daß nichts Schlimmes daraus entsiehn könne, wieder fort. Sc. 3. Finette ist entschlossen, das Mittel zu brauchen. Anton kömmt dazu, der den Herrn wecken will. Sie sagt ihm, es nicht eher zu thun, als bis seine Chocolade fertig sey, die sie zn machen gehe. Er bittet sich auch eine Tasse davon aus. Sc. 4. Anton, der dem Herrn seine Kleider auskehrt, die er gelegentlich visitirt. Er räumt ihm die Tabaksdose leer, und sucht ihm die kleinen Geldmarkcn aus der SchuuptabakSdosc. Sc. Z. Philipp Richard, der noch halb trunken ist, dazu; tobt, und Die Matrone von EphcsnS. 653 will dc» Bruder wecken. ES ist alles Caiiailleiizcug hier im Hause i und auch Anetten trau ich nicht. Ueber dieses Geräusch wacht der Alte selbst auf, und Sc. 6. Der alte Richard/ Philipp, Anton, der LAle ärgert sich über seinen Bruder, und hat den Termin vergessen. Die Matrone von Ephesus. Ein Lustspiel in einem Aufmgc.") Erster Plan. Erster Auftritt. Die Matrone in der Entfernung schlafend. Ihre Bediente. Zweyter Auftritt. Man hört hinter der Scene jemand kommen. Die Bediente fragt. Endlich tritt ein gemeiner Soldat herein, welcher bittet, daß man ihm sein Licht anzuzünden erlaube. Er hat Essen bey sich. Die Bediente bekommt Appetit. Dritter Auftritt. Der Officicr kommt und sucht seinen Mann. Er sieht die Ma- tronc; hört ihre traurige Geschichte, und verliebt sich. Er nähert sich ihr, und sie erwacht. Vierter Austritt. Der Lfficier schickt den Soldaten weg, um zu sehn, ob der Gc^ hangene noch da ist. Fünfter Auftritt. Der Soldat kömmt wieder, erzählt, das; der Gehangne gestohlen sey. Der Officier will verzweifeln. Die Bediente kömmt auf den Einfall, den todten Mann an die Stelle zu hängen. Die Matrone willigt endlich darein, und da sie sich eben darüber machen, cntdckt der Soldat lachend, daß der Gehangne noch da sey. °) Da sich in dem brcslauischcn Convowlc nur eine einzige geschriebene Seite findet, hat dcr Herausgeber nicht gewagt an dem offenbar wenig genauen Drucke im theatralischen Nachlaß irgend etwas zu ändern. Die Matrone von ephesus. Zweyter Plan. Personen. Antiphila. Die Wittwe, philokrates. Mysis. Die Magd. Dromo. Erster Auftritt. Sie schläft fest! — lustig! Nun kann ich meinen legten Biscuit kauen! — Wer doch eine Närrin wäre, und weinte sich mit ihr zn Tode! Zwar versprach ichs ihr: aber wie konnte ich mir träumen lassen, daß sie örnst draus machen würde? — Meinetwegen! — Knack! — (5r ist verzweifelt harte — Aber, welch Geräusch! Zweyter Auftritt. Dromo. Draussen. Dritter Auftritt. Mysis. Indem Antiphila schläft — Elüklich, wenn sie so in jenes Leben hinüber schlummert. Antiphila, die mit dem Kopfe auf dem Sarge ruht, spricht von Zeit zu Zeit im Schlafe: Mysis, ach Mysis! Mysis. Hier bin ich; was soll ich? Sie liegen so sehr unbequem. Nehmen Sie doch eine bessere Stellung. Antiphila. Mysis, ist die Tafel gcdekt? Mysis. Die Tafel. Antiphila. Ist aufgetragen? Mysis. Was aufgetragen? Antiphila. Der Wein, Mysis, der Wein! Mysis. Sie spricht im Schlafe! — Ach! wenn sie mir das wachend befehlen wollte! — — Wachen Sie, meine Frau? Sitzen Sie doch lieber so! (sie gerade setzend) Antiphila erwacht und glanbt gegessen ju haben; eifert deshalb mit Mysis — hört, daß es nur im Traume geschehen, und schläft wieder ein-- Mysis. Ich will Ocl aufgiessen, mich in einen Winkel setzen und anch zu schlafen suchen — — oder wenn Dromo doch wieder käme! --Ich glaube, wirklich er kömmt. Die Matrone von Ephesus. 655 Vierter Austritt, philokrates und Dromo/-- Dromo. Folgen Sie mir nur. — — Hier bin ich schon wieder, mein Kind, und bringe Gesellschaft mit. Mein Herr hat mir nicht glauben wollen--Sehn Sie, mein Herr, das ist das Mädchen, und hier schlaft die Frau. XN^sis. Leise! Leise! daß sie nicht erwacht — Philokrates. Der sich ihr nähert und sie bewundert--Sie erwacht; er fängt sie an zu loben, und sich bey ihr einzuschmeicheln — hört, wie lange sie gefastet, sagt, dieses erinnere ihn, daß er selbst diesen Abend uoch nichts gegessen und ihn hungre. Befiehlt dem Dromo, Wein und essen zu holen, und aus seinem Zelte einen Tisch und Feldstühle mitzubringen. Fünfter Auftritt, philokrates. Antiphila. Mysis. Antiphila- Wie? Sie wollen hier Ihre Wohnung aufschlagen? Philokrates. Haben Sie Mitleid mit mir, schöne Betrübte; es ist mir unterm Zelte zu kalt — bis Morgen mit Anbnich des Tages dulden Sie mich immer-- Antiphila. Sie wollen mich unglüklich machen? Was wird man von mir denken, wenn die Stadt hört, daß ich Sie eine ganze Nacht bey mir geduldet? Philokrates. Die Folge wird die Stadt schon lehren, wie ungern es geschehen. Wenn man Sie demohngeachtet todt bey Ihrem Grabe findet. — Wer kein Mitleid mit sich selbst haben will, muß darum nicht aufhören, es mit andern zu haben. Sechster Austritt. Dromo mit einem Gehülfen, der einen kleinen Tisch bringt. Philokrates. Brod, Datteln und Wein; das ist die Küche eines Soldaten. Er bewegt sie zuerst. Endlich fällt ihm das Orakel bey, daß er die beste Frau bey den Todten finden werde. Er habe immer geglaubt, das Orakel wolle ihn zum besten haben, jetzt sähe er die Erfüllung. Dromo. Nu das gesteh ich, mein Herr kann aus dem Stegreife vortreflich lügen. Philokrates. Schickt den Dromo fort, nach dem Gehangenen zu sehn. .">>)«; Tie Matrone vo» Ephcsus. Siebenter Auftritt. Antiphila. lNysis. philokrates. Fortsetzung, Antiphila scheint anfangen zn werden. Achter Auftritt. Dromo kömmt mit der Nachricht zurük, daß der Gehangene gc stöhlen worden sey. Vcrzwcisinng des ^sficierS. Erklärung der Wittwe. Dromo. St! St! Philoki-atcs. Was gicbtS? — Komin, fass' an! Zvromo. St! St! Philob'ratcs. Run? Dromo. Pardon für den Todte»! Philokrates. Was soll das? — Was »icynst du? — Dromo. ES hängt draussen noch alles. Philokrates, Wie? so hättest du mich belogen? Und mir diesen Schrek eingejagt? Frevler, das soll dir dein Leben kosten. ZOromo. Nortreflich! Ist das mein Dank, das; ich durch meine Erfindung die schöne Wittwe zur Erklärung gezwungen? Würde sie wohl sonst so bald mit der Sprache herausgegangen seyn. Philor'rKtes. Tromo, du hast Recht. — Vergeben Sie ihm, meine Antiphila. Antiphila. Ihr Gotter! welche Beschimpfung? wozu bin ich gebracht worden? Neunter Auftritt. Dromo. Mysis- Dromo. Ich will hoffen, mein Kind, daß Sie mit in den Kauf geht. Ich brauche also nicht lange um sie zu handeln. — Wenn Sie hcyrathen will, hcyrathc Sie einen ehrlichen Soldaten. Bleibt er, so tritt sein Bordcrmann, sein Nebenmann, sein Hintermann an seine Stelle. Bleiben die auch, so ist ein andrer Kamrad gleich bey der Hand. Kurz wenn sie einen Soldaten hcyrathct, so kann Sie eigentlich nicht eher Wittwe werden, als bis der Henker die ganze Compagnie aus einmal holt. Und das geschieht so leicht nicht. Wir haben jetzt in der Armee ein Weib, das bezieht schon die ganze Compagnie zwcymal. M^siö. Ja so gut wirds der zehnten nicht. Dromo. Solls Ihr auch wohl so gut werden? — Rein, als- Die Matrone von C'phcsus, dann möcht ich doch wohl lieber dein letzter, als dein erster Manu seyn-- Mysis. Mache, daß wir ihnen nachkommen. Dromo. lind diese heilige Stäte verlassen, wo sich ein Beyspiel der cheligen Liebe ereignet hat: o! dergleichen — dergleichen — dergleichen die Welt alle Tage sieht. Mysis. Grausames undankbares Geschöpf! Ist es nicht gcnung, daß ihr uns verfuhrt, müßt ihr uns auch noch verspotten? Personen. Antiphila. Mysis. philokvates. Dromo. Die Scene ist ei» Grabmahl/ in dessen Vertiefung zwey Sarge; der eine, verdeckt, der andere offen; von einer aus der Mitte des Gewölbes herabhangenden Lanipe nur kaum erleuchtet. Erster Auftritt. Antiphila und Mysis. (Beyde schlafend- Antiphila auf dem offenen Sarge/ den Kopf gegen den verdeckten Sarg gelehnt; Mysis zum Fuße des offenen Sarges auf einem niedrigen Steine, die Arme auf die Knie gestutzt/ das Gesicht zwischen beyden Händen.) Mysis. (indem sie erwacht.) Wo bin ich? (und um sich sieht) Ach! noch in dem verwünschten Grabe! — Ich war eingeschlafen, (gegen die Antiphila sich wendend) Und sie schläft auch — Schlafen Sie, werthe Frau? — Nein, ich will sie nicht wecken. — Wenn sie doch so in jenes Leben herüber schlummerte, und meiner und ihrer Quaal ein Ende machte! — Hu! wie schaudert mich! — Die Rächte werden schon kalt. Es muß schlimmes Wetter über uns sehn. Wie der Wind durch die Luftlöcher pfeift! Wie der Regen auf das kupferne Dach schlägt! Welche Höhlung! welche Feuchtigkeit hier! — Wenn sie den Schnupfen bekömmt, so mag sie es haben. Ja so, sie will sterben. Ob man mit oder ohne Schnupfen stirbt; sterben ist sterben. — Aber ich, die ich nicht sterben will — (indem sie aufspringt) — O, eine Sklavin ist wohl sehr unglücklich! — Horch, welch Geräusch? — 658 Die Matrone von Ephesus. Zweyter Austritt. Dromo. Mysis. Antiphila- Dromo. (noch von draussen) Holla! Mysis. Was ist das? Eine Stimme? Dromo. Holla! niemand da? Mysis. Wer sucht hier lebendige Menschen? Dromo. Will niemand hören? Mysis. Es kömmt näher. Dromo. Gleichwohl sehe ich Licht schimmern. — — Ho, ho! das gehet in die Tiefe. Mysis. Wer muß das seyn? Dromo. (I„dcm er herein tritt) Ha! wo komm ich hin? Mysis. Ich dacht es wohl, daß Er sich müßte verirrt haben. Dromo. (Erschrocken) Wo bin ich? Mysis. (die ans ihn zugeht) Im Grabe! Dromo. Was? Grabe? — da habe ich nicht hingewollt. Mysis. Bey Todten! Dromo. Todten? — Gott behüte die Todten! Ich will gern niemand stören, (indem er zurückgehen will) Mysis. Nein, guter Freund. — Der arme Trops fürcht-et sich. — So kömmt Er hier nicht wieder weg. (ihn aufhaltend) Was will Er? Dromo. Blitz! ein weiblicher Geist gar! der wird mich quälen! Mysis. Was will Er? Dromo. Nichts, gute Geistin, nichts; — so viel wie nichts. — Der Wind blies mir oben meine Laterne aus; fremd bin ich; stockpech- finstcr ists; ich wußte nicht wohin; da schimmerte mir hier so was; da ging ich dem Schimmer nach; ich ging und ging, und auf einmal führt mich mein Unglück dir in die Klauen. — Thu mir nichts, liebes Gespenst. Ich habe es wirklich nicht gewußt, daß du hier dein Wesen hast. Mysis. Also will Er nichts, wie sein Licht wieder anzünden? Dromo. Weiter nichts; so wahr ich lebe! — Wenn ich anders noch lebe. — Mysis. Nun da! (ihn auf die Lampe weisend) Zünde Er an! Dromo. Ey ja doch! Wie spaßhaft die Gespenster sind! Das ist keine rechte Flamme; das sieht nur aus, wie eine Flamme! das Die Matrone von Ephcsns. 659 brennt nicht; das scheint nur zu brennen! das scheint nicht, das scheint nur zu scheinen. Von so einem Gcspcnstcrlichtc ist ein recht Licht nicht anzuzünden. N7ysis. Geb Er her! (nimmt ihm die Laterne und geht, das Licht darum bey der Lampe anzuzünden) Dromo. Das bin ich begierig zu sehn! — Wahrhaftig, es brennt: ja mir würde es so nicht gebrannt haben. M/slS- Hier! (indem sie ihm die angezündete Laterne wieder zurnckgicbl) Aroms. Ein dienstfertiges Gespenst! Es mag wohl anch eine gute Art geben. — Ich danke, ich danke recht sehr. M>'sis. Wie ich nun sehe, so ist Er ja wohl gar ein Soldat. Aromo. Zu dienen, mein freundliches Gespenst — Mysts. Aber für einen Soldaten ist Er auch verzweifelt furchtsam. Aroms- Ja, ich bin nicht Soldat, mich mit dem Teufel zu balgen. Diß gesagt, ohne dich erzürnen zu wollen, lieber Geist. — M)'sis. Er ist nicht klug mit seinem Geiste! Roch leib und leb ich. Dromo. Wie? im Ernst? — Mit Erlaubniß! (indem er sie mit der flachen Hand hier und da behutsam betastet) Gewiß, das Ding ist doch ziemlich compackt (geht mit der Laterne rund um sie herum, und leuchtet ihr endlich ins Gesicht) Ey! ein allerliebstes Gesichtchen! Nein, das Gc- sichtchen gehört wohl keinem Gespenstc. Welch ein paar Angcu! was für ein Mündchcn! Was für ein paar Bäckchcn! (Indem er sie in den einen Backen kneift) XNysis. Nun was soll das? Weg doch! Zvromo. Ich muß mich ja wohl überzeugen, daß es wirkliches Fleisch ist. — Wahrhaftig, wirkliches Fleisch! Und gesundes, derbes Fleisch. — (indem er sie auch in den andern kneift) Wird mir doch wieder ganz wohl ums Herze! — Was sagte Sie denn, mein schönes Kind, ich wäre im Grabe? bey Todten? XN^slS- Das ist er dcmohngeachtct doch! ZOromo. Doch? (steht sich mit der Laterne um) — Ach! Särge? — Und was sitzt denn auf dem einen? — XNHslS. St! geh Er nicht zu nahe! Er möchte sie aufwecken. Zvromo. Schläft« nur? Was ist es denn? N?)-slS. Es ist meine arme Frau; eine unglückliche junge Wittwe. ZOromo- Junge Wittwe? und was macht ihr denn hier zusammen? 51?)'siö. Ist das noch zu fragen? Sie hat ihren Gatten verlohren. 560 Die Matrone von (!phcsuS. Dromc>. So muß sie sich cincn andcrn nchincn z abcr hicr wird sie ihn schwerlich finden. 5N)'slö. Einen andern? Sein Glnck, mein Freund, daß sie schlaft, und diese Lästerung nicht Hort. Eincn zweyten Gatten! O Gott, über die Weiber, die cincn zweyten Mann nchincn konncn! ZOromo- Nun? warum nicht? Einen zweyten, eine» dritten, ci neu vierten — nur nicht alle auf einmal! — ZN^sis. Weil ihr Männer cS mit den Weibern so haltet! — Nein, wciß Er, daß meine Frau eine tugendhafte Fran ist. Zvromo. Welche Frau wäre das nicht? XNvsi's. Sie ist keine von denen, die ihr Herz verschenken, und wieder nchincn und wicdcr vcrschcnkcn. T>romc>. Gicbt cs dergleichen? N?>'siö. Wer es einmal bcscßcn, soll es ewig besitzen. ZOromo. Ey! M)'slö. Sie hat ihren Mann über alles in der Welt geliebt. — ZOromo. Das ist viel! M>'slS- Und liebt ihn noch über alles! Dromo. Das ist gar zn viel! Er ist ja gestorben. M>'sis. Trum will sie auch sterben. Dromo. O geh Sie, Kind; mach Sie mir nichts wciß. 5N)?slS. Wie könnte sie cincn solchen Verlust auch ertragen? Ihre Verzweiflung ist aufs äuscrstc gcstlcgc». Wcnn Gram und Hnngcr tödtcn können, so wird sie es nicht lange mehr machcn. Hicr ncbcn dem Sarge ihres geliebten Mannes, will sie den Geist aufgeben. Schon haben sie alle Kräfte verlassen. Nachdem sie zwcymal vier und zwanzig Stunden nichts als gejammcrt, und gcwcint und geschrien, und die Hände gerungen, und die Haare zerrissen, ist sie vor Ermüdung eingeschlafen. — Dromo. Und schläft ziemlich fest. Gut; Schlaf bringt auf bcßcre Gcdankcn. Wenn sie wicdcr aufwacht, wird alles vorbcy seyn. Ich kenne das! MyslS. (bitter) Ich kenne das? Was kennt er denn, Herr Soldat? Er mag viel kennen! — So? ist der Herr auch von den abgeschmackten Spöttern, die an die Treue der Franc» nicht glauben? Dromo. Ich? behüte! Ich glaube ja an Gespenster — wie Sie Die Matrone von Ephcsiis. 6kl, gesehen hat, mein Kind —, warum sollte ich an die Treue der Frauen nicht glauben? Ich glaube an alles, was nicht so recht glaublich ist. XNfslS. O, wenn Er in diesem Tone sprechen nill, so gehe Er nur wieder! Er war es nicht werth an diese heilige Stäte zn kommen, wo sich nun bald ein Beyspiel der ehelichen Liebe cräugncn wird, dergleichen die Welt noch nie gesehen. Dromo. Noch nie? Sicht Sie; so giebt Sie mir ja gewonnen Spiel. Denn ich denke immer, was nie geschehen ist, das" wird auch nie geschehen, das kann gar nicht geschehen. — Ha! was hör ich! (Man Hort draußen, als in der Entfernung, von verschiedenen Stimme» rnffcii- Wer da? — Patrulle! — Steh, Patrulle. —) M)'sis. WaS ist das? Dromo. Die Patrullc; und ich bin nicht da. — Ich muß fort; ich muß fort. — — Mein Hauptmann ist ein Teufel. — Mysis. Wo ist sein Hauptmann? Dromo. Richt weit. — Leb Sie wohl, mein Kind, leb Sie wohl! Denn Sie will doch nicht etwa auch sterben? — Pfui, sterbe Sie nicht. — (geht eilig ab, und ruft noch zuriil) Wenn ich wieder abkommen kann — xNyslö. O bemühe Er sich nicht! — Dritter Austritt. Mvsis. Antiphila, (noch schlafend.) !N>'sis. Es müßen Truppen in der Gegend eingetroffen seyn. — Was es für Männer giebt. Die meisten sind keine Thräne werth; geschweige, daß man mit ihnen sterben wollte. — Aber cS ist doch sonderbar, daß die Frau über den Besuch nicht aufgewacht ist! (sich ihr nährend) Wenn sie gar todt wäre! — Nein, das ist sie nicht. — Liebste Frau! (stoßt sie an.) Antiphila. (im Schlafe) Ach — Rein, nein — weg, weg! NMs. Beste Fran! — Antiphila. Bester Man»! — Wo? wo denn 5 XNysis. Sie redet im Schlafe.--Erlauben Sie, Sie liegen so nicht gut; der Kopf muß Ihnen so noch wüster werden — Antiphila. Ich liege gut; recht gut. — Bey ihm — auf ihm — recht gut! — O, mein Arm — (indem sie den Kopf erbebt) '.'csfmgs Werke i>, 36 6K2 Die Matrone von Ephcsus. Mysis. Er muß Ihnen ja wohl schmerzen; so verwandt Sie damit gelegen. Sie haben ihn ganz rund gedrückt. Antiphlla. O, mein Arm! mein Nacken! — (Sie erwacht vollends) Ach, Mysis, bist du es? Ist er nicht bey uns? Mysis. Wer, meine werthe Frau? Antiphlla. Er! Er! — Ach dieser Sarg— (indem sie aufspringt) dieses schaudernde Gewölbe — diese verlöschende Lampe — sie erinnern mich, wo ich bin! wer ich bin! — Und mein Unglück stehet wieder ganz vor mir! — Mysis, Zeugin meiner Verzweifelung, (sie bey der Hand crgrciffcnd) Mysis. Lassen Sie mich, ehe die Lampe verlöscht. Ich will Oel aufgießen — (welches sie thut) Antiphlla. Laß sie verlöschen! — Laß die Sonne und alle Ge stirne des Himmels mit ihr verlöschen! — Alles werde um mir so dunkel und Nacht, als es in mir ist — Sieh, Mysis! Es wird hel- er; die Flamme lodert neu auf! —Komm her, wie hast du das gemacht? Mysis. Ich habe Oel zugegossen und den Dacht gcreiniget. — Antiphlla. Kannst du das? O so wirst du mehr können. — Kannst du eine sterbende Flamme erwecken? — Komm, so must du mir auch meinen Mann erwecken! — Komm, — gieß neues Leben in seine Adern — reinige seine Nerven von dem Moder der Verwesung — Komm! (zieht sie gegen den Sarg) Du mußt, du mußt! — (sie wieder loslassend) O ich Wahnsinnige! Mysis. Wie jammern Sie mich! Antiphlla. Aus den eisernen Armen des Todes ist keine Rettung. Er ist dahin, 'unwiederbringlich dahin! — Und doch, je öfterer ich mir es sage, je unglaublicher wird es mir. — Er, er, mein Telamon todt — Sage, Mysis, blühte er nicht noch vor sieben Tagen, gleich einer Rose? Als ich ihn vor sieben Tagen verließ, wie verließ ich ihn? Rede, wie du es weißt! Und gestern, wie fand ich ihn wieder? — Reime mir das zusammen, wenn du kannst! Wie ich ihn verließ, und wie ich ihn wieder fand! — Nein, da ist Betrug dahinter! Er ist nicht todt; er ist nicht todt! — Gesteh cS mir, Mysis, daß er nicht todt ist! Sage: er lebt! und nimm deine Freyheit dafür, und nimm mein Geschmeide, nimm alles, was ich habe! Mysis. Und wenn ich es sagte? — Antiphlla- So wäre es darum doch nicht wahr? So wäre er Die Matrone von EphcsuS. 663 doch todt? — Wo bin ich denn indeß gewesen? Fern über Land und Meer? — Warum holte man mich nicht? — Bin ich weiter als in der Stadt gewesen? Hätte ich nicht den Augenblick hier seyn können? vr hätte in meiner Abwesenheit sterben wollen? — Das macht die ganze Sache verdächtig. — Sage, habe ich ihn sterben sehen? Mysis, Freylich nicht. Amiphila. Aber ich hätte ihn sehen können? Sage — XNysis. AllcrdingcS. Antiphila. So? Ich hätte ihn können sterben sehn? und habe ihn nicht gesehen? — O, so ist er auch nicht gestorben! — Und wo war ich in der Stadt? — Ein neuer Bcweiß, daß ihr mich betrugt, daß ihr mich zum Westen habt! — Wo war ich? In dem Wirbel der leichtsinnigen Welt? Jugendlichen Zerstreuungen, verführerischen Er- götzlichkciten überlassen? Ich nehme dich selbst zum Zeugen, Göttinn Diana, ob mich etwas anders als dein Fest da beschäftigte? Täglich und stündlich in deinem Tempel, wo ich zn dir betete, dir Hymnen sang, dir opferte und deine Priester beschenkte — Und du hattest indeß diß Unglück von mir nicht abgewandt? Du hättest ihn sterben lassen? — O so wärest du nicht die große Diana von EphcsuS — Mysi's. Wo gerathen Sie hin, meine Frau? — Antiphlla. Nciu, so ist sie es nicht! So will ich nie mehr zu ihr beten, nie mehr ihr Hymnen singen, nie mehr ihr opfern, nie mehr ihre Priester beschenken! XNysiö. Die Göttinn wird Ihren Schmerz ansehen, und Ihnen verzeihen. Antiphila. Und laß auch die Göttinn nichts beweisen! Sie mag nicht gewollt oder nicht gekonnt haben! — Was hier, hier noch klopft, (auf ihr Herz) ist mir glaubwürdiger, als alle Götter. Mein Herz, das mit seinem Herze so innig verwandt, so gleich gestimmt, so völlig nur ein Herz mit ihm war, diß Herz wäre nicht zugleich mit seinem gebrochen? Rcisse die Blume am Bache von ihrem Stängel, und ihr Bild im Wasser verschwindet zugleich. Verdunkle die Sonne, und der Mond hört auf zu scheinen — Nein, nichts kann sich selbst überleben. Und nur mein Herz überlebte sich selbst? überlebte das Herz, in welchem es lebte, durch das allein es lebte? — Widersprich mir das, wenn du kannst! Widersprich wir das, Mysis! — Wie stumm und beschämt dn da siehest! Habe ich dich ertappt? — Nun gut, ihr habt 36° 5ti4 Tic Matrone von EphesuS. mich aufgezogen, grausam aufgezogen. Aber macht auch einmal dem iinineiischlichcn Scherze ein Ende! — Komm, hilf mir den Sarg aufmachen. Ich wette mit dir, der Sarg ist leer — Tclamon ist nicht darin»; oder wenn er darum ist, so wird er plötzlich auffahren und mir lachend in die Arme fallen. — Ich werde auch lachen wollen, aber das Weinen wird mir näher seyn — Nun komm doch, Mysis; wenn er allzulange so liegt, sich allzulange so zwingt und verstellt — es könnte ihm schaden. Mysis. O, lassen Sie dem Leichnam seine Ruhe! Wie oft haben Sie schon den Sarg aufgerissen! — Sie werden ihn sehen, und zu Boden sinken. — Wenn ich Ihnen rathen dürfte? — Antiphila. Warum darfst du nicht? — Ja, liebe Mysis, rathe mir! Ich weiß mir selbst nicht zu rathe». — Wie soll ich es machen, daß ich ih» zurückruffe? F'aß ich ihm nachkomme? Mysis. Keines von beyden. Jenes ist unmöglich, und dieses — Antiphila So bleibt mir nur dieses! — Ja ich will ihm »ach! — Nichts soll mich halte»! — Mysis. Verlassen Sie diesen traurigen Ort, meine Frau! Kehren Sie in ihre Wohnung zurück. Hängen Sie dort Ihrem Schmerze »ach. Antiphila. Kehre du nur zurück, wenn du willst. Mein Gc- schäft hier kann deines Dienstes entbehren. Ich erwartete von einer feilen Sklavinn nichts anders — Aber ich? Ich sollte diesen Ort verlassen? Bey allem, was in jener Welt schrecklich und heilig ist, bey ihm, bey dem die Götter zu schwören sich scheuen, — schwöre ich, daß ich nie, nie diesen Ort, ohne dem Geliebte» meiner Seele, verlassen will. Mysis. Ich dars Ihnen nichts verhcclcn. Ich besorge, wir werden hier nicht lange ruhig seyn. ES müssen Truppe» in der Nähe stehen. Eben als Sie schliefen, kam ein Soldat, sein Licht hier anzuzünden. Er sprach von einen, Hauptmaun; er sprach von Wiederkommen — Antiphila. Was sagst du? — Ich will niemand sehen. Ich will mich von niemand sehen lassen. — Was wollen sie hier? Ihre Augen >V> meiner Verzweiflung weiden? Mysis. Stille! horchen Sie doch, meine Frau! — Hören Sie nichts? Antiphila. Ich höre reden über uns. — Geschwind, Mysis, lauft': verschließ, verriegle den Eingang. Die Matrone von Ephcfns. öK5 5N>'sis. Was würde das hellffen? SS sind Soldaten. Kehren sich Soldaten an Schloß und Riegel? Antiphila. vile, halte sie ab! M>'sis. Ich? Zlntiphila. Sage ihnen, ich sey nicht mehr hier. M>'siö. Werden sie es glauben? Antiphlla. Sage ihnen, ich sey außer mir, ich lobe, ich rase — lNfslS. Desto neugieriger werden sie seyn. Antiphila. Sage ihnen, ich sey schon todt — Mysis. So wird noch ihr Mitleid zur Rcugicrdc kommen — Mir fällt was ein — (Zehen Sie geschwind, werfen Sie sich ans ihren Sarg; thun Sie, als ob Sie noch schliefen — So dürfen Sie doch nicht mit ihnen sprechen — Ich will suchen, sie, so bald als möglich, los zn werden. Antiphlla. Das will ich, ja — Aber laß dich nicht mit ihnen ein. — Und laß mir keinen zu nahe kommen! — (Sie wirft sich auf den Sarg; in einer nachläßigcn, aber vorthcilhaftcn Stellung) Nicrtcr Austritt. philokrares. Dromo. Antiphila. Mysis- Dromo. (»och draussen) Run kommen Sie nur. Sie werden es sehen. XNyslS. (indem sie ihnen entgegen geht) Liegen Sie nur ganz stille — Dromo. (im Hcrcintrctcn mit einer brennenden Fackel) Sehen Sie! Fürchten Sie sich nur nicht, Herr Hauptmann! — - Philoürates. O, den tapfer» Dromo an seiner Seile, wer sollte sich fürchten? — Gieb her die Fackel — (nimmt sie ihm) Mysis. Wer sind Sie? Was wollen Sie hier, meine Herren? Dromo. Kennt Sie mich nicht mehr, mein schönes Kind? — Sicht Sie, ich bin geschwind wieder da. — Das ist mein Hauptmann. Ich mußte es ja wohl meinem Hauptmannc sagen, wo ich so lange gewesen, und was für ein Ilbcndthcucr mir hier anfgcstosscn. — Nun ist mein Hanptmann, wie Sie ihn da sieht, sehr neugierig; und noch mitleidiger, als neugierig. Weil er also hörte, daß eine junge Wittwe hier für Betrübniß ans der Hant fahren wollte — Philokracce. Ja — so komme ich, sie zu trösten. 666 Die Matrone vo» EphcsnS. XNysis. Sehr viel ehre, Herr Hauptmann! — Aber sie will nicht getröstet seyn. Philokratcs. O, wenn Sie getröstet seyn wollte, so wäre sie schon getröstet.' Die nicht getröstet seyn wollen, denen ist eben der Trost am nöthigsten. Die andern trösten sich selbst — Wo ist sie? TNysis. Sie schlaft. Dromo. Roch? Philokrares. Desto besser! So kann ich erst sehen, ob sie des TröstcnS werth ist. — Wo schläft sie? — Mysi's. Kommen Sie ihr nicht näher. Sie möchte» sie aufwecken. Philokrates. Ich will sie rnhig wieder einschlafe» lassen, wenn sie meine Erwartung betrügt — Laß mich! — Dromo. Kind, Sie wird einem Hanptmanne doch nicht den Paß verlegen wollen? Komm Sie hierher zu mir. (zicht sie bey Seite und Philokratcs gehet in die Vertiefung nach den Särgen) XNysis. Das sind Gewaltthätigkeiten! — Herr Hauptmann, haben Sie Achtung gegen eine Unglückliche. — Und Er, Herr Soldat — (sie liebkosend) was soll das? Dromo. Närrchen, laß dich umarmen, laß dich küssen — Mysie. Herr Hanptmann, dieser Unverschämte — Dromo- Ich will ja weiter nichts, als mich nochmals überzeugen, daß du kein Geist bist. Phllokrates. (voller Erstaunen über den Anblick der Slntivhila) Götter! was erblicke ich! — Dromo! — Dromo. (ohne hinzusehen, und mit der Mvsis beschäftiget) Ist sie hübsch? Hübsche Sklavinn, hübsche Frau: das habe ich immer gehört. Häßliche Frauen können nichts hübsches um sich leiden. Philokratcs. (ohne ein Auge von ihr zu verwenden) Dromo! — Dromo. Bewundern Sie nur, Herr Hauptmann! — Ich habe hier auch mein Theilchen zu bewundern. Philokratcs. Dromo! — Mysis. Sie wird ohnfchlbar über dieses Geschrey aufwachen. Dromo. Das isi, ohne Zweifel, sei» Wille. Philokratcs. Wirst du herkomme» uud mir die Fackel halten? Dromo. (geht) AIS wenn ich hier zu sonst nichts gut wäre. NIysis. Aber Herr Hauptmann, ich bitte Sie! — ES wird nur hernach alles zur Last sallcn. Wen» sie erwacht, so bin ich unglücklich. Die Matrone von Evhcsus. 567 Philokrates, Da, Dromo, iiiiiim die Fackel! — Tritt ein wenig damit zurücke! — Seitwärts! So! — Nun übersehe ich die ganze göttliche Form! — Sich doch, Dromo! (der sich näher» will) Nein, nein, bleib nur stehen! — Venus, als sie ihren AdoniS beweinte, war nicht rührender. Mysis. Nun haben Sie ihre Neugierde gestillt, Herr Haupt- niann! — Nun entfernen Sie sich wieder! Verlassen Sie uns. Philokrates. Was sagst du? — Komm her, glückliche, benci- denswürdige Sklavinn! Denn du gehörst ihr zu. — Komm her, wie heißt deine Gebiethen»»? XNysls. Antivhila. Philokrares. Antivhila? Ein lieblicher, schnicichelnder Nahme! — Wie alt ist sie? Mysis. Vier und zwanzig Jahr — Philob'r«tcs. Nicht doch, das weiß ich besser. Aber meine Frage war auch so abgeschmackt. öS ist Hebe, die Göttin der Jugend, die keine Jahre zählt. — Und hier neben ihr, in diesem Sarge? — Mysis. Ruht ihr entseelter Gemahl. Philokrares. Wie lange hat er sie gehabt? Mysis. Ins fünfte Jahr. Philvkrates. Wie alt starb er? Mysis. Im dreyßigsicn. Philokrareo. Und er liebte sie? Verstehe mich recht; es ist eine Unmöglichkeit, sie nicht zu lieben. — Ich frage: er lieble sie doch so sehr, so innig, mit der Liebe der inbrünstigsten Liebe? — rNlysis. O ja; wie Sie aus ihrer Trostlosigkeit leicht schliesst» können. Philokrates. Hat sie Kinder von ihm? Mysis. Nein. Philokrares. Nein ? (Anlivhila wendet sich hier, um ihr Gesicht zu verbergen) Sieh, sie regt sich! Jtzt wird sie erwachen. — Ich zittere vor Erwartung. — Nein, sie legt sich nur anders — und entzieht uns ihr Antliv- Das holdseligste Antlitz! — Aber unendliche Reihe sind über den ganzen Körper verbreitet. Auch so könnte ich ein Jahr hier stehen und sie anstaunen. — Dieses Haar, so lockicht und wild! — Dieser Hals, mit seiner abfallenden Schulter! — Diese Brust! Diese Hüfte! — Dieser Fuß so frey über den andern geschlagen! — 568 Die Matrone von Ephcsus. Dieser Arm so weiß, so rund! — Diese Hand, so nachläßt im Schoose! — Diese ganze Stellung, so mahlerisch hingeworfen! — Ach, diese Hand — einen Mund auf diese Hand zu drücken — da sie noch schläft — (er ergreift sie) Antiphila. (die auffährt und ihre Hand zurückzieht) Ha! — Wie geschieht mir? (sich die Auge» reibend, als ob sie wirklich erwachte) philokrates. (indem er zurückspringt, zur Mvsis) Ich bin zu kühn gewesen; verrathe mich nicht — Anriphila- Mysis, wo bist du? — Wer war das? — Wer sprach hier? — Wer faßte mich bey der Hand? Warst du eS? — Oder träumte ich? — Was ist das für Licht? — Wer ist hier, Mysis? philokrates. (der ihr wieder näher tritt) Verzeihen Sie, schone Leidtragende — Anriphila. (springt auf) Götter! — Philokrates. Erschrecken Sie nicht, fromme Wittwe — Antiphila- (ans Mvsis zuflichcnd) Mysis, wo bist du? — Wer darf uns hier stören? ^ Unglückliche, wen hast du hereingelassen? philokrates. Zürnen Sie nicht, großmüthige Frau! Die Skla- vinn ist unschuldig. XNysis. Gewiß, das bin ich. philokrates. Ein glücklicher Zufall hat uns hicher gebracht — Antiphila. (mit niedergeschlagenen Augen) Mein Herr, wer Sie auch sind — Gönnen Sie einer Sterbenden die Ruhe, die man Gestorbenen verstattet! Philokrates. Besorgen Sie nichts, Beste Ihres Geschlechts. — Ich weiß Ihren Schmerz und die Ursache desselben. Ich verehre Ihre Betrübniß, und — theile sie. Ich bin ein Soldat, aber ich weine gern mit Unglücklichen — Anriphila. Mitleid bringt jedem Ehre. — Aber zum Beweise dieses Mitleids — mein Herr, unterbrechen Sie nicht länger die Todten-Stille dieser geweihten Stäte — verlassen Sie uns! Philokrates. Ich hatte gehoft, da mich der Zufall so wohl geleitet, daß ich mich seiner würde bedienen dürfen. — Ich hoffe es noch. Nein, Madam, Sie können so grausam nicht seyn, mich in dieser stürmische» Nacht anözustoßcn. Anriphila. Wie! auszusioßcn? Man stößt niemanden ans, den man nicht eingenommen, — Wo komincn Sie her? Wer sind Sie? Die Matrone von Ephcsus. Z6'.> — Nicht daß ich dieses alles zu wißcn verlangte. Ich will nur sagen, daß ich Sie nicht kenne, daß ich Sie nicht kommen heißen. — philokrates. Nein, Madam, ich habe nicht das Gluck Ihnen bekannt zu seyn. Aber Werke der Barmherzigkeit muß man auch nicht blos an Bekannten ausüben. — Ich suche Schirm vor Wind und Wetter. — Das schlechteste Dach ist beßer als ein Zelt. — Ich bin von dem Corps des Kritolaus, welches einen Einfall in das Gebiethe der Kolophonicr gethan. Sie wißen, Madam, wie heftig unser Staat vor kurzem von den Kolophonicrn beleidiget worden. Wir haben ihr plattes Land geplündert, ihre Flecken gebrandschatzet, und alles, was sich von Bornehmern auf seinen Gärten und Lnstschlößcrn ergreiffen laßen, mit uns weggeführt. Gestern sind wir über den Kay- ster zurückgegangen, und haben in der Aue von Larissa das Lager bezogen. Wir hatten Befehl, so bald wir den Ephesischen Boden wieder beträten, drey von den mitgefühlten Kolophonicrn hinrichten zulassen. Es ist geschehen. Sie sind vor dem Lager aufgeknüpft worden, und mich hat es getroffen, den Richtplatz zu bewachen. Es ist ganz in der Nähe. Morgen mit dem frühsten brechen wir wieder auf — Erlauben Sie, daß ich den Morgen hier erwarte. Antiphil«. Wie, mein Herr? Sie wollten die Nacht hier zubringen? die ganze Nacht? Philokrates. Ach sie wird mir kurz gcnung werden! Antlphila. Sie bedenken nicht, wo Sie sind. philod'rtttes. In einem Grabmahle. Aber Grabmahl oder nicht Grabmahl; es ist ein bedeckter trockner Ort; weiter verlange ich nichts. Ich kann uumöglich in der freyen Luft länger dauern. Es würde mir das Leben kosten. — Haben Sie Mitleid mit mir, Madam. Sie haben zwar aufgehört, es mit sich selbst zu haben: aber auch so noch haben es edle Seelen mit andern! Amiphila. Und wenn Sie doch nur um sich sehen wollten! — Ein finsterer Ort, ohne alle Bequemlichkeit: da ist weder Erleuchtung, noch Sitz. — Philokrares. Erleuchtung? Wenn diese Fackel nur Einen Gegenstand erleuchtet! — Und Sitz? — Zu Ihren Füßen, Madame — (fmrig> Anliphila. (sehr ernsthaft) Mein Herr — Philokrates. (auf einmal kalt) Keine Mißdeutung, Krone der Frauen! — Zu Ihren Füßen — will sagen, auf der Erde. — Die 67» Die Matrone von EphcsuS. naktc harte Erde war von je des Kriegers Sitz und Lager.-- Auch wäre dem abzuhelfen. — Geschwind, Dromo, spring in mein Zelt; hole Feldstühle, Tisch, Lichter — lauf! laß dir helfen! — die Fackel laß da! — Oder nimm sie nur mit. — Nein, laß sie da! gieb her! — Lauf! Lauf! (Dromo giebt ihm die Fackel und läuft ab.) Fünfter Austritt. philokrates- Antiphila. Mysis. Antiphila. Nimmermehr, mein Herr; ich geb es nimmermehr zu^ — Es geschieht ohne meine Einwilligung — das heißt Gewalt brauchen; mit Gewalt Besitz nehmen. — Aber Gewalt wider eine Schwache, Unglückliche; — ein Mann sollte sich dieser Gewalt schämen. Philokrates. Ich beschwöre Sie, Madam — Antiphila- Ich Sie hinwiederum! Entfernen Sie sich, mein Herr; verlassen Sie mich! — Was würde die Welt sagen! Meine Ehre, mein Nahme. Philokratcs. Ihr Nahme, Madam? — Als ob dieser nicht schon durch Ihren grausamen Entschluß über alle Verleumdung erhaben wäre! — Wer wird es wagen, die Tugend zu lästern, der an dem Sarge des Ewiggcliebten das Herz brach? Ihr gcwißer Tod, Madam — bey diesem unmäßigen Schmerze, bey dieser gänzlichen Versäumung aller Pflichten der Selbsterhaltuug, ist er so nahe als gewiß — Ihr gcwißer Tod drückt bald ein Siegel auf ihre Ehre, daS — Kurz, Madam, ich habe Ihre Erlaubniß; ich kann nicht anders, als sie haben. Daran zweifeln, würde an Ihrer Entschlossenheit eben so sehr als an ihrer Lebensart, an Ihrer Menschlichkeit zweifeln heißen. — Sie wollen sterben: und ich muß leben, für das Vaterland leben, dessen Knecht ich bin. Ein jedes gehe seinen Weg, ohne das andre zu irren. — Ja, Madam; Sie erlauben mir, diese Nacht hier zu bleiben; Sie erlauben mir, alles hier zu thun, was mir die Sorge für mein Leben befiehlt; cßcn, trinken, schlafen — Ich bedarf der Pflege. — Aber wie war es denn? davon habe ich ja dem Dromo nichts befohlen. Ich muß ihm nach. — Können Sie glauben, Madam, daß ich heute noch den ersten Bißcn in meinen Mund uchmcn soll? So geht es uns armen Soldaten. — (eilig ab) Die Matrone von EphcsuS. 5.71 Sechster Auftritt. Antiphila. ZNysis. Zlntiphila- Mysis, Mysis, das alles ist deine Schuld! Unglückliche! — Mysis. Meine Schuld? — Warum erwachten Sie? Konnten Sie nicht fort schlafen? Antiphila- Sollte ich noch seinen verliebten erdrcusiuna.cn mich mehr aussetzen? Mysis. Freylich verlohnte es sich der Mühe, die Augen auf einen Mann aufzuschlagen, den man so entzückt. Die mochte ich sehen, die es hätte unterlassen können. Auch noch am Rande des Grabes ist es gut, einen Anbeter kennen zu lernen, von dessen Aufrichtigkeit man so versichert ist. Er glaubte, Sie schliefen wirklich. Antiphila. Was spricht die Närrin? — Fort! diesen Augenblick muß ich nicht versäumen. — Laß uns fliehen, Mysis. Er muß uus nicht mehr finden, wenn er zurückkommt. M)'sis. Fliehen, ist die Gefahr so groß? Antiphila- Was ist dir? Was für Uusinu sprichst du? — Gefahr! Ich sehe keine Gefahr: aber nichts soll meine Betrübniß unter- brechen. — Ohne ein Wort weiter, folge mir! Mysis. Liebste, beste Fran, in dieser späten finstern Nacht, ausser den Thoren der Stadt, wo wollen wir hin? Antiphila. Es sind mehr Gräber in der Nähe — uns in das erste das beste zu verberge», bis das Heer aufgebrochen und die Gegend wieder ruhig ist, (Gegen den Sarg gewendet) Geliebter Schattc», verzeihe dieser kurzen Trennung! — Und nnn Mysis — M>'sis. Aber er wird uns nachfolgen; er kann nicht weit seyn; wir werden ihm schwerlich entkommen. Er wird uns zurückbringen. Und sich zurückbringen lassen, wenn man fliehen wollen: wie boshaft wissen Männer das auszulegen! — Fliehen Sie ja nicht, beste Frau! — Antiphila- So bleib, Nichtswürdigc! (gcht) Mysis. O, allein habe ich hier nichts zu schaffen! (im Begriff ihr zu folgcn) Antiphila. (auf den Sluffcn des Ansgangcs) Götter, cS ist zu spät! — Er kömmt schon. 672 Die Matrone von Ephesus, Siebender Austritt. philokrates. Antiphila. Mysio. philokrates. Wohin, Madam? wo wollen Sie hin, Schönste? (Antivhila, ohne ihm zu antworten, steigt die Stnffc» wieder herab, und geht nach den Särgen in der Vertiefung) — Rede dn, Mysls: wo wollte deine Gcbicthcriuu hin? TN>'sis. Sie fliehen, Herr Hanptniann. philokrates. Mich fliehen! Mich fliehen! Was sagst du? Zlntiphila. (die sich kurz umwendet) Nein, mein Herr; nicht Sie fliehen; blos Ihnen Platz machen: das wollt ich — das wollte ich (indem sie sich wieder dem Ausgang nähert) Sie bestehen darauf, hier zu übernachten. Ich kann es nicht wehren; meine Bitten sind vergebens, es sey: was Sie thun sollten, will ich thun. Philokrates. Madam! — Mysis! xNhslS. Geben Sie mir die Fakcl, Herr Hanptniann. Sie ist Ihnen hinderlich. Philokrates. (der ihr die Fakcl giebt und die Antivhila bey der Hand ergreift) Und das sollte ich verstatten? Antlphila. (die ihre Hand los windet) Ich will cS hoffen, mein Herr — Philokrates. Ach. so verzeihen Sie meinem Irrthume, Madam! — Ich hätte nie geglaubt, daß so viel Härte, bey so viel Empfindung seyn könne. Man ist sonst so mitleidig, wenn man sich selbst unglücklich fühlt. — Ich sehe, Madam, Sie sind bestimmt, in allen Dingen eine Ausnahme zu machen. — Ich bcschcidc mich: so nachgeben wollen, heißt auf seinem Rechte mehr als jemals hcstchcn. Ich gehe beschämt, gekränkt, aller Rechte der Gastfrcyhcit verweigert, auch der verweigert, die der Tygcr einem verirrten müden Wanderer, der in seine Höhle schlafen kömmt, nicht immer versagt — Aber genung, ich gehe — lind gehe voll Bewunderung — Antlphila. Ich erlasse Sie, mein Herr, der Bewunderung; erweisen Sie mir nur dafür Gerechtigkeit. Philokrates. Hier ist Gerechtigkeit und Bewunderung eines. Antlphila- Ich fühle alles Beleidigende dieser (etwas höhnisch) verbindlichen Wendung. — Und doch (sanft) schmerzt es mich, so verkannt zu werden. Ich bitte: treten Sie an meine Stelle — Die Matrone von EphcsuS. 573 Philokratcs. Nein, Madam; ich gehorche Ihrem Befehle, ohne mich selbst zu fragen, was ich an Ihrer Stelle thun würde. Ailtiphlla. Die Götter wissen es, wie gern immer unser Dach den Fremdling, den Schutzlosen aufgenommen! Ganz Sphesus nannte ^assandern den Eastfrcycn. — Aber wer fodcrt in einem Grabmahle das Gastrecht? Philokratcs. Cassandcr. — Wen nciincn Sie da, Madam? Amiphila. Wen sonst, als ihn? Philor'ratcs. Ihren Gemahl? — Aber doch nicht (!assandcrn, des Metrophanes Sohn? Antiphlla. DcS Metrophanes Sohn. Philokrates. Des Metrophanes Sohn, den Phylarchcn? Antiphlla. Den Phylarchcn. Philokratcs. Den Phylarchen? den großmüthigen bey allen Bc- dürfnisscn des Staats sich selbst erbietenden Liturgcn? Antiphila. Ihn! eben ihn! Philokrates. lind dieser Cassander ist todt? Und dieser Cassan- der war Ihr Gemahl? Antiphila. lind Sie haben ihn gekannt? Philokratcs. Ob ich ihn gekannt habe? diesen tapferste», edelsten, besten aller Männer von Ephesus! AntiphilK. Besten aller Manner! Dieß war er! war er! (indem sie sich wendet, und mit gerungenen Händen nach den Särgen gebt.) Philokrarcs. (der ihr folgen will) Ob ich ihn gekannt? Mysis. (ihn zurückhaltend) Ein Wort, Herr Hanpimann. — PhilokrKtcs, Was willst du, Mysis? Mysis. Im Nertrancn, Herr Hauptmann — Sie können doch lesen? Philob'rates. Warum nicht? Mysis. Geschriebenes, und in-Stein gehauenes? Phtlokrates. .Beydes. Mysis. Und haben ein gut Gedächtniß, Herr Hauptmann? Phtlot'rares, So ziemlich. Aber mach ein Ende: was willst du? — Mysis- Nun so wette ich, daß Sie unsern Todten nicht gekannt haben — Philokvatcs, Aber du hörst es ja Mysis. Sondern daß Sie, bey dem Scheine Ihrer Fackel, das Epitaph draußen über dem Eingänge gelesen habe». 574 Die Matrone von EphcsuS. Philokratcs. Verleumderinn! — Aber liebc MysiS, wette was dn willst; du sollst alles gewinnen: nur sey mir nicht zuwider — Unterstütze mich — Nlhslö. Nur frisch! das eisen glüht; folgen Sie ihr — Philokrates. (der ihr in der Vertiefung nachgehet) Ob ich Caffan- dcrn gekannt? Wir thaten zusammen unsern ersten Fcldzug. In so feurigen Jahren knüpft gemeinschaftliche Gefahr die zärtlichsten Freundschaften. Die unsere ward durch meinen Aufenthalt an dem Persischen Hofe unterbrochen. Tarauf entstand dieser Krieg mit den Kolopho- »iern. Ich mußte zu meinem Phalanx, ohne Cassandcr» vorher umarmen zu dürfen. Und indeß — indeß hat ihn die grausame Parze abgefordert! O ich Unglücklicher! — Doch mein Schmerz, Madam, hat kein Recht, sich neben dem Ihrigen zu äußern. AntlphllK- (sich langsam mit Empfindung gegen ihn wendend) Ach! Sie waren sein Freund! — Ich kenne die Rechte der Freundschaft, so wie die Rechte der Liebe. Liebc ist nichts, als die innigste Gattung der Freundschaft. Welcher Empfindung konnte' sich die Freundschaft vor den Augen der Liebe zu schämen haben? — Nein, mein Herr, ersticken Sie nichts, bergen Sie nichts, was Ihrem Herze» so rühmlich ist: nicht diese Thräne, (indem Philokratcs die Hand vor die Augen fuhrt und das Gesicht von ihr abwendet) die Sie dem Andenken eines Mannes opfern, der uns beyden so werth war. — TN)?slö. O liebste Fran, nun dulden Sie den Herrn ja nicht länger! Seine Betrübniß würde der Ihrigen nur mehr Nahrung geben. Wir brauchen iiicmaud, der uns noch wehmüthiger macht, als wir schon sind. Philokrares. Woran erinnerst du dciue Ecbicthcrimi? — Doch ich kaun dir nicht Unrecht geben. — Ich gehe — Amiphila. Ach, mein Herr, entziehen Sie mir den Freund des Geliebten meiner Seele nicht so schnell. — Diesem geht nichts an, was ich dem Unbekannten sagte. — Er war Ihr Freund! Sie allein können meinen Verlust schätzen: wie ich allein den Ihrigen. — Die Matrone von EphcsnS, 575 Achter Auftritt. Dromo (mit einigen Stucken von dem befohlene».) Anriphila- philokrares. Nlysis. Dromo. Hier bin ich, Herr Hanptmann. Das andre ist droben vor dem Eingange, wo ich es niedersetzen lassen. Komm, MysiS, hilf mir es herunter bringen. rNysis. Richt so schnell, Herr Landsknecht, es streitet sich noch, ob ihr werdet Quartier hier machen dürfen. Philokrares. O, Dromo, welche Entdeckung habe ich gemacht! — der Entseelte, der hier ruhet, den diese Göttliche beweinet — war mein Freund, der erste Freund meiner Jugend. Dromo. Was plaudert denn die also? — So ein Freund wird uns doch nicht die Thüre weisen? — Komm, komm, laß dich die Mühe nicht verdrießen (Er zieht sie mit fort, und nach und nach bringe» sie das Befohlene herunter u»d in Ordnung.) Philokrares. O Sie, noch kürzlich die Wonne meines Freundes! O Schönste, Beste — wie kann ich die Freundinn meines Freundes anders nennen, als meine Freundinn! — Wenn und wo ich auch sci^ neu Tod vernommen hatte, würde er mir das Herz durchbohrt haben. Aber hier, aber itzt — da ich es sehe, mit diesen unglücklichen Augen es selbst sehe, wie viel er verloren, in Ihnen verloren — Antiphila- Wenigstens zu verlieren geglaubt. Denn seine Liebe zu mir, war so groß, so unsäglich — Philokrares. Richt größer, nicht unsäglicher, als ihr Werth! — In welcher Verzweiflung muß er gestorben seyn! Ich durste sicher sein Herz nach dem meinigcn beurtheilen. Was ich empfinde, das in meinem vorgehen würde, das ging alles in seinem vor. Das Licht des Tages verlassen, ist schmcrzlich; schmerzlich ist cS, sich vielleicht selbst verlassen müssen, aufhören sich zu fühlen, sich sagen zu können: das bist du! das gilt dir! — Aber was ist alles das gegen den Schmerz, ein Wesen zu verlassen, das wir mehr als das Licht des Tages, mehr als uns selbst lieben? — Doch welche Reden, die ich führe! Ist das die Zuspräche, die Sie, Schönste, von mir erwarten? Ich sollte Ocl in Ihre Wunden gießen; und reiße sie von neuem ans — Ich Unbesonnener! 676 Werther, der bessere. Antiphila- Nein, mein Herr, nein. — Solche Wunden weigern sich aller Linderung. Nur in ihnen wühlen, ist Wollust. philokrates. Allerdings, allerdings! — Doch mir verbieten Geschlecht und Stand und Bestimmung,-solchen wollüstigen Schmerzen nachzuhängen. Allen ziemt nicht alles. Dem Mann, dem Krieger ist eine Thräne vergönnt, aber kein Strohm von Thränen, der unvcrklci- nerlich nur aus so schönen Auge» über so zärtliche Wangen rollt. — Wo denkt er hin, der Soldat, der sich durch Bejammcruug eines verstorbenen Freundes weichherzig macht? (5r soll gefaßt seyn, jeden Augenblick ihm zu folgen; er soll gefaßt seyn, dem Tode unter allen Gestalten, auch den gräßlichsten, entgegen zu gehen: und er weinet, ob der sanftesten dieser Gestalten, die seinen Freund in die Ariiie nahm, und vorantrug? — Nicht der Tod, sondern der Tod mit Unehre, ist das einzige, was ihm schrecklich seyn soll. Dort durfte es mich schaudern, bey den schimpflichen Pfählen, an welchen die unglücklichen Ko- lophonier hangen. °)--— — —--— — — ^. —. — Werther, der bessere. ^ct. I. 8c. I. Es ist Nacht, und er liegt noch im Bette, aber wach und voller Grillen und Verzweiflung. Sr springt auf und will Licht anschlagen; zündet auch endlich seine Lampe an. Diese drohet bald zu verlöschen, weil es ihr an Oel gebricht. Er will Oel aufgießen, und es ist kcins in der Flasche. t?r will geschwind noch eine Pfeife Taback anzünden, und so rauchend der aufgehenden Sonne am Fenster harren. Aber sein Tabacksbcntcl ist leer. Selbst in seinem Mcißnerkrngc ist kein Trnnk mehr, und er getraut sich nicht dem Mädchen im Hause zu ruffeu. vr glaubt zwar gehört zu haben, daß sie schon auf sey; er fürchtet aber daß sie es endlich müde werden müßte, ihm für null und nichts aufzuwarten. Die Lampe erlischt, und er wirft sich wieder anfs Bette. 8c. II. Marthchen und werther. °) Das Brrslaucr Blatt, welches in einzelnen Ausdrücken abweicht, fügt bin;» „Auch ist mir nie ein Posten so nnaussicl'lich gewesen." Lomische Einfälle und Züge. 5,77 Comische Einfälle und Züge. *) i. Sie hat ja mir ein Auge — — O desto eher wird sie sterben, da sie mir eins zuzuthun hat. II. Kurz, ich hab cS beschlossen, kann ich Angcligucn nicht erhalten, so soll mich bald dieser Degen von meinem traurigen Schicksale bcfreycn. Die Thorheit werden Sie doch nicht begehen. Das Ding ist von Übeln Folgen. Wie so? Ja, ja, ich versichere Sie, es ist von sehr Übeln Folgen. Wie denn so? Ich habe von einem sehr geschickten Medico gehört, daß der Gesundheit nichts nachtheiligcr wäre, als sich einen Degen durch den Leib stoßen --- Ah das muß ein geschickter Mcdicns gewesen seyn-- Das versichere ich Sie, ein rechter geschickter. Er sagte auch noch dazu, es wäre der nächste Weg in jene Welt. III. Der Untreue, der Gottlose, der Nichtswürdige--sprach sie. Laß nur jetzt diese Beynahmen weg — — Ah, ich bin ein gewissenhafter Historicus---Seine Flucht bringt mich ums Leben. Sie stand in vollem Eyfcr auf, ergriff ihr Porccllain, warff es zur Erde, zerriß ihre Bilder, schmiß ihre ganze Meubcln znm Fenster hinaus und sich selbst warff sie - — Sich selbst--Wohin? wohin? In Grosvater Stuhl. IV. Der Herr und Pctcr. Peter! Peter! Nu, wer rufst-- Ich. Ey ihr--— — Komm raus! °) „Dcn komischen Einfällen und Zuge», die den Beschluß mache», ficht man freylich die Jugend an." Karl E, Lessing. Lesssugs Werke III. 37 578 komische einfalle und Zügc. Nein, iicin — — ich kan nicht. Mein Herr möchte mich niffcn. Ich muß drinnen bleiben, daß ich da bin — Komm raus! Kommt rein, wenn ihr was mit mir zu reden habt ic. .. .>'„..„ ,., z„j, ' '., 's,^ Hast du wohl Lust zu reisen? O ja — — wenn die Schenken nicht weit von einander liegen. VI. Den Mcdicnm um Verzeihung zu bitten, daß man so lange nicht krank gewesen. VII. Octave. Pctcr. Peter. Nu, Herr, habe ich euch nicht einen rechten kurzen Weg geführt? Hier seyd Ihr nu, wo Ihr habt seyn wollen. Da ist Herr Ilnsclmvs Hauß. Adjeu. Vcrave. Nu das ist gut. Ich bedanke mich. Adjeu. Peter. Ich will immer gehen; Adjeu Herr, Adjeu. Gcrave. Adjeu, guter Freund, Adieu. Peter- Haben Sie mir sonst nichts zu sagen? Ich will min gehe». Gctave- Nein. Geht nur, geht, Adjeu. Peter. Ah bey Gelegenheit, Herr Octavc, nehmen Sie mirS doch nicht übel: Meine Frau sagte, wenn Sie mir etwa was geben woll- tcn, ich sollte ja nichts nehmen — — — GctKve. Ha, ha. Ich versteh das Deutsch. Da hast du einen halben Gulden zu vertrinken. Peter. Ah großen Dank, mein Herr, großen Dank. Gclave- Ich dachte, deine Frau hätte dir befohlen nichts zu nehmen — — Peter. Ja mit der linken Hand--Adjeu. Adjeu. VIII. Die Weiber müssen über die Kinder zu befehlen haben, und nicht die Männer; denn sonst würden die Männer oft über was disponirc» was ihnen doch nicht zugchörtc. Das Gesetz ist ganz deutlich: Maler cei-i», pakor veio ineerkus. IX. Ich kenne ihn nicht. Aber ich habe einen guten Freund, der ei- neu andern guten Freund hat, und der ein guter Freund von einem gute» Freunde des Picrrct ist. Comische Eiufällc und Züge. 5,79 X. Vcrdrüßcn dich diese Verweise nicht? Ah — was vcrdrüßcn? Die Pillen muß »icin verschlucken n»d nicht kaue». XI. Wer ein alt Hauß repariren und eine junge Frau befriedigen will, der muß immer wieder von forne anfangen. XII. Liscttc. Johann. Johann. Ja so, daß ichs nicht vergesse. Da hier, Liselte, von meinem Herrn — — — Zusette. Was? Hält mich dein Herr für so ein intcressirt Mädchen ? Johann. Greifs nur zu, und nimmS. Wer wird sich so schämen? Lusetre. Rein. Nein, ich diene deinem Herrn aus bloßer Groß- mnth. Wie viel ist in dem Beutel? Johann. Zwölf Ducaten. Greifs jn, ich kriege sonst gescholtenes-- L.isette. Sind sie neu? Johann. O wenn du nicht wilt, so stecke ich sie wieder ein. Lusette. Nu, gieb sie nur her, gieb sie. Dein Herr möchte dich auSschelten. Und ich mag nicht gern daran schnld seyn. XIII. es sind doch rechte uncivilisirte Leute in der Stadt. Wenn man etwa einmal einen galanten Fluch von sich hören läßt, so erschrecken die Narren, als wenn ein Stücke loßginge. Wenn man sich etwa mit einem Mägdgen ohne Beyhülfe des Priesters einlaßt lind ihr ein kleines Merkmahl der Zärtlichkeit hinterläßt, so ist gleich allerorten so ein Aufruhr, daß ein ehrlicher Manu davon lauffcn muß. Das Trinken ist noch das einzige, was kein Aufsehen macht, aber das Getränke ist auch so schlecht, daß man es durchaus verbieten sollte, aus Furcht, ein rechtschaffner Kerl möchte einen Eckel für alles Trinken bekommen. XIV. Die Trauungen sind in der That nichts anders als Erfindungen der Priester, dann und wann einen kleinen Profit zu habe». Aber die Narren, wenn sie mir nur folgen wollten, so schafften sie die Trauungen ab: ich weiß gewiß, was sie hicbey einbüßten, käm ihnen an den Kindtauffcn zehnmal wieder ein. 37" 680 Comische SinMc und Zuge. XV. Lucilldc. (verliebt i» Eraften) Marto». A.. Ist cr ausgegangen? N7- Wer denn« L.. Ob cr ausgegangen ist? M. Euer Bruder? Nein. N7. Euer Bedienter? K.. Wer redt von meinem Bedienten? ist Erast ausgegangen? M. Ich glaube nicht. Aber wie habe ichs sollen rathen, daß Sie von dem reden? XVI. Marion. Pasquin. XN. Wen stichst du denn, Pasquin? s>. Ich suchte eine Närrin. Ich habe dich gefunden, und nun suche ich niemanden mehr. XVII. Wenn der Teuffcl und ein vremite lange beysammen leben, so wird entweder der Tcuffel ein Eremite, oder der Ercmitc ein Teuffcl werden. XVIII. Monsaoe. Pasquiii. P. Die Zeit, wo Sie gar nichts machen, ist bey Ihnen noch am besten angewandt. !N> Und du bist am witzigsten, wenn du gar schweigst.