Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften herausgegeben von Karl Lachmann. Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften. Neue rechtmäßige Ausgabe. Vierter Band. Berlin, in der Voß'schen Buchhandlung. 1 8 3 8. I n h a l t. Schriften. Dritter und vierter Theil. 1764. Vorrede............................... 1 Netlungen des Horaz ....................... 5> Rettung des Hier. Cardanus................... 41 Rettung des Inontl liolixioki, und seines ungenannten Verfassers ............................. 68 Rettung des Cochläus, aber nur in einer Kleinigkeit..... 87 Zergliederung der Schönheit, geschrieben von Wilhelm Ho- garth, aus dem Englischen übersetzt von C. Mylius. 1764. Vorbericht ...................... 101 Theatralische Bibliothek. Erstcs Stuck. 176». Vorrede............................... 100 I. Abhandlungen von dem weinerlichen oder rührenden Lustspiele ............................. 109 II. Leben des Herrn Jacob Thomson.............. 1Zc> III. Auszug aus dem spanischen Trauerspiele Virginia, des Don Augustino dc Montiano y Luyando........ 17^, IV. Auszug aus dem Schauspieler des Herrn Remond von Saintc Albinc........................ 17g V. Leben des Herrn Rcricaut DcStouchcs........... 210 VI. Ueber das Lustspiel die Indcn in dem 4ten Theile der Lcfiingschm Schriften.................... 217 II Inhalt. Seite Zweytes Stück 1764. VII. Von den lateinischen Trauerspielen, welche unter dem Na- Anszug aus demselben 225. Beurtheilung desselben 246. Bergleichung mit des Euripidcs rasendem Herkules 247. Unbilliges Urtheil des Pater Brumov 249, Bon neuern Trauerspielen auf den rasenden Herkules 261. Vorschlag für einen heutigen Dichter 252. Die Moral des rasenden Herkules 255. Bersuch über ein in Unordnung gebrachtes Stück des lateinischen Dichters............... 257 2. Thvcst............................ 260 Auszug ans demselben 260. Beurtheilung desselben 282. Von andern alten Trauerspielen dieses Inhalts 286. Wahrscheinlicher Beweis, daß der rasende Herkules und der Thvest einen Verfasser haben 288. Bon neuern Trauerspielen, welche den Namen Thvcst führen 291. Insbesondre von dem Atreus und Thvcst des ältern Crcbillon....... . 292 VIII. Des Herrn Ludcwig Riccoboni Geschichte der italiänischen Schaubühne. Nachricht von dem Verfasser................. 304 IX. Auszug aus den italiänischen Trauerspielen Sophonisbe und Rosemonde.......................... 306 X. Auszug aus der Calandra des Bcrnardo da Bibicna ... 307 Drittes Stück 1755. XI. Des Abts du Bos Ausschweifung von den theatralischen Vorstellungen der Alten. Borbericht des Uebcrsctzers ......... 307 Viertes Stück 1758. XII. Geschichte der englischen Schaubühne. Die ältesten Zeiten derselben bis auf Shakespcar. . . . 308—320 Einthcilung der nachhcrigcn Zeiten in drcv Perioden..... 320 Erster Periode 321. Zweyter Periode 329. Dritter Periode........................... 334 XIII. Von Johann Dryden und dessen dramatischen Werken... 336 Insbesondere von dessen Bersuch über die dramatische Dichtkunst 336 XIV. Entwürfe nngedruckter Lustspiele des italiänischen Theaters 339 Bon dem altern Riccoboni. 1) ie 5oueiir 341. 2) i'ilsiisn kraneils 346. 3) U ZUarlio vilioto 348. 4) I'Im- men des Sencca bekannt sind 1. Der rasende Herkules .... 224 225 Inhalt, m Seite nokleur mslxre lui 349, 5) I» kleleinxllcose ,1'^.rls- «uin 361. 6) le ?ere p»rli»l 362, 7) l'Il-llle» marie » ?»r>8 368. 8) Is NloAlie ßelos» 301. 9) le Lineere ü, eoiilre tems 363. 10) Is Sviipyoimeux 366. 11) les Lrreurs Ie I'Lspril........................... 386 Von Saint-Foix. 1) Is l?onlrs5Ie tle I'Il^me» Ie.................. 398 Bon Eandini. 1) le lUsri suppose 406. 2) le Lvliemiens 410, 3) ^rleijuin »k7 Sesrnmouellv Vvleurs 417. 4) Is, Ven- xesnce d^ileciui» 429. 6) I» VeiiAeance >le Ko»r-l- mouclie........................... 436 Vermischte Schriften des Hrn. Christlob Mylius. 17Z4. Vorrede............................... 442 Aus der Berlinischen privilcgirten Zeitung vom Jahre 1764. , 469 Das neue Testament von I. A. Bcngcl. Lcssings Vs>ie mecum 461 Baumgartcns Nachrichten von merkwürdigen Büchern, 24. St. 461 Muzelius Abhandlungen zum Behuf der schönen Wissenschaften, 2. Tl). Der Russische Avanturicr. Die Advocatcn..... 464 Neu aufgeschlossenes Cabinct Gottes. Ueber Mvlius...... 466 Leben des Molicre. teures ilu l!omle de eslsneo...... 466 Volisirs, ^nnales Iu l^vuis XIV. 478 Neuer Abdruck der Hogarthschcn Zergliederung der Schönheit . . 479 v. Schönaich, die ganze Aesthetik in einer Nuß.......... 479 Grundriß einer Beschreibung des Kavscrlhums Marocco..... 489 I>. Surlvku, >'ouvvlle IVIvtlwcle paur üpreinlrv le t'ri>»eoi« <^ l'^iiem-»»!. Posscu im Taschenformate............. 482 Geschichte Herrn Carl Erandisons, 3. Band........... 483 Inhalt. Seite F. C. von Crcutz, Scncca, ein Tralierspiel............ 483 Kurze Sammlung unterschiedlicher Wissenschaften und Kunststücke 484 Lcfiings theatralische Bibliothek, 1. Stück. leux Ilitloire muilvriu- ,tv« eiiiiwiL, lies 5!^wnuois " ^ch bin eitel genug, mich des kleinen Beyfalls zu rühmen, welchen die zwey ersten Theile meiner Schriften, hier und da, erhalten haben. Ich würde dem Publico ein sehr abgeschmacktes Compliment machen, wann ich ihn ganz und gar nicht verdient zu haben, bekennen wollte. Eine solche Erniedrigung schimpft seine Einsickt, und man sagt ihm eine Grobheit, anstatt eine Höflichkeit zu sagen. Es sey aber auch ferne von mir, seine schonende Nachsicht zu verkennen, und die Aufmunterung, die es einem Schriftsteller wicdcrfahrcn läßt, welcher zu seinem Vergnügen etwas beyzutragen sucht, für ein schuldiges Opfer anzusehen. Ob mir nun also der erste Schritt schon nicht mißlungen ist; so bin ich doch darum nicht weniger furchtsam, den zweyten zu wagen. Ost lockt man einen nur darum mit Schmcichclcycn ans der Scene hervor, um ihn mit einem desto spöttischem Gelächter wieder hineinzutreiben. Ich nennte es einen zweyten Schritt; aber ich irrte mich: es ist eben sowohl ein erster, als jener. Ein zweyter würde es seyn, wenn ich die Bahn nicht verändert hätte. Aber, wie sehr habe ich diese verändert! Anstatt Reime, die sich durch ihre Leichtigkeit und durch einen Witz empfehlen, der deswegen keine Neider erweckt, weil jeder Leser ihn eben so gut als der Poet zu haben glaubt, anstatt solcher Reime bringe ich lange prosaische Aufsätze, die zum Theil noch dazu eine gelehrte Mine machen wollen. Da ich mir also nicht einmal eben dieselben Leser wieder versprechen kann, wie sollte ich mir eben denselben Beyfall ver- Leslings Werke iv. 1 <-5S5 >' »'. ^ > .V-'V?. -^^> ^''i.>ZMM«:.^>-^ ^».^ >.^'>!>- ^ - - ---i.^-.-'« - .».->.- 2 Schrifftcn. dritter und vierter Thcil^ sprechen könncn? Doch er erfolge, oder erfolge nicht; ich will wenigstens auf meiner Seite nichts versäumen, ihn zu erhäschen. Das ist, ich will mich des Rechts der Vorrede bedienen, und mit den höflichsten Wendungen, so nachdrücklich als möglich, zu verstehen geben, von welcher Seite ich gerne wollte, daß man dasjenige, was man nun bald wahrscheinlicher Weise lesen, noch wahrscheinlicherer Weise aber, nicht lesen wird, betrachten möge. Ich sage also, daß ich den dritten Theil mit einem Mischmasch von Eritik und Litteratur angefüllt habe, der sonst einen Autor deutscher Nation nicht übel zu kleiden Pflegte. Es ist Schade, daß ich mit diesem Bändchcn nicht einige zwanzig Jahr vor meiner Geburt, in lateinischer Sprache habe erscheinen könncn! Die wenigen Abhandlungen desselben, sind alle, Rettungen, überschrieben. Und wen glaubt man wohl, daß ich dar- innc gerettet habe? Lauter verstorbne Männer, die mir es nicht danken können. Und gegen wen? Fast gegen lauter Lebendige, die mir vielleicht ein sauer Gesichte dafür machen werden. Wenn das klug ist, so weis ich nicht, was unbesonnen seyn soll. - - Man erlaube mir, daß ich nicht ein Wort mehr hinzu setzen darf. Ich komme vielmehr so gleich auf den vierten Theil, von dessen Zuhalte sich mehr sagen laßt, weil er niemanden, oder welches einerley ist, weil er alle und jede angeht. Er enthält Lustspiele. Zch muß es, der Gefahr belacht zu»wcrdcn ungeachtet, gestehen, daß unter allen Werken des Witzes die Komödie dasjenige ist, an welches ich mich am ersten gewagt habe. Schon in Jahren, da ich nur die Menschen ans Büchern kannte - - bcncidcnswürdig ist der, der sie niemals näher kennen lernt! - - beschäftigten mich die Nachbildungen von Thoren, an deren Daseyn mir nichts gelegen war. Theophrast, Plautus und Tcrcnz waren meine Welt, die ich in dem engen Bczirckc einer klostcr- mäßigcn Schule, mit aller Bequemlichkeit studirtc- - Wie gerne wünschte ich mir diese Zahrc zurück; die einzigen, in welchen ich glücklich gelebt habe. Bon diesen ersten Bcrsuchcn, schreibt sich, zum Theil, ver junge Gelehrte her, den ich, als ich nach Leipzig kam, ernstlicher auszuarbeiten, mir die Mühe gab. Diese Mühe ward mir Norrcdc. 3 durch das dasige Theater, welches in sehr blühenden Umständen war, ungemcin versüßt. Auch ungcmcin erleichtert, muß ich sagen, weil ich vor demselben hundert wichtige Kleinigkeiten lernte, die ein dramatischer Dichter lernen muß, und aus der bloßen Lesung seiner Muster nimmermehr lernen kann. Zch glaubte etwas zu Stande gebracht zu haben, und zeigte meine Arbeit einem Gelehrten, dessen Unterricht ich in wichtigern Dingen zu gemessen das Glück hatte. Wird man sich nicht wundern, als den Kunstrichtcr eines Lustspiels einen tiefsinnigen Wcltwciscii und Mcßkünstlcr gcncnnt zu finden? Vielleicht, wenn es ein andrer, als der Hr. Prof. Rastner wäre. Er würdigte mich einer Beurtheilung, die mein Stück zu einem Meisterstücke würde gemacht haben, wenn ich die Kräfte gehabt hätte, ihr durchgängig zu folgen. Mit so vielen Verbesserungen unterdessen, als ich mir immer hatte anbringen können, kam mein junger Gelehrte in die Hände der Frau Neuberin. Auch ihr Urtheil verlangte ich; aber anstatt des Urtheils erwies sie mir die Ehre, die sie sonst einem angehenden Komodicnschrcibcr nicht leicht zu erweisen pflegte; sie ließ ihn aufführen. Wann nach dem Gelächter der Zuschauer und ihrem Händeklatschen die Güte eines Lustspiels abzumessen ist, so hatte ich hinlängliche Ursache das mcinigc für keines von den schlechtesten zu halten. Wann es aber ungewiß ist, ob diese Zeichen des Beyfalls mehr für den Schauspieler, oder für den Verfasser gehören; wenn es wahr ist, daß der Pöbel ohne Geschmack am lautesten lacht, daß er oft da lacht, wo Kenner weinen möchten: so will ich gerne nichts aus einem Erfolge schlicsscn, aus welchem sich nichts schlicsscn läßt. Dieses aber glaube ich, daß mein Stück sich auf dem Theater gewiß würde erhalten babcn, wenn es nicht mit in den Ruin der Frau Neuberin wäre verwickelt worden. Es verschwand mit ihr aus Leipzig, und folglich gleich aus demjenigen Orte, wo es sich, ohne Widerrede, in ganz Deutschland am besten ausnchmen kann. Zch wollte hierauf mit ihm den Weg des Drucks versuchen. Aber was liegt dem Leser an der Ursache, warum sich dieser bis jetzt verzögert hat? Zch werde beschämt genug seyn, wenn 1* i Schafften, Dritter und vierter Theil. cr finden sollte, daß ich gleichwohl noch zu zeitig damit hcr- vorrückte. Das war doch noch einmal eine Wendung, wie sie sich für einen bescheidnen Schriftsteller schickt! Aber man gebe Acht, ob ich nicht gleich wieder alles verderben werde! - - Man nenne mir doch diejenigen Geister, aus welche die komische Muse Deutschlands stolz seyn könnte? Was herrscht aus unsern gereinigten Theatern? Ist es nicht lauter ausländischer Witz, der so oft wir ihn bewundern, eine Sattirc über den unsrigcn macht? Aber wie kommt eS, daß nur hier die deutsche Nachcifcrung zurückbleibt? Sollte wohl die Art selbst, wie man unsre Bühne hat verbessern wollen, daran Schuld seyn? Sollte wohl die Menge von Meisterstücken, die man auf einmal, besonders den Franzosen abborgtc, unsre ursprünglichen Dichter niedergeschlagen haben? Man zcigtc ihnen auf einmal, so zureden, alles erschöpft, nnd sctztc sie auf einmal in die Nothwendigkeit, nicht bloß etwas gutes, sondern etwas bcsscrs zu machen. Dieser Sprung war ohne Zweifel zu arg; die Herren Kunstrichtcr konnten ihn wohl befehlen, aber die, die ihn wagen sollten, blieben aus. Was soll aber diese Anmerkung? Vielleicht meine Leser zu einer gelindem Beurtheilung bewegen ? - - - Gewiß nicht; sie können es halten wie sie wollen. Sie mögen mich gegen meine Landslcutc, oder gegen Ausländer aufwägcn; ich habe ihnen nichts vorzuschreiben. Aber das werden sie doch wohl nicht vergessen, wenn die Eritik den jungen Gelehrten insbesondere angeht, ihn nur immer gegen solche Stücke zu halten, an welchen die Aersasscr ihre Kräfte versucht haben? Ich glaube die Wahl des Gegenstandes hat viel dazu beygetragen, daß ich nicht ganz damit verunglückt bin. Ein junger Gelehrte, war die einzige Art von Narre», die mir auch damals schon unmöglich unbekannt seyn konnte. Unter diesem Ungeziefer aufgewachsen, war es ein Wunder, daß ich meine ersten satyrischcu Waffen wider dasselbe wandte? DaS zweyte Lustspiel, welches man in dem vierten Theile finden wird, heißt die Juden. Es war das Resultat einer sehr ernsthaften Betrachtung über die schimpfliche Unterdrückung, in welcher ein Volk seufzen muß, das ei» Ehrist, sollte ich meine», Vorrede. 6 nicht ohne cinc Art von Ehrerbietung betrachten kann. Aus ihm, dachte ich, sind ehedem so viel Helden und Propheten aufgestanden, und jctzo zweifelt man, ob ein ehrlicher Mann unter ihm anzutreffen sey? Meine Lust zum Theater war damals so groß, daß sich alles, was mir in den Kopf kam, in cinc Komödie verwandelte. Zch bekam also gar bald dcn Einsall, zu vcrsuchc», was es für cinc Wirkung auf der Bühnc habcn wcrdc, wenn man dcm Nolkc die Tugcnd da zcigtc, wo cs sie ganz und gar nicht vcrmuthct. Zch bin begierig mein Urthcil zu hören. Noch bcgicrigcr aber bin ich, zu crfahrcn, ob diese zwey Proben cinigc Begierde nach meinen übrigen dramatischen Arbeiten crwcckcn wcrdcn. Zch schliesst davon allc diejenigen aus, welche hier und da unglücklicher Weise schon das Licht gesehen habcn. Ein bcßrcr Vorrath, bey welchem ich mehr Kräfte und Einsicht habe anwenden können, crwartct nichts als dic Anlegung der letzten Hand. Diese abcr wird lediglich von meinen Umstanden abhängen. Ein ehrlicher Mann, der nur ciuigcr- masscn gclcrnt hat, sich von dcm Acusscrlichcn nicht unterdrücken zu lassen, kann zwar fast immcr aufgclcgt scyn, etwas ernsthaftes zu arbeiten, besonders wann mehr Anstrengung des Fleißes, als des Gcnics dazu erfordert wird; abcr nicht immcr ctwas witziges, welches cinc gewisse Hcitcrkcit dcs Gcistcs verlangt, die oft in cincr ganz andern Gewalt, als in der unsrigcn stehet - - Es ruft» mir ohncdcm fast vcrsäumrc Wichtigcrc Wissenschaften zu- 8atis ett ^otml't'o viclori! Rettungen des Horaz. Ilui-It, I. Sät, I!. Dicsc Ncttungcn des -Hora; wcrdcn völlig von dcncn untcr- schicdcn scyn, die ich vor kurzen gegen einen alrcn Schulknabcn habe übcrnchmcn müsscn. Scine klcinc hämische Voßhcit hat mich beynahe cin wenig abgeschreckt, und ich wcrdc so bald nicht wieder mit Schriftstcl- k ' Schrifftcn. Trittcr Theil. lern seines gleichen anbinden. Sie sind das Pasquillmachcn gewohnt, so daß es ihnen weit leichter wird, eine Verleumdung ans der Luft zu fangen, als eine Regel aus dem Donat anzuführen. Wer aber will denn gern verleumdet seyn? Die Gabe sich widersprechen zu lassen, ist wohl überhaupt eine Gabe, die unter den Gelehrten nur die Todten haben. Nun will ich sie eben nicht für so wichtig ausgeben, daß man, um sie zu besitzen, gestorben zu seyn wünschen sollte: denn um diesen Preis sind vielleicht auch größrc Vollkommenheiten zu theuer. Ich will nur sagen, daß es sehr gut seyn würde, wann auch noch lebende Gelehrte, immer im voraus, ein wenig todt zu seyn lernen wollten. Endlich müssen sie doch eine Nachwelt zurücklassen, die alles Zufällige von ihrem Ruhme absondert, und die keine Ehrerbietigkeit zurückhalten wird über ihre Fehler zu lachen. Warum wollen sie also nicht schon itzt diese Nachwelt ertragen lernen, die sich hier und da in einem ankündiget, dem es gleichviel ist, ob sie ihn für neidisch oder für ungesittet halten? Ungerecht wird die Nachwelt nie seyn. Anfangs zwar pflanzt sie Lob und Tadel fort, wie sie es bekömmt; nach und nach aber bringt sie beydes auf ihren rechten Punkt. Bey Lebzeiten, lind ein halb Jahrhundert nach dem Tode, für einen grossen Geist gehalten werden, ist ein schlechter Beweis, daß man es ist; durch alle Zahrhundcrte aber hindurch dafür gehalten werden, ist ein unwidersprcchlicher. Eben das gilt bey dem Gegentheile. Ein Schriftsteller wird von seinen Zeitgenossen und von dieser ihren Enkeln nicht gelesen; ein Unglück, aber kein Beweis wider seine Güte; nur wann auch der Enkel Enkel nie Lust bekommen, ihn zu lesen, alsdann ist es gewiß, daß er es nie verdient hat, gelesen zu werden. Auch Tugenden und Laster wird die Nachwelt nicht ewig verkennen. Ich begreife es sehr wohl, daß jene eine Zeitlang bcschmitzt und diese aufgeputzt seyn können; daß sie es aber immer bleiben sollten, läßt mich die Weisheit nicht glauben, die den Zusammenhang aller Dinge geordnet hat, und von der ich auch in dem, was von dem Eigensinne der Sterblichen abhangt, anbethenswürdigc Spnrcn finde. Rettungen des Horaz. 7 Sie erweckt von Deit zu Zeit Leute, die sich ein Vergnügen daraus machen, den Vorurthcilcn die Stirne zu biethen, und alles in seiner wahren Gestalt zu zeigen, sollte auch ein vermeinter Heiliger dadurch zum Böscwichtc, und ein vermeinter Bösc- wicht zum Heiligen werden. Ich selbst — — denn auch ich bin in Ansehung derer, die mir vorangegangen, ein Theil der Nachwelt, und wann es auch nur ein Trillionthcilchcn wäre — ^ Ich selbst kann mir keine angenehmere Beschäftigung machen, als die Namen berühmter Männer zu mustern, ihr Recht auf die Ewigkeit zu untersuchen, unverdiente Flecken ihnen abzuwischen, die falschen Vcrklcistcrungcn ihrer Schwächen aufzulösen, kurz alles das im moralischen Verstände zu thun, was derjenige, dem die Aufsicht über einen Bildcrsaal anvertrauet ist, physisch verrichtet. Ein solcher wird gemeiniglich unter der Menge einige Schil- dcrcycn haben, die er so vorzüglich liebt, daß er nicht gern ein Sonnenstäubchen daraus sitzen läßt. Ich bleibe also in der Vcrgleichung, und sage daß auch ich einige grosse Geister so verehre, daß mit meinem Willen nicht die allergeringste Verleumdung aus ihnen hasten soll. -Hör«; ist einer von diesen. Und wie sollte er es nicht seyn ? Er, der philosophische Dichter, der Witz und Vernunft in ein mehr als schwesterliches Band brachte, und mit der Feinheit eines Hofmanns den crnstlichstcn Lehren der Weisheit das geschmeidige Wesen freundschaftlicher Erinnerungen zu geben wußte, und sie entzückenden Harmonien anvertraute, um ihnen den Eingang in das Herz desto unfchlbahrcr zu machen. Diese Lobsprüchc zwar hat ihm niemand abgestritten, und sie sind es auch nicht, die ich hier wider irgend einen erhärten will. Der Neid würde sich lächerlich machen, wann er cnt- schicdnc Verdienste verkleinern wollte; er wendet seine Anfälle, gleich einem schlauen Belagerer, gegen diejenigen Seiten, die er ohne Vertheidigung sieht; er giebt dem, dem er den grossen Geist nicht abstreiten kann, lasterhafte Sitten, und dem, dem er die Tugend lassen muß, läßt er sie und macht ihn dafür zu einem Blödsinnigen. Schon längst habe ich es mit dem bittersten Vcrdrusse bc- ? Schafften, Dritter Theil. merkt, daß cbcn diese» Ränken auch der Nachruhm des Horaz nicht entgangen ist. So viel er auf der Seite des Dichters gewonnen hat, so viel hat er auf der Seite des ehrlichen Mannes verloren. Za, spricht man, cr sang die zärtlichsten und artigsten Lieder, niemand aber war wollüstiger als cr; cr lobte die Tapferkeit bis zum Entzücken, und war selbst der feigherzigste Flüchtling; cr hatte die erhabensten Begriffe von der Gottheit, aber er selbst, war ihr schläfrigster Verehrer. Es haben sich Gelehrte genug gefunden, die seine Geschichte sorgfältig untersucht, und tausend Kleinigkeiten beygebracht haben, die zum Verständnisse seiner Schriften dienen sollen. Sie haben uns ganze Chronologien davon geliefert; sie haben alle zweifelhafte Lesarten untersucht; nur jene Vorwürfe habcn sie ununtcrsucht gelassen. Und warum denn? Habcn sie etwa einen Heiden nicht gar zu verchrungswürdig machen wollen? Mich wenigstens soll nichts abhalten, den Ungrund dieser Vorwürfe zu zeigen, und einige Anmerkungen darüber zu machen, die so natürlich sind, daß ich mich wundern muß, warum man sie nicht längst gemacht hat. Ich will bey seiner Wollust anfangen; oder wie sich ein neuer Schriftsteller ausdrückt, der aber dcr fcinstc nicht ist; bey seiner stinkcndcn Geilheit und unmäßigen Unzucht. ° Die Beweise zu dieser Beschuldigung nimt man, theils aus seinen eignen Schriften, theils aus den Zeugnissen andrer. Ich will bey den letztem anfangen. Alle Zeugnisse die man wcgen dcr wollüstigen Ausschweifung des Horaz auftrciben kann, flicsscn aus einer cintzigcn Quelle, deren Aufrichtigkeit nichts weniger als ausscr allem Zweifel gesetzt ist. Man hat nehmlich auf einer alten Handschrift dcr Bodlcjanischcn Bibliothek eine Lebensbeschreibung des Horaz gefunden, die fast alle Kunstrich- tcr dem Suecon, wie bekannt, zuschrcibcn. Wann sie kcine andre Bewcgungsgründe dazu hätten, als die Gleichheit der Schreibart, so würde ich mir die Freyheit nehmen, an ihrem Vorgeben zu zweifeln. Ich weis, daß man Schreibarten nachmachen kann; ich weis, daß es eine wahre Unmöglichkeit ist, ° Der Herr Müller in ftincr Einleitung znr Kenntniß der lateinischen Schriftsteller, Theil m, Seite 403. , , . ' Rettungen des Horaz. 9 alle kleine Eigenthümlichkeiten eines Schriftstellers so genau zu kennen, daß man den geringsten Abgang derselben in seinem Nachahmer entdecken sollte; ich weis endlich, daß man, um in solchen Vermuthungen recht leicht zu fehlen, nichts als wenig Gcschmak und recht viel Stolz besitzen darf, welches, wie man sagt, gleich der Fall der meisten Kunstrichtcr ist. Doch der Scholiast Porph'/non führt eine Stelle aus dieser Lebensbeschreibung des Horaz an, und legt sie mit ausdrücklichen Worten dem Sueton bey. Dieses nun ist schon etwas mehr, ob gleich auch nicht alles. Die Paar Worte die er daraus anführt, sind gar wohl von der Art, daß sie in zwey verschiedenen Lebensbeschreibungen können gestanden haben. Doch ich will meine Zwcifclsucht nicht zu weit treiben; Sueton mag der Verfasser seyn. Succon also, der in dieser Lebensbeschreibung hundcrtcrlcy beybringt, welches dem Horaz zum Lobe gereichet, läßt, gleichsam als von der Wahrheitsliebe darzu gezwungen, eine Stelle mit cinflicsscn, die man tausendmahl nachgeschrieben, und oft genug mit einer kleinen Kützclung nachgeschrieben hat. Hier ist sie: ros vv»eroas intom^orantlor trat»r. I>!iln> fpoeulstc» eudieulo t"corta clioltur IialmilVv äik^ollts, ut MocunPio rv- -hzexillkt, ilii oi imsZo enitus i-oierrotur. Was will man nun mehr? Sueton ist doch wohl ein glaubwürdiger Schriftsteller; und Horaz war doch wohl Dichters genug, um so etwas von ihm für ganz wahrscheinlich zu halten? Man übereile sich nicht, und sey anfangs wenigstens nur so vorsichtig, als es Sueton selbst hat seyn wollen. Er sagt traclitm', clielwr. Zwey schöne Wörter, welchen schon mancher ehrliche Mann den Verlust seines guten Namens zu danken hat! Also ist nur die Rede so gegangen ? Also hat man es nur gesagt? Wahrhaftig, mein lieber Sueton, so bin ich sehr übel auf dich zu sprechen, daß du solche Nichtswürdigkeiten nachplau- dcrst. Zn den hundert und mehr Jahren, die du nach ihm gelebt, hat vieles können erdacht werden, welches ein Geschichtschreiber wie du, hätte untersuchen, nicht aber ununtcrsucht fortpflanzen sollen-- Es würde ein wenig cckcl klingen, wenn ich diese Apostrophe weiter treiben wollte. Zch will also gelassener fortfahren-- 10 Schrifftcn. dritter Theil. In eben dieser Lebensbeschreibung sagt Sueton: es gehen unter dem Namen des Horaz Elegien und ein prosaischer Brief herum; allein beyde halte ich für falsch. Die Elegien sind gemein, und der Brief ist dunkel, welches doch sein Fehler ganz und gar nicht war. — — Das ist artig! Warum widerspricht denn Sueton der Tradition hier, und oben bey dem Spiegclzimmer nicht? Hat cs mehr auf sich den Geist eines Schriftstellers zu retten, als seine Sitten? Welches schimpft denn mehr? Nach einer Menge der vollkommensten Gedichte, einige kalte Elegien und einen dunkeln Brief schreiben; oder bey aller Feinheit des Geschmacks ein unmäßiger Wollüstling seyn?--Unmöglich kann ich mir einbilden, daß ein vernünftiger Geschichtschreiber, auf eben derselben Seite, in eben derselben Sache, nehmlich in Meldung der Nachreden, welchen sein Held ausgesetzt worden, gleich unvorsichtig, als behutsam seyn könne. Nicht genug! Ich muß weiter gehen, und den Leser bitten, die angeführte Stelle noch einmal zu betrachten; ack res vene- roas Iiitempei'Äntlor tl'Sllitur. ^ism Hieeulato culueulo Ilcorta cli- eitur Iisliuil'te tühioKts, ut «juoeunljuv rehi exilier, ilii ei imsZo ooitus rslerretur. Zc mehr ich diese Worte ansehe, je mehr verlieren sie in meinen Augen von ihrer Glaubwürdigkeit. Ich finde sie abgeschmackt; ich finde sie unrömisch; ich finde, daß sie andern Stellen in dieser Lebensbeschreibung offenbar widersprechen. Ich finde sie abgeschmackt. Man höre doch nur, ob der Geschichtschreiber kann gewußt haben, was er will? -Horarz soll in den venerischen LLrgöizungen unmäßig gewesen seyn; denn man sagt--Auf die Ursache wohl Achtung gegeben! Man sagt —Ohne Zweifel, daß er als ein wahrer Gartcngott, ohne Wahl, ohne Geschmack auf alles, was weiblichen Geschlechts gewesen, losgcstürmct sey? Nein! — Man sagt, er habe seine Zönhlerinnen in einem Spiegelzimmer genossen, nm auf allen Seiren, rvo er hingesehen, die wollüstige Abbildung seines Glucks anzutreffen — Weiter nichts? Wo steckt denn die Unmäßigkcit? Ich sehe, die Wahrheit dieses Umstandcs vorausgesetzt, nichts darum, als ein Bestrebe», sich die Wollust so reißend zu machen, als möglich. Der Dichter war also keiner Rettungen des Horaz. II von den groben Leuten, denen Brunst und Galanterie eines ist, und die im Finstern mit der Befriedigung eines einzigen Sinnes vorlicb nehmen. Er wollte, so viel möglich, alle sättigen; und ohne einen Wchrmann zu nennen, kann man behaupten, er werde auch nicht den Geruch davon ausgeschlossen haben. Wenigstens hat er diese Rcitzung gekannt: to j»uvr i» rosa porlutus lihuillis ui'Zet ocloiikus. Und das Ohr? Ich traue ihm Zärtlichkeit genug zu, daß er auch dieses nicht werde haben leer ausgehen lassen. Sollte die Musik auch nur Kratus puellse rilus gewesen seyn. Und der Gcschmak? vteula, huse Venus tjuinta parto tu! noetaris imduit. Nektar aber soll der Zunge keine gemeine Kützclung vcrschaft haben; wenigstens sagt Zbykus bey dem Athcnäus, es sey noch neunmal süsscr als Honig--Himmel! was für eine empfindliche Seele war die Seele des Horatz! Sie zog die Wollust durch alle Eingänge in sich. — — Und gleichwohl ist mir das Spicgclzimmcr eine Unwahrschcinlichkcit. Sollte denn dem Dichter nie eine Anspielung darauf entwischt seyn? Vergebens wird man sich nach dieser bey ihm umsehen. Nein, nein; in den süsscn Umarmungen einer Chloc hat man die Sättigung der Augen näher, als daß man sie erst scitwerts in dem Spiegel suchen müßte. Wen das Urbild nicht rühret, wird den der Schatten rühren? — ^ Ich verstehe eigentlich hicvon nichts; gantz und gar nichts. Aber es muß doch auch hier alles seinen Grund haben; und es wäre ein sehr wunderbares Gesetze nach welchem die Einbildungskraft wirkte, wenn der Schein mehr Eindruck auf sie machen könnte, als das Wesen-- Ferner finde ich die angeführten Worte nnrömisch. Wer wird mich zum Ercmpcl bereden, daß die Römer tnoculatum euliiculum, für cuuieulum s,>oculis vrnatum gesagt haben? Man mag dem Mittclwortc snoeulutnm eine active oder paßivc Bedeutung geben, so wird es in dem ersten Fall gar nichts, und in dem andern etwas gantz anders ausdrücken. Schon snocuwri 12 Schrifftcu. Dritter Theil. für in dem Spiegel besehen, ist das gewöhnlichste nicht, und niemand anders als ein Barbar oder ein Schulknabc kann darauf fallen, den Bcgrif mir Spiegeln ausgezieret, durch h>e- culatus zu geben. Doch wenn das auch nicht wäre, so sage man mir doch, was die ganze Redensart heißt: lpoculato culiiculo seoita clieitur Iiakuil'l'o clifpokita? Ich Weis wohl, was in einem gewissen Studcntcnlicdc leorw clvponero bedeutet, aber was in einem klaßischcn Schriftsteller loorta tlil'j,oneiv sagen könne, gesteh ich ganz gerne, nicht zu wissen. Die Worte sind so dunkel, daß man den Sinn nicht anders als errathen kann; welches aber den meisten nicht sauer werden wird, weil ein wenig Bosheit mit unterlauft. Wann man ihn nun aber errathen hat, so versuche man doch, ob er sich wohl mit dem, was Sucton sonst von dem Horaz crzchlt, vergleichen lasse? Nach dem Bericht dieses Geschichtschreibers war August mit dem Dichter so vertraulich, daß er ihn oft im Scherze pui-iM. NIUM poneiri und liamunelonvm le^iclil'sinnim nannte. Der Verschämte Herr Pastor Lange giebt das erste Bc>)wort durch einen artigen ZöluSer ^.üderlich; oder vielmehr nach seiner Rechtschreibung K.icvcrllck. Ich will hoffen, daß man keine getreuere Ucbcrsctzuiig von mir verlangen wird. Genug für mich, daß purlMmus, oder wenn man die Lesart ein wenig antiqucr haben will, i>util'lm»is, der Mcrrcinsre heißt, und daß der, welcher »cl res vonereas intizm^eiantior ist, unmöglich der Allcrrcinstc seyn kann. Eines von beyden muß also nur wahr seyn; entweder das tlielwr des Pöbels, oder das ausdrückliche Urtheil des Augusts. Mit welchem will man es halten? Die Wahl kann nicht schwer fallen; sondern jeder Unpar- thcyischcr wird mir vielmehr zugestehen, daß Sueron schwerlich etwas so abgeschmacktes, so unrömischcs und mit seinen anderweitigen Nachrichten so streitendes, könne geschrieben haben, und daß man vielmehr vollkommen berechtiget sey, die angeführte Stelle für untergeschoben zu halten. ' Was das Unrömischc darinnen zwar anbelangt, so könnte man vielleicht den Vorwand der verstümmelten Lesart wider mich brauchen, und alle Schuld auf die unwissenden Abschreiber schieben. Es ist wahr; und ich selbst kann eine Verbesserung Rctiimgcn des Horaz. angeben, die so ungezwungen ist, daß man sie ohne Widerrede anncbmen wird. Anstatt nehmlich: hieeulsto eudicmlo scorta äicitur Iiaduiste äispollta rathe ich ZU lesen spvcula in culiiculo leni-t-uis ita clieltur k-lduillv cus^osita, ut ^e. Man sieht daß ich wenigstens sehr aufrichtig bin, und mir kein Bedenken mache, meinen Grund selbst zu entkräften. Doch wer weiß ob ich es thun würde, wenn ich nicht den übrigen Gründen desto mehr zutraute. Zch glaube aber; sie sind von der Beschaffenheit, daß das, was ich noch hinzusetzen will, sie fast unwidcrsprcchlich machen wird. Zch hatte nicht lange über diese verdächtige Beschuldigung nachgedacht, als ich mich erinnerte, etwas ähnliches bey dem Scncca gelesen zu haben. Dieser ehrliche Philosoph hat nicht gern eine Gelegenheit versäumt, wo er mit guter Art seine ernsthaften Lehren, mit einem Zuge aus der Geschichte lebhafter machen konnte. Zn dem ersten Buche seiner natürlichen Fragen handelt er unter andern von den Spiegeln, und nachdem er alles beygebracht, was er als ein Physiker davon zu sagen gewußt, so schließt er endlich mit einer Erzchlung, die ziemlich schmutzig ist. Vielleicht sollte ich mehr sagen, als ziemlich; wenigstens bin ich nicht der einzige, der es einem stoischen Weisen verdenkt, sie mit allen spitzigen Schönheiten seines laconi- schcn Witzes ausgckrahmt zu haben. Fromondus setzt schon hinzu: IioneMus t->cu!sr quo ve- lmloiio mlili'Ltli, lunt, no^uo enim toluin inlionosts, verum etiam äoiiclioula ^5 «o-^^-«?-« viclentur. Es sollte mir lieb seyn, wenn ich das, was Barter hier mit ganz trocknen Worten sagt, richtig erwiesen hätte. Und zwar sollte es mir schon deswegen lieb seyn, weil die zweyte Art von Beweisen, die man von der Unkcuschhcit des Horaz aus seinen eignen Schriften nimmt, ein grosses verlieret, wann sie von der erstem nicht mehr unterstützt wird. Giebt man es zu, oder giebt man es nicht zu, daß der Dichter die Natur schildert; daß die sinnlichen Gegenstände ihn nicht bloß und allein, ja nicht einmal vorzüglich beschäftigen müssen; daß die Empfindungen,-so wie sie die Natur selbst beleben, auch sein Gemählde beleben müssen? Man giebt es zu. Räumt man es ein, oder räumt man es nicht ein, daß die Empfindungen der Wollust unter allen diejenigen sind, welche sich der meisten Herzen bemächtigen, und sich ihrer am leichtesten bemächtigen; daß sie unter sich der mchrcstcn Abändrungcn fähig sind, welche alle Wollust, aber alle eine andre Wollust sind; daß der Dichter, so wie er hier seine meiste Stärke zeigen kann, auch hier seinen meisten Ruhm zu erwarten hat? Man räumt es ein. Also räume man auch ein, daß der Dichter Wein und Liebe, Ruh und Lebe», Schlaf nnd Tanz besingen, und sie als die vornehmsten Güter dieses Lebens anpreisen darf; oder wenigstens gestehe man zu, daß man dem Dichter, wenn man es ihm untersagen wollte, eines von den schönsten Feldern untersagen würde, wo er die angenehmsten Blumen für das menschliche H-rz sammle» könnte. Ich rede von dem mcnschli- Rettungen des Horaz. 17 chm Herze, so wie es ist, und nicht wie es seyn sollte; so wie es ewig bleiben wird, und nicht wie es die strengsten Sittcn- lchrcr gern umbilden wollten. Ich habe für den Horaz schon viel gewonnen, wenn der Dichter von der Liebe singen darf. Allein die Liebe, hat sie nicht jedes Jahrhundert eine andere Gestalt? Man hat angemerkt, daß sie in den barbarischen Zeiten ungcmcin bescheiden, ehrerbietig, und bis zur Schwärmer«, züchtig und beständig gewesen ist,- es waren die Zeiten der irrenden Ritter. Zn den Zeiten hingegen, in welchen sich Witz und Gcschmak aus dem Bezirke der Künste und Wissenschaften bis in den Bezirk der Sitten ausgebreitet hatten, war sie immer kühn, flatterhaft, schluvfrigt, und schweifte wohl gar aus dem Gleise der Natur cm wenig aus. Ist es aber nicht die Pflicht eines Dichters, den Ton seines Jahrhunderts anzunehmen? Sie ist es, und Horaz konnte unmöglich anders von der Liebe reden, als nach der Denkungsart seiner Zeitgenossen. — — Noch mehr also für ihn gewonnen. Hierzu füge man die Anmerkung, daß alles, woraus ein Dichter seine eigne Angelegenheit macht, weit mehr rührt, als das, was er nur crzchlt. Er muß die Empfindungen, die er erregen will, in sich selbst zu haben scheinen; er muß scheinen aus der Erfahrung und nicht aus der blossen Einbildungskraft zu sprechen. Diese, durch welche er seinem geschmeidigen Geiste alle mögliche Formen auf kurze Zeit zu geben, und ihn in alle Leidenschaften zu setzen weiß, ist eben das, was seinen Vorzug vor andern Sterblichen ausmacht; allein es ist gleich auch das, wovon sich diejenigen, denen er versagt ist, ganz und gar keinen Bcgrif machen können. Sie können sich nicht vorstellen, wie ein Dichter zornig seyn könne, ohne zu zürnen; wie er von Liebe seufzen könne, ohne sie zu fühlen. Sie, die alle Leidenschaften nur durch Wirklichkeiten in sich erwecken lassen, wissen von dem Geheimnisse nichts, sie durch willkührlichc Vorstellungen rege zu machen. Sie gleichen den gemeinen Schiffern, die ihren Lauf nach dem Winde einrichten müssen, wenn der Dichter einem Acneas gleicht, der die Winde in verschlossenen Schläuchen bey sich führt, und sie nach seinem Laufe einrichten kann. Lessings Werk- iv, 2 Itt Schrissmi. Dritter Theil. Gleichwohl muß er, ihren Beyfall zu haben, sich ihm gleich stellen. Weil sie nicht ehr feurig von der Liebe reden können, als bis sie verliebt sind; so muß er selbst ihnen zu gefallen verliebt seyn, wenn er feurig davon reden will. Weil sie nicht wissen, wie sich der Schmerz über den Verlust einer Geliebten ausdrücken wurde, ohne ihn gefühlt zu haben; so muß ihm selbst eine Ncära untreu geworden seyn, wann er die Natur und ihre Ausbrüchc bey einer solchen Gelegenheit, schildern will. Da man aber dieses weis, oder wenigstens wissen könnte, schämt man sich denn nicht, alles im Ernste auf die Rechnung des Dichters zu schreiben, was er selbst, des künstlichen Blendwerks wegen, darauf geschrieben hat? Muß er denn alle Gläser geleert und alle Mädgcns geküßt haben, die er geleert und geküßt zu haben vorgicbt? Die Bosheit herrscht hier wie überall. Man lasse ihn die herrlichsten Sittenspruchc, die erhabensten Gedanken, von Gott und Tugend vortragen; man wird sich wohl hüten sein Herz zur Quelle derselben zumachen; alles das Schöne, spricht man, sagt er als Dichter. Aber es entfahre ihm das geringste Anstößige, schnell soll der Mund von dem übergeflossen seyn, dessen das Herz voll ist. Weg also mit allen den unwürdigen Anwendungen, die man von den Gedichten des Horaz auf den moralischen Charakter desselben oft genug gemacht hat! Sie sind die größten Ungerechtigkeiten, die man ihm erweisen kann, und allzu oft wiederholt, werden sie endlich alle seine Nachahmer bewegen, uns die Natur nur auf ihrer störrischen Seite zu weisen, und alle Grazien aus ihren Liedern zu verbannen. Niemand hat diese verhaßten Anwendungen weiter getrieben, als einige Franzosen. Und in welcher Thorheit tragen nicht immer die Franzosen den Preis davon? T>e la Thapelle fand mit seinen Licbsgcschichtcn des Catulls und Tibulls Nachahmer, so ein elender Schriftsteller er auch war. Doch habe ich es schon vergessen, daß es eben die elendesten Schriftsteller sind, welche die meisten Nachahmer finden? Nicht einer, sondern zwey wahrhafte Bcauxesprits, das ist, wahrhafte seichte Köpfe, haben uns les ^mours ä'Horace geliefert. Der eine hat in fünf Briefen an einen Marquis — — denn ein Marquis muß es wenig- ! «W»> > «...... Rettungen des Horaz. stcns seyn, mit dem ein französischer Autor in Briefwechsel steht — — alle weibliche Namen, die in den Gedichten des Horch vorkommen, in ein Ganzes zu bringen gewußt. Sie sind ihm eine Reihe von willigen Schwestern, die alle der flatterhafte Horaz durchgcschwärmt ist. Schon die Menge derselben hätte ihm das Abgcschmaktc seines Unternehmens sichtbar machen können; allein eben dieselbe Menge macht er zu einem Beweise, daß Horaz in der Galanterie ein Held ohn gleichen müsse gewesen seyn. Er erzwingt überall aus den Worten des Dichters, welche oft die unschuldigsten von der Welt sind, kleine scandalcusc Umstände, um seinen Erdichtungen eine Art von Zusammenhang zu schaffen. Horaz, zum Exempel, begleitet die zur See gehende Galathcc mit aufrichtigen Wünschen der Freundschaft; der Freundschaft, sag ich, die ihr alle Gefährlichkeiten des tobenden Oceans vorstellt, und sie durch das Exempel der Europa, keine ungewisse Reise anzutreten, ermähnet. Dieses ist der Inhalt der 27ten Ode des dritten Buchs. Das Zärtlichste, was Horaz der Galathcc dariunc sagt, sind die Zeilen 8!s liest lelix ukicun^ue mav'is, I5t memor nottii, tZalateg,, vivas. Was kann unschuldiger seyn, als diese Zeilen? Sie scheinen aus dem Munde eines Bruders geflossen zu seyn, der sich einer geliebten Schwester, die ihn verlassen will, empfiehlt. Doch was nicht darinne liegt, hat der Franzose hineingelegt; er übersetzt die Worte memnr nostii vivss durch «lgiAiiozi tnujours con- lol'ver lo touvomr clv m-t toncllesso, und nunmehr ist es klar, daß Galathcc eine Bnhlcrin des Horaz gcwcscn ist. Noch nicht gcnug; zum Trotze aller Ausleger, die zu dieser Ode setzen, man „weis nicht, wer diese Galathcc gcwcscn ist, noch viclwcnigcr „ob sie Horaz geliebt hat"— ihnen zum Trotze, sage ich, weis er bcydcs. Galathcc, sagt er, war cin gutes Weibchen, so wie sie Horaz, der nun bald ausgedient hatte, brauchte. Sie wollte lieber gleich Anfangs die Waffen nicdcrlcgcn, als sich mit Vertheidigung eines Platzes aufhalten, von dem sie vorher sahc, daß cr sich doch würde ergeben müssen. Ihre Lcidenschaftcn waren sehr feurig, lind dic Heftigkeit derselben war in allen ihren Minen zu lesen. Zhr Mund war von den häuffigen Küs- Schi'ifftcn. dritter Zhcil. scn, die sie zu empfange» gewohnt war, wie verwelkt. Altes das machte sie für den Horaz recht bequem; für ihn, der gleichfalls gern so geschwind als möglich zu entern suchte; mir Schade, daß sie sich etwas mehr von ihm versprach, als kalte Versicherungen seiner Treue. Sie ließ es ihm daher auch gar bald merken, daß nichts als Liebe, selten ein Frauenzimmer zur Liebe bewege. Den Verfolgungen dieses abgelebten Liebhabers zu entgehen, und was das vornehmste war, sich für seine Lieder, für die gewöhnlichen Werkzeuge seiner Rache, in Sicherheit zu setzen, beschloß sie, Rom zu verlassen. Sie machte sich fertig zur See zu gehen, um vielleicht auf gut Glück ihren Mann aufzusuchen — Ist es erlaubt, solche Nichtswürdigkeiten zu erdenken, die auch nicht den allcrmindcstcn Grund haben? Doch ich will mich bey diesem Schriftsteller nicht aufhalten. Gegen das Andenken eines grossen Dichters so wenig Ehrerbietigkeit haben, daß man sich nicht scheuet, es durch einen unsinnigen Roman zu verdunkeln, ist ein Beweis der aller pöbelhaftesten Art zu denken, und des aller elendesten Gcschmaks. Genug, daß jedem, der die Oden gegen einander halten will, die Horaz an einerley Frauenzimmer, dem Namen nach, geschrieben zu haben scheinet, Wicdersprüchc in die Augen fallen werden, die sogleich das Erdichtete der Gegenstände verrathen. Mehr braucht cs nicht, aus allen seinen Lydicn, Ncarcii, Chlocn, Leuconocn, Glvccrcn, und wie sie alte hcissen, Wesen der Einbildung zu machen. Wesen der Einbildung, wofür ich beyläufig auch meine Phyllis und Laura und Eorinna erklären will.--Wird man nicht lachen, daß man mich um meinen Nachruhm so besorgt sieht? Aber ich will wohl also gar, den Horaz zu einem Priester der Keuschheit machen? Nichts weniger als das. Er mag immer geliebt haben; wenn ich nur so viel für ihn erlange, daß man seine Oden nicht wider ihn brauchen darf, und die Spiele seines Witzes nicht zu Bekenntnissen seines Herzens macht. Ich dringe hierauf besonders deswegen, um ihn von dem widernatürlichen Verbrechen der Wollüstlinge seiner Zeit los zu sprechen, und wenigstens die weichlichen Knaben den Lugurin und ciscus aus der Rolle seiner Buhlcrinncn zu streichen. Um cs wahrscheinlich zu machen, daß Horaz nur das er- Rettungen des Hoi.iz. lalibtrc Vergnügen genossen habe, crinnrc man sich des Eifers, mit welchem er den Ehebruch bestraft. Man lese seine sechste Ode des dritten Buchs. Was für eine Strophe! kwcuntla cul^u tecula mi^tiss l^iimum !n«j»inÄverI'tu j>UL>', im^vtus in «mvm l^mitlmi» iiiU, uum'-j toiit'iNiiu im»m? Es ist wahr er setzt sogleich hinzu: »on ogu. Allein er schließt auch in den nachfolgenden Versen seine Begierde offenbar nur Schrifftcn. Dritter Theil. auf die erste ein, so daß er durch dieses Bekenntniß weiter nichts sagen will, als daß er pgrsliilom venorem kaeilomriuv liebe. Er fährt fort: Ukvc: ulii suji^otuit cloxtro corpus milii Icvvum, < Ilia ^ I^gor!» oK; clo nonlon sjunc11il»!»!;»» llloiitiu? Rettungen des Horaj. ^! IXoetuiiiiti tv vAo 1'omniis ^sm eiiptum tvneo, ^»m voluervm tetpior ^1'e per Früinina Nartii Okimpi, tv per syuas, «lure, volul)iles. Was läßt sich zärtlichcrs gcdcnkcii als diese Stellet Wem, sie doch nur keinen Aigurin betraft! Doch wie, wenn Zuguni! nichts als ein Gedanke des Dichters wäre? Wie wann eS nichts als eine Nachbildung des anakrcontischcn Bathylls sey» sollte? Zch will cS entdecken, was mich auf diese Vermuthungen bringt. Horaz sagt in der vierzehnten Ode des fünften Buchs: Non aliter 8amio clieunt artitlo Latli^IIo ^vsereont» I'oium, (jui porsivpv oava tekullinv ilovlt amorem ?»Ioa elaborstum scl peclem. Unter den Liedern des Anakreons, wie wir sie jezt habe», werden etwa drey an den Bathyll seyn, welche aber alle von einem ganz andern Charakter sind, als daß ihnen das ilovlt zukommen könnte. Diejenigen müssen also vcrlohrcn gegangen seyn, welche Horaz hier in Gedanken hatte. Fragt man mich aber, was man sich für eine Vorstellung von denselben zu machen habe, so muß ich sagen, daß ich mir sie vollkommen, wie die angeführte Stelle des Horaz von seinem Ligurin, einbilde. Unmöglich kann der Grieche seine Liebe glücklicher daher gcwci- nct haben! Oder vielmehr, unmöglich hätte der Römer sie so glücklich daher geweint, wenn er das Muster seines Lehrers in der Zärtlichkeit nicht vor sich gehabt hätte. Mit einem Worte also: Horaz, welcher allen griechischen Liederdichtern die schönsten Blumen abborgte, und sie mit glücklicher Hand auf den römischen Boden zu verpflanzen wußte; Horaz, sage ich, ward von den verliebten Thränen des Anakreons so gerührt, daß er sie zu den scinigcn zu machen beschloß. Man kann zwar, wie gesagt, das Lied des Griechen nicht dagegen aufstellen, allein ich frage Kenner, welche die eigenthümlichen Bilder des einen und des andern Dichters zu unterscheiden vermögen, ob sie nicht lauter anakrcontischc in der Stelle des Horaz finden? Za gewiß; und dieses noch um so viel deutlicher, da man schon in den übrig gebliebenen Liedern des Anakreons ähnliche Züge auf- 24 Schriffie». dritter ?heil^ weisen kann. Man erinnere sich unter andern des achten, wo sich der Tcjer im Traume sowohl mit schonen Mädchens als Knaben hcrumjagt. Man erinnere sich scrncr des siebenden, wo Amor mit einem hyacinthncn Stäbe den Anakrcon durch Felder und Gesträuche, durch Thäler und Flüsse vor sich her treibt. Lauter gleichende Dichtungen! Und wann Horaz die beyden Zeilen: <üur saeuiiü'il Zarinn lleeoi'u I»toi' vei-Iici cadit linAua tilentiu^ nicht auch dem Anakrcon zu danken hat; so hat er sie wenigstens der Sappho abgesehen, die schon längst vor ihm das finstre Stillschweige» zu einem verräterischen Merkmale der Liebe gemacht hatte. Man vergleiche sie nur mit der Übersetzung des Catulls: — — — niliil eK tu^or ini ljuoc? lo^uai' amv»--. I^ingua soll tor^et —- — — Wann nun also diese Nachahmung seine Richtigkeit hat, so habe ich mich weiter auf nichts als auf eine ganz bekannte Anmerkung zu berufen. Auf diese nehmlich, daß eine wahre Leidenschaft viel zu unruhig ist, als daß sie uns Zeit lassen sollte, fremde Empfindungen nachzubilden. Wenn man das, was man fühlt, singt, so singt man es allezeit mit ursprünglichen Gedanken und Wcndungcn. Sind abcr diese angenommen, so ist auch gewiß ihr ganzer Grund angenommen. Der Dichter hat als- dcnn ruhig in seiner Stube gesessen, er hat die Züge der schönen Natur aus vcrschicdncn Bildern mühsam zusammen gesucht, und ein Ganzes daraus gemacht, wovon er sich selbst, aus einem kleinen Ehrgcitzc, zum Subjecte annimmt. Ich verrathe hier vielleicht ein Geheimniß, wovon die galante Ehre so mancher witzigen Köpfe abhängt; doch ich will es lieber verrathen, als zugeben, daß es unvcrrathcn schimpfliche Vermuthungen veranlasse. Abcr, wird man vielleicht einwenden, hat denn Horaz nicht etwas cdlcrs nachbilden können, als die Symptomata eines so hcßlichcn Lasters? Und verräth den» nicht schon die Nachbildung desselben einen Wohlgefallen daran? Das crstrc gebe ich zu, das Rctiungc» des Homz. 26 andre aber leugne ich. Er würde etwas cdlcrs in der Liebe nachgebildet haben, wann zu seiner Zeit etwas edlcrs darinnc Mode gewesen wäre. Wäre dieses aber gewesen, und hätte er es nachgebildet, zum Exempel alle Täuschcrcycn der platonischen Liebe, so könnte man doch daraus eben so wenig auf seine Keuschheit schlicsscn, als man jetzt aus dem Gegentheile au? seine Unkcuschhcit zu schlicsscn befugt ist. Wem abcr alles dieses noch nicht genug ist, den Horaz von der Knabenlicbc loszusprechen, den bitte ich, sich aus der Geschichte des Augnstus noch folgender Umstände zu erinnern. Ich bitte ihn, an das Gesetz äv säulteiiis >k pulVieitia,, und an das Gesetz 6k lex maculol'um odomuit noi'as. 26 Schrifften. Dritter Theil. I^aultAntur timüi prolo puorpor.ie: Lulpam pmna promit cnmes. Alles dieses, sagt Horaz, sind die Vortheile der Regierung unsers Augustns! Man versteht ihn aber sehr schlecht, wenn man das maculolum nolas für etwas anders annimmt, als für das Laster, von welchem hier die Rede ist. Auch diesem Laster folgte die Strafe auf dem Fusse nach; culi>am pmna r»'vmit co- mss. Und Horaz sollte es gleichwohl begangen haben? Ich will nicht hoffen, daß man Verleumdungen mit Verleumdungen beweisen, und den August selbst in gleiche Vcrdammniß werde setzen wollen. Es ist wahr, wie Sueton meldet, so hat man ihm in seinen jüngcrn Jahren vcrschieone schändliche Verbrechen vorgeworfen. 8ex. pompejus ut otlmmlnatuni intvewws ett; HI. ^ntomus, säoptionem avuneul! ftupro meritum ^e. Aber waren nicht Pompejus und Antonius seine Feinde? Und sagt nicht Sueton selbst bald darauf: ex czu'ibus tivo criminilius tivo msle- ia sävvrtsriorum per cu^jus- Iivi»t<^uv ite^-iro cnrkus (!nAor relietns: nitm^no Dios^iiter Igni eorutcn nuliila clivilions plerumlzuv, ^er purum tnnantvs Hg!t v«zuos, valueromcsuo ciirrnm: <)uo knita tellus U va^a ilumins, tjuo 8t^x, A inviti korrilllt ^-vnaii 8ellos, ^tlantonslnie ilnis Loncutitlir. V.ilet im» lnmmis Nutarv >d inki^nem »ttenuat veus Okl'c>ira nromons. Iline n^ieizm rspsx k'nrtun.i eum Krilioro seuto Luktulit; kio ^osuissv Aauclet. Uebersecznng^ „Zn unsinnige Weisheit vertieft, irrt ich umher, ein karger, „saumseliger Verehrer der Götter. Doch nun, nun spann ich, „den verlaßncn Lauf zu erneuern, gezwungen die Segel zurück. „Denn sonst nur gewohnt die Wolken mit blendenden Blitzen „zu trennen, trieb der Batcr der Tage, durch den heitern Him- „mcl, die donnernden Pferde nnd den beflügelten Wagen. „Auf ihm erschüttert er der Erde sinnlosen Klumpen, und „die schweifenden Ströme: auf ihm den Styx nnd die nie gesehenen Wohnungen im schrecklichen Tänarus, und die Wur- „zeln des Atlas. „Gott ist es, der das Tiefste ins Höchste zu verwandeln ver- „mag, der den Stolzen erniedrigt, und das, was im Dunkeln „ist, hervor zieht. Hier riß mit scharfen Geräusche das räuberische Glück den Wipfel hinweg, und dort gefällt es ihr, ihn „anzusetzen. » « 5»,,-, »«n?>« -tis?»/- ->'«»>«^'0L. -^s ^ Es wird nöthig seyn, ehe ich mich in die Erklärung dieser Ode einlasse, einige grammatikalische Anmerkungen, zur Rettung meiner Ucbersetzung, beyzubringen. Gleich in dem ersten Worte Rettungen des Horaz. ,!5. habe ich mir die Freyheit gcncnmicn, den Haussen der Ausleger zu verlassen, p-u-ous ist ihnen so viel als rm-us; selten. Und Insieizuons? Auch selten. So vcrschwcndrisch mit den Worten ist Horaz schwerlich gewesen. Zwey Beywörter, die nur einerley sagen, sind seine Sache gar nicht. Dacicr spricht psrcus oultor veorum bedeute nicht sowohl einen, welcher die Götter wenig verehrt, als vielmehr einen, der sie gan; und gar nicht verehrt. Wir wollen es annehmen; aber was heißt denn nun mfrecuions cultm-. lnsre^uens, sagt dieser Kunstlichter, ist ein sehr merkwürdiges Wort, dessen Schönheit man nicht genugsam eingesehen hat. Es ist eine Metapher, die von den Soldaten genommen worden, welche sich von ihren Fahnen entfernen. Er beweiset dieses aus dem Lestus, welcher mit ausdrücklichen Worten sagt: insiernion» annellak-ttur mile« «zm »dost, adluituo »1'iFms. — — Ein klares Exempel, daß es den Eriticis gleichviel ist, ob sie ihren Schriftsteller etwas ungereimtes sagen lassen, oder nicht, wann sie nur ihre Bclcscnhcit auskramen können! Nach dem Sinne des Dacicr müßte man also die Worte: ^sreus vooeiim cultm- >k inue IWWW, ^<> ^chrifften, Dritter Theil. unmöglich jemand anders, als er selbst wissen; doch vielleicht auch er selbst nicht einmal. Bey der zweyten Strophe muß ich dieses erinnern, daß ich von der gewöhnlichen Zntcrpunction, doch nicht ohne Vorgänger, abgegangen bin. Die meisten Ausgaben haben das Komma nach MV^M»W«^5!^5^!A»M^ 38 Schafften. Dritter Tl?cil. rlliig verspreche. — — Diese Erklärung scheinet dem erste» Anblicke nach ziemlich ungezwungen und richtig. Sie war allgemein angenommen, bis Tanaauill Fabcr sie in Zweifel zu ziehen anfing. Datier, welcher mit der Tochter dieses Gelehrten, auch dessen Meinungen gchevrathct zu haben schien, trat seinem Schwiegervater bey, und erklärte die Ode für nichts anders, als kindisch und abgeschmackt, wann sie eine ernstliche Widcrruffung> scmi sollte. Er kam auf den Einfall sie zu einer Spötterei? über die Stoische Sekte zu machen: welches zu erweisen, er sie folgender Gestalt umschrieb. „Es ist wahr, so lange „ich den Lehren einer närrischen Weisheit folgte, habe ich die „Götter, nicht so, wie ich wohl sollte, verehret. Ihr aber, ihr „Herren Stoiker, dringt mit so starken Gründen in mich, daß „ich gezwungen bin, auf andre Art zu leben, und einen neuen „Weg zu crwchlcn. Was mich in meiner Halsstarrigkeit befestigte, war dieses, daß ich gewiß überzeugt war, der Don- „ncr könne nichts als die Wirkung der Ausdünstungen seyn, „die sich in Wolken zusammen ziehen, und sich unter cinan- „dcr stosscn. Allein nunmehr beweiset ihr mir, daß es oft am „heitern Himmel donnert. Hierauf nun habe ich nichts zu ant- „Worten, und ich muß mit euch erkennen, daß Gott selbst, den „Wagen seines Donners durch den Himmel führt, so oft es „ihm gefällt, und die Blitze mit eigner Hand wirft, wohin er „will.--Bis hichcr fließt alles noch ziemlich natürlich; allein von den letzten fünf Bcrscn gestehet Dacier selbst, daß sie mit seiner Auslegung schon etwas schwerer zu vereinigen sind. Horaz, sagt er, fängt in diesen lctztcrn Zeilen an, ernstlich zu reden, und entdeckt in wenig Worten, was er von der Vorsehung glaube. „Ich weis, soll des Dichters Meinung seyn, daß „Gott diesen erniedrigen und jenen erhöhen kann. Aber ich „weis auch, daß er diese Sorge dem Zufalle und dem Glücke „überläßt, welches mit scharfen Geräusche dem Haupte des ci- „nen das Diadem entreißt, und das Haupt des andern da- „mit krönet. Der stärkste Beweis des Dacicr läuft dahin aus, daß unmöglich Horaz eine so nichtige Ursache seiner Bekehrung könne angeführt haben, als der Donner am heitern Himmel in den Rettungen des Horaz. Augen eines jeden Verständigen seyn muß. „Man braucht, „sagt er, in der Naturlchrc mir sehr schlecht erfahren zu seyn, „wenn man wissen will, daß kein Donner ohne Wolken seyn „könne. Horaz muß also nothwendig die Stoiker nur damit „lächerlich machen wollen, die den Cpikurcrn wegen der Vorsehung weiter nichts als ungefehr dieses entgegen zu setzen wuß- „tcn: ihr könnt, sagten die Stoiker, die Vorsehung nicht lcug- „ncn, wenn ihr auf den Donner und auf seine verschiedene „Wirkungen Achtung geben wollt. Wann nun die Epikurcr „ihnen antworteten, daß der Donner aus natürlichen Ursachen „hervorgebracht würde, und man also nichts weniger als eine „Vorsehung daraus beweisen könne: so glaubten die Stoiker, „ihnen nicht besser den Mund zu stopfen, als wenn sie sagten, „daß es auch bey heiterm Wetter donnrcz zu einer Acit also, „da alle natürliche Ursachen wegfielen, und man deutlich sehen „könne, daß der Donner allerdings von den Göttern regiert „werden müsse. Dieses, wie gesagt, ist der stärkste Grund womit Dacicr seine neue Auslegung unterstützt; ich muß aber gestehen, daß mich seine Schwäche nicht wenig befremdet. Ist cs nicht gleich anfangs offenbar, daß er, entweder aus Unwissenheit oder aus List, die Stoischen Beweise der Vorsehung ganz kraftlos vorstellet? Diese Wcltwciscn beruften sich zwar auf die natürlichen Begebenheiten, und auf die weise Einrichtung derselben; niemals aber leugneten sie ihre in dem Wesen der Dinge gegründeten Ursachen, sondern hielten cs vielmehr für unanständig, sich irgendwo auf die unmittelbare Regierung der Götter zu berufen. Ihre Gedanken von derselben waren die gcgründcstcn und edelsten, die man je, auch in den aufgeklärtesten Zeiten, gehabt hat. Ich berufe mich auf das ganze zweyte Buch der natürlichen Fragen des Scncca, wo er die Natur des Donners untersucht. Aus dem 18 Hauptstückc desselben hätte Dacier genugsam sehen können, daß die Stoiker auch bey den Donncrschlägcn am heitern Himmel die natürlichen Ursachen nicht bey Seite setzten, und daß j.urus ili-r im geringsten nicht alle Donncrwolkcn ausschließt, tZuaro 55 terviw tonst? heißt cs daselbst; «juia wnc lmonue »er ersU'um K ticcum aora kniriws prolilit. Was kan _Ä^IIMiÄMUWW» 40 Schriffcen. Tritter Theil. deutlicher seyn? Scncca sagt dieses zwar nach den Grundsätzen des Anarimandcrs, aber er erinnert nichts darwicder; er billiget sie also. Eine Stelle aus dem 31. Hauptstücke wird es noch deutlicher machen, in wie fern die Stoiker geglaubt haben, daß in dem Donner etwas göttliches sey: mira tulminis, 1"i iowori velis, opera lunt, uoe ljuicllnism äuliii rolin^uentia, va sunt oniniono, tsm^uam non l^ui» sgetit sunt tlAnili- eent; tod uuia siFnisioatura tunt, iiaut: eaclom tameu rationv liunt, sivo illis siAnillcaio propokitum eK, tivo eonse^uoris. (juomoclo er^o siAniliesnt, oisi s Ooo mittantur? ljuomoclo avos von in tioe mot-o, ut oouis oceuiroroiit, cloxtiuni aus^>ieium, sinistrumvo focerunt. illas, in^ult, Dous movit. Rimis illum otiotum j>5 putilla; roi mmil'tium kacis, ki sliis tomma, aliis oxta «lisnonit; iKa nilulommus clivina nno Foruntur. — ^lia r»tiolio lstorum tvrivs exnlicatur, inäieia vonturi ul»i.^?^M^?-'.- Rettungen des Horaz, N Man überlege diese Stelle genau, und sage, ob es dem Zuhalte derselben zufolge möglich sey, daß die Stoiker jemals so abgeschmackt gegen die Epikurcr können gestritten haben, als sie Zvacier streiten läßt. Ist es aber nicht möglich, so muß ja auch die vorgegebene Spöttcrcy des Horaz, und mit ihr die ganze sich darauf gründende Erklärung wegfallen. Es ist nicht nöthig, ihr mehr entgegen zu setzen, ob es gleich etwas sehr leichtes seyn würde; besonders wenn man die Gründe aus der Verdrehung der letzten fünf Zeilen, und aus der gewaltsamen Hincin- prcssung des Wörtchcns keä vor tnne spleom, nehmen wollte. Nach dieser Widerlegung wird man vielleicht glauben, daß ich die alte Auslegung dieser Ode beybehalten wolle. Doch auch diese kann, meinem Urtheile nach, nicht statt finden. Die Veränderung der Sekte wäre für den Horaz eine zu wichtige Begebenheit gewesen, als daß er ihrer nicht öfter in seinen Briefen oder Satyren, wo er so unzählich viel Kleinigkeiten von sich cinflicsscn läßt, hätte erwchncn sollen. Aber überall ist ein tiefes Stillschweigen davon. Auch das kann nicht erwiesen werden, daß Horaz gleich Anfangs der stoischen Philosophie solle zugethan gewesen seyn, welches doch seyn müßte, wann er sie curlus relietos nennen wollen. Ausser diesen schon bekannten Schwierigkeiten, setze ich noch eine neue hinzu, die aus meiner Anmerkung über die Art, mit welcher die Stoiker von der göttlichen Regierung der natürlichen Dinge philosophirtcn, hergenommen ist. Wenn es wahr ist, daß nach ihren Grundsätzen der Donner am umzogncn Himmel nicht mehr und nicht weniger die Mitwirkung der Götter bewies, als der Donner am heitern Himmel; so kann Horaz den letzten eben so wenig im Ernste als im Scherze als eine Ercignung ansehen, die ihn den Stoikern wieder bcyzutrctcn nöthige. Das erstere ist wahr, und also auch das lctztre. Oder will man etwa vermuthen, daß Horaz die stoische Wcltwcishcit nicht besser werde verstanden haben, als seine Ausleger? Laßt uns eine bcßrc Meinung von ihm haben, und ihn wo möglich wieder ihre unzcitigc Gelehrsamkeit vertheidigen! Unzci- tig ist sie, daß sie da Sekten sehen, wo keine sind; daß sie Abschwörungen und Spöttcrcycn wahrnehmen, wo nichts als gc- /!'.> Schrifftcn. Dritter Theil. lcgcntlichc Empfindungen herrschen. Denn mit einem Worte, ich glaube, daß Horaz in dieser Ode weder an die Stoiker noch an die Epikurcr gedacht hat, und daß sie nichts ist, als der Ausbruch der Regungen, die er bey einem ausscrordcntlichcii am hellen Himmel plötzlich entstandenen Donnerwetter gefühlt hat. Man sage nicht, daß die Furcht für den Donner etwas so kleines sey, daß man sie dem Dichter schwerlich Schuld geben könne. Der natürlichste Zufall, wenn er unerwartet kömmt, ist vermögend auch das männlichste Gemüth ans wenig Augenblicke in eine Art von Bestürzung zu setzen. Und was braucht es mehr, als daß Horaz in einer solchen kurzen Bestürzung einige erhabene und rührende Gedanken gehabt hat, um das Andenken derselben in ein Paar Strophen aufzubehalten? Affcct und Poesie sind zu nahe verwandt, als daß dieses unbcgreislich seyn sollte. Ich will meine Erklärung nicht Zeile auf Zeile anwenden, weil es eine sehr überflüssige Mühe seyn würde. Ich will nur noch eine Vermuthung hinzuthun, die hier mit allem Rechte eine Stelle verdient. Man erinnere sich, was uns Sucton von dem Augustus in dem 90. Hauptstückc seiner Lebensbeschreibung meldet. 1'onitius A sul^ura paulo inlirnuus expavesoc-liat, ut 1'ompvr & uliiljuo pclloni vituli lugriii! eii eumsvrrot, pro rvmvilio: Atl^uo ail omiiem majails tempottatis tuspieionvm üi adclitum ^ eoncamei'ittum lucum l'o roolporvt. Wie gerne stellt sich ein Hofmann in allen Gesinnungen seinem Regenten gleich! Gesetzt also, Horaz habe sich nicht selbst vor dem Donner gefürchtet, kann cr nicht diese Schwachheit, dem August zu schmeicheln angenommen haben? Es scheint mir als ob dieser Umstand aus die Ode ein gewisses Licht werfe, bey welchem man eine Art von Schönheiten entdeckt, die sich besser fühlen als umständlich zergliedern lassen. Soll ich noch etwas aus dem Leben des Augustus beybringen, woraus vielleicht eine neue Erklärung herzuholen ist? Ich will gleich voraussagen, daß sie ein wenig kühn seyn wird; aber wer weis, ob sie nicht eben das Kühne bey vielen empfehlen wird? Als Augustus, nach dem Tode des Cäsars von Apollo- nicn zurück kam, und eben in die Stadt eintrat, erschien plötzlich am hellen und klaren Himmel ein Zirkel, in Gestalt eines Rettungen des Horaz. 43 Regenbogens, rings lim die Sonne; lind gleich darauf schlug der Donner auf das Grabmahl der Julia, des Cäsars Tochter. Diese Ercignung ward, wie man sich leicht vorstellen kann, zum größten Norlhcilc des Augustus ausgelegt. Und wie, wann eben sie es wäre, auf welche Horaz hier zielet? Er war zwar, wenn ich die Zeiten vergleiche, damals nicht in Rom, aber kann nicht schon die Erzchlung einen hinlänglichen Eindruck auf ihn gemacht haben? Und dieses vielleicht um so viel eher, je lieber es ihm bey seiner Zurückkunst, nach der Schlacht bey Phi- lippis, seyn mußte, eine Art einer göttlichen Antrcibung angeben zu können, warum er nunmehr von der Parthey der Mörder des Cäsars abstehe. Wollte man diesen Einfall billigen, so müßte man unter den Göttern, die Horaz wenig verehrt zu haben gestehet, den Eäsar und Augustus, welchen cr mehr als einmal diesen Namen giebt, verstehen; und die int-uiam tÄ- piontisin mußte man für den Anhang des Brutus annehmen, welcher in der That zwar cin tugendhafter Mann war, aber auch in gewissen Stücken, besonders wo die Freyheit mit einschlug, die Tugend bis zur Raserey übertrieb. Diese Auslegung, glaube ich, hat ihre Schönheiten, welche sich besonders in den letzten Zeilen ausnchmcn, wo der Dichter von der Erniedrigung des Stolzen, und von der llcbcrlragung der höchsten Gewalt redet, die cr unter dem Bilde des Wipfels will verstanden wissen. Ich will nichts mehr hinzu setzen, sondern vielmehr nochmals bekennen, daß ich die erstere plane Erklärung, welche ohne alle Anspielungen ist, dieser andern weit vorziehe. Meine Leser aber mögen es halten wie sie wollen, wenn sie mir nur so viel cin- gcstchcn, daß nach der lcztcrn, aus dem p-u^us vooiu», cultoi k insi-e-juens, wider die Religion des Horaz gar nichts zu schlics- scn ist, nach der erstem aber nicht mehr, als man aus dem Liede des rechtschaffensten Theologen, in welchem cr sich einen armen Sünder ncnnct, wider dessen Frömmigkeit zu folgern berechtiget ist. Das ist alles was ich verlange. Ich weis, daß man noch vieles zur Rettung des Horaz beybringen könnte; ich weis aber auch, daß man eben nicht alles erschöpfen muß. ii Schriffttii. Dritter Theil. Rettung des Hier. Cardanus. Leser, welche den Laröan kennen, und auch mir zutrauen, daß ich ihn kenne, müssen es schon voraussehen, daß meine Rettung den ganzen CarSan nicht angehen werde. Dieses ausscr- ordcntlichc Genie hat alle Nachwelt seinetwegen in Zweifel gelassen. Man muß glauben, daß der größte Verstand mit der größten Thorheit sehr wesentlich verbunden ist, oder sein Charakter bleibt ein unauflösliches Räthsel. Zu was hat man ihn nicht gemacht; oder vielmehr zu was hat er sich nicht selbst in einem Werke gemacht, dergleichen ich wollte, daß jeder grosse Mann mit eben der Aufrichtigkeit schreiben müßte! (äe vita propris.) Es wäre ein Wunder, wenn ein so seltner Geist dem Verdachte der Athcistcrey entgangen wäre. Hat man oft mehr gebraucht, ihn auf sich zu laden, als selbst zu denken und gebilligten Vorurthcilen die Stirne zu biethen? Selten hat man nöthig gehabt, in der That anstößige Sätze und ein problematisches Leben, wie Cardan, damit zu verbinden. Eine augenscheinliche Vcrläumdung, die man noch nicht aufhört aus einem Buche in das andere überzutragen, treibt mich an, dieses Verdachts in etwas zu gedenken. Man gründet ihn, wie bekannt, auf drey Stücke. Auf ein Buch, welches er wider die Unsterblichkeit der Seele soll geschrieben haben; auf seine astrologische Unsinnigkcit, dem Heilande die Nativität zu stellen; und endlich auf eine gewisse Stelle in seinem Werke . II.) Wenn man es noch glauben will, so muß man diesen Spanier nicht kennen. — — Den zweyten Grund zernichten die eignen Worte des Cardans, welche insonderheit der Herr Pastor Drucker aus dessen seltnen Werke, über des Ptolcmäus vier Bücher clo ^Ui-oium ^udieiis, angeführt hat. (IM. Oit. PInI. 1mm IV. p-utc- -cktviil n. 7 6.) Rettung des Cardans. 45 Ich werde mich, wie gesagt, hicrbcy nicht aufhalten; ich wende mich vielmehr sogleich zu dem letztem Punkte, weil ich in der That hoffe, etwas besonders dabey anzumerken. Man wird es als einen guten Zusaz zu dem Artikel ansehen können, welchen Zdayle, in seinem kritischen Wörterbuchc, von diesem Gelehrten gemacht hat. Es ist billig, daß man die Ankläger des Cardans zuerst höret. Es sind deren so viele, daß ich nur einen werde das Wort können führen lassen. Dieses mag ein noch lebender Schriftsteller seyn, dessen Buch in seiner Art ein Handbuch der Gelehrten geworden ist; der Herr Pastor Vogt; oder vielmehr de la Monnoye durch diesen. Er führt, in seinem Verzeichnisse von raren Büchern, die crstrc, und noch eine andere Ausgabe des Cardanischen Werks clo ludtilitate an, und was er dabey anmerkt ist folgendes. „Man liefet, sagt er, in diesen ungc- „mcin seltnen Ausgaben eine sehr gottlose und ärgerliche Stelle, „die man in den nachherigcn Abdrücken weggelassen hat. Ich „will die ganze Sache mit den Worten des gelehrten de la „Monnoye, im 4 Th. der Menagianen, S. 30Z, crzchlcn. „Noch schlimmer als Pompanaz, sagt dieser, macht es Lardan. „Zn dem cilftcn seiner Bücher i'uktllitaw vergleicht er die „vier Hauptrcligioncn kürzlich unter einander; und nachdem er „eine gegen die andre hat streiten lassen, so schließt er, ohne „sich für eine zu erklären, mit diesen unbcdachtsamcn Worten: „i^itur Ins ai'kitrio vletoriW relietls. Das heißt auf gut deutsch, „er wolle dem Zufalle überlassen, auf welche Seite sich der „Sieg wenden werde. Diese Worte veränderte er zwar selbst „in der zweyten Ausgabe; dennoch aber ward er drey Zahre „darauf von dem Scaliger Lxercit. 268. n. 1. sehr bitter dcß- „wegen bestraft, weil der Sinn derselben sehr schrecklich ist, und „die Gleichgültigkeit des Cardans, in Ansehung des Sieges „deutlich beweiset, welchen eine von den vier Religionen, es „möge nun seyn welche es wolle, entweder durch die Stärke „der Beweise, oder durch die Gewalt der Waffen davon tra- „gen könne." Aus dieser Anführung erhellet, daß Scaliger der erste gewesen ist, dem die Stelle wovon ich rede, zum Anstösse gereicht Schrifftcn. Dritter Theil. hat. Man darf aber nicht glauben, daß von ihm bis ans den de la Monno^e sie von keinem andern sey gcrügct worden. Marinns Mersennus ist in seiner Auslegung des ersten Buchs Mosis (S. !l83t>.) darwidcr aufgestanden, und hat sie für nichts schandlichcrs, als für einen Jubcgrif des berüchtigten Buchs von den drey Bciricgcrn gehalten. Aus dem XNerscnnus hat sie hernach besonders XNorhof (pohk. I. I.il>. I. c. 8. Z. «.) Vü- chcrkcnncrn bekannt gemacht, und diese haben sie einander redlich aus einer Hand in die andre geliefert. Reimann, (klK. univors. ^tlioiimi ^ ^tnoornm p. 365. 6: 347.) die höllischen Verfasser der Olitervat. seloewrum Ckom. X. p. 219.) Freitag (^nslc-et. littersna ^. 210.) die Bibliothek des Salthcnius sp. 272.) sagen alle ebendasselbe. Alle nennen die angeführte Stelle locum imzilum <^ i'eanclalotittilmim, loeum vssonsicxiis ^,IeniMmum. Ich muß diesen noch einen Freund von mir beysetzen, nehmlich den Herrn Adjunct Schwarz in Wittcn- bcrg, welcher in seiner ersten Excrcitation in utmmqno Ssmsr!- tilnoium pt-ntsteuelnim, gelegentlich eben diese Saite berührt. Was wird man aber von mir denken, wenn ich kühnlich behaupte, daß alle diese Gelehrte, entweder nur Nachbeter sind, oder, wenn sie mit ihren eignen Augen gesehen haben, nicht haben construiren können. Ich sage: nicht können; denn auch das kann man nicht, woran uns die Borurthcile verhindern. Zch für meinen Theil, habe es dem nur gedachten Herrn Horn mit blasen darf. Bey ihm habe ich die allererste Ausgabe des Eardanischcn Werks cinc1illr!un>, tvil äifsioilium, oceultnrnm ^ ckorrimarum rornm euukas, vir«?s A prnpriotstos, sutknrc! ninc inclo vxporimvnto odsorvatas: PivL non kolum prnptor cogni- tionom äoleewdiles, keil otiam v»r!as ufns, wm privat»« tum pnnlieas, mnlto utilioros «^uain Iiilctvnus pluiimnrum kcriptn, «nin vtti vx pnilytopkia t'int, minnris wmon mnmenti esko, leFvns kive illa, naucl moeum lliksvnties! riti tinAnla in gcljeeto inclico perspieuo lieot cornoro. Unter diesem kurzen Buchhändlcrpanc- gyrico stehet endlich: Nm-imIiorA-l? arnul >Io. pvtroiuw, ^jam primn imprel'l'um, cnm privilvAic, O-vt. atWo ücg. -ul Loxonnium ^c». NVI.. Das Format ist in Folio; die Starckc, 37Z Blätter, ohne das Register. Nunmehr wird man es mir hoffentlich zutrauen, daß ich die streitige Stelle wirklich aus der ersten Originalausgabe anführen werde.--Aber man erlaube mir, daß ich es nicht lateinisch thun darf. Das Latein des Cardans ist so schlecht, daß der Leser nichts dabey einbüßt, wenn er es auch schon in eben so schlechtes Deutsch verwandelt sieht. Denn habe ich nicht die Güte des Ausdrucks auch in der Ilcbcrsctzung beybehalten müssen? Hier ist sie also: Stelle aus Sem Xlren Bücke des 5ardanus t/e „Die Menschen sind von je her, an Sprache, Sitten und Gesetzen, eben so sehr unter sich von einander unterschieden gewesen, als die Thiere von ihnen. Bey den Verehrern des Ma- homcts wird ein Christ, und bey beyden ein Jude nicht höher geschätzt, als der verworfenste Hund: er wird verspottet, verfolgt, geschlagen, geplündert, ermordet, in die Sklavcrcy geflossen, durch die gewaltsamsten Schändungen gemißhandelt, und mit den unsaubersten Arbeiten gemartert, so daß er von einem Tiger, dem man dic Zungen gcraubct, nicht so viel auszustehen ^ Schrifften. Dritter Theil. haben würde. Der Gesetze aber sind viere; der Götzendiener, der Juden, der Christen und der Mahomctancr. „Der Götzendiener zieht sein Gesetz aus vier Gründen vor. Erstlich weil er so oft, in den Kriegen wieder die Juden, den Sieg davon getragen habe, bis es ihm endlich gelungen, ihre Gesetze ganz und gar zu vertilgen; es müsse daher dem höchsten Werkmeister und Regenten, die Verehrung eines einzigen Gottes nicht mehr, als die Verehrung vieler Götter gefallen haben. Hernach sagen sie; so wie es sich, wenn das Volk einen obersten Regenten über sich habe, für jeden gezieme, in Privatsa- chcn und besonders in Kleinigkeiten, seine Zuflucht vielmehr zu den Befehlshabern und Hoflcutcn desselben zu nehmen, als dem Könige selbst, um jeder Ursach Willen, beschwerlich zu fallen: eben so müsse man, da der höchste Gott sich um das, was hier auf Erden vorgeht, und wovon die Angelegenheiten der Privatpersonen den allcrklcinstcn Theil ausmachen, sehr wenig bekümmert, vielmehr zu den Göttern, die dieser höchste Gott zu seinen Dienern geordnet hat, bey nicht wichtigen Dingen fliehen, als daß man denjenigen selbst, den kein Sterblicher nicht einmal mit den Gedanken erreichen kann, aus jeder nichtswürdigcn Ursache, mit Bitten belästige. Endlich behaupten sie, daß durch dieses Gesetz, und durch diese Beyspiele, indem sie Hoffnung machte», nach dieser Sterblichkeit göttlich verehrt zu werden, viele wären angetrieben worden, sich durch Tugenden berühmt zu machen, als Herkules, Apollo, Jupiter, Mcrcurius, Ceres. Was aber die Wunder anbelange, so könnten sie eben sowohl, Exempel der offenbaren Hülfe ihrer Götter und Orakclsprüchc anführen, als irgend andre. Auch sey unsre Meinung von Gott und dem Ursprünge der Welt, nicht allein nicht weniger abgeschmackt, sondern auch noch abgcschmakter, als ihre, welches aus dem Streite unter den andern Gesetzen, und aus dem Hasse derselben gegen alle Wcltwcisc, als die Urheber der Wahrheit, erhelle. Diese aber werfen ihnen die Menschenopfer, die Verehrung todter Bildsäulen, und die Menge der Götter vor, welche auch von den ihrigen selbst verlacht würden; desgleichen die schändlichen Laster dieser ihrer Götter, die man sich schon an einem Mcn- Rettung des CardanS. 4!) scheu einzubilden schäme, lind die undankbare Vcrgcssung des allerhöchsten Schöpfers. „Nachdem diese also, auf besagte Art, widerlegt worden, so steht der Jude wider die Christen auf. Wenn in unserm Gesetze, sagt er, Fabeln enthalten sind, so sind sie alle, auch auf euch gekommen, die ihr unser Gesetz annehmet. Die Einheit Gottes hat niemand so unverfälscht verehret als wir; und von uns stammet diese Wahrheit auch her. Ferner kann sich kein Gesetz so grosser Wunder und Zeichen, und kein Volk eines solchen Adels rühmen. Hierauf aber sprechen die übrigen wider dieses Gesetz: alles das, was untergegangen sey, müsse Gott nicht gefallen haben; sie die Juden hätten wider ihre Propheten gewüthet; ihr Volk wäre allezeit der ganzen Welt ein Abscheu gewesen, und diejenigen, welche von den Christen und Mahomc- tancrn verehret würden, die befehle ihnen ihr eignes Gesetze anzubeten. „Nachdem auch dieses Gesetz übern Haufen geworfen, so streitet nunmehr der Christ wider den Mahomctancr. Dieser Streit ist schärfer und wird auf beyden Theilen mit grossen Kräften unterstützet, von welchen das Wohl ganzer Reiche und Länder abhängt. Der Christ stützet sich besonders auf vier Gründe. LLrstlich auf das Zeugniß der Propheten, welche alles, was sich mit Christo zugetragen, so genau crzchlten, daß man glauben sollte, es sey nicht vorher gesagt, sondern nachdem alles schon geschehen, aufgeschrieben worden. Diese aber melden nicht das geringste von dem Mahomct. Zweitens auf das Ansehen der Wunderwerke Christi, die von solcher Grösse und Beschaffenheit gewesen sind, daß sie mit den Wundern der Mahomctancr in kcinc Vcrglci- chung kommen: wie zum Exempel die Aufcrwcckung der Todtcn, des Lazarus, des Mägdleins und des Sohnes der Wittwc. Die Wunderwerke der Mahomctancr hingegen, das Herabfallen der Steine von den schwarzen Vögeln, oder die Vcrbergung in der Höhle, wie er in scincm Korane lehret, oder dieses, daß er in cincr Nacht von Mccca nach Jerusalem wäre geschickt, oder versetzt worden, oder seine Aufnahme in den Himmel, odcr seine Zcrthcilung des Mondes; alle diese können entweder nicht mit Zeugen bestätiget werden, odcr sind ganz und gar keine Wun- L-mngsWctte iv, 4 Schrifftcn. dritter Thcil^ der. Daß Stcinc von Vögeln hcrabgcschmisscn werden, dieses ist zwar etwas wundersames, lind mag es immerhin gewesen scvn, aber kein Wunder ist es nicht: daß der Mond zertheilt scheinet, dieses ist weder ein Wunder noch etwas wundersames. Bon Mccca nach Jerusalem versetzt werden, oder in den Himmel hinanstcigcn, dieses wäre zwar ein Wunder, allein die Zeugen mangeln ihm. Der dritte Grund wird von den Gebothen Christi hergenommen, welche nichts enthalten, was mit der Moral oder mit der natürlichen Philosophie streitet. Was sein Leben anbelangt, dariunc kann es ihm niemand gleich thun, und wenn es auch der allerbeste wäre; aber es nachahmen kann ein jeder. Wie? kann sag ich? Za, so viel du dich von seinem Exempel entfernst, so viel Gottlosigkeit nimst du an. Mahomct hingegen räth Mord und Krieg und den Thurm im Paradiese; das Paradies aber beschreibt er so, daß man darinnen hcvrathc, von schönen Knaben bedient würde, Fleisch und Acpfcl esse, Nccktar trinke, auf scidncn Betten liege, und unter dem Schatten der Bäume Edelsteine und scidnc Lager besitze. Welcher gesunde Verstand wird dadurch nicht beleidiget? Und wie abgcschmakt ist nicht jenes Vorgeben im Korane, nach welchem Engel und Gott für den Mahomct beten sollen? Desgleichen die Erdichtung, daß Gott von der Erde gen Himmel hinanstcigc, und daß er selbst bey den Geistern, seinen Dienern, schwöre. Was soll man von der Historie mit dem Kamcclc, wenn es anders eine Historie, und nicht vielmehr eine Fabel ist, sagen, die wenigstens fünfmahl wicdcrhohlct wird? Hierzu kommt noch als der letzte Grund für die Christen dieses, daß unser Gesetz von sehr wenigen uncr- fahrnen und armen Leuten, gegen so viele Kayscr und reiche Priester der Götzen ist gcprcdigct worden, und daß es, da es auch schon von innerlichen Spaltungen geschwächt war, dennoch des ganzen Erdkreises sich bemächtiget hat. „Nun haben aber auch die Mahomctancr fünf Beweisgründe für sich. LLrstlich sagen sie: Die Christen verehrten die Einheit Gottes nicht so lauter, als sie; die Christen gäben ihm einen Sohn, welcher ebenfalls Gott sey. Wann aber, fahren sie fort, mehrere Götter sind, so werden sie auf einander erbittert seyn, weil dieses bey einem Reiche etwas unvermeidliches ist, daß es Rettung des Cardans. von Vielen ohne Eifersucht nicht kann verwaltet werden. Es ist aber auch etwas gottloses, dem erhabensten Gott, dem Schöpfer aller Dinge einen bcyzugcscllcn, der ihm gleich sey, da er doch der allerhöchste ist, und ihm einen Sohn zu geben, da cr doch keinen braucht, und ewig ist. Ueber das also, sagen sie, was die Christen ihm beylegen, empören sich die Himmel, und die Erde fliehet vor Entsetzen davon. Gott wird daher bey ihnen eingeführet, als ob cr sich beklagte; und Christus, als ob cr sich entschuldigte; daß cr sich dieses nicht selbst, sondern, daß es ihm andre, wider scincn Willcn, beygelegt hätten. Der zweyte Beweisgrund kömmt von dem Mahomct sclbst, welcher den Christen zur Last legt, daß sie die Bilder anbeten, und daß sie also Verehrer der Göttcr, und nicht cincs cinzigcn Gottcs zu seyn scheinen. Hierauf folgt der dritte Beweisgrund, welcher aus dem Erfolge hcrgcnommcn ist, indcm sie schon so viel Siege erfochten, und schon so viel Provinzen erobert hatten, daß das christliche Gesetz kaum ein Theil dcs Mahomctischcn würde zu nennen seyn, wann nicht, durch Vorsorge unsers Kayscrs, schon zum Theil eine andre Welt, in der christlichen Religion wäre unterrichtet worden. Ist es aber, sagen sie, nun nicht wahrscheinlich, daß Gott denjenigen wohlwolle, welche einen richtigern Glauben haben? Er könnte ja so viele mit der allcrklcinsten Hülfe retten, wenn cr sich nicht von ihnen abgewandt hätte, und sie frcywillig vcrdcrbcn wollte. Was aber ihr Lcben und ihre Sitten anbelangt, so geben diese ihrem Gesetze kein geringes Ansehen, indcm auf eine ganz nmgckchrtc Wcisc, wir dcm Mahomct und sie Christo nachzuahmen scheinen; sie beten, sie fasten, sie bedienen sich cincr schr simpcln, ja der allcrsimpclstcn Tracht, sie enthalten sich dcs Mordcs, dcr Glücksspiele, dcs Ehebruchs, und dcr abscheulichsten Lästerungen gegen Gott, von welchen vier Lastern hauptsächlich die Völker dcr Christenheit, sast ganz und gar überschwemmt sind. Und was sagt man, wenn man die Ehrbarkeit ihrcr Wcibcr, und die Verehrung ihrer Tcmpcl betrachten will? Was endlich die Wunder anbelangt, so behaupten sie, daß wir nur crzchltc Wunder haben, sie aber noch bis jetzt gegenwärtige. Einige enthalten sich viclc Tage lang dcs Essens; andre brennen sich mit Feuer, und zcrflcischcn sich 4° 5.'.' Schrifftc», Dritter Theil. mit Eisen, ohne das geringste Zeichen eines Schmerzes von sich zu geben. Viele können durch den Bauch reden, welche ehedem Engastrimuthi gcncnnt wurden; dieses aber können sie besonders alsdcnn, wenn sie gewisse Orgia begehen, und sich im Kreise herumdrehen. So wie cs mit diesen drey Punkten seine völlige Richtigkeit hat, indem sie, wie wir oben erinnert haben, natürlicher, obgleich wundersamer Weise zugehen; so ist cs hingegen eine blosse Erdichtung, daß bey ihnen auch Kinder von Weibern, ohne Beyschlaf, gcbobrcn würden. Auch sogar ihre Heiligen haben sie, welche durch wunderbare Hülflcistungcn berühmt sind; den Scdichasim zum Siege; den Banus zum Frieden; den Ascichus zur Wicdcrvcrsöhnung der Ehclcutc; den Mirtschinus zur Bewahrung des Viehes; den Chidircllcs für die Reisenden, der auf einem bunten Pferde sitzend, ihnen begegnen, und den rechten Weg zeigen soll. Sie heben auch noch die Schuh desjenigen auf, welcher von einem Könige unschuldiger Weise verdammt, und in einen glühenden Ofen geworfen worden, gleichwohl aber, nach Art der drey Männer im Fcucrofen, deren die heilige Schrift gedenkt, nnvcrschrt davon gekommen sey. Ganz bekannt ist endlich auch das Wunder des Mirathbcg, eines türkischen Regenten, welchen die Lateiner Amurath nennen, wodurch cr aus einem grossen und kriegerischen Könige, ein Priester geworden ist, und sich freywillig in ein Kloster eingeschlossen hat. — " So weit gehet der Streit, den Cardan die vier Religionen untereinander führen läßt. Noch sind einige Perioden davon übrig, die ich aber noch wenig Augenblicke »ersparen will, um die Rettung meines Philosophen desto besser in die Augen fallender zu machen. Man erlaube mir vor allen Dingen einige Anmerkungen über das, was man gelesen hat, zu wagen. Warum verdammt man eigentlich diese Stelle? Ist die Ver- glcichung der vcrschicdncn Religionen, an und vor sich selbst, strafbar; oder ist cs nur die Art, mit welcher sie Lardan unternommen hat? Das erste, wird man sich wohl nicht in den Sinn kommen lassen, zu behaupten. Was ist nöthiger, als sich von seinem Glauben zu überzcugcn, und was ist nnmöglichcr als Ueberzeu- Rettung des Lard.mS, 53 gung, ohne vorhergegangene Prüfung? Man sage nicht, daß die Prüfung seiner eignen Religion schon zureiche; daß es nicht nöthig sey, die Merkmahle der Göttlichkeit, wenn man sie an dieser schon entdeckt habe, auch an andern aufzusuchen. Man bediene sich des Gleichnisses nicht, daß, wenn man einmal den rechten Weg wisse, man sich nicht um die Irrwege zu bekümmern brauche.--Man lernt nicht diese durch jenen, sondern jenen durch diese kennen. Und benimmt man sich nicht, durch die Anpreisung dieser einseitigen Untersuchung, selbst die Hofnung, daß die Irrgläubigen aus Erkenntniß unsre Brüder werden können? Wenn man dem Christen befiehlt, nur die Lehren Christi zu untersuchen, so befiehlt man auch dem Mahomctancr, sich nur um die Lehre des Mahomcts zu bekümmern. Es ist wahr, jener wird darüber nicht in Gefahr kommen, einen bessern Glauben für einen schlechtem fahren zu lassen; allein dieser wird auch die Gelegenheit nicht haben, den schlechtem mit einem bessern zu verwechseln. Doch was rede ich von Gefahr? Der muß ein schwaches Vertrauen auf die ewigen Wahrheiten des Heilandes setzen, der sich fürchtet, sie mit Lügen gegen einander zu halten. Wahrer als wahr, kann nichts seyn; und auch die Vcrläumdung hat da keine Statt, wo ich auf der einen Seite nichts als Unsinn, und auf der andern nichts als Vernunft sehe. Was folgt also daraus ? Daß der Christ, bey der Bcrglcichung der Religionen, nichts verlieren, der Heide, Jude und Türke aber unendlich viel gewinnen kann; daß sie nicht nur, nicht zu untersagen, sondern auch anzupreisen ist. Cardan muß also in der Art dieser Verglcichung gefehlt habe». Wir wollen sehen. Es kann auf eine gedoppelte Art geschehen seyn. Entweder er hat die Gründe der falschen Religionen allzustark, oder die Gründe der wahren allzu schwach vorgestellt. Hat er wohl das letztere gethan? — — Zch verlange un- parthcyischc Leser; und diese sollen es mir sagen, ob einer von allen den unzchlbarcn Gottcsgclchrtcn und Wcltweiscn, welche nach dem LarSan die Wahrheit der christlichen Religion erwiesen haben, einen Grund mehr, oder eben dieselben Gründe stärker vorgetragen hat, als er. Weitläufiger wohl, aber nicht 54 Schrissten. Dritter Theil. stärker. Man weis, daß die vornehmsten derselben die historischen sind; und welche Art von ihnen vermißt man hier? Man kann dieser Arten drey annehmen. Historische Gründe, welche aus den Zeiten vor der Menschwerdung des Heilandes hergenommen sind; historische Gründe ans den Zeiten des Heilandes selbst, und endlich historische Gründe aus den Zeiten die nach ihm gc- folgct sind. Die ersten sind diejenigen, die uns die Propheten an die Hand geben; die andern sind die, welche auf den Wundern unsers Erlösers beruhen; und die dritten werden aus der Art, wie die christliche Religion ausgebreitet worden, hergeholt. Alle diese hat Cardkn mit wenig Worten, aber mit sehr nachdrücklichen, berührt. Was kann man von den Vorhcrverkündigungcn der jüdischen Propheten stärkcrs sagen, als dieses: daß sie in Christo so genau erfüllet worden, daß man sie eher für Erzch- lungcn, die nach geschehener Sache aufgesetzt worden, als für das, was sie sind, halten sollte? Kann die Zweydeutigkeit derselben mit ausdrücklichern Worten geleugnet werden? Ich will nicht hoffen, daß man mit lieblosen Vermuthungen so weit gehen werde, daß man behaupte, Lardan- habe, eben durch diesen Zusatz, sie verdächtig machen, und ganz von weitem anzeigen wollen, für was man sie eigentlich zu halten habe. So unsinnig kann kein vernünftiger Mann seyn, welcher es weis, daß noch jctzo ein ganzes Volk ihr unverfälschtes Alterthum, zu seiner eignen Widerlegung, behauptet — Auch von den Wundern Christi spricht unser Philosoph sehr scharfsinnig, und bemerkt zwey Dinge dabey, deren eines bey den Wundern der falschen Religionen immer mangelt. Er behauptet, daß sie wirkliche Wunder sind, und behauptet, daß sie, als solche, von glaubwürdigen Zeugen bekräftiget worden. Er unterscheidet sie also von den Täuschcrcycn eines gelehrten Betricgcrs, welcher einem unwissenden Pöbel das Seltene für das Göttliche, und das Künstliche für das Wunderbare verkauft. Er unterscheidet sie auch ferner von den Prahlcrcycn der Schwärmer, die wer weis was wollen gethan haben; nur Schade, daß es niemand gesehen hat. Kann man ihre Glaubwürdigkeit besser, oder kan man sie nur anders beweisen? — Endlich sehe man auch, wie gründlich er von dem Beweise aus der Fortpflanzung der christ- Rettung des LardaiiS. lichcn Religion rcdct. Er berührt nichts davon, als was wirklich eine schlicsscnde Kraft hat; nnd läßt alles Zweifelhafte weg. Er sagt: sie ward von armen Leuten geprcdigct; man kan sie also aus keinen eigennützigen Absichten angenommen haben: und diese armen Leute waren noch dazu unrvisscni), folglich waren sie denen, die sie bekehrten, am Verstände nicht überlegen, und was sie vermochten, war einer höher» Kraft zuzuschreiben. Er bemerkt den Widerstand der ihnen natürlicher Weise unüberwindlich gewesen wäre; und bemerkt auch etwas, welches ich nur von wenigen bemerkt finde. Dieses nehmlich, daß unsre Religion auch alsdann nicht aufgehört hat, sich die Menschen unterwürfig zu machen, da sie von innerlichen Sekten zerrissen und verwirret war. Ein wichtiger Umstand! Ein Umstand, welcher nothwendig zeigt, daß in ihr etwas seyn müsse, welches unabhänglich von allen Streitigkeiten seine Kraft zu allen Zeiten äusscrt. Und was kann dieses anders seyn, als die immer siegende Wahrheit? Carvan läßt bey diesem Beweise nichts weg, als daS, was ich wünschte, daß man es immer weggelassen hätte. Das Blut der Märtyrer nehmlich, welches ein sehr zwcy- dcutigcs Ding ist. Er war in ihrer Geschichte, ohne Zweifel, allzuwohl bewandert, als daß er nicht sehr viele unter ihnen bemerken sollte, die eher Thoren und Rasende genannt zu werden verdienen, als Blutzeugen. Auch kannte er ohne Zweifel das menschliche Herz zu gut, als daß er nicht wissen sollte, eine geliebte Grille könne es eben so weit bringen, als die Wahrheit in allem ihren Glänze. Kurz, er ist nicht allein ein starker Verfechter des christlichen Glaubens, sondern auch ein vorsichtiger. Zwey Dinge, die nicht immer beysammen sind. — — Man betrachte noch das Ucbrigc! Lardan hätte es bey den historischen Gründen können bewenden lassen; denn wer weis nicht, daß, wenn diese nur ihre Nichtigkeit haben, man sonst alle Schwierigkeiten unter das Zoch des Glaubens zwingen müsse? Allein er ist zu klug, diese Aufopferung der Vernunft, so gerade hin, zu fordern. Er behauptet vielmehr, daß die ganze Lehre Christi nichts enthalte, was mit der Moral und mit der natürlichen Wcltwcishcit streite, oder mit ihr in keine Einstimmung könne gebracht werden: niliil eviitiueut prieee^tct t^ln-Mi it ^Iiilut'u^>Iii^ ->li Schriffte», Tritter Theil. morali aut natur-lli «S/o?»««, sind seine eigne Worte. Das ist alles, was man verlangen kann! Man sage nicht, daß er dadurch ans einer andern Seite ausgeschweift sey, und unsrer Religion ihre eigenthümlichen Wahrheiten, auf welche die Vernunft, vor sich allein, nicht kommen kann, absprechen wolle. Wenn dieses seine Meinung gewesen wäre, so würde er sich ganz anders ausgedrückt haben; die Lehre Christi, hätte er sagen müssen, enthält nichts anders, als was die Moral und natürliche Philosophie enthält; nicht aber: was sie enthält, harmonirt mit diesen. Zwey ganz vcrschicdnc Sätze! Besonders dringt er auf die Vortrcflichkcit der christlichen Moral, und sagt klar, daß nur Christus das vollkommenste Muster aller Tugenden sey: illlus vitam Myulirv nomo ljuamv!« optimus, imitari autom «zuilibot poteK. Huicl polest? imo Quantum al» illius vxvmplo alitevllis, tsntum neisrii inons intlnis. Man wäge diese Worte, die ich vielleicht in der Ucbcrsctzung zu schwach gegeben habe! Aber man sage mir nun endlich auch, ob man mehr Gutes von unsrer Religion sagen könne? Wer mehr Gründe verlangt, verräth, meines Erachtcns, Lust, gar keine Stattfinden zu lassen; und wer mehrere beybringt, Begierde lieber viele und schlechte, als wenige und gute zu haben. Mit einem Worte, ich halte diese Stelle des Carvans für den gründlichsten Auszug, den man aus allen Vertheidigungen der christlichen Religion, die, vor ihm und nach ihm, sind geschrieben worden, machen kann. Noch ist der zweyte Fall zurück. Wann Larvan die Gründe für die Wahrheit nicht geschwächt hat, so kann er doch der Lügen Farbe und Leben gegeben, und sich dadurch verdächtig gemacht haben. Auch dieses verdient erwogen zu werden. Vor allen Dingen srage ich also; ob es erlaubt sey, bey Untersuchung der Wahrheit, sich die Unwissenheit seines Gegners zu Nutze zu machen? Ich weis wohl, daß man in bürgerlichen Händeln nicht nöthig hat, seinem Widersacher Beweise gegen sich an die Hand zu geben, ohne die er seine Sachen sogleich verlieren müßte. Man würde vielmehr denjenigen für einen Rasenden halten, der es thäte, wann er nicht gewiß wäre, daß er, alles und jedes, auf das augenscheinlichste widerlegen könne. Aber warum? Weil sein Verlust nothwendig mit des andern Rettung des Cardans. 67 Gewinne verbunden ist; lind weil man von einem Richter weiter nichts fordern kann, als daß er mit seinem Ausspruchc auf diejenige Seite tritt, welche das meiste Recht vor sich zu haben scheinet. Dieses aber findet sich, bey den Streitigkeiten, welche die Wahrheit zum Vorwürfe haben, nicht. Man streitet zwar um sie; allein es mag sie der eine oder der andre Theil gewinnen, so gewinnt er sie doch nie für sich selbst. Die Parthey welche verlieret, verlieret nichts als Irrthümer; und kann alle Augenblicke an dem Siege der andern, Theil nehmen. Die Aufrichtigkeit ist daher das erste, was ich an einem Wcltwciscn verlange. Er muß mir keinen Satz deswegen verschweigen, weil er mit seinem System weniger übcrcin kömmt, als mit dem System eines andern; und keinen Einwurf deswegen, weil er nicht mit aller Stärke darauf antworten kann. Thut er cS aber, so ist es klar, daß er aus der Wahrheit ein eigennütziges Geschäft macht, und sie in die engen Grenzen seiner Untrüg- lichkcit cinschlicsscn will.--Diese Anmerkung also voraus gesetzt, möchte ich doch wissen, wie man eine ernsthafte Beschuldigung daraus machen könne, wenn ein Philosoph auch die falschen Religionen, und die aller gefährlichsten Sophistercycn, in das aller vorthcilhafteste Licht setzt, um sich die Widerlegung, nicht sowohl leicht, als gewiß zu machen? Ich möchte doch wissen, was denn nunmehr daraus folgte, wann es auch wahr wäre, daß Larvan, den heidnischen, jüdischen und türkischen Glauben, mit so vielen und starken Gründen unterstützt hätte, daß auch die aller feinsten Köpfe von ihren eignen Anhängern nichts mehr hinzu thu» könnten? Würden sie deßwegen weniger falsch bleiben, oder würde unser Glaube deßwegen weniger wahr werden? --Doch es fehlt viel, daß Cardan dieses gethan habe, daß ich ihm vielmehr, zu meinem grossen Leidwesen, gleich das Gegentheil Schuld geben muß. Ich behaupte also, er sey mit keiner einzigen Religion aufrichtig verfahren, als mit der christlichen; die übrigen alle hat er mit den allcrschlcchtcstcn Gründen unterstützt, und mit noch schlechter» widerlegt. Man braucht nur ohne Vorurthcilc zu seyn, um hicrimic mit mir übcrein zu komme». Ich will vo» der heidnischen nichts, und von der jüdischen nur wenig geben- Schrifften. Dritter Theil. kcn. Wider diese läßt er die übrigen drey den Einwurf machen; daß Gott dasjenige nicht könne gefallen haben, was er habe lassen untergehen. Ist sie denn untergegangen die jüdische Religion? Wie wann ihr jetziger Zustand, nichts als eine verlängerte Babylonische Gefangenschaft wäre? Der Arm, der sein Nolk damals rettete, ist noch jczt nngcschwächt. Vielleicht hat der Gott Abrahams, die Schwierigkeit, die Nachkommenschaft dieses Frommen wieder in ihr Erbthcil zu führen, nur darum sich so häuffcn, und nur darum so imübcrstciglich werden lassen, um seine Macht und Weisheit in einem desto herrlichern Glänze, zur Beschämung ihrer Unterdrücker, an den Tag zu legen. Zrrc dich nicht, Cardan, würde ihm ohne Zweifel ein rechtgläubiger Zsraclitc geantwortet haben; unser Gott hat uns so wenig verlassen, daß er auch in seinen Strafgerichten, noch unser Schutz und Schirm bleibt. Wann er nicht über uns wachte, würden wir nicht längst von unsern Feinden verschlungen seyn? Würden sie uns nicht längst von dem Erdboden vertilgt, und nnscrn Namen aus dem Buche der Lebendigen ausgelöschet haben ? In alle Winkel der Welt zerstreuet, und überall gedrückt, beschimpft und verfolgt, sind wir noch eben die, die wir, vor tausend und viel mehr Zahrcn, gewesen sind. Erkenne seine Hand, oder nenne uns ein zweytes Volk, das dem Elende so unüberwindliche Kräfte entgegen setzt, und bey allen Trübsalen den Gott anbetet, von dem diese Trübsalen kommen; ihn noch nach der Weise ihrer Väter anbetet, die er mit guten überschüttete. Was dieser Gott zu dem Satan sagte, als er seinen Mann, Hiob, auf die Probe stellen wollte: Siehe da, er sey in Seiner -HanS, doch schone seines Gebens! eben das sprach er zu unsern Feinden: mein Volk sey in eurer -HanS, öoch schonet seines Gebens! Da sind die Grenzen eures Tobcns; da ist das Ufer, an welchem sich die Wellen eures Stolzes brechen sollen! Bis hierher und nicht weiter! Fahrt nur fort uns zu plagen; machet der Bedrängnissen kein Ende; ihr werdet den Zweck nicht erreichen, den ihr sucht. Er hat ein schonet gesprochen; lind was er spricht ist wahr. Umsonst werden Bildads und Zophars, aus unserm eignen Geschlechte, aufstehen, und an unsrer guten Sache zweifeln; umsonst werden uns unsre eigne Weiber zuruf- Rettung des Cardans. 5!, fcn: haltet ihr noch fest an eurer Frömmigkeit? Za, segnet Gott und sterbt! Wir wollen ihm nicht segnen; denn endlich wird er doch in einem Wetter hcrabfahrcn, und unser Gefängniß wenden, und uns zwcyfältig so viel geben, als wir gehabt haben.--Zch will meinen Zsraclitcn nicht weiter reden lassen; es sey nur eine Probe, wie leicht er die Trugschlüsse des Cardans widerlegen könnte. Und eben so leicht würde ihn auch der Mahomctancr eintreiben, gegen dessen Glauben er noch ungerechter gewesen ist. Ungerecht sollte ich zwar vielleicht nicht sagen; weil Unwissenheit, ohne Zweifel, mehr Schuld daran hat, als der böse Wille. Die Nachrichten, die man zu seinen Zeiten, von dem Mahomct und dessen Lehren hatte, waren sehr unzulänglich, und mit tausend Lügen vermengt, welche die christlichen Polcmici desto lieber für Wahrheiten annahmen, je ein lcichlrcs Spiel sie dadurch erhielten. Wir haben nicht eher eine aufrichtige Kenntniß davon erhalten, als durch die Werke eines Rcland und Säle; aus welchen man am meisten erkannt hat, daß Mahomct eben kein so unsinniger Bctrieger, und seine Religion eben kein blosses Gewebe übel an einander Hangender Ungereimtheiten und Verfälschungen sey. Aber bey dem allen ist Cardan noch nicht entschuldiget: er, der sich um so viel unbekannte Sachen bekümmerte, hätte sich auch hierum erst bekümmern können, ehe er eine Vcrglcichung wagte, die eine völlige Erkenntniß voraussetzt, wenn sie einem Philosophen nicht unanständig seyn soll. Und was würde er wohl haben erwiedern können, wann sich ein Muselmann, der eben der gelehrteste nicht zn seyn braucht, folgender Gestalt mit ihm eingelassen hätte. „Man sieht es wohl, mein guter Cardan, daß du ein Christ bist, und daß dein Vorsatz nicht sowohl gewesen ist, die Religionen zu vergleichen, als die christliche, so leicht als möglich, triumphircn zu lassen. Gleich Anfangs bin ich schlecht mit dir zufrieden, daß du die Lehren unscrs Mahomcts in cinc Classe setzest, in welche sie gar nicht gehören. Das, was der Heide, der Jude und der Christe seine Religion nennet, ist ein Wirrwar von Sätzen, die eine gesunde Vernunft nie für die ihrigen erkennen wird. Sie berufen sich alle auf Höhcrc Offenbarungen, deren Möglichkeit noch nicht einmal erwiesen »st. Durch <;0 Schriffteu. Dritter Theil. diese wolle» sie Wahrheiten überkomme» habe», die vielleicht i» einer ander» mögliche» Welt, nur nicht in der unsrigc», Wahrheiten seyn können. Sie erkennen es selbst, und nenne» sie daher Geheimnisse; ein Wort, das seine Widerlegung gleich bey sich führet. Zeh will sie dir nicht nennen, sondern ich will mir sagen, daß eben-sie es sind, welche die allcrgröbste» und sinnlichsten Begriffe von alle»,, was Göttlich ist, erzeuge»; daß sie es si»d, die nie dem gemeine» Volke erlauben werden, sich seine» Schöpfer auf ciuc anständige Art zu gedenken; daß sie es sind, welche den Geist zu unfruchtbaren Betrachtungen verführen, und ihm ci» Ungeheuer bilden, welches ihr den Glauben nennet. Diesem gebt ihr die Schlüssel des Himmels und der Hölle»; und Glücks genug für die Tugend, daß ihr sie mit genauer Noth zu einer ctwamiigcn Begleiterin desselben gemacht! Die Verehrung heiliger Hirngcspenstcr, macht bey euch ohne Gerechtigkeit scclig; aber nicht diese ohne jene. Welche Verblendung! Doch dem Propheten selbst ist es nur zum Theil geglückt, euch die Augen zu cröfnc», uud ich sollte es unternehmen? Wirf eine» Blick auf sei» Gesetz! Was findest du darinnc, das nicht mit der allcrstrcugstc» Vernunft übereinkomme? Wir glauben einen einige» Gott; wir glauben eine zukünftige Strafe und Belohnung, deren ciuc uns, nach Maaßgcbung unscrcr Thaten, gewiß treffen wird. Dieses glauben wir, oder vielmehr, damit ich auch eure entheiligten Worte nicht brauche, davon sind wir überzeugt, und sonst von nichts! Weißt du also, was dir obliegt, wann du widcr uns streiten willst? Du must die Unzulänglichkeit unsrer Lehrsätze beweisen! Du must beweisen, daß der Mcnsch zu nichr verbunden ist, als Gott zu kenne», und tugendhaft zu seyn; oder wenigstens, daß ihm beydes die Vernunft nicht lehren kann, die ihm doch eben dazu gegeben ward! Schwatze nicht von Wundern, wann du das Christenthum über uns erheben willst. Mahomct hat niemals dergleichen thun wolle»; und hat er es denn auch nöthig gehabt? Nur der braucht Wunder zu thun, welcher unbegreifliche Dinge zu überreden hat, um das eine Unbegreifliche mit dem andcr», wahrscheinlich zu mache». Der aber nicht, welcher nichts als Lehren vorträgt, deren Probierstein ein jeder bey sich führet. Wann einer auf- l Rettung des Cardans. stehet, und sagt: ich bin der Sohn Gottes; so ist cs billig, daß man ihm zuruft: thue etwas, was ein solcher nur allein thun könnte! Aber wenn ein anderer sagt: cs ist nur ein Gott, und ich bin sein Prophet; das ist, ich bin derjenige, der sich bestimmt zu seyn fühlet, seine Einheit gegen euch, die ihr ihn verkennet, zu retten; was sind da für Wunder nöthig? Laß dich also das Besondre unsrer Sprache, das Kühne in unsrer Art zu denken, welche den geringsten Satz in blendende Allegorien gern einschließt, nicht verführen, alles nach den Worten anzunehmen, und dasjenige für Wunder zu halten, worüber wir selbst sehr betroffen seyn würden, wenn cs in der That Wunder wären. Wir schenken euch gar gerne diese übernatürlichen — — ich weis nicht, wie ich sie nennen soll? Wir schenken sie euch, sage ich, und danken cs imscrm Lchrcr, daß cr scinc gute Sache, nicht dadurch hat verdächtig machen wollen. Auch wirf uns nicht die Gewalt der Waffen vor, bey deren Unterstützung Mahomct predigte. Es ist wahr, cr und seine Anhänger haben sehr viel, und Christus und scinc Apostel haben gar kein Blut vergossen. Aber glaubst du wohl, daß das, was bey euch eine Grausamkeit gewesen wäre, cs bey uns nicht ist? Gieb Acht, es wird auf das vorige hinaus kommen! Wann der, welcher unbegreifliche Dinge vorträgt, die ich höchstens nur deswegen glauben kann, weil ich ihn für einen ehrlichen Mann halte, der mich nicht hintergehen wird; wann der, sage ich, dcn Glauben mit dem Schwcrde erzwingen will, so ist er der vcrabschcuungswürdigstc Tyrann, und ein Ungeheuer, das dcn Fluch der ganzen Welt verdienet. Wann aber der, welcher die Ehre des Schöpfers rettet, halsstarrige Verruchte findet, die nicht cinmal das, wovon dic ganze Natur zeuget, die nicht einmal scinc Einheit bekennen wollen, und diese von dem Erdboden vertilgt, den sie entheiligen, so ist er kein Tyrann; cr ist, --wann du ihn ja keinen Propheten, der Friede verkündiget, nennen willst, nichts als ein rächendes Werkzeug des Ewigen. Oder glaubst du in der That, daß Mahomct und scinc Nachfolger ein ander Vekänntniß von dcn Menschen gefordert haben, als das Bckänntniß solcher Wahrheiten, ohne dic sie sich nicht rühmen können, Menschen zu seyn. Weißt du was Abu cvbci- l!2 Schrifftcn. Dritter Theil. dack an dic von Jerusalem schrieb, als er diesen heiligen Ort belagerte? „Wir verlangen von euch, zu bezeugen, daß nur „ein Gott und Mahomct sein Apostel ist, und daß ein Tag „des Gerichts seyn wird, da Gott dic Todten aus ihren Grä- „bcrn erwecken will. Wann ihr dieses Zeugniß ablegt, so ist „es uns nicht erlaubt, euer Blut zu vcrgicsscn, oder uns an „eurem Haab und Gut, oder Kindern zu vcrgrciffcn. Wollt ihr „dieses ansschlagcn, so bewilliget Tribut zu bezahlen, und uns „unterwürfig zu seyn: sonst will ich Leute wider euch bringen, „welchen der Tod süsscr ist, als euch der Wein und das „Schweinefleisch." — ^ (*) Siehe, diese Aufforderung crgicng an alle! Nun sprich, verdienten dic zu lcbcn, wclchc nicht einmal die Einheit Gottes und dic Zukunft dcs Gerichts bekennen wollen? Stosse dich nicht daran, daß man von ihnen auch verlangte, den Mahomct für eine» Gesandten Gottes zu erklären. Dicsc Clauscl mußte beygefügt werden, um zu ersehen, ob sie auch dic Einheit Gottes recht eigentlich annehmen wollten; denn auch ihr behauptet sie anzunehmen, aber wir kennen euch! Ich will nicht weiter in dich dringen; aber lachen muß ich noch zuletzt über dich. Du glaubst, daß wir die sinnlichen Vorstellungen des Paradieses nach den Buchstaben verstehen. Sage mir doch, wenn ich euren Koran recht gelesen habe, versteht ihr dic Beschreibung eures himmlischen Jerusalems auch nach den Buchstaben?--" Doch ich glaube, das heißt lange genug einen andern reden lassen. Ich crgreiffc das Wort wieder selbst, und sage, daß es mich, bey so gestalten Sachen, nicht wundern würde, wann besonders die Mahomctancr den guten (!?ardan, im Fall, daß sie ihn cinmal kcnncn lernten, unter ihre boßhastcstcu Vcrläumdcr rechnen sollten; daß cS mich aber sehr wundert, wann die Christen ihn unter dic ihrigcn rechnen. Ich habc also noch den lcztcn Schritt zu thun.--Ze nun, wird man, ohne Zweifel, sagen, so mag denn die Stelle selbst so unschuldig seyn, wie sie will; genug daß Larvan durch cincn gottlosen Schluß sein Innerstes nur allzu unglücklich verrathen hat. Das lAiwr Iiis .irliitrlo viotorli« relietis, ist so cr- (°) Okley aus cincr geschriebenen arabischen Geschichte dcs heiligen Landes. Rettung des CardanS. <-.,'; schrecklich, daß gewiß keine Wendungen zureichen werden, cs zu etwas bessern, als zu einer Geringschätzung alles Göttlichen zu machen. Da sey Gott vor, daß ich Wendungen brauchen wollte! Die Stelle muß sich selbst retten, oder ich will derjenige seyn, welcher am meisten wider sie eifert. Man gehe also einen Augenblick zurück, und sehe wo ich oben auf der Z2tcn Seite auf- hörcte. Und sich freiwillig in ein Kloster eingeschlossen hat; waren die lcztcn Worte. Ans diese nun folgen unmittelbar folgende, die ich der grösser» Glaubwürdigkeit wegen in ihrer Sprache anführen will. 8«z<1 utinum tam iacilc- oslot, arm» illo- inm lunerknv, cniiim lüve nlijocta clilnero. Vonim ros »kl srma, ti-ailuetit oft, kjiiilnis ziloiunMi«; rngjnr z,grs vineit mol'inrom. Doch wollte Gott, heißt dieses, daß man ihre Waffen eben so leicht überwinden könnte, als man diese ihre Einwürfe zunichte machen kann. Allein die Sache ist zu den Waffen gekommen, wo der stärkere Theil mchrcntheils den bessern überwindet.-- Nunmehr verlaßt Lardan auf einmal diese Materie, und wendet sich zu den Verschiedenheiten, die man unter den Gegenden der Erde bemerkt. Die Worte aber, die er zu dem Ilcbcrgangc braucht, sind die so oft verdammten Worte: IZitur Ins arkitrio vietoi'üv reliotis. »cl ^lovincigrina cliscrimlna ti'gnj'oinnus. Wenn ich ein Mann von Ausrufungen wäre, so würde ich mich jczt ganz und gar darinnc erschöpfen. Zch würde mit manchem O und Ach zu verstehen geben, daß auch nicht das allcrdcutlichstc vor lieblosen Verdrehungen sicher sey. Zch würde den guten Cardan bejammern; ich würde allen ehrlichen Gelehrten wünschen, daß sie der liebe Gott ja für Neider behüten inögc, die lieber die Regeln der Grammatik nicht kennen, als nicht verleumden wollen. Doch ich will alles dieses nicht thun, sondern bloß die Stelle in ihrem Zusammenhange noch einmal hersetzen: Vorum res »ä trsclueta u«m Iisee olijoeta «liluvre. Vvinm ros acl arm» tiüllucta oft, ksiiil)»« plerumizuo mn^or psrs vincit meliorom gänzlich weggelassen hat. Er bricht da ab, wo ich auf der 52ten Seite abgebrochen habe, und setzt anstatt des berüchtigten Ucbcrgangcs nichts als die kahlen Worte: 8<>6 Iia-o ziarum pl-i- Inko^Iins iittlnont, pro tt!no»t zu übersetzen: Was hat sich ein Philosoph um die Religionen zu bekümmern? Was geht ihn das abergläubische Zeug an? Ich weis wohl, seine Meinung ist so arg nicht, und cr will weiter nichts sagen, als: Dieses geht diesenigen U?elt- rvcisen, für die ich hier schreibe, die Naturforscher nehmlich, rvcniger an. Er meint also nicht die Wcltwcisen überhaupt, für welche die Religionen allerdings ein sehr würdiger Gegenstand sind. Allein nimmt man denn Gründe an, wenn man verdrehen will? Ich will nur noch ein Paar Worte von der Ordnung, in welcher die verschiedenen Ausgaben der Bücher clMiIlwto> auf einander gefolgt sind, beyfügen, und alsdann mit einer Anmerkung schlicsscn, die vielleicht von einigem Nutzen seyn kann. Die erste Ausgabe ist ohne allen Streit die oben angeführte von 4560. in Nürnberg. Für die zweyte hält Herr Freytag eine Ausgabe von Basel, ohne Zahrzahl in Folio; für die dritte, die von 1564. gleichfalls in Basel bey Ludovico Lucio, und für die vierte die von 45M. welche in 8vo an ebendemselben Orte herausgekommen ist. Ueber diese Folge wird cr mir erlauben, einige Anmcrkungcn zu machen. I. Cardan sagt es ausdrücklich selbst, in seiner ^ctiono prima auf der 728. S. daß die zweyte Ausgabe seines Buchs, 4554, und zwar im Anfange des Zahrs erschienen sey. De la N7c>nno)'e, welchen Herr Freytag tadelt, Rettung des Cardans. s>7 könnte also doch wohl Recht haben, wenn cr behauptet, daß die anstößigen Worte in derselben wären verbessert worden. Doch ich muß auch dieses zu des Herrn Freytags Entschuldigung sagen, daß Lardan wenn er die Ausgabe von 1634 die zweyte nennet, dadurch ohne Zweifel nicht sagen wolle, als ob die erste niemals nachgedruckt worden sey; cr nennt sie die zweyte, weil alle die vorhergehenden, als von einer einzigen Originalausgabc abgedruckt, nur für cinc, in Ansehung des unvcrändcrtcn Jnn- halts, anzusehen sind. II. Weil aber doch auf der Basclschcn Ausgabe in Folio ohne Zahrzahl, sehr vieler Verbesserungen gedacht wird, weil man auch so gar die ^etio prima auf dem Tittcl genennt findet, so irret sich Herr LreMg ganz gewaltig, wenn cr sic für dic zweyte halten will. Wie ist daS möglich? Hat dieser Büchcrkcnncr vergessen, daß erst 1627. dcs Scaligcrs IZxoreiwtiones hcrausgckommcn sind, lind daß also dic ^ctio prima, welches eine Antwort darauf seyn soll, von noch spätcrm Dato seyn muß? III, Warum aber auch nicht, nach dcs Hcrrn Freyrags Art zu rcchncn, dic Ausgabe von 1654. dic dritte seyn kann, ist dieses der Grund, weil Lardan selbst, auf der 791. S. der ^etia prima V0N cincr prima A lecuncla Norim- IiorAensi desgleichen von einer I^igliunonli und I^ritetiana redet. Von der I^uFrlunonki nun weis ich cs gewiß, daß diese 1661. in Octav ans Licht getreten sey, weil sic der Vcrfasscr dcs in dem Xten Theile der 0l«sorvatil>num Hallonlium befindlichen Aufsatzes clv liliris raris ausdrücklich anführt. Ucbcrhaupt vermuthe ich, daß man aus dicscn und viclcn andern dabcy vorkommcn- den Schwierigkeiten sich schwerlich jcmals wcrdc hclffcn können, weil die Buchhändler ohne Zweifel auch hicr, ci» Stückchen nach gelehrter Art gespielt, und um einerley Ausgabe mehr als ciiicn Titel gcdruckt haben. Ich komme endlich auf dic Anmerkung mit wclchcr ich schlies- sen will. Diese Beschuldigung dcs Cardans, welche ich hoffentlich unwldcrsprcchlich zu Schanden gemacht, habcn unsre Littera- torcs aus den Händen der Katholiken; besonders eines hitzigen Mersennus. Ich will ihncn rathen, daß sie alles, was sie dicscn Glaubcnsgciwsscn abborg.cn, vorher wohl untcrsuchcn, ehe sie mit ihncn gemeinschaftliche Sache machen. Diese Hcrrcn ha- 5" Schrifften. Tritter Theil. beil oft besondere Ursachen, dem und jenem Verfasser einen Schandfleck anzuhängen, welche bey uns wegfallen. Lardanus zum Exempel läßt die Vielheit der Götter in der streitigen Stelle, auf eben die Art vertheidigen, wie sie die Heiligen zu vertheidigen Pflegen, dergleichen er auch den Mahomctancrn beylegt. Sollte dieses die Katholicken nicht etwa weit mehr verdrossen haben, als alles andre? Allein sie waren vielleicht zu klug, um nicht einen andern Vorwand zu suchen. Ich bitte dieses zu überlegen. Rettung des Innpri R.Li.iei08i, und seines ungenannten Verfassers. Diese ganze Rettung wird wider den Herrn Pastor Vogt gerichtet seyn; oder vielmehr sie wird diesem Gelehrten Gelegenheit geben, sich eines Umstandcs wegen zu erklären, welcher, wenn er ihm erst nach seinem Tode sollte zur Last gclcget werden, seiner Aufrichtigkeit einen ziemlichen Stoß geben könnte. Ich habe für seine Verdienste alle Hochachtung; ja eben diese Hochachtung ist es, welche mich, diesen Schritt zu thun, bewegt. Zur Sache! Der Herr Vogt gedenkt in seinem Verzeichnisse rarer Bücher, in dem Buchstaben I. einer Scharteke, welche, zu Ansänge der zweyten Hclfte des vorigen Jahrhunderts, in Lateinischer Sprache, unter folgendem Titel ans Licht gekommen ist: Ine^itus lioliAwIus acl moros korum tomporum «leloiiptus N. I. 8. ^nno 16S2. Zn Duodez, auf zwey Bogen. Das Urtheil, welches er davon fällt, ist folgendes: „ein höchst seltnes „aber böses und gottloses Büchelchcn. Dem Exemplare, wcl- „ches mir der Herr Göring Superintendent in Minden, aus „seiner zahlreichen Bibliothek mitgetheilet hat, war folgendes am „Rande beygcschrieben: Alonto eares, 1", rvs tilii agitur lorla: „rurtus fro»tv oaros, 5i sie luäis sm'ieo Iraker. Hoee Funt IZrstmi „vorbü, alia oooaliono prolats, i» kune libollum optimv «jnaclran- „tm. Sh. die vermischte Hamburgische Bibl. Band III. S. 684. „Ich will dasjenige daraus hersetzen, was man in dem 4Z. „Paragrapho liefet, und was den Sinn des Verfassers verräth: Rettung des liri-iviosi. „Omnvs tsu-Lttiones <^ eontrovertiss ad ovc>, clieitur, tvmpor in- „ clpito. l^ikil suppone; tomuer sjuserss: an (SMus suc-rit in ro- „rum natura." Ich habe an diesem Richtcrspruchc zwcvcrlcy von Wichtigkeit auszusetzen: erstlich, daß Herr Vogt seinem Leser von dieser seltnen Schrift einen durchaus falschen Bcgrif macht; zweitens, daß er die daraus angeführte Stelle offenbar verfälscht. Der erste Punct. Herr Vogr macht seinen Lesern einen ganz falschen Bcgrif davon. Er sagt es sey ein höchst böscS und gottloses Büchelchcn. Ich aber sage, es sey ein sehr gutes und rechtgläubiges Büchclchen. Wie werde ich diesen Gegensatz am besten beweisen? Nicht besser, glaube ich, als wenn ich es den unparthcyischcn Leser selbst versuchen lasse, was es für Wirkungen bey ihm haben werde, wenn er es von einem Ende zum andern lesen sollte. Dieses also will ich thun; doch uM ihm den Ncrdruß zu ersparen, sich mit dem ziemlich barbarischen Latcinc, in welchem es geschrieben ist, zu plagen, lege ich ihm nichts als einen deutschen Auszug davon vor. Einen Auszug, sage ich, und nicht eine Ucbcrsctzung; damit ich in jenem das Gift, wenn anders welches darinnen ist, so nahe zusammen bringen kann, als möglich: und damit dieses auf einem Haufen, seine Kräfte gewiß äussere, wann es anders welche äusser» kann. Ich sage also, daß der Inoptus koliginlus eine kleine Schrift ist, die aus einer Zucignungsschrift, aus 53 Paragraphen, aus einem kleinen Gedichte, und endlich aus einer Stelle des Au- gustinus bestehet. Man betrachte eines nach dem andern. Zuerst die Zueignungsschrifr. Hier ist das vornehmste davon. — — „Mein lieber „Freund, du befindest dich jctzo ausser deinem Vatcrlandc, in „den am Meere liegenden Ländern Europcns; deine größte „Begierde geht dahin, daß du, in allen Stücken, einen recht „galanten Weltmann, und einen recht grossen Geist aus dir „machen mögest. Das ist löblich, und ich halte es für eine „Schuldigkeit, dich noch mehr dazu aufzumuntern. Ich will „dir so gar mit meinem guten Rathe an die Hand gehen, und „dir dasjenige mittheilen, was ich, nach einer nculichen Unter- 7l> Schrifften. Trittcr Theil. „slichung, für das beste zu seyn fand, um ein nicht unwürdiger „Gotlcsgclchrtcr — — (so will ich unterdessen das Wort üe. „liglolus übersetzen.) dieses Jahrhunderts zu werden. Zch weiß „gewiß, es wird dir sehr nützlich seyn, und du wirst in kurzen „sehr viel daraus lernen können, wenn du nur folgsam seyn „willst. Lebe wohl. Datum A ooneoptiim iu nti» lebrüi. Nach dieser Zucignungsschrift, die nicht viel besser, als eine --doch der Leser mag es selbst entscheiden, was sie zu versprechen scheinet? — — Hier folgt die Abhandlung selbst, deren Hauptsätze ich folgender Maasscn zusammen ziehe. 5- 1- „Höre mir zu, der du dich von dem Pöbel absondern, zu einer grösser» Theologischen Weisheit gelangen, und viel in kurzer Zeit lernen willst. Du wirst sehen, daß der Weg zu dem Erhabensten heut zu Tage sehr leicht ist, so daß du dich über die Glückseligkeit deiner Zeiten, und über deine eigne Fähigkeit wundern wirst. Ohne viel Sprachen zu lernen, ohne die Nächte schlaflos hinzubringen, ohne viel Ocl und Fleiß zu verlieren, will ich dir das Innerste der Weisheit cröfncn. Laß andre sich quälen, so viel wie sie wollen; sie wollen das gute nicht erkennen :c. 5- 2. „Du also der du dich berühmt zu machen gedenkest, überrede dich vor allen Dingen, daß du ein ganzer Mann bist, und daß dir nichts fehlt, um von allen, was dir in den Weg kömmt, urtheilen zu können. Weg mit der thörigtcn Behutsamkeit. Wer wird seine Meinung andern unterwerfen wollen? Weg mit solcher Sklaverei)! Keine Sklaverei) ist schimpflicher als die frey- willige zc. 5- 3- „Halte die Gottcsgelahrhcit für das allcrlcichtcste Studium --Glaube, daß nichts weniger Mühe kostet, als das wahre von dem falschen, und das Licht von der Finsterniß zu unterscheiden. Zch versichrc dir, daß alle Schwierigkeiten in der Einbildung bestehen; und daß nichts schwer ist, als was einem schwer scheinet. Der Löwe entsetzt sich über das Quackcn des Frosches und wann er näher kömmt, zertritt er ihn zc. Rettung des I>Li>ri 1i>il.i<:l05i. §- 4. „Ferner verachte das Ansehen der Alten lind der Verstorbenen. Wir sind zwar überall unsern Vorfahren viel schuldig; nur in der Religion sind wir ihnen nichts schuldig Zc. 5- 6. „An die Hirten und Lehrer, unter welchen du lebest, kehre dich nicht. Zn einer so wichtigen Sache, als das Heil deiner Seelen ist, mußt du dich auf niemanden verlassen. Der beste Christ ist der, welcher sein eigner Hirt ist. Die Sorge für deine Sccligkcit ist niemanden aufgetragen, und niemand wird für dich zum Teufel fahren. Du kanst dich ja selbst aus Büchern genugsam unterrichten, derer heut zu Tage oft ein Schuster und Schneider mehrere hat, als sonst ei» grosser Docror des Kanonischen Rechts. Und was ist jetziger Zeit gemeiner als die Gelehrsamkeit? Was haben die Gelehrten vor gemeinen Handwcrks- lcutcn, die oft fertiger mit der Zunge sind als sie, voraus, als den Namen? Vor diesen mochte es wohl wahr seyn, daß man die Gelehrsamkeit nur bey den Gelehrten finden konnte; allein jetzt reäeunt 8iltum!it rvAlis, In 7 popul! umus orvclimus el'to p!um 8i sspimus o^o)^«v nennen. Sie müssen nicht dem Leser ans Herz reden, noch Seiten mit Ausrufungen und Fragen anfüllen. Sie müssen keine Leidenschaften rege machen, ob man dieses gleich sonst sür einen Fehler zu halten pflegt :c. H. 27. „Fünftens wollte ich wohl rathen, daß man auf einen guten Druck, auf wcisscs Papier und saubere Lettern sehen möge; allein das weiß jeder schon von sich selbst. Zch will also eine andre Regel geben, die wichtiger ist; diese nehmlich, man fliehe sorgfältig alle methodische Bücher. Die besten sind diejenigen, welche frey und ohne Zwang geschrieben sind zc. 5- 28. „Endlich, welches ich gleich zuerst hätte erinnern sollen, halte besonders diejenigen für auserlesene Bücher, welche ohne Nahmen des Verfassers heraus kommen, und auch keinen Ort des Drucks angeben, es müßte denn etwa eine Stadt in Utopien seyn. Zn solchen Büchern wirst du Schätze antreffen, weil sie mcistentheils von witzigen und wahrhcitlicbendcn Männern kommen. Die Welt ist sehr undankbar, daß sie dergleichen Schriften verbieten, oder sie nicht frey verkaufen lassen will. 5- 29. „Solche Bücher, wie ich sie dir jetzt beschrieben habe, liebe und lies; alle die übrigen aber, Ausleger, Streitschriften, Com- pendia:c. brauche piper A yuic«miä onartis smie'itur inoptis. H. 30. „Ausdrücklich dir aber diejenigen Bücher zu nennen, welche du lesen mußt, will sich nicht thun lassen, weil ich dazu den Ort, wo du dich aufhältst, und sonst deine Umstände wissen müßte. Unterdessen aber kanst du mit folgenden anfangen: mit Hugom's Grotii Büchern von der Wahrheit der Christlichen Religion, und seinen Auslegungen über das alte und neue Testament; mit Thomas Vrorvns Religion des Arztes, (welches Rettung des kLuvw?!. 77 Buch -Hugo besonders wegen seiner reinen Schreibart vielen anzupreisen Pflegte) mit des Marcus Antonius de Dominis kepubllea Leclotialtiea; mit des Paröus Irenioo z mit Gottfried -Hottons OiK-oräia Ledokmttieit, und was dir etwa sonst für welche in den holländischen Buchläden vorkommen. 5- 31- „Nun will ich noch einige gute Regeln beyfügen, die dir durch dein ganzes Leben nützlich seyn können :c. H. 32. I. „Verachte deinen Catechisen, und was du sonst in deiner Zugend gelernet hast. Allen diesen Bettel mußt du mit den Kinderschuhen ablegen zc. 5. 33. II. „Wage dich gleich an etwas grosses; und das geringste, worüber du streitest, laß Sie Vorherbestimmung von Ewigkeit, die allgemeine Gnade, Sie Nothwendigkeit der guten U?erke ;ur Seeligkeit, Sie Art und Meise, roie Christus im Abendmahl zugegen ist, und andere solche Fragen seyn. Wann du gleich nichts davon verstehest, das schadet alles nichts. 5- 34. III. „Von denen, die wichtige Aemter bey der Kirche oder im Staate bekleiden, glaube durchgängig, daß sie unwissend und dumm sind; denn es wäre ein Wunder, wenn Ansehen und Verstand beysammen seyn sollten. Wann du findest, daß sie auch nur in einer Kleinigkeit gefehlt haben, so schliesst weiter. H. 36. IV. „Gewöhne dich deine Meinung über alles zu sagen. Weg mit dem Pythagorischcn Stillcschwcigcn. Erst lehre andre, und alsdenn lerne selbst. Ueberall aber, in Wein- und Bier- Häusern, suche die Unterredung auf theologische Dinge zu lenken. H. 36. V. „Gieb beständig Acht, wo du etwas zu widersprechen findest. Es sey dir deßwegen erlaubt, den unwidcrsprcchlichstcn Grund des Christenthums anzutasten; man bekömmt wenigstens dadurch eine grosse Meinung von dir:c. 5- 37. VI. „Halte dich zu denjenigen, die von den obersten Geist- - ^ . 78 Schrifften. Tritter Theil, lichcn verachtet, lind gedrückt werden. Es werden immer witzige und gelehrte Männer sey», die man wegen ihrer Wahrheitsliebe verfolgt, und aus deren Umgänge du vieles lernen kannst. H. 38. VII. „Auch aus den Reden des aller geringsten Menschen schäme dich nicht etwas zu lernen; und wenn es auch ein alt Weib wäre tt. 5. 39. VIII. „Wann du mit Männern, die gelehrt seyn wollen, von der Religion redest, und sie sagen dir etwas, was dir schwer und dunkel scheinet, so halte es für verdächtig. Alles was schwer ist, erkenne für Possen; und nur das, was du gleich fassen kannst, für Wabrbcit. 5- 40. IX. „Der Hauptzweck aller deiner Unterredungen und Handlungen sey, die Sekten zu vereinigen, nnd Friede und Ruhe in der Kirche herzustellen. Die Theologen selbst sind viel zu eigennützig, halsstarrig und zänkisch, als daß sie sich damit beschäftigen sollten ?c. 5- 4t. X. „Bey Streituntcrrcdungcn suche beständig auf eine neue Art zu antworten. Mit dem Antworten selbst aber, sey ja recht fertig. Jedes grosse Genie redet alles aus dem Stegreife. In theologischen Sachen besonders, sind oft die ersten, Gedanken besser als die letztem zc. 5- 42. XI. „Die Streitigkeiten, welche unter den Sekten obwalten, mache so geringe als möglich; denn sie sind es, die der Vereinigung am meisten im Wege stehen. Oft sind es nur Wettstreite, und der ganze Fehler ist der, daß beyde Partheyen einander nicht verstehen. Ucbcrhaupt wird dir hier der Unterschied zwischen Glaubensartikeln, die zur Secligkeit unumgänglich nöthig sind, und denen, die es nicht sind, sehr wohl zu Statten kommen. 5- 43. XII. „Wann du von den vcrschicdncn Sekten sprichst, so drücke dich allezeit bescheiden aus. Die Bescheidenheit ist die Rettung des I^rr-ri N^wiosl. 79 crstc Tilgend eines Züngcrs der grossen und allgemeinen Religion. Misckc daher fein oft in deine Reden die Wörter, wenn, vielleicht, es scheinet, ich halte, meistentheils, kaum, ohne Nwcifcl. Sage zum Exempel: wenn irgend ein Glaubensbc- kanntniß nach allen Vorschriften der Frömmigkeit und -Heiligkeit abgefaßt ist, so ist es wohl das Augspurgische; die Photiniancr sind des christlichen Namens kaum würdig; die Calvinisten scheinen aus Begierde, die göttliche Gnade groß zu machen, den unbedingten Rathschluß aufgebracht zu haben; dem ehrlichen -Hugo Grotius ist hier etwas menschliches zugeflossen, :c. Aber ganz anders mußt du von denjenigen reden, die mit deinen besondern Meinungen nicht übcrcin kommen wollen. 5- 44. XIII. „Gieb dich bey Strcituntcrrcdungcn niemals überwunden. Wenn dein Gegner scharfsinniger ist, und dich mit Schlüssen eintreiben will, so halte immer einen Einfall in Bereitschaft, den du diesem Schulfnchse in den Bart werfen kannst. Allenfalls kannst du ihm auch sagen, daß er dich nicht verstehe, und daß er selbst nicht wisse, was er wolle? 5- 46. XIV. „Bey allen Streitfragen fange ganz von vorne an. Setze nichts voraus. — — — (Doch ich will diesen Paragraphen, nicht weiter ausziehen; ich werde ihn unten ganz einrücken müssen, weil die von dem Herrn Vogt angezogene Stelle daraus genommen ist.) 5- 46. XV. „Rühme dich oft deiner heiligen Betrachtungen, deiner Geduld, deiner Demuth, und deiner andern dir verliehenen Gnadengaben. Thue aber, als wenn du hierbei) nicht deine, sondern Gottes Ehre suchtest. 5- 47. XVI. „Lebe so, als wenn dich diese Zeiten ganz und gar nichts angingen. Entweder siehe beständig auf das vergangne; oder spare dich bessern Zeiten. Die Berge werden bald etwas gebühren, und alsdcnn wird eine sehr grosse Veränderung entstehen. 5-0 Schriffteii. Dritter Theil. H. 48. XVII. „Was dir in der Nähe ist, verachte. Bücher lind Menschen aus deiner Gegend müssen dir cckeln. Nur das ausländische muß dich ergötzen ic. 5- 49. XVIII. „Wenn du- auf diese Art in deiner Religion zugenommen hast, so sinne endlich einmal darauf, wie die ganze Hierarchie der Kirche abgcschaft werden könne. Die Geistlichen kosten der Republik jährlich sehr grosse Summen; ein Erzbischof verzehrt in einem Monate mehr, als ein andrer Vornehmer in einem Jahre. Won was für einer Last würde der Staat nicht bcfrcyt seyn, wenn er diese Kosten ersparen könnte? H. 50. XIX. „Endlich wann du dich in deinen Glaubensartikeln fest gesetzt hast, so fange auch an, dich um den Znstand deiner politischen Obrigkeit zu bekümmern. Lebst du in einer Monarchie, so untersuche, was dein Monarch für Recht habe, über freye Leute zu herrschen; Ob es erlaubt sey, daß einer über alle gebiethe? Kanst du auch andre mit dazu aufmuntern, daß sie gleiche Untersuchungen mit dir anstellen, so ist es desto besser, zc. 5- 61. XX. „Um aber von deiner Obrigkeit ein richtiges Urtheil fällen zu können, wirst du sehr wohl thun, wann du von allen ihren Mängeln und Fehlern Nachricht einzuziehen suchst, welche du am besten durch ihre Mägde, oder andre Bothschaftträgcrin- nen bekommen kannst zc. 5. 62. „Mit diesen und dergleichen Untersuchungen bringe deine Zugend hin; und sey nicht so unsinnig sie bis auf das Alter zu versparen zc. 5- 63- „Hier will ich aufhören, und ein mchrcres deiner eignen Klugheit überlassen. Vielleicht erkläre ich mich zu einer andern Zeit wcitläuftigcr, besonders wann ich erfahren sollte, daß dieses nicht übel aufgenommen worden. » s ^UU»«4»«/^«> ,.»1s^>ij >^Is- 5^11« »>»^>.II1 ^»„^ Noch ist es einige Augenblicke zu zeitig, meine Leser zu fra- Rettung des kixi.ieio8i. 81 gen, was sie wohl gelesen haben? Es ist vorher noch ein kleiner Anhang übrig, den ich ihnen gleichfalls mittheilen muß. Er bestehet, wie schon gesagt, ans einem kurzen Gedichte und aus einer Stelle des Augustinus. Das crstre ist Slanuäuetio aä Ll'ioul'eilmum überschrieben und lautet von Wort zu Wort so: Vitam yniv taeiunt lms Iioatlim Poreis, I>üec Ü^Icurus illo traclit; s^octes nom'mum Deivv mvntom! Non v5t izui rk tus. l8ie, tio itur »ll intuleis livatas, ^etoi'iio l^uiliu8 ignv csi-eor srävt Lt talos corsuit uttull»tuocl rii'ells Iiio inanv numon. Diese Verse sind die besten nicht; nnd sie würden schwerlich hier stehen, wann ich sie gemacht hatte. — — Endlich folgt auch die Stelle des Kirchenvaters: Dtilv vst Ilbi-os a plnrikn« lioii cllverko st)'Io, non v. g ^2 Schrifftcn. Dritter Theil. mir das geringste anstößige oder gottlose darinne zeigt; sobald er dasjenige verneinet, was unser Spötter bejahet, und dasjenige bejahet, was er verneinet. Doch auch dieses ist nicht einmal nöthig; man nehme alles nach den Worten an; man gehe von dem eigentlichen Verstände derselben, nirgends ab: was ist es nun mehr? Hat nicht ein keliFiolus i»os>ws sollen geschildert werden? Was hat man dazu für andre Züge wchlcn können? Um die Ironie überall noch besser einzusehen, darf man sich nur an die Streitigkeiten erinnern, welche besonders um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Lutherische Kirche zerrütteten. Eine der vornehmsten war die Syncrctistischc, oder diejenige welche die Helmstädtcr Gottcsgelchrtcn, und besonders der ältere Lalixrus erregten. Um das Zahr 4662. war sie eben sehr heftig geworden, und sie ist es, gegen die unser Verfasser die meisten und schärfsten Pfeile losdrückt. Man sehe besonders auf den zwey und vierzigsten und drey und vierzigsten Para- graphum, und überhaupt auf alle zurück, wo er von den ver- schiedncn Sekten, von der Bescheidenheit, die man gegen sie brauchen müsse, und von ihrem Unterscheide, der nichts weniger als wesentlich sey, redet. Auch auf die damaligen Unionsbcmühungcn, welche mit jener Streitigkeit, eine Art von Vcrwandschaft haben, zielt er. Ich berufe mich deswegen besonders auf den 25ftcn Paragra- phum, wo er von der Verträglichkeit spricht, und auf den 3vstcn, wo er fast lauter Bücher anpreiset, die auf die Wiedervereinigung der christlichen Religion dringen. Was er aber daselbst von des Thomas Zbrorvns Religion des Arztes sagt, ist mir beynahe ein wenig verdächtig. lZuem Nu^o ex puriwts ei>?i Ui5i.i«ic>-i, Desgleichen sticht er die Anwendung der Eartcsischcn Philosophie in der Gottcsgclahrhcit offcnbahr, in dem 17tcn Paragraph», an. Vv omnidus srticulis sicloi, clon^uv omnilius cla- etiinis morum l'ao komvl i» v!ta lludites. Endlich besinne man sich noch auf die Schwärmercycn des erleuchteten Schusters von Görlitz, welcher ohne Wissenschaft und Gelehrsamkeit, durch seinen blossen Unsinn, das Haupt einer Sekte und der Thcosoph Deutschlands zu werden, das Glück hatte. Auch aus diesen und seine Anhänger wird sich vieles nicht übel deuten lassen, so daß man, wenn man noch wenig andre Anwendungen auf die Wiedertäufer, und auf die starken Geister damaliger Zeit, macht, wenig in den Wind gesagtes finden wird. Ich will die AuSwicklung aller dieser kleinen Umstände dem Leser selbst überlassen, und mich begnügen, ihn nur mit dem Finger darauf gewiesen zu haben. Er wird durchgängig, nach einer kleinen Ucbcrlcgung finden, daß wenn eine Saryre in der Welt, orthodox abgefaßt worden; so sey es gewiß diese, welche der Herr Pastor Vogc als böse und gottlos ausschrcyt. Doch ein jeder hat seine eigene Art zu denken; und es könnte wohl seyn, daß dieser Gelehrte vollkommen nach seiner Empfindung geschrieben habe. Es ist nicht allen gegeben, Scherz zu verstehen; besonders wenn er auf etwas fällt, woran unsere Eigenliebe Theil nimmt. Ich würde ihm daher sein blosses Urtheil nicht verdenken, wann er es dabey hätte wollen bewenden lassen. Allein, daß er unsre Bestimmung durch Verfälschungen erzwingen will, das verdenke ich ihm sehr. Und dieses ist der zweite Punkt, den ich erweisen muß. Man sehe also in dem vorhergehenden die Worte nach, die er aus dem 46 Paragraph» des kvligiol'i Inopti will genommen haben. Es waren folgende: 0m»os , «^uocl clieitui', lompor incipito. Riliil t'uppcmo: lompei' yulvrss: aa (Heittus tuoi'it in roruin natui'g. Gesetzt einen Augenblick, diese Anführung hätte ihre vollkommene Richtigkeit; was nun? Die ganze Schrift, wie wir gesehen haben, ist eine Ironie, und also auch diese Zeilen! Als eine solche aber, sind sie die unschuldigsten von der Welt, und ich kann 6" >vi Schriffte». Trittcr Theil. auf keine Weise cinschcn, wie sie den bösen Sinn des Verfassers verrathen können. Der -Herr Vogt wird ihm doch nicht Schuld geben wollen, als habe er gezweifelt, ob jemals ein Christus in der Welt gewesen sey? Und bey nahe kann er ihm nichts anders damit Schuld geben. Wie also, wenn ich ihm mit ausdrücklichen Worten in eben dieser Stelle grade das Gegentheil zeigte? Und nichts ist leichter, denn ich darf sie nur hersetzen, so wie sie eigentlich in dem Originale, das ich vor mir habe, lautet. Es heißt aber daselbst nicht schlecht weg: »ikil lunnone; sondern es heißt: nikil ^1.118 PKOL^I'IM ^01' DkeiSVN lu,,pone. Hier ist der ganze Paragraphus, den ich oben nur mit wenig Sylben angeführt habe: 5- 46. XIV. Omnos ^uvestione« A eontrovort'ias Ad ovo, «zuocl cli- eitui-, sompor inoi^ito. ZXiliil «6 ^?'oütt?um o»t t?ee//»»« luupone. 8«Zinp«zr hu.-erss: utium vtism sint AnZeli svu ljiiritus? ^» LInittus fuoiit in rerum natura? ^.n cliluvium I^Iossieum fuerit univorl'alcz A timilik». ZXoi^uo npus ost, ut tsmcliu vxpe- etes, llonoe noecl'titate ^uaclani 0» perlluesiis, j°>. rares Buch bleiben. Sie sind in 38 Bücher abgetheilt, und die Briefe, deren Zahl sich auf 813 belauft, gehen vom Zahr 1488 bis auf 1625. Zn dem sechshundert und neun und achtzigsten dieser Briefe nun, desgleichen in dem sieben hundert und zwey und zwanzigsten, theilet Mary'r zwey Schreiben mit, die er von dem gedachten Alphonsns ValOcslus erhalten hatte. Beyde betreffen das Rcformationswcrk; der erste ist aus Brüssel den 31. August 1520, und der zweyte aus Worms den 15. May 1521. datirt. Aus jenem ist die oben angeführte Stelle, welche alle erforderliche Eigenschaften hat, das Vorgeben des Hrn. D. Rrafrs zu vernichten. Man kann sie, wenn man mir nicht trauet, auf der 381 tcn Seite der zweyten angeführten Ausgabe, selbst nachsehen. Ich finde von diesem Valdesius noch einen dritten Brief in dem 699tcn eingerückt, allein er bctrift ganz etwas anders, die Krönung Carls nehmlich zum römischen Könige, bey welcher er zu Achcn gegenwärtig gewesen war. Es verlohnet sich ohne Iwcifcl der Mühe, daß ich von den erstem Briefen etwas umständlicher rede, besonders da sie so wenig bekannt geworden sind. Ich wüßte nicht einen einzigen Schriftsteller, der sich mit der Rcformationsgcschichtc abgegeben hätte, und ihrer gedächte. Unterdessen hätten sie es doch nur allzuwohl verdient, weil sie in der That mit vieler Unpartheylich- kcit geschrieben zu seyn scheinen. Ich hoffe, daß eine Art von Ucbcrsctzuiig derselben, dem Leser angenehm seyn wird, damit er sich um so viel mehr daraus überzeugen könne, ob die von mir angeführte Stelle auch in der That dasjenige beweise, was sie beweisen solle. Der Eingang, den Martyr dem ersten Briefe voranschickt, ist folgender: /^-t,-»,, /1/«,>^ ^. M (juiv in rvFnis Foinntnr, vcis non liitont. Iii« hu?« sl) vxtoris li.idemuZ, IvFito ^rcxl'iAium Iinirencium . miln ad ^hi/i!tttt/c> , müFN!« snvi iuveno, cu^jus piZtrom j?ercli- nkmclum cio Valclos, I^eetorem Lonclic-nsom noltis, non m!nu« siäelitsr ljuam arnsto )tum, cnvjvs e^iktnlA tio Iiudot. Mail sieht, daß diese Worte die Quelle meiner obigen Nachrichten sind. Der Leser mag es selbst untersuchen, was das keotm- .Loneliontis sey, ob man einen Statthalter oder einen Schulrck- 92 Schriffteu. Dritter Theil. tor in Lonches, oder was man sonst darunter verstehen solle? Ich bekenne meine Unwissenheit ganz gerne. Was liegt endlich an diesem Umstände? Die Briefe selbst werden deswegen ihren Werth nicht verlieren. Hier sind sie: Der erste Brief. Des Alphonsus valoeslus an den Peter Marryr. „Du verlangst von mir zu wissen, was die jüngst unter den Deutschen entstandene Sekte der Lutheraner für einen Ursprung habe, und wie sie ausgebreitet worden. Ich will dir alles, wo nicht zierlich, doch getreulich überschreiben, wie ich es von glaubwürdigen Personen erfahren habe. Du wirst, ohne Zweifel, gehört haben, daß der Pabst Julius II. dem Apostel Pctro einen unglaublich prächtigen und grossen Tempel bauen zu lassen, angefangen habe. Er hielt es, vermuthlich, für unanständig, daß der Oberste der Apostel in einem niedrigen Tempel wohnen solle, besonders da aus allen Theilen der Welt, un- zchlichc Menschen der Religion wegen, daselbst einträfen. Er würde, nach seiner Großmuth, diesen Bau auch gewiß zu Stande gebracht haben, wenn ihn nicht, mitten in dem Laufe, der Tod aus der Zcitlichkcit abgefordert hätte. Leo der Xte folgte ihm auf dem Päpstlichen Stuhle, weil er aber nicht Geld genug hatte, einen solchen Aufwand zu bcstrcitcn, so ließ er durch die ganze christliche Welt denjenigen Ablaß verkündigen, welche zum Baue dieses Tempels einige Beysteuer geben wollten. Er hoste, daß er auf diese Art eine unsägliche Menge Geldes, besonders unter den Deutschen, welche die Römische Kirche mit einer ganz besondern Hochachtung verehrten, zusammen bringen werde. Doch wie nichts in der Welt so fest und beständig ist, das nicht entweder durch die Gewalt der Zeit, oder durch die Bosheit der Menschen verfallen sollte, so konnten auch diese Ablaßverkündigungcii nicht davon ausgenommen bleiben, sondern sie wurden die Ursache, daß Deutschland, welches keiner andern christlichen Nation an Frömmigkeit etwas nachgab, jctzo von allen und jeden darinne übcrtroffcn ward. Es sprang nehmlich in Wittcnbcrg, einer Stadt in Sachsen, als ein gewisser Dominikaner predigte, und dem Volke den Ablaß, woraus er selbst keinen geringen Vortheil zu ziehen trachtete, auf- Rettung dcS Lochlcius. dringen wollte, ein Augustiner Mönch, mit Nahmen Marrmus Sucher hervor, welcher der Urheber dieser Tragödie ward, und vielleicht aus Neid gegen den Dominikaner, verschiedene Artickcl im Druck ausgehen ließ, in welchen er behauptete, daß der Dominikaner mit seinem Ablasse viel weiter gehe, als ihm dcrPabst erlaubt habe, oder auch erlauben könne. Der Dominikaner, als er diese Artikel gelesen hatte, gcrieth wider den Augustiner in Wuth; die Mönche fingen nunmehr an, Theils mit Scheltwörter!, Theils mit Gründen, hitzig unter einander zu streiten; einige vertheidigten die Predigt, andre die Artikel, bis endlich (weil das Böse niemals Grenzen kennet) der Augustiner den päbstlichen Ablaß ganz und gar zu verspotten wagte, und vorgab, er sey nicht so wohl zum Heile christlichen Volks, als vielmehr, um den Gcitz der Priester zu sättigen erfunden worden. Dieses ist also der erste Auftritt dieser Tragödie, die wir dem Hasse der Mönche zu danken haben. Denn da der Augustiner auf den Dominikaner, der Dominikaner auf den Augustiner, und beyde auf die Franciscancr neidisch sind, was kann man sich anders als die allerheftigsten Uneinigkeiten versprechen? Nun kommen wir aus den zweyten Auftritt. Der Herzog von Sachsen, Friedrich, hatte gehört, daß aus diesem Ablasse dem Kardinal und Erzbischofe zu Maynz, Alberto, seinem College» bey Er- wchlung römischer Kayscr, mit dem er aber über den Fuß gespannt war, viel Vortheil zuflicsscn werde, so wie er mit dem Pabstc deswegen eins geworden war. Da nun also der Herzog auf Gelegenheit dachte, dem von Maynz diesen Vortheil zu entrücken, so bediente er sich des Mönchs, der zu allem kühn und unverschämt genug war, und dem päbstlichen Ablasse schon den Krieg angekündiget hatte. Er ließ alles Geld, welches in seinen Ländern aus dem Ablaßkrahme war gclösct worden, den Commissaricn wegnehmen, und sagte: er wolle selbst einen eignen Mann nach Rom schicken, welcher dieses Geld zu dem Baue der Heil. Petrilnrche überbringen, und zusehen solle, was man für einen Gebrauch von dem übrigen Gelde, das von andern Seiten herbeygeschaft würde, in Rom mache. Der Pabst, dem es zukömmt, die Freyheit der Kirche zu beschützen, und zu verhindern, daß kein weltlicher Fürst sich in Schrifftcn. Dritter Theil. dasjenige mische, was der väbstlichcn Heiligkeit einzig und allein zustehet, ermähnte den Herzog zu vcrschicdncn malen, Theils durch die höflichsten Briefe, Theils durch besondre Abgeordnete, daß er dem päbfllichm Stuhle diese Beschimpfung nicht anthun, sondern das aufgefangene Geld wieder heraus geben möge. Doch da der Herzog sich dessen halsstarrig weigerte, und auf seiner Meinung blieb, so that ihn der Pabst in Bann. Der Augustiner wollte diese Gelegenheit, sich bey dem Herzoge einzuschmeicheln, nicht versäumen, und behauptete mit vieler Frechheit, daß ein so unbilliger Spruch ganz und gar keine Kraft habe, und daß der Pabst keinen unschuldiger Weise in den Bann thun könne. Er fing hierauf an sehr viel Heftiges wider den römischen Pabst und seine Anhänger auszustosscn, welches alles gedruckt und sehr geschwind in ganz Deutschland ausgebreitet wurde. Zugleich ermähnte er den Herzog von Sachsen, sich durch diese Drohungen von seinem einmal gefaßten Entschlüsse nicht abbringen zu lassen. Die Gemüther der Deutschen waren schon längst, durch die mehr als heidnischen Sitten der Römer, aufgebracht worden, und hatten schon heimlich das Zoch des römischen Pabstcs abzuschütteln gesucht. Daher kam es denn, daß sobald Luthers Schriften öffentlich bekannt wurden, sie bey allen einen ganz erstaunlichen Beyfall fanden. Die Deutschen frohlockten, schimpften auf die Römischgcsinntcn, und verlangten, daß ein allgemeines christliches Eoncilium gehalten werden solle, worinnc man Luthers Lehren untersuchen, und eine andre Einrichtung in der Kirche treffen könne. Und wollte Gott, daß dieses geschehen wäre! Doch da der Pabst mit aller Gewalt sein Recht behaupten wollte, da er sich für ein allgemeines Concilium furchte, da er, die Wahrheit frey zu sagen, seinen privat Vortheil, welcher vielleicht dabey Gefahr lauffcn könnte, dem Heile der Christenheit vorzog, da er Luthers Schriften, ohne Untersuchung vertilgen wollte; so schickte er cincn Lcgatum a Latcrc an den Kayscr Marimilian, welcher es dahin bringen sollte, daß Luthcrn von dem Kayscr und dem ganzen römischen Reiche, ein Stillschweigen auferlegt werde. Es wurden daher in Augspurg Rcichsversammlungcn angestellt, auf welche Luther von dem Kayscr gefordert wurde. Er erschien also daselbst, fest Rettung des Cochläns. 5/.» entschlossen, seine Schriften tapfer zn vertheidigen, und mit dem Lajeranus (so hieß der Legate) sich in einen Streit darüber einzulassen. Lasetanus sagte, man müsse den Mönch ganz nnö gar nicht anhören, der so viel Lästerungen rviöer den römischen Pabst geschrieben hätte. Allein die Rcichsstände erwiederten: es würde sehr unbillig se^'n, wenn man ihn unvcr- hört verdammen, oder zwingen wolle, dicsenigen Schriften, die er zu vertheidigen entschlossen wäre, ohne Ueberzeugung zu wiedcrruffcn. wenn daher Casetan, (der, wie du weißt, in der heil. Schrift selbst nicht unerfahren ist,) wuchern überzeugen könne, so rvären sie und der Rayser bereit ihn zu vernrcheilen. Da Lasecan also sahe, daß er nichts ausrichten werde, wenn er sich nicht mit Luthcrn näher einlassen wollte; da er es auch wirklich vcrschicdncmal versuchte, und sehr unglücklich damit war; so begab er sich, unvcrrichtctcr Sache, wieder fort. Luther aber, der mit grösser» Ehren wegging, als er war vorgelassen worden, triumphirtc als ob er völlig den Sieg erfochten hätte. Weil er sich übrigens ans den Schutz des Herzogs von Sachsen verlassen konnte, so trieb ihn seine Hitze immer weiter und weiter, und er hörte nicht auf, beständig neue Lehren, die mit dem apostolischen Glauben streiten, in Druck ausgehen zu lassen. Da also der Pabst sahe, daß er es im guten nicht dahin bringen könne, daß man diesen lästernden Mönch zur verdienten Straffe zöge; da er befürchten mußte, daß das Gift, welches schon weit und breit um sich gegriffen hatte, noch mehr Schaden thun, und Luther auch rechtgläubige Männer auf seine Seite ziehen könne, so ließ er eine sehr heftige Bulle wider ihn und seine Anhänger ausgehen, und erklärte sie alle für Irrgläubige und Ketzer. Hierdurch ward K.mhcr nicht so wohl aufgebracht, als völlig in Raserey gesetzt, n»d erklärte den Pabst selbst (welche Unverschämtheit!) für einen Irrgläubigen und Ketzer. Er gab unter andern ein Buch unter dem Titel !> Zch bin so weit cntscrnt diesen Briefen eine Lobrede zu halten, und mich zu ihrem unbedingten Vertheidiger auszuwerfen, daß ich cs vielmehr ganz gerne einräumen werde, wenn man hier und da einige kleine Falschheiten darinnc entdecken sollte. Zch habe sie eigentlich aus keiner andern Ursache angeführt und mitgetheilt, als wegen der Stelle, die ich dem Herrn D. Rrafc daraus entgegen setze, und aus welcher er wenigstens so viel ersehen wird, daß Locbl«us den unserm Luther vorgcworfncn Neid, nicht, wie man zu reden Pflegt, aus den Fingern gesogen habe, sondern dabey ohne Zweifel dem Gerüchte gefolgt sey. Indem ich aber leugne daß dieser gcschworne Feind des grossen Reformators der Erfinder gedachter Beschuldigung sey, so will ich sie doch deßwegen für nichts weniger als für wahr halten. Sie hat zu wenig Wahrscheinlichkeit, wenn man sie mit Luthers uneigennützigem und großmüthigen Charakter vergleicht. Er, der durch eine Glaubcnsvcrbcsscrung nichts irrdischcs für sich selbst zu gewinnen suchte, sollte den die Gewinnsucht, oder welches auf eins hinaus kömmt, der Neid über den Gewinn eines andern, dazu angetrieben haben? Eine Betrachtung aber wird man mir erlaube». — Zch sehe nicht, was unsre Gegner gewinnen würden, wann cs auch wahr wäre, daß wuchern der Neid angetrieben habe, und wann auch sonst alles wahr wäre, was sie zur Verkleinerung dieses Helden vorbringen. Wir sind einfältig genug, und lassen uns fast immer mit ihnen in die heftigsten Streitigkeiten darüber ein; wir untersuchen, vertheidigen, wicdcrlcgcn, und geben uns die undankbarste Mühe; oft sind wir glücklich, und öfters auch nicht, denn das ist unstreitig, daß cs leichter ist, tausend Beschuldigungen zu erdenken, als eine einzige so zu Schanden zu machen, daß auch nicht der geringste Verdacht mehr übrig bleibe. Wie wäre cs also, wenn man dieses ganze Feld, welches so vielen Kampf zu erhalten kostet, und uns doch nicht das geringste einbringt, endlich aufgäbe? Genug, daß durch die Reformation unendlich viel gutes ist gestiftet worden, welches die Katholiken selbst nicht ganz und gar leugnen; genug, daß wir in dem Genusse ihrer Früchte sitzen; genug, daß wir diese der Vorsehung des Himmels zu danken haben. Was gehen uns 100 Schrifften. Dritter Theil. allenfalls die Werkzeuge an, die Gott dazu gebraucht hat? Er wchlt überhaupt fast immer nicht die untadclhaftcsten, sondern die bequemsten. Mag doch also die Reformation den Neid zur Quelle haben; wollte nur Gott, daß jeder Neid eben so glückliche Folgen hätte! Der Ausgang der Kinder Israel aus Acgyp- tcn ward durch einen Todschlag, und man mag sagen was man will, durch einen strafbaren Todschlag veranlaßt; ist er aber deßwegen weniger ein Werk Gottes und weniger ein Wunder? Ich weis wohl, daß es auch eine Art von Dankbarkeit gegen die Werkzeuge, wodurch unser Glück ist befördert worden, giebt; allein, ich weis auch, daß diese Dankbarkeit, wenn man sie übertreibt, zu einer Idolatrie wird. Man bleibt mit seiner Erkenntlichkeit an der nächsten Ursach kleben, und geht wenig oder gar nicht auf die erste zurück, die allein die wahre ist. Billig bleibt Luthers Andenken bey uns in Seegcn; allein die Verehrung so weit treiben, daß man auch nicht den geringsten Fehler auf ihn will haften lassen, als ob Gott das, was er durch ihn verrichtet hat, sonst nicht würde durch ihn haben verrichten können, heißt meinem Urtheile nach, viel zu ausschweifend seyn. Ein neuer Schriftsteller hatte vor einiger Zeit einen witzigen Einfall; er sagte, die Reformation sey in Deutschland ein Werk des Eigennutzes, in England ein Werk der Liebe, und in dem licdcrrcichcn Frankreich das Werk eines Gassenhauers gewesen. Man hat sich viel Mühe gegeben, diesen Einfall zu widerlegen; als ob ein Einfall widerlegt werden könnte. Man kann ihn nicht anders widerlegen, als wenn man ihm den Witz nimmt, und das ist hier nicht möglich. Er bleibt witzig, er mag nnn wahr oder falsch seyn. Allein ihm sein Gift zu nehmen, wenn er anders welches hat, hätte man ihir nur so ausdrücken dürfen: in Deutschland hat die ewige Weisheit, welche alles zu ihrem Zwecke zu lenken weis, die Reformation durch den Eigennutz, in England durch die Liebe, und in Frankreich durch ein Lied gewirkt. Auf diese Art wäre aus dem Tadel des Menschen, ein Lob des Höchsten geworden! Doch wie schwer gehen die Sterblichen an dieses, wann sie ihr eignes nicht damit verbinden können. Ich komme auf meine Briefe wieder zurück. Ich glaubte, Rettung des Cochläus. sie verdienen auch schon deswegen einige Achtung, weil sich Val- öesius über die Fehler des Pabsts sehr frey darinne erklärt, und genugsam zeigt, daß er das damalige Verderben der Kirche eingesehen habe. Endlich können sie auch noch diesen zufälligen Nutzen haben, daß sich künftig unsre Theologen ein wenig genauer erkundigen, ehe sie den zuversichtlichen Ausspruch wagen: dieses und jenes hat der und der zuerst ausgeheckt. Noch erinnere ich mich, was der Pabst K.eo, nach dem Berichte des Herrn von Seckendorfs, bey dem Anfange der Reformation soll gesagt haben: öer DruSer Martin hat einen guten Ropf; es ist nur eine Msnchszankerc)?. Liegt in dem Worte Mönchs;ankere)? nicht fast eben die Beschuldigung der Mißgunst, die unter den verschiedenen Ordcnslcntcn herrschte; und hätte der Herr D. Rraft auch nicht diesen kleinen Ausspruch in Betrachtung ziehen sollen? — — Doch genug hiervon. Zergliederung der Schönheit, geschrieben von Wilhelm Hogarth, aus dem Englischen übersetzt von C. Mylius. Verbesserter und vermehrter Abdruck. 1754. Vorbericht zu diesem neuen Abdrucke. Die Begierde, das Hogarrhsche System von der körperlichen Schönheit allen denen unter uns, wo möglich, in die Hände zu liefern, welche in ihren Künsten oder Wissenschaften ein neues Licht daraus borgen können, und durch diese weitere Bekanntmachung desselben, die gute Absicht befördern zu helfen, welche Hr. Mylius bey seiner Ucbersctzuug wahrscheinlicher Weise, für seine Landsleutc gehabt hat; diese Begierde, sag ich, ist die vornehmste, ja die einzige Ursache dieses neuen Abdrucks. Der Preis der ersten Ausgabe war ein Preis, welcher die reichere Gegend, wo sie besorgt worden, zu verrathen schien, und mit dem Vermögen unsrer Künstler, noch mehr aber unsrer Gelehrten, dasjenige Verhältniß nicht hatte, welches er haben konnte. 10^ Vorrede zu Hog.irths Zergliederung der Schönheit. M l!' Man hat ihn daher bey dieser neuen Ausgabe so verringert, daß der Verdacht einer neidischen Gewinnsucht, hoffentlich, von selbst wegfallen wird. Da die Liebhaber dieses Werk nunmehr wohlfeiler bekommen, so könnte es leicht seyn, daß sie es auch schlechter bekämen. Doch man schmeichelt sich gleich des Gegentheils. Was die Kupfer anbelangt, auf die man, ohne Zweifel, den ersten Blick werfen wird, so muß es der Augenschein lehren, daß sie so glücklich nachgestochcn worden, daß, um mich eines Ausdrucks des Hrn. -Hoganhs zu bedienen, die über- schliffene Drille eines sogenannten Kenners dazu gehört, etwas darinne zu entdecken, was sie, zum Nachtheile des Ganzen, weiter unter die Originale setzen könnte, als sie, vermöge der Natur einer Copic, zu setzen sind. Was ferner die Schrift selbst bctrift, so glaubt man dieser sogar einige Vorzüge gegeben zu haben. Vornehmlich hat man ihr in Ansehung der deutschen Schreibart verschiedene Flecken abgewischt, die zwar für sich klein, aber doch anstößig genug waren. Dem Hrn. ogarrh war es nicht zu verdenken, daß er, als ein Mahler, die Feder weniger geschickt zu führen wußte, als den Pinsel; daß er sich oft in dem Ausdrucke verwirrte; daß er die Worte, weil er ihre wahre Kraft nicht kannte, unnöthig häufte, und die Perioden so unordentlich unter einander lauffcn ließ, als ordentlich seine Begriffe auf einander folgten. Allein dem Hrn. lNylius muß man es beynahe ein wenig verargen, wann er ein Wort für das andre genommen, oder, durch die allzuofte Wicderhohlung eben desselben Worts, den Leser wegen des Verstandes in Zweifel gelassen hat, der ihm selbst, in Betrachtung der avthentischen Erklärungen des Verfassers, nicht zweifelhaft seyn konnte. Wenn zum Exempel auf der 5? Seite der Londoner deutschen Ausgabe) Hr. Hogarch sagt, das Herz sey in dem Menschen eine Art des ersten Grundes der Bewegung, und Hr. XNylius druckt es durch eine Art des ersten Zde- rvegungsgrundes aus, so ist dieses ohnstrcitig eine kleine Nach- läßigkcit, die sich schwerlich mit seinem überselzeriscken iLigen- sinne entschuldigen läßt. Von dieser Art sind die Unrichtigkeiten fast alle, denen ich abzuhelfen gesucht habe, und sie haben Vcrrcdc zu HogarthS Zergliederung der Schönheit. 103 es auch seyn müssen, indem ich mich ohne Vcrglcichung der Grundschrift daran zu wagen hatte. Zch setze aber voraus, daß mir diese wenig würde genutzt haben, weil ich an der eigentlichen Treue der Ilcbcrsctzung zu zweifeln, eben keinen Grund finde. Ausser diesen leichten Veränderungen, durch die gleichwohl die Schreibart nicht schöner hat werden können, wird man zum Schlüsse auch eine kleine Vermehrung antreffen. Diese besteht in den übersetzten Briefen des Hrn. Roaquers, deren Hr. 5N>" lius in seiner Vorrede gedenkt. Sie waren bey der Hand, und ich hofte, daß sie dem Leser um so viel angenehmer seyn würden, je schwerer man sich aus den blossen Überschriften einen Bcgrif davon machen kan. Diese Schwierigkeit ist durch die Verdeutschung, welche Hr. TNylius von diesen Ucbcrschriftcn gemacht hat, eher vermehrt als vermindert worden. Er übersetzt zum Exempel llarlot's pioArc-ls durch -Hurenglück, und hat nicht überlegt, daß dieses ein provcrbialischcr Ausdruck ist, welcher etwas ganz anders, ja gar das Gegentheil von dem denken läßt, was man in dcrRouqnclschcn Erklärung finden wird. Zch bin nicht in Abrede, daß ein Herausgeber an diesem -Hogarchsckei! Werke nicht noch mehr hätte thun können; auch sogar in Ansehung des Znnhalts selbst. Allein er hätte mehr Gcschicklichkcit besitzen müssen, als ich mir deren zutraue. Zch will mich gleich erklären. Hr. -Hogarrh zeiget, daß alle körperliche Schönheit in der geschickten und mannichfalligcn Anwendung der Mcllcnlinie liege, und der schwankende Gcschmak ist glücklich durch diese Entdeckung auf etwas gewisses eingeschränkt. Zch sage eingeschränkt, aber festgesetzt noch nicht. Man betrachte einmal die Reihe vcrschicd- ncr Wellenlinien, welche er oben auf der ersten Kupfcrtafcl vorstellig macht. Eine jede derselben hat einen Grad von Schönheit: doch nur eine verdient den Namen der eigentlichen Schön- hcitölinicz diejenige nehmlich welche weder zu wenig, noch zu sehr gebogen ist. Allein welche ist dieses? Hr. Hogarth bestimmt sie nicht, und da er sie nicht bestimmt, so ist es gewiß, daß er die Streitigkeiten des Geschmacks mir auf einige Schritte weiter hinaus schiebt, besonders, wenn cs auf das wenigere oder mehrere in der Schönheit ankömmt. Wann cs aber unmög- 104 Vorrede zu Hogarths Zergliederung der Schönheit. lich seyn sollrc, wie ich es beynahe selbst dafür halte, die eigentliche Mitte anzugeben, in welcher die Linie weder zu platt noch zu gekrümmt ist: so sollte ich doch meinen, daß es wenigstens möglich sey, die äusscrn Grenzen anzugeben, jenseits welcher sie den Namen der eigentlichen Schönhcitslinic verlieren müsse. Doch auch dieses läßt unser Verfasser unausgcmacht. Zwar seine Entschuldigung ist nicht weit hcrzuhohlcn. Er sahe es vielleicht ein, daß in dieser Untersuchung ohne Hülfe der hohem Mathematik nicht fortzukommen sey, und daß wcitläuf- tige und schwere Berechnungen sein Werk wohl gründlicher, aber nicht brauchbarer machen könnten. Er ließ also seinen Faden, als ein Künstler, da fahren, wo ich wollte, daß ihn ein philosophischer Mcßkünstlcr ergreiffen und wcit-er führen möchte. Die ganze Sache würde, ohne Zweifel, auf die Berechnung der puuetorum floxus contrsrii ankommen, doch so, daß man die metaphysischen Gründe der Schönheit niemals dabey aus den Augen lassen müßte. Die Vollkommenheit bestehet in der Uebereinstimmung des Mannichfaltigen, und alsdann wenn die Uebereinstimmung leicht zu fassen ist, nennen wir die Vollkommenheit Schönheit. Der Berechner müßte also vornehmlich darauf denken, an der eigentlichen Schönhcitslinic solche Eigenschaften zu finden, von welchen man sagen könnte, daß sie geschwinder und leichter zu begreifen wären, als die Eigenschaften der übrigen Linien dieser Art. Und nur dieses, glaube ich, könnte einen Philosophen in Ansehung der Ursache befriedigen, warum diese Linie eine so angenehme Gewalt über unsre Empfindungen habe. Vielleicht würde, unter den verstorbnen Gelehrten, der Hr. Parenr, auf eine vorzügliche Art, zu dieser analytischen Untersuchung geschickt gewesen seyn. Ich muß es mit wenigen noch entdecken, warum ich eben auf diesen falle. Zch fand, daß Hr. Mat)? in seinem Journal kriwnniiuo, und zwar in den Monaten November und December des vorigen Jahres, bey Gelegenheit der Bekanntmachung des -Hogarchschen Werks, durch eine kleine Note mit cinfliesscn lassen, es habe schon vor unserm Engländer der Hr. Parenr ein ähnliches System gehabt. Er beruft sich deßwegen auf desselben dritten Theil physischer und mathematischer Untersuchungen, wie auch auf das ^c>m. lies Vorrede zu Hogarths Zergliederung der Schönheit. 105 8av. vom Zahre 1700. wo eine Abhandlung über die Natur der körperlichen Schönheit von ihm eingerückt sey. Ich habe nur die letztre nachzusehen Gelegenheit gehabt, und ich gestehe es, daß ich über die Aehnlichkcit der -Hogarthscben und Pa- remschen Gedanken beynahe erstaunt bin. Gleich Anfangs beweiset Parent, daß die Schönheit nicht in solchen Verhältnissen der Theile bestehen könne, welche auch Hr. -Hogarch, besonders an dem Dürer und Aamozzo, verwirft. Er zeiget hierauf, daß sie auch nicht auf die blosse Mannichfaltigkcit der Theile ankomme, ob diese gleich oft gefalle; und eben dieses behauptet auch Hr. -Hogarch. Doch bis hierher würde diese Uebereinstimmung noch nichts sagen wollen, wann sie sich nur nicht bis auf die Hauptsache erstreckte. Parent geht weiter und untersucht die Formen, welche keine Schönheit haben, und findet, daß es diejenigen sind, welche aus vielen weit herausra- gendcn oder weit hineinstchendcn Winkeln, mit vielen geraden Linien untermischt, zusammengesetzt sind. Die schönen Figuren hingegen, lehrt er, vollkommen wie Hr. -Hogarch, bestünden aus schönen Krümmungen, die aus sanften Convexitäten, Con- cavitäten, und Jnflcxionen erzeugt würden. Was fehlt also hier mehr, als diesen Krümmungen willkührliche Namen zu geben, und ihre Verhältnisse untereinander etwas weitläuftiger zu untersuchen? Doch vielleicht hat Hr. Parent auch dieses in seinen Werken gethan, die ich nicht habe zu Rathe ziehen könne», wenigstens läßt mich es der Schluß gedachter Abhandlung vermuthen, lüs rvare nunmehr noch übrig, sagt er, daß ick die verschiednen krummen Figuren untersuchte, rvelche mehr oder rveniger Schönheit haben, und diejenige davon bestimmte, rvelche die allermeiste Schönheit hat; und endlich auch, Saß ich ausmachte, rvoher die -Herrschaft komme, rvelche diese Arten von Figuren über die Einbildung, nicht allein der Menschen, sondern auch andrer Thiere haben: doch dieses verdient eine besondere Untersuchung, die ich an einen andern Grt verspare- Man sieht leicht, daß es eben die Untersuchung seyn würde, von der ich oben gewünscht habe, daß man sie noch anstellen möchte, wenn man sie, mir unwissend, nicht schon angestellt hat. 106 Theatralische Bibliothek. Theatralische Bibliothek. Erstes Stück. 1764. Vorrede. Man wird sich der Beyträge zur -Historie und Aufnahme des Theaters erinnern, von welchen im Jahr 1760. vier Stück zinn Vorschein kamen. Nicht der Mangel der guten Aufnahme, sondern andere Umstände machten ihnen ein zu kurzes Ende. Ich könnte es beweisen, daß Leute von Einsicht und Geschmack öffentlich die Fortsetzung derselben gewünscht haben. Und so viel man auch von dergleichen öffentlichen Wünschen, nach Gelegenheit, ablassen muß, so bleibt doch noch immer so viel davon übrig, als hinlänglich ist, mein gegenwärtiges Unternehmen zu rechtfertigen. Man sieht leicht, daß ich hiermit diese Theatralische Bibliothek als eine Folge gedachter Beiträge ankündigen will. Ich verliere mich, nach dem Sprichwortc zu reden, nicht mit meiner Sichel in eine fremde Erndtc; sondern mein Recht auf diese Arbeit ist gegründet. Von mir nehmlich schrieb sich nicht nur der ganze Plan jener periodischen Schrift her, so wie er in der Vorrede entworfen wird; sondern auch der größte Theil der darinn enthaltenen Aufsätze ist aus meiner Feder geflossen. Za ich kann sagen, daß die fernere Fortsetzung nur dadurch wegfiel, weil ich länger keinen Theil daran nehmen wollte. Zu diesem Entschlüsse brachten mich, Theils verschiedene all- zukühnc und bittere Beurtheilungen, welche einer von meinen Mitarbeitern einrückte; Theils einige kleine Fehler, die von Seiten seiner gemacht wurden, und die nothwendig dem Leser von den Verfassern überhaupt einen schlechten Vcgrif beybringen mußten. Er übersetzte, zum Exempel, die Elitia des Machia- vclls. Ich konnte mit der Wahl dieses Stücks, in gewisser Absicht, ganz wohl zu frieden seyn; allein mit seinem Vorbc- richte hatte ich Ursache, es ganz und gar nicht zu seyn. Er sagte unter andern dämme: „Fragt man mich, warum ich nicht „lieber ein gutes als ein mittelmäßiges Stück gewählt habe? Norrede. 107 „so bitte ich, mir erst ein gutes Stück von Oem italiänischen Theater zu nennen." - -'- Diese Bitte machte mich so verwirrt, daß ich mir nunmehr beständig vorstellte, ein jeder der in der welschen Litteratur nur nicht ganz und gar ein Fremdling sey, werde uns zuruffcn: wenn ihr die Bühnen der übrigen Ausländer nicht besser kennt, als die Bühne der Zta- liäncr, so haben wir uns feine Dinge von euch zu versprechen! Was war also natürlicher, als daß ich die erste die beste Gelegenheit crgrif, mich von einer Gesellschaft los zu sagen, die gar leicht meinen Entwurf in der Ausführung noch mehr hätte verunstalten können? Zch nahm mir vor, meine Bemühungen für das Theater in der Stille fortzusetzen, und die Zeit zu erwarten, da ich das allein ausführen könnte, von welchem ich wohl sahe, daß es gemeinschaftlich mit andern nicht allzu- wohl auszuführen sey. Zch weis nicht, ob ich mir schmeicheln darf, diese Zeit jetzt erreicht zu haben. Wenigstens kann ich versichern, daß ich seit dem nicht aufgchörct habe, meinen erstem Vorrath mit allem zu vermehren, was, nach einer kleinen Einschränkung des Plans, zu meiner Absicht dienlich war. Diese Einschränkung bestand darinnc, daß ich den Z5e>'trä- gen, welche, ihrer ersten Anlage nach, ein Werk ohne Ende scheinen konnten, eine Anzahl mäßiger Bände bestimmte, welche zusanmiciigcnommcn, nicht bloß einen theatralischen Mischmasch, sondern wirklich eine critischc Geschichte des Theaters zu allen Zeiten und bey allen Völkern, obgleich ohne Ordnung weder nach den einen, noch nach den andern, enthielten. Zch setzte mir also vor, nicht alles aufzusuchen, was man von der dramatischen Dichtkunst geschrieben habe, sondern das beste und brauchbarste; nicht alle und jede dramatische Dichter bekannt zu machen, sondern die vorzüglichsten, mit welchen entweder eine jede Nation als mit ihren größten pranget, oder welche wenigstens Genie genug hatten, hier und da glückliche Veränderungen zu machen. Und auch bey diesen wollte ich mich bloß auf diese von ihren Stücken einlassen, welchen sie den größten Theil ihres Ruhms zu danken haben. Mein vornehmstes Augenmerk blieben aber dabey noch immer die Alten, mit welchen ich das 108 Theatralische Bibliothek, noch gewiß zu leisten hoffe, was ich in der Vorrede zu den Beyträgen versprochen habe. ' Zwcyerley wird man daselbst auch noch versprochen finden, womit ich mich aber jczt ganz und gar nicht abgeben will. Erstlich werde ich es nicht wagen, die dramatischen Werke meiner noch lebenden Landsleute zu beurtheilen. Da ich mich selbst unter sie gemengt habe, so habe ich mich des Rechts, den Kunst- richtcr über sie zu spielen, verlustig gemacht. Denn entweder sie sind besser, oder sie sind geringer als ich. Jene setzen sich über mein Urtheil hinweg; und was diese ihre Leser bitten, das muß ich die mcinigcn gleichfalls noch bitten: clate cret'eencli eopism Novarum hui Ipeetandi taeiurit eopiam 8Inv vitiis - - Zwcytcns werde ich keine Nachrichten von dem gegenwärtigen Zustande der verschiedenen Bühnen in Deutschland mittheilen; Theils weil ich für die wenigsten derselben würde stehen können; Theils weil ich unsern Schauspielern nicht gern einige Gelegenheit zur Eifersucht geben will. Sie brauchen, zum Theil, wenigstens eben so viel Ermunterung und Nachsicht, als unsre Schriftsteller. Was die äusscrliche Einrichtung dieser theatralischen Bibliothek anbelangt, so ist weiter dabey nichts zu erinnern, als daß immer zwey Stück einen kleinen Band ausmachen sollen. Der letzte Band, von welchem ich aber noch nicht bestimmen kann, welcher es seyn wird, soll eine kurze chronologische Skiagraphic von allem, was in den vorhergehenden Bänden vorgekommen ist, enthalten, und die nöthigen Verbindungen hinzuthun, damit man die Schicksale der dramatischen Dichtkunst aus einmal übersehen könne. An keine gewisse Zeit werde ich mich dabey nicht binden; wohl aber kann ich versichern, daß mir selbst daran liegt, sobald es sich thun läßt, zu Stande zu kommen. I. Abhandlungen v. dem wemcrl. oder rührenden Lustspiele. I. Abhandlungen von dem weinerlichen oder rührenden Lustspiele. Neuerungen machen, kann sowohl der Charakter eines grossen Geistes, als eines kleinen seyn. Jener verläßt das alte, weil es unzulänglich, oder gar falsch ist; dieser, weil es alt ist. Was bey jenem die Einsicht veranlaßt, veranlaßt bey diesem der Eckcl. Das Genie will mehr thun als sein Vorgänger; der Affe des Genies nur etwas anders. Beyde lassen sich nicht immer auf den ersten Blick von einander unterscheiden. Bald macht die flatterhafte Liebe zu Veränderungen, daß man ans Gefälligkeit diesen für jenes gelten läßt; und bald die hartnäckige Pcdantercy, daß man, voll unwissenden Stolzes, jenes zu diesem erniedriget. Genaue Beurtheilung mliß mit der lautersten Unpartheylichkcit verbunden seyn, wenn der aufgeworfene Kunstrichtcr weder aus wollüstiger Nachsicht, noch aus neidischem Eigendünkel fehlen soll. Diese allgemeine Betrachtung findet hier ganz natürlich ihren Platz, da ich von den Neuerungen reden will, welche zu unsern Zeiten in der Dramatischen Dichtkunst sind gemacht worden. Weder das Lustspiel, noch das Trauerspiel, ist davon verschont geblieben. Das erstere hat man um einige Staffeln erhöhet, und das andre um einige herabgesetzt. Dort glaubte man, daß die Welt lange genug in dem Lustspiele gelacht und abgeschmackte Laster ausgezischt habe; man kam also auf den Einfall, die Welt endlich einmal auch darinne weinen und an stillen Tugenden ein edles Vergnügen finden zu lassen. Hier hielt man es für unbillig, daß nur Regenten und hohe Stan- dcspersonen in uns Schrecken und Mitleiden erwecken sollten; man suchte sich also aus dem Mittelstände Helden, und schnallte ihnen den tragischen Stiefel an, in dem man sie sonst, nur ihn lächerlich zu machen, gesehen hatte. Die erste Veränderung brachte dasjenige hervor, was seine Anhänger das ruhrende Lustspiel, und seine Widersacher das roeinerliche nennen. Aus der zweyten Veränderung entstand das bürgerliche Trauerspiel. 110 Theatralische Bibliothek. Zcnc ist von den Franzosen und diese von den Engländern gemacht worden. Ich wollte fast sagen, daß sie beyde ans dem besondern Naturelle dieser Volker entsprungen zu seyn scheinen. Der Franzose ist ein Geschöpf, das immer grösser scheinen will, als es ist. Der Engländer ist ein anders, welches alles grosse zu sich hernieder ziehen will. Dem einen ward es vcrdrüßlich, sich immer auf der lächerlichen Seite vorgestellt zu sehen; ein heimlicher Ehrgcitz trieb ihn, seines gleichen aus einem cdcln Gesichtspunkte zu zeigen. Dem andern war es ärgerlich, gekrönten Häuptern viel voraus zu lassen; er glaubte bey sich zu fühlen, daß gewaltsame Leidenschaften und erhabne Gedanken nicht mehr für sie, als für einen aus seinen Mitteln wären. Dieses ist vielleicht nur ein leerer Gedanke; aber genug, daß cs doch wenigstens ein Gedanke ist.--Ich will für dicscs- mal nur die erste Veränderung zu dem Gegenstände meiner Betrachtungen machen, und die Beurtheilung der zweyten auf einen andern Ort sparen. Ich habe schon gesagt, daß man ihr einen doppelten Namen beylegt, welchen ich auch so gar in der Ucbcrschrist gebraucht habe, um mich nicht durch die blosse Anwendung des einen, so schlecht weg gegen den Bcgrif des andern zu erklären. Das weinerliche Lustspiel ist die Benennung derjenigen, welche wider diese neue Gattung eingenommen sind. Ich glaube, ob schon nicht hier, sondern anderwärts, das Wort weinerlich, um das Französische larmv^ant auszudrücken, am ersten gebraucht zu haben. Und ich wußte cs noch jczt nicht besser zu übersetzen, wenn anders der spöttische Ncbcnbcgrif, den man damit hat verbinden wollen, nicht verlohrcn gehen sollte. Man sieht dieses an der zweyten Benennung, wo ihre Vertheidiger ihre Rechnung dabey gefunden haben, ihn gänzlich wegzulassen. Ein rührendes Lustspiel läßt uns an ein sehr schönes Werk denken, da ein weinerliches, ich weis nicht was für ein kleines Ungeheuer zu versprechen scheinet. Aus diesen verschiedenen Benennungen ist genugsam, glaub ich, zu schlicsscn, daß die Sache selbst eine doppelte Seite haben müsse, wo man ihr bald zu viel, und bald zu wenig thun könne. Sie muß eine gute Seite haben, sonst würden sich nicht I. Abhandlungen v. dem wcinerl. oder rührenden Lustspiele. 111 so viel schöne und scharfsinnige Geister für sie erklären: sie muß aber auch eine schlechte haben, sonst würden sich andre, die eben so schön nnd scharssinnig sind, ihr nicht widersetzen. Wie kann man also wohl sichrer hicrbey gehen, als daß man jeden von diesen Theilen höret, um sich alsdann entweder auf den einen, oder auf den andern zu schlagen, oder auch, wenn man lieber will, einen Mittelweg zu wählen, auf welchem sie sich gcwisscrmasscn beyde vereinigen lassen? Zum guten Glücke finde ich, so wohl hier als da, zwey Sprecher, an deren Gc- schicklichkcit cs wahrhaftig nicht liegt, wenn sie nicht beyde Recht haben. Der eine ist ein Franzose und der andre ein Deutscher. Jener verdammt diese neue Gattung, und dieser vertheidiget sie; so wahr ist cs, daß die wenigsten Erfindungen, an dem Orte, wo sie gemacht werden, den meisten Schutz und die meiste Unterstützung finden. Der Franzose ist ein Mitglied der Akademie von Rochcllc, dessen Name sich mit den Buchstaben M. D. C. anfängt. Er hat Betrachtungen über das weinerlich Römische geschrieben, welche bereits im Zahr 1749. auf fünf Bogen in klein Octav herausgekommen sind. Hier ist der völlige Titel: lielloxions 5ur lo Oomihuo-Iarmo^kmt, psr Air. AI. v. IVvl'orier äo k'rsncc A Lontoiller su prolicligl, llo I^caclomi« cle I» lioeliollo; aclios- 56os -V KI. KI. ^cei'v Kl 7V-?//o?'/t!,' clo I» niömo ^eaclemio. Der Deutsche ist der Hr. Prof. Gellerr, welcher im Jahre 1751. bey dem Antritte seiner Profcßur, durch eine lateinische Abhandlung iiro eomwili» commovente, zu der scycrlichcu Antrittsrede einlud. Sie ist in Quart, auf drey Bogen gedruckt. Die Regel, daß man das, was bereits gethan ist, nicht noch einmal thun solle, wenn man nicht gewiß wüßte, daß man es besser thun werde, scheint mir so billig, als bequem. Sie allein würde mich daher entschuldigen, daß ich jczt gleich beyde Aufsätze meinem Leser übersetzt vorlegen will, wenn dieses Verfahren eine Entschuldigung brauchte. Mit der Abhandlung des Franzosen, die man also zuerst lesen wird, bin ich ein wenig französisch verfahren, und beynahe wäre ich noch französischer damit umgegangen. Sie ist, wie 112 Theatralische Bibliothek. man gesehen hat, an zwey Ncbenmitglicdcr der Akademie zu Rochelle gerichtet; und ich habe es für gut befunden, diese Anrede durchgängig zu verändern. Sie hat verschiedene Noten, die nicht viel sagen wollen; ich habe also die armseligsten weggelassen, und beynahe hätten sie dieses Schicksal alle gehabt. Sie hat ferner eine Einleitung von sechs Seiten, und auch diese habe ich nicht übersetzt, weil ich glaube, daß sie zu vermissen ist. Beynahe hätte ich sogar den Anfang der Abhandlung selbst Übergängen, wo uns mit wenigen die ganze Geschichte der Dramatischen Dichtkunst, nach dem Pater Nrumoi, crzchlt wird. Doch weil der Verfasser versichert, daß er diese Schritte zurück nothwendig habe thun müsscn, um desto sichrer und mit desto mehr Kräften auf seinen eigentlichen Gegenstand loßgchcn zu können, so habe ich alles gelassen wie es ist. Seine Schreibart übrigens schmeckt ein wenig nach der kostbaren Art, die auch keine Kleinigkeit ohne Wendung sagen will. Zch habe sie größten Theils müssen beybehalten, und man wird mich entschuldigen. Ohne wcitrc Vorrede endlich zur Abhandlung selbst zu kommen; hier ist sie! Betrachtungen über das weinerlich Komische, aus dem Französischen des Herrn M. D. C. Die Schaubühne der Griechen, das unsterbliche Werk des Pater Brumoi, lehret uns, daß die Komödie, nachdem sie ihre bretternc Gerüste verlassen, ihr Augenmerk auf den Unterricht der Bürger, in Ansehung der politischen Angelegenheiten der Regierung, gerichtet habe. In dem ersten Alter der Bühne grif man vielmehr die Personen, als die Laster an, und gebrauchte lieber die Waffen der Satyre, als die ' Füge des Lächerlichen. Damals waren der Weltweise, der Redner, die Obrigkeit, der Feldherr, die Götter selbst, den allcrblutigflen Svöt- tereyen ausgesetzt; und alles, ohne Unterscheid, ward das Opfer einer Freyheit, die keine Grenzen kannte. Die erstem Gesetze schränkten diese unbändige Frechheit der Dichter einigermassen ein. Sie durften sich nicht erkühnen irgend eine Person zu nennen; allein sie fanden gar bald das Geheimniß, sich dieses Zwangs wegen schadlos zu halten. Aristophancs und seine Zeitgenossen schilderten unter geborgten Namen, vollkommen gleichende Charaktere; so Betrachtungen über das weinerlich Komische. 113 daß sie das Vergnügen hatten, so wohl ihrer Eigenliebe, als der Bosheit der Zuschauer, auf eine feinre Art ein Gnüge zu thun. Das dritte Alter der Atheniensischen Bühne war unendlich weniger frech. Menander, welcher das Muster derselben ward, verlegte die Scene an einen eingebildeten Ort, welcher mit dem, wo die Vorstellung geschah, nichts mehr gemein hatte. Die Personen waren gleichfalls Geschöpfe der Erfindung, und wie die Begebenheiten erdichtet. Neue Gesetze, welche weit strenger als die erster» waren, erlaubten dieser neuen Art von Komödie nicht das geringste von dem zu behalten, was sie etwa den ersten Dichtern konnte abgeborgt haben. Das Lateinische Theater machte in der Art des Mcnanders keine Veränderung, sondern begnügte sich, ihr mehr oder weniger knechtisch nachzuahmen, nach dem das Genie seiner Verfasser beschaffen war. Plautus, welcher eine vortrefliche Gabe zu scherzen hatte, entwarf alle seine Schilderungen von der Seite des Lächerlichen, und wäre weit lieber ein Nacheifern des AristophaneS als des MenandcrS gewesen, wenn er es hätte wagen dürfen. Terenz war kälter, anständiger und regelmäßiger; seine Schilderungen hatten mehr Wahrheit, aber weniger Leben. Die Römer, sagt der Pater Rapin, glaubten in artiger Gesellschaft zu seyn, wann sie den Lustspielen dieses Dichters beywohnten; und seine Scherze sind, nach dem Urtheile der Frau Dacicr, von einer Leichtigkeit und Bescheidenheit, die den Lnstspieldichtern aller Jahrhunderle zum Muster dienen kann. Die persönliche Satyre und das Lächerliche der Sitten machten also, die ans einander folgenden Kennzeichen der Gedichte von diesen verschiedenen Arten des Komischen, aus; und unter diesen Zügen einzig und allein suchten die Verfasser ihre Mitbürger zu bessern und zu ergötzen. Doch diese letztre Art, welche sich auf alle Stände erstrecken konnte, ward nicht so weit getrieben, als sie es wohl hätte seyn können. Wir haben in der That kein Stück, weder im Griechischen noch im Lateinischen, dessen Gegenstand unmittelbar das Frauenzimmer sey. AristophaneS führt zwar oft genug Weibsbilder auf, allein nur immer als Nebenrollen, welche keinen Antheil an dem Lächerlichen haben; und auch alsdenn, wenn er ihnen die ersten Rollen giebt, wie zum Exempel in den Rednerinnen/ fällt dennoch die Critik auf die Mannspersonen zurück, welche den wahren Gegenstand seines Gedichts ausmache». Plautus und Terenz haben uns nichts als das schändliche und feile L-ssmgs Werke IV. 8 -- zM> 114 Theatralische Bibliothek. Leben der griechischen Bnhlcrinnen vorgestellt. Diese häßlichen Schilderungen können uns keinen richtigen Begrif von der häuslichen Aufführung des römischen Frauenzimmers machen; und unsre Neugicrdc wird beständig ein für die Critik so wcitläuftigeS und fruchtbares Feld vermissen. Die Neuern, welche glücklicher (oder soll ich vielmehr sagen, verwegener?) waren, haben sich die Sitten des andern Geschlechts besser zu Nutze gemacht, und ihnen haben wir cS zu danken, daß es nunmehr nicht anders, als auf gemeine Unkosten lachen kann. Das Jahrhundert des Augustus, welches fast alle Arten zur Vollkommenheit brachte, ließ dem Jahrhunderte Lndcwigs des XIV. die Ehre, die komische Dichtkunst bis dahin zu bringen. Da aber die Ausbreitung des Geschmacks nur allmälich geschieht, so haben wir vorher tausend Irrthümer erschöpfen müssen, ehe wir auf den bestimmten Punkt gelangt sind, auf welchen die Kunst eigentlich kommen muß. Als unbehutsame Nachahmer des Spanischen Genies, suchten unsre Väter in der Religion den Stof zu ihren verwegenen Ergötzungen; ihre unüberlegte Andacht unlerstand sich, die allcrvcrehrungSwürdigstcn Geheimnisse zu spielen, und scheute sich nicht, eine ungeheure Vermischung von Frömmigkeit, Ausschweifungen und Possen auf die öffentlichen Bühnen zu bringen. Hierauf bemächtigte sich, zufolge einer sehr widersinnigen Abwechselung, der Geschmack an verliebten Abenlhcucrn unsrer Scene. Man sahe nichts als Romane, die aus einer Menge LiebShändcl zusammen gesetzt waren, sich auf derselben verwirren und zum Erstaunen entwickeln. Alle das Fabelhafte und Unglaubliche der irrenden Ritterschaft, die Zwcykäinpfe und Entführungen schlichen sich in unsre Lustspiele ein; das Herz ward dadurch gefährlich angegriffen, und die Frömmigkeit hatte Ursache darüber unwillig zu werden. Endlich erschien Corneille/ welcher dazu bestimmt war, die eine Scene sowohl, als die andre berühmt zu machen. Melite brachte eine neue Art von Komödie hervor; und dieses Stück welches uns jetzt so schwach und fehlerhaft scheint, stellte unsern erstaunten Vorältern Schönheiten dar, von welchen man ganz und gar nichts wußte. Unterdessen muß man doch erst von dem Lügner die Epoche der guten Komödie rechnen. Der grosse Corneille, welcher den Stof dazu aus einem spanischen Poeten zog, leistete damit dem französischen Theater den allcrwichtigsicn Dienst. Er eröfnete seinen Nachfolgern den Betrachtungen über das weinerlich Komische. Weg, durch einfache Verwicklungen zu gefallen, und lehrte die sinnreiche Art, sie unsern Sitten gemäß einzurichten. Von dem Lügner muß man so gleich auf den Moliere kommen, um die französische Scene ans ihrer Staffel der Vollkommenheit zu finden. Diesem bewundernswürdigen Schriftsteller haben wir die siegenden Einfälle zu danken, welche unsere Lustspiele auf alle Europäische Bühnen gebracht haben, und uns einen so besondern Vorzug vor den Griechen und Römern geben. Nunmehr sahe man alle Schönheiten der Kunst und des Genies in unsern Gedichten verbunden: eine vernünftige Oekonomic in der Eintheilung der Fabel und dem Fortgange der HcnOlllug; fein angebrachte Zwischenfälle, die Aufmerksamkeit des Zuschauers anzufeurcn; ausgeführte Charaktere, die mit Nebenpersonen in eine sinnreiche Abstechung" gebracht waren, um den Originalen desto mehr Lorsprung zu geben. Die Laster des Herzens wurden der Gegenstand des hohen Komischen, welches dem Alterthume, und, vor Melieren, allen Völkern EuropenS unbekannt war, und eine neue erhabne Art ausmacht, deren Reihe nach Maßgebung des Umfanges und der Zärtlichkeit der Gemüther empfunden werden. Endlich so sahe man auch, in der von den Alten nachgeahmten Gattung, eine auf die Sitten und Handlungen des bürgerliche» und gemeinen Lebens sich beziehende Beurtheilung; das Lustige und Spaßhafte wurde aus dem Innersten der Sache selbst genommen, und weniger durch die Worte als durch die wahrhaftig komischen Stellungen der Spiele ausgedrückt. Bey Erblickung dieses edelu Fluges konnte man natürlicher Weise nicht anders denken, als daß die Komödie auf diesem Grade der Vor- lreflichkeit, welchen sie endlich erlangt hatte, stehen bleiben, und daß man wenigstens alle Mühe anwenden würde, nicht aus der Art zu schlagen. Allein, wo sind die Gesetze, die Gewohnheiten, die Vergleiche, welche dem Eigensinne der Neuigkeit widerstehen, und den Geschmack dieser gebiethrischen Göttin festsetzen könnten? Das Ansehen des Mo- ° Durch dieses Wort habe Ich das Französische cvnir»s>e übersetzen wolle». Wer es besser zu übersetzen weis, wird mir einen Gefallen thun, wann er mich es lehret. Nur daß er nicht glaubt, es sey durch Gegensatz zu geben. Ich habe Abstechung deswegen gewählt, weil es von den Farben hergenommen, und also eben so wohl ein mahlerisches Kunstwort ist, als das französische. Ueb. 8» 116 Theatralische Bibliothek. liere/ und noch mehr, die Empfindung des Wahren, nöthigten zwar einigermassen verschicdne von seinen Nachfolgern, in seine Fußtapfen zu treten, und lassen ihn auch noch jetzt berühmte Schüler finde». Doch der größte Theil unsrer Verfasser, und selbst diejenigen, welchen die Natur die meisten Gaben ertheilet hat, glauben, daß sie ein so nützliches Muster verlassen können, und bestreben sich um die Wette, einen Namen zu erlangen, den sie, weder der Nachahmung der Alten noch der Neuern, zu danken hätten. Ich will unter der Menge von Neuigkeiten, die sie auf unsre Scene gebracht haben, nichts von jenen besondern Komödien sagen, worinne man W«scn der Einbildung zur wirklichen Person gemacht und sie anstatt dieser gebraucht hat: es ist dieses ein fehenmäßiger Geschmack, und nur die Oper hat das Recht sich ihn zuzueignen. Auch von jenen Komödien will ich nichts gedenken, worinne die spitzige Lebhaftigkeit des Gesprächs anstatt der Verwicklung und Handlung dienen muß; man hat sie für nichts als für feine Zergliederungen der Empfin> düngen des Herzens, und für ein Zusammengesetztes aus Einfällen und Strahlen der Einbildungskraft anzusehen, welches geschickter ist, einen Roman glänzend zu machen, als ein dramatisches Gedicht mit seinen wahren Zierrathen auszuputzen. Ich will mich vorjezo blos auf diejenige neue Gattung des Komischen einschränken, welcher der Abt DeS- fontaines den Zunahmen der Weinerlichen gab, und für die man in der That schwerlich eine anständigere und gemäßere Benennung finden wird. (^) Damit man mir aber nicht ein Unding zu bestreiken, Schuld geben könne, so muß ich hier die Maximen eines Apologisten der Me- lanide," dieser mit Recht so berühmten Komödie, von welcher ich noch oft in der Folge zu reden Gelegenheit finden werde, einrücken. „Warum wollte man, sagt er, einem Verfasser verwehren, in eben „demselben Werke das Feinste, was das Lustspiel hat, mit dem Rührendsl) Ich gestehe es, nichts ist lächerlicher, als über Namen zu streiten; es ist aber auch eben so lächerlich, einen bekannten und bestimmten Name» einer Sache beyzulegen, der er nicht zukömmt. Der Name einer Komödie kömmt dem weinerlich Romischen nicht besser zu, als der Name eines Epischen Gedichts den Abenlheuern des Dom Quichott zukömmt - - Wie soll man also diese neue Gattung bezeichnen? Eine in Gespräche gebrachte pathetische Deklamation, die durch eine romanenhaste Verwicklung zusammen geHallen wird zc. Man sehe ?rinl-ipes pour lire !es ?oeles im 2ten Theile. ° teures tur lUelsniSe. Paris, 1741. Betrachtungen über das weinerlich Komische. 117 „sten, waS das Trauerspiel darbieten kann, zu verbinden. Es tadle „diese Vermischung wer da will; ich, für mein Theil, bin sehr wohl „damit zufrieden. Die Veränderungen sogar in den Ergöynngen lie- „ben, ist der Geschmack der Natur - - - Man geht von einem Vergnügen zu dem andern über; bald lacht man, und bald weinet man. „Diese Gattung von Schauspielen, wenn man will, ist neu; allein sie „hat den Beyfall der Vernunft und der Natur, das Ansehen des schö- „nen Geschlechts und die Zufriedenheit des PublicumS für sich. Von dieser Art sind die gefahrlichen Maximen, gegen die ich mich zu setzen wage; denn man merke wohl, daß ich von einer aufrichtigen Bewunderung des Genies der Verfasser durchdrungen bin, und niemals etwas anders als den Geschmack ihrer Werke, oder vielmehr das weinerlich Römische überhaupt genommen, angreiffe. Ich habe mir beständig die Freyheit vorbehalte», den liebenswürdigen Dichtern tausend Lobsprüche zu ertheilen, die uns durch sehr wirkliche Schönheiten der Ausführung, durch die Entdeckung vcrschicdner wahren und sich ausnehmenden Schilderungen und Charaktere, durch die blendende Neuigkeit ihrer Farbenmischung, oft dasjenige zu verbergen wußten, was an dem Wesentlichen ihrer Fabel etwa nichtig oder fehlerhaft seyn konnte. Das Genie des Verfassers strahlet allezeit durch, und kann ihm, ohngeachtet der Fehler seines Werks, ein gerechtes Lob erwerben: allein die Fehler seines Werks strahlen gleichfalls durch, und können, Troz den Bezaubrungen, die das Genie des Werkmeisters angebracht hat, mit Grund getadelt werden. Nachdem ich also den hochachtungswürdigen Gaben der Künstler in dieser neuen Gattung, Gerechtigkeit wiederfahren lassen, so laßt uns ohne Furcht den Geschmack ihrer Stücke untersuchen, und gleich Anfangs sehen, ob ihnen das Alterthum Beyspiele darbiethe, die sie uns zur Rechtfertigung ihrer Wahl entgegensetzen können. Aus dem leichten Entwnrfe, den wir eben jetzt betrachtet haben, ist es klar und deutlich, daß ihnen das griechische Theater keine Idee, die mit dem weinerlich Komischen analogisch wäre, geben konnte. Die Stücke des AristophaneS sind eigentlich fast nichts, als satyrischc Gespräche; und aus den Fragmenten des Meuanders erhellet, daß auch dieser Dichter bloß die Farben des Lächerlichen, oder derjenigen allgemeinen Critik gebraucht habe, welche mehr den Witz erfreuet, als das Gemüthe angreift. 118 Theatralische Bibliothek. Die Art und Weise des lateinischen Theaters ist eben so wenig für sie," Es ist ganz und gar nicht die Weichmachung der Herzen, die PlautuS zum Gegenstand seiner Lustspiele gewählt hat. Keine einzige von seinen «Fabeln, kein einziger von seinen Zwischcnfäl- len, kein einziger von seinen Eharaktcrn ist dazu bestimmt, daß wir Thränen darüber vcrgicsscn sollen. ES ist wahr, daß man bey dem Tercnz einige rührende Scenen findet; zum Exempel diejenigen, wo PamphiluS seine zärtliche Unruhe für die Glycerium, die er verführt hatte, ausdrückt: allein die Stellung eines jungen verliebten Menschen, der von der Ehre und von der Leidenschaft gleich stark getrieben wird, hat ganz und gar keine Aehnlichkeit mit den Stellungen unsrer neuen Originale. Tcreuz findet unter der Hand bewegliche Stellungen, dergleichen die Liebe beständig hervorbringt; und er drückt sie auch mit demjenigen Feuer und mit derjenigen ungekünstelten Einfalt aus, welche die Natur so wohl treffen, und auf einen gewissen Punkt fest stellen. Ist aber dieses der Geschmack der neuen Schauspielschreiber? Sie wählen, mit allem Bedacht, eine traurige Handlung, und durch eine natürliche Folge find sie hernach verbunden, ihren vornehmsten Personen einen klagenden Ton zu geben, und das Komische für die Nebenrollen aufzubehalten. Die Zwischcnfälle entstehen blos um neue Thränen vcrgiessen zu lassen, und man geht endlich aus dem komischen Schauspiele mit einem von Schmerz eben so beklemmten Herze, als ob man die Medca oder den Thyest hätte aufführen sehen. Bey den Alten also können die Urheber der neuen Gattung ihre klägliche Weise nicht gelernt haben; und ihr Sieg würde nicht lange ungewiß bleiben, wenn er von ihren Beyspielen abhinge, oder auch nur von den Beyspielen der französischen Dichter, welche bis zu Anfange dieses Jahrhunderts auf unserm Theater geglänzt haben. Der Zusammenfluß so vieler wichtigen Exempel könnte ohne Zweifel eine siegende Ueberzeugung verursachen; gleichwohl aber will ich diesem Vortheile auf ciuen Augenblick entsagen, und untersuchen, ob diese neue mit komischen und kläglichen Fügen vermischten Acccute genau aus der Natur hcrgehohlct sind. Ich räume cS ein, daß der widrige Gebrauch, dem man zwanzig Jahrhunderte hindurch gefolgt ist, die Vernunft nicht aus ihrem Rechte verdungen kann, und daß ° Man redet hier von dem lateinischen Theater bloß nach Beziehung auf die zwey Schriftsteller, die uns davon übrig sind. x^^VSSWi^ Betrachtungen über das weinerlich Komische. ein von ihm geheiligter Irrthum, deswegen nicht aufhöre ein Irrthum zu seyn. Ich gebe meinen Gegnern folglich alle mögliche Begvcmlich- kcit, und sie können, ohne ungerecht zu seyn, mehr Höflichkeit und Uncigennützigkeit von mir nicht fordern. Nach den vcrschicdncn Rührungen des Herzens entweder lachen oder weinen, sind, ohne Zweifel, natürliche l?mpfindnngen: allein in eben demselben Augenblicke lachen und weinen, und jenes in der einen Scene fortsetzen, wenn man in der andern dieses thun soll, das ist ganz und gar nicht nach der Natur. Tiefer schleinigc Ucbcrgang von der Freude zur Betrübniß, und von der Betrübniß zur Freude, setzet die Seele in Zwang und verursacht ihr unangenehme und gewaltsame Bewegungen. ° Damit man diese Wahrheit in aller seiner Stärke empfinde, so wird man mir erlauben, ein verhaßtes Krempel anzuführen: denn wenn man nicht überreden kann», so muß man zu überzeugen suchen. In dem ungeheuren Lustspiele Samson, reißt dieser von einem um- thigcn vifer erfüllte Held, nachdem er das höchste Wesen angerufen, die Thore des Gefängnisses ein, und trägt sie auf seinen Schulter» fort. Den Augenblick darauf erscheint Hgrlequin und bringt einen Kalekutschhahn, und schüttet sich in komischen Possen aus, die eben so kriechend sind, als die Empfindungen des Helden edel und großmüthig zu seyn geschienen hatten. Ich bitte, was kann man wohl zu einer Abstechung sagen, die auf einmal zwey so widrige Stellungen zeiget, und zwey so widersprechende Bewegungen verursachet? Kann man noch zweifeln, daß Vernunft und Anständigkeit ihr gleich sehr zuwider sind? Kann man verhindern, daß nicht eine Art von Verdruß gegen den Zusammenlauf nichtswürdigcr Zuschauer, welche solche widerwärtige Ungereimtheiten bewundern können, in uns entstehen sollte? lieber eine so närrische Vermischung läßt man ohne Zweifel die Verdammung ergehen: allein es giebt eine minder merkliche, welche ° Es ist nicht der Körper, welcher in dem Schauspiele lacht oder weinet; es ist die Seele, die von den Eindrücke», die »lan ans sie macht, gc- rühret wird. Wann sie, durch das Pathetische bewegt, und durch das Ko- mische erfreut wird, so ist sie zu gleicher Zeit ein Raub zwcvcr ^cgcnsciiigcu Bewegungen - - Wie erstaunlich ist es für den menschlichen Kcist,, so schleim,., und obnc Vorbereitung, von dem Tragische» auf das Komische über zu gehen, und vo» einer zärtlichen Erkennung, auf die Schäckcrepe» eines Märchens und eines Pctitmailcrs :c. i>riuoipeü, eben daselbst. 120 Theatralische Bibliothek. eine edlere Wendung hat, und diese ist es, der man wohl will, und zu deren Vertheidigung mau bis zu den ersten Grundsätzen zurück geht. derjenige, sagt man, der das Schauspiel einer Komödie zuerst aufführte, konnte nach keinem Muster arbeiten; er machte sich einen Plan nach seiner Einsicht, und das neue Werk bekam folglich seine Natur und seine Eigenschaften aus dem Innersten seiner Begriffe. Die, welche nachfolgten, glaubten eben so wohl ein Recht zum.Erfinden zu haben; unter ihren Händen bekam die Komödie eine neue Form, welche gleichfalls der Veränderung unterworfen war. Tiefe Veränderungen wurden nicht als Neucrnngcn auSgcschrien; man hatte es sich noch nicht in Sinn kommen lassen, daß es nicht erlaubt sey, Aenderungen zu machen, und die Hirngeburth eines Verfassers anders zu bearbeiten, deren Natur ziemlich willkührlich seyn muß. Denn kurz, setzt man hinzu, das Wesen der Komödie, eS mag nun bestehen wvrinne es will, kann doch nimmcrmchr so unwandelbar festgesetzt seyn, als es das Wesen der geometrischen Wahrheiten ist; und hieraus schließt man endlich, daß cS unsern Neuern erlaubt seyn müsse, die alte Einrichtung des komischen Gedichts zu ändern. DaS Beyspiel ihrer Vorgänger muntert sie dazu auf, und die Natur der Sache erlaubt es. So übertäubend als dieser Einwnrf zu seyn scheinet, so braucht es, ihn übern Haufen zn stosscn, doch weiter nichts, als daß man die Grundsätze desselben zugicbt, und die daraus gemachte Folgerung leugnet. ES ist wahr, daß alle Gcburthcn des Genies, so zu reden, ihr Tappen haben, bis sie zu ihrer Vollkommenheit gelangt sind; allein, es ist auch eben so gewiß, daß verschiedne von denselben, sie schon erreicht haben, als das epische Gedichte, die Ode, die Beredsamkeit und die Historie. Homer, Pindarus, Demosthcnes und ThucydideS sind die Lehrmeister des VirgilS, des Horaz, des Cicero und des Livins gewesen. Das vereinigte Ansehen dieser grossen Männer ist zum Gesetze geworden; und dieses Gesetz haben hernach alle Nationen angenommen, und die Vollkommenheit einzig und allein an die genaue Nachahmung dieser alten Muster gebunden. Wenn es also nun wahr ist, daß das Wesen dieser verschiedncn Werke so unveränderlich festgestellet ist, als cS nur immer durch die aller vcrehrungSwürdigstcn Beyspiele festgestellet werden kann; aus was für einer besondern Ursache sollte cS denn nur vergönnet seyn, daS Wesen der Komödie zu ändern, welches durch die allgemeine Billigung nicht minder gchciligct ist. Betrachtungen über das weinerlich Komische. 12l Und man glaube nur nicht, daß diese durchgängige Uebereinstim- mung schwer zu beweise» sey. Man nehme den Arisiophanes, Plau- tus und Terenz; man durchlaufe das englische Theater und die gute» Stücke des Italiänischen; man besinne sich hernach auf den Moliere und Regnard, und verbinde diese thätlichen Beweise mit den Entscheidungen der dramatischen Gesetzgeber, des Aristoteles, des Ho. raz, des Despreaux, des P. Ravins, so wird man die einen sowohl, als die andern, dem System des kläglich Komischen gänzlich zuwider finden. Zwar wird man die nothwendigen Verschiedenheiten zwischen den Sitten und dem Genie der Dichter eines jeden Volks bemerken; zwar wird man, nach Beschaffenheit der Gegenstände, in den Stücken, welche die Laster des HerzcnS angreifen, einen nothwendig crnsthaficn Ton antreffen, so wie man in denen, welche mit den Ungereimtheiten des Verstandes zu thun haben, eine Vermischung des Scherzes und des Ernstes, und in denen, welche nur das Lächerliche schildern sollen, nichts als komische Züge und Wendnngen finden wird; zwar wird man sehen, daß die Kunst eben nicht verbunden ist, uns zum Lachen zu bewegen, und daß sie sich oft begnügt, uns weiter nicht als auf diejenige innere Empfindung, welche die Seele erweitert, zu bringen, ohne uns zu den unmäßigen Bewegungen zu treiben, welche laut ausbrechcn: aber jenen traurigen und kläglichen Ton, jcncS romanenhafte Gewinste, welches vor unsern Augen der Abgott des Frauenzimmers uud der jungen Leute geworden ist, wird man ganz und gar nicht gewahr werden. Mit einem Worte, diese Untersuchung wird uns überzeugen, daß cS wider die Natur der komischen Gattung ist, uns unsre Fehler beweinen zu lassen, e§ mögen auch noch so häßliche Laster geschildert weiden; daß Thalia, so zn reden, auf ihrer Maske keine andre Thränen, als Thränen der Frcnde und der Liebe duldet; uud daß diejenigen, welche sie quasi-tragische Thränen wollen vergießen lassen, sich nur eine andre Gottheil für ihre Opfer suchen können. Der Einwurf also, den mau aus der willkührlichcu Natur der Komödie hergenommen, scheint mir hinlänglich widerlegt zu seyn; weil alles, was die vornehmste Wirkung, die ein Werk hervorbringen soll, vernichtet, ein wesentlicher Fehler ist. Wollte man gleichwohl noch darauf dringen, daß die Komödie natürlicher Weise mehr, als irgend eine andre Geburth des Genies, dem Geschmacke des Jahrhunderts, in 122 Theatralische Bibliothek. welchem man schreibt, unterworfen sey, und daß man diesem Geschmacke also folgen müsse, wenn man darinne glücklich seyn wolle; so nehme ich diese Maximen ganz gerne an: allein was kann daraus zur öhre des weinerlich Komischen fließen? Weit gefehlt, daß der allgemeine Geschmack sich dafür erkläre; wenigstens sind die Stimmen getheilt. W giebt ein auScrwähltcS Häufchen Zuschauer, bey welchem das heilige Feuer der Wahrheit gleichsam niedergelegt worden, und dessen sichrer und unveränderlicher Geschmack sich niemals unter die Tyrannei) der Mode geschmiegt, noch diesen Götzen weniger Tage ange- bethet hat. Diesem erleuchteten Theile des Publicums hat man es zu danken, daß sich noch in allen Gattungen jene ausgesuchte Empfindung der Natur und jener vollkommene Geschmack erhält, der, indem er wider die Blendungen gefährlicher Neuigkeiten eifert, zugleich den wirklich nützlichen Erfindungen ihren wahren Werth zu bestimmen weis. Er ist eben so einfach, als die Wahrheit selbst; oder wenn man lieber dem Lehrgebäude des franzosischen Odendichters ° folgen will, so giebt es nur einen gedoppelte», deren Züge hier zn entwerfen nicht midien, lich seyn wird, damit man den Unterscheid ihrer Charaktere desto besser empfinde. Tcr erste giebt sich mit den Lastern ab, welche verächtlich machen, und mit den Ungereimtheiten, durch die man lächerlich wird: er belebt seine Bilder mit lachenden nnd satyrischcn Zügen; er will, daß sich jeder in seinen Gemählden erkennen, und über seine eigne Abschilde- rnngcn eben so boshaft lachen solle, als ob alles auf Kosten seines ° Der Verfasser zielt hier auf eine Stelle i» des Rousseau Briefe an Tbalicn. Sie ist so trocken schön, daß ich sie nicht zu übersetzen wa^e. Wenn ich mich nicht irre, so ist es eben die, welche der Herr von Voltaire an einem Orte sehr scharf getadelt hat. Man sehe, ob Rousseau mehr darinne sagt als, daß es mit dem Geschmacke eine tützlichc Sache sey, und daß er nothwendig entweder gut oder schlecht seyn muffe. ?vut iotlilul, toul, »rl, louw Police 8uiior.- itu pouvvir >Iii ekpriev, liuit vire »usli «o»ten.»kim»knt nvnr lou« 8ul>oriioi»wv » i>u» ilittvre»!» xoui». >>» lit liisluiniilvuev vxileme, lv Iii! >>>'»IiI«i»u: i»i>i5 l?»in«i>zr ljuu clvux; I n» Iio», I'i»itt scllschaftlichc» Leben, oder eine Ungereimtheit des Verstandes, gewiß nicht bestehen wird. Der Gegenstand der beschämenden Bemerkungen der Zuschauer, will man durchaus nicht seyn, es koste auch, was es wolle; und wenn man sich auch nicht wirklich bessert, so ist man doch gezwungen sich zu verstellen, damit man öffentlich weder für lächerlich noch für verächtlich gehalten werde. Und so wären wir denn endlich auf die lezte Ausflucht gebracht, welche über alle Beyspiele und Gründe sieget. Diese neue komische Gattung, sagt man, gefällt;" das ist genug, und die Regeln thun dabey nichts. Mau berufe sich nicht zur Bestätigung dieser zn allgemeinen und eben deswegen gefährlichen Maxime auf den Einfall Sr. Hoheit des Prinzen über die regelmäßige aber verdrüßlichc Tragödie des Abts von Aubignac. Die Anwendung der Regeln verursachte den Fall dieses Stücks gar nicht; sondern die schlechte Colon:e seines Pinsels schlug es nieder. Tech weil ich mir vorgenommen habe meinen Gegnern nur solche Gründe entgegen zu setzen, von welchen ich selbst überzeugt bin, so will ich es ihnen vorläufig einräumen, daß das kläglich Komische große Bewegungen und oft angenehme Empfindungen verursache. Allein, wenn ich auf einen Augenblick die ganze Frage dahinaus lanffen lasse, bey welcher Galtung das größere Vergnügen anzutreffen sey, so behaupte ich, daß jene neuere uns kein so manuichfaltigcs und natürliches Vergnügen verschaffen könne, als die Gattung welche in dem Jahrhunderte des Mokiere herrschte. ° S. den Prolog des Lustspiels Liebe für Liebe, 1W Theatralische Bibliothek. Zuerst findet man in den weinerlichen Komödien alle die rührungs- losen leeren Plätze, die man bey Lesung eines Romans findet. Sie sind eben so wie diese mit crzwungnen Verwicklungen, mit ausseror- dentlichcn Stellungen, mit übertriebene» Charakteren angefüllt, welche oft wahrer als wahrscheinlich sind; und wenn sie in unsrer Seele jene, nichts weniger als willkührliche, Bewegungen verursachen, die sie auf einige Augenblicke bezauberu, so kömmt es daher, weil wir bey dem Anblicke auch der crdichtesien Gegenstände gerührt werden, wenn sie nur mit Kunst geschildert sind. Allein man merke wohl, daß die Rührungen weder so einnehmend sind, noch eben dieselbe Dauer und eben denselben Charakter der Wahrheit haben, welchen die getreue Nachahmung einer ans dem Innersten der Natur geschöpften Stellung hervorbringt. In der That, wenn die dramatischen Erdichtungen uns um so viel lebhafter rühren, je näher sie der Wirklichkeit kommen, so müssen die Erdichtungen der neuen Gattung so viel schwächere Eindrücke machen, je entgegengesctzicr sie der Wahrscheinlichkeit sind. Es ist ein Wunderwerk der Kunst nöthig gewesen, um uns die Abentheuer einer Frau annehmlich zu machen, die nach siebzehn Jahren einer heimlichen Vermählung und eines eingebildeten Gefängnisses, auf einmal sich aus dem Schooße ihrer Provinz aufmacht, und nach Paris kommt, einen untreuen Mann aufzusuchen, der sie, ob er sie schon alle Tage zu sehen bekommen könnte, doch nicht eher, als bey der Entwicklung findet. So und nicht anders ist der romanenhafte Gründ beschaffen, auf welchen das Gebäude des weinerlich Komischen gemeiniglich aufgeführt ist, oder vielmehr nothwendig aufgeführt sein muß; und diesen muß sich der Zuschauer gefallen lassen, wenn er anders Vergnügen daran finden will. Die Oper sezt bey weitem nicht so viel Triebfedern in Bewegung, um uns durch das Glänzende ihrer AuSzicruugen zu verblenden, als das kläglich Komische Täuschungen anwendet, um eine schmerzhaft angenchmc Empfindung in uns zu erwecken. Die Eindrücke des Vergnügens, welche das wahre Komische hervorbringt, sind von einer ganz andern Beschaffenheit. Es geschiehet allezeit mit einem stets neuen Vergnügen, so oft wir jene von der Natur erkannte Schilderungen, dergleichen der Menschenfeind, der Geizige, der Stumme, der Spieler, der Mürrische, der Ruhmredige und andre find, wieder vorstellen sehen, oder sie aufs neue lesen. Oder, Betrachtungen über das weinerlich Komische. 120 wenn wir uns in kleine Stücke einlassen wollen, wird man es wohl jemals satt, die wahren komischen Auftritte zu sehen, zum Exempel die Auftritte des HarpagonS mit der Euphrosine, des Valers mit dem Meister Jacob, de§ bürgerlichen Edelmanns mit seinem Mädchen und seinen verschiednen Lehrmeistern, die pedantische Zänkcrcy des Trisso- tins und des VadinS; oder auch in einer höhern Art, das feine und sinnreiche Gespräch des Merkurs mit der Nacht, die vcrlcumdrische Unterredung der Cölimcne mit dem Marquis und ihre sinnreiche Art, der spröden Arsinoe ihre spitzigen Anzüglichkeiten wieder zurück zu geben? Verursachen uns wohl die am meisten glänzenden Moralien, wann sie auch bis zum Thränen getrieben werden, jemals ein so lebhaftes, ein so wahres und ein so daurendes Vergnügen? Doch die Verringerung und Schwächung unseres Vergnügens, oder die Unnützlichkeit einer ernsthaften und traurig spruchreichen Moral, ist der gegründcste Vorwurf noch nicht, den man der neuen Art von Komödien machen kann: ihr vornehmster Fehler ist dieser, daß sie die Grenzen gar aufhebt, welche von je her das Tragische von dem Komischen getrennt haben, und uns jene ungeheure Gattung des Tragikomischen zurück bringet, welche man mit so vielem Grunde, nach verschiednen Iahren eines bctrieglichen Triumphs, verworffcn hat. Ich weis wohl, die neue Art hat bey weitem nicht so viele und grosse Ungereimtheiten; die Verschiedenheit ihrer Personen ist nicht so anstößig, und die Bedienten dürfen darinnc nicht mit Prinzen zusammen spielen: allein im Grunde ist sie doch eben so fehlerhaft, ob schon auf eine vcrschiedne Weise. Denn wie die crstre Art die heroischen Personen erniedrigte, indem sie ihnen bloß gemeine Leidenschaften gab, und nur die gewöhnlichen Tugenden aufführte, die zu dem hcldenmäßigcn der Tragödie lange nicht erhaben genug sind; eben so erhöhet die andre die gemeinen Personen zu Gesinnungen, welche Bewunderung erwecken, und mahlt sie mit Zügen jenes reihenden Mitleids, welches das unterscheidende Eigenthum des Trauerspiels ausmachet. Beyde sind also dem Wesen, welches man dem komischen Gedichte zugestanden hat, gleich sehr zuwider; beyde verdienen also einen gleichen Tadel, und vielleicht auch eine gleiche Ncrbannnng. Als das Tragikomische zuerst aufkam, glaubte man, ohne Zweifel, das Gebiethe der komischen Muse erweitert zu haben, und billigle also anfangs diese kühne Erfindung. Mit eben dieser Einbildung geschmci- Lesmigs Werke IV. 9 130 Theatralische Bibliothek. chelt, triumphircn auch jctzo die Anhänger der neuen Gattung; sie suchen sich zu überreden, der Weg der Empfindung sey gleichfalls eine von den glücklichen Entdeckungen, welche der französischen Scene den höchsten Grad der Ausschmückung gegeben habe; sie wollen durchaus nicht einsehen, daß die Empfindung, welche gewissen Gedichten, zum Exempel der Elegie und dem Hirtengedichte, so wesentlich ist, sich ganz und gar nicht mit der komischen Grundlage verbinden lasse, welche das Theater nothwendig braucht, wenn sie ihren Originalen denjenigen Ton geben will, der im Ergötzen bessert. Man betriege sich hier nur nicht: wir haben zwey sehr nnterschiedue Gattungen; die eine ist die nützliche, und die andre die angenehme: weit gefehlt also, daß das weinerlich Komische eine dritte ausmache; sie schmelzt vielmehr beyde Gattungen in eine einzige, und machet uns ärmer, indem sie uns rei> eher zu machen scheinet. Wann die wirklich komischen Fabeln gänzlich erschöpft wäre», so könnte man die Erfindung der weinerlichen Charaktere noch eher vergeben, weil sie wenigstens, als eine Vermischung des Wahren und Falschen, daS Verdienst haben, uns auf einen Augenblick zu rühren, wenn sie uns auch schon durch die Ucberlegung vcrdrüßlich werden: allein es ist derselben noch eine sehr große Menge übrig, welche alle neu sind, und die man, schon seit langer Zeit, auf der Bühne geschildert zu sehen gewünscht hat. Wir haben vielleicht nicht ein einziges getreues Gemählde vou verschieducu Sitten uud Lächerlichkeiten unsrer Zeit; zum Exempel, von der gebiethrischen Leutseligkeit unsrer Hofleute, und von ihrem unersättlichen Durste nach Vergnügen und Gunst; von der unbesonnenen Eitelkeit und wichtigen Aufgeblasenheit unserer jungen Ma- gisiratSpersoncn; vou dem wirklichen Geitze und der hochmüthigen Verschwendung uusrcr großen Rentmeister; von jener feinen und manchmal ansgclaßeuen Eifersucht, welche unter den Hofdamen, wegen der Vorzüge des Ranges, und noch mehr wegen der Vorzüge der Schönheit, herrschet; von jenen reichen Bürgerinnen, welche das Glück trunken macht, und die durch ihre unverschämte Pracht den Gesetzen, dem Wohlstande und der Vernunft Hohn sprechen. Auf diese Art würden sich tausend nützliche und glänzende Neuigkeiten dem Pinsel unsrer Dichter darbiethen, wenn sie nicht von der Liebe zu dem Besondern verführt würden. Sollten sie wohl von der Schwierigkeit, solche feine Charaktere zu schatliren, welch enur eine -I Betrachtungen über das weinerlich Komische. 131 sehr leichte Austragung der Farben erlauben, zurückgehalten werden? Allein könnten sie nicht, nach dem Beyspiele des Meliere, an den Nebenrollen dasjenige einbringen, was ihnen an der Untcrstüzung des HauptcharaktcrS abgehet? Und brauchen sie denn weniger Kunst darzu, wenn sie uns in Komödien eingekleidete Romane wollen bewundern lassen, oder weniger Genie, um sich in dem engen Bezirke, in welchen sie sich einschliessen, zu erhalten? Da sie nur auf eine einzige Empfindung, des Mitlcidcns nehmlich, eingeschränkt sind, so haben wir vielmehr zu furchten, daß sie uns, durch die Einförmigkeit ihres Tones und ihrer Originale, Frost und Eckel erwecken werden. Denn in der That, wie die Erkennungen beständig mit einerley Farben vorbereitet, Herzugeführer, und aufgeschlossen werden, so ist auch nichts dem Gemählde einer Mutter, welche ihr und ihrer Tochter Unglück beklagt, ähnlicher, als das Bild einer Frau, welche über ihr und ihres Sohnes Unglück Thränen vergießt. Fließen aber hieraus nicht nothwendig Wicderhohlnngen, die nicht anders, als verdrüfilich seyn können? Wie weit übertrift das wahre Komifche eine so unfruchtbare Gattung! Nicht allein alle Charaktere und alle Stände, nicht allein alle Laster und Lächerlichkeiten sind seinen Pfeilen ausgesetzt; sondern es hat auch noch die Freyheit die Farben zu verändern, womit eben dieselben Originale, und eben dieselben Ungereimtheiten gemahlt werden können. Und auf diesem Wege findet man nirgends Grenzen; denn vbschon die Menschen zu allen Feiten einerley Fehlern unterworfen sind, so zeigen sie dieselben doch nicht immer auf einerley Art. Die Alten, in dieser Absicht, sind den Neuern sehr ungleich; und wir selbst, die wir in den jetzigen Tagen leben, haben mit unsern Vätern sehr wenig ähnliches. Zu den Feiten des Möllere und der Corneille», besonders zu Anfange ihres Jahrhunderts, konnte man die gelehrten und witzigen Köpfe von Profcßiou mit griechischen und lateinischen Citationen aus- gcspickt, über ihre barbarischen Schriftsteller verdüstert, in ihren Sitten grob und unbicgsam, und in ihrem Acusscrlicheu nachlässig und schmutzig vorstelle». Diese Züge passen schon seit langer Zeit nicht mehr. Das pedantische Ansehen ist mit jener tiefen Gelehrsamkeit, die aus Lesung der Originale geschöpft war, verschwunden. Man begnügt sich, wenn ich so reden darf, mit dem blossen Lcrnis der Litteratur, und den meisten von unsern Neuern ist ein leichtes und sich ausnehmendes 9» Theatralische Bibliothek. Mundwerk anstatt der gründlichen Wissenschaft, welche ihre Vorgänger besassen. Ihre Erkenntniß, sagt man, ist mannigfaltiger, aber eben deswegen auch unvollkommner. Sie haben, wenn man will, mehr Witz; aber vielleicht desto weniger wahres Genie. Kurz die meisten von ihnen scheinen von den alten Gelehrten nichts beybehalten zu haben, als die beklagenswürdige Erbitterung, ihre Personen und ihre Werke unter einander zu verlästern, und sich dadurch in den Augen ihrer Zeitgenossen und der Nachwelt verächtlich zu machen. Es ist also nicht sowohl die Erschöpfung der Charaktere und des Lächerlichen, noch die Begierde nützlicher zu seyn, noch die Vorstellung eines grossem Vergnügens, welche uns die Gattung des weinerlich Komischen vcrschaft hat, sondern vielmehr die Schwierigkeit, den Ton des Mokiere zu erreichen, oder vielmehr die Begierde unsre Bewunderung durch die glänzenden Reihe der Neuigkeit zu überraschen. Diese Krankheit, welche dem Französischen Genie so eigen ist, erzeugt die Moden in der Litteratur, und stekt mit ihren Sonderlichkeitcn sowohl alle Schreibarten, als alle Stände an. Unsre Neugierde will alles durchlaufen; unsre Eitelkeit will alles versuchen; und auch alsdenn, wenn wir der Vernunft nachgeben, scheinen wir nicht sowohl ihrem Reitze, als unserm Eigensinn gefolgt zu seyn. Wann diese Betrachtungen wahr sind, so ist es leicht, das Schicksal des weinerlich Komischeu vorher zu sagen. Die Mode hat es eingeführt, und mit der Mode wird es vergehen, und in das Land des Tragikomischen verwiesen werden, aus welchem es gekommen ist. Es glänzet vermöge der schimmernden Blitze der Neuigkeit, und wird eben so geschwind, als diese, verlöschen. DaS schöne Geschlecht, welches der gcbohrne Beschützer aller zärtlichen Neuerungen ist, kann nicht immer weinen wollen, ob es gleich immer empfinden will. Wir dürfen uns nur auf seine Unbeständigkeit verlassen. Unter die Gründe, warum man den Geschmack an dem weinerlich Komische» wird fahren lassen, gehöret auch noch die äusserste Schwierigkeit, in dieser Gattung glücklich zu seyn: die Laufbahn ist nicht von grossem Umfange, und es wird ein eben so glänzendes und bearbeitetes Genie, als das Genie des Verfassers der Melanide ist, dazu erfordert, wenn man sie mit gutem Fortgangs ausfüllen will. Der Herr von Fontenclle hat einen Ton, welcher ihm eigen ist, und der ihm allein unvergleichlich wohl läßt; allein es ist unmöglich oder ge- Betrachtungen über das weinerlich Komische. 133 fährlich ihn nachzuahmen. Der Herr de la Chaussee hat gleichfalls seinen Ton, dessen Schöpfer er ist, und dem eS mehr in Ansehung der Art von Unmöglichkeit, seine Fabeln nicht nach zu copiren, als in Ansehung der Schwierigkeit, sie mit eben so vieler Kunst und mit eben so glänzenden Farben vorzutragen, an Nachahmern fehlen wird. Doch alle Kunst ist unnütze, wenn die Gattung an und für sich selbst fehlerhaft ist, das ist, wenn sie sich nicht auf jenes empfindbare und allgemeine Wahre gründet, welches zu allen Feiten und für alle Gemüther verständlich ist. Aus dieser Ursache vornehmlich wird die Täuschung des neuen Komischen gewiß verschwinden; man wird eS bald durchgängig übcrdrüßig seyn, die Anskrahmung der Tugend mit bürgerlichen Abentheucrn verbunden zu sehen, und romanenhafte Originale die strengste Weisheit, in dem nachgemachten Tone des Seneca predigen, oder mit den menschlichen Tugenden, zur Nachahmung des berühmten MarimenschreiberS, sinnreich zanken zu hören. Lasset uns daher aus diesem allen den Schluß ziehen, daß keine Erfindungen vergönnt sind, als welche die Absicht zu verschönern haben, und daß die Gattung des weinerlich Komischen eine von den gefährlichen Erfindungen ist, welche dem wahren Komischen einen tödlichen Streich versetzen kann. Wenn eine Kunst zu ihrer Vollkommenheit gelangt ist, und man will ihr Wesen verändern, so ist dieses, nicht sowohl eine in dem Reiche der Gelehrsamkeit erlaubte Freyheit, als vielmehr eine unerträgliche Frechheit, (l) Die Griechen und die Römer, unsre Meister und Muster in allen Geburthen des Geschmacks, haben die Komödie vornehmlich dazu bestimmt, daß sie uns, vermittelst der Critik und des Scherzes, zugleich ergötzen und unterrichten soll. Alle Völker EuropenS sind hernach dieser Weise mehr oder weniger gell) Da alle Künste an einander grenzen, so laßt uns noch die Klagen hören, welche Hr. Blondel in seinem 1747 gedruckten Nilcour« lur t'^r- eiiiweiure führet. Es ist zu befürchten, sagt er/ das; die sinnreichen Neuerungen, welche man zu jetziger Zcit, mit ziemlichem Gluck einführt, endlich von Künstlern werden nachgeahmt werden, welchen die Verdienste und «die Fähigkeiten der Erfinder mangeln. Sie werden daher auf eine Menge ungereimter Gestalten fallen, welche den Geschmack nach und nach verderben, und werden ausschweifenden Svndcrlichkcitcn den schönen Namen der Erfindungen beylegen. Wann dieses Gift die Künste einmal ergriffen hat, so fangen die Alten an unfruchtbar zu scheine», die grossen Meister frostig, nnd die Regeln allzu enge :c. :c. 134 Theatralische Bibliothek. folgt, so wie es ihrem eigenthümlichen Genie gemäß war: und wir selbst haben sie in den Zeiten unsers Ruhmes, in dem Jahrhunderte angenommen, das man so oft mit dein Jahrhunderte des Augusts in Vergleichung gcstcllet hat. Warum will man jejt Thalien nöthigen die traurige Stellung der Melpomcne zu borgen, und ein ernsthaftes Ansehen über eine Bühne zu verbreiten, deren vornehmste Zierde allezeit Spiel und Lachen gewesen sind, und beständig ihr unterscheidender Charakter seyn werden? Vvikilius exponi trsgioi« res comioa non vulk. Horaz in der Dichtkunst. » « » Hier ist die Schrift des französischen Gegners aus. Ob cs nun gleich nicht scheint, daß sie der Hr. Prof. Gcllcrt gekannt habe, so ist cs dennoch geschehen, daß er auf die meisten ihrer Gründe glücklich geantwortet hat. Weil sie dem Leser noch in frischem Andenken seyn müssen, so will ich ihn nicht lange abhalten, sich selbst davon zu überzeugen. Nur habe ich eine kleine Bitte an ihn zu thun. Er mag so gut seyn, und cs dem Hrn. Prof. Gellcrr nicht zuschreiben, wann er finden sollte, daß er sich dicscsmal schlechter ausdrücke, als er sonst von ihm gewohnt ist. Man sagt, daß auch die besten Uebcrsctzcr Ver- hunzcr wären. Des Herrn Prof. Gcllerts Abhandlung für das rührende Lustspiel. Man hat zu unsern Zeiten, besonders in Frankreich, eine Art von Lustspielen versucht, welche nicht allein die Gemüther der Zuschauer zu ergötzen, sondern auch so zu rühren und so anzutreiben vermögend wäre, daß sie ihnen so gar Thränen auspresse. Man hat dergleichen Komödie, zum Scherz und zur Verspottung, in der französischen Sprache, eomoäiv larino^anto, ° das ist die weinerliche genennt, und von nicht wenigen pflegt sie als eine abgeschmackte Nachäffung des Trauerspiels getadelt zu werden. Ich bin zwar- nicht Willens, alle und jede Stücke, welche in diese Klasse können gebracht werden, zn vertheidi- digen; sondern ich will bloß die Art der Einrichtung selbst retten, und wo möglich erweisen, daß die Komödie, mit allem Ruhme< hefti- ° S. die Vorrede des Hrn. v, Voltaire zu seiner Nanine im lX. Tbeile seiner Werke, Dresdner Ausgabe, Abhandlung für das rührende Lustspiel. 135 ger bewegen könne. Dacier ° und andre, welche die von dem Aristoteles entworfene Erklärung wcitläuftiger haben erleutern wollen, setzen die ganze Kraft und Stärke der Komödie in das Lächerliche. Nun kann man zwar nicht leugnen, daß nicht der größte Theil derselben darauf ankomme, obgleich, nach dem voßius/" auch dieses zweifelhaft sein könnte; allein so viel ist auch gewiß, daß in dem Lächerlichen nicht durchaus alle ihre Tugend bestehe. Denn entweder sind die reizenden Stücke des Tcrcnz keine Komödien zu nennen; oder die Komödie hat ihre ernsthaften Stellen, und muß sie haben, damit selbst das Lächerliche durch das beständige Anhalten nicht geschwächt werde. Senn was ohne Unterlaß artig ist, das rührt entweder nicht genug, oder ermüdet das Gemüth, indem es dasselbe allzusehr rührt. Ich glaube also, daß aus der Erklärung des Aristoteles weiter nichts zu folgern ist, als dieses, was für eine Art von Lastern die Komödie vornehmlich durchziehen soll. ES erhellt nehmlich daraus, daß sie sich mit solchen Lastern beschäftigen müsse, welche niemandem ohne Schande, vbschon ohne seinem und ohne andrer Schaden, anhängen können; kurz, solche Laster, welche Lachen und Satyrc, nicht aber Ahndung und öffentliche Strafe verdienen, woran sich aber doch weder plautuö/ noch diejenigen, die er unter den Griechen nachgeahmet hat, besonders gekehrt zu haben scheinen. Ja man mnß so gar zugestehen, daß es eine Art Laster giebt, welche gar sehr mit eines andern Schaden verbunden ist, als zum Exempel die Verschwendung, nnd dennoch in der Komödie angebracht werden kann, wenn es nur auf eine geschickte und kunstniäßigc Art geschieht. Ich sehe also nicht, worinnc derjenige Lust- spieldichtcr sündige, welcher, in Betrachtung der Nützlichkeit, die Regeln der Kunst dann und wann bey Seite setzt, besonders wenn man von ihm sagen kann: llalivl lionorunr oxvmzckiriii: c^no exemjilo sllck I^icoie ick iueere, czuock illi leeoi'iint, >>»l!ii. ° In den Anmcrkunqm zu des Aristoteles Dichtkunst Hauptst, V. S. 5,8. Pariser Ausgabe von 1692. ^rMoie en f-us-ii» in, lwtnuli,«» >>>.- I-i l!o- iu«Mv lwcicle, «luelle« cllolkL pvuveiU kin>« lu s»M >Ie s»i> imiUUio», II » «tue eelw» liui sunt puivmei» rnlieule«, o»r w»s le» inttro« xoureü »le mecliaiicelv vu iw v'i<:e, nu s^iluroioxl troiivvr >>IiccL, pArve ija'N-i «e peuvvnl itUiiur !'!»>>i!;»!»tio», o» I» >>i>>L, M«sic»>t>, l^ui uv tiuivviu »ullemenl rexner clgns I», Ln»»:aiu. °° Zn seiner Poetik. Ut>. I. e. V. >>. 136 Theatralische Bibliothek. Es sey also immer die sinnreiche Verspottung der Laster und Un> gcreimtheiten die vornehmste Verrichtung der Komödie, damit eine mit Nutzen verbundene Fröhlichkeit die Gemüther der Zuschauer einnehme; nur merke man auch zugleich, daß es eine doppelte Gattung des Lächerlichen giebt. Die eine ist die stammhafte und, so zureden, am meisten handgreifliche, weil sie in ein lautes Gelächter ausbricht; die andere ist feiner und bescheidener, weil sie zwar ebenfalls Beyfall und Vergnügen erweckt, immer aber nur einen solchen Beyfall und ein solches Vergnügen, welches nicht so stark ausbricht, sondern gleichsam in dem Innersten des Herzens verschlossen bleibt. Wann nun die ausgelassene und heftige Freude, welche aus der ersten Gattung entspringt, nicht leicht eine ernsthaftere Gemüthsbewegung verstattet; so glaube ich doch, daß jene gesetztere Freude sie verstatten werde. Und wenn ferner die Freude nicht das einzige Vergnügen ist, welches bey den Nachahmungen des gemeinen Lebens empfunden werden kann; so sage man mir doch, worinne dasjenige Lustspiel zu tadeln sey, welches sich einen solchen Jnnhalt erwählet, durch welchen es, ausser der Freude, auch eine Art von Gemüthsbewegung hervorbringen kann, welche zwar den Schein der Traurigkeil hat, an und für sich selbst aber ungemein süsse ist. ° Da nun aber dieses alsdann sehr leicht geschehen kann, wenn man die Komödie nicht nur die Laster, sondern auch die Tugenden schildern läßt; so sehe ich nicht warum es ihr nicht vergönnt seyn sollte, mit den tadelhaftcn Personen auch gute und liebenswürdige zu verbinden, und sich dadurch sowohl angenehmer als nützlicher zu machen, damit cinigermaassen jener alten Klage des komischen Trupps bey dem Plau- tus abgeholfen werde. Hujusmocli pauoss poetse loperiunt eomazckiss, Illii doni melioi'es kiant. Wenigstens sind unter den Alten, wie Gcaliger erinnert, sowohl unter den Griechen als unter den Römern, verschiedene gewesen, welche eine doppelte Gattung von Komödie zugelassen, und sie in die sittliche ° ?erm»5na enim, sagt der vortrefliche Engländer, Joseph Trapp, ett äisorepsnti» inier islsin triMtism, quae in lrsgoeöis, nonünslur, oet. p. 3ZS. eclit. »II. I^onaini t?SS. Abhandlung für das rührende Lustspiel. " 137 und lächerliche eingetheilet haben. Unter der sittlichen verstanden sie diejenige, in welcher die Sitten, und unter der lächerlichen, in welcher das Lächerliche herrschte. Doch wenn man nicht allein darauf zu sehen hat, was in der Komödie zu geschehen pflegt, sondern auch auf daS, was darinne geschehen sollte, warum wollen wir sie nicht lieber, nach Maaßgebung des Trapps," also erklären, daß wir sagen, die Komödie sey ein dramatisches Gedicht, welches Abschilderungen von dem gemeinen Privatleben enthalte, die Tugend anpreise, und verschiedene Laster und Ungereimtheiten der Menschen, auf eine scherzhafte und feine Art durchziehe. Ich gestehe ganz gerne, daß sich diese Erklärung nicht auf alle und jede Exempel anwenden lasse; allein, wenn man auch durchaus eine solche verlangte, welche alles, was jemals unter dem Namen Komödie begriffen worden, in sich fassen sollte, so würde man entweder gar keine, oder doch ein Ungeheuer von einer Erklärung bekommen. Genug, daß diese von uns angenommene Erklärung von dem Endzwecke, welchen die Komödie erreichen soll, und auch leicht erreichen kann, abgeleitet ist, und auch daher ihre Entschuldigung und Vertheidigung nehmen darf. Damit ich aber die Sache der rührenden Komödie, wo nicht glücklich, doch sorgfältig führen möge, so muß ich einer doppelten Anklage entgegen gehen; deren eine dahinaus läuft, daß auf diese Weise der Unterscheid, welcher zwischen einer Tragödie und Romödie seyn müsse, aufgehoben werde; und deren andre darauf ankömmt, daß diejenige Romödie sich selbst zuwieder wäre, welche die Affec,- ten sorgfältig erregen wolle. Was den ersten Grund anbelangt, so scheint es mir gar nicht, daß man zu befürchten habe, die Grenzen beyder Gattungen möchten vermengt werden. Die Komödie kann ganz wohl zu rühren fähig seyn, und gleichwohl von der Tragödie noch weit entfernt bleiben, indem sie weder eben dieselben Leidenschaften rege macht, noch aus eben derselben Absicht, und durch eben dieselben Mittel, als die Tragödie zu thun pflegt. Es wäre freylich unsinnig, wenn sich die Komödie jene großen und schrecklichen Zurüstungen der Tragödie, Mord, Verzweiflung und dergleichen, anmaassen wollte; allein wenn hat sie dieses jemals gethan? Sie begnügt sich mit einer gemeinen, obschon seltnen, Begebenheit, und weis von dem Adel und von der Hoheit der Handlung nichts z sie , " An angef. Orte S. 314. und folglich. 138 Theatralische Bibliothek. weis nichts von den Sitten und Empfindungen großer Helden, welche sich entweder durch ihre erhabne Tugend, oder durck ihre ausserordcntliche Häßlichkeit ausnchmen; sie weis nichts von jenem tragischen hohen und prächtigen Ausdrucke. Dieses alles ist so klar, daß ich es nur verdunkeln würde, wenn ich es mehr aus einander setzen wollte. Was hat man also für einen Grund, zu behaupten, daß die rührende Komödie, wenn sie dann und wann Erbarmen erweckt, in die Vorzüge der Tragödie einen Eingriff thue? Können denn die kleinen Uebel, welche sie dieser oder jener Person zustoßen läßt, jene heftige Empfindung des Mitleids erregen, welche der Tragödie eigen ist? ES sind kaum die Anfänge dieser Empfindung, welche die Komödie zuläßt und auf kurze Zeit in der Absicht anwendet, daß sie diese kleine Bewegung durch etwas erwünschtes wieder stillen möge; welches in der Tragödie ganz anders zu geschehen pflegt. Doch wir wollen uns zu der vornehmsten Quelle wenden, aus welcher die Komödie ihre Rührnngen herhohlt, und zusehen, ob sie sich vielleicht auf dieser Seite des Eigenthums der Tragödie anmaasse. Man sage mir also, wenn rühret denn diese neue Art von Komödie, von welcher wir handeln? Geschieht es nicht mcistcntheils, wenn sie eine tugendhafte, gesetzte und auffcrordeutliche Liebe vorstellet? Was ist aber nun zwischen der Liebe, welche die Tragödie anwendet, und derjenigen, welche die Komödie braucht, für ein Unterscheid? Ein sehr großer. Die Liebe in der Komödie ist nicht jene heroische Liebe, welche durch die Bande wichtiger Angelegenheiten, der Pflicht, der Tapferkeit, des größten Ehrgcitzcs, entweder unzertrennlich verknüpfet, oder unglücklich zertrennet wird; es ist nicht jene lermcnde Liebe, welche von einer Menge von Gefahren und Lastern begleitet wird; nicht jene verzweifelnde Liebe: sondern eine angenehm unruhige Liebe, welche zwar in verschiedene Hindernisse und Beschwerlichkeiten verwickelt wird, die sie entweder vermehren oder schwächen, die aber alle gücklich überstiegen werden, und einen Ausgang gewinnen, welcher, wenn er auch nicht für alle Personen des Stücks angenehm, doch dem Wunsche der Zuschauer gemäß zu seyn pflegt. Es ist daher im geringsten keine Lermischung der Kunst zu befürchten, so lange sich nicht die Komödie mit eben derselben Liebe beschäftigt, welche in der Tragödie vorkömmt, sondern von ihr in Ansehung der Wirkungen und der damit verknüpften Umstände eben so weit, als in Ansehung der Stärke und Hoheit, entfernt bleibt. Denn so wie die Liebe in einem doppelten Bilde Abhandlung für das rührende Lustspiel. 139 strahlt, welche auf so verschiedene Weise ausgedrückt werden, daß man sie schwerlich für einerley hallen kann; ja wie so gar die Gewalt, die sie über die Gemüther der Menschen hat, von ganz vcrschiedner Art ist, so daß, wenn der eine mit zerstreuten Haaren, mit verwirrter Stirn, und verzweifelnden Augen hcrumirret, der andere das Haar zierlich in Locken schlägt, und mit lächelnd trauriger Mine und angenehm unruhigen Augen seinen Kummer verräth: eben so, sage ich, ist die Liebe, welche in beyden Spielen gebraucht wird, ganz und gar nicht von einerley Art und kann also auch nicht auf einerley, oder auch nur auf ähnliche Art rühren. Ja eS fehlt so viel, daß die Komödie in diesem Stücke die Rechte der Tragödie zu schmälern scheinen sollte, daß sie vielmehr nichts als ihr Recht zu behaupten sucht. Denn ob ich schon denjenigen nicht beystimme, welche, durch das Ansehen einiger alten Tragödienschrcibcr bewogen, die Liebe gänzlich aus der tragischen Fabel verbannen wollen; so ist doch so viel gewiß, daß nicht jede Liebe, besonders die zärtlichere, sich für sie schickt, und daß auch diejenige, die sich für sie schickt, nicht darinne herrscheu darf, weil es nicht erlaubt ist, die Liebe einzig und allein zu dem Jnnhalte eines Trauerspiels zu machen. Sie kann zwar jenen heftigern Gemüthsbewegungen, welche der Tragödie Hoheit, Glanz und Bewunderung ertheilen, gelegentlich beygefügt werden, damit sie dieselben bald heftiger antreibe, bald zurückhalte, nicht aber, damit sie selbst das Hauptwerk der Handlung ausmache. Dieses Gesetz, welches man der Tragödie vorgeschrieben hat, und welches aus der Natur einer heroischen That hergchohlct ist, zeiget deutlich genug, daß es allein der Komödie zukomme, aus der Liebe ihre Haupthaudlung zn machen. Alles dcrohalbcn, was die Liebe, ihren schrecklichen und traurigen Theil bey Seite gesetzt, im Rührenden vermag, kann sich die Komödie mit allen Recht anmaassen. Der vorlrefliche Torneille erinnert sehr wohl, daß dasjenige Stück, in welchem allein die Liebe herrschet, wann es auch schon in den vornehmsten Personen wäre, keine Tragödie, sondern, seiner natürlichen Kraft nach, eine Komödie sey." Wie viel weniger kann daher dasjenige Stück, in welchem nur die heftige Liebe einiger Privatpersonen aufgeführet wird, das Wesen des Trauerspiels angenommen zu haben scheinen? DaS, was ich aber von der Liebe, und von ° S. die erste Abhandlung des P. Corneille über das dramatische Gedicht. 140 Theatralische Bibliothek. dem Ansprüche der Komödie auf dieselbe, gesagt habe, kann, glaube ich, eben so wohl von den übrigen Stücken behauptet werden, welche die Gemüther zu bewegen vermögend sind; von der Freundschaft, von der Beständigkeit, von der Freygebigkeit, von dem dankbaren Gemüthe, und so weiter. Denn weil diese Tugenden denjenigen, der sie besitzt, zwar zu einem rechtschaffen, nicht aber zu einem grossen und der Tragödie würdigen Manne machen, und also auch vornehmlich nur Zierden des Privatlebens sind, wovon die Komödie eine Abschildernng ist: so wird sich auch die Komödie die Vorstellung dieser Tugenden mit allem Rechte anmaassen, und alles zu gehöriger Zeit und an gehörigen Orte anwenden dürfen, was sie, die Gemüther auf eine angenehme Art zu rühren, darbiethen können. Allein auf diese Art, kann man einwenden, wird die Komödie allzu frostig und trocken scheinen; sie wird von jungen Leuten weniger geliebt, und von denjenigen weniger besucht werden, welche durch ein heftiges Lachen nur ihren Bauch erschüttern wollen. WaS schadet das? Genug, daß sie alsdann, wie der berühmte 5vehrenfels° saget, weise, gelehrte, rechtschafne und kunstverständige Männer ergötzen wird, welche mehr auf das schickliche, als auf das lächerliche, mehr auf das artige als auf das grimassenhafte sehen: und wann schon die, welche nur Possen suchen, dabey nicht klatschen, so wird sie doch denen gefallen, welche, mit demplau- tus zu reden, pnäieitise piseniiuin ekle volnnt. Ich komme nunmehr auf den zweyten Einwurf. Rührende Komö- dien, sagt man, widersprechen sich selbst; denn eben deswegen weil sie rühren wollen, können entweder die Lasier und Ungereimtheiten der Menschen darinne nicht zugleich belacht werden, oder, wenn beydes geschieht, so sind eS weder Komödien noch Tragödien, sondern ein drittes, welches zwischen beyden inne liegt, und von welchem man das sagen könnte, was OvidinS von dem MinotaurnS sagte: LemibovernHUlZ vii'um, lvmivii'umcjne bovern. Dieser ganze Tadel kann, glaube ich, sehr leicht durch diejenige» Beyspiele nichtig gemacht werden, welche unter den dramatischen Dichtern der Franzosen sehr häufig sind. Denn wenn Desrsucheö, de la Chaussee, Marivaux, Voltaire, Fagan und andre, deren Namen ° In seiner Rede von der Komödie. S. 365. var. »rsum. ?«rl<- iMei». ^lullel»,!. IS17. Abhandlung für das rührende Lustspiel. 141 und Werke längst unter uns bekannt sind, dasjenige glücklich geleistet haben, was wir verlangen, wann sie nehmlich, mit Beybehaltnng der Freude und der komischen Stärke, auch Gemüthsbewegungen an dem gehörigen Orte angebracht haben, welche aus dem Innersten der Handlung flicssen und den Zuschauern gefallen; was bedarf es alsdann noch für andre Beweise? Doch wenn wir auch ganz und gar kein Exempel für uns anführen könnten, so erhellet wenigstens anS der verschicdnen Natur derjenigen Personen, welche der Dichter auf die Bühne bringt, daß sich die Sache ganz wohl thun lasse. Denn da, wie wir oben gezeugt haben, den bösen Sitten ganz füglich gute entgegen gesetzt werden können, damit durch die Annehmlichkeit der letzter», die Häßlichkeit der erster» sich desto mehr ansnehme; und da diese rechtschaffnen und edeln Gemüthsarten, wenn sie sich hinlänglich äuffcrn sollen, in schwere und eine Zeit lang minder glückliche Zufälle, bey welchen sie ihre Kräfte zeuge» können, verwickelt seyn müssen: so darf man nur diese mit dem Stoffe der Fabel gehörig verbinden und knnstmäßig cinflech- ten, wenn diejenige Komödie, die sich am meisten mit Verspottung der Laster beschäftiget, nichts destowenigcr die Gemüther der Zuhörer durch ernsthaftere Rührungen vergnügen soll. Zwar ist allerdings eine grosse Behutsamkeit anzuwenden, daß dieses zur rechten Zeit, und am gehörigen Orte und im rechten Maasse geschehe; ja der komische Dichter, wenn er unser Herz entflammen will, muß glauben, daß jene Warnung, rlilül eitius niaioeteeiv <^usm laei-umas, welche man dem Redner zu geben pflegt, ihm noch weit mehr als dem Redner angehe. Vornehmlich hat er dahin zu sehen, daß er nicht auf eine oder die andere lustige Scene, sogleich eine ernsthafte folgen lasse, wodurch das Gemüth, welches sich durch das Lachen geruhig crhohlt hatte, und nun auf einmal durch die volle Empfindung der Menschlichkeit dahin gerissen wird, eben den verdrüßlichen Schmerz empfindet, welchen das Auge fühlt, wenn es aus einem finstern Orte plötzlich gegen ein Helles Licht gebracht wird. Noch viclweniger muß einer gesetzten Person alsdann, wenn sie die Gemüther der Zuschauer in Bewegung setzt, eine allzulä- cherliche beygcscllet werden; überhaupt aber muß man nichts von dieser Gattung anbringen, wenn man nicht die Gemüther genugsam dazu vorbereitet hat, und muß auch bey eben denselben Affecten sich nicht allzulange aufhalten. Wenn man also die rührenden Scenen ans den bequemen Ort versparet, welchen man alsdann, wann sich die Fabel 142 Theatralische Bibliothek. am meisten verwirret, noch öftrer aber, wenn sie sich aufwickelt, findet: so kann das Lustspiel nicht nur seiner satyrischen Pflicht genug thun, sondern kann auch noch dabey das Gemüth in Bewegung setzen. Freylich tragt hierzu der Stoff und die ganze Einrichtung des Stückes viel bey. Denn wenn dasjenige, was der Dichter, glückliches oder unglückliches, wider alle Hoffnung sich ereignen läßt, und zu den Gemüthsbewegungen die Gelegenheit geben muß, ans den Sitten der Personen so natürlich fließt, daß es sich fast nicht anders hätte zutragen können: so überläßt sich alsdann der Zuschauer, dessen sich Nerwundrung und Wahrscheinlichkeit bemächtiget haben, er mag nun der Person wohl wollen oder nicht, willig und gern den Bewegungen, und wird bald mit Vergnügen zürnen, bald trauren, und bald über die Zufälle derjenigen Personen, deren er sich am meisten annimmt, für Freuden weinen. Auf diese Art, welches mir ohne Ruhmredigkeit anzuführen erlaubt seyn wird, pflegen die Zuschauer in dem letzten Auftritte des Looses in der Lotterie gerührt zu werden. Dämons Ehegattin, und die Jungfer Caroline haben durch ihre Sitten die Gunst der Zuschauer erlangt. Jene hatte schon daran verzweifelt, daß sie das Looß wiederbekommen würde, welches für sie zehn tausend Thaler gewonnen hatte, und war auf eine anständige Art deswegen betrübt. Ehe sie sichs aber vermuthet, kömmt Caroline, und bringt ihrer Schwägerin mit dem willigsten Herzen dasjenige wieder, was sie für vcrlohrcn gehalten hatte. Hieraus nun entstehet zwischen beyden der edelste Streit freundschaftlicher Gesinnungen, so wie bald darauf zwischen Carolincn und ihrem Liebhaber ein LicbeSstrcitz und da sowohl dieser als jener schon für sich selbst, als ein angenehmes Schauspiel, sehr lebhaft zu rühren vermögend, zugleich auch nicht weit hcrgchohlet, sondern in der Natur der Sache gegründet, und freywillig aus den Charakteren selbst geflossen sind: so streitet ein solcher Ansgang nicht allein nicht mit der Komödie, sondern ist ihr vielmehr, wenn auch das übrige gehörig beobachtet worden, vorlheilhaft. Mir wenigstens scheint eine Komödie, welche, wenn sie den Witz der Zuschauer genugsam beschäftiget hat, endlich mit einer angenehmen Rührung des Gemüths schliesset, nicht tadelhafter, als ein Eastgcboth, welches, nachdem man leichtern Wein zur Enügc dabey genossen, die Gäste zum Schlüsse durch ein GlaS stärker» Weins erhitzen nnd so auseinander gehen läßt. Es ist aber noch eine andre Gattung, an welcher mehr auszu- Abhandlung für das rührende Lustspiel. 143 setzen zu seyn scheinet, weil Scherz und Spott weniger darinne herrschen, als die Gemüthsbewegungen, und weil ihre vornehmsten Personen entweder nicht gemein und tadelhast, sondern von vornehmen Stande, von zierlichen Sitten und von einer artigen Lebensart sind, oder, wenn sie ja einige Laster haben, ihnen doch nicht solche ankleben, dergleichen bey dem Pöbel gemeiniglich zu finden sind. No» dieser Gattung sind ungefehr die verliebten Philosophen des Des- touches/ die Melanide des la Chaussee, das Mündel des Fagan, und der Sidney des Gressets. Weil nun aber diejenige Person, auf die es in dem Stücke größten Theils ankömmt, entweder von guter Art ist, oder doch keinen allzulächerlichen Fehler an sich hat, so kann daher ganz wohl gefragt werden, worinne denn ein solches Schauspiel mit dem Wesen der Komödie übereinkomme? Denn obschon meisten Theils auch lustige und auf gewisse Art lächerliche Charaktere darinne vorkommen, so erhellt doch genugsam aus der Ueberlegenheit der andern, daß sie nur der Veränderung wegen mit eingemischt sind und das Hauptwerk ganz und gar nicht vorstellen sollen. Run gebe ich sehr gerne zu, daß dergleichen Schauspiele in den Grenzen, welche man der Komödie zu setzen Pflegt, nicht mit begriffen-sind; allein es fragt sich, ob man nicht diese Grenzen um so viel erweitern müsse, daß sie auch jene Gattung dramatischer Gedichte mit in sich schlicssen können." Wenn dieses nun der Endzweck der Komödie verstattet, so ° Wenn der Endzweck der Komödie überhaupt eine anständige Gcmüths- crgötzung ist, und diese durch eine geschickte Nachahmung des gemeinen Lebens vcrschaft wird: so wrrdcn sich die verschiednm Formen der Komödie gar leicht erfinden und bestimmen lasse». Denn da es eine doppelte Art von menschlichen Handlungen giebt, indem einige Lachen, und andre ernstbaflcre Gemüthsbewegungen erwecken: so muß es auch eine doppelte Art von Komödie gcbcn, welche die Nachahmerin des gemeinen Lebens ist. Die eine muß zu Erregung des Lachens, und die andre zu Erregung crusthaflrcr Gemüths- bcwcgungm geschickt seyn. Und da es endlich auch Hcmdlungcn giebt, die in Betrachtung ihrer verschicdne» Theile, und in Ansehung der vcrschicdnc» Personen von welchen sie ausgeübt werden, beydes hervorzubringen fähig sind: so iilusi es auch eine vermischte Gattung von Komödien geben, von welcher der Lyclops des Euripides, und der Ruhmredige des Destouchcs sind. Dieses hat der jüngst in Denncmark verstorbene Hr. Prof. Schlegel/ ein Freund dessen Verlust ich nie genug bctauren kann, und ein Dichter der eine ewige Zierde der dramatischen Dichtkunst seyn wird, vollkommen wohl eingesehen. Man sehe was in den Anmerkungen zu der deutschen Uebcrse- «Ki^SM^i >- >l?M . 144 Theatralische Bibliothek. sehe ich nicht, warum es nicht erlaubt seyn sollte? Das Ansehen unsrer Vorgänger wird es doch nicht verwehren? ES wird doch kein Verbrechen seyn, dasjenige zu versuchen, was sie unversucht gelassen haben, oder aus eben der Ursache von ihnen abzugehen, aus welcher wir ihnen in andern Stücken zu folgen pflegen? Hat nicht schon Ho- ratiuS gesagt: Noo Minimum meruere lleeu8, vektigia groeea ^usi ckekereie. Wenn man keine andre Komödien machen darf, als solche, wie sie Aristophanes, plautus und selbst Terenz gemacht haben; so glaube ich schwerlich, daß sie den guten Sitten sehr zuträglich seyn, und mit der Denkuugsart unsrer Zeiten sehr übereinkommen möchten. Sollen wir deswegen ein Schauspiel, welches aus dem gemeinen Leben genommen und so eingerichtet ist, daß eS zugleich ergötze und unterrichte, als welches der ganze Endzweck eines dramatischen Stücks ist; sollen wir, sage ich, es deswegen von der Bühne verbannen, weil die Erklärung, welche die Alten von der Komödie gegeben haben, nicht völlig auf dasselbe passen will? Muß es deswegen abgeschmackt und ungeheuer seyn? In Dingen, welche empfunden werden, und deren Werth durch die Empfindung beurtheilet wird, sollte ich glauben, müsse die Stimme der Natur von größcrm Nachdrucke seyn, als die Stimme der Regeln. Die Regeln hat man aus denjenigen dramatischen Stücken gezogen, welche ehedem auf der Bühne Beyfall gefunden haben. Warum sollen wir uns nicht eben dieses Rechts bedienen können? Und wenn es, außer der alten Gattung von Komödie, noch eine andre giebt, welche gefällt, welche Beyfall findet, kurz welche ergötzt und nützt, übrigens aber die allgemeinen und unveränderlichen Regeln des dramatische» Gedichts nicht verletzet, sondern sie in der Einrichtung und Einthcilung der Fabel und in der Schilderung der menschlichen Gemüthsarten nnd Sitten genau beobachtet; warum sollten wir nns denn lieber darüber beklagen, als erfreuen wollen? Wenn diese Komödie, von der wir handeln, abgeschmackt wäre, glaubt man denn, daß ein so abgeschmacktes' Ding sich die Billigung, sowohl der Klugen tzimg der Schrift des Herrn Batteux, i-es beaux^rt« reSuit« » un mKms xriiieiii«, welche vor einiger Zeit in Leipzig herausgekommen, aus einer von seinen noch ungedruckten Abhandlungen/ über diese Materie angeführet worden. S. 316. ^ Abhandlung für das rührende Lustspiel. 145 als des Volks, crwcrbcn könne? Gleichwohl wissen wir, daß dergleichen Spiele, sowohl in Paris, als an andern Orten, mehr als einmal mit vielem Glucke aufgeführet worden, und gar leicht den Weg zu den Gemüthern der Zuhörer gefunden haben. Wenn nun also die meisten durch ein solches Schauspiel auf eine angenehme Art gerühret werden, was haben wir uns um jene wenige viel zu bekümmern, welche nichts dabey zu empfinden vorgeben? ° Es giebt Leute, welchen die lustige Komödie auf keine Art ein Genüge ihnt, uud gleichwohl Hort sie deswegen nicht auf, gut zu seyn. Allein, wird man sagen, es giebt uuter den so genannten rührenden Komödien sehr viel trockne, frostige und abgeschmackte. Wohl gut; was folgt aber daraus? Ich will ja nicht ein jedes armseliges Stück vertheidigen. Es giebt auch auf der andern Seite eine große Menge höchst ungereimter Lustspiele, von deren Verfassern man nicht sagen kann, daß sie die allgemeinen Regeln nicht beobachtet hätten; nur Schade, daß sie, mit dem Boilcau " zu reden, die Hauptrcgel uicht inne gehabt haben. Es hat ihnen nehmlich am Genie gefehlt. Uud wenn dieser Fehler sich auch bey den Verfassern der neuen Gattung von Komödie findet, so muß. man die Schuld nicht auf die Sache selbst legen. Wollen wir es aber gründlich ausmachen, was man ihr für einen Werth zugestehen müßte, so müssen wir sie, wie ich schon erinnert habe, nach der allgemeinen Absicht der dramatischen Poesie beurtheilen. Ohne Zweifel ist die Komödie zur Ergötzung erfunden worden; weil es aber keine kunstmäßige und anständige Ergötznng giebt, mit welcher nicht auch einiger Nutzen verbunden wäre, so läßt sich auch von der Ko- " Es scheint als ob man auf unsere Komödie dasjenige anwenden könne, was Cicero von dem Werth einer Rede gegen den Brutus behauptet, ra ilrlikex, sagt er, quill hu-leris »mnlius? Vl-Iecl^liir auüiens muIiUuUo >k? ilucilur vr-Uione t ilisnules? «ZauSet, aolet, riilel, xlvr-U, ksvet, »>Mt, conlemnit, jnviilel, »>! miseriUionem iulwoilur, scl pul!»ulino5 65 numeros <85 I>iMiIsvei'«z lalos; nimlurn pstieutor uti'umcjue llleam 8tulte) mirati. Vielleicht werden sich auch einmal welche finden, die uns darum tadeln, daß wir bey Aniichmung des rührenden Lustspiels, uns allzuun- leidlich, ich will nicht sagen, allzuhartnäckig erwiesen haben. So weit der Hr. Prof. Gellerc! Ich würde meinen Lesern wenig zutrauen, wenn ich nicht glaubte, daß sie es nunmehr von selbst wissen könnten, auf welche Seite die Wage den Ausschlag thue. Zch will zum Ucbcrflussc, alles, was man für und wider gesagt hat, in einige kurze Sätze bringen, die man auf einmal übersehen kann. Ich will sie so einrichten, daß sie, 152 Theatralische Bibliothek. wo möglich, alles Mißverständnis) heben, und alle schweifende Begriffe in richtige und genaue verwandeln. Anfangs muß man über die Erklärung der rührenden oder weinerlichen Komödie einig werden. Will mau eine solche darunter verstanden haben, welche hier und da rührende und Thränen auspressende Scenen hat; oder eine solche, welche aus nichts als dergleichen Scenen besteht? Meinet man eine, wo man nicht immer lacht, oder wo man gar nicht lacht? Eine, wo cdle Charaktere mit ungereimten verbunden sind, oder eine, wo nichts als edle Charaktere vorkommen? Wider die erste Gattung, in welcher Lachen und Rührung, Scherz und Ernst abwechseln, ist offenbar nichts einzuwenden. Ich erinnere mich auch nicht, daß man jemals darwicdcr etwas habe einwenden wollen. Vernunft und Beyspiele der alten Dichter vertheidigen sie. Er, der an Scherz und Einfällen der reichste ist, und Lachen zu erregen nicht selten Witz und Anständigkeit, wie man sagt, bey Seite gesetzt hat, Plantus hat die Gefangnen gemacht und, was noch mehr ist, dem Philemcm seinen Schau,, unter der Aufschrift iLrinnmmus abgcborgt. In beyden Stücken, und auch in andern, kommen Auftritte vor, die einer zärtlichen Seele Thränen kosten müssen. Zm Molicre selbst, fehlt es an rührenden Stellen nicht, die nur deswegen ihre völlige Wirkung nicht thun können, weil er uns das Lachen allzugewöhnlich macht. Was man von dem schlcinigcn Ucbcrgange der Seele von Freude auf Traurigkeit, und von dem unnatürlichen desselben gesagt hat; bctrift nicht die Sache selbst, sondern die ungeschickte Ausführung. Man sehe das Exempel, welches der Franzose aus dem Schauspiele, Simson, anführt. Freylich muß der Dichter gewisse Staffeln, gewisse Schattirungen beobachten, und unsre Empfindungen niemals einen Sprung thun lassen. Von einem Acusserstcn plötzlich aus das andre gerissen werden, ist ganz etwas anders, als von einem Aeusscrstcn allmälig zu dem andern gelangen. Es muß also die andre Gattung seyn, über die man hauptsächlich streitet; diejenige nehmlich, worinnc man gar nicht lacht, auch nicht einmahl lächelt; worinnc man durchgängig wcich gemacht wird. Und auch hier kan man eine doppelte Abhandlungen v. dein weincrl. oder rührenden Lustspiel. 153 Frage thun. Man kann fragen, ist ein solches Stück dasjenige, was man von je her unter dem Namen Komödie verstanden hat? Und darauf antwortet Hr. Geliert selbst Nein. Zst es aber gleichwohl ein Schauspiel, welches nützlich und für gewisse Dcnkungsartcn angenehm seyn kann? Za; und dieses kann der französische Verfasser selbst nicht gänzlich in Abrede seyn. Worauf kömmt es also nun noch weiter an? Darauf, sollte ich meinen, daß man den Grad der Nützlichkeit des neuen Schauspiels, gegen die Nützlichkeit der alten Komödie bestimme, und nach Maaßgcbung dieser Bestimmung entscheide, ob man beyden einerley Vorzüge einräumen müsse oder nicht? Ich habe schon gesagt, daß man niemals diejenigen Stücke getadelt habe, welche Lachen und Rührung verbinden; ich kann mich dicscr- wcgen unter andern darauf berufen, daß man den Destouckes niemals mit dem la Chaussee in eine Klasse gesetzt hat, und daß die hartnäckigsten Feinde des letzter», niemals dem erster» den Ruhm eines vortrcflichcn komischen Dichters abgesprochen haben, so viel edle Charaktere und zärtliche Scenen in seinem Stücke auch vorkommen. Za, ich getraue mir zu behaupten, daß nur dieses allein wahre Komödien sind, welche so wohl Tugenden als Laster, so wohl Anständigkeit als Ungereimtheit schildern, weil sie eben durch diese Vermischung ihrem Originale, dem menschlichen Leben, am nächsten kommen. Die Klugen und Thoren sind in der Welt untermengt, und ob es gleich gewiß ist, daß die erster» von den letztem an der Zahl übcr- troffcn werden, so ist doch eine Gesellschaft von lauter Thore», beynahe eben so unwahrscheinlich, als eine Gesellschaft von lauter Klugen. Diese Erscheinung ahmet das Lustspiel nach, und nur durch die Nachahmung derselben ist es fähig, dem Volke nicht allein das, was es vermeiden muß, auch nicht allein das, was es beobachten muß, sondern beydes zugleich in einem Lichte vorzustellen, in welchem das eine das andre erhebt. Man sieht leicht, daß ma» von diesen, wahre» u»d ciuigc» Wege auf eine doppelte Art abweiche» kann. Der einen Abweichung hat man schon längst den Namen des Posscnspiels gegeben, dessen charakteristische Eigenschaft dariime besteht, daß es nichts als Laster und Ungereimtheiten, mit keinen andern als solchen Zügen 154 Theatralische Bibliothek. schildert, welche zum Lache» bewege», es mag dieses Lachen »u» ein nützliches oder ein sinnloses Lachen seyn. Edle Gesinnungen, ernsthafte Leidenschaften, Stellungen, wo sich die schöne Natur in ihrer Stärke zeigen kann, bleiben aus demselben ganz und gar weg; und wenn es ausserdem auch noch so regelmäßig ist, so wird es doch in den Augen strenger Kunstrichtcr dadurch noch lange nicht zu einer Komödie. Worinne wird also die andre Abweichung bestehen? Ohnfchlbar darinne, wenn man nichts als Tugenden und anständige Sitten, mit keinen andern als solchen Zügen schildert, welche Bewunderung und Mitleid erwecken, beydes mag nun einen Einfluß auf die Bcßrung der Zuhörer haben können, oder nicht. Lebhafte Satyre, lächerliche Ausschweifungen, Stellungen, die den Narren in seiner Blöße zeigen, sind gänzlich aus einem solchen Stücke verbannt. Und wie wird man ein solches Stück nennen? Jedermann wird mir zuruffcn: das eben ist die weinerliche Komödie! Noch einmal also mit einem Worte; das Possenspiel will nur zum Lachen bewegen; das weinerliche Lustspiel will nur rühren; die wahre Romövie will beydes. Man glaube nicht, daß ich dadurch die beyden erster» in eine Klasse setzen will; es ist noch immer der Unterscheid zwischen beyden, der zwischen dem Pöbel und Leuten von Stande ist. Der Pöbel wird ewig der Beschützer der Possenspiclc bleiben, und unter Leuten von Stande wird es immer gezwungne Zärtlinge geben, die den Ruhm empfindlicher Seelen auch da zu behaupten suchen, wo andre ehrliche Leute gähnen. Die wahre Komödie allein ist für das Volk, und allein fähig einen allgemeinen Beyfall zu erlangen, und folglich auch einen allgemeinen Nutzen zu stiften. Was sie bey dem einen nicht durch die Schahm erlangt, das erlangt sie durch die Bewunderung; und wer sich gegen diese verhärtet, dem macht sie jene fühlbar. Hieraus scheinet die Regel des Contrasts oder der Absteckung, geflossen zu seyn, vermöge welcher man nicht gerne eine Untugend aufführt, ohne ihr Gegentheil mit anzubringen; ob ich gleich gerne zugebe, daß sie auch darinne gegründet ist, daß ohne sie der Dichter seine Charaktere nicht wirksam genug vorstellen könnte. Dieses nun, sollte ich meinen, bestimme den Nutzen der Abhandlungen v> dem wcinerl. oder rührenden Lustspiele. 165 weinerlichen Komödie genau gcmig. Er ist nehmlich nur die Hälfte von dem Nutzen, den sich die wahre Komödie vorstellet; und auch von dieser Hälfte geht nur allzuoft nicht wenig ab. Zhre Zuschauer wollen ausgesucht seyn, und sie werden schwerlich den zwanzigsten Theil der gewöhnlichen Komödicngängcr ausmachen. Doch gesetzt sie machten die Helftc derselben aus. Die Aufmerksamkeit, mit der sie zuhören, ist, wie es der Herr Prof. Gellere selbst an die Hand giebt, doch nur ein Kompliment, welches sie ihrer Eigenliebe machen; eine Nahrung ihres Stolzes. Wie aber hieraus eine Bcßrung erfolgen könne, sehe ich nicht ein. Zeder von ihnen glaubt der edlen Gesinnungen und der großmüthigen Thaten, die er siehet und höret, desto eher fähig zu seyn, je weniger er an das Gegentheil zu denken, und sich mit demselben zu vergleichen Gelegenheit findet. Er bleibt was er ist, und bekömmt von den guten Eigenschaften weiter nichts, als die Einbildung, daß er sie schon besitze. Wie steht es aber mit dem Namen? Der Name ist etwas sehr willkührlichcs, und man könnte unserer neuen Gattung gar wohl die Benennung einer Komödie geben, wenn sie ihr auch nicht zukäme. Sie kömmt ihr aber mit völligem Recht zu, weil sie ganz und gar nicht etwas anders als eine Komödie, sonder bloß eine Untergattung der Komödie ist. Ich wicdcrhohle es aber noch einmal, daß dieses alles nur auf diejenigen Stücke gehet, welche völlig den Stücken des la Chanssee ähnlich sind. Ich bin weit entfernt, den Herrn Geliert für einen eigentlichen Nachahmer desselben auszugeben. Ich habe beyde zu wohl gelesen, als daß ich in den Lustspielen des letztem, nicht noch genug lächerliche Charaktere und satyri- schc Züge angetroffen haben sollte, welche aus den Lustspielen des erstem ganz nnd gar verwiesen sind. Die rührenden Scenen sind bey dem Herrn Geliert nur die meisten; und ganz und gar nicht die einzigen. Wer weis aber nicht, daß das mehrere oder wenigere, wohl die vcrschicdnc Gemüthsart der Verfasser anzeigt, nicht aber einen wesentlichen Unterscheid ihrer Werke ausmacht? Mehr braucht es hoffentlich nicht, meine Meinung vor aller Mißdeutung zu sichern. -.^".'5.H>ZM I 166 Theatralische Bibliothek. II. Leben des Herrn Jacob Thomson. Thomson ist auch in Deutschland als cm großer Dichter nicht unbekannt. Seine Iahrszeiten sind von denen, welche ihn in seiner Sprache nicht lesen können, in der Uebcrsctzung des Herrn Zörockcs bewundert worden, so viel sie auch von ihrer Schönheit darinnc vcrlohrcn haben. Vor einiger Zeit haben wir auch eine Übersetzung seines Agamemnons erhalten, deren ich weiter unten mit mchrcrn gedenken werde. Es wäre schlecht, wenn beydes seine Leser nicht sollte begierig gemacht haben, nähere Umstände von dem Verfasser zu wissen. Man erlaube mir also, daß ich mir schmeicheln darf, ihnen durch die Mittheilung derselben einen Gefallen zu erzeigen. Es wird nöthig seyn vor allen Dingen meine Quelle anzuzeigen. Diese sind die Lebensbeschreibungen der Dichter Großbritanniens und Irrlands," welche im vorigen Zahre in fünf Duodezbändcn zu London herauskamen. Es haben verschiedene daran gearbeitet, der vornehmste Verfasser aber, der auf dem Titel gcncnnr wird, ist Herr Libber, welcher auch die Leben der berühmtesten Schauspieler und Schauspielerinnen Englands heraus gegeben hat.""' Aus diesem Werke also, welches Lobsprüche genug erhalten hat, will ich dasjenige ziehen, was den Herrn Thomson angehet, und zwar vornehmlich von der Seite eines theatralischen Dichters betrachtet. Jacob Thomson war der Sohn eines Geistlichen der Schottischen Kirche, in dem Prcsbyteriatc von Iedburgh. Er ward an eben dem Orte gcbohrcn, wo sein Vater Prediger war, und zwar im Anfange des jetzigen Jahrhunderts. Seine erste Erziehung genoß er in einer Privatschulc der dasi- gcn Gegend. Zn seinen ersten Jahren zeigte er so wenig ein besonders Genie, daß ihm vielmehr sein Lehrmeister, und alle die mit seiner Erziehung zu thun hatten, kaum die gewöhnlichsten und schlechtesten Gaben zutrauten. ° riie I^ives ok Nie ?oel» ok kreat vrilsin sntl Irelnntl, >i> Nr. kill- »er ninl einer U»»>1s. "° Vlie I.ives ninl klikrselers of Ine molt eminent.^clors And ^elref- ses »k Kre»I vriliun tuill Irel-uu!, frum Slialiekvem lo Ine nrelent rime 6üc. II. Leben des Herrn Jacob Thomson. 167 Als er auf gedachter Schule die lateinische und griechische Sprache lernte, besuchte er oft einen Geistlichen, dessen Kirchspiel mit dem Kirchspiele seines Vaters in eben demselben Prcs- bytcriate lag. Es war dieses der Herr Rickenon, ein Mann von so besondern Eigenschaften, daß sehr viel Leute von Einsicht, und Herr Thomson selbst, welcher mit ihm umging, erstaunten, so große Verdienste an einem dunkeln Orte auf dem Lande vergraben zu sehen, wo er weder Gelegenheit hatte sich zu zeigen, noch sonst mit Gelehrten umzugehen, außer etwa bey den periodischen Zusammenkünften der Geistlichen. Ob nun schon der Lehrmeister unsers Thomsons seinen Schüler kaum mit einem sehr geringen Verstände begabt zu seyn glaubte, so konnte sich doch den Augen des Hrn. Rickerron dessen Genie nicht entziehen. Er bemerkte gar bald eine frühzeitige Neigung zur Poesie bey ihm, wie er denn auch nach der Zeit noch verschicdne von den ersten Versuchen, die Hr. Thomson in dieser Provinz gemacht hatte, aufhob. Ohne Zweifel nahm unser junge Dichter, durch den fernern Umgang mit dem Hrn. Rickerton sehr zu, welcher ihm die Liebe zu den Wissenschaften einflößte. Und die Einsicht in die natürliche und sittliche Philosophie, welche er hernach in seinen Werken zeigte, hatte er vielleicht nur den Eindrücken dieses Gelehrten zu danken. So wenig nun aber Hr. Rickerton den jungen Thomson für einen Menschen ohne alle Gabe hielt, sondern vielmehr ein sehr feines Genie an ihm wahrnahm: so hätte er sich doch, wie er oft selbst gestanden, niemals eingebildet, daß er es so weit bringen und auf eine so erhabne Staffel unter den Dichtern gelangen sollte. Als er daher zuerst Thomsons Minrcr zu sehen bekam, welches in einem Buchladcn zu Edinburgh geschah, er- stauncte er ganz, und ließ, nachdem er die ersten Zeilen desselben, welche nicht erhabener seyn könnten, gelesen hatte, das Buch vor Verwundrung und Entzücken aus den Händen fallen. Nachdem Hr. Thomson die gewöhnliche Zeit mit Erlernung der todten Sprachen auf der Schule zugebracht, ward er auf die Universität nach Ädinburg geschickt, wo er seine Studien enden und sich zu dem geistlichen Amte tüchtig machen sollte. ' ' ' ^' ^ ' ^'-^-Z^ - _ 158 Theatralische Bibliothek. Hier machte er eben so wenig als auf der Schule eine grosse Figur; seine Mitschüler dachten sehr verächtlich von ihm, und die Lehrer selbst, unter welchen er stndirtc, hatten keinen bessern Bcgrif von seiner Fähigkeit, als ihre Untergebenen. Nachdem er endlich die philosophischen Klassen durchgegangen war, ward er als ein Candidat des h. Prcdigtamts, in das theologische Kollegium aufgenommen, in welchem die Studierenden sechs Zahr verziehen müssen, ehe sie ihre Probe ablegen dürfen. Er war zwey Zahr in diesem theologischen Collcgio, dessen Professor damals Hr. William -Hamillon als ihm von diesem eine Rede über die Macht des höchsten Wesens auszuarbeiten, aufgetragen ward. Als es seine Mitschüler erfuhren, hielten sie sich nicht wenig über die schlechte Bcurthcilungskraft des Professors auf, eine so fruchtbare Materie einem jungen Menschen aufzugeben, von dem man sich ganz und gar nichts versprechen konnte. Doch als Herr Thomson seine Rede ablegte, fanden sie Ursache, sich ihre eigene schlechte Beurthcilungs- kraft vorzuwerfen, daß sie einen Menschen verachtet hatten, der dem größten Genie unter ihnen überlegen war. Diese Rede war so erhaben, daß sowohl der Professor als die Studierenden, welche sie halten hörten, darüber erstaunten. Sie war in reimlosen Versen abgefaßt, welches aber Hr. -Hamilton daran aussetzte, weil es sich zu dieser Materie nicht schicke. Verschicdnc von den Mitgliedern des Collegii, welche ihm den durch diese Rede erlangten Ruhm nicht gönnten, glaubten, er müßte einen gelehrten Dicbstahl begangen haben, und gaben sich daher alle Mühe, ihn zu entdecken. Doch ihr Nachforschen war vergebens, und Hr. Thomson blieb in dem unverkürzten Besitze seiner Ehre, so lange er sich auf der Universität aufhielt. Man weis eigentlich nicht, warum Herr Thomson den Vorsatz, in das heilige Prcdigtamt zu treten fahren ließ. Vielleicht glaubte er, dieser Stand sey zu strenge, als daß er sich mit der Freyheit seiner Neigung vertragen könne; vielleicht fühlte er sich auch selbst und glaubte, daß er sich, in Ansehung seiner Gaben, auf etwas grössers Rechnung machen könnte, als ein Prcsbytcrianischcr Geistlicher zu werden: denn selten pflegt sich ein grosses Genie mit einer dunkeln Lebensart, und mit einer II. Leben des Herr» Jacob Thomson. jährlichen Einkunst von sechzig Pfund in dem entfernten Winkel einer schlechten Provinz, zu begnügen, welches doch gewiß das Schicksal des Herrn Thomson gewesen wäre, wenn sich seine Absichten nicht über die Sphäre eines Predigers der schottischen Kirche erstreckt hätten. Nachdem er also alle Gedanken auf den geistlichen Stand aufgegeben hatte, so war er mit mehr Sorgfalt darauf bedacht, sich zu zeigen und sich Gönner zu erwerben, die ihm zu einer vorthcilhaftcn Lebensart bchülflich seyn könnten. Weil aber der Theil der Welt, wo er sich jctzo befand, ihm ganz und gar keine Hofnung hierzu machen konnte, so fing er an, sein Augenmerk auf die Hauptstadt zu richten. Das erste Gedicht des Hrn. Thomsons, welches ihm einiges Ansehen bey dem Publico erwarb, war sein Ivimer, dessen schon gedacht worden; doch hatte er auch schon wegen vcr- schiedner andern Stucke, noch ehe er sein Vaterland verließ, den Beyfall deren, welchen sie zu Gesichte gekommen waren, erhalten. Er machte eine Paraphrastn über den 104ten Psalmen, welche er seinen Freunden abzuschreiben erlaubte, nachdem sie vorher von dem Hrn. Rickerton war gcbilligct worden. Diese Paraphrasis kam endlich durch vcrschiedne Wege in die Hände des Hrn. Auditor Zdenson, welcher seine Verwunderung darüber entdeckte, und zugleich sagte, wenn der Verfasser in London wäre, so würde es ihm schwerlich an einer seiner Verdienste würdigen Aufmunterung mangeln. Diese Anmerkung ward dem Hrn. Thomson durch einen Brief mitgetheilt, und machte einen so starken Eindruck bey ihm, daß er seinen Aufenthalt in der Hauptstadt zu nehmen, bescheinigte. Er machte sich alsobald nach Nervcastle, wo er zu Schiffe ging, und in Villinsgare anlandete. Als er angekommen war, ließ er seine unmittelbare Sorge seyn, den Herrn Mallet, seinen ehemaligen Schulkameraden zu besuchen, welcher jctzo in-Hannover-Square lebte, und zwar als Hosmeister bey dem Herzoge von Monrrose und seinem verstorbnen Bruder dem Lord Graham. Ehe er aber in Hannover-Square anlangte, begegnete ihm ein Zufall, der ein wenig lächerlich ist. Er hatte von einem vornehmen Manne in Schottland Empfehlungsschreiben an vcrschiedne 160 Theatralische Bibliothek. Standespcrsoncn in London mitbekommen, die er sehr sorgfältig in sein Schnupftuch eingewickelt hatte. Als er nun durch die Gassen schlenderte, konnte er die Grösse, den Reichthum und die vcrschicdncn Gegenstände, die ihm alle Augenblicke in dieser berühmten Hauptstadt vorkamen, nicht genug bewundern. Er blieb oft stehen, und sein Geist war mit diesen Scenen so erfüllt, daß er auf das beschäftigte Gcdrcngc um sich herum wenig Achtung gab. Als er nun endlich den Weg nach -Hannover-Scmare, in einer zehnmal längern Zeit, als er ordentlich nöthig gehabt hätte, zurück gelegt hatte, und daselbst ankam, fand er, daß er seine Ncugicrdc habe bezahlen müssen; man hatte ihm nehmlich das Schnupftuch aus dem Schupsackc gezogen, in welches die Briefe eingewickelt waren. Dieser Zufall würde einem, der weniger philosophisch gewesen wäre, als Hr. Thomson, sehr empfindlich gewesen seyn; doch er lächelte darüber, und brachte hernach oft selbst seine Freunde durch die Er- zehlung desselben zum lachen. Es ist natürlich, daß Hr. Thomson, nach seiner Ankunft in die Stadt, vcrschicdncn von seinen Bekannten das Gedichte auf den Minter zeigte. Es bestand Anfangs aus abgerissenen Stücken und gelegentlichen Beschreibungen, die er auf des Hrn. XNallets Rath hernach in ein Ganzes zusammenbrachte. So vielen Beyfall es nun auch etwa fand, so wollte es ihm doch zu keiner hinlänglichen Empfehlung bey seinem Eintritt? in die Welt dienen. Er hatte den Verdruß, es vcrschicdncn Buchhändlern vergebens anzubiethen, welche die Schönheit desselben ohne Zweifel nicht zu beurtheilen vermochten, noch sich eines unbekannten Fremdlings wegen, dessen Name keine Anpreisung seyn konnte, in Unkosten setzen wollten. Endlich both es Hr. Malltt dem Hrn. Millan, jetzigen Buchhändler in Lhanng- croß an, der es auch ohne Umstände übernahm, und drucken ließ. Eine Zeitlang glaubte Hr. XNillan sehr schlecht gefahren zu seyn; es blieb liegen und nur sehr wenige Exemplare wurden davon verkauft, bis endlich die Vortrcflichkcit desselben durch einen Zufall cntdeckt ward. Ein gewisse» Herr Wharley, ein Mann von einigem Geschmacke in den Wissenschaften, der aber die Bewunderung alles dessen, was ihm gefiel, bis zum Enthu- Leben des Herrn Jacob Thomson. 161 siasmus übertrieb, warf ungefehr die Augen darauf; und weil rr vcrschicdncs fand, was ihn vergnügte, so las er es ganz durch und erstaunte nicht wenig, daß ein solches Gedicht eben so unbekannt, als sein Verfasser sey. Er erfuhr von dem Buchhändler die jczt gedachten Umstände, und in der Entzückung ging er von einem Kaffchause auf das andre, posaunte die Schönheiten seines Dichters aus, und both alle Leute von Geschmack auf, eines von den größten Genies, die jemals erschienen wären, aus seiner Dunkelheit zu retten. Dieses Verfahren hatte eine sehr glückliche Wirkung; die ganze Auflage ward in kurzer Zeit verkauft, und alle, die das Gedichte lasen, glaubten den Hrn. Ulharley keiner Uebertreibung beschuldigen zu dürfen, weil sie es selbst so vortrcflich fanden, daß sie sich glücklich schätzten, einem Manne von solchen Verdienste Gerechtigkeit wicdcrfahren zulassen. Das Gedicht auf den Winter ist ohne Zweifel das am meisten vollendete und zugleich das mahlerischste von seinen Zahrszcitcn. Es ist voll grosser und lebhafter Scenen. Die Schöpfung scheinet in dieser Zahrszcit in Trauer zu seyn, und die ganze Natur nimmt eine melancholische Bildung an. Eine so poetische Einbildungskraft, als des Thomsons seine war, konnte also keine andre, als die grauscstcn und schrecklichsten Bilder darbiethen, welche die Seele mit einem fcycrlichcn Schauer über die Dünste, Stürme uns Molken, die er so schön schildert, erfüllen. Die Beschreibung ist die eigene Gabe des Thomsons; wir zittern bey seinem Donner im Sommer; wir frührcn bey der Kälte seines Winters; wir werden erquickt, wenn sich die Natur bey ihm erneuert, und der Frühling seinen angenehmen Einfluß empfinden läßt. Eine kleine Anekdote ist hier mitzunehmen. Sobald der U?imcr gedruckt war, schickte Hr. Thomson seinem Landsmanne und Brudcr in Apollo, dem Hrn. Joseph Mirchel ein Exemplar zum Geschenke. Dieser fand sehr wenig darinnc, was nach seinen Gedanken zu billigen wäre, und schickte ihm folgende Zeilen zu: Loautios kmcl laults to tlncli lic- teatter'll Iiere, l'nol'o i coulä resä, ik tnvle ,vere oot so riear. Lessings Werke IV. 11 Theatralische Bibliothek. 0. i. Schönheiten und Fehler liegen hier sehr dicke unter einander. Ick könnte >ene gelesen haben, wenn diese ihnen nicht so nahe roarcn. Hr. Thomson antwortete hierauf ans dem Stegreife: >Vnz? sll not laults, in^nnous Alitoüoll? ^vn)- ^ppvars onv de-iut^ tn tli^' I>IaKcslc, nnll all i ,va»t lrom tkoe. 0. i. IVarum siehest du nicht überall Fehler, ehrenrühriger Mitchcll? Marnm entdeckt sich deinem verdorbenen Auge auch einige Schönheit? N'och eine ungerechtere Verdammung, roenn es eine ungerechtere giebt, ist alles, roas ich von dir verlange, und alles roas ich von dir crroarte- Auf die Vorstellung, die ein Freund dem Hrn. Thomson that, daß man den Ausdruck lil-iktocl (verdorbenes Auge) für eine persönliche Anzüglichkeit annehmen könnte, weil Herr XNitchcll wirklich dieses Unglück hatte, änderte er das Beywort nlattc-ä in dlastinF. (verderbend.) Weil der Winter einen so allgemeinen Beyfall fand, so ward Herr Thomson, besonders auf das Amathen des Herrn XNallet bewogen, auch die andern drey Zahrszcitcn auszuarbeiten, mit welchen es ihm eben so wohl glückte. Die, welche davon zuerst ans Licht trat, war der -Herbst; hierauf folgte der Frühling und endlich der Sommer. Von jedem dieser vier Stücke, als ein besonders Gedicht betrachtet, hat man gcurthcilct, daß es in Ansehung des Plans fehlerhaft sey. Nirgends zeigt sich ein besonderer Zweck; die Theile sind einer den andern nicht untergeordnet; man bemerkt unter ihnen weder Folge noch Verbindung: doch dieses ist vielleicht ein Fehler der von einer so abwechselnden Materie untrennbar war. Genug, daß er sich keiner Unfüglichkcit schuldig gemacht, sondern durchgängig lauter solche Scenen geschildert hat, die jeder Jahrszcit besonders zukommen. Was den poetischen Ausdruck in den Zahrszcitcn anbelangt, so ist dicscr dcm Herrn Thomson gänzlich cigcn: er hat eine Mcngc zusammengesetzter Worte eingeführt, Nennwörter in Zeitwörter verwandelt, und kurz, cinc Art einer neuen Sprache ge- »». ^ » » ^-v. Lcbcn des Herrn Jacob Thomson. 163 schaffen. Man hat seine Schreibart als sonderbar und steif getadelt, und wenn man dieses auch schon nicht gänzlich leugnen kann, so muß man doch zugestehen, daß sie sich zu den Beschreibungen vortrcflich wohl schicket. Der Gegenstand, den er mahlet, stehet ganz vor uns, und wir bewundern ihn in allem seinen Lichte; wer wollte aber eine natürliche Seltenheit nicht lieber durch ein Vergrößerungsglas, welches alle kleine Schönheiten desselben zu entdecken fähig ist, betrachten, ob es gleich noch so schlecht gefaßt ist, als durch ein anders, welches zu dieser Absicht nichts taugt, aber sonst mit vielen Zicrathcn versehen ist? Thomson ist in seiner Manier ein wenig steif; aber seine Manier ist neu; und es ist niemals ein vorzügliches Genie aufgestanden, welches nicht seine eigene Weise gehabt hätte. So viel ist wahr, daß sich die Schreibart des Herrn Thomsons zu den zärtlichen Leidenschaften nicht allzuwohl schickt, welches man näher einsehen wird, wenn wir ihn bald als einen dramatischen Dichter betrachten werden; eine Sphäre, in welcher er zwar sehr, aber doch nicht so sehr, als in andern Gattungen der Dichtkunst geglänzct hat. Die Bortreflichkcit dieser Gedichte hatte unserm Verfasser die Bekanntschaft vcrschicdncr Personen erworben, die theils wegen ihres vornehmen Standes, theils wegen ihrer erhabnen Talente berühmt waren. Unter den letzten? befand sich der D- Rundle, nachhcrigcr Bischof von Derry, welchem der Geist der Andacht, der überall in den Zahrszcitcn hcrvorstrahlct, so wohl gefallen hatte, daß er ihn der Freundschaft des verstorbenen Kanzlers Talbot empfahl, der ihm die Aufsicht überfeinen ältesten Sohn anvertraute, welcher sich eben zu seiner Reise nach Frankreich und Italien fertig machte. Mit diesem jungen Edclmannc hielt er sich drey Jahr lang in fremden Ländern auf, wo er ohne Zweifel seinen Geist durch die vortrefflichen Denkmähler des Alterthums, und durch den Umgang mit gelehrten Ausländern bereicherte. Die Vcrglcichung die er zwischen dem neuen Italien und dem Begriffe anstellte, den er von den alten Römern hatte, brachte ihn ohne Zweifel auf den Einfall seine Freyheit, in drey Theilen zu schreiben. Der erste Theil enthält die Vcrglcichung" des alten und neuen 11" 164 Theatralische Bibliothek. Italiens; der zweyte Griechenland, nnd der dritte Britannien. Das ganze Werk ist an den ältesten Sohne des Lord Talbots gerichtet, welcher im Zahre 1734. auf seinen Reisen starb. Unter den Gedichten des Herrn Thomsons findet sich auch eines zum Andenken des Isaac Newtons, von welchem wir nichts mehr sagen wollen, als dieses, daß.er durch dieses Stück allein, wenn er auch sonst nichts mehr geschrieben hätte, eine vorzügliche Stelle unter den Dichtern würde verdient haben. Um das Zahr 1728. schrieb Herr Thomson ein Gedicht, welches er Vritannia nennte. Sein Vorsatz war darinne, die Nation zu Ergreifung der Waffen aufzumuntern, und in den Gemüthern des Volks eine edle Neigung anzuflammcn, das von den Spaniern erlittene Unrecht zu rächen. Dieses Gedicht ist bey weiten nicht eines von seinen besten. Auf den Tod seines großmüthigen Beförderers des Lord Talbots, welchen die ganze Nation mit dem Herrn Thomson zugleich aufrichtig bctaucrie, schrieb er eine Elegie, welche ihrem Verfasser, und dem Andenken des großen Mannes, den er darinne gepriesen hatte, Ehre machte. Er genoß, bey Lebzeiten des Kanzler Talbots, eine sehr einträgliche Stelle, die ihm dieser würdige Patriot als eine Belohnung für die Mühe, den Geist seines Sohnes gebildet zu haben, zugetheilt hatte. Nach seinem Tode behielt der Nachfolger desselben diese Stelle dem Hrn. Thomson vor, und wartete nur darauf, bis dieser zu ihm kommen, und durch Beobachtung einiger kleinen Formalitäten, sie in Besitz nehmen würde. Doch dieses versäumte der Dichter durch eine unverantwortliche Nachläßigkeit, so daß zuletzt seine Stelle, die er ohne viele Mühe länger hätte behalten können, einem andern zufiel. Unter die letzten Werke des Hrn. Thomsons gehöret seine Burg vcr Trägheit, (l^iMk- ol' Inllolonev) ein allegorisches Gedicht von so ausscrordcnllichcn Schönheiten, daß man nicht zu weit geht, wenn man behauptet, dieses einzige Stück zeige mehr Genie und poetische Bcurthcilungskraft, als alle seine andern Werke. Es ist in dem Stile des Spencers geschrieben, welchen die Engländer in den allegorischen Gedichten eben so nachahmen, als die Franzosen den Stil des Marots in den Erzch- lungen und Siimschriften. Leben des Herrn Jacob Thomson. 165 Es ist nunmchr Zeit den Hrn. Thomson auf derjenige» Seite zu betrachten, welche mit unsrer Absicht eine nähere Verwandtschaft hat; nehmlich auf der Seite eines dramatischen Dichters. Zm Zahre 1730, ungefehr in dem sechsten Zahre seines Aufenthalts in London, brachte er seine erste Tragödie, unter dem Titel Sophonisbe, auf die Bühne, die sich auf die Kar- thaginensische Geschichte dieser Prinzcßin gründet, welche der bekannte Natbanael A.ee gleichfalls in ein Trauerspiel gebracht hat. Dieses Stück ward von dem Publico sehr wohl aufgenommen. Die Mad. Glöfield that sich in dem Eharactcr der Sophonisbe ungcmcin hervor, welches Hr. Thomson selbst in seiner Vorrede gestehet. „Ehe ich schliesst, sagte er, muß ich „noch bekennen, wie sehr ich denjenigen, welche mein Trauerspiel vorgestellt haben, verbunden bin. Sie haben in der „That mir mehr als Gerechtigkeit wicdcrfahrcn lassen. Was ich „deM Masinissa nur liebenswürdiges und einnehmendes gegeben „hatte, alles dieses hat Hr. Milk vollkommen ausgedrückt. Auch „die Mad. GlöfielS hat ihre Sophonisbe unverbesserlich gespielt; schöner als es der zärtlichste Eigensinn eines Verfassers „verlangen, oder sich einbilden kann. Der Reiß, die Würde „und die glückliche Abwechslung aller ihrer Stellungen und Belegungen hat den durchgängigsten Beyfall erhalten, lind ihn „auch mehr als zu wohl verdient. Bey der ersten Vorstellung dieses Trauerspiels fiel eine kleine lächerliche Begebenheit vor. Hr. Thomson läßt eine von seinen Personen gegen die Sophonisbe folgende Zeile sagen: G Sophonisbe, Sophonisbe V! Diese Worte waren kaum ausgesprochen, als ein Spötter aus dem Parterre laut schrie: O Iacob Thomson, Iaeob Thomson Die fürchterlichste Stille Umschloß mich mm, die bloß das brausende Geräusch Der nimmer müden Fluth mit einem Laut durchbrach. Bisweilen bließ ein Wind durch den betrübten Wald, Und seufzte fast wie ich. Hier setzt ich mich im Schatten, Mit einem Kummer hin, den ich »och nicht gefühlt, Uud klagte mir den Gram. Die Muse die die Wälder Bewohnt, und (ich weis nicht ob fast aus gleichem Triebe Als wir?) die Menschen sucht, sang über meinem Haupte Theatralische Bibliothek. Ihr unvergleichlichs Lied; ihr klagend schöner Ton Betrog mich fast, als ob sie meine Noth besänge. Ich hört ihr traurig zu, und dichtete ein Lied Zu ihrem Ton, bis das? der Schatten sein Geschenk, Das er dem ärmsten giebt, den angenehmen Schlummer Mir gönncte. Sobald das frühe Morgenroth Der Vögel Dank empfing, so weckte mich ihr Lied; Das Auge schloß sich auf: vermissend suchte eS Den alten Gegenstand, und fand doch nichts als Wellen Darauf der Himmel lag, und hinter mir den Fels lind einen grausen Wald. In einem Augenblick, Indem ich mich vergaß, entzückte mich das Schrecken; Ich schien mir nicht mehr Ich. Doch eben so geschwind War dieser Traum vorbey, mein nagendes Gedächtniß Erneurte meine Noth - - Ich habe mich nicht enthalten können, diese Stelle abzuschreiben; und zwar nach der obgedachtcn Übersetzung. Sie ist in Göttingcn im Zahr 17Z0 auf 7 Bogen in Octav ans Licht getreten. Ihren Urheber weis ich nicht zu nennen; zwar könnte ich mit einem vielleicht angezogen kommen; doch dieses vielleicht könnte sehr leicht falsch seyn. Wie man wird gemerkt haben, so ist sie, gleich dem englischen Originale, in reimlosen Versen abgefaßt. Nur bey der Rolle der Cassandra ist eine Ausnahme beobachtet worden; als eine Prophetin redet diese in Reimen, um sich von den übrigen Personen zu unterscheiden. Der Einfall ist sehr glücklich; und er würde gewiß die beste Wirkung von der Welt thun, wann wir uns nur Hosnung machen durften, diese Ucbcrsctzung auf einer deutschen Bühne aufgeführt zu sehen. Sie ist, überhaupt betrachtet, treu, flicsscnd und stark. Zhr Verfasser aber gestehet, daß er die zweyte Hand nicht daran habe legen können, sondern daß er den ersten Entwurf dem Drucker ohne Abschrift habe ausliefern müssen. Diesem Umstände also müssen wir nothwendig einige kleine Versehen zuschreiben, die ich vielleicht schwerlich würde gemerkt haben, wenn ich nicht ehmals selbst an einer Vcr- dolmctschung dieses Trauerspiels gearbeitet hätte.") Zum Exempel; °) Diese Übersetzung, in Prosa, bis in den fünfte» Auftritt des zweite» Auszugs fortgeführt, befindet sich in dem Brcslauischcn Lvnvolute, Leben des Herrn Jacob Thomson. 169 in der ersten Scene des ersten Auszuges werden die Worte Zive» w tiie Leatts a ?ivy, vr wilder tamine übersetzt: Sich gab ich den Thieren Preis:'ihr wilder -Hunger hat langst meinen Freund verdauet. Ich will hier nicht erinnern, daß zwar Aegisthus aber nicht Rlytemnestra den Melisander auf die wüste Insel setzen lassen; auch nicht daß der Ausdruck, der wilde -Hunger der Thiere hat ihn schon langst verdaur, der schönste nicht sey: sondern nur dieses muß ich anmerken, daß wlläer f-imino gar nicht auf Leatts gehet, und daß der Dichter die Äh'temnestra eigentlich sagen läßt: entweder die Thiere haben ihn umgebracht, oder er hat verhungern müssen. Auch gewisse kleine Zusätze würde der Verfasser hoffentlich ausgcstrichcn, und einige undeutschr, wenigstens nicht allen verständliche Worte mit gewöhnlichern vertauscht haben, wenn ihm eine Ucbcrschung seiner Arbeit wäre vergönnt gewesen. Zum Exempel, am Ende des zweyten Auftritts im ersten Auszüge, giebt er die Worte: svä as a tZreolc rogo'io'ä me sehr gut und poetisch durch: es schwoll mein treu und griechisch -Herz; allein der Anhang, den er dazu macht, und drohere dem überwundnen Troja, taugt gar nichts. Der Engländer schildert seine Person, als einen Mann, der sich über die Siege seines Vaterlands erfreut; der Uebcrsctzcr aber bildet ihn durch den beygefügten Zug als einen Poltron. Denn was kann das für eine Tapferkeit seyn, einer übcrwundncn Stadt zu drohen? - Zur Probe der undeutlichen Worte berufe ich mich auf das Wort Brandung in der angeführten Stelle. - - Doch ich bekenne es nochmals, alles dieses sind Kleinigkeiten, die ich vielleicht gar nicht einmal hätte anführen sollen. Wo das meiste glänzt, da ward auch -Hora; durch wenige Flecken nicht beleidiget. Wollen wir cckcler seyn als -Hora;? Ich komme wieder zu unserm Dichter selbst. Zm Zahr 173K. both Herr Thomson der Bühne ein Trauerspiel an, unter dem Titel Edward und Lleonora, dessen Vorstellung aber, aus politischen Ursachen, welche nicht bekannt geworden, untersagt wurde. Zm Zahr 1744 ward sein Tancred und Sigismunda aufgeführt; welches Stück glücklicher ausfiel, als alle andre Stücke des Thomsons, und noch jczt gespickt wird. Die Anlage dazu 170 Theatralische Bibliothek. ist von einer Begebenheit in dem bekannten Roman des Gil Blas geborgt. Die Fabel ist ungcmcin anmuthig; der Charaktere sind wenige, aber sie werden alle sehr wirksam vorgestellt. Nur den Charakter des Seffreöi hat man mit Recht als mit sich selbst strcutcnd, als gezwungen und unnatürlich getadelt. Auf Befehl Sr. Köuigl. Hoheit des Prinzen von Wallis verfertigte Herr Thomson, gemeinschaftlich mit dem Herrn Maller, die Maske Scs Alfred, welche zwcymal in dem Garten Sr. Hoheit zu Clisfden aufgeführet ward. Nach dem Tode des Herrn Thomsons ward dieses Stück von dem Herrn Malier ganz neu umgearbeitet, und 1761. wieder auf die Bühne gebracht. Die letzte Tragödie des Herrn Thomsons ist sein Coriola- nus, welcher erst nach seinem Tode aufgeführet ward. Die dem Verfasser davon zukommenden Einkünfte wurden seinen Schwestern in Schottland gegeben, davon eine mit einem Geistlichen daselbst, und die andre mit einem Manne von geringem Stande in Edinburgh vcrhcyrathct ist. Dieses Trauerspiel, welches unter allen Trauerspielen des Thomsons, ohne Zweifel, das am wenigsten vollkommne ist, ward zuerst dem Herrn Garrik angebothen, der es aber anzunehmen nicht für gut befand. Der Prologus war von dem Herrn George Ä.ytrleton verfertiget worden, und von dem Herrn Guin wurde er gehalten, welches einen sehr glücklichen Eindruck auf die Zuhörer machte. Herr W.uin war ein besondrer Freund des Herrn Thomson gewesen, und als er folgende Zeilen, die an und für sich selbst sehr zärtlich sind, aussprach, stellten sich seiner Einbildungskraft auf einmal alle Annehmlichkeiten des mit ihm lange gepflogenen Umganges dar, und wahrhafte Thränen flössen über seine Wangen. Ho lov'ä t>!s U'ioncis (l'oiAivo tlii's Aulliing tesr: ^I»s! I levl i am no iietor Iioro) lov'cl ins trionäs >vitl> lucli a ^varmtli ok lieart, 8» clear of intrvlt, l'o llovolll o5 srt, 8ucli A ^vorlls can hioali it, Nut our tears »>a^ toll. D. i. iLr lieble seine Freunde - - verzeiht den hcrabrollcnden Thränen: Ach! ich fühle es, hier bin ich kein Schauspieler mehr - - iLr lieble seine Freunde mit einer solchen Inbrunst Leben des Herrn Jacob Thomson. des Herzens, so rein von allem LLigennuize, so fern von aller Runst, mit einer so großmüthigen Zreyheit, mit einem so standhaften Eifer, daß es mir Worten nickt auszudrücken ist. Unsre Thränen mögen davon sprechen! Die schöne Abbuchung in diesen Worten fiel ungcincin glücklich aus. Herr (üuin übertraf sich selbst, und er schien niemals ein größerer Schauspieler, als in dem Augenblicke, da er von sich gestand, daß er keiner sey. Die Pause, der tiefe Seufzer, den cr damit verband, die Einlcnkung, und alles das übrige war so voller Rührung, daß es unmöglich ein bloßes Werk der Kunst seyn konnte; die Natur mußte dabey das beste thun. Auch der Epilogus, welcher von dem Herrn iVeffington mit außerordentlicher Laune gehalten ward, gefiel ungcmcin. Diese Umstände nun, nebst der Ucberlcgung, daß der Verfasser nunmehr dahin sey, vcrschaftc» diesem Trauerspiele eine neunmalige Vorstellung, die es an und vor sich selbst schwerlich würde gefunden haben. Denn, wie gesagt, es ist bey weitem nicht, irgend einem von den Thomsonschen Werken, an Güte gleich. Er hatte als ein dramatischer Dichter den Fehler, daß cr niemals wußte, wenn cr aufhören müsse; cr läßt jeden Charakter rcdcn, so lange noch etwas zu sagen ist; die Handlung steht also, während dieser gedehnten Unterredungen, still, und die Geschichte wird matt. Nur sein Tancred und Sigismunöc muß von diesem allgemeinen Tadel ausgenommen werden; dafür aber sind auch die Charaktere darinne nicht genug unterschieden, welche sich fast durchgängig auf einerley Art ausdrücken. Kurz, Thomson war ein gcbohrncr mahlerischer Dichter, welcher die Bühne nur aus cincm Bcwcgungsgrundc bestieg, der allzubckannt ist, und dem man allzuschwcrlich widersteht. Er ist in der That der Acltstgcbohrne dcs Spencers, und cr hat cs sclbst oft bekannt, daß cr das bcstc, was cr gemacht habe, der Begeisterung verdanken müsse, in die cr schon in seinen jüngsten Jahren durch die Lesung dieses alten Dichters sey gesetzt worden. Zm August 17-48 vcrlohr die Welt diese Zierde der poetischen Sphäre durch ein heftiges Fieber, welches ihn im 4Äcn Jahre seines Alters dahin riß. Vor scincm Tode ward ihm von dcm Hcrrn George ^yttleton dic cinträglichc Stelle eines -ÄAV?^ÄS«^ ^172 Theatralische Bibliothek. Controlleurs von America vcrschaft, deren wirklichen Genuß er aber kaum erlebte. Herr Thomson ward von allen, die ihn kannten, sehr geliebt. Er war von einer offnen und cdclcn Gemüthsart; hing aber dann und wann den gesellschaftlichen Ergötzungen allzu sehr nach; ein Fehler, von welchem selten ein Mann von Genie frey zu seyn pfleget. Sein äußerliches Ansehen war nicht sehr einnehmend, es ward aber immer angenehmer und angenehmer, je länger man mit ihm umging. Er hatte ein dankbares Herz, welches für die geringste erhaltene Gefälligkeit erkenntlich zu seyn bereit war; er vergaß, der langen Abwesenheit, der neuen Bekanntschaft und des Zuwachses eigner Verdienste ungeachtet, seine alten Wohlthäter niemals, welches er bey vcrschicdncn Gelegenheiten gezeigt hat. Es ist eine richtige Anmerkung, daß ein Herz, dem die Dankbarkeit mangelt, überhaupt der allergrößten Niederträchtigkeit fähig ist; wie ihm Gegentheils, wenn diese großmüthige Tugend in der Seele vorwirkt, gewiß nicht die andern liebenswürdigen Eigenschaften fehlen werden, welche eine gute Gemüthsart ausmachen. Und so war das Herz unsers vortrefflichen Dichters beschaffen, dessen Leben eben so untadelhaft als lehrreich seine Muse war: denn von allen englischen Dichtern ist er derjenige, welcher sich von allem, was unanständig war, am meisten entfernte, welches Zeugniß ihm unter andern auch Herr Ayrrleton in dem angeführten Prologo ertheilt hat. — His ctiasto Aluto omplo^'cl ktir kvav'ntiMAkit I^rv Nonv dut tlie rilMeK psl'l'ions to inipiio, ?t ono immorsl, ono eari'Ujitoc? tliougtir, Onv linv, vvkiek, cl^iiiA, coulll vvisli to klot. d. i. Seine keusche Muse brauchte ihre himmlischester zu nichts, als zu Einflössung der edelsten Gesinnungen. Rein einziger unsittlicher, verderbter Gedanke, keine einzige K.inie, die er sterbend ausstreichen zu können, halte wünschen dürfen. Zum Schlüsse muß ich noch erinnern, daß sein Bildniß, welches man vor diesem Stücke findet, nach demjenigen getreulich gestochen ist, welches vor seinen sämmtlichen Werken stehet, deren wir hoffentlich noch einmal gedenken werden. Auszug ans dem Trauerspiele Virginia. 173 III. Auszug aus dem Trauerspiele Virginia des Don Augustino de Montiano y Luyando. Dic Schriften der Spanier sind diejenigen, welche unter allen ausländischen Schriften am wenigsten unter uns bekannt werden. Kaum daß man einige ihrer jctztlcbcnden Gelehrten in Deutschland dem Namen nach kennt, deren nähere Bekanntschaft uns einen ganz andern Bcgrif von der Spanischen Litteratur machen würde, als man gemeiniglich davon zu haben pflegt. Ich schmeichle mir, daß schon dic gegenwärtige Nachricht ihn lim ein großes erhöhen wird, und daß meine Leser erfreut seyn werden, den größten tragischen Dichter kennen zu lernen, den jezt Spanien ausweisen und ihn seinen Nachbarn entgegen stellen kann. Es ist dieses Don Augustino de Montiano y Z.uyando, von dessen Lcbcnsumständcn ich, ohne wcitre Vorrede, einige Nachricht ertheilen will, ehe ich von einem der vorzüglichsten seiner Werke einen umständlichen Auszug vorlege. Don Augustino de lNonliano y L.n)'ando ist den ersten - März im Zahrc 1597 gcbohren, und also jezt in einem Alter von 57 Jahren. Sein Vater und seine Mutter stammten aus adlichcn Familien in Dlsca>-a, und zwar aus den allcrvornehm- stcn dieser Provinz. Seine Erziehung war seiner Gcburth gemäß. Nachdem er die Humaniora wohl studirct, und dic gewöhnlichen Wissenschaften cincs jungen Menschen von Stande begriffen hatte, that cr sich als cin geschickter Wcltwciscr und Rechtsgclchrtcr vor. Er versteht übrigens dic französische und italiänische Sprache, und hat auch einige Kenntniß von der englischen. Er fand, schon in seiner zartesten Zugcnd, einen besondern Geschmak an der Dichtkunst und dcn schönen Wissenschaften, so, daß cr bcrcits in seinem zwey und zwanzigsten Zahrc, nchmlich im Zahrc 1719, cinc Opcr zu Madrid, ohne seinem Namen, unter dem Titel die K.eyer des Orpheus, (la I^ira 6<-Orte») in 8vo drucken ließ, welche zu vcrschiedncn Zcitcn zu Palma oder Majorca, der Hauptstadt dieser Znscl, gesungen ward. Im Zahre 1724 gab cr in eben derselben Stadt cinc prosaische und poetische Beschreibung der bey der Krönung Audc- n>igs des I. angestellten Fcycrlichkcitcn, in Quart heraus. Fünf _ 474 Theatralische Bibliothek. Jahr hernach entwandte man ihm ein kleines Merk in Bcrsen über die Entführung der Dina, der Tochter des Jacobs, da er es eben noch ausbesserte, und stellte cs in eben dem 1729. Zahrc zu Madrid in Quart ans Licht. Dieses Gedicht ist nachher weit vollkommncr in Barccllona in Octav, doch ohne Jahrzahl und ohne Erlaubniß, ans Licht getreten. Es führet den Titel: HI i'ttdo <1o vina. Die Verdienste des Don Augustino bewegten den König Philipp den Vtcn ihn im Zahrc 1732. zum Sccrctär bey den Confercnzcn der spanischen und englischen Commissarc zu ernennen. Zm Zahrc 1738. ward cr in der Kanzclcy der allgemeinen Staatsangelegenheiten gebraucht. Das Zahr darauf trat er in die Königl. spanische Akademie; und als einer von den Stiftern und ältesten Mitgliedern der Königl. Gesellschaft der Geschichte, ward cr von der erstem in eben dem Jahre, als sie unter Königl. Schutz genommen ward, zu ihrem Direktor ernennt, welche Stelle ihm 174Z. auf Zeitlebens aufgetragen ward. Im Jahre 1746 beehrte ihn Se. Majestät mit der Stelle eines Sccrctärs bey der Bcgnadigungs- und Gcrichtskammcr und dem Staate von Castilicn. Auch war er im Zahrc 1742. in die Gesellschaften der schönen Wissenschaften zu Barccllona und Sevilicn aufgenommen worden. Ausser den angeführten Wcrkcn gab cr auch im Jahr 1739. zu Madrid eine Vcrglcichung der Aufführung des Königs von Spanien mit dcr Aufführung dcs Königs von England, in Quart heraus; (KI ootejo clo la conclucta clo 8. AI. eon la clol üe^ Rrltannico) desgleichen in eben dicscm Jahre eine Rede an die Ronigl. Akademie der Geschichte; und im Jahrc 1740 cine Rede an den Rönig Philipp dcn V. im Namcn gedachter Akademie, über eine Anmcrkung die dieser Monarch gemacht hatte. Beyde Reden sind in Octav gcdrukt, und befinden sich in dcm crstcn und zwcMcn Theile dcr Schriften dieser Akademie. Ferner hat man von ihm eine Rede im Namen der Spanischen Akademie an dcn Ronig, bey Gelegenheit der Vermählung der Jnfantin Donna Maria Antoinctta Fcrdinanda mit dcm Herzoge von Savoycn,. in Quart; und eine /Z.obschrift auf dcn Doctor Don Vlasio Antonio Nassarra y Fern?, die Auszug aus dcui Trauerspiele Virginia^ 17.? cr auf Verlangen der Spanische» Akademie machte, und 1761. zu Madrid in Octav drucken ließ. Doch das vornehmste von seinen Werken sind unstreitig zwey Tragödien, deren eine 1760. und die andre gegen das Ende des Jahres 1763. gedruckt ward. Die eine führet den Titel Virginia, und die andre Achaulpho. Beyden ist eine Abhandlung von den spanischen Tragödien vorgesetzt, in welchen er besonders gegen den Herrn du Perron de Castera beweiset, daß es seiner Nation ganz und gar nicht an regelmäßigen Trauerspielen fehle. Wir werden ein andermal dieser Abhandlung mit mchrcrn gedenken, oder sie vielmehr ganz mittheilen; vorjctzo aber wollen wir uns an das erste der gedachten Trauerspiele machen, lind dem Leser das Urtheil überlassen, was für einen Rang unter den tragischen Dichtern cr dem Verfasser einräumen will. Vor allen Dingen muß ich noch eine kleine Erklärung vorweg schicken. Ich habe nicht so glücklich seyn können das Spanische Original der Virginia zu bekommen, und bin also gcnöthigct gewesen mich der Französischen Uebersetzung des Herrn Hermilly zu bedienen, die in diesem Jahre in zwey kleinen Octavbändcn in Paris an das Licht getreten ist. Der eine Band enthält die erste der angeführten Abhandlungen über die Spanischen Tragödien, und der andre eine abgekürzte Uebersetzung der Virginia; beyden ist ein historisches Register der in der Abhandlung erwähnten Verfasser zur Hclste beygefügt, welches eine Arbeit des Herrn -Hermilly ist. Eben diesem habe ich auch die angeführten Lcbcnsumständc des Spanischen Dichters zu danken, die ihm dieser selbst überschrieben hat. Er hat die Virginia deswegen lieber in einen Auszug bringen, als ganz und gar übersetzen wollen, weil die Franzosen keine prosaische Trauerspiele lesen mögen. Ich kann keine ähnliche Ursache für mich geltend machen, sondern muß mich lediglich mit der Nothwendigkeit entschuldigen, meinen Lesern eine so angenehme Neuigkeit entweder gar nicht, oder durch die Vermittelung des französischen Ucbcr- sctzcrs mitzutheilen. Es ist kein Zweifel, daß dieses nicht noch immer besser seyn sollte, als jenes. Die Geschichte der Virginia ist aus dem Luvins und an Theatralische Bibliothek. dem zu bekannt, als daß ich mich hier mit Erzehlung ihrer wahren Umstände aufhalten dürfte. Man sehe, wie sich der Dichter dieselben zu Nutze gemacht hat. » » « IV. Auszug aus dem Schauspieler des Herrn Remond von Samte Albine. Ich habe lange Zeit vorgehabt, dieses Werk des Herrn von Salme Albine zu übersetzen. Doch Gründe, die ich am Ende anführen will, haben mich endlich bewogen, die Übersetzung in einen Auszug zu verwandeln. Ich werde mich bemühen, ihn so unterrichtend, als möglich, zu machen. Unsre Schrift ist schon im Zahr 1747. zu Paris auf zwanzig Bogen in Octav unter folgendem Titel ans Licht getreten: I^o <üomoü"ion. Ouvi'SZo tliviku on tloux psitios; ^sr KI. /?e?»o?ze/ l/e Kattiöe ^/üine. Ich kann von ihrem Verfasser weiter keine Nachricht geben, als daß er selbst kein Schauspieler ist, sondern ein Gelehrter, der sich auch um andre Dinge bekümmert, welche die meisten, ohne Zweifel, wichtiger nennen werden. Ich schliesst dieses aus seinem Aufsätze für Iv I^mmsgo (vom Dlechschla- gen) wovon ich bereits die dritte Ausgabe habe angeführt gefunden. Sein Schauspieler ist, wie gleich auf dem Titel gesagt wird, ein Werk, welches aus zwey Theilen besteht. Zu diesen kommt noch eine Vorrede und eine kurze Einleitung. Zn der Vorrede wundert sich der Verfasser, daß noch niemand in Frankreich darauf gefalle» sey, ein eigentliches Buch über die Kunst Tragödien und Komödien vorzustellen, zu verfertigen. Er glaubt, und das mit Recht, seine Nation habe es mehr als irgend eine andre verdient, daß ihr ein philosophischer Kenner ein solches Geschenk mache.--Was er sonst in der Vorrede sagt, sind Complimeutc eines Autors, die eines Auszuges nicht wohl fähig sind. Man läßt ihnen nichts, wenn man ihnen die Wendungen nicht lassen will. Die Einleitung fängt mit einer artigen Begleichung der Mahlerey und Schauspielkunst an. Diese erhält den Vorzug. „Umsonst rühmt sich die Mahlerey, daß sie die Leinewand be- _ Auszug aus dem Schauspiclcr. 177 „lcbc; cs kommen ans ihren Händen nichts als unbelebte Werke. „Die dramatische Dichtkunst hingegen, giebt den Wesen, welche „sie schaft, Gedanken und Empfindungen, ja so gar, vermittelst „des theatralischen Spiels, Sprache und Bewegung. Die Mahlerey verführt die Augen allein. Die Zaubcrcy der Bühnc „fesselt die Augen, das Gehör, den Geist und daS Herz. Der „Mahler stellt die Begebenheiten nur vor. Der Schauspiclcr „läßt sie auf gewisse Weise noch einmal geschehen. Seine Kunst „ist daher eine von denjenigen, welchen cs am meisten zukömmt, „uns cin vollständiges Vergnügen zu verschaffen. Bey den übn-' „gen Künsten, welche die Natur nachahmen, muß unsre Eiu- „bildungskraft ihrem Unvermögen fast immer nachhelfen. Nur „die Kunst des Schauspielers braucht diese Nachhülfe nicht; „und wenn ihre Täuschcrcy unvollkommen ist, so liegt cs nicht „an ihr, sondern an den Fehlern derjenigen, welche sie aus- „übcn.--Hieraus folgert der Verfasser, wie unumgänglich nöthig cs scy, daß sich dicjcnigcn, die sich damit abgeben wollen, vorher genau prüfen. Sie müssen untersuche», ob ihnen nicht dicjcnigcn natürlichen Gabcn fchlcn, ohne welche sie nicht einmal dem allcrgcmcinstcn Zuschaucr gefallen können. Besitzen sie diese, so kömmt cs darauf an, dicjcnigcn Nollkommcnhcitcn zu crlangcn, wclchc ihnen den Beyfall der Zuschaucr von Geschmack und Einsicht erwerben. „Die Natur muß den Schauspieler entwerfen. Die Kunst muß ihn vollends ausbilden. Nach diesen zwey Puncten ist das ganze Wcrk gcordnct. Zn dem ersten Theile nehmlich wird von den vorzüglichsten Eigenschaften geredet, wclchc dic Schauspiclcr von dcr Natur müssen bekommen haben. Zu dem zrvc^ten Theile wird von dem gehandelt, was sie von dcr Kunst erborgen müssen. Dcr erste Theil sondcrt sich wicdcrum in zwey Büchcr ab. Das erste Buch macht vcrschicdnc Anmerkungen über dic natürlichen Gabcn, wclchc allen Schauspielern überhaupt unentbehrlich sind. Das zweite Buch betrachtet dicjcnigcn natürlichen Gabcn, wclchc zu dicscr odcr jcncr Rolle insbesondere erfordert werden. Wir wollen das erste Buch näher zu betrachten anfangen. Es besteht aus vier Hauptstückcn und zwcy angehängten Bc- Lcssings Werke iv. 12 478 Theatralische Bibliothek, trachtungen. Gleich das erste Hauptstuck untersucht, ob es roahr sey, daß es vortreflichcn Schauspielern an Mirze gefehlt habe? Man glaubt zwar fast durchgängig, daß man sich auch ohne Witz auf der Bühne Ruhm erwerben könne; allein man irrt gewaltig. Kann ein Schauspieler wohl in seiner Kunst vortrcflich seyn, wenn er nicht, in allen vcrschicdncn Stellungen mit einem geschwinden und sichern Blicke dasjenige, was ihm zu thun zukömmt, zu erkennen vermag? Eine feine Empfindung dessen, was sich schickt, muß ihn überall leiten. „Doch „nicht genug, daß er alle Schönheiten seiner Rolle faßt. Er „muß die wahre Art, mit welcher jede von diesen Schönheiten „auszudrücken ist, unterscheiden. Nicht genug, daß er sich bloß „in Affcct setzen kann; man verlangt auch, daß er es niemals „als zur rechten Zeit, und gleich in demjenigen Grade thue, „welchen die Umstände erfordern. Nicht genug, daß sich seine „Figur für das Theater schickt, daß sein Gesicht des Ausdrucks „fähig ist; wir sind unzufrieden, wenn sein Ausdruck nicht be- „ständig und genau mit den Bewegungen zusammen trist, die „er uns zeigen soll. Er muß nicht bloß von der Stärke und „Feinheit seiner Reden nichts lassen vcrlohrcn gehen; er muß „ihnen auch noch alle die Annehmlichkeiten leihen, die ihnen „Aussprache und Aktion geben können. Es ist nicht hinreißend, daß er bloß seinem Verfasser treulich folgt; er muß ihm „nachhelfen; er muß ihn unterstützen. Er muß selbst Verfasser „werden; er muß nicht bloß alle Feinheiten seiner Rolle ausdrücken; er muß auch neue hinzuthun; er muß nicht bloß „ausführen, er muß selbst schaffen. Ein Blick, eine Bewegung „ist zuweilen in der Komödie ein sinnreicher Einfall, und in „der Tragödie eine Empfindung. Eine Wendung der Stimme, „ein Stillschweigen, die man mit Kunst angebracht, haben zuteilen das Glück eines Verses gemacht, der nimmermehr die „Aufmerksamkeit würde an sich gezogen haben, wenn ihn ein „mittelmäßiger Schauspieler, oder eine gemeine Schauspielerin „ausgesprochen hätte. - - Der Witz ist ihnen also eben so unumgänglich nöthig, als der Steuermann dem Schiffe. Eine lange Erfahrung auf der Bühne kann zwar dann nnd wann den Mangel desselben verbergen, und ein Schauspieler ohne Auszug aus dem Schauspielcr. 179 Witz kan andre Gaben in einem hohen Grade haben, lind sie oft zufälliger Weise so glücklich anwenden, daß wir ihm Beyfall geben müssen. Doch es währt nicht lange, so erinnert uns wieder ein Mißverstand in dem Tone, in der Bewegung, in dem Ausdrucke des Gesichts, daß wir seiner Organisation, und nicht ihm den Beyfall schuldig sind.--Sonst hat man noch bemerkt, daß man die tragischen Schauspieler weit öftrer, als die komischen des Mangels am Witze beschuldiget hat. Dieser Unterschied kömmt ohne Zweifel daher, weil das Feine in dem Spiele der letzter» von den gemeinen Zuschauern leichter kann erkannt werden, als das Feine in dem tragischen Spiele. Der Witz in der Tragödie muß sich größten Theils, sowohl bey dem Verfasser als bey dem Actcur, unter der Gestalt der Empfindung zeigen, und man hat Mühe ihn unter dieser Verkleidung zu erkennen. Und überhaupt geht man nicht sowohl in die Tragödie seinen Witz, als sein Herz zu brauchen. Man überläßt sich den Bewegungen, die der Schauspieler erweckt, ohne zu überlegen, durch welchen Weg er dazu gelangt ist.--Man muß aber nur hier merken, von was sür einem Witze die Rede ist. An dem leichten Witze, welcher nur zur Prahlcrcy dienet, und nns nur in Kleinigkeiten und unnützen Dingen ein Ansehen giebt, kann es ganz wohl grossen Schauspielern gemangelt haben: aber niemals an dem gründlichen Witze, welcher uns das verborgenste an einem Dinge entdeckt, und es uns anzuwenden lehret — — Von dem Witze kommt der Verfasser im zweien Hauprstücke auf die Empfindung. Er untersucht, rvas die Empfindung se)?, und ob sie bc/ dem tragischen Schauspieler wichtiger se>', als be^ dem komischen- Unter der Empfindung wird hier nicht bloß die Gabe zu weinen verstanden, sondern dieses Wort hat einen grössern Umfang, und bedeutet bey den Schauspielern die Leichtigkeit in ihren Seelen die verschiedenen Leidenschaften, deren ein Mensch fähig ist, auf einander folgen zu lassen. Aus dieser Erklärung ist das übrige zu entscheiden. Zn den Bezirk des Trauerspiels gehören nur sehr wenig Leidenschaften, Liebe, Haß, Ehrgcitz, welche noch dazu in dem Schrecklichen und Traurigen alle mit einander übereinkommen. Die Komödie hingegen schließt keine einzige Lei- 12« 480 Theatralische Bibliothek. dcnschaft aus; und diese alle muß der Schauspieler annchmcn und von einer auf die andre überspringen können- Weil aber die Leidenschaften in der Komödie nicht so gewaltsam sind, als in der Tragödie: so muß der komische Schauspieler zwar die LLmpsinSung in einem größer» Umfange, der tragische aber in einem männlichen! Grade besitzen. — — Mit der Empfindung hat das Fcucr einige Verwandtschaft, und von diesem untersucht der Verfasser im dritten -Hauplstücke, ob ein Schauspieler dessen zu viel haben könne? Das Fcucr besteht nicht in der Heftigkeit der Deklamation, oder in der Gewaltsamkeit der Bewegungen, sondern es ist nichts anders als die Geschwindigkeit und Lebhaftigkeit, mit welcher allc Theile, die einen Schau- spiclcr ausmachen, zusammen treffen, um seiner Action das An- schcn der Wahrheit zu geben. Zn diesem Verstände nun ist cs unmöglich, daß eine spielende Person allzuviel Fcucr habcn könnc. „Man wird sic zwar mit Rccht tadcln, wcnn ihrc Ac- „tion mit ihrcm Charaktcr, odcr mit dcr Stellung, in welcher „sic sich befindet, nicht übcrcin kömmt, und wcnn sic, anstatt „Feuer zu zeigen, nichts als convulsivischc Verzückungen sehen, „und nichts als ein übcrlästigcs Geschrey hören läßt. Allein „alsdcnn werden Leute von Geschmack ihr nicht allzuviel Feuer „Schuld gcbcn, sondcru sie werden sich viclmchr bcklagcn, daß „sie nicht Fcucr genug hat; so wie sie, anstatt mit dem Pu- „blico bey gewissen Schriftstellern allzuviel Witz zu finden, vielmehr finden, daß cs ihncn daran fehlt. Ein Schriftsteller „leihet zum Ercmpcl in cincm Lustspiele dem Bedienten odcr „dem Mägdchen die Sprache eines witzigen Kopfes; er legt ci- „ncr Pcrson, welche von einer heftigen Leidenschaft getrieben „wird, Madrigale odcr Sinnschriftcn in Mund: und alsdcnn „sagt man, cr habe allzuviel Witz. Genauer zu reden, sollte „man vielmehr sagen, cr habc nicht Witz gcnung, die Na- „tur zu erkennen, und sic nachzuahmen. So auch mit dein „Schauspieler; kömmt cr bcy Stcllcn außer sich, wo cr nicht „außcr sich kommen soll, so ist dieses unnatürlich. Allein cr „verfällt in diesen Fehler nicht aus Ucbcrfluß, sondern aus „Mangel dcr Hitze. Er empfindet alsdcnn nicht das, was cr „empfinden sollte; und drückt das nicht aus, was er ausdrü- Ansang aus dem Sch.iuspiclcr. 181 „ckcn sollte. Es ist daher kein Feuer, was wir bey ihm gc- „wahr werden, sondern es ist Ungeschicklichkeit; es ist Unsinn-- Ans diesem wird man leicht urtheilen können, ob ein Schauspieler des Leners ganz und gar überhoben seyn könne. Unmöglich; wenn man anders das, was wir angeführt haben, und nicht die blosse äußerliche Heftigkeit in der Stimme und in den Bewegungen darunter versteht--Bis hierher hat der Verfasser die innerlichen natürlichen Gaben betrachtet, nun kömmt er auf die äußerliche», und untersucht in dem vierten Hauplsiücke, ob es vorrhcilhafr seyn würde, rvenn alle Personen auf Vem Theater von ausnehmenver Gestalt waren? „Gewisse Zuschauer, welche das sinnliche Vergnügen dem geistigen „vorziehen, werden mehr durch die Schauspielerinnen, als durch „die Stücke vor die Bühne gelockt. Als Leute, die nur gegen „die Gestalt empfindlich, und immer geneigt sind, ein liebenswürdiges Gesicht für Talente anzunehmen, wollten sie lieber gar, „daß auch die alte Mutter des Grgons im Tartüff, die Madam „Pernelle, reißend wäre. — — Doch diese Herren verstehen den Vortheil der Zuschauer sehr schlecht, und noch schlechter verstehen sie das, was die Einrichtung der Komödie selbst erfordert. Den erster» verstehen sie deswegen nicht, weil, wenn es wahr wäre, daß mir ausnehmend schöne Gestalten auf dem Theater erscheinen dürften, das Publicum nicht selten die vor- trcflichstcn Schauspieler entbehren würde, denen es sonst an keiner Art von Gcschicklichkcit mangelt. Noch schlechter, wie gesagt, verstehen sie das, was die Einrichtung der Komödie erfordert, nach welcher die äusscrlichcn Vollkommcuhcitcn unter die Actcurs nicht gleich vertheilt seyn müssen, ja nach welcher es so gar oft gut ist, wenn gewisse Actcurs einige von diesen Vollkommenheiten ganz und gar nicht besitzen. „Regelmäßige Gc- „sichtszügc, ein edles Ansehen nehmen uns freylich überhaupt „für eine Person auf dem Theater ein; allein es giebt Rollen, „welche ihr weit besser anstehen, wenn ihr die Natur diese Vorzüge nicht ertheilt hat. Ich weis wohl, daß man, ohne von „dem Mangel der Wahrscheinlichkeit beleidiget zu werden, ja „daß man sogar mit Vergnügen eine junge Schöne die Person „einer Alten, und einen liebenswürdigen Schauspieler einen gro- 182 Theatralische Bibliothek. „bcn lind tölpischen Bauer vorstellen sieht. Ich weis wohl, daß „wir nicht in die Komödie gehen, die Gegenstände selbst, son- „dcrn blos ihre Nachahmung zu sehen - - Gleichwohl aber muß „man doch unter den Gattungen der komischen Rollen einen „Unterschied machen. Einige ergötzen uns durch die blosse Nachahmung gewisser lächerlichen Fehler. Andre aber ergötzen uns „durch die Absteckung, die sich entweder zwischen dem Vorgeben „der Person und den Beweisen, auf welche sie dasselbe gründet, „oder zwischen dem Eindrucke befindet, den sie bey denjenigen „Personen, die mit ihr spielen, machen sollte, und zwischen dem „Eindrucke, welchen sie wirklich bey ihnen macht. Zc mehr ein „Schauspieler, in den Rollen von der ersten Art, die Vollkommenheiten hat, die den Fehlern, welche er nachahmt, entgegen „gesetzt sind; desto mehr wissen wir es ihm Dank, wenn er uns „gleichwohl eine vollkommene Abschildcrung von diesen Fehlern „macht. Zc weniger aber, in den Rollen von der zweyten „Art, ein Schauspieler die Vollkommenheiten hat, welche die Pcr- „son, die er vorstellt, haben will, oder welche ihm die andern „ausschweifenden Personen des Stücks beylegen, desto lächcrli- „chcr macht er die närrische Einbildung des einen und das abgeschmackte Urtheil dcr andern, und desto komischer folglich wird „seine ganze Action. Die Rolle eines Menschen, der nach der „Meinung des Verfassers, mit aller Gewalt den Titel eines „Schönen haben will, wird weit weniger belacht werden, wenn „sie von einem Komödianten gespielt wird, dcr sich dieses Titels „in der That anmaaßcn könnte, als wenn sie einer vorstellt, „der dcr Natur in diesem Stücke weniger zu danken hat. Dcr „Irrthum cincs albcrncn Tropps, wclchcr cinen Bedienten für „einen Menschen von Stande ansieht, wird uns weniger crgö- „tzcn, wcnn das gute Ansehen des Bcdicntcn den Irrthum entschuldigen kann, als wcnn cr ganz und gar nichts an sich hat, „das ihn rechtfertigen könnte. Wcit gcfchlt also, daß cs gut „seyn sollte, wcnn alle Schauspieler von reizender und ausnch- „ mcndcr Gestalt wären; cs ist vielmehr unserm Vergnügen zuträglicher, wcnn sie nicht alle nach cincm Muster gebildet sind. „Unterdessen aber muß man diese Marimc nicht allzuweit aus- „dchncn. Wir erlauben ihnen zwar, gewisse Vollkommenheiten Auszug aus dem Schauspieler. 183 „nicht zu haben; aber die gegenseitigen Fehler zu besitzen, verstatten wir ihnen durchaus nicht. Sie müssen so gar völlig „von gewissen Mängeln frey seyn, die uns bey andern Personen, die sich dem Schauspiele nicht widmen, wenig oder gar „nicht anstoßig seyn würden. Dergleichen sind, zu lange oder „kurze Arme, ein zu großer Mund, übclgcstaltcnc Füße zc. - - Zu diesen vier Hauptstückcn fügt der Verfasser noch zwey Anmerkungen, die mit dem Inhalte des ersten Buchs genau verbunden sind. Die erste ist diese: Die Schauspieler rönnen in den Nebenrollen, des wiczcs, des Feuers und der Empfindung eben so wenig cnrübrigt sc/n, als in den-Hauptrollen. Die Ursache ist, weil in guten Stücken auch die Nebenrollen, nicht etwa zum Ausflicken da sind, sondern einen Einfluß in das Ganze haben, und sich oft eben so thätig erweisen, als die allcrvornchmstcn Personen. Die Vertrauten, zum Exempel, in den Trauerspielen, haben oft so vorlrcslichc Stellen, besonders in den Erzchlungcn, die ihnen meisten Theils aufgetragen werden, zu sagen, daß sie ohne Witz, ohne Feuer und ohne Empfindung gewiß alles verderben würden. Die zweite Anmerkung ist diese: lVenn man auch schon die vornehmsten Vollkommenheiten hat, die zu einem Schauspieler erfordert werden, so muß man doch in einem gewissen Alrer zu spielen aufhören. Denn in den Schauspielen beleidiget uns unumgänglich alles dasjenige, was uns Gelegenheit giebt, die Schwachheiten der menschlichen Natur zu überlegen, und aus uns selbst vcrdrußlichc Blicke zurück zu werfen. Es werden hier bloß diejenigen Rollen ausgenommen, deren Lächerliches durch das wahre Alter des Schauspielers vermehrt wird, zum Exempel, die Rollen der Alten, die mit aller Gewalt noch jung seyn wollen; auch muß man gegen Actcurs von ausscrordcntlichcn Gaben einige Nachsicht haben; nur werden diese alsdann so billig seyn, wenn es in ihrer Gewalt stehet, keine andre als solche Rollen zu wählen, welche mit ihrem Alter nicht allzusehr abstechen. Frankreich hat es selbst seinem Varon nicht vergeben, daß er noch m seinen letzten Jahren so gern junge Prinzen vorstellte. Es konnte es durchaus nicht gewohnt werden, ihn von Schau- 184 Theatralische Bibliothek. spiclcrinncn Sohn nennen zu hören, deren Großvater er hätte seyn können. Zn dem zweyten Buche des ersten Theils handelt der Verfasser von einigen Vorzügen, welche gewisse Schauspieler insbesondere haben müssen. Diese Schauspieler sind erstlich diejenigen, welche man in der Komödie Vorzugsweise die komischen nennt; zweitens diejenigen, welche sich in der Tragödie durch ihre Tugenden unsere Bewunderung, und durch ihre Unglücksfällc unser Mitleiden erwerben sollen; und drittens diejenigen, welche so wohl in der Tragödie als Komödie die Rollen der Liebhaber vorstellen. Alle diese haben gewisse besondere Gaben nöthig, welches Theils innerliche, Theils äußerliche sind. Dieser Ein- thcilung gemäß macht der Verfasser in diesem zweyten Buche zwey Abschnitte, deren erster die innerlichen, und der zweyte die äußerlichen Gaben untersucht. Wir wollen uns zu dem ersten Abschnitte wenden, welcher aus fünf Hauptstückcn besteht. Zn dem ersten -Hauprstucke zeigt er, daß die Munterkeit denjenigen Schauspielern, roclchc uns zum lachen bewegen sollen, unumgänglich nöthig sey. „Wenn man, sind seine „Worte, eine komische Person vorstellt, ohne selbst Vergnügen „daran zu haben, so hat man das bloße Ansehen cincS gcdun- „gcncn Menschen, welcher nur deswegen Komödiant ist, weil „er sich seinen Lebensunterhalt auf keine andre Art verschaffen „kann. Theilt man aber das Vergnügen mit dem Zuschauer, „so kann man sich allezeit gewiß versprechen, zu gefallen. Die „Munterkeit ist der wahre Apollo der komischen Schauspieler. „Wenn sie ausgeräumt sind, so werden sie fast immer Feuer „und Genie haben. - - Es ist aber hicrbcy wohl zu merken, daß man diese Munterkeit mehr in ihrem Spiele als auf ihren Gesichtern zu bemerken verlangt. Man giebt tragischen Schauspielern die Regel: weinet rvenn ihr wollt, Saß ich weinen soll; und den komischen Schauspielern sollte man die Regel geben: wacher fast niemals, rvenn ihr wollt, daß ich lachen soll. - - Das zweyte -Hanprsiück zeigt, Saß derjenige, welcher keine erhabne Seele habe, einen Helden schlecht vorstelle. Unter dieser erhabnen Seele muß man nicht die Narrhcit gewisser tragischen Schauspieler verstehen, welche auch außer dem Auszug aus dem Schauspiclcr. Theater noch immer Prinzen zu seyn sich einbilden. Auch nicht das Vorurthcil einiger von ihnen, welche große Acteurs den allergrößten Männern gleich schätzen, und lieber gar behaupten möchten, es sey leichter ein Held zu seyn, als einen Helden gut vorzustellen. Die Hoheit der Seele, von welcher hier geredet wird, besteht in einem cdcln Enthusiasmo, der von allem was groß ist in der Seele gewirkt wird. Dieser ist es, welcher die vortrcflichen tragischen Schauspiclcr von den mittelmäßigen unterscheidet, und sie in den Stand setzt, das Herz des gemeinsten Zuschauers mit Bewegungen zu erfüllen, die er sich selbst nicht zugetrauet hätte - - Mit diesem Enthusiasmo, welcher für diejenige Person gehöret, die Bewunderung erwecken soll, muß derjenige Theil der iLmpfinSung verbunden werden, welchen die Franzosen unter dem Namen des Eingerveiöes (ä'LtttrinIIos) verstehen, wenn eben dieselbe Person unser Mitleiden erregen will. Hiervon handelt das dritte -Hauptsiück. „Wollen die „tragischen Schauspiclcr, sagt dcr Verfasser, uns täuschen; so „müssen sie sich selbst täuschen. Sie müssen sich einbilden, daß „sie wirklich das sind, was sie vorstellen; eine glückliche Rasc- „rcy muß sie überreden, daß sie selbst diejenigen sind, die man „verräth, die man verfolgt. Dieser Irrthum muß aus ihrer „Vorstellung in ihr Herz übergehen, und oft muß ein eingebildetes Unglück ihnen wahrhafte Thränen auspressen. Alsdann „sehen wir in ihnen nicht mehr frostige Komödianten, welche „uns durch gelernte Töne und Bewegungen für eingebildete Begebenheiten einnehmen wollen. S« werden zu uinnnschränktcn „Gebiethen, über unsre Seelen; sie werden zu Zaubrcrn, die „das unempfindlichste empfindlich machen können - - Und dieses „alles durch die Gewalt dcr Traurigkeit, welche Leidenschaft „eine Art von epidemischer Krankheit zu seyn scheinet, deren „Ausbreitung eben so schnell als erstaunlich ist. Sie ist von „den übrigen Krankheiten darinne untcrschicdcn, daß sie sich „durch die Augen und durch das Gehör mittheilet; wir brau- „chcn eine mit Grund wahrhaft betrübte Person nur zu sc- „hcn, um uns zugleich mit ihr zu betrüben. Dcr Anblick der „andern Leidenschaften ist so ansteckend nicht. Es kann sich ein „Mensch in unsrer Gegenwart dem allerheftigstcn Zorne überlas- 186 Theatralische Bibliothek. „scn; wir bleiben gleichwohl in der vollkommensten Ruhe. Ein „andrer wird von der lebhaftesten Freude entzückt, wir aber lc- „gcn unsern Ernst deswegen nicht ab. Nur die Thränen, wenn „es auch schon Thränen einer Person sind, die uns gleichgültig „ist, haben fast immer das Vorrecht uns zu rühren. Da wir „uns zur Mühe und zum Leiden gcbohrcn wissen, so lesen wir „voll Traurigkeit unsere Bestimmung in dem Schicksale der Unglücklichen, und ihre Zufälle sind für uns ein Spiegel, in „welchem wir mit Verdruß das mit unserm Stande verknüpfte „Elend betrachten. - - Dieses bringt den Verfasser auf eine kleine Ausschweifung, welche viel zu artig ist, als daß ich sie hier übergehen sollte. - - „Es ist nicht schwer, spricht er, von unsrer „Leichtigkeit uns zu betrüben einen Grund anzugeben. Allein „desto schwerer ist es die Natur desjenigen Vergnügens eigentlich zu bestimmen, welches wir, bey Anhörung einer Tragödie, „aus dieser Empfindung ziehen. Daß man in der Absicht vor „die Bühne geht, diejenigen Eindrücke, welche uns fehlen, daselbst zu borgen, oder uns von denjenigen, die uns mißfallen, „zu zerstreuen, darüber wundert man sich gar nicht. Das aber, „worüber man erstaunt, ist dieses, daß wir oft durch die Begierde Thränen zu vergießen dahin geführt werden. Unterdessen kann man doch von dieser wunderlichen Neigung vcrschicdne „Ursachen angeben, und die Schwierigkeit dabey ist bloß, die „allgemeinste davon zu bestimmen. Wenn ich gesagt habe, daß „das Unglück andrer ein Spiegel für uns sey, in welchem wir „das Schicksal, zu dem wir vcrurthcilct sind, betrachten, so „hätte ich einen Unterscheid dabey machen können. Dieser Unterschied kann hier seine Stelle finden, und er wird uns eine „von den Quellen desjenigen Vergnügens, dessen Ursprung wir „suchen, entdecken. Der Anblick eines fremden Elends ist für „uns schmerzlich, wenn es nehmlich ein solches Elend ist, dem „wir gleichfalls ausgesetzt sind. Er wird aber zu einer Tröstung, „wenn wir das Elend nicht zu fürchten haben, dessen Abschil- „dcrung er uns vorlegt. Wir bekommen eine Ar/ von Erleichterung, wenn wir sehen, daß man in demjenigen Stande, „welchen wir beneiden, oft grausamen Martern ausgesetzt sey, „für die uns unsre Mittelmäßigkeit in Sicherheit stellet. Wir Auszug aus dein Schauspieler. 187 „ertragen alsdcim unser Uebel nicht nur mit weniger Ungeduld, „sondern wir wünschen uns auch Glück, daß wir nicht so elend „sind, als wir uns zu seyn eingebildet haben. Dock daher, „daß uns fremde Unglücksfällc, welche grösser als die unsrigen „sind, unsrer geringen Glücksumständc wegen trösten, würde „noch nicht folgen, daß wir in der Betrübniß über diese Unglücksfällc ein Vergnügen findcn müßten, wcnn unsre Eigenliebe, indem sie ihnen diesen Tribut bezahlt, nicht dabey ihre „Rechnung fände. Denn dic Hcldcn, welche durch ihr Unglück „berühmt sind, sind es zugleich auch durch außerordentliche Eigenschaften. Zc mehr uus ihr Schicksal rührt, desto deutlicher „zeigen wir, daß wir den Werth ihrer Tugenden kennen, und „der Ruhm, daß wir dic Größe gehörig zu schätzen wissen, „schmeichelt unserm Stolze. Ucbrigcns ist die Empfindlichkcit, „wenn sie von dcr Untcrschcidungskraft gclcitct wird, schon sclbst „cinc Tugend. Man setzt sich in die Klasse edler Scclcn, in- „dcm man durchlauchtcn Unglücklichen das schuldige Mitleiden „nicht versaget. Auf dcr Bühnc besonders läßt man sich um „so viel leichter für vornehme Personen erweichen, weil man „weis, daß diese Empfindung durch dic allzulange Dauer uns „nicht überlästig fallen, sondern cinc glückliche Vcrändcrung gar „bald ihrem Unglücke, und unsrer Betrübniß ein Ende machen „wcrdc. Wcrdcn wir aber in dicscr Erwartung betrogen, und „werden diese Hcldcn zu Opfern cincs ungerechten und barbarischen Schicksals; so werfen wir uns alsdann zwischen ihnen „und ihren Feinden zu Richtern auf. Es scheint uns sogar, „wcnn wir die Wahl hätten, entweder wie die einen umzukom- „mcn, oder wir dic andern zu triumphircn, daß wir nicht eigen Augenblick in Zweifel stehen würden, und dieses macht „uns in unsern Augen desto größer. Vielleicht würde die Untersuchung, welche von diesen Ursachen den mcistcn Einfluß in „das Vergnügen habe, mit dem wir in einem Trauerspiele wci- „nen, ganz und gar vergebens seyn. Vielleicht wird jede von „denselben nach Beschaffenheit derjenigen Scclc auf welche sie „wirken, bald die vornehmste, bald die geringste - - - Wir kommen von dicscr Ausschweifung wieder auf den geraden Weg. Das vierte -Hauprstuck beweiset, Saß nur diejenigen Personen 188 Theatralische Bibliothek. allein, rvelcke gebohren sind zu lieben, das Vorrreckt haben sollten, verliebte Rotten zu spielen. „Eine gewisse Sängerin, „crzchlt der Verfasser, stellte in einer neuen Oper eine Prinzc- „ßin vor, die gegen ihren Ungetreuen in einem heftigen Feuer „ist; allein sie brachte diejenige Zärtlichkeit, welche ihre Rolle „erforderte, gar nicht hinein. Eine von ihren Gcscllschastcrin- „ncn, die der Ursachen ungeachtet, warum zwey Personen von „einerley Profcßion und von einerley Geschlecht einander nicht „zu lieben pflegen, ihre Freundin war, hätte gar zu gerne gc- „wollt, daß sie diese Rolle mit Beyfall spielen möchte. Sie „gab ihr daher verschiedene Lehren, aber diese Lehren blieben „ohne Wirkung. Endlich sagte die Lehrerin einmal zu ihrer „Schülerin: Ist denn das, rvgs ick von ihnen verlange, „so schrver? Seyen sie sick Sock an die Grelle der verrathenen Geliebte! U)enn sie von einem Menschen, den sie „zärtlich liebten, verlassen rvürden, würden sie nickt von „einem lebhaften Schmerze durchdrungen seyn? Mürden „sie nickt suchen--Ick? antwortete die Actricc, an die „dieses gerichtet war; ick rvürde auf das schleunigste, einen „andern Liebhaber zu bekommen suchen. Ja, rvenn das „ist, antwortete ihre Freundin, so ist ihre und meine Mühe „vergebens. Ick rvcrde sie ihre Rolle nimmermehr gehörig „spielen lehren. Diese Folge war sehr richtig; denn eine wahre Zärtlichkeit auszudrücken, dazu ist alle Kunst nicht hinlänglich. Man mag sich auch noch so sehr bestreben, das unschuldige und rührende Wesen derselben zu erreichen; es wird doch noch immer von der Natur eben so weit unterschieden seyn, als es die frostigen Liebkosungen einer Buhlcrinn, von den affcktvollcn Blicken einer aufrichtigen Liebhaberin sind. Man stellt alle übrige Leidenschaften unvollkommen vor, wenn man sich ihren Bewegungen nicht überläßt, aber wenigstens stellt mau sie doch unvollkommen vor. Man ahmet mit kaltem Blute den Ton eines Zornigen schlecht nach, allein man kann doch wenigstens einige von den andern äusscrlichcn Zeichen, durch welche er sich an den Tag legt, entlehnen; und wenn man in verschiedenen Rollen schon nicht die Ohren bctricgt, so betricgt man doch wenigstens die Augen. Zn den zärtlichen Rollen aber kann man eben Auszug aus dem Schauspieler. 189 so wenig die Augen, als die Ohren bctricgcn, wenn man nicht von der Natur eine zur Liebe gemachte Seele bekommen hat.-- „Will man, fährt der Verfasser fort, die Ursache wissen, warum „man zwar die Larve der andern Leidenschaften borgen, die „Entzückungen der Zärtlichkeit aber nur auf eine sehr ungetreue „Art nachbilden kann, wenn man nicht selbst liebt, oder wohl „gar zu lieben nicht fähig ist, so will ich es wagen eine Vermuthung hierüber vorzutragen. Die übrigen Leidenschaften „mahlen sich blos dadurch auf dem Gesichte, daß sie in den „Zügen eine gewisse Art von Veränderung verursachen; die „Zärtlichkeit hingegen hat, so wie die Freude, das Vorrecht, „der Gcsichtsbildung neue Schönheiten zu geben und ihre Fch- „lcr zu verbessern. Daher also, daß man uns von gewissen „Leidenschaften ein unvollkommenes Bild vorstellen kann, ohne „von ihnen selbst beherrscht zu werden, solgt noch nicht, daß „man auch die sanfte Drunkcnhcit der Liebe auch nur unvollkommen nachahmen könne, ohne sie selbst zu sühlcn. — — Aus allem diesen zieht der Verfasser in dem fünften -Hauptstücke die Folgerung, daß man sich nicht mehr mit diesen Rollen abgeben müsse, wenn man nicht mehr in dem glücklichen Alter zu lieben sey. Die Wahrheit dieser Folgerung fällt zu deutlich in die Augen, als daß es nöthig wär, seine Gründe anzuführen, die ohnedem auf das vorige hinaus lauffcn. — — Wir kommen vielmehr sogleich auf den zweien Abschnitt dieses zweyten Buchs, worinn, wie schon gesagt, die äusscrlichcn Gaben abgehandelt werden, welche zu gewissen Rollen insbesondere nöthig sind. Es geschieht dieses in vier Hauptstückcn, wovon das erste die Stimme angeht, und zeiget, Saß eine Stimme, rvclche in gewissen Rollen hinlänglich ist, in andern Rollen, rvelche uns einnehmen sollen, es nicht sey. Bey komischen Schauspielern ist es fast genug, wenn wir ihnen nur alles, was sie sagen sollen, hinlänglich verstehen können, und wir können ihnen eine mittelmäßige Stimme gar gern übersehen. Der tragische Schauspieler hingegen muß eine starke, majestätische und pathetische Stimme haben; der, welcher in der Komödie Personen von Stande vorstellt, eine edle; der, welcher den Liebhaber macht, eine angenehme, und die, welche die Liebhaberin spielt, 190 Theatralische Bibliothek. eine bezaubernde. Von der letztem besonders verlanget man diejenigen überredenden Töne, mit welchen eine Schöne aus dem Zuschauer, alles was sie will, machen und von ihrem Liebhaber, alles was sie begehrt, erlangen kann. Eine rcitzcndc Stimme kann anstatt vieler andern Vorzüge seyn. Bey mehr als einer Gelegenheit hat die Verführung der Ohren über das Zeugniß der Augen gesiegt, und eine Person, der wir unsere Huldigung verweigerten, wenn wir sie blos sahen, hat sie vollkommen zu verdienen geschienen, wenn wir sie gehöret haben--Bon der Stimme kommt der Verfasser auf die Gestalt und zeigt in dem zweien Hauptstückc, daß die Liebhaber in der Romsdie eine liebenswürdige, und die Melden in der Tragödie eine ansehnliche Gestalt haben müssen. Weil es wahrscheinlich ist, daß die erhabenen Gesinnungen einer Prinzeß!» sie bewegen können, bey einem Helden die nicht allzu regelmässige Bildung seines Gesichts in Ansehung seiner übrigen grossen Eigenschaften, zu vergessen: so ist es eben nicht so unumgänglich nöthig, daß der Liebhaber in der Tragödie von einer durchaus rcitzcndcn Gestalt sey, wenn seine Rolle sich nur ungefehr zu seinem Alter schikt. In der Komödie aber Pflegen wir strenger zu seyn. Weil diese uns in den Gesinnungen und Handlungen ihrer Personen nichts als das Gemeine zeigt, so bilden wir uns ihre Helden auch von keinen so ausnehmenden Verdiensten ein, daß sie über das Herz siegen könnten, ohne die Augen zu reißen, und ihre Heldinnen stellen wir uns nicht so gar zärtlich vor, daß sie bey dem Geschenke ihres Herzens nicht ihre Augen zu Rathe ziehen sollten. Die Gestalt des Liebhabers muß die Zärtlichkeit derjenigen, von welcher er gcliebct wird, rechtfertigen; und die Liebhaberin muß uns ihre Liebe nicht blos mit lebendigen Farben abschildern, sondern wir müssen sie auch nickt für unwahrscheinlich halten, noch ihren schlechten Gcschmak dabey tadeln können. Man wirft zwar ein, daß man im gemeinen Leben oft genug eine Schöne nach einem gar nicht liebenswürdigen Menschen seufzen sehe, und daß uns daher ein klein wenig Ucbcrlcgung gleiche Ercignungcn auf dem Theater erträglich machen könne. Hierauf aber ist zu antworten, daß man in der Komödie das Vergnügen durchaus nicht von der Ueber- Auszug aus dem Schauspieler. 191 lcgnng will abhängen lassen. Bey den Liebhaberinnen ist diese Bedingung noch nothwendiger, als bey den Liebhabern. Es ist zwar nicht eigentlich Schönheit, was sie besitzen müssen; sondern es ist etwas, was noch mehr als Schönheit ist, und welches noch allgemeiner und noch mächtiger auf die Herzen wirkt; es ist ein ich weis nicht was, wodurch ein Frauenzimmer rcitzcnd wird, und ohne welches sie nur umsonst schön ist; es ist eine gewisse siegende Anmuth, welche eben so gewiß allezeit rührt, als es gewiß ist, daß sie sich nicht beschreiben läßt. — — Gleiche Bcwandniß hat es auch mit denjenigen Personen, welche der Verfasser in Ansehung ihres Standes und ihrer Gesinnungen über das Gemeine hinaus setzt; ihre äusscrlichc Gestalt muß ihre Rolle nicht erniedrigen. Obgleich die Natur ihre Gaben nicht allezeit dem Glänze der Gcburth gemäß einrichtet, und obgleich oft mit einer sehr schlechten Physiognomie sehr ehrwürdige Titel verbunden sind: so ist es uns doch zuwider, wenn wir einen Schauspieler von geringen Ansehen eine Person von Stande vorstellen schein Seine Gestalt muß edel, und seine Gcsichtsbildung muß sanft und glücklich seyn, wenn er gewiß seyn will, Hochachtung und Mitleiden in uns zu erregen. Man weis in Paris noch gar wohl, was einem gewissen Schauspieler wicdcrfuhr, welcher seine Probe spielen sollte. Es fehlte ihm weder an Empfindung, noch an Witze, noch an Feuer; nur sein äusscrlichcs war gar nicht heidenmäßig. Einsmals stellte er die Person des Mithridals vor, lind stellte sie so vor, daß alle Zuschauer mit ihm hätten zufrieden seyn müssen, wenn er lauter Blinde zu Zuschauern gehabt hätte. Zn dem Auftritte, wo Monime zu dem Könige sagt: -Herr, du änderst dein Gesicht, rüste ein Spottvogcl aus dem Parterre der Schauspielerin zu: Ä.aßt ihn doch andern. Auf einmal vcrlohr man alle Gaben des Schauspielers aus den Augen, und dachte bloß und allein an die wenige Uebereinstimmung, die sich zwischen ihm und seiner Person befände.--Zn dem dritten -Hauptstücke kömmt der Verfasser auf das rvahre oder anscheinende Verhältniß, rvelches zwischen dem Alter des Schauspielere und dem Alter der Person se/n muß. Ein Portrait, das wegen seiner Zeichnung und seiner Farbenmischung auch noch so schätz- ^:^ ;>« . 192 Theatralische Bibliothek. bar ist, wird doch mit Recht getadelt, wenn es diejenige Person, die es vorstellen soll, älter macht. Eben so wird uns auch ein Schauspieler, wenn er auch sonst noch so vollkommen spielt, nur mittelmäßig gefallen, wenn cr sür seine Rolle allzu alt ist. Es ist nicht genug, daß man uns Iphigcnicn nicht mit Runzeln und den Zdricanincus nicht mit grauen Haaren zeiget; wir verlangen beyde in allen Rcitzungcn ihrer Jugend zu sehen. Einige Zahrc zwar kann der Actcur älter als seine Person seyn, weil cr uns alsdann, wenn cr diesen Unterscheid wohl zu verbergen weis, das Vergnügen einer doppelten Täuschung vcrschaft, welches wir nicht haben würden, wenn cr in diesem Falle nicht wäre. — — Dicscs ist zu deutlich, als daß dcr Verfasser nöthig haben sollte vicl Wortc damit zu vcrschwcndcn. Er thut es auch nicht, sondern eilt mit dem crstcn Thcilc seines Werks zu Ende, indem cr nur noch ein kleines ^«uptstück, welches das vierte ist, und besonders die Mkgdcben und Sie Bedienten angehet, hinzu thut. Bey einigen Rollen ist es gut, wenn die Schauspielerinnen, welche die Mägdchcn vorstcllcn, nicht allzu jung mchr sind; bcy cinigcn abcr müssen sie nothwendig jnng seyn, oder wenigstens jung scheinen, um ihre Zugcud zu einer Art von Entschuldigung für dic unbcdachtsamcn Rcdcn, welche sie mcistcnlhcils führen, oder für die nicht allzuklugcn Rathschläge, dic sic ihren Gcbicthcrinncn oft bcy Licbcshändeln geben, zu machen. Wenn abcr das Mägdchcn cbcn nicht allezeit jung scvn darf, so muß sic doch immcr einc ausscrordcnt- lichc Flüchtigkeit der Zunge besitzen. Diese Eigenschaft ist besonders in den Lustspielen des Rcgnards sehr nöthig, wo ohne dicsclhc bcy vcrschicdncn Rollen alle Anmuth wegfallt. Auch fordert man von dcn Mägdchcn eine schalkhafte Mine, und von den Bedienten Geschwindigkeit und Hurtigkeit. Ein dicker Körper schickt sich daher für dic Bcdicntcn eben so wenig, als sich für dic Mägdchcn das Stottern schicken würde. Dicscs also wäre dcr Inhalt des ersten Theils. Er handelt, wie man gcschcn hat, nichts andcrs ab, als dicjcnigcu natürlichen Gaben, ohne welche es nicht einmal möglich ist, ein gutcr Schauspieler zu werden- Wie vicl häßliche Gegenstände würden wir unter ihnen entbehren, wenn sic alle so billig ge- Auszug m,S dcm Schauspieler. 193 wescn wären, sich darnach zu prüfen. Noch weniger Stümper aber würden wir sehen, wenn diejenigen die diese Prüfung vorgenommen, und darinnc bestanden haben, nicht geglaubt hätten, daß sie nunmehr schon vollkommnc Schauspieler wären, und nichts mehr als diese natürlichen Vorzüge nöthig hätten, um den Beyfall der Zuschauer zu erzwingen. Sie mögen sich ja nicht bekriegen; sie haben aufs höchste nur die Anlage von dem, was sie seyn müssen, und wenn sie sich nicht durch Kunst und Fleiß ausarbeiten wollen, so werden sie zeitlebens auf dem halben Wege stehen bleiben. Wie dieses aber geschehen müsse und woraus sie insbesondere zu sehen haben, handelt unser Verfasser in seinem zweyten Theile ab, welcher, ohne einige Uutcrab- theilungcu, aus neunzehn Hauptstückcn besteht, deren Inhalt ich gleichfalls anzeigen will. Das erste -Hauptstnck untersucht roorinne die Wahrheit der Vorstellung bestehe? Diese Wahrheit bestehet in dcm Zusammenfluß«: allcr Wahrscheinlichkeiten, welche den Zuschauer zu bctricgcn geschickt sind. Sie theilen sich in zwey Klassen. Die einen entstehen aus dcm Spiele des Akteurs; und die andern aus gewissen Modifikationen des Schauspielers, in Ansehung seiner Verkleidung oder der Auszicrung des Orts, wo cr spielt. Die Wahrscheinlichkeiten von der ersten Art gehören vornehmlich hierher, und bestehen in der genauen Beobachtung alles dessen, was sich geziemt. Das Spiel des Actcurs ist nur alsdann wahr, wenn man alles darmnc bemerkt, was sich für das Alter, für den Stand, für den Charakter und für die Umstände der Person, die cr vorstellt, schicket. Diese Wahrheit aber theilt sich in die Wahrheit der Action, und in die Wahrheit der Recitation. Von der ersten handelt das zweyte Hauprstäck. Diese Wahrheit ist oft diejenige gar nicht, welche dcm Schauspieler zuerst in die Gedanken kömmt. Agamemnon zum Exempel, (Iphi- genia Aufz. II. Aufr. 2.) als ihn Zphlgenia fragt, ob cr ihr erlauben werde, dcm Opfer, das er vorhabe, beyzuwohnen, antwortet ihr: Du bist dabey, mein Tochter. Ncrschicdne Schauspieler glauben diese Stellung recht pathetisch auszudrücken, wenn sie Blicke voll Zärtlichkeiten auf Zphigcnicn heften, allein diese Action ist ganz wider die Wahrscheinlichkeit, weil Agamem- L-siliigS Merk- IV. 1Z 194 Theatralische Bibliothek. non, indem er dieses zu seiner Tochter gesagt, die Augen gewiß wird abgewendet haben, damit sie den tödlichen Schmerz, der sein Herz zerfleischte, nicht darinne lesen möge. Die Schwierigkeit alle kleine Schattirungcn zu bemerken, aus welchen die Wahrheit der Action bestehet, zeigt sich besonders in den verwickelten Stellungen. Der Verfasser verstehet unter dieser Benennung diejenigen Stellungen, in welchen die Person entgegengesetzten Absichten ein Genüge thun muß. Zn diesem Falle ist Isabelle in der Männcrschule, wenn sie sich zwischen dem Sganarelle und valere befindet, und den einen umfaßt indem sie dem andern die Hand giebt, und zu dem einen etwas spricht, was sich der andre annehmen soll. Die Schauspielerin, die dieses spielt, hat sehr viel Genauigkeit anzuwenden, damit ihr die Zuschauer weder allzuwcnigc Vorsicht in Ansehung ihres Eifersüchtigen, noch allzuwenig Zärtlichkeit gegen ihren Liebhaber Schuld geben können. Zn dem dritten -Hauptstücke betrachtet der Verfasser die zwey vornehmsten Stücke der Action; die Minen nehmlich und die Gcstus. Beyde müssen hauptsächlich wahr seyn. Der Schauspieler muß die Leidenschaften nicht allein in seinem Gesichte ausdrücken, sondern er muß sie auch lebhaft ausdrücken können. Nur muß es nicht so weit gehen, daß er sein Gesicht dadurch verstellet. Gemeiniglich aber fällt man in diesen Fehler nur alsdcnn, wenn man nicht wirklich, nachdem es die Stellung der Person erfordert, aufgebracht oder gerührt ist. Empfindet man wirklich eine von diesen beyden Eindrücken, wie man sie empfinden soll, so wird sie sich ohne Mühe in den Augen abmahlen. Muß man aber seine Seele erst mit aller Gewalt aus ihrem Todcnschlafe rcisscn, so wird sich der innere gewaltsame Zustand auch in dem Spiele und in den Minen verrathen. — — Die Gcstus theilt der Verfasser in zwey Arten; einige, spricht er, haben eine bestimmte Bedeutung, andre aber dienen bloß die Activ» zu bclcbcn. Die crstcrn sind nicht willkührlich, sondern sie machen eine gewisse Sprache aus, die wir alle reden, ohne sie gelernt zu haben, und durch die uns alle Nationen verstehen können. Die Kunst kann sie weder deutlicher noch nachdrücklicher machen; sie kann sie aufs höchste nur ausputzen, Auszug aus dem Schauspieler. und den Schauspieler lehren, sich ihrer so zu bedienen, wie es sich für seine Rolle schickt. Sie kann ihn zum Exempel lehren, daß das edle Komische wenigere heftige Gcstus erfordert, als das niedrig Komische; und das Tragische noch wenigere, als das edle Komische. Die Ursache hiervon ist leicht zu errathen. Die Natur nehmlich macht, wenn sie sich selbst gelassen ist, weit unmäßigere Bewegungen, als wenn sie von dem Zaume der Erziehung, oder von der Ernsthaftigkeit eines zu beobachtenden Ansehens zurück gehalten wird. Was die andre Art der Gcstus anbelangt, so müssen sie wenigstens eine Art des Ausdruckes haben; sie müssen nicht studirt seyn, und müssen oft abgewechselt werden. Bey denjenigen komischen Rollen, bey welchen man gewisser Maasscn die Natur nicht vor sich haben kann, dergleichen die erdichteten Rollen der itrispins, der Pour- ceaugnacs und andre sind, thut man wohl, wenn man seinen Vorgänger in denselben, dessen Art Beyfall gefunden hat, so viel wie möglich nachahmt. Vielleicht ist es gut, wenn man manchmal auch sogar dessen Fehler nachahmt, um den Zuschauern die Action desto wahrer scheinen zu lassen. Von der Action kömmt nunmehr der Verfasser in dem vierten -Hanptstücke auf die Recitation unv Verselbc» Mahrheit. Nach einigen Stellen bey den Alten muß man glauben, daß sie die Deklamation ihrer dramatischen Werke nach Noten abgemessen haben. Wenn dieses harmonische Noten gewesen sind, so haben sich ihre Schauspieler in eben den Umständen befunden, in welchen sich die heutigen Opcrsängcr in Ansehung der Recitative befinden, allein die Wahrheit der Recitation kann dabcy nichts gewonnen haben, weil die Musik keine an und vor sich bestimmten Mittel hat, die vcrschicdncn Leidenschaften auszudrücken. Sollen aber diese Noten bloß die Töne der gemeinen Unterredung angegeben haben, wie der Abt du Bos behauptet, so muß man voraussetzen, daß sich dergleichen Töne, in Acr- glcichung mit andern gegebenen Tönen wirklich ausdrücken lassen, und daß jede Empfindung nur einen Ton habe, welcher ihr eigentlich zukomme. Allein beydes ist falsch. Die verschicdnen Veränderungen der Stimme, welche aus einerley Eindrücken entstehen, haben zwar mit einander etwas gemein; allein sie sind 13° 196 Theatralische Bibliothek. auch wegen der verschiedncn Sprachwerkzeuge nothwendig unterschieden. Wer daher die Kunst zu recitircn methodisch abhandeln wollte, der müßte eben so vielerlei) Regeln geben, als Arten von Stimmen sind. Kurz, es gehört allein der Natur zu, die Töne, welche sich am besten schicken, vorzuschreiben, und die Empfindung ist die einzige Lehrerin in dieser bezaubernden Beredsamkeit der Schalle, durch welche man in den Zuhörern alle beliebige Bewegungen erregen kann. Das vornehmste Geheimniß ist dabey dieses, daß man diejenigen Töne, welche dem Anscheine nach einerley sind, in der That aber unterschieden werden müssen, nicht unter einander verwechsele, und die einen für die andern brauche. Man betrachtet zum Exempel den naifen Ton und den aufrichtigen Ton als zwey Töne, die unter einerley Art gehören, allein es würde ganz unrecht gethan seyn, wenn man den einen anstatt des andern nehmen wollte. Der eine gehört derjenigen Person zu, welche nicht Witz oder Stärke genug hat, ihre Gedanken und ihre Gesinnungen zu verbergen, sondern die Geheimnisse ihrer Seele wider ihren Willen, und wohl gar zu ihrem Schaden, entwischen läßt. Der andre ist vielmehr das Zeichen der Redlichkeit, als der Dummheit oder Schwachheit, und gehört für diejenigen Personen, welche Geschicke und Herrschaft über sich selbst genug hätten, um ihre Art zu denken und zu empfinden zu verbergen, gleichwohl aber sich nicht cntschlicsscn können, der Wahrheit Abbruch zu thun. Es giebt übrigens auch Töne, welche zu mehr als einer Art gehören. Die Ironie kann, zum Exempel, aus Zorn, aus Verachtung, und aus blosser Munterkeit gebraucht werden. Allein der ironische Ton, welcher sich bey dem einen Falle schickt, schickt sich ganz und gar nicht bey dem andern, und so weiter. Dieses war von der Recitation überhaupt. Zn dem fünften Hauprstücke handelt der Verfasser mit wenigen, von der Arr, roie Sie RomoSie recitirt roerden müsse. Sie muß durchaus nicht dcclamirt werden; wenige Stellen ausgenommen, die man, um sie den Zuhörern desto lächerlicher zu machen, dccla- mircn kann. „Es ist überhaupt ein unverbrüchliches Gesetz für „die komischen Schauspieler, daß sie eben so rccitiren müssen, /,als sie außer dem Theater reden würden, wenn sie sich wirk- Auszug aus dem Schauspieler. 197 „lich in den Umständen befänden, in welchen sich die Person, „die sie vorstellen, befindet. Zn den prosaischen Komödien wird „es ihnen eben nicht schwer, dieser Regel zu folgen; allein in „den Komödien in Versen haben sie schon mehr Mühe damit. „Sie sollten dahcro wünschen, daß sie alle in Prosc möchten „geschrieben seyn. Dennoch aber, ob schon oft in ganzen Gesellschaften von Komödianten kaum eine Person Verse gehörig „herzusagen weis, ziehen sie die Stücke in Versen vor, weil „diese sich leichter lernen und behalten lassen. Der größte Theil „der Zuhörer giebt diesen Stücken gleichfalls den Vorzug. Ohne „hier zu untersuchen, ob sich die Sprache der Poesie sür die „Komödien schickt, und in welchem Falle sie zu dulden sey, will „ich nur anmerken, daß man sich ihrer gewiß seltner bedienen „würde, wenn man nicht in Prose mehr Witz haben müßte; „daß das Sylbcnmaaß lind der Reim die Wahrheit der Unterredung nothwendig verringert, und daß folglich die Schauspieler sich nicht Mühe genug geben können, das eine zu unterbrechen, und den andern zu verstecken. Zn dem sechsten -Hauptstücke untersucht der Verfasser, ob die (Tragödie declamirl werden müsse? Man ist dieser Frage wegen nur deswegen so sehr uneinig, weil man sich allzu vcr- schicdne Begriffe von der ZOeclsmanon macht. Einige verstehen darunter eine gewisse schwülstige und prahlende Recitation, ein gewisses unsinniges und monotomschcs Singen, woran die Natur keinen Antheil nimntt, und welches bloß die Ohren betäubt, und niemals das Herz angreift. Eine solche Deklamation muß aus der Tragödie verbannt seyn; nicht aber die Majestät des Vertrags, welche bey einer natürlichen Recitation ganz wohl bestehen kann. Dieser prächtige Vortrag schickt sich besonders an gewisse Stellen in den Tragödien, deren Begebenheiten aus den fabelhaften Zeiten erborgt sind. Man muß zwar auch da die Natur nicht übertreiben; allein man muß sie doch in aller ihrer Grösse und in allen ihrem Glänze zeigen. Von einer mächtigen Zauberin glaubt man, daß sie etwas mehr als menschliches besitze. Wenn daher Medca nichts als ihren untreuen Gemahl zurückrufen will, so kann sie ganz wohl als eine andre Weibsperson reden. Wenn 5^«^'^- ^ - '!-'>.^-M«^^M»>» 198 Theatralische Bibliothek, sie aber die drcyförmigc Hccate citirt, wenn sie mit ihren geflügelten Drachen durch die Lust fährt, alsdann muß sie donnern. Zn dem siebenden -Hauptsiücke werden einige -Hindernisse angegeben, welche der Mahrheit der Recitation schaden. Eine von den vornehmsten ist die Gewohnheit verschiedener Schauspieler, ihre Stimme zu zwingen. So bald man nicht mehr in seinem natürlichen Tone redet, ist es sehr schwer, der Wahrheit gemäß zu spielen. Eine andere Hinderniß ist die Monotonie, deren cs drcycrlcy Arten giebt. Die eine ist die Ncrharrung in eben derselben Modulation, die zweyte die Gleichheit der Schlußtöne, und die dritte die allzuofte Wicdcrhohlung eben derselben Wendungen der Stimme. Der erste von diesen Fehlern ist den tragischen und römischen Schauspielern gleich gemein. Verschiedene von ihnen bleiben ohn Unterlaß in einem Tone, so wie die kleinen Instrumente, mit welchen man gewisse Vögel abrichtet. In den zweyten Fehler fallen die tragischen Acteurs öfterer als die komischen; sie sind gewohnt, fast immer mit der tiefen Octavc zu schlicsscn. Eben so ist cs mit dem dritten Fehler, welchen man gleichfalls den komischen Schauspielern weit seltner als den tragischen vorzuwerfen hat, die besonders durch die Nothwendigkeit, von Zeit zu Zeit eine lange Reihe von Versen majestätisch auszusprcchcn, dazu verleitet werden. Man würde auch dem geringsten Anfänger unter ihnen Unrecht thun, wenn man ihm noch rathen wollte, so viel möglich den Nuhcpunct der Cäsur z» vermeiden. Es ist dieses blos ein Anstoß für diejenigen Komödianten, welche ohne Verstand und ohne Geschmack mehr auf die Zahl der Sylben, als auf die Verbindung der Gedanken Achtung geben. Weil aber die Poesie die natürliche Sprache der Tragödie ist, so sind die tragischen Acteurs nicht so wie die komischen verbunden, den Reim allezeit zu verstecken. Gemeiniglich würde cs auch nicht einmal angehen, wenn sie auch gerne wollen. Der Abschnitt des Verstandes zwingt sie oft, bey dem Schlüsse cincs jeden Verses inue zu halten, und dieses verursacht eine Art von Gesang, welchem man am besten dadurch abhilft, wenn man diesen Abschnitt nach Beschaffenheit der Umstände entweder verkürzt oder verlängert, und nicht alle Verse in einerley Zeit ausspricht.--- Ferner gehöret unter die Hin- Auszug aus dem Schauspieler. 199 dernisse der vorherrschende Gcschmak, welche» gewisse Schauspieler für eine besondere Art zu spielen haben. Besitzen sie zum Exempel die Kunst zu rühren, so wollen sie diese Kunst überall anwenden, und weil ihnen der weinende Ton wohl läßt, so sind sie fast nie daraus zu bringen. Das achte -Hauptstück untersucht in welcher Vollkommenheit die Schauspieler ihre Rollen auswendig wissen sollen, damit die Wahrheit der Vorstellung nichts darunter leide? Die Antwort hierauf ist offenbar: in der allcrmöglichsten. „Denn „die vornehmste Aufmerksamkeit des Schauspielers, sagt der Verfasser, muß dahin gerichtet seyn, daß er uns nichts als die „Person, die er vorstellt, sehen lasse. Wie ist dieses aber möglich, wenn er uns merken läßt, daß er blos das wicdcrhohlt, „was er auswendig gelernt hat? Za noch mehr. Wie kann „er uns nur den blossen Schauspieler zeigen, wenn sein Gedächtniß arbeiten muß? Wenn der Lauf des Wassers, das „durch seine Erhöhung oder durch seinen Fall eine Fontaine zu „verschönern bestimmt ist, in seinen Kanälen durch etwas aufgehalten wird, so kann es unmöglich die verlangte Wirkung „thun. Wenn dem Schauspieler seine Rede nicht auf das „schleunigste beyfällt, so kann er fast nicht den geringsten Gebrauch von seinen Talenten machen. — — Za, der Verfasser geht noch weiter und behauptet, daß die Schauspieler nicht allein ihre eigne Rolle, sondern auch die Rollen aller andern, mit welchen sie auf der Bühne zusammen kommen, wenigstens zum Theil, wissen müssen. Man muß fast immer auf dem Theater, ehe man das Stillschweigen bricht, seine Rede durch einige Action vorbereiten, und der Anfang dieser Aktion muß, nach Beschaffenheit der Umstände, eine kürzere oder längere Zeit vor der Rede vorhergehen. Wenn man aber nichts als die letzten Worte von der Rede, auf die man antworten soll, weis, so ist man oft der Gefahr ausgesetzt, seine Antwort nicht gehörig vorbereiten zu können. Bis hiehcr hat der Verfasser die Wahrscheinlichkeiten betrachtet, die der Schauspieler in seinem Spiele beobachten muß, wenn die Vorstellung wahr scheinen soll. In dem neunten -Haupt- stücke betrachtet er nunmehr diejenigen Wahrscheinlichkeiten, 2(10 Theatralische Bibliothek. welche von den ausscrlichen Umständen, in welchen sich ver Schauspieler befindet, abhängen. Es muß zum Exempel der Ort der Scene allezeit dem Orte ähnlich seyn, in welchem man die Handlung vorgehen läßt. Die Zuschauer müssen sich nicht mit auf dem Theater befinden, welches in Paris besonders Mode ist. Die Schauspieler müssen gehörig gekleidet seyn; wenn sie ihre Rolle in einem prächtigen Auszüge zu erscheinen verbindet, so müssen sie nicht in einem schlechten erscheinen; auch diejenigen Schauspielerinnen, welche die Mägdchcn vorstellen, müssen sich nicht allzusehr putzen, sondcrn ihrer Eitelkeit ein wenig Gewalt anthun. Besonders müssen die Schauspieler die Wahrscheinlichkeit beobachten, wenn sie sich den Zuschauern nach einer That zeigen, die ihre Person nothwendig in einige Unordnung muß gesetzt haben. Grcst, wenn er aus dem Tempel kömmt, wo er, -Hermioncn ein Gnügc zu thun, den Pirrhus umgebracht hat, muß nicht in künstlich frisirtcn und gepuderten Haaren erscheinen. - - Noch eine gewisse Gleichheit muß zwischen dem Schauspieler und der Person, die er vorstellt, ausser der, deren wir oben gedacht haben, beobachtet werden. Derjenige Actcur, welcher zuerst den verlohnten Sohn vorstellte, schien seiner Vortrcf- lichkcit in dem hohen Komischen ungeachtet, dennoch an der unrechten Stelle zu seyn, weil man ihn unmöglich für einen jungen Unglücklichen halten konnte, der sich durch seine üble Aufführung in die äusserste Armuth gestürzt, und das härteste Elend erduldet habe. Hingegen war das gesunde Ansehen des TNont- mcny, welcher den eingebildeten Kranken vorstellte, in dieser Rolle gar nicht anstößig, sondcrn um so viel angenehmer, je lächerlicher es war, daß ein Mensch, dem alles das längste Leben zu versprechen schien, sich beständig in einer nahen Todesgefahr zu seyn einbildcte. Aus dcn jetzt angeführten Betrachtungen über die Wahrheit der Vorstellung fließen einige andere Betrachtungen, welche das zehnte Hauptstück ausmachen. Sie betreffen die Vorbereitung grosser Bewegungen, daß stuffcnwcisc Steigen derselben und die Verbindung in dem Ucbcrgange von einer auf die andre. Ein dramatischer Dichter, welcher seine Kunst verstehet, läßt die Zuschauer mit Fleiß nicht merken, wohin er sie führen will. Der Auszug aus dem Schauspieler. 201 Schauspieler muß sich hierinne nach dem Verfasser richten, und muß uns das letzte nicht eher sehen lassen, als bis wir eben darauf kommen sollen. Allein, wie wir das, was uns vorbehalten wird, nicht gern errathen mögen, so mögen wir auch eben so wenig uns gern bekriegen lassen. Es ist uns lieb, wenn wir das zu sehen bekommen, was wir nicht erwarteten, allein mißvergnügt sind wir, wenn man uns etwas anders hat erwarten lassen, als das, was wir sehen. Dieses erläutert der Verfasser durch eine Stelle aus der Phadra, wo diese den Hippolyt zu einer Liebeserklärung vorbereitet. Das stuffcnweisc Steigen besteht darinnc, daß sich die heftige Bewegung immer nach und nach entwickle, welches eben so nothwendig als die Vorbereitung ist, weil jeder Eindruck, welcher nicht zunimmt, nothwendig abnimmt. Die fernere Folge der angeführten Stelle aus der Phädra muß auch dieses erläutern. — — Was aber die Verbindung vcr- schiedncr Bewegungen, besonders diejenigen, die einander vernichten, anbelangt, so wird die Stelle aus der Zaire zum Muster angeführt, wo Grosman bald Wuth, bald Liebe, und bald Verachtung gegen den unschuldigen Gegenstand seines Verdachts äusscrt. Ich müßte sie ganz hersetzen, wenn ich mehr davon anführen wollte. Ein Schauspieler kann die meisten der nur gedachten Bedingungen beobachten, und dennoch nicht natürlich spielen. Der Verfasser untersucht also in dem eilfrei! -Hauptstücke, rvorinne das natürliche Spiel bestehe, und ob es auf dem Theater allezeit nöthig sey. Wenn man unter dem natürlichen Spiele dasjenige meint, welches nicht gezwungen und mühsam läßt, so ist es wohl gewiß, daß es überhaupt alle Schauspieler haben müssen. Versteht man aber eine durchaus genaue Nachahmung der gemeinen Natur darunter, so kann man kühnlich behaupten, daß der Schauspieler unschmackhaft werden würde, wenn er beständig natürlich spielen wollte. Der komische Schauspieler darf nicht nur, sondern muß auch dann und wann seine Rolle übertreiben. Allein man merke wohl, daß unter diesem Uebertreiben nicht die Heftigkeit der Deklamation eines tragischen Actcurs begriffen ist, und daß man sie nur dem komischen Actcur erlaubet, um etwas lächerliches desto stärker in die Augen fallen zu lassen. 202 Theatralische Bibliothek. Doch auch hier müssen gewisse Bedingungen und Umstände beobachtet werden. Der Schauspieler muß noch immer bey seinem Ucbcrtrcibcn eine Art von Regeln beobachten; er kann wohl weiter gehen, als die Natur geht, aber keine Ungeheuer muß er uns deswegen nicht vorstellen. So erlaubt man zum Exempel wohl einem Mahler, daß er, in der Hitze einer lustigen Raserey, eine Figur mit cincr außerordentlich langen Nase mache; aber diese Nase muß doch sonst mit den andern Nasen übereinkommen, und muß sich an der Stelle befinden, welche ihr die Natur angewiesen hat. Gleichfalls muß der Schauspieler, wenn er übertreiben will, zuerst eine Art von Vorbereitung anwenden, und es nicht eher wagen, als bis er den Zuschauer in eine Art von freudiger Trunkenheit versetzt hat, welche ihm nicht so strenge zu urtheilen erlaubt, als wenn er bey kaltem Blute wäre. Außer diesen zwey Bedingungen muß das Ucbcrtrcibcn auch nicht allzuhäufig und auch nicht am falschen Orte angebracht werden. Am falschen Orte würde es zum Exempel angebracht seyn, wenn es diejenigen Actcurs brauchen wollten, die das, was man in der Welt rechtschafnc ehrliche Leute nennt, vorzustellen haben, und uns für sich einnehmen sollen. Ein deutliches Exempel übrigens daß das Ucbcrtrcibcn durchaus nothwendig seyn könne, kömmt in den Betriegereyen des Scapins, (AufI. 4. Aufr. 3.) vor, wo Scapin den Argantc nachmacht, um den Octavio die Gegenwart eines aufgebrachten Vaters aushalten zu lehre». Der Actcur kann hier übertreiben so viel als er will, weil die Wahrscheinlichkeit dadurch mehr aufgeholfen, als verletzet wird. Es würde nehmlich weniger wahrscheinlich seyn, daß Octav ganz betäubt wird, und nicht weis, was er sagen soll, wenn nicht die außerordentliche Heftigkeit des Scapins und die Gewaltsamkeit seines Betragens, diesen jungen Liebhaber so tauschte, daß er wirklich den fürchterlichen Argantc in dem Scapin zu sehen glaubte. Alles was unser Verfasser bisher angeführt hat, thut, wenn es von dem Schauspieler beobachtet wird, nur denjenigen Zuschauern Genüge, welche das Gute, was sie sehen, empfinden, und damit zufrieden sind, nicht a°bcr denen, welche zugleich untersuchen, ob das Gute nicht noch besser hätte seyn können. ^ 1 Auszug aus dem Schauspieler. M Für diese hat der Schauspieler gewisse Feinheiten von Nöthen, die.der Verfasser in den folgenden drey Hauptstückcn erklärt. In dem zwölften Hauptstücke handelt er von diesen Feinheiten überhaupt. Eine von den größten bestehet darinnc, daß er dem Verfasser nachhilft, wo er etwa durch Unterdrückung eines Worts, oder durch sonst eine kleine Unrichtigkeit, die er vielleicht ans Nothwendigkeit des Reims begangen hat, einen schönen Gedanken nicht deutlich genug ausgedrückt hat. „Wenn „zum Exempel Scvcr nach dem Tode des Policnct (Auf;. 6. „leyter Auftritt) zu dem Felix und zu der Paulina sagt: 8orvex dien votrv Oiöu, lerve? votro Normale, „so bekümmert er sich wenig darum, daß sie bey ihrer Religion bleiben, allein die Treue gegen den Kayscr betrachtet er, „als eine Schuldigkeit, deren sie sich auf keine Weise einbrechen „können. Daher sprach auch Baron, welcher dasjenige, was „die Verfasser nicht sagten, aber doch gerne sagen wollten, nn- „ gemein glücklich zn errathen wußte, die letzter» Worte: dienet „eurem Monarchen auf eine ganz andre Art aus, als die cr- „stcrn dienet nur eurem GOtt. Er ging über die erste Hclftc „ganz leicht weg, und legte allen Nachdruck auf die andere. „Zn der ersten nahm er den Ton eines Mannes an, welcher „von den Tugenden der Christen zwar gerührt, aber von der „Wahrheit ihrer Religion noch nicht überzeugt ist, und also „ganz wohl zugeben konnte, daß man ihr anhing, aber es gar „nicht für nöthig hielt, sie selbst zu ergreifen. Zn der ander» „aber gab er durch eine sehr feine Bewegung und durch eine „sehr künstliche Veränderung der Stimme zu verstehen, daß ihm „der Dienst des Kaysers ein weit wichtigerer Punct zu sey» „scheine, als die gcnaurstc Beobachtung des Christenthums. — — Eine andre Art von den Feinheiten des Schauspielers kommt auf die Vcrbcrgung der Fehler eines Stücks an. Läßt, zum Exempel, der Verfasser, eine Person, mit der er in Unterredung ist, allzulange sprechen, so macht er es nicht, wie es wohl oft gewisse Schauspielerinnen machen, und läßt seine Augen unterdessen unter den Zuschauern hcrumschwcifcn, sondern er bemüht sich, durch ein stummes Spiel auch alsdcnn zu sprechen, wenn ihm der Dichter das Stillschweigen auslegt. ^ 204 Theatralische Bibliothek. Zn dem dreyzehnten -Hauptstucke nimt der Verfasser, um die Feinheiten des Schauspielers näher zu betrachten, diejenigen vor, welche dem Tragischen insbesondere zugehören. „Man glaubt mit Recht, daß die Tragödie grosse Bewegungen „in uns erregen müsse. Wenn man aber daraus schließt, daß „sich folglich der Schauspieler diesen Bewegungen nicht ununterbrochen genug überlassen könne, so bctricgt man sich. Oft ist „es sehr gut, wenn er in denjenigen Augenblicken, in welchen „gemeine Seelen denken, daß er sich in der allcrgewallsamstcn „Bewegung zeigen werde, ganz vollkommen ruhig zu seyn scheinet. Zn dieser Abstcchung liegt der größte und vornehmste „Theil der Feinheiten, welche in dem tragischen Spiele anzubringen sind. Ein Paar Exempel werden dieses deutlicher machen. „Die ausnehmende Gunst, womit Augustus den Cinna „beehrte, hatte den letzter» doch nicht abhalten können, sich in „eine Verschwörung wider seinen Wohlthäter einzulassen. Das „Vorhaben des Cinna wird entdeckt. Augustus läßt ihn vor „sich fordern, um ihm zu entdecken, daß er alle seine Untreue „wisse. Wer sieht nicht sogleich ein, daß dieser Käufer um so „vielmehr Ehrfurcht erwecken muß, je weniger er seinen Unwillen auslasscn wird? Und je mehr er Ursache hat über die „Undankbarkeit eines Verräthcrs erbittert zu seyn, den er mit „Wohlthaten überschüttet hat, und der ihm gleichwohl nach „Thron und Leben steht, desto mehr wird man erstaunen, die „Majestät eines Regenten, welcher richtet, und nicht den Zorn „eines sich rächenden Feindes in ihm zu bemerken. — — „Eben so deutlich fällt es in die Augen, daß je weniger man „über die Grösse seiner cntworfnen Unternehmungen erstaunt „scheint, desto grösser der Bcgris ist, den man bey andern von „seinem Vermögen, sie auszuführen, erweckt. Mithridkt muß „daher einen weit grösscrn Eindruck machen, wenn er seinen „Söhnen die Entwürfe, die er den Stolz der Römer zu er- „niedrigen gemacht hat, mit einer ganz gelassenen und einfältigen Art mittheilet, als wenn er sie mit Schwulst und Pra- „lercy auskrahmct, und in dem Tone eines Menschen vorträgt, „welcher den weiten Umfang seines Genies und die Grösse sci- „ncs Muths gern möchte bewundern lassen.--Wenn man Auszug aus dem Schauspieler. 205 dieses gehörig überlegt, so wird man hoffentlich nicht einen Augenblick länger daran zweifeln, daß grosse Gesinnungen zur Vorstellung einer Tragödie nothwendig erfordert werden. Ein Actcur, welcher keine erhabene Seele hat, wird diese verlangten Abstcchungcn auf keine Weise anbringen können; kaum daß er fähig seyn wird, dieselben sich vorzustellen. Das vierzehnte -Hauptstücke handelt von dcnfenigen Feinheiten insbesonvere, welche für das Römische gehören. Diese sind zwcycrlcy. Entweder der komische Schauspieler macht uns über seine eigne Person zu lachen, oder über die andern Personen des Stücks. Das erste zu thun, sind eine unzählige Menge Mittel vorhanden. Das vornehmste aber besteht dar- inne, daß man sich der Umstände zu Nutze macht, welche den Charakter der Person an den Tag legen können. Ist zum Exempel diese Person ein Geiziger und es brennen zwey Wachslichter in dem Zinnner, so muß er nothwendig das eine-auslöschen. Auch bey, den Leidenschaften kann man viel komische Feinheiten von dieser Art anbringen; wenn man nehmlich thut, als ob sie sich wider Willen der Person, die sie gerne verbergen will, verriethen. Ferner kann man über seiner Person zu lachen machen, wenn man sie etwas thun läßt, was ihren Absichten zuwider ist. Ein Liebhaber, der wider seine Schöne in dem heftigsten Zorne ist und sie fliehen will, ergötzt uns allezeit, wenn wir ihn aus Gewohnheit den Weg zu dem Zimmer seiner Geliebten nehmen sehen; desgleichen ein unbcdachtsam Dummer, wenn er dasjenige, was er gerne verschweigen möchte, ganz laut cr- zehlt.--Unter den komischen Feinheiten, von der andern Art, wodurch man nehmlich andre Personen lächerlich zu machen sucht, gehöret der rechte Gebrauch der Anspielungen, und besonders das Parodircn, welches entweder aus Unwillen, oder aus blosser Munterkeit geschieht. Gleichfalls gehören die Hindernisse hierher, die man der Ungeduld eines andern in Weg legt. Zum Exempel ein Herr glaubt den Brief, den ihm der Bediente bringt, nicht hurtig genug lesen zu können; und dieser zieht ihn entweder durch die Langsamkeit, mit welcher cr ihn sucht, oder durch die Unvorsichtigkeit, ein Pappicr für das andre zu ergreifen, auf. 20k Theatralische Bibliothek. Zu dem fünfzehnten -Hauptstücke fugt der Verfasser zu dem, was von den Feinheiten gesagt worden, einige Regeln, die man bey Anwendung derselben beobachten muß. Sie müssen vor allen Dingen diejenige Person nicht witzig machen, welche entweder gar keinen oder nur sehr wenig Witz haben soll. Sie müssen auch alsdcnn nicht gebraucht werden, wenn die Person in einer heftigen Bewegung ist, weil die Feinheiten eine völlige Freyheit der Vernunft voraussetzen. Ferner muß man sich lieber gar nicht damit abgeben, als solche anzuwenden wagen, von deren guten Wirkung man nicht gewiß überzeugt ist; denn in Absicht auf angenehme Empfindungen, wollen wir lieber gar keine, als unvollkommene haben. Alle diese Feinheiten sind von der Art, daß sie fast immer so wohl gesehen als gehöret werden müssen. Es giebt deren aber auch noch eine Art, welche blos gesehen werden dürfen, und diese sind das, was man Theaterspiele nennt. Der Verfasser widmet ihnen das sechszehnte -Hauptstück. Sie helfen entweder die Vorstellung blos angenehmer, oder wahrer machen. Die letztem, welche die Vorstellung wahrer machen, gehören für die Tragödie so wohl, als für die Komödie; die andern aber, insbesondre nur sür die Komödie. Ferner hangen sie entweder nur von einer Person, oder von allen Personen, die sich mit einander auf der Bühne befinden, zusammen ab. Die letztem müssen so eingerichtet seyn, daß in aller Stellungen und Bewegungen eine vollkommene Uebereinstimmung herrsche. Wenn Phädra dem Hippolyt den Degen von der Seite reißt, so müssen der Schauspieler und die Schauspielerin sich wohl vorgesehen haben, damit sie sich in dem Augenblicke nicht allzuweit von einander befinden, und damit die Schauspielerin nicht nöthig hat, das Gewehr, dessen sie sich bemächtigen will, erst lange zu suchen.--Uebcrhaupt muß in den Theaterspielen eine grosse Abwechselung zu bemerken seyn; und von dieser handelt der Verfasser Zn dem siebzehnten Hauptstücke. Die Abwechselung gehöret nicht allein für diejenigen Schauspieler, welche sich zugleich in der Tragödie und Komödie zeigen wollen; auch nicht für die alleine, die nur in der einen oder in der andern spielen: son- Auszug aus dem Schauspieler. 207 dcrn auch für die, die sich mir zu gewissen Rollen bestimmen, die alle einigcrmaasscn mit einander übereinkommen. Die Ursache davon ist diese, weil auch diejenigen Personen, die einander am meisten ähnlich sind, dennoch gewisse Schattirungcn haben, die sie von einander unterscheiden. Diese Schattirungen nmß der Schauspieler aussuchen, und seine Rolle genau zergliedern, wenn er nicht alles unter einander mengen, und sich nicht einer cckeln Einförmigkeit schuldig machen will. — — Doch auch nicht einmal in den ähnlichen Rollen allein muß der Schauspieler sein Spiel abwechseln; er muß es auch alsdann abwechseln, wenn er eben dieselben Rollen spielt. Die wenige Aufmerksamkeit, die man auf diesen Artickel richtet, ist eine von den vornehmsten Ursachen, warum wir nicht gerne einerley Stuck mehr als einmal hintereinander sehen mögen. — — Meistenthcils sind die Schauspieler aber nur deswegen so einförmig, weil sie mehr nach dem Gedächtnisse, als nach der Empfindung spielen. Wenn ein Acteur, der Feuer hat, von seiner Stellung gehörig eingenommen ist; wenn er die Gabe hat, sich in seine Person zu verwandeln, so braucht er auf die Abwechselung weiter nicht zu denken. Ob er gleich verbunden ist, so oft er eben dieselbe Rolle spielt, eben derselbe Mensch zu bleiben, so wird er doch immer ein Mittel finden, den Zuschauern neu zu scheinen. Gesetzt nun, daß das Spiel eines Komödianten vollkommen wahr ist; gesetzt, daß es natürlich ist; gesetzt, daß es fein und abwechselnd ist: so werden wir ihn zwar bewundern, wir werden aber doch immer noch etwas vermissen, wenn er nicht die Anmuth des Vortrags und der Action damit verbindet. Von dieser Anmuth handelt das achtzehnte -Hauptstück. Bey Vorstellung der Tragödie, ist sie mit unter der Majestät begriffen, welche überall darinnc herrschen muß. Was aber die Anmuth in dem Komischen sey, besonders in dem hohen Komischen, das läßt sich schwer erklären, und eben so schwer lassen sich Regeln davon geben; überhaupt kann man sagen, daß sie darinne bestehe, wenn man der Natur auch so gar in ihren Fehlern Zierde und Rcitz giebt. Man muß närrische Originale nachschildern, aber man muß sie auf ihrer schönsten Seite nachschil- 208 Theatralische Bibliothek. dcrn. Ein jeder Gegenstand ist einer Art von Vollkommenheit fähig, und ein jeder, den man auf der Bühne zeigt, muß so vollkommen seyn, als er nur immer seyn kann. Ein Land- mägdchcn, zum Exempel, ist auf dem Theater diejenige gar nicht, die es auf dem Dorfe ist. Es muß unter ihrem Betragen und dem Betragen ihres gleichen, eben der Unterschied seyn, welcher zwischen ihren Kleidern und den Kleidern einer gemeinen Bäuerin ist. Das neunFchme Hauptstück, welches das letzte unsers Schauspielers ist, enthält nichts als einen kurzen Schluß, welcher aus einer Betrachtung besteht, der die natürliche Folge aus den vorhergcmachtcn Anmerkungen ist. „Zc schwerer nun, sagt „der Verfasser, die Kunst ist, desto mehr Nachsicht sollten wir „gegen die jungen Schauspieler haben, wenn sie mit den natürlichen Gaben, die ihnen nöthig sind, auch den gehörigen „Eifer, in ihrem Werke vortrcflich zu werden, verbinden. Wenn „es aber unser Nutzen erfordert, mit diesen nicht allzustrcnge „zu verfahren, so erfordert es auch unsre Billigkeit, vortrcfli- „chcn Schauspielern alle die Achtung wicdcrfahren zu lassen, „welche sie verdienen.--- Zch bin überzeugt, daß meine Leser aus diesem Auszüge eine sehr gute Meinung von dem Werke des Herrn Remond von Samte Albine bekommen werden. Und vielleicht werden sie mir es gar verdenken, daß ich sie mit einem blossen Auszuge abgefertiget habe. Zch muß also meine Gründe entdecken, warum ich von einer förmlichen Übersetzung, die doch schon fast fertig war, abgestanden bin. Zch habe deren zwey. Erstlich glaube ich nicht, daß unsre deutschen Schauspieler viel daraus lernen können; zwcytcns wollte ich nicht gerne, daß deutsche Zuschauer ihre Art zu beurtheilen daraus borgen möchten. Das erste zu beweisen berufe ich mich Theils darauf, daß der Verfasser seine feinsten Anmerkungen zu erläutern sehr oft nur solche französische Stücke anführt, die wir auf unsrer deutschen Bühne nicht kennen; Theils berufe ich mich auf die ganze Einrichtung des Werks. Man sage mir, ist es wohl etwas mehr, als eine schöne Metaphysik von der Kunst des Schauspielers? Glaubt wohl jemand wenn er auch schon alles, was darinne gesagt Auszug aus dem «chauspielcr. 209 wird, innc hat, sich mit völliger Zuversicht des Beyfalls auf dem Theater zeige» zn können? Man bilde sich einen Menschen ein, dem es an dem äußerlichen nicht fehlt, einen Menschen, der Witz, Feuer und Empfindung hat, einen Menschen, der alles weis, was zur Wahrheit der Vorstellung gehört: wird ihm denn deswegen sogleich sein Körper überall zu Diensten seyn? Wird er deswegen alles durch äußerliche Merkmahle ausdrücken können, was er empfindet und einsieht? Umsonst sagt man: ja, wenn er nur alsdcnn Action und Aussprache seiner Person gemäß, natürlich, abwechselnd und rcitzcnd einrichtet. Alles dieses sind abgesonderte Begriffe von dem, was er thun soll, aber noch gar keine Vorschriften, wie er es thun soll. Der 'Herr Remond von Salme Albine setzet in seinem ganzen Werke stillschweigend voraus, daß die äußerlichen Modifikationen des Körpers natürliche Folgen von der innern Beschaffenheit der Seele sind, die sich von selbst ohne Mühe ergeben. Es ist zwar wahr, daß jeder Mensch ungelernt den Zustand seiner Seele durch Kennzeichen, welche in die Sinne fallen, riniger- maaßcn ausdrücken kann, der eine durch dieses, der andre durch jenes. Allein auf dem Theater will man Gesinnungen und Leidenschaften nicht nur cinigcrmaasscn ausgedrückt sehen, nicht nur auf die lmvollkommcne Weise, wie sie ein einzelner Mensch, wenn er sich wirklich in eben denselben Umständen befände, vor sich ausdrücken würde; sondern man will sie aus die allcrvollkom- menste Art ausgedrückt sehen, so wie sie nicht besser und nicht vollständiger ausgedrückt werden können. Dazu aber ist kein ander Mittel, als die besondern Arten, wie sie sich bey dem und bey jenem ausdrücken, kennen zu lernen, und eine allgemeine Art daraus zusammen zu setzen, die um so viel wahrer scheinen muß, da ein jeder etwas von der scinigcn darinnen entdeckt. Kurz, ich glaube, der ganze Grundsatz unsers Verfassers ist umzukehren. Ich glaube, wenn der Schauspieler alle äußerliche Kennzeichen und Merkmale, alle Abänderungen des Körpers, von welchen man ans der Erfahrung gclcrnet hat, daß sie etwas gewisses ausdrücken, nachzumachen weis, so wird sich seine Seele durch den Eindruck, der durch die Sinne auf sie geschieht, von selbst in den Stand setzen, der seinen Bewe- LessngS Werke iv. 14 M M W"^^ 210 Theatralische Bibliothek. gungen, Stellungen und Tönen gemäß ist. Diese nun auf eine gewisse mechanische Art zu erlernen, auf eine Art aber, die sich auf unwandelbare Regeln gründet, an deren Daseyn man durchgängig zweifelt, ist die einzige und wahre Art die Schauspielkunst zu studircn. Allein was findet man hiervon in dem ganzen Schauspieler unsers Verfassers ? Nichts, oder aufs höchste nur solche allgemeine Anmerkungen, welche uns leere Worte für Begriffe, oder ein ich weis nicht was für Erklärungen geben. Und eben dieses ist auch die Ursache, warum es nicht gut wäre, wenn unsre Zuschauer sich nach diesen Anmerkungen zu urtheilen gewöhnen wollten. Feuer, Empfindung, Wngerveide, U?ahrheit, Natur, Anmuth würden alle im Munde führen, und kein einziger würde vielleicht wissen, was er dabey denken müsse. Ich hoffe ehestens Gelegenheit zu haben, mich wcitläuf- tigcr hierüber zu erklären, wenn ich nehmlich dem Publico ein kleines Werk über die körperliche Beredsamkeit vorlegen werde, von welchem ich jetzt weiter nichts sagen will, als daß ich mir alle Mühe gegeben habe, die Erlernung derselben eben so sicher, als leicht zu machen. V. Leben des Herrn Philipp Nericault Destouches. Der nur vor kurzen erfolgte Tod dieses berühmten komischen Dichters hat die Vorstellung seiner Vollkommenheiten bey mir so lebhaft gemacht, daß ich nicht umhin kann, in dieser Bibliothek seiner unter allen Franzosen am ersten zu gedenken. Vor jczt will ich nur einige historische Umstände seines Lebens mittheilen, und die nähere Bekanntmachung seiner Werke, deren vornehmste ich mit allem Flcis zergliedern werde, auf die nächste Fortsetzung vcrsparen. Philipp Nericault Destouches, Herr von Forroiseau, von Wofvcs, von Vives-Eaux, zc. Gouverneur der Stadt und des Schlosses Melun, und eines von den vierzig Gliedern der französischen Akademie, war im Zahr 1680 gcbohrcn. Zn seinem neunzehnten Zahre kam er zu dem Marquis von Puyzieulr, damaligen Gencrallieutenant der französischen Armeen, und Gou- Leben des Herrn Philipp Ncric.nilt Dcstouchcs. 211 vcrncur von Hünningcn, in dessen Diensten lind unter dessen Aufsicht cr sich ganzer sieben Zahr zu öffentlichen Angelegenheiten geschickt machte. Dieser Herr hatte sich ehedem nicht nur im Fcldc einen grossen Ruhm und das Vertrauen des Tnrcnne erworben, sondern war auch königlicher Abgesandter bey den Schweizerischen Eantons gewesen. Er bcsas sehr besondere Verdienste, und wußte zwey ganz entgegen gesetzte Eigenschaften, die Klugheit nehmlich und das Phlegma eines Staatsmanns mit der Kühnheit und Thätigkeit eines Soldaten zu verbinden. Der junge Desrouches befand sich noch in dem Hause des Marquis, als cr seine erste Komödie ans Licht stellte. Es war dieses der unverschämte Neugierige (l<- On-ioux impertinent) in Versen und fünf Auszügen. Sie hatte Beyfall gefunden, und cr glaubte verbunden zu seyn, sie seinem Wohlthäter zuzucigncu; ja, wenn cr in dicscr Zucignungsschrift nicht so wohl die Sprache der Schmeichelet), als der Wahrheit geredet hat, so war er es auch in der That. Er und seine Familie halten ihm den löblichen Ehrgeiz, sich auch in der gelehrten Republik einen Rang zu erwerben, beygebracht; unter ihm hatte cr scincn Gcist gcbildct und sein Herz gebessert, ja von ihm hatte cr so gar manche vortrcflichc Einsicht in dic Kunst, in wclchcr cr sich zu zeigen anfing, crlangt. So viel ist gewiß, daß unscr Dichter schon in seinem crstcn Stücke eine besondre Kenntniß der grossen Welt und der Art, durch welche sich das Lächerliche derselben von den Lächerlichkeiten des Pöbels unterscheidet, zeigte, und überall diejenige Anständigkeit auch bey Schildcrung der Laster blickcn licß, dic fast nur denen, dic unter Leuten von Stande aufgewachsen sind, natürlich zu seyn scheinet. Nachdem cr das Haus dcs Marquis von Puyziculx verlassen, ward cr nach und nach in verschicdcncn Staatsuntcrhandlungcn gebraucht, in welchen cr immer glücklich war. Er unterließ dabey nicht, ein vortrcflichcs Stück nach dem andern dem Thcatcr zu licfcrn, und wicdcrlcgtc durch scin Beyspiel auf eine sehr nachdrückliche Art das Vorurthcil, daß sich ein Dichter zu weiter nichts als zum Dichten schicke, und besonders dic geringsten öffentlichen Angelegenheiten zu vcrwaltcn unfähig sey. Dic Belohnungen seiner Verdienste blieben nicht aus. Zm Jahr 1723 machte 14* 212 Theatralische Bibliothek. ihn die französische Akademie zu ihrem Mitglied?, lind einige Zahrc darauf erhielt er das gedachte Gouvernement von Mclun. Er hörte auch in seinem höchsten Alter nicht auf, sich immer neue komische Lorbeerkränze zu flechten, und trieb diese seine gelehrte Beschäftigung mit dem mühsamsten Fleise. Er arbeitete unter andern ganzer zehn Zahr an dramatischen Commentarüs über alle tragische und komische, so wohl alte als neue Dichter, ohne die Spanischen, Englischen und Italiänischen auszunchmcn. Er machte über jeden derselben kritische Anmerkungen, und der erste Theil, welcher Versuche über den Sophokles, LLuripides Aristophanes, Plamus und Teren; enthält, ist bereits vor verschiedenen Jahren fertig gewesen. Zn dem andern Theile war er auch schon bis auf die beyden Lorneilles gekommen, und fand den jüngcrn, jcmehr er ihn untersuchte, besonders in Ansehung der Erfindung und Einrichtung seiner Stücke, immer schätzbarer, als man sich ihn gemeiniglich einbildet. Ob der Verfasser dieses Werk noch vor seinem Tode zu Stande gebracht, und ob es das Licht sehen werde, wird die Zeit lehren. Niemand kann über grosse Meister besser urtheilen, als wer selbst ein grosser Meister ist, und zugleich die edle Bescheidenheit besitzt, welche den Herrn Destouches allezeit licbenswcrth gemacht hat. Er starb zu Melun, den 6ten Julius dieses Zahrcs. Seine dramatischen Stücke sind zu verschiedenen malen zusammen gedruckt worden. Die neuste Ausgabe davon ist ohne Zweifel die, welche ich vor mir habe und zu Haag 1762 in vier Theilen in Duodez gedruckt ist. Der Buchhändler Bensa- mm Giberr hat sie dem Herrn Destouches selbst zugeeignet, und bittet ihn in der Zueignung um Verzeihung, daß er ohne seine Erlaubniß alles, was er von seiner Arbeit auftrcibcn können, zusammen gedruckt, und der Welt mitgetheilt habe. Zch glaube eine Zucignungsschrift ist in solchen Fällen die geringste Genugthuung, die der gcwinsüchtige Buchhändler dem beschämten Verfasser kann wicdcrfahren lassen. Doch ohne mich um die Ncchtmäßigkcit dieser Ausgabe viel zu bekümmern, will ich mir vielmehr ihre Vollständigkeit zu Nutze machen, und den Inhalt daraus anzeigen. Der erste Theil enthält sechs Stück. Das erste ist der un- M--^»»MMS^__. Leben des Herrn Philipp Ncric.nilt Dcstouches. 213 verschämte Neugierige, dessen ich schon gedacht habe. Der Prolog, den ihm der Dichter vorgesetzt hat, ist erst lange nach der Zeit dazu gekommen, und ist auf die Fcycrlichkeit gerichtet, bey welcher er von einer Gesellschaft Freunde auf dem Lande vorgestellet ward. Das zweyte Stück ist der Undankbare (l'InFr-tt) in Versen und fünf Auszügen. Dieses folgte in der That gleich auf das erste, wie denn überhaupt alle folgende Stücke nach der Zeitrechnung geordnet sind. Das dritte Stück ist der Unentschlüßige (I'Irielolu) auch in Versen und fünf Auszügen. Der Verfasser hat es dem Marquis von Courcillon zugeeignet, welcher zu eben der Zeit das Gouvernement von Touraine, der Provinz in welcher unser Destouches gcbohrcn war, erhalten hatte. Das vierte Stück ist der Verleumder, (Iu I'IZntant Zatv.) Der zweyte Theil bestehet aus fünf Stücken. Erstlich aus der »»vermutheten-Hinderniß, oder der Hinderniß ohne Hinderniß, (1'oMseIo imnrovu ou I'olil'taelv lans obttaelo) einem Lustspiele in Versen und fünf Auszügen. Dieses Stück ist dem Herzoge von Orleans, damaligem Regenten von Frankreich zugeeignet. Zweytens aus dem Verschwender oder der ehrlichen Betnegerin, (Iv viMpstonr ou I'Konnoto kriponno) in Versen und fünf Auszügen. Drittens aus dem Ruhmredigen (lo klorleux) auch in Versen und fünf Auszügen. Dieses ist ohne Zweifel dasjenige Stück, welches dem Herrn Descouches den meisten Beyfall erworben hat. Er ist so bescheiden einen grossen Theil dieses Beyfalls, den Schauspielern zuzuschreiben, welche sich alle mögliche Mühe gegeben hatten, ihren Rollen ein Genüge zu thun. Wie glücklich ist der dramatische Dichter, der sich eines solchen Schicksals rühmen kann, und dem nicht das Herz brechen darf, seine Arbeit durch Eigensinn lind Unwissenheit verhunzt zu sehen! Der ältere (Quinaulr hatte die Rolle des Licanders darinnc gemacht, und sich als der unglückliche Vater '.>14 Theatralisch- Bibliothek. dcs Grase» Tuficrc und der Lisettc die Hochachtung und die Bewunderung aller Zuschauer erworben. Der Herr Dufrcsne hatte den Ruhmredigen vorgestellt, und seinen Charakter, noch ehe er ein Wort geredet, durch die blosse Art, sich auf der Bühne zu zeigen, auszudrücken gewußt. Solche Leute können auch das schlechteste Stück aufrecht erhalten; doch sollten nur diejenigen Verfasser das Vorrecht haben, sie für ihre Gcburthcn zu stndcn, die auch die schlechtesten Schauspieler nicht so vorstellen können, daß sie nicht noch immer Schönheiten genug behalten sollten. — Das vierte Stück in diesem Theile sind Sie verliebten Philosophen (I<;s,il,ilvl'(>^lios gmouieu.x) gleichfalls in Versen und sünf Auszügen; und das sechste Stück ist der poetische Dorf>unker ^<>eto ^umz,->A»srlI). Dieses letztere hat einen besondern Prolog, welcher der Triumph c>cs Herbstes (le ^'rioilirilio cle I^utomnv) heißt. Der dritte Theil begreift ebenfalls fünf Schauspiele, und einige Kleinigkeiten. Das erste Slück ist das Gespenst mir der Trommel, (le 'I'smnvur ixietm-ne) in Prosa und fünf Auszügen. Es ist eigentlich nicht von der Erfindung dcs Herrn Dcsrouchcs, sondcrn eine Nachahmung eines englischen Stückes dcs Herrn Aödisons, welches in seiner Sprache 'IIiunge Mensch, der die Probe aushalr; es ist in Prosa und in fünf Auszügen. Wenn auch dieses gleich die Frucht des Alters ist, so ist es doch die Frucht des Alters eines Descouches, und würde der Blüthe eines andern Schriftstellers Ehre machen. Der übrige Inhalt des vierten Theils bestehet aus den ersten Auftritten verschiedener Lustspiele, die der Verfasser ohne Zweifel noch hat ausarbeiten wollen, ob er sie gleich für nichts, als für blosse Entwürfe ausgicbt, die er für einen jungen Chevalier von B. der sich in der komischen Dichtkunst üben wollen, gemacht habe. Die vornehmsten davon sind An- fangssccncn zu einem Lustspiele, welches der liebenswürdige Alle heissen sollen; desgleichen zu einem über den Charakter des Rachsuchtigen. Auch ist der Anfang zu einem Lustspiele Pro- cheus da, worinne der Dichter einen Bctricger aufführen wollen, der jeden Charakter anzunehmen fähig ist. Wird wohl jemand so kühn seyn, und dasjenige auszuführen wagen, was ein solcher Dichter entworfen hat?--Noch findet man in diesem vierten Theile eine Sammlung von hundert und drey und sicbcnzig Siiinschriftcn, und ein poetisches Schreiben an den König über seine Genesung. Nur die Lieder des Hrn. Des- rouches, deren er verschiedene und gewiß sehr artige gemacht hat, vermisse ich in dieser ganzen Sammlung seiner Werke. Sie Ueber das Lustspiel die Juden. 217 ist übrigens noch mit dem in Kupfer gcstochnen Bilde unsers Dichters geziert, von welchem der Verleger versichert, daß er es nicht ohne Mühe erhalten habe. Ich weis nicht ob es ähnlicher ist als das, welches Petit bereits 1740, nach dem Gemählde eines Ä.argilliere gestochen hat; so viel weis ich, daß dieses von bessern Geschmack ist. VI. Ueber das Lustspiel die Juden, . im vierten Theile der Leßingschen Schriften. Unter den Beyfall, welchen die zwey Lustspiele in dem vierten Theile meiner Schriften gefunden haben, rechne ich mit Recht die Anmerkungen, deren man das eine, die Juden, werth geschätzt hat. Ich bitte sehr, daß man es keiner Unlcidlichkcit des Tadels zuschreibe, wenn ich mich eben jczt gefaßt mache, etwas darauf zu antworten. Daß ich sie nicht mit Stillschweigen übergehe, ist vielmehr ein Zeichen, daß sie mir nicht zuwider gewesen sind, daß ich sie überlegt habe, und daß ich nichts mehr wünsche, als billige Urtheile der Kunstrichtcr zu erfahren, die ich auch alsdcnn, wenn sie mich unglücklicher Weise nicht überzeugen sollten, mit Dank erkennen werde. Es sind diese Anmerkungen in dem 70lcn Stücke der Göt- tingschcn Anzeigen von gelehrten Sachen, dieses Jahres, gemacht worden, und in den Zcnaischcn gelehrten Zeitungen hat man ihnen beygepflichtet. Ich muß sie nothwendig hersetzen, wenn ich denjenigen von meinen Lesern, welchen sie nicht zu Gesichte gekommen sind, nicht undeutlich seyn will. „Der Endzweck dieses Lustspiels, hat mein Hr. Gegner die Gütigkeit zu „sagen, ist eine sehr ernsthafte Sittcnlehrc, nehmlich die Thorheit und Unbilligkcit des Hasses und der Verachtung zu zeigen, „womit wir den Juden meistcnthcils begegnen. Man kann daher dieses Lustspiel nicht lesen, ohne daß einem die mit glei- „chcm Endzweck gedichtete Erzählung von einem ehrlichen Juden, „die in Hrn. Gcllcrts Schwedischer Gräfin stehet, bcyfallcn „muß. Bey Lesung beyder aber ist uns stets das Vergnügen, „so wir reichlich empfunden haben, durch etwas unterbrochen „worden, das wir entweder zu Hebung des Zweifels oder zu x» ^ ' 218 Theatralische Bibliothek. „künftiger Verbesserung der Erdichtungen dieser Art bekannt „machen wollen. Der unbekannte Reisende ist in allen Stücken „so vollkommen gut, so cdelmüthig, so besorgt, ob er auch ct- „wann seinem Nächsten Unrecht thun und ihn durch ungcgrün- „ beten Verdacht beleidigen möchte, gebildet, daß es zwar nicht „unmöglich, aber doch allzu unwahrscheinlich ist, daß unter ci- „ncm Volke von den Grundsätzen, Lebensart und Erziehung, „das wirklich die üble Begegnung der Christen auch zu sehr mit „Feindschaft, oder wenigstens mit Kaltsinnigkeit gegen die Chri- „sten erfüllen muß, ein solches edles Gemüth sich gleichsam selbst „bilden könne. Disc Unwahrschcinlichkcit stört unser Vergnügen „desto mehr, jemchr wir dem cdeln und schönen Bilde Wahrheit und Daseyn wünschctcn. Aber auch die mittelmäßige „Tugend und Redlichkeit findet sich unter diesem Volke so sel- „ten, daß die wenigen Beyspiele davon den Haß gegen dasselbe „nicht so sehr mindern, als man wünschen möchte. Bey den „Grundsätzen der Sittcnlchrc, welche zum wenigsten der größte „Theil derselben angenommen hat, ist auch eine allgemeine Redlichkeit kaum möglich, sonderlich da fast das ganze Volk von „der Handlung leben muß, die mehr Gelegenheit und Verfügung zum Betrüge giebt, als andre Lebensarten." Man sieht leicht, daß es bey diesen Erinnerungen auf zwey Puncte ankömmt. Erstlich darauf, ob ein rechtschaffner und edler Zudc an und vor sich selbst etwas unwahrscheinliches sey; zwcytcns ob die Annchmung eines solchen Juden in meinem Lustspiele unwahrscheinlich sey. Es ist offenbar, daß der eine Punct den andern hier nicht nach sich zieht; und es ist eben so offenbar, daß ich mich eigentlich nur des letztem wegen in Sicherheit setzen dürfte, wenn ich die Menschenliebe nicht meiner Ehre vorzöge, und nicht lieber eben bey diesem, als bey dem erstem verlieren wollte. Gleichwohl aber muß ich mich über den letztem zuerst erklären. Habe ich in meinem Lustspiele einen rcchtschafnen und cdeln Juden wider die Wahrscheinlichkeit angenommen? — — Noch muß ich dieses nur bloß »ach den eignen Begriffen meines Gegners untersuchen. Er giebt zur Ursache der Unwahrschcin- lichkeit eines solchen Juden die Verachtung und Unterdrückung, Ueber das Lustspiel die Juden. 21>» in welcher dieses Volk seufzet, und die Nothwendigkeit an, in welcher cs sich befindet, blos und allein von der Handlung zu leben. Es sey; folgt aber also nicht nothwendig, daß die Un- wahrschcinlichkeit wegfalle, so bald diese Umstände sie zu verursachen aufhören? Wenn hören sie aber auf, dieses zu thun? Ohne Zweifel alsdann, wenn sie von andern Umständen vernichtet werden, das ist, wenn sich ein Zudc im Stande befindet, die Verachtung und Unterdrückung der Christen weniger zu fühlen, und sich nicht gezwungen sieht, durch die Vortheile eines kleinen nichtswürdigcn Handels ein elendes Leben zu unterhalten. Was aber wird mehr hierzu erfordert, als Reichthum? Doch ja, auch die richtige Anwendung dieses Reichthums wird dazu erfordert. Man sehe nunmehr, ob ich nicht beydes bey dem Charakter meines Zudcn angebracht habe. Er ist reich; cr sagt cs selbst von sich, daß ihm der GOtt seiner Väter mehr gegeben habe, als er brauche; ich lasse ihn auf Reisen seyn; ja, ich setze ihn so gar aus derjenigen Unwissenheit, in welcher man ihn vermuthen könnte; er liefet, und ist auch nicht einmal auf der Reise ohne Bücher. Man sage mir, ist cs also nun noch wahr, daß sich mein Zudc hätte selbst bilden müssen? Vcstcht man aber darauf, daß Reichthum, bessere Erfahrung, und ein aufgeklärterer Verstand nur bey einem Juden kcine Wirkung haben könnten: so muß ich sagen, daß dieses cbcn das Norur- thcil ist, welches ich durch mein Lustspiel zu schwächen gesucht habe; ein Vorurthcil, das nur aus Stolz oder Haß flicsscn kann, und dic Juden nicht blos zu rohen Menschen macht, sondern sie in der That weit untcr die Mcnschhcit setzt. Ist dieses Vorurthcil nun bey meinen Glaubensgenossen unüberwindlich, so darf ich mir nicht schmeicheln, daß man mein Stück jemals mit Vergnügen sehen wcrdc. Will ich sie dcnn abcr bc- rcdcn, cincn jcdcn Zudcn für rechtschaffen und großmüthig zu halten, oder auch nur dic meisten dafür gelten zu lassen? Zch sage cs gcradc hcraus; noch alsdcnn, wcnn mcin Reiscndcr cin Christ wäre, würdc scin Charakter schr scltcn scyn, und wenn das Seltene blos das Unwahrscheinliche ausmacht, auch schr unwahrscheinlich. — — Zch bin schon allmälich auf dcn ersten Punkt gckommcn. ?5.^Z«5S ^ . 220 Theatralische Bibliothek. Ist denn ein Jude, wie ich ihn angenommen habe, vor sich selbst unwahrscheinlich? Und warum ist er es? Man wird sich wieder auf die obigen Ursachen berufen. Allein, können denn diese nicht wirklich im gemeinen Leben eben so wohl wegfallen, als sie in meinem Spiele wegfallen? Freylich muß man, dieses zu glauben, die Juden näher kennen, als aus dem lüdcrli- chen Gcsindcl, welches auf den Jahrmärkten hcrumschwcift. — — Doch ich will lieber hier einen andern reden lassen, dem dieser Umstand näher an das Herz gehen muß; einen aus dieser Nation selbst. Ich kenne ihn zu wohl, als daß ich ihm hier das Zeugniß eines eben so witzigen, als gelehrten und rechtschaffen Mannes versagen könnte. Folgenden Brief hat er bey Gelegenheit der Göttingischcn Erinnerung, an einen Freund in seinem Volke, der ihm an guten Eigenschaften völlig gleich ist, geschrieben. Ich sehe es voraus, daß man es schwerlich glauben, sondern vielmehr diesen Brief für eine Erdichtung von mir halten wird; allein ich erbiethe mich, denjenigen, dem daran gelegen ist, unwidcrsprcchlich von der Avthcnticität desselben zu überzeugen. Hier ist er.*) Mein Herr, „Ich überschicke Ihnen hier, das 70 Stück der Göttinaschen gekehrten Anzeigen. Lesen Sie den Artickcl von Berlin. Die Herren „Anzeiger rccensiren den ^iten Theil der Leßingschen Schriften, die „wir so oft mit Vergnügen gelesen haben. Was glauben Sie wohl, „daß sie an dem Lustspiele, die Juden/ aussetzen? Den Hauptcharak- „tcr, welcher, wie sie sich ausdrücken, viel zu edel und viel zu großmüthig ist. Das Vergnügen, sagen sie, daß wir über die Schönheit „eines solchen Charakters empfinden, wird durch dessen Unwahrschein- „lichkcit unterbrochen, und endlich bleibt in unsrer Seele nichts, als „der blosse Wunsch für sein Daseyn übrig. Diese Gedanken machten „mich schamroth. Ich bin nicht im Stande alles auszudrücken, was „sie mich haben empfinden lassen. Welche Ernicdrung für unsere be- ") ,/Michaelis war der Göttingische Recensent. Der Brief ist von Moses Mendelssohn, und an den Doctor Gumper;, einen Arzt in Berlin, der aber nicht praktisirte, sondern von seinen Mitteln lebte, und sich eigentlich mit Mathematik beschäftigte. Gumper; war um die damalige Zeit Sccrerair bev Maupertuis." Rarl G. -Lessmg. Ueber das Lustspiel die Juden. 221 „drcngte Nation! Welche übertriebene Verachtung! Das gemeine „Volk der Christen hat uns von je her als den Auswurf der Natur, „als Geschwüre der menschlichen Gesellschaft angesehen. Allein von gekehrten Leuten erwartete ich jederzeit eine billigere Beurtheilung; von „diesen vermuthete ich die uneingeschränkte Billigkeit, deren Mangel „nns insgemein vorgeworfen zn werden pflegt. Wie sehr habe ich „mich geirrt, als ich einem jeden Christlichen Schriftsteller so viel „Aufrichtigkeit zutrauete, als er von andern fordert. „In Wahrheit! mit welcher Stirne kann ein Mensch, der noch „ein Gefühl der Redlichkeit in sich hat, einer ganzen Nation die „Wahrscheinlichkeit absprechen, einen einzigen ehrlichen Mann aufweiten zu können? Einer Nation, ans welcher, wie sich der Verfasser „der Juden ausdrückt, alle Propheten und die grössestcn Konige „aufstanden? Ist sein grausamer Richterspruch gegründet? Welche „Schande für das menschliche Geschlecht! Ungegründet? Welche „Schande für ihn! „Ist es nicht genug, daß wir den bittersten Haß der Christen auf „so manche grausame Art empfinden müssen; sollen auch diese Ungerechtigkeiten wider uns durch Verleumdungen gercchtfertiget werden? „Man fahre fort uns zn unterdrücken, man lasse uns bestandig „mitten unter freyen und glückseligen Bürgern eingeschränkt leben, ja „man setze uns ferner dem Spotte und der Verachtung aller Welt „aus; nur die Tugend, den einzigen Trost bedrengtcr Seelen, die „einzige Zuflucht der Verlassenen, suche man uns nicht gänzlich abzusprechen. „Jedoch man spreche sie uns ab, was gewinnen die Herren Recensenten dabey? Ihre Kritik bleibet dennoch unverantwortlich. Eigentlich soll der Charakter des reisenden Juden (ich schäme mich, „wann ich ihn von dieser Seite betrachte) das wunderbare, das unerwartete in der Komödie seyn. Soll nun der Charakter eines hoch- „müthigcn Bürgers der sich zum türkischen Fürsten machen läßt, so „unwahrscheinlich nicht seyn, als eines Juden, der großmüthig ist? „Laßt einen Menschen, dem von der Verachtung der jüdischen Nation „nichts bekannt ist, der Aufführung dieses Stückes beywohnen; er „wird gewiß, während des ganzen Stückes für lange Weile gähnen, „ob es gleich für uns sehr viele Schönheiten hat. Der Anfang wird „ihn auf die traurige Betrachtung leiten, wie weit der Nationalhaß 222 Theatralische Bibliothek. „getrieben werden könne, und über das Ende wird er lachen müssen. „Die guten Leute, wird er bey sich denken, haben doch endlich die „grosse Entdeckung gemacht, daß Juden auch Menschen sind. So „menschlich denkt ein Gemüth, das von Vorurtheilen gereinigt ist. „Richt daß ich durch diese Betrachtung dem Leßingschcn Schauspiele seinen Werth entziehen wollte; keines weges! Man weis daß „sich der Dichter überhaupt, und ins besondere wenn er für die Schan- „bühne arbeitet, nur nach der unter dem Volke herrschenden Meinung „zu richten habe. Nach dieser aber muß der unvcrmuthete Charakter „des Juden eine sehr rührende Wirkung auf die Zuschauer thun. Und „in so weit ist ihm die ganze jüdische Nation viele Verbindlichkeit „schuldig, daß er sich Mühe giebt, die Welt von einer Wahrheit zu „überzeugen, die für sie von grosser Wichtigkeit seyn muß. „Sollte diese Recension, diese grausame Scelcnverdammung nicht „aus der Feder eines Theologen geflossen seyn? Diese Leute denken „der Christlichen Religion einen grossen Vorschub zn thun, wenn sie „alle Menschen, die keine Christen sind, für Mcichclmördcr und Stras- „scnräubcr erklären. Ich bin weit entfernt, von der Christlichen Religion so schimpflich zu denken; das wäre ohnflreitig der stärkste Bc- „weis wider ihre Wahrhaftigkeit, wenn man sie festzustellen alle „Menschlichkeit aus den Augen setzen müßte. „Was können uns unsere strengen Beurtheilcr, die nicht selten „ihre Urtheile mit Blute versiegeln, erhebliches vorrücken? Laufen „nicht alle ihre Vorwürfe auf den unersättlichen Eeitz hinaus, den sie „vielleicht durch ihre eigene Schuld, bey dem gemeinen jüdischen Hau- „fcn zu finden, frohlocken? Man gebe ihnen diesen zu; wird es denn „deswegen aufhören wahrscheinlich zu seyn, daß ein Jude einem Chri- „sien der in räuberische Häude gefallen ist, das Leben gerettet haben „sollte? Oder wenn er es gethan, muß er sich nothwendig das edle „Vergnügen, seine Pflicht in einer so wichligen Sache beobachtet zn „haben, mit niederträchtigen Bclohnungeu versalzen lassen? Gewiß „nicht! ZuvorauS wenn er in solchen Umständen ist, in welche der „Jude im Schauspiele gesetzt worden. „Wie aber, soll dieses unglaublich seyn, daß unter einem Volke „von solchen Grundsätzen und Erziehung, ein so edles und erhabenes „Gemüth sich gleichsam selbst bilden sollte? Welche Beleidigung! so ist „alle unsere Sittlichkeit dahin! so regt sich in uns kein Trieb mehr Ueber das Lustspiel die Juden. 223 „für die Tugend! so ist die Natur stiefmütterlich gegen uns gewesen, „als sie die edelste Gabe unter den Menschen ausgetheilt, die natürliche Liebe zum Guten! Wie weit bist du, gütiger Vater, über „solche Grausamkeit erhaben! „Wer sie naher kennt, theuerster Freund! und ihre Talente ju .schätzen weis, dem kann cS gewiß an keinem Exempel fehlen, wie .leicht sich glückliche Geister, ohne Vorbild und Erziehung empor „schwingen, ihre unschätzbaren Gaben ausarbeiten, Geist und Herz „bessern, und sich in den Rang der größten Manner erheben könne». „Ich gebe einem jeden zu bedenken, ob sie, großmüthiger Frcnnd! „nicht die Rolle des Juden im Schauspiel übernommen hätten, wenn „sie auf ihrer gelehrten Reise, in seine Umstände gesetzt worden wä- ,rcn. Ja ich würde unsere Nation erniedrigen, wenn ich fortfahren .wollte, einzelne Exempel von edlen Gemüthern anzuführen. Nur „das ihrige konnte ich nicht übergehen, weil es so sehr in die Angen „leuchtet, und weil ich es allzuoft bewundere. „Ucberhaupt sind gewisse menschliche Tugenden den Juden gemeiner, als den meisten Christen. Man bedenke den gewaltigen Abscheu, „den sie für eine Mordthal habe». Kein einziges Exempel wird man „anführen können, daß ein Jude, (ich nehme die Diebe von Pro- „feßion aus) einen Menschen ermordet haben sollte. Wie leicht wird „es aber nicht manchem sonst redlichen Christen seinem Nebenmcnschen „für ei» bloßes Schimpfwort das Lebe» zu raube»? Man sagt, es „sey Niederträchtigkeit bey den Juden. Wohl! wenn Nicdcrträchtig- „keit Menschenblnt verschont; so ist Niederträchtigkeit eine Tugend. „Wie mitleidig sind sie nicht gegen alle Menschen, wie milde gc- „gen die Armen beyder Nationen? Und wie hart verdient das Verfahren der meisten Christen gcge» ihre Arme genennt zu werde»? „Es ist wahr, ste treiben diese beyden Tugenden fast zu weit. Ihr .Mitleiden ist allzu empfindlich, und hindert bcynah die Gerechtigkeit, „und ihre Müdigkeit ist beynah Verschwendung. Allein, wenn doch „alle, die ausschweifen, ans der guten Seite ausschweifcten. „Ich könnte noch vieles von ihrem Fleiße, von ihrer bewundernswürdigen Mäßigkeit, von ihrer Heiligkeit in den Ehen hinzusetzen. „Doch schon ihre gesellschaftliche Tugenden sind hinreichend genug, die „Eöttingsche Anzeigen zu widerlegen; und ich betaure den, der eine „so allgemeine Vcrurthcilnng ohne Schauern lesen kann. Ich bin :c. 224 Theatralische Bibliothek. Zch habe auch die Antwort auf diesen Brief vor mir. Allein ich mache mir ein Bedenken, sie hier drucken zu lassen. Sie ist mit zuviel Hitze geschrieben, und die Rctorsioncn sind gegen die Christen ein wenig zu lebhaft gebraucht. Man kann es mir aber gewiß glauben, daß beyde Corrcspondcntcn, auch ohne Reichthum, Tugend und Gelehrsamkeit zu erlangen gewußt haben, und ich bin überzeugt, daß sie unter ihrem Volke mehr Nachfolger haben würden, wenn ihnen die Christen nur vergönnten, das Haupt ein wenig mehr zu erheben. — — Der übrige Theil der Göttingschcn Erinnerungen, worinne man mich zu einem andern ähnlichen Lustspiele aufmuntert, ist zu schmeichelhaft für mich, als daß ich ihn ohne Eitelkeit wiederholten könnte. Es ist gewiß, daß sich nach dem daselbst angegebnen Plane, ein sehr einnehmendes Stück machen liesse. Nur muß ich erinnern, daß die Juden alsdcnn bloß als ein unterdrücktes Volk und nicht als Juden betrachtet werden, und die Absichten, die ich bey Verfertigung meines Stücks gehabt habe, größten Theils wegfallen würden. Zweytes Stück. VII. Von den lateinischen Trauerspielen welche unter dem Namen des Seneca bekannt sind. Die einzigen Ucberrcste, woraus man die tragische Bühne der Römer einigermassen beurtheilen kann, sind diejenigen zehn Trauerspiele, welche unter dem Namen des Seneca gelesen werden. Da ich jetzt vorhabe, sie meinen Lesern bekannter zu machen, so sollte ich vielleicht verschiedene historischkritische Anmerkungen und Nachrichten voraus schicken, die ihnen die Meinungen der Gelehrten von den wahren Verfassern dieser Trauerspiele, von ihrem Alter, von ihrem innern Werthe ?c. erklärten. Doch weil sich hiervon schwerlich urtheilen läßt, wenn man die Stücke nicht schon selbst gelesen hat, so will ich in dieser meiner Abhandlung eben der Ordnung folgen, die jeder wahrscheinlicher Von dc» Zr.mcrspiclcii des Scucc.i. 226 Wcisc beobachten würdc, der sich selbst von dicscn Dingen nn- tcrrichtcn wollte. Ich will alle zehn Trauerspiele nach der Reihe durchgehen, und Auszüge davon mittheilen, in welchen man die Einrichtung und die vornehmsten Schönheiten derselben erkennen kann. Zeh schmeichle mir, daß diese Auszüge desto angenehmer scvn werden, je grosser die Schwierigkeiten sind, mit welchen die Lesung der Stücke selbst verbunden ist. Es sind, wie schon gesagt, deren zehne, welche folgende Ucberscbriftcn führen. I. Ocr rasende -Herkules. II. Thyest. III. Thcbais. IV. -Hippolyrus. V. Gcdipus. VI. Troas. VII. TNcSea- >HI Agamcmnon. IX. Herkules auf Geta. X. Gcravi«. Zeh will mich sogleich zu dem ersten Stucke wenden. I. Der rasende Herkules. Inhalt. Herkules hatte sich mit der lNegara, der Tochter des Lreons, Königs von Theben vermahlt. Seine Thaten und besonders seine Reise in die Hölle nöthigten ihn, lange Zeit von seinem Reiche und seiner Familie abwesend zu seyn. Während seiner Abwesenheit empörte sich ein gewisser Aycus, ließ den Creon mit seinen Söhnen ermorden und bemächtigte sich dcs Thebanischen Scepters. Um seinen Thron zu befestigen, hielt er cs vor gut, sich mit der zurückgelassenen Gemahlin dcs -Herkules zu verbinden. Doch indem er am heftigsten darauf dringt, kömmt -Herkules aus der Hölle zurück, und tödtct den tyrannischen K.ycus mit allcn seinen Anhängern. Inno, die unversöhnliche Feindin dcs Herkules, wird durch das beständige Glück dieses Hcldcn erbittert, und stürzt ihn durch Hülfe der Furien, in eine schreckliche Raserey; deren traurige Folgen der eigentliche Stof dieses Trauerspiels sind. Ausser dem Chöre kommen nicht mehr als sechs Personen darinnc vor: Juno, Mcgara, -L.ycris,- Amphirrvo, -Herkules, Thcsens. Auszug. Iuno cröfnct die Scene. -Herkules ist in den zwey ersten Acten zwar noch nicht gegenwärtig. Als Juno aber weis sie doch schon, daß er gewiß erscheinen werde, und schon bereits siegend die Hölle verlassen habe. Man muß sich crinncrn, daß -Herkules cin Sohn dcS Jupiters war, den er mit der Alcmene Äsimgs Werke I V, 15 226 Theatralische Bibliothek. erzeugt hatte. Sie tobt also in diesem ersten Auftritte wider die Untreue ihres Gemahls überhaupt, und wider diese Frucht derselben insbesondere. Endlich faßt sie wider den -Herkules den allergrausamstcn Anschlag.--Wir wollen sehen, wie dieses der Dichter ungefehr ausgeführt hat. Sie sagt gleich Anfangs, daß sie, die Schwester des Donnergotts — — denn mir dieser Name bleibe ihr noch übrig — — die ätherischen Wohnungen, und den von ihr immer abgeneigten Jupiter verlassen habe. „Ich muß auf der Erde wan- „dcln, um den Kcbswcibcrn Platz zu machen. Diese haben „den Himmel besetzt! Dort glänzt von dem erhabensten Theile „des eisrcichcn Pols ^allisto in der Bärin, und regieret argo- „lischc Flotten. Da, wo in verlängerten Tagen der laue Früh-- „ling herab stießt, schimmert der schwimmende Träger Euro- „pcns. Hier bilden des Atlas schweifende Töchter das den „Schiffern und der See furchtbare Gestirn; dort schreckt mit „drohendem Schwcrd Grion die Götter. Hier hat der güldnc „Pcrseus seine Sterne; dort Laffor und Pollux:c. Und da- „mit ja kein Theil des Himmels unentehrt bleibe, so muß er „auch noch den Kranz des Enoßischcn Mädchens tragen. Doch „was klage ich über alte Beleidigungen? Wie oft haben mich „nicht des einzigen gräßlichen Thebens ruchlose Dirnen zur „Stiefmutter gemacht! Ersteige nur den Himmel, Alcmcnc; „bemächtige dich nur siegend meines Sitzes; und du, ihr Sohn, „um dessen Gcburth die Welt einen Tag einbüßte und der langsame Phöbus später aus dem Eoischcn Meere aufstieg, nimm „die vcrsprochncn Gestirne nur ein! Zeh will meinen Haß nicht „fahren lassen; mein rasender Schmerz, mein tobender Zorn „soll mich zu ewigen Kriegen reißen — — Aber, zu was für „Kriegen? Was die feindselige Erde nur schcuslichcs hervorbringt; was Meer und Luft nur schreckliches, gräßliches, wil- „dcs und ungeheures tragen, alles das ist von ihm gebändigt „ und besiegt. Das Ungemach stärkt ihn; er nützet meinen Zorn; „er verkehret meinen Haß in sein Lob, und je Härtcrc Dinge „ich ihm auflcgc, je mehr beweiset er seinen Vater! — — Die Göttin berührt hierauf die Thaten des Herkules näher, der als ein Gott schon in der ganzen Wclt verehrt werde, und Von den Trauerspielen des Scncca. 227 der ihre Befehle leichter vollziehe, als sie dieselben erdenke. Die Erde sey ihm nicht weit genug gewesen; er habe die Pforten der Hölle erbrochen, den Weg ans dem Reiche der Schatten zurück gefunden, und schleppe, über sie triumphireud, mit stolzer Faust den Höllcnhund durch die Städte Griechenlands zur Schau. „Der Tag, fährt sie fort, erblaßte, die Sonne „zitterte, als sie den Lcrbcrus erblickte; mich selbst überfiel ei» „Schauer, da ich das überwältigte drcyköpsigtc Ungeheuer sahe, „und ich erschrak über meinen Befehl. — — Sie fürchtet, Herkules werde sich auch des obern Reichs bemächtigen, da er das untcrirrdischc überwunden habe; er werde seinem Nater den Scepter cntrcisscn, und nicht, wie Bacchus, auf langsamen Wegen sich zu den Sternen erheben; er werde auf den Trümmern der Welt sie ersteige» und über den öden Himmel gebiethen wollen. — „Wüthe nur also fort, mein Zorn; wüthe „fort! Unterdrücke ihn mit seinem grossen Anschlage; falle ihn „an, Zuno, zerfleische ihn mit deinen eignen Händen. Warum „überträgst du andern deinen Haß? — — Welche Feinde „kannst du ihm erwecken, die er nicht überwunden habe? Du „suchst einen, der ihm gewachsen sey? Nur er selbst ist sich gewachsen. So bekriege er sich dann also selbst! Herbey ihr „Eumcnidcn! Herbey aus dem tiefsten Abgrunde des Tartarus! „Schüttelt das flammende Haar; schlagt ihm mit wüthenden „Händen vergiftete Wunden! — — Nun, Stolzer, kannst du „nach den himmlischen Wohnungen trachten! — — Umsonst „glaubst du dem Styx entflohen zu seyn! Hier, hier will ich „dir die wahre Hölle zeigen! Schon rufe ich die Zwietracht „aus ihrer finstern Höhle, noch jenseits dem Reiche der Verdammten, hervor! Was du noch schrcklichcs da gelassen hast, „soll erscheinen. Das lichtscheue Verbrechen, die wilde Ruchlosigkeit, die ihr eigen Blut leckt, und die irre stets wieder sich „selbst bcwafnctc Raserey; diese, diese sollen erscheinen und Nä- „chcr meines Schmerzes seyn! Fanget dann also an, ihr Dienerinnen des Pluto! Schwinget die lodernden Fackeln! Stra- „fct des Styx kühnen Verächter! Erschüttert seine Brust und „laßt sie ein heftiger Feuer durchrasen, als in den Höhlen des „Aetna tobet!--Ach, daß Herkules rasen möge, muß ich 15» 2?8 Theatralische Bll'liothck. „vorher erst selbst rasen. Und warum rase ich nicht schon? --Auf diese Art beschließt Zuno, daß ihr Feind immerhin aus der Holle unverletzt und mit unvcrringcrtcn Kräften zurückkommen möge; sie wolle ihn seine Kinder gesund wieder finden lassen, aber in einer plötzlichen Unsinnigkcit solle er ihr Mörder werden. „Ich will ihm selbst die Pfeile von der gewissen „Senne schnellen helfen; ich will selbst die Waffen des Nasen- „dcn lenken, und endlich einmal selbst dem kampfcndcn Hcrku- „lcs bcystchcn. Mag ihn doch nach dieser That sein Vater in „den Himmel aufnehmen — Mit diesem Vorsätze bcgicbt sich Zuno fort, weil sie den Tag anbrechen sieht. Diesen Anbruch des Tages beschreibt der darauf folgende Chor. Er beschreibt ihn nach den Veränderungen, die an dem Himmel vorgehen, und nach den verschiedenen Beschäftigungen der Menschen, welche nun wieder ihren Anfang nehmen. „Wie „wenige, fügt er hinzu, beglückt die sichere Ruhe! Wie wenige „sind der Flüchtigkeit des Lebens eingedenk/ und nützen die nie „wieder zurückkehrende Zeit. Lebt, weil es noch das Schicksal „erlaubt, vergnügt! Das rollende Zahr eilt mit schnellen Ta- „gcn dahin, und die unerbittlichen Schwestern spinnen sort, „ohne den Faden wieder aufzuwindcn. — — Er tadelt hieraus diejenigen, welche gleichwohl frcywillig ihrem Schicksale entgegen eilen, und wie Herkules das trübe Reich der Schatten nicht bald genug erblicken können. Er verlangt die Ehre, die diese treibt, nicht, sondern wünscht sich, in einer verborgenen Hütte ruhig zu leben, wo das Glück auf einem zwar niedrigen aber sichern Orte fest stehe, wenn die kühne Tugend hoch herab stürzet. — — Hier sieht er die traurige Megara, mit zerstreuten Haaren näher kommen, welcher der alte Amphicryo, der Halbvatcr des Herkules, langsam nachfolgt. Er macht ihnen also Platz und Megara cröfnct den Zweyten Auszug. Sie bittet den Jupiter, ihren und ihres Gemahls Mühseligkeiten endlich einmal ein Ende zu machen. Sie klagt, daß noch nie ein Tag sie mit Ruhe beglückt habe; daß immer das Ende des einen Uebels der Ucbcrgang zu dem andern sey; daß dem Herkules nicht ein Augenblick Ruhe gelassen werde; daß ihn Von den Trauerspiel,.'» des Scncca, 229 Juno seit der zartesten Kindheit verfolge, nnd ihn Ungeheuer zu überwinden genöthigct habe, noch ehe er fähig gewesen sey, sie zu kennen. Sie fängt hierauf von den zwey Schlangen an, die er schon in der Wiege, so fest sie ihn auch umschlungen hatten, mit lächelnden Blicke zerquetschte, und berührt alle seine übrigen Thaten mit kurzen mahlerischen Zügen, bis auf die schimpfliche Arbeit im Stall des Augias. „Aber, fährt sie „fort, was hilft ihn alles dieses? Er muß der Welt, die er „vertheidigte, entbehren. Und schon hat es die Erde empfunden, daß der Urheber ihres Friedens nicht zugegen sey! Das „glückliche Laster heißt Tugend; die Bösen herrschen über die „Guten,- Gewalt geht vor Recht, und die Gesetze verstummen „vor Furcht. — — Zum Beweise führt sie die Grausamkeiten des F.ycus an, welcher ihren Vater den Crecm und ihre Brüder, dessen Söhne, ermordet und sich des Thcbanischc» Reichs bemächtiget habe. Sie bcdauret, daß diese berühmte Stadt, aus welcher so viel Götter entsprossen, deren Mauern Amphion mit mächtigen Melodien aufgeführt, und in welche selbst der Vater der Götter sich so oft herab gelassen habe, jczt einem nichtswürdigcn Verbannten gehorchen müsse. „Der, welcher zu „Wasser und Land die Laster verfolgt, und tyrannische Scepter „mit gerechter Faust zerbrochen hat, muß selbst abwesend dic- „ncn, und das Zoch tragen, wovon er andre bcfrcyct. Dem „Herkules gehöret Theben, und Lycus hat es innc. Doch lange „wird er es nicht mehr innc haben. Plötzlich wird der Held „an das Tageslicht wieder hervor dringen; er wird den Weg „zurück cntwcdcr finden, oder sich machen. — — Erscheine „denn, o Gemahl, und komm als Sieger zu deinem besiegten „Hause zurück! Entreiße dich der Nacht, und wann alle Rückgänge verschlossen sind, so spalte die Erde, so wie du einst das „Gebirge spaltetest, und dahin den Ossa und dorthin den Olym- „pus warfst und mitten durch den Thessalischcn Strom cincn „neuen Wcg führtest. Spalte sie; treibe was in ewigen Fin- „stcrnisscn begraben war, zitternde Schaarcn dcs Lichts entwöhnter Schatten, vor dir her, nnd so stelle dich deinen Acl- „tcrn, deinen Kindern, deinem Vatcrlandc wieder dar! Keine „andre Beute davon bringen, als die man dir befohlen hat, 230 Theatralische Bibliothek, „ist deiner unwürdig! — — Doch hier besinnt sich Megara, daß diese Reden für ihre Umstände zu großsprcchrisch sind; und wendet sich lieber zu den Göttern, welchen sie Opfer und heilige Feste verspricht, wenn sie ihr den Gemahl bald wieder schenken wollen. „Hält dich aber, fügt sie hinzu, eine höhere „Macht zurück; wohl, so folgen wir! Entweder schütze uns „durch deine Zurückkunft alle, oder ziehe uns alle nach dir! „— — Za, nachziehen wirst du uns dir; denn uns Gebeugte „vermag auch kein Gott aufzurichten. Hier unterbricht sie der alte Amphilr^o. „Hoffe ein besseres, spricht er, und laß den Muth nicht sinken. Er wird gc- „wiß auch aus dieser Mühseligkeit, wie aus allen, grösser hervorgehen! Meg. Was die Elenden gern wollen, das glauben sie leicht. Amphir. Oder vielmehr, was sie allzusehr fürchten, dem vermeinen sie auf keine Weise entgehen zu können. 5Neg. Aber jetzt, da er in die Tiefe versenkt und begraben ist, da die ganze Welt auf ihm liegt, welchen Weg kann er zu den Lebendigen zurückfinden? Amph. Eben den, welchen er durch den brennenden Erdstrich, und durch das trockne Meer stürmender Sandwogcn fand zc. N?eg. Nur selten verschonet das unbillige Glück die größten Tugenden. Niemand kann sich lange so häufigen Gefahren sicher blos stellen. Wen das Verderben so oft vorbey gegangen ist, den trift es endlich einmal. Hier bricht Megara ab, weil sie den wüthenden S^-cus mit drohendem Gesicht, und mit Schritten, die seine Gemüthsart verrathen, cinhcrlrctcn sieht. Er redet die ersten zwanzig Zeilen mit sich selbst, und schildert sich als einen wahren Tyrannen. Er ist stolz darauf, daß er sein Reich nicht durch Erbschaft besitze, daß er keine edcln Vorfahren, kein durch erhabne Titel berühmtes Geschlecht ausweisen könne. Er trozt auf seine eigene Tapferkeit, und findet, daß seine fernere Sicherheit nur auf dem Schwcrde beruhe. „Nur dieses, sagt er, kann bey „dem schützen, was man Wider Willen der Unterthanen besitzt --Unterdessen will er doch auch nicht unterlassen, einen Staatsgriff anzuwenden. Er bildet sich nehmlich ein, daß er Nou dcu Trauerspielen des Scncc.!, 231. sei» ncli erobertes Reich durch nichts mehr befestigen könne, als wenn er sich mit der Megara vermählte. Er kann sich nicht vorstellen, daß sie seinen Antrag verachten werde: sollte sie es aber thun, so hat er bereits den festen Entschluß gefaßt, das ganze Herkulische Haus auszurotten. Er fragt nichts darnach, was das Volk von so einer That urtheilen werde; er hält es für eines von den vornehmsten Stücken der Rcgicrungskunst, gegen die Nachreden des Pöbels gleichgültig zu seyn. Zn dieser Gesinnung will er sogleich den Versuch machen, und geht auf N7egara los, die sich schon im voraus von seinem Vorhaben nichts gutes verspricht. Seine Anrede ist nicht schlecht; er macht ihr eine kleine Schmeichelet) wegen ihrer cdcln Abkunft, und bittet sie, ihn ruhig anzuhören. Er stellt ihr hierauf vor, wie übel es um die Welt stehen würde, wenn Sterbliche einander ewig hassen wollten. „Dem Sieger und dem Besiegten „liegt daran, daß der Friede endlich wieder hergestellet werde. „Komm also und theile das Reich mit mir; laß uns in ein „enges Bündniß trcttcn, und empfange meine Rechte, als das „Pfand der Treue. — — Megkra sieht ihn mit zornigen Blicke an. „Ich, spricht sie, sollte deine Rechte annehmen, „an welcher das Blut meines Vaters, und meiner Brüder klebt? „ Eher soll man die Sonne im Ost untergehen, und im West aufgehen sehen; eher sollen Wasser und Feuer ihre alte Feindschaft „in Friede verwandeln :c. Du hast mir Vater, Reich, Brüder „und Götter geraubt. Was blieb mir noch übrig? Eins blieb „mir noch übrig, welches mir lieber als Vater, Reich, Brüder „und Götter ist: das Recht dich zn hassen. Ach! warum muß „auch das Volk dieses mit mir gemein haben. — — Doch „herrsche nur, Aufgeblasener; vcrraihc nur deinen Ucbcrmnth! „Gott ist Rächer nnd seine Rache folget hinter dem Rücken „der Stolzen." Sie stellt ihm hierauf vor, was für ein strenges Schicksal fast alle Thcbanischc Regenten betroffen habe. Agave und Zno, Ocdipus und seine Söhne, Niobc und Cadmus sind ihre schrecklichen Beyspiele. „Sich, fährt sie fort, diese „warten deiner! Herrsche wie du willst, wenn ich dich nur cnd- „ lich in eben das Elend, das von unserm Reiche so unzertrennlich ist, verwickelt sehe.--Z.fcus wird über diese Reden 232 Theatralische Bibliothek. unwillig, und giebt ihr auf eine höhnische Art zu verstehen, daß cr König sey, und sie gehorchen müsse. „Lerne, sagt er, von „deinem Gemahl, wie unterwürfig man Königen seyn müsse." Er zielet hicmit auf die Befehle des Eurysthcus, die sich Herkules zu vollziehen bequemte. „Doch, spricht cr weiter, ob ich „schon die Gewalt in meinen Händen habe, so will ich mich „doch so weit herablassen, meine Sache gegen dich zu rechtfertigen. Er bemüht sich hierauf den Tod ihres Natcrs und ihrer Brüder von sich abzuwetzen. „Sie sind im Streite umgekommen. Die Waffen wissen von keiner Mäßigung; und die „Wuth des gezückten Schwcrdcs kennet kein Schonen. Es ist „wahr, dein Vater stritt für sein Reich, und mich trieben sträfliche Begierden. Doch jetzt kömmt es nicht auf die Ursache, „sondern auf den Ausgang des Krieges an. Laß uns daher „an das geschehene nicht länger denken. Wenn der Sieger die „Waffen ablegt, so geziemet es sich, daß auch der Bcsicgctc den „Haß ablege. Ich verlange nicht, daß du mich mit gebogenem „Knie verehren sollst. Es gefällt mir vielmehr, daß du deinen „Unfall mit starken Muthe zu tragen weißt. Und da du die „Gemahlin eines Königs zu scvn verdienest, so sey es denn an „meiner Seite." Megara gcrath über diesen Antrag ausser sich. „Ich deine Gemahlin? Nun empfinde ich es erst, daß ich eine „Gefangene bin--Nein, Alcidcs, keine Gewalt soll meine „Treue überwinden; als die Deinige will ich sterben. -L.ycus, Wie? ein Gemahl, der in der Tiefe der Hölle vergraben ist, macht dich so kühn? Mcgara. Er stieg in die Hölle herab, um den Himmel zu ersteigen. L.>'cus. Die ganze unendliche Last der Erde liegt nun auf ihm. Megara. Kann eine Last für den zu schwer seyn, der den Himmel getragen hat? Ä.ycus. Aber du wirst gezwungen werden. Megara. Wer gezwungen werden kann, weis nicht zu sterben. Ä^cus, Kann ich dir ein königlicher Geschenk anbieten, als meine Hand? Megara. Za; dcincn oder mcincn Tod. Von den Trauerspielen deö Scncca, 233 Kycus. Nun wohl; du sollst sterben. Megara- So werde ich denn meinem Gemahl entgegen gehen. Aycns. So ziehst du meinem Throne einen Knecht vor? XNegara, Wie viel Könige hat dieser Knecht dem Tode geliefert! ^cus. Warum dient er denn aber einem Könige? Megara- Was wäre Tapferkeit ohne harte Dienste? Aycus. Wilden Thieren und Ungeheuern vorgeworfen werden, nennst du Tapferkeit? Megara- Das eben muß die Tapferkeit überwinden, wofür sich alle entsetzen. Diese kurzen Gegenreden, welche gewiß nicht ohne ihre Schönheiten sind, werden noch einige Zeilen fortgesetzt, bis L>ycus zuletzt auch die Abkunft des -Herkules antastet, und den alten Amphuryo also nöthiget, das Wort zu ergreifen. „Mir „spricht er, kömmt es zu, ihm seinen wahren Vater- nicht streitig machen zu lassen." Er führt hierauf seine erstaunlichen Thaten an, durch die er den Frieden in der ganzen Welt hergestellet, und die Götter selbst vertheidiget habe. „Zeigen diese „nicht deutlich genug, daß Zupitcr sein Vater sey, oder muß „man vielmehr dem Hasse der Juno glauben? Was lästerst du „den Zupitcr, erwiedert Ä.ycus? Das sterbliche Geschlecht ist „keiner Verbindung mit dem Himmel fähig. — — Er sucht hierauf alles hervor, was die göttliche Herkunft des -Herkules verdächtig machen könne. Er nennt ihn einen Knecht, einen Elenden, der ein unstätcs und flüchtiges Leben führe, und alle Augenblicke dcr Wuth der wildcn Thicrc Preis gegeben werde. Doch Amphitryo sitzt diesen Beschuldigungen das Exempel des Apollo entgegen, dcr ein Hirte gewesen sey, dcr auf einer hcr- umirrcndcn Znscl sogar gcbohrcn worden, und mit dem ersten Drachen gckämpst habc. Er fügt hierzu noch das Beyspiel des Bacchus, und zeigt auch an diesem, wie theuer das Vorrecht, als ein Gott gcbohrcn werden, zu stehen komme. -L.ycus. Wer elend ist, ist ein Mensch. Amph. Wcr tapfer ist, ist nicht elend. K.ycns will ihm auch diesen Ruhm zu Schanden machen, und crwähnt mit einer schr spöttischen Art seines Abcntheucrs 234 Theatralische Bibliothek. mit der Gmphale, bey welcher -Herkules die Rolle eines Helden in die Rolle eines Weichlings verwandelte. Doch auch hier beruft sich Ainphitr)'o auf den Bacchus, welcher sich nicht geschämt habe, das Haar zierlich fliegen zu lassen, den leichten Thyrsus mit spielender Hand zu schwenken, und im sanften Gange den güldncn Schweif des herabfallenden Kleides hinter sich her zu ziehen. Nach vielen und schweren Thaten, sügt er hinzu, ist es der Tapferkeit ganz wohl erlaubt, sich zu erhöhten. — — K.scus. Dieses beweiset das Haus des Thespius, und die nach Art des Viehes durch ihn befruchtete Hccrde von Mädchen. Dieses hatte ihm keine Iuno, kein Eur^stheus besohlen; es waren seine eigne Thaten. Auf diese höhnische Anmerkung erwiedert Amphuryo, daß -Herkules auch noch andre Thaten ungchcissen verrichtet habe. Er gedenkt des LLryr, des Antäns, des Nusiris, des Gereon. „Und auch du, -S.>'cus, wirst noch unter die Zahl dieser Ermordeten kommen, die doch durch keine Schändung sein Ehebette „zu beflecken gesucht. ^-cus. Was dem Jupiter erlaubt ist, ist auch dem Könige vergönnt. Jupiter bekam von dir eine Gemahlin; von dir soll auch der König eine bekommen :c. — — Hier treibt Ä^-cus seine Ruchlosigkeit auf daS höchste. Er wirft dem guten Alten seine gefällige Nachsicht gegen den Jupiter vor, und will, daß sich Megara nur ein Exempel an der Alcmcne nehmen solle. Er droht sogar Gewalt zu brauchen, und sagt, was ich keinem tragischen Dichter jetziger Zeit zu sagen rathen wollte: vvl vx eoacts nobilem p-n-tum ler-im. Hierüber gcrälh Megara in eine Art von Wuth, und erklärt sich, daß sie in diesem Falle die Zahl der Danaiöen >M machen wolle. Sie zielet hier auf die Hypermnestra, welches die einzige von den fünfzig Schwestern war, die in der blutigen Hochzeitnacht ihres Mannes schonte. Auf diese Erklärung ändert -ü.ycus die Sprache. „Wenn du „denn also unsre Verbindung hartnäckig ausschlägst, so erfahre „cs, was ein König vermag. Umfasse nur den Altar; kein „Gott soll dich mir cntrcisscn; und wenn auch Alcidcs selbst „triumphircnd aus der Tiefe zurückkehrte. — — Er befiehlt Von den Trauerspielen des Sencca. 236 hierauf, daß man den Altar und dc» Tempel mit Holz umlegen solle. Er will das ganze Geschlecht des Herkules in seine,» Schutzortc, aus welchem er es nicht mit Gewalt rcisscn durfte, verbrennen. Amphitryo bittet von ihm weiter nichts als die Gnade, daß er zuerst sterben dürfe. „Sterben? spricht K.ycus. „Wer alle zum Sterben verdammt, ist kein Tyrann. Die „Strafen müssen verschieden seyn. Es sterbe der Glückliche; „der Elende lebe. Mit diesen Worten geht Ä.>'cus ab, um dem Ncprunus noch vorher ein Opfer zu bringen. Amphilrzn weis weiter nichts zu thun, als die Götter wider diesen Wü- trich anzurufen. „Doch was flehe ich umsonst die Götter an. „Höre mich, Sohn, wo du auch bist! — Welch plötzliches Erschüttern? Der Tempel wankt; der Boden brillct! Welcher „Donner schallt aus der Tiefe hervor--Wir sind erhört! „--Ich höre, ich höre sie, des -Herkules nahende Tritte. Hier läßt der Dichter den Chorus einfallen. Der Gesang desselben ist eine Apostrophe an das Glück, welches seine Wohlthaten so ungleich austheile und den Eurystheus in leichter Ruhe herrschen lasse, während der Zeit, da -Herkules mit Ungeheuern kämpfen müsse. Hierauf wird die Anrede an diesen Held selbst gerichtet. Er wird ermuntert, siegend aus der Hölle hervor zu gehen, und nichts gcringcrs zu thun, als die Banden des Schicksals zu zcrrcissc». Das Exempel des Orpheus, welcher durch die Gewalt seiner Saiten, Eurydiccn von den unerbittlichen Richtern, obschon unter einer allzustrcngcn Bedingung, erhalten, wird ziemlich wcitläuftig berührt, und endlich wird geschlossen, daß ein Sieg, der über das Reich der Schatten durch Gesänge erhalten worden, auch wohl durch Gewalt zu erhalten sey. Dritter Aufzug. Die erwünschte Erscheinung des Herkules erfolgt nunmehr. Er cröfnct den dritten Aufzug, welcher von dem zweyten durch nichts als durch den vorigen Chor unterschieden wird. XNcgara und Amphitr)-o sind nicht von der Bühne gekommen. -Herkules redet die Sonne an, und bittet sie um Ncrzcihung, daß er den Ecrbcrus ans Licht gebracht habe. Er wendet sich hierauf an den Inpitcr, an den Neptun und an alle andere Götter, die von oben auf das Indische herabsehen. Dem Zupi- ^ 236 Theatralische Bibliothek. tcr giebt cr den Rath, wenn er dieses Ungeheuer nicht sehen wolle, sich unterdessen den Blitz vor die Augen zu halten: vitus julmine oppotiw tiZFv; dem Neptun, auf den Grund des Meeres hcrabzusahrcn, und den übrigen, das Gesicht wegzuwenden. „Der „Anblick dieses Scheusals, fährt cr fort, ist nur für zwey; für „den, der es hervorgezogen, und für die, die es hervorzuziehen „befohlen." Dieser, der Juno nehmlich, spricht cr hierauf förmlich Hohn. Er rühmt sich das Chaos dcr cwigcn Nacht, und was noch ärger als Nacht scy, und dcr Finsterniß schreckliche Götter, und das Schicksal überwunden zu haben. Er fordert sie, wo möglich, zu noch härtern Befehlen auf, und wundert sich, daß sie seine Hände so lange müßig lasse. — — Doch in dem Augenblicke wird cr die Anstalten gewahr, die L.ycus in dem vorigen Auszüge machen lassen. Er sieht den Tempel mit bcwafnctcr Mannschaft umsetzt, und da cr noch darüber erstaunt, wird cr von dcm Amphitryo angcrcdct. Dieser zweifelt noch vor Freuden, ob es auch der wahre Herkules, oder nur dcr Schatten desselben scy. Doch endlich erkennt cr ihn. Herkules fragt sogleich, was diese traurige Tracht seines Vaters und seiner Gemahlin, und dcr schmutzige Aufzug scincr Kindcr bcdcutc. „Wclch Unglück drückt das Haus? Amphitryo antwortet auf diese Frage in wcnig Worten, daß Lreon ermordet sey, daß Ä.ycus herrsche, und daß dieser Tyrann Kindcr, Batcr und Gemahlin hinrichten wolle. -Herkules. Undankbare Erde! So ist niemand dcm Hcrku- lischcn Hausc zu Hülfe gekommen? So konnte die von mir vertheidigte Welt solch Unrecht mit ansehen? Doch was verliere ich die Zeit mit Klagen? Es sterbe der Feind! Hier fällt ihm Theseus, den er aus dcr Hölle mit zurück gebracht, und dcr mit ihm zugleich auf dcr Bühne erschienen, ins Wort. „Diesen Fleck sollte deine Tapferkeit tragen? Ä.y- „cus sollte ein würdiger Feind Alcidens seyn? Nein; ich muß „sein verhaßtes Blut vcrgicsscn. Doch -Herkules hält den Thesens zurück, entreißt sich den Umarmungen seines Vaters und scincr Gemahlin, und eilet zur Rache. „Es bringe S.ycus dcm Pluto die Nachricht, daß ich „angckommcn sey — — So sagt cr und gcht ab. Theseus Non den Tranerspielcii des Scneca. 237 wendet sich hierauf gegen den Amphitryo, und ermuntert ihn, sein Gesicht aufzuhcutcrn, und die herabfallenden Thränen zurück zu halten. „Wenn ich, sagt er, den Herkules kenne, so wird „er gewiß an dem K.ycus des ermordeten Creons wegen Rache „üben. Er wird? Nein er übt sie schon. Doch auch dieses „ist für ihn zu langsam: er hat sie bereits geübt.--Hierauf wünscht der alte Amphirryo, daß es Gott also gefallen möge, und wendet auf einmal die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf eine andere Seite. Er verlangt nehmlich von dem Gcfchr- ten seines unüberwindlichen Sohnes nähere Umstände von dem nnterirrdischcn Reiche und dem gebändigten Ccrbcrus zu wissen. kLheseus weigert sich Anfangs; endlich aber, nachdem er die vornehmsten Gottheiten um Erlaubniß gebethen, fängt er eine lange und prächtige Beschreibung an, welche an einem jeden andern Orte Bewunderung verdienen würde. Das letzte Stück derselben besonders, welches den Kampf des Herkules mit dem höllischen Ungeheuer schildert, ist von einer ausscrordcntlichcn Stärke. Die ganze deutsche Sprache, — — wenigstens so wie ich derselben mächtig bin, — — ist zu schwach und zu arm, die meisterhaften Züge des Römers mit eben der kühnen und glücklichen Kürze auszudrücken. Das starrende Wasser des Styr, der darüber Hangende fürchterliche Fels, der alte schcus- liche Fuhrmann schrecken in den traurigsten Farben — — Cha- ron war eben an dem dißcitigcn Ufer mit dem leeren Nachen angelangt; als sich -Herkules durch die Schaar wartender Schatten drcngte, und zuerst hinüber gesetzt zu werden begehrte. „Wo- „hin Verwegener? schrie der gräßliche Charon. Hemme die „eilenden Schritte! Doch nichts konnte den Alcidcs aufhalten; er bändigte den alten Schiffer mit dem ihm entrissenen Ruder, und stieg ein. Der Nachen, der Völkern nicht zu enge, sank unter der Last des einzigen tiefer herab, und schöpfte überladen mit schwankendem Rande lcthcischc Fluth — — Endlich näherten sie sich den Wohnungen des gcitzigcn Pluto, die der Sty- gischc Hund bewacht. Die Gestalt dieses drct)köpfigtcn Wächters ist die gräßlichste, nnd der Gestalt gleicht seine Wuth. Fähig auch den leisen Schritt wandelnder Schatten zu hören, horcht er mit gespitzten Ohren auf das Geräusche nahender Füsse. Er Theatralische Bibliothek. blieb ungewiß in seiner Hole sitzen, als der Sohn des Donnergottes vor ihm stand; »nd beyde furchten sich. Doch jczt erhebt cr ein brüllendes Bellen, die Schlangen nmzischcn das dreyfache Haupt, die stillen Wohnungen ertönen und auch die sccligcn Schatten entsetzen sich. -Herkules löset unerschrocken den clco- näischcn Raub von der linken Schulter, und schützt sich hinter dem noch schreckenden Rachen des Löwen. Er schwingt mit siegender Hand die Keule, und Schlag auf Schlag trist das endlich ermüdende Ungeheuer. Es läßt ein Haupt nach dem andern sinken, und räumet seinem Ueberwindcr den Eingang. Die untcrirrdischen Gottheiten entsetzen sich, und lassen den Ccr- bcrus abfolgcn, und auch mich, spricht Thcscus, schenkte Pluto dem bittenden Alcidcn. Dieser sträuchclt des Ungeheuers gebändigte Nacken und fesselt sie mit diamantenen Ketten. Es vergaß, daß es der Wächter der Höllcn sey, ließ furchtsam die Ohren sinken, und folgte dem Bändiger demüthig nach. Doch als es an den Ausgang des Tänarus kam, und der Glatz des ihm unbekannten Lichts die Augen traf, sträubte es sich, faßte neue Kräfte, schüttelte wüthend die tönenden Ketten, und sast hätte es den Sieger zurück geschleppt. Doch hier nahm Herkules die Fäuste des Thcscus zu Hülfe, und so rissen beyde den vergebens rasenden Ccrbcrus auf die Welt heraus. Noch einen Zug setzt der Dichter zu diesem Bilde, der gewiß wenige seines gleichen hat. Er sagt nehmlich, der Höllcnhund habe die Köpfe in den Schatten des Herkules verborgen, um das Tageslicht so wenig als möglich in die vcrschloßcncn Augen zu lassen: —- — — 8ul» Hei-eulea eaput ^Iil'eoriclit umlira. Die nahende Schaar des über die Zurückkunft des Herkules frohlockenden Volkes macht der Beschreibung ein Ende. Mit viel mattem Beschreibungen und ziemlich kalten Sittcnsprüchcn ist dcr Chorus angefüllt. Sie betreffen das untcrirrdischc Reich und die traurige Nothwendigkeit, daß alle und jede einmal dahin absteigen müssen. „Niemand, heißt es, kömmt dahin zu „spät, von wannen er, wenn cr einmal dahin gekommen ist, „nicht wicdcr zurück kann. — Schone doch, o Tod, dcr Menschen, die dir ohne dem zueilen.--Die erste Stunde, die den Trauerspielen dcö Sciicc.i. 23'.» „uns das Leben schenkte, hat cS auch wieder genommen ?c. Ilnd andere dergleichen Blümchen mehr. vierter Auszug. Es ist geschehen. -Herkules hat den Ä.ycns mit allen seinen Auhäugcrn ermordet, und macht sich nunmehr gefaßt, den Göttern ein Opfer zu hringcn. Er ruft sie insgesamt dazu an, und nur die Kinder der Zuno schließt er davon aus. Er will gauzc Hccrdcn schlachten, und ganze Erndtcn von Wcyhrauch anzünden. Amphitryo der noch das Blut an den Handen seines Sohnes kleben sieht, erinnert ihn, sie vorher zu reinigen; doch Herkules antwortet: „ich wünschte, selbst das Blut des verhaßten Hauptes den Göttern opfern zu können. Kein angcnch- „mcrcs Naß würde je den Altar benetzt haben; denn dem Zu- „pitcr kann kein fetteres Opfer geschlachtet werden, als ein ungerechter König. — — Hierauf will er selbst das Opfcrgcbcth anfangen, ein Gebeth, das, wie er sagt, des Jupiters und seiner würdig sey. Er fängt auch wirklich an, und bittet nichts geringeres, als daß der Himmel und die Erde auf ihrer Stelle bleiben, und die ewigen Gestirne ihren Lauf ungestört fortsetzen mögen; daß ein anhaltender Friede die Völker nähre, daß kein Sturm das Meer beunruhige, daß kein erzürnter Blitz aus der Hand des Jupiters schieße, daß kein ausgetretener Fluß die Felder überschwemme, und daß nirgends ein wilder Tyrann regiere ?c. Schon dieses Gebet ist unsinnig genug, um der Anfang zu einer förmlichen Raserey zu seyn. Diese äusscrt sich nunmehr auch auf einmal. „Doch wie? Welche Finsternisse „umhüllen den Mittag? Warum schießt Phöbus so trübe Blicke, „ohne von einer Wolke verdunkelt zu seyn? Wer treibet den „Tag zu seiner Dcmmcrung zurück? Welche unbekannte Nacht „breitet ihr schwarzes Gefieder aus? Woher diese zu frühen „Sterne, die den Pol erfüllen? Seht, dort durchglänzct das „erste der von mir gebändigten Ungeheuer, der Löwe, ein wci- „tcs Gcficlde! Er glüct vor Zorn, und drohet tödliche Bisse. „Er speiet aus dem offenen Rachen Feuer, und schüttelt die „röthlichc Mähne. Zczt wird er ein Gestirn herab reißen; jczt „wird er des harten Herbstes und des frostigen Winters breite „Zeichen überspringen, den Stier im Felde des Frühlings cm- 240 Theatralische Bibliothek. „fallen, und seinen Nacken zermalmen. — — Amphitryo erstaunet über diesen plötzlichen Wahnwitz, doch Herkules fährt fort. Er kömmt ans seine Thaten, lind will sich mit Gewalt den Eingang in den Himmel crösncn. Er drohet, wenn Jupiter geschehen lasse, daß ihm Zuno noch länger zuwider sey, den Saturn zu bcfrcycn, die Riesen zu neuen Kriegen aufzufrischen und sie selbst anzuführen. Diese Kriege glaubt er bereits mit allen ihren schrecklichen Verwüstungen zu sehen, bis er endlich seine eigne Kinder, die mit der Megara bey dem Opfer gegenwärtig seyn sollten, gewahr wird, und sie für die Kinder des A.ycns ansieht. Dieser Wahn bringt seine Wuth aufs höchste. Er spannt seinen Bogen uud durchschießt das eine, und das andere, welches seine Knie mit den kleinen Händen umfaßt, und mit erbärmlicher Stimme bittet, ergreift er mit gewaltiger Faust, schwenkt es in der Luft herum, und zerschmettert es gegen den Boden. Indem er das dritte verfolgt, welches seine Zuflucht zu seiner Mutter nimt, sieht er diese für die Juno an. Erst richtet er das Kind hin, und alsdann seine Gemahlin.-- Alles dieses, wird man sagen, müsse einen sehr gräßlichen und blutigen Anblick machen. Allein der Dichter hat, durch Hülfe der römischen Bühne, deren Bauart von den unsrigen ganz unterschieden war, ein vortrcfliches Spiel hier angebracht. Indem nehmlich Herkules seine Kinder und seine Gemahlin verfolgt, und von Zeit zu Zeit den Zuschauern aus dem Gesichte kömmt, so gehen alle die Ermordungen hinter der Scene vor, wo sie nur von den übrigen Personen auf der Bühne können gesehen werden. Von dem Amphitryo vornehmlich, welcher alles was er sieht in eben dem Augenblicke sagt, und die Zuschauer also eben so lebhaft davon unterrichtet, als ob sie es selbst gesehen hätten. Zum Exempel, wm» -Herkules dem dritten Kinde nachgeht, so schreyt Mcgara: „Wohin, Unsinniger? Du vergießest „dein eigen Blut. Mit diesen Worten eilt sie beyden nach, daß sie also bereits hinter der Scene ist, wenn Amphitryo folgende Erzchlung macht: „das zitternde Kind stirbt vor dem feurigen Blicke des Batcrs, noch ehe es verwundet worden. Die „Furcht hat ihm das Leben genommen. Und nun, nun schwenkt „er die tödliche Keule auf seine Gemahlin. Sie ist zermalmt, Von den Trauerspielen des Sencca. „lind nirgends sieht man den Kopf des zcrstümmcltcn Körpers. --Amphitryo gcräth hierüber ausser sich, er verwünscht sein Alter, das ihn zu diesem Unglücke gespart; er will nicht langer leben, sondern eilt den Pfeilen und der Keule des unsinnigen Mörders entgegen. Doch Tbeseus hält ihn zurück, und beschwört ihn, dem Herkules das letzte und größte Verbrechen zu ersparen. Dieser kömmt unterdessen allmälig wieder zu sich, und Amphitryo erstaunt ihn in einen tiefen Schlaf fallen zu sehen. Er zweifelt zwar Anfangs, ob es nicht ein tödtlichcr Schlaf sey, und ob ihn nicht eben die Wuth, welche die Scinigcn umgebracht, hingcraft habe; doch das starke Athemhohlcn überzeugt ihn von dem Gegentheile. Er findet es also für gut, ihn ruhen zu lassen; nur läßt er vorher von den Dienern die Pfeile wegnehmen, damit er sie nicht in einer neuen Raserey brauchen könne. Der nunmehr cinhcrtrctcndc Chor, wie man leicht errathen kann, beklaget die dem -Herkules zugeflossene Unsinnigkcir. Er flehet die Götter an, ihn davon zu bcfrcycn, und wendet sich besonders an den Schlaf, den er zur Unzeit allzu poetisch apostro- phirt. „Besänftige die rasenden Aufwallungen seines Gemüths; „und gieb dem Helden Frömmigkeit und Tugend wieder. Wo „nicht, so laß ihn fortrascn, und in steter Unsinnigkcit dahin „leben. In ihr allein beruhet jetzt seine Unschuld. Reinen Hän- „dcn kommen diejenigen am nächsten, die ihr Verbrechen nicht „kennen. — — Er beschreibt nunmehr, wie verzweifelnd sich Herkules anstellen werde, wenn er wieder zu sich selbst kommen, und sein Unglück erfahren sollte. Und znlctzt beweinet er noch den zufrühzcitigcn Tod der Kinder. Fünfter Aufzug. Herkules erwacht, und Amphitr)?o und Thcfcus stcbcn schweigend von ferne. „Wo bin ich ? Zn welchem Lande? Un- „tcr welchem Himmelsstriche? zc. Welche Luft schöpfe ich? Ich „bin doch wenigstens aus der Hölle wieder zurück? Aber, welche „blutige Leichname sehe ich hier gestreckt? Welche höllischen „Schattenbilder schweben mir noch vor den Augen? Zch schäme „mich, es zu sagen: ich zittere. Zch weis nicht, welcher schreckliche Unfall mir ahndet. Wo ist mein Vater? Wo meine „Gemahlin, die auf die kleine Hcerde ihrer muthigcn Kinder Lessings Werke >v. 2-j2 Theatralische Bibliothek. „so stolz isti Warum vermisse ich an meiner Linken die Beute „des überwundenen Löwcns? — — Wo sind meine Pfeile? „Wo der Bogen? Ich lebe, und man hat mir meine Waffen „abnehmen können? Wer hat diesen Raub davon getragen? „Wer hat auch den schlafenden Herkules nicht gcschcuct? Ich „muß ihn doch sehen, meinen Sieger; ich muß ihn doch sehen. „Stelle dich, Sieger, den zu zeugen, der Vater den Himmel „nochmals verlassen, und dem zugefallen die Nacht länger, als „mir, stille gestanden — — Was sehe ich? Meine Kinder „ermordet? Meine Gemahlin todt? Welcher zweyte Ä.ycus hat „sich des Reichs bemächtiget? Herkules ist wieder gekommen, „und doch erkühnt man sich zu Theben solcher Verbrechen? Hcr- „bey Bocoticr, Phrygcr ?c. Zrigct mir den Urheber dieser gräßlichen Morde! — — So breche denn mein Zorn auf meine „Feinde los! Alle sind meine Feinde, die mir meinen Feind „nicht zeigen.--Du vcrbirgcst dich, Alcidcns Sieger? Erscheine :c. Laß uns ohne Anstand kämpfen. Hier stehe ich „frey und bloß, auf! greife mich mit meinen eigenen Waffen „an. — — Doch warum entziehet sich Thcscus, warum entzieht sich der Vater meinen Blicken? Warum verbergen sie „ihr Antlitz? Hemmet dies Winseln! Saget, wer hat meine „Söhne ermordet? Vater, warum schweigst du? Rede, Thcscus; „aber rcdc so, wie ichs vom Thcscus gewohnt bin. Schweigt „ihr noch? Noch wcndet ibr voll Scham euer Gesichte weg? „Noch fallen vcrstohlnc Thränen herab? — — Wessen hat „man sich bcy solchem Unglücke zu schämen? Zst es Lu>)?sthenö; „ist es das feindliche Heer des ermordeten L-^cus, von dem „diese Niederlage kömmt? Ich bitte dich, Vater, bcy allen „meinen ruhmvollen Thaten bitte ich dich, sage, wer ist der „Mörder meines Geschlechts? Als wessen Beute habe ich un- „ tcrgclcgen? Amph. Laß uns dics Unglück mit Stillschweigen übergehen. Herkules. Und ich sollte ungerochcn seyn? Amph. Schon oft ist die Rache schädlich gewesen. Herkules. Wer war je träge genug dergleichen Unglück zu erdulden? Amph. Der, welcher noch grösser Unglück zu fürchten hatte. Von den Trauerspielen des Scncc.^ 243 Herkules. Kann wohl ein grösseres Unglück zu fürchten seyn, als dieses? Amph. Was du davon weißt, ach! was für ein kleiner Theil ist es. -Herkules. Erbarme dich, Vater. Flehend strecke ich meine Hände gegen dich aus." — — Indem Herkules dieses thut, wird er gewahr, daß seine eigenen Händc voller Blut sind. Er wird gewahr, daß es seine eigenen Pfeile sind, an welchen das Blut der Kinder klebt. Zn der Gewißheit, daß mcmand, als er selbst, seinen Bogen habe spannen können, ist er gcnöthigct sich selbst für den Mörder zu erkennen. „Wie? Vater, Freund, „so bin ich es selbst der dieses Verbrechen begangen hat? Ach! „sie schweigen; ich bin es." Amphitr^o will ihn trösten, nnd schiebt alle Schuld auf die Juno. Doch umsonst; er gcräth in eine so wüthende Verzweiflung, daß es scheint, die Raserey habe ihn nicht sowohl verlassen, als nur ihre Richtung verändert und sich gegen ihn selbst gewendet. Er bittet seinen wahren Vater, den Jupiter, daß er ihn vergessen, und zornig von dem gestirnten Pole auf ihn donnern möge. Er will an des Prometheus Statt an den leeren Eaucasus gefesselt, oder zwischen den Symplcgadcn zerschmettert seyn. Er will Wälder zusammen häufen, und sich, befleckt von sträflichen Blute, in den brennenden Holzstoß stürzen. Er will den Herkules der Hölle wieder zurück geben. Diese soll ihn, wo möglich, an einem Orte, welcher noch jenseits dem Ercbus liege, verbergen; an einem Orte, der ihm und dem Ecrbcrus unbekannt sey. — — Er beklagt, daß sein Gesicht zu verhärtet sey, und keine Thränen kenne, welche um den Tod seiner Kinder nicht reichlich genug fließen könnten. Er will sein Schwcrd, seine Pfeile, seinen Bogen zerbrechen; er will seine Keule, er will seine Hände, die sie geführt haben, verbrennen. — — Hier wagt es Thcscus, ihm zuzureden. Thcs- Wer hat dem Irrthume jemals den Namen des Verbrechens gegeben? Herk. Oft ist ein zu grosser Irrthum anstatt des Verbrechens gewesen. Thes. Hier ist Herkules nöthig. Ertrage diese Last von Nebeln! 16° 244 Theatralische Bibliothek. -Herkules. Noch habe ich in dcr Rascrcy nicht alle Scham verloren, daß ich meinen abschculigcn Anblick nicht vor allen Völkern verbergen sollte, die ihn ohnedem fliehen mußten. Meine Waffen, Thcscus, meine Waffen, die man mir so schimpflich genommen hat, verlange ich wieder. Rase ich nicht mehr; so gieb mir sie zurück. Rase ich aber noch, so entferne dich, Vater. Ich will schon einen Weg zum Tode finde». Amphitryo fängt nunmehr an, den -Herkules auf das zärtlichste zu bitten. Er beschwört ihn bey allen den Verbindungen, die zwischen ihnen beyden obwalteten; es sey nun, daß er ihn als seinen Vater, oder als seinen Pfleger betrachte. Er stellt ihm vor, daß er die einzige Stütze seines Hauses sey; daß er ihn noch nie genossen habe, sondern immer in der äussersten Furcht seinetwegen habe leben müssen. Herkules. Und warum sollte ich noch länger leben? Habe ich nicht alles vcrlohrcn? Sinnen, Waffen, Ruhm, Gemahlin, Kinder, meine Raserey selbst, habe ich verloren. Es ist kein Rath für meine befleckte Seele. Mit dem Tode muß ich mein Verbrechen büsscn. Thcscus. Du wirst deinen Vater ums Leben bringen. Herk. Damit ich es nicht etwa thue, eben deswegen will ich sterbe». Thes, Z» Gegenwart des Vaters? -Her!?, Solchen Graul anzusehen, habe ich ihn schon gelehrt. Amph. Siehe doch vielmehr aus deine andern rühmlichen Thaten zurück, und verzeihe dir selbst diese einzige Schuld. Herk. Der sollte sich etwas verzeihen, der niemanden verziehen hat? Was ich löbliches gethan habe, that ich auf Befehl. Dieses einzige that ich von mir selbst — — Kurz, er dringt mit aller Gewalt darauf, daß man ihm seine Waffen wieder zurück geben solle. Umsonst verbindet Thc- seus seine Bitten mit den Bitten des Vaters, und erinnert ihn, daß es dem Herkules unanständig sey, irgend einem Unglücke imtcrzulicgcn. Er aber antwortet: „Ich habe meine Verbrechen „nicht frcywillig, sondern gezwungen getha». Jenes würde ma» „glaube», wenn ich leben bliebe; dieses kann nur mein Tod „bekräftigen.--Der Dichter hat dieses in wenig Worten Von den Trauerspielen des Sciieca. 246 auszudrücken gewußt: 8i vivo, toci Celera; t°! morior, tuli. —- -Herkules fährt also fort, sich als ein Ungeheuer anzusehen, von welchem er die Welt reinigen müsse. Er drohet, wenn ihm die Waffen nicht wieder gegeben würde», die Wälder des Pindus und die dem Bacchus geheiligten Haync auszurotten, und sich mit ihnen zu verbrennen; oder auch die Häuser mit ihren Einwohnern, die Tempel mit ihren Göttern auf sich zu rcisscn, und sich unter dem Schütte der ganzen Stadt zu begraben. Sollte aber auch diese Last ihm zu leicht seyn, sollten sieben Thore noch nicht schwer genug auf ihm liegen: so soll die halbe Welt auf sein Haupt stürzen, und ihn in dem Mittelpunkte der Erde erdrücke». — — Diese Hartnäckigkeit des Herkules bringt endlich dc» alte» Amphitr^o gleichfalls zur Verzweiflung, und die Stellungen werde» iiumchr ungcmci» rührend. Es ist nur zu bcdaurcn, daß der Text hier eine sehr merkliche Verwirrung der Personen gelitten hat. Bald wird der einen etwas in den Mund gelegt, was wahrscheinlicher Weise die andre sagen soll; bald hat man aus zwey Rede» eine, und bald aus einer zwey Reden gemacht. Was man noch zuvcrläßigcs daraus erkennen kann, ist dieses, daß Amphilr^o selbst sich einen von den Pfeilen an die Brust setzt, und sich zu durchstechen drohet, wenn Herkules seine» Schluß nicht ändern wolle. „Entweder, spricht „er, du lebst, oder du wirst auch an mir zum Mörder. Schon „schwebt meine durch Unglück und Alter geschwächte Seele auf „den äussersten Lippe». Wer überlegt es so lange, ob er sci- „ncm Vater das Lebe» schenken wolle? Zczt drükc ich, des „Vcrzögcrns satt, das tödliche Eisen durch die Brust. Hier, „hier wird des vernünftigen -Herkules Verbrechen liegen." Und hiermit gelingt es dem Amphitryo den -Herkules so zu erweichen, daß er sich zu leben, und diesen Sieg über sich selbst zu seinen übrigen Siegen hinzu zu thun, entschließt. Er ist mm weiter ans nichts bedacht, als Theben zu verlassen. „Doch wohin soll „ich fliehen? Wo werde ich mich verbergen? Welcher Tanais, „welcher Nil, welcher gewaltige Tigris, welcher wilde Rhein „wird meine Rechte abwaschc» können? Und wenn auch der „ganze Ocean über mciuc Hä»dc dahin strömte, so würden doch „noch die gräßlichen Morde daran klcbcn.--Er ersucht 246 Theatralische Bibliothek, hierauf den Theseus ihn in dieser Noch nicht zu verlassen, einen Ort, wo er verborgen seyn könnte, für ihn auszusuchen, oder, wo möglich, ihn in das untcrirrdische Reich wieder zurück zu bringen. „Da, da will ich mich verborgen halten. Doch „auch da bin ich bekannt. — — Theseus schlägt ihm sein eigen Land, Athen, zum Zufluchtsorte vor, und zwar deswegen, weil es das Land sey, wo Mars selbst wegen Ermordung seines Sohnes, losgesprochen worden. „Dieses Land, welches die Unschuld der Götter richtet; dieses Land, Alcidcs, rufet dich. Und so schließt der rasende -Herkules. Ohne Zweifel erwartet man nun eine kurze Beurtheilung desselben. Ucbcrhaupt werde ich mich hoffentlich auf die Empfindung der Leser zum Vortheile meines Dichters berufen können. Starke Schilderungen von Leidenschaften können unsre Leidenschaften unmöglich ganz ruhig lassen. Und diese wollen wir vornehmlich in den Trauerspielen erregt wissen. Hat man den Zorn der Iuno, die Drohungen des K.ycus, den edlen Stolz der N?e- gara, den kühnen Ucbcrmuth des 'Herkules, das Unglück einer blinden Raserey, die Verzweiflung eines Reuenden, die Bitten eines Vaters gefühlt, so kann der Dichter gewiß seyn, daß man ihm seine Fehler willig vergeben wird. Und was sind es denn endlich auch für Fehler? Er ist mit den poetischen Farben all- zuvcrschwcndcrisch gewesen; er ist oft in seiner Zeichnung zu kühn; er treibt die Grösse hier und da bis zur Schwulst; und die Natur scheinet bey ihm allzuviel von der Kunst zu haben. Lauter Fehler, in die ein schlechtes Genie niemals fallen wird! Und wie klein werden sie, wenn man sie nach dem Stoffe des Trauerspiels beurtheilet, welcher, wie man gesehen hat, gänzlich aus der Fabel entlehnt ist. Die Thaten des Herkules sind für uns unsinnige Erdichtungen, und bey den Heiden waren sie Glaubensartikel. Sie überfiel ein heiliger Schauer, wenn sie hörten, daß er Gebirge zerrissen, daß er die Hölle gestürmt, daß er den Himmel getragen: und wir wollen uns kaum des Lachens dabey enthalten können. Allein, ist es billig einen Dichter anders, als nach den Umständen seiner Zeit zu beurtheilen? Ist es billig, daß wir das, was seine Zcitvcrwaiidtcn in Non den Trauerspiele» des Sciicc.,, 247 dem Munde des Herkules für schreckliche Drohungen hielte», für unsiiinigc Großsprcchcrcycn halten, und sie als solche, mit samt dem Dichter, auspfcifcn wollen? Zch will auf diesen Umstand nicht weiter dringen, weil man schon zu oft darauf gedrungen hat. Daß unser Verfasser sonst die Regeln der Bühne gekannt, und sich ihnen mit vieler Klugheit zu unterwerfen gewußt habe, ist nicht zu leugnen. Er hat die Einheit der Zeit genau beobachtet. Die Handlung fängt kurz vor Tage an, und endet sich noch vor einbrechendem Abend. Daß dem also sey, beweiset die Stelle der Juno im ersten Aufzuge. Z. 124. elm-escit dies Oitvljuv Ineicllis oroeoo llu»!t> und die Stelle im vierten Auszüge: Z. 93l). 8vi»xero tonoliiiL. Wenn es also da noch Mittag ist, so bleibt für den Schlaf des Herkules Zeit genug übrig, daß er noch vor Abend aufwachen kann. Auch die Einheit des Orts wird man nicht unterbrochen finden. Die Scene ist bey dem Altare, welcher dem Jupiter vor dem Pallastc des Herkules aufgebauet war. Zu diesem nehmen Amphitr^o und Megara ncbst ihren Kinder» mit Anbruch des Tages ihre Zuflucht. A» diesem wollte sie L.)?cus verbrennen lassen, weil er sie nicht mit Gewalt davon wegreisten durste. Bey diesem findet sie Herkules, als er plötzlich erscheinet. Aus diesem will er den Göttern ein Dankopfcr anzünden :c. Endlich ist auch die Einheit der Handlung ohne Tadel. Die Ermordung des A.yens ist eine blosse Episode, welche mit vieler Kunst in das Gauzc eingewebt worden. Sie ist nicht die Hauplhandlung, sondcr» bloß die Gelegenheit zu derselben. — — Dieser Umstand sührt mich auf eine vergleickung mit des LLuripides ,asei»Sem Herkules. Der ^ll-x^c ^«tva^xT'vc,- ist das achtzehnte unter den übrig gebliebenen Trauerspielen des Griechen. Daß sich der Römer dasselbe zum Muster vorgestellet habe, ist nicht zu leugnen. Allein er hat nicht als ein Sklave, sondern als ^in Kopf, welcher selbst denkt, nachgeahmt, und vcrschicdnc Fehler, welche in dem Norbildc sind, glücklich verbessert, Ich kann 248 Theatralische Bibliothek. mich hier in keine,, wcitläuftigcn Auszug des griechischen Stücks einlassen, so viel aber muß ich anmerken, daß Euripidcs die Handlung offenbar verdoppelt hat. Bey ihm cröfnct Amphi- rryo das Stück, welcher die Zuhörer von den nöthigsten historischen Umständen unterrichtet. XNegara kömmt dazu, und beyde beklagen ihr Unglück. K.^cus cröfnct ihnen ihr Todcsur- thcil, mit dcn bittersten Verspottungen des -Herkules. Mcgara und Amphitryo ergeben sich in ihr Schicksal, und bitten nur noch um eine kurze Frist, unter dem Verwände, dcn Kindern ihre Todtcnklcidcr anzulegen. Als dieses geschehen, und sie vor dem Altar auf die Hinrichtung warten, erscheinet -Herkules, welcher unerkannt in die Stadt gekommen war. Er erfährt das Unglück, welches seinen, Hause drohe, und ermordet den Ä.yeus. Was erwartet man nunmehr „och weiter? Nichts, ohne Zweifel. Doch ehe man sichs versieht erscheinen mitten in dem dritten Auszüge Zris und eine Furie. Die Furie soll dem -Herkules auf Befehl der Iuno dcn Verstand verrücken; die Furie weigert sich, doch endlich muß sie wider ihren Wille» gehorchen. Hierauf werden im vierten Auszüge die Wirkungen der Raserey des Herkules nur erzchlt, und in dem fünstcn kömmt Theseus dazu, welcher seinen Freund, der sich aus Verzweiflung durchaus das Leben nehmen will, wieder zurechte bringt. — — Nun sehe man, wie geschickt der römische Dichter durch eine kleine Veränderung ein zusammenhangendes Stück daraus gemacht hat, in welchem die Ncubcgicrdc keinen solchen gefährlichen Ruhcpunkt findet, sondern bis ans Ende in einem Feuer erhalten wird. Er fängt nehmlich mit dem grausamen Entschlüsse der ?uno an, und bereitet dadurch alles vor, was er in der Folge dcn Zuschauern zeigen will. Es ist wahr, daß er dcn Ausgang dadurch ein wenig zu sehr verräth; doch verräth ihn iLuripiöes in dem dritten Auszüge nicht gleichfalls? — — Einen andern Kunstgrif des lateinischen Dichters habe ich bereits angemerkt; die Art nehmlich, wie er die Grausamkeiten des -Herkules zugleich zeigt, und auch nicht zeigt. Euri- pioes läßt sie bloß crzehlcn, und unterrichtet den Zuschauer nicht einmal so lebhaft davon, als er ihn von dem Tode des Ä.ycus unterrichtet, dessen Geschrey, da er ausser der Buhne Von den Trauerspielen des Senec.i. 249 ermordet wird, man doch wenigstens vcrniml. Wie viel besser läßt der Römer bloß den Tod des Ä.'/cus crzchlcn, und spart seine Theatcrspicle auf den Tod derjenigen, für die er uns vornehmlich einnehmen will. — Dieses aber, was ich jczt gesagt habe, muß man nicht so auslegen, als ob ich dem Ü5uripides auch in andern Stücken eben so wenig, als in diesen mechanischen Einrichtungen, den Vorzug zugestehen wollte. Er hat eigenthümliche Schönheiten, welche Scncca, oder wer sonst sein Nachahmer ist, nur selten gekannt zu haben scheinet. Der Äfftet drückt sich bey ihm allezeit in der Sprache der Natur aus; er übertreibt nichts, und weis nicht was es heißt, den Mangel der Empfindung mit Witz ersetzen. Aber glücklich sind die, welche ihn noch so ersetzen können! Sie entgehen doch wenigstens der Gefahr, platt, cckcl und wäßrigt zu werden. Unbilliges Urtheil des Pater Zörnmo^. Zeh glaube, es wird hier noch meine Pflicht sc.yn, einige unbillige Urtheile des Pater Brumoy zu widerlegen. Man kennet das Verdienst dieses Jesuiten um die Vühnc der Griechen. Er hat überall, wo es möglich gewesen, seinen Auszügen aus den griechische» Trauerspielen, Auszüge aus den ähnlichen römischen Tragödien beygefügt. Man kann also leicht glauben, daß er auch unsern rasenoen -Herkules, bey Gelegenheit des Euripidischcn, nicht werde vergessen haben. Ich habe nichts dar- widcr, daß er diesen weit vorzieht; allein daß er jenen durch »ichtswürdige Einfälle lächerlich zu machen sucht, wo er es nicht ist, dieses kann ich unmöglich so hingehen lassen. Zch muß einige Proben anführen, um zu zeigen, wie lächerlich der Jesuit selbst ist. Man wird sich der Stelle erinnern, die ich oben auf der 237 Seite, aus dem dritten Auszüge angeführt habe: — — — — ti novi Uereulem, I^cus Ooonti tlobitas pvenas claliit. I^ontum vst, llaliit; llat: iioe «iuo«iuo vl't Ivntum; cloclit. Tbeseus will dem Amphirryo damit Trost zusprechen. Ich habe schon so viel Zutrauen zu meinem Geschmacke, daß ich mich nicht zu gestehen schäme, diese Zeilen allezeit für sehr schön gehalten zu habe». Mußte ich also nicht erstaunt seyn, als ich solgcndcS Urtheil des Brumc,)? las. „Das ich sterbe, ich bin ^ " 250 Theatralische Bibliothek. „rod, ick bin begraben, des Gcitzigcn bey dem Molicre (Aufz. ,,4. Anst. 7.) ist ohne Zweifel ans dieser Quelle entsprungen. „Allein dieses sagt ein Narr, welchen der Dichter in einer lästerlichen Unsinnigkcit sciiicm Charakter gemäß sprechen läßt; „und Theseus hätte sich, wo nicht als ein König, doch wcnig- „stcns als ein vernünftiger Mann ausdrücken sollen. — — Wenn es auch wahr wäre, daß Moliere bey Gelegenheit dieser Stelle auf seinen Einfall gerathen sey, so würde dieses doch nichts mehr beweisen, als so viel, daß kein ernsthafter Gedanke, keine Wendung so schön sey, die sich nicht ziemlich lustig paro- dircn lasse. Hieraus aber zu schliesset!, daß die Parodie, und die parodirtc Stelle gleich ungereimt seyn müßten, ist eine sehr kindische Ucbcrcilung. Das Ungereimte in der Stelle des Molicre liegt eigentlich nicht in dem Klimax selbst, sondern dar- innc, daß er einen Narren von sich etwas sagen läßt, welches gleich dadurch, daß er es noch von sich sagen kann, widerlegt wird: nicht darinnc, daß der Tod so geschwind auf das Sterben, und das Begräbnis? so geschwind auf den Tod folgt; sondern darinnc, daß er einen Menschen vorgeben läßt, dieses alles wicdcrfahrc ihm bey lebendigem Leibe. Was hat denn nun also die Rede des Tbcscus, ausser dem dreyfachen Steigen, hiermit für Gleichheit? Oder ist sie an und vor sich selbst abgeschmackt? Hätte doch der Pater dieses gezeigt; hätte er doch auch beyläufig gezeigt, wie es der Dichter schöner ausdrücken sollen, daß -Herkules den K.>-cus ganz gewiß, und ganz gewiß unverzüglich strafen werde. — — Mit eben so wenig Grunde tadelt Drumoy diejenigen Stellen, in welchen Herkules raset. „Herkules, sagt er, bildet sich ein den himmlischen Löwen, den „er in dem Ncmcäischcn Walde überwunden, zu sehen, wie er „eben bereit ist, die Zeichen des Herbstes und des Winters zu „überspringen, um den Stier zu zcrrcisscn, welcher ein Zeichen „des Frühlings ist. Das ist wahrhaftig eine gelehrte Raserey! — — Wie artig der Jesuit spottet. Aber warum ist sie denn gelehrt? Ohne Zweifel darum, weil ein Zcsuitcrschülcr nicht ganz nnd gar ein Zgnorantc seyn muß, wenn er wissen will, daß -Herkules einen Löwcn umgebracht habe. Aber was sür eine Gelehrsamkeit braucht denn -Herkules, dieses von sich selbst Von den Trauerspielen des Sencc.i, 251 zu wissen ? Oder steckt etwa die Gelehrsamkeit in der Kenntniß der Zeichen des Thicrkrcisscs? Wenn das ist, so werden ziemlich alle Bauern gelehrt seyn.--Ich muß noch einen Tadel dieses französischen KunstrichtcrS anführe», welcher entweder sehr viel leichtsinnige Ucbcrcilung, oder sehr viel Bosheit verräth. Zn dem fünften Auszüge, wie man gesehen hat, kömmt Herkules wieder zu sich selbst, und gcrath in die äusserste Verzweiflung, als er erfährt, was er in seiner Raserey begangen. Man könnte sagen, er werde aufs neue rasend; so schreckliche Dinge erbittet er über sich selbst. „Allein, sagt Bruino^', „seiner Gewohnheit gemäß, mengt er auch lächerliches Zeug „darunter. Er will seine Keule, seine Pfeile, und selbst die „Hände der Iuno, die sie so unglücklich geführt haben, verbrennen. --Nun sehe man, ob es wahr ist, daß ihn der Dichter dieses sagen läßt. Die Stelle ist diese: HI/i tela t'ranFkmi «oltl-s, tilii noltros puer liumjivmus areus, ae tms Itipes Ar.ivis ^rcloliit umdns: i^ilil l^vrnivis t'reyuvns pkaretiÄ tvlis !» tuos il»it roFNS. Dvnt arma poenss: vos nuoyve infauttss mvis t^romalio tolis, 6 »zoveica^eL ?»an?«L. Er redet die ermordeten Kinder, eines nach dem andern an, und will zu dessen Genugthuung die Pfeile, zu dessen den Bogen, zu dessen Keule und Köcher zerbrechen und verbrennen. „Auch „euch, spricht er, auch euch, unselige stiefmütterliche Hände, will „ich mit meinen Pfeilen verbrennen.--Wer heißt denn nun hier den Jesuiten, unter novvrealos manus die Hände der Zuno verstehen ? Warum können es denn nicht die eignen Hände des Herkules seyn? Za freylich wäre alsdann die Stelle nicht mehr lächerlich! Aufs höchste liegt in dem Worte noverc-Ues blos eine Anspielung auf die Zuno, und er nennt seine Hände bloß darum stiefmütterlich, weil sie nicht minder grausam gegen seine Kinder gewesen waren, als die Zuno gegen ihn zu seyn pflegte. — — Zch will mich nicht länger hicrbcy aufhalten. Von neuern Trauerspielen auf Scn rasenden -Herkules. Es fehlt an neuern Dichtern nicht, welche gleichfalls diesen Stof bearbeitet haben. Bey den Franzosen führen eine Menge 262 Theatralische Bibliothek. Tragödien den Titel -Herkules; ich kann cs aber jczt nur von zweyen mit Gewißheit sagen, daß sie den rasenven Herkules angehen. Die mchrcstcn werden ohne Zweifel den sterbcnOeil Herkules aufstellen. RolanV Drijset ist der erste, von welchem ich einen Ilcrculo tui-Ieux anzugeben weis. Sein Theater ist zu Tours 1589. in 4to gedruckt, lind enthält ausser genanntem Stucke, noch folgende: L.ij,t!stv; ^Fttmoiimon; Oetavio; lind 1'Iiiesto. Der zweyte Franzose ist 5?icolas L,'Hermer Nouvel- lon, welcher 1633. ein Trauerspiel unter der Aufschrift: ^m- im!tril»i ou Uöreulo furlc-ux, verfertigte. Ich habe jczt weder des einen noch dcS andern Arbeit bey der Hand, und kann also nicht urtheilen, wie sie zu Werke gegangen sind; ob sie mehr den iLnripiOes oder den Seneca nachgeahmt, oder ob sie gar nur einen von beyden übersetzt haben. Auf dem italiänischen Theater finde ich einen Licolc- furi»5o vom L.oSovico Dolce; allein von diesem weiß ich cs zuvcrläßig, daß cs bloß eine poetische Ucbcrsctzung des Seneca ist. Dolce hat noch sieben Trauerspiele unsers lateinischen Dichters übersetzt, die ich an ihrem Orte anführen will. Da ich also nicht eigentlich sagen kann, mit wie viel Glück man in dcn neuern Zeiten den rasenden -Herkules auf die Wuhne gebracht habe: so will ich wenigstens meine Gedanken cntdcckcn, wie cr am besten darauf zu bringen sey. Vorschlag für einen heutigen Dichter. So viel ist augenscheinlich, daß aus dem Stücke des Seneca, mit kleinen Ncrändcrungcn, eine vollkommene Oper zu machen sey. Die Maschinen finden ihren natürlichen Platz dar- innc, und wenn die blosse Erscheinung dcr Juno für die Verzierung des Thcatcrs zu einfach wäre, so könnte man die Erscheinungen aus dem EuripidcS borgen. Dieser nehmlich, wie ich schon angemerkt habe, führt anstatt dcr Juno selbst, die Iris, ihre Bothschafterin, und eine Furie auf. Zwcy Gegenstände, an welchen Maschincnmcistcr und Mahler ihrc Kunst hinlänglich zcigcn könnten. Auch dcr Tonkünstlcr würde sich nicht beschweren dürfen, daß man seine Kunst durch eine verhaßte Monotonie dcr Lcidcnschaftcn einschränkte. Sie sind durchgängig in dem stärksten Spiele. DaS Zornigc, das Klagcnoc, Von den Trauerspielen des Senec.,, 253 das Stolze, das Erfreute, das Rasende, das Zärtliche, das Gesetzte, das Freundschaftliche, wechselt unaufhörlich ab, und oft treffen sie so glücklich zusammen, daß sie der schönsten Ab- stcchlingcn unter einander sähig sind. Auch die Erfindung des Ballctmcistcrs würde sich hier nicht auf dem Trockenen befinden, auf welchen man in einem Schauspiele, das so vorzüglich zum Vergnügen des Gesichts und des Gehörs bestimmt ist, billig auch mit sehen muß. Doch da die Oper mehr in das musikalische, als in das poetische Fach gehöret, so will ich mich nicht weiter damit einlassen. Ich will vielmehr meine Absicht auf ein regelmäßiges Stück richten. Die mechanische Einrichtung desselben würde man gänzlich dem Seneca absehen können. Nur mit der Iuno, welche bey ihm ziemlich das Ansehen eines Prologen hat, müßte man eine Aenderung treffen. Unsere neuere tragische Bühne will die Gottheiten nicht mehr leiden. Man hat sie in die allegorischen Stücke verwiesen, und das mit Recht. Was also zu thun? Ich wollte rathen die persönliche Erscheinung der Iuno in einen göttlichen Traum eines Priesters zu verwandeln. Er müßte selbst kommen, und es dem Herkulischen Hanse crzchlcn, was er in feiner Entzückung gesehen, und welche schreckliche Drohungen er gehöret. Diese Drohungen aber müßten in allgemeinen Ausdrücken abgefaßt seyn; sie müßten etwas orakclmäßigcs haben, damit sie den Ausgang so wenig, als möglich verriethen, und den Amphitryo und die Megara nicht verhinderten, den Herkules bey seiner Zurückkunst mit aller Zärtlichkeit zu empfangen. Zn Ansehung der Sitten, wollte ich, daß sich der neuere Dichter den Euripidcs zum Muster vorstellte; doch mit Bcybc- haltung des Scnccaschcn K.>'cus, Dieser ist bey dem Griechen viel gröber und grausamer geschildert. Er sagt es gerade heraus, daß er die ganze Familie des Herkules umbringen müsse, wenn er sicher herrschen wolle, und thut der Megara den Vorschlag nicht, den ihn der Römer thun läßt. Dahingegen sind in dem Griechischen der Herkules weit menschlicher, die TNcgara weit zärtlicher, und Theseus weit freundschaftlicher gebildet. Das Abcnthcucrlichc des erstem ist da ungcmcin versteckt, und aller seiner Thaten wird nur mit ganz kurzen Zügen in einer Entfernung gedacht, in welcher ihre Unglaublichkcit nicht so sehr in 264 Theatralische Bibliothek. die Augen fällt. Die prächtige Beschreibung des Kampfes mit dem Ccrbcrus mußte, als eine unnöthigc Zicrrath, wegbleiben. Der Römer hatte noch einigen Gründ sie zu wagen, ob er gleich freylich besser gethan hätte, wenn er hier der vorsichtigen Anständigkeit seines Musters gefolgt wäre. Seine Stärke war im Schildern, und welcher Dichter läßt sich nicht gerne von der Begierde, seine Stärke zu zeigen, dahin reisten? Was die Person des kLhesens anbelangt, so wurde man auch bey dieser besser der Einrichtung des lateinischen als des griechischen Dichters folgen. Jener bringt ihn gleich mit dem-Herkules auf die Bühne; dieser aber läßt ihn erst in dem fünften Aufzuge darzu kommen, wo er recht vom Himmel fällt. Wenn der ncurc Dichter übrigens eine Vermehrung der Personen vorzunehmen für nöthig befände, so würde er, vielleicht nicht ohne Glück eines von den Kindern des -Herkules, welche seine beyden Vorgänger nur stumm aufführen, mündig machen können. Er müßte den Charakter desselben aus Zärtlichkeit und Unschuld zusammen setzen, um unser Mitleiden desto schmerzlicher zu machen, wenn wir es von den blinden Händen seines geliebten Vaters sterben sehen. Doch würde es wohl unsre Bühne zulassen, in Ansehung der Ermordung selbst, das Kunststücke des Römers anzubringen? Zn seinem ganzen Umfange möchte sie es wohl schwerlich zu lassen, doch wollte ich auch nicht, daß man dem Zuschauer deswegen diesen ganzen schrecklichen Anblick zu entziehen suchte. Wenigstens müßte den -Herkules ans der Bühne die Raserey befallen; voller Bestürzung müßten Gemahlin und Kinder furchtsam von ihm fliehen, er ihnen nacheilen, und sie ausser dem Gesichte des Zuschauers tödtcn. Dieses würde das Mittel zwischen dem, was der römische und was der griechische Dichter geschehen lassen, seyn. Amphilr^o könnte alsdann den folgenden Auszug mit der traurigsten und lebhaftesten Beschreibung anfangen; er könnte sich mit dem Thescus berathschlagen, wie sie sich gegen den schlafenden -Herkules verhalten sollten, und während der Bcrath- schlagung könnte der erwachte Herkules dazu kommen, und die Rolle, die ihn der Römer spielen läßt, ausführen.--Doch, wird man nunmehr fragen, ist denn überhaupt ein Held, den eine hassende Gottheit, in einer plötzlichen Raserey, Grausamkci- Von den Trauerspielen des Sencc.i. 255 tcn begehen läßt, ein würdiges Schauspiel? Ist es lehrreich, oder enthält es nicht vielmehr eben so abscheuliche und die Menschen zur Verzweiflung bringende Grundsätze als der tvedip? Dieser ist zu den schrecklichsten Verbrechen bestimmt, und kann ihnen, aller angewandten Mühe ungeachtet, nicht entgehen. Jener thut alles mögliche, ein tugendhafter und der Welt nützlicher Mann zu seyn, und wird mitten unter diesen Bestrebungen, durch die Eifersucht einer obern Macht, der Elendeste. Soll dies das Schicksal derer seyn, die auf dem sauren Wege zu der Ewigkeit wandeln? Eine schöne Ermunterung für die, welche als neue Alcidcn die Laster überwinden, und die Ungeheuer ausrotten wollen; — — Diesen Einwurf wegzuschaffen, muß ich nothwendig Die Moral des rasenden -Herkules untersuchen; so wohl die, welche jczt darimic liegt, als die, welche darein gelegt werden kann. Eigentlich halte ich es eben für keine Nothwendigkeit, daß aus der Fabel eines Trauerspiels eine gute Lehre flicsscn müsse, wenn uns nur einzelne Stellen von nützlichen Wahrheiten unterrichten. Allein so viel wird doch wenigstens nothwendig seyn, daß man auch keine böse Lehre daraus folgern könne. Und diese,--ich mag es so ungern gestehen, als ich will — — liegt allerdings in dem rasenden -Herkules. Es liegt, sage ich, cinc böse Lehre darimic, oder eine abgeschmackte. Entweder die Lehre, daß Tugenden und Heldenthaten cinc erzürnte Gottheit so wenig versöhnen, daß sie vielmehr dieselbe noch heftiger aufbringen: oder die Lehre, daß man sich hüten müsse, von dcm Inpitcr aus vcrstohlcncr Ehe erzeugt zu werden, wenn man allen den grausamen Verfolgungen der Zuno entgehen wollc. Bey dcm LLuripidcs zwar, dessen Fabel gleichwohl von dem Wesentlichen der lateinischen Fabel um nichts unterschieden ist, will der Pater Zdrumo)? eine ganz andere Moral entdeckt habcn. Wcil bcy dcm Gricchcn -Herkules, dcr durch die Freundschaft des Tbescus gcrührct worden, das ganze Stück mit den Worten schliesset: „Unglücklich „ist dcr, wclchcr Gütcr oder Ehre einem wahren Freunde vorsieht; so setzt der Jesuit hinzu: „Dieser Gedanke ist, wie mich „dünkt, die Moral dieses Trauerspiels, wcil alles darinnen auf Theatralische Bibliothek. „die Entwicklung des Thcseus abzuzielen scheinet. — — Doch es ist offenbar, daß Brumoy den letzten Sittenspruch für die Hanptlchre genommen hat. Wenn seine Meinung wahr wäre, so hätte LLuripides wahrhaftig den Werth eines wahren Freundes durch keine weniger passende Fabel, als durch diese, crlcu- tcrn können. Die ganzen vier ersten Auszüge würden in dieser Absicht umsonst geschrieben seyn. Alles, was man also zur Entschuldigung dieser beyden alten Muster anführen kann, ist dieses, daß sie es für ganz unnöthig gehalten haben, an die Moral des Ganzen zu denken, und daß sie ihre Tragödien nicht so gemacht haben, wie sie uns eine sogenannte critische Dichtkunst zu machen lehret. Erst eine Wahrheit sich vorzustellen, und hernach eine Begebenheit dazu zu suchen, oder zu erdichten, war die Art ihres Verfahrens gar nicht. Sie wußten, daß bey jeder Begebenheit unzählige Wahrheiten anzubringen wären, und überliessen es dem Strome ihrer Gedanken, welche sich besonders darinnc ausnchmcn würde. Da sie übrigens in gewissen Fällen ziemlich genau bey der hergebrachten Geschichte zu bleiben gezwungen waren, so mußte es ihnen entweder gleichgültig seyn, ob die moralische Folge aus der Begebenheit selbst gut oder böse sey, oder sie mußten überhaupt von der Aufführung gewisser Begebenheiten abstehen. Allein kann ein neuer Dichter eben diese Entschuldigung haben? Und ist seine Freyheit eben so eingeschränkt? Gewiß nicht; er kann ändern was er will, und es liegt nur an ihm, wenn das Ganze bey ihm nicht eben so lehrreich ist, als die besondern Theile. — — Nun kömmt es darauf an, was er in dieser Absicht mit dem rasenScn -Herkules thun müßte. Ohne Zweifel würde es auf eine feinere Bearbeitung dieses Charakters selbst ankommen. Seine Raserey müßte eine natürliche Folge aus demselben werden. Juno müßte sich daran nur erfreuen, nicht aber sie selbst bewirken. Und dieses ist leicht: denn was ist näher verbunden als Tapferkeit und Ucbcr- muth, als Ucbcrnuith und Wahnwitz. Man schildrc also den Herkules als einen Helden voll Muth und Tapferkeit; man lasse ihn die größten Thaten glücklich ausgeführt haben, man lasse ihn noch grössere sich vorsetzen. Allein sein allzugrosscs Vertrauen auf eigene Kräfte bringe ihn zu einer stolzen Verachtung Non den Trauerspielen des Scneca, 267 der Götter. Man lasse ihn nach lind nach sich in seine eigne Anschläge verwickeln; man gebe ihm einen Schmeichler zu, der durch übertriebene Lobsprüchc das ohnedem geringe Gefühl seiner Menschheit unterdrückt. Wenn der Dichter alle diese Stafcln glücklich hinan zu gehen weis, so bin ich gewiß, der Zuschauer wird endlich geneigt seyn, die völlige Raserey des Herkules als einen ganz natürlichen Erfolg anzusehen. Ich habe schon angemerkt, daß das Gebet, welches ihm der Römer in den Mund giebt, eine sehr feine Vorbereitung ist; und wenn man auch das Gebet wieder vorbereitet, so wird sich eines aus dem andern ungezwungen ergeben. — — Welche schreckliche Lcction würde dieses für unsre wilden Helden; für unsre aufgeblasenen Sieger seyn.' Ehe ich dieses Trauerspiel ganz verlasse, will ich vorher noch einen Versuck über das in Unordnung gekrackte Stück Ses lateinischen Dickters, dessen ich auf der 24Ztcn Seite gedacht habe, wagen. Es gehet von der 1296stcn Zeile bis zu der 1315tcn. Ich ordne die Personen darinnc folgender Gestalt. ^m. koclclv arma. //e^. Vox vK cliAna Asnitoiv Hoiculis. Hoc on peromptus tpieulo coeiclit puor: Hoe ^uno tolum msnilius vmltit tuis: Hoc nun« eZa utsr. ?V«. IZcco, ^am mitorum mvtu (!or palpitat, coriiusuuo tolüoitum svr!t. 1300. ^m. ^ptsta munllo oft: oceo ^sm sitoios kcolus Violen.?, seienscjuo. pancle ljuicl Kor! ^udos? //e^. Niliil rogamus, nnstor in tuto et"t clolor. ^//i. Kstum ^vtos tervkiio tu solus niilii, IZriperv noe tu: mgximum vvilti motum. 1396. IVIiserum Iisncl potos mv l'aooro, folicom vates. 8!c ttatuo nu! iireto stiiro ^ snc!p!ti kcias. V^ut vivis gut aeoiäis. Hsnc snimsm Ivvsm k'otl'amlzulz temo, noc m'iuus cjU3tt"am mslis 1310. In oro ziiimo touec». ?am tai clo siatri Vitsm ciat alisjuis? IXon sersm ulterlus moram, L-ss.ngs W-tte i v, 17 ?58 Theatralische Bibliothek. I^vtalv l'orro poetns improkto incluam. Hio, Iilo Hacvkit Horculis sani 5celus. Ae?. ^sm p»reo, Fvnitor <8!e. Herkules will kurz vor dieser Stelle, wie man gesehen hat, durchaus sterben. Er verlangt seine Waffen mit Ungcstimm zurück. Die gemeinsten Ausgaben lassen daher ihn selbst recläs arma sagen und legen das folgende Vox vtt dem Amphitryo in den Mund. Doch wenn man diesen letztem Worten weder eine abgeschmackte noch eine zu weit hcrgehohltc Erklärung geben will, so muß sie kein andrer als -Herkules sagen, zu Bczcigung nehmlich seiner Zufriedenheit über das reäclo m-ma seines Vaters. Gronov hat dieses durch Hülfe seiner Handschriften sehr wohl eingesehen, nur daß er das reclclo in reäclo verwandelt. Er glaubt nehmlich, daß Amphitryo hier wirklich dem -Herkules seine Waffen wiedergebe, und dieser Irrthum hat gemacht, daß er alles das andere unrecht, obgleich scharfsinnig genug erklärt hat. Ich schmeichle mir den rechten Punct getroffen zu haben. Da nehmlich Amphitryo sieht, daß Herkules unbeweglich ist, so sagt er endlich voller Unwillen zu einem von den Dienern: roclcko grins. Daß er dieses zu einem Diener sagen könne, beweise ich aus einer vorhergehenden Stelle, in welcher er dem schlafenden -Herkules die Pfeile wegnehmen läßt: liomovsto /K»i«?t tola, nm, welches in eben dieser Zeile nochmals wicdcrhohlt wird, zeigt gnugsam wider Gronoven, daß Amphilryo sich nicht erst in den gleich vorhergehenden zwey Zeilen zu erstechen gedroht, sondern daß er es gleich von Anfange dieser Stelle gethan, und daß man also ihm und nicht dem -Herkules das koe nunv vgo utar, und das »prata arunclo ett müsse sagen lassen. Leser von Geschmack werden mir gewiß recht geben, wenn sie sich die Mühe nehmen wollen, auch in den übrigen Stücken meine Ordnung der Pcr- 17° Theatralische Bibliothek. soncn mit der scinigcn zu vergleichen. Andere Kunstrichtcr haben noch weniger zum Ziele getroffen. — Zch komme zu dem zweyten Trauerspiele. II. T h y c st. Innhalc. Atreus und kLhyest, die Söhne des Pelops, regierten beyde zu Argos, ein Zahr um das andre. Thuest verliebte sich in die Gemahlin seines Bruders, in die Aerope, und entwendete durch deren Hülfe den güldncn Widder, mit dessen Besitze das Schicksal des Reichs verknüpft war. Er flöhe davon, und entging auf einige Zeit der Rache des Atreus, Doch dieser dachte unaufhörlich auf die Vollziehung derselben, und hielt endlich eine verstellte Versöhnung für das sicherste Mittel. Seine eignen Kinder mußten den Thuest bereden, daß er sicher zurückkommen könne, weil sein Bruder alle Feindschaft bey Seite gelegt habe. Er kam. Arreus empfing ihn mit aller Freundlich» kcit, deren die Bosheit fähig ist, wenn sie eine leichtgläubige Beute in ihr Netz lockt. Allein wie unmenschlich waren die Folgen. Atreus ermordete die Kinder seines Bruders am Altare; und machte seinem Bruder ein Mahl daraus, über welches die Welt nicht aufhören wird, sich zu entsetzen.--Mehr braucht man hoffentlich, zur Einleitung in das Stück selbst, nicht zu wissen. Auszug. Die Bühne eröffnen der Schatten des Tantalus und die Furie XNegära. Tanmlus war der Großvater des Arreus und des Thuest. Man kennet seine Verbrechen, und seine Strafe in der Hölle. Zczt bringt ihn Megöra auf die Oberwelt. Er erstaunt und glaubt, daß man eine Veränderung der Quaalcn mit ihm vornehmen wolle. Doch NIegära entdeckt ihm gar bald, daß er seine Familie mit Wuth und Haß anstecken und zu den grausamsten Verbrechen geneigt machen solle. „Zn die- „sen werde um den Vorzug gckämpft, und wcchsclswcisc zücke „man den Dolch. Der Zorn kenne weder Maaß noch Scham, „und blinde Raserey rcitzc die Gemüther. Die Wuth der Acl- „rcrn daure fort, und anhaltende Bosheit pflanze sich von ei- „nem Enkel auf den andern. Ohne jemandem Zeit zu gönnen, - ^ ' ' ' Von den Trauerspielen des Seneca. 261 „sein Verbrechen zu hassen, fehle es nie an einem neuen, und „nie sey eines allein in einem allein. Es wachse, indem es ge- „ straft wird. Den übermüthigen Brüdern entfalle der Scepter, „und ein zweifelhaftes Glück scheine sich ihrer im Elende anzunehmen. Es wanke bctricgrisch zwischen ihnen, und mache „jczt aus dem Mächtigen den Unglücklichen, und jezt aus dem „Unglücklichen den Mächtigen. Ein beständiger Wechsel treibe „ihr Reich umher. Abscheulicher Laster wegen mögen sie vertrieben werden, und in eben so abscheuliche Laster mögen sie „wieder fallen, wenn sie Gott in ihr Vaterland zurück bringt. „Allen müssen sie so verhaßt seyn, als sich selbst. Nichts halte „sich ihr Zorn vor unerlaubt. Der Bruder fürchte den Bruder, „den Sohn der Vater, und den Vater der Sohn. Böse sollen „die Kinder umkommen, und noch böser erzeugt werden. Die „feindselige Gattin laurc auf ihren Mann. Man führe den „Krieg über das Meer; vcrgoßncs Blut überschwemme die Län- „dcr, und die siegende Wollust triumphire über mächtige Füh- „rer der Völker. Unzucht sey in dem gottlosen Hause das geringste zc. Alle diese Verwünschungen, und noch mehrere, sind prophetisch und beziehen sich weit auf das zukünftige hinaus; auf das, zum Exempel, was sich mit der Clytömnestra, mit dem Greff, mit dem Agamemnon und Menelaus und andern Verwandten des Pclopcjischcn Hauses zutragen sollte. Endlich kömmt lNegara auf die nähern Gräucl mit mchrcr Deutlichkeit, und verkündiget dem Tantalus das gransame Mahl, vor welchem sich die Sonne zurück ziehen werde. „An diesem „sollst du deinen Hunger stillen. Vor deinen Augen soll der mit „Blut gemischte Wein getrunken werden. Endlich habe ich die „Speisen gefunden, die du selbst fliehen wirst.--Auf diese schrecklichen Worte, will der Schatten davon eilen, und alle seine höllischen Strafen scheinen ihm dagegen geringe. Doch dk Furie zwingt ihn, mit Streit und Mordlust vorher das Haus und die Gemüther der Könige zu erfüllen. Umsonst wendet er ein, es sey zwar billig, daß er Strafe leide, aber nicht, daß er andern zur Strafe diene. Umsonst beklagt er sich, daß er gleichsam, als ein giftiger Dampf aus der geborstenen Erde geschickt werde, welcher Pest und Seuchen unter die Volker bringen müsse. Umsonst 262 Theatralische Bibliothek. will cr es wagen, nochmals schwazhaft zu seyn, und seine Enkel vor allen Verbrechen vielmehr zu warnen. Doch die Furie droht und vermehrt in dem Schatten das innere Gefühl seiner Quaalcn so heftig, daß cr ihr in den Pallast folgen muß, wo cr überall Raserey und Blutdurst verbreitet.--Man muß sich einbilden, daß dieses sogleich geschieht, sobald cr über die Schwelle getreten. Der Pallast empfindet cs, daß cr von ei- »cin unseligen Geiste berührt wird, und zittert. Die Furie ruft ihm zu, daß cs genug sey, und befiehlt ihm, in die unterirdischen Höhlen zu seinen Martern zurückzukehren, weil die Erde ihn nicht länger tragen wolle, und die ganze Natur sich über seine Gegenwart entsetze. Sie beschreibt dieses Entsetzen in ein Dutzend schönen Versen, die sie hier hätte ersparen können, und macht dem Lhore Platz. Der Inhalt seines Gesanges ist eine Bitte an die Götter, alle Verbrechen von dem königlichen Hause abzuhalten, und nicht zuzugcbcn, daß auf einen bösen Großvater ein schlimmrcr Enkel folge. Er sagt, cs scy bereits genug gcsündigct worden; und führt dieses zu beweisen, die Geschichte des XNyrrilus und die blutige Mahlzeit an, welche Tanralus den Göttern vorgesetzt. Von der Strafe des letztem macht cr ein sehr künstliches Gemählde, welches aber den Leser kalt läßt, und beschließt cs so abgcbrochc», daß einige Kunst- richtcr zu glauben bewogen worden, cs müsse das eigentliche Ende hier fehlen. Zweiter Auszug. Auch dieser Aufzug besteht nur aus einer einzigen Scene, zwischen dem Arrcns und einem Vertrauten. Atrcus ist gleich Anfangs gegen sich selbst unwillig, daß cr noch bis jczt, wegen den schimpflichen Beleidigungen seines Bruders, ungcrochcn scy. Er tadclt sich, daß cr nicht schon längst alles in Blut und Flammen gesetzt. Wie gern hätte cr sich wollcn untcr dem einstürzenden Pallastc bcgrabcn lassen, wenn cr nur zugleich auch den Bruder zerschmettert hätte. „Auf Alreus, beginne etwas, „was keine Nachwelt billige, aber auch keine verschweige. Auf! „erkühne dich einer blutigen gräßlichen Schandthat; einer Schandthat, auf die mein Bruder neidisch werde; die cr sclbst begangen zu „haben wünschcn möchtc. Du kannst seine Verbrechen nicht rächen, Äon den Trauerspielen des Seiieca. ?63 „ohne sie zu übertreffen. Doch durch welche Abschculigkcit wcrdc „ich ihm überlegen seyn können? Auch in seinem Elende ruhet „er nicht. Das Unglück macht ihn eben so hartnäckig, als übcr- „müthig ihn das Glück macht. Ich kenne seinen nngclchrigcn „Geist. Biegen läßt er sich nicht, aber brechen läßt cr sich. Ehe „er sich also wieder crhohlt, ehe cr neue Kräfte sammelt, muß „ich ihn angreifen: denn bleib ich ruhig, so greift cr mich an. „Ich komme durch ihn um, odcr er muß durch mich umkom- „men. Das Bcrbrcchcn ist mitten zwischen uns, gleich cincm „Preise, aufgestellt, welcher dem gehört, der es zuerst untcrnimt. Der Vertraute- So kann dich das widrige Urtheil des Volks nicht schrecken? Atreus. Das ist eben das beste an einem Rcichc, daß das Volk die Thaten seines Beherrschers eben sowohl dulden als loben muß. Der vertraute. Die, welche man aus Furcht loben muß, eben die haßt man auch aus Furcht. Der aber, welcher nach dem Ruhme einer wahren Liebe strebt, will sich lieber von den Herzen, als von den Stimmen loben lassen. Atreus. Ein wahres Lob kann auch oft cincm geringen Manne zu Theile werden; aber cin falsches nur dem Mächtigen. Die Unterthanen müssen wohl wollen, was sie nicht wollen. Der vertraute. Wenn der König, was recht ist, will, so wird sein Wille gern aller Wille seyn. Atreus. Derjenige König ist nur halb König, welcher nur das, was recht ist, wollen darf. Der Vertraute. Wo weder Scham, noch Liebe zum Recht, weder Frömmigkeit noch Treue und Glaube ist, da ruhet das Reich auf schwachem Grunde. Atreus. Schani, Liebe zum Recht, Frömmigkeit, Treu und Glaube sind kleine Tugenden für Bürger. Ein König thue, was ihm nützt. Der vertraute. Auch cincm böscn Brudcr zu schaden, mußt du für Unrecht halten. Atreus. AllcS ist gcgcn ihn billig, was gcgcn cincn Brudcr unbillig ist. Denn wclchcr Bcrbrcchcn hat cr sich enthalten? Bon wclchcr Schandthat ist cr abgestanden? Durch Schändung 264 Theatralische Bibliothek, hat er mir dic Gemahlin, lind durch List das Reich entrissen. — — Mit diesem letzter» zielet Atreus ans dic schon crwchntc Raubung des goldncn Widders, mit dessen Besitze das Reich verbunden war. Es gehen verschiedene Zeilen auf dic Beschreibung desselben, bis er endlich wieder schließt: „Meine Gcmah- „lin ist verführt; dic Sicherheit des Reichs ist untcrgrabcn; „das Haus ist beschimpft; das Blut ist ungewiß worden. Und „nichts ist gewiß, als daß mein Bruder mein Fcind ist." Du „zitterst?--fährt er zu dcm Vertrauten fort.--„Sieh „auf den Tantalus und Pelops. Dieser ihren Beyspielen zu „folgen, werden meine Hände aufgebothen. Sprich, wie soll „ich das verhaßte Haupt verderben? Der Vertraute- Ein tödlicher Stahl vcrgiesse sein feindseliges Blut. Atreus. Du redest von dcm Ende der Strafe, und ich will von dcr Straft sclbst hören. Ein sanftmüthiger Tyrann mag umbringen lassen. Zn meinem Reiche wird dcr Tod als eine Gnade erlangt. Dcr Vertraute. So ist allc Frömmigkeit bey dir hin? Atreus. Fort, Frömmigkeit! wenn du anders jemals in unserm Hause gewesen bist. Das wüthende Heer der Furien, dic zwistlicbcndc LLrynnis, und sie, die in beyden Händen schreckliche Fackeln schüttelt, Mcgara, ziehe dafür ein. Zch brenne vor Wuth, und dürste nach uncrhörtcn unglaublichen Verbrechen. — — Dcr Vertraute fragt ihn, worinne diese Verbrechen bestehen sollen, und ob cr sich dcs Schwcrds odcr des Feuers zu seiner Rache bedienen werde. Doch beydes ist ihm zu geringe; Thuest sclbst soll das Wcrkzcug scincr Rache seyn. Er entdeckt hierauf sein luimcnschlichcs Vorhaben, und ermuntert sich von Zeit zu Zeit sclbst, den Muth darüber nicht sinken zu lassen, sondern es, so gräßlich es auch sey, unerschrocken auszuführen. Auf den Einwurf, welchen ihm dcr Vcrtrautc macht, daß es sehr schwer halten werde, scincn Brudcr in das Nctz zu locken, antwortct cr, daß cr ihn schon durch das anzukörnen wissen werde, was ihm wichtig genug scheine, sich dcr äusscrsten Gefahr deswegen auszusetzen. Nehmlich durch die Hofnung zu regieren. „Voll von dieser Hofnung, wird er dcm Blitze dcs «W> III» M-M-"^1ll««Md_^ „ > ^ ^ Von den Trauerspielen des Seneca. 265 „drohenden Jupiters entgegen zu eilen kein Bedenken tragen. „Voll von dieser Hofnung, wird er, was er für das größte Uebel „hält, selbst den Bruder zu sehen, nicht anstehen.--Und diese Hofnung will er ihm durch seine eignen Söhne machen lassen, durch den Againemnon und Menelaus nehmlich, die er mit der Aerope noch vor ihrer Untreue erzeugt hatte. Der Vertraute räth ihm, andre Mittelspersonen darzu zu crwchlcn, damit die Kinder nicht einmal das an dem Vater thun möchten, was er sie jczt an dem Vetter zu thun lehre. Doch Atreus ist von der Ruchlosigkeit seines Bluts schon so überzeugt, daß er zur Antwort giebt: „Wenn sie auch niemand die Wege des „Betrugs und der Verbrechen lehret, so wird sie doch das Reich „dieselben lehren. Du fürchtest, sie möchten böse werden? Sie „werden böse gcbohrcn.--Der Vertraute macht ihm noch eine Einwendung, und giebt ihm zu überlegen, ob er sich auch wohl auf die Verschwiegenheit so junger Leute verlassen dürfe? „Oder, spricht er, willst du sie etwa selbst hintergehen, und „ihnen deine wahre Absicht nicht entdecken? Za, antwortet „Atreus; sie sollen keinen Antheil an meinem Verbrechen haben. „Und was ist es auch nöthig, daß ich sie zu Mitschuldigen ma- „chcn will?--Doch den Augenblick besinnt er sich, daß dieses für ihn zu gut gedacht sey. Er schilt sich selbst feig, und vermuthet, daß wenn er seiner Kinder hicrinnc schonen wolle, er auch seines Bruders schonen werde. Agamcmnon und Me- nelaus sollen es wissen, wozu er sie brauche, und eben daran will er es zugleich erkennen, ob sie auch wirklich seine Kinder sind. „Wenn sie ihn nicht verfolgen, wenn sie ihn nicht hassen „wollen; wenn sie ihn Vetter nennen: so ist er ihr Vater. — — Er will eben fortgehen, als er sich gleichwohl noch plötzlich anders besinnet. „Ein schüchtern Gesicht, sagt er, pflegt „manches zu entdecken, und grosse Anschläge verrathen sich wi- „dcr Willen. Nein; sie sollen es nicht wissen, zu welcher „That sie die Werkzeuge werden. Und du — — (zum vertrauten) halte unser Vorhaben geheim!--Dieser versichert, daß er sowohl aus Furcht, als aus Treue verschwiegen seyn werde, und geht mit dem Atreus ab. Der Chor, welcher zu diesem Auszüge gehöret, nimmt von ' M 26«; Theatralische Bibliothek. der Herrschsucht der zwey Brüder Gelegenheit, eine Menge Sit- tcnsprüchc über den falschen Ehrgcitz anzubringen, und mehr spitzig als gründlich zu bestimmen, worinnc das wahre Königreich bestehe. „Zhr wißt es nicht, die ihr nach Schlössern gcitzct! „Nicht der Reichthum, nicht der Glanz des Tyrischcn Purpurs, „nicht das strahlende Diadem macht den König. .sUir der ist „König, welcher alle Furcht abgelegt, und alles Böse aus der „wilden Brust vertrieben hat. Nur der, welchen nicht der „ohnmächtige Ehrgcitz, welchen nicht die immer wankende Gunst „des Pöbels bewegt.--Nur der, welcher von seiner sichern „Höhe alles weit unter sich sieht. Nur der, welcher seinem „Schicksale willig entgegen eilt, und ohne zu klagen stirbt.-- „Es ersteige, wer da will, die schlüpfrige Spitze des Hofes; mich „soll die süssc Ruhe sättigen, und verborgen will ich in sanfter „Stille dahin leben. Allen Quinten unbekannt, sollen meine „Zahrc sachte vorüber flicsscn. Und wenn meine Tage ohne „Geräusche verschwunden sind, will ich Lebens satt und ohne „Titel erblassen. Auf den wartet ein harter Tod, der, wenn „er sterben muß, allen viel zu bekannt ist, sich selbst aber „nicht kcnnct. Dritter Aufzug. Diesen cröfnet Thuest mit seinen Söhnen, und unter diesen führet Plisthenes das Wort. Sie langen auf die bctric- gcrischc Einladung des Atreus, an. Thyest erfreuet sich Anfangs, daß er endlich seine Vaterstadt, und die Götter seiner Väter, wenn anders, setzt er hinzu, Götter sind, wieder siehet. „Bald, spricht er, wird mir nun das Volk aus Zlrgos „fröhlig entgegen kommen. Doch auch Arreus wird mit kom- „mcn. O fliehe Thycst, und suche die dunkeln Wälder wieder, „wo du unter dem Wilde ein ihm ähnliches Leben führtest. „Laß dich nicht den falschen Glanz des Reiches blenden. Wenn „du auf das siehest, was dir angebothen wird, so siehe auch „auf den, der dir es anbietet. Unter den härtesten Beschwerlichkeiten bin ich bisher muthig und srölich gewesen. Doch nun „falle ich in marternde Furcht zurück; der Geist ist in banger „Erwartung, und möchte den Körper nur allzugern zurück deswegen. Zeder Schritt stockt, den ich thun will.--Plisthe- Von den Trancrspiclcn des Scneca, 267 „es erstaunt über die Unentschlosscnhcit seines Vaters, doch Thyest fährt fort: „Warum stehe ich noch an? Warum quäle „ich mich noch über einen so leichten Entschluß? Da ich nic- „mandcn trauen darf, soll ich meinem Bruder, soll ich der Hof- „nnng zu regieren trauen? Was sürchte ich schon überwundene, „von mir gebändigte Uebel? Warum fliehe ich Trübsalen, „in die ich mich bereits geschickt? Ich will, ich will elend seyn. „Zurück also, Thuest, zurück, und rette dich, da es dir noch „vergönnt ist. Plisthenes. Was bewegt dich, o Vater, deinen Schritt von der nun wieder erblickten väterlichen Burg zurück zu wenden? Warum willst du dich selbst so grossen angebothenen Gütern entziehen? Dein Bruder hat seinen Zorn abgelegt, und wird aufs neue dein Bruder. Er giebt dir deinen Antheil an dem Reiche zurück, sammelt die Glieder des zerrütteten Hauses, und setzt dich wieder in den Besitz deiner selbst. Thuest. Du willst die Ursache der Furcht wissen, die ich selbst nicht weis. Ich sehe nichts, wovor ich mich fürchten sollte, und fürchte mich dennoch. Ich will gern gehen, aber die Knie sinken unter mir zusammen, und ich werde mit Gewalt von dem Orte zurück getrieben, zu dem ich doch will.-- Plisth. O schlage alles nieder, was dein Gemüth so un- cntschlüßig macht, und betrachte, was für Belohnungen deiner warten. Du kannst regieren, Vater-- Thuest. Unter beständiger Furcht des Todes. Plistl). Du sollst die höchste Gewalt erlangen.-- Thyest. Die höchste Gewalt ist die, nichts zu begehren. Plisth. Du kannst nun deinen Kindern ein Reich lassen. Thyesk. Kein Reich fasset zwey Regenten. Plisth. Wer will wohl elend seyn, wenn er glücklich seyn kann ? Thyest. Glaube mir; das Grosse gefällt nur durch die falschen Namen, die wir ihm beylegen. Mit Unrecht fürchtet man ein geringes und hartes Schicksal. So lange ich auf der Spitze der Ehren stand, habe ich nicht einen Augenblick zu zittern aufgehört, und mich selbst für mein eignes Schwcrd an meinen Lenden gefürchtet. O welch ein Glück ist es, niemanden im Wege zu stehen, und auf dem Boden hingestreckt, sichre Speisen 268 Theatralische Bibliothek. zu gemessen! Kein Verbrechen schleicht sich in schlechte Hütten, wo man sich an einem geringen Tische sorglos sättigen kann. Das Gift wird aus Golde getrunken; und ich weis es aus der Erfahrung, wie weit das schlechte Glück dem guten vorzuziehen ist.--Hier verirrt sich Thycst in eine poetische Beschreibung der ausschweifenden Pracht und Ueppigkeit der Grossen. Sie ist schön und paßt sehr wohl auf die damaligen Zeiten der Römer; aber auch deswegen verliert sie in dem Munde des Thyest sehr vieles von ihrer Schönheit. Endlich schließt er mit den Worten: „Es ist ein Reich über alle Reiche, das Reich entbehren zu können. plifll). Man muß das Reich nicht ausschlagcn, wenn cs Gott giebt. Thuest. Noch weniger muß man darnach trachten. Plisth. Dein Bruder bittet dich ja, zu regieren. Th/est. Er bittet und das ist schrecklich. Hier muß eine List verborgen liegen. Plistt). Die brüderliche Liebe kann ja wohl das Herz, woraus sie vertrieben worden, wieder einnehmen, und neue Kräfte, anstatt der vcrlohrncn, sammeln. Thuest. Wie? Acreus sollte seinen Bruder lieben?-- Eher wird die Nacht die Erde erleuchten; eher wird das Feuer mit dem Wasser, der Tod mit dem Leben, der Wind mit der See Bündniß und Friede schließen. Plisth. Vor welchem Betrüge fürchtest du dich denn aber? Thuest- Vor allem! Und was kann ich meiner Furcht für Grenzen setzen, da seine Macht so groß ist, als sein Haß? Pllsth. Was kann er gegen dich vermögen? Thuest. Für mich fürchte ich auch nichts, sondern ihr allein, meine Kinder, macht, daß ich den Alreus fürchte. Plisth, Aber du bist schon gefangen, und fürchtest dich, gefangen zu werden? Mitten in der Noth ist cs zu spät, sich dafür zu hüten. Thyest. So kommt denn. Nur dieses einzige will ich, euer Vater, noch betheuern: Ich folge euch, nicht ihr mir. Plisth. Gott wird unsere gute Absicht gnädig ansehen. Setze den zweifelhaften Fuß nur weiter. Von den Trauerspielen des Seneca. 269 Hier kommt Arreus darzu und macht durch seine Erscheinung die zweyte Scene dieses Auszuges. Zn den ersten Zeilen, welche er in der Entfernung vor sich sagt, srcut er sich, daß er seinen Bruder nunmehr im Netze habe; und zwar ganz, mit allen seinen drey Söhnen. Der zweyte dieser Söhne hieß Tamalus, wie wir weiter unten hören werden; der Name des dritten aber kömmt in dem Stücke nicht vor. „Kaum, sagt Atrcus, „daß ich mich mäßigen, und die ausbrcchcudc Wuth zurücke „halten kann. So wie ein Spicrhund, der an dem langen „Lcitbande das Wild ausspielt, und mit gebückter Schnautze „die Wege bcschnaubcrt. So lange er noch durch den schwa- „chcn Geruch sich weit von dem Eber merkt, ist er folgsam, „und durchirret schweigend die Spur. Doch kaum fühlt er sich „der Beute näher, so stemmt er sich, kämpfet mit dem unbändigen Nacken, und ruft winselnd seinen säumende» Führer, „bis er sich ihm entreißt. Wenn der Zorn Blut wittert, wer „kann ihn verbergen? Und doch muß ich ihn verbergen.-- Zn dem Munde des Dichters würde dieses Glcichniß sehr schön seyn, aber in dem Munde der Person selbst, welche diese schwer zu zähmende Wuth fühlet, ist es ohne Zweifel zu gesucht und zu unnatürlich. — — Zc näher Atrcus seinem Bruder kömmt; desto mehr verändert er seine Rede. Jetzt, da er ungefehr von ihm gehört werden kann, beklagt er ihn schon, und erstaunt über seinen armseligen Auszug. „Ich will mein Wort halten, „fährt er fort. Und wo ist er denn, mein Bruder? — — Hier geht er endlich auf ihn los: „Umarme mich, sehnlichst ge- „wünschtcr Bruder! Aller Zorn sey nunmehr zwischen uns vor- „bey. An diesem Tage fcyrc man den Sieg des Bluts und „der Liebe. Weg mit allem Hasse aus unsern Gemüthern. Thyest. Ach, Alreus, ich könnte alles rechtfertigen, wenn du dich jczt nicht so erzeigtest! Za, Bruder, ich gestehe es; ich gestehe es, ich habe alles verbrochen, dessen du mich schuldig gehalten. Deine heutige Liebe macht meine Sache zur schlimmsten Sache. Der muß ganz schuldig seyn, den ein so guter Bruder hat für schuldig halten können. Zu den Thränen muß ich nunmehr meine Zuflucht nehmen. Siehe mich hier zu deinen Füssen! Laß diese Hände, die noch keines Knie umfaßt 270 Theatralische Bibliothek. habe», die dcinigcn umfassen. Laß lins alle» Zorn bey Seite legen; laß uns allen Unwillen aus den Gemüthern verbannen. Empfange diese Unschuldigen als die Unterpfänder meiner Treue. Atreus. Verlaß diese erniedrigende Stellung, und umarme mich, mein Bruder. Und auch ihr, ihr Stützen unsers Alters, cdcln Jünglinge laßt euch an meine Brust drücken. Lege das schmutzige Kleid ab; verschone meine Augen mit einem solchen Anblicke: laß dir einen Schmuck reichen, der dem meinen gleich ist; und tritt freudig in den Besitz deines Antheils an dem brüderlichen Reiche. Ich will mich des grösser» Lobes erfreuen, meinen Bruder unverletzt der väterlichen Würde wieder hergestellt zu haben. Ein Reich besitzen, ist Zufall; ein Reich schenken, ist Tugend. Thyest. Möchten dir doch, Bruder, diese deine Wohlthaten die Götter würdig vergelten. Meine Armseligkeit schlägt es aus, die königliche Binde anzunehmen, und die unglückliche Hand scheuet sich vor dem Scepter. Erlaube mir, daß ich mitten unter dem Volke verborgen leben darf. Atreus. Unser Reich leidet zwey Regenten. Thyeff. Was du hast, soll mir so gut seyn, als ob ich es selbst hätte. Atreus. Wer wollte die frcywillig zuflicsscndcn Güter des Glücks verschmähen? Thyest. Der, welcher es erfahren hat, wie schnell sie wieder dahin sind. Atreus. So willst du deinen Bruder die unschätzbarste Ehre nicht erlangen lassen? Thyest. Deine Ehre hat bereits die erhabenste Staffel erreicht, und nun ist es nur noch um meine zu thun. Za, ich habe es fest beschlossen, das Reich auszuschlagcn. Atreus. Wenn du deinen Antheil nicht wieder nimmst, so will ich meinen verlassen. Thyest. Wohl ich nehme ihn. Ich will den Namen der mir aufgelegten Herrschaft führen; dir aber allein sollen Gesetze und Waffen mit mir dienen. Alrcue. So laß dir denn um die ehrwürdige Stirne das Diadem binden. Ich will gehen, und den Göttern die versprochenen Opfer bringen. Von den Trauerspielen des Seneca, 271 Hiermit gehen beyde Theile ab, und der zu diesem Aufzuge gehörende Chor erhebt die brüderliche Liebe des Atrcus, dem man kaum einen Funken derselben hätte zutrauen sollen. Er vergleicht diese nach langen Verfolgungen wieder hergestellte Freundschaft, einer angenehmen Mcerstillc, welche auf einen schrecklichen Sturm folgt. Er macht dabey Schilderungen über Schilderungen, welche keinen andern Fehler haben, als daß sie die Aufmerksamkeit des Zuschauers zerstreuen. Vielleicht zwar, daß sie diesen Fehler nicht gcäusscrt haben, wenn die Alten anders die Kunst, etwas so zierlich hcrzusingen, daß man kein Wort davon errathen kann, eben so gut verstanden haben, als wir Neuern sie verstehen.--Der Schluß dieses Chors sind abermals einige moralische Anwendungen über das veränderliche Glück, besonders der Grossen. „O ihr, welchen der Herrscher „über Erd und Meer, das grosse Recht des Lebens und des „Todes anvertrauet hat, entsaget den stolzen aufgeblasenen Ge- „behrdcn. Was der Geringere von euch fürchtet, eben das „drohet euch ein größrcr Herr. Zcdcs Reich stehet unter ei- „nem noch mächtigern Reiche. Oft sahe einen, den der anbrechende Tag im Glänze fand, der untergehende im Staube. „Niemand traue dem ihn anlachenden Glücke; niemand verzweifle, wenn es ihm den Rücken zukehret. Llocho mischt gu- „tcs und böses, und treibt unaufhörlich das Rad des Schicksals um zc. Vierter Aufzug. Zn dem Zwischenraum dieses und des vorhergehenden Aufzuges, muß man sich vorstellen, daß Atreus seine Grausamkeiten begangen habe. Sie waren zu schrecklich, als daß sie der Dichter, der sich der Regel des Horaz ohne Zweifel erinnerte: Nee pueros coram po^ulo Uedva truciclet: /tttt,ttt?i« /»a/aM co^?«ttt »ie/aTv'ttL ^ti'SttL. dem Zuschauer hätte zeigen sollen. Er läßt sie also blos crzch- lcn; und giebt sich, diese Erzchlung mit dem Ganzen auf eine kunstmäßige Art zu verbinden, so wenig Mühe, daß er weiter nichts thut, als einen Mann, den er Runeius nennt, herauskommen und dem Choic von dem, was er gesehen hat, Nachricht geben läßt. Der Chor wird also hier zu einer spielenden 272 Theatralische Bibliothek. Person, welches in den alten Trauerspielen nichts ungewöhnliches ist. Gemeiniglich führte alsdann der Coryphöus das Wort, der entweder mit dem ganzen Chöre, oder nur mit einem Theile desselben zurück blieb, nachdem es die Umstände erforderten. Wir werden unten sehen, warum man annehmen müße, daß cr hier nur mit einem Theile zurück geblieben sey. Seine Reden sind sehr kurz, und geben blos dem LLrzehlcr Gelegenheit, so umständlich, als es nöthig ist, zu seyn. Dieser nun tritt voller Schrecken und Entsetzen hervor, und wünscht von einem Wirbelwinde durch die Lüfte gerissen und in eine finstre Wolke gchül- lct zu werden, damit cr dem Anblicke eines so gräßlichen Verbrechens entkommen möge. „O Haus, dessen sich selbst Pclops „und Tantalus schämen müssen. Der Chor. Was bringst du neues? Der Erzehlcr. Wo bin ich? Ist dieses das Land, in welchem Argos, Corinth und das durch die frommen Brüder berühmte Spart« liegt? Oder bin ich an dem Zstcr unter den wilden Alanen? Oder bin ich unter dem ewigen Schnee des rauen Hircaniens? Oder unter den schweifenden Scythen? Was ist es für eine Gegend, die zur Mitschuldigen so abscheulicher Verbrechen gemacht wird? Der Chor. Welcher Verbrechen? Entdecke doch — — Der Erzehlcr. Noch staunet meine ganze Seele, noch ist der vor Furcht starrende Körper seiner Glieder nicht mächtig. Noch schwebt das Bild der gräßlichen That vor meinen Augen :c. Der Chor. Du marterst uns durch die Ungewißheit noch mehr. Sage, wovor du dich entsetzest, und nenne den Urheber. Einer von den Brüdern muß es seyn, aber welcher? Rede doch — — Nunmehr wäre es ohne Zweifel billig, daß der Grzehler sogleich zur Sache käme, und diese geschwind in wenig kurzen und affcctvollcn Worten entdeckte, ehe cr sich mit Beschreibung kleiner Umstände, die vielleicht ganz und gar unnöthig sind, beschäftige. Allein was glaubt man wohl, daß er vorher thut? Er beschreibet in mehr als vierzig Zeilen vor allen Dingen den heiligen Hayn, hinter der mitternächtlichen Seite des Pclopcischcn Pallasts, in welchem Atreus die blutigen Opfer gcschlacht hatte, ohne dieser mit einer Sylbe zu gedenken. Von dcn Trauerspielen des Seneca. 273 Er sagt uns, aus was für Bäumen dieser Wald bestehe, zu welchen Handlungen ihn die Nachkommen des Tantalns gcwci- hct; mit was für gelobten Geschenken und Denkmählern er aus- gczicrt und behängen sey. Er meldet, daß es darinnc umgehe, und mahlt fast jede Art von Erscheinungen, die den Tag sowohl als die Nacht darinnc schrecklich machten.--Ich begreife nicht, was der Dichter hicrbcy muß gedacht habcn; noch viclwcnigcr bcgrcife ich, wie sich die Zuschauer eine solche Verzögerung können gefallen lassen. Eine kleine Vorbereitung, wenn etwas sehr wichtiges zu crzchlcn ist, wird gar wohl erlaubt; sie rcitzt dic Zuhörer, ihre Aufmerksamkeit auf das, was folgen soll, gefaßt zu halten. Allein sie muß dicsc Aufmerksamkeit nicht vorweg ermüden; sie muß das, was in einer Zeile eine sehr gute Wirkung thun würde, nicht in vierzig ausdehnen. — — Doch damit ich auch meinen Tadel nicht zu weit ausdehne, so will ich das Gemählde des Hayns an scincn Ort gestellt seyn lassen, und mit dem Dichter wieder weiter gehen. „Als nun, läßt er dcn Erzchlcr fortfahren, der rasende Atreus „in Begleitung der Kinder seines Bruders in dcn Hayn gekommen war, wurden dic Altärc sogleich geschmückt. Aber „nun, wo wcrdc ich Worte finden? — Dic Händc wcrdcn dcn „cdlcn Zünglingcn auf dcn Nückcn gcbundcn, und um ihre „Stirnc wird dic traurige Opfcrbinde gcschlagcn. Da fehlt „kein Weihrauch, kein geheiligter Wein; das Opfer wird mit „Salzmehl bestreuet, ehe es das Schlachtmcsscr berühren darf. „Alle Ordnung wird beybehalten, damit ja cinc solche Lastcr- „that nicht anders als auf dic beste Weise geschehe." Der Chor. Und wessen Hand führte das Eiscn? Der Erzchlcr. Er selbst ist Priester; er selbst hält das blutige Gebeth, und läßt aus schrecklichem Munde das Stcrbe- licd tönen. Er sclbst stchct am Altare, befühlt dic dem Tode Geweihten, lcgt sie zurcchtc, und ergreift den Stahl. Er sclbst giebt Acht, und kcin einziger Opfcrgcbrauch wird übcrgangcn. Der Hayn crzittcrt; der ganze Pallast schwankt auf dem durch- schüttcrtcn Boden, und drohet bald hier bald dahin zu stürzen. Oben zur Linken schießt ein Stern durch den Himmel, und ein schwarzer Schweif bemerkt seine Bahn. Der in das Feuer ge- Lessngs Werke iv. 1 g 274 Theatralische Bibliothek. spritzte Wcin wird Blut; dreymal entfällt dem Haupte das Diadem; die Bildsäulen weinen, und ein jeder wird von diesen Vorbedeutungen gerührt. Nur Atreus allein bleibt unbeweglich und sich selbst gleich, und hört nicht auf die drohenden Götter zu schrecken. Langer will er nicht verweilen, er springt wieder zu dem Altare, lind schielet mit grimmigen Blicken um sich. So irret ein hungriges Tiegerthier in den Gangctischcn Wäldern zwischen zwey jungen Stieren. Es ist auf den einen Raub so begierig, wie auf den andern, und nur ungewiß, welchen es zuerst zcrrcisscn solle. Zczt bleckt es den Rachen auf diesen; jczt bleckt es ihn auf jenen zurück, und hält seinen Hunger in Zweifel. Nicht anders betrachtet der ruchlose Arrens die Schlachtopfcr seines verfluchten Zornes, und steht bey sich an, welches er zuerst, und welches er hernach abthun wolle. Es wäre gleichviel, aber doch steht er bey sich an, und freuet sich, über seine verruchte That zu künsteln. Der Chor. Aber gegen wen braucht er endlich den Stahl zuerst? Der iLrzehler. Das erste Opfer — — damit man, ohne Zweifel, die kindliche Ehrfurcht nicht vermissen möge-- wird dem Großvater gcwcihet. Tanralus ist dieses erste Opfer. Der Chor. Mit welchem Muthe, mit welchem Gesichte duldete der Jüngling den Tod? Der iLrzehler. Unbesorgt für sich selbst stand er da, und verschwendete keine Bitte vergebens. Aber der Wütrich stieß und drückte so lange nach, bis sich der Stahl in der Wunde vcrlohr, und die Hand an die Gurgel traf. Da er das Eisen zurückzog, stand der Leichnam; und als er lange gezweifelt hatte, ob er auf diese oder auf jene Seite fallen sollte, fiel er endlich auf den Netter. Voller Wuth riß dieser hierauf den Plisthc- nes zum Altare, und schickte ihn dem Bruder nach. Er hieb ihm den Hals ab; der Rumpf fiel vor sich nieder, und der Kopf rollte mit einem unverständlichen kläglichen Murmeln auf den Boden hin. Der Chor. Nachdem er diesen doppelten Mord vollbracht, was that er alsdann? Schonte er des Knabens? Oder häufte er Verbrechen auf Verbrechen? Von den Trauerspielen des Scneca. 276 Der Lrzehler. So wie ein Löwe in Armenischen Wälder» mit siegender Wuth unter den Rindern tobet, und mit blutigem Rachen, auch nach gestilltem Hunger, seinen Grimm nicht ableget; sondern noch hier eine» Stier und noch da einen anfällt, bis er mit müden Zähnen endlich auch den Kälbern drohet: eben so wüthet Atreus und schwellet vor Zorn. Er hält das vom doppelten Morde blutige Eisen, vergißt was für ein schwaches Kind er zu durchstosscn habe, und höhlt weit von dem Körper aus. (*) Der Stahl drang in der Brust ein, und suhr durch den Rücken heraus. Das Kind fiel, löschte mit seinem Blute das Feuer auf dem Altar, und starb an der zwiefachen Wunde. Der Chor. Abscheuliche Lasterthat! Der «Lrzehler. Ihr entsetzet euch? Wenn er hier inne gehalten hätte; so wäre er noch fromm. Der Chor. Was kann noch vcrruchtcrs in der Natur gefunden werden? Der LLrzehler. Ihr glaubt, es sey das Ende seines Verbrechens? Es ist nur eine Staffel desselben. Der Chor. Aber was hat er weiter thun können? Er hat vielleicht die Leichname den wilden Thieren zu zerrcisscn vorgeworfen, und ihnen den Holzstoß versagt. Der Erzehlcr. Wäre es doch nichts als das! — — — Nunmehr folgt eine sehr gräßliche Beschreibung, die aber so (°) Die Worte Heisse» in dem Originale: ?er>«m>lue xemi»» eiieii» verkulum lenens, VKIitus in l>>ie»i ruvret, inkvslü. m»im Lxegit ullrit eornuti - - - Alle Ausleger übergehen diese Stelle, nnd gleichwohl zweifle ich, ob sie von allen gehörig ist verstanden worden. Das exi^ere cornu» ist wir ungcmcin verdächtig. Ich weis wohl, was bev dem Vilgll exixere ensviii per eor- xuz heißt; allein ob schlechtweg exixere cvrpus eben dieses hcisscn könne, daran zweifle ich, und glaube nicht, daß man bev irgend einem Schriftsteller ei» ähnliches Erempcl finden werde. Ich erkühne mich daher, eine kleine Bcränderung zu mache», und a»statt iokesia wmiu zu lese» i»kes>sm i>i»»lim; so daß uilr», welches man vorher advcrbialitcr nehmen mußte, nunmehr zur Präposition wird, die zu eornus gehöret. Was aber m-,num exi^ere hcisse, und daß es gar wohl aushöhlen hcisscn könne, wird man leicht eiiischcn. Vielleicht könnte auch die Bedeutung, da exigere versuche»/ prolnren heißt, hier zu Statten kommen. 18* 27k Theatralische Bibliothek. eckcl ist, daß ich meine Leser damit verschonen will. Man sieht darinne, wie Atrens die todten Körper in Stucken zerhackt; wie er einen Theil derselben an die Spicssc gesteckt, und den andern in Kessel geworfen, um jene zu braten und diese zu kochen; wie das Feuer diesen grausamen Dienst verweigert, und wie traurig der fette Nauch davon in die Höhe gestiegen. Der Erzehler fugt endlich hinzu, daß Thyest in der Trunkenheit wirklich von diesen abscheulichen Gerichten gegessen; daß ihm oft die Bissen in dem Schlundc stecken geblieben; daß sich die Sonne, obgleich zu spät, darüber zurück gezogen; daß Thyest sein Unglück zwar noch nicht kenne, daß es ihm aber schwerlich lange verborgen bleiben werde. Mehr hat der LLrzchlcr nicht zu sagen. Er geht also wieder fort und die vorhin abgegangene Hclftc des Chors tritt herein, ihren Gesang anzustimmen. Er enthält lauter Verwunderung und Entsetzen über das Zurückflichcn der Sonne. Sie wissen gar nicht, welcher Ursache sie dasselbe zuschreiben sollen, und vermuthen nichts gcringcrs, als daß die Riesen einen neuen Sturm auf den Himmel müßten gewagt haben, oder daß gar der Untergang der Welt nahe sey. Hieraus also, daß sie nicht wissen, daß die Sonne aus Abscheu über die Verbrechen des Atreus zurückgcflohcn, ist es klar, daß sie bey der vorhergehenden Unterredung nicht können gegenwärtig gewesen seyn. Da aber doch allerdings der Chor eine unterredende Person dabey ist, so muß man entweder einen doppelten Chor annehmen, oder, wie ich gethan habe, ihn theilen. Es ist erstaunend, daß die Kunstrichtcr solcher Schwierigkeiten durchaus nicht mit einem Worte gedenken, und alles gethan zu haben glauben, wenn sie hier ein Wörtchcn und da einen Umstand, mit Auskrahmung aller ihrer Gelehrsamkeit, erklären--Vielleicht könte man auch sagen, daß der einzige Loryphaus nur mit dem Erzehler gesprochen, und daß ausser ihm der ganze Chor abgegangen scye. Vielleicht könnte man sich dicserwcgcn unter andern darauf berufen, daß der iLrzehler selbst ihn als eine einzelne Person betrachtet und in der einfachen Zahl mit ihm spricht; als Zeile 746. — — — 8celer!s Iiuno tinem putss? Von den Trauerspielen des Seneca. 277 Kurz vorher redet er ihn zwar in der vielfachen Zahl an, wenn cr ihn in der 744. Zeile fragt: exIiorruMis? Allein dieses ex korruMs wäre sehr leicht in exkoriuitti zu verwandeln, welches ohnedem der Gleichförmigkeit wegen höchst nöthig ist. — — Aon dem Chöre selbst will ich nicht viel sagen, weil cr fast aus nichts, als aus poetischen Blümchen bestehet, die der befürchtete Untergang der Welt, wie man leicht vermuthen kann, reichlich genug darbiethet. Unter andern geht der Dichter den ganzen Thicrkrciß durch, und bctaucrt gleichsam ein jedes Zeichen, das nunmehr herabstürzen und in das alte Chaos zurück fallen würde. Zum Schlüsse kömmt cr wieder auf einige moralische Sprüche. „So sind wir denn, nach einer unzchligcn „Mcngc von Sterblichen, die, welche man sür würdig erkannt „hat, von den Trümmern der Welt zerschmettert zu werden? „So sind wir es, die auf die lcztcn Zeiten »erspart wurden? „Ach, wie hart ist unser Schicksal; es sey nun, daß wir die „Sonne vcrlohrcn, oder sie vertrieben haben! Doch, weg ihr „Klagen! wcg Furcht! Dcr ist auf das Leben zu begierig, der „nicht einmahl sterben will, wenn die Wclt mit ihm untergeht. Fünfter Auszug. Die grausame Mahlzeit ist vorbey. Atreus kann seine ruchlose Frcudc langer nicht mäßigen, sondern kömmt heraus, sich seinen abschculigcn Frolockungcn zu überlassen. Diese sind dcr vornchmstc Inhalt des ersten Auftritts in diesem Aufzuge. Aber doch ist er noch nicht zufrieden; cr will dem Thuest, zum Schlüsse dcr Mahlzeit, auch noch das Blut seiner Kinder zu trinken geben. Er befiehlt daher seinen Dienern, die Thore des Pallasts zu cröfncn, und man sicht in der Entfernung den lLhyest am Tische liegen. Atreus hatte bey Zcrmctzlung dcr Kinder, ihre Köpfe zurücke gelegt, um sie dem Vater, bey Eröfnung seines Unglücks, zu zeigen. Er freuet sich schon im voraus über die Entfcrbung des Gesichts, mit welcher sie kLhyest erblicken werde. „Das, spricht cr, muß ich mit anschn. Ich muß cs mit an- „ hörcn, wclchc Worte sein Schmerz zuerst ausstosscn wird. Ich „muß dabey scyn, wenn cr starr und für Entsetzen wie entscclt „da stehen wird. Das ist die Frucht meiner That'. Ich mag „ihn nicht sowohl elend scyn, als clcnd werden sehn.-- 278 Theatralische Bibliothek, Er wird mit Vergnügen gewahr, daß Thyest schon fast trunken sey, und Host daher, daß ihm seine List mit dem Blute welches er unter alten Wein von einer starken Farbe mischen wolle, desto eher gelingen werde. — — „Ein solches Mahl „muß mit einem solchen Trunke beschlossen werden. Er, der „lieber mein Blut getrunken hätte, soll das Blut der Seinen „trinken. Hört, schon stimmt er festliche Gesänge an, und ist „seines Verstandes kaum mehr mächtig. Hier nun kömmt Thyest langsam hervor, und sein Gesang ist eine Ermunterung seiner selbst, alle traurige Vorstellungen fahren zu lassen. „Heitere deine Blicke zur gegenwärtigen Freude „auf, und verjage den alten Thuest aus deinem Gemüthe! „Aber so sind die Elenden! Sie trauen dem Glücke nie, wenn „es sie gleich wieder anlacht, und freuen sich mit Widerwillen. „Welcher ohne Ursache erregter Schmerz verbeuth mir diesen festlichen Tag zu fcyern, und befiehlt mir, zu weinen? Was ist „es, das mir mein Haupt mit frischen Blumen zu kränzen nicht „erlauben will? Es will nicht; es will nicht! — Unerwartete „Thränen rollen die Wangen herab, und mitten unter meine „Worte mischen sich Seufzer--Ach, der sein Unglück ahndende Geist verkündiget mit diesen Zeichen ein nahes Leiden! „— — Doch mit was für traurigen Erwartungen quälst du „dich, Unsinniger? Ucbcrlaß dich deinem Bruder voll leichtgläubiger Liebe! Es sey nun was es sey, so fürchtest du dich entweder ohne Grund, oder zu spät. Gern wollt ich Unglücklicher „mich nicht fürchten, aber mein Innerstes bebet vor Schrecken. „Schnell strömet aus den Augen eine Fluth von Zehren, und „strömet ohne Ursache. Ist es Schmerz, oder ist es Furcht? „Oder hat auch eine heftige Freude ihre Thränen? Nunmehr redet ihn Atreus an: „Laß uns, Bruder, unsere „Freude verbinden, diesen glücklichen Tag würdig zu begehen. „Heute wird mein Thron befestiget; heute wird ein Friede gegiftet, wie er unserer brüderlichen Treue geziemet. Thuest. Die reiche Tafel hat mich gcnung gcsättigct; ich glühe vom Weine. Aber wie unendlich könnte meine Freude vermehret werden, wenn ich mich mit den Mcinigcn freuen dürfte. Atreus. Glaube, daß sie so gut verwahrt sind, als ob du Von den Trauerspielen des Seneca. 27!» sie in deinen Armen hieltest. Sie sind hier, und werden hier bleiben. Aon deinen Kindern soll dir nichts vcrlohrcn gehen. Ich will dich ihre Gesichter, die du so sehnlich verlangst, sehen lassen; ich will sie dich alle gemessen lassen. Deine Begierde soll gcsättigct werden; fürchte nichts. Sie liegen noch jetzt, mit meinen Kindern zugleich', an dem srohcn Tische; aber man soll sie gleich hcrhohlcn. Nimm nur unterdessen diesen unsern Gc- schlcchtsbechcr, mit Bacchus Gaben erfüllet, aus meiner Hand — Thyest vermuthet bey diesen zwcydcutigcn Reden, »och nichts arges. Er greift mit Danksagung nach dem Becher, ihn vor dem Angesichte der väterlichen Götter auf eine ewige Liebe auszuleeren, und ist eben in der Stellung, ihn an den Mund zu führen; als seine fürchterliche Ahndungen zunehmen. „Was ist „das? die Hand will nicht gehorchen? die Schwere des Be- „chcrs wächst und ziehet die Rechte mit nieder? Ich bringe „ihn dem Munde näher, und vcrgicssc zitternd den Wein, ohne „die betrogene» Lippen zu netze». Sich! selbst der Tisch springt „von dem erschütterten Boden in die Höh! Kaum leuchtet das „Feuer! Die schwere öde Luft erstarret schrecklich zwischen Tag „und Nacht! Das krachende Gewölbe des Himmels drohet zu „stürzen! Schwarze Schatten verdicke» die Finsterniß, und die „Nacht verbirgt sich in Nacht! Alles Gestirne flicht! Es „drohe, was uns auch drohc; nur daß cs meinen Bruder, „nur daß cs mcine Kinder verschone! Auf mein unwürdiges „Haupt allein breche das Wetter los. Ach, jczt, jczt gieb mir „mcine Kindcr wieder. Atreus. Ich will sie dir geben, und kein Tag soll sie dir jemahls wieder raube». — — Hier muß man sich vorstelle», daß Atreus einen Wink giebt, und die zurück gelegten Häupter und Hände der Kindcr herbey bringen läßt, unterdessen daß iLhyest in dem vorigen Tone fortfährt: „Welch ei» Aufruhr „durchwühlet mein Eingeweide? Was zittert in meinem Zn- „ncrn? Ich fühle cinc ungeduldige Last, und aus meiner „Brust steigen Seufzer auf, die nicht meine sind. Kommt doch, „meine Söhne! Euer uuglücklichcr Äatcr ruft euch. Kommt „doch! Euer Anblick wird diese» Schmerz vcrjagc». Hörtc ich sic „nicht? Wo sprachen sie?--Numnchr sind ihre traurigen '.'80 Theatralische Bibliothek. Ucbcrblcibscl hier, und Atreus siehet sich an seinem erwünschten Augenblicke. Arreus, Halte deine väterlichen Umarmungen bereit! Hier sind sie! (indem cr sie ihm zeigt.) Erkennst du deine Söhne? Tbyest. Zch erkenne den Bruder! Erde! und so eine Schandthat konntest du auf dir dulden?--Dieses ist der Anfang von den gräßlichsten Verwünschungen seines Bruders und seiner selbst. Das ick erkenne den Bruder ist ohne Zweifel ein Mcistcrzug, der alles auf einmal denken läßt, was Thuest hier kann empfunden haben. Er scheinet zwar etwas von einer spitzigen Gegenrede an sich zu haben, aber gleichwohl muß seine Würkung in dem Munde des Schauspielers vortreflich gewesen seyn, wenn cr das dazu gehörige starrende Erstaunen mit gnug Bitterkeit und Abscheu hat ausdrucken können. — — Es fehlt so viel, daß Arreus von den Verwünschungen seines Bruders sollte gerührt werden, daß er ihn vielmehr aus die spöttischste Art unterbricht: Arreus. Nimm sie doch lieber hin, die so lange begehrten Kinder. Dein Bruder verwehrt es dir nicht länger. Gcnicssc sie; küsse sie; theile unter alle drey die Zeichen deiner Liebe. kLhyest. War das der Bund? War das die Aussöhnung? Ist das die brüderliche Treue? So legst du deinen Haß ab? Zch kann dich nun nicht bitten, mir meine Kinder unvcrlczr zu lassen; aber das muß ich dich bitten, ein Bruder den Bruder, was du mir, deinem Verbrechen, deinem Hasse unbeschadet, verstatten kanst. Erlaube mir, ihnen die lczte Pflicht zu erweisen. Gieb mir ihre Körper wieder, und du sollst sie sogleich auf dem Scheiterhaufen brennen sehen. Zch bitte dich um nichts, was ich besitzen, sondern um etwas, was ich verlieren will. Atreus. Was von deinen Söhnen übrig ist, sollst du haben; was von ihnen nicht mehr übrig ist, das hast du schon. Thuest. Hast du sie den Vögeln zur Speise hinwerfen lassen? Oder werden sie zum Frassc für wilde Thiere gespart? Atreus. Du selbst hast deine Söhne in ruchlosen Gerichten genossen. Thuest. Das war es, wovor sich die Götter cntscztcn! Das trieb den Tag in sein östliches Thor zurück! Zn welche Klagen Von den Trauerspielen des Seneca. Wl soll ich Elender ausbrcchcn? Welche Worte soll mein Schmerz wählen? Hier seh ich sie, die abgehauene Köpft nnd die vom zerschmetterten Arme getrennten Hände! Das war es, was dem hungrigen Vater nicht herab wollte! Wie wclzct sich das Eingeweide in mir! Der verschlossene Greuel tobet und suchet einen Ausgang. Gib mir, Bruder, das von meinem Blute schon trunkene Schwerd, um mit dem Eisen meinen Kindern den Weg zu öfncn. Man versagt mir das Schwerd? So mag denn die hohle Brust von traurigen Schlägen ertönen. Halt ein, Unglücklicher! Verschone die Schatten. Wer hat dergleichen Abschculigkcit gesehen? Welcher -Henioche auf den rauhen Felsen des unwirthbaren Eaucasus? Welcher Procrustcs, das Schrecken der attischen Gegenden? Ich Vater drücke die Söhne, und die Söhne den Vater. So kanntest du denn bey deinem Verbrechen keine Maaß? Atreus. Maaß muß man in den Verbrechen halten, wenn man sie begehet, nicht aber wenn man sie rächet. Auch das ist mir noch zu geringe. Aus den Wunden selbst hätte ich das warme Blut in deinen Mund sollen flicsscn lassen, damit es aus ihren lebendigen Leibern in deinen gekommen wäre. Mein Zorn hat mich hintcrgangcn. Ich war zu schnell; ich that nichts, als daß ich sie mir dem Stahle am Altare niederstieß, und die Hausgötter mit diesem ihnen gelobten Opfer vcrsöhnclc. Ich trennte die Glieder von den todten Körpern und hieb sie in kleine Stücken. Diese warf ich in siedende Kessel, und jene ließ ich am langsamen Feuer braten. Ich hörte sie an dem Spicssc zischen; ich wartete mit eigener Hand das Feuer. Alles dieses hätte ihr Vater weit besser thun können. Meine Rache ist falsch ausgcschlagcn. Er hat mit ruchlosem Munde seine Kinder zermalmt; aber er wußte es nicht; aber sie wußten es nicht. --Thyest hebt hierauf neue Verwünschungen an, und alles was er von dem Beherrscher des Himmels bittet, ist dieses, daß er ihn mit dem Feuer seines Blitzes verzehren möge. Auf diese einzige Art könne seinen Kindern der letzte Dienst, sie zu verbrennen, erwiesen werden. Oder wenn keine Gottheit die Ruchlosen zerschmettern wolle, so wünscht er, daß wenigstens 282 Theatralische Bibliothek. die Sonne niemals wieder zurückkehren, sondern eine ewige Nacht diese unmenschlichen Verbrechen bedecken möge. Atrcus. Nun preise ich meine Hände! Nun habe ich die Palme errungen! Meine Laster wären umsonst, wenn es dich nicht so schmerzte. Nun dünkct mich, werden mir Kinder gc- bohrcn. Nun dünket mich, dem keuschen Ehebette die verletzte Treue wiedergegeben zu haben. Thuest- Was hatten aber die Kinder verbrochen? Acreus. Daß sie deine Kinder waren. Th>^est. Dem Vater seine Söhne — — Acreus. Za, und was mich freuet, seine gewissen Söhne. iLhyeff. Euch ruf ich an, ihr Schutzgöttcr der Frommen — Atreus. Warum nicht lieber die Schutzgöttcr der Ehen? Thuest. Wer vergilt Verbrechen mit Verbrechen? Acreus. Ich weiß, worüber du klagst. Es schmerzt dich, daß ich dir mit dem Verbrechen zuvorgekommen bin. Nicht das geht dir nahe, daß du diese gräßliche Mahlzeit genossen, sondern daß du sie nicht zubereitet. Du hattest im Sinne, deinem unwissenden Bruder gleiche Gerichte vorzusetzen, und mit Hülfe der Mutter, meine Kinder eines ähnlichen Todes sterben zu lassen; wenn du sie nur nicht für deine gehalten hättest. Thuest. Die Götter werden Rächer seyn; und diesen übergeben dich meine Wünsche zur Strafe. Acreus. Und dich zu strafen, will ich deinen Kindern überlassen. Beurtheilung des Thuest. So schließt sich dieses schreckliche Traucrspicl, dessen blosser Inhalt, wenn cr auch noch so trocken erzchlt wird, schon Entsetzen erwecken muß. Die Fabel ist einfach, und ohne alle Episoden, von welchen die alten tragischen Dichter überhaupt keine Freunde waren. Sie führten den Faden ihrer Handlung gerade aus, und verliessen sich auf ihre Kunst, ohne viele Verwicklung, fünf Acte mit nichts zu füllen, als was nothwendig zu ihrem Zwecke gehörte. Atrcus will sich an seinem Bruder rächen; cr macht einen Anschlag; der Anschlag gelingt, und Atrcus rächet sich. Das ist cs alle; aber bleibt deswegen irgendwo unsere Aufmerksam- Von den Trauerspielen des Seneca. 283 kcit müßig? Es ist wahr, der Alte macht wenig Scenen; allein wer hat es uns denn befohlen, derselben in jedem Auszüge so eine Menge zu machen? Wir strengen das Gedächtniß unserer Zuhörer oft auf eine übermäßige Art an; wir häufen Verwirrung auf Verwirrung, Erzchlung auf Erzchlung, und vergessen cs, so zu reden mit Fleiß, daß man nicht viel denken muß, wenn man viel empfinden soll. Wenn der Verstand arbeitet, so ruhet das Herz; und wenn sich das Herz zu zeigen hat, so muß der Verstand ruhen können. — — Die Rache des Atreus ist so unmenschlich, daß der Dichter eine Art von Vorbereitung nöthig befunden hat, sie glaubwürdig genug zu machen. Aus diesem Gcsichtspunctc muß man den ganzen ersten Aufzug betrachten, in welchem er den Schatten des kLantalus lind die Furie nur deswegen einführet, damit Alrcus von etwas mehr, als von der Wuth und Rachsucht seines Herzens, getrieben zu werden scheine. Ein Theil der Hölle und das Schicksal des Pclopcischcn Hauses muß ihn zu den Verbrechen gleichsam zwingen, die alle Natur auf eine so gewaltige Art überschreiten. Zu der Handlung selbst trägt dieser Aufzug sonst gar nichts bey, und das Trauerspiel würde eben so vollständig seyn, wenn cs auch erst bey dem zweyten Auszüge seinen Anfang nähme. Ich werde weiter nuten noch eine andere Anmerkung hierüber machen--Die Einheit des Orts hat der Dichter glücklich beobachtet. Er läßt alles vor dem königlichen Pallastc vor sich gchcn, und nur in dem letzten Auszüge wird dieser Ort gleichsam erweitert, indem sich der Pallast selbst öfnct, und den Thyest an der Tafcl zeiget. Es muß dieses ein ganz anderer Anblick gewesen seyn, als wenn ein jetziger Dichter in gleichen Fällen den hintern Vorhang muß aufziehen lassen. Nur woltc ich, daß dcr Römer bey dieser prächtigen Aussicht in einen stark erleuchteten Spciscsaal des Pallasts, ein wenig mehr Kunst angebracht hätte. Arrcus ist draussen vor dem Pallastc, und giebt selbst den Befehl ihn zu öfncn: (Z. 904.) tui'Iia lnmul-uis soros rolaxa; letw vatoiiat äomus. Warum befiehlt er aber dieses? Dcr Zuschauer wegen, ohne Zweifel, und wenn keine Zuschauer dawären, so würde er viel- 284 Theatralische Bibliothek. leicht ohne diese weite Eröfmmg zu seinem Bruder hinein gegangen seyn. Zch würde es viel lieber sehen, wenn der Pallast gleich vom Anfange des Auszuges gcöfnct wäre; Atreus köntc in der Entfernung doch wohl noch sagen, was er wollte, ohne von dem Thyest gehört zu werden. So gut sich dieses bey der letzten Helftc seiner Rede thun ließ, eben so gut hätte es auch bey der ersten geschehen können.---Es wäre gut, wenn ich bey der Einheit der Zeit, weiter nichts als nur eben so eine Kleinigkeit zu erinnern hätte. Allein hier wird man mit dem Dichter weniger zufrieden seyn können. Er setzt den Anfang seines Stücks noch vor den Anbruch des Tages, und mußte nothwendig einen Theil der Nacht zu Hülfe nehmen, weil er Geister wollte erscheinen lassen, und diese, nach der Meinung der Heiden, am Tage nicht erscheinen durften. Die letzten Worte, welche die Furie zu dem Schatten des Tkmalus sagt, zeigen es deutlich genug: i^to «luuitat, au ^ulioat Ivyui, doA!tt«zuo Kitbon!« Ire peritui-um v patiens, fuFvris retro lieot, Me^w^tte ruz)tum moisoiis clivm Ac. und in der 792tcn — — ^ csuc» veitls iter IVIoclio^uv cliom porclis Ol^mvo? selbst an. Ist cs nun aber da Mittag, so muß Thycst noch einige Stunden vor Mittage angekommen seyn. Einige Stunden nach Sonnen-Aufgang ward er gehöhlt; und nun urtheile man selbst, wie viel Stunden zu obigem Zwischen-Raume übrig bleiben. Die natürlichste Entschuldigung, die einem hicbcy einfallen kann, ist diese, daß man sagte, Thyest müsse sich ganz in der Nähe aufgehalten haben; aber auch mit dieser Nähe wird nicht alles gehoben seyn. Und wie nahe ist er denn würk- lich gewesen? Ich finde in dem ganzen Stücke zwey Stellen, aus welchen sich dieser Umstand cinigcrmaasscn bestimmen läßt. Die erste sind die Worte dcs Alreus, Z. 297. ----rolietis oxul Iiotpitüs vsFus RkAno ut milorias nmtot <^e. Wenn hier Iiotpitia einen Aufenthalt in ganz fremden Ländern, und oxul einen, der sich ausser seinem Vatcrlandc aufhält, bedeuten soll, so wird dic vorgebrachte Schwierigkeit nicht vcr^ ringcrt, sondern unendlich vergrößert. Nicht Argos allein; der ganze Peloponnesus gehörte dem Aircus, und hatte dem Thuest gehört, so lange er mit seinem Bruder zugleich regierte. Soll sich dieser also ausserhalb demselben befunden haben, so konnte er nicht in einigen Stunden, sondern kaum in einigen Tagen herbey gcschaft werden. Doch die andere Stelle (Z. 412. u. f.) wird zeigen, daß man dic erste in cincm engern Verstände nehmen müsse. Thyest sagt zu sich selbst: — — — repoto H-Ivoltres tuAgs, 8-tItusyue äent'os potlus, A inixtsm 5er!s, 8imilomcmo v!tam.-- Er hielt sich also nur in Wäldern verborgen, dic freylich nicht allzuweit, aber auch nicht allzunahe seyn dursten. Und in diesen mögen ihn die Söhne dcs Atreus gesucht und auch sogleich WZ»M--öA« 286 Theatralische Bibliothek. gcfliiidcn haben, so unwahrscheinlich es auch ist, daß sich ein Mann, der sich einmal verbergen muß, nicht besser verbergen werde. Dennoch wird man schwerlich die schleunige Ankunft desselben so leicht begreifen können, als man sie, ohne anstößig zu seyn, begreifen sollte. Ich will mich hicrbcy nicht langer aufhalten, sondern nur noch ein Wort von den Charakteren sagen.--Sie sind ohne Zweifel so vollkommen ausgedruckt, daß man wegen keines einzigen in Ungewißheit bleiben kann. Die Abstcchungcn, in welche übrigens der Dichter die beyden Brüder gesetzt hat, ist unvergleichlich. Zn dem Acreus sieht man einen Unmenschen, der auf nichts als Rache denkt, und in dem Thuest eines von den rechtschaffenen Herzen, die sich durch den geringsten Anschein von Güte hintergehen lassen, auch wenn ihnen die Vernunft noch so viel Ursachen, nicht allzulcicht- gläubig zu seyn, darbiethet. Was für zärtliche und cdelc Gedanken äusscrt er, da er sich auf einmal blos deswegen für schuldig erkennet, weil sein Bruder sich jetzt so gütig gegen ihn erzeige. Und was für eine besorgte Liebe für diesen ruchlosen Bruder verräth die einzige Wendung, da er eben sein Unglück erfahren soll, welches durch die ganze Natur ein schreckliches Entsetzen verbreitet, und noch sagt: — — «zuicyuiä «zst, t'ratri prooor l-!n»t!s^u.'t6 aclouci zmr IVIr. lateinischen Dichters geblieben sey, wird man schon von sich selbst abgenommen haben. Er hat die stärksten Züge in seinem Muster unberührt gelassen, und ausser dem so gelinderten Hauptinhalte, kaum hier und da einige glänzende Gedanken von demselben erborgt. Doch auch diese hat er oft ziemlich gewässert, und die Stärke gar nicht gezeigt, mit welcher der ältere Corneille die schönsten und prächtigsten Gedanken der römischen Trauerspiele in seine überzutragen wußte. Einigemal ist es ihm so ziemlich gelungen; besonders bey dem sgnoleo lratrvm, welches er durch folgende Zeile ausgedrückt hat: ^t. Neconnois-tu eo lanZ? ?V«. roconnois mon lrere. Auch noch eine Stelle hat er sehr wohl anzuwenden gewußt, und zwar eine solche, welche manchem Ausleger des alten Dichters selbst nicht recht verständlich gewesen ist. Ich meine die 1062te Zeile: Leeioii moäus clebetur, udi kacias seelus, Non ulii repoass — — welche er sehr kurz und schön so übcrsczt hat: II tsut UN termo SU crlmv, A non g, la vonZeauce. Ich will zum Schlüsse noch das mittheilen, was Herr Crcbillon selbst von diesem seinem Stücke sagt. Es ist ein Theil 302 Theatralische Bibliothek. der Vorrede, in welchem man verschiedene hichcr gehörige Gedanken finden wird. „Fast ein jeder, sagt er, hat sich wieder „den Inhalt dieses Trauerspiels empört. Zch kann weiter nichts „darauf antworten, als dieses, daß ich nicht der Erfinder da- „von bin. Zch sehe wohl, daß ich Unrecht gethan habe, mir „die Tragödie allzusehr als eine schrcklichc Handlung vorzustellen, die den Zuschauern unter rührenden Bildern müsse gezeigt werden, und die sie zum Mitleiden und Schrecken bcwc- „gen solle, doch ohne Züge, welche den Wohlstand und die „Zärtlichkeit beleidigen könnten. Es kömmt also nur darauf an, „ob ich diesen so nöthigen Wohlstand beobachtet habe. Zch „glaube mich dessen schmeicheln zu dürfen. Zch habe nichts vergessen, was meinen Stof lindern und unsern Sitten gemäß „einrichten könne. Um den Atreus unter keiner unangenehmen „Gestalt zu zeigen, lasse ich die Aerope von dem Altare selbst „entführet werden, und setze diesen Prinz, (wenn ich hier diese „Begleichung brauchen darf,) gerade in eben den Fall des bc- „zaubcrtcn Bechers bey dem la Fontaine. I^'otoit-il? no I'oto!t-il pomt? „Zch habe durchaus die Fabel verändert, um seine Rache wc- „nigcr schrecklich zu machen, und mein Atreus ist bey weiten „nicht so grausam, als der Atreus des Sencca. Zch habe mich „begnügt, für den Thuest alle den Greuel des von seinem „Bruder ihm bestimmten Bechers, fürchten zu lassen, und er „bringt nicht einmal seine Lippen daran. Zch gestehe es zwar, „daß mir diese Scene selbst schrecklich schien. Es überfiel mich „ein Schauder; aber nichts dcstowcnigcr glaubte ich, daß sie „sich in ein Trauerspiel sehr wohl schicke. Zch sehe nicht, „warum man sie mehr davon ausschliessen solle, als die Scene „in der Rodogune, wo Cleopatra, nachdem sie einen von ih- „ren Söhnen schon ermordet, den andern vor den Augen der „Zuschauer vergiften will. So unwillig man auch gegen die „Grausamkeit des Atreus gewesen, so glaube ich doch nicht, „daß man ein vollkommener Bild auf die tragische Scene bringen könne, als das Bild von der Stellung des unglücklichen „Thuest, welcher sich ohne Hülfe der Wuth des barbarischsten „unter allen Menschen ausgesetzt sieht. Ob man sich nun aber Non den Trauerspielen des Scneca. 303 „schon von seinen Thränen und seinem Jammer erweichen ließ; „so blieb man mir dennoch deswegen aussätzig. Man hatte die „Güte, mir alle Abschculichkcit der Erfindung zu lassen, nnd „rechnete mir alle die Lastcrthatcn des Arreus an. An einigen „Orten betrachtet man mich auch noch als einen fürchterlichen „Menschen, bey welchem man nicht recht sicher sey; gleich als „ob alles, was der Witz erdenket, seine Quelle in dem Herzen „haben müsse. Eine schone Lcction für die Schriftsteller, welche „sie nicht nachdrücklich genug wird lehren können, mit wie vic- „lcr Behutsamkeit sie vor dem Public» erscheinen müssen. Ein „artiges Frauenzimmer, welches sich in Gesellschaft mit ehrbaren „Schcinsprödcn befindet, darf sich lange nicht mit so vieler „Sorgfalt beobachten. Und endlich hätte ich mir es nimmcr- „mchr vorgestellt, daß in einem Lande, in welchem es so viel „gemißhandelte Ehemänner giebt, Arreus so wenig Vertheidiger „finden sollte. Was die doppelte Aussöhnung, die man mir „vorwirft, anbelangt, so erkläre ich gleich voraus, daß ich mich „in diesem Puncte niemals für schuldig erkennen werde. Atreus „erziehet den Plisthenes, um einmal den Thuest durch die „Hände seines eigenen Sohnes umbringen zu lassen; er er- „ schleicht von diesem jungen Prinzen einen Eid, welcher aber „gleichwohl bey Erblickung des Thyest nicht gehorchet. Atreus „kann also zu nichts andern seine Zuflucht nehmen, als zur „Verstellung; er erdichtet ein Mitleiden, welches er nicht fähig „ist, zu empfinden; er bedient sich hierauf der allergcwaltsamstcn „Mittel, den Plisihenes zur Vollziehung seines Eides zu vermögen, von welcher dieser aber durchaus nichts wissen will. „Atreus, welcher sich an dem Thuest auf eine seiner würdige „Art rächen will, muß also nothwendig zu einer zweyten Verhöhnung schreiten. Ich getraue mir zu sagen, daß dieser grau- „same Prinz alle Gcschicklichkcit anwendet, die ein Bctricgcr „nur immer anwenden kann. Es ist unmöglich, daß Thuest „dieser Falle entgehen sollte, wenn er auch schon selbst ein eben „so grosser Bctricgcr wäre, als sein Bruder. Man darf das „Stück nur ohne Vorurthcil lesen, so wird man finden, daß „ich nicht Unrecht habe. Ze bctricgcrischcr abcr Arreus ist, „desto besser habe ich seinen Charakter ausgedrückt; wcil Vcr- 304 Theatralische Bibliothek. „räthercy und Verstellung fast immer von der Grausamkeit unzertrennlich sind :c." Von den übrigen lateinischen Trauerspielen in den folgenden Stücken. VIII. Des Hrn. Ludewig Riccoboni Geschichte der italiänischen Schaubühne. Nachricht von Vcm Verfasser. K.udcwig Riccoboni war ein Modcncscr von Geburt, welche ohngcfchr in die Jahre 1L82 oder 83 fällt. Er mochte aus einer ganz guten Familie seyn, weil er selbst, an einem Orte seiner Schriften, den Antonüis Riccoboni, einen Professor zu Padua, aus der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, für einen seiner Vorfahren wahrscheinlicher Weise hält. Er mußte aber sehr jung diejenige Lebensart ergriffen haben, in welcher er sich hernach aus eine doppelte Art sehr rühmlich hervorthat. Denn schon in seinem zwey und zwanzigsten Zahrc, wie man es weiter unten aus seinem eignen Munde hören wird, war er das Haupt einer Gesellschaft von Schauspielern, die in den Städten der Lombarde») und besonders zu Venedig mit vielem Bcyfalle spielte. Er gab sich ganzer zehn Zahr lang in seinem Vatcr- landc sehr viel Mühe, die Bühne aus ihrem damaligen Verfalle wieder in die Höhe zu bringen, und sie besonders von dem unregelmäßigen Wüste zu reinigen, welcher damals auf derselben herrschte. Doch weil ihm diese Bemühungen so glücklich nicht ausschlagcn wollten, als sie es wohl verdient hätten, ward er es übcrdrüßig, unter einem Volke nur Undank damit zu verdienen, dessen Hauptgcschmack auf nichts als Possen ging. Er nahm also den Vorschlag an, den man ihm damals that; nehmlich eine Gesellschaft italiänischer Schauspieler sür den König von Frankreich zusammen zu bringen, und mit derselben nach Paris zu gehen. Er laugte daselbst im May 1716 an. Sein Thcatcrname, unter welchem er sich bekannt machte, war Z.clio. Als Actcur fällte man das Urtheil von ihm, daß ihm zwar das Anmuthigc und Reihende fehle, daß sich aber sei» finstres Ansehen vollkommen wohl schicke, traurige und übertriebene Riccobeni Geschichte der italienischen Schaubühne. 305 Leidenschaften auszudrücken, die auch in der That niemand besser und wahrscheinlicher vorgestellt habe, als er. Er blieb auf dem italiänischen Theater zu Paris bis 1729, in welchem Zahre er dasselbe mit seiner Frau und seinem Sohne, verließ, und eine Haushofmcistcrstcllc bey dem Herzoge von Parma annahm. Nach dem Tode dieses Herzogs kam er zwar wieder nach Paris, nicht aber wieder auf das Theater, von welchem er für sich und seine Frau eine doppelte Pension, jede von 100(1 Livrcs, beybehalten hatte. Er starb den liten December 1763. Als einen Theatralischen Schriftsteller hatte er sich schon bekannt gemacht, ehe er aus seinem Vatcrlandc ging; doch hat er seine vornehmsten Werke in Frankreich, und zwar auch französisch, geschrieben. Unter die crstcrn, die er italiänisch abgefaßt, gehören vcrschicdnc Lustspiele, und ein Gedicht über die Kunst zu dcclamircn, welches den Titel I'^ite ronrelontativa führet. Auch hat er eine Sammlung alter italiänischer Stücke besorgt, welche er für geschickt hielt, den Ausländern eine bessere Meinung von der eigentlichen dramatischen Poesie seiner Landsleute beyzubringen. Diejenigen Lustspiele, welche er in Paris für das italiänische Theater machte, sind weder ganz welsch, noch ganz französisch, sondern die Scenen sind aus beyden Sprachen vermengt. Dergleichen sind sein k>ero z,a,tial, seine Diana k IZnlhmian und sein Italien maiie a pari«, welche Stücke er ganz allein, so wie folgende, la Oel'olatinn dos tleux Omnellios; lo pi-oees lies I'neatrcs, lind la I^oiio i-onaistante, in Gesellschaft mit dem Hrn. Dommic,ue verfertiget hat. Diejenigen Werke aber, die er ganz französisch geschrieben hat, und die man ohne Zweifel für seine beträchtlichsten halten muß, sind seine Ilittoire äu l'iieatro Italien, und seine lielloxions Iiistm-ilnies eriticzues 5ur les llistvl'ens I'Iioati'es clo I'Luroiw. Die erstere bestehet aus zwey Theilen in groß Octav, deren erster '1727 nnd der zweyte 1731 zu Paris an das Licht getreten sind. Jener enthält die Geschickte des italiänischen Theaters, wovon nachstehendes eine Übersetzung ist; ein Verzeichnis; aller welschen Komödien und Tragödien, und cinc Abhandlung über das Trauerspiel der Neuern. Dieser bestehet aus Auszügen aus fünf der besten italiänischen Tragödien, und eben so vielen Komödien, welchen Lesfings Werk- i v. 20 Theatralische Bibliothek. noch ein Brief des Rousseau an den Verfasser, nebst der Antwort vorgesetzet, und die in Kupfer gestochenen Charaktere der welschen Bühne, nebst einer Erklärung, beygefügt worden. Die liolloxions des Hrn. Riccoboni kamen das erstemal 1738 heraus, und betreffen die italiänische, die spanische, die französische, die englische, die holländische und die deutsche Bühne. Am Ende hat der Verfasser noch pentvos tur la vocwmation hinzugethan, wclckc man aber nicht mit dem oben angeführten Gedichte vermengen muß. Zeh vcrspare es aus ein andermal von diesem oder jenem genannter Aufsätze nähere Nachricht zu geben, wie man denn auch seiner Frau und seines Sohnes, welche beyde noch leben, bey einer andern Gelegenheit soll gedacht finden.") » « » IX. Auszug aus der Sophonisba des Trißino und der Rosemonda des Ruccelai. Zn dem vierten Hauptstückc der vorhergehenden Geschichte der italiänischen Schaubühne, wird man angemerkt haben, daß die Sophonisba des Trißino und die Roscmonda des Ruccelai sür die ersten italiänischen Trauerspiele anzusehen sind, welche nach den Regeln und in dem Geschmacke der Alten in dieser Sprache verfertiget worden. Ich vermuthe daher, daß man begierig seyn wird, sie näher kennen zu lernen, und in dieser Vermuthung will ich die Auszüge mittheilen, welche eben der Herr Riccoboni, in dem zweyten Theile seiner Geschichte, davon geliefert hat. Sie werden in dieser Bibliothek schwerlich einen bessern Platz finden können. » » » °) Zu einer Stelle der hier folgenden Übersetzung, „Als ich im Jahre 1K90, in einem Alter von dreizehn Iahren, die Bühne zu besuchen anfing," bemerkt Lessing folgendes. „Hier wird eben der rechte Ort scvn, einen Fehler wieder gut zu machen, den ich, oben auf der 135. Seite, in meiner Handschrift zn verbessern vergessen hatte. Es erhellt nehmlich aus den Datis, welche Herr Riccoboni hier clnfliesscn lassen, daß er 1677. und nicht 1K82. oder 83. wie ich aus einem andern Umstände geschlossen habe, imissc sevn gcbohrc» worden. Uebers." 307 X. Auszug aus der Calandra des Kardinal Bernardo da Bibiena. Auch aus dicscm Stücke, welches man in dem vierten Hauptstückc der obigen Geschichte, als das erste regelmäßige italiänische Lustspiel hat kennen lernen, wird man hoffentlich einen Auszug hier nicht ungern finden. Er ist glcichfals von dem Herrn Riccoboni. » » » Drittes Stück. 1755. XI. Des Abts du Bos Ausschweifung von den theatralischen Vorstellungen der Alten. Vorbericht. Der Abt du Dos war einer von den Vierzigern, und beständiger Sekretär der französischen Akademie. Der Herr von Voltaire hat ihn mit unter die Schriftsteller gczehlct, welche das Jahrhundert Ludcwigs des XIV. erleuchtet haben. Er hat sich der Welt als ein Geschichtschreiber und als ein Knnstrichtcr gezeigt. Als jener in seiner Hittoiro 60 la IIZuo 60 (^ambrai, welcher der Herr von Voltaire das Lob zugestehet, daß sie ein Muster in ihrer Art sey. Als dieser, in seinen crinschen Betrachtungen über Sie Dichtkunst unv Mahlerey, (kellexions eritunios Iur la postis k lur la peinturo) V0N welchen ich hier etwas mchrcrs melden muß. Ich kann es jetzt nicht gleich wissen, in welchem Zahre sie zu erst ans Licht traten. Ich habe blos die fünfte Ausgabe vor mir, welche von 1746 ist. Es ist die letzte, meines Wissens, und auf dem Titel wird gesagt, daß sie von dem Verfasser selbst durchgesehen, verbessert und vermehrt worden. Sie ist in Paris in groß Duodez gedruckt, und bestehet aus drey Theilen, deren stärkster ein Alphabet hat. Der Inhalt, wie ihn der Verfasser selbst entwirft, ist kurz dieser. Zn dem ersten Theile erklärt er, worinn die Schönheit eines Gemähldes und die Schönheit eines Gedichts vornehmlich bestehe; was für Vorzüge so wohl das eine, als das andere, durch die Beobachtungen der Regeln erlange, und endlich was für Beystand sowohl die Werke der Dichtkunst, als der Mah- 20° 308 Theatralische Bibliothek. lcrcy, von andern Künsten erborgen können, um sich mit desto grossem Vortheile zu zeigen. Zn dem zweyten Theile handelt er von den Theils natürlichen, Theils erworbenen Eigenschaften, welche sowohl grosse Mahler, als grosse Dichter, haben müssen, und forscht den Ursachen nach, warum einige Jahrhunderte so viele, und einige fast gar keine berühmte Künstler gesehen haben. Hierauf untersucht er, auf welche Weise die Künstler zu ihrem Ruhme gelangen; an welchen Kennzeichen man es voraussehen könne, ob der Ruhm, in welchem sie zu ihren Zeiten stehen, ein wahrer Ruhm sey, oder ob sie nur ein flüchtiges Aufsehen machen; und endlich aus welchen Merkmalen man es zuvcrläßig schlicsscn dürfe, daß der Name eines von seinen Zeitgenossen gerühmten Dichters oder Mahlers, immer mehr und mehr wachsen, und in den folgenden Zeiten noch grösser seyn werde, als er selbst zu seiner Zeit gewesen ist. Zn dem dritten Theile endlich trägt unser Abt verschiedene Entdeckungen vor, die er in-Ansehung der theatralischen Vorstellungen der Alten gemacht zu haben glaubet. Zn den ersten Ausgaben seines Werks, war diese Materie dem ersten Theile mit eingeschaltet. Weil sie aber doch nichts anders als eine Ausschweifung war, durch die man die Hauptsache allzulange aus den Augen vcr- lohr, so folgte er dem Rathe einiger Freunde, und machte einen besondern Theil daraus. Dieser besondre Theil nun, oder diese Ausschweifung ist es, welche ich hier meiner theatralischen Bibliothek einverleiben will. Zch werde aber dabey für dicscs- mal nichts, als die Pflichten eines getreuen Ucbcrsctzcrs beobachten; und meine Gedanken über verschiedene besondere Meinungen des Verfassers auf eine andere Gelegenheit »ersparen. Viertes Stück. 1768. XII. Geschichte der englischen Schaubühne. Zch will hier bloß die ersten Züge einer Geschichte der englischen Schaubühne entwerfen; und bloß in der Absicht, damit der Leser ohngcfehr wisse, wohin er die einzeln Theile derselben, die ich ausführlicher berühre, zu bringen habe. Es findet sich eine Nachricht, die, wenn sie, wie nicht zu . »'^^^><'Il^>V^'^1^^^^^^»^^^^^ ^ ^^^^ __^_^_ Geschichte der englischen Sck.uibiihne. 309 zweifeln ist, ihre Richtigkeit hat, den Ursprung des englische» Theaters weit früher heraus setzt, als man den Ursprung des Theaters irgend eines andern europäischen Volks angeben kann, Wilhelm Stephanides (Firz-Stephens) ein Bcncdictincr zu Cantcrbury, der unter der Regierung König Heinrichs des zweyten geschrieben, und unter der Regierung König Richards des ersten, im Zahrc 1191, gestorben ist,(°) hat nehmlich in seiner Oelleriptio nokiliMmse o!v!tat!s I^oncloniaz folgende Stelle: I^onllonia pro snoetaeulis tlioatralitius, pro luclis Ironie!«, Inelos listet tariotioros, repraztontationes miraeulnrum, r>u,o tancti con- setl'oros oporsti sunt, sou rvpi'Ml'oritationos pattionum, ljiiidus elaruit oonftanti?» Nart^rum. d. i- London hat, anstatt der theatralischen Schauspiele, weit edelcre Spiele, in welchen die IVunder der heiligen Zöekenner, und die beiden der Märyrcr vorgestellet werden. Wider dieses Zeugniß eines ehrlichen Mannes, ist nichts cinzuwcndeni und da er von diesen Vorstellungen nicht als von einer Neuigkeit redet: (denn er beschreibt auch alle andere Arten der damals in London gewöhnlichen Zeitvcrkurzungcn) so kann man den Anfang derselben schwerlich spater, als in die Zeiten Milhelms des Eroberers setzen. , Um diese Zeit aber hat noch keine einzige andere Nation, etwas einem Theater ähnliches gehabt, es wären denn die Zta- liäncr, wenn man anders mit dem ältern Riccoboni annehmen will, daß seit dem Verfalle der Römer, sich das Theater in Italien ohne Unterbrechung fortgepflanzt habe. Und doch kann auch dieser kein so altes ausdrückliches Zeugniß für seine Nation ausweisen. Wie er denn die Stelle des Stephanides auch nicht gewußt hat, sondern eine weit neuere Nachricht, die ich nun gleich anführen will, .für die älteste Spur des englischen Theaters annimt. (°> Das Iöchersche Gelehrten Lexicon sagt von ihm: er lebte 1490 unter dem Rönige von England Richards l. Halle we. nigsiens sagen sollen- er lebte noch :c. (") Dodsley in der Vorrede zu seiner ««-wo« (.'»uoviw» <>k <>i>> i>it>>'«, die er in zwölf Duodczbändcn lierans gegeben. (°°°) Äudcivig Riccoboni in seinen nl(-xiun5 iiMinilluo» ck? >:r»i- ws s»r Ic« Mlturl!»» 'kUe-Uro^ tlt- I'Lnrnv«). Seite 4-^.4. 310 Theatralische Bibliothek. Vielleicht, daß die andächtigen Vorstellungen blosser Wunderwerke und Leidensgeschichte, nicht lange nach dem Geschmacke des englischen Pöbels waren. Wenigstens findet man ohngcsehr hundert und vierzig Zahr hernach, daß man ihn mit weit lustigern Vorstellungen zu unterhalten gesucht hat. Denn unter der Regierung R. LLduard des dritten ward durch eine Parla- mcntsactc verordnet, daß eine gewisse Gesellschaft von Leuten, Vsgrants genannt, welche durch ganz London Maskeraden angestellt, aus der Stadt gepeitscht werden sollten, weil sie in den Trinkhäuscrn, und an andern Orten, wo sich das Volk versammelt, ärgerliche Dinge gespickt.Worinn diese ärgerlichen Dinge eigentlich bestanden, kann man nicht sagen. Sie mögen aber bestanden haben, worinn sie wollen, so ist doch so viel gewiß, daß diese Vagranrs die ersten wahren englischen Komödianten waren, denn sie verliessen das abergläubische Zeug, lind gaben sich mit Satyre und Nachahmung der Sitten ab. (°) Wenn Riccoboni (in dcm angezognen Werke, Seite 118) dieser Parlamcntsacte, als der ältesten Spur des englische» Theaters gedenkt, so druckt er sich folgender Massen aus- 8ou« le regne «I'Lituürcl lll. i^ui com- ineny» I'iu, tvtS >!' linil eil t038, il ett rappoNe, üaiis un I^ivre im- priine a I,vi»Zri!5, ^K/«/u/e6 a< /«»-H'e >Lc.) <>ue ce IsiM lioi oraon»^ piir UN ^rret tln ?ilrleme»l, ^»'une ^t/^enii/e's <Äc. Kann man einen grobem Fehler wider die Zeitrechnung begehen? Eduard der dritte regierte von 1327 bis 1376, und da ihn Riccoboni den heiligen König nennet, so ist es offenbar, daß er ihn mit Eduard dem Bekenner, welcher von 1042 bis 1066 regieret, oder gar mit dem heiligen Eduard, dem Märtyrer, muß vermengt haben. (°°) Vielleicht waren sie derjenigen Art von Schauspieler nicht unähnlich, die m nachfolgenden Zeilen ^/»»inieT-s genannt wurden, und in einer altvaterische» Kleidung das Land durchzöge», tanzten und allerhand Gcbrhrdcn und Posse» machte». Es fi»dc» sich dergleichen MummcrF noch bis jetzt in England; in dem funfzclmtcn Jahrhunderte aber warm sie so gcmci», und l'icitc» das Volk so sehr von seinen Geschäften ab, daß sie der mcnscklichcn Gesellschaft sehr schädlich wurden. Den» da sie beständig verkleidet und mastirt cinhcrgingcn, so waren sie an vielen lüdcrlichen Streichen Schuld, und fingen Unordnungen an, die mit der Zeit so arg wurden, daß in dcm dritten Jahre der Regierung Ä. Heinrichs des achten, (1S12) eine Parla- nicntsacte wider diese Mummers gemacht wurde, durch welche auf jede Maske die verkauft, oder in einem Hause gefunden werden würde, eine Geldstrafe von 20 Schillings (beynahe 6 Reichsthalcr) gelegt ward. Geschichte der englischen Schaubühne. Zll Ohne Zweifel zwar mit der gröbsten Satyrc, und mit der plumbstcn Nachahmung der aller ärgerlichsten Sitten, die nichts weniger als bessern kann; doch dieses konnte im Anfange, zu den damaligen Zeiten, nicht wohl anders seyn, und man hätte sie folglich nicht so wohl ganz unterdrücken, als nur einschränken sollen. Nach einer so scharfen Ahndung aber mußte sich alles, was einem Schauspiele ähnlich sahe, aufs neue unter den Mantel der Religion verbergen, und man sahe wieder nichts als KIMe- rios vorstellen. Zm Zahr 1378 überreichten die College» der St. Paulusschulc dem K. Richard dem zweyten eine Bittschrift, und baten darinn „daß gewissen uncrfahrncn Leuten Einhalt „geschehen möchte, welche sich unterfangen hätten, die Geschichte „des alten Testaments vorzustellen; weil es zu der Kläger Nachtheile geschehe, als welche sich in grosse Kosten gesetzt, um dieselben zur Wcihnachtzcit öffentlich zu spielen." Hieraus sieht man, daß die Collcgcn der St. Paulusschulc damals schon ge- wisscrmasscn im Besitz waren, dergleichen Mystcrics aufzuführen, und daß sie es für Geld thaten. Wenn man also auch nur diesen Zeitpunkt als den ersten des englischen Theaters annehmen wollte, so würde man es doch noch für älter als das französische erkennen müssen; denn es ist gewiß, daß die Franzosen mit den heiligen Vorstellungen der Brüder der Paßion, höher nicht als bis 13!18 hinaus gehen können. Unter der Regierung -Heinrichs des vierten, und zwar in dem cilftcn Jahre derselben, s140l>) wurde von den Londonschcn Kirchendienern (^-»-itl, - eiei-Ics) ein Schauspiel von Erschaffung der Welt aufgeführt, welches ganzer acht Tage währte, und bey welchem der größte Theil des englischen hohen und niedrigen Adels zugegen war.^) Von Erschaffung der Welt kann es wohl schwerlich allein gehandelt haben; und man vermuthet daher, daß es vielleicht dasjenige Schauspiel gewesen sc>,, von welchem in der Cottonianschcn Bibliothek »och bis jetzt eine Handschrift (°) Slovv's 8urvs> ok l.umw», (°°) Man sehe den Diiiiugv o» I'liix« !>>«> m-iv«!>s, welchen Dodklev seiner Sammlung beygefügt, und der bcv Gelegenheit der Lollicrschen Slrci- ligkeit abgefaßt worden. S. 19. 312 Theatralische Bibliothek. aufbewahrt wird. Sie findet sich in dem gedruckten Bücherverzeichnisse derselben, S. 113. unter folgender Ausschrist: Schauspiele in altem englischen Sylbenmaasie Ii. v. vrsmata tacra, in «zullius exkluontur Iiiktoiiiv vetvris >85 novi ^'vltamenti, intro- llucti« (juati in keonam perlnnis illio memorstis, ^uas leeum in- vicenl eollvt^uontcs pro ingonio linAit poota. Viilentur nlim en- rsm po«ulo, livv »cl inttruvncium, live alie». Geschichte der englischen Schaubuhne. 317 gcr dabcy aufhalten, sonder« nur noch diesen einzigen Umstand anfuhren, daß zwar Gorbovuc überhaupt unserm Lord Buckhurst gehört, daß aber die ersten drey Auszüge Thomas Norton ausgearbeitet haben soll. Ohngcfähr in eben dasselbe 1Z61tc Zahr fällt auch die erste englische Komödie, die dieses Namens nicht ganz unwcrth ist, wenigstens von den Engländern durchgängig dafür erkannt wird. Sie führt auf einer der ältesten Ausgaben, auf der von 1vilo inen, imc! »II tko rotr I?ools, hat sieben Auszuge. Unter seinen Trauerspielen heißt eines: .^.Iwritus Lm^vior c>k korman^; in welchem er diesen Gcgcnkayscr Richards von Cornwall, bloß seiner Nation zu schmeicheln, eine sehr abscheuliche und unglückliche Rolle spielen läßt. Sein Lustspiel: Inv ^Viclc^vs teai'8, dessen Inhalt die bekannte Geschichte von der Matrone zu Ephcsus ist, stehet in dem vierten Bande der Dodoleyschen Sammlung. Chapmann starb 1655. 7. William Rowley; schrieb sechs dramatische Stücke, an deren einem: l'Iio Littli okklc-ilin, Shakespear Theil hat. Seine beste Tragödie ist ^Ils lott bz^ I^uN. Eine von seinen Komödien: ^ Slatek st VillmZKt, stehet in dem sechsten Bande der Dodsleyscben Sammlung. Er lebte noch unter der Regierung Carls des ersten. 8. John Marsion; studirctc zu Oxford und ist Verfasser von acht dramatischen Stücken, die Shakespear nach seinem Tode, der gegen 1614 muß erfolgt seyn, herausgegeben. Eines davon, Ikv Alaleontent, a ^>agocl^, stehet in dem vierten Bande der Dodsleyscben Sammlung. Sie ist dem Den Johnson mit vielen Lobsprüchcn zugeeignet. 9. Samuel Daniel; gebohrcn 1562. Er schrieb ausser seiner Geschichte von England, und vielen andern Gedichten, auch einige Tragödien, und Tragikomödien. Die ersten, nahmentlich Philorae und Cleopatra, hat er nach der Art der Alten, mit Chören zwischen jedem Auszüge, verfertiget. Er ward nach dem Tode des grossen Spenser, gekrönter Poet, bey der Königin Elisabeth, und starb 1619. W. kLhomas Decker; lebte unter der Regierung Jacobi I. Er ward durch die Streitigkeit, die er mit Den Johnson bekam, berühmter als durch alle seine Werke, die in cilf dramatischen Stücken, größten Theils Lustspielen, bestehen, wovon er achte ganz allein, drey in Gesellschaft mit Websier und eines in Gesellschaft mit Rorvley und Ford verfertiget. Un- 21" 324 Theatralische Bibliothek. ter die ersten achte gehöret ^Vkoro vk kab^Ion, (gedruckt zu London 1601. in Quart) worinn er, unter erdichteten Namen, die vortrcflichcn Tugenden der Königin Elisabeth, und die Gefahren vorstellet, denen sie durch die glückliche Entdeckung der bösen Absichten, welche die Jesuiten und Papisten wider ihre geheiligte Person gehabt, entgangen. Desgleichen: Konott VVIiorv, in zwey Theilen, wovon der erste in dem dritten Bande der Dodsleyschen Sammlung zu finden. Unter die Stücke welche er in Gesellschaft mit Webstcrn geschrieben, gehöret ^Vvstt's HiNor^. Der Held dieses Stücks ist Sir Thomas 5Vyat aus Kcnt, welcher in dem ersten Zahrc der Königin Maria einen Aufstand erregte, um ihre Vermählung mit Philipps von Spanien zu hintertreiben. It. Znlk Greville, Lord Brooke; ein Herr der bey der Königin Elisabeth in großen Gnaden stand, und auch an dem Hofe Iacobi I. wichtige Stellen bekleidete. Er war ein vertrauter Freund von PH. Sivney und Lamdens großer Gönner. Er schrieb zwey Trauerspiele, Alaham und 5Nu- slapha. Das letztere stehet in dem zweyten Bande der Dodsleyschen Sammlung. Er ward 1028. von einem seiner Bedienten, der sich von ihm nicht genug belohnt zu seyn glaubte, ermordet. 12. Philipp Maßinger. Er war einer von den angesehensten Dichtern seiner Zeit; gcbohrcn gegen 1686. Er starb zu London 1640. und ward von allen Kon»ödiantcn, die damals in der Stadt waren, zu Grabe begleitet. Ausser vcr- schicdncn Stücken, die er mit Fletchern und andern in Gemeinschaft schrieb, hat er deren noch vierzehn von seiner eignen Arbeit drucken lassen. Viere davon: (Zusräisri, a comieal Hiktor^; das Lustspiel: ^ Nk,v ,va^ to ps^ olä äedts; die Tragikomödie: pieturo, und das Trauerspiel: 1ko unnatursl Lombst hat Dodslev dem achten Bande seiner Sammlung einverleibet. 13. Thomas Randolph; gcbohren 1006. Er studirete zu Cambridge, und war einer von den eifrigsten Anhängern und Bewundrern Ben Johnsons Er starb 1634. Von seinen _ _^_^_ Geschichte der englischen Schaubühne. 326 dramatischen Stücken stehet das Lustspiel: IKv klulvs I^oo- kinZ kwss, welches zugleich eine Vertheidigung der Schaubühne ist, in dem sechsten Bande der Dodsleyschen Sammlung. 14. William Alexander Graf von Scirling; aus einer vornehmen Schottischen Familie; gcbohrcn unter der Regierung der Königin LLlisabech und während der Minderjährigkeit Jacobi VI. von Schottland. Er stand bey dem letzter» und dessen Sohne Carl dem ersten, in großen Gnaden und bediente wichtige Aemter. Er ist Verfasser von vier dramatischen Stücken, die er Monarchische Trauerspiele nennet; nahmentlich, die Alerandn'nische Tragödie, Crösns, Darius u„d Julius Tasar. Sie sind nach dem Muster der Alten geschrieben, und haben zwischen jedem Aufzuge Chöre. Sie sind durchaus ernsthaft, und wie die Tragödien des Scncca voller Sinnsprüchc; doch sind auch die sanftem und zärtlichern Leidenschaften dann und wann sehr fein bearbeitet. Zn der Wahl seiner Verse aber, ist der Verfasser sehr unglücklich gewesen; es sind nehmlich Verse mit abwechselnden Reimen, so wie sie Pibrac in seinen Vicrvcrscn, oder Davenant in seinem Gondibcrt gemacht hat. 16. John Ford; schrieb unter der Regierung Tarls des ersten, zum Theil in Gesellschaft mit Rorvley und Decker. Er war zu dem Tragischen aufgelegter, als zum Komischen. Seine beste Tragödie soll seyn: '^is ?it^ klio is a ^Vnorv! Schade, daß sie eine Hure ist! Ein sonderbarer Titel für ein Trauerspiel. Die unzüchtige Liebe eines Bruders zu seiner Schwester, wird darinn ei» wenig mit allzu lebhaften und rcitzcnden Farben geschildert. 16. Thomas May, war unter der Regierung der Königin Elisabeth gcbohrcn, und lcbte an dem Hofe >Iarls des ersten, während wclchcr Zeit cr drey Trauerspiele und zwey Komödien schrich. Die bcydcn lctztcrn unter dem Titel: kko Loir und tliv olä ('ouple sind in dem siebenden Bande der Zvodsleyschen Sammlung befindlich. Weil cr zugleich mit IVilliam Davenam um die Stcllc des gekrönten Hof- poctcn anhielt, und sie nicht bekam, ward cr wider den 326 Theatralische Bibliothek. Hof erbittert, und hicng, während dem bürgerlichen Kriege, dem Parlamente an. Er beschrieb auch die Geschichte dieses Parlaments, worinn er alle Galle eines Mißvergnügten ausschüttete. Er starb 1652. 17. Thomas Goff; gcbohrcn gegen das Zahr 1692. Er schrieb, als er zu Oxford studirctc, vcrschicdnc Tragödien; wählte aber hernach den geistlichen Stand, und schrieb Predigten, deren einige im Zahre 1624. gedruckt worden. Er starb in in dem nehmlichen Zahre. 18. Thomas Miodlcton. Er lebte unter der Regierung Carls des ersten; und das rühmlichste was man von ihm sagen kann, ist dieses, daß er mit Johnson und Fletcher in Gemeinschaft gearbeitet, desgleichen auch mit ZNaßinger und Rorvley. Seine dramatische Stücke bclauffen sich auf vier und zwanzig, meistens Komödien. Eine davon: ^ in-lä ^Vorlä, Natters! stehet in dem fünften Bande der Dodslevscken Sammlung; und eine andere: '1'iie Ml-^m- vk lZueendormiZI,, in dem cilftcn Bande derselben. 19. John Sncklmg, gcbohren 1613. Sein Barer war Haushofmeister bey Carl dem ersten. Er rcisctc, und wohnte in Deutschland einem Feldzuge unter Gustavs Adolphs bey. Als er wieder nach Hause kam, war der bürgerliche Krieg ausgcbrochen. Er brachte auf eigne Kosten einen Trupp Reiter, zum Dienste des Königs, zusammen, konnte aber keine grossen Dinge damit verrichten, weil er im acht und zwanzigsten Zahre seines Alters starb. Man hat nur vier dramatische Stücke von ihm. Zn Prosa wußte er sich als ein Mann von Lebensart und Witz auszudrücken; zur Poesie aber zeigte er kein sonderlich Genie. 20. William Lartwrighr; gcbohrcn 1611. oder nach andern 161Z. Er ftudirte zu Oxford, wo er vcrschicdnc Komödien und Tragikomödien schrieb. Eine von den leztern: tko ko^sl Slave, ward den 30 August 1636 von den Studenten des Christchurch Collcgii daselbst, in Gegenwart des Königs und der Königin mit grossem Bevfallc aufgeführt. Seine Komödie: tlio Oräinar^ stehet in dem zehnten Bande der DoOoleyschcn Sammlung. Cartwright trat hernach Geschichte der englischen Schaubühne. 327 in den geistlichen Stand, und erwarb sich durch seine pathetische Predigten vielen Ruhm. Er starb aber sehr jung; nehmlich 1643. im drey und dreißigsten Zahrc seines Alters. 1. Anthony Brerver; blühte unter der Regierung Carls des ersten, und schrieb, ausser einer Komödie, den vor Aiebe kranken Ronig, welches für eines von den besten irregulären Trauerspielen, nach Shakespears seinen, gehalten wird. Die Geschichte ist ungcmein rührend: Canut, König von Dänncmark, hat sich der Stadt Winchester, durch Vcrräthcrcy eines Einwohners, bemächtiget, und befiehlt alles über die Klinge springen zu lassen. Er kömmt voller Blutdurst in das Kloster, und schnaubet nach Mord; hier gehet ihm die Nonne Carresmunoe entgegen, und ihre Schönheit hat die Gewalt, die Wuth des tobenden Siegers zu hemmen und ihn gleichsam in einen Menschen umzuschaffen. Canm verliebt sich in sie, und die schöne Nonne überläßt sich, nach einem langen Streite zwischen Ehre und Liebe, dem Tyrannen, und bricht ihr Klostergclübdc. Die Sprache in diesem Stücke des Drerocr ist sehr modern; die Verse sind so musikalisch, als Rorves Bcrsc nur immer seyn können, und eine Menge Stellen sind von einer recht schmelzenden Zärtlichkeit. — Noch schreiben einige diesem A. Zörerver ein Lustspiel zu, unter dem Titel: I^mgua, or tko Oombat ok tko I'onAue anä tliv tivo keolos, kor Lupeiiorlt^. Es ward 1607. zuerst gedruckt, und ist in dem fünften Bande der Dodsleyschcn Sammlung zu finden. Ein Umstand macht dieses Stück merkwürdig. Als es nehmlich zu Cambridge aufgeführet ward, spielte Oliver Cromrvell, als ein junger Student, die Rolle des Gefühls darinn, und zwar mit so vieler Empfindung, daß sein Ehrgeitz dabey zuerst aufzuwachen anfing. Folgende Stelle, wo er als spielende Person gckrönct wird, soll ihn unter andern so erhitzt haben, daß er in allem Ernste nach einer wirklichen Krone zu trachten, sich vorgesetzt. liotos ancl ba^s, pacli livnco! tllis crovvo an<1 rolle krmvs, anä liou!^, circlos an«1 invvtts; Hovv Fallaatl^ it lits mc! luro tno tlavv 328 Theatralische Bibliothek. klealm'oä mv- keail, tkat vvrouAlit tkis coronet. Hiev liv tkut sav, com^Ioxion cannot etianAe! ZVIv klooü's enuolilizä, und i sm trsnsl'oriu'cl Ilnto tliv kaerod tomper os » liMA. Netkirilis, i Iiosr mv »0I1I0 p-iratitos LtiliiiZ mo <Ü!Ls»r, or great ^lexancler, I^icliing mv loot <^e. 22. James Schirley; ist einer von den voluminösesten dramatischen Dichtern dieses Perioden; doch gehöret er auch einigermassen mit in den folgenden. Er hatte zu Cambridge den Gradum angenommen, und war auch bereits Prediger in der Grafschaft Hcrrford, als er zur katholischen Religion übertrat. Er verließ also seine Pfarr, kam nach London, und ficng an für das Theater zu arbeiten. Die Königin Henriette Mari«, Carls des ersten Gemahlin, erzeigte ihm viel Gnade, der er auch, bis sie in dem bürgerlichen Kriege nach Frankreich flüchten mußte, treulich anhing. Er trat hierauf in die Dienste des Herzogs von Ncwcastle, William Cavendiscl?. Nach der Restauration wurden verschickn? von seinen Lustspielen nicht ohne Beyfall in Londen aufgeführt. Man kann aber nicht sagen, daß ihm Tarl der zweyte irgend eine Belohnung für seine beständige Treue gegen das Königliche Haus zuflicsscn lassen. Er starb in grossem Elende zu Londen 1666. Er hat an die acht und dreyßig dramatische Stücke, meistens Komödien, geschrieben. Zwey davon, Lirck m tko Ozo, und Ikv (ZaineNer, stehen in dem neunten Bande der Zvodsleyscben Sammlung. Er hat ihr eine ironische Zuschrift an William Prynne, dessen wir ein andermal gedenken werden, vorgesetzt. Und dieses werden auch ziemlich die merkwürdigsten dramatischen Dichter aus diesem Perioden seyn. Einige andere will ich nur bloß nennen. Joseph Rutter, ein Zcitverwandter des Johnson, dessen tragisch-komische Pastorclle llie Skopkerä's Uoliäsv, in dem siebenden Bande der Dodsleyschen Sammlung vorkömmt. — William Habingron, gebohrcn 1605. und gestorben 1654, dessen Tragikomödie: IKv (jueva ok ^rrgZr>-den war sein großer Feind; allein er verachtete ihn viel zu sehr. Vcrschicdnc von seinen Komödicn sind reich an Humorz und es fehlt ihnen auch nicht an ursprünglichen Charaktcrn. Er ahmte sonderlich Ben Johnson nach. 6. Thomas Rillegrero. Er war Edelknabe bey Carl dem ersten, und hernach Kammcrjunkcr bey Carl dem zweyten, mit dem er zwanzig Zahr ausser England lebte. Während dieser Zeit schrieb er neun dramatische Stücke, und zwey nach seiner Zurückkunft in London, die daselbst in einem Foliobandc 1664 zusammen gedruckt worden. Ein Lustspiel davon: __ Geschichte der englischen Schaubühne. 331 Ine parlon's VVvcltlinA stehet in dem neunten Bande der Dooelcyscben Sammlung. — Auch von einem andern Dichter dieses Namens, William Rillegrero, der Carl dem ersten sehr treu blieb, und hernach gleichfalls an Carls des zweyten Hofe lebte, hat man vier dramatische Stücke, die zu Oxford 1666 in Folio zusammen gedruckt worden. 7. Racharine Philips, eines Kaufmanns, John Fowlcs, Tochter, zu Londcn gcbohrcn 1631. Sie übersetzte einige Trauerspiele aus dem Französischen des P- Corneille und starb im zwey und drcyßigstcn Zahre ihres Alters 1664. 8. Roger Boyle Graf von Grrey; gcbohrcn 1621. Er war einer von den größten Staatsmännern seiner Zeit, und schrieb einige Tragödien. Er starb 1629. 9. Aphra Zdehn; diese bekannte Dichterin ward unter der Regierung Carls des ersten gcbohrcn, und lcbtc ihre jünger» Jahre mit ihrcm Batcr, Namcns Johnson, in Surinam. Als sie nach London wieder zurück kam, hcyrathete sie daselbst ein Kaufmann mit Nahmen Vchn. Carl der zweyte brauchte sie in politischen Angclcgcnhcitcn. Sie hat, ausser vcrschicdncn andern Gedichten, siebzehn Komödien geschrieben, welche in vier Duodczbändcn 1724 zusammen gedruckt worden. Sie starb 1689. 10. Charles Sedley; gcbohrcn gcgcn 1699. Er kam nach der Restauration an den Hof Carls des zweyten, der ihn sehr werth hielt. Er hatte viel Witz, abcr eine schr wilde Lebensart. Die Revolution unter Jacob dem zweyten, half er schr befördern. Er ist Vcrfaßcr von drey Komödien und eben so viclcn Traucrspiclcn, die mit seinen übrigen Gedichten 1719. in zwey Octavbändcn zusammen gedruckt worden. 11. George Erherege; gcbohrcn gcgcn 1636. Er ftudirte einige Zeit zu Cambridge und that eine Reise nach Frankreich. Seine erste Komödie: l'Iio eomical kevenZe, or I^nvz in a lud, ward 1664. zuerst aufgeführt, und brachte ihm die Bekanntschaft der damals bcruffcncn witzigen Köpfe, des Herzogs von Buckingham, des Grafen von Rochester, des vorerwehntcn Charles Sedley, zuwege, in deren Lebensart er nicht übel einschlug. Jacob der zweyte schickte ihn 3Z2 Theatralische Bibliothek. als seinen Minister nach Regensburg, wo er auch gestorben seyn soll. Er hat außer dem angeführten Lustspiele, deren nur noch zwey oder drey gemacht. 12. Vvilliam XNountford; gebohren 1659. Er war ein berühmter Schauspieler und zugleich Verfasser von einigen dramatischen Stücken, unter welchen sich das Possenspiel befindet: Dr. kauttus, nitk tke Humours ok Harleyuio iwcl 8<-»rsmoucIi. Er ward 1692. meuchelmördcrischer Weise umgebracht. 13. John Crown; gebohren in Ncuschottland in Nordamerika. Er kam nach England über und erlangte als ein dramatischer Schriftsteller, an dem Hofe Carls des zweyten, nicht den kleinsten Ruhm. Er hat siebzehn Stücke für das Theater geschrieben, unter welchen die Komödie: 8ir Lourtl^ Mee, or it c-mnot be, für das beste gehalten wird. Er lebte noch 1705. in einem hohen Alter. 14. Thomas Zbelterron, einer von den größten Schauspielern, die England jemals gehabt hat. Er war gebohren 1636. und starb 171V. Er ist auch Verfasser von drey dramatischen Stücken. 16. John Banks; Verfasser von verschiednen Tragödien, die von keinem großen poetischen Genie zeigen, aber doch nicht selten Thränen erregt haben, welches besonders von seinem Grafen von Lüssex und Anna Dullen zu sagen ist. Er lebte noch im Zahr 1706. 16. George Farquhar; ein Zrrländcr, gebohren 1678. Er stu- dirtc in dem Drcyfaltigkcits-Collegio zu Dublin, betrat aber bald das Theater daselbst. Zm Zahr 1696. kam er nach London, und ward aus einem Schauspieler ein komischer Schriftsteller. Seine Lustspiele haben ihren Werth, ob er gleich das Alter nicht erreichte, in welchem er eine reife und allgemeine Kenntniß der Welt hätte haben und zeigen können. Er starb nehmlich noch vor seinem dreyßigstcn Zahrc 1707. in sehr mißlichen Umständen. ^t7. Elkanah Settle; gebohren gegen 1658. Er spielte von 1680. den politischen Fcderfechtcr und war bald ein iLory Geschichte der englischen Schaubühne. 333 und bald ein U)hig. Zugleich schrieb er an die fünfzehn dramatische Stücke und starb 1724. 18. Edward Ravenscrafc; Vcrfaßcr von cilfdramatischcn Stücken. Er war ein grosser Feind von Druden. Der Vorwurf des Plagii aber, den er diesem macht, ist ihm selbst mit größtem Rechte zu machen, indem er seine Lustspiele fast alle, aus französischen entlehnet hat, ohne sie zu verschönern, welches unter Drydens Feder doch oft geschah. Er muß gegen das Ende des vergangenen Jahrhunderts gestorben seyn. 19. William Wyckerley; dieser große komische Dichter war ge- bohrcn 1640. Er kam sehr jung nach Frankreich, wo er die katholische Religion annahm, der er aber wieder nach seiner Zurückkunft in England entsagte. Er war auf dem Puncte bey Carl dem zweyten, der ihn sehr schätzte, ein großes Glück zu machen, als die Liebe auf einmal seine schönsten Hofnungen zerstörte. Er starb 1716. Sein erstes Lustspiel: I.ove i» a VVooil, ist von 1672. Sein -Dosier, welchen Voltaire sehr wohl zu brauchen gewußt hat, wird filr sein bestes Stück gehalten. 20. Nahum Täte; gebohren uutcr der Regierung Carls des zweyten. Er ward nach Shadrvells Tode gekrönter Poetc, und lebte bis gegen 1715. Er ist Verfasser von neun Schauspielen. 21. Thomas d'Urfey, Verfasser von ein und dreyßig aber sehr mittelmäßigen Schauspielen. Er starb 1723. in einem sehr hohen Alter. Man kennet die spaßhaften Lobeserhebungen, die der Zuschauer an verschiedenen Orten von ihm macht. 22. Peter Motteaur; ein Franzose, gebohren zu Roucn in der Normandie. Er kam nach England, und trieb in Londcn einen ansehnlichen Handel. Er ward dabey ein englischer Schriftsteller, und schrieb vcrschicdne Schauspiele. Er kam 1718. im acht und fünfzigsten Jahre seines Alters, ums Leben. 23. Mistreß Manley; dieses bekannte unglückliche Frauenzimmer, ist auch Verfasserin von einigen Schauspielen. Sie starb 1724. Es finden sich noch verschiedene andere dramatische Dichter, die in diesen Perioden zwar gehören, aber weder schlecht genug, 334 Theatralische Bibliothek. noch gut genug sind, näher gekannt zu werden; dergleichen Flecknoe, Gilöon, Cotton, Dennis:c- Dritter Periode, oder das neueste englische Theater. Ich habe gesagt, daß ich diesen Perioden von einigen mehr feinen als großen Köpfen zu rechnen anfange, die gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts, besonders dem englischen Trauerspiele mehr Regelmäßigkeit und Anstand zu geben bemüht waren. Ich will aber damit nicht sagen, daß alle mit ihnen zugleich lebende oder auf sie folgende dramatische Schriftsteller ihres Landes, die nehmliche Bahn betreten. Genug, daß ihr Beyspiel auf alle wenigstens so viel Einfluß gehabt zu haben scheint, um mit ihnen eine neue Klasse anfangen zu können, worüber ich mich anderwärts näher erklären werde. ^. Nicholas Rorve. Dieser vortrcfliche Dichter ward gcbohrcn 1673, in der Grafschaft Bedford. Sein erstes Trauerspiel: ?ii5. Die Theater waren während dieser Landplage in London alle geschlossen, und Druden konnte sich mit nichts als den Gedanken davon auf dem Lande unterhalten, und that dieses, wie er sagt, mit eben dem Vergnügen, mit welchem ein Liebhaber an seine abwesende Gebieterin denket. Es hat aber Druden seinen Versuch in eine Unterredung zwischen vier Freunden, Namens iLugcnius, Crircs, S.isi0e>us und Neandcr, eingekleidet, und der Tag dieser Unterredung ist der merkwürdige Tag, an welchem der damalige Herzog von Z?ork (nachher Jacob II.) über die holländische Flotte unter dem Admiral GbSam den grossen Sieg erhielt. Die vier Freunde befanden sich auf einem Boote, auf welchem sie nach Greenrvich zufuhren, um das Kanoncnfcucr zwischen den streitenden Flotten von weiten mit anzuhören. Als sich nun der Schall immer nach und nach von den englischen Küsten entfernte, und LLuge- nius dieses für ein günstiges Omen des für seine Nation ausgefallenen Sieges hielt, fielen ihm zwar alle bey, trircs aber, ein Mann von einer sehr scharfen Bcurthcilungskraft, und einem etwas allzucckcln Geschmacke, der ihn oft in den Verdacht eines bösartigen Gemüths brachte, sagte lächelnd: Wenn auf dieses Seegefecht nicht so gar viel ankäme, so würde er den Sieg kaum gewünscht haben, da er schon im voraus wisse, wie theuer er ihm werde zu stehen kommen, und wie viel elende Verse er darauf werde hören und lesen müssen. Er setzte Hinzu, daß diese» ewigen Reimern keine Gelegenheit entwischen könne, und daß sie auf ein Treffen mit eben so heißhungriger Begierde, als Raben und andere Raubvögel lauerten. — Einige von ihnen, fuhr L.isioe,us fort, haben sich bereits, wie ich weis, auf jeden Fall so gefaßt gemacht, das sie nicht allein mit einem Lob- Lessmgs Werke iv. 22 Theatralische Bibliothek. gcsange auf den Sieg, sondern wenn es nöthig wäre, auch wohl mit einer Traucrode auf den Tod des Herzogs, sogleich bey der Hand seyn können :e. — Die Unterredung kömmt all- mälig auf einige schlechte Dichter ins besondere und Lrires schließt, daß es überhaupt itzt wenig gute Schriftsteller gebe, die man mit den Alten vergleichen könne, oder sich auch nur zu der Würde des letzt vergangenen Weltalters crhicbcii. — (Er verstehet unter diesem letzt vergangenen Weltaltcr, die kurz vor dem bürgerlichen Kriege vorhergegangenen Zahre, die Regierung der Königin Elisabeth und Jacobs des ersten, unter welcher Shakc- spcar, Johnson und andere grosse Genies lebten.) „Wenn sich ihr Unwille gegen die itzigcn schlechten Scri- „ beuten, erwiderte U-ugcnins dem Critcs, bloß auf ihre Verehrungen des Alterthums gründet, so kann niemand williger '„seyn, jene grossen Griechen und Römer zu bewundern, als „ich. Dem ohngcachtct aber kann ich doch auch von dem Zeitalter, in welchem ich lebe, und von meinem Lande unmöglich „so verächtlich denken, daß ich nicht glauben sollte, wir kämen „in den meisten Cattungcn des Poesie den Alten gleich, und „überträfen sie sogar in einigen. Und warum sollte ich auch „nicht für die Ehre meines Wcltaltcrs eben so eifrig seyn, als „ich finde, daß die Alten sür die Ehre des ihrigen gewesen „sind? Denn auch -Hora; sagt: InäiFnor xu>!cl^iiam rc-nreliLttlli, »on l^ul-t oi-stro (Kompositum, illonidovv putotur, soll ,zuia «upor, „und darauf: 8i mol'iora uivs, ut vina, poomata rocUlit, 8eire volim protium cliurtis nuotus arroZet aimus? „Doch ich sehe, daß ich in ein allzuwcitcs Feld gerathc; „die Poesie ist von allzu grossem Umfange; es haben sich in „jeder Gattung derselben so manche Alte und Neue so sehr hervorgethan, daß es nöthig seyn wird unscrn Streit auf eine „einzelne Gattung einzuschränken." Lugenius fragt also den Lrites, auf welche? Cures wchlt das Drama, und von diesem will er beweisen, daß sowohl die Alten die Neuern, als das vergangene Weltalter das itzige darin» übcrtrosfcn. Nachdem sie für gut befunden, eine etwanigc Erklärung, ^-U», f,rfe ungcdruckttr Lustspiele dcs ilaliänischcn ZhccitcrS. 346 cr die dramatisch komische, weil ihm sowohl die Vortheile, als das Vergnügen in die Augen stechen, die ein Verfasser nothwendig gemessen müsse, dessen Werke öffentlich aufgeführet werden, und den Beyfall dcs Publicums erhalten. Um seinen Geist nun immer darauf vorzubereiten, so befiehlt cr dem Har- leauin, ihm ein poetisches Werk zu hohlen. Harlcquin bringt ihm cincs, wclchcs den Titel führt: ver Spieler, ein Lustspiel des Herrn Regnaro. Kaum aber hat Lclio, so heißt unser Spiclcr, die Augen auf diesen Titcl fallen lassen, als cr es zornig wegwirft, und die Unverschämtheit der Schriftsteller verwünscht, die sich, einen so wackern Mann, als ein Spieler sey, auf die Bühne zu bringen, unterstehen dürfen. Zn eben dem Augenblicke kömmt der Bruder seiner Gebieterin zu ihm und fragt, ob cr ihm nicht die Zahlung eines Wcchsclbricscs von vicr tausend Livrcs vorstrecken könne. Lclio bekömmt die Gedanken, daß cr sich mit dicscm Wcchsclbricfc vielleicht um so viel eher wieder helfen könne, da sich eben neue Spiclcr bey ihm cingcfundcn haben; er macht sich also kein Bedenken dem Mario, dcm Brudcr seiner Braut, zu versprechen, daß cr es mit Vergnügen thun wolle, und indem cr dcn Wechsel vor sich hat, läßt cr sich auch sogleich in das Spiel ein. Der Gläubiger, der in dem ersten Aufzuge vorgekommen, und dem er seinen Hcyrathscontract zum Untcrpfande gegeben, kömmt zu dem Mädchcn dcr Flaminia, und fragt sie, ob ihre Gebieterin wirklich dcn Lclio hcyrathe. Er läßt sich übrigens nicht lange bitten, ihr zu sagen, daß ihm Lclio, zur Vcrsichcrung cincr beträchtlichen Summe, dcn Hcyrathscontract eingehändiget habe. Violette giebt sogleich ihrer Gebieterin davon Nachricht; diese aber, die noch immer für dcn Lclio eingcnommcn ist, will eS nicht glauben, und kömmt auch eher nicht aus ihrem Irrthume, als bis sich dcr Tractcur wicdcr einstellt, sich entdeckt, ihr die Geschichte des Lclio crzchlt, und ihn für dcn cntschlosscnstcn Spiclcr erklärt. Endlich wird sie völlig davon überzeugt, als sie zwey Spiclcr aus dcm Hausc dcs Lclio kommen sieht, die das Silberzeug und die Stoffe, welche sie ihrem Bräutigam geschenkt, mit sich wegtragen. Sie entschließt sich den Tractcur zu bezahlen, um ihre Uhr wieder zu haben, und verspricht den beyden 346 ?hc.itt>iliscl,c Bibliothek, Spielern, das Silberzeug und die Stoffe einzulösen. Lclio kömmt dazu, voller Verzweiflung wegen seines neuen Unglücks, und findet sich zwischen seiner Gebieterin, dem Oheim und dem Mario, den er um den Wechsel so schändlich gebracht hat. Zeder nimmt von ihm auf die empfindlichste Art so wie es sein unordentliches Leben verdienet, Abschied; und er bleibt stumm und ohne Verantwortung da stehen. Zu seinem Glücke kömmt noch ein Freund dazu, der ihn aus dieser Verwirrung reißt; cr sey, sagt dieser Freund, im Begriffe sich einzuschiffen und nach Peru zu gehen, und komme also, von ihm Abschied zu nehmen. Lclio antwortet ihm kein Wort, sondern höhlet seinen Degen, seinen Mantel und seinen Hut, und bietet sich ihm zum Reisegefährten an. Der Freund ist es sehr wohl zufrieden; sie gehen also mit einander ab, nachdem Lclio vorher von dem Har- lcquin, dem cr das Wenige, das ihm noch übrig gcblicbcn, läßt, Abschied gcnommcn, und ihn gcbctcn, seine Gläubiger zu versichern, daß cr sie in Peru nicht vergessen wolle. 2) L ltillion il-!mo!f<'; in fünf Auszügen, nach dem Entwürfe des ältern Riccoboni, den ZV Zunius 1717 zum erstenmale aufgeführt. Personen. Pamalon. K.elio, dessen Sohn. -Harlequin, Bedienter des Lclio. Der Doctor. Silvia die Tochter des Doctors. Hlamiina, dcs Doctors Nichtc. Scapin der Fla- minia Bedienter. Ein zweyter Bedienter der Flaminia, in ein Frauenzimmer verkleidet. 5N«rio und dessen Bedienter Scaramouche. Die Scene ist in Mayland, vor und in dem Hause des Pantalon. Lclio, ein jungcr, rcichcr von Adcl, hatte zu Mayland Gelegenheit gehabt, mit Franzosen öfters umzugehen, und dadurch an allen französischen Manieren einen ausscrordcntlichcn Geschmack bekommen. Diese Neigung ist mit der Zeit so stark geworden, daß das, was Anfangs nur ein leichtes Vergnügen war, zu einer herrschenden Leidenschaft angewachsen. Er hat keine andre Ergctzung in der Welt, als daß cr dicscr galanten Nation nachzuahmen sucht, deren beständiger Anbeter er ist; cr schätzet alles, was sich nicht aus Frankreich hcrschrcibt, für gc- ^ Entwürfe uiigedriickter Lnstspiclc des italiänischen Z hc.ttcrs. 347 ring und verachtet ohne Unterschied was Italien schönes lind vortrcfliches auszuweisen hat. Pantalon, des Lclio Vatcr, ist gesonnen ihn zu vcrhcyra- thcn, und bestimmt ihm ein junges sehr schönes Frauenzimmer, von gutem Stande, Namens Silvia, zur Gemahlin; weil er aber wider die Ztaliäncrinncn eingenommen ist, und glaubt, daß sie voller Fehler, und an Annehmlichkeit mit den französischen Damen gar nicht zu vergleichen wären, so will er von dieser Hcyrath durchaus nichts hören, blos aus der Ursache, weil Silvia keine Französin ist. Eben da dieses vorgeht, kömmt Flaminia, bey ihrem Oheim dem Doctor, zu Mayland an, und erfährt die wenige Achtung welche Lclio gegen das italiänische Frauenzimmer hat, und wie sehr er hingegen für das französische eingenommen sey. Sie findet sich ungcmcin dadurch beleidiget, und in der Absicht die Sache ihres Geschlechts und ihres Vaterlands zu vertheidigen, läßt sie sich dem Lclio, unter dem Namen cincr Französin, dic sich einige Zcit bey dem Doctor aufhalten werde, vorstellen. Dieses giebt dem Lclio, der sich sogleich in sie verliebt, Gelegenheit seine übertriebene Achtung der Französinnen durch neue Entzückungen an den Tag zu legen, und ihre Vorzüge vor den Ztaliäncrinncn uncndlich zu crhcbcn. Da Harlcauin, dcr schon seit langcr Zcit Violetten liebt, seinen Herrn alle Augcnblickc von französischcn Damcn rcdcn und sic so ausscrordcntlich loben höret; so fängt es ihm an zu gereuen, daß er diesem Mädchen scin Wort gcgcbcn, und cntschlicßt sich, so wie sein Herr, gleichfalls kcinc andcrc, als cine Französin zu hcyrathcn. Vio- lcttc, die über diese Untreue in Verzweiflung gcräth, ersucht dic Flaminia um ihrcn Beystand, die sogleich einen von ihren Bc- dicnten als ein Frauenzimmer verkleiden läßt, und ihn mit zu dem Lclio nimt, wo Harlcauin, dcr ihn für cine Französin hält, tausend Ausschweifungen mit ihm begeht. Und dieser doppelt Betrug ist dcr Inhalt dicscr Komödic, deren Vcrwickclung und Auflösung darin« bcstcht und dic sich endlich mit dcr Vcr- heyrathung dcr Flaminia und des Lclio cndct. 348 Theatralische Bibliothek. 3) tl IVliu-iw vitiolo; in fünf Aufzügen, nach dem italiänischen Entwürfe des ältern Riccoboni, den 29 Zunius 1716 zum erstenmale aufgeführt. Personen. Pamalon, ein vcnctianischcr Kaufmann, der sich zu Ncapolis niedergelassen, Vater der Flaminia, des Mario und des Silvio. -Harlcquin und Violette, Bediente des Pan- talon. Ä.elio, Liebhaber der Flaminia. Der ZOoctor. Sca- ramouche- Scapin. Das Stück ist den Sitten von Venedig gemäß abgefaßt; und die Scene liegt in, und vor dem Hause des Pantalon. Panralon, ein vcnctianischer Kaufmann, der sich zu Ncapolis niedergelassen, überläßt sich dem Trunkc, und gcräth unter lüdcrliche Leute, die ihn zu einem vollkommenen Trunkenbolde machen. Er versagt seine Tochter Flaminia dem Lclio, der sie heftig liebt, weil er ihn nicht für reich genug hält. Von den zwey Söhnen, welche er hat, Namens Mario und Silvio, nimt sich der eine der Handlung sehr eifrig an, und der andre will durchaus reisen, wozu aber der Vater seine Einwilligung zu geben sich weigert. Das lüdcrliche Lcbcn des Pantalons macht, daß cr scine Angelegenheiten gänzlich vcrnachläßigct, und in der Trunkenheit hat er den Doclor und dcn Scaramouchc beleidiget, die sich deswegen zu rächen suchen. Harlcquin liebt Violetten, welche eben so wie er bey dem Pantalon in Diensten ist; er wird aber von ihr abgewiesen, weil sie dcn Scapin liebt. Gleichwohl verführt ihn die Liebe, die cr zu ihr trägt, daß er ihr, seinen Herrn zu bestchlcn, verspricht, weil er sich Hoffnung macht, nach geschehenem Dicbstahlc mit ihr davon zu fliehen, und sie zu heyrathen. Scapin macht sich die Trunkenheit des Pantalon zu Nutze, und schiebt ihm, anstatt einer Quittung, die er unterschreiben soll, eine Handschrift unter, in welchcr cr zu der Verbindung des Lclio mit dcr Flaminia seine Einwilligung giebt. Als dcr Alte wieder nüchtern wird, und gleichwohl seine Unterschrift nicht leugnen kann, gcräth er in ausscrordentlichcs Erstaunen darüber. Dcr Doctor, dem Pantalon schuldig ist, um sich wegen des ihm angcthancn Schimpfes zu rächen, läßt alle Waaren aus seinem Lager wegnehmen. Dcn Augenblick dar- Entwürfe ungedruckter Lustspiele des italienischen Theaters. 349 auf bringt man ihm den Lelio geführt, den Scaramouchc in einem Zweykampfe verwundet hat, um die ihm gleichfalls von dem Vater erwiesene Beleidigung an dem Sohne zu rächen. Sein zweyter Sohn Silvio nimt ihm, als er schläft, den besten Theil seiner Kasse, und flicht damit fort, die Welt zu durchstreichen. Und damit das Unglück endlich vollkommen werde, stiehlt ihm auch Harlequin, den er allezeit für einen sehr getreuen Diener gehalten, auf Anstiften der Violette, eine sehr beträchtliche Summe, und giebt sie diesem Mädchen, die ihn aber zum besten hat, und mit dem Scapin davon geht. Pan- talon erkennt nunmehr, daß sein lüderliches Leben die Quelle aller dieser UnglückSfällc ist, versichert vom Trinken gänzlich abzulassen, und endiget das Stuck durch die Einwilligung, die er zu der Hcyrath der Flaminia mit dem Lelio ertheilet. 4) I'Impotteur msIZr«- lu!; in fünf Aufzügen, nach dem Entwürfe des ältern Riccoboni den 4. Julius zum erstenmale aufgeführt. Personen. Ä.elio K.moori ein edler Genueser. Harlequin, dessen Bedienter. Fapandro Ardcmi, ein Alter. Flaminia, dessen Tochter. Mario, dessen Sohn. Silvia, Schwester des Lelio. Scaramoucbe, Liebhaber der Flaminia. Die Scene ist zu Mayland, und dieser Entwurf selbst ist eigentlich aus einem spanischen Lustspiele des Morero gezogen. Lelio hatte in Genua, seinem Vatcrlande, einen unbekannten Cavalicr in einer vertrauten Unterredung mit seiner Schwester Silvia betroffen, sich mit ihm geschlagen und ihn verwundet. Weil er die Folgen dieses Zwcykampfs fürchtet, welcher seinen Feinden Gelegenheit giebt, ihn in einen schlimmen Handel zu verwickeln, so flicht er nach Mayland. Als er in dieser Stadt ist, wird er in die Flaminia verliebt, von deren Familie er nichts weiß, und die er auch nicht anders als auf Spatzicrgängen sehen kann. Unterdessen, (und hier sängt sich die Komödie an,) trift Scaramouchc, ein vertrauter Freund eines alten Bürgers von Mayland, des Eapandro Ardcnti, dessen Tochter, die eben gedachte Flaminia, er heyrathen soll, den Lelio an. Er wird durch die grosse Gleichheit, die er an ihm iit einem Portrait des Mario, des Sohnes des Eapandro, 3Z0 Theatralische Bibliothek. findet, betrogen, und nimt ihn für eben diesen Mario, den man alle Augenblicke von Lissabon erwartet, wo cr sich seit einigen Jahren aufgehalten. Lclio versichert den Scaramouchc, daß cr sich irre, und bemüht sich vergebens, ihn aus seinem Irrthum zu bringen. Dieser besteht darauf, daß cr nothwendig Mario scyn müssc, und übcrrcdct cs auch dcm altcn Capandro, der sich durch dic nchmlichc Achnlichkcit hintcrgchcn läßt und ihn zwingcn will, scin Sohn zu seyn, und scinc Wohnung tcy ihm zu nehmen. Harlequin, des Lclio Vcdicntcr, ist vollcr Unwille, daß sich scin Hcrr diesen Irrthum nicht zu Nutze machen will, dcr ihm um so vicl nützlicher seyn könntc, da ihnen das Gcld zu mangeln anfängt, weil sic allzuplötzlich abgereiset und dic crwartc- tcn Wcchsclbricfc ausscnblicbcn. Er cntschlicßt sich also dic Weigerung seines Herrn durch eine in dcr Geschwindigkeit ersonnene Fabel wieder gut zu machen. Cr crzchlt dcm Scara- mouchc und dem Capandro, daß scin Hcrr durch eine schr gc- fährlichc Krankheit das Gedächtniß gänzlich verloren habe, so daß man ihm alles, was cr vorher gewußt, wicdcr von ncucm beybringen müssc. Und glcich diejenigen Dinge, dic ihm vorher am geläufigsten gewesen, würden ihm itzt am schwersten zu behalten; zum Exempel, scin eigener Name, und der Name seiner Familie. Dabcy habe cr sich dcnn in dcn Kopf gcsctzt, daß cr nicht Mario Ardcnri, sondcrn cin gewisser L.elio Lundori sey, dcr Genua, wcgcn cincs gchabtcn Zwcykampfs, verlassen habe. Ucbrigcns spreche cr von allen Dingen schr vernünftig, daß man leicht mit ihm betrogen werden könne, wcnn man nicht die wahren Umstände wisse. Capandro und Scaramonche glauben diese Fabel; und je mchr Mühc sich Lclio also gicbt, sic aus dcm Irrthum zu bringen, desto hartnäckiger bestehen sic darauf, daß cr Mario scy. Endlich ficht sich Lclio gczwungcn, nachzugeben, zwar nicht sowohl wegen des Mangels, in welchem cr sich befindet, sondcrn vielmehr aus Gefälligkeit gegen dcn Altcn, dcsscn Irrthum ihn zum Mitlcidcn bcwcgt, und dcn er sonst zur Verzweiflung zu bringen besorgen muß. Er folgt ihm also in sein Haus, ans blosser Höflichkeit; als cr aber sieht, daß Flaminia des Al- (nttwiirfc »iigedrucktcr Lustspiele des it.mänischcii ^hcatcrS. 35 t tcn Tochter ist, so verführet ihn die Liebe, in die Erdichtung des HarlecminS mit einzustimmen. Da es ihm sehr schwer wird, seine Leidenschaft zu verbergen, so spielt er nicht sowohl die Rolle eines Bruders, als vielmehr eines Verliebten mit der Flaminia. Er widersetzt sich ihrer Vcrhcyrathung mit dem Sca- ramouchc, und verlangt sie für sich selbst. Die Ausschweifungen, zu welchen ihn seine Liebe bringt, werden auf die Rechnung seines Verlornen Gedächtnisses geschrieben. Harlcquin weis sich dieser Erdichtung auch so wohl zu bedienen, daß nicht allein Capandro aus seinem Irrthum nicht kömmt, sondern auch Flaminia selbst nicht weis, was sie glauben, und ob sie ihn für ihren Bruder oder für ihren Liebhaber halten soll. Unterdessen kömmt Mario, welches eben der Eavalicr ist, mit welchem sich Lclio geschlagen, nach Mayland, stellt sich seinem Vater vor, wird aber nicht erkannt, und als ein Vctriegcr abgewiesen. Auf der andern Seite getraut sich auch Silvia, nach ihrem Abcnthcucr, nicht länger in Genua zu bleiben; und da sie erfährt, daß ihr Geliebter nach Mayland gcrcisct ist, so kömmt sie, ihn daselbst aufzusuchen, und erhalt ihren Aufenthalt bey der Flaminia, bey welcher sie Nachricht von ihrem Geliebten einzuziehen hoffet. — Dieses ist nun der ganze Knoten dieses Lustspiels, welches sich endlich mit einer doppelten Hcyrath zwischen dem Lelio und der Flaminia, und dem Mario und der Silvia beschließt. 5) I^s Notempllcatv ,1'^rlequin, in einem Auszüge. Nach dem Entwnrf des ältern Riccc>boni zum erstenmale aufgeführt den Zcnncr 4718. Flaminia will durchaus den Mario nicht heyrathcn, den ihr ihr Vater Pantalon vorschlägt, weil ihr, wie sie sagt, das Andenken des Adonis, dessen Geschichte sie gelesen, viel zu kostbar sey, als daß sie einen andern lieben sollte. Sie fügt hinzu, ob Adonis gleich todt sey, so zweifle sie doch im geringsten nicht, daß seine Seele, nach der Lehre des Pythagoras, von der sie völlig überzeugt ist, nicht in einen andern Körper übergegangen seyn sollte, nnd zwar aller Wahrscheinlichkeit nach, in den Körper eines Jägers, weil er an der Zagd ehedem so viel Vergnügen gefunden. Nach dem Ercmpel dieses ihres Lieb- 362 Theatralische Bibliothek. Habers, wolle sie sich auch gänzlich der Zagd widmen, um endlich einmal den liebenswürdigen Jäger, in welchen die Seele des Adonis gefahren, zu finden, und ihn zu ihrem Gemahle zu machen. Pantalon ist hierüber in eben so grosser Verzweiflung als Mario, der die Flaminia auf das zärtlichste liebt, und beyde suchen bey dem Scapi» Rath und Hülfe, der sich die Unwissenheit des Harlcquins zu Nutze macht und ihn ohne Mühe überredet, daß die Seele des Adonis in seinen Körper gefahren sey. Er stellt ihn also der Flaminia in der Verkleidung eines Jägers vor, und glaubet zuversichtlich, daß sein häßliches Gesicht sie von ihrer seltsamen Grille abbringen werde. Doch weit gefehlt, daß dieser Betrug diese Wirkung haben sollte, so unterhält er vielmehr die Flaminia in ihrem Wahne, und sie beschließt den Harlcquin, seiner Häßlichkeit ungeachtet, zu lieben, weil sie es aufrichtig glaubt, daß die Seele des Adonis in diesen Jäger gefahren sey. Doch endlich nimmt Scapin auch daher Gelegenheit, sich der Grillen der Flaminia und der Leichtgläubigkeit des Harlcquins noch weiter zu bedienen, und versichert, daß Mars, auf die inständige Bitte des Mario, den Harlccmin verwandelt habe; daß dieser Gott die Vcrhcyrathung der Flaminia mit dem Mario durchaus verlange, dabey aber verspreche, daß die Seele des Adonis in den Körper des ersten Kindes, welches aus dieser Hcyrath entspringen werde, fahren solle. Flaminia hcyrathct also den Mario. Das Theater öfnet sich; es erscheinen Bauern und Bäuerinnen, welche die Verwandlungen des Narcissus, des Hyacinthus, der Daphne und Clitia vorstellen; und das Stück wird mit Singen und Tanzen beschlossen. 6) I^o pl-io pintml, in fünf Auszügen, nach dem Entwürfe des ältern Riccoboni den 29 May 1718. zum erstenmale aufgeführt. Lclio, ein Edelmann von Fcrrara, hatte sich, nach dem Tode seiner Frau, zu Venedig niedergelassen, und seinen Sohn und seine Tochter, Mario und Flaminia, mit dahin gebracht. Die letzte ist der einzige Gegenstand seiner väterlichen Zuneigung; er hat seine Augen nur für sie, und in allen Stücken ist er, ihren Wünschen zuvorzukommen bemüht. Der Sohn hingegen ist der Gegenstand seiner Gleichgültigkeit, ja gar sei- Entwürfe ungcdtticktcr Lustspiele des italiänischen Theaters. 3.53 »es Unwillens; cr kann ihn nicht ausstehen. Das Vorurthcil, welches cr noch über dieses für die Sitten Frankreichs hat, wo cr sich einige Zcit aufgehalten, wird gleichfalls ein Anlaß zur Uneinigkeit zwischen ihm und seinem Sohne. Denn weil dieser bloß die italiänischen Sitten kcnnct, so ist cr oft ganz anderer Meinung, als sein Barer; da ihn hingegen Flaminia, welche ihre Rechnung bey der französischen Freyheit findet, in der Meinung bestärkt, daß dieses die einzige wahre und gute Lebensart sey. Durch diese List hat sie die völlige Freyheit erhalten, die Bälle, Schauspiele und Spazicrgängc zu besuchen; und ist also von der Einsamkeit, in welcher das Frauenzimmer sonst gemeiniglich in Italien lebt, weit entfernt. Ein junger Mensch, Namens Silvio, der in französischen Diensten stehet, und nach Bologna gchct, um seinen Oheim da zu besuchen, den cr lange nicht gesehen, siehet, auf seiner Durchreise durch Ncnedig, die Flaminia auf einem Balle; ihr Witz, ihre Manieren bczaubcrn ihn, und cr wird auf das heftigste in sie verliebt. Er hatte nicht erfahren können, wer sie sey, denn da sie Französisch sprechen konnte, und dieser Cavalier der Gesellschaft als ein Franzose vorgestellet war, so hatte sie sich, um dcstomchr verbergen zu bleiben, dieser Sprache bedienet. Unterdessen war cr doch so glücklich gcwcscn, ihre Wohnung zu entdecken, und suchte seit dem Tage alle mögliche Gelegenheit sie wieder zu sehen, als cr mist von ohngcfchr die Violette, das Mädchen der Flaminia, die auf dem Balle um sie gewesen war, antraf. Er macht sich diesen glücklichen Augenblick zu Nutze, erkundiget sich nach ihrer Gebieterinn, und bemerkt mit uncndlichcm Vergnügen, daß sie seiner Begierde, sie wieder zu sehen, und selbst seiner Liebe, nichts weniger als zuwider ist. Allein Mario, der diesen Cavalicr so oft um scin Haus hatte schleichen sehen, kömmt in eben dem Augenblicke mit dem Haricauin, seinem Bedienten dazu, und bezeigt seinen Unwillen gegen die Violette und den Silvio so laut, daß Lclio aus dcm Hausc heraus kömmt, um die Ursache dieses Lcrms zu erfahren. Violette entschuldiget sich, und Silvio weis seine Sachen so gut zu machen, daß Lelio, als er von ihm erfährt, daß cr ein Franzosc sey, seinem Sohne Verweise giebt, und Lessings Werke lv. 23 Theatralische Bibliothek. dem jungen Fremden zugleich ungcmcin viel Höflichkeiten erweiset, ja sich sogar erbietet ihn seiner Tochter vorzustellen, ob sie sich gleich noch vor ihrem Nachttisch befände. Silvio, der eine solche Gunst nie hätte hoffen dürffcn, nimt das Anerbieten an. Mario will sich dagegen setzen, Lclio aber, den seine Verwegenheit erzürnt, jagt ihn von sich, und verbietet ihm, den Fuß wieder in sein Haus zu setzen. Der vermeintliche Franzose hat also das Vergnügen, seine geliebte Flaminia zu sehen, und sich an ihrem Nachttische zu befinden; allein sein Glück wird durch die Ankunft des Pantalon, welches der Schwager des Lclio und der Oheim der Flaminia ist, unterbrochen. Dieser Mann, ein Ztaliäncr von altem Schlage, hatte von seinem Neffen Mario erfahren, was bey dessen Vater eben itzt vorgegangen, und kömmt also sogleich, sich näher darnach zu erkundigen, und weil er es selbst sieht, daß man ihm keine Unwahrheit gesagt, so wird er gegen seinen Schwager ungcmcin aufgebracht. Silvio will sich wcgbegcbcn, und die listige Flaminia, die sich fürchtet, ihr Vater möchte endlich dem Pantalon Recht geben, läßt ein Paar erpreßte Thränen fallen, und sagt zu ihrem Vater, damit sie ihm den Verdruß, den er täglich mit ihrem Oheim und ihrem Bruder ihretwegen habe, ersparen möge, so sey sie entschlosscn, sich ins Kloster zu bcgcbcn, und bitte um seine Einwilligung dazu. Lclio wird durch die Thränen seiner Tochter erweicht, und sagt seinem Schwager, daß er allein Herr in seinem Hause seyn wolle; und ihm dieses zu beweisen, wolle er nicht allein, daß der fremde Cavalicr seine Tochter besuchen, sondern sogar zu ihm in das Haus ziehen solle; und wem dieses nicht anstehe, der dürfte nur von ihm wcg bleiben. Dieses Complimcnt sctzct dcn Pantalon und Mario in die größte Verwirrung; das hieß, nach ihrer Meinung, dcn Wols in die Horden lassen. Sie mußten also auf ein Mittel wider dieses Ucbcl bedacht seyn; allein ihr aufgebrachtes Gemüth verhinderte sie, auf ein gutcs zu fallen. Sie beschlossen unter sich, Harlcquin solle bey dem Lclio um Verzeihung bitten, damit er ihn wieder in sein Haus aufnchme, und Harlcquin auf alle Handlungen uud Reden des jungen Franzosen und der Flaminia Acht haben könne; allein sie hatten nicht vorher gcsc- Entwürfe ungedruckter Lustspiele des italiänischen Theaters. 355 hen, daß die zwey Verliebte» französisch mit einander sprechen würden, und Harlcauiil also eben so wenig ausrichten könnte, als ob er bey ihrem Umgänge ganz und gar nicht zugegen wäre. Unsre zwey Verliebte genossen das Vergnügen, sich zu lieben, und es einander zu sagen, in Ruhe; sie hatten sich eine ewige Treue geschworen, als ein unvcrmuthctcr Zufall sie bald auf ewig getrennt hätte. Der Doctor, des Silvio Oheim, hatte vernommen, daß man seinen Neffen zu Venedig gesehen habe, und war also von Bologna dahin abgereiset. Weil er den Pantalon kannte, so wandte er sich zu allererst an ihn, um nähere Nachricht einzuziehen; doch da ihm dieser keine geben konnte, so hatte der Doctor beynahe die Hoffnung, seinen Vetter zu finden, aufgegeben, als ihm endlich ein blosser Zufall, was er mit aller seiner Mühe nicht hatte erfahren können, entdeckte; ersähe nehmlich den Silvio in das Haus des Lclio gehen, und erkannte ihn. Er giebt sogleich seinem Freunde, dem Pantalon, davon Nachricht, und bittet ihn, ihm eine Unterredung mit dem Silvio zu verschaffen. Pantalon, der nichts eifriger wünscht, als diesen jungen Menschen von seiner Muhme zu entfernen, bewilliget ihm diese Bitte sehr gern; wie sehr aber erstaunte der Doctor, als er seinen Neffen bey Erblickung seiner in der größten Verlegenheit sahe! Der junge Mensch sahe, daß Lclio zugcgcn war und auf alle seine Handlungen Acht hatte, und schloß bey sich, wenn er seinen Oheim erkennte, so würde man ihn für einen Betrüger halten, und von seiner geliebten Flaminia trennen. Unterdessen drang der Oheim in ihn, er solle antworten, und bald hätte ihn sein Stillschweigen für schuldig erklärt, als ihn Scapin, scin Bcdicntcr, aus dieser Verwirrung reißt. Er nimt nehmlich den Lclio bcy Seite, und sagt ihm, daß dieser ehrliche Mann der Oheim des Silvio nicht sey, sich es aber zu seyn einbilde; er sey über den Tod eines Neffen, der in französischen Diensten gestanden, ganz vom Verstände gekommen; und hielte seitdem alle junge Leute, welche Französisch sprächen, für diesen geliebten Neffen; weil nun Silvio bereits zu Bologna einmal dieser seiner Thorheit ausgesetzt gewesen, so komme seine Verwirrung nur daher, weil er sich seinen Verfolgungen aufs neue bloß gestellet sehen müßte. Lclio läßt sich dieses 23- Theatralische Bibliothek, Mährchcn einreden, und findet in der Physiognomie dieses ehrlichen Mannes wirklich etwas Wahnwitziges; endlich aber spricht dieser so gar vernünftig, daß er den Lclio überzeugt, man wolle ihn bctriegen, er der Doctor sey wirklich der Oheim des Silvio, und dieser junge Mensch ein Ztaliäncr, und ganz und gar kein Franzose. Um sich noch mehr davon zu überzeugen, schlägt Pantalon vor, den Oheim mit dem Neffen allein zu lassen, und ihres Theils aus einem nahen Zimmer aus das Betragen zwischen ihnen Acht zu haben. Zn diesen Fallstrick nun fiel Silvio, nicht mehr wie billig. Lelio und sein Schwager überraschen ihn, indem er eben mit seinem Oheim italiänisch spricht, und machen ihn durch ihre Gegenwart ganz verwirrt. Flami- nia, die diesen Betrug erfährt, erzürnt sich gleichfalls darüber, allein Silvio weis sich so wohl zu entschuldigen, und sagt ihr so viel zärtliche Dinge, daß sie ihm ohne viele Mühe vcrgiebt. Da aber gleichwohl die beyden Oheime und Harlcquin dabey zugegen sind, so fällt Flaminia auf eine List. Sie sagt zum Silvio, ob sie gleich eine fremde Sprache redeten, so würden sie doch ihre Gcbchrdcn, und ihr Ton verrathen, wenn sie nicht verdrießliche Gcbchrdcn und einen erzürnten Ton annähmen, um die Anwesenden dadurch zu hintergehen. Diese scheinen auch wirklich sehr vergnügt darüber zu seyn, so erzürnte Gcbchrdcn zu sehcn, und einen so erbitterten Ton zu hören, eben da sich unsre zwcy Verliebte cinc cwigc Liebe darinn schwören, und beyde, niemals eines andern zu seyn, sich wcchsclswcisc versprechen. Doch Verliebte denken selten weiter, als auf das Gegenwärtige; und so war es auch mit den unsrigcn. Der Doctor drang in seinen Neffen, mit ihm abzureisen, und Flaminia sahe sich nunmehr auf dem Puncte, den Grafen Antonio wider Willen zu hcyrathcn, dem sie ihr Vater bestimmt hatte. Sie mußten sich also noch einmal schcn, um einander aus der Verwirrung, in der sie sich beyder Scits befanden, zu rcissen. Es würde aber fast unmöglich gcwcsctt seyn, wenn der Witz der Flaminia ihr nicht eine neue List an die Hand gegeben hätte. Sie verlangt den Silvio noch einmal zu sehcn, und unter dem Verwände ihm die Briefe wieder zuzustellen, die sie von ihm erhalten zu haben vorgicbr, händiget sie ihm einen ein, worinn W.»,""s^'W-^, p-u'i«, in fünf Auszügen, von dem ältern Riccoboni zum erstenmale aufgeführt den 29 November 1729. Es ist dieses das erste Stück, welches der ältere Riccoboni in Paris verfertigte. Anfangs wurde es nur in drey Auszügen und in italiänischer Sprache gespickt, und zwar bereits im Zahr 1716. Weil es aber vielen Beyfall fand, so brachte es der Verfasser selbst ins Französische, und erweiterte es zu fünf Auszügen. De la Grange hat es hernach wieder in drey Auszüge gebracht, und in freye Verse übersetzt, nach welcher Ucbcr- sctzung es auch den 15 Zunins 1737. abermals gespielt, und in eben demselben Zahrc gedruckt worden. Weil aber diese letztere Ucbersctzung von dem Originale, welches nie ganz bekannt geworden, in vielen Stücken abgeht, so verdient folgender Auszug aus diesem allhicr eine Stelle. Lclio öfnct die Scene mit Colombincn, dem Mädchen der Claricc. Dicse letztere ist eine Tochter des Pantalons, und Lclio hat sie zu Paris gchcyrathct, wo sic von ihrcr zartesten Kindheit an crzogen worden. Lclio, dcr zwar das Land, abcr nicht scinc Sitten verändert hat, verlangt, daß seine neue Gattin in Frankreich eben so leben solle, als ob sie in Italien wäre. Clariccn will dicsc Art von Sklavcrcy, dcr sie nicht gcwohn ist, gar wenig gefallen, und Lclio verlangt durchaus, daß sie der süsscn Freyheit, in dcrcn Besitz das schöne Geschlecht bey uns ist, entsagen soll. Er macht eine schr satyrische Abschildcrung gegen die Colombine davon, und giebt ihr zum Schlüsse eine Liste von allen denjenigen Personen, die cr, nach seiner neuen Einrichtung, aus seinem Hause verbannet wissen will. Singc- mcistcr, Tauzmeistcr, Clavicrmcistcr, und besonders Putzmacherinnen und Modcnhändlcrinncn, alle dicse sollen nun und nim- mcrmchr zu Clariccn gelassen werden. Vergebens bittet ihn Co- lombinc um Gnade, vergebens macht sic ihm wcgcn dieses und entwürfe lingedrnckter Lustspiele des italienischen Theaters. 3o!) jenen Artickcls Schwierigkeiten; dem Eifersüchtigen scheinet alles verdächtig, der damit noch nicht einmal zufrieden ist, daß er seiner Gattin diese kleinen Ergetzlichkeiten entziehet, sondern ihr gar ihr Zimmer zu einem undurchdringlichen Gefängnisse, und sich selbst zu dem unerbittlichen Kerkermeister desselben machen will. Indeß, daß er noch mit diesen gefährlichen Anschlägen beschäftiget ist, kömmt ein Bedienter und sagt, daß der Graf, sein Herr, in Gesellschaft eines Barons und Ritters, ihn schicke, um sich zu erkundigen, ob er (Lclio) zu Hause sey? Lclio, der ihm schon, noch ehe er in den Saal getreten, entgegen gcruffen, daß er nicht zu Hause sey, nennt ihn einen Unverschämten, daß er ihm nicht auf sein Wort habe glauben wollen; doch findet er noch für gut, ihm ein Trinkgeld zu geben, damit er denen, die ihn geschickt, sagen solle, daß er ihn nicht zu Hause getroffen. Der Bediente nimt das Geld, geht ab, und wird von dem Lelio bis auf die Gasse begleitet. Während der Zeit hat Har- Icquin, der Bediente der Gräfin, Mittel gefunden, sich bey dem Lclio, mit einem Briefe von seiner Gebieterin, den er der Cla- rice in ihre eigene Hände geben soll, cinzuschleichcn. Lclio, der den Augenblick dazu kömmt, reißt dem Harlequin diesen Brief aus den Händen, und cröfnct ihn ohne Umstände. Alle die gewöhnlichen Ausdrücke der Freundschaft, deren sich ein Frauenzimmer gegen das andre bedient, scheinen ihm die zärtlichsten Erklärungen eines Liebhabers an seine Geliebte zu seyn; und damit sein Acrdruß vollkommen werde, so meldet man ihm noch, daß die Frau Gräfin, der Gras, der Baron und der Ritter an seiner Thüre hielten. Er will sagen lassen, daß niemand zu Hause sey; zum Unglücke aber hat sich Clarice schon von dieser ungestümen Gesellschaft am Fenster sehen lassen; er bindet ihr also nur ein, den Besuch abzukürzen. Doch er hätte es nicht nöthig gehabt, Clariccn diese Sorge aufzutragen; seine Eifersucht richtet es weit besser aus. Zeder Kuß, den man seiner Frau giebt, durchsticht ihm das Herz; er begeht tausend Ausschweifungen, und nachdem er der ganzen Gesellschaft, sie mag wollen oder nicht, ihren Abschied gegeben, bringt er Clariccn wieder in ihr Zimmer, und bcthcurct hoch, daß sie nie mchr heraus kommen solle. Dieses, was bisher angeführt worden, ist ungefehr der Theatralische Bibliothek. Zuhält des ersten Auszuges. Die übrigen enthalten kürzlich folgendes. Lclio erfährt, daß sein Schwigcrvatcr Pantalon mit chstcm eintreffen soll, und besorgt, daß sich Elaricc wegen seiner Eifersucht beklagen möge. Er entschließt sich also, ihr mit der Wiedererlangung ihrer Freyheit zu schmeicheln; sie aber macht ihm wegen seiner ausscrordcntlichcii Harte Norwürffc, und versichert, daß sie, ihrem Elende ein Ende zu machen, fest cnschlosscn sey zu sterben. Lclio, der über diesen Entschluß erschrickt, verspricht ihr, sich in Zukunft gütigcr gcgcn sie zu bezeigen, und bittet sie, um ihr Beweise davon zu geben, von ihm alles, was sie nur wünsche, zu verlangen. Claricc läßt sich besänftigen, und schlägt ihm cinen Spatziergang in die Thuillcrics vor, dcßglcichen die Oper und die französische und italiänische Komödie zu besuchen. Allcs das scheint dem Lclio allzugcfährlich; sie bittet ihn also, sie wenigstens auf einen Ball gehen zu lassen, der noch an eben demselben Tage in eincm benachbarten Hause gegeben werde. Weil sie in der Maske da erscheinen muß, nnd sie es gern sehen würde, wenn er sie selbst maskiert dahin begleitete, so ist er es endlich zufrieden. Der Graf, der Baron und der Ritter finden sich gleichfalls auf diesem Balle ein. Elaricc tanzt, und Lclio selbst kann sich nicht zu tanzen weigern. Unter dem Tumulte des Balls wird Claricc weggeführt; ihr eifersüchtiger Ehemann suchct sie vcrgcbcns, ruft sie überall, und hält sie auf immer verloren. Endlich bringt man sie ihm wieder; er empfängt sie als ein grober Eifersüchtiger, und schließt sie aufs neue ein, um einem solchen Unglücke nicht ferner ausgesetzt zu seyn. Kurz darauf trift Pantalon ein, und stellt ihm eine vermeintliche Nichte vor. Lclio hat cinc Unterredung mit ihr, und findet daß ihre Sitten von den Sitten der französischen Damen so weil entfernt sind, daß er sie vor Vergnügen, sie den italiänischen Sitten so crgcbcn zu wissen, umarmen will; sie aber beweiset ihm die Strenge ihrer Tugend mit einer Ohrfeige, worüber er vollends für Freude ganz ausser sich kömmt. Er steht nicht cinen Augenblick länger an, ihr die Aufsicht übcr Llariccn anzuvertrauen, und verspricht dieser letztem cinc völlige Freyheit, nur mit dem Beding, daß sie sich nie aus den Augen Entwürfe migednicktcr Lustspiele des italiänischen Theaters. 361 der tugendhaften Nichte entferne. Er befiehlt Clariccn, sie zu umarmen, und sie aus Liebe für ihn, zu küssen. Was aber geschieht? Pantalvn entdeckt dem Lclio daß diese Nichte nichts anders als ein verkleideter Neffe ist, um vor den Verfolgungen seiner Feinde und der Gerechtigkeit sicher zu seyn; er fügt hinzu, daß er zu dieser Verkleidung gezwungen worden, weil er zu Venedig einen Nebenbuhler bey einer gewissen Dame, die er geliebt, erstochen. Plötzlich verläßt Lclio seinen Schwiegervater, und eilet seine Frau von diesem Cavalicrc wieder zu trennen; er jagt den letztem schimpflich aus seinem Hause, und verbietet ihm, den Fuß jemals wieder hinein zu setzen. Unterdessen kann Clarice die. Verfolgung ihres Mannes nicht länger ausstehen, und findet Gelegenheit zu entfliehen. Sie bcgiebt sich mit der Gräfin, ihrer Freundin, nach einem Hause zu Chaillot, welches dieser letztem gehört; und hier ist es, wo sich das Stück schließt. Clarice befindet sich da in guter und lustiger Gesellschaft; man singt, man tanzt; ehe sie sichs aber versehen, wird ihre Lustbarkeit durch die Ankunft des Eifersüchtigen unterbrochen, der mit grossem Geschrey seine Frau, als ein Gut, daß man ihm gcraubct, wieder verlangt. Clarice aber erklärt sich rund und frey, daß sie den Rest ihres Lebens lieber in einem Kloster zubringen, als wieder in ihr Gefängniß zurückkehren wolle. Lclio schwört, daß er ihr alle Freyheit, die sie nur wünschen könne, lassen wolle; sie ist zu verständig, als daß sie dieses Anerbieten mißbrauchen sollte; sie verspricht, nie anders als in seiner Gesellschaft auszugehen, und bey keiner Lustbarkeit ohne ihm sich cinznfindcn. Die Aussöhnung kömmt also, vermittelst der Gräfin und der übrigen gemeinschaftlichen Freunde zu Stande; und das Stück schließt sich vollends mit Tanzen und Singen. 8) I^>a AüoZlio Felot'a, in drey Auszügen nach dem Entwurf deS ältern Riccoboni. Dieses ist das Stück, dessen Riccoboni, in seiner Geschichte der italiänischen Schaubühne selbst gedenket. Er hatte es bereits 17t>4 in Italien verfertiget; zu Paris aber ward es den 4 Zu- nius zum erstenmale aufgeführt. Die Personen sind: Ä.elio der Gemahl der Flamin»'«, Violette und -Harlequin; Bediente des Lclio. Mario, ein Freund 362 Theatralische Bibliothek. des Lelio und Liebhaber der Silvia. Silvia ein Frauenzimmer von Stande aus Genua, die sich von dem Mario entfuhren lassen. Scapin, Bedienter der Silvia. Pantalon, Vater der Flaminia. Scaramonche, Liebhaber der Silvia und Nebenbuhler des Mario. Die Handlung der Komödie geht zu Mayland vor, zwischen dem Lclio und der Flaminia, dem Mario und der Silvia; und die Sccnc ist in und vor dem Hause des Lelio. Die beyden erstem sind seit einiger Zeit mit einander vcrhcyrathet; und ob Lelio gleich es niemals weder an Achtung noch an Zärtlichkeit gegen seine Frau fehlen lassen, die ihn auf das allerhcftigstc liebt, uud von Natur einen sehr argwöhnischen Charakter hat, so kann sie doch nichts beruhigen, sondern die Eifersucht bemächtiget sich bald ihres ganzen Herzens; sie glaubt, daß ihr Mann sie verrathe, und daß die Sorgfalt, mit der er ihr seit einigen Tagen alles was er thut verbirgt, ein ungezwcifclter Beweis seiner Untreue sey. Verschiedene Zwischcnfälle, die sich während dem Stücke ereignen, und auch wohl eine Person unruhig machen könnten, die der Eifersucht am wenigsten fähig ist, bestärken die Flaminia vollends in ihrem Verdachte. Mario ist ein alter und vertrauter Freund des Lclio. Er hat zu Genua ein Frauenzimmer von Stande, Namens Silvia, die ihn liebte und von ihren Anverwandten dem Scaramonche, einem Manne von vielem Ansehen, versprochen war, entführt. Nachdem Mario seine Gebieterin eine Zeitlang in einem Kloster verborgen, sahe er sich endlich genöthigct, einen sichern Zufluchtsort gegen die Verfolgungen der Anverwandten seiner Silvia und seines Nebenbuhlers, zu suchen. Zn dieser Verlegenheit flüchtet er nach Mayland zu dem Lclio, der ihn in seinem Hause verbirgt und in cincm Kabinette seines Zimmers verschlossen hält, ohne jemanden in der Welt, auch nicht einmal seiner Frau etwas davon zu sagen. Er fürchtet, das Geheimniß möchte von ungefehr auskommen, wenn mehrere darum wüßten, und die Anverwandten der Silvia, denen es zu Mayland nicht an mächtigen Freunden fehlt, möchten den Mario in scincm Hause selbst in Verhaft nehmen lassen, wenn sie erführen, daß er sich da verborgen hielte. So stehen die Sachen, als sich das Stück anfängt. Flaminia, welche über die Veränderung, die sie seit einigen Tagen in dem Entwürfe ungedrucktcr Lustspiele des italiänischen Theaters. 363 Bezeigen ihres Mannes bemerkt, und über die Sorgfalt, mit der er ein Kabinct in seinem Zimmer verschlossen hält, unruhig geworden, beschuldigt ihn, daß er eine Maitrcssc darinn verborgen halte. Lclio sucht sie durch Versicherungen seiner Treue zu beruhigen, doch ohne ihren Argwohn auf Unkosten seines Freundes und mit Gefahr, ihn zu verrathen, heben zu wollen. Fla- minia erfährt, daß sich ihr Mann alle Tage in sein Zimmer zu essen bringen läßt, welches sie noch mehr in ihrer Meinung bestärkt. Nichts aber scheint sie mehr von der Untreue ihres Mannes zu überzeugen, als daß sie zu zwey verschiedenen malen die Silvia in dem Zimmer des Lclio antrift, wohin sie unter zweycrlcy Kleidung gekommen war, um Nachricht von ihrem Manne einzuziehen. Unterdessen kömmt Scaramouchc in May- land an, und bringt Empfehlungsschreiben an den Lclio mit. Er findet in dem Zimmer des Lclio ein Klcid der Silvia, welches ihr Mario ablegen hcisscn, weil sie es sonst in Genua getragen. Scaramouchc erkennt es für das Klcid scincr Gclicb- tcn, und Flaminia, wclchc dic Silvia darinn gcschcn hat, ficht länger nicht an, sie für ihre Ncbcnbuhlcrin zu halten. Sie trift noch dazu den Lclio und Mario auf eine Art verklcidct und maskirt an, die sie in ihrem Verdachte zu bestärken vermag, und die Dazwischcnkunft des Scaramouchc verhindert auch den Lelio, ihren Argwohn durch die endliche Entdeckung des ganzen Geheimnisses zu heben. Endlich aber, da sie sich alle in dcr größten Verwirrung befinden, und Flaminia die ganze Welt von der Untreue ihres Mannes überzeugen zu können glaubt, wird sie selbst von dcm schlechten Grunde ihcr Evfcrsucht überführt. Sie erfährt das Geheimniß, dessen Unwissenheit ihren Argwohn verursacht, und bittet ihren Mann, den sie mit Unrecht beschuldiget, um Verzeihung. Scaramouchc ist gcnöthigct seine Ansprüche auf dic Silvia fahren zu lassen. Mario heyrathct seine Geliebte, und alles gewinnt einen glücklichen Allsgang. 9) I^o 8i»cerv -V controtems, in einem Auszüge von dem ältern Riccoboni; zum ersten male aufgeführt den 21 Oktober 1717. Personen. Pamalon, Vater dcr Flaminia; Lelio, Sohn des Pantalon; Flaminia, Tochter des Pantalon; Mario, Lieb- 364 Theatralische Bibliothek. habcr der Flaminia; Albert, des Panralon Freund; -Horrense, des Albert Tochter, an den Lelio versprochen; Sc«ramouche, des Lelio Freund; -Harleqmn, Bedienter des Pantalon. Die Scene ist in dem Hause des Pantalon. Pantalon cröfnet die Scene, indem er den Harlcqnin aus dem Hause jagt, weil er ihn wegen seiner Dummheit, und seiner übrigen bösen Eigenschaften, die er ihm vorwirft, unmöglich länger im Dienste behalten könne. Lelio kömmt dazu, tröstet den Harlcquin und verspricht ihn bey seinem Freunde, dem Scaramouchc, unterzubringen. Er schreibt ihm daher ein Empfehlungsschreiben, welches Harlequin mit vielem Vergnügen hintragen will. Lelio, der sich einer ausserordcntlichcn Aufrichtigkeit überall befleißiget, rühmt anfangs in seinem Briefe die guten Eigenschaften dieses neuen Bedienten, kann sich aber doch nicht enthalten hinzuzusetzen, daß Harlcquin ein dummer Teufel, ein Säufer, ein Taugenichts sey zc. Harlequin händiget den Brief dem Scaramouche ein, der ihn, nachdem er den Brief gelesen, geschwind wieder abweiset, und sich wcgbegicbt. Pan- talon tritt mit seinem Sohne Lelio auf; er sagt ihm gleich anfangs, daß er seine Hcyrath mit Hortcnsen, der Töchter des Herrn Albert, richtig gemacht, und nun auch die Verbindung dcr Flaminia mit dem Mario zu Stande bringen wolle. Pantalon sagt seinem Sohne im Vertrauen, daß er sehr wichtige Ursachen habe, diese beyden Hcyrathcn zu gleicher Zeit vollziehen zu lassen; und zwar sey dieses die vornehmste, weil er wegen des wichtigen Processes, den cr itzt habe, dem Mario die fünfzig tausend Thaler nicht geben könne, die cr ihm als die Ausstcncr dcr Flaminia versprochen, und daß also, um doch sein Wort zu halten, Lelio die Hortcnse auf das eheste hcyrathcn müsse, damit das Hcyrathsgut, welches cr mit ihr bekomme, unterdessen dem Mario, als die Mitgift dcr Flaminia gcgebcn werden könne. Dicscs nun, was Pantalon hier scincm Sohne vertrauet, will sich durchaus nicht zu dcr Aufrichtigkeit schicken, dcrcn sich dcr letztere befleißiget; unterdessen verspricht cr doch, nichts davon zu sagen, und Pantalon geht ab. Flaminia kömmt hierauf und findet ihren Bruder; der ihr sagt, cr habe cbcn itzt gehört, daß sie den Mario heyrathen solle, cr Entwürfe ungedruckter Lustspiele des italiänischen Theaters. 366 könne sich daher nicht enthalten, ihr als ein ehrlicher Bruder zu entdecken, daß Mario allen Arten des Vergnügens sehr ergeben sey, und besonders gern allen Frauenzimmern, die ihm vorkommen, Schmcichclcycn sage. Flaminia ist zwar über das, was sie von dem Charakter des Mario erfährt, vcrdrüßlich, gleichwohl aber ist es ihr auch lieb, davon Nachricht zu haben, und begicbt sich weg. Nun findet Mario den Lclio; dieser wünscht ihm zu seiner Vcrhcyrathung mit der Flaminia Glück, nnd bezeigt, wie viel Vergnügen und Ehre ihm diese Verbindung bringen werde, doch sagt er ihm auch zugleich, daß er, als sein Freund und künftiger Schwager, ihm unmöglich den Charakter seiner Schwester verbergen könne, die von einer so stolzen und gcbicthcrischcn Gemüthsart sey, daß niemand mit ihr leben könne. Mario dankt seinem Freunde für die ertheilte Nachricht und geht ab. Albert kömmt mit seiner Tochter Hortcnsc, und stellt sie ihm als seine versprochene Braut vor. Nach einigen Höflichkeiten von beyden Theilen, bemerkt Albert eine gewisse Verwirrung und fragt ihn um die Ursache. Lclio erwiedert, daß cs scinc Aufrichtigkeit nicht erlaube, ihm etwas zu verbergen, und gesteht ihm gerade zu, daß die Aussteuer, die er seiner Tochter mitgeben wolle, aus seinen Händen in die Hände des Mario, als die Mitgift für seine Schwester Flaminia, welche Mario hcyrathe, kommen solle. Pantalon, der dazu kömmt, ist nicht wenig erstaunt, seinen schönen Anschlag durch dic allzugrosse Aufrichtigkeit seines Sohnes vernichtet zu sehen. Mario und Flaminia werffcn sich ihre beydcrscitigcn Fehler vor, und Albert sagt dem Pantalon, daß er seiner Tochter keine Aussteuer gebe, damit eine andere damit ausgesteuert werden könne; ein jeder geht also höchst mißvergnügt ab, und besonders flucht Pantalon auf seinen Sohn und dessen unzcitige Aufrichtigkeit. Dieser bleibt ganz allein und beschließt das Stück damit, daß er sagt, er könne unmöglich länger in einer Stadt bleiben, wo er die Aufrichtigkeit, deren er sich bcflcisse, nicht ausüben dürfe; er wolle sich daher an den Hof begeben, und da die Kunst sich zu verstellen lernen, um in Zukunft weniger aufrichtig zu seyn. 366 Theatralische Bibliothek. 10) I^o Soup<-onnoux> in drey Auszügen von dem ältern Riccoboni, den 29 Zcnncr 1721 zum erstenmale aufgeführt. Personen. A.elio; Silvia, dessen Schwester; -Harlequin, dessen Bedienter; Pancalon; Flaminia, dessen Tochter; violette, ihr Mädchen; der Doccor; Mario, dessen Sohn; verschiedene Bediente- Die Scene ist in Ncapolis. Erster Aufzug; das Theater stellt das oimmer des A.e- lio vor. Lclio cröfnct die Scene; er ist allein und scheinet nnruhig. Er hat zwey Briefe in der Hand, einen von dem Mario, der sich auf dem Lande befindet, und den andern von der Flaminia, seiner versprochenen Braut. Der eine dringt in ihn, seine Hcyrath mit der Silvia, der Schwester des Lclio, zum Schlüsse zu bringen; der andre Brief ist voller Zärtlichkeiten, die dem Lclio ein eitles Romancngcschwätzc dünken, und scinc natürliche Unruhe nicht stillen können. Er sucht das Mittel, in das Herz seiner Geliebten schcn zu könncn, in sich sclbst, schmeichelt sich, cs gefundn: zu haben, bezeigt, daß er den Mario mit Ungeduld erwarte, auf dessen Beystand er sich bey dieser Gelegenheit Hoffnung macht, und ruft seinen Bedienten, Harlcquin. Wcil dicscr noch nicht langc bey ihm in Diensten ist, so fragt er ihn nach seiner Familie, nach seiner vorigen Aufführung, und dieses alles mit so augenscheinlichen Merkmalen des Argwohns, daß Harlcquin verdrüßlich und unruhig wird und durch scinc Unruhe das Mißtrauen des Lclio vermehrt. Er fragt hierauf den Harlcquin, wic cs um scin Licbcsvcrständ- niß mit Violcttcn stchc; Harlcquin antwortet, daß er sich glücklich schätze, uud scin Hcrr hält sich übcr scinc dummc Beruhigung auf; doch Harlcquin erwiedert, daß er sich wohl hüten werde, dcr Violcttc cinigcn Argwohn spürc» zu lasscn, denn entweder sie licbc ihn nicht, und alsdcnn wäre sein Argwohn umsonst, oder sie liebe ihn wirklich, und alsdcnn könntc ihr cin unvcrdicntcr Argwohn leicht Gelegenheit gcbcn, ihre Gesinnung zu ändern. Lclio findet sich durch die Anmerkung seines Bedienten einen Augenblick bctroffcn, cr fällt abcr bald wicdcr in scinc» Eharaktcr und sagt, daß cr wenigstens kein Glück zu schmecken wisse, ohne cs ganz zu kennen, und daß cr daher durchaus seine Gebieterin aus die Probe stellen wolle. Man _^ .' 5 -.»^ k ^ Entwürfe ungcdruckter Lustspiele des it-iliä»ischcii Theaters, 367 klopft an die Thüre; Harlcquin meldet den Mario an, der vom Lande zurück kömmt; nachdem Mario hcrcingctrctcn, läßt Lclio den Bedienten abgehen, und schlägt jenem vor, der Flaminia eine» Licbcsantrag zu thun, um ihm hernach hinterbringen zu können, wie er aufgenommen worden, weil er bey seiner angc- bohrncn Aufrichtigkeit unmöglich eher ruhig seyn könne, als bis er von der Aufrichtigkeit derjenigen, mit denen er zu thun habe, völlig überzeugt worden. Mario entschuldiget sich mit seiner Liebe gegen die Silvia, mit der ihn diese Verstellung leicht veruneinigen könnte; Lclio aber antwortet, daß cr nach dcr verlangten Probe die Flaminia entweder hcyrathcn, odcr ihr auf ewig cntsagcn, und dcn Mario schon wieder mit seiner Schwester aussöhnen und ihre Heyrath sogleich zu Stande bringen wolle; da cr hingegen seine Einwilligung niemals geben werde, wenn seinem Verlangen kein Gmügc gcschchc, odcr ihn Mario gegen die Silvia odcr sonst jemanden in dcr Wclt vcrricthe. Mario muß sich alles gefallen lassen und Lclio gcht ab, nachdem cr ihm vorher gesagt, daß cr dcr Flaminia antworten wolle, und daß sic seinen Brief durch ihn, dcn Mario, noch vor Mittage, erhalten müsse; cr wolle ihr mcldcn, daß cr sich unbaß befinde, damit er einen Vorwand habe, sie dcn ganzen Tag nicht sehen zu dürfen, und Mario seine Erklärung desto ungehinderter anbringen könne. Harlcquin kömmt wicdcr auf die Sccnc und bittet dcn Mario, ihm cincn Herren zu verschaffen; seiner sey allzu argwöhnisch, als daß man mit ihm leben könne. Mario gcstcht es bey Seite zu, ermähnt aber dcn Harlequin, dcn Lclio nicht zu vcrlasscn, dcr übrigens ein guter Herr und mit ihm zufricdc» scy. Harlequin sagt ihm hierauf, daß ihn Silvia mit ihrem Bruder habe reden schcn, und ihn, ehe cr wcggchc, sprechen wolle. Mario antwortet, Lclio scy itzt in scincm Kabinct und schreibe, diesen Augenblick müsse man sich also zu Nutze machen, und cr wollc erwarten, was Silvia zu befehlen habe. Harlequin verläßt ihn, und Mario bleibt wegen dessen, was ihm Lclio aufgetragen, in größter Bcsorgniß. Silvia kömmt, und fragt ihren Liebhaber, ob er die Einwilligung ihrcs Bruders crhaltcn habc; Mario erwiedert, daß Lclio, bey dem cr cbcn itzt aufs ncuc angchal- 368 Theatralische Bibliothek, ten, den Tag zu ihrer Vermählung noch nicht fest gesetzt, sondern ihm nur versichert habe, daß sie mit seiner Vermählung an einem Tage zu Stande kommen solle. Lelio kömmt dazu, sieht sie mit einander reden, und schöpft Verdacht. Harlcquin, der mit ihm hcrcintritt, sagt, ohne Zweifel werde Mario seiner Schwester die öfcntlichen Neuigkeiten des Krieges erzchlcn. Lc- lio antwortet ihm mit einem gezwungnen Lächeln, daß er sehr daran zweifle; er ziehet den Mario darauf bey Seite, und dieser versichert ihm, daß er wegen des Bewußten alle Verschwiegenheit beobachtet. Lelio, ohne sehr beruhiget zu seyn, giebt ihm den eben itzt geschriebenen Brief. Mario geht mit einem Complimcntc gegen die Silvia ab, und bittet sie leise, wegen ihrer Hcyrath in den Bruder zu dringen. Lelio, der sie beobachtet, sagt zu dem Harlcquin, daß Mario ohne Zweifel seine Schwester bitte, ihm von ihrer gehabten Unterredung nichts zu sagen. Harlcquin ist aus Gefälligkeit seiner Meinung, und Lelio dringt hierauf in seine Schwester ihm nichts von dem zu verhehlen, was ihr Mario gesagt habe. Sie crröthet, und gehorcht; Lelio wird dadurch noch unruhiger, will noch mehr wissen, und droht ihr, ihre Hcyrath mit dem Mario zu verhindern, wenn sie nicht alles aufrichtig bekenne. Harlcquin ist auf seines Herrn Seite, und Silvia. die nichts weiter zu sagen weis, geht mit Thränen ab. Doch hat Lelio seinen Verdacht noch nicht verloren, sondern ruft vielmehr, indem er hitzig auf und abgeht: Mir! mir einen solchen Streich ;n spielen! Uns! sagt Harlcquin, ihn nachäffend. Ich dachte es wohl! setzt Lelio hinzu. . 24 370 Theatralische Bibliothek. alles, denket auf Mittel sich zu rächen, und bittet sie, gleichfalls darauf bedacht zu seyn. Harlcauin kömmt, Violetten zu besuchen, und crzchlt ihr, daß ihn Lclio argwöhnisch gegen sie machen wollen; Violette gcräth darüber in Zorn, und ihre Gebieterin sagt ihr ins Ohr, daß ihr ein Mittel, sich zu rächen, bcyfallc; sie setzt hinzu, sie wolle dem Mario schreiben, daß sie ihn gern die folgende Nacht sprechen möchte, Violette solle unterdessen sich des Harlcquins versichern, damit man von allen Tritten und Schritten seines Herren Nachricht haben könne. Nachdem Violette wider den Lclio genug losgezogen, schlägt sie dem Harlcauin vor, sie wenn es Nacht geworden zu besuchen, doch mit der Vorsicht, sich zu verkleiden; sie wolle ihn, sagt sie, nahe an dem Zimmer verbergen, wo sich ihre Gebieterin mit dem Mario unterhalten werde; wenn Mario alsdcnn weg sey, wurden sie Zeit genug haben, mit einander zu plaudern. Harlcauin findet diese Einrichtung sehr vernünftig, nur befürchtet er, sein Herr werde ihm nicht auszugehen erlauben; unterdessen verspricht er doch, sein Bestes zu thun. Violette wünscht sich, bey Seite, einen glücklichen Fortgang dieser Intrigue, blos um das Vergnügen zu haben, den Lclio eifersüchtig zu machen, und sich dadurch an ihm zu rächcn. Harlcauin, der seinen Herren mit dem Mario kommen sieht, gehet ab, sich zu verkleiden. Mario stattet dem Lclio von dem, was er ihm aufgetragen, Bericht ab, crzchlt wie strenge sich Flaminia gcgcn ihn erzeigt habe, und wünschet seinem Freunde von Herzen Glück. Lclio glaubt ihm bald, und bald ist cr wieder mißtrauisch, endlich hält er es für völlig ausgemacht, daß die vorgegebene Liebe des Mario der Flaminia nicht mißfallen habe, und verläßt ihn also voller Unruhe. Mario ist in der größten Verwirrung, und eben kömmt Violette und bringt ihm den Brief ihrer Gebieterin, mit Bitte, dem Lclio davon Wind zu geben. Sie versichert ihm, daß der Dienst, wclchcn cr der Flaminia hierdurch erwcisc, ihm auf keine Weise nachthcilig seyn solle; cr verspricht zu gchorchcn, gchct ab, und Violcttc bcgicbt sich gleichfalls schr vergnügt weg. Das Theatcr verändert sich, und stellt das Zimmer des Lclio vor. Man ficht, wie Harlcauin dasclbst untcr vcrschicdncn Verkleidungen wählet, wie er sich entschließet, zwey ^ tz . Entwürfe nngcdrucktcr Lustspiele des italiänischen Theaters. ,271 auf einmal zu nehmen, im: desto uiicrkcnntlichcr zu seyn, lind sich wirklich in dieser Absicht auszukleiden anfängt. Lclio überrascht ihn in dieser Beschäftigung, und fragt ihn, was er machen will. Harlcquin bekennt ihm, daß Violette ihn zu sich bestellt habe, und bittet ihn bald mit Weinen, bald mit Lachen, sein gutes Glück nicht zu verhindern. Lclio verspricht es ihm, sagt aber, daß es noch nicht Nacht sey, und er also noch Zeit genug habe, sich zu verkleiden. Harlcquin umarmet seinen Herrn, und macht vcrschicdnc freudige Z.az;is. Zndcm tritt ein Bedienter herein, der dem Lclio cincn Brief vom Mario bringt, in welchem ihm dieser meldet, daß Flaminia ihn (den Mario) zu einer nächtlichen Unterredung gebeten habe, daß er gehindert worden, ihm mündlich davon Nachricht zu geben, und daß er ohne seine Einwilligung nichts untcnnchmcn wolle. Lclio schließt hieraus, daß cr die Flaminia mit Recht in dem Ncrdacht gehabt habe, daß ihr die Licbe des Mario nicht mißfalle, und cr folglich nicht so schr geliebt werde, als man es ihm bereden wolle. (Der Schauspieler muß hier wohl Acht haben, daß er Unruhe, aber nicht Eifersucht verrathe; und eben diesen Unterschied zwischen beyden soll der Verfasser dieses Stücks, welcher die Rolle dcs Lclio selbst spielte, unnachahmlich beobachtet haben.) Lclio fasset den Entschluß, dem Mario zu schreiben, daß er die Einladung dcr Flaminia annchmcn, und ihm morgen davon Nachricht geben solle. Er ruft, fordert von dem Harlcquin die nöthigen Dinge zum Schreiben, und unter andern auch Licht. Äucht? sagt Harlcquin ganz freudig; also ist es Nacht? Nein, antwortet Lclio; sondern ich brauche nur Sucht. Harlcquin bringt ihm alles, was cr gefordert hat; sein Herr schreibt, versiegelt den Brief, giebt ihn dem Bedienten dcs Mario, fertiget ihn ab, steckt den Brief des Mario zu sich, und sagt, daß ihm eben eine gutc List bcygcfallcn scy. Harlcquin sindct, daß dic Nacht dicscsmal länger ansscnblcibc, als gewöhnlich. Lclio ficht ihn mit cincm kaltsinnigcn Blicke an, und wirft ihm vor, daß cr ihm nicht dic Art und Wcisc vertrauet habe, wie ihn Violette in das Haus hineinbringen wollc. Harlcquin antwortet ihm, daß sie ihn an der Thüre erwarten werde, und wicderhohlt alles, was man in dcr vorigcn Sccnc 24° ^? 372 Theatralische Bibliothek. zwischen ihm und der Violette vorgehen sehen. Alle Augenblicke aber unterbricht er seine Rede, indem er sagt, es sey Nacht, er müsse fort. Lclio hält ihn jedesmal auf; endlich kehrt sich Har- lcquin um, macht eine Vcrbcigung und spricht: -Ha! se>-n sie willkommen, gnädige Frau Nacht! Ich rvünschc Ibro Gna- Scn eine gute Nacht. Und hierauf will er mit Gewalt fort; Lclio aber hält ihn nochmals zurück, und sagt, weil er selbst diese Nacht ausgehen wolle, so müsse er (Harlcquin) zu Hause bleiben. Er läßt sich auch durch die Bitten des Harlcquins im geringsten nicht bewegen, sondern sagt, daß er ihn sogar, um sich seines Gehorsams zu versichern, vcrschlicsscn wcrdc; weil es aber noch Tag ist, so geht er, seiner Schwester zu sagen, daß sie ihn nicht erwarten dürfe, und läßt sich in der Absicht den Mantel umgeben, den Harlequin sich zu verkleiden zurccht gelegt hatte. Er geht ab, Harlequin, voller Verzweiflung macht sich den Augenblick zu Nutze, Violetten von dieser Verhinderung Nachricht zu geben. Das Theater verändert sich und stellt eine Strasse vor. Flaminia erscheint, und sagt Violetten, daß Lclio, bey einer so gegründeten Ursache zum Verdacht, sie ganz gewiß ausspionircn wcrdc. Harlequin kömmt dazu, und Flaminia geht bey Seite, damit ihn Violette desto ungehinderter ausfragen kann. Sie empfängt ihn mit vielen Liebkosungen; anfangs will er sich trösten, und fängt an mit ihr zu lachen, bald aber cr- zchlt er ihr sein Unglück weinend, und macht sich geschwind davon, wcil cr sieht, daß cs Nacht wird. Flaminia kömmt wicdcr zu Violetten, und sagt, daß sie alles hinter dcr Thürc gehört habe, und daß ihr ein Mittel bcygcfallcn sey, wie sie sich an dem argwöhnischen Lclio rächen könne. Sie sehen Licht kommen, und begeben sich weg. Der Doctor und Pantalon erscheinen; dieser hat eine Laterne in der Hand, und sagt jenem, daß cr wohl bey ihm zu Abcnd spciscn wolle, nur müsse cr cs vorher in seinem Hanse melden. Er ruft Violetten, sagt, daß sie mit dem Abendessen nicht auf ihn warten sollen, und geht mit scincm Frcundc fort. Lclio erscheint in einen Mantcl cingchüllct; cr verbirgt sich in einen Winkel, siehet die beyden Alten in das Haus des Doctors hineingehen, nähert sich dcm Hanse dcs Pantalons, und ruft Violetten, die sich stellt, als Entwürfe ungedruckter ^usispicle des italiänischen Theaters, 373 ob sie ihn für dc» Harlcauin halte. Nach verschiednen A.az;is von beyden Seiten, empfiehlt er ihr mit leiser Stimme, ja wohl Acht zu haben, daß sie nicht durch irgend ein Licht verrathen würden. Zudem kömmt gleich Flaminia, die ein Licht in der Hand hat; sie will sich nach dem Fortgangc ihres Anschlages erkundigen; Violette läuft ihr voller Zorn entgegen, und schmält, daß sie so ungeduldig und unvorsichtig ist, sie zu so unrechter Zeit zu beleuchten. Flaminia bcgicbt sich weg. Violette sagt zu dem Lclio, daß sie das Licht aus dem Zimmer genommen habe, in welches sie ihn führen wolle; sie nennt ihn beständig Harlcauin, läßt ihn zu der Thüre hinein, die mitten auf dem Theater ist, und schließt nach ihm zu. Flaminia kömmt abermals wieder, mit einem Wachslichtc in der Hand, ruft Violetten und schilt, daß sie itzt allein und ohne Licht in dem Zimmer sey, da sie vielmehr den Mario an der Thüre erwarten sollte. Sie befiehlt ihr um so vielmehr zu eilen, weil sie von dem Balcon einen Vorbeygehen sehen, von dem sie glaube, daß er es gewesen sey. Inzwischen aber geben sie einander mit Zeichen zu verstehen, daß Lclio dort eingeschlossen sey, und sie also leise reden müßten. Violette geht, den Mario zu erwarten, und Flaminia bleibt allein und wünschet sich heimlich zu ihrer bevorstehenden Rache Glück. Mario kömmt; Flaminia begegnet ihm sehr hart, und sagt, daß sie ihn nur deswegen habe rusfcn lassen, um ihm zu verbieten, jemals wieder vor ihre Auge» zu kommen. Er geht, dem Ansehen nach, in der größten Bestürzung fort, und Flaminia fährt, nach seinem Abtritte, fort, vor sich theuer zu versichern, daß sie nie einen andern als den Lclio lieben werde. Dieser hört es, macht ein Geräusch und will sich vor Freuden zu den Füssen der Flaminia wcrffcn; Flaminia aber thut, als ob sie furchtsam wäre, und einen Dieb zu hören glaubte, und ruft um Hülfe. Alle Bediente aus dem Hause kommen bewaffnet herzu; sie befiehlt ihnen ganz laut, sich eines Diebes zu versichern, der in dem nächsten Zimmer verschlossen sey, leise aber sagt sie, daß sie alles, was sie ihnen befohlen habe, ja wohl beobachten und es genug seyn lassen sollten, ihm Furcht einzujagen. Man öfnct die Thüre; Lclio dringt heraus, rennt die Bedienten 374 Theatralische Bibliothek. übern Haussen, einer von ihnen thut einen Pistolenschuß in die Luft, der vermeinte Dieb verlieret Hut und Perücke, und macht sich davon. Dritter Aufzug. Die Bühne stellt das oimmer des ^.elio vor. Harlcquin liegt auf einem Tische, und ist cingcschlaffcn. Er träumt, und glaubt mit Violetten zu sprechen. Er bewegt sich und fällt herunter; cr erwacht darüber, sucht Violetten, und da cr sie nicht findet, merkt cr endlich, daß cr geträumt und der Tag ihn aufgeweckt habc. Lelio tritt hcrcin. Harlc- quin erkennt ihn nicht so gleich, und fürchtet sich vor ihm; nach cincr Menge L.az;is erkennt cr ihn endlich und fragt, was cr mit scincm Hute, und seiner Perücke gemacht habc. Lelio giebt scincn Verlust einem heftigen Winde schuld, der sie ihm weggenommen. Indem wird an die Thüre geklopft, und Harlcquin bringt einen Bedienten der Flaminia hereingeführt, der dem Lclio einen Brief giebt, in welchem sie ihm meldet, daß ihr ein grosser Verdruß zugeflossen, und daß, wenn ihre Hcyrath nicht noch diesen Tag zu Stande käme, sie sich morgen auf Zeitlebens in cin Klostcr cinschliesscn wolle. Lelio schmeichelt sich, daß die Liebe des Mario ohne Zweifel dieser grosse Verdruß sey, und sagt zu dem Bedienten, daß cr ihr sogleich selbst die Antwort bringen wolle, und sie unterdessen versichern lasse, daß cr alle Augenblicke bereit sey, ihr zu gehorchen. Er erkundiget sich bey dem Bedienten nach der Gesundheit seiner Gebieterin; dieser antwortet, daß sie sich nicht allzuwohl befinde, weil sie sich von dem Schrecken noch nicht crhohlt, den sie vergangene Nacht gehabt habc, indcm man cincn Dieb bey ihr cingcschlosscn gefunden, der scincn Hut und scine Perücke in Stiche gelassen. Das muß also, sagt Harlcquin, eine sehr unglückliche Nacht für die -Hüte und Perücken gervesen seyn. Sein Herr bcfichlet ihm zu schweigen, und fertiget den Bedienten der Flaminia ab. Harlcquin fängt wicdcr an, von den Hüten und Perücken zu redcn; Lclio wird ungeduldig; indcm wird angeklopft und der Doctor tritt mit dem Pantalon herein. Die zwey Alten liegen dem Lelio aufs neue an, den Tag zu seiner und der Silvia Ncrhcyrathung, fest zu setzen; er antwortet, cr sey bereit zu schlicssen, und wolle ihnen mit seiner Entwürfe iingcdruckter Lustspiele des italiänischen Theaters. 375 Schwester zu dem Pantalon folge», wo sie den Notarius könnten hinkommen lassen. Silvia kömmt hierauf, und sagt ihm, daß sie ihn im Traume in grosser Noth, unter wilden Thieren gesehen habe, die ihn zcrreissen wollen. Lelio gestehet vor sich, daß es diesem Traume nicht ganz an Wahrheit fehle. Mario kömmt dazu; grüssct die Silvia und ziehet den Lelio bey Seite, und erzchlt ihm, daß er seinetwegen sehr gemißhandelt worden. Lelio unterbricht ihn, und sagt, er wisse bereits alles nnd werde ihm die Ruhe seines künftigen Lebens zu danken haben. Mario und Silvia dringen wegen ihrer Verbindung in ihn; er sagt ihnen, was er eben itzt mit dem Pantalon und dem Doctor abgeredet habe, und sie fallen ihm beyde um den Hals. Auch ich? sagt Harlcquin, auch ich rvcrde Violetten heyrarhcn Surfen? Ohne Zweifel; antwortet Lelio; und Harlcquin fällt ihm gleichfalls um den Hals. Die Umarmungen fangen von neuem an, und so gehen sie endlich mit einander ab. Das Theater verändert sich, und stellt die Strasse vor, wo Panta- lons Haus ist. Man erblickt den Doctor, den Pantalon und dcn Notarius, die auf das Haus zucilcn, damit sie Lclio finden und keinen Verdacht zu irgend einem Argwohne haben möge. Doch Lclio, Silvia und Mario hohlen sie noch ein, und sie gehen alle zusammen hinein. Das Theater verändert sich abermals, und stellt das Zimmer der Flaminia vor, wo sie zu Violetten sagt, daß sie noch gar nicht wisse, wie sie mit dem Lelio, ohne Nachtheil des Mario, werde brechen können. Violette giebt ihr dcn Brief des Mario an dcn Lclio, dcn dieser, als er sich davon machen müssen, verloren hatte. Flaminia lie- sct ihn mit grosser Freude, und sagt, daß sie ihn sehr gut werde brauchen können. Zudem kommen die Väter und die Liebhaber dazu. Man unterzeichnet die bcydcn Contractc. Flaminia bemächtiget sich derselben, giebt dem Mario den, der ihn angehet, wirft dem Lclio seinen Argwohn uud sein beschimpfendes Verfahren vor, welches sie durch dcn Brief, dcn cr bcy seiner Flucht verloren, erfahren habe, und zerreißt dcn Con- tract, dcn sie kurz zuvor unterzeichnet hatte. Pantalon billiget das Verfahren seiner Tochter und bcgicbt sich mit ihr weg. Lclio bleibt ganz verwirrt; Silvia tröstet ihn, und giebt ihm 'Ä 376 Theatralische Bibliothek. den Rath, in Zukunft nicht mehr so argwöhnisch zu seyn. Lc- lio aber nimmt sich im Zorne vor, es mehr als jemals zu seyn; denn, sagt er, dieser Brief enthalt eine Verrälhcrey, gegen die ich nicht genug auf der -Hut gewesen bin. In Ankunft rvill ich mich auch vor dem -Hunde und der Rane in dem -Hanse in Acht nehmen, und auch meinem -Hemde nicht mehr trauen. Er gehet voller Wuth ab. Mario und Silvia folgen ihm in der Absicht, ihn mit Flaminicn wieder auszusöhnen; und Harlcquin sagt, er wolle gehen und sehen, ob die Thorheit seines Herren auch nicht seiner Hcyrath Unglück gebracht habe, womit die Komödie sich endet. II) I^os IZrreurs clo I'^niour, ou ^ilvtzuln totale«; maltru'it^; in drey Auszügen nach dem Entwürfe des ältern Ricco- boni, zum erstenmale aufgeführt den 23 May 1717. Lclio liebt die Silvia und wird wieder von ihr geliebt, und Flaminia liebt den Lclio, der sie aber nicht liebt. Sie verfolgt ihn also überall, wo sie ihn mit der Silvia zusammen findet, und dieses unter verschiedenen Verkleidungen; kurz sie thut alles, was die Eifersucht einem Frauenzimmer eingeben kann. Harlc- quin, der als ein Notarius verkleidet erscheinet, wird ausgcprü- gclt, und lacht als ob er toll wäre, weil sich die, die ihn prügeln, wie er sagt, in der Person irreren. — das Stück war nach den Sitten von Venedig eingerichtet. Coypcl. (") 1) I/L6ueut!oi> iiercluo; in einem Auszüge. Von dem Herrn Coypcl entworffcn, und den 23 Octobr. 1717 zum erstenmale aufgeführt. Ein italiänischer Herr, Namens Lclio, hat aus seiner Ehe nicht mehr als ein einziges Kind, welches ein Sohn ist, den er bey einer Müllerin auf dem Lande in die Kost gegeben. Als (°) Charles Anroine Coypel war erster Mahler des Königs und Dircctor der königlichen Akademie der Maklerei? und Bildhauerkunst zu Paris. Er starb an diesem Orte den 14 Iunius 1752. in einem Alter von 58 Zähren. Er hat so wohl für die französische als italiänische Bühne gcarbcit. Seine Stücke für die letztere aber, waren weiter nichts als Entwürffe, dergleichen dieser und der folgende ist, und die von den Schauspieler» aus dem Stegreife ausgeführt, und daher uicmals gedruckt worden. entwürfe ungedrnckter Lustspiele des it aliänischeu Theaters. 377 er nach der Zeit Wittwer wird, will cr diesen seinen Sohn, den cr Mario nennen lassen, wieder zu sich nehmen, und da cr eine Kette und das Portrait seiner Mutter, welches beydes cr ihm um den Hals gehangen, als cr ihn in die Kost gethan, nicht bey ihm findet, so fragt cr die Müllerin nach der Ursache, die ihm denn sagt, daß sie das eine wie das andre verloren habe. Lclio glaubt ihr und nimt den Sohn, den sie ihm vorgestellt, und cr für dcn seinen hält, mit. Auf seinem Rückwege findet cr cin Kind an dcm Ufer des Flusses, von dem Alter seines Sohnes, und das viel Artigkeit zeiget; cr crbarmt sich übcr dieses Kind, nimt cs mit und läßt cs mit seinem Sohne, unter dcm Namen Lindori, zugleich erziehen. Bey dcm Lindori schlägt die Erziehung sehr wohl an, und seine Aufführung ist ungcmcin sittsam, da hingegen Mario cin lüdcrlichcr Wildsang wird. Lindori macht mit der Silvia, der Tochter des Panta- lons, der sie mit dcm Mario vcrhcyrathcn will, weil ihn Lclio darum angesprochen, Bekanntschaft. Ehe aber Pantalon seine Tochter dcn Mario zu hcyrathen zwingen will, erkundiget er sich vorher bey dcm Harlcquin, dcm Bedienten des Mario, wegen dcr Aufführung seines Herren. Harlcquin, in einer Kleidung mit Bändern, cin spanisches Rohr unter dem Arme, und ein Ncibciscn und Tabak in den Händen, spielt einen lächerlichen Pctitmaitcr, und erklärt dcm Pantalon, daß sein Herr dcr glücklichste und zugleich dcr freycstc und lustigste junge Mensch von dcr Welt sey, der sich alle Tage neue Ergötzlichkcitcn, in dcr Oper, in der Komödie, vor dcm Spieltische, im Wcinhausc, bey Frauenzimmern, zu machen wisse. Da Pantalon dieses hört, sagt cr dcm Lclio dcn Handel auf, und will seine Tochter dcm Mario nicht geben. Unterdessen führt dieser dcn Lindori nebst zwey Frauenzimmern in die Opcr, und wie sie wicdcr herauskommen, zwingt Mario dcn Lindori, dcn Dcgcn zu ziehen. Mario wird von ihm entwaffnet, und Lindori schenkt ihm aus Grosmuth und aus Dankbarkeit das Leben, worauf aber Mario angehalten und in das Gefängniß gebracht wird. Unterdessen kömmt der Bruder von dcr Amme an, und bringt einen Brief an dcn Lclio, in welchem sie ihm meldet, daß sie bey Annäherung ihres Todcs ihr Gewissen zwinge, ihm zu entdecken, wie Mario ihr eigner Sohn 378 Theatralische Bibliothek. sey, und daß der scinige in dem Flusse bey der Mühle umgekommen, weßwcgcn sie denn vorgegeben, daß die Halsschnur und das Portrait verloren gegangen wären. Da Lindori von der Halsschnur und dem Portrait reden höret, so zeigt er beydes vor, wird dadurch für den Sohn des Lclio erkannt und heyrathct die Silvia. Lclio will hierauf den Mario von sich stosscn, Lindori aber bewegt seinen Natcr, daß er ihn auf eben demselben Fusse, auf welchem Lindori vorher gewesen, bey sich behält. 2) I^c- veüant; in drey Auszügen von Lh- An. Coypel, den 10 Julius 1718. zum erstenmale aufgeführt. Personen des Stücks. S.elio, der Mißtrauische. Flaminia, des Lclio Tochter. Pamalon, des Lclio Bruder. Mario, Liebhaber der Flaminia und Freund des Pantalon. Violette, der Flaminia Mädchen. Arlequin, des Lclio Bedienter. Scapin, ein andrer vertrauter Bedienter des Lclio. Pierror, cm Anverwandter des Scapin. Lclio hat nur cine Tochter, (Flaminia) die er gern an einen Mann von Stande vcrhcyrathcn wollte. Pantalon, sein Bruder, kömmt und will für den Mario um sie werben, welches ein junger Mensch von Familie ist, und dcn Flaminia licbt. Allein Lclio will sie ihm nicht geben, weil man ihm gesagt hat, daß Mario ein wenig frey lcbe, und sein Vermögen eher als ein andrer durchbringcn werde. Dieser abschläglichcn Antwort wegen ist Mario ziemlich verlegen, und weis nicht wie er mit scincr Gebieterin zu sprechen kommen soll, weil Lclio so mißtrauisch ist, daß sich niemand seinem Hause nähern darf, von dem er nicht glaube, daß er ihn bestchlen wolle. Gleichwohl findet Mario ein Mittel hineinzukommen und die Flaminia zu sehen, die ihm verspricht, daß sie niemals eines andern, als die scinigc seyn wolle. Sie vcrlasscn einander eben da Lclio dazukömmt, und aus vollem Halse, als ein Besessener, schreyt: Dieb! Dieb! man bestiehlr mich! Er hält einen Menschen am Kragen, der einen Sack mit tausend Livres trägt, und den er aus seinem Cabinete herauskommen sehen, das er nach sich zuzuschliesscn vergessen hatte. Lelio bildet sich ein, daß ihm dieser Mensch das Geld gestohlen habe; cs ist abcr gleich das Gcgcnthcil. Denn dicscr Mensch ist ein Bedienter eines Freundes vom Lelio, dem vntwürfe lmgcdrucktcr Lustspiele des italiAiiischcii Theaters. 379 er hundert Pistolen geliehen hatte, nnd der Freund schickt sie ihm itzt durch seinen Diener wieder, welchem Lclio bis itzt weder Zeit noch Freyheit gelassen, seine Commißion auszurichten. Nachdem er es nun gethan, läßt ihn Lclio zwar wieder gehen, befiehlt aber dem Harlcquin, ihn bis auf die Strasse zu begleiten, damit er nicht noch etwas bey dem Herausgehen mitnehmen möge. Lclio fragt den Scapin, welches sein vornehmster Bedienter und sein Vertrauter ist, wegen der Hcyrath seiner Tochter um Rath, und läßt sich verlauten, daß er sie dem Mario nicht geben wolle. Scapin sagt, er kenne einen sehr reichen Marquis, der sich wohl für scinc Tochter schicken möchte; da ihm aber seine Acltcrn sehr früh gestorben wären, und er auf dem Lande crzogcn worden, so könne es leicht seyn, daß er nicht alle die Artigkeiten einer in der Stadt und in der grossen Welt erzogenen Person besitze. Lclio aber erwiedert, daß dieses nichts zu bedeuten habe, und daß er ihn nur solle kommen lassen. Dieser Marquis ist Pierror, der Sohn eines reichen Bauers, des Bruders vom Scapin, der diesen seinen Vetter gern mit der Flaminia verhcyrathcn wollte. Er läßt ihn sehr prächtig auskleiden, und stellt ihn dem Lclio und dcr Flaminia unter dem Namen des Marquis dc la Pierre vor, und Lelio sagt seiner Tochter, daß dieses der Gemahl sey, den er ihr bestimme. Der Marquis sagt tausend abgeschmackte Dinge; er nennt den Scapin seinen Vetter, ob es ihm dieser gleich ausdrücklich verbothen. Und nun kömmt auch Harlequin dazu, dcr vollends alles zu nichte zu machen drohet; denn da er den Picrror auf dem Dorfe gekannt hat, wo er sein Spiclgcscllc sonst gewesen war, so läuft cr aus ihn zu, umfaßt ihn und sagt ihm tausenderlei) närrisches Zeug. Scapin macht dieses alles, so viel ihm möglich, bey dem Lelio wieder gut. Unterdessen ist Mario wegen der Ankunft dieses Marquis und wegen dcr Hartnäckigkeit des Lclio, ihm seine Tochter nicht zu geben, sehr verlegen. Er wendet sich an Violetten, welches Scapins Liebste ist, und bittet sie, die Hcyrath hintertreiben zu helfen. Violette, die sonst bey dem Scapin alles vermag, thut ihm den Vorschlag, und verspricht ihn zu hcyrathcn, wenn er den Lclio dahin bringen wolle, daß cr dem Marquis de la 380 Theatralische Bibliothek. Pierre seinen Abschied ertheile zc. Scapin aber, der gleich, da ihm Violette diesen Vorschlag thut, seinen Herrn kommen sieht, sagt ganz laut, daß er sich wohl hüten werde, seinen Herrn zu verrathen, und daß Flaminia nichts bcsscrs thun könne, als den Marquis de la Pierre zu hcurathcn zc. In diesem Augenblicke kömmt Harlequin dazu, und sagt, daß in dem Hause, und zwar in Scapins Kammer, Feuer ausgekommen sey. Lclio läuft sogleich hin, läßt das Feuer löschen, und steckt eine Brieftasche, die dem Scapin gehört, und die er auf dem Tische gefunden, zu sich. Ehe er sie ihm aber wieder giebt, sucht er sie vorher durch, um zu sehen, ob Scapin nicht irgend eine Rechnung für ihn bezahlt bekommen. Da findet er nun unter seinen Papieren einen Brief von Picrrots Vater, der dem Scapin schreibt, daß es sehr viel gewagt sey, den Picrrot für einen Marquis ausgeben zu wollen, weil er viel zu ungeschliffen wäre, diesen Charakter lange zu behaupten. Ehe Lelio aber durch diesen Brief, den er in der Brieftasche gefunden, Licht erhält, hat sein Bruder Pantalon eine sehr lustige Scene mit ihm. Pantalon will mit dem Lclio wegen der lächerlichen vorhabenden Vcrhcyrathung sprechen; dieser aber, nach seiner mißtrauischen Gemüthsart, glaubt, daß er ihm Wagen und Pferde abborgcn wolle, und bringt daher, ohne ihm Zeit zu lassen, sich zu erklären, eine lange Reihe von Entschuldigungen vor, warum er sie ihm nicht leihen könne. Und als er hört, daß itzt von ganz etwas andern die Rede sey, bildet er sich ein, daß er Geld von ihm borgen wolle, und läßt sich daher wcitläuftig über die elenden, gcldklcmmcn Zeiten aus zc. Endlich wird Lclio, durch die Gründe seines Bruders, und durch dcn gefundenen Brief von der Untreue des Scapins überzeugt, jagt ihn mit samt dem Pierrot fort, ruft seine Tochter und verspricht sie dem Mario zc. Die Kunstrichtcr setzten an diesem Stücke aus, daß der Charakter des Mißtrauischen nur sehr oben hin behandelt sey, und mit dem Geilzigen des Mattere zu viel ähnliches habe zc. Dcß- glcichen schien es ihnen sehr seltsam zu seyn, daß ein so mißtrauischer Mensch, als Lclio ist, gleichwohl gegen den Scapin, der ihn bey der Nase herumführt, nicht das geringste Mißtrauen bezeige. Entwürfe ungedruckter Lustspiele des italiänischen Theaters. 38t Noch hatte Harlcquin eine sehr lustige, episodische Scene darinn; als er nehmlich aus dem Hause seines Herrn heraus kam, und sein Ränzel mit sich brachte, damit es nicht etwa mit verbrennen möge. Er sucht es durch, und da er sein bestes Hemde nicht darinn findet, so geht er wieder hinein, um dieses noch zu hohlen. Er bringt es auch wirklich, sieht aber, als er zurück kömmt, daß ein Dieb mit seinem Ränzel, davon geht. Er betrachtet ihn, sieht ihm nach, und der Dieb läßt sich auch, auf eine komische Weise, auf allen Seiten und in mancherley Stellungen von ihm betrachten, so daß diese stumme Scene, nach vielfältigem hin und wicdcrgchcn, sehr lächerlich ausfällt. Der Dieb kömmt endlich mit dem Ränzel davon und Harlcquin kömmt allein wieder vor auf das Theater, und spottet über den Dieb, daß er gleichwohl sein bestes Hemde nicht bekommen habe, welches er den Zuschauern in einem sehr elenden Zustande weiset. 3) I>Impst!ent; in einem Auszüge, nach dem Entwürfe des Herrn Coypcl, den 1t> November 1717. zum erstenmale aufgeführt. Lclio, welches der Charakter eines sehr ungeduldigen Menschen ist, der sich in beständiger Bewegung befindet, wird Knall und Fall in die Flaminia, die Tochter des Doctors verliebt, und wird wegen der Hcyrathspunktc so geschwind einig, als ob es die größte Kleinigkeit bcträffc. Flaminia, die diesen ihren künftigen Gemahl nicht liebt, fällt auf eine List, ihm die Verbindung mit ihr zuwider zu machen. Sie redet nehmlich, in der ersten Zusammenkunft, die sie mit ihm hat, mit einer so merklichen Langsamkeit, daß sie jedes Wort zu articulircn, eine geraume Zeit nöthig hat. Lclio verräth alle Augenblicke seine Ungeduld, und da cr cs endlich nicht länger aushalten kann, verläßt er die Flaminia auf einmal, bcgicbt sich zum Doctor und ersucht ihn, ihn seines gegebenen Wortes, dessen Tochter zu hcy- rathcn, zu erlassen. Mario, der Liebhaber der Flaminia, macht sich dicscn Bruch zu Nutze, hält bey dem Doctor um sie an, und bekömmt sie. 382 Theatralische Bibliothek. De Lisle.(») l) ^rlequln ^Ni-oloAuv; in drey Aufzügen von dem Herrn de A.isle, auf dem italiänischen Theater in Paris den 13 May 1727. zum erstenmale aufgeführt. 1. Aufzug. Harlcquin cröfnet die Scene. Er sucht seinen Herrn den Erast, der ihm seit einigen Tagen aus den Augen gekommen ist. Er findet ihn endlich als Gärtner verkleidet, in Diensten der Dorimcne, unter dem Namen Lucas. Anfangs erkennt er ihn unter dieser Verkleidung nicht, welches den Erast hoffen läßt, daß ihn auch weder Dorimcne noch Julia darunter erkennen werde. Mit dieser Vorsicht hat der Verfasser ohne Zweifel den Einwürfen, die ihm die Kunstrichtcr etwa darüber machen könnten, im Voraus begegnen wollen. Wir wollen nicht untersuchen, in wie weit dergleichen Einwürfe gegründet seyn mochten, genug daß man über Facta nicht streiten muß; und das ist eines, daß Erast von seinem eignen Bedienten nicht erkannt worden. Wo die Erfahrung spricht, giebt uns der Verfasser zu verstehen, da muß die Vernunft schweigen. Erast entdeckt dem Harlcquin die Ursachen, die ihn bewogen, sich als Gärtner bey der Dorimcne in Dienste begeben. Dorimcne will dic Julia an den Oronte vcrhcyrathcn, und eben um diese Hcy- rath zu hintertreiben, hat sich Erast verkleidet. Er schlägt dem Harlcquin vor, sich selbst als einen Stcrnsehcr zu verkleiden, um Dorimcncn zu hintcrgchcn, die aus dcn Wahrsagern sehr viel macht. Und um dcn Harlcquin dcsto lcichtcr zu bewegen, ihm unter dieser Verkleidung zu dienen, faßt cr ihn bey scincr Schwächt. Harlcquin licbt die Colombinc, welche cr in dem Verdachte hat, daß sie den Trivclin, dcn Bedienten des Oronte, dcn Dorimcne ihrer Tochter Julia bestimmet, liebe. Erast führet dcn Harlcquin mit sich fort, damit cr sich niemanden zeigen soll. Sie bcgcbcn sich in cin Wcinhaus, um ihre Maaßregeln, wegen der List, die Erast erdacht hat, mit einander zu nehmen. Dorimcne kömmt mit der Julia, cbcn da Erast und Harlcquin (°) Dieser dramatische Schriftsteller lebt, so viel mir bekannt ist, noch. Er hat nur für das italiänische Theater gearbeitet. Sein Timon der Menschenfeind, sein Falke :c. sind seit geraumer Zeit, auch auf dem deutsche» Theater. Die Stücke aber, deren Entwürfe hier vorkommen, sind nie gedruckt worden. entwürfe ungcdriickter Lustspiele des italienischen Theaters. 383 abgehen. Sie macht sich die unverstellte Aufrichtigkeit ihrer Tochter zu Nutze, um zu erfahren, was in ihrem Herzen vorgeht. Znlia gesteht ihr gerade zu, daß sie den Oronte zu ihrem Manne nicht haben möge, weil sie sich schon einen andern Liebhaber, der mehr nach ihrem Geschmacke sey, ausgesucht habe. Dorimcnc, welche in den Erast eben so verliebt ist, als ihre Tochter, und die ihm nur deswegen den Zutritt in ihr Haus versagt hat, weil Julia in seinem Herzen die Oberhand über sie erhalten, verbietet ihr durchaus an den Erast weiter zu gedenken, und befiehlt ihr, sich fertig zu halten, die Hand des Oronte anzunehmen, dessen Reichthümer sie glücklich machen könnten. Oronte kömmt, Dorimcnc läßt ihrc Tochter abtreten, Julia gehorcht, giebt aber durch ein Beiseite zu verstehen, daß sie sich an cincm Ort vcrstcckcn wolle, wo sie die Unterredung ihrer Mutter und des alten Liebhabers, der ihr Gemahl werden solle, mit anhören könne. Dorimcnc sagt dcm Orontc, daß sic in dcm Hcrzcn der Zulia wcgcn der ihr vorgeschlagenen Heyrath, sehr viel Widerstand antreffe. Orontc schmeichelt sich, durch Hülfe seiner Reichthümer alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Dorimene verläßt ihn, um wegen verschiedener Dinge Anstalt zu machen. Den Augenblick darauf kömmt Julia; sie sagt dcm Oronte, daß sie seine ganze Unterredung, mit ihrer Mutter, mit angehört habe, und daß sich diese sehr bekriege. Orontc glaubt, daß ihm diese Reden günstig wären, und daß er dcr Zulia so unangcnchm nicht scy, als ihre Mutter es glaube. Doch Zulia läßt ihn nicht länger in seinem Irrthume, und erklärt ihm ohne die geringste Zweydeutigkeit, daß sie ihn nicht liebe, und auch niemals lieben werde. Nach diesem aufrichtigen Geständnisse bcgicbt sie sich weg; und Orontc gcräth darüber ein wenig in Verwirrung, doch verlieret er noch nicht alle Hofnung. 2. Aufzug. Harlequin, ob es ihm gleich Erast ausdrücklich verbothen, sich vor seiner Verkleidung in den Sternschcr, jemanden zu zeigen, kann dennoch seiner Begierde mit Colombinen zu reden nicht wicderstchen, um von ihr zu erfahren, ob sie ihm wirklich den Trivclin vorzieht. Eolombinc kömmt, und ist eben nicht sehr erfreut, ihn zusehen, weil sie seinen Ncbcnbuh- 384 Theatralische Bibliothek. lcr liebt. Allein sie verstellt ihr Mißvergnügen; sie fragt ihn nach dem Erast und sagt, daß er seiner Abwesenheit ungeachtet, der Julia in ihren Gedanken beständig gegenwärtig sey, und auf das zärtlichste von ihr geliebt werde. Harlcquin antwortet ihr, daß er bey dem Erast nicht mehr diene, und einen unendlich bessern Herrn gefunden habe. Er sey nehmlich vor itzt bey dem großen Stcrnschcr Beniscraque, der eine unumschränkte Gewalt besitze, in Diensten. Er giebt ihr zugleich zu verstehen, daß er den Trivclin, wenn er sich unterstehen sollte, ihm ihr Herz streitig zu machen, durch Hülfe gewisser Geister, die ihm sein Herr leihen werde, ein wenig in der Lust wolle herum tanzen lassen. Eolombinc, die hierüber sehr erschrickt, verstellt sich noch weiter, und schwört ihm, daß sie den Trivclin durchaus nicht leiden könne, sondern ihren Harlcquin einzig und allein liebe. Hier kömmt nun Erast dazu, der noch immer als Gärtner verkleidet ist; er gcräth wider den Harlcquin in Zorn, und droht ihm leise, ihn wegen seines Ungehorsams zu strafen. Harlcquin thut, als ob er ihn nicht kenne, und nimmt einen Ton gcgcn ihn an, der sich für dcn Diener des grossen Beniscraque, wenn er mit einem schlechten Gärtner spricht, schicket. Harlcquin geht ab, um sich zu verkleiden; und der verstellte Gärtner erfährt von der Eolombinc, daß Julia die Hand des Orontc ansgcschlagcn, wcil sie ihr Hcrz bcrcits an einen andern jungen Liebhaber, Namens Erast, verschenkt habe. Der vermeinte Gärtner sagt ihr, daß er der Julia in dieser Liebe, so weit es in seinem Vermögen stehe, dienen wolle. Zulia kömmt, und bezeigt eine große Begierde, sich mit dem Stcrnschcr chcr, als ihre Muttcr, zu untcrhaltcn. Sie bittet zugleich dcn Lucas, bey ihr zu bleiben, wcil sie sich vor dergleichen Leute, die mit Geistern Umgang haben, fürchte. Erast bringt sie mit einer guten Art auf das Kapitel von ihrer geheimen Liebe, und hat das Vergnügen zu hören, daß cr heftiger, als er immer hoffen dürsten, von ihr geliebt werde. Er giebt ihr die Hand, sie zu dem Beniscraque zu führen, auf dessen Ankunft Dorimcnc mit Ungeduld wartet. 3. Auszug, Der erste Auftritt dieses letzten Auszuges ist zwischen Trivclin und dem in Stcrnschcr verkleideten Harlcquin. Entwürfe mlgednickter Lustspiele des italiänischen Theaters. 385 Harlcquin macht dem Trivclin so viel Angst, daß cr ihm das Versprechen abzwingt, der Colombinc zu entsagen. Der Verwand, unter welchem der verstellte Bcniscraquc dem Trivclin diese Entsagung abnöthigct, ist dieser, weil cr den Harlcquin, der bey ihm in Dienstcn stehe, unter seinen Schutz genommen habe. Trivclin macht sich zitternd davon, und schwört, sich niemals cincr solchen Gefahr wieder auszusetzen. Dorimcne und Orontc kommen, den Stcrnschcr um Rath zu fragen; Orontc aber ist bey weiten nicht so leichtgläubig, als Dorimcne. Bcniscraquc läßt sie bcydc abtreten, und will mit der Colombinc den Anfang machen, die ihn gleichfalls zu Rathe zu zichen verlangt. Sie giebt ihm zu erkennen, daß sie zwey Liebhaber habe, abcr nur einen davon liebe; sie setzt hinzu, daß sie gezwungen sey, das Geheimniß ihres Herzens zu verbergen, weil der Herr desjenigen, den sie nicht licbc, in diesem Hause gegenwärtig scy. Sic versteht unter diesem Herrn den Bcniscraquc, weil ihr Harlcauin in dem ersten Auszüge gesagt hat, daß cr bey diesem berühmten Manne in Dicnstc gctrctcn sey. Harlcquin abcr bctricgt sich, und glaubt, daß sic den Trivclin, der bcy dcm Orontc in Diensten stehe, meine. Diese Zweydeutigkeit verursacht dcm Harlcquin cine große Frcudc; cr kömmt abcr gar bald aus seinem Irrthume. Colombinc sagt ihm, daß cs Trivclin scy, den sie licbc. Hicrbcy nun kan sich Harlcquin nicht halten, cr wirst seinen Rock und seinen Bart aus die Erde, und läßt der Colombinc dcn Liebhaber in ihm erkennen, dcm sic den Trivclin vorzuzichcn, die Ungcrcchtigkcit habe. Auf das Geschrey und die Scheltwortc, die cr der Colombinc sagt, kommen sowohl Dorimcne und Orontc, als auch dcr vcrmcintc Lucas herzu; und jcnc erstaunen nicht wenig, anstatt des Bcniscraquc dcn Harlcquin zu findcn. Anfangs scheinet dieser unbesonnene Streich die ganze List dcs Erast zu vernichten; doch cs wird gar bald alles beygelegt. Da Orontc höret, daß Zulia den Erast liebet, und diesen Liebhaber bcy seiner künftigen Gattin verkleidet antrift, so entsagt cr cincr für ihn so gefährlichen Hcyrath; und Dorimcne faßt, nach cincm so öffentlichen Ausbruchc, den weisen Entschluß, in die Verbindung ihrer Tochter mit dcm Erast zu willigen, dcm sie noch dazu ihre Freundschaft verspricht. Dcr LcsiingS Werke >v, 25 386 Theatralische Bibliothek. einzige Harlequin sieht sich unglücklich; er kann aber niemand andern, als sich selbst die Schuld geben. 2) ^i-Ie^mn <- IlZhiiIt, in drey Auszügen von dem Hrn. de -Suslc; zum erstenmale aufgeführt den 2Z Zunius 4739. Personen. Dorimon, der Angeliquc Vater; Dorame, Liebhaber der Angcliquc; Valcre, gleichfalls der Angeliquc Licbha- bcr; Angeliquc, dem Dorantc versprochen; Isabclle, Nichte des Dorimon, dem Valcre versprochen; Musette, Mädchen der Angclique; Fromm, Bcdicntcr dcs Dorantc. Dic Sccne ist auf dem Lande bey dem Dorimon. Dorimon cröfnct die Scene und fragt Liscttcn, was sie von dem Dorantc, den er seiner Tochter bestimme, und von dem Valcre, dem er seine Nichte versprochen, sage? Lisctte antwortet: sie wären beyde liebenswürdig; Valcre sey sehr lebhaft, und wisse sich hervor zu thun; Dorame aber gefalle ihr des- «Ms>^^'?M»?^^^'^?M^MM>. ' "-5« ^ ! '^ Entwürfe ungedruckter Lustspiele des italiänischen Theaters. 387 wegen unendlich, weil man einen vernünftigen Mann in ihm bemerke, von der gefälligsten Gemüthsart, obgleich sein Acußerlicües sehr ernsthaft sey- Dorimon schmeichelt sich, in der Wahl dieser Ehemänner für seine Tochter und seine Nichte, sehr glücklich gewesen zu seyn; indem Angcliquc, welche er dem Dorante bestimmt, so wie er, philosophisch, und Zsa- bcllc, so wie Valcrc, lebhaft und aufgeräumt sey. Sie kommen beyde dazu, und Dorimon sagt, daß er mit ihnen von einer ernsthaften Sache reden wolle. Er erklärt sich, daß es ihre Vcr- hcyrathung betreffe; Zsabcllc findet nicht, daß dieses eben eine sehr ernsthafte Sache sey, allein Angcliquc dcnkct ganz anders. Dorimon gchct ab, um sich zu dcn zwey Liebhabern zu begeben, und sie hernach zu seinen Töchtern zu fuhren. Zsabcllc bezeiget ihrer Muhme ihre Freude, daß man sie nun bald vcrhcyrathcn werde; Angcliquc aber ist ganz traurig, weil, wie sie sagt, die -Heyrath uns mir einem Manne verbindet, dessen Verstand man ofc eben so wenig kennet, als die Gemüthsart. Hierauf schildert sie die Liebhaber, die ihre Fehler in liebenswürdige Eigenschaften zu verwandeln wissen, und sich dcn Augen ihrer Gebieterinnen ganz anders darstellen, als sie wirklich sind. Zsabcllc antwortet, daß das Frauenzimmer dcn Mannspersonen, wie sie glaube, in dem Stücke der Verstellung nichts schuldig bleibe. Die Unterredung wird durch die Ankunft des Dorimon und der zwey Liebhaber unterbrochen. Bey dieser Zusammenkunft fallen nichts als Höflichkeiten vor, und Dorimon, unter dem Vorwandc, verschiedenes anzuordnen, läßt sie alle viere beysammen. Bey dieser Gelegenheit nun verrathen Angclique und Zsabcllc ihre Neigungen; Angcliquc findct dcn Dorante allzuvcrdricßlich, und Zsabcllc sichct in dem Valcrc nichts als einen unbesonnenen Flattergeist. Zcne schließt aus den satyrischcn Zügen, welche dem Dorante entwischen; und diese aus dem leichtsinnigen Tone des Valcre, der unter andern sagt, daß sich Dorante, über alles, was ihm zu wieder se^, ärgere, und daß hingegen er, über alles, was ihn ärgere, lacke. Dorimon kömmt wieder zu ihnen; Zsabcllc erhebt gegen ihren Oheim dcn Verstand und Charakter des Dorante, und Angcliquc lobt ungcmcin dcn Valcrc, so daß Dorimon sagt: 25 * 388 Theatralische Bibliothek. das ist ja recht lustig; jede rühmt den Liebhaber ihrer Muhme, untersteht sich aber, aus Sckamhaftigkeit, nicht, ihren eignen zu loben. Lisctte meldet, daß man angerichtet habe, und die Gesellschaft bcgicbt sich weg. Lisctte hält den Dorimon zurück, um ihn zu fragen, ob die Verliebten an einander Geschmack finden. Dorimon ist voller Freuden und sagt, daß das Schicksal seine Wahl deutlich zu billigen scheine, und daß man aus der ganzen Welt keine sympathetischere Gemüther finden könne; doch empfiehlt er ihr, bey dem Abgchn, nochmals die Herzen der beyden Frauenzimmer gegen ihre Liebhaber zu erforschen. Frontin kömmt und wird von der Schönheit der Lisctte ungcmein gerührt. Er hält sie anfangs für eine von den Gebieterinnen des Hauses, nachdem ihn aber Lisctte aus dem Irrthume gezogen, wird er freyer und sagt: Dn rvirst nichts dabey verlieren, daß Frontin seine LLHrfnrcht gegen dich zu verlieren anfängt. Lisctte sragt ihn, was cr suche? Frontin antwortet: ich suchte einen -Herrn, und finde eine Gebieterin. Sie unterhalten sich hierauf von ihrer Herrschaft, und jeder mahlet die scinigc mit sehr komischen Zügen vollkommen nach dem Leben. Angcliquc und Lisctte sangen den zweyten Aufzug an. Dieses vernünftige und einsichtsvolle Frauenzimmer sagt, je mehr sie den Dorantc untersuche, desto weniger könne sie Geschmack an ihm finden, und sie möge ihn durchaus nicht haben; er scheine ihr zu viel Verstand zu besitzen, und sie fürchte, daß er für scinc Einsichten allzusehr eingenommen sey. Sie gesteht, daß sie eben die Fehler habe, welche sie Dorantcn vorwirft. Und eben diese Uebereinstimmung in unserer Art zu denken, sagt sie, roürde unserm Umgange nothwendig sehr gefährlich seyn. Dorante, sctzt sie hinzu, muß eine gelehrige Frau, so rvie ick? einen Mann haben, der mehr Biegsamkeit des Geistes besiyer. Sie trägt Liscttcn auf, zum Dorimon zu gehn, und ihm die Neigungen ihres Herzens zu entdecken. Wa- lcre kommt dazu, weil cr aber in tiefem Nachdenken ist, wird er Angclicmcn nicht gewahr, ob sie gleich eben die Person ist, von der scinc ganze Scclc eingenommen. Sie zcigct sich ihm, welches ihn anfangs ein wenig verwirrt macht; doch faßt er .-»'.'^ > - Entwürfe »»gedruckter Lustspiele des italiänische» Theaters. 38!) sich bald wieder, und gesteht ihr, daß seine Gedanken eben mit ihr beschäftiget gewesen. Angcliauc wird durch dieses Gcständ- niß sehr betroffen, und giebt ihm zu bedenken, daß er ihrer Muhme bestimmt sey; doch Valerc fährt fort, sie zu versichern, daß er zwar Zsabcllcns Verdienste wohl einsehe, daß aber Angclique über sein Herz triumphirt habe. Endlich bekennt ihm An- gcliquc, daß sie eben so ausschweifend sey als er, und nicht die geringste Neigung gegen Dorantcn habe. Valerc wird darüber entzückt, fällt ihr zu Füssen, und bittet sie um Erlaubniß, hoffen zu dürfen, weil er sie nunmehr lieben könne, ohne die Freundschaft, die er für Dorantcn habe, zu verrathen. Angelique hebt ihn auf, und sagt: Geben Sie mir die Hand; ich will Sie von ihrem Irrthume zurückbringen, und meiner Muhme wieder schenken. Dorantc kömmt dazu, und weil er Angcliaucn fliehen sieht, so zweifelt er an ihrer Gleichgültigkeit gegen ihn nicht länger, und ist sehr wohl damit zufrieden. Er fügt hinzu: ein Frauenzimmer ist von Narur gebieterisch; alsdenn aber hat ihr Stolz keine Grenzen, wenn ste grössere Talente zu besitzen glaubt, als ihrem Geschlechte sonst zukommen. Er ruft den Frontin, und befiehlt ihm, die Pferde zu satteln, damit er sogleich abreisen könne. Dem Frontin ist dieses ganz und gar nicht gelegen, und er thut alles was er kann, seinen Herrn zu bereden, daß er sich nicht einbrechen könne, Angcliauen zu hcyrathcn, weil bereits alle Anstalten dazu vorgekehret werden; er setzt hinzu, daß noch über dieses er sich selbst in Liscttcn verliebt habe. Frontin geht endlich in größtem Vcrdrussc ab. Dorante bleibt einen Augenblick allein; Zsabcllc kömmt in Gedanken vertieft dazu, und Dorante sieht sich verbunden, sie nach der Ursache ihrer Traurigkeit zu fragen. Sie gesteht ihm, daß sie Valcrcn nicht liebe, und daß er für sie allzu jung und allzu zerstreut sey. Dorante nimmt Valcrcns Parthey und beweiset Zsabcllcn, daß er alle Verdienste habe, die man nur haben könne. Doch dieses alles verringert Jsa- bcllcns Besorgnisse wegen der Jugend des Valerc nicht im geringsten; sie läßt sich vielmehr darüber aus, daß sie schwer zu überstehen seyn werde- Erzeigen Sie mir also die Gefälligkeit, fährt sie fort, und bringen ihm auf eine gute Art bey, 390 Theatralische Bibliothek. daß er nicht mehr an mich denken solle- Dorantc nimmt die Commißion, obgleich ungern, über sich, und verspricht, ihr Antwort zu bringen. Zsabclle geht ab, nachdem sie sich diesen Stein vom Herzen gcschaft. Dorantc, der anfangs allein abzureisen glaubte, freuet sich, daß ihm Valere werde Gesellschaft leisten müssen. Valere kömmt herbey, ohne den Dorantc zu sehen, und ist wegen der Art sehr verlegen, mit welcher er ihm das Vorgefallene beybringen will. Wenn er Angeliquen liebt, sagt er, und erfahrt, Saß ich sie auch liebe, so roird er es für einen sehr schleckten Streick hallen, ^ier ist er; ick muß das, rvas mir Angclique an ihn aufgetragen, ausrichten. Sie bringen also nunmehr einer dem andern bey, daß sie von den Personen, für welche sie bestimmt worden, nicht geliebt werden. Als aber Dorante dem Valere abzureisen vorschlägt, stutzet er nicht wenig, daß ihm dieser antwortet: ick kann nickt. Er gestehet ihm endlich, daß er Angcliqucn anbete, daß er von ihr geliebt werde, und daß ihr seine Philosophie besser gefalle, als Dorantcns. Dorantc umarmt ihn, und wünschet ihm Glück. A.eben Sie rvohl, mein Freund, sagt er; ick rvill noch zu Isabcllen gehen, ihr von meiner Unterhandlung Bericht abzustatten, und Abschied von ihr zu nehmen. Zsabclle eröfnct den dritten Aufzug mit einer Monologue, in dcr sie die Unruhe ihres Herzens zu erkennen giebt; sie fürchtet ihren Vater zu kränken, wenn sie die angetragene Hcyrath ausschlägt, und ist zugleich bange, was Dorante werde ausgerichtet haben, den sie eben wahrnimmt. Er entdeckt ihr, daß cs Valcrcn sehr angenehm sey, daß sie ihn nicht liebe, daß er hingegen ihre Muhme liebe und von ihr wieder gclicbet werde. Zsabclle erstaunet nicht wenig, daß ihre Muhme ihrem Verstände so zu nahe trete und den Dorantc nicht liebe, der cs doch so wohl vcrdicnc; sie scheinet wider das Betragen dcr Angcliquc ganz aufgebracht zu seyn. Hier fängt sich die Liebe des Doran- tcn an zu entdecken. Er kann sich nicht enthalten, ihr ihren Sieg übcr scin Herz zu gestchen. Sie empfängt seine Erklärung mit cincm freudigen Erstaunen; glaubt aber noch immer, daß sie Dorante hintergehen wolle. Dorante braucht alle Mittel, sie zu überreden und endlich läßt sie sich überreden. Frontin, der _ " ' entwürfe -„.gedruckter Lustspiele des italienischen Theaters. 39t das Ende dieser Scene mit angehöret hat, schließt, daß die Abreise minmchr verschoben sey, und cr Liscttcn wieder sehen könne. Unterdessen fasset cr doch den Anschlag, sich auf Unkosten seines Herrn zu belustigen, und sagt ihm, daß die Pferde fertig stehen. Dorante antwortet ihm, daß cr nicht abreise, denn er sey verliebt. Frontin kann nicht anders glauben, als daß cr es in Angcliquen sey; und da Dorante abgeht und Frontin den Dorimon kommen sieht, so macht cr sich gefaßt, dicscm davon Nachricht zu geben. Dorimon sagt im Hcrcnitrc- tcn: ich fürchte, alle meine Vorsicht wird vergebens seyn; denn wenn ich mich nicht sehr irre, so haben die jungen K.eme, von welchen ich mir eine so grosse Uebereinstimmung versprach, wenig Neigung gegen einander. Frontin sucht ihm dicscn Irrthum zu bcnchmcn, und dcr crfrcutc Dorimon giebt ihm für diese gute Nachricht cine Belohnung. Lisctte kömmt und sagt gleich das Gegentheil von dem, was Frontin vorgegeben. Angelique, sagt sie, kann den Dorante nicht ausstehen; er ist ihr zu philosophisch; Dorante seines Theils ist nichts zärtlicher; und was Isabellen anbelangt, so findet sie den Valcre für sie allzu fting und allzu lebhaft. Rurz, die Sympathie hat alles verdorben- Dorimon beruft sich auf den Frontin, daß allerdings eine wcchsclswcisc Liebe unter ihnen zu herrschen anfange; und Lisctte bestehet auf ihrer Rede. Dorimon geht ab, um besser hinter die Wahrheit zu kommen. Lisctte ist auf den Frontin erzürnt, daß cr den Dorimon betrogen; Frontin versichert, daß cr nichts als die lautere Wahrheit gesagt, und daher auch kein Bedenken getragen habe, Geld dafür zu nehmen, welches ihm seine Aufrichtigkeit gewiß nicht erlaubt hätte, wenn cr scincr Sache nicht ganz gewiß wäre. Ihr es zu bcwciscn, macht cr cinc ausschweifende Erzchlung. Da ich sahe, sagt cr, daß mein Herr, Valcrc, Angclique, und Isabelle, und sie, Jungfer L.isette, der Aiebe sich nicht unterwerfen wollten, so bin ich auf der Post zu ihr gereiset, um euch alle zu Paaren zu treiben. Ich habe den kleinen Schalk von einem Z.icbesgottc mir mir gebracht, und kaum har er den Zuß hier auf die Erde geserzc, so ist es auch schon richtig; die verliebten sind in einander wie 392 Theatralische Bibliothek. vernarrt. Liscttc will von diesem allen nichts glauben, und er läßt sie mit Angcliqucn allein, um sich selbst davon zu überzeugen. Liscttc will also Angcliqucn überreden, daß sie den Dorante liebe, und Angcliquc versichert sie, daß nichts daran sey, daß er ihr unerträglich falle, und daß, bey Gelegenheit da sie den Valcre ihrer Muhme wieder zuführen wollen, sie in diesem ein so liebenswürdiges Betrage», so schöne Gesinnungen entdeckt habe, daß sie sich nicht enthalten können, ihn selbst zu lieben. Liscttc antwortet hierauf, daß sie nunmehr vollends nicht wisse, woran sie sey. Angclique hat Jsabcllcn rufen lassen, und sie kömmt; und nun entdecken beyde einander ihre Gesinnungen auf eine feine Art. Dorimon, der sie behorcht und gehört hat, daß beyde von sich gestanden, sie liebten, glaubt daß sie die lieben, die er ihnen bestimmt hat, und freuet sich ungcmcin, daß seine Wahl nach ihrem Geschmacke sey. Liscttc sagt bcy Seite: die ZrcuSe wird nicht lange.dauern. Angcliquc und Jsabcllc bringen ihn aus seinem Irrthume, und bekennen ihm, daß weder Angclique zu dem Dorante, noch Zsa- bellc zu dem Valcre einige Neigung fühle, worüber Dorimon ganz bestürzt wird. Die Liebhaber kommen dazu, und Dorimon verlangt, daß sie sich erklären sollen. Dorante gesteht, daß er Zsabcllcn liebe, und Valcre, daß er seine ganze Liebe Angcliqucn gewidmet habc. Da sie Dorimon bcydc gleich hoch schätzt, so ist es ihm gleich viel, welchem von ihnen er seine Tochter oder seine Nichte giebt. Er verspricht, daß er die Einwilligung ihrer Ackern zu diesen Hcyralhcn auswirken wolle, und erklärt sie für so gut als geschlossen. Die Verliebten bezeigen darüber ihre Freude, und Frontin erhält zugleich das Zawort von Liscttcn, worauf das Stück mit einer Lustbarkeit, die Frontin besorgen müssen, beschlossen wird. (°) (°) Die Fabel dicscs Stückes hat mit der Fabel meines Freygeistes so viel Gleichheit, daß es mir die Leser schwerlich glauben werden, daß ich den gegenwärtigen Auszug nicht dabey sollte genutzt haben. Ich will mich also ganz in der Stille verwundern, in der Hofnung, daß sie mir wenigstens, eine fremde Erfindung auf eine eigene Art genutzt zu haben, zugestehen werden. - - ' - ^ " . . > ^ Entwiirfe ungcdruckter Lustspiele des italienischen Theaters. 393 Saint-Foir. (") I) I^o Lontratto clo Ill^mon ^ clo I'^mour, in drey Auszügen, von dem Herrn von Saint-Foix; auf dem italiänischen Theater zum erstenmal aufgeführt, den 7ten März 1726. Personen, Horatius, Oheim des Pamphilus. Pamphilus, Neffe des Horaz. Iulia, mit dem Pamphilus vermählt. -Hor- tcnse- Zllceste, Liebhaber der Hortcnsc. Harlcquin, Bedienter des Pamphilus. Trivelin, Bedienter der Alccstc. Madcmois. Amila, Sängerin und Frau des Trivelin. Madcmois. Vec- carre, Sängerin und Frau des Harlcquin. Die Scene ist in Sem -Hause des Horatius. Erster Auszug- Gleich vom Anfange des Stücks läßt der Verfasser zu verstehen geben, daß man bey dem Oheim des Pamphilus einen Ball geben werde. Zwey Sängerinnen sind eingeladen, sich dabey hören zu lassen. Pamphilus hat das, was sie singen sollen, selbst componirt. Die eine von diesen Sängerinnen ist die Frau des Harlcauins, und die andere ist mit dem Trivelin vcrhcyrathct; sie wissen aber beyde nicht, daß ihre Männer, von welchen sie wcggclanffcn sind, der eine bey dem Pamphilus und der andere bey dem Alcestc in Diensten stehen. Der erste ist mit der Julia vermählet, und der andere soll sich mit Horrcnscn verbinden. Harlcquin hat sich in die Frau des Trivclins, und Trivelin in die Frau des Harlcquins verliebt. Harlcquin öffnet die Scene. Er empfiehlt sich der Mademoiselle Amila, dic er eben verläßt. Pamphilus, sein Herr, heißt ihm, einen Brief wegtragen; Horatius, des Pamphilus Oheim, kömmt in dem Augenblicke dazu, da sein Ncffc dcm Harlcquin dcn Brief giebt, bemächtiget sich desselben und fragt in einem zornigen Tone, an wen diese verliebte Gesandtschaft gehen solle? Pamphilus antwortet ihm ganz ruhig, er dürfe, um es zu wissen, nur die Aufschrift lesen. Horatius erstaunt nicht wenig, da cr ficht, daß Pamphilus an scinc Frau (°) Der Herr von Saint-Foi?.' ist noch am Lcbcn, Wir haben eine gute Ucbcrsctzung von scnicn dramatische» Werken. Folgende Auszuge aus zwey Stückcn, dic cr nie drnckcn lasscn, werden dcm Lcscr also hoffentlich um so viel angcnchmcr scvn. 394 Theatralische Bibliothek. schreibt, und von ihr zu wissen verlangt, nm welche Stunde er das Vergnügen haben könne, ihr aufzuwarten. Er fragt seinen Neffen, ob das die Art sey, wie zwey verehelichte Personen mit einander umgehen sollten? Paniphilus erklärt ihm die Feinheit dieses Betragens in Ausdrücken, die den Horaz erbittern und zu der Drohung bringen, daß er ihn enterben wolle, wenn er nicht klüger werde. Alccstc kömmt und bezeigt dem Pamphi- lus, den er für seinen Freund hält, wie sehr er sich freue, daß er nun bald mit Hortcnscn solle verbunden werden. Pamphi- lus spottet über alles, was er ihm sagt. Alccstc rcdct von Zuwclcn, die er für seine Braut einkaufen will; Pamphilus bietet ihm die Zuwclcn seiner Frau an, und giebt ihm den Rath, sie gleichfalls, fünf oder scchs Monate nach der Hochzeit, wicdcr zu vcrkauffen. Alccstc aber findet den Antrag der An- nchmung eines ehrlichen Mannes unwürdig. Hortcnse kömmt dazu und giebt durch ein Seitab zu verstehen, daß sie dcn Pamphilus eben so sehr hasse, als sie dcn Alccstc licbc. Pam- vhilus, um dcn Alccstc eifersüchtig zu machen, spricht mit Hortcnscn in dcm vertraulichen Tone eines beglückten Liebhabers; Alccstc weis nicht, was er denken soll, und Hortcnse mag sich über die Unverschämtheit des Pamphilus noch so sehr erbittern, so drehet dieser doch noch immer alles was sie ihm hartes sagt, zu seinem Vortheile. Sie verläßt ihn endlich, und giebt ihrem gclicbtcn Alccstc dic Hand. Zu Ende dieses Auszuges crkcnnct Harlcquin, unter dem Namen der Madcmoiscll Bcccarrc, scinc Frau, die er längst todt geglaubt; sie übcrhäuffcn einander mit Schcltwortc» und verlassen sich mit einem: Adieu! hohl Sich Ver Teufel! Zweyter Auszug. In dcr Zwischenzeit hat Pamphilus einen Brief an Hortcnse» geschrieben, in welchem er ihr meldet, daß cr scincr Frau durch cinc falsche Nachricht beybringen lassen, als ob cinc von ihren Anverwandten zu Versailles gefährlich krank geworden, welches sie ohne Zweifel bewegen werde, sogleich dahin abzureisen. Er setzt in dicscm Bricfc hinzu, daß cr sic, vcrmittclst dieser List, unter dcm Namcn uiid dcn Kleidern der Zulia, auf dcm Vallc wcrdc untcrhaltcn können. Hortcnse wird über diesen Anschlag, an dcm sic durchaus keinen Entwttrfe nngcdruckter Lustspiele des italienischen Theaters. 3i1A Theil haben will, und den sie höchst ausschweifend und unverschämt findet, ungcmcin ausgebracht, und schicket den Brief an Julien. Diese aber verlieret ihn und er fallt dem Alccste in die Hände, der bereits den Argwohn gefaßt, daß Hortcnsc gegen die Liebe des Pamphilus so unempfindlich vielleicht nicht sey, als sie sich in dem ersten Auszüge gestellt. Er giebt es zu Anfange des zweyten Auszuges dem Horaz zu verstehen, und zeiget ihm den unglücklichen Brief, den er gefunden. Horaz vergißt nichts, ihn wegen seines Ncffcns zu beruhigen, dessen Charakter es sey, leere Einbildungen für Wirklichkeiten zu nehmen. Alccste scheinet auch von seinem eifersüchtigen Argwohne wieder gchcilct. Es sind noch verschiedene andere Scenen in diesem Auszüge, deren Ordnung vielleicht, aus Mangel des Gedächtnisses, ein wenig verrückt worden, deren Inhalt aber ohngcfehr dieser ist: Zn einer von diesen Scenen hat Pamphilus eine Unterredung mit seiner Ehegattin, der Julia, welche, nachdem sie ihres Mannes Anschlag aus dem Briefe, den ihr Hortcnsc zugeschickt und sie nachhcro verloren, ersehen, List gegen List setzet, und ihren Mann beredet, daß sie nicht aus den Ball gehen werde, weil die Pflicht sie zu ihrer kranken Anvcrwandtin nach Versailles rufe. Pamphilus spottet über dieser Pflicht, die sie an ihrem Vergnügen hindere. Er hat dem Harlcauin aufgetragen, der Zulia eine Trennung vorzuschlagen, und erinnert ihn itzt ganz leise daran. Harlcquin gehorcht, und sagt zur Zulia, daß die Gleichgültigkeit, die ihr Gemahl gegen sie habe, ohne Zweifel daher komme, weil sie einander beständig vor Augen hätten, und daß sie sich seltener sehen müßten, wenn sie sich lange mit Vergnügen sehen wollten. Pamphilus giebt dieser neuen Entdeckung des Harlcquins seinen Beyfall; Zulia aber erzürnt sich wider ihren unwürdigen Gemahl, der sich zu der Trennung so bereit finden läßt. Pamphilus antwortet, daß es eigentlich keine Trennung, sondern vielmehr ein Mittel sey, sich desto fester zu vereinigen. Zn einer andern Scene ist Hortcnsc ungcmcin betrübt, wcil sie ihren Alcest verdrießlich sieht; da sie aber von Julien hört, daß sie den Brief des Pamphilus, den sie ihr zukommen lassen, verloren habe, so zweifelt sie cbcn so wenig als ihre Freundin, daß Alccste ihn müsse gefunden und Theatralische Bibliothek. Argwohn daraus geschöpft haben. Es schließt sich der zweyte Auszug mit ciucr Scene in dem italiänischen Geschmacke, welche sehr vielen Beyfall fand. Sie ist folgende: Da der Ball nun- mchro bald angehen soll, so kömmt Trivclin als ein Cavalicr verkleidet, um seiner geliebten Mademoiselle Bcccarre unter dieser Verkleidung Liebkosungen vorzusagen; Harlcquin erscheinet gleichfalls seiner lieben Amila wegen, und hat die Kleider seines Herrn, des Pamphilns angezogen. Von diesen Bedienten also, die beyde auf gutes Glück ausgegangen, will gern keiner einen übcrlästigcn Zeugen um sich leiden, und es bittet daher einer den andern, geschwind abzutreten, wozu sich aber weder dieser noch jener verstehen will. Sie vertrauen sich wcchscls- wcisc die Ursache, warum sie hichcr gekommen, und dieses auf eine so unbesonnene Art, daß sie beyde gar bald sehen, daß einer in des andern Frau verliebt ist, und keiner unerhört geblieben. Zeder sagt von seinem Nebenbuhler, was er nur schlimmes von ihm weis, und sie machen eine so wahre Ab- schildcrung von einander, daß sie sich unmöglich verkennen können. Sie gerathen beyde darüber in Wuth, und wollen sich beyde rächen; der eine fordert seinen Degen, und der andere seine Pistolen. Weil diese Scene zur Nachtzeit vorgehet, so verirren sich ihre Weiber, die unter dem Namen Amila und Bcccarre dazu kommen, und jede von ihnen wendet sich an ihren Mann, indem sie mit ihrem Liebhaber zu sprechen glaubt. Die Männer fangen an zu zanken, allein die Weiber nehmen noch einen weit trotzigern Ton an, und es kömmt zu Schlägen. Sie prügeln ihre Männer wacker durch, und lassen sie trefflich zerzauset stehen. Die beyden Männer sehen einander eine Zeitlang an, ohne ein Wort zu sprechen; hierauf hebt einer dem andern Parückc und Hut auf, machen sich wcchscls- wcise wieder zurecht, und umarmen sich sehr zärtlich, womit sich der zweyte Aufzug endet. Dritter Aufzug. Die Anschläge, die in den vorigen Aufzügen gemacht worden, werden in diesem nun ausgeführt. Die Scene ist in dem Saale, wo der Ball gegeben wird. Pamphi- lus bcgicbt sich in den Kleidern seiner Julia dahin, so wie er cs sich in dem Briefe an Hortcnscn vorgenommen; und Julia, Entwürfe ungednicktcr Lustspiele des italiänischen Theaters. 397 die er in Versailles zu seyn glaubt, erscheint als ein Cavalicr verkleidet, und thut, als ob er der vermeinten Zulia Schmcichc- leycn vorsagen wolle. Vergebens versichert ihm Pamphilus, daß er nicht Zulia sey; der vorgegebene Cavalicr dringt nur um so viel stärker in ihn. Endlich räumt es Pamphilus, um ihn los zu werden ein, daß er Zulia sey, und bittet ihn nur, ihr einen Augenblick Ruhe zu lassen. Zhrc Unterredung wird durch die Ankunft der Sängerinnen Amila und Vcccarrc unterbrochen, und Pamphilus macht sich davon. Als Zulia den Oheim des Pamphilus kommen sieht, sagt sie zu den Sängerinnen, daß es Pamphilus selbst sey; und dieses zwar in der Absicht, weil sie voraus ficht, daß sich Horaz durch das, was sie ihm in dcr Meynung, daß er Pamphilus sey, sagen wcrdcn, vollends gegen seinen Neffen werde ausbringen lassen. Es geschieht auch wirklich; Horaz erfährt von den beyden Sängerinnen, daß die ganze Lustbarkeit, von welcher sie die Hauptpersonen sind, von scincm Neffen in dem Borsatze angestellt worden, Uneinigkeit zwischen Alcesten und Hortcnscn zu stiften. Zum zwcytcnmalc verkleidet sich Zulia als Hortensc, dcr sich Pamphilus unter dcr Kleidung seiner Frau zu zeigen versprochen. Die vorgegebene Hortensc spielet ihre neue Person vortrefflich, und macht sic sich verschiedentlich zu Nutze. Einmal in so weit, daß sic ihrcn Mann, dcr sic für Hortcnscn hält, nöthiget, dreyßig Pistolen, die sie einem Gasconicr schuldig ist, wclchcr sic itzt auf dem Balle sehr dringend darum mahnet, für sie zu bezahlen, damit er in seiner Unterredung mit dcr vcrmcintcn Hortcnsc nicht länger gestört werde. Und dcr zweyte Vortheil, den sie aus ihrer Verkleidung unter dem Namen Hortensc ziehet, bestehet darum, daß sic sich ihre Zuwclcn wiedergeben läßt, die er Alcesten verkaufen wollen. Nach dieser doppelten Verrichtung kömmt Alccste mit dem Ho- ratius dazu. Alccste irret sich cbcn sowohl wie Pamphilus, und glaubet Hortcnscn in cincr geheimen Zusammenkunft mit dem Pamphilus zu treffen. Doch die wahre Hortensc erscheinet in cbcn dcm Augcnblickc, und macht ihm wcgcn scincs ungerechten Argwohns Vorwürfe. Zulia macht dcn Pamphilus vollends verwirret, indem sie sich zu erkennen giebt; und dieser Streich, den ihm seine Frau gcspiclt, bestärkt ihn in dcm Vorsatzc, dcn 3S8 Theatralische Bibliothek. er schon vorher gcäusscrt, sich von ihr scheiden zu lassen. Zulia ist es zufrieden, Horatius findet, daß sie Recht hat lind sagt zu seinem unwürdigen Neffen, daß er auf seine Erbschaft weiter keine Rechnung machen dürffc. Das Stück schließt sich also auf der einen Seite mit einer Ehescheidung und auf der andern mit der festgesetzten Vermählung des Alccstc und der Hortcnsc. 2) I^a Vvuvt- ü, I» kloclsi; in drey Auszügen, von dem Herrn von Saint-Foi>, zum erstenmal aufgeführt den 2l>. März 172k. Personen. Dorante, President und Oheim des Dämon und der Eliante. Dämon, Liebhaber der Eliantc. Eliante, eine junge Wittwe und Liebhaberin des Dämon. Pasqmn, Bedienter des Dämon. Dorimene. Marrhon, Mädchen der Eliantc. Eiferte, Mädchen der Dorimcnc. Dämon und Eliante, ob sie gleich in einander verliebet sind, lieben ihre Freyheit doch weit mehr, als selbst das leichte Band, welches sie itzo noch vereiniget. Sie sind beyde gleich geneigt, eine ernsthaftere Verbindung, dergleichen die Hcyrath seyn würde, zu fliehen. Dorante, des Dämons Oheim, hat sich vorgenommen, ihn mit Eliantcn zu vcrhcyrathcn, die gleichfalls seine Nichte ist. Beyde aber setzen sich gleich sehr darwidcr und geben ihre Gesinnungen, indem sie mit ihrem Oheim sprechen, ausfolgende Art zu verstehen. „Llianre. Uns mit einander zu vcrhcyrathcn! So sind sie „es üdcrdrüßig, uns als gute Freunde zu sehen? „Pasquin. Es ist auch wahr! Warum wollen Sie nun „unter Anverwandten Uneinigkeit stiften? „Doranre- Wie? Euch mit einander vcrhcyrathcn, hcißt „Uncinigkcit unter euch stiften? Liebt ihr euch denn nicht? „Dämon. Madame gefällt mir. Meine Gedanken beschäftigen sich mit ihrem Bilde lieber, als mit dem Bilde einer „andern. Aber da alle artige Frauenzimmer einander gcwisser- „Massen ähnlich sind, so untcrhaltc ich die Zärtlichkeit, die ich „gegen sie habe, ohne Unterschied mit allem, was ich licbcns- „ würdiges finde. „Dorante. Nun wohl! Das ist ein guter Anfang zur „Liebe; die Heyrath wird das Band derselben schon fester knüpfen. Entwürfe »»gedruckter Lustspiele des italienischen Theaters. 399 „Elianre. Nichts weniger; sie würde vielmehr alles verderben. Wir lieben uns itzo, ohne daß wir uns sehr zu lic- „bcn glauben; wir suchen einander, ohne fast daran zu denken, „ohne es vielleicht jemals überlegt zu haben; wir haben einerley Freunde, einerley Ergctzungcn, einerley Besuche. Aber „ach! so bald wir verhcyrathct seyn sollten, würden wir gar „bald diese beydcrscitigc Achnlichkcit, die sich bey allen unsern „Handlungen findet, bemerken; sie würde uns nach und nach „zur Last werden; jeder von uns würde sie für Eifersucht, für „Mißtrauen zu halten anfangen; wir würden uns Zwang an- „thun; die Ungleichheiten, die Unbeständigkeiten, die unter Liebhabern nichts zu bedeuten haben, weil sie denselben nicht wei- „tcr ausgesetzt seyn dürfen, als sie es seyn wollen, würden „ihren Namen verändern; sie würden zu übler Laune, zu Eckcl, „zu Abneigungen unter Mann und Frau werden, die ein unglückliches Band beständig um einander zu seyn nöthigte. „Dämon. O meine allerliebste Muhme, wie vortrefflich „ist das gesagt! Ich liebe Sie; ich bete Sie an! Nein; ich „will Sie niemals hcyrathcn." Dorante wird durch den Widerstand, den ihm sein Neffe und seine Nichte thun, aufs Acusscrsic gebracht, und sagt in einem gebietenden Tone, daß sie einander durchaus hcyrathcn sollen, und zwar noch heute, oder daß er ihnen sonst seine Erbschaft entziehen, und selbst eine junge Person, Namens Dori- mcne, hcyrathcn, und dieser alle sein Vermögen verschreiben wolle. Er fügt hinzu, daß diese Dorimcne seine Hand gewiß nicht ausschlagcn werde, weil ihr alles Vermögen, das sie zu hoffen habe, von einer ihrer Anvcrwandtinncn nur mit dem Bedinge vermacht worden, daß sie nicht anders als mit seiner Genchmhaltung hcyrathcn, ja ihren Gemahl selbst von seiner Hand blindlings annehmen solle. Diese Drohung scheinet der Eliante und dem Dämon gleich schrecklich; sie besitzen nichts, als was sie von ihm zu hoffen haben, und zu scincr Erbschaft sollen sie sich bloß durch ihre Verbindung berechtigen können; gleichwohl bleiben sie fest auf dem Entschlüsse, einander niemals zu hcyrathcn. Sic sinnen beyde aus Mittel, wie sie ihren Oheim an der Verschenkung seines Vermögens, womit er ihnen gcdro- -4W Theatralische Bibliothek. hct, hindern wollen. Dämon schmeichelt sich, daß ihn Dorimcnc genugsam liebe, um sie zu bewegen, die Hand des Dorante nicht anzunehmen; er verspricht sich, sie durch neue Aufwartungen, die er ihr machen wolle, noch mehr für sich einzunehmen. Eliantc findet dieses Mittel allzu gefährlich, und wird so gar ein wenig eifersüchtig darüber; sie verbietet dem Dämon, bey Dorimcncn durchaus nichts zu versuchen, und nimmt alles über sich. Sie fängt es folgender maasscn an. Sobald sie Dämon verlassen hat, so theilt sie ihrem Mädchen der Marthon einen Anschlag mit, auf den sie eben gefallen; sie sagt ihr, daß sie Dorimcncn erst gestern zum erstenmal aus dem Balle gesehen, daß sie ihr unter der Kleidung cincs Cavalicrs zärtliche Dinge vorgcsagt, und in kurzer Zeit einen ziemlich starken Eindruck auf ihr Herz gemacht habe. Sie setzt hinzu, daß sie unter eben derselben Kleidung, die ihr so vortheilhaft gewesen, Dorimcncn in ihrem Hause besuchen wollt, und verlangt, daß Marthon gleichfalls, unter dem Namen Eliantc, einen Besuch bey ihr ablegen soll. Das Mädchen ist cs zufricdcn, sich für die Gc- bictcrin auszugcbcn, und damit cndct sich dcr crstc Aufzug. Zn dcr Zwischenzeit rcden sic noch alles mit einander ab, was zu dem glücklichen Ausgangc ihrer List etwas beytragen kann. Den zweyten Aufzug eröffnet Dorimcnc mit ihrem Mädchen, Lisctte. Dorimcnc thut Liscttcn zu wissen, daß sie Dorante hcy- rathen werde, wenn Dämon und Eliantc sich nicht noch heut einander zu ehelichen entschlössen. Kisctte fragt sie, ob sie sich, dcs zärtlichen Versprechens ungcachtc. - das sic dem Walcre gethan, keines andern, als die scinige zu seyn, dcn Dorante zu hcyrathcn, werde entschließen können. Dorimcnc antwortet ihr so, daß sie an ihrer Beständigkeit zu zweifeln anfängt, und endlich gestehet sie ihr offenherzig, daß ein junger Unbekannter, dcn sic vorgestern Abends auf dem Balle gesehen, und dcr ihr von Licbe vorgcrcdt, die schwerste Hinderniß sey,, die Dorante in ihrem Herzen zu übersteigen habe. Durch diese Sccnc erfährt man nicht allein das Vergangene, sondern sic dicnct auch zur Norbcrcitung auf das Folgende. Marthon wird unter dem Namen Eliantc, angcmcldct. Dorimcnc befiehlt, sie hereinzuführen. Nach einigen Eomplimentcn, so wie sie bey einem er- Entwürfe ungcdruckter Lustspiele des italiänischen Theaters. 401 sten Besuche vorzufallen Pflegen, bittet die vermeinte Eliante Dorimcncn um Erlaubniß, einem von den Bedienten ins geheim etwas befehlen zu dürfen. Dorimcne vergönnt es, worauf sie sich beyde niedersetzen und Eliante sogleich ihr Herz folgender Gestalt ausschüttet. „Marthon, oder die vermeinte Eliante. Nicht in dem „Geräusche der Welt, wo uns tausend Ersetzungen zerstreuen, „haben wir die Ucbcrraschungcn der Liebe am meisten zu fürchten. Das Zahr der Stille und Eingczogcnhcit, welches ich dem „Andenken meines verstorbenen Gemahls gewidmet hatte, war „noch nicht ganz verflossen, als eine von meinen Freundinnen „einen ihrer Anverwandten zu mir brachte. Wie liebenswürdig „war er! Welcher Anblick für ein Herz, das der Wohlstand „seit zehn Monaten nöthigte, sich nur mit traurigen Ideen zu „beschäftigen, und dessen Begierden sich durch die wenige Thätigkeit, die ich ihnen erlauben dürfte, nur vermehrten. Dic- „ser junge Mensch legte verschiedene Besuche bey mir ab; und „endlich gestand er mir, daß er mich liebe. Zch antwortete „ihm, ich sey entzückt darüber, und liebe ihn auch recht sehr. „Dorimene- Dieser Anfang verspricht viel. „Marchon. Er ward über meine Antwort unwillig. „Dorimcne- Nun? Und was wollte er denn? „Marrhon. Er wollte, ich hätte mir bey dem Bekenntnisse seiner Leidenschaft ein strenges Ansehen geben sollen; „ich hätte ihn mißhandeln sollen. Kurz, er wollte, daß ich „mich grausam gegen ihn bezeigte; ich aber war viel zu fein, „ihm hierum seinen Willen zu thun. „Dorimene. Zu sein? Von dieser Feinheit verstehe ich nichts. „Marchon. Und gleichwohl ist sie höchst vernünftig. Darf „ein Frauenzimmer, das sich von ihrem Liebhaber am Nachttische gesehen zu werden fürchten muß, das ihm nur durch „erborgte Rcitzc Liebe cinzuftösscn weis, darf so ein Frauenzimmer auf ihre Eroberung wohl stolz seyn? „Dorimcne. Gewiß nicht. „Marthon. Was sind aber die kleinen Weigerungen, die „Hindernisse, die Schwierigkeiten, wodurch wir die Leidenschaft „eines Liebhabers reißen? Sie sind unserer Person eben so Lcssinas Werke lv, 26 402 Theatralische Bibliothek. „wenig eigen, eben sowohl erborgt als Blcyweiß und Schminke; „und man kann sich also auch aus dasjenige Herz, das sie uns „erhalten müssen, wenig oder nichts zu gut thun. Allein es „wissen, daß unsere Bereitwilligkeit einen Liebhaber leicht nach- „läßig, kalt und schläfrig machen kann, und ihm dennoch diese „Hülse wider unsere Rcilzc selbst leihen, um ihn mit desto mehr „Ehre überwinden zu können, das, das nenne ich sein gedacht, „und so wie eine Heldin denken muß, die sich ihres Werths „bewußt ist, und ihre Siege nur sich selbst zu danken haben „will. — Kurz, er mußte sich nach meiner Moral bequemen. „Dorimcne. Ich sollte auch meinen, daß sie bcgncmlich „genug wäre. „N?6tthon. Er wollte in dem Geschmacke der Romanen, „die er gelesen hatte, lieben; jetzt aber ist er kein solcher Ncu- „ling mehr, wie Sie bald selbst sehen und mir es zugestehen sollen. „Dorimcne. Ich? Madame! „Marthon. Er liebt Sie; Sie entrcisscn mir ihn zc. Diese Scene gefiel bey der Vorstellung wegen ihres paradoxen und seltsamen Inhalts ungemcin. Zum Schlüsse macht Eliantc Dorimcncn sehr lebhafte Vorwürfe, daß sie ihr einen Gefangen entführe, den sie mit der besten Art gemacht habe. Dorimcnc vertheidiget sich wegen des Raubes, den Marthon ihr Schuld giebt; doch die wahre Eliantc, die als Cavalicr vcr- klcidct dazu kömmt, übcrzcugt sic desselben vollends. Ehe abcr dicscr vcrmeinte Eavalicr erscheinet, sagt Marthon zu Dorimcncn, daß sic ihn selbst, in Dorimcncns Namcn, habe rufcn und ihm sagen lassen, daß cr sich, um nicht erkannt zu werden, in einem Mantel verhüllt, zu ihr begeben solle. Sie verlange, daß cr sich übcr sie bcudc crklärc, und bittct um Erlaubniß, sich cincn Augenblick verbergen zu dürfen. — Einige Stellen aus der nun folgenden Scene, werden dem Lcscr nicht unangenehm seyn. „Eliantc- (im kLone eines Pctitmaitres) Wenigstens hat „mich niemand erkannt. Ohne uns zu schmeicheln, wir sind „bey dergleichen Abenthcucrn öfterer gcwcscn. „Dorimene- Mein Herr-- „Eliante- Zum Henker, Mademoiselle, wie glücklich bin Entwürfe ungedtticktcr Lustspiele des italiänischen Theaters. 403 „ich! Ich komme auf ihren Befehl hierher; und was noch mehr „ist, ich komme verkleidet. Unser erster Besuch ist gchcimniß- „voll! O das Gchcimnißvollc! Es ist zu allen gut; aber besonders in der Liebe, besonders da lebe das Gchcimnißvollc! „Dorimene. Mein Herr — „octor, Richter. Scapin, Bedienter des Pantalon. Coraline. -Hascher- Die Scene ist zu Bologna. Pantalon ruft seinen Sohn Mario, der in Florenz den Rechten obgelegen, nach Bologna zurück, ihn mit Lucindcn zu vcrhcyrathcn; den Scapin aber hat er nach Florenz geschickt, um die Flaminia daselbst aus dem Wege zu räumen, weil er weis, daß sein Sohn sterblich in sie verliebt ist. Scapin läßt sich bey Erblickung der Flaminia erweichen, entdeckt ihr den bösen Vorsatz des Pantalons und giebt ihr den Rath, sich zu verbergen. Unterdessen darf es Mario nicht wagen, seinem Vater ungehorsam zu seyn, sondern reiset von Florenz ab, nachdem er seiner Gebieterin tausend Versprechungen einer ewigen Treue gethan, ohne zu wissen, welche Gefahr ihr bevorstehet. Er wird unter Wcgcns unbaß, und kömmt also vier Tage später bey seinem Vater an, so daß Harlcquin, sein Bedienter, den er bey seiner Geliebten zurückgelassen, einen Tag eher als er, in Bologna mit einem Briefe von der Flaminia ankömmt, deren Tod er, so wie sie ihm befohlen, überall ausbreitet. Erster Auszug. (Das Theater stellt die Strasse vor, in der Pantalon wohnet.) Scapin kömmt von Floren; an, und hinterbringt dem Pantalon den Tod der Flaminia. Weil Pan- talon schon weiß, daß sich sein Sohn gehorsam erzeigt, scheinet er über das Geschehene vcrdrüßlich zu seyn, giebt dem Scapin einen Beutel Geld, damit er schweigen soll, und schickt ihn zur (°) Diomsi» Gandini/ von Verona gebürtig; cin noch lcdmdcr Schauspieler und dramatischer Dichter. Er kam 1754. auf das italiänische Theater zu Paris, wo er vornehmlich die Rolle des Scaramonchc spielte. Im Jahre 1755. hat er dieses Theater wieder verlassen. Die folgenden Entwurffc sind von seiner eigenen Erfindung; dieser erste ausgenommen, welches cin alter Entwurf ist, den er nur geändert. 406 Theatralische Bibliothek. Ruhe, nachdem er ihm vertraut, daß er Lucindcn aus Frankreich erwarte, mit der er seinen Sohn vcrhcyrathcn wolle. Arlcquin, als Courier, sucht den Mario, und giebt zu verstehen, daß ihm ein wichtiges Geheimniß, die Flaminia betreffend, aufgetragen sey. Pantalon erblickt ihn, und will ihn auslecken. Anfangs hätte sich Harlcquin bald vcrschnappt, doch auf einmal besinnt er sich, daß sein Geheimniß von grosser Wichtigkeit ist, und wickelt sich, so gut er kann, aus seinen Reden, welche die Ncugicrde des Alten auf das äusserste reißen, wieder heraus. Der Doctor kömmt dazu, und sagt dem Pantalon, daß sein Neffe verwundet worden, und daß er, als Richter des Orts, sogleich die nöthigen Nachsuchungcn deswegen wolle thun lassen; hiermit geht er ab. Lucinde tritt auf, mit ihrem Bruder dem Octavio und dem Lclio, den sie unter Wcgcns haben kennen lernen; Lclio ist der Flaminia Bruder, und hat sich in Lucindcn vcrlicbt. Octavio und Lucinde erkundigen sich nach der Wohnung des Pantalon bey dem Pantalon selbst, der sich nach einigen Complimentcn zu erkennen giebt, und sein Mädchen, die Coraline, ruft. Sie kömmt, und thut um die Neuangekommenen sehr geschäftig. Octavio reiset unter dem Borwande, daß sein Vater krank sey, wieder zurück; Coraline dringt in den Lclio, es sich bey dem Pantalon gefallen zu lassen; Panta- lon verweiset ihr, daß sie sich so gemein mache, und führt sie mit Lucindcn ab, nachdem er sich von dem Lclio mit Ehren los gemacht, der ganz allein stehen blieb, und zu verstehen giebt, daß er sich zwar eilcnds nach Florenz machen sollte, weil ihm sein Natcr gcschricbcn, daß sciiie Schwcstcr Flaminia unsichtbar geworden, daß ihn aber seine Liebe zu Lucinden hier in Bologna zurück halte; er geht ab. Mario langet von Florenz an, und scheinet fest entschlossen, niemals eine andere, als die Flaminia zu hcyrathcn. Er trift den Harlcquin an, dcr ihn überall sucht, und erkundiget sich sogleich bey ihm nach sciner Gcbictcrin. Harlcquin sagt ihm, daß sie gestorben sey, crzchlt ihm alle Umstände ihres Todes, und übcrgicbt ihm den Brief der Flaminia, in welchem sie ihm meldet, daß sie ihm getreu und als die Scinigc sterbe. Mario schreyet, dicscr Brief sey ein tödtlichcs Gift für ihn, und fällt viitwurfe »»gedruckter Lustspiele des italienischen Theaters. 407 ohnmächtig nieder. Der Doctor kömmt mit den Häschern dazu, und sticht den Mörder seines Neffen; er erkennt den Mario und hält ihn für todt. Er fragt den Harlequin um die Ursache, und dieser antwortet, daß er an einem vergifteten Briefe, den er ihm eben gegeben, gestorben sey. Auf dieses Gcständniß wird er fest gehalten, und ins Gefängniß geführt. Pantalon und Scapin erscheinen, und freuen sich über die Ankunft der Braut; allein der Doctor meldet ihnen den Tod des Mario, und zugleich, daß man sich seines Mörders bereits versichert, und ihm sein Recht wicderfahrcn lassen wolle. Pantalon will verzweifeln; Scapin gehet ab, um den Brief, den er für vergiftet hält, zu verbrennen, und sich alsdcnn nach dem Gefängnisse zu begeben, zu sehen, ob er den Schuldigen kenne. Pantalon, Lucinde und Coraline nahen sich traurig dem Mario, der durch Seufzer noch einige Zeichen des Lebens von sich giebt. Endlich kömmt er wieder zu sich, zu grosser Freude der Zeugen seiner Auferstehung, die ihn mit nicht geringem Erstaunen eiligst zu dem Richter lauffcn sehen, sobald er vernommen, daß man seinen Bedienten eingezogen und den Brief der Flaminia verbrannt. Das Theater verändert sich und stellt die Gcrichtsstubc vor. Mario kömmt eben dazu, als man den Harleauin, auf sein eigen Gcständniß, zum Tode verurthcilcn will; das Urtheil wird wicdcr- ruffcn; die Häschcr wollen bezahlt seyn, und Harlcquin bezahlt sie mit Schlägen; die spielende Personen verlassen alle die Sccne, und der erste Aufzug ist zu Ende. Zweyter Auszug. (Das Theater stellt wieder die Straasse vor, in welcher Pantalon wohnet) Auf einer Seite tritt Scapin auf, und auf der andern Flaminia. Sie erkennen einander, und sie erkundiget sich nach dem Mario. Scapin stockt, und endlich crzehlt cr ihr das vcrmcinte Unglück ihres Liebhabers. Flaminia bcgicbt sich voller Verzweiflung in das Haus des Pamalon, wohin ihr Scapin folgt, um es zu verhindern, wenn sie sich etwa zu erkennen geben wollte. Harlcquin kömmt in vollem Lauffe, und sucht sich vor den Häschern zu retten, die eine andere Bezahlung verlangen, als die cr ihnen bereits gegeben. Als cr cbcn in das Haus des Pantalon hcrcinsprin- gen will, kömmt Coraline heraus, mit der cr eine verliebte Theatralische Bibliothek. Scene hat. Pantalon kömmt mit Lucindcn und seinem Sohne dazu, dem er wegen seiner Liebe zu Florenz einige Vorwürfe macht. Mario und Lucinde machen einander ziemlich frostige Höflichkeitsbezeigungen; und auf einmal erscheinet Flaminia, als eine Rasende zwischen ihnen, und fragt, was man mit dem Körper ihres Geliebten gemacht habe. Sie erblickt den Mario, erkennt ihn, und wird von ihm erkannt; beyde thun einen gewaltigen Schrey und bleiben ohne Bewegung. Scapin giebt die Flaminia für seine Muhme aus, Namens Brünette, und sagt, er habe sic kommen lassen, um sie bey Lucindcn in Dienste zu bringen. Er bemäntelt das Erstaunen der beyden Verliebten so gut als möglich, und ist auch so glücklich, dem Alten seinen Verdacht zu benehmen. Harlcquin kömmt dazu, und nun hätte beynahe dieser alles wieder verdorben; Scapin jagt ihn zwcymal fort, und trägt ihn endlich auf dcn Schultern weg, indem Pan- talon unterdessen der Lucinde ihr Zimmer anweiset. Mario versichert der Flaminia aufs neue seine Trcuc, und erfährt von ihr, daß sie dem Scapin ihr Leben zu danken habe. Scapin kömmt nebst Coralincn dazu, die er mit dem Harlcquin getroffen hat, und macht ihr deswegen Vorwürfe. Pantalon kömmt gleichfalls mit Lucindcn wieder, und will dcn Mario zwingen, ihr die Hand zu geben. Flaminia nimmt des Vaters Parthey, und erklärt sich widcr ihren Liebhaber; Pantalon befiehlt seinem Sohne, Brünetten zu gehorchen, der er sein ganzes Ansehen hiermit ertheile. Mario verspricht, sich ihr mit Freuden zu unterwerfen, nur müsse sic ihm nicht befehlen, seine Geliebte zu Florenz zu vergessen. Harlcquin kömmt und meldet dcn Frcmdcn an, dcr mit Lucindcn gekommen ist, und mit ihr zu sprechen verlange. Pantalon bcgicbt sich mit ihr hinein, um ihn in ihrem Zimmer zu erwarten, und trägt es der vermeinten Brünette auf, ihn zu empfangen. Lclio erkennt im Hcrcingchcn seine Schwcstcr und will mit ihr schelten; sie besänftiget ihn aber, indem sie sich für vcrhcyrathct ausgicbt, und der Bruder und die Schwester umarmen sich. Mario, der aus sic Acht gegeben, ihre Reden aber nicht hörcn können, wird eifersüchtig, und zwingt dcn Lclio, den Dcgen zu ziehen. Harlcquin versucht, sie mit scincm hölzern Seitengewehre aus einander zu _- - .^^^^<^,-.^ '^/^M ? ^, i Entwürfe ungedruckter Lustspiele des italiänischen Theaters, 409 bringen, läuft aber, als es nichts verfangen will, davon und schreyet um Hülfe. Flaminia ruft dem Mario zu, daß cr sich mit ihrem Bruder schlage; und Scapin dem Lclio, daß cr mit dem Gemahl seiner Schwester zu thun habe. Pantalon kömmt auf das Geschrey dazu, Harlcquin kömmt ihm nach, und wirft mit alten Töpfen um sich, womit sich der zweyte Aufzug beschließt. Dritter Auszug. Flaminia eröffnet den dritten Aufzug mit dem Mario, dem sie den Rath giebt, seinem Vater zu gehorchen; hierauf umarmt sie ihn, und nimmt Abschied. Mario erschrickt darüber und bcgicbt sich mit dem Harlcquin weg; Lclio aber, dcr dazu kömmt, sucht scine Schwester wcgcn des Unglücks zu beruhigen, welches sie für sich und den Mario befürchtet, wenn cr sich scincm Vatcr zu widcrsctzcn fortführe, und verspricht, den Pantalon zur Einwilligung in ihre Hcyrath zu vermögen. Flaminia bcgicbt sich wcgz dcr Doctor kömmt und Lclio erkennt ihn für einen Freund seines VatcrS. Er verklagt den Pantalon und den Mario bey ihm, und ersucht ihn, beyde in Verhaft nehmen zu lassen; dcr Doctor gchct ab, um die nöthigen Befehle deswegen zu ertheilen, und Lclio folgt ihm. Flaminia kömmt wieder, und freuet sich, daß sie nunmehr Hoffnung habe, den Mario zu hcyrathcn; Coraline, die sie belauscht, und sie für weiter nichts, als für Brünetten hält, erstaunt über ihre Verwegenheit; sie geht ab, dcm Pantalon hicrvon Nachricht zu geben, sucht ihn aber überall vergebens, weil er unterdessen nebst dem Mario in Verhaft genommen worden. Sie kömmt mit Lucindcn wieder, die sie anstatt Pantalons gctroffcn hat, und crzchlt ihr, auf was sich Bruncttc Rechnung mache. Lucinde erzürnt sich über die Flaminia, und indem kömmt Scapin und meldet, was mit dem Pantalon und Mario vorgegangen, worauf sich alle wcgbcgcbcn, sie in dcm Gefängnisse zu besuchen. Das Theater verändert sich, und stellet die Gc- richtsstubc vor. Allc spiclcndc Personen sind hier beysammen. Dcr Doctor macht sich fertig, den Pantalon zu verhören, dcr es sogleich von selbst gesteht, daß cr dic Flaminia habe umbringen lassen. Dcr Doctor antwortet, cs sey itzt von kcincm Morde die Rede, sondern dic Sache wäre diese, daß Mario 4l0 Theatralische Bibliothek. die Schwester des Lclio, seinem Versprechen gemäß, heyrathen solle, oder er werde ihn als einen Verführer zu gebührender Strafe ziehen. Lclio erklärt seines Theils, daß der Verklagte derjenige sey, der seiner Schwester die Ehe versprochen; Harlcquin wendet dagegen ein, daß Mario sich bereits mit seiner Gebieterin eingelassen habe; Lucindc beklagt sich gleichfalls, daß sich Mario, ohngeachtct ihn Pantalon mit ihr verbinden wolle, mit aller Welt und sogar mit Brünetten verspreche; Scapin endlich will die Rechte eines vornehmen Frauenzimmers in Florenz behaupten, welche die erste Hypothek auf den Mario habe. Der Richter will den Mario auch schon als einen Erzvcrführcr verurthcilcn, doch Scapin erkläret das Räthsel und es findet sich, daß die Schwester des Lclio, die Gebieterin des Harlcquin, das vornehme Frauenzimmer von Florenz und Brünette, nicht mehr als eine und die nehmliche Person sind, lind Mario sich nur mit der einzigen Flaminia versprochen hat. Pantalon wird gezwungen in die Hcyrath zu willigen; Lclio hcyrathct Lucindcn, Harlcquin Coralincn, und die Komödie hat ein Ende. 2) I^es Lnliemivns; in fünf Auszügen nach dem Entwürfe des Hrn. Gandini, zum erstenmal aufgeführet den Kten Zunius 1748. Personen. Der Doctor. Mario, des Doctors Sohn. Harlequin, Bcdienrcr dcs Doctors. Pantalon. Scapin, Haupt- mann einer Zigcuncrbande. L.elio und Aueinde, erkannte Kinder des Pantalon. Coraline, Zigeunerin. Eine Bande Zigeuner und Zigcuncrinncn. lüin Muller. Bauern. Erster Auszug. (Das Theater stellt einen Wald und ver- schiedne Häuser vor.) Der Doctor erscheint, und ist auf den Pantalon sehr erzürnt. Er sagt, daß dieser seine Bosheit gegen ihn nun auf das äußerste getrieben, indem er ihm seinen Zaun nicdcrreisscn lassen und dadurch verursacht, daß ihm die wilden Thiere vielen Schaden gethan. Pantalon antwortet ihm, er müsse toll im Kopfe seyn. Harlcquin kömmt mit einem Bauer dazu, den er abprügclt, weil er Feigen von dem Hinter- hofc des Doctors gcstohlcn. Pantalon wird sehr ungehalten darüber, daß man seinen Bauer so mißhandelt. Der Doctor versetzt, daß wenn man ihm (dem Pantalon) Recht wicdcrfahren .'"- ^-^'i^»^', Entwürfe nngedrucktcr Lustspiele des italienische» Theaters. 411 lassen wollte, man ihm eben so begegnen müßte, weil er an allen seinem Unglücke Schuld sey. Pantalon straft ihn Lügen; der Doctor antwortet mit einer Ohrfeige; Pantalon ziehet seinen Dolch; Harlcquin aber treibet ihn mit einer guten Tracht Schläge vom Platze, und bcgicbt sich mit dem Doctor weg. (Das Theater steller ein Feld mir Aelren vor.) Zigeuner und Zigeunerinnen legen dem Scapin die Beute vor, die sie gemacht haben; nur Lclio hat ihm nichts vorzulegen, und Scapin wirft ihm den wenigen Geschmack vor, den cr an ihrer Profcßion habe. Coralinc macht Lucindcn aus, daß sie den Leuten so schlecht wahrzusagen wisse. Lucindc antwortet ihr, daß sie vor diese Lebensart allzuviel Abneigung habe. Scapin liefet beyden, dem Lclio und der Lucindc den Text, und sagt ihnen, daß sie sehen müßten, wo sie was verdienten, und heißt diejenigen, die sich die vergangene Nacht ermüdet haben, zur Ruhe gehen. Er macht der Eoraline tausend- Schmeichelcyen und empfängt einen Beutel von ihr. Nachdem cr dem Lclio und dcr Lucindc noch mehr als einmal wicdcrhohlt, daß sie so ihrem Ercmpcl solgcn sollten, bcgicbt cr sich mit Coralincn weg. Lclio und Lucindc sind nichts weniger als geneigt, dergleichen Ermahnungen nachzukommen. Lclio giebt dcr Lucindc den Rath, die Flucht mit ihm zu nehmen, und verspricht ihr, sie zu hcyrathcn. Lucindc antwortet, daß sie ihn zwar liebe und hochschätze, allein sic wisse selbst nicht, warum sie nicht die geringste Neigung habe, ihn zu hcyrathcn. Lclio antwortet ihr mit aller möglichen Zärtlichkeit, ohne über ihre abschläglichc Antwort verdrießlich zu seyn. Sic gehen mit einander ab. Dcr Doctor kömmt und erzchlt dcm Mario scincn Streit mit dem Pantalon. Mario ist um so viel weniger damit zu frieden, da cr weiß, daß Pantalon sehr reich ist, und daher verdrießliche Folgen besorget. Harlcquin kömmt dazu und hinterbringt, daß Pantalon beschlossen habe, die ganze Familie des Docters umbringen zu lassen. Dcr Altc wird darüber ganz unruhig; Harlcquin glaubt ihn zu beruhigen, indem cr ihm scinc Tapferkeit rühmet. Doch kaum läßt sich Pantalon mit scincn Bauern sehen, als dcr furchtsame Harlcquin die Flucht nimmt. Mario vertheidiget den 412 Theatralische Bibliothek. Doctor, und Scapin, der mit seinem Gefolge dazu kömmt, bringt sie aus einander. Als Harlcquin niemanden mehr sieht, will er alles todt machen, und beschließt den Aufzug mit seinen Großsprcchcrcycn. Arvevrer Aufzug. Lucindc, nachdem sie über die Liebe des Lclio, und über die Härte, mit welcher ihr Scapin begegnet, ihre Betrachtungen angestellt, fühlt sich sehr ermüdet, läßt sich auf eine Rascnbank nieder, und schläft ein. Mario erblickt sie, findet sie ungcmcin reißend, wird in sie verliebt, nahet sich ihr und weckt sie dadurch auf. Anfangs will sie fliehen; Mario aber hält sie auf, und sie sagt ihm wahr. Mario ärgert sich, daß er sie eine so unwürdige Pro- feßion treiben sieht, und sagt ihr, daß sie ja wohl auf eine anständigere Art ihr Glück finden könne; er bietet ihr hierauf seinen Beutel an, den sie aber ausschlägt. Scapin schilt die Lucindc, daß sie das Geschenke, das man ihr machen wollen, nicht angenommen. Mario entschuldiget sie, erkennt den Scapin, erzeigt sich gegen ihn sehr freundschaftlich und bittet ihn, seinen Bater und ihn gegen die Verfolgungen des Pantalons zu vertheidigen. Scapin verspricht, ihn und seine ganze Familie in Sicherheit zu setzen, wenn sie ihre Zuflucht in seine Zelte nehmen wollten, und führt Lucinden mit sich fort. Mario wird über das Weggehen der Lucindc empfindlich und folgt ihr nach, nachdem er dem Harlcquin befohlen, seinem Vater zu' sagen, daß er in die Zelte des Scapins flüchten solle. Coralinc kömmt dem Harlcquin unter die Augen, und er findet sie nach seinem Geschmacke. Zudem sie ihn mit Wahrsagen unterhält, visitircn ihm zwey kleine Zigeuner die Schub- säckc. Harlcquin bekennt hierauf der Coralinc seine Liebe, die sie erwiedern zu wollen sich stellet. Sie beredt ihn, sein Kleid abzulegen; die kleinen Zigeuner tragen es weg, und Coralinc schleicht sich auch davon. Der Doctor, der in dem Augenblicke dazu kömmt, ist Ursache, daß Harlcquin den ihm gespielten Streich nicht sogleich merkt, sondern vor allen Dingen die ihm von dem Mario an den Alten aufgetragene Commißion ausrichtet. Der Alte ist sogleich bereit, sich die Nachricht zu Nutze zu machen. Untcrdcs- vntwürfe ungcdruckter Lustspiele des italiänischen Theaters. 413 scn sucht Harlequin seine Kleider vergebens; er erblickt den Scapin, bey dem er sich wegen des erlittenen Raubes beklagt. Scapin giebt insgeheim seiner Bande Befehl, die Kleider wieder zu bringen. Harlequin setzt noch hinzu, es thue ihm leid, daß er sich über die Zigeunerin, die ihn beraubt, beklagen müsse, da sie ihm so wohl gefalle. Scapin giebt ihm den Rath, nicht so zärtlich zu seyn, sonst könnte ihn leicht der Hauptmann der Bande, wenn er seine Liebe zu der Zigeunerin erführe, zu Tode prügeln lassen. Coralinc bringt des Harlcquins Kleider wieder, und dieser kann sich nicht enthalten, ihr seine Liebe nochmals zu verstehen zu geben. Scapin giebt sich ihm hierauf als den Hauptmann der Bande zu erkennen; Harlequin zittert und kann kaum vor Erschrecken wieder zu sich kommen. Scapin will die Zigeunerin wegen ihres Dicbstahls bestrafen, und sie bittet den Harlequin, ihr Gcnade auszuwirken. Harlequin bittet darum; Scapin gesteht sie ihm zu, und geht mit seinen Leuten ab. Kaum sieht sich Harlequin mit Coralincn allein, als er ihr um den Hals fallen will. Auf einmal steht Scapin zwischen ihnen; er ist wider den Harlequin aufgebracht und will ihn binden lassen, weil es nur einem Zigeuner erlaubt sey, eine Zigeunerin zu lieben. Um ihn zu besänftigen, sagt Harlequin, daß er sich mit Vergnügen unter sie wolle aufnehmen lassen. Scapin ist es zufrieden, nur soll er vorher eine Probe von seiner Gcschicklichkcit ablegen, wozu eben eine Gelegenheit vorfällt. Zwey Zigeuner bringen einen Esel, mit Federvieh beladen, unter die Zelte, den sie einem Müller gestohlen. Scapin läßt das Federvieh abladen, und befiehlt dem Harlequin, den Esel an den Müller wieder zu vcrkauffcn, und ihm bey der Gelegenheit seinen Beutel zu stehlen; wenn er dieses bewerkstelliget, so solle er Zigeuner seyn und Coralincn hcyraihcn dürfen. Harlequin versteht sich dazu, und Scapin giebt ihm einen Bart und einen Mantel, sich zu verkleiden. Der Müller kömmt, ganz ausser Athem, und fragt ihn, ob er nicht wisse, wohin die Zigeuner ihren Weg genommen. Harlequin antwortet, er habe darauf nicht Acht gegeben, sondern suche vielmehr selbst, diesen Spitzbuben auf das eiligste zu entkommen; er wünsche sogar, sagt er, daß er seinen Esel loswerden könne, damit er nicht gar darum käme. 414 Theatralische Bibliothek. Dem Müller steht der Esel an, lind indem er dem Harlequin Geld dafür geben will, stiehlt ihm dieser seinen Beutel. Der Müller merkt es, und läuft ihm nach; doch die Zigeuner vertheidigen ihren künftigen Mitbrudcr, umringen den Müller tanzend, und vermitteln es, daß Harlequin sich mit dem Esel, den er ihm verkauft, wieder davon machen kann. Dritter Aufzug. (Das Theater stellt einen Wald und Zelte vor) Die Zigeuner und Zigeunerinnen spielen neben ihren Zelten. Da Scapin merkt, daß Lucindc und Lclio durchaus nicht geneigt sind, ihre Profcßion zu treiben, so möchte er ihrer gern los sey». Er giebt zu verstehen, daß der Hauptmann der Bande, der vor ihm gewesen, ihm sie bestens empfohlen, und zugleich ein Papier anvertrauet habe, das er nicht eher, als nach Verlauf eines Jahres, erbrechen solle. Da nun das Zahr eben um ist, so ösuct er die Schrift, und findet daß Lucindc und Lclio des Pantalons Kinder sind; er ruft sie, und sie kommen von ihrem Spiele zu ihm. Scapin spricht schr freundlich mit ihnen und sagt, daß sie nun nicht mehr lange bey der Profcßion bleiben sollten, die sie so schr verabscheuten; erkenne ihren Vatcr, und dieser sey vollkommen im Stande, sie in glückliche Umstände zu setzen. Er ersucht sie, ihm auf einige Augenblicke zwcy Schaumünzen, die sie bey sich haben, anzuvertrauen. Lucindc und Lclio geben sie ihm. Der Doctor und Mario kommen, bey dem Scapin ihre Zuflucht zu nchmcn, der sic auch sehr wohl aufnimmt, und sie mit dem Pantalon auszusöhnen verspricht. Unterdessen daß sich der Doctor unter den Zelten umsieht, kömmt Lucindc dazu, gcgcn dic sich Mario schr höflich crzcigct; sie entdecken einander beyde ihre Licbc. Harlequin, der es dem Scapin nachthun will, macht hierüber ein grosses Geschrey, und sagt den Verliebten, daß niemand eine Zigcuncrin licbcn dürfe, wenn er nicht selbst von der Pro- feßion wäre. Scapin giebt dem Harlequin Recht, worüber sich dieser schr frölich crzeigt. Doch als sich Coraline ungcmcin vergnügt stellt, daß mmmchr auch Mario bald von ihrcr Gesellschaft seyn werde, fängt er an, eifersüchtig zu werden. Pantalon kömmt uud bittet den Scapin, ihn zu rächen, und macht ihm ein Gcschenk; Scapin nimmt cs an, und schickt entwürfe ungedrucktcr Lustspiele des italiänischen Theaters. 415 ihn wieder fort. Er frcnct sich sehr, da er sieht, daß die Liebe die Familien des Doctors und des Pantalons ohne Schwierigkeit wieder vereinigen werde; und der Auszug endiget sich mit der Aufnahme des Harlekins, welche Seapin vorzunehmen befiehlt. Vierter Aufzug. Scapin giebt dem Mario den Rath, ohne Bedenken Zigeuner zu werden, um Lucindcn hcyrathcn zu können; er versichert ihn, daß er ihm in einigen Stunden beweisen wolle, daß sie von eben so gutem Geschlechte sey, als er, und daß es für sie beyde gut seyn werde, wenn er seinem Rathe folge. Da Mario den Scapin kennet, und von ihm hintcrgangcn zu werden, sich nicht fürchten darf, so williget er in alles, was er von ihm verlangt. Harlcquin giebt dem Doctor den Rath, Zigeuner zu werden, weil es doch sein Sohn auch bald seyn werde; der Doctor aber giebt auf seine Reden nicht Acht. Indem erblickt Panta- lon den Harlcquin, erinnert sich an die Schläge, die er von ihm bekommen, zieht seinen Dolch und will sich rächen. Harlcquin läuft davon. Scapin hält den Pantalon auf, und sagt ihm, daß cr ein Geheimniß besitze, durch welches er ihm einen sehr wichtigen Dienst leisten könne; wenn cr ihn nehmlich an scincn Feinden werde gerächct haben, wolle cr ihm das Vergnügen machen, zwey Kinder, die cr für vcrlohrcn halte, wicdcr zu finden. Pantalon ist für Freuden ausser sich, und will wissen, wenn ihm dieses Glück wicdcrfahrcn solle. Scapin befiehlt ihm, in die nächste Grotte zu gehen, wo cr seine Beschwörungen machen wolle. Pantalon gehorcht, Scapin folgt ihm, nachdem cr zu verstehen gegeben, daß cr zu scincr List allcs vorbereitet habe. Der Doctor hat sich von einer gewaltigen Liebe zu Corali- nen einnehmen lassen, und sucht sie, sich ihr zu entdecken. Seine Leidenschaft wird in Coralinens Gegenwart immcr stärker; sie merkt die Liebe, die der Alte gegen sie empfindet, stellt sich, sie erwiedern zu wollen, und da er ihr, sie zu hcyrathcn, verspricht, scheinet sie ganz traurig, weil sie seine Frau, wie sie sagt, nicht seyn könne, wenn cr nicht Zigcuner würde. Sie fügt hinzu, daß er sich zwar, wenn cr sie wirklich liebe, kein Bedenken machen dürfe, es zu werden, indem sein 416 Theatralische Bibliothek. Sohn bereits Zigeuner geworden, nm Lucindcn zu heyrathen. Der Doctor erstaunet über diese Nachricht; es wird ihm schwer, sich zu entschließen; doch endlich siegt die Liebe bey ihm, er begicbt sich mit Coralincn weg, und ist bereit, alles zu thun, was sie von ihm verlangt. (Das Theater stellt einen Mald und einen grossen Felsen vor.) Scapin befiehlt dem Pantalon, auf den Felsen zu steigen, wo er ihm einen Beweis von seiner Wissenschaft geben wolle. Seine Beschwörungen erschrecken den Pantalon; er erschrickt aber noch weit mehr, als er Mitten in Flammen die Devisen erscheinen sieht, die aus den Schaustücken seiner Kinder stehen. Pantalon verlangt sie von dem Scavin, und dieser verspricht sie ihm auch; indem aber ruft er unterirdische Geister, die ihn wegführen, und von dem Felsen hinunter rollen lassen, womit sich der Aufzug endet. Fünfter Auszug. Lclio und Lucinde führen den Pantalon, der nach seinem Falle kaum mehr gehen kann. Sie erzeigen sich dem Alten ungcmcin bchülslich, der ihnen seine Dankbarkeit nicht genug ausdrücken kann. Die Sympathie verursacht bey allen dreyen Bewegungen, von welchen sie die Ursache nicht begreifen können. Lclio und Lucinde umarmen den Pantalon mit Ehrfurcht, und Pantalon umarmt sie mit Zärtlichkeit. Da Harlcauin und der Doctor den Pantalon wahrnehmen, so wollen sie ihn umbringen; Lclio und Lucinde vertheidigen ihn, und dieser Zufall verdoppelt des Pantalons Liebe gegen sie. Scapin, der alles, was vorgegangen, insgeheim mit angesehen, läßt den Doctor und den Harlcauin, desgleichen den Lclio und die Lucinde abgehen; vorher aber erhebt er die Großmüthigkeit dieser letztem. Pantalon betrübt sich, da sie ihn verlassen sollen. Scapin bewundert die Macht des Bluts, und führt den Pantalon mit sich fort. (Das Theater stellt einen Mald vor, mit den Zelcen des Scapins.) Die ganze Bande dcs Scapin ist zum Aufbruchc fertig. Pantalon erstaunet, da er den Doctor und den Mario unter den Zigeunern gewahr wird. Scapin sagt ihm, daß sie keine Zigeunerin hätten hcyrathcn können, ohne es selbst zu seyn. Pantalon glaubt nunmehr an seinen Feinden genug gc- -M«ö^s«°^'lius Vorrede zu Mylius Schriften. 443 nur bey dem letzten Geräusche, welches er machte, recht kennen lernte. Ich bestimmte sie zwar nur für zwey Augen; da ich aber niemals gern für zwey Augen etwas zu schreiben Pflege, welches nicht allenfalls tausend Augen lesen dürften: so mache ich mir kein Bedenken, sie dem Leser vorzulegen. Er wird alles darinnen finden, was ihn in den Stand setzen kann, von den folgenden prosaischen und poetischen Aufsätzen, zugleich auch von allen übrigen Schriften des Hrn. Mylius, ein richtiges Urtheil zu fällen. Sie bedürfen keiner weitem Einleitung. Erster Brief. Vom 20. März 4754. Za, mein Herr, die Nachricht ist gegründet; Herr Mylius ist zwischen dem 6ten und 7ten dieses in London gestorben. Ich nehme Ihr Beyleid, welches Sie mir in diesem Falle bezeugen wollen, an. Sie kennen mich zu wohl, als daß Sie mir bey diesem Verluste nicht alle die Empfindlichkeit zutrauen sollten, deren ein zur Freundschaft gemachtes Herz fähig ist. Es macht einen ganz besondern Eindruck auf mich, ihn nunmehr in einer Welt zu wissen, die etwas mehr und etwas anders als die See, von der unsrigen trennet. Die Art, mit welcher ich von ihm Abschied nahm, war eine Beurlaubung auf einige flüchtige Tage, und kein Abschied, so gewiß bildete ich mir ein, ihn wieder zu sehen. Ich spottete über die, welche ihm gar zu gern das Herz schwer gemacht hätten. Wohin, wohin treibt dich mit blutgen Sporen, Die Wißbegier, dich, ihren Held? Du eilst, o Mylius! im Auge feiger Thoren, Zur künftgen, nicht zur neuen Welt. So redete ich ihn in einem kleinen Gedichte, noch wenige Tage vor seiner Abreise, an. Aber ach, die Vermuthung dieser feigen Thoren ist richtiger gewesen, als meine Hoffnung! Und gleichwohl war sie auf die Kenntniß seines Körpers, den ich nie einer merklichen Unbäßlichkcit unterworfen gesehen hatte, und auf das Urtheil erfahrner Leute gcbauct, welche eben die Reisen gethan hatten, die er zu thun Willens war, und die darauf schworen, daß er das vollkommnc Ansehen eines guten Seefahrers habe. Sagen Sie mir, möchte man nicht die Lust verlieren, 5 444 Vorrede zu Mylius Schriftein sich auf irgend etwas schmeichelhaftes, das noch nicht gänzlich in unserer Gewalt ist, mehr Rechnung zu machen? Wäre es nicht besser, wenn man auf gut stoisch in den Tag hinein lebte, und das Künftige das für uns seyn ließe, was es in der That ist; nichts? - - Zwar die Herren, welche ihm den Tod prophe- zeyten, haben doch nicht recht prophezeit, obgleich dasjenige, was sie prophczcytcn, eingetroffen ist. Die See und Amerika war das, wofür er sich fürchten sollte; England war es nicht. Eine Reise nur von etliche tausend Meilen sollte ihm tödlich seyn; und ich kann noch immer behaupten, daß sie es ihm nicht würde gewesen seyn, wenn er nicht vorher gestorben wäre - - So viel ist gewiß, er hat sie nicht thun sollen. Wenn ich von den all- weisen Einrichtungen der Vorsehung weniger chrcrbiethig zu reden gewohnt wäre, so würde ich keck sagen, daß ein gewisses neidisches Geschick über die deutschen Genies, welche ihrem Vatcrlande Ehre machen könnten, zu herrschen scheine. Wie viele derselben fallen in ihrer Blüthe dahin! Sie sterben reich an Entwürfen, und schwanger mit Gedanken, denen zu ihrer Größe nichts als die Ausführung fehlt. Sollte es aber wohl schwer seyn, eine natürliche Ursache hiervon anzugeben? Wahrhaftig sie ist so klar, daß sie nur derjenige nicht sieht, der sie nicht sehen will. Nehmen sie an, mein Herr, daß ein solches Genie in einem gewissen Stande gebohrcn wird, der, ich will nicht sagen, der elendeste, sondern nur zu mittelmäßig ist, als daß er noch zu der so genannten güldncn Mittelmäßigkeit zu rechnen wäre. Und Sie wissen wohl, die Natur hat einen Wohlgefallen daran, aus eben diesem immer mehr große Geister hervor zu bringen, als aus irgend einem andern. Nun überlegen Sie, was sür Schwierigkeiten dieses Genie, in einem Lande als Deutschland, wo fast alle Arten von Ermunterungen unbekannt sind, zu übersteigen habe. Bald wird es von dem Mangel der nöthigsten Hülfsmittel zurück gehalten; bald von dem Neide, welcher die Verdienste auch schon in ihrer Wiege verfolgt, unterdrückt; bald in mühsamen und seiner unwürdigen Geschäften entkräftet. Ist es ein Wunder, daß es nach aufgeopferten Zugcndkräftcn dem ersten starken Sturme unterliegt? Ist es ein Wunder, daß Armuth, Aergerniß, Kränkung, Verachtung endlich über einen Körper siegen, Vorrede zu Mylius Schriften. der ohnedem schon der stärkste nicht ist, weil er kein Körper eines Holzhackcrs werden sollte? Und glauben Sie mir, mein Herr, in diesem Falle war unser M>'lius, oder es ist nie einer darinnc gewesen. Er ward in einem Dorfe gebohrcn, wo er gar bald mehr lernen wollte, als man ihn daselbst lehren konnte. Er ward von Acltcrn gebohrcn, deren Vermögen es nicht zuließ, ihn aus einer andern Ursache studircn zu lassen, als daß er einmal, nach der Weise seiner Vater, von einer geschwind erlernten Biowissenschaft leben könne. Er kam auf eine Schule, die ihn kaum zu dieser Brodwissenschaft vorbereiten konnte. Er kam auf eine Akademie, wo man beynahe nichts so zeitig lernt, als ein Schriftsteller zu werden. Er fiel einem Manne in die Hände, welcher durch Wohlthaten manchen jungen Witzling zu seinem Norfechtcr zu machen wußte. Er besaß eine natürliche Leichtigkeit zu reimen,-und seine Umstände zwangen ihn, sich diese Leichtigkeit mehr zu Nutze zu machen, als es dem Vorsatze ein Dichter zu werden zuträglich ist. Er schrieb, und die grausame Verbindlichkeit, daß er viel schreiben mußte, raubte ihm die Zeit, die er seiner liebsten Wissenschaft, der Kenntniß der Natur, mit bessern Nutzen hätte weihen können. Er verließ endlich die Akademie, und begab sich an einen Ort, wo es ihm mit seiner Gelehrsamkeit beynahe wie denjenigen ging, die von dem, was sie einmal erworben haben, zehren müssen, ohne etwas mchrcrs dazu verdienen zu können. Nach einiger Zeit ward er zu einem Unternehmen für tüchtig erkannt, von welchem einige Leute sagten, daß man sich nur aus Verzweiflung dazu könne brauchen lassen. Er wollte und sollte reisen; er reifere auch, allein er reiscte auf fremder Leute Gnade; und was solgt auf fremder Leute Gnade? Er starb. - - Ja, mein Herr, das ist sein Lebcnslauf. Ein Lebcnslauf, ohne Zweifel, in welchem das Ende das unglücklichste nicht ist. Und doch behaupte ich, daß er mehr darinnc geleistet hat, als tausend andere in seinen Umständen nicht würden geleistet haben. Der Tod hat ihn früh, aber nicht so früh überrascht, daß er keinen Theil seines Namens vor ihm in Sicherheit hätte bringen können. Hiermit tröste ich mich noch; noch mehr aber mit der gewissen Ueberzeugung, daß er in einer vollkommen philosophischen ^ ^ ^ »' Vorrede zu Mylius Schriften. Gleichgültigkeit wird gestorben seyn. Seine Meinungen, die er von dem Zustande der abgeschiedenen Seelen hatte, ^ haben es nicht anders zulassen können. ES ist wahr, er ward in einem großen Vorhaben gestört, aber nicht so, daß er es ganz und gar hätte aufgeben dürfen. Sein Eifer, die Werke der Allmacht näher kennen zu lernen, trieb ihn aus seinem Vatcrlandc. Und eben dieser Eifer führt seine entbundene Seele nunmehr von einem Planeten auf den andern, aus einem Wcltgcbäudc in das andre. Er gewinnet im Verlieren, und ist vielleicht eben jetzt beschäftiget mit erleuchteten Augen zu untersuchen, ob Newton, glücklich gerathen, und Zdradley genau gemessen habe. Eine augenblickliche Veränderung hat ihn vielleicht Männern gleich gemacht, die er hier nicht genug bewundern konnte. Er weis ohne Zweifel schon mehr, als er jemals auf der Welt hätte begreifen können. Alles dieses hat er sich in seinem letzten Augenblicke gewiß zum voraus vorgestellt, und diese Vorstellungen haben ihn beruhiget, oder es sind keine Vorstellungen fähig, einen sterbenden Philosophen zu beruhigen - - Ich will aufhören, Sie mit diesen traungangenchmeii Zdccn zu beschäftigen. Ich will aufhören, um mich ihnen desto lebhafter überlassen zu können. Es ist bereits Mitternacht, und die herrschende Stille ladet mich dazu ein. Leben Sie wohl. Zweyter Brief. Vom 3. April. Ich soll Ihnen, mein Herr, einige Nachricht von den Schriften des Hrn. M>'lius, welche Sie noch nicht kennen, und unter diesen besonders von denen ertheilen, in welchen er sich als einen schönen Geist hat zeigen wollen? Mit Vergnügen. Aber erlauben Sie mir, daß ich Sie vorher an eine kleine Anmerkung erinnern darf. Ein gutes Genie ist nicht allezeit ein guter Schriftsteller, und es ist oft eben so unbillig einen Gelehrten nach seinen Schriften zu beurtheilen, als einen Vater nach seinen Kindern. Der rechtschaffenste Mann hat oft die nichtswürdigsten, und der klügste die dümmsten; ohne Zweifel, weil dieser nicht die gelegensten Stunden zu ihrer Bildung, und je- ° Man sehe in diesen vermischten Schriften. S. 146. Lorrede zu Mylins Schriften. 447 ncr nicht den nöthigen Fleiß zu ihrer Erziehung angewendet hat. Der geistliche Vater kann oft in eben diesem Falle seyn, besonders wenn ihn äußerliche Umstände nöthigen, den Gewinnst seine Minerva, und die Nothwendigkeit seine Begeisterung seyn zu lassen. Ein solcher ist alsdann mcistcnthcils gelehrter als seine Bücher, anstatt daß die Bücher derjenigen, welche sie mit aller Müsse und mit Anwendung aller Hülssmitttcl ausarbeiten können, nicht selten gelehrter als ihre Verfasser zu seyn Pflegen - - Nun lassen Sie mich anfangen. Aber wo wollen Sie, daß ich anfangen soll? - - Das erste, was unter seinem Namen gedruckt ward, war eine Ode auf die Schauspielkunst, oder vielmehr eine Ode auf die Verdienste des Hrn. Prof. Gottscheds um die Schauspielkunst. Ihr Inhalt gab ihr ein Recht auf eine Stelle in den Belustigungen, die sie in dem sechsten Bande derselben fand. Ich nenne sie eine Ode, weil sie Herr 5N>'lius selbst so nennt, und ein Verfasser ohne Zweifel seine Geburten nennen kann, wie er will. Was halte ich mich dabey auf? Er hat sie nach der Zeit selbst verachtet, und die letzte Strophe ziemlich boshaft parodieren helfen, wie Sie es in dem ersten Theile des Liebhabers der schönen Wissenschaften finden können. So geht es fast immer, wenn man Leute von zwcy- dcutigcn Verdiensten allzusehr erhebt, ehe man sie näher untersucht hat. Man schämt sich endlich, daß man sich bloß gegeben hat, und will allzuspät durch eben so übertriebene Beschimpfungen die Lobsprüche vertilgen, die uns bereits lächerlich gemacht haben. Auf diese Ode folgten seine Betrachtungen über die Majestät Gottes, welche aus einer oratorischcn Uebung entstanden waren, mit der er sich in der vertrauten Rcd- nergcscllschaft gezeigt hatte. Er fügte in der Umschmclzung, die natürliche Erklärung des Wunders mit dem Sonncnzcigcr Ahas hinzu, welche mehr Aussehen machte, als sie verdiente. Sie wissen, daß der Herr Inspektor Burg sich alle Mühe gegeben hat, sie zu widerlegen. Ich, meines Theils, habe sie allezeit bloß wegen der Dreistigkeit des Herrn Mylius bewundert. Der Einfall war nicht sein, sondern der Recensent der Parenrschen Untersuchungen in den ^etis Liu-Zitorum hatte ihn bereits gehabt. Allein was dieser als einen flüchtigen Gedanken, der keine 448 Vorrede zu Mylius Schriften. Billigung verdiene, vorgetragen hatte, das trug unser Schriftsteller grade weg, als eine Wahrheit vor. Und so ist es auch schon recht! Ernsthafte gesetzte Männer müssen zweifeln; und wir, wir jungen Gelehrten, müssen entscheiden. Wer würde es auch sonst wagen, gebilligten Meinungen die Stirne zu biethen, wenn wir es nicht wären, die wir noch alle unser Feuer beysammen haben? - - Sie finden diese Betrachtungen, mein Herr, in eben dem angeführten Bande der Belustigungen; sie enthalten überhaupt viel gemeine Gedanken, und die Schreibart ist die Schreibart eines Deklamators, welcher die Beobachtung der Schulregcln für Ordnung, und das O und das Ach für das schönste Recept zum Feurigen und Pathetischen hält. Fast von eben diesem Schlage sind seine Abhandlung von der Dauer des menschlichen Gebens; seine Untersuchung, ob die Thiere um der Menschen rvillen geschaffen rvorden; und sein Beweis, daß man die Thiere physiologischer Versuche rocgen gar rvohl lebendig eröffnen dürfe - - Aus diesem letzter« Aufsatze kann man unter andern sehen, daß Herr Mylius die Buchstabenrechnung damals müsse gelernt haben. Er wirft mit a und x um sich, wie einer, der noch nicht lange damit bekannt ist. Das aber hat er mit sehr großen Analysten daselbst gemein, daß es ihm vollkommen gelungen ist, eine Wahrheit, die, in schlechten Worten ausgedrückt, sehr faßlich wäre, durch die allgemeinen Zeichen für die Hälfte seiner Leser zum Räthsel zu machen. Zwar - - als wenn man nur die Leser klug zu machen schriebe! Genug, wenn man zeigt, daß man selbst klug ist. - - Außer diesen prosaischen Stücken werden Sie auch verschiedene Gedichte in den Belustigungen von ihm finden; besonders einige sapphi- schc Oden, die dieses zärtliche Sylbcnmaaß sehr wohl beobachten, und viel artige Stellen haben. Das vornehmste aber ist wohl das Gedicht auf die Bewohner der Rometen, Zch muß Ihnen sagen, bey was für Gelegenheit es gemacht worden. Der Hr. Prof. Rastner hatte kurz vorher sein philosophisches Gedicht über die Kometen in den Belustigungen drucken lassen. Sie haben es doch gelesen? Es ist in der That ein Gedicht; und in der That philosophisch. Sein Verfasser hat sich längst den nächsten Platz nach -Hallern erworben, und Rci- ' ^ _ Vorrede zu MylinS Schriften. ä'ii' mm imd Dcnkcn nie getrennt. Ich führe folgende Stelle ans dem Gedächtnisse an: Was aber wurde wohl dort im Komet gcbohrcn? Ein widriges Gemisch von Lappen und von Mohren, Ein Volk, das unverletzt vom Aeußcrstcn der Welt, Wo Nacht und Kalte wohnt, in lichte Flammen fallt. Wer ist der dieses glaubt? Ohne Zweifel brachte diese Frage den Hrn. 5N)-lms auf. Er wollte es seyn, der es glaubte. Noch mehr, er wollte es seyn, der auch andre, es zu glauben, nöthigte. Er setzte sich also, und schrieb ein ziemlich lang Gedichte, worinncn er von der Möglichkeit der Bewohner der Kometen, die der Hr. Prof. Röstner nicht geleugnet hatte, und von ihrer Wahrscheinlichkeit, die aber unter seinen Handen noch ziemlich unwahrscheinlich blieb, handelte. Der Vorsatz an sich selbst war keines Tadels werth; wie ein Dichter, den Herr Mhlins nicht wohl leiden konnte, bey einer ähnlichen Gelegenheit spricht. Nur Schade, daß er seine Einbildungskraft nicht besser dabey anstrengte; nur Schade, daß er den kurzen und ncrvcnrcichcn Ausdruck nicht in seiner Gewalt hatte; nur Schade, daß er sich von dem Reime fort- rcisscn ließ, nnd in sein ganz Gedicht noch lange nicht so viel gute Gedanken brachte, als wir gute Beobachtungen von Kometen haben. Ein Freund hat so gar nicht mehr, als eine einzige schöne Zeile darinne gefunden z diese nämlich: Was uiitzt der größte Stern, der ewig mnfiig geht? Er glaubte eine feine Anspielung auf die grossen einflußlosen Sterne unter den Menschen darinne zu sehen, von der sich noch zweifeln läßt, ob sie nnscr Poet dabey gedacht hat. Was für einen artigen physikalischen Roman hätte er uns machen können, wenn er den innern Reichthum seiner Materie recht gekannt und ihn gehörig zu brauchen gewußt hätte! Aber war es von ihm damals zu verlangen? War es von den, gcschwor- ncn Schüler eines Meisters zu verlangen, der Reimer die Menge, aber auch nichts als Reimer gezogen hat? Genug, daß Hr. XNylius in den Aufsätzen, die von seiner Feder in den Belustigungen stehen, alles geleistet hat, was ein Gottschediancr LessinqS Werke IV, 29 460 Vorrede zu Mylius Schriften. leisten kann. Die poetischen sind fließend, und ohne Mittelwörter; und die prosaischen sind gedehnt und rein - - Sie sehen wohl, mein Herr, daß ich mir heute kein Blatt vors Maul nehme. Ich wäre aus guten Wegen; wenn ich nur nicht abbrechen mußte. Leben Sie wohl! Dritter Brief. Vom 22. April. Freylich hat sich Herr Mylius auch in wöchentlichen Sittcn- schriftcn versucht. - - Sie wissen, mein Herr, wer die ersten Verfasser in dieser Art waren. Männer, denen es weder an Witz, noch an Ticfsinn, noch an Gelehrsamkeit, noch an Kenntniß der Welt fehlte. Engländer, die in der größten Ruhe und mit der besten Bequemlichkeit, auf alles aufmerksam seyn konnten, was einen Einfluß auf den Geist und auf die Sitten ihrer Nation hatte. - - Wer aber sind ihre Nachahmer unter uns? Größtcnthcils junge Mißlinge, die ungefehr der deutschen Sprache gewachsen sind, hier und da etwas gelesen haben, und, was das betrübtcstc ist, ihre Blätter zu einer Art von Renten machen müssen. - - - Hr. Mylius war noch nicht lange in Leipzig, als er mit dem Zahr seinen Freygeist anfing, und ihn durch zwey und fünfzig Wochen glücklich fortsetzte. Der Titel versprach viel, und ich glaube nicht, daß man zu unsern Zeiten leicht einen anlockendem finden könnte. Zch weis es aus dem Munde des Verfassers, daß er sich nie hingesetzt, ein Blat von demselben zu machen, ohne vorher einige Stücke aus dem Zuschauer gelesen zu haben. Diese Art sich vorzubereiten und seinen Geist zu einer cdcln Nachcifcrung aufzumuntern, war ohne Zweifel sehr lobcnswcrth. Freylich kann sie nur bey denen von einiger Wirkung seyn, die schon vor sich Kräfte genug hätten, nichts gemeines zu schreiben. Denn denen, welchen diese Kräfte fcblcn, wird sie zu weiter nichts nützen, als die äußerliche Einrichtung zu ertappen. Sie werden uns bald ein Briefchen, bald ein Gespräch, bald eine Erzeblung, bald ein Gcdichtchen vorlegen, und in dieser abwechselnden Armuth sich ihren Mustern gleich dünken, deren wahre Schönheiten sie nicht einmal einsehen. - - Hr. Mylius sahe sie allerdings ein, und man kann nicht leugnen, daß sich nicht ein großer Theil von ^ »U^-^i^..-^Ä.'?..^ - ?^>^M^«!i Vorrede zu Myllus Schriften. 4-11 seinem Frcygciste sehr wohl lesen lasse. Verschiedene kleine Züge, die er seiner Person darinne giebt, sind etwas mehr als bloße Erdichtungen. Was er zum Exempel in dem drcyzchntcn Blatte von des Boethius Troste der Vveltrveisheit sagt, ist gänzlich nach den Buchstaben zu verstehen. Er hatte von diesem geliebten Buche eine Ausgabe in sehr kleinem Formate, die er eine lange Zeit, anstatt der geriebnen Wurzeln und Rräuter, roelche andre aus Artigkeit in die Nase stopfen, in einer Schnupftabacksdosc bey sich trug. Die Übersetzung, die er an angeführtem Orte daraus mittheilt, macht ihn zum Erfinder einer im Deutschen noch nie gebrauchten Vcrsart, der adonischcn nämlich; und es ist seine Schuld ohne Zweifel nicht, wenn er keine Nachahmer darinne gehabt hat. Was übrigens den Inhalt des Freigeistes anbelangt, so wird auch der eigensinnigste Splittcr- richtcr nicht das geringste darinne finden, was der christlichen Tugend und Religion zum Schaden gereichen, könnte. Gleichwohl aber ward cs - - - und dieses muß ich Ihnen zu melden nicht vergessen - - seinem guten Namen cinigcrmaaßcn nachthci- lig, ihn geschrieben zu haben. Er behielt von der Zeit an den Titel seines Buchs statt eines Bcynamcns, und seine Bekannten waren noch lange hernach gewohnt, die Namen XNylius und Freygeist eben so ordentlich zu verbinden, als man jetzt die Namen Edelmann und Religionsspörrer verbindet. Sie können sich leicht einbilden, daß diese Verbindung bey denen, welche die wahre Ursache davon nicht wußten, oft ein sehr empfindliches Mißverständnis^ werde verursacht haben. Es ist aber so ungcgründct, daß ich cs auch nicht mit einem Worte weiter widerlegen will. Ich will Ihnen vielmehr noch etwas von seiner zweyten moralischen Wochenschrift sagen, die er bald nach seiner Ankunft in Berlin heraus gab. Sie hieß der Wahrsager. Er kam nicht wcitcr damit, als bis auf das zwanzigste Stück. Die fernere Fortsetzung ward ihm höheres Orts verbothen, und cs wärc seiner Ehre zuträglicher gewesen, wenn man ihm gleich den Anfang untersagt hätte. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie ungleich er sich darinne sieht! Die Schreibart ist nachläßig, die Moral gemein, die Scherze sind pöbelhaft und die Satyrc ist beleidigend. Er schonte niemanden und 29 » 462 Vorrede zu MyliuS Schriften. hatte nichts schlechtes zur Absicht, als seine Blätter zur scan- dalöscn Chronicke der Stadt zu machen. Man schrie daher überall wider ihn, bis ihm das Handwerk gelegt ward. Al ein neuer Ankömmling in Berlin hatte er sich ohne Zweifel einen allzu großen Begrif von der hiesigen Freyheit der Presse gemacht. Er hatte gesehen, daß wichtige Wahrheiten hier Scherz verstehen müssen, und glaubte also, daß ihn die Einwohner auch ertragen würden, wenn er auch schon ein wenig maßiv wäre. Allein er irrte sich! Die erster» können durch die allergrößte Mißhandlung nichts verlieren; die andern aber können auch durch die allerklcinste alles verlieren, nämlich ihre Ehre. Was also die Obrigkeit dort aus Sicherheit verstattet, das muß sie hier aus Mitleiden verbiethen. - - - Das erste Blatt des Wahrsagers kam Donnerstags heraus. Den Sonntag vorher wußte Hr. N?>-lins noch nicht, wie es heißen sollte. Er lief hundert Namen durch, und konnte keinen finden, der ihm recht gelegen gewesen wäre. Endlich half ihm der geschwinde Witz eines guten Freundes noch aus der Noth. Sie können sich nickt entschließen, rvie Sie ihr Zblatt nennen rvollen? sagte der Herr von K " * zu ihm; Nennen Sie es den Wahrsager. Die zu Vumm roaren, Sie als einen Freygeist zu hören, die werden gerviß nicht zu klug seyn, Ihnen als einem Wahrsager zu folgen. Dieser Einfall ward gcbilliget, ob er gleich ein wenig boshaft war, und in drey Stunden war das erste Stück fertig. Mit eben dieser Geschwindigkeit hat Hr. Mylius auch die übrigen ausgearbeitet, und wenn dieser Umstand schon nicht ihren geringen Werth entschuldiget, so verhindert er doch wenigstens zu glauben, daß unser Tachygraphus sie nicht besser habe machen können. - - Ich bin zc. Nicrtcr Brief. Vom 6. Mai. Herr Mylius hat drey Lustspiele und ein musikalisches Zwischenspiel geschrieben. Das sind seine theatralischen Lorbccrn! Das erste Lustspiel ward 1746. in Hamburg gedruckt und heißt die Aerzte. Es ist in Prosa; es hat fünf Auszüge; es beobachtet die drey Einheiten; es läßt die Bühne vor dem Ende eines Aufzugs niemals leer; es hat keine unwahrscheinliche Mo- Vorrede zu MyliuS Schriften. 453 nologen. - - Warum darf ich nun nicht gleich darzu setzen: kurz, es ist ein vollkommncs Stück? Warum giebt es gewisse schwer zu vergnügende ekle Kunstrichtcr, welche eine anständige Dichtung, wahre Sitten, eine männliche Moral, eine seine Satyre, eine lebhafte Unterredung, und ich weis nicht, was noch sonst mehr, verlangen? Und warum, mein Herr, sind Sie selbst einer von diesen Leuten? Ich hätte Ihnen ein so vortrcflichcs O-uidproquo machen wollen, daß Sie meinen Freund den deutschen Moliere nennen sollten. Ein deutscher Moliere! und dieser mein Freund! O wenn es doch wahr wäre! Wenn es doch wahr wäre! - - Hören Sie nur, Hr. 5N>'lius mußte seine Aerzte auf Verlangen machen, was Wunder, daß sie ihm gcricthcn, wie - - wie alles, was man auf Verlangen macht. Kurz vorher waren die Geistlichen auf dem A«nve zum Vorschein gekommen. Sie kennen dieses Stück; es hatte einen jungen Menschen zum Verfasser, der hier in Berlin noch auf Schulen war, der aber nach der Zeit bessere Ansprüche auf den Ruhm eines guten komischen Dichters der Welt vorlegte, und selbst aus Liebe zur Bühne ein Schauspieler ward, nämlich den vcrstorbc- Hrn. Ärieger. Zn seinen Geistlichen hatte er die Satyre auf eine unbändige Art übertrieben, und ich weis überhaupt nicht, was ich von der Satyre halten soll, die sich an ganze Stände wagt. Doch Galle, Ungerechtigkeit und Ausschweifung haben nie ein Buch um die Leser gebracht, wohl aber manchem Buche zu Lesern verholfcn. Die Welt konnte sich an den Geistlichen nicht satt lesen; sie wurden mehr als einmal gedruckt; ja sie wurden, was die Leser immer um die Hälfte vermehrt, confiscirt. So eine vortrcfliche Aufnahme stach einem Buchhändler in die Augen. Er versprach sich keinen kleinen Gewinnst, wenn man auch andre Stände eine solche Musterung könnte paßircn lassen, und trug die Abfertigung der Aerzte dem Hr. Mylius auf, der es auch annahm, ob er gleich selbst unter die Söhne des Acscu- laps gehörte. Er brachte sonderbares Zeug in sein Lustspiel; eine Jungfer, der man es ansehen kann, daß sie keine Jungfer mehr ist; ein Paar Freyer, die sich über eine künftige Frau zur Hälfte vergleichen, und ein Haufen Züge, die vollkommen wohl in eine schlechte englische Komödie passen würden. - - Doch ..'.'-'".s.-^;-"!.!^ 464 Vorrede zu Mylius Schriften. Wie steht cs um sein zweytes Lustspiel? Es heißt der Unerträgliche und ist gleichfalls in Prosa und fünf Auszügen. Es sollte eine persönliche Satyre seyn; muß ich Ihnen im Vertrauen sagen. Allein cs gelang ihm mit dem Zndividuo eben so schlecht, als dorr mit der Gattung. Denn mit wenigen alles zu sagen, er schilderte seinen Unerträglichen, ich weis nicht ob so glücklich, oder so unglücklich, daß sein ganzes Stück darüber unerträglich ward. Die Aerzte und den Unerträglichen machte Hr. Mylius bald nacheinander; sein drittes Stück aber, von welchem ich gleich reden will, folgte erst einige Zahrc darauf. Es heißt die Schaferinsel; cs ist in Versen und hat drey Aufzüge. Wenn ich doch wüßte, wie ich Ihnen einen deutlichen Vcgrif davon machen solltc. - - Kcnncn Sie den Geschmack der Frau N'eube- rin? Man müßte sehr unbillig seyn, wenn man dieser berühmten Schauspielerin eine vollkommnc Kenntniß ihrer Kunst absprechen wollte. Sie hat männliche Einsichten, nur in einem Artikel verräth sie ihr Geschlecht. Sie tändelt ungcmcin gerne auf dem Theater. Allc Schauspiele von ihrer Erfindung sind voller Putz, voller Verkleidung, voller Festivitäten; wunderbar und schimmernd. - - Vielleicht zwar kannte sie ihre Herren Leipziger, und das war vielleicht eine List von ihr, was ich für eine Schwachheit an ihr halte. Doch dem sey, wie ihm wolle; genug, daß nach diesem Schlage ungefehr die Schäfcrinsel seyn solltc, welche Hr. Mylius auch wirklich auf ihr Anrathcn ausarbeitete. Er hätte sie am kürzesten ein pscudopastoralisch-musikalisches Lust- und Wundcrspicl ncnncn können. Nachdem er einmal den Entwurf davon gemacht hatte, kostete ihm die ganze Ausarbeitung nicht mehr als vier Nächte; und so viele bringt ein andrer wohl mit Einrichtung einer einzigen Scene schlaflos zu. So lange er damit beschäftiget war, habe ich ihn, seiner Geschwindigkeit wegen, mehr als einmal beneidet; so bald er aber fertig war, und er mir seine Geburt vorgelesen hatte, war ich wieder der großmüthigste Freund, in dessen Scele sich auch nicht die geringste Spur des Neides antreffen ließ. - - Noch ein Wort von seinem Zwischenspiele. Es heißt der Ruß; cs ward componirt, und auf dcr Ncubcrischcn Bühne in Leipzig aufgeführt. Es fanden sich Leute, welche cs bewunderten, weil eine gewisse Schauspielerin Norrede zu Mylius Schriften. 465 die Schäferin dämme machte. Der Inhalt war aus der Schä- fcrwclt. - - - Verzeihen Sie, mein Herr, daß mir die Schäfcrwclt den Frühling in die Gedanken bringt; verzeihen Sie, daß das heutige angenehme Wetter mich verleitet, ihn immer ein wenig zu genießen, und daß ich also, Zeit zu gewinnen, schließe. Ich will lieber den ganzen Spatziergang an niemanden, als an Sie gedenken, als noch ein Wort mehr schreiben; ausgenommen: Leben Sie wohl! Fünfter Brief. Vom 4. Junius. An Kenntniß der vortrcflichsten Muster fehlte es dem Hrn. M>'lius gar nicht. Und wie hätte es ihm auch so leicht daran fehlen können, da er das Hülfsmittel der Sprachen vollkommen wohl in seiner Gewalt hatte? Die vornehmsten lebendigen und todten waren ihm geläufig. Bon der lateinischen werden Sie mir es ohne Beweis glauben. In Ansehung der griechischen beruf ich mich auf seine Ucbcrsetzungcn, die er aus dem Aristo- phancs und Lucian gemacht hat. Diese letztern werden Sie in der Sammlung auserlesener Schriften dieses Sophisten, welche im Zahr 1746. bei Brcitkopfen gedruckt ist, finden. Der Hr. Prof. Gottsched machte eine unverlangte Vorrede dazu, mit der er dem Publico einen schlechten Dienst erwies. Die Bcsorgcr wurden darüber ungehalten, und anstatt, daß sie uns den ganzen Lucian deutsch liefern wollten, ließen sie es bey dieser Probe bewenden. Ich würde einen langen und trocknen Brief schreiben müssen, wenn ich Ihnen auch alle seine Übersetzungen aus dem Französischen, Italiänischen und Englischen anführen wollte. Unter den erstem verdienen ohne Zweifel die Kosmologie des -Hrn. von Maupertuis, und des -Hrn. Llairaut Anfangsgründe der Algebra die vorzüglichste Stelle. Beyde Werke zu übersetzen, ward etwas mehr als die bloße Kenntniß der Sprache erfordert; einer Sprache in der er übrigens seine Briefe am liebsten abzufassen Pflegte. Und ich muß es Ihnen nur beyläufig sagen, daß sein Briefwechsel sehr groß war; größer als ihn vielleicht mancher in dem einträglichsten Amte sitzender Gelehrte, aus Furcht vor den Unkosten, übernehmen möchte. Er war nicht bloß in Deutschland eingeschlossen; er erstreckte Lorrede zu Mylius Schriften. sich »och viel weiter, und es war allerdings eine Ehre für ih», daß er die verbindlichsten Antworten von einem Rcaumur, Lin- näus, Watson, Lyonct ?c. ausweisen konnte. - - Aus dem Italiänischen hat Hr. Mylius unter andern in den Beytrügen zur Hi- jrorie und Aufnahme des Theaters, die Clitia des Machia- vclls übersetzt; und aus dem Englischen, Popcns Versuch über den Menschen. Durch diese letztere Übersetzung, welche in Prosa ist und in dem zweyten Bande der höllischen Bemühungen steht, wollte er die Arbeit des Hrn. Brockcs ausstcchen. Das Wcitschwciscnde und Wäßrichte seines paraphrastischcn Vorgängers hat er zwar leichtlich vermeiden können, allein daß es sonst ohne Fehler auf seiner Seite hätte abgehen sollen, das war so leicht nicht. Ohne Zweifel wußte er damals so viel Englisch noch nicht, und konnte es auch nicht wissen, als er während seines Aufenthalts zu London, in seinem letzten Zahrc, durch die Ucbcrsctzung von Hogarths Zergliederung der Schönheit, zu wissen gezeigt hat. Za er ist so gar noch selbst, mitten unter den Engländern, ein Schriftsteller in ihrer Sprache geworden. Und zwar ein kritischer Schriftsteller. Er ließ nehmlich über ein neues Trauerspiel des Hrn. Glovcr einen Brief drucken, in welchem er sich Lhristpraise MM nannte. Ohne Zweifel wollte er die englischen Leser durch seinen deutschen Namen nicht abschrecken. Noch habe ich diesen Brief nicht gesehen, und ich kenne ihn nur zum Theil aus dem Monthly Rc- vicw, wo er ganz kaltsinnig und kurz angezeigt wird. Er hat dem Hrn. Glovcr die Vcrabsäumung einiger dramatischen Regeln vorgerückt; und Sie wissen wohl, mein Herr, was die Regeln in England gelten. Der Britte hält sie für eine Skla- vcrey und sieht diejenigen, welche sich ihnen unterwerfen, mit eben der Verachtung und mit eben dem Mitleid an, mit welchem er alle Völker, die sich eine Ehre daraus machen, Königen zu gehorchen, betrachtet, wenn auch diese Könige schon Friedriche sind. Doch ich zweifle, ob Hr. Mylius zu einer wichtigern Kritik aufgelegt war; sein Geist war in Gottscheds Schule zu mechanisch geworden, und der unglückliche Tadlcr der ewigen Gedichte eines Hallers konnte unmöglich mit seinem Geschmacke bey einem Volke bewundert werden, welches uns Norredc zu Mylius Schriften. 457 dieses Dichters wegen zu beneiden Grund hätte. Wie? werden Sie sagen, der unglückliche Tadlcr Hallcrs? Za, mein Herr, dieses war Hr. Mylius; denn er ist es, aus dessen Feder die Beurtheilung des bäuerischen Gedichts, über den Ursprung des Uebels, in den ersten Stücken der hällischcn Bemühungen, geflossen ist. Ich sage mit Fleiß, aus seiner Feder, und nicht aus seinem Kopfc. Der Hr. Prof. Gottsched dachte damals für ihn, und mein Freund hat es nach der Zeit mehr als einmal bereuet, ein so schimpfliches Werkzeug des Neides gewesen zu seyn. Doch ich weis schon, auf wen die größte Schande fällt; auf den ohne Zweifel, aus welchen alle seine Schüler ihre Bcrgchungen bürden, und ihn, wie den Vcrsöhnungsbock, in die Wüste schicken sollten. - - Aber, bewundern Sie doch mit mir den Hrn. von -Haller! Entweder er hat es gewußt, daß ihn Hr. Mylius ehedem so schimpflich kritisirt habe; oder er hat es nicht gewußt. Zn dem ersten Falle bcwundrc ich seine Großmuth, die auf keine Rache dieser persönlichen Beleidigung gedacht, sondern sich den Beleidiger vielmehr unendlich zu verbinden gesucht hat. Zn dem andern Falle bcwundrc ich - - seine Großmuth nicht wcnigcr, die sich nicht einmal die Mühe genommen hat, die Namen seiner spöttischen Tadler zu wissen - - Lcbcn Sie wohl. Ich bin zc. Sechster Brief. Aom 2V. Junius. O, ich glanbe es Ihnen sehr wohl, mein Herr, daß verschiedene in ihrer Gegend, welche an der Myliusischcn Reise Theil gehabt, über den unglücklichen Ausgang derselben vcrdrüßlich sind, und ihr Geld bereuen. Was haben wir nun davon? heißt es bey einigen auch hier. Ehre! habe ich denen, die ich näher kenne, geantwortet. Ehre! - - „Nichts weiter? versetzte man. „Wir glaubten, wie vortrcflich wir unsre Naturalicnsammlun- „gcn würden vermehren können." - - Ey! und also sahen Sie den Hrn. Mylius nicht so wohl für einen Gelehrten, welcher Entdeckungen machen sollte, als für einen Commißionair an, der für sie nach Amerika reifere, um die Lücken ihres Cabincts, so wohlfeil als möglich, zu erfüllen? - - „Nicht viel anders!" -- Nicht viel anders? So nehme ich mir die Freyheit aufrichtig 468 Lorrede zn MyliuS Schriften. zu gestchen, daß ich Zhncn den vorgegebenen Schaden von Grund des Herzens gönne. Aber wissen Sie wohl, bin ich in meinem Complimcnte fortgefahren, für was Hr. XNylms eigentlich sie, und alle Beförderer seiner Reise angeschen hat? Für Verschwender; sür Leute die ihr übcrflüßigcs Vermögen zu sonst nichts bessern anzuwenden wüßten; die nur Geld verschenkten, um es zu verschenken, und - - „Was? hat man mich unterbrochen; „uns für Verschwender anzusehen?" - - Wahrhaft:«, meine Herren, dafür hat sie Hr. Mylius angeschen, noch ehe er die Ehre hatte, Sie zu kcnncn. Ich habe ihnen hierauf, um sie rechtschaffen zu kränken, eine Stelle aus dem satyrischcn Sendschreiben * meines Freundes vorgelesen, in welchem er verschicdne Anschläge ertheilet, wie man die Thorheiten und Laster der Menschen zum Aufnehmen der Naturlchre nützen könne. Er hat dieses Sendschreiben in die Ermunterungen eingerückt, und die Stelle, auf welche ich ziele, ist viel zu sonderbar, als daß mich die Mühe dauern sollte, sie Zhncn, mein Herr, hier abzuschreiben. „Die „Verschwender, sagt cr, lasse man ihr Geld auf die Besoldung „einer Anzahl Reisender wenden, welche die Welt die Länge „und Quere durchreisen und durchschiffen, und, rvenn es das „Glück rvill, allerley physikalische und zur Naturgeschichte gehörige Entdeckungen machen. Man lasse auf ihre Unkosten Lust- Schiffe bauen, und den Erfolg auf ein Gemrhervohl ankom- „mcn. Die Ausführung solcher Unternehmungen trage man irrenden Rittern, Don Quixoden und Wagehälsen auf, und „erwarte mit Vergnügen und Gelassenheit, ob die Naturlehre „dadurch mit neuen Erfindungen und Lehrsätzen wird bereichert „werden. Die Sache mag so übel ausschlagcn, als sie will, „so werden doch weder die physikalischen Wissenschaften, noch „ihre uneigennützige Handlanger einigen Schaden davon ha- „ben." - - Was sagen Sie zu dieser Stelle, mein Herr? Vielleicht, daß sie etwas prophetisches hat. Doch ich bin gewiß überzeugt, daß Hr. Mylius ein sehr lobcnswürdiger und vorsichtiger Wagehals würde gewesen seyn, wenn ihm der Tod vergönnt hätte, seine Gcschicklichkcit zu zeigen. Er würde sich nicht ° Man sehe dicsc vermischte Schriften, Seite 280. u. folg. Vorrede zu Mylins Schriften. 469 begnügt haben, wo er hingekommen wäre, bloß mit den Augen eines Naturforschers zu sehen, und um nichts, als um einen Stein oder um ein Kraut sich Gefahren auszusetzen. Er würde ein allgemeiner Beobachter gewesen seyn, und die Kenntniß des Schönsten in der Natur, des Menschen, für keine Kleinigkeit angeschen haben, ob sie gleich in dem gemeinen Plane seiner Reise nicht in Betrachtung gezogen war. - - Doch, erlauben Sie mir, mein Herr, daß ich Ihnen auch endlich einmal von etwas andern schreibe. Die Erinnerung der Gcschicklichkcitcn meines Freundes ist mir zu peinlich, und ich empfinde seinen Verlust zu lebhaft, wenn ich derselben allzusehr nachhänge. - - - Lassen Sie uns vielmehr zc. - - - »««soso Hier gcricthcn wir in unserm Briefwechsel auf eine andre Materie, welche für den Leser wenig reizendes haben würde und hierher nicht gehöret. Alles, was ich noch für ihn hinzuthun muß, ist etwas weniges, was diese Sammlung genauer angeht. Sie bestehet aus lauter Stücken, welche theils in verschicdncn Monatsschriften zerstreut, theils auch einzeln gedruckt waren. Alles dessen, was in den vorstehenden Briefen gesagt worden, ungeachtet, glaube ich, daß sehr viele Leser die meisten nicht ohne besonderes Vergnügen lesen werden. Die Poesien insbesondere habe ich überall zusammen gesucht, und hätte zwar mit leichter Mühe noch weit mehrere, bessere aber wohl schwerlich auftrcibcn können. Mit was für Augen man sie betrachten müsse, habe ich deutlich gnug zu verstehen gegeben, und ich füge nur noch hinzu, daß die Gedichte des Hrn. Mslius ganz anders aussehen würden, wenn sie alle mit dem Gefühle und dem Fleiße gemacht wären, mit welchem er seinen Abschied aus Europa gemacht hat. Es schien, als ob er erst um diese Zeit recht anfangen wollte, sein Herz lind seinen Witz zu brauchen. - - Mir ist jetzt weiter nichts zu thun übrig, als den Leser den Jnnhalt der Sammlung auf einmal übersehen zu lassen, und mich seiner Gunst zu empfehlen. 460 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1754. Aus der Berlinischen privilegirten Zeitung vom Jahre 175^.' Von gelehrten Sacken. (12. Jan.) Das neue Testament zum Wachsthume in der Gnade und der Erkenntniß des Herrn Jesu Christi/ nach dem revidirten Grundtexte übersetzt und mit dienlichen Anmerkungen begleitet von D. Johann Albrecht Bengel. Stuttgardt bey Meyler 1753. in 8vo 2 Alph. IS Bogen. Die Verdienste, welche man dem Herrn D. Bcngcl sowohl um den griechischen Erund- text der Bücher des Neuen Bundes, als um die Vulgata unmöglich absprechen kan, müssen für diese seine neue Arbeit sogleich das beste Vorurthcil erwecken. So sehr man sonst, vielleicht aus einem übertriebnen Eyfer für die Ehre des sel. Luthers, wider alle neue Ueber- setzungen der Schrift war; so sehr scheint jetzt dieser Eyfer abzunehmen, jetzt da es unter unsern GotteSgclchrten fast zu einer Modcbe- schäftigung werden will, eine über die andere zu liefern. Unterdessen wollen wir keiner ihren Nutzen absprechen, vielwcnigcr aber der Denglischen/ welche die Genauigkeit und die beygefügten kurzen Anmerkungen schätzbar machen. Diese haben besonders die Absicht, die Aehnlichkcit mit dem Originale zu ergänzen, und die Ucbersetzung vornehmlich an denjenigen Stellen zu rechtfertigen, wo sie vielleicht am meisten befremden könnte. In der Vorrede führt der Herr Verfasser neun Regeln an, die er besonders bey dem Uebersetzen selbst beobachtet hat, und welche genugsam zeigen, mit was für Vorsicht und Sorgfalt er damit zu Werke gegangen sey. Er scheuet sich übrigens nicht im Vorbeygehen zu bekennen, daß diejenigen, welche das alte Testament vor die Hand nehmen, sehr dünne gesäet, und also desto höher zu schätzen wären. Dieses Geständniß wird bey jedem Rechtschaffen den Wunsch erwecken, einem so nachtheiligen Mangel je eher je lieber abgeholfen zu sehen. Sollte man aber vielleicht nicht glauben, daß das traurige Schicksal des Wertheimischen Uebersetzers, welches die Nachwelt noch zeitig genug für allzu hart erkennen wird, manchen fähigen Kopf schon abgeschreckt habe, und noch so lange abschrecken werde, als man gebilligte Vorurtheile für Wahrheit halten wird? Kostet in den Voßischen Buchläden 1 Thlr. 12 Gr. Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 4764. 4K1 (17. Jan.) Ein 5^a-/s mecum für den Herrn Sam. Gotth. Lange/ Pastor in Laublingen, in diesem Taschenformate ausgefertiget von G. E. Lessing. Berlin 1764. auf 4 Bogen in 12mo. Wenn es wahr ist, daß die Werke des Horaz eine Haupt- quelle des Geschmacks sind, und daß man nur aus seinen Oden, was Oden sind, lernen kan; wenn es wahr ist, daß man gegen die deutschen Ucbcrsctzuligcn aller Klaßischcn Schriftsteller überhaupt, nicht scharf genug seyn kan, weil sie die vornehmsten Verführer sind, daß sich die Jugend die Originale nur obenhin zu verstehen begnügen läßt; wenn es wahr ist, daß die Fehler solcher Männer, die ohne eine tiefe critische Kenntniß der alten Dichter, würdige Nachahmer derselben heissen wollen, ansteckender als andrer sind: so wird man hoffentlich die kleine Streitigkeit, die man dem Hn. Pastor Lange wegen seines verdeutschten Hora; erregt hat, nicht unter die allergeringschätzigsten, sondern wenigstens unter diejenigen Kleinigkeiten rechnen, die nach dem Ausspruche des Horaz ernsthafte Folgen habennuAse toi-ia üuceut. Herr Lange hätte nichts unglücklichers für sich thun können, als daß er auf die Leßingsche Critik mit so vielem Lermen geantwortet hat. Wann er sich dieselbe in der Stille zu Nutze gemacht hätte, so würden vielleicht noch manche in den Gedanken geblieben seyn, daß die darinne getadelten Stellen die einzigen tadelswürdigen wären. Aus diesen Gedanken aber, werden hoffentlich auch seine geschworensten Freunde durch dieses Vacle invoum gebracht werden, welches seinen Namen aus der abgeschmackten Langcnschen Spötterei) über das unschuldige Format der Leßingschen Schriften erhalten hat. Der Verfasser zeigt ihm darinne unwidcrsprechlich, daß er weder Kenntniß der Sprache noch Critik, weder Alterthümer noch Eeschichtskunde, weder Wissenschaft der vrdc noch des Himmels, kurz, keine einzige von den Eigenschaften besitze, die zu einem llebersetzer des Horaz erfordert werden. Wir würden einige kleine Proben davon anführen, wenn es nicht beynahe zuviel wäre, daß der Herr Pastor seine Beschämung an mehr als einem Orte finden sollte. Kostet in den Voßischen Buchlädcn hier und in Potsdam 4 Er. (22. Jan.) Halle. Des Hrn. D. Baumgartens Nachrichten von merkwürdigen Büchern werden glücklich fortgesetzt, und mit dem 24. Stücke ist nunmehr der vierte Band geschloffen worden. Wir er- greiffen diese Gelegenheit um den Lesern dieses vorzügliche Werk, wel- ' -^-M«-'.!? AHM!! 462 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1754. ches bey dem vornehmsten Hülfsmittel der Gelehrsamkeit, bey der Kenntniß der Bücher, ungcmeine Dienste leisten kan, anzupreisen. Sine Kleinigkeit würde vielleicht noch zu wünschen seyn; diese nehmlich: daß der Herr Doctor nicht dann und wann die Recension der merkwürdigen Bücher solchen Leuten auftragen möge, die sie ohne Zweifel das erstemal in die Hände bekommen. Aus diesem Umstände ist vielleicht in gedachtem 24ten Stücke der kleine Fehler herzuleiten, daß von des jüngern Helmontius Raturalphabcte als von einem ursprünglich deutschen Buche geredet wird. Man will so gar aus den Worten des Titelkupfers die Ursache angeben, warum es öftrer unter der lateinischen Benennung ^I^imbetuiu naturu;, als unter der deutschen angeführet werde. Die Vermuthung ist überflüßig; das Werk selbst ist eigentlich lateinisch geschrieben, und nur mit der deutschen Uebersetzung an einem Orte und in einem Jahre an das Licht getreten. Wahrscheinlicher Weise hat Helmontius so viel deutsch nie verstanden, als erfordert wird, ein Buch darinne zu schreiben. (19. Febr.) Abhandlungen zum Behuf der schönen Wissenschaften und der Religion von Carl Ludwig MuzeliuS/ Diener am Worte Gottes bey der Evangelisch reformirten Gemeine zu prenzlau. Anderer Theil. Stettin und Leipzig bey Runckel. 1733. in 8vo 10 Bogen. Da wir vor geraumer Zeit des ersten Theiles dieser Abhandlungen mit Ruhm gedacht haben, so müssen wir uns jetzt das Vergnügen machen, unsern Lesern auch den gegenwärtigen zweyten Theil anzupreisen. Den meisten Raum desselben nimmt eine Abhandlung von der Weisheit Gottes bey der Zulassung des Unglaubens und der Irrthümer ein, welche nngemein gründlich und erweckend geschrieben ist. Auf diese folgt die Beantwortung eines Zweifels aus der Lehre vom Seelenschlafe, und den Beschluß macht eine kurze Untersuchung, wie es zugehe, daß einige Vögel, z. E. Lerchen, ihre Nester und Eyer, wovon sie sich doch des Futters halber, gar oft weit entfernen müssen, sogleich wieder finden, da doch ein Mensch solches nicht zu thun vermag. ... Als wir den ersten Theil dieser Abhandlungen gedachter Maassen anführten, brachten wir eine flüchtige Gedanke bey, von welcher es uns ein wenig befremdet, daß sie der Herr Pastor auf der falschen Seite genommen hat. Auf feine Erinnerungen, die er deswegen in der Vorrede macht, müssen wir uns erklären, daß wir von dem Werthe des Satzes: ahme der Natur Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1764. 46? nach sehr wohl überzeugt sind, in so ferne man ihn ncmlich als den Grund braucht, alle Regeln der schönen Wissenschaften in einem cri- tischen Zusammenhange auf denselben zu bauen; nicht aber, in so ferne man ihn, zum Exempel einem Anfänger in der Dichtkunst, als einen Leitfaden empfehlen will. Alsdann nur, wiederhohlen wir nochmals, ist er viel zu weit entfernt, als daß er ihm bey allen einzeln Fällen, aus den vorkommenden Schwierigkeiten helfen könne. Ilebrigens haben wir die Erfindung desselben weder dem Herrn Pastor, noch dem Herrn Batteux, dadurch absprechen wollen, wenn wir behauptet, daß schon Aristoteles und Horaz seiner gedacht hätten. Wir haben damit weiter nichts sagen wollen, als dieses, daß es schon die Alten eingesehen, wie die schönen Wissenschaften alle darauf beruhten, ohne ihn deswegen ihren Lehrlingen überall zu einer Richtschnur zu geben, die sie ohne nähere Regeln sehr oft würde verführet haben. Kostet in den Voßischen Buchläden hier und in Potsdam 4 Gr. (23. Febr.) Der Rußische Avanturier, oder sonderbare Begebenheiten des edeln Russen Demetrius Magouskyn genannt. Aus dem Spanischen ins Deutsche überseyt. Franks, und Leipzig 1753. in 8vo 1 Alphab. S Bogen. Dieser Roman muß sich nothwendig von einem ehrlichen Deutschen herschreiben, dem der Ruhm seiner Nation am Herzen liegt. Da er sahe, daß sie auf seinen Witz unmöglich würde stolz thun können, so wollte er ihr wenigstens den Verdruß, sich seiner zu schämen, ersparen, und setzte also diese Hirn- gcburth auf die Rechnung der Spanier, die mit ihrem Don Quirote ohnedem nicht viel Ehre eingelegt haben. Es wäre zu wünschen, daß alle elende Schriftsteller ihm diesen Kunstgriff nachmachten, damit wir den Ausländern bald eben so viel nichtswürdige Werke vorrücken könnten, als sie uns vorzuwerfen pflegen. In der Sprache des Verfassers von diesen Begebenheiten einen kleinen Begriff zu machen, so sind sie ein Tummelplatz von Veränderungen, auf welchem bald ein Schoßkind des Glückes, bald ein verworfner Sohn und dem Unglücke übergcbncr Sklave zu sehen ist; sie sind ferner ein Journal das zum unvergeßlichen Andenken ausgestandener fatvrum aufgesetzt worden, unter welchen eine dreyfache Hcyrath so etwas wunderbares ist, daß man ihre Seltsamkeit kaum glauben wird. Hierbey will ihr Geschichtschreiber den Leser nichts mehr als dieses gebeten haben, daß er sich entweder spöttischer Tadelsucht enthalte, oder lieber das Werk, als sei- 464 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1764. nes Lesens unwürdig, liegen lasse. Wir sind billig, und lassen seine Bitte Statt finden, und sagen weiter nichts, als daß es mit dem lieben Himmel anfängt, und mit Elend beschließen sich endet. Kostet in den Voßischcn Buchläden hier und in Potsdam 8 Er. (2K. Febr.) Die Advocaten, ein Lustspiel. Hamburg 1763. in 8vo 4 Bogen. Nichts kann unbilliger seyn, als die Verspottung eines ganzen Standes in der Person eines einzigen, in welcher man die Laster aller Mitglieder zusammenhaust. Gemeiniglich beschäftigen sich nur mittelmäßige Köpfe damit, die den Gegenstand ihrer Satyrc, so zu reden, von der öffentlichen Strasse nehmen müssen, und sonst nichts lächerliches zu entdecken wissen, als was der Pöbel schon aus- gepfiffcn hat. Solchen Schriftsteller» haben wir die Geistlichen auf dem Lande, die Aerzte, und andre Stücke zu danken, mit welchen das gegenwärtige, die Advocaten, sehr viel gleiches hat. Es ist eben so giftig, und eben so unregelmäßig: der Verfasser hat eben so wenig die wahren Schranken der Satyre gekannt, und das Comische eben so wenig von dem Possenhaften zu unterscheiden gewußt. Man wird uns nicht zumuthcn, in unserm Tadel diesesmal bestimmter zu gehen, und die fehlerhaften Stellen naher anzuzeigen, weil mit einzeln klci> neu Verbesserungen einem Stücke nicht geholfen wird, das sich nicht anders als mit einem Striche durch alle vier Bogen gut machen läßt. Kostet in den Voßischcn Buchläden hier und in Potsdam 2 Gr. (28. Febr.) Neu ausgeschlossenes Cabinet Gottes, worinn absonderlich die wahre Absicht und Beschaffenheit dieser und jener grossen, wie auch der kleinen Welt, aus Gottes heiligem Worte, und besonders erklärter Gffenbahrung Johannis unpartheyisch vorgestellt, und dem ungläubigen, irrigen, verkehrten Wesen und gottlosem Leben dieser letzten Zeit entgegen geseyt wird von einem gerecht und christlichen Haushalrer der Wahrheit- Franks, und Leipzig 1754. in 8vo. 2 Alph. 16 Bogen. Der Verfasser dieses Werks versichert, daß ihn keine lange Weile, kein Fürwitz, keine Seuche zu schreiben, keine blähende Phantasie, kein fanatisches Jucken, keine Gernmeisterey, keine Ruhmbegierde, keine Sccktenlust, zum Autor gemacht habe, sondern daß er einzig und allein aus Eifer für die Wahrheit schreibe, um seinem Nächsten mit demjenigen zu dienen, was ihn GOtt in dem Laufe seiner Betrachtungen habe einsehen lassen. Er weiß es sehr zuvcrläßlich, Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1764. 465 daß die Welt bey GOtt, gleichsam das letzte im Ranffen hat (ein Ausdruk den wir nicht verstehen) und daß allem schriftmäßigcn Vermuthen nach, der grosse Sabbath und die cwigtausendjährigc Ruhe nahe sey. Er erbarmet sich also aller in den Irrgarten der falschen Weisheit hcrumirrendcr, und schließt das göttliche Cabinet auf, woraus er ihnen die Erkenntniß der wahren göttlichen Absicht und Beschaffenheit mit dieser und jener Welt mildiglich mittheilt. Man wird eS nunmehr bald merken, daß dieser neue Prometheus ein ehrlicher Chiliaste ist, der in das Innere der Gottesgelahrthcit eben so verrä- therische Blicke thut, als der Kannegiesser des Herrn BaronS von Hol- bcrg in das Innere der Staatskunst. Sein Buch besteht aus 12 Kapiteln, welche von der Existenz GOttcs, vom Ebcnbilde, von der Kirche, von dem PrüfnngSstande der Welt, von der Gnadcnwahl, von dem jüngsten Gerichte, von der neuen Erde und von noch viel andern Dingen handeln, von welchen eine erhizte Einbildungskraft fehr viel neues, aber auch sehr viel abgcschmaktes sagen kan. Das Titelkupfer stellt einen christmnthmaßlichen Prospect des neuen Himmels vor, welcher wenigstens sehr andächtig gezeichnet ist. So viel wir uns erinnern, ist dieses Buch schon im Jahre 176V zum ersten male gcdrukt worden. Kostet in den Voßischcn Bnchläden hier und in Potsdam 20 Gr. (7. März.) London- Herr Mylius/ welcher, wie bekannt, aus Deutschland übergesendet worden, eine physikalische Reise nach Amerika zu thun, ist zwar noch hier, man hat aber Ursache zu hoffen, daß sein Aufenthalt in dieser Stadt viel dazn beytragen wird, seine Reise desto besser nach dem Wunsche derer, welche Theil daran neh- mcn, ausschlagen zu lassen. Er ist dabey so wenig müßig, daß er sich bereits durch verschicdue Schriften unter den Englischen Gelehrten bekannt gemacht hat. Ausser der Beschreibung einer neuen Grönländischen Thicrpflanze in einem Sendschreiben an den Herrn von Hallcr, von welcher auch sogleich eine englische Ucbcrsctzung an das Licht gekommen, hat er ^ Ivllcr w klr. liioliarä (Zlover oo, vceakiciu Ins nevv 1'iaAe ^u»' /'el/i/ion «?e ^/es Ouv?'age>5 ü D^es^e. a Äe?- /in cüe« 0/^. l^o/s. 1764. in 12. auf 24o Seiten. Der Herr Graf Taraneo in Venedig, hat sich schon durch seinen wahren Geist der Gesetze« welchen auch die Engländer einer Uebcrsetzuug werth geschätzt haben, so vortheilhaft bekannt gemacht, daß auch nur sein Name die Reugierde erwecken kann, Briefe nicht ungelesen zu lassen, die er an einen von den berühmtesten Schriftstellern unsrer Zeit gerichtet hat. - Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1754. 467 Sie enthalten verschiedne Zweifel, die ihm bey Lesung der Voltairischen Schriften eingefallen sind, und die er mit weniger Bescheidenheit größten Theils starke Einwürfe hätte nennen können. Der erste Brief ist statt der Einleitung, und enthält einige Complimentc, wie sie die Fechter zu machen Pflegen, ehe sie einander wund zu flössen anfangen. Der zweyte Brief bctrift die Historie, worinne der Herr Graf besonders den Unglauben des Richters in Ansehung der alten Geschichte untersucht, und sonst einige Widersprüche aufdeckt, die bey einem Verfasser, der überall witzig seyn will, nichts seltnes seyn können. Der dritte Brief handelt von einigen falschen Begriffen des Herrn von Voltaire in der Metaphysik, so wie der vierte von seinen Irrthümern in der Naturlehre. Diese beyden Briefe müssen auch schon deswegen sehr angenehm zu lesen seyn, weil es einen sehr artigen Anblick giebt, wenn zwey Blinde einander mit Steinen werfen. In dem letztern wicdcrhohlt der Herr Graf eine Beobachtung, die er wegen der Acce- leration der fallenden Körper unter der Horizontallinie will gemacht haben; aber auch hier wird man ihn eben so wenig als in den Be- ryberischen Briefen verstehen. Der fünfte Brief ist der Moral, der sechste der Religion, und der siebende der Poesie bestimmt. Es wun« dert uns dabey, daß gleich der sechste der kürzeste geworden ist, da er doch der längste hätte werden können, wenn es anders wahr ist, daß bey einem witzigen Kopfe die Religion immer das problematischste ist. Uebcrall wo der Herr Graf Cataneo seinem Gegner Einwürfe macht, wird die neueste Dresdner Ausgabe von seinen Werken angeführt, ohne Zweifel weil diese der Herr von Voltaire für ächt erkannt, und sich also ausser Stand gesetzt hat, seine Gedanken für verändert und verstümmelt anzugeben, welches er wohl sonst zn thun soll gewohnt gewesen. Kostet in den Voßischen Buchläden hier und in Potsdam 6 Gr. (16. März.) ^t»?la/e« t/s /'/5?!I/Ii>e c/e^?ui« t?/iai'/emaAne, F>ai' ^u/eu?' c/it K-ee/e ^^^.'>l^ ..... 468 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1754. einem Tressen in Böhmen in die Hände der Husaren gefallen, und er vermuthet, daß eben diese Husaren den Druck mußten besorgt haben, weil alles auf das grausamste darinue verstümmelt und verfälscht worden. Damit aber eine solche Mißgeburt nicht auf seiner Rechnung bleibe, so habe er nuumehr selbst Hand angelegt, und cS in Ansehung der deutschen RcichSgeschichte so umgearbeitet, daß es anstatt eines JnnbcgrifS derselben dienen könne, welcher weder trokcn noch bis zum Ekel umständlich sey. Nach dieser neuen Einrichtung ist cS unter dem Titel ^nnnles in Holland in zwey Tuodezbänden gedruckt, und auch Frankfurt bereilS nachgedruckt worden. Von diesem Rachdrucke ist daS oben angeführte der erste Theil, welcher von Carl dem grossen bis auf Ludcwig den fünften geht; der zweyte Theil enthält die Geschichte von diesem Lndcwig bis auf den Tod Carls des sechsten. In der Einrichtung scheint der Herr von Voltaire die Chronologie des Präsidenten Henaulr zum Muster genommen zu haben; die Art des Vertrags aber ist völlig sein eigen; denn niemand weiß so gut als er, die wichtigsten Begebenheiten in ein Epigramm« zu bringen, und alles mit einer gewissen Spitze zu sagen, die den zum Geschichtschreiber gewordenen Poeten nicht unverrathcn läßt. DaS merkwürdigste bey diesem ganzen Werke sind wohl die Vei-s loeuiciues, in welche der Herr von Voltaire allh Namen der Kayscr und ihre wichtigsten Thaten nach einer chronologischen Ordnung gebracht hat; eine Arbeit mit der sich bey uns Vcrkcnmeycr und andre abgegeben haben. Diese Probe giebt Anlaß zu fürchten, daß der Dichter, wenn er noch lange in Deutschland bleiben sollte, zuletzt Chronodisticha machen dürfe, und vielleicht aus keiner andern Absicht, als sich nach dem Geschmacke der Nation zu richten, unter welcher er lebt, so wie er zum Exempel in Frankreich die Hcnriade, und in England den Brutus und den Tod des Cäsars gemacht hat. Kostet in den Voßischcn Bnchläden hier und in Potsdam 16 Gr. (26. März.) Auf die Nachricht, die wir vor kurzem von den gelehrten Beschäftigungen des Hr. Mylius iu England und der weitern Fortsetzung seiner Ncise gegeben haben, müssen wir jetzt eine andre folgen lassen, die seinen Freunden höchst unangenehm, und dem Pu- blico selbst, welches sich noch manches von seinem Flcissc versprach, nicht gleichgültig seyn wird. Er ist ncmlich am 6ten dieses Monats in London an einer Peripncvmonic gestorben. Es ist nicht gnung ^ ' ..^ .^- ^ . ^ V . t. " - ' Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 17Z4. 469 zu bcdauren, daß die Kräfte seines Körpers nicht seinem Eifer und seiner Begierde etwas vorzügliches zu thun, gleich gewesen sind. Sein fester Entschluß sich den Wissenschaften und besonders der Erforschung der Natur aufzuopfern, seine schon erlangte Ecschicklichkeit und die unabläßige Sorgfalt, sie auf alle» Seiten zu erweitern, machen seine» Verlust der gelehrten Welt wichtig, die ihn schon längst aus seinen Schriften als einen eben so schönen als gründlichen Geist gekannt hat. Es ist bereits schon über ein Jahr, daß er seine physikalische Reise von hier aus antrat, und mir seine Lust, sich nirgends eine Gelegenheit zu Beobachtungen entgehen zu lassen, ist Schuld, daß er nicht weiter damit gekommen ist. Auf Verlangen einiger vornehmen Theilhaber an seiner Reise machte er nicht nur gleich Anfangs auf dem Harze verschicdne Versuche mit dem Thermometer und Barometer, sowohl unter der Erde iu den tiefsten Schachten, als hernach ans den Spitzen der höchsten Berge; sondern stellte auch gleiche Versuche bey seiner Ueberfahrt von Holland nach England, über und unter dem Wasser mit vieler Genauigkeit an. Weil übrigens seine erste Reise auf englische Kolonien in Amerika gehen sollte, so sahe er gar bald in England die unvermeidliche Nothwendigkeit sich die englische Sprache, die er schon zum Theil verstand, noch mehr bekannt zu machen, und sonst verschicdne Erkundigungen einzuziehen, die seine Untersuchungen in den dasigcn Gegenden erleichtern könnten. Diese und noch andere Ursachen, wozu besonders seine Unbä'ßlichkeit kam, aus welcher er aber durchaus seinen Gönnern, um sie nicht abzuschrecken, ein Geheimniß machen wollte, nöthigten ihn länger in England zu bleiben, als er jemals daselbst zu bleiben geglaubt hatte. Noch vielwcuigcr aber wer- den weder er noch seine Freunde geglaubt haben, daß England gar der Ort seyn solle, wo die Vorsicht seiner mühsamen irdischen Wißbc- gierde auf immer stille zn stehen befehlen sollte, um sie in einer bessern Welt zu sättigen. (2. May.) Rönigsberg. Am dritten des vorigen MonatS brachte der Hr. M. Paul Christian Weiß eine Streitschrift zu Katheder, in welcher er den Abraham als einen Logiern», »ach Anleitung der Stelle Hcbr. XI. 19., aufführte. Der Patriarch wird daselbst z,c>« und >,o^o/c«-, hcisse, uud 470 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1764. entdeckt, daß jenes die Vernunft und dieses vernünftig schliessen bedeute. Er zeigt ferner, was die Vernunft sey, und erhärtet, daß sie eine herrliche Gabe Gottes ist, die uns zu vielerley nützlich und nöthig seyn kölwe. Er kömmt alsdenn ans die Vernunftlehre, und theilt sie in die natürliche und künstliche ein. Von der künstlichen gesteht er, daß Abraham nicht viel möge gewußt haben; desto stärker aber müsse er in der natürlichen gewesen seyn; denn diese habe ihn einsehen gelehrt, daß wenn ein Gott sey, dieser Gott auch Todte auf- erweckcu könne. Man wende nicht ein, daß Hr. Weiß also in dem Worte ^oz"-7«/i.kvo? nichts weiter finde, als was Luther darinne gefunden hat, welcher cS durch Abraham dachte giebt; er findet noch dieses darinne, daß er vernünftig gedacht habe, und daß das bekannte Sprichwort bey ihm nicht eingetroffen sey. Eines wundert uns, daß Hr. M- Weiß seiner Dissertation, die sich mit lantum »bett anfängt, keine earllnrm xratulawria, hat beyfügen lassen. Wir nehmen uns die Freyheit diesen Mangel mit folgenden zu ersetzen: O Neid, dies Werk wirst du verschonen müssen! Mit lantum akvst fängt es an. Nur eines fehlet noch daran! Mit parum näest sollt es schliessen. tLin anders. Die Logik Abrahams? Wer hätte das gedacht? Vielleicht daß Weiß sich bald an Sarens Physik macht. (21. May.) G- E- Leßings Schriften. Dritter und vierter Theil. Berlin bey Chr. Fr. Voß. In t2mo 1 Alvhb. 2 Dogen. Wir wollen den Inhalt dieser Theile mit den eignen Worten des Verfassers anführen. „Den dritten Theil, sagt er, habe ich mit einem „Mischmasche von Critik und Litteratur angefüllt," :c, ss. oben. S. 2.j--Es sind dieser Rettungen an der Zahl viere :c. Die blossen Titel sind für diejenigen lange genug, die sie nicht selbst lesen wollen.--Der vierte Theil enthält zwey Lustspiele, wovon das eine der junge Gelehrte, und das andere die Juden, heißt. Das erste ist schon 1748 in Leipzig auf dem Neuberischcn Schauplatze, nicht ohne Beyfall, aufgeführet worden. Kostet in den Voßischen Buchläden hier und in Potsdam 16 Er. (M. May.) Zergliederung der Schönheit, die schwankenden Begriffe von dem Geschmacke festzuseyen, geschrieben von Wil- Aus dcr Berlinischen Zeitung vom I. 1764. 471 Helm Hogarth. Aus dem Englischen übersezt von C. Mylius, London bey 2lnd. Linde 1754. in 4to auf 20 Bogen nebst zwey grossen Rupfertafeln. Herr Hogarth ist unstreitig einer dcr größten Mahler, welche England jemals gehabt hat. WaS ihn besonders berühmt gemacht, ist dieses, daß er in alle seine Gemählde eine Art von satyrischer Moral zu bringen gewußt, die das Herz an dem Ler- gnügen der Augen Theil zu nehmen, nöthiget. Natur, Lebe» und Reitz, hat man durchgangig darinne bewundert, und diese bey ihm für die Wirkungen eines glücklichen Genies gehalten, bis er in dem gegenwärtigen Werke zeigte, daß auch ein tiefes Nachdenken über die Gegenstände seiner Kunst damit verbunden gewesen. Und diesem Nach» denken eben haben wir eine Menge neuer Ideen zu danken, die in dcr ganzen Materie von der Schönheit ein Licht anzünden, das man nur von einem Manne erwarten konnte, dem auf der Seite des Gelehrten eben so wenig, als auf der Seite des Künstlers fehlte, Er hat seine Schrift in sicbenzehn Hauptstücke abgetheilt. In den ersten scchsen handelt er von den schon bekannten Gründen, von welchen man durchgängig zugesteht, daß sie, wenn sie wohl vermischt werden, allen Arten von Zusammensetzungen, Annehmlichkeit und Schönheit geben. Diese Gründe sind: die Richtigkeit, die Mannigfaltigkeit, die Gleichförmigkeit, die Einfachheit, die Verwicklung und die Grösse, welche alle bey Hervorbringung der Schönheit zusammcu wirken, indem sie einander gelegentlich verbessern und einschrenken. In dem siebenden Hauptslücke wendet er sich zu den Linien, in welche alle Formen eingeschlossen seyn müssen, und findet, daß die Wellenförmige Linie die wahre Linie der Schönheit, und die Schlangenlinie die wahre Linie des Reitzes sey. Auf dcr Betrachtung dieser beyden Linien beruht das ganze Hogarthsche System von der Schönheit. Er zeigt nehmlich, wie aus ihrer Zusammensetzung alle angenehme Formen entstehen, und wie wunderbar sie besonders in dem Meisterstücke aller sinnlichen Schönheit, in dem menschlichen Körper, angebracht sind. Auch in dcn übrigen Hauptstücken, wo er von den Verhältnissen, von dem Lichte und Schatten, und von den Farben redet, zeigt er ihren Einfluß, welcher sich besonders in dem 16ten Hanptstücke von der Stellung, am meisten äusscrt. Man darf nicht glauben, daß bloß Mahler und Bildhauer oder Kenner dieser beyden Künste, das Hogarthsche Werk mit Nutzen lesen können. Auch Tanzmcister, Redner und Schauspieler, werden 472 Ans der Berlinischen Zeitung vom I. 1754. die vortrcflichsten Anmerkungen darinnen finden, und noch mehrere durch kleine Anwendungen selbst daraus ziehen können. Ja so gar Dichter und Tonkünstlcr, werden, vermöge der Verbindung welche alle schönen Künste und Wissenschaften untereinander haben, ähnliche Gründe der Schönheit in den Werken des Geistes und der Töne darinne entdecken, und ihren schwankenden Geschmack ans feste und unwandelbare Wegrisse zurückbringen lernen. Die zwey darbet) befindlichen Kupfertafeln sind von der eignen Hand des Herrn Hogarths, die ihnen mit Fleiß nicht mehr Schönheit gegeben hat, als sie zum Unterrichten nöthig haben. Von der Güte der Uebersctzung dürfen wir hoffentlich nicht viel Worte machen, da sie sich von einem Manne herschreibt, der selbst mit dem Schönen in der Natur und Kunst bekannt war, und den wir zu beyder Ausbreitung viel zu zeitig vcrlohren haben. Sein Aufenthalt in London verschafte ihm Gelegenheit, den Herrn Hogarth selbst bey der Ucbcrsetzung zu Rathe zu ziehen, welches er auch so oft gethan zu haben versichert, daß man seiner Ucbersetzung dadurch eine Art von Avthcnticität beylegen kan. Kostet in der Vo- ßischcn Buchhandlung hier und in Potsdam Z Rthlr. (2Z. Junius.) Wir haben vor weniger Zeit der Hogarthschen Zergliederung der Schönheit ic> gedacht, und sie als ein Werk, das voll neuer Gedanken sey, angepriesen. Wir haben gesagt, daß eS ein Lehrgebäude enthalte, welches einzig und allein geschickt ist, die verschiedene Begriffe der Menschen von dem, was gefällt, auf etwas gewisses zu bringen, und das elende Sprichwort, daß man über den Geschmack weder streiten könne noch dürfe, aus dem Munde des Pöbels und der Gelehrten zu verbannen. Es enthält, wie wir berührt haben, keine leeren und unfruchtbaren Betrachtungen, die mit Recht den Namen Grillen verdienen, wenn sie keine praktische Anwendung leiden, sondern der Nutzen desselben erstreckt sich so weit, als sich das Schöne der Formen erstreckt. Alle Künste und Wissenschaften, die sich damit beschäftigen, werden ein neues Licht daraus entlehnen können. Der Philosoph, der Naturalist, der Antiquar, der Redner auf der Kanzel und ans der Bühue, der Mahler, der Bildhauer, der Tänzer, haben es fast für ein unentbehrliches Buch zu betrachten. Doch nicht sie allein, sondern auch alle, welche sich mit dem Titel der Kenner begnügen lassen, aber oft von Dingen, wobey es auf die Nachahmung der schönen Natur ankommt, so unbestimmte und widersprechende Ur- Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 4754. 473 theile fallen, daß sie den Mangel an festen und sichern Begriffen nur allzudeutlich verrathen. Ja es fehlt nicht viel, so wird der Nutzen des Hogarthschen Systems auch bis auf das Reich der Mode auszudehnen seyn, so daß man auch da, wo man sonst nichts als gelegentlichen Eigensinn wahrnahm, durch Hülfe desselben etwas gewisses wird angeben können. Man wird angemerkt haben, daß die deutsche Uebersetzung dieses vortreflichcn Werks, welche Herr Mylius in Londcn besorgt hat, sehr theuer sey. Sie beträgt, ausser 2 Kupfcrtafeln, nicht mehr als 22 Bogen in Quart, und kostet gleichwohl nicht weniger als fünf Thaler; ein Preis der ohne Zweifel die allgemeine Brauchbarkeit desselben sehr verhindern muß. In dieser Betrachtung hat sich der Verleger dieser Zeitungen entschlossen, einen neuen verbesserten Abdruck den Liebhabern in die Hände zu liefern, und einen Thaler Vorschuß darauf anzunehmen, für welchen er ibncn in sechs Wochen, ohne einigen Nachschuß, eingehändiget werden soll. Die Kupfer werden bereits mit möglichster Sorgfalt gestochen, und man schmeichelt sich, daß man auch sonst mit dem Aeussern zufrieden seyn werde. Nach Verlauf gedachter sechs Wochen, wird das Werk unter 2 Thalern nicht zu bekommen seyn. Einen verbesserten Abdruck wird man es deswegen mit Recht nennen können, weil man ihm durch verschiedene kleine Veränd- rungen im Style, diejenige Deutlichkeit gegeben hat, die ihm an vielen Stellen zu fehlen schien. Auch wird man, als eine kleine Vermehrung, die aus dem Französischen übersetzte Erklärung der Hogart- schen satyrischen Gemählde beyfügen. Ein mchrercS kan man aus der gedruckten Nachricht ersehen, welche in den Voßischen Buchladen hier und in Potsdam ohne Entgelt» ausgegeben wird. Nachricht von einem neuen Abdrucke der Hogartschen Zergliederung der Schönheit;c. Wenn irgend ein neues Werk viele Lobsprüche erhalten, und noch mehrere verdient hat, so ist es gewiß des Herrn Hogarrhs ^n.-tlz'l'is ok Leautz? (Zergliederung der Schönheit :c.) Die gelehrten Tagebücher und Zeitungen haben seiner schon zu oft gedacht, als daß der Inhalt nicht den meisten schon bekannt seyn sollte. Hr. Hogarth hatte das Schöne der Formen, als den Gegenstand seiner Kunst auch zum Gegenstände seines philosophischen Nachdenkens gemacht, und war endlich auf ein Lehrgebäude gekommen, welches einzig und allein geschickt ist, die verschiedenen Begriffe der Menschen von dem, was gefällt, auf etwas gewisses zu bringen, und 474 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1764. das elende Sprichwort, daß man über den Geschmack weder streiten könne noch dürfe, aus dem Munde des Pöbels und der Gelehrten zu verbannen. Ihm werden wir es also zu verdanken haben, wenn man bey dem Worte schön/ das man täglich tausend Dingen beylegt, künftig eben so viel denken wird, als man bisher nur empfunden hat. Es enthält aber dieses Werk des Hrn. Hogartys keine leeren und unfruchtbaren Betrachtungen, die mit Recht den Namen Grillen verdienen, wenn sie keine praktische Anwendung leiden; sondern der Nutzen desselben erstreckt sich so weit, als sich das Schöne der Formen erstreckt. Alle Künste und Wissenschaften, die sich damit beschäftigen, werden ein neues Licht daraus entlehnen können. Der Philosoph, der Naturalist, der Antiquar, der Redner auf der Kanzel und auf der Buhne, der Mahler, der Bildhauer, der Tänzer, haben es fast für ein unentbehrliches Buch zu betrachten. Doch nicht sie allein, sondern auch alle, welche sich mit dem Tittel der Kenner begnügen lassen, aber oft von Dingen, wobey cS auf die Nachahmung der schönen Natur ankörnt, so unbestimmte und widersprechende Urtheile fällen, daß sie den Mangel an festen und sichern Begriffen nur allzudeutlich verrathen. Ja es fehlt nicht viel, so wird der Nutzen des Hogarthschen Systems auch bis auf das Reich der Mode auszudehnen seyn, so daß man auch da, wo man sonst nichts als gelegentlichen Eigensinn wahrnahm, durch Hülfe desselben etwas gewisses wird angeben können. Man weis, daß Hr. Mylius bey seinem Aufenthalte in England dieses Hogarth- sche Werk, unter der Aufsicht des Verfassers, ins Deutsche übersetzt hat. Die Uebcrsetzung ist in London gedruckt, und beträgt, ausser den zwey grossen Kupfertafeln, nicht mehr als 22 Bogen in Quart. Gleichwohl aber kostet sie weniger nicht als fünf Thaler, welches ohne Zweifel ein Preis ist, der die allgemeine Brauchbarkeit derselben sehr verhindert. Was aber nutzt das vortrcflichste Buch, wen» es nicht allen denen in die Hände kommen kann, die es mit Vortheil zu brauchen im Stande sind? Ich habe mich daher entschlossen, diese MyliuSsischc llebersetzung der Welt durch einen neuen verbesserten Abdruck zu überliefern, und mache in dieser Absicht bekannt, daß er in einer Feit von sechs Wochen wird an das Licht treten können. Die Kupfer werden bereits mit der größten Sorgfalt nachgestochcn, und ich schmeichle mir im voraus, daß man sowohl mit diesen, als mit dem Aeusserlichcn des Drucks zufrieden seyn soll. Als eine kleine Vermehrung wird man Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1754. 475 noch eine aus dem Französischen übersetzte Erklärung der Hogarthschen satyrischen Gemählde beyfügen. Zu mehrerer Bekanntmachung des Werks bin ich gesonnen bis zu Ablauf dieser sechs Wochen, einen Thaler Vorschuß anzunehmen, für welchen es zu gesetzter Feit den Herrn Pränumeranteu ohne einigen Nachschufi eingehändiget werden soll. Nach Verlauf dieses Termins, werde ich es unter zwey Thaler nicht verlassen können. Tie Liebhaber werden sich deßwegen an mich selbst hier und in Potsdam, oder an jede Buchhandlung, die ihnen ihres Orts am nächsten ist, zu wenden belieben. Für diejenigen, welche allzuweit entfernt sind, wird man auch in Ansehung des Termins gehörige Nachsicht zu haben nicht unterlassen. Berlin, den Isten Julius 1754. Cy. Fr. Voß. (4. Julius.) Der mit seiner Donna Charmante herumirrende Ritter Don Felix- Frankfurt und Leipzig 1754. In 8vo. 1 Alphb. 10 Dogen. Wenn dieser Titel nicht schon einen elenden Roman verriethe, so dürften wir nur sagen, daß es ohngefehr eine Nachahmung der bekannten Felsenburg seyn solle. Sie ist, welches wir zugestehen müssen, unendlich elender als das Original; aber eben deswegen, wenn wir uns nicht irren, weit lesbarer. Was wir sagen ist leicht zu begreifen, wenn man nur erwägen will, daß in den Werken des Witzes nichts ekelhafter als das Mittelmäßige ist; und daß hingegen das ganz Schlechte, wenn es einen gewissen Grad der Tiefe erlangt hat, eben deswegen, weil man es sich schwerlich schlechter einbilden kann, eine Art von Belustigung bey sich führt. Man fängt nehmlich alsdann an, sich an der Armuth des Schriftstellers, an den Martern, die er seiner Einbildungskraft hat anthun müssen, an den gestohlnen Blümchen, und an dem Wirwarre seines Ausdrucks zu ergötzen; man urtheilt, wie sehr er selbst seine Einfälle möge bewundert haben; man ist im Geiste bey ihm, und genießt mit ihm das Vergnüge», durch ganze Alphabete nicht die geringste Spur eines gesunden Verstandes zu finden; und endlich verläßt man ihn mit einem wahren Erstaunen, welches in Satyre und Galle ausbrechen würde, wenn sich nicht die Barmherzigkeit für ihn ins Mittel schlüge. Aus diesen Gründen also wagen wir es, auch Lesern von Geschmack die Donna Charmante anzupreisen; sie kostet ein weniges, und erweckt ganz gewiß Appetit nach etwas bessern. In den Voßischen Buchläden hier und in Potsdam 10 Gr. 47k Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1764. (tk. Julius.) Gedanken mit einer Uebersetzung des Hymne über die vier Iahrszeiten, aus dem Englischen des Thomsons. Frankfurt und Leipzig, bey I. Th. Rleyb 1764. In 12mo auf 2 Bogen. Die Art durch einzelne abgesonderte Gedanken ein Schriftsteller zu werden, scheinet leichter zu seyn, als sie in der That ist. Da sie sich der Mühe der Einkleidung überhebt, so giebt sie uns ein Recht, in dem Wesentlichen dessen, was vorgetragen wird, einen desto grössern Grad der Vollkommenheit zu erwarten. Vornehmlich müssen alle ihre Gedanken neu und nicht gemein seyn, weil alte und gemeine Gedanken nur bey dem Ausfüllen, und bey Verfolgung einer Materie erträglich sind. Ja diese neue Gedanken müssen auch mit neuen Wendungen vorgetragen werden, und eine gewisse sinnreiche Kürze haben, um auch dadurch den Namen Gedanken zu verdienen, daß sie dem Leser zu mehr und mehr Gedanken Anlaß geben.--Was wir hier in allgemeinen Ausdrücke» gesagt haben, hätten wir auch in besondern von den angeführten zwey Bogen sagen können, wenn sie unser Lob nicht mehr verdienten als bedürften. Wir wollen eine einzige Stelle daraus anführen, welche aus mehr als einer Ursache von einem Deutschen überdacht zu werden verdienet. „Die meisten, heißt es ans der 24 Seite, sind gewohnt, „sich im Urtheilen nach andern zu richten, ihnen nachzurühmen und „nachzutadeln. Wäre dieses nicht, so hätte man längst unter den „Deutschen kühn gesagt: Wolf sey grösser als Newton. Newton „schrieb eine bessere Optik und Astronomie, als sein Lehrer Keplcr. „Wolf aber übersah zuerst in einem System alle physische und moralische Wissenschaften. Er schrieb zuerst eine Kosmologie, eine Acro- „metric, ein zusammenhangendes Recht der Natur und eine Moral. „Hätte Newton in der Metaphysik, wie der Herr von Voltaire sich „ausdrückt, den Ball gut genug schlagen können; so würde er über „die Offenbarung JohanniS nicht närrisch geworden seyn. Newton „hatte aber in den Wissenschaften nur einen Geschmack. Die Deutschen, „die nur allein zu philosophircn gewußt, haben sich zu verwundern „Ursache, daß die Engländer sich berechtigt zu seyn geglaubt, einer neuen „Optik und Astronomie des Newtons den viclbcdentenden Namen der „ Philosophie desselben zu geben."--Kostet in den Voßischcn Buchläden hier und in Potsdam 2 Gr. (27. Julius.) Freundschaftliche Briefe von I. S- parzke. Frankfurt und Leipzig bey Joh- ^hr. Rleyb 1754. In 8vo >MMM« ^----^ ^UX^ .-v- ' . : ' MüM ^^j! Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1754. 477 11 ZZogen. Man kennet den Herrn paizke schon längst als einen sehr guten Dichter, und weiß, daß ihm muntre, witzige und empfin- dungsrciche Gedanken nicht schwer fallen. Man kennt ihn aber auch als den glücklichen Ucbcrsctzer des Terenz, und kann sich leicht einbilden, daß er diesem Muster die edle Einfalt des Ausdrucks werde abgelernt haben. Sollte es wohl möglich seyn, daß er kein schöner Verfasser freundschaftlicher Briefe seyn könnte? Da man ihn also auch ohne Beweis dafür würde gehalten haben, so ist man ihm um so viel mehr Dank schuldig, daß er seine Exempel zu einer Anweisung für diejenigen gemacht hat, welche vertraute Briefe schreiben wollen. Er gesteht zwar, daß sie nicht durchgängig von ihm sind; allein, da sie sich wenigstens von seinen Freunden herschreiben, so kann man wegen ihrer Güte hinlänglich gesichert seyn. Der Titlel zeigt es schon, was für eine Sprache dämme geführt wird; es ist die Sprache der Freundschaft wie man sie unter schönen Geistern von zärtlichen Empfindungen höret. Diejenigen werden zu beklagen seyn, denen ste dunkel oder schwerme- risch vorkommen sollte. Schönheiten, die für das Herz bestimmt sind, sind dem, welchem es nicht an der rechten Stelle liegt, freylich unbegreiflich; sie hören aber deswegen nicht auf Schönheiten zu seyn. Kostet in den Voßischen Buchläden hier und in Potsdam Z Gr. (3t). Julius.) Mocquerien, aus dem Französischen übersetzt. Neue Auflage. Cölln 1764. In 8v». 16 Bogen. Unter diesem Tittel setzt man uns aufgewärmte Charaktere vor. ES sollen Schilderungen verschicdner lächerlichen oder lasterhaften Gemüthsarten seyn, die am Ende allezeit mit einem kleinen Gedichte verbrämt sind, wodurch wir in der Ungewißheit gelassen werden, ob die Prose oder die Poesie elender ist. Die Gegenstände der Schilderungen sind trivial; die Seiten, von welchen sie uns gezeigt werden, sind die häßlichsten und nichts- würdigstcn, die Züge sind grob, die Farben sind aufgekleckt; kurz alles verräth die Hand eines Stümpers, welcher eher Gurken als Portraits hätte mahlen sollen. Gleichwohl soll diese Hirngcburth aus dem Französischen übersetzt seyn?--Beynahe aber sollten wir daran zweifeln; denn da die Sitten und Moden, auf welche darinne angespielt wird, fast alle englisch sind, und da sonst verschicdne Wendungen und Ausdrücke vorkommen, welche, auf gut brittisch, mehr nachdrücklich, als ehrbar stnd, so kann man, glauben wir, das Original eher für eine englische Mißgeburth halten. Sie besteht ans zwey Theilen; der 478 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 17S4. erste will weibliche und der andere männliche Charaktere mahlen. Hier ist das Verzeichnis; der weiblichen, welches man hoffentlich so finden wird, daß man uns das Verzeichniß der männlichen gerne schenken kann. Man findet also 1. das scheinheilige Frauenzimmer. 2. Das gelehrte Frauenzimmer, oder der Student im langen Rocke. 3. Den weiblichen Satyr. 4. Die verschmitzte Hure. 6. Die Gräfin von Brand- tewcin. 6. Das eifersüchtige Frauenzimmer. 7. Das spielsüchtige Frauenzimmer. 8. Den weiblichen geheimen Rath. 9. Die geadelte Bauerdirne. 10. Das hochgebohrne Frauenzimmer. 11. Die ehrbare Kupplerin, oder des Frauenzimmers liebe Getreue. 12. Die ehrbare Hure. 13. Das allzu lustige Frauenzimmer mit hochgelben Haaren. 14. Das alamodische Frauenzimmer, und endlich 1Z. die gastfreye Dame. Eine schöne Mandel! Kostet in den Voßischen Buchläden hier und in Potsdam 8 Gr. (3. Aug.) /ke^on/e akit ^/-eete l/e /^o?n« « c^m«?- 1764. In 8vo auf 15 Bogen. Der Streit, welchen der Herr von Voltaire mit dem Herrn la Deaumelle über einige Unrichtigkeiten in dem Jahrhunderte Ludewigs des 14ten bekommen, ist genugsam unter den Gelehrten, noch mehr aber unter den PetitmaiterS der gelehrten Republik bekannt. La Beaumelle ließ unter eine frankfurtische Ausgabe des Jahrhunderts verschiedne Anmerkungen setzen; auf diese Anmerkungen antwortete Voltaire durch ein Ergänzungs- stück zu seinem Werke, und gegen dieses Ergänzungsstück erwiedert der erstre nunmehr durch angeführte Bogen. Es ist nicht wohl möglich etwas daraus anzuführen, es müßte denn ein Einfall oder eine Ungereimtheit, oder beydes zugleich seyn; denn darinne besteht die grosse Kunst des Verfassers, daß er selten eines ohne das andere sagt. Vor allen Dingen versichert er, daß er nur den allcrkleinstcn Theil von den obgedachten Anmerkungen verfertiget habe; und wenn dieses ist, so hat er gut fechten; was er nicht vertheidigen kann, darf er nur auf den Fortsetzer seiner Arbeit schieben. Es ist nur Schade, daß auch bey dieser Zänkercy der deutsche Name wieder ins Gcdrenge kömmt. Können sich denn ein Paar französische Witzlinge nicht streiten, ohne es wenigstens ein oder zweymal einfliessen zu lassen, daß es den Deutschen an Witz und Geschmack fehle? Werfen wir denn ihnen so oft vor. daß es ihnen nicht selten an gesundem und gesetzten Verstände fehle? Kostet in den Voßischen Buchläden hier und in Potsdam 6 Er. Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1764. 479 (13. Aug.) Der neue Abdruck der Hogartschen Zergliederung der Schönheit/ ist nunmehr, vcrsprochner Maassen, fertig geworden. Wir finden nicht nöthig zum Lobe des Werks selbst nochmals etwas beyzubringen; wir wollen nur bemerken, was man bey dieser neuen Ausgabe geleistet hat. WaS die Kupfer Anfangs anbelangt, so wird man finden, daß sie so sorgfältig und glücklich nachgcstochen worden, als man eS nur immer von einer Copie verlangen kann. Der Text selbst ist nicht nur hin und wieder, in Ansehung der Schreibart, verbessert worden, sondern hat auch eine kleine Vermehrung erhalten, welche in den übersetzten Briefen des Herrn Rouaucts bestehet, wor- iune er eine Erklärung über die vornehmsten Kupferstiche des Herrn Hogarths ertheilt. Die Liebhaber welche darauf pränumerirt haben, werden eS selbst am besten beurtheilen können, ob man ihre Hofnung hinlänglich erfüllt hat. Sie werden ihre Eremplare für die Zurück- sendung der Scheine, in den Voßischcn Buchläden abfordern lassen, allwo es diejenigen, die sich des Weges der Pranumeration nicht zu bedienen beliebt haben, für 2 Rthlr. bekommen können. (1Z. Aug.) Die ganze Aesthetik in einer Nuß, oder Neo- logisches Wörterbuch; als ein sichrer Aunstgrif/ in 24 Stunden ein geistvoller Dichter und Redner zu werden und sich über alle schale und hirnlose Reimer zu schwingen- Alles aus den Accenten der heil. Männer und Barden des jetzigen überreichlich begeisterten Jahrhunderts zusammengetragen/ und den größten VVortschöpfern unter denselben aus dunkler Ferne geheiliget von einigen demüthigen Verehrern der sehrafsischen Dichtkunst 1754. In 8vo. 1 Alphb. 10 Bogen. Dieser Titel ist hoffentlich lang und närrisch genug, um einen hinlänglichen Begrif von dem Buche selbst zu machen. Wenn man eS eine Nachahmung des französischen DiotioriiM'e IXeoloxi^ue nennen will, so vergesse man nur nicht, es eine elende Nachahmung zu nennen, so wie man sie von einem geschworncn Eottschedianer erwarten konnte. Wir macheu uns Hofnung, diese Scharteke in dem nächsten Stücke des Neuesten aus deri anmuthigen Gelehrsamkeit/ etwann folgender Maassen, angepriesen zu finden: „Endlich einmal ist ein Patriot unter uns „aufgestanden, welcher den deutschen Sprachverdcrbern den Text gele- „sen, und zu Rettung meiner Ehre bewiesen hat, daß alle diejenigen „Ochsen seyn müssen, welche an Hallern, Bodmem und Klopstocken, 480 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1764. „einen Geschmack finden. Man kann ihm für seinen rühmlichen Eifer, „meine Sprachkunst den Dichtern als das einzige anzupreisen, wider „welches sie nicht sündigen dürfen, nicht genug danken. Ein grammatikalischer Fehler, und wenn er auch oft nur auf einen Druckfehler hinauslaufen sollte, ist ihm, wie billig, ein Schandfleck, der alle „Schönheit des Gedanken vernichtet, von welcher ich längst gesagt „habe, daß sie einzig und allein auf die richtigen, flicssenden und gewöhnlichen Ausdrücke ankomme, wie ich sie in meinen Werken habe, „die in jeder Art, ohne Ruhm zu melden, Muster seyn können. Mit „dem Geiste der Satyre ist unser Verfasser vortrefflich ausgerüstet; er „schreibt in Tag hinein, er schimpft, er macht Zoten, welches ich „alles denjenigen, Kraft meiner Dictatur, erlaube, die sich meiner gerechten Sache annehmen. Nunmehr habe ich, Gott sey Dank, noch „Hofnung, daß unser Herrmann über den Meßias, meine Gedichte „über Hallers, Grimms Tragödien über Schlegels, Lichtwehrs ' „Fabeln über Gellerts, meine Atalanta über Rosts Schäfcrgcdichtc, „und alle Gcbürthen meiner getreuen Schüler, über alle Werke derjenigen, die meinen Namen nicht anbeten, siegen werden. Ich wün- „sche dieses herzlich zur Ehre des gesammtcn Vaterlandes, und will „in guter Hofnung auch diese Monalschrift mit einigen Artickcln aus „angezogn«»! Buche bereichern."--Das mag er thun; wir wollen weiter davon nichts sagen, als daß es 12 Gr. kostet, und in den Voßschen Buchlädcn hier und in Potsdam zu haben ist. (2V. Aug.) Grundriß einer Beschreibung des Aayserthums Marocco/ nebst einem versuch einer vergleichung der Maroc- caner und der Deutschen; in 21 vertrauten Briefen aus Te- tuan, Feß und Mequinefi. Franks, und Leipzig 1754. In 8vo- Es kam- zu Ende des vorige» Jahres ein Wochenblatt i» Hamburg heraus, welches den Titel hatte: eines Deutschen vertraute Briefe aus dem Rayserthum Marocco. Die Correspondenz ging bis auf das 20 Blatt ziemlich richtig; nachher aber mußte entweder der Briefsteller das Schreiben, oder das Publicum das Lesen satt geworden seyn, kurz die vertrauten Nachrichten blieben aus, und der Herausgeber schob die Schuld noch listig genug auf die Post, welche ihre Zeit nicht mehr so ordentlich halten wollte. Endlich aber war nian noch listiger, und ließ einen Bogen unter angeführte»: Titel darum drucken, um dadurch 21 halbe Bogen zu einem Buche zu machen. ES läßt Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 17Z-L. ^81 sich lesen; ausser dem aber wissen wir nichts zu dessen Anpreisung zu sagen. Viel sittliches wird man darinne nicht antreffen, und wenn es auch wahr wäre, daß das, was zur Geschichte und Geographie gehört, von einem Augenzeugen seyn sollte, so ist es doch darum nichts besser, als man es schon in andern Reisebcschreibungen findet. In dem Vorberichte versichert man uns, daß der Verfasser der Briefe gewisser Massen eine Person sey, wie Herr Mylius gewesen ist, welcher auf Kosten eines Vornehmen nach Marocco gereisct sey, so wie dieser nach Amerika reisen sollen. Man weiß daß dieser gestorben ist, ehe er dahin gekommen; und wenn jener gleichfalls gestorben wäre, ehe er Marocco gesehen hätte, so wäre der Schade, ohne Zweifel, bey weiten nicht so groß gewesen. Kostet in den Boßischeu Buchläden hier und in Potsdam 4 Gr. (14, Sept.) ^Vonve^e >A7 xai/ai^e ^/e//ivt/e />o«^ a^z?>e?icü'e /e FVanxoi's ^ i'^/^emcinc? /«n« /e ^/eco«?'« c^«?i ^ai/?'«. Das ist neue und vollrommne Sprachrunst die französische und deutsche Sprache ohne Hülfe eines Sprachmeisters zu erlernen, durch /'i'e?'?'s Kn?'/eau, Fi'ttnc/'. ^Ä?' ^/e>/n c/ies ^ea?i F>ee?. F7s«/c/ie^ 175t. In Lvo- 2 Alph, 3 Bogen. Dieser Titel verspricht so viel gutes, daß wir uns kaum unterstehen, von der Ausführung etwas schlechtes zu sagen. Eine vollkommene Anweisung zwey Sprachen auf einmal zu lernen, ist mehr als man verlangen und wünschen kann. Ohne Zweifel aber auch mehr, als man finden wird. Man darf nur das Deutsche auschen, um nicht die beste Meinung davon zu bekommen. Der Verfasser ist in unsrer Litteratur so erfahren, daß er den Franzosen, wenn sie schon etwas Deutsch könne», die asiatische Banise und die Begebenheiten der Seefahrer, als gute deutsche Schriften zu lesen anräth. (.4.vi'vs cxuoi ils vcuirout vren- «Ire un ?l»r»Ark>z>lle ü'uu Iiou ^uteur allomauä, coiumc; clo /'^/i«- /i/öüe ^ani/e, lies LeAeiett/iei/en c/e»' Kee/aüi'ei' ll'^Iveitus ^u- Uns, ou, äv ciuelc^ue autiv livie.) Wahrhaftig, er hätte von beyden Extremis keine bessere Musier nennen können. Das eine ist so schwülstig geschrieben, als kriechend das andre. Doch müssen wir auch nicht verschweigen, daß unter den am Ende des Buchs beygefügten Uebungen, auch verschicdne Briefe des Herrn Gellerts, nebst der Uebcr- sctzung des Herrn Surleau, vorkommen. Wir würden sagen, daß der Herr Sprachmeister, seinem Namen gemäß, den Herrn Geliert LcssingS Wett- >v, 31 ^I^M???jW5Hc 482 Aus dcr Berlinischen Zeitung vom I. 1764. vortrcflich gewässert habe; wenn wir nicht besorgen müßten, er mochte böse werden, und dieses einen deutschen Einfall nennen. Kostet in den Nossischen Buchlädcn hier und in Potsdam 20 Gr. (17. Sept.) Leipzig. Allda sind vor kurzen drey Bogen in Duodez auf Schreibpapier unter dem Titel: Possen im Taschenformate, gedruckt worden. Ihr Verfasser, oder wenigstens ein guter Freund von ihm, hat die Borsicht gehabt, uns folgende Recension davon zuzuschicken. „Wir sind für das feine und für das muntere in „dcr Satyre viel zu stark eingenommen, als daß wir gegenwärtigen „Bogen nicht ihr gebührendes Recht sollten wicderfahrcn lassen. Der „Herr Verfasser hat seine Possen in lauter kleine Kapitel getheilct, in „deren jedem er cin gewisses Etwas abhandelt. Als z. (5. etwas moralisches, etwas poetisches, etwas historisches, etwas kritisches u. s. w. „Die Herren Kunstlichter bekommen hier eben so wohl ihren Theil, „als die strengen Philosophen, die jede sonnenklare Wahrheit auf das „abstrakteste demonstriren wollen. Dcr Verfasser hat dem Frauenzim- „mer eben so lachend die Wahrheit gesagt, als den finstern Alter-, „thumsforschcru. ein Lustspiel von 6 Handlungen ist hier auf 5 „Duodezseitcn zu sehen. Es hat alle erforderliche Eigenschaften eines „Lustspiels, und dcr Leser wird über dieses eben so gut lachen müssen, „als er über eines von 4 Stunden lacht. Die Handlung des gegenwärtigen dauert K Stunden. Die Beschreibung von Utopien ist sehr „lehrreich, und die verschiednen Arten der Waffen sind voller Witz; „kurz diese drey Bogen enthalten so viel, als manche Satyre von drey „Alphabeten." — — Daß wir diese Lobsprüche unverändert mittheilen, kann man aus dem 142 Blatte der Hallischen Zeitung erkennen, wo man eben dasselbe Formular, nur mit einem etwas veränderten Anfange, finden wird. Es heißt nehmlich daselbst: „es ist bekannt, „ bey was für Gelegenheit diese Art kleiner Schriften jüngst Mode zu „werden angefangen hat." Man versteht Sie, mein Herr Panegyrist! Und damit Sie auch alle und jede verstehen mögen, so wollen wir es nur gerade heraussagen, daß diese Possen, welche — — — — — — iplo I^on lgni eile Iiorninis, uoii larius juret Orestes, eine Satyre auf das Format und die zufällige Einrichtung der Leßing- schen Schriften, allem Ansehen nach, seyn sollen. Sie kosten drey Groschen; aber auch drey Groschen giebt man nicht für Possen hin. Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1764. 483 Was war also zu thun, damit sie gleichwohl bekannt würden? Ohne Zweifel hat der Verleger dieser Blatter den besten Einfall gehabt, den man in dieser Absicht nur haben kann. Er hat sie nehmlich nachdrucken lassen, und ist entschlossen sie für ihren innerlichen Werth zu verkaufen, das ist, sie umsonst auszugeben. Sie stehen in den Voßischen Buchläden, hier und in Potsdam den Liebhabern zu Dienste. (8. Oct>) Geschichte Herrn ^Larl Grandisono. In Briefen entworfen von dem Verfasser der pamela und der Clarissa. Aus dem Englischen überseyt- III. Band. Leipzig in der Vvei- demannischen Handlung 17S4. In 8vo. 1 Alphb. 16 Bogen. Man muß die ersten Theile dieser Geschichte nicht gelesen haben, wenn inan auf die Fortsetzung derselben nicht äusserst begierig ist. lind es wird ohne Zweifel ein kleiner Strich seyn, den man der Deutschen Neugierde spielt, daß sie jetzt nur einen Theil davon erhält, anstatt auf zwey gehoft zu haben. Das Meisterstück des Richardson sollte billig allen andern Büchern dieser Art die Leser entziehen; und wir hoffen auch daß es geschehen werde, wenn anders die in allen ihren Reitzungcn geschilderte Tugend noch fähig ist, die Menschen für sich einzunehmen. Kostet in den Vossischen Buchläden hier und in Potsdam 14 Gr. (10. Oct.) Seneca/ ein Trauerspiel. Frankfurt am Mayn bey Franz Varrentrapp. In 8vo. 7 Bogen. Ein sterbender Philosoph ist kein gemeines Schauspiel; und das Uuternchmen eines deutschen Dichters, ihn auf die Bühne zu bringen, kein gemeines Unternehmen. Gesetzt, daß es auch nicht auf das vollkommenste ausfiele, so wird jener doch immer noch rühren; und dieses doch noch immer lobenSwürdig seyn. — — Ein schmeichelhafter Haupturtheil könnten wir von dem angeführten Originalstücke leicht fällen, aber ein gerechters schwerlich. Der Verfasser ist ein Dichter, dem es an Genie nicht fehlt, dem es aber an Flcisse desto mehr muß gefehlt haben. Und er macht hieraus auch selbst kein Geheimniß, sondern wundert sich vielmehr wie Racine zwey Jahr an seiner Phädra habe arbeiten können, und wie es möglich sey daß ein Gedicht, welches so viel SchweiS und Zeit gekostet, gefallen könne. Wir wundern uns darüber nicht, und würden uns vielmehr wundern, wenn das seine ohne diese mühsame Ausarbeitung gefallen sollte. Man merkt es seinem Plane allzuwohl an, daß er in der Eil gemacht ist, die ihm nicht einmal vergönnt hat, 31° 484 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1764. gewisse mechanische Regeln zu beobachten. So kann man zum Exempel, niemals eine Ursache angeben, warum bey ihm die Auszüge sich schliessen; er läßt die Person aufhören zu reden; sie gehen weg, und wissen selbst nicht weswegen. Zwischen dem vierten und fünften Aufzuge ist so gar nicht einmal ein Unterscheid, es müßte denn das Stöckchen seyn, welches der Buchdrucker dazwischen gesetzt hat. Scneca spricht nehmlich zum Schlüsse des vierten Auszuges: Ihr Freunde, welchen ich mein Herz auf ewig schenke, Und du erlaube mir, daß ich jetzt einsam denke; Panline, gönne mir, im traurigsten Geschick Von der mich fliehnden Ruh den letzten Augenblick. Und mit diesen einsamen Gedanken des Seneca fängt sogleich der fünfte Auszug an; so daß, wenn Seneca ja erst weggeht, er nur pro Forma weggehen muß, um sich seine lange Monologe noch vorher hinter der Scene zu überhören. Zum Beweise aber daß es diesem Tranerspiele wirklich nicht an schönen Stellen mangelt, wollen wir aus eben der gedachten Monologe eine anführen, die noch mehrere ihres gleichen hat: ----Es ist ein Gott der Welt, Ein Wesen, welches selbst dem Himmel Ziele stellt! Ein ewigs Wesen, das vor unserm Aug verborgen, Der Weisen stillen Gram, der Thoren laute Sorgen, In gleicher Ruhe sieht, und jeder Frevelthat, Noch eh ihr Tag erschien, den Lohn bestimmet hat; Das, eh ein Wütrich war, das, eh ich noch entstünde, Den Grund zn meinem Tod in Nerons Lastern fünde; Das was gewesen ist, und seyn wird und geschieht, Mit einem Namen nennt, mit einem Blicke sieht. :c. Es befinden sich auch bey diesem Trauerspiele noch einige prosaische Gedanke» über das Trauerspiel überhaupt, die aber weiter nichts besonders haben, als daß sie das Sinnreiche in der Tragödie, besonders in dem Ausdrucke des Schmerzes, noch artig genug vertheidigen. Druck und Papier sind sehr prächtig; welches den Preis zum Theil rechtfertigen wird. Es kostet in den Vossischen Buchläden hier und in Potsdam 10 Gr. (12. Oct.) Rurze Sammlung unterschiedlicher dem Menschen dienlicher Wissenschaften und Aunstsrücke, so wohl für Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1764, 486 curieuse Liebhaber/ als Runstler und Handwerker zu gebrauchen; worinnen von allerhand Farben, Holz-Lacquiren, heimlichen und verborgnen Schriften/ nebst Verfertigung der Dinte dazu, Wartung und Verbesserung der ^veine/ gold und silbernen Buchstaben, Marmorsteinen/ Holz zu verwahren/ sympathetischen Pulver,,/ Spitzen und Flor Zubereitung, gold und silbernen Sachen einen Glanz zu geben, und zu verneuern/ nebst noch vielen andern Dingen hinlängliche Nachricht ertheilet wird/ wobey ein Anhang von Salpeter- und pulvermachen befindlich. Frankfurt und Leipzig bey Felßeckers Erben 1764. In 8vo. Kaum wird man es sich einbilden, daß auf acht Bogen, aus welchen diese Sammlung besteht, so viele und mancherley Künste, deren immer sieben und sieben, sollten wir meinen, ihren Mann er- nchren könnten, verrathen und mitgetheilt seyn sollten. Allein wir können versichern, daß der Titel noch lange nicht einmal alles sagt, und daß ein neugieriger Leser nicht weniger als 161 der auserlesensten Geheimnisse darinne finden wird, die sich alle eines dem andern den Vorzug streitig machen.. Das Geheimniß, zum Exempel, zu machen, daß die Stiefeln Wasser halten; das Geheimniß Mäuseküchlcin zu backen; das Geheimniß Fliegen zu vertreiben; das Geheimniß Flöhe und noch eine andere Art Thierchen zu tödten; das Geheimniß eine sehr ausserordentliche Pomade zu verfertigen, die zur Schönheit des Angesichts dienlich ist; das Geheimniß sympathetische Pulver zu bereiten; die vortreflichen Geheimnisse für die Trödelweiber, wie sie alten Sammet, abgetragne und befleckte Zeuge und Bänder wieder aufputzen und erfrischen sollen; diese Geheimnisse, sagen wir, und noch viel mehrere, müßten entweder sehr schlecht entdeckt seyn, oder es wird nie einen Menschen reuen, die Recepte dazu für 3 Gr. gekauft zu haben. Mehr kosten sie in den Vossischen Buchläden hier und in Potsdam nicht. (17. Oct.) Gotthold Ephraim Leßings Theatralische Bibliothek. Erstes Stück. Berlin bey Chr. Fried, voß- In 8vo. 19 Bogen. Man wird sich der Beyträge zur Historie und Aufnahme des Theaters erinnern, von welchen vor einigen Jahren vier Stück an das Licht traten. Gegenwärtige Bibliothek ist eine Fortsetzung jener Beyträge, nach einem in etwas veränderten und eingeschränkten Plane. Sie soll nehmlich kein Werk ohn Ende und kein blosser thca- 486 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 4754. irakischer Mischmasch werden, sondern wirklich eine kritische Geschichte des Theaters zu allen Zeiten und bey allen Völkern enthalten, obgleich ohne Ordnung weder nach den einen, noch nach den andern. In diesem ersten Stücke kommen lauter Aufsätze vor, welche die neuern Zeiten angehen, und folgende Aufschriften haben. 4. Abhandlungen von dem weinerlichen oder rührenden Lustspiele. Diese bestehen aus eines französischen Schriftstellers Betrachtungen wider diese neue Art des Komischen, aus des Herrn Prof. Gellerrs Vertheidigung derselben, und aus des Verfassers eignen Gedanken. :c. Kostet in den Vosstschcn Buchläden hier und in Potsdam 8 Gr. (49. Oct.) Aevei'ie« ^oe/t^ue« ^iii' lies ^i«/e/s l^«^e?'ens, ^?ai' ?^4«/eit?' c/e« ^»/?'e« c//ve^/e«. « ^4m/^e?c/a?n c/ie« t^an- K-tt'on 1754. In 8vo. 49 Bogen. Dieses neue Werk ist als der dritte Theil der vermischten Briefe über verschiedene Gegenstände des Herrn von Barr, anzusehen. Man weis, mit was für besondern! Glück sich dieser Deutsche auf den französischen Parnaß gewagt hat; man weis was für eine Stelle die Franzosen selbst, aus Billigkeit vielmehr, als aus einer eiteln und ruhmsüchtigen Höflichkeit gegen Fremde, ihm auf demselben eingeräumt haben. Wenn es unserm Vatcrlande angenehm seyn muß, die höhnische Beschuldigung seiner nur allein witzigseymvollenden Nachbarn ohn Umschweif durch ihn widerlegen zu können; so kann es ihm auf der andern Seite nicht anders als unangenehm seyn, dieser nnnöthigen Widerlegung wegen, eine so besondere Zierde unter den Dichtern in seiner Sprache zu entbehren. Gegenwärtige Poetische Grillen — — (aber wie viel besser, wird man sagen, klingt reveries!) enthalten eine beträchtliche Anzahl kleiner Gedichte, die alle von dem feinsten Geschmacke, und der schönsten Denkungsart zeigen. Wenn es uns erlaubt ist, zwey kleine Proben anzuführen, so soll die erste eine Sinnschrift seyn, welche der Verfasser auf das Edict Sr. König!. Majestät in Preussen, die Ehescheidung betreffend, gemacht hat, und die andre, gleichfalls eine Sinnschrift auf die Erfindung des Pulvers. KiU»' Ll/tt c/u ^koi c/s /^?t//e. <)uimä vlouno 1'eäit roz^sl (Zu la Dikooräo rompt 1v lien conjuAal, I/II^mvn üit aux <ül!e5s äv les prelrvs: .^loxauärv, eu 8oläat, oouva 1o Nooull (-orclieo. >NW>^-.^N^ ^ _ Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1754, 487 ki'vllei'io, on a 66Iiv lo mieu. <)uol ott lo plus gr-unl tlo vos Nailres? K!tt?' i'tilve?!/i0?i t/e k'ouc/ie n 8alan 6kank I^onkeux, ülk-ou, Do Isolier ta pon6r.L, un nolr üspiik, IIn 8ol, un ^Ilomanck, un kloino. Kostet in den Vossischen Buchläden hier und in Potsdam 18 Gr. (24. Oct.) Das Publicum hatte vor einigen Wochen die Gütig- keit ein Paar Bogen Maculatur, uuter der Aufschrift, Possen, In den Vossischen Buchläden abzuholen; aber doch nicht so häufig, als man wohl wünschen mögen: denn so wohlfeil der Verleger auch diese seine Auflage gemacht hatte, so wäre sie ihm doch wenigstens zur Hclfte auf dem Halse geblieben, wenn er sich nicht kurz «ud gut entschlossen hätte, noch in jeden Butterkeller ein Dutzend Exemplare zu schicken, um sie den Lesern mit Gewalt aufzudringen. Gleichwohl hat man in Leipzig noch eine dritte Auflage veranstaltet, und was das sonderbarste dabey ist, so verspricht man sich ausdrücklich auf dem Titel davon, daß man sie loszuwerden hoffe, ohne sie gratis auszugeben- Diese Hofnung kann sich unmöglich auf etwas anders, als auf die dazu gekommenen Vermehrungen gründen, welche wir nothwendig anzeigen müssen, damit die Liebhaber selbst urtheilen könne», ob sie wichtig genug sind, um dasjenige noch einmal für 3 Groschen zu kaufen, was sie bereits umsonst bekommen haben. Die erste Vermehrung also ist ein sauberes Stöckcheu, welches das Titelblatt zieret. Es stellet einen Satyr vor, der mit einer Kenle und einem Schwcrde bcwafnet ist, und neben sich, man kann nicht eigentlich erkennen, ob einen Hund, oder eine Katze, oder gar einen Bär stehen hat. Wen dieses Bildchen vorstelle, wollen wir gleich sagen. Der Verfasser der Possen, oder kürzer der Posscnrcisscr, wollte sich Anfangs gar nicht nennen, ohne Zweifel, weil er ganz in der Stille den Beyfall der Welt abzuwarten gedachte. Nunmehr aber, da er sieht, daß dieser Beyfall so ausscrordcntlich gewesen ist, so ist sein Ehrgcitz auf einmal aufgewacht. Er fängt an aus dem Verborgnen hervorzutreten, und schikt deswegen sein Bildnifi voraus, ehe er uuS durch seinen Namen 488 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. überraschen will. Erst war er ein Anonymus; jetzt ist er ein Psen- donymns, denn über daS gedachte Stockchen hat er den Namen z,ol schneiden lassen, von welchem er aber leicht hätte voraus sehen können, daß er ihn gar zu deutlich verrathen würde. Tie zweyte Vermehrung bestehet in einer Erklärung hinter der Titelseite, und welche dieses Inhalts ist, daß der Verfasser mit seinen Possen nicht nur einen Narren, d. i. nicht sich nur selbst, sondern noch hundert Narren zugleich, d. i. alle seine Bewunderer, wenn deren anders hundert seyn können, habe lächerlich machen wollen.--Weiter finde» wir nichts verändert noch hinzugesetzt, welches sich auch uicht wohl würde haben thun lassen, weil diese sogenannte dritte Auflage bloß aus einem umgedruckteu Tittelbogcn entstanden ist. Sollte man nun alfo durchaus nicht 3 Gr. dafür bezahlen wollen, so konnte doch wohl noch dazu Nath werden, daß man auch eine vierte Auflage nach dieser dritten, für eben den Preis, als die zweyte, machte. Allein diejenigen, welche ein Exemplar davon verlangten, würden die Eütigkeit haben müssen, vorher darauf zu subscribiren, damit man ganz gewiß seyn könnte, daß sie es auch hernach umsonst nehmen würden. Wer sich mit zwey Exemplaren belästigen will, soll das zuvorbeschriebene Bildniß des Verfassers nach vergrößertem Maaßstabe gleichfals in Holz geschnitten, obcnein bekommen. Es wird mit dem wahren Namen desselben prangen, welchen wir eben jetzt erfahren haben. Ein sehr berühmter Name; wahrhaftig! Und der noch berühmter werden soll! (26. Oct.) physikalische Belustigungen. Drey und zwanzigstes Stück. Berlin bey Chr. Fr. voß. Man wird es hoffentlich nicht ohne Vergnügen bemerken, daß dieses Journal nicht ins Stecken gerathen ist, sondern daß es wirklich, obgleich ein wenig langsam, auf eine Art fortgesetzt wird, welche die Leser zufrieden stellen kann. ES sind folgende Aufsätze darinne enthalten: 1. Gcdächtniß- schrift auf den Herrn Christlob MyliuS von seinem Freunde dem Herrn Prof. Kästucr. Da Herr Mylius der Urheber der Physikali- cheu Belustigungen ist, so verdienet sein Andenken mit allem Recht darinnen aufbehalten zu werden, und es ist keine gemeine Ehre, daß es durch einen Kästner geschehen ist. Li» cloiuum vera I»us vsl, au iis proüvileilui', czui izili üi lurule vlvuiit. zc. Kostet in den Bossische» Buchläden hier und in Potsdam 2 Er. Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1764. 489 (31. Oct.) Das Thantillysche Mägdchen oder die Geschichte eines parisischen Frauenzimmers in den Briefen des Herrn an einen guten Freund; aus dem Französischen übcrseyt- ZZreß- lau und Leipzig verlegrs Daniel piethsch 1765,, In 8vo. 1 Alphb. Man behauptet in der Vorrede, daß diese Geschichte aus einem französischen Manuscripte, welches in seiner Sprache noch nicht gedruckt worden, übersetzt sey. Vielleicht aber ist dieses Manuskript eine Erdichtung, und man hat ein deutsches Original mit einer guten Empfehlung wollen in die Welt bringen. Es mag das eine, oder das andre wahr seyn, so ist doch so viel gewiß, daß weder der deutsche noch der französische Witz sich auf diese Geburth viel einbilden darf. Die Heldin ist die Tochter eines GastwirthS in Paris, aus Chantilly gebürtig; aber es ist nicht so wohl ihr Leben, welches man uns beschreibt, als das Leben eines ihres Anbcthers, welcher sie nur immer auf der tugendhaften Seite kennt, und sich mit Mühe und Noth von ihren Fesseln loswickeln kann. Der Briefsteller ist dieser Liebhaber selbst, und er läßt uns seine Göttin eben so wenig kennen lernen, als er sie selbst gekannt hat. Das wichtigste von ihr zeigt er uns nur immer in der Entfernung; der Leser muß nur rathen, aber er wird müde, immer einerley zu rathen. Kurz, er muß viel Geduld haben, wenn er dieses Alphabet durchlesen will. Unterdessen wollen wir ihm ein Mittel, es so weit zu bringen, nicht verbergen. Der weise Setzer hat die Namen der Personen durch das ganze Buch mit lateinischen Buchstaben ausgedrückt. Durch Hülfe dieser Buchstaben also, welche deutlich genug in die Augen fallen, kann man fein alle Moral, die der Verfasser, bis zum Gähnen reichlich, eingestreuet hat, überhüpfen, und sich beständig an den Faden der Geschichte halten, welcher kurz genung ist. Man darf nur Acht geben, wenn eine neue Person dazu kömmt, von dieser ein Paar Worte mit auffangen, und immer fortlesen, so lange man noch ungefehr weis, was geschieht. Man wird auf diese Art in einer Stunde durch 72 Briefe durch seyn, die man sonst in sechs Stunden, und wenn man den Eckel, den sie erwecken können, mit in Betrachtung ziehet, in Jahr und Tag nicht würde durchgelesen haben. Kostet in den Vossischen Buchläden hier und in Potsdam 6 Gr. (6. Nov.) Begebenheiten des Roderich Random. Aus der dritten Englischen Ausgabe überseyt. Erster Theil. Hamburg 490 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 47A4. bey Chr. Will). Brandt 1755. SS wäre zu viel Nachsicht, wenn man das Vorurtheil, welches die englischen Romane für sich haben, auch diesen Begebenheiten wollte zu gute kommen lassen. Ihr Verfasser ist weder ein Richards»» noch ein Fielding; er ist ein Schriftsteller, wie man sie bey den Deutschen und Franzosen in der Menge antrift. Er gesteht, daß er sich besonders den Herrn le Sage zum Muster ge- wchlt habe, dessen Eil Blas wohl ein Meisterstück des komischen Romans bleiben wird. Aber wie weit ist er unter ihm geblieben! Es müßte sehr wunderbar zugehen, wenn deutsche Leser von Geschmack an den Schulstrcichen, an den Bordellhistörchen, an den Valgereyen und an den Schifsabentheuern, eben so viel Wohlgefallen finden sollten, als der englische Pöbel daran muß gefunden haben, der bereits drey Ausgaben davon unter sich getheilet hat. Am Ende dieses Theils findet man den Held in sehr mißlichen Umständen, so daß er den verzweifelten Entschluß faßt, zu sterben. Mau darf sich aber nicht bange seyn lassen, weil er noch den zweyten Theil geschrieben hat, den man hoffentlich wohl auch bald deutsch zu lesen bekommen wird. Die Ucbcr- setzung scheinet ein wenig in Eil gemacht zu seyn. Kostet in den Vossi- schcn Buchläden hier und in Potsdam 10 Gr. (9. Nov.) ^?»Sout « /a Mo^s oder des Neologischen Wörterbuchs erste Zugabe von mir selbst 17ZZ. In 8vo. 1^ Dogen. Wenn daS Reologische Wörterbuch, oder, es bey dem abgeschmacktem Titel zu nennen, wenn die Aesthetik in einer Nuß mir den geringste» Schaden angerichtet oder auch nur Leser gefunden hätte, so würde» wir nicht ermangeln, dieses Ragout als ein vortreflichcs Gegengift anzupreisen. Da sie aber in einem Augenblicke erschien und vergessen ward, so befürchten wir fast, daß ein gleiches Schicksal auch ihre Zugabe, unschuldiger Weise, treffen werde. Unterdessen ist es doch recht gut daß man den Narren nach ihrer Narrhcit antworte, und ihnen keine Gegenrede schuldig bleibe, damit sie es auch selbst erfahren, daß sie Narren sind. DaS Ragout bestehet aus einer Unterredung zwischen einem Schüler und seinem Lehrmeister. Man hat diese katcchetische Methode ohne Zweifel wegen der Deutlichkeit gewählt, um es fei» einem jeden begreiflich zu machen, daß nicht allein der Verfasser des Wörterbuchs ein seichter Kopf und förmlicher pasquillant sey, sondern auch daß der Herr Prof. Gottsched mit mehrerm Rechte als Bodmer und Rlopstock unter die Neologischen Schriftsteller gehöre; es müßte ihm Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1764. 491 denn etwa dieses zur Entschuldigung dienen, daß er bloß aus kriechender Armuth, und gar nicht aus Begierde etwas kühnes und unerwartetes zu sagen, neologifire. Die Beweise hiervon kann man in der Zugabe selbst nachsehen. Wir wollen uns nicht länger dabey aufhalten, sondern dem Leser nur noch eine Sinnschrift mittheilen, die der Träumer eines gewissen Traumes als das von uns verlangte Recepisse ansehen kann. Man wird sich der vortreflichen vier Zeilen des Herrn von Hallers erinnern: Kurzsichtiger! dein Gram hat dein Gesicht vergället, Tu siehst die Dinge schwarz, gebrochen und verstellet: Mach deinen Raupenstand und deinen Tropfen Zeit, Den nicht zu deinem Zweck, die nicht zur Ewigkeit. Weil diese Zeilen den poetischen Maulwürfen von jeher ein mächtiger Anstoß gewesen sind, so machen wir uns ein Vergnügen daraus ihnen eine Parodie darauf mitzutheilen, die wir von guter Haud bekommen haben. Sie ist an den Verfasser des Wörterbuchs gerichtet, und lautet also: Kurzsichtiger! der Neid hat dein Gesicht vergället, Du siehest Hallern schwarz, gebrochen und verstellet: Mach deinen matten Witz, dein wenig Wissen, Flegel/ Dies nicht zur Deutlichkeit, den nicht zur Schreibart Regel. Wenn er, oder diejenigen Herren Gottschedianer, die an dem Wörterbuche Theil haben, das Flegel zu hart finden sollten, so mögen sie überlegen, daß man des Reimes wegen vielmal etwas sagen muß, was man ausser dem Reime nicht gesagt hätte. Doch man hat es nicht einmal nöthig, ihnen diese Entschuldigung zu machen, weil sie weit grössere Grobheiten wider andre Leute, als sie sind, ansgestossen haben. --Das Ragout kostet in den Vosstschen Buchläden hier und in Potsdam 2 Gr. (19. Nov.) an^,le /»'anxoi/ö ^i//>iius /zc»' ^aie^cice«; a /'it/a^s c^e« />e,^/onne« /iou^ H«t cette /,cr,iAue e/! e/^anAe^e xa,' M>. Mau-Mo». ?V)Me ^emie," ^evone/. 5 0?-esc?e 17Z4 cüe» ^. t?» l^aüüe,'. In 8vo. Beyde Theile 3 Alph. Da Hr. Mauvillon schon seit vielen Jahren der berühmteste französische Sprachmeister in Leipzig ist, so kann es ohne Zweifel nicht anders seyn, als daß er nicht durch eigne Erfahrung das Unzulängliche und Falsche so mancher Sprachlehren sollte eingesehen haben. Er hat sich auch bereits durch seine keniarcjULs lur los Leruianitmes 492 Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1764. so viel Ansehen erworben, daß man sich mit Grund die Verbesserung desselben von ihm versprechen kann. Auch eine nur fluchtige Durch- blättcrung des gegenwärtigen Werks wird dieses Norurtheil genugsam rechtfertigen, indem man mit Vergnügen eine Menge der vortreflichsien Anmerkungen darinnen antrift, durch die man das Eigenthümliche der französischen Sprache erkennen, und sich geläufig 'machen kann. Der erste Theil ist theoretisch und der andre practisch. Dieser letztere ins besondre ist von einer sehr vortreflichen Einrichtung. Anstatt der elenden und kindischen Gespräche, anstatt der erbärmlichen kleinen Erzählungen, die man sonst hinter den Grammaircn findet, theilt er erstlich ein klein Verzeichniß derjenigen Wörter mit, welche den Künsten und dem gemeinen Leben eigenthümlich zngehören und zeiget hierauf an eingestreuten Stücken guter Schriftsteller, wie man sie überhaupt mit Nutzen lesen müsse. Als eine sehr nützliche Uebung schlägt er auch die Vergleichung der Uebersetznngen mit ihren Urschriften vor, und giebt in den Z9ten Abschnitte einige Proben davon. Er beurtheilt darinne die deutsche Uebersetzung des Herrn Straubens von den Briefen einer Marquisin durch den jüngern Crebilloi,/ desgleichen die Steinwehrsche Uebcrsetznng der Briefe des Herrn von Fontenelle/ und die unlängst herausgekommene Uebersetzung des Montagne. Er findet an alle» dreyen ungemein viel auszusetzen, und zeigt daß sie voll unverantwortlicher Fehler sind. Man wird ihm überhaupt nicht Unrecht geben können, ob man schon auch nicht selten entdecken wird, daß Herr Mauvillon sich mehr Deutsch zu verstehen einbilden muß, als er wirklich versteht, z. E. Wenn er in der Uebersetzung des Herrn Sträube lo iaäe Nar- yuis durch der abgeschickte Marquis übersetzt findet, so versichert er, daß er mehr als einen gelehrten Deutschen gefragt habe, was das Wort abgeschickt Heisse, und daß ihm alle geantwortet hätten, daß es so viel als vnvo^e oder äoxute Heisse. Hierauf nun verdammt er den Hrn. Sträube/ welches er schwerlich würde gethan haben, wenn er nur einen halben Teutschen zu Rathe gezogen hätte. Es ist hier nehmlich ein Druckfehler, und anstatt abgeschickt soll es abgeschmackt heißen, wie es sogleich einem jeden Leser in die Augen fällt. An einer andern Stelle behauptet Herr Mauvillon, daß man Lociuolte nicht durch Buhlerin übersetzen dürfe, weil Buhlerin eine Nailrellv ä'uu U-airä, eine ^oncubille bedeute. Woher muß er dieses haben? Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 17Z4. 493 Und hat er wohl jemals einen Deutschen sagen hören: der oder jener Erosse hält sich eine Buhlerin? Eine Beyschläferin sagt man, und das ist ein ganz ander Wort. Es ist falsch, daß die Deutschen mit Buhlerin allezeit den Begrif eines häßlichen Lebens verbinden, indem das Zeitwort buhlen, um etwas buhlen / oft weiter nichts heißt, als sich um etwas bewerben, und also auch eine Bnhlenn eine Person bedeuten kann, die sich zu gefallen bemüht. Im bösen Verstände sagt man ZZuhlschwester. Den Unterscheid dieser drey Wörter muß er sich erklären lassen, ehe er einen gcbohruen Deutschen darüber tadeln will. Kostet in den Vossischen Buchläden hier und in Potsdam 2 Rthlr. (19. Dec.) Memoii'e« c/e c/eu.v ^i,ni« /es ^licin/ui'e« c/e Ake//?eui'« Aai'iltlva? A /ittivi/Zs F>cci> As. /)e/cc/o//e. /k^. ?«?/«««. ä ^ni/?e^c/am c-^es 1^. <7/ianK,tt0n 17Z4. In 8v0. 1 Alphb. Der Verfasser dieses Romans hat sich bereits durch andere bekannt gemacht, nehmlich durch die klemolros clv Vertoianä, und durch die ^neeäci- tes äo la lüour äe Lonliominie. Sie sind wohl aufgenommen worden; und ist wohl das Publicum gewohnt etwas übel aufjiinehmen, was keine andere Absicht, als ihm zu gefallen, hat? Wenn man seinen Geschmack zu schmeicheln weis, so wird man schwerlich ungelesen bleiben. Verwöhnt freylich darf dieser Geschmack, in Ansehung der erdichteten Geschichte, durch allzuviel Grandisons und Tlarissens nicht werden; oder es ist um die Aufnahme der Herren Delasolle auf einmal geschehen. Er läßt sich übrigens selbst die Gerechtigkeit wiederfahren, daß er kein prevot und auch kein Marivaux sey. Wir bitten also seine ctwanigen Leser, daß sie diesem bescheidnen Manne ja keine Ehre aufdringen mögen, die er selbst nicht zn verdienen glaubt, ob er gleich sonst nicht ganz ohne Zärtlichkeit für seine Geburthen ist. Er versichert daß einen empfindlichen Leser das gehäufte Unglück des Barniwals rühren werde, und daß die meisten dabey vorkommende» Charaktere nicht anders als gefallen könnten. Wir versichern auf sein Wort ein gleiches. Kostet in den Nossischen Buchläden hier und in Potsdam 16 Gr. (28. Dec.) //i/'/o» e moc/ek'tte c/e« t?/iiil0i«, c/e« »/a/ic>ntt0t«, c/e« /nc/ien«, c/e« I^ei^/an«, c/e« ??»' c/e ^ui/e ä /'//i/i!c?i>s cinoce?tne c/e As. ^?o//»l. ük'ome /^smie?' ^econc/. cc F'cii'i« c/ie« Do/cnn/ Kc!i//ci?i/ 1764. in 12mc>. 494 Aus der Berlinischen Zeitung vom Z. 4764. Jeder Theil 20 Bogen. Die historischen Werke des Herrn Rollin sind mit so allgemeinem Beyfalle aufgenommen worden, daß es kein Wunder ist, wenn man von allen Seiten Fortsetzer derselben auftreten sieht. Wir müssen gestchen, das der gegenwärtige völlig das Ansehen hat, als ob er einer von den glücklichsten derselben werden würde. Er hat sich folgenden Plan gemacht: Vor allen Dingen, spricht er, will ich mich bemühen, das, was den Ursprung und den Wachsthum eines jeden Volks betrift, aus einander zu wickeln. Ich will die Epoche und die vornehmsten Umstände seines Aufnehmens, die Ordnung seiner Dynastien, seine berümtesten Regenten, und die merkwürdigsten Veränderungen, die es erlitten hat, anzeigen. Hierauf will ich mit einer Art von Genauigkeit die Lage, den Umfang und die Erenjen seines Reichs, desgleichen die vornehmsten Städte desselben, die Merkwürdigkeiten, die sie enthalten, die Denkmähler der Kunst, und die Hervorbringungen der Natur bemerken. Endlich will ich mich bestreben, das Genie eines jeden Volks, ihre RegierungSart, ihre Künste, ihre gottesdienstlichen Gebräuche, ihre Sitten und ihre Gewohnheiten kennen zu lehren. Dieses, fährt er fort, war ungefehr die Methode, welche der Verfasser der Geschichte aller Zeiten und Völker in den ersten Theilen seines vortreflichen Werks beobachtete. Es ist nur zu belauern, daß sich Rollin manchmal davon entfernet hat, und daß uns z. E. seine Geschichte der Perser, der Macedonier und der Römer, ganz und gar nicht diese Verschiedenheit von Gemählden darstellet. Er ist hier nichts als ein eilfertiger Compilator von Belagerungen, Schlachten, Veränderungen und Kriegen; die lehrreichen Ausschweifungen sind sehr selten, und die Begebenheiten folgen überall nach eben der methodischen und einförmigen Art aufeinander, nach welcher sie in langwierigen Jahrbüchern erzchlt werden. — — Kann man nunmehr wohl noch zweifeln, daß ein Nachahmer, welcher die Fehler seines Musters eben so wohl als die Vollkommenheiten einsieht, nicht etwas vorzügliches liefern sollte? Wenigstens bestätigen die ersten beyden Theile, welche die Geschichte der Chineser und Japanneser enthalten, diese vortheilhafte Vermuthung sehr. Er ist überall pragmatisch und hält sich bey den historischen Kleinigkeiten nicht auf, welche das Gedächtniß beschweren, ohne den Verstand zu erleuchten. Dieses macht, daß er sich mit einer Leichtigkeit lesen läßt, die seinem Werke auch auf der Seite des An- Aus der Berlinischen Zeitung vom I. 1754. 495 wüthigen vor manchen schwer geschriebenen Romanen den Vorzug giebt. Wir werden hoffentlich Gelegenheit haben, ein andermal nmständlichcr davon zu reden, wenn nehmlich die deutsche llebcrsctzuug zum Vorscheine kommen wird, welche ein Mann übernommen hat, von dem man sich nicht allein alle Trenc, sondern auch sehr nützliche Zlnmer- kungcu und Zusätze versprechen kann. Sie wird gegen Ostern in den Vossischen Buchlädcn zu haben seyn, wo mau jetzt die ersten Theile des Originals für 1 Rthlr. 12