Gotthold Ephraim Lesjmgs sämmtliche Schriften herausgegeben von Karl Lach mann. Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften. Neue rechtmäßige Ausgabe. Sechster Band. Berlin, in der Nosi'scheu Buchhandlung. 18 3«). Inhalt. riefe, die neueste Litteratur betreffend, erster Theil. t769.............. Erster Brief. Allgemeine Betrachtungen über die Umruchibarkcil der neuesten Litteratur ..................... Zweyter Brief. Ueber die Übersetzung von popens sämtlichc» Werken............................. Dritter Brief. Ueber die Ucbrrsctzung der Fabel» des Gay, . . Vierter Brief. Ueber den Bergmännischen Bolingbrokc Fünfter Brief. Ueber des Herrn von palthen Versuche zu vergnügcn............................ Siebender Brief. Ueber den Herrn Vvieland und dessen Sammlung prosaischer Schriften.................... Achter Brief. Ueber die Wielandischen Empfindungen des Christen............................ Neunter, zehnter, eilfter und zwölfter Brief. Ueber den Niie- landischen Plan einer Akademie :c............. 17 Dreyzchnter und vierzehnter Brief. Bon dem Urtheile des Herr» Wielands über unsere geistlichen Redner. Von der Sprache des Herrn Wielands. Von den moralischen Beobachtungen und Urtheilen..................26 Fünfzehnter Brief. Bon dem Gedichte des Grenadier« an die Kriegcsmusc........................... Sechzehnter Brief. Bon der Bibliothek der schönen Wissenschaften ?c. von des Herrn Gottscheds nöthigem Verrathe zur Geschichte der deutschen dramatischen Dichtkunst . . . Siebzehnter Brief. Von den Verdiensten des Herrn Gottscheds um das deutsche Theater. Auftritt aus dem Docror Faust. Achtzehnter Brief. Für den Herr» Rlopstock. Von den erste» deutschen Hexametern ................... Neunzehnter Briefs Von der neuen Original-Ausgabe des Mcßias Drcyßigster Brief. Von den Fabeln des Berachja Hanak- dan, Fehler des Herrn Gottscheds............. Nachricht. Herrn Bergmann betreffend............ Zweyter Theil............................ Ein und drcyßigster Brief. Ankündigung und Probe einer Uebcrsctzung dcr Odm des Pindars.....:........... Zwey und drcyßigster Brief. Anpreisung der Tändclevcn dcs Herrn von Gerstenberg.................... V! Inhalt. Seite Drcy und dreißigster Brief. Critik über das Lied eines Mohren aus den Tändcleycn. Bon dem Originale des Liedes eines Lappländers. Zwey Littauischc Dainos ............... 74 Sechs und drcyßigstcr Brief. Ankündigung einer neue» Auflage der Sinngedichte Friedericho von Äogau .......... 77 Neun und drcyßigstcr Brief. Bon Grynäus vier auserlesenen Meisterstücken so vieler englischen Dichter. Bon den englischcn Hrranirlern............................. 79 Vierzigster Brief. Anpreisung des Cißidcs und Paches, von dem Bcrfasscr des Frühlings. Zwey »och ungcdrucklc Gedichte von ebcu dcmsclbcn........................... 86 Ein und vierzigster Brief. Ueber des Herrn Dusch Schilderungen aus dem Reiche dcr Natur und der Sittcn ....... 93 und 100 Drey und vierzigster Brief. Anpreisung dcr ncuc» Ausgabe dcr Sinngedichte dcs Logau von dcn Herren Namler und Lessing. Ein vortrefliches Licd eines unbekannten deutschen Dichters . . . 112 Vicr und vierzigster Brief. Bon der Sprache des Logau. Probe von dcn Anmcrkungcil scincr Hcrausgcbcr übcr dicsclbc...... 118 bitter Theil............................. 12« Acht und vierzigster Brief. Ueber den Nordischen Aufseher. Ueber dessen Anmerkungen von der besten Art zu erzichcn. Dcs Hcrrn Tullin Gedicht: ein Maptag................... 120 Neun und vierzigster Brief. Anzeige der Trugschlüsse in des Aufsehers Beweis, daß man ohne Religion kein rechtschaffener Mann scvu könne. Aiimcrkung über desscn Eintueilung der drey Arte» über Gott zu denkcn....................... 126 Fünfzigster Brief. Fortsetzung über den nordischen Aufseher. Anpreisung der Nachricht von einer neue» Art Amazonen. Bon der Echwazhaftigkeit dcs Aufsehers.................. 132 Ei» und fünfzigster Brief. Beschluß dcr Anmrrtuugrn über dcn Nordischen Aufseher. Charakter der Oden des Herrn Cramers. Zwev Stellen aus einer Rlopstockischen Odc wcrdcn angeführet. Borschlag zu Einrichtung musikalischer Gedichte. Anpreisung des Blattes im Aufseher, wie man dcn prosaischcn Stil über dcn poetischen erheben könne...................... 138 Zwey und funfzigstcr Brief. Bon Hcrrn Gebauero Gcschichtc von Portugal!. Anführung der Stelle von der Gcschichtc dcs unglücklichen Sebastian. Ob Martin Beheiin dic neue Welt erfunden l'abe. Verbesserung der Geschichte eincs do»-mot . . . 145 Drcy und fünfzigster Brief. Anzeigc des Lebens Antons, Königs von Portugal!, von der Frau von Saintonge/ welches Herrn Gebauer unbekannt gewesen. Bon dieses Königs Antons zwevmaligcn Aufenthalte in Engcland............... 157 ' ' " Vierter Theil ........................... .164 Drcy und vicr und sechzigster Brief. Anzeige dcs Traucrspicls Johanna Gray von Hcrrn Wieland. Bcwcis, daß das bcste in diesem Trauerspiele aus ^»nu c-r-i^ genommen sey. Plan dcr englischcn l»„e kr»v.................. 164 Fünf und sechzigster Brief. Anzeige dcr Anmerkungc» des Hrn. R. Heinz übcr dcs Hrn. Pr. Gottscheds Svrachkuust. Was grämisches Anschnarchen sey . . -.............. 177 Inhalt. VIl Seite Sicbenzigstcr Brief. Anzeige der Fabeln des.Herrn Leßing. Kurzer Auszug aus seinen Abl'andlungen über die Fabel....... 183 Ein nnd sicbcnzigster Brief. Anzeige des Herrn Pr. M)ls »ou» ei>is>»Iarniu ..................., . . 18? Fünfter Theil. 1760 ................'........ 197 Sieben und siebekizigstcr Brief. Bon des Herrn Dusch Urbcr- sctzunq der ««-orKicurum des Virgils »cich Martins cngländi- schcrÄnsgabc........................... 197 Ein und achtzigster Brief. Bon des Herrn Vveisse Beytrag ,um deutschen Theater. Anmerkungen über desselben Trauerspiel Eduard der dritte..................... 211 Nachschrift zum ein und neunzigsten Briefe.......... . 22a Sechster Theil............................. 222 Hundert und zweyter Brief. Von des .Herrn Basedow Vergleich« ng der Lebrcn und Schreibart des Nordischen Aufsehers mit den Beschuldigungen gegen dieselben................ 222 Hundert und dritter Brief. Das, es keine Schmähung sey, wenn man Herrn Trainer den vortrefflichste» Vcrsificatcur gcncnnct hat 225 Hundert nnd vierter Brief. Bon Herrn Basedow geforderte Beyspiele, das; es dem Aufseher gewöhnlich scv, viel Worte zu machen und einen kleinen Gedanke» durch weilschwciffigr Reden aufzuschwellen ........................... 229 Hundert und fünfter Brief. Das, es also kein Verbreche» sey, zu sagen, der Stil des fleißigsten Mitarbeiters am Aufseher, sey der schlechte Kanzclsticl eines seichten Homileten lc......233 Hundert und sechster Brief. Beleuchtung des Satzes im Aufseher, daß ei» Mann ohne Religion kci» rechtschaffener Mann seyn lonnc, und der Basedowischen Vertheidigung........ . 236 Hundert und siebender Brief. Wie der Aufseher wol auf diesen Satz möge gekommen seyn.................... 244 Hundert lind achter Brief. Vertheidigung des Urtheils über die vom Aufseher vorgeschlagene Methode, junge Leute den Erlöser der Welt kenne» zu lernen.................... 246 Hundert und neunter Brief. Daß diese Methode weder durch die Rede die Paulus vor den All'cniensern, noch durch die, welche er vor dem Felix nnd Agrippa hielt, könne gerechtfertigt! werden 249 Hundert und zehnter Brief. Bon der Mine der neumodischen Rechtgläubigkcit, die sich der Aufseher zu gebe» sucht.....256 Hundert und cilster Brief. Von Herrn Rlopstocks Einthcilung der Arten über Gott zu denken, und von dessen Lieder», von welche« beide» der Verfasser wenig hält............... 258 Hundert und zwölfter Brief. Vo» einem im Aufseher befindliche», u»ter dem Name» des Kupferstechers Raucke erdichtete» anzüglichen Briefe......................... 261 Siebenter Theil........................... 263 Hundert und sieben nnd zwanzigster Brief. Von Hermann Arels Lcssmgischcn Unäsopische» Fabel»............. 263 Vierzehnter Theil. 1762 ....................... 274 Zwey hundert und drey und drevßigster Brief. Vo» der wider Herrn Lichtwehrs Absicht hcrausgekommencn verbesserten Ausgabe seiner Fabeln............................ 274 VI» Inhalt. Seite Trey und zwanzigster Theil. 17K5................ 27k Drey hundert und zwey und drcyßigster Brief. Bon Mein- kardts Versuche» über den Charakter »nd die Werke der besten italienischen Dichter. Sie sind wegen ihrer Bekanntschaft mit alle» den beste» Genies einer ganze» Nation aller Achtung würdig. Bo» dem Vorzug der italienischen Dichtkunst für der deutschen, wie auch derselben Fehlern. Entwurf des Verf. von einer poetische» Landkarte. Bo» der beobachteten Zeitordnung des Verf. bey den Werke» der italienische» Dichter. Gegründete Anmerkung des V. daß der Mangel großer Genies nicht dem Mangel der Belohnungen und Aufmunterungen zuzuschreiben sey. Vertheidigung des Machiavells wegen seiner Verdienste in Absicht der Prose der Ztaliencr. Von Homes Grundsätzen der Critik in einer wohlgerathcnen Uebersetzung von ebendemselben. Beurtheilung der Ausgabe von vctrarchischen Gedichten .... 276 Sophokles. Erstes Buch. Von dem Leben des Dichters. 1700............................... 282 Fragment einer Ucbcrsetzung vom Ajax des Sophokles .... 366 Das Theater des Herrn Diderot. Vorrede des Uebcrsetzers, zur ersten Ausgabe von 1760 ............... 368 Vorrede zur zweyten Ausgabe. 1781........... 36ö Laokoon: oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie. Erster Theil. 1766..................... 372 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Erster Theil. Einleitung. er Herr von N.°° ein verdienter Officier, und zugleich ein Mann von Geschmack und Gelehrsamkeit, ward in der Schlacht bey Zorndorf verwundet. Er ward nach Fr" gebracht, und seine Wundärzte empfohlen ihm nichts eifriger, als Ruhe und Geduld. Langeweile und ein gewisser militärischer Eckcl vor politischen Neuigkeiten, trieben ihn, bey den ungern verlassenen Musen eine angenehmere Beschäftigung zu suchen. Er schrieb an einige von seinen Freunden in und ersuchte sie, ihm die Lücke, welche der Krieg in seine Kenntniß der neuesten Litteratur gemacht, ausfüllen zu helfen. Da sie ihm unter keinem Vorwande diese Gefälligkeit abschlagen konnten, so trugen sie es dem Herrn Fll, auf, sich der Ausführung vornehmlich zu unterziehen. Wie mir, dem Herausgeber, die Briefe, welche daraus entstanden, in die Hände gerathen, kann dem Publico zu wissen oder nicht zu wissen, sehr gleichgültig seyn. Ich theile sie ihm mit, weil ich glaube, daß sie manchem sowohl von dem schreibenden, als lesenden Theile der sogenannten Gelehrten, nützlich seyn können. Ihre Anzahl ist bereits beträchtlich, ob sie gleich ihren Anfang nur vor drey oder vier Monaten können gehabt haben. Sie werden auch hoffentlich bis zur Wiederherstellung des Herrn von N."" fortgesetzt werden. Ich habe völlige Gewalt sie drucken zu lassen, wie und wenn ich will. Der Verleger meinte, daß es am füglichsten wöchentlich geschehen könnte; und ich lasse ihm seinen Willen. !e »»x>-> w k»a US lo. In der Vorrede. °° Abhandlung von der Schäfcrpocsic 6. 7. der deutschen Ucbcrsctzung. °" 8»>?ii u ->, ^..">-> lo vie»5e. der Vorrede. I, Theil, Dritter Brief. ,'. virgil, der sich den Tbeor'rit zum Muster vorgestellt — sagt Pope, und der Ucbcrsetzcr: Virgil der den Theokrir ausschreibt. Dieses sind noch lange nicht alle Fehler, aus der blossen Vorrede und Abhandlung von der Schäferpoesie, aus den ersten und leichtesten, nehmlich prosaischen, Stücken des ersten Bandes.* Urtheilen Sie, wie es tiefer herein aussehen mag! Was der Ucbcrsctzer zur Entschuldigung seiner oft undcut- schcn Wortfügungen anführt; wie er sich in dieser Entschuldigung verwirrt und sich unvcrmcrkt selbst tadelt, ist auf der 17tcn Seite des Vorbcrichts lustig zu lesen. Er verlangt, daß man, ihn zu verstehen, die Kunst zu lesen besitze. Aber da diese Kunst so gemein nicht ist; so hätte er die Kunst zu schreiben verstehen sollen. Und wehe der armen Kunst zu lese», wenn ihr vornehmstes Geschäft seyn muß, den lvortversianv deutlich zu machen! :c. Fll. Dritter Brief. Wollen Sie einen andern kennen lernen, dessen guter Wille uns nun schon den zweyten englischen Dichter verdorben hat? — VerSorben klingt hart; aber halten Sie immer dem Unwillen eines getäuschten Lesers ein hartes Wort zu gute. Bon des Herrn von Palchen Übersetzung der Thomsonschcn Zahrszeiten werden Zhncn frühere Urtheile zu Gesichte gekommen seyn. Nur ein Wort von seinen Fabeln des Gay.°° Ein guter Fabeldichter ist Gay überhaupt nicht, wenn man seine Fabeln nehmlich nach den Regeln beurtheilet, welche die Kunstrichtcr aus den besten Fabeln des Aesopus abstrahiret haben. Bloß seine starke Moral, seine feine Satyrc, seine übrigen poetischen Talente machen ihn, trotz jenen Regeln, zu einem guten Schriftsteller. ° In dem Vorbcrichte verspricht man die neun englischen Octavbände i» sechs deutsche zu bringen, und in den ersten deutschen die Hälfte des zweyten englischen mit zu fassen. Am Ende aber hat man sich anders besonne»; und die Leser erhalten nicht einmal den ganzen englischen ersten Band in diesem ersten deutschen; denn es fehlet ihm noch der Epilog»« zu Rowe's Jane Shore, °° Hamburg und Leipzig bey Grund und Holle 1758, i» 8vo. '! Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Schade lim so vielmehr, daß so manche feine Satyrc dem Uebcrsetzcr unter der Arbeit verflogen ist! Und es muß eine sehr eilfertige Arbeit gewesen seyn! Sehr oft hat er sich auch nicht die Zeit genommen, die Worte seines Originals recht anzusehcn. Wenn Gay sagt: 1'I><: Alil'or tiemkliiiA locli'ä lii« cliott; (der Geilzhals verschloß zitternd seinen Rasten) so sieht er I«eiV I>!t vacli cnurtier's pskllon. Und das deutsche sagt: ick) vermied eines seden Höflings Leidenschaft zn berühren. Dieses folglich ist kaum halb so geschickt als jenes. Verstehen etwa die deutschen Schmeichler ihr Handwerk weniger, als die Schmeichler einer andern Nation?*" Gay beschreibt ein unglückliches Ehepaar. Er der Mann, sagt er,""" liebt das Befehlen; und die Frau das Widersprechen. Sich sklavisch zu unterwerfen, ist durchaus nicht ihre Sache. Sie will ihren Willen haben, oder will ihre Zufälle bekommen. — Klio 'll nsvo Iier >vill, m navo kor lits. Der letzte Zug ist ungcmcin fein, und eine richtige Bemerkung. Sie werden krank, die lieben eigensinnigen Wciberchcn, wenn man nicht thut was sie haben wollen. — Nun sehen Sie, was der Herr von Pallhen daraus macht: „Sie will entweder ihren „Willen haben, oder auch umwechselnd die Herrschaft führen. — O dreymal Glücklicher, dessen Gattin sich mit dem letzter» begnügt! Die kleinsten Partikeln werden oft unserm Ucbersctzcr zum Anstoß. — Doch es muß Sie in die Länge vcrdriessen, daß ich mich mit solchen Kleinigkeiten aufhalte. Lernen Sie nur noch aus einem einzigen Exempel, wie weit die Unverschämtheit der gelehrten Tagelöhner unter uns, geht. Ein gewisser G. Bergmann hat Dolingbroks Briefe über die Erlernung und den Gebrauch der Geschichte übersetzt,-j- und cr ist es, von dem man sagen kan, daß er alles, was die Welt ° VI. Fabel. °° li. Fabel. °°° Xil. Fabel. 1° Leipzig, bey Laiitischcns Erbe» i» groß 8. 1758. I. Theil. Vierter Brief. 7 »och bis itzt von elenden Ucbcrsetzcrn gesehen hat, unendlich weit zurück lässet. — Doch ich muß den Beweist vcrsparen. Er fordert mehr Raum als mir übrig ist. Fll. II. Den 11. Zeiiner 176>). Vierter Brief. Unsere Ucbcrsctzcr verstehen selten die Sprache; sie wollen sie erst verstehen lernen; sie übersetzen sich zu üben, und sind klug genug, sich ihre Uebungen bezahlen zu lassen. Am wenigsten aber sind sie vermögend, ihrem Originale nachzudenken. Denn wären sie hierzu nicht ganz unfähig, so würden sie es fast immer, aus der Folge der Gedanken abnehmen können, wo sie jene mangelhafte Kenntniß der Sprache zu Fehlern verleitet hat. Wenigstens geschieht es durch diese ctwanige Fähigkeit, daß ihr Leser oft mehrere als nur die gröbsten bemerkt; und die folgenden des Herrn Vergmanns sind gewiß nicht, erst durch die ängstliche Zusammcnhaltung des Originals, entdeckt worden. Zöolingbror'e, wenn er von Männern, die zwar selbst durch ihre Studien weder weiser noch besser werden, andere aber in den Stand setzen, mit mehr Bequemlichkeit und in nützlichern Absichten zu studircn, von den Herausgebern verlegener Handschriften, den Wortforschern u. s. w. redet, gedenkt mit Beyfall eines Gelehrten, den man cinst in der Kirche, in seiner Kapelle, unter der stückweiscn Erwägung göttlicher Wohlthaten, dergleichen bey frommen Leuten nicht ungewöhnlich ist, Gott auch dafür danken gehört, daß er die Welt mit Lcriconsmachcrn versehen habe. — Vergleichen Sie nunmehr dieses ° mit folgender Ucbcrsctzung: „Ich billige daher die Andacht eines gelehrten „Mannes aus der christlichen Kirche gar sehr, der in seiner „Kapelle vergessen hatte, sich mit Gott zu beschäftigen, wie es „bey andächtigen Personen gar nichts unerhörtes ist, und der ° l »pprove lUerekors ver^ mucl» IIis vevolion os a Slmliou» mnn !tt klirM-rliui-cl,, vlw va8 overliesrtl i» bis «r!Uor> enterln^ inlo a >I<->iM ^villi Koll, llvvout?eiso»» »re »pl I» >I», »»>> itmongsl «Ul<-r MNivuIür 1Ii!l»Ii«x!ivinßt< »ekixiv, Il-ilAmpi Nie «Nv'mu Vootlnek, i» lurnilluug Nie vvorw villl Aliikvr« uf IliclivililiivL. /.ettci' /. />. tZ. ^S^WNM^M"5Ä^ ^1» ' ^' 8 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. „unter andern besondern Danksagungen, wodurch er sich gegen „die Gütigkcit Gottes erkenntlich bezeigte, der Welt Wörtcrbü- „chcr verschafre."--So viel Zeilen, so viel unverzeihliche Fehler. Bolingbroke fährt in seiner philosophischen Laune fort: Diese Leute wollen eben so gern berühmt seyn, als andere von grösseren Talenten, und wenden die Mittel dazu an, so gut sie ihnen Gott verliehen hat zc. Sie verdienen Aufmunterung, so lange sie nur bloß zusammentragen, und weder dabey witzig seyn, noch vernünfteln wollen." — Und Bergmann fährt fort, zu verhunzen: „Diese Leute erwerben sich Ruhm so wohl als „solche, die höher sind als sie, durch diejenigen Mittel, so ihnen „Gott gegeben hat, denselben zu erlangen zc. Sie verdienen aber „ dennoch Aufmunterung, rveil sie beständig zusammen tragen, „und weder auf Witz noch Nernunfr Anspruch machen. Bolingbroke vergleicht die Systeme der alten Zeitrechnung und Geschichte mit bezaubcrtcn Schlössern. Sie scheinen, sagt er, etwas zu seyn, und sind nichts als Phantome; löse die Be- zaubcrung auf, (cli^olvv tlio cliarm) und sie verschwinden aus dem Gesicht, wie jene. — Hat ihn Bergmann verstanden? „Alle d::sr Systeme, läßt er ihn sagen, sind so viele bezau- „bcrtc Schlösser; sie erscheinen als etwas, und sind nichts als „ Erscheinungen. Ihre Reiye fliegen gleich diesen auseinander, „und verschwinden aus unserm Gesichte. — O Bergmann ist ein ganz anderer Zauberer! Zcne Stümper lassen verschwinden, was bloß da zu seyn schien. Bergmann macht sein Kocus poeus, und alle Gedanken, alle Einfälle, die wirklich da waren, sind weg! Ohne alle Spur, weg! Das allcrtollste aber ist dieses, daß er--(wie soll ich mich gleich rund genug ausdrucken? Ich will, mit ihrer Erlaubniß, einen Ausdruck aus dem -Hudibras borgen) daß er seinem Autor die Rräye giebt, um ihn reiben zu können. Das ist: cr versteht ihn unrecht, und straft ihn in gelehrten ° 'rilele wen cou»^ kitme, n-ell »z lkeir Keilers, >>x sucl» ine»»» »s Koil Iiiis xiven tlwm w avliuire it — >1'I>ev Hslerve encolliaAemsnI, lwxvsver, vliiM Uis> conliaue lo cowMe, suul ueillier »ssecl, n'it, or pre- ume lu realon. I. Theil. Vierter Brief. ',' Anmerkungen, wegen einer Ungereimtheit, die er selbst in ihn gelegt hat. Hören Sie nur! Dolingbroke redet in seinem dritten Briefe von der Bibel, als eine Quelle der Geschichte betrachtet. Er kömmt auf die' sogenannte Übersetzung der siebcnzig Dollmetschcr, und sagt: Die hellenistischen Juden crzehltcn von dieser Ucbcrsetzung, um sie in Ansehen zu bringen, ja gar zu heiligen, eben so viel wunderbare Dinge, als die andern Zudcn von dem LLsra, welcher den Kanon ihrer Schriften zu machen anfing, und von Simon dem Gerechten crzehlt hatten, welcher diesen Kanon zu Ende brachte. Diese heiligen Romane, fährt Zdolingbroke fort, wurden zur Tradition, und die Tradition ward zur Geschichte; die Väter unserer christlichen Kirche liessen es sich nicht zuwider seyn, Gebrauch davon zu machen. Der heil. -Hieronymus :c- :c. Diese heiligen Romane? Was nennt Bolingbroke so? Was sonst, als die frommen Mährchen, deren er gleich vorher gedenkt? Und doch will sein elender Uebcrsetzer, daß er unter diesen Romanen die heiligen Bücher selbst, und nicht die jüdischen Fabeln von ihrer Erhaltung, und ihrer Aerdollmetschung verstehe. „Hier sieht man, ruft er lächerlich aus, „die Folgerung des Verfassers! Er hatte vorher ganz und gar nicht begreifen können, daß die biblischen Bücher nicht schon da gewesen „wären, oder daß sie verfälscht worden, izt aber nennt er sie „heilige Romanen, ohne uns zu sagen, wodurch sie sich in „Romanen hätten verwandeln können zc. Possen! Wir wissen es freylich, daß Bolingbroke oft ziemlich eavalieremont von der Bibel spricht; aber hier thut er es doch nicht. Der Herr verspare wenigstens sein Collcgium auf eine andere Stelle. Und nun sagen Sie mir, ist das deutsche Publicum nicht zu bedauern? Ein Bolingbroke fällt unter die Hände seiner Knaben; sie schreyen Kahlkopf über ihn, die Kahlkinne! Will denn kein Bär hervor kommen, und diese Buben würgen? Bergmann muß nicht allein das Englische nicht wissen; er muß gar nichts wissen. Wenn Bolingbroke sagt: die Chronologie ist eine von den Wissenschaften, welche blos a liminv lalutao^N sind; so macht jener daraus: „welche man schon von weiten i - 10 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. „empfangen muß. Wenn Dolingbroke von dem Kanon des XNarshams redet, redet jener von XNarshams Sätzen, und muß nicht wissen, daß das Buch dieses Gelehrten hier gcmcinet wird, welches den Titel l^anon ckronolnZicus führt. Wenn Volingbror'e von dem Kanon der heiligen Bücher spricht, macht jener die Grönung der heiligen Bücher daraus. Zch möchte wissen, was Herr Bergmann studierte? Ob die Theologie? Schade, daß sich die gelehrte Welt des weltlichen Arms noch weniger bedienen darf, als die Kirche! Wäre cs sonst nicht billig, daß man die Handlung, welche diese jämmerliche Ucbcrsctzung drucken lassen, mit Gewalt anhielte, uns eine bessere zu liefern, und jene ins Maculatur zu werfen? Sie müßte sich des Schadens wegen an den Ucbcrsetzcr halten können. Fll. Fünfter Brief. Der Ucbcrsetzcr des Gay hat sich zu gleicher Zeit auch als Verfasser gezeigt, und Versuche zu vergnügen," herausgegeben. Zch denke so: mir nützlich zu seyn, möchte man so oft und viel versuchen, als man nur immer wollte; wenn ich nur die Versuche mich zu vergnügen verbitten könnte. Laßt uns lieber den wilden Bart tragen, ehe wir zugeben, daß die Lehrlinge der Barbicrstuben an uns lernen! Der F.en; des Herr von Palchen scheinet eine Sammlung von alle dem zu seyn, was er bey Ucbersctzung des Thomson- schen Frühlings, schlechteres gedacht hat; eine Sammlung von Zügen und Bildern, die Thomson und Rleist, und selbst ?a- cliaria verschmähet haben. Er mahlt Mücken, und der Himmel gebe, daß uns nun bald auch jemand Mückcnfüsse mahle! Doch nicht genug, daß er seine Gegenstände so klein wählt; er ° Erste Sannnlung. Rostock nnd Wismar bcv Bcrgcr und Bödner 1768. groß 8. Enthält 1) Der Lenz. 2) Ucbcrsctzung des zwcvtcn Buchs des Palingcnius. 3) Projcct, cinm immerwährenden Friede» zu unterhalten. 4) "Pctrachs Leben in einem Sendschreiben an die Nachwelt von ihm selbst. 5) Lieder des Horaz. 6) Nachricht von dem Buche K-mtias« Ses Isie« NuUiliUeK. 7) Leben des Johann Philipp Palthcnius, " Seite 14. I. Theil. Fünfter Brief. II scheint auch eine eigene Lust an schmutzigen und cckcln zu haben. — Die aufgcschürztc Baucrmagd mit Blutdurchströmctm Wangen, und derben sich zeigenden Waden, wie sie am abgespannten Leiterwagen stehet, mit zackigtcr Gabel den Mist darauf zu schlagen. — Der erhitzte brüllende Stier, mit der breiten Brust, und dem bucklichtcn Rücken, der die ihm nicht stehende Geliebte verfolgt, bis er endlich mit einem gewaltigen Sprunge über sie hcrstürzt und unwiderstehlich sie hält. — Der Ackcrs- mann, der sein schmutziges Tuch löset, woraus er schmierigen Speck und schwarzes Brod hervor ziehet. — Die grunzende Sau, mit den flcckigten saubern Ferkeln. — Der feurige Schmatz einer Galathcc. — — Zu viel, zu viel Ingredienzen für Ein Nomitiv! Hier ist eine Herzstärkung! Ein Projekt zu einem immerwährenden Frieden! „Aber keine Hcrzstärkung für mich; werden Sie „sagen." „Der Mann will mir das Handwerk legen! — Ach nicht doch! Er meint es so böse nicht. Sein Hauptcinfall ist dieser: ein allgemeines Parlament oder Tribunal zu errichten, dessen Ausspruch sich alle europäische Staaten gefallen liesse». — Merken Sie nun, daß der Herr von Palchen ein Rcchlsgc- lchrter ist? Aber, als jener alte Officicr seinen Vorschlag zur Verkürzung der Processe that, und die alten gerichtlichen Duelle wieder einzuführen ricth, nicht wahr, da verrieth sich der Officicr auch? — Doch dicscs bey Seite! Wenn sich nun unter den europäischen Mächten Halsstarrige fänden, die dcm Urtheile des Tribunals Genüge zu leisten sich weigerten? Wie da? O dcr Herr von Pallhcn hat vollstreckende Völker, cr hat militärische Exccution. Hat cr die? Nun wohl, so hat cr Krieg; und Sie sollen Zeit genug weiter avanciren. Werden Sie nur bald gesund! Was soll ich Ihnen von seinen drey ersten Oden des Horaz sagen? Gleich vom Anfange heißt es: Und wenn ihr Wagen ohne Fehl Mit heisscr Achs znm Ziel gelanget- kletacnio lorviclis oviwta rotis. Das Ziel zu erreichen, war das wenigste. Sie mußten um das Ziel herum! — Lassen Sie uns nicht weiter lesen. _ » >!D> 12 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Und wie oft zeiget der Herr von Pallhcn, ich weis nicht, welche eingeschränkte Kenntnisse! - - Petrarch sagt von sich:" „Ich habe nie an Schmausen ein Bergungen gefunden, sondern „habe bey mäßiger Kost und gewöhnlichen Speisen ein vergnügteres Leben geführt, als alle Nachfolger des Apicius." Und der Herr v. P. setzt in einer Anmerkung hinzu: „Es wird hier „auf den Apicius Laelins gczielct, welcher zehn Bücher von „ der Kochkunst geschrieben zc. — Allein, muß denn ein Mann, der Gerichte zubereiten lehrt, nothwendig ein Schlemmer seyn? Er hätte, wie bekannt, einen ganz andern Apicius hier anführen sollen, und würde unter drey berühmten Schlemmern dieses Namens die Wahl gehabt haben. — Das Projekt des Abts von Sr. Pierre zu einem beständigen Frieden, sagt der Herr v. P., sey ihm nicht zu Gesichte gekommen. Die ganze Welt kennt es. Es ist unendlich sinnreicher als seines, und läuft auf eine proportionirlichc Herabsetzung der Kriegshccre aller europäischen Staaten hinaus. Fll. III. Den 18. Jenner 1769. Siebender Brief. Sie haben Recht; dergleichen schlechte Ucbersctzcr, als ich Ihnen bekannt gemacht habe, sind unter der Critik. Es ist aber doch gut, wenn sich die Critik dann und wann zu ihnen herabläßt; denn der Schade, den sie stiften, ist unbeschreiblich. — Wenn durch eine grosse, wunderbare Wcltveränderung auf einmal alle Bücher, die deutsch geschriebenen ausgenommen, untergingen; welch eine erbärmliche Figur würden die Virgile und Horaze, die Shaftcsbur^s und Bolingbroks bey der Nachwelt machen! Oder meinen Sie, daß bey einem so allgemeinen Schif- bruche der Wissenschaften, die deutsche Gelehrsamkeit nur immerhin auch mit versinken möchte? Das wäre zu bitter gcurthcilct! Man verachtet keinen Baum wegen seiner unansehnlichen Blüte, wenn er wegen seiner Frucht ° S. 89. I. Theil. Siebender Brief. I>! zu schätzen ist. Unsere schöne Wissenschaften würden zu vergessen seyn; aber unsere Wcltwcishcit nicht. Noch zu bitter! — Nein, auch in jenen fehlt cs uns nicht an Männern, die alsdcnn an die Stelle der grossen Ausländer, und der noch grösscrn Alten treten müßten und könnten! Rlopstock würde Homer; Lramer, Pinvar; Urz, -Horay; Gleim, Anakreon; Gessncr, Theod'rit; IViclano ^ucrez — wicland, K.ncrez? So geht cs, wenn man träumet! Es finden sich im Traume Dinge oft wieder zusammen, die man seit vielen Jahren, nicht miteinander gedacht hat. Herr IVie- land hätte cs längst gern aus unscrm Gcdächtniß vertilgt, daß cr dcr Ncrfasscr der ^7«tur Vcr Dinge ist, und ans dem mci- nigcn schien cs auch wirklich vertilgt zu seyn — Erlauben Sie mir, Ihnen von diesem Manne, ocr ohne Widerrede einer dcr schönsten Geister unter uns ist, mehr zu sagen; ich mag zu meinem vorigen Gegenstände nicht zurückkehren. Denn warum schriebe ich Briefe? Wenige Gelehrte werden eine mehr doppelte Rolle gespielt haben, als Herr WiclanS. Ich mag es nicht wieder crzchlcn, was Leute, die ihn in K * ° B °° persönlich gekannt haben, von ihm zu crzchlcn wissen. Was geht uns das Privatlcbcn cincs Schriftstellers an? Ich halte nichts davon, aus dicscm die Erläuterungen seincr Werke hcrzuhohlcn. So viel ist unwic- dcrsprechlich, daß jcncs Lehrgedicht, lind die moralischen Briefe uns den Herrn Ivieland auf einem ganz andern Wege zeigten, als ihm hernach zu betreten beliebt hat. Wenn diese Veränderung durch innere Triebfedern, (mich plump auszudrücken) durch den eigenen Mechanismus seiner Seele erfolgt ist; so werde ich nicht aufhören, mich über ihn zu verwundern. Ist sie aber durch äussere Umstände veranlaßt worden, hat er sich, aus Absichten, mit Gewalt in seine itzige Denkungsart versetzen müssen, so bedauere ich ihn aus dem Innersten meiner Seele. — Sie wissen cs schon zum Theil, wie schlecht er sich gegen den Herrn Uiz aufgeführct hat. ^ Hcrr U-z, nach der Freyheit, zu der jeder seines gleichen berechtiget ist, erklärte sich wider eine gewisse Art von Dichtern; Herr Wieland hielt sich beleidiget, und anstatt seinen Gegner gleichfalls von dcr Seite des Schrift- i i Briefe, die neueste Litteratur betreffend. stcllcrs anzugreifm, fiel er mit so frommer Galle, mit einem so pictistischcn Stolze auf den moralischen Charakter desselben; brauchte so hämische Waffen; verrieth so viel Haß, einen so vcrabscheuungswürdigcn Ncrfolgungsgeist,* daß einen ehrlichen Mann Schauder und Einsetzen darüber befallen mußte. Er hatte sogar das Herz, einen vcrchrungswürdigcn Gottcs- gclehrtcn zum Werkzeug seiner Erbitterung brauchen zu wollen. Doch dieser fand auch hier Gelegenheit, seine edle Mäßigung, seine philosophische Billigkeit zu zeigen. Denn ohne Zweifel ist er allein Ursache, daß Herr U?ielanS in der Sammlung seiner prosaischen Schriften, aus der Zuschrift der Empfindungen des Christen, die härteste Stelle weggelassen hat. Ich sende Ihnen hier diese Sammlung," in welcher Sie manchen neuen Aufsatz finden werden. Sie müssen sie alle lesen; denn wenn man einen IVielanS nicht lesen wollte, weil man dieses und jenes an ihm auszusetzen findet; welchen von unsern Schriftstellern würde man denn lesen wollen? Fll. Achter Brief. Auch mir sind unter den Vviclandischen Schriften die Empfindungen des Christen das anstößigste gewesen. Empfindungen Vcs Christen, heisscn Empfindungen, die ein jeder Christ haben kann, und haben soll. Und von dieser Art sind die Mclandischen nicht. Es können aufs höchste Empfindungen eines Christen seyn; eines Christen nehmlich, der zu gleicher Zeit ein witziger Kopf ist, und zwar ein witziger Kopf, der seine Religion ungemein zu ehren glaubt, wenn er ihre ° In der letzten seiner Sympathien; nnd hernach in der Zuschrift seiner Empfindungen eines Christen, an den Herr» Obcrconsistorialrath Sack. °° Zürich, bey Orcll und Compaq. 1758. in drey Theilen. Enthalt I. t) Sympathien. 2) Thcagcs, oder Unterredung von Schönheit und Liebe. 3) Gesicht von einer Welt unschuldiger Menschen, il. 1) Empfindungen des Christen. 2) Hvmne auf die Allgcgcnwart Gottes. 3) Betrachtung über die Gerechtigkeit Gottes, m. t) Betrachtungen über den Menschen. 2) Gesicht des Mirza. 3) Zwcv Selbstgespräche eines lugcndhaftcn Heiden. 4) Plan einer Akademie, zu Bildung des Verstandes und Herzens junger Leute. 5) Gespräch des Socratcs von der scheinbaren und wahren Schönheit. l. Erster Theil. Achter Brief. 15 Geheimnisse zu Gegenständen des schonen Denkens macht. Gelingt es ihm nun hiermit, so wird er sich in seine verschönerte Geheimnisse verlieben, ein süsscr Enthusiasmus wird sich seiner bemeistern, und der erhitzte Kopf wird in allem Ernste anfangen zu glauben, daß dieser Enthusiasmus das wahre Gefühl der Religion sey. Ist er es aber? Und ist es wahrscheinlich, daß ein Mensch, der den Erlöser am Kreuze denket, wirklich das dabey denket, was er dabey denken sollte, wenn er seine Andacht aus die Flügel der Horazischcn Ode setzt und anhebt: „Wo ist mein entzückter Geist? Welch ein furchtbares Gesicht um mich her! — „Schwarze Finsterniß, gleich der ewigen Nacht, liegt auf dem „bebenden Erdkreis. — Die Sonne ist erloschen, die verlassene „Natur seufzt; ihr Seufzen bebet gleich dem schwachen Wim- „mcrn des Sterbenden durch die allgemeine Todcsstillc. — „Was seh ich? Erbleichte Seraphim schweben aus dem nächtlichen Dunkel hier und da hervor! Sie schauen mit gcfaltc- „ncn Händen, wie erstarret herab! Viele verbergen ihr thränendes Antlitz in schwarze Wolken. — O des bangen Gesichts! „Ich sehe, ich sehe den Altar der Versöhnung, und das Opfer, „das für die Sünde der Welt verblutet. —* Schön! — Aber sind das Empfindungen ? Sind Ausschweifungen der Einbildungskraft Empfindungen? Wo diese so geschäftig ist, da ist ganz gewiß das Herz leer, kalt. So wie es tiefsinnige Geister gab, und noch giebt, welche uns die ganze Religion platterdings wcgphilosophircn, weil sie ihr philosophisches System darein verweben wollen: so giebt es nun auch schöne Geister, die uns eben diese Religion wcgwitzcln, damit ihre geistlichen Schriften auch zugleich amüsiren können. Der Ton der Psalmen, welchen die Empfindungen des Herrn IVielands oft annehmen, hat mich an Petersens Stimmen aus Zion wieder erinnert. Eine Vcrgleichung zwischen Petersen und lvielanden würde diesem auf keine Weise schimpflich seyn. Petersen war ein sehr gelehrter und sinnreicher Mann, und kein gemeines poetisches ° Empfindungen xiv. S. 99. « Zwey und achtzigster Psalm. „Bruder! Lasset uns hingehen, und unser Leben lassen! Die „Wahrheit ist wohl werth, daß wir sie bis in den Tod bekennen! „Es ist der treue und wahrhafte Zeuge vor uns hergegangen. „Er hat ein gut Bekenntniß bekannt vor Pontio Pilalo. Er mußte „auch sterben, als ein Verführer — „Gott sey Dank, daß wir nicht leben, wie die Uebelthätcr! „Wir haben zwar unserm Gott gcsündigct, aber nicht der Welt. „Es ist recht und billig, daß uns unser Vater züchtiget; es ist „recht, daß er diesen Leib zerbricht. „Wir müssen doch einmal unsere Hütten ablegen; warum nicht „itzt, da wir noch mit unserm Tode preisen unsern Gott? „So wissen wir auch, daß der Tod seiner Heiligen bey ihm „hochgeachtet sey, und daß er ihm seine Lieblinge nicht nehmen lasse — „Brüder! lasset uns nicht fürchten, wie die Heyden lind Sünder „pflegen. Furcht ist nicht in der Liebe und in dem Glauben zu unsern Gott. „Wir haben bisher dem Herrn gelcbet, so wollen wir nun auch „dem Herrn sterben. „Er wird mit uns durch Feuer und Wasser gehen; er wird uns „nicht uiigelröstct, noch ungestärkt lassen. I. Theil. Reimtcr Brief. 17 „Siehe! Wir sehen ihn, o wie freundlich ist er uns! vr führet uns „über den Tod! Hcillcllij.i! —" Was sagen Sie hierzu? Könnte ich nicht die Verehrer des Herrn Miclands (seine Anbeter; er hat dergleichen) auffordern, mir erhabenere und pathetischere Stellen in seinen ganzen LLm- pfinvungen zu zeigen? Herr lVicland ist reich an Blühmchcn, an poetischem Geschwätze; Pctcrsen an starken Gedanken, an grossen Gesinnungen; ohne Zwang, ohne Schwülst. Beyde habe» die Sprache der H. Schrift zu brauchen gewußt, nur daß sie Pe- rcrsei! in ihrer cdcln Einfalt gelassen, MiclanS aber durch affcc- tirtc Ticfsinnigkciten, durch profane Allusionen, verunstaltet hat. Und gleichwohl sind Peterscns Stimmen gar bald verachtet, und vergessen worden. Denn Perersen war ein Schwärmer! 5ll. Neunter Brief. Zch habe über des Herrn IVielands Plan einer Akademie zur NilSung des VcrsianScs unö Herzens >ungcr K.eute, einige Anmerkungen gemacht, die ich niederschreiben und Zhncn nach und nach zur Beurtheilung vorlegen will. Herr Mieland will die alte» Griechen bey seinem Entwürfe um Rath gefragt haben. Diese, sagt er, setzten die Erziehung hauptsächlich in die Uebung der Gemüths- und Leibeskräfte, weil ohne Uebung weder diese noch jene zur gehörigen Stärke, Lebhaftigkeit und regelmäßigen Bewegung gelangen. — Die Absicht, fährt er fort, zu welcher ihre Erziehung abzwccklc, war ihre junge Bürger zu dem zu bilden, was sie x-xX-ox^«^« ncnntcn, in welchem Worte sie alle Vorzüge und Vollkommenheiten begriffen, die einen freyen nnd cdcln Mcnschc» von einem Sclaven und menschenähnlichen Thiere unterscheiden, alle Eigenschaften und Gcschicklichkcitcn welche den Menschen erhöhen, verschönern und zur Ausführung cincr cdcln Rolle im Leben tüchtig machen. Zu dieser Absicht, welche allein der menschlichen Natur würdig ist, flößte man der Jugend so früh als möglich den Geschmack am Schönen und Guten, nebst den besten moralischen und politischen Gesinnungen ein; in diesem Gcsichtspunctc stu- dirtc man mit ihnen den Homer, und schmückte ihr Gedächtniß Lessmgs Merk- vi. 2 1^ Priese, die neneste Litteratur betreffend. mit den weisesten Sprüchen der Dichter, welche die Lehrer und Philosophen der älteste» Griechen waren zc. —" Ich will vors erste bey einer Kleinigkeit stehen bleiben. Was Herr Mieland hier von dem Homer sagt, das hat seine Absichten, und der Leser soll die Anwendung davon selbst machen. Er soll bey sich denken: Da es uns, Gott sey Dank! auch nicht an -Homeren fehlt, warum werden denn nicht auch unsere -Homere in dieser Absicht mit der Jugend gelesen 4 Aber ehe ich mir selbst diese Frage vorlegte, wollte ich wohl dem Herrn Micland mit einer andern beschwerlich fallen. Ich wollte ibn fragen: Hat Ihr Vorgeben, mein Herr, seine historische Richtigkeit? Zst es wahr, daß die alten Griechen ihre Jugend aus dem -Homer und andern Dichtern Weisheit lehrten? Und wurde -Homer, ich will nicht sagen durchgängig, sondern nur von allen denen unter ihnen verstanden, welchen das Beywort x«^ox«^^Ot zukam? Erinnern Sie sich, wurde ich gegen den Herrn IVielanS fortfahren, was uns Xcnophon von dem Sob'rates crzchlct.** Gokrarcs hatte wirklich die Gewohnheit, in seinen Unterredungen lehrreiche Stellen aus Dichtern anzuführen; aber wie ging es ihm damit? Er berief sich z. E. wenn er wider den Müßiggang eiferte, und zu dem Müßiggänge auch alle citcle, nur zcitvcrkürzcndc und schädliche Beschäftigungen rechnete, auf den Ausspruch des -Hesioons: Lz>^>ov 6' o^iv ovktFoi;, «x^^/kt^ 6« ovstcjo^. Reine Arbeit, sondern allein der XNüssiggang ist schimpfe lieb. — Oder er drang darauf, daß alle die, welche dem Staate weder als Heerführer noch als Rathgcbcr nützlich seyn könnten, sich müßten gefallen lassen, zu gehorchen, und führte in dieser Absicht das Betragen des Ulysses an, als die Griechen die Belagerung von Troja aufheben wollten. (Den Vornehmem, sagt -Homer,'" sprach Ulysses mit freundlichen Worten zu, wo sich aber ein Geringerer unnütze machte, den schlug er mit seinem Scepter und befahl ihm, ruhig zu seyn: ° Zm dritte» Theile. S. 10l. " Im erste» Buche seiner deiikwurdize» Rede» des Sokrates. "° Im 2lcn Bliche der Jlias, v. 189. u. f. ^-G^ >vl ktcrl, l?i_> 6' tt7r?c>X,k^i.c>c,' xcxt üi'«?.Xt^, ?ro? iro^x^i^ xi'«j>l^<^c)^ ui^r' r^l jjvi^).^.) Was machten die Ankläger des Sakrales aus diesen Stellen? Sagten sie nicht, daß sie gefährliche Lehren enthielten? Daß Hcsiovus alle Beschäftigungen billige, sie möchten noch so ungerecht und schimpflich seyn, wenn sie nur einträglich wären? Daß -Homer die geringern und ärmcrn Leute zu schlagen rathe? Und wer waren des Sor'rarcs Ankläger? Vielleicht die Unwissendesten in ganz Athen? Gewiß nicht. Mclims wenigstens war nur deswegen wider den Sor'rarcs so ausgebracht, weil ihm Sor'rates die Dichter, seine Lieblinge, nicht genug zu schätzen schien. Er war also einer von den damaligen Rennern; und wollte man auch sagen, daß er diese Mißdeutungen nicht sowohl aus Unwissenheit, als aus Bosheit gemacht habe, so bedenke man wenigstens, was er dabey für Richter voraus setzte; und ob diese Richter Leute seyn durften, mit welchen man in der Jugend den Homer, nach moralischen Absichten, gelesen hatte? — All. IV. Den 25. Jenner 4769. Zehnter Brief. So ist es auch wirklich: Die wahren Kenner der Dichtkunst sind zu allen Zeilen, in allen Ländern eben so rar, als die wahren Dichter selbst gewesen. Homer ward eben so wenig von allen Griechen verstanden, als Rlopstock von allen Deutschen. Zch sage Rlopstock, und wenn Sie meinen, daß Dov- mcr dem Homer näher komme, so setzen Sie Dodmern an seine Stelle. — Ztzt erlauben Sie mir, in den Anmerkungen über den Er- zichungsplan des Hrn. ^VielanOs fortzufahren. Die wichtigsten werde ich von unserm gemeinschaftlichen Freunde, dem Hrn. D- entlehnen.*) — Den schönen und großen Begriff, welchen uns Herr IV- von der Erziehung der alten Griechen macht, wo mag er den über- °) Dies ist Moses Mcndelssolni, der sich in cc» Liltcratnrbricsc» unlcr andern mit D- nntcrzcichnclc. Nicolai. 2» 20 Briefe, die ncucsie Litteratur betreffend. Haupt herhaben? Er sagt zwar: „So viel ich mich der Beobachtungen erinnern kann, die ich bey Lesung ihrer Scribcntcn „gemacht." — Allein, ich besorge, sein Gedächtniß hat ihm hier einen Übeln Streich gespielt. Wenigstens beweiset die Stelle des -ecnophon, auf die er sich beruft, das gar nicht, was sie beweisen soll. Die Philosophie, sagt Herr , wurde von den Griechen für das nöthigste und wesentlichste Stück der Unterweisung gehalten. — Ja! aber was sür eine Philosophie? War es wirklich die, „welche uns lehret, was edel oder niederträchtig, was „recht oder unrecht, was Weisheit oder Thorheit sey? Was „die Religion, was die menschliche Gesellschaft, was der Staat „in dem wir leben, was alle unsere übrigen Verhältnisse von „uns fordern?" Nichts weniger! Es war eine Philosophie, ^Ulv a«1 rliotoricas mvllitat'innos, laeultatem MAutiiU'um, civil!- nm^ue rorum notiti.-rm conclueodat;* eine Philosophie, welche Aristoteles hernach unter dem Namen der erocerischen, von der wahren Philosophie gänzlich absonderte; kurz, es war die Weisheit der Sophisten. Mit dieser moralischen und bürgerlichen Philosophie, fähret Herr M. fort, verband man die schönen Künste, insbesondere die Beredsamkeit. — Auch dieses kan mit der historischen Wahrheit nicht bestehen. Die Griechen studirtcn die Philosophie nur in Absicht auf die Beredsamkeit, und dieser einzigen Kunst waren alle übrige Wissenschaften untergeordnet. Selbst Alcibiades, Xcnophon, sagt es mit ausdrücklichen Worten, — hielt sich nicht zum Sokratcs um Weisheit und Tugend von ihm zu lernen; cS war ihm einzig und allein nm die Kunst zu überreden, und die Gemüther der Zuhörer zu lenken, in welcher So- kratcs ein so großer Meister war, zu thun. — Daß von denen hier nicht die Rede ist, welche Philosophen von Profession werden wollten, versteht sich von selbst. Es kann kein Ncrtrauen gegen den Hrn. w. erwecken, wenn man offenbar sieht, daß er seinen Lesern nur Staub in die Augen streuen will. Denken Sie nur, wie weit er geht. ° ä,. «ollius xx, s. I. Theil. Zehnter Brief. 2t Er will uns bereden, daß die Griechen den Sbafccsburyschcn Begriff eines Virtuosen, durch ihr xo-^oc.- --^«A-o^ ausgedruckt hatten. Zch wäre sehr begierig, nur einen einzigen Beweis von ihm zu erfahren, daß dieses x«X,o? x«^«p>o? etwas anders bedeute, als was wir einen hübschen guten Mann hcissen. Zch erinnere mich eben einer Stelle aus dem Plato, wo Sokrares den jungen Thcages fragt: T^o^v; o^x r(5u5«^«7-c> v?'cxt, c>! T'Uiu xt^x^v, x«t ?rcx?>,«lx^i', xcxl ?>^v «^kzv «^c»vt«i'z Könne» hier x^oc^vt Virtuosen hcissen? Und was liessen dergleichen Virtuosen ihre Söhne lernen? Lesen und schreiben, auf der Alter spielen, ringen und andere körperliche Uebungen. Doch es möchte seyn; Herr IVielanS möchte immerhin, uns die alte griechische Erziehung noch so sehr verschönern, wenn man nur sehen könnte, was er selbst in seinem Plane für einen Gebrauch davon gemacht habe. Aber alle die schönen Zdccn, die er aus den alten Griechen will geschöpft haben, kommen in der Folge gar nicht mehr in Anschlag. Nach diesen historischen Prämissen, wie er sie nennet, speiset er uns mit lauter allgemeinen Dingen ab, die längst bekannt, und zum Theil recht herzlich seichte sind. Z. E. Er sagt:* „Es soll von einem Kenner der Wissenschaften „die Ordnung bestimmt werden, nach welcher die vcrschicdncn „Disciplinen und Studien, mit der Jugend getrieben werden „sollen; damit das, was sie zuerst lernen, allezeit das Fundament „zu dem folgenden abgebe." — Wer mit den Wissenschaften ein wenig bekannt geworden, der weis, daß es mit dieser eingebildeten Ordnung eine Grille ist. Alle Wissenschaften reichen sich einander Grundsätze dar, und müssen entweder zugleich, oder eine jede mehr als einmal getrieben werden. Die Logik, oder die Kunst zu denken, sollte man glauben, müsse billig vor allen andern Wissenschaften vorangehen; allein sie supponirt die Psychologie; diese die Physik und Mathematik, und alle die Ontologie. Die Ontologie aber übergeht Hr. IVieland ganz nnd gar, und verräth an mehr als einer Stelle eine gänzliche Verachtung ° lu. Theil, S> t28. 22 Briefe, die neueste Litteratur betreffend, derselbe». Hier, sagt unser D-, möchte ich ihn wohl frage», ob cr jemals dc» Baco gelesen? Ob er gesehen, wie sehr dieser Welt- weise eine Wissenschaft erhebt, in welcher die allgemeinen Gründe aller menschlichen Erkcntniß gelehrt werden? Ob cr eine bessere Scclcnübung kenne, als wenn man junge Leute bald aus besondern Wissenschaften allgemeine fruchtbare Wahrheiten abstrahircn, bald allgemeine Wahrheiten auf besondere Fälle mit Nutzen anwenden lehret, und ihnen dadurch alle ihre Fähigkeiten erhöhet, den Verstaub aufkläret, und den Weg zu grossen und nützlichen Erfindungen bahnet? Ich will der irzigcil Ontologie, fährt unser Freund fort, nicht das Wort sprechen. So wie sie in unsern philosophischen Büchern abgehandelt wird, ist sie für junge Leute zu hoch. Wenn sie aber der Lehrer wohl siudi- rct hat, und bey dem Vortrage einer besondern Wissenschaft allezeit sein Augenmerk auf die allgemeinen Wahrheiten richtet, die sich daraus absondern lassen; so wird cr die Aussichten seiner Untergcbcncn erweitern und cincn jcdcn Funken von Gcnic anfachen, der in ihrcr Scclc glcichsam wie unter der Aschc glimmct. Eine jcdc Wissenschaft in ihrem cngcn Bezirke eingeschränkt, kann wcdcr die Scclc bcsscrn, noch dcn Mcnschcn voll- kommcncr machen. Nur dic Fcrtigkcit sich bcy cincm jcdcn Vorfallt schncll bis zu allgcmcincn Grundwahrhcitcn zu erheben, nur diese bildet den großen Geist, dcn wahren Hcldcn in der Tugcnd, und dcn Erfinder in Wissenschaften und Künsten. Fll. Eilflcr Br-cf. Hcrr IVicland verspricht uns scinc bcstcn und übcrlcgtcstcn Gcdankcn von dcr ttntcrwcisung dcr Zugcnd. Ich glaube nicht, daß cr Wort gehalten hat, cr muß sich während der Arbeit vcsonncn habcn, daß auch scinc schlechter» uud übcrciltc» Gc- dankc» für dic Dcutschcn schon gut gcuug warcn. Die patriotische Verachtung, dic cr gcgc» scinc Nation hat, läßt mich es vermuthen. Der größte Fehler, dcn man bcy dcr Erziehung zu bcgchc» pflcgt, ist dieser, daß man dic Zugcnd nicht zum eigenen Nachdenken gewöhnet; und diesen hat Hr. w. am wcnigstcn zu ver- I. Theil. Eilftcr Brief. meide» gesucht. Er scheinet vielmehr ausdrücklich darauf führen zu wollen, wenn er verlangt, daß man in der untersten Klasse von jeder Wissenschaft eine historische Kenntniß geben solle." — Die Natur der Seele verkennt die Eintbcilung der menschlichen Erkenntniß in die historische, philosophische nnd mathematische, die wir der Deutlichkeit halber zu machen gcnotbigct sind. Die ersten beyden müssen ohnstrcitig mit gleichen Schritten fortgehen, indem ihnen die dritte in einer kleinen Entfernung folget. Das große Geheimniß die menschliche Seele durch Uebung vollkommen zu machen — (Herr Mieland hat es nur dem Namen nach gekannt) — bestehet einzig darin», daß man sie in steter Bemühung erhalte, durch eigenes Nachdenken auf die Wahrheit zu kommen. Die Triebfedern dazu sind Ehrgcitz und Neubc- gierde; nnd die Belohnung ist das Vergnügen an der Erkenntniß der Wahrheit. Bringt man aber der Jugend die historische Kenntniß gleich Anfangs bey, so schläfert man ihre Gemüther ei»; die Ncubegierde wird zu frühzeitig gestillt, und der Weg, durch eignes Nachdenken Wahrheiten zu finde», wird auf einmal verschlossen. Wir sind vo» Natur weit begieriger, das lvic, als das U?arum zu wisse». Hat ma» uns nun unglücklicher Weise gewöhnt, diese beyde» Arte» der Erkenntniß zu trennen; hat man uns nicht angeführt, bey jeder Begebenheit auf die Ursache zu denken, jede Ursache gegen die Wirkung abzumessen, und aus dem richtigen Verhältniß derselben aus die Wahrheit zu schliesscn: so werde» wir sehr spät aus dem Schlummer der Gleichgültigkeit erwache», i» welche» man uns eingewieget hat. Die Wahrheiten selbst verlieren in unsern Auge» alle ihre Rcitzungen, wo wir nicht etwa bey reifern Zahren von selbst angetrieben werde», die Ursachen der erkannte» Wahrheiten zu erforschen. Wen» aber unser Freund, der sich hier durch mich erklärt, behauptet, ma» müsse die historische Erkenntniß nie ohne die philosophische geh» lasse»; so redet er von der historische» Kenntniß solcher Dinge, die ma» durch Nachdenken heraus gebracht, nnd ohne Nachdenken nicht recht begreifen kann, z. E. der in ° S. 131. >.>1 Briefe, die neueste Littcr.Uur betreffend. allen Wissenschaften dcmonstrirlcn Wahrheiten, der Meinungen und Hypothesen, die imrn angenommen, gewisse Erscheinungen zu erklären, wie nicht weniger derjenigen Sätze, die man durch künstliche Erfahrungen und sorgfältige Beobachtungen heraus gebracht hat. Diese historische Kenntniß der Wissenschaften allein ist es, die man für schädlich halten muß. Die historische Kenntniß der geschehenen Dinge aber kan durch keine Anstrengung des Genies heraus gebracht oder gefunden werden; die Sinne und das Gedächtniß müssen hier beschäftiget seyn, bevor man Witz und Bcurthcilungskraft gebrauchen kan. Daher ist es in der Natur der Seele gegründet, daß in Ansehung solcher Dinge, die historische Kenntniß den Grund legen muß; und hier ist ein neuer Fehler, den Herr Nlieland begehet. Er sollte mit der Geschichte der Natur den Anfang machen, und diese allen Vorlesungen in der ersten Klasse zum Grunde legen. Sie enthält den Saamcn aller übrigen Wissenschaften, sogar die moralische» nicht ausgenommen; und wenn der Lehrer scharfsinnig genug ist, so wird er die Genies der Schüler bey dieser Gelegenheit leichtlich prüfen, und unterscheiden können, zu welcher Kunst oder Wissenschaft ein jedes derselben aufgelegt ist. Herr U)icland aber rechnet die Naturgeschichte mit zu dem Studium der Historie überhaupt, aus der er drey verschiedene Disciplinen gemacht wissen will. Doch nicht genug, daß er den Wissenschaften, durch die vorläufige historische Kenntniß derselben, alle Anlockungen nimmt; er muß überhaupt nichts davon halten, die Wissenschaften als Wissenschaften vorzutragen, weil er den Rath giebt, sich aller trockenen Abhandlungen, abstrakter Untersuchungen und scharfen Demonstrationen so lange zu enthalten, bis die Untergebenen zu einer grossen Reife des Verstandes gelanget sind. — Aber man folge nur diesem Rathe, man sey nur so supcrsicicll, und ich will vieles wetten, daß die Untergebenen zu dieser grossen Reife des Verstandes nie gelangen werden. — Er schlägt dagegen vor, daß sich die Lehrer die Acsopischc und Sokratischc Methode eigen zu machen trachten sollen, weil diese „ihrer „Leichtigkeit und Anmuth wegen, der Wahrheit am leichtesten „Zutritt zu unserer Seele verschaffe." — Was für einen Bc- I. Theil. Zwölfter Nrief. grif muß Herr IVicland von der Sokratischcn Lchrart haben! Was that Sor'ratcs anders, als daß er alle wesentliche Stücke, die zu einer Definition gehören, durch Fragen und Antworten heraus zu bringen, und endlich auf eben die Weise aus der Definition Schlußfolgcn zu ziehen suchte? Seine Definitionen sind durchgchcndS richtig; und wenn seine Beweise nicht immer die strengste Probe aushalten, so sieht man wenigstens, daß es mehr ein Fehler der Zeiten, in welchen er lebte, als eine Acr- nachlaßignng und Geringschätzung der trocknen Ilnlersuchung von Seiten des Philosophen gewesen. Zu unsern Zeiten kann die Sokratischc Lehrart mit der Strenge der itzigcn Methode auf eine so geschickte Art verbunden werden, daß man die al- lcrticfsinnigstcn Wahrheiten herausbringt, indem man mir richtige Definitionen aufzusuchen scheinet. — Ich will geschwind schlicsscnz Sie möchten mich um die Muster in dieser Art des Vertrages fragen. All. Zwölfter Brief. Es ist wahr, an einer andern Stelle" scheinet Herr IVie- land die strengste Lchrart zu billigen, und es zu vergessen, daß er den Augenblick zuvor bloß auf die überredende Lehrart gedrungen hat. Aber warum wollen Sie sich über dicscn Widerspruch wundern? Es ist der kleinste von denen, die ihm entwischen. — Zch verspreche, ihn zu heben, (ob ich gleich noch nicht weis, wie?) wcnn Sie mir vorher folgenden auflösen können. Die christliche Religion ist bey dem Herr Wieland immer das dritte Wort. — Man prahlt oft mit dem, was man gar nicht hat, damit man es wenigstens zu haben scheine. — Haben Sie es bemerkt, wie er sie in seiner Akademie will vorgetragen wissen? Ohne die „gewöhnliche Methode der Thcolo- „gcn, und die ungeschickte Einthcilnng in 1'tivoloFiam äogmati- „cam und morulom." Bcwnndcrn Sie den neuen Reformator! Die ungeschickte Einthcilnng! — Das schreibt nun Herr U)io land so hin! — Und doch ist diese Einthcilnng auf dcm Ka- thcdcr uncntbchrlich. Es ist ganz etwas anders, die Lchrcn des ° S> 143. '.'i! Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Glaubens von den Pflichten des Lebens in der Ausübung zu trennen, und ganz etwas anders, sie in dem Aortrage, der Ordnung und Deutlichkeit wegen, abzusondern. Durch dieses erhalt jenes nicht den geringsten Vorschub. Wer sich aber, so ausdrücklich als Herr MiclanS, darwidcr erkläret, der giebt zu verstehe», daß er aus dem Zuhalte der Dogmatik überhaupt nichts mache, und die Religion bloß als eine erhabene Moral gelchrct wisse» wolle. Herr Micland wenigstens verräth diesen Vorsatz noch deutlicher, wenn cr verlangt, „daß man von den „eigentlichen Glaubensartikeln mit keinen andern, als mit Wor- „tcn der Schrift reden solle." — Und nun sind auf einmal alle mögliche Ketzer in den Schooß seiner Kirche aufgenommen! — Dieses, und seine wiederholte Anpreisung des Shaftcsbury, den cr in seiner Academie zum elastischen Schriftsteller macht, werden hoffentlich unsere Theologe» nicht ermangeln, in Betrachtung zu ziehen, bevor sie sich in das poetische Interesse des Herrn IVielanos verwickeln lassen. Shaftesbur)? ist der gefährlichste Feind der Religion, weil cr der feinste ist. Und wenn cr sonst auch noch so viel Gutcs hätte; Jupiter verschmähte die Rose in dem Munde der Schlange. Fll. V. Scn 1. Febrnar 1769. Drcyzehiiter Brief. Was ich unter des Herrn IVielands patriotischer Verachtung seincr Nation verstehe, werden Sie am besten aus einem Exempel abnehmen können. — Herr ttlielanS redet von der Beredsamkeit der Kanzel, und bricht i» die Frage aus: „Wie „lange wollen wir uns von den Franzosen beschämen lassen, „welche ihre Dossuets, Donroaloue, XNassillons, Trublets, „ausweisen können, da hingegen unsere größten geistlichen Rcd- „ncr gegen jene nicht in Betrachtung kommen?" Wenn doch dem Herrn VviclanS diese einsichtsvolle Frage entwischt wäre, als er einem von unsern größten geistlichen Rednern seine Empfindungen zueignete! An eben dem Orte, wo cr zu ihm sagt: ;,Es würde cinc strafbare Undankbarkeit „seyn, wenn ich bei dieser Gelegenheit verschweigen wollte, mit „wie vieler Rührung und Nutze» ich den vertheidigten Glau- I. Theil. Vreyzehntcr Brief. '.'7 „ben Ver Christen, für mich selbst, und mit andern gelesen, „und wie lebhaft mich diese herzrührcndc Selbstgespräche in dem „Glauben der christlichen Religion unterhalten haben." — An diesem Orte, sage ich, hätte er fortfahren sollen: Das ist nun zwar alles wahr, mein Herr; aber doch werden Sie mir erlauben, Ihnen zu sagen, daß Sie deswegen noch lange kein Norvaloue sind, noch lange kein Trublel! O der grosse Crnblct! — Aber ich glaube, ich fange an zu spotten; und das mochte ich nicht gern, — Wenn uns nur Herr IVieland auch gesagt hätte, warum denn nun unsere XNosheims und Sacks, unsere Jerusalems und Trainers, gegen jene Franzosen gar nicht in Betrachtung kommen? Die Franzosen, ohne Zweifel, haben eine blühendere Sprache; sie zeigen mehr Witz, mehr Einbildungskraft; der Virtuose spricht mehr aus ihnen; sie haben die körperliche Beredsamkeit bey ihren vortrcflichc» Komödianten zu lernen Gelegenheit gehabt. Alles Eigenschaften, die dem geistlichen Redner nothwendig sind, der mich eine halbe Stunde angenehm unterhalten will, und die ich demjenigen gern erlasse, der mehr als dieses sucht, und es seinem Amte für unanständig hält, auf meinen Willen zu wirken, ohiie vorher meinen Verstand erleuchtet zu haben. Der wahre Gottcs- gclchrte weis, daß er auf der Kanzel den Redner mit dem Lehrer zu verbinden habe, nnd daß die Kunst des erstem ein Hülfsmittel für den letzter», nie aber das Hauptwerk seyn müsse. — Herr IVielano ist ja sonst weit mehr für die Engländer als Franzosen eingenommen. Wie kömmt es denn aber, daß er nur hier diese jenen vorzieht? Hier, in der Beredsamkeit, die man doch, nach seinen eigenen Grundsätzen, bey den Franzosen, wegen ihrer despotischen Regicrungsart, die ganz gewiß ihren Einfluß auch bis auf die Kanzel crflrckt, am wenigsten suchen sollte? Kömmt bey ihm clwa auch ein Tillotson gegen die Bourdaloue und Trublcrs noch nicht in Betrachtung^ Sind ihm jenes Dcmosthenische Reden, nach der sich unsere geistlichen Redner zuerst gebildet haben, vielleicht auch noch zu öde, zu unfruchtbar, zu dornicht? Ist ihm nur der der größte Redner, der die Affekten seiner Zuhörer am geschwindesten erregen kann? 28 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Zch babc nur erst neulich eine scbr vortreffliche Stelle über diese Materie gelesen. Sie stehet in einer neuen Schrift, die uns gleichfalls aus der Schweiß" gekommen ist, daher man dem Herr IViclano um so viel eher darauf verweisen könnte. Erlauben sie mir, meinen Brief damit zu bereichern. — Ein vornehmer Thcologus schreibet an einen jungen Geistlichen: „Ich habe, sagt er, denjenigen Theil der Redekunst betrachtet, „welcher mit Regung der Ilffcktcn umgehet; und ich weis, daß diese „Kunst bey den Gottesgclehrtcn sowohl, als bey den fanatischen nnd „enthusiastischen Predigern in grosser Hochachtung ist, und daß man „viel Fleiß drauf wendet. „Die zwey grossen Redner in Griechenland und Rom, Demosthe- „ncs und Cicero, beyde Temagogi in einer democratisch eingerichteten „Republik, sind dennoch in Ausübung dieser Kunst sehr von einander „ unterschieden. „Der erste, welcher mit einem politern, gelehrter» und witzigern „Volke zu thun hatte, setzte den größten Nachdruck seiner Beredsamkeit „in die Stärke seiner Beweisgründe, und suchte also hauptsächlich den „Verstand zu überzeugen. Tullius hingegen sahe mehr auf die Neigungen einer aufrichtigen, nicht so gelehrten und lebhaften Nation, „und blieb deswegen bey der pathetischen Beredsamkeit, welch« die „Affekten erreget. „Allein das Vornehmste, welches man hicbcy beobachten muß, ist „dieses, daß diese Redner in allen ihren Reden ein besonderes Vorhaben hatten; denn bald suchten sie die Vcrmtheilung oder LoSsvrc- „chung einer angeklagten Person, bald wollten sie das Volk zum „Kriege bereden, bald bemühten sie sich ein Gesetz einzuführen, und „dergleichen; und alles dieses wurde gleich auf der Stelle ausgemacht, „nach dem der Vortrag des Redners Beyfall fand. Hier war cS unumgänglich nöthig, die Affekten der Zuhörer entweder zn erregen, „oder zu besänftigen, insonderheit zu Rom, wo Tullius war. Mit „dieses letzten Schriften machen sich junge Geistliche (ich meine die, „welche AutorcS lesen) insgemein mehr bekannt, als mit des Dcmo- „sthcncs seinen, welcher doch jenen in vielen Stücken übertraf, was „insonderheit die Redekunst anlanget. Allein ich kann nicht sehen, ° Moralische Beobachtungen und Urtheile. Zürich, bey Orcll, nnd Compagnie, 1757. in 8vo. I. Theil. Dreyzehnter Brief. 29 „wie die Kunst, die Affekten zu erregen, von grossem Nutzen seyn „könne, wenn man die Christen unterrichtet, wie sie ihren Wandel gebührend anzustellen haben, wenigstens in unsern nördlichen ölimatibus, „wo ich gewiß versichert bin, daß auch die gröste Beredsamkeit von „dieser Art wenig Eindruck in unsre Gemüther haben wird, ja nicht .einmal so viel, daß die Wirkung davon sich nur bis auf den andern „Morgen erstreckte. „Was mich aber insonderheit veranlasset, die Art zu predigen, da „man nur die Affekten zu rühren sucht, zu verwerfen, ist dieses, weil „ich gesehen habe, wie schlechten Vortheil dieselbe geschaft. Ich kenne „einen Herrn, welcher dieses als eine Regel beobachtete, daß er alle „die Paragraphen überhüpftc, zu deren Ende er ctwan ein I^unoluul „ exelamrUiouIs gestellt hatte. Ich glaube gewiß, daß diejenigen Prediger, welche in lauter L^i^Iionemalinus predigen, wenn sie sich „umsehen, einen grossen Theil ihrer Zuhörer in der Unachtsamkeit, „und einen grossen Theil schlafend finden werden. „Und es ist auch kein Wunder, daß ein solches Mittel nicht alle- „mal anschlägt, Massen es so viel Kunst und Geschicklichkcit erfordert, wenn man es darin zu einiger Vollkommenheit bringen will, „als mancher nicht im Cicero findet, geschweige aus hm lernet. „Ich bitte euch daher gar sehr, diese Kunst (im Fall ihr ja unglücklicher Weise euch bereden solltet, daß ihr dieselbe besässet) sehr „selten, und mit aller möglichen Behutsamkeit zu gebrauchen :c," Es wohnet mir eine dunkle Erinnerung bey, diese Gedanken bereits anderswo gelesen zu haben. Doch dem sey wie ihm wolle; der Schriftsteller, aus dem ich sie itzt entlehne, macht folgende Anmerkung darüber. „Es ist nicht zu leugnen, sagt er, daß diese Stelle von einer gros- „sen Einsicht dieses Eottcsgclchrten in die Wirkung der geistlichen Beredsamkeit auf das menschliche Gemüth zeuget. Allein ist wohl keine „Gefahr bey seinem Rathe, daß die Leute, äum viwnt vltia, Nulli „in oontraria curiunt? Mich bedünkt, die größte Kunst würde seyn, „das Gründliche und das pathetische (wo es die Natur der Sache „erlaubt) dergestalt mit einander zu verbinden, daß dieses letztere stets „seinen Grund in der Vorstellung des ersten behielte." Sehr wohl! — Und eben diese so schwere Verbindung des Gründlichen und Pathetischen ist es, die unsern XNosheim Briefe, die neueste Litteratur betreffend. nach meinem Bcdünkcn, einen sehr grossen Vorzug vor allen französischen Predigern giebt. Allein was geht Herr Mielan- dcn das Gründliche an? Er ist ein erklärter Feind von allem, was einige Anstrengung des Verstandes erfordert, und da er alle Wissenschaften in ein artiges Geschwatze verwandelt wissen will, warum nicht auch die Theologie? Fll. Vierzehnter Brief. — Und die Sprache des Herrn IViclands? — Er verlernt seine Sprache in der Schweiß. Nicht blos das Genie derselben, und den ihr eigenthümlichen Schwung; er muß sogar eine beträchtliche Anzahl von Worten vergessen haben. Denn alle Augenblicke läßt er seinen Leser über ein französisches Wort stolpern, der sich kaum besinnen kann, ob er einen itzigcn Schriftsteller, oder einen aus dem galanten Zeitalter Christian iVciscns liefet. Licenz, visircn, Education, Disciplin, Moderation, Eleganz, Acmulation, Jalousie, Eorruption, Dcrtcrität, — und noch hundert solche Worte, die alle nicht das geringste mehr sagen, als die deutschen, erwecken auch dem einen Ekel, der nichts weniger als ein Puriste ist. Ä.inge, sagt Herr N?iclanv so gar — (Und er befiehlt, daß die Schüler von ihrem Gelde, das ihnen zu ihren übrigen Ausgaben, zu Kleidern, Linge, ot »nur Icurs momis i>Ia!sirs vom Hause gegeben wird, dem Hofmeister genaue Rechenschaft geben sollen. Sie sollen ihre Linge, fährt er fort, Bettzeug und Serviette», wie auch Löffel, Messer und Gabel mit bringen. Jeder läßt seinen silbernen Löffel und zwey zinnerne Teller dem Instituts zurück. — Es ist in der That höchst lächerlich, wenn man den Herrn IVicland solche Kleinigkeiten im voraus feststellen siehet, nnd sich erinnert, daß er kurz vorher die allcrwcscntlichstcn Puncte von der Hand gewiesen. Die Ordnung, z. E. nach welcher die verschiedenen Disciplinen mit der Jugend zu treiben sind, soll ein Kenner der Wissenschaften " für ihn bestimmen, und er kann sich selbst darüber nicht einlassen, weil er keine Znstrnction für die Lehrer I. Theil. Licrjchiilcr Brief. schreibt. Aber der silberne Löffel! — Mit dem »niß cS vor allen Dingen seine Richtigkeit haben, wenn sich das andere finden soll! Genaue Eltern, besorge ich nur, denen ein silberner Löffel keine Kleinigkeit ist, werden hierbei) etwas vermissen; Herr Wicland ncmlich hat ihnen zu sagen vergessen, was denn nun endlich das Znstitutum mit allen den silbernen Löffeln machen soll. Und das hätte er ihnen nun freylich wohl sagen müssen, und auch gar leicht sagen können; denn was ist augenscheinlicher, als daß eine Akademie zu Bildung des Verstandes und Herzens, ein A.öffelcabinet haben muß? —) Dieses noch im Vorbeygehen! — Wenn uns Herr !vic- land, statt jener französischen Wörter, so viel gute Wörter aus dem schweizerischen Dialekte gerettet hätte; er würde Dank verdienet haben. Allein es scheinet nicht, daß er sich in diesem Felde mit kritischen Augen umgesehen. Das einzige Wort entsprechen, habe ich ein oder zwcymal mit Vergnügen bey ihm gebraucht gefunden. Es ist schwer, sagt er einmal, die Lehrer zu finden, die solchen Absichten entsprechen, (rvipnnclont) Dieses entsprechen ist jtzt den Schweizern eigen, und nichts weniger als ein neugemachtes Wort. Denn Frisch führet bereits eine Stelle aus Ra>-sersbcrgcrs Postillc an, wo es hcis- sct: Zvie Getät und der i^om sollen einander entsprechen. Man muß den neuen schwcitzerischcn Schriftstellern die Gerechtigkeit wicdcrfahrcn lassen, daß sie ißt weit mehr Sorgfalt auf die Sprache wenden, als ehedem. Gcßncr und Zimmcr- mann unter andern, schreiben ungcmci» schön und richtig. Man merkt ihnen den Schweißer zwar noch an; aber doch nicht mehr, als man andern, den Meißner oder Nicdcrsachscn anmerkt. Herr IViclandcn ist es daher um so viel mehr zu verdenken, wenn nur er seine Sprache in der Schwcitz so vernachlässiget, daß ihm besonders gewisse eigenthümliche Ausdrücke gar nicht mehr bcyfallen. Ist es z. E. deutsch, wenn er sagt: Pygmalion schnilzre eine Venus aus Marmor? Die Moralischen Beobachtungen und Urtheile, aus welchen ich in meinem vorigen Briefe eine Stelle angeführt habe, verrathen ihren Geburtsort schon mehr. Sie habe» eine Menge Wörter, die man hier nicht versteht, die aber viele Leser zu Briefe, die neueste Litteratur betreffend. verstehen wünschten, weil sie wirklich etwas besonders auszudrucken scheinen; dergleichen sind hurisch," ringsinnia, *° abschätzig, °" Schik zc. Und dem ohngcachtct lassen sie sich sehr wohl lesen. Sie scheinen aus dem Beytrage einer ganzen muntern Gesellschaft entstanden zu seun. Der herrschende Ton darinn ist Garyre und Junior. Folgende Beschreibung""" eines Husaren, bey Anlaß des Lobes eines Mädchens wird Sie belustigen: „Die keusche Climene fliehet vor jungen Männern, wie ein cr- „schrockucs Küchlein vor dem erblickten Geier, und wie ein— fleucht, „wenn er auf den offenen Feldern des platten Böhmcrlandcs einen „Husaren auf ihn zufliegen steht. Welch ein Schauspiel! An seiner „Stirne steht geschrieben Mord/ und die Blicke seiner Augen sind „alle vergiftete Spicsse. Er schiesset dieselben dicht wie einen Regen „von sich aus, und tobtet damit, noch ehe er tobtet. Der Grausame „behängt die Rüstung seines Pferdes mit sieben Todtcnköpfen; drey „sind der Schrecken derer, die ihn von hinten nachzusehen das Glück „haben; und viere pochcu von vorne. Er hat sich zwischen denselben „hingesetzt, wie Thomas Kulikan aus seinen Thron; und wie Satan „von dem Herzen des Acrräthcrs Besitz genommen hat, also hat er „sich mit dreistem Stolz ans sein Pferd geschwungen. Wer darf zu „ihm sagen- Gorr griiffe dich? Alle hat er— abgenommen; ste blu- „ten noch, und mit den kostbaren Tropfen, die herunter fallen, bezeichnet er seinen Weg. Die Erde will ewig mit einigen derselben ge- „ färbet bleiben, um das Andenken dieses Zerstörers zum Abscheu zu .erhalten; andere haben die Thränen der Landcskinder ausgewaschen. „Nun eilt, nun fliegt er, und wenn er in eine Stadt kommt, so ach- „tet der Grausame sich besser gerüstet, als ciu Gesandter, der bey sei- „ncm öffcutlichcu Einzüge mit verschwenderischer Pracht auf einmal .will scheu lassen, wie groß der sey. der ihn gesendet hat. O, daß „Tausende, spricht er, nur einen Hals hätten! Warum muß ich so „viel einzelne Köpfe spalten; und mein Sabcr noch hungern, wenn „ich ihn durch den dicksten Hals geschlagen habe, wie ein Hund hun- „gcrt, dem ein Kind ein Brosamchcn ins Maul wirft! Er verschluckt „es, er empfindet nichts dabey, und heischt mit gleich unverwandten ° S. 20. °° S. 22. "° S. 144. S. 179. S. 136. > 4 /^^^-/LWAjch^ I. Theil. Finifzehntcr Brief. ,N „Augen lind hungernder Begierde die grosse Schüssel voll, die auf „dem Tische steht. Kommt, Brüder! spricht er, wenn er Mcnschcn- „ köpfe zn spalten ansrcitct, laßt uns sehen, wo wir Rüben zerhacken „können. Er trinkt Blut aus Hirnschädcln; sein Pferd tränkt er „auch damit, und wenn sein fürchterlicher Schnautzbart davon geböthet wird, so wischt er es nicht weg. Im Quartier spricht er „zum Wirthe: Gib, was du hast/ und was du nicht hast, „das gib auch, — alsdenn sterbe; und zur Wirthin: Lebe du bis „Morgen, und spreite iyt ein Dett an, für mich und dich. „Wenn ihm ein Priester begegnet, so flucht er, und denselben Tag „will er nicht auSrcitcn, denn dieser Huud (sagt er) hat mir ein Un- „glück vorbedcutet." - — Noch eine kleine Stelle will ich Zhncn daraus abschreibe», weil sie einige Beziehung auf meine vorige Briefe haben kann. Sie werden sie leicht entdecken. „Wie viele Heuchler und Kctzcr- „wacher, sagt der Verfasser, machen es gerade wie der nichlswnr- „digc Dlifil in der Historie des Fündlings, welcher blos deswegen „in der Bibel gelesen, damit Tom Ioncs Schläge kricgc! Fll. VI. Den 8. Februar 1759. Fünfzehnter Brief. Eine unangenehme Nachricht, und die ich nur erst gestern erfahren habe! Auch der Grenadier, unser Preußischer Barde, ist bey Zorndorf verwundet worden. — Minerva hatte da noch einen andern Liebling zu schlitzen! — Doch sind seine Wunden so gefährlich nicht; sie haben auf eine kurze Zeit nur den Soldaten in ihm untüchtig gemacht, aber nicht den Dichter: denn dieser hat bereits, und in einem weit ernstem Tone, als man von ihm gewohnt ist, den grossen Tag besungen. Das Gedicht gehet nur noch in der Handschrift hier unter seinen Freunden herum; und ich habe seiner noch nicht so lange habhaft werden können, es ganz für Sie abzuschreiben. Wollen Sie sich aber, bis dieses geschehen kann, mit cinigc» Fragmenten begnügen? — Es ist überschrieben: An die Muse. „Was siehest du so schüchtern nach mir her? „Scheut eine Kricgesmuse, die den Held Lesimgs Werk- vi. 3 ^-1 Briefe, dic neueste Litteratur betreffend. „So lief in seine Schlacht begleitete; „Mit ihm auf Leichen nnerschrocken gieng, „Wie Engel Gottes in Gewittern gehn; „Ihm nachzufolgen, wo er war zu seyn, „An forschen seine Thaten überall, „Von Lcich auf Leiche grosse Schritte that; „Scheut eine solche Muse Blut zn sehn? „Stimm an, verewige den grossen Tag, „?ln welchem Vater Friederich sein Volk „Errettete, durch göttlichen Gesang! „Nimm dic verwaiste Leycr von der Wand, „Und mische starken KricgcSton darein, „lind finge! Held, Soldat und Patriot „Steh um dich her, und höre, lauter Ohr! „Bewundernd Gottes Thaten, Friedrichs Muth, „Wenn er sein Vaterland zu retten geht, „lind lerne Gott und Friederich vertraun! „Denn standest dn, Berlin, nicht halb verzagt, „Als der gekrönte Rächer mir verzog, „Und Mahren uns, langsame Sieger, sah? Von diesem Zeitpunkte hebet sich die Erzchlnng des Dichters an. Er bewundert, nach einer kurzen Apostrophe des feindlichen Feldherrn, in der aufgehabcncn Belagerung von Gllmüiz, wo der gemeine Haufe nichts als ein mißlungenes Unternehmen wahrnimt, eine besondere göttliche Vorsehung. „Tu aber, guter alter Marschall! warst „In deinem Troja, Hcktor. Friedrich selbst „Gab deinem Namen Ewigkeit, und schrieb „Ein andrer Eäsar, deine Thaten an! „Toch Er, nnd Aeith nnd Moriy waren mehr, „SllS Agamcmnon, Nestor und Ulyß; „lind hätten, ohn ein nngehenreS Pferd, „Turch Mnth dich überwunden, nicht durch List, „Wofern nicht Gott der Herr gewollt, daß wir „Ablassen sollten. „Hochgelebet sey „Von unS, nnd deinem Fricderich/ o Gott! I. Theil. Fünfzehnter Brief. 35 „Daß du auf unsern ebnen Siegesweg „Ein Gllmüy stelletest, und einen Held, „Der wie ein braver Mann sich wehrcte, „In seine hohen Wall und Mauern gabst. „Denn gabst du es in unsre Hand, so war „Kein Weg vor uns, als nach dem stolzen XVien; „So hätten wir uns allzuweit entfernt, „Von unserm Vatcrlande, dessen Schutz „Wir sind, nach dir, erhabner starker Gott! „So wäre wohl der Jammer, das Geschrey „Der Weiber und der Kinder, welche wir „Zurückgelassen hatten, allzuspät „UiiS nacherschvllcn. Friedrich hätte wohl „Des Vaterlandes Ruf und Rache nicht „Zu rechter Zeit und Stunde, da gehört, „Wo umzukehren war. Darum, o Gott, „Sey ewig hochgelebt von uns und ihm! Hier folget eine sehr poetische Beschreibung der Verwüstungen, die das Rußischc Heer in den königlichen Staaten angerichtet. Ich habe mir folgendes Gleichniß daraus behalten: — — — „Langsam zog es daher, „Wie durch fruchtbares Feld in Afrika, „Giftvoller grosser Schlangen Heere zichn! „Da steht auf beyden Seiten ihres FugS „ErstorbncS GraS, da steht, so weit umher, „Als ihre Bäuche kriechen, alles todt. „Von Memel bis Riistrin stand Friedrichs Land „So da, verwüstet, öde, traurig todt! Nun fährt er fort: „Allein der Held vernahm zu rechter Zeit „In seinem HanS von Leinwand, auf der Bahn „Des Sieges, deinen bangen schwachen Ruf, „O Vaterland! zu Gott und ihm! — Und stracks „War sein Gedank allein an dich! Er gab „Dem grossem Feind ein wenig Luft, und flog, „Mit einem kleinen edeln Heldenheer „Dahin, wo sein gequältes banges Volk Z* 36 Briefe, die ncncsie Litteratur betreffend. „Nach ihm sich umsah. — — — — „Da floh er hin! „Kam an in dir, du Sitz der Musen, wo „Baumgarten Friedrichs Weisheit lehrt, hielt siill „Nor einer niedern Hütte, saß das Roß, „Das, einen solchen Hcld zn tragen, stolz, „Nicht müde von dem langen Fluge war, „Daselbst ein wenig auszuruhen, ab, „Gicng in die offne niedre Hütte, fand „Ein' arme fromme Wittwe, die zu Gott „Für den Gesalbten eben betete, „Saß neben ihr auf einen harten Sitz, „Nahm einen Wasscrtrunk aus ihrer Hand, „Stand vor der kleinen Thür der Hütte, ließ „Sein edles Hcldcnhccr vorüber ziehn, „Stieg auf, folgt ihm den Weg der Rache nach, „Sah die Ruinen der getreuen Stadt — Rüstn», dessen unglückliches Schicksal dein Könige Thränen erpreßt. — — — — „Jedoch der Bach „Der Hcldcnaugcn floß zn lange nicht. „Der Thränen Stelle nahm ein glücnd Roth „Im feurigen Gesicht; gerechter Zorn „Entstand aus königlichem Mitleid stracks. „Er wandte sich zu seinen Helden, schwur, „Sein rächend Schwcrdt zu zücken — Zugleich nimt der König von dem Walle der nnbczwungnen Beste, das Lager des Feindes in Augenschein, und fasset seinen Entschluß. „Und Tages drauf, mit Sonnen Aufgang gieng „Sein Hcldcnhccr siill über deinen Strom, „Du Oder! Flössest du so sanft, weil Gott „Es dir gebot, die Helden, die du trügst, „Richt aufzuhalten ißt auf ihrer Bahn? „Sie fingen deinem Gott ei» Morgenlicd, „lind kommen wohlbehalten über dich. „Was zittertet ihr achtzig Tausend da ^- >'Ä^s-'-'M-?.'^-'ÄM^" »^,.., I. Theil. Ziiiifichiitcr Brief. ,'!7 „Beym Anblick liiisercr von TodcSschaur? „Welch eine tiefe Stille ward? Was war „Das leisere Gcmurmcl unter euch? „Ja, ja, der Schrecken Gottes überfiel „Dich, Heer! — — — „Als du den grossen Rächer kommen sahst, „Die Blutfahn in der Hand, die er noch nie „Dem cdlcrn KricgcSfcind entgegen trug. „Da standest du betäubt, erstarret, stumm, „Die Augen weggewandt von dem, der kam :c. — „Bangigkeit und Furcht und Angst „Fiel, plötzlicher als Zentnerschwere Last, „In aller deiner grossen Helden Brust, „Und grösser stets je mehr er näher kam. „Zusammen steckend ihre Köpfe, stand „Ihr grosser Haufe; Fermor schüttelte „Sein graues Haupt dreymal; sie zitterten. „Zuletzt war ihr verzweifelnder Entschluß „Ein grosses Liercck und der Tod! Und nun scheinet unsern Barden alle die Wuth, mit welcher er in der Schlacht gestritten, aufs neue zu befallen. Er wird so schrecklich, daß seinem Leser die Haare zu Berge stehen. — Aber warum mache ich Ihre Neugierde auf eine Stelle so rege, die ich Ihnen nicht mittheilen kann? Darauf fährt er kälter fort: „So lange du, o Natcr, vor uns her „Die schreckliche Blutfahne trugst, uni? nichts „In deiner Arbeit für das Vaterland „Dein Leben achtetest, so lange floß, „Für jede Thräne deines Volkes, Blut, „So lange schlug das rächcrische Schwerd ic. Aber auch unter Dampf und Tod blieb des Dichters helleres Auge unverdunkelt. „Der Engel, der bey Lissa seinen Glanz „Um den Gesalbten glänzte, war auch itzt „Sein Schutzgeist. Näher sah ich ihn, als dort. „Er trug im schönen Engclangcsicht „Des grossen Friedrich 'Wilhelms Mine ganz. ><-?««5??!'.':> ?^ >>-^ ^-K-.'^^ ^ I W // . 38 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Endlich kömmt er auf seine eigene Verwundung; und diese Stelle ist eine von den allervorzüglichste». Hier ist sie: „Aus einem Strome schwarzen MördcrblntS „Trat ich mit scheuem Fuß auf einen Berg „Von Leichen, sahe weit um mich herum „Nun keinen zu erschlagen mehr, stand hoch „Mit hohem Hals, warf einen scharfen Blick „Durch wolkenglcichcii schwarzen Dampf der Schlacht „Nach dem Gesalbten, heftete auf ihn, „Und den Gesandten GotteS, seinen Schutz, „Die Augen und Gedanken fest. Und da, , „Da war es, Muse, (denn du wärest nicht „Wo nur erschlagen, nicht besieget ward) „Als mich ein Mörder traf, als fast zugleich „Der edle D°"°, der junge Held „lind Patriot, hinsank, den schönen Tod „Fürs Vaterland, nicht unwillkommen starb! „Ich aber ihn zu sterben noch nicht reif, „Mit dieser Wunde weggetragen ward. Hiermit schliesset der Dichter: „Sing eS, o Muse, singe Gottes Zorn „Und Friedrichs Muth. Indessen heilet sie „Geschwinder. Dein Gesang besänftige „Den Höllcnschmerz, er mache, daß dein Arm, „Der hier gebunden müßig liegen muß, „Bald wieder frey sey, für das Vaterland „Zu streiten! — — — „Soll aber er nicht wieder streiten, soll „Ich nicht den FricdcuScngel kommen sehn, „Nicht im Triumph den unbesiegten Held „Begleiten nach Berlin, nicht der Homer „DeS göttlichen Achilles werden; dann „Dann, liebe Muse, weine nur um mich „Ein kleines Lied; dann lebe wohl, o Welt, „In welcher wider einen Fricderich „Der Erden Könige verschworen sind. Mß< I. Theil. Sechzehnter Brief. !!' — Ich wcrdc Sie selten mit einem bessern Briefe unterhalten können, als dieser ist. Auch ist das Gute darin» nicht meine. Fll. Sechzehnter Brief. Ich vernehme mit Vergnügen, daß Ihnen Sie Vikliochcr' üer schönen IVisscnschafren und Ser freien Rünste° in die Hände gekommen. Lassen Sie sich in ibrcr guten Meinung von diesem kritischen Werke nichts irren. Man bat ihr Par- thcilichkcit und Tadclsucht vorgcworffcn; aber konnten sich die miltclmäßigcn Schriftsteller, welche sie kritisirt hatte, anders verantworten? Diese Herren, welche so gern jedes Gericht der Critik für eine grausame Inquisition ausschrcycn, machen sebr seltsame Forderungen. Sie behaupten, der Kunstrichtcr müsse nur die Schönheiten eines Werkes aufsuchen, und die Fehler desselben eher bemänteln, als bloß stellen. Z» zwey Fällen bin ich selbst ihrer Meinung. Einmal, wenn der Kunstrichtcr Werke von einer ausgemachten Güte vor sich hat; die besten Werke der Alten, zum Ercmpel. Zweyrens, wenn der Knnstrichter nicht sowohl gute Schriftsteller, als nur bloß gute Leser bilden will. Aber in keinem von diesen Fällen befinden sich die Verfasser der Bibliothek. Die Güte eines Werks beruhet nicht auf einzeln Schönheiten; diese einzelne Schönheiten müssen ein schönes Ganze ausmachen, oder der Kenner kann sie nicht anders, als mit einem zürnenden Mißvergnügen lesen. Nnr wenn das Ganze untadclhaft befunden wird, muß der Kunstrichter vou einer nachlhciligcn Zergliederung abstehen, und das Werk so, wie der Philosoph die Welt, betrachten. Allein wenn das Ganze keine angenehme Wirkung macht, wenn ich offenbar sehe, der Künstler hat angefangen zu arbeiten, ohne selbst zu wissen, was er machen will, alsdcnn muß man so gutherzig nicht seyn, und einer schönen Hand wegen, ein häßliches Gesicht, oder eines reihenden Fusses wegen, einen Buckel übcrscbcn. Und daß dieses, wie billig, unsere Verfasser nur sehr selten gethan haben, darin» bestehet ihre ganze Strenge. Denn einigemal haben sie es doch gethan, und mir sind sie noch lange nicht strenge genug. ° Leipzig, bcv Dvk, in gros; 8vo. bis zum '.'Mi Suiekc des 4m> B.iiidcs, 4t) Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Wenn Sie mir daher erlauben, daß ich die Bibliothek meinen Briefen gleichsam zur Basis machen darf; so bitte ich mir auch die Freyheit aus, vcrschicdnes darin anzeigen zu dürfen, womit ich so vollkommen nicht zufrieden bin. Meine Erinnerungen werden größten Theils dahinaus lauffcn, daß die Verfasser, wie gesagt, hier und da, und nicht bloß gegen Dichter, viel zu nachsehend gewesen sind. Wie wenig, z. E. erinnern sie bey des Hrn. Prof. Gottscheds nöthigem Vorrathe zur Geschickte Vcr dcurscken dramatischen- Dichtkunst;" und wie manches ist doch darinn, das man ihm nothwendig aufdecken sollte. Können Sie sich einbilden, daß der Mann, welcher die Hans Roscnblüts, die Percr Probsis und ^Hans Sachsens so wohl kennet, nur denjenigen nicht kennet, der doch bis itzt dem deutschen Theater die meiste Ehre gemacht hat; unsern Johann Wias Schlegel 5 Unter dem Zahr 1747 führt er die Theatralischen Werke desselben an, und sagt: „Hier stehen 1. Canut, „2. der Gehcimnißvollc; die Trojancrinncn; 4. des Sophokles Elcktra; 6. die stumme Schönheit; K. die lange Weile." Die beyden letzter» stehen nicht darinn, sondern machen nebst dem Lustspiele, der Triumph 0er guten Frauen, welches er gar nicht anführet, einen besondern Band, welchen der Verfasser Beyträge zu Sem Dänischen Theater benennet hat. Und wie viel andere Unterlassungssünden hat Hr. Gottsched begangen, die ihm das Lob der Bibliothek sehr streitig machen, „daß er etwas so vollständiges geliefert habe, als man sonst, „bey Sammlungen von dieser Art, von der Bemühung eines „einzigen Mannes kaum erwarten könne." — Nicht einmal die dramatischen Werke seines Mylins hat er alle gekannt; denn den Unerträglichen vermissen wir gar, und von den Aerzten muß er auch nicht gewußt haben, daß Mylius Verfasser davon gewesen. Hat er es aber gewußt, und hat er ihn nur deswegen nicht genannt, weil er sich selbst nicht zu nennen für gut befunden; warum nennt er denn den Verfasser der alten Jungfer? Ich kenne sonst — und bin gar wohl damit zufrieden, — sehr wenig von unserm dramatischen Wüste; aber auch das we- ° Zn dem erste» Stücke des dritten Bandes, S. 82. I. Theil. Siebzehnter Brief. 41 mge finde ich bey dem patriotischen K.o?rx>o^oc>ui noch lange nicht alle. So fehlen bey dem Zahre 1747 gleich zwey Stücke, der iLhe- stand, und das Lustspiel auf die Eroberung von Berg op Zoom zc. Und vor allen Dingen: warum fehlt denn Anne Dore, oder die Eincuiartirung, ein Schafcrspicl, in einem Auszüge? Dieses Mensch kennet der Herr Professor doch ganz gewiß, und es ist gar nicht dankbar, daß er ihrer wenigstens nicht bey Gelegenheit seiner Schaubühne erwähnet hat. All. VII. Den 16. Februar 1769. Siebzehnter Brief. „Niemand, sagen die Verfasser der Bibliothek," wird leugnen, „daß die deutsche Schaubühne einen grossen Theil ihrer ersten „Verbesserung dem Herrn Professor Gottsched zu danken habe." Ich bin dieser Niemand; ich leugne es gerade zu. Es wäre zu wünschen, daß sich Herr Gottsched niemals mit dem Theater vermengt hätte. Seine vermeinten Verbesserungen betreffen entweder entbehrliche Kleinigkeiten, oder sind wahre Verschlimmerungen. Als dienenden»! blühte, und so mancher den Beruf fühlte, sich um sie und die Bühne verdient zu machen, sahe es freylich mit unserer dramatischen Poesie sehr elend aus. Man kannte keine Regeln; man bekümmerte sich um keine Muster. Unsre Staats- und Melden- Aclioncn waren voller Unsinn, Bombast, Schmutz und Pöbclwitz. Unsre Lustspiele bestanden in Verkleidungen und Zaubcrcycn; und Prügel waren die witzigsten Einfälle derselben. Dieses Verderbnis; einzusehen, brauchte man eben nicht der feinste und gröstc Geist zu seyn. Auch war Herr Gottsched nicht der erste, der es einsähe; er war nur der erste, der sich Kräfte genug zutraute, ihm abzuhelfen. Und wie ging er damit zu Werke? Er verstand ein wenig Französisch lind fing an zu übersetzen; er ermunterte alles, was reimen und 0ui klonlieur verstehen konnte, gleichfalls zu übersetzen; er verfertigte, wie ein Schwcitzcrischcr Kunstlichter sagt, mit Rlei- sicr und Schecre seinen Lato; er ließ den Darius und die Austern, die lLlise und den Vock im Processe, den Aurelins und den U?l;ling, die Zbanise und den Hypocondristen, ohne ° Des dritten Vaudcs, crstcs Stuck, S, 8Z. >.' Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Kleister und Schecrc machen; er legte seinen Fluch auf das crtcmporircn; er ließ den Harlegiiin fcvcrlich vom Theater vertreiben, welches selbst die größte Harlcquinadc war, die jemals gespielt worden; kurz, er wollte nicht sowohl unser altes Theater verbessern, als der Schöpfer eines ganz neuen seyn. Und was für eines neuen? Eines Französircndcn; ohne zu unter- suchcn, ob dieses französircndc Theater der deutschen Dcnkungs- art angemessen sey, oder nicht. Er hätte aus unsern alten dramatischen Stücken, welche er vertrieb, hinlänglich abmerken können, daß wir mehr in den Geschmack der Engländer, als der Franzosen einschlagen; daß wir in unsern Trauerspielen mehr sehen und denken wollen, als uns das furchtsame französische Trauerspiel zu scheu und zu denken giebt; daß das Grosse, das Schreckliche, das Melancholische, besser auf uns wirkt als das Artige, das Zärtliche, das Verliebte; daß uns die zu grosse Einfalt mehr ermüde, als die zu grosse Verwickelung zc. Er hätte also auf dieser Spur bleiben sollen, und sie würde ihn geraden Weges auf das englische Theater gcführct haben. — Sagen Sie ja nicht, daß er anch dieses zu nutzen gesucht; wie sein Lato es beweise. Denn eben dieses, daß er den Adoisonschcn Lato für das beste Englische Trauerspiel hält, zeiget deutlich, daß er hier nur mit den Augen der Franzosen gesehen, und damals keinen Shakcspcar, keinen Johnson, keinen Deaumonr und Flckscher :c. gekannt hat, dic cr hernach aus Stolz auch nicht hat wollen kennen lernen. Wenn man die Meisterstücke des Shakespear, mit cinigcn bcschcidcncn Veränderungen, unsern Dcutschcn übersetzt hätte, ich weiß gewiß, es würde von bessern Folgen gewesen seyn, als daß man sie mit dem Corneille und Racine so bekannt gemacbt hat. Erstlich würde das Volk an jcncm weit mehr Geschmack gefunden haben, als es an diesen nicht finden kann; und zwcytcns würde jener ganz andere Köpfe unter uns erweckt haben, als man von diesen zu rühmen weiß. Denn ein Genie kann nur von einem Genie entzündet werden; und am leichtesten von so einem, das alles bloß der Natur zu danken zu babcn scheinet, und durch dic mübsamcn Vollkommenheiten dcr Kunst nicht abschrecket. l. Theil. Siebzehnter Brief. 43 Auch nach den Mustern der Alten die Sache zu entscheiden, ist Sharespcar ein weit grösserer tragischer Dichter als Corneille; obgleich dieser die Alten sehr wohl, und jener fast gar nicht gekannt hat. Corneille kömmt ihnen in der mechanische» Einrichtung, und Shakespear in dem Wesentlichen näher. Der Engländer erreicht den Zweck der Tragödie fast immer, so sonderbare und ihm eigene Wege er auch wählet; und der Franzose erreicht ihn fast niemals, ob er gleich die gebahnten Wege der Alten betritt. Nach dem Gedipus des Sophokles muß in der Welt kein Stück mehr Gewalt über unsere Leidenschaften haben, als Othello, als König L.ecr, als -Hamlet zc. Hat Corneille ein einziges Trauerspiel, das Sie nur halb so ge- rührct hätte, als die ?a>'re des Voltaire? Uud die Za)'re des Voltaire, wie weit ist sie unter dem Mohren von Venedig, dessen schwache Copic sie ist, und von welchem der ganze Charakter des Grosmans entlehnet worden? Daß aber unsre alten Stücke wirklich sehr viel Englisches gehabt haben, könnte ich Ihnen mit geringer Mühe wcitläuftig beweisen. Nur das bekannteste derselben zu nennen; Doccor Faust hat eine Menge Scenen, die nur ciu Shakcspcarschcs Genie zu denken vermögend gewesen. Und wie verliebt war Deutschland, und ist es zum Theil noch, in seinen Dockor Faust! Einer von meinen Freunden verwahret einen alten Entwurf dieses Trauerspiels, und er hat mir einen Auftritt daraus mitgetheilet, in welchem gewiß ungcmcin viel grosses liegt. Sind Sie begierig ihn zu lesen? Hier ist er! — Faust verlangt den schnellsten Geist der Hölle zu seiner Bedienung. Er macht seine Beschwörungen; cs erscheinen derselben sieben; und nun fängt sich die dritte Scene des zrve^tcn Auszugs an. ss. Band II, S. 491.1 Was sagen Sie zu dieser Scene? Sie wünschen ein deutsches Stück, das lauter solche Scenen hätte? Ich auch! Fll. Achtzehnter Brief. Sie haben gefunden, daß der zweyte Band des Meßias in der Bibliothek" mit vielem Geschmacke beurtheilet worden. ° Ersten Bandes, zweytes Stnck. S. 291. -1! Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Uebcrhaupt davon zu rcdcn, bin ich auch dieser Meinung; ob ich gleich gegen wenig Recensionen in dem ganzen Werke mehr einzuwenden hätte, als gegen diese. Der Abhandlung des Herrn Rlopstocks von 0er Nachahmung des Griechischen Sylbcnmaasses im Deutschen, hat der Kunstlichter zu wenig Gerechtigkeit wicdcrsahren lassen. Daß sie der Verfasser selbst ein blosses Fragment nennt, hätte ihn nicht verführen sollen. Sie ist in ihrer Art kein schlechteres Fragment, als noch bis izt der Mcßias selbst ist. Man sieht nur, daß noch nicht alles gesagt worden; aber was auch gesagt worden, ist vortrcflich. Nur muß man selbst über die alten Sylbenmaassc nachgedacht haben, wenn man alle die feinen Anmerkungen verstehen will, die Herr Rlopstock mehr im Vorbeygehen, als mit Vorsatz zu machen scheinet. Und so geht es, wenn ein Genie von seiner Materie voll ist, und die ticfcstcn Geheimnisse derselben kennet; wenn er davon rcdcn muß, wird er selten wissen, wo er anfangen soll; und wenn cr dcnn anfängt, so wird cr so vieles voraus setzen, daß ihn gemeine Leser dunkel, und Leser von etwas besserer Gattung supcrficicll schelten werden. Es befremdet mich also gar nicht, daß auch den Kunstrichtcr in der Bibliothek, die Gedanken des Herrn Rlopstocks nicht gänzlich überzeugt haben, und daß ihm überhaupt der prosaische Vortrag desselben nicht allzuordcntlich und angenehm vorkömmt. — Mir gefällt die Prosa unsers Dichters ungcmcin wohl; und diese Abhandlung insbesondere ist ein Muster, wie man von grammatikalischen Kleinigkeiten ohne Pedanterie schreiben soll. So gar hat der Kunstrichtcr die allerwichtigstc Erinnerung des Herrn RIopstocks gänzlich übersehen. Sie bctrift das Geheimniß des poetischen Perioden; ein Geheimniß welches uns unter andern den Schlüssel giebt, warum alle lateinische Dichter, in Anschung der Harmonie, so weit unter dem Virgil bleiben, ob gleich jeder ihrer Hexameter, vor sich betrachtet, eben so voll und wohlklingend ist, als jeder einzelne des Virgils. Indem ich dcs Hexameters und des Herrn Rlopstocks hier gedenke, fällt mir ein, Zhncn cine kleine Entdeckung mitzutheilen. Man hat gcfragt, ob Herr Rlopstock der erste sey, der I. Theil. Achtzehnter Brief. 45 deutsche Hexameter gemacht habe? Nein, heißt cs, Herr Gotisches hat schon lange vor ihm dergleichen gemacht. Und lange vor GottschcScn, setzen noch belesenere hinzu, Xicräns. — Aber auch -Heraus ist nicht der erste; sondern diesen glaube ich ein ganzes Jahrhundert früher in dem deutschen Ucbcrsctzcr dcS Rabelais" entdeckt zu haben. Es ist bekannt, wie frey dieser mit seinem Originale umgegangen, und wie viel er ihm eingeschaltet hat. Unter seine Zusätze nun gehöret auch, am Ende des zweyten Kapitels, der Anfang eines Heldengedichts in gereimten deutschen Hexametern, das, wie cs scheint, ein scherzhaftes Heldengedicht hat werden sollen. Die Hexameter sind, nach der damaligen Zeit recht sehr gut, und der Ucbcrsctzcr sagt, er führe sie deswegen hier an: //Dieweil daraus die Rünst- /,lichkeit der Teutschen Sprach in allerhand Rarmina bescheint, //und wie sie nun nach Anstellung des Herametri, oder scchs- //mäßiger Sylbenstimmung, und silbcnmäßigen Scchsschlag, z/weder den Griechen noch Larincn (die das Muß allein essen „wollten,)forchin weiche. Er fährt in scincr poßicrlichcn Sprache fort: „Wenn sie schon nicht die prosodie oder Stimmäßigung //also Abergläubig/ wie bey ihnen halten, so ist es erst billig/ //denn wie sie ihr Sprach nicht von andern haben, also wollen /,s«e auch nit nach andern traben: eine jede Sprach hat ihre //sondere angeartete Tönung/ und soll auch bleiben bey derselben Angewöhnung. Ich weis, daß Sic cs nicht ungern sehen werden, wenn ich Ihnen den Anfang selbst abschreibe. Er lautet so: Fahr sittiglich, sittiglich, halt ein mein wütiges G'mnlhc. Laß dich versichere» die kluge himmlische Güte, Daß du nit frefclich chngcfehr fährst auf hohen Sande, Und schaffest ohne Bedacht dem Wisart ewige Schande. Denn jagen zu hitziglich nach ehr und ewigem Preise, Das jaget ein ofteriiial zu sehr in spöttliche Weise. Sintemal wir Rcimcnwciß nndcrstan ein nngcpsicgtS Dinge, Daß auch die Teutsche Sprach sußiglich wie Griechische springe. Darum, weil ich befind ungcmäß die Sach meinen Sinnen, ° Die Ucl'crschmig ist 1K17 gedruckt. 46 Briefe, die ncucste Litteratur betreffend. Werd ich benötiget höhere Hnlf zu gewinnen. Dann drnmb sind sonderlich aufgebawt die himmlische Fesie, Daß allda jederzeil Hüls suchen Indische Gaste. O mühsame Musen, Tngcndsame und Mutsame Frawcn, Die täglich schawen, daß sie die Äünstlichkeit bawen, Die keine Müh niinincrmchr schewcn zn fördern diese, Sondern die Müchlichkcit iichinen für Müsiigang süsse, Wann ihr dicselbige »ach Wunsch nur frnchtwarlich endet. Drumb bitt ich inniglich, daß ihr mir Fördcrnuß sendet, Durch euer? Mächtigkeit,, damit ir Ecmiitcr erregen, Da sie ergaistert nützliches was öffcncn mögen, Zu unserem jetzigen grossen vorhabenden Werke, Von Männlicher Tugend und mehr dann Menschlicher Stärke, Des flrcitwarcn Hackenback :c. Die Fortseyung folgt künftig. VIII. Den 22. Februar 1769. Beschluß des achtzehnten Briefes. Es nennt sich nnscr deutscher Ilebcrsetzcr des Rabelais, -Hulv- rich Elloposclcros und cs ist höchst wahrscheinlich, daß Johann Flscliarr, nnter diesem Namen verborgen liegt. IZ^o^> heißt stumm, und ist ben den griechischen Dichtern das gewöhnliche Beywort der Fische, daher cs auch oft für sich allein einen Fisch bedeutet; nnd ^^o-roci-xX^cw^ folglich muß einen Mann bezeichnen, den das Looß der Fische getroffen, der von Fisckart ist. Und was kann einander ähnlicher seyn, als dieser deutsche Rabelais, und der deutsche Bienenkorb des Philipp von !Nar> nix, von welchem letzter» man cs gewiß weiß, daß ihn Fischarr übersetzt hat. Aor dem angeführten Eingänge läßt Fisckart noch eine Zueignung an die deutsche Nation vorher gehen. Sie ist in Hcra- mctern und Pcntamctcrn abgefaßt, bey welchen letztem, dieses Besondere ist, daß nicht allein Pentameter mit Pcutamcntcr, ° Bon dem angeführten D.Xo^, nehmlich, und x^^o? das Loos; so wie i3«Z>^>x>. 1,^05, ^aTixXT^o?. Noch natürlicher zwar würde man cs von i?XXo^, und crx>^tzo? Kart herleite» können, das; cs so viel hiesse, als Fischbart, znsammrngezogen Fischart. l. Theil- Beschluß des achtzehnte» Briefes. 47 sondern auch jedes Hcmistichion mit dem andern reimet. Ich bitte Sie, vornehmlich ans die letzte» acht Zeilen aufmerksam zu sehn. Tapfere meine Teutschen, redlich von Gemüt und Gcblütc, Nur ewerer Herrlichkeit ist dieses hie zubercit. Mein Zuversicht jederzeit ist, hilft mir göttliche Gute, Zu preisen in Ewigkeit, ewere Großmütigkeit. Ihr seyd von Redlichkeit, von grosser streitbarer Hände, Bcrümbt durch alle Land, immerdar ohn Widerstand: So wer cS euch allesampl fürwar ein mächtige Schande, Wird nit das Vaterland in Äünstlichkcit auch bekannt. Drnmb diesclbigc sonderlich zu forderen eben: So hab ich mich unverzagt, auf jetziges gern gewagt, lind Hof solch Reymcs Art werd euch Ergötzlichtcit geben, Sintemal ein jeder fragt, nach Newcrung die er sagt. O Harpsfcnweis Orpheus, jctzumal kompt wiedcrnmb hochc Dein artige Rcymcnweiß, zu ihrigem ersten Prciß. Denn du ein Tracier von Geburt und teutscher Sprache, Der erst solch unterweist, frembdc Völker allermeist, Dieselbige lange Zeit haben mit unserer .Künste, Allein sehr stolziglich, gcpranget unbilliglich: Jctzumal nun baß bericht, wollen wir den fälschlichen Dunste Ihn nemmcn vom Angesicht, uns nemmen znm Erbgcdicht. Das heißt wahrhaftig ein fremdes Sylbcnmaaß mit einer sehr artigen Empfehlung einführen. Die Empfehlung des Heraus ist lange so sinnreich nicht, wenn er zu seinem Helden sagt: Lehrst du die Deutschen dein Reich wie Römer verfechten, Darf ja der Tcuischcn ihr Reim römischen ähnlicher seyn. Verschiedene Jahre nach Fiscbarr hat AlffcV in seiner En- r'Mopödie wieder ein Muster von deutschen Hcramctcrn gegeben, welches ich lange Zeit für das erste gehalten. Die erste Ausgabe der Uinr'Mopädie ist von 1^20 in Quart, und in dieser findet es sich noch nicht, sondern erst in der nachhcrigen voll- ständigcrn Ausgabe in Folio. Von Allreöen aber bis auf den -Heraus habe ich des deutschen Hcramctcrs nirgends gedacht gefunden. Auch nicht einmal in den Lehrbüchern der Dichtkunst, wo doch Muster in andern lateinischen Sylbcnmaasscn, in dem Alcaischcn zum Ercmpcl vor- 48 Briete, die ncucste Litteratur betreffend. kommen. — Dergleichen Kleinigkeiten zu wissen, ist deswegen gnt, um bey gewissen Lesern dem Vorwürfe der Neuerung vorzubauen. Fll. Neunzehnter Brief. Ich komme auf unsern Messias zurück. — Der Kunstrich- tcr tadelt an dem Dichter unter andern," „daß er zuweilen „seine Wortfügungen dcrmasscn verwirre, daß sich die Beziehung „der Begriffe auf einander verliere, und sie dunkel werden müß- „ten." Er führet folgendes Beyspiel an: Fcyert! Es flamm Anbetung der grosse, der Sabbat des Bundes, Aon den Sonnen zum Throne des Richters! Die Stund ist gekommen, und setzt hinzu: „Wer diese zwey Verse ungezwungen erkläret, „orit milii mnAnus Apollo, und wann er eine natürliche Con- „struction darum eindecken kann, pl^IIicla lolus tmlioto. — Mit dem Tadel selbst kann es hier und da seine Richtigkeit haben; aber das Beyspiel ist unglücklich gewählt. Lassen Sie mich versuchen, ob ich die Phyllis verdienen kann. Die Con- struction ist diese: Aeyert! Der grosse Sabbat, der Sabbat des Bundes flamme Anbetung von den Sonnen zum Throne des Richters! Die Stunde ist gekommen! Und was ist denn hier unnatürliches? Etwa dieses, daß das Subject hinter seinem Zeitworte steht, und das Zeitwort durch das vorgesetzte LLs zum impcrsonali geworden zu seyn scheinet? Aber was ist in unserer Sprache gewöhnlicher als dieses? Hat der Kunstrichtcr nie das alte Lied gehört: iLs woll uns Gott genaoig seyn? Und hat Herr Rlopstock nicht eben so wohl sagen können: Ls flamme Anbetung der grosse Sabbat des Bundes? Die Construction ist also gerettet, und der Kunstrichtcr mache sich immer fertig, mich als scinen grossen Apollo zu verehren! Denn wem kann der Sinn nun noch zwcydeutig seyn? Eloa kömmt vom Throne Gottes herab, und ruft durch die Himmel daß itzt der Versöhner zum Tode geführct werde. Diese Stunde der Nacht, wie sie in der folgenden Zeile heißt, nennet Eloa den grossen Sabbat des Bundes, und von diesem will er, daß er durch alle Welten Anbetung flamme, verbreite. — — ° Des ersten Bandes, zweytes Stück. S, 328. - I. Theil. Neunzehnter Brief. 49 Doch ich cilc, Ihnen zu entdecken, wodurch zufälliger Weise diese Recension des Mcßias bey weitem so unterrichtend nicht geworden ist, als sie wohl hätte werden können. Zhr Verfasser hat die Originalausgabe dieses grossen Gedichts nicht gekannt, die nun schon vor vier Jahren, in der Königlichen Druckcrcy zu Koppcnhagcn" veranstaltet worden. Sie bestehet aus zwey prächtigen Bänden? aber die Pracht ist das geringste ihrer Vorzüge. Der erste Band enthält eine Abhandlung von der geistlichen Epopcc und die ersten fünf Gesänge; der zweyte enthält die fünf neuen Gesänge, und die schon crwchntc Abhandlung von der Nachahmung der griechischen Sylbcnmaassc. — War diese Ausgabe vielleicht zu kostbar, daß sich die Liebhaber in Deutschland mit dem Hallischcn Nachdrucke begnügen lassen? Oder haben die Herren Buchhändler sie vorsätzlich unterdrückt? Man sagt, daß sie cs mit gewissen Büchern thun sollen. — Was läge unterdessen daran, wenn nur das Publicum bey dem Nachdrucke nichts verloren hätte. Aber hören Sie, wie viel cs noch bis itzt verlieret. Man hat nur den zweyten Band nachgedruckt, und dcn ersten gar keiner Achtung gewürdigct. Gleichwohl cnthält cr, wie gesagt, eine besondere neue Abhandlung, und die Gesänge selbst sind an ungcmcin vielen Stcllcn vcrändcrt und verbessert worden. Veränderungen und Verbesserungen aber, die ein Dichter, wie Rlopstock, in seinen Werken macht, verdienen nicht allein angemerkt, sondern mit allem Flcisse studieret zu werden. Man studieret in ihnen die feinsten Regeln der Kunst; denn was die Mcistcr der Kunst zu beobachten für gut bcsindcn, das sindRcgcl». Sic sind itzt nicht in dcn Ilmständcn, daß Sie sclbst diese Ncrglcichung der ersten und neuern Lesarten anstellen könnten, die Sic zu cincr andern Zeit sehr angcnchm beschäftigen würde. Erlauben Sie mir also, Ihnen noch eines und das andere davon zu sagen. — Welch einen lobcnswürdigcn Fleiß hat der Dichter auf die Sprache und dcn Wohlklang verwendet. Auf allen Seiten findet man Bcyspiclc dcs bestimmtcrn Sylbcnmaaßcs, dcr rcincrn ° I»i Jahr 1755. in groß Quart, ü-slmgs Wcrkc vi, 4 H,', '>SM>WUI»,'_ /MWWÜMlW^ 60 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Wortfügung, und der Wahl des edleren Ausdrucks. Zn Ansehung der Wortfügung hat er unter andern eine Menge Par- ticipia, wo sie den Perioden zu schwerfällig, oder zu dunkel machten, aufgelöset. Z. E. wo er den Satan mit grimmigem Blicke den göttlichen Wcltbau durchirren läßt, Daß er noch durch so viele Jahrhunderte, seit der Erschaffung In der ersten von Gott ihm gegebenen Herrlichkeit glänzte heißt nunmehr die letzte Zeile In der Herrlichkeit glänzte, die ihm der Donnerer anschuf. Oder wo er sonst den Zophicl sagen ließ: — — — Verkündigt der dampfende Nebel Seine von allen Göttern so lange gewünschte Zunickkunft heißt es ihr: Seine Zunickkunft, auf welche die Götter so lange schon harrten. Und so in hundert andern Stellen, mit welchen die Feinde der Mittelwörter nun weniger unzufrieden seyn werden. — Gewisse IVorrcr hat der Dichter zu gemein befunden, und sie haben ausgesuchtem weichen müssen. Wo es vorher hieß: Wische dem Knaben die Zähre vom Antlitz oder: Wischet mit mir, wenn er stirbt, das Blut von seinem Gesichte ist bcydcmal für rvischen, trocknen gesetzt. Das Wort Behausung, welches der Dichter sonst sehr oft brauchte, hat überall seinen Abschied bekommen; und ich finde nur eine einzige Stelle, wo es stehen geblieben. Ich weis zwar in Wahrheit nicht, was Herr Rlopstock wider dieses alte ehrliche Wort haben mag; er muß aber doch etwas darwider haben, und vielleicht entdecken Sie es. Andere Veränderungen betreffen Schönheiten des Detail. Dahin gehören besonders nicht wenige besser ausgemahlte Beschreibungen; dergleichen diese, wo von den Geistern der Hölle im zweyten Gesänge gesagt wird: — — — Sie gingen und sangen Eigene Thaten, zur Schmach und unsterblichen Schande verdammet. Unterm Getöse gcspaltner (sie hatte der Donner gespalten!) Dumpfer, entheiligten Harfen, verstimmt zu Tönen des Todes Sangen fie zc. I. Theil. Nennzehnlcr Brief. 61 da es vorher bloß gchcisscn: Unterm Getöse vom Bonner gerührter entheiligter Harfen Sangen sie. Von eben der Art sind auch folgende Zeilen. Satan hört ihn voll griiiimigcr Ungeduld also reden, Wollt itzt, von den Höhen des Throns, der thürmenden Felsen Einen gegen ihn schlendern; allein die schreckliche Rechte Sank ihm zitternd im Zorne dahin — Die alte Lesart hatte: Itzt wollt er ans ihn donnern, allein die schreckliche Rechte :c. Noch hat der Dichter hier und da ganz neue Stellen eingeschaltet. Ich führe Ihnen nur eine an, die Sie gewiß sehr schön finden werden. Wenn Satan in der Hölle den Tod Zcsu beschließt, und sagt: Er soll sterben! Bald will ich von ihm den Staub der Verwesung Auf dem Wege zur Hölle, vorm Antlitz des Ewigen ausstreun. Seht den Entwurf von meiner Entschließung. So rächet sich Satan! heißt es nunmehr weiter: Satan sprach cS. Indem ging von dem Versöhner Entsetzen Gegen ihn aus. Noch war in den einsamen Gräbern der Gottinenfch. Mit dem Laute, womit der Lästerer endigte, rauschte Vor den Fuß des McßiaS ein wehendes Blatt hin. Am Blatte Hing ein sterbendes Wurmchen. Tcr Gottniensch gab ihm das Leben. Aber mit eben dem Blicke saudt' er dir, Satan, Entsetzen! Hinter dem Schritt des gesandten Gerichts versank die Hölle, Und vor ihm ward Satan zur Nacht! So schreckt ihn der Gottniensch. Und ihn sahe der Abgrnnd und blieb vor Bewundrung stille :c. Aber auch die Kunst auszustrcichen verstehet Herr Rlopsiock, und es sind manche Zeilen weggefallen, die sich seine Bewunderer nimmermehr würden haben nehmen lassen, wenn er sie ihnen nicht selbst genommen hatte. Es sind mcistcntheils Zeilen, die ein wenig in das Tändelnde fielen. So erhaben, als es z. E. seyn sollte, wenn Adramclcch sagte: Tann würg ich nicht die vernünftigen Wesen, wie Satan, nur eiiijcln; Nein zu ganzen Geschlechtern! Tic sollen vor mir sich in Staub hin Niederlegen, ohnmächtig sich krümmen, und winden und jammern, Wenn sie sich winden, und krümmen und jammern, so sollen sie sterben. 4° Briefe, die neueste Litteratur betreffend. so klein war es in der That, und der Dichter hat sehr wohl daran gethan, daß cr die beyden letztem Zeilen in eine gezogen: Tie solle» vor mir sich in Staub hin Niederlegen, ohnmächtig sich krümmen n»d winden, und sterben. Und wären doch alle seine Verkürzungen von dieser Art! Doch so muß ich Zhncn leider sagen, daß dem Herrn Rlopstock, ich weiß nicht welcher Geist der Orthodoxie, oft anstatt der Critik vorgclcuchtet hat. Aus frommen Bcdcnklichkcitcn hat cr uns so manchen Ort verstümmelt, dessen sich ein jeder poetischer Leser gegen ihn annehmen muß. Was geht es diesem an, daß einem Schwachgläubigcn die wütenden Entschlicssungcn des Adra- melcchs, zu Ende des zweyten Gesanges, anstößig gewesen sind oder seyn können? Soll cr sich deswegen die vortrcflichc Stcllc rauben lassen, wo dieser rasende Geist auch die Seele des Mc- ßias zu tödtcn sich vornimt? lind wenn der Ewige sie vor andern Seelen erwählte, Wenn er sie sich zu verherrlichen schuf: so soll er voll Jammer lim sie in einsamer Ewigkeit klagen! Drey schreckliche Nachte Soll cr um sie klagen! Wenn cr sich ins Tnnkle verhüllt hat, Soll drey schreckliche Rächte kein Seraph sein Angesicht sehen! Denn will ich durch die ganze Natur ein tiefes Geheule Hören, ein tiefes Geheule am dunkeln verfinsterten Throne, Und ein Geheul in der Seelen Gefild, ein Geheul in den Sternen Da, wo der Ewige wandelt, das will ich hören und Gott seyn! Und solche Stellen haben mehrere weichen müssen, die ich mir alle sorgfältig wieder in mein Exemplar eingetragen habe. Untcr andern ist der Charactcr des Vcrräthcrs durch die fromme Strenge des Dichters noch einmal so nnbcstimmt geworden, als cr vorher war. Er war schon anfangs sehr schielend, und nun weis man vollends nicht was man daraus machen soll. Auch sogar alle dic Wörter, die einen heidnischen Verstand haben können, die aber der Dichter, meinem Bcdünkcn nach, sattsam gchciligct hatte, sind vcrwicscn worden; was vorher Schicksal hieß, hcißt nun Vorsicht, und dic Nluse hat sich überall in eine Sängerin Sions verwandelt. Dic größte Verbesserung, wo das Genie des Dichters ohne Zweifel am wirksamsten gewesen, ist die, welche er mit der I. Theil. Vreyßigstcr Brief. Rede des Vaters im ersten Gesang vorgenommen. Es ist der Anständigkeit gemäß, daß sich Gott so kurz als möglich ausdrückt; und jene Rede verstieß wider diese Regel viel z» sehr. Gleichwohl maßte alles, was Gott da sagt, gesagt werden; und der Dichter ist nunmehr also ans das Mittel gefallen, ihn selbst nur die ersten teilen sagen, und das klebrige einen Seraph von dem Gesichte Gottes lesen zu lassen. Zch bewundere diesen Einfall als eine Veränderung, zu der ihn die Noib gebracht; an und für sich selbst aber hat er meinen Beyfall nicht. Fll. XII. 5cn 22. M5rz. 175!1. Dreyßigstcr Brief. Die Fabeln des Rabbi Vcrachsa ^anab'San," oder wie er mit seinem ganzen Namen heißt: Verach/a Zdcn-^7atronai -Hanakdan, haben ihre Aufmerksamkeit an sich gezogen, und Sie wünschen mehrere von den eigenthümlichen Erfindungen dieses Fabulistcn zu lesen. Vorher lassen Sie sich einen lustigen Fehler crzchlcn, den Herr Professor Gottsched mit diesen Fabeln gemacht hat. Weil sie ihr Verfasser Fabeln der Füchse zu ncnnen für gut befunden, so hat Herr Gottsched den schönen Einfall gehabt, sie für eine Übersetzung des Rcinebc Fuchs °° auszugeben. Hören Sie nur, was er sagt: „Die zweyte Ucbcrsetzung ist eine Hebräische, die unter dem Titel Mischlc Schualim, die Fabeln „von Füchsen jZ57 zu Mantua gedruckt worden. Der Ncrfas- „scr ist Rabbi Darachiüs Zben-N'arronKl gewesen. Nun meinet „zwar Morhof, es wären auch andere Fabeln von andern „Thieren darinnen; folglich möchte es nur ein Acsopisches Fabcl- „buch seyn. Allein im Reiner'c Fuchs kommen ja auch andere „Fabeln von Thieren vor: und warum hätte man den Fuchs „auf den Titel gesetzt, wenn seine Geschichte nicht die vornehmste „darum wäre." Hätte Herr Professor Gottsched nicht in dem Wahn gestanden, daß ein Autor auch zu derjenigen Zeit müsse gelebt haben, ° Biblicll'ck d. sch, Wifi, m Band, ilcs Sl. S. 7?. °° In der Vorrede zum Rrimtc Fuchs S> 43. -5555«^ - " >_ 54 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. wenn seine Schrift das erstemal gedruckt worden, so würde er vielleicht nachgeschlagen, und diesen Irrthum nicht begangen haben. Er würde gefunden haben, daß Ncrachi.« -Hanako«n bereits am Ende des dreizehnten, und zum Anfange des vierzehnten Jahrhunderts gelebt, und also unmöglich das Werk eines Schriftstellers aus dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, dergleichen der Rcineke Fuchs nach seinem eigenen Vorgeben ist, übersetzen können. Ferner muß der Herr Professor gar nicht wissen, wie fast alle Vüchertitcl der Rabbincn beschaffen sind. Sonst würde er von dem Titel aus das Buch mit solcher Zuversicht nicht geschlossen, noch ZNorhofcn sein entscheidendes Allein in den Tag hinein, entgegen gesetzt haben. N?orhof hatte das Buch ohne Zweifel gesehen! ""d hier, wo es gar nicht selten ist, kann es jeder zu sehen bekommen, und sich mit eigenen Augen überzeugen, daß es kein Reineke Fuchs ist. Es sind Acsopischc Fabeln, die gar keinen Zusammenhang unter sich haben, und die -Ha- nar'dan, wie er auf der letzten Seite selbst sagt, deswegen Fabeln der Füchse gcncnnct hat, weil die Füchse unter den Thieren, die ihre Rollen in der Fabel spielen, die allcrklüg- stcn wären. Es sind aber mehr neue und dem Rabbi eigene Erfindungen darunter, als Sie vielleicht aus der Nachricht, welche die Bibliothek davon ertheilet, vermuthen dürften. Hier sind einige derselben mit welchen Sie in den Sammlungen der Acsopischcn Fabeln nichts ähnliches finden werden. Von den Schwierigkeiten der Ucbcrsctzung, sind Sie bereits unterrichtet. Die XIX. Fabel. Die zwey Hirsche und der Mensch. Ein geheimnisvoller Thor wird oft für weise gehalten, und in den Rath der Verständigen gesetzt. — Zwey Hirsche standen am Ufer eines NacheS, und schienen stch einander (Lchcimnisse in die Ohren zu flistern. Ein Mensch ging auf der Hecrstrasse, und die Rcubcgicrde trieb ihn zu ihnen hin. „Warum redet ihr so leise, Freunde? fragte er. In „dieser Einsamkeit wird euch niemand belauschen." — Wir entdecken uns eben keine grossen Geheimnisse, war die Antwort. Die wichtigste Ursache warum wir hier bey einander stehen, ist die lange Weile. - >Ä 1^4 -M'?.' ^MAAWv t , ">?x'. I. Theil. Drcyßigster Brief. 66 Die XXVIII. Fabcl. Die Maus, die Sonne, die Wolke, der Wind und die Mauer. Ein Stutzer unter den Mäusen dachte bey sich selbst: Siehe! eS ist nicht gut alleine zu seyn; doch finde ich unter allen Thieren keine Frau, die mir gefällt. Ich mochte eine schöne, gütige und vornehme Frau, die mir aber nichts verzehret—Wo finde ich diese? — Wohlan! ich will die Sonne heyrathen. Was kann dieser an Glanz und Her» lichkeit gleichen? Die Sonne bringt Licht und Erquickung auf ihren Flügeln, wenn alle Bewohner der Erde in Finsterniß eingehüllet schlummern. — So eben ging die Sonne auf. Unsere Maus ward entzückt, und sprach: „ich habe dich je und je geliebt, und will dich „zu mir ziehen aus lauter Gewogenheit, (Jer. XXXI, 3.) Ich „will dich zur Frau nehmen, Sonne! — Du bist nicht klng, Maus! versetzte die lisiige Sonne. Willst du ein Licht wählen, das alle Au> genblick verlischt? Siehe! die Sonne scheinet, und gehet wieder unter. Wie oft werde ich nicht von den Wolken verdunkelt? Die Wolken, Maus! sind weit über mich. Erhebe deine Wünsche zu ihnen; so wirst dn glücklicher seyn. Die Maus eilete zu einer Wolke hin: „ich „habe mir Mühe gegeben, und dich gefunden, meine Liebe, meine „Schone, meine Braut! Komm! du sollst meine seyn; ich werde dich „nie verlassen." — Wenn du mich heyrathest, antwortete die Wolke, so mußt du flüchtig und unstät herum wandern. Mich treibet der Wind, wohin es ihm gefällt. Laß von der Magd ab und wähle dir die Frau, denn ich bin dem Winde Unterthan. — Sie suchte hierauf den Wind, und fand ihn in einer Wüste». Komm mit mir aus dieser Einöde, rief sie, komm! Ich habe dich unter allen Geschöpfen mir zur Frau erlesen. — O du bekriegst dich sehr, antwortete der Wind, wenn du mich vielleicht für mächtig hältst! Siehe! ich mag toben wie ich will, so trotzt mir eine jede gemeine Mauer, und stehet aufrecht. Die Mauer würde dich weit glücklicher machen als ich. — Sie machte endlich auch der Mauer ihren LiebcSantrag, und sagte, daß die Sonne, die Wolke und der Wind sie zu ihr schickten. — Gehe! antwortete die Mauer zornig. Wollen sie meiner spotten, weil ich mich nicht so gut bewegen kann, als sie? Sie sollten Mitleiden mit mir Elenden habe». Die Mäuse durchgrabcn meinen Grund, und machen sich allenthalben freye Durchweg«. Jctzo haben mehr als zwey hundert Mäuscgcschlcchtec in mir ihre Wohnungen aufgeschlagen und mich mit Zähneu und Füssen durch- 66 Briefe, dic »eucsie Litteratur betreffend. bohrt. Eine solche Fr.ru lassest du dir anrathcn?— Der junge Freyer sah sich in seiner stolzen Hofnnng betrogen, kehrte zu den Mäusen zurück, nahm sich eine aus seinem Geschlechte, und fand eine Gehülfin/ die um ihn war. (1 B. Mos.) Dic Fortsetzung folgt tunflig, XIII. Den 2!). März. 475!). Beschluß dcs drcyßl'gstcn Briefes. Dic XXX. Fabel. Der Ochs und der Bock. Ein Ochs erblickte einen Löwen, und floh und hörte ihn immer hinter her brüllen. Endlich verkroch er sich hinter ein Ecstränchc; dort halte sich auch ciu Bok verstell; der Ochs crbliklc ihn, und fuhr cr- schrokeu zurük. Was fürchtest du dich, Vetter? rief der Bock, wir sind ja beyde in einem Stall erzogen. Bist dus, antwortete der OchS, alles was lebt ist mir heute Löwe, so sehr hat mich der Räuber geängstigct. wer verfolgt wird/ fürchter seinen eigenen Schatten. Die XXXVI. Fabel. Der Xvolf und die Thiere. Der Canzlcr dcs Löwen, der Wolf, ward von allen Thieren ve» klagt, daß kein lebendiges Geschöpf vor seinem Näubcrzahn sicher sey. Der Unersättliche, klagten sie, macht den Wald zur Einöde, unsere Weiber zu Wittwen, und unsere Kinder zu Wayscn. Der König zür- netc, und verwies dem Wolf seine Grausamkeit mit harten Worten. Das Vergangene ist nicht mehr zu ändern, setzte er königlich hinzu; aber hinführe- hüte dich vor Gewaltthätigkeit. Begnüge dich mit den todten Thieren, die du auf dem Felde findest, und schwöre, dich zwey ganze Jahre alles Fleisches zu enthalten, für jedes lebendige Thier, das du dich zu erwürgen gelüsten lässest. Der Wolf schwur und ging zurük. — Wenig Tage nachher überfiel ihn ein gransamer Hunger, lind er sahe ein fettes Schaf anf der Wiese weiden. Da kämpften in ihm Gedanken mit Gedanken. Zwey Jahre kein Fleisch zu gemessen! — Dic Strafe ist hart! und ich habe geschworen — Doch in jedem Jahre sind drey hundert und fünf und sechzig Tage. Tag ist wenn ich sehen, und Nacht, wenn ich nicht sehen kann. So oft ich also dic Augen verschlicssc ist Nacht, und wenn ich sie wieder anschrie, so wirds Tag. — Schnell blinztc er dic Augen zu, und that sie wie- .... ......... . ^W- ^' '^M?HM^ I. Theil. Drcyßigstcr Brief. Z7 der auf; da ivard aus Abend und Morgen der erste Tag. Er zchlle zwey volle Jahre. Run, sprach er, habe ich für die Sünde zum voraus geküsst, crgrif das Schaf lind würgte cS. »Lin Räuber findet leichtlich Mittel dc» kräftigsten Eyd zu vereiteln. Die XXV. Fabel. Die Schafe, der Widder und der Löwe. Tic Schafe waren einst i» den Ställen allein, denn die Hirten hatten sich entfernt, und vergessen die Thüren hinter sich zu verschlief sen. Keines blieb in dem Stalle, denn sie gingen heraus auf dem Felde Speise zu suchen. Sie hatten sich von dem Torfe nur wenig entfernt, da kam ein Löwe aus der Wüsten hergezogen, und eilctc sie zn erreichen. Sie erblickten ihn, und riefen sich einander zu: Wenn der Löwe brüllt, wer wird sich nicht fürchten? — Kein Mittel war zur Errettung übrig. — Sie sprachen also zum Widder, der sie anführte: Gehe du dem Fürchterlichen entgegen. Berede ihn mit glatter Zunge, das; er von uns abweiche. Der Widder zog von seinem Heere ab, trat näher und schmeichelte: Heil dir, König der Thiere! Du bist immerdar willkommen, und wer dich erblickt, der segnet dir entgegen. — Ha! brüllte der Löwe, bey dir und deinen Freunden werde ich Seegen finden! Deine liebliche Reden sind vergeblich. Läßt sich ein König mit Worten abspeisen? Komm! dein Fleisch wird süffcr seyn, als dein Gruß. — Der macht sich zum Gespötte, der einen Tyrannen durch Beredsamreit zu gewinnen gedenkt. Die eXXXXII. Fabel. Der stößige Ochs und sein Herr. Ein Ochs verkannte seinen Herrn, und so oft ihn dieser vor den Pflugschar spannte, stieß er um sich mit Macht. Der Herr ward böse, und verschnitt dem Muthwilligcn die Hörner. Nun wird er gcbändi- get seyn, sagte er zu seinen Nachbarn; ich habe ihm die Macht zu schaden geraubt. — Tages darauf wollte er ihn vorspannen, und er biß ihn mit seinen mörderischen Loderjähncn. Gut, sagte der AckcrS> mann, du solst auch diese verlieren, und schlug ihm die Zähne aus. Aber der Ochs ward dadurch nicht dcmüthigcr, denn den dritten Tag, als sich der Herr ihm näherte, stieß er ihn mit der Hüfte zu Boden, und uiishandcltc ihn jämmerlich. — Das haben wir wohl gewußt, 68 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. sagten die Nachbarn, der Unbändige schadet, so lange ein Glied an ihm ganz ist. Die I.XXXXVIll. Fabel. Ein hungriger Rabe fand ein Aas auf dem Felde und freuete sich dessen sehr. Er hupfte für Freuden hin und her, schlug seine Flügel zusammen, und sang mit rauher Stimme so laut, daß der Adler in der Luft sein Geschrey hörte. Was mag dieses bedeuten, dachte der Adler- (2 D. M. c. 32, 18.) a roohl drey Fehler seyn konnten. Denn auf drey Fchlcrchcn hat er alles, was in dem vierten Briefe wider ihn erinnert worden, zu rcduciren die Gcschick- lichkcit gehabt. Wenn es nun wirklich wahr wäre, daß sein Criticus nur drey Fehler auftrcibcn können, und daß er auf diese drey Fehler die ganze Arbeit, als die elendeste Ucbcrsctzung verworfen hätte: so konnte er leicht die Grobheiten verdient haben, die ihm Bergmann zu sagen für gut befunden. Aus Achtung also gegen diejenigen von unsern Lesern, die nicht selbst Zeit oder Gelegenheit haben, sich von dem Gegentheile zu überzeugen, und deren Vertrauen wir nicht gern verscherzen wollten, müssen wir schon noch einige Seiten aufopfern. °) Daselbst steht folgendes. Bey dem Verleger wird umsonst ausgegeben: Schreiben an den Verfasser der Briefe die neueste Litteratur betreffend, von T. G. Bergmann. Weil aber der Herr Verfasser nur wenige Eremplare eingesendet hat, so werden die Liebhaber ersuchet, sich bey Zeiten zu melden. 'Ä I^'-'M'?' ^ I. Theil. Nachricht. Herr Bergmann trotzt auf den ganzen zweyten Brief seines deutschen Bolingbroke, in welchem man keinen Fehler habe zeigen können. Das ist aber daher gekommen, weil man diesen zweyten Brief nicht gelesen; denn in der That wimmelt er von Fehlern. A. E. S. 20. Higlilitliclei-s übersetzt Herr Bergmann durch Räuber. S- 24. I^ot mv oxplain vvnat I moan, Ii^ an ex»mnlv übersetzt B: lassen Sie mich erklären, was ick durch ein Beyspiel verstehe. Es sollte hcisscn: Lassen Sie mich meine Meinung durch ein Beyspiel erläutern. S. 29. I navv recoräeä tlivlo tliinFs übersetzt B: Ick habe diese Dinge überlegt. Es sollte hcisscn, aufgezeichnet. S. 33. ^K a/^??',» tt?«»??//^ t/te/« 7en/on, eitlier provo too muok, or provo notninA. Dieses übersetzt Bergmann: Ich will mir Ew. Gnaden Erlaubnis; einige wenige Paragraphen verschwenden, ihnen zu zeigen, daß solche Bekräftigungen entweder zu viel, oder zu wenig beweisen. Denn dieselben bestätigen, würde unter solchen rvitzigen Rspfen ein Gewäsche hcisscn. Ist in dem letzten Perioden ein Funken Menschenverstand? Auf eben der Seite, our gonoral cliaractors ivoro äoter- mineä absolutel^z tno^ aro0 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. nothwendig bestimmt würden :c. Bergmann aber übersetzt: IVcnn unser allgemeiner Charakter eben so nothwendig bestimmt wäre, so nothwendig er durch unsere L.cibesbeschaffenhcit uns cingeflösil ist, und wenn rvir unsere besondere Handlungen durch unmittelbare Gegenstände ausübten :c. S- IM- bliese »i«e«teci izsseueo«, a plutonift,voulä fg) ; übersetzt B: Ein Platonikcr würde sagen, diese «ngeschaf- fcne Mcsen. S- 435. Iiavv svlvl,at tliv^ uo knon' ,vell tozetlier; Übersetzt B. Sie haben selten die Gcschick'lichkeir und die nöthige Gaben, etwas aufzusetzen, was sie sehr wohl im Zusammenhange wissen. Er hätte construircn sollen / to put nell toZotlivr, vvlmt tllv^ tl» liNO^V. S- 440. Bolingbrok redet von dem, was in den ältesten Jahrbüchern aufgezeichnet worden; und sagt, daß man darin» nicht sowobl das, was wirklich aufgezeichnet zu werden verdienet, als vielmehr das, was damals den stärksten Eindruck auf die Gemüther gemacht, aufgezeichnet habe. 14>o lo,v patlaFvs tliat timo. >vli!cli tlie^ retain, iuo not t'iieli tlesorvocl mott t» duavelt >vitlt tliv Aroatol't com^lsoeiic:^ ^o. v. l. bey deren Lobe er sich so ungcmcin gern verweilte. Bergmann aber sagt gerade das Gegentheil: diese vier N7änncr, die er so bescheiden erhebt. S- 447. Lut tlns onsorv-ltio», liliv l'eveiiil otkors, />eeo»te.s « z'en/t,?^ sor oxiuniliiiiF an>l eaiupnriiiA autiioritios. Bergmann übersetzt: diese Anmerkung aber, nebst verschiedenen andern, gehört für einen verstand, der den verschiedenen Grund /. Theil. Nachricht. 6 t untersuchen, und mit einander vergleichen kann :c- Locomos a roafnn! Gehört für einen Verstand! S. 153. Bolingbroke redet von den Gottcsgclchrten, lind zwar von den rechtschaffensten unter ihnen, und sagt: Z>i o/t'toi'^ o?i metn- ^»Ii^kies, rovelation c>» nliilofajili) a»ll matters »s s-iet nie »!>- straet iva5<>»!nF. Dieses übersetzt Bergmann: wie sie sich so viel vergebliche Mühe geben können, in Vie Metaphysik, Geheimnisse; in die IVcltrvcishcit, Gffcnbarung; und in abgezogne Vernnnftschlüsse geschehene Dinge einzuführen.-- Aber wir können es unmöglich länger aushalten, unsinnigc Fehler abzuschreiben, und einem Bergmann seine Ercrcitia zu corrigircn. Man hatte ihm zugleich vorgeworfen, daß er auch nicht einmal drey Worte Lateinisch übersetzen könne, und er versetzt hierauf: Ich kann Ihnen Trorz biethen, mir noch eine lateinische Stelle zu zeigen, von der Sie mit Recht behaupten können, daß ich solche nicht verstanden hatte. Hier ist gleich noch eine, und zwar aus dem nehmlichen zweyten Briefe! Bergmann übersetzt nämlich die Worte des iLacitus: prMoinuum munus annaüum reor, nv vlitutos tlloantur, ul2 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. gedenken? — O, wahrhaftig, mein Herr Bergmann, wenn das ein guter Ucbcrsctzcr thun soll, so sind Sie der beste von der ganzen Welt! — Zweyter Theil. Vorberlcht. Beynahe wären wir gezwungen, diesen zweyten Theil eben so anzufangen, als wir den ersten beschlossen müssen. Auch der Ucbcrsctzcr des Pope hat sich durch das in dem zweyten Briefe über ihn gcäusscrtc Urtheil, beleidiget gefunden; wie man aus dem Hamburgischcn Corrcspondcntcn ersehen. Auch er legt es uns so nahe, daß wir unserm Leser und ihm, durch Anzeigung mehrerer Stellen, die er ganz falsch und wider den Sinn seines Originals übersetzt hat, ohnfehlbar verdrießlich fallen würden, wenn wir nicht eben erführen, daß ein anderer uns dieser undankbaren Mühe überhoben habe. Wir bitten ihn also, sich eine kurze Zeit zu gedulden, und den neuen Theil einer bekannten Zeitschrift abzuwarten. Zn einem kleinen Briefe, sollte er nicht höchst cckelhaft werden, hat man sich nicht tiefer mit ihm einlassen können. Genug daß das wenige von der Beschaffenheit gewesen, unparthcyische Leser mit Grunde vermuthen zu lassen, man habe noch ungleich mehr zurückbehalten. Und wäre es nicht sehr seltsam, daß wir nur mit ihm Unrecht haben sollten? Nur mit ihm! Denn er giebt uns selbst das Zeugniß, daß wir weder dem Ucbcrsctzcr des Ga>', noch des Bolingbrob'e zu viel gethan. Unterdessen ist es falsch, daß wir ihn an die Spitze der schlechten Ucbcrsctzcr stellen wollen. Wir haben leider so viel elendere, daß man ihn noch unter die guten zchlcn darf, wenn man cin Augc zumachcn will. Was er übrigens von unanständigen Absichten sagt, davon möchten wir wohl nähere Erklärung zu haben wünschen. Die Verfasser dieser Briefe sind sich weiter keiner Absicht bewußt, als der Absicht, ihre Meinung zu sagen. Das Recht dazu, haben sie mit allen Schriftstellern gemein. Trennungen können sie wenigstens unter unsern besten Röpfen nicht verursachen wollen. Denn unsere besten Röpfe sind noch nie einig gewesen. II. Theil. Lorbericht. Aber genug hiervon. — Wir haben einem ungenannten Freunde noch für eine kleine Erinnerung zu danken, die er uns wegen des achtzehnten Briefes machen wollen, in welchem der Ucbcrsctzcr des Rabelais für den ersten Vcrfcrtigcr deutscher Hexameter ausgegeben worden. „Das kömmt daraus, schreibt „dieser Freund, wenn man die Eottschcdischc Schriften nicht „besser gelesen hat! Schlagen Sie des Herrn Gottscheds Sprach- „kunst (S. (,28) nach, so werden Sie finden, daß ConraO „Gcßner noch vor ihrem Fischarc deutsche Hexameter gemacht „hat. zc. — Hierauf antworte» wir, daß uns diese Anmerkung des Herrn Gottscheds nicht unbekannt gewesen, daß wir uns aber nicht überwinden können, sechsfüßige Verse die ausser dem einzigen fünften Fusse aus lauter Svondäcn bestehen, für wahre Hexameter zu halten. Ein einziger solcher Vers ist zwar zur Noth ein Hexameter; aber lauter solche Acrsc sind keine. XIV. Den Z. April. 1759. Ein und drcyßigster Brief. Sie werden den Verdruß, den Ihnen der deutsche Theor'rit* gemacht hat, sobald nicht vergessen? — Auch nicht, wenn ich Zhncn eine bessere Ucbcrsctzung ankündigte? Zwar nicht vom Theokrit; denn noch wird man sich hoffentlich eine Zeitlang vor einem Ufer scheuen, an welchem so schimpflich gescheitert worden. Aber doch auch eines dorischen Dichters. Und was meinten Sie zu einem deutschen Pindar? Ich mache Zhncn keine vergebene Freude. Pindar hat wirklich in der Schweiß einen jungen kühnen Geist erweckt, der uns mit den Begeisterungen des thcbaischcn Sängers bekannter machen will. Die Sache hat grosse Schwierigkeiten; und es ist nncndlich leichter über den ganzen Pindar einen gelehrten Com- mcntar zu schreiben, als eine einzige Ode schön zu übersetzen. Doch der junge Schweizer denkt mit seinem Dichter: — — O ^l.x^>«? (5« xtvcki->- vo? «vcxXxlv o^) lpw- ^«^i^on'xl — ° Biblisch, d. sch. W> II. Bandes 2tcs St. S. 360. «Ii Briefe, die ncncstc Litteratur betreffend. lind der Versuch, den cr gemacht hat, ist sehr wohl ausgefallen. Ei» Freund hat mir ihn mitgetheilet. Und was gut ist, muß man mittheilen; ich theile ihn also auch Ihnen mit. Ich weis, Sie erwarten nicht, daß die Ncbcrsctzung in Versen seyn werde. Der einzige Deutsche, wollte ich fast sagen, hat die Freyheit, seine Prosa so poetisch zu machen, als es ihm beliebt, und da cr in dieser poetischen Prosc am trcucstcn seyn kann, warum soll cr sich das Zoch des Sylbcnmaasscs auflegen, wo cr cs nicht seyn könnte? Es ist aber auch keine wörtliche Ucbcrsctzung, denn Corolcy sagt: „Wcnn jemand den Pindar von Wort zu Wort übcr- „sctzcn wollte, so würde man glauben, ein Rasender habe den „anOern übersetzt. Doch Sie sollen selbst urthcilcn. Es ist die crstc, die vierte und die cilftc der Olympischen Oden. Die erste, wcis ich, kennen Sie gewiß. Wer sollte auch nicht so neugierig gewesen seyn, wenigstens die crstc Odc dcs Pindars zu lcscn, wcnn sie ihm auch noch so viel Mühe gekostet? — Der Olympischen Oden des pindars erste. An den Hiero, König von Syracus. ° t. Strophe. Der Elemente bestes ist Wasser, und wie die lodernde Flamme zur Rächt, also glänzet hoch unterm stolzen Reichthum das Gold. Aber willst du Siege crzchlcn, o suche mein Geist, wie in des Ac- thcrs Wüsten am Tage kein erwärmender Gestirn, als die Sonne, so auch keine herrlichern Kampfe, als die Olympischen zn singen. Sie begeistern die Weisen zu jenen prächtigen Hymnen, die sie dem Sohne Saturns, in Hicrons reichem, glückseligen Pallaste versammelt, weihen. 4. Antistropye. Er ist cs, der in dem hccrdenrcichcii Sicilien den Scepter dcs Rechts trägt; cr brach sich von jeder erhabenen Tugend die Blume, und glänzt in der Blüthe der Harmonie, die wir Dichter öfters um die freundschaftliche Tafel spielen. Wohlan denn! Greif von der Wand herab, Muse, die dorische Lilhcr! wenn Pisas und Phcrcni- ° Als cr in den Olympischen Spiele» mit dem Ncmipfcrdc den Preis erhielt. II. Theil. Ein und dreißigster Brief. kns° Ruhm deine Brust in süsscr (5ntzückuiig dahin reißt; wie er neben den Wellen des AlpheuS " flog; wie seine ungespornte» Flanken hoch daher schwebten; wie er ihn in den Schooß des Triumphs trug, seinen Herrn, SyracuscnS König, die Lust der Rennbahn. t. Epodos. Ihm strahlet sein Ruhm in der hcldcnvcllcn Pflanzstadt des Ly- dischen PclopS, °°° den ehemals der gewaltige Erdumfasscr Neptun liebte, !/ nachdem Klotho ihn, die Schulter von blendendem Helfen!'«» leucht tcud, aus dem heilenden örztc hob. — Also füllen Wunder den Erdkreis, und Fabeln mit künstlichen Lügen verbrämt, siegen der Wahr- heit zum Trutz. 2. Strophe. Die Dichtkunst, deren Neitz über alles Honig gicsset, leihet ihnen ein ehrwürdiges Ansehe», und macht, daß öfters ein Mährchen geglaubt wird. Doch wird für die Wahrheit die enthüllende Zukunft zeugen! — Wer es wagt, von Göttern zu reden, der thu eS mit Ehrfurcht, und seine Schuld ist geringer! — So will ich jetzt von dir, Sohn des TantaluS, sagen, was vor mir kciu Dichter nie sprach: Wie, als dein Nater in sein geliebtes Sipylnm, zu einem heiligen Eastmale lud, wo wechselseitig die Unsterblichen assen, der erlauchte Dreyzackführende (Lott die Macht der Liebe fühlte, ° Pisa, der >Namc der Stadt, ohnfcr» welcher die Olympischen Spiele gehalten wurden. Phcrcnirus hieß das Rennpferd, auf welchen. Hier» den Preis erhielt. °° Der Name des Flusses, neben welchem die Ncnnbahn war. <-»» Er verstehet den Theil von Griechenland, welcher nach dem Pelops, Pcloponncsus gcimntt ward. Und diese einzige Erwcbnung des Pclops veranlasset die ganze folgende wcitlaustlgc Ausschweifung zum Lobe dieses Helden. ^- Die Fabel crzehlt von dem Tantalus, des Pelops Vater, die Götter hatten ihn so scbr geliebt, daß sie ihn mit an ihre Tafel gezogen. Einst als Tantalus die Götter wieder bewirthe» wollen, habe er seinen Sohn, den Pclops, geschlachtet, und ih« denselben vorgesetzt. Keiner von den Götter» aber habe davon gekostet, ausser Leres die ein wenig zu heißhungrig, ei» Stück von der Schulter verzehret babe. Die Götter hätten hierauf die übrigen Stücke i» eine» reinen Aessel geworfen, und den Pelops lebendig wieder bcraus gezogen, nachdem sie ihm eine bclfcnbcincrnc Schulter, anstatt der verspeisten, gegeben. Dieser reine Ressel (xc-A-«^? ist es/ welchen unser Ucbcrsetzcr, zwar schön, aber etwas zu undeutlich das heilende Erz nennt. L-i'Imgs Werft VI. 5 s>K S'ricfc, die neueste Litteratur betreffend. 2. Antistrophe. Und dich auf güldenen Rossen zu des weit angebeteten Zcvs hohem Pallaste trug, wo nicht lange zuvor auch Ganymcdes hin zum Jupiter gckcinmen war. Da aber du verschwunden, und dich der Mutter kein spähender Kundschafter wiederbrachte, streute ein benachbarter Fürst neidisch das Gcnicht aus, deine Elicdmasscn hatten, mit dem Schwcrdc zertheilt, und beym flammenden Feuer gesotten, den Gottern zur Speise gedienet. 2. Epodos. Aber der Seligen einen unmäßig zu nennen, ist Unsinn! Ich zittere! — Denn schon oft hat die Rache den Lästerer ergriffen. ° Ward je ein Sterblicher von des Olympus Bewohnern gcehrct, so war es TantaluS. Wiewohl der Grösse eines so erhabenen Glückes zu schwach, bracht ihm sein Ucbcrmuth einen unbesiegbaren Jammer; einen drohenden Felsen, den der Vater der Götter über ihn aufhing. Ewig bemüht, ihn von seiner Scheitel zu wälzen, irrt von ihm jede Freude weg. ?. Strophe. Also lebt er, mit drey andern Genossen seiner Quaal, sein hülf- loseS Lebe» durch, der Unglückselige! Er entwandte den Himmlischen, was die Unsicrblichcn nähret, Nektar und Ambrosia, und gab sie sterblichen Gasten. So bctricgt der Mensch sich selber, der seiner Thaten eine, der Gottheit zu verbergen hoft. Und des väterlichen Verbrechens wegen, sandten die Unsterblichen den PelopS zum schnellhinwan- delndcn Volke der Menschen wieder zurück. Aber da in vvllblühcnder Jugend das zarte Milchhaar seine bräunliche Wangen deckte, sehnte sein liebendes Herz sich, nach der Tochter des Herrschers zu Pisa, 3. Antistrophe. Der erlauchten Hippodamia. Einsam ging er im Dunkeln zum schänmcndcn Meer hin, und flehte dem gcwaltigbrausendcn König der Wasser. Er erschien ihm; da sprach er: „Wenn dein Herz, o Ncp- „tun, gegen die reizenden Gaben der Venus nicht fühlloS ist," o so ° Daß Pindar liier auf den Taiitalus kömmt, ist kein »euer Sprung. Eondcrn es dienet, um die Ursache anzugeben, warum Pelops gleichwohl wieder aus dem Himmel zurückgeschickt worden. °° Wer bcv dem Scnoniaus, um dessen Tochter Hippodamia anhielt, mußte sich gefallen lassen, ein Wettrennen zu Wagen, mit ihr einzugehen. Der II. Theil, ein und dreyfiigsicr Brief. 67 „hemme des OcnomauS eherne Lanze, bringe mich ans den schnellsten „deiner Wagen nach Elis, und gcwehrc mir den Sieg. Zwar fielen „schon drcyzchn der liebenden Jünglinge vor dem Speere des Tyrannen, und immer verschiebt er die Vermählung der Tochter. 3. Epodos. „Aber nur der Feige flicht grosse Gefahren; und da uns einmal „das Verhängnis; in das Grab ruft, warum sollte im Finstern, von „jeder schonen That fern, ein namcnloscS Leben uns verzehren? „Nein, diese Bahn lauf ich; du aber verleih einen glücklichen AuS- „gang! — l?r sprachs, und seine Bitte rührte den Gott, und sciucn Muth zu erhöhen, schenkte er ihm einen goldnen Wagen, und müdc- loS fliegende Pferde, womit er dem OcnomauS Sieg und Tochter raubte. 4. Strophe. Sie aber gebahr ihm sechs Führer der Völker, Söhne, die sich der Tugend weihten. Itzt ruht er, von herrlichen Opfern geehrt, am llfcr des Alphens; Kämpfe »mgcbcn das Grabmahl, und Schaarcn von Fremden ehren seinen Altar. Weit glänzt von da die Pracht der Olympischen Spiele, und seine Rennbahn, wo die Behendigkeit der Füsse, und die hoher Arbeit sich erkühnende Stärke kämpfet. Wer überwindet, der lebt sein übriges Leben iu honigtcr Heiterkeit hin, denn er besitzet den Preis. 4. Antistrophe. Der menschlichen Güter höchstes ist, was uns mit jedem kommenden Tage bcglükt: und einen solchen ° soll itzt, so wollen cS PisaS Gesetze, mein Acoli>'chcs Lied krönen. Unter den Sterblichen ist keiner des Lobes labyriuthischcr Hymnen würdiger; keiner übcrtrift ihn an Adel der Seele, oder an herschender Macht. Eine schützende Gottheit ists, o Hicron. welche mit zärtlicher Sorge wacht, deine Wünsche zu erfüllen. Und entsteht sie nicht, c> so will ich bald, das hoffe ich, deinen siegenden Wagen Vater versprach sie dem, der sic, oder vielmehr den Mvrlilus, welcher sie allczcit führte, cinbohlc» würde. Wenn aber der Bater, der ihnen auf sciimi, Wagcn nachfolgte, sahe, daß der Freyer sie nun bald einhole» mochte, tödlctc er ihn mit seinem Wnrfspicssc. ° Den Hicro nehmlich, auf welchen er nunmehr wieder zurück kommt. 5" Briefe, die neueste Litteratur betreffend. 4. Epodos. Harmonischer tönen; ich will ans ChronionS" sonnigtcm Hügel stehen, und mein Lob soll einen nie betretenen Pfad wandeln. Schon nistet mir darauf die mächtige Mnse den gewaltigsten Pfeil. Der Mensch steigt in mannigfaltigen Stuffcn empor; aber obenan stehen die Throne. Blicke nicht weiter hinaus! Auf dieser Höhe sey dir vergönnt, deine Tage zu vollenden, und mir, an der Seite solcher Sieger zn seyn, unter den Griechen überall bekannt, durch mciiie Weisheit! Die Fortsetzung künftig. XV. Den 12. April. 1769. Beschluß des ein und drcyßigsten Briefes. Der Olympischen Oden des pindars vierte. An den Psaumis, von Kamarina. °° Strophe. Schwinger des rastlos fliegenden Donners, ZevS, Höchster! — Denn mich haben deine zirkelnden Stunden mit dem mannigfaltigen Liede der Cithcr, zum Zeugen deiner erhabensten Kämpfe gesandt; und der süsscn Bothschaft vom Glücke der Freunde freuen sich Seele. — Ja, Sohn des SaturnuS, der du den Aetna beherrschest, diese stürmische Last des gewaltigen hnndcrtköpfigen Typhons, °°° empfange den Grazien zu Liebe, vom Sieg Olympiens meinen Gesang, Antistrophc, Dieses ewig dauernde Licht herrlicher Thaten! Denn er kömmt mein Gesang, hoch auf dem Wagen des Psanmis, der mit Pisas Oclzwcig nmkräuzt, daher zu Kamarinas Triumph eilet. — Also höre die Gottheit auch die übrigen seiner Wünsche! — Denn Er, den ich lobe, nähret dem Alphcus glänzende Pferde; Mengen der Wanderer nimmt freudig sein Haus auf, und rein liebt des Patrioten Seele ° Ein Berg in der Gegend, wo die Olpmpischc Spiele gehalten wurden. Er hatte von dem Satiirnus scincn Namen, weil dieser mit dem Jupiter um die Herrschaft des Himmels auf ihm gekämpft. °° Als er auf dem vierspännigen Wagen den Preis erhielt. Kamarina war eine Stadt in Sicilicn. Der Dichter weihet dem Jupiter seinen Gesang, weil diesem die Olvmpischcn Spiele heilig waren, deren alle vier Jahre wiederkommende Zeit er die zirkelnden Stunden des Zcvs nennet. °°° Jupiter donnerte diesen Riesen, der den Himmel mit erstürmen wollte, zn Boden, nnd wälzte den Aetna über ihn. II. Theil. und drcyßigster tvrief. «>u die Ruhe des Staats. — Keine Dichtung färbe mein Lob! Die Erfahrung isis, die Sterbliche richtet.* tLpodos. Sie entriß den Sohn des KlymcnuS dem Höhne der Töchter LcmnoS. — In ehernen Waffen lief er, und siegte; da sprach er, als er zur Krone ging- „Der bin ich, Königin! Dieser Geschwindigkeit „gleichen An» und Herz. Aber auch jungen Helden entsprossen oft „graue Haare, und eilen ihrem Alter zu schnell vor. Der Olympischen den des pindars eilfrc. An den AgcstdaiuuS, den Locricr. °° Strophe. Räch Winden schmachtet der Schiffer oft, und der Landniann »ach Rege», de» himmcllräufcliide» Söhnen der Wolken. - Aber wen, Heldenarbcit gelang, dem sind honigtricfcnde Hymnen Quellen des Nachruhms, und ein Pfand der Unsterblichkeit erhabener Thaten. Antistrophe. Unerreichbar dem Neid ist dieses Lob OlynipicnS Siegern geweiht; und gern breitet cS mci» williger Mund aus! Aber durch Gott blühen in der dichterische» Brust stets weise Gedanke». — Also soll itzt, — vernimm cS, Svh» des ArchestratS; den» deine Faust überwand! — ° Und diese Wahrheit erläutert er durch das folgende Bcvspiel. Ergi- »us, der Sobn des KlvmcnuS, war einer von den Argonauten; und als diese aus 8em»vs landeten, traf es sich, daß gleich die Königin Hvpsipvla, zum Andenken ihres verstorbene» Balcrs, Rillcrspiclc ballen ließ. Als nun die Argonanlcn dazu eingeladen wurden, machte sich Erginus unter die bewaffneten Vvcttrenncr; und weil er bereits graue Haare batlc, ob er gleich so alt noch nicht war, lachten die Lcmnischcn Zuschauerinnen über sein kühnes Unterfangen, Unterdes; lief er doch, kam selbst dem Calais »nd Zctcs, den Söhnen des Borcas, znvor, nnd erhielt zum grossen Erstaune» derer, die vorhin über ihn gelacht hatten, den Preis. — — Ob es nöthig scv, mit den Auslegern des Pindars, diesem Bcvspiclc zu Folge anzuncb- mcn, daß auch Psaumis, an den diese Ode gerichtet, in seinen junge» Jahren bereits graue Haare gehabt, weis ich eben nicht. °° Diese Ode ist bey dem Pindar, als eine Zulage gleichsam zu der vorhergehenden zehnte» Ode, an eben diese» Agcsidamus, anzusehen, dessen Sieg zu besinge» der Dichter gleich anfangs versprochen balle. Weil ihn, aber dieses verspreche» entfallen war, und er es erst eine ziemliche Zeit nachher, mit der gedachten zchnlc» Ode crsülltc, so schrieb er diese eilftc »och obc» darci», und nennte sie auch selbst?c>^, die Zinse. 70 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. tLpodos. Meine tonvollc Leyer den Kranz dcS goldncn OclzweigcS singen, der deine Scheitel schmückt, und die angestammte Tugend der westlichen Locrier. Vasclbst, ihr Musen, führet festlich den Tanz auf! — Richt ein unwirthl'arcS Volk, euch schwör ichs, besucht ihr, »och ungeübt im Gefühle des Schönen: sondern ein Volk, tiefsinniger Weisheit und kriegerischen Muths voll. — Denn Sitten, die die Natur gab, wandelt weder der feurige Fuchs, noch der mächtig brüllende Löwe. Fll. Zwey und dreißigster Brief. Sie erinnern sich doch, daß vor einigen Jahren in dem un- tcrirdischcn Hcrkulano eine kleine Bibliothek gefunden ward? Einem Gelehrten in Neapolis ist es gelungen, eine von den griechischen Handschriften derselben zu entwickeln, und das Glück hat gewollt, daß es die LpwT-oir-x^vl-x des Alciphrons seyn müssen. Der Herr von Q *° der sich itzt in Neapolis aufhält, hat Gelegenheit gehabt, ein Stück daraus abzuschreiben, und hat es nach Deutschland geschickt. Hier ist es einem von unsern besten Dichtern in die Hände gefallen, der es so vortrcf- lich gefunden, daß er folgende Ucbcrsctzung davon gemacht. Es ist das achtzehnte Erotopaignion in der Ordnung, und überschrieben: „Die Grazien. „Als an einem FrühliugSabende sich die drey Grazien neben einem „Walde in acidalischcn Luiellcn belustigten, vcrlchr sich plötzlich Aglaja, „die Schönste der Grazien. Wie crschrackcn die Töchter der Anmuth, „als sie Aglajcn vermißten! Wie liefen sie durch die Bäume und such- „tcn und riefen: „So ängstlich bebt auf Manethuser Saiten „Ter zärtsie Silbcrton. „Aglaja! — rief der Silbcrton. „Aglaja! — half der Nachhall sanft verbreiten. „Umsonst! Aglaja war cntslohn. „Ach, pan schlich längst ihr nack! Der Frevler hat sie schon! „Ach, Acidalia! blick her von deinem Thron! „Soll sie nach langen Ewigkeiten, ,/Nur iyt nicht langer uns begleiten? 54^. II. Theil. Zwey lind dreißigster Brief. 71 „Zwo Grazie» sind aller 5velt zum Hohn; „Und ach! die dritte hat er schon'. — „So klagten sie. Umsonst! Aglaja war cnlsioh». „Nun schlichen sie an den Wuschen herum, und schlugen leise an die „Blätter und flohen nach jedem Schlage furchtsam zurück. „Den» stellte» sie sich gleich, den Räuber auszuspähu, „So zitterten sie doch für Furcht, ihn nur zu sehn. „Endlich kamen sie a» ei» Roscngcbüschc, das meine Chloe versteckte — „und mich. Chloe saß vor mir, ich hinter Chloe». „Itzt bog ich schlau an ihrem Hals mich langsam über, „Und stahl ihr schnell ei» Mäulchc» ab; „Jtzt bog sie «»vermerkt dc» Hals zu mir herüber, „Und jedes »ahm den Kuß auf halbe». Weg sich ab, „Demi jedes »ahm und jedes gab. „I» diesem Spiele überraschte» u»S die Grazien, und sie lachte» la»t, „da sie uns küsse» sahe», und hüpfte» fröhlich z» u»s herbey. Da „ist Aglaja! — riefe» sie. Die Schalkhafte! — D» küssest, da wir „»»ruhig herumirrc», und dich nicht finde» könne»? — Und itzt liefe» „sie mit meiner Chloe davon. „Was? rief ich, lose Räuberinnc»! „Wie sollte sie Aglaja seyn? „Ihr irrt euch sehr, ihr Huldgöttinne»! „Für Grazie» ist das nicht fei»! „(Lebt Chloe» mir zurück! Bctrogne, sie ist mein! „Doch die Grazien hörte» mich »icht, und liefen mit mci»cr Chloe da- „von. Zornig wollte ich ihnen nacheilen, als plötzlich Aglaja hinter „einer Buche hervortrat, u»d mir winkte, und freundlich lächelnd also „zu mir sprach: „Wärmn willst d» zu Chloe» eile»? „Beglückter Sterblicher, Aglaja liebet dich. „Küß itzt ciiimal statt Chloe» mich; „Wüttsch nicht dci» Mädchen zu ereile»: „Ich, eine Götti», licbe dich. „Schüchtern sah ich die Hnldgöiti» an. „Auf ihre» Waiigcn sprach Entzücken, „Und Jugend und Gefühl aus dc» verschämte» Blicke». „Gefährliche Ncizuugc»! — Abcr mit drcistcr Hand ergriff ich die - ' 72 Briefe, die nencste Litteratur betreffend. „Hiildaöllin, führte sie zu ihren Schwestern, lind sprach: Hier ist „Aglaja, ihr vrajicn — „O Lhloe, mcine Lust, mein k.im^ y?6 s»-zIÄ „Meine Haarflechten von grünem Scidclein, ihr werdet nicht mehr „suukelu im Sonnenschein. 8. „Mein Haarlcin, mein gelbes Haarlcin, du wirst nicht mehr her- „ umflattern vom Wehe» des Windes. 9. „Ich werde besuchen mein Mütterlein, nicht mit einem Kranze, „sondern gchanbct. 10, „O mein feines Häubcleiu! Du wirst noch schallen vom Winde geblasen, 41. „Mein ausgenehteS und buntes Arbcitlein, ihr werdet noch schim- „meru bey der heisseu Sonuen. 12. „Meine Haarflechtlein von grüncui Seidelcin, ihr werdet an der „Wand hangen und mir Thränen machen. 13. „Ihr meine Ringelein, ihr güldenen, ihr werdet im Kasten liegen „und rosten! Zweyte Daina. Eine Tochter hatte ihren Geliebten begleitet. 1. „Früh Morgens im Morgclcin ging das Sonnlein auf, und uu „tcr de» GlaSfcnstcrlcin saß das Mütterlein. c> „Ich wollte dich fragen, Tochterlein, wo bist du herumgegangen? ..Und wo hat dein Kränzelein das Rcbclciii befallen? n. Theil. Sechs und dreißigster Brief. 77 3. „Früh, im frühen Morgclein, ging ich nach Wasscrlcin, i»id da „hat mein Kranzelcin das Rcbclein befallen. 4. „Das ist nicht wahr, Töchterlcin, das stnd keine wahren Wörte- „lcin! Gewiß, du hast dein Knechtlcin über Feld begleitet. 6. „Ja, das ist wahr, Müttcrlcin, das sind wahre Wörtelcin: Ich „hab mit meinem Kncchtclein ein Wörtlcin geredet. Die häuffigcn Diminutiva, und die vielen Sclbstlautcr, mit den Buchstaben l, r und t untermengt, sagt Ruhig, machen die Sprache in diesen Liedern ungcmcin lieblich. Der fromme Mann entschuldiget sich, daß er dergleichen Eitelkeiten anführe; bey mir hätte er sich entschuldigen mögen, daß cr ihrer nicht mehrere angeführt. Zll. XVII. Den 26. April 1769. Sechs und dreyßigster Brief. Bald werden wir einen von unsern besten alten Dichtern, wieder unter uns aufleben sehen. Zwey hiesige Gelehrte, arbeiten an einer neuen Ausgabe des L.ogau. — Es kann leicht seyn, daß ich Ihnen hier einen ganz unbekannten Mann nenne. Dieser Zcitverwandtc, und Landsmann des grossen Gpiiz, ist, wie es scheinet, nie nach Verdienst geschätzt worden; und noch ein halbes Jahrhundert hin, so wäre es vielleicht ganz um ihn geschehen gewesen. Kaum, daß unsere neuen Kunstrichtcr und Lehrer der Poesie seinen Namen noch anführen; weiter führen sie auch nichts von ihm an. Wie viel vortrcflichc Beyspiele aber hätten sie nicht aus ihm entlehnen können! Und würden sie es wohl unterlassen haben, wenn sie dergleichen bey ihm zu finden geglaubt hätten? Sie hatten ihn also nie gelesen; sie wußten nicht, was an ihm war; und es wird sie ohne Zweifel befremden, wenn sie nun bald einen von uuscru größten Dichtern in ihm werden erkennen müssen. Es ist nur zu bedauern, daß sich Ä.ogau bloß auf eine, und noch dazu gleich auf die kleinste Dichtungsart eingeschränkt hatl Denn cr ist wenig mehr als Epigrammatist. Doch in 7« Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Anschling der Mcngc von Sinngedichten, der erste unter allen; nnd einer von den ersten, in Ansehung der Giitc derselben. Er hat deren im Zahr 4654 einen Wand von nur drey tausend drucken lassen, und mehr als ein halbes Tausend zugegeben. Nun setzen Sie — und für diese Berechnung kann ich allenfalls stehen, — daß ein Ncunthcil davon vortrcflich, ein Ncun- thcil gut, und noch ein Ncunthcil erträglich ist; und sagen Sie mir, ob er unter den guten Sinndichtcrn nicht wcnigstcns dcr Unerschöpfliche gcncnnt zu wcrdcn vcrdicnet? Abcr wie vortrcflich, wcrdcn Sic fragen, sind denn die Stücke aus dem guten Ncunthcil? — Einige Ercmvcl wcrdcn es zcigcn. Ich will abcr dcm ehrlichen Ä.ogau nichts vergeben wissen, wenn ich allenfalls nicht die besten Exempel wehten sollte. A.ogan lcbte in der unglücklichen Zeit des dreyßigjährigcn Krieges. Was Wunder also, wenn ein grosser Thcil scincr Sinngedichte den Krieg, und die schrecklichen Folgen dcssclbcn zum Inhalte hat? Hier schrieb dcr Dichter aus dcr Fülle scincs Hcrzcns, und cs gclang ihm immer vortrcflich. Schcn Sie nur! Der »erfochtene Rricg. s.s. Band V, S. 432.^ Des Rricges Raubsuchr. sS. 420.j Rricg und -Hunger. sS. 444.^ Eine -Heldenthat. sS. 442.^ Vereinigung zwischen Jupiter und NIars. sS. 437.) Verzeihen Sie, Dichter und Soldat, cs immer dcm un- soldatischcn Dichter, wenn er etwa die schlimme Seite des Krieges und dcr Kricgcr allzusehr übertrieben hätte. Seine Uebertreibungen sind ja so witzig! — Abcr so witzig Ä.ogau ist, so zärtlich, so fein, so naif, so galant kann cr auch scyn! Frage. ss. Band V, S. 488.^ Ueber das Fieber einer fürstlichen Person. sS. 440.^ Grabschrift eines lieben LLHegcnosscn. sS. 440.^ iLin junges Mädchen, nnd ein alter Greis. sS. 480.^ Und was kann anakrcontischcr scyn, als folgende allerliebste Tändclcycn? von einer Diene, ss. Band V, S. 484/s von einer Fliege. sS. 4S4-1 II. Theil. Nenn nnd dreyßigstcr Brief. 7!» Noch sind ein grosser Theil von L.ogans Sinngedichten zwar weiter nichts, als moralische Sprüche; aber mit einer meisterhaften Kürze, lind selten ohne eine sinnreiche Wendung ausgedrückt. Z. E. Der Tugend S.ohn. ss. Band V, S. 129-1 ' Reichthum. US. 194.^ Ein unruhiges Gemüth. s.S. 207.^ Verleumdung. s.S. 227.^ Ich werde Zhncn von der neuen Ausgabe dieses Dichters mehr sagen, so bald sie wird zu haben seyn. Ä.- XIX. Den 10. May. 1769. Neun und dreyßigstcr Brief. Zeh muß Ihnen von einem Werke Nachricht geben, das bereits 1767 in Basel herausgekommen, hier aber wenig bekannt geworden ist. Der Titel heißt: Vier auserlesene Meisterstücke so vieler englischen Dichter: als, Priors Salomon, Popens lNeßias, Z?oungs jüngster Tag, Glovers Aeonidas. Welchem annoch beigefügt sind, Popens versuch von dem Menschen, und desselben -Hirtengedichte. Alles, seiner Vor- treflichkeit wegen, aus der Ursprache in deutschen hexametrischen Versen übersetzt." Priors Salomon ist von diesen Meisterstücken das einzige, welches hier zum ersten male in unserer Sprache erscheinet: die übrigen alle haben wir schon längst verschiedentlich übersetzt lesen können. Zwar mir in Prosa; aber sind Schweizerische Hexameter nicht auch Prosa. Prior ist einer von den Licblingsdichtcrn der grossen Welt, in der er selbst keine geringe Rolle bey seinem Leben spielte, ob ihn gleich seine Geburt zu den niedrigsten Geschäften verdammt zu haben schien. Kein englischer Dichter übcrtrift ihn an Reinigkeit der Sprache, an Wohlklang, an leichtem Witze, an naiver Zärtlichkeit. Unser Hagedorn hat ihn oft glücklich nachgeahmet; und ihn hätte ich wohl das Nußbraune Mädchen mögen nachcrzchlen hören. ° Bcv I. Z. Schorndorf in groß Octav. Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Aber cbc» dieser lustige, verliebte Prior ist auch der Verfasser eines sehr ernsthaften Werkes. Die cdelu Bilder, die tiefsinnigen Anmerkungen über der Menschen Thun und Lassen, nnd die vortrcflichcn Lebcnsrcgcln, die man in den Sprüchen, in dem Prediger, und in den übrigen Büchern antrift, welche gemeiniglich dem Salomon zugeschrieben werden, hatten ihn gerührt, lind er glaubte den Stof zu einer weit bessern Gattung von Gedichten darin» zu finde», als jemals die griechische, lateinische, oder irgend eine neuere Sprache hervorgebracht hat. Er nahm sich daher vor, aus diesem unerschöpflichen Schatze, der, für alle Ordnung zu groß, in einer prächtigen Verwirrung über einander gehäuft liegt, diejenigen Anmerkungen und Sprüche zu sammeln nnd auszuführen, welche den großen Satz zu beweisen dienen, den sich der Prediger gleich Anfangs zum Grunde legt: Es ist alles ganz eitel! Und hieraus entstand sein Salomon; ein Gedicht, in welchem der Held desselben beständig das Wort führet. Die Materie sonderte sich von selbst in drey Theile ab, woraus der Dichter so viel Bücher machte. Zn dem ersten wird die Eitelkeit unserer Erkenntniß; in dem zweyten die Eitelkeit der Wollüste, und in dem dritten die Eitelkeit der Macht und Grösse gezciget. Mehr braucht es nicht, Ihnen dieses Gedicht wieder ins Gedächtniß zu bringen, welches Sie ohne Zweifel einmal werden gelesen haben, aber auch wohl schwerlich mehr als einmal. Prior ist hier nicht in seiner Sphäre. Sein Salomon ist nicht der spruchrcichc Zweifler mehr, der uns so viel zu denken giebt; er ist zu einem geschwätzigen -Homileten geworden, der uns überall alles sagen will. Auch hat der Dichter nicht im geringsten die orientalische Dcnkungsart anzunehmen gewußt; sein weiser Hebräer spricht wie ein sophistischer Grieche. — Doch Sie werden nicht sowohl mein Urtheil über das Original, als über die Übersetzung zu wissen verlangen. Man muß, überhaupt zu reden, den Uebcrsctzungcn, die uns aus der Schweiß kommen, das Lob lassen, daß sie treuer und richtiger sind als andere. Sie sind auch ungcmcin reich an guten nachdrücklichen Wörtern, an körnichtcn Redensarten. Aber bey dem allen sind sie unangenehm zu lesen, weil selten eine Periode II. Theil. Neun i»id dreyßiger Brief. ihre gehörige Rundung und die Deutlichkeit hat, die sie durch die natürliche Ordnung ihrer Glieder erhalten muß. Daß aber der Hexameter ihnen zur Vermeidung dieses Fehlers nichts hilft, mögen Sie aus folgender Probe sehen; es ist der Anfang des ganzen Gedichts. Kommt, ihr Kinder der Menschen, in geziemender Andacht, Hört was der Prediger spricht, und glaubet euerem Freunde, Den die ernsthafte Muse mit den Gedanken begeistert, Alles sey eitel, was wir thun, und was wir gedenken: Daß wir in dieser Pilgrimschaft von siebcnzig Jahren, Ueber gefährliche Felsen und durch Thäler der Thränen Stets getrieben, in der wilden Irre herumgchn, Durch die Arbeit ermüdet, und das Ende doch fürchtend; Daß wir alle von Mutterleibe an, sonst von nichts wissen, Als von Thorheit, Leidenschaft, Arbeit, Unruh, und Sorgen; Daß uns erst bey dem herannahenden Tode die Wahrheit Deutlich seyn wird, von welcher ich nunmehr tiefsinnig singe: Wir gehn nach falschen Freuden, nnd leiden wickliche llebcl. Ich will den sehen, der diese Periode gehörig construircn und interpunctircn kann. Wo kömmt z. E. in der vierten Zeile das S«ß her? Wenn es mit dem vorhergehenden binden sollte, hätte cS in der dritten Zeile heißen müssen: daß alles eitel sey; und alsdenn würden die übrigen daß natürlich auf einander folgen. Was die Hcramctcr selbst anbelangt, so können leicht keine nachlässigern in der Welt seyn. Es ist, als ob sich der Verfasser das ausdrückliche Gesetz gemacht hätte, den männlichen Abschnitt nicht ein einziges mal zu beobachte». Er geht durch alle mögliche Veränderungen der Scansion, und nur in die einzige wohlklingende fällt er nie anders, als von ohngcfchr und mit einem Fehler. Zch will eine Stelle aus der Rede der Acgyv- ticrin, im zweyten Buche, zum Exempel anführen. Zch wchlc diese Stelle, um Sie zugleich an eine von den mahlerischsten Phantasien wieder zu erinnern, die ich jemals bey einem Dichter gelesen habe. Die schöne Sklavin weigert sich die Liebe des Salomo anzunehmen, und sagt unter andern: Diese Künste selbst werden dir hier nicht gelingen; Lessings Wcikc >> f: Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Ich bin seit langem eines ander» Liebe bestimmet. Jenseit den grausamen (Grenzen des Landes, das dir gehorchet, Schon in meinem Lande schwur ich einem Geliebten, ?cr mir gleich ist, Treue zu; und er schwur uiir ein gleiches: lind wir glaubten freudig, daß wir die Wahrheit geschworen. Unsere bcydcrseiligcn Worte fuhren gen Himmel; Tie geschäftigen Engel legten sie in die Wagschalcn, Fanden sie gültig, schlugen srcudig die Flügel, und schriebe» Was wir fcyrlich gesprochen, in die ewige Rolle. Der einzige zweyte Vers hat dm gefälligen Abschnitt, den virgil unter neun Versen gewiß immer achtmal beobachtet; aber wie hat er ihn? Ich bin > seit lanjgcm Und dergleichen grobe Vcrstofsungcn wider die Quantität sind in allen Zeilen. Doch erlauben Sie mir, Ihnen auch durch eine Ncrglci- chung zu zeigen, wie wäßrig, matt, weitschweifig überhaupt die Sprache dieses Hcramctristen ist. Zch will die vortrcflichc prosaische Ilcbcrsctzung, die uns Herr Üibert von dem K.comdas° gegeben hat, dazu brauchen. Ich bleibe bey der ersten der besten Seite stehen, so wie das Buch auffallen will. — Es ist die Rede des -L.eonidas, nachdem Agis den Ausspruch des Delphischen Phöbus der Versammlung cröfnct hatte, daß die Perser siegen würden, wo nicht ein König, der vom Herkules abstamme, La- ccdämon durch seinen Tod mit Trauern erfülle. „Woher dieses Erstaunen auf jedem Gesichte, ihr Mänucr „von Sparta? Zeuget der Name des Todes diese Furcht und „Verwunderung? O meine Freunde! Warum arbeiten wir durch „die steilen Wege, welche zur Tngcnd leiten? Fruchtlos wäre „die Arbeit, der entfernte Gipfel wäre von menschlichen Füssen „nicht zu erreichen, wenn die Furcht des Todes unsere Reise „unterbrechen könnte. Aber vergebens nimmt er seine finster- „stcn Runzeln und Schrecken an, um die Festigkeit einer Seele „zu erschüttern, welche weiß, daß ein Leben dem die Tugend „mangelt, Mühseligkeit und Elend ist; daß selbst die Tugend ° Im ersten Stücke der Sammlung vermischter Schriften. II, Theil. Neun und dreißigster Brief. 83 „trauert, wenn ihr die Freyheit mangelt, und nach der Glückseligkeit vergebens herumsteht. Sprich also, o Sparta, und „fordere mein Leben; mein Herz jauchzt deinem Rufe entgegen, „und lächelt das rühmliche Schicksal an. Mit Ruhm zu leben „erlauben die Götter vielen; aber mit gleichem Glänze zu sterben, das ist ein Glück, welches der Himmel von allen den „besten Gütern des Geschicks auslicst, und mit sparender Hand „nur wenigen schenket. Das war Prosa, und nun hören Sie Poesie! Warum sitzt denn nun das Schrecken auf jedem Gesichte, O ihr Männer von Sparta! Kann der Name des Todes, Solche Furcht und Wunder erwecke»? O theuerste Freunde! Warum dringt ihr euch mühsam durch die beschwerlichen Pfade, Die zur Tugend führen? Umsonst wäre die Arbeit, Und der entfernte Gipfel wäre für menschliche Füsse Allzu sehr erhaben, wenn die Furcht vor dein Tode Uns den Durchgang versagte. Rein, er bedient sich vergeblich Seines grimmigen Anblicks, seiner schwärzesten Schrecken, Um ein Herz in Klcinmuth zu setzen, dem es bekannt ist Daß die Tugend weine, wenn die Freyheit dahin ist, Als um eine Sache, die sie cinstg beglücket. Rede den» frey, o Sparta! sprich, und fordrc mein Leben. Ja mein frohes Herz giebt cS willig, wenn du es forderst, Und wünscht einen herrliche» Tod. Mit Ruhm zu leben, Habe» die Götter vielen gewahret; rühmlich zu sterben Ist ei» edlerer Sergen; ans der Fülle der Gnade», Die das Schicksal besitzet, hat ihn der Himmel gcwählet; Er ist sparsam damit, und hat ihn nicht vielen gegeben. Man sollte darauf schwören, der Schweizer habe die Ebcrtsche Ucbcrsctzung vor sich gehabt, und mit Fleiß alle nachdrückliche Wörter, alle kürzern und edler» Wendungen verändert, um ein Beyspiel von dem Gegentheile dessen, was ich oben von den schwcitzcrischcn Ucbcrsctzungcn überhaupt gerühmt habe, zu geben. Welches spricht die Prosa, und welches die Poesie? warum sirzr denn nun das Schrecken, oder woher Vieles Erstaunen? Sich durch beschwerliche Pfade mühsam dringen, oder sich durcharbeiten? v» »^t» 84 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Nein, wahrlich, nein, solche Hexameter meinet der Vorredner zu der Ucbcrsetzung des verlorenen Paradieses nicht, wenn er sagt, daß man jenes grosse Gedicht noch erst in der vollen Pracht des deutschen Hexameters übersetzen müsse, nm es dem Grade der Vollkommenheit, den es in seiner ursprünglichen Sprache hat, so viel als möglich zu nähern. Denn von allen den Freyheiten, die man sich, wie er glaubt, in dieser Vcrsart nehmen durste, vornehmlich in der Nachahmung fremder Mundarten, in anständigern Versetzungen der Wortfügung, in dem Gebrauche alter Machtwörter, in morgcnländischen Metaphern, und andern dergleichen Erhebungen der Sprache, von allen diesen Freyheiten, sage ich, hat unser Ucbcrsetzcr keine einzige gebraucht. Und doch führt er diese nehmliche Stelle des gedachten Vorredners gleichsam zu seiner Vertheidigung an. Wozu hat er sich nun also die Mühe genommen, Gedichte, welche bereits in Prosa recht gut übersetzt sind, noch einmal in Verse zu übersetzen, die weit schlechter, als schlechte Prosa sind? Er fragt zwar auf dem Titclblatte: Die niilii «ju'xl melms closiclinluK kiggm? Aber hat er die Antwort auf diese Frage niemals bey dem -Ho- raz gelesen? ymofcs«! Und nun habe ich Ihnen noch von dem Seltsamsten an diesem Werke etwas zu sagen. Sein Verfasser muß sich in die Hexameter ausserordcntlich verliebt haben, denn er hat seine Zu- eignungsschrift sogar in englischen Hexametern abgefaßt. Wollen Sie nicht einige davon lesen? 'kes, tlio IVI-m enlisiii'll to books in tlio e^es »f tlio n-orllUinF 8eems a ciostuio unalilo vf roerostion k>n<1 plessuro, I'iirouFli iiimselt" Iierc-st vk all tkv social l,IeMnAs, ^»ll urnvortli^ c>s tlio ^rovlclontial liiiillnols &o. Sollte ein gcbohrncr Engländer nicht schon mehr als einmal gefragt haben: Was heißt das? Es gehört wirklich eine rare Stirne dazu, in einer fremden Sprache, die man nicht vollkommen versteht, Verse zu machen. Zn einer todten, mag es noch hingehen; denn eine todte versteht niemand vollkommen mehr: aber in einer lebendigen, wo mich ein jeder, dessen Muttersprache es ist, auslachen kann, — das ist mir zu unbegreiflich. II. Theil. Neun und dreyßiger Brief. 85 Daß uiitcrdcsscn Herr Simon Grynäus, sdcnn so heißt uiiscr hexametrischer Ucbcrsctzcr, wie man aus der Unterschrift seiner Zueignung siehet) nur nicht etwa gar glaubt, daß er der erste sey, welcher englische Hexameter gemacht hat. Er ist nur der erste, welcher sie, so wie die deutschen, ohne alle Regeln, ja allen schon angenommenen Regeln zum Trotze, gemacht hat. Philipp Sionc)?, unter der Regierung der Königin Elisabeth, wagte es bereits in seinem Arcadicn, Heramcter und Pentameter, und sapphischc Oden in seiner Sprache zu machen. Und noch vor einige zwanzig Jahren hat ein Ungenannter einen neuen Versuch gethan, die alten Sylbcnmaße im Englischen cin- zufnhrcn. ° Unter den prosodischcn Regeln, die er dabey beobachtet hat, ist unter andern auch die Position, und er macht alle Sclbstlautcr lang auf welche zwey oder mehr Mitlautcr folgen; wenige Fälle ausgenommen, z. E. wo sie auch im Lateinischen kurz seyn können, wo der zweyte Mitlautcr ein ^ ist, wo es nicht zwey verschiedene Mitlauter sind, sondern eben derselbe nur doppelt stehet zc. So viel ich, als ein Deutscher, von diesem neuen Versuche urtheilen kann, ist er vortrcflich gelungen. Zch'habc keinen einzige» Vers darin» wahrgenommen, der sich auf mehr als eine Weise scandircn liesse, und ich glaube, wir könnte» stolz darauf seyn, wenn wir viele so gute deutsche Heramcter hätten. Erlauben Sie mir zu versuchen, ob ich den Ansang der vierten Ekloge des Virgils, die auch mit darum übersetzt ist, noch gut im Gedächtnisse habe: Lieiliau Blutes to k» Ltrain nioro nvlilo asoonll >ve! ^Voolls arid Imv 1'smi»r!kliS ilvliglit not vver^ sano^. t-rovvs il" >vo finF 01", Umso lZroves Iio »vvrtli^ a (üoiiful. IXlNV l« tlio lutt I^»oel> ot' lmiF l^uiiiazan arrlvvll: ^ ne>v ancl ^voncliuus kerios of lliings is iniki»!;. Ko^v is Uiv kirlglit Virgin, no>v 8ilturns Lce^ter ret»r»I»A. ^Xo^v is a no,v pragon^ fv»t vn from loltz^ OI^m^u«. ^I'Iiv Laue's L!rtk onl^, tlirmizli » Iiom, over Lurtli uiiiveisul ° ^Vn lnlro>Iul!>iun nf II>e »»eiunl, Kreelt »»U I.»>i» Aleilsur«» m>« vri- «itll t'oelr^; »Ut-mplvtl i» »»- kollu^vinx I'jeee», vis. it '1'k!t»d>I»U«n uf Vir- xils sirsl Lcloxiie; -l '1iii»8l»>io» »k Virgilü kuurlll Lcwßuo; >Ii si»> RitcUel, » iisslor«! l.oiulon 1737. 8vo. »,! Briefe, die neueste Litteratur betreffend. I'lii« Iron azo entiing kliall Iiuinil'I, mto a Foleleu, l'kiifto I^uvina favour! >8ic. iL. XX. Den 17. May. 1769. Vierzigster Brief. Und wie kam cS gleichwohl, frage» Sie, daß diese wieder- hohltcn Versuche, die alte» griechischen Sylbenmaassc in die brittischc Poesie einzuführen, fruchtlos blieben, und der prächtige Hexameter die zchnsylbigen reimlosen Iamben nicht verbringen konnte l Dürfen wir hoffen, setzen Sie hinzu, daß die ähnlichen Versuche unserer Deutschen, von bcßrcr Wirkung seyn werden? Es ist schwer eine Neuerung durch sie selbst beliebt zu machen, und das Publicum läßt sich in dergleichen Fällen lieber übcrschlcichcn, als überreden. Hätte Mikron den Hexameter zu seinem Verlornen Paradiese gewählt, so würde er längst der Licblingsvcrs der Nation geworden seyn, wenn der Dichter auch nicht das geringste zu seiner Anpreisung gesagt hätte. Die innern Schönheiten des Gedichts würden die ungewohnte Ncrs- art so lange vertreten haben, bis sich das Ohr unmcrklich an sie gewöhnt, und in dem, was es anfangs nur duldete, endlich auch Wohlklang entdckt hätte. Allein ein neues Metrum aus Gründen anpreisen wollen, und von dem möglichen Gebrauche desselben Muster geben, die ausser diesem neuen Metro selbst, nichts vorzügliches haben, das heißt zu plump zu Werke gehn. Umsonst würden also auch bey uns, bald ein Gmeis, bald ein Gottsched, die Möglichkeit eines deutschen Hexameters erkannt, und nach ihren Kräften Beyspiele davon gegeben haben, wenn nicht andere Männer zugleich mit ins Spiel getreten wä^ rcn, und der Sache nicht durch ihren kritischen Richtcrspruch, sondern durch ihren stillschweigenden Gebrauch, den Ausschlag gegeben hätten. Der Verfasser des Meßias und des Frühlings schienen sich das Wort gegeben zu haben, und sie traten fast zu gleicher Zeit mit Werken in dieser Nersart hervor, auf deren noch immer wachsenden Beyfall ich allein die Hofnung gründe, daß sich der deutsche Hexameter erhalten werde. Setzen Sie aber einmal, das Unglück hätte es gewollt, und der Verfasser des Nimrods wäre jenen beyden Dichtern im Gebrauche dcsscl- 5^5M?77^7-^?^V-^^?M»^^ II, Theil. Vierzigster Brief. »7 bcn zuvorgekommen, (wie er sich dessen auch in allem Ernste rühmet) würde er wohl einen einzigen Nachfolger bekommen haben, wenn seine Hexameter auch schon zehnmal richtiger und wohlklingender wäre», als sie in der That nicht sind? Aber was vermuthen Sie bey dem allen von dem Verfasser des Frühlings? Sollte man nicht glauben, er habe nach der Zeit seine neue Vcrsart selbst gcmißbilligct? Findet sich auch nur ein einziger Hexameter in seinen neuen Gesichten? Und sein Cissidcs unv Pachcs, — ich würde darauf geschworen haben, daß dieser in Hexametern seyn müßte. Ich habe es wohl gedacht, daß ich nicht nöthig baben würde, Ihnen dieses letztere Werk" bekannt zu machen. Zbrc Ncugicrde ist mir zuvor gekommen. Ich kann nun weiter nichts, als in das Lob, welches Sie ihm ertheilen, mit einstimmen. Es ist wahr, man wird schwerlich ein anderes Gedicht nennen können, in welchem so viele grosse und schreckliche Scenen in einem so engen Ranm zusammengepreßt wären. Es würde einem geschickten Mahler etwas leichtes seyn, es ganz, so wie es ist, in eine Folge von Gemählden zu verwandeln. Der Dichter hat ihm alles vorgczcichnct. Das Tilclkupfcr ist ein Beweis davon, wo sich Herr !Neil mit eben so vieler Kunst, als Genauigkeit, an die Worte zu halten gewußt hat. Zuletzt setzt er den Bogen auf die Brust Tem Flehenden, mit weggewandten Blick. Und zu welchen vortrcflichcn Schilderungen könnte im zweyten Gesänge, die Löschung des Durstes, und der Tod des Eissidcs, so wie im dritten, der getreue Knecht unter dem Teppiche seines todten Herrn, Stoff geben! — Doch derjenigen poetischen Gemählde, die dem Dichter kein Künstler mit Linien und Farben nachbilden wird, sind noch weit mehrere. Als: Wenn vom Orcan gepeitscht, des Meeres Flnth, Tie mit den sinkenden Ecwolkcn sich, Hoch in der finstern Luft, zu mischen schien, Gleich Berg und Felsen im vrdbebcn. fällt, lind wieder steigt und fallt, daß alles heult, ° Cisfidcs und Pachcs, in drey Ecsängc», von dem Verfasser des Früh- lings, Berlin bey Boß 176S. 5» Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Und alles Donner wird, und schnell Neptun Den mächtigen Tridcnt mit starkem Arm Ans Wasserbergcn hebt; wie dann der Sturm Verstummt, die Flügel nicht mehr regt, und Meer Und Himmel ruhig wird, daß Phöbus lacht, Und jeder Strahl von ihm im Meere blitzt: So :c. Oder: Und vom Geschrey der Stürmenden erklang Des Himmels Bühne weit, wie sie erklingt Vom tausendstimmigen Sturmwinde, wie Der Wald in Lybieu ertönt, wenn Löw Und Tieger, und manch wütend Thier i»S Netz Der schrcyndcn Jäger fällt, und heult und brüllt. Oder: — Sein Roß war stolz wie er; Es schien die erde zu verachten, kaum Berührt es sie mit leichten Füssen, schnob. Und wieherte zu der Trompete Klang, Und forderte zum Kampf heraus, wie er. Doch warum schreibe ich noch ab, was Sie vielleicht schon auswendig wissen? Kommen Sie; ich will Ihnen eine grössere Freude machen! Zch besitze, aus der gütigen Mittheilung eines Freundes, zwey noch ungcdruckte Stücke dieses Dichters, und diese will ich meinem Briefe beylegen. Das eine ist gleichsam der Pendant zu dem Grablicdc auf der 24sten Seite seiner neuen Gedichte; und das andere ist eine Hymne. — Hier würde ihre Begierde nach der Beylage meinen Brief doch endigen, wenn ich ihn auch nicht selbst geendigt hätte. E. Geburtslied. Weh dir, daß du gcbvhrcn bist! DaS grosse Narrenhaus, die Welt, erwartet dich zu deiner Quaal. Nicht Wissenschaft, nicht Tugend ist ein Bollwerk für der Bosheit Wuth, Die dich bestürmen wird. Verdienst Beleidiget die Majestät !l. Theil. Vierzigster Brief. Der Dummheit, und wird dir gewiß, (Im Fall du dirs einmal erwirbst) Ein Kerkern? erth Verbrechen seyn. Der Schatten eines Fehlers wird, Bey hundert deiner Tugenden, Der Lästruug greulichstes Geschrey Oft hinter dir erwecken. Wenn, Voll cdcln Zorns, dn kiihn die Stirn Zum Lästrer kehrst, ist alles Ruh. Ein Zeigefinger, der schon sinkt, Ein Nickkopf weist dir kaum, was man Begonnen. Schnell tönt hinter dir Des Unsinns Stimme wiederum. — Wenn du nicht wie ein Sturmwind sprichst, Nicht saufst, wie da die Erde säuft, Wo stch das Meer in Strudeln dreht; Wenn kein Erdbeben deinen Leib Zurütteln scheint, indem du zürnst: So mangelts dir an Heldenmuth. lind tanzest du den Phrynen nicht, Von weiten, einen Reverenz: So mangelts dir an grosser Welt. Wenn du nicht spielst, und viel gewinnst, Bis der, mit dem dn spielst, erwacht; Wenn Wollust unter Rosen nicht Dich in die geilen Arme schlingt: So fehlt dir Witz! so fehlt dir Witz! — Nichts, nichts als Thorheit wirst du sehn Und Unglück. Ganze Länder fliehn, Gejagt vom Feuermeer des Kriegs, Vom bleichen Hunger und der Pest, Des Kriegs Gesellen. Und die See Ergießt sich wild; Verderben schwimmt Auf ihren Wogen, und der Tod. Ein unterirrdscher Donner brüllt, Die Erd eröfnet ihren Schlnnd, Begräbt in Flammen Feld und Wald, >,'l» Briefe, die neueste Litteratur betreffend. lind was im Feld und Walde wohnt. — Und fast kein tugendhafter Mann Ist ohne Miljsucht, lahmen Fuß, Und ohne Buckel oder Staar; Ihn foltert Schwermut!), weil er lebt! — Dieß alles wirst du sehn uud mehr. Allein du wirst auch die Natur Voll sanfter Schönheit sehn. Das Meer, Der Morgenröthe Spiegel, wird Mit rothem Lichte dich erfreun, Und rauschen dir Entzückung zu. Und kühle Wälder werden dich Verbergen, wenn die Sonne brennt, In Nacht. Der Birken hangend Haar Wird dich beschatten. Oft wirst du, In blühnden Hecke» eines Thals Voll Ruh cinhergehn, athmen Lust, Und sehen einen Schmetterling Ans jeder Blüth, in bunter Pracht, Und den Fasan im Klee, der dir Denselben Hals bald roth, bald braun, Bald grün, im Glanz der Sonne, zeigt. Auch Wiesen werden dich erfreun, Mit Regenbögen ausgeschmückt, Und in der Fluth ein Labyrinth Von Blumen, und manch bnntcr Kranz, Aus dessen Mitte Phöbus Bild, Voll Strahlen, blitzt, und über dem In holden Düften Zcphyr schwärmt. Die Lerche, die in Augen nicht, Doch immer in den Ohren ist, Singt aus den Wolken Freud herab, Dir in die Brust. Auch Tugend ist Noch nicht verschwunden aus der Welt, Und Friedrich lebt, der sie belohnt, Und sie ist selbst ihr reicher Lohn. Mitleiden, Eroßmuth, Dankbarkeit, ^-55^5-^ ^ä^V^ZMT^M^ II. Theil. Vierzigster Brief. !U Und Mcnschcnlicb und Edclmnth Wirkt Freud, uud Freude mir ist Gluck. Fühl Tugenden, so fühlst du Gluck! — Uud mancher Freund wird dich durch Witz Und Liebe (wie mein ° ° mich) Besceligcn, und seyn dein Trost, Wenn Falschheit dein Verderben sucht. Las; Neid uud niedre Ravcn schrey». Und trinke du der Sonne Glulh, Gleich einem Adler. Hülle dich In deine Tugend, wenn es stürmt. — Doch öftrer lacht der Himmel dir; Das Leben ist mehr Lust als Schmerz. Wohl dir, daß du gebohrcn bist! Hymne- Groß ist der Herr! die Himmel ohne Zahl Sind seine Wohnungen, Sein Wagen, Sturm uud donnernde Gewölk, Und Blitze sein Gespann. Die Morgenroth' ist nur ein Wicderschcin Vom Saume seines Kleids, Und gegen seinen Glanz, ist Demmcrung Der Sonne stammend Licht. Er sieht mit gnädgem Blick zur Erd herab; Sie grünet, blüht uud lacht. Er schilt; es fähret Fcur von Felsen auf, Und Meer und Himmel klagt. Lobt den gewaltigen, den guädgcn Herrn, Ihr Lichter seiner Burg, Ihr Sonnenheere! Flammt zu seinem Ruhm! Ihr Erden singt sein Lob! Erhebet ihn ihr Meere! Braust sein Lob! Ihr Flüsse rauschet es! Es neige sich der Cedern hohes Haupt, Und jeder Wald für ihn! Ihr Löwen brüllt zu seiner Ehr im Hayn! Singt ihm, ihr Vögel! singt! _ <» / ^ ^ M^^^^^^^^^^WM» 92 Briefe, die »eucsie Litteratur betreffend. Seyd sein Altar ihr Felsen, die er traf, Eur Dampf sey Weyrauch ihm! Der Wiederhall lob ihn! Und die Natur Sing ihm ein froh Concert! lind du, der Erden Herr, o Mensch! zerfließ In Harmonien ganz! Dich hat er, mehr als alles sonst, beglückt. Er gab dir einen Geist, Der durch den Bau des Ganze» dringt und kennt Die Räder der Natur. Erheb ihn hoch zu deiner Seeligkcit! Er braucht kein Lob zum Gliick. Die niedern Neigungen und Laster fliehn, Wenn du zu ihm dich schwingst. Die Sonne steige nie aus rother Fluth, Und stnke nie darein, Daß du nicht deine Stimm vereinigst mit Der Stimme der Natur. Lob ihn im Regen und in dürrer Zeit, Im Sonnenschein und Sturm! Wenns schncyt, wenn Frost aus Wasser Brücken baut, Und wenn die Erde grünt. In Ueberschwcmniuiigcn, in Krieg und Pest Trau ihm, und sing ihm Lob! Er sorgt für dich, denn er erschuf zum Glück DaS menschliche Geschlecht. Und o wie liebreich sorgt er auch für mich! Start GoldS und RuhmS, giebt er Vermögen mir die Wahrheit cinzuschn. Und Freund' und Saytenspiel. Erhalte mir, o Herr! was du verleihst; Mehr brauch ich nicht zum Glück. Durch hcilgcu Schaur will ich, ohnmächtig svnst. Dich preisen ewiglich! In finstern Wäldern will ich mich allein, Mit dir beschäftigen, ^ ^»'.^M' ^/ tzS« seZAM^ II. Theil. Ein und vierzigster Brief. lind scufjcn laut, und nach dem Himmel sehn, Der durch die Zweige blickt. lind irren ans Eestad des Meers, und dich I» jeder Woge sehn, Und hören dich im Sturm, bewundern in Der Au Tapeten dich. Ich will entzückt auf Felsen klimmen, durch Zerrifine Wolken sehn, Und suche» dich den Tag, bis mich die Nacht Iu hcilgc Träume wiegt. XXI. Den 24. May. 1769. Ein und Vierzigster Brief. Der Verfasser der Schilderungen ans dem Reiche der Natur und der Silrenlchre ist Herr Dusch; eine der fruchtbarsten Federn unsrer Zeit. Und eben weil cs Herr Dusch ist, haben die Verfasser der Biblischer' der schönen Wissenschaften von dem zweyten und dritten Theile derselben nichts zu sagen, für gut befunden. Auf eine einzige Erinnerung wider diesen Scribcntcn, bekömmt man die Antworten immer zu halben Dutzenden zu lesen. Eine jede Eritik weis er in eine Streitigkeit zu verwandeln, und wer streitet gern? Aber nun soll ich wenigstens mit der Sprache gegen Sie heraus. — Sie setzen mich in Verlegenheit. — Was soll ich Ihnen sagen? Ich habe die Schilderungen nicht gelesen; hier und da darinn zu blättern, das ist alles, was mir meine Zeit erlaubt hat. Zwar, die Schilderungen sind auch kein Buch, das man ganz, das man nach der Ordnung lesen müßte. Man mag in der Mitte, man mag am Ende, man mag anfangen wo man will; man findet an einem One so viel Zusammenhang, wie an dem andern. Und in dem ganzen Buche gerade so viel Zusammenhang, als — im Calcnder. Nun wohl; also kann ich Ihnen doch die Anmerkungen mittheilen, die ich bey dem Durchblättern zu machen, Gelegenheit gehabt habe. Wenn Sie damit zufrieden seyn wollen — Zur Sache! Zch muß mich wundern, daß die Verfasser der Bibliothek wider die Einthcilung des Werks überhaupt 'nichts _ 94 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. erinnert haben. Herr Dusch will die Natur schildern; scim Schilderungen sollen eine Art von Verbindung unter sich haben; die Verbindung nach den Zahrszeitcn ist schon gebraucht; Herr Dusch ist ein grosser Liebhaber des Neuen, des Sclbster- fundcncn; er wählt also die Verbindung nach den Monaten. Nach den Monaten! Ein kühner glücklicher Einfall! Aber kennt denn die Natur, möchte ich ihn fragen, diese Einthcilung in Monate? Ist ein Monat von dein andern eben so unterschieden, als eine Zahrszcit von der andern? Welche Bilder, welche Scenen kommen nur diesem und keinem andern Monate zu? Und wenn eben dieselben Bilder und Scenen mehr als einem Monate zukommen können, was für einen zureichenden Grund hat der Scribcnt, sie uns lieber in diesem, als in einem andern zu zeigen? Ich tadle hier eben das, was Pope bereits an den Eklogen des Spcnscr getadelt hat. Auch Spcnscr hatte einem jeden Monate eine besondere Ekloge gewidmet; und was sagt Pope dazu? „Diese ängstliche Einthcilung seiner Schäfcrgcdichte in „Monate, hat ihn gezwungen, die nehmliche Beschreibung cnt- „weder in drey Monaten nach einander, mit veränderten Wor- „tcn, zu wicdcrhohlcn, oder, wenn sie das erste mal schon erschöpft war, gänzlich wegzulassen; woher es denn kömmt, daß „einige von seinen Eklogen, (als zum Exempel die sechste, „achte und zehnte,) sich durch nichts als ihre Titel unterscheiden. Und wie kann es anders seyn, da das Jahr von der „Mannigfaltigkeit nicht ist, daß es, so wie eine jede Zahrszcit, „also auch einen jeden Monat, mit einer ihm eigenen Beschreibung versorgen könnte?" — Wenn Herr Dusch, wie man sagt, auch der Ucbcrsctzcr von Popcns sämtlichen IVcrr'cn ist, so muß es uns so viel mehr befremden, daß er sich dieser ° Vel >>>« serupulnu« clivIUo» vk I»s ?!>slor!il« Into I>lonII>ü, I>ns «I>Iixi>im rillivr io r«?l>e!>t »io süine lwleiiiilio», in olUvr ^voi'cw, kor Illree moiillis toxvlluzr; or vvlien U ^vss exl>»»slell Iieluro, enlirvl^ lo omil i>: ^vlioiice il comes lo ii!>I« »>!U loiue vk Iils Aclnkues llie kixlli, eixlill» !»n> le»II> kor ex.imiilo) Iinvo nolliiiix Iiul llieir ?ille» lo >Iikli»pi»ikI> II» i». re-lkan i» eviiloi», Iieciliiko II»! ^ear Iiii» not Iliül vnritU^ i» il lo knrnikli ever? nionlU ^v!l>> » >,!>rlicul!>r ilekeriMo», »8 it iiuiv vver>- k>.'!>koii. MT^x^^M^U^ II. Theil. Sin und vierzigster Brief. l»5. Anmerkung seines -HelOen nicht erinnern wollen. " Wenn er es gethan hätte, so wurde es in seinen Schilderungen vielleicht nicht von so vielen Gegenständen, bis zum Eckcl, mutatis mu- tanllis hcissen: — Noch blüht die schöne Rose nicht! — Nun blüht die schöne Rose! — Nun hat die schöne Rose geblüht! Doch welche Bcdenklichkcit kann Herr Dusch haben, sich selbst auszuschreiben; er, der andere mit der allerunglaublichstcn Freyheit ausschreibet? Ich wenigstens kann seine Schilderungen für nichts anders, als einen beständigen Lonto, aus Pope, Thomson, -Hervey, Z?onng, Rlciff, -Haller und zwanzig andern halten. Und glauben Sie ja nicht, daß er diese Männer nur da ausschreibt; wo er sie in den Noten anführt. Ich kenne leicht keinen Scribentcn, der listiger anzuziehen weis. Er bekennt mit der scheinbarsten Offenherzigkeit, nicht selten ganz ° Der Herausgeber dieser Briefe nimmt hier Gelegenheit eine kleine Nachricht einzuschalten. Herr Dusch hat sich zum zweyten, dritten und vier- tcnmale gegen unsere Critit seiner Übersetzung des Pope mit vieler Bitterkeit verantwortet. Zum zwcvtemnalc i» dem Altonaer Reichspostrcuter; zum driltcnmalc in gewissen neuen Briefen an Freunde und Freundinnen, und zum vicrtenmale in der Vorrede zu dem zwevtcn Bande seiner Uebersctzung selbst. Besonders haben wir uns über seinen Brief in dem Reichspostreuter nicht genug verwundern tonnen. Nachdem er darin» einige kleine Nachlässigkeiten, die er begangen hat, die wir aber niemals der Rügung wurden werth geschätzt haben, selbst angezeigt, sagt er unter andern: „Und nun mochte ich wohl meinen Prahler auffordern, mir in den bcvdcn „Stücken, der Vorrede nehmlich und der Abhandlung von der Schäferpoesie, „seinen Vorrath (von Fehlern) auszuweisen. — Wir haben uns zwar nie eines Vorralhcs von Fehlern eben in diesen beyden Stücken gerühmt. Aber dem ohngcachtct kann tch ihm hier melden, daß seine Aufforderungen angenommen worden. Es soll sich chstens zeigen ob Fll. oder Herr Dusch der Prahler ist. In diesen Briefen zwar soll es nicht geschehen, weil wir den Platz zu etwas bessern brauchen können. Dem Leser unter dessen doch einen kleinen Vorschmack zu geben, können wir nicht unangcmcrkt lassen, daß selbst in dieser kleinen Stelle, welche eben aus der Abhandlung über die Schäferpoesie des Pope angeführet worden, Herr Dusch mehr als einen Fehler begangen hat. Z. E. Wie ungeschickt übersetzt er riw scrupuiv»» Uivitio» durch die gar zu richtige Eintheilung, Und w repesl »w s»me ree MVIUIIZ loxeiiier durch für drey Monate zusammen zu rviederhohlen. Wie links! Wie sinnlos! Hat Herr Dusch in seinem Wörtcrbuchc nicht gefunden, daß loZeiiier eben so wohl nach einander als zusammen hcissen kann? (Einschaltung des Herausgebers O.) !'«'. Briefe, die neueste Litteratur betreffend. entfernte Nachahmungen, um die aller plumpsten Entwendungen damit zu maskircn. Ich kann ihn zehnmal aufschlagen, und ich werde siebenmal mehr eine alte Lccturc zu wiederholen, als etwas neues zu lesen glauben. Aber ich will mich bey solchen allgemeinen Erinnerungen nicht länger aufhalten. — Zch komme auf die Theile selbst, von welche» Sie nähere Nachricht haben wollen. Von dem zweyten, welcher die Sommermonate enthält, will ich wenig oder gar nichts sagen. Zch lief ihn gleich bey seiner Neuheit durch, und habe, was ich damals dabey gedachte, wieder vergessen. So viel weis ich nur noch: Ich hatte ihn uncingcbundcn vor mir liegen, und sahe auf der letzten Seite der Vorrede, daß Herr ZOuscl) einen Fehler des Gedächtnisses, den er in den ersten drey Monaten begangen hatte, verbesserte; er hatte nehmlich an einem Orte Leda gesetzt, wo Scmcle stehen sollte. Indem ich noch seine Strenge gegen sich selbst, und seine grosse Liebe zur Genauigkeit bewunderte, schlug ich einige Blätter um, und ein weit gröberer Fehler sprang mir auf einmal ins Auge. Lesen Sie doch! „Bewundert sie, die Natur, (sagt Herr Dusch auf „der 28tttcn Seite) in den Geschlechtern der Thiere, von dem „Hunde bis zum Elephanten; in den gefiederten Schaarcn von „der Vogclflicgc bis zum wüthenden Strauß; in den Znscctcn, „die zn betrachten ein N7erian, die neue Welt besuchet zc. — Ein XNcrian? Es gehört eine Note dazu; und die wird uns nähere Nachricht geben. „tNerian, heißt die gelehrte Note, „ein bekannter Mahler, rcisetc, bloß aus der Begierde, die „Schönheiten der Znscctcn zu bctrachtcn, nach Surinam. — Schadc, daß ich den bckanntcn Mahler nicht kenne! Eine N?«- ria Sibylla Mcrianin kenne ich wohl, die in einer ernsthaftem Absicht, als die blosse Schönheit der Znscctcn zu betrachten, nach Surinam rcisetc. — Kurz; hicr steht Ladmus, wo Sc- mele stchcn sollte. Zch komme also zum dritten Theile. Und dieser dritte Theil hat eine merkwürdige Vorrede. Herr Dusch hat die Erinnerungen, die in der Bibliothek der schönen Wissenschaften, gegen seinen ersten Theil gemacht worden, gegründet gefunden, und sich entschlossen, ihnen genug zu thun. — Wie schwer II. Theil. Ein lind vierzigster Brief. !>7 muß ihm diese Verleugnung seiner selbst geworden seyn! Er dauert mich! — Es ist wahr, seine Schreibart ist nun nicht mehr so geschmückt; seine Prosc stolpert nicht mehr so hexametrisch einher; und doch ist sein Buch darum um nichts besser geworden. Noch immer ist die Tavtologic seine liebste Figur. Ein pathetischer Nichts wird man selten auf den Kanzeln hören, als man bey ihm fast anfallen Seilen findet. Z. E. „Ivic wider- „ sprechend ist Sie Thorheit, welche sich einmal vorgesetzt „hat, einen Irrthum zu behaupten. In rvas für IVider- „ spräche versinkt sie nicht! ° Wie schwatzhaft ist ein Dusch, welcher sich einmal vorgesetzt hat, viel zu schreiben. Zu was für Geschwätze versinkt er nicht! — Und so gut gerathen ihm seine Tavtologicn auch nicht einmal allezeit. Sie werden sehr oft zu Ungereimtheiten, die ganz etwas anders sagen, als cr hat sagen wollen. Z. E. Die zärtliche Apostrophe an seine Doris aus dem November: „Uns beyde, o Doris, wird der „Tod dahin führen, wo unsere Väter seit der Sündflnth schlagen. Wir werden nicht gegen dieses allgemeine Gesetz der „Sterblichkeit murren, nicht zittern, unsern Tod zu sehen. Aber „wollte der Himmel uns einen Wunsch gewähren, so sollte „kein Auge den Verlust des andern beweinen! Eine Stunde „sollte unser Leben schlicsscn; zugleich sollte in einem Seufzer „unser Athem entfliehen."" Nun ja doch, ja; wir merken es wohl, daß von dem lieben Paare keines das andere überleben will. Aber sagen dem ohngcachtct die Worte: so sollte kein Auge den Verlust des andern- beweinen, nicht ganz etwas anders? Ihnen zu Folge wünschet Herr Dusch, daß keines von ihnen einäugig werden möge; nicht aber, daß keines das andere überleben möge. Denn nur alsdcnn, wenn man das Unglück hat einäugig zu werden, beweinet ein Auge den Verlust des andern. Und auch für dieses Unglück bewahre ihn der Himmel! Denn eine einäugige Doris, und ein einäugiger Liebhaber sind freylich ein trauriger Anblik. Besonders wenn ein witziger Freund auch nicht einmal sagen könnte: ° Seite 291. Leasings Werke v. " Seile 241. 7 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. — I^uer, lume» «jucxl linlies eoucvllo puella;! 8ic tu cueeus ^mor, sie erit illa Venus. In ähnliche Ungereimtheiten fällt Herr Dusch auch oft, wenn cr Bilder und Umstände ohne alle Wahl häuft. Z. E. „Der „Landmann weis der Kälte Arbeit entgegen zu setzen, und „wider Wille» des Winters Schweiß aus seiner Stirne zu „treiben. Unter seinen starken Hieben sinkt die tausendjährige „Eiche, unter der Gewalt seiner abgehärteten Hände zerreißt „der Pflug die starre Erdscholle, und unter seiner Sichel fallen die Achrcn der Felder."" Vortrcflich! Nun wissen wir doch, wenn der Landmann sein Korn hauet. Im Winter, um sich eine erwärmende Bewegung zu machen. — Zwar das hat nun Herr Dusch gewiß nicht sagen wollen, sondern seine Feder, die einmal aufgezogen war, hat es wieder seinen Willen hingeschrieben. Denn so viel mag cr wohl von der Natur verstehen, daß cr ohngcfchr weis, in welchen Monat die Erndte fällt. — Mehr aber? — Was cr mehr davon weis, das mag cr sicherlich nur halb wissen. Wollen Sie einen Beweis? — Wie billig! — Herr Dusch will im Anfange seines Octobcrs einc Beschreibung von der herbstlichen Nachtglciche, (^eem. * Und diese Zeile hat er offenbar durch sein: der Stand der Sonne theilet den Erdkreis in L.icht und Finsternis;, übersetzen wollen. Wenn er sie aber doch erst hätte verstehen lernen! l)rl»!s heißt hier gar nicht der Erdkreis; sondern so viel als l,rIiit->, die tägliche Laufbahn der Sonne um die Erde. Und wenn diese zur Hclfte in Licht und Finsterniß gclhcilct ist; wenn die Sonne eben so lange über unserm Horizonte verweilet als unter demselben, alSdcnn haben wir nothwendig Nachtglcichc. Virgils Beschreibung ist also sehr richtig, da des Herrn Duschs seine sehr abgeschmackt ist. Es entschuldiget ihn nicht, daß m-nis sehr oft so viel heißt als mundus, niuncll «rlils; es heißt eben so oft ein blosser Kreis, und er hätte wissen sollen, welche Bedeutung sich hier schickt. Hier nimmt es der Römer eben so, wie er es an einer andern Stelle nimmt, wo er sagt:"" ^km> r-ijüclus tarrons sitlontes Kiiius Inilos ^rclodat ewlo, >d »!et/«um lol igneus oi ^s?» Haulorsr. Sie hatte die Hclfte ihrer Bahn erreicht; es war Mittag. Ich weis zwar, daß auch Ru«us ma", wahrscheinliche ohngcfchre Berechnungen von dem Abstände der Fixsterne von unserer Erde, und folglich zugleich von der Soune, gegeben haben. Aber heißt denn das, die Weite von einer Sonne zur andern, das ist, von einem Fixsterne zu dem anOcrn messen? Kann es unterdessen Herr Dusch; ey, so sage er uns doch, wie weit ist es vom Alcor bis zum Rabelesit? Oder um ihm, wenn er denkt, die Aufgabe zu erleichtern; wie weit ist es von einer der Plcjaden zu der andern? Denn bey nahe muß ich auf den Verdacht kommen, daß er hier nur die scheinbare Weite eines Firsterns von dem andern meint, und diese nicht besser zu messen verlangt, als der gemeine Mann den Schweif des Comctcn mißt; nach Spannen. Meint er aber nur die Messung dieser scheinbaren Weite, so möchte ich wissen, was sür eine Stärke des Geistes dazu gehöre? Die Fortsetzung künftig. XXII. Den 31. May. 1769. Fortsetzung des ein und vierzigsten Briefes. Man hatte in der Bibliothek dem Herrn Dusch unter andern auch gerathen, seine Gemählde öftrer mit Fictioncn zu unterbrechen. Und sehen Sie; auch diesen Rath hat der gutherzige Scribent angenommen! Er hat mehrere, er hat grössere Scitc 0i. II. Theil, ei» und vierzigster Brief. 101 eingestreuet; und er versichert, es würde ihm angenehm seyn, wenn sie gefallen könnten. Lassen Sie mich, Wunders halber, eine ganz flüchtig durchgehen! Zch wähle den Traum dazu, der am Ende des Oktobers stehet. Prägen Sie sich es ja wohl ein, daß es ein Traum ist! — Herr Dusch also entschlief und träumte. „Ein unum- „grcnztcs lachendes Thal, in einer kaum sichtbaren Ferne, mit „blauen Gebirgen und Wäldern umgeben, war der Schauplatz, woraus er sich auf einmal im Traum befand. — Bemerken Sie doch sogleich dieses unnmgrenzte Thal, in einer kaum sichtbaren Ferne mit Bergen umgrenzt. — Hier also ist er; und wenn wird er aus diesem unumgrcnzten Thalc wieder herauskommen? Lassen Sie sich die Zeit nicht lang werden. Sieben Zeilen weiter „verfolgt er bereits durch eine Kette von Hügeln den „Fußsteig, der ihn endlich an die schönste Ebene bringt. — Willkommen! Aber was machte der Träumer erst in dem un» umgrenzten Thale? Warum befand er sich nicht gleich in dieser Ebene? Hätte er den sauern Weg durch eine Kette von Hügeln nicht sich und dem Leser ersparen können? — Und was entdeckt er in der Ebene? Er entdeckt in der Ferne „ein majestätisches „Gebäude, das in Erstaunen und Ehrfurcht setzte. Der Mond „erhellte einige Seiten und Mauern die sich mir im hellen „Lichte entgegen kehrten, andere verbargen sich in tiefen Finsternissen. Unermeßliche Schatten fielen auf die unumgrenztc „Fläche, und mahlten mit schwarzen Finsternissen die Gestalt „des Tempels in erstaunlicher Grösse auf das Feld. Mein „Blick Übermaß die Länge der Schatten nicht, die auf der „Fläche lagen, und die Zinnen des Gebäudes schienen an die „Wolken zu ragen. Das ganze Gebäude ruhte auf corinthischen „Säulen. Alle Theile desselben waren in der vollkommensten „Symmetrie zusammen gefügt; und ihre Verbindung war so ge- „nau und richtig, daß kein Auge entdecken konnte, wo der eine „Theil aufhörte, oder der andere ansing. Kein nöthiges Glied „wurde hier vermißt, und keine Zicrrath war übcrflüßig. Eine „bewundernswürdige Einfalt herrschte in dem Ganzen, und die „Majestät des kühnen und regelmäßigen Gebäudes setzte in Er- „stauncn. — Das nenn ich eine Beschreibung! Zch führe sie 102 Briefe, die »euefie Litteratur betreffend. deswegen ganz an, um Ihnen zu zeigen, welch ein vortrcflichcr Vaumcistcr Herr Dusch jst. Ein großes unermeßliches Gebäude, das durch seine Majestät in Erstaunen und Ehrfurcht setzt, dessen Zinnen an die Wolken ragen, das keine einzige überfiüßigc Aicrrath hat, in dessen Ganzen eine bewundernswürdige Einfalt herrscht; nach welcher Ordnung würden Sie so cm Gebäude aufführend Geben Sie wohl Acht, nnd lernen Sie was! Herr Dusch führt es nach der corinthischen Ordnung auf. „Das ganze Gebäude ruhte auf corinthischen Säulen. Es ist um cin aufgcschnaptcS Kunstwort eine schöne Sache! Und noch eine schönere, um die edle Trcustigkcit, cin solches Kunstwort auf gut Glück zu brauchen! — Aber, damit ich weiter komme! Ein Genius begegnet dem Träumer, und sagt ihm, daß dieses grosse Gebäude der Tempel der Natur ist. Er erbietet sich ihn« zum Führer, und nach verschiedenen vorläufigen Erinnerungen, treten sie mit einander in einen ungeheuren Vorhof des Tempels, wo sie eine Menge von bejahrten Männern nachsinnend, oder mit einander in Unterredung begriffen, erblicken. Alle in der Kleidung der alten Nationen; deren Wcltwcisc und Naturforscher es sind. Nun fängt der Genius sein Collcgium an: „Jener Schwärm in „verschiedenen Trachten, deren Stirnen cin hohes Alter mit „greisen Haarcn bcstrcuct hat, sind die Wcltwciscn barbarischer „Völker. Du siehst, sie gehen in kleinen Hausen zusammen, „nnd nntcrrcdcn sich zum Theil ganz leise, zum Theil durch „Räthsel. — Ihre Lehre war nicht würdig auf die Nachwelt „zu kommen. — Nur wenig ist davon mit Gewißheit für die „Nachwelt übcrgcblicbcn. — Hicr besinnt sich der wachcnde Herr Dusch, seinem Genius mit cin Paar Citationen auszu- hclfcn. Er setzt in einer Note hinzu: „Man muß dic Nachrichten von diesen (den Wcltwciscn der barbarischen Völker) „aus vcrschicdcncn Schriftcn, als Zdourncts ^renNoloZ. pnilos. „in dcr Amstcrdammcr Ausgabe scincr Theorie der Erde; Reim- „manns Einleitung in die Geschichte dcr Gelehrsamkeit, und „andern zusammen suchcn. Vortrcflich! Man muß sic aus denen znsammcn suchcn, dic sic zusammcn gesucht haben. Und wer ist Sournct? Wenn hat cin Dournct ^rcliivolvgws plu'Iot'v^Iüccls II. Thcil. (5in und vicrjijzftcr Brief. 103 geschrieben? Ein Zöurnct, weis ich wohl; lind was braucht Herr Dusch den ehrlichen Schotten in einen Franzosen z» verwandeln? „Ein bcßrcr Hanfe, fährt der Genius fort, ist der, den „du dort in griechischer Kleidung siehst. Und hierauf fängt der erleuchtete Genius an, in dem wahren Tone eines früb- zcitigcn Adjuncts der philosophischen Facultät, so viel falsches, so viel nur halb wahres, so viel unverdautes Acug von den verschiedenen griechischen Scctcn, und einzeln Wcltwciscn, daher zu plaudern, als man nur immer in dem elendesten Com- pcndio einer Geschichte der Wcltwcishcit, finden kann. Er hat ein Argument, mit welchem er sie alle abfertiget. Er spricht sein lächerlich! und so gleich erblickt man, anstatt eines ehrwürdigen Philosophen, einen dummen Jungen. Z. E. wenn er vom P>-lhagoras spricht: „iLine dunkle gchcimnisivolle F.chrc, „die lächerlichste unrcr allen." ° Oder vom Aristoteles: „eben „so lächerlich und dunkel nahm Aristoteles Materie, Form „und Privation zu seinen Grnndcniellen an. °° (Oder an einem andern Orte vom Epicnr: „Ich gehe hier nur kurz die „Gründe durch, die dieses lächerliche Lehrgebäude zu Do- „dcn werfen können.""") — O mein Herr Genius, diese ihre Beschuldigung des Lächerlichen, ist scbr lächerlich! Sie sind ein lächerlicher Genius; mit aller Hochachtung von einem Geiste gesprochen! Und sagen sie mir, was wollen sie dem guten Herrn Dusch weiß machen, wenn sie unter andern ausrufen: „O „Vernunft, wie blind bist du oftmals! Was die ältere Zeit „schon längst nicht mehr glaubte, das sucht die neue wieder „hervor, und die offenbarsten Irrthümer gewinnen noch einmal „Beyfall: und ein Spinoza, Carres oder Gassendi kleiden den „alten Irrthum des Lkr^sippus oder des Epicurus in eine „neuere bessere Tracht. Was sie mit dem Gajlcndus und LLpicur wollen, das kann ich ohngcfchr errathen. Aber der alte Irrthum des Chrysippue? Was ist das? Was bat Spinoza dem Lhr^-slppus abgcborgt? Was Larresius? Beyde eben dasselbe; oder jeder etwas anders? Wenn sie dem Herrn Dusch ° Scilc 179. °° Scilc 180. "° Scilc 274. 104 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. wieder im Traume erscheinen, haben sie doch die Eütigkeit, sich näher zu erklären! Sie sehen, mein Herr, man kann sich schwerlich einer Tur- lupinadc enthalten, wenn man sieht, daß Leute mit einer Gelehrsamkeit prahlen wollen, in der sie offenbare Fremdlinge sind. — Wie ich schon bemerkt habe, so hilft Herr Duscl) seinem Genius manchmal in einer Note nach; aber seinen Noten möchte man wieder in andern Noten nachhelfen. Von dem Anaragoras sagt er z. E. cr lebte in der IXX Olympias, Sagt man aber von einem Manne so, der in dieser Olympiade erst gcbohrcn worden? Wenigstens lebt der Philosoph, in den ersten vier Zahrcn seiner Kindheit noch nicht. Auch wird der Genius, wenn er nun von den neuern Wcltwciscn zu reden kömmt, nichts richtiger; so wie ihn Herr Dusel? auch nichts genauer ergänzt. Der Genius sagt z. E. von dem grossen Zöaco: „Er war es, der die Gesellschaften „stiftete, die sich mit vereintem Flcissc um die Erkenntniß der „Natur bemühten, und die Wissenschaften ins Aufnehmen zu „bringen suchten. Eine vortrefliche Stiftung, die seinem Andenken Ehre macht, und groß genug ist, seinen Namen zu „verewigen. England hatte die Ehre, diesen Weltwcisen ge- „ bohren zu haben, nnd in seinem Schooß die erste Gesellschaft „wahrer Philosophen zu hegen zc. ° — Wo hat denn der gelehrte Genius gelesen, daß Zbaco die englische Societät der Wissenschaften gestiftet habe? Gestiftet: so sagt cr zwcymal. Denn wenn es gleich wahr ist, daß die ersten Stifter derselben den Anlaß dazu aus der !5c>va Atlantis des Baco genommen, so kann man deswegen doch nicht sagen, daß sie Daco gestiftet habe. — Noch einen grobem Fehler aber macht Herr Duftb, mit eben diesem Vater der gereinigtem Weltweisheit, wenn cr in der Note sagt: „Von diesem Zeitpuncte der „Geschichte dcr Philosophie sagt ein Dichter: Cartcs zerreißt die Fesseln, die mancher schon genagt. Er zweifelt nnd sncht Grunde, cr findet, nnd es tagt. Tcr Weisheit GcninS steigt ans des Moders Hügeln, lind schüttelt mit Gewalt den Schnlsiaub von den Flügel». ° S. 188, °° S. 187. II. Theil. Sin und vierzigster Brief. 105 ein Rac»/ Lock und Newton ersetzt, was noch gebricht, Natur, Verstand und Sitten, und alles wurde Licht. Wohl zn merken, daß der Dichter, der diese sechs Zeilen gereimt hat, wenn ich mich nicht sehr irre, Herr Dusch selbst ist. Wenigstens billiget er sie hier; und zugleich den albern Anachronismus, den sie enthalten. Lartesms hat also eher geschrieben als Daco? Und Daco hat nur ersetzt, was jener noch gebrechen lassen? — O, ich bin cs müde, mehr solche Anmerkungen zu machen. Lassen Sie mich den Traum verfolgen. — Der Genius kömmt endlich mit dem Herrn Dusch in den Tempel selbst. Und min machen Sie sich fertig in den seltsamsten Raritätcnkastcn zu gucken! „Zwey mächtige Flügel crösnctcn den Eingang durch „ein langes Gewölbe, das auf beyden Seiten auf marmornen „Säulen ruhte. Zwischen diesen standen in ihren Fächern die „Bildsäulen der größten Philosophen, die durch ihre Bemühungen die wichtigsten Wahrheiten aufgeheitert hatten. Einige in „der Tracht der Lhalsöcr:c." Ist das nicht lustig? Hier stehen die Bildsäulen der Philosophen, die draussen in dem Vor- hofc lebendig herum liefen. Und auch so gar die Bildsäulen derjenigen, deren Lehre nicht werth war, auf die Nachwelt gebracht zu werden; der Chaldäer. Zugleich welch ein kunstmä- ßigcr Ausdruck: die Bildsäulen standen in ihren Zachern! Nischen heißen auf deutsch Blenden, nicht Fächer. — Aber wir sind noch in dem Eingange des Tempels. Wer wird sich überall aufhalten? — Nun merken Sie auf; wir treten herein. „Ein erstaunliches Gewölbe voll majestätischer Ein- „falt! — Tausend Lichter; eine himmelblaue Decke, und an der Decke alle Augenblicke ein neuer Auftritt; itzt geht die Sonne daran aus, und itzt unter; itzt scheinen die Sterne, itzt verlöschen sie; mitten im Tempel ein Altar; gegen die vier Ecken des Altares vier in Marmor gehauene Bilder, welche die vier Zahrszcitcn vorstellen; an den Wänden schöne Gemählde von den vornehmsten Gegenständen, die der Mensch auf der Erde zu betrachten findet; eine corinthische Säule, welche eine schwarze marmorne Tafel hält, worauf die Gesetze der Natur, der Bewegung und der Schwere geschrieben stehen :c.: das sind 10k Briefe, die neueste Litteratur betreffend. die inncrn Dccorationen, für welche Herr Dusch unmöglich einen grossen Aufwand an Witz und Erfindung kann gemacht haben. — Aber ist das schon die ganze Natur, die uns der Dichter hier im Kleinen vorstellen will? O nein! Er zieht daher auch weislich, in seinem Kasten ein neues Fach. „Indem cröfnctcn „zween mächtige Flügel eine weite Aussicht aus dem Tempel „in ein unabsehbares Feld." Merke auf, sagte mein Führer zu mir, und betrachte! — Der natürliche Savoyard: Vous allvs vo!r co «niv vous illl^s voll ! Ili Ii->! — Was giebt es denn nun zu betrachten? Da rcpräscntircn sich: „Entblößte Hügel, „die ihr Inneres aufdecken; Erdartcn, Mineralien, Steine, „Metalle zc." Und abermals repräsentier sich: „Die schönste „Gegend; ein ebenes Thal mit unzähligen Kräutern und „Blumen aus allen Himmelsgegenden geschmückt." Und abermals repräsentier sich: „eine unzählbare Menge von Stau- „dcn." Und abermals rcpräscntircn sich: „theils Pflanzen, „theils lebendige Geschöpfe." Und abermals rcpräscntircn sich — O vcrzwcifclt! Ich wollte meinen Herren, noch das ganze Thicrrcich rcpräscntircn; abcr sie scheu das Licht geht mir in dem Kastcn aus. „Die Betrachtung des Thicrrcichs soll dahcr „ihnen selbst überlassen sc>)n! Nicht cin Haar bcsscr läßt Hcrr Dusch scincn Genius in allcm Ernste abbrechen, weil, „cinc Pricstcrin, in wcisscn At- „las gcklcidct an dcn Altar tritt, und neuen Weihrauch in die „hcllcrc Flamme gießt." — Der Guckkasten wird mm zu einem Marioncttmspicle. — Es kömmt noch cinc Gestalt dazu; „schön, abcr menschlicher gebildet, mit einem dcnkcnden Auge." Und noch cinc dritte: „ein bejahrter Greis geht ihr zur Rcch- „tcn, dcr in dieser Hand cin Sehrohr, in dcr andern das „Blcymaaß trägt." Und cinc vierte: „zu ihrer Linken trägt ein „blühender Genius, cin vollgeschriebenes Buch." Diese drcye warffcn sich vor die Stufcn des Altars auf ihr Antlitz, indem die Priestern, mit zum Himmcl gcfaltcncn Händen nicdcrknictc. — Hicr endlich, thut der Träumer seine erste Frage an dcn Genius; denn noch hat dcr Genius beständig allein gesprochen, und der Träumer hat, wie es sich in einem cckcln Eollcgio für ll. Theil. Ein und vierzigster Brief. 107 beyde schickt, vermuthlich unterdessen — geschlafen. „Wer sind „diese, die hier anbcthcn? — „Jene blühende Gestalt, sagt „der Genius, ist die Vernunft, die von der Erfahrung zur „Rechten geführt wird. Ein Genius hält ihr beständig das „Buch der Natur vor, und beyde führen sie zu dem Altare, „wo- die natürliche Religion dem Vater der Wesen opfert. „Kaum hatte er auSgcrcdct, als ein Lobgcsang von tausend „verschiedenen Stimmen erklang. — Und siehe, dieser Lobgcsang ist nach dem Englischen des Thomson. Denn sie wissen wohl, daß wir im Traume nicht neues erfinden, sondern uns nur mit oft ungeheuern Zusammensetzungen und Trennungen alter Zdccn behelfen. Herr Dusch ist folglich aus Gründen der Psychologie zu entschuldigen, daß er keine neue Hymne singen läßt. — Nachdem der Lobgcsang zu Ende ist, erfolget eine Stille, und über diese Stille erwacht der Träumer! Sehr wohl! Ein ähnliches Erwachen haben wir an des Schmids Hunde in der Fabel, der unter dem Getöse dcr Hämmer sehr ruhig schlief, und nicht eher erwachte, als bis die Hämmer ruhten, und ihn die erfolgte Stille zum Essen rief. Der Beschluß künftig. XXIV. Den 14 Jnnius. 1759. Beschluß des Listen Briefes. Und nun sagen Sie mir, kann man sich eine elendere Fic- tion gedenken, als diesen Traum des Herrn Dusch? Aber vielleicht argwohnen Sie, daß er nur in meinem Auszüge so elend geworden sey. — Wie könnten Sie zwar das argwchnen, und welchen Bcwcgungsgrund könnte ich haben, Ihnen etwas elender einzubilden, als es in dcr That ist? Dem ohngcachtct, schcn Sic hicr noch cinc andere Erdichtung dieses Dichters! Ich will mich die Mühe nicht kauern lassen, sie Zhncn in ihrem ganzen Umfange abzuschreiben. Und wenn dicsc nicht eben so clcnd ist, als dcr Traum, so will ich es Zhncn erlauben, mich dort für einen Verfälscher zu halten. Herr Dusch will uns in seinem September ^ die Lehre, daß wir das oft nützlich befinden, rvas rvir anfänglich schädlich nannten, durch ein Beyspiel einprägen. Lesen Sie! ° Seile 9Z. n^M»--» i »i«Mi» » » i> Igg Briefe, die neueste Litteratur betreffend. „Tcr Sturmwind zerriß dem Alcest seine Hütte am Strande der „See. In was für Verwünschungen und Klagen brach er wider den „Himmel aus, der ihn gesandt hatte! Welch ein elendes Leben, rief „er zu den Felsen, ist das meinige! Kaum kann ich mir mit den „Arbeiten meiner Hände das Brodt erwerben, das meine Nothturfl „fordert! Unfruchtbar fließt mein Schweiß. Mit der Sonne' stehe „ich auf, und die Mitternacht bringt mir erst die Stunde des Schlages. Ans der Tiefe des unsichern Meeres mnß ich meine Nahrung „ziehen, oft mit Gefahr des Lebens mit dem Ruder die ungetreuen „Wellen schlagen, und von den Ufern des Todes ein schlechtes Opfer „für meinen Tisch hohlen. Und dennoch, o Himmel, sendest du „Stürme, die meine arme Hütte niederreißen? Soll ich denn den Un- „ gewittern und Regen, soll ich allen Beleidigungen des ungütigen „Himmels ausgesetzt, auch nicht in der Nacht die Ruhe haben, die „alle Wesen wieder vergnügt? Der Vogel schläft unter dem grünen „Dache der Blätter. Der Sturm wiegt ihn iu den Schlaf, der meine „Wohnung zu Boden reißt. Tas Wild ruhet sicher in Hohle» und „in warmen Gebüschen, und der Wurm findet im Schoosse der Erde „eine sichere Ruhestädte: nur ich bin allen Plagen ausgesetzt, und um „mich zu quälen, gießt der Hinimel alle Ungcwitter aus. „Mit diesen Klagen und Thränen in den Augen, warf er sich „voll Unmuth, und müde seines Lebens, Alcest, auf einen mooßigten „Felsen nieder. Die Nacht umschattete ihn; ein fester Schlaf nahm „ihn in die Arme, und der völlig angebrochene Tag öfnete erst seine „schweren Angcnliedcr. Traurig stand er von seinem harten Lager „auf, und wandle seine Augen auf das Meer. Tann suchte er seine „Hütte. Die Hütte lag in einem Haufen zusammen, und sein Kahn „stand zerschlagen auf dem trokuen Sande. Jezl brach ein neuer „Strom von Thränen aus seinen Augen, und neue Klagen stürzten „von seinen Lippen. Verzweifelnd stieg er die Klippe hinunter, und „wanderte zu seinem Rachen. Aber der Nachen war zertrümmert, „ und seine Hütte darneben ein Steinhauffcn. Von wüthender Verzweiflung getrieben eilte er ans Meer, entschlossen sein Leben zu en- „digcn, und iu demjenigen Elemente den Tod zu suchen, das ihn des „einzigen Mittels der Erhaltung beraubt halte. Nimm auch mein „Leben, rief er, nimm dieses elende Leben, Schicksaal, das ich nicht „mehr erhalten kann! Jctzo will er sich in die Wellen stürzen; aber II. Theil. Ein lind vierzigster Brief. 109 „indem er mit einem Blicke das Ufer übersah, siel ihm ein Schiff ins „Gesicht, das auf dem Sande auf die Seite gelehnt lag. Die Ma> „sten waren zerbrochen, die Segel zerrissen, und der Kiel siack in ei- „ner Sandbank. Jetzo vergaß er seinen Entschluß zu sterben, und „Nenbegierde und Hofnung beflügelten seine'Füsse. Was für Schatze „fand er auf diesem unglücklichen Schiffe, das eben der Sturm, der sei- „nen Kahn und seine Hütte zerschlagen, an diesen Strand getrieben hatte! „Wie vergaß er zn seufzen, und neunte das Ungewittcr ein Mittel „seines Glücks, und den Himmel gütig und weise, der ihm den Sturm „gesandt hatte. Tausendfach war ihm sein Verlust ersetzt, und eben „der Sturm den er verwünschte, bereicherte ihn. Welch ein abscheuliches Beyspiel! Abscheulich in allen möglichen Betrachtungen. — Der Held ist ein elender Fischer; und doch spricht dieser elende Fischer, natürlich wie der Poet Dusch. Er schlägt die ungetreuen Wellen; er höhlt von den Ufern dcS Todes ein schlechtes Opfer. Welch eine Sprache für einen elenden Fischer! Und was muß dieser Fischer sonst für ein Narr seyn! Der Sturmwind hat seine Hütte zerrissen; er klagt, er murret; er ist seines Lebens müde. Aber doch, denkt er, ehe ich mich ersauffe, kann ich ja wohl noch eine Nacht gut schlafen; er wirft sich auf einen mooßigtcn Felsen nieder, und ein fester Schlaf nimmt ihn in die Arme. Gewiß dieser feste Schlaf eines Unglücklichen in der Verzweiflung, ist ein Mcisterzug des Herrn Dusch! Lato schlief kurz zuvor, ehe er sich umbringen wollte, eben so fest; aber nicht eben so lange. Der Fischer ist ein doppelter Lato; der völlig angebrochene Tag öfnct erst seine schweren Augcnlicder! Anstatt aber, daß er seinen Rausch der Verzweiflung sollte ausgeschlaffcn haben, wird er noch einmal so wütend als er gestern war. Bey ihm hieß es nicht: la nuit porte ->v!s. Er ist fest entschlossen sein Leben zu enden. — Und nun geben Sie Acht; der Fischer des Herrn Dusch ist nicht bloß ein Narr, der es erst beschlafcn muß, ob er sich ersäufen soll, oder nicht: er ist das größte menschliche Ungeheuer, das je gewesen oder erdichtet worden. Er kömmt an den Strand und entdeckt ein verunglücktes Schiff; er entdeckt, daß vielleicht hundert andere durch den Sturm hundertmal mehr verloren haben, als er selbst. Was hätte diese Entdeckung bey ihm wirken müssen, wenn ihm _.-^t ^.i W / -_'_ 11t) Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Schöpfet Dusch nur cincn Funke» Menschheit gegeben hätte? Hätte sie seine Verzweiflung nicht noch höher treiben müssen? Welch ein Herz muß das seyn, von dem es in einem solchen Falle hcisscn kann: „er vergaß seinen Entschluß zu stcr- „bcn, und Ncubcgicrd'c und Hofnung bcflicgcltcn seine Füsse. Herr Dusch fragt an einem andern Orte: ° „Um mich zu lrö- „sicn, wenn meine Wunde blutet, soll ich cincn andcrn an dcr „scinigcn mit dcm Tode ringen sehen? Es sind tausend Schmerlen noch heftiger, als der mcinigc, ein so schrecklicher Gedankt, „dcr in Vcrzwciflung stürzcn muß, sollte mich crmuntern kön- „ncn? — Doch dicsc bcssern Gcsinnungcn im November, konnte Hcrr Dusch freylich im September noch nicht haben. Aber lassen Sie mich dicscs Beyspiel noch auf cincr andcrn Scite anschcn. Es ist wahr, cs enthält gcwisscrmaaßcn dcn allgemeinen trostreichen Satz: Daß wir das oft nützlich bcsindcn, was wir anfänglich schädlich nanntcn. Abcr enthält cs nicht auch zuglcich cincn andcrn, dcr nichts wcnigcr als trostreich ist? Diesen nehmlich: daß das Unglück vieler, oft das Glück eines einzigen wird. Es ist wahr; wärc dcr Sturm, dcr die Hütte dcs Fischers nic- dcrriß, nicht gcwcsen, so hätte itzt auch kein reichcs Schiff an den Strand können gcworfcn werden, durch dessen Plünderung dcr Fischer seincm Schaden so wohl bcykam. Abcr muß dcnn dcswcgcn ein rcichcs Schiff schcitcrn, um cincn Fischcr dcn Acr- lust scincr clcndcn Hüttc vcrgcsscn zu machen? Kann sich dcr Unzufriedcne, dcr dicscs Beyspiel liefet, nicht eben so wobl an die Stelle derjenigen setzen, die an dcm verunglückten Schiffe Theil haben, als an die Stelle dcs Fischers? — Und nun lassen Sie mich mcincn Bricf cinmal schlicsscn. Dcr Mann hat mich angcstcckt, von dcm die Rcdc ist. Auch Hcrr Dusch wcis niemals das Ende zu findcn, er mag schreiben wovon er will. Er fängt lieber zehnmal wieder von vorne an, als daß er da aufhören sollte, wo seine Gedanken aufhören. — Kann ich aber meinen Brief schlicsscn, ohne vorher feycrlich zu protcstircn, daß ich darum nicht ganz und gar nichts von Hcrr Dnschen halte? Er könnte wirklich ein guter Schrift- ° Seite 221. II. Theil. Ein und vierzigster Brief. 111 stcllcr geworden seyn, wenn er sich in die ihm zukommende Sphäre hätte einschließen wollen. Und diese haben ihm die Verfasser der Dibliochcck deutlich genug angewiesen. Herr Dusck hat nicht Witz und Erfindungskraft genug, ein Dichter zu seyn; und ein Philosoph zu seyn, nicht genug Scharfsinn und Gründlichkeit. Er hat aber von bcl,dcn etwas, und ohn- gcfchr gleich so viel, als dazu gehört ein erträgliches moralisches Lehrgedichte zu machen. Dieses mache er; und lasse sich ja weder von seinen Freunden noch von seiner Eitelkeit verführen, Werke ilo lonFuc- nalaino zu unternehmen, welche Anlage, Erdichtungen lind Ockonomic erfordern! Keine Stelle in den ganzen Schilderungen, die mir wenigstens in die Augen gefallen ist, hat mir mehr gefallen, als die Ausschwciffung über die Gewalt der Mode, im Octobcr." Ich habe so viel schlechte Brocken für Sie daraus abgeschrieben, daß Sie mich für neidisch halten könnten, wenn ich Ihnen nicht auch noch einige gute mittheilte. Wie gesagt; hier und da eine sittliche Betrachtung, ein Charakter, ein satyrischcr Zug gelingt dem Herrn Duscli; und das ist es auch alles, was er zu der ihm angcrathcncn Dichtungsart nöthig hat. „Siehe, alles in der Stadt untcnvirft sich dieser veränderlichen „dn»n»cn Göttin. Was wir am häufigsten sehen, dünkt uns am an- „ständigstcn: und der Irrthum dienet uns statt der Wahrheit, wenn er „gemein geworden ist. „Frage den halbschcndcn Visto, warum er sich so sehr in Bil- „der verliebt hat, die er doch durch die Bnllc betrachten müßte, wenn „er wisscir wollte, was sie vorstellen. Er wird dir sagen, der (Lc- „schmack habe ihn verführt; aber vielleicht sagt er zugleich einem Lcr- „ trauten leise ins Ohr: eS ist Mode, Geschmack zu haben. Tcnn er „starrt, mit einer gleichen Bewunderung, ein elendes Geschmiere nnd „das Meisterstücke eines von Dyk an. Was machte, daß sein Land- „gut in andere Hände fiel? Ach! grausamer Loraine, fünf deiner verglichenen Landschaften. — „Tort tanzt der zarte Curio. IlllcS bewegt sich, alles lächelt an „ihm. Seht doch seinen Fcderhut, seinen vergoldeten Rock, seinen ° Seite 159. 112 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. „kostbaren Ring, seine weisse Hand, und seine reiche Weste an! Mit „ihm schwatzet die Schöne von Büchern, vom Schauplatze, oder vom „Grandison. Diesem mit sich selbst vergnügten Anbeter aller Schö- „nen, erlaubet sie, an ihrem werthen Nachttische zu sitzen. — l?s ist „leichter, ruft der Weichling, ein siegendes Heer anzusühren, oder ein „sinkendes Land zn erhalten, als der schönen Flavia Haare zu kräuseln, oder einen Tanz anzuführen, oder neue französische Moden „nachzuahmen. — „Mode erhält meistens die Stadt geschäftig. Ob es Zeit sey, „zum Tanze oder zum Tempel zn gehen; Zeit zu spielen, oder zu be- „tcn; zu glauben oder sich zn kleiden; zu lacken oder zu trauern; „alles bestimmt die Mode, die über alle Geschäfte und Stunden des „Tages gebietet. Roch in der letzten Stunde ihres Lebens bekannte „Cephise die Herrschaft, die die Mode in ihrem Leben über ihr Herz „gewonnen hatte. Mitten in ihrem Gebete, als ihre traurigen Freunde „mit gefalteten Händen um ihr Bette standen, rief sie ihre Bediente „zu sich: „In AtlaS sollst du mich kleiden, und dann soll meine Leiche sechs Tage lang zur Schau stehen; sechs Tage gebietet die Mode. „Eine Räthin, und keine Carosse,- und keine Bediente? Kinder „würden über mich lachen, wenn sie sähen, daß ich meine Füsse zum „gehen brauchen könnte! Wir dürfen nicht so stark seyn! sagte die „junge Narcisse zu ihrem Gemahl. — Aber wie? versetzte er, bedenken sie doch! Eine Carosse und Bediente! Ich müßte als ein Be- „tricgcr zu Grunde gehen. — lind wollten sie sich noch bedenken, „wenn cS die Mode so will? — G. XXV. Den 21 JuniuS. 1759. Drey und vierzigster Brief. Der alte Aogau ist erschienen; nnd ich eile, Zhncn mein Versprechen zu halten. ° Er ist in aller der Sauberkeit und Pracht erschienen, die ein klastischer Schriftsteller verdienet. Die Herausgeber sind die Herren Ramler und Messing." ° S. den 30stcn Brief. "° Friedrichs von Logan Sinngedichte, zwölf Bücher. Mit Anmerkungen über die Sprache des Dichters herausgegeben von C. W. Ramlcr, und G. E. Lcssing, Leipzig, 1769. in der Weidmännischen Buchhandlung. Ein Alphabet, 12 Bogen. II. Theil. Trcy und vierzigster Brief. 113 ..Friedrich von Loga», sagen sie in ihrer Vorrede, ist mit allein Rechte zc. ss. Band V, S. 104^ sich näher nach ihm zn erkundigen. Sind Sie begierig, diesen Meister mid diesen Iohn näher zu kennend Meister gab 172t'> ein elendes Büchclchcn heraus, unter dem Titel: Anweisung und Exempel, mchrenthcils lustiger und annehmlicher I^iiAr-rmmatum, aus vielen ^uwrilius zusammengelesen. Und John schrieb einen parnasluin 8ilelia- eum, livv lioeonsioiies poetaium 8ilotiaeorum, lui<>t«/uot vol in ziatria vvl in slia vtiam lingua IVIusi» liturunt. W0V0N die erste Centurie 1728 herausgekommen. Beyde gedenken zwar unsers Dichters, fertigen ihn aber ungemein kalt ab; und es ist wahr, die Beyspiele, die sie aus ihm anführen, sind sehr deutliche Beweise von ihrem elenden Geschmacke. John führt zum Exempel folgendes an: XNistinnr'er. Ein zartes MiMcrkind, das nie vom Hans entnommen, Ist einem Ochsen gleich, der nie vom Stall gekommen. Und gleichwohl sagt er: yuse «junlem IZpizrammata leporldus luis ot kalilnis non (loktituuntur. „Wir konnten, fahren die Herren Herausgeber fort, eine lange „Reihe von Klinstrichtern, von Lehrern der Poesie, von Sammlern „der gelehrten Geschichte anführen, die alle seiner entweder gar nicht, „oder mit merklichen Fehlern gedenken. Allein :c. — Zn dieser Reihe würde ohne Zweifel auch Herr Professor Gottsched seinen Platz finden. Dieser Mann, der sich mit seiner Kenntniß nnsrcr alten Dichter so breit macht, nennt ihn in dem Register zu seiner Dichtkunst Salomon Z.ogau; eine seltsame Vermischung seines wahren und angenommenen Namens. Er hat auch nie ein Muster aus ihm angeführt, welches er doch aus Gpiizen, Flemmingen, Dachen, Tschernin- gen und andern gethan hat. Desgleichen würde das Ischersche allgemeine Gelehrrenlerir'on hier eine Verbesserung erhalten können. Es sagt nehmlich von unserm Aogau: „Er hat den „Ruhm und Bcynamen des Schlcsischcn Peirescius erhalten, „und Lhrist. Gryphii, seines vertrauten Freundes, Entwurf „der Ritterorden, wider dessen Willen, drucken lassen. Allein Leslmgs Werk- vi, 8 114 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. dieses ist nicht von ihm, sondern von seinem Sohne, dem Freyherr» Dalchaser Friedrich von Z.ogau zu verstehen. Doch die Herausgeber haben solche Kleinigkeiten ihrer Mühe nicht werth geachtet. „Und wozu, sagen sie, sollten uns diese „Beweise dienen, daß L.ogau unbekannt gewesen ist? Ein je- „dcr Leser, der ihn nicht kennt, glaubt uns dieses auch ohne „Beweis. — Sie bringen dcmohngcachtct, im Vorbeygehen, noch zwey Beweise an, die ihr Vorgeben ausser allem Zweifel setzen. Der erste ist dieser: -Ü.ogau war ein Mitglied der fruchtbringenden Gesellschaft, in die er 1048 unter dem Namen des Verkleinernden aufgenommen ward; gleichwohl aber rechnet ihn der Sprossende, in seiner Beschreibung dieser Gesellschaft, unter diejenigen Glieder nicht, die sich durch Schriften gezeigt haben. Der zweyte Beweis ist von S- v, G. auferrveckren Gedichten hergenommen. Schon nehmlich im Zahr 1792 bekam ein Ungenannter den Einfall, einen Auszug aus den Sinngedichten unsers >L.ogKu zu machen; und wenn er berechtiget war, diesen Auszug anfcrweckce Gedichte zu nennen, so ist cs ja wohl unleugbar, daß sie vorher schon begraben gewesen sind. „Unterdessen, sagen die Herausgeber, ist dieser Ungenannte vielleicht „Schuld, daß Ä.ogau noch tiefer in die Vergessenheit gcricth, „und nunmehr mit Recht zu einer neuen Bcgrabung verdammt „werden konnte. Es ist unglaublich, welche Freyheit er sich mit seinem Autor genommen hat; unter hundert Sinngedichten ist nicht eines unvcrstümmclt geblieben; und doch sieht man mcistcntheils auch nicht die geringste Ursache, warum er uns seine vermeinten Verbesserungen aufdringen wollen. Ich will einige Exempel davon anfuhren; denn ich weiß, ihre Ncngierde ist grösser, als der Eckcl seyn kann, den sie Ihnen verursachen werden. Die vier -Hirtinnen, ist eines von den feinsten Sinngedichten des L.ogan; wenn man ihm einige gezwungene Ausdrücke nehmen könnte, so würde cs ein kleines Meisterstück seyn. Es lautet so: ss. Band V, S, 19tt.) Aber welch ein plumpes, widerwärtiges Ding hat der Ungc- nantc daraus gemacht! ChloriS, Doris, Iris, Ciris liebten einen in die Wette; ChloriS krönte ihn mit Blumen; Doris gab ihm Honig ein; II. Theil. Drey und vierzigster Brief. 116 IriS grüßte ihn mit lachen; Ciris wollt die Klügste seyn, Sie behielt den Schäfer ThyrsiS, denn sie führte ihn auf6 Bette. Solche Nichtswürdigkeiten kritisiren sich selbst. Ich darf die übrigen also bloß nur untereinander setzen. Ä.ogau. ff. Band V, S. 164.1 Der Ungenannte Thue Nutz wird die bewacht, Die auf Geilheit ist bedacht; Denn der kleinste Bnhlerstich, Ist für sie ein Dictcrich. L.ogan. ss. Band V, S. Der Ungenannte- Die Schafe fressen selbst, ist der Tyrannen List. Vciin so vernimmt man nicht, daß sie der Wolf auffrißt. A.ogan. >s. Band V, S. 166.j Der Ungenannte- Wenn man den Feind aufs Haupt geschlagen, So hat der Fuß ihn weggetragen: Man schlag ihn lieber vor die Scheiben, So muß er fein beilegen bleiben. Und so sind die Verbesserungen des Ungenannten alle. Daß er dabey gleich die allcrvortrcfflichstcn Stücke seines Dichters ganz übersehen und gar nicht gerettet hat, ist ein Fehler, den man so einem Stümper kaum aufmutzen darf. Er hat seine Sammlung dafür mit Stücken von andern Verfassern bereichert, die überhaupt davon zu reden höchst elend sind; und selbst diejenigen, die er von Tanirzen und Bessern eingerücket hat, sind kaum mittelmäßig. Ein einziges habe ich darin» entdeckt, welches so vortrefflich ist, daß ich es unmöglich länger darin» kann vergraben seyn lassen. Es hat einen H 5N. zum Verfasser; und wer mag wohl dieser N7 seyn? Ein Menantcs ist es gewiß nicht. Delisc und Thesis. Belisc starb und sprach im Scheiden: Nun Thyrsis, nun verlaß ich dich! Ich stürbe willig und mit Freuden, Liebt eine dich so sehr als ich. ^ 11l? Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Ach, sprach er, mag dich das betrüben? Belise, nur dein Tod ist schwer! Kaiist du mich selbst nicht länger lieben, Bedarf ich keiner Liebe mehr. Welchem von unsern neuesten zärtlichen Dichtern wurde dieses kleine Lied nicht Ehre machen? — O wahrhaftig, das schlechte Buch ist rar, in welches sich gar nichts gutes, auch nicht von ohngcfehr cingcschlichen hätte! — Doch wieder auf den A.ogau zu kommen. Von seinen Lc- bcnsumständen haben die Herren Herausgeber nur wenig entdecken können. Er war im Jahr 1664. gcbohrcn; er bekleidete die Stelle eines Eanzlcyraths bey dem Herzoge zu Licgnitz und Bricg, L.uVcwig dem vierten, und starb 1656. Sie erwähnen unter seinen Vorfahren des George von L.ogau auf Schlaupitz, eines der besten lateinischen Dichters in der ersten Hclflc des sechzehnten Jahrhunderts. Auch unter seinen Nachkommen hätten sie einen Dichter, und zwar einen deutschen Dichter, finden können; nehmlich den Herrn Heinrich Wilhelm von L.ogan und Altcnvorf, welcher 1737 ein Poetisches Vergnügen herausgab. Sie werden ihn auch ohne Zweifel gekannt, aber es nicht für anständig gehalten haben, neben einem so grossen Ahnen, poetischen Andenkens, einen Enkel zu nennen, der weiter nichts als ein Reimer ist. K.og«u hatte Anfangs nur eine Sammlung von zwey hundert Sinngedichten herausgegeben, die, wie er selbst sagt, wohl aufgenommen worden. Die Herausgeber vermuthen nicht unwahrscheinlich, daß dieses im Jahr 1638 müsse geschehen seyn. Sechzehn Jahr endlich darauf, trat die vollständige Sammlung ans Licht, welche sie bey ihrer Ausgabe zum Grunde gelegt haben. — Und nun sehen Sie; ihre Vermuthung ist eingetroffen. Sie haben sie nicht von Wort zu Wort abdrucken lassen; denn drey tausend fünfhundert und drey und fünfzig Sinngedichte können unmöglich alle gut, alle aufbehalten zu werden würdig seyn. Sie haben ihren Dichter auf sein Drittheil herabgesetzt, und hören Sie doch, was sie dabey anmerken! „das „ist unter allen Nationen, sagen sie, immer ein sehr vortrefflicher Dichter, von dessen Gedichten ein Dritthell gut ist." — II. Theil. Trey und vierzigster Brief. 117 Der Ausspruch ist strenge; aber ich glaube doch, er ist wahr. Das ausgesuchte Dritthcil haben sie alsdcnn in zwölf Bücher vertheilet, die durch ein Paar dazu bequeme Sinngedichte zum Anfange und zum Schlüsse, in ein scheinbares Ganze verbunden werden. Der Anfang des ersten z. E. ist folgender, ls. Band V, S. 109.1 Und der Schluß des zehnten: >s. S. 248-1 Nach dem Inhalte oder dem Tone der Sinngedichte, haben sie sich bey ihrer Abtheilung zwar nicht gerichtet; doch scheint cS mir, als ob sie es bey dem einzigen sechsten Buche hatten thun wollen. Zn diesem nehmlich hat fast jedes Stuck, eine gewisse Feinheit, Naivität, Zärtlichkeit, ja nicht selten Schalkhaftigkeit; und >L.ogau erscheint da ganz als unser deutscher Larnll; wenn er nicht oft noch etwas besseres ist. Urtheilen Sie selbst. Ursprung der Dienen, ls. Band V, S. 185-1 Welch eine gluckliche Fiction! Mit wie viel kleinen Bildern ausgczicrct! Zn welch einer ungekünstelten, anständig tändelnden Sprache vorgetragen! Und auf welche ernsthaftc Wahrheit angewandt! Hier sind noch einige aus diesem Buche. Rückkunft vom Freunde, Ankunft zur Freundin- ls- S. 180-1 Auf die Pulchra. lS. 181-1 An einen Bräutigam. sS. 182-1 Ich will Ihnen unterdessen nicht einbilden, daß alle beybehaltene Stücke von gleichem Werthe sind. Die Herren Herausgeber erkennen es selbst; „aber genug, sagen sie, daß in dem „unbeträchtlichsten noch stets etwas zu finden seyn wird, warum „es unsrer Wahl werth gewesen. Ist es nicht allezeit Witz, „so ist es doch allezeit ein guter und grosser Sinn, ein poetisches Bild, ein starker Ausdruck, eine naive Wendung und „dergleichen." — Und das muß man ihnen zugestehen! Der gute und grosse Sinn besonders, macht eine Menge von L.ogaus Sinngedichten, zu so vielen güldenen Sprüchen, die von allen Menschen ins Gedächtniß gefaßt zu werden verdienen. Einfältiges Gebet- ls- Band V, S. 2Z9.j Zrcundschaft- sS. 247-1 Kurz, es ist nichts weniger, als eine Uebertreibung, wenn die Herausgeber sagen: „Es ist nnwidcrsprcchlich, daß wir in 118 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. ,,l»ismu K.ogau allein, einen Marrial, einen Larull, nnd Dio- ,,nysms Caro besitzen. XXVI. Den 29. Iunius. 1759. Vier und vierzigster Brief. Es war der blosse Ä.ogan, von welchem ich mich mit Ihnen in meinem vorigen Briefe unterhielt; nnd ich habe davon noch nichts erwähnt, wie sehr sich, mich ausser der guten Wahl, die Herren Herausgeber um ihn, und zugleich um alle Liebhaber der deutschen Sprache, verdient gemacht haben. Sie sind nehmlich mit ihrem Dichter wie mit einem wirklichen allen klaßischcn Schriftsteller umgegangen, und haben sich die Mühe nicht vcrdricsscn lassen, die kritischen iLrychrai desselben zu werden. Ihren Anmerkungen über seine Sprache haben sie die Gestalt eines Wörterbuchs gegeben, und sie merken mit Grunde an, „daß ähnliche Wörterbücher über alle unsere gu- „tcn Schriftsteller der erste nähere Schritt zu einem allgemeinen „Wörtcrbuche unserer Sprache seyn würden. „Die Sprache des L.ogau, sagen sie, ist, überhaupt zu „reden, :c. ls- Band V, S. 297.j Von der Sprachcnmcngcrcy, die zu seinen Zeiten schon stark cingcrisscn war, zeigen sie, daß er völlig frey gewesen ist. Was er mit einem deutschen Worte ausdrücken konnte, das drückte er mit keinem lateinischen oder französischen aus; und er hat verschiedene aus andern Sprachen entlehnte Kunstwörter nicht unglücklich übersetzt. Z. E. ^ceontus durch Zdevlanr; Inventarium, durch Fundregistcr; Profil, durch Durchschnitt, nnd zwar nicht nur von Gebäuden, sondern auch von einem Gesichte, welches der Maler bloß von der Seite genommen hat; ^„»tocilmus durch U)icder;inö:c- Doch war er hicrinn kein übertriebener Purist; sondern er spottet vielmehr über die zu- weitgchcndcn Neuerungen des sesen, der damals zu gottschedi- slrcil anfing. Es unterscheidet sich aber seine Sprache von derjenigen, welcher sich itzt unsere besten Schriftsteller bedienen, vornehmlich in zwey Stücken; in gewissen Wörtern und Fügungen nehmlich, die wir, es sey nun mit Recht oder mit Unrecht, ha- II. Theil- Vier und vicrjigsicr ^ricf. bc» veralten lassen, lind in verschiedenen Eigenthümlichkeiten, die er aus der besondern Mundart seiner Provinz beybehalten hat. Von jenen sagen die Herren Herausgeber: „Wir haben „alle sorgfältig gcsaminlet, :c. fs. Band V, S. 298.) — Und über die Provinzialsprachc ihres Dichters erklären sie sich folgender inaasscn: „Die Schlcsische Mundart :c. ss. S. 299 1 Auf diese beyden Stücke haben sie also in ihren: Wörtcr- buchc ihr vornehmstes Augenmerk gerichtet, von welchem ich Ihnen unmöglich anders einen nähern Begriff machen kann, als wenn ich einige Artikel daraus entlehne und Sie von diesen auf die übrigen schlicsscn lasse. Verschieden allgemeine Anmerkungen, die in dem Wörterbuch? selbst keine fügliche Stelle finden können, machen den Anfang. Z. E. /!.ogau braucht sehr häufig das Vcywort in dem ungewissen Geschlechte als ein Hauptwort. Er sagt: Seither ist unser Frey in Tienstbarkcit verkehret. — — — (5in solches Rlun, Dafür ein keuscher Sinn vntsetz und vraucn trug. Key welchem freyes 'wahr, der Fremidschafl Seele wohnl. Für Freyheit, Rlugheir, Wahrheit- Die Vortheile, welche dieser Gebrauch besonders einem Dichter verschaffen kann, sind so groß, daß eine bescheidene Nachahmung wohl schwerlich zu mißbilligen wäre. Ich sage aber mit Fleiß, eine bescheidene Nachahmung; denn ich fürchte mich schon im voraus vor den kleinen Affen, die dergleichen substanlivc Neutra mit einer Verschwendung brauchen dürften, daß wir die wahren Substantiva davon ganz nnd gar nicht zu haben scheinen könnten. Was ich aber unserer Nachahmung, oder vielmehr unserer uneingeschränktesten Aufnahme für noch weit würdiger Halle, ist folgender Gebrauch der Endsylbe, ley. L.ogau seczt nehmlich diese Endsylbe, die wir irzt nur bey den theilenden Zahlwörtern dulden wollen, auch zu fast allen Arten von Fürworrcrn, und erlangt dadurch (wie man es nun nennen will) ein N^cben- worr oder ein unabänderliches Vcyworr von bcsonücrm Nachdrucke. Z. E. 120 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. ?u etwas Erossem noch wird SordaluS wohl werden, Tcnii seincrley Geburt ist nicht gemein ans Erden. Wie kurz lind bequem ist dieses seinerlcy; und wie weitschweifig müsse» wir itzt dafür sagen: eine Geburt, rme seine war:c. Und so wie er seincrley sagt, sagt er, und andere Alte, auch dieserlcy, mcinerlcy, deinerley:c. Doch ich eile zu einigen Artickeln aus dem Wörtcrbuche selbst. „Bieder; ss. Band V, S. 3W.j „Biedermann ll- daselbst.^ „Brunft. IS. 311.j „Demmen. fS. 313.^ „Flitte, die. lS. 317.^ ,,-Hinslckern, sich. IS. 324.1 „L^7och, noch; sS. 334.Z Aber ich will aufhören, abzuschreiben. Zch weis gewiß, daß Sie den mm erst aufcrwccktcn Aogau selbst vor die Hand nehmen, und studiren werden, sobald Ihnen ihre Umstände einen anhaltenden Fleiß wieder erlauben. Dritter Theil. IV. Den 26. Julius. 1769. Acht und Vierzigster Brief. Sie sollen befriediget werden! — Die grossen Lobsprüche, welche der nordische Aufseher in so manchen öffentlichen Blättern erhalten hat, haben auch meine Ncugierde gcrcitzct. Zch habe ihn gelesen; ob ich mir es gleich sonst fast zum Gesetze gemacht habe, unsere wöchentliche Moralisten ungclcscn zu lassen. Ropcnhagen hat bereits an dem Zrcmdcn seinem Werke des sccl. Hrn. Prof. Schlegels) eine dergleichen Schrift von sehr vorzüglichem Werthe auszuweisen. Und nun kann es leicht kommen, daß der nordische Aufseher ein allgemeines Norurtheil für die deutschen Werke des Witzes, welche in Dänemark erscheinen, veranlassen hilft. Und würde dieses Aorurthcil auch so ganz ohne Grund seyn ? — Wenn unsere besten Köpfe, ihr Glück nur einigermassen zu machen, sich crpatriircn müssen; wenn — III. Theil. Acht uud vierzigster Brief. 121 O ich will hiervon abbrechen, ehe ich recht anfange; ich möchte sonst alles darüber vergessen; Sie mochten, anstatt eines Urtheils über eine schöne Schrift, Satyre über unsere Nation, und Sport über die elende Dcnkungsart unserer Grossen zu lesen bekommen. Und was würde es helfen? — Der nordische Aufseher hat mit dem fünften Zcnncr des Zahrcs 1758. angefangen, und hat sich in der Fortsetzung weder an einen gewissen Tag noch an eine gewisse Länge der einzeln Stücke gebunden. Diese Freyheit hätten sich billig alle seine Vorgänger erlauben sollen. Sie würden dadurch nicht nur für ihre Blätter einen gewissen gefallenden Anschein der Ungezwungenheit, sondern auch viel wesentlichere Vortheile erhalten haben. Sie würden ihre Materien nicht so oft haben bald ausdehnen, bald zusammenziehen, bald trennen dürffcn; sie hätten sich gewisser Umstände der Zeit zu gelegentlichen Betrachtungen besser bedienen können; sie hätten bald hitziger, bald bcqucmlicher arbeiten können :c. Das ganze 1758stc Zahr bestehet aus sechzig Stücken, die einen ansehnlichen Band in klein Quart ausmachen. Der Herr Hofpredigcr Lramer hat sich auf dem Titel als Herausgeber gcncnnt." Wie viel Antheil er aber sonst daran habe; ob er der einzige, oder der vornehmste Verfasser sey; wer seine Mitarbeiter sind: davon sucht der Leser vergebens einige nähere Nachricht. Er muß versuchen, wie viel er davon aus dem Stil und der Art zu denken, errathen kann. Doch die wahren Verfasser itzt aus den Gedanken zu lassen, so giebt der nordische Aufseher vor, daß er ein Sohn des Nestor Ironside sey, der ehemals das Amt eines Aufsehers der Sitten von Großbritannien übernahm, und mit allgemeinem Bcyfalle verwaltete. Er hcissc Arthur Ironside; seine Mutter sey die Wittwe eines deutschen Ncgociantcn gewesen, die seinen Water noch in seinem fünfzigsten Jahre gegen die Liebe empfindlich gemacht habe; nnd vielleicht habe dieser nur deswegen von ihm geschwiegen, um sich nicht, dieser späten Liebe wegen, dem " Der nordische Aufschcr, herausgegeben von Johann Andreas Krämer. Erster Band. Sechzig Stuck. Kopenhagen nnd Leipzig bey Ackermann. 3 Alphab. 12 Bogen. /»7 » / ^ j22 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. muthwilligm Wize der Spötter auszusetzen. Ein besondres Schicksal habe ihn gcnölhigct sein Vaterland zu verlassen, und er betrachte nun Dänemark als sein zweytes Vaterland, welchem er ohnedem, von seinen väterlichen Vorfahren her, eben so nahe als jenem angehöre; indem diese ursprünglich aus einem nordischen Geschlechte abstammten, welches mit dem Könige Rnur nach England gekommen sei), und durch seine Tapferkeit nicht wenig zu den Eroberungen desselben beygetragen habe. — Hierauf beschreibt er, mit den eignen Worten seines Vaters, die Pflichten eines moralischen Aufsehers, und sagt: „Ta ich schon „in einem Alter bin, wo ich die Eiiisainkcit eines unbekannten und „ruhigen Privatlebens nicht verlassen und in Ecschäftcn gebraucht zu „werden suchen kann, ohne mich dem Verdachte auszusetzen, daß ich „mehr von einem meinen Jahren uuaiisiändigcn (5hrgcitze, als von „einer uneigennützigen Begierde, meine Kräfte dem allgemeinen Besten „cmfjncpfcrn, getrieben würde- So habe ich mich entschlossen, für „mein zweytes Vaterland zu thun, was mein Vater für England „gethan hat." Auf zwey Punkte verspricht er dabey seinen Flcis besonders zu wenden; auf die Erziehung der Jugend nehmlich, und auf die Leitung derjenigen, welche sich mit Lesung guter Schriften und mit den Wissenschaften abgeben, ohne eigentlich ein Geschäfte aus ihrer Erlernung zu machen. Und er hat auch in der That, in Absicht auf beydes, in diesem ersten Bande bereits schon vieles geleistet. — Seine feinsten Anmerkungen über die beste Art der Erziehung, hat er in die Geschichte seiner eignen Erziehung gebracht," welche mehr als ein Stück cinnimt; in welcher aber vielleicht nicht alle Leser die cckcln Umschweife billigen möchten, mit welchen ihm sein Vater die ersten Gründe der Moral und geoffenbarten Religion beygebracht hat. Er cr- zcblt z. E.*° als ihm sein Vater mit den Lehren der Nothwendigkeit und dem Daseyn eines Erlösers der Menschen und einer Genugthuung für sie, bekannt machen wollen: so habe er auch bicr der Regel, von Sem Reichten und Begreiflichen zu Sem Schwerern fortzugehen, zu folgen gesucht, und sey einzig dar- ° Stück 40, 47. 48. " Etück So. III. Theil. Acht und vierzigster Brief. auf bedacht gewesen, ihn Jesum erst blos als eine» frommen und ganz heiligen Mann, als einen zärtlichen Kindcrfreund, lieben zu lehren. Allein ich fürchte sehr, daß strenge Verehrer der Religion mit der gewaltsamen Ausdehnung dieser Regel nicht zufrieden seyn werden. Oder sie werden vielmehr nicht einmal zugeben, daß diese Regel hier beobachtet worden. Denn wenn diese Regel sagt, daß man in der Unterweisung von dem Leichten auf das Schwerere fortgehen müsse, so ist dieses Leichtere nicht für eine Verstümmlung, für eine Entkräftung der schweren Wahrheit, für eine solche Herabsetzung derselben anzusehen, daß sie das, was sie eigentlich seyn sollte, gar nicht mehr bleibt. Und darauf muß Nestor Ironsioe nicht gedacht haben, wenn er es, nur ein Jahr lang, dabey hat können be.- wenden lassen, den göttlichen Erlöser seinem Sohne bloß als einen Mann vorzustellen, den Gott „zur Belohnung seiner unschul- „ eigen Jugend, in seinem drcyßigsten Jahre mit einer so grossen „Weisheit, als noch niemals einem Menschen gegeben worden, ausgerüstet, zum Lehrer aller Menschen verordnet, und zugleich mit der „Kraft begabt habe, solche herrliche und ausscrordcntlichc Thaten zu „thun, als sonst niemand ausser ihm verrichten können. — Heißt das den geheimnisvollen Bcgrif eines ewigen Erlösers erleichtern? Es heißt ihn aufheben; es heißt einen ganz andern an dessen Statt setzen; cs heißt, mit einem Worte, sein Kind so lange zum Sociniancr machen, bis cs die orthodore Lehre fassen kann. Und wenn kann cs dic fassen? In wclchcm Alter werden wir geschickter, dieses Geheimniß cinzuschcn, als wir cs in unsrer Kindheit sind? Und da es einmal ein Geheimniß ist, ist cs nicht billiger, es gleich ganz dcr bercitwilligcn Kindheit emzuflösscn, als die Zeit dcr sich sträubcnven Vernunft damit zu erwarten? — Dicsc Anmerkung im Vorbeygehen! Was dcr nordische Aufseher zum Besten der unstudirtcn Liebhaber guter Schriften gethan hat, belauft sich ohngcfchr auf sechs oder sieben neuere Autorcs, aus welchen er, nach einer kurzen Beurtheilung, besonders merkwürdige und lehrreiche Stellen beybringt. So preiset er z. E. in dem vierten und siebenven Stücke die Werke des Kanzlers Zvaguejseau an, nnd zwar mit diesem Zusätze: „Ich kann nicht schliesst», ohne zur Ehre 124 Briefe, die neuesie Litteratur betreffend. „dieser Werke und zur vhre fremder Sprachen zu wünschen, daß sie „mit allen andern vortreflichen Arbeiten des menschlichen Verstandes „einem jeden Ilebcrsetzer unbekannt bleiben mögen, der nur mit der „Hand und nicht mit dem Kopfe; der, mit einem Worte alles zu „sagen, nicht wie Ramlev und Eberr unter den Deutschen, und nicht „wie Lodde unter uns übersetzt. — Zn dem dreizehnten Stücke redet cr von Z?oungs Nachtgcdankcn und Centaur. Was meinen Sie aber, ist es nicht ein wenig übertrieben, wenn er von diesem Dichter sagt? „Sr ist ein Genie, das nicht allein weit über „einen Milron erhoben ist, sondern auch unter den Menschen am „nächsten an den Geist Davids und der Propheten grenzet :c. Nach „der Offenbarung, setzt er hinzu, kenne ich fast kein Buch, welches „ich mehr liebte; kein Buch, welches die Kräfte weiner Seele auf „eine edlere Art beschäftigte, als seine Nachtgcdankcn. — Die übrigen Schriftsteller, mit welchen cr seine Leser unterhält, sind des Bischofs Buttlers« Analogie der natürlichen und geoffenbarten Religion; -Heinrich Beanmonts" moralische Schriften; des Hrn. Basedow'"'- praktische Philosophie für alle Stände; des Marquis von XNirabcan-j- Freund des Menschen; und ein sehr wohl gerathenes Gedicht eines Dänischen Dichters, des Hrn. Tullin,^ Dieses letzte Gedicht führet den Titel: Äin XNaMg. Es ist, sagt der Aufseher, zwar nur durch eine von den gewöhnlichen Gelegenheiten veranlaßt worden, die von unsern meisten Dichtern besungen zu werden Pflegen; es hat aber doch so viel wahre poetische Schönheiten, daß es eine vorzügliche Aufmerksamkeit verdienet. Erfindung, Anlage, Einrichtung und Ausführung verrathen einen von der Natur begünstigten Geist, der noch mehr erwarten läßt. — Dieses Urtheil ist keine Schmeicheln); denn die Strophen welche er im Originale und in einer Ucbcrsctzung daraus anführt, sind so vortrcflich, daß ich nicht weis, ob wir Deutsche jemals ein solches Hochzeitgcdichr gehabt haben. Schliessen Sie einmal von dieser einzigen Stelle auf das llcbrige: ' Stück 9 und 22. " Stück 21, °°° Stück 24, 29, f Stück 34. 36, 38, 40. -j-f Stück 52. III. Theil. Reun und vierzigster Brief. 1?', „Unerschaffcner Schöpfer, gnadig, weise, dessen Liebe unumschränkt „ist; der du für jeden Sinn, damit man Tich erkennen möge, ein „Paradies erschaffen hast, Du bist alles und alles in Dir; überall „sieht man deinen Fußtapfcn-- „Tu machst den Sommer, den Winter, den Herbst zu Predigern „deiner Macht und Ehre. Aber der Frühling — was soll dieser seyn? „O Erschaffer, er ist ganz Ruhm. Er redet zu den tauben ungläu- „bigcn Haussen mit tausend Zungen.-- „Er ist unter allen am meisten Dir gleich; er erschaffet, er bildet, „er belebt, er erhält, er nähret, er giebt Kraft und Stärke; er ist — „er ist beynahe Tu selbst. Wie wenig wissen von dieser Freude die, „welche in dem Tunsie und Staube vcrschloßncr Mauern, wenn die „ganze Natur ruft: Aomm! unter schweren Gedanken furchtsam „lauren. :c. G. V. Ven 2. August. 1769. Neun und vierzigster Brief. Sie billigen die Anmerkung, die ich über die Methode des Nestor IronsiSe, seinen Sohn den Erlöser kennen zn lehren, gemacht habe; nnd Mindern sich, wie der Aufseher eine so he- tcrodorc Lchrart zur Nachahmung habe anpreisen können. Aber wissen sie denn nicht, daß ihr ein guter Christ ganz etwas anders zn seyn anfängt, als er noch vor dreyßig, fünfzig Jahren war? Die Orthodoxie ist ein Gcspötte worden; man begnügt sich mit einer lieblichen Quintessenz, die man aus dem Christenthume gezogen hat, nnd weichet allem Verdachte der Freydcnkcrcy aus, wenn man von der Religion übcr- hanpt nur fein enthusiastisch zu schwatzen weis. Behaupten Sie z. E. daß man ohne Religion kein rcchtschafner Mann sc/n könne; und man wird Sie von allen Glaubensartikeln denken und reden lassen, wie sie immer wollen. Haben Sie vollends die Klugheit, sich gar nicht darüber äuszulasscn; alle sie betreffende Streitigkeiten mit einer frommen Bescheidenheit abzulehnen: o so sind Sie vollends ein Christ, ein Gottcsgcichrtcr, so völlig ohne Tadel, als ihn die feinere religiöse Welt nur immer verlangen wird. Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Auch der nordische Aufseher hat ein ganzes Stück ° dazu angewandt, sich diese Mine der neumodischen Rechtgläubigkcit zu geben. Er behauptet mit einem entscheidenden Tone, daß Rechlschaffenheit ohne Religion widersprechende Begriffe sind; und beweiset es durch — — durch weiter nichts, als seinen entscheidenden Ton. Er sagt zwar mehr als einmal denn; aber sehen Sie selbst wie bündig sein denn ist. „Tenn, sagt er, ein „Mann, welcher sich mit Frömmigkeit brüstet, ohne ehrlich und gerecht „gegen uns zu handeln, verdienet mit dem Namen eines .Heuchlers „an seiner Stirne gezeichnet zu werden; nnd ein Mensch, welcher sich „rühmet, daß er keine Pflicht der Rcchtschaffenheit vcrnachläßige, ob „er sich gleich von demjenigen bcfreyet achtet, was man unter dem „Namen der Frömmigkeit begreift, ist--ein Lügner mnß ich „sagen, wenn ich nicht strenge sondern nur gerecht urtheilen will; „weil er selbst gestehet, kein rechtschafner Mann gegen Gott zu „seyn. Ist alle Rcchtschaffcnhcit eine getreue und sorgfältige Uebereinstimmung seiner Thaten mit seinen Verhältnissen gegen andere, „nnd wird eine solche Uebereinstimmung für nothwendig nnd schön er- „klärt: so kann sie nicht weniger nothwendig und rühmlich gegen „Gott seyn, oder man müßte läugncn, daß der Mensch gegen das „Wesen der Wesen in wichtigen Verhältnissen stünde. — — Was kann deutlicher in die Augen leichten, als daß das Wort Religion in dem Sacze ganz etwas anders bedeutet, als er es in dem Beweise bedeuten laßt. Zn dem Sane heißt ein N7ann ohne Religion, ein Mann, der sich von der geoffenbarten Religion nicht überzeugen kann; der kein Ehrist ist: in dem Beweise aber, ein Mann, der von gar keiner Religion wissen will. Zvore ein Mann, der bey den Verhältnissen, die ihm die Vernunft zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpfe zeiget, stcbcn bleibt: -Hier ein Mann, der durchaus gar keine solche Verbaltuissc annehmen will. Diese Verwirrung ist unwidcr- sprechlich; und man muß sehr blödsinnig seyn, wenn man sich kann bereden lassen, daß das, was von dem einen dieser Personen wahr sey, auch von dem andern gelten müsse. Und können Sie glauben, daß der Aufseher diesen Fcchterstreich ° St. xi. III. Theil. Neun und vierzigster Brief. 127 noch weiter treibet? Aus folgender Schilderung, die er von einem Manne ohne Religion macht, ist es klar, „polidsr, „höre ich zuweilen sagen, ist zu bedauern, daß er kein Christ ist. Er „denkt über die Religion bis zur Ausschweifung frey; sein Witz wird „unerschöpflich, wenn er anfangt ihre Vertheidiger lächerlich zu ma- „chcn; aber er ist ein ehrlicher Mann; er handelt rechtschaffen; ma» „wird ihm keine einzige Ungerechtigkeit vorwerfen können :c, — Aber mit Erlaubnis; diesem Polioor fehlt es nicht bloß an Religion: er ist ein Narr, dem es an gesunder Vernunft fehlt; und von diesem will ich cs selbst gern glauben, daß alle seine Tugenden, Tugenden des Temperaments sind. Denn muß er deswegen, weil er sich von einer geoffenbarten Religion nicht überzeugen kann, muß er deswegen darüber spotten? Muß er ihre Vertheidiger deswegen lächerlich machend — Welche Gradation: ein Mann der von keiner geoffenbarten Religion überzeugt ist; ein Mann der gar keine Religion ?n- giebt; ein Mann, der über alle Religion spottet! Und ist cs billig, alle diese Leute in eine Klasse zu werfen? Das war also, gelinde zu urtheilen, eine Sophisterei)! Und nun betrachten sie seinen zweyten Grund, wo er das Wort Rechtsckaffenhcic in einem engern Verstände nimmt, und cs seinen Gegnern noch näher zu legen glaubt. „Allein, sagt er, „wenn wir unter der Nechtschafscnhcit auch nur die Pflichten der gesellschaftlichen Billigkeit und Gerechtigkeit verstehen wollten: So könnte „doch vernünftiger Weise nicht vermuthet werden, daß ein Mann „ohne Religion ein rechtschafncr Mann seyn wurde, vigennntz, Zorn, „vifersucht, Wollust, Rache und Stolz, sind Leidenschaften, deren „Anfälle jeder Mensch empfindet, und wer weiß nicht, wie gewaltig „diese Leidenschaften sind? vntsagt nun ein Mensch der Religion; „entsagt er künftigen Belohnungen; entsagt er dem Wohlgefallen der „Gottheit an seinen Handlungen, nnd ist seine Seele gegen die Schrecken „ihrer Gerechtigkeit verhärtet: Was für eine Ncrsichrung haben wir, „daß er den strengen Gesetzen der Rcchtschaffcnheit gehorchen werde, „wenn aufgebrachte mächtige Leidenschaften die Beleidigung derselbe» „zu ihrer Befriedigung verlangen? — Abermals die nehmliche Sophisterei)! Denn ist man denn schon ein Christ, (diesen versteht der Aufseher unter dem Manne von Religion) wenn man 128 Briefe, die neues!« Litteratur betreffend. künftige Belohnungen, einen Wohlgefallen der Gottheit an unsern Handlungen, und eine ewige Gerechtigkeit glaubet? Ich meine, es gehöret noch mehr dazu. Und wer jenes leugnet, leugnet der bloß die geoffenbarte Religion ? Aber dieses bey Seite gesetzt; sehen Sie nur, wie listig er die ganze Streitfrage zu verändern weis. Er giebt es stillschweigend zu, daß ein Mann ohne Religion Bcwcgungsgründc, rechtschaffen zu handeln, haben könne; und fragt nur, was für eine Versicherung haben wir, daß er auch, wenn ihn heftige Leidenschaften bestürmen, wirklich so handeln werde, wo er nicht auch das und das glaubt? Zn dieser Frage aber, liegt weiter nichts, als dieses: daß die geoffenbarte Religion, die Bcwcgungsgründc, rechtschaffen zu handeln, vermehre. Und das ist wahr! Allein kömmt es denn bey unsern Handlungen, bloß auf die Vielheit der Bcwcgungsgründc an? Beruhet nicht weit mehr auf der Jntcn- sion derselben? Kann nicht ein einziger Bcwcgungsgruud, dem ich lange und ernstlich nachgedacht habe, eben so viel ausrichten, als zwanzig Bcwcgungsgründe, deren jedem ich nur den zwanzigsten Theil von jenem Nachdenken geschenkt habe? Und wenn auch ein Mensch alles glaubet, was ihm die Offenbarung zu glauben befiehlt, kann man nicht noch immer fragen, was für eine versichrnng haben wir, daß ihn dennoch die Leidenschaften nicht verhindern werden, rechtschaffen zu handeln? Der Aufscher hat diese Frage vorausgesehen; denn er fährt fort: „Allein von einem Manne, der wirklich Religion hat, und entschlossen ist, die Verbindlichkeiten zu erfüllen :c. Und entschlossen ist! Gut! Diese Entschlossenheit kann aber auch die blossen Gründe der Bcrnunft, rechtschaffen zu handeln, begleiten. Da ich zugegeben, daß die geoffenbarte Religion, unsere Bewegungsgründc, rechtschaffen zu handeln, vermehre- so sehen Sie wohl, daß ich der Religion nichts vergeben will. Nur auch der Vernunft nichts! Die Religion hat weit Höhcrc Absichten, als dcn rechtschafncn Mann zu bildcn. Sie setzt ihn voraus; und ihr Hauptzweck ist, dcn rcchtschafnen Mann zu hohcrn Einsichten zu erheben. Es ist wahr, diese hshcrn Einsichten, können neue Bcwcgungsgründc, rechtschaffen zu handeln, werden, und werden es wirklich; aber folgt daraus, daß III. Theil. Neun und vierzigster Brief. die andern Vcwcgungsgründc allezeit ohne Wirkung bleiben müssen? Daß es keine Redlichkeit giebt, als diese mit höher» Einsichten verbundene Redlichkeit? Vermuthen Sie übrigens ja nicht, daß der nordische Aufseher diese Behauptung, „wer kein Chris? sey, könne auch „kein ehrlicher Mann seyn," mit unsern Gottcsgclchrtcn überhaupt gemein habe. Unsere Gottcsgclchrtcn haben diese unbillige Strenge nie gcäusscrt. Selbst das, was sie von den Tugenden der Heiden sagen, kömmt ihr noch lange nicht bey. Sie leugnen nicht, daß dieser ihre Tugenden Tugenden sind; sie sagen bloß, daß ihnen die Eigenschaft schle, welche sie allein Gott vorzüglich angenehm machen könne. Und will der Aufseher dieses auch nur sagen; will er bloß sagen, daß alle Rcchtschaffcnheit, deren ein natürlicher Mensch sahig ist, ohne Glauben vor Gott nichts gelte: warum sagt er es nicht mit deutlichen Worten; und warum enthalt er sich des Worts Glaube, auf welches alles dabey ankömmt, so sorgfältig? Es sind überhaupt alle seine theologischen Stücke von ganz sonderbarem Schlage. Von einem einzigen lassen Sie mich nur noch ein Paar Worte sagen. Von demjenigen " nehmlich, in welchem der Verfasser bestimmen will, „welche von allen Arten, „über das erste Wesen zu Senken die beste sey?" Er nimmt deren drey an. „Die erste, sagt er, ist eine kalte, metaphysische Art, die „Gott beynahe nur als ein Objekt einer Wissenschaft ansieht, und „eben so unbewegt über ihn philosophirct, als wenn sie die Begriffe „der Zeit oder des Raums entwickelte. Line-von ihren besondern „llnvollkommcnheitcn ist diese, daß sie in den Ketten irgend einer „Methode einhergehet, welche ihr so lieb ist, daß sie jede freyere Sr- „ findung einer über Gottes Grösse entzückten Seele fast ohne Un- „tcrsuchling verwirft zc. Und weil wir durch diese Art von Gott „zu denken, beynahe unfähig werden, uns zu der höhern, von der ich „zuletzt reden werde, zu erheben, so müssen wir ans unsrer Hut seyn, „uns nicht daran zu gewöhnen, — Die zweyte Art, fährt er fort, „will ich die mittlere, oder um noch kürzer seyn zu können, Betrachtungen nennen. Die Betrachtungen verbinden eine freyere Ordnung ° Stuck xxv. Lem'ngS Merke vi. 9 130 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. ,,mit gewissen ruhigen emvsindungen, und nur selten erheben sie sich „zu einer Bewunderung (Lottes. :c. — Tic dritte endlich ist, wenn „die ganze Seele von dem, den sie denkt (uud wen denkt sie?) so „erfüllt ist, daß alle ihre übrige Kräfte von der Anstrengung ihres „TcnkeuS in eine solche Bewegung gebracht sind, daß sie zugleich und „ju einem Endzweck wirken; wen» alle Arten von Zweifeln und lln- „ ruhen über die unbegreiflichen Wege (Lottes sich verlieren; wenn wir „uuS nicht enthalten können, n»ser Nachdenken durch irgend eine kurze „Ausrufung der Anbetung zu unterbrechen; wenn, wofern wir drauf „kämen, das, was wir dcukcu, durch Worte auszudrücken, die Sprache „zu wenige und schwache Worte dazu haben würde; wenn wir end- „lich mit der allcrticfstcn Unterwerfung eine Liebe verbinden, die mit „völliger Zuversicht glaubt, daß wir (Lott lieben können, und daß wir „ihn lieben dürfen. Und dicsc letzte Art über Gott zu denken, wie Sic leicht errathe» könncn, ist es, welche der Verfasser alle» andern vorziehet. Aber was hat er uns damit neues gesagt? — Doch wirklich ist etwas neues darin». Dieses nehmlich; daß er das Senken nennt, was andere ehrliche Leute empfinden hcisscn. Seine dritte Art über Gott zu denken, ist ein Stand der Empfindung; mit wclchcui nichts als undeutliche Aorstcllungen verbunden sind, die den Namen des Denkens nicht verdienen. Denn überlege» Sic nur, was bey einem solchen Stande in unsrer Seele vorgeht, so werden Sic finden, daß dicsc Art über Gott zu denken, nothwendig die schlcchtcstc Art zu denken scy» muß. Als diese ist sie vo» gar keinem Werthe; als das abcr, was sic wirklich ist, von cincm desto grösser». Vcy der kalte» Spekulation gehet die Seele vo» cmcm deutliche» Begriffe zu dein aiidcr» fort; alle Empfindung die damit vcrbundc» ist, ist die Empsmdlmg ihrcr Muhe, ihrcr A»strc»gu»g; ci»c Empfindung, die ihr in»- dadurch nicht ganz unangcnchm ist, weil sie die Wirksamkeit ihrcr Kräfte dabey fühlet. Die Spcculatio» ist also das Mittel gar nicht, aus dem Gegenstände selbst, Vergnügen zu schöpfen. Will ich dieses, so müsse» alle deutliche Begriffe, die ich mir durch die Spcculatio» vo» dc» verschiedenen Theile» incincs Gcgcnstandcs gemacht habe, in eine gewisse Eiilfcriilmg zurückweichen, in welcher sic dcutlich zu seyn aufhö- III. Theil. Rcnn und vierzigster Brief. ren, lind ich mich bloß ihre gemeinschaftliche Bczichnng auf das Ganze zu fassen, bestrebe. Zc mehr diese Theile alsdcnn sind, je genauer sie harmonircn; je vollkommncr der Gegenstand ist: desto grösser wird mich mein Vergnügen darüber seyn; und der vollkommenste Gegenstand wird nothwendig auch das größte Vergnügen in mir wirken. Und das ist der Fall, wenn ich meine Gcdanb'cn von Gott in Empfindungen übergehen lasse. Ich errege dem Verfasser keinen Wortstrcit. Denn cS ist kein Wortstrcit mehr, wenn man zeigen kann, daß der Mißbrauch der Wörter auf wirkliche Irrthümer leitet. So sieht er es z. E. als einen grossen Vorzug seiner dritten Art über Gott zu denken an, „daß, wofern wir daraufkamen, das was „wir denken, durch Worte auszudrücken, die Sprache zu wenige „nnd schwache Worte dazu haben würde." Und dieses kömmt doch bloß daher, weil wir alsdcnn nicht deutlich denken. Die Sprache kann alles ausdrücken, was wir deutlich denken; daß sie aber alle Nuancen der Empfindung sollte ausdrücken können, das ist eben so unmöglich, als es unnöthig seyn würde. Doch dieser Irrthum ist bey ihm nur der Ucbcrgang zu einem grösser». Hören Sie, was er weiter sagt: „Wofern man „im Staude wäre, aus der Reihe, und daß ich so sage, aus dem „Gcdrenge dieser schiicllfortgcsetztcu Gedanken, dieser Gedanke» von so „genauen Ncstimmungcii, einige mit .Kaltsiun herauszunehmen, uud sie „iu kurze Sätze zu bringen: was für neue Wahrheiten von Gott „würden oft darunter seyn! — Keine einzige neue Wahrheit! Die Wahrheit läßt sich nicht so in dem Taumel unsrer Empfindungen haschen! Zch verdenke es dem Verfasser sehr, daß Er sich bloß gegeben, so etwas auch nur vermuthen zu können. Er steht an der wahren Quelle, aus welcher alle fanatische und enthusiastische Begriffe von Gott geflossen sind. Mit wenig deutlichen Zdccn von Gott und den göttlichen Vollkommenheiten, setzt sich dcr Schwärmer hin, überläßt sich ganz scincn Empfindungen, nimmt die Lebhaftigkeit derselben für Deutlichkeit dcr Bcgriffe, wagt cs, sic in Worte zu klcidcn nnd wird, — ein Iöshme, ein Pordagc. — Jene erste kalte mcthaphvsischc Art über Gott zu denken, von welcher dcr Verfasser so verächtlich urtheilet, daß er unter 9 * 132 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. andern auch sagt: „Untcrdcß wird sich ein wahrer Philosoph, ich „mciuc einen, den sein Kopf und nicht bloß die Methode dazu ge- „macht hat, bisweilen darauf einlassen, um sich durch die Neuheit zu „verfahren, aufzumuntern: Zcnc Art, sage ich, muß gleichsam der Probierstein der dritten, ich meine aller unsrer Empfindungen von Gott seyn. Sie allein kann uns versichern, ob wir wahre, anständige Empfindungen von Gott haben; und der hitzige Kops, der sich nur bisweilen darauf einläßt, um sich, durch die Neuheit zu verfahren, aufzumuntern — von dem wollte ich wohl wetten, daß er nicht selten, eben am allcrunwürdigstcn von Gott denkt, wenn er am erhabensten von ihm zu denken glaubt. G. VI. Den 9 August. 1769. Fünfzigster Brief. „So bekannt gewisse Wahrheiten der Sittenlchre sind, sagt der nordische Alisseher an einem Orte, „so oft sie wiederholt und in so „veränderten Arten des Vertrags sie auch ausgebreitet worden sind: „So wenig dürfen sich doch Lehrer der Tugend und der wahren Glück- „sccligkcit des Menschen von der Furcht, daß die Welt ihrer endlich „übcrdrnßig und müde werden mochte, zurückhalten lassen, ihr Anden- „ken, so oft sie können, zu erneuern. Wenn sie dieses unterließen, „und sich hüten wollten, nichts zu sagen, was nicht original und nen ,zu seyn scheinen könnte: So würden sie dadurch eine unanständige „Eitelkeit verrathen. Man würde sie nicht ohne Grund beschuldigen „dürfen, daß sie bey den Arbeiten ihres Geistes mehr die Bcwundc- „rung, als den Nutzen ihrer Leser zum Augenmerke hätten, und, in- „dem sie sich Mühe gäben, die Rcubcgicrde derselben zu beschäftigen, „nur dem Stolze ihres Verstandes zu schmeicheln suchten. Ich hoffe, „daß ich wider diesen gemeinen Fehler moralischer Schriftsteller auf „meiner Hut seyn werde." — Za, das Lob muß man ihm lassen! Er ist wider diesen Fehler sehr aus seiner Hut gewesen. Nur thut er unrecht, daß er ihn einen gemeinen Fehler moralischer Schriftsteller nennt. Das Gegentheil desselben ist wenigstens ein eben so gemeiner Fehler. Und noch dazu mit diesem Unterschiede, daß jenes mci- " Zu Anfange des xx. Stücks. III. Theil. Fniifjigster Brief. 1ZZ stenthcils der Fehler guter, und dieses der Fehler schlechter Scribcntcn ist. Der gute Scribcnt will entweder ein vollständiges System der Moral liefern; und alsdcnn würde er freylich sehr thöricht handeln, wenn er sich nur auf diejenigen Wahrheiten einschränken wollte, welche original lind neu scheinen könnten. Oder er hat eine freyere Absicht, und will sich bloß über diejenigen einzeln Wahrheiten auslasten, die ihm besonders wichtig dünken, und über die er am meisten nachgedacht zu haben glaubet. Zn diesem Falle hütet er sich sorgfältig, bekannte Wahrheiten und gemeinnützige Wahrheiten für einerley zu halten. Er weiß, daß viel bekannte Wahrheiten nichts weniger als gemeinnützig, und viel gemeinnützige, oder doch solche die es werden können, nichts weniger als bekannt sind. Wenn er nun auf diese letzten, wie billig, sein vornehmstes Augenmerk richtet, so kann es nicht fehlen, er wird sehr oft original und neu nicht bloß scheinen, sondern wirklich seyn. Der schlechte Scribcnt hingegen, der das Bekannteste für das Nützlichste hält, hoft vergebens, sich einzig durch seine gute Absicht lescns- würdig zu machen. Ist er nun vollends gar so schlecht, daß auch nicht einmal seine Einkleidungen der abgedroschensten Wahrheiten original und neu sind: was hat er denn noch, meine Ncubcgicrde im geringsten zu reißen? Um diese Einkleidungen, an welchen die moralischen Wochenblätter der Engländer so unerschöpflich sind, scheinet sich der nordische Aufseher wenig bekümmert zu haben. Er moralisiret grade zu; und wenn er nicht noch dann und wann von erdichteten Personen Briefe an sich schreiben liesse, so würden seine Blätter ohne alle Abwechselung seyn. Ich wüßte Ihnen nicht mehr als deren zwey zu nennen, von welchen es sich noch endlich sagen liesse, daß seine Erfindungskraft einige Unkosten dabey gehabt habe. Das eine* ist eine Allegorie von dem Vorzuge der schönen Wissenschaften vor den schönen Künsten. Aber was ist auch die beste Allegorie? Und diese ist noch lange keine von den besten. Das zweyte °° ist eine satyrischc Nachricht von einer Art neuer Amazonen; und diese ist in der That mit vic- ° Stuck xi.iu. " Stuck I.IV, 134 Briefe, die neucsic Litteratur betreffend. lcm Geiste geschrieben. Sie haben das Sinnreichste in dem ganzen nordischen Aufscher gelesen, wenn Sie dieses Stück gelesen haben. Erlauben Sie mir also das Vergnügen, Ihnen die wesentlichsten Stellen daraus abzuschreiben. „Die Gesellschaft der neuen Amazonen ist, so viel ich noch in „Erfahrung bringe» kennen, nicht zahlreich; untcrdcß ist stc doch sehr „furchtbar, und zwar ihrer geheimen Unternehmungen wegen, die nach „sichern Nachrichten auf nichts gcringcrs, als auf die Errichtung ciucS „Univcrsal.dcspotismuS abzielen. — Sie sollen aber ihre gewallthätigen „Absichten weniger durch offenbare Feindsccligkciten, als durch die Knuste „einer sehr feinen Politik auszuführen suchen. Weil sie sich vorgesetzt „haben, sowohl über die itzige, als über die künftige Männerwelt „eine despotische Gewalt auszuüben; denn die Gewalt über die Herzen „haben die Manien schon lange behauptet: So sollen ihre Anstalten „besonders wider unsre jungen Herren gerichtet seyn. Sie haben bc- „ merkt, daß ein höherer Verstand allezeit über einen schwächern herrsche. In dieser Ueberzeugung suchen sie es bey ihnen so weit zu „bringen, daß sie die AuSbildnng ihres Geistes unterlassen, ihre Seele „mit Kleinigkeiten beschäftigen, und dadurch zu den eigentlichen männ- „lichcn Geschäften und Angelegenheiten unfähig werden mögen. Sie „selbst stellen sich an, als wenn man weder Vernunft noch Witz nöthig „hätte, ihnen zu gefallen; als wenn man ihnen mit ernsthaften und „nützlichen Unterredungen übcrlästig würde; als wenn sie sich wirklich „mit leeren Lcinplimcntcn, Artigkeiten und lächerlichen Einfällen befriedigen liessen; als wenn sie vor dem blossen Namen eines Buches „crschräckcn, und durch nichts, als Spiclwcrke glücklich wären. Allein „daS ist lauter Politik und List, und so scharfsichtige Augen, als die „mcinigcn, lassen sich von dieser Verstellung nicht hintergehen. Ich „bcdanre nur unsre jungen Herren, welche die Netze gar nicht zu sc- „hcn scheinen, die ihnen auf eine so feine Art gelegt werden. Um sie „nach und nach ganz unmännlich zn machen, gewöhnen sie dieselben „zum Geschmacke am Putze, zur Veränderung der Moden, und zu „einer ganz fraucnzimmcrlichcn Eitelkeit und Weichlichkeit. Und man „muß erstaunen, wenn man sieht, wie sehr ihnen alle diese fcindsceli- „gen Anschläge auf den Umsturz der itzigen Einrichlnng der Welt zu „gelingen anfangen. Tcnn man betrachte mir viele von unsern jun- „gcn Herren. Sie kleiden sich nicht etwa ordentlich und anständig; III. Theil. Funfzigsicr Brief. t35 „sie putzen sich und sind länger vor ihrem Nachtlischt, als die mcisicii „Damen; sie sind so stolj auf einen gutfrisirtcu, wohlgcpudcrtcn Kopf; „sie sind so weichlich; sie können so wenig Witterung und Kälte ver- „tragen; sie haben sogar auch schon ihre vapeurs und Humeurs, „und wenn die Natur nur ihr Gesicht verändern wollte, so konnte „man einige ganz füglich in Schnürleibcrn gehen lassen. Wissenschaft „und Geschmack zn haben, darauf machen viele gar keinen Anspruch; „in guten Büchern zu lesen, würde eine Galccrcnarbcil für sie seyn; „und wenn sie nicht noch zuweilen mit wirklichen Männern zu thun „hätten, so würden sie gar nichts mehr wissen. So weit habe» es „ schon unsere Amazonen gebracht. Wie weit dieses noch in der Folge „gehen könne, und ob nicht unsere Jünglinge mit der Feit, wenn sie „nicht bald auf ihre Vertheidigung denken, Knötchen machen und ihren „Strickbeutel mit in Gesellschaft werden bringen müssen, das will ich „der Ncbcrlegnng und Beurtheilung aller nachdenkenden Leser überlassen. „Man darf eben nicht glauben, daß die Amazonen ihre llntcr- „nehmnngcn bloß ans unsere jüngere Welt einschränken. Einigen von „ihnen, die vcrhcyrathct sind, soll es schon gelungen seyn, den Despotismus, auf den ihre Anschläge abzielen, in ihren Häusern cinzu- „führen. Denn ich habe in Erfahrung gebracht, daß sich Männer „bequemt haben, die Nerwaltuug der Küche und andere wirthschaftliche „Nerrichtungcn über sich zu nehmen, die man sonst nur unter die Ge- „schäftc des Frauenzimmers gerechnet hat. Der demüthige Mann hält „es für seine Schuldigkeit und Ehre den Einkauf dessen, was in der „Küche nothig ist, und die Anordnung der Mahlzeiten nach dem Geschmacke seiner hochgcbictcndc» Amazone zn besorgen, und mit cini- „gen soll es auch so weit schon gekommen seyn, daß sie bey der Zubereitung der Speisen gegenwärtig sind, und einen Pudding oder „Rostbcef so gut zu machen wissen, als die anSgclcrntcsie Köchin. „Man darf, um davon versichert zn werden, nnr ein wenig in der „Welt Achtung geben. Denn einige Männer haben an ihren neuen „Geschäften so viel Geschmack gewonnen, daß sie ihre Gelehrsamkeit „auch in Gesellschaften hören lassen ic. „Weil die Amazonen vorherschen, daß sie, um ihr Projcct eines „Universaldespotismus auszuführen, nicht allein Verschlagenheit und List, „sondern auch die Stärke, die Kühnheit, die Dreistigkeit und llner- „schrockcnhcit der Männer nöthig haben möchten: so haben sie auch schon 136 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. „deswegen die nöthige» Maßregeln genommen. Eben hieraus soll die so „weit getriebene Entblössnng einiger Frauenzimmer entspringen, denen „andre bloß aus Unwissenheit und um modisch zu seyn, nachfolgen. „Man glaubt gemeiniglich, daß es geschehe, Reizungen zu zeigen, die „billig verborgen bleiben sollten. Allein man irrt sich sehr, und ich „habe die wahre Ursache entdeckt. Es geschiehet bloß, um sich an die „.Kälte zu gewöhnen, weil sie nicht wissen, ob sie nicht mit der Zeit „genöthigt sein möchten, Wintcrcampagnen zu thun. „Eben daher kömint es, daß einige nicht mehr crröthen, andere den „jungen Herren und Männern so dreist ins Gesicht sehen, andere in der „Komödie über die Zweydeutigkeiten, bey deren Anhörung man sonst, „wenn man anch lächelte, das Gesicht doch hinter den Fächer zu verbergen Pflegte, so laut und dreist lachen, als die kühnste und unverschämteste Mannsperson. Eben daher kömmt es auch, daß viele in „den Belheuerungcn so geschickt sind, die sich sonst die Kriegsmänner „vorbehielten, und noch andere bis in die späteste Mitternacht wachen, „um der gefährlichen Abcndluft gewohnt zu werden. Ich will nicht untersuchen, ob dieser Einfall dem nordischen Aufseher ganz eigen ist; genug er ist schön, und nicht übel, obgleich ein wenig zu schwatzhaft, ausgeführt. Viel Worte machen; einen kleinen Gedanken durch wcitschwciffendc Redensarten aufschwellen; labyrinthischc Perioden flechten, bey welchen man dreymal Athem hohlen muß, ehe man einen ganzen Sinn fassen kann: das ist überhaupt die vorzügliche Gcschicklichkcit desjenigen von den Mitarbeitern an dieser Wochenschrift, der die meisten Stücke geschrieben zu haben scheinet. Sein Stil ist der schlechte Kanzclstil eines seichten Homileten, der nur deswegen solche Pncvmara hcrprcdiget, damit die Zuhörer, ehe sie ans Ende derselben kommen, den Anfang schon mögen vergessen haben, und ihn deutlich hören können, ohne ihn im geringsten zu verstehen. — Ich kenne nur einen einzigen geistlichen Redner itzt in unserer Sprache, der noch tollere Perioden macht. Vielleicht unterhalte ich Sie einmal von ihm. — Ztzt aber lassen Sie mich Ihnen noch den Beweis vorlegen, wie unbeschreiblich schwatzhaft der nordische Aufseher oft ist. Es wird mir Mühe kosten, die Stelle, die ich in dieser Absicht anführen muß, abzuschreiben; aber ein Fehler, wenn er zu einer III. Theil. Fünfzigster Brief. 437 ungewöhnlichen Grösse getrieben worden, ist doch ein merkwürdiges Ding; ich will mich die Mühe also immer nicht verdricsscn lassen. Der Aufseher will in dem zweyten Stücke von der Fähigkeit, die Glücksccligkcit andrer zu empfinden, reden und fängt an: „Derjenige, dessen Geist in den kleinen Bezirken seiner „persönlicheil und häuslichen Vortheile eingeschränkt bleibt, und „unfähig zur Empfindung andrer Elncksccligkcitcn ist, die nicht auS „den Vergnügen der Sinne, aus der Befriedigung eigennütziger Leidenschaften, oder aus dem Glücke seiner Familie entspringen, kömmt „mir wie ein Mensch vor, der ein kurzes und blödes Gesicht hat." — Das Glcichniß ist gut; aber nun hören Sie, wie schülerhaft er es ausdehnt. — „Der Kurzsichtige kennt die Ralur weder in „ihrer Grösse, noch in ihrer vollen Schönheit und Pracht; er sieht „dieselbe, so zu sagen, nur im kleinen und nicht einmal deutlich! Was „entbehrt er nicht, und wie wcnig faßt sein Auge von den unzählba- „ren und bis ins Unendliche veränderten Wundern der Schöpfung! „Wie unzählbare, mannichfaltige Aussichten, die ein stärkeres Auge „mit einem fröhlichen Erstaunen betrachtet, sind für ihn, als wären „sie gar nicht in der Natur, und wer kann die herrlichen und entzückenden Auftritte alle zählen, die vor ihm ungesehen und iinbcwun- „dert vorübergehen? Die Sonne hat für ihn weniger Licht und der „Himmel wenig Gestirne, und wie viel Schönheiten verlieret er nicht „auf der Erde? Wenn andre Augen, die in die Weile reichen, in der „Entfernung taufend grosse und herrliche Gegenstände anf einmal und „ohne Verwirrung übersehen, und mit einem Blicke in dieser Weite „Anhöhen und fruchtbare Thäler, und in jener Entfernung blühende „Wiesen und einen weit gestreckten Wald entdecken, so erblickt er „kaum die Blumen, die unter seinen Füssen aufwachsen, und selbst von diesen bleiben ihm mannichfaltige Reitzungen verborgen, die ein „schärferes Auge in ihrem künstlichen Gewebe wahrnimmt. Alles ist „vor ihm, wie mit einem Nebel überzogen; ganze Gcbürgc verlieren „sich in seinen Augen in Hügel; stolze Palläste bey einem gewissen „Abstände von ihm in Dorfhütten, und vielleicht ganze Landschaften „in einen grünen, mit einigen Gebüschen durchwachsenen Grasplatz. „Dem besten Auge hingegen ist ein jeder Theil der Materie bevölkert, „und ihm wimmelt vielleicht ein jedes Laub von Einwohnern, wenn „dem Kurzsichtigen die Natur fast eine Wüste, einsam und leer von Briefe, die neueste Litteratur betreffend. „Bewegung und Leben zu seyn scheinet! Wie nnvollkommcn müssen „nicht seine Vorstellungen von der Grosse, Ordnung, und Vollkommen' „hcit der Natur, von ihrer angenehmen Mannichfaltigkcil und Kunst „bey ihrer so erhabenen Einfalt und Gleichförmigkeit, und von ihrer „bis znr Ilnbcgreiflichkcit bewundernswürdigen Harmonie in allen ih- „ren unjahlbarcn Abwechslungen seyn, und wie unglücklich ist der „nicht, wenn er nicht mehr errathen, als sehe», und seinem schwachen „Gesichte nicht mit seinem Verstände zu Hülfe kommen kann! Er „mufi mit seinen Freuden zn geitzen wissen, wenn er mit ihrem klei- „ucn Vorrathe auskommen will, da derjenige, welcher gute Augen „gut zu gebrauchen weiß, im Genusse fast vcrschwendrisck seyn mag, „indem er sich nur umsehen darf, um im Ilcbcrflusse nenc Rcitzungcn, „neue Schönheiten und Belustigungen zn entdecken. — Noch nicht aus? — Za; nun ist es einmal aus, das cwigc Gleichniß! Der Aufseher fährt fort: „Eben so ist cs mit denjenigen beschaffen zc. und, Gott sey Dank, wir sehen wieder Land! Was sagen Sie dazu? Giebt cs bey allen guten und schlechten Skribenten wohl ein ähnliches Ercmpel, wo man, über das Glcichniß, die Sache selbst so lange und so weit aus dem Gesichte verlieret? G- VII. Den 16 Angnst. 1759. Ein und fünfzigster Brief. Zn das Feld dcr schönen Wissenschaften und der Critik ist der nordische Aufscher nur selten übergegangen. Von den drey cingcrücktcn Oden, die ohne Zweifel den Herrn Cramcr selbst zum Verfasser haben, (die eine auf die Geburt," die andere auf das Leiden des Erlösers,"" und die dritte auf den Geburtstag des Königs,""") von diesen verlangen Sie mein Urtheil nicht; das weiß ich schon. Herr Lramer jst der vor- trcflichstc Versificatcur; dafür erkennen wir ihn beyde. Daß aber sein poctischcs Genie, wenn man ihm überhaupt noch ein poetisches Genie zugestehen kann, sehr einförmig ist, das haben wir oft beyde belauert. Wer eine oder zwey von seinen so genannten Oden gelesen hat, dcr hat sie ziemlich alle gelesen. ° Stück i-ix. °° Stück xv. "°° Stück xvili. III. Theil. Sin und fünfzigster Brief. t!Z9 In allen findet sich viel poetische Sprache, lind die bencidcnS- würdigstc Leichtigkeit zu reimen; aber anch alle» mangelt der schone versteckte Plan, der auch die kleinste Ode des Pindars und -Horacz zu einem so sonderbaren Ganzen macht. Sein Feuer ist, wenn ich so reden darf, ein kaltes Feuer, das mit einer Menge Zeichen der Ausrufung und Frage, blos in Vie Augen leuchtet. Es kommen aber noch zwey andere Gedichte vor, die meine Aufmerksamkeit ungleich mehr an sich gezogen haben. Das Rlop- siocr'iscke Siegel ist auf beyden; und das läßt sich so leicht nirgends verkennen. Non dem einen zwar, welches ein geistliches Lied" auf die Auferstehung des Erlösers ist, weiß ich auch nicht viel sonderliches zu sagen. Es ist, — wie des Herrn Rlopstocks Lieder alle sind; so voller Empfindung, daß man oft gar nichts dabey empfindet. Aber das zweyte ist desto merkwürdiger. Es sind Betrachtungen über die Allgegenrvarr Gottes, oder vielmehr, des Dichters ausgedrückte Empfindungen über dieses grosse Object. Sie scheinen sich von selbst in symmetrische Zeilen geordnet zuhaben, die voller Wohlklang sind, ob sie schon kein bestimmtes Sylbcnmaaß haben. Zch muß eine Stelle daraus anführen, um Ihnen einen deutlichern Bcgrif davon zu machen. Als du mit dem Tode gerungen, Mit dem Tode! Heftiger gebetet hattest! Als dein Schweiß und dein Blut Auf die Erde geronnen war; In der ernsten Stunde Thatest du jene grosse Wahrheit kuud, Die Wahrheit seyn wird, So lange die Hülle der ewigen Seele Staub ist! Tu standest, und sprachest Zu den Schlafenden: Willig ist eure Seele; Allein das Fleisch ist schwach. ° Stuck XVI. 140 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Dieser Endlichkeit Looß, Tiefe Schwere der Erde, Fühlt auch meine Seele, Wenn sie zu Gott, zu Gott! Zu dem Unendlichen! Sich erheben will! Anbetend, Vater, sink ich in Staub und sieh! Vernimm »icin Flehn, die Stimme des Endlichen! Mit Feuer taufe meine Seele, Daß sie z» dir sich, zu dir, erhebe! Allgegenwärtig, Vater, umgiebst du mich! — — Steh hier, Betrachtung, still, und forsche Tiefem Gedanken der Wonne nach! Und dieses vorbereitende Gebet ist der Anfang des Gedichts selbst. Ein würdiger Anfang! Aber wenn ich Ihnen sagen sollte, was ich denn nun aus dem Folgenden, von der Allgcgen- wart Gottes mehr gelernt, als ich vorher nicht gewußt; welche von meinen dahin gehörigen Begriffen, der Dichter mir mehr aufgeklart; in welcher Ueberzeugung er mich mehr bestärket: so weiß ich freylich nichts darauf zu antworten. Eigentlich ist das auch des Dichters Werk nicht. Genug, daß mich eine schöne, prächtige Tiraöe, über die andere, angenehm unterhalte» hat; genug, daß ich mir, während dem Lesen, seine Begeisterung mit ihm zu theilen, geschienen habe: muß uns denn alles etwas zu denken geben? Ich hebe meine Augen auf, und sehe, Und stehe, der Herr ist überall! Erde, aus deren Staube Der erste der Menschen geschaffen ward, Auf der ich mein erstes Leben lebe! In der ich verwesen, Aus der ich auferstehen werde! Gott, Gott würdigt auch dich, Dir gegenwärtig zu seyn! Mit hcilgcm Schauer Brcch ich die Blum ab! III. Theil, ein uiid funfiigstcr Brief. 141 (?ott machte sie! Gott ist, wo die Blum' ist! Mit heilgem Schauer Fühl ich das Wehn, Hier ist das Rauschen der Lüfte! Er hieß sie wehen und rauschen, Der Ewige! Wo sie wehen, und rauschen, Ist der Ewige! Freu dich deines Todes, o Leib! Wo du verwesen wirst, Wird der Ewige seyn! Freu dich deines Todes, o Leib! In den Tiefen der Schöpfung, In den Höhen der Schöpfung, Werden deine Trümmern verwehn! Auch dort, Verwester, Ncrstäubtcr, Wird er seyn der Ewige! Die Höhen werden sich bücken! Tie Tiefen sich bücken! Wenn der Allgegenwärtige nun Wieder aus Staube Unsterbliche schaft! Hallelnja dem Schaffenden! Dem Tödtcnden Hallelnja! Halleluja dem Schaffenden! Zn diesem stürmischen Feuer ist das ganze Stücke geschrieben. — Aber was sagen Sie zu der Ncrsart; wenn ich es anders eine Vcrsarr nennen darf? Denn eigentlich ist es weiter nichts als eine künstliche Prosa, in alle kleinen Theile ihrer Perioden aufgelöset, deren jeden man als einen einzeln Vers eines besondern Sylbcmnaasscs betrachten kann. Sollte es wohl nicht rathsam seyn, zur musikalischen Composition bestimmte Gedichte in diesem prosaischen Sylbcnmaassc abzufassen? Sie wissen ja, wie wenig es dem Musikus überhaupt hilft, daß der Dichter ein wohlklingendes Metrum gcwählet, und alle Schwierigkeiten desselben sorgfältig und glücklicb überwunden hat. Oft ist es ihm so gar 142 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. hinderlich, und cr muß, um zu seinem Zwecke zu gelangen, die Harmonie wieder zerstören, die dem Dichter so unsägliche Mühe gemacht hat. Da also der prosaische Wohlklang entweder von dem musikalischen verschlungen wird, oder wohl gar durch die Kollision leidet, und Wohlklnng zu seyn aufhöret; wäre es nicht besser, daß der Dichter überhaupt für den Musikus in gar keinem Svlbcnmaassc schriebe, und eine Arbeit gänzlich untcrlicssc, die ihm dieser doch niemals danket^ — Ja ich wollte noch weiter gehen, und diese freye Vcrsart so gar für das Drama empfehlen. Wir haben angefangen, Trauerspiele in Prosa zu schreiben, und es sind viel Leser sehr unzufrieden damit gewesen, daß man auch diese Gattung der eigentlichen Poesie dadurch cntrcisscn zu wollen scheinet. Diese würden sich vielleicht mit einem solchen Quasi-Metro befriedigen lassen; besonders wenn man ihnen sagte, daß z. E. die Acrse des Plaurus nicht viel gebundener wären. Der Scribcnt selbst behielte dabey in der That alle Freyheit, die ihm in der Prosc zustattcn kömmt, und würde bloß Anlaß finden, seine Perioden desto symmetrischer und wohlklingender zu machen. Wie viel Vortheile auch der Schauspieler daraus ziehen könnte, will ich itzt gar nicht erwähnen; wenn sich nehmlich der Dichter bey der Abtheilung dieser freyen Zeilen nach den Regeln der Dcclamation richtete, und jede Zeile so lang oder kurz machte, als jener jedesmal viel oder wenig Worte in einem Athem zusammen aussprcchcn müßte, zc. Das einzige Stück des nordischen Aufsehers, welches in die Eritik einschlägt, ist das sechs und zwanzigste, und handelt von den Mitteln, durch die man den poetischen Stil über den prosaischen erheben könne und müsse. Es ist sehr wohl geschrieben, und enthält vortrcslichc Anmerkungen. — Gleich Anfangs merket der Verfasser an, daß keine Nation weder in der Prosc noch in der Poesie vorlreflich geworden ist, die ihre poetische Sprache nicht sehr merklich von der prosaischen unterschieden bätte. Er beweiset dieses mit dem Exempel der Griechen Römer, Ztaliäncr und Engländer. Von den Franzosen aber sagt cr: „Die Franzose», welche die Prosc der Gesellschaften, und „was derselbe» nahe kömmt, mit der meisten Feinheit und vielleicht am „besten in Europa schreiben, haben ihre poetische Sprache unter allcn III. Theil. Ein und fnnfzigfler Brief. 143 „am wenigsten von der prosaischen unterschieden. Einige von ihren „Genies haben selbst über diese Fesseln geklagt, die sich die Ration von „ihren Grammaticis und von ihren PelitsmaitcrS hat anlegen lassen. „Untcrdcß würde man sich sehr irren, wenn man glaubte, daß ihre „Poesie gar nicht von ihrer Prose unterschieden wäre. Sie ist dieses „bisweilen sehr; und wenn sie es nicht ist: so haben wir wenigstens „das Vergnügen, da, wo wir bey ihnen den poetischen Ausdruck ver- „missen, schöne Prose zu finden: ein Vergnügen, das nns diejenigen „unter den Teutschen selten machen, welche an die wesentliche Verschiedenheit der poetischen und der prosaischen Sprache so wenig zu den- „ken scheinen." — Er kömmt hierauf auf die Mittel selbst, wodurch dicsc Verschiedenheit erhalten wird. Das erste ist die sorgfältige Wahl der Wörter. Der Dichter muß überall die edelsten und nachdrücklichsten Wörter wählen. Unter die letzter» zehlct cr auch diejenigen, die mit Geschmack zusammen gesetzt sind. „ES ist, sagt er, der Natur unserer Sprache gemäß, sie zu brauchen. „Wir sagen so gar im gemeinen Leben: Ein czottesvcrgesincr Mensch. „Warum sollten wir also den Griechen hierin» nicht nachahmen, da uns „unsere Vorfahren schon lange die Erlaubniß dazu gegeben haben?" — Das zweyte Mittel bestehet in der veränderten Ordnung der Wörter; und die Regel der zu verändernden Wortfügung ist diese: Wir müssen die Gegenstände, die in einer Vorstellung am meisten rühren, zu erst zeigen. — „Aber nicht allein die Wahl „guter Wörter, fährt der Verfasser fort, und die geänderte Verbindung derselben unterscheiden den poetischen Perioden von dem prosaischen. Es sind noch verschiedene von denen anscheinenden .Kleinigkeiten zu beobachten, durch welche virgil vorzüglich geworden ist, was „er ist. Ich nehme an, daß die Wörter des Perioden und die Ord- „nung derselben, der Handlung, die der Periode ausdrücken soll, ge- „mäß sind. Aber gleichwohl gefällt er noch nicht genug. Hier ist eine „Redensart, wo nur ein Wort seyn sollte. Und nichts tödtct die „Handlung mehr, als gewisse Begriffe in Redensarten ausdehnen. Es „kann auch bisweilen das Gegentheil seyn. Hier sollte eine glückliche „Redensart stehen. Tcr Gedanke erfordert dicsc Ausbildung. Tort „sind dic Partikeln langweilig, welche die Glieder des Perioden fast „unmerklich verbinden sollten. Sie sinds unter andern, wenn sie zu „viel Sylben haben. Ein: dem ungeachtet könnte die schönste Stelle Briefe die neueste Litteratur betreffend. „verderben. Sie sinds ferner, wenn sie da gesetzt werden, wo sie, „ohne daß die Deutlichkeit oder der Nachdruck darunter litte, wcgblei- „bcn könnten. Das doch, mit dein man wünscht, gehört vornehmlich „hierher. In einer andern Stelle stand die Interjektion nicht, wo sie „stehen sollte. Das Ach ficng den Perioden an; und es hätte glücklicher vor den Wörtern gestanden, welche die Leidenschaften am mci- „flcn ausdrücken. Ein andermal hat der Verfasser nicht gewußt, von „welcher Kürze, und von welcher Starke das Participium gewesen seyn „würde. Darauf hat er cS wieder gesetzt, wo es nicht hingehörte." ' Schliessen Sie ans dieser Stelle, wie viel feine Anmerkungen und Regeln der Verfasser in einen kleinen Raum zu conccntri- rcn gewußt hat. Zch möchte gern allen unsern Dichtern empfehlen, dieses Stück mehr als einmal zn lesen; es mit allem Flcissc zu studircn. Es würde jeder alsdenn wohl von selbst finden, wenn und wie diese oder jene allgemeine Regel des Verfassers eine Ansnahmc leiden könne und müsse. Die sorgfältige Wahl der edelsten Wörter, z. E. leidet alsdenn einen grossen Abfall, wenn der Dichter nicht in seiner eignen Person spricht. Zn dem Drama besonders, wo jede Person, so wie ihre eigene Dcn- kungsart, also auch ihre eigne Art zu sprechen haben muß. Die edelsten Worte sind eben deswegen, weil sie die edelsten sind, fast niemals zugleich diejenigen, die nns in der Geschwindigkeit, und besonders im Affcctc, zu erst bchsallcn. Sie verrathen die vorhergegangene Ucberlcgung, verwandeln die Helden in Declama- torcs, und stören dadurch die Illusion. Es ist daher sogar ein grosses Kunststück eines tragischen Dichters, wenn er, besonders die erhabensten Gedanken, in die gemeinsten Worte kleidet, und im Affccte nicht das edelste, sondern das nachdrücklichste Wort, wenn es auch schon einen etwas niedrigen Ncbcnbcgriff mit sich führen sollte, crgreiffcn läßt. Aon diesem Kunststücke werden aber freylich diejenigen nichts wissen wollen, die nur an einem corrcctcn Racine Geschmack finden, und so unglücklich sind, keinen Shakespear zn kennen. K- III. Theil. Zwey und fünfzigster Brief. 145 VIII. Den 23 August. 1759. Zwcy und fünfzigster Brief. Ich kann Ihnen nicht Unrecht geben, wenn Sie behaupten, daß es nin das Feld der Geschichte in dem ganzen Umfange der deutschen Litteratur, noch am schlechtesten aussehe. Angebauet zwar ist es genug; aber wie? — Auch mit ihrer Ursache, warum wir so wenige, oder auch wohl gar keinen vortreffliche»» Geschichtschreiber auszuweisen haben, mag es vielleicht seine Richtigkeit haben. Unsere schönen Geister sind selten Gelehrte, und nnscrc Gelehrte selten schöne Geister. Jene wollen gar nicht lesen, gar nicht nachschlagen, gar nicht sammlcn; kurz, garnicht arbeiten: nnd diese wollen nichts, als das. Jenen mangelt es am Stoffe, nnd diesen an der Gcschicklichkcit ihrem Stoffe eine Gestalt zu ertheilen. Unterdessen ist es im Ganzen recht gut, daß jene sich gar nicht damit abgeben, und diese sich in ibrcm wohlgemeinten Flcissc nicht stören lassen. Denn so haben jene am Ende doch nichts verdorben, und diese haben wenigstens nützliche Magazine angelegt, und für unsere künftige Aivioe und T«cilc>s Kalk gelöscht und Steine gebrochen. Doch nein, — lassen Sie uns nicht ungerecht seyn; — verschiedene von diesen haben weit mehr gethan. Es ist eine Kleinigkeit, was einem L>üna», einem Mascau zu vollkommenen Geschichtschreibern fehlen würde, wenn sie sich nicht in zu dunkele Zeiten gewagt hatten. Wem kann hier, wo die Quellen oft gar fehlen, oft so verderbt nnd nnrcin sind, daß man sich aus ihnen zu schöpfen scheuen muß; hier, wo man erst hundert Widersprüche zu heben und hundert Dunkelheiten aufzuklaren hat, ehe man sich nur des kahlen, trockenen Factums vergewissern kann; hier, wo man mehr eine Geschichte der streitigen Meinungen und Erzchlungen von dieser oder jener Begebenheit, als die Begebenheit selbst vortragen zu können, hoffen darf: wem kann hier auch die größte Kunst zu erzehlcn, zu schildern, zu beurtheilen, wohl viel helfen? Er müßte sich denn kein Gewissen machen, uns seine Vermuthungen für Wahrheiten zu verkaufen, und die Lücken der Zeugnisse aus seiner Erfindung zu Lessings Werke vi. 10 146 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. ergänzen. Wollen Sie ihn« das wohl erlauben? O weg mit diesem poetischen Geschichtschreiber! Zch mag ihn nicht lesen; Sie mögen ihn auch nicht lesen, als einen Geschichtschreiber wenigstens nicht; und wenn ihn sein Vortrag noch so lcscnswürdig machte! Ucbcrhaupt aber glaube ich, daß der Name eines wahren Geschichtschreibers nur demjenigen zukömmt, der die Geschichte seiner Zeiten und seines Landes beschreibet. Denn nur der kann selbst als Icugc auftreten, und darf hoffe», auch von der Nachwelt als ein solcher geschätzt zu werden, wenn alle andere, die sich nur als Abhörcr der eigentlichen Zeugen erweisen, nach wenig Zahrcn, von ihres gleichen gewiß vcrdrungcn sind. Ich bcdaurc daher oft den mühsamen Fleiß dieser letzter«; besonders derjenigen von ihnen, die sich, vermöge ihres Amtes, einer so undankbaren Arbeit unterziehen, und Gcbauers bleiben müssen, wenn sie Thuani werden könnten. Die süsse Ueberzeugung von dem gegenwärtigen Nutzen, den sie stiften, muß sie allein wegen der kurzen Dauer ihres Ruhmes schadlos halten. Und kann ein ehrlicher Mann mit dieser Schadloshaltung auch nicht zufrieden seyn? — Genug dieser allgemeinen Betrachtungen! Zch komme auf das neue Werk selbst, welches sie eigentlich veranlasset hat. Seinen Verfasser habe ich bereits genennct. Es ist der verdiente Gelehrte, den Sie schon aus seiner Geschichte des Kaiser Richards kennen müssen. Jetzt hat er uns eine Porlugisische Geschichte geliefert." Sie würden mich auslachen, wenn ich meinen Brief mit einem umständlichen Auszuge derselben anfüllen wollte. Was könnten Sie neues daraus lernen? Und ist Zhr Gedächtniß nicht so glücklich, daß es auch nicht einmal darf aufgefrischet werden? Kanin verlohnet es sich der Mühe, Ihnen von dem Werke überhaupt nur so viel zu sagen, daß es aus den akademischen Vorlesungen des Verfassers über seinen Grundriß zu einer um- ° George Christian Erbauers Portugisischc Geschichte von den ältesten Zeile» dieses Volks, bis auf die itzigc» Zeiten, mit genealogischen Tabellen und vielen Anmerkungen versehen, in denen die Belege und allerhand Untcr- tersuchimgen der l'istorischcn Wahrheiten anzutreffen sind. Leipzig in der Fritschischcn Handlung, 1769. In Quart, an drey Alphab. IN. Theil. Zwey und funfjigsier Brief. 147 standlichen Historie Scr vornehmsten europäischen Reiche unv Staaten entstanden, und in zwe» Theile abgesondert ist, deren fünf Abtheilungen folgende Aufschriften haben. 1- Abch. Von den ältesten Nachrichten vor Einrichtung des Königreichs. II. Abch. Vom Anfange des Reichs bis zum AuSgangc des ächten königlichen Stammes. I>l. Abch. Von dem Ausgangc des ächten Stammes bis auf die Vereinigung mit Spanien. IV. Abch. Von der Vereinigung mit Spanien bis auf die Erhebung des Hauses Braganza. V. Abch. Von den Königen aus dem Hause Braganza bis itzo. Aber das würde Ihnen vielleicht nicht unangenehm seyn, wenn ich Sie mit dieser oder jener einzeln Begebenheit, auf die unser Verfasser einen vorzüglichen Fleiß gewendet hat, unterhielte? Es wäre der nächste Weg, Sie zugleich selbst von seinem Vortrage, und von der sorgfältigen Art in seinen Untersuchungen zu Werke zu gehen, urtheilen zu lassen. — Und kenne ich nicht auch Ihren Geschmack? Kühne Unternehmungen; sonderbare Unglücksfällc, die einen grossen Mann treffen zc. — O ich müßte mich sehr irren, oder Sie haben sich, als Sie nun auf die Portugisischc Historie kamen, bey der Geschichte des unglücklichen Königs Sebastian, am längsten, am liebsten verweilet. — Der junge Sebastian, wie Sie sich erinnern werden, brannte vor Begierde, sich mit den Ungläubigen in Africa zu versuchen. Er ließ sich nicht lange bitten, dem vertriebenen Könige von Marocco, XNulc^ tNahomct, in eigener Person bcyzuspringcn. Er ging mit einem anschnlichcn Heere, so sehr es ihm auch seine Freunde, so sehr es ihm auch der eben am Himmel drohende Eomcte zu widcrrathcn schienen, am Johannistage !>578 unter Segel; setzte das Heer bey Arzilla ans Land, und ging auf l'Arache los. Auf diesem Wege kam es in der Ebene von Alcassarquivir mit dem feindlichen Heere des Muley Molucco, zur Schlacht. Sebastian und seine Portu- giscn erlitten die schrecklichste Niederlage, und er selbst — blieb. So ging wenigstens die gemeine Rede. Aber wie, wenn er da nicht geblieben wäre? Wie, wenn ein weit empfindlicher Schicksal auf ihn gewartet hatte? — Sie erinnern sich dock) noch auch, daß nach und nach vier Pseudo- 10° 148 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Sebastiane ausstunden, als Spanien bereits das Königreich Portugal an sich gerissen hatte? Die ersten drey waren offenbare Bctricgcr, und erhielten ihren verdienten Lohn. „Der „vierte hingegen," sagt unser Scribent, „wußte sein Thun so „scheinbar zu machen, daß cs wohl zweifelhaft bleiben wird, ob „er nicht der wahre Sebastian gewesen. — „Er kam, fähret Herr Gebauer fort, ° zu Venedig An. 4598 „zum Vorscheine, und nachdem er daselbst nicht allein bey dem gemci- „ucn Volke, sondern auch bey etlichen vornehmen Personen Glauben „fand, zumal da einige Portugisen, die den König Sebastian wohl „gekannt hatten, vor gewiß versicherten, daß er in dem Gesichte, in der „Grosse, in der Rede, demselben vollkommen gleiche, ward ihm dergestalt unter die Arme gegriffen, daß er sich seinem Stande gemäß „aufzuführen anfing, und kein Bedenken halte, sich vor den öffentlich „auszugeben, den er vorstellte. Darüber bewegte sich der spanische „Gesandte zu Venedig, Dominicus Mcndoza, und brachte es bey „dem Rathe zu Venedig dahin, daß er in Haft genommen, und „über seine Umstände, und wer er sey, befragt wurde. Da er- „zchltc er umständlich, wie er in dem unglücklichen Treffen bey „Alcassar in Africa nicht sey erschlagen worden, sondern, ob wohl „hart verwundet, der Gefangenschaft wunderbarer Weise entgangen »sey. I" Algarbien, wohin er auf einem leichten Schifflein mit „Thristoval von Tavora übergesetzt, hätte er sich heilen lassen, und „weil er des Anblicks der Menschen nach einem so grossen Unglücke „sich gcschcuct und gcschämct, habe er sich vorgenommen, Abeßinien „und andere weit entlegene Reiche und Lande zu besuchen. Auf die- „scr seiner Fahrt sey er nach Persien gekommen, habe mancherley „Schlachten bcygcwohnct, und viele Wunden empfangen; endlich sey „er des Herumzichcns müde worden, und habe sich mit einem from- „men Alten in Georgien in ein einsames Kloster begeben, und daselbst ein Cläusncrlebcn geführet, bis ihm endlich gefallen, seine Unterthanen wieder zu sehen. Auf dieser Rückreise habe er erst in Sicilien „gelandet, und von da Marcum Tullium Cotizo von Cosenza nach „Portugal! abgefertiget, und als der nicht wieder kommen, habe er „sich selbst ans den Weg gemacht, der Meinung, sich zuforderst zu ° Seile 19 des zweyten Theils. > III. Theil. Zwey und fmifzigsicr Brief. 149 „Rom dem Pabste zu den Füssen zu werfen. Daran hübe ihn die „Bosheit seiner eigenen Leute verhindert, die ihn untcrwcgens beraubt, „so daß er sich nach Venedig begeben inüsscn, wo man ihn bald vor „denjenigen erkannt, der er wirklich sey. Das war nuu geschwinde ge- „sagt, aber es fehlte der Beweis, den man aber doch »ach der Strenge „ von ihm nicht federn konnte. Er sagte »lit grosser Freymülhigkcit, daß „er zu dem Rathe zu Venedig sich des Besten versehe, der sich wohl erinnern würde, was er vor Briefe bey dem letzten Türkenkriege an sie „geschrieben, und wie geneigt er sich wegen der Hülse gegen sie „erboten habe. Wer ihn, den Konig je gesehen habe, müßte ihn „kennen. Zu dessen Bestärkung ward befunden, daß er, gleich dem „Könige, in dem Gesichte sowohl, als an seinem ganzen Leibe an „der linken Seite etwas kürzer war, als an der rechten; an seiner „rechten Augenbraunc war eine Narbe zu sehen von einer Wnndc, „wie bey König Sebastian, der solche in seiner Kindheit bekommen „hatte; eine große Warze an der Fußzehe und andere Mahle, die man „bey dem Könige wahrgenommen hatte, fanden sich bey diesem Sebastian auch. Er ward drey ganzer Jahre lang ln der Haft behalten, „und immittelst bewegten die gcflüchtetcn portugiscn Himmel und „Erde, daß ihr König ihnen möchte frey gegeben werden. Selbst „König Heinrich IV. in Frankreich, ließ durch seinen Gesandten, „den Herrn du Fresne, den Rath zu Venedig bitten, sie möchten „in der Sache sprechen, und die portugiscn nicht im Irrthume las- „scn. Das Erkenntniß bestund nun darinn, daß dieser Mann binnen „acht Tagen das venetianische Gebiete räumen sollte, bey ewiger Ga- „leerenstrafe. Nun überlegten die portugiscn fleißig, was vor einen „Weg ihr König erwählen sollte, um sicher in sein Königreich zu gegangen, ob er durch Graupündten und die Schweiz, oder durch „daS Florentinische seinen Weg nehmen sollte. Zu seinem grosse» „Unglücke erwählte er den letzter». Er hatte kaum als ein Dominicaner Münch das Florentinische Gebiete betreten, als er daselbst „erwischt, und von dem Großherzoge Ferdinand dem I. an die Spa- „nier nach Neapel ausgeliefert wurde. Da gingen die Untcrsuchuu- „gcn von neuem an, zu grosser Verwunderung derer, die ihn des „Betruges überführen wollten. Als ihn der spanische Unlcrkönig, „Don Ferdinand Ruiz von Castro, Graf von Lemos, vor sich „kommen ließ, trat er ihm mit grosser Zuversicht unter die Augen, 460 Briefe, die neueste Sittcralur betreffend. „und weil er sahe daß der Graf unbedeckt war, sprach er zu ihm: „decket euch, Graf von Lemos. Als dieser erwiderte, wer ihm die „Macht gegeben habe, ihn mit solcher Kühnheit anzureden? soll er „versetzt haben: diese Macht sey mit ihm gebohrcn; wie er sich denn „selbst so anstellen dürfe, als wenn er ihn nicht kenne? er müsse sich „doch erinnern, daß sein Letter, der König Philipp/ ihn zwcymal „an ihn abgesandt habe, und daß der Degen, den er an seiner Seite „habe, ihm damals von ihm sey geschenkt worden. Andere sagen, er „habe ihn nur erinnert, daß er damals den Grafen mit einem Degen, „seine Gemahlin aber mit einem Juwel beschenkt habe. Weil dies nun „an sich seine Richtigkeit gehabt, habe der Graf ein ganz Bund seiner „Degen, und die Juwelen seiner Gemahlin in das Zimmer bringe» „lassen, da unser Sebastian nicht allein die rechten Stücke gleich er- „kannt, und unter den andern herausgenommen, sondern auch an dem „Juwel ihm gewiesen, wie man dasselbe an einem gewissen Orte eröfnen, „und den darunter verborgenen Namen Sebastian, entdecken könne, „welches Kunststück bisher dem Grafen und seiner Gemahlin verborgen „gewesen. Der AuSgang war, daß man den Sebastian als einen „Bclricger auf einen Esel setzte, ihn in Neapel schimpflich hernm- „ führte, sodann aber auf die Galeeren bringen ließ. Als er sich der „Spanischen Küste näherte, ward alles in Portugal! rege, so daß „man ihn nach St. Lucar auf das Schloß setzen mußte, um seiner „Person mehr versichert zu seyn, an welchem Orte er geblieben und geworben, ohne daß die Art seines Todes jemals recht bekannt worden. Dieses ist die Geschichte! Dabey aber läßt es unser Verfasser nicht bewenden, sondern stellet eine umständliche Untersuchung darüber an, welche ein Meisterstück in ihrer Art ist. Es kömmt hicrbey, sagt er, auf zwey Fragen an; „ob der Tod des „König Sebastians dergestalt in der Gewißheit beruhe, daß man „keine Ursache habe, daran weiter zu zweifeln, und wenn diese erste „Frage sollte nicht können bejact werden, ob jedoch der vierte Seba- „stian unter diejenigen billig gezählt werde, welche unter einem falschen Namen in der Welt eine grosse Rolle spielen wollen, oder ob „auch dies im Zweifel beruhe." Kann man das erste mit Zuvcrläßigkcit erweisen, ist Sebastian bey Alcassar gewiß geblieben, so ist das zweyte zugleich entschieden. Aber, leider, kann man jenes nicht, und aus allen III. Theil. Zwey und fiinftigster Brief. Aeugnisscn erhellet weiter nichts, als daß man den König eine Wunde in den Kopf bekommen lind von seinem Pferde herab sinken sehen. Die Leiche, die man für die königliche, den Tag nach der Schlacht, aufgehoben, ist viel zu zerfetzt und verunstaltet gewesen, als daß sie hätte kcnntbar seyn können. Und haben sie gleich verschiedene von des Königs Leuten, besonders ein Sebastianus Rcsendins, in Gegenwart des XNuley -Hamcc wirklich dafür erkannt, so läßt sich doch mit unserm Gcbancr sehr wohl darauf antworten: „Es war wohl nichts natürlicher, „als dieser Beyfall. Wer halte in des barbarischen .Königs Gegenwart „mit dem Rcsendio darüber wollen einen Streit anfangen, da nach- „dcnklichc Leute leicht begreifen konnlcn, daß cS dem .Konige, wenn „er sollte der Gefahr entflohen, oder auch unter den übrigen geringern „Gefangenen annoch verborgen seyn, allemal zuträglicher sey, daß man „auf Mohrischcr Seite seinen Tod glaube, als daß ihm nachgesetzt, „oder sonst weiter nachgespüret werde." — Es ist auch nicht zu leugnen, daß sogleich ein Ruf entstanden, der von der Wahlstatt aufgehobene Körper, sey nicht der wahre Körper des Sebastians, sondern der Körper eines Schweizers. Die Mähr- chen übrigens, welche, nach dem Ferreras und Thnanus, die Vermuthung, als ob der König aus der Schlacht entkommen sey, fälschlich veranlaßt haben sollen, sind ohne alle Wahrscheinlichkeit. Die Fortsetzung künftig. IX. Den 30 Anglist. 1769. Beschluß des 52sten Briefes. Und folglich läßt sich aus diesem Punkte, der anmaßlichc Sebastian nicht verdammen. Aber, wenn man ibn selbst näher betrachtet, findet sich auch da keine Spur des Betruges 6 Keine; und hundert ausscrordcntliche Umstände sind alle für ihn. — Er ist in den Händen der vioci, oder der Zchnhcrrcn, zu Venedig. Sie kennen diesen strengen peinlichen Gerichtshof, dieses erschreckliche Fchmgerichte, dessen erste Regel es ist: eorroro alla pona, nrima cli otsminar la coln». Dieses Gerichte läßt ihn drey ganze Zahrc sitzen, kann in drcu ganzen Jahren nichts auf ihn bringen, ob gleich die Spanier, während der Zeit, es nicht werden haben ermangeln lassen, ihm alles 452 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. an die Hand zu geben, wodurch sich, hinter die Bosheit eines so listigen Feindes kommen zu können, nur einigermassen hoffen ließ. Und da man es ihm endlich so nahe legt, daß es seinen Urthcilsspruch nicht länger verweigern kann; was erkennet es? Eigentlich nichts; es will aber den Unglücklichen los seyn, und befiehlt ihm, binnen acht Tagen das Venctianischc Gebiete zu räumen. Binnen acht Tagen! „Das sieht, sagt un. „ser HistoricuS, eher einem Verfahren ähnlich, mit dem man vcrun> „gluckten StaatSdienern, oder unangenehmen Gesandten begegnet, als „der Weise, nach welcher man mit schuldig erkannten Missethätern verjähret, die man durch die Gerichtsfolge an die Grenzen bringen, und „von da in die weite Welt laufen läßt. — Es war den Venctia- ncrn hernach auch gar nicht gleichgültig, daß der Gros Herzog von Florenz ihren Verwiesenen anhielt, und an die Spanier auslieferte; denn der Cardinal von Gssat schreibt in einem seiner Briefe ausdrücklich, daß sie es für eine starke Beleidigung aufgenommen haben. — Nun ist er in Neapel. Aber auch da muß man ihn nicht haben überführen können; denn warum wäre man sonst glimpflicher mit ihm umgegangen,.als mit den drey vorhergehenden Bctricgcrn, die man alle eines schimpflichen Todes sterben ließ? Ich würde Sie ermüden, wenn ich unserm Verfasser durch alle kleine Umstände dieser Untersuchung folgen wollte; so interessant sie auch bey ihm selbst ist. Es ist wahr, er hätte sie ungleich interessanter machen können, wenn er mir ein klein wenig besser zu schreiben wüßte, und nicht überall den docircn- dcn Professor so sehr hören liesse. Aber sind wir nicht darüber schon einig geworden, daß wir unsern Gelehrten überhaupt daraus keinen Norwurf machen wollen? Genug daß er sich überall, als den belesensten , als den sorgfältigsten und unpar- thcyischstcn Mann zeiget. „Als den unparthchischstcn? Was könnte einen Deutschen auch' „wohl bewegen, in einer Portugisischen Geschichte parthcyisch zu „seyn? — Das könnten Sie mir nun wohl einwerfen! Aber doch glaube ich, daß sich ein Mann, der parthcyisch seyn kann, auch in gleichgültigen Dingen verräth. Er ist immer geneigt, sich geradezu zu erklären, und urtheilet da allezeit selbst, wo er c^l^SLWZ^ III. Theil. Zwey und fnnfjigslcr Brief. 153 blos seine Leser sollte urtheilen lassen. — Auch gebe ich das noch nicht zu, daß in der Portugisischen Geschichte gar nichts vorkomme, wobey ein Deutscher, aus diesem oder jenem Vor- urthcilc, sollte cs auch nur die Liebe zu seinem Volke seyn, zur Parteylichkeit gcrcitzet werden konnte. Z. E. Wenn er von des Königs Johannes Vcs zweyten eifrigen Bemühungen zur Aufnahme der Schiffahrt redet, gedenket er des bekannten Martin Beheims, der ihm sehr ersprießliche Dienste dabey geleistet habe. Nun wissen Sie, was verschiedene patriotische Gelehrte von diesem Nurcnbcrgischci» Geschlechter behaupten wollen; daß nehmlich Er, der erste wahre Entdecker der neuen Welt zu nennen sey. Sie stützen sich dabey vornehmlich auf die Zeugnisse des Ricciolos und Zöenzonus. Jener giebt zu verstehen, daß Zöcheim den Lo- lnmbus vielleicht auf die Spur geholfen habe; und dieser sagt mit ausdrücklichen Worten," daß Magellanus die in der Folge nach ihm genannte Meerenge, aus einer Seekarte des Beheims habe kennen lernen. Ist cs also einem Deutschen wohl zu verdenken, daß er hier einem Stüvcn und Doppelmayer bcytritt, und mit dem Verfasser der progi-vs dos ^llemsncis Ae. Triumph ruft, daß seine Landcslcutc nicht allein die Druckcrcy und das Pulver, sondern auch die neue Welt entdeckt haben? Aber hören Sie, was dem ohngcachtet unser Historicus hiervon sagt:"" „Ob übrigens Martin BeHeim die neue Welt entdeckt habe, ja gar „das l^-etum UgZellanieum gekannt, wie jenes Joh. Bapr. Riccio- „lus,°° dieses aber Hieron. ZAenzonus bejahet, dünket mich eine ° Nu^jus ?re>i ol)servslio SlüAellgno trilnientls est, »am reliqusrum naviuin priesecli, krelum esse nexsbsnl, K sinum lluiUsxat esse eenselisnl. klüßellsnus Ismen srelum isiic esse noist «lui» ut ferlnr, in clisrls msrina »Uuncliiliim viilerst, «lescrinls sli iusigni izuvilam 5»uclero cui nomen ^/a?-/i?!UL Lo/iem>», nunin I.usilsniss Itex in sno Mns-eo »ilservitküt. ^en- :o«»z /. °° Erster Band, S. 121 in der Anmerknng. °°° Herr Gcbaucr hätte nicht sagen sollen, daß cs Riccioliiö bejahe. Er läßt cs sehr ungewiß. DIc Stelle ist diese: ci>rislo,,i>«ru» euwmiiu» — cum nrius i» NlsUer!» Insuls, udi conkcienilis »c 6eU»enn>Ii» clisrli» Keo- xirsnliicis vseskiU, ^?> e suonle ingenw, ut erst vir ^slronomi»?, l>osino- Lrsnui«! >sices xnsl»«,^e iniliciu Iiskito i» ^/a»'/»-» j?o/,emo^ sut ^"»?'.'«!.AV^ />??^?^^^^^?-^ I» /x ^ 164 LZricfe, die neueste Litteratur betreffend. „sehr ungewisse Sache zu seyn. Wenn Hartmann Gchedel in seiner „lateinischen Chronick schreibet, daß er und Jacobus Canus (der „Congo entdecket hat) über die Aeauinoctiallinie hinaus und so weit „gefahren, daß ihr Schatten, wenn sie gegen Osten zugesehen, ihnen „zur rechten Hand gefallen; mag daraus noch nicht geschlossen werden, „daß sie bis nach America gekommen. Das erfahrt jedermann, der „nur über die Linie hinaus ist. Die alte» Urkunden, welche wülfcr, „Vvagcnscil/ Stüven und Doppelmayer angcjogen, sprechen davon „nichts; und die größte Schwierigkeit finde ich in der an. 14ö2. von „25eyeim verfertigten Weltkugel, in welchem Jahre Columbus schon „auf der Fahrt gewesen. Der Herr Doppelmayer hat diese Erdkugel in Kupfer vorgestellet, und je länger ich sie betrachte, je weniger „finde ich, daß er den obbeineldeten grossen Erfindern, Thristophoro „Columbo und Ferdinands Magellam ihren bisher gehabten Ruhm „zweifelhaft machen können."--Und an einem andern Orte" fügt er noch dieses hinzu: „Tolmnbus hat also die neue Welt, „vcspurius aber das eigentliche America entdeckt, oder doch in der „alten Welt zuerst recht bekannt gemacht. Wir Deutsche, die wir sonst „recht grosse Erfinder sind, haben hier keinen Theil, nachdem Martin „2Zcyeims Verdienste hier nicht zulangen wollen, und müssen diese „Ehre den Genuesern und Florentinern iiberlaffen, es wäre denn, „daß wir dieses vor unsere Ehre rechnen wollten, daß dieser vierte „ Theil der Welt dennoch einen deutschen Namen führet, ^merixo „oder ^meiious ist »ichtS anders als der gnte deutsche Name Em- „rich, und America folglich so viel als Emrichsland. Nach dieser unstreitigen Probe einer rühmlichen Unparthcy- lichkcit, erlauben Sie mir, Ihnen auch noch eine Probe zu geben, wie weit unser Verfasser auch in Kleinigkeiten seine sorgfältige Untersuchung treibet. Ich wchle aber eine Stelle dazu, wo er dem ohngcachtct nicht auf den rechten Grund gekommen ist. Sie enthält die Geschichte eines doo-mot! Herr Gebaner erzchlt in dem Texte von dem Vater des ut M5l>!>»i lliclilüiii, all ^Iplwiilo Kil»cl>e2 lle llelv-'l Niluclero, qu! koite jnciileril, in lillulam potle-t IZvminiviim «lielüm, coxi>»sset äe i>itvix»U»ne in Iittlinm vceiiieiNalem >?<.'. K'coz'i'tt/i/tiae oF»'a/)üi'ac /!c/<»-m. />ii. ///. c»/,. 22. x, 93. ° Ebendaselbst S. 139. III, Theil. Zwey und fünfzigster Brief. 455 itztrcgierendcn Königs von Portugal, Iohann dem fünften, daß er gegen seinen Adel vielmals gesagt: „König Johann der „vierte lieble euch, Don Pedro fürchtete sich für cnch; allein ich, „der ich Herr bin ilo jure 6? Ilorellull, furchte mich nicht für euch; „und werde euch nicht lieben, als in so ferne euch eure Aufführung „meiner königlichen Sichtbarkeit würdig wachet." — Zn einer Note aber fugt er folgendes hinzu: „Da ich nculicher Zeit die Memoi- „ros tiour lorvu- !» I'IIisloire on Antonio gewesen sind. Den letzter« erkennet Herr Gcbaucr selbst dafür. Nur möchte er vielleicht fragen: aber wie kommen diese Memoircs in die Hände der von Sainct- onge? Sie wäre nicht die erste Nouvcllcnschreibcrin, die sich dergleichen geheimer Nachrichten fälschlich gerühmt hätte. Zch selbst würde der blossen Versichrung einer schrcibsüchtigcn Französin hierin wenig trauen; aber überlegen Sie diesen Umstand: eben der Gomes Vasconccllos de Figueredo, auf welchen sich die Frau von Sainctongc beruft, war ihr Großvater. Warum soll man einer Enkelin nicht glauben, wenn sie gewisse Handschriften von ihrem Großvater geerbt zu haben vorgicbt? Und wenn das, was sie daraus mittheilet, an und vor sich selbst nicht unglaublich ist, noch mit andern unverdächtigen Zeugnissen streitet, was kann ein Historicus wider sie einwenden? Erlauben Sie mir also, Zhncn in diesem Briefe verschiedenes daraus ausziehe» zu dürfen, was diese und jene Stelle bey unserm Gcbaucr berichtigen oder in ein grösscrs Licht setzen kann. ° Niülnire cke vom .^»loine Noy Ie t'ixuerello par »lall, lle Sain/onFe, In Duodez. III. Theil. Trcy und fmifjigster Brief. Vorher aber ein Wort von der Partheylichkcit der Fr. von Sainctongc. Die eheliche Geburt des Don Antonio ist bey ihr ausser Zweifel. Zhr zu Folge hatte sein Barer, der Herzog K.udeu?ig von Dcfa, es ausdrücklich in seinem Testamente bekannt, daß die Mutter des Antonio ihm wirklich, obgleich heimlich angetraut gewesen sey.' Gleichwohl sagt sie an einem andern Orte, daß sich Antonio selbst, bis zu seiner Zurückkunft ans Africa, bloß für einen natürlichen Sohn des Herzog L.n- Vcwigs gehalten habe." Wenn dieses seine Richtigkeit hat, so kann jenes nicht wahr seyn. Herzog Ä.udeu?ig starb 1655, und die Zurückkunft des Antonio fällt in das Zahr 15K8. Sollte Antonio ganzer drcyzchn Zahr von dem Testamente seines Vaters nichts erfahren haben? Kurz, dieser Umstand ist falsch. 2 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Emanuel von Sylva an. Die Frau von Sainctonge beklagt sich, daß verschiedene Geschichtschreiber aus dieser Veränderung geschlossen hätten, Antonio müsse mit dem Scipio nicht zufrieden gewesen seyn, und führet dagegen eine Stelle aus einem Briefe des Antonio an den Papst Grcgonus Xlll. an, worinn er seiner Treue und Tapferkeit völlige Gerechtigkeit wicdcr- fahrcn läßt. Nach den Erzchlungcn des Herrn Gebaners muß man glauben, daß sich Antonio, nachdem cr sein Portugal! verlassen müssen, beständig in Frankreich aufgehalten habe. Der Fr. von Sainctonge zu Folge aber, hat cr sich weit öfter und länger in England aufgehalten. Seine erste Reise dahin that cr sogleich nach seiner glücklichen Enlkommung ans dem Reiche, von Calais aus, wohin ihn das Lnkhäusische Schiff gebracht hatte. Sie fält in das Jahr 1681. und ich finde daß Lamdcn in seinem Leben der Königin Elisabeth, wie auch, aus ihm, Rapin, ihrer unter diesem Jahre gedenken. Zu seiner zweyten Reise nach England, brachten ihn die Nachstellungen, welchen cr von Scitcn dcs Königs von Spanien, während den Unruhen der Liguc, in Frankreich ausgesetzt war. Sie muß in dem Zahrc 1585 geschehen seyn, und die Frau von Sainctonge crzchlct uns eincn mcrkwürdigcn Umstand davon, den sie aus dcn eigenhändigen Mcmoircs dcs Don Antonio gezogen zu haben versichert. „Die Königin Elisabeth, sagt sie, lud ihn auf das „inständigste ein, zu ihr nach England zu kommen. Er that „es also, und ward auf eine schr galante Weise daselbst empfangen. Die Königin hatte eine grosse Anzahl von Edelleuten ihres Hofes sich in Schäfer vcrklcidcn lasscn, und schickte sie „ihm', bis auf die Höhe von Salisbury entgegen, mit dem „Acrmcldcn, daß cr sich von der grossen Schäferin dcs Lan- „dcs allen möglichen Beystand zu versprechen habe. Zn allen „Städten, wo cr durch mußte, hielt man ihm den prächtigsten „Einzug, so daß mau ihn eher für cincn Sicgcr, als für cincn „seiner Länder beraubten König hätte ansehen sollen." — Dieser sei» zweyter Aufenthalt in England dauerte bis in das Zahr 15W. Die Angelegenheiten von Frankreich hatten durch dcn Tod -Heinrichs III. eine andcrc Gcstalt gcwonncn, und Don III. Theil. Trey mid funfjigsier Brief. 1K3 Antonio glaubte sich mmmchr von -Heinrich dem vierten einen nachdrücklichen Beystand versprechen zu dürfen. Heinrich war damals zu Dicppe, und Zvon Antonio kam zu ihm herüber. Allein der König dünkte sich selbst auf seinem Throne noch nicht befestiget genug, daß er sich mit fremden Händeln abgeben könnte. Don Antonio kehrte also zwar unvcrrichtctcr Sache, aber doch mit vielen Versprechungen auf eine bequemere Zukunft, wieder nach England, wo er bis ins Jahr 1694 blieb, da ihm Heinrich IV durch seinen Gesandten, den Herrn Zdcauvais la Nocle versichern lies, daß er, wenn er nach Frankreich kommen wollte, nunmehr sehr willkommen seyn werde. Er ging also nach Calais über, und von da zu dem Könige nach Chartrcs. Heinrich bezeigte sich ungcmcin willig, ihm zu dienen; lies ihm auch durch den Marschall de tNarignon sagen, daß wenn er bey seiner (Heinrichs) Krönung mit gegenwärtig seyn wollte, man ihm nicht allein den Vortritt dabey lassen, sondern ihn auch mit allem, was er zu dieser Ecrcmonie brauchen würde, versehen wollte. Zvon Antonio ließ sich aber mit seinem kurzen Athem entschuldigen, der ihm keinen Augenblick Ruhe gönne, und ging nach Paris, wohin ihm auch der König bald drauf folgte. Hier lag Antonio den König sehr an, ihm mit einer Summe von 2Kl)W Thalern bcyzuspringen; weil aber Heinrich sein baarcs Geld gegenwärtig selbst brauchte, so erlaubte er ihm, auf seinen Namen Geld zu borgen, und versprach es das folgende Zahr wieder zu geben. Llermonr d'Ämboise war bereits ernennt, die Truppen zu commandircn, die der König dem Antonio geben wolle. Doch das Schicksal hatte es anders beschlossen, und der unglückliche Antonio starb. — Alles dieses cr- zchlct die Frau von Saintonge, und es kann zu einer guten Ergänzung des Herrn Gebaucrs dienen, bey dem sich, wie gesagt, auch nicht die geringste Spur findet, daß sich Antonio in England aufgehalten habe. — Was meinen Sie aber, ob es wohl Heinrichen IV jemals ein wahrer Ernst gewesen ist, dem Antonio zu helfen, oder ob auch. Er eitel gcnung war, ihn blos deswegen aus England kommen zu lassen, nm seine Krönung durch die Gegenwart einer solchen Person glänzender zu machen? — 11' '164 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Das Besonderste was ich sonst bey der Frau von Saintonge finde, sind verschiedene Anekdoten, die Nachkommen des Don Antonio betreffend. Vornehmlich erzchlt sie ein Licbcsabcnthcur, welches Don K.uoewig, des Antonio Enkel, in Italien gehabt, sehr weillänftig. Die Damc aber, mit welcher er es gehabt, weil er sie endlich gcheyrathct, kann keine andere seyn, als die ^rinzcßin von Montcleone, mit der er sich, zu Folge der llistoirv 6«Z«v!>Ic>Ai,niv ilv la ZUuiton üo^alo llo I^raneo, verbunden hat; wobey es mich aber wundert, daß sie die Frau von Saintonge schlechtweg mio vamo Italiennc- nennet, und von ihrem Stande sehr kleine Begriffe erwecket. Damals muß sich Don /!.uocu?ig auch dem spanischen Gehorsame noch nicht unterworfen gehabt haben; denn der Wicckönig von Neapel war sehr erfreut, seiner habhaft zu werden. Er muß seine Ansprüche erst spät, mit seinem Vater dem Don Emannel, aufgegeben haben, von welchem letzter» die Frau von Saintonge auch meldet, daß er ein Eapucincr gewesen, ehe er diesen schimpflichen Schritt gethan habe. G. Vierter Theil. III. Ten 18. Lctobcr. 1759. Drei) lind sechzigster Brief. Freuen Sie sich mit mir! Herr !Vicland hat die acthcri- schen Sphären verlassen, und wandelt wieder unter den Menschenkindern. Hier haben sie vors erste sein Trauerspiel, K.ad)-- Johanna Gra>'! Ein Trauerspiel, das er in allem Ernste für die Bühne gemacht hat, und das auch wirklich bereits aufgeführet worden; in der Schweiß nemlich, und wie man sagt, mit grossem Bcy- falle. Ihnen einen Begriff überhaupt davon zu machen, das werde ich nicht besser als mit einer Stelle aus des Dichters eigener Vorrede thun können. „Die Tragödie, sagt er, ist dem „edlen Endzweck gewidmet, das Erosse, Schöne und Heroische der Tu- „gcnd ans die rührendste Art vorzustellen, — sie in Handlungen nach „dem Leben zu mahlen, und den Menschen Bewunderung und Liebe IV. Theil. Trcy und sechzigster Brief. 4K5 „für sie abzuniithigen. Non dieser Voraussetzung können Sie leicht einen Schluß ans die Charaktere und auf die Handlung seines Stucks mache». Die meisten von jenen sind moralisch gut; was bekümmert sich ein Dichter, wie Herr IVieland, darum, ob sie poetisch bsse sind ? Die Johanna Gra/ ist ein liebes frommes Mädchen; die Lady Suffolk ist eine liebe fromme Mutter; der Herzog von Snffolk ein lieber frommer Vater; der Lord Guilforo ein lieber frommer (bemahl; sogar die Acr- trautc der Johanna, die Sidncy, ist eine liebe fromme — ich weiß selbst nicht was. Sie sind alle in einer Form gegossen; in der idcalischcn Form der Vollkommenheit, die der Dichter mit aus den ätherischen Gegenden gebracht hat. Oder weniger figürlich zu reden: der Maiin der sich so lange untcr lauter Cherubim und Seraphim aufgehalten, hat den gutherzigen Fehler, auch unter uns schwachen Sterblichen eine Menge Cherubim und Seraphim, besonders weiblichen Geschlechts, zu finden. Teufel zwar erblickt er auch nicht wenige; sie vcrbüllcn sich aber alle vor seinen Augen in finstere Wolken, aus welchen er sie nicht im geringsten zu crorcisircn sucht, aus Furcht sie möchten uns, wenn wir sie näher und in ihrer Wirksamkeit kennen lernten, ein wenig liebenswürdig vorkommen. So hat er es mit seinem Herzoge von Norlhnmbcrland, und mit seinem Bischoff Gardincr gehalten. Abscheulich sind sie genug; aber Schade, daß man sie nur lästern hört, ohne sie handeln zu sehen. — Lassen sie es gut seyn; wenn Herr Mcland wieder lange genug wird unter den Menschen gewesen seyn, so wird sich dieser Fcblcr seines Gesichts schon verlieren. Cr wird die Menschen in ihrer wahren Gestalt wieder erblicken; erwirb sich, mit dem -Homer, weit von den übertriebenen Moralisten entfernen, die sich einbilden," ^--i^x -re cp«-u^ov «p-^ npoo-xiv«-, Xo-Xl-Z-, cr wird finden, daß kl' ^«^-.«o-t x«t i-c» fitui ?u)v ?w^.u^', der Ausspruch seines Enripivcs wahr sey: Ol.'X ixv ^xi'vlT'o X^V^' k<^^<2 x«^ x«x«, ^?^?>,' 7^ cri.^xpaci'tc,'. Und alsdcnn, wenn cr diese innere Mischling des Guten und ° plutarch. 16« Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Vöscn in dem Menschen wird erkannt, wird studirct haben, alsdenn geben Sie Acht, was für vortreffliche Trauerspiele er uns liefern wird! Bis ihr hat er den vermeinten cdcln Endzweck des Trauerspiels nur halb erreicht: er hat das Grosse und Schöne der Tugend vorgestellt, aber nicht auf die rührendeste Art; er hat die Tugend gemahlt, aber nicht in -Handlungen, nickt nach dem F.cbcn. Ich werde mich in keine Critik über den Plan seiner Johanna Gray einlassen. Zch finde, daß die Verfasser der Bibliothek es bereits gethan haben; (") und es so gethan haben, daß die Critik selbst damit zufrieden seyn muß. Zch unterschreibe ihren Tadel; noch lieber aber ihr Lob, das sie dem Stücke in Ansehung des Sylbcnmasscs, des Stils, des Vertrags ertheilet haben. Alles was mir also Ihnen davon zu sagen übrig geblieben, bestehet in einigen Anmerkungen, die den Schöpfergeist des Herrn lVielands in ihr Licht setzen sollen. Die Geschichte der Johanna Gray ist Ihnen bekannt. Eduard VI. starb den ktcn Julius 1663. Fünf Tage darauf ward Johanna zur Königin ausgeruffcn. Sie besaß den Thron neun Tage, und ward gesanglich in den Tour gesetzt, wo sie den 12ten Februar des folgenden Jahres hingerichtet ward. — Diesen ganzen Zeitraum von sieben Monaten hat Herr Wieland in die Dauer seines Trauerspiels einzuschränken gewußt. Eduard stirbt: erster Aufzug. Johanna wird Königin: zweyter Aufzug. Johanna wird abgesetzt und gefangen genommen: dritter Aufzug. Johanna ist gefangen: vierter Aufzug. Johanna wird hingerichtet: fünfter Aufzug. Alles dieses rollt bey dem Herrn IViclanS so geschwind hinter einander weg, daß der Leser nicht mehr als ein einziges mal, zwischen dem vierten und fünften Aufzuge nehmlich, Zeit zu schlafen bekömmt. Doch lassen Sie mich nicht, wie ein Gottschcdianer kriti- sircn! Der Dichter ist Herr über die Geschichte; und er kann die Begebenheiten so nahe zusammen rücken, als er will. Zch sage: er ist Herr über die Geschichte! Wir wollen sehen ob Herr (°) Bibliothek ccr schöne» Wissenschaften, vierten Bandes, zweytes Stück. E. 78o. ^ . -.'„° - . -" IV. Theil. Drey und sechzigster Brief. 167 IVieland diese Herrschaft in mehren, lind wcscnllichcrn Stücken zu behaupte» gewußt hat. Johanna war ein gelehrtes Mädchen. Sie verstand Griechisch, und konnte den Placo in der Grundsprache lesen. DaS sagt die Geschichte, und Herr Mclano sagt es der Geschichte »ach, ob er gleich von dieser Eigenschaft sciiicr Heldin in den: Stücke nicht den geringsten Vortheil ziehet. — — Nimmer werden uns Bey PlatonS göttlichen Gesprächen Die holden Stunden zu Minuten werden! läßt er das Mädchen ausrufe»; und der Leser macht sich i» allem Ernste Hofnung, sie eine Stelle aus den« Phadon crpo- nire» zu höre». Aber seine Hofnung schlägt fehl, und endlich denkt er, das eitle Mädchen habe mit ihrer Gelehrsamkeit nur prahlen wollen. Sie ist ohnedem eine Erzpcdantin, der manchmal weiter nichts fehlt, als daß sie noch Hauptstück und Seite citirc! Man höre nur: — Was Gut, was Schon, was vdel ist, Was erst den Menschen, denn den König bildet, Tcs ersten (5dwards väterlicher Sinn Zu seinem Volk, und Richards Löwcnmnth, Ter kluge Geist des SalomonS der Brittcn, TaS ganze Lhor der Schwester-Tugenden Tic einst sich Alfreds Brust zum Tempel weyhtcn, Befruchteten sein Herz. Wie Tavids Sohn Bat er von Gott nicht Macht, nicht Ruhm, nicht Gold, Er bat um Weisheit und er ward erhört! Umsonst erbot ihm mit Syrcueulippcn Die Wollust ihre schnöden Süßigkeiten. Wie Herkules, verschmäht er sie und wählte Der Tugend steilen Pfad, den Weg der Helden! Welch eine gelehrte Parentation auf ihren Mitschüler! Von allen ist etwas darinn: vaterländische Historie, Bibel und Mythologie! Die Geschichte sagt ausdrücklich, daß Johanna vornehmlich durch das ungestüme Zusetzen ihres Gemahls, des Guil- ford Dudle/, sey bewogen worden, die Krone anzunehmen. Auch der Dichter adoptirt diesen häßlichen Umstand, der uns ^ »S tK8 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. von dem GnilforV cinc sehr nichtSwürdigc Seite zeiget. Wenn Gnilford seine Gemahlin bittet, den Thron zn besteigen, was bittet er anders, als ihn nachzuheben? Diese schimpfliche Eigennützigkeit, reimet sich zu dem edlen Charakter, den Herr IVicland dem GuilforS sonst gegeben hat, im geringsten nicht. Ferner sagt die Geschichte, daß der Herzog von Notthum- bcrland als der feigste Böscwicht gestorben sey, und noch auf dem Blutgerüste seinen Glauben verleugnet habe. Herr IVic- land will dieses nicht umsonst gelesen haben; er bringt es an, ohne zu überlegen, daß der Antheil, welchen der Zuschauer an dem Schicksale seiner Johanna nimmt, unendlich dadurch geschwächt werde. Denn nunmehr, wie die Verfasser der Bibliothek mit Recht sagen, ist Johanna mehr cinc betrogene, als cinc verfolgte Unschuld, die sich mehr über die Ihrigen, als über ihre Feinde zu beklagen hat. Und so könnte ich Ihnen noch mehr als einen Umstand an- fübren, den Herr Micland ganz roh aus der Geschichte genommen hat, und der, so wahr er immer ist, dem Interesse seines Stücks schnür stracks zuwider läuft. Heißt das, als ein Genie arbeiten? Ich meinte, nur der Verfasser der Parisischen Zöluthochzcit stehe in dem schülerhaften Wahne, daß der Dichter an einer Begebenheit, die er auf.die tragische Bühne bringen wolle, weiter nichts ändern dürfte, als was mit den Einheiten nicht bestehen wolle, übrigens aber genau bey den Charakteren, wie sie die Geschichte von seinen Helden entwirft, bleiben müsse. Aber wozu alle diese Anmerkungen? Das Trauerspiel des Herrn IViclanVs muß dem ohngcachtct ein vortrefiichcS Stück seyn; und davon überzeugt mich ein ganz besonderer Umstand. Dieser ncmlich: ich finde, daß die deutsche Johanna Gra/ in ihrem wahren Vatcrlandc bekannt geworden ist, und da einen englischen Dichter gereiht hat, sie zu plündern; sie recht augenscheinlich zu plündern. Die englischen lliFlnva; me» aber berauben, wie bekannt, nur lauter reiche Beutel und machen sie auch selten ganz leer. Folglich! — Sollte nicht Milron auch einen Deutschen geplündert haben ? GotlschcS triumphirtc über diese vermeintliche Entdeckung IV. Zheil. ^rcy und sechzigster Bricf. 1> "I'Ii^ klotllor; toiiclvi' ot ilult touilcii- ^ame, »II t!io i>i'oud ^(Iil!liou5 I'ow'i' caii givo. Ter Beschluß künftig. IV. Den 26. Lctober. 1759. Beschluß des drey und sechzigsten Briefes. Nicht schlimm übersetzt! Gewiß, man sieht, der Engländer muß ein Mann seyn, der etwas eben so schönes auch wohl aus seinem eigenen Kopfe hätte sagen können. Vergleichen Sie noch folgende Stellen, und Sie werden finden, daß er Herr Wiclandcn, in der Wahl der edelsten und stärksten Ausdrücke, fast erreicht hat. 170 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Vvieland. - Ach, Kcrkcrbande lind Schwcrdt und Flammen sind den Heiligen Eccränt, den unbeweglichen Bekennen: TeS Evangeliums! — Die Grausamkeit Der Priester schont des schwächeren E'cschlcchts, Der Binder nicht! Der Säugling selber wird Des Speers geweihtes Eisen färben! — Der Engländer. — — — 1^ei'lvenl.ior>, l'Iinl 1'ioiiil o5 ^iiome inicl Hell, prekäres Iior '1'orinres; 8ov ^vlierc: 11>o eonies in ^/a,-,/'« ^iriesll^ ^1'ialll! 8liII ^vilt tliou dviilil. till llio» deliolcl l»er 5l!>IIc, livil >villi klie Lloocl os Nart^rs, aml >vieie watlivA O'or Losoiu? ^11 tlio inouriiiiiA Vear Our kiiall xlo^v ^villi uuexiinAuil'I^ll ?ires; Our Voulli oii lineiis tli.ill slrelell tlivir or»eIrav>'1 on oontecratecl hioars äi'c. Wieland. Heil dir, Prinzessin, Heil dir, Enkelin Von alten Königen, dn schönste Blume Lon ?>orks und Lancasters vereintem Stamme! Durch deren Eifer, unter deren Schutze Die göttliche Religion der Christen Ihr lcnchtcnd Angesicht, von ihren Flecken Gereinigt, siegreich über alle Länder Erheben soll, durch deren klugen Scepter Gesetz und Freyheit, Fleiß und Ucbcrfluß Und Wonne diese scgenSvolle Insel Fnr Königin der Erde krönen sotten. Mein Knie beugt sich zuerst dir ehrfurchtsvoll, Den Bund der unverletzten Treu zu weyhen! Heil, Ruhm nud Glück der Königin Johanna! Der Engländer. Ilail, liiere«! I^rincel«! 5l)ru»Z irom arioient Xiugs, Our ^«A/nnci's lle.irel'l Ilojtt:, unclviMell Oll^irluA 05 I'o»^ aiicl ^,anc«/?e?''« uuitecl I^iuoz _ . IV. Theil. Vier lind sechzigster Brief. 171 IZzf ^vliole liriglit 2eal, >v1iok<; vietorious I^.iilli nIonteous Veni's klinll roll in loiix 8neeel"l'ic»i; kli.ill ^icvnll ancl nuciont liiglit lulcv l^alr I^ivorlv kliall likl lier elleuiknl II1 ^a»e <^o. Wieland. Verwünscht sey mein fataler Rath! Verwünscht Die Zunge, die zu deinem Untergang So wortreich war. — Ach mcine Tochter, Mir bricht mein Herz. Der Engländer. <ünr5'«1 Iio rnz^ tainl Lountvls, oui'8'tl longuo ?Iiat ple»lloi1 kor tli^ Ii»!n, ancl ^eiku.icioil xuiltlets ?eot to tieaä tlio Vati»» ok looil^ klon anck Idols, 8av« mz^ pooi' ?ocij>IIlerc^! Norrhumberland und Suffolr? bcschlicsscn, den Tod des Königs geheim zu halten, trösten die Johanna, und lassen sie mit ihrem GnilforS allein, der ihr den gefaßten Entschluß, wegen ihrer schlcinigcn Verbindung, beybringen soll. GnilforS thut es auf die zärtlichste und selbst ihrer Traurigkeit schmeichelhafteste Art. Eine sonderbare Scene! Johanna tritt ab, nnd auf einmal wird Guilford von seinem Freunde überrascht. Pcmbrock sieht ihn verwirrt, und will die Ursache seiner Verwirrung wissen. GnilforS sucht ihn allmälig darauf vorzubereiten; endlich muß er mit dem Geheimnisse heraus, daß ihm sein gutes Glück bey ihrer Geliebten den Vorzug verschaft habe. Pembrock gcrath in Wuth, beschuldiget ihn eines verräterischen Verfahrens, daß er, wider ihre Abrede, aus eine unedle Art seine Hofnung untergraben habe, und geht in völliger Raserey ab. Die Scene war bisher bey Hofe gewesen, und nunmehr, mit dem Anfange des dritten Auszuges, verlegt sie der Dichter in den Towcr. Gardincr der daselbst in einem weiten Verhafte gehalten wird, unterredet sich mit dem Pembrock. Der Bischofs hat erfahren, daß die Vermählung zwischen der Johanna und dem GnilforS wirklich vor sich gegangen, und zieht den Pembrock dadurch völlig auf seine und der Maria Seite. Sie treten ab, und Guilford führet seine Johanna herein, weil der geheime Rath sich in dem Towcr versammeln will. Er bereitet IV. Theil. Vier lind sechzigster Brief. 176 sie auf dic grosse Nachricht vor, dic sie nun bald erfahren soll. Kurz darauf erscheint ihre Mutter, ihr Batcr, der Herzog von Norchumberlanv, ncl'st anderen Herren des geheimen Raths, und der edle Streit nimmt seine» Ansang, mit welchem Herr U?icland seinen ganzen zweyten Auszug anfüllet. Hier ist es, wo er dem Engclländcr das meiste al'geborgt hat. Dic erste Scene des vierten Auszuges haben wiederum Pcm- brock und Gardinen Sic vcrsprcchcn sich beide, daß das Unternehmen des Northumbcrlanv einen blutigen Ausgang haben werde. Indem erscheint die Wache, und führet den Bischof aus Befehl der neuen Königin in eine engere Haft. Auch Pem- brock soll abgeführet werden, aber Guilford kömmt dazu, schickt die Wache ab, und sagt, daß er selbst für diesen Gefangenen stehen wolle. Er war gekommen, seinen Freund zu retten, giebt ihm seinen Degen wieder, und dringt in ihn, daß er sich augenblicklich in Sicherheit begeben soll. Der ergrimmte Pembrock ist über dieses Verfahren betroffen, und will der Großmuth seines Freundes lange nicht Gerechtigkeit wicderfahrcn lassen, bis ihm dieser den Befehl seines eignen Vaters zu seiner plötzlichen Hinrichtung zeiget, welchen er auf keine andere Weise, als durch die anscheinende Gcfangcnnchmung, zu vereiteln gewußt habe. Nun kömmt Pembrock auf einmal wieder zu sich, und es erfolgt die rührendste Aussöhnung, bey der man sich unmöglich der Thränen enthalten kann. Kaum aber ist Pcmbrock fort, als Johanna mit einem Buche in der Hand (es ist der Phädon des Plato) herein tritt. Dic Katastrophe ist ausgc- brochcn, und sie beruhiget sich mit Betrachtungen über dic Unsterblichkeit der Seele. Diese Scene ist es, welche sich Herr Uliclano hätte zu Nutze machen müssen, wenn seine Heldin nicht vergebens von ihrer Gelehrsamkeit geschwatzt haben sollte. Guilford erfährt von ihr, daß sie der geheime Rath verlassen und sich zu der Maria begeben habe. Die Herzogin, ihre Mutter, kömmt dazu; sie jammert; Guilford tobet, und Johanna bleibt ruhig. Indem erscheinen der Graf Snsscr und Garöincr mit der Wache, und nehmen alle drey, in Namen der Königin Maria, gefangen. 176 Briefe, die ncucsic Litteratur betreffend. In dem fünften Auszüge erblicken wir den gcschäftigtcn Bischof, der zur Hinrichtung der Gefangenen die nöthigen Befehle ertheilet. Zu ihm kömmt Pembrock. Seine mit dem Guilford erneuerte Freundschaft hat ihn nicht «nissig gelassen; cr hat bey der Königin, für die Gefangenen Gnade ausgewirkt, und giebt dem Gardiner frohlockend davon Nachricht. Doch das ist im geringsten nicht nach des Bischofs Sinne, er eilet also zur Maria, ihr diese unzeitige Gnade auszureden; und Pembrock bcgicbt sich zu seinem Guilford. Ztzt wird die hinterste Scene aufgezogen, und man sieht die Johanna auf ihren Knien liegen und beten. Guilford tritt zu ihr herein. Sie unterhalten sich mit Todesverachtungen, als Pembrock kömmt und ihnen seine fröhliche Bothschaft bringet. Nur einen Augen- genblick glänzet ihnen dieser Strahl von Hofnung. Gardincr erscheinet, nnd bekräftiget zwar die Gnade der Königin, aber bloß unter der Bedingung, daß sie beyde zur römischen Kirche zurückkehren sollen. Diese Bedingung wird abgeschlagen; sogleich wird Gnilford zum Tode geführct; die Scene cröfnct sich noch weiter; man erblickt das Blutgerüste; Johanna besteiget es, als eine wahre Heldin; Gardincr triumphirct; Pembrock verwünscht den Geist der Verfolgung; und das Stück schließt. Nunmehr sagen Sie mir, was Herr Mieland mit diesem grossen Plane anders gemacht hat, als daß cr einen prächtigen Tempel cingcrisscn, um eine kleine Hütte davon zu bauen? Er hat die rührende Episode des Pembrocks herausgerissen, und die letzten drey Auszüge in fünfc ausgedehnet, durch welche Ausdehnung, besonders des fünften Auszuges in seine beyden letzten, die Handlung ungcmcin schläfrig geworden ist. Herr !Vicland läßt den Gnilford an einem Orte zur Johanna sagen: Und selbst, o Scheusal, deine Räthe selbst, Tic k.uuu mit aufgchabncn Handen schwuren, Dir, dem Gesetz und unserm hcila.cn Glauben Getreu zn bleiben, alle sind Lcrräthcr, Verdammte Heuchler! — peinbrock, ach! mein Freund, Mein pembrock selbst, vom Gardincr betrogen, Fiel zu Marien ab. IV. Theil. Fünf lind sechzigster Brief. 177 Man weis gar nicht, was das für ein Pcmbrock hier ist, lind wie Guilford auf einmal eines Freundes nahmentlich gedenket, der in dem Stücke ganz und gar nicht vorkömmt? Aber nun werden Sie dieses Räthsel auflösen können. Es ist eben der Pcmbrock des Rowe, dem er in seinem Stücke keinen Platz gönnen wollen, und der ihm dafür den Possen thut, sich, gleichsam Wider seinen Willen, einmal einzuschlcichen. G. V. Den 2. November. 1759. Fünf und sechzigster Brief. Den Einfall des Herrn Professor Gottscheds, seinen Kern der deutschen Sprachkunst den sämmtlichen berühmten Lehrern der Schulen in nnd ausser Deutschland, zuzuschreiben, muß man ihn nicht für einen recht unverschämten Rniff eines gelehrten Eharlarans hallen? Denn was ist diese Zuschrift anders, als ein Bettelbrief, seine Grammatik zu einer klastischen Grammatik deswegen machen zu helfen, weil sie in vier Jahren dreymal gedruckt worden, und der Herr Autor darüber ein Eomplimcnt aus U)icn und aus Lhur j», Graubündtnerlandc erhalten hat? Wenn der Name des Verlegers unter dieser Zuschrift stünde, so würde ich weiter nichts daran auszusetzen haben, als daß dieser vergessen, den Herren Rcctorcn und Conrectoren in jedes Dutzend Exemplare, die ihre Schüler verbrauchen würden, das drcyzchntc gratis obcncin zu versprechen. Aber daß sich Gottsched selbst durch seine blinde Eitelkeit zu diesem Schritte verleiten lassen, das muß ihn nothwendig in den Augen aller Rechtschaffenen nicht bloß lächerlich, es muß ihn verächtlich machen. Denn wenn es auch schon unwicdcrsprcchlich wäre, daß seine Sprachkunst, vor allen andern in den Schulen eingeführt zu werden, verdiente; hätte ein grosser Mann, wie er seyn will, — denn alle grosse Männer sind bescheiden — einen dergleichen Vorzug nicht vielmehr in der Stille abwarten, als ihn zu erschleichen suchen sollen? — Aber die berühmten Lehrer der Schulen, wie haben die sich dabey verhalten? Sehr leidend; doch scheinet es eben nicht, daß sie so leicht zu bestechen gewesen sind. Und in der That wäre es für den Herrn Professor selbst sehr zu wünschen, daß sie Lessings Werke vi. 12 17» Briefe, die ncmflc Literatur betreffend. sämmtlich ganz und gar nicht auf seine Zuschrift rcflcctirct l'ät- ten. Denn ich sorge, ich sorge, man fängt auch schon auf kleinen Schulen an, den bcrubmien Gotisches — auszulachen. Wenn mm der Lcbrcr das Büchclchcn, über welches er zu lesen gelitten werden, auf allen Seiten verbessern und widerlegen muß, was für eine Achtung können die Schüler für den Professor mit auf die Universität dringen? Und daß jenes zum Theil wirklich geschehen, beweisen unter andern die Anmcrt'un^cn, welche Herr -Heinz, Ncctor zu Lünc- burg, über die Kottschcdischc Sprachlehre vor kurzen ans Licht gestellt hat." ,,Ta das Werk, hebt er seine Vorrede an, welches „diese Anmerkungen veranlaßt hat, den Schulen gewidmet und zugc- „ schrieben war: so bat, dcnchl mir, der bcrübmtc Verfasser, wenn er „uns anders so viel zutrauet, schon längst eine Critik darüber vcrmu- „theil müssen: und da unter so vielen Schiillchrcrn sich doch, meines „Wissens, keiner dazu entschlossen hat, so dürfte ich mir wohl ohne „(5itc!kcit den Äcruig anmaasscn, daß ich die Aufmerksamkeit desselben „ans die Schulen, unter alle» mit der größten Achtung erwiedert babc.— In diesem schleichenden Tone eines trocknen naiven Mannes fährt Herr 'Heinz fort, und gestehet endlich, daß freylich seine ganze Beurtheilung so ausgefallen, daß ihm der Herr Verfasser schwerlich Dank dafür wissen könne. „Ich verlange, sagt er, auch „nichts unmögliches: beruffe mich aber schlechterdings darauf, daß sie „nicht anders gerathen können, und daß sie gerecht sey." Ich möchte meinen Brief am aller nngcrnstcn mit grammatikalischen Streitigkeiten anfüllen; und Sie wollen überhaupt, nicht so wohl diese Streitigkeiten seihst, als vielmehr bloß das Resultat derselben wissen. Hören Sie also, wie Herr -Heinz seine ganze Critik schließt." „Wollen wir, sagt er, noch kürzlich „zusammenrechnen, ehe ick meinen Scribenlcn verlasse? so ist, druckt „mir, durch die bisherige Prüfung folgendes wohl ganz ausgemacht: „daß beyde Sprachlehren des Herrn Prof. wohl schwerlich mit Ciii' „sicht und reisfcr Gelehrsamkeit gcsckricbcne Werke hcisscn können: daß ° Ioban» Michael Heinzens Anmerkungen über des Herr» Professor Gottscheds deutsche Sprachlehre, nebst einem Anhange einer neuen Prosodic. Eottmgen und Leipzig in KüblcrS Verlage 1759. °° Seite 20Z. IV. Theil. Fünf lind sechzigster Brief. 179 „sie ohne Critik beynahe unbrauchbar sind, wegen der gar zu viele» „Fehler, welche doch theils durch die ausnehmende Zuversicht, womit „Herr G. seine Meynungen vortragt, theils durch den ihm gcwohnli- „chcn Tnnst von Worten, theils durch das Eeprängc einer citcln und „magcrn Philosophie, vor im wissenden und lrcuhcrz'gcn Lesern ziem- „lich versteckt werden. Ein Gelehrter wird nirgends etwas sinecn, „das die gewöhnliche Erkännlniß der dcntschcn Sprache überstiege, und „woraus ein grammalikaüschcr Geist, oder ein Naturell, das zur „Philologie gcl'ohrcn, oder erzogen wäre, hervorleuchtete. An dessen „statt offenbaret fiel, durch das ganze Werk eine enthusiastische Liebe „und eigensinnige Parteylichkeit des V. für die deutsche Sprache, oder „vielmehr für seine Meynungen und Vcrurthcilc von derselben, nebst „einem allzugrossen Vertrauen auf seine Einsicht, welche oft in nnbc- „dächligc Urlheile und schnöde Verachtung gegen angesehene Schrift- „stcllcr, oder gar gegen unschuldige Stätte und Provinzen auSbrcchcn. „Wenn andere Spracklehrcr mit ihm cuicrlcy Frage abhandeln, so „wiegt er immer am leichtesten: und der Mangel des ScharfstnncS, „der Ilcberlegung, und einer genügsamen Uebung in diesem Felde, ist „allen seinen Urtheilen anzusehen. Die grosse Erammatik hat vor der „andern sonst nichts voraus, als die Weitläufigkeit, mit welcher die „Sachen nicht gründlicher, vollständiger, gelehrter, sondern gedehnter, „langweiliger, und in einem gewissen schlechten Verstände, philosophischer gesagt sind. Zur Probe kann das Capitel von Nebcnwörlcrn „dienen; aber auch jedes andere Stück. Sie macht durchgängig viel „Aufhebens von Kleinigkeiten, und lhut, als ob vor ihr nicht nur „keine Teutsche, sondern überall noch keine Sprachlehre geschrieben „wäre; und als ob sie alle grainmatikalische Begriffe und Einthcilun- „gen zuerst ane dem liessen Brnnnen, worinn die Wahrheit verborgen „liegt, hcrauShchlctc, welches in der That weder Gelehrsamkeit noch „Bescheidenheit beweiset. Freylich bättc man denken sollen, daß Hr. „E. viel weiter sehen würde, als alle seine Vorgänger: da er sich „nicht weniger als vier und zwanzig Jahr zur Ausarbeitung seiner „Graminalik genommen, wie das Privilegium und die Vorrede bezcn- „gen. Aber der Leser wird angemerkt haben, daß ich unsern V. oft „aus Bödickcrn und Frischen verbessern können: hingegen zur Verbesserung dieser Männer aus Gorrscheden wüßte ich auch nicht „eine Stelle anzugeben. Ist das aber recht, seiner Vorgänger Vcr- 12" 180 Briefe, die nciicsic Litteratur betreffend. „dicnsic zu unterdrücke», niid ihre Bücher der Jugend aus den Hä'n- „den zu spielen, wenn man es ihnen nicht einmal gleich thut? Wenn „uns deutschen nicht so gar leicht Genüge geschahe, so wurde der „Herr Prof. mit seiner lange erwarteten neuen Sprachlehre schwerlich „eine andere Aufnahme erfahren haben, als ehemals ein gewisser Poet „in Frankreich >"it seinem Heldengedichte. Weil aber Herr G. alles „mit der Erwartung seiner Grammatik angefüllt hatte, so wurden „unsere alten wohlverdienten Sprachlehrer wenig gelesen, sondern die „meisten sparten ihren Appetit nach grammatikalischer Erkenntniß auf „das grosse Mahl, so er ihnen bereitete, und das ist wohl die Ursache „des grossen Beyfalles, womit die neue Sprachlehre aufgenommen „worden. Was mag er aber in so lieber langer Zeit daran gcbauet „und ausgefeilet haben! da doch noch itzo, nach so vielen gelehrten „Erinnerungen so vieler Gönner und Freunde, wie in der an- „dcrn Vorrede siehet, und nun nach so viel wicderhohllen Auflagen, „gleichwohl noch so viel, ich mag wohl sagen, kindische Fehler darum „sind? — Herr Gottsched/ schliesset er endlich, hätte daher viel bes- „ser gethan, wenn er doch ein Sprachlehrer werden wollte, daß er „die ^öödir'crischen und Frischischen Grundsätze bloß in bequemere „Ordnung gebracht hätte. Ich will damit nicht sagen, daß crs hätte „ thun sollen, denn meiner Meynung nach, mußte er gar keine Sprachlehre schreiben: weil die grammatische Muse, nach so vielen feindseligen Angriffen, welche er in dem Baylischen Wörterbuch?, und sonst „überall, auf sie selbst, und auf ihre größten Günstlinge gethan hatte, „ihm von je her, nicht anders, als gehäßig seyn kontc. Was sagen Sie hierzu; vorausgesetzt, daß Herr 'Heinz ein ehrlicher Mann ist, der im geringsten nichts übertreibt? (Wenn Sie es nicht voraussetzen wollen, so glauben Sie es so lange auf mein Wort, bis Sie Lust bekommen, sich selbst davon zu überzeugen.) Wird es Zhncn noch wahrscheinlich seyn, daß einer, ob er schon ein magrer Philosoph, und ein schlechter Dichter ist, dennoch wohl eine gute Sprachkunst schreiben könne? Oder gestehen Sie es nun bald, daß ein seichter Kopf nirgends erträglich ist? Und Herr Professor Gottsched muß es selbst gefühlt haben, daß ihm dieser Gegner ein wenig zu sehr überlegen sey! Sie IV. Theil. Fünf und sechzigster Brief. 181 glauben nicht, wie seltsam er sich in seinem Neuesten" gegen ihn gcbchrdct! Ohne sich auch nur aus einen einzigen Tadel einzulassen, ciscrt und sprudelt er da etwas her, woraus kein Mensch klug werden kann; und begegnet dem Rcctor mit einem so groben Profcssorstolzc, als verhielte sich der Rcctor zum Professor, wie der Schüler zum Rcctor; da doch das Verhältniß in dicscm Falle grade umgekehrt ist. „Hier steht abcrmal," ruft er mit vollem Maule aus, „hier steht abcrmal ein Grammatiker „auf, der an Herrn Prof. Gottscheds Sprachkunst zum Ritter wcr- „den will. Herr Rcctor Heinz zu Lüncburg, ist von einem innern „Berufe genagt worden, sich durch einen Angriff eines berühmten „Mannes auch berühmt zu machen. Und was war leichter als dieß? „Man kann ja bald etliche Bogen über ein Buch zusammen schreiben, „dessen gute Aufnahme in Deutschland ihm ein Dorn im Auge war. „Besondre Ursachen zur Feindschaft gegen denselben hatte er nicht: „das gestehet er selbst. Die Pflichten der Mitglieder einer Gesellschaft, „dergleichen die Deutsche zu Gottingen ist, Werdens ihm vermuthlich „auch nicht auferlegt haben, einen seiner ältern Gesellschafter so siur- „mend anzugreifen. Um desto mehr wundern wir uns, daß er den» „noch kein Bedenken getragen, einen solchen Anfall auf einen Mann „zu thun, der ihm nicht den geringsten Anlaß dazu gegeben." — Wenn werden die schlechten Scribcntcn einmal aufhören zu glauben, daß nothwendig persönliche Feindschaft zum Grunde liegen müsse, wenn sie einer von ihren betrogenen Lcscrn vor den Rlchtstuhl dcr Critik fordert? — „Doch wie? fährt das Neueste fort; „hat nicht Herr Prof. G. seine kleine Sprachlehre „den sämtlichen berühmten Schullehrcrn in Teutschland zugeschrieben? „(?s ist wahr, und der Augenschein zeigt es, daß solches mit viel „Höflichkeit, mit vielen Lobsprüchcn, und in dem besten Vertrauen zu „ihnen geschehen ist. War nun das etwa ein zureichender Grund, „denjenigen so grämisch anzuschnarchcn, dcr ihm zugleich mit andern „eine solche Ehre erwiesen? Welcher Wohlgesittete kann das begreifen? — Derjenige Wohlgesittete, würde ich hierauf antworten, bey dem die Höflichkeit nicht alles in allen ist. Dcr dic Wahrheit für keine Schmcichclcycn verleugnet, und überzeugt ist, daß die ' Zn seinem Heumonde dieses Jahres S. 640. 182 Briefe, dic neueste Litteratur bctrcffcnd. nachdrückliche Warnung vor einem schlechten Buche ein Dienst ist, den man dem gemeinen Wesen leistet, und der daher einem ehrlichen Mannc weit besser anstehet, als dic knechtische Gcschick- lichkeit, Lob für Lob cinzubandlcn. Zudem weis ich auch gar nicht, was das Neueste mit dem grämischcn Anschn^rchcn will; zwey altfränkische Wörter, dic schwerlich aus einer andern, als dcs Herrn Professors eigener Feder können geflossen scvn. Man kann nicht mit kälterm Blute kritistrcn, als es Herr -Heinz thut; und dic Stelle, dic Sie oben gelesen haben, ist die stärkste in seinem ganzen Buche. WaS finden sie darin gra- mischcs und angcschn^rcbrcs? Grömiscl) anschnarckcn kann niemand als Herr Gouschcü selbst; und zwar fällt er in diesen Ton gemeiniglich aledcnn, wenn er sau-risch seyn will. Z. E. Was ist Icschn«rchrcr als folgende Stelle? „Toch „>)crr Heinz besorget, cS werde bey scincin Stillschweigen, die Eott- „schcdischc Grammaiik ein klaßischcS Ansehen gewinnen; da crs zumal „nicht ohne (?allc bemerket, daß bisher alle seine !>)crrn Lollcgcn stille „dazu geschwiegen: weswegen er glaubet; cS sey besser, daß einer, „als das; keiner das Maul auflhue, und diesem grossen Unhcile steure „nnd wehre. Allein mit seiner gütigen Erlaubniß, fragen wir hier, ob „er denn wohl glaube, daß ein Buch darum gleich zu Boden geschlagen „sey, weil Cr, Herr Heinz von Liineburg, sich demselben wieder- „setzet? Wir glauben es gewißlich noch nicht! Tie (Zottschedische „Sprachkunst hat schon mehr solche grimmige Anfälle überstanden, und „steht doch noch. Sie wird gewiß, den sciiiigcn auch uberstchn," — Welche Schreibart! Und wie witzig ist das? Herr Heinz von /!.üncburg, auf wclchcs cinigc Zcilcn darauf dcr Sccunvancr Run; folgt! Noch cine recht lustige Stelle aus dem Hcumonde dcs Hrn. Prof. kann ich mich nicht cnthaltcn, Ihnen abzuschrcibcn. Zn- dcm cr Herr Heinzcii anshunzt, kommcn ihm auch dic Verfasser dcr göttingischcn gelehrten Zeitung in den Weg, dic sich dann und wann nntcrstchcn, ihm cinc klcinc Wahrheit zu sagen, ohne zu bedenken, daß dcr Herr Professor ein altes Mitglied ihrer teutschen Gesellschaft ist. Er meint, cr habe zu dieser Frechheit nun lange genug stille geschwiegen; und wenn sie ihn IV. Theil, ^iebenzigsicr Blies. 183 weiter „böse machrcn, so werde er einmal aufwache», und ihnen „durch den Zuruf: 1'oculu It»I>ila et noiis, ^i!!>m kit lil>! curla l'n^^ellvx „ihre Schwäche bekannt machen. — Wir wisse» auch nickt, fährt hicr- „auf der Hcumond fort, was ihn bisher zn solcher Geduld und Ee- „lassenhcir bewogen; zumal da die gölliugischcn Zeitungen für ein „Werk von einer ganzen Societät der Wissenschaften gellen sollen, „unlcr deren Aufsicht, und mit vermuthlicher Gcnchmhallnng sie her« „auskommen. Gcwis; in solchen Zeilungen verdammt z» werden, ist „kein solcher Spaß, als wenn einen ein jeder nnbckannler und ungc- „nannlcr Kritikaster herunter macht. Wer also anf seinen guten „Namen hält, der ist in seinem Gewissen verbunden, von einem so „unbefugten und gewaltsamen Richter sich auf einen hoher» zu bcru- „fen, und den Ungruud seiner Urtheile zu zeigen. Nichts, als die Verbindung mit der göltingischen dcnlschcn Gesellschaft kann ihn, unsers „Erachtcns, bisher abgehalten haben/ hier so lange stille zu „sitzen. Allein wer weis, wie lange es dauert, so schicker er ihr sein „Tiplom (nach Hrn. Rath Königs in Haag Beyspiele) zurück; und „setzet sich wieder in die natürliche Freyheit, scinc t5hrc zu rette». „Bis dahin kann er ihnen mit dem Achill in der Iphigcnia zuruffcn: Tankt cS dem Bande blos, das meinen Zorn noch hemmet, Sonst hätt er schon mein Herz gewaltsam überschwemmet. — Welch eine Drohung! Die arme deutsche Gesellschaft, wen» ihr dieses Unglück begegnen sollte! Ich glaube, sie würde darüber zu einer rvcndiscben. Denn wie kann eine Scurscbe Gesellschaft ohne GoltscbcSen bestehen? . VIII. Tcu '.'3. November. 175!). Slcbenzigstcr Bn'cf. Hier ist etwas von einem Verfasser, der ziemlich lange ausgeruhet hat! — Es sind die Fabeln des Herrn" ^.c>;ings. (5r meldet uns in der Aorrcdc, daß er vor Zahr und Tag einen kritischen Blick auf scinc Schristcn geworfen, nachdem er ihrer lange gnug vergessen gehabt, um sie völlig als fremde Geburten betrachten zu können. Anfangs habe er sie ganz vcr- ° Berlin bet, C, F. Vos; in 8vo. 184 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. werfen wollen; endlich aber habe er sie, in Betrachtung so vieler freundschaftlichen Leser, die er nicht gern dem Vorwürfe aussetzen wollen, ihren Beyfall an etwas ganz unwürdiges Verschwender zu haben, zu verbessern beschlossen. Den Anfang dieser Verbesserung hat er mit seinen Fabeln gemacht. „Zch hatte mich, sagt er, bei keiner Gattung von „Gedichten zc. >s. Band V, S. 356 j Phrygicrs gemacht, zc. Und kurz; hieraus ist das gegenwärtige kleine Werk seiner Fabeln entstanden, welches man als den ersten Band der gänzliche» Umarbeitung seiner Schriften anznschen hat. Zch muß die Ordnung, die er darin» beobachtet, umkehren, und Zhncn vorher von seinen beygefügten Abhandlungen über diese Dichtungsart etwas sagen, ehe ich die Fabeln selbst ihrem Urtheile unterwerfen kann. Es sind diese Abhandlungen fünfe. Die erste, welche die weitläufigste und dabey die wichtigste ist, untersuchet das Mescn der Fabel. Nachdem die Einthcilung der Fabeln in einsacke und zusammengesetzte, (das ist in solche, die bey der allgemeinen Wahrheit, welche sie einprägen sollen, stehen bleiben, und in solche, die ihre allgemeine Wahrheit auf einen wirklich geschehenen, oder doch als wirklich geschehen, angenommenen Fall, weiter anwenden) vorausgeschickt worden, gehet der Bcrfasscr die Erklärungen durch, welche Ve la Motte, Richcr, Dreiringer und Battcnx von der Fabel gegeben haben. Bey der Erklärung des ersten, die allen folgenden Erklärungen zum Muster gcdicnct habe, ist er vornehmlich gegen das Wort Allegorie, und behauptet, daß die Fabel überhaupt.nicht in der Erzchlung einer allegorischen Handlung bestehe, sondern daß die Handlung nur in der zusammengesetzten Fabel allegorisch werde, und zwar allegorisch, »icht mit dem darinn enthaltenen allgemeinen Satze, sondern mit dem wirklichen Falle, der dazu Gelegenheit gegeben hat. An der Erklärung des Ricker setzet er vornehmlich dieses aus, daß sie ein blosses allegorisches Vilö zu einer Fabel für hinreichend hält. „ Ein Bild, sagt er, hcissct überhaupt zc. ^s. Band V, S. 36!11 eine Fabel? — Ein jedes Gleichniss zc. fs. S. 37H „durch das Wort -Handlung ausdrücken. — Mit diesem Worte verbindet er aber einen viel weitem Sinn, als man gemeiniglich IV. Theil. Sicbcnzigster Brief. 185 damit zu verbinde» Pfleget, und verstehet darunter jede Folge von Veränderungen, die zusammen ein Ganzes ausmachen. Denn daß die Erklärung, welche Balteur von der Handlung giebt, daß sie nehmlich eine Unternehmung seyn müsse, die mit Wahl lind Absicht geschieht, bey der Fabel nicht Statt finde, zeiget er umständlich, indem die allerwenigsten Acsopischcn Fabeln in diesem Verstände Handlung haben. Darreux, wie der Verfasser sehr wahrscheinlich zeiget, hat seine Erklärung nur von einem einzigen, in seiner Art zwar sehr vollkommenen, deswegen aber doch zu keinem allgemeinen Muster tauglichen Exempel abstrahirct, und überhaupt die Handlung der Acsopischcn Fabel mit der Handlung der Epopcc und des Drama viel zu sehr verwirrt. „Die Handlung der beyden letz- „rern, sagt er, muß :c. ff. Nand V, S. 379^ damit erreichet zc. Der Grund hiervon liegt in den Leidenschaften welche jene erregen sollen, und auf deren Erregung diese ganz und gar keinen Anspruch macht. — Diese und verschiedene andere Anmerkungen nimmt der Verfasser nunmehr zusammen, und sagt: „In der Fabel wird „nicht eine jede'Mayrheit, sondern ein allaemcincr moralischer Latz, /,nicht unter die allgemeine Handlung, sondern auf einen eiiijcln „Fall, nicht versteckt oder verkleidet, sondern so zurückgeführet, daß „ich, nicht blos einige Aehnlichkcit mit dem moralischen Saye „in ihm entdecke, sondern diesen ganz anschauend darin» erkenne." — Und das ist das Wesen der Fabel? Noch nicht völlig. Noch fehlet ein wichtiger Punkt, von welchem die Kunstrichter bloß ein dunkles Gefühl gehabt zu haben scheinen; dieser nehmlich: der einzelne Fall, aus welchem die Fabel bestehet, muß als wirr'licli vorgestellet werden. Begnügen wir uns an der Möglichkeit desselben, so ist es ein Beyspiel, eine Parabel. Der Beschluß künftig. IX. Den 29. November. 1769. Beschluß dcs siebcnzl'gstcn Briefes. Nachdem der Verfasser diesen wichtigen Unterschied an einigen Beyspielen gezeigt, läßt er sich auf die psychologische Ursache ein, warum sich das Ercmpcl der praktischen Sittcnlchrc, wie man die Fabel nennen kann, nicht mit der blossen Möglichkeit begnüge, an welcher sich die Ercmpcl andcrcr Wissen- 18k Triefe, die neueste Litteratur betreffend. schastcn begnügen. Er findet diese Ursache darinn, weil das Mögliche als eine Art des Allgemeinen, die Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntniß verhindere; welche Lebhaftigkeit gleichwohl unentbehrlich ist, wenn die anschauende Erkenntniß zur lebendigen Erkenntniß, als worauf die Moral bey ihren Wahrheiten vornehmlich sieht, erhöhet werden soll. Er zeiget hierauf, daß schon Aristoteles diese Kraft des Wirklichen gekannt, aber eine falsche Anwendung davon gemacht habe, weil er sie aus einer unrechten Quelle hergeleitet. Aristoteles lehret ncm- lich, die historischen Exempel hätten deswegen eine grössere Kraft zu überzeugen, als die Fabeln, weil das Vergangene gemeiniglich dem Zukünftigen ähnlich sey. Unser Verfasser aber sagt: „Hierum, glaube ich, hat Aristoteles gcirrct. :c. fs. S. 387^ vor „den historischen Exempeln gebühre. — Und nunmehr trägt der Verfasser seine völlige Erklärung der Fabel vor, und sagt: !Venn rvir :c fs- S. 388-1 so hcisit diese Lroichrung eine Fabel. Die zweyte Abhandlung bclrist den Gebrauch Scr Thiere in Scr Fabel. „Der größte Theil der Fabeln, sagt der Verfasser, „hat Thiere, oder :c. fs. S. 388.) Oder was ist es?" Zbarreux hat sich auf diese Fragen nicht eingelassen, sondern listig genug den Gebrauch der Thiere seiner Erklärung der Fabel sogleich mit angeflickt. Zdrciringcr hingegen behauptet, daß die Erreichung des iDunverbarcn die Ursache davon sey, und glaubt daher die Fabel überhaupt nicht besser als durch ein lehrreiches IVunScrbarc erklären zu können. Allein unser Verfasser zeiget, daß die Einführung der Thiere in der Fabel nicht wunderbar ist, indem es darinn vorausgesetzt und angenommen werde, daß die Thiere und andere niedrige Geschöpfe, Sprache und Vernunft besitzen. Seine Meinung gehet also dahin, daß die allgemein bekannte Dcstandlhcir ihrer Charaktere diese Voraussetzung veranlasset und so allgemein beliebt gemacht habe. „Zc tiefer wir, setzt er hinzu, auf der Leiter der Wesen herab- „steigen, :c. fs. S. 3ö5j von ihm abstehen. Z» der orillen Abhandlung sucht der Verfasser eine richtigere Einthcilung der Fabeln festzusetzen. Die alte Einlhcilung des Aphrhonius ist offenbar mangelhaft. Schon U)olf hat bloß die Vcncimungcn davon beybehalten, den damit zu verknüpfen- IV. Theil. SicbcnziBcr !Lricf. 187 dm Sinn aber dahin bestimmt, das; man dcn Subjecten der Fabel entweder solche Handlimgen und Leidenschaften, überhaupt solche Prädicate, die ihnen zukommen, oder solche die ihnen nicht zukommen, beylege. In dem ersten Falle hiessen es vernünftige Fabeln; in dem andern sittliche Fabeln? und vermischte Fabeln hiessen sie alsdcnn, wenn sie etwas sowohl von der Eigenschaft der sittlichen als vernünftigen Fabel hätten. Allein auch diese verbesserte Einthcilung will unserm Verfasser darum nicht gefallen, weil das nicht zukommen einen Übeln Verstand machen, und man wohl gar daraus schlicsscn könnte, daß der Dichter eben nicht gehalten sey, auf die Natur der Geschöpfe zu sehen, die er in seinen Fabeln aufführet. Diese Klippe also zu vermeiden, glanbt er, man werde am sichersten die Verschiedenheit der Fabeln auf die verschiedene Möglichkeit der einzeln Falle, welche sie enthalten, gründen können. Diese Möglichkeit aber ist entweder eine unbedingte oder eine bedingte« Möglichkeit; und nm die alten Benennungen gleichfalls beyzubehalten, so nennt er diejenige Fabeln, vernünftige Fabeln, deren einzelner Fall schlechterdings möglich ist; diejenigen hingegen, wo er es nur unter gewissen Voraussetzungen ist, nennt er sittliche Fabeln. Die vernünftigen sind keiner fernern Abtheilung fähig; wohl aber die sittlichen. Denn die Voraussetzungen betreffen entweder die Subjecte der Fabeln, oder die Prädicatc dieser Subjecte. Fabeln, worinn die Subjecte vorausgesetzt werden, nennet er mythische Fabeln; und Fabeln, worinn crhöhtcrc Eigenschaften wirklicher Subjecte angenommen werden, nennet er hypcrphysi- sche Fabeln. Die ferner daraus entstehende vermischte Gattungen nennet er die vernünftig mythischen, die vernünftig hy- perphysischcn, und die hyperphysischcn mythischen Fabeln. — Welche Wörter! werden Sie ausrufen. Welche unnütze scholastische Grübelcy! Und fast sollte ich Zhncn Recht geben. Da doch aber einmal die Frage von der Einthcilung der Fabel war, so war es ihm auch nicht so ganz zu verdenken, daß er die Subtilität in dieser Kleinigkeit so weit trieb, als sie sich treiben läßt. — Was er auf die Fragen antwortet, wie weit in den hypcrphysischcn Fabeln die Natur der Thiere zu erhöhen sey, und ob sich die Acsopischc Fabel zu der Länge eines 488 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. epischen Gedichts ausdehnen lasse, ist wichtiger; ich übergehe es aber, weil cs ohne seine Versuche, die er in Absicht der letztem Frage, gewagt hat, nicht wohl zu verstehen ist. Wenn Sie es einmal selbst lesen sollten, so werden Sie leicht finden, daß seine Versuche seine Spekulation nicht erschöpfen. Zn der vierten Abhandlung redet er von dem vortrage der Fabeln. Er charactcrisirt den Vortrag des Acsopus und Phädrus, und scheinet mit dem Vortrage des la Fontaine am wenigsten zufrieden zu seyn. L.a Fontaine bekannte aufrichtig, daß er die zierliche Präcision, und die ausscrordcntliche Kürze, durch die sich Phödrus so sehr empfehle, nicht habe erreichen können; und daß alle die Lustigkeit, mit welcher er seine Fabeln aufzustützen gesucht, weiter nichts als eine ctwanige Schadloshaltung für jene wesentlichere Schönheiten seyn solle. „Welch „Bekenntniß! ruft unser Verfasser aus. :c. ls. Band V, S. 410^ mot „plailant, mal« loli^e! — Er gehet hierauf die Zicrrathen durch, deren die Fabel, nach dem Datteur, fähig seyn soll, und zeiget, daß sie schnurstracks mit dem Wesen der Fabel streiten. Sogar Phädrus kömmt ihm nicht ungetadclt davon, und er ist kühn genug, zu behaupten, daß Phadrus, so oft er sich von der Einfalt der griechischen Fabeln auch nur einen Schritt entferne, einen plumpen Fehler begehe. Er giebt verschiedene Beweise hiervon, und drohet seine Beschuldigung vielleicht gar durch eine eigene Ausgabe des Phödrus zu rechtfertigen. — Zch besorge sehr, unser Verfasser wird mit dieser Abhandlung am wenigsten durchkommen, und er wird von Glück zu sagen haben, wenn man ihm keine schlimmere Absicht giebt, als die Absicht, seine eigene Art zu crzchlcn, so viel als möglich, zu beschönigen. Die fünfte Abhandlung ist die kürzeste, und redet von einem besondern kurzen der Fabeln in den Schulen. Es ist hier nicht die Frage von dem moralischen Nutzen, sondern von einem Nutzen, welchen der Verfasser den hcvristischen nennet. Er glaubt ncmlich, daß die Erfindung der Fabeln eine von den besten Uebungen sey, durch die ein junges Genie gebildet werden könne. Da aber die wahre Art, wie eine Fabel erfunden wird, vielen Schwierigkeiten unterworfen ist, so räth er vors erste die Fabeln mehr finden als erfinden zu lassen; „lind die allmähligcn IV. Theil. Sicbcnzigster Brief. 189 „Stliffcn von diesem Finden zum iSrfinden, sagt cr, „sind es eigentlich, was ich durch verschiedene Versuche meines zweyten Bu- „chcs habe zeigen wollen. Es sind aber diese Versuche nichts anders als Umschmclzungen alter Fabeln, deren Geschichte cr bald eher abbricht, bald weiter fortführet, bald diesen oder jenen Umstand derselben so verändert, daß sich eine andere Moral darinn erkennen läßt. Aus einigen Beyspielen werden Sie sich einen deutlichern Begriff davon machen können. Z. E. die bekannte Fabel von der Krähe, die sich mit den ausgefallenen Federn andere« Vögel geschmückt hatte, führt er einen Schritt weiter, und macht folgende neue Fabel daraus. Die sechste des zweyten Buchs, ls. Band I, S. 444.j Diese Fabel kann für neu gelten, ob sie gleich aus alten Stücken zum Theil zusammen gesetzt ist: denn es liegt eine neue Moral darinn. „So geht es dem Plagiarius! ?c. ss. Bd V, S. 421-1 — Oder die Fabel von den Fröschen die sich einen König erbeten hatten: Die dreyzehnte des zweyten Buchs, fs. Band 7, S. 147j Diese Fabel fängt da an, wo die alte aufhöret, und erhält dadurch gleichsam eine Art von historischer Wahrscheinlichkeit. — Und aus diesen Proben werden Sie zugleich von dem Tone und der Schreibart unsers Fabulistcn urtheilen können. Jedes von den drey Büchern enthält dreyßig Fabeln; und wenn ich Ihnen nunmehr noch einige aus dem ersten und zweyten Buche vorlege, so wird es hoffentlich alles seyn, was Sic dicsesmal von mir erwarten. Die erste, welche ich anführen will, scheinet er mit Rücksicht auf sich selbst und die einfältige Art seines Vortrages gemacht zu haben. Der Besitzer des Bogens, ls- Band I, S. 454.j Die Schwalbe. sS. 463.Z Der Geist des Salomo. sS. 456.1 G. X. Den K. December. 4769. Ein und siebenzigster Brief. Ein Gelehrter, den Sie, so viel ich weis, in Frankfurt an der Oder suchen müssen, fieng bereits im vorigen Zahrc an, L.'ricfc, die neueste Litteratur betreffend. cinc Sammlung ungedrucktcr Briefe gelehrter Männer herauszugeben. In dem ersten Buche derselben nahmen sich besonders verschiedene Briefe von öcs Vignolcs und Thcoph- Si'g. Va^crn aus, indem sie an nützlichen Sachen ungleich reicher waren, als die übrigen. In dem zweyten Buche versprach der Herausgeber den gelehrten Briefwechsel des Stcphanns VinanVus Pighius zu liefern. Es scheinet aber, daß ihn ein sehr glücklicher Umstand dieses Besprechen aufzuschieben, verleitet hat. Sein Unternehmen selbst hat nehmlich so viel Beyfall gefunden, daß ihm nicht nur verschiedene Gelehrte ihre litterarischen Schätze von dieser Art mitgetheilet haben, sondern daß ihm auch, durch Vermittelung des Herrn von N?üncbhauscn der ganze Vorrath nngcdrucktcr Briefe in der königlichen Bibliothek zu Hannover, zu beliebigem Gebrauche angetragen worden. Durch diesen Beytrag also ist er in den Stand gesetzt worden, uns noch vorbcr mit andern lesenswürdigcrn Briefen zu unterhalten, als ihm die Briefe des pigbins mögen geschienen haben. Die ersten vier Bücher, auf welche die Sammlung nun- mchro angewachsen ist, und welche den ersten Band derselben ausmachen, enthalten hundert und neunzig Briefe." Z^'nckcrs- bocck, BevcrlanS, Gisbcrt Lnper, d'Grville, I. A. Fabricius, Grävms, Gramm, Scbannat, I. P. von Ä.ndcrvlg, Gcsner:c. sind die berühmt'» Namen ihrer Verfasser. Sogar von Ä.cibniyen finden sich in dem vierten Buche ein Dutzend Briefe, und Sie können leicht glauben, daß ich diese zu lesen am begierigsten gewesen bin. Die ersten zwey derselben sind an P- I- Spcncrn geschrieben und enthalten wenig mehr, als einige jetzt veraltete Neuigkeiten. Die folgenden secbsc aber an den berühmten -Hnenus sind desto interessanter nnd enthalten Gedanken eines Philosophen, die noch immer unterrichten können. Die zwey ersten sind von dem Jahre 4673 und zu Paris geschrieben, aus welchen Datis, wenn Sie sich der Lcbcnsgcschichtc unsers Wcltwciscn erinnern, Sie ohngcfchr den Inhalt errathen können. -Hnerius hatte damals die Bc- ° 8;No?e nov» Dpiciolsruni v»rii .irxumenli. Volumen l, likra» III. priore,«! cvnlinens. Xorimderss!« imnenN» Ilereo. relseckeri 4760. 2 Alpl'. 4 Bogen. IV. Theil. Ein und sicbcnzigstcr Brief. 491 sorgling der Ausgabe der klassischen Schriftsteller, welche vor- ncmlich zum Gebrauche Vcs Dauphins eingerichtet seyn sollten; und er glaubte, daß er sich bey dieser Arbeit auch unsers K.cib- nilz versichern müßte. Ob dieser nun gleich damals sich mit ganz andern Dingen beschäftigte, und besonders an seiner Rechenmaschine arbeitete: so lies er sich doch bewegen; denn ihm war in dem ganzen Bezirke der Wissenschaften nichts zu klein, so wie ihm nichts zu groß war. Nur bat er sich aus, daß man ihm einen Autor geben möchte, bey welchem sich Philosophie, und eine gesunde Philosophie anbringen liesse. Man schlug ihm in dieser Absicht den ältern Plinius, den N7ela, die Schriftsteller vom Ackerbaue, den Apulejus, den Lapclla nnd den Boc> thi'ns vor. „Mich zum Plinius zu entschlicssen, schreibt er, vcr- „stehc ich zu wenig von der ArziM)gclahrhcit; und von den Schrift- „ stellen: des Ackerbaues schreckt mich meine geringe Kenntniß der „Ockonomic ab. Er wählte also den N?artianus Lapella, und das Urtheil, das er von diesem Schriftsteller fällt, ist sehr vor- thcilhaft, und sollte hinlänglich genug seyn, dem Lapclla mehr Leser zu verschaffen, als er itziger Zeit wehl haben mag: Alsrt'ianum (.'g^ellsm, utus !nA7!>. aus Hanovcr an den -Huclins schreibet, wird des (?apclla gar nicht mehr gedacht, als einer ohne Zweifel schon längst aufgegebenen und abgethanen Sache. Janconrt kann übrigens aus diesem Briefe darum verbessert werden, daß L.cibnicz den 5a- pella selbst aus eigenem Antriebe gewählct, und daß es eben nicht der Einsicht des Hnerius zuzuschreiben, daß er sich nur 192 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. mit diesem und keinem andern Autor abgeben wollen. Denn Aeibniiz kannte sich wirklich besser, als ihn -Huclius kannte; welches unter andern auch daraus zu ersehen, daß ihm dieser mit aller Gewalt auch den Vilruvius aufdringen wollte, mit den: er sich aber abzugeben rund abschlug, weil er nicht hoffen könne, etwas ausscrordcntlichcS dabey zu leisten. — Ucbrigcns muß es ein wenig vcrdricsscn, daß Ä.cibnicz bey dieser Gelegenheit nicht allein allzuklcin von sich selbst, (denn ein bescheidner Mann kann sich selbst so viel vergeben, als cr will,) sondern auch allzu klein von seiner Nation spricht: lä vmm 5-ttvor, tarnet!"! no^ue ingonium, nc?c>uo n^ucl iv^uos eonkorvs eonkecutum. Lt «jiiiil nliucl ox^ectes a lZormano, e«/ ?ia^'o??i ^oteF /»/« /n^»i /o//ttt^ o/i«miiv >.^5 Iiifloria; nee es^ivliar atlmoclum tricis ^Iiillikonliieis j>!e. Unterdessen ist doch in den Briefen dieses Lupers, deren uns eine ansehnliche Folge an den von Almcloveen und an I. A. Fabricius mitgetheilet wird, viel nützliches und nicht selten auch angenehmes. So macht er unter andern die Anmerkung, daß die Wahrheit bey den Alten zwar als eine allegorische Person eingeführet, und von einigen die Tochter des Jupiters, von andern die Tochter des Samrnus oder der Zeit, von andern die Säugammc des Apollo gencimt werde, daß sie aber doch als keine Göttin von ihnen verehret worden, daß sie weder Tempel noch Altäre gehabt habe. Vossius, sagt er, in seinem Werke 60 I und ^X,^rco--; selbst bezeichnet worden, indem, wie anderweitig bekannt sey, Anaragoras wirklich den Bcynamen Noi^ gcführct habe. (Wenn Sie Rühns Ausgabe des Aelianus nachsehen wollen, so werden Sie finden, daß Luper den Vossius hier nur zur Hclfte verbessert hat. Denn Ruhn zeigt deutlich, daß Aclian nicht von zwey Altären, sondern nur von einem einzigen rede, welcher nach einigen die Aufschrift No<-> und nach andern die Aufschrift ^,^5^«-,' geführt habe.) Die Betrachtung endlich die Lupcr über diese von den Heiden unterlassene göttliche Verehrung der Wahrheit anstellet, macht seiner Frömmigkeit mehr Ehre, als seiner Scharfsinnigkcit: Huoclli ^imi aclmikevre vellem Intee prnlanis redus kanct-e nolri'M religio- nis eliriktianie mMeria; an nnn inllo eoneluilere potlemuSz Dvum veritatem Fenuiiiam 1ms, ^ zirimn yuiilem lucliois, incle (^Iirittiil- nis, A i>i'!ve!jttiiuu8! Ich werde abermals das Vergnügen haben, Sie mit einem Werke zu unterhalten, das durch die Feder des berühmten Herrn Dusch geflossen ist. I^t ekt milii 1u!vv vooaiulus ^cl partes. Und wie oft werde ich dieses abermals, abermals brauchen müssen! Herr Dusch hat geschrieben, schreibt und wird schreiben, so lange er noch aus Hamburg Kiele bekommen kann: Schooßhundc und Gedichte; Licbcstcmpcl und Verleumdungen; bald nordische und bald allgemeine Magazine; bald satyrische, bald hämische Schriften; bald verliebte, bald sreymüthige, bald moralische Briefe; bald Schilderungen, bald Ucbcrsctzungcn; und Uebcrsctzungcn bald aus dem Englischen, bald aus dem Lateinischen. Hloul'll'ulli uulli» virtulo I'vilvmptum! O der Polygraph! Bey ihm ist alle Critik umsonst. Za man sollte sich fast ein Gewissen machen, ihn zu critisircn; denn die kleinste Critik, die man sich gegen ihn entfahren läßt, giebt ihm Anlaß und Stoff zu einem Buche. Und so macht sich ja der Criticus seiner Sünden thcilhaft? — Zwar von diesen seinen Strcitbüchcrn, sage ich Ihnen dicscsmal nichts. Sie sind noch schlechter als seine Ucbersctzungcn; und das Beste muß ich Ihnen doch zuerst bekannt machen. 1!)8 Triefe, die neueste Litteratur betreffend. Eine Duschische Ucbcrsctzung also abermals! Und der Abwechselung wegen, nicht sowohl aus dem Englischen als aus dem Lateinischen! Eine Zwittcrübersctzung aus beiden; wenn man sie recht benennen soll. — Lesen Sie den Titel davon am Rande." — „Aber wo steht denn da etwas von Herr Duschen? „Sie werden sich irren." — Nicht doch; ich irre mich nicht. Das Buch ist ja so dicke; und scheinet mit einer so liebenswürdigen Geschwindigkeit translarirer zu seyn! Wer kann aber dickere Bücher geschwinder translatircn, als Herr Dusch? Doch wenn Ihnen allenfalls dieser Beweis, weil er in Deutschland gcführct wird, nicht bündig genug scheinet: — Hier ist ein anderer! „Der Jugend besser fortzuhelfen, sagt Herr Dusch in der Vorrede, „und in eben der Absicht, worin Herr „Martin seinem lateinischen Texte eine cngländischc Ucbcrsctzung „beygesetzet hat, habe ich eine eigene deutsche Übersetzung unternommen. — Aus dieser eigenen deutschen Ucbcrsctzung nun, führe ich mcincn andern bündigern Beweis., Er lautet so! — Sie erinnern sich doch, daß ich einem meiner vorigen Briefe/* eine Stelle aus den Schilderungen des Hrn. Dusch getadelt habe, welche eine Beschreibung der herbstlichen Nachtglciche seyn sollte < „Ztzo wieget die Waage Tag „und Nacht in gleichen Schalen, und der Stand der Sonne „theilet den Erdkreis in Licht und Finsterniß. Sie erinnern sich doch, daß diese Beschreibung nach zwey Zeilen des Virgils sollte gemacht seyn, dic Herr Dusch nicht verstanden hatte? I^iliru clio lnmmc^io uares ul>! jeeerlt Iioras, Lt meclijim luci ati^ue umliris j.im liiviclit orliern. Nun sind diese Zeilen aus dem ersten Buche Georgicorum; und ich weiß selbst nicht aus welcher heimlichen Ahndung ich nach der Ucbcrsctzung derselben zu allererst sahe. Und was mei- " VirßiM lUüronis keorxieorum liliri IV, Mit kritischen und ökonomische» Erklärungen Hrn. n. Johann Martins, Lehrers der Botanic zu Cambridge, und anderer der berühmtesten Ausleger. Nebst einer deutschen Uebcr- sctzung und Anmerkungen. Zum Gebrauch der Schule», um die Jugend zu einer frübc» Erlernung der Haushaltungskunst zu ermuntern. Hamburg und Leipzig bcv Grunds Wittwe und Holle. 1759 in groß Sctav 2 Alph. 6 Bogen. °° S. den ein und vierzigsten Brief im zweyten Theil. V. Theil. Sieben und sieben,Wer Brief. j',!!> neu Sie, daß ich da fand? Zch fand: „Wenn die Waage die „Tage lind die Stunden des Schlafs gleich gemacht, und den „Erdkreis in Licht und Finsterniß gcthcilct hat." O Herr Dusch! rief ich aus. Willkommen Hr. Dusch! — Urlhcilcn Sie selbst, ob es wohl wahrscheinlich ist, daß zwey verschiedene Scribcntcn eben denselben lächerlichen Fehler sollten gemacht haben? Gewiß nicht! Der Verfasser der Schilderungen lind unser llcbcrsctzcr müssen eins seyn; und müssen eins seyn in Herr Duschen! Aber wenn es Herr Dusch wäre, werden Sie vielleicht einwenden, warum sollte Herr Dusch eben denselben Fehler mit Vorsatze noch einmal wiederholt haben? — Ich antworte: weil er ihn für keinen Fehler hielt; weil er, ohne Zweifel, als er ihn zum andcrnmalc begieng, meine Eritik noch nicht gelesen hatte. Und als er sie endlich zu lesen bekam, war der Vogcn Rr in seiner Übersetzung leider schon abgedruckt. Einen Carton aber machen zu lassen, das würde ihn zu sehr verrathen haben; und er wollte mit diesem kleinen Triumphe seinen Kunst- richtcr durchaus nicht beglücken. Gnng, daß er sich meine Erinnerung da stillschweigend zu Nutze machte, wo es noch möglich war. In der Parallclstcllc nehmlich, die ich damals anführte: ^!>m I'.ipiilus toi'i'vns litiente« Hil'i»« Intlc>5 ^i'lleliat, coelc» metku»» 1»! ignvu« o^em Ilaul'ei-at, hat er das moilium orlioiu richtig übersetzt; ob es gleich auch hier Rnaus falsch verstehet, indem er mvclium ml,om Iiaulvrat durch liccavorat moclinm l>rl»em giebt, aus welchem klccavcrgt es unwidcrsprcchlich erhellet, daß er unter oiliem den Erdkreis verstanden hat. Zch will zwar nicht vcrhelcn, daß den Herrn Dusch hier sein Martin eben sowohl kann zurcchlc gewiesen haben, als ich. Denn Martin merket bey dieser Stelle sehr wohl an, daß von der Zeit des Nachmittags die Rede sey, weil Virgil sagt, die Sonne habe die Mitte oder die Helfte ihres Laufes vollendet. Aber doch will ich noch wetten, daß Herr Dusch bey der Ucbcrsetzung seinen Martin würde vergessen haben, wenn er nicht auf einer ander» Seite einen kleinen Denkzettel bekommen hätte. — Sie sollen gleich meiner Meinung seyn. — WO Briefe, die ncucsic Litteratur betreffend. Denn, was giebt mir Herr Dusch, wenn ich ihm in eben denselben Worten: „Wenn die Waage die Tage und die Stun- „dcn des Schlafes gleich gcmachct, und den Erdkreis in Licht „und Finsterniß gcthcilet hat" noch einen recht häßlichen, abscheulichen Fehler zeige? — Im Lateinischen heißt die erste Zeile I^ilii'.i 5 leriptit pro c^'et in uoe vortu: i^v/ii'ema /onA/n^uci c/ie« o „/tttoL M«L jui lerlnlerimt iIium lidrum Virgilii so „insjioxiklo. in t5?a clies ^v«>»i^7ie ^c»e« nii /ece?'!/ /io?n«; „!ä ctt: t//et — Denke» Sie doch mir! Diese lange Anmerkung schreibt Herr Dusch auf dem Bogen E von Wort zu Wort hin; und auf dem Bogen Rr hat er sie schon wieder vergessen. Was soll man von ihm sagen? Zst es nicht offenbar, daß er ohne zu denken schreibt? daß er weder bey der Anmerkung, noch bey der Uebersetzung muß gedacht haben? — Und nun wieder auf mein voriges zu kommen: So gut er hier seinen Martin vergessen hatte; eben so gut halte er ihn ja auch bey dem Ii-mlei-at mo-limn oruem vergessen können, wenn er nicht, bey meinem Ausdrucke zu bleiben, von einer andern Seite einen kleinen Denkzettel bekommen halte. Als Herr G. unsere Briefe herauszugeben anfing, sagte er davon- „Ich theile sie dem Publico mit, weil ich glaube, daß „sie manchem, sowohl von dem schreibenden, als lesenden Theile „der so genannten Gelehrten, nützlich seyn können. ° — Sie glauben nicht, wie sehr des Herrn Duschs anderes Ich, oder sein kritischer Freund, sich über diese gute Meinung unseres ehrlichen formalisirct hat. Und hier ist doch gleich ein Ercmpcl, an seinem eigenen Freunde, daß unsere Briefe wirklich einem sogenannten Gelehrten von dem schreibenden Theile, nützlich gewesen sind, nnd noch nützlicher hätten seyn können, wenn es sein Autorstolz nicht verhindert hatte! Unterdessen muß bey Fehlern von dieser Art noch etwas mehr als die blosse Nachläßigkcit des Herrn Dusch Schuld haben. Dieser Schildere? der Natur, dieser phantasicreichc Dichter muß sich von dem Wcltgcbäudc nicht die geringste Borstcllung, nicht das allcrklcinstc Bild, weder nach den alten, noch nach den neuern Hypothesen, zu machen wisse». Hier ist ein neues recht lustiges Ercmpcl: Virgil rcdct (Iit>. I. v- 242. 43.) von den bcydcn Polen, und sagt: Ilio vei'iox 1em»er iiolii« luliliims; at illum 8uli ^eiliiius 8l^x alra viclol, manos^ue prolunili. ° S, die Eiulciumg ;u dem erste» Theile dieser Brirsc. 202 Nricfe, die neueste Litteratur betreffend. Der eine Pol, sagt er, ist uns lublimls; der andere ist uns fuli pvllil,us, und diesen, der uns lu>> peclilius ist, den sehen 8t>v gtr-i, msnesljne ^insuncli. Was kann deutlicher seyn? Und doch war es Herrn Duschen nicht deutlich genug, denn er übersetzt: „Ein Pol ist uns allezeit erhaben, den andern aber sehen „der Styr und die Mancs, unter ihren Füssen. — Die Ma- ncs, unter ihren Füssen? Warum nicht gar unter ihrem Kopfe. Denn Herr Dusch wird wohl einmal gehört haben., daß die Antipoden auf den Köpfen gehen. Und unter den Köpfen laßt sich immer noch eher etwas sehen, als unter den Füssen. — Der Ucbcrsctzcr hat sich ohne Zweifel abermals durch die Interpretation des Ruöns verführen lassen, welcher den Vers: 8uli vou8 8t^x ntia viclot, ülimesssue piotuncli. in seiner Prose so versetzt und erläutert: toä illum Stz^x mgr-,, k unidr-L inlorn-l! villeiit sul) ^vtlidus. Nur daß man es dem Ruaus nicht so unwidcrsprcchlich beweisen kann, daß er lud pellilius auf die Ml-mc-s gezogen hat, als dem Herrn Dusch! Wie finden Sie diese Proben? Was glauben Sie auf die ganze Übersetzung daraus schliesset! zu können? „daß sie elend ist!" — Uebcreilcn Sie sich nicht. Herr Dusch hat es für eine Bosheit erkläret, aus zwey oder drey Fehlern das Ganze zu verdammen. — Nach dem die Fehler sind, mein Herr Dusck! — Aber diese Ausflucht soll ihm inskünftigc nicht mehr zu statten kommen. Und Sie müssen es sich gefallen lassen, darunter zu leiden. — Werfen Sie allcnfals den Brief hier weg, wenn Sie sich ihrer Schuljahre nicht gern erinnern wollen. „Ich habe mich genauer an meinen Tert gebunden, sagt „Herr Dusch, um jungen Leuten die Mühe zu erleichtern, als „ich ohne diese Absicht würde gethan haben. — Gut! Aber mußte sich diese Sklavcrcy gegen den Tert auch so weit erstrecken, daß die Worte der deutschen Übersetzung dem Schüler kaum so viel helfen, als ob er sie nach und nach aus dem Wörtcrbuche zusammen gestoppelt und so hingeschrieben hätte? Daß er nunmehr für: — — — tenuis^uo I^üFo, mit reifem Weine? Es ist wahr, mitis hat die Bedeutung reif, als wo Virgil sagt: Ilou male turn mi/e« llvienciit p!>uininu8 ,wa«. Wenn wir aber im Deutschen reif zu Weine setzen, so bedeutet Wein uvas, nicht aber vmnr». Gleichwohl will Virgil nicht sagen, daß man der Ceres Honigseim mit Milch und reifen Trauben, sondern mit Milch und lieblichem IVcinc vermischt, opfern solle. — Mit dem nehmlichen Worte reif, begehet Herr Dusch kurz zuvor einen ähnlichen Fehler, der aber noch weit lächerlicher ausfällt. Virgil sagt: anuua inüAii!« 8»oia reler rtcnbaum. Und Herr Dusch glaubt, es hcissc ein Lorbeerbaum. Denn cr übersetzt: - clnAens malei ii!> tein^oia m^rto ° durch: Da>: cr die Schläfe mit dem mütterlichen Lorbeer umgürte- Nimm dein Wörterbuch, und schlage nach, was heißt cspvr? Du findest, ein oicgenbock. Und Herr Dusch sagt, es hcissc cinc Ziege. Dcnn cr übcrsctzt: I>!oli sliain euljiain ^.-»ee'.io cnuvr oruiiidus iu-Is l^ilitur. " durch: Nur dieses Verbrechens wegen wird dem Bacchus auf'allen Altären cinc Ziege geschlachtet. Willst du untcrdcs- scn deinen guten Freund hier entschuldigen, so sage: Ey, die Ziege ist hicr cin Vock! Und das ist wahr! — Nimm nochmals dcin Wörterbuch, und schlage nach, was heißt perrwx? Du findest übernächtig. Und Herr D- sagt, cs hcissc hartnackig. Dcnn, wenn Nirgil von dcm Ochscn sagt, dcr in dem blutigcn Kampfe mit scincn Nebenbuhlern dcn Kürzern gczogcn: Viel»« aliit. IviiAel^uv iAnoli« exulitt ori«: Hlulti» Aeuiv»« i^uoiiiiui!»». z>l!>AULlsue t'u^vrln ' 1.,^. I. V. 3». °° I.W. II. 380. V. Theil. Sieben lind sicbcnzigsier Brief. 205 Vloloils, Imn <1>I08 amil'il. inullus .imores: ktaliul.'» nhieetans i-eKnis vxeellit avitls. Higo omni ein!» vires exercvt, et üitor Dulit jaovl. /ic»'?io.i.' inltiaio 5ax!> euliill: so übersetzt Herr Dusch: Der Ucberwundcnc gchct davon, und scheidet rvcit rocg in eine entfernte unbekannte Gegend, und besenfzel klüglich seine S6>mach, die U)unde, die er von dem stolzen Sieger cmpficng, und die Geliebten, die er ungerachec verlor; schauet den Stall an, und scheidet aus dem Reiche seiner Vater. Dann giebt er sich alle Mühe, seine Rrafce zu üben, und liegt hartnäckig auf harten Steinen, ohne Streue- — pernox, hartnäckig! Siehest du, Herr Dusch wußte nur von einem einzigen ^ectivo in x, und das war ^vrtinax! Rede ich nicht schon wiederum mit jemand andern ? — Als wenn ich es nicht wußte, daß Sie ohnedem nicht so weit lesen würden. — Wenn ich daher dennoch einen neuen Bogen anlege, so geschieht es nicht, Sie zu unterhalten; es geschieht Herr Duschen zu belehren. Hier sind noch einige Stellen, mein Herr Dusch, die ich unter dem Durchblättern ihrer Ucbcrsctzung, mit der Blcyfedcr angestrichen habe. Wir wollen sie näher betrachten. Virgil sagt, I^il>. I. v. 111. daß auch derjenige Landmann seinem Acker einen grossen Dienst erzeige, - cini ne gravillis prc>c:uu>!i!>^ culmuü aiMis, I^uxuiiein l^etum tenoi'l» cle^uloit in nvil)!>z t)uni jii'imiuil luleo« irc^uaut l»ta. dieses übersetzen Sie: Der die geile Saat, sobald sie mit der Furche eine gleiche -Höhe erreichet, von seinem Viehc, rvcnn sie noch im zarten Rraule stehet, abfressen la>;t :c- — Mit der Furche eine gleiche Höhe erreichet: ist sehr schlecht gesagt. Die Furchen sind die tiefen Einschnitte, die der Pflug gezogen hat, und sind also auf dem gepflügten Felde, gegen die Striche Erde, welche der Pflug aufwirft, das niedrigste. Wie kann also die Saat zur Höhe dieses niedrigste» Tbcilcs des Ackers wachsen? Die Furchen stehen hier für den Acker überhaupt; und -riniarc- heißt bicr eben machen. Der Dichter ^ ?0K Briefe, die neueste Litteratur betreffend. will also sagen: Wenn die Saat die Furchen cbcn macht; sie gleichsam mit einem ausgespannten grünen Teppiche überziehet, unter welchem die unebene Fläche des Ackers versteckt liegt. Daß !v,niarv aber eben machen hcisse, hätten Sie aus dem 175 Verse cbcn desselben Buchs lcrncn können: eiun in'iiiii» iiiAonti üen.u.'UKia e>'linllio. Es hilft Zhncn nichts, wcnn Sic zu ihrcr Entschuldigung auch schon das vvnto« !l!«>u-tntv k->F>tt!t aus der Acncis anführen wollten. Ein Ucbcrsctzer muß schcn, was einen Sinn macht. I.i>i. I. 113. Virgil fährt fort: auch der erzeige seinem Acker eine ersprießliche Wohlthat: — — — t^ulcjuo paluclis tüolloelum Iiuniorem lilliula cloitucit aions; I'iüsoi tim iiiovitis ti invutiiius ainnls aliunllans I^xil, olicluel» Inle touvt oinn!» liino, I^iiilv cavoe tv^int liumnio I->eniiül!. Der Dichter will sagen: Wcnn nach starken Regengüssen, oder nach ausgetretenen Flüssen, auf den Vertiefungen des Ackers Wasser stehen bleibt, und Pfützen macht, so soll der Sandmann diese Pfützen diliuw äoäueoio src-na. Das ist, wie ich cs verstehe, mit Sande, als welcher die Eigenschaft hat, daß er das Wasser leicht in sich schluckt, austrocknen. Lidul-» »iona ist mir also das Mittel, wodurch er das Wasser wegschaffen soll. Sie hingegen verstehen den Ort darunter, von welchem er cs wegschaffen soll, und übcrsctzcn: der von dem schrvam- migtcn K.ande das gesammelte lVasser eines Sumpfes ableitet. Sie machen dem Landmannc cine unendliche Mühe! Das Wasser durch Kanäle von dcm Acker abzuleiten, ist nichts geringes; und oft wird cs für ihn schlechterdings unmöglich seyn. Aber die Pfützen mit Sand austrocknen; das kann ihm sehr leicht seyn. Ich wciß wohl, Sie haben diesen Fehler mit den gcmcincn Auslegern gcmcin. Denn auch Ruäns erklärt die gegenwärtige Stelle durch: tlerivat vx terra diliula sczuam illic colleewm, instar paludis. Aber entschuldigen blinde Führer? I. v. 133. Virgil will die Ursache angeben, warum Zupitcr die frey- V. Theil. Sieben und sicbciljijZsier Brief. 2t)7 willige Fruchtbarkeit des goldncn Wcltaltcrs aufgehoben habe, und sagt, es sey geschehen: Ilt Vüi'i!l8 rilus ineclilaiillc» exeuteret ilrie8 püulatiui et suleiü 5rume»li s^uüüieier I»eili!>m. So wie in der ersten Zeile mecüt-iixlo das Mittel und den Weg anzeigt, wie die verschiedenen Künste hervorgebracht werden sollten: so zeigt es auch Kilcis in der zweyten an. Die Menschen sollten durch ackern, sich Gctraidc verschaffen lernen. Sie übersetzen daher ganz links: ZOamir Erfahrung und Nachsinnen nach und nach verschiedene Rünste mir N7ül?e erfinden, und in den Furchen das Rraur des Gerraides suchen möchte. Hier ist alles nur halb recht! I.ib. I. v. 308. -->UNI liAero llamas, 8tuj?ea tor^iientem Lalearls verlier» sunäu;: Lum nix alla jacet, glaeiom euru iiumiiia truüunt. Der Dichter redet von den Beschäftigungen im Winter, und rechnet darunter auch, Gemsen mit der Balkarischen Schleuder zu erlegen. Sie aber, mein Herr, machen aus der Balkarischen Schleuder, einen Balcarischen Schleuderer und sagen dadurch eine Absurdität, denn ich glaube eben nicht, daß auf den Balcarischen Inseln tiefer Schnee liegt, und die Flüsse Eisschollen treiben. Dann ist es Zeit für den Zdalearischcn Schleudere? Gemsen zu erlegen, rvenn ein riefer Schnee liegt :c. I. v. 47 5. — — peeuilesc^iv locutse, Iiitanüurn! übersetzen Sie: Und Thiere redeten ein entsetzliches Zeichen. Sie nehmen also Inlau^um hier für das Adjectivum, und glauben es werde als ein Substantivum gebraucht. So aber habe ich es nie gefunden. Es ist hier das Adverbium, oder die Interjektion, wie Sie es nennen wollen. Eben wie in der Acncis: ^avibus, iutanilum, airüllis urilus oll iram ?io<1imiir. Doch Sie werden sagen: Es fehlet meiner Uebersctzung weiter nichts als die Interpunktion nach redeten. Ich will Ihnen glauben. 208 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. Sie sehen, ich bin noch immer in dem ersten Buche. Und mehr als das erste Buch habe ich von ihrer Ucbcrsctzung auch nicht gelesen; und auch dieses nur obenhin gelesen. Alles andere aus den übrigen Büchern ist mir blos bey dem Aufschlagen in die Augen gefallen. Ich fand z. E. Jährlich must man drey bis viermal Ven Vodcn pflügen, und mir der umgekehrten -Hacke die Rlsjse beständig zerschlagen, und dem ganzen Mcingarren oic Ä.ast der Zblättcr leichter machen. Was kann man unter diesen letzter» Worten anders verstehen, als daß der Dichter die abgefallene» Blatter aus dem Weingarten wegzuschaffen, oder sie un- tcrzuhackcn bcsichlct? Und doch will Virgil ganz etwas anders sagen; denn — — omne Ivvinnluin ?I'0IItIe II'!5 ,!,I>'ilI»8 nrviü°" Ah, Sie haben Grics wollen schreiben! ES ist doch vortrcflich, daß Sie Virgil maiichmal besser verstehet, als ich. Daß .Inmolls noch etwas mehr als büschicht heissc, will ich so hingehen lassen. ° I.ib. II. v. 400. °° II. v. 457. "° I.W. II. V. 180. V. Theil. Siebe» ttiid sicbeiijigster A'ricf. 209 Auch las ich von ohngcfchr die. erste» fünfzig Zeilen des dritten Buchs. Und wie mancherley war mir da anstößig. Ich will Zhncn nicht aufmutzen, wie kindisch Sie diese Zeilen: - leulsriäi» via ei't, hua ino ^iinljuo po5lun lollore liumo, violorcjuo virum volitaio poi' ora° übersetzt haben: Auch ich muß es versuchen, mich auf einer neuen Z5ahn von der Erde zu erheben, und als ein Sieger durch den Mund der IVclr ZU fliegen. Voütarv per ora virum: durch den Mund der Welt fliegen. Ich will nicht erwähnen, daß es einen ganz schielenden Verstand macht, wenn Sie I?i'!mus I(Ium!»>.i8 releram tilii, »laniua, ^>alml>8.°° übersetzen: Ich roill der erste seyn, der dir, Mamua, die idumäischen Palmen bringt. Was für idumäischc? Denn so heißt mich der vorgesetzte Artikel die fragen? Es ist kein blosses poetisches Beywort mehr, sobald dieser vorgesetzt wird. — Es möchte alles gut seyn, wenn Sie nur nicht aus dem feinen Hofmaimc, der Virgil war, einen plumpen Prahler machten. Wie haben Sie immer und ewig die Zeilen: dunola inilli, ^Iplivum Im^uens lucos^ue Uolorclii <üuiüliu8 et ein«Io cleoei-net >i. III. v. 19. »0. 14 2>s> Briefe, die neueste Litteratur betreffend. dieses kann höchstens der Zusammenhang leiden. Rnans selbst erkläret diese Stelle richtiger, als es sonst seine Gewohnheit ist, durch: wen ^»M, cortal/lt c»rlu ke. — Doch ißt erst werde ich gewahr, daß ihr rNarrin selbst, dem Dr. Trapp zu Folge, dieses inilii, durch m me»m lxninroi» giebt. Er irret sich ganz gewiß! nnd Sie, der Sie an mchrcrn Stellen von ihm abgehen, hatten ihm hier am wcnigstcn folgen sollen. Eben so wenig hätten Sie sich, bey dem 58tcn Ncrsc, durch seine angefüllte Stelle aus dem (^olumclla, sollen verführen lassen. Der Dichter will lehren, wie eine, gute Zuchtkuh gestaltet seyn müsse, und setzt endlich hinzu ci>i!>.'i<: ni'!>.° Sie übersetzen dieses: imgleiclicn, wenn sie hoch ist. Uranus heißt nicht was vcrglcichiingswcisc hoch ist, sondern was sich hoch trägt. So sagt der Dichter anderswo: Ilino Iioll.iloi' «I»8 crmijtt) fülo -N'lliius inlert. Desgleichen sagt er von einer übcrfabrcnen Schlange: kviox, !>i'il«;»ücni<: ooulis <^ liliil» colln ^r8 <^ui8 nlli!>m. Kurz, der Dichter redet von einer Kuh, die den Hals hoch trägt, und nicht von einer, die ihrer ganzen Gestalt nach hoch ist. Eben dasselbe Merkmal verlangt er auch an einer Znchtstutte, wo er sich weniger zwcyfclhaft ausdrücket: III! lN'llun cei'vix Ao. Und nun sollte ich Ihnen auch etwas aus dem vierten Bliche anführen. Doch dieses will ich nicht eher thun, als bis Sie mir Trotz bieten werden, Zhncn in dem vierten Buche einen Fehler zu zeigen. Ich weiß, mit diesem Trotz bieten sind Sie sehr geschwind. Anch sollte ich von Zhrcn Anmerkungen noch etwas sagen. Wo Sie gute Leute ausgeschrieben haben, da sind sie so ziemlich gut. Wo Sie aber etwas aus Ihren eigenen Kräften versuchen wollen, da glaube» Sie gar nicht wie klein Sie erscheinen! Zch nehme die Anmerkung 20) Seite 625 zum Beweise; wo die Worte: l.ib. IN. v. S8. V, Theil. Ein und achtzigster Brief. 211 noo gratis torr-v nulla vkt, M inaratilz terriv, cill sauberes Pröbchcn einer ganz vortreflichcn Latinität sind. Und warum prahle» Sie mit der Richtigkeit ihres Textes? Er ist höchst fehlerhaft, und ohne eine bessere Ausgabe nicht wohl zu brauchen. So stehet ii^ufta für injusla, hx-r-mtia für sstirantia Ae. — Doch das sind alles Kleinigkeiten! Sie haben uns wieder ein dickes Buch geliefert; und dafür müssen wir Ihnen freylich verbunden seyn. — Gnug mit dem Herrn Dusch gesprochen! Was unsere galanten Briefsteller die cnurwillo nennen, das ist nunmehr wieder an Sie gerichtet. Zch bin ?c. A. VI. Tcn 7. Februar. 1760. Ein und achtzigster Brief. Der Verfasser der scherzhaften wieder, deren größter Theil Ihnen wegen seiner naiven Wendungen und feinen Sprache, so viel Vergnügen gemacht hat, und von welchen bereits eine zweyte verbesserte Auflage erschienen ist, hat sich aufs neue in einer andern, und höheren Sphäre gezeigt. Zn der tragischen. (°) Und mit Ehren. „Was? — wird ohne Zweifel auch hier der kritische Freund des Herrn Dusch ausfahren — „Was? ein Witzling, der den „Geist der anakrcontischcn Gedichte besitzet, sollte auch den Geist „der Tragödie besitzen? Der eine erschüttert das Herz; Schrecken „und Thränen stehen ihm zu Gebothe; der andere erregt ein „kurzes Vergnügen über einen unerwarteten Einfall; und wenn „er uns ermuntert hat, und wenn wir lachen, so hat er alle „Ehre, die er hoffen kann. — Man sollte glauben, fährt dieser tiefsinnige Kunstrichtcr fort, „daß diese beyden sehr verschiedenen Eigenschaften sich nicht wohl mit einander vertragen könnten. Zch wenigstens (") — Za, Er wenigstens! — Er, der Freund des Herrn Dusch.' — Er wird es solchergestalt gleich a prior! wissen, daß die Trauerspiele unsers scherzhaften Liederdichters nichts taugen. — Wollen Sie eS bey dieser philosophischen Nativitätstcllung bewenden las- (°) Beytrag zum deutsche» Tlmitcr, Leipzig bey Dyk 1750. (°°) S. Duschs vermischte Schriften. S. 40. 14- '."«LfflVv/^ /^T^^.^k&^^^^t!^ i 212 33tiefc, bie neucjle SitUrntut betrtffcnb. fcn? £)bcr wimfebten ©ic lieber, mit if>rcn eigenen Singen $u fcficii, unb nad) ifiren eigenen Gmbfinbungcn ju fdjltcffcn? — 3d) »v»eif? fd)on, was (Sie tfum werben; ttnb biefer 33ricf mag ©ic baranf »orbereiten. 3n bem S?orberid)tc ffaget .£crr Weife — benn warum füllte id) 8?cbcnfcn tragen, ^hnm ben SWann jtt nennen, ber 3bnni gefallen ftat, tinb ben Sie nnn balb l;od; fdjägen werben? — über ben Langel an betitfd)en Sraucrfpiclen. 35aß cS ben Seutfdjen am tragifdjen OJenic fehlen follte, fann er ffc£> nid)t überreben. „Slbcr ein unglütflid)cS ©djitf'fal, fagt er, bat „bisher über bie bcutfd)c ©i^aubüfmc gewaltet. Ginige biefer „Sieblinge" ber S»fufcn finb in ber äKorgcnrötbc i^rcö SBifjcS „üerblüfjet, tmb §dben uns burdj if\rc erfien §rüd)tc gcjcigct, „was für eine angenehme.Hoffnung wir mit ilincn verloren lja= „ben. — -DicfcS muß ©ie an bie Herren von Cronegt tmb »on ÄHtue erinnern, ton welcben bctibcn oljnc Swetfcl ber leg; terc baS grellere tragifcf»c ©enic war. Gr fjaj nod) ein Stauer« fpiel in SScrfcn föllig aufgearbeitet fyinterlaffcn, tmb grettnbc, bie (S gelefcn baben, tterfidwn mid), baß er barinn mef)r ges leiftet, als er fclbft burd) feinen Sveyßeift ju »erfpredjen gcfd)ic= nen. — „5(nbcrc, fähret $err XV. fort, laffett, mir wiffen nid)t „aus was für unglücflid)en llrfadjcn, bie 3^ rc beS ©enieö „borbet) fliegen: fie fd)mcid)eln uns mit Hoffnung, tmb laffen „ft'e ttnerfülfet, bis fie bie ©efebäfte beS ScbenS überlaufen, „ober fie ftd) in anbere ©orgen ecrtf)et(en." — 34) ßt8n nidjt fagen, Wer biefe «nöere finb. ©inb eS aber Wirfltd) tragifd)c (Seines, fo ticrfprcd)e id) mir Don ifjrcr SJcrjögenmg meftr @tt= teS als @d)lümncS. Sie %d)tc ber 3"genb ft'nb bie %abvc nid)t, von mcld)cn mir tragifebe SNeifterftncfe erwarten bürfen. SlllcS was attd) ber befte Äoof in biefer ©attung, unter bem bretyfjiflften ^afyxc, letften fann, finb $crfud)c. 3^ mefcr man tcrfudjt, je mcljr berbirbt man ftd) oft. S^fan fange nid)t cf>cr an jtt arbeiten, als bis man feiner ©ad)c mm größten Steile gewiß iß! Unb wenn fann mau biefeS fci)tt? Sßctm man bie Statur, wenn man bie 3lltcn gnugfam ftubiret fcat. 2>aS aber finb lange fiebrja^rc! fönttg, baß bie 3^re ber SNetftcrfdjaft bafür aud) befio langer bauem. Sop^ot'lee fd)rieb £ratierfpiele V. Theil, ein und achtjigsicr Sricf, 213 bis in die achtzigsten Jahre. Und wie gut ist es einem Tragi- cns, wenn er das wilde Feuer, die jugendliche Fertigkeit verloren hat, die so oft Genie hcissen, und es so selten sind. „Noch andern, heißt es weiter, „scblt es an Aufmunterung; „sie haben niemals eine gute Schauspiclcrgcscllschaft gesehen, „und kennen die dramatische Dichtkunst blos aus den Aristoteles „und Hedclin. — Das ist ohne Zweifel ein Hauptpunkt! Wir haben kein Theater. Wir haben keine Schauspieler. Wir haben keine Zuhörer. — Hören Sie, was ein neuer französischer Schriftstellers) von diesem Punkte der Aufmunterung sagt: „Eigentlich zu rc- „dcn, sagt er, giebt es ganz und gar keine öffentlichen Schauspiele mehr. Was sind inisere Versammlungen in dem Schau- „platze, auch an den allerzahlrcichstcn Tagen, gegen die Versammlungen des Volks zu Alhcn und zu Rom ? Die alten Büh- „nen konnten an die achtzig tausend Bürger einnehmen. Die „Bühne des Scaurus war mit drey hundert und sechzig Säu- „lcn, und mit drey tausend Statuen gczicrct. Wie viel Gc- „walt aber eine grosse Menge von Zuschauern habe, das kann „man überhaupt aus dem Eindrucke, den die Menschen auf „einander machen, und aus der Mittheilung der Leidenschaften „abnehmen, die man bey Rebellionen wahrnimmt. Za der, „dessen Empfindungen, durch die grosse Anzahl derjenigen, welche „daran Theil nehmen, nicht höher steigen, muß irgend ein heimliches Laster haben; es findet sich in seinem Lharaklcr etwas „Einsidlcrisches, das mir nicht gcfält. Kann nun ein grosser „Zulauf von Menschen die Rührung der Zuschauer so sehr vermehren, welchen Einfluß muß er nicht auf die Verfasser, und „auf die Schauspieler haben? Welcher Unterschied, zwischen heut „oder morgen einmal, ein Paar Stunden, einige hundert Personen, an einem finstern Orte zu unterhalten; und die Aufmerksamkeit eines ganzes Volkes, an seinen feierlichsten Tagen „zu beschäftigen, im Besitz seiner prächtigsten Gebäude zu seyn, „und diese Gebäude mit einer unzählbaren Menge umringt und „erfüllt zu scheu, deren Vergnügen oder Langeweile von unsern (°) Diderot i» den Unterredungen über seine» ncnnrlichcn Lclm, 214 Briefe, die ncncsic Litteratur betreffend. „Talenten abhängen soll? — So redet ein Franzose! Und welcher Sprung von dem Franzosen auf den Deutschen! Der Franzose hat doch wenigstens noch eine Bühne; da der Deutsche kaum Buden hat. Die Bühne des Franzosen ist doch wenigstens das Vergnügen einer ganzen grossen Hauptstadt; da in den Hauptstädten des Deutschen, die Budc der Spott des Pöbels ist. Der Franzose kann sich doch wenigstens rühmen, oft seinen Monarchen, einen ganzen prächtigen Hof, die größten und würdigsten Männer des Reichs, die feinste Welt zu unterhalten; da der Deutsche sehr zufrieden seyn mnß, wenn ihm ein Paar Dutzend ehrliche Privatleute, die sich schüchtern nach der Budc geschlichen, zuhören wollen. Doch lassen Sie uns recht aufrichtig seyn. Daß es mit dem deutschen Drama noch so gar elend ausstehet, ist vielleicht nicht einzig und allein die Schuld der Grossen, die es an ihrem Schutze, an ihrer Unterstützung mangeln lassen. Die Grossen geben sich nicht gern mit Dingen ab, bey welchen sie wenig oder gar keinen glücklichen Fortgang voraussehen. Und wenn sie unsere Schauspieler betrachten, was können Ihnen diese versprechen? Leute ohne Erziehung, ohne Welt, ohne Talente; ein Meister Schneider, ein Ding, das noch vor ein paar Monaten Wäschcrmädchcn war zc. Was können die Grossen an solchen Leuten erblicken, das ihnen im geringsten ähnlich wäre, und sie auffrischen könnte, diese ihre Repräsentant auf der Bühne, in einen bessern und geachteter» Stand zu setzen? — Ich verliere mich in diesen allgemeinen Betrachtungen, die uns noch sobald keine Aenderung hoffen lassen. — Das erste Trauerspiel des Hrn. IVcise heißt: L-iV»ar0 Oer Dritte. Uivuaro öcr Zweite war gezwungen worden, sich von der Regierung los zu sage», und es geschehen zu lassen, daß sie auf seinen Sohn, iLSnarö den Dritten übergetragen wurde, während dessen Minderjährigkeit seine Mutter Isabclla, mit ihrem Lieblinge XNorlimcr freye Hand zu haben hosten, und sie eine Zeitlang auch wirklich hatten. Der abgesetzte König ward aus ciuem Gefängnisse ins andere geschleppt; und ich habe folgenden Umstand bey dem Rapin nie ohne die größte Rührung lesen können. „Als ihn die Ritter XNaltraves und Gourna>-, V. Theil. Ein und achtzigster Brief. 215 „die ihm als Wächter oder vielmehr als Peiniger zugegeben „waren, in sein letztes Gefängniß, in das Schloß zu Darr'lc^ „brachten, nahmen sie tausend unanständige Dinge mit ihm „vor, sogar daß sie ihm auf freyem Felde mit kaltem Wasser, „welches aus einem schlammigtcn Graben genommen worden, „den Bart putzen liessen. So viel Beständigkeit er auch bis „dahin bezeuget hatte, so konnte er sich doch bey dieser Gelegenheit nicht enthalten, sein Unglück zu beweinen, und zu ernennen zu geben, wie sehr er davon gerührt sey. Unter den „Klagen und Norwürfcn, die er denjenigen machte, welche ihn „mit so vieler Grausamkeit begegneten, sagte er, daß sie, sie „mochten auch machen, was sie wollten, ihm doch nicht den „Gebrauch des hcisscn Wassers nehmen sollten, um sich den „Bart putzen zu lassen. Und indem ließ er zwey Ströme von „hcisscn Thränen aus seinen Augen die Wangen hcrabflicsscn. Der arme Mann! — Und es war ein König! — Aber was fällt Ihnen sonst bey dieser Antwort ein? Wenn sie ein Dichter erfunden hätte, würde nicht der gemeine Hausse der Kunstrichtcr sagen: sie ist unnatürlich; der Schmerz ist so witzig nicht? Und doch war der Schmerz hier so witzig; wenn derjenige anders witzig ist, der das sagt, was ihm die Umstände in den Mund legen. Demnach denke nur auch der Dichter vor allen Dingen darauf, seine Personen, so zu reden, in eine witzige Situation zu setzen, und er kann gewiß seyn, daß alle der Witz, den ihnen diese Situation giebt, nicht nur nntadcl- haft, sondern höchst pathetisch seyn wird. DiOcror, den ich Zhncn oben angeführt habe, erläutert den nehmlichen Satz durch das Exempel einer geringern Person: „Eine Bäuerin, erzählt „er, schickte ihren Mann zu ihren Acltcrn, die in einem benachbarten Dorfe wohnten. Und da ward dieser Unglückliche von „einem seiner Schwäger erschlagen. Des Tages darauf ging „ich in das Haus, wo sich der Fall zugetragen hatte. Ich cr- „blickte ein Bild, und hörte eine Rede, die ich noch nicht vergessen habe. Der Todte lag auf einem Bette. Die nack- „ten Beine hingen aus dem Bette heraus. Seine Frau lag, „mit zerstreuten Haaren, aus der Erde. Sie hielt die Füsse „ihres Mannes, und sagte unter Vergicssung von Thränen, 216 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. „lind mit einer Action, die allen Anwesenden Thränen auspreßte: „Act), als ich dich Hieher schickte, hatte ich rvohl geglaubt, „daß diese Züssc dich zum Tode trügen!" Auch das war Witz, und noch dazu Witz einer Bäuerin; aber die Umstände machten ihn unvermeidlich. Und folglich auch muß man die Entschuldigung der witzigen Ausdrücke dcS Schmerzes und der Betrübniß nicht darin» suchen, daß die Person, welche sie sagt, eine vornehme, wohl erzogene, verständige und auch sonst witzige Person sey; denn die Leidenschaften machen alle Menschen wieder gleich: sondern darin», daß wahrscheinlicher Weise ein jeder Mensch ohne Unterschied, in den nehmlichen Umständen das nehmliche sagen würde. Den Gedanken der Bäuerin hätte eine Königin haben können, und habe» müssen: so wie das, was dort der König sagt, auch ein Bauer hätte sagen können, und ohne Zweifel würde gesagt haben. Aber ich komme vo» unserm Eduard ab. Sie wissen sein grausames Ende. Er wollte vor Betrübniß und Kummer nicht bald genug sterben. Seine Wächter erhielten also Befehl, Hand anzulegen. Sie überfielen ihn, und steckten ihm eine Röhre von Horn in den Leib, durch welche sie ein glücndes Eise» sticssc», das ihm das Eiugcwcide verbrenne» mußte. Er starb uutcr de» cmsctzlichstc» Schmerzen; und sein Sohn ward überredet, daß er eines natürlichen Todes gestorben sey. Der Bruder dieses Unglückliche», uud der Oheim des jungen Königes, LLdmund Graf von Rcnt, hatte an der Veränderung der Regierung nicht geringen Antheil gchabt. Er hatte sich von den Kunstgriffen der Zsabclla hintergehen lassen, und erkannte es zu spät, daß er seiner brüderlichen Liebe, zum Besten einer Buhlcrin, und nicht zum Besten seines Vaterlandes, vergessen habe. Seine Grosmuth erlaubte ihm nicht, sich lange zu verstelle». Er ließ es Isabellen und ihrem TNorri- mcr gar bald merke», wie übel er mit ihrer Aufführung zufrieden sey; und da sei» Verhalte» soiist unsträflich war, so konnte» ihm diese nicht anders als mit List bcykommcn. Sie liessen ihm nehmlich durch Personen, die er für seine Freunde hielt, auf eine geschickte Art zu verstehen geben, daß sein Bruder Lduard noch am Leben sey, uud daß man seinen Tod aus keiner au- V. Theil, ein und achtzigster Brief. 217 der» Ursache ausgesprengt habe, als um den Bewegungen zuvor zu kommen, die seine Anhänger erwecken könnten. Sie fügten hinzu, daß er in dem Schlosse Corfe genau bewahret werde, und wußten dieses vorgegebene Geheimniß nicht allein durch verschiedene Umstände zu unterstützen, sondern auch durch das Zeugniß vieler angesehenen Personen zu bestätigen, unter welchen sich zwey Bischöfe befanden, die entweder sowohl als Edmund betrogen waren, oder ihn bekriegen halfen. Der ehrliche Lüvmund ließ sich in dieser Schlinge fangen, und faßte den Anschlag, seinen Bruder aus dem Gefängnisse zu ziehen. Er begab sich selbst nach Lorfe, und verlangte frey heraus, zu seinem Bruder gelassen zu werden. Der Befehlshaber des Schlosses stellte sich bestürzt, daß Evmunv von diesem,Geheimnisse Nachricht bekommen habe, und leugnete ihm gar nicht, daß Evuard in dem Schlosse sey, aber er versicherte ihm, daß cr die nachdrücklichsten Befehle habe, niemanden zu ihm zu lassen. iLdinunv verdoppelte sein Anhalten; der Befehlshaber bestand auf seiner Weigerung; endlich faßte jener den unglücklichen Entschluß, diesem ein Schreiben an den Gefangenen anzuvertrauen, in welchem cr ihm versicherte, daß cr mit allem Ernste an sciner Freyheit arbeiten wolle. Dieses Schreiben ward sogleich der Königin gebracht! Sie hatte ihren Zweck erreicht; Ldmnnd hatte sich strafbar gemacht. Sie vergrößerte ihrem Sohne die Gefahr, in der er sich durch die Ränke seines Oheims befinde; und kurz, Edmund verlor seinen Kopf. Nun darf ich Ihnen bloß sagen, daß nnscr Dichter diese gegen den LLdmnnd gebrauchte List, als eine Wahrheit angenommen, und das Schicksal des ncliäe seyn könne. Ich dächte Gottsched hätte sich immer auf seine Unschuld verlassen können. Kein Vernünf- tigcr wird in ihm den schalkhaften Doctor Ralph suchen. Eher möchte ich Dreyer für den Erfinder der verniinstigen Archäenwanderung, als Gottsched für den Nerf. des o, N. von diesem Jahre. °° Man ftl'c den zwey und neunzigsten Brief. °°° Soröe 1760, in groß Octav, funs Bogen. VI. Theil. Hundert und zweyter Brief. 223 wollte: so könnte ich leicht empfindlich werden. Und das wäre ein Sieg, den ich nicht gern einem Gegner über mich verstatten wollte. — Was Herr Basedow ans dem Titel wert'würdigc Beschuldigungen nennt, hcisscn einige Seiten weiter, offenbar falsche, grausame, bis zu einer seltnen Grausamkeit getriebene Beschuldigungen. Meine Eritik ist hart, bitter, lieblos, unbesonnen; und zwar so lieblos und so unbesonnen, daß man ohne Traurigkeit an ihre Existenz >zu unsern Feiten nicht denken kann. Sie ist ein Phänomenon, dessen Wirklichkeit man ohne einigen Beweis auf ein blosses IVort fast nicht glauben würde- Zch besitze eine schamlose Dreistigkeit. Zch verleumde. Zch habe abscheuliche Absichten. Ich habe das schwärzeste Laster begangen. Zch habe einen unglücklichen Lharakrcr. Zch verdiene den Abscheu der IVelt. Er wünschet aus Menschenliebe, daß ich mich den Augen der U?elr verbergen ksnne. Nun da! So einen Freund haben Sie! — Wie beredt ist die Menschenliebe des Herrn Basedow! Welch ein Spiegel hält sie mir vor! Er stehet hinter mir, und zeiget mir ein Ungeheuer darinn. Zch erschrecke, und sehe mich um, welcher von uns beyden das Ungeheuer ist. Diese Bewegung ist natürlich. Könnte man Härtcrc Dinge von mir sage», wenn ich mich auch des Hochvcrraths schuldig gemacht hätte? Wenn ich auch den Himmel gelästert hätte? Ich habe das schwärzeste Laster begangen. Ich habe einen unglücklichen Charakter. Ich verdiene den Abscheu der IVelt. Wer ist denn die Majestät, die ich beleidiget habe? „Alle Kenner, stößt Herr Basedow in die Trommete, „alle Kenner der itzigen Gelehrsamkeit der „Teutschen, wissen die Verdienste des Herrn Hofprcdigcr Lramers. „Der Verfasser der nach dem Bossuetschen Muster fortgesetzten „Weltgeschichte; der neueste und sorgfältigste Ausleger des Brie- „fes an die Hebräer; der geistliche Redner, der in unsern Tagen „kaum so viel Predigten schreibe» kann, als die Welt von ihm zu „lesen verlangt; der Ucbersctzer des Lhr^sostomus, welcher sci- „nem Originale gleicht, das er durch viele Anmerkungen und „Abhandlungen bereichert hat; derjenige, dem wir die beste „Uebersetzung der Davidischcn Psalmen in gcbundncr Schreib- 224 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. „art zu danken haben; der Verfasser des Schuizgeiffes; derjenige, der an dem Iünglinge, den Bremischen Beytragen, „und darauf erfolgten vermischten Schriften, einen ansehnlichen „Antheil genommen hat, endlich der Verfasser der meisten Stücke „des Nordischen Aufsehers, sind nur--ein einziger Mann, „welcher in der ersten Hälfte der gewöhnlichen Lebenszeit ein „solcher einziger Mann ist! — Sie sehen, Herr Basedow nimmt das Maul voll, er mag schmähen, oder er mag loben. Die Hyperbel ist seine Lieblings- figur in beyden Fällen. Dieser einzige Mann! Nicht zu vergessen; er war auch einer von den höllischen Bemühern, dieser einzige Mann! — Aber soll ich ungerecht gegen jemand seyn, weil ihn ein Schmeichler auf eine unverschämte Art lobt? Nein. — Herr Lramer ist allerdings ein verdienter Gottcsgclehrter; einer von unsern trefflichsten Schriftstellern. Aber Herr Lramer ist ein Mensch; könnte er in einer Wochenschrift nicht etwas gemacht haben, was ihm nicht ähnlich wäre? Und wenn ich das lind das an ihm mißbillige, verkenne ich darum seine Verdienste? Zch weis gar nicht, was Herr Basedow will. Für ihn schickte es sich am allerwenigsten, der Verfechter des Nordischen Aufsehers zu werden. Er hat Lobsprüchc darinn erhalten, die seine Unpartheylichkcit sehr zweifelhaft machen müssen. Zch beneide ihm diese Lobsprüchc nicht. Zch spreche sie ihm auch nicht ab. Aber man dürfte sagen: eine Hand wäscht die andere. Und noch mehr. Herr Basedow ist selbst einer von den Verfassern des Nordischen Aufsehers. Es würde inir ein Leichtes seyn, die Stücke zu nennen, die ganz gewiß niemand anders als Er gemacht hat: oder ich müßte mich auf die Schreibart wenig verstehen. Wenn man nun also vermuthete, daß es ihm nicht sowohl um die Wahrheit, nicht sowohl um die Ehre des Herrn Lramers, als um seine eigene Ehre, um die Ehre eines Buchs zu thun sey, in welchem er gerne wolle, daß ein ewiger Weyranch für ihn dampfe; eines Buchs, das er gewisser maasscn auch sein Buch nennen kann? Herr Lramer selbst findet sich ja durch unsere Critick bey weiten nicht so beleidiget, als ihn Herr Basedow beleidiget zu seyn vorgicbt. Denn er soll ihrer, in der Vorrede zu dem VI. Theil. Hundert li»d dritter Brief. 225 zweyten Bande, ganz gleichgültig erwähnt haben. Und warum nicht? Herr Lramer ist ein rechtschaffener Mann, den es auf keine Weise befremdet, wenn andere andrer Meinung sind, und er nicht immer den Beyfall erhält, den er sich überhaupt zu erhalten bestrebet. Diese lautere Quelle gebe ich seinem Betragen, ob ihm gleich Herr Basedow eine ganz andere giebt. „Die „Selbstvcrthcidigung, sagt er, wenn sie nicht zu unvollständig „scheinen sollte, müßte oftmals in einem Tone reden, der von „denjenigen, die alles, was sie sehen und hören, in Fehler „und Laster verwandeln, für den Ton einer verdächtigen ?u- „friedeNhcit mit sich selbst konnte ausgegeben werden. Ucbcr- „dcm Pflegen Seelen von einer gewissen Würde so wenig furcht- „sam und argwöhnisch zu seyn, daß sie, wenn ihre Unschuld in „einem gewissen Grade klar ist, bey der verständigen und billigen „Welt keine Verantwortung derselben zu bedürfen glauben." — Nicht doch! So ein grosses Air hat Herr Lramer gewiß nicht affcctiren wollen. Hätte er es aber affcctircn wollen, so hätte sein Freund keinen solchen Eommcntarium darüber schreibe» müssen. Er hätte es müssen darauf ankommen lassen, ob man diesen edlen Stolz, den Seelen vor» einer gewissen U?ürde haben, von selbst merken werde. Denn nur alsdcnn thut er seine Wirkung. Keine Großmuth will mit Fingern gewiesen seyn. Sind es gar die Finger eines Freundes, o so wird sie vollends lächerlich! zc. G. Hundert und dritter Brief. Auch nicht in der geringsten Kleinigkeit will mich Herr Basedow Recht haben lassen. Lieber stellt er sich unwissender als ein Kind, verwirret die bekanntesten Dinge, und verfälscht auf die hämischste Art meine Worte, die ich mit vielem Bedachte gewählt hatte. Ich babe gezweifelt, ob man dem Herrn Lramer ein poetisches Genie zugestehen könne. Ich habe aber mit Ncrgnügcn bekannt, daß er der vortrefflichste versificateur ist. Ich nehme beyde Ausdrücke so, wie sie die feinsten Kunstrichter der Engländer nnd Franzosen nehmen. „Ein poetisches Genie, sagt einer Lessings Werke >l. 15 226 Briefe, die ncuesie Litteratur betreffend. von den ersten, ° den ich eben vor mir liegen habe, „ist so auffcrordcntlich selten, tliat no eountr^ in tlio tuceoffion of manzs ilgos kas nroclucocl aliovo tlireo or four perfons tliat llotervo tliv title, "fko ma^ I>v vakil^ sounci; but tko Fc nuino z,oot, of a livol^ plaftle imagination, tlio truv W«^e?' of ^?e>tt is fo unoommon a z,io<1iM, tliat ano is almott tomutoll tn f»ufcii>>v to tlio o^inion of s!r William 1'omplo, ,vlierv Iiv „"tliat «fall tlio numbors of mankinil, tliat livo ^vitlii» „tlio comuats nf a tlioufaixl )oars, for onv mau tliat is dorn ea- „padlo of m-iIiinA a groat noot, tkoro mazs iiv a tlioutanä born „eanalilo nf maliinA as groat gonorals, or minittors of ftato, as „tlio mott leno'vnvcl in ttor^. Und ich habe ein Verbrechen begangen, daß ich gezweifelt habe, ob der Herr Hofpredigcr ein solcher anfscrordentlichcr Mensch ist? Wenn er es wäre: er wurde ganz sicherlich ein schlechter Hofpredigcr seyn. Eben dieser Engländer erkennet unter seinen Landslcutcn eigentlich nur drey Männer für Poeten, den Spenscr, den Schakespear, den Milton. Eben derselbe spricht Popen den Namen eines Poeten schlechterdings ab. Popen spricht er ihn ab, der unter so vielen vortrefflichen Werken, auch eine Ode aus die Musik gemacht hat, die wenigstens nicht schlechter ist, als die beste Lramerscbe Ode. Und wozu macht er dafür Popen? Eben dazu, wozu ich Lramcrn mache: zu dem vortrefflichsten Vcrsifi- catcur. Und ich habe Lramern geschmäht, daß ich ihn mit Popen auf Eine Bank setze? Ist denn ein Bcrsificatcur nichts als ein Reimer? Kann man der vortrefflichste versificaceur seyn, ohne ein Mann von vielem Witze, von vielem Verstände, von vielem Geschmacke zu seyn? Diderot, der neueste, und unter den neuen unstreitig der beste französische Kunstlichter, verbindet keinen geringern Begrif mit dem Namen eines Versificateurs. Hiiollo tliffereneo ontro lo Verfilieatour A Is poeto! Opvnclant c'?'»^s: ^»o ^'o /s /i/'e/nte?'.' /on ta/ent e/t i'ai's. Alais fi vnus faitos llu vorfilicatvur un ^nollon, lo pooto fora z,oni moi un Ijoreulo. Or fupnofes unv I^ro a la Main «Itlor- culo, <^ vous n'en forox pas un ^znollon. ^pvo^os un ^vollon ° Z^cr Verfasser des ess-iv »n iiw ^VrUinxs »niXZenius vk ?oxe, S. ttl. VI. Theil. Hundert und dritter Brief. 227 k»r nno m.illne; i'otle? f»i- fos enruiles la no.in .o-, «oxo? o-u xvoe-rT-xr-xt. Und der aufrichtige Herr Vafcdorv! Mit aller seiner Aufrichtigkeit ist er ein offenbarer FalsarinS. Ich habe, wenn Sie meine alten Briefe nachsehen wollen, Lraincrn den vortrefflichsten Versisicatcur gcncnnt: und Herr Vafedou? macht seinen Lesern weiß, ich hätte ihn nur einen guten Versificateur gcncnnt, nnd läßt° diese beyden Worte mit Schwabacher drucken, als ob cs mcine eigene Worte wären. Welch eine schamlose Dreistigkeit! mich seines eigenen Ausdrucks zu bedienen. Ist denn ein guter, mit welchem Beywortc man oft eine kalte Ironie verbindet, eben das, was der vortrefflichste ist, mit welchem Bcywortc sich leicht nichts zwcydcutigcs, nichts ironisches verbinden läßt? — Zeh sagc ferner: Lramer besitzt die bencidcnsrvürOlgste Leichtigkeit zu reimen; und Nasedorv läßt mich ihm nur eine beneidenswürSige beylegen. Ich brauche nicht gern einen Superlativum ohne Ursache. Und wo ich ihn brauche, will ich, daß mir ihn mein Gegner lasse, wenn ich an seiner Aufrichtigkeit, mit der er so pralet, nicht sehr zweifeln soll. Aber wie elend führt er, auch nach dieser Verfälschung, die Sache seines Freundes. Hören Sie doch nur. „Das poetische „Genie des Herrn Hofprcdigcrs, »nd besonders zu erhabenen „und zugleich lehrreichen Oden, ist zu bekannt, als daß der „Journalist mit Grunde hätte hoffen können, Beyfall zu fin- ° Seite 9. 15° 228 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. „den, da er es ihm despotisch absprach, und nichts als die „Vollkommenheit eines Ncrsiffcatcurs lassen wollte. — Es ist zn bekannt? Was ist denn zu bekannt? Daß in den Lramer- schcn Oden, (weil es doch mit aller Gewalt Oden hcisscn sollen) sich Genie zeiget? Das habe ich nie geleugnet. Aber Genie eines Ncrsistcatcurs, und nicht Genie cincs Poeten. Dieses spreche ihm ab; nicht jenes. Oder ich müßte glauben, daß man der Vortrefflichste in seiner Art seyn könne, ohne Genie zu haben. — Hören Sie doch den guten Basedow noch weiter: „Ob desselben drey Odciy im ersten Theile des Nordischen Aufsehers, Anlaß geben, ein solches Urtheil zu fällen, werden die „Leser aus folgenden Strophen sehen. — Aus einzeln Strophen will Herr Bascoorv beweisen, daß Gramer ein poetisches Genie habe? Und wenn diese Strophen auch die vollkommensten von der Welt wären; so könnten sie das nicht beweisen. Hier sind sie. Aus der Ode über die Geburt Christi. Erst wird er nicderknicn und streiten Der Löw aus Juda. Ewigkeiten Voll Ehre sind der Preis des Siegs! Er leidet, Gott uns zu »erfühlten, Taun werden ihm die Völker dienen, Wir sind die Beule feines Kriegs. Nun werden wir wieder den Himmel bewohnen, Uns, wenn wir nur kämpfen, erwarten auch Kronen! Wie herrlich ist der Sieger Lohn? O kämpfet, o kämpfet, uns krönet der Sohn. Aus der Ode über das Leiden Jesu. Ich, ewig hab ich es begehret, Ich habe, Vater, dich verkläret, Verklären will ich dich noch mehr. Ich dälte tief in Qual versunken, Schon mehr als einen Kelch getrunken, Zlch wie ist deine Hand so schwer? Allein ich will sie ganz vcrsühucn, Laß ste in diesen Wunden ruhn. VI. Theil. Hundert und vierter Brief. 229 Vergib, vergib, o Natcr, ihnen, Sie wissen, Herr, nicht was sie thun. Aus der Ode auf den Geburtstag des Rönigs. Da sie dem Throne nahe kamen, Ertont auf einmal ihr Gesang, Und alle nennten Friedrichs Namen, Und alle nennten ihn voll Dank: Uns hat Jehovah sein Leben, In einer der gnädigsten Stunden gegeben, Fleug unser Dank, fleug mit umher, Er, der ihn gab, gedenke Seiner! Wer liebt nicht seine Beherrscher? doch keiner Wird billiger geliebt, als Er. Können Sie sich des Lachens enthalten? Diese Strophen sollen beweisen, daß Herr Lramer ein Poet ist, nnd ich ein Verleumder bin? Bald bewiesen sie, daß ich ein Schmeichler wäre. Denn wenn nicht in sehr vielen Lramcrschen Oden, sehr viele, viel schönere Strophen wären: so wäre ich es wirklich, und ich würde mir es nimmermehr vergeben, daß ich einen solchen Sänger den vortrefflichsten Versificatenr genennct hätte. Zn diesen Strophen ist er kaum ein leidlicher. G. XX. Den 1Z. May. 1760. Hundert und vierter Brief. Ich habe geurthcilct: „Viele Worte machen; einen kleinen Gedanken durch wcitschwciffciide Redensarten aufschwellen; laby- rinthischc Perioden flechten, bey welchen man dreymal Athem hohlen muß, ehe man einen ganzen Sinn fassen kann: Das sey überhaupt die vorzügliche Geschicklichkcit desjenigen von den Mitarbeitern an dem Nordischen Aufseher, der die meisten Stücke geschrieben zu haben scheine." Soll ich mein Urtheil widerrufen, weil es Herr Basedow für eine Verläumdung aus- schrcyct? Es ist wahr, ich habe es mit keinen Beyspielen bestätiget. Aber mit wie vielen will er es noch bestätiget haben? Mit unzähligen? — Ich darf das Buch nur auffallen lassen, wo es auffallen will. — Aber, wer wird mir abschreiben helfen? Und o des armen Papiers, das ich so verschwenden muß! '.'3t1 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. — Was hilfts? Herr Vasevow hat einen zu starken Trumpf darauf gesetzt. Zch muß, liebe Hand. Also, z. E. „Große Beyspiele der Frömmigkeit und Tugend unter denen, welche „sich durch Geburt und Würden über andere Menschen erheben, sind „nicht allein so rührend, sondern auch so unterweisend und lehrreich, „daß »ach meinem Urtheile, selbst die, welche sie nicht nach ihrer gan- „zcn Grösse kennen, ans Ehrfurcht und Liebe gegen die Religion das „Andenken derselben zn erhalten und sortzitpstanzeu verbunden sind, „n»d von der blossen Furcht, nicht genug von ihnen sagen zu können, „nie zurückgehalten werden dürfen, öffentlich auszubreiten und zu rüh- „men, was sie davon wissen, wenn sich zumal alle Stimmen zn ihrem „Ruhme vereinigen. :c. „Vic Trunkenheit ist eine so schändliche Beleidigung der Tugend; „sie erniedriget den Menschen so tief; die Vernachlässigung und Ueber- „trctung der edelsten Wichten, ist bey ihren Ausschweifungen so im- „anSblciblich, und sie hat fo viele nachthcilige und unglückselige Einflüsse, nicht allein auf die Wohlfahrt derjenigen, welche sich dadurch „der schönsicn Vorzüge unserer Ratur berauben, sonder» auch auf das „öffentliche und gemeine Beste, daß sowohl der Menschenfreund, „als der parrior, unter einer dringenden Verbindlichkeit stehet, für „sichre und zuverlaßige Mittel besorgt zn seyn, einem so gefährlichen „Laster Grenzen zn setzen, und den ausschweifenden Gebrauch berauschender Getränke zn verhindern. :c. Wie gefallen Ihnen diese Perioden? — Aber sie könnten noch länger seyn. — O Geduld, ich will sie auch mir erst in Athem setzen. Da sind schon etwas längere. Z. E. „So sorgfältig sich auch Acltcrn in der Erziehung ihrer „Kinder bestreben mögen, sie von ihrer ersten Kindheit an zur Tugend „zu bilden, und alles zu verhindern, was ihr Herz verderben, oder „die angcbohrnc Unordnung desselben miterhaltcn nnd vermehren kann; „so nothwendig cS auch ist, sehr frühzeitig mit denselben, als mit „vernünftigen Wesen umzugchen, die des Nachdenkens und der Ueberzeugung fähig sind: So ist es dennoch beynahe unmöglich, diese „wichtigen Endzwecke ohne allen Gebrauch schmerzhafter Mittel zu „erreichen, ob es gleich eine eben so unläugbarc Erfahrung bleibt, daß VI. Theil. Hundert und vierter Brief. 231 „nach den von Natur sehr verschiedenen Charakteren der Kinder, einige „der Züchtigung mehr, und andere derselben weniger bedürfen. Lder: „So oft ich »nch zurück erinnere, wie sorgfältig mein Va> „ter schon in meiner frühsten Jugend den Geist der Frömmigkeit und „eine lebhafte Neigung, aus Gehorsam und Liebe gegen das höchste „Wesen, tugendhaft zu seyn, in meine Seele zu pflanzen suchte, und „wenn mir mein Gedächtniß sagt, vor welchen Ausschweifungen, zu „denen ich, gleich andern, starke Rcitzungcn und Versuchungen gehabt „habe, diese Neigung mich bewahret hat: so fühle ich mich allezeit „von den zärtlichsten Cmpfinduugcn der Dankbarkeit durchdrungen, ob „ich sie gleich dnrch nichts beweisen kann, als nur dadurch, daß ich „das Andenken seiner Gesinnungen erhalte, und durch sein Beyspiel „andere Vater anfmuntcre, Kinder, die sie glücklich zn machen wünschen, auf eine ähnliche Weise zu erziehen. Wie nun? — Welcher Schwall von Worten! Welche Theuerung an Gedanken! Gedanken? Daß man der schändlichen Trunkenheit stenrcn müsse; daß man die Rinder auch manchmal züchtigen müsse :c- Kann man abgcdroschncrc War- heitcn mit aufgeb lasen crn Backen predigen? — Mit diesen vier Perioden fangen sich vier verschiedene Stücke an. Und wenn ich Ihnen vcrsichre, daß sich dreyßig andere nicht viel erträglicher anfangen; daß in allen Mittel und Ende dem Anfange vollkommen gemäß sind; daß der Verfasser sehr oft mitten in seiner Materie noch weit schleppender, langweiliger, verworrener wird: werden Sie mir auf mein Wort glauben? Nicht? Ich begehre es auch nicht. Aber ihr Athem soll es empfinden. Lc? scn Sie; nehmen Sie dabey alle ihre Gedanken zusammen; und sagen Sie mir am Ende, was Sie gelesen haben. „Da sich, hebt das dreißigste Stück an, in unsern Zeiten die „Bestreitung, und Verachtung der Religion so weit ausbreitet, daß „sie auch die Gespräche des Umganges vergiftet; so ist cS für dicjeni- „gen, welche sich nach ihren äußerlichen Umständen in die Gesellschaften der grössern Welt cingcflochten sehen, nicht genug, mit den „Wahrheiten ihres Glaubens bekannt zu seyn, und die Gründe einzugehen, die einen vernünftigen Beyfall wirken. Wer Anfälle zu befürchten hat, der muß seine Feinde; er muß ihre Stärke, ihre Waffe», „und die Art, wie sie streiten, kennen, damit er sich zur Zeit des 232 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. „Kampfes desto glücklicher vertheidigen könne. Es scheinet zwar, daß „man von den Einwendungen wider die Wahrheit nicht unterrichtet „zu seyn brauche, sobald man sie nicht aus Lorurtheil und Gewohnheit annimmt; sobald man sie bekennt, weil es richtige, überwiegende „und unumstößliche Beweise waren, die unö überredeten. Allein, wenn „man diese Wissenschaft besitzt, und die Schwäche, die Nichtigkeit, und „besonders auch die Strafbarkeit der Einwürfe kennt: So hat man „weniger zu befürchten, daß die Ruhe unsers Verstandes in der „Wahrheit eine uucrwaricie und gewaltsame Erschütterung leiden werde; „unsre Vernunft ist selbst vor einer plötzlichen Unordnung und Verdunklung sichrer; man ist vorbereiteter und geübter, zu widerstehen, „und ist der rechtschaffene Mann, der seinen Glauben liebt, nicht „verbunden, denen zu widerstehen, welche die grossen Grundsätze desselben angreiffcn, und entweder durch künstliche und verblendende Schlüsse, „oder'durch Einfälle, welche voll Witz zu seyn scheinen, ihrer Würde „und zugleich ihres Nutzens zu berauben suchen? Vielleicht ist seine „Ueberzeugung so gewiß und unbeweglich, daß ihn keine Einwürffe „irren können; aber wenn er in irgend einem gesellschaftlichen Gespräche, durch solche Zudriiigungcn aufgcfodcrt, welche ihn verbinden, „beleidigte Wahrheiten zu vertheidigen, auf gewisse Einwürfe nicht „antworten kann; wenn er nicht fähig ist, ihnen ihren falschen Schim- „wer von Wahrheit und Vernunft zu nehmen, und das Falsche in „feindseligen Beschuldigungen zu entdecken: So wird er wider seinen „Willen die stolzen Verächter seines Glaubens in der Einbildung be- „stärken, daß sie diejenigen, die sich für verbunden achten, Religion „zu haben, weil übersehen; sie werde» sein Stillschweigen und die „Verwirrung, worein sie ihn brachten, für einen Triumph über sie „selbst halten, und den Schwächer» können sie vielleicht mit geringerer „Mühe zur Gleichgültigkeit gegen Warhciten verführen, die 'er nicht „genug schätzet, weil er sie nicht genug untersucht hat. :c. Was plaudert der Mann? Sie werden ihn schon noch einmal lesen muffen. Und wenn Sie denn nun sein Bischen Gedanken weghaben; wollten Sie sich nicht getrauen, cs mit dem siebenden Theile seiner Worte, eben so stark und schöner vorzutragen? G. VI. Theil. Hundert und fiiufter Brief. 233 Hundert und fünfter Brief. Nun frage ich Sie, wen» dergleichen labyrinthische Perioden, bey welchen nian dreymal Athem hohlen muß, ehe sich der Sinn schliesset; wenn dergleichen Perioden, die man geschrieben oder gedruckt, durch alle ihre verschränkte und vcrschraubtc Glieder und Einschiebsel, kaum mit dem Auge verfolgen kann, ohne drehend und schwindlicht zu werde»; wenn dergleichen Perioden nns von der bedächtlichc» langsamen Aussprache eines Kauzcl- rcdncrs Wort vor Wort zugezählet würde», ob wohl die feurigste Aufmerksamkeit, das beste Gedächtniß sie in ihrem ganzen Zusammenhange fassen, und am Ende auf einmal übersehen könnte? Nimmermehr. Was habe ich denn also für ein Verbrechen begangen, wenn ich gesagt habe, der Stil dieses Verfassers im Nordischen. Aufseher, „sey der schlechte Kanzclstil eines seichten Homileten, der nur deswegen solche Pucvmata hcrpre- dige, damit die Zuhörer, ehe sie ans Ende derselben kommen, den Anfang schon mögen vergessen haben, und ihn deutlich hören können, ohne ihn im geringsten zu verstehen?" Habe ich etwas anders als die strengste Wahrheit gesagt? Freylich ist das nicht der einzige schlechte Kanzclstil; freylich predigen nicht alle seichte Homileten so: sondern nur die seichten Homileten predige» so, die i» Mitternachts Rhetorik das Kapitel vo» de» zusammengesetzte» Periode» nicht ohne Nutze» studirct habe». Welche invidiösc Wendung aber Herr Basedow dieser meiner Eritik giebt, das ist ganz unbegreiflich. Alles nehmlich, was ich wider diesen vornehmste» Verfasser des Nordischen Aufsehers sage, soll ich wider dc» Herr» Hofprcdigcr Lramer gesagt haben. Von diesem, dem Herrn Hofprcdigcr Lramcr, soll ich mit schamloser Dreistigkeit, oh»c dc» gcrmgstc» Bc- weis gesagt haben: Sein Stil sey der schlechte Kanzelstil ci»cs seichte» Homilcten :c. — Träumt Herr Basedow? O so träumt er sehr boshaft. Was habe ich denn mit dem Herrn Lramer zu thun? Zst Herr Lramcr jencr vornchmste von mir getadelte Verfasser des Nordischen Aufsehers: so sey er es immerhin. War ich denn verbunden, cs zu wissen? — Doch nein; das will ich nicht einmal für 234 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. niich anführen. Zch will cS gewußt haben. — Geht denn das wider den Herrn Lramcr überhaupt, was widcr den Herrn Lramcr als Nordischeil Aufseher geht? Muß die Critik, die einzelne Blätter von ihm trist, alle seine Schriften treffen? Wenn ich zum vrcmpcl zu dem Herrn Vasedow sagte: Mein Herr, in dieser ihrer Ausdehnung meines Tadels, ist eben so wenig Billigkeit, als Verstand. Habe ich damit gesagt, in allen Basedowschen Schriften sey eben so wenig Billigkeit als Verstand? Zch habe immer geglaubt, es sey die Pflicht des CrilicuS, so oft er ein Werk zu beurtheilen vornimmt, sich nur auf dieses Werk allein einzuschränken,' an keinen Verfasser dabey zu denken; sich unbekümmert zu lassen, ob der Verfasser noch andere Bücher, ob er noch schlechtere, oder noch bessere geschrieben habe; uns nur aufrichtig zu sagen, was für einen Bcgrif sich man aus diesem gegenwärtigen allein, mit Grund von ihm machen könne. Das, sage ich, habe ich geglaubt, sey die Pflicht des Lriticus. Ist sie es denn nicht? Hätte ich zu verstehen geben wollen, daß der Vorwurf, den ich dem vornehmsten Verfasser des Nordischen Aufsehers, wegen seiner unleidlichen Schreibart mache, auch allen andern Schriften des Herrn Hofprcdigcr Lramers zu machen sey: so würde ich es gewiß ausdrücklich gesagt haben- ich würde den Herrn Lramcr dabey gcncnnt haben, so wie ich es ohne die geringste Zurückhaltung bey dem allgemeinen Urtheile über seine Oden gethan habe. Aber wie konnte ich das hier thun, da ich mir deutlich bewußt war, daß Herr Lramcr in seinen moralischen Abhandlungen, die in den bremischen Beyträgen und den vermischten Schriften zerstreuet sind, diese Schreibart nicht habe: daß er diese Schreibart von seinem Lhrysostomus und Dossucc nicht könne gelcrnet haben? Ob er sie in seinen Predigten hat, das weis ich nicht: denn diese habe ich nie gelesen. So viel aber weis ich, wenn er diese Schreibart in seinen Predigten hat, daß ich den Herrn Hofprcdigcr bctaurc; daß ich seine Zuhörer bclaure. Aber es kann nicht seyn; cs muß in seinen Predigten mehr Licht, mehr Ordnung, mehr nachdrückliche Kürze herrschen: oder er verkennet die geistliche Beredsamkeit ganz. Welcher Prophet, welcher Apostel, welcher Kir- VI. Theil. Hundert littd fünfter Brief. 235 chcnlehrer, hat jc das Wort des Herrn in solchen Ciccronischcn Perioden verkündiget? Zn Perioden, die Cicero selbst nur alS- dcnn flöchte, wenn er die Ohren einer nnwisscndcn Menge kützcln, wenn er gerichtliche Ränke brauchen, wenn er mehr betäuben, als überzeuge» wollte? Und im Grunde sind das nichts weniger, als Ciccronischc Perioden, die Arthur Ironsioe macht. Man suche mit Fleiß die allcrlängstcn aus den Reden des Römers, und ich will verloren haben, wenn man einen einzigen findet, in welchem alle Symmetrie sowohl unter den Worten, als unter den Gedanken so gewaltig vernachläßigct ist. Und nur diese Symmetrie, von welcher Arthur gar nichts weiß, macht die langen zusammengesetzten Perioden erträglich, besonders wenn sie eben so selten eingestreuet werden, als es die kurzen und einfachen bey ihm sind. Unterdessen muß bey dem Herrn Dascvou? Cicero doch derjenige seyn, dessen Beredsamkeit noch grössere Armseligkeiten dcS Arthur Ironsiöe decken, und wenn Gott will, gar in Schönheiten verwandeln muß. Sie erinnern sich der cckclhaften Ausdehnung des Gleichnisses von einem Menschen, der ein kurzes und blödes Gesicht hat. * Herr Zdascdow gesteht zwar selbst, daß dieses Glcichniß um fünf bis sechs Zeilen kürzer seyn könnte: Aber können Sie sich einbilden, was er gleichwohl davon sagt? ,/Ich gestehe cS, sagt er, einige grosse Schriftsteller, die mehr „Dcmosthcnisch als Tullianisch sind, würden hier ein so ausführliches Glcichniß nicht gewählt haben. Aber wer war grös- „scr, Tullius odcr Dcmosthcncs ? Viele gute Schriftsteller wür- „dcn dics Glcichniß nicht so haben ausführen können, wenn sie „auch gcwolt hättcn. Aber diese würden auch dadurch gczeigt „haben, daß ihnen eine gewisse Art der Grösse in der Bercdt- „samkcit fehle, die man an einem Lramer mit Ehrerbietung bewundert. — Da habcn wirs! Nun will ich gern nicht stärker in den Herrn Dascvoro dringen; nun will ich ihn gern nicht auffordern, mir doch ein ähnliches so ausgcrektcs Glcichniß bey dem Tullius zu zcigcn. Denn wenn er gestehen müßte, daß auch bey dem Tullius keines anzutreffen wäre, was hättcn wir ° Man sehe unsern funfzigsicn Brief. 2IK Briefe, die neueste Litlcratnr betreffend. „ach der einsichtsvollen Frage: Aber wer war grösser, Tullius oder Dcmosthencs? anders zu erwarten, als die zweyte Frage: Aber wer ist grösser, kLullius oder Lramer? — Lieber will ich bewundern, mit Ehrerbietung bewundern und schweigen. G- XXI. Den 22. May. 1760. Hundert und sechster Brief. Welche verräthcrischc Blicke Herr Basedow in das menschliche Herz schicssct! Auch meines liegt so klar und aufgedeckt vor seincii Augen, daß ich darüber erstaune. — Sie erinnern sich, daß mir das Blatt, in welchem der nordische Aufseher beweisen will, ein Mann ohne Religion könne kein rechtschaffener Mann seyn, misficl. Ich glaubte, es misficle mir deswegen, weil darin» von einem unbestimmten Satze unbestimmt raisonnirct werde. Aber nein, mein Misfallen hat einen andern Grund. Herr Basedow weiß, daß es mir deswegen misfallen habe, „weil in demselben einigen, die ich selbst für rechtschaffene Männer halte, dieser beliebte Name abgesprochen wird." Ich crschrack, als ich diese Worte zum ersten male las. Ich las sie noch einmal, um zu sehen, ob ich wenigstens nicht ein Vielleicht dabey überhüpft hätte. Aber da war kein Vielleicht. Was Herr Basedow weiß, das weiß er ganz gewiß. Allwissender Mann! rief ich aus; Sie kennen mein Herz so vollkommen, so vollkommen, daß — daß mir das ihrige ganz Finsterniß, ganz Räthsel ist. — Mag ich es doch auch nicht kennen! Die vornehmste Erinnerung, die ich dem Aufseher gegen seine Erhärtung eines so strengen Ausspruchs machte, war diese, daß er das Wort, ein Mann ohne Religion, in dem Beweise ganz etwas anders bedeuten lasse, als es in dem zu beweisenden Satze bedeute. Und diese Zweydeutigkeit habe ich eine So- phistcrcy gcncnnt. Der Text ist lustig, den mir Herr Basedow darüber liefet. Gesetzt, sagt er, daß es mit diesem Norwurfc auch seine Richtigkeit hätte: „ist es nicht ein menschlicher Fehler „der größten Philosophen, sich selbst durch eine unvermerkte „Zweydeutigkeit der Worte zu hintergehen? Niemand hat noch „eine Metaphysik ohne Fehler geschrieben, und ich getraue mir „zu sagen, daß die Fehler in dieser Wissenschaft mchrcnthcils VI. Theil. Hundert lind sechster Brief. 237 „aus der Zweydeutigkeit der Worte entstehen. Wer nur solche „Zweydeutigkeiten nicht mit Fleiß braucht, um andere zu verblenden, wer in ein solches Versehen nicht oft verfällt, wer „sich nicht, wenn man ihm seinen Fehler entdeckt hat, durch „neue Zweydeutigkeiten hartnäckig vertheidiget, der kann allemal „ein grosser nnd verehrcnswürdigcr Mann seyn, und dem kann „man, ohne Lust an gelehrten Schcltwortcn, nicht Sophistc- „reyen und Fcchtcrstrcichc vorwerfen. Sonst müßte kein ^.eib- „niiz, lVolf, XNosheim, ja kein grosser Mann, von seinen „Beurtheilen, mit Recht verlangen können, daß er mit solchen „unhöflichen Vorwürfen möchte verschont bleiben. — Ich verstehe von der Höflichkeit nichts, die Herr Nascvorv hier prediget. Er nennet gelehrte Scheltworte, was nichts weniger als Schcltworte sind. Wenn ein grosser Mann eine Sophisterei) begehet, und ich sage, daß er eine begangen hat: so habe ich das Kind bey seinem Namen gcncnnt. Ein anderes wäre cS, wenn ich ihn deswegen einen Sophisten nennte. Man kann sich einer Sophistercy schuldig machen, ohne ein Sophist zu seyn; so wie man eine Unwahrheit kann gesagt haben, ohne darum ein Lügner zu seyn; so wie man sich bctrinken kann, ohne darum ein Trunkenbold zu seyn. Herr Lramer ist ein grosser und verchrungs- würdiger Mann. Nun ja; und er soll es auch bleiben. Aber was verbindet mich denn, von einem grossen und vcrchrungswürdigcn Manne in dem Tone eines kriechenden Klienten zu sprechen? Und ist das der Ton, der einem grossen und vcrchrungswürdigcn Manne gefällt? Ein solcher Mann sieht auf die Warhcit, und nicht auf die Art, wie sie gesagt wird; und hat er sich wo geirrct, so ist es ihm unendlich lieber, wenn man ohne Umstände sagt: das und das dünkt mich eine Sophistercy: als wenn man viel von menschlichen Fehlern ver größten Philosophen präliminirct, und ihn um gnädige Verzeihung bittet, daß man es auch einmal so gemacht hat, wie er es macht, daß man auch einmal seinen eigenen Verstand gebraucht hat. So viel von der Höflichkeit meiner Erinnerung. Nun hören Sie wie Herr Basedow beweisen will, daß mein Tadel auch ungcgründct und falsch sey. Er analysiret in dieser Ab- 238 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. ficht das ganze Blatt; und es ist nöthig, daß ich Ihnen das Ekelet, welches er davon macht, vor Augen lege. „Satz: Reine Rcchtschaffenheit ist ohne Religion. „Erster Beweis, Ein Rechtschaffener sucht die Pflichten, die „aus seinen Verhältnissen gegen andere folgen, allesamt getreu und „sorgfältig zu erfüllen, lind man hat auch Pflichten gegen Gott, „welche ein Mensch ohne Religion nicht zn erfüllen trachtet. „Erster Zusay. Polidar, dessen unerschöpflicher Witz über Leh- „rcn spottet, die er niemahls untersucht hat, und Lehren lächerlich „macht, ohne sich darum zu bekümmern, ob sie es verdienen, ist „also kein rechtschaffener Mann, ob er gleich seine Zusage halt, und „zuweilen mitleidig ist, welches vielleicht noch eine Wirkung des iu der „Jugend gelernten Calechisinus seyn kann, den er nunmehr verachtet. „Zweiter Zusay. Der Mensch hat eine natürliche Neigung „zu denen Handlungen, die, wenn sie ans dem rechten Grunde geschehen, rechtschaffen hcissen. Aber diese Neigung ist im hohen „Grade schwach und unzuvcrläßig. „Zweyter Beweis, Ein Rechtschaffener mnß eine gründliche „Erkenntniß von den Gegenständen haben, gegen welche man recht- „ schaffen handeln mnß. Indem er zu dieser Erkenntniß kömmt, gelangt „er auch zur natürlichen Erkenntniß EotteS; und durch diese zum „Wunsche einer Offenbarung. Alsdann hat er die Pflicht, eine vorgegebene Offenbarung ohne sorgfältige Untersuchung nicht zu vcrwer- „fen, vielwenigcr zu verspotten. Thut er es, so ist er (vermöge des „ersten Beweises) nicht rechtschaffen. „Dritter Beweis. Wegen der Macht der Leidenschaften ist nicht „zu erwarten, daß ein Mensch, der weder geoffenbarte noch natürliche „Religion hat, die gesellschaftlichen Pflichten zu erfüllen geneigt sey, „und also in dieser eingeschränkten Bedeutung ein rechtschaffener Manu „seyn könne. Man hat aber bessern Grund es zu hoffen, wenn er die „Religion in seinem Verstände für wahr hält, und sein Herz zur „Ausübung derselben gewöhnt." Was für eine kleine, unansehnliche, gebrechliche Schöne ist der nordische Aufscher, wenn man ihm seine rauschende Einkleidung, seinen rhetorischen Flitterstaat, seine Kothurnen nimt. Eine solche Venus kann nicht sagen: Zch bin nackend mächtiger, als gekleidet. Gegen sie darf Minerva nur ihre Eule zu VI. Theil. Hundert lind sechster Brief, 239 Felde schicken. — Doch lieber keinen Witz! Herr Basedow ist ein Todfeind von allem Witze. Er erwartet Gründe; und wie können Grunde bey Witz bestehen? Erlauben Sie mir also, eine ganz trockene Prüfung der drey Beweise, wie sie Herr Basedow ausgezogen hat, anzustellen. — Vor allen Dingen muß ich wegen der Bedeutung des Worts ein Mann ohne Religion mit ihm einig werden. Ein Mann ohne Religion also, heißt entweder ein Mann, der kein Christ ist, der diejenige Religion nicht hat, die ein Ehrist vorzüglicher Weise die Religion nennet: Das ist die erste Bedeutung. Oder es heißt ein Mann, der gar keine geoffenbarte Religion zugiebt, der weder Christ, noch Jude, noch Türke, noch Chincser zc. weiter als dem Namen nach ist, der aber eine natürliche Religion erkennt, und die Warhcitcn derselben auf sich wirken läßt: Das ist die zweyte Bedeutung. Oder es heißt ein Mann, der sich weder von einer geoffenbarten, noch von der natürlichen Religion überzeugen können; der alle Pflichten gegen ein höheres Wesen läugnct: Das ist die dritte Bedeutung. Mehr als diese drey Bedeutungen sollte das Wort ein Mann ohne Religion nicht haben. Allein, ich weiß nicht wie es gekommen ist, daß man ihm auch eine vierte giebt, und einen Mann — ich will sogleich den rechten Ausdruck brauchen, — einen Narren oder Bösewicht darunter verstehet, der über alle Religion spottet. Nun lassen Sie uns sehen, auf welche von diesen vier Bedeutungen der erste Beweis passet. iLin Rechtschaffener sucht die Pflichten, sie ane seinen Verhältnissen gegen andre folgen, allesamt getreu und sorgfältig zu erfüllen. Und man hat auch Pflichten gegen Gott, welche ein Mensch ohne Religion nicht zu erfüllen trachtet. Gut. Aber was für ein Mensch ohne Religion? Zn der ersten Bedeutung? Nein. Denn ist er schon kein Christ, so erkennet er doch als Türke, oder Zudc :c. Pflichten gegen Gott, und trachtet diese Pflichten zu erfüllen. Zn der zwe/ren Bedeutung? Auch nicht. Denn auch dieser erkennet Pflichten gegen Gott, die er zu erfüllen trachtet, obgleich nur aus der Vernunft erkannte, und nicht geoffenbarte Pflichten. Ob es bey jenem die rechten Pflichten sind; ob sie bey diesem hinlänglich sind: Das ist hier die Frage nicht. Gc- 240 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. nug jener glaubt, daß es die rechten sind; dieser glaubt, daß sie hinlänglich sind. Also wird der Beweis wohl auf die dritte Bedeutung passen? Auf einen Menschen, der gar keine Pflichten gegen ein höchstes Wesen erkennet? Eben so wenig. Denn gegen diesen ist der gegenwärtige Beweis ein offenbarer Zirkel! Man setzt nehmlich das, was er leugnet, als bewiesen voraus, und bringt in die Erklärung der Redlichkeit Pflichten, die er für keine Pflichten erkennet. Sollte dieser Beweis gelten: so mag sich der Herr Hofprcdigcr Lramer in Acht nehmen, daß ihn ein Papist nicht gegen ihn selbst kehret, und :n der nehmlichen Form von ihm erhärtet, daß er kein gurcr Christ sey. Der Papist dürfte nehmlich nur sagen: lLin guter Christ suchet die Pflichten, die ihm seine Religion auflegt, allesamt getreu und sorgfältig zu erfüllen. Ü57un legt ihm diese auch Pflichten gegen den Pabst auf, die Pflicht nehmlich, dieses Oberhaupt der Rirche für untrüglich zu halten, roelche Herr Cramcr nicht zu erfüllen trachtet. Der Beweis wäre lächerlich; aber könnte Herr Lramer im Ernst etwas anders darauf antworten, als was der Mann ohne Religion in nnsrer dritten Bedeutung, zu seiner Vertheidigung vorbringen würde? Das ist unwidcrsprcchlich, sollte ich meynen. Also, zur vierten Bedeutung. Gilt der Beweis gegen einen Mann, der über alle Religion spottet? Hier giebt es zu unterscheiden. Entweder er spottet darüber, weil er von der Falschheit aller Religion überzeugt ist; oder er spottet darüber, ohne diese Ueberzeugung zu haben. Zn dem ersten Falle trift ihn der Beweis eben so wenig, als den Mann ohne Religion in der dritten Bedeutung. Zn dem andern Falle aber ist er ein Rasender, dem man schlechterdings die gesunde Vernunft und nicht bloß die Religion absprechen muß. Gegen diesen hat Herr Lramer Recht; vollkommen Recht: ein Rasender, ein Mann ohne gesunde Vernunft, kann kein rechtschaffner Mann seyn. Und das hat Herr Lramer mit seinem ersten Beweise bewiesen! Doch die Wahrheit ist mir zu lieb, als daß ich ihm hier nicht mehr einräumen sollte, als er bewiesen hat. Aus seinem Beweise erhellt es zwar nicht, daß derjenige, der über die Religion spottet, weil er von der Falschheit derselben über- VI. Theil. Hundert und sechster Brief. '.'41 zeugt ist, kein rechtschaffner Man» sey: aber dennoch ist cs wahr; er ist keiner. Allein er ist nicht deswegen kein rechtschaffner Mann, weil er keine Religion hat, sondern weil er spottet. Wer giebt ihm das Recht, über Dinge zu spotten, die unzählige Menschen für die heiligsten auf der Welt halten? Was kann ihn entschuldigen, wenn er durch Spöltcrcycn arme Blödsinnigc um ihre Ruhe, und vielleicht noch um ein mchrcres dringt? Er verräth Lieblosigkeit, wenigstens Leichtsinn; und handelt un- rcchtschaffcn an seinem Nächsten. Denn auch so gar ein Christ, der gegen Mahomctaner über den Mahomct spotten, weiter nichts als spotten wollte, würde kein rechtschaffner Mann scvn. Er lehre, wenn er glaubt, daß seine Lehren anschlagen werden; und sey überzeugt, daß jede Unwahrheit, die er aufdeckt, sich ohne sein Zuthun von selbst verspotten wird. Bey dem allen scheinet cs, als habe es Herr Lramcr selbst empfunden, daß er hier nicht eigentlich mit einem Manne ohne Religion, sondern mit einem Religionsspsttcr zu thun habe; und zwar auch nur mit diesem in so fern er spottet, und nicht in so fern er keine Religion hat. Denn was ist sein PoliSar, den er in dem ersten Zusätze seines Beweises, zu einem Ercm- pel eines Mannes ohne Religion macht, anders, als ein Rcli- gionsspötker? Und zwar noch dazu einer von den attcrdümmstcn, dem man unmöglich einen Funken Menschenverstand zugestehen kann; denn er spotlcr über kehren, die er niemals untersucht hat, und macht -L-chren lächerlich, ohne sich darum zu bekümmern, ob sie cs verdienen. Und das heißt ein Mann ohne Religion? Es gemahnt mich nicht anders, als wenn man einen Lahmen beschreiben wollte: ein Lahmer sey ein Mensch ohne Flügel. Der Beschluß künftig. XXII. Ten 29. Mal). 17K0. Beschluß des 106rcn Briefes. Ich wende mich zu dem zweyten Beweise. „Ein Rccht- „schaffncr muß eine gründliche Erkenntniß von den Gegen- „ständen haben, gegen welche man rechtschaffen handeln „muß. Indem er zu dieser Erkenntniß kömmt, gelangt er „auch zur natürlichen Erkenntniß Gottes; und durch diese Lessmgs Wcike vl lg »^VxM^I»« 242 Briefe, die ncnesic Litteratur betreffend, „zum Wunsche einer Offenbarung. Alsdann hat er die „Pflicht, eine vorgegebene Offenbarung, ohne sorgfältige „Untersuchung nicht zu verwerfen, viclwenigcr zu verspotten. „Thut er es; so ist er (vermöge des ersten Beweises) nicht „rechtschaffen. — Das ist ein Beweis? Und ein zweyter Beweis? Wenn doch Herr Basedow so gut seyn wollte, ihn in eine svllogistischc Form zu bringen. Doch cr fühlt es selbst, daß dieses Geschwätze auf den erste» Beweis hinausläuft; daß es weiter nichts ist, als der erste Beweis, auf den Rcligions- spöttcr näher eingeschränkt. Und i» wie fern der Satz von diesem gilt, darüber habe ich mich erklärt. Er gilt von ihm, nicht in so fern cr keine Religion hat, sondern in so fern cr spottet. Also dcr dritte Beweis: „Wegen der Macht der L.ciden- „schaftcn ist nicht zu erwarten, daß ein Mensch, der weder „geoffenbarte noch natürliche Religion hat, die gesellschaftlichen Pflichten zu erfüllen geneigt sey, und also in dieser „eingeschränkten Bedeutung ein rechtschaffner Mann seyn „könne. Man hat aber belfern Grund es zu hoffen, wenn „er die Religion in seinem Verstände für wahr hält, und „sein Herz zur Ausübung derselben gewöhnt. Auch dieses Raisonncmcnt ist kein Beweis unsers Satzes. Herr Basedow hat für gut befunden, meine Einwendung dagegen gar nicht zu verstehen. Ich sage nehmlich: Hier ist die ganze Streitfrage verändert; anstatt zu beweisen, daß ohne Religion keine Recht- schaffcnhcit seyn könne, sticht man nur taliter nu-Uitor so viel zu erschleichen, daß es wahrscheinlicher sey, es werde eher ein Mann von Religion, als ein Mann ohne Religion rechtschaffen handeln. Aber weil jenes wahrscheinlicher ist, ist dieses darum unmöglich? Und von dcr Unmöglichkeit ist gleichwohl in dcm Satzc die Rcdc: Es kann keine Rcchtschaffcnhcit ohne Religion scmi. Herr Basedow sagt selbst, es solle diesem Bcwcisc dcr zwcytc Zusatz zur Einleitung dienen. Und wie lautet der zweyte Zusatz? „Dcr Mensch hat eine natürliche Neigung zu denen „Handlungcn, die wenn sie aus dem rechten Grunde geschehen, rechtschaffen hciffen. Aber diese Neigung ist im >,hohen Grade schwach und unzuvcrläßig. Warum ist sie VI. Theil. Hundert und sechster Brief. 243 so schwach und unzuvcrläßig? IVegcn Vcr Gewalt Ver Leidenschaften. Und diese zu bändigen, das lehrt uns nur die Religion? Oder haben wir nicht auch hinlängliche (Gründe, unsere Leidenschaften der Vernunft zu unterwerfen, die mit unsern Verhältnissen gegen ein höchstes Wesen in gar keiner Verbindung stehen? Ich sollte es meinen. Haben wir nun dergleichen : so kann jene natürliche Neigung zu rechtschaffnen Handlungen, so schwach und unzuvcrläßig sie wegen der Leidenschaften immer scmi mag, wenn wir diese ihre Hindernisse ans dem Wege räumen, auch ohne Religion stark und zuverläßig werden. Und kann sie das, wie steht es um den Lramcrschcn Beweis? Ist es nicht offenbar, daß er ihn durch diesen Zusatz selbst untergraben hat? Herr 2dascVorv sage nicht: Aber die Religion giebt uns noch mehrere Gründe, unsre Leidenschaften zu bcmcistcrn zc. Das gebe ich zu. „Allein, habe ich damals schon erinnert, „kömmt es denn bey unsern Handlungen blos „auf die Vielheit der Vcwcgungsgrunde an? Beruhet nicht „weit mehr auf der Jntcnsion derselben ? Kann nicht ein einziger Vcwcgungsgrund, dem ich lange und ernstlich nachgedacht „habe, eben so viel ausrichten, als zwanzig Vewegungsgründc, „deren jedem ich nur den zwanzigsten Theil von jenem Nachdenken geschenkt habe? Wenn Herr Äascdou? das nicht versteht: so kann ich ihm freylich nicht helfen; und man muß ihm erlauben, so lange zu schwatzen als er will. Und wahrhaftig, sein Geschwätze erregt ordentlich Mitleiden. Er räumt es ein, daß ein Mann ohne Religion ein sehr unbestimmtes Wort sey; aber doch, meinet er, habe Herr dränier nicht nöthig gehabt, es zn bestimmen. Und warum nicht? „Der „Herr Hofprcdigcr, sagt er, trägt im Nordischen Aufscher „kein Svstcm vor, und hat die Absicht nicht, allen möglichen „Chicancn eines Widersachers auszuweichen. Sonst hätte er „allerdings ausdrücklich anzeigen müssen, ob er unter einem ,,ZNanne ohne Religion, einen solchen verstehe, der gar keine „hat, oder nur denjenigen zc. Kann man eine grössere Absurdität sagen? Deswegen, weil der Herr Hofprcdigcr kein System schreibt, darf er unter eben demselben Worte, bald das, bald 16» »«^«^/ // ><^^^^->Ä^a6?>??: 2-14 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. jenes vcrstcben? Herr 2dascdow wird nie ein System schreiben: ich wette darauf. I» dem ersten Beweise, fährt er fort, meinet Herr Cramer einen Mann ohne alle Religion, in dem zweyten einen leichtsinnigen Spötter der Religion; und in dem dritten wieder einen Mann ohne alle Religion. Als dem Verfasser eines Wochcn- blats, versichert er, sey ihm diese Nertauschung erlaubt gewesen; und ich verdiene den Abscheu der IVclr, und habe das schwärzeste Ä.aster begangen, weil ich Böscwicht geglaubt habe- „Der Nordische Aufseher müsse und wolle in dieser ganzen Abhandlung den Satz: ohne Religion ist keine Rechtschaffen- „heir, in einer und derselben Bedeutung verstehen.". Das habe ich leider geglaubt. Za ich habe sogar geglaubt, daß Herr Cramcr unter einem tNanne ohne Religion, blos einen Mann verstehe, der die christliche Religion in Zweifel ziehet. Denn ich Böscwicht setzte voraus, Herr Cramcr werde doch etwas haben sagen wollen; er werde doch lieber etwas falsches (das ihm aber wahr scheine), als gar nichts haben sagen wollen. Nun aber, da uns Herr Dascdorv sein Wort giebt, daß Herr Lramer wirklich gar nichts habe sagen wollen: muß ich mich freylich auf den Mund schlagen. Sie glauben nicht, wie ich mich schäme! Wollte doch der Himmel, Saß ich mich vor den Augen der N)clr verbergen könnte! G. Hundert und siebender Brief. Herr Lramern muß es also hier gegangen seyn, wie es allen gehet, die ihre Gedanken unter der Feder reif werden lassen. Man glaubt eine grosse Wahrheit erhascht zu haben; man will sie der Welt ins Licht setzen; indem man damit beschäftiget ist, fängt man selbst an, sie deutlicher und besser cin- zuscbcn; man sieht, daß sie das nicht ist, was sie in der Entfernung zu seyn schien; unterdessen hat man sein Wort gegeben; das will man halten; man dreht sich itzt so, ißt anders; man geht nnmcrklich von seincm Ziele ab; und schließt endlich damit, daß man etwas ganz anders beweiset, als man zu beweisen versprach; doch immer mit der Versicherung, daß man das Ncr- '_. ... ' « >i.M^V^,«t VI. Theil. Hundert lind siebender Brief. 246 sprochene bewiesen habe. ^ini,I,oia c»o,,it !»st!t»!, currcnte rota urecus ex!t. Ohne Religion kann keine Recktschaffenheit seyn! diesen grossen Satz wollte Herr Lramcr beweisen, um alle Gegner der Religion, wo nicht auf einmal in die Enge zu treiben, doch wenigstens so zu brandmarken, daß sich keiner seiner Entfernung' von der Religion mehr öffentlich rühmen dürfe. Der Borsatz war vortrefflich, und eines eifrigen GottcSgclchrlc» würdig. Schade nur, daß sich die Wahrheit nicht immer nach unsern guten Absichten bequemen will. Nicht will? O sie wird müssen; wir verstehen uns aufs beweisen. „Denn, sagt Herr Cramer, ein „Mensch, welcher sich rühmet, daß er keine Pflicht der Nccht- „schaffenhcit vernachläßige, ob er sich gleich von demjenigen bc- „ freyt achtet, was man unter dem Namen der Frömmigkeit „begreift, ist — ein L.ügncr, muß ich sagen, wenn ich nicht „strenge, sondern nur gerecht urtheilen will; weil er selbst gc- „stehcl, kein rechtschaffener Mann gegen Gott zu seyn." Da steht der Beweis; und er ist noch dazu schön gesagt. Nun will Herr Lramcr weiter gehen. Aber indem überlegt er seinen Beweis noch einmal: „Ein Rechtschaffener sucht alle Pflichten „zu erfüllen, auch die Pflichten der Religion; nun sucht ein „Mann ohne alle Religion diese nicht zu erfüllen, «".-^«i — „Denn er hält sie für keine Pflichten:" fällt ibm ein, ehe er sein IZi'K'o ausdcnkt. „Er hält sie für keine? das ist etwas „anders. So fällt mein Beweis in die Brüche. Ich striche „ihn gern ans, wenn ich nicht alles ausstrcichcn müßte. Zch „muß sehen, wie ich mir helfe." — Geschwind schlägt er also die Volte, und schiebt uns für einen Mann ohne alle Religion, einen Ncligionsspöttcr, einen Dummkopf unter, der über Kehren spottet, die er niemals untersucht hat. — „Und so einer „kann doch kein rechtschaffner Maun seyn? — Kein Mensch wird ihn dafür erkennen. — „Kein Mensch? Ja, nun habe „ich zu wenig bewiesen. Vorhin zu viel, izt zu wenig: wie „werde ich es noch machen, daß ich mich mit meinem frommen „Parodoro durchbringc?" — So denkt er, und schleicht sich stillschweigend aus dem Parodoro in die angrenzende Wahrheit. Anstatt zu beweisen, daß ohne Religion keine Rcchtschaffcnhcit !>46 Nrirfe, die ncuesie Littcralur betreffend. seyn könne, beweiset er, daß da, wo Religion ist, eher Nechtschaf- sciihcit zu vermuthen sey, als wo keine ist. Das, sage ich, beweiset er; versichert aber jenes bewiesen zu haben, und schließt. — Nun, ihr Herrn DascSoros, — — ^ovis t'iimmi caulu ol.-UL Iiliuiilito! Wie gesagt: so muß es Herr Cramern hier gegangen seyn. Er versprach etwas zu beweisen, wobey wir alle die Ohren spitzten, und eui-ronto calum« bewies er etwas, was keines Beweises braucht. Zch aber, der ich mir dieses von dem Herrn Lramer nicht so gleich einbilden konnte, that ihm dabey Unrecht, bloß weil ich ihm nicht gern Unrecht thun wollte. Zch glaubte nehmlich, er verstehe unter einem Manne ohne Religion, einen Mann ohne Christenthum; ich hielt ihn für einen übertriebenen Eiferer, um ihn für keinen Mann zu halten, der so schreibt, als es in der Hitze des Dispüts kanm zu reden erlaubt ist. G. Hundert und achter Bri'cf. Aber ich habe doch gleichwohl den Herrn Hofprcdigcr Cra- mcr zum Sociniancr machen wollen? Zch? Ihn zum Sociniancr? Arthur Ironsioe empfiehlt seinen Lesern die Methode, nach welcher ihn sein Natcr in der Kindheit den Erlöser kennen lehrte. Diese Methode bestand darinn, daß er anfangs von der Gottheit desselben gänzlich schwieg, und ihn bloß als einen frommen und heiligen Mann, und als einen Kindcrfrcund vorstellte. Zch mache hierüber die Anmerkung, daß ein Kind, so lange cs den Erlöser nur von dieser Seite kennet, ein Sociniancr sey. Folglich habe ich Herr Krämern zum Sociniancr gemacht? O Herr 25ascöoro! O Logik! Und hören Sie nur, was cr wider die Anmerkung selbst erinnert. „Das Kind, sagt cr, ist zu der Zcit, da cs Christum „als cincn Mcnschcufrcund, Wundcrthätcr und Lchrcr dcnkt, kein „Sociniancr; dcnn obgleich ein Sociniancr ihn auch so dcnkt, so „lcugnct dcrsclbc doch zugleich, daß cr auch Gott und ein wah- „rer Versöhner sey, und nur durch das letzte verdienet cr dcn „Namcn cincs Sociniancrs. — Nur durch das Lcugncn? Zst dcnn abcr das Lcugncn ctwas andcrs, als cinc Folge dcs Widerspruchs? Man fragc so cin Kind, das Ehristum nur als ei- VI. Theil. Hundert und achter Brief. 247 »tu Menschen kennet: war nicht Christus auch wahrer Gott 4 „Gott? das wüßte ich nicht." — Za, er war es ganz gewiß. — „Ach nicht doch; Papa, der mir so viel von ihm gesagt hat, „hätte mir das sonst auch wohl gesagt." Nun leugnet das Kind. Nun ist das Kind erst ein Sociniancr? Oder von einer andern Seite. Das Kind eines Sociniancrs, das den Lchrbc- griff seines Vaters ciiigesogcn hat, aber von keinen beuten weis, die Christum für mehr als einen grossen und heiligen Mann halten, das also mit diesen Leuten noch nie in Widerspruch gerathen können; das Kind ist kein Sociniancrs Armselige Ausflüchte! Nestor Ironside rechtfertigte seine Methode damit, daß man auch hier von dem Leichten und Begreiflichen zu dem Schwerern fortgehen müsse. Ich erkenne diese Regel der Didaktik; ich erinnere aber, daß dieses Leichtere, von welchem man auf das Schwerere fortgehen müsse, nie eine Verstümmlung, eine Entkräf- tung der schweren Warheit, eine solche Herabsetzung derselben seyn müsse, daß sie das, was sie eigentlich seyn sollte, gar nicht mehr bleibt. „Und daran, fahre ich fort, muß Nestor Iron- „side nicht gedacht haben, wenn er es, nur ein Jahr lang, „dabey hat können bewenden lassen, den göttlichen Erlöser sei- „nem Sohne blos als einen Mann vorzustellen, den Gott zur „Belohnung seiner unschuloigcn Rindhcir, in seinem dreyßig- „stcn Jahre mit einer so grossen Weisheit, als noch niemals „einem Menschen gegeben worden, ausgerüstet, zum Lehrer al- „ler Menschen verordnet, und zugleich mit der Kraft begabt „habe, solche herrliche und ausscrordentlichc Thaten zu thun, als „sonst niemand ausser ihm verrichten können. — In dieser Stelle habe ich, nach dem Herrn Basedow, nicht mehr als zwey Verfälschungen begangen. Denn er fragt: Stehr denn im Nordischen Aufseher etwas von einem Iahrlang? IVcrdcn daselbst die vortrefflichen Eigenschaften des -Heilandes, für eine Belohnung seiner unschuldigen Rindheir ausgegeben? Antwort auf die erste Frage: Das Zahrlang ist frc^ich mein Zusatz, aber ich sollte meynen, ein so billiger Zusatz, daß mir Herr Lramer Dank dafür wissen sollte. „Ein Kind, sagt „Herr Basedow, ist früher fähig zu fassen daß der Heiland '.'48 Briefe, die ncucslc Litteratur betreffend. „ein gehorsames Kind, ci» weiser lind nnschuldigcr Mann, ein ,,grosscr Lehrer, Wundcrthätcr und Menschcnftcnnd war, als „cs seine Gottheit und Erlösung fassen kann." Wie viel früher? Weniger als ein Zahr? So muß die Erkenntniß des Kindes mehr als menschlich zunehmen; oder der Ucbcrgang von dem einen Satze zu dem andern muß sehr gering und leicht scl,n. Ich Abscheu der Melk! Zch setze nur ein Zahr, wo ich vier bis fünf Jahre hätte setzen können. Antwort auf die zweyte Frage: Ja, allerdings läßt es der Aufseher den Nestor IrousiSe seinem kleinen Arthur sagen, daß die vortrefflichen Eigenschaften des Heilandes eine Belohnung seiner tugendhaften Kindheit gewesen wären. Nestor, sagt er, habe ihm crzchlt, wie unschuldig, wie lehrbcgicrig, wie fromm, wie gehorsam das Kind Ehristns gewesen sey. „Und darum, „läßt er ihn fortfahren, darum hätte er auch täglich an Weisheit und Gnade vor Gott und Menschen zugenommen; er „wäre die Freude, das Wohlgefallen und die Bewunderung al- „lcr seiner Freunde und Bekannten geworden, nnd Gott hätte „ihn endlich, nachdem er seine unschuldige Jugend in der Stille „und Zufriedenheit mit der Armuth und dem Mangel seiner „Aeltcrn zurück gelegt hatte, in seinem drcyßigsien Zahre mit „einer so grossen Weisheit ausgerüstet :c." Das ist eine zusammengesetzte norivcllis canjocutiv.1, lind das Darum, womit die Periode anfängt, muß auf alle Glieder derselben gezogen werden. Wenn ich also lese: Darum, roeil er ein so unschuldiges, lehrreiches, frommes, gehorsames Rind war, rüstete ihn Gott in seinem dreißigsten Jahre mit so grosser IVcis- hcit aus :c: so habe ich hoffentlich nicht falsch construirt. Und wofür hatte der junge Arthur die Wundcrgabe», womit Ehristns in seinem drcl)ßigstcn Zahre ausgerüstet ward, auch anders baltcn können, als für Belohnungen und Folgen seiner tugendhaften Kindheit ? Er wußte ja sonst nichts anders von Ebristo! G. ^ VI, Theil. 5>undcrt l»id neunter Brief. 24^ XXII. Den 6. JuniuS. 1700. Hundert und neunter Brief. „Warum verschweigt der Criticus die Rechtfertigung, die „Herr Lramer seinem Rathe (einem Kinde den Erlöser, vors erste nur als einen frommen und heiligen Mann vorzustellen) „wahr- „lieb um schwächerer Personen willen, als ein Journalist seyn „sollte, in demselben fünfzigsten Stücke zugefügt hat? — So fragt Herr BaseSow, und roahrlicli in einem Tone, daß ein treuherziger Leser daraus schwören sollte, ich hätte diese Rechtfertigung aus blosser Tücke verschwiegen. Und ich bin mir doch bewußt, daß ich sie aus blossem Mitleiden verschwiegen habe. Denn wie lautet diese Rechtfertigung? So wie folget: „Mein Vater fand selbst in der Offenbarung eine Anleitung zu einer „vorzüglichen Art des Unterrichts in diesen uns so nothwendigen und „uneiubchrlichcn Lehren, nnd zwar so wohl in der vortrefflichen Rede, „die Paulus vor den Athenicnscrn, als in der Schlitzrede, die er vor „dem Landpflcger Felix und dem Könige Agrippa hielt. In beyden „redet er von Christo: aber auf eine solche Art, die uns lehrt, wie „man diejenigen von ihm unterrichten müsse, die noch gar keine Er? „kenntnisse von seiner erhabenen nnd herrlichen Person haben. Er „schwieg mit einer bewundernswürdigen Weisheit in dem ersten Unter- „richtc, den er den Athenicnscrn gab, von den schweren und tiefsten „Geheimnissen des Christenthums. Er fieng damit an, daß er ihnen „einen Begrif von der Gottheit beyzubringen suchte. Die Schöpfung „und Regierung der Welt von Gott, nnd seine Vorsehung, die Schuldigkeit ihn kennen zu lernen, und seinen Gesetzen zu gehorchen, nnd „das künftige Gericht durch einen Menschen, den er dazu ersehen, „und deswegen von den Todten erwecke hätte, waren "die ersten Lehren, „die er ihnen verkündigte: und er wählte sie offenbar deswegen, weil „sie schon einige obgleich falsche Begriffe davon hatten. So wenig „sagt er das erstemal von Christo, ob er gleich genug sagte, ihre Reu- „begierde und Aufmerksamkeit zu reitzen. Lehren von einem tiefern „Inhalte würden eine ganz widrige Wirkung hervorgebracht, und ihren „Verstand nicht sowohl erleuchtet, als verblendet haben. Man sieht „diesen grossen Lehrer der Völker in seiner Schutzrcde vor Felir und „Agrippa eine ähnliche Methode beobachten, und ihn aus den Lehren 250 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. „von dem Heilande der Welt dasjenige aussuchen, was von einem „noch uiiunlcrrichtctcn verstände an: leichtesten gefaßt werden konnte. „Er machte ihnen Christum, welches besonders merkwürdig ist, zuerst „nicht als einen Versöhner, der für die Menschen eine vollkommene „Genugthuung geleistet hätte, sonvcrn als den Lehrer des menschlichen „Geschlechts bekannt, als den, der verkündigen sollte ein Licht dem „Volke Israel und den Heiden. „Diese Rechtfertigung (setzt Herr Basedow von dem Scinigen hin;») „ist vollkommen gründlich, nnd dem Criticus zu stark, als daß „er ihrer crwehncn dürfte. Man darf nicht sagen, daß das Apostolische Exempel deswegen, weil Heiden und Juden Meinungen hatten, „die den Geheimnissen des Christenthums gerade entgegen gesetzt wa- „rcn, einem stufenweise zunehmenden Unterrichte der Kinder nicht zur „Rechtfertigung dienen könne. Denn erstlich erhellet doch so viel dar- „aus, daß cS nicht ketzerisch sey, von Christo anfangs dasjenige zu „sagen, was weniger wunderbar ist, und vorS erste von dem Schwe- „reu und Geheimnisvollen zu schweigen. Fweyicns ist das llnvcrmö- „gen kleiner Äiuder, den Iln-druck der Geheimnisse zu verstehen, ge- „wiß eine eben so wichtige Ursache dieser Lehrart, als die Norurthcile „der Juden und Heiden. Herr Zöasedoro glaube ja nicht, daß ich auf diesem Einwürfe, den er sich selbst macht, und selbst beantwortet, bestehen werde. Und warum nicht? Weil cr eine Kleinigkeit als unstreitig voraussetzet, an der ich mir die Freyheit nehme, noch scbr zu zweifeln. An der ich zweifle? Die ich schlechterdings leugne. Und welches ist diese Kleinigkeit? Nur diese: daß Paulus bey besagten Gelegenheiten besagte Methode wirklich gebraucht habe. Dieses, wie gesagt, leugne ich. Urtheilen Sie, ob ich Grund habe. — Zuerst von der Rede des Apostels vor den Athcnicnsern. * Der Apostel wird vor Gerichte gcfuhret, und cr soll da sagen, rvas dieses für eine neue ^.ehre sc/, die cr lehre- Er fangt an zu reden; wirst ihnen ihren Aberglauben vor; dringet ans den wahren Begriff einer einzigen höchsten Gottheit, der ihren eignen. Weisen nicht ganz unbekannt gcwc- ° ZHostcla,. xvn. VI. Theil. Hundert und neunter Brief. 261 sen sey; und eilet zu der Sache zu kommen, die man eigentlich von ihm ;u wissen verlangt, zu seiner neuen Lehre. Die Worte, Und zwar h«r Gott die Zeit der Unwissenheit übersehen; nun »der gebeut er allen Menschen an allen Enden Vnsse zu thun; diese Worte, sage ich, sollen den Einwurf vorläufig beantworten, den man von der Neuheit seiner Lehre hernehme» könnte; und nun ist er auf einmal Mitten in seiner Materie: Darum, daß er einen Tag gesetzt hat, auf welchen er richten will den Kreis des Erdbodens mit Gerechtigkeit durch einen Mann, in welchem ers beschlossen hat und jedermann fürhält den Glauben, nachdem er ihn hat von den Todten auferweckr. Das sind die Sätze, über die er sich nunmehr weiter verbreiten will; die er den Athcnienscrn in der Folge seiner Rede näher erklären will. Aber was geschieht? Da sie hörten die Auferstehung der Todten, da Haltens etliche ihren Spott, etliche aber sprachen: wir wollen dich davon weiter hören. Es waren Theils Epikurcr, Theils Stoiker, die den Apostel vor Gerichte geführt hatten. Die Epikurcr spotteten; die Stoiker wurden kalt: jene lachen; diese gähnen: keiner besteht auf seiner Anklage, und also gieng Paulus von ihnen. Nun frag ich: wie kann man dieses für eine ganze, vollständige Rede des Apostels halten? Es ist ja offenbar nichts mehr, als der blosse Anfang einer Rede. Er ward unterbrochen; man wollte ihn nicht mehr hören, als er nun eben auf das kam, wovon Herr Lramer sagt, daß er es vorsctzlich mit einer bewundernswürdigen Weisheit in dem ersten Unterrichte verschwiegen habe. Verschwiegen? Verschweigt man das, wozu man uns nicht kommen läßt? Paulus erwähnt des Glaubens, erwähnt des Gerichts: aber seine Zuhörer gehen fort. Lag die Ursache also in dem Paulus, lag sie also in seiner didaktischen Klugheit, von dem minder Wunderbare» anzufangen, daß er ihnen von diesem Glauben nicht mehr sagte? daß er sie den Mann nicht näher kennen lehrte, durch welchen Gott den Kreis des Erdbodens richten wolle? Herr Cramcr macht, zu meinem nicht geringern Erstaunen, aus diesem Manne einen Menschen; aus diesem Manne, den Petrus mit einer ihm 25? Briefe, die nencste Litteratur betreffend. selbst am beste» bewußten Emphasis", den Mann von Gott nennt, einen Menschen. Ich möchte doch wissen, wie er diese Äcrtauschung bey unscrn Eregcten verantworten wollte. Sie ist ganz gewiß unverantwortlich! ob ich sie gleich für weiter gar nichts ausgeben will, als für eine Ucbcrcilung des Herrn Hof- prcdigcrs. Hatte Paulus weiter reden können, so würde sein zweytes Wort unfchlbar von der Gottheit dieses Mannes gewesen seyn. Denn er beobachtete in diesem Punkte die menschliche Klugheit des Herrn Hofpredigers so wenig, daß er schon vorher zu Athen auf Sem Markte alle Tage, zu denen, die sich bcrzufandcn, von der Gottheit Christi gesprochen hatte. Wie hätte sonst der heilige Geschichtschreiber hinzusetzen können: Etliche aber der Epicurer und Sroikcr Philosophi zankten mit ihm, und etliche sprachen: !Vas will dieser Lotterbube sagen? Etliche aber: Es siehet, als wolle er neue Götter verkündigen. Das machte, er harte das Evangelium von Iesu, und von der Auferstehung ihnen verkündigt. Man überlege die Worte: „Es scheinet als wolle er neue Götter verkündigen; das machte, er hatte ihnen das Evangelium von Jesu „verkündiget." Nichts kann deutlicher seyn. Folglich kann Herr Lramcr aus der obigen Rede für sich nichts schliesst». Erstlich, weil sie nicht der erste Unterricht war, den der Apostel den Athcnicnscrn gab; und zweitens weil es eine unterbrochene Rede war. Vielmehr kann man den Herrn Lramcr aus diesem Exempel förmlich widerlegen, weil es drittens offenbar ist, daß der Apostel gerade das Gcgcnlbcil von dem gethan hat, was er ibu thun läßt; daß er seinen Unterricht ohne Umschweife von der Gottheit Ehristi angefangen hat. Denn er schien neue Götter zu verkündigen, weil er ihnen das Evangelium von Jesu verkündigte. Ich hätte hier eine feine Gelegenheit, gelehrte Bücher zu plündern, und meinem Briefe selbst dadurch ein gelehrtes Ansehen zu geben. Aber wer betrachtet gern etwas durch ein Ncr- grösscrungsglas, was er mit blossen Augen deutlich genug sehen kann ? Erlauben Sie mir unterdessen, nur einen einzigen Mann ° Zlpostclz. ii, ss. VI. Theil. Hundert und ncunlcr Brief. 263 anzuführen, dessen exegetische Gelehrsamkeit ein wenig mehr ausser Zweifel gesetzt ist, als des Herrn Lramcrs oder meine. Es ist D. -Heumann. Herr Vasedow sey so gut, und lese dieses würdigen Gottcsgelchrtcn Erklärung der Apostelgeschichte, wenn er die Meinung seines Freundes von der obigen Rede des Paulus, Vers vor Ncrs widerlegt und verworfen finden will. Gleich Anfangs gedenkt der Doctor der Vorstellungen, welche Sebastian Sckmidt, und Franciscus Fabricius von dieser Rede des Apostels gemacht haben, und sagt: „Bcy- „dcn aber kann ich darinn keinen Beyfall gebe», wenn sie „glauben, es habe Paulus diese Rede an die Professoren der „Stoischen und Epicurischcn Weisheit gehalten, und daher die „Lehren der Vernunft von Gott oder der philosophischen Theologie vornehmlich vorgetragen. Der letztere, Fabricius, will „auch die Klugheit unsers heiligen Redners zeigen, und suchet „sie auch darinnen, daß Paulus Gott nicht den Gott Abra- „hams, Zsaacs und Jacobs gcncnnct, auch seine Lehren nicht „aus den Propheten, sondern aus heidnischen Poeten, bestätigt, „wie auch Zcsum nicht einmal mit Namen gcncnnt habe. „Wie unbcdachtsam ist doch dieses! Wird nicht auf diese Weise „Paulo fast eben die Klugheit beygelegt, welche die Jesuiten „in China ausüben, deren Vckchrungsklughcit von ihren cige- „nen Ncligionsvcrwandtcn gcmisbilligct wird? — Was sagen Sie zu dieser Stelle? Der Doctor will von keiner Dcb'ch- rungsklughcic wissen, die der Hofprcdigcr eine bewundernswürdige Meiehcir nennt. Er schwieg mit einer bewundernswürdigen Nleisheir in dem ersten Unterrichte, den er den Athcniensern gab, von den schweren und tiefsten Geheimnissen des Christenthums. Die Rede, die der Apostel auf dem Arcopago hielt, war der erste Unterricht nicht, den er den Athcniensern gab; und in dem vorhergegangenen ersten Unterrichte, sagt der Doctor ausdrücklich, „lehrte Paulus, Zcsus „sey der Sohn Gottes. ° Die Spötter nennten Zcsum einen „neuen und fremden, das ist, bisher unerhörten Gott. Sie „sagten neue Gotter, und mcintcn doch nur den von Paulo ° S. dessen Erklärung des ncucn Testaments, Teile 246 des sccystcn Theiles. 264 Nricfc, dic neueste Litteratur betreffend. „gepredigten Jesum. Diese Art zu reden ist gewöhnlich, wenn /,man indolmite redet zc. Eben so ausdrücklich behauptet der Doclor, daß Paulus in der gedachten Ncdc selbst, allerdings von den eigentlichen Glaubenslehren würde geredet babcn, wenn ihn das laute Gelächter der spöttischen Zuhörer nicht aufzuhören gezwungen hatte. Er erklärt dic letzten Worte ?r«;>?xr'>' ««crtv durch, die Glaubenslehren „allen Menschen „vortragen, und sie belehren, daß, dic Seligkeit zu erlangen, „der Glaubc an Jesum das cinzigc Mittcl sey. Er sagt nicht, daß der Apostel dcn Athcnicnscrn nur deswegen von cincm künftigcn Gerichte durch einen Mann, dcn Gott dazu ersehen, gcprcdiget, weil dieses eine Lehre gewesen sey, von welcher sie schon einige, obgleich falsche Begriffe gehabt hätten: sondern er sagt, daß es deswegen geschehen sey, weil Paulus durch diese drohende Vorstellung des Gerichts, seine Zuhörer aufmerksam machen, und bewegen wollen, daß sie dcn Beweis seiner göttlichen Gesandschaft von ihm verlangen möchten. „Diesen Be- „wciS, fährt der Dcctor fort, würde er ihnen übcrzcuglich gc- „ geben habcn, wenn sie nicht bald darauf mit spöttischem Schreyen ,,ihm in dic Rede gefallen wären, und dieselbe zu beschließen, „ihn genöthigt hätten, zc. Nun von des Apostels Schutzrede vor dem Landpflegcr Felix. — Auch in dicscr ist nicht die geringste Spur von der didaktischen Klugheit, welche dic Methode des Herrn Lramers entschuldigen soll. Und wie könnte es auch? Paulus hat darinn nichts weniger als die Absicht zu unterrichten, und seiner Lehre Prosclytcn zu schaffen: sondern er sucht einzig und allein die bürgerliche Klagc von sich abzulchncn, welche dic Iudcn gcgcn ihn crhobcn hatten. Er zeiget aus den Umständen der Zeit, daß dic Beschuldigung, als habe er einen Aufruhr erregen wollen, schon an und vor sich selbst unwahrscheinlich sey, und füget dic wahre Ursache hinzu, warum er von dcn Juden so verleumdet werde; darum nchmlich, weil er nach diesem lvege, Sei» sie cine Secte heissen, also dein Gone seiner Väter diene, daß er glaube allem, was geschrieben stehet im Gesetze und in den Propheten. Non dicscm IVcge sagt er alsdcnn nur auch ganz allgcmcinc Dinge, und wenig mehr als ohnge- VI. Theil. Hundert und neunter Brief. 255 sehr einen Einfluß auf den Charakter eines ehrlichen Mannes, eines ruhigen und wohlthätigen Bürgers haben konnte. Und dieses thut er, nicht um den Fclir zu grösser» Geheimnissen vorzubereiten, sondern blos um von ihm als Richter, bürgerliche Gerechtigkeit zu erlangen. Kurz, es ist mir unbegreiflich, wie Herr Lramcr in dieser Rede seine Methode hat finden können. Hätte er unterdessen nur einige Zeilen weiter gelesen; so wurde er gerade das Gegentheil derselben, auch hier gesunden haben. Nach etlichen Tagen aber, fährt der Geschichtschreiber fort, kam Felix mit seinem Ivcibe Dnisilla, die eine Iüdin war, und fodcrt Paulum, und hört ihn von dem Glauben an Christo, Da aber Paulus redet von der Gerechtigkeit, und von der Rcuschhcir, und von dem zukünftigen Gerichte, crschrack Felix und anr- roortcte: Gehe hinauf diesmal, rocnn ich gelegene Zeit habe, rvill ich dich her lassen rufen. Diese Stelle ist höchst merkwürdig. Felix und seine Gemahlin hören den Apostel von dem Glauben an Christo, von den unbegreiflichsten Geheimnissen unsrer Religion. Aber nicht über diese unbegrcislichc Geheimnisse erschrackcu sie; nicht diese unbcgrcislichc Geheimnisse hatten Schuld, daß sie nicht Christen wurden: sondern das strenge und tugendhafte Leben, auf welches der Apostel zugleich mit drang, das schreckte sie ab. Aber ich eile, auch noch ein Wort von der Schutzrcdc des Paulus vor dem Könige Agrippa, zu sagen. — Ich werde hier recht sehr auf meiner Hut seyn müssen, daß mir nicht ctw.is hartes gegen den Herrn Lramer cntfchrct. Seine ganze Theologie mußte ihn verlassen haben, als er schreiben konnte, „Pau- „lus habe Christum dem Agrippa, zuerst nicht als einen Versöhner, der für die Menschen eine vollkommene Gnugthuung „geleistet hatte, sondern als den Lehrer des menschlichen Geschlechts bekannt gemacht, als den, der verkündigen sollte „ein Al'cht dem Volke Israel und den -Heiden." Das ist zu arg! Hören Sie nur. Agrippa war ein Jude; also ein Mann, der mit dem Apostel in dem Begriffe von dem Mcßias übcrcin kam; also ein Mann, dem er nicht erst beweisen durste, daß Gott durch die Propheten einen Mcßias versprochen hahc; sondern den er blos überführen mußte, daß Jesus der versprochene Briefe, die neueste Litlenilur betreffend. Mcßias sey. Und dieses that er dadurch, daß cr zeigte, die Prophczeyungen, der Mcßias werde leiden müssen, werde der erste nntcr denen seyn, die von den Todte» auferstehen, diese Prophczcyungcn waren in Jesu erfüllt worden. Paulus schwieg also von der Göttlichkeit und Genugthuung des Mcßias hier so wenig, daß cr beydes vielmehr bey dem Agrippa voraussetzte. Leiden, Sterben, Auferstehen, ein Licht dem Volke und den Heiden verkündigen: alles dieses saßt der Apostel i» einen einzigen Perioden: und doch kann Herr Fiamer behaupten, daß er von Christo nur als cincm Lchrcr und nicht als einem Versöhner gegen den Agrippa gesprochen habe? Er lese doch nur: Daß Christus sollte leiden, und der iLrste se^n aus der Auferstehung von den iLodren, und verkündigen ein Luckt dem Volke uns den Heiden. Und das ist nun die Rechtfertigung, welche Herr VascSorv vollkommen gründlich, und mir zu stark nennet, als daß ich ihrer hätte erwähnen dürfen. Roch einmal: ich habe ihrer aus blossem Mitleiden nicht erwähnt. G. XXIV. Den 12. IuiiiuS. 1760. Hundert und zehnter Brief. Sie sind meine polemischen Briefe müde. Zch glaube cS sehr gcrn. Aber nur noch eine kleine Geduld; ich habe wenig mehr zu sagen, und will mich so kurz als möglich fassen. Wcnn Hcrr Trainer dic Rechtfertigung scincr Methode in der Offenbarung nicht findet: so kann cr sie nirgends finden, als in seiner guten Absicht. Diese will ich ihm nicht im geringsten streitig machen. Allein ein Projcctmachcr, wenn es anch cin lhcologischcr Projcctmachcr wäre, muß mehr als eine gute Absicht haben. Sein Projcct muß nicht allein für sich selbst practicabcl scyn, sondcrn dic Ausführung desselben muß auch unbeschadet anderer guten Verfassungen, dic bereits im Gange sind, gcschchcn könncn. Vcvdcs vcrmissc ich an dcm Projcctc des Herrn Lramcrs. Vors erste ist cs für sich selbst nicht practicabcl. Denn so cin Kind, das dcn Erlöscr erst als cincn frommen und heiligen Mann, als cincn Kindcrfrcund, soll kcn- »cn und lieben lcrncn, müßtc, so langc dicscr vorbcrcitcndc Un- VI. Theil. Hundert und zehnter Brief. 257 terricht dauerte, von allem öffentlichen und häuslichen Gottesdienste zurückgehalten werden; es müßte weder beten noch singe» hören, wenn es in den Schranken der mit ihm gebrauchte» Methode bleiben sollte. Arvcytcns streitet das Cramersche Projcct mit mehr als einer angenommcnen Lehre unserer Kirche. Ich will itzt nur die Lehre von dem Glaube» der Kinder »eiine». Herr Lramer muß wissen, was unsere Kirche von dem Glaube» der Kinder, auch scho» alsdcim, wenn sie noch gar keine Begriffe haben, lehret; er muß wissen, daß die Frage, die einem Täuflinge geschiehet: Glaubest du :c. mehr saget, als: willst du mit der?eir glauben:c- Und hier will ich abbrechen. Schließlich möchte ich den Herrn Zöasedoro, folgendes zu überlegen, bitten. Als ich in dem Nordischen Aufscher eine Methode angepriesen fand, die mir eine nnbchutsame Neuerung eines Mannes zu seyn schien, der die strenge Orthodoxie seinen guten Absichten aufopfert; als ich sie mit Gründen angepriesen fand, die den sorgfältigsten Eregctcn gewiß nicht verrathen; als ich den betäubenden, niederdonnernden Ausspruch, ohne Religion kann keine Redlichkeit seyn, damit verglich: war es nicht sehr natürlich, daß mir gewisse Gottcsgclchrtcn dabey einsiclcn, „die sich mit einer liebli- „chen Quintessenz aus dem Christcnthume begnügen, und allem „Verdachte der Frcydenkcrcy ausweiche», wcim sie von der Religion überhaupt nur fein enthusiastisch zu schwatzen wissen. Weder Herr Basedow noch Herr Lramer wird leugnen wollen, daß es dergleichen Gottcsgclchrtcn itzt dic Menge giebt. Wenn abcr jcncr meine allgemeine Anmerkung so auslegct, als ob ich sie schlechterdings aus diese» angewendet wissen wolle; so muß ich seine Auslegung für eine Caluinnie erklären, an die ich nie gedacht habe. Ich sage: „auch der Nordische Aufseher „hat cin ganzes Stück dazu angewandt, sich diese Mine der „neumodischen Rcchtgläubigkcit zu geben zc. Ist denn dieses eben so viel, als wenn ich gesagt hättc: Auch der Nordische Aufseher ist einer von diesen Rechtgläubigen? Ich rede ja nur von einer Mine, die er sich geben will. Ich sage ja nicht, daß er sich diese Mine aus eben der Ursache gebe» will, aus welcher sie jene führe». Zc»c führe» sie, um ihre Freydenker«) Lessings Wette vi. 17 2.68 Briefe, die ncuesie Litteratur betreffend. damit zn maskiren; und Er will sie annehmen, vielleicht weil er glaubt, daß sie gut läßt, daß sie bczaubert. Wenn eine neue Mode aus einer gewissen Bedürfniß entsprungen ist, haben darum alle, welche dieser Mode folgen, die nehmliche Bedürfniß? Haben alle, die einen Kragen am Kleide tragen, einen Schade» an ihrem Halse, weil ein solcher Schaden den ersten Kragen, wie man sagt, veranlaßt hat? G. Hundcrc und eilfter Brief. Die Verlegenheit, in die mich Herr Basedow in Ansehung des zweyten Mitarbeiters an dem Nordischen Aufseher, des Herrn Rlopstocks, mit aller Gewalt setzen will, hat mich von Grund des Herzens lachen gemacht. „Auch das fünf und zwanzigste Stück, sagt Herr Nasedorv, „von einer dreyfachen Art über Gott zu denken, dessen Verfasser der Herr Rlopstock ist, wird von dem Herrn Journalisten „sehr feindselig angegriffen. Er muß vermuthlich das Klop- „stockischc Siegel nicht darauf gesehen haben, wie auf andern „Stücken desselben Verfassers, von welchen er mit Hochachtung „redet. — Herr Basedow will vermuthlich hier spotten. Vermuthlich aber wird der Spott auf ihn zurück fallen. Denn gesetzt, ich hatte allerdings das Klopstockische Siegel darauf erkannt: was weiter? Hätte ich es blos deswegen, ohne fernere Untersuchung, für gut, für vortrefflich halten sollen? Hätte ich schliesscn sollen: weil Herr Rlopstock dieses und dieses schöne Stück gemacht hat; so müssen alle seine Stücke schön seyn? Zch danke für diese Logik. „Herr Rlopstock, heißt es an einem andern Orte, „so gewogen der Criticus sich demselben auch an- „stcllt ». Anstellt? Warum denn anstellt? Zch kenne den Herrn Rlopstock von Person nicht; ich werde ohne Zweifel nie das Vergnügen haben, ihn so kennen zu lernen; er wohnt in Kopenhagen, ich in *°; ich kann ihm nicht schaden; er soll mir nichts helfen: was hätte ich den» also nöthig, mich gegen ihn anzustellen? Nein, ich versichere den Herrn Basedow auf meine Ehre, daß ich dem Herrn Rlopstock in allem Ernste gewogen bin; so wie ich allen Genies gewogen bin. Aber deswegen, weil ich ihn für ein grosses Genie erkenne, muß er VI. Theil. Hundert und eilftcr Brief. '.'5<1 überall bey mir Recht haben? Mit Nichten. Gerade vielmehr das Gegentheil: weil ich ihn für ein grosses Genie erkenne, bin ich gegen ihn auf meiner Hut. Ich weiß, daß ein feuriges Pferd auf eben dem Steige, samt seinem Reiter den Hals brechen kann, über welchen der bcdächtlichc Esel, ohne zu straucheln, gehet. Wer heißt den Herrn Rlopstock pbilosophircn? So gewogen bin ich ihm freylich nicht, daß ich ihn gern philosophircn horte. Und können Sie glauben, Herr Zöasedou? selbst ist in dem gedachten Stücke nicht ganz mit ihm zufrieden. Sie wissen, was ich dagegen erinnert habe. Erstlich, daß er uns mit seiner dritten Art über Gott zu denken, nichts Neues sage; das Neue müßte denn darin» liegen, daß er das Senken nennet, was andere empfinden hcisscn. Das räumet Herr Dascöoro ein, und fragt blos: „Ob man denn über alte Dinge etwas neues sagen „müsse? Und ob denn Herr Rlopstock nicht das Recht gehabt „habe, das Wort denken anders zu nehmen, als es in der „üblichen Sprache einiger Systeme genommen werde? Ich selbst habe ihm dieses Recht zugestanden, und nur widcr den Irrthum, auf welchen er dadurch verfallen ist, protcstirct; als worinn mein zweier Einwurf bestand. Er sagt nehmlich, daß man durch die dritte Art über Gott zu denken, auf neue IVarheiren von ihm kommen könnte, wenn die Sprache nicht zu arm und schwach wäre, das, was wir dabey dächten, auszudrücken. Ich sage: keine neue Ivarhcircn! Und was sagt Herr DasedoroS ,/Zch gestehe, es wäre vielleicht nicht ganz abzuralhen gewesen, „den Ausdruck neue Marheitcn zu vermeiden, oder ihn vielmehr zu erklären." Das gesteht Herr Dasedoro, und doch zankt er mit mir. Ja freylich; wenn es erlaubt ist, allen Worten einen andern Verstand zu geben, als sie in der üblichen Sprache der Wcltwciscn haben: so kann man leicht etwas NcueS vorbringen. Nur muß man mir auch erlauben, dieses Neue nicht immer für wahr zu halten. Aber wieder auf das Vorige zu kommen: Hätte ich wirklich das Klopstocklsche Siegel aus dem gedachten Stücke nicht gesehen? O nur allzudeutlich; und ich dächte, ich hätte es auch nur allzudeutlich zu verstehen gegeben. Zch schrieb nehmlich: „Ich „verdenke es dem Verfasser sehr, daß Er sich bloß gegeben, so 17° 260 Briefe, die neiicsic Litteratur betreffend. „etwas auch nur vermuthen zu können. Dieses Er war nicht umsonst in dem Manuskripte unterstrichen, ward nicht umsonst mit Schwabacher gedruckt. Dieses LLr war Herr Rlopsrock. Denn Herr Basedow wird doch wohl wissen, wofür die Gorr- schcde und Hudcmanns den Herrn Rlopstock halten. Dieser Leute wegen that es mir im Ernste leid, daß Er eine Theorie verrathen habe, die ihren kahlen Beschuldigungen auf gewisse Weise zu statten komme. Und so wenig ich aus des Herrn Rlopstocks Philosophie mache, eben so wenig mache ich aus seinen Liedern. Ich habe davon gesagt: „sie wären so voller Empfindung, daß man oft „gar nichts dabey empfinde. Herr Basedow hingegen sagt von dem Liede, von welchem damals vornehmlich die Rede war: „Es ist, wie mich dünkt, ganz so gedankenreich lind schön, wie „die folgende Strophe. Jesus, Gott wird wiederkommen. Ach laß uns dann mit allen Frommen Erlöst zu deiner Rechten stehn! Ach du müssest, wenn in Flammen Tic Welt zerschmilzt, uns nicht verdammen! Laß alle kämpfen dich zu sehn! Dann setz auf deinen Thron Die Sieger, Gottes Sohn, Hosianna! Zur Seligkeit Mach uns bereit, Durch Glauben, durch Gerechtigkeit. Das nennt Herr Äascvow gedankenreich? Wenn das gedankenreich ist; so wundere ich mich sehr, daß dieser gedankenreiche Dichter nicht längst der Licblingsdichtcr aller alten Weiber geworden ist. Ist das der Dichter, der jenen Traum vom Sokratcs gemacht hat? Damit aber Herr ZdaseSorv und seines gleichen, nicht etwa meinen mögen, daß mein Urtheil über die Klopstockischcn Lieder, ein blosser witziger Einfall sey, so will ich ihnen sagen, was ich dabey gedacht habe. Es kann wahr seyn, dachte ich, daß Herr Rlopsiock', als er seine Lieder machte, in dem Stande sehr lebhafter Empfindungen gewesen ist. Weil VI. Theil. Hundert lind zwölfter Brief. 261 er aber blos diese seine Empfindungen auszudrücken suchte, und den Reichthum von deutlichen Gedanken und Vorstellungen, der die Empfindungen bey ihm veranlaßt hatte, durch den er sich in das andächtige Feuer gesetzt hatte, verschwieg und uns nicht mittheilen wollte: so ist es unmöglich, daß sich seine Leser zu eben den Empfindungen, die er dabey gehabt hat, erheben können. Er hat also, wie man im Sprüchwortc zu sagen Pflegt, die Leiter nach sich gezogen, und uns dadurch Lieder geliefert, die von Seiten seiner, so voller Empfindung sind, daß ein unvorbereiteter Leser oft gar nichts dabey empfindet. Der -Hamburgische Anzeiger sagt, es sey ihm dieses mein Urtheil eben so vorgekommen, „als ob jemand von Messings schönen Fabeln „urtheilen wollte, sie wären so witzig, daß sie oft ganz aberwitzig darüber würden. Der Herr versuche nunmehr, ob er in seine Znstanz eben den richtigen Sinn legen kann, der in meinem Urtheile liegt. Desto schlimmer aber für Messingen, wenn seine Fabeln nichts als roi-zig sind! G Hundert und zwölfter Brief. Herr Basedow — und nun werde ich seiner zum lctztcn- male gedenken, — wirft auf allen Seiten mit Lieblosigkeiten, mit Verleumdungen um sich; und der ^amburgische Anzeiger sagt, daß ein sehr niedriger Bcwegungsgrund mich aufgebracht habe, den Aufscher als ein höchst schlechtes Werk herunter zu setzen. Beyde Herren muß ein verborgenes Geschwür jucken, das sie mit aller Gewalt aufgestochen wissen wollen. Ihr Wille geschehe also. Ich wünsche, daß die Operation wohl bekommen möge. Erinnern Sie sich wohl des erdichteten Briefes, den der nordische Ausseher in seinem sieben und drcyßigstcn Stücke mittheilet? Vielleicht haben Sie ihn überschlagen. Ich meine folgenden. „Mein Herr! „Hoffentlich werden Sie sich doch, bey dem Schlüsse des ersten „Theils ihrer Blätter, in Kupfer stechen lassen. Ich habe Sie zwar noch „nicht gesehen, so oft ich sie auch auf unsern Spatzicrgangcn aufgesucht „habe, und ich habe ein scharfes Gesicht. Gewiß Sie entziehen sich „dem Publico allzusehr. Dennoch getraue ich mir, Sie vollkommen 262 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. „zu treffen. Das verspreche ich: Ihr Portrait soll keinem in der „Bibliothek der schönen Wissenschaften etwas nachgeben. Ein altes „saures Gesicht mit Runjeln, wie Gellcrt und ein anderer Dichter; „tiefsinnig; schief; auch ein wenig mürrisch; denn im Schatten bin „ich stark. Nicht wahr? Ich warte nur auf Ihre Erlaubnis, mein „Herr, um den Grabstichel in die Hand zu nehmen; die Platte ist „schon fertig. Ich mache auch Inscriptioncn in Prosa und Versen, „wenn Sie sie haben wollen. Ihr Verleger ist, wie ich höre, so eigen, „daß er Ihr Bild dem Werke, ohne Ihr Wissen nicht vorsetzen will. „Aber der wunderliche Mann! Er soll nicht dabey zu kurz kommen; „das Buch wird gewiß desto bessern Abgang haben. Nur muß er „meine Muhe nicht umsonst verlangen. „DaS will ich Ihnen noch im Vertrauen stecken: Ich kenne eine „etwas betagte reiche Wittwe, welche alle Augenblicke bereit ist, sich „in Sie zu verlieben, wenn Sie so aussehen, wie ich Sie zeichnen „will. Die Frau sieht nicht übel aus. Sie sind doch noch Witt- „wer? Ich bin Mein Herr Ihr unterthäiugstcr Diener Philipp Rauk. Kupferfleckcr. Ich frage einen jeden, dem es bekannt ist, daß der Kupferstecher, der ein Paar Portraits vor der Bibliothek öer schonen Wissenschaften gemacht hat, wirklich Rauke heißt, ob diesem Briefe das geringste zu einem förmlichen Pasquille fehlt? Zch wußte nicht, ob ich meinen Augen trauen sollte, als ich sahe, daß sich ein Mann, wie der Nordische Aufseher, der von nichts als Religion und Redlichkeit schwatzt, der es seiner Würde für unanständig erklärt hatte, sich mit der Satyrc abzugeben, daß sich so ein Mann so schändlich vergangen hatte. Gesetzt der Künstler spräche zu ihm: „Mein Herr, der sie so „eigenmächtig nicht Tadel, sondern Schande austheilen, darf „ich wohl wissen, wie ich zu diesem Brandmahle komme? Es „ist wahr, ich habe eines von den bewußten Portraits gestochen; „aber nicht aus freyem Willen, sondern weil es mir aufgetragen ward, weil mir die Arbeit bezahlt ward, und ich von „dieser Beschäftigung lebe. Zch habe mein Bestes gethan. „Allein man hat mir ein so schlechtes Gemählde geliefert, daß VI. Theil. Hundert l»it zwölfter Brief. '.'LZ „ich nichts besseres daraus habe machen können. Zch sage Zh- „nen, daß alle die Fehler, die sie in nicincm Stiche tadeln, „in dem Gemählde gewesen sind; und daß ein Kupferstecher „keinen Fehler des Gemähldes nach Gutdünken verbessern kann, „ohne in Gefahr zu seyn, die Achnlichkcit auf einmal zu vernichten. Was weis ich, ob Herr Gellcrt ein Adonis ist, „oder ein saures Gesicht mit Runzel» hat? Was weis ich, ob „der andere Dichter (den ich nicht einmal gestochen habe) schief „und mürrisch aussieht? Wir Kupferstecher stechen die Leute, „wie wir sie gemahlt finden. Und als Kupferstecher, sollte ich „meinen, hätte ich doch immer noch einen Stichel gezeigt, der „fester und kühner ist, und mehr verspricht, als daß er eine so „öffentliche Beschimpfung verdient hatte. Doch dem sey wie „ihm wolle. Wenn ich auch schon der allcrelendcstc Kupfer« „frecher wäre, warum gehen Sie aus den Schranken des kritischen Tadels? Warum muß ich noch etwas schlimmeres als „der elendeste Kupferstecher, warum muß ich ihr Rupplcr seyn? „Muß ich ihr Ruppler seyn, weil ihre Freunde das Unglück „durch mich gehabt haben, nicht so schön und artig in der Welt „zu erscheinen, als sie sich in ihren Spiegeln erblicken? Die- „ses einzige frage ich Sie: muß ich darum ihr Rupplcr seyn? — Wenn, sage ich, der Künstler zu dem Aufseher so spräche; was könnte der fromme, redliche, großmüthige Mann antworten? Herr Dasevoro möchte gar zu gern meinen Namen wisse». Gut; er soll ihn erfahren, sobald einer von ihnen, entweder Herr Lramcr, oder Herr Rlopstock, oder Er selbst, das Herz hat, sich zu diesem Pasquille zu bekennen. G. Siebenter Theil. XII. Ten 18. September. 1760. Hundert und sieden und zwanzigster Brief. Sie kennen doch den Aesopischen Zahnschreyer, Hermann Axel, den die Schweizerischen Kunstrichter vor einigen Jahren mit so vieler zujauchzenden Bewunderung austrommelten? Er unterschied sich von andern Zahnschreyern besonders dadurch, daß 2K4 L'ricfe, die ncucstc Litteratur betreffend. cr sehr wenig redte. Wenn er aber seinen Mund aufthat, so geschah es allezeit mit einer Fabel. Der schnackischc Mann war in der Schweiß überall willkommen; cr durste ungebeten bey den Tafeln und Gastmählern vornehmer und geringer Personen erscheinen; man hielt dafür, daß seine Zeche durch die Fabeln, die er unter die Gespräche mischte, iibcrflüßig bezahlt sey. Unter andern wußte cr schr viel von Gauchlingcn zu crzehlcn; wie die Gauchlingcr über ihre bösc Bach rathschlagen; wie die Gauchlingcr nicht Spitzhosen anstatt Pluderhosen tragen wollen; wie die Gauchlinger :c. Alle diese Gauchlingiana haben seine Freunde zu Papiere gebracht, und sie in den Freymüthi- gcn Nachrichten, in den Lnn'schen Briefen, in der Norrcdc zu M- v. K. Neuen Fabeln, zum ersten, zweyten, dritten, und der Himmel gebe, letzten male drucken lassen. Das alles wissen Sie. Aber wissen Sie auch, daß Hermann Axel noch lebt? Daß cr nunmehr auf seine eigene Hand ein Autor geworden ist? Daß cr cincn kläglichen Beweis gegeben, wie wirksam das Gift seiner Schmeichler auf seinen gelinden Verstand gewesen seyn müsse? Diese bösen Leute hatten ihn und den Acsopns so oft zusammen gcncnnt, bis cr sich wirklich für cincn zweyten Paläcus so-,- xcp«crxs '^o^iro^, ?! v rx-tv") gehalten. Nun fiel ^.cßingen vor kurzem ein, an dieser Seclcnwandcrung zu zweifeln, und verschiedenes wider die Arclische Fabclthcorie einzuwenden. Wer hieß ihm das? Er hätte die Schweizer besser kennen sollen. Er hätte wissen sollen, daß sie den geringsten Widerspruch mit der plumpsten Schmähschrift zu rächen gewohnt sind. -Hermann Axel spricht zwar wenig; aber cr kann desto mehr schreiben. Er wird eine Sündflulh von Fabeln wider ihn ausschütten. Er wird mit Stoppen und Rräurcrbündeln um sich werfen. Er wird-- alles thun, was cr wirklich in folgendem Buche gethan hat Acsjingische unäsopischc Fabeln: enthaltend die sinnreichen Einfälle und weisen Sprüche der Thiere- Nebst damit einschlagender Untersuchung der Abhandlung Herrn /!.cßingö von der Rnnst Fabeln zu verfertigen." ° plurarch im Lebe» des Solons. °° Zürich, bcv Orcll und Compagnie, in Octav. VII. Theil. Hundert und sieben lind zwanzigster Brief. Dieses Buch, welches um die Helfte stärker ist als die Leßiiigischcn Fabeln selbst, hat so viel sonderbare Seiten, daß ich kaum weis, von welcher ich es Ihnen am ersten bekannt machen soll. So viel läßt sich gleich aus dem Titel abncbmcn, daß es aus Fabeln und Abhandlungen bestehet. Jene sollen spöttische Parodicen auf /^eßings Fabeln seyn; und in diesen soll die Lcßingischc Theorie von der Fabel mit Gründen bcstrit- ten werden. Hermann Axel dünkt sich in Schimpf und Ernst maitro p-irr«-; er will nicht bloß die Lacher auf seiner Seite haben, sondern auch die denkenden Köpfe; er fängt mit Fratzcn- gesichtern an, und höret mit Runzeln auf. Aber woher weis ich es, werden Sie fragen, daß Hermann Axel der Verfasser von diesen Lcßingischcn unäsopischen Fabeln ist? Woher? Er hat sich selbst dazu bekannt, indem er verschiedene von den Fabeln, die ihm in den Eritischcn Briefen beygelegt werden, hier wieder aufwärmt, hier zum vicrtcmnalc drucken läßt. Mit was für Recht könnte er das thun, wenn nicht diese sowohl als jene seine wären; wenn er nicht beyde für Geburten von ihm erkannt wissen wollte? Lesen Sie nur gleich die erste Fabel, um alle die Beschuldigungen auf einmal zu übersehen, die er seinem rviizigen An- tagonistcn macht. IVirzig ist hier ein Schimpfwort, muß ich Ihnen sagen. Denn mit allem würde Ä.eßing vor ihm noch eher Gnade finden, als mit seinem Witze. Den kann er durchaus nicht leiden. Z?ie neue Fabel-Theorie- „Ich saß an einem iminnclnden Bache auf einem glatten Steine, „und rief die Muse an, die den Aesopus seine Fabeln gelehrt hatte. „Indem kam mit seltsamen BockSsprüngen eine Gestalt wie eines Fau^ „nus aus dem nahen Walde hervor; er kam gerade auf mich zu, und „sagte: Die Muse hört dich nicht, sie ist itzo beschäftiget einem „Poeten beyzustehcn, der den Tod Sauls und Jonalhans singt: Ich „will statt ihrer dir bey deiner Geburt helfen. Ich bin von dem Ee- „ folge der Musen, und diene den Poeten und Mahlern nicht selten „bey ihrer Arbeit; sie nennen mich tüziriccio, ich bin jener Geist -- illo ciens animos A peclora verlaus, 8^>irilu5 a cspreis inoniauls uomeu allo^itus. 266 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. „Die Deutschen haben mir noch keinen Namen gegeben, und nur „wenige von ihnen kennen mich. Ich machte eine tiefe Verneigung, „und sagte, daß ich bereit wäre, mit ihm auf die Fabeljagd zu gehen. „Diese Muhe, sagte er, können wir uns sparen; dafür wollen wir „im Aelian und SuidaS und AntoniuS LiberaliS jagen. Wenn wir „ihre Geschichten bald eher abbrechen, bald weiter fortführen, bald „einzelne Umstände herausnehmen, und eine neue Fabel darauf bauen, „oder eine neue Moral in eine alte Fabel legen, werden wir an Fa- „bclwildbrct niemals Mangel haben. Jede Folge von Gedanken, jeder „Kampf der Leidenschaften soll uns eine Handlung seyn. Warum „nicht? Wer denkt und fühlt so mechanisch, daß er sich dabey keiner „Thätigkeit bewußt sey? Zu derselben brauchen wir auch die innere „Absicht der aufgeführten Personen nicht, es ist genung an unserer Ab- „sicht. Nur laßt uns nicht vergessen, unserer Fabel die Wirklichkeit „zu geben mit dem tLs war einmal — Ich erlasse dir auch die klei- „uen sonderbaren Züge in den Sitten der Thiere. Du hast genung „an den allgemein bekannten, und diese magst du erhöhen, so weit „du willst, und sie so nahe zur menschlichen Natur bringen, als du „willst. Der müßte ein Dummkopf seyn, der deine Fabeln lesen wollte, „um die Raturgeschichte darinn zu studieren. „Gewiß, sagte ich, werden wir so Fabeln bekommen, aber eS wer- „den wohl Stoppische seyn? Um Vergebung, versetzte er, nicht Stov- „piscbe, sondern Leßingische: In diesen letzten Tagen ist Leßing den „Menschen geschenkt worden, Stoppens unvcrdante Fabcltheorie zu „verdauen, zu verbessern, und unter die scientifische Demonstration zu „bringen. Wir können ihm die Verantwortung überlassen. Er kann „sich mit Witz auShelfen, wenn cS ihm an Natur fehlt, und er hat „Unverschämtheit übrig, den Mangel an Gründlichkeit zu ersetzen. „Lasset uns, sagte ich, das Werk ohne Verzug angreifen. Hilf „mir, muntrer Capriccio, zu Reimen oder Hexametern, zu Gemählden, „zu Zeichnungen der Oerter, der Personen, der Stellungen, zu Ge- „ danke» die hervorstechen, zu Anspielungen. Fort mit dem Plunder, „versetzte er, den können wir gänzlich entbehren. Wozu braucht die „Fabel Anmuth? Willst du das Gewürze würzen? Kurz und trucken; „mehr verlangt unser Lehrer nicht; gute Prose — „entschuldige dich dann mit deinem Unvermögen, gieb deine Eril- VIl. Theil. Hundert und sieben und zwanzigster Brief. 267 „len für Lrakel, du wirst weder der t?rste noch der Letzte seyn, der „das thut-- „Alles, was er mir sagte, dünkte mich seiner sakrischen (Gestalt „und seinem bocksmaßigcn Namen zn entsprechen. Indessen folgte ich „ihm, und verfertigte auf einem Stein folgende Fabeln. Wic gefällt Ihnen das? Die Schnacke ist schnurrig genug; aber lassen Sie nns doch sehen, anf wie viel Wahrheit sie sich gründet. Erst eine kleine Anmerkung über den Capriccio. Der arme Capriccio! Hat der es nun auch mit den Schweißern verdorben? Noch im Zahr 1749, als sie uns die Gedichte dcS Pater Lcva bekannt machen wollten, stand Capriccio bey ihnen in sehr grossem Ansehen. Da war er der poetische Taumel; da war er der muntere Spürhund, der in einer schallenden Jagd, die das Hüfthorn bis in die abgelegensten dunkclnstcn Winkel der menschlichen Kenntnisse ertönen läßt, das seltsamste Wild aufjagt; da war er Alukis ArstiMmus Iiolpos; da hatte er dem Pater sein Gedicht auf den Rnabcn Jesus machen helfen; da hatte er auch deutschen Dichtern die trefflichsten Dienste gethan; den einen hatte er in einer zärtlichen Elegie seine Liebe derjenigen erklären lassen, „die ihm das Schicksal zu lieben auferlegt „und ihm ihre Gegenliebe geordnet, die er aber noch nicht kannte, „noch niemals gesehen hatte;" der andere war durch ihn in einer choriambischen Ode „bis in die Tiefen jener Philosophie „gelangt, in welchen er sich mit seinen Freunden noch als „Atomos, die allererst aus der Hand der Natnr kamen, erblickte, „bevor sie noch gebohrcn waren, doch sich nicht ganz unbewußt. Klein wie Theilchcn des Lichts ungesehn schwärmclcn, — wie sie — auf einem Lrangeblatt » Sich zum Scherzen versammelten, Im wollüstigen Schooß junger Aurikelchen Oft die zaudernde Zeit schwatzend beflügelten. Das alles war und that Capriccio bey den Schwcitzern 174!1. Und was lassen sie ihm j7sw thun? Schlechte Leßingischc Fabeln machen. Welche Ncrändcrung ist mit ihm vorgegangen? Mit ihm keine, aber desto grössere mit den Schwcitzcrn. Capriccio ist der Gefährte der Fröhlichkeit: Briefe, die neueste Litteratur betreffend. I^litl.i iii terra» slvllnlo ex oellieiv venit, <üui eomes ille oien8 i»n!ino8 <^ necloia versans, 8>>Ilitu8 a eaprols moutilnis nomen l>clentu8; und seit 1749 fanden die Schweißer für gut, mit der Fröhlichkeit, und zugleich mit ihrem ganzen Gefolge, zu brechen. Sie waren fromme Dichter geworden, und ihr poetisches Interesse schien ein ernstes, schwcrmüthigcs System zu fordern. Sie hatten sich andächtige Patriarchen zu ihren Helden gewählt; sie glaubten sich in den Charakter ihrer Helden setzen zu müssen; sie wollten es die Welt wenigstens gern überreden, daß sie selbst in einer patriarchalischen Unschuld lebten; sie sagten also zu der Fröhlichkeit: was machst du? und zu dem Capriccio: du bist toll! Vielleicht zwar lief auch ein kleiner Groll gegen diesen mit unter. Er war ihnen in dem ^7oah nicht munter genug gewesen: er hatte ihnen da nicht genug seltsames poetisches Wild aufgejagt. Denn wer weiß, ob nicht Capriccio einer von den Spürhunden ist, die nicht gern ins Wasser geben; und besonders nicht gern in so gefährliches Wasser, als die Sündflnth. Da dachten die Schweißer: willst du uns nicht, so wollen wir dich auch nicht; lauf! Man höret es zum Theil aus ihrem eigenen Geständnisse. Einer von ihren Poeten singt ißt den Tod Sauls «no Ionachans: ist Capriccio bey ihm? Nein. Die Muse nur ist bey ihm; und Capriccio schärmt indessen, ich weiß nicht wo herum, ob es gleich von ihm weiter heißt: - piotoi-ilius ille Intoi cluui aNtteiis onoi!, neo leznlus iristims Vatilius aiilo i>li»8, klulis Aiatil^imus Ilotnv8. Zch sorge, ich sorge) die Muse folgt ihrem Capriccio nach. Noch eine Messe Geduld, und wir werden es sehen. Wenn sie sich doch ja mit ihm wieder aussöhnten! Da war es mit den Schweißern noch auszuhalten, als Capriccio ihr Freund war. Da durste ^.cmcne ungeschcut vor ihnen singen: Voiie! eller no l'lnkoino, I^Ia con lanlalo uel rio, HI» clie 'l rio kolle Va^i-iig. »Iii noii tuL-rille inai 6ul Inlirn mi«. VIl. Theil. Hundert und siebe» und zwaiijigsicr Brief. 269 Es war ein allerliebster Einfall! Denn der Einfall kam vom Capriccio. Seit dem kam der Einfall ES donnert! Trink und sich auf mich! ZcvS ist gerecht; er straft das Meer: Sollt er in seinen Nektar schlagen? allem Ansehen nach, zwar anch vom Capriccio: allein Capriccio steht nicht mehr bey ihnen in Gnaden, und Ä.csiing ist ein profaner Böscwicht. Aber zur Sache. „Laß uns, muß Capriccio sagen, im „Aclian und Suidas und Antonius Libcralis jagen." Was will -Hermann Axel damit zu verstehen gebe»? Offenbar, daß Messing seine Fabeln nicht erfunden, sondern aus diesen alten Schriftstellern zusammen gestoppelt habe. Es ist wahr, er führet sie in seinem Verzeichnisse an: allein wer diese Anführungen untersuchen will, wird finden, daß nichts weniger als seine Fabeln darinn enthalten sind. Kaum daß sie einen kleinen Umstand enthalten, auf welchen sich dieser oder jener Zug in der Fabel beziehet, und den er dadurch nicht ohne Autorität angenommen zu haben erweisen will. Die Wahrheit zu sagen, hätte ich es selbst lieber gesehen, wenn uns K.cßing diese kleine gelehrte Brocken erspart hätte. Wem ist daran gelegen, ob er es aus dem Aclian oder aus der ^een-» pliilologica hat, daß z. E. das Pferd sich vor dem Kamcclc scheuet? Wir wollen nicht die Genealogie seiner Kenntniß von dergleichen bekannten Umständen, sondern seine Gcschicklichkcit sie zu brauchen, sehen. Zudem sollte er gewußt haben, daß der, welcher von seinen Erfindungen, sie mögen so groß oder so klein seyn als sie wollen, einige Ehre haben will, die Wege sorgfältig verbergen muß, auf welchen er dazu gelangt ist. Nicht den geringsten Anlaß wird er verrathen, wenn er seinen Vortheil verstehet: denn sehr oft ist die Bereitschaft diesen Anlaß ergriffen zu haben, das ganze Verdienst des Erfinders; und es würden tausend andere, wenn sie den nehmlichen Anlaß gehabt hätten, wenn sie in der nehmlichen Disposition ihn zu bemerken, gewesen wären, das nehmliche erfunden haben. Unterdessen kömmt es freylich noch darauf an, 270 Briefe, die neueste Litteratur betreffend. ob die Stelle,,, welche L.- anführt, dergleichen Anlasse sind. I. E. Sie erinnern sich seiner Fabel Die Furien. >s. Band I, S. Diese Fabel ist die einzige, bey welcher -L.. den Suidas anführet. Und was stehet im Suidas davon? Dieses: daß «ec- 7r«9^t>o-,- (immerfungfer) ein Beynahme der Furien gewesen sey. Weiter nichts? lind doch soll dem Suivas mehr als /!.eljlngcn diese Fabel gehören? So jagte cr in dem Suidas um diese Fabel zu finden? Ich kenne den Suidas auch; aber wer im Suidas nach Anfällen jagt, der dünkt mich in England nach Wölfe» zu jagen! Ohne Zweifel hatte cr also einen ganz andern Anlaß diese Fabel zu machen; nnd sein Capriccio war nur innntcr genug, das ^iro-p^-vo? auszustöbcrn, und es in diesem gelegenen Augenblicke bey ihm vorbey zu jagen. Die Fortsetzung folgt. XIII. Teil 26. Septembr. 1760. Beschluß dcs hundert und sieben und zwanzigsten Briefs. Ich wüßte auch kaum zwey bis drey Ercmpcl anzuführen, wo A.- seinen alten Währmänncrn mehr schuldig zu seyn schiene, als cr dem SuiOas in dieser Fabel von den Furien schuldig ist. Hingcgcn könnte ich schr viele nennen, wo cr sie ganz vor langer Wcile citirt, und man cs ihm zu einem Verdienste anrechnen müßte, wenn cr seine Erdichtungen wirklich aus den angeführten Stcllcn hcrausgewickclt hätte. Hermann Axel muß es nach der Hand auch wohl selbst gemerkt haben, daß es so leicht nicht ist, in den alten Elassicis zu jagen, ohne ein gelehrter Wilddieb zu werden. Dcnn sein Capriccio verspricht eS zwar zu thun; am Ende aber sieht man, daß cr wcdcr im Sui- Sas, noch im Aclian, sondern in den Schriften des Genfer Rousseau, in 2örorons ^ttimaw, in Popens Briefen gejagt hat. Nun habe ich zwar alle Hochachtung gegen dicsc Männcr, und sie sind unstreitig grösser, als jene staubigtc Eompilatorcs: allein demohngeachtcr ist es weniger erlaubt sich aus solchen Männern, als aus jenen Alten zu bereichern. Denn dieses nennt das Publicum, welches sich nicht gern ein Vergnügen VII. Theil. Hundert »nd siebe» lind zwaiijigster Brief. 271 zweymal in Rechnung bringen läßt, verborgene Schätze graben; und jenes mit fremden Federn stolzieren. Doch damit ich Axeln nicht verleumde: eine einzige Fabel (weil er es doch einmal Fabel nennt) finde ich, die er einem Alten zu danken hat; und zwar dem bekannten Schulbüchclchen des Plutarchs, wie man mit jungen teuren die Dichter lesen soll. Zch sage zu danken hat; denn sagen hat er sie nicht dürfen: das Thier war zahm genug, sich mit der Hand grciffcn zu lassen. Es heißt bey dem Plnrarch: tXo>^vo-,- o irotrjT'^? x^x^/xv, xpxuii^, 5« /»I^ xpx«, ^Ft<5« x^-e, xoil !^An^lt)v, t^^^xi.', xxxluot^ «7rocs>«l u^cr^at ?r«j>u>^rri>, T'i^? x«pc5t«-,- T'kzv 'l^irxpui«u xvo-cv'^^T'o^jxx'v -^ir«^- X^lV. v^l 6x cp^acrorpl« Xx)/o^i.xT>u)V, o-, « veot ?c>l-; (soxo^ivt cpl^ocrocpu)^, ^^Fx «iro criro^<5^ VIk. Theil. Hundert lind sieben li»d zwanzigster S'ricf. 273 „chcn aus der Tasche, und betheuerte, dafi crs von dun Marmor herunter geschlagen hatte, von welchem der Pallast erbauet worden." Was ist das anders, als das Mährchcn des -Hicroklcs von dem Scholastiker, welcher sein Hans verkaufen wollen? xoc? »tXtcci.' ?rui).k>>>, ^l^ov «?r' «i^?«^? cll; lsx^o.« ir^temxpx. Zch habe oben dic Lcssingischc Fabel von den Furien angeführt. Um keine andere abschreiben zu dürfen, erlauben Sie mir, Ihnen an dieser zn zeigen, wie glücklich Axcl parodirct, wann er seinen Gegner von der Seite der Moral verdächtig machen will. Erst frage ich Sie: was hat -L.. wohl mit seinen Furien haben wollen? Was anders, als daß es eine Art von wilden Spröden giebt, dic nichts weniger als liebenswürdige Muster der weiblichen Zucht gcncnnt zu werden verdienen? So offenbar dieses ist, so wenig will es ihm doch Axcl zugestehen, sondern glaubt diese Moral erst durch nachstehende Fortsetzung hinein zu legen. Unempfindlichkeit ist nicht strenge Zucht. „Hast du dic drey strengen, züchtigen Mädchen noch nicht gcfnn- „den, Iris, die ich dir befahl zu suchen, damit ich der Lenus Hohn „sprechen könnte? Also fragte Juno die Bothschaftcrm des Himmels. „Ich fand sie, antwortete Iris, aber sic waren schon vergeben; „Merkurius hatte sie zum Pluto geführt, der sie für Furien brau- „chen will. Für Furien, diese Tugendhaften? sprach Juno. O, verhetzte Iris, vollkommen strenge; alle drcye hatten den geringsten „Funken in ihren Herzen ersticket, alle dreye haben niemals einer „Mannsperson gelächelt. Die Göttin machte grosse Augen und verhetzte: du hast mir diesmal einen schlechten Bcgrif von deinem Lcr- „ stände gemacht, und deine Moral ist mir verdächtig, indem du Tu- „gend, Keuschheit und Zucht mit Mcnschenhaß uiid Unempfindiichkcit „vermischest. Geliert soll mir die suchen, die ich verlange. Der seltsame Axcl! Also muß man dem Lcscr nichts zu denken lassen? und das Eompliment, das Gcllerr hier bekömmt! Er, den die Schweißer ehedem, wie Messingen, mit Stoppen in eine Elassc setzten! So sehr unterdessen Herr L.- von Axeln gemißhandelt worden, so weiß ich doch nicht, ob es ihn eben sehr vcrdricsscn darf, seine Fabeln so geflissentlich parodirct zu sehen. Er mag LcslinsS W-rk- vi. 18 274 Briefe, die neueste Litteratur brlreffend. sich erinnern, was der Abt Sallier zu dem ersten Requisits einer Parodie macht. I^v ln^et nn'on entrenrenä clo parodier, «In'it toü^ours vstrv nn ouvraZe eonnu, celedro ^1 ektime. 1^» c,itic>ne tl'uiio ^>iece meckieere, ve nent ^jnmms elovenir intervk- kante, ni ^ie^uor la curiokit,'. sjuvl bekoin cke nrenilro I» neino «lo rvlvver «los «Ivfauw, «ni'on »spneieoit ns> >8l tirer un ouvr.iFv clo I'vdkeurite «u ii nie- rite «k'etre ensevvii. Dne naroille narollie ne seauroit ni nlaire ni inktruire; ^1 I on ne neut nnrvenir !> ea »ut, «zuo par Iv cnoix «I'nn snjvt czui foit en ^uelesue fayon eenfaerv psr les eloZes ein public. Und wenn es gar wahr wäre, was man uns mehr als einmal zu verstehen gegeben hat, daß -Hermann Axcl niemand anders als unscr berühmter Vodmcr sey: wie eitel kann er darauf seyn, diesen kritischen Vcianius, 8nee>.it»m Ultis iionatum jam iniie, — noch eins bewogen zu haben - imticnio te ineluclero lulle. G. Vierzehnter Theil. VI. Den 43 Mai. 4762. Zweyhundert und drey und dreyßl'gster Brief.*) Wie kömmt eS, fragen Sie in einem Ihrer Briefe, daß man mir nichts von der merkwürdigen Ausgabe der Lichtwcrschen Fabeln sagt, die ein Ungenannter, ohne Vorwissen des Verf." herausgegeben, und davon in öffentlichen Blättern so verschiedentlich geurtheilt wird? — --Man kann also, wie mich deucht, nicht in Abrede seyn, daß das Verfahren des ungenannten VcrbesscrcrS unbillig sey, und daß Hr. L. sich mit Recht über ihn beschwehre. °) Dieser Brief ist von Mcndclssolm (s, Nicolais Vorrede zum 26. Th. der Lcssingischen Schriften, S. xxm): mit dem Herrn G- muß aber Lcssing gemeint sey». ° Untcr dem Titel: M. I. Lichrwers u. s. w. auserlesene verbesserte Fabeln und Erzählungen i» zweyen Büchern. Greifswalde und Leipzig. 17K1. XIV. Theil. ?wcl) hundert lind drey und dreißigster Mr. 275 „Nein! sagt unscr Freund Hr. G. Man kann die Sache „zur Entschuldigung des Ungenannten aus einem ganz andern „Augenpunkte betrachten. Es ist noch nicht ausgemacht, daß „sich das Eigcnthumsrccht über die Werke des Geistes so weit „erstrecket. Wer seine Schriften öffentlich hcrausgicbl, macht „sie durch diese Handlung vublici juriS, und so denn stehet es „einem jeden frey, dieselbe nach seiner Einsicht zum Gebrauch „deS Publicums bequemer einzurichten. Jumal da dem Autor „durch diese Handlung nichts von seinem Rechte benommen „wird, indem das erste Geschenk, das er dem ^ullico gemacht „hat, deswegen nicht vernichtet wird, und er selbst noch immer „die Frcvhcit bat, die ihm angebotene Veränderungen nach Belieben anzunehmen, oder zn verwerfen. Mit dem Eigculbum „der Güter dieser Welt hat es eine ganz andere Beschaffenheit. „Diese nehmen nicht mehr als eine einzige Form an, und nie- „mand als der Besitzer hat das Recht diejenige Form zu wah- „lcn, die er für die bequemste halt. Hingegen bleibet die erste „Ausgabe einer Schrift unverändert, und eine von einem an- „dern veranstaltete verbesserte Auflage, ist blos als ein Bor- Schlag anzusehen, wie nach der Einsicht dieses Herausgebers „das Werk vollkommener gemacht werden könnte. Gesetzt der „Vorschlag werde angenommen; so kömmt, wieder Herausgeber „in dem Borbcrichtc bemerkt, dennoch die größte Ehre, dem er- „sten Verfasser zu, der seine meisten Gemälde so weit gebracht „hat, daß nur wenige Pjnselzügc für eine fremde Hand übrig „gelassen waren. Wird der Vorschlag gcmisbilligct, so kann ihn „der noch lebende Verfasser öffentlich verwerfen, und das Pu- „blicum hat das Vergnügen, den AuSspruch zu thun. Wenn „ja in dergleichen Verfabrcn eine Ungerechtigkeit Statt findet; „so müßte es vielmehr gegen einen todten Verfasser seyn, der „nicht mehr vermögend ist, sich über die vorgeschlagene Verbesserungen zu erklären. Hat man es aber einem Rammler und „einem L.cßing nicht übel genommen, vielmehr Dank gewußt, „daß sie einen Ä.ogan nach ihrer Weise verbessert heraus gcgc- „bcn; warum will man es denn dem Ungenannten zu einem „solchen Verbrechen anrechnen, daß er einem lebenden Verfasser 18" 27<> Briefe, die ncncsie Liltcralur betreffend, „seine Verbesserungen zur Beurtheilung vorlegt, nnd sich gcfal- „lcn läßt, ob er dieselben annehmen, oder ausschlagcn will."— So weit Herr G.! Drey und zwanzigster Theil. V. Den 27. Innii 1766, Drei) hundert und zwey und drcyßlgster Brief. Der Verfasser der Versuche über den Charakter und die lVcrr'e der besten italienischen Dichter,' ist ein Mann, der eine wahre Hochachtung für sich erwecket. So ein Werk hat uns gefehlt, und es mit so vielem Geschmacke ausgeführet zu sehen, konnten wir wünschen, aber kaum hoffen. Er ist der erste Ucbcrsctzcr, wenn man den, der eine so genaue Bekanntschaft mit allen den besten Genies einer ganzen Nation zeiget, der ein so feines Gefühl mit cincm so richtigen Urtheile verbindet, unter dessen Bearbeitung so vcrschiedne Schönheiten in einer Sprache, für die sie gar nicht bestimmt zu seyn schienen, einen Glanz, ein Leben erhalten, das mit der Blüthe, in welcher sie auf ihrem natürlichen Boden prangen, wetteifert: wenn man, sage ich, so einen Schriftsteller anders einen Uebcrsetzer nennen darf; wenn er nicht vielmehr selbst ein Original ist, dem auch die Ersindsamkeit nicht mangeln würde, hätte es sich ihrer, uns zum besten, nicht ißt entäußern wollen. Man kann mit Wahrheit sagen, daß die italienische Litteratur noch nie recht unter uns bekannt geworden. Zwar war einmal die Ieit, da unsere Dichter sich fast nichts als welsche Mnstcr wählten. Aber was sür welche? Den Marino mit seiner Schule. Der Adonis war nnscrn Postcln und Feinden das Gedicht aller Gedichte. Und als uns die (5ritik über das Verdienst dieser Muster und dieser Nachahmer die Augen öfnctc, so erwogen wir nicht, daß unser falscher Geschmack gerade auf das schlechteste gefallen war, sondern Dame und Petrarca mußte die Verführung ihrer schwülstigen und spitzfindigen Nachkommen ° Brannsclnrciq, im Verlage des Wavsenhauses, erster Band 17KZ. zwtt'ttr Band 176t, in 8. XXIII. Theil. Tret) hundert lind zwey liiid drcyßigstcr Br. 277 entgelten, eoncotti ward die Ehrcnbcncnnung aller italienischen Gedichte, und wenn der einzige Tasso sich noch cinigcrmaasscn in Ansehen erhielt, so hatte man es fast einzig und allein den Sprachmcistern zu verdanken. Der Inhalt dieser Versuche wird daher für die meisten Leser auch das Verdienst der Neuheit haben, und unsere guten Köpfe werden ganz unbekannte Gegenden nnd Küsten darum entdecken, wohin sie ihr poetisches Eommcrcium mit vielem Vortheile erweitern können. Den Vorzug, der die italienische Dichtkunst insbesondre unterscheidet, setzet der Verfasser, in die Lebhaftigkeit der Einbildungskrast und den Reichthum an Bildern, die mit der Starke und mit der Wahrheit ausgemalet sind, daß sie sich in die Gegenstände selbst zu verwandeln scheinen. Und dieses ist gleich die Seite, von welcher unsere Dichtkunst nur sehr zwcydcutig schimmert. Ich sage zwcydcutig; dcun auch wir haben malerische Dichter die Menge; aber ich besorge sehr, daß sie sich zu den malerischen Dichtern der Italiener nicht viel anders verhalten, als die Niederländische Schule zu der Römischen. Wir haben uns zu sehr in die Gemählde der leblosen Natur verliebt; uns gelingen Scenen von Schäfern und Hirten; unsere komische Epopccn haben manche gute Zöambocciade: aber wo sind unsere poetische Raphaels, unsere Maler der Seele? Das Nortrcflichc der italienischen Dichter, hat indeß unsern Verfasser nicht geblendet; er siehet ihre Schwäche und Fehler, wie ihre Schönheiten. Man muß bekennen, sagt er, daß sie bey weiten mit der Stärke nicht denken, mit der sie imaginircn. Daher kömmt die Unregelmäßigkeit des Plans, nach dem die meisten ihrer Gedichte angelegt sind; daher die häufsigcu Ungleichheiten, und der Mangel an starken und neuen Gedanken, die einen denkenden Geist so angenehm in den Schriften der Engländer beschäftigen; dieses ist endlich die Ursache, die zu weilen auch einige ihrer besten Dichter zu den leeren Spitzfindigkeiten verleitet hat, die den italienischen Geschmack in so nbcln Rnf gebracht haben. Die poetische Landkarte, die er bey dieser Gelegenheit entwirft, scheinet dem ersten Ansehen nach ein Spiel des Witzes zu seyn, und ist im Grunde mit aller Genauigkeit einer gcsun- Ä«^««- ^ 278 Briefe, die nencstc Litteratur betreffend. den Critik aufgenommen. „Man kann bemerken, sagt er, daß jc- „mchr sich die Völker dein Süden nähern, mit desto leichterer Näherung sich ihre Seelen so wohl als ihre Körper befriedigen. Der Engländer brancht ohne Zweifel die schwereste und die solideste. Seinem „Geschmacke ist vielleicht der unsrige am ahnlichsie». Dem Franzosen „ist diese Nahrung zn stark, er muß sie mit L«in'it verdünnen, oder „er ist im Nothfall auch mit Is^iit allein zufrieden. Die Italiener „entsagen gern beyden, wenn man nur ihre Einbildungskraft durch „Gemählde beschäftiget, und ihr Vchör durch einen musicalischen Klang „vergnügt. Die Spanier sind endlich so mäßig, daß sie sich mit ei- „ncm blossen prächtigen und harmonischen Schalle, mit einer Reihe „tönender Worte begnügen können. Man hat in der That Poesien „von ihren berühmtesten Dichtern, die niemals ein Mensch, auch ihre „Verfasser selbst nicht verstanden haben, die aber sehr gut klingen und „voll von prächtigen Metaphern sind. So verschieden ist der Geschmack „der Völker, so verschieden ihre Vorzüge." Der Verfasser bedienet sich bey den Werken, die er uns bekannt macht, der Ordnung der Zeit, und diese Ordnung hat den Vortheil einer Geschichte, die den Ursprung und das Wachsthum der italienischen Dichtkunst zeiget, und uns die verschiedenen Veränderungen in dem Geschmacke der Nation vor Augen stellet. Den ersten Vand nehmen also Dante und Petrarca ein, und wir lernen diese Väter der welschen Poesie in ihrer wahren Gestalt kennen. Der zrveyrc Vand enthält die Dichter des fünfzehnten Jahrhunderts, und aus dem sechzehnten die vornehmsten Nachahmer des Petrarca, nebst demjenigen Dichter, den man eigentlich den Dichter der Nation nennen muß, dem Ariost. Der Beschluß folgt künftig. VI. Den 4. Julii 4765. Beschluß dcs dreihundert und zwey und dreyßigsten Briefes. Die geringe Anzahl der guten Dichter des fünfzehnten Jahrhunderts, dcs Zeitalters der XNcdiccs, dieser großmüthigen Beschützer und Ausmuntcrcr aller Künste und Wissenschaften, veranlaßt den Ncrfasser zu cincr Anmerkung, die eben so scharfsinnig als wahr ist. Da sie auf den äußerlichen Zustand der XXIII. Theil. Treyhuudcrt und zwey und dreyßigsicr Br. 27!) deutschen Litteratur gewissermaasscn angewendet werden kann, so wünschte ich sehr, daß sie diejenigen endlich einmal zum Stillschweigen bringen möchte, die über den Mangel an Unterstützung so häufige und bittere Klagen führen, und in dem Tone wahrer Schmeichler den Einfluß der Großen auf die Künste so übertreiben, daß man ihre eigennützige Absichten nur allzudcutlich merkt. „Man irret sehr, sagt er, wenn man den Maiigel großer Ge- „nieS zu gewissen Zeiten dem Mangel der Belohnungen und Zlufinuii' „terungcn zuschreibt. Das wahre Genie arbeitet, gleich einem rcissen- „den Strome, sich selbst seinen Weg durch die größte Hindernisse. „Shakespear, der zu einem Handwerke erzogen worden, ward ein gro- „ßer Poet, ohne irgend eine Aufmunterung zu haben, ja so gar, ohne „selbst es zu wissen. Einer der größten heutigen italienischen Dichter „macht, als ein armer Beckerjunge Verse, die einen grossen Künstlich« „ter in Erstaunen setzen, und ihn bewegen, sich seiner anzunehmen. „Uebcrhaupt können Aufmunterungen niemals Genies erzeugen; und „sie schaden gewiß allemal denen, die cS schon sind, wenn der Gönner „nicht selbst den wahren, den großen Geschmack der Künste besitzet. „Einen Beweis davon findet man vielleicht selbst in den so gerühmten „Freygebigkeit«! Ludwigs des vierzehnten, die ihm so viel Ehre ge« „macht haben. Alle die großen Genies, die seiner Regierung den „größten Glanz gaben, waren ohne seine Aufmunterung entstanden, „und Racine/ der so sehr den Geschmack der Natur hatte, dessen Ge- „nie mit dem Geiste der Alten genährt war, halte vermuthlich seine „Tragödien nicht durch so viel Galanterie entnervet, wir wurden mehr „Athalien von ihm haben, wenn ihn nicht diese Aufmunterungen ge- „nöthiget hätten, dem Geschmacke eines weibischen Hofes zu schmei» „cheln. Ter wichtigste Nachtheil aber, welchen der große Schutz vielleicht nach sich ziehet, den die schönen Wissenschaften bey Regenten „finden, ist dieser, daß dadurch die Begierde zu schreiben, zu schraub „gebreitet wird, daß so viele, bloß witzige Köpfe sich an Arbeiten wa- „gen, die nur dem Genie zukommen. Diese, welche die großen Füge „der Natur nicht erreichen können, (denn die trift allein das Geuic) „suchen sich durch neue Manieren, durch Affectationen zu untcrschci- „den, oder führen das Publicum von der Natur zum Gekünstelten, „Dieses ist vermuthlich die Ursache, daß allemal auf die Zeiten der 280 Briefe, die neuesie Litteratur betreffend. „grossen Beschützer der Künste, Zeiten des Übeln Geschmacks und des „falschen Witzes gefolgt sind." Eine andere kleine Ausschwciffung unsers Verfassers wird Ihnen zeigen, daß er nicht allein Dichter zu schätzen fähig ist. Sie bctrift den N?achiavcl. //Machiavel, sagt er, ein sehr gro- „ßcr Kopf, den wir aus seinem Fürsten zu wenig kennen, und zu „unrichtig beurtheilen, brachte nach der Talandra des CardinalS Bi- „biena, ein paar Comödicn auf den Schauplatz, in denen das Salz „des Mokiere, mit dem Humor und der komischen Starke der Engländer vereiniget ist. Dieser Machiavel ist es ausserdem, der die Prose „der Italiener zu ihrer wahren Vollkommenheit gebracht hat. Er verquick die aufgedrungenen, weitschweifigen Perioden des 25occaz. „Sein Styl ist rein, kurz, gedrängt, und voll Sachen, und beständig „klar. Seine Geschichte von Florenz ist die erste unter den wenigen „neuern Geschichten, die man den schönen historischen Werken der „Alten au die Seite setzen kann. Sie vereiniget die Klarheit und „Reinigkeit des RepoS in der Erzehlung mit dem Tiefsinn und der „Stärke des TacituS in den Betrachtungen. Aber keines von seinen „Werken macht ihm so viel Ehre, als die Discurse über den Li- „vius, ein ganz originales Werk, das voll von Entdeckungen in der „SlaatSkunst ist, deren verschiedene man in den Werken des Präsidenten Montesquieu, als die seinigen, bewundert, weil man den „Italiener nicht genng kennt, den Montesquieu sehr studiret hatte." Mit eigentlichen Proben aus den gewählten Stücken will ich Ihnen nicht langweilig werden. Sie haben das meiste längst im Originale gelesen, und wenn ich ihnen nochmals wie- dcrhohle, daß sich in der Ucbcrsctzung eine Meisterhand zeiget, welche die Schönheiten der Acrsification, die nothwendig verloren gehen muffen, nicht bloß mit der reinsten, geschmeidigsten, wohlklingendsten Prose, sondern auch mit unzählig kleinen Verbesserungen und Berichtigungen desjenigen, was in der Urschrift oft ein wenig schielend, ein wenig affcctirt ist, compcnsirct hat: so werden Sie ohne Zweifel die Vcrglcichung selbst anstellen wollen. Herr MeinharOt, so heißt unser Verfasser, hat sich selbst eine Zeitlang in Italien aufgehalten; ein Unistand, welcher allein ein gutes Vorurthcil für ihn erwecken kann. Vor kurzen, wie ich höre, hat er eine zweyte Reise dahin unternommen; es wäre XXIII. Theil. Trcyhmidert u»d zwey und dreißigster Br. '281 sehr zu beklagen, wenn die Fortsetzung seines Werks darunter leiden sollte. Meinen Sie aber, daß dieser würdige Mann vielleicht eine Prädilcction für die Italiener habe? Sie irren sich; er muß mit der englischen Litteratur eben so bekannt scvn, als mit der welschen. Denn ihm habe» wir auch die Ucbcr- sctzung von -Heinrich Homcs Grunvsäizcn der Lritii: ° zu danken. Hier mußte sich der schöne Geist mit dem Philosophen in dem Ucbcrsctzcr vereinigen. Es war ein Räthsel sür mich, in welchem von unsern Ucbcrsctzcrii ich diese Vereinigung suche» sollte. Ein ganz unbekannter Name mußte dieses Ratbscl lösen. Sie freuen sich; aber Sie wundern sich zugleich. Erinnern Sie sich, was Scncca sagt? Einige sind berühmt; andere sollten es seyn. S. Zch weiß nicht, ob gewisse Gedichte, die vor einiger Zeit unter dem Namen Pelrarchiscbcr Gedickte" ans Licht getreten, bereits eine Frucht der nähern Bekanntschaft sc>)n sollen, in die Hr. Meinhardc unsere Dichter mit dem Petrarca gebracht hat. Das weis ich aber, daß diesen Gedichten, welche sür sich betrachtet, sehr artig sind, das Beywort Petrarchischcr ganz und gar nicht zukömmt. Zst es doch auch ein blosser Zusatz des Herausgebers, der selbst zweifelt, ob der Verfasser damit zufrieden seyn werde. Er kann unmöglich; denn sein Ton ist mehr der spielende Ton des Anakrcons, als der fcycrlich scuf- zcndc des Petrarca. Der platonische Italiener guckt nicht so lüstern nach des Busens tilgen, und wenn er Tod und Ewigkeit mit den Ausdrücken seiner Zärtlichkeit verwebt, so verwebt er sie damit; an statt daß in den deutschen Gedichten das Verliebte und das Fromme, das Weltliche und das Geistliche, wie in dem ruhigen Elemcntglasc, in ihrer ganzen klaren abstechenden Verschiedenheit neben einander stehn, ohne durch ihre innere Vermischung jene wollüstige Melancholie hervorzubringen, welche den eigentlichen Charakter des Petrarca ausmacht. G. ° Leipzig in der Dvckischcn Handlung. Erster und zweyter Theil, 176Z. i»8, °° Berlin 1704. in S. Sophokles. Erstes Buch. Von dem Leben des Dichters. 1 7 « 0. Dayle, der in seinem kritischen Wörterbuchs sowohl dein Acschylus, als dem LLuripiSes einen besondern Artikel gewidmet hat, übergehet den Sophokles mit Stillschweigen. Verdiente Sophokles weniger gekannt zu werden? War weniger Merkwürdiges von ihm zu sagen, als von jenen seinen Mitbewerbern um den tragischen Thron? Gewiß nicht. Aber bey dem Aeschylus hatte Daylen, Stanley; bey dem Lüuripides hatte ihm Narnes vorgearbeitet. Diese Männer hatten für ihn gesammelt, für ihn berichtiget, für ihn verglichen. Voll Zuversicht auf seinen angenehmern Vortrag, setzte er sich eigenmächtig in die Rechte ihres Fleißes. Und diesem Fleiße den Staub abzukehren, den Schwcis abzutrocknen, ihn mit Blumen zu krönen: war seine ganze Arbeit. Eine leichte und angenehme Arbeit! Hingegen, als ihn die Folge der Buchstaben auf den Sophokles brachte, vergebens sah er sich da nach einem Stanley oder Barnes um. Hier hatte ihm niemand vorgearbeitet. Hier mußte er selbst sammeln, berichtigen, vergleichen. Wäre es schon sein Werk gewesen, so erlaubte es ihm itzt seine Zeit nicht: und Sophokles blieb weg. Die nehmliche Entschuldigung muß man auch seinem Fortsetzer, dem Herrn Lhaufepie, leihen. Auch dieser fand noch keinen Vorarbeiter: und Sophokles blieb abermals weg. — Man gewinne aber einen alten Schriftsteller mir erst lieb, und die geringste Kleinigkeit, die ihn bctrift, die einige Beziehung auf ihn haben kann, höret auf, uns gleichgültig zu seyn. Seit dem ich es belauere, die Dichtkunst des Aristoteles eher studieret zu haben, als die Muster, aus welchen er sie abstrahierte: werde ich bey dem Namen Sophokles, ich mag ihn fin- Leben des Sophokles. 283 den, wo ich will, aufmerksamer, als bey meinem eigenen. Und wie vielfältig habe ich ihn mit Vorsatz gesucht! Wie viel Unnützes habe ich seinetwegen gelesen! Nun denke ich: keine Mühe ist vergebens, die einem andern Mühe ersparen kann. "Ich habe das Unnütze nicht unnützlich gelesen, wenn es, von nun an, dieser oder jener nicht weiter lesen darf. Ich kann nicht bewundert werden; aber ich werde Dank verdienen. Und die Vorstellung, Dank zu verdienen, muß eben so angenehm seyn, als die Vorstellung bewundert zu werden: oder wir hatten keine Grammatiker, keine Littcratorcs. Mit mchrerm Wortgcprängc will ich dieses Leben meines Dichters nicht einführen. Wenn ein Kenner davon urtheilet, „Zöarncs würde es gelehrter, Zda^le würde es angenehmer „geschrieben haben:" so hat mich der Kenner gelobt. Leben des Sophokles. „Vor allen Dingen muß ich von meinen Quellen Rechenschaft geben (^). Diesen zufolge war Sophokles von Geburt „ein Achenienscr, und zwar ein Roloniare „liebte seine Athenicnscr zu sehr, als daß cr sich freywillig von „ihnen hätte verbannen sollen (V). „Er ward sehr alt, nnd starb in dem dritten Zabrc der „drey und neunzigsten Olympias (X). Die Art seines Todes „wird verschiedentlich angegeben. Die eine, welche ein altes „Sinngedichte zum Grunde hat, wollte ich am liebsten allegorisch verstanden wissen (^^). Zch muß die übrigen alte» Sinngedichte, die man auf ihn gemacht hat, nicht vergessen (IZIi). „Sein Bcgräbniß war höchst merkwürdig (LC). „Er hinterlics den Ruhm eines weisen, rechtschaffnen Man- „ncs (vv); eines geselligen, muntern und scherzhaften Man- „ncs >lu», 8»i>I>o<:Ie5, ?.»>ip'»Io5, Nve >Ik r>»- xoeÄii-j enrum Ndrl III. I.UjZlluni v»>nv. äL19. Von Ecilc 87 bis 94. Sie ist drm zclnilcn Thrilc des Gronovschen Thesaurus cinvcrlribct worden. (b) Ilktzi. o^oilli' «a^ ioöo?o^»v 5k^t i'kl-irktz^i' v^>?!0 «ara Xk^i,- n. s. w. (o) VoMu» Ue IliU. Vr. N>>. IV. c. IS. Leben des Sophokles. 287 mens(a), unter dessen Leben berühmter Männer auch ein Leben des Sophokles seyn mochte. Aber hätte ich nicht lieber die zerstreuten Stellen bey dem Plato, Aristoteles, Diodorus Siculus, Pausanias, Akhenäne, Philosiral, Strabo, AristiSes, Cicero, Plinius :c. die den Sophokles betreffen, die Quellen nennen sollen ? Doch sie gedenken seiner nur im Vorbeygehen. Und auch der Bäche, die mich zum Theil zu den Quellen gewiesen haben, kann ich ohne Undankbarkeit nicht vergessen. Wenn ich aber den Gyralous(e), den Mcurslustt), und den Favricius (e), nenne, so habe ich sie alle genannt. Das sind die einzigen, bey welchen ich mehr zu lernen, als zu verbessern gefunden habe. Bey allen andern war es umgekehrt. (L) Ein Alhcnienser und zrvar ein Roloniate.) Suidas: Zocpox?^^, ZocplXo^, '^.^vcxtk,^. Ilnd der ungenannte Biograph: 'L^-v-T-o o Zo<^oxX^-; ?o ),xi,-«to?> ck^i^o^i X.oX.wvTlA'r-i'. Desgleichen der Grammatiker, von welchem der eine Inhalt des Gcvipus auf Rolonos ist: -»Zv ?-«9 x^o^vo^xv (>>). Auch Licero (>) bestätiget es: l'nnta vis aclmonitionis inost in locis, ut non Uno caula ex nis momnriso «lueta kit «iitciplina. ^um (juintus, ett piano, pilo, ut clieis, inc^uit, nsm mo iptum nuc inoeio voniontom eonvortoliat sei toto <), eu^jus inoola Lnplioelo« ob oculos vor- tsnatur: arum l»m ßrilecorum <>uam latinorum, Mittag. VII. (k) In der unter (») angezogenen Schrift. (ß) k'sdricius Likl. lZrsee» II. c»p. 17. l» Sowohl die Ausgabe des Heinrich Stephanus, als des Paul Stephanug von 1603. (Seite 483) haben hier Xo^vo^-v anstatt (i) I.id. V. Se 5»idns. (k) Meursius (keliqu» ^ttics cap. 6. p. 26) liefet: converleli»t s^«t theilten sich wiederum in verschiedene ^^o^> das ist ^anSsmannschafren, wie es Schulze (>) übersetzt hat, und ich es nicht besser auszudrücken wüßte. Nicht selten bemerken die Geschichtschreiber beides, sowohl den Stamm, als die Landsmannschaft. So sagt z. E. Plutarch vom Periklcs: H^tx^^ -rc-iv cpi^Xuiv 7-«^^, 7-U1V cs^l(tiv XoX«^x^?. Bon unserm Sophokles aber findet sich nur der ^>.o? genannt; und ich wüßte nicht, daß irgend ein Philolog die <5>i^oi^ „ach ihren cp^«t? geordnet hätte; wcnigsicns hat es Meursius in seinem Werke 60 popn- I!s ^ttieav nicht gethan. Unterdessen vermuthe ich nicht ohne Grund, daß Sophokles aus dem ^ippochoontlschen Stamme gewesen ist, wic ich in der Anmerkung (C<ü) zeigen will. Es hieß aber der Demos des Sophokles R.o?.e,^>o?. L.o- Xuii>o5 bedeutet überhaupt einen Hügel, eine Anhöhe; «v«- <^tl«, 7-o?ro? -i^rz^o? (m). Zu Athen aber wurden besonders zwey Hügel so genannt, wovon der eine innerhalb, der andere ausserhalb der Stadt lag. Der innerhalb der Stadt, war auf dem Marktplätze, neben dem Tempel des Eurysaces, und hics von dem Markte R.o^K>vo-; «'^opo-to?. Von diesem ist die Rede nicht, sondern von dem ausser der Stadt, welcher zum Unterschiede R-oXeova« lir^iv? d. i. der Ritterhügel, so wic jenes der N?arklhügcl gcncnnct ward (»). Und zwar hatte er (l) In seinen Anmerkungen über die Leben des plutarchs, welche Aind seiner Uebersctzung beygefügt hat. (m) Suidas unter l?. (n) Man sehe den Harpocratisn und pollux, deren Stellen Meursius (NeUci. ^u. csp, «) anführt. Wie auch den Grammatiker, welcher den zweyten Inhalt des Gedipus auf Rolonos gemacht hat. ^tl-vT-u sagt dieser von dem Rolonos, k-r-,, 1100-6^^,0; Der lateinische Uebcrsctzrr macht i» dieser Stelle einen sehr albernen Fehler. Lr giebt sie nehmlich so: qnoniAm Xepluni Lquetlriji idl ett sücvllum ck> I>ioi»elI>oi, r>»il>iie »«»/o^»», curiim xorunl, il>i coiiliSvnt. — H'u5 7i>»/o?um? Was mögen das für geheiligte Maulesel gewesen sey»? Er hat das Adverbium «Vro^, für den Ecnitivum des Pronominis angesehen. (S- die Ausgabe des Paul Srephanus, S. 484) Lebe» dtS Sophokles. ?sts> das Beywort i^o? von den darauf befindlichen Altaren oder Tempeln des Ncptunus lirirto^ und der Minerva t-r«--^ (<>). Aus der obigen Stelle des Cicero, und zwar aus den Worten: nam mv intui» Iiue mciilo veiueiitom cnnvoiteliktt a,I se?sv Ininis ^50. ist nicht undeutlich zu schliesst», daß er zwischen der Akademie und der Stadt gelegen; denn das Im« gehet hier auf die Akademie. Nun lag diese sechs Stadia von dem Tbore, und der Rolonos mußte folglich noch naher liegen. XNcnrsius braucht diesen Ort des Cicero auch sehr glücklich zur Aerbcsscrung einer Stelle des Thucydioce, wo gesagt wird, daß der Rolonos ohngcschr zehn Stadia von der Stadt liege: ?«cscn^ ^«^« Qx«; und er vermuthet, daß man anstatt ^x« lesen müsse 'i'. Diejenigen nun, die in der Nähe dieses li-oXeii-o-,- wohnten, machten den Demos aus, der davon den Namen führte, und hießen Xo^>i«7-«t. Niemand kann uns dieses besser sagen, als Sophokles selbst: — — — <5« 7rX,ri>?t,ov )^«t l'ovck' tnnoT'i'j'u x,o).!ovol> ^xov^olt o'cpta'N' ^PX^oi? kcvoct, xal rzirpo^io't ?o^vo^>« ^17 o ?ni^^il.«c>'^lki>>). llnd der Scholiast setzet hinzu: ?o ?-o^ »>-o/>.« xo^voi' cpx^o^crt zroev?'!,;, ovo^^cxi^o^^vot X.ciXu>vt«?'lXt <5^X.oi«i^l. Mit der Ucbcrsctzung, welche vilus ^Vinsemius von dieser Stelle macht, bin ich nichts weniger, als zufrieden: (») Warum aber jener eben hier als --r-r^os verehret wurde, war ohne Zweifel dieses die Ursache; weil er ^K»0!) Zeile S9 u. f. Lessings Werke vi. 19 ?90 Sophokles. — Dl, r^ui in vieinis conisiili» Iiauilnn^ »Aileoliw Iluiie iolliem ^'»loninn nietüniwr lilii l^i.ieliileiii vllV:, »><»><: inile nomen ('omminiL I>.iI)e»I, ao (olvninlao vocanlui'. IZquostro», ^»Iliinim ,,reel>»t»r praesiilc-m vsl>, würde ohnge- fchr hcisscn: sie verehre» diese» Rolonos als ihre» Schlitzgott. Welch ei» Sin»! Ich würde durch das bloße ^rout-'n, a»fs böchste durch ^lori-iii gebe»; u»d u;>xi)'»^'wenigstens durch xviioi'is -»letorv», ausdriickcn. Denn weiter will Sophokles auch nichts sage», als daß die Landlcntc da herum sich des Rolonos als ihres Staniniorts rühmen, und den Name» der Roloniatei» von ibm führe». Wodurch aber dieser Rolonos besonders merkwürdig geworden, das wäre» die letzte» Schicksale des GcSipus. Hier lies sich dieser »»glückliche Mann nieder, als ihn seine grausamen Söhne ans seinem Reiche trieben; hier starb er. Sophokles hat diesen wunderbare» Tod zu dem Inhalte eines Trauerspiels gemacht, ^o?'oi> ?r«?^>lui «l.'T'ov ovx ^Z-rzi'atvi', aXlX» chXl- «ci'tov eci>«t' ?r^i> ^-«ji 'l^j>o^ ?r«^>' /i'kjiui 70^5' ri^'elv. XNeursius hat, bey Gelegenheit dieser Stelle des Biographs, einen Fehler begangen. Zn seinen Anmerkungen nehmlich über Leben des Sopbekle.'. 291 das Leben dcs Sophokles ans dcm Suidao, gcdcnkt cr »ntcr dem Worte K»).u>v^v dieser Meinung dcs Iircr, und sagt: Istor v ^n^ulo I^lilionll siiisi'o tc-xlilleiat. Nun ist n"n»I>>^ hier dcm lNcmsius soviel als ^. Istcr aber hat dem Sophokles nicht bloß dc» Roloniatcn, nicht bloß den i>nz.»I>m>. <5^,l<>T>, sonder» überhaupt den Alhcnienscr absprechen wollen. Dieses ist ans dem Gegensatze klar: <>>.« ä^isi'««-,- ch).l-xv-toi.'. Ware unter >i>^c«^to^ bloß der »? zu vcrstcbcu, so konnte cr ja eben sowohl ein Phliasicr und Arhcnicnscr, als ein Roloniare und ein Athcnienscr seyn. Eine dunkclc Erinnerung, dic dcm Meursius vicllcicht bc>)wohnlc, daß cS wirklich einen c5»^ol>, Namens gegeben, hat ibn ohne Zweifel zu diesem Fehler vcrlcitct. Zlllcin dcs Untcrschicds in den Buchstaben nicht zu gedenken, so hcißr das Adjcctivuni von nicht Ä>)^«ci-lo?, sondern einer aus diesem <5>^>,^ heißt )^>x^c. Zch bcruffc mich dcswcgcn auf folgende Inscriptio» bey dem Spon(«): ZL^.Lr«.VZ SI?^K^0Z ch^.'rxrz ch^l°co--,o<; hingegen ist das Gcntilc von ch^tovi;. phlius abcr war eine Stadt in dcm Pcloponncsus, und zwar in Achaia, nicht weit von Sic^-oi» (r). Aus diesem Phlius also, und nicht aus phh'a, muß Istcr den Sophokles gebürtig geglaubt habcn. Scrabo sagt, das altc Phlüis habc an dcm Bcrgc Rölossa gclegcn. DicseS bringt mich auf cinc Vermuthung. Sollte wobl Istcr anstatt R.o/.k>i>i^xv, gelesen habcn l<»t)^c^^x>>? (e) Sein Vater hieß Sophilus.) Man sche das Zeugniß dcs (>l) In den Lxüeriili^ ex ^ncodi Kponii Ilinerftrio, >Ie ?oi»ili!< ^Vlliej», welche dcs N^eursllis Itviiq. ^iliri« bcvqcsiiql s»id> 39. (r) Strabo, im achten Buche S. ',8k nach der Auegabc des Aline- lovccn. Stephanus D>'Zantinttö: S-Vl»^, ^c-Xl? ^l-Xo-ro,^^> — 70 k^?>ixoi' Ä>?^I0^>1^0?, >!Z HXto^io'lo? — I I^koi«<7^ll ök «, Ä>x,a» <5tv?. Flir -r>.ko, a^,ij, liefet Gronovius ^tr«!r>a<7/i!,,. (Vsrwe I.eelioi».» in >8/e/?/ia»!o l»> S6.) 19 « 292 Sophokles. Suidas unter Dieses bestätiget der ungenannte Biograph: 2»q,^c>^. Und ein Ungenannter in der Anthologie («) - 5^^^' /t^k^>«T'7'« 2ocs,»x?»x« ?rocccs« 2v«)'txi^^ ^loi^i^ «^-rz>« tvrxpoirtov li. s. w. Clemens Zllcxanorinns (t) schreibt ihn 2ors>l)^oc. So anch Tzcrzcs (u). Zviodorus Siculus hingegen schreibt ihn Sxcx^o^ (x). Zch wollte darum aber nicht mit dem Menr- sins sagen: LrF» emo»ll!in A-eu- schwur, schwur die Spartanern, ^«l crtct). Es war Ein Schwur; obgleich beide vcr- schicdnc Gottheiten damit meinten l v). Das war sein Name; nun von seinem Stande. War Gophilns, der Vater unsers Dichters, einer von den vornehmem oder geringern Bürgern? Aristorenus und Ister haben das letztere behauptet; denn beyde haben ihn zu einem Handwerker, jener zu einem Zimmcrmanne oder Schmiede, und dieser zu einem Schwerdfegcr gemacht. Allein dem ungenannten Biograph kömmt dieses unglaublich vor; und zwar aus zwey Gründen, davon einer von der Feldherrnstclle, welche Sophokles nachher, zugleich mit den vornehmsten Männern des Staats bekleidet, und der andere von dem Stillschweigen der Komödicnschrcibcr hergenommen ist. Er wählet also den Mittelweg und sagt, daß So- philus vielleicht nur Knechte gehalten habe, die jene Handwerker treiben Müssen: ^to? ?cxu Zorpt^oTi, o? oi.'?-- (cu? ^pt^o^x- ?>o? lprzcrc) T'exT'lliv, 1^ x«^Xk-^!? I^v oi^x («5? 1^5>o?) ^«x«t- poiroco? x^cxo'l«^'. ^ xxxx?rj?c> FovXczi^? X^^' s«) I.ikri, III. e!>ii. S5. ep. 4Z. (l) In ftincr Ermaluuingsrcde an die Grieche». S, Z6 nach der Ausgabe des D- Heinsius. (>i) >». VI. 69. (x) MI,!, «ist. Ml. XIII, I>. zzz. ?i!it. Nadnm. lv) S. die Lvsistrata des Aristophanes, Zeile 8t und 14k, und was Ajserus über die erstere anmerkt. Lebe» des Sophokles. xxacc,' ^ T'kXT'tN'«-;' »i^ ^»a^ klX»? ? )/xi'li^x>'i>l> ^«ri^/tlll,' u^t!^^»^i'«t crvv I^k^tx^rt xcxt Äo^.'xu' ?oti; TrzXtiT'ncc,' T'rzc ?r»Xxuii," u>> i_>?ro ?liv»' xlo^l.u><5u)T> «(skjXT'o,; «cpxtA^, »^>tu>v iroX-,?-toi>. Ja der Sohn eines solchen Bürgers war noch immer den Spöttcrcyen der Komödicnschrcibcr, über das mittelbare Gewerbe seines Vaters, ausgesetzt. Zch bcruffc mich die- Sophokles. scrwcgcn auf das, was Plurarcl?»-) von dem Ncdncr Isocra- lcs sagt: 'iv'iix^cxT'ril,- Gk»u ?r«tl,' ^»u, '^;>r- X^trcvc, l »i») ^u>v ^lit>i' TrciX.tT'uii', ^k^«7r»i'?«!,' llvX,v7roloi_ii,' xexi'^t^xi'cn.', — o^e»> etc,' ^oi_>i,' llv^»>_>^ XkXUi^iuiisrzT'lll >.>7ro '^j>t- ^-ttcplli'oui,- x«l Z7-j>«?-l6->>) nehmlich nennet unsern Dichter ausdrücklich, j»-iiiLil»^^c>c, welcher zum Unterschiede «^opo-co-; hieß, ließen sich alle diejenigen treffen, welche für Lohn arbeiteten, nnd hießen von diesem ihren Versammlungsorte koT-uii^o-t (<-c). l>). In den Lcbcnsdcschrcibnnacn der zehn Redner, uiilcr welche» das Lebe» des Isokrarcs das vierte !st. (-<»> Wie X/lander anstatt -ov «yx"h-!>>? mit vollkommenem Gründe liesct. (kb) Ilismr. >'-». lili. x.VXVIl. Lecl. XI. 8. t. »:>>». lli»r>I. Ich gedentc dieser Stelle des plinius nnler (x) mit mehreren. (ce) Siiidas nnler diesem Worte: ^vv^- ^i^,^o»- rov? /-.-o-^. 70^>^' i«lö>^ rov Ko^ioi ov kl<^izxk<7«,>, o>; ki^l !r>.->zo'ic>v 7^5 o!z>o>i«>;. Suidas l'at l'icr den Harpocration ansgcschricbc», weicher die nehmliche» Worte aus einer Siede des Hyperides anführt. Leben des Sophokles. 2«15 Was ist mm leichter zu vermengen als x.»>.-»l>l5-xl und Ko^io- ^'t-x^at? Sophokles aber, und folglich auch sein Vater, war ein Kc>>.ll'T>l«?-rzc. So fanden ihn Aristoxcnus und Ilicr gc- nennet, nnd lasen es für KuXr^-,?»^, und machten ihn zn einem Manne, der für Lohn arbeitet. Meine Vermuthung wird dadurch bestärkt, daß sie weder untereinander, noch mit sich selbst einig sind, welches Handwerk Sophilus eigentlich getrieben habe. Denn ein k.»^,^^ konnte ein Zimmcrmann, ein Schmid, und ein Schwerdfcgcr seyn. Will man mir über dieses XciXuivtT-^ noch eine grammatikalische Grille erlauben? Zch halte die Sylbe hier für etwas mehr, als für die bloße Endung, welche verschiedene Gen- rilia bekomme». Zch halte sie für das Nennwort ^r,«,-, welches einen Arbeiter um Lohn bedeutet. "o?-«, 6 7r«p «^»t«, merkt Phocius aus den Chrcstomathiccn des -HellaVius an xi.>u)^', ^I^l,' ?r«^« 170 ^>cx^xo'^«l x«t TlocxtU' — xar« ^l^k?'«^k0'tV1° rt<; ?o ?u ^>«j> ?rxukc>'^«t x«t rrji'cirv^cxl T'o^ ^Zlc)^, ^x§>x0'^«l> «v^c^xcx^xt iro^o^c; Foi^^lLT' «pcxT'T'ktt-. Null weis ich zwar wohl, daß 5?!<,- in der mchrcrn Zahl hat, und daß es also, nach Verwandlung des 5? in das vielleicht ursprüngliche 2-, ^o^^rzT-x-,- heißen müßte, nnd nicht K.c>X.u>vc- ich weis aber auch daß der gemeine Gebrauch, welcher die Abänderung der Wörter in seiner Gewalt hat, sich wenig um die Herleitung bekümmert. Das in der angeführten Stelle, ist unser thun. (v) In Sem zweyten Iahre der ein nnd siebzigsten Glvmpias gebohrcn.) Der ungenannte Biograph: l>l^>r^rii>«e, <5e «i^-ov cplllv'lv kjjv^^7rl«<5l xa?'« i°c> csei^T'x^ov k'»!,', -'ilt ^xxov^o? ^^vi^ci-t cht)^7r?rci^'. Mit ihm stimmet der Ungenannte, von welcbcm wir ein kurzes historisches Verzeichnis; der Olympiaden iD^i^?rl«<5uiv «^«^«cp^v) haben auf (an) Diesen Auszug des photius aus dein Helladius, bat iNeur- sius übersetzt und niil Anmerkungen erläutert; und so ist er dem jelnilen Bande des Gt'onsvschcn Thesaurus als ein besonderes Werk einverleibet worden. (ee) Man findet dieses Ungenannten l^l«öiov «va>>y«^i,v unlcr Sophokles. das genaueste übcrein. Er schreibt linter dem zweyten Jahre v.^.o^. .cir?r«<,'. licttx'ox^^^ i'r^^. Doch Mtkkt eben dieser Ungenannte auch nnler dem dritten Jahre der drey und siebzigsten Olympias an: Lo^xix^-; e^«ri>ki^ x«?-« Und nntcr diese einige gehöret Snidas, in dein Artikel von unserm Dichter: x«-r« 7-^i> <>/ 0)^,/i7rlc«5ll-. Es wird aber ans andern Datis erhellen, daß man sich an diese einige nicht kehren dürfe, und daß die erstere Meinung allerdings den Vorzug verdiene. Der ungenannte Biograph fährt fort: ^ ck- ^t»^^»^ ^l^v t'xui^xpo^ xz-ri lsxxrxrTiN'c)!, I? >^0t?rtlioelem ^vlcli^Io juniorem annis XVIII. (man lese XVII) toniorom IZu rh>iätorum tottimoniis ro- follitiir. Nun ist die wahrscheinlichste Meinung, daß Aeschylus in der drey und sechzigsten Olympias, und LLuripidcs in dem ersten Jahre der fünf und siebzigsten gebohrcn worden. Wie also, wenn mein ungenannter Biograph geschrieben hätte: ^'v «s« ^lv'x,''-^«^ ^tev Vkio^roo« «I'I^ rcxoci'lT'xo'o'olp«, 'L^otTktFoi^ <5s ^«^«lo^o? Fex«-^«; „Er war vier und zwanzig Jabr jün- „gcr als Aeschylus, und siebzehn Jahr älter als EuripidesS" Würde er der Wahrheit nicht lim ein großes naher kommen? Mich wundert, daß Fabricius auf diese Vermuthung nicht gefallen ist. andern in der Ianssonische» Ausgabe der Chronik des Euselnus von 1658. Seile 313 u. f. Die Critici pflege» sie unter dem Titel ^»on^mi livscripi. M;'mpi»i>> anzuführen. (ff) VWIiolli. >. ll. c»l>. t7. p. StS. Leben des Sc-phckleS. L97 Der Scholiast des Aristopbancs, merkt bey der 75ten Zeile der Frösche cm: ^l' ^«5> Locs'oxX/^c: ^cvx^v^ i"^' rT-rkrtu kirr« vklLT-k^c,?, Ü^ot?rt6c>v <5x x-j'. „Sophokles scn sieben Zahr „jünger als Aeschxlus und vier nnd zwanzig Zahr jünger als „Euripiöcs gewesen." Nichts kann deutlicher in die Auge» fallen, als daß der Scholiast von den Abschreibern hier jämmerlich verstümmelt worden. Was aber Rüster in seinen Noten darüber anmerkt, ist nur zum Theil richtig: I^oon I»nc posfinnin, vnlnus no»I'iFontia liliraiiorum inllietum oft: «nii piolnclo ut in iiiteZruiu rottituntur, pro -^o'lu x^r?« lei'iüvnü'um oft c^tv Fxx«6zr?-«: >k cloindo post ^ptTr^oi.' csx, inloronlla oft vox «px^vrxpo? vel 7ro?, r^uao non Uno manilvfto konfus llotnmvnto Ii'io omista ott. ^>ilurocl!s ö^o. Und hieraus folgen die angeführten Worte des ungenannten Biographs. Allein was will Rüster, wenn er sagt, es wisse jedermann, daß Euripides erst viele Zahrc nach dem Acsch/lus gelebt habe? Aeschylus ist, den Arundelschcn Marmorn zu Folge, in dem ersten Zahre der achtzigsten Olympias gestorben. Und in der neun und siebzigsten, hatte sich iLnripiocs bereits als einen tragischen Dichter bekannt gemacht. Man lasse aber den Acschylus auch in der acht und siebzigsten gestorben seyn, so war Euripidcs doch damals schon geraume Zeit gcbohrcu, und man kann auf keine Weise sagen: Luriniäom Iinuck p-ui- o'is pott ^olck^Ium annis vixitso. Sollen aber diese Worte nur bedeuten, Euripioes überlebte den Aeschylus viele Zahrc: so weis ich gar nicht, was wider den Scholiasten daraus folgt. Denn könnte, dem ohngcachtct, Aescbylus nicht später gcbohrcn seyn als Euripioce? Und bleibt er es nicht auch alsdcnn noch, wenn man schon die sieben Zahre in siebzehn verwandelt hat? Kurz, das ist der rechte Weg gar nicht, die Verstümmlung des Scholiasten ins Licht zu setzen; sondern Rüster hätte, gerade 2!)8 Sophokles. zu, sagen sollen: Es sey ausgemacht, daß Sophokles älter als LLuripidcs gewesen. Er hätte sich, ohne Umschwcif, auf das Zeugniß des A. Gellius l^), wer ihm sonst beygcfallcii wäre, bcruffcn müssen: und man würde es ihm ohne Umstände eingeräumet haben, daß 7r«^alv^o^, oder ein ähnliches Wort fehle. Wenn er aber sagt, es erbcllc aus chronologischen Berechnungen wirklich, daß Sophokles sicbzchcn Zahr jünger als Acschylus, nnd vier und zwanzig Jahr älter als LLuripiSes gewesen sey: so ist eS gerade das Gegentheil von dem was Fa- briciue sagt. Er trauet dem ungcnaiinlcn Biograph, ohne ihm nachzurechnen; der der Wahrheit doch sehr weit verfehlet, wenn man ihm durch meine vorgeschlagene Versetzung nicht einigermaßen zu Hülfe kommen will. tNcurslus, in seinen Anmerkungen über den Artikel des Suiüas, sagt: /Vlii Olvm^inllo XLl anno 2. Hni/Imclem ii-itiim tr-xlimt. Bon diesen andern, welche vorgeben sollen, Sophokles wäre in dem zwcyrcn Jahre der ein und neunzigsten Olympias gcbohrcn, habe ich nie etwas gehört; auch wohl sonst niemand in der Welt. Es hat sich offenbar ein Druckfehler hier cingcschlichcn; denn in der gleich darauf folgenden Stelle des Biographs liefet Mcmstus selbst: 'o^^irl«<5c x^-so^-co^ ?r?K'^, und nicht xi'i'-i'^xi,^ ?h>!/>7^. Ich will hoffen, daß man in der neuen Ausgabe der sämmtlichen Werke des N7cm- sius diesen Fehler bemerkt und verbessert hat. In dem Gro- novschcn Thesaurus, welchem die Schrift des Meursius doch nach einer vermehrten Handschrift des Verfassers einverleibet worden, ist er glücklich stehen geblieben. 0-) Eine gare Erziehung — Die Tanzkunst und Sie tNustk bey Ocm L.amprus — In Oicscr unv im Ringen den Preis.) Der ungcnanntc Biograph: XaXuil,' ?x x?t«l!sx^ri x«t xi-;,occp7i kvir<>j>c<^ — ^lxzrovsz?>7i x«t kt- ircliVt x«t Tlxpt ?rll>.«t?;>«i.' xuct,<>.uu<^tX^l', ^ lvu «^^v^iou !<^ri, ll?^ cs>rzci^ti.> I>^p»^." x<5l>>>) ^V»c/. //i,-. .V/V/, ca/i. 21. (»iii i» Iioe >>-mp»re »»Iiilv-i celvlire-iqiie vr»>», «»pliocio» üo u>,', x«t v'lxrzi' rrt TllXti; ?r«j>« ^V«^l?rj>it>. Die Erziehung der Griechen ist bekannt. Grammatik, Musik, Gymnastik: hierum, und nach dieser Ordnung, wurden ihre Kinder unterrichtet. Die Theile der Gymnastik waren ^'x^«,' und n-x^i, das Tanzen und das Ningcn. Ich will aber das Wort Ringe» hier in eben dem wcitläuftigcn Sinne genommen wissen, als das griechische ?ru?»i, unter welchem noch viel andere gymnastische Uebungen, als das eigentliche Ningcn, verstanden wurden. Den nun, bey welchem Sophokles die Musik lernte, nennet der ungenannte Biograph F.ampias. Achenöus hingegen nennt seinen Lehrer in der Musik und Orchcstik, das ist, demjenigen Theile der Gymnastik, welcher das Tanzen begreift, -L.amprus. Sie meinen beide Einen Mann, dessen Name bey dem ersten nur verschriebe» ist. — Und dieser L.amprus war der berühmteste Lehrer seiner Zeit, ^aiiwrv -ul dioril-l- rum lvnuni, sagt N'cpos von dem Üipamlnondas, lloctus 'o ocloetus (>>), sagt er von unserm Dichter, und setzt in der Note hinzu: vvitvm mü 80- cratc-n, !M>^>ru« i» «zuo l>luklcan> vcloctum l'o ^rolitetue tZnerates ii^>»r, u? ^i^^iv, u^<5?>' ^tt^l«?ot> »tu>? ^ci>«t ^t7r?ti>, l-5 ?u^>x<^t^t kil<5«ox«).o<; c>T^t/« c>^? ?rtt>^ c^«l^X^ ?rr^t ^i'ozilx^L, ^irx^> x«t a)^oT_'>; Tko^ovt,' x«t cx^vc^o^»^ -Troti^cr^ zirzT'opat,', ri-c« ckr x«^ ^«^irziov?-« ?uiv L)»X,^uuiv, z>lx?^ll T'cii^ -!«vA-t?r7r»l.>. I^IIZ. «vi'rz; <5r^oi>o?'t, ^viru- - ^x^kt«! 2ü. ^,e^lt> )/oc^' x«t I^oi'vov ^-e 70^1 ^li^^»- ^tuv, o^i'ot ^oc^> ^»t, ckuci ki.»Tio'cx^" <5e j>»^^l>j>exrz^' vvi'U» ovv ?;>xcs?»^^xl'ou <^Uls;>« o^<5?u ^«>.^it«^m> isxct'ov o!)^?.« x«t oi^l? r^l^tii_> xcxxiou' r?r«t<5k<.^s>, ^loi^o'tx^li i^irc» ^«^i.Trpci'v ?r«-,<5x^^et5, ;>i^?tx>ji' <5e ^iro ^v?lPU>l^-T'o^ ^uu ?«,ti^'owtci^, o^lu>>,' xuiv 0^- ?o<; c>t»<,' kcrz ^Z^v«t«c»ti; ^?r«ti'U!t> ^>.>i5u- x^l.«,'. Ich, sagt er, der ich in der Beredsamkeit die Aspasia, und in der Musik den Ronnus zum Lehrmeister habe, sollte nicht im Stande seyn, eine dergleichen Lobrede zu halten? Die konnte ja wohl einer halten, der einen schlechter» Unterricht genossen bälte, als ich; der die Musik von dem A.amprue, und die Beredsamkeit von dem Anuphon gclcrnct hätte. — Weit gefchlct also, daß Sokraccs hier vorgeben sollte, die Musik von dem ^.amprus gclcrnct zu babc»; cr ist vielmehr stolz darauf, daß cr sie nicht von ihm gclcrnt hat, daß cr sie von cincm bcsscrn Meister erst itzt lernet. Was mag aber wohl den Fabricius zu diesem Irrthume verleitet haben? Ohne Iwcifcl cine Stcllc dcs Serms LLmpi- ricus, oder vielmehr eine vermeinte Verbesserung die N?enage darin» machen will. Zu-x^«^^ crzchlct Sextus Empiricus (n), x« jj«^>.>)'r>z>ui? ^<5ri c>^?x -r^ktT'ci ?r;>o^ ^.u^i.?iu/t>c« ?ov Xt^azit^v lsili^u^i." x«i ?rj>»^ ?oi.' eirt?o^_>?'u> 01 >kl<5t', »7--, x^rt^ou ri^tr- ^t^«?^).»,', «^«^^ <5-^«- /Z«^xo-^«l. Hier hcißt dcr Citharist, von welche»! sich So-. (ll) l^id. Vl. sävcrlu,-i NlAlUewalico». Leben des Sophokles. kratcs noch in seinem hohen Alter unterweisen lasse», L.ampon, lind Menage (mm) sagt: oditer monoo j,ro .^^,i?ru)Vtt legeinlnni omnlnn ^«^^c>T'. Aber warnm den»? Um den Scrtus Em- piricns, statt eines kleinen Fehlers einen weit grobem begehen zu lassen? Es ist wahr, des Sor'ratcs Lehrer in der Musik hieß nicht K.ampon, er hicßRonnus; Sexrus irret sich in dem Namen. Aber er würde sich in mehr als in dem Namen gcir- rcr haben, wenn er L.amprus geschrieben hätte. Denn /!»am- prus konnte damals schwerlich mehr leben. Man überschlage es nur. Aamprus unterrichtete den Sophokles vor seinem sechzehnten Jahre, und der Lehrer konnte leicht zwanzig Jahr älter seyn, als der Schüler; Sob'rarcs war beynahe dreyßig Zahr jünger als Sophokles, und lernte die Musik jj«^)/^,!^ »i'i^7i-»t T'TZ^ e^6«t^i.c>^>t«? «lT-l« sxT'oi; 7-lt>v «^>a^loi?' i/^?r^> et "rov Xt^orpl^rtV Xa^^poi> x«t x«^k>? lll^tuiro T'rzv )»i^^av (mm) In seinen Anmerkungen über den Diogenes Laertius !.!>>. il. Lexm. 32. (»n) Vsr, I.eci. lili. IX, ci»l>, S. ?N2 Sophokles. ^o-?^»v 7-r><; !„ Verdis, «t illucl nractoroam, ll»ot^x»', glinll milii »mit» ^e.-lvi»^ siidosto meiilluin villotiir. Ke^uo onim ^o^> Xt^«;>t^ktV ^oc,»^7rp»v x«t x«)^ll^, soll I'ov Xl^?«j>l^rli? ?r;>u^- xu^? I zxitn. ^V^i^o-,' onim votvris mukici nro- ^niiii» iioinon luit: ijiiiim >>n»i niliil »6 loi»: Iioe enii» t»»t»in si^nilicut ^Vristvtolc«, /7 /^,» ?>e?i« iil non Ivr» seil iutiiioio i^,l1»s vlliei, ^ riilieuluin sorv, si ljuis ill «s>n artilicin i^ilni«, seil lvi-.io uczn6,u» esse eaiitvixlst. So sinnreich diese Veränderung ist, so übcrflicßig ist sie auch. Denn warum soll hier )^il7rj>»u der Name eines Musikers seyn? Weil er es sey» kann«! Weil auch alsdcnn »och die Worte einen Sinn behalten? Zst das Grundes genug ? Hätte Muretus nicht vorher zeigen müssen, daß x^«;>t^xtv ^«^inHov xci» x«).,u^, keinen Sinn, oder wenigstens keinen guten Sinn mache? Und konnte er das? Konnte ihm unhckanut seyn, daß X,-^i.7r;>o<,' auch von der Stimme, und folglich von den Tönen ühcrhaupt gesagt werde? Freylich, wenn man >.«,ti,?r?ov hier bloß durch el.iro übersetzt, wie es so wohl P. Victorius, als L.ambinus thut («»), so scheinet ^-x^npov -c^«;>^xtv mehr ein Werk der Cithcr, als der Kunst zu seyn. Allein es heißt hier das, was wir im Deutschen durch rein ausdrücken; und ^«^ir^ov x^o-^t^tv in diesem Sinne, rein spielen, ist nicht dem Instrumente, sondern der kunstmäßigen Stimmung und der Gcschicklichkcit des Griffs beyzumcsscn. Doch das alles ist mein Hauptciuwurf noch nicht. Sondern dieser, wie gesagt, ist aus der Zeitrechnung hergenommen. Wenn es wirklich bey dem Aristoteles --c^cx^en' ^«^?r^ x«?.w<; hieße: würde man nicht annehmen müssen, daß L.amprns damals noch gelebt habe? Denn nur einem noch lebenden und in der Blüthe seines Russcs stehenden Künstler, pfleget man ein dergleichen Complimcut im Vorbeygehen zu machen. Zst es aber möglich, daß A.amprus zu der Zeit noch leben konnte, als Aristoteles schrieb? Er müßte weit über hundert Zahr geworden seyn, wenn er nur da »och gelebt hätte, so») Und wie es Muretus selbst in der seinen l.ec>> v.ir. angchängtc» ittll>ri>r«?>!Uiu»e xrsecor. locorum thut. Leben des Sophokles. 303 als Aristoteles gcbohrcn ward. Wie wäre dieser auf eine» Mann gefallen, den er nie gekannt, nie gehöret hatte? Das waren also zwey Stellen, in die man den >L.amprns mehr hineingelegt, als ihn darinn gefunden hat. Hier sind zwey andre in welchen er wirklich ist. Sie sind beyde ans dem Achcnäns. Die eine stehet gegen das Ende des cilftcn Buchs, wo von den Anzüglichkeiten und Verleumdungen, deren sich Plato schuldig gemacht habe, die Rede ist. Und da wird denn auch der obigen Stelle des Weltwciscn gedacht, wo er des L.amprus auf eine nicht vorthcilhaftc Art crwchnet: iZv <5- i-u- iUki'^k,-u> c>^5 ^ovov Iir?rt«i,' (! 1I)^t<>^ x^ki->«^r«t> cxX-X,« Xttt o 1'«- ^i-i'o^crtoe ^vrtlpl^i', xcxt » ^iv^ii/lxo^ ^oc^l?rj>oe. Allein ^Vtt^l.» das heißt die Sache ein wenig übertreiben. Plato spottet des Ä.amprns ja eben nicht. Denn spottet man denn gleich eines Künstlers, wenn man sagt, daß ein anderer über ihn ist? Aus der zweyten Stelle des Athenaus (i>i>) erstehet man, daß Aamprus sich des Weins enthalten hat, und ein Wasscr- trinkcr gewesen ist. Desgleichen, daß der Komödicnschrcibcr Phryniclius ihn in einem seiner Stücke angestochen habe, wo er die Kibitzc seinen Tod beklagen lassen: "rch>ont 01^ chp^^'t^oe ^»'t X«5>c>^>^- i'Ltv, ri> oto't ^V«^i^?rj>o? ki>airr^i'^ «i^^U'iru-; ^^ti'i.>j>>.»e, ^^'0^ LlFo^i. Wenn ich diese Stelle recht versteht, so hat das Stück selbst, in welchem Phr^nichus den K.amprue durchgezogen, >v«j,c>l, die Ribilze geheißen. Ich ziehe nehmlich «ic/t auf ).«;>»^c, und die folgenden Worte sind mir der Thrcnus (oder ein Stück wenigstens davon), den der Dichter die Kibitze über den Tod des Musikus singen lassen. Und das ohne Zweifel in einem Theile des Chorus, welchen die Äibitzc gemacht. Denn die Worte selbst scheinen mir zerrissene anapa'stischc Zeilen zu seyn, die ich einem andern in Ordnung zu bringen überlassen will. Ich weis zwar wohl daß weder Daleebampins j» seiner Ilcbcrsetzung, noch Lasaubonus in seinen vortrefflichen Annicr- (>'!>) I.Ui. II. I>. III. 44. 304 Sophokles. klingen über den Arhenäus, hier den Titel einer Komödie des Phrymchus wahrgenommen zu haben scheinen. Ich weis auch, daß mttcr den Stucken welche SuiSas («q) diesem Dichter zueignet, sich keines dieses Namens befindet; daß auch Meurscus (rr)^ welcher doch alle von dem Smdas benannte Stücke da oder dort angeführet gefunden, keine ^«po^c; aufgetrieben hat. Aber dem ohngcachtct kann ich Recht haben; denn, wie gesagt, ich wüßte nicht, auf was »eu-t anders gehen könnte, als auf ).«p»v>i,-. Die Zunamen übrigens, die Phr^-nichuk hier ttnserm Lamprus giebt, scheinen, ausser von seinem Wassertrinkcn, von seinem Alter und seinen allzutraurigen Mclodicen hergenommen zu seyn. Er heißt, der klägliche Virtuose, das Gerippe der Musen, das Fieber der Nachtigallen, das Rlagelicv der Hölle; denn auch diese Bedeutung, wie bekannt, hat -u^i-o-,-. Wenn aber XNuretus, an dem angezogenen Orte, sagt: ttunc I^sm- pnim ^tlioiiitous, »on t>.T7 t>o»/«eocr^i>rz^ ?e k7rt^i.L?>,c>^v7'«t, x«t oircul; «v ot i't x«xoi^j>)/uio't, stlgt ^lato Diesen zwey Stellen aus dem Achenöus könnte ich eine dritte aus dem Plurarcl? (u) beyfügen, wo eines lyrischen Dichters, Namens Ä.amprus gedacht wird; und wer die genaue Verbindung erwägt, in welcher zu den damaligen Zeilen die Poesie mit der Dichtkunst stand, wird sich nicht lange bedenken, sc>q) Otz'vi'ixo?, ^A^i'alo?, Kll//lxo^ rc-n- /zklöti^k^i' 7^? «tzx»t«^ «u^ij-A^a^. — ^^»'«.«i« 6c wvrov rccv^«' L^>la^?z?, Kov^o?, Kizo- » Xu/^a^-o», ^ar>.-tzc>l, l'tjocz'ij-öol, ,^ .^«^kiiA'kHol, ^loi'ortzo-ros, >loT>- crai., ^li^ii;, Iloai^i-lclt. Die Worte des Suidas, 6ij«„a?-a 6k folgende Stücke sind von iym, trollen aber eben nicht sagen, dasi er sonst keine gcmacltt habe. Und wenn sie es auch sagten, so li.it Suidas i» ähnliche» Fällen schon mclir als einmal geirret. Von den, Eu- polis z. S. sagt er: t6l6c-4- 6^«.,^«^« c^. Und Meurstus hat deren doch mcl'r als zwanzig angeführt gefunden. srr) »idl. ^ttie» I.ib. V. (üs) Im proragoras. (») Z» seiner Abhandlung von der Musik. Leben des Sophokles. 305 ihn für lliiscrn Ä.amprns zu halten. Scinc Lieder stehen da mit dcn Licdcrn dcs Pindars, dcs Pratinas, x«, u ^c>M-t>u l'c-'vt 7°lXiuv ^>ch>x^ k^-x?>oi'?-o Trol'^T'cxt xp.iVt Xt«v ^^>^^>«tit>u irxj>t ?-;>o?rocto^' ovrltiv, ^i.ei'« ^9«-; 7°ot^ irllelolVt^o^io'lu T'uii' eirtVtXtl^iv ^rz^x^ Und Achcnans (»»): 2t>cpocv, x«t <5x<5l9«'->o'x ^i^xr« ^^c>«c?' c>t <5s txl.«?tcu l^oeo'c. Und damals, sage ich, war Sophokles noch nicht sechzehn Zahr. Denn es war das erste Zahr der fünf und siebzigsten Olympias, als Terxcs der griechischen Freyheit dcn Untergang drohte. Die Athcnicnscr wollte» dem Rathe dcs Themistokles, die Stadt zu vcrlasscn, und ihr Gluck zur Scc zu wagcn, lange nicht folgen. Endlich, als AeoniSas und seine Spartaner bey Tbermopyla ihr Leben vergebens aufgeopfert hatten, als Pho- cis von dcn Feinden überschwemmet und verheeret war, als sie ihm ihr Attica von ihren Bundesgenossen, die sich nach Pelo- ponncsus zogen, Preist gegeben sahen, zwang sie die äusserste Noth zu dem Entschlüsse: 7-i^v ^ev?co^iv ««p-xx«?«^««?^«-, ?H 7°sZ ^^L0'^, 7°c»T1^ 6' I^X-tXt«. ?r«7-?«l,' x^>jZ«lvrtv et^ ?. m. 20. (xx) Im Leben tes Thcmistokles. Lessings Werke vi. 20 Sophokles. zigsten Zahre. Denn ob sie schon von dem achtzehnten Zahre an diene» mußten, so wurden sie doch nicht gegen den Feind, sondern nur zur Bewachung der Stadt gebraucht, und hießen «^-.Tlo^o-, Zu dem zwanzigsten legten sie erst den Eid ab, ^irk^i^«X^ti> «x?t ^«^>«i-o^> ?ri<; ^5>x^>«^xi'>i?. Unter dieser streitbaren Mannschaft konnte unser Sophokles also noch nicht seyn, sondern er gehörte unter die Kinder, die die Väter, so gut wie sie konnten, in Sicherheit mußten bringen lassen. Aber gleichwohl ist er aus Salami's, und tanzet da um die Tropäcn. Sollte man ihn itzt nicht eher in Troe- zcnc suchen, wohin die meisten Athcnicnscr ihre wehrlose Familie schickten? vl ?r^rt?ol T-u-v ^^--'«tun', fährt Plntarcb sort, H/ai>r«<; xal ^>_>i'«lx«? r-.^ ?j>ot^r>i>«, rz'l^oT'^i.w^ ?r«vv l'^oc^rz't'tlov ^irnksxx"/'^^^^' ^5'^?>rii- ^i^^csito'llli'7°» <5^iio»'l«, <5>_>o ci^oX-oi^c? xxcx^lji lsc-sni'^t.', x«t 7^<; «^ X«/ij3«i>eti' ?r>i.'c! ««l<5«? x^rii'-xl zroii'T'ocxn^ri', ^?zrk^ «vrl^v <^k5«crx«X.0tc! ^^c^?. Doch 'Hcrodo- tue sagt es ausdrücklicher, daß Troczcne nicht der einzige solche Zufluchtsort gewesen sey, sondern daß einige ihre Kinder auf Acgina, einige auch auf Salamis geschickt hätten : T^«^« vt ^i-ri^ Tr^rcg-oc ^pot^s>voc LiTrx^xiX,«^ ?rxi^'« x«t olxeT'«?), oi (sx ot, «v, sagt Athenaus. — Und dieses ist das erste Datum, aus welchem es wahrscheinlicher wird, daß unser Dichter in dem zweyten Zahre der ein und siebzigsten, als in dem dritten der drey und siebzigsten Olym- I-«U»X lid, VIII. c-,,,, 9. 8. Ivs. (-12) Uerml. lidr. VIII. I>, S4I. Läit. Ilenr. 8Iei>I>-ini. Leben des Sophokles. 307 pias gebohrcn worden. Als ein Kind von sechs Jahren würde er vielleicht zu Troezene Obst genascht, nicht aber auf Salamis nin die Tropäcn getanzt haben. (v) Aeschylus des Sophokles Lehrer in der tragischen Dichtkunst — Zweifel dawider.) Der ungenannte Biograph ist der einzige, der dieses sagt: 17«;' ^.lo-x^v ^j>«7'uitstai' Ich werde also um so viel eher daran zweifeln dürfen. Und das aus folgenden Gründen. Ich will nicht untersuchen, wie viel man überhaupt von der dramatischen Dichtkunst einen lehren kann; ob es sich viel weiter als auf gewisse mechanische Kleinigkeiten erstreckt, die man durch die Intuition eines Musters weit geschwinder und besser, als durch die allgemeinen Regeln eines Lehrers begreift. Ich will nicht fragen, wie viel es dergleichen allgemeine Regeln zu den Zeiten des Aeschylns geben konnte, da noch so wenig gute Stücke vorhanden waren, aus welchen man sie hätte abziehen können? Zch will auch nicht fragen: konnte Aeschylus etwas lehren, was er selbst nicht gelernt hatte? Nach dem eigenen Bekenntnisse dieses Dichters war sein Talent zur Tragödie, mehr ein ihm von dem Bacchus übernatürlicher Weise geschenktes, als erworbenes Talent, 'j^csi^ <5s ^i? ^l.xl^«xlov x«A-x^<5xi,v «^-pu> lp^>X, Xx^croit ?^«^u>cki«v ?rc>lk/.v <5e i^v i^xp«, nx^rs^«-, «A^xi,v, pu?« ^ckri 7rxtp«^i.5uo5 crzehlet (aaa) Pausa- nias. Man lasse das Wunderbare von dieser Erzchlung weg, und es bleibt doch immer noch so viel übrig, daß Aeschylus die tragische Dichtkunst nicht studiret, sondern sich durch einen gewaltigen, und gleichsam unwillkührlichcn Trieb seines Genies damit abgegeben hat. Und dem ohngcachtct würde er sie allerdings auch andere haben lehren können, wenn er wenigstens nachher darüber nachgedacht, und seine natürliche Fähigkeit in Wissenschaft verwandelt hätte. Allein dieses unterblieb; wovon uns unter andern ein Vorwurf überzeugt, den Sophokles selbst dem Aesch^lus gemacht hat- Zocpox^?, heißt es bey dem (»s») I.ib. I. LS. Kulm. p. 48. 20" 308 Sophokles. Athenöus (I)t>I>), ull'xtckl^xv «vi'lL, »^t rc x«t c^oi'?« ?rc>let, ll)^' ; ?>x. „Was Acscl?>'lns mache, gcrathc ihm „zwar, sey zwar gut; allein er wisse selbst nicht warum es ihm „gcrathc, wärmn cs gut sc>)." Wußte er cs nicht, wie konnte er es einem andern beybringen? Wußte Sophokles, daß cr es nicht wußte, wie konnte cr cs von ihm zu lernen hoffen? Zwar wird man sagen: Sophokles machte diese Erfahrung zu spät, und cs ist einmal cingcführt, daß auch derjenige unser Lehrmeister hcisscn muß, von dcm wir nichts gclcrnct habcn, wenn wir nur etwas von ihm habcn lcrncn wollen. — Nun gut, so mögen alle die Zwciscl die ich von der Unfähigkeit des Zlcschslus, ein Lehrer in scincr Kunst zu scyn, hcrgcnommcn habc, nichts gcltcn; und ich vcrsprcche in der Anmerkung (I) einen andern, historischen Vcwcis zu führen. (U) Nach einer Stelle öcs Plutarchs,) Dicsc Stelle findet sich in der Ilntcrsuchung dcs Plutarchs, nw? «lo-^o^o -°«T> 501^ 7r^oxo?r7-m'7'0i; eir rvoraus man seinen IVacl)Sthum in Ver Tugend schließen rönne? Und da ist ihm kcincs von dcn gcringstcn Mcrkmalcn ^ 7-<>u? ^o^,c»^ ^«-«jZo?^, die Acrändcrung dcs Geschmacks an dcn vcrschicdncn Theilen der Wcltwcishcit. Angehende Philosophen, sagt cr, beschäftigen sich meistenthcils mit denjenigen Theilen, die sie in Ruf und Ansehen bringen können. Einige versteigen sich in die glänzenden Höhen der Physik; andere verlieben sich in dunkele Zänkc- rcycn; die meisten stürzen sich in die Spitzfindigkeiten der Dialektik. Nur die besten von ihnen kommen endlich, bey reiffcrm und gesundem Urtheile, auf das, was die Seele wirklich gut und groß macht, und weihen sich denjenigen Theilen der Welt- Weisheit, deren Fußtapscn, mit dcm Acsopns zu rcden, mehr Hineinwerts als hinauswcrts gehen. Nun fährt Plularch fort: ^>ap o Zoipox^T^ e^r)/x, ^tcr^^iXoi^ <5t«7re7ra^^^ oT' «i^T'o'u xcx?«- «T-xx^izi.-, 7-j>c7-o^ ^ck>i i-o /.r^xu)? ^^«fic-cX-Xx»' ecFo?, ozrxp r^li' ^A-lxu)7-a?-<,v x«t ^Ze^T-t^-ov c>^«>^ cptXoo'oipowT'e?, (bild) I.IK. I. p. m. SS. tttvcn des Sophollc?. :;09 » ex ?r«vr/^TiotXl«iv x«t x«7-u^xi^^> etc,- 70V «NT'o^kvov >^c>^^ x«t ?r«?so^c,' Xo^,ov ^^^«sjcvcrtl', «;>xo2'?'«l a^r^r, Trooxoir^,' x«t «T-i^rpov ^rsoxonT-elv (ccc). Der wahre Sinn dieser Stelle ist so leicht nicht. Xylqnder hatte sie anfangs so übersetzt: Sonlioclos aioliat so prlmo sattum ^o- kelizli neeielit'l'o (>>lit>), eloinclo a>^,ai!>tiiii> niini« llousum ntrnio ar- t!sieio5um, ^»steonln etium llictioin« smmuni mntusso, «ntilv ^>ars maxiniv aoili»ot ^ ol't ^ntissima: ita i>liilvkoj>l>!>ntos, eimi n oomnosilis :ul o5to»tk>t!onom (ü: ortisioi» iiiiiuo olaliorati» vr.itionilms, oratinnoi» animi niotus ^l!>c!llilo«niontii>n» ^o5cli)li iiniwtum: cloinclv ojus !i> »^»or-itu eonclonsutionom stinio oiti- sieii incluktriam: tertio clcmun» nuno loeo ittl iel llictluiiis Fvnus 5o transtulisto, miocl ncl formsnilos moros -zpliMmum, ok>«,uo tlo ol>n5it ettot l)i,tinnim. Doch auch mit dieser Verbesserung kann ich nicht zufrieden seyn. Der Sinn des Plurarchs ist weder genau, noch deutlich genug ausgedrückt. Die Worte Zocpo- n^i; ^li^x^o^ Ft«7rxir«i^l^l; 0)^X01' sagen bloß, daß Sophokles den Schwulst des Acschylus verlacht habe, und es ist ein eigenmächtiger Zusatz des Tylanöers, daß dieses durch eine burleske Nachahmung, durch eine Parodie, geschehen sey. Wenn Sophokles ein Komodicnschrcibcr gewesen wäre, so würde mir dieser Zusatz weniger mißfallen. Denn von den komischen Dichtern ist es bekannt, daß sie auch damals schon die hochtrabenden Stellen ihrer tragischen Brüder, gern parodirtcn und (ccc) Diese Stelle war dazu versehen, falsch cilirtt zu werden. Fabri- cillg I. kr. I.ik. II. csp, 17. H, I.) cilircl sie: I>!ul-,rclu>5 liv llcf>'/.lil in' viriuie. Ein solches Buch des plurarchs giebt cs gar nicht. Und Heinrich'Srcphanuö in seinem 'ri^s-iur» xr»cciie, fülirct unter x«7«ikX''o? verschiedene Worte und Icilcn daraus an, als ob sie in dem Buche Ue lMceru. »Sul. »>> iimico siündcn. (tiau) Was acciliiss« hier l'cißen könne, begrciffc ich gar nicht. Ss bat ohne Zweifel irriNsse, oder dergleichen, heißen sollen. Zch bediene mich der Frantsurlschrn Ausgabe von 310 Sophokles. dadurch lächerlich machten. Allein wo hätte das Sophokles thun können? Zn seinen eigenen Tragödien? So hätte er sich selbst den größten Schaden gethan. Und das Wort x«7-«v-x?vkz. Mit diesem hat sich Xslanoer sehr gcirrct. Er giebt es durch gpp-ii-atus. Gut; aber was für ein aiio-n-stus? Ans einer Verbesserung, die er in dem Texte macht, erhellet deutlich, daß er die x«?«ci-x-v»p- der Rhetorick, die Ausschmückung der Rede durch Figuren und Tropen, verstanden hat. Anstatt xpov «Ti?ov x-xT-oKi-x^i^i,', licsct cr nehmlich ?c> n^xvo,,; und übersetzt es durch a^^.irat»m nimis llenlum, anstatt es durch nimis amsrum zu übersetzen. Denn freylich konnte ihm eine herbe, bittere Ausschmückung in diesem Verstände, nicht den besten Sinn zu machen scheinen; wohl aber eine allzugcdrun- gene, überhäufte Ausschmückung. Allein wenn dieses die richtige Bedeutung des Wortes x«?«crxxv^ wäre, würde nicht als- denn diese zu überhäufte, zu gekünstelte Ausschmückung (?o 7lv- xvou x«t xocT-o-T-kXi'ov Xlll7-«ci-xx^c.',) nut dem, was plu- rarcb die Schwulst des Acscb)?lus l>ou ^tv-^^o^ »^xc>>') nennet, ziemlich auf eines hinauslauffcn? Denn was macht einen Dichter anders schwülstig, als die allzuhäuffjgc, allzugcsuchtc Anwendung der kühnsten Tropen? Und doch will Plutarch ausdrücklich beides unterschieden wissen: 6l«ir-?r«tx!t>? o^xov — -l?« — 'Z'pcT'oi-. Warum halte ich mich auf? Kurz; es ist hier nicht die xaT-llo-xxv^ der Rhetorik, sondern die xo^o-o-xx^ der Schauspielkunst, die theatralische Auszicrung zu verstehen. Zx-i^, Xll-7-uo-xxvrz, o-xe^oiro»«, crxx^oTrot^i^cüT-«, diese Wörter bcgrcif- fcn alles, was zur Vorstellung eines dramatische» Stücks erfordert wird; Auszicrungcn der Bühne, Kleider, Larven, Maschinen. Nun ist es von dem Aescliylus bekannt (ev>-), vxxuc>- notl««,- ^«7-0, xlxo-o-^1^^^^ ?ot? 1-U1V ^P!^>UIV Ltckko-tT'. Er war, wie Hora; sagt: — — j>vi'Io»a<; pnllue^iio rej>ertor Iionett»«:, — — A inodivis intlrnvit puljiita tiznis tloeuit — — — uili — collun'no. (eee) ?IiUol>riU»5 >Is vi>» ^poNviiii r>snei Ud> VI. 0»?. «. Lcbcii dcs Sophokles Es ist aber mich nicht weniger von ihm bekannt, daß er in der Auszicrung seiner Bühne und seiner Personen, sehr weit ging, und das Schreckliche darinn nicht selten übertrieb. Man erinnere sich seiner LLumcniocn; welche grausame Wirkung der ungewohnte Anblick dieser rachcrischcn Gottheiten, die Acscly-lus zu allererst im Schlaugcnhaarc aufführte, auf die Zuschauer hatte! Und was sahe man nicht sonst alles auf seiner Buhne! ^iglo«, Vautour«, Leidens, tIi'itons, Ili^ioceuwures A I^vlioll», Des I'auieaux kurleux, lloiit la gueulv Iieantv Hut trauli »tv tiaz^eurs Iv graud clievsl tl'^tlaiite; eliar, l^uo lies Drakons etineel.ins ck'eelairs l'iomenoielit en tiiUaut psr Ilc>it s'^ vo^oieut eri pelnture ( M). Dieses übertriebene Schreckliche also, welches Aesckylus nicht blos in seinen Versen schilderte, sondern wirklich durch alle Künste der Skevopöie sichtbar machte, dieses ist es, was Plutarch 7-0 irixpov Zt«t, x«?«7-x^'ov «vi'oD x«7'uo'xx^rj^ nennet. Denn der höchste Grad dcs Schrecklichen wird wirklich in der Nachahmung rvioerrvarcig, nu-j'»^'. Zst es noch nöthig, dieses Wort in n^vo? zu verwandeln? Nach dieser Erklärung betrachte man nunmehr die Stelle dcs plurarchs, und sie ist ungleich Heller. Indem Acschylus den Ausdruck der Tragödie so viel als möglich erhaben zu machen suchte, verstieg er sich oft in das Schwülstige; und dieses war die erste Uebertreibung, die Sophokles vermied. Zudem Ae- schylus gern so schrecklich als möglich seyn wollte, ließ er sich oft verleiten, seine Zuflucht zu wunderbaren Maschinen und ungeheuren Verkleidungen zu nehmen, die aber mehr Abscheu als Schrecken erregten; und dieses war der zweyte Fehler, in welchen sich Sophokles nicht rcisscn ließ. Er ist erhaben, ohne schwülstig zu seyn; er ist schrecklich, ohne das Schreckliche einer widrigen Skevopöie zu daukcn zu haben. Das alles paßt vollkommen. Und doch sage ich, daß ich dieses Verhältniß des (M) Tanaquill Fader in scinm französischen Lebensbeschreibungen der griechischen Dichter. ^12 Sophokles, Sophokles zum Aeschylns nicht so wohl ans gegenwärtiger Stelle des Plntarchs, als ans der Ncrglcichnng ihrer Stücke gezogen habe? Warum das? Einer Besorgnis; wegen. Man darf den Plutarch nur ein wenig kennen, um zu wissen, daß ihm sein Gedächtniß mehr als einen Übeln Streich gcspiclct hat. Wie wenn cs ihm auch hier nicht treu genug gewesen wäre? Wie wenn er das, was er von dem Sophokles sagt, von dem lLun'piScs hätte sagen sollen? Zeh will die Gründe dieser meiner Besorgnis? vorlegen. — Zc>- lpox^rz? x^.?)/-, schreibt plnrarch; „Sophokles hat gesagt." Wo hat er es gesagt? Hat er cs in einem von seinen Werken gesagt? Und welches ist das Werk, wo er dieses nicht eben allzubc- schcidnc Bekenntniß hätte thun können? Es müßte nothwendig das Buch gewesen seyn, welches er über Ven Lhorus geschrieben hat, lind dessen ich in der Anmerkung (1.^) gedenken werde. War es hier, wo er so mancherley an dem Acsch>'lus auszusetzen hatte, wie ist sein obiger Zlusspruch von diesem seinen Aorgänger, »7-i ^« -Z-o^« Tro^sses), damit zu vergleichen? Wie ist die Hochachtung überhaupt damit zu vergleichen, die er beständig gegen diesen Vater der Tragödie gehabt hat? Hätte er sich selbst geschmeichelt, so vieles nach dem Aesckylus in der tragischen Dichtkunst verbessert zu haben, würde er nicht geneigt gewesen seyn, sich weit über ihn zu setzen? Als er aber, nach der Erdichtung des Arilrophancs, in daö Reich der Schatten kam, wo Aescbylus den tragischen Thron besaß, wie bezeigte er sich gegen ihn? — — — ZZx^cre ^i,ev ^ic^x^ov, Ore c5rz xcx i^/3«^,x T^v c5-A«v I^cxxrn'o^ 'v7rxx^5>^o'L^ «v^k« ^o-u A^ovo'u (uiiil). Er küßte ihn; er ließ ihm die rechte Hand; er begab sich des Thrones völlig. Man sage nicht: das ist die Erdichtung eines Komödicnschrcibcrs. Dieser Komödicnschreibcr konnte von den wahren Gesinnungen des Sophokles gar wohl unterrichtet seyn, und durfte itzt seine Erdichtungen nicht anders, als ihnen (see) Bcv dem AthenäuS. Man sehe die vorhergehende Anmerkung («) Seile 307. (uiili) Aristophancs >» den Fröschen Zeile 800 u. f. Leben des Sophokles. 3l3 gemäß einrichten. — Aber dieß alles sind die geringste Gründe meines Verdachts. Die wichtigsten sind diese; Anfangs, daß die zwey erstem Punkte, in welchen Sophokles, dem Plmarch zufolge, von dem Acschylus abgegangen ist, sich nicht bloß eben so wohl, sondern ungleich richtiger von dem «Luripiocs als von dem Sophokles sagen lasse»; und hernach, daß der dritte Punkt, den ich noch gar nicht berührt habe, sich fast nur von dem ÜUiripioes, und von dem Sophokles gar nicht sagen läßt. Es ist wahr, Sophokles hat sich der Schwulst des Aeschy- lus nicht schuldig gemacht; aber iLmipiocs noch weniger. Der Ausdruck des Sophokles blieb noch immer stark und erhaben; da sich LLuripivcs hingegen so weit von dem Aeschylus entfernte, daß er nicht selten gemein und schwatzhaft ward. So lautete das allgemeine Urtheil der Alten, wovon Arisiides für mich die Gewähr leisten mag. vc>K> <5e x«-, ?c>«^(v- sagt er in seiner zweyten antiplatonischen Rede ("'<), ci'Ai^cil' «t?<,«i.> c>u " o^csx ^6t<^ov LtTrxtl^ Zu^iux^x«, »i^c^tco u ^«i^?'' «x»w«V7'«, kw^k^ ^^vcxtoi^c! »T't ol^oce, cre^cvoT'^T'oi,', viov ?L «UT'ktxut^o, x«t xc'ktT'T'ov« ^ x«^^c ^oux,- ?rci)^o^»; i'« ^-^^ ^rcx^x^oi.i'o. Li^pt?rl<57zv x^,xiv c,' x«t?<^>v x«lc>u)v. Es ist ferner wahr, Sophokles hat sich der fürchterlichen Verkleidungen, der wunderbaren Maschinen, weniger und bescheidner bedienet, als Acschylus. Er hat sich aber doch sonst der Skevopöie sehr beflissen, und wie man in der Anmerkung (X) sehen wird, verschiedenes darinn erfunden. Von dem LLuripiocs hingegen kann man dieses nicht sagen; es ist vielmehr ein sehr gemeiner Vorwurf, den ihm die Alten machen, daß er den theatralischen Putz zu sehr vcrnachläßigct hat. xtxo? ?oi^ ll/cl,^ec>^' jii^l.oio't ^x^ocrt ^^cr^«^ )/«z> 7-c>l<^ ^^«T'coti; i^uiv ?ro^ cxr^^vc>7'ec>ciiu) o'^>- sagt Acschylus bey dem Ariskophanes lMK) zn ihm. Denn er (üi) "r-t-tz ruv L-cro-c-ltz^,'. p. 133. Lom. II. vp. ^limui«, «llit. LsmueU» ^edb. (kkk) In den Fröschen Zeile 1092 n, f. 314 Sophokles. scheute sich nicht, Könige lind andere vornehme Personen in elenden und zerrissenen Kleidern auszuführen. Wie wohl oder wie übel er daran gethan, will ich itzt nicht untersuchen. Genug daß dieses offenbar einer von den Fallen ist, wo er Xllci-llT-xxvov xcxT'cxci'xxu,l^' ganz bey Seite gesetzt hat. Das ?rlx;»>i> derselbe», wodurch Acschylus das Schrecken zu befördern suchte, war ohnedem seine Sache nicht. Und nun der dritte Punkt: ?p^c>v ^<5r, ---<, 7-,^ Xr^lv-,- ^rT'n^ucX.^etv riov «i-'T'co ^xocjZrz cpl^oo'ocpxi. Und welche Person ist beu ihm nicht so eine -Hekuba? Zch fürchte nicht, daß man Hierwider etwas einwenden werde. Allem Ansehen nach muß LLuripiöcs, anstatt des Sophokles bey dem Plurarch gelesen werden. Aber das fürchte ich, daß man mir meine obige Frage zurück geben wird. „Wenn lLu- „ripl'Vcs das gesagt hat, wo hat er es gesagt?" Immerhin; ich bin wegen der Antwort eben nicht verlegen. Euripiocs sagt es bey dem Aristophancs, und zwar, wie man leicht vermuthen kann, in den Fröschen. — Man kennet (in) Lp. 3, i.ib. xvl. »a?-lmii. Es ist aber hier nicht !N. T> Cicero, sondern der Bruder «Nuintus Ticero zu verstehen; den» i» dieses Briefe an den Tiro stcl'cn die angeführten Worte. Gyraldus irret sich also, wenn er (»iill. VII. äs ?oelarum IiMori-i) schreibt: Vvrum »oller ^/a^c»^ t7/ce--o l!»»> Luriowem kecisle vickelur, ut rirouem tcriuens clicat Sc. (mmm) I»s>. vr»l. I.ib. X. cüp. I. (»im) In s. Vorübungen S. 4. der Ausgabe des Tamerarius. Leben des Sophokles. 315 den komischen Streit, den Aeschylus und Enripidcs daselbst vor dem Bacchus halten. Und hier ist die Stelle daraus, die plu- rarch, wie ich glaube, vornehmlich in Gedanken gehabt hat. LLuripidcs sagt zu seinem Gegner (»»»): u?«,- ?rc>cp!^«jZov ri-zv T-xx^'^u 2r«9« cro^i, roirKu^vv ^rv evA^i? Oi<5, xoct r?rc«x^^>'> I^^'cx ^rjicvT'li^»u «i^T'^i', x«t ?v ^upcil,' u^>xtX,-!)>.?>,t»ti;, x«t ?rxj>t?r«r(ili;, x«t i'ei.'T'X.totv'c ^i^txpolc.', XuiX,ou <5t<5o^? ^ui^l.i^tlwT'uiv, «?ro ^l^Xlltit', «ir' ^cov. Was ist hier die erste Verbesserung, die sich Euripidcs in der tragischen Dichtkunst, so wie er sie von dem Aeschylus überkommen, gemacht zu haben rühmet? Ist es nicht eben die, deren sich Sophokles bey dem Plnrarch rühmet? Die Abschaffung dcS Schwulsts. Und man kann auf das eigentlichste sagen, daß iLunpiocs hier über diesen Schwulst spotte; ?c>u ^o-x^o^ <5i«7rxir«lx-"<,' »^xov. Aristophancs laßt ihn ferner sehr lustig vorgeben, daß er diesen Schwulst durch schöne Sprüchclchen, durch philosophische Dispurationcs, durch Mangold und Beete vertrieben habe; und was ist dieses, besonders wenn man den Saft aus ven Sircenbüchern, x^<^ <^ul>>) — vTivex« x?1 ^«^I^llc^riv «^>6^>c» Troti^rnv; und dieser antwortet ihm: ^x^lvT'^i'o^ x«t, voi^^xo'l«?, oT'l ^Zx^lo^^ T'x?rot«i^l.ev «^-^cvzro^i? Tlo^xo'n'. (ooo) Zeile 970 u. f. (i>l>i>) Wege» dieser Achnlichkcit mochte ich auch nicht die Lesart annel'- mcn, die i» dieser Stelle des Aristophanes aus ei» cinzigev Wort «-rizKuv (percoi»»») macht, ob sie gleich den Eiistathius zum Währmanne hat. Man sehe den ZZisetus über den 974tcn Bcrs. (c^u»su?rokc>? nPk>7-ov x?rxk5xe^«7'l>' merkt jener unter dem zweyten Jahre dieser Olympias ausdrücklich an (>"). Die lateinische Ucbcrsctzung des -Hieronymns bringt den nehmlichen Umstand unter dem ersten Zahre bey: 8c>i»l>o- cles "1'r.iFnoiliarurn lci-I^tor prmiui» ingcnii sui v^>era ,»i^Iicavit. Sophokles wäre also vier oder fünf und zwanzig Zahr alt gewesen, da er sich als einen tragischen Dichter zuerst bekannt machte. Und in diesem Norgcbcn ist nichts, was der Natur der Sache widerspräche. — Aber nun das Zeugniß des plu- rarchs. — Das Orakel hatte den Athcnicnscrn befohlen, die Gebeine des Thcseus in ihre Stadt zu bringen, um ihn als einen Halbgott zu verehren. Thesens lag auf Scyros begraben. Als nun Limon diese Znscl erobert hatte, ließ er sein erstes seyn, das Bcgräbniß dieses allen alhcnicnsischcn Königs aufzusuchen, und dem Orakel gemäß damit zu verfahren. Dieses crzchlt Plutarch in dem Leben des Limon und fährt fort: I?csi' ui x«t ^«X-l^-« Nj>o? avT'QU ^<5rit>? o cki^l.o? eo^xv' x^i^o et? ^i'^i^v «>_i7'ov> x«t ?u)v ?j>«)'ui6lt>v xjit- c^tv ^^<^i^>> ^i'c>^i^?T'^i-. I7jiki5>^ cslckoio'xocXtWu ?oi^ Zc>cs,vxX/k0V? k5t vroi^ x«^k>i>z-c>e, ^cs>x^>lwl' » «z>Xk>v, csitXo- i'xixt«? o^^rj? xat ir«j>«?a>^xk'<,' ^x«?'^', x^iT'«? ^^xv «^^>i>o?' U)? 6x Kt^ictiv ^i^e?« cri.'^paT'^^/lov ?rj>oxX^u>u kt? ?o A-kttT'poi.' xirot»^ci'«7'o 7^ ^7Li^> T'^'o^^t^tir- 1'«? ?ti', «X,?' »jixct«?«?, ^i^^xacrx x«^lcr«t x«t x;>ti'«i 6xx« vi'T'««, «7rc» ^>^? ^l«t,- ex«?m>. Ich füge hiervon die Ucbcrsctzung des Herrn Rind bey, weil ich in der Folge verschiedenes dawider zu crin- (rr>) Seite 167 des griechische» Tcrtto, bcnainUcr Ausgabe. /?.:>, Leben des Sophokles. 317 »er» haben möchte: „Das Volk gewann ihn deswegen sehr lieb, „und stellte zum Andenken dieser Begebenheit den bekannten „Wettstreit unter den Tragödicnspiclern an, unter denen sich „auch Sophokles befand, der damals noch jung war, und da- „bcy sein erstes Trauerspiel aufführte. Aphepsion der Archen „gctraucte sich nicht, die Richter zu ernennen, die dem geschicktesten Dichter den Preis zuerkennen sollten, weil er sahe, „daß die Zuschauer bald für diesen, bald für jenen cingcnom- „men waren, und einige diesem, andere jenem den Preis zuerkannt wissen wollten. Er lies deswegen den Cimon, der auf „den Schauplatz kam, und dem Gott und Vorsteher dieser Spiele „das gewöhnliche Trankopfcr brachte, mit seinen Untcrfcldhcr- „rcn nicht eher weggehen, sondern nöthigte sie, daß sie nach „geleistetem Eide die zehn Richter werden, und den Ausspruch „thun mußten, zumal da jeder dieser Feldherren aus einer der „zehn Zünfte war." — Zn dieser Stelle sind zwey Data, aus welchen die Epoche des ersten Trauerspiels unsers Dichters bestimmt werden muß. Das eine: Aphepsion war Archon. Das andere: Cimon war von seinem Kriegszuge wider Scyros zurückgekommen. Aber diese beiden Data sollen sich widersprechen. So urtheilet wenigstens Samuel Petit, dessen Critik ich anführen Muß (»««): tion ^rekion signsvit l^sttos anni teiln Ol^m^iau'is le^tnü- getimao yuartae. vero, 1"ivv nstales 8anl>oclis a<1kcriliamus leeunclo anno Ohmjnaclis 5vz,tu.iFvl"in>k>e ^rimae, ut ^leramio veteium suetorum ^,ars o vero, ut nol»is ljuiclein viäetur, scri- ptum reülzuit, lzui nnnus piaetorem »al»u!t PI>iIinj>um, sive anno tertio Olvmniuilis lentusFosimao tortiae, ut alü volunt, ^,er aetu- tem sul^ulas «loeero non ^>otuit 8oz,lioeles. ^nno nrimo OIvin- piaäis koptuaFvtimae sentimav ^iriinum lli'lima a 8o^ikioelo com- miskum suisse nairat I?utel>ius. (juoll ki plutarclium verliis Iauu6ien6us ett, assenlnm nieretur, llico- mus Lopnoclem urimum suum clrama!n seenam urotuüsle anno tertio OIvmpiadis sentullAekiinao lentimao, Oomotiono ^tlienis praetoro. Lo enlni anno a Oimone Itatuta lunt clo vietis pertls («8») Miscellaneorum Ilk. III. c»i>. 18. Sophokles. trnr>.ioa, ut fcridlt O!o'ol>it,ii-eIni5-, leck clielt 011m siiisso Knziliocli« confnl»rimim, j,IioeIis Frntiiim comminisci, no- I»It ^uclicvs kortito eaporo, j'ocl sarto olilatos 6on!s praetorem, niutavit «i^^toc; in ^cpxis>lw^>. Diese Critik ist so seichte, so nüchtern, und ich habe so viel dawider zu erinnern, daß ich kaum weis, wo ich anfangen soll. Petit will den Namen des Archon durchaus verändert wissen. Warum? Weil in dem Zahre, da Aphcpsion Archon gewesen, Sophokles Alters wegen noch kein Trauerspiel aufführen können, und weil der gedachte Kriegszug des Limon nichts weniger als in dieses Zahr falle. — Ich will dicsc Gründe vors erste gelten lassen. Gut, was also? — Folglich müsse entweder anstatt Aphcpston, Dcmotion gelesen werden, oder, welches am wahrscheinlichsten sey, Plmarch habe den Archon gar nicht namentlich nennen wollen, sondern bloß geschrieben «vx-^o? <5 «px^', »der Ar- „chon, welcher mit dem Sophokles Geschwisterkind war."(>")— Ich betrachte also dieses Wahrscheinlichste zuerst. Deswegen, weil der Archon mit dem Sophokles verwandt ist, deswegen will cr dic Richter nicht durch das Looß ernennen lassen? So war das Looß nicht dic unparthcyischste Art dcr Wahl? So hatte cs dcr Archon, zum Besten seines Vetters lenken können, wie cr gewollt hätte? Er nöthigte die zehn Feldherren, den AuSspruch zu thun. Mit diesen also konnte cr nichts abgeredet, diese konnte er nicht bestochen haben? Aber cr lics sie schwören. Was thut das? Auch die wclchc durch das Looß wären er- (m) Ich gebe dem Worte «i-k-^iv? llicr noch dic leidlichste Bedeutung. Denn eigentlich ist cs so viel als Ncsfc, dcs Bruders odcr dcr SchwcstcrKind. Und cincn Archon in dicscm Brrstande zum «, -^,10? cincs jungcn Mcnschc» von vier und zwanzig Zahrcn zu machcn, würde eine große Ungcrcimthcit seyn. Leben des Sophokles. 319 nennet worden, hatten vorher schworen müssen, nach ihrem besten Wissen lind Gewissen zu urtheilen. Denn diesen Schwur mußten zu Athen alle und jede Richter, ohne Ausnabmc, thun. Ganz gewiß hätte sich also der Archon, wenn er des Sophokles Anverwandter gewesen wäre, eben durch dieses ungewöhnliche neue Verfahre» unendlich verdächtiger gemacht, als wenn er es bey dem Alten gelassen hätte. Endlich lese man doch nur einen Augenblick so, wie Perit will gelesen haben: I^'u^»- ^«»'XttX.cllcT' ?c>^i ^oipox)^»^? veoi^ x«A'?i'7'o^, «>>r^>to? « ttpx^u — Xj'lT'llcc: oi^x rxXi^ux?« ?oi^ c»^>luvo?' und sage, ob ein Schriftsteller, der sich der Genauigkeit nur im geringsten befleißiget, so schreiben würde? „Denn da der junge Sopho- „klcs sein erstes Stuck dabey aufführte, so wollte der Vetter Ar- „chon :c." Wessen Netter? Wenigstens würde das Pronomen relarivum schien; wenn es der Schriftsteller nicht gar für nöthig erachtet hätte, sich lieber so auszudrücken: „so wollte der „Archon, der, oder weil er sein Vetter war zc." — Nichts kann deutlicher seyn; und so wende ich mich zu der andern vor- gcschlagncn Veränderung. Wir sollen anstatt Aphcpsion, De- motion lesen, weil jener glückliche Kriegszug des Limon in das Zahr dieses Archon fällt. Aber auch hier vermisse ich die Uc- bcrlcgung des Eriticus. Zch will es zeigen. DioSorus Sicu- lus, auf welchen er sich beruft, crzchlct von den Thaten des Limons, die er in dem dritten Jahre der sieben und siebzigsten Olympias, als Dcmorion Archon gewesen, verrichtet, folgendes: Limon sey gegen die Küsten von Asien ausgeschickt worden, um den bundcsvcrwandtcn Städten, so viel deren die Perser noch innc halten, bcyzuspringcn. Er habe seinen Lauf nach 2>>';an; gerichtet, LLion erobert, und Scyros eingenommen. Durch diesen glücklichen Anfang zu größer» Dingen ermuntert, sey er wieder zurück gesegelt, und habe mehr Schiffe zu sich genommen, mit welchen er nach der Küste von Raricn ausgclauf- fcn. Nachdem er hier und in -L^cien den Persern alles wieder abgenommen, habe er erfahren, daß die feindliche Flotte bey Lyprns vor Anker liege. Er habe sie angegriffen, und den größten Theil davon zu Grunde gerichtet, oder genommen. Hierauf sey er auf ihre Landmacht losgcgangcn, die sich an dem Sophokles. Enrymcdon in Pamphylicn gelagert gehabt. Er habe seine Truppen mit List ans Land gcsctzct, die Feinde zur Nachtzeit überfallen, und ein erschreckliches Blutbad unter ihnen angerichtet. 1^ ck'^x?«^ fügt der Geschichtschreiber hinzu (»»»), ??>?xi.', «>>--?r^x^»^«i> ecc,- 7-^1' Xvirpoi'. lind das sind die Tropäcn, deren pcrit gedenket. Allein diese Tropäcn ließ Cimon auf der Küste von Pampl^-lien errichte», und nicht zu Achcn Ja er kann schwerlich in dem nehmlichen Zahrc wieder nach Athen zurückgekommen sei,»; denn die Wege sind zu weit, nnd der Thaten sind zu viel. Folglich kann auch der tragische Wettstreit in diesem Jahre nicht vorgefallen seyn; man müßte denn annehmen wollen, daß er eben zu der Zeit vorgefallen sey, da Ll'mon von Sc/ros, um sich zu verstärken, auf kurze Zeit wieder nach Hause kam. Doch auch dieses ist nicht wahrscheinlich; denn da Diodorus von dieser kurzen Rückreise nur sagt: x«7-x?r>.x^>v o--v^«- ?>i^i>) in die Stadt gekommen seyn, welcher Umstand nur aus einen völlig gccndigtcn Kriegszug zu passen scheinet. Und was folgt aus alle dem? Dieses, daß Petit nicht dieses Zahr des Dcmorion zu der Epoche des ersten Sophoklcischcn Trauerspiels hätte machen sollen; daß er ohne Zweifel besser gethan hätte, wenn er das gleich darauf folgende vierte Zahr der sieben und siebzigsten Olympias dafür angenommen hätte. Denn der Ar- chon dieses gleich darauf folgenden Jahres heißt bey dem Dio- Sorus, Phödon; und wäre es nicht ungleich wahrscheinlicher, daß die Abschreiber in der Stelle des Plmarchs, ^-px^tuii- aus als aus ^t^o^u-v gemacht hätten? Der Augenschein giebt es. Doch ich habe noch einen stärker« Grund als diesen Augenschein. Plutarch selbst macht an einem andern Orte, wo er der Zurückbringung der Gebeine des Thescns wieder gedenket, den Phödon zum damaligen Archon. Nehmlich in dem Leben dieses Helden selbst: kl-i-« c5- i-« l^,5cx«, schreibt er gc- »>») vilil. UM. lili. XI. I>> 47. LiiU. Mwlwi», Leben tcS Sophokles. 321 gcii das Ende desselben, H«l<5ui,-»i,- ^x»'''?»? ^«iT-x^o^ei-o^ ?ot? ^^i>«t«t>; ^ei'et)»^ ^ Hl^t« Kczcr«»»,' «>>a^«lZkti' «^«, sc«t ^icri'u^ic; x^t^lc^c,' «VT'oti; i_'X,«?^eti' x. 7°. X. NllN weis ich zwar wohl, daß die Uebcrsctzcr und Ausleger hier einen ganz andern Phödon wollen verstanden wissen; nicht den pha- don, der in dem vierten Zahrc der sieben und siebzigsten Olympias Archon war; sondern den Phödon, der diese Würde in dem ersten Zahre der sechs und siebzigsten bekleidete. Allein ich kann mit ihnen aus folgenden Gründen nicht einig seyn. LLrstlich sagt Plutarcli ausdrücklich 7-« kl^tx« „nach den Persischen Kriegen." Waren denn aber die persischen Kriege unter dem Phödon der sechs und siebzigsten Olympias zu Ende? Za, sagen die Ausleger, und unter diesen besonders Herr Rind, „denn drey Zahr vorher hatten die Griechen umer „Ansührung des Paus«nias bey Plarea einen völligen Sieg „über die Perser erhalten, und diesem Kriege ein Ende gemacht." Ein Ende gemacht? Eine offenbare Unwahrheit. Durch diesen herrlichen Sieg ward zwar Griechenland von den Persern be- frcyct; aber der Krieg war darum noch nicht aus. Die größte Gefahr war nur vorüber; sie hatten sich den feindlichen Dolch nur von dem Herze cntwchrct. Noch hatten die Perser in Thracicn, an der Küste Asiens von Iomen bis Pamphylicn, auf vielen Inseln dcs Aegeischen Meeres, festen Fuß; noch waren sie da immer stark genug, so bald sich das Kricgsglück im geringsten für sie erklärte, Griechenland aufs neue zu überschwemmen; noch hatte Xcrres seinen crstlichcn Vorsatz, sich diesen Sitz der Freyheit zu untcrwcrffcn, nicht aufgegeben. Kurz, nur der Friede macht dem Kriege ein Ende; und zu dem Frieden ward Terrcs nur erst gegen das Ende der sieben und siebzigsten Olympias durch den Limon gezwungen. Plutkrch selbst kennet diesen Frieden zu wohl (-^-^), als daß man ihn im Verdacht , (xxx) Zu den. Lebe» Cimons, Ich will die Stelle lmsülircn, um bcv dieser Grlcqciiheit eine» Fehler des dculschc» Uebcrschcrs zu rclbcsscrn, 'I'oiiso 70 t'vz-ov, nehmlich der dreyfache Sicq dcs «limon, o^>r!>>; i'Kio'c 1°7/V H-I'U/I^V -ro^ /?«c7lXü>!;^ ll^t o^i^tckZai, »?IZ,/Zo^7up l-i>7,- ixkii'^i', l550^> /^cv ötio^ov «kl DXX^^t^? c»zr!X^'^ ^«^«^o'^, '.'chmgs Wecke > >, 21 S^phokle? habe» könne, niit scincm ^^r^ ^irz<5tx« nicht darauf gcziclct zu haben. Zwar begeht er noch immer in der gegenwärtigen Stelle eine kleine Unrichtigkeit; nehmlich diese, daß er vorgicbt, das Orakel habe es dc» Athcnicnscrn unter dem Phäöon, welcher nach den Persischen Kriegen Arcbon war, erst befohlen, die Gebeine des Thcfcus in die Stadt zu bringen: da doch Limo» bereits unter der Regierung des vorhergehenden Archons darnach aus war. Allein ist es nicht besser, daß man ihn lieber diese kleine Unrichtigkeit, diese Verwechselung -der Zeit des ?r>.--l?'. Dieses übersetzt Herr Rind: „Diese Tl'at demüchigte den Stolz „deS persische» Königs so scl'r, daß er dc» bekannte« Zricce» riiigicng, verflöge dessen er sich allezeit ein Stadium, oder- einen Rosilanf, weit „vom griechischen Meere entfernt l'allcn inußtc, und sich niemals niit ciiicin „Kricgcsschiffc dicsscit der kvaneischc» und chelidonischen Inseln sehen lassen „durste." ^l5-ro^i öl-0/i.o,- l?at Herr Aind hier für ?5-roöt>o.»ov angesehen, welches letztere den Ort, wo die Wctiläuffc der Pferde gclialtcn wurden, und die Weile des Raums, den die Pferde dabei) durchläufst» mußten, bedeutet. Er giebt diese Weite für ei» Stadium. Ist es aber im geringsten wahrscheinlich, daß ilimon nur eine so geringe E»lscrn»»g von dem Mccrc sollte verlangt haben? Was ist denn ein Stadium? Mit einem Worte, es ist l'icr nicht die Weite zu verstelle», die ein Pferd in einem Striche zu durchrenne» fähig ist, sondern die Weite, die es in einem Tage zurücklegen kaun. Und das ist lein geringer Unterschied. Ausser dasj die Beschaffenheit der Sache selbst meine Auslegung erfordert, tan» ich sie auch noch aus einer Stelle bey dem Suidas rcchlfcrligc», wo dcr Compilator dcs besagte» Fricdmsschlusscs mit diese» Worte»gedenkt: «uro?, Cimon nehmlich, i-o^>? o^oi^ ök »v>^ ^? Ilaii^vXia?) ^Xkli> J»»crl'alb einem Tage: ^>^>za? ^-ro?. Ich kann nicht sagen, welchen alte» Schriftsteller dcr Sammler hier ausgcschricbc» hat; Rüster muß cs auch nicht gewußt haben. Daß er aber eine vollständigere Nachricht vor sich gehabt hat, als plutarchs, siebt man aus den Zusätzen, dcs einen Tages, der Stadt phasclis, und endlich »och einer besondern Bc- tarch gar nicht gedenkt, ob sie gleich ohne Zweifel die allcrwichtigstc war. plutarch berusl sich aus die ^v^^io',««?-« « o-vi^z-«),- X^cmizc,?, wo dieser ganze Friedenstractat mit vorkomme: vielleicht also, daß diese Sammlung dcs Rraterus zu dcs Suidas Zeiten noch vorl'andcn war. Wc»ig- str»s ist Diodoruo Siculus, dcr dieses ^riedcnsschlusscs gleichfalls gedenket, il'n aber verschiedene Ialirc später setzt («ibiioliiee-t UM. i.ii>. x». p. 74. Llin. niinu,»».) eben so wenig seine Quelle gewesen, als plutarch. Lehen erS Sophokles. 323 Befehls mit der Zeit der Vollendung des Befehls, begehen läßt; als daß man glauben mußte, er habe eben so schlecht gedacht, als der Griechische Pöbel, zu den Zeiten dieses Krieges selbst, dachlc, der von gar keinen Fcldzügcn mcbr wissen wollte, so bald die Barbaren Griechenland geräumt hatten: «?r«)'o;>x^m'- ?cpo? 7°«^ -^«T'kt«^, x«t 7toX,Htl0^_i ^tx^' vi^csxi' (5^i>^>xi-ot, ^Ll»x>z-6li' 6x xal xcx^' »j«'!.^"^'!' kn'l^i.'/iloniT'xi,', u?r^).- ^oc^^I^l'UIT' T'UII^ ^o-^^«c>l^>' x«l ^o^^o^ii-ivi' lind Zweitens. Wenn Apollo, schon zum Anfange der sechs und siebzigsten Olympias, den Athcmcnsern jenen Befehl gegeben hätte, ist es im geringsten wahrscheinlich, daß sie denselben nicht eher als gegen das Ende der folgenden Olympias, sollten vollzogen haben? Schwerlich konnte diese Verzögerung mit ihrer Religion bestehen; unmöglich konnte sie mit ihrer damaligen Noth hcstchcn. Denn die Pest wüthete in Athen, und das Orakel hatte ausdrücklich hinzugefügt: oi-'-i r«-«-, 7^1.' ?tt>v ^g.^,^ ^>li> T'uil,' ^^T^T'oclvti; x«7'«7'rA"i'rjXkit,' c>tx/.cr^tr> (222). Aber wie nun? So ist das meine ganze Eritik wider den Petit? Ich gebe es also zu, daß Aphcpsion in der Stelle des Plutarchs ein Schreibfehler ist, und will ihn nur in Phädon, nicht aber in Demon'on verändert wissen? Nein. Sondern der ganze Einfall des petir taugt nichts; er sieht Fehler, wo keine sind; er will verbessern, wo nichts zu verbessern ist. Und das aus einer Unwissenheit, die einem Gelehrten von seiner Gattung kaum zu vergeben ist. Dieses ist meine Hauptcrinne- rung wider ihn; und die Sache verhält sich so. Es ist falsch, wenn er glaubt, daß man sonst keinen Archon, Namens Aphepsion, finde, als den, welcher in dem dritten Jahre der vier und siebzigsten Olympias regiert habe. Dieser Name kömmt in dem Verzeichnisse der Archontcn allerdings noch cin- plutarch im Llbcn Cimons. (2215) Nach dem Zeugnisse des Acneas Gazäus. Meursius fuhrt die Stelle in seinem Tyoseus an »'»!>, xxxi); doch ohne einen weiter» Gebrauch davon zu machen, als daß er den Scholiasien des Aoistophanes daraus verbessert, welcher nicht Pest, sondern Hungersnoih damals zu All»» scvn laßt. 21 ° lZ24 ScphokleS. mal vor; und zwar kömmt er zu eben der Zeit wieder vor, in welche des Limons Eroberung der Znscl Scyros fällt. Mit einem Worte: der Archon des so oft gedachten vierten Jahres der sieben und siebzigsten Olympias, wird von den alten Schriftstellern eben so oft, wo nicht noch öftrer, Aphepsion, als Phädon gcncnnct. phadon nennen ihn Diodorus Siculus, Dion/sius -Halicarnasscns, und der Ungenannte in seinem Verzeichnisse der Olympiaden. Aphepsion hingegen nennen ihn die Arundelsclicn Marmor (->), Apollodorue, und der diesen anführt, Diogenes A.acrtins. Der letztere kömmt auf das Geburtsjahr des Sob'ratcs, und sagt(>>): e^sw^^ 6e c^ci'tv ^?ro)^o^z>o? ?ll^>vo?, kv ?-x?'«^?'ui -ri^l; /jZ6t>^^xo^? rj^<5c>^i.i^? O^i.'^i.?rla6o?. Dieses Zeugniß ist so ausdrücklich, und wird, da es von einem so wichtigen Denkmale, als die ArunOclschen Marmor sind, den Namen des Archons betreffend, bekräftiget wird, so wichtig, daß ich es niemanden verargen würde, wenn er lieber den Dio- Vorns, den Dionysius und den Ungenannten nach dem K.aer- ,lius, als diesen nach jenen verbessern wollte. Zum guten Glücke aber hat man weder das eine noch das andere eben nöthig, indem der Fall möglich ist, daß beide Theile Recht haben können. Man darf nehmlich mit dem Jacobus Palmenus (°) nur annehmen, daß einer von ihnen, Phödon oder Aphepsion, während seiner Regierung gestorben ist, und der andere bis zum Abläufst des Jahres, an des Verstorbenen Stelle gewählet worden. Was kann natürlicher seyn als diese Muthmassung? Was kann der angefochtenen Stelle des Plutarchs besser zu statten kommen, als sie? Kurz; Plutarck hat ohne Fehler den Ar. chon des vierten Jahres der sieben und siebzigsten Olympias, in dem Leben des Thcscus, Phödon; und in dem Leben des (») Oder, welches cincrlev ist, Apsepyion; in der 72 Linie, so wie sie Jacobus palmcrius in seinen LvereiisNoniku», abdrucken lassen. (>i) I.ili. II. ssA. 4t. 15>m. NIKNSA, v. j«7. (c) ^e»^,/. />. 452. 8i iillerulrum «iliilum verum esl, >>r,iev!»Ieret «>»>>> ins mnrmoris l«n> ünliqui kiiclvrUas. Leck i»cl!»o !»I creilenilul» lUrumyue verum esse, eo^em illo »nno ^Vpksnkionem ?li!v>Ionem ^rclwiili,« knisss e,,»n>mos, fcilioet u»o in msgislrillu morluo klisseclus f»it »»er, k^rle nvn ms f»Uit con^eclurs. Lcbcn des Sophokles. 325 Limon, Aphcpsion nciuicn können. Das hätte Petit wissen sollen, und er würde uns das achtzehnte Kapitel seines dritten Buchs erspart haben. — Ucbrigcns bilde ich mir auf diese meine Crilik so viel eben nicht ein. pcn'r ist der Mann nicht, an dem man mit grossen Ehren zum Ritter werden könnte; nnd je mehr ich von ihm lese, je williger stimme ich dem Urtheile bey, das Rüster von ihm gefallt hat: Oitil:u«, N iu»l slius, ilileüx (>>). Zch habe der Arnndelschcn Denkmäler gedacht, und ich hätte gleich Anfangs erinnern sollen, daß sie nicht allein in dem Namen des Archons mit dem Plutarcb übereinstimmen, sondern auch in der Sache selbst, nnd ausdrücklich anmerken, daß Sophokles unter diesem Archon den Preis erhalten habe. Sie fügen sogar hinzu, daß er damals acht und zwanzig Jahr gewesen sey, welches mit dem oben festgesetzten Geburtsjahre unsers Dichl.'rs, genau genug übereinstimmt. Aber wie stimmt cS mit des Plurarchs ?-c>^ Zocpux^xv^i,-ei-t'ue»^ üvcrcin? Wenn man sieben bis acht und zwanzig Jahre ist, ist man doch so jung nicht mehr. Palmcrius (>-), der diese Schwierigkeit gleichfalls bemerkt, meinet, man müsse voraussetzen, daß Plnr»',rch der zweyten Meinung von dem Geburthsjahrc des Sophokles gewesen sey, welche das Dritte der Srcy und siebzigsten Olym- pias dazu macht. Und nach dieser wäre der Dichter damals ohngcfehr achtzehn Jahr gewesen, welches freylich jung genug ist. Zch eile zu der Anmerkung die ich über die Stelle des Plutarchs, auf Veranlassung der Rinssiken Übersetzung, zu machen versprochen habe. Die Worte des PlmKrchs: xc>^' «i^rcii- ^Fxui-,' " <5r^t^q ec^x^v c^rv?» 6' et-,' ^l.vk^i.k^' «1^01^ x«5 7^>ll^>ui6u)v xjito'tv ,'ci^l.«<^r>i.' ^'o^'Tiv, übersetzt Rind „das Volk gewann ihn deswegen „sehr lieb, und stellte zum Andenken dieser Begebenheit den bekannten Wettstreit unter den Tragödicnspiclcrn an." Wettstreit? li^o-n'; der Fehler ist arg. L^wv, «^wi^«-^-.^ würde Wettstreit hcisscn; aber --^o-^ heißt das Gericht, das Urtheil. Das schlimmste ist, daß dieser Fehler den Plmarch ganz etwas (>y Zn ftiiien Noten über die Frösche dcs Aristopyanco, S. 04. (e) Lxercil. v. 320 Tovlwkles. anders sagen laßt, als cr sagen will. Nach der Ucbcrsctziiiig sollte man glaube», der tragische Wettstreit selbst, wäre damals zuerst angeordnet worden; vorher hätte» die tragischen Dichter nie uni den Preis gestritten; dieser scycrlichc Kampf wäre itzt zum crstcnmalc, dem Limon zu Ehren angestellet, u»d in den folgenden Zeiten zu seinem Gedächtnisse beybehalten worden. Das ist ganz falsch; die poetischen Wettstreite waren weit älter, wie Plurarcl? an einem andern Orte (k) beweiset; und die gegenwärtige Begebenheit selbst zeigt, daß dergleichen schon vorhergegangen. Denn der Archon ging dasnial nur von der cingc- fübrtcn Gewohnheit, die Richter dabey zu ernennen, ab. Und das eben, worinn er davon abging, war das Neue, das ma» i» der Folge zum Andenken des Limons beybehielt. — Die Sache verdient eine nähere Erklärung. Zch stelle nur es so vor. Der dramatische Wettstreit mußte nothwendig seine Richter haben; diese Richter wurde» durch das Loos gcwählct, und wie man mit ihrer Wahl bey der Komödie verfuhr, so verfuhr man auch bey der Tragödie damit. Nun cräugiietc sich itzt der Fall, daß die Zuschauer ausscrordcntlich uneinig waren, cp^ov-t- Xt«^ cii^o'i^ x«i zroc^-XT'oe^xuic,' ?U>'I.> A-x«7-uii>; ein junger Mensch streitet wider einen alte» versuchte» Mann; der Alte wird es gut machen, der Züngling nicht schlecht; dieser muß aufgemuntert, jener nicht verdrießlich gemacht werden. Was war zu thun? Sollte die Entscheidung einer so kitzlichen Sache, die mit so vieler Hitze getrieben ward, dem Glücke überlassen werden? Das Loos hätte auf Leute fallen können, die nichts weniger als fähige Richter gewesen wären. Ztzt kam es nicht blos darauf an, unparthcyischc Richter zu haben; man wollte einsichtsvolle haben. Das überlegte der Archon, und das Loos uittcrblieb, Xj>^«c! ^xi> oL'X xxX.r^uici'L 7-c>^ Er dachte weiter: „hier ist Gelegenheit, dem Lunon und sciuc» Unterscldhcrrcn eine Schmeichelet) zu machen. Und ist es nicht besser, daß Männer von ihrer Einsicht und Würde über eine Tragödie, über die Nachahmung ihnen ähnlicher Personen in traurigen und verwickelten Umständen, urtheilen, als daß cs gemeine Leute aus dem Volke thun, denen das LooS zwar das Recht, (!) S;-Mpollac^il I^ili. V. vliiesl. s. Lcbc» des Sophokles. 327 aber nicht die Fähigkeit zu urtheilen geben kann? Die Feldherren sind jeder ans einem besondern Stamme; durch sie kann gleichsam das ganze Volk den Ausspruch thnn. Sie werden ans das Theater kommen, nm zu opfern; ich will sie dabehalten; ich will sie nöthigen; ich will sie schwören lassen; ihr Ansspruch, wird eine gewisse Feierlichkeit dadurch erhalten; niemand wird es ungern dabey beruhen lassen; desto besser für die Dichter; desto besser für die Zuschauer." Und wie der Archon dachte, so geschah es. Die Feldherren urtheilten, nnd zum Andenken des Limon ward nachher allezeit das Urtheil über die Tragödien auf diese Weise gefallt. — So verstehe ich wenigstens die Stelle des Plutarch; und es sey mir erlaubt, noch einige Erläuterungen hinzuzufügen. Wenn der Archon vor diescsmal zehn Richter wählte, und von nnn an bey dem Wettstreite der tragischen Dichter, deren allezeit so viel gewählt wurden: so ist dieses der erste Unterschied, der sich zwischen den Richtern bey den tragischen, und den Richtern bey den komischen Wettstreiten numchr cräugncte. Denn der Richter bey den komischen Wettstreiten waren zu jeder Zeit nur fünfe- Das Sprüchwort Ll- TkxvT'L x^-ruiv ^»«'«o-t xxi?«!, ist bekannt, nnd 'Hcsfchius sagt ausdrücklich: T-oo-cii^oi -rot-; Xlo^txol-,- kx^tvoi'. W^rum nennte 'Hesychins hier bloß die komischen Dichter, warum nicht die dramatischen Dichter überhaupt, wenn bey den tragischen nicht eine andere Anzahl von Richtern üblich gewesen wäre? Der zweite Unterschied war dieser: bey den komischen Wettstreiten konnte jeder athcnicnsischc Bürger durch das Loos zum Richter ernennt werden; bey den tragischen hingegen wurden nur solche Bürger zu dem Loosc zugelassen, die mit zu Felde gewesen waren, und ansehnliche Kricgcsbcdicnungcn bekleidet hatten. 't?x^- vov l5e <5v^^l-v7-«7-c>t -7?«7->^u)i', sagt plurarch, wenn er von dem Wettstreite des Thessalus nnd Achenovorus, der zwey berühmtesten tragischen Schauspieler zu den Zeiten Alexanders, redet (k). Was ich aber vornehmlich zum Behufe dieses zweyten Unterschiedes anführen kann, ist eine Stelle in den Fröschen des Aristophancs, Acscb/luo und Euripidcs sollen da mit einander streiten; der ChoruS muiilcrl sie aus; indem (e) Ue ^wx, vr«I> ll p, I», JZt. 32« Sophokles, aber fällt ihm ci», daß beide, als tragische Dichter, sich vielleicht an die gegenwärtigen Zuschauer stosscn durften. Es sind Zuschauer, einer Komödie, und die unter ihnen befindlichen Richter sind bloß Richter einer Komödie. Werden diese auch von tragischen Schönheiten urtheilen können? Aber seyd deswegen unbesorgt: läßt Aristophancs den Chor zu ihnen sagen; Sie sind allerdings fähig, auch Euch zu beurtheilen! L??«?«^,.«- i'vl ^«j, ktc/t; denn es sind Leute die mit zu Felde gewesen sind, die ihre Kriegsdienste gethan haben. Hier ist die ganze Stelle: (») <5« ?o^?t) x«7'«^>o^kcu)i>«t X,xA,>5citi>i ^li^<5xi' lv(sxt7'L ^ r^? u^z'iti ^av?' ez^xl. IZ^oei'x^o.e^iit )^«^> Ll.«>^c«^^t <5r^c«. ^«.'iZ-^t-,' t^' «^ioc; N>,)v <5« XlXi ?Ü«j>^X0I^1'7'«t, ^Ikz<5x>> ovv <5el0'^?'oT', c«^,X« Hixt'/ xire^ti'iN', Z^«?u^ o^'^z^', vi'T'iov o'owkiv. Der Scholiast merkt hier an: I'o^i^d^^c roi^^ x'^«- 7'x>.>,nei'ov^ x«t r7c«tvc»i^ u^lo^' ?oi^c,- <5c <5l«(5lc^«crxoi^>i'«<; r«^ ^«T'xl«^, oi^c,' Illltin Wer weiter nichts dabey denkt, als dieses, der versteht die Feinheit der Spöttcrey kaum zur Hclftc. Um sie ganz zu fassen, erinnere man sich des Jahres, in welchem die Frösche aufgeführet wurden. Es war das dritte der Src)? unv neunzigsten Olympias; das sechs und zwanzigste des Pcloponncsischcn Krieges. Die ölthcnicnscr hatten in den vorhergehenden Zahrcn Unglück über Unglück gehabt; es gebrach an Volk, und sie waren gezwungen, allen Knechten und Fremdlingen, welche Kriegsdienste nehmen wollten, die Freyheit und das Bürgerrecht zu geben (>). (ii) Zeile 1140 u. folg. (i) Diodorus Siculus bey dem Anfänge dieses Jahres: ^.«S^valo-, ök «ara ro k^cr^io^arrt «oi?l-c?o>'rk?, k!coiiz<7avro 5o>-t7a? c?a<7^ul^. I.id. XIII. p. 216. L>UI. NlioUom. Leben des Sophokles. 3'.'!» Endlich waren sie wieder einmal glücklich, nnd schlugen die feindliche Flotte bey den Arginusischen Inseln »). Nn» stelle man sich vor, daß das Theater, als die Frosche kurz darauf gespielt wurden, voll von dergleichen ncugcmachtcn Bürgern war, die den arginusischcn Sieg mit erfechten hclffcn, und itzt auf nichts mehr stolz waren, als daß sie da sitzen durften, wo sie fassen. Konnte sich ein Anstophancs wohl enthalten, über solche Zuschauer ein wenig zu spotten? Er nennet sic:t>) — irci^/uv — ^ocui!.- «?'xi^l.Lvo5 x!crt. Ein Kriegszug macht alles anders. Ein Kriegszug hat ihnen das Bürgerrecht; ein Kriegszug hat ihnen Verstand gegeben. Doch nein; sie hatten von Natur schon Verstand genug; und im Kriege haben sie ihn nur mehr ausgeschlossen. ^.t P^o^T oc^/?.u)^ N5>«7i5«l, N^>v xcxt ?r«^xovrzi.>i'«l. Die von Natur, nur eine Komödie hätten beurtheilen können; können nun auch eine Tragödie beurtheilen, weil sie Soldaten gewesen sind. O) l» Die Allgemeine Vvelthistorie (Th. V. S. 330) sagt: „bcv „Argenusae, ciucm Platze Kcsbos gegenüber" das heisst sich von Inseln sehr unrichtig ausdrücken. (i) Zeile 687. 88. (m) Wer den Aristsphanes ein wenig kennet, wird ihn hoffentlich in dieser Stelle, so wie ich sie auslege, sindcn. Wenn ich unterdessen meiner Sache nicht sehr gewiß wäre, so würde mich das Ansehen eines gelehrte» Mannes, der hier einen ganz andern Weg nimmt, vielleicht wankend mache». Es kömmt mir nehmlich die neueste Ausgabe unsers komischen Dichters zu Händen, welche Herr Aurmann der zweyte, besorgt hat; und ich finde, daß Dcvtzlet: die Worte, k^tz^i^/^vo-. bloß durch n»m exe» IM «ophekleS. Was die Philologen von den dramatischen Richtern der alten Griechen, gesammelt haben, ist ein sehr weniges; nnd ich finde nicht, daß ein einziger den Unterschied zwischen den komi- -ul luitt übersetzet. Er gehet also von der eigentlichen Bedeutung des Worts ^«ic-vo,».«-, ab; ohne Zweifel wcil er die seine Spötlcrcv nicht einsah, und daher nicht begrciffcn tonnte, wie es im Ernste solge, daß die Zuschauer deswegen nicht nichr unwissend scvn solllcn, weil sie mit im Kriege gewesen waren. Ich zweifle aber sehr, ob man -^«r-^,-?,»«-, in dieser figürliche» passiven Bedeutung finde, da es blos geübet werden Heisse. Der Scholiasi, dessen Worte ich angeführt habe, ist ausdrücklich für die eigentliche Bedeutung, ob es gleich leicht scvn kann, daß Berglern eben dcrftlbc Scholiast verführt hat. Denn über die nächst vorhergehenden Worte o^x o-u-v, rcn'i' k'x" »lacht er folgende Glosse: r^v ^o^kiiov oilx o^u.c>lio? z^)'?.'/»'«»'^!^!' iol? ?rc>t?zrtxc>t? crocpl?^0t?. Berglcr hat also geglaubt, daß das folgende k^«^-^^-«!, hicr durch z>?^ii/»«ce/i.-vc-i. erklärt werde; und hierinn hat er sich wohl gcirret. Ich muß überhaupt anmerken, daß verschiedene Stelle» in den Fröschen aus einer genauern Kcnnlniß der damaligen Umstände in Athcn weit besser zu erklären sind, als es den alten und neuern Auslegern sie uns zu erklären gefallen hat. Keiner, zum Exempel, hat angemerkt, daß die ganze parabasis des Chors zu Ende des zweyten Aufzuges, ans die unglücklichen Befehlshaber gehet, welchen die Alhenicnscr den Proceß machte», wcil sie die Leichname der in dem Arginu- sischcn Treffen Gebliebenen, wegen eines einfallende» Sturms, nicht begraben lassen tonne». Die vornehmsten von ihnen waren bereits hingerichtet, und andere, denen ma» dabcv weniger zur Last legen konnte, waren ohne Zwcifcl für für unehrlich erkläret worden. Dieser Unehrlichen nun, nimmt sich Aristophanes hicr besonders an. Wenn nia» das weis, so wird man sich nicht lange besinnen, wie eine zweifelhafte Stelle des Scho- liastcn daselbst eigentlich zu lesen scv. Aristophanes gedenkt nehmlich cincs gewissen phrynichuö, dcm er das Unglück der gcdachtcn Befehlshaber zuzuschreiben schcinct. Die Scholiastcn könncn sich nicht vergleichen was für ei» phrvnichus hier gcnicinct sey. ^ Einer von ihnen aber sagt: -z>k?^o vono. Nun hat Suidas an zwcv vcrschledne» Orte» diese Stelle des Scholiastcn ausgeschrieben; unlcr ^«^<"-' nehmlich und untcr -r^aio-,»«. Allein untcr S>iji" hat er anstatt -^>az,-xuv, ^a^z-^,' gelesen. Welches von bcidcn ist nun richtig? Ganz gewiß das letztere. Denn wer hat jemals von tragischen Dichtern gehöret, die unehrlich geworden wäre»? Was konnten tragische Dichtcr begehrn, diese Strafe zu verdienen? Wenn es »och komische gewesen wären. Aber unglücklicher Feldherren gedenkt die Geschichte wohl, die damals zum Theil i» noch härtere Strafe nrlen. Gleichwohl erkläret sich Auster in seiner Ausgabe des Suidas für ^az,t- und in seiner Ausgabe des Aristophanes ist er wenigstens unschlüßig, Lcbcii des Sophokles. scheu uiid tragischen, auch »ur vermuthet habe (>>). Man wird also zufrieden seyn müssen, wenn ich ihn nur einigermassen crhärtct und ins Licht gesetzt habe. Genug, daß ich gegen den Herrn Rind Recht behalte, und daß ?<)«vct><5u>u x;>t, oe)^^' '«^'«^xuu's xu^tcrut x«t x^>ii>«l, kscxc^ ti i^^c^, «?r» ^>T_>^,rz<; ^l«-,' xx«-7ov heißt ihm: er ließ sie nicht wieder weggehen, sondern nöthigte sie, da>? sie nach geleistetem Eide die zehn Richter werden und den Ausspruch thun mußten, zumahl da jeder dieser Feldherren ans einer der zehn Zünfte war. Daß sie die zehn Richter werden mußten? So waren schon vorher der tragischen Richter zehne? So wäre ja meine obige Erklärung unrichtig! Aber zum Glück, daß es Plucarch nicht sagt; daß es Herr Rind auch sonst nicht erweisen kann. Der Umstand «5rx« war nicht ein Umstand, ohne welchen sie nicht die Richter hätten werden können; sondern ein neuer Umstand, den man in der Folge zum Andenken dieser Begebenheit, um so viel lieber beybehielt, je ansehnlicher das Gerichte dadurch ward. 15.0^0-«-, stehet hier auch nicht so gar vergebens, daß es der Ucbcrsctzcr hätte auslasscn sollen. Denn wie Pollux sagt(°)! 5oc5 ^oi^crcxvt^ («^/wvt) x^t?««, xuA^V5«t,, ?otc,' <5s H/i.'^vcxol^ ^x^-oco^. Noch kann ich die Stelle des plurarchö nicht verlassen. Ich fiir welches von beiden er sich erklären soll. Und da? bloß, wie ich gcwisj glaube, weil ihm der obige historische Umstand von dc» unglückliche» Feld- Herren nicht bcvgefallcn ist. (11) z/oan. a ll^oive?' «tu I>oI>'i».iII>i!>. c»n. XVI. ^n/?/us IiiMlulw». ?oel. lib. II. c»i>. 12. /Is Imilittiune ciin. tt. / /!u/i/?o/<»» (.'um- wunl. in Ilviitlium eilp. 29 43. (o) l.il>. III. ektp. 30. p. m. 3tl. Sophokles. habe oben (Seite 308.) einen historischen Beweis versprechen, daß Aeschylus des Sophokles Lehrmeister nicht gewesen sey; lind ans diese Stelle eben gründe ich ihn. Hier streiten Acschy- lus und Sophokles mit einander; Sophokles, wie Plutarch weiter meldet, siegt; und Acschylus wird so ungehalten darüber, daß er Athen verläßt. Wäre nun hier gar der Lehrmeister von seinem Schüler, durch den ersten Versuch seines Schülers, überwunden worden, würde das nicht ein Umstand gewesen seyn, der die Begebenheit ungleich merkwürdiger, der den Sieg des Sophokles ungleich grösser gemacht hätte? Und würde ihn Plmarch wohl anzumerken vergessen haben? Aber er sagt nichts davon, und sein Stillschweigen wird zu einem Beweise des Gegentheils. Hier sollte ich diese Anmerkung schliesset,. Doch ich habe ihr noch einen wichtigen Zusatz zu geben, den ich in dem Texte nicht versprochen habe. Das einstimmige Zeugniß des Plutarchs und Enscblns wird durch ein drittes bestätiget, das, so viel ich weis, zu diesem Zwecke noch von niemanden angeführet worden. Ich meine eine Stelle bey dem ältern Plinins. Er redet, in dem achtzehnten Buche seiner Naturgeschichte ti>), von der verschiedenen Güte des Getreides in vcrschicdnen Ländern, lind schließt: tkr: luvrv sentonti-L ^loxanilro msZno rvgnanto, eum clarittuna tuit lZr-vem, utc^io in toto torrarum vl-Iiv ^otoii- titl'ima; ita tinnon ut mito mortein Hus aiinis ler) Sein, IS. I. II. LM. II»r>I. I>. 107. Lcbcn des Sophokles 333 ein Jahr; lind dicsc Summe von jener abgerechnet, giebt sieben und siebzig, Zn die sieben uns siebzigste Olympias fällt also dcr Triptolcmns dcs Sophokles <->); »nd da in eben diese Olympias, und zwar in das letzte Jahr, wie wir gesehen haben, auch das erste Trauerspiel desselben fällt: so ist dcr Schluß ganz natürlich, daß beide Trauerspiele eines sind. So ungezwungen sich dieses crgicbt, so sehr hat mich die Anmerkung befremdet, welche ^arduin über die Stelle des Pli- nius macht. Er schreibt nehmlich: I5g,t ei-go So^Iioelos 0.1m salttilam OI^m^,. I^XXXVIII klniin iit onim ^Ic-xuixlor OIvm,,. (^XX. aimn z>rimo, <)I)-Mj,ik>llil»»s I^Iini.ino culciilo com^ntstis, I5rnis coii- clitiv 442. Vors erste weis ich nicht, wie Harduin sagen kann, Alexander sey in dcr hundert und zwanzigsten Olvm- pias gestorben; da Ioscphus (>) ausdrücklich sagt: ^).r^«i>ch>c)v 7°e ?x^>«i>«l ^r^i^xtz o^ioXovo^.'o't r?rl ^r><; rxcxT'^^c: px?xoi«5rx«r>^ o^tl.?rt«?. Vors zweite würden hundert und fünf und vierzig Jahre, von dcr hundert und zwanzigsten Olympias zurückgcrcchnct, nicht die acht und achtzigste sondern die drey und achtzigste Olympias geben. Vors dritte würde Sophokles in der acht und achtzigsten Olympias, nach dem Suidas nicht zwanzig, sondern einige sechzig Jahre gewesen seyn; denn nach dem Sm'das ist er in dem dritten Jahre dcr drey und siebzigsten Olympias gcbohrcu. Und man glaube ja nicht, daß alle diese Unrichtigkeiten vielleicht mit der besondern Berechnung dcs Plinius (plimano ealeul«) bcstchcn konnten. Dicsc bcsonderc Berechnung dcs Plinius bc- trift blos das Jahr nach Erbauung dcr Stadt Rom, welches ihn Hardnin in das vierte dcr neunten Olympias setzen läßt, anstatt daß es nach dcr gcmcincn Rechnung in das vierte der sechsten fällt. Wcun also in dcr Anmerkung deß -Har- dnins nicht alle Wahlen verdruckt sind, so muß cr gar nicht nachgeschlagen, gar nicht gerechnet haben. Ol) Fabricius macht in dem Bcrzcichnissc dcr Verlornen Traurrspiclc dcs Sophokles, unter ^,1-570^-/1,0? cbc» dicsc Berechnn«.', aber clmc im geringste» für das erste Trancrspiel desselben etwas daraus zu schlicsscn. (r) I.ik I. contr» ^Vppionew, Sophokles. Die Anmerkung welche der Pater über das Trauerspiel selbst macht, ist nicht minder seltsam: I» o-i lali»!-,, sagt er, lüvrvs IVIjitnIemum eiloeet, «juaiitui» tc>i.iiun> »ec^sto t'it ^c>r- gFr-ui silis » 5o <1otis srugilxis, Itulianxjuc! jiiio e-vteiis I-lii.lut. D/«»^/'. //«/. /. ^?!<,>/. Sollte man ans diesen Worten nicht schlicsscn, der Triptolcmus des So- phob'lcs müsse noch vorhanden seyn, und das ganze Stück lanffc auf weiter nichts, als diesen Unterricht der Leres hinaus? Der Pater redet seinem Währmannc ohne Ucbcrlcgung nach. Denn Dioiy-sius von -Halicarnaj; braucht am angezogenen Orte weiter nichts als diesen Umstand aus dem Triptolcmus; und wenn Er im Prasenu davon spricht, so ist cS ganz etwas anders, als wenn es -Harouin thut. (>i) Zugleich der Schauspieler — diese Gewohnheit ab) Der »»genannte Biograph: l<.«?cx)>,^t/cxc,- ?>^v -i^AD-c^ci-tl- 7-? t<5t«'v tll'z^i^i^ct'^'t«»'' ?r«^a^ ^«z> xcxt v ?rc,^7->^- i.'irxx^ti^i'o. Eine schwache Stimme war ein Fehler, der vor Alters einen Mann zum Schauspieler weit untauglicher machte, als heut zu Tage, da wir jene grossen Schauplätze nicht mehr zu füllen habe». Das Unvermögen hielt ihn also vom Theater zurück, nnd nicht die Ncrächtlichkcit der Profession. Denn den Griechen war keine Gcschicklichkcit verächtlich, die ihnen Vergnügen machte. So oft unser Dichter auch daher andere Talente zeigen konnte, auf welche seine schwache Stimme keinen Einfluß hatte, bestieg er die Bühne; welches sich nicht undeutlich aus zwey Beyspielen schlicsscn läßt, die man lins ausdrücklich davon aufbchallcn bat. Zn dem Th?m>ris nehmlich lies er sich aus der Cithcr hören; und in der ^ausi- kaa zeigte er sich als Tänzer. Zn dem Thkmyris lies er sich auf der Cithcr hören. Alhc- naus(s): ?,^»' 6lt<5l nD^r xXlA-«;'lcrxi'. ThKM)'NS (ü) I.id. l p. m. Z», i^cben des SophckleS, ZZ-I war jener Thracischc Virtuose (°), der es wagen durflc, die Musen selbst zu einem Wettstreite aufzufordern. Er ward überwunden, und die Musen machten ihn, znr Strafe seiner Acr- mcsscnhcit, blind. Das war der Inhalt des Sophoklcischcn Trauerspiels; und ohne Zweifel lies sich der Dichter in der Person des Tham>-ris selbst, auf der Cithcr hören. Nicht daß er deswegen die ganze Rolle des Thanyris gespielt hatte; er hatte vielleicht nicht einmal nöthig, auch nur in die Cithcr zu singen. Denn dieser Tham^ns, welchen Umstand uns der ältere Pli- iiius (>) von ihm aufbehalten hat, war der erste, der die Cithcr als cin von der Stimme unabhangcndcs Instrument behandelte, und sie, ohne darein zu singen, spielte. Hatte nun Sophokles diesen Umstand anzubringen gewußt, so konnte ihn seine schwache Stimme nicht hindern, iLhamvris an derjenigen Stelle selbst zu seyn, wo er ihn blos auf der Cithcr mit den Musen wetteifern lies. Cs würde sich mehr als Mnlhmassungen hicvon beybringen lassen, wenn das Stück itzt nicht unter die Verlornen Stücke unsers Dichters gehörte (»). Da unterdessen auch solche Muthmassungen wcdcr ganz unangenehm, noch ganz unnütze sind, so erlaube man mir, noch einen andern Zug daraus muth- masscn zu dürfen. Diesen nehmlich: daß die Bestrafung des Thamyn's auf dcr Vühnc geschehe»; daß er vor den Augen der Zuschauer blind geworden. Ich gründe meine Mulhmassung auf eine Stelle des pollur, in die sich seine Ausleger gar nicht zu finden gewußt haben. Pollux (x) gedenket verschiedener tragischen Masken, die von einer besondern Art gewesen, und sagt (°) XkN'ij- <5->x-^?i Gt-A«,, sagt die Muse in dem Traucrspiclc Rhcsus von ihm. Z. 924. (l) lUlli-ic» eins voce cecilut 1'Ii.inivrilü I>ri»n>5. ^v»/»?», ^//. c. 57. (u) Casaubonus, Meursnis, Fabricius sindcn in il'rcn Vcr;cicli. »isscn dcr vcrlorncn Slüekc tcs Sophokles dcs Thamvris blos, bcv dcm ?llhenciua, dcm pollux, und dem »ngcnannicn Biograph, gedacht. Eic l'ällcn anmerken sollcn, daß auch plurarch seiner nicht nndrullich gcdcnkli in dem Buche nrl'mlich o-uök k^-cv?^6k-^>? L5»m>yo,' (i>. i». j «!>.!.) fiilirt er ein Paar Zeilen dcs Sophokles a», die, dcm Znsammcnhangc nach, nolhwcndi.; aus dcm Thamyris scpn mnssc». (x) !.!>>. IV. <:> 4S. u. m. 434. Sophokles. imtcr ander», daß dic Maskc des Tham)'n's, zwcycrlcy Augcn gch^bt habcz ?c>i> ^ixi' ^«i.>x»i' vl-iA-tx^l«, T'ov l'lm^i :>it? (üonstüt «niitlvin ox ^n<>II»<1»n Iik>. I. ?n-im)nn ?r^>c ^a>_!' o^- x«t ?-r><; x-^ajiu)6-llc.- illiv xg-^i^c/oct'. 8ie it.i<>uo ^»nr- Ins oxcocalimt. <'»r itkttjuc! e»I>> ? l^ilxüiter »nstinm iAiiniiiiiliui» i'ütoiiiur, «juai» >it <1i» tneiti l'ovo.'n»»» cauk-v non oK, euin 1'ie soitv nee inki, nee alii, «ziri iiixta »us iAnnr-iiit, elloce.imnc !>!> iis «i»! tciuiit. Daß auch ich itzt unter denjenigen bin, dic es wisse», habe ich vornehmlich dem Du Dos (v) zu danken; und das Räthsel löset sich so auf. Die alten Schauspieler, wie bekannt, spielten in Masken, welche nicht allein das Gesicht, sondern den ganzen Kopf bedeckten. Diese Masken hatten dic Unbequemlichkeit, daß sie der Abänderungen nicht fähig waren, welche dic abwechselnden Leidenschaften in den Zügen dcs Gesichts verursachen. Die kleinern von diesen Abänderungen waren für ihre Zuschauer zwar ohnedem verloren; indem diese größten Theils viel zu weit absaßen, als daß sie selbige auch auf einem wirklichen Gesichte hätten erkennen können. Dic größcrn aber, wclchc dcm Gesichte cinc ganz andere Farbe, allen Muskeln desselben cinc ganz andcre Lage geben, und von sehr wcitcm zu crkcnncn sind, auch dicse größer», sage ich, den Augen der Zuschauer verweigern, würde keine geringe Verkümmerung ihres Vergnügens, und cinc Vernachlässigung dcs sichcrstcn Miltcls, cincn Eindruck auf sic zu machen, gewesen seyn. Was thaten sie also? Eine Stelle des Gumtilia,, <>.) kann es uns sehr deutlich lehren: I» lüomwlliis — «atc-r illo cujus priecinniv naites fuiit, «juia inteiim cvneitittus, inteiii» lein« est, alter» ei'velo, ultvio coiunvlil» ekt lujieieilw; ali>uv i,I ostolxleie i»!ixiii><: Intus actoiilius moris oft, ijuoxov 'i. Se^m. ö.) merkt aus dem Lucian an, daß diese Sloa auf dem Marktplätze gelegen. Zch bediene mich dieser Bemerkung, die Verse des Melanthius bcvm pliitarch (im Leben Timons S. 481.) daraus zu erläutern, wo gesagt wird, daß polygnorus unentgeltlich XkXtz0«<2V - - - - - ausgeschmückt habe. Wie man einen Marktplatz mit Gemälden ausschmücken Lessmgs Werke VI. 22 338 Sophokles. Beynahmen Poecile, die bunte, von den Gemälden erhalten, mit welchen sie vornehmlich Polygnorus ausgczicret hatte (>->-). Diese Gemälde stellten die Götter nnd Helden der Athcnicnscr vor; und es ist nicht unwahrscheinlich, daß Pohgnorus, der kein gedungener Künstler war, sondern bloß um die Ehre arbeitete, auch noch lebenden verdienten Männern die Schmeichele») werde gemacht haben, ihre Bildnisse mit anzubringen. Dem ohngcachtct aber ist wohl schwerlich das Bildniß des Sophokles, von der Hand dieses Künstlers gewesen. Ich schliesst dieses aus folgendem Umstände, den uns Plurarch aus der scandalöscn Ehronikc der damalige» Zeit aufbehalten hat O). Polygnorus liebte die Elpinice, die Schwester des Limons; und ohne Zweifel war seine Liebe eben in dem stärksten Feuer, als er die Trosanennnen in der gedachten Stoa mahlte: denn einer von ihnen, der A.aodice, gab er das Gesicht seiner Geliebten. Wird iLlpinice damals schon alt, schon verhcyrathet gewesen seyn? Schwerlich wohl. Aber zu der Zeit, als Sophokles, mit durch den Ausspruch ihres Bruders, für sein erstes Trauerspiel den Preis erhielt, muß sie schon beides gewesen seyn, wenn man sie auch noch so viel jünger als den Limon annimmt. Und folglich mahlte Pohgnotns die gedachte Stoa zu einer Zeit, als Sophokles noch gar nicht bekannt seyn konnte, als wenigstens seine tragischen Verdienste noch nicht so fest gestcllct seyn konnten, daß sie diese öffentliche Ehre verdient hätten. Vielleicht also war sein Bildniß von dem NAcon, von welchem es aus dem ältern Plinins bekannt ist, daß ihm die Athenicnser nach dem Pohgnot einen Theil dieser Sro« auszumahlen gaben. Zn der Nauslkaa zeigte sich Sophokles als Tänzer. Athc- NttUS (>>>>): «Xj>u>t; 6s ecrcp«cc>lcrev T-fjv ^«vovxaolV -A-^xx. Ich sage, er zeigte sich als Tänzer, und die Worte meines Währmanns scheinen eigentlich doch weiter nichts zu sagen, als daß Sophokles in der Nausikaa den Ball vortrefflich gcschla- konnc, ist nicht wohl zu begrciffc». Es sind also hier die öffentlichen Gebäude auf diesem Marktplätze, und besonders die gedachte Stoa zu verstehen. tdd) <7. ^/inii» Xslur. NMor. l.ib. XXXV. SS. (cc) Zm Lcbcn Timons S. 480. (SS) I.ib> I. ,,. m. «o. Leben des Sophokles. gen: «x?-^ xo-cp«lpto-^'. Allein die Gphäristik, oder das Ballschlagcn und alle vcrschicdnc Arten desselben, war bey dc» Alten ein Theil der Grchestik, als welche alle körperliche Uebungen in sich begrif, wo die Bewegungen nach einer gewissen LLvrylhmie, nach dem Takte, geschehen mußten. Das ist zu bekannt, als daß ich mich dabey aufhalten sollte. Die Frage wird also nur hier seyn: was war das für ein Stück, in welchem Ball gespielt ward? Wer seinen Homer innc hat, dem kann unmöglich die Tochter des Alcinous, des Königs der Phäacier unbekannt seyn (<-<-). Ulysses war an das Ufer von Scliena geworfen; hier lag der Unglückliche, und schlief. Zndeß erhob sich Minerva in den Pallast des Alcinous und gab der schönen NKusit'aa ein, mit ihren Gespielinnen und Mägden nach dem Meere zu gehen, um da ihre Kleider zu waschen. Denn an sie sollte sich Ulysses zu erst wenden; sie sollte ihm den Weg zur Gunst ihres Vaters bahnen. Sie kommen also, waschen ihr Geräth und trocknen es aus dem Ufer; lind indem es trocknet, baden und salben sie sich, und lagern sich zu essen, und stehen auf zu spiele». Und was spielten sie? Z^ioic^ oc^' x'iroct^ov, «AD x^> i^Fx^l.'r'« ^«^,o^>0'«c, ""I^cr-, Koci^crtX«« ^x^xui^r^o^ ^^x^o ^o^>^<; (lk). Sie schlagen Ball, und Nansikaa selbst macht den Anfang. Nun will Minerva, daß Ulysses erwache. Die Prinzessin wirft; der Ball nimmt einen falschen Flug; er fällt in einen tiefen Graben; die Mägde schreyen; und Ulysses erwacht. Er entschließt sich kurz, auf das Geschrey zu zu gehen. Aber er ist (ee) S. das sechste und die folgenden Bücher der Odyssee. (fk) Die Frau Dacier übersetzt diese Stelle: i.s rena» Kni, «lies qnil- >enl loulss leurs volles <5 commencent », ^jouer lo^les ensemdls » I» I'-tume. ^Va,x/?caa ?net e,i/u!<« « c/ian/e?'. Sie höret also die Nau- sikaa singen, wo ich sie nur tanzen sehe. Sie hat aus der Acht gelassen, daß /<.c>>-c?z nicht bloß canw«, sondern eben so oft trinu>lium, lÄll-ul» heißt; wegen des beide» gcmcinschasllichen Takts. /,.o>^? heißt daher hier weiter nichts, als sie fing das Spiel an. Ich finde, daß Burette, in seiner Abhandlung von der Sphäristik der Allen, (inemvires >Ze i-Mor-uuro Ses lnlcrivlions 6- I>. l., r. l. I>. t53.) dc» nchnilichcn Fehler niacht. Denn cr übersetzt: peiulsnl ijue w?rincesss >le son colv les snimvlt x»r son elianl. 22" 340 Sophokles. nackct, splittcrnackct; und es war ein weibliches Geschrey! Was thut der Mann, dem nie in der Noch ein weiser Rath gebrach ? Lx TrDxvi^ <5' i5x,»z<; 7r?oj>A-ov xXcxcrx x^v^ ?r«Xkt?Z ch>.^Xu)i>, u?<; ^i_>cr«l?'iz ?rkj>t x?^ ^l.i^<5e« csiui^o?. I>rj <5' t'^^ri', U)<^e )»ru/l' opxo'c7'j>ocj?o?, cc^Xl ?rk?rc>c^cvc,', 0?' kl«?' i^o^i.ei>c>? x«t «^ixvo^, k'v <5e ot »o-cr« «vT'ap » /Z»^c/cv kTt^x^^t, ?z o'l>^-«>; x^o-csic»^.'-," xrX.rT'ac , ^InXuiv ^rt^^crov?« x«t Ttvxti^ov Fo^l^ov Welch ein Gemälde! Welch eine Verglcichung (es)! So kömmt der nackte, fürchterliche Mann auf sie zu.") Die Mädchen (es) Man erlaube mir über dieses Eleichniß, das ich für eines der schönsten im Homer halte, eine kleine Ausschweifung. Es hat seine Tadlcr gefunden; aber seine Bcrtlicidigcr scheinen mir den rechte» Punkt nicht getroffen zu haben. Man lese nur, was Llarke In seiner Ausgabe darüber anmerkt, „ruviunl <>u> vifstem Iwc loco, viribus Seteclum, pr»cell!«lue pene ene- „>>!»ui», leoni kuru pilrum »plv «ompsrsri ereckiiieriiil. ^,//?a/üi»^ vim Nmililuilini» in eo conlltlere exitlim»!, quock VIvtses puellis >!tiiticil» „comilikus, I>»uä minus qu!»» leo, lerridilis ilppsrneri!. 70»- dövci'- cr^«") )>^>i^^c>l- ovr« x«ö ö'uci'A'tzoo'i^ov ö^« roTiro ^pc»^?'«^ /lki« /Z>/0- <7i.>tzc>^^c>? /ll^ovr« «oy«l?, >-cov?t ?tcl^a,?«>->,ki, kt^uV ö' ^i^kv, lli^c , x. r. X>." ^^?« öktxvv? l^? v'u ^o? 'dö^icririll? °) °) Bis hirher ward 1760 gedruckt: das Folgende fügte I. I- Eschcn- burg 1790 aus Lcssings Papieren hinzu. — „Sein Sophokles sollte aus vier Bücher» bestehen, die wahrscheinlich auch eben so viel Bande gefüllt haben würden. — Nur den Schluß der Anmerkung (K.) die mit der 112tcn und letzten Seite des ehemaligen Drucks abgebrochen war, fand ich völlig ausgearbeitet und ins Reine geschrieben. Das Urbrige bestand aus lauter einzelnen Zettel», die nur kurze Entwürfe und gesammelte Materialien zu den meisten, aber nicht einmal zu allen folgenden Anmerkungen enthielten, welche in dem S- K. bis 11. befindliche» Leben des Sophokles nachgewiesen waren, und in einem, vermuthlich altern, Hefte, worin noch weniger ausgearbeitete Angaben und Winke zu eben diesen Anmerkungen, zerstreut und einzeln, nebst dem .... Anfang einer Ucbcrsctzung des Ajax Mastigophoros, niedergeschrieben waren. — Vcrschiedne seiner Freunde, denen er die abgedruckten Bogen mitgetheilt hatte, die ich auch selbst seit mchrcrn Jahren aus seiner Hand besaß, versuchte» es oft, ihn zur Fortsetzung mid Vollendung dieser so verdienstvollen Arbeit zu bewegen. Seme gewöhnliche Antwort aber war, er müsse erst wieder Griechisch lernen, und sich in eine Menge von Dingen hinein studircn, die ihm seitdem völlig fremd geworden wären." »Lschenburg. Leben des Sophokles. 34 t schreieil und fliehe». Die einzige Nansikaa bleibt stehen, und erwartet ihn; und so weiter. — Ztbcr was sind das für Auftritte für ein Trauerspiel? „Sophokles," sagt die Frau Dacicr (>>i>), »'tttxk? t»c-Kov, i»c-)>kiv (v. 437.) „^l^öaXko? 6^ c/c. — vominit /)acie,' leoiii eum Ideo eowi>»riiri nrliUrülur, iiuiit au>iii» i>uell»- rum tlreiiilu, Iiominil>u»ne »iltiliuti »n crulleliliu» occursuru» esset, ixnar»», ex ilrliuNo »uilu» g»im»oliu» cou- sislere viiletiir cowi>!>r!t>i«»i!j vii, >»m c>»o>l VI>sse» ninri Iiuiniiiu», will«- /l^, o? Mz/^cvo?, simili» «liestur; lum quoä necessititlv eosctus (v. 13ü.) ex ilrlmslu puelli» timiUi» sese »ec opiiiiilu «siemIvrU, ij>si!jllue (»>i odservitt ^it/!at/»'««) ku^ain et terrorein Iisuck minoreiu, -x-, «-»olA-u?. — Es ist wahr, Homer verliebt sich oft ein wenig in seine Gleichnisse, und mahlt sie nicht selten mit Zügen aus, die sich ans das Verglichene nicht cmwciidcn lassen, und »ur das Bild lebhafter und individueller zu mache» dienen. Kann das aber der Fall hier seyn? Mit nichte». Denn wahre Unäl'nlichkcilcn müsse» dergleichen beyläufige Züge nie werden. Ich erimicrc mich daher mit Vergnüge» einer Stelle des Themistius, der auch diesem Lertio der Vcrglci- chuttg eine ganz vortreslichc Wendung zu geben gewußt hat. Er sagt näm- lich: Allerdings ist der abgemattete, wehr- und waffenlose Ulysses auch jetzt »och ei» Man», der sich auf seine Stärke verläßt. Nur ist die Stärke des Ulysses nicht die körperliche Stärke eines Achilles; sonder» sie beruht in seiner Klugheit, in seiner Beredsamkeit. Diese hatte er in keinem Schisbruche verlieren könne»; und auf diese verließ er sich. ^ ök «y« 0^»> «>.XH t?c5mA^c, x«t, kx^li'ui, «xoXl^orui'. Es steht diese Stelle zu Ende scillks Illzo^-^lxo^i kl? HiXoo'olfl»,', (etill. //<»'>i>) Zn den Anmerkungen zu ihrer Ucbcrsctzung: 8ai>i>ocie »voll si,it uns 'krnAeckis tue ce suM il'llomerv, qu'il »prielleit ll?^,^l«?, ik' ou U represeiilvit X»usics» » ce ^jeu. (leite piece reussil kurl. 5e voiulroi,- Iiien «tue le lcms neu» I'eüt eonservee, «sin cl»o nous vlssians co que l'-tit pouvoit lirer S'un tel tu^ei. Die nx-v^lwi, oder 5V). Die Odyssee war überhaupt eine reiche Aorrathskammcr für die satyrischcn Schauspiele. Das einzige Stück, welches uns von dieser Gattung übrig geblieben ist, des LLuripides LMops, ist, wie bekannt, gleichfalls daraus entlehnt. Der Charakter des Ulysses selbst machte ihn zu einer satyrischcn Person sehr bequem. Zch setze voraus, daß meinen Lesern das Wesen dieses Drama bekannt ist, von welchem wohl zu wünschen wäre, daß es ein Genie unter lins ganz wiederherstellen wollte. Die Tragikomödie war in dieser Absicht ein sehr mißlungener Versuch. (5.) .« r>-a^o^tz^cr-v k>> i-m? «z-uo-l. ES ist hier nicht von denen Verbesserungen die Rede, durch wcscn, und daß cS vielleicht Nausikaa, oder die Wäscherinnen gc- heisscn l'abc; dergleichen doppelte Titel bei den Alte» »ichls seltenes sind. Dem ungeachtet wurde die Frau Datier besser gethan habe», es hier nnter seinem gewöhnlichen Titel, Nausikaa, einzuführen. Woher sie den Umstand hat, daß es viel Beifall gefunden, kann ich nicht sagen. Ich fürchte, cs ist ein bloßer Zusatz ihrer gütigen Permulhung, den ich unlcrdcß eben so wenig zu bestätige» als zu bestreiken Lnst habe. (ii) „?>«^><7tx«cl — — iuu> Ilumerixil, et siltxrici» «Iram-ilitni» n»nunwrsi»i», ^uUiee Oa/uniono, sagt Favricius in seinem Verzeichnisse der Verlornen Stücke des Sophokles. Es »ms; sich dieses auf eine Stelle des Tasaulioiius in seine» Anmertungen zum Athenäus beziehen, denn in seinem Buche, u« ?»ctl r-axrica, erwähnt er der Nausikaa unter den satyrischcn Stücken des Sophokles nicht. Leben des Sophokles. 343 die Sophokles die Tragödie selbst ihrem Wesen und ihrer Vollkommenheit näher brachte; sondern bloß von den Neuerungen und Zusätzen, die er in der Kunst sie aufzuführen inachtc. lind die Geschichte dieser Kunst faßt Aristoteles/ im vierten Kapitel seiner Dichtkunst, iu folgender Beschreibung kürzlich zusammen: K«-- -eo^«? ^.-r«/Zo>,«s /i^aXcc/Zovo'a --i ?>z«^»jiältt -?ira^><7«ro, k^c-, 6<^xk ka^>i^? ? cl? ö^io iktz^^o? '^icrx^o; ^)>«z>k, xou, ^« ro^i Xo<>o^> ^arvc-io'k, «ai> rov >/0)>ov !ki>^?«)>^vt^i/»' ^al>cl.«i,ov t,- ^ ^«^vSi« ^lzo^l>oi- ^Ii-oi-o? o Xk>?k>? ölkö^«li.«?^^k»-, I?i^k-ic>v öc Gko^l? k^a ^zroxiz^i- i-iT>lzcv "uirkiz ro'u ö-.«va»cl»^>kcr^ai ^o>- z^o^ov, xa-. öi^rkt-ov '^Vio'x^o?, rc>,- ^^ov ^r»^ox?^z?, xai. o'wkic^izuo'wv ^izv r-zaz>ll- öli»^, o^>^? ^ -^^oo-ozi-.«?, «. Der Verstand von beiden Stellen ist dieser. Anfangs war die Tragödie nichts als Gesang verschiedener Loblieder zu Ehren des Bacchus. Damit der Chor, welcher diese Lieder saug, manchmal ruhen und Athem schöpfen könnte, fiel Thespis darauf, eine interessante Begebenheit dazwischen von einem ans der Bande erzählen oder vorstellen zu laßen. Aeschylus verwandelte diese Erzählung und Vorstellung die von einer einzigen Person geschah, in ein ordentliches Gespräch, indem er eine zweyte Person hinzufügte, liutcr die sich nunmehr die Geschichte vertheilte, obgleich nothwendig die Eine Person mehr Antheil an der Handlung habe» mußte, als die andre. Der Schauspieler, welcher die Rolle der Hauptperson spielte, hieß ^-^r---)-^^?, so wie der andre ö-^^izc-z'-o,'^?. Es war aber darum nicht nothwendig, daß das ganze Drama nicht mehr als zwei Personen haben mußte; denn der Dcutcragonist konnte derselben gar wohl mehr als Eine vorstellen, wenn sie nur nicht mit einander zugleich erscheinen durften. Aber mit einander zusammen sprachen in dem ganzen Drama deren nicht mehr als zwei. Endlich fand Sophokles/ daß auch dieses noch zu einförmig war. Er fügte also die dritte Person hinzu, welche ^^«^Ki-l?-^? hieß". ° Hiczu brauchten keine besondre Leute zu seyn, und Demostyenes wirft es dem Aeschines mehr als Einmal vor, daß er I» seiner Zugend diese dritte» Rollen gespielt habe. — Unmöglich kann aber Gyraldus gewußt 344 Sophokles. Tiefer ^«^1^? ist also die erste Neuerung, die dem Sophokles in der obigen Stelle des Aristoteles zugeschrieben wird. Es äußern sich aber hiebei verschiedene Schwierigkeiten und Widersprüche. Wir wollen zuerst den Barnesius (im Leben des Euripides vor s. Ausgabe, S. XXXVI.) hören: I>c>m liest ^le/l-Zi^/u« in ni'ineinio ^7omc//ict tui ^«^»?' et ^i»t et /'?o?»e//ic«m et ^'«/ca«um Iiniul iiicluc.it, nc>u ilii nili cluo iimliiin neisonne lo^uuntur, Iloe elt Koi»^ et ^u/cninc«; nee vniin /^o?ne//,eus nrins loc^iii inei- nit, cniain e.ieterl ilii, oj>erv aljsvluto, i>I>iei!nt, et ni-iori leenae lliiem lecerint. ES wäre gut, wenn c§ keinen andern Auftritt von drei Personen beim Aeschvlus gäbe, als diesen. Allein man hvre den Dacier/ (in seinen Anmerkungen über das vierte Kapitel der Aristot. Dichtk.) welcher ohne Zweifel den Aeschylus besser gelesen hatte- c^u'^iiltole clit iei, c^ne 8onlioele ujoüta un tioilieme ^etecir aux «leux cl'^keliz-le, »ouii'oit tnire eroiro c^ii'il n'z^ a jamais eu hue cleux^eteur« «lans les ;>iece8 cle ce clei-nier; eonenckant clnn« une leene cle les lüoepliores, oir voit Orelle, p^lacle ^ Ol^tem- iiettiv pnrler ensemlile, claiis une aulie clv tes Luinenicles, oa voit kliiierve, Orelte A ^nullon. II est viai cnie I'un clos trois clit neu cle ellose; ni.ii« cel» 8>ikilt nc»cv taii e voir c^u'Lten^le n'a z>»8 vntierement ignoie, c^uo la 1'eeue nouvoil soullrir tiois ^eleurs clilleieiils clu elioeur. (oiument clane ^litlote veut-il nttiiliuei' celte iuventioii ä 8onllocle? 8eic>it.ce n.ireerlue 8c>»lic>ele s'en tert plus orclinairemont? ne l'i'aurois le eroiie. Huancl Lteli^I« tlt le« (!oö»Ilore8 <^ ses Huinenilles, il avolt nlus cle clc»i?s nn« cnc'il vo^oit cle« pieees cle 8onlioelo, c>u il nrlt co troiliemo ^eteur cxuo 8onl>oclv avoit ujoutä. Das läßt stch hören. Dem ungeachtet wollte ich lieber seinen ersten Grund annehmen; nämlich, daß Sophokles deswegen der Erfinder des dritten Schauspielers genannt werde, weil er sich dessen in allen Stücken bediente, was beim Aeschylus nur ein seltener Fall war. Denn eS muß schon bei den Alten selbst streitig gewesen seyn, ob man diese Erfindung dem Acschylus oder dem Sophokles zuschreiben haben, was hcissc, wenn er schreibt- ries smcm iiMrionos prin>U8 Sopliocles iusliluics,; perlübvNir, et esm, quse r^l^«)>!i>vi^ «iiciuir- Er scheint die Worte des Suidas übersetzt zu habe»; aber woher er daS Femininum i-c»-?«),^-^ hcrgcnommc» hat, das mag Gott wissen. Leben des Sophokles. 315 solle. Ein altes Leben des erstem, welches Robortellus seiner Aus- gäbe vorgesetzt hat, sagt ausdrücklich, die Einführung des dritten Schauspielers sey vom Aeschylus geschehe». Ja, noch mehr, Aristoteles selbst muß sich an einer andern Stelle für den Aeschylus hierin erklart haben. Denn wenn Themistius" in seiner Rede, ^ Xk)'-l^, 1, -c-o? r!j> y>-,Xo-70P!j> Xkxr-ov, beweisen will, daß nicht alle Neuerungen zu verwerfen sind, weil alle Künste und Wissenschaften nach und nach erfunden worden; so nimmt er unter andern auch ein Beispiel von der Tragödie her: '^^« ^ cr-/^ ^a^öl«/>,^a 5«- o^? 0,1^0^1 ci'xä'vTz?, «cll ro^i z^otzo^i, «cct ruv 'vstoxiZl^lli-, zc«li> ^Xv- si; 7^0 ^kcnyoV c>i^ -rtzol7kx'^"kv '^,zt<^c>^k>,kt, orl /llv »>>^- ^?c7lV e^-^kv' '.^lo'x^'^oz ?^trov ^.'-coxlz^^^v ««l, oxyl,?»,^«;' i^c» ^>,cil>> -i-o-uiuv ^oH>oxXco? w!c?zXa'vl7a/i.kv xai 'jZi.>iz,^iöc>v. (IN.) Zum Theil Suidasz) Dieser sagt vom Sophokles: vv?o? ^IZ'^o? rov ^o^ov kx »k^kxalökX« kl<7^z<«)>k Vkui', Ikl-orkizoi' ö^iuxu^- ökx» kio'loi^i-ii'. — — K«^ «u?o? ro^> <5>za/i.a ?>ic>? <5>z«,u.« v^-?^«-.' ^ ?-^^<-z,t«v. Ich verweile jetzt nur bei dieser letzten Neuerung des Sophokles in seiner Kunst. „ Er fieng eS zuerst „an, daß Drama gegen Drama lim den Preis stritt, und nicht die „ganze Tetralogie." Die tragischen Dichter stritten damals bestandig mit vier Stücken zugleich um den Preis, wovon das letzte beständig ein satyrisches Stück war. Und diese vier Stücke zusammen hießen eine Tetralogie. So erzählt z. E. Aelianus . 1^. II. c. 19.) unter dem Xe- nokles dieses Streites gedenkt, so schreibt er: oum üuriu!i->i1o I^XXXI, und beruft sich auf den Aelian. Er muß aber in der (Geschwindigkeit mir die lateinische Uebersctzung angesehen haben, welche p>ii»!> l'upiÄ oelogellmam hat. Denn im Texte steht ««7« I^v -kyio^v «a-, -xrizv '(».'v.ll-rlllS«, und es ist ausgemacht, daß anstatt -x^v, -w-v^x->^v zu lesen sey, wie Scheffeu bei dieser Stelle bemerkt. Diogenes Lacvtius sagt in dem Leben des plato, (I.. III. §. ZZ.) wenn er von dessen Dialogen und ihrer Eintheilung redet: G^«?^o? >,0Z>0^1?' oiov LXklVot ?k^l?«<7^ ötz«/^«<7^»< ^»oi^ovro, /^loi-'uo'^ol?, ^Viz- I'aic»?, ItlXia^^atvt?, Xi^tzol?, w>' 10 rcraizrov ^cn'vgixoi'. I'« ^k^«^« Si>»>l»^» kxwXk^o i'-^«>,oz>l«. Es scheint also, daß es deswegen allezeit vier Stücke waren, weil sie an den vier hier genannten Fcsicn gespielt wurden. Dieß ist auch die Meinung des Lasaubonus, (oo5. Sst^r. I. e. 6.) der daselbst überhaupt von den Tetralogien nachjulcsen ist. Sophokles aber muß diese Veränderung entweder sehr spät gemacht haben, oder sie muß nicht allen tragischen Dichtern zu gute gekommen seyn, wie das Exempel des tLuripides in der obigen Stelle Aelians/ und das Beispiel des plato beweiset, von welchem eben der Schriftsteller (l^. 2. o. 3V.) sagt, daß er gleichfalls mit einer gan- zcn Tetralogie um den Preis streiten wollte: o-uv ^«^öi«, xou, öij ««!, 7^tz«Xoz>l«v kl^«<7«7o. Xc» «Z'lovlkio'^clt, «Zc-'UZ ^ 701,? I?5oxtzi7«i? 7« -toi^«rc«. — Von dem Sohne des Euripidcs sagt der Scholiast des Aristophanes über die Frösche, v. 67: ^kVki,av ^."v?^löt, '^V>,x/l«lui'«, Rolxxc-S. Dieß war ohne Zweifel eine Trilogie/ oder vielmehr eine Tetralogie, von welcher das satyrische Stück hier nur weggelassen ist. — Auch vom philokles, der nach dem Suidas, nach dem iLuripides lebte, führt eben der Scholiast des Aristopha- ncs eine Tetralogie an: n^ötoi'iöi, ikrtza>,o^a. Obgleich dieß Leben des Sophokles. 347 damit nicht übereinzustimmen scheint, wenn Aristides sagt, philoklcs habe den Preis gegen den Sophokles gewonnen. Vielleicht also, daß nach dem Sophokles mit Tetralogien gegen Tetralogien gestritten wurde. Nimmt man diese Meinung an, so lassen sich viele Dinge vergleichen, die man sonst wohl unvcrglichen lassen muß. Z. E. Euripides soll nach dem varro fünfmal, nach dem A- Gellius funfjehnmal den Preis gewonnen haben. Da wäre dann kein Widerspruch, varro würde fünf Trilogicn gemeint haben, und Gellius hätte die ciiijclncn Stücke derselben gezählt". Wider diese Meinung scheint die Terralogia Orestia des Ae- schylus zn seyn, deren Aristophanes in den Fröschen v. 1166 gedenkt. Der ungenannte Verfasser der Beschreibung von den Olympiaden sagt indeß, daß diese Tetralogie in dem zweiten Jahre der achtzigsten Olympias den ersten Preis erhalten habe. Damals aber war Aeschylus schon todt; und es war eins von denen Stücken, die nach seinem Tode aufs Theater gebracht werden durften. Der Scholiast sagt von dem Agamemnon, welches das erste Stück in dieser Tetralogie ist, das Nämliche. Sie wäre meiner Meinung also nicht zuwider, aber wohl eine andre, von welcher der Ungenannte unter der sechs und sicbciijigsteu Olympiade, beim vierten Jahre sagt: '^lo-x^o? ^«)--j>ö<>^ -nx« Oi- Vklz 1Ikii<5«^, I^Xanxiji Ilor»'6i,, Ilgo.u.^Kki,. lA) Zum Theil der ungenannte Biograph.) Ueber die Neuerungen, die Sophokles in seiner Kunst machte, drückt sich dieser Ungenannte so aus: „Er lernte die tragische Dichtkunst vom Aeschylus, „und erfand viel Neues in der Vorstellung. Erstlich schaffte er cS ab, „daß der Dichter selbst sein Stück spielte, (welches ehedem gewöhnlich „war) weil er selbst eine allzu schwache Summe hatte. Ferner vermehrte er die Personen des Chors von zwölf Personen auf fnnfzehn, „und erfand den dritten Schauspieler. Man sagt auch, daß er selbst „einmal die Zither genommen, und in dem Stücke Thamyris darauf „gespielt habe; daher er denn auch in der bunten Gallerie °° mit der „Zither gemahlt worden. Saryrus sagt, daß er auch den krummen ° Bcrgl. Bayle im Art. Euripides. °° ilmx-,?^ 50« hieß einer von den bedeckten Gänge» wegen der daselbst befindlichen vielen Gemählde. 348 Sophokles. „Stab erfunden habe. Desgleichen sagt Istrus, daß er die weissen „Stiefeln erdacht habe, welche sowohl die Schauspieler, als die Per- „soncn des Lhors tragen." WaS hier durch krummen Stab übersetzt ist, heißt im Griechischen «a,u.»^,Xiz /Zax^tzl«. — Xc-,u,5^>/>z, sagt Stephanus, heisst auch der krumme Stab, dessen sich die Jager bedienen. ist einerlei mit /Zax^->,>, daeulus, loinio. Das letztere kommt sehr oft in des Euripides Phönizierinnen vor, wo der blinde Oedipus viel von seinem Stäbe spricht; als, v. 17ll). 11: IloZ-i, ^'klzcltov 7lA^u.t; !Z»l>lrl>« 5l>oo'H>kiz' u r^xiov. Auch ^«x^-v^« kommt dort v. 1Z34. 3Z. vor, welches das Stutzen auf dem Stäbe bedeutet: l'l /I,' itoltzi^t^k /Zax^lZ6v/>.a^ ^I>>^>.0^> Julius pollur, B. IV. Kap. 18, ^oxtz^uv o-xk^?, sagt von der Kleidung alter, bejahrter Personen: ^o^u-/ s- ixra glisni-i. ?ui'- ^>ure.'» veltis junioiinn iiilliimeiitum eil. — S>o»^xl? wird durch vottis j>Iiot!ii!cei coloiis erklärt. Diese phönijischc Farbe aber wird von dem Purpur bei den Alten allezeit auf das deutlichste unterschieden. Ich tadle also zuerst an dieser llcbersctzung, daß sie beides durch ziui-uiirous gegeben. Die Laccdämonicr trugen ^<-^xlö-e im Kriege, damit das Blut nicht so zu sehen seyn sollte. Die phönijischc Farbe war also ohne Zweifel dunkclroth. — Vielleicht zwar, wie mir cS jetzt wahrscheinlicher wird, ist es umgekehrt. Demi plinius sagt (L. IX. c. 38.) daß die Purpurfarbe uizi-Ieims !>^>ectu sey; und Gcllius (I>. II. e. W.) giebt der phönijifchcn Farbe exuverniiliain tuloniko- i'vmlzuo i-ulioi'i8. — Was heißt aber veltis ^eto?'/»? WaS kann xa^v^ seyn, wenn es von einem Kleide gesagt wird? — Kurz, ««,,,,5^^ gehört zu Und polluv selbst verbindet beides an einem andern Orte, (1^. X. H. 173.) wo er sagt, daß ^«xi^i«, -e-tz. <7l; so viel sey, als Lebe» dcS Sophokles. 349 (p) Viel Ehre scheint er als Feldherr nicht eingelegt zu haben.) Der Scholiast über den Aristophanes" sagt hierüber: ^-o-Zu kz>y«^k /l^k?^. Xal^ Z>«IZ öoxki^ ^-^ro? <7/uxyoXoz>l«v kicr» ki'kz>xöiv a<7/>.«^«, «a^ )>^«^,«t crcr.it« /^icrKo'u. I'ov?» ?.--lind mm folgt die Stelle aus pindar's MIim. zu Anfange, die aber hier zum Theil ganz anders gelesen wird, als beim pindar.--i'o ^-v roo -r-^i »t/Zlo?«v rov ^^ui^öo^i Xkz>o,ill, c>,', u. f. f. '^>,>^>?. tl ^^«.loi^ö^^ ölk/Zk/Z>^ro k5i ^>lXayz^l.'l?lM' ««t 7c>v 2c>ls>o- Xoziij, ölkS'v^k ?o^? tce>t/?orot0^>?' />^,».2^5«l o^t <7/ll»^o>,oz,ot' v^kv 5ktzi> ?o"vz /^lcr^oi.'? x«t ra; vk^k<7kl? o^>k ikorc z>c>-o^t^.o?k^o; lind Florens Christianus, in seinen Anmerkuiigen über eben dieß Lustspiel deS Aristophanes: Dv 8onliocli8 avaritia non i>z'o? Zkktz-^ 7« (lij^t, «irc> riov «l/^/Zt-ov, s^uao kunt c75 Iiadilus vel all Iio5libus, ut, curn vello 8!- culo multi canlivi elsent ^tuenienses, nleri«^ue tamen nartum kuerit prouter eommunicatas iplig Lonliooleas kal)ul!>8. 8eü nri5ca comoeöla Latvra tuit tot»; et, czuoll cliximu8 antea, xaxu? ^-ziki»- '^rn-cov ^ r«z?-t<7iz?. — 1°« kI'i^xm, '^.valo?. Stephanus muß die Gränzen von Karien sehr weit ausdehnen, wenn Anäa SamoS gegen über gelegen haben soll. Nach der gewöhnlichen Einlhcilung wurde cS eine Ionische Stadt seyn, llcberhanpt aber sind die Gränzen zwischen Jo- nicn und Karien bey den Allen sehr ungewiß. Eben dieser Sephanus sagt: ^«,u,<-? -5i/e^/in,>t veilia elleut clarlora huarn T'/iit^i/c/tc/i«, llucluaiillum nouis 5o- ret, an Lariac!, an vero 8i>ino Iiaeo civitns elsot i>lti!uuen,Il>. I5ius verva H/. IV. ila lnnt conkliluvnlZa, »t ten5mn vx ii« vli- c!g8! -^«ö köox^t «^irol? ök^voi- w?zrktz 7« kz't 01. Pc^iziovrk? Ilov ^a/lluv X«7«<^«I ^k?. Ililvv ti'imktulil, c^usli '^«l« In 8amo ellet 5iti>; cum llouiiislot ver- lere: a^>«ci vel ^'u.r^a 8amnm: iiain lio t^raecl 6icunt c-r-^ »c>» ^a/i.ij> el ^!k<- ^^>g«t?. 2lnäa ist von Samiern, welche von den vphesicrn, mit ihrem Könige Leogorus von der Insel vertrieben wurden, befestigt worden; und von da aus haben sie auch die Insel wieder erobert. — pausa- nias sagt, daß Anäa ^«-tzu 171 in dem gegenüber gelegenen festen Lande gelegen habe. Diese ganze Anmerkung gehört größtentheilS dem Samuel Petit/ der aus dem allen den Schluß zieht, daß Sophokles seine Antigonc in dem dritten Jahre der vier und achtzigsten Olympiade habe aufführen 352 Sophokles. lassen, und daß ihn die Athenienser zur Belohnung dafür das folgende Jahr znm Feldherrn ernennet haben, wie es Aristophanes ausdrücklich sagt. — (5s wäre also neun Jahr vor dem pelovonnesi- schcn Kriege gewesen. Wider die letzte Kritik des Petit wäre aber dieß einzuwenden, daß perikles die Samicr zweimal überwunden hat, und daß Sophokles erst bei dem zweite» Feldzuge Feldherr geworden; welches denn in das drille Jahr der fünf und achtzigsten Olympiade fallen würde °. Wenn Strabo in seinem vierzehnten Buche (S. 446. der Alme- lov. Ausg.) von der Insel SamoS redet; so sagt er: '^.>s^«l->-, s- irtz07ktzov »-/^^«vrk; ^-tzaiiMvv IIctzlx>,k,«, «oxXk« i!^^ov <5s ««t «>-?ztzc>^>xo'v? «^k/^ij>«v ^lzio'x^^^ov?, kg ca'v?!«»^, »at K«ox?^? o 'L^txoTitzov Ai^oo'oziov 5«7->Ztz. Was plutarch im Nicias von dem Sophokles sagt, ist vielleicht falsch; und er hat den Dichter Sophokles mit dem andern Sophokles verwechselt; so, wie er in dem Leben des perikles den Feldherrn Thucydides mit dem Geschichtschreiber verwechselt zu haben scheint. Iustinus koniliit darin überein, daß Sophokles neben dem Perikles Heerführer gewesen sey. Allein er sagt, es sey gegen die La- ccdämonier, und nicht gegen die Samier gewesen. Die Stelle ist diese: Iiii^e levoeuti I^evo'aemonü ack klelleruorum bellurn, ue rneere tertium uon recusareut, 6uwmo«1o inimioi8 luis Iiolte8 aer^uiiereut. Igitur ^tlieirioules nckvorlus tantaiu tem- petlatem Iielll lluos äuces t, ?erielerir, lveetatae virtuti8 viium, et. 8op1u>elem, toriptorem tiaZoeiliaruin, l^iii ilivilc» ex- ereltu et 8varlanoruin »Zros vaktaruut, et imiltas ^cliaiae eivi- tales ^tlieuieulium imperio »ckjecerunt. — Iustinus, als ein Epitomator, preßt die Zeiten hier gewaltig zusammen, wie man aus " S. 0io-/. s-c. Q. XII. ^«^-^I-?. I.. I. c. 3. — Auch plutarch gedenkt im perikles des zwiefachen Kriegszuges gegen die Samicr. Leben des Sophokles. 3Z3 dem zweiten Buche des Disdorus Sikulus sieht. Der Feldzug des perikles wider die Lacedämonier geschah schon eine geraume Zeit früher, als der wider die Samier. m Die Zahl aller seiner Stucke wird sehr groß angegeben.) Suidas sagt, er habe hundert und drei und zwanzig Stücke spielen lassen; nach einigen aber noch weit mehrere: -s«;«^ s- Sh<--/i.«r« tzxz,'. 6- -eo^v — Der Ungenannte sagt, dem Grammatiker Aristophanes zufolge, daß sich ihre Anzahl auf hundert und dreißig belaufen habe. Von den andern ist wenig mehr übrig, als der Titel.) Diese sind: 'L.^«^.«?. Sophokles hat zwei verschicdne Tragödien dieses Namens geschrieben. Vielleicht war der Inhalt der einen die klägliche Raserei des Athamas, welche Ovid im vierten Buche seiner Verwandlungen beschreibt. Juno ließ ihn, vornehmlich aus Haß gegen seine Gemahlin, die Ins, rasend machen. In dieser Raserei glaubte er auf der Jagd zu seyn, und eine Löwin mit zwei Jungen zu verfolgen: Dthiio korae se^uitur völlig!» coujuAi8 amous, Vec^ue kinu rnskris rlckentem el psrva I^earoliuin Lraelüa tenuentem rapit, et liis tei^uo por anras üloro rotat kullllae, iigil1o«ziie illlantla taxa OileuM okla kerox. Mit dem andern Sohne, Melicertes, floh die gleichfalls rasende Ins davon, und stürzte sich mit ihm von einem Felsen ins Meer.— Die Alten stellten den Groll der Götter gegen große Personen und Familien auf ihren Bühnen gern vor. Und was kann in der That schrecklicher seyn, als der unversöhnliche Haß eines allmachtigen Wesens? Von dem Inhalte des zweiten Trauerspiels dieses Namens wissen wir etwas mehr. Aus einer Stelle des Aristophanischen Scholia- sten, in den Wolken, erhellt nämlich, daß es die Opferung des phrtxus betroffen habe. Die Tragödie hat können vortrefflich seyn; denn die Geschichte ist ungemein, und sehr werth, von einem neuen Dichter behandelt zu werden. Sie ist diese: Vor der I»o hatte Athamas die Nephele zur Gemahlin gehabt, mit welcher er den Lessings Werke vi. 23 354 Sophokles. phrirus und die Helle gezeugt hatte. Die rachgierige Juno gab der Ins in den Sinn, diese Kinder aus dem Wege zu räumen. ES war eben eine große Theurnng, und das delphische Orakel hatte man um Rath gefragt. Ins bestach den Gesandten, welcher den AuS- sprucl, des Orakels holen mußte; und dieser gab vor, das Orakel habe besohle», den phrirus zu opfern. Der Vater, wie natürlich, will durchaus nicht darein willige». Das Volk driugt darauf. Der Prinz selbst verlangt, daß der Wille des Orakels an ihm vollzogen werde. Die Großmuth des phrirus rührt den Abgesandten. Er entdeckt den Betrug. Athamas ergrimmt; liefert dem phrixus die Ins in die Hände, um sich nach eignem Gulbcfindcn an ihr zu rächen. Der edle phrirus verzeiht ihr. — Ich erzähle die Geschichte nicht völlig so wie sie sich zugetragen haben soll, und wie sie Apollodor und Hvgin erzählen; sonder» so, wie ich sie zu brauchen gedächte. 'LpkX^«^?- Erechthcus war der sechste König von Athen. Man findet keine Spur, was der Inhalt dieses Stücks gewesen sey. Aber ich finde einen Fug in seiner Geschichte, der nngcmci» tragisch ist, und der sich wohl brauchen ließe. Er ward mit den Eleusiniern in Krieg verwickelt. Er fragte das Orakel, wie er sich des Sieges vergewissern solle. Das Orakel befahl ihm, eine von seinen Töchtern zu opfern. Er ersah die jüngste dazu. Aber die übrigen alle wollten dieser grausamen Ehre eben so wohl thcilhafl werden. Welch ein Streit unter diesen fromme» Schwärmerinnen! Die jüngste ward geopfert; und die übrigen brachten sich zugleich mit ums Leben. — O! des verwaisc- tcn Vaters! G^e-^i^. Auch unter diesem Namen hat Sophokles zwei Tranerspiele verfertigt. Das eine hieß: G^-^s iodorus Sit'ulus hingegen, achtzchnmal; und der ungcuauntc Biograph: „Den Preis hat er zwanzigmal davon getragen, wie Rarystius sagt. Sehr oft hat er den zweiten Preis, niemals aber den dritten, erhalten." (X.) Der Vorzug, welchen Sokrates dem Curipides ertheilte, ist der tragischen tLhre des erster» weniger nachtheilig, als er es bei dem ersten Anblicke zu sc)-n scheint.) Die Stelle ist beim plato cke kopulil. 1^. VIII. p. 568, eck. --Daß allerdings plato den Vers: deswegen dem «Luripidcs beigelegt habe, weil er glaubte, alle schöne Sprüchclchen müßten in den Werken dieses Dichters flehen, werde ich unten (in XX.) wahrscheinlich genug zeigen. Die Stelle von der Einheit Gottes steht nicht allein beim Euse- bius, sondern auch beim Clemens Alerandrinus °; aber etwas verändert: ^Ll? «^K-^ttlo'i.v ki? k-^i,?- Gko?, , , > , "Utz«> c>^ k^k^v^, ^>«/«v ^<.«>.^?zi^ x?'"k!'ork'vx^l-, ^ kXlklpwI^VUV rTiZkov?' G^icri«? ro^cil? ^«i^z^v^k^g Auch Justinus Martyr führt diese Verse, S. 19, gleichfalls mit einigen Veränderungen an. — Clemens sagt darüber: o^->^ /^v ^ö-iz 5ah«x-xlPÜ^»^v,u,!»'l-i? i-t^ -riz? r7x-^v^? r^v «>^^ri«v ^ol? ^k«- r«l? ^atzt^cr^^ce^kv. ° ^.c>z>. 1>tzor^-^r. p. m. 26. 23* / ^ I Z5K Sophokles. (2-) Er starb in dem dritten Jahre der drei und neunzigsten Olympias.) Beim Suidas steht, er sey sechs Jahr nach dem Euripidcs gestorben. Dagegen sagt der ungenannte Verfasser der Beschreibung der Olympiaden unter jenem Jahre, daß iLuripides und Sophokles beide in demselben gestorben wären. Eben dieses sagt auch Diodorus Sikulus (I.. XIII.) dem Apol- lodorus zufolge. Doch bemerkt Diodor selbst gleich darauf die Verschiedenheit der Meinungen hicvon, indem Euripides, nach einigen, nicht lange hernach von den Hunden sey zerrissen worden. (^) Die Art seines Todes wird verschiedentlich angegeben.) Ich werfe von ungefähr den zweiten Band von Zwinger's 1'I>e»tro viloe Iluinanoe auf; und auf einmal werde ich meinen Sophokles unter den Selbstmördern gewahr °, und zwar unter denen, die es aus Furcht vor der Schande geworden sind. Ich erstaune; denn ich hatte mir geschmeichelt, daß nicht leicht ein LebcnSumstaud von diesem Dichter seyn müßte, dem ich nicht nachgespürt, den ich nicht crwogcu hätte. Die Art seines Todes wird verschieden erzählt; das ist wahr. Aber so! Wer in der Welt hat sie jemals so erzählt? — Valerius Maximus, versichert Zwinger. — Valerius Maximus? — Und was sagt denn dieser? .,8o^l>ooles ulti'mae jnm lonvolutis, cum iu eerlarneu Ir.igoecl!.-»!» lllmlüllet — — Ganz recht, das sind des Valerius Worte; ich erinnere mich ihrer au dem t/»ni/i^e/, wofür die neuern elenden Ausgaben, z. E. die Minellische, o-o^o?, fährt er fort, o-o^ öox-t rov -u^ktz ^oXl-u? rcx«T^? wz>^i>«z kvA-^izAkl? /t-v ^oox^lrov k^t^A-khU- ,ci^o-v -covk '^/Zö^tzi?«?, ki'vo^o'«? ök 2o^ox>,k« '^^-^valo?', oz cu'k/i.o'uz 7^? u,,«? ^«^-^k-ucr«^«?. Wer sollte solche Wuudcr, Stürme zu besänftigen, einem Dichter zutrauen« Ich hätte des Äpollonius Erklärung davon wissen mögen. Denn so gut er es natürlicher Weise zu erklären gewußt hat, wie er die Pest zu Ephesus vorher wissen können, ohne ein Zaubrer, .ein zu seyn; eben so würde er auch vielleicht die Besänftigung der Winde zu erklären gewußt haben. Und Schade, daß das Kunststück, das Äpollonius gehabt hat, die Pest vorher zu empfinden, verloren gegangen ist! Doch, ich kann dieß Räthsel lösen. Mau erinnere sich, daß Sophokles Päane verfertigt hat, und daß der Päan ein Gesang war, wovon Kustathius °° sagt, daß er ehedem nicht bloß, wie noch zu seiner Zeit, zur Abwendung der Pest an den Apoll gerichtet worden, sondern auch zur Dämpfung des Krieges und andrer drohender Uebel: Xaxl? <5k «ai, 5tzi/l.»'ov öki.vo'U «öo/^vox. — Va alfo der Päan bey allem einbrechenden gemeinen Elende gesungen ward; was läßt sich leichter annehmen, als daß er bei dem damals wülendcu ° /H-Vn/O»/. ae Vila ^polloiüi, l.. VIII. c. 7. H. 8. " In 5,. I. lUml. V. 473. 358 Sophokles. Sturmwinde wird seyn gesungen werden, daß Sophokles diesen Päan gemacht, daß die Stürme darauf nachgelassen, und man dein Dichter also diese schleunige Wirkung uud Erhörung bcigcmcsscn? tLr hinrcrliesz vcrschicdne Söhne/ rvovon zwei die Bahn ihres Vaters betraten.) Seine Sohne hießen: Iophon, Leosthe- ncs, Ariston, Stcphanus und Illcncklidcs. llcl'cr den Iophon ist der Artikel beim Suidas nachjuschcn. Er sagt von ihm: 'loP^, «Aizi'«^o; ^«za^xo?, "vlo? ^o>^c>x?>/ko^>? ^0T1 ll>' k^-iv '^x^^Tiz, 1'^Xke, '^.xratiov. 'l>,io?, Ilk;«>-.c»o?, Il-i'A6i>^, ««l ^ti« »wri-o? ^c>.>^>«cri, so führt er unter andern auch die Autorität des Iophon an: 'lo-^ui' o,!l0l,n? o xu/icxo? kv '^.^Xijiöo,; <7Mvtz0l5, Xu»- 2o-z,-,?-uv o'x>-o? k.-?zizr^D?. — Dieses satyrischc Schauspiel nennt Suidas nicht mit. Er wird aber hier offenbar falsch xu- ,ux->? genannt; denn die Komödicnschrcibcr verfertigten keine satyrische Stücke". Sein Enkel von dem Ariston, der gleichfalls Sophokles hieß, machte sich auch als tragischer Dichter bekannt. So will es wenigstens Suidas. Hingegen merkt iNcursnis ans dem Diodorus Si- kulus an, daß dieser den zweiten Sophokles nicht für einen Enkel, sondern für einen Sohn des ältern Sophokles ausgebe. Auch die Zeitrechnung sey für die Meinung Diodor's, indem dieser sage, daß der jüngere Sophokles in dem vierten Jahre der fünf und neunzigsten Olympiade, also neun Jahre nach dem Tode des Vaters, seine erste Tragödie habe auffübrcu lassen. Mit dem Diodor komme auch der llngcnannlc in seiner Beschreibung der Olympiaden übcrcin. Eben diesen jünger» Sophokles führt auch Clemens ?ilcrandri- nus an °", nnd sagt von ihm, daß er und patroklcs der Thurier ° I.. I. >>. s»5. ectil. 0a». //-<«/?,, l.. ». 4016. " Bcrgl. /a^'/ci- Uiljlwlll. vr. Vol. I. p. 729. °°° ^o)iio 1ltzorl>k^7. p. w. 14. Leben des Sophokles. 35!) den Rastor und pollup für sterbliche Menschen angegeben babcn: ii. s. f. — Diese Worte übersetzt Gratianus Hcrvctus° bloß: lroeles ?'Iluriu8 junior Hoplweles l'erllinnl. Auch die vom Heinsnis verbesserte und durchgesehene Ilcbcrsctzung laßt die Worte, ^tzlo-i, ^«)^.° in>ii8 el'l: nt, crueinulinilxluin nol'lro inore m.ile rein gerenlilms j>!>irilin?i liv- ins interiiiei tolel, t!o illum, s^uiili lieü^ienlem, a re l'iiimli.'iri reinoverent juciices. ?unl sonex iiiellur eoni saliuluin, i^uain in inaniiiu8 Iiulieliut et proxime lerijisvrut, Oeniri ^olvneiiin, re- cilulke jill1ic!i>u8, k^u.ivlill'e^ue, nuin illucl eurmen «lelinlenlis vi- ileretur. ()uo recilüio. lenleuliis jullicuin e^ liberulu«. Niclleicht mag Sophokles noch in seinem Alter ein wenig liederlich gewesen seyn; welches ihm wenigstens beim Athenäns Schuld gegeben wird"". Und doch, wie reimt sich däjii die Probcstcllung beim plato Tiese hat auch Philostrat in dem Leben des Apollonius wiederholt ff. Er sagt von dem Wcltwciscn, daß er sich der Liebe ganz und gar zu enthalten vorgenommen habe: -u-c-^«^>-o/i.t,os x«t ^c> ^occy >.-vr^u^l^ tl^iz, »«t w^tziov ök<7»c>^v c»^u- " ?. 30. seiner zu Paris 1oW hcrausgckonimencn Ucbcrsctzmig. °° ovipnosopliist. 1^. XII. 1. Vcrgl. l.. XIII. r. 27. f v>- Nepudl. I.. I. p. 329, Vol. II. etl. S/e/,/i. l. c. 10. 360 Sophokles. (^) Auch andere Schriften und Gedichte fuhrt man von ihm an.) Nach dem Suidas, schrieb er eine Elegie, Päane, und ein prosaisches Werk von dem Chöre wider den Thespis und Chörilus. Von den päancn wird einer auf den Aeskulap vom philostra- tus erwähnt — Apollonius ist bei dem Gottesdienste der Weisen ill Indien gegenwärtig: o-, ö- izöov uSizv, o-coio? o ?cc-i.av o rov ^oi^oxXkov?, '^^izv^cri, '^crxX^^tll «Sc,^<7^^. Sollte man hieraus nicht schließen, dieser Päan sey noch zur Zeit des philostratus und Apollonius gesungen worden? — Auch in dem Gemählde, welches der jüngere Philostrat vom Sophokles entworfen hat, wird auf diesen Päan angespielt, und darauf, daß Aeskulap bei ihm eingekehrt scy.. Daß er wider den Thespis und Thörilus schrieb, dient unter andern auch zur Widerlegung dessen, was Herr Curtius" von der Verträglichkeit der griechischen Dichter unter einander sagt. Und Sophokles hatte nicht allein mit solchen schlechten Dichtern zu streiten, sondern auch mit dem Euripides; welches ich aus einer merkwürdigen Stelle des psllux °°° beweisen kann, wo er sagt, daß der Behelf, dem Chöre das in den Mund zu legen, was der Dichter gern den Zuschauern sagen möchte, sich zwar für den komischen Chor, aber nicht für den tragischen schicke. Unterdessen habe sich doch Euripi-- des desselben in vielen Stücken bedient; und manchmal auch Sophokles, wozu ihm der Streit, den er mit jenem gehabt, Anlaß gegeben: Xou, ^oz?ox>/iz? <5e w^uro i-iz? zr^o? kxk^vov w,u,l>»/^z ?koi>kt -laxl?, vcr^6tz ^litto^u. (MI.) Die Urtheile, welche die Alten von ihm gefällt haben,) Die vorzügliche Erwähnung des Sophokles beim Virgil ist bekannt: ün erit, ut liceat totum milü kerro j>er orverr» 8ola 8oi>I>ocIoo tua carmina liiAna ootllnrno? Sabinus und Garnes meinen, Sophokles habe hier bloß seinen Namen hergeben müssen, weil der Name Euripides nicht so gut in den Herameter gegangen sey. Aber diese Leute müssen nicht haben " I» Vi>!» ^/»o//nnii, I,. Ill, c. 3. °° In den Anmerkungen zu s. Ucbcrs. von Aristor, Dichtk. S. 104, °'° I.. IV. c. 26. Leben des Sophokles. 361 skandiren können. Es kommen in der Anthologie mehr als sechs Epigramme, in Hexametern und Pentametern vor, in welchen allen der Name Euripides befindlich ist. Freilich bemerkt Lölius Rhodiginus °, daß die vorletzte Sylbe in diesem Namen vom Sidonius Apollmaris lang gebraucht werde: Orcliel'tram ^uatit alter Luri^)itlo8. ^puä louom ciuoczuo, setzt er hinzu, i«1 i^isum invenias: Xaltz- /i^X«/^k^Xoi? 'L^tziiktöiz ^aXoicrti', 8unl, fahrt er fort, «.zu! eorri^iant lum Araoeo tum lall»«; ullneo: I^uIIa ac-talv tua, Luripicles, ruonuinoiita ^eriliunt. Aber in dem Verse des Ion ist ja die vorletzte Sylbe kurz, und die dritte von der letzten ist lang, eben wie in allen den gedachten Sinngedichten der Anthologie. Sogar der Lirgilische NerS: Lola 8opliocleo — — — konnte eben so gut hcisscn: Lola !5urij»ic1vo — — — Hiesse es, wie beim Sidonius ^uri^äcü-; so gienge der Name freilich in keinen Hexameter. verschiedene Beinamen die man ihm gegeben hat ) „Er „wird, sagt Suidas, wegen seiner Süßigkeiten die Diene genannt." — Der ungenannte Biograph Hiebt eine andere Ursache an: „weil er „sich von allen das Schönste und Beste auszulcsen gewußt habe." phrynichus Arabius in seinen Büchern ^0-5,-5^? il«i-«o->'.!^?, wovon sich.ein Auszug beim phonus findet", nennt den Aeschylus rov /^^>a>,o>^uvor«ro?', den Sophokles ziX'vx'uv, und den tLuri- pides Itcii-o'o^ov. Wider diesen Zunamen des Süßen, wenn er ihm wegen der Lieblichkeit seiner Nerse wäre beigelegt worden, ließe sich eine Anmerkung des Muretus °" anführen. Dieser bemerkt es als eine von den anstößigsten Harten der Rede, wenn der nämliche Mitlautcr sehr oft und nahe hinter einander vorkommt. Er führt zum Beispiele folgende Verse aus der Medea des Euripides an, wo jene dem Jass» vorwirft, er sey durch ihren Beistand allein gerettet worden: ° I.. XXIV. c. 10. °° ?. 324. oa. ^tn-->. «c/.otti, 1ko3> °°° l.ecl. V»r. I/. I. c. 15. Sophokles. '^o'uo'a 0°' l<7«<5li> o<70!^ I'w^ivov lriivkt0'k/Zizl7«v '^^ktlov <7X»^)0?. Tie häusige Wiederholung des >5, besonders in dem ersten dieser Verse, gab den komischen Dichtern plaro und Eubulus zum Spotte Gelegenheit. Murcrus fährt fort, ein zweites Beispiel dieser Härte zu geben: ^Iteruui, sagt er, 5oj>I,oeI!s; et llniilein ea in 5al)nl!>. ^»!>e «^uali rexiium ,>ol'liclerv inler Ii!iA<,e8 llivilui'. Ilii eniin Oelü- zni« enin 'l'irelia jiiiAüns, v!«zue ei niirlum et mentis et veulorum cneeililtein alijieiens, I>oc enni vertu incÜAnatiunäus inceflil: ulii emn sav^ius elinur ineiileavei'It literam l^iam ille sllvi' li- teram <7, tgmeu ^»rinilles äieaeium aeuleos ex^ertus eK: 8c>ui>o. ele» a »eiuiiio, «^uvll leiain, noltttus. (0(1.) Von dem gelehrten Dicbstalile, den man ihm Schuld giebt.) Ueber die Ticbstählc des Sophokles soll philostratus der Alexandriner ein ganzes Buch geschrieben haben. Ich weiß nicht, was ich von dem Inhalte dieses Buchs denken soll. Ohne Zweifel aber wird er sie nicht besser bewiesen haben, als Clemens Alerandrinuo uns ähnliche Ticbstähle, deren sich die Griechen gegen einander schuldig gemacht haben sollen, bewiesen hat. Clemens will in dem sechsten Buche seiner Stromara darthun, daß die Griechen viele Wahrheiten aus den Büchern der Offenbarung gestohlen haben. In dieser Absicht sucht er vorläufig zu beweisen, daß die Grieche» überhaupt zu gelehrten Ticbstählen sehr geneigt gewesen, und sich nutcr einander selbst besiohlcn haben. H-y-, /i«^-^«? i^? «Xo57,'S w^iroi.'? «Ll^' ktt'uruv !rcc«a^<7ll/l,k7' -ro-v? ^L>,x^'«?> Was Wunder also, fährt er fort, da sie sich selbst bcstohlcn haben, daß auch wir von ihnen nicht unbcstohlcn geblieben sind? Er führt hierauf verschiedene Dichter und Schriftsteller an, die zu verschiedenen Zeiten gelebt haben, und bringt Stellen aus ihnen bei, die so ziemlich einerlei Gedanken, oder einerlei Glcichniß, zum Theil mit einerlei Worten, enthalten. Als, aus dem Orpheus, Musäus, Homer, aus dem Homer-/ Archilochus und Euripides; aus dem Acschylus, Euripidcs und Mcnander. Und endlich sagt er, daß das Nämliche auch von solchen Verfassern zu beweisen sey, die zu gleicher Zeit gelebt hätten, und Neben- Lebe» des Sophokles. 3«3 buhlcr um einerlei Ruhm gewesen wären. ä,a,?c>ts ü' «>- -x !rai>«>.- «)^o^? ^« x^?^" c7vi'«x,^clc7«^rll>' xa^ «I^azi^i'^a- ^-Vlov l<5i,, ?oi«^?«. — lind NUN führt er verschiedene ähnliche Stellen aus dein Sophokles und Euripidcs an, um zu hcweisc», daß diese einander bcstohlen haben. Allein es sind alles Stellen, welche solche bedanken enthalten, die ganz gewiß weder der Eine noch der Andre damals zuerst gehabt haben. Es sind allgemeine Wahrheiten, auf die zwei Dichter, die nie von einander etwas gehört haben, nothwendig fallen müssen. Z. E. Euripides sagt im Grest: Und Sophokles, in der Eriphile: Sie sagen beide, daß der Schlaf ein wohlthätiger Arzt für mehrerlei Uebel sey; deswegen sollen sie einander ausgeschrieben haben! Ferner, iLuripides sagt im Rtimenus- Und Sophokles im Minos- 'O'vx öizuo'i, <5i)/i/t«xos ^X^I- Wenn einer von dem andern diese Stellen hätte entlehnen müssen, so hätte man dem, der sie cntlcbnte, zurufen können, was man dem Allerunwisscndstcn zurief: IV'v ^oloinim ^iiiilLin leizii'l!. Denn Acso- pus hat schon ein Mährchcn, welches diese Lehre einschärft. Euripides, im Alexander: Beide sagen: die Zeit bringt alles an das Licht. Folglich hat cincr den andern ausgeschrieben. Unterdessen kann man auS diesen Stellen, die vielleicht Clemens dem Sophisten Hippias, den er bald darauf als einen nennt, der von ähnlicher Materie geschrieben, abgeborgt hat, so viel schließen, daß die bekannte Zeile: Und Sophokles, im Hipponuö: I7t>c>? xhT>5rk ^.izökv' <^>z v 5«>'^' Kai, «üo^iui', «> «??i.'<7<76t x?^'^?- schwerlich weder beim Euripidco, noch beim Sophokles damals ÄM» 361 Sophokles. vorgekommen sey. Diese hätte einer dem andern nothwendig müssen gestohlen haben. Und das hätte Hippias oder Clemens gewiß nicht anzumerken vergessen. (!>?.) kleinere Materialien, die ich noch nicht anbringen können.) I. Von des Sophokles Schauspielern, t. Rlidemides, dessen Aristophanes in den Fröschen, v. 803, gedenkt, soll, wie der Schvliast sagt, nach dem Apollsnius, des Sophokles Schauspieler, nach dem Rallistratus aber, vielleicht ein Sohn des Sophokles gewesen seyn. 2. Tlepolemus, dessen gleichfalls Aristophanes, in den kolken, v. 1269, gedenkt; wobei der Schvliast sagt: «>.>,o-, ö- ^«z^xov -v-co- «hl^-izi/ klvai, 1'>^?c)?^k,u.ov, cr^ic^z "urox^ivoi^riov ^o^sc>».Xk^. 3. Vielleicht auch polus, von welchem Gcllius, 5,. VII. c. 6. folgendes erzählt: Ilistrio in teira (^raeeia tuil. kuma celebri, lM gellus et voeis cl-uitudiue et venustate eekeris auleklabat. Ironien kuisl'e ajunt ?oluin. 1'ragoeu'ias uoetarurn irobilium seile »l^ue alleveralo aetitavil. Is polus uniee amatum Iilium moike aiuitit. Lum luetmu eum 5akis vil'us est eluxille, reüül aä lz^uae- II um ariis. lu eo temuore ^klieuis I^Iectiam 8oul»oclis aolurus xellurv urnaui yuaki curn Orestis oslivus äebeuat. Ita eomnolitum labulae arAuiucrituin est, ut veluti srakris rvün.ui!>L seien» I^Ieolra eoiuulorek, co!niii!1ereatuin.ue iuleiiium ejus, hui per virn ex- liuelu« exil'Iimakur. Igikur 1'olus lugubr! Iiabitu Tleclrae inäu- tus »l7a at p. in. 692. II. von andern, welche den Namen Sophokles geführt haben. t<7<5-nos, sondern ^c-tzlo-o-««-»? zu lesen, und darunter das Schauspiel ^u^o-o-c^«-, zu verstehen sey. — Bergt. Berkel's Anmerkungen über den Stephanus, S. 476. Leben des Sophokles. 366 Auch hieß einer von den Scholiasten, welche über des Apollo- nius Argonautika kommentirt haben, Sophokles. Tiefes Scholiasten gedenkt Stephanus unter '^/Zac-^os. Und unter x«,«?-izc>,-, wo es ausdrücklich heißt: ^o^ox?^? ^o/^Sc>« -c^c-a-r^o-lav r-j> ^oc^,ox>,klij! ^Ttiji. ?s^^l>c>? z<«l> öoxui', Vk«^o^,<7«v vi-^v Cälius Rhodiginus" erklärt dieß Sprüchwort auf folgende Weise: <^nvll aulem 8 numen, live is Apollo lit, live klnsa, live «^uivis aliu8. ^Vam et in ^ili^IIa Iwe iplum svrvavit noela uoliili«: — — — et krena turviiti doneirlit, et llimnlo8 5ul> peclore verlit ^nollo. In dem folgenden Kapitel aber besinnt er sich eines Bessern. t?r gedenkt nämlich des «o^uvo? !-r-c-lc>?, und sagt: ad ,^uo«1 5orle pro. verliium respectet, rnroil cle ec^uo 8il)U8 Cicero liguilieat. Doch, beides tangt nichts. TaS Pferd gehl hier weder auf das eine noch auf das andre; auch nicht darauf, daß Sophokles selbst ° l.ecl. ^nti-l. l.. XXI. 0. 20. 366 Sophokles. in seinem Alter solch ein Pferd gewesen sey; sondern auf das Gleichnis; zu Anfange der Elektra/ wo Oreft sagt: c ^ ' , , iicr^kli i.^»o? k^,z>->"!z?, x«v ^ )>ktzdii-, 't^v ?vl<7t öklvcit? o"v^ «^io>,-<76v, r' örtz^^ct?, «vluro; kV »>>^oi? Fehler der neuen Literarorcn in der Erzählung seines Lebens.) Barnesius ° verficht die Worte des Scholiastcn ganz falsch, in welchen gesagt wird, daß die Komödicnschrcibcr den Sophokles unangetastet gelassen hal'cu: o-uö' -v^o ruv x^-oö^v wö^^o? «u?kt^^, 1UV o°vök Gk/ic<^c>>c>>kc>Ti; w^ocrxo/>.kvi»>v. Fragment cincr Ucbcrsetzung vom Ajax des Sophokles. Erster Auszug, erster Auftritt. Minerva. Wie ich dich schon oft, Sohn des Laertes, dem Feinde den Vortheil abzujagen schlau bemüht erblickte; so erblicke ich dich auch jetzt, hier unter den SchiffSgczeltcn des Ajax, am äußersten ihm anvertrauten ende des Lagers. Tu spähst, und spürst, und zählst, und missest alle seine frischen Tritte, um zu wissen, ob er drinnen, oder nicht driuncn ist. Wie wohl leitet dich gleichsam der untrügliche Geruch des lakonischen Windspiels! Er ist wieder drinnen, der Mann! Schweiß rinnt ihm von dem Antlitze, und Blut von den mörderischen Händen. WaS siehest du noch so scharf nach dieser Thür? Tu darfst mir nur sagen, warum du dir diese Mühe giebst; und du kannst von mir alles erfahren. Ulysses. O Stimme MincrvenS, mir wertheste unter den Göttern! Tcnn nur allzuwchl, ob du gleich unsichtbar bist, kenne ich deine Stimme; und mein Geist ist bekannter mit ihr, als mit dem ehernen Klänge der lyrrhenischcn Trommele! Wie solltest du cS nicht wissen, daß ich dieses feindseligen MauncS, des Ajax wcgcn, mich hier h-rum- ° lu Vilil K/tt j>. IV. Ucbcrsctzung »cm Ajar. 3li7 treibe? Ihm, und keinci» andern, suche ich auf die Spur zu kommen. Er hat uns diese Nacht eine That verübet, deren sich kein Mensch vermuthet hätte, wenn er sie anders verübt hat. Tenn »och wissen wir nichts gewisses; wir vermuthen es nur; uud freiwillig habe ich mich selbst der weiter» Nachforschung uutcrjogcn. ES findet sich alles uuser Bcnlcvich schändlich zugerichtet, und samt den Hütern erwürgt. Jedermann glaubt ihm die Schuld bcimcsscn zu dürfen; uud eine Wache hat ausgesagt, 'sie habe ihn ganz allein mit bluttriefendem Schwerte über das Feld laufen sehen. Sogleich machte ich mich auf: und die Fnßstapfcn, die ich hier erblicke, bestärken mich znm Theil; zum Theil verwirren sie mich auch: ich kann nicht begreifen, wessen Fußstapfcn es sind °. — Aber du kommst! und wie erwünscht! Tcincr leitenden Hand, der ich mich immer überließ, überlaß' ich mich noch. Minerva. TaS weiß ich, Ulysses. Ich hielt dein Spähen genehm, uud ging dir sogleich entgegen. Ulysses. Gütigste Göttin! so ist sie nicht vergebens, meine Mühe? Minerva. Er ist der Thäter! Er ist c§! Ulysses. Und was hat ihn zu so etwas Widersinnigem vermögen können? Minerva. Der wütende Zorn über die ihm abgesprochncn Waffen des Achilles. Ulysses. Aber die Hccrde — warum fiel er über die her? Minerva. Er glaubte seine Hände mit eurem Blut zu färben. Ulysses. Und also galt es den Griechen? Minerva- Sie würden es auch empfunden haben, wenn ich nicht gewesen wäre! Ulrsses. Welche Verwegenheit! Welche Tollkühnheit! Minerva. Es war Nacht; er war allein, und ging als Meuchelmörder auf euch los. Ulvsses. Wie weit, wie nahe, kam er denn dem Ziele? Minerva. Schon nahte er sich den Zelten beider Feldherrn. Ulysses. Und was hielt da seine rasende Faust? Minerva. Ich! — Ich störte ihm diese grausame Freude. Mit ° ^« >??zv ^«nw,-, sagt der Scholiast sehr wohl, ö^xrlx-"""«? k5l?k7a^az>ll,ki'iz ^ ,Zacri? )>iz>oi'c '^.t«vrc>s. Der b!ang eines Rasenden nämlich ist so verwirrt, daß man aus seinen Tritten nicht klug werden kann. 368 Vorreden zu Didcrots Theater. tauschenden Bildern füllte ich sein Auge, und wandte ihn gegen die vermischten Heerden, gegen die Hüter des sämtlichen Beuteviehs. Welch ein Metzeln! Alles hieb er um sich in Stücke. Bald glaubte er, beide Atridcu mit eigner Hand zu morden; bald gegen einen andern Heerführer zu wüthen. Tenn ich rcitzle den Wahnwitzigen, und ließ die grausamste der Erynncn gegen den Tobenden los. Das Theater des Herrn Diderot, aus dem Französischen übersetzt. Vorrede des Uebersetzers, zur ersten Ausgabe von 1760. Dieses Theater des Herrn Diderot, eines von den vornehmsten Verfassern der berufenen Encyklopädie, bestehet aus zwey Stücken, die er als Beyspiele einer neuen Gattung ausgearbeitet, und mit seinen Gedanken sowohl über diese neue Gattung, als über andere wichtige Punkte der dramatischen Poesie, und aller ihr untergeordneten Künste, der Declamation, der Pantomime, des Tanzes begleitet hat. Kenner werden in jenen weder Genie noch Geschmack vermissen; und in diesen überall den denkenden Kopf spüren, der die alten Wege weiter bahnet, und neue Pfade durch unbekannte Gegenden zeichnet. Ich möchte wohl sagen, daß sich, nach dem Aristoteles, kein philosophischerer Geist mit dem Theater abgegeben hat, als Er. Daher sieht er auch die Bühne seiner Nation bey weitem auf der Stufe der Vollkommenheit nicht, auf welcher sie unter uns die schaalcn Köpfe erblicken, an deren Spitze der Prof. Gottsched ist. Er gestehet, daß ihre Dichter und Schauspieler noch weit von der Natur und Wahrheit entfernet sind; daß beider ihre Talente, guten Theils, auf kleine Anständigkeiten, auf handwerksmäßigen Zwang, auf kalte Etiquette hinauslaufen :c. Selten genesen wir eher von der verächtlichen Nachahmung gewisser französischen Muster, als bis der Franzose selbst diese Muster zu verwerfen anfängt. Aber oft auch dann noch nicht. Vorreden ui Titcrois Zhc.rtcr. l?s.!> Es wird also darauf ankommen, ob der Mann, dem nichts angelegener ist, als das Genie in seine alte Rechte wieder einzusetzen, ans welchen es die mißverstandene Knust vcrdrcngct; ob der Mann, der es zugestehet, daß das Theater weit stärkerer Eindrücke fähig ist, als man von den berühmtesten Meisterstücken eines Corneille und Racine rühmen kann; ob dieser Mann bey uns mehr Gehör findet, als er bey seinen Lands- lcutcn gefunden hat. Wenigstens muß es geschehen, wenn auch wir einst zu den gesitteten Völkern gehören wollen, deren jedes seine Bühne hatte. Und ich will nicht bergen, daß ich mich einzig in solcher Hofnung der Übersetzung dieses Werks unterzogen habe. Vorrede des Uebersetzers, zu dieser zweyten Ausgabe. 1781. Ich bin ersucht worden, dieser Uebcrsczung öfscutlich meinen Namen zu geben. Da es nun vorlängst unbekannt zu seyn aufgeboret hat, daß ich wirklich der Verfasser derselben bin; da ich mich des Fleißes, den ich darauf gewandt habe, und des Nutzens, den ich daraus gezogen, noch immer mit Vergnügen erinnere: so sehe ich nicht, warum ich mich einer Anfoderung weigern sollte, die mir Gelegenheit giebt, meine Dankbarkeit einem Mann zu bezeugen, der an der Bildung meines Geschmacks so großen Antheil hat. Denn es mag mit diesem auch beschaffen seyn, wie es will: so bin ich mir doch zuwohl bewußt, daß er, ohne Divcrots Muster und Lehren, eine ganz andere Nichtung würde bekommen haben. Vielleicht eine eigenere: aber doch schwerlich eine, mit der am Ende mein Verstand zufriedener gewesen wäre. DiVcrot scheint überhaupt auf das deutsche Theater weit mehr Einfluß gehabt zu haben, als auf das Theater seines eigenen Volks. Auch war die Veränderung, die er auf diesem hervorbringen wollte, in der That weit schwerer zu bewirken, als das Gute, welches er jenem nebenher vcrschaftc. Die Französischen Stücke, welche auf unserm Theater gespielt wurden, stellten doch nur lauter fremde Sitte» vor: lind fremde Sitten, Lessings Werke VI. 24 370 Vorreden zu Tidcrots Theater. in welchen wir weder die allgemeine menschliche Natur, noch unsere besondere Volksnatur erkennen, sind bald vcrdrcngt. Aber je mcbr die Franzosen in ihren Stucken wirklich finden, was wir uns nur zu finden einbilden: desto hartnäckiger muß der Widerstand seyn, den ihre alten Eindrücke jeder, wie sie dafür halten, nnuölhigen Bemühung, sie zu verwischen oder zu überstempeln, entgegensetzen. Wir hingegen hatten es längst satt, nichts als einen alten Lassen im kurzen Mantel, und einen jungen Geck in bebänderten Hosen, unter ein Halbduzcud alltäglichen Personen, auf der Bühne herumtoben zu sehen; wir sehnten uns längst nach etwas bessern, ohne zu wissen, wo dieses Bessere herkommen sollte: als der -Hausvater erschien. Zn ihm erkannte sogleich der rccht- schafnc Mann, was ihm das Theater noch eins so theuer machen müsse. Sey immerhin wahr, daß es seitdem von dem Geräusche eines nichts bedeutenden Gelächters weniger ertönte! Das wal-rc Lächerliche ist nicht, was am lautesten lachen macht; und Ungereimtheiten sollen nicht blos unsere Lunge in Bewegung setzen. Selbst unsere Schauspieler fingen an dem -Hausvater zuerst an, sich selbst zu übertreffen. Denn der Hausvater war weder Französisch, noch deutsch: er war blos menschlich. Er hatte nichts auszudrücken, als was jeder ausdrücken konnte, der es verstand und fühlte. Und daß jeder scinc Rolle verstand und fühlte, dafür hatte nun frcvlich Diderot vorucmlich gesorgt. Wenn ich aber doch glcichwobl auch meiner Uebcrsczung ein kleines Bcrdicnst in diesem Punkte zuschreibe: so habe ich, wenigstens bis itzt, von den Kunstrichtnn noch keinen besondern Widerspruch zu erfahren gehabt. Nicht als ob ich meine Ilebeisetzung frey von allen Mängeln ballen wollte; nicht als ob ich mir schmeichelte, überall, auch da den wahren Sinn des Verfassers getroffen zu haben, wo er selbst in seiner Sprache sich nicht bestimmt genug ausgedrückt hat! Ein Freund zeigt mir nur erst izt eine dergleichen Stelle; und ich bcdaurc, daß ich in dem Tcrtc von diesem Winke nicht Gebrauch machen können. Sie ist in dem natürlichen Sohne in dem dritten Auftritte des ersten Auszuges, Vorrctc» zu TitcrolS Thc.ucr. l;7I wo Theresia ihrer Sorgsalt »in Rosalicns Erziehung gedenkt. „Ich ließ mir cs angelegen seyn, sagt sie, den Geist und besonders den Charakter dieses Kindes zu bilden, von welchem „einst das Schicksal meines Bruders abhängen sollte. Es war „unbesonnen, ich machte cs bedächtig. Es war heftig, ich suchte „dem Sanften seiner Natur aufzuhelfen." Das cs ist in allen vier Stellen im Französischen durch il ausgedruckt, welches eben sowohl auf das vorhergehende vulinit, auf Rosalien, als auf den Bruder gehen kann. Ich habe cS jedesmal auf Rosalien gezogen: aber cs kann leicht seyn, daß cs die beiden erstenmale auf dcn Bruder gchcn, und sonach heißen soll. „Er war „unbcsomicn, ich machte sie bedächtig. Er war heftig, ich „suchte dem Sanften ihrer Natur aufzuhelfen. Za dieser Sinn ist unstreitig der feinere. Es kann jemand keinen einzigen solchen Fehler sich zu Schulden kommen lassen, und doch noch eine sehr mittclmässigc Ucbcrsctzung gemacht haben! 24" L a o k o o n.- oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie. x«t ^^^^n-xloc! <5ccxcp«^o^ci-t. I l^o^. 507. xar« II. ^ x«r« Mit beyläufigen Erläuterungen verschiedener Punkte der alten Kunstgeschichte. Erster Theil. I7KK. «) Vorrede- Der crstc, welcher die Mahlerey und Poesie mit einander verglich, war ein Mann von feinem Gefühle, der von beyden Künsten eine ähnliche Wirkung auf sich verspürte. Beyde, empfand er, stellen uns abwesende DMge als gegenwärtig, den Schein als Wirklichkeit vor; beyde täuschen, und beyder Täuschung gefällt. Ein zweyter suchte in das Znncrc dieses Gefallens einzudringen, und entdeckte, daß es bey beyden aus einerley Quelle flicsse. Die Schönheit, deren Begriff wir zuerst von körperlichen Gcgcn- °) Die Handschrift nach der die Ausgabt von 1766 gedruckt ist und ei» vollständiges Correciur-Ercmplar derselben hat Herr B. Fricdländcr dem Herausgeber zur Benutzung freundlichst mitgetheilt. Es schien indessen nicht rath- sam die verworfenen Lesarten anzugeben, sondern es sind nur einige Druckfehler verbessert worden. Die spateren Ausgabe» solle» aus rinem Exemplar gedruckt sein, in welchem „der Verfasser einige wenige Stellen geändert hatte": es fand sich aber das! in diesen Ausgaben die Verbesserungen auf de» Cartons der ersten ganz oder zum Theil vernachlässigt worden sind. Laokoon, Vorrede. ständen abziehen, hat allgemeine Regeln, die sich auf mehrere Dinge anwenden lassen; auf Handlungen, auf Gedanken, sowohl als auf Formen. Ein dritter, welcher über den Werth und über die Vcrthei- lung dieser allgemeinen Regeln nachdachte, bemerkte, daß einige mehr in der Mahlerey, andere mehr in der Poesie herrschten; daß also bey diesen die Poesie der Mahlerey, bey jenen die Mahlerey der Poesie mit Erläuterungen und Beyspielen aushcl- fcn könne. Das erste war der Liebhaber; das zweyte der Philosoph; das dritte der Kunstrichter. Jene beyden konnten nicht leicht, weder von ihrem Gefühl, noch von ihren Schlüssen, einen unrechten Gebrauch machen. Hingegen bey den Bemerkungen des Kunstrichtcrs beruhet das Meiste in der Richtigkeit der Anwendung auf den einzeln Fall; und es wäre ein Wunder, da es gegen Einen scharfsinnigen Kunstrichter fünfzig witzige gegeben hat, wenn diese Anwendung jederzeit mit aller der Vorsicht wäre gemacht worden, welche die Wage zwischen beyden Künsten gleich erhalten muß. Falls Apcllcs und Protogencs, in ihren Verlornen Schriften von der Mahlerey, die Regeln derselben durch die bereits festgesetzten Regeln der Poesie bestätiget und erläutert haben, so darf man sicherlich glauben, daß es mit der Mäßigung und Genauigkeit wird geschehen seyn, mit welcher wir noch itzt den Aristoteles, Cicero, Horaz, Quintilian, in ihren Werken, die Grundsätze und Erfahrungen der Mahlerey auf die Beredsamkeit und Dichtkunst anwenden sehen. Es ist das Vorrecht der Alten, keiner Sache weder zu viel noch zu wenig zu thun. Aber wir Neuern haben in mehrern Stücken geglaubt, uns weit über sie weg zu setzen, wenn wir ihre kleinen Luftwege in Landstrasscn verwandelten; sollten auch die kürzern und sichrer» Landstraßen darüber zu Pfaden eingehen, wie sie durch Wildnisse führen. Die blendende Antithese des griechischen Voltaire, daß die Mahlerey eine stumme Poesie, und die Poesie eine redende Mahlerey sey, stand wohl in keinem Lehrbuche. Es war ein Einfall, wie Simonides mehrere hatte; dessen wahrer Theil so ein- 374 L.wkcon. leuchtend ist, daß man das Unbestimmte und Falsche, welches er mit sich führet, übersehen zu müssen glaubet. Gleichwohl übersahen es die Alten nicht. Sondern indem sie den Ausspruch des Simonidcs auf die Wirkung der beiden .Künste einschränkten, vergaffen sie nicht einzuschärfen, daß, ohn- geachtct der vollkommenen Achnlichkcit dieser Wirkung, sie dennoch, sowohl in den Gegenständen als in der Art ihrer Nachahmung, x«t 7-j,o?rol? .«.^i^o-e^c) verschieden wären. Völlig aber, als ob sich gar keine solche Verschiedenheit fände, haben viele der neuesten Kunstrichtcr aus jener Uebereinstimmung der Mahlerey und Poesie die crudcsten Dinge von der Welt geschlossen. Bald zwingen sie die Poesie in die engern Schranken der Mahlerey; bald lassen siedle Mahlerey die ganze weite Sphäre der Poesie füllen. Alles was der einen Recht ist, soll auch der andern vergönnt seyn; alles was in der einen gefällt oder mißfällt, soll nothwendig auch in der andern gefallen oder mißfallen; und voll von dieser Zdcc, sprechen sie in dem zuversichtlichsten Tone die seichtesten Urtheile, wenn sie, in den Werken des Dichters und Mahlers über einerley Norwurf, die darin» bemerkten Abweichungen von einander zu Fehlern machen, die sie dem einen oder dem andern, nach dem sie entweder mehr Geschmack an der Dichtkunst oder an der Mahlerey haben, zur Last lege». Za diese Aflcrcritik hat zum Theil die Virtuose» selbst verführet. Sie hat i» der Poesie die Schildcnmgssucht, und in der Mahlerey die Allcgoristcrcy erzeuget; indem man jene zu cincni redenden Gcmäblde mache» wolle», ohne eigentlich zu wisse», was sie mahle» könne und solle, und diese zu einem stummen Gedichte, ohne überlegt zu haben, in welchem Maassc sie allgemeine Begriffe ausdrücken könne, ohne sich von ihrer Bestimmung zu entfernen, und zu einer willkührlichc» Schriftart zu werde». Diesem falschen Geschmacke, und jenen ungegründctcn Urtheile» entgegen zu arbeiten, ist die vornehmste Absicht folgender Aufsätze. Sie sind zufälliger Weise entstanden, und mehr nach der Folge meiner Lcctürc, als durch die methodische Entwickelung all- Lorrede. 375 gemeiner Grundsätze angewachsen. Es sind also mehr unordcnt- liche Collcctanca zu einem Buche, als ein Buch. Doch schmeichle ich mir, daß sie auch als solche nicht ganz zu verachten seyn werden. An systematischen Büchern haben wir Deutschen überhaupt keinen Mangel. Aus ein Paar angenommenen Wortcrklärungcn in der schönsten Ordnung alles, was wir nur wollen, herzuleiten, darauf verstehen wir uns, Trotz einer Nation in der Welt. Baumgartcn bekannte, einen grosse» Theil der Beyspiele in seiner Aesthetik, Gcsncrs Wörtcrbuchc schuldig zu seyn. Wenn mein Raisonncmcnt nicht so bündig ist als das Baunigarteusche, so werden doch meine Beyspiele mehr nach der Quelle schmecken. Da ich von dem Laokoon gleichsam aussetzte, und mehrmals auf ihn zurückkomme, so habe ich ihm auch einen Antheil an der Aufschrist lassen wollen. Andere kleine Ausschweifungen über verschiedene Punkte der alten Kunstgeschichte, tragen weniger zu meiner Absicht bey, nnd sie stehen nur da, weil ich ihnen niemals einen bessern Platz zu geben hoffen kann. Noch erinnere ich, daß ich unter dem Name» der Mahlerey, die bildenden Künste überhaupt bcgrciffc; so wie ich nicht dafür stehe, daß ich nicht unter dem Namen der Poesie, auch auf die übrigen Künste, deren Nachahmung fortschreitend ist, einige Rücksicht nehmen dürfte. I. Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke in der Mahlerey nnd Bildhauerkunst, setzet Herr Win- kclmann in eine edclc Einfalt und stille Grösse, sowohl in der Stellung als im Ausdrucke. „So wie die Tiefe des Meeres „sagt er,» allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag auch noch „so wüthen, eben so zeiget der Ausdruck in den Figuren der „Griechen bey allen Leidenschaften eine grosse nnd gesetzte Seele. „Diese Seele schildert sich in dem Gesichte des Laokoons, „und nicht in dem Gesichte allein, bey dem heftigsten Lci- a) Bon der Nachahmung der aricchischcn Werke in der Mahlerey nnd Bildhauerkunst. S. 21, 22. 37«; Lackocu. „den. Der Schmerz, welcher sich in allen Muskeln und „Sehnen dcS Körpers entdecket, lind den man ganz allein, „ohne das Gesicht und andere Theile zu betrachten, an dem „schmerzlich eingezogenen Untcrlcibc bey nahe selbst zu empfinden glaubt; dieser Schmerz, sage ich, äusscrt sich dennoch „mit keiner Wuth in dem Gesichte und in der ganzen Stellung. Er erhebt kein schreckliches Geschrey, wie Virgil von „seinem Laokoon singet; die Ocfnung des Mundes gestattet es nicht: es ist vielmehr ein ängstliches und beklemmtes „Seufzen, wie es Sadolct beschreibet. Der Schmerz des Kör- „pcrs und die Grosse der Seele sind durch den ganzen Bau „der Figur mit gleicher Stärke ausgetheilet, und gleichsam abgewogen. Laokoon leidet, aber er leidet wie des Sophokles „Philoktct: sein Elend gehet uns bis an die Seele; aber wir „wünschten, wie dieser grosse Mann das Elend ertragen „zu können." „Der Ausdruck einer so grossen Seele geht weit über die „Bildung der schönen Natur. Der Künstler mußte die Stärke „des Geistes in sich selbst fühlen, welche er seinem Marmor „cinprägtc. Griechenland hatte Künstler und Wcltwcise in einer „Person, und mehr als einen Metrodor. Die Weisheit reichte „der Kunst die Hand, und bließ den Figuren derselben mehr „als gemeine Seelen ein, n. s. w." Die Bemerkung, welche hier zum Grunde liegt, daß der Schmerz sich in dem Gesichte des Laokoon mit derjenigen Wuth nicht zeige, welche man bey der Heftigkeit desselben vermuthen sollte, ist vollkommen richtig. Auch das ist unstreitig, daß eben hierin», wo ein Halbkcnncr den Künstler unter der Natur geblieben zu sey», das wahre Pathetische des Schmerzes nicht erreicht zu haben, urtheilen dürfte; daß, sage ich, eben hierin» die Weisheit desselben ganz besonders hervorleuchtet. Nur in dem Grunde, welchen Herr Winkclmann dieser Weisheit giebt, in der Allgemeinheit der Regel, die er aus diesem Grunde herleitet, wage ich es, anderer Meynung zu seyn. Ich bekenne, daß der mißbilligende Seitenblick, welchen er auf den Virgil wirft, mich zuerst stutzig gemacht hat; und nächst dem die Vcrglcichung mit dem Philoktct. Von hier will ich lieber die Grenze» der M.ihlcrcy und Poesie. IZ77 ausgehen, und meine Gedanken in eben der Ordnung niederschreiben, in welcher sie sich bey mir entwickelt. „Laokoon leidet, wie des Sophokles Philoktct." Wie leidet dieser? Es ist sonderbar, daß sein Leiden so verschiedene Eindrücke bey uns zurückgelassen. — Die Klagen, das Geschrey, die wilden Verwünschungen, mit welchen sein Schmerz das Lager erfüllte, und alle Opfer, alle heilige Handlungen störte, erschollen nicht minder schrecklich durch das öde Eiland, und sie waren es, die ihn dahin verbannten. Welche Töne des IlnmuthS, des Jammers, der Verzweiflung, von welchen auch der Dichter in der Nachahmung das Theater durchhallcn ließ. — Man hat den dritten Aufzug dieses Stücks ungleich kürzer, als die übrigen gefunden. Hieraus sieht man, sagen die Kunstrichtcr, ü daß es den Alten um die gleiche Länge der Aufzüge wenig zu thun gewesen. Das glaube ich auch; aber ich wollte mich dcs- falls lieber auf ein ander Exempel gründen, als auf dieses. Die jammervollen Ausruffungcn, das Winseln, die abgebrochenen «, «, Ies Krocs 1°. II, i>. 89. c) Iliiltl. L v. 343. II ö- o«xo^<5« — Ilistl. 15 v. 85S. 378 Laokoc». Natur erhebt, so treu bleiben sie ihr doch stets, wenn es auf das Gefühl der Schmerze» und Beleidigungen, wenn es auf die Aeusserung dieses Gefühls durch Schreyen, oder durch Thränen, oder durch Schcltwortc ankömmt. Nach ihren Thaten sind cS Geschöpfe höherer Art; nach ihren Empfindungen wahre Menschen. Ich weis es, wir feinern Europäer einer klüger» Nachwelt, wisse» über unsern Mund »nd über uusere Auge» besser zu herrschen. Höflichkeit und Anstand verbieten Geschrey und Thränen. Die thätige Tapferkeit des ersten rauhen Wcltaltcrs hat sich bey miS in eine leidende verwandelt. Doch selbst uiiscre Urältcr» wäre» i» dieser größer, als in jener. Aber unsere Urällcrn waren Barbaren. Alle Schmerzen vcrbeisscn, dem Streiche des Todes mit unverwandtem Auge entgegen sehen, unter den Bissen der Nattern lachend sterben, weder seine Sünde noch den Verlust seines liebsten Freundes beweinen, sind Züge des alten Nordischen Hcldcnmuths.« Palnatoko gab seinen Zomsburgcrn das Gesetz, nichts zu fürchten, und das Wort Furcht auch nicht einmal zu nennen. ' Nicht so der Grieche! Er fühlte und furchte sich; er äusserte seine Schmerzen und seinen Kummer; er schämte sich keiner der menschlichen Schwachheiten; keine mußte ihn aber auf dem Wege nach Ehre, und von Erfüllung seiner Pflicht zurückhalten. Was bey dem Barbaren aus Wildheit und Verhärtung entsprang, das wirkten bey ihm Grundsätze. Bey ihm war der Heroismus wie die verborgenen Funken im Kiesel, die ruhig schlafen, so lange keine äussere Gewalt sie wecket, und dem Steine weder seine Klarheit »och seine Kälte nehmen. Bey dem Barbaren war der Heroismus eine helle fressende Flamme, die immer tobte, und jede andere gute Eigenschaft in ihm verzehrte, wenigstens schwärzte. — Wenn Homer die Trojaner mit wilde»! Geschrey, die Griechen hingegen in cnlschloßncr Stille zur Schlacht führet, so merken die Ausleger sehr wohl an, daß der Dichter hierdurch jene als Barbaren, diese als gesittete Völker schildern wollen. Mich wmidcrl, daß sie a» einer andern e) 'kl>. UilrUwIiuu-i «.-ittisi-» cuiUoiniUiv » Iliuii^ itllliuc gvilUIUius mo7>i->, ciip, I. Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 37!) Stelle eine ähnliche charakteristische Entgegensetzung nicht bemerket haben./ Die feindlichen Heere haben einen Wasscnstillcstand getroffen; sie sind mit Verbrennung ihrer Todten beschäftiget, welches auf beyden Theilen nicht ohne hcifsc Thräne» abgehet; 5-9^« xco^5?- Aber Priamus verbietet seinen Trojanern zu weinen; o^'6' e?« n^o-^o? ^x^»?. Er verbietet ihnen zu weinen, sagt die Dacicr, weil er besorgt, sie mochten sich zu sehr erweichen, und morgen mit weniger Muth an den Streit gehen. Wohl; doch frage ich: warum muß nur Priamus dieses besorgen? Warum ertheilet nicht auch Aganicm- non seinen Griechen das nehmliche Aerboth? Der Sinn des Dichters geht tiefer. Er will uns lehren, daß nur der gesittete Grieche zugleich weinen und tapfer seyn könne; indem der ungesittete Trojaner, um es zu seyn, alle Menschlichkeit vorher ersticken müsse. I^^tl.xcrci'ui^l.oit ^lev o^-sx^ xX«lkti>, läßt er an einem andern Orte 6 den verständigen Sohn des weisen Nestors sagen. Es ist merkwürdig, daß unter den wenigen Trauerspielen, die aus dem Alterthume auf uns gekommen sind, sich zwey Stücke finden, in welchen der körperliche Schmerz nicht der kleinste Theil des Unglücks ist, das den leidenden Helden trift. Ausser dem Philoktct, der sterbende Herkules. Und auch diesen läßt Sophokles klagen, winseln, weinen und schreyen. Tank sey unsern artigen Nachbarn, diesen Meistern des Anständigen, daß nunmehr ein winselnder Philoktct, ein schreyender Herkules, die lächerlichsten unerträglichsten Personen auf der Bühne seyn würden. Zwar hat sich einer ihrer neuesten Dichter/« an den Philoktct gewagt. Aber durfte er es wagen, ihnen den wahren Philoktct zu zcigcn? Selbst ein Laokoon findet sich unter den Verlornen Stücken des Sophokles. Wenn uns das Schicksal doch auch diesen Laokoon gcgönnct hätte! Aus den leichten Erwähnungen, die seiner einige altc Grammatiker thun, läßt sich nicht schlicsscn, wie der Dichter diesen Stoff behandelt habe. So viel bin ich versichert, /) n V. 4?1. A) oavic. 4. 195. /») Chawubrun. 380 L.iokoo». daß cr den Laokoon nicht stoischer als den Phjloktct und Herkules, wird geschildert haben. Alles Stoische ist unthcatralisch; und unser Mitleiden ist allezeit dem Leiden gleichmäßig, welches der intcrcssircndc Gegenstand äusscrt. Sieht man ihn sein Elend mit grosser Seele ertragen, so wird diese grosse Seele zwar unsere Bewunderung erwecken, aber die Bewunderung ist ein kalter Affekt, dessen nnthätigeS Staunen jede andere wärmere Leidenschaft, so wie jede andere deutliche Vorstellung, ausschließet. Und nunmehr komme ich zu meiner Folgerung. Wenn es wahr ist, daß das Schreyen bey Empfindung körperlichen Schmerzes, besonders nach der alten griechischen Denkungsart, gar wohl mit einer grossen Seele bestehen kann: so kann der Ausdruck einer solchen Seele die Ursache nicht seyn, warum dem ohnge- achtct der Künstler in seinem Marmor dieses Schreyen nicht nachahmen wollen; sondern es muß einen andern Grund haben, warum er hier von seinem Nebenbuhler, dem Dichter, abgehet, der dieses Geschrey mit bestem Vorsätze ausdrücket. II. Es sey Fabel oder Geschichte, daß die Liebe den ersten Versuch in den bildenden Künsten gemacht habe: so viel ist gewiß, daß sie den großen alten Meistern die Hand zu führen nicht müde geworden. Denn wird itzt die Mahlerey überhaupt als die Kunst, welche Körper auf Flächen nachahmet, in ihrem ganzen Umfange betrieben: so hatte der weise Grieche ihr weit engere Grenzen gcsctzct, und sie bloß auf die Nachahmung schöner Körper eingeschränket. Sein Künstler schilderte nichts als das Schöne; selbst das gemeine Schöne, das Schöne niedrer Gattungen, war nur sein zufälliger Vorwurf, seine Uebung, seine Erhohlung. Die Vollkommenheit des Gegenstandes selbst mußte in seinem Werke entzücken; cr war zu groß von seinen Betrachtern zu verlangen, daß sie sich mit dem bloßen kalten Vergnügen, welches aus der getroffenen Achnlichkcit, aus der Erwägung seiner Gcschicklichkeit entspringet, begnügen sollten; an seiner Kunst war ihm nichts lieber, dünkte ihm nichts edler, als der Endzweck der Kunst. Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. „Wer wird dich mahle» wollen, da dich niemand sehen „will," sagt ein alter Epigrammallst" über einen höchst nngc, staltencn Menschen. Mancher neuere Künstler würde sagen: „Sey so ungcstaltcn, wie möglich; ich will dich doch mahlen. Mag dich schon niemand gern sehen: so soll man doch mein Gemählde gern sehen; nicht in so fern es dich vorstellt, sondern in so fern es ein Beweis meiner Kunst ist, die ein solches Scheusal so ähnlich nachzubilden weis." Freylich ist der Hang zu dieser üppigen Prahlcrcy mit leidigen Geschicklichkcitcn, die durch den Werth ihrer Gegenstände nicht geadelt werden, zu natürlich, als daß nicht auch die Griechen ihren Pauson, ihren Pyrcicus sollten gehabt haben. Sie hatten sie; aber sie liessen ihnen strenge Gerechtigkeit wicdcr- fahrcn. Pauson, der sich noch unter dem Schönen der gemeinen Natur hielt, dessen niedriger Geschmack das Fehlerhafte und Häßliche an der menschlichen Bildung am liebsten ausdrückte,^ a) Antiochus. (/VnlUoiox. lili. ll. o»i>. 4.) Harduin übcr den Plinius (N>>. 33. seoi. 36. r>> i». 698.) legt dieses Epigramm einem Piso bey. Es findet sich aber imler allen griechischen Evigrammalistcn keiner dieses Namens. 5) Inna.cn Zcntc», bcfichlt daher Aristoteles, ninsi man seine Gemäbldc nicht zeigen, um ihre Einbildungskraft, so viel möglich, von allen Bildcr» des Häßlichen rein zu ballen. (i>oiu. Ii>>. Vill. e»>>. ö. i>. 626. Lilii. c?»nri»s?.) Herr Bodcn will zwar in diescr Stcllc anstatt Panson, Pausanias grlcscn wissen, weil von dicscm bckannt scv, daß cr unzüchligc Figurcn gemahlt habc. (>>e Umlii-il poelickc, Lommenl. l. p. XNl.) Als ob man es erst von einem philosophischen Gesetzgeber lcrncn müßte, die Jugend von dergleichen Rcitzun- gc» der Wollust z» entfernen. Er hätte die bekannte Stelle in der Dichtkunst (oi,n. ji.) nur in Bcrglcichung ziehen dürfe», um seine Vermuthung zurück zu behalten. Es giebt Ausleger (z. E. Kühn, über dcn Aelian Vur. Iiitt. !»,. IV. csp. 3.) welche den Unterschied, den Aristoteles daselbst zwischen dem Polvgnotns, Dionvsius und Panso»angiebt, darin» setze», daß Polvgno- tus Eöttcr und Helden, Dionvsius Menschen, und Pausen Thiere gemahlt habe. Sie mahlten allesamt menschliche Figuren; und daß Pauso» einmal ei» Pferd mabltc, beweiset noch nicht, daß cr ein Thicrmahlcr gewesen, wofür ihn Hr. Boden hält. Ihren Nang bestimmten die Grade des Schone», die sie ihren menschlichen Figuren gaben, und Dionvsius konnte nur deswegen nichts als Menschen mahlen, und hieß nur darum vor allen ander» der An. thropograpl', weil er der Natur zu sklavisch folgte, nnd sich nicht bis zum Zdcal erheben konnte, nnter welchem Götter nnd Helden zu mahlen, ein Rc- ligionsvcrbrcchen gcwcscn wäre. 382 Laokoou. lcblc in der verächtlichsten Armuth, c Und Pvrcicus, dcr Bar- bicrstiibcn, schmutzige Wcrkstättc, Esel nnd Küchcnkräutcr, mit allem den Flcissc eines niederländischen Künstlers mahlte, als ob dergleichen Dinge in der Natur so viel Ncitz hätten, und so selten zu erblicken mären, bekam den Zunamen des Rhv- parographcn,des Kothmahlcrs; obgleich dcr wollüstige Reiche seine Wcrkc mit Gold aufwog, um ihrcr Nichtigkeit auch durch diesen eingebildeten Werth zu Hülfe zu kommen. Die Obrigkeit selbst hielt es ihrcr Aufmerksamkeit nicht für unwürdig, den Künstler mit Gewalt in seiner wahren Sphäre zu erhalten. Das Gesetz dcr Thcbancr, welches ihm die Nachahmung ins Schöncrc bcfahl, und die Nachahmung inS Häßlichcrc bey Strafe verboth, ist bekannt. Es war kein Gesetz wider den Stümper, wofür es gcmciniglich, und sclbst vom Junius, « gchaltcn wird. Es verdammte die griechischen Ghezzi; den unwürdigen Kunstgriff, die Achnlichkcit durch Uebertreibung der häßlichern Theile des Urbildes zu erreichen; mit einem Worte, die Carricatur. Aus eben dem Geiste des Schönen war auch das Gesetz dcr Hcllanodikcn geflossen. Zeder Olympische Sieger erhielt eine Statue; abcr nur dcm dreymaligen Sieger, ward eine Zkoni- sche gcsctzct./ Der mittelmäßigen Portraits sollten unter den Kunstwerken nicht zu viel wcrdcn. Denn obschon auch das Portrait ein Ideal zuläßt, so muß doch die Achnlichkcit darüber herrschen; es ist das Ideal eines gewissen Menschen, nicht das Ideal eines Menschen überhaupt. Wir lachen, wenn wir hören, daß bey den Alten auch die Künste bürgerlichen Gesetzen untcrworffcn gewesen. Abcr wir haben nicht immer Recht, wenn wir lachen. Unstreitig müssen sich die Gesetze über die Wissenschaften keine Gewalt anmaasscn; denn dcr Endzweck dcr Wissenschaften ist Wahrheit. Wahrheit ist dcr Scclc nothwendig; und es wird Tyraimcy, ihr in Befriedigung dieses wcscntlichcii Bedürfnisses den geringsten Zwang c) ^iisloi>l>!»ie» I»IuI, v. L02, L ^cl>-,rn«»ü. v. 8Z4. -/) Mini»» Mi. XXX. lecl. 37. Lail. »ilrü, . IV. §. t. /) Minw-z lid. XXXIV. lvcl. 9. Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. anzuthun. Der Endzweck der Künste hingegen ist Vergnügen; und das Vergnügen ist entbehrlich. Also darf es allerdings von dem Gesetzgeber abhängen, welche Art von Vergnüge», und in welchem Maassc er jede Art desselben verstatten will. Die bildenden Künste insbesondere, ausser dem unfehlbaren Einflüsse, den sie auf den Charakter der Nation haben, sind einer Wirkung fähig, welche die nähere Aufsicht des Gesetzes heischet. Erzeigten schöne Menschen schöne Bildsäulen, so wirkten diese hinwiederum auf jene zurück, und der Staat hatte schönen Bildsäulen schöne Menschen mit zu verdanke». Vcy nns scheinet sich die zarte Einbildungskraft der Mütter nur in Ungeheuern zu äusser». Aus diesem Gesichtspunkte glaube ich in gewissen allen Er- zchlungcn, die man gerade zu als Lügen verwirst, etwas wahres zu erblicken. Den Müttern des Aristomcncs, des Aristo- damas, Alexanders des Grossen, des Scipio, des Augustus, des Galcrius, träumte in ihrer Schwangerschaft allen, als ob sie mit einer Schlange zu thun hätten. Die Schlange war ein Zeichen der Gottheit und die schönen Bildsäulen und Gemählde eines Bacchus, eines Apollo, eines Mcrkurius, eines Herkules, waren selten ohne eine Schlange. Die ehrlichen Weiber hatten des Tagcs ihre Augen an dem Gotte geweidet, und der verwirrende Traum erweckte das Bild des Thieres. So rette ich den Traum, uud gebe die Auslegung Preis, welche der Stolz ihrer Söhne nnd die Unverschämtheit des Schmeichlers davon machten. Denn eine Ursache mußte es wohl haben, warum die ehebrecherische Phantasie nur immer eine Schlange war. Doch ich gcrathc aus meinem Wege. Zch wollte bloß festsetzen, daß bey den Allen die Schönheit das höchste Gesetz der bildenden Künste gewesen sey. Und dieses festgesetzt, folget nothwendig, daß alles andere, worauf sich die bildenden Künste zugleich mit erstrecken können, H-) Man irrct sich, wenn man die Schlange nur für das Kennzeichen einer inedicinischcn Gottheit hält. JustinuS Martpr (^,,«10^. II. i>. 55, kiM. 8x»>ui-x.) sagt ausdrücklich: -r«,-« -rai^r-, ruv i'o/i,t' <>kwi-, Q,? o^i/i/ZoXo»' /lk)>« X«-, /^^yto»- z lind es Ware leicht eine Reibe von Monumenten aiijusnbrcn, wo die Schlange Oiotlbcitcn begleitet, welche nicht die gcringsic Bcziebung auf die Gesnndhcil haben. ^ 384 Laokoc.ii. wenn cS sich mit der Schönheit nicht verträgt, ihr gänzlich weichen, nnd wenn es sich mit ihr verträgt, ihr wenigstens untergeordnet seyn müssen. Zch will bey dem Ausdrucke stehen bleiben. Es giebt Leidenschaften und Grade von Leidenschaften, die sich in dem Gesichte durch die häßlichsten Verzerrungen äusscrn, und den ganzen Körper in so gewaltsame Stellungen setzen, daß alle die schönen Linien, die ihn in einem ruhigern Stande umschreiben, verloren gehen. Dieser enthielten sich also die alten Künstler entweder ganz und gar, oder setzten sie auf geringere Grade herunter, in welchen sie eines Maasscs von Schönheit sähig sind. Wuth und Verzweiflung schändete keines von ihren Werken. Zch darf behaupten, daß sie nie eine Furie gebildet habend /,) Man gebe allc die Kunstwerke durch, deren Plinius und Pausanias und andere gedenken: man übersehe die noch itzt vorhandenen alten Statuen Basreliefs, Gemählde: und mau wird nirgends eine Furie finde». Ich ncbmc diejenigen Figuren aus, die mehr zur Bildersprache, als zur Kunst gehören, dergleichen die auf den Münzen vornehmlich find. Indeß hätte Spence, da cr Furie» haben mußte, sie doch lieber von den Münzen erborge» sollen, (Leßiiini Knmif. p. 178. Spünllem, ,Iv ?r^5>. ?>umism. Ilisserl. XIIl> p. 639. I.ox cvtsrs lie 5»Uo», N!>r 8,,!lniimm I>, 48.) als das; er sie durch eine» witzige» Einfall in ein Werk bringen will, in welchen, sie ganz gewiß nicht find. Nr sagt in seinem Polvmctis (l>i»>. XVI. i>.272.) „Obschon die Fu- „rieu in dc» Werke» der alte» Künstler etwas sehr seltenes sind, so findet sich „doch eine Geschichte, in der sie durchgängig von ihnen angebracht werden. „Ich meine dc» Tod des Mcleagcr, als i» dcsse» Vorstellung auf Basreliefs „sie öftcrs die Althäa aufmuutcr» mid aulreibcii, de» unglücklichen Brand, „von welchem das Lebe» ihres einzigen Sohnes abhing, dem Feuer zu überleben. Nenn auch cin Weib würde in ilirer Rache so weit nicht gegangen „sehn, hatte der Teufel nicht ein wenig zugrschürct. In einem von diesen „Basreliefs, bcv dem Bcllori (in den L,>U»irsnui!j) sieht man zwey Weiber, „die mit der Althäa am Altare stchc», nnd allcm Anschcn »ach Furien scvn „sollen. Den» wer sonst als Furien, hätte einer solchen Handlung bcvwoh- „ncn wollen? Daß sie für diesen Charakter nicht schrecklich gcnng sind, liegt „ohne Zweifel an der Abzeichnung. Das Merkwürdigste aber auf diesem Werke „ist die runde Scheibe, unten gegen die Mitte, auf welcher sich offenbar der „Kopf einer Furie zeiget. Vielleicht war es die Furie, an die Althäa, so „oft sie eine üble That vornahm, ihr Gebet richtete, und vornehmlich itzt zu „richten, allc Ursache hatte !c." — Durch solche Wendungen kann man ans allem alles machen. Wer sonst, fragt Spence, als Furie», hätte einer solchen Handlung bcvwvhiicn wolle»? Zch antworte: Die Mägde der Althäa, Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 385 Zorn setzten sie auf Ernst herab. Bey dem Dichter war es der zornige Jupiter, welcher den Blitz schleuderte; bey dein Künstler nur der ernste. Jammer ward in Betrübniß gemildert. Und wo diese Milderung nicht Statt finden konnte, wo der Zammcr eben so verkleinernd als entstellend gewesen wäre, — was that da Ti- manthcs? Sein Gemählde von der Opferung der Zphigcnia, in welchem er allen Umstehenden den ihnen eigenthümlich zukommenden Grad der Traurigkeit ertheilte, das Gesicht des Vaters aber, welches den allerhöchsten hätte zeigen solle», vcrhüllctc, ist bekannt, und es sind viel artige Dinge darüber gesagt worden. Er hatte sich, sagt dieser,- in den traurigen Physiogno- wclche das Feuer anzünden und unterhalten mußten. Ovid sagt: s^ivl-imor»!». Vlli, v. 460, 461.) ?r»I»Iit tun»! sMnilvm) xe»ilr!.v, Isülküiluv in lrüßmiua poiü Imiiül'iU, «k? nolili» iiumico« giliuovet ixue«. Dergleichen i!»,!»^, lange Stücke von Kien, welche die Alle» zu Fackeln brauchten, haben auch wirklich beyde Personen in den Hände», nnd die eine bat eben ein solches Stück zerbrochen, wie ibrc Stellung anzeigt. Auf der Scheibe, gegen die Mitte des Werks, erkenne ich die Furie eben so wenig. Es ist ein Gesicht, welches einen heftigen Schmerz ausdrückt. Ohne Zwciscl soll es der Kopf des Mclcagcrs selbst scvn. (^-ismnini,, i. c. v. 613.) Inkcius attiue illisviiti tlümm» Meleiixi'os in ill» LIrilur: «k? rirciü lorreri vil^erk lentit Ixiiilius: >-5 i»»^»»» sunerilt virlule «Iol»r^«. Der Künstler brauchte ihn gleichsam zum Ucbcrgange in den folgenden Zeitpunkt der nehmlichen Geschichte, welcher den sterbenden Melcagcr gleich darneben zeigt. Was Spcnce zu Furien macht, hält Montfaucon für Parzen, (^niiqu. expi, 't'. I. n. 16? ) den Kopf auf der Scheibe ausgenommen, den er gleichfalls für eine Furie ausgabt. Bcllori selbst (^>. 77.) läßt es unentschieden, ob es Parzen oder Furien sind. Ei» Oder, welches genugsam zeiget, daß sie wcdrr das ci»c noch das andere sind. Auch Monl- faucons übrige Auslegung sollte gcnaucr scvn. Die Weibsperson, welche neben dem Bette sich auf den Ellcbogcn stützet, hätte er Eassandra und nicht Alalanla »cmie» sollen. Atalania ist die, welche mit dem Rücken gegen das Veite gckchret, in einer traurigen Stellung sitzet, Der Künstler bat sie mit piclem Verstände von der Familie abgewendet, weil sie nur die Geliebte, nicht die Ecmablin des Meleagcrs war, und ihre Betrübniß über ein Unglück, das sie selbst unschuldiger Weise veranlasset hatte, die Anverwandten erbittern mußte. i) pliiuu» lib. XXXV. lecl. ZZ. (.'um niovtlox ninxisset i»nne?i, pr-x- eipue pillruum, ^ irlMli»! vmnein im-ixinem conkumptiks«!!, n-ltr» inlui« Vlllliim vel-lvit, quvm cli^ne non nolersl oktviutere. Lcssings Wnkc vi. 25 s 58«-. Laokoon. micn so erschöpft, daß er dem Vater eine noch traurigere geben zu können verzweifelte. Er bekannte dadurch, sagt jener, K daß der Schmerz eines Vaters bey dergleichen Vorfällen über allen Ausdruck sey. Ich für mein Theil sehe hier weder die Unvcrmö- gcnhcit des Künstlers, noch die Unvcrmögcnbcit der Kunst. Mit dem Grade des Affects verstärken sich anch die ihm entsprechenden Züge des Gesichts; der höchste Grad hat die allcrentschic- dcuste» ?üge, und nichts ist der Kunst leichter, als diese auszudrücken. Aber Timanthcs kannte die Grenze», welche die Grazien seiner Kunst setze». Er wußte, daß sich der Zammcr, welcher dem Agamcmnon als Vater zukam, durch Verzerrungen äußert, die allezeit häßlich sind. So weit sich Schöiihcit und Würde mit dem Ausdrucke verbinden ließ, so weit trieb er ihn. Das Häßliche wäre er gern Übergängen, hätte er gern gelindert; aber da ihm seine Eomposition beydes nicht erlaubte, was blieb ihm anders übrig, als es zu verhüllen? — Was er nicht mahlen dürfte, ließ er errathe». Kurz, diese Verhüllung ist ein Opfer, das der Künstler der Schönheit brachte. Sie ist ein Beyspiel, nicht wie man den Ausdruck über die Schranken der .Kunst treibe», sondern wie man ihn dem ersten Gesetze der Kunst, den, Gesetze der Schönheit, unterwerfen soll. Und dieses nun auf den Laokoon angewendet, so ist die Ursache klar, die ich suche. Der Meister arbeitete auf die höchste Schönheit, unter den angcnommcncn Umständen des körperlichen Schmerzes. Dieser, in aller seiner entstellenden Heftigkeit, war mit jener nicht zu verbinde». Er mußte ihn also herab setzen; er mußte Schreyen in Seufzen mildern; nicht weil das Schreyen eine unedle Seele verräth, sondern weil es das Gesicht auf eine ekelhafte Weise verstellet. Denn man rcissc dem Laokoon in Gedanken nur den Mund auf, und urtheile. Man lasse ihn schreyen, und sehe. Es war eine Bildung, die Mitleid einflößte, weil sie Schönheit und Schmerz zugleich zeigte; nun ist es eine bäßlichc, eine abscheuliche Bildung geworden, von der man gern sei» Gesicht verwendet, weil der Anblick des Schmerzes Unlust erregt, ohne daß die Schönheit des leidenden Gcgcn- Lummi moerori» »cerblliUem »rle ex>>ri,»i »011 poss« coilketlus etl. V.ilerwü !»!lximuki lib. VIII. e»l». tl. lieber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. l!«7 standcs diese Unlust in daö süssc Gefühl des Mitleids verwandeln kann. Die bloße weite Ocfnung des Mundes, — bey Seite gesetzt, wie gewaltsam nnd cckcl auch die übrigen Theile des Gesichts dadurch verzerret und verschoben werden, — ist in der Mahlerey ein Fleck und in der Bildhauern) eine Acrticfung, welche die widrigste Wirkung von der Welt thut. Monlfaucoii bewiest wenig Geschmack, als er einen alten bärtigen Kopf, mit aufgerissenem Munde, für einen Orakel ertheilenden Jupiter ausgab.^ Muß ei» Gott schreyen, wenn er die Zukunft cröf- nct? Würde ein gefälliger Umriß des Mundes seine Rede verdächtig machen? Auch glaube ich es dem Aalcrius nicht, daß Ajar in dem mir gedachten Gemählde des Timanthcs sollte geschrieen haben.'» Weit schlechtere Meister aus den Zeilen der schon verfallenen Kunst, lassen auch nicht einmal die wildesten Barbaren, wenn sie unter dem Schwerdc des Siegers Schrecken und Todesangst ergreift, den Mund bis zum Schreye» öfncn. » Es ist gewiß, daß diese Herabsetzung des äußersten körperlichen Schmerzes auf einen niedrigern Grad von Gefühl, an mchrcrn alten Kunstwerken sichtbar gewesen. Der leidende Herkules in dem vergifteten Gewände, von der Hand eines alten unbekannten Meisters, war nicht der Sophoklcischc, der so gräßlich schrie, daß die Lokrischcn Felsen, und die Eubotschcn Vorgebirge davon ertönten. Er war mehr finster, als wild.» Der Philoktct des Pythagoras Lcontinus schien dem Betrachter seinen Schmerz mitzutheilen, welche Wirkung der geringste gräßliche Zug verhindert Halle. Man dürfte fragen, woher ich wisse, daß dieser Meister eine Bildsäule des Philoktct gemacht habe? /) ^»tiquit. expl. I. 60. m) Er giebt nehmlich die von dein Timanthcs wirklich ausgedruckten Grade der Traurigkeit so an: csieiismem >i-iu«in, inei»m i!l>ss>!i», niiliitem ^»evm, i!li»e„iilni. 11. 12. o) I'Unm» M». XXXIV. lvcl. 19. 25 ° »M^r?«W, 388 L.iokoon. Alis einer Stelle des Plinius, die meine Verbesserung nicht erwartet haben sollte, so offenbar verfälscht oder verstümmelt ist sic.?- III. Aber, wie schon gedacht, die Kunst hat in den neuern Zeiten ungleich weitere Grenzen erhalten. Ihre Nachahmung, sagt man, erstrecke sich auf die ganze sichtbare Natur, von welcher das Schöne nur ciu kleiner Theil ist. Wahrheit und Ausdruck sey ihr erstes Gesetz; und wie die Natur selbst die Schönheit Höhen, Absichten jederzeit aufopfere, so müsse sie auch der Künstler seiner allgemeinen Bestimmung unterordnen, und ihr nicht weiter nachgehen, als es Wahrheit und Ausdruck erlauben. Genug, daß durch Wahrheit und Ausdruck das Häßlichste der Natur in ein Schönes der Kunst verwandelt werde. Gesetzt, man wollte diese Begriffe vors erste unbestritten in ihrem Werthe oder Unwerthc lassen: sollten nicht andere von ihnen nnabhängigc Betrachtungen zu machen seyn, warum dem ohn- gcachtct der Künstler in dem Ausdrucke Maaß halten, und ihn nie aus dem höchsten Punkte der Handlung nehmen müsse. Zch glaube, der einzige Augenblick, an den die materiellen Schranken der Kunst alle ihre Nachahmungen binden, wird auf dergleichen Betrachtungen leiten. Kann der Künstler von der immer veränderlichen Natur nie xiiittlem, nehmlich den Myro, liefet man bey dem 'Plinitts, (Mir. XXXIV. s«'.) vil'ii 6' I'>>I>»xor!i!« l.eoiuimi«, yui f?<üt klatliollromo» ^Vs>>In», qui lN;i»>>i!v »kli'iulilur: 6' I.ili^n i»ier»m wnenlem IiuI»in, eo- «lviii l»co, >!' niillit fvrenlei» m»I»m> 8vr!>c»N,>! »iilvm vliimlicünlvm: i» Inilceriü ilvlurei» keiitir,- eliüin kiiecl»»!,!» viüen»»-. Man erwäge dir letzte» Worte etwas genauer. Wird nicht darin» offenbar von einer Person gesprochen, die wegen eines schmcrchaslcn t'icschwieres überall bekannt ist? c»M5 Iiiilevri» u. s. w. Und dieses cHl,5 sollte ans das bloße 1i<.'ünil!m, und das ci»u>iiL!»»>>,n vielleicht ans das noch entferntere pu<>riim geben? Niemand battc mrl'r Recht, wegen eines solchen Gcschwicrcs bekannter ;u seyn als Pl'ilollct. Ich lese also anstatt > >»ulNiioc>el«n>, oder halte wenigstens dafür, daß das letztere durch das erstere gleichlautende Wort ver- drungen worden, und man bevdrs zusammen ?inlnct«!>«!m eli>u>li^»inem lesen müsse. Sovbokles laßt il'n i^l/Z->v «> az»-a,- ktz,ktv, und es mußte ein Hinken verursachen, daß er auf den kranken Fuß weniger herzbaft auftreten konnte. Ueber die (Grenzen der Mahlerey und Poesie, 38«) mehr als einzigen Augenblick, und der Mahler insbesondere diesen einzigen Augenblick auch nur aus einem einzigen Gesichtspunkte, brauchen; sind aber ihre Werke gemacht, nicht bloß erblickt, sondern betrachtet zu werden, lauge und wicdcrhohltcr maasscn betrachtet zu werden: so ist es gewiß, daß jener einzige Augenblick und einzige Gesichtspunkt dieses einzigen Augenblickes, nicht fruchtbar genug gcwäblet werden kann. Dasjenige aber nur allein ist fruchtbar, was der Einbildungskraft freyes Spiel läßt. Ze mehr wir sehen, desto mehr müssen wir hinzu denken können. Ze mehr wir dazu denken, desto mehr müssen wir zu sehen glauben. Zn dem ganzen Verfolge eines Affccts ist aber kein Augenblick der diesen Vortheil weniger hat, als die höchste Staffel desselben. Ueber ihr ist weiter nichts, und dem Auge das Acusscrstc zeigen, heißt der Phantasie die Flügel binden, und sie nöthigen, da sie über den sinnlichen Eindruck nicht hinaus kann, sich unter ihm mit schwacher» Bildern zu beschäftigen, über die sie die sichtbare Fülle des Ausdrucks als ihre Grenze scheuet. Wenn Laokoon also seufzet, so kann ihn die Einbildungskrast schreyen hören; wenn er aber schreyet, so kann sie von dieser Vorstellung weder eine Stuffc höher, noch eine Stuffc tiefer steigen, ohne ihn in einem leidlichem, folglich unintercssantcrn Zustande zu erblicken. Sie hört ihn erst ächzcn, odcr sie sieht ihn schon todt. Ferner. Erhält dieser einzige Augenblick durch die Kunst eine unveränderliche Dauer: so muß er nichts ausdrücken, was sich nicht anders als transitorisch dcnkcn läßt. Alle Erscheinungen, zu deren Wesen wir es nach unsern Begriffen rechnen, daß sie plötzlich ausbrcchcn und plötzlich verschwinden, daß sie das, was sic sind, nur einen Augenblick seyn können; alle solche Erscheinungen, sie mögen angenehm odcr schrccklich scyn, erhalten durch die Verlängerung der Kunst ein so widernatürliches Ansehen, daß mit jeder wiederhohltcn Erblickung der Eindruck schwächer wird, und uns endlich vor dem ganzen Gegenstände eckclt odcr grauct. La Mcttrie, der sich als einen zweyten Dc- mokrit mahlen und stechen lassen, lacht nur die ersten male, die man ihn sieht. Betrachtet ihn öftrer, und er wird aus einem Philosophen ein Gcck; aus scincm Lachen wird ein Grinsen. ^ ! IwmM, ......„ '?>' s Laokoon. So auch mit dem Schreyen. Der heftige Schmerz, welcher das Schreyen auspresset, läßt entweder bald nach, oder zerstöret das leidende Subject. Wann also auch der geduldigste standhafteste Mann schreyet, so schreiet er doch nicht unabläßlich. Und nur dieses scheinbare Unabläßlichc in der materiellen Nachahmung der Kunst ist es, was sein Schreyen zu weibischem Unvermögen, zu kindischer Unlcidlichkeit machen würde. Dieses wenigstens mußte der Künstler des Laokoons vermeiden, hätte schon das Schreyen der Schönheit nicht geschadet, wäre es auch seiner Kunst schon erlaubt gewesen, Leiden ohne Schönheit auszudrücken. Unter den alten Mahlern scheinet Timomachus Vorwürfe des äussersten Affekts am liebsten gcwählet zu haben. Sein rasender Ajax, seine Kindcnnördcrin Mcdca, waren berühmte Gemählde. Aber aus den Beschreibungen, die wir von ihnen haben, erhellet, daß er jenen Punkt, in welchem der Betrachter das Acusscrstc nicht sowohl erblickt, als hinzu denkt, jene Erscheinung, mit der wir den Begriff des Transilorischen nicht so nothwendig verbinden, daß uns die Verlängerung derselben in der Klmst mißfallen sollte, vortrcflich verstanden und mit einander zu verbinden gewußt hat. Die Mcdca hatte er nicht in dem Augenblicke gcnommcn, in welchem sie ihre Kinder wirklich ermordet; sondern einige Augenblicke zuvor, da die mütterliche Liebe noch mit der Eifersucht kämpfet. Wir sehen das Ende dieses Kampfes voraus. Wir zittern voraus, mm bald bloß die grausame Mcdea zu erblicken, und unsere Einbildungskraft gehet wcit über alles hinweg, was uns der Mahler in diesem schrecklicbcn Augenblicke zeigen könnte. Aber eben darum beleidiget uns die in der Kunst fortdauernde Uncnlschlosscnhcit der Mcdca so wenig, daß wir vielmehr wünschen, es wäre in der Natur sclbst dabey geblieben, der Streit der Leidenschaften hätte sich nie entschieden, oder hätte wenigstens so lange angehalten, bis Zeit und Uebcrlcgung die Wuth entkräften und den mütterlichen Empfindungen den Sieg versichern können. Auch hat dem Timomachus diese seine Weisheit grosse und häuffigc Lob- sprüchc zugczogcn, und ihn wcit über einen andern unbekannten Mahler crbobcn, der unverständig genug gewesen war, die Medca in ihrcr höchsten Raserey zu zeigen, und so diesem fluch- Ueber die vrcnzc» tcr Mahlerey »nd Poesie. 391 tig übcrhingchcndcn Grade der äussersten Raserey ci»c Dauer zu geben, die alle Natur empöret. Der Dichter,« der ihn dcs- falls tadelt, sagt daher sehr sinnreich, indem er das Bild selbst anredet: „Durstest du den» beständig nach dem Vlute deiner „Kinder? Ist denn immer ein neuer Zason, immer eine neue „Creusa da, die dich unaufhörlich erbittern? — Zum Henker „mit dir auch im Gemählde! setzt er voller Verdruß hinzu. Aon dem rasende» Ajar des Timomachus läßt sich aus der Nachricht des Philostrats urtheilen, s Ajax erschien nicht, wie er unter den Hecrdcn wüthet, und Rinder und Böcke für Menschen fesselt und mordet. Sondern der Meister zeigte ihn, wie er nach diesen wahnwitzigen Heldenthaten ermattet da sitzt, und den Anschlag fasset, sich selbst umzubringen. Und das ist wirklich der rasende Ajar; nicht weil er eben itzt raset, sondern weil man siehet, daß er gcrasct hat; weil man die Grösse seiner Raserey am lebhaftesten aus der verzwciflungsvollcn Scham abnimt, die er nun selbst darüber cmpsindct. Man siehet den Sturm in den Trümmern und Leichen, die er an das Land gcworffcn. IV. Ich übersehe die angeführten Ursachen, warum der Meister des Laokoon in dem Ausdrucke des körperlichen Schmerzes Maaß halten müssen, und finde, daß sie allesamt von der eigenen Beschaffenheit der Kunst, und von derselben nothwendigen Schranken und Bedürfnissen hergenommen sind. Schwerlich dürfte sich also wohl irgend eine derselbe» aus die Poesie anwenden lassen. Oh»c hier zu uutcrsuchc», wie weit es dem Dichter gelinge» kau», körperliche Schönheit zu schildern: so ist so viel unstreitig, daß, da das ganze unermeßliche Reich der Vollkommenheit seiner Nachahmung offen stehet, diese sichtbare Hülle, uittcr welcher Vollkommenheit zu Schöiiheit wird, »ur ciiies von u) I'IuUl'i'»» <>.»>>wl. Iil>. IV. cüp. 9> ei>. to.) ^ I^U^XIZ 71? TtaXl 0°0l 5lI0<^«>!> .-VvuII. li>>. II. csi>, 22. 392 Laokoon. den geringsten Mitteln seyn kann, durch die er uns für seine Personen zu intcrcßircn weis. Oft vcrnachläßigct er dieses Mittel gänzlich; versichert, daß wenn sein Held unsere Gewogenheit gewonnen, uns dessen edlere Eigenschaften entweder so beschäftigen, daß wir an die körperliche Gestalt gar nicht denken, oder, wenn wir daran denken, uns so bestechen, daß wir ihm von selbst wo nicht eine schöne, doch eine gleichgültige ertheilen. Am wenigsten wird er bey jedem einzeln Zuge, der nicht ausdrücklich für das Gesicht bestimmet ist, seine Rücksicht dennoch auf diesen Sinn nehmen dürffcn. Wenn Virgils Laokoon schreyet, wem fällt es dabey ein, daß ein großes Maul zum Schreyen nöthig ist, und daß dieses große Maul häßlich läßt? Genug, daß el.imnres Iiorrenllos k»I 5iz>kli-i»'« -cac-' iji i^-oi'oi' wi-rti^zcov Die gemeine Winshemsche Übersetzung giebt dieses so: VeiUis expoMu» ^- peilidu» cii>UU8 ?>nll»in coili»ii>!Uorem Xee viciiium utl»m s-illvm inlUniii luilienü, ünutt >iuei» gemiluni »uiluum vemse venli« erst exiivtilUL, tiimum xrilcluin 110» lallen», Kec ui»m iiutizenilrum, >ee mulnni vicinnm, -tpuit ciuem »Ivrsret Veliementer ectücem LilNAuineum worlium, »niluo xemilu. Man sollte glauben, cr habe diese veränderten Worte ans der gebundenen Ucbcrsctzung dcs Thomas Naogcorgus cntlchnct. ?cn» dicscr (scin Wcrk ist schr selten, und Fabricius sclbst hat cs nur aus dcm Oporinschcn Büchcrvc» zcichnissc gekannt) drnckt sich so aus: — u>>> exsiuNlu» fuit VeiUiü ipse. l!r!lilu»i s>rmum !>»»>> Iiillie»», ?w ii»Iige»»m, nee vet Miilui» 396 Laokoo». diesen Umstanden, man gebe ihm aber Gesundheit, liiid Kräfte, nnd Industrie, und es ist ein Robinson Crusoe, der auf unser Mitleid wenig Anspruch macht, ob uns gleich sein Schicksal sonst gar nicht gleichgültig ist. Denn wir sind selten mit der menschlichen Gesellschaft so zufrieden, daß uns die Ruhe, die wir ausser derselben gemessen, nicht sehr reißend dünken sollte, besonders unter der Vorstellung, welche jedes Individuum schmeichelt, daß es fremden Beystandes nach und nach kaun entbehren lernen. Auf der andern Seite gebe man einem Menschen die schmerzlichste unheilbarste Krankheit, aber man denke ihn zugleich von gefälligen Freunden umgeben, die ihn an nichts Mangel leiden lassen, die sein Uebel, so viel in ihren Kräften stehet, Viminim, i>Ior»ret »puck quem Vc>I^'iuv»Ier vililcvm »In.»« cruenlum I>I»eInu» mulliu. Wcnii dicsc Ucbersctzungc» ihre Richtigkeit haben, so sagt der Eher das Stärkste, was man nur immcr ziliii Lobc der menschlichen Gesellschaft sagen kann: Der Elende hat keinen Menschen lim sich; er weis von keinem srcnndlichcn Nachbar; zu glücklich, wm» er auch nur einen bösen Nachbar hätte! Thomson würde sodann dicsc Stelle vielleicht vor Augen gebabt haben, wenn er den gleichfalls in eine wüste Insel von Böscwichtcr» ausgesetzten Mrlisandcr sage» läßt- e-itt <»> II>o -nUlleN vk II>e c^-claa isle» V'Iiere »ovor Inimitti tont Iisä markocl Nie slwrs 'j'Iiese kiM-uis lekt me — >'el Iieliove we, ^rcss, 8ucll is tl>e rovlvel loxe ^ve beilr inknkii»! ^VN iiiksi.i»» ll>e> >vere. I never iiearcl ^ louinl so clism.'tl «s Iliüir nürlinx onr». Auch ihm wäre die Gesellschaft von Böscwichtcr» lieber gewesen, als gar keine. Ein grosser vorlrcflichcr Sinn! Wcnn es nur gewiß wärc, daß Sophokles auch wirklich so etwas gcsagt hätte. Abcr ich muß ungcrn bekenne», daß ich »ichts dergleichen bcv ihm finde; es wärc dcnn, daß ich licbcr mit dc» Augen des alte» Scholiastcn, als mit meinen eigenen srben wollte, welcher die Worte des Dichters so umschreibt: o,- <5?on ?.«Xc>v ov» ^ti« ^llv kz>X!->i>tuv z>k^o?'a, ök xaxoi', ^a^' o^> «li-oi/zaiov >.0Z'-)I' ^-ki-a^v «xo^>cr-tk. Wie dieser Auslegung die angcführtcn Ucbcrsctzcr gefolgt sind, so liat sich auch rbcn so wohl Brumov, als unser »euer deutscher Uebcrsctzcr daran gehalten. Jener sagt, t»»8 locielv, meme jmnoriune; und dicscr „jcdcr Gcscllschaft, auch der beschwerlichsten beraubet." Meine Gründe, warum ich von ihnen allen abgehen muß, sind diese. Erstlich ist es offenbar, daß wenn xuxo),-^ov« von -e-v iz^Y'--" gctrcnnct wcrde», und Ueber die Grenzen der Mahlerey iind Poesie. 397 erleichtern, gegen die er unverhohlen klage» lind jammern darf: unstreitig werden wir Mitleid mit ihm haben, aber dieses Mitleid dauert nicht in die Länge, endlich zucken wir die Achsel und verweisen ihn zur Geduld. Nur wenn beyde Fälle zusammen kommen, wenn der Einsame auch seines Körpers nicht mächtig ist, wenn dem Kranken eben so wenig jemand anders hilft, als er sich selbst hclffcn kann, und seine Klagen in der öde» Luft verfliegen: alsdann sehen wir alles Elend, was die menschliche Natur treffen kann, über den Unglücklichen zusammen schlagen, und jeder flüchtige Gedanke, mit dem wir uns an seiner Stelle denken, erreget Schändern und Entsetzen. Wir erblicken nichts als die Verzweiflung in ihrer schrecklichsten Gestalt vor uns, ein besonders Glied ausmachen sollte, die Partikel ö-uS- vor x«xc>z,-^m'« notl'wcndig wicdrrhol'lt seyn müßte. Da sie es aber nicht ist, so ist es eben so offenbar, daß xc-xo^k^c»'« zu r-,,-« gehöret, und das Komma nach -.'z>- X'--iz!o>' wegfalle» muß. Dieses Komma hat sich ans der Urbcrsctzung cinge- schlichen, wie ich den» wirklich finde, das; es einige ganz griechische Ausgaben (z. E. die Wiltcnbcrgischc von 4685 in g, welche dem Fabricius völlig unbekannt geblieben) auch gar nicht haben, und es erst, wie gehörig, nach »«xo^t-roi'c-, setzen. Zwcvtcns, ist das wohl ein böser Nachbar, von dem wir uns «^li"v5oi-, w/-,m,Zc»o,- wie es der Scholiast erklärt, versprechen können? Wcchsclswcise mit nns seufzen, Ist die Eigenschaft eines Freundes, nicht aber eines Feindes. Kurz also: man hat das Wort xuxo- ),k^ov« unrecht verstanden; man hat angenommen, daß es ans dem Adjcclivo x«xo? zusammen gesetzt sey, und es ist ans dem Substantivs i-o x«xoi- zusammen gesetzt; man hat es dnrch einen bösen Nachbar erklärt, und hätte es dnrch einen Nachbar des Bösen erklären sollen. So wie ,«xo^«,ii? nicht einen bösen, das ist, falschen, unwahren Propheten, sondern eine» Propheten des Bösen, xaxoi-kx'^? nicht einen bösen, ungeschickten Künstler, sondern einen Künstler im Böse» bedeuten. Unter einem Nachbar des Böse» versteht der Dichter aber denjenigen, welcher entweder mit gleichen Unfällen, als wir, behaftet ist, oder aus Freundschaft an unsern Unfällen Antheil nimt; so daß die ganzen Worte o^>ö -x"" kz>x"5,bloß durch neyue rillenqusm iiulixensrum Milli lneium >>!>>>e».-i zu übersetzen find. Der neue Englische Ucbcrsctzcr des Sophokles, Thomas Franklin, kann nicht anders als meiner Mcvnung gewesen scvn, indem er den bösen Nachbar in >a- xo^-^io,- auch nicht findet, sondern es bloß durch leilcnv-mourner übersetzet: Lxpvjj'cl w Nie incleinent «Kies, velerled anS forlnrn Iie Ixes, >o lrieml »or fellv^v-mourner Niere, ?o koolli Iiis lorrovv, i>m> Äivulv Iiiiz c»re. .a->«l»»-. L.ivkooii. lind kein Mitleid ist stärker, keines zerschmelzet mehr die ganze Seele, als das, welches sich mit Vorstellungen der Verzweiflung mischet. Von dieser Art ist das Mitleid, welches wir für den Philoklet empfinden, nnd in dem Augenblicke am stärksten empfinden, wenn wir ihn auch seines Vogcns beraubet sehen, des einzigen, was ihm sein kümmerliches Leben erhalten mußte. — O des Franzosen, der keinen Verstand, dieses zu überlegen, kein Herz, dieses zu fühlen, gehabt hat! Oder wann er es gehabt hat, der klein genug war, dem armseligen Geschmacke seiner Nation alles dieses aufzuopfern. Ehataubrun giebt dem Philoktet Gesellschaft. Er läßt eine Prinzeßin Tochter zu ihm in die wüste Insel kommen. Und auch diese ist nicht allein, sondern hat ihre Hofmeistern? bey sich; ein Ding, von dem ich nicht weis, ob es die Prinzeß!» oder der Dichter nöthiger gebraucht hat. Das ganze vortreflichc Spiel mit dem Bogen hat er weggelassen. Dafür läßt er schöne Augen spielen. Freylich würden Pfeil nnd Bogen der französischen Heldcnjugcnd sehr lustig vorgekommen seyn. Nichts hingegen ist ernsthafter als der Zorn schöner Augen. Der Grieche martert uns mit der gräulichen Besorgung, der arme Philoktet werde ohne seinen Bogen auf der wüsten Znscl bleiben und elendiglich umkommen müssen. Der Franzose weis einen gewissem Weg zu unsern Herzen: er läßt uns fürchten, der Sohn des Achilles werde ohne seine Prinzeßin abziehen müssen. Dieses hiessen denn auch die Pariser Kunstrichtcr, über die Alten trinmphircn, und einer schlug vor, das Ehataubrunschc Stück la IMicuItv valneu«? zu benennen, ü 3. Nach der Wirkung des Ganzen betrachte man die einzeln Scenen, in welchen Philoktct nicht mehr der verlassene Kranke ist; wo er Hoffnung hat, nun bald die trostlose Einöde zu verlassen und wieder in sein Reich zu gelangen; wo sich also sein ganzes Unglück auf die schmerzliche Wnndc einschränkt. Er wimmert, er schreyet, er bekömmt die gräßlichsten Zuckungen. Hicrwidcr gehet eigentlich der Einwurf des beleidigten Anstandes. Es ist ein Engländer, welcher diesen Einwurf macht; i) Ziercure Se kr-moe, ril 176Z. p> 177. lieber die Kreuzen der Mahlerey inib Poesie. 39!» ein Mann also, bey welchem man nicht leicht eine falsche Delikatesse argwohnen darf. Wie schon berührt, so giebt er ibm auch einen sehr gntcn Grund. Alle Empfindungen und Leidenschaften, sagt er, mit wclcben andere nur sehr wenig sympathi- sircn können, werden anstössig, wenn man sie zu heftig ausdrückt.'- „Ans diesem Grunde ist nichts unanständiger, und ci- „nein Manne unwürdiger, als wenn er den Schmerz, auch den „allcrhcftigstcn, nicht mit Geduld ertragen kann, sondern wci- „nct nnd schreyet. Zwar giebt es eine Sympathie mit dem „körperlichen Schmerze. Wenn wir sehen, daß jemand einen „Schlag ans den Arm oder das Schienbein bekommen soll, so „fahren wir natürlicher Weise zusammen, und ziehen unsern „eigenen Arm, oder Schienbein, zurück; und wenn der Schlag „wirklich geschieht, so empfinden wir ihn gcwisscrmaasscn eben „sowohl, als der, den er getroffen. Gleichwohl aber ist es gc- „wiß, daß das Uebel, welches wir fühlen, gar nicht beträchtlich „ist; wenn der Geschlagene daher ein heftiges Geschrey erregt, „so ermangeln wir nicht ihn zu verachten, weil wir in der „Verfassung nicht sind, eben so heftig schreyen zu können, als „er." — Nichts ist bctrüglichcr als allgemeine Gesetze für unsere Empfindungen. Ihr Gewebe ist so fein und verwickelt, daß es auch der behutsamsten Spekulation kaum möglich ist, einen einzeln Faden rein aufzufassen und durch alle Krcuzfädcn zu verfolgen. Gelingt es ihr aber auch schon, was für Nutzen hat es? Es giebt in der Natur keine einzelne reine Empfindung; mit einer jeden entstehen tausend andere zugleich, deren geringste die Grundcmpfindung gänzlich verändert, so daß Ausnahmen über Ausnahmen erwachsen, die das vermeintlich allgemeine Gesetz endlich selbst auf eine blosse Erfahrung in wenig einzeln Fällen einschränken. — Wir verachten denjenigen, sagt der Engländer, den wir unter körperlichen Schmerzen heftig schreyen hören. Aber nicht immer: nicht zum erstenmale; nicht, wenn wir sehen, daß der Leidende alles mögliche anwendet, seinen Schmerz zu vcrbcisscn; nicht, wenn wir ihn sonst als einen Mann von Sündhaftigkeit kennen; noch weniger, c) ?I>e ri>eor>- vf lUor.il SenUineulK, ^>l!»u 8m»I>. pur! I. lLcl, 2. clian. 1. p. 41. (London 1761.) ' ' Laokcon. wenn wir ibn selbst unter dem Leiden Proben von seiner Stand- haftigkcit ablegen sehen, wenn wir sehen, daß ihn der Schmerz zwar zum Schreyen, aber auch zu weiter nichts zwingen kann, daß er sich lieber der längcru Fortdauer dieses Schmerzes unterwirst, als das geringste in seiner Dcnkungsart, in seinen Entschlüssen ändert, ob er schon in dieser Veränderung die gänzliche Endschaft seines Schmerzes hoffen darf. Das alles findet sich bey dem Philoktct. Die moralische Grösse bestand bey den alten Griechen in einer eben so unveränderlichen Liebe gegen seine Freunde, als unwandelbarem Hasse gegen seine Feinde. Diese Grösse behält Philoktct bey allen seinen Martern. Sein Schmerz hat seine Augen nicht so vertrocknet, daß sie ihm keine Thränen über das Schicksal seiner allen Freunde gewähren könnten. Sein Schmerz hat ihn so mürbe nicht gemacht, daß er, um ihn los zu werden, seinen Feinden vergeben, und sich gern zu allen ihren eigennützigen Absichten brauchen lassen möchte. Und diesen Felsen von einem Manne hätten die Athcincnscr verachten sollen, weil die Wellen, die ihn nicht erschüttern können, ihn wenigstens ertönen machen? — Zch bekenne, daß ich an der Philosophie des Cicero überhaupt wenig Geschmack finde; am allerwenigsten aber an der, die er in dem zweyten Buche seiner Tusculanischcn Fragen über die Erdulduug des körperlichen Schmerzes auskramet. Man sollte glauben, er wolle einen Gladiator abrichten, so sehr eifert er wider den äusscrlichcn Ausdruck des Schmerzes. Zn diesem scheinet er allein die Ungeduld zu finden, ohne zu überlegen, daß er oft nichts weniger als frevwillig ist, die wahre Tapferkeit aber sich nur in frcywil- ligcn Handlungen zeigen kann. Er hört bey dem Sophokles den Philoktct nur klagen und schreyen, und übersieht sein übriges standhaftes Betragen gänzlich. Wo hätte er auch sonst die Gelegenheit zu seinem rhetorischen Ausfalle wider die Dichter hergenommen^ „Sie sollen uns weichlich machen, weil sie die „tapfersten Männer klagend einführen." Sie müssen sie klagen lassen; denn ein Theater ist keine Arena. Dem verdammten oder feilen Fechter kam es zu, alles mit Anstand zu thun und zu leiden. Von ihm mußte kein kläglicher Laut gehöret, keine schmerzliche Zuckung erblickt werden. Denn da seine Wunden, Ueber die Vrenzen der Mahlerey und Poesie. 401 sein Tod, die Zuschauer ergötzen seilten: so mußte die Kunst alles Gefühl verbergen lehren. Die geringste Aeusserung desselben hätte Mitleiden erweckt, und öfters erregtes Mitleiden würde diesen frostig grausamen Schauspielen bald ein Ende gemacht haben. Was aber hier nicht erregt werden sollte, ist die einzige Absicht der tragischen Bühne, und fodcrt daher ein gerade entgegen gesetztes Betragen. Zhrc Helden müssen Gefühl zeigen, müssen ihre Schmerzen äussern, und die blosse Natur in sich wirken lassen. Verrathen sie Abrichtnng und Zwang, so lassen sie unser Herz kalt, und Klopfcchter im Colhurnc können höchstens nur bewundert werden. Diese Benennung verdienen alle Personen der sogenannten Scnccaschcn Tragödien, und ich bin der festen Meinung, daß die Gladiatorischen Spiele die vornehmste Ursache gewesen, warum die Römer in dem Tragischen noch so weit unter dem Mittelmäßigen geblieben sind. Die Zuschauer lernten in dem blutigen Amphitheater alle Natur verkennen, wo allenfalls ein Ktcsias seine Kunst studieren konnte, aber nimmermehr ein Sophokles. Das tragischste Genie, an diese künstliche Todcssccncn gewöhnet, mußte auf Bombast und Rodomontadcn verfallen. Aber so wenig als solche Rodomon- tadcn wahren Heldenmut!) cinflösscn können, eben so wenig können Philoktctischc Klagen weichlich machen. Die Klagen sind eines Menschen, aber die Handlungen eines Helden. Beyde machen den menschlichen Helden, der weder weichlich noch verhärtet ist, sondern bald dieses bald jenes scheinet, so wie ihn itzt Natnr, itzt Grundsätze und Pflicht verlangen. Er ist das Höchste, was die Weisheit hervorbringen, und die Kunst nachahmen kann. 4. Nicht gcnng, daß Sophokles seinen empfindlichen Philo- ktct vor der Verachtung gesichert hat; er hat auch allem andern weislich vorgebauet, was man sonst aus der Anmerkung des Engländers wider ihn erinnern könnte. Denn verachten wir schon denjenigen nicht immer, der bey körperlichen Schmerzen schreyet, so ist doch dieses unwidcrsprcchlich, daß wir nicht so viel Mitleiden für ihn empfinden, als dieses Geschrey zu erfordern scheinet. Wie sollen sich also diejenigen verhalten, die mit dem schreyenden Philoktct zu thun haben? Sollen sie sich Lessings Wette vi, 2L Laokoon. in einem hohen Grade gerührt stellen? Es ist wider die Natur. Sollen sie sich so kalt und verlegen bezeigen, als man wirklich bey dergleichen Fällen zu seyn pflegt? Das würde die widrigste Dissonanz für den Zuschauer hervorbringen. Aber, wie gesagt, auch diesem hat Sophokles vorgebauet. Dadurch nehmlich, daß die Nebenpersonen ihr eigenes Zntcresse haben; daß der Eindruck, welchen das Scbrcycn des Philoktct auf sie macht, nicht das einzige ist, was sie beschäftiget, und der Zuschauer daher nicht sowohl auf die Disproportion ibrcs Mitleids mit diesem Geschrey, als vielmehr auf die Veränderung Acht giebt, die in ihren eigenen Gesinnungen und Anschlägen durch das Mitleid, es sey so schwach oder so stark es will, entstehet, oder entstehen sollte. Ncopto- lcm und der Ehor haben den unglücklichen Philoktct hintcr- gangcn; sie erkennen, in welche Verzweiflung ihn ihr Betrug stürzen werde; nun bekömmt er seinen schrecklichen Zufall vor ihren Augen; kann dieser Zufall keine merkliche sympathetische Empfindung in ihnen erregen, so kann er sie doch antreiben, in sich zu gehen, gegen so viel Elend Achtung zu haben, und es durch Vcrräthcrcy nicht häuffcn zu wollen. Dieses erwartet der Zuschauer, und seine Erwartung findet sich von dem cdclmüthi- gcn Ncoptolcm nicht getäuscht. Philoktct, seiner Schmerzen Meister, wurde den Ncoptolcm bcy seiner Verstellung erhalten habcn. Philoktct, den sein Schmerz aller Verstellung unfähig macht, so höchst nöthig sie ihm auch scheinet, damit seinen künftigen Reisegefährten das Versprechen, ihn mit sich zu nehmen, nicht zu bald gereue; Philoktct, der ganz Natur ist, bringt auch den Ncoptolcm zu scincr Natur wicdcr zurück. Dicse Umkehr ist vortrcslich, und um so vicl rührcndcr, da sie von der blossen Menschlichkeit bewirket wird. Bey dem Franzosen habcn wic- dcrnm die schöncn Augcn ihrcn Theil daran. ^ Doch ich will an diese Parodie nicht mehr dcnkcn. — Des nehmlichen Kunstgriffs, mit dem Mitleiden, wclchcs das Gcschrcy über körperliche Schmerzen hervorbringen sollte, in dc» Umstchcndcn eincn an- dcrn Affcct zu verbinden, hat sich Sophokles auch in den Trachi- nerinncii bedient. Der Schmer; des Herkules ist kein crmaltcii- III. ve wes lle^liiseine»» >>ne penteroil kioplüe? Caqi der Solm des Achilles. lieber die Grenzen der M.ihlcrcy und Poesie. 4l>3 der Schmerz; er treibt ihn bis zur Raserey, in der er nach nichts als nach Rache schnaubet. Schon hatte er in dieser Wuth den Lichas ergriffen, und an dem Felsen zerschmettert. Der Chor ist weiblich; um so viel natürlicher muß sich Furcht und Entsetzen seiner bcmcistcrn. Dieses, und die Erwartung, ob noch ein Gott dem Herkules zu Hülfe eilen, oder Herkules unter diesem Uebel erliegen werde, macht hier das eigentliche allgemeine Interesse, welches von dem Mitleiden nur ciuc geringe Schattirung erhält. Sobald der Ausgang durch die Zusammcn- haltung der Orakel entschieden ist, wird Herkules ruhig, und die Bewunderung über seinen letzten Entschluß tritt an die Stelle aller andern Empfindungen. Ucbcrhaupt aber muß man bey der Vcrgleichung des leidenden Herkules mit dem leidende» Philoktct nicht vergessen, daß jener ein Halbgott, und dieser nur ein Mensch ist. Der Mensch schämt sich seiner Klagen nie; aber der Halbgott schämt sich, daß sein sterblicher Theil über den unsterblichen so viel vermocht habe, daß er wie ein Mädchen weinen und winseln müssen.« Wir Neuern glauben keine Halbgötter, aber der geringste Held soll bey uns wie ein Halbgott empfinden, und handeln. Ob der Schauspieler das Geschrey und die Verzückungen des Schmerzes bis zur Illusion bringen könne, will ich weder zu verneinen noch zu bcjacn wagen. Wenn ich fände, daß es unsere Schauspieler nicht könnten, so müßte ich erst wissen, ob es auch ein Garrik nicht vermögend wäre: und wenn cS auch diesem nicht gelänge, so würde ich mir noch immer die Skävo- pocie und Deklamation der Alten in einer Vollkommenheit denken dürffcn, von der wir heut zu Tage gar keinen Begriff haben. V. ES giebt Kenner des Alterthums, welche die Gruppe Lao- koon zwar für ein Werk griechischer Meister, aber aus der Zeit der Kayscr halten, weil sie glauben, daß der Virailischc t/ao- koon dabey zum Borbilde gcdicnct habe. Ich will von den äl- e) 'kr-,«!,. V. t088. 39. — — KX^k ?r«tz^kvo? L?,Z^X^ >.>.«l^v — — 26° ^ -L04 Laokoon. tern Gelehrten, die dieser Meinung gewesen sind, nur den Bar- tholomäus Marliani,» nnd von den neuern, den Montsaucon i nennen. Sie fanden ohne Zweifel zwischen dem Kunstwerke und der Beschreibung des Dichters eine so besondere Uebereinstimmung, daß es ihnen unmöglich dünkte, daß beyde von ohn- gcfchr aus einerley Umstände sollten gefallen seyn, die sich nichts weniger, als von selbst darbieten. Dabey setzten sie voraus, daß wenn es auf die Ehre der Erfindung und des ersten Gedankens ankomme, die Wahrscheinlichkeit für den Dichter ungleich grösser sey, als für den Künstler. Nur scheinen sie vergessen zu haben, daß ein dritter Fall möglich sey. Denn vielleicht hat der Dichter eben so wenig den Künstler, als der Künstler den Dichter nachgeahmt, sondern beyde haben aus einerley älteren Quelle geschöpft. Nach dem Macrobius würde Pisandcr diese ältere Quelle seyn können. <- Denn als die Werke dieses griechischen Dichters noch vorhanden waren, war es schulkundig, j>uc>!-z cloeantatum, daß der Römer die ganze Eroberung und Zerstörung Zliums, sein ganzes zweytes Buch, aus ihm nicht sowohl nachgeahmet, als treulich übersetzt habe. Wäre nun also Pisandcr auch in der Geschichte des Laokoon <-) ?<>i>oer!>pliiio Ilrl-is Itomse Ubr. IV. esp. 14. Ht yui«»lu»m Iii (^xelsncker loru8 ^llleiioäui-us NlioMi) ex Virxilii delcriMons Nnluitm IiLiic koriiiitvissc viilenlur Le. S) Luppl. aux ^nt. LxpU ent IrsviMIv commv » I'envie, >>»»> laislvr un Monument, qui reponilvit » l incompiirsdlo >Ie- koriplion c>uf-lit VU'Lile ll« I.»ocoon . V. csii. 2. Lum VirxNius Irsxit » Kr-eci«, iliclu- rumne we pulati» qiuo vulxo nol» sunt? liuoü riieocrilum sibi kecerit x»tior!lli« opvriiz aulorem, rur»Iis IlesioiZum? el iiuvil üi ipsis Kevrgici«, lempeslitlis serviulslisiiuv liZn» >Ie ^rsli klissnoweni» IritxerU? vel «luoil evorsiunem "kro^iv, c»m 8i»une suo, >k7 eizuo Nxneo, czetorisque vvuiibus, >!« librum secunckum f-iciunl, a ?iksn>>ro xeno sum lrsilscripserit? q»i inler Kr-kco» poelss eminet opere, ie»8 »»ivürl»» Iiislvris«, qus meckii-j omniliu» s«?culi« uxqae All «lil- lem i>>ti>i8 I?is!ln>I>i conligerunt, in »»siu seriem co-ielss re>!egerit, «k' unum ex «iiverN-i Iii!»iliu» leiuporum corpus elkecerlt? in yuo vpere inter Uislo- riss cNl>.'ri»!i nUviilus quoliue in Inino mockum relslus esl. guio ütleUter »laro inlerprelsi»!», lÄIirickUus ekt Ndi Iliseie urdis ruiuam. Lvil ^ Iiirc 6' >sli» ul i>ueri-j ilecsiilsl» xrnUereo. _" - "_ lieber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 405 Virgils Vorgänger gewesen, so brauchten die griechischen Künsi- lcr ihre Anleitung nicht aus einem lateinischen Dichter zu hohlen, und die Muthmaassung von ihrem Zeitalter gründet sich auf nichts. Indeß wenn ich nothwendig die Meinung des Marliani und Montfaucon behaupten müßte, so würde ich ihnen folgende Ausflucht leihen. Pisandcrs Gedichte sind verloren; wie die Geschichte des Laokoon von ihm crzchlct worden, läßt sich mit Gewißheit nicht sagen; es ist aber wahrscheinlich, daß es mit eben den Umständen geschehen sey, von welchen wir noch itzt bey griechischen Schriftstellern Spuren finden. Nun kommen aber diese mit der Erzchlung des Virgils im geringsten nicht übcrein, sondern der römische Dichter muß die griechische Tradition völlig nach seinem Gutdünken umgcschmolzcn haben. Wie er das Unglück des Laokoon crzchlct, so ist es scine eigene Erfindung; folglich, wenn die Künstler in ihrer Vorstellung mit ihm harmonircn, so können sie nicht wohl anders als nach seiner Zeit gelebt, und nach seinem Vorbilde gearbeitet haben. Quintus Ealabcr läßt zwar den Laokoon einen gleichen Verdacht, wie Virgil, wider das hölzerne Pferd bezeigen; allein der Zorn der Minerva, welchen sich dieser dadurch zuziehet, äusscrt sich bey ihm ganz anders. Die Erde erbebt unter dem warnenden Trojancr; Schrecken und Angst überfallen ihn; ein brennender Schmerz tobet in seinen Augen; sein Gehirn leidet; er raset; er »erblindet. Erst, da er blind noch nicht aufhört, die Verbrennung des hölzernen Pferdes anzurathen, sendet Minerva zwey schreckliche Drachen, die aber bloß die Kinder des Laokoon crgrciffcn. Umsonst strecken diese die Hände nach ihrem Vater aus; der arme blinde Mann kann ihnen nicht hclffcn; sie werden zerfleischt, und die Schlangen schlüpfen in die Erde. Dem Laokoon selbst geschieht von ihnen nichts; und daß dieser Umstand dem !>uintusnicht eigen, sondern vielmehr allgemein angenommen müsse gewesen seyn, bezeiget eine Stelle des Lyko- phron, wo diese Schlangen« das Beywort der Kinderfrcsscr führen. zloro? 5oyxku? i^o'o'v? öl^Xolx. 40k Laokoon. War er aber, dieser Umstand, bey den Griechen allgemein angenommen, so würden sich griechische Künstler schwerlich erkühnt haben, von ihm abzuweichen, und schwerlich würde es sich getroffen haben, daß sie auf eben die Art wie ein römischer Dichter abgewichen wären, wenn sie diesen Dichter nicht gekannt hätten, wenn sie vielleicht nicht den ausdrücklichen Auftrag gehabt hätten, nach ihm zu arbeiten. Auf diesem Punkte, meine ch, müßte man bestehen, wenn man den Marljani und Mont- faucon vertheidigen wollte, Nirgil ist der erste und einzige,/ /) Zch erinnere mich, daß man das Gemählde hicrwidcr anführt» konnte, welches Eumolp bcv dem Pctron auslegt. Es stellte die Zerstörung von Troja, und besonders die Geschichte des Laokoon, vollkommen so vor, als sie Aira.il crzeblet; iind da in der nelmilichen Galleric zu Neapel, in der es stand, andere alte Gemählde vom Jenxis, Protogcncs, Apelles waren, so liesse sich vcrmulhcn, das; es gleichfalls ein alles griechisches Gemählde gewesen sey. Allein man erlaube mir, einen Nomandichier für keinen Historicus Halle» zu dürffcn. Diese Galleric, und dieses Gcmähldc, und dieser Eumolp haben, allcm Ansel'en nach, nirgends als in der Pliantasic des Petrons cristirct. Nichts vcrrälh ihre gänzliche Erdichtung deutlicher, als die offenbaren Spuren einer bcv nahe schülermäßigcn Nachahmung der Birgilischen Beschreibung. Es wird sich der Mühe verlohnen, die Begleichung anznstellc». So Birgil: (^Veneia. lili. II. 1S9-224.) Ilic »liuil M!>^U8 miseri» muUvqiie tremeinium Vti^icilur Mitxis, .ilque improviil» >,ecler» I»rb!tt. I.aoLoo», «lueluis >'ei>I»»o surto siieerdox, LvUemni» liturum inxenlem n>ile>»d!ti »>i »r»». t!cc» uulem xemini » 1'sneilo lrnuer «II» (llorrese» reseren«) iinmeiisii« oriiidns »nßue» Ilicumdunl pelilAo, >>!«rili?r»:ii»e kiitngul»e»z vxsupvrnnt »»«litü: n»rs cetera rwiitiim ?«nv tegit, Nnualiiuv immens» volumine lerx». t'it sonilu^, kpulliilnle s»Io: ^»iixiue itrvit tenelisul, ^rile»lex>l»e oculo» sulkeoli s»»zui»e >k7 ixni LiliUit liimbeliAnl liiijzui» vidriinlilius orl». Ililsuxiii»»« visu exsi»nx»e». Itli »xminv cerlu I.ilnco»!»» xieluiit, primum pilrv» üiiurum forpor» »!»orum serpen-i iimi'Ivx»» uter>Iie»I, »i' miseros »wrsu ckepitsellur »rill». ?»sl i>is»m, »uxili» sulieunlem sc teil» kerenlem, l'orripiunt, spiriüliue lixi»» inxe»Ii>iiis>: ,5 ^»m Ui» meUium ilinvlexi, Ins eollo s>iu.»»e!l eircuiu lieber die Grenze» der Mahlerey und Poesie. 407 welcher sowohl Natcr als Kinder von den Schlangen umbringen laßt; die Bildhauer thun dieses gleichfalls, da sie es doch als Griechen nicht hätten thun sollen: also ist es wahrscheinlich, daß sie es auf Veranlassung des Nirgils gethan haben. I'erx.'t Sitti, kuner»»! c!>>iilL rv!<:i>»,x -lUis. III« Ni»»I i»i»>i>iu» lvoilil clivetlvci! ?e>kus»-i villitx itlruiiu« v«?»Luu: tlitttu»«?!« kimul Iioirviillu« »>I lillur» (>N!U«5 inu^iluK, fiiAil e»m kllueiu.i »ciim >t' iiievrln,» excuMl ovrvirv sveurim. Und so Enmolp: «von dem man sagen könnte, daß es ibm wie allen Forlen ans dem Stegreife ergangen scv; ihr Piedächlniß hat immer an ihre» Versen eben so viel Zlnlbcil, als ihre Einbildung.) Lee«: nli» »loiitlr». liua reitt-itu» muce v»iku r^i>Q>Uil, >ui»i>l!t cu»lucpiu»l kiuln, ll»clit>i»t! rekutl!» leisk» >r»,«l»iUo »liuor. HuilUs! kit<:i»i >>»« rLmnrinn ko»u» I.«ne« resorlur, cum premu»! elttkke» mtirv, I'uN'innijuv in»,»i»r iiliwlv impulil» «,:»«>. Netpieimiisi, »»pluex vrlMux A«.mi»i>! svrttnl ^V>I kiix» tluiU»«: lumiil!^ >»eluc» M !«Il!>-, wliniliu^ ti>un>»ü »xunl: Dill c»»il!i svuUuni; >!>«->!>! iionl» ^jlilii« larukeilut luixinNiu», fulmint-um ^jukiir Incvmlit ,i >iu»>', N>>Uiki>iuu>!>! >r«?»iu»l. Slupuur«! nttZiNv». I»s»Iis slit>>!»>l s»eri I>I>r;'xin; euNu j;eminit »itli i>ii;»or» I.aoeunnlu, r>?i>«!»Ie wrßori>i«k! Ii>?!»>l ^Vnxl»>!« eorukii: i>»> vu>!tk> illi müiniti reküruiU: »> >Uur »uxitio kUii, I^Ierqui! fc»Iri >c!»»^l>»U i>i»!> viees, Nlurxiiiie i>>5» inisur«^ miilu» i»:r,Nt i», I». ^eouiuiil!»! tieee likucilin kuinik! ?»renü, InNrm»?! !lnxU>!tt»r; i»v»«>u»t virui» I»m morte piisli, mvi»>>r»>iu>! »ä Ivrrsi» litcel si>e«r>I«» »Uec »r»!, viclimit. Die Hauplziigc sind in beyden Stellen eben dieselben, und verschiedenes ist mit den nebmlichen Worten ausgedruckt. Doch das sind Kleinigkeiten, die von selbst in die Augen fallen. Es gicbt andere Kennzeichen der Nachahmung die feiner, aber nicht weniger sicher sind. Ist der Nachalimcr ein Mann, der sich etwas zutrauet, so abmct er selten nach, ol'nc verschönern zu wollen; uud wen» ibm dieses Verschönern, »ach seiner Meinung, gegluckt ist, so ist er Fuchs genug, seine Zußtavscn, die den Weg, welchen er hergekommen, vcr- 408 Lackoon. Ich empfinde sehr wohl, wie viel dieser Wahrscheinlichkeit zur historischen Gewißheit mangelt. Aber da ich auch nichts historisches weiter daraus schlicssen will, so glaube ich wenigstens daß man sie als eine Hypothcsis kann gelten lassen, nach welcher der Criticus seine Betrachtungen anstellen darf. Bewiesen rall'cn würdcn, mit dcm Schwänze zuzukcl'rcu. Aber cbe» dicsc citle Begierde zu verschönern, lind diese Vcl'ulsamkcit Original zu scheine», entdeckt ihn. Denn sein Verschönern ist nichts als Uebertreibung und unnatürliches Siafsi- »iren. Virgil sagt, l»n^»i»e!>: luliie: Pctro», lider»! Rutile luiiuiiiliu» co- rutoiiiit. Virgil, !>rcl>.»lt!s «culos tulrvvli t!l»xui»e >^ >ßi»>: Pctron, sulmi- neum ^»lüvr iix'vmIU «<>uor. Virgil, tit tanilu» s>>»»i!»»v tillo: Pclrv», NluiiK nilii!« Ir<-M»»t. So gehl der Nachahmer immer aus dem Grosscn ins Ungeheuere; aus dem Wunderbaren ins Unmögliche. Die von den Schlange» nmwundcncn Knabe» sind dcm Virgil ein Parcrgon, das er mit wenigen bedeutende» Striche» hinsetzt, in welchen man nichts als ihr Unvermögen und ihre» Jammer erkennet. Pciron mal'lt dieses Ncbcnwcrk aus, uud macht aus den Knaben ein Paar l'cldcnunilhige Seelen, — — — — »vutvr niixUio si>>> Vlerqno friUri lrn»«>u>U uiil» vice» I>l«rK>>ue iptil iuis> roü inuluo perdit inelu. Wer erwartet von Menschen, von Kindern, dicsc Sclbstvcrlcugnulig? Wie viel bcssrr kannte der Grieche die Natur, (y»i»i»» c'»l-»»-r iw. XII. v. 4^0-61.) welcher bcv Erscheinung der schrecklichen Schlangen, segar dic Miittcr ilircr Kinder vcrgcsse» läßt, so sehr war jedes nur auf seine eigene Erhallung bedacht. '<1l,<4^M', «ai, irov ^l? k^->v k^k>,7zcraro Zu verbergen sucht sich der Nachahmer gemeiniglich dadurch, daß er den Ge gcnstäudcn ei»c anderc Brlcuchlung gicbt, die Schatten des Originals l'craus, und dic Lichter zurücktreibt. Virgil gicbt sich Mül'c, dic Grössc dcr Schlangt» rccht sichtbar zu machen, weil von dieser Grösse dic Wahrscheinlichkeit dcr folgenden Erscheinung abhängt, das Geräusche, welches sic vcrursachcu, ist nur ciuc Ncbcnidcc, und bestimmt, den Bcgriff dcr Grössc auch dadurch lcbl'astcr zu mache». Pctron l'ingegcn macht dicsc Ncbcnidcc zur Hauvtsachc, bcschrcibl das Geräusch mit aller möglichen Ucvvigkcit, und vcrgißt dic Schil- dcrung dcr Grössc so scl'r, daß wir sic nur fast aus dcm Geräusche schlicssc» müsscn. Es ist schwcrlich zu glaubcu, daß er in diese Unschicklichkeit verfalle» wäre, wenn er bloß ans sciurr Einbildung gcschildert, und kein Muster vor sich gcl'abt l'ättc, dcm cr nachzcichncu, dcm rr abcr »achgczrichnct zu habcn, nicht vcrrall'cn wollc». So kau» ma» zuverläßig jedes poetische Gcmäl'lde, das i» klcinc» Züge» überlade», und in den grossen fel'lcrl'aft ist, für eine verunglückte Nachahmung l'allcn, cs mag sonst so viclc klcinc Schönl'citr» l'abc» als cs will, und das Original mag sich lassen angcbc» kömicn odcr nicht. _ Uebcr die Grenzen der Mahlerey und Pecfic, 40!) ^ oder nicht bewiesen, daß die Bildhauer dem Virgil nachgearbeitet haben; ich will es bloß annehmen, nm zu sehen, wie sie ihm sodann nachgearbeitet hätten. Ueber das Geschrey habe ich mich schon erklärt. Vielleicht, daß mich die weitere Vcrglcichung auf nicht weniger unterrichtende Bemerkungen leitet. Der Einfall, den Vater mit seinen beyden Söhnen durch die mördrischc» Schlangen in einen Knoten zu schürzen, ist ohn- strcitig ein sehr glücklicher Einfall, der von einer nngcinein mahlerischen Phantasie zeiget. Wem gehört er? Dem Dichter, oder den Künstlern? Montfaucon will ihn bey dem Dichter nicht finden, s Aber ich meine, Montfaucon hat den Dichter nicht aufmerksam genug gelesen. — — illi »Ainiiio certo I^iwcoonta notunt, <^ in'iinuin i>.ii'va dum-iNii Loi'swl'a iintoi'urn loi^eiiü !Mij>Ioxu8 utI mü'eios inui^i lleputvitui' üitus. I'nl'l ij>t'um, -»ixilio sulieuiltem >^ tolu torviitLin <üo!'riuliint, l^ilris^iiv lignnt iugeiltilius — — Der Dichter hat die Schlangen von einer wunderbaren Länge geschildert. Sie haben die Knaben nmstrickt, und da der Vater ihnen zu Hülfe kömmt, crgrciffen sie auch ihn. (eorrifliunl) Nach ihrer Grösse konnten sie sich nicht auf einmal von den Knaben loswinden; es mußte also einen Augenblick geben, da sie den Vater mit ihren Köpfen und Vorderthcilcn schon angefallen hatten, und mit ihren Hintcrthcilcn die Knaben noch verschlungen hielten. Dieser Augenblick ist in der Fortschrcitung des poetischen Gemähldes nothwendig; der Dichter läßt ihn sattsam empfinden; nur ihn auszumahlen, dazu war itzt die Zeit nicht. Daß ihn die alten Ausleger auch wirklich empfunden haben, scheinet eine Stelle des Donatus^ zu bezeigen. Wie Sunpl. sux ^nliq. kxpl. r. I. I>. 24z. II > » ?I«i»'i»I>>«, sela» ce quv >Nt le povlv, que le» serpeni' llere»t lex ileiix e»f»»» nour venir enwrliller Iv pere, il» Neu ijue cv m»rl>ro il» lient e» meme lem» le» eiis!,»» >>. II. ^enviil. »lir-linlum non est, elype« iu»?i supr» !« eollo s^namea eli'euin l'oi'Aa ilati, kupeiünt cnjiitv A cervieilius nltis. Dieses Bild füllet unsere Einbildungskraft vortrefflich; die edelsten Theile sind bis zum Ersticken gepreßt, und das Gift gehet gerade nach dem Gesichte. Dem ohngcachtct war es kein Bild für Künstler, welche die Wirkungen des Giftes und des Schmerzes in dem Körper zeigen wollten. Denn nm diese bemerken zu können, mußten die Hauptlbcilc so frey scvn als möglich, und durchaus mußte kein äußrer Druck auf sie wirken, wcl- luMu superIIn»rtem. Mich diiiilt übrigens, das; in dicscr Stelle ans den Worte» inirniulum »»» , entweder das >>»» wegfallen muß, oder am l?nde der ganze Nacksatz mangelt. Denn da die Schlange» so ausscrortentlich groß warm, so ist es allerdings zn verwundern, das; sie sich unler dem Schilde der Eölti» verberge» tonnen, wen» dieses Schild nicht selbst scl'r groß war, und zn ci»cr tolossalischc» Figur gehörte. Und die Versicherung hieven mußte der mangelnde Nachsatz scvn; oder das nun hat keinen Sinn. Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 411 cher das Spiel der leidenden Nerven und arbeitenden Muskeln verändern und schwächen könnte. Die doppelten Windungen der Schlangen würden den ganzen Leib verdeckt haben, und jene schmerzliche Einziehung des Unterleibes, welche so scbr ausdrückend ist, würde unsichtbar geblieben se>?u. Was man über, oder unter, oder zwischen den Windungen, von dem Leibe noch erblickt hätte, würde unter Pressungen und Aufschwcllungcn erschienen seyn, die nicht von dem innern Schmerze, sondern von der äussern Last gcwirket worden. Der eben so oft umschlungene Hals würde die pvramidalische Zuspitzung der Gruppe, welche dem Auge so angenehm ist, gänzlich verdorben haben; und die aus dieser Wulst ins Freye hinausragende spitze Schlan- gcnköpfc hätten einen so plötzlichen Abfall von Mensur gemacht, daß die Form des Ganzen äusserst anstößig geworden wäre. Es giebt Zeichner, welche unverständig genug gewesen sind, sich dcmohngcachtct an den Dichter zu binden. Was denn aber auch daraus geworden, läßt sich unter andern aus cincm Blatte des Franz Cleyn - mit Abscheu erkennen. Die alten Bildhauer übersahen es mit cincm Blicke, daß ihre Kunst hier eine gänzliche Abänderung erfordere. Sie verlegten alle Windungen von dem Leibe und Halse, um die Schenkel und Füsse. Hier konnten diese Windungen, dem Ausdrucke unbeschadet, so viel decken und pressen, als nöthig war. Hier erregten sie zugleich die Idee der gehemmten Flucht und einer Art von Unbcwcglich- keit, die der künstlichen Fortdauer des nehmlichen Zustandes sehr vorthcilhaft ist. Ich weis nicht, wie es gekommen, daß die Kunstrichtcr diese Verschiedenheit, welche sich in den Windungen der Schlangen zwischen dem Kunstwerke und der Beschreibung des Dichters so deutlich zeiget, gänzlich mit Stillschweigen Übergängen -') In der prächtigen Ausgabe von Drydcns englischem Virgil. (London 1697 in groß Folio.) Und doch hat auch dieser die Windungen der Schlangen um den Leib nur einfach, und um den Hals fast garnicht geführt. Wenn ein so millclmäßigcr Künstler anders eine Entschuldigung verdient, so könnte ihm nur die zu Statten kommen, daß Kupfer zu cincm Buche als blosse Erläulcrungc», nicht aber als für sich bcstchcndc Kunstwerke zu bc- trachten sind. 412 Laokoon. haben. Sie erhebet die Weisheit der Künstler eben so sehr als die andre, auf die sie alle fallen, die sie aber nicht sowohl anzupreisen wagen, als vielmehr nur zu entschuldigen suchen. Ich meine die Verschiedenheit in der Bekleidung. Birgils Laokoon ist in seinem pricstcrlichcn Ornate, und in der Gruppe erscheinet er, mit beyden seinen Söhnen, völlig nackend. Man sagt, es gebe Leute, welche eine grosse Ungereimtheit darinn fänden, daß ein Königssohn, ein Priester, bey einem Opfer, nackend vorgestellet werde. Und diesen Leuten antworten Kenner der Kunst in allem Ernste, daß es allerdings ein Fehler wider das Ueblichc sey, daß aber die Künstler dazu gezwungen worden, weil sie ihren Figuren keine anständige Kleidung geben können. Die Bildhauern), sagen sie, könne keine Stoffe nachahmen; dicke Falten machten eine üble Wirkung; aus zwey Unbequemlichkeiten habe man also die geringste wählen, und lieber gegen die Wahrheit selbst verflossen, als in den Gewändern tadclhaft werden müssen.^- Wenn die alten Artisten bey dem Einwnrfe lachen würden, so weis ich nicht, was sie zu der Beantwortung sagen dürften. Man kann die Kunst nicht k) So urtheilet selbst Dc Piks in sciimi Anmerkungen über den Du Arcsnol? V. üttl. Remnra.ue!!, s'il vous plilil, que les vrsneries tenilres lexeres n etsnt «Ivnnee» qu'ü» sexe keminin, le» »neiens Soulpteurs ont evile «ul-lnt Iit, qu'en 8c»lr>Iure on ne iionvoit imiler los «tolles jl! que les gro» plis kilisoivnt u» mauvsis ellel. II ^ » nresque »utiliit ilexemnles üe eelte verite, yu'il ^ » psrmi les »»tin.ue» »le sixures ll'Iioinmus »uds. Je r-lnnorlerfti leulvmenl eelui >Iu I.»uenon, lequol selon I» vrillsemlilnnee «levroil «Ire vetu. Ln esset, quelle «pp»re»ee >--»-l'iI qu'un AI» üe Itoi, «n'u» pretre «i Apollo» se tr«uv»t laut nuil »I»ii» I» ceremunie »oluells «In» Iserikee; c»r le» lernen« pzisserent »le I'lsile >Ie rvueäos »u rlvsxe ile 1'ro>e, A surprirent I.sucoon <^ ses KI» >I»n» le tems meme qn'il silcriNoit » Xeptune sur le liorll öe I» iner, coniine le m»rl!i»t Ivü ^rlisle», yui sont le» ^Vuteur» lle ee liel ouvr-lKe v»t liien v ü, qu'ils »e i>u»v»ie»t p»» Ivur Uanner >Ie vetemen» eonveuitliles a leur quitlite, situ-i f»ire eomme u» gm»» >le pierre«, ilont I» müsse resemlilvroit » u» locker, »u lieu lies lrois -»Imiranle» tißures, «lui ont ele A r>»i sont l«u- ^juur» I'i»Ii»ir!>li>>» lies Necles. k>st pour cel» yue «le «leux ineonvenlen», ils ont ^uz;e «eliii «le» «Iritperie» l>ei>ucuuj> plus sselieux, »r>li»n, ^r»ilv 0e la ?ein- lurs rom« in. i>- 5l3.) Dc Foulaincs verdient es wohl nicht, daß ich ihn diesen Männern bevfüge. Er hält zwar, in den Anmerkungen zu seiner Ucbcr- sctzung des Birgils gleichfalls dafür, daß der Dichter die Gruppe in Augen gcl'abt l'abe, er ist aber so unwissend, daß er sie für ein Werk des Pl'idias ausgicbt. lieber die Greife» der Mahlerey und Poesie. 446 wägung der weiter» Sphäre der Poesie, ans dem unendlichen Felde unscrcr Einbildungskraft, aus der Gcistigkcit ihrer Bilder, die in größter Menge und Mannigfaltigkeit neben einander stehen können, ohne daß eines das andere deckt oder schändet, wie es wohl die Dinge selbst, oder die natürlichen Zeichen derselben in den engen Schranken des Raumes oder der Zeit thun würden. Wenn aber das Kleinere das Grössere nicht fassen kann, so kann das Kleinere in dem Größer» enthalten seyn. Ich will sage»; wen» nicht jeder Zug, den der wählende Dichter braucht, eben die gute Wirkung auf der Fläche oder in dem Marmor haben kann: so möchte vielleicht jeder Zug, dessen sich der Artist bedienet, in dem Werke des Dichters von eben so guter Wir, kung seyn können? Ohnstrcitig; den» was wir in einem Kunstwerke schön finden, das findet nicht unser Auge, sondern unsere Einbildungskraft, durch das Auge, schön. Das nehmliche Bild mag also in unserer Einbildungskraft durch willkührlichc oder natürliche Zeichen wieder erregt werden, so muß auch jederzeit das nehmliche Wohlgefallen, ob schon nicht in dem nehmlichen Grade, wieder entstehen. Dieses aber eingestanden, muß ich bekennen, daß mir die Voraussetzung, Virgil habe die Künstler nachgeahmet, weit unbegreiflicher wird, als mir das Widerspicl derselben geworden ist. Wenn die Künstler dem Dichter gefolgt sind, so kann ich mir von allen ihren Abweichungen Ncdc und Antwort geben. Sie mußten abweichen, weil die nehmlichen Züge des Dichters in ihrem Werke Unbequemlichkeiten verursacht haben würden, die sich bey ihm nicht äußern. Aber warum mußte der Dichter abweichen? Wann er der Gruppe in alle» und jeden Stücken treulich nachgegangen wäre, würde er uns nicht immer noch ein vortreffliches Gemählde geliefert haben? ^ Ich bcgrciffc wohl, S) Ich kann mich desfalls auf nichts entscheidenderes brruffcn, als auf das Erdichte des Sadolct. Es ist eines alten Dichters würdig, und da es sehr wohl die Stelle eines Kupfers vertreten kann, so glaube ich es hier ganz einnicken zu dürffcn. 7. ^ v e « o > r i s «D^rvL, izcovi s>oor,L'ri exumL«. TZece Kilo lerr»: e cumulo, inßen>i»que ruini« Vilc«?ri>>ll», ilerum reilucem longiniiuii reiluxit ^. G ß Z N ^1« Laokoon. wie seine vor sich selbst arbeitende Phantasie ihn ans diesen lind jenen Zug bringen können; aber die Ursachen, warum seine Beurlheilungskraft schöne Züge, die er vor Augen gehabt, in diese andere Züge verwandeln zu müssen glaubte, diese wollen mir nirgends einleuchten. Mich dünket sogar, wenn Virgil die Gruppe zu seinem Vorbilde gehabt hätte, daß er sich schwerlich würde haben mäßige» können, die Verstrickung aller drey Körper in einen Knoten, gleichsam nur errathe» zu lassen. Sie würde sein Auge zu lebhaft gerührt habe», er würde eine zu treffliche Wirkung ^ ?5 d 5 M 1 I.ilucooiUit llivs; nn»s regitlil»is olim gui slvlil, itttiue luos or»»IiiU, 'l'ile, penales. I>ivi»!>; Nmttlscium arli«, »ec «loclit vvl»si!ls XuuiUiis fneelnliut opus, nuiiv ceis» revifit Lx< i»pl»nl leneliiis rodiviv»! »wenig. Nomie. yuit! nrittnn» fuinmuinve I»liu»r? milei'iimn« n»reiUem nrolein ^ei»iii»in? !>» klnu»!»» tlexi>>»8 mix»«« 'rerriliili i>l>iecttl? enullsüilue irasq»« >I>'»coinii»I Vulnerilciue Iiiec »nimu«, mulallue »Ii im»xi»e nulf»l ?eotorit, »oii vilrvo niel»» euinmixl» Iremvri. I>ro»x»m I>i»i fniri« xl»mer»»lur iii ordem Xrtiente» cvluliri, >k7 sinuoNs «rdili»» ei-iüitt, 'rernityne niuillnlici «»iiflrinxunt corpnr!t nexu. Vix oeuli silsserre v»Ie»>, erudvle lueiul» Lxilium, c!lsusum » vulneie cern»s. IIIs »lolore »cri, ^ I»»i»lu impulsus »cvrlio, vsl xemilum inxentem, cruiloüyue eveiiers Sentes toinuxu», Iievnm imn»>iei>8 »>I lerx» LNel^dri vkiieil: inlenlltt»! nervi, colleclsiiue »d omni l.'ori«z vi-i kr»s>r» 5»mmi-i oo»»liu»>i inflsl. »'erriz »ei>n'tt rsliiem, ^7 cke xuloere murmur »»Iieium eti. .^t sernvii-j lilnsii crekro reileuulo wvinliilt I^ulirieus, inwrloque lijzsl xeiui» infii»» iiocko. ^iiWunl sur!e, spirisliue premenlidiis »rotilm «?r»ü luinet, «dfenla lurxent vil»ii» puls», l^ix eiiles>l»e slro >lis>vntlu»t t»i>xuwe vsn»s. lieber die Grenzen der Mahlerey uiid Poesie. 417 von ihr empfunden haben, als daß sie nicht auch in seiner Beschreibung mehr vorstechen sollte. Zch habe gesagt: es war ihr die Zeit nicht, diese Verstrickung auszumahlen. Nein; ahcr ein einziges Wort mehr, würde ihr in dem Schatten, worinn sie der Dichter lassen mußte, einen sehr entscheidenden Druck vielleicht gegeben haben. Was der Artist, ohne dieses Wort entdecken konnte, würde der Dichter, wenn er es bey dem Artisten gesehen hätte, nicht ohne dasselbe gelassen haben. Der Artist hatte die dringendsten Ursachen, das Leiden des Laokoon nicht in Geschrey ausbrcchcn zu lassen. Wenn aber der Dichter die so rührende Verbindung von Schmerz und Ä >1 >vo ini»»» itt Ii.ilaü c.'lilvm viü Ollern s.ovit Im>>I»> »iixil r!>i>i>w, milV-i!»»!inenilir» IMueer.'U: ^ilnxlue -Uli'i'mü lI>!i>!>N^ erueiilum ?t?c>»ü, sui>r<>i»,T gem'wrei» voce cienli.i, kireiimioclu orliiü, va>i>I»ll»o v«I»»u»e tuicil. .VUer »>>>>»» »»II« vi»lnlu!< eornor» inoisu, I)um >,!»nU -nlllliclit e-liill-u» «livellero i>l!li»il, Ilorret !»Ist>vi:>>i»i miteri nillriü, Ii-rrel i» ill», Ll ^!>ni ^>m in^eiUe« stetuü, I»cUrv>ttll!i>l»« oniteute» ^Vnceii?- i» >>»!>w retinel limer. i5r?o >>erenui t.inlum t>!UnisN5! ^ai» Iiuiile »iteuleü, .VrN5>ee>z maxiii (>i»n»li»!in> >i' melioril»,!« »itl?- Yu-eiilur -elerinu» »eine», mullociue Neeliat l'ItlriuK i»!ze»iu>» venlurie tririlere f.rnue) ^Uiime» Nil liruilem <>»!>Ul!t fileuU»?- Hxreiziin» >>»»<: >!>>>ere, »l' summ» i>>> susli^iit »Ui. Vo^ ri-;!>Inm l!>>>nlem viviK »»imnre li^uriü Lximü, lk' vivnx 5>>ir,in!i i» m.'irmere sü»t»>ieim»ü mnliunque ir-lmiiue >Io>ure,»>lue, Ll p>nie mulimnü gemUuti: v»j> extuli! olim l'Iüiir M>i»>»s, veslric ^scueruiil »rlis Iwnureü ^ei»>>ore ad iiiimen5o, <>»o8 rursui» i» luee l°ee»ni>» liom» viilel, eeleliralqau frl.il>«.>»!>: oneri.-i<>»e velnsti Krali» «»Nil. reee»?-. v« in.inem exleiolere luxiim. (v. l>eo. ilniorum parie ->>>. i>. S82.) mit einverleibe!; allein scl'r seh lcrhaft. Für >>ini (v. 14.) licset er vivi; für errsnl (v. 1ö.) or-im, u. s, w. Lesüngs Werke vi. 27 418 Laokoon. Schönheit in dem Kunstwerke vor sich gehabt hätte, was hätte ihn eben so unvermeidlich nöthigen können, die Zdcc von männlichem Anstandc nnd großmüthiger Geduld, welche ans dieser Verbindung des Schmerzes nnd der Schönheit entspringt, so völlig nnangcdentct zu lassen, und uns auf einmal mit dem gräßlichen Geschrey seines Laokoons zu schrecken? Nichardson sagt: Birgils Laokoon muß schreyen, weil der Dichter nicht sowohl Mitleid für ihn, als Schrecken nnd Entsetzen bey den Trojanern, erregen will. Ich will es zugeben, obgleich Nichardson nicht erwogen zu haben scheinet, daß der Dichter die Beschreibung nicht in seiner eignen Person macht, sondern sie den Acncas machen läßt, und gegen die Dido machen läßt, deren Mitleid Acncas nicht genug bestürmen konnte. Allein mich befremdet nicht das Geschrey, sondern der Mangel aller Gradation bis zu diesem Geschrey, auf welche das Kunstwerk den Dichter natürlicher Weise hätte bringen müssen, wann er es, wie wir voraussetzen, zu seinem Vorbilde gehabt hätte. Nichardson füget hinzu:-- die Geschichte des Laokoon solle bloß zu der pathetischen Beschreibung der endlichen Zerstörung leiten; der Dichter habe sie also nicht interessanter machen dürfen, um unsere Aufmerksamkeit, welche diese letzte schreckliche Nacht ganz fordere, dnrch das Unglück eines einzeln Bürgers nicht zu zerstreuen. Allein das heißt die Sache aus einem mahlerischen Augenpunkte betrachten wollen, aus welchem sie gar nicht betrachtet werden kann. Das Unglück des Laokoon und die Zerstörung sind bey dem Dichter keine Gemählde neben einander; sie machen beyde kein Ganzes aus, das unser Auge auf einmal übersehen könnte oder sollte; und nur in diesem Falle wäre es zu besorgen, daß unsere Blicke mehr auf den Laokoon, als auf die brennende Stadt fallen dürften. Beyder Beschreibungen folgen auf einander, nnd ich sehe nicht, welchen Nachtheil es der folgenden e) I)e l!l peinlnre, 1'ome III. p> Z16. L'est I'Iiorreur yue le.-i Irolen» v»l c«Ns»e <«>Ure I.kvcuon, qui eluil i>eeesl»ire s VirxUe pour I» cl>n- iwilc >w sm> I>»oi»e; >!' it !>.' i»e»>! » eetlv lleleriiitw» piilvlique >w I» >I<'s>>»<'>!<»> >w In iiiUiit.' >>«.> l>>» tl«!r«8. ^iisll Virxiw ii'avoit x»i>w «Iv ili- vilvi I!>>>e»>w» 5u> I» «Ivriiioiv »»il, >>«ur »u>- xriiiuw ville eiUiere, >>!>r I» i»->»t»re «I'liii jielil m»»».»r >I'u» ?»i1iiiuliu>. Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 419 bringen könnte, wenn uns die vorhergehende auch noch so sehr gerührt hätte. Es sey denn, daß die folgende an sich selbst nicht rührend genug wäre. Noch weniger Ursache würde der Dichter gehabt haben, die Windungen der Schlangen zu verändern. Sie beschäftigen in dem Kunstwerke die Hände, und verstricken die Füsse. So sebr dem Auge diese Vertheilung gefällt, so lebhaft ist das Bild, welches in der Einbildung davon zurück bleibt. Es ist so deutlich und rein, daß es sich durch Worte nicht viel schwächer darstellen läßt, als durch natürliche Zeichen. — — — — mient nllei-, K ijiliim I^aoeoonlit notli, lotum^uv inkl-a^ne luni^i»«! Implieat A laliiilo lamlam iei'It mm'kn teinons laplu orelii'o l'eilennl« lulilnlral I^ulirieus, intoilocuio liMl Fviiii!» iiilinin nvllc». Das sind Zeilen des Sadolct, die von dem Virgil ohne Zweifel noch mahlerischer gekommen wären, wenn ein sichtbares Vorbild seine Phantasie befeuert hätte, und die alsdann gewiß besser gewesen wären, als was er uns itzt dafür giebt: Lis inoclinm »mnloxi, l>is eollo kc^uamea oircum lei-xa tli»l!, supornnt eapilo c«zi'v!eiliu8 alli«. Diese Züge füllen unsere Einbildungskraft allerdings; aber sie muß nicht dabey verweilen, sie muß sie nicht auss reine zu bringen suchen, sie muß itzt nur die Schlangen, itzt nur den Lao- koon sehe», sie muß sich nicht vorstellen wollen, welche Figur beyde zusammen machen. Sobald sie hierauf verfällt, fängt ihr das Virgilischc Bild an zu mißfallen, und sie findet es höchst unmahlcrisch. Wären aber auch schon die Veränderungen, welche Virgil mit dem ihm geliehenen Vorbilde gemacht hätte, nicht unglücklich, so wären sie doch bloß willkührlich. Man ahmet nach, um ähnlich zu werden; kann man aber ähnlich werden, wenn man über die Noth verändert? Vielmehr, wenn man dieses thut, ist der Vorsatz klar, daß man nicht ähnlich werden wollen, daß man also nicht nachgeahmet habe. 27 " 420 Laokoon. Nicht das Ganze, könnte man einwenden, aber wohl diesen lind jenen Theil. Gut; doch welches sind denn diese einzeln Theile, die in der Beschreibung und in dem Kunstwcrkc so genau übereinstimmen, daß sie der Dichter aus diesem entlehnet zu haben scheinen könnte? Den Vater, die Kinder, die Schlangen, das alles gab dem Dichter sowohl als dem Artisten, die (beschichte. Ausser dem Historischen kommen sie in nichts übcrcin, als darin», daß sie Kinder und Vater in einen einzigen Schlan- gcnknotcn verstricken. Allein der Einfall hierzu entsprang aus dem veränderten Umstände, daß den Vater eben dasselbe Unglück betroffen habe, als die Kinder. Diese Veränderung aber, wie oben erwähnt worden, scheinet Virgil gemacht zu haben; denn die griechische Tradition sagt ganz etwas anders. Folglich, wenn in Ansehung jener gemeinschaftlichen Verstrickung, auf einer oder der andern Seile Nachahmung seyn soll, so ist sie wahrscheinlicher auf der Seite der Künstler, als des Dichters zu vermuthen. Zn allem übrigen weicht einer von dem andern ab; nur mit dem Unterschiede, daß wenn es der Künstler ist, der die Abweichungen gemacht hat, der Vorsatz den Dichter nachzuahmen noch dabey bestehen kann, indem ihn die Bestimmung und die Schranken seiner Kunst dazu nöthigten; ist es hingegen der Dichter, welcher dem Künstler nachgeahmet haben soll, so sind alle die berührten Abweisungen ein Beweis wider diese vermeintliche Nachahmung, und diejenigen, welche sie dem ohngcachtct behaupten, können weiter nichts damit wollen, als daß das Kunstwerk älter sey, als die poetische Beschreibung. VII. Wenn man sagt, der Künstler ahme dem Dichter, oder der Dichter ahme dem Künstler nach, so kann dieses zwcycrley bedeuten. Entweder der eine macht das Werk des ander» zu dem wirklichen Gegenstände seiner Nachahmung, oder sie haben beyde einerley Gegenstände der Nachahmung, und der eine entlehnet von dem andern die Art und Weise es nachzuahmen. Wenn Virgil das Schild des Acneas beschreibet, so ahmet er dem Künstler, welcher dieses Schild gemacht hat, in der ersten Bedeutung nach. Das Kunstwerk, nicht das was auf dem lieber die Grenzen der Mahlerey mid Poesie. ^. ^^!» ^ 421 Kunstwerke vorgestellet worden, ist der Gegenstand seiner Nachahmung, und wenn cr auch schon das mit beschreibt, was man darauf vorgestellet sieht, so beschreibt cr es doch nur als ein Theil des Schildes, und nicht als die Sache selbst. Wenn Nirgil hingegen die Gruppe Laokoon nachgeahmet hätte, so würde dieses eine Nachahmung von der zweyten Gattung seyn. Denn cr würde nicht diese Gruppe, sondern das, was diese Gruppe vorstellet, nachgeahmet, und nur die Züge scincr Nachahmung von ihr entlehnt haben. Bey der ersten Nachahmung ist der Dichter Original, bey der andern ist cr Copist. Zcnc ist ein Theil der allgcmcincn Nachahmung, wclche das Wesen scincr Kunst ausmacht, und er arbeitet als Genie, sein Norwurf mag ein Werk andcrcr Künste, oder der Natur seyn. Diese hingegen setzt ihn gänzlich von scincr Würde herab; anstatt dcr Dinge selbst ahmet cr ihre Nachahmungen nach, lind giebt uns kalte Erinnerungen von Zügen eines fremden Genies, für ursprüngliche Züge seines eigenen. Wenn indeß Dichter und Künstler diejenigen Gegenstände, dic sie mit cinandcr gcmcin habcn, nicht selten aus dem nehmlichen Gesichtspunkte betrachten müssen: so kann es nicht fehlen, daß ihre Nachahmungen nicht in vielen Stücken übereinstimmen sollten, ohne daß zwischen ihnen selbst die geringste Nachahmung oder Bccifcrung gcwcscn. Dicsc Uebereinstimmungen können bey zcitvcrwandten Künstlern und Dichtern, über Dinge, welche nicht mehr vorhanden sind, zu wcchsclsweiscn Erläutc- rungcn führen; allein dergleichen Erläutcrungcn dadurch aufzustützen suchen, daß man aus dem Zufalle Vorsatz macht, und besonders dem Poeten bey jeder Kleinigkeit ein Augenmerk aus dicsc Statue, oder auf jenes Gemählde andichtet, heißt ihm einen sehr zwcydcutigen Dicnst crwciscn. Und nicht allein ihm, sondern auch dem Leser, dem man dic schönste Stelle dadurch, wenn Gott will, sehr deutlich, aber auch trefflich frostig macht. Dieses ist die Absicht und dcr Fehler eines berühmten englischen Werks. Spcncc schrieb seinen Polymctis» mit viclcr ») Die erste Ausgabe ist von 1747; -die zweyte von 1766 und siihrcl den Zilcl: ?olv>nelis, or i>» ?.n>l«ir>' cvncermn? IIiv ^L^'invnl Iielveen >!».> ^V«rk5 »t »>e Nom«» Nein»!»» »f Nie »»livii I ^rli^lij, »' h ä22 Lackccii, klaßischcn Gelehrsamkeit, und in einer sehr vertrauten Bekanntschaft mit den übergebliebenen Werken der alten Kunst. Seinen Vorsatz, aus diesen die römischen Dichter zu erklären, und aus den Dichtern hinwiederum Aufschlüsse für noch unerklärte alte Kunstwerke hcrzuhohlcn, hat er öfters glücklich erreicht. Aber dem ohngeachtct behaupte ich, daß sein Buch für jeden Leser von Geschmack ein ganz unerträgliches Buch seyn muß. Es ist natürlich, daß wenn Valerius Flaccus den geflügelten Blitz auf den römischen Schilden beschreibt, (IXoo j>i'!mu8 i'!»cllu5, uillos liomarie, coi-ulei l^uluilnis <^ rulilas lciiliL cliü'ucloi'is l»Ias) mir diese Beschreibung weit deutlicher wird, wenn ich die Abbildung eines solchen Schildes auf einem alten Denkmale erblicke. ^ Es kann seyn, daß Mars in eben der schwebenden Stellung, in welcher ihn Addison über der Rhca auf einer Münze zu sehen glaubte,« auch von den alten Waffenschmieden Uüi»x v» ^Vttemi't lo iUukliaw >I>oiu mulusll)' sroin vne uiioltier. In lou Uooli!,, Ii> Nie lievtl. I»Ir. Spenci,'. I.oi»Io«. piiulell for I)ocltil«>. k»I. Auch cin Auszug, welchen N. Tindal aus diesem Werke gemacht hat, ist bereits mehr als einmal gedruckt worden, S) Vsl, ?Iaecu» lib. VI. v, SS. Sk. ?«I;mt.>lis vii>I. Vl. p. S0. c) Ich sage es kann seyn. Doch wollte ich zehne gegen eins wette», daß es nicht ist. — Juvcnal redet von den erste» Zeiten der Republik, als mau noch von keiner Pracht und Ueppigkeit wußte, und der Soldat das erbeutete Gold und Silber nur auf das Geschirr seines Pferdes und auf seine Waffen verwandle, (s-u, xi. v. t00-tN7.) 't'nnc riuliü <5 Vrii^iis miriii! »vlcius »rle« vrditms üvelliu iiriellül'lim i» pitrlv repert» Al!ls>ior»m srlikcuiu kriingebst nocul» »üles, I'l ntialvriL xitu^Liet ek7 Iiskt», l?ei»I>.iUi»liii>! v«i iierUnr» vkleuSeret Iwkti. Der Soldat zerbrach die kostbarsten Becher, die Meisterstücke grosser Künstler, um eine Wölfin, eine» kleinen Romulus und Rcmus daraus arbeiten zu lassen, womit er seinen Helm ausschmückte. Alles ist verständlich, bis auf die letzten zwey Zeilen, in welchen der Dichter fortfährt, noch cin solches getriebenes Bild auf den Helme» der allen Soldaten zu beschreiben. So viel sieht man wohl, daß dieses Bild der Gott Mars sehn soll; aber was soll Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. auf den Hclmcn und Schilde» vorgestellet wurde, iiud daß Zu- vcnal einen solchen Helm oder Schild in Gedanken halte, als er mit einem Worte darauf anspielte, welches bis ans den?ld- daS Bcvwort iieiulvini«, welches er ihm giebt, bedeuten? RigallinS sand eine alle Glosse, die es durch N -»I icium tv i,n.ii,i!>nliti erklärt. Lubinus ineinct, das Bild sey auf dem Schilde gewesen, und da das Schild an dem Arme hänge, so habe der Dichter auch das Bild hängend nennen lönncn. Allein dieses ist wider die Constrnclio»; denn das zu »l><.-i»wr>.'l grl'örigc Subjectum ist nicht mile« sondern c-iMu. Britanniens will, alles was boch in der Luft stehe, könne hangend hcisscn, nnd also auch dieses Bild über oder auf dem Helme. Einige wollen gar i,>'iilv»li5 dafür lesen, nm einen Gegensatz mit dein folgenden >>i>»ro zu machen, den aber mir sie allein schön finde» dürften. Was sagt nun Addison bey dieser Ungewißheit? Die Ausleger, sagt er, irren sich alle, und die wahre Meinung ist ganz gewiß diese. (S. dessen Reisen deut. Uebers. Seile 249.) „Da die römischen Soldaten sich nicht wenig auf den Stifter und kriegerischen Geist ihrer Republik einbildeten, so waren sie gewohnt auf ihren Helmen die erste Geschichte „deS Romulus zn tragen, wie er von einem Gotlc erzeugt, und von einer „Wölfin gcsäugct worden. Die Figur des Gottes war vorgestellt, wie er sich „ans die Priester!» Zlia, oder wie sie andere nennen, Nhea Svlvla, herabläßt, nnd in diesem Herablassen schien sie über der Jungfrau in der Luft „zu schweben, welches denn dnrch das Wort r^ntim»!» sehr eigentlich nnd „poetisch ausgedruckt wird. Ausser dem allen Basrelief bcvm Bcllori, welches „mich zuerst ans diese Auslegung brachte, habe ich seitdem die nehmliche Zi- „gur auf einer Münze gcsnndcn, die unter der Zeit des AntoninnS Pins „geschlagen worden." — Da Spcncc diese Entdeckung des Addison so ansser- ordcnllich glücklich findet, das; er sie als ein Muster in ihrer Art, und als das stärkste Beyspiel anführet, wie nützlich die Werke der allen Artisten zur Erklärung der klassischen römischen Dichter gcbrauclil werden können: so kann ich mich nicht enthalten, sie ein wenig genauer zu betrachten, (l'ulvmvliu Vil. p. 77.) — Bors erste muß ich anmerken, daß bloß das Basrelief nnd die Münze dem Addison wohl schwerlich die Stelle des Iuvrnals in die Gedanken gebracht babcn würde, wenn er sich nicht zugleich erinnert hätte, bey dem allen Scholiastcn, der in der lczlcn ohn einen Zeile anstatt tuix«-»- lls, VLiut-illi» gefunden, die Glosse gelesen zu haben: !»!>>>'>« i»t ili-n» vv- »>>.'»>!.>> u> cuiu'umiit-i-«-!. Nnn nclmic man aber diese Lesart des Scholiastcn nicht an, sondern man nehme die an, welche Addison selbst annimt, und sage, ob man sodann die geringste Spur findet, daß der Dichter die Rbca in Gedanken gebabt habe? Man sage, ob es nicht ein wahres Hvsteronpro- tcro» von ihm seyn würde, daß er von der Wölfin und den jnngen Knaben rede, und sodann erst von dem Abcnthcucr, dem sie ibr Daseyn zu danken haben? Die Rhca ist noch nicht Mutter, und die Kinder liegen schon unler dem Felsen. Man sage, ob eine Schäfcrsiundc wohl ei» schickliches Emblcma 424 Laokoon. dison ein Räthsel für alle Ausleger gewesen. Mich dünkt selbst, daß ich die Stelle dcö Ovids, wo der ermattete Ccpha- lus den kühlenden Lüften ruft: auf dem Helme eines römische» Soldalc» gewesen wäre? Der Soldat war auf den göttlichen Ursprung seines Stifters stolz; das zeigten die Wölfin und die Kinder genugsam, mußlc er auch noch den Mars iiu Begriffe einer Handlmig zeigen, in der rr nichts weniger als der fürchlerlichc Mars war? Seine Ucbcrraschung der Rl'ea mag auf noch so viel allen Marmorn und Münze» zu finden fern, paßt sie darum auf das Stück einer Rüstung? Und welches sind denn die Marmor und Münzen aus welchen sie Addison fand, und wo er den Mars in dieser schwebenden Stellung sahe? Das alte Basrelief, worauf er sich beruft, soll Bellori l'abcn. Aber die Atmiranda, welches seine Sammlung der schönsten allen Basreliefs ist, wird man pcrgcbciis darnach durchblättern. Ich habe es nicht gefunden, und auch Spcncc mus! es weder da, noch sonst wo gesunden l'aben, weil er es gänzlich mit Stillschweigen übergebt. Alles kömmt also aus die Münze an. Nun betrachte man diese bep dem Addison selbst. Ich erblicke eine liegende Nbca; und da dem Slempclschncider der Raum nicht erlaubte, die Figur deS Mars mit ihr auf gleichem Boden zu stellen, so stel'ct er ein wenig höher, Das ist es alles; schwebendes hal sie ausser diesem nichl das geringste. Es ist wal'r in der Abbildung die Spcnce davon giebt, ist das Schweben sehr stark ausgedrückt; die Figur salll mit dem Obrrtl'cilc weit vor; und man sieht dcullich, das; es kcin stcl'cndrr Körper ist, sondern daß, wenn es kein fallender Körper scvn soll, es nothwendig ein schwebender sevn mus;. Spcnec sagt, er besitze diese Münze selbst. Es wäre hart, obschon in einer Kleinigkeit, die Aufrichtigkeit eines Mannes in Zweifel zu zicl'en. Allein ein gefaßtes Bcrurll'cil kann auch auf nnscrc Augen Einfluß haben; zu dem konnte er es znm Beste» seiner Leser für erlaubt hallen, den Ausdruck, welchen er zu sel'cn glaubte, durch seinen Künstler so verstärken zu lassen, daß uns eben so wenig Zweifel desfalls übrig bliebe, als ihm selbst. So viel ist gewiß, das Spencc und Addison eben dieselbe Münze meinen, und daß sie sonach enlwedcr der» diesem sebr verstellt, oder bey jenem sel'r verschönert scvn muß. Doch ich habe »och ciue andere Anmerkung wider dieses vcriiieintlichc Schweben des Mars. Diese »el'mlich: daß ei» schwebender Körper, ohne eine scheinbare Ursache, durch welclic die Wirkung seiner Schwere verhindert wird, eine Ungereimtheit ist, von der man in den allen Kunstwerken kcin Excmpcl findet. Auch die ncne Mal'lercv erlaubet sich dieselben nie, sondern wenn ei» Körper in der Lust l'angen soll, so müssen ihn entweder Flügel halten, oder er muß auf etwas zu ruhen scheine», und sollte es auch nur eine bloße Wolke scvn. Wenn Homer die Zl'clis vo» dem Gestade sich zu Fuße i» den Olvmp erhebe» läßt, l'izv c<^> 'ük (iliinl, ^ v. tt8) so verstehet der Graf EavluS die Bedürfnisse der Ku»st zu wohl, als daß er dem Mahler ralhc» sollte, die Göttin so frcv die Luft durchschreite» zu laße», Sie muß lieber die Grenzen dcr Mahlcrcl) und Poesie. ^Vura — — — veiuas — — ülec^ie juves, intrvs^itt: 5i»u«, giulillu».-!. »olli-»^ und scinc Procris dicsc /Vui-a für dc» Namen cincr Ncbciibuh- il'rcn Weg auf cincr Wolke nehnicn, (i'.iiiivnux >iro i'iii-ilie ,,. 9l.) so wic rr sic cin andermal aus einen Wagen seht, (p. tll ) obgleich der Dichter das Gegentheil von ibr sagt. Wic kann cs auch wol'l andcrs scvn? Ob uns schon dcr Dichlcr dic Göltni cbcnfalls unlcr cincr mcnschlichcn Figur drnkcn läßt, so bat cr doch alle Bcgriffc rincS groben und schwirrn Stoffcs davon rnlfcrnct, und ihrcn mcnschcnälnilichcn Körper mit cincr Kraft belebt, die ihn von drn Gesetze» unscrcr Bewegung ausninit. Wodurch abcr tonnte dic Mahlcrcv dic kö'rprrlichc Figur cincr Gotllicit von dcr körpcrlichcu Figur cincs Mcuschcn so vorzüglich untcrschcidcn, das! unsrr Auge nicht bclcidigct würde, wcnn cs bc» dcr cinrn ganz andcrc Stcgcln dcr Brwcgung, dcr Schwere, dcs Glcichgrwichts bcobachlct fändc, als bcv dcr andcrn? Wodurch andcrs als durch vcrabrcdclc Zcichcn? In dcr That sind cin Paar Flügcl, eine Wolke auch nichts andcrs, als dcrglcichcn Zcichcn. Noch von dicscm ein mcbrcrcs an einem andrrn Orte. Hier ist cs genug, von den Bcrlhcidigcrn dcr Slddi- sonschcn Meinung zu vcrlangcn, mir cinc andere ähnliche Figur auf allen Denkmälern zu zcigcu, dic so srev und bloß in dcr Luft hangc. Sollte dieser Mars dic cinzigc in ihrer Art scvn? Und warum? Hatte vielleicht dic Tradition cinc» Umstand überliefert, dcr cin dcrglcichcn Cchwcbc» in dicscm Fallc »olhwciidig macht? Bevm Ovid lF-tki. Uk. l.) läßt sich nicht die geringste Spur davon entdecken, vielmehr kann man zeigcn, daß cs kcincn solchen Unistand könne gegeben habc». Dcnn cs findcn sich andcrc altc Kunst wcrkc, wclchc dic nehmliche Geschichte vorstcllcn, und wo I.Nars offcnbar nicht scbwcbct, sondcrn gcbct. Man betrachte das Basrelief bevm Moutfaucon, (8i>i>pi. r. I. I>. t83.) das sich, wenn ich nicht irre, zu Rom in dem Pallasic dcr Mcllini befindet. Dic schlafende Nhea liegt unter cincm Baumc, und Mars nälicrt sich il'r mit lciscn Schrittcn, und mit dcr bcdcutcndcn Zurückstrcckung dcr rcchtcn Haud, mit der wir dencn hintcr uns, cntwcdcr zurückzubleiben, odcr sachtc zu solgcu, befehlen. Es ist vollkonimcn dic ncl'm- lichc Stellung in dcr cr anf dcr wiünzc crschcinct, nur daß er hier dic Lanze in dcr rcchtcn und dort in dcr linken Hand sül'rct. Man findet öftrer bc- rübmtc Stalucn und Basrclicsc aus alle» Münze» coviret, als daß cs auch nicht l'icr könnte geschrl'c» scvn, wo dcr Slcmpclschncidrr drn Ausdruck dcr zurückgcwaudtcu rcchtcn Hand vicllcicht nicht fühltc, nnd sic dal'cr bcßcr mit dcr Lanzc füllcn zu könucn glaubtc. — AllcS dieses nun zusammc» gcucm- mcn, wic vicl Wahrsäicinlichkcil blribct drm Addiso» noch iibrig? Schwcrlich mclir, als so vicl tcrcn dic bloße Alöglichkcit hat. Doch wobcr eine bcßerc ^ Erklärung, wcn» dicsc nichts laugt? Es kaun scvn, daß sich schon cinc bcßcrc unter dc» voni Addison vcrworffcncn Ertlärungcn findcl. Findet sich abcr auch tcinc, was mchr? Sic Slcllc dcs Dichtcrs ist vcrdorbcn; sic mag cs blcibcn. Und sic wird cs blcibcn, wcnn man auch »och zwanzig ncuc 426 Lciokoon. lerin hält, daß ich, sage ich, diese Stelle natürlicher finde, wenn ich ans den Kunstwerken der Alten ersehe, daß sie wirklich die sanften Lüste pcrsonisirct, nnd eine Art weiblicher Sylphen, unter dem Namen ^ur-v, verehret haben.Ich gebe es zu, daß wenn Zuvcnal einen vornehmen Taugenichts mit einer Hcrmessälilc vergleicht, man das Aehnliche in dieser Ncrglci- Vermulhungcn darüber auskramen wollte. Dergleichen könnte, z. E. diese scvn, daß puiuienli« in seiner figürliche» Bedeutung gcnoinnicn werden müße, nach welcher es so viel als ungewiß, mientschlosicn, unentschieden, heißet. N»r» pvittiens wäre alsdcnn so viel als »i-rr-s ineertu» oder »i!trs communw. «ii commuiie« ku»l, sagt Scrvius, (»a V. ItS. lib. XII. ^.oneiä.) Uilrs, v«-IIo»Ä, Viclvris, riuia Iii in bvllu utrii>ltl'ullo riuinne »tio vinciti «tikvrimittu, >l>uu» >. ä,e- svl>, so. Ldit. Il-tUiN, I>. 70,) /) 'riliullus Lieg. 4. Mi. III. ?olxmeti« vi-,1. Vlll. p. 84. ») -ZtiU'iuz M». I. 8>Iv. S. v. 8. I»»I;melis vi-,1. VIII. >>. 8l. Ueber die (Grenzen der Mahlerey und Poesie. 42!) ining vorüber führet: war ^ucre; ein Ephcmeron, hatte er kein ganzes Zahr durchlebet, um alle dic Veränderungen selbst erfahren zu haben, daß er sie nach cincr Proccßion schildern mußte, m welcher ihre Statuen herumgetragen wurden? Mußte er erst von diesen Statuen den alten poetischen Kunstgriff lernen, dergleichen Mstracta zu wirklichen Wesen zu machen? Oder Nir- gils nnntvm inclignatus ^Vraxes, dieses vortreffliche poetische /t) I^uereliiiii üe N. Iil>. V. V. 736-747. lt Vvc, Venus, Venvri» i>l!v»un>ins »nle I>i,m>il»« xi^clilur Xei>I>^r»!»; vestixi^ i>r»nt>!l- ?Il>>ü in-vter vrivkii-li^e»» nnle v!»i eviorikus exeexiis -K' oitorit)»» ounlet. liilltt loei sequiliir l!uwr iiricluü, >^ evmes ?»Ivo»»m, Inllu .^utumnus !>>Iil; gc»l!i>uc lmiul I'.vi»-! I'.vun: lei»i>vsl!l!o,>< veiUUiu«! s^iluunlui-, ^Vlliwnü»-! VvIIurnu« ^.uktvi' kiitniine lii'um» nives ii>Ik>:rl, >,ii;ru>»ilu« rijzorvm Ne>I,tt>, Il^oins s>ii>in', erenilu»» !lv >>>?n>>>iu« ^Vlgiis. Spcncc erkennet diese Stelle für eine von den schönsten in dem ganzen Gedichte des Lucrcz. Wenigstens ist sie eine von denen, ans welche sich dic Ehre des Liiere; als Dichter gründet. Aber walnlich, es heißt ihm diese Ebrc schmälern, il'n völlig darum bringen wollen, wenn man sagt: Diese ganze Beschreibung scheinet nach cincr allcn Proccsnon dcr vergötterten Iah-- rcszcilcn, ncbst ibrcm Gefolge, gemacht zu scvn. Und warum das? „Darum, „sagt dcr Engländer, weil bet) den Römern chcdcm dergleichen Proeeßioncn „mit ibren Göttern überhanpt, eben so gewöhnlich waren, als noch itzt in „gcwisscn Ländern dic Proccßioncn sind, dic man dcn Heilige» zu Ehren an- „ stellet; und weil bicrnächst allc Ausdrücke wclchc dcr Dichtcr hicr braucht, „ans cinc Proccßio» rccht schr wohl passcn." (vomu I» ver^ an»v, ik »n- pNeil in » vraeestivn.) Trcfflichc Gründc! Und wie viclcs wärc gcgcn dc» lctztcn noch cinzuwcndrn. Schon dic Bcvwörtcr, wclchc dcr Dichtcr dc» pcr- sonisirten Abstrakten gicbt, calvr siiclus, l.'ores pulveruleni», Vultnrini!« !>Ili>uiui»ü, futmine null>!n» vVukter, .^I^us ilentitiu^ ee>»kcn», Zeige», daß stc das Wcsc» von ihm, und nicht von dem Künstler haben, der sie ganz anders bällc charaktcrisircn müssc». Sprncc scheinet übrigens aus diesen Einfall von einer ^proccßio» durch Abrabam 'Prcigcrn gekommen zu sevn, welcher in scincn Anmcrkungcu über dic Stelle des Dichters sagt: vrUo ett !« «Ii^j»«i>!li», v«r >^ Vu»U5, ^opl>),u.>i xiar-t li'e. Allein dabev hätte es auch Spcucc nur sollcn bcwcndcn lassen. Dcr Dichter siibrct dic Zahrszcittn gleichsam in cincr Proecßio» auf; das ist gut. Abcr cr hat cs von cmcr ^rocrßio» gclcrnl, sie so aufzusübrcn; das ist scbr abgrschmackl. 430 Laokoon, Wild eines über seine Ufer sich ergießenden Flußcs, wie er die über ihn geschlagene Brücke zerreißt, verliert es nicht seine ganze Schönheit, wenn der Dichter ans ein Kunstwerk damit angespielet hat, in welchem dieser Flußgott als wirklich eine Brücke zerbrechend vorgestellet wird ? - — Was sollen wir mit dergleichen Erläuterungen, die aus der klarsten Stelle den Dichter verdrängen, um den Einfall eines Künstlers durchschimmern zu laßen? Ich bctaure, daß ein so nützliches Buch, als Polymctis sonst seyn könnte, durch diese geschmacklose Grille, den alten Dichtern statt eigenthümlicher Phantasie, Bekanntschaft mit fremder unter zu schieden, so eckel, und den elastischen Schriftstellern weit nach- thciligcr geworden ist, als ihnen die wäßrigen Auslegungen der schaalstcn Wortforschcr nimmermehr seyn können. Noch mehr belauere ich, daß Spenccn selbst Addison hicrinn vorgegangen, der aus löblicher Begierde, die Kenntniß der alten Kunstwerke zu einem Auslegungsmittcl zu erheben, die Fälle eben so wenig unterschieden hat, in welchen die Nachahmung des Künstlers dem Dichter anständig, in welchen sie ihm verkleincrlich ist. K VIII. Bon der Achnlichkcit, welche die Poesie und Mahlerey mit einander haben, macht sich Spcncc die allcrseltsamsten Begriffe. Er glaubet, daß beyde Künste bey den Alten so genau verbunden gewesen, daß sie beständig Hand in Hand gegangen, und der Dichter nie den Mahler, der Mahler nie den Dichter aus den Auge» verloren habe. Daß die Poesie die weitere Kunst ist, daß ihr Schönheiten zu Gebothe stehen, welche die Mahlerey nicht zu erreichen vermag; daß sie öfters Ursachen haben kann, die unmahlcrischcn Schönheiten den mahlerischen vor zu ziehen: daran scheinet er gar nicht gedacht zu haben, und ist daher bey dem geringsten Unterschiede, den er unter den alten Dichtern und Artisten bemerkt, in einer Verlegenheit, die ihn auf die wunderlichsten Ausflüchte von der Welt bringt. Die alten Dichter geben dem Bacchus mcistcnthcils Hörner. ,) ^eneul. I.ili, Vlll. v> 725. I-olvmelis Niül, XIV. I'. S!w, /c) In verschiedenen Stelle» seiner Reisen und seines Gesprächs über die alle» Münzen. Ueber die Grenzen der M.ihlcrcy und Poesie. 431 Es ist also doch wunderbar, sagt Spcncc, daß man diese Hörner an seinen Statuen so selten erblickt. « Er fällt auf diese, er fällt auf eine andere Ursache, auf die Unwissenheit der Antiquare, auf die Kleinheit der Hörner selbst, die sich unter den Trauben und Ephcublättcrn, dem beständigen Kopfputzc des Gottes, möchten verkrochen haben. Er windet sich um die wahre Ursache herum, ohne sie zu argwohnen. Die Hörner des Bacchus waren keine natürliche Hörner, wie sie es an den Faunen lind Satyrcn waren. Sie waren ein Stirnschmuck, den er aufsetzen und ablegen konnte. — 1'il)!, cum tinv eornilius iu^tias ViiAlnviiin cn^iit e5t: — — heißt es in der feierlichen Anruffung des Bacchus beim Ovid. ^ Er konnte sich also auch ohne Hörner zeigen; und zeigte sich ohne Hörner, wenn er in seiner jungfräulichen Schönheit erscheinen wollte. Zn dieser wollten ihn nun auch die Künstler darstellen, und mußten daher alle Zusätze von übler Wirkung an ihm vermeiden. Ein solcher Zusatz wären die Hörner gewesen, die an dem Diadem befestiget waren, wie man an einem Kopfe in dem Königl. Eabinct zu Berlin sehen kann. Ein solcher Zusatz war das Diadem selbst, welches die schöne Stirne verdeckte, und daher an den Statuen des Bacchus eben so selten vorkömmt, als die Hörner, ob es ihm schon, als seinem Erfinder, von den Dichtern eben so oft beygeleget wird. Dem Dichter gaben die Hörner und das Diadem feine Anspielungen auf die Thaten und den Charakter des Gottes: dem Künstler hingegen wurden sie Hinderungen größere Schönheiten zu zeigen, und wenn Bacchus, wie ich glaube eben darum den Bciznamcn kilni-mls, ^l^opipoc, hatte, weil er sich sowohl schön als schrecklich zeigen konnte, so war es wohl natürlich, daß die Künstler diejenige von seiner Gestalt am liebsten wählten, die der Bestimmung ihrer Kunst am meisten entsprach. Minerva und Zuno schleidcrn bey den römischen Dichtern öfters den Blitz. Aber warum nicht auch in ihren Abbildun- «) I>»I^meIi« Ni-ll. IX. p. IS9. lUvl.imornI,. Iil>. IV. V. tS. S0. >-) U«?s<-ri 'rix-s. vr-lmlciiii. Vol. III. i>, 242, "5" - 432 L.icloon. gen? fragt Spcnce.^ Er antwortet: cs war ein besonderes Vorrecht dieser zwey Göttinnen, wovon man den Gründ vielleicht erst in den Samothracischcn Geheimnissen erfuhr; weil aber die Artisten bey den alten Römern als gemeine Leute betrachtet, lind daher zu diesen Geheimnissen selten zugelaßen wurden, so wußten sie ohne Zweifel nichts davon, und was sie nicht wußten, konnten sie nicht vorstellen? Ich möchte Spcnccn dagegen fragen: arbeiteten diese gemeinen Leute vor ihren Kopf, oder auf Befehl Vornehmerer, die von den Geheimnissen unterrichtet seyn konnten? Stunden die Artisten auch bey den Griechen in dieser Verachtung? Waren die römischen Artisten nicht mehrcnthcils gcbohrcnc Griechen? Und so weiter. Statius und Valerius Flaccns schildern eine erzürnte Venus, nnd mit so schrecklichen Zügen, daß man sie in diesem Augenblicke eher für eine Furie, als für die Göttin der Liebe halten sollte. Spcncc siehet sich in den alten Kunstwerken vergebens nach einer solchen Venus um. Was schließt er daraus? Daß dem Dichter mehr erlaubt ist als dem Bildhauer und Mahler? Das hatte er daraus schließen sollen; aber er hat es einmal für allemal als einen Grundsatz angenommen, daß in einer poetischen Beschreibung nichts gut sey, was unschicklich seyn würde, wenn man cs in einem Gemählde, oder an einer Statue vorstellte. « Folglich müßen die Dichter gefehlt haben. „Statius „ nnd Valerius sind aus einer Zeit, da die römische Poesie schon „in ihrem Verfalle war. Sie zeigen auch hierin ihren verdcrb- „tcn Geschmack, und ihre schlechte Bcurtheilungskraft. Bey den „Dichtern aus einer beßcrn Zeit wird man dergleichen Vcrsto- „ßungcn wider den mahlerischen Ausdruck nicht finden."/ So etwas zu sagen, braucht es wahrlich wenig Unterschci- dungskraft. Ich will indeß mich weder des Statius noch des Valerius in diesem Fall annehme», sondern nur eine allgemeine Anmerkung machen. Die Götter und geistigen Wesen, wie sie -/) I'al^mvli» Uilll, Vl, p, 63. e) pvlz'meli» lii-ilox»,- XX. p> 31 l. Lc.irce iuix lUinz cm, >iv xoock in iwelir«! llLüciipliuii, >vliicll v ouM i>l>>>i.>Ar »IMr«!, ik rei>relv»leck i» il süUiie »r i>iwvti» Ui.il, VII. p. 7t. lieber die Grenzen der Mahlerey i»id Poesie. 433 der Künstler vorstellet, sind nicht völlig ebendieselben, welche der Dichter braucht. Bey dein Künstler sind sie pcrsonisirte Abstracto, die beständig die ähnliche Charaktcrisirung behalten müßen, wenn sie erkenntlich seyn sollen. Bey dem Dichter hingegen sind sie wirkliche handelnde Wesen, die über ihren allgemeinen Charakter noch andere Eigenschaften nnd Affcctcn haben, welche nach Gelegenheit der Umstände vor jenen vorstechen können. Vcnus ist dem Bildhauer nichts als die Liebe; er muß ihr also alle die sittsame verschämte Schönheit, alle die holden Rcitzc geben, die uns an geliebten Gegenständen entzücken, und die wir daher mit in den abgesonderten Begriff der Liebe bringen. Die geringste Abweichung von diesem Ideal läßt uns sein Bild verkennen. Schönheit, aber mit mehr Majestät als Scham, ist schon keine Venus, sondern eine Zuno. Rcitze, aber mehr gcbiethcrische, männliche, als holde Rcitzc, gcbcn cinc Mi- ncrva statt einer Vcnus. Vollends cinc zürncndc VcnuS, cine Ncnus von Rache und Wuth gciricbcn, ist dcm Bildhauer ein wahrer Widerspruch; denn die Liebe, als Liebe, zürnet nie, rächet sich nie. Bey dem Dichter hingegen ist Venus zwar auch die Liebe, aber die Göttin der Liebe, die außcr dicscm Charakter, ihre eigcnc Individualität hat, nnd folglich der Triebe des Abscheus eben so fähig seyn muß, als dcr Zuneigung. Was Wunder also, daß sie bey ihm in Zorn und Wuth entbrennet, besonders wenn cs die beleidigte Liebe selbst ist, die sie darcin versetzet? Es ist zwar wahr, daß auch dcr Künstler in zusammcngcsctz- tcn Werken, die Acnus, odcr jcdc andere Gottheit, außcr ihrem Charakter, als ein wirklich handelndes Wesen, so gut wie der Dichter, cinführcn kann. Aber alsdcnn müßen wcnigstcns ihre Handlungcn ihrcm Charaklcr nicht widcrsprcchcn, wcnn sie schon keine unmittclbarc Folgen desselben sind. Venus übcrgicbt ihrcm Sohne dic göttlichen Waffen: diese Handlung kann dcr Künstler, sowohl als dcr Dichter, vorstcllcn. Hier hindert ihn nichts, dcr Vcnus alle dic Anmuth und Schönheit zu gcbcn, dic ihr als Göttin dcr Liebe zukommcn; viclmchr wird sic cbcn dadurch in scincm Wcrkc um so viel kcnntlichcr. Allcin wcnn sich Vcnus an ihren Verächtern, den Männern zu Lemnos rä- Lcsliiigs Wnke vi, 28 Laokeon. chc» will, in vergrößerter wilder Gestalt, mit flcckigtcn Wangen, in verwirrtem Haare, die Pcchfackcl ergreift, ein schwartzcs Gewand um sich wirft, und ans einer finstern Wolke stürmisch herabsah«: so ist das kein Augenblick für den Künstler, weil er sie durch nichts iu diesem Augenblicke kenntlich machen kann. Es ist nur ein Augenblick sür den Dichter, weil dieser das Vorrecht hat, einen andern, in welchem die Göttin ganz Venus ist, so nahe, so genau damit zu verbinden, daß wir die Venus auch in der Furie nicht aus den Augen verlieren. Dieses thut Flaccus: — — I^e^ne onim !>Ima vi>!ei'i Inin turnet; ant >ore>! oi'iuvm fulmvotitui' auro, 8iltvi'eo!i ititl'ui» tiiiu«. I^rxlem etVeia iiiAens M ni!>«:ulis l'liil'vLla A0»a«; ninuin^uo ton.intein ViiAlinlius 8l^g!is, ni^rnin^ne siluillima nalluin. Z° Eben dieses thut Statius: lila p:>»I»on voleiem ecnlinnn^iio nllni'is I!nc^uc!N5, IVve vulln nee oi'Inv nrioi, solvilse j»A!>Ieni l^etton, A Iclnli.is nvooul aI)leA!>lIv vo1»<:r<:8 Voi'tui'. I^innt eorle, media <^ui noolis in uinlir.'l Dlvlnn, nlios lAiios nuijoia^uo tela Avrenlem, "I'iU'>!>l!!>s intei' tlinliiin!« volitatle soioros Viilxnront: ut^ue ininücilis arcana dnmorum ^ngnivus, A loeva soiinicline onncla ronleiit I^iinlun. ü — Oder man kann sagen: der Dichter allein besitzet das Kunststück, mit negativen Zügen zu schildern, und durch Vermischung dieser negativen mit positiven Zügen, zwey Erscheinungen in eine zu bringen. Nicht mehr die holde Venus; nicht mehr das Haar mit goldenen Spangen geheftet; von keinem azurnen Gewände umflattert; ohne ihren Gürtel; mit andern Flammen, mit größer» Pfeilen bcwafnct; in Gesellschaft ihr ähnlicher Furien. Aber weil der Artist dieses Kunststückes entbehren muß, soll sich seiner darum auch der Dichter enthalten? Wenn die Mahlerey die Schwester der Dichtkunst seyn will: so sey sie wenigstens S) ^rxnn-nit, II. V. tOZ-106. /«) 'l'Iieliüid. I.lb. V. v. 61-64. .-V >> lieber die Grenzen dcr Mahlerey iind Poesie. 4^.', kcinc eifersüchtige Schwester; und die jüngere untersage dcr älteren nicht alle den Putz, dcr sie selbst nicht kleidet. IX. Wenn man in cinzcln Fällen den Mahlcr und Dichter mit einander vergleichen will, so muß man vor allen Dingen wobl zusehen, ob sie beyde ihre völlige Freyheit gehabt haben, ob sie ohne allen äußerlichen Zwang auf die höchste Wirkung ihrer Kunst haben arbeiten können. Ein solcher äußerlicher Zwang war dem alten Künstler öfters die Religion. Sein Werk zur Verehrung und Anbetung bestimmt, konnte nicht allezeit so vollkommen seyn, als wenn er einzig das Vergnügen des Betrachters dabey zur Absicht gehabt hätte. Dcr Aberglaube übcrladctc die Götter mit Sinnbildern, und die schönsten von ihnen wurden nicht überall als die schönsten verehret. Bacchus stand in scincm Tcmpcl zu Lemnos, aus welchem die srommc Hypsipile ihren Vater unter dcr Gestalt des Gottcs rcttcte," mit Hörnern, und so erschien cr ohne Zwcifcl in allen seinen Tempeln, denn die Hörner waren ein Sinnbild, welches sein Wesen mit bezeichnete. Nur der srcyc Künstler, dcr seinen Bacchus für kcincn Tcmpcl arbcitctc, licß dieses Sinnbild weg, und wenn wir, nntcr den noch übrigen Statuen von ihm kcinc mit Hörncrn finden, ^ so ist dicscs vielleicht ein Beweis, «) V-lluiius ?l!,ei!u« I.ik. II. ^r^oiisul. v. Z66-Z73. Lerls piUri, ^juve»i«ciuu nomkm vusl^rluk I,^»:i ImwU, muuium s,»,'vik i>Ik»N8 litiülk kurmUI!»« eislns, Ipsit sj»u» Ilkilvii^rlue lixitt lÄnniIkriliUt! »rlus: p!»»I>iiie!»nqu>! ciiiitlU venloti« iclUn»! I>!lsl»i», Nespieiens; tvneill virille« vel-Uus I>!lI>s»,T» Hl paler, iUiis. Das Wort lumea»«, in der letzten ohn cincn Zeile, scheinet übrigens anzu- zcigcn, das, man die Hörner des Bacchus nicht so klein gemacht, als sich Spcnce einbildet. S) Dcr so genannte Bacchus in dem Mcdiccischcn Gartcn zu Rom (beym Montfaucon siirml. »»x ^»t. i'. I. r>. ) hat klcinc aus dcr Stirne hcrvorsprosscndc Hörncr; abcr cs giebt Kcnncr, die ilm cbcn darum . Laokoon. daß cs keine von den geheiligten sind, in welchen er wirklich verehret worden. Es ist ohnedem höchst wahrscheinlich, daß auf diese letzteren die Wuth der frommen Zerstörer in den ersten Jahrhunderten des Christenthums vornehmlich gefallen ist, die nur hier und da ein Kunstwerk schonte, welches durch keine Anbetung verunreiniget war. Da indeß unter den aufgegrabenen Antiken sich Stücke sowohl von der einen als von der andern Art finden, so wünschte ich, daß man den Namen der Kunstwerke nur denjenigen beylegen möchte, in welchen sich der Künstler wirklich als Künstler zeigen können, bey welchen die Schönheit seine erste und letzte Absicht gewesen. Alles andere, woran sich zu merkliche Spuren gottcsdicnstlichcr Verabredungen zeigen, verdienet diesen Namen nicht, weil die Kunst hier nicht nm ihrer selbst willen gearbeitet, sondern ein bloßes Hülfsmittel der Religion war, die bey den sinnlichen Vorstellungen, die sie ihr aufgab, mehr auf das Bedeutende als auf das Schöne sahe; ob ich schon dadurch nicht sagen will, daß sie nicht auch öfters alles Bedeutende in das Schöne gesetzt, oder aus Nachsicht für die Kunst und den feinern Geschmack des Jahrhunderts, von jenem so viel nachgclaßcn habe, daß dieses allein zu herrschen scheinen können. Macht man keinen solchen Unterschied, so werden der Kenner und der Antiquar beständig mit einander im Streite liegen, weil sie einander nicht verstehen. Wenn jener, nach seiner Ein- liebcr zu einem Faune machen wollen. In der That sind solche natürliche Hörner eine Schändung der menschlichen Gestalt , und können nur Wesen geziemen, denen man eine Art von Mitlclgcstalt zwischen Menschen und Thier ertheilte. Auch ist die Stellung, der lüsterne Blick nach der über sich gehaltenen Traube, einem Begleiter des Weingottes anständiger, als dem Eottc selbst. Ich erinnere mich hier, was Clemens Alcrandrinus von Alcrandcr dem Grossen sagt (l-rnlrv,,«. p. 48. I>oU.) L,Zoi^-70 5-«-, ^-^«v- c>? ^.,»/i,ui'0>; Tito? k'lv«^ <5oxk»>, x«^ «k^«c?^potzc>z «-'«^«^ko'A'ctt Es war Alerandcrs ausdrücklicher Wille, das; ihn der Bildhauer mit Hörnern verstellen sollte: er war cs gern zufrieden, das; die menschliche Schönheit in il'ni mit Hörnern beschimpft ward, wenn man ihn nur eines göttlichen Ursprunges zu scvn glaubte. Ueber die Grenze» der Mahlerey und Poesie. 437 ficht in die Bestimmung der Kunst, behauptet, daß dieses oder jenes der alte Künstler nie gemacht habe, nehmlich als Künstler nicht, frcywillig nicht: so wird dieser es dahin ausdehnen, daß cs auch weder die Religion, noch sonst eine außer dem Gebiete der Kunst liegende Ursache, von dem Künstler habe machen laßen, von dem Künstler nehmlich als Handarbeiter. Er wird also mit der ersten mit der besten Figur den Kenner widerlegen zu können glauben, die dieser ohne Bedenken, aber zu großem Aergernisse der gelehrten Welt, wieder zu dem Schütte verdammet, woraus sie gezogen worden.« i>. XXV. i>. 287, I5,M. X»i>,>.) Ich Halle eben so wenig vergessen, daß man Köpfe von ihnen auf einem Abraras, den Chiffletius bekannt gemacht, und auf einer Lampe beym Licclus zu scheu glaube. (UiskerüU. tue le» t'uries Mr IZüiinior, Mowoirvs ÜL I ^cnlluinlu >lk8 liiferii». r. V. I>. 48.) Auch sogar dic Urne von Hetrurischcr Arbeit bcvm Gorius jsi niukei Lirukni) auf welcher Orestes und Pvladcs erscheinen, wie ihnen zwey Furien mit Fackeln zusetzen, war mir nichl unbekannt. Allein ich redete von Kunstwerken, von welchen ich alle diese Stücke ausschließen zu können glaubte. Und wäre auch das letztere nicht so wohl als dic übrigcn davon auszuschlicßcn, so dienet cs von cincr andern Seite, mehr mcinc Meinung zu bestärken, als zu widerlegen. Den» so wenig auch dic hetrurischcn Künstler überhaupt auf das Schöne gearbeitet, so scheinen sie doch auch dic Furie» nicht so wohl durch schrccklichc Gcsichlszügr, als viclmcl'r durch ihrc Tracht und Attribute, ausgcdrttckt z» habe». Diese stoße» mit so ruhigem Gesichte dem Orestes u»d "Pvladcs ihrc Fackel» unter die Augen, daß sie fast scheinen, sie nur im Scherze erschrecke» zu wolle». Wie fürchterlich sie dem Orestes und Pvladcs vorgekommen, läßt sich nur aus ih- rcr Furcht, kmicswcges aber aus der Bildung der Furien selbst abnehme». Es sind also Furien, und sind auch kcine; sie verrichte» das Amt der Furien, aber nicht in der Verstellung von Grimm und Wuth, welche wir mit ihrem Name» zu verbinden gewohnt sind; nicht mit der Stirne, dic wie K'alull sagt, cxjiir-lttli» i>ric,ioi>i»i iiveloli-, iins. — Noch kürzlich glaublc Hcrr Winkel mann, aus cincui Caniiolc in dem Stoßischc» Cabincttc, eine Furie im Lause mit flicgciidcm Rocke >md Haare», u»d einem Dolche in der Ha»d, gesunde» zu vabcn. (Bibliothek der sch. Wiss. VBand S. 30-) Der Hcrr von Hagcdor» 438 jiaokoou. Gegentheils kann man sich aber auch den Einfluß der Religion auf die Kunst zu groß vorstellen. Spcncc giebt hiervon ein sonderbares Beyspiel. Er fand beym Ovid, daß Vcsta in ihrem Tempel unter keinem persönlichen Bilde verehret worden; uud dieses dünkte ihm genug, daraus zu schlicsscn, daß es überhaupt keine Bildsäulen von dieser Göttin gegeben habe, und daß alles, was man bisher dafür gehalten, nicht die Vcsta, sondern eine Vcstalin vorstelle.-? Eine seltsame Folge! Vcrlohr der Künstler darum sein Recht, ein Wesen, dem die Dichter eine bestimmte Persönlichkeit geben, das sie zur Tochter des Sa- turnus und der Ops machen, das sie in Gefahr kommen lassen, unter die Mißhandlungen des Priapus zu fallen, und was sie sonst von ihr crzchlen, verlohr er, sage ich, darum sein Recht, dieses Wesen auch nach seiner Art zu vcrsonisiren, weil es in Einem Tempel nur unter dem Sinnbilde des Feuers verehret ward? Denn Spcncc bcgchct dabey noch diesen Fehler, daß er das, was Ovid nur von einem gewissen Tempel der Vcsta, nchmlich von dcm zu Rom sagt,« auf alle Tempcl dicscr Göttin riclh hierauf auch den Künstlern schon ein, sich diese Anzeige zu Nutze zu machcn, und die Furien in ihren Gemählden so vorzustellen. (Bclrachtungcn über die Mahlerey S. ???.) Allein Herr Winkelniaiin hat hernach diese seine Entdeckung selbst wiederum ungewiß gemacht, weil er nicht gefunden, daß die Furien, anstatt mit Fackeln, auch mit Dolchen von dcn Alten bewaffnet worden. (Iieke>i,il. iles Pierre« xravee« i>> 84.) Ohne Zweifel erkennt er also die Figuren, auf Münzen der Städte Lyrba und Maßaura, die Spannhcim sür Furien aus- gicbt (i.e» cekitrs ,ie lulle» n. 44.) nicht dafür, sondern für eine Hccate Irikormi,-!; denn sonst fände sich allerdings hier eine Furie, die in jcdcr Hand eitlen Dolch führet, und es ist sondcrbar, das; eben diese auch i» bloßen ungebundenen Haaren erscheint, die an den andern mit einem Schlcycr bedeckt sind. Doch gesetzt auch, es wäre wirklich so, wie es dcm Herrn Winkcl- maun zucist vorgckommcn: so würde es auch mit dicsem geschnittenen Steine eben die Bewandtnis; haben, die es mit der Hcirurischen Urne hat, es wäre denn, daß sich wcgcn Kleinheit der Arbeit gar keine Gcsichtszügc erkennen ließen. Ucbcrdcm grhörcn auch die gcschnittcncn Slcinc überhaupt, wegen ihres Gebrauchs als Siegel, schon mit zur Bildersprache, und ihre Figuren mögen sflercr eigensinnige Svmbola der Besitzer, als freiwillige Werke der Künstler seyn. »Iv»i>!ti!« VII. I>. 81. e) I'-itt. Ii>>. VI. v. SS5-98. Alle >Iiu klliU»» Veklio siinuliicr» nutnvi: I»»x cliitici c»rv» »»U:> sukesse tliutu. _WDDWW^X-_ Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 43!) ohne Unterschied, und auf ihre Verehrung überhaupt, ausdehnet. Wie sie in diesem Tempel zu Rom verehret ward, so ward sie nicht überall verehret, so war sie selbst nicht in Italien verehret worden, ehe ihn Numa erbaute. Numa wollte keine Gottheit in menschlicher oder thierischer Gestalt vorgestellet wissen; und darum bestand ohiic Zweifel die Verbesserung, die er in dem Dienste der Vcsta machte, daß er alle persönliche Vorstellung von ihr daraus verbannte. Ovid selbst lehret uns, daß es vor den Zeiten des Numa, Bildsäulen der Ncsta in ihrem Tempel gegeben habe, die, als ihre Pricstcrin Sylvia Mutter ward, vor Scham die jungfräulichen Hände vor die Augen hoben./ Daß sogar in den Tempeln, welche die Gottin ausser der Stadt in den römischen Provinzen hatte, ihre Verehrung nicht völlig von der Art gewesen, als sie Numa verordnet, scheinen verschiedene alte Jnnschriften zu beweisen, in welchen eines panti- liels Vol'taz gedacht wird.Z- Auch zu Corinth .war ein Tempel der Vcsta ohne alle Bildsäule, mit einem bloßen Altare, worauf lxius inexklinclus lomiilo ccl-uur i» illo. LlMiew null»»» V«!sla, »ec igmn, I,!i>>el. Ovid redet nur von dem Gottcsdicnstc der Vcsta in Ziom, nur von dem Tempel, den ihr Numa daselbst erbauet l'alte, von dem er kurz zuvor (v. 259. 60) sagt: Nexi« oiuiti i>IilcUIi, quo nun meUieiUi»« uUum Kuniinis inxvnium lerrit 8illii»!l >uUl. /) ?iUI. !'»>. III. v. 45. 4«. S^lvi» til m.Tler: VektN siii»>Isci-!t keruiUur Virgineit» oculi^ oppvkuisku nuliiu«. Auf diese Weise hätte Svence den Ovid Mit sich selbst vergleichen sollen. Der Dichter redet von vcrschicdncn Zcitcn. Hier von den Zeiten vor dem Numa, dort von den Zcitcn nach ihm. In jenen ward sie in Italic» uulcr pcrsöulichcn Vorstclluna.cn vcrchrrt, so wic sie in Troja war vcrrhrct wordcn, von wanncn Arncas ihren Gottesdienst mit licrubcr gcbracht hatte. — — kl»nUi»8 vius», VeslllinciUL pvlcntem, ^.elernumqu«; atlvli» elki-rl pvnvlriUNmsi ixmem: sagt Virgil von dem Geiste des Hcklors, nachdem er dem Acncas zur Flucht gcrathcu. Hier wird das cwigc Fcucr von der Vcsta selbst, oder il'rcr Bildsäule, ausdrücklich untcrschicdcn. Spcncc niusi die römischen Dichter zn sci- ncm Bchuse doch noch nicht ausmcrksam genug durchgclcscn habe», weil ihm diese Stelle entwischt ist. A) !>ivkiuü >>« VeNs <^ Veklitlili»!, csp 13. ' ^ WWMIM >^«»'S»'«< ../---^»Si,«^' -- - . ^M» 440 Laokoon. der Göttin geopfert ward. Aber hatten die Griechen darum gar keine Statuen der Vcsta? Zu Athen war eine im Prvta- neo, neben der Statue des Friedens. - Die Zassccr rühmten von einer, die bey ihnen unter freyem Himmel stand, daß weder Schnee noch Regen jemals auf sie falle. K Plinius gedenkt einer sitzenden, von der Hand des Scopas, die sich zu seiner Zeit in den Servilianischcn Gärten zu Rom befand. ? Zugegeben, daß es uns itzt schwer wird, eine bloße Vcstalin von einer Vcsta selbst zu unterscheiden, beweiset dieses, daß sie auch die Alten nicht unterscheiden können, oder wohl gar nicht unterscheiden wollen? Gcwiße Kennzeichen sprechen offenbar mehr für die eine, als für die andere. Das Scepter, die Fackel, das Palladium, laßen sich nur in der Hand der Göttin vermuthen. Das Tympanum, welches ihr Codinus beyleget, kömmt ihr vielleicht nur als der Erde zu; oder Codinus wußte selbst nicht recht, was er sahe, m /-) I>!tt,lni>i!l« t'orin»i, s.üp, XXXV. p. t98> Ldit. Kuli. ,') Iclem ^VUic, e.ii>. XVIII. i>, 4l. 5) ?ol>b. »Itl. Ilb. XVI. §. II. 0,1. II. p. 44.1. L Lrnesl. i) ?Ii»U,t! IU>. XXXVl. svcl. 4. 727. Llli«. Iwrel. 8«oi>!»s feoit — Vekl!»» svllenlem I»»>IuI»in i» 8orvUi.ini» IloNi«. Diese Stelle Muß Lipsius in Gedanken gehabt baben, als er (Sv Vokl» csp. 3.) schrieb: xiiniii» Ve- N»m sutlenlvm ekünxi rolilnm vN^i»IU, » suUiililgle. Allein weis Plinius von einem einzeln Stücke des Scopas sagt, hätte er nicht für einen allgemein angenommenen Lharakler ausgeben sollen. Er merkt selbst an, das; auf den Münzen die Vesta eben so oft stehend, als sitzend erscheine. Allein er verbessert dadurch nicht den Pimius, sondern seine eigene falsche Einbildung. »i) Keorx. l"o>Iiniis >Iv vr!j;ittil>, l'oiMiuU, kclil. Vonet. p. 12. z>^i' >,öz>ci'vo'^i' L^av, ««t -r^ix^ioi'crö ^> «lx«, 7^i/>.?c«i c>v <^a'o^<5«,-, ?o"v? «i^o^i? ^ )>?z 'vc^' k^vr?/?' <7"U)>xX>klkl. Svidas: aus ihm, oder bcvdc aus einem altern, sagt unter dem Worte t^l« eben dieses. „Die Erde wird unter dem Namen Bcsta als eine Frau gebildet, „welche ein Tvmvanon trägt, weil sie die Winde in sich vcrschloßen hält." Die Ursache ist ein wenig abgeschmackt. Es würde sich eher haben höre» laße», wenn er gesagt hätte, baß ihr deswegen ein Tvmpanon bevgegebcn werde, weil die Allen zum Theil geglaubt, daß ihre Figur damit übereinkomme; <5)^,»« c»v?i? r^,,,^«, okiök? k-i'cu. s?Iu>i»ct>»8 cw iil.iluli« I>Iu- I»s. c»i>. 40. iu. >le kilcie in ordu I.UII«:.) Wo sich aber Codinus nur nicht entweder in der Figur, oder in dem Namen, oder gar in bcvdcn geirrct hat. Er wußte vielleicht, was er die Vesta tragen sahe, nicht besser zu nennen, als ei» Tpmpanunii oder hörle es ein Tvmvanum nennen, und konnte sich Ueber die Erenjen der Mahlerey lind Poesie. 411 X. Ich merke noch eine Bcfrcmdung des Spcncc an, welche deutlich zeiget, wie wenig er über die Grenzen der Poesie und Mahlerey muß nachgedacht haben. „Was die Muscu überhaupt bctrift, sagt er, so ist es doch „sonderbar, daß die Dichter in Beschreibung derselben so spar- „sam sind, weit sparsamer, als man es bey Göttinnen, denen „sie so große Verbindlichkeit haben, erwarten sollte."» Was heißt das anders, als sich wundern, daß wenn die Dichter von ihnen reden, sie es nicht in der stummen Sprache der Mahler thun? Urania ist den Dichtern die Muse der Stcrn- kunsti aus ihrem Namen, auS ihren Verrichtungen erkennen wir ihr Amt. Der Künstler, um es kenntlich zu machen muß sie mit einem Stäbe auf eine Himmclskugcl weisen laßen; dieser Stab, diese Himmclskugcl, diese ihre Stellung sind seine Buchstaben, aus welchen er uns den Namen Urania zusammensetzen läßt. Aber wenn der Dichter sagen will: Urania hatte seinen Tod längst aus den Sternen vorhcrgcschn; Iiika lllti poütis lelliuin piMilixeiat akli'Is Draniv — i warum soll er, in Rücksicht auf den Mahler, dazusetzcn: Urania/ dcn Radius in dcr Hand, die Himmelskugel vor sich? Wärc es nicht, als ob ein Mcnsch, der laut rede» kann und darf, sich noch zugleich dcr Zeichen bedienen sollte, welche dic Stummen im Scrraglio des Türkcn, aus Mangel dcr Stimme, unter sich erfunden haben? Eben dieselbe Bcfrcmdung äußcrt Spcncc nochmals bcy dcn moralischen Wcscn, oder denjenigen Gottheiten, welche dic Zlltcn dcn Tugcndcn und dcr Führung des mcnschlichcn Lebens vor- nichrs anders dabey gcdmkm, alF das Instrument, welches wir eine Hccr- pauckc ncnncn, '?vin,>!i,»a waren aber auch eine Art von Rädern: Hinc ittilio» Iiivoie lolis, Iiino I^mp!»>!t plautiri« ^xricol!« — (Virgilius lievrxie.. Ii!>, II. V. 444>) Und einem solchen Rade scheinet mir das, was sich an dcr Bcsta des Fabrctti zcizct, »a 'i'!>ii»iu»i lii-nii» i>> !Z3t.) nnd dicscr Gelehrte für eine Handmühlc hält, schr ähnlich zu seyn. «) I>i)I;mi-Ii» Ui-ll. VlII. p. 9l. i) Slslius lliol). Vlll> v> Söt. 442 Laokoon. setzten. ^ „Es verdienet angemerkt zu werden, sagt er, daß die „römischen Dichter von den besten dieser moralischen Wesen „weit weniger sagen, als man erwarten sollte. Die Artisten „sind in diesem Stucke viel reicher, und wer wissen will, was „jedes derselbe» für einen Aufzug gemacht, darf nur die Mün- „zcn der römischen Kayscr zu Rathe ziehen. —Die Dichter „sprechen von diesen Wesen zwar öfters, als von Personen; „überhaupt aber sagen sie von ihren Attributen, ihrer Kleidung „und übrigem Ansehen sehr wenig." — Wenn der Dichter Abstracta pcrsonifiret, so sind sie durch den Namen, und durch das, was er sie thun läßt, genugsam charaktcrisiret. Dem Künstler fehlen diese Mittel. Er muß also seinen personifirten Abstractis Sinnbilder zugeben, durch welche sie kenntlich werden. Diese Sinnbilder weil sie etwas anders sind, und etwas anders bedeuten, machen sie zu allegorischen Figuren. Eine Frauensperson mit einem Zaume in der Hand; eine andere an eine Säule gclchnct, sind in der Kunst allegorische Wesen. Allein die Mäßigung, die Sündhaftigkeit bey dem Dichter, sind keine allegorische Wesen, sondern bloß personi- firte Abstracta. Die Sinnbilder dieser Wesen bey dem Künstler, hat die Noth erfunden. Denn er kann sich durch nichts anders verständlich machen, was diese oder jene Figur bedeuten soll. Wozu aber den Künstler die Noth treibet, warum soll sich das der Dichter aufdringen laßen, der von dieser Noth nichts weis? Was Spenccn so sehr befremdet, verdienet den Dichtern als eine Regel vorgeschrieben zu werden. Sie müßen die Bedürfnisse der Mahlerey nicht zu ihrem Rcichthumc machen. Sie müssen die Mittel, welche die Kunst erfunden hat, um der Poesie nachzukommen, nicht als Vollkommenheiten betrachten, auf die sie neidisch zu seyn Ursache hätten. Wenn der Künstler eine Figur mit Sinnbildern auszicrct, so erhebt er eine bloße Figur zu einem höhern Wesen. Bedienet sich aber der c) polvin. »i-ll. X. p, t37. l?) UM, p. 13t, Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 411! Dichter dieser mahlerischen Ausstafsirnngcn, so macht cr a»S einem höher» Wesen eine Puppe. So wie diese Regel durch die Befolgung der Alte» bewähret ist, so ist die geflißcndlichc Uebcrtrcttmg derselben ein LicblingSfch- lcr der neuern Dichter. Alle ihre Wesen der Einbildung geben in Maske, und die sich auf diese Maskeraden am besten verstehen, verstehen sich mcistcnthcils auf das Hauptwerk am wenigsten: nehmlich, ihre Wesen handeln zu laßen, und sie durch die Handlungen derselben zu charaktcrisircn. Doch giebt es unter den Attributen, mit welchen die Künstler ihre Abstracta bezeichnen, eine Art, die des poetischen Gebrauchs fähiger und würdiger ist. Ich meine diejenigen, welche eigentlich nichts allegorisches haben, sondern als Werkzeuge zu betrachten sind, deren sich die Wesen, welchen sie beygeleget werden, falls sie als wirkliche Personen handeln sollten, bedienen würden oder könnten. Der Zaum in der Hand der Mäßigung, die Säule an welche sich die Standhaftigkcit lehnet, sind lediglich allegorisch, für den Dichter also von keinem Nutze». Die Wage in der Hand der Gerechtigkeit, ist es schon weniger, weil der rechte Gebrauch der Wage wirklich ein Stück der Gerechtigkeit ist. Die Leyer oder Flöte aber in der Hand einer Muse, die Lanze in der Hand des Mars, Hammer und Zange in den Händen des Vulcans, sind ganz und gar keine Sinnbilder, sind bloße Instrumente, ohne welche diese Wesen die Wirkungen, die wir ihnen zuschreiben, nicht hervorbringen können. Von dieser Art sind die Attribute, welche die alte» Dichter i» ihre Beschreibungen etwa noch cinflcchtcn, und die ich deswegen zum Unterschiede jener allegorischen, die poetischen nennen möchte. Diese bedeuten die Sache selbst, jene nur etwas ähnliches.« e) Man mag in dem Gemählde, welches Horaz von der Nothwendigkeit macht, und welches vielleicht das an Attributen reichste Gemählde bey alle» alten Dichtern ist: (l.u>, i. oa, »s,) ?rs fem>>er snleit s«v!t KeceMlas: Oliivosj trkdsles K euneo» milnu KeI°IkN8 illiene»; nec kvverus Vneu» »liest Ii>>I, i»l i>ri-j >l!>»!i tu «luliUl s«ro!l nl»« lies» Nir lit toill! que u»v <»>irv >v eoi»«, >>u lruo», <^ llv i>Iui»>i suiitlu. ^'»i ciu ei> «Ivvvlr ileeliürLur I» Iiülluelio», eu k»>is>U»!lnt Is» iclec!« g>?iU!r»IW ?o>!l -rit eu Iietoin äe ce corioclik. Sanadon hatte ein feines und richtiges Gefühl, nur der Grund, womit er es bewähren will, ist nicht der rechte. Nicht weil die gebrauchten Attribute« ein »uirsil rMidulsire sind; denn es stand nur bey ihm, die andere Auslegung anzunehmen, und das Ealgengeräthe in die festesten Bindemittel der Baukunst zu verwandeln: sondern, weil alle Attribut» eigentlich für das Auge, und nicht für das Gehör gemacht sind, und alle Begriffe, die wir durch das Auge erhalten sollten, wen» man sic uns durch das Gehör bcvbringc» will, eine größere Anstrengung erfordern, und einer geringern Klarheit fähig sind. — Der Verfolg von der angeführten Strophe des Horaz erinnert mich übrigens an ein Paar Versehe» des Spence, die von der Genauigkeit, mit welcher er die angezogenen Stellen der allen Dichter will erwogen habe», nicht den vorthcilhaftcstcn Begriff erwecken. Er rcdct vo« dcm Bilde, unter welchem die Römer die Treue oder El'rlichkcit vorstellten, (ui-u. x. p. 143.) „Die Römer, sagt er, nannte» „sie t'ides; und wen» sie sic Kai» nanntc», so scheinen sic den hohen „Grad dicser Eigenschaft, den wir durch grundehrlich (im Englischen cko^viliixilt „iwneNv) ausdrücken, darunter verstände» zu habe». Sic wird mit cincr „frcven offenen Gesichtsbildung und in nichts als einem dünne» Kleide vorbestellet, welches so fei» ist, daß es für durchsichtig gelten kann. Horaz „»mnet sie daher, in einer vo» seinen Oden, dünnbcklcidrt; und i» einer „andern, durchsichtig." In dicscr klcinc» Stelle sind nicht mehr als dreh ziemlich grobe Fehler. Erstlich ist es falsch, daß «via ein besonderes Bcvwort scv, welches die Römer der Göttin rille« gegeben. In den bcvdcn Stelle» des Livius, dic cr dcsfalls zum Beweise anführt, (i.iii. I. K. si. i.iii. 11. §. 3.) bedeutet es weiter nichts, als was es überall bedeutet, die Ausschließung alles übrigen. In der einen Stelle scheinet den Criticis das lull sogar verdächtig und durch einen Schrcibcfehlcr, der durch das gleich darneben stehende koionn« veranlasset wordcn, i» dc» Tcrt gckoninic» zu scv«. In der ander» aber ist «ich! vo» der Treue, sondern von der Unschuld, der Unsträflichkcit, in»o- !m»c>. Es ist wahr, i-iuuu heißt auch dünne; aber hier heißt es blos, scllcn, was wenig vorköiiimt, und ist das Beywort der Treue selbst, und »ichl ibrcr Bekleidung. Spcncc würde Siecht haben, wen» der Dichter gesagt bättc: ?i>w,>! rsro voisi» n-mno. Drittens - an einem andern Orte soll Horaz die Treue oder Redlichkeit durchsichtig nennen; um eben das damit anzudeuten, was wir in unsern gewöhnlichen Freundschaftsvcrsicherungen zn sagen pflegen: ich wünschte, Sie könnten mein Herz sehen. Und dieser Ort soll die Zeile der achtzehnten Ode des ersten Buchs scvn: ^Vreitninue Kiltes nrenix-c, nellneiiNor vllro. Wie kann man sich aber von einem bloßen Worte so verführen laßen? Heißt denn rute» arc-lni nroulZü, die Treue? Oder heißt es nicht vielmehr, die Treulosigkeit? Bon dieser sagt Horaz, und nicht von der Treue, daß sie durchsichtig wie Glas scv, weil sie die ihr anvertrauten Gchciiiinißc eines jeden Blicke bloßstcllct. a) Apollo übcrgicbt den gereinigten und balsamirtcn Lciclniam des Sar- pcdon dem Tode und dem Schlafe, ihn nach seinem Batcrlandc zu bringen. (II. -e, v. 081. 82 ) äk /i.^v 5c>,ii.?eol<7lv «/I.« «l>«l^v>Zt^ xvu G«i'»rio Lavlus cnipfithlt diese Erdichtung den, Mahler, fügt aber hinzu; II vtl f-t- >eiix, qn'IIomers ne »ou» »it rie» titltte tur leü »Ilrüttilü i'»» cleuuuit «tu tu» lein« ,in Senuneil; neu« ne co»noisto»>!, nour ci>c»eleriter ce I)i(^>, gr»ittent llepla- cees, tnr tont nnur une Nizurv Ie»ux lireü ue I'IIiücle, cle I'0>I>ttee >I'IIeNlere cle I'Liieille >te Virizilv, nvee »tes olikerviiUonii xenerstes 5»r te l^etlumv, » piiri» 1727. 8.) Das heißt von dem Homer eine von den kleinen Zicrralhcn verlangen, die am meisten mit seiner großen Manier streiten. Die sinnreichsten Attribula, die er dem Schlafe hätte geben können, würden ihn bey weitem nicht so vollkommen charakterisiret, bcv weitem kein so lebhaftes Bild bcv nns erregt liabcn, als der einzige Zug, durch den er ihn zum Zwillingsbrudcr des Todes macht. Diesen Zug snchc der Künstler auszudrücken, und er wird alle Attribut» cnt- belirc» können. Die alten Künstler haben auch wirklich den Tod und den Schlaf mit der Achnllchkcit unter sich vorgestellet, die wir an Zwillingen so natürlich erwarten. Ans einer Kiste von Eedcrnholz in dem Tempel der Zuno Laokeon. wovon ich das Wesentlichste, zu bcßcrer Erwägung, hier anmerke. Der Künstler, ist des Grafen Absicht, soll sich mit dem größten mahlerischen Dichter, mit dem Homer, mit dieser zweyten Natur, näher bekannt machen. Er zeigt ihm, welchen reichen noch nie genutzten Stoff zu den trefflichsten Schildcrcycn die von dem Griechen behandelte Geschichte darbiete, und wie so viel vollkommncr ihm die Ausführung gelingen müßc, je genauer er sich an die kleinsten von dem Dichter bemerkten Umstände halten könne. Zn diesem Vorschlage vermischt sich also die oben getrennte doppelte Nachahmung. Der Mahler soll nicht allein das nachahmen, was der Dichter nachgeahmet hat, sondern er soll es auch mit den nehmlichen Zügen nachahmen; er sott den Dichter nicht bloß als Erzchlcr, er soll ihn als Dichter nutzen. zu Elis, rulttc» sie bcvde als Knaben in dc» Armen der Nacht, Nur war der eine weis;, der andere schwarz; jener schlief, dieser schien zn schlafen; bevde mit übereinander geschlagenen Fußen, Denn so wollte ich die Worte des Pausanias (rmav. cnp. xvm. >>. 4ZZ. L>m. I<»i>.) ««.^o^-tzo-v? ö,,-. ^«^,„,-,'0^5 -ro-u? ?wöa?, lieber übersetzen, als mit krummen Füßen, oder wie es Gcdovn in seiner Sprache gegeben hat: Iv» pwiis en»irek»i>». Was sollten die krummen Füße hier ausdrücke»? Ucbrreinandcr geschlagene Füße l'ingcgcn sind die gewöhnliche Lage der Schlafenden, und der Schlaf bcvm Maffci (N»ccoi. ?>. t5t.) liegt nicht anders. Die neuen Artisten sind von dieser Achnlichkcit, welche Schlaf und Tod bev den Alte» miteinander l'aben, ganzlich abgegangen, und der Gebrauch ist allgemein worden, den Tod als ein Skclct, l'öchsieus als ein mit Haut bekleidetes Skelet vorzustellen. Vor alle» Dingen halte Cavlus dem Künstler also hier rathen müßen, ob er in Vorstellung des Todes dem alte» oder dem neuen Gebrauche folgen solle. Doch er scheinet sich für den neuern zu erklären, da er den Tod als eine Figur betrachtet, gegen die eine andere mit Blume» gckrönct, nicht wohl gruppirc» möchtc. Hat er aber hicrbcv auch brdacht, wie unschicklich diese moderne Idee in einem lwmcrischc» Gcmäuldc scv» dürfte? Und wie hat ihm das Eckelbastc derselben nicht anstößig scvn können? Ich kann mich nicht bereden, daß das kleine metallene Bild in der Herzoglichen Gallcrie zu Florenz, welches ein liegendes Skclct vorstellet, das mit dem einen Arme auf einem Aschciikruac rul'et, (snences i>oi>i»olij? xl.1) eine wirkliche Antike scv. Dc» Tod überhaupt kau» es weuigstciis nicht vorstellen sollen, weil ih» die Alte» anders vorstellten. Selbst ihre Dichter habe» ih» mitcc diesem widerliche» Bilde nie gedacht. >5..'»-.?.!''i,'M.H!«e Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 447 Diese zweyte Art der Nachahmung aber, die für den Dichter so verkleinertet) ist, warum ist sie es nicht mich für den Künstler? Wenn vor dem Homer eine solche Folge von Gemählden, als der Graf Caylns aus ihm angicbt, vorhanden gewesen wäre, und wir wüßten, daß der Dichter aus diesen Gemählden sein Werk genommen hätte: würde er nicht von unserer Bewunderung unendlich verlieren? Wie kömmt es, daß wir dem Künstler nichts von unserer Hochachtung entziehen, wenn er schon weiter nichts thut, als daß er die Worte des Dichters mit Figuren und Farben ausdrücket? Die Ursach scheinet diese zu seyn. Bey dem Artisten dünket uns die Ausführung schwerer, als die Erfindung; bey dem Dichter hingegen ist es umgekehrt, und seine Ausführung dünket uns gegen die Erfindung das Leichtere. Hätte Virgil die Verstrickung des Laokoon und seiner Kinder von der Gruppe genommen, so würde ihm das Verdienst, welches wir bey diesem seinem Bilde für das schwerere und größere halten, fehlen, und nur das geringere übrig bleiben. Denn diese Verstrickung in der Einbildungskraft erst schaffen, ist weit wichtiger, als sie in Worten ausdrücken. Hätte hingegen der Künstler diese Verstrickung von dem Dichter entlehnet, so würde er in unsern Gedanken doch noch immer Verdienst genug behalten, ob ihm schon das Verdienst der Erfindung abgehet. Denn der Ausdruck in Marmor ist unendlich schwerer als der Ausdruck in Worten; und wenn wir Erfindung und Darstellung gegen einander abwägen, so sind wir jederzeit geneigt, dem Meister an der einen so viel wiederum zu erlassen, als wir an der andern zu viel erhalten zu haben meinen. Es giebt sogar Fälle, wo es für den Künstler ein größeres Verdienst ist, die Natur durch das Medium der Nachahmung des Dichters nachgeahmet zu haben, als ohne dasselbe. Der Mahler, der nach der Beschreibung eines Thomsons eine schöne Landschaft darstellet, hat mehr gethan, als der sie gerade von der Natur copirct. Dieser siehet sein Urbild vor sich; jener muß erst seine Einbildungskraft so anstrengen, bis er es vor sich zn sehen glaubet. Dieser macht aus lebhaften sinnlichen Eindrücken etwas Schönes; jener aus schwanken und schwachen Vorstellungen willkührlichcr Zeichen. 448 Laokoen. So natürlich aber die Bereitwilligkeit ist, dem Künstler das Verdienst der Erfindung zu erlaßcn, eben so natürlich hat daraus die Lauigkcit gegen daßelbc bey ihm entspringen müßen. Denn da er sahe, daß die Erfindung seine glänzende Seite nie werden könne, daß sein größtes Lob von der Ausführung abhänge, so ward es ihm gleich viel, ob jene alt oder neu, einmal oder unzähligmal gebraucht sey, ob sie ihm oder einem anderen zugchörc. Er blieb in dem engen Bezirke weniger, ihm und dem Publico geläufig gewordener Borwürfe, und ließ seine ganze Ersindsamkcit auf die bloße Bcrändcrung in dem Bekannten gehen, auf neue Zusammensetzungen alter Gegenstände. Das ist auch wirklich die Idee, welche die Lehrbücher der Mahlerey mit dem Worte Erfindung verbinden. Denn ob sie dieselbe schon sogar in mahlerische und dichterische eintheilen, so gehet doch auch die dichterische nicht auf die Hcrvorbringung des Nor- wurfs selbst, sondern lediglich auf die Anordnung oder den Ausdruck. ^ Es ist Erfindung, aber nicht Erfindung des Ganzen, sondern einzelner Theile, und ihrer Lage unter einander. Es ist Erfindung, aber von jener geringern Gattung, die Horaz seinem tragischen Dichter anricth: — — — luyuo liectlus Illaeuin ciuuivii lleiluels in aetus, <^)u«m tl pi'vlLi'i'08 lAimta iiuli^tac^io zn'iinus. e Anrieth, sage ich, aber nicht befahl. Anricth, als für ihn leichter, bequemer, zuträglicher; aber nicht befahl, als bcßcr und edler an sich selbst. Zn der That hat der Dichter einen großen Schritt voraus, welcher eine bekannte Geschichte, bekannte Charaktere behandelt. Hundert frostige Kleinigkeiten, die sonst zum Bcrständnissc des Ganzen unentbehrlich seyn würden, kann er übergehen; und je geschwinder er seinen Zuhörern verständlich wird, desto geschwinder kann er sie intcrcssircn. Diesen Borthcil hat auch der Mahler, wenn uns sein Norwurf nicht fremd ist, wenn wir mit dem ersten Blicke die Absicht und Meinung seiner ganzen Composi- tion erkennen, wenn wir auf eins, seine Personen nicht bloß 5) Bttl'.ichtmijicn i'ibcr die Mchlcrcy S. 129. », f. c) ^tl pjsunss v. 128-30. '_ ' _^ ^..'B!- V '^,. / lieber dic Grenzen der Mahlerey und Poesie. 4l!« sprechen sehe», sondern auch hören, was sie sprechen. Von den, ersten Blicke hanget dic größte Wirkung ab, nnd wenn lins dieser zu mühsamen Nachsinnen lind Rathen nöthiget, so erkaltet unscrc Begierde gcrührct zu werden; um uns an dem unverständlichen Künstler zu rächen, verhärten wir uns gegen den Ausdruck, und weh ihm, wann er die Schönheit dem Ausdrucke aufgeopfert hat! Wir .finden sodann gar nichts, was uns rcitzc» könnte, vor seinem Werke zu verweilen; was wir sehen gefällt uns nicht, und was wir dabey denken solle», wissen wir nicht. Nun nehme man beydes zusammen; einmal, daß die Erfindung und Neuheit des Norwurfs das vornehmste bey weitem nicht ist, was wir von dem Mahler verlange»; zwcytcns, daß ein bekannter Borwurf dic Wirkung seiner Kunst bcfödcrt und erleichtert: und ich mciiic, nia» wird die Ursache, warum er sich so selten zu neue» Borwürfcn entschließt, nicht mit dem Grafen Caylus, in seiner Bequemlichkeit, in seiner Unwissenheit, in der Schwierigkeit des mechanischen Theiles der Kunst, welche allen seinen Fleiß, alle seine Zeit erfordere, suchen dürfen; sondern man wird sie tiefer gegründet finden, und vielleicht gar, was Anfangs Einschränkung der Kunst, Verkümmerung unsers Vergnügens, zu seyn scheinet, als eine weise und uns selbst nützliche Enthaltsamkeit an dem Artisten zu lobcn gcncigt scyn. Ich fürchte auch nicht, daß mich dic Erfahrung widerlegen werde. Die Mahler werden dem Grafen für seinen guten Willen danken, aber ihn schwerlich so allgemein nutzen, als er es erwartet. Geschähe es jedoch: so würde über hundert Jahr ein neuer Caylus nöthig scyn, der die alten Vorwürfe wieder ins Gedächtniß brächte, und den Künstler in das Feld zurückführte, wo andere vor ihm so unsterbliche Lorbeeren gebrochen haben. Oder verlangt man, daß das Publicum so gelehrt scyn soll, als der Kcnncr aus seinen Büchern ist? Daß ihm alle Scenen der Geschichte und der Fabel, die ein schönes Gemählde geben können, bekannt und geläufig scyn sollen? Ich gebe es zu, daß die Künstler beßcr gethan hätten, wenn sie seit Raphacls ?ci- ten, anstatt des Lvids, den Homer zu ihrem Handbuchc gemacht hätten. Aber da cs nun einmal nicht geschehen ist, so laße ?-slmgSWttke vi, 29 460 Laokoon. mau das Publicum in seinem Gleise, und mache ihm sein Vergnügen nicht saurer, als ein Vergnügen zu stehen kommen muß, um das zu sey», was es seyn soll. Protogcncs hatte die Mutter des Aristoteles gemahlt. Ich weis nicht wie viel ihm der Philosoph dafür bezahlte. Aber entweder anstatt der Bezahlung, oder noch über die Bezahlung, ertheilte er ihm einen Rath, der mehr als die Bezahlung werth war. Denn ich kann mir nicht einbilden, daß sein Rath eine bloße Schmeichele» gewesen sey. Sondern vornehmlich weil er das Bedürfniß der Kunst erwog, allen verständlich zu seyn, ricth er ihm, die Thaten des Alexanders zu mahlen; Thaten, von welchen damals alle Welt sprach, und von welchen er voraus sehen konnte, daß sie auch der Nachwelt unvergeßlich seyn würden. Doch Protogenes war nicht gesetzt genug, diesem Rathe zu folgen; imnvtus anim!, sagt Plinius, K yu-vclam aitis liliiclo,^ ein gewisser Ucbcrmuth der Kunst, eine gewisse Lüsternheit nach dem Sonderbaren und Unbekannten, trieben ihn zu ganz andern Vorwürfen. Er mahlte lieber die Geschichte eines Ialysus,« einer Cydippe und dergleichen, von welchen man itzt auch nicht einmal mehr errathen kann, was sie vorgestellet haben. Xll. Homer bearbeitet eine doppelte Gattung von Wesen und Handlungen; sichtbare und unsichtbare. Diesen Unterschied kann 6) I.ib. XXXV. sec«. 3«, I>. 700 kllil. NsrS. «) Richards»» nennet dieses Werk, wenn er die Regel erläutern will, das, in eine», Gemählde die Aufmerksamkeit des Betrachters durch nichts, es möge auch noch so vortrefflich seyn, von der Hauptfigur abgezogen werden müßc. „Protogcncs," sagt er, „hatte in seinem berühmte» Gemählde Ialy- „sus ein Rebhuhn mit angebracht, und es mit so vieler Kunst ausgemahlet, „daß es zu leben schien, und von ganz Griechenland bewundert ward; weil „es aber aller Augen, zum Nachtheil des Hauptwerks, zu selw an sich zog, „so löschte er es gänzlich wieder aus," (rr-iiiv cle I» peiiiiure r. l. p. 46.) Richardson hat sich gcirrct. Dieses Rebhuhn war nicht i» dem Za- lvsus, sonder» in einem andern Gemählde des Protogencs gewesen, welches der ruhende oder müßige Satvr, ^-ni^o? «v«5«-uo,t^c>?, hieß. Ich würde diese» Fel'ler, welcher aus ei»er mißverstandenen Stelle des Wnius entsprungen ist, kaum anmerke», wen» ich ihn nicht auch beym Meursius Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 461 die Mahlerey nicht angeben: bey ihr ist alles sichtbar; lind auf cincrlcy Art sichtbar. Wenn also der Graf Caylus die Gemählde der nnsichtbaren Handlungen in linzcrtrciintcr Folge mit den sichtbaren fort- lauffcn läßt; wenn er in den Gemählden der vermischten Handlungen, an welchen sichtbare und unsichtbare Wesen Theil nehmen, nicht angicbt, und vielleicht nicht angebe» kann, wie die letzter», welche mir wir, die wir das Gemählde betrachten, darin« entdecken sollte», so anzubringen sind, daß die Personen des Gemähldes sie nicht sehen, wenigstens sie nicht nothwendig sehen zu müssen scheinen können: so muß nothwendig sowohl die ganze Folge, als auch manches einzelne Stück dadurch äusserst verwirrt, unbegreiflich und widersprechend werden. Doch diesem Fehler wäre, mit dem Buche in der Hand, noch endlich abzuhelfen. DaS schlimmste dabey ist nur dieses, daß durch die mahlerische Aufhebung des Unterschiedes der sichtbaren und unsichtbaren Wesen, zugleich alle die charakteristischen Züge verloren gehen, durch welche sich diese höhere Gattung über jene geringere erhebet. Z. E. Wen» endlich die über das Schicksal der Trojaner getheilten Götter unter sich selbst handgemein werden: so gehet bey dem Dichter-- dieser ganze Kampf unsichtbar vor, lind diese llnsichtbarkcit erlaubet der Einbildungskraft die Scene zu erweitern, und läßt ihr freyes Spiel, sich die Personen der Götter fände: (Mwili Ii>>. I. can. 54. p. 38.) In oailem, Islttil» lc. in qua la- Ixlu», L.ili'rus ersl, yuvm lNcüksnt ^»spavoinviiv», liviss Ikiienü. Desgleichen bcv dem Herrn Winkclmann selbst. (Von der Nachahm. der Gr. W. in der Mahl, und Bildh. S. 56.) Slrabo ist der eigentliche Währ- man» dieses Histörchens mit dem Rebhuhnc, und dieser unterscheidet den Zalpsus, und den an eine Säule sich lehnenden Satyr, ans welcher das Rebhuhn saß, ausdrücklich. (l.ib. XIV. p. 7S0 AM. X^i.) Die Stelle des Plinius si>ik. XXXV. lect. s«. n. «99.) habe» Meursius und Nichard- son und Winkclmann deswegen falsch verstanden, weil sie nicht Acht gegeben, daß von zwev verschiedenen Gemählden daselbst die Siede ist: dem einen, dessentwegen Dcmetrins die Stadt nicht libcrkam, weil er den Ort nicht angreiffcn wollte, wo es stand; und dem andern, welches Prologcncs, während dieser Belagerung mahlte. Jenes war der Zalvsus, und dieses der Satvr. a) Iliack, S. v. 38S. 29* ^',2 Laokoon. »nd ihre Handlungen so groß, und über das gemeine Menschliche so weit erhaben zu denken, als sie nur immer will. Die Mahlerey aber muß eine sichtbare Scene annehmen, deren verschiedene nothwendige Theile der Maaßstab für die darauf handelnden Personen werden; ein Maaßstab, den das Auge gleich darneben hat, und dessen UnProportion gegen die höhern Wesen, diese höher» Wesen, die bey dem Dichter groß waren, auf der Fläche des Künstlers ungeheuer macht. Minerva, auf welche Mars in diesem Kampfe den ersten Angriff waget, tritt zurück, und fasset mit mächtiger Hand von dem Boden einen schwarzen, rauhen, grossen Stein auf, den vor alten Zeiten vereinigte Männcrhände zum Grenzsteine hin- gewälzct hatten. II ui>«x<20'o'«^xi>i'> ^t^civ x^x^o xetpl, ir«X^7Z> R-kt^i-^ov irx6tu>, ^xX,«v«, T^x^v 76 > ^civ «i'Fpx-; nAo^epoi, A-x,0V k?r' «>>,>,?/>,ov?' «!, äk l^dl/l.w^olo'I, V/I,<»«t ölk<5>.i,äv«vro' Acuv zrk^l, ö' wo^k^« zii^i« Eine Künstelet), welche die Hauptsache verdirbt, Sie erhöbet unsern Begriff von dc» Körpern der Götter, und macht die Waffen, welche sie gegen einander brauchen, lächerlich. Wenn Götter einander mit Steinen werffcn, so müssen diese Steine auch d!e Götter beschädigen können, oder wir glauben nnilhwilligc Buben zu sehe», die sich mit Erdklössen werfen. So bleibt der alte Homer immer der Weisere, und aller Tadel, mit dem ilin der kalte Kunst- richlcr belegt, aller Wettstreit, in welche» sich geringere Genies mit ihm einlassen, dienen zu weiter nichts, als seine Weisheit in ihr bestes Licht zu setzen. Indeß will ich nicht leugnen, daß in der Nachahmung des Quinttis nicht auch sehr trcflichc Züge vorkommen, und die ihm eigen sind. Doch sind es Züge, die nicht sowohl der bescheidenen Grösse des Homers geziemen, als dem stürmischen Feuer eines neuern Dichters Ehre machen würden. Daß das Geschrey der Götter, welches hoch bis in den Himmel und lief bis i» den Abgrund ertönet, welches den Berg und die Stadt und die Flotte erschüttert, von den Menschen nicht gehöret wird, dünket mich eine sehr vicl- vedcutcnde Wendung zu sey». Das Geschrey war grösser, als daß es die kleinen Werkzeuge des menschlichen Gehöres fassen konnten. , 454 Lackoou. seinen vorzüglichsten Helden beyleget,-? müssen in dem Gemählde auf das gemeine Maaß der Menschheit hcrabsinkc», und Zupi- tcr nnd Agamcmnon, Apollo und Achilles, Ajax und MarS, werden vollkommen einerlei, Wesen, die weiter an nichts als an äusserlichen verabredeten Merkmalen zu kennen sind. Das Mittel, dessen sich die Mahlerey bedienet, uns zu verstehen zu geben, daß in ihren Kompositionen dieses oder jenes als unsichtbar betrachtet werden müsse, ist eine dünne Wolke, in welche sie es von der Seite der mithaudclndcn Personen einhüllet. Diese Wolke scheinet aus dem Homer selbst entlehnet c) In Ansehung der Slärkc nnd Schnelligkeit wird niemand, der den Homer auch nur ein cinzigcsnial flüchtig durchlauffcn hat, diese Asscrtio» in Abrede scpn. Nur dürfte er sich vielleicht der C-rcmpcl nicht gleich erinnern, aus welchen es erhellet, das; der Dichter seinen Göttern auch eine körperliche Grösse gegeben, die alle natürliche Maassc weit übersteiget. Ich verweise ihn alsv, ausser der angezognen Stelle von dem zu Boden grworffncn Mars, der sieben Hufen bedecket, auf den Helm der Minerva, (X^v^v xx-nov -rc>- -rii-v^-o-l/ «tza^l«,'. liinci. L. V. 744.) unter welchem sich so viel Streiter, als hundert Städte in das Feld zu stellen vermögen, verbergen können, auf die Schritte des Neptunus; (!»-»>. >>'. v. 20.) vornehmlich aber auf die Zeilen aus der Beschreibung des Schildes, wo Mars und Minerva die Truppen der belagerten Stadt anführen. (lii»U. 2. v. 5<.6-ti1>) — — tliiM «l,"^ r-l?' ««6 1 ^.A^viz Selbst Ausleger des Homers, alte sowohl als neue, scheinen sich nicht allezeit dieser wunderbaren Statur seiner Götter genugsam erinnert zu haben j welches aus den lindernden Erklärungen abzunehmen, die sie über den grossen Helm der Minerva geben zu müssen glauben. lS, die Llarkisch-Erncstische Ausgabe des Homers an der angezogenen Stelle.) Man verliert aber von der Seile des Crbabencn unendlich viel, wenn man sich die Homerischen Götter nur immer in der gewöhnliche» Grösse denkt, in welcher man sie, in Gesellschaft der Sterblichen, aus der Leincwand zu sehen vcrwölmet wird. Ist es indes; schon nicht der Mahlerev vergönnet, sie in diesen übersteigenden Dimensionen darzustellen, so dars es doch die Bildhauerei? gcwisscrmaassen thun; und ich bin überzeugt, das, die alten Meister, so wie die Bildung der Götter überhaupt, also auch das Kolossalischc, das sie öfters iiircn Statuen ertheilte», aus dem Homer cnllcbnet baden, (u<;r»>lot. Iil>. II. p. 130. !:>»>. >V«!Uui.) Verschiedene Anmerkungen über dieses Kolossalischc insbesondere, und warnm es in der Bildhauerei) vo» so grosser, i» der Mahlerey aber vo» gar keiner Wirkung ist, »erspare ich auf eine» ander» Ort. Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 455 zu seyn. Denn wenn im Getümmel der Schlacht einer von den wichtigern Helden in Gefahr kömmt, ans der ihm keine andere, als göttliche Macht retten kann: so läßt der Dichter ihn von der schlitzenden Gottheit in einen dicken Nebel, oder in Nacht verhüllen, und so davon führen; als den Paris von der Acnus, I. v. 44S. 456 .,s,:^ '.l^ iiaokoon. ^ l»t"n''> Zil ii'^U solgc» können, hüllet ihn der Dichter vorher in Nebel ein; nicht weil man anstatt des entrückten Körpers einen Nebel ge- scben, sondern weil wir das, was in einem Nebel ist, als nicht sichtbar denken. Daher kehrt er es auch bisweilen um, und läßt, anstatt das Object unsichtbar zu machen, das Subject mit Blindheit geschlagen werden. So verfinstert Neptun die Äugen des Achilles, wenn er den Acneas aus seinen mörderischen Handen errettet, den er mit einem Rucke mitten aus dem Gcwühle auf einmal in das Hintertreffen versetzt, ä Zn der That aber sind des Achilles Augen hier eben so wenig verfinstert, als dort die entrückten Helden in Nebel gchüllct; sondern der Dichter setzt das eine und das andere nur bloß hinzu, um die äusserste Schnelligkeit der Entrückung, welche wir das Verschwinden nennen, dadurch sinnlicher zu machen. Den bomcrischcn Nebel aber haben sich die Mahler nicht bloß in den Fällen zu eigen gemacht, wo ihn Homer selbst gebraucht hat, oder gebraucht habe» würde; bey Unsichtbarwerdun- gc», bcv Ncrschwindungen: sondern überall, wo der Betrachter etwas in dem Gemählde erkennen soll, was die Personen des Gemähldes entweder alle, oder zum Theil, nicht erkennen. Minerva ward dem Achilles nur allein sichtbar, als sie ihn zurückhielt, sich mit Thätigkeiten gegen den Agamcmnon zu vergehen. Dieses auszudrücken, sagt Caylus, weis ich keinen andern Rath, als daß man sie von der Seite der übrigen Nathsver- sammlung in cinc Wolke verhülle. Ganz wider den Geist des Dichters. Unsichtbar scyn, ist dcr natürliche Zustand seiner Götter; cS bedarf keiner Blendung, keiner Abschneidung der Lichtstrahlen, daß sie nicht gesehen werden; - sondern es bedarf ci- A),,w^r."v..H!tt.''..., ^, Y Zwar läßt Homer auch Gotlhcitc» sich dann und wann in eine Wolke bullen, aber nur alsdcnn, wenn sie von andern Gottheiten nicht wollen gc- schc» werten. Z. E. Hi-lU. v. 28S. wo Juno und dcr Schlaf -^i-« -s. ,.',..5,...i«X..<^?N^'V» :Vowck^»k«kk! Wenn Homers Werke gänzlich verloren wären, wann wir von seiner Zlias und Odyssee nichts übrig hätten, als eine ähnliche Folge von Gemählden, dergleichen Eaylus daraus vorgeschlagen: würden wir wohl aus diesen Gemählde», — sie sollen von der Hand des vollkommensten Meisters seyn, — ich will nicht sagen, von dem ganzen Dichter, sondern bloß von seinem mahlerischen Talente, uns den Begriff bilden können, den wir itzt von ihm haben? Man mache einen Versuch mit dem ersten dem besten Stücke. Es sey das Gemählde der Pest. Was erblicken wir auf der Fläche des Künstlers ^ Todte Leichname, brennende Scheiterhaufen, Sterbende mit Gestorbenen beschäftiget, den erzürnten Gott auf einer Wolke, seine Pfeile abdrückend. Der größte Neich- ?i n'lr/s linr^oD .änlich 6ni! »siDnlM ziH Mi Ztts^ mst-.i «'«o»^-",«trlx-vH','H««>d» «twz«v«r«Ai> . ."',">?-itfih llnH titlt . , -L'vSrc ^>e-ov -rozic ökcöt^l, /^?7rk r^v '.iis , l)>siccs^>xi' L0t.ov ^ot vkcpo? >j>^ ^i>?^r?f°ÄzZzi^ sti MMÄÄ'^S. -nL ttNsil'ZI?Z i^'j ZüI^iM so folgt doch daraus nicht, das; sie crst diese Wolke vor den Auge» der Mcnschcn wurde vcrborgcn haben: sondern es will nur so viel, daß sie in dicscr Wolke eben so unsichtbar den Göttern werden solle, als sie es nur immer den Menschen scv. So auch» wenn Minerva sich den Helm des Pluto aufsetzet, (iiiaä. L. v. 84.?.) welches mit dem Verhülle» in eine Wolke einerley Wirkung hatte/ geschieht es nicht, um von den Trojanern nicht gcscl'c» ^u werden, die sie entweder gar nicht, oder unter der Gestalt des Sthcnclus erblicken, sonder» lediglich, damit sie Mars nicht erkennen möge, a) IU»a. V. 44-33. '4'adteaux lires cle I'IIiAitll I>. 70. 5 d » ^ 458 Laokoon. thliin dieses Gemähldes, ist Armuth des Dichters. Denn sollte man den Homer aus diesem Gemählde wieder herstellen: was könnte man ihn sagen lassen? „Hierauf ergrimmte Apollo, und „schoß seine Pfeile unter das Heer der Griechen. Viele Gric- „chcn starben und ihre Leichname wurden verbrannt." Nun lese man den Homer selbst: Li^ <5r x«5 oi^^«l7roio x«j>rz2,>uiv Ai^o^ki/a^ xrzp, ^17»^' l^ilolci'tu rx^', «^^rzpxc^k« ?x r^«j>x?^7>v. Tx?>,«^«v 6' v'c<^ot r?r' u?^lt>i- ^wo.o^rvoio, L.i^i'ov Xtv^^e^'?»-;- » 6' 'Ae vi^x^t cotXit«-;- Z^^x^' «irrt?'' cx?r«v?v^x i^ltii^', ck' tov «ijx«' /Xx»^ c!L xX«^^>^ ^-svc? «ji^'^xo^o ^lvlo. L>vj>^«? ^l^ev ?H>k>?^^- ^vr«5> cire^r' «vi'oto't ^ZxX,ci^ ex^^-^^? xcptxt^ L«^).,'' «let ?rvp«i i>xxi^u)v xcxtov?o ^«^l.kl«t. So weit das Leben über das Gemählde ist, so weit ist der Dichter hier über den Mahler. Ergrimmt, mit Bogen und Köcher, steiget Apollo von den Zinnen des Olympus. Ich sehe ihn nicht allein hcrabstcigcn, ich höre ihn. Mit jedem Tritte erklingen die Pfeile um die Schultern des Zornigen. Er gehet einher, gleich der Nacht. Nun sitzt er gegen den Schiffen über, und schnellet — fürchterlich erklingt der silberne Bogen — den ersten Pfeil auf die Maulthiere und Hunde. Sodann faßt er mit dem giftiger» Pfeile die Menschen selbst; und überall lodern unaufhörlich Holzstoffe mit Leichnamen. — Es ist unmöglich die musikalische Mahlerey, welche die Worte des Dichters mit hören lassen, in eine andere Sprache überzutragen. Es ist eben so unmöglich, sie aus dem materiellen Gemählde zu vermuthen, ob sie schon nur der allcrklcinestc Vorzug ist, den das poetische Gemählde vor selbigem hat. Der Hauplvorzug ist dieser, daß uns der Dichter zu dem, was das materielle Gemählde aus ihm zeiget, durch eine ganze Gallerte von Gemählden führet. Aber vielleicht ist die Pest kein vorthcilhafter Vorwurf für die Mahlerey. Hier ist ein anderer, der mehr Reiße für das Auge hat. Die rathpflcgcndcn trinkenden Götter, i Ein goldncr 5) lliilil. ^> v. t-4. r-»KIe»ux tiiLü l'Uiaäu p. 30. Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. offener Pattast, willkührliche Gruppen der schönsten und vcvth- rungswürdigstcn Gestalten, den Pocal in der Hand, von Hebe», der ewigen Zugcnd, bedienet. Welche Architektur, welche Massen von Licht und Schatten, welche Contrastc, welche Mannigfaltigkeit des Ausdruckes! Wo fange ich an, wo höre ich auf, mein Auge zu weiden? Wann mich der Mahler so bczaubcrt, wie vielmehr wird es der Dichter thun! Zch schlage ihn auf, und ich finde — mich betrogen. Ich finde vier gute plane Zeilen, die zur Unterschrift eines Gemähldes dienen können, in welchen der Stoff zu einem Gemählde liegt, aber die selbst kein Gemählde sind. i5c ^-5t« U^rz ^xx^ocz) ekn->>»« »i> Poeme ke>irnis5»ii ll'jnmxe« 6° u"«elio«s, plus il itvvil »le upviwrUe en l'uelie. l,'ette reflexiun in'ilvoit eomluil !l venser Ies tijfkeiens 'I'illileiNix, iiu'effreiN le» ?»ei»e«, peuvuil servil comnnier le meiile resueclik !7 lies pueles, I^e i>em!>>>' le xeure lies 'ksuieAiix c>ue vresenlent ees xrüiills ouvritges, »uroieiit elü ,me ec,,ecv lle pierre ile louoiie, »11 vllilüt une dklaiice rerüuiie llu me- rile >Ie ees Poemes ll» genie Ä« lears .^uluurs. Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. -jlil ich, um von dieser Einschränkung frey zu werden, einen grossen Werth auf den Verlust des erster« legen. Das Verlorne Paradies ist darum nicht weniger die erste Epopcc nach dem Homer, weil es wenig Gemählde liefert, als die Leidensgeschichte Christi deswegen ein Poem ist, weil man kaum den Kopf einer Nadel in sie setzen kann, ohne auf eine Stelle zu treffen, die nicht eine Menge der größten Artisten beschäftiget hätte. Die Evangelisten crzehlcn das Factum mit aller möglichen trockenen Einsalt, und der Artist nutzet die mannigfaltigen Theile desselben, ohne daß sie ihrer Seits den geringsten Funken von mahlerischem Genie dabey gezeigt haben. Es giebt mahlbare und unmahlbare Facta, und der Geschichtschreiber kann die mahlbarstcn eben so unmahlerisch crzehlcn, als der Dichter die unmahlbarsten mahlerisch darzustellen vermögend ist. Man läßt sich bloß von der Zweydeutigkeit des Wortes verführen, wenn man die Sache anders nimt. Ein poctischcs Gemählde ist nicht nothwendig das, was in ein materielles Gemählde zu verwandeln ist; sondern jeder Zug, jede Verbindung mehrerer Züge, durch die uns der Dichter seinen Gegenstand so sinnlich macht, daß wir uns dieses Gegenstandes deutlicher bewußt werden, als seiner Worte, heißt mahlerisch, heißt ein Gemählde, weil es uns dem Grade der Illusion näher bringt, dessen das materielle Gemählde besonders fähig ist, der sich von dem materiellen Gemählde am ersten und leichtesten abstrahi- ren lassen. 6 /,) Was wir poetische Gemählde nennen, nannten die Alten Pliantasiee», wie man sich ans dem Longin erinnern wird. Und was wir die Illusion, das Täuschende dieser Gemählde heisst», hieß bey ihnen die Enargic. Dakcr halte einer, wie Plutarchus meldet, (krot. 'k. n. nau, n>>»r. «wpii. p, t35l.) gesagt: die poetischen Phautasicc» wären, wegen ihrer Euargie, Träume der Wachenden, ^ ^o,,^--«-, ^«i^ra^ai. öl« i^v t^a^z>6l«i' kz>hiss>otz07^ k,"»5Vt« kl<5cv. Ich wünschte sehr, die neuern Lehrbücher der Dichtkunst l'ättcn sich dieser Beucnnuug bedienen, und des Worts Gemählde gänzlich enthalten wollen. Sie wurden uns eine Menge halbwahrcr Regeln erspart haben, derer vornehmster Grund die Uebereinstimmung eines will- kül'rlichcu Namens ist. Poetische Phantasiee» wurde kein Mensch so leicht den Schranken eines materiellen Gemähldes untcrworffcn habe»; aber sobald man die Phanlasiccn poetische Gemählde nannte, so war der Grund zur Verführung gelegt. Laokoon. XV. Nun kann der Dichter zu diesem Grade der Illusion, wie die Erfahrung zeiget, auch die Vorstellungen anderer, als sichtbarer Gegenstände erheben. Folglich müssen nothwendig dem Artisten ganze Classen von Gemählden abgehen, die der Dichter vor ihm voraus hat. Drydens Ode auf den Eäcilicnstag ist voller musikalischen Gemählde, die den Pinsel mußig lassen. Doch ich will mich in dergleichen Ercmpcl nicht verlieren, aus welchen man am Ende doch wohl nicht viel mehr lernet, als daß die Farben keine Töne, und die Ohren keine Augen sind. Zch will bey den Gemählden bloß sichtbarer Gegenstände sieben bleiben, die dem Dichter und Mahler gemein sind. Woran liegt es, daß manche poetische Gemählde von dieser Art, für den Mahler unbrauchbar sind, und hinwiederum manche eigentliche Gemählde unter der Behandlung des Dichters den größten Theil ihrer Wirkung verlieren? Ercmpcl mögen mich leiten. Zch wicdcrhohle es: das Gemählde des Pandarus im vierten Buche der Zlias ist eines von den ausgcführtcstcn, täuschendste» im ganzen Homer. Von dem Ergreiffcn des Bogens bis zu dem Fluge des Pfeiles, ist jeder Augenblick gemahlt, und alle diese Augenblicke sind so nahe nnd doch so unterschieden angenommen, daß, wenn man nicht wüßte, wie mit dem Bogen umzugehen wäre, man es aus diesem Gemählde allein lernen könnte. « Pandarus zieht seinen Bogen hervor, legt die Senne an, öfnct den Köcher, wählet einen »och ungebrauchten wohlbeficdertcn Pfeil, setzt den Pfeil an die «) in»a, 4. v. ios. ^z>»>,li'a5 — — — — — — — ^/ZXizr«, »rktiok^r», -iz/i,' o<5^»>aui^ LXxk ö' o,il0»> z'X^x^lö«? rk >^«,?->„', «o» vc'vtz« /Zokl«, X»^.'hiz>' /^a^v ^e^ao^?-, ^o^u «siöi^oi'. ^.^15«^ k^töiz xvx>.05kgk? >uz>« 70>-oi' iVktVk, ^,)>>-k i?to?, i'kiitz^ ök «^c> ö' z O^/ZkXiz?, xa.Z>' oil^ov iZttrcrco^cil ,6 kommen bestätiget fände, oder wenn es nicht vielmehr die Praris des Homers selbst wäre, die mich darauf gebracht hätte. Nur aus diesen Grundsätzen läßt sich die grosse Manier des Griechen bestimmen und erklären, so wie der entgegen gesetzten Manier so vieler neuern Dichter ihr Recht ertheilen, die in einem Stücke mit dem Mahler wettciscrn wollen, in welchem sie nothwendig von ihm überwunden werden müssen. Ich finde, Homer mahlet nichts als fortschreitende Handlungen, und alle Körper, alle einzelne Dinge mahlet er nur durch ihren Antheil an diesen Handlungen, gemeiniglich n»r 'mit Einem Zuge. Was Wunder also, daß der Mahler, da wo Homer mahlet, wenig oder nichts für sich zu thun siehet, nnd daß seine Erndtc nur da ist, wo die Geschichte eine Menge schöner Körper, in schönen Stellungen, in einem der Kunst vorlhcil- haftcm Raume zusammenbringt, der Dichter selbst mag diese Körper, diese Stellungen, diesen Raum so wenig mahlen, als er will? Man gehe die ganze Folge der Gemählde, wie sie Eaylus aus ihm vorschlägt, Stück vor Stück durch, und man wird in jedem den Beweis von dieser Anmerkung finden. Ich lasse also hier den Grafen, der den Farbcnstcin des Mahlers zum Probiersteine des Dichters machen will, um die Manier des Homers näher zu erklären. . Für Ein Ding, sage ich, hat Homer gemeiniglich nur Einen Zug. Ein Schiff ist ihm bald das schwarze Schiff, bald das hohle Schiff, bald das schnelle Schiff, höchstens das wohl- bcrudcrte schwarze Schiff. Weiter läßt er sich in die Mablcrcy des Schiffes nicht ein. Aber wohl das Schiffen, das Abfahren, das Anlanden des Schiffes, macht er zu einem ausführlichen Gemählde, zu einem Gemählde, aus welchem der Mahler fünf, sechs besondere Gemählde machen müßte, wenn er es ganz auf seine Leinwand bringen wollte. Zwingen den Homer ja besondere Umstände, unsern Blick ans einen einzeln körperlichen Gegenstand länger zu heften: so wird dem ohngcachtct kein Gemählde daraus, dem der Mahler mit dem Pinsel folgen könnte; sondern er weis durch unzählige Kunstgriffe diese» einzeln Gegenstand in eine Folge von Augenblicken zu setzen, in deren jedem er anders erscheinet, und in LeMgS Wette VI. zg L.iokocn. deren letztem ihn der Mahler erwarten muß, um uns entstanden zu zeigen, was wir bey dem Dichter entstehen sehn. Z. E. Will Homer uns den Wagen der Zuno sehen lassen, so muß ihn Hebe vor unsern Augen Stück vor Stück zusammen setzen. Wir sehen die Räder, die Achsen, den Sitz, die Deichsel und Riemen und Stränge, nicht sowohl wie es beysammen ist, als wie es unter den Händen der Hebe zusammen kömmt. Auf die Räder allein verwendet der Dichter mehr als einen Zug, und weiset uns die ehernen acht Speiche», die goldenen Felgen, die Schienen von Erzl, die silberne Nabe, alles insbesondere. Man sollte sagen: da der Räder mehr als eines war, so mußte in der Beschreibung eben so viel Zeit mehr auf sie gehen, als ihre besondere Anlegung deren in der Natur selbst mehr erforderte. « °L/Zrz ck' oc^.l.lp »XMv'ov K-ou)^ /Z«X,x x«^i.?r'u^« xi^x?»«, Xcx^xr« ox?-«?»'»^!.«, <5i,ckiMxui «>^ovi «^ -unüp^LV Xoc^xs' k?ri,o'»'(o?'z>«, ?rj>c>ci'«p^po?'«, HXr^i.v«t ck' «;>^>^j>c>^ -lv't ?rxpt^o^0t «^i.^oT'Ljiui^LV ^-,^v<^ <5x xp^^^^i x«t «^vpxoto'N' l^l.cxo^i.ot «v^^e^ xtcrt' l'o^i ck' ^ «^>A/^j>xci^ j>^i.c>^ ?rx?vxv' «i^T'ocp e?r' «Xjiui ^cre x?^^^c>v x«).civ ^^>ov, <5e ^x^oeckv« ^«X,' xp^^^^- — — — — Will uns Homer zeigen, wie Agamcmnon bekleidet gewesen, so muß sich der König vor unsern Augen seine völlige Kleidung Stück vor Stück umthu»; das weiche Unterkleid, den grossen Mantel, die schönen Halbsticfcln, den Degen; und so ist er fertig, und ergreift das Scepter. Wir sehen die Kleider, indem der Dichter die Handlung des Bcklcidcns mahlet; ein anderer würde die Kleider bis auf die geringste Franze gemähter haben, und von der Handlung hätten wir nichts zu sehen bekommen." «) M-»I, 15. v. 7ZZ-.1I. ° v. v. Ucbcr die Vrcnzcn der Mahlerey und Pocssc, -js>7 — — — Hl«X«xoi> x Xl?^>>«, Xu^, i>^'«7'xll7', ?rx;>t i^tcpn^ «j>^.^>o^?.oT', Li^rT'o <5x s/x >^ir?j>oi > iroe^iv/loi', «csi^ti'ov atkt. Und wenn wir von diesem Scepter, welches hier blos das väterliche, unvergängliche Scepter heißt, so wie ein ähnliches ihm an einem andern Orte blos XL"-^'c>t? ^oeci-t «xircx;>,,lx, .>i, das mit goldenen Stiften beschlagene Scepter ist, wenn wir, sage ich, von diesem wichtigen Scepter ein vollständigeres, genaueres Bild haben sollen: was thut sodann Homer? Mahlt er uns, ausser den goldenen Nägeln, nun auch das Holz, den geschnitzten Knopf? Za, wenn die Beschreibung in eine Heraldik sollte, damit einmal in den folgenden Zeiten ein anderes genau darnach gemacht werden könne. Und doch bin ich gewiß, daß mancher neuere Dichter eine solche Wappcnkönigsbcschrci- bung daraus würde gemacht haben, in der treuherzigen Meinung, daß er wirklich selber gemahlt habe, weil der Mahler ihm nachmahlen kann. Was bekümmert sich aber Homer, wie weit er den Mahler hinter sich läßt? Statt einer Abbildung giebt cr uns die Geschichte des Scepters: erst ist es unter der Arbeit des Vulkans; nun glänzt es in den Händen des Jupiters; nun bemerkt es die Würde Merkurs; nun ist es der Commandostab des kriegerischen Pclops; nun der Hirlcnstab des friedlichen Atrcus, u. s. w. — Zx^TiT-ji»'»' x^^'' ^ Hcpolt^vi,' xo-^r ?-^),u,v Hcsicx^»-,' ^lri) ckvxx /^i/t Kz'v^iloi't «i'o-XT't' ^i_>?«j> «j>« ?x>.>^ xe FtlllX7'u> ^>^5lcs><»>?'^' I?5>^rt«? cke «l>«<^ <5u x' ^T'jik't, noc^ei'l ^T'jixi^^ <5k ?7'l^ci'xu>i> x)>-t?ri! ?rc>)v^«^i>t Gvc^- ^'vT'ocp » «T.'?'^ Gi^x-^' ^^'«^lczi't ^,xl?r! ^>oprii>at, Ho^^v't 't'rzci'c>l»'t x«t ^^^k't Trui'^t «i'u So kenne ich endlich dieses Scepter besser, als mir es der Mahler vor Augen lege», oder ein zweyter Vulkan in die Hände Ili-ttl, v. v. iNl-lvS. 3»° 468 Lackes», liefern könntc. — Es würde mich nicht befremden, wenn ich fände, daß einer von den alten Auslegern des Homers diese Stelle als die vollkommenste Allegorie von dem Ursprünge, dem Fortgange, der Befestigung und endlichen Bccrbsolgung der königlichen Gewalt unter den Menschen bewundert hätte. Ich würde zwar lächeln, wenn ich läse, daß Vulkan, welcher das Scepter gearbeitet, als das Feuer, als das, was dem Menschen zu seiner Erhaltung das uncnlbchrlichstc ist, die Abstellung der Bedürfnisse überhaupt anzeige, welche die ersten Menschen, sich einem einzigen zu unterwerfen, bewogen; daß der erste König ein Sohn der Zeit, (2^-,- Xpovcu-v) ein ehrwürdiger Alte gewesen sey, welcher seine Macht mit einem beredten klugen Maunc, mit einem Merkur, i^lo-xT-opu, ^9^x^01 >-^) theilen, oder gänzlich auf ihn übertragen wollen; daß der kluge Redner zur Zeit, als der junge Staat von auswärtigen Feinden bedrohet worden, seine oberste Gewalt dem tapfersten Krieger (NxXoirt nX.«^^^) überlassen habe; daß der tapfere Krieger, nachdem er die Feinde gcdämpfct und das Reich gesichert, es seinem Sohne in die Hände spielen können, welcher als ein friedliebender Regent, als ein wohlthätiger Hirte seiner Völker, (iro^^v ^«wv) sie mit Wohlleben lind Uebcrfluß bekannt gemacht habe, wodurch nach seinem Tode dein reichsten seiner Anverwandten i^o?^o-?7>i s^--^) der Weg gcbahnct worden, das was bisher das Vertrauen ertheilet, und das Verdienst mehr für eine Bürde als Würde gehalten hatte, durch Geschenke und Bestechungen an sich zu bringen, und es hernach als ein gleichsam erkauftes Gut seiner Familie auf immer zu versichern. Ich würde lächeln, ich würde aber dem ohngcachtct in meiner Achtung für den Dichter bestärket werden, dem man so vieles leihen kann. — Doch dieses liegt ausser meinem Wege, und ich betrachte itzt die Geschichte des Scepters bloß als einen Kunstgriff, uns bey einem einzeln Dinge verweilen zu machen, ohne sich in die frostige Beschreibung seiner Theile einzulassen. Auch wenn Achilles bey seinem Scepter schwöret, die Geringschätzung, mit welcher ihm Agamcmnon begegnet, zu rächen, giebt uns Homer die Geschichte dieses Scepters. Wir sehen ihn auf den Bergen grünen, das Eisen trennet ihn von dem Stamme, entblättert und enlrindct ihn, und _^_ /^^^ÄQl^ Ueber die Grenze» der Mahlerey und Poesie, 469 macht ihn bequem, den Richter» des Volkes zum Zeichen ihrer göttlichen Würde zu dienen.-- ^c» ?c»c5x o'xriiri'j>, rc> ^kl- viuTcoi'x X).xwt ?^k)>,c>l?rx>', Oi^ck' cxpcxIz-^^v'et' ?r^t ^-«p ^>cx e x^^"^' ?x xcxl c^).»tov i'^t' >.>cxi; ?rcx^«^^? csxiz'koDc/t <5lx«v'7rc>?>.»t, vt ?e ^x^ic^cx^ /^to^ xt;»i^cx7'«t — — — — Dem Homer war nicht sowohl daran gelegen, zwey Stäbe von verschiedener Materie und Figur zu schildern, als uns von der Verschiedenheit der Macht, deren Zeichen diese Stäbe waren, ein sinnliches Bild zu machen. Jener, ein Werk des Vulkans; dieser, von einer unbekannten Hand aus den Bergen geschnitten: jener der alte Besitz eines edcln Hauses; dieser bestimmt, die erste die beste Faust zu füllen: jener, von einem Monarchen über viele Inseln und über ganz Argos erstrecket; dieser, von einem aus dem Mittel der Griechen gcführct, dem man nebst andern die Bewahrung der Gesetze anvertrauet hatte. Dieses war wirklich der Abstand, in welchem sich Agamcmnon und Achill von einander befanden; ein Abstand, den Achill selbst, bey allem seinen blinden Zorne, cinzugcstehcn, nicht umhin konnte./ Doch nicht bloß da, wo Homer mit seinen Beschreibungen dergleichen weitere Absichten verbindet, sonder» auch da, wo es ihm um das blosse Bild zu thun ist, wird er dieses Bild in eine Art von Geschichte des Gegenstandes verstreue», um die Theile desselben, die wir in der Natur neben einander sehen, in seine»: Gemählde eben so natürlich auf einaiider folge», und mit dem Flusse der Rede gleichsam Schritt halten zu lassen. Z. E. Er will uns de» Bogen des Pandarus mahlen; einen Bogen von Horn, von der und der Länge, wohl volirct, und an beyden Spitzen mit Goldblech beschlagen. Was thut er? Zählt er uns alle diese Eigenschaften so trocken eine nach der andern vor? Mit nichte» z das würde einen solchen Bogen angebe», vorschreibe», aber nicht mahle» hcisscn. Er fängt mit der Zagd des Stcinbockcs c) Mittl. /V. 234-Z3S, 17«) Laokooii, an, ans dessen Hörnern der Bogen gemacht worden; Pandarus hatte ihm in den Felsen aufgepaßt, und ihn erlegt, die Hörner waren von ausscrordcntlicher Grösse, deswegen bestimmte er sie zu einem Bogen; sie kommen in die Arbeit, der Künstler verbindet sie, polirct sie, bcschlägt sie. Und so, wie gesagt, sehen wir bey dem Dichter entstehen, was wir bey dem Mahler nicht anders als entstanden sehen können. ,c>i^ «t)/o^ ^^>loi^, tt'u ?r 7'iix^>^^?> Ilx^ii^c; xx^«tvv^^« 6rFx)/^ri>c)<; ?rj>c><5c>xno't IZxj^i^xrl ?cz>o^ ^i^o,;' v (5' -i^ir^to? L^l7rr« xx xxP«)^^-,' xxx-xt,6xx«ciu>;>« 7ixls>vxxl- K.«t ^i^xv «v'xrztt'cxl; xrj>oec)^c>»t,' T'xxT'Uii', <5' ei^ Xrti^v«^, kTrx^i^xx xopui^^v. Zch wurde nicht fertig werden, wenn ich alle Exempel dieser Art ausschreiben wollte. Sie werden jedem, der seinen Homer inne hat, in Menge bcyfallcn. XVII. Aber, wird man einwenden, die Zeichen der Poesie sind nicht bloß auf einander folgend, sie sind auch willkuhrlich; und als willkührlichc Zeichen sind sie allerdings fähig, Körper, so wie sie im Raume cristircn, auszudrücken. Zn dem Homer selbst fanden sich hiervon Exempel, an dessen Schild des Achilles man sich nur erinnern dürfe, um das entscheidendste Beyspiel zu haben, wie wcitläuftig und doch poclisch, man ein einzelnes Ding nach seinen Theilen neben einander schildern könne. Zch will auf diesen doppelten Einwurf antworten. Zch nenne ihn doppelt, weil ein richtiger Schluß auch ohne Exempel gelten muß, nnd Gegentheils das Exempel des Homers bey mir von Wichtigkeit ist, auch wenn ich es noch durch keinen Schluß zu rechtfertigen weis. Es ist wahr; da die Zeichen der Rede willkuhrlich sind, so ist es gar wohl möglich, daß man durch sie die Theile eines Körpers eben so wohl auf einander folgen lassen kann, als sie v, tos- in. lieber die Grciijcii der M.ihlcrcy und Pocilc, 171 in der Natur iicbcn einander befindlich sind. Allein dieses ist eine Eigenschaft der Rede und ihrer Zeichen überhaupt, nicht aber in so scrnc sie der Absicht der Poesie am bequemsten sind. Der Poet will nicht bloß verständlich werden, seine Vorstellungen sollen nicht bloß klar und deutlich seyn; hiermit begnügt sich der Prosaist. Sondern er will die Ideen, die er in uns erwecket, so lebhaft machen, daß wir in der Geschwindigkeit die wahren sinnlichen Eindrücke ihrer Gegenstände zu empfinde» glauben, und in diesem Augenblicke der Täuschung, uns der Mittel, die er dazu anwendet, seiner Worte bewußt zu sei)» aufhören. Hierauf lief oben die Erklärung des poetischen Gemähldes hinaus. Aber der Dichter soll immer mahlen; und nun wollen wir sehen, in wie ferne Körper nach ihren Tbcilcn neben einander sich zu dieser Mahlerey schicken. Wie gelangen wir zu der deutlichen Vorstellung eines Dinges im Raume? Erst betrachten wir die Theile desselben einzeln, hierauf die Verbindung dieser Theile, und endlich das Ganze. Unsere Sinne verrichten diese verschiedene Operationen mit einer so erstaunlichen Schnelligkeit, daß sie uns nur eine einzige zu seyn bcdünkcn, und diese Schnelligkeit ist unumgänglich nothwendig, wann wir einen Begriff von dem Ganzen, welcher nichts mehr als das Resultat von den Begriffen der Theile und ihrer Verbindung ist, bekommen sollen. Gesetzt nun also auch, der Dichter führe uns in der schönsten Ordnung von einem Theile des Gegenstandes zu dem andern; gesetzt, er wisse uns die Verbindung dieser Theile auch noch so klar zu machen: wie viel Icit gebraucht er dazu? Was das Auge mit einmal überstehet, zählt er uns merklich langsam nach und nach zu, und oft geschieht es, daß wir bey den« letzten Zuge den ersten schon wiederum vergessen haben. Zcdcnnoch sollen wir uns aus diesen Zügen ein Ganzes bilden: dem Auge bleiben die betrachteten Theile beständig gegenwärtig; es kann sie abermals und abermals überlaufen: für das Ohr hingegen sind die vernommenen Theile vcrlohrcn, wann sie nicht in dem Gedächtnisse zurückbleiben. Und bleiben sie schon da zurück: welche Mühe, welche Anstrengung kostet es, ihre Eindrücke alle in eben der Ordnung so lebhaft zu erneuern, sie nur mit einer mäßigen 472 Laokcon. Geschwindigkeit auf cinmal zu überdenken, um zu einem ctwa- iiigcn Begriffe des Ganzen zu gelangen! Man versuche es an einem Beyspiele, welches ein Meisterstück in seiner Art hcisscn kann.« Dort ragt das hohe Haupt vom edel» Enziane Weit übern niedern Chor der Pöbclkrautcr hin, Ein ganzes Blumcnvolk dient unter seiner Fahne, Sei» blauer Bruder selbst bückt sich, und ehret ihn. Der Blumen Helles Gold, in Strahlen umgebogen, Thürmt sich am Stengel auf, und krönt sein grau Gewand, Der Blätter glattes Weiß, mit tiefem Grün durchzogen, Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant. Gerechtestes Gesetz! daß Kraft sich Zier vermahle. Zu einem schönen Leib wohnt eine schönrc Seele. Hier kriecht ein niedrig Kraut, gleich einem grauen Nebel, Dem die Natur sein Blatt im Krcutze hingelegt; Die holde Blume zeigt die zwey vcrgöldtcn Schnäbel, Die ein von Amethyst gcbildtcr Vogel trägt. Dort wirft ein glänzend Blat, in Finger ausgekerbet, Auf einen hellen Bach den grünen Wiedcrschcin; Der Blumen zarten Schnee, den matter Purpur färbet, Schließt ein gestreifter Stern in wcissc Strahlen ein. Smaragd und Rosen blühn auch auf zertretncr Hcydc, Und Felsen decken sich mit einem Purpurklcidc. Es sind Kräuter und Blumen, welche der gelehrte Dichter mit grosser Kunst und nach der Natur mahlet. Mahlt, aber ohne alle Täuschung mahlet. Ich will nicht sagen, daß wer diese Kräuter und Blumen nie gesehen, sich auch aus seinem Gemählde so gut als gar keine Vorstellung davon machen könne. Es mag seyn, daß alle poetische Gemählde eine vorläufige Bekanntschaft mit ihren Gegenständen erfordern. Ich will auch nicht läugnen, daß demjenigen, dem eine solche Bekanntschaft hier zu stallen kömmt, der Dichter nicht von einigen Theilen eine lebhaftere Idee erwecken könnte. Zch frage ihn nur, wie steht es lim den Begriff des Ganzen? Wenn auch dieser lebhafter seyn «) S> des Herrn v. Halters Alpen. ' - ' ^ Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 473 soll, so müssen keine einzelne Theile darinn vorstechen, sondern das Höhcrc Licht muß auf allc gleich vertheilet scheinen; unsere Einbildungskraft muß alle gleich schnell übcrlauffcn können, um sich das aus ihnen mit eins zusammen zu setzen, was in der Natur mit eins gesehen wird. Ist dieses hier der Fall? Und ist er es nicht, wie hat man sagen können, „daß die ahn« „lichsie Zeichnung eines Mahlers gegen diese poetische Schilderung ganz matt und düster sein würde?" i Sie bleibet unendlich unter dem, was Linien und Farben auf der Fläche ausdrücken können, und der Kunstrichter, der ihr dieses übertriebene Lob ertheilet, muß sie aus einem ganz falschen Gesichtspunkte betrachtet haben; er muß mehr anf die fremden Zicrrathcn, die der Dichter darein vcrwäbct hat, anf die Erhöhung über das vegetative Leben, auf die Entwickelung der innern Vollkommenheiten, welchen die äussere Schönheit nur zur Schale dienet, als auf diese Schönheit selbst, und auf den Grad der Lebhaftigkeit und Achnlichkeit des Bildes, welches uns der Mahler, und welches uns der Dichter davon gewähren kann, gesehen haben. Gleichwohl kömmt es hier lediglich nur auf das letztere an, und wer da sagt, daß die blossen Zeilen: Der Blumen Helles Gold in Strahlen umgebogen, Thürmt sich am Stengel auf, und krönt sein grau Gewand, Der Blätter glattes Weiß mit tiefem Grün durchzogen, Strahlt von dem bunten Blitz von seichtem Diamant — daß diese Zeilen, in Ansehung ihres Eindrucks, mit der Nachahmung eines Huysum wetteifern können, muß seine Empfindung nie befragt haben, oder sie vorsctzlich verleugnen wollen. Sie mögen sich, wenn man die Blume selbst in der Hand hat, sehr schön dagegen rccitircn lassen; nur vor sich allein sagen sie wenig oder nichts. Zch höre in jedem Worte den arbeitenden Dichter, aber das Ding selbst bin ich weit entfernet zu sehen. Nochmals also: ich spreche nicht der Rede überhaupt das Vermögen ab, ein körperliches Ganze nach seinen Theilen zu schildern; sie kann es, weil ihre Zeichen, ob sie schon auf einander folgen, dennoch willkührlichc Zeichen sind: sondern ich i) Brcilingcrs Cnlische Dichtkunst Th> II. S> 807. 474 Laokoo». spreche es der Rede als dem Mittel der Poesie ab, weil dergleichen wörtlichen Schilderungen der Körper das Täuschende gebricht, worauf die Poesie vornehmlich gehet; und dieses Täuschende, sage ich, muß ihnen darum gebrechen, weil das Cocristircndc des Körpers mit dem Consccutiven der Rede dabey in Collision kömmt, und indem jenes in dieses aufgelöset wird, uns die Zergliederung des Ganzen in seine Theile zwar erleichtert, aber die endliche Wicdcrzusanmiensctzung dieser Theile in das Ganze ungcmcin schwer, nnd nicht selten unmöglich gemacht wird. Ucbcrall, wo es daher auf das Täuschende nicht ankömmt, wo man nur mit dem Bcrstandc seiner Leser zu thun hat, und nur auf deutliche und so viel möglich vollständige Begriffe gehet: können diese aus der Poesie ausgeschlossene Schilderungen der Körper gar wohl Platz haben, und nicht allein der Prosaist, sondern auch der dogmatische Dichter (denn da wo er dog- matisirct, ist er kein Dichter), können sich ihrer mit vielem Nutzen bedienen. So schildert z. V. Birgil in seinem Gedichte vom Landbaue eine zur Zucht tüchtige Kuh: — — — Ojitim!» toi'voe Voima vovi», oui tui^ie on^iut, eui plurlma cervlx, I5t ci'uiiiin tenus a inento paleai-ia penilent. 1'iim luii!;» iiullus lateri iiiollus: mnn!:» inagiia: pcs ellum, A esinuiis luilu.' kill oo»iil>>is auies. ^Xee iuil»l ilituliee.it inaeulis iusiAius -.^ allio, ^,ut jiiga lloti:>cl!>»8 iiitoclum^ue ul'nera eoi'iiu, I^t saeiein tauro ^roj)ioi'i (suu.^ue aidua tot», ^t ^iinlieiis iiii!» verilt vel'I!:;!:» caucla. Oder ein schönes Füllen: — — — — III! mdu» oeivix .^lAiilum^ne c:>nut, llievis iilvus, »vetakiue tei'A»; I.^xuriiü^ne Iviü« niiiiuul'lli» ^>l>elus <^.'e. c Denn wer sieht nicht, daß dem Dichter hier mehr an der Aus- - cinandcrsctzung der Theile, als an dem Ganzen gelegen gewesen? Er will uns die Kennzeichen eines schönen Füllens, einer tüchtigen Kuh zuzählen, um uns in den Stand zu setzen, nach dem r) «eorg. Mi, III. v. 51 ck' 79. lieber die Erciijcii der Mahlerey und Poesie. 476 wir dcrcn mehrere oder wenigere antreffen, von der Güte der einen oder des andern urtheilen zu können; ob sich aber alle diese Kennzeichen in ein lebhaftes Bild leicht zusammen fassen lassen, oder nicht, das konnte ihm sehr gleichgültig seyn. Ausser diesem Gebrauche sind die ausführlichen Gemählde körperlicher Gegenstände, ohne den oben erwähnten Homerischen Kunstgriff, das Coexistirendc derselben in ein wirkliches Successives zu verwandeln, jederzeit von den feinsten Richtern für ein frostiges Spiclwcrk erkannt worden, zu welchem wenig oder gar kein Genie gehöret. Wenn der poetische Stümper, sagt Horaz, nicht weiter kann, so fängt er an, einen Hayn, einen Altar, einen durch anmuthigc Fluren sich schlängclndcn Bach, einen rauschenden Strom, einen Regenbogen zu mahlen: — — — — I^uous ara Diuua?, IÄ zirouerantis arni!« per- ammiios umliitu5 .izros, ^.ut ilumen ülwlium, aub ziluvlns ilcl'tü'iliitui' aicus. Der männliche Pope sahe auf die mahlerischen Versuche seiner poetischen Kindheit mit grosser Geringschätzung zurück. Er verlangte ausdrücklich, daß wer den Namen eines Dichters nicht unwürdig führen wolle, der Schildcrungssucht so früh wie möglich entsagen müsse, und erklärte ein bloß mahlcndcs Gedichte für ein Gastgcbot auf lauter Brühen.« Von dem Herrn von Kleist ti) ve ^> v. jg. e) ?rologuo to tl«z Siillre«. v. 3t?. 'kliiU not i» I?kUie>'« Miti!« Uv ^v!,il,l>:i >> lonff Lut Nu»i>'>> tu 'I'rulU, sii>I moiitli/.'il Iiixi kun?;. !>ii>I. v. t»8. — — — — >vl>o ooulll tilko »fki-ncv, >VI>iIe i'iire vvk«!rii>lio» IiuIU tl>o iililcu vk Sons»? Die Anmerkung, welche Warburton über die letzte Stelle macht, kau» für eine authentische Erklärung des Dichters selbst gelten, lie nk,.>» v»»- vocilll>', to kixnifx oiUier elisklo or omnlv, !»»> Iin» jzivo» i» l>>i» Uno ^vliiil II« ekleemi'«! Nie Iruo t/Iisrilctt.r ok Uvkoriplivv ?ov>r>', it iü csl- .V oomnotiüo», in lüs opinio», ulisurli » f,!»N m»>I» un ok k»uc«-s. 1'Ile ukv vk » piotaroüquo imiigiiultion i» to IiriAlU«» »ilorii xuoll kenk«; so tliiil lo i?mi'Io^ it onl;' i» Uekcrintion, i-» Iili>! LilNlli-e»» llelixliliiig in » nrikm kor llu- kske »k it» x-lud)' colour«; vl>i0l> vlion kruß»U>' iiüiiiaAü«!, «iiii itiknokvll, miglit I«! ms^« lo renrekviit »»U iilukirsie lit« iiodleki vHecls i» >istur<-. Sowohl dcr Dichter als Lonnnen- 47«i Laokoon. kau» ich versichern, daß er sich auf seinen Frühling das wenigste einbildete. Hätte er länger gelebt, so würde er ihm eine ganz andere Gestalt gegeben haben. Er dachte darauf, einen Plan hinein zu legen, lind sann ans Mittel, wie er die Menge von Bildern, die er aus dem unendlichen Raume der verjüngten Schöpfung, auf Gcrathewohl, bald hier bald da, gerissen zu haben schien, in einer natürlichen Ordnung vor seinen Augen entstehen und auf einander folgen lassen wolle. Er würde zugleich das gethan haben, was Marmontcl, ohne Zweifel mit auf Veranlassung seiner Eklogen, mchrcrn deutschen Dichtern gerathen hat; er würde auS einer mit Empfindungen nur sparsam durchweb- tcn Reihe von Bildern, eine mit Bildern nur sparsam durchfloch- tcnc Folge von Empfindungen gemacht haben./ XVIII. Und dennoch sollte selbst Homer in diese frostigen Ausmahlungen körperlicher Gegenstände verfallen seyn? — Zch will hoffen, daß es nur sehr wenige Stellen sind, ans die man sich dcsfalls bcruffcn kann; und ich bin versichert, daß auch diese wenige Stellen von der Art sind, daß sie die Regel, von der sie eine Ausnahme zu seyn scheinen, vielmehr bestätigen. Es bleibt dabey: die Zcitfolgc ist das Gebiete des Dichters, so wie der Raum das Gebiete des Mahlers. Zwey nothwendig entfernte Zeitpunkte in ein und eben dasselbe Gemählde bringen, so wie Fr. Mazzuoli den Raub der Sabinischcn Jungfrauen, und derselben Aussöhnung ihrer Ehemänner mit ihren Anverwandten; oder wie Titian die ganze Geschichte des Verlornen Sohnes, sein lüdcrlichcs Leben und sein lalor scheint» zwar die Sache mehr auf der moralischen, als kunstmäszijicn Seite betrachtet zu haben. Doch desto besser, das; sie von der einen eben so »ichiig als oon der andern erscheinet. /) I'o>.>>uiu>! t'rnilouitv 'IV ll> r>. Svt. ^'ücrivois «es rvlluxioiis »Vi»nl ilue ettms >Is^ ^Ni-Milml« >Ii»>!i xiinrv (l'kßloxlw) suts>>»> c»i»»>t« pitriui »»XL. IIs »»l «.xuculü c«.> >iue ^»vuiü «vn^»; L'U« pitrvieii»i!»t it >>ui»»-r v>»^ »u uiorttl ^ mviiik« »u llvlsil tl»« i>v!nlurI>>s>»!», il» t.'xcl'Ui'roiU >>!>»!> ce xenre. plu» rieUe, plus vilslv, f«.eoiul, <^ intini- inei» >>Ius »iUur^I ck? t>>^ morst ! cliiti»i>elrt?. Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 477 Elend und seine Reue: heißt ein Eingriff des Maklers in das Gebiete des Dichters, den der gute Geschmack nie billigen wird. Mehrere Theile oder Dinge, die ich nothwendig in der Natur auf einmal übersehen muß, wenn sie ein Ganzes hervorbringen sollen, dem Leser nach und nach zuzahlen, um ihm dadurch ein Bild von dem Ganzen machen zu wollen: beißt ein Eingriff des Dichters in das Gebiete des Mahlers, wobey der Dichter viel Imagination ohne allen Nutzen verschwendet. Doch, so wie zwey billige srcundschaftlichc Nachbarn zwar nicht verstatten, daß sich einer in des andern innerstem Reiche ungeziemende Freyheiten herausnehme, wohl aber auf den äussersten Grenzen eine wechselseitige Nachsicht herrschen lassen, welche die kleinen Eingriffe, die der eine in des andern Gerechtsame in der Geschwindigkeit sich durch seine Umstände zu thun gcnö- thiget siehet, friedlich von beyden Theilen compcnsirct: so auch die Mahlerey und Poesie. Ich will in dieser Absicht nicht anführen, daß in großen historischen Gemählden, der einzige Augenblick fast immer um etwas erweitert ist, und daß sich vielleicht kein einziges an Figuren sehr reiches Stück findet, in welchem jede Figur vollkommen die Bewegung und Stellung hat, die sie in dem Augenblicke der Haupthandlung haben sollte; die eine hat eine etwas frühere, die andere eine etwas spätere. Es ist dieses eine Freyheit, die der Meister durch gewisse Feinheiten in der Anordnung rechtfertigen muss, durch die Verwendung oder Entfernung seiner Personen, die ihnen an dem was vorgehet, einen mehr oder weniger augenblicklichen Antheil zu nehmen erlaubet. Ich will mich bloß einer Anmerkung bedienen, welche Herr Mengs über die Trappcrie des Raphacls macht.« „Alle Falten, sagt er, „haben bey ihm ihre Ursachen, es sey durch ihr eigen Gewichte, „oder durch die Ziehung der Glieder. Manchmal siehet man „in ihnen, wie sie vorher gewesen; Raphacl hat auch sogar in „diesem Bedeutung gesucht. Man siehet a» den Falten, ob „ein Bein oder Arm vor dieser Ncgnng, vor oder hinten ge- „ standen, ob das Glied von Krümme zur Ausstrcckung gcgan- --) ttcdankc» über die Schönheit imd über den Geschmack in der Mahlerey. S. 69. 478 Laokoon. „gcn, oder gchct, oder ob es ausgestreckt gewesen, lind sich „krümmet." Es ist unstreitig, daß der Künstler in diesem Falle zwey verschiedene Augenblicke in einen einzigen zusammen bringt. Denn da dem Fusse, welcher hinten gestanden und sich vor bewegt, der Theil des Gewands, welches auf ihm liegt, unmittelbar folget, das Gewand wäre denn von sehr stciffcm Zeuge, der aber eben darum zur Mahlerey ganz unbequem ist: so giebt es keinen Augenblick, in welchem das Gewand im geringsten eine andere Falte machte, als es der itzige Stand des Gliedes crfodcn; sondern läßt man es eine andere Falte machen, so ist es der vorige Augenblick des Gewandes und der itzige des Gliedes. Dem ohngcachtct, wer wird es mit dem Artisten so genau nehmen, der seinen Vortheil dabey findet, uns diese beyden Augenblicke zugleich zu zeigen? Wer wird ihn nicht vielmehr rühmen, daß er den Verstand und das Herz gehabt hat, einen solchen geringen Fehler zu begehen, um eine grössere Vollkommenheit des Ausdruckes zu erreichen? Gleiche Nachsicht verdienet der Dichter. Seine fortschreitende Nachahmung erlaubet ihm eigentlich, auf einmal nur eine -einzige Seite, eine einzige Eigenschaft seiner körperlichen Gegenstände zu berühren. Aber wenn die glückliche Einrichtung seiner Sprache ihm dieses mit einem einzigen Worte zu thun verstattet; warum sollte er nicht auch dann und wann, ein zweytes solches Wort hinzufügen dürfen? Warum nicht auch, wann es die Mühe verlohnet, ein drittes? Oder wohl gar ein viertes? Zch habe gesagt, dem Homer sey z. E. ein Schiff, entweder nur das schwarze Schiff, oder das hohle Schiff, oder das schnelle Schiff, höchstens das wohlbcrudcrtc schwarze Schiff. Zu verstehen von seiner Manier überhaupt. Hier und da findet sich eine Stelle, wo er das dritte mahlendc Epitheton hinzusetzet: K.«^I,II^X,« xvxX,«, »XT-L-Xi'i^oc, i runde, eherne, achtspcichigte Räder. Auch das vierte: «o-^tck« ?rc-n>i-ocrx ^v-ip-, x-zc^-u, x^cx--o>>,c ein überall glattes, schönes, ehernes, getriebenes Schild. Wer wird ihn darum tadeln? Wer wird ihm diese kleine Ueppigkeit nicht vielmehr Dank wis- S) 6. v. 722. IN-lll. I». v. S96> lieber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 479 scn, wenn er empfindet, welche gute Wirkung sie an wenigen schicklichen Stellen haben kann? Des Dichters sowohl als des Mahlers eigentliche Rechtfertigung hierüber, will ich aber nicht aus dem vorangcschicktcn Gleichnisse von zwey freundschaftlichen Nachbarn hergeleitet wissen. Ein blosses Glcichniß beweiset und rechtfertiget nichts. Sondern dieses muß sie rechtfertigen: so wie dort bey dem Mahler die zwey verschicdncn Augenblicke so nahe und unmittelbar an einander grenzen, daß sie ohne Anstoß für einen einzigen gelten können; so folgen auch hier bey dem Dichter die mchrcrn Züge für die verschicdncn Theile und Eigenschaften im Raume in einer solchen gcdrcngten Kürze so schnell aufeinander, daß wir sie alle auf einmal zu hören glauben. Und hierin, sage ich, kömmt dem Homer seine vortreffliche Sprache ungcmcin zu Statten. Sie läßt ihm nicht allein alle mögliche Freyheit in Häuffung und Zusammensetzung der Beywörter, sondern sie hat auch sür diese gehäufte Beywörter eine so glückliche Ordnung, daß der nachthciligcn Suspension ihrer Beziehung dadurch abgcholffen wird. An einer oder mehreren dieser Bequemlichkeiten schlt es den neuern Sprachen durchgängig. Diejenigen, als die Französische, welche z. E. jenes X.oc^i.7ri_>)>,« x^>x^,«, oxT'Llxv^i.oc umschreiben müssen! „die runden Räder, welche von Erzt waren und acht Speichen „hatten," drücken den Sinn aus, aber vernichten das Gemählde. Gleichwohl ist der Sinn bier nichts, und das Gemählde alles; und jener ohne dieses macht den lebhaftesten Dichter zum langweiligsten Schwäzcr. Ein Schicksal, das den guten Homer unter der Feder der gewissenhaften Frau Dacicr oft bclroffcn hat. Unsere deutsche Sprache hingegen kann zwar die Homerischen Beywörter meistens in eben so kurze gleichgcltendc Beywörter verwandeln, aber die vorteilhafte Ordnung derselben kann sie der Griechischen nicht nachmachen. Wir sagen zwar „die run- „den, ehernen, achtspcichigtcn" — — aber „Räder" schleppt hinten nach. Wer empfindet nicht, daß drey verschicdnc Prädikate, ehe wir das Subject erfahren, nur ein schwankes verwirrtes Bild machen können? Der Grieche verbindet das Subject gleich mit dem crstcn Prädicatc, und läßt dic andcrn nach- 480 Laokoon. folgen; er sagt: „runde Räder, eherne, achtspcichigtc." So wissen wir mit eins wovon er redet, lind werden, der natürlichen Ordnung des Denkens gemäß, erst mit dem Dinge, und dann mit seine» Zufälligkeiten bekannt. Diesen Vortheil hat »nscrc Sprache nicht. Oder soll ich sagen, sie hat ihn, und kann ihn nur selten ohne Zweydeutigkeit nutzen? VcydcS ist eins. Denn wenn wir Beywörter hintcnnach setzen wollen, so müssen sie im ktutu alitnlutn stehen; wir müssen sagen: runde Räder, ehern und achlspcichigt. Allein in diesem tww kommen unsere Adjectiva völlig mit den Advcrbiis übcrcin, und müssen, wenn man sie als solche zu dem nächsten Zeitworte, das von dem Dinge prädiciret wird, ziehet, nicht selten einen ganz falschen, allezeit aber einen sehr schielenden Sinn verursachen. Doch ich halte mich bey Kleinigkeiten auf, und scheine das Schild vergessen zu wollen; das Schild des Achilles; dieses berühmte Gemählde, in dessen Rücksicht vornehmlich, Homer vor Alters als ein Lehrer der Mahlereybetrachtet wurde. Ein Schild, wird man sagen, ist doch wohl ein einzelner körperlicher Gegenstand, dessen Beschreibung nach seinen Theilen neben einander, dem Dichter nicht vergönnet seyn soll? Und dieses Schild hat Homer, in mehr als hundert prächtigen Versen, nach seiner Materie, nach seiner Form, nach allen Figuren, welche die ungeheuere Fläche desselben füllten, so umständlich, so genau beschrieben, daß es neuern Künstlern nicht schwer gefallen, eine in allen Stücken übereinstimmende Zeichnung darnach zu machen. Ich antworte auf diesen besondern Einwurf, — daß ich bereits darauf geantwortet habe. Homer mahlet nehmlich das Schild nicht als ein fertiges vollendetes, sondern als ein werdendes Schild. Er hat also auch hier sich des gepriesenen Kunstgriffes bedienet, das Eocnstircndc seines Vorwurfs in ein Consccutivcs zu verwandeln, und dadurch aus der langweiligen Mablcrcy eines Körpers, das lebendige Gemählde einer Handlung zn machen. Wir sehen nicht das Schild, sondern den göttlichen Meister, wie er das Schild verfertiget. Er tritt mit Hammer und Zange vor seinen Amdoß, und nachdem er die k?) Vi<»>vl"m5 IliUicalttiisf. i» VUa Numeri SI»»I rii. I>!i' Iiunc Homeri l'Ivnuum: iuie enim sjnxul!«, >I»m kiunt narrsntui; Iiic vor» perkvclo onere »osviiiiliir: nsm L lue »rm» Iiriu» ncciM ^Vir All ^kliillvm ( V>i v. KZS. Iw. Vlll. ^envi>>>) Und warum dieses? Darum, meinet Servius, weil auf dem Schilde des Acneas, nicht bloß die wenigen Begebenheiten, die der Dichter anführet, sondern, — — — — genu« omne kuturs Ltirnis ^Vseüiiio, nuxnittaciue in orilins I>eIIk abgebildet waren. Wie wäre es also möglich gewesen, daß mit eben der Geschwindigkeit, in welcher Vulkan das Schild arbeiten mußte, der Dichter die ganze lange Reihe von Nachkomme» hatte nahmhast machen, und alle von ihnen nach der Ordnung geführte Kriege hatte erwähnen können? Dieses ist der Beistand der etwas dunkeln Worte des Scrvius: opportune u8 anias ^eeiitt»»t, iell<1nntlzue: »lii tii'IclLntl» tin^unt ^.ers laeu. Oemit iinposilis ineuclilius antrum. Illi iitlei- 5<:le mirlta vi liiacll!» tollunt In nmnei'um, vei^utr^le tenue! korei^>v m»ll»m./ den Vorhang auf einmal niederfalle», und versetzt uns in eine ganz andere Scene, von da er uns allmälig in das Thal bringt, in welchem die Venus mit den indeß fertig gewordenen Waffen bey dem Acncas anlangt. Sie lehnet sie an den Stamm einer Eiche, und nachdem sie der Held genug begaffet, und bestaunet, und betastet, und versuchet, hebt sich die Beschreibung, oder das Gemählde des Schildes an, welches durch das ewige: Hier ist, und Da ist, Nahe dabey stehet, und Nicht weit davon siehet man — so kalt und langweilig wird, daß alle der poetische Schmuck, den ihm ein Virgil geben konnte, nöthig war, um es nns nicht unerträglich finden zu lassen. Da dieses Gemählde hiernächst nicht Acncas macht, als welcher sich an den blossen Figuren ergehet, und von der Bedeutung derselben nichts weis, Virgil sehr, dieses Raisoniiement des Scrvius wäre ganz ohne Grund; meine Entschuldigung würde ihm weit rühmlicher seyn. Denn wer hieß ihm, die ganze römische Geschickte auf ein Schild bringen? Mit wenig Gemählden machte Heiner sein Schild zu einem Inbegriffe von allem, was in der Welt vorgehet. Scheinet es nicht, als ob Birgil, da er den Griechen nicht in den Borwürffen und in der Ausführung der Gemählde übertreffen können, ihn wenigstens in der Anzahl derselben übertreffen wollen? Und was wäre kindischer gewesen? /) äeiieia. Üb. VIII. 447-S4. lieber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 483 — — ilirumcsuo ignmuü im.iAnie Aiuiilot; auch nicht Venus, ob sie schon von den künftigen Schicksalen ihrer lieben Enkel vermuthlich eben so viel wissen mußte, als der gutwillige Ehemann; sondern da es aus dem eigenen Munde des Dichters kömmt: so bleibet die Handlung offenbar wahrend demselben stehen. Keine einzige von seinen Personen nimt daran Theil; es hat auch auf das Folgende nicht den geringsten Einfluß, ob auf dem Schilde dieses, oder etwas anders, vorgestellet ist; der witzige Hofmann leuchtet überall durch, der mit allerley schmeichelhaften Anspielungen seine Materie aufstutzet, aber nicht das grosse Genie, das sich auf die eigene innere Stärke seines Werks verläßt, und alle äussere Mittel, interessant zu werden, verachtet. Das Schild des Acncas ist folglich ein wahres Einschiebsel, einzig und allein bestimmt, dem Nationalstolze der Römer zu schmeicheln; ein fremdes Bächlcin, das der Dichter in seinen Strom leitet, um ihn etwas reger zu machen. Das Schild des Achilles hingegen ist Zuwachs des eigenen fruchtbaren Bodens; denn ein Schild mußte gemacht werden, und da das Nothwendige aus der Hand der Gottheit nie ohne Anmuth kömmt; so mußte das Schild auch Ncrzicrun- gen haben. Aber die Kunst war, diese Verzierungen als blosse Verzierungen zu behandeln, sie in den Stoff einzuweben, um sie uns nur bey Gelegenheit des Stoffes zu zeigen; und dieses ließ sich allein in der Manier des Homers thun. Homer läßt den Vulkan Zicrrathcn künsteln, weil und indem er ein Schild machen soll, das seiner würdig ist. Virgil hingegen scheinet ihn das Schild wegen der Zicrrathcn machen zu lassen, da er die Zicrrathcn für wichtig gnug hält, um sie besonders zu beschreiben, nachdem das Schild lange fertig ist. XIX. Die Einwürfe, welche der ältere Skaligcr, Perrault, Ter- rasson und andere gegen das Schild des Homers machen, sind bekannt. Eben so bekannt ist das, was Dacicr, Boivin und Pope darauf antworten. Mich dünkt aber, daß diese letzter» sich manchmal zu weit einlassen, und in Zuversicht auf ihre 31' 484 Laokoon. gute Sache, Dinge behaupten, die eben so unrichtig sind, als wenig sie zur Rechtfertigung des Dichters beytragen. Um dem Haupteinwurfe zu begegnen, daß Homer das Schild mit einer Menge Figuren anfülle, die auf dem Umfange desselben unmöglich Raum haben könnten, unternahm Boivin, es mit Bemerkung der erforderlichen Maasse, zeichnen zu lassen. Sein Einsall mit den verschiedenen concentrischcn Zirkeln ist sehr sinnreich, obschon die Worte des Dichters nicht den geringsten Anlaß dazu geben, auch sich sonst keine Spur findet, daß die Alten auf diese Art abgetheilte Schilder gehabt haben. Da es Homer selbst <^«xo? irocvr-oo'L <5LF«i6«X,^x^ov, ein aus allen Seiten künstlich ausgearbeitetes Schild nennet, so würde ich lieber, um mehr Raum auszusparen, die concave Fläche mit zu Hülfe genommen haben; denn es ist bekannt, daß die alten Künstler diese nicht leer liessen, wie das Schild der Minerva vom Phidias beweiset.-- Doch nicht genug, daß sich Boivin dieses Vortheils nicht bedienen wollte; er vermehrte auch ohne Noth die Vorstellungen selbst, denen er ans dem sonach um die Hclfte verringerten Raume Platz verschaffen mußte, indem er das, was bey dem Dichter offenbar nur ein einziges Bild ist, in zwey bis drey besondere Bilder zertheilte. Ich weis wohl, was ihn dazu bewog; aber es hätte ihn nicht bewegen sollen: sondern, anstatt daß er sich bemühte, den Forderungen seiner Gegner eine Genüge zu leisten, hätte er ihnen zeigen sollen, daß ihre Forderungen unrechtmäßig wären. Ich werde mich an einem Beyspiele faßlicher erklären können. Wenn Homer von der einen Stadt sagt:ü ^ocot <)' rtv cx^opiz xo'oev cx^ovi- <5« velxog 5!^>uiz»rt- c5vo .xv xi^N'o, ir«^' «iro6ovi'«t, ^r^i.cv 7rt^«i^o'xu>v o 6°«i.'«ivx?o, ^i.'rzckxv xXlxcr^czet' ^i^cpix) e^xo'^cxl. ^,«0-, c)'«^l,Pc>?kj)0t,o'tv rir^7ri_>ov, «^ipt? c^u^ol' a) — Scuw Hu», i» quo .^mit^onum proeUum ca:I»vU iiilumeleeitts nmditu pitriniv; Hn»lleiu couc.lv» pitrle Ueorum ck^ lZiZsnttuu tlimieillioiiem. l>Iiiiili» lili. XXXVI. 8e. 4. n. L'Iit. ll-inl. ü) INstl. 2. v. 497-508, lieber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 485 K.?ll>i^xx? <«c>v r^^r^ov »t Fx )/k^ov?-ri,' IZc«? rikt ^x^oierc Xlt^cic?, lkj«^ er't xvx^ui' Zxri«^« <5x ziTMi^xuiv X^9^' e'x<^^ ^9or^wr>u^ov. I^xtrc» 6' «j> ^^«crcroltZ't cs>.>c> x^^cro^c» — so glaube ich, hat er nicht mehr als ein einziges Gemählde abgeben wollen: das Gemählde eines öffentlichen Rcchtshandcls über die streitige Erlegung einer ansehnlichen Gcldbusse für einen verübten Todschlag. Der Künstler, der diesen Vorwurf ausführen soll, kann sich auf einmal nicht mehr als einen einzigen Augenblick desselben zu Nutze machen; entweder den Augenblick der Anklage, oder der Abhörung der Zeugen, oder des Urthclspruchcs, oder welchen er sonst, vor oder nach, odca zwischen diesen Augenblicken, für den bequemsten hält. Diesen einzigen Augenblick macht er so prägnant wie möglich, und führt ihn mit allen den Täuschungen aus, welche die Kunst in Darstellung sichtbarer Gegenstände vor der Poesie voraus hat. Von dieser Seite aber unendlich zurückgelassen, was kann der Dichter, der eben diesen Norwurf mit Worten mahlen soll, und nicht gänzlich verunglücken will, anders thun, als das; er sich gleichfalls seiner eigenthümlichen Vortheile bedienet? Und welches sind diese? Die Freyheit sich sowohl über das Vergangene als über das Folgende des einzigen Augenblickes in dem Kunstwerke auszubreiten, und das Vermögen, sonach uns nicht allein das zu zeigen, was uns der Künstler zeiget, sondern auch das, was uns dieser nur kann errathen lassen. Durch diese Freyheit, durch dieses Vermögen allein, kömmt der Dichter dem Künstler wieder bey, und ihre Werke werden einander alsdcnn am ähnlichsten, wenn die Wirkung derselben gleich lebhaft ist; nicht aber, wenn das eine der Seele durch das Ohr nicht mehr oder weniger beybringet, als das andere dem Auge darstellen kann. Nach diesem Grundsätze hätte Voivin die Stelle des Homers beurtheilen sollen, und er würde nicht so viel besondere Gemählde daraus gemacht haben, als verschiedene Zeitpunkte er darum zu bemerken glaubte. Es ist wahr, es konnte nicht wohl alles, was Homer sagt, in einem einzigen Gemählde verbunden seyn; die Beschuldigung und Ableugnung, die Darstellung der ^ 5; 480 Lavkcon. Zeugen und der Zuruff des getheilten Volkes, das Bestreben der Herolde den Tumult zu stillen, und die Aeusserungen der Schicdesrichtcr, sind Dinge, die auf einander folgen, lind nicht neben einander bestehen können. Doch was, um mich mit der Schule auszudrücken, nicht setu in dem Gemählde enthalten war, das lag virtuto darinn, und die einzige wahre Art, ein materielles Gemählde mit Worten nachzuschildern ist die, daß man das Letztere mit dem wirklich Sichtbaren verbindet, und sich nicht in den Schranken der Kunst hält, innerhalb welchen der Dichter zwar die Data zu einem Gemählde herzählen, aber nimmermehr ein Gemählde selbst hervorbringen kann. Gleicherweise zertheilt Boivin das Gemählde der belagerten Stadt« in drey verschiedene Gemählde. Er hätte es eben sowohl in zwölfe theilen können, als in drey. Denn da er den Geist des Dichters einmal nicht faßte und von ihm verlangte, daß er den Einheiten des materiellen Gemähldes sich untcrwerf- fen müsse: so hätte er weit mehr Ucbcrtrctungcn dieser Einheiten finden können, daß es fast nöthig gewesen wäre, jedem besondern Zuge des Dichters ein besonderes Feld auf dem Schilde zu bestimmen. Meines Erachtcns aber hat Homer überhaupt nicht mehr als zehn verschiedene Gemählde auf dem ganzen Schilde; deren jedes er mit einem -'v x^^x, oder -v 6- ?coi,sj«'x, oder ev (5' xi-^xc, oder SV 6s ?rotXl^x .^cp^v^kt^ anfängt. -! Wo diese Eingangsworte nicht stehen, hat man kein Recht, ein besonderes Gemählde anzunehmen; im Gegentheil muß alles, was sie verbinden, als ein einziges betrachtet werden, dem nur bloß die willkührliche Conccntration in einen einzigen Zeitpunkt mangelt, als welche der Dichter anzugeben, kei- neswcgcs gehalten war. Vielmehr, hätte er ihn angegeben, hätte e) v. 50S-öt0. Das erste fängt an mit der 483tcn Zeile, und gehet bis znr 489t!n; das zwcvtc von 490-509; das dritte von 510-540; das vierte von 641-549; das fünfte von 550-560; das sechste von 561-572; das siebende von 573-586; das achte von 587-589; das neunte von 590-605; und das zehnte von 606-608, Blos das drille Gemählde hat die angegebenen Eingangsworte nicht; es ist aber ans den bet) dem zweyten, S- övu -ro,,^?- und aus der Beschaffenheit der Sache selbst, deutlich genug, daß es ein besonder« Gemählde scvn muß. Ueber die Erenjeu der Mahlerey mid Poesie. 487 er sich genau daran gehalten, Härte er nicht den geringsten Zug cinflicsscn lassen, der in der wirklichen Ausführung nicht damit zu verbinden wäre; mit einem Worte, hätte er so verfahren, wie seine Tadlcr es verlangen: es ist wahr, so würden diese Herren an ihm nichts auszusetzen, aber in der That auch kein Mensch von Geschmack etwas zu bewundern gefunden haben. Pope ließ sich die Einthcilung und Zeichnung des Boivi» nicht allein gefallen, sondern glaubte noch etwas ganz besonders zu thun, wenn er nunmehr auch zeigte, daß ein jedes dieser so zerstücktcn Gemählde nach den strengsten Regeln der heutiges Tages üblichen Mahlerey angegeben sey. Contrast, Pcrspcctiv, die drey Einheiten; alles fand er darin» auf das beste beobachtet. Und ob er schon gar wohl wußte, daß zu Folge guter glaubwürdiger Zeugnisse, die Mahlerey zu den Zeiten des Trojanischen Krieges noch in der Wiege gewesen, so mußte doch entweder Homer, vermöge seines göttlichen Genies, sich nicht sowohl an das, was die Mahlerey damals oder zu seiner Zeit leisten konnte, gehalten, als vielmehr das errathen haben, was sie überhaupt zu leisten im Stande sey; oder auch jene Zeugnisse selbst mußten so glaubwürdig nicht seyn, daß ihnen die augenscheinliche Aussage des künstlichen Schildes nicht vorgezogen zu werden verdiene. Jenes mag annehmen, wer da will; dieses wenigstens wird sich niemand überreden lassen, der aus der Geschichte der Kunst etwas mehr, als die blossen Data der Historicnschrcibcr weis. Denn daß die Mahlerey zu Homers Zeiten noch in ihrer Kindheit gewesen, glaubt er nicht blos deswegen, weil es ein Plinius oder so einer sagt, sondern vornehmlich weil er aus den Kunstwerken, deren die Alten gedenken, urtheilet, daß sie viele Jahrhunderte nachher noch nicht viel weiter gekommen, und z. E. die Gemählde eines Polygno- tus noch lange die Probe nicht aushalten, welche Pope die Gemählde des Homerischen Schildes bestehen zu können glaubet. Die zwey grossen Stücke dieses Meisters zu Delphi, von welchen uns Pausanias eine so umständliche Beschreibung hinterlassen,« waren offenbar ohne alle Pcrspcctiv. Dieser Theil der Kunst 488 Laokoon. ist den Altcn gänzlich abzusprechen, und was Pope beybringt, um zu beweisen, daß Homer schon einen Begriff davon gehabt habe, beweiset weiter nichts, als daß ihm selbst nur ein sehr unvollständiger Begriff davon bcygcwohnet./ „Homer, sagt er, „kann kein Fremdling in der Pcrspcctiv gewesen seyn, weil er „die Entfernung eines Gegenstandes von dem andern ausdrücklich angicbt. Er bemerkt, z. E. daß die Kundschafter ein we- „nig weiter als die andern Figuren gelegen, und daß die Eiche, „unter welcher den Schnittern das Mahl zubereitet worden, „bey Seite gestanden. Was er von dem mir Hcerdcn und „Hütten und Ställen übersatten Thale sagt, ist augenscheinlich „die Beschreibung einer grossen perspektivischen Gegend. Ein „allgemeiner Beweisgrund dafür kann auch schon aus der „Menge der Figuren auf dem Schilde gezogen werden, die „nicht alle in ihrer vollen Grösse ausgedruckt werden konnten; „woraus es denn gcwisscrmaassen unstreitig, daß die Kunst, „sie nach der Pcrspcctiv zu verkleinern, damaliger Zeit schon begannt gewesen." Die blosse Beobachtung der optischen Erfahrung, daß ein Ding in der Ferne kleiner erscheinet, als in der Nähe, macht ein Gemählde noch lange nicht perspektivisch. Die Pcrspcctiv erfordert einen einzigen Augenpunkt, einen bestimmten natürlichen Gesichtskreis, lind dieses war es was den altcn Gemählden fehlte. Die Grundfläche in den Gemählden des Polygnotus war nicht horizontal, sondern nach hinten zu so gewaltig in die Höhe gezogen, daß die Figuren, welche hinter einander zu stehen scheinen sollten, über einander zu stehen schienen. Und wenn diese Stellung der vcrschicdncn Figuren /) Um zu zeig.'», daß dieses nicht zu viel von Popen gesagt ist, will ich den Ansang der folgenden ans ihm angeführten Stelle (Müll. V«I. V. Mis, p. 6l) in der Grundsprache anführen: rim« i>e va?» »o Nr-ln^r lo !>o>ii>> I>t'i lp^clivv, ni>i»-!»i!j in luü üxnrc«!)' milrkinx »w üMimeu ok v>>- jvel ki'vm «>>>: >>»!ctivv »erivnne) ganz ttnrichtig gebraucht, als welche mit den nach Maajzgcbung der Entfernung vcrmindcr- tcu Grösse» gar nichts zu thun hat, sondern unter der man lediglich die Schwächung und Abänderung der Farbe» »ach Beschaffenheit der Luft oder des Medii, durch welches wir sie sehen, verstehet. Wer diesen Fehler machen lonnic, dcm war cS erlaubt, von der ganze» Sache nichts zu wissen. Ueber die Grenze» der Mahlerey und Poesie. und ihrer Gruppen allgemein gewesen, wie aus den alten BaS- lcricfS, wo die hintersten allezeit höher stehen als die vodcrstc», und über sie wegsehen, sich schliesset, läßt: so ist es natürlich, daß man sie auch in der Beschreibung des Homers annimt, und diejenigen von seinen Bildern, die sich nach selbiger in Ein Gemählde verbinden lassen, nicht unnöthigcr Weise trennet. Die doppelte Scene der friedfertigen Stadt, durch deren Strasse» der fröhliche Aufzug einer Hochzcitfcycr ging, indem auf dem Markte ein wichtiger Proceß entschieden ward, erfordert diesem zu Folge kein doppeltes Gemählde, und Homer hat es gar wohl als ein einziges denken können, indem er sich die ganze Stadt aus einem so hohen Augenpunkte vorstellte, daß er die freye Aussicht zugleich in die Strassen und auf den Markt dadurch erhielt. Zch bin der Meinung, daß man auf das eigentliche Perspektivische in den Gemählden nur gelegentlich durch die Sccncn- mahlcrey gekommen ist; und auch als diese schon in ihrer Vollkommenheit war, muß es noch nicht so leicht gewesen seyn, die Regeln derselben auf eine einzige Fläche anzuwenden, indem sich noch in den spätern Gemählden unter den Alterthümern des Hcrculanums so häusfige und mannigfaltige Fehler gegen die Pcrspcctiv finden, als man itzo kaum einem Lehrlinge vergeben würde. Z- Doch ich entlasse mich der Mühe, meine zerstreuten Anmerkungen über einen Punkt zu sammeln, über welchen ich in des Herrn Winkelmanns versprochener Geschichte der Kunst die völligste Befriedigung zu erhalten hoffen darf. 5 XX. Zch lenke mich vielmehr wieder in meinen Weg, wenn ein Spatziergängcr anders einen Weg hat. Was ich von körperlichen Gegenständen überhaupt gesagt habe, das gilt von körperlichen schönen Gegenständen um so viel mehr. Körperliche Schönheit entspringt aus der übereinstimmenden K-) Betracht, über die Mahlerey S. 18Z. K) Geschrieben im Jahr 1763. 490 Laokoo». Wirkung mannigfaltiger Theile, die sich ans einmal übersehen lassen. Sie crfodcrt also, daß diese Theile neben einander liegen müssen; und da Dinge, deren Theile neben einander liegen, der eigentliche Gegenstand der Mahlcry sind: so kann sie, und nur sie allein, körperliche Schönheit nachahmen. Der Dichter der die Elemente der Schönheit nur nach einander zeigen könnte, enthält sich daher der Schilderung körperlicher Schönheit, als Schönheit, gänzlich. Er fühlt es, daß diese Elemente nach einander geordnet, unmöglich die Wirkung haben können, die sie, neben einander geordnet, haben; daß der coiicentrircndc Blick, den wir nach ihrer Enumcration auf sie zugleich zurück senden wollen, uns doch kein übereinstimmendes Bild gewähret; daß es über die menschliche Einbildung gehet, sich vorzustellen, was dieser Mund, und diese Nase, und diese Augen zusammen für einen Effect haben, wenn man sich nicht aus der Natur oder Kunst einer ähnlichen Composition solcher Theile erinnern kann. Und auch hier ist Homer das Muster aller Muster. Er sagt: Nireus war schön; Achilles war noch schöner; Helena besaß eine göttliche Schönheit. Aber nirgends läßt er sich in die umständlichere Schilderung dieser Schönheiten ein. Gleichwohl ist das ganze Gedicht auf die Schönheit der Helena gc- bauct. Wie sehr würde ein neuerer Dichter darüber luru- rirt haben! Schon ein Eonstantinus Manasscs wollte seine kahle Ehro- nike mit einem Gemählde der Helena auszicrcn. Ich muß ihm für seinen Versuch danken. Denn ich wüßte wirklich nicht, wo ich sonst ein Exempel auftrcibcn sollte, aus welchem augenscheinlicher erhelle, wie thörigt es sey, etwas zu wagen, das Homer so weislich unterlassen hat. Wenn ich bey ihm lese:» «) ronkliuuinu» Nlimssses l'omneixl. kurvn, p. so. Lllil. v«net. Die Fr. Dacier war mit diesem Portrait des Manasscs, bis auf dic Tavtologice», scl'r wohl zufrieden: 0« Ilelenss »ulclliit>»li»v omiüum opliwu Lonslaittimit. Alsnnsle«, »ili in eo lsulolog'mm rvpreuen>Ii«s, (^tl Oiclv» iu Üb. I. c»p. S> p. S.) Sie führet »ach dem Mezcriac (Comment, lur le« «vilres a ovitle r. ll. p. 36l) auch die Beschreibungen an, welche Darcs PHN'gius und Ccdrcnus den der Schönheit der Helena geben. Zn der erster» kömmt ei» Zug vor, der ei» wenig seltsam klingt. Darcs sagt nehmlich Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 491 llv '>i ^uv7> ?r^txu^X/ri?, k^)o^,pi.'^, r^>X5"^>-'?^'I> Li^rcxpxlc»-;, xi^?rz>oo'k>icol;, ^oi^?ri<;, x^^Xpou,-,', L^lxo^^x?, «sj^icx, A«^t5U>v ^/x^rov «X-c/ci-,-, L.x^ixo^j>«xcuiv, T'pl^r^^«, x«^o? «^txpi^c k,tl?ci>»vi-, l'o 7rpoo'U)?rov xoc?«?^x^>xov, ?r«prt« j>c)<5»xpc,>.'l;, ^17 ^ ^Z^xr,i«^ov l^j'«tov, von der Helena, sie habe ein Mahl zwischen den Slugcnbraunen gehabt: »»- lilm i,»er >Iuo luneroiliit kalivittem. Das war doch wohl nichts schönes? Ich wollte, daß die Französin ihre Meinung darüber gesagt hatte. Meines Theiles halte ich das Wort not» hier für verfälscht, nnd glaube, daß Darcs von dem reden wollen, was bey den Griechen ^.ko-o>z^i_»zv und bey den Lateinern Aiiibeiis, hieß. Die Zlugcnbrauncn der Helena, will er sagen, liessen nicht zusammen, sondern waren durch einen kleinen Zwischcnraum abgesondert. Der Geschmack der Alten war in diesem Punkte verschieden, Einigen gefiel ein solcher Zwischenraum, andern nicht, (luniu» xilUur«, v,->. »b. in. cap. S. i>. 2jS.) Anakrcon hielt die Mittelstrassc; die Zlugcnbrauncn seines geliebten Mädchens waren weder merklich gctrcnnct, noch völlig in einander verwachsen, sie verliesse» sich sanft in einem einzigen Punkte. Er sagt zu dem Künstler, welcher sie mahlen sollte. (d>>. ss.) I'o /^kcrocsitz'vov öx /^c>t ^i«xo^k^ LX----" ö' o-c-^s ix-.^ I'l, XiX^o^I^? o'I^VO^'^'UV L>/x^«l!-»>v tri^v Nach der Lesart des Pauw, ob schon auch ohne sie der Verstand der nehm, liehe ist, und von Henr. Stephans nicht verfehlet worden: Supercilii nigrsntes Ulkerimins nee nrcus, LonkuntlUo neo illos: Seit ^jnnse 51c ut sncens vivorlium reliittluss, gusle «-sk cvriüu ipN. Wenn ich aber den Sinn des Dares getroffen hätte, was mußte man wohl sodann, anstatt des Wortes nolam, lesen? Vielleicht morsm? Denn so viel ist gewiß, daß mor» nicht allein den Verlauf der Zeit ehe etwas geschieht, sondern auch die Hinderung, den Zwischcnraum von einem zum andern, bedeutet. LZo iniluiel» moiNium ^aoe»m mors, wünschet sich der rasende Herkules bcvm Scncca, (v. 12l5.) welche Stelle Gronovius sehr wohl erklärt: Vvtae le meGum ^jac>-ru inier i»pls- gsiles, Marum velnt morsm, iiupeaimenlum, vdicem; ijui moretur, vetet sut t-uis »reis con^jungi, sut rursus iliktialii. So heisscn auch bey eben demselben Dichter l»ei-rloruiu mors, soviel als ^unctur«. (Leliroztlt-ruji »>! v. 76S. ru^ekt.) Laokoon. Ii.«^o^ ut'^ircr^vruv, «^«zlT't^vt', ui^i'ttx^ow, ^/juTlT'e ?7ZV Xlxvx«?i^rtx j>c«5ux?t« «uptvii, 5!^ ?t<^ ?c»v x?^ec^<^r'r« ^«i1>kt, X,«^i?rj»x ?ruj>cs>^0l. ^xcc/r> ^^«Xj>», xnT'vc^x^xo?, x^^^^rj^r> 1<^'t^xt>o^l'rj Luoir^ov LX-n'^v x?^^^^^^^^'- — — so dünkt mich, ich schc Stcinc auf einen Berg wälzen, aus welchen auf der Spitze desselben ein prächtiges Gebäude aufgeführet werden soll, die aber alle auf der andern Seite von selbst wieder hcrabrollc». Was für ein Bild hinterläßt er, dieser Schwall von Worten? Wie sahe Helena nun aus? Werden nicht, wenn tausend Menschen dieses lesen, sich alle tausend eine eigene Vorstellung von ihr machen? Doch es ist wahr, politische Ncrsc eines Mönches sind keine Poesie. Man höre also den Ariost, wenn er seine bezaubernde Alcina schildert: s S) oriamio rnriolo, VII. 81. It-is. „Die Bildung ihrer Gc- „sialt war so reitzend, als nur künstliche Mahler sie dichte» können. Gegen „ihr blondes, langes, aufgeknüpftes Haar ist kein Gold, das nicht seine» „Glanz verliere. Ueber ihre zarten Wangen verbreitete sich die vermischte „Farbe der Rose» und der Lilien. Ihre fröhliche Stirn, in die gcnörigc» „Schranken geschlossen, war von glattem Hclfcnbein. Unter zween schwarzen, „äusserst seinen Bogen glänzen zwey schwarze Augen, oder vielmehr zwo „leuchtende Sonnen, die mit Holdseligkeit um sich blickten und sich langsam ,drehten. Rings um sie her schien Amor zu spielen und zu fliegen; von da „schien er seinen ganzen Köcher abzuschicsscn, und die Herzen sichtbar zu rau- „bcn. Weiter hinab steigt die Nase mitte» durch das Gesicht, an welcher „selbst der Neid nichts zu bessern findet. Unter ihr zeigt sich der Mund, „wie zwischen zwey kleinen Thälern, mit seinem eigenthümlichen Zinnober bc- „dcckt; hier stehen zwo Reihen auserlesener Perlen, die eine schöne sanfte „Lippe verschließt und öffnet. Hieraus kommen die holdseligen Worte, die „jedes rauhe, schändliche Herz erweichen; hier wird jenes liebliche Lächeln gebildet, welches für sich schon ein Paradies auf Erden eröffnet. Weisscr „Schnee ist der schöne Hals, und Milch die Brust, der Hals rund, die Brust „voll und breit. Zwo zarte, von Helfendem gcründctc Kugeln walle» sanft „auf und nieder, wie die Wellen am äussersten Rande des Users, wen» ei» „spielender Zcphvr die See bcstrcitct," (Die übrigen Theile wurde Argus selbst nicht haben sehen können. Doch war leicht zu urtheilen, daß das, was versteckt lag, mit dem, was dem Auge bloß stand, übereinstimme-) „Die „Arme zeigen sich in ihrer gehörigen Länge, die weissc Hand etwas länglich, „und schmal in ihrer Breite, durchaus eben, keine Aber tritt über ihre glatte lieber dic Grenzen der Mahlerey und Poesie, 193 vi pertona era tanto Iien kormala, t^uanto inai ünger 5an pittor! iniluttr!: <üon dionlla eliioma, lunZa e a»no cui par eil' ^inor Iciier?!, 0 voll, L eli' incli tntta la laretra lcarelii, L eke villbilmonle i cori involi. t)ninro; ()uincli elcon 1v eorteli paroletto, Da rencler mollo »Aiii cor ro2o e tealiro; (^uivi II lorma c^uol loave rilo, (!lr' apre a lua polta in terra il para6!Io. Lianca neve e il liel eollo, e'I petto latte, II eollo e tonüo, il petto eolmo e largo; I)ue pomo aeert»e, e pur ck'avorio latte, Vengono 0 van, come onvo ne noäo gnnar, nö vena ecee^o. 8i vello al l!n ilo la nvisona avAusla II Iirevel>a von»», lexxsno quölle Sliwüs nell'^Vriosio, nelle yu»Ii eZIi «Merive mi» i»dilme»le I« beilege iZell» ?iU» ^Icina: e vellrsmuo xilrimeiUe, quanlo i vlwni ?oe>i liimo »ncora eM pittori. — i.^.^-? "> "_ ' i^"'.''. ^ Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 49/! Warnung, was einem Ariost mißlingen müsse», nicht noch unglücklicher zu versuchen. Es mag seyn, daß wenn Ariost sagt: I)l peilona vra ianio I>on loiinata <)u!>»1o mal tinAer 5an I'ittoii iiuiustii, er die Lehre von den Proportionen, so wie sie nur immer der fleißigste Künstler in der Natur und aus den Antiken studieret, vollkommen verstanden zu haben, dadurch beweiset.-i Er mag sich immer hin, in den blossen Worten: Lpgi'Aeati rier In Auaneis 6elieata Wkto ooloi- äl i'olo v äi liAuktii, als den vollkommensten Coloristcn, als einen Titian, zeigen. Man mag daraus, daß er das Haar der Alcina nur mit dem Golde vergleicht, nicht aber güldenes Haar nennet, noch so deutlich schlicsscn, daß er den Gebrauch deß wirklichen Goldes in der Farbengebung gemißbilliget./ Man mag sogar in seiner hcrabstcigcndcn Nase, <)uiiiell il nstc» per ine?» il v!to loenele, das Profil jener alten griechischen, und von griechischen Künstlern auch Römern geliehenen Nasen finden. K Was nutzt alle diese Gelehrsamkeit und Einsicht uns Lesern, die wir eine schöne Frau zu sehen glauben wollen, die wir etwas von der sanften Wallung des Geblüts dabey empfinden wollen, die den wirklich) (llilii,') Lcco, clie, >-»U<> sil» niononione, I'inAe»ioNMmo ^Vriollo »lseAN» mixliore, clie Ispniiiiw formür ie m»»i ile' xiü eccellenli pil- tori, usiiiulo liueN». voce iniiullri, per Sinolsr I» «iilixen?», clie conviene si Iiuoiio »rlekics. e) slliid. p. I8Z.) g»i I^riosio coivrilce, e in yuetto tu» coiorire ciimollr» eifere un 'litiitno. ^) (Iliid. z>. 180.) ?oleva I'^rioslo neii» xuis», clie Ilg, «lullo cliioms lüoiui», «lir eliioma li'oro: in» gli p»rve korle, elie nsvrelilie >>»v»lo Ironpo üel poelico. II» clie l, pu» rilrur, cbe'I pittore «leu imilar I'oi-o, e non mellerlo (coine filiino i l»i»i!lloii) nelie tue ?illure, in moiio, clie si pots» ciire, yue' cüxelli no» Ivno it'or«, ms pitr clie risvlenllilno, come i'oro. Was Dolcc, in dem Nachfolgenden, aus dem Athcnäus anführet, ist merkwürdig, nur daß es sich nicht völlig so daselbst findet. Ich rede an einem andern Orte davon. A») (Ikili. p. I8S.) II nslo, clie liiscenSe xiü, Iisvencia per-ivenlur» I» conliäersiicine a ciueile korme lle' nsti, cno li vegxono ne' rilrstli lieiis Iielle Nvrasne -»Nicke. . . . 496 Lackoon. chcn Anblick der Schönheit begleitet? Wenn der Dichter weis, ans welchen Verhältnissen eine schöne Gestalt entspringet, wissen wir es darum auch? Und wenn wir es auch wüßten, läßt er uns hier diese Verhältnisse sehen? Oder erleichtert er uns auch nur im geringsten die Mühe, uns ihrer auf eine lebhafte anschauende Art zu erinnern? Eine Stirn, in die gehörigen Schranken geschlossen, la fronte, ( I>e I» l>>!>/.ic> j'iiii.i eon güista met.i; eine Nase, an welcher selbst der Neid nichts zu bessern findet, lülttz non tiova I'invillia, ovo I'emeniZe; eine Hand, etwas länglich und schmal in ihrer Breite, IiUNAlioita slczusnlo, A «11 IsiAlioTiZa k»NA»5ti>: was für ein Bild geben diese allgemeine Formeln? In dem Munde eines Zcichcnmeistcrs, der seine Schüler auf die Schönheiten des akademischen Modells aufmerksam machen will, möchte» sie noch etwas sagen; denn ein Blick auf dieses Modell, und sie sehen die gehörigen Schranken der fröhlichen Stirne, sie sehen den schönsten Schnitt der Nase, die schmale Breite der niedlichen Hand. Aber bey dem Dichter sehe ich nichts, und empfinde mit Verdruß die Vcrgcblichkeit meiner besten Anstrengung, etwas sehen zu wollen. Zn diesem Punkte, in welchem Virgil dem Homer durch Nichsthun nachahmen können, ist auch Virgil ziemlich glücklich gewesen. Auch seine Dido ist ihm weiter nichts als nulelier- rima viäo. Wenn er ja umständlicher etwas an ihr beschreibet, so ist es ihr reicher Putz, ihr prächtiger Aufzug: l'ana'em ^inAiolUtur — — — — 8nlonii>in zneto clilam^äem eireumllat.'t Ilmlio: t!ui pliaretra ex auro, ciines voclaniur in auium, ^uiea pui^uroam lulineetit llliula vettern, ü Wollte man darum auf ihn anwenden, was jener alte Künstler zu einem Lehrlinge sagte, der eine sehr geschmückte Helena gemahlt hatte, „da du sie nicht schön mahlen können, hast du „sie reich gemahlt:" so würde Virgil antworten, „es liegt nicht „an mir, daß ich sie nicht schön mahlen können; der Tadel /.) .VoiwiU. 'V. v. !36. Ueber die Grenze» der Mahlerey und Poesie. 497 „trift die Schranken meiner Kunst; mein Lob sey, niich innerhalb diesen Schranken gehalten zu haben." Zch darf hier die beyden Lieder des Anakreons nicht vergessen, in welchen er uns die Schönheit seines Mädchens und seines Bathylls zergliedert.- Die Wendung die er dabey nimt, macht alles gut. Er glaubt einen Mahler vor sich zu haben, und laßt ihn unter seinen Augen arbeiten. So, sagt er, mache mir das Haar, so die Stirne, so die Augen, so den Mund, so Hals und Busen, so Hust und Hände! Was der Künstler nur Thcilweise zusammen setzen kann, konnte ihm der Dichter auch nur Thcilweise vorschreiben. Seine Absicht ist nicht, daß wir in dieser mündlichen Direktion des Mahlers, die ganze Schönheit der geliebten Gegenstände erkennen und fühlen sollen; er selbst empfindet die Unfähigkeit des wörtlichen Ausdrucks, und nimt eben daher den Ausdruck der Kunst zu Hülfe, deren Täuschung er so sehr erhebet, daß das ganze Lied mehr ein Lobgedicht auf die Kunst, als auf sein Mädchen zu seyn scheinet. Er sieht nicht das Bild, er sieht sie selbst, und glaubt, daß es nun eben den Mund zum Reden cröfncn werde: ^ik^^Ll' jZ^xirll) ^cilp «VT'i^v. ^Z7oix<2> n>1px, xoct ^«^crxt^. Auch in der Angabe des Bathylls, ist die Anpreisung des schönen Knabens mit der Anpreisung der Kunst und des Künstlers so in einander geflochten, daß es zweifelhaft wird, wem zu Ehren Anakrcon das Lied eigentlich bestimmt habe. Er sammelt die schönsten Theile aus vcrschicdncn Gemählden, an welchen eben die vorzügliche Schönheit dieser Theile das Charakteristische war; den Hals nimt er von einem Adonis, Brust und Hände von einem Merkur, die Hüfte von einem Pollur, den Bauch von einem Bacchus; bis er den ganzen Vathyll in einem vollendeten Apollo des Künstlers erblickt. ^1x5« xXi^iV2', ZZ^,sP«v?wo!,' ?5>«Ai^o?' ^lx^«^i.«^lov 6« Trotzt -) 0l>. XXVIll. XXIX. Lessings Werke vi. 498 Lackoon, Ht<5i^, I7»X/i_»5k^>xxc>^ i> — — l^oi^ ^?r«^)>,u>i'« ?oii ?rocxt L«^s>^X,ov. So wcis auch Lucian von dcr Schönheit der Panthca anders keinen Begriff zu machen, als durch Ncnvcisung auf die schönsten weiblichen Bildsäulen alter Künstler. ^ Was heißt aber dieses sonst, als bekennen, daß die Sprache vor sich selbst hier ohne Kraft ist; daß die Poesie stammelt und die Beredsamkeit verstummet, wenn ihnen nicht die Kunst noch cinigcrmaasscn zur Dolmetscherin dienet? XXI. Aber verliert die Poesie nicht zu viel, wenn man ihr alle Bilder körperlicher Schönheit nehmen will? — Wer will ihr die nehmen? Wenn man ihr einen einzigen Weg zu verleiden sucht, auf welchem sie zu solchen Bildern zu gelangen gedenket, indem sie die Fußtapfcn einer vcrschwisterlcn Kunst aufsucht, in denen sie ängstlich hcrumirrct, ohne jemals mit ihr das gleiche Ziel zu erreichen: verschließt man ihr darum auch jeden andern Weg, wo die Kunst hinwiederum ihr nachsehen muß? Eben dcr Homer, welcher sich aller stückwciscn Schilderung körperlicher Schönheiten so geflissentlich enthält, von dem wir kaum einmal im Vorbeygehen erfahren, daß Helena weisse Arme » lind schönes Haar 6 gehabt; eben dcr Dichter wcis dcm ohngc- achtct uns von ihrer Schönheit einen Begriff zu machen, der alles weit übcrstcigct, was dic Knnst in dicscr Absicht zu leisten im Stande ist. Man erinnere sich dcr Stelle, wo Helena in dic Btrsammlung dcr Acltcste» des Trojanischen Volkes tritt. Die ehrwürdigen Greise sehen sie, und einer sprach zu den andern: ^ O^> ^>ct>cx<,' x«t rO'xi'i^(i. II. ,,. 4kl. LiIU. IlsiI-5. a) Ilwil. I'. v. jZt. 5) Iliiil. v. 3l». IIii>>. v. 156-58. llcbcr die Grenzen der Mahlerey und Poesie. -i!>9 ?ot^6' ll^i.cs>c ^»i'-xcxl ?ro^v xp^^'oi' «X^e« 7r«crxetv ^ti>u.>? u^?«i>«7'^'Z'l ^ki^l? etl; u?ir« xucxr>>. Was kann cinc lebhaftere Zdcc von 'Schönheit gewähren, als das kalte Alter sie des Krieges wohl werth erkennen lassen, der so viel Blut und so viele Thränen kostet? Was Homer nicht »ach seinen Bestandtheilen beschreiben konnte, läßt er nns in seiner Wirkung erkennen. Mahlet uns, Dichter, das Wohlgefallen, die Zuneigung, die Liebe, das Entzücken, welches die Schönheit verursachet, und ihr habt die Schönheit selbst gcmahlct. Wer kann sich den geliebten Gegenstand der Sappho, bey dessen Erblickung sie Sinne und Gedanken zu verlieren bekennet, als häßlich denken? Wer glaubt nicht die schönste vollkommenste Gestalt zu sehen, sobald er mit dem Gefühle sympathisier, welches nur cinc solche Gestalt er- regcn kann? Nicht weil uns Ovid dcn schönen Körper seiner Lcsbia Theil vor Theil zeiget: t^lios Ilumoi'vs, Ovales villi teligikjiie laoorlos! ?M'ma pai>iIl!U'um ^u.im lull i>j>Ia ^iroiui! <)uam coi'ÜMla i>Ii>nus tuu pooloi'e venter! <)»!>ntum <^ huali! littus! c?n!>m juvenilo somui! sondern weil er es mit der wollüstigen Trunkenheit thut, nach der unscrc Sehnsucht so leicht zu erwecken ist, glauben wir eben des Anblickes zu gemessen, dcn cr gcnoß. Ein andrer Wcg, auf welchem die Poesie die Kunst in Schilderung körperlicher Schönheit wiederum einholet, ist dieser, daß sie Schönheit in Reiß verwandelt. Reiß ist Schönheit in Bewegung, und eben darum dem Mahler weniger bequem als dem Dichter. Der Mahler kann die Bewegung nur errathen lassen, in der That aber sind seine Figuren ohne Bewegung. Folglich wird der Ncitz bey ihm zur Grimasse. Aber in der Poesie bleibt er was cr ist; ein transitorischcs Schönes, das wir wicdcrhohlt zu sehen wünschen. Es kömmt und geht; und da wir uns überhaupt einer Bewegung leichter und lebhafter erinnern können, als blosser Formen oder Farben: so muß der Reiß in dem nehmlichen Verhältnisse stärker auf uns wirken, als die Schönheit. Alles was noch in dem Gemählde der Alcina gefällt und rühret, ist Reih. Der Eindruck, dcn ihre 600 Laokoon. Augen machen, kömmt nicht daher, daß sie schwarz und feurig sind, sondern daher, daß sie, l^ivloli ü i'iAusi'dar, ü mover parcln, mit Holdseligkeit um sich blicken, und sich langsam drehen; daß Amor sie umflattert und seinen ganzen Köcher aus ihnen ab» schießt. Ihr Mund entzücket, nicht weil von eigenthümlichem Zinnober bedeckte Lippe» zwey Reihen auserlesener Perlen ver- schlicsscn; sondern weil hier das liebliche Lächeln gebildet wird, welches, für sich schon, ein Paradies auf Erden cröfnetz weil er es ist, aus dem die freundlichen Worte tönen, die jedes rauhe Herz erweichen. Zhr Busen bezaubert, weniger weil Milch und Hclfcnbcin und Acpfct, uns seine Weisst und niedliche Figur vorbilden, als vielmehr weil wir ihn sanft auf und nieder wallen sehen, wie die Wellen am äussersten Rande des Ufers, wenn ein spielender Zcphyr die See bestreiket: Duo pomc acei-Iie, v pur cl'.-tvm'io kstto, VonAouo o van, como onila al pi'Iino mai-A«, (^uimclo piaoovolo aura il mar comliatte. Zch bin versichert, daß lauter solche Züge des Rciyes in eine oder zwey Stanzen zusammen gedrengct, weit mehr thun würden, als die füufc alle, in welche sie Ariost zerstreuet und mit kalten Zügen der schönen Form, viel zu gelehrt für unsere Empfindungen, durchflochtcn hat. Selbst Anakreon wollte lieber in die anscheinende Unschicklichkeit verfallen, eine Unthulichkcit von dem Mahler zu verlangen, als das Bild seines Mädchens nicht mit Reiß beleben. ?j>v>cs'xj>o^> «j'eo'k» )/xvkioi.', Ilrpt X,i^csti.>u> ^«x^^ X>. Ill> c«i)> 7. Monxlms IIi>Iicar»-isl', ä,rl. Iili>->> <,'«?> t?> Tttiz-, ?»oz^ kgkrcto'ku^. 602 Lciokoon. „sich in dcn frcycn Himmel, oder gegen höhere Gebäude der „Stadt verlieren; jenes würde kühner lassen, eines aber ist so „schicklich wie das andere." Man denke sich dieses Gemählde von dem größten Meister unscrcr Zeit ausgeführet, und stelle es gegen das Werk des Zcuris. Welches wird dcn wahre» Triumph der Schönheit zeigen ^ Dieses, wo ich ihn selbst suhle, oder jenes, wo ich ihn aus dcn Grimassen gerührter Graubärte schliesscn soll? Im-po tomlis imwr; cin gieriger Blick macht das ehrwürdigste Gesicht lächerlich, und ein Greis der jugendliche Begierden verräth, ist sogar ein ccklcr Gegenstand. Dcn Homerischen Greisen ist dieser Aorwurf nicht zu machen; denn der Affcct den sie empfinden, ist cin augcnblicklichcr Funke, den ihre Wcishcit so- glcich erstickt; nur bestimmt, der Helena Ehre zu machen, aber nicht, sie selbst zu schänden. Sie bekennen ihr Gefühl, und sügcn sogleich hinzu: xolt, UI-,', T'oli^ Zttji eoi^a'', L^' vrz'uo't M>^6' ^ i'exxro'o't ? »?rl,o'o'ui ?r^^« ^l7rot?o. Ohne diesen Entschluß wären es alte Gcckcz wären sie das, was sie in dcm Gcmähldc dcs Caylus erscheinen. Und worauf richten sie denn da ihre gierigen Blicke? Auf eine vcrmumte, vcrschlcycrtc Figur. Das ist Hclcna? Es ist mir nnbegrcifflich, wie ihr Eaylus hicr dcn Schlcycr lassen können. Zwar Homer giebt ihr dcnsclbcn ausdrücklich: ^.'Ui'tx« ck' o^ov^crtv ^j^il.«?' ex A-«^«^^c>lc> — — abcr, um übcr die Strasscn damit zu gchcn; und wenn auch schon bey ihm die Alten ihre Bewunderung zeigen, noch ehe sie den Schlcycr wieder abgenommen oder zurückgcworffcn zu haben scheinet, so war cs nicht das erstemal, daß sie die Alten sahen; ihr Bekenntniß durste also nicht aus dem itzigen augenblicklichen Anschauen entstehen, sondern sie konnten schon oft empfunden haben, was sie zu empfinden, bey dieser Gelegenheit nur zum erstenmal bekannten. Zn dem Gemählde findet so etwas nicht Statt. Wenn ich hicr entzückte Alte sehe, so will ich auch zugleich sehen, was sie in Entzückung setzt; und ich werde äusserst betroffen, wenn ich weiter nichts, als, wie gesagt, eine vcrmumte, lieber die Grenze» der Mahlerey und Poesie. 603 verschlcycrte Figur wahrnehme, die sie brünstig angaffe». Was hat dieses Ding von der Helena? Ihren wcisscn Schlcycr, und etwas von ihrem proportionirtcn Umrisse, so weit Umriß unter Gewändern sichtbar werden kann. Doch vielleicht war es auch des Grafen Meinung nicht, daß ihr Gesicht verdeckt sey» sollte, und er nennet den Schlcycr blos als ein Stuck ihres Anzugcs. Ist dicscs (seine Worte sind einer solchen Auslegung zwar nicht wohl fähig: Ilolonv emivertu tl'ui, voilo Iil-ine) so entstehet eine andere Verwunderung bey mir: er empfiehlt dem Artisten so sorgfältig den Ausdruck auf dcn Gesichtcrn der Alten; nur über die Schönheit in dem Gesichte der Helena verliert er kein Wort. Diese sittsame Schönheit, im Auge dcn fcuchtcn Schmnncr einer rcucndcn Thränc, furchtsam sich nähernd — Wic? Zst die höchste Schönheit unsern Künstlern so etwas gcläuffigcs, daß sie auch nicht daran erinnert zu werden brauchen? Oder ist Ausdruck mehr als Schönheit? Und sind wir auch in Gcmähl- den schon gewohnt, so wie auf der Bühne, die häßlichste Schauspielerin für eine entzückende Prinzessin gelten zu lassen, wcnn ihr Prinz nur recht warme Liebe gegen sie zu empfinden äusscrt? Zn Wahrheit; das Gemählde des Caylus würde sich gegen das Gemählde des Zcuxis, wic Pantomime zur crhabcnstcn Poesie verhalten. Homer ward vor Alters ohnstrcitig fleißiger gelesen, als itzt. Dennoch findet man sogar vieler Gemählde nicht erwähnet, welche die alte» Künstler aus ihm gezogen hätten, i Nur den Fingerzeig dcs Dichtcrs auf bcsondcrc körperliche Schönheiten, scheinen sie fleißig genutzt zu haben; diese mahlten sie; und in diesen Gegenständen fühlten sie wohl, war es ihnen allem vergönnet, mit dem Dichter wettcifcrn zu wollen. Ausser der Helena, hatte Zcuris auch die Pcnclopc gemahlt; und dcs Apcllcs Diana war die Homerische in Begleitung ihrer Nymphen. Bey dieser Gelegenheit will ich criimern, daß die Stelle des Plinius, i» welcher von der letztem die Rede ist, einer Verbesserung bedarf. Handlungen aber aus dem Homer zu S) r»I»ieii vi>>Iio»>. kr-v. I.i>>. II. eap. 6. ,,. 3tS. c) Plinius sagt von dem Apcllcs: (i.ii-r. XXXV. lvcl. 3K. l>. 698. t)l>u. u»r>>.) t'vcil vkl. 2> v. i»z-ios.) II xcn« 'I>^z>kiov 5k^t/i,iz-!^o?>, L^i^vli'K'o^ l'A <5- »u.« ^"u/^crai, >.o^>iza^ ^.tzitci^mo, ^z-^o>c>^oi ^«i^oTicri' — — — — «Vilnius wird also nicht ti>nil,m, oder etwas ähnliches geschrieben haben; vielleicht t>ivis vsxsiuium, welche Verbesserung die Anzahl der veränderten Buchstaben ohngcfclir hätte. Dem -cu^ovov beym Homer würde r-M-uttiiiui am nächsten kommen, und auch Birgil läßt in seiner Nachahmung dieser Stelle, die Diaua mit ihre» Nymphe» tanzen: (^ciieia. I. v. 497. 98.) Vuali-z i» IZurvlsz rinis, sul n>!r ^nxa l?>iitiii Lxvicet visn» elloroü — — Spcncc hat hicrbcy einen seltsamen Einfall (?v>ii»eii-i Vill. v. I0S.) riÜ5! viiln» , sagt er, iiolll in Nie nicturv »uä in II»! tlükcrinlions, Nil! Hin»» Venütrix, Mo' sllv ,vü8 not rvprelvnl,!,! eillier >>v Virgil, vr ^nvl- ies, vr Homer, Imiiling villi I>er mvkü; n»l ?>« emi>Io>v>> ,vill> »iivn» >» Iliilt t«rt ok clüiices, nliieli vl viel vere rex«rc>eii ns vor;' lolemii »cl» Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 605 waren, als irgend ein Meisterstück der Kunst; da Homer die Natur eher mit einem mahlerischen Auge betrachtet hatte, als ein Phidias und Apcllcs: so ist cs nicht zu verwundern, daß die Artisten verschicdnc ihnen besonders nützliche Bemerkungen, ehe sie Acit hatten, sie in der Natur selbst zu machen, schon bey dem Homer gemacht fanden, wo sie dieselben begierig ergriffen, um durch den Homer die Natur nachzuahmen. Phi- dias bekannte, daß die Zeilen: « Acx^^ «>>«x7'c>c!, ZijttZl?'«^ cx?r' u^cxi^^T'iito' ^»lk^c/v c)' O^i^icov ihm bey seinem Olympischen Jupiter zum Vorbilde gcdicnct, und daß ihm nur durch ihre Hülfe ein göttliches Antlitz, ,„<,- I>emollum ex ipto c»;Io i>ot!tum, gelungen sey. Wem dieses nichts mehr gesagt heißt, als daß die Phantasie des Künstlers ok cievoiio». In einer Ilnmcrkung fügt er l'inzin rix- exiireMv» ok ^ui^i,', ul>ll >>>' Homer o» »U!« oceükion, kosrce proper kor Imnliiix; Ilinl ok, ^Iioros exercere, in Virgit, «Iioulil Iiu »»»lertloucl ok II»! reliffiuui« ttmice« ok «UI, beesuke u»»ei»^, i» »>e olct Itonikl» icle» vf U, ^v»» inile- eent even kor men, in nulilie; »»lekk it vere Nie kort «k »liinee« ukeit i» Ilunour ok Msr«, or IZücclnis, or koiue vtüer ok »>eir xa>I«. Spcucc will nehmlich jene fcycrliche Tänzc verstanden wissen, welche bey den Alten mit unter die gotlcsdienstlichcn Handlungen gerechnet wurden. Und dal'cr, meinet er, brauche denn auch Plinius das Wort k-ccrikicitre: It i» in eonk«-o.uence ok »>i» u>»t IM»)', in koeitking ok visnit» X^innlis on tliiii verx «ecilkion, ukes »>o vor», k-lcrikie-lre, ok »>eni; vlucl» liuite uelerniine-i »,eko UitncvL ok INeirs >« Ii-tve Iieen ok tue religiuui! liinil. Er vergißt, daß bey dem Virgil die Diana selbst mit tanzet: exereet iii-ms ciwros. Sollte nun dieser Tanz ein gottckdicnstlichcr Tanz seyn: zu wessen Verehrung tanzte ihn die Diana? Zu ihrer eignen? Oder zur Verehrung einer ander» Gottheit? Beydes ist widersinnig. Und wenn die allen Siomer das Tanzen übcrl'aupt einer ernsthaften Person nicht für sehr anständig hielten, mußten darum ihre Dichter die Gravität ihres Volkes auch in die Sitten der Götter übertrage», die von den ältern griechischen Dichtern ganz anders festgesetzet waren? Wenn Horaz von der Venus sagt: (vu. IV. lin. I.) Iklm O^IIlere» clioros «lueit Venuü, imminenle luns: lunctceiluv K^mvlii?- KriU'no uecento» ^Ilerno terrsin yu!»iu»t nello — — waren dieses auch heilige gottrsdicnstlichc Tänze? Ich verliere zu viele Worte über eine solche Grille. Vk>IeriU5 Usximu» lib. III. c»n. 7. > .... 5 ^»'^ ^- ^. >- Laokoon. durch das erhabene Bild des Dichters befeuert, und eben so erhabener Vorstellungen sahig gemacht worden, der, dünkt mich, übersieht das Wesentlichste, und begnügt sich mit etwas ganz allgemeinem, wo sich, zu einer weit gründlichern Befriedigung, etwas sehr specielles angcbcn läßt. So viel ich urtheile, bekannte Phidias zugleich, daß er in dieser Stelle zuerst bemerkt habe, wie viel Ausdruck in den Augcnbrauncn liege, «ju-u.ta I»ai-8 am»» e sich in ihnen zeige. Vielleicht, daß sie ihn auch auf das Haar mehr Fleiß zu wenden bewegte, um das einigcr- maasscn auszudrücken, was Homer ambrosisches Haar nennet. Denn es ist gewiß, daß die alten Künstler vor dem Phidias das Sprechende und Bedeutende der Mienen wenig verstanden, und besonders das Haar sehr vernachlässiget hatten. Noch Myron war in beyden Stücken tadelhaft, wie Plinius anmerkt,/ und nach eben demselben, war Pylhagoras Lcontinus der erste, der sich durch ein zierliches Haar hervorthat, Z- Was Phidias aus dem Homer lernte, lernten die andern Künstler aus den Werken des Phidias. Zch will noch ein Beyspiel dieser Art anführen, welches mich allezeit sehr vergnügt hat. Man erinnere sich, was Ho- garth über den Apollo zu Bclvcdcrc anmerkt. K „Dieser Apollo, „sagt cr, und der Antinous sind beyde in eben demselben Pal- „ laste zu Rom zu sehen- Wenn aber Antinous den Zuschauer „mit Verwunderung erfüllet, so setzet ihn der Apollo in Ermannen; und zwar, wie sich die Reisenden ausdrücken, durch „einen Anblick, welcher etwas mehr als menschliches zeiget, wcl- „chcs sie gemeiniglich gar nicht zu beschreiben im Stande sind. „Und diese Wirkung ist, sagen sie, um desto bewundernswürdiger, da, wenn man es untersucht, das Unproportionirlichc „daran auch einem gemeinen Auge klar ist. Einer der besten „Bildhauer, welche wir in England haben, der neulich dahin e) Miin»« Ml. X. lecl. St. p. 6tk. Lllil. IlilrlI. ^) Itlvm Iil>, XXXIV. lvct, tg. i>. K5l. l>>l« lameii cvrporum lenns eurwl'u», iiiiim'i seiisuü »»» u.xpivlsissv vnlelur, >!i>i>M»»> >>u»(>uv >!5 nulir», nu» »l>!»i»ii f^cissv, >lu.ii» ruck» i>i>>ui»il!>» insliluissel. q-) »>UI. Nie priiuu» »ervu» >k7 v>?»»« exnri'sNl; e!li>iUuii»lU<.'llUi^viiIi»!!. /,) Zcrglicdcrung der Echönlicit. S, 47. Vcrl. Ausg. lieber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 6(17 „rcisctc, diese Bildsäule zu sehen, bekräftigte mir das, was itzo „gesagt worden, besonders, daß die Füsse und Schenkel, in „Ansehung der obern Theile, zu lang nnd zu breit sind. Und „Andreas Sacchi, einer der größten Italiänischen Mahler, „scheinet eben dieser Meinung gewesen zu seyn, sonst würde er „schwerlich (in einem berühmten Gemählde, welches itzo in (5ng- „land ist) seinem Apollo, wie er den Tonkünstlcr Pasauiliiii „krönet, das völlige Verhältniß des Antinouö gegeben haben, „da er übrigens wirklich eine Copic von dem Apollo zu seyn „scheinet. Ob wir gleich an sehr grossen Werken oft sehen, „daß ein geringerer Theil aus der Acht gelassen worden, so „kann dieses doch hier der Fall nicht seyn. Denn an einer „schönen Bildsäule ist ein richtiges Verhältniß eine von ihren „wesentlichen Schönheiten. Daher ist zu schlicsscn, daß diese „Glieder mit Fleiß müssen seyn verlängert worden, sonst würde „es leicht haben können vermieden werden. Wenn wir also die „Schönheiten dieser Figur durch und durch untersuchen, so werde» „wir mit Grunde urtheilen, daß das, was man bisher für „unbeschreiblich vortrefflich an ihrem allgemeinem Anblicke gehalten, von dem hcrgcrührct hat, was ein Fehler in einem „Theile derselben zu seyn geschienen." — Alles dieses ist sehr einleuchtend; und schon Homer, füge ich hinzu, hat es empfunden und angedeutet, daß es ein erhabenes Ansehen giebt, welches bloß aus diesem Zusätze von Grösse in den Abmessungen der Füsse und Schenkel entspringet. Denn wenn Antcnor die Gestalt des Ulysses mit der Gestalt des Mcnelaus vergleichen will, so läßt er ihn sagen: i Z?'on'7'k!v ^?v, ^leue^oco^ ^Trxt^xx^ ku^-xi,' -5>5«p?-tx> V. 510 Laokoo». dcs Againcnmons theurer zu stehen gekommen wäre, daß er sie, anstatt mit ein Paar blutigen Schwielen, mit dem Leben bezahlen müssen: und mir würden aufhören über ihn zu lachen. Denn dieses Scheusal von einem Menschen ist doch ein Mensch, dessen Vernichtung uns stets ein grösseres Uebel scheinet, als alle seine Gebrechen und Laster. Um die Erfahrung hiervon zu machen, lese man sein Ende bey dem O-uintus Calabcr. « Achilles belauert die Pcnthcsilca gctödtct zu haben: die Schönheit in ihrem Blute, so tapfer vergossen, fodcrt die Hochachtung und das Mitleid des Helden; und Hochachtung und Mitleid werden Liebe. Aber der schmähsüchtigc Thcrsitcs macht ihm diese Liebe zu einem Verbrechen. Er eifert wider die Wollust, die auch den wackersten Mann zu Unsinnigkcitcn verleite, — — — «cs>^>ov« csico?'« -r^^c/t ^li.'vi'ov Tlkjl !91>?'«. — — — — Achilles ergrimmt, lind ohne ein Wort zu versetzen, schlägt er ihn so unsanft zwischen Back und Ohr, daß ihm Zähne, und Blut und Seele mit eins aus dem Halse stürzen. Zu grausam! Der jachzornigc mörderische Achilles wird mir verhaßter, als der tückische knurrende Thcrsitcs; das Freudengeschrey, welches die Griechen über diese That erheben, beleidiget mich; ich trete auf die Seite dcs Diomcdcs, der schon das Schwcrd zucket, seinen Anverwandten an dcm Mörder zu rächen: denn ich empfinde es, daß Thersites auch mein Anverwandter ist, ein Mensch. Gesetzt aber gar, die Verhetzungen dcs Thcrsitcs wärcn in Mcutercy ausgcbrochcn, das aufrührcrischc Volk wäre wirklich zu Schiffe gegangen und hätte seine Heerführer vcrräthcrisch zurückgelassen, die Heerführer wärcn hicr cincm rachsüchtigen Feinde in die Hände gefallen, und dort hätte ein göttliches Strafgc- ricbtc übcr Flotte und Volk ein gänzliches Verderben verhangen: wie würde uns alsdcnn die Häßlichkeit dcs Thcrsitcs erscheinen? Wenn unschädliche Häßlichkeit lächerlich werden kann, so ist schädliche Häßlichkeit allezeit schrecklich. Ich weis dieses nicht besser zu erläutern, als mit ein Paar vortrcflichcn Stcllcn dcs Shakc- spcar. Edmund, dcr Bastard dcs Grafen von Glostcr, im Kö- c) ?iN!lIit>om, Nil. I. V. 720-778. ^^/«ItTiQZ, 5.7^?. lieber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. U1 nig Lcar, ist kci» geringerer Böscwicht, als Richard, Herzog von Gloccstcr, der sich durch die abscheulichsten Ncrbrecben den Weg zum Throne bahnte, den er unter dem Namen, Richard der Tritte, bestieg. Aber wie kömmt es, daß jener bey weitem nicht so viel Schaudern und Entsetzen erwecket, als dieser? Wenn ich den Bastard sagen höre:-? "slion. ZValm'v, iU't, rny Loclllels, 1o lliy I.inv 1^1)? ^vi vlees sie Iiounll; ^vlieioscno tliniilll 1 8lanil in tlio I^liiAv nt Cusloin, am! nermü ^llio cuilello »s I^.illniis ic> ct<:nr!v<; me, l^or tliat, I am somo t^velvt?, oi' sointven ^Inonllnno« I^ag ok a IZrolliei? ^VI>V Lallaiil? ^ Iioiekoie Iialv? >Vlien m^ cümvnüons are as ^vell eomnaol, AIz? minä as Aen'ions, and m^ sliuno as Irno Iionelt Uallain's Illuo? WI,)' viaml tlle^ ll»i8 V^'itl» lisse? ^villl dnkeness? dallarcl^, dato? linke? VV'lio. in tllo lutl^ tlealtlr »k I^aluro, talcv IVloi'o eomnotllion ane! tioic« an clolli, ^vituin a elull, tlale, iireä IZvil, or mkttlo to court, an gin'i'vns looliinA-ZIaks, I, tl>at am rucle!^ ktsmnt, and ^vant I^ove's klajokl,^, ?o ktrut uekoro a v?anton, amvIinZ ^i)'mnl>; I, lliat am vurtaü'cl ok tln8 kair monvrtion, (!IioatocI ok keature liz^ mkkvmulinF natnro, Dekorm'll, untini8lr'cl, tont liekoro ni)? time Into tliis di'eatlnnA >voil(Z, kcarcc: lialk i.iallo un, ^nä tüat to lanttzlv aixl unka8liional)lv, ?iiat doA8 dailv at me, »8 I lialt Ii^ tliem: V>^Iry I t^in t.I>!8 ^vealc pininZ time ok I'eace) King l>LSr. ^Vcl. I. 8c. VI. - !>»>> vv»>I> ok Iiicl>!>rll III. ^cl, I. Kc. I. ^«UI»>>». . ' " V ^ ' >.^' < ^V. ?^ Laokoon. Il.ive no ^ in^ slia^lo^v in t!«z tun, ^nd ilescant on miue o>vn ilotormil^. ^»il llioresoio, I'iucv I cannot niovo a I^over, ^'o outoi I.iin tliolo ka!r ^vell-snolcen tla^s, I sin lleleriinno^. to in'ove a Villain! so hörc ich cincn Teufel, und sehe einen Teufel; in einer Gestalt, die der Teufel allein haben sollte. XXIV. So nutzt der Dichter die Häßlichkeit der Formen: welchen Gebrauch ist dem Mahler davon zu machen vergönnet? Die Mahlerey, als nachahmende Fertigkeit, kann die Häßlichkeit ausdrücken: die Mahlerey, als schöne Kunst, will sie nicht ausdrücken. Als jener, gehören ihr alle sichtbare Gegenstände zu: als diese, schließt sie sich nur auf diejenigen sichtbaren Gegenstände ein, welche angenehme Empfindungen erwecken. Aber gefallen nicht auch die unangenehmen Empfindungen in der Nachahmung? Nicht alle. Ein scharfsinniger Kunst- richtcr« hat dieses bereits von dem Eckel bemerkt. „Die Verkettungen der Furcht, sagt er, „der Traurigkeit, des Schreckens, „des Mitleids u. s. w. können nur Unlust erregen, in so weit „wir das Uebel für wirklich halten. Diese können also durch „die Erinnerung, daß es ein künstlicher Betrug sey, in angenehme Empfindungen aufgelöset werden. Die widrige Empfindung des Eckcls aber erfolgt, vermöge des Gesetzes der Einbildungskraft auf die blosse Vorstellung in der Seele, der Gegenstand mag für wirklich gehalten werden, oder nicht. Was „hilfts dem beleidigten Gemüthe also, wenn sich die Kunst der „Nachahmung noch so sehr verräth? Zhre Unlust entsprang nicht „aus der Voraussetzung, daß das Uebel wirklich sey, sondern „ aus der blossen Vorstellung desselben, und diese ist wirklich da. „Die Empfindungen des Eckcls sind also allezeit Natur, nie- „mals Nachahmung." Eben dieses gilt von der Häßlichkeit der Formen. Diese a) Briefe die »eiicslc Litteratur betreffend, Th. V. S. 102. Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 613 Häßlichkeit beleidiget unser Gesicht, widerstehet unserm Geschmacke an Ordnung und Uebereinstimmung, und erwecket Abscheu, ohne Rücksicht auf die wirkliche Existenz des Gegenstandes, an laschem wir sie wahrnehmen. Wir mögen den Thcrsites weder in der Natur noch im Bilde sehen; und wenn schon sein Bild weniger mißfällt, so geschieht dieses doch nicht deswegen, weil die Häßlichkeit seiner Form in der Nachahmung Häßlichkeit zu seyn aufhöret, sondern weil wir das Vermögen besitzen, von dieser Häßlichkeit zu abstrahircn, und uns blos an der Kunst dcS Mahlers zu vergnügen. Aber auch dieses Vergnügen wird alle Augenblicke durch die Ucbcrlcgung unterbrochen, wie übel die Kunst angewendet worden, und diese Ucbcrlcgung wird selten fehlen, die Geringschätzung des Künstlers nach sich zu ziehen. Aristoteles giebt eine andere Ursache an,s warum Dinge, die wir in dcr Natur mit Widerwillen erblicken, auch in der gctrcucstcn Abbildung Vergnügen gewähren; die allgemeine Wißbegierde des Menschen. Wir freuen uns, wenn wir entweder aus dcr Abbildung lernen können, 7t xx«?ov, was ein jedes Ding ist, oder wenn wir daraus schlicsscii können, 07-t o^-o«; x'x-n'-z?, daß es dieses oder jenes ist. Allein auch hieraus folget, zum Besten der Häßlichkeit in dcr Nachahmung, nichts. Das Vergnügen, welches aus dcr Befriedigung unserer Wißbegierde entspringt, ist momentan, und dem Gegenstände, über welchen sie befriediget wird, nur zufällig: das Mißvergnügen hingegen, welches den Anblick der Häßlichkeit begleitet, permanent, und dem Gegenstände, der es erweckt, wesentlich. Wie kann also jenes diesem das Gleichgewicht halten? Noch weniger kann die kleine angenehme Beschäftigung, welche uns die Bemerkung dcr Achnlichkcit macht, die unangenehme Wirkung dcr Häßlichkeit besiegen. Ze genauer ich das häßliche Nachbild mit dem häßlichen Urbildc vergleiche, desto mehr stelle ich mich dieser Wirkung blos, so daß das Vergnügen dcr Vcrglcichung gar bald verschwindet, und mir nichts als dcr widrige Eindruck der verdoppelten Häßlichkeit übrig bleibet. Nach den Beyspielen, welche Aristoteles giebt, zu urtheilen, scheinet es, als habe i) ve poelic» csi>. IV. Lessings Werke Vl. ^; 514 Laokoo», er auch selbst die Häßlichkeit der Formen nicht mit zu den mißfälligen Gegenständen rechnen wollen, die in der Nachahmung gefallen können. Diese Beyspiele sind, rcisscndc Thiere und Leichname. Rcisscndc Thiere erregen Schrecken, wenn sie auch nicht häßlich sind; und dicscs Schrecken, nicht ihre Häßlichkeit, ist cS, was durch die Nachahmung in angenehme Empfindung aufgelöset wird. So auch mit den Leichnamen; das schärfere Gefühl des Mitleids, die schreckliche Erinnerung an unsere eigene Vernichtung ist es, welche uns einen Leichnam in der Natur zu einem widrigen Gegenstände macht; in der Nachahmung aber verlieret jenes Mitleid, durch die Ueberzeugung des Betrugs, das Schneidende, und von dieser fatalen Erinnerung kann uns ein Zusatz von schmeichelhaften Umständen entweder gänzlich abziehen, oder sich so unzertrennlich mit ihr vereinen, daß wir mehr wünschcns würdig es als schreckliches darinn zu bemerken glauben. Da also die Häßlichkeit der Formen, weil die Empfindung, welche sie erregt, unangenehm, und doch nicht von derjenigen Art unangenehmer Empfindungen ist, welche sich durch die Nachahmung in angenehme verwandeln, an und vor sich selbst kein Norwurf der Mahlerey, als schöner Kunst, seyn kann: so käme es noch darauf an, ob sie ihr, nicht eben so wohl wie der Poesie, als Ingrediens, um andere Empfindungen zu verstärken, nützlich seyn könne. Darf die Mahlerey, zu Erreichung des Lächerlichen und Schrecklichen, sich häßlicher Formen bedienen? Zch will es nicht wagen, so grade zu, mit Nein hierauf zu antworten. Es ist unleugbar, daß unschädliche Häßlichkeit auch in der Mahlerey lächerlich werden kann; besonders wenn eine Affcctation nach Rcitz und Ansehen damit verbunden wird. Es ist eben so unstreitig, daß schädliche Häßlichkeit, so wie in der Natur, also auch im Gemählde Schrecken erwecket; und daß jenes Lächerliche und dicscs Schreckliche, welches schon vor sich vermischte Empfindungen sind, durch die Nachahmung einen neuen Grad von Anzüglichkeit und Vergnügen erlangen. Zch muß aber zu bedenken geben, daß dcmohngcachtct sich die Mahlerey hier nicht völlig mit der Poesie in gleichem ^.^ü.. Ueber die Grenzen der Mahlerey lind Poesie. 615 Falle befindet. Zn der Poesie, wie ich angemerket, verlieret die Häßlichkeit der Form, durch die Veränderung ibrcr cocxisti- rendcn Theile in successive, ihre widrige Wirkung fast gänzlich; sie höret von dieser Seite gleichsam auf, Häßlichkeit zu seyn, und kann sich daher mit andern Erscheinungen desto inniger verbinden, um eine neue besondere Wirkung hervorzubringen. Zn der Mahlerey hingegen hat die Häßlichkeit alle ihre Kräfte beysammen, und wirket nicht viel schwächer, als in der Natur selbst. Unschädliche Häßlichkeit kann folglich nicht wohl lange lächerlich bleiben; die unangenehme Empfindung gewinnet die Oberhand, und was in den ersten Augenblicken possirlich war, wird in der Folge blos abscheulich. Nicht anders gehet es mit der schädlichen Häßlichkeit; das Schreckliche verliert sich nach und nach, und das Unförmliche bleibt allein und unveränderlich zurück. Dieses überlegt, hatte der Graf Eaylus vollkommen Recht, die Episode des Thcrsitcs aus der Reihe seiner Homerischen Gemählde wegzulassen. Aber hat man darum auch Recht, sie aus dem Homer selbst wegzuwünschen? Ich finde ungern, daß ein Gelehrter, von sonst sehr richtigem und seinem Geschmacke, dieser Meinung ist. c Ich vcrspare es auf einen andern Ort, mich wcitläuftiger darüber zu erklären. XXV. Auch der zweyte Unterschied, welchen der angeführte Kunst- richtcr, zwischen dem Eckcl und andern unangenehmen Leidenschaften der Seele findet, äusscrt sich bey der Unlust, welche die Häßlichkeit der Formen in uns erwecket. „Andere unangenehme Leidenschaften, sagt er,» können auch „ausser der Nachahmung, in der Natur selbst, dem Gemüthe „öfters schmeicheln; indem sie niemals reine Unlust erregen, „sondern ihre Bitterkeit allezeit mit Wollust vermischen. Unsere „Furcht ist selten von aller Hoffnung entblößt; der Schrecken „belebt alle unsere Kräfte, der Gefahr auszuweichen; der Zorn „ist mit der Begierde sich zu rächen, die Traurigkeit mit der c) Klolsii k!>Mol!v Ilomerici«, p, 33. L seq. a) Eben daselbst S. 103. 33° j !^1oko0II, „angcnchmcn Vorstellung der vorigen Glückseligkeit verknüpft, „nnd das Mitleiden ist von den zärtlichen Empfindungen der „Liebe nnd Zuneigung unzertrennlich. Die Seele hat die Freyheit, sich bald bey dem vergnüglichen, bald bey dem widrigen „Theile einer Leidenschaft zu verweilen, und sich eine Vermischung von Lust und Unlust selbst zu schaffen, die reißender „ist, als das lauterste Vergnügen. Es braucht nur sehr wenig „Achtsamkeit auf sich selber, um dieses vielfältig beobachtet zu „haben; und woher käme es denn sonst, daß dem Zornigen sein „Zorn, dem Traurigen seine Unmuth lieber ist, als alle freudige „Vorstellungen, dadurch man ihn zu beruhigen gedenket? Ganz „anders aber verhält es sich mit dem Eckcl und den ihm verwandten Empfindungen. Die Seele erkennet in demselben „keine merkliche Vermischung von Lust. Das Mißvergnügen „gewinnet die Oberhand, und daher ist kein Zustand, weder „in der Natur noch in der Nachahmung zu erdenken, in wcl- „chem das Gemüth nicht von diesen Vorstellungen mit Widerwillen zurückweichen sollte." Vollkommen richtig; aber da der Kunstrichtcr selbst, noch andere mit dem Eckcl verwandten Empfindungen erkennet, die gleichfalls nichts als Unlust gewähren, welche kann ihm näher verwandt seyn, als die Empfindung des Häßlichen in den Formen? Auch diese ist in der Natur ohne die geringste Mischung von Lust; und da sie deren eben so wenig durch die Nachahmung fähig wird, so ist auch von ihr kein Zustand zu erdenken, in welchem das Gemüth von ihrer Vorstellung nicht mit Widerwillen zurückweichen sollte. Ja dieser Widerwille, wenn ich anders mein Gefühl sorgfältig genug untersucht habe, ist gänzlich von der Natur des Eckcls. Die Empfindung, welche die Häßlichkeit der Form begleitet, ist Eckcl, mir in einem geringern Grade. Dieses streitet zwar mit ciner andern Anmerkung des Kunstrichters, nach welcher er nur die allcrdunkelstcn Sinne, den Geschmack, den Geruch und das Gcfühl, dem Eckcl ausgesetzet zu seyn glaubet. „Jene beyde, sagt er, durch eine übermäßige Süßigkeit, und „dieses durch eine allzugrossc Weichheit der Körper, die den „berührenden Fibcrn nicht gcnugsam widerstehen. Diese Gegen- lieber die Grenze» der Mahlerey und Poesie. 517 „stände werden sodann auch dem Gesichte unerträglich, aber „blos durch die Association der Begriffe, indem wir uns des „Widerwillens erinnern, den sie dem Geschmacke, dem Gerüche „oder dem Gefühle verursachen. Denn eigentlich zu reden, giebt „es keine Gegenstände des Eckcls für das Gesicht." Doch mich dünkt, es lassen sich dergleichen allerdings nennen. Ein Fcncrmahl in dem Gesichte, eine Hasenscharte, eine gcpletschle Nase mit vorragenden Löchern, ein gänzlicher Mangel der Au- gcnbrauncn, sind Häßlichkeiten, die weder dem Gerüche, »och dem Geschmacke, noch dem Gefühle zuwider scmi könne». Gleichwohl ist es gewiß, daß wir etwas dabey empfinde», welches dem Eckcl schon viel näher kömmt, als das, was uns andere Unförmlichkcitcn des Körpers, ein krummer Fuß, ei» hoher Rücke», empfinde» lasse»; je zärtlicher das Tcmpcramcnt ist, desto mehr werden wir von dc» Vcweg»»gcn in dem Körper dabey fühlen, welche vor dem Erbrechen vorhcrgcbcn. Nur daß diese Bewegungen sich sehr bald wieder verlieren, und schwerlich ein wirkliches Erbrechen erfolgen kann; wovon man allerdings die Ursache darinn zu suchen hat, daß es Gegenstände des Gesichts sind, welches i» ih»c», und mit ihnen zugleich, eine Menge Realitäten wahrnimt, durch deren angenehme Vorstellungen jene unangenehme so geschwächt und verdunkelt wird, daß sie keinen merklichen Einfluß auf den Körper haben kann. Die dunkeln Sinne hingegen, der Geschmack, der Geruch, das Gefühl, können dergleichen Realitäten, indem sie von etwas Widerwärtigen gerührct werden, nicht mit bemerken; das Widerwärtige wirkt folglich allein und in seiner ganzen Stärke, und kann nicht anders als auch in dem Körper von einer weit heftigern Erschütterung begleitet sey». Ucbrigcns verhält sich auch zur Nachahmung das Eckclhaftc vollkommen so, wie das Häßliche. Za, da seine unangenehme Wirkung die heftigere ist, so kann es noch weniger als das Häßliche an und vor sich selbst ein Gegenstand weder der Poesie, noch der Mahlerey werden. Nur weil es ebenfalls durch den wörtlichen Ausdruck sehr gemildert wird, getrauert ich mich doch wohl zu behaupten, daß der Dichter, wenigstens einige eckclhaftc Züge, als ein Ingrediens zu den nehmlichen vermisch- 518 Kaokoon. teil Empfindungen brauchen könne, die er durch das Häßliche mit so gutem Erfolge verstärket. Das Eckclhafte kann das Lächerliche vermehren; oder Vorstellungen der Würde, des Anstandcs, mit dem Eckclhaften in Eontrast gcsctzct, werden lächerlich. Exempel hiervon lassen sich bey dem Aristophancs in Menge finden. Das Wiesel fällt mir ein, welches den guten Sokratcs in seinen astronomischen Beschallungen unterbrach. ^ ^l^G. H;>U)i^v 6s ^i>u>^i.^v ^x^ocX^v urp^x^i^ l'ir' «c>'x«^cit^Zu)?-oi.'. ^I'l'. ^poiroi'; ^ioc. ^l^G. ^r>7'oi^»'7'o^ ocvT'civ ,rzvii? oc5c>^^ 7°«? Tüeplcsiop«?, si?' «vlt> xx^voT'o? ^7rc> i'^^ c)s>ors>i^^ i'^XT'tt^ ^/«?v!U>^rz^ ^^l?. LcrA^zv )/oe^xui?^ x«?«^xo'«v?t Zuixp«7'oT^. Man lasse es nicht cckelhaft seyn, was ihm in den offenen Mund fällt, und das Lächerliche ist verschwunden. Die drolligsten Auge von dieser Art hat die Hottcntottische Erzchlung, Tquassouw und Knonmquaiha, in dem Kenner, einer Englischen Wochenschrift voller Laune, die man dem Lord Chcstcrficld zuschreibet. Man weis, wie schmutzig die Hottentotten sind; und wie vieles sie für schön und zierlich und heilig halten, was uns Eckel und Abscheu erwecket. Ein gequetschter Knorpel von Nase, schlappe bis auf den Nabel herabhangende Brüste, den ganzen Körper mit einer Schminke aus Zicgcnfctt und Rus an der Sonne durchbcitzct, die Haarlocken von Schmccr tricffend, Füsse und Arme mit frischem Gedärme umwunden: dieß denke man sich an dem Gegenstände einer feurigen, ehrfurchtsvollen, zärtlichen Liebe; dieß höre man in der cdcln Sprache des Ernstes und der Bewunderung ausgedrückt, und enthalte sich des Lachens! <- i) >»I>e« 170-74. c) riw e«»noifseur, Vol. I. Xo> St. Bon der Schönheit der Knomii- Pltlil>>l hcisjt es! Ile °N'»» stt'ucl! villl litt! xl»ss>- I>ue of Iier LllMpIexin», v liicl» slwttll Mi« II»! ^:ll>' ilo^v» »n Nie KI.iük Iwxs vk Iiess»v ^vs« >!>vi«I>c>i vitli II»! presl xrisllo vk Iier »«kv; iU»1 Ui« e^ es ilxvell villi a>>- ittiiüUuu »n IIiv fl!tc<.i>l deiiiUws os Iier Iireilll«, ^vliiel, «lesceiuleU la I>er >>i>v>!>. Und was trng die Kunst bcl), so vicl Rcitzc in ilir vonhcill'aslcstcs iüchl zn sctzcn? Llie i»!Ule !, vumisli nk llie fnl nk zio.ils mixe >vlücl> ?I>e !>»oi»Ie>> Iier vlwle >)»>I>', !>L »ku llooil keiieillli Nie r»vi> Ucbcr die Grenze» der Mahlerey und Poesie. Mit dem Schrecklichen scheinet sich das Eckclhaftc »och inniger vermischen zu können. Was wir das Gräßliche nennen, ist nichts als ein cckclhaftcs Schreckliche. Dem Longin nußfällt zwar in dem Bilde der Traurigkeit beym Hesiodus,«- das 6X ^I^xv ^^-Xt pxov; doch mich dünkt, nicht sowohl weil cs ein ccklcr Zug ist, als weil eö ein bloß cckler Zug ist, der zum Schrecklichen nichts beyträgt. Denn die langen übcr die Finger hervorragenden Nägel, (^«x^o«, <5' «i-^x«? x^v«"'- o-tv -^?r^o-«v) scheinet er nicht tadeln zu wollen. Gleichwohl sind lange Nägel nicht viel weniger cckcl, als eine flicsscndc Nase. Aber die langen Nägel sind zugleich schrecklich; denn sie sind cs, welche die Wangen zerfleischen, daß das Blut davon auf die Erde rinnet: — — — — xx <5e 7l«pxtuiv ^.t^l/ «?rxX>xi^x? xpoe^x — — — Hingegen eine flicsscndc Nase, ist weiter nichts als cine flicsscndc Nasc; und ich rathe der Traurigkeit nur, das Maul zuzumachen. Man lese bey dcm Sophokles die Beschreibung der öden Höhle des unglücklichen Philoktet. Da ist nichts von LebcnS- mittcln, nichts von Bcaucmlichkeitcn zu sehen; ausser eine zcr- vs Nie sun: Iier lock» ^vere clollotl >v!ll> molleU gre-lsc, l,o^v,I(!ret> Nie ^ello^v »lutt ok IZucliu: Ix-r face, vliicli «Uoii« like liiv poU«I>eion>-, vss Iiesulikallv v»rio>l villi spul« of r^>> euilU, iinck ani>e»rI Ulce Nie curliliu «5 Ulv niglU >><-sn!lngIe(I ^>^> 5l!>>»: si»i»klu>I I>er limliii ^villi ^vol>ti-!i8lies, !»»> neifuinell »>villi ll»! llung of i-iliuk- Iiings,m>> Ner »rms lex» verv ^vill, llio »Iu»i»^ eiilr»!!» »l ,1» Ix-ise,: kioni üei »eck Iliorv >»»>>; » «ouell cumposi il ok »»- slunii»:!, vk » Kid: II»! >vi»g» vt !»i oklrwli »vor«>>it>lll>vetl Iliu fl^Ii^ nru,»»»l«rieü »elunll; !«i>I I)es«re üliv vor«- ilii itpron surm«>> us >I«z »uitg^v eitkü ok a Uuu. Ich si'igc noch dic Lcrenionic der Zns.innucNjZcbung des verliebten ''paa. rcs hinzu: '11>o Suiri »r tilios priett !ii>l>rni>cl>ell llwm, !>»(! i» !l >I> ^V voice oluinleii liiv nuvliiU riles >I>» <«e »»!lu>Iio»j< xriinUilini: »5 Nie (,'om- Vom; ilnil »t Nie siime lim« ( scouitling l» Mo i»!»»»'r «k t!i>tti-!>rii») >>o- >i>-»e>I tliem vIl.ulikuU> vilU II>e »liiuir^ Iiciiolliciion. U'I»! >>riU> ->,ul >)>i>Ioj.rvom rudlioil in lue »rooiou« llroiuu viU> ox>»s^; v»I>iw U»o Iiriu> »Iiuv-j liickleti 5roi>> Uioir I)ul>ie«; liko 11«- o»!ix surtzv srum Nie rock!» »l LIiirijirillUÄ. jic>v>;, r^/i.« ». tS. eUU. r. tiiüri^ e) Seul. Uercul. v. SKS. 620 Laokoon, trctcnc Strcu von dürren Blättern, ein unförmlicher hölzerner Becher, ein Fcucrgcräth. Der ganze Reichthum des kranken verlassenen Mannes! Wie vollendet der Dichter dieses traurige fürchterliche Gemählde? Mit einem Zusätze von Eckcl. „Ha! fährt Ncoptolem auf einmal zusammen, „hier trockenen zerrissene Lappen, voll Blut und Eiter!"/ I^L. Opu> xevrzv otx^ «l'^pioiruiv c^x^» O^. Oi^ci' xvc)c)v otxo?r»c»l,' x^l 7°j>ocs>i^z I^L. I?rc?r?'i^ ls>^_>XX«^ u5l,' ?i>«^t^c>'ti't ?ui. O^. I'c» <5' «X/X' x;>^i^«, xoi^lsxv xo^' i^cx^^oi,-! I^L. ^i^-o^Xvu ex^ic^^^c«, cpa^Xc>^'p)/c>i^ ?t,koc: l'rX^'l/^^' «u6poe, xcxt nr^xt' c!^ti.ov ?«<5e. O/X. Ii.xlvou ?o ^rjc>'«T.^^c>'^i.« ?c>c5L. k^L). loi^, t'o^i» x«t ?«vr-« L-X,Xcx ^«^Tr^oct 1'«xkz, ^Z«jixl«L ?oi^ ir^x«. So Wird auch beym Homer der geschleifte Hcktor, durch das von Blut und Staub entstellte Gesicht, und zusammcnvcr- klcbtc Haar, 8«iu»IIonIe»! Iiarliam A coriLi'<:to8 l'unAuiuv ciinek!, (wie es Virgil ausdrückt^) ein ccklcr Gegenstand, aber eben dadurch um so viel schrecklicher, um so viel rührender. Wer kann die Srafc des Marsyas, beym Ovid, sich ohne Empfindung des Eckcls denkend <^Iam!>nii outls ett tumniv8 «lerevia per aitus: cpn^^uain, nlll vuluus vrat: ciuoi- uocliliuo inauot: Dvtecli^ue p.iteut uervi: trej>illu:^u<: Luv ullil I^ollv nuoaiit veuve: lnlientia vil'eei.i pollis, I^i perlucoiito» vumeraro in poctoro illirss. Aber wer empfindet auch nicht, daß das Eckclhaftc hier an seiner Stelle ist? Es macht das Schreckliche gräßlich; und das Gräßliche ist selbst in der Natur, wenn unser Mitleid dabey intcrcssirct wird, nicht ganz unangenehm; wie viel weniger in der Nachahmung? Ich will die Ercmpcl nicht häuffcn. Doch dieses muß ich noch anmerken, daß es eine Art von Schrcckli- /) I'IiUocl, v. »>-»>>. ^vnviu. Nil. II. V. 277. Zlelnmoii'I, VI. v. :i!»7. Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 521 chcm giebt, zu dem der Weg dem Dichter fast einzig und allein durch das Eckclhaftc offen stehet. Cs ist das Schreckliche des Hungers. Selbst im gemeinen Leben drucken wir die äusserste Hungcrsnoth nicht anders als durch die Erzchlungcn aller der unnahrhastcn, ungesunden und besonders eckcln Dinge aus, mit welchen der Magen befriediget werden müssen. Da die Nachahmung nichts von dem Gefühle des Hungers selbst in uns erregen kann, so nimt sie zu einem andern unangcnchnicn Gefühle ihre Zuflucht, welches wir im Falle des empfindlichsten Hungers für das kleinere Uebel erkennen. Dieses sucht sie zu erregen, um uns aus der Unlust desselben schlicsscn zu lassen, wie stark jene Unlust seyn müsse, bey der wir die gegenwärtige gern aus der Acht schlagen würden. Ovid sagt von der Orcadc, welche Ceres an den Hunger abschickte:- Ilaiie (lainLm) mooul ut vidit — — — i-ekert inancl.iia äovc; paulumc^ue morsta, l)uan^ui»m atioi-at longo, ^uan^ugm modo veneiat illuo, Vita tamen tentill« tamom — — — Eine unnatürliche Uebertreibung! Der Anblick eines Hungrigen, und wenn es auch der Hunger selbst wäre, hat diese ansteckende Kraft nicht; Erbarmen, und Graul, und Eckcl, kann er empfinden lassen, aber keinen Hunger. Diesen Gräul hat Ovid in dem Gemählde der Famcs nicht gcsparct, und in dem Hunger des Ercsichthons sind, sowohl bey ihm, als bey dem Kallima- chusk, die eckelhaftcn Züge die stärksten. Nachdem Ercsichthon alles aufgezehret, und auch der Opfcrkuh nicht verschonet hatte, die seine Mutter der Besta auffütterte, läßt ihn Kallimachus über Pferde und Katzen herfallen, und auf den Strassen die Brocken und schmutzigen Ueberbleibscl von fremden Tischen betteln: /Zcov klpc»)/xv, ^«v xTPx^x ^«T'sjo, R.«t «xst>^,ocpopov »c«l ?c>v ?rc>^x^i.^cc>v ^«01.', «tX/o^ov, xT'px^^x A^pt« ^>.tX?c« — T'o^' o ?u> jZcxo't^ci^ evl 'rotocsotcrl x«^7>^» ^ii't^v ocxoX^ic; ?x x«t rxj?oX,oe Fal?ci^ — i) IliiS. Mi. VIII. v. 8V!>. />-) Il>m> in veivrem v. Ill-ttS. 622 Laokoon. Und Ovid läßt ihn zuletzt die Zähne in seine eigene Glieder setze», um seinen Leib mit seinem Leibe zu nähren. Vi8 tnmei» lila mal! ^ol'I^iiam contuml'oral. omuvm I>l!>ioiic>»i — — — — — I^il'c l'uv8 nitus laeoro llivellerv moilu t^«i.^>il; <^ Insvlix nilunvnclo ooi^ius alvliat. Nur darum waren die häßlichen Harpycn so stinkend, so unflätig, daß der Hunger, welchen ihre Entführung der Speisen bewirken sollte, desto schrecklicher würde. Män höre die Klage des Phineus, beym Apollonius:^ I^T^ov <)' «^>« o^ «^i^>.t X,t7ru!v ?x x«l 01^' ^«.xvo? oHtl/i^. xe v^xss LjioT'uiv Tle^ttcro'«^ O^>()' cxFcie^^oeT'i'o? x^>^^i.xi>ov xeap x!^. ^.)»^« ?rtx^>>^ F^?cx e)/x^ I^l/^i'rti-, x«t ^l^t^i.vci^'?'« x«x^z ^«g-xpi ^Lo'A'oct. Ich mochte gern ans diesem Gesichtspunkte die cckcle Einführung der Harpycn beym Virgil entschuldigen; aber es ist kein wirklicher gegenwärtiger Hunger, den sie verursachen, sondern nur ein instchcnder, den sie prophczcycn; und noch dazu löset sich die ganze Prophczcyung endlich in ein Wortspiel auf. Auch Dante bereitet uns nicht nur auf die Geschichte von der Vcr- hungcrung des Ugolino, durch die cckclhafteste, gräßlichste Stellung, in die er ihn mit seinem ehemaligen Verfolger in der Hölle setzet; sondern auch die Nerhungcrung selbst ist nicht ohne Züge des Eckels, der uns besonders da sehr merklich überfällt, wo sich die Söhne dem Aater zur Speise anbieten. In der Note will ich noch eine Stelle aus einem Schauspiele von Bcau- mont und Flctchcr anführen, die statt aller andern Beyspiele hätte seyn können, wenn ich sie nicht für ein wenig zu übertrieben erkennen müßte.»- ^rson-mt. Ub. II. v. 226-33. m) 'riill Le»-Vo>ilss ^et. III. Le. I. Ein französischer Seeräuber wird mit seinem Schiffe an eine wüste Insel verschlage». Habsucht und Neid cnizwcven seine Leute, und schafft» ei» Paar Elende», welche ans dieser I'iiscl geraume Zeit der äussersten Noth ausgesetzt gewesen, Gelegenheit, mit dein Schiffe in die See zu stechen. Alles Borrathcs von Lebensrnittel» sonach Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 523 Ich komme auf die cckclhastcn Gegenstände in der Mahlerey. Wenn cS auch schon ganz unstreitig wäre, daß es eigentlich gar keine cckelhaftc Gegenstände für das Gesicht gähc, von welchen es sich von sich selbst verstünde, daß die Mahlerey, als auf einmal beraubet, sehe» jene Nichtsnnirdige gar bald den schmäbligsien Tod vor Augen, und einer drückt gegen den andern seinen Hunger und seine Bcrzweiflnng solgcndcrgcstalt ans: I^kiviii:. m,, vluit a 'IVmnekt >>kvv I i» >»>' Slomneli! Ilon' m>' vmiU>' Vulü er>' oul! SI> ^vounitii nko, >VouIc> llio^ ^vuulll dleoU sxai», lliilt I uuxltt xot Somellunx lo c>ut!»c>> »>> lllirkl. k'N^«viI.I.L. v I^-tmure, >Ue Il^nnineki i»^ >>!,<> ^Vlie» l liont Iiouk« »t Iwnw! 'I'Iie^ Iiü^I it klurcIl»>U>, ^ kloreliunko vk iiiokt Iilvkkecl Iione» crukl?!, ll!»I>I>^ crlikls. vu, Ilo^v «Ililrn Hunger niocllv!« luv! — I^^I>IVIIL. Ilo^v no^v, >v!i!U i»^v»? aionil.i^li. Halt -tuv lUesl v«t? I'N^>vii.l.lZ. >ot » Iiil tll-it I c-«i keo; Ilerv I»! xu»>U> c>ni»riv», Iiul I»? <-r»> I I>i»>I ?'o xn!Nv: I Iikl' l>ot kuiuv mml, ^> e il >^>l il >v?ll> li'ovn», Vvr^ xvolt tlüvk iiiuil; Iiut it klink» (>>uu»il>,I>', 'I'Uorv's olä rollen trnnli» ok trees loo, Lul not » Ivak nor iilokkum in »ll lUu i-jlsn>>. I^»lviiL. Ilo^v it look»! It klinkü too. I>/^»IVI!IZ. Il in»^ lie poikon. I'«^?« VII.I.I:. I-vt it Iiv »»^ »>in<>; So I clln s«!t il llo^vn. ^Vu^ Aluii, ?oik»n» a iirincul^- «iiüli. Alouil-I^n. linkt lllon »o IiitikLl? ?Io crumli» lekl in tU>' nockol? Iloru isi i»> iloulilel, Vlvs me I»it llireo kinnli erumus. ?u^k> vil-l^L. Kot kor turev Xingiloins, Ik I ^ver« Slskter »k 'vm. VI>, I>itmure, Lnt VNL poor ^joint ok lUulton, US.' keorn'U, I>l»n. I.äMV«L. rilon kpvitli'kt ok ?sr»>iiko; Vr Ii»t Nie knukk« vk tliokv Ilvailiis, 'tVe lutvs le^vill^ nt miUniKllt klü»? »^v»v. i>loi;il.l.^N. ^II! dul lo licli ll^e glilkkoti. Doch alles dieses ist noch nichts gegen den folgenden Auslritt,' wo der Schiss- chirurgus dazu kömmt. Ilere comes Nie Lurgeon. ^Vlutt Ilükl lUou llikvover'll? Suülo, kuülo l»ul cowkort us. ^^.-.^^ 624 Laokoon, schöne Kunst, ihrer entsagen würde: so müßte sie dennoch die cckelhaftc» Gegenstände überhaupt vermeiden, weil die Verbindung der Begriffe sie auch dem Gesichte cckcl macht. Pardcnonc laßt, in einem Gemählde von dem Begräbnisse Christi, einen von den Anwesenden die Nase sich zuhalten. Richardson mißbilliget dieses deswegen,» weil Christus noch nicht so lange todt gewesen, daß sein Leichnam in Fäulung übergehen können. Bey der Aufcrwcckung des Lazarus hingegen, glaubt er, sey es dem Mahler erlaubt, von den Umstehenden einige so zu zeigen, weil es die Geschichte ausdrücklich sage, daß sein Körper schon gerochen habe. Mich dünkt diese Vorstellung auch hier unerträglich; denn nicht blos der wirkliche Gestank, auch schon die Zdcc des Gestankes erwecket Cckcl. Wir fliehen stinkende Orte, wenn wir schon den Schnupfen haben. Doch die Mahlerey will das Cckelhaftc, nicht des Cckclhaftcn wegen; sie will cS, so wie die Poesie, um das Lächerliche und Schreckliche dadurch zu verstärken. Auf ihre Gefahr! Was ich aber von dem Häßlichen in diesem Falle angemerkt habe, gilt von dem Eckclhasten Svkkroi». I »m expirliiß, Smilv U>u^ IliiN vsn. I c»n finü »olI>i»A, Vvnllemen, Ilore 'i; notlunx c»» Iie me-tl, ^villwul » »lir-lcl«. Oll UiiU I Im«! koxwii, lenl», llws» I^ve>;l Ii^In« v/ Xilluio. ^Vli-lt »litwtv >>>!« i:»ulä I makv ok >m. I»I c»ni Ililst nvi-r !>» »lä tu>ip»sttu>v ? d> v li« L 0 vll vvoulä I I>!l>>, 8ir. I^OIVNL. l>r d»l »>v pap^r ^vl>vr« siivli it eoriliitl I>o>i»n, o> i>!I>!« IuUI> live» «nloinii'll. rn^«vii>l.i:. vr IIw I«-si >!l»l>>I>r vliers a oovliox-xlist(?r. »loiill.I ^N- Ussl U>o» »o sviircloU,» Ivkl? Kor «I>I p»U«?sse»? t'li^KVll.I.L. ^> v c»rs »ol >u »luil U IislU I>ev» i»i,«5lr>!>I. 8vnc!L0>> Sure I >>kv«! uone »f llixss llsiiilivs, KeiiUvu»;». t'I!^?!V>VI>ervs tliv grviU >v>?ii riwu »ul ^ 5r«»» Il»?I> l>>(! s»il»r'« »IwnUwr? 'kliill ^vouUI sürve nu^v für » inost i>ri»l^'I> v!. 8VN«L0l?i. if ^v« Iiitll i>, K(U»Iei>i»>>. I 5lu»g il »vor-Iiuril, Sliivu NuU I vs«. mvtt iiniiiovuwiU ViU»i». «) liicliüitls«» llv I» ?viiUuru IV I> >>. 7^t> Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 625, um so viel mehr. Es verlieret in einer sichtbaren Nachahmung von seiner Wirkung ungleich weniger, als in einer hörbaren; es kann sich also auch dort mit den Bestandtheilen des Lächerlichen und Schrecklichen weniger innig vermischen, als hier; sobald die Ucbcrraschung vorbey, sobald der erste gierige Blick gc. sättiget, trennet es sich wiederum gänzlich, und liegt in seiner eigenen crudm Gestalt da. XXVl. Des Herrn Winkclmanns Geschichte der Kunst des Alterthums, ist erschienen. Ich wage keinen Schritt weiter, ohne dieses Werk gelesen zu haben. Blos aus allgemeinen Begriffen über die Kunst vernünfteln, kann zu Grillen verführen, die man über lang oder kurz, zu seiner Beschämung, in den Werken der Kunst widerlegt findet. Auch die Alten kannten die Bande, welche die Mahlerey und Poesie mit einander verknüpfen, und sie werden sie nicht enger zugezogen haben, als es beyden zuträglich ist. Was ihre Künstler gethan, wird mich lehre», was die Künstler überhaupt thun sollen, und wo so ein Mann die Fackel der Geschichte vorträgt, kann die Spekulation kühnlich Nachtreten. Man pfleget in einem wichtigen Werke zu blättern, ehe man es ernstlich zu lesen anfängt. Meine Ncugicrde war, vor allcu Dingen des Verfassers Meinung von dem Laokoon zu wissen; nicht zwar von der Kunst des Werkes, liber welche er sich schon anderwärts erkläret hat, als nur von dem Alter desselben. Wem tritt er darüber bey? Denen, welchen Virgil die Gruppe vor Augen gehabt zu haben scheinet? Oder denen, welche die Künstler dem Dichter nacharbeiten lassen? Es ist sehr nach meinem Geschmacke, daß er von einer gegenseitigen Nachahmung gänzlich schweiget. Wo ist die absolute Nothwendigkeit derselben? Es ist gar nicht nnmöglich, daß die Achnlichkcitcn, die ich oben zwischen dem poetischen Gemählde und dem Kunstwerke in Erwägung gezogen habe, zufällige und nicht vorschliche Achnlichkcitcn sind; und daß das eine so wenig das Vorbild des andern gewesen, daß sie auch nicht einmal beyde cincrley Vorbild gehabt zu haben brauchen. Hätte Laokoon. indeß auch ihn ein Schein dieser Nachahmung geblendet, so wurde er sich für die erstem haben erklären müssen. Denn er nimt an, daß der Laokoon aus den Zeiten sey, da sich die Kunst unter den Griechen auf dem höchsten Gipfel ihrer Vollkommenheit befunden habe; aus den Zeiten Alcrandcrs des Grossen. „Das gütige Schicksal, sagt er,« welches auch über die „Künste bey ihrer Vertilgung noch gcwachct, hat aller Welt „zum Wunder ein Werk aus dieser Zeit der Kunst cr- „haltcn, zum Beweise von der Wahrheit der Geschichte von „der Herrlichkeit so vieler vernichteten Meisterstücke. Laokoon, „nebst seinen beyden Söhnen, vom Agcsandcr, Apollodorus^ „und Athcnodorus aus Rhodus gearbeitet, ist nach aller Wahrscheinlichkeit aus dieser Zeit, ob man gleich dieselbe nicht be- „ stimmen, und wie einige gethan haben, die Olympias, in wcl- „chcr diese Künstler gcblühet haben, angeben kann." Zn einer Anmerkung setzet er hinzu: „Plinius meldet kein „Wort von der Zeit, in welcher Agcsandcr und die Gehülfen „an seinem Wcrkc, gclebct haben; Maffci aber, in der Erklärung alter Statucn, hat wissen wollen, daß diese Künstler „in der acht und achtzigsten Olympias gcblühet haben, und auf „dessen Wort haben andere, als Richardson, nachgeschrieben. „Jener hat, wie ich glaube, einen Athcnodorus unter des „Polyclctus Schülern, für einen von unsern Künstlern genommen, und da Polyclctus in der sieben und achtzigsten Olympias gcblühet, so hat man seinen vcrmcintcn Schüler „eine Olympias später gesetzct: andere Gründe kann Maffci „nicht haben." Er konnte ganz gewiß keine andere haben. Aber warum läßt es Herr Winkclmann dabcy bcwcndcn, diesen vermeinten Grund des Maffci blos anzuführen? Widerlegt er sich von sich selbst? Nicht so ganz. Denn wenn er auch schon von keinen <-) Geschichte der Kunst S, 347. i) Nicht Apollodorns, sondern Polvdorus. Plinius ist der einzige, der diese Künstler nennet, nnd ich wüßte nicht, daß die Handschriften in diesem Name» von einander abgingen. Harduin würde es gewiß sonst angemerkt l'aben. Auch die altern Ausgaben lesen alle, Polvdorus. Herr Winkclman» muß sich i» dieser Kleinigkeit blos verschrieben habe». lieber die Grenzen der Mahlerey und Poesie, 627 andern Gründen unterstützt ist, so macht er doch schon sür sich selbst eine kleine Wahrscheinlichkeit, wo man nicht sonst zeigen kann, daß Athenodorus, des Polyklcts Schüler, und Athcno- dorus der GeHülse des Agcsandcr und Polydorus, unmöglich eine und eben dieselbe Person können gewesen seyn. Zum Glücke läßt sich dieses zeigen, und zwar aus ihrem verschiedenen Vatcrlande. Der erste Athenodorus war, nach dem ausdrücklichen Zeugnisse des Pausanias,« aus Klitor in Arkadien; der andere hingegen, nach dem Zeugnisse des PliniuS, aus Rhodus gebürtig. Herr Winkclmann kann keine Absicht dabey gehabt haben, daß er das Vorgeben des Maffci, durch Bcyfügung dieses Um- standes, nicht unwidcrsprcchlich widerlegen wollen. Aiclmehr müssen ihm die Gründe, die er aus der Kunst des Werks, nach seiner unstreitigen Kenntniß, ziehet, von solcher Wichtigkeit geschienen haben, daß er sich unbekümmert gelassen, ob die Meinung des Maffci noch einige Wahrscheinlichkeit behalte, oder nicht. Er erkennet, ohne Zweifel, in dem Laokoon zu viele von den arFutiis, die dem Lysippus so eigen waren, mit welchen dieser Meister die Kunst zuerst bereicherte, als daß er ihn für ein Werk vor desselben Zeit halten sollte. Allein, wenn es erwiesen ist, daß der Laokoon nicht älter seyn kann, als Lysippus, ist dadurch auch zugleich erwiesen, daß er ungefehr aus seiner Zeit seyn müsse? daß er unmöglich ein weit späteres Werk seyn könne? Damit ich die Zeiten, in welchen die Kunst in Griechenland, bis zum Anfange der römischen Monarchie, ihr Haupt bald wiederum empor hob, bald wiederum sinken ließ, übergehe: warum hätte nicht Laokoon die glückliche Frucht des Wcttcifcrs seyn können, welchen die verschwenderische Pracht der ersten Kayscr unter den Künstlern entzünden mußte? Warum könnten nicht Agcsandcr und scinc Gchülfcn dic Zcitvcnvandtcn eines Strongylion, eines Arccsilaus, eines Pasitclcs, cincs Posidonius, cincs Diogcncs scyn ? Wurden nicht dic Werke auch dieser Meister zum Theil dem Besten, was dic c) .^K^voSu^o? ««l ^«>li«<; — o^o^ <5k ^^,x«<5k? il-kc» ?>w<:. >, 9. p, 819 Kni». Iii, Il-,ri,. 528 Laokoon. Knust jemals hervorgebracht hatte, gleich gcschätzct? Und wann noch lingczwciscltc Stücke von selbigen vorhanden wären, das Alter ihrer Urheber aber wäre unbekannt, und liesse sich ans nichts schliesst», als aus ihrer Kunst, welche göttliche Eingebung müßte den Kenner verwahren, daß er sie nicht eben sowohl in jene Zeiten setzen zu müssen glaubte, die Herr Winkclmann allein des Laokoons würdig zu seyn achtet? ES ist wahr, Plinins bemerkt die Zeit, in welcher die Künstler des Laokoons gelebt haben, ausdrücklich nicht. Doch wenn ich aus dem Zusammenhange der ganzen Stelle schlicsscn sollte, ob er sie mehr unter die alten oder unter die neuern Artisten gerechnet wissen wollen: so bekenne ich, daß ich für das letztere eine grössere Wahrscheinlichkeit darinn zu bemerken glaube. Man urtheile. Nachdem Plinins von den ältesten und größten Meistern in der Bildhauerkunst, dem Phidias, dem Praxiteles, dem Sco- pas, etwas ausführlicher gesprochen, und hierauf die übrigen, besonders solche' von deren Werken in Rom etwas vorhanden war, ohne alle chronologische Ordnung nahmhaft gemacht: so fährt er folgender Gestalt fort:« ZXoo multo nlunum sama oft, i^unrunclam clniit-iti in oj>vriliu8 eximiis olistanto numero srtili- eum, «juoni.im nec unus oeeuzirlt gloriam, noc nlures ^isiitor nimciinuii i'ol'tuttt, ticut in I^ilocconto, vK in 1'iti Ininoia- tnns tlnmn, o^us omnilius >K ^ictunv ^ ltatimi-'i!« srtis priv^o- »oniliim. Lx uno Iii«iilo e«m ^ singulaiis ^zilirotlifius l'iilllianus. ^Ai-In^iv piuitneum «locoravit Diogenes ^tlivniontis, ^ tüku^iitiu'es in columnis tvmz,Ii ojus jiroliiuitur intor ^auea onorum: sieut in fultiFio ^»ofita fignil, svtl jirnntor altituclinem loei ininus colodrata. Von allen den Künstlern, welche in dieser Stelle gcnennct werden, ist Diogenes von Athen derjenige, dessen Zeitalter am e) l.ibr. XXXVl. lecl, 4. I>. 730. Ucbcr die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 5>2!> unwidcrsprcchlichstcn bestimmt ist. Er hat das ^anthciun des Agrippa ausgezicrct; cr hat also nntcr dem Augustus gelebt. Doch man erwäge die Worte des Plinius etwas genauer, und ich denke, man wird auch das Zeitalter des Cralcrus und Py- chodorus, des Polydcktcs und Hcrmolaus, des zweyten Pv- thodorus und Artcmcns, so wie des Aphrodisius Trallianus, eben so unwidcrsprcchlich bestimmt finden. Er sagt von ihnen: i^I.it'mn« i»»> rl'^Ievcio j»oI>!»!>. XXXIV. >>. 775!. I'.'Iil, l, Lessings Wcrkc vi, Z4 .130 Lackecn. Pythodorus, daß Polydcktes lind Hcrmolaus, mit den übrige», unter dcn Kavscrn gclcbct, deren Palläste sic mit ihren trefflichen Werken angefüllet: so dünkt mich, kann man auch denjenigen Künstlern kein ander Zeitalter geben, von welchen Plinius auf jene durch ein Limilitcr übergehet. Und dieses sind die Meister des Laokoon. Man überlege es nur: wären Agcsander, Polv- dorus und Athcnodorus so alte Meister, als wofür sie Herr Winkclmann hält; wie unschicklich würde ein Schriftsteller, dem die Präcision des Ausdruckes keine Kleinigkeit ist, wenn er von ihnen auf einmal auf die allcrncucstcn Meister springen müßte, diesen Sprung mit einem Glcichergcstalt thun? Doch man wird einwenden, daß sich dieses 81mllitor nicht auf die Verwandtschaft in Ansehung des Zeitalters, sondern ans einen andern Umstand beziehe, welchen diese, in Betrachtung der Zeit so unähnliche Meister, miteinander gemein gehabt hätten, Plinius rede nehmlich von solchen Künstlern, die in Gemeinschaft gearbeitet, und wegen dieser Gemeinschaft unbekannter geblieben wären, als sic verdienten. Denn da keiner sich die Ehre des gemcinschaftlichcn Werks allein aimiasscn können, alle aber, die daran Theil gchabt, jederzeit zu nennen, zu wcitläuftig gewesen wäre: (lnwnl.im nec uuus neeu^iat gloriam, nee pluros ji-u-ltel- n>ii>e»^!>ri poMmt) so wären ihre sämtliche Namen darüber vcrnachläßigct worden. Dieses sey den Meistern des Lao- koons, dicscs sey so manchcn andern Meistern wiederfahrcn, welche dic Kayscr für ihre Pallästc beschäftiget hätten. Ich gcbc dieses zu. Aber auch so noch ist es höchst wahrscheinlich, daß Plinius nur von neuern Künstlern sprechen wollen, die in Gemeinschaft gearbeitet. Denn hätte er auch von älteren reden wollen, warum hätte er nur allein der Meister des Lao- koons erwähnet? Warum nicht auch anderer? Eines Onatas und Kallitclcs; eines Timoklcs und Timarchidcs, oder der Söhne dieses Timarchidcs, von wclchcn cin gcmcinschaftlich gcarbcitctcr Zupitcr in Rom war. L Hcrr Winkclmann sagt sclbst, daß man von dcrglcichcn ältcrcn Wcrkcn, die mehr als einen Natcr gchabt, cin langcs Vcrzcichniß machcn könne> Und Plinius H-) Iil>. XXXVI. s>>cl. 4. 730. /-) Gcschichic drr Kirnst Tl>. II. 3?1. Ueber die Grenzen ccr Mahlerey und Poesie. 63 l sollte sich nur auf die einzigen Agcsandcr, Polydorus und Athe- nodorus besonnen haben, wenn cr sich nicht ausdrücklich nur auf die neuesten Zeiten hatte einschränken wollen? Wird übrigens eine Vermuthung um so viel wahrscheinlicher, je mehrere und grössere Unbcgrciflichkcitcn sich daraus erklären lassen, so ist es die, daß die Meister des Laokoons unter den ersten Kayscrn gcblühct haben, gewiß in einem sehr hohe» Grade. Denn hätten sie in Griechenland zu den Zeiten, in welche sie Herr Winkclmann setzet, gearbeitet; hätte der Laokoon selbst in Griechenland ehedem gestanden: so müßte das tiefe Stillschweigen, welches die Griechen von einem solchen Werke (oneio vm»i- dus 61 pieturiv A ftatuiu-üv artis jir.-vnoiivixlo) beobachtet hätten, äusserst befremden. Es müßte äusserst befremden, wenn so grosse Meister weiter gar nichts gearbeitet hätten, oder wen» Pausanias von ihren übrigen Werken in ganz Griechenland, eben so wenig wie von dem Laokoon, zu sehen bekommen hatte. In Rom hingegen konnte das größte Meisterstück lange im Verborgenen bleiben, und wenn Laokoon auch bereits unter dem Au- gustuS wäre verfertiget worden, so dürfte es doch gar nicht sonderbar scheinen, daß erst Plinius seiner gedacht, seiner zuerst und zuletzt gedacht. Denn man erinnere sich nur, was cr von einer Venus des Scopas sagt, < die zu Rom in einem Tempel des Mars stand, «niomciiMjuv »lium locuin Iinkilitiltui'ü. I!»M!H? yuiclom iniiFmtmIo njioenm oam oliliterat, ae mgFni nliicioi'unt ncFotioi'umijiio acei'vl omnos a, eontownl^tiono talinm »Iidiiciint: hnoniam otialorum >^ i» mkignn loe.i silentio ,iz,t ii.it!» talis ekt. Diejenigen, welche in der Gruppe Laokoon so gern eine Nachahmung des Virgilischcn Laokoons scbcn wollen, werden, was ich bisher gesagt, mit Vergnügen crgreiffen. Noch siele mir eine Muthmaßung bey, die sie gleichfalls nicht sehr mißbilligen dürften. Vielleicht, könnten sie denken, war es Asi- nius Pollio, der den Laokoon des VirgilS durch griechische Künstler ausführen ließ. Pollio war ein besonderer freund des Dichters, überlebte den Dichter, und scheinet sogar ein eigenes Werk über die Zlcncis geschrieben zu haben. Denn wo sonst, als in I>Iimi>5 I. c. I>> 7Z7. 3 t* 552 Lackocn. cincm eigcncn Werke über dieses Gedicht, können so leicht die einzeln Anmerkungen gestanden haben, die Scrvins aus ihm anführt?/- Zugleich war Pollio ein Liebhaber und Kenner der Kunst, besaß eine reiche Sammlung der trefflichsten alten Kunstwerke, ließ von Künstlern seiner Zeit neue fertigen, und dem Gcscbmackc, den er in seiner Wahl zeigte, war ein so kühnes Stück als Laokoon, vollkommen angemessen: / ut lmt ->er!s voliomonti^ si^ s/nnij»o^iv2 xnoikZL „Atbanodorus dcs Zlgesandcrs Sohn, aus Rhodus, hat es gc- „macbt. Wir lcrncn aus dieser Znschrist, daß Natcr und Sohn „am Laokoon gcarbcitct habcn, und vermuthlich war auch Apol- /.) ^v>> v>r. 7. Iii>. Ik. ^oiwiil. und besonders !»> ver. t8>?. n>>> Xl. M.iu dürfte also wohl nicht Unrecht lhnn, wenn man das Verzeichnis der Verlornen Cclnisien dieses' A'!anncs mit einem solchen Werke vermehrte. /> I'lwiUK >!>>. XXXVI. seet. 4- ,,, 72!>. ») Geschichte der Kunst Tb. ii. S. 3^7. Ucbcr die Grciijcu dcr Mahlcrcy uud Pocsic. , lodorus (Polydorus) dcs Agcsaudcrs Sohn: dcnn dicscr Atha- „nodorus kann kein anderer seyn, als dcr, welchen PliniuS „nennet. Es beweiset ferner diese Inschrift, daß sich mehr „Werke dcr Kunst, als nur allein drey, wie Pliuius will, gc- „fundcn habcu auf welche die Künstler das Wort, Gcmacht, „in vollendeter und bestimmter Zeit gesetzct, ncinlich riru^vr, „loeit: cr berichtet, daß die übrigen Küustlcr aus Vcschcidcnhcit „sich in unbestimmter Zeit ausgedrücket, x?rucx,>, facivliat." Darum wird Hcrr Winkclmann wcnig Widerspruch sindcn, daß dcr Alhanodorus in dicscr Zuschrift kein andcrcr, als dcr Atheuodorus seyn könne, dessen Plinius unter den Meistern dcs Laokoons gcdcnkct. Athanodorus und Athcnodorus ist auch völlig cin Namc; dcnn dic Rhodicr bcdicutcn sich dcs Dorischcu Dialekts. Allein übcr das, was cr sonst daraus folgern will, muß ich cinigc Anmcrkungcn machen. Das crstc, daß Athcnodorus ein Sohn dcs Agesaudcrs gc- wcscn scy, mag hingchcn. Es ist schr wahrscheinlich, nur nicht unwidcrsprcchlich. Denn es ist bekannt, daß cs alte Künstlcr gcgcbcn, dic, anstatt sich nach ihrem Aatcr zu ncnncn, sich lieber nach ihrem Lchrmcistcr ncnncn wollen. Was Plinius von den Gebrüdern Apollonius und Tauriscus saget, lcidct nicht wohl eine andere Auslegung, ü Abcr wie? Diese Zuschrift soll zugleich das Vorgeben dcs Plinius widcrlcgcn, daß sich nicht mchr als drey Kunstwerke gefunden, zu welchen sich ihre Meister in dcr vollendeten Zeit, (anstatt dcs -no^l, durch ^»-^»-x) bekannt haltend Dicsc Zuschrift ? Warum sollen wir erst aus dicscr Zuschrift lcrncn, was wir längst aus viclen andcrn hältcn lcrncn könncn? Hat man nicht schon aus der Statue dcs Gcrmanicus k.^ci^xv>i-,' — eiro^o-x gefunden^ Auf dcr sogcnanntcn Acrgöttcrung dcs Ho- mcrs, /^>x^«o? xTro^ci-x? Alis der bekannten Vase zu Gacta, 2i«^?rtltiv «Tro^^l/x? c u. s. W. Herr Winkclmann kann sagen: „Wer wcis dicscs besser als 5) I.ilir. XXXVl. tue«. 4 I». 730. <-) Man sehe das Nerzrichniß dcr Ilusschriflcn altcr Kunstivcrkc bcvin Mar. Gudius, (i^a l'iiü-ari t»i>. 5. M>. i>) »nd zichc z»a,lcich die Bcrichligung dcsscldc» vom Gronov »t> rvw. ix. 'NwlÄuri ^VuiUlu. ^i»-«.) zu Raihe. 5 .?.v 531 K.iokocn, „ich? Aber, wird cr hinzusetzen, desto schlimmer für den Pli- „nills. Scincm Vorgcbcn ist also lim so öfterer widersprochen; „es ist um so gewisser widerlegt." Noch nicht. Denn wie, wenn Herr Winkclmann den Pli- nius mehr sagen liesse, als cr wirklich sagen wollen? Wenn also die angeführten Bcvspielc, nicht das Vorgeben des Pli- »iiis, sondern blos das Mehrere, welches Herr Winkelmann iu dieses Vorgeben hineingetragen, widerlegten? Ilnd so ist es wirklich. Ich muß die ganze Stelle anführen. PliniuS will in seiner Jucignungsschrift an den Titus, von seinem Werke mit der Bescheidenheit eines Mannes sprechen, der es selbst am besten weis, wie viel demselben zur Vollkommenheit noch fehle. Er findet ein merkwürdiges Erempcl einer solchen Bescheidenheit bey den Griecben, über deren prahlende, viel versprechende Bü- chcrtitcl, (ii>5i.'i!nt!ono8, jN'a^ter NU!>8 V-Itllmoiuiim «loten ziolM) er sich ein wenig aufgehalten, und sagt:-? I5t no in totum vi- iloar 'a>co« iiiscctari, ox illis uns volim intelligi pinAoncli tin- Foixliljuo cniülitori^us, «znn« in Iil>vIIis Ins invonies, alitoluta ojiora, ^ illa inin»!>I>uo «zu!r.'>l'ot»7, si non esset iiiteioo^tus. <)uaro l'Iouuiu voioe»»lliir! illu«l oft, Haiti. llcbcr die Ereiijcu dcr Mahlcrcy und Pocsic. Zcitvcrwandtc, dicsc klugc Vcschcidcnhcit gehabt hätten; li»d da er dicsc nur allein nennet, so giebt er stillschweigend, aber deutlich genug, zu verstehen, daß ihre Nachfolger, besonders in den spätern Zeiten, mehr Zuversicht aus sich selber gcäusscrt. Dieses aber angenommen, wie man es annehmen muß, so kann die entdeckte Aufschrift von dem einen der drey Künstler dcs Laokoons, ihre völlige Nichtigkeit habe», und es kann dem- ohngcachtct wahr scyn, daß, wie Plinius sagt, nur etwa drey Werke vorhanden gewesen, in deren Aufschriften sich ihre Urheber dcr vollendeten Zeit bedienet; ncmlich unter den ältern Werke», aus dc» Zcitcn des ApcllcS, des Polyklcts, dcs Ni- cias, des Lysippus. Aber das kann sodann seine Richtigkeit nicht haben, daß Athcnodorus und seine Gehülfen, Zcitvcr- wandte dcs Apcllcs und Lysippus gewesen sind, zu welchen sie Herr Winkclmann machen will. Man muß viclmcbr so schliesset! z Wenn cs wahr ist, daß unter den Werken dcr ältcrn Künstler, cincs Apcllcs, cincs Polyklcts und dcr übrigc» aus dicscr Classe, nur etwa drcy gewesen sind, in deren Aufschriften die vollendete Zeit von ihnen gebraucht worden; wenn cs wahr ist, daß Plinius dicsc drcy Wcrkc selbst namhaft gemacht hat:« so kann Athenodorus, von dem keines dicscr drcy Wcrkc e) Er verspricht wenigstens ausdrücklich, cs zu thun: qu-e 5ui« i'i^iwin. Wenn cr cs aber nicht gänzlich vergessen, so hat cr cs doch sehr im Borbcvgcl'cn, und gar nicht ans cinc Art gethan, als man nach einem solchen Verspreche» erwartet. Wenn cr z. E. schreibet: xxxv. te«>. 3»,) I^sjppu» yuvilu» ^Veßi»»: picturil: lu:e iiitcriplil, t»-kx«v<7k? : <>»»<> pro- keclo non keultsvl, nili eiiesutNca invenl»: so ist cs offenbar, dasj er dieses -?l5z,«^^kv znm Beweise einer ganz andern Cache braucht. Hat cr aber, wie Hardnin glaubt, auch zugleich das eine von den Werten dadurch angeben wollen, deren Aufschrist in dem Aoristo abgcfasjt gewesen: so Halle cs sich wol'l dcr Muhe verlohnet, ein Wort davon mit cinslüssc» zu lassen. Die andern zwey Wcrkc dicscr Art, findet Harduin in folgender Slcllc: (vivu» ^Vuxusiu«) i» l'uiiit quoliue, yiiüiu i» coiuiliu cuntucrüli!», Uu»» laliulils imnrvMt pitrivli: Xemviim seilviilem tuprit I<.<»ivi», >>»>i»iger»m il>s!li», Ä>Is>i»Ue c»m Iiitculo sei»!, cu^jus su>»k c!»>>»i Iii^u? >>>:i>out>>.>l. ?>ioi!tS tcriptit tu innttitte: tsli eniiu »c»» <.tt verlio. ^Vlleriu?! liidul:,: »»li» «littere»- Ii!t, tuii coi»l>I(!X!l. plnloulmre» I>»c suu», »p»» c'ssu loci-liu» es«, (iiiii, xxxv. sücl. 10.) Hier werden zwey verschiedene Ecmahldc bcschricbrn, wclche Augustns i» dem ncucrbautcn RcNhhausc auf- 5!ZL Laokccn. ist, »nd der sich dem ohngeachtct auf seinen Werken der vollendeten Zeit bedienet, zu jenen alten Künstlern nicht gehören; er kann kein Zcilvcrwandter des Apcllcs, des Lvsippus seyn, sondern er muß in spätere Zeiten gesetzt werden. Kurz; ich glaube, es liesse sich als ein sehr zuverlässiges Kriterium angeben, daß alle Künstler, die das x-r»c>i,ni c!l>iut liiiiiii» >)ig!v liu>i^»tl>-l. Was lwiszt das? Uel'cr dessen Haupte eine Tascl l'ing, worauf ein zwcvspännigcr Wagen gcmablt war? Das ist »och der einzige Ein», den ma» diese» Worten geben kann. Also war aus das Hauplgcmähldc «och ei» a»dcrcs kleineres Gemählde gebange» ? U»d bcvdc waren von dem Nickis? So »ms! es Harduin genonniic» habe». Demi wo wäre» l'ier so»st zwev Gemählde des Nicias, da das andere ausdrücklich dem iPl'ilocl'ares zugeschrieben wird? lul^riM ipiUur xi-miu-v Iiuic l-UiuIiv «vi» «»«.risi»», >>«!» »>)kvl»>>: füllt«: i»t^iii>lil, ll.I.I! t't)^!It', ii>l>i<.!>- vii I>r»'til>iu iltl ?'i>ui», >iuo Ii!>c tu,» »eile. Ich nioclilc den Harduitt tragen: wen» Nicias nicht dc» Aoristum, sondern wirklich das Jmpcrfeclum gebraucht liallc, »plmiuS aber l'ällc blos bemerke» wollen, das! der Meister, anstatt des z'^«,^k^v, -Vxatktv gebraucht I'ältcj würde er in seiner Sprache auch nicht »och alsde»» habe» sage» müssen, >i>:i!>8 serj>>tu tu inuMU'v? Doch ich will hieraus »icht bcstelwn; es uiag wirklich des Plinius Wille gewesen sev», eines von den Werken, wovon die Rede ist, dadurch anzudeuten. Wer aber wird sich das doppelte Gemählde einrede» lassen, deren eines über dem andern grl'angcn? Ich mir uimmcrmehr. Die Worte >-u^»ü s»nra c!,,>»l iiijz-v U>-i»-i»!»l, können also nicht anders als verfälscht sev». 'r-Una-» >»i!i!>!, ei» Gemählde, worauf ein zwevspännigcr Wagen gcmahlel, klingt nicht sehr Pliuianisch, wen» auch ''plinius scho» sollst den Si»gularcm von iiigu: braucht. Und was sür ein zwcvspäuniger Wagen? Etwa», dergleichen zu dc» Wcllrcnnc» in de» Nculcäischc« Spiclc» gebraucht wurde»! so das; dieses Ueber dic Grenzen der Mahlerey und Poesie. 537 Wenn alle Künstler, welche rirol^o-x gebraucht, unter dic späten gehören: so gehören darum nicht alle, die sich des r^cx-, bedienet, nntcr die ältern. Auch unter den spätern Künstlern können einige diese einem grossen Manne so wohl anstehende Bescheidenheit wirklich besessen, nnd andere sie zn besitzen sich gestcllct haben. XXVIII. Nach dcm Laokoon war ich ans nichts »cugicrigcr, als ans das, was Herr Winkclmann von dcm sogcnanntcn Vorghcsischcn Fcchtcr sagen möchte. Ich glaube eine Entdcckung übcr diese Statue gemacht zu haben, ans die ich mir alles einbilde, was man sich auf dergleichen Entdeckungen einbilden kann. Ich besorgte schon, Herr Winkclmann würde mir damit klcincrc »iemähidc i» Anschung drsscn, was cs vorstellte, zu dcm Hauptgc- mähldc gehört hätte? Das kau» nicht sevn; denn in den Ncmcäischen Spickn waren nicht zwcvspännigc, sondern vierspännige Wagrn gcwöhniich. (^^Iiiui>!i»8 i» rrvi. Äl> >. z.) Einsmals kani ich ans dic Gedanken, daß Plinius ansialt des liiz;!« vicllcicht ein gricchischcs Wort gc-- schricbcn, wclchcs dic Abschreiber nicht verstanden; ich meine ir^x^''> Wir wissen nchmlich ans ciucr Stcllc dcs Anligonus i5arvstius, bcpm Zenobius, (»:(>»f. k>v,i»vi»!i '1'. IX. .^nllliuil. ?r-ek. p. 7.) das! dic allcn Künst- lcr nicht inimcr illre Name» ans ihre Werke selbst, sondcrn auch wohl auf besondere Tafclchcn gcsetzct, welche dcm Gcuiähldc, odcr der Lialuc angcban- gcn wnrdcn. Und ein solches Täsclchcn hics; -rrux-^v. Dieses Gricchisci'c Wort sand sich vicllcicht in cincr Handschrift durch dic Glosse, üiiiui», l»j>(-ii!l erkläret; ur.d das >!t>iul!t kam cndlich mit in dcn Tcrt. Aus ?^ix^c>'' ward liix-o; und so entstand das taiiui» lii^-e. Nichts kann zn dem Folgenden besser passen, als dieses 511^01'; denn das Folgende eben ist es, was daraus stand. Dic ganzc Stcllc warc also zu lcscn: cHus ru,»» <-->>>ul -ri^xt«,' «wlioitti^, <>u» xi>!i!i?i stiriplil ittusslike. Doch dicsc d'orrcclur, ich bekenne cs, ist cin wenig kühn. Mns; man dcnn auch allcs verbessern können, was man verfälscht zu scvn beweisen kann? Ich begnüge mich, das letzlcrc hicr gclcistct zu haben, und überlasse das erstere einer geschickt»» Hand. Doch nunmchr wicdcrum zur Sachc zurück zu kommen; wcnn "Pllnius also nur von cincm Gcmä'hldc dcs Ricias redet, dessen Ausschrist im Aorist» abacsasu gewesen, und das zwcutc Gcmähldc dieser Art das obige dcs Lvsippns ist: wclchcs ist dcnn nun das dritte? Das weis ich nicht. Wcnn ich cs bcv einem andern allcn Schriftsteller findcn dürste, als bet) dcm ^plinius, so würde ich nicht schr vcrlcgcn scvn. Abcr cs soll bey dcm ^Pliuius gcsnndcn wcrdcnz und noch cinmal^ bcv diesem wcis ich cs nicht zn findcn. 538 Laokocu. zuvor gekommen sey». Aber ich finde nichts dergleichen bey ihm; und wenn nunmchr mich etwas mißtrauisch in ihre Richtigkeit machen könnte, so wurde es eben das seyn, daß meine Bcsorg- niß nicht cingctrosscn. „Einige, sagt Herr Winkclmann, <- machen aus dieser Sta- „tue einen Discobolus, das ist, der mit dem Disco, oder mit „einer Scheibe von Metall, wirft, und dieses war die Mci- „nung des berühmten Herrn von Srosch in einem Schreiben „an mich, aber ohne genügsame Betrachtung des Standes, „worinn dergleichen Figur will gesetzt seyn. Denn derjenige, „welcher etwas werfen will, muß sich mit dem Leibe hinterwärts zurückziehen, und indem der Wurf geschehen soll, liegt „die Kraft auf dem nächsten Schenkel, und das linke Bein ist „müßig: hier aber ist das Gegentheil. Die ganze Figur ist „vorwärts gcworffcn, und ruhet auf dem linken Schenkel, „und das rechte Bein ist hinterwärts aus das äusserste ausgc- „strcckct. Der rechte Arm ist neu, und man hat ihm in die „Hand ein Stück von einer Lanze gegeben; auf dem linken „Arme sieht man den Riem von dem Schilde, welchen er gehalten hat. Betrachtet man, daß der Kops und die Augen „aufwcrts gerichtet sind, und daß die Figur sich mit dem „Schilde vor etwas, das von oben her kommt, zu verwahren „scheinet, so könnte man diese Statue mit mehrcrem Rechte „für eine Vorstellung eines Soldaten halten, welcher sich in „einem gefährlichen Stande besonders verdient gemacht hat: „den Fechtern in Schauspielen ist die Ehre einer Statue unter „den Griechen vermuthlich niemals wicdcrfahren: und dieses „Werk scheinet älter als die Einführung der Fechter unter den „Griechen zu seyn." Man kann nicht richtiger urtheilen. Diese Statue ist eben so wenig ein Fechter, als ein Discobolus; es ist wirklich die Vorstellung cincs Kriegers, der sich in einer solchen Stellung bey einer gefährlichen Gelegenheit hervorthat. Da Herr Win- kclmann aber dieses so glücklich errieth: wie konnte er hier stehen bleiben? Wic konnte ihm der Krieger nicht bcysallcn, der «) Ecsch. der Knust Th. Il> S. 394. Ueber die GrciiM der Mahlerey und Poesie. 53>> vollkommen in dieser nehmlichen Stellung die völlige Niederlage eines Heeres abwandte, nnd dem sein erkenntliches Vaterland eine Statue vollkommen in der nehmlichen Stellung setzen ließ? Mit einem Worte: Die Statue ist Chabrias. Der Beweis ist folgende Stelle des Nepos in dem Leben dieses Feldherrn. ^ llie ^uoiniv in lummis Iialütus vl't ius: ros^uo multas mvmoria lliAnas Aosfit. 8o»!»- ximv invvntum vjns in uroolin, cjuo«! auull ^'Iiouas svcit, «uium Loontiis 5udtiI>aIanFl?m loco votuit coclere, vdnixo^uo gonu seuto, urojoeta- kjuo katta im^otum oxoinvro Iiol'tiuin cloeuit. Ill novuin ^zeki- laus contuons, progrocli non vtt -uilns, suosczuo ^am incuiivntos tuda rvvocavit. Hoc usizuo oo tot» Kriieeia suma cololx atuin ott, ut illo t'tatu Llialii'ikls 5il>i ttutuain liori voluorit, i/u»! nulilieo ei »» ^tlien!onl'il)us in l'oro conltituta vK. Lx <^uo saetum vK, ut noktoa stlilotse, eeterin,uo srtiiieos Iiis ttatil>u8 in Katuis «o- nenclis utorontur, in ^uidus vietoriam vklont ilrHoeti»«jue Iial'ta zusammen lesen mußte? Man mache ein einziges Komma, und die Gleichheit ist nunmehr so vollkommen als möglich. Die Statue ist ein Soldat, «ui odnixo S) csi'. i. 540 ^.tekcoii. Avmi/ tt:uto jir^octaijlie Ii!>sta ini^otum Iiottis exvl^it; sie zeigt was Chabrias lbat, und ist dic Statuc des Chabrias. Daß das Komma wirklich fehle, beweiset das dem ^rnjocta angehängte ijuv, welches, wenn olmix» Fvmi kcut» zusammen gehörten, übcrflüßig seyn würde, wie es denn auch wirklich einige Ausgaben daher weglassen. Mit dem hohen Alter, welches dieser Statue sonach zukäme, stimmet dic Form der Buchstaben in der darauf bcsindlichcn Aufschrift des Meisters vollkommen übcrein; und Herr Winkclmann selbst hat aus derselben geschlossen, daß es dic älteste von den gegenwärtigen Statucn in Rom sey, auf wclchcn sich der Meister angegeben hat. Seinem scharfsichtigen Blicke überlasse ich cS, ob er sonst in Ansehung der Kunst etwas daran bemerket, welches mit meiner Meinung streiten könnte. Sollte er sie seines Beyfalles würdigen, so dürste ich mich schmeicheln, ein besseres Ercmpcl gegeben zu haben, wie glücklich sich die klassischen Schriftsteller durch die alten Kunstwcrkc, und diese hinwiederum aus jcncn aufklärcn lassen, als in dcm ganzcn Folianten des Spcnce zu finden ist. XXIX. Bcy dcr uncrmcßlichcn B^lcscnhcit, bey den ausgcbrcitcstcn feinsten Kcnntnisscn der Kunst, mit welchen sich Herr Winkcl- mann an scin Wcrk machtc, hat cr mit dcr cdcln Zuversicht dcr alten Artisten gearbeitet, die allen ihren Fleiß auf die Hauptsache vcrwandtcn, und was Ncbcndingc warcn, entweder mit einer gleichsam vorschlichen Nachlässigkeit behandelten, oder gänzlich dcr ersten dcr bcsten frcmdcn Hand übcrlicsscn. Vs ist kein geringes Lob, nur solche Fehler begangen zu haben, dic ein jeder hätte vermeiden können. Sie stosscn bcy c) So s.iqt Stettins vlmixu >iei-l»r!» i/rile>i!>ia. Iw. VI. V. S6» ) — — — — iiuiipiini »Iinixi» k»re»I<>» pvc'wr». irclchcs dcr cillc I'iloss.uc'r dce B.rrll's durch tni»»i!t vi oonlr.i niwiui-l crkl.nl. So sazt Ovid t>>!lii>.'vl, v. li.) »iiuixa wrii» cr vcu dcr Viccrbr.rmse (Leüru) spricht, dic sich nicht mit dcm Kc-pfe, sondcr» »lit dcm Echwmizc durch dic Nciscu zu cirbcitc» sucht: >»» liulüs odiüx» vccurrvre 5i»iUv. Ueber dir ^rcnzcn dcr ?)!.iblcrcy lind Poesie. der ersten flüchtigcn Lcctürc auf, und wenn man sic ainnerkcn darf, so muß es nur in dcr Absicht geschehen, um gewisse Leute, welche allein Augen zu haben glauben, zu erinnern, daß sie nicht angemerkt zu werden verdienen. Schon in seinen Schriften über die Nachahmung der (Griechischen Kunstwerke, ist Herr Winkclmann einigemal durch den Zunius verfährt worden. Zunius ist ein sehr verfänglicher Autor; sein ganzes Werk ist ein Lento, und da er immer mit den Worten dcr Alten rcdcn will, so wcndct cr nicht sclrcn Stellen aus ihnen auf die Mahlerey an, die an ihrem Orte von nichts weniger als von dcr Mahlcrcy handeln. Wenn z. E. Herr Winkclmann lehrcn will, daß sich durch dic blossc Nachahmung dcr Natur das Höchste in dcr Kunst, cbcn so wcnig wic in dcr Pocsic crrcichcn lasse, daß sowohl Dichtcr als Mah- lcr licbcr das Unmögliche, wclchcs wahrscheinlich ist, als das bloß mögliche wählen müsse: so setzt cr hinzu; „die Möglichkeit „und Wahrheit, wclche Longin von cincm Mahler im Gcgcn- „satze dcs Unglaublichen bey dcm Dichtcr fodcrt, kann hiermit „sehr wohl bestehen." Allein dicscr Zusatz wäre bcsscr wcggc- blicbcn; denn er zeiget dic zwcy größten Knnstrichtcr in cincm Widersprüche, dcr ganz ohne Grund ist. Es ist falsch, daß Longin so etwas jcmals gesagt hat. Er sagt ctwas ähnlichcs von dcr Bcrcdsamkcit und Dichtkunst, aber kcincswcgcs von dcr Dichtkunst nnd Mahlcrcy. -^pov ?-c >»s ^?o^,.x>i q)«i>- ?cxc^t« ^ci^^x?«t, xcxt xT'xziov ircx^llc ?rot^7'«^c, oi^x «i> ^io-^t 7-5^05 xx.7rX,ii^cc, «9^'kicic. Und Wiederum: l)^ ^i-r^v 7°« ^i^ri' ?r«p« T'oi? ^rolTZT-ate ^^^?,xc^- T'xjioiv ^?ü^xx?r7'Uia'cv, xat. ^ocv?'^ ?c> iltti'T'ov i^?r^>«lpni^- 't«L, xocX?./,?-»^- «x^ 7-l7r^«X7'c>>> xoct x>>«^^xc. Nur Zunius schiebt, anstatt dcr Bcrcdsamkcit, die Mahlcrcy hier untcr; und bcy ihm war cs, nicht bey dcm Longin, wo Herr Winkclmann gclcscn hatte: ^ pi-nseitim cum ^ne- tic?v ,>!>!>nt.'lsi!i> lmi'5 sit pictniilL vero, ki'«9)-xt«. I<«t Nkyt ^>>c>i>?, 171,^,11,« l6'. r.iiu. k'nliri I>. Ik. 39. />) Ne I'iclur-l Vel. III). I. rüp. 4. >>. »». 512 Laokccn. ?-« «ttp« ?c)l-; ^ot7>7-«t^, nt locjiiitnr itlom I^onFimis, ll. s. W. Sehr wohl; Longins Worte, aber nicht Longins Sinn! Mit folgender Anmerkung muß es ihm eben so gegangen seyn: „Alle Handlungen, sagt er,« und Stellungen der griechischen Figuren, die mit dem Charakter der Weisheit nicht bezeichnet, sondern gar zu feurig und zu wild waren, verfielen „in einen Fehler, den die alten Künstler Parcnthyrsus nannten." Die alten Künstler? Das dürfte nur aus dem Zunius zu erweisen seyn. Denn Parcnthyrsus war ein rhetorisches Kunstwort, und vielleicht, wie die Stelle des Longins zu verstehen zu geben scheinet, auch nur dem einzigen Theodor eigen. i'o^u) ^«^«xrtT'olt T^t^oi' ?c X«xt0l^ xi,l5o^ x>> ?-ot? ?ra^i^7'txoe?, »nxji o Gsov x«c x^noi', ^7« 6el irol^oi^?' ^ cc^^pov, kt'^oe ^x?j>lc>i^ <5ki. Za ich zweifle sogar, ob sich überhaupt dieses Wort in die Mahlerey übertragen laßt. Denn in der Beredsamkeit und Poesie giebt es ein Pathos, das so hoch getrieben werden kann als möglich, ohne Parcnthyrsus zu werden; und nur das höchste Pathos an der unrechten Stelle, ist Parcnthyrsus. Zn der Mahlerey aber würde das höchste Pathos allezeit Parcnthyrsus seyn, wenn es auch durch die Umstände der Person, die es äusscrt, noch sowohl entschuldiget werden könnte. Dem Ansehen nach werden also auch verschiedene Unrichtigkeiten in der Geschichte der Kunst, bloß daher entstanden seyn, weil Hcrr Wiiikclmann in dcr Geschwindigkeit nur den Zunius und nicht die Quellen selbst zu Rathe ziehen wollen. Z. E. Wenn er durch Beyspiele zeigen will, daß bey den Griechen alles Vorzügliche in allerley Kunst und Arbeit besonders geschahet worden, und dcr beste Arbeiter in der geringsten Sache zur Ncrcwigung scincs Namens gelangen können: so führet er unter andern auch dieses an:« „Wir wissen den Namen eines „Arbeiters von sehr richtigen Wagen, oder Wagcschaalen; cr „hicß Parthcnius." Hcrr Winkclmann muß die Worte des Zuvcnals, auf die cr sich dcsfalls beruft, Lances?-ut!ic-nio lactas, 23. 6) 1>i,.a -Z- e) Gcschiclnc dcr Kunst Tl', I. S. 136. Ucbcr die Grenze» der Mahlerey und Poesie. 5!Z nur in dem Catalogo des Znnius gelesen haben. Denn hatte er den Zuvcnal selbst nachgesehen, so würde er sich nicht von der Zweydeutigkeit des Wortes I-mx haben verführen lassen, sondern sogleich ans dein Zusammenhange erkannt haben, daß der Dichter nicht Wagen oder Wagcschaalcn, sondern Teller und Schüsseln meine. Zuvcnal rühmt nehmlich den Eatullus, daß er es bey einem gefährlichen Sturme zur See wie der Biber gemacht, welcher sich die Geilen abbeißt, nm das Leben davon zn bringen; daß er seine kostbarsten Sachen ins Meer wcrffcn lassen, nm nicht mit samt dem Schiffe unter zn gehen. Diese kostbaren Sachen beschreibt er, und sagt nntcr andern: Illo noo aiAeiiliiin llulülalinl mllleie. Iiuiecs I'nrlllenic» kaolns, ui'ii-« ei-utein c.ipnoem eÜAnum tilionte I'liolo, vel eonjuAv I'nsvi. ^Vllclo <^ liasoaullas >^ millo ot>:l>ria, mulliim t.l»:1ati, diueict c^uc, ealliclus emlor 01)>illu. I^gnces, die hier mitten unter Bechern und Schwcnkkcsscln stehen, was können es anders seyn, als Teller und Schüsseln? Und was will Zuvcnal anders sagen, als daß Catull sein ganzes silbernes Eßgeschirr, unter welchem sich auch Teller von getriebener Arbeit des Parthenius befanden, ins Meer wcrffcn lassen, partlienius, sagt dcr altc Scholiaft, c^Iatoi!« nomen. Wcnn aber Grangäus, in seinen Anmerkungen, zu diesem Namen hinzusetzt: teulptoi-, c1> I>ixe» 7"?lXk^ Trjincr- xX'^ni'?'« irjio? ?a VXV7'tt0l>, ev x?cx ?n "»ll;<5?. ^luq 6' '«^A^> c^cxxv^ ^i.«?-« 7r^c>^'0l'> Xcx?«xxo'l>, Lirr'tx/Zotto >.>' » »t. H7i^x^c>? x«.>x^i> Zxi.'?'07'v^uit' vx' k>'t citXtlle i>«tU)v. Es ist also grade das Gegentheil von dcm, was liiis Herr Winkclmann versichern will; der Name dcs Sattlers, welcher das Schild dcs Ajar gemacht hatte, war schon zu dcs Homers Zeilen so vergessen, daß der Dichter die Freyheit hatte, einen ganz fremden Namen dafür unterzuschieben. Verschiedene andere kleine Fehler, sind blosse Fehler dcs Gedächtnisses, oder betreffen Dinge, die er mir als bcyläuffigc Erläuterungen anbringet. I. E. Es war Herkules, und nicht Bacchus, von welchem sich Parrhasius rühmte, daß er ihm in der Gestalt erschienen sey, in welcher er ihn gemahlt. F TauriScus war nicht aus Rhodus, sondern aus Trallcs in Lydicn. ä Die Antigonc ist nicht die erste Tragödie dcs Sophokles. - /°) IIero>Inl».>! lle Vit» Ilomeri, p. 756 ?.M> ^Vessvl. Gesch. der Kunst Th. l. S, 176. IM»!»» Nil. XXXV. s,^l. .1«. ^ttien-vu» IN,. XII. I>. 548. /-) Gcsck. der Kunst Tl'. II. S. 353. ?ii»ius m>. XXXVI. se. 7S!>. I. 17. -) Gesch. der Kunst Tb. II. S. 328. „Er führte die Aiitigone, still erstes Trauerspiel, im dritte» Jahre der sieben und siebzigsten Olhinpias auf." Die Zeit ist ungefehr richtig, aber daß dieses erste Trauerspiel die A»tigonc gewesen scl', das ist ganz unrichtig. Samuel Petit, den Herr Winkclmann in der Note anführt, bat dieses auch gar nicht gesagt; sondern die Antigouc ausdnieklicb in das dritte Jahr der vier und achtzigste» Olhmpias gesetzt. Sophokles ging das Jahr darauf mit dem Pcriklcs nach Samos, und das Jahr dieser Expedition kann zuverlässig bestimmt werden. Ich zeige in meinem Leben dcs Sophokles, aus der Verglcichung mit einer Stelle des ältern Plinius, daß das erste Trauerspiel dieses Dichters, wahrscheinlicher Weise, Triptolcmus gewesen. Plinius redet nehmlich (i.idr. xvm. leci. IZ. n. 107. i'.lM. ii-lr>>.) pon der pcrschieducn Güte dcs Getreides in pcrschicdncn Länder», lind schlicsU: ll.^ suoro senteiiti»', ^VlL.viiiutru i»»x»o rexnai»v, «um lieber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 54', Doch ich enthalte mich, dergleichen Kleinigkeiten ans einen Haufen zu tragen. Tadelsucht könnte es zwar nicht scheinen; rlSllMm» kuit Krszcia, slllus in lolo lerrsruin orlie polenIiMm.i; ila Ismen ui »nie morlem o^jus »nnis tvre LXI.V Svplwclei« poelit in laliul» 'krinlo- leino krumonlum IlsUcum snts cuncl» l»u>liiverU, i»> veruuiu Ir»n»IsI» sententis: Lt forluniUilin Ilsliiim kruinenlo c»»ere lisnäi«!». Nun ist zwar hier nicht ausdrücklich vo» dcni ersten Trancrspiclc des Sophokles die Rede; allein es stimmt die Epoche desselben, welche Plutarch und der Scholiast und die Armidelschcn Denkmähler einstimmig in die sieben und siebzigste Olymplas setzen, mit der Zeit, in welche Plinius den Triptolcmus setzet, so genau übcrein, daß man nicht wohl anders als diesen Triptolcmus selbst für das crste Trauerspiel des Sophokles erkennen kann. Die Berechnung ist gleich geschehen. Alexander starb in der hundert und vierzehnten Olympias; hundert und fünf nnd vierzig Zahr betragen sechs und drcyssig Olympiaden und ein Zahr, und diese Summe von jener abgerechnet, giebt sieben und siebzig. Zn die sieben nnd siebzigste Olympias fällt also der Tripto- lemus des Sophokles, und da In eben diese Olympias, und zwar, wie ich beweise, in das letzte Zahr derselben, auch das erste Trauerspiel desselben fällt: so ist der Schluß ganz natürlich, daß beyde Trauerspiele eines sind. Zch zeige zugleich eben daselbst, daß Petit die ganze Hclfte des Kapitels seiner lUilceiiaiieorum (xvin. Üb. in. eben dasselbe, welchcs Hcrr Winkelmann anführt) sich hätte ersparen können. Es ist unnothig in der Stelle des Plu- tarchs, die er daselbst verbessern will, den Archon Aphepsion, in Dcmotion, oder c^k-chio? zu verwandeln. Er Härte aus dem dritten Zahr der 77tcn Olympias nur in das vierte derselben gehe» dürfen, und er würde gefunden haben, daß der Archon dieses Zahrcs von den alten Schriftstellern eben so oft, wo nicht noch öftrer, Aphepsion, als Phädon gencnnct wird. Phädon nennet ihn Diodorus Siculus, Divnysius Halicarnasseus und der Ungenannte in seinem Verzeichnisse der Olympiaden. Aphepsion hingegen nennen ihn die Arundelschcn Marmor, Apollodorus, und der diesen anfuhrt, Diogenes LacrtiuS. Plutarchus aber nennet ihn auf beyde Weise; im Leben des ThcscuS Phädon, und in dem Leben des Cimons, Aphepsion. Es ist also wahrscheinlich, wie Palmerius vermuthet, ^nnenNonew <5 ?dg?Sonem ^rcnonlss kuille evonx- was; seilieet NNO in magMrÄM inonuo, Illkleows kult »Her. (Lxercil. x. 462.) — Vom Sophokles, erinnere ich »och gelegentlich, hatte Hcrr Win- kelman» auch schon in sciner ersten Schrift von der Nachahmung der griechischen Kunstwerke (S. 8.) eine Unrichtigkeit einfliesscn lassen. „Die schön- „sten jungen Leute, tanzten unbekleidet auf dem Theater und Sophokles, der „grosse Sophokles, war der erste, der in sciner Jugend dieses Schauspiel „seinen Bürger» gab." Auf dem Theater hat Sophokles nie nackend gctanzt; sondern um die Tropäcn nach dem Salamintschen Siege, und auch nur Lesiings Werke >i. Z5 Laokoon. aber wer meine Hochachtung für den Herrn Winkelmann kennet, dürfte es für Krokylegmus halten. nach einigen nackend, nach ander» aber bekleidet Lilien. Mi. i. v. m. 20.) Sophokles war nehmlich uiiter den Knabe», die man »ach Salamis i» Sicherheit gebracht hatte; mid hier auf dieser Zusul war es, wo es damals der tragische» Muse, alle ihre drev Lieblinge, in einer vorbildenden Gradation zu versammeln beliebte. Der kühne Aeschvlus half siegen; der blühende Sovlio- klcs tanzte um die Troväc», und Ciiripides ward an eben dem Tage des Sieges, auf eben der glückliche» Znsel gcbohrc».